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Irene Dorfner
Das dritte Kostüm
Leo Schwartz ... und die Tote vom Pestfriedhof
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
Impressum
VORWORT
ANMERKUNG:
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Liebe Leser!
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Von der Autorin sind bisher folgende Bücher erschienen:
Über die Autorin Irene Dorfner:
Impressum neobooks
Impressum
Copyright © 2015 Irene Dorfner
2. Auflage © 2017 Irene Dorfner
Copyright 3. Überarbeitete Auflage 2020
© Irene Dorfner, Postfach 1128, 84495 Altötting
All rights reserved
Lektorat FTD-Script Altötting,
Earl und Marlies Heidmann, Erkelenz
Cover-Design: Vanja Zaric, D-84503 Altötting
VORWORT
“DAS VORURTEIL IST DAS KIND DER UNWISSENHEIT“
WILLIAM HAZLITT
Ich wünsche ganz viel Spaß beim Lesen des elften Falles mit Leo Schwartz & Co.!!
Liebe Grüße aus Altötting
Irene Dorfner
ANMERKUNG:
Die Personen und Namen in diesem Buch sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.
Der Inhalt des Buches ist reine Fantasie der Autorin. Auch hier sind Ähnlichkeiten rein zufällig. Die Örtlichkeiten wurden den Handlungen angepasst.
Ich danke dem Vorstand der Narrenzunft Ulm für die angenehme Zusammenarbeit und wünsche für die Zukunft immer ein friedliches „Zong raus!“.
…und jetzt geht es auch schon los:
1.
Leo Schwartz fuhr mit einer Stinkwut im Bauch zum Tatort. Eigentlich hatte er längst Feierabend und endlich Urlaub, den er bitter nötig hatte. Er war müde, ausgelaugt und seine Nerven waren ganz schön angekratzt. Besonders der letzte Fall hatte ihn ordentlich geschlaucht. Über Weihnachten und Neujahr bekam er nicht frei, da sein Kollege Hans Hiebler noch uralten Urlaub abzufeiern hatte und mit seinem Urlaubsantrag nun mal schneller war. Aber nun war es so weit! Heute war der 9. Januar und zwei wundervolle, hoffentlich erholsame Wochen lagen vor ihm. Er musste diesen Urlaub ohne seine Viktoria verbringen, die keine Erholung und Ablenkung brauchte und wollte, denn sie war lange krank und in Kur gewesen; sie brannte darauf, so viel wie nur möglich zu arbeiten. Anfangs war er sauer, natürlich wollte er die freie Zeit mit seiner Freundin verbringen, aber so langsam gewöhnte er sich an den Gedanken und freute sich darauf, in den zwei Wochen tun zu können, was er wollte. Er fuhr vom Parkplatz der Polizeiinspektion Mühldorf quer durch die Stadt. An der letzten Ampel musste er warten, was ihm heute aber nichts ausmachte. Im Radio lief ein langweiliger Song, den die Radiostationen seit Wochen rauf und runter spielten und den er eigentlich hasste. Trotzdem pfiff er den Refrain mit; seine Laune war bestens.
Und dann kam dieser Anruf von Fuchs! Was der Leiter der Spurensicherung von ihm wollte, hatte er ihm nicht gesagt, aber er verlangte nach einem Beamten der Mordkommission und er war der einzige, der an sein Handy ging. Die Kollegen waren noch in einer Besprechung und nicht erreichbar. Der Chef bestand seit neuestem darauf, dass alle Handys während der Meetings ausgeschaltet wurden. Was hatte er für eine Wahl? Er musste zu diesem verdammten Tatort! Deshalb fuhr er rechts ran und rief zuerst die Sekretärin des Chefs, Frau Gutbrod an. Er bat sie, den anderen mitzuteilen, dass sie nach der Besprechung umgehend auf den Pestfriedhof in Kastl kommen sollten.
„Werde ich ausrichten Herr Schwartz. Um was geht es genau? Pestfriedhof klingt gruselig und spannend.“ Die gute Frau war ganz in ihrem Element: neugierig und geschwätzig.
„Keine Ahnung, Fuchs hat nur gesagt, dass es dort eine Leiche gibt. Mehr weiß ich noch nicht.“
Danach speiste er sein Navi: Pestfriedhof Kastl – aber das verdammte Navi kannte diesen Pestfriedhof nicht. Er beschloss, nach Kastl zu fahren und sich durchzufragen, irgendwie würde er den Tatort schon finden! Leo konnte sein Glück kaum fassen, als er in Teising einen Streifenwagen bemerkte, der mit Radarkontrollen beschäftigt war. Er parkte seinen Wagen vor einer Bank und ging die wenigen Meter zurück.
„Leo Schwartz mein Name, Kripo Mühldorf. Ich brauche ortskundige Hilfe.“ Er zeigte den misstrauischen Kollegen seinen Ausweis, worauf sie nun freundlicher wurden. „Ich suche den Pestfriedhof in Kastl.“
„Kein Problem.“ Einer der Männer machte sich einen Spaß daraus, ihm so umständlich und so dialektdurchtränkt wie möglich die Anfahrt zu beschreiben, was natürlich zur Belustigung der anderen Kollegen beitrug. Leo war gebürtiger Schwabe, was man sehr deutlich hörte. Er hatte sich in den knapp 1 ½ Jahren im bayrischen Mühldorf am Inn gut eingelebt, obwohl er immer noch mit der Sprache seine Probleme hatte. Mit seinen 50 Jahren und seinem außergewöhnlichen Kleidungsstil aus den 80-er Jahren, der aus Jeans, Cowboystiefeln und meist aus T-Shirts mit dem Aufdruck einer Rockband bestand, fiel er überall auf. Und natürlich mit seiner stattlichen Größe von 1,90 m. Leo blickte in die hämischen Gesichter der Uniformierten und musste dem Treiben endlich ein Ende setzen.
„Halten Sie endlich den Mund und reden Sie vernünftig mit mir. Wie ist Ihr Name?“, herrschte Leo den Mann an, der augenblicklich verstummte. Auch die anderen lachten nun nicht mehr und wandten sich ab.
„Mein Name ist Kobold. Und ich möchte mich für mein Verhalten entschuldigen,“ sagte der Uniformierte geknickt, der heute besonders gute Laune hatte. „Ich habe heute vor, meiner Freundin einen Heiratsantrag zu machen und bin vielleicht etwas aufgekratzt.“
Leo schämte sich für seine Ungeduld und den rauen Ton, trotzdem ging ihm dieser Typ mächtig auf die Nerven – Heiratsantrag hin oder her. Er konnte es sich nicht einfach so gefallen lassen, dass der Mann vor allen anderen so mit ihm umging, schließlich war er stellvertretender Leiter der Mordkommission Mühldorf am Inn und somit stand er einige Ränge über diesem Kobold. Außerdem brauchte man sich nicht über ihn und seinen Dialekt lustig machen; er war stolzer Schwabe und stand auch dazu.
„Wo ist jetzt dieser Pestfriedhof? Kastl kenne ich, aber nur den Kastler Forst beim Bahnhof, das Gasthaus am Dorfplatz und das Rathaus. Von einem Pestfriedhof habe ich noch nie gehört.“
„Der ist einfach zu finden. Sie nehmen nicht die zweite Ausfahrt nach Kastl, wo sie direkt beim Wirtshaus und am Rathaus landen, sondern nehmen nach Altötting gleich die erste Ausfahrt links. Bereits in der ersten, ziemlich scharfen Kurve steht links ein Schild mit dem Wegweiser Pestfriedhof, noch vor dem Pferdehof. Das können Sie nicht verfehlen.“
Leo bedankte sich und fuhr weiter. Er machte sich nun Gedanken darüber, was ihn auf dem Pestfriedhof erwartete. Fuchs war wie immer kurz angebunden und unfreundlich. Leo konnte ihn nicht leiden, denn der Mann war zu seiner Unfreundlichkeit auch noch pedantisch und kannte keine Freizeit. Immer wieder gab es Ärger wegen seiner Art, hauptsächlich mit seinen Mitarbeitern, die ganz schön unter Fuchs‘ Drill und Ansprüchen zu leiden hatten, aber bezüglich seiner Arbeit gab es nichts auszusetzen. Oft genug gab Fuchs einen entscheidenden Hinweis zur Lösung eines Falles und Leo hielt den Mann beruflich für ein Genie, was er ihm aber nie sagen würde, denn Fuchs war sowieso schon sehr abgehoben und von sich überzeugt, da musste er dessen Ego nicht auch noch bauchmiezeln.
Leo richtete sich genau nach Kobolds Anweisungen und fand tatsächlich den Wegweiser zum Pestfriedhof. Er fuhr nach links in den Feldweg und fluchte laut, denn der Weg war sehr uneben und durch die Schnee- und Regenfälle der letzten Tage besonders aufgeweicht. Leo erkannte die Fahrzeuge der Spurensicherung und atmete erleichtert auf, er war hier richtig! Als Ortsunkundiger in dieser knappen Zeit – er war mächtig stolz auf sich! Die Fahrzeuge der Spurensicherung parkten vogelwild und versperrten Leo die Weiterfahrt, er musste wohl oder übel seinen Wagen hier parken. Da es schon stockdunkel war, ließ er die Scheinwerfer seines Wagens eingeschaltet, um zumindest für die nächsten Meter sehen zu können, wo er hintrat. Bereits beim ersten Schritt versanken seine Cowboystiefel im Matsch und er fluchte erneut. Leo ging einige Meter und brauchte dann keinen weiteren Wegweiser zum Tatort, denn bereits nach wenigen Schritten bemerkte er die Beleuchtung der Spurensicherung etwa einhundert Meter von ihm entfernt und musste sich den Weg bis dorthin quasi ertasten. Bis er am Pestfriedhof eintraf, waren seine Stiefel nur noch Matschbrocken; Leos Laune war auf dem Nullpunkt.
„Sie kommen allein? Wo sind die anderen?“, begrüßte ihn Fuchs, wobei er mit einer ausladenden Geste deutlich machte, dass Leo nur bis zu dem Absperrband treten durfte. Wer sollte um die Uhrzeit außer der Polizei zum Fundort der Leiche wollen? Leo sah auf seine Uhr: 17.30 und es war stockdunkel. Hatte Fuchs dieses Absperrband etwa nur für die Kollegen angebracht? Seit dem letzten Fall mit den Holzperlen war Fuchs noch schlimmer geworden und hatte mit Hilfe des Chefs durchgesetzt, dass bis zur Tatortfreigabe einzig und allein Fuchs und seine Leute das Sagen hatten, was vor allem Fuchs bis aufs Äußerste ausreizte und sichtlich genoss.
„Die anderen sind noch in der Besprechung, sie kommen danach sofort hierher,“ murmelte Leo, der keine Lust hatte, sich vor diesem Fuchs zu rechtfertigen. „Um was handelt es sich?“
„Wenn Sie sich hierher bemühen würden,“ sagte Fuchs und ging auf der anderen Seite der Absperrung neben Leo her. „Eine Leiche in einem seltsamen Kostüm. Sehen Sie selbst. Es handelt sich um eine Frau.“
Leo war erschrocken und konnte kaum glauben, was er vor sich sah: eine Gestalt in einem traditionellen Ulmer Narrenkostüm, die er schon so oft gesehen hatte. Nicht, dass Leo scharf auf Fasching, Karneval oder wie man das auch immer nennt, wäre. Trotzdem kam man in manchen Gegenden nicht drum herum, davon Notiz zu nehmen. Seit seiner damaligen Versetzung zur Ulmer Polizei wurde er jährlich mit dem riesigen Faschingsumzug durch die Ulmer Innenstadt konfrontiert und er hatte beruflich ab und an mit dem einen oder anderen Narren zu tun. Dieses Kostüm vor seinen Füßen kannte er gut, denn es handelte sich dabei um ein traditionelles Kostüm der Ulmer Narrenzunft, welches genau, wusste er nicht. Aber er konnte seine langjährige beste Freundin Christine Künstle später dazu befragen, denn sie war sogar Mitglied in dieser Ulmer Narrenzunft. War sie nicht sogar in der Vorstandschaft? Fuchs wurde ungeduldig und räusperte sich mehrfach, wodurch er Leo aus seinen Gedanken riss.
„Ich bin mit meinen Leuten erst seit knapp einer Stunde hier, die Altöttinger Polizei hat uns gerufen. Zum Glück waren die Kollegen vorsichtig und haben uns nicht den ganzen Fundort zerstört. Mir kamen mehrere Punkte sehr merkwürdig vor und ich spürte, dass hier etwas nicht stimmt, deshalb habe ich die Mordkommission gerufen. Äußerlich konnte ich keine Gewalteinwirkung feststellen. Die Altöttinger Kollegen gingen sofort von einem Selbstmord aus, woran ich meine Zweifel habe. Kein Abschiedsbrief, keine persönlichen Dinge wie Handy, Geldbeutel oder Papiere. Und keine Fußspuren. Was aber vor allem fehlt ist ein Hinweis darauf, mit was sich die Frau umgebracht haben soll. Wir haben alles abgesucht, aber hier ist absolut nichts, alles sauber. Keine Medikamentenverpackungen, Spritzen, Giftampullen, Messer, spitze Gegenstände – einfach nichts! Verstehen Sie jetzt den Grund meines Anrufes?“
„Allerdings.“
„Die Maske war fest fixiert und ich kann Ihnen versichern, dass ich sie vorsichtig abgenommen habe. Zum besseren Verständnis und um zu verdeutlichen, wie die Tote vorgefunden wurde, habe ich die Maske nur lose aufgelegt. Ich hatte eigentlich mit mehr Publikum gerechnet, aber wenn außer Ihnen niemand kommt, dann muss ich wohl mit Ihnen vorlieb nehmen. Also was ist, können wir? Sind Sie bereit und aufnahmefähig?“
Leo nickte nur. Langsam, bedächtig und sehr umständlich nahm Fuchs die Kostümmaske ab und legte das Gesicht einer jungen, sehr hübschen Frau frei. Leo war erschrocken, damit hatte er nicht gerechnet. Er wäre gerne näher an die Leiche getreten, aber Fuchs hielt ihn zurück. Minutenlang untersuchte Fuchs zusammen mit einem Kollegen abermals die Leiche der Frau und schüttelte immer wieder den Kopf. Schließlich stand er auf und blickte um sich, ging dann vorsichtig auf und ab.
„Ich verstehe das einfach nicht. Zum einen konnten wir keine Todesursache hier vor Ort feststellen, ich kann nicht einmal eine Vermutung äußern. Und zum anderen: wie zum Teufel ist die Frau hier hergekommen?“, murmelte er vor sich hin, ließ sich eine größere Taschenlampe geben und suchte akribisch nach Spuren. „Das gibt es nicht, nicht die kleinste Spur, weder auf dem Boden, noch an den Schuhen der Toten. Die Stelle hier sieht aus, als wäre frisch gerecht worden, aber bei dem Licht kann ich mich auch täuschen.“ Fuchs war enttäuscht und verzweifelt, was nicht oft vorkam, so hatte Leo den Kollegen noch nie erlebt, er hatte für einen Moment fast menschliche Züge an sich.
„Todeszeitpunkt?“
„Ich schätze maximal 4 bis 5 Stunden, ungefähr rund um 13.00 Uhr, aber das ist nur eine vorläufige Einschätzung.“ Fuchs blickte auf Leos Stiefel. „Wie ich sehe, hatten Sie selbst Probleme mit dem morastigen Untergrund. Und Sie haben ganz schön tiefe Spuren hinterlassen. Meine Männer und ich selbst waren vorsichtiger und sind ab dem Feldweg bis hierher zum Pestfriedhof hintereinander nur dort gelaufen, wo definitiv keine Spuren vorhanden waren. Auch wenn wir Ihre Trampelspuren nachverfolgen, müssten zumindest dazwischen weitere Fußspuren vorhanden sein, was aber nicht der Fall ist, sehen Sie selbst.“ Fuchs hatte einen vorwurfsvollen Unterton in seiner Stimme und Leo bekam sofort ein schlechtes Gewissen. Er hatte tatsächlich nicht aufgepasst und war einfach darauf losgelaufen; aber es hätte auch irgendjemand ein Wort sagen können! Fuchs kam mit seiner riesigen Taschenlampe hinter die Absperrung und zusammen leuchteten sie den Weg und vor allem Leos Spuren von der Absperrung bis zum Feldweg aus, was insgesamt geschätzt 20 Meter waren – nicht ein einziger anderer Fußabdruck war außer seinen eigenen zu sehen.
„Wie war das Wetter vor 4 Stunden? Könnte der Weg da besser gewesen sein?“
„Nein, das können Sie vergessen. Durch dieses Schmuddelwetter ist der Boden seit mindestens zwei Wochen schon so stark aufgeweicht. Viel Regen, wenig Schnee und es fehlt in diesem Winter bislang an Kälte. Wir hatten nur Plusgrade.“
„Vorhin kam im Radio, dass jetzt der Winter kommen soll, mit viel Schnee und Kälte.“
„Und was hat das mit dem Fall zu tun?“ Fuchs sah ihn fragend und überheblich an.
„Nichts, ich mein ja nur.“ Leo hatte sich hinreißen lassen, sich mit Fuchs normal zu unterhalten. Er hätte wissen müssen, dass sich Fuchs nur für seine Arbeit interessierte. Für Details, die nicht seine Arbeit betrafen und für normale Konversation war er nicht zugänglich, für ihn war das reine Zeitverschwendung.
Sie gingen wieder zurück zur Leiche, Fuchs hinter die Absperrung und Leo davor.
„Und was vermuten Sie als Todesursache?“
„Spekulationen sind nicht mein Ding, das müssten Sie doch langsam wissen. Ich werde mich an der Obduktion beteiligen, der Fall interessiert mich brennend. Es kommt nicht oft vor, dass ich es mit einer so seltsam kostümierten Leiche zu tun habe, deren Todesursache augenscheinlich nicht erkennbar ist und die offenbar hierher geflogen ist.“
Leo hätte den Kollegen Fuchs über die Kostümierung aufklären können, aber er unterließ es.
„Hatte das Opfer irgendwelche Papiere bei sich?“
„Hören Sie mir eigentlich zu Herr Schwartz? Ich bitte um Konzentration, schließlich habe ich besseres zu tun, als Ihre Fragen doppelt und dreifach zu beantworten. Wie gesagt, hatte die Tote keine persönlichen Dinge bei sich, das hatte ich bereits erwähnt.“
„Wie alt schätzen Sie die Frau? Ich denke, sie ist noch keine 30 Jahre alt.“
„Das denke ich auch, aber das ist schließlich keine Ratestunde, überlassen wir die Feststellung der Feinheiten Leuten, die sich damit auskennen. Der Mann dort drüben in dem fürchterlichen Jogginganzug hat die Leiche gefunden. Wenn Sie keine weiteren Fragen haben, würde ich mich gerne wieder an die Arbeit machen.“
Der 38-jährige Friedrich Fuchs war nicht mehr zu halten und gab lautstark Anweisungen an seine Leute.
„Mein Name ist Leo Schwartz, Kripo Mühldorf,“ stellte sich Leo dem Mann vor, der sehr ungeduldig schien, denn er sah fortwährend auf seine Uhr. Ein Kollege hatte ihm eine Decke gegeben, was aufgrund der Temperatur auch dringend notwendig war. Der drahtige Mann im neongelben Joggingoutfit war schon 73 Jahre alt und topfit, das musste Leo zugeben. Er selbst hatte schon lange keinen Sport mehr gemacht und schämte sich fast im Beisein des Mannes, der Leos Ausweis prüfte und ihn von oben bis unten musterte. Leo war dieser Mann sofort unsympathisch.
„Grindlmaier Franz,“ sagte der Mann knapp. „Wie lange soll ich eigentlich noch warten? Ich habe die Leiche kurz nach 16.00 Uhr gefunden, selbstverständlich sofort die Polizei gerufen und längst meine Aussage gemacht. Dieser Trottel dort hinten hat von meinen Joggingschuhen Abdrücke genommen. Hoffentlich bekomme ich die jemals wieder sauber! Ich könnte schon seit Stunden zuhause sein! Können Sie sich vorstellen, dass ich mich durch diese endlose Warterei erkälten kann?“ Grindlmaier war sauer und ungeduldig, außerdem sprach er so laut, dass jeder ihn hören konnte.
„Es tut mir leid, dass Sie warten müssen. Ich bitte um Ihr Verständnis, schließlich haben wir es mit einer Leiche zu tun und Ihre Angaben als erster am Fundort sind nicht unwichtig. Ihre Eindrücke sind noch frisch. Die Abdrücke Ihrer Schuhe brauchen wir zum Vergleich. Und keine Sorge, die Überreste gehen problemlos wieder ab.“ Leo wollte den aufgebrachten Mann beruhigen, denn er könnte ein wichtiger Zeuge sein und sollte sich so ruhig wie möglich an jede Kleinigkeit erinnern können.
„Behandeln Sie mich nicht wie ein kleines Kind. Sicher habe ich in gewissem Umfang Verständnis. Ich bin meiner Bürgerpflicht nachgekommen und habe sofort die Polizei gerufen, als ich die Leiche entdeckt habe. Und ich bin auch so lange geblieben, bis die Polizei eintraf und meine Aussage aufgenommen hat, die sehr dürftig ist. Ich habe die Leiche gefunden – mehr aber auch nicht. Ich habe nichts und Niemanden gehört oder gesehen, ich bin für Ihre weiteren Ermittlungen völlig unwichtig. Trotzdem lässt man mich nicht gehen. Ich sitze hier rum und friere. Warum? Ich bin ein unbescholtener Bürger und habe mit dieser Leiche nichts zu tun. Sind Sie jetzt fertig? Kann ich endlich gehen?“
„Sofort. Ich beeile mich, versprochen. Sie haben die Leiche also um kurz nach 16.00 Uhr gefunden. Wie ich sehe, haben Sie Sport gemacht?“
„Das sieht man doch! Ich jogge beinahe jeden Tag durch diesen Wald und nehme immer eine andere Strecke. Ich bin schon oft am Pestfriedhof vorbeigelaufen, das letzte Mal dürfte vor 3 Wochen gewesen sein, aber eine Hexe habe ich noch nie gesehen. Und dann auch noch eine tote Hexe. Ich möchte nochmals betonen, dass ich nichts angefasst habe, falls ihr Kollege mich nicht richtig verstanden hat.“
Auch diesem Grindlmaier gegenüber hielt Leo sein Wissen über das Faschingskostüm zurück. Leo sah sich um und konnte die Fußspuren des Joggers auf dem Feldweg sehr gut erkennen, die aus der anderen Richtung vom Wald her kamen. Außer diesen Spuren waren keine anderen erkennbar und die Spurensicherung hatte auch keine anderen gefunden.
„Sie sind also von dort gekommen?“
Grindlmaier nickte genervt, denn das hatte er einem Polizisten schon längst mitgeteilt.
„Und dann haben Sie die Leiche am Pestkreuz entdeckt?“ Leo lief auf und ab, bückte und streckte sich. „Wie haben Sie das gemacht? Von hier aus kann man das Pestkreuz nicht sehen, vor allem nicht bei den Lichtverhältnissen.“ Leo war skeptisch.
„Erstens war es noch nicht ganz so dunkel, als ich die Leiche entdeckt habe. Und zweitens musste ich pinkeln und wollte austreten. Wie gesagt, kenne ich den Pestfriedhof sehr gut und wenn ich mal muss, dann ist das hier meine bevorzugte Stelle. Man kann auf dem Weg ungehindert austreten, ohne durch Gestrüpp gehen zu müssen und ohne dabei gesehen zu werden.“
„Sie sind also hier in den Weg zum Pestfriedhof rein? Wie weit?“
„Na bis zum Pestkreuz eben. Da ist man weit genug vom Feldweg entfernt.“ Grindlmaier war genervt von dieser für ihn völlig uninteressanten Fragerei. „Wie gesagt, mache ich das immer so, schon seit Jahren.“
„Von Pietät haben Sie noch nie was gehört, oder? Man pinkelt doch nicht auf einen Friedhof! Der Wald ist schließlich groß genug.“ Leo schüttelte verständnislos den Kopf über das Verhalten.
„Was bilden Sie sich eigentlich ein, so mit mir zu reden? Ich war in leitender Position in einem großen Wirtschaftsunternehmen. Darüber hinaus war ich bis zu meiner Pensionierung ehrenamtlich in einigen öffentlichen Einrichtungen Altöttings tätig. Und glauben Sie mir, ich habe viel für die Gegend hier getan,“ schrie Grindlmaier und kam Leo dabei bedrohlich nahe. „Außerdem wurden die Kastler Pesttoten im 17. Jahrhundert hier bestattet und dürften sich nicht mehr daran stören, wenn ich hier ab und an meine Notdurft verrichte. Hunde dürfen doch auch überall hinpinkeln und hinscheißen, aber daran stört sich niemand.“
„Mir ist es völlig egal, wer oder was Sie sind oder waren,“ sagte Leo ruhig. „Mich interessiert nur, wer heute vor mir steht. Und für mich sind Sie eine pietätlose Drecksau, denn ein intelligenter Mensch mit Anstand pinkelt nicht auf einem Friedhof, ganz egal, wann Menschen dort bestattet wurden. Es gibt einfach Dinge, die macht man als halbwegs vernünftiger Mensch nicht! Sie können jetzt gehen.“
Grindlmaier schnaubte vor Wut und schimpfte, was das Zeug hielt, während Leo einfach weiterging. Ihn interessierte das Geschwätz dieses Mannes nicht. Er hatte dessen Aussage und die Personalien, mehr brauchte er nicht. Leo ging zum Fundort der Leiche zurück, wo Fuchs gerade dabei war, den Abtransport in die Wege zu leiten.
„Kann ich mir die Leiche jetzt anschauen?“
„Wenn Sie unbedingt wollen. Sie haben noch genau 10 Minuten, dann geht die Leiche in die Gerichtsmedizin nach München. Ich habe die dortigen Kollegen bereits informiert, auch die sind sehr an dieser Leiche interessiert. Also, beeilen Sie sich.“
„Zu gütig,“ sagte Leo. Er kniete vor der Leiche und dabei war es ihm egal, dass seine Hosen nun auch ruiniert waren. Das Gesicht der Frau, dieses Faschingskostüm und dann noch diese unwirkliche Umgebung ließen ihn erschauern. Langsam zog er sich die Handschuhe über und kramte in der zum Kostüm gehörenden Umhängetasche, aber diese war leer, wie Fuchs gesagt hatte. Noch einige Minuten besah sich Leo ungläubig die Leiche, während Fuchs in seinem Wagen saß. In Leos Kopf schwirrten die Gedanken wild durcheinander. Was wollte die junge Frau hier? Wie kam sie hierher? Wie kam sie ums Leben? Und was ist das hier für ein seltsamer Ort?
„Träumst du?“
Erschreckt zuckte Leo zusammen. Seine Vorgesetzte und Lebensgefährtin Viktoria Untermaier hatte sich unbemerkt neben ihn gestellt.
„Meine Güte, ich habe fast einen Herzinfarkt bekommen!“, rief Leo erleichtert, als er in das vertraute Gesicht seiner Viktoria blickte. „Ich war völlig in Gedanken. Warum schleichst du dich an mich ran?“
„Habe ich nicht, du hast mich nur nicht bemerkt. Was machst du eigentlich hier? Du solltest doch längst zuhause sein und deine Koffer packen.“
„Die Leiche kam dazwischen. Aber jetzt, wo ihr endlich da seid, habe ich ab sofort offiziell Urlaub.“
„Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht. Welche zuerst?“
„Mir egal.“
„Also, die gute zuerst: Werners Frau hat eine kleine Tochter zur Welt gebracht. Die Kleine kam viel zu früh und Werner ist umgehend ins Krankenhaus gefahren, den hielt nichts mehr. Er machte sich riesige Sorgen um seine kleine Tochter und natürlich um seine Frau und möchte bei ihnen sein. Ich habe ihm frei gegeben, das versteht sich von selbst.“
„Natürlich freue ich mich für Werner. Unter den Umständen kann ich mir lebhaft vorstellen, was die schlechte Nachricht ist: Werner bleibt bei Frau und Kind, wodurch mein Urlaub vorerst gestrichen ist?“
„Du hast es erfasst. Es tut mir echt Leid Leo, du hättest dir deinen Urlaub wirklich verdient. Aber ich habe Werner grünes Licht gegeben und damit über deinen Kopf hinweg entschieden. Ich hoffe, das geht für dich in Ordnung und du hast Verständnis. Krohmer bemüht sich um eine Lösung, aber bis dahin bleibst du im Dienst.“
Leo blickte in die schuldbewussten Augen seiner Viktoria. Die 48-jährige, nur 1,65 m große und sehr hübsche Frau setzte ihr freundlichstes Lächeln auf und Leo konnte nicht anders: Er war einverstanden. Natürlich freute er sich für seinen Kollegen Werner Grössert, dass er nun endlich Vater geworden ist, was viele nicht für möglich gehalten hatten, denn Werners Frau litt unter einer schweren Hautkrankheit und musste nicht nur viele Medikamente einnehmen, sondern auch immer wieder für längere Zeit in Spezialkliniken. Wie durch ein Wunder wurde die Frau trotz der Medikamente schwanger und alle bangten bis zum Schluss mit ihrem Kollegen Werner Grössert. Alle mochten Werners warmherzige Frau, die es in der Familie Grössert nicht leicht hatte. Sie wurde von den übermächtigen Eltern, die eine angesehene Anwaltskanzlei in Mühldorf betrieben, nicht akzeptiert, da sie aus einfachen Verhältnissen stammte. Und jetzt waren die beiden Eltern geworden! Leo freute sich riesig!
„Natürlich verstehe ich dich und es versteht sich von selbst, dass ich einverstanden bin.“ Leo hatte bereits mit dem Gedanken gespielt, dass er sich sehr gerne um den Fall kümmern würde, denn für ihn passte auf den ersten Blick absolut nichts zusammen.
„Wie ich sehe, haben wir es mit einer kostümierten Leiche zu tun?“, fragte Hans Hiebler, der nun auch eingetroffen war und fasziniert auf die Leiche vor sich blickte. „Was zum Teufel ist das denn für ein Hexenkostüm?“ Den 53-jährigen, 1,80 m großen, sportlichen Kollegen umhüllte heute wieder ein angenehmer Herrenduft, der auch hier im Wald langsam um sich griff.
„Das ist kein Hexenkostüm,“ klärte Leo die beiden Kollegen auf. „Bei diesem Kostüm handelt es sich um ein Faschingskostüm der Ulmer Narrenzunft.“
„Wie bitte? Wie kommt das denn hier her? Bist du dir da ganz sicher?“
„Natürlich bin ich mir sicher, ich habe schließlich lange genug in Ulm gelebt und kam nicht umhin, auch beruflich mit Maskierten in diesen und ähnlichen Kostümen zu tun zu haben. Wenn ich mich nicht irre, ist Christine sogar Mitglied in diesem Verein. Jedes Jahr hat sie mich mit ihrer Faschingsbegeisterung genervt, aber ich habe damit überhaupt nichts am Hut. Ich kann nicht auf Kommando lustig sein. Für mich ist Fasching nur ein offizieller kalendarischer Grund, die Sau rauszulassen und sich volllaufen zu lassen. Eine Zeit, in der man jede Hemmung fallen lassen und sich gehen lassen kann. Das ist nichts für mich.“
„Du bist in der Beziehung ganz schön versnobt und voller Vorurteile. Dich hat der Geist des Faschings nur nicht gepackt. Ich finde diese närrische Zeit hervorragend und bedauere sehr, dass sie in unserer Gegend nicht ganz so ausgelassen gefeiert wird,“ sagte Hans Hiebler. „Ich hatte mal eine Freundin aus Köln. Und wenn du dort nicht von diesem Fieber angesteckt wirst, dann verstehe ich die Welt nicht mehr. Man kann sich nicht nur gehen lassen, sondern man darf sich über alles und jeden lustig machen, mal so richtig aus sich rausgehen. Und das Feiern unter Gleichgesinnten ist einfach nur herrlich!“ Hans schwärmte in den höchsten Tönen und nahm sich fest vor, den nahenden Fasching mal wieder so richtig zu feiern, die passenden Leute würde er dafür schon finden.
„Du verarschst mich jetzt, oder? Du findest Fasching wirklich gut? Vielleicht ab 2 Promille, das könnte ich akzeptieren. Und natürlich nur unter Gleichgesinnten.“
„Gemeinsame Interessen funktionieren nur unter Gleichgesinnten. Du gehst doch auch nicht mit einem Strickclub zum Fußball.“
Die beiden verstummten und sahen zusammen mit Viktoria zu, wie die Leiche vorsichtig in den Zinksarg gelegt wurde und dann abtransportiert wurde.
„Die Frau hatte keine Papiere bei sich. Wir müssen also zuerst herausfinden, mit wem wir es zu tun haben.“
„Wenn wir hier nichts mehr tun können, treffen wir uns im Präsidium. Krohmer hat Wind von dieser Leiche hier bekommen; ich tippe auf Frau Gutbrod. Er hat vorhin angerufen und erwartet uns zu einem ersten Bericht. Er möchte Fotos der Leiche sehen,“ verdrehte Viktoria Untermaier die Augen, die am liebsten nach Hause gefahren wäre, denn der Tag war lange und sie fror in ihren dünnen Gummistiefeln und der leichten Jacke. Vor allem hatten sie heute bereits eine Ewigkeit mit dem Chef zusammengesessen – und jetzt schon wieder! Viktoria und Hans wechselten an ihren Fahrzeugen die Schuhe, Leo hatte wie immer keine anderen Schuhe dabei und wischte mit Taschentüchern notdürftig und völlig aussichtslos seine verdreckten Cowboystiefel ab.
„Einen Moment noch,“ hörten sie die Stimme ihres Kollegen Friedrich Fuchs lautstark rufen. „Ich habe noch etwas für Sie, das wichtig sein könnte.“ Da Fuchs keine Anstalten machte, zu ihnen zu kommen, mussten sie wohl oder übel nochmals die Schuhe wechseln und wieder durch den Matsch zu ihm gehen. Vor allem Leo war stinksauer, denn er hatte keine Taschentücher mehr. Aber was sollten sie machen? Fuchs war stur und würde so lange warten, bis sie bei ihm waren.
„Ich hoffe für Sie, das ist wirklich wichtig,“ schnauzte Leo mit Blick auf seine Stiefel.
„Selbstverständlich. Würde ich Sie wegen einer Nichtigkeit rufen? Dieses Hexenkostüm ist bei einem Banküberfall in Reischach vor gut drei Wochen aufgetaucht, genauer gesagt am 18. Dezember. Wir wurden damals gerufen, weil der Bankräuber eben dieses Hexenkostüm anhatte, das wir dann in einem öffentlichen Abfalleimer an einer Bushaltestelle in Reischach nicht weit von der Bank entfernt gefunden haben. Das Kostüm befindet sich in der Asservatenkammer. Einer meiner Mitarbeiter hat mich darauf aufmerksam gemacht und ich entschuldige mich an dieser Stelle für meine Unaufmerksamkeit. Ich habe eben in meinen Unterlagen nachgesehen und sehen Sie selbst.“ Fuchs hielt ihnen seinen Laptop vor, auf dem das Bild des gleichen Faschingskostüms zu sehen war.
„Das ist ja interessant. Was war damals genau passiert?“
„Ich könnte Ihnen die Akte zukommen lassen, was aber nicht meine Aufgabe ist. Besorgen Sie sich die Unterlagen bitte selbst, denn ich habe noch jede Menge Arbeit vor mir. Ich kann nur so viel sagen, dass bei dem Banküberfall niemand zu Schaden kam. Nach meinen Informationen wurde nicht einmal Geld erbeutet. Aber bitte sehen Sie sich die Unterlagen selbst an. Ich bin weg.“ Wortlos reichte er Leo ein frisches Paket Taschentücher, die er dankbar annahm. Ab und zu zeigte Fuchs tatsächlich menschliche Züge, man glaubt es kaum. Fuchs startete seinen Wagen und sah zu, dass er den Abstand zum Leichenwagen, der bereits abgefahren war, so schnell wie möglich verringern konnte.
„Seltsam. Zwei dieser Ulmer Faschingskostüme in so kurzer Zeit hintereinander? Ich bin gespannt, was die Unterlagen über den Banküberfall hergeben.“
Kurz vor ihren Fahrzeugen ging Franz Grindlmaier mit energischen Schritten auf Leo zu.
„Und Sie,“ drohte er ihm mit dem Finger, „werden noch von mir hören. Ihre Unverschämtheiten werde ich nicht auf mir sitzen lassen. Sie werden mich noch kennenlernen. Sie kommen von Sachsen mit Ihren Stasimethoden hierher zur bayrischen Polizei und meinen, Sie können unbescholtene, angesehene Bürger beleidigen. Das wird ein Nachspiel haben. Ich werde mich über Sie beschweren. Ich habe Kontakte zu den höchsten Kreisen, unterschätzen Sie mich nicht. Sie werden noch sehen, was Sie mit Ihren Unverschämtheiten angerichtet haben, das wird Ihnen noch leidtun.“
Viktoria war erschrocken über die Schroffheit des Mannes, Hans hingegen war amüsiert, denn er kannte seinen Kollegen Leo Schwartz, der sich das nicht einfach so gefallen lassen würde.
„Erstens,“ sagte Leo ganz ruhig und trat einen Schritt näher an Grindlmaier ran, „bin ich kein Sachse, sondern Schwabe. Aber es kann schließlich nicht jeder so umfassend gebildet sein, das sehe ich Ihnen nach. Und zweitens können Sie sich gerne jederzeit über mich beschweren, das steht Ihnen frei. Trotzdem bleibe ich bei meiner Meinung und wiederhole mich gerne: wer auf einem Friedhof seine Notdurft verrichtet, obwohl er andere Möglichkeiten hätte, ist und bleibt für mich eine pietätlose Drecksau. Und jetzt gehen Sie mir aus den Augen, bevor ich mich vergesse.“
„Sie haben es selbst gehört,“ schrie Grindlmaier beinahe hysterisch, „der Mann hat mich eben nicht nur wiederholt beleidigt, sondern auch noch bedroht. Sie beide sind meine Zeugen.“
„Ich habe nichts gehört,“ murmelte Viktoria, ging zu ihrem Wagen und wechselte die Schuhe. Was immer auch zwischen den beiden vorgefallen war, würde sie später erfahren. Jetzt sehnte sie sich danach, den Wagen zu starten und die Heizung auf höchster Stufe laufen zu lassen. Sie konnte es kaum erwarten, bis die Wärme sich in ihrem Körper breitmachte. Schade, dass sie keine Sitzheizung hatte, denn sie hatte neben kalten Händen und Füßen auch einen eiskalten Hintern.
„Sie haben wirklich dort drüben am Pestfriedhof Ihre Notdurft verrichtet? Habe ich das richtig verstanden?“ Hans glaubte, seinen Ohren nicht zu trauen. Leo nickte. „Dann schließe ich mich den Ausführungen meines Kollegen an. Denn das geht überhaupt nicht, das macht man doch nicht. Pfui Teufel!“
Grindlmaier suchte nach Worten, fand aber keine. Hans und Leo ließen den Mann einfach stehen.
„Ich kann solche aufgeblasenen Typen einfach nicht leiden. Er meint, er wäre etwas Besseres und führt sich auf wie ein Schwein.“
„Ganz deiner Meinung. Trotzdem solltest du in Zukunft etwas vorsichtiger sein, irgendwann bekommst du wegen deiner schwäbischen großen Klappe riesigen Ärger.“
„Und wenn schon. Was wahr ist, darf auch gesagt werden.“
„Was haben wir,“ empfing Rudolf Krohmer, Leiter der Polizei Mühldorf am Inn seine Leute der Mordkommission. Mit einem missmutigen Blick registrierte er Leos verdreckte Schuhe. Natürlich! Wie immer war der Kollege Schwartz nicht vorbereitet und schleppte jetzt den halben Kastler Wald mit in das Besprechungszimmer der Polizeiinspektion Mühldorf.
Ausführlich schilderte Leo in den schillerndsten Farben die Leiche und den Fundort, wobei er kein Detail ausließ, auch nicht die Auseinandersetzung mit dem Zeugen Grindlmaier. Angewidert und fasziniert zugleich besah sich Krohmer derweil die Fotos der Leiche.
„Die Akte über den Banküberfall am 18. Dezember in Reischach haben wir durchgesehen, sie ist sehr dünn. Zum Glück wurde dabei niemand verletzt. Und Fuchs lag vollkommen richtig, der Bankräuber, der in demselben Faschingskostüm die Bank überfiel, hat kein Geld erbeutet. Den Zeugenaussagen zufolge hatte er den beiden Angestellten und einem Bankkunden nur einen gehörigen Schrecken eingejagt. Das Faschingskostüm fand man nur wenig später im Mülleimer der nächsten Bushaltestelle.“
Krohmer legte die Fotos vor sich auf den Tisch und konnte es nicht glauben.
„Zwei identische Faschingskostüme, das ist ja echt der Hammer. Ist das Kostüm echt oder nur eine billige Kopie?“
„Laut Aussagen der Spurensicherung handelt es sich bei dem Kostüm um ein Original. Leider konnten darin keine Spuren des Trägers sichergestellt werden.“
„Gut, gehen Sie der Sache bitte mit Hochdruck auf den Grund. Dieser Zeuge Grindlmaier wird sich ganz sicher bei mir über Sie beschweren, ich kenne solche Typen,“ winkte Krohmer ab. „Um den kümmere ich mich. Aber ich finde es seltsam, dass wir es gerade mit einem Ulmer Faschingskostüm zu tun haben, finden Sie das nicht auch merkwürdig?“
„Sie meinen, weil ich aus Ulm komme?“
„Natürlich, was denn sonst. Das kann doch kein Zufall sein.“
„Ich kann mir nicht vorstellen, was das mit mir zu tun haben soll, das ist reiner Zufall. Wenn es Sie beruhigt, spreche ich später mit meinen Ulmer Kollegen, aber das steht jetzt nicht im Vordergrund. Für mich ist viel wichtiger herauszufinden, um wen es sich bei der Leiche handelt.“
„Dann haben Sie jede Menge Arbeit, legen Sie los. Und vielen Dank Kollege Schwartz, dass Sie für Herrn Grössert einspringen. Ich weiß das zu schätzen. Ich befürchte, dass Herr Grössert länger ausfällt und ich werde mich daher so schnell wie möglich um eine Lösung bemühen. Trotzdem möchte ich Sie bitten, zu allererst Ihre Schuhe zu säubern, Sie machen ja alles dreckig, das geht so nicht. Besorgen Sie sich endlich Gummistiefel für Ihren Wagen!“
Leo hatte keine Lust, seine Stiefel zu säubern, dafür war jetzt auch keine Zeit. Er zog sie einfach aus und lief auf Socken, was die anderen mit unverständlichem Kopfschütteln registrierten. Typisch für Leo Schwartz! Immer machte er, was er wollte und ging unkonventionelle Wege!
Es war zwar schon spät, trotzdem arbeiteten die drei auf Hochtouren. Sie gingen die Vermisstenmeldungen durch, sprachen mit Kollegen, die den Bankraub in Reischach bearbeitet hatten, und gingen Akten durch, bei denen Kostüme an sich aufgetreten waren. Hans war überrascht, wie oft irgendwelche Kostüme verwendet wurden, als er die Akten vor sich auf dem Tisch verteilt sah.
Es war weit nach 22.00 Uhr und Leo wählte die Handy-Nummer des Kollegen Fuchs, der über die Störung sehr ungehalten war.
„Gibt es schon irgendetwas, das für uns hilfreich sein kann? Für jede Kleinigkeit wäre ich dankbar, wir haben noch nicht herausgefunden, um wen es sich bei der Leiche handelt.“
„Nach so kurzer Zeit wollen Sie Informationen von mir? Wir sind noch mitten in der Obduktion! Sie müssen schon Geduld haben, schließlich will ja niemand, dass geschlampt wird.“
„Ich bitte Sie Herr Fuchs, irgendetwas können Sie bestimmt schon sagen. Das Alter der Frau, irgendwelche Merkmale, wodurch wir sie identifizieren können.“
Fuchs machte eine kurze Pause.
„Also gut, weil Sie es sind. Die Frau ist ca. 30 Jahre alt, 1,70 m groß und wie Sie gesehen haben, sehr schlank. Die blond gefärbten Haare sind ursprünglich mittelbraun.“ Diese Angaben wusste Leo bereits, der dunkle Haaransatz des Opfers war ihm aufgefallen. „Die Hände zeigen deutlich, dass sie über einen längeren Zeitraum schwere Arbeiten verrichtet hat. Dazu hat die Frau einige frische und auch ältere Hämatome. Mir waren diese Flecken schon aufgefallen, konnte sie aber nicht zuordnen. Aber hier bei sehr gutem Licht ist es klar: die Frau war entweder ungeschickt und hat sich überall gestoßen, oder wurde geschlagen. Weder das eine, noch das andere kann jetzt noch nachgewiesen werden. Außerdem hat der Pathologe anhand der Zähne festgestellt, dass die Frau keine Deutsche ist; er vermutet die Ukraine oder Russland.“ Diese Information hatte gesessen.
„Sind Sie sicher?“
„Die Methoden der Zahnbehandlung waren noch bis vor einigen Jahren länderbezogen sehr unterschiedlich, bis sich auch im Osten die westlichen Behandlungsmethoden durchgesetzt und angepasst haben. Einige ältere Zahnärzte behandeln auch heute noch nach den alten Methoden, vor allem im ländlichen Bereich.“
„Also suchen wir nach einer ca. 30-jährigen Frau, die offenbar sehr ungeschickt war oder geschlagen wurde. Vermutlich stammt sie aus Russland oder der Ukraine?“
„Spreche ich so undeutlich? Das ist genau das, was ich eben gesagt habe.“
„Konnte schon geklärt werden, wie die Frau ums Leben kam?“
„Hören Sie Herr Schwartz, die Pathologen hier sind keine Zauberer. In der kurzen Zeit ist das wirklich noch nicht möglich gewesen, dass dürfte auch Ihnen einleuchten. Sie müssen Geduld haben, die Leute hier tun ihr Möglichstes. Und wenn ich anmerken darf, sie arbeiten sehr ordentlich und gewissenhaft, ich bin sehr beeindruckt.“
„Vielen Dank Herr Fuchs, Sie haben uns sehr geholfen. Sobald die Untersuchung der Leiche abgeschlossen ist, melden Sie sich umgehend bei mir oder meinen Kollegen. Wir sind schon sehr gespannt darauf, wie die Frau ums Leben kam.“
Fuchs murmelte noch irgendetwas Unverständliches, das sich sehr unfreundlich anhörte. Leo hatte aufgelegt. Dieser Fuchs war zwar eine unangenehme Erscheinung, aber er machte seine Arbeit sehr, sehr gut. Niemals würde Fuchs Informationen weitergeben, wenn er sich derer nicht sicher wäre. Außerdem hatte Fuchs entgegen seiner sonstigen Gewohnheiten freiwillig vorab Informationen genannt, das musste er ihm hoch anrechnen. Leo informierte sofort seine Kollegen.
„Dann haben wir jetzt zumindest eine vorläufige Personenbeschreibung, mit der wir durchaus etwas anfangen können. Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn wir damit bei Meldebehörden nicht fündig werden. Heute können wir nichts mehr unternehmen, machen wir Schluss für heute,“ beschloss Viktoria, die die Nase gestrichen voll hatte. Sie hatte Hunger und war vollkommen übermüdet. Außerdem hatten Behörden und andere Stellen sowieso längst geschlossen. Leo und Hans ging es ähnlich, auch sie waren vollkommen fertig, obwohl beide aufgekratzt waren. Leo ging strumpfsockig mit seinen Stiefeln in der Hand zum Ausgang. Er schlug die Stiefel kräftig gegeneinander, wodurch die gröbsten Dreckbrocken weit davonflogen; der Rest würde bis zuhause von allein abfallen.
Viktoria duschte lange und ausgiebig, während Leo nochmals die Pizza in den Ofen schob, die sie unterwegs zum Glück gerade noch vor Schließung der Pizzeria bekommen hatten. Sie aßen beide mit großem Appetit und sahen noch etwas fern, um sich von dem heutigen Tag abzulenken. Beide waren von dem Tod der jungen Frau geschockt. An keinem Polizisten gingen solche Dinge spurlos vorbei, daran gewöhnt man sich nie. Bis zum Feierabend wurde keine weitere Vermisstenanzeige gestellt, die auf die Frau zutraf. Vermisste die Frau denn niemand?
Hans Hiebler ging es ähnlich. Er holte Brot, Käse und Schinken, hatte aber keinen Appetit. Immer wieder tauchte die Tote vor seinen Augen auf. Er öffnete eine Flasche Bier und rief seine Freundin an, die ihm geduldig zuhörte und an den richtigen Stellen die richtigen Fragen stellte. Nach einer halben Stunde ging es ihm besser und er konnte zu Bett gehen. Vor dem Gespräch mit seiner Freundin hätte er bestimmt keinen Schlaf gefunden.
Am nächsten Tag machten sich die drei umgehend an die Arbeit. Sie sprachen mit Meldebehörden in Altötting und Mühldorf, was sich in beiden Fällen als sehr kompliziert herausstellte, denn heute war Samstag und sie erreichten jeweils nur die Notbesetzung. Sie erfuhren, dass Meldebehörden grundsätzlich telefonisch keine Auskunft gaben. Sie hatten großes Glück, dass sich am heutigen Samstag jemand bereiterklärte, im Büro zu erscheinen und Auskunft zu geben – Hans hatte besonders bei der Dame in Mühldorf seinen ganzen Charme einsetzen müssen.
Daneben hatten sie aus dem Internet die Adresse eines russischen Vereines in Altötting und einem ukrainischen in Mühldorf ermittelt, aber auch hier wollte niemand am Telefon Auskunft geben. Es ging nicht anders, sie mussten persönlich vorstellig werden.
Viktoria Untermaier übernahm die Meldebehörden in Altötting und Mühldorf alleine, da sie jetzt nur zu dritt waren und sie sowieso nur auf einen Mitarbeiter traf. Den anderen passte das zwar nicht, aber es ging nun mal nicht anders. Krohmer hatte in der kurzen Zeit noch keinen Ersatz für Grössert gefunden, was auch so schnell nicht möglich war, denn solche Anträge dauerten oft mehrere Wochen. Er ließ seine Kontakte spielen, aber trotzdem war Hilfe noch in weiter Ferne. Bei den Meldebehörden musste Viktoria ihre ganze Überzeugungskraft einsetzen, um Auskünfte zu bekommen, denn die Mitarbeiter in beiden Behörden ließen sich ganz schön bitten. Erst, als sie ausführlich berichtete, um was es ging und diese Ausführungen mit Fotos der Toten untermauerte, wurde ihr sofort und unkompliziert geholfen. Vollkommen kaputt und genervt, aber mit 4 Namen und den dazugehörigen Adressen fuhr sie zurück ins Präsidium.
Leo und Hans übernahmen derweil die russischen und ukrainischen Vereine. Zuerst fuhren sie zum Mühldorfer Stadtplatz, wo der ukrainische Verein vor drei Jahren ein altes, leer stehendes Gebäude gemietet hatte. Sie hatten sich telefonisch beim Leiter Bohdan Makarenko angemeldet, der vor der Tür stand und auf sie wartete. Makarenko begrüßte die beiden überschwänglich und bat sie herein, er hatte sogar frischen Tee zubereitet und reichte dazu Gebäck, das hervorragend schmeckte. Hans konnte nicht anders und langte kräftig zu; er hatte nicht nur für Frauen eine Schwäche, sondern auch für Süßigkeiten.
„Wir haben eine weibliche Leiche, die nach vorläufigen pathologischen Untersuchungen aus der Ukraine oder aus Russland stammt. Sehen Sie sich die Fotos in Ruhe an. Kommt Ihnen die Frau bekannt vor?“
„Es tut mir leid, die bedauernswerte Frau gehört nicht zu unserem Verein und ist mir persönlich auch nicht bekannt. Nicht alle Ukrainer sind bei uns Mitglied, was wir natürlich sehr bedauern. Gerade hier in der Fremde ist die Eingewöhnungsphase viel einfacher, wenn man Hilfe von Menschen aus der Heimat bekommt. Aber bei dieser Frau muss ich leider passen. Wir haben morgen Abend das nächste Treffen, wir treffen uns jeden Sonntagabend. Wenn Sie es erlauben, würde ich die Fotos gerne herumreichen, vielleicht ist die Frau einem unserer Freunde bekannt.“
„Sehr gerne,“ sagte Leo, der einen zweiten Satz Fotos dabei hatte.
„Warum sprechen Sie so gut unsere Sprache? Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich nie darauf kommen, dass Sie aus der Ukraine kommen.“ Leo war beeindruckt, denn er verstand diesen Mann sehr viel besser als viele Bayern.
„Ich bin seit 7 Jahren in Deutschland. Als ich herkam, habe ich kein Wort gesprochen oder gar verstanden. Es war für mich selbstverständlich, dass ich zuerst die Sprache des Landes lernen muss, um hier zu leben und zu arbeiten. Vor allem aber ist die Sprache ein wichtiges Fundament, um in der Gesellschaft integriert und darin anerkannt zu werden.“
Die beiden Beamten waren sehr beeindruckt, nicht viele dachten und handelten wie Makarenko.
„Was genau macht Ihr Verein? Wie muss ich mir Ihre Arbeit vorstellen?“
„In erster Linie sind wir eine Anlaufstelle für Menschen aus unserer Heimat, die hier vollkommen fremd sind. Sie können sich nicht vorstellen, welchem Kulturschock man ausgesetzt ist, wenn man plötzlich hier in Bayern landet.“ Hans und Leo konnten sich das sehr gut vorstellen, selbst für Leo war die Umstellung von Ulm nach Mühldorf ganz schön krass. „Wie gesagt, helfen wir Ukrainern bei den Formalitäten. Wir bieten Sprachkurse an, organisieren Kindergartenplätze, helfen bei der Schulwahl, vor allem bei der Wohnungs- und Arbeitssuche. Darüber hinaus wollen wir der Bevölkerung unsere Kultur und unsere Mentalität näher bringen, das ist uns sehr wichtig, denn nichts wirkt angsteinflößender als das Fremde. Deshalb veranstalten wir regelmäßig Konzerte, Informationsabende, Straßenfeste und so weiter. Als der Krieg noch nicht in der Ukraine angekommen ist, haben wir gerne Reisen für unsere Freunde und Interessierte organisiert, aber das haben wir aufgrund der politisch schwierigen Lage vorerst zurückgestellt. Es macht uns traurig, dass sich unsere Heimat im Kriegszustand befindet.“
2.
Leo und Hans fuhren nach Altötting. Sie waren sich darüber einig, dass Makarenko ein sehr intelligenter und angenehmer Mensch ist. Beide nahmen sich fest vor, bei einer der nächsten Veranstaltungen teilzunehmen, die sie aus den Unterlagen lasen, die ihnen Makarenko bei der Verabschiedung in die Hand gedrückt hatte. Der hätte es nämlich sehr gerne gesehen, wenn sich die örtliche Polizei persönlich für ihren Verein interessierte. Dass Makarenko bereits eine Veranstaltung für seine Mitglieder gemeinsam mit den Mitarbeitern der Polizei im Hinterkopf hatte, ahnten die beiden nicht.
Ihre nächste Anlaufstelle befand sich in Altötting in der Neuöttinger Straße, die nicht weit vom Kapellplatz entfernt war. Leo parkte den Wagen wie früher auch in der Nähe des Kapellplatzes, was Hans nicht verstand.
„Warum fährst du nicht bis zur Neuöttinger Straße? Wir finden dort bestimmt in der Nähe des Hauses einen geeigneten Parkplatz, auch wenn heute Samstag und um die Uhrzeit bestimmt die Hölle los ist. Wir müssten nicht ewig weit laufen.“
„Beschwer‘ dich nicht mein Freund, etwas Bewegung wird dir guttun,“ lachte Leo, der in Wahrheit nur aus Gewohnheit hierher gefahren war. Beide kannten sich auch aufgrund des letzten Falles hier gut aus und besonders Leo hatte ein sehr mulmiges Gefühl im Magen, als er die Magdalenenkirche passierte. Er hielt kurz vor dem Kapuzinerkloster, an das er keine guten Erinnerungen hatte. Das Gesicht von Bruder Benedikt tauchte für einen Moment vor seinem Gesicht auf und er wurde traurig, denn dieser Bruder starb nach einem entbehrungs- und arbeitsreichen Leben, kurz nachdem Leo mit ihm gesprochen hatte.
„Trödel nicht rum,“ trieb Hans ihn an, der keinen weiteren Gedanken an die letzten Fälle verschwendete. Für ihn waren diese Fälle gelöst und längst vergessen, er hatte mit den Jahren gelernt, nur noch nach vorn zu schauen. Hans war grundsätzlich ganz anders als Leo. Er machte sich über andere Menschen kaum Gedanken, hing Vergangenem nicht hinterher – für ihn gab es nur das Jetzt und die Zukunft. Und die bestand darin, dass er sein Leben so lebte, wie er es für richtig hielt, ohne dabei andere zu verletzen. Nach dem gewaltsamen Tod seiner Doris vor über einem Jahr fiel er in ein tiefes Loch, aus dem er aber auch durch seine Einstellung unbeschadet wieder herauskam. Zum Glück, denn sonst wäre er für Lucrezia nicht offen gewesen, seine freche, vorlaute italienische Freundin, die er vor einigen Monaten während eines kniffligen Falles in Florenz kennen- und lieben gelernt hatte. Er hielt seine Beziehung vor seinen Freunden und Kollegen noch geheim, da er sich die Sprüche und Bemerkungen lebhaft vorstellen konnte, denen er dadurch ausgesetzt wäre. Lucrezia war seiner Meinung und ihre italienischen Kollegen vermuteten zwar, dass sie einen Freund hatte, aber sie genoss es, sie im Trüben fischen zu lassen. Beide hatten mehrere Beziehungen hinter sich und waren keine Teenager mehr, aber durch diese Heimlichkeiten hatten sie fast das Gefühl, nochmal so jung und unbefangen sein zu dürfen.
Nach nur zehn Minuten Marsch standen sie vor dem alten Haus in der Neuöttinger Straße, an dessen Tür nur eine schlichte, handgeschriebene Tafel mit dem Hinweis auf den russischen Verein angebracht war. Sie klingelten und klopften. Früher war das ein Einzelhandelsgeschäft gewesen, dessen Besitzer entweder aufgaben, oder keinen Nachfolger hatten, der das Geschäft weiterführen wollte. Leo war aufgefallen, dass es vielen Geschäften hier so zu gehen schien, denn alte Läden, die nach oder sogar noch vor dem Krieg voller Euphorie und Hoffnung geöffnet und geführt wurden, waren in den letzten Jahren geschlossen worden und standen leer. Aber so ist nun mal der Lauf der Zeit. Wenn man sich gegen die Konkurrenz nicht durchsetzen kann oder keinen geschäftstüchtigen Nachfolger hat, muss man gezwungenermaßen den Laden dicht machen.
Ein älterer Mann mit grauem Haar und Schnurrbart öffnete endlich vorsichtig die Tür. Leo und Hans stellten sich vor und bemerkten sofort das Misstrauen, das ihnen entgegenschlug.
„Herr Zwetkow? Leo Schwartz, Kriminalpolizei Mühldorf, das ist mein Kollege Hiebler. Wir haben unseren Besuch telefonisch angekündigt.“
„Richtig, Sie haben mit mir gesprochen. Mein Name ist Sergej Zwetkow. Ich heiße Sie herzlich willkommen, bitte kommen Sie herein.“
Sie folgten dem Mann durch das leere Ladengeschäft in das Treppenhaus, das nur mit einer nackten Glückbirne beleuchtet war. Leo roch den Duft vergangener Zeit und konnte sich lebhaft vorstellen, welches geschäftige Treiben hier früher stattgefunden haben durfte. Die Stufen der Treppe waren stark abgenutzt und er stellte sich vor, wie viele Generationen hier Tag für Tag auf- und abgegangen sein mussten. Zwetkow bot ihnen in einem der oberen Räume in einem mit alten Möbeln bunt zusammengewürfelten Zimmer Platz an. Das hier war so gar nicht mit dem ukrainischen Verein in Mühldorf zu vergleichen. Zwetkow bemerkte wohl, dass Leo sich nicht gerade begeistert umblickte.
„Entschuldigen Sie bitte den Zustand des Hauses. Wir sind erst vor wenigen Monaten Besitzer dieser Immobilie geworden und sind vorerst nur notdürftig eingezogen. Wir hatten anfangs noch nicht die Mittel, alles hübsch zu renovieren. Aber die Gelder sind aufgrund großzügiger Spenden jetzt verfügbar und die Handwerker sind bestellt; in vier Wochen geht es los. Danach werden Sie das alte Haus nicht wiedererkennen. Die frühere Besitzerin war eine Damenschneiderin, die leider kinderlos verstarb. Die Erben haben sich viele Jahre um die Immobilie gestritten, bis sie schließlich versteigert wurde. Natürlich ist der Zustand nach der Zeit nicht sehr gut, aber wir haben wenig dafür bezahlt und freuen uns darauf, dass wir in absehbarer Zeit einen schönen Ort der Gemeinsamkeit haben werden, den wir dringend brauchen. Altötting hat sehr viele russische Zuwanderer, die unsere Hilfe und die Gemeinschaft Gleichgesinnter brauchen, mit denen sie ihre Freizeit verbringen können.“
„Verstehe ich nicht,“ sagte Leo, der keinen Sinn darin sah, dass sich Menschen aus dem gleichen Land auf der ganzen Welt immer zusammenrotten müssen, auch wenn sie sich nicht mochten. Egal, in welchem Land er bisher war, überall wurde er von Deutschen angesprochen und man erwartete, dass man sich zusammentat. Wenn man sich gegenseitig unterstützt und die Eingewöhnung leichter macht, dann macht das Sinn, aber nur für die Freizeitgestaltung?
„Wir Russen sind hier Fremde und werden in Bayern nicht gerne gesehen. Es wird bestimmt weitere Generationen und viel Arbeit der Politiker benötigen, bis wir dazugehören. Auch wenn wir hier arbeiten und Steuern bezahlen, gehören wir doch nicht dazu. Es wird zwar immer Toleranz und Integration gepredigt, vor allem, wenn irgendwo schreckliche Übergriffe auf Migranten stattfinden. Aber im wahren Leben, im täglichen Miteinander sieht das immer noch ganz anders aus. Schon allein der Name stempelt uns als Russen ab, und wenn man dann noch einen Akzent in der Sprache hat, hat man verloren. Die Deutschen sind eben noch nicht so weit.“
Leo ärgerte sich über diese Einschätzung, auch wenn Zwetkow wahrscheinlich aus persönlicher Erfahrung sprach. Trotzdem konnte er das nicht einfach so stehen lassen.
„Es tut mir leid, wenn Sie den Eindruck von uns Deutschen haben. Aber das ist kein deutsches Problem, sondern ein weltweites. Wenn ich als Deutscher im Ausland bin, werde ich auch dort sofort abgestempelt. Alle anderen Länder haben auch gegen uns Deutsche Vorurteile, denen wir ausgesetzt sind. Es mag sein, dass die Migrations-Politik und die Toleranz noch nicht überall angekommen sind, aber ich bin stolz auf unseren Staat und unsere Politik, die für meine Begriffe in die richtige Richtung geht. Sicher gibt es Schwachpunkte, Politiker sind auch nur Menschen. Aber trotzdem möchte ich Ihre Einschätzung nicht pauschalieren. Meine Kollegen und ich, sowie auch meine Freunde sind Migranten gegenüber nicht negativ eingestellt, für uns zählt nur der Mensch selber, nicht die Herkunft. Ein Deutscher sagt gerne: der Russe! Oder die Russen! Das ist oft nicht abwertend gemeint. Ich bin nicht aus Bayern, sondern aus Baden-Württemberg und auch ich höre immer wieder: der Schwabe – und das verstehe ich nicht als Beleidigung, das sagt man nun mal so.“ Das stimmte so nicht ganz, denn Leo stieß mit seiner Herkunft auch immer wieder auf Abneigung, aber das interessierte ihn nicht. Die, die ihn wegen seines Dialekts sofort ablehnten, waren für ihn dumm und ungebildet, und mit denen wollte er sowieso nichts zu tun haben. Aber das waren wenige Ausnahmen, die er nicht ernst nahm und die er nicht an sich ranließ. „Und um das Ganze jetzt abzuschließen möchte ich noch anmerken, dass ich es nicht gut finde, dass es Ziel dieses Vereins ist, unter sich zu bleiben und gemeinsam die Freizeit zu verbringen. Gehen Sie raus! Laden Sie Bürger, Nachbarn, Arbeitskollegen ein! Dann werden Sie feststellen, dass es sehr viele gibt, die meine Meinung teilen und den Migranten, im Speziellen den Russen, offen gegenüberstehen. Nur was einem fremd ist, fürchtet man.“
„Und dumme Menschen können Sie nicht ändern, die können sie nur ignorieren,“ sagte Hans, der Leo in allem absolut Recht gab. Er hatte Freunde mit Migrationshintergrund, von denen er wusste, dass sie es auch schwer haben, ganz abgesehen von seiner italienischen Freundin. Aber die Zahl derer, die intelligent und offen mit Ausländern und Migranten umgingen, stieg zum Glück von Tag zu Tag. Erst gestern hatte er im Fernsehen gesehen, wie viele Menschen für Menschenrechte und Zuwanderung auf die Straße gingen und dem Fremdenhass und den damit verbundenen Vorurteilen entgegenzutreten. Leo hatte Recht, alles ging in die richtige Richtung. Aber alles braucht seine Zeit und geht nicht von heute auf morgen.
Zwetkow war sprachlos und sah die beiden Polizisten erstaunt an. Man konnte sehen, wie es in seinem Kopf arbeitete. Lagen dieser komisch gekleidete, riesige Polizist und sein gutriechender und gutaussehender Partner richtig mit ihren Aussagen? Pauschalierte er aufgrund weniger persönlicher Erfahrungen und scherte alle Deutschen speziell die Bayern über einen Kamm? Machte er es sich vielleicht zu leicht? Der Ansatz dieses Herrn Schwartz war nicht so schlecht, das musste er bei nächster Gelegenheit mit seinen Freunden besprechen. Aber das würde er hier und jetzt nicht zugeben, das würde für ihn Schwäche bedeuten, die er nicht zeigen wollte.
„Ich danke Ihnen für Ihre ehrlichen, offenen Worte. Warum sind Sie hier? Wie kann ich Ihnen helfen?“
Leo zog die Fotos der Toten aus seiner Jackentasche.
„Wir haben diese Frau tot aufgefunden. Nach unseren Informationen handelt es sich bei der Frau um eine Russin oder Ukrainerin.“
Sergej Zwetkow besah sich die Fotos sehr genau und schüttelte schließlich den Kopf.
„Ich kenne die Frau nicht. Aber das heißt nicht, dass es sich nicht doch um eine Russin handelt. Nicht alle meiner Landsleute kommen zu uns, viele lehnen uns und unseren Verein ab.“ Zwetkow hatte in der Vergangenheit mehrfach neu eingereiste Landsleute angesprochen und eingeladen, aber vermehrt Absagen kassiert. „Haben Sie schon bei den Ukrainern nachgefragt? In Mühldorf gibt es einen Verein.“
„Dort waren wir schon. Herr Makarenko kennt die Frau ebenfalls nicht, möchte aber bei den morgigen Treffen seine Landsleute befragen. Kennen Sie Herrn Makarenko?“
Sofort veränderte sich der Gesichtsausdruck von Zwetkow und er wandte sich auch körperlich etwas ab, wodurch man die Abneigung sofort spürte.
„Das sind Ukrainer,“ sagte er nur.
„Das glaube ich jetzt nicht! Sie verurteilen die Deutschen, weil sie Sie nicht mit offenen Armen empfangen und mögen die Ukrainer nicht? Warum? Sie sitzen doch im gleichen Boot. Bevor Sie Toleranz und Integration fordern, würde ich lieber bei Ihnen selbst anfangen.“ Leo konnte sich diese Bemerkung nicht verkneifen und wollte nur noch weg hier. Der Tag war bisher beschissen gelaufen, er hatte sich mehr von den Befragungen versprochen. Er hatte genug und brauchte dringend eine Pause. „Wir lassen Ihnen die Fotos der Toten hier. Zeigen Sie sie ihren Landsleuten und melden Sie sich bei uns, wenn jemand die Frau erkennt.“
Leo ging davon und murmelte nur einen leisen Gruß, Hans folgte ihm. Auch er hatte genug, aber er war amüsiert über Leos Offenheit, mit der er diesem Zwetkow einheizte. Wer weiß, vielleicht musste dieser Schwabe kommen, um diesem Russen einen Spiegel vorzuhalten. Denn dass diese Klatsche gesessen hatte, war sicher. Schweigend gingen sie zurück zu ihrem Wagen, wobei Leo diesmal das Kapuzinerkloster und die Magdalenenkirche ignorierte, so sehr ärgerte er sich über diesen Zwetkow und seine Einstellung. Sie stiegen in den Wagen und fuhren nach Mühldorf.
„Jetzt beruhige dich endlich, du allein kannst die Welt nicht ändern,“ sagte Hans genervt, als er mehrfach versucht hatte, Leo in ein Gespräch zu verwickeln, und dieser aber nicht reagierte.
„Das weiß ich auch. Aber es regt mich tierisch auf, dass manche Toleranz erwarten, sie aber selbst nicht leben. Wie soll sich da irgendetwas ändern? Man muss sich kennenlernen und gegenseitig aufeinander ohne Vorbehalte zugehen.“
„Du bist und bleibst ein Traumtänzer. Ich bin auch der Meinung, dass unsere Gesellschaft in die richtige Richtung geht. Aber wir beide werden es nicht mehr erleben, dass Menschen verschiedener Herkunft, Kultur, politischer Richtung und vor allem unterschiedlicher Religion friedlich nebeneinander leben.“
„Schon alleine diese jahrhundertlangen Kriege um Religion. Für mich ist jeder Gott akzeptabel, solange es ein guter, gütiger Gott ist. Von mir aus darf jeder seinen Gott haben, es ist doch auf der ganzen Welt genug Platz dafür.“
Mit Leo war wirklich nicht mehr zu reden und da Hans am Steuer saß, lenkte er den Wagen auf den Parkplatz einer Pizzeria in Mühldorf.
„Keine Widerrede – du isst jetzt erst mal was, bevor du noch ausflippst. Du musst runterkommen und dich wieder beruhigen. Außerdem wird es Zeit, dass du endlich Urlaub bekommst, das ist ja nicht mehr zum Aushalten.“
„Du hast gut reden,“ sagte Leo, der für diese Ablenkung sehr dankbar war. Er war wirklich hungrig und bei diesem Italiener war er schon lange nicht mehr. „Du hast in letzter Zeit genug Ablenkung und freie Tage gehabt. Wie geht es Lucrezia?“
„Was? Wie? Du weißt von uns?“ Hans war erschrocken, denn bis jetzt war er sehr diskret gewesen und war sich sicher, dass niemand von ihm und seiner Lucrezia wusste.
„Denkst du, ich bin blöd? Ich weiß das schon seit dem Adlerholz-Fall. Ich kenne dich Hans, sogar besser, als du dir vorstellen kannst.“
Hans erzählte während dem Essen ausführlich von Lucrezia und seinen Aufenthalten in Florenz und den Besuchen seiner italienischen Freundin hier in Mühldorf; er ließ sich auch durch das Essen nicht unterbrechen. Es tat Hans sehr gut, endlich mit jemandem über seine Beziehung zu Lucrezia zu sprechen und Leo kam dadurch endlich auf andere Gedanken. Er freute sich für seinen Freund und Kollegen und bemerkte das Leuchten in seinen Augen, dass er seit der Zeit mit der getöteten Doris nicht mehr gesehen hatte. Damals hatte er sich um Hans große Sorgen gemacht, aber jetzt strahlte er wieder und war glücklich. Und Lucrezia war genau die richtige für ihn. Sie war voller Leben, dazu witzig, intelligent und sehr laut. Hans brauchte eine Frau, auf die er sich blind verlassen konnte und die mit seinem Tempo mithalten konnte – und das war für Lucrezia kein Problem, denn sie hatte ein Temperament, bei dem sich Hans ordentlich anstrengen musste, um ihr folgen zu können.
„Wo bleibt ihr denn so lange?“, empfing Viktoria ihre Kollegen. Sie hatte sich bereits Sorgen gemacht. Außerdem war sie es nicht gewohnt, so lange Zeit alleine im Büro zu arbeiten, diese Ruhe war fast unheimlich.
Leo erzählte ausführlich über die Gespräche mit Makarenko und Zwetkow - und regte sich erneut auf. Viktoria fand die richtigen Worte, um ihn zu beruhigen. Sie hatte keine Lust, mit ihm über Politik und die aktuelle Lage zu diskutieren, darin konnte Leo richtig aufgehen, wenn ihn ein Thema interessierte.
„Ich habe von den Meldebehörden die Adresse von vier Frauen bekommen, auf die die Beschreibung passen würde; eine aus der Ukraine und drei aus Russland. Eine der Frauen habe ich zum Glück in Mühldorf angetroffen, sie ist wohlauf. Ich habe ihr das Foto des Opfers gezeigt, auch sie kennt die Tote nicht. Die drei anderen habe ich noch nicht erreicht. Ich halte es auch für besser, wenn man zu zweit loszieht, ist auch Vorschrift. Ich habe mir einen entsprechenden Rüffel bereits von Krohmer eingeholt, der es überhaupt nicht gut fand, dass ich alleine unterwegs war, um die Frauen aufzusuchen. Die Behörden waren okay, aber direkt zu den Adressen zu fahren ist dann doch etwas anderes. Mir blieb aber nichts anderes übrig, schließlich hat Krohmer noch keinen Ersatz für Werner bekommen. Außerdem habe ich veranlasst, dass das Foto der Toten in den Medien erscheint, das Übliche eben.“
„Du spinnst doch total,“ sagte Leo verärgert. „Wir hatten besprochen, dass du zu den Behörden alleine gehst, von etwas anderem war nie die Rede. Den Rüffel von Krohmer hast du dir redlich verdient. Ich will mir überhaupt nicht vorstellen, was hätte passieren können!“
Die drei zogen am Nachmittag gemeinsam los, um die anderen drei Frauen aufzusuchen, was sich als sehr mühsam und nervenaufreibend darstellte. Sie wurden nicht mit offenen Armen empfangen. Überall, wo sie auftauchten, schlug ihnen Misstrauen entgegen. Besonders die Männer waren zwar freundlich, wurden aber sauer, wenn es um ihre Frauen ging.
„Das ist meine Frau. Alles in Ordnung.“ Die erste Frau konnte von der Liste gestrichen werden.
Dann waren nur noch zwei Frauen in Altötting, aber auch die trafen sie wohlbehalten an. Allen zeigten sie Fotos des Opfers.
„Und jetzt? Keiner kennt die Tote.“
„Dann müssen wir wohl oder übel warten, ob sich irgendjemand bei uns meldet, der die Frau kennt.“
Auf Krohmers Anweisung blieben die Beamten am Sonntag zuhause und ruhten sich aus. Ihnen waren die Hände gebunden, es gab nicht die kleinste Spur, der sie nachgehen konnten. Anfangs waren sie enttäuscht über die unerwartete Zwangspause, genossen aber einen ruhigen Tag, an dem sie die Gedanken an die unbekannte tote Frau und die damit verbundenen seltsamen Umstände trotzdem nicht in Ruhe ließen.
3.
„Ich darf Ihnen den Kollegen Sebastian Kranzbichler vorstellen. Er wird die Mordkommission für die Zeit der Abwesenheit von Werner Grössert unterstützen,“ empfing Rudolf Krohmer seine Beamten im Besprechungszimmer. Er hatte sich eine halbe Stunde verspätet, der Grund lag nun auf der Hand.
Der dicke, kurzhaarige und sehr große 30-jährige Kranzbichler strahlte mit seinen roten Bäckchen übers ganze Gesicht, als er jedem die Hand gab. Er trug einen grauen Anzug, der so aussah, als besäße er ihn seit seiner Konfirmation, er passte hinten und vorne nicht. Das weiße Hemd spannte über dem Bauch und die Krawatte, die schon längst aus der Mode war, saß völlig schief.
„Herr Kranzbichler wurde uns wärmstens empfohlen und ich bin sehr glücklich, dass die Vertretung so schnell geklappt hat. Herr Grössert hat sich gemeldet und wird wohl länger ausfallen, bei seiner Frau traten größere Komplikationen auf.“
„Schlimm?“ Die Kollegen machten sich große Sorgen, denn Grössert und auch seine Frau neigten nicht zu Übertreibungen. Es mussten gravierende Gründe vorliegen.
„Ich habe nur so viel verstanden, dass es nicht gut aussieht. Grössert hat versprochen, uns auf dem Laufenden zu halten. Aber das ist jetzt nicht unser Thema und gehört hier nicht her. Der Kollege Kranzbichler bleibt bis zur Rückkehr des Kollegen Grössert in unserem Team.“ Krohmer war sichtlich stolz auf den Zuwachs seiner Mannschaft, der nur wegen seiner Kontakte so schnell zur Verfügung stand. Normalerweise dauerte so etwas viel länger und jetzt war die Vertretung bereits nach zwei Tagen hier. Aber durch den kurzen Anruf des Kollegen Grössert, war er sehr beunruhigt. Aber darum würde er sich später kümmern.
„Wenn Sie den Kollegen unter Ihre Fittiche nehmen Frau Untermaier? Bei Ihnen ist er am besten aufgehoben.“
„Sehr gerne.“ Natürlich wäre sie viel lieber mit Leo als Team unterwegs, denn sie ergänzten sich hervorragend. Aber so gereizt, wie Leo momentan war, war es auf jeden Fall besser, wenn der Neue sie begleitete.
Frau Gutbrod trat ohne Klopfen ins Besprechungszimmer, denn sie hatte nichts von der heutigen Besprechung mitbekommen, gerade auf dem Flur erfuhr sie erst von dem neuen Kollegen. Warum war der hier? Krohmers neugierige Sekretärin war am Wochenende zuhause und kam heute später, da sie noch einen Termin hatte. Die 62-jährige Hilde Gutbrod hatte den Samstag genutzt, um sich frisch aufspritzen zu lassen, wodurch sie zumindest im Gesicht wieder etwas jünger aussah, was nun wiederum zum Rest nicht mehr passte. Aber Frau Gutbrod fand sich wunderschön und für ihr Alter sehr jung, was sie auch mit ihrer Kleidung zum Ausdruck brachte: Das weiße Kostüm war sehr, sehr kurz, dafür waren die Absätze ihrer neuen Schuhe umso höher. Bei jeder ihrer Bewegungen klimperte und glitzerte es. Auch das dick aufgetragene Make-up stach heute besonders hervor. Sie setzte sich und besah sich den neuen Kollegen von oben bis unten – und er gefiel ihr überhaupt nicht. Erst jetzt sah sie in die Runde. Was machte Leo Schwartz hier? Hatte er nicht Urlaub? Und wo war der Kollege Grössert? Schnell kombinierte sie, dass dieser Neue für den Kollegen Grössert hier war – aber warum? Sie musste so schnell wie möglich herausbekommen, was dahintersteckte!
„Frau Gutbrod, welch Glanz in unserer Hütte! Da sind Sie ja endlich, wir haben Sie schon vermisst! Sie sehen ja wieder phantastisch aus – sind Sie übers Wochenende in einen Jungbrunnen gefallen?“, rief Hans Hiebler erfreut aus. Aber Frau Gutbrod verstand sofort den Sarkasmus, denn die beiden verstanden sich nicht besonders gut. Mehr als einmal hatte Hans sie beim Lauschen erwischt und machte sich einen Spaß daraus, ihr das bei jeder Gelegenheit unter die Nase zu reiben. Krohmer stellte ihr den neuen Kollegen Kranzbichler vor, an dem sie aber kein Interesse hatte und ihn deshalb nur beiläufig begrüßte.
Hilde Gutbrod war im Rückstand und musste sich dringend über den aktuellen Fall informieren. Sie hatte bereits durch die Sekretärin der Spurensicherung mitbekommen, dass der neue Fall sehr interessant und knifflig war. Sie griff nach Krohmers Ermittlungsakte, als der einen Moment unaufmerksam war. Als sie sich die Fotos angesehen hatte, erschauerte sie, denn so ein Hexenkostüm hatte sie noch nie gesehen und mit Fasching hatte sie überhaupt nichts am Hut. Sie mochte keine Betrunkenen und diese aufgezwungene Fröhlichkeit war ihr zuwider. Zumindest in diesem Punkt war sie sich mit Leo Schwartz einig. Sie schenkte nun reihum Kaffee ein und besah sich den neuen Kollegen nochmals in aller Ruhe, was allgemein amüsiert beobachtet wurde. Krohmer war das Verhalten seiner Sekretärin überaus unangenehm. Aber Frau Gutbrod interessierte sich nicht für die Meinung der anderen. Es war ihr gutes Recht, sich den Neuen genauer anzusehen. Der Mann war zu dick, sah aus wie ein Bauer, und für ihre Nichte Karin absolut nichts. Noch immer suchte sie für ihre unvermittelbare Nichte Karin einen geeigneten Mann. Bei jeder Gelegenheit bot sie ihre Nichte an wie sauer Bier, was allen gehörig auf die Nerven ging. Karin bekam das nicht richtig mit, denn sie war nicht die hellste Kerze auf der Torte, hatte ein einfaches Gemüt. Sie war nur an ihrem Aussehen und ihrer Kleidung interessiert – und natürlich an einem potentiellen Mann. Frau Gutbrod hakte diesen Mann gedanklich ab und setzte sich wieder. Was hatte sie verpasst? Wenn ihr gestern nicht dieser blöde Nagel abgebrochen wäre, hätte sie sich den Termin bei ihrer Nageldesignerin heute früh sparen können. Aber es blieb ihr nichts anderes übrig, als diesen Fauxpas sofort zu beheben – wie hätte das denn ausgesehen?
Leo informierte Krohmer über den neuesten Stand und Frau Gutbrod atmete erleichtert auf, sie war nicht zu spät hinzugestoßen.
„Das sieht doch bis jetzt nicht schlecht aus,“ sagte Krohmer bemüht freundlich, denn vor dem Neuen musste er sich zusammenreißen. Natürlich war er nicht erfreut darüber, dass die Identität der Toten noch nicht feststand. „Haben Sie aus der Pathologie noch andere Erkenntnisse mitgebracht, die uns weiterhelfen können? Konnte die Todesursache nun einwandfrei festgestellt werden?“, fragte er nun Fuchs, der endlich seinen großen Auftritt hatte, auf den er schon lange gewartet hatte. Was interessierte ihn dieser neue Kollege? Ob nun der oder die anderen, das war ihm vollkommen egal. Ihm war nur wichtig, dass er seine Arbeit vernünftig machen konnte. Und diese schreckliche Frau Gutbrod war ihm auch ein Dorn im Auge. Was hatte sie eigentlich als Sekretärin bei diesen Besprechungen verloren? Sie zog das Ganze hier unendlich in die Länge und genoss einen Sonderstatus, den er nicht verstand. Aber sei’s drum – jetzt war er endlich an der Reihe!
„Im Großen und Ganzen hat sich der Bericht, den ich Herrn Schwartz telefonisch übermittelt habe, bestätigt,“ begann er seinen Bericht, den er sich auf der Rückfahrt aus München zurechtgelegt hatte. Auch am gestrigen Sonntag hatte er noch daran gefeilt und war gut vorbereitet. Ursprünglich wollte er seinen ausführlichen Bericht mit Fachwissen spicken, um die Kollegen damit zu ärgern und um ihnen dadurch zu suggerieren, dass er ihnen haushoch überlegen war. Aber Krohmer hatte ihn vorhin darum gebeten, vor dem neuen Kollegen sachlich zu bleiben und seine Ausführungen so einfach wie möglich zu halten. Nicht, dass sich der neue Kollege dumm vorkommt. Natürlich musste Fuchs sich fügen, schließlich war Krohmer der Chef. Jetzt musste er sich jeden Satz genau überlegen, bevor er etwas sagte. Er räusperte sich und fuhr fort, da nun alle Aufmerksamkeit auf ihm lag. „Die Todesursache konnte eindeutig nachgewiesen werden. Das Opfer wurde betäubt und dann mit einer Überdosis Insulin getötet. Ich habe mehrere Kopien des Pathologieberichts angefertigt,“ sagte Fuchs nicht ohne Stolz und zog aus seiner Tasche sauber angefertigte Berichte, die er reihum gab.
„Insulin?“
„Das sagte ich eben. Der Tod trat durch eine Überdosis Insulin ein, die dem Opfer durch die Bauchdecke verabreicht wurde. Zum Glück wurde die Leiche schnell genug gefunden, denn je mehr Zeit nach dem Tod durch eine Überdosis Insulin verstreicht, desto geringer wird die Möglichkeit, Insulin im Körper nachzuweisen. Schon nach vier bis fünf Stunden hat man fast keine Chance mehr für einen Nachweis.“
„Insulin also. Wie hoch muss die Dosis sein? Wo kommt das Insulin her?“
„Im vorliegenden Fall wurde eine sehr hohe Dosis verabreicht, woraus ich schließe, dass der Täter die tödliche Dosis nicht kannte oder sicher gehen wollte, dass das Opfer auf jeden Fall stirbt. Die Herkunft des Insulins ist nicht nachweisbar. Insulin ist in Deutschland verschreibungspflichtig. Das heißt, dass das Medikament nur gegen ein gültiges Rezept ausgehändigt wird. Es sei denn, es handelt sich um einen Notfall und dem Apotheker ist bekannt, dass der Patient Diabetiker ist. Und auch dann kommt es häufig vor, dass sich die Apotheken aufgrund von späteren Repressalien weigern, Insulin auszuhändigen und rufen lieber den Notarzt oder verweisen auf das nächste Krankenhaus.“
„Ich glaube ja, dass man leicht an Insulin rankommt, auch wenn die Gesetze noch so streng sind.“
„Ganz so einfach ist das in Deutschland nicht, Kollege Hiebler. Auch wenn ein Arzt anruft und um Insulin bittet, darf der Apotheker dieses Medikament nicht ausgeben. Aber,“ und dabei sah er in die Runde und machte dabei eine längere Pause, „in Österreich ist es kein so großes Problem, an Insulin ranzukommen. Bei unseren Nachbarn sind die Gesetze anders gelagert und man bekommt Insulin in fast jeder Apotheke und sogar über den Online-Medikamentenhandel, wenn man seinen Wohnsitz in Österreich hat. Aber das zu umgehen ist eine Kleinigkeit. Soweit ich informiert bin, ist die Insulinbeschaffung in Tschechien und Polen ebenfalls einfach. Allerdings gibt es dort nur inländische Beipackzettel und es gelten dort andere Medikamenten-Gesetze, wodurch es für einen Patienten gefährlich sein kann, sich dort mit Insulin zu versorgen, denn die vom Arzt festgestellte Dosis sollte strikt eingehalten werden.“
„Womit wurde das Opfer betäubt?“
„Der Pathologe tippt auf KO-Tropfen, aber dazu stehen noch einige Tests an.“
„Im Grunde genommen auch egal, denn solche Substanzen kann man sich in Deutschland problemlos übers Internet oder auf dem Schwarzmarkt besorgen,“ sagte Leo. „Viel wichtiger ist das Insulin. Aber wenn das in anderen Ländern problemlos zu beschaffen ist, dann verschwenden wir damit nur unnötig Zeit.“
„Danke für den ausführlichen Bericht, Kollege Fuchs. Dann wissen wir jetzt endlich die Todesursache, die für meine Begriffe sehr ungewöhnlich ist, fast human,“ sagte Krohmer.
„Was soll denn an einem Mord human sein? Gut, das Opfer musste nicht leiden, aber Mord ist Mord. Ob nun human, oder nicht,“ sagte Leo.
„So habe ich das nicht gemeint. Aber die Todesursache sollten Sie nicht aus den Augen verlieren. Es sieht so aus, als ob der Täter sein Opfer nicht leiden lassen wollte, was nach einem persönlichen Bezug zum Opfer aussieht. Oder nach einer Frau.“
„Chef, das glauben Sie jetzt aber nicht selber, oder? Das Opfer wurde zwar ordentlich am Pestfriedhof platziert, was durchaus Ihre Theorie unterstützen würde. Aber für mich sieht es so aus, als sollte die Leiche nicht so schnell gefunden werden, wodurch die Todesursache nicht mehr nachweisbar gewesen wäre. Ich schlage vor, dass wir für alles offen sind und so ermitteln, als wäre jeder verdächtig. Der Täter muss keine Frau sein und er muss auch nicht aus dem persönlichen Umfeld des Opfers kommen.“ Viktoria wurde immer besonders misstrauisch, wenn Fakten allzu deutlich waren, und sie konnte es überhaupt nicht leiden, wenn solche Vermutungen besonders zu Beginn der Ermittlungen ausgesprochen wurden.
„Wie dem auch sei,“ sagte Krohmer, der sich über die Belehrung ärgerte. Eine entsprechende Antwort lag ihm schon auf der Zunge, aber wegen des neuen Kollegen hielt er sich zurück. „Wir sollten nun mit Hochdruck zuerst daran arbeiten, herauszufinden, um wen es sich bei der Toten handelt. Irgendjemand muss sie doch vermissen.“
„Ach du großer Gott,“ rief Frau Gutbrod laut und zog einen Zettel aus ihrer Jackentasche. „Vorhin bekam ich einen Anruf von einer Frau Schmied aus Kastl wegen der unbekannten Toten in der Zeitung. Sie ist sich sicher, dass Sie die Tote kennt,“ las sie vom Zettel ab.
Krohmer sah seine Sekretärin vorwurfsvoll an, denn diese Information hätte sie umgehend weiterleiten müssen. Sie suchten schließlich nach der Identität des Opfers, das durfte ihr doch inzwischen nicht entgangen sein. Natürlich bemerkte Frau Gutbrod den Blick und fügte schnell hinzu: „Ich habe Frau Schmied umgehend hierher beordert. Sie dürfte eigentlich schon hier sein.“ Sie sprang auf und lief direkt zum Empfang, wo eine 52-jährige Frau saß und wartete.
„Sind Sie Frau Schmied?“ Die Frau stand auf und nickte. „Mein Name ist Gutbrod, wir haben heute miteinander gesprochen. Schön, dass Sie so schnell kommen konnten. Kommen Sie bitte mit, die Kommissare sind schon gespannt auf Ihre Aussage.“
Frau Gutbrod brachte die Zeugin direkt ins Besprechungszimmer.
„Setzen Sie sich bitte. Sie kennen die Tote?“
„Ja und ich bin mir ganz sicher. Das ist Katharina Zirbner vom Zirbner-Hof in Kastl. Ich kenne sie von meinen Spaziergängen, einer meiner Wege führt nahe am Zirbner-Hof vorbei. Dort haben wir das eine oder andere Wort gewechselt, wenn ich sie allein angetroffen habe und die alte Zirbnerin nicht auf sie aufgepasst hat. Die alte Zirbnerin ist ein schreckliches Weib, immer mürrisch und dazu auch noch boshaft – und mittendrin die feine, freundliche und sehr hübsche Katharina, die auch in Arbeitskleidung immer top ausgesehen hat. Schon lange habe ich vermutet, dass das mit der Katharina nicht gut endet.“
„Wie meinen Sie das?“
„Na, der Zirbner Sepp hat die Katharina quasi aus dem Katalog gekauft, das weiß in Kastl jeder. Was glauben Sie, was das für ein Skandal war, als der Sepp mit einer Russin ankam. Sie wird niemals in Kastl akzeptiert werden, immer eine Außenseiterin bleiben. Für eine junge Frau ist das der Horror. Und dazu die schwere Arbeit und die böse Schwiegermutter. Katharina hatte Freude an Musik und Kultur. Beides ist für den Sepp nichts, der kennt außer dem Schützenverein und der Feuerwehr doch nichts. Er geht ja nicht mal ins Wirtshaus. Sein Leben ist die Arbeit auf dem Hof. Früher war der Zirbner-Hof ziemlich runtergewirtschaftet. Sepps Eltern hatten versäumt, Geld in den Hof zu investieren und zu modernisieren. Sie haben viel zu lange an dem alten Zopf festgehalten, das geht irgendwann schief. Als der Sepp das Ruder nach dem Tod seines Vaters übernahm, ging er mit Eifer an die Arbeit und hat den Hof wieder auf Vordermann gebracht. Wenn man heute daran vorbeigeht, kann man die Veränderung kaum glauben. Der Sepp hat Tag und Nacht gearbeitet. Kein Wochenende, kein Urlaub, einfach nichts. Jeden Cent hat er in den Hof gesteckt und nur noch dafür gelebt. Da bleibt das Privatleben natürlich auf der Strecke.“
„Wie und wo hat dieser Sepp Zirbner seine Frau kennengelernt?“
„Ich weiß es nur gerüchteweise. Womit ich mir ganz sicher bin ist diese Partneragentur in Waldkraiburg, die offenbar russische Frauen an heiratswillige Deutsche vermittelt. Und der Sepp hat das meiner Meinung nach gemacht, weil er die ganzen Jahre wegen der vielen Arbeit und auch wegen seiner keifenden Mutter keine Frau gefunden hat. Ist ja auch eigentlich nichts dagegen einzuwenden, schließlich gibt es Partnervermittlungen wie Sand am Meer und der Sepp ist auch nur ein Mann und hatte wohl die Einsamkeit satt. Anfangs hat er gestrahlt und war immer gut gelaunt, hat sogar das eine oder andere Schwätzchen mit den Nachbarn und auch mit mir gehalten. Das hat sich dann geändert, als die Gerüchte und dummen Sprüche einfach nicht abrissen. In Kastl waren er, seine Frau und die Geschichte mit der Partnervermittlung lange Zeit Ortsgespräch. Jeder hat seinen Senf dazugegeben, das können Sie sich ja vorstellen. Vor allem die alte Zirbnerin hat gezetert und gegen ihre Schwiegertochter gehetzt, wo es nur ging. Sie kam nie damit zurecht, dass ihr Sohn eine Russin geheiratet hat, und dann auch noch aus dem Katalog. Dass es so etwas gibt, ist den Kastlern auch klar. Aber es ist etwas anderes, wenn das direkt vor der Haustür passiert. Außerdem ist in Kastl kaum etwas los. Da ist man froh, wenn es neuen Gesprächsstoff gibt – und dafür hat die alte Zirbnerin schon gesorgt. Ist es da verwunderlich, dass sich der Sepp zurückgezogen hat und sich schützend vor seine Frau gestellt hat? Für mich wäre das kein Leben! Tag und Nacht den Blicken der Menschen ausgesetzt, von denen man genau weiß, dass sie hinter dem Rücken über einen reden und sich lustig machen. Schrecklich. Ich wäre längst abgehauen.“
Die Polizisten konnten das durchaus nachvollziehen und konnten sich vorstellen, welchem Spießrutenlauf der Mann und vor allem die Frau ausgesetzt sein mussten. Das Leben war bestimmt doppelt schwer, wenn aus der eigenen Familie kein Rückhalt da war und man dazu mit mächtigem Gegenwind im gesamten Umfeld kämpfen musste.
„Die Katharina war etwas Besonderes. Sie war nicht dumm und hat unsere Sprache sehr schnell gelernt. Sie hat sich bemüht, sich einzuleben und sich anzupassen, aber sie stieß überall auf Abneigung. Niemand wollte mit der jungen Russin etwas zu tun haben. Und wenn doch, dann fuhr die alte Zirbnerin ihre Krallen aus und wurde noch gemeiner. Die junge Frau passte einfach nicht zu dem grobschlächtigen Sepp, der zwar von Grund auf kein schlechter Mensch ist, aber nicht weiß, wie man mit einer Frau umgeht. Vor allem kann sich der Sepp nicht gegen seine Mutter durchsetzen, dazu ist er zu weich – oder die Alte zu stark. Egal wie man es sieht, die Katharina war die Leidtragende. Ich bin mir fast sicher, dass die junge Frau wieder weg wollte, was aber für eine Frau in ihrer Situation nicht einfach ist. Wo sollte sie denn hin? Ohne Geld, ohne Kontakte, ohne Ausbildung und ohne einen Job? Da ist man doch vollkommen aufgeschmissen.“
„Das stimmt wohl. Sind Sie sich sicher mit dieser Vermittlungs-Agentur in Waldkraiburg?“
„Sie hat mir davon erzählt. Den genauen Namen der Agentur habe ich vergessen, irgendetwas mit einem Herz. Aber mehr weiß ich nicht, die Katharina hat ungern darüber gesprochen und auf die kursierenden Gerüchte habe ich nie etwas gegeben. Was ist mit der Katharina passiert?“
„Sie wurde am Pestfriedhof direkt am Pestkreuz tot aufgefunden. Die genaueren Todesumstände sind uns noch nicht bekannt,“ log Hans Hiebler, der es generell vorzog, vorschnell noch nicht zu viele Informationen rauszugeben. „Wir danken Ihnen sehr für Ihre Hilfe. Jetzt wissen wir endlich, mit wem wir es zu tun haben. Frau Gutbrod begleitet Sie wieder nach draußen.“
Frau Gutbrod stand die ganze Zeit interessiert daneben und registrierte jede Kleinigkeit, die die Zeugin von sich gab. Das mit dieser Partnervermittlung war keine schlechte Idee, denn was für Männer galt, die Frauen suchen, gab es bestimmt auch für die Frauen, die einen Mann suchen. Sie musste unbedingt mit ihrer Nichte Karin darüber sprechen.
„Ich würde gerne mit Hans zum Zirbner-Hof nach Kastl fahren.“ Leo hatte seine Jacke schon in der Hand, denn er wollte die Überbringung der Todesnachricht so schnell wie möglich hinter sich bringen.
„Gut. Dann werden der Herr Kranzbichler und ich uns über die Partnervermittlung informieren. Am besten, wir fahren direkt nach Waldkraiburg. Ich bevorzuge das persönliche Gespräch. Vor allem würde ich mir gerne die Räumlichkeiten ansehen.“ Viktoria war neugierig und stand in den Startlöchern, aber der neue Kollege zögerte noch.
„Ich habe eine sehr gute Idee,“ druckste Kranzbichler herum. „Ich weiß, ich bin neu hier und eigentlich sollte ich mich gerade am Anfang zurückhalten, allerdings ist die Gelegenheit absolut günstig und die sollten wir nutzen.“
„Wovon zum Teufel sprechen Sie?“ Viktoria war genervt.
„Wie wäre es, wenn ich in dieser Agentur als potentieller Kunde vorstellig werde? Ich lasse mich umfassend beraten und komme so vielleicht an Informationen ran, die der Polizei sonst vorenthalten werden. Sie geben mir Vorsprung und stoßen dann später hinzu. Sie lenken die Angestellten ab und vielleicht bekomme ich irgendwie die Möglichkeit, mich dort ungestört umzusehen.“
„Ich glaube, Sie haben zu viele Krimis gesehen,“ protestiere Viktoria, die von solchen Aktionen überhaupt nichts hielt. „Das kommt nicht in Frage, das ist viel zu gefährlich.“
„Moment mal, nicht so schnell,“ sagte Leo, der die Idee genial fand und für so etwas immer zu haben war. „Überleg dir das auf der Fahrt nach Waldkraiburg nochmal Viktoria, denn eine bessere Gelegenheit einmal hinter die Kulissen einer solchen Vermittlungsagentur zu schauen, bekommen wir vielleicht nie wieder.“ Leo klopfte Kranzbichler anerkennend auf die Schulter, er mochte diesen Kerl sofort.
„Außerdem gehe ich als vermeintlicher Kunde mit meinem Aussehen leicht durch. Ich sehe nicht nur aus wie ein verzweifelter Mann auf der Suche nach einer Frau. Bei mir vermutet auch niemand, dass ich von der Polizei sein könnte, eher gehe ich als Landwirt oder Mechaniker durch, das wird mir zumindest immer wieder nachgesagt,“ lachte er und machte sich damit über sich selbst lustig, was bei Leo und Hans sehr gut ankam. Viktoria war immer noch nicht überzeugt, verdrehte die Augen und ging davon.
„Ich kann ganz gut mit Frauen, ich werde die Kollegin Untermaier während der Fahrt mit meinem Charme becircen und von meiner Idee irgendwie überzeugen,“ sagte Kranzbichler augenzwinkernd, bevor auch er durch die Tür verschwand.
„Der Typ ist schwer in Ordnung,“ lachte Hans, bevor sie sich auf den Weg nach Kastl zum Zirbner-Hof machten. Unterwegs sprachen sie kein Wort, denn sie mussten den Hinterbliebenen eine Todesnachricht überbringen, was beiden sehr schwerfiel. Sie legten sich in Gedanken die passenden Worte zurecht, obwohl sie genau wussten, dass es dafür niemals die passenden Worte gab.
Leo parkte den Wagen im Innenhof des Bauernhofs am Rande Kastls, erstaunlicherweise hatte das Navi kein Problem, den Hof hier in der Pampa zu finden. Der Zirbner-Hof war ein stattlicher Bauernhof, der außer dem Wohnhaus in einem Top-Zustand war. Leo zählte insgesamt 4 Stallungen und zwei große, relativ neue, saubere Traktoren und mehrere Anhänger standen in dem offenen Unterstand. In einem Zimmer des Erdgeschosses brannte Licht, es musste also jemand zuhause sein. Beide atmeten nochmals tief durch und klingelten.
Ein Mann Ende vierzig in Jogginghose und Unterhemd öffnete die Haustür und sah die beiden nur an.
„Leo Schwartz, Kriminalpolizei Mühldorf, das ist mein Kollege Hans Hiebler.“ Sie zeigten ihre Ausweise, die den Mann aber nicht interessierten. „Sind Sie Herr Zirbner?“
„Ja, des bin i, Sepp Zirbner. Kripo? Is was passiert?“
„Wir haben eine traurige Nachricht, es geht um die Katharina.“
„Was is mit der Kathi?“
Leo wollte die Nachricht nicht hier vor der Tür überbringen und schob den korpulenten Mann einfach vor sich her in den Raum, in dem das Licht brannte. Dort saßen am Küchentisch noch eine alte Frau und ein junger Mann. Auf dem Tisch stand ein Teller mit Wurst und ein Korb grob geschnittenes Brot, vor jedem stand ein Bierkrug.
„Es tut mir leid, dass wir beim Essen stören. Wir sind von der Kriminalpolizei Mühldorf und müssen Ihnen leider mitteilen, dass wir Katharina Zirbner tot aufgefunden haben.“
„Die Kathi is tot?“, rief Sepp Zirbner aus, schlug die Hände vors Gesicht und setzte sich erst einmal, denn der riesige Mann drohte augenblicklich umzukippen.
Der junge Mann am Tisch starrte Leo nur an, er schien nicht zu begreifen.
„Des hat des Flitscherl davo,“ rief die alte Frau aus. „Die hat net gern gearbeitet, und auch net guad. Sie wollt wieder weg von hier, zurück nach Russland, wo sie auch hinghört. Es hat ihr hier nicht gefallen, als ob es in Russland besser wär. Es is guad, das des Flitscherl weg is.“
„Halt den Mund“, rief Sepp Zirbner und wollte auf die alte Frau los, aber Hans hielt ihn zurück.
„Is doch wahr. Die Kathi hat immer gmeint, sie wär was Besseres. Hier auf dem Hof war ihr alles zu dreckig, sie wollt im Grunde nix damit zu tun haben. Sie hat meinen Sepp angefleht, abends wegzugehen und wollt sich amüsieren, anstatt anständig zu leben und zu arbeiten. Es ist lange her, dass sie in der Kirche war. Sie hat immer gsagt, dass das nicht ihr Gott wäre und sie einen anderen Glauben hat. Aber sie war nun mal mit meinem Sepp verheiratet und hat hier gelebt. Da muss man sich halt anpassen. Was hat sie sich denn vorgestellt, als sie von Russland kam und den Sepp geheiratet hat? Sie hat doch gewusst, dass er Bauer ist und die Arbeit nie ausgeht. Der liebe Gott hat sie bestraft.“
„Halt endlich dein Maul Mutter“, schrie Sepp Zirbner verzweifelt. „Die Kathi war jung, das Leben hier war ihr fremd, irgendwann hätte sie sich vielleicht doch eingelebt. Und sie hat sich angestrengt, ihre Arbeit so gut wie möglich zu machen, aber dir kann man es nun mal nicht recht machen, du hast die Kathi immer nur beschimpft. Und glaub ja nicht, dass ich nicht gesehen habe, dass du sie geschlagen hast.“
„Des hot ihr ned geschadt, die paar Renner sind ned der Red wert! Sie war halt langsam und i hob sie a bisserl antriebn, mehr ned. I bin 79 Jahre alt und muss in meinem Alter immer noch aufm Hof helfen. Wenn du a richtige Frau gheirat hättst, müsst i des längst nicht mehr. Wenn das dein Vater wüsst, Gott hab ihn selig, der würd sich im Grab rumdrehen. Eine Russin als Bäuerin, des konnt ja ned gutgehen. Ich sag Ihnen was,“ wandte sie sich an Leo nun betont hochdeutsch. Er stand dicht neben ihr und konnte nicht fassen, was die Alte von sich gab, „Als die Kathi auf den Hof kam und mein Sepp sie vorgestellt hat, habe ich sie verflucht. Ja, Sie hören richtig, ich habe ihr die schlimmsten Flüche entgegengeworfen. Ich hab den Krieg als Kind erlebt und die Russen waren schlimm, sehr schlimm, heute will das natürlich keiner mehr wissen. Die Grenzen sind für alle offen und diese Barbaren können ungehindert in unser Land kommen und alles legal an sich reißen. Ich wollt keinen Russen im Haus haben und mein Bub bringt einfach eine von dem Gsindel mit. Und jetzt hat der liebe Gott uns von der Russin erlöst, er hat meine Gebete erhört. Hätte mein Sohn damals die Maria vom Nachbarhof geheiratet, wäre alles gut gegangen. Aber mein Sepp wollt die Maria nicht haben. Gut, sie war recht schiach, is sie auch heit noch. Aber sie kann arbeiten und wäre richtig für den Hof gewesen.“
Der Redeschwall der Alten wurde durch einen langen, durchdringenden Schrei des jungen Mannes unterbrochen, der sich dabei auch noch die Ohren zuhielt. Sepp Zirbner sprang auf und sprach beruhigend auf den Mann ein, während die Alte sich ein Stück der Wurst abschnitt und seelenruhig weiteraß.
„Der Karl ist ned ganz richtig im Kopf,“ sagte die Alte mit vollem Mund. „Des is des Balg meiner Tochter, wer der Vater is, weiß man ned. Sie wollt den Karl in ein Heim gebn, weil bei ihm im Alter von 5 Jahr festgstellt wordn is, dass er a Depperl is. Des hab i scho immer gsagt, aber mir wollt keiner glauben. Aber der Sepp hat ned duldet, dass der Karl in ein Heim kommt. Er hat a viel zu weiches Herz, von mir hat er des ned! Er hat den Karl eines Tages einfach hier auf den Hof bracht, des ist jetzt schon über 12 Jahr her. Auch wenn das mein Enkel ist, ghört der ned hierher, man muss sich vor den Nachbarn scho schämen. Aber was soll ich machen? Dem Sepp gehört der Hof und er entscheidet. Obwohl ich zugebn muss, dass der Karl ein guter Arbeiter is. Trotzdem wäre es mir lieber, wenn er nicht hier wär. Die Schand ist einfach zu groß. Überall wird man auf den Karl angsprochen. Schrecklich.“
„Halt endlich dein Maul, sonst jag ich dich endgültig vom Hof,“ sagte Sepp Zirbner nun, woraufhin die Alte nur laut lachte.
„Es steht im Erbvertrag, dass ich hier ein lebenslanges Wohnrecht hab, des hat der Vater so festglegt. Ich hab schon oft gsagt, dass du mich nie los wirst. Ich bleibe so lang hier, bis i stirb.“
„Entschuldigen Sie meine Mutter, sie ist ein böses Weib und in ihrem Alter wird sie sich auch nicht mehr ändern. Wie ist die Kathi gestorben?“ Die Stimme des riesigen Mannes war nun leise und er sah Leo traurig an.
„Sie lag am Pestfriedhof. Sie wurde betäubt und dann mit einer Überdosis Insulin getötet. Gibt es Insulin auf Ihrem Hof? Ist jemand von Ihnen zuckerkrank?“
„Nein, keiner. Und Medikamente haben wir auch nur sehr wenige, Sie können sich gerne unsern Medizinschrank im Bad ansehen.“
„Nicht nötig, ist schon gut,“ sagte Leo, der immer noch von dieser alten Frau und ihrer bösen Zunge geschockt war. Wie schlimm muss das Leben sein, wenn man Tag und Nacht mit einem solchen Drachen zusammenleben muss? „Sie besitzen Vieh?“
„Ja, wir haben Rinder, 120 Stück.“
„Donnerwetter,“ sagte Hans, der nachvollziehen konnte, was das für eine Arbeit für zwei Männer sein musste. „Werden die mit Medikamenten behandelt?“
„Nein, auf keinen Fall. Ich habe schon vor Jahren auf Biobetrieb umgestellt und da sind die Vorschriften sehr streng. Keine Medikamente! Sie können gerne unsere Unterlagen einsehen, den Tierarzt befragen oder Blutproben unserer Tiere entnehmen. Sie werden keine Medikamente nachweisen können, meine Tiere sind absolut sauber. Ich verabscheue diesen Mastwahn auf der ganzen Linie und weiß nicht, wo das noch hinführt. Gesunde Tiere werden mit künstlichem Futter und Medikamenten zugrunde gerichtet, es zählt nur noch das Schlachtgewicht, mehr nicht. Ob das Fleisch für die Verbraucher irgendwann negative Folgen haben wird, ist doch der Fleischindustrie vollkommen egal. Statt diesen Wahnsinn zu durchbrechen, werden immer neue Auflagen und Gesetze geschaffen, die kein Mensch braucht. Man muss doch nur seinen gesunden Menschenverstand einsetzen und die Tiere artgerecht halten und füttern. Dann haben wir qualitativ hochwertiges und gesundes Fleisch. Aber bei uns hat nicht der Verbraucher das Sagen, sondern die großen Industriekonzerne, die die Verbraucher so lange mit ihrer Werbung, angeblichen Qualitätsmerkmalen und Laboruntersuchungen zutexten, bis sie es schließlich glauben. Für mich gibt es nur die Biohaltung, die sehr teuer und aufwändig ist. Aber für mich gab und gibt es nur diese Möglichkeit, meinen Hof zu führen.“
„Für mi is des immer no a Schmarrn mit dem Biozeigs, aber mi fragt ja keiner. Früher hätts des net braucht. Aber der Sepp is der Chef, i halt mi da raus.“
„Halt endlich deinen Mund Mutter, der Kommissar fragt mich und nicht dich. Du verstehst sowieso nichts davon, obwohl ich es dir schon so oft erklärt habe. Wann wurde die Kathi getötet?“
„Am Freitagnachmittag. Haben Sie Ihre Frau nicht vermisst?“
„Natürlich habe ich sie vermisst. Sie ging ab und zu mit einer Freundin weg, außer ihr hatte sie keine sozialen Kontakte. Die Kathi musste ab und zu raus, sich amüsieren, unter Leute gehen und etwas anderes sehen und hören, das habe ich immer verstanden und auch unterstützt. Sie hätte es gerne gehabt, wenn ich sie begleitet hätte, aber das war mir zu anstrengend, ich war einfach zu müde dazu. Ich gönnte ihr die Auszeit und vertraute ihr, oft war sie ja nicht weg. Und natürlich nur, wenn meine Mutter im Bett war, sonst hätte die wieder geschrien und gezetert. Ich habe gehofft, dass meine Frau sich irgendwann einlebt und mich versteht, dass ich einfach nicht anders kann. Am Sterbebett habe ich meinem Vater versprechen müssen, dass ich mich um den Hof und um die Mutter kümmere. So ein Bauernhof ist nicht leicht zu führen. Morgens früh raus, den ganzen Tag schuften – da ist man am Abend müde und will nur noch seine Ruhe. Wenn ich ehrlich bin, habe ich davor Angst gehabt, dass sie irgendwann wieder geht, denn ich konnte sie verstehen. Das war kein Leben für sie. Sie war sehr belesen, liebte klassische Musik und war früher als Kind mit ihren Eltern weit gereist. Sie kannte Länder, von denen ich noch nie gehört habe und hat mir stundenlang mit leuchtenden Augen davon erzählt. Ich habe längst begriffen, dass die Kathi für ein anderes Leben geboren war, nicht für das Leben auf einem Bauernhof. Aber ich wollte es nicht wahrhaben. Das Leben, das sie verdient hätte, konnte ich ihr nicht bieten. Immer nur die schwere Arbeit und kein Vergnügen, die Kathi war ja erst 30 Jahre alt und für dieses Leben viel zu gescheit und viel zu jung.“
„Zu jung? Des Flitscherl wollt ned arbeiten, war ein faules Weib. Mi hat doch früher auch keiner gfragt, ob i arbeiten will. Und als i den Vater gheiratet hab, war ich erst 21 Jahr alt.“
„Sie halten jetzt den Mund,“ schrie Hans die Alte an, dem nun endgültig der Kragen platzte. „Ihr Geschwätz ist ja unerträglich. Haben Sie denn überhaupt keinen Anstand oder einen Funken Verständnis für den Schmerz Ihres Sohnes? Er hat gerade erfahren, dass seine Frau ermordet wurde und sie reden nur dummes Zeug! Wenn Sie jetzt noch einen unqualifizierten Kommentar von sich geben, werde ich Sie auf der Stelle verhaften. Haben Sie mich verstanden?“
„Schon gut, ist ja schon gut, ich sag ja nichts mehr. Die Wahrheit will man nicht hören, das kenne ich schon von meinem Sohn. Aber wenn Sie wollen, bin ich halt ruhig.“
„Wir haben die Information, dass Sie Ihre Frau über eine Partnervermittlung kennengelernt haben?“
„Ja, ich weiß, wie das klingt und was man in Kastl für Blödsinn erzählt. Es ist nicht so, dass ich mir meine Frau aus dem Katalog rausgesucht hätte und sie dann sofort geheiratet und mit auf den Hof gebracht habe. Ich habe meine Frau geliebt, von ganzem Herzen – und meine Frau mich auch, da bin ich mir sicher. Niemals hätten wir geheiratet, wenn wir uns nicht lieben würden.“
„Wie lief das ab? Wie müssen wir uns das vorstellen? Wie sind Sie auf diese Partnervermittlung gekommen?“
„Bei einem Zusammentreffen des Bauernverbandes kam ich mit einigen Kollegen ins Gespräch. Wir haben uns darüber unterhalten, wie schwer es ist, als Bauer eine vernünftige Frau zu finden. Natürlich gibt es viele heiratswillige Frauen auf den Nachbarhöfen, aber auch wir wollen nicht irgendeine Frau, sondern eine fürs Herz und auch fürs Auge. Sie glauben ja nicht, welche Krautscheuchen rumlaufen, schrecklich!“ Bei dem Gedanken schüttelte es Sepp Zirbner und Leo musste aufgrund der Bezeichnung schmunzeln. „Einer der Kollegen,“ fuhr Zirbner fort, „hat mich dann zur Seite gezogen und mir von dieser Partneragentur in Waldkraiburg erzählt. Zuerst fand ich die Idee total verrückt und dachte ähnlich wie Sie und alle anderen. Die Vorstellung, dass man sich eine Frau quasi aus dem Katalog aussucht ist doch vollkommen irre. Aber die Idee keimte in mir und irgendwann war ich so weit, dass ich mir die Adresse der Agentur von dem Kollegen besorgt habe. Ich hab dort angerufen und wurde sofort freundlich eingeladen. Am nächsten Tag bin ich nach der Arbeit nach Waldkraiburg gefahren. Es war schon spät, aber die freundliche Frau hat mir versichert, dass sie extra für mich länger da bleibt. Vor der Agentur habe ich lange gezögert, habe all meinen Mut zusammengenommen und bin schließlich rein. Nach einem ausführlichen Gespräch bekam ich eine Mappe mit den hübschesten Frauen, die man sich vorstellen kann. Und alle würden liebend gerne einen deutschen Mann heiraten. Ich konnte mir das überhaupt nicht vorstellen. Jede einzelne dieser Schönheiten könnte ohne Probleme an jedem Finger zehn Männer haben. Aber die Angestellte hat mir versichert, dass das alles heiratswillige Frauen sind, die einen deutschen Mann suchen, da deutsche Männer in Russland einen sehr guten Ruf genießen. Sie gelten dort als ehrlich, liberal und fleißig – und als Garant für einen gesicherten Lebensstandard. Das klang für mich einleuchtend. Warum auch nicht?“ Sepp Zirbner machte eine kurze Pause und besah sich lächelnd seine Hände. „Ich habe mich sofort in das freundliche, hübsche Gesicht von Katharina verliebt. Nachdem ich sie gesehen habe, wurden die anderen für mich uninteressant, ich wollte nur die Katharina haben, sonst keine. Die Agentur hat dann alles in die Wege geleitet. Nach drei Wochen haben sie nochmal bei mir nachgefragt, ob ich immer noch an Katharina interessiert wäre. Und ob ich interessiert war. Ich habe Tag und Nacht nur noch an diese Frau gedacht. Katharina bekam zwischenzeitlich meine Unterlagen und war nach Aussage der Agentur-Mitarbeiterin zu einem Treffen und einem Kennenlernen bereit. Als die Mitarbeiterin der Agentur mir das mitteilte, war ich überglücklich. Ich konnte es kaum erwarten, bis ich sie endlich leibhaftig vor mir hatte und sie kennenlernen durfte. Nachdem alle Formalitäten erledigt waren und ich die Kosten für das Flugticket überwiesen hatte, konnte es endlich losgehen. Ich habe sie am Flughafen in München mit einem riesigen Blumenstrauß abgeholt. Ich weiß noch, dass ich nervös war wie ein Schulbub. Und dann stand sie vor mir und lächelte mich an. Sie war noch schöner als auf den Fotos. Für unser Treffen hat sie sogar einige Worte Deutsch gelernt, ich fand das richtig goldig. Wir mochten uns auf Anhieb und haben zwei Tage gemeinsam in München verbracht. Das war die schönste Zeit in meinem Leben.“
„Und der Karl und i haben die ganze Arbeit allein gmacht. Des erzählst ned, gell? Des is ned wichtig, dass dei alte Mutter zuhaus garbeitet hat, während sich der Herr Sohn mit dem Flitscherl in der Stadt vergnügt hat.“
Hans drohte ihr mit dem Finger und sie war sofort wieder ruhig.
„Wir haben dann einige Wochen fast täglich miteinander telefoniert. Anfangs nur holprig, aber Kathi hat fleißig Deutsch gelernt und so konnten wir uns immer mehr unterhalten. Dann konnte ich sie glücklicherweise dazu überreden, ihre Zelte in Russland abzubrechen und zu mir zu kommen. Als sie nach drei Monaten wieder in München gelandet ist, haben wir sofort geheiratet.“ Die warmen Worte des Witwers wurden durch seine Mutter abermals jäh unterbrochen.
„Sag den Polizisten, was das alles kost hat!“
„Das geht nur mich was an. Und wehe, du sprichst noch einmal über die Kosten. Ich bin alt genug und kann mit meinem Geld anfangen, was ich will. Und die Kathi war jeden Cent wert. Ich habe noch nie einen so lieben Menschen kennengelernt.“ Seine Mutter lachte laut los und schenkte sich ein weiteres Bier ein.
„Welchen Bezug hatte Ihre Frau zu Fasching?“
Die Großmutter holte wieder Luft und wollte erneut etwas sagen, aber Hans Hiebler zeigte ihr die Handschellen, woraufhin sie sofort verstummte.
„Ich weiß es nicht. Vermutlich keinen! Feiert man in Russland überhaupt Fasching? Ich weiß es nicht. Wir hatten so wenig Zeit miteinander, immer war die Arbeit auf dem Hof wichtiger. Für Karl und mich ist die Arbeit kaum zu bewältigen. Die Kathi hat uns zwar etwas entlastet, aber wir brauchen dringend männliche Unterstützung. Ich suche schon lange nach einer zusätzlichen Arbeitskraft, aber niemand möchte die schwere Arbeit machen. Fasching,“ wiederholte er und dachte nach. „Nein, mir fällt dazu nichts ein. Wie kommen Sie auf Fasching? Ist das wichtig?“ Sepp Zirbner sank in sich zusammen und war fix und fertig. Leo entschied, nicht weiter darauf einzugehen.
„Sie sprachen vorhin von einer Freundin Ihrer Frau. Kennen Sie sie?“
„Natürlich kenne ich sie, das ist die Milla, Name und Anschrift hängt dort an der Pinnwand. Sie war ein paar Mal hier, wobei sie sich regelmäßig mit meiner Mutter angelegt hat. Die Milla ist nicht auf den Mund gefallen und sagt, was sie denkt. Meine Mutter haben Sie ja kennengelernt.“
„Und Sie Karl? Wissen Sie etwas über die Kathi?“
Der 17-jährige Karl schüttelte heftig den Kopf. Er hatte bisher kein Wort gesagt, hörte aber interessiert zu.
„Ich hab doch gsagt, dass der Karl ned richtig ist im Kopf. Er versteht zwar a bisserl was, aber er spricht ned.“
„Wir müssen nach Ihrer aller Alibis fragen. Wo waren Sie am Freitagnachmittag zwischen 13.00 Uhr und 16.00 Uhr?“
„Ich war im Stall, eine der Kühe hat gekalbt und da gab es Komplikationen, der Karl war bei mir.“
„Zeugen?“
„Leider nein. Wir wollten den Tierarzt rufen, aber dann ist es doch ohne ihn gegangen.“
„Und Sie Frau Zirbner? Wo waren Sie in der fraglichen Zeit?“
„Wo soll i scho gwen sei? Hier natürlich! I bin immer hier, tagaus und tagein. Obwohl i meiner Lebtag immer garbeit hab, is mir auf die alten Tag keine Ruhe vergönnt. Die Russin hat sich immer einfach freignommen, da hat keiner was gsagt. Immer hab i ihre Arbeit übernehmen müssen. Na, i werd arbeiten müssen, bis i sterb.“
„Haben Sie ein Alibi? Hat Sie irgendjemand gesehen? Haben Sie telefoniert?“ Frau Zirbner schüttelte nur den Kopf.
„Kam es wirklich öfter vor, dass Ihre Frau einige Tage einfach nicht nach Hause gekommen ist? Ich finde das ungewöhnlich.“
„Sie sehen doch selbst, in welchem Umfeld meine Frau leben musste. Sie hat ab und zu eine Auszeit gebraucht, das kann ich verstehen. Wenn es später geworden ist, hat sie schon mal bei ihrer Freundin geschlafen, auch mal zwei Tage bei ihr verbracht. Ich habe ihr das gegönnt, warum auch nicht?“
„Auszeit, wenn i des scho hör! So ein Blödsinn! Was braucht denn die Russin a Auszeit! Des hats früher ned gebn. Mei Bua is einfach viel zu weich, des hat der von seinem Vater geerbt,“ rief Frau Zirbner, stand auf und holte sich den Schnaps und ein Glas aus der Küche.
„Ich verstehe. Deshalb haben Sie sich auch keine Sorgen gemacht, als sie nicht nach Hause kam. Dürfen wir uns bei Ihnen umsehen?“
„Natürlich,“ murmelte Sepp Zirbner und weinte nun, was die Alte mit einem Lachen kommentierte. Sie aß und trank seelenruhig weiter, sie schien sogar etwas erheitert wegen der neuen Lage auf dem Hof ohne die ungeliebte Schwiegertochter.
„Schaun‘s sich nur um, es is alles sauber. I putz jeden Tag und koch auch immer noch, und ich koch guat, hob i von meiner Mutter glernt. Den russischen Fraß von der Kathi konnt man nicht essen. Pfui Teifel!.“
„Ich halt dich nicht mehr aus! Manchmal könnt ich dich erschlagen!“, rief Sepp Zirbner. Aber seine Mutter blieb ganz gelassen, während er aufstand und aus dem Kühlschrank ein Schnapsglas holte. Er schenkte sich eine großzügige Menge ein und trank in einem Zug. Leo und Hans konnten ihn verstehen, Frau Zirbner war ein Typ Mensch, bei dem man schon mal ausrasten konnte.
Die Beamten sahen sich in dem angrenzenden Wohnzimmer um, das spärlich mit alten Möbeln eingerichtet war. Nur wenig deutete darauf hin, dass hier ein junges Paar wohnte. An den Wänden hingen Fotos von längst Verstorbenen und über der Couch hing ein Ölbild mit einem röhrenden Hirsch. Die schweren Gardinen, die nicht zusammenpassten, dunkelten den Raum ab und die vielen verschiedenen Kissen auf der Couch hatten diesen Knick in der Mitte, wie es Leos Großmutter auch immer machte. Er fühlte sich um Jahre zurückversetzt. Sie sahen in Schubläden und Schrankfächer. Sie fanden nichts. Keine Spur der jungen Frau, sondern nur von Sepp Zirbner und seiner Mutter. Eins war klar: Hier herrschte das Regime der Alten, die bestimmt nicht duldete, dass die russische Schwiegertochter sich hier breitmachte. Im Schlafzimmer des ersten Stockes sah man endlich, dass hier eine junge Frau wohnte, denn einige Sachen waren neu und modern. Im Kleiderschrank fanden sie Katharinas Garderobe; alles sehr hübsche und hochwertige Stücke, die sie den Etiketten nach zufolge aus Russland mitgebracht hatte. Das Badezimmer war uralt, aber auch hier konnte man in einer Ecke Spuren einer Frau finden. Make-up in allen Formen und Farben, Parfumflaschen hübsch aufgereiht, und zwischen all dem anderen Zeug hing ein moderner, gelber Bademantel. Auf der Waschmaschine stand ein Waschbeutel, der ganz bestimmt der alten Zirbnerin gehörte, denn die dort enthaltenen Utensilien waren einfach, billig und uralt. Im vergilbten Medizinschrank an der Wand fanden sie die üblichen Medikamente und Verbandsmaterial, das meiste davon längst abgelaufen. Keine Spur von Insulin, Betäubungsmitteln oder irgendetwas in der Art. Hans hatte zwei Türen weiter das Schlafzimmer der alten Frau Zirbner gefunden und sah Leo fragend an.
„Wenn wir nun schon mal hier sind…“
Sie durchsuchten das muffige, uralte und unpersönliche Schlafzimmer. Neben Fotoalben, Pässen von ihr und ihrem verstorbenen Mann, Glückwunschkarten aus vergangenen Tagen und einer Mappe Briefpapier fanden sie nichts Auffälliges. Keine Bücher, Briefe oder Notizen. Auf dem Kosmetiktisch, der nur als Ablage benutzt wurde, stand eine Handtasche. Ohne lange zu überlegen, griff Hans in die Tasche.
„Finger weg!“, rief Frau Zirbner, die in der Tür stand und vollkommen aufgebracht war. „Wagen Sie es nicht, in meinen Sachen zu wühlen, das ist privat!“ Sie riss Hans die Handtasche aus der Hand und verwies beide des Zimmers, schloss ihr Schlafzimmer demonstrativ ab und ging mit ihrer Handtasche wieder in die Wohnküche.
„Was kommt die auch gerade dann, wenn‘s interessant wird? - Was jetzt?“
„Keine Ahnung. Die Papierkörbe sind sauber. Auch in den Schubladen und Schränken keine persönlichen Notizen und keine Spur von irgendwelchen Medikamenten oder Medikamentenverpackungen, oder sonst irgendetwas Verdächtiges.“ Leo war enttäuscht. Er hatte sich mehr davon versprochen. Auch wenn die alte Zirbnerin echt ätzend ist – putzen kann sie, das muss man ihr lassen. „Wir sollten diesen Karl befragen. Vielleicht hat sie ihm etwas anvertraut.“
„Und wie willst du das anstellen? Du hast doch gehört, dass der nicht redet.“
„Das glaube ich ihm nicht. Er ist nicht so dumm, wie man uns weismachen will. Lenk du den Sepp Zirbner und vor allem diesen Drachen ab, vielleicht kann ich dann mit Karl in aller Ruhe sprechen.“ Leo war zuversichtlich, denn er war sich fast sicher, dass der junge Mann mehr verstand, als er vorgab. Vielleicht war er wirklich nicht der Hellste, aber Leo konnte beobachten, dass der Mann an den entscheidenden Stellen durchaus heftig reagierte – er verstand einiges.
Leo fand Karl zum Glück allein im Stall beim Füttern der Tiere, während Hans Onkel und Großmutter im Haus weiter befragte, was eine Tortur für ihn war, denn das lief ähnlich ab wie vorhin: Sepp Zirbner war verzweifelt und die Großmutter zeterte und hetzte, was immer wieder zu lautstarken Auseinandersetzungen zwischen den beiden führte. Dabei hielt Frau Zirbner ihre alte, verschlissene Handtasche demonstrativ auf ihrem Schoss fest und gab sie nicht mehr aus der Hand. Was hatte die Alte zu verbergen? Am liebsten würde Hans einen Blick hineinwerfen, aber dazu war er nicht befugt – schade!
Karl erschrak, als Leo in den Stall trat. Leo nickte ihm nur kurz zu und ohne ein Wort zu sagen, griff er zur Mistgabel und half wie selbstverständlich mit. Leo sah Karl die ganze Zeit nicht an. Die Arbeit war sehr schwer und Leo ließ sich die Anstrengung nicht anmerken, und bei jedem Handgriff wusste er, dass er spätestens morgen mit einem satten Muskelkater für seinen Übereifer büßen musste. Aber das war ihm jetzt egal, er musste Karls Vertrauen gewinnen. Nach etwa 20 Minuten waren sie mit der Arbeit fertig. Leo setzte sich auf einen Ballen Stroh und Karl setzte sich ihm gegenüber. Wortlos reichte ihm Karl eine Flasche Wasser und lächelte ihn sogar an; das Eis war geschmolzen.
„Prost Karl, ich bin der Leo. Eigentlich hätten wir uns nach der Arbeit ein Bier verdient.“
Karl nickte, ging zur Stalltür, spähte hinaus und schloss die Tür wieder. Dann ging er zu den aufgetürmten Strohballen und zog dahinter zwei Flaschen Bier hervor, die er mit den Zähnen gekonnt öffnete. Leo war baff, dieser Karl verstand wirklich jedes Wort.
„Du bist ein Engel, das ist genau das, was ich jetzt brauche.“ Wieder prosteten sie sich zu und nahmen beide einen kräftigen Schluck.
„Bist du traurig darüber, dass die Kathi tot ist?“
Karl nickte heftig, während er ständig auf den Boden blickte. Obwohl Karl seinen Blicken auswich, konnte er sehen, dass sich seine Augen mit Tränen füllten.
„Hat die Kathi jemals von jemandem gesprochen, der böse zu ihr war?“
Karl schüttelte den Kopf.
„Weißt du, was Kathi mit Fasching zu tun hatte?“
Karl zuckte mit den Schultern und sah immer noch auf den Boden.
„Ich gebe dir hier meine Karte. Wenn dir etwas einfällt, kannst du mich jederzeit anrufen. Ich bin mir sicher, dass du sprechen kannst. Aber wenn du nicht willst, ist das für mich in Ordnung. Du kannst mich auch jederzeit in meinem Büro in Mühldorf besuchen. Kennst du die Polizei in Mühldorf?“
Wieder nickte Karl, diesmal kaum merklich.
„Hast du Geld?“
Jetzt schüttelte er beinahe verschämt den Kopf. Leo war sauer. Bekam Karl keinen Lohn für seine Arbeit? Er nahm seinen Geldbeutel und drückte ihm einen 50 €-Schein in die Hand. Karl sah ihn jetzt verstört an und schüttelte den Kopf, er wollte das Geld nicht annehmen, er fühlte sich nicht wohl dabei.
„Das ist für ein Taxi nach Mühldorf, nur für den Fall, dass du mich besuchen kommst. Nimm das Geld und steck es weg, damit es deine Großmutter nicht findet.“
Leo zwinkerte ihm zu, trank sein Bier aus.
„Ich muss wieder gehen Karl. Danke für das Bier. Und es ist in Ordnung, wenn du weinen musst, auch ich weine, wenn ich traurig bin.“
Leo hatte die Stalltür noch nicht ganz geschlossen, als er hörte, wie Karl hemmungslos weinte.
Hans war sehr erleichtert, als Leo in die Küche kam, denn die Streitigkeiten zwischen Sohn und Mutter arteten langsam aus und waren unerträglich. Nach anfänglicher Zurückhaltung warf nun auch Sepp Zirbner mit allen möglichen Schimpfwörtern um sich, von denen selbst Hans als Einheimischer viele nicht kannte und viel zu anständig dafür war, sie in den Mund zu nehmen. Auch die Lautstärke zwischen den beiden stieg und stieg; schließlich schrien sich die beiden nur noch an. Hans stand abseits und wäre am liebsten gegangen, aber er musste hierbleiben, um sicherzugehen, dass sich Leo ungestört mit dem Jungen unterhalten konnte. Die beiden sahen dem Streit einige Minuten zu und konnten nicht fassen, wie Mutter und Sohn miteinander umgingen. Sie waren so sehr mit sich und ihrem Streit beschäftigt, dass sie alles um sich herum vergaßen. War der Umgang zwischen den beiden normal? Wie musste sich Katharina Zirbner dabei gefühlt haben? Und Karl? Wie ging es dem Jungen damit, der quasi damit aufgewachsen war? Sprach er deshalb kein einziges Wort? Das wäre zumindest eine Erklärung.
„Ruhe!“, musste Leo mehrmals brüllen, bis die Zirbners ihn überhaupt wahrnahmen. „Schämen Sie sich eigentlich nicht? Sie sind beide erwachsen und führen sich hier auf wie Verrückte! Jetzt beruhigen Sie sich gefälligst! Das ist ja nicht zum Aushalten!“ Beide waren endlich still. Leo starrte die beiden böse an und schüttelte den Kopf. „Na also, geht doch! Was bekommt Karl für seine Arbeit? Sie bezahlen ihn doch ordentlich?“
Statt einer Antwort stand Sepp Zirbner auf und deutete Leo an, ihm zu folgen. Die alte Zirbnerin merkte, dass ihr Sohn nicht vor ihr sprechen wollte, und wollte hinterher, aber Hans hielt sie zurück. Er hatte genug von dem ganzen Theater und um nichts in der Welt würde er die Alte an sich vorbei lassen. Er würde auch nicht davor zurückschrecken, sie mit Handschellen am Ofen zu fixieren. Offenbar spürte Frau Zirbner seine Entschlossenheit und setzte sich zähneknirschend, wobei sie vor sich hin schimpfte, diesmal aber in erträglicher Lautstärke; etwas anderes hätte Hans auch nicht ungestraft durchgehen lassen. Was trieb ihr Sohn hinter ihrem Rücken? Der Polizist sprach von einem Lohn, der Karl bezahlt werden soll! Bekam der blöde Karl für seine Arbeit tatsächlich Geld, von dem sie nichts wusste? Sie rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. Liebend gerne wäre sie aufgesprungen und ihrem Sohn und dem Langen hinterher, aber dieser parfümierte Schnösel stand direkt vor ihr und ließ sie nicht vorbei. Frau Zirbner war sauer. Sie hatte keine Wahl und musste hier verharren. Dann musste sie eben aus dem blöden Karl irgendwie herausbekommen, was da hinter ihrem Rücken mit dem Geld ablief!
Leo und Sepp Zirbner gingen in den ersten Stock ins Schlafzimmer. Im Schrank hinter den Pullovern seiner Frau zog er ein Sparbuch hervor.
„Karl bekommt von mir kein Geld, weil es ihm meine Mutter sowieso gleich wieder abnimmt. Anfangs habe ich natürlich ganz offiziell ein Gehalt bezahlt und es hat lange gedauert, bis ich dahinter gekommen bin, dass meine Mutter es sofort kassiert. Seitdem zahle ich jeden Monat einen Betrag auf ein Sparbuch ein, damit der Junge Geld hat, wenn er es braucht. Sie können das gerne überprüfen. Hier ist das Sparbuch.“
Leo schlug das Sparbuch auf und tatsächlich zahlte Sepp Zirbner jeden Monat 1.000 € auf das Sparbuch ein. Er pfiff durch die Zähne, als er die Gesamtsumme las.
„Bitte behalten Sie das mit dem Sparbuch für sich. Meine Mutter flippt aus, wenn sie davon erfährt. Der Karl weiß natürlich davon, das ist unser Geheimnis. Und wenn Sie das jetzt öffentlich machen, bekommen auch das Finanzamt und die Berufsgenossenschaft Wind davon - und dann geht der Ärger erst richtig los.“
„Von mir erfährt niemand was, das geht mich nichts an. Ich finde es anständig, dass Sie den Jungen bezahlen.“
„Natürlich, ich bin doch kein Unmensch. Der Karl ist fleißig und ordentlich, er jammert nie und ich kann immer auf ihn zählen. Und dafür hat er auch einen Lohn verdient.“
Endlich konnten die Beamten wieder von hier weg. So schnell wie möglich lenkte Hans den Wagen vom Hof. Ihr nächstes Ziel war die Freundin Ludmilla, die in Neuötting wohnte.
4.
„Diese Alte ist die Pest,“ schimpfte Hans auf dem Weg zu ihrem nächsten Ziel. „Was soll der Sohn machen? Wenn das mit dem Erbvertrag stimmt, muss er seine Mutter bis zu ihrem Tod im Haus behalten, versorgen und vor allem ertragen. Ich könnte das nicht, ich glaube, ich wäre längst ausgeflippt. Von morgens bis abends dieses Gezeter und Beschimpfungen. Dazu kommt noch, dass die Alte überall dafür sorgt, dass die eigene Familie im schlechten Licht steht, das ist doch der reinste Horror. Bevor ich so ein Leben führe, würde ich lieber auf den Hof und auf alles Geld der Welt verzichten, Pflichtbewusstsein hin oder her. Der reine Wahnsinn, wie ein Mensch allein einem das Leben so zur Hölle machen kann. Dabei ist der Hof nicht übel, sauber und ordentlich. Sepp Zirbner ist sehr fleißig und seine Einstellung der Hofführung ist sehr lobenswert. Klar ist das auf dem Hof sehr viel Arbeit, das kenne ich von meinen Eltern und von einigen Freunden, aber wenn man mit Freude an die Sache rangeht und das Umfeld stimmt, dann macht einem die Arbeit nicht ganz so viel aus. Außerdem stimmt auch das Einkommen, wenn man gewieft ist und gute Absatzkanäle hat. Und so, wie der Hof in Schuss ist, versteht der Zirbner was von seiner Arbeit. Ich muss den Hut vor ihm ziehen, denn diese Hofgröße bedeutete eine Riesenarbeit für so wenige Leute. Und jetzt fehlt durch den Tod der Frau eine Arbeitskraft. Trotz allem hat der Zirbner doch die Arschkarte Platin gezogen: Der Tod seiner Frau, die Verantwortung für Karl, die viele Arbeit und dann noch dieser Drachen von Mutter, die einem den ganzen Tag die Hölle heiß macht.“ Ihn schüttelte es bei dem Gedanken.
Auch Leo war geschockt von den Zuständen auf dem Zirbner-Hof und konnte für sich noch nicht einschätzen, wie er die einzelnen Familienmitglieder beurteilen sollte. Die alte Zirbnerin war eine Beißzange, das stand ohne Zweifel fest. Sepp Zirbner war von der Zeugin Schmied als gutmütig beschrieben worden, wozu auch das Verhältnis zu seinem Neffen Karl passen würde. Aber als er vorhin in die Wohnküche kam und mitbekam, wie derb Sepp Zirbner mit seiner Mutter umging und welches Gesicht er aufhatte, wurde das gutmütige Bild sehr angekratzt. Und Karl? Der bedauernswerte Junge hatte mit seinen 17 Jahren schon so viel Leid erlebt, was ihm sehr zu Herzen ging. Von der eigenen Mutter nicht nur verstoßen, sondern knapp davor, von ihr ins Heim gesteckt zu werden. Dann dieses unsägliche, lieblose Aufwachsen und Leben auf dem Hof, dazu die schwere Arbeit. Leo konnte verstehen, dass es dem Jungen die Sprache verschlagen hatte, obwohl er sich sicher war, dass er sprechen konnte. Er traute ihm die Tat am wenigsten zu, den anderen beiden schon.
„Träumst du? Ich habe gesagt, wir sind da.“
Sie standen vor einem hübschen Einfamilienhaus in Neuötting in der Trostberger Straße und klingelten. Auf dem Klingelschild stand Hauptmann/Petrovka. Eine junge, hübsche Frau öffnete.
„Sind Sie Ludmilla Petrovka?“
„Wer will das wissen?“
„Mein Name ist Leo Schwartz, Kriminalpolizei Mühldorf. Das ist mein Kollege Hiebler. Wir sind hier wegen einer Katharina Zirbner.“
„Ich bin Ludmilla Petrovka. Was ist mit Katharina? Ich habe schon versucht, sie zu erreichen, aber sie geht nicht an ihr Handy. Ist etwas passiert?“ Sie spürte sofort, dass etwas Schreckliches geschehen war, denn warum sonst sollte sich die Kriminalpolizei für Katharina interessieren? Und dazu noch die betroffenen Gesichter der beiden Männer! Ihr wurde übel.
„Milla, wer ist da?“, hörten sie eine männliche Stimme aus dem Haus.
„Die Polizei,“ rief sie zurück und bat die beiden mit einer Geste ins Haus. Sie gingen ins Wohnzimmer, in dem ein älterer Mann mit einer Decke über den Beinen im Ohrensessel saß und die beiden neugierig ansah.
„Das ist Konrad Hauptmann. Herr Schwartz und Herr Hiebler von der Kriminalpolizei, sie kommen wegen Katharina.“
„Setzen Sie sich bitte. Was ist mit dem Mädchen? Hat sie etwas angestellt?“
„Sie wurde gestern tot aufgefunden, sie wurde ermordet.“
Ludmilla war total geschockt, der alte Mann hielt ihre Hand.
„Entschuldigen Sie mich einen Moment,“ sagte Ludmilla bemüht gefasst und rannte nach draußen. Sie wollte allein sein und diese Nachricht verarbeiten. Es widersprach ihrer Erziehung, dass sie sich Fremden gegenüber gehen ließ und ihre Gefühle zeigte. Sie musste weinen und wollte allein sein. Diese schreckliche Nachricht musste sie begreifen und sacken lassen, dazu konnte sie keine Zuschauer gebrauchen. Katharina war tot! Hatte der große Polizist gesagt, sie wurde ermordet? Sie spritzte sich mehrmals kaltes Wasser ins Gesicht und legte Make-up auf. Sie brauchte noch einen Moment, bis sie wieder in der Lage war, zurückzugehen und mit den Polizisten zu sprechen. Sie musste unbedingt erfahren, was passiert war und wer ihrer Freundin das angetan hat.
Natürlich hatte der alte Mann die Blicke der beiden Beamten bemerkt, als Ludmilla vertraut neben ihm saß und er dann auch noch ihre Hand gehalten hatte. Er schmunzelte innerlich.
„Ich muss meine Ludmilla entschuldigen, sie kann mit Emotionen und Gefühlen vor anderen Menschen nicht umgehen und zieht sich lieber gerne für einen Moment zurück. Ich möchte inzwischen die Gelegenheit nutzen und die Situation hier gerne erklären, bevor Sie noch einen falschen Eindruck bekommen, der mir offen gestanden sehr schmeichelt. Ludmilla ist keineswegs meine Frau oder gar Geliebte. Ich habe sie ganz normal vor vier Jahren im Arbeitsamt kennengelernt, als ich auf der Suche nach einer Haushaltshilfe war. Wir saßen gemeinsam im Wartezimmer und kamen ins Gespräch. Sie hat erzählt, dass sie in Russland studiert hat und in ihrer Heimat keine Stelle als Lehrerin gefunden hat. Dann hörte sie vom goldenen Westen, nahm all ihren Mut zusammen und ging nach Deutschland. Während sie so offen und unbekümmert von sich erzählt hat, zog sie eine Brezel aus der Tasche und hat diese mit mir geteilt, einfach so, für sie war das selbstverständlich. Mich hat die Freundlichkeit, Offenheit und das warmherzige Wesen der Frau sofort beeindruckt. Was soll ich sagen? Ich habe diese hübsche, intelligente Frau sofort eingestellt. Und dieser Umstand ist für uns beide eine Bereicherung. Sie führt mir nicht nur den Haushalt, sondern leistet mir Gesellschaft und kümmert sich um mich, denn mein Gesundheitszustand wird immer schlechter – ich habe MS, also Multiple Sklerose. Ludmilla hilft mir wo sie nur kann. Sie beschwert sich nie und hat immer gute Laune. Sie sorgt dafür, dass ich rauskomme und am gesellschaftlichen Leben teilnehme. Seit einigen Monaten bin ich auf den Rollstuhl angewiesen, aber diese Tatsache wird von Ludmilla nicht bedauert, sondern sie macht einfach das Beste daraus und nimmt es hin. Sie hat mich sogar vor einem Jahr dazu überredet, ein behindertengerechtes Auto zu kaufen. Zuerst fand ich die Idee total verrückt, bis sie mir stolz ihren Führerschein präsentiert hat. Hat diese kleine Russin doch tatsächlich hinter meinem Rücken für mich den Führerschein gemacht! So etwas ist mir im ganzen Leben noch nicht passiert. Natürlich habe ich mich umgehend um das Fahrzeug gekümmert. Seitdem nimmt sie mich mit dem Rollstuhl überall mit, damit ich nicht depressiv werde und auf andere Gedanken komme. Wir sind längst über das Angestelltenverhältnis hinweg und inzwischen sind wir sehr gute Freunde. Meine undankbaren, raffgierigen Kinder, die sich seit dem Tod meiner Frau nur noch blicken lassen, wenn sie Geld brauchen, sind mir inzwischen fremd geworden. Und bevor Sie es von anderer Seite erfahren: ich habe Ludmilla als meine Erbin eingesetzt. Ich freue mich jetzt schon auf die dummen Gesichter meiner Kinder, wenn sie diese Nachricht von meinem Notar erfahren. Schade, dass ich das nicht miterleben kann. Ludmilla weiß nichts davon und darf es auch nicht erfahren, sie wäre nicht damit einverstanden. Für sie zählt die Familie sehr viel. Ein großer Teil ihres Einkommens geht regelmäßig an die Verwandtschaft nach Russland. Seitdem ich das weiß, mache ich Ludmilla ab und zu Geschenke, was mir sehr große Freude bereitet. Sie kann sich so sehr über Kleinigkeiten freuen, dass einem das Herz aufgeht. Mein Leben mit Ludmilla ist trotz meiner Krankheit so gut wie nie zuvor. Es tut mir in der Seele weh, dass sie unter dem Verlust ihrer Freundin zu leiden hat.“
Der Mann sprach ehrlich und offen. Trotz seines Schicksals hatte er ein sonniges Gemüt und einen Humor, den Leo sehr mochte. Endlich kam Ludmilla zurück. Sie hatte sich wieder beruhigt.
„Wer hat sie umgebracht?“, flüsterte sie.
„Das wissen wir noch nicht, deshalb sind wir hier.“
„Sie denken doch nicht, dass ich meine Freundin umgebracht habe? Sind Sie hier, weil Sie glauben, dass ich eine Mörderin bin?“ Ludmilla war entsetzt, aber Hauptmann beruhigte sie sofort.
„Die Polizisten wissen doch nicht, wer Katharina umgebracht hat. Und bis sie den Täter haben, ist jeder verdächtig, der mit ihr in Verbindung stand, so wie du und ich. Wir müssen mit der Polizei zusammenarbeiten, damit sie den Täter so schnell wie möglich festnehmen können.“
„Natürlich, du hast Recht. Entschuldigen Sie bitte. Stellen Sie Ihre Fragen.“
„Wann haben Sie Katharina Zirbner zum letzten Mal gesehen?“
„Das war vorletzte Woche. Wir waren gemeinsam im Kino und dann noch beim Essen. Danach haben wir noch eine Bar besucht, bis ich sie gegen 3.00 Uhr früh zuhause abgesetzt habe. Anfänglich hat sie sich fürchterlich über ihre Schwiegermutter aufgeregt, aber als sie sich ausgesprochen hatte, war sie gut gelaunt und wir hatten viel Spaß.“
„Hatte sie außer Ihnen andere Kontakte? Irgendwelche Freunde oder Landsleute.“
„Nein. Katharina war sehr schüchtern im Umgang mit Fremden. Vor allem mit dem bayrischen Dialekt hatte sie große Probleme und verstand anfangs kaum ein Wort. Sie hat sich Mühe gegeben, viel gelesen und gelernt. Sie hätte mehr Kontakt zu Einheimischen gebraucht, um das Gelernte auch anzuwenden. Aber durch die Arbeit auf dem Bauernhof war dazu nicht viel Zeit. Vor allem aber haben die Kastler sie abgelehnt, wollten nichts mit ihr zu tun haben. Sie hat mir erzählt, dass man über sie spricht und sich über sie und ihren Sepp lustig macht. Das ist so traurig und armselig. Katharina war ein sehr warmherziger, freundlicher und intelligenter Mensch. Wenn sie am Boden war und aufgeben wollte, hab ich sie immer wieder aufgebaut und dazu überredet, durchzuhalten und stark zu bleiben. Ich war mir sicher, dass sie es irgendwie schaffen würde, sich einzuleben und sich wohl und zuhause zu fühlen. Die alte Frau Zirbner lebt ja auch nicht ewig, das Problem erledigt sich irgendwann von selbst.“
„Entschuldigen Sie meine Ludmilla, aber sie sagt immer das, was sie denkt, und das hört sich manchmal nicht gerade freundlich und höflich an,“ hakte Konrad Hauptmann ein.
„War das unfreundlich? Entschuldigen Sie bitte. Ich wollte Katharina meinen Freunden vorstellen, damit sie sich schneller einlebt und nicht depressiv wird, aber sie hat abgelehnt, wollte lieber Zeit mit mir allein verbringen. Zu unseren russischen Landsleuten hatte sie keinen Kontakt, ich übrigens auch nicht. Ich weiß nicht, was das bringen soll. Nur weil man zufällig aus einem Land kommt, muss man sich nicht zwangsweise zusammenrotten; davon halte ich überhaupt nichts.“ Das war genau das, was Leo dachte. Hans und Leo waren entzückt von diesem Akzent, der in ihrem Deutsch mitklang.
„Wie war die Ehe der Zirbners?“
„Eigentlich ganz gut, obwohl ich die Art und Weise, wie die Ehe zustande kam, absolut ablehne. Ich halte nichts von diesen Partnervermittlungen, das käme für mich nie in Frage. Aber Katharina hat diesen Weg nun mal gewählt und ich musste das akzeptieren. Ab und zu konnte ich mir die eine oder andere Bemerkung darüber nicht verkneifen, das liegt an meinem großen Mundwerk. Jetzt tut mir das natürlich sehr leid – ich und meine große Klappe! Der Sepp ist ein netter Kerl, sie hätte es viel schlechter treffen können. Optisch passten die beiden nicht zusammen und auch sonst hatten sie nicht viel gemeinsam. Während Katharina sehr gerne in Konzerte und ins Kino ging, saß der Sepp lieber vor dem Fernseher oder hatte seine doofen Vereine. Aber jeder so, wie er will. Ich habe mich da rausgehalten. Heißt es nicht sogar, dass sich Gegensätze anziehen? Wie auch immer. Ich hatte jedenfalls den Eindruck, dass die beiden sich sehr liebten. Aber die Schwiegermutter ist ein Monster, sie hat Katharina das Leben zur Hölle gemacht. Bei jeder Gelegenheit hat sie ihr direkt ins Gesicht gesagt, dass sie sie nicht mag. Sie mag Ausländer an sich sowieso nicht, und Russen gleich gar nicht, und mit ihrer Meinung hielt sie nicht hinter den Berg. Es kam sogar ab und zu vor, dass die Alte die Katharina geschlagen hat! Können Sie sich das vorstellen? Wenn die Katharina zu langsam arbeitete, oder nicht ordentlich genug war, oder auch nur, wenn der Alten einfach danach war, hat sie ihr eine gescheuert oder mit irgendetwas nach ihr geworfen. Der Sepp stand ihr zwar immer bei, aber gegen seine zänkische, brutale Mutter kommt der nicht an. Die Alte hat auf dem Hof das Zepter in der Hand. Ich selbst hatte schon einige Male das Vergnügen mit Frau Zirbner. Sie hat mich beleidigt und das habe ich mir natürlich nicht gefallen lassen. Wir haben so lange gestritten, bis einer der Zirbners zwischen uns ging. Ich hätte es darauf ankommen lassen und hätte auch nicht davor zurückgeschreckt, der Alten eine zu knallen, aber die anderen wollten nicht, dass es so weit kommt. Warum nicht? Es hätte ihr nicht geschadet. Daran können Sie den Charakter der Eheleute Zirbner erkennen: Obwohl die alte Frau Zirbner so böse war, hatten sie trotzdem Respekt vor ihr! Nicht zu glauben! Katharina hat mich gebeten, nicht mehr auf dem Hof zu erscheinen, da die Alte ihre Wut immer an ihr rausgelassen hat. Was ist denn das für ein fürchterliches Leben? Konrad und ich haben Katharina zugeredet, von dort zu verschwinden und neu anzufangen. Natürlich hätten wir ihr geholfen. Aber sie war sehr konservativ erzogen worden und wollte noch warten, ob sich nicht doch noch das Leben auf dem Hof grundlegend ändert. Sie hat gesagt, sie liebt ihren Sepp und möchte bei ihm bleiben. Trotz allem.“
„Kennen Sie Karl Zirbner?“
„Natürlich kenne ich den armen Kerl, der in seinem jungen Leben schon sehr viel Mist erleben musste und der von der eigenen Großmutter ebenfalls drangsaliert wird. Aber er spricht nicht. Ich bin mir aber sicher, dass er die Katharina sehr gemocht hat, zumindest mochte Katharina den Karl sehr gerne. Nachdem mich Katharina gebeten hat, nicht mehr auf den Hof zu kommen, haben wir uns immer an der Kreuzung zum Pestfriedhof getroffen. Das war weit genug vom Zirbner-Hof entfernt. Seitdem habe ich den Karl nicht mehr gesehen und Katharina hat wenig über ihn gesprochen. Erlauben Sie, dass ich jetzt auch eine Frage stelle? Wie wurde die Kathi getötet? Wurde sie vergewaltigt?“
„Nein. Sie wurde betäubt und dann mit einer Überdosis Insulin getötet. Sie hatte nicht leiden müssen, bekam von ihrem Tod überhaupt nichts mit,“ sagte Hans entgegen seiner sonstigen Gewohnheiten. Diese Ludmilla war eine tolle Frau, so eine ehrliche, intelligente und hübsche Frau traf er nicht oft. Aber seine Lucrezia war ihm natürlich lieber.
„Insulin? Was erzählen Sie mir denn da. Was hatte Katharina mit Insulin zu tun?“ Sie musste abermals weinen, sprang auf und rannte wieder aus dem Zimmer.
„Sie müssen Milla entschuldigen, aber sie weint nie vor anderen, auch nicht vor mir. Sie hat so ihre kleine Macken und ich lasse sie so, wie sie ist, denn genau so möchte ich sie haben. Bis Ludmilla wieder hier ist, könnten Sie doch Ihre Fragen an mich stellen, sofern Sie welche haben.“
„Sie kannten Katharina?“
„Natürlich. Milla darf ihre Freunde jederzeit mitbringen. Je mehr los ist, desto besser. Ich freue mich über jede Abwechslung. Eine sehr hübsche und gut erzogene Frau. Ich habe leider nur wenig mit ihr gesprochen, sie war sehr schüchtern mir gegenüber. Auf diesem Bauernhof bin ich nie gewesen und kenne daher die Familie Zirbner nicht persönlich. Ich kenne sie nur aus den Erzählungen meiner Milla, die sich sehr über die alte Frau Zirbner geärgert hat. Sie kann sie sehr gut nachäffen und wir haben beide schon oft Tränen gelacht.“
Ludmilla kam zurück und setzte sich wieder zu Konrad Hauptmann.
„Wo waren Sie beide am letzten Freitag zwischen 13.00 Uhr und 16.00 Uhr?“
„Ich war mit Konrad beim Mittagessen. Danach hatte er einen Termin beim Physiotherapeuten. Die Adresse schreibe ich Ihnen gerne auf. Gegen 16.00 Uhr waren wir zuhause, haben zusammen Kaffee getrunken. Danach sind wir noch eine Runde um den Block. Es muss halb 6 gewesen sein, bis wir wieder zuhause waren.“
„Kann das irgendjemand bezeugen?“
Jetzt lachten beide. Das erste Mal, dass Ludmilla lachte.
„Die Frau Meister von gegenüber kann das sicher bezeugen. Die Frau mag mich nicht. Sie hält mich für eine Schlampe und erzählt das auch in der ganzen Nachbarschaft, die zum Glück nicht nur aus dummen Menschen besteht. Mit den meisten komme ich nämlich sehr gut aus. Frau Meister beobachtet jeden unserer Schritte. Sie steht immer mit dem Fernglas am Fenster und glaubt, dass wir sie nicht sehen. Am Freitag hat sie uns bestimmt auch beobachtet, wie an jedem anderen Tag auch,“ sagte Ludmilla.
„Meine Milla ist ein richtiges Miststück. Sie ärgert Frau Meister, wo sie nur kann. Sie läuft vor dem Haus besonders aufreizend und gibt mir ab und zu ein Küsschen, was ich mir natürlich gerne gefallen lasse. Sie zieht ihren Rock immer etwas höher und bückt sich übertrieben langsam, wogegen ich natürlich auch nichts habe. Sie reizt die gute Frau bis aufs Blut. Sie müssen wissen, dass sich Frau Meister nach dem Tod meiner Frau sehr um mich bemüht hat, was mir sehr unangenehm war, denn Frau Meister war mir noch nie sympathisch gewesen. Sie brachte mir Essen, kleine Aufmerksamkeiten und hat mich fast täglich zu irgendetwas eingeladen. Ständig stand Frau Meister vor meiner Tür oder lief mir irgendwo auch immer über den Weg. Das war sehr lästig. Eines Tages kam sie mit mehreren Reisekatalogen an und hat mich tatsächlich gefragt, ob ich sie auf eine Kreuzfahrt begleiten möchte, was ich natürlich sofort abgelehnt habe. Die spinnt doch völlig. Warum sollte ich mit einer Nachbarin in Urlaub fahren? Nachdem Ludmilla hier zuerst täglich gearbeitet und dann kurz darauf eingezogen ist, sind diese Aufmerksamkeiten natürlich ausgeblieben. Sie können sich vorstellen, dass ich darüber nicht unglücklich bin. Aber seitdem beobachtet Frau Meister uns auf Schritt und Tritt und wir ärgern die Gute, wo wir nur können. Es ist zwar menschlich nicht fair, aber es macht richtig Spaß.“ Konrad Hauptmann lachte wie ein kleiner Junge und man konnte sehen, wie gut ihm die Gesellschaft der jungen Frau tat. Ludmilla gab Hans einen Zettel mit der Adresse des Physiotherapeuten.
„Dann war es das fürs erste. Vielen Dank für Ihre Unterstützung und die offenen Worte.“
Schon beim Verlassen des Hauses sahen sie Frau Meister am Fenster mit einem Fernglas. Sie spähte zwischen den Gardinen auf das Hauptmann-Haus.
„Hat der Frau noch niemand gesagt, dass man sie sehr gut sehen kann? Die blamiert sich ja bis auf die Knochen.“ Leo war erschrocken über die Dreistigkeit der Nachbarin.
„Wenn du ihr das mitteilen willst, mach das. Ich für meinen Teil sage ihr kein Wort, soll sie sich doch blamieren. Was sieht sie auch den ganzen Tag aus dem Fenster und beobachtet ihre Nachbarn,“ sagte Hans trocken, der neugierige Menschen nicht leiden konnte.
Sie klingelten bei Frau Meister, denn wenn sie nun schon mal hier vor Ort waren, konnten sie sich das Alibi auch gleich bestätigen lassen. Wer weiß, vielleicht hatte die Frau etwas beobachtet, das für die Polizei wichtig war? Es dauerte nur wenige Sekunden, bis ihnen geöffnet wurde. Vor ihnen stand eine biedere Frau Mitte 60, die früher bestimmt auch keine Schönheit gewesen war.
„Mein Name ist Leo Schwartz, Kriminalpolizei Mühldorf, das ist mein Kollege Hiebler. Dürfen wir reinkommen?“
„Du großer Gott,“ flüsterte sie erschrocken, „Kriminalpolizei? Natürlich, bitte kommen Sie herein.“
Sie führte die beiden in das düstere Wohnzimmer, das über und über mit Kissen und vor allem mit Puppen und Teddybären jeder Größe und Form vollgestopft war. Hans setzte sich auf die Couch und quetschte sich zwischen die vielen Dekorationsstücke. Leo zog es vor, lieber zu stehen.
„Wir kommen eben von Ihrem Nachbarn Herrn Hauptmann.“
„Ach ja? Wissen sie, ich kümmere mich nicht um meine Nachbarn. Es ist lange her, dass ich mit Konrad gesprochen habe, seit er seine junge Freundin hat. Geht es ihm gut? Hat seine Russin etwas verbrochen? Mir war ja sofort klar, dass das mit den beiden nicht lange gut gehen kann und dass sie diesen Mann irgendwann ausnimmt wie eine Weihnachtsgans; man kennt das ja aus dem Fernsehen. Nun sagen Sie schon, geht es Konrad gut? Nehmen Sie die Russin gleich mit?“
„Aber nein Frau Meister, Frau Petrovka hat nichts angestellt und Herrn Hauptmann geht es sehr, sehr gut. Wir brauchen nur eine Bestätigung von Ihnen, wo Ihre Nachbarn letzten Freitagnachmittag zwischen 13.00 Uhr und 16.00 Uhr waren.“
Frau Meister strahlte Leo an, stand auf und holte ein Notizbuch vom Fenster, das neben dem Fernglas lag.
„Da haben Sie aber Glück, dass ich ein sehr gewissenhafter Mensch bin und mir alles aufschreibe, was bei Konrad los ist. Lassen Sie mich sehen,“ blätterte sie in ihrem Notizbuch. „Am Freitag sind die beiden gegen Mittag weg. Seit einigen Monaten ist Konrad nicht mehr so gut auf den Beinen, was mit Sicherheit auch an der Pflege der Russin liegt. Können Sie sich vorstellen, dass die Russin ihn jetzt mit dem Rollstuhl im Auto chauffiert? Sie müssten überprüfen, ob sie hier in Deutschland überhaupt einen gültigen Führerschein hat. Ich denke nicht. Wir müssen verhindern, dass Konrad verletzt wird, wenn er sich vollkommen ahnungslos zu ihr in den Wagen setzt. Er ist ihr ja völlig ausgeliefert! Ach der Konrad ist so ein netter Mensch, aber wie alle Männer lässt er sich viel zu sehr beeinflussen. Ich kann mir schon vorstellen, wie die Russin den armen Mann so bequatscht, dass er ihr aus der Hand frisst. Naja, mich geht das ja alles nichts an. Hier habe ich es ja! Die beiden sind um 12.00 Uhr weggefahren und kamen kurz vor 16.00 Uhr wieder zurück. Dann sind sie um 16.45 Uhr wieder weg, diesmal allerdings zu Fuß. Diese Russin hatte trotz des kalten Wetters wieder einen sehr kurzen Rock an. Sie hat Konrad mehrfach geküsst und ihm recht schön getan. Und natürlich fällt Konrad auf ihre Masche herein, er ist ja auch nur ein Mann.“
„Donnerwetter, so detailliert sind Ihre Aufzeichnungen?“
„Na hören Sie mal, das muss ich doch! Die Russin ist nicht astrein, das war mir von Anfang an klar. Deshalb mache ich mir um Konrad große Sorgen. Schließlich ist bei dem Mann was zu holen. Ich wusste, dass die Polizei irgendwann vor meiner Tür steht und genaue Angaben braucht. Und jetzt ist es soweit, die ganze Sache kommt endlich in Schwung.“ Frau Meister strahlte übers ganze Gesicht.
„Dann bedanken wir uns bei Ihnen vorerst, Sie haben uns sehr geholfen. Wenn Sie nichts dagegen haben, kommen wir gerne wieder auf Sie zurück, wenn wir Informationen über Ihre Nachbarn brauchen. So, wie ich das sehe, haben Sie Herrn Hauptmann und Ludmilla Petrovka Tag und Nacht unter Beobachtung.“
Wieder strahlte Frau Meister Leo an.
„Ich bin immer gerne behilflich. Natürlich werde ich meine Beobachtungen weiter fortführen, wer weiß, was noch alles passiert.“ Die Frau hatte nicht verstanden, dass Leo das ironisch meinte. Hans holte Luft und wollte noch etwas sagen, aber Leo hielt ihn zurück.
„Ich hätte diese Frau gerne zusammengefaltet,“ sagte Hans, als sie zu ihrem Wagen gingen. „Das geht doch nicht, dass man so über die Nachbarn und speziell über Ludmilla spricht. Und warum schreibt sie auf, was im Hause Hauptmann passiert? Die ist doch nicht ganz dicht.“
„Jetzt reg du dich nicht auch noch auf, es reicht, dass ich mich über Zwetkow geärgert habe. Frau Meister ist nun mal so und du wirst sie in ihrem Alter auch nicht mehr ändern. Sie fühlt sich von Hauptmann gedemütigt und abgewiesen. Und dann setzt er ihr auch noch eine junge, hübsche Frau vor die Nase. Wie würdest du dich an ihrer Stelle fühlen?“
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