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Hartmut Blum / Reinhard Wolters

Alte Geschichte studieren

3., überarbeitete und erweiterte Auflage

UVK Verlag · München

Dr. Hartmut Blum ist Akademischer Oberrat am Seminar für Alte Geschichte der Universität Tübingen.

Prof. Dr. Reinhard Wolters ist Vorstand des Instituts für Numismatik und Geldgeschichte der Universität Wien.

Einbandmotiv: Schulszene auf einem Grabstein des 2./3. Jahrhunderts nach Christus, der in Neumagen gefunden wurde und sich heute im Rheinischen Landesmuseum in Trier berfindet. © Rheinisches Landesmuseum Trier

3., überarbeitete und erweiterte Auflage 2021

2., überarbeitete Auflage 2011

1. Auflage 2006

© UVK Verlag 2021

– ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetztes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de

Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart

utb-Nr. 2747

ISBN 978-3-8252-5281-6 (Print)

ISBN 978-3-8463-5281-6 (ePub)

Inhalt

  Vorwort

 1 Alte Geschichte in Vergangenheit und Gegenwart1.1 Was ist ,Geschichte‘?1.1.1 Begriffsbestimmung1.1.2 Periodisierungen1.2 Der Gegenstand des Fachs ,Alte Geschichte‘1.2.1 Zeit1.2.2 Raum1.3 Der ,Sinn‘ der Alten Geschichte1.3.1 Alte Geschichte als Teil der Geschichte1.3.2 Zunahme der Quellen1.3.3 Beantwortung neuer Fragestellungen1.3.4 Die Antike als das ,nächste Fremde‘1.3.5 Relative Einfachheit und Abgeschlossenheit1.3.6 Methodische Dichte1.3.7 Tendenz zur Universalgeschichte1.3.8 Ästhetischer Reiz1.4 Die Geschichte des Fachs1.4.1 Zwischen Philologie und Universalgeschichte1.4.2 Forschungsfelder1.4.3 Die Alte Geschichte in der Gegenwart

 2 Die Quellen der Alten Geschichte und ihre Hilfs- und Nachbardisziplinen2.1 Einleitung: Quellen und Quellengattungen2.1.1 Quellen und Sekundärliteratur2.1.2 Tradition und Überreste2.1.3 Schriftquellen und Geschichte2.1.4 Quellengattungen und Hilfswissenschaften2.2 Literarische Quellen – die Philologien2.2.1 Die Handschriftenüberlieferung2.2.2 Die wissenschaftliche Textkritik2.2.3 Die kritische Edition2.2.4 Literaturgattungen und Topik2.2.5 Die antike Geschichtsschreibung2.2.6 Formen der Geschichtsschreibung und Quellenkritik2.2.7 Quellenkritik und ‚Quellenforschung‘2.2.8 Die antike Biographie2.2.9 Andere Literaturgattungen: Fachschriften, Dichtung, Reden und Briefe2.2.10 Einzelstelle und gesamtes Werk2.3 Inschriften – die Epigraphik2.3.1 Gegenstand und Geschichte2.3.2 Die Geburtsstunde der großen Inschriftencorpora2.3.3 Die wichtigsten Inschriftenpublikationen heute2.3.4 Die Arbeit der Epigraphiker2.3.5 Aufnahme und Dokumentation2.3.6 Lesung und Textherstellung2.3.7 Diakritische Zeichen2.3.8 Datierungsmöglichkeiten2.3.9 Inschriftengattungen und Aussagemöglichkeiten2.3.10 Die Bedeutung von Neufunden2.4 Die Papyrologie2.4.1 Der Gegenstand des Faches2.4.2 Regionale und soziale Verbreitung2.4.3 Zeitrahmen und Repräsentativität2.4.4 Gliederung des Materials2.4.5 Aufgaben der Papyrologie2.4.6 Aufbewahrung und ,Archive‘2.4.7 Editionen und Zitierweise2.5 Münzen – die Numismatik2.5.1 Der Gegenstand der Numismatik2.5.2 Eigenschaften der Münzen2.5.3 Münzgeschichte2.5.4 Forschungsgebiete2.5.5 Bereitstellung des Materials: Zitierwerke2.6 Materielle Überreste – die Archäologie2.6.1 Archäologie als Grabungswissenschaft2.6.2 Archäologie als Bildwissenschaft2.6.3 New Archaelogy und Experimentelle Archäologie2.6.4 Archäologie und Alte Geschichte

 3 Arbeitstechniken und Darstellungsformen3.1 Einleitung: die historische Untersuchung3.1.1 Wie es eigentlich gewesen3.1.2 Fakten und (Be)deutung3.1.3 Material und Interpretation3.1.4 Die Zeitgebundenheit von Fragestellungen3.1.5 Interpretation und Wissenschaftlichkeit3.1.6 Die wissenschaftliche Methode3.2 Quellenrecherche3.2.1 Digitale Quellenrecherche3.2.2 Handbücher und Quellensammlungen3.2.3 Spezialliteratur und Lexikonartikel3.2.4 Vom Quellenbeleg zur Quelle: die Abkürzungen3.2.5 Das Auffinden von Quellenpublikationen3.3 Literaturrecherche3.3.1 Unterschiedliche Literatur …3.3.2 … und unterschiedliche Recherche3.3.3 Unsystematisches Bibliographieren: das ‚Schneeballsystem‘3.3.4 Systematisches Bibliographieren3.3.5 Digitale Literatursuche3.3.6 Rezensionen und Recherche3.4 Die Materialbewältigung3.4.1 Quellenbearbeitung3.4.2 Literaturbearbeitung3.5 Darstellungsformen3.5.1 Der mündliche Vortrag: das Referat3.5.2 Protokolle und Rezensionen3.5.3 Die schriftliche Darstellung: die wissenschaftliche Arbeit3.5.4 Bibliographische Angaben und ZitierweisenLiteratur

 4 Spezielle Zugangsweisen4.1 Die Chronologie4.1.1 Jahreszählungen4.1.2 Der Kalender4.1.3 Synchronismen und Symbole, Rundzahlen und Berechnungsformen4.1.4 Naturwissenschaftliche Methoden4.2 Die Historische Geographie4.2.1 Geographie und Historische Geographie4.2.2 Die Geographie in der Antike4.2.3 Arbeitsweise der Historischen Geographie4.3 Die Prosopographie4.3.1 Die prosopographische Arbeitsweise4.3.2 Geschichte der Prosopographie4.3.3 Prosopographische Werke4.3.4 Grenzen und Chancen der Prosopographie4.4 Die Historische Anthropologie4.4.1 Anthropologie vs. Strukturgeschichte4.4.2 Anthropologie vs. Geschichte4.4.3 Ausblick

 5 Studium und Beruf5.1 Das Studium5.1.1 Sprachliche Voraussetzungen5.1.2 Fächerkombinationen5.1.3 Struktur des Studiums und Veranstaltungsformen5.1.4 Der Stundenplan5.1.5 Das Selbststudium5.1.6 Bibliotheken und ihre Benutzung5.1.7 Prüfungen5.2 Berufsperspektiven5.2.1 Die Wissenschaft5.2.2 Das Lehramt5.2.3 Andere Berufsfelder5.2.4 Das Praktikum

  Literaturverzeichnis a) Gesamtdarstellungen b) Griechische Geschichte c) Römische Geschichte: Republik und Kaiserzeit d) Geschichte der Spätantike e) Geschichte des Alten Orients und der Rand- und Nachbarkulturen der Antiken Welt a) Allgemein b) Wirtschaft c) Gesellschaft d) Geschlechtergeschichte a) Allgemein b) Griechenland c) Rom a) Allgemein b) Griechische Religion c) Römische Religion d) Kirchengeschichte a) Philosophie b) Naturwissenschaft c) Technik a) Nachschlagewerke b) Atlanten c) Fachzeitschriften

  Glossar

  Literaturnachweise 1. Alte Geschichte in Vergangenheit und Gegenwart 2. Die Quellen der Alten Geschichte und ihre Hilfs- und Nachbardisziplinen 3. Arbeitstechniken und Darstellungsformen

  Personenregister

  Geographisches und ethnisches Register

  Sachregister

  Bildnachweis

Vorwort

Die vorliegende Einführung in das Fach Alte Geschichte ist erstmals 2006 erschienen und 2011 leicht überarbeitet neu aufgelegt worden.

Nach beinahe einem Jahrzehnt ist eine grundlegende Neubearbeitung erforderlich geworden, die ein kompaktes und gestrafftes Format erhalten hat.

Wir danken dem UVK Verlag und unserer Lektorin Uta C. Preimesser für diese Möglichkeit und hoffen, erneut ein hilfreiches Werkzeug zur Unterstützung des Studienalltags vorgelegt zu haben.

Tübingen und Wien, im Frühjahr 2021 Hartmut Blum

Reinhard Wolters

1 Alte Geschichte in Vergangenheit und Gegenwart

Überblick

Eine Wissenschaft definiert sich gemeinhin über ihren Gegenstand, über die spezifischen Fragestellungen und über ihre Methoden. Thema dieses Kapitels ist die Alte Geschichte als Wissenschaft. Als Erstes gilt es also zu fragen, mit welchem Gegenstand sich die Alte Geschichte beschäftigt. Doch macht allein schon der Versuch einer Umschreibung ihres Zuständigkeitsbereichs in Zeit und Raum schnell deutlich, dass eine derartige Umgrenzung weder eindeutig vorgenommen werden kann, noch das Ergebnis von allen geteilt würde: Der Gegenstand der Alten Geschichte ist selbst ein Produkt historischer Entwicklungen, und er wird auch in Zukunft Wandlungen unterworfen sein. Warum ist das so? AristotelesAristoteles sagt hierzu: Wer eine Sache verstehen will, muss ihren Anfang kennen. Was für viele der Ausgangspunkt für eine Beschäftigung mit der antiken Geschichte und Kultur ist, soll hier einleitend auf das Fach selbst angewandt werden: Ein selbstvergewissernder Rückblick auf die Anfänge des Fachs und seine Geschichte. Auch die Frage, warum man sich überhaupt mit der Alten Geschichte beschäftigen sollte, wurde im Laufe der Jahrhunderte unterschiedlich beantwortet.

1.1 Was ist ,Geschichte‘?
1.1.1 Begriffsbestimmung

In einem fachbezogenen Sinne kann der Begriff ,Geschichte‘ im Deutschen zum Ersten die Gesamtheit des vergangenen Geschehens, zum Zweiten die Darstellung des Geschehenen, drittens aber die wissenschaftliche Beschäftigung mit dieser Vergangenheit bezeichnen. Das vergangene Geschehen ist allumfassend, unumkehrbar und stets zunehmend: Was kurz Gegenwart ist, zählt schon im nächsten Moment zur Vergangenheit. Angesichts der schier überwältigenden Menge von globalen, regionalen, lokalen und individuellen Ereignissen im selben Moment, von Sprache und Handlungen, Bildern und Gedanken, kann sich die Darstellung des Vergangenen zwangsläufig immer nur auf einen sehr kleinen Ausschnitt beschränken. Die Auswahl wird so zum unterscheidenden Kriterium von der ersten zur zweiten Bedeutungsebene. Abhängig ist diese Auswahl vom Erkenntnisinteresse des sich der Geschichte zuwendenden Forschenden, doch ebenso von den Quellen, die als Informationsträger über diese Vergangenheit zur Verfügung stehen. Das Unterscheidungsmerkmal zwischen der zweiten und der dritten Bedeutungsebene ist schließlich die METHODEMethode. Es ist vor allem dies, was ein Studium des Fachs Geschichte an der Universität vermitteln soll: die überprüfbare, festgelegten Regeln und Standards folgende kritische Herangehensweise zur Wiedergewinnung bestimmter Aspekte des vergangenen Geschehens (Was dieses für eine historische Untersuchung bedeutet, wird eingehender in → Kap.3.1 entwickelt).

In Abgrenzung zur Naturgeschichte konzentriert sich das Fach Geschichte auf all das, was sich auf den Menschen bezieht. Die Entwicklung des Weltalls oder der Erdformationen, Veränderungen des Klimas oder die Evolution von Pflanzen- und Tierwelt sind nicht ihr Thema. Wenn solche Umwelt- oder Klimaentwicklungen aber den Menschen betreffen, von ihm verursacht wurden oder reflektiert werden, so sind sie selbstverständlich Bestandteil des Fachs Geschichte.

1.1.2 Periodisierungen

Die Alte Geschichte ist innerhalb des Fachs Geschichte ein Teilbereich, der sich mit einer definierten Epoche beschäftigt. Deren Abgrenzung innerhalb eines Kontinuums von Ereignissen ist ebenfalls ein Teil des historischen Geschehens. Sie lässt sich bis Francesco PetrarcaPetrarca, Francesco (1304–1374) zurückverfolgen und hat ihre Grundlagen in der RENAISSANCERenaissance und ihrer nordeuropäischen Variante, dem HUMANISMUSHumanismus. Damals kam bei den europäischen Gelehrten eine intensive Zuwendung zur Antike auf, die man als dem eigenen Lebensgefühl und der eigenen Gegenwart sehr nahe empfand. Zwischen dem Ende der Antike und eigener Gegenwart schien hingegen eine sehr fremde Zeit zu stehen, für die man bald die Bezeichnung media aetas oder medium aevium (= MittelalterMittelalter) nutzte. Die damit vorgenommene PeriodisierungPeriodisierung half, ein ,düsteres‘ Mittelalter aus dem Geschehensablauf zu isolieren. Spätestens im 17.Jahrhundert hatte sich die Differenzierung von Altertum – Mittelalter – NeuzeitNeuzeit gefestigt.

Abb. 1

Periodenschema der Alten Geschichte

Obwohl es sich also letztlich um eine Idee, nicht um eine Tatsache handelt, hat sich diese Dreiteilung bis heute durchgesetzt. An den meisten Universitäten liegt sie den Studienplänen zugrunde. Innerhalb des Schemas entwickelten sich Binnendifferenzierungen wie Früh-, Hoch- und Spätmittelalter; die ‚NeuzeitNeuzeit‘ wurde mit fortlaufenden Unterteilungen in eine Frühe Neuzeit, in Neuere und Neueste Geschichte bzw. Zeitgeschichte ausdifferenziert und fortgeschrieben. In der Alten Geschichte sind die grundlegenden Unterteilungen die ‚Griechische‘, die ‚Hellenistische‘ und die ‚Römische Periode‘. Aus der Kunstgeschichte entlehnt sind für die Griechische Geschichte die weitere Unterteilung in eine ARCHAISCHE und eine KLASSISCHE Zeit. Die Binnenperiodisierung der Römischen Geschichte orientiert sich hingegen am Verfassungswandel und unterscheidet die Jahrhunderte der ‚Römischen Republik‘ von der ‚Kaiserzeit‘. Mit dem Begriff ‚SpätantikeSpätantike‘ wird dann die Zeit ab dem Ende des 3. Jahrhunderts noch einmal separat angesprochen. Die Epocheneinteilung hilft bei der gegenseitigen Verständigung und zieht sich als Orientierungsrahmen durch die gesamte Fachliteratur.

Außerhalb des Dreierschemas, als noch vor der Antike liegender Teil jener auf den Menschen Bezug nehmenden Geschichte, steht die PrähistoriePrähistorie: Da die Wiederentdeckung der Geschichte des Altertums vor allem durch das Medium der klassischen Texte erfolgte, wurde die Zeit ohne eigene schriftliche Überlieferung konsequent zur ‚Vorgeschichte‘ (→ Kap. 2.1.3).

Die Einteilung der Epochen legitimiert sich durch politisch-kulturelle Gemeinsamkeiten in ihnen, sie ist aber auch von den jeweils zur Verfügung stehenden Quellengruppen und den je spezifischen Voraussetzungen und Methoden zu ihrer Auswertung bestimmt. Nur exemplarisch sei auf sprachliche Voraussetzungen, die unterschiedliche Beschaffenheit und Relevanz der materiellen Quellen oder auf kultur- und zeitgebundene Bildtraditionen verwiesen. Die Ausbildung von Spezialisten für die Erforschung der Alten, Mittelalterlichen und Neueren Geschichte ist grundlegend akzeptiert und in gewissem Rahmen von der Sache geboten. Die Kehrseite einer solchen Konzentration auf einen bestimmten Zeitabschnitt ist allerdings, dass epochenübergreifende Kontinuitäten weniger leicht in den Blick fallen. Gleiches gilt im Hinblick auf die bevorzugte Beschäftigung mit der Geschichte eines bestimmten Raumes, etwa des OKZIDENTS oder des ORIENTS, bzw. eines hauptsächlichen Studiums der Geschichte der alten oder der neuen Welt: Gegen alle arbeitsökonomisch sinnvollen Differenzierungen ist jeder aufgefordert, seinen Themenkreis immer wieder in die übergreifenden Zusammenhänge zurückzuführen und ihn inhaltlich und methodisch als Teil der einen Geschichte zu bewahren.

1.2 Der Gegenstand des Fachs ,Alte Geschichte‘

Gegenstand des Fachs Alte Geschichte, wie es an Universitäten des deutschen Sprachraums in der Regel vermittelt wird, ist die griechisch-römische Zivilisation der Mittelmeerwelt. Erscheint der Inhalt des Fachs somit zeitlich und räumlich klar umrissen, so treten bei einer Betrachtung der Ränder Kontinuitäten und Verbindungslinien hervor: Sie verdeutlichen abermals, dass die Abgrenzung einer Alten Geschichte ein Akt der Konvention ist, der sich wissenschaftsgeschichtlich begründet und heutzutage vorrangig pragmatischen Gesichtspunkten folgt.

1.2.1 ZeitZeit

Die zeitlichen Grenzen werden einerseits gezogen mit dem Beginn der ‚historischen ZeitZeit‘, also dem Einsetzen schriftlicher Quellen, andererseits durch den Übergang zum MittelalterMittelalter. Nach der Adaption des phönikischen Alphabets durch die Griechen im 8.Jahrhundert v. Chr. verbreitete sich die griechische Schrift äußerst schnell. Es war dies die Phase eines allgemeinen Erwachens, mit denen die auf das Ende der Bronzezeit folgenden DUNKLEN JAHRHUNDERTE von ca. 1200–800v. Chr. ihr Ende fanden: Im östlichen Mittelmeerraum entstanden an verschiedenen Orten wieder größere Siedlungen, und es entwickelten sich übergeordnete politische Organisationsformen. Architektur und Kunst, DichtungDichtung und Philosophie oder bald auch die Geschichtsschreibung veränderten Umwelt, Gesellschaft und Lebensweise. Eine besondere Wirksamkeit entfalteten die Innovationen nicht zuletzt dadurch, dass sie im Zuge der Großen Griechischen KolonisationKolonisation auch in den westlichen Mittelmeerraum und bis ins Schwarzmeergebiet verbreitet wurden.

Info: Probleme der PeriodisierungPeriodisierung

Die Beschränkung auf die griechisch-römische Kultur hat wichtige Konsequenzen, sie klammert nämlich die altorientalische und auch die altägyptische Geschichte (ab etwa 3000 v. Chr.) aus. Früher hielt man dies für sachlich gerechtfertigt, da man zwischen der orientalischen Welt und der Wiege abendländischer Kultur fundamentale Unterschiede zu erkennen glaubte. Doch diese für sicher gehaltene Abgrenzung ist im Verlauf intensiver Forschungen mehr und mehr ins Rutschen gekommen: Heute erkennen wir immer deutlicher, wie viel vor allem die frühe griechische Welt ihren ostmediterranen Nachbarn verdankte; dementsprechend ist verschiedentlich gefordert worden, den Alten OrientOrient in die Alte Geschichte mit einzubeziehen.

Die vor den ‚Dunklen Jahrhunderten‘ liegende Minoische und Mykenische KulturMykenische Kultur des 3. bis 1. Jahrtausends v. Chr. – von der Insel Kreta und dem griechischen Festland geprägte Hochkulturen – werden gelegentlich von der Alten Geschichte mitbehandelt. Kontinuitäten im Raum, aber auch die SchriftlichkeitSchriftlichkeit dieser Kulturen und selbst eine sprachliche Verwandtschaft der Textzeugnisse zum späteren Griechischen können dies legitimieren. Doch auf der anderen Seite sind die aus der mykenischen Zeit (ab ca. 1600 v. Chr.) erhaltenen so genannten Linear B-TäfelchenLinear B-Täfelchen in Bezug auf ihren Inhalt nicht mit der späteren griechischen Literatur vergleichbar; die älteren Linear A-TäfelchenLinear A-Täfelchen sind überhaupt noch nicht gelesen: Im Kern handelt es sich bei ihnen um spröde Verwaltungslisten. Entsprechend basiert das Wissen über diese Kulturen zum überwiegenden Teil auf den von den Archäologen gemachten Funden und ihren Deutungen, nicht auf Schriftquellen. An großen Universitäten mit umfassender altertumswissenschaftlicher Ausrichtung ist erkennbar, wie sich die ,Mykenologie‘ oder ,Ägäische Frühzeit‘ als eigenes Fach etabliert.

Für die zeitliche Abgrenzung der Alten Geschichte zum MittelalterMittelalter gibt es mehrere Vorschläge. Auf der Suche nach einem ,epochalen‘ Datum werden etwa das Konzil von NicaeaKonzil von Nicaea 325 n. Chr. genannt, der Sieg der WestgotenWestgoten bei AdrianopelAdrianopel 378 n. Chr., die Absetzung des Romulus Augustulus durch OdoakerOdoaker in Westrom 476 n. Chr. oder die Eroberung Italiens durch die LangobardenLangobarden 568 n. Chr. Doch auch der Einbruch der AraberAraber Mitte des 7. Jahrhunderts n. Chr. oder die Kaiserkrönung Karls des Großen Weihnachten 800 n. Chr. sind im Verlauf der Forschungsgeschichte als Epochengrenzen zum Mittelalter diskutiert worden.

Derartige Periodisierungen werden als Ordnungsvorschläge von außen an ein Geschehen herangetragen, was die Vielfalt der Antworten erklärt. Sie verdichten die Komplexität historischer Veränderungen und stellen einen als besonders relevant angesehenen Aspekt in den Vordergrund. Je nachdem, was man als wesentlich für die Antike ansieht, wird man auch ihr Ende datieren: Die oben genannten Einschnitte orientieren sich etwa am Aufstieg des Christentums, der Völkerwanderung, der DISKONTINUITÄTDiskontinuität der Herrschaftsträger, territorialen Veränderungen oder – mit stärkerem Blick auf die Aufbrechung der Einheit des Mittelmeerraums, die in der griechisch-römischen Antike dominierend war – an der Ausbreitung des IslamIslam bzw. Erneuerung des Kaisertums im kontinentalen Westen. Selbst unter der verengten Perspektive eines bestimmten Ereignisstrangs wird dabei immer nur ein Geschehen punktuell herausgegriffen, das beispielhaft für umfassende Veränderungen in Politik und Staat, Wirtschaft und Gesellschaft, Religion und Wissenschaften, in Denktraditionen und Ausdrucksformen steht. Es ist evident, dass sich trotz deutlicher qualitativer Unterschiede zwischen einem ,Davor‘ und ,Danach‘ kaum alle Veränderungen in sämtlichen Teilen des Geschehens auf einen Schlag ereignet haben können. Charakteristisch sind vielmehr unterschiedliche Wechselwirkungen und zeitliche Verschiebungen. Hermann AubinAubin, Hermann (1885–1969) sprach deshalb von einem „breiten Streifen allmählicher Veränderungen“. Im Universitätsalltag gibt man sich in Kenntnis dieser Gemengelage zumeist pragmatisch: Im Zweifelsfall zieht das Jahr ,500 n. Chr.‘ die Linie zwischen Alter und Mittelalterlicher Geschichte. Der Bezug auf eine Rundzahl verdeutlicht in sehr anschaulicher Weise, dass es sich bei dieser Fixierung einer Epochengrenze nur um eine Hilfskonstruktion handelt.

1.2.2 Raum

Die zweite Eingrenzung der ,Griechisch-römischen Zivilisation der Mittelmeerwelt‘ betrifft den Raum: Selbst wenn sie chronologisch in dieselben Jahre fallen, bleiben die ,alte‘ Geschichte Japans, Chinas, Amerikas, Afrikas oder Australiens doch ausgeklammert. Auch dies erklärt sich aus der Geschichte des Fachs: Aus der Wiederentdeckung der klassischen Antike vornehmlich in den alten Texten resultierte eine Bindung des Gegenstands an die griechische und lateinische Sprache. Dies hat sich insoweit bewährt, als sie das althistorische Arbeiten in direkte Beziehung zu den Sprachkompetenzen setzt, die für das Verständnis der Quellen erforderlich sind. Die Kulturen des Alten Orients, obwohl in vielen Punkten mit der Geschichte der griechischen Zivilisation verwoben – und von Eduard MeyerMeyer, Eduard (1855–1930) in seiner großen UniversalgeschichteUniversalgeschichte des Altertums souverän mit einbezogen – werden heute von der Alten Geschichte zumeist nicht mehr mitbehandelt. Nur die wenigsten Historiker des griechisch-römischen Altertums verfügen über die Fähigkeit, die entsprechenden Quellen in der Originalsprache zu lesen. Geleitet von der Sprachkompetenz haben sich entsprechend die Altorientalistik, HethitologieHethitologie, AssyriologieAssyriologie, JudaistikJudaistik oder auch Ägyptologie als eigene Disziplinen ausgebildet.

Die Nachbarkulturen der griechisch-römischen Welt geraten im Allgemeinen dann in das Blickfeld der Alten Geschichte, wenn es Berührungen durch politische Ereignisse oder kulturellen Austausch gab, und oft heißt dieses: wenn sie Teil der griechisch-römischen Zivilisation wurden. So werden mit dem Siegeszug Alexanders des Großen nicht nur ein Großteil Asiens, sondern auch das kulturell und sprachlich so eigenständige Ägypten Gegenstand des Fachs. Ähnliches gilt für den Westen Europas, für Spanien und Frankreich, die britischen Inseln, die Alpenländer oder die westlichen und südlichen Gebiete des heutigen Deutschland: Erst mit der Ankunft der römischen Soldaten treten sie ins hellere Licht der Ereignisse, wo sie die einsetzende römische Überlieferung zu einem Bestandteil der Alten Geschichte macht. Die Alte Geschichte beginnt –und endet – in den verschiedenen geographischen Räumen zu höchst unterschiedlichen Zeiten.

Aus der Bindung des Fachs Alte Geschichte an Zeit und Raum resultiert, dass sie ein regional gebundener Epochenbegriff ist, und zwar der okzidentalen Geschichte. ,Alte Geschichte‘ ist kein Strukturbegriff, etwa in Form eines definierten ,alten‘ Entwicklungsabschnitts der Geschichte einer jeden Kultur. Derartige Ansätze ermöglichen zwar anregende Kulturvergleiche, doch werden diese von den Althistorikern im Allgemeinen nicht mehr vorgenommen: Gegenüber den dabei zumindest als Arbeitshypothese mitschwingenden Kulturstufenvorstellungen herrscht derzeit ebenso eine Grundskepsis vor, wie hinsichtlich der Entwicklung umfassender geschichtsphilosophischer Modelle.

Die Alte Geschichte beschäftigt sich also mit einer ganz konkreten Antike. Zwar befasst sie sich dabei – gemessen an dem Umfang der von ihr behandelten Zeit von deutlich über 1000 Jahren und ebenso der Größe des von ihr untersuchten Raumes – mit sehr heterogenen Dingen, doch aus größerer Distanz zeigt die griechisch-römische Zivilisation viele Gemeinsamkeiten. Eine andere Gefahr einer so definierten Alten Geschichte innerhalb des weit verbreiteten Drei-Perioden-Schemas aus Altertum, MittelalterMittelalter und NeuzeitNeuzeit ist eher, dass ihr Einsetzen im 8.Jahrhundert v. Chr. als Nullpunkt einer jetzt kontinuierlich aufstrebenden okzidentalen KulturgeschichteKulturgeschichte wahrgenommen wird, wenn nicht als Anfang der Geschichte überhaupt. Doch auch die abendländische Geschichte begann nicht voraussetzungslos, sondern sie ist durch unzählige Elemente aus den frühen Hochkulturen des Orients geprägt.

1.3 Der ,Sinn‘ der Alten Geschichte

Die Frage nach der Legitimation der Alten Geschichte stellen sich nicht nur die in der Alten Geschichte Forschenden regelmäßig zur Selbstvergewisserung, sondern in einer konsequent Kosten und Nutzen kalkulierenden Gesellschaft wird sie regelmäßig auch von außen an die Wissenschaft herangetragen. Innerhalb des Fachs fallen die Antworten unterschiedlich aus, doch geben sie dabei in ihren Akzentuierungen einen Einblick in den Pluralismus der Forschungen und in Denktraditionen.

1.3.1 Alte Geschichte als Teil der Geschichte

Zum einen ist die Alte Geschichte ein integraler Teil des Fachs Geschichte und sie ist von dieser im Hinblick auf die Notwendigkeiten einer Beschäftigung mit Geschichte nicht zu trennen. Die Verzahnung zeigt sich bei der Verfolgung der Traditionen und Entwicklungslinien, da ohne Kenntnis der Antike vieles aus dem MittelalterMittelalter, der NeuzeitNeuzeit und selbst in unserer Gegenwart überhaupt nicht verständlich wäre: Die Verbreitung der Sprachen in EuropaEuropa, das ChristentumChristentum oder die Grundzüge unseres Rechtssystems zählen zu den unmittelbar auf das Imperium Romanum zurückgehenden Tatsachen. In der Wahl von Siedlungsplätzen, in Stadtplänen, Straßenzügen und Bauwerken sind noch direkte Überreste aus römischer Zeit zu sehen, oft können sie nur vor diesem Hintergrund adäquat erklärt werden. Hinzu kommen die zahlreichen REZEPTIONEN und ganze Rezeptionsphasen – wie die RenaissanceRenaissance des 15. und 16. Jahrhunderts oder der KlassizismusKlassizismus des 19. Jahrhunderts –, die in ihrer Architektur, Kunst und Literatur, überhaupt in ihrem ganzen Lebensgefühl ohne Kenntnis der antiken Vorbilder unverstanden bleiben würden.

1.3.2 Zunahme der Quellen

Dabei ist die Alte Geschichte mehr als ein auf ihren Gegenstand hoch spezialisierter Gedächtnisspeicher der Gesellschaft, der für mögliche Fragen nach Ursprüngen, Vorbildern und Traditionen zum Verständnis der eigenen Kultur abgerufen werden kann. Sie ist ebenso ein sich selbst dynamisch verändernder Bereich. Zum einen befindet sich das für eine Auswertung zur Verfügung stehende Quellenmaterial der Alten Geschichte – gegen eine weit verbreitete Grundannahme – in einem unaufhörlichen Wachstum. Weniger betrifft dieses die literarische Überlieferung, wo mit der Neuentdeckung eines noch völlig unbekannten bedeutenderen Werks kaum mehr gerechnet werden kann. Doch durch Surveys, Prospektionen und Ausgrabungen, veranlasst nicht zuletzt durch die immer stärker voranschreitende bauliche Erschließung von Räumen, nimmt die Zahl der materiellen Überreste in teils atemberaubender Geschwindigkeit zu. Sind selbst weite Teile des Altmaterials noch nicht oder nicht in der erforderlichen kritischen Weise publiziert, so kommen Teil- und Nachbardisziplinen wie Epigraphik, Papyrologie, Numismatik oder Archäologie mit der Bearbeitung des sich stetig vermehrenden Quellenmaterials erst recht kaum nach (→Kap. 2.3–2.6). Angesichts stets drohenden Verfalls durch Verwitterung, Korrosion oder sogar mutwillige Zerstörung – und der gleichzeitigen Unmöglichkeit, alles zu konservieren – sehen Forscher wie der verstorbene Géza AlföldyAlföldy, Géza in der Sicherung und dem Zugänglichmachen der Quellen die wichtigste Aufgabe der Alten Geschichte: eine Pflicht zeitgenössischer Historiker für künftige Generationen, der im Zweifelsfall Vorrang auch vor dem Entwurf neuer Theorien oder Interpretationsmodelle gebühre.

1.3.3 Beantwortung neuer Fragestellungen

Andere Historiker heben dagegen gerade die jeweils neue Erarbeitung des Vergangenen für die je aktuelle Gegenwart als wichtigste Aufgabe der Geschichtswissenschaft hervor. Zwar steht das Vergangene selbst nicht mehr zur Disposition, doch einerseits können sich die Methoden zum Verständnis der Quellen verbessern und mithin bessere Ergebnisse liefern, zum anderen ändert sich stetig das Interesse an dem Vergangenem (→Kap.3.1.4). Aus dem langen Kontinuum der Ereignisse, der Geschichte im landläufigen Verständnis, wird stets etwas anderes sichtbar gemacht. Das erwachte Interesse an einer Geschichte der Geschlechter, des Kontaktes und Zusammenlebens verschiedener Kulturen oder auch an einer Geschichte des Zusammenspiels von Mensch und Natur/Umwelt geben illustrative Einblicke in derartige Prozesse. Intensivere Sensibilisierungen für Aspekte der Kommunikation haben Formen der Repräsentation und Propaganda, ebenso die Bedeutung des symbolischen Handelns ins Zentrum der historischen Forschungen gestellt. Gedenkstättendiskussionen einerseits und die Ergebnisse der Hirnforschung andererseits führen derzeit zu einer Neubewertung dessen, was ,Gedächtnis‘ überhaupt ist – und betreffen damit grundlegend die Frage, was ,Geschichte‘ sein kann.

„So lange etwas ist, ist es nicht das, was es gewesen sein wird. Wenn etwas vorbei ist, ist man nicht mehr der, dem es passierte.“ (Martin Walser, Ein springender Brunnen)

Der Zugang zur Vergangenheit erfolgt also von der Gegenwart aus und ist auch nur so möglich. Geschichte ist „die im Bewusstsein der Gegenwart verarbeitete Vergangenheit“ (Hans-Werner GoetzGoetz, Hans-Werner). Noch drastischer formulierte es Benedetto CroceCroce, Benedetto (1866–1952): „Alle Geschichte ist Zeitgeschichte.“ Dabei ist die Befangenheit in den Fragestellungen und Denkweisen ihrer Zeit für die Historiker keineswegs nur eine unerfreuliche Last, von der sie sich zur Objektivierung ihrer Tätigkeit möglichst zu befreien trachten sollten, sondern sie ist, im positiven Sinne, ebenso Teil und Grundlage der ihnen auferlegten Pflicht, den Wissens-, Kenntnis- und Orientierungsbedarf ihrer Zeit zu erfüllen.

Info: Der „Fall“ Roms

In seinem Buch „Der Fall Roms. Die Auflösung des Römischen Reiches im Urteil der Nachwelt“ von 1984 hat der Althistoriker Alexander Demandt nicht den Untergang des Römischen Reiches, sondern die bislang dazu vorgetragenen Deutungen zum Thema gemacht. Rund 400 verschiedene Erklärungen konnten von ihm zusammengestellt werden: Frauenemanzipation oder fehlende Männerwürde, Askese oder Genusssucht, Führungsschwäche oder Totalitarismus, die vorhandenen Besitzunterschiede oder die soziale Egalisierung, Polytheismus oder ChristentumChristentum, Faulheit oder Stress, Duckmäuserei oder Hybris, Überfremdung, Überzivilisation oder Unterentwicklung, Frühreife, Rentnergesinnung und Gicht, das Badewesen und der Regenmangel, die Korruption, Dezentralisation, Prostitution und Bodenerosion, der Ruin des Mittelstandes und die Traurigkeit, die Degeneration des Intellekts, die Freiheit im Übermaß, die Selbstgefälligkeit, Impotenz oder auch nur die unnützen Esser – die vorgebrachten Gründe für den „Fall Roms“ scheinen unermesslich zu sein und haben sowohl ihn als auch die seit anderthalb Jahrtausenden fortdauernde Suche nach seinen Ursachen selbst zum Fall werden lassen. Und wer angesichts der unterschiedlichsten Antworten in ‚Resignation‘ verfällt oder ‚Nichternst‘ vermutet, wird feststellen müssen, dass Vorgängern und Zeitgenossen in gleicher Seelenlage eben dieses zum Kern ihrer Beschäftigung mit dem Fall Roms geriet. Durch diese Erkenntnis ist der Leser aber auch schon einem zentralen Anliegen des Buchs von Alexander Demandt nähergekommen.

1.3.4 Die Antike als das ,nächste Fremde‘

Eine besondere Rolle kommt der Beschäftigung mit der Antike durch ihre Stellung in dem uns zugänglichen Wissens- und Erkenntnishorizont zu, eine Position, die Uvo HölscherHölscher, Uvo, in einer oft aufgenommenen Formulierung, die Antike als das „nächste Fremde“ bezeichnen ließ. Ausgedrückt werden soll damit, dass uns die Antike in vielem eigentümlich vertraut und doch zugleich fremd ist. Vieles hat aus der Antike bis in unsere heutige Zeit reichende Traditionslinien entwickelt, die uns in gegenläufiger Richtung den Blick auf das Altertum erleichtern. Doch auf der anderen Seite sehen wir dabei auch immer wieder eine uns eigenartig fremd erscheinende, oft verschlossen bleibende Kultur. So entwickelt sich ein Spannungsverhältnis von Eigenem und Fremdem, von Bekanntem, doch fremd gewordenem, von Dingen, die wir noch verstehen, und anderen, wo dieses nicht mehr gesichert oder möglich ist. Die so bei der Betrachtung der Antike gewonnenen Erfahrungen sind von genereller Relevanz für die Begegnung mit fremden Kulturen: für die Erfassung kultureller IdenIdentitäten, Bewusstmachung der eigenen Lebensweise und Perspektiven sowie die angemessene Einordnung kultureller Unterschiede.

1.3.5 Relative Einfachheit und Abgeschlossenheit

Als weitere paradigmatische Eigenschaften der Antike gelten die relative Einfachheit ihrer Strukturen und Geschehensabläufe sowie ihre Abgeschlossenheit. Christian MeierMeier, Christian spricht von einer „relativen Naturnähe“ der Antike: Der bei einer solchen Bewertung durchscheinende Entwicklungsgedanke wird sicherlich die meisten von einer derartigen qualitativen Zuweisung der Antike zurückhalten. Doch gemessen an dem radikalen Veränderungstempo und der Komplexität unserer globalisierten Gegenwart wird man die Bewertung vielleicht cum grano salis akzeptieren können. Die Abgeschlossenheit der Ereignisse und Prozesse bietet schließlich für die historische Analyse einen optimalen Rahmen: Jeder Akt in der Antike kann auch auf seine kurz- und langfristigen Folgen, auf Intendiertes und Nichtintendiertes untersucht und so von verschiedenen Seiten, aus der Perspektive der Handelnden und ex eventu bewertet und verglichen werden. Gerade in der Zeitgeschichte ist dieser souveräne Blick auf abgeschlossene Entwicklungen in aller Regel nicht möglich – und notwendigerweise zwingen nicht vorhersehbare Folgen zu manch neuer Bewertung vergangener Ereignisse.

Die Abgeschlossenheit ermöglicht in Verbindung mit der zeitlichen Distanz schließlich auch erst die genauere Erfassung von grundlegenden PARADIGMENWECHSELN in der politischen, gesellschaftlichen oder kulturellen Entwicklung. Relative Einfachheit und Abgeschlossenheit erleichtern weiterhin die ModellbildungModellbildung zur Skizzierung historischer Prozesse. Weitet man die Kenntnis dieser ParadigmenwechselParadigmenwechsel auf die Rezeptionsphasen aus, so tritt mit dem Vorbeiziehen der wechselnden zeitgenössischen Fragestellungen, der quellen- und methodenbedingten Einflüsse, von Standortgebundenheit beteiligter Personen, Personengruppen, Gelehrtenschulen oder Nationen in den verschiedenen Generationen auch die historische Bedingtheit der eigenen Erkenntnisinteressen und der Erkenntnismöglichkeiten scharf hervor (→Kap.3.1.4–3.1.6).

1.3.6 Methodische Dichte

Schließlich ist für das Arbeiten in der Alten Geschichte die besondere methodische Dichte hervorzuheben: Die relative Quellenarmut wird zur Tugend, da zur Beantwortung einer Fragestellung in der Regel alle verfügbaren Quellengruppen, d.h. literarische, epigraphische, numismatische, archäologische Zeugnisse etc. gleichzeitig herangezogen, auf ihren jeweiligen Aussagewert untersucht und gegenseitig gewichtet werden müssen – die dann wiederum oft erst durch Vergleiche oder Modelle verständlich gemacht werden können. Für Studierende ist in der Alten Geschichte der Umgang mit den Quellen besonders gut zu lernen, ja, in der breiten Erschließung und dichten Auswertung der Quellen sowie in ihren interdisziplinären Zugängen kann der Alten Geschichte innerhalb der Geschichtswissenschaften geradezu der Rang eines methodischen Exerzierfelds zukommen. Ausdrücklich ist dafür auch auf das oft über Generationen reichende Bemühen um das Verständnis derselben Quellen hinzuweisen. Die Betrachtung des Forschungsgangs bettet das eigene Verständnis in einen langen Diskussionsprozess ein, vor dem es sich als erstes zu bewähren hat. Diese ständige Auseinandersetzung mit einer Vielzahl vorliegender Deutungen, mit ihrer Anordnung und Auslegung vor dem Hintergrund veränderter zeitgenössischer Kenntnisse und Interessen und die Feststellung der Faktoren, die zu veränderten Perspektiven führten – all dieses ließ Dieter TimpeTimpe, Dieter vor einigen Jahrzehnten gar von einem insgesamt höheren Reflexionsgrad sprechen, der das Arbeiten in der Alten Geschichte auszeichne.

Die Kehrseite der vorgegebenen Konzentration auf die Quellen ist allerdings das ‚Hinausdenken‘. So bewahrt die in der Alten Geschichte verbreitete Weiterverwendung der Sprache der Quellen größtmögliche begriffliche Genauigkeit, auf der anderen Seite erschwert sie jedoch die Kommunikation mit Nachbarwissenschaften und behindert Einordnungen auf einer höheren Abstraktionsebene sowie Vergleiche. Und auch für die Theorieentwicklung hat die Alte Geschichte sicherlich mehr Impulse von außen erfahren, als sie selbst Impulse gegeben hat.

1.3.7 Tendenz zur UniversalgeschichteUniversalgeschichte

Allein der Kernbereich der Alten Geschichte deckt einen Zeitraum von beinahe anderthalb Jahrtausenden ab. Für ein adäquates Verständnis der Voraussetzungen und die Würdigung antiker Gesellschaften nützlich ist ferner eine gewisse Kenntnis der frühen Hochkulturen. Gleichfalls als Gegenstand der Alten Geschichte hinzu treten die nachfolgenden Traditionslinien, wie etwa die Rezeptionsphasen in RenaissanceRenaissance und KlassizismusKlassizismus. Und schließlich ist jedes wissenschaftliche Arbeiten in der Alten Geschichte durch die notwendige Auseinandersetzung mit den teils über Jahrhunderte reichenden Bemühungen um dieselben Quellen stets ein Stück WissenschaftsgeschichteWissenschaftsgeschichte, die nur vor dem Hintergrund einer breit angelegten historischen Bildung verstanden und für die Interpretation mit Gewinn herangezogen werden kann.

Diese oft hervorgehobene Tendenz zur Erweiterung ihres Gegenstands wird durch die Vielfalt der von der Alten Geschichte behandelten Kulturen noch einmal besonders signifikant: Sowohl die griechische Geschichte mit ihren Kolonisationsbewegungen als auch der HellenismusHellenismus und die Geschichte Roms mit ihren militärischen Unternehmungen sind gekennzeichnet durch raumgreifende Expansionsphasen. Die Griechen und Römer drangen in weit entfernte Gebiete mit unterschiedlichsten naturgeographischen Voraussetzungen und mit nicht weniger divergierenden Lebensweisen und kulturellen Traditionen der Bewohner vor: Kleinasien, das Schwarzmeergebiet und das westliche Mittelmeer; Syrien, Arabien, ÄgyptenÄgypten, das Zweistromland und die Regionen bis zum Hindukusch; Nordafrika, die keltischen und germanischen Gebiete Nordeuropas und die britischen Inseln.

Das Aufeinandertreffen unterschiedlichster Kulturen, die Wahrnehmung der Fremdheit, Ausgrenzungen oder kulturelle Annäherungen und Vermischungen sind ein elementarer Bestandteil der Geschichte der Antike. Um zwei in der Gegenwart zu Schlagwörtern geronnene Ambivalenzen zu nennen: Die ,Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen‘ war in den antiken politischen Systemen und Kulturen stets ebenso präsent wie die ,Vielfalt in der Einheit‘. Wenn für dieses Potential in der Forschung der möglicherweise noch größere Räume assoziierende Begriff UNIVERSALGESCHICHTEUniversalgeschichte gewählt wird, so erklärt sich dieses allerdings auch aus einer bewussten Abgrenzung zu den lange vorherrschenden nationalstaatlichen Perspektiven der Geschichtsschreibung. Die gegenwärtig von Teilen der Alten Geschichte feststellbare Annäherung an die EthnologieEthnologie, auf dem Weg zu einer vergleichenden Erfassung der verschiedenen menschlichen Lebensformen, bringt sie in gewisser Weise ebenso wieder einer universalhistorischen Ebene näher (→Kap4.4).

Da die Alte Geschichte sich einer nationalstaatlichen Perspektive weitgehend entzieht, ist sie in jüngerer Zeit – zumal von politischer Seite – vielfach mit der EuropaEuropa-Idee verbunden worden. Die griechisch-römische Zivilisation rückt dabei in eine traditionsbildende, wenn nicht vorbildliche Rolle für ein sich als politische und kulturelle Einheit verstehendes Europa – für dessen Abgrenzung von Asien es ja aus geographischer Perspektive keine Grundlage gibt. Antike Kultur und – kaum präzise gefasste – Vorstellungen einer völkerübergreifenden politischen Integration in der Antike werden zum auch exklusiv gebrauchten Argument im europäischen Einigungsprozess. Von manchen Ländern ist das Aufzeigen dieser Verbindungen zur europäischen Identitätsfindung direkt als Bildungsauftrag formuliert worden.

Unabhängig von der Bewertung der politischen Instrumentalisierung der Vergangenheit ist aus althistorischer Perspektive allerdings anzumerken, dass der Antike ein vergleichbares Europabewusstsein fremd war. Daneben provoziert diese IdentitätsstiftungIdentitätsstiftung auch eine geographische Engführung beim Blick zurück auf die Antike. Viele der politisch und kulturell bedeutendsten Zentren der griechisch-römischen Mittelmeerzivilisation lagen außerhalb der Grenzen dessen, was heute als EuropaEuropa akzeptiert wird, wozu man nur auf die Städte Kleinasiens, des Nahen Ostens, Ägyptens oder Nordafrikas hinzuweisen braucht, die integraler und Impuls gebender Teil dieser Zivilisation waren. Dieses wiederum wird von interessierter Seite zuweilen als Argument für die Zugehörigkeit speziell Kleinasiens zum heutigen Europa formuliert. Doch nicht zuletzt birgt die Berufung auf gemeinsame geistig-kulturelle Wurzeln als Argument in einem positiv beurteilten politischen Prozess die Gefahr, die Antike allzu undifferenziert als vorbildlich erscheinen zu lassen und sie zu idealisieren. Doch die Antike hatte auch viele Schattenseiten wie die Sklaverei, die Rolle des Krieges oder die stete Präsenz physischer Gewalt. Zu Recht ist diesbezüglich schon vor einem ,Dritten HumanismusHumanismus‘ gewarnt worden.

1.3.8 Ästhetischer Reiz

Für viele schließlich zeichnet sich die Beschäftigung mit der Alten Geschichte durch einen besonderen ästhetischen Anreiz aus. Er resultiert vor allem aus der dichten Integration der materiellen Überreste in das althistorische Arbeiten, mit ihrer teils hervorragenden künstlerischen Qualität, aber auch aus der sprachlichen und formalen Perfektion zahlreicher literarischer Quellen. Auch dieser ästhetische Anreiz ist ein legitimes Interesse der bevorzugten Auseinandersetzung mit der Alten Geschichte, soweit dabei die Historizität des Gegenstands gewahrt bleibt und er nicht zum Fokus einer der Gegenwart entfliehenden Antikenbegeisterung wird – oder gar die Gegenwart gegen eine so gezeichnete Antike ausspielt. In einer Zeit nahezu unbegrenzter Reisemöglichkeiten, die das vergangene Fremde als Erlebnislandschaft inszeniert und zur Teilhabe einlädt, zu einer ihnen angemessenen Beurteilung der antiken Kulturen zu kommen, ist ein weiterer Aspekt für den Gewinn, der sich aus einer kritischen Beschäftigung mit der Antike auch für die Gegenwart erzielen lässt.

1.4 Die Geschichte des Fachs

In den bisherigen Bemerkungen ist bereits mehrfach angeklungen, wie prägend die Forschungsgeschichte und Wissenschaftstradition der Alten Geschichte für unsere Beschäftigung mit der Antike in der Gegenwart immer noch ist. Dass bei folgender Skizzierung die deutschsprachige Entwicklung in den Vordergrund tritt, legitimiert sich auch durch die bis in das beginnende 20.Jahrhundert von hier ausgegangenen Impulse.

1.4.1 Zwischen PhilologiePhilologie und UniversalgeschichteUniversalgeschichte

Die Anfänge der Alten Geschichte als Fach wird man sinnvollerweise in RenaissanceRenaissance und HumanismusHumanismus verorten. Zwar beschäftigte sich bereits die Antike intensiv mit der eigenen Vergangenheit und entwickelte die Historiographie zu einer bedeutenden Gattung (→ Kap.2.2.5–2.2.7), und auch im MittelalterMittelalter verfolgte man in den Chroniken die eigene Geschichte bis in die Antike zurück. Doch erst durch die ,Entdeckung‘ des Mittelalters und damit die – trotz gefühlter inhaltlicher Nähe – Erfahrung der zeitlichen Distanz und Abgeschlossenheit der Antike wurde diese eigentlich zu einem eigenen Gegenstand (→ Kap.1.1.2). In den mittelalterlichen Chroniken hingegen hatte man die Geschichte des Altertums noch ungebrochen als eigene Vorgeschichte behandelt, die in christliche Deutungskonzepte eingebunden war.

Der neue Blick auf die Antike zu Beginn der NeuzeitNeuzeit war der eines Staunens und Bewunderns. Man sah in der Antike ein überzeitliches Vorbild, dem es auch in der Gegenwart uneingeschränkt nachzueifern galt. Für Fragen des eigenen Seins holte man sich Rat bei der Antike, und ihre normative Geltung schien alle Bereiche des Lebens zu umfassen. Das Wissen über diese Zeit gewann man aus den Texten der griechisch-römischen Autoren. Der wichtigste Weg zur Vermehrung dieses Wissens wurde entsprechend das Aufspüren noch unbekannter Texte: Während des 14. und 15. Jahrhunderts reisten die Gelehrten zu allen Bibliotheken Europas. Dank der Erfindung des Buchdrucks Mitte des 15. Jahrhunderts konnten die neu gefundenen Texte rasch verbreitet werden.

Altertumswissenschaft in dieser Zeit war Klassische PhilologiePhilologie, und die Autorität der Texte war unbestritten. Um Hilfen für ihr Verständnis bereitzustellen, entwickelte sich eine spezielle Form von Lexika und THESAURI, welche die Begriffe, die Realien des religiösen oder privaten Lebens bzw. jene des Staates wie Recht, Verfassung und Verwaltung erläuterten. Sie hätten Ansätze für einen auf die geschichtlichen Verhältnisse dieser Dinge verweisenden Sachkommentar bieten können. Doch ihrem Verwendungszweck als Hilfsmittel entsprechend präsentierten diese Werke ihre Gegenstände eher statisch: Das verändernde, dynamische Element galt ganz dem Text.

Das Erkennen der Antike als eigene Epoche mit dem Kontinuitätsbruch zum MittelalterMittelalter provozierte jedoch auch genuin historische Fragestellungen, und in derartigen universalhistorischen Betrachtungen liegt die zweite Wurzel für die Alte Geschichte als Fach. Aus der Erfahrung der DiskontinuitätDiskontinuität resultierten Niccolò MachiavelliMachiavelli, Niccolòs (1459–1527) Discorsi sopra la prima deca di Tito Livio (1531 [postum]), in denen er, ausgehend vom Niedergang des römischen Imperiums, die Ursachen des Aufstiegs und Niedergangs der Völker zu ergründen suchte. Ähnlich versuchte Charles MontesquieuMontesquieu, Charles (1689–1755) in seinen Considérations sur les causes de la grandeur des Romains et de leur décadence (1734) aus der Betrachtung der römischen Geschichte allgemeine Gesetze zu gewinnen. Beiden ging es darum, aus der Geschichte Lehren für die Gegenwart zu ziehen. Das jeweils in die eigene Gegenwart hineinwirkende Thema des Niedergangs wurde dann in dem voluminösen Werk von Edward GibbonGibbon, Edward (1737–1797) History of the Decline and Fall of the Roman Empire (1776–1788) weit ausholend untersucht und erzählerisch zur Darstellung gebracht. Gibbon maß dem ChristentumChristentum eine entscheidende Bedeutung für den Auflösungsprozess des römischen Reiches zu (→ S.23).

Der Beginn einer zweiten äußerst wirkungsmächtigen Phase der Antikenrezeption kann mit dem Wirken von Johann Joachim WinckelmannWinckelmann, Johann Joachim (1717–1768) verbunden werden: der NeuhumanismusNeuhumanismus oder – wegen des engen Bezugs auf Griechenland – der NeuhellenismusNeuhellenismus. Auf der Suche nach Wegen zur Erneuerung der Kunst in seiner eigenen Gegenwart fand Winckelmann in der griechischen Kunst ein Ideal, das er in den Rang überzeitlicher Geltung erhob. Doch Winckelmann ging noch weiter: Ursache dieses Kunstschaffens war für ihn ein ebenso ideales Menschentum der Griechen, für dessen Entwicklung wiederum die politische Freiheit, wie er sie im AthenAthen der klassischen Zeit fand, den politischen Rahmen geboten habe: Kunstschaffen und politische Ordnung, Freiheit, Ästhetik und Menschentum griffen bei Winckelmann ineinander und forderten die Gegenwart: „Der einzige Weg für uns, groß, ja wenn es möglich ist, unnachahmlich zu werden, ist die Nachahmung der Alten“ (1755).

Winckelmanns überragender Einfluss erstreckte sich nicht nur auf das Schaffen Goethes, Schillers oder Hölderlins und beflügelte die Griechenbegeisterung des 18. und 19. Jahrhunderts; seine Ideen wurden bei Wilhelm von HumboldtHumboldt, Wilhelm von (1767–1835) ganz konkrete Grundlage für die Reform des preußischen Schulwesens: Auf dem Weg zur Erreichung einer allgemeinen ,Bildung‘ wurde das GymnasiumGymnasium zur entscheidenden Lehranstalt erhoben, und in dessen Unterrichtsplan nahmen die alten Sprachen eine herausragende Stellung ein. Nicht anders war es an den Universitäten, wo die Klassische PhilologiePhilologie zum zentralen Fach der Philosophischen Fakultäten aufstieg.

Quelle: Wilhelm von Humboldt: Das Vorbild der Griechen

„Wir haben in den Griechen eine Nation vor uns, unter deren glücklichen Händen alles, was, unserem innigsten Gefühl nach, das höchste und reichste Menschendasein bewahrt, schon zu letzter Vollendung gereift war … Ihre Kenntnis ist uns nicht bloß angenehm, nützlich und notwendig, nur in ihr finden wir das Ideal dessen, was wir selbst sein und hervorbringen möchten; wenn jeder andere Teil der Geschichte uns mit menschlicher Klugheit und menschlicher Erfahrung bereichert, so schöpfen wir aus der Betrachtung der Griechen etwas mehr als Irdisches, ja beinahe Göttliches“ (Wilhelm von HumboldtHumboldt, Wilhelm von, Werke in 5 Bänden [hg. v. A. Flitner u. K. Giel], Bd.2, 4. Aufl., Darmstadt 1986, S.92).

Wie in der Zeit des HumanismusHumanismus war die Antike wieder zu einem überzeitlichen Vorbild geworden, bei der das Einst und das Jetzt miteinander zu verschmelzen drohten. War die Aneignung der Antike im Humanismus von ihren Voraussetzungen allerdings eher überstaatlich angelegt, so verengte der im 18. und 19.Jahrhundert aufkommende NationalstaatNationalstaat die Perspektive: Der Rückbezug und die Orientierung an den Griechen blieb ein vorrangig deutsches Phänomen. Zu ihrem nachfühlenden Verständnis glaubte man sich als Nation – und im Gegensatz zu den anderen – besonders disponiert. Damit war einerseits ein Gegenstand gefunden, der zur Ausbildung einer eigenen kulturellen Identität beitragen konnte, andererseits – und damit im Zusammenhang stehend – grenzte sich diese Identifikation insbesondere von Frankreich ab, der führenden Kulturnation in EuropaEuropa, die in vielfacher Weise das römische Erbe pflegte. Die Französische RevolutionFranzösische Revolution hatte geradezu einen Kult der römischen Republik entwickelt, was dann in der Zeit der Freiheitskriege zur verschärften Hervorhebung des ,Römer-Hellenen-Gegensatzes‘ zwischen Franzosen und Deutschen führte: Der Rückbezug auf je eine andere antike Vergangenheit wurde jetzt als Instrument der Abgrenzung genutzt.

Von Winckelmann ausgehend ist noch eine andere, durchaus gegenläufige Entwicklungslinie zu verfolgen. Sie ebnete einer Historisierung der Antike den Weg: Bei seiner Betrachtung der griechischen Kunst unterschied Winckelmann Stile, die er bestimmten Zeitstufen zuordnete. Damit war nicht nur der Entwicklungsgedanke für die antike Kunst – und als Konsequenz: für alle Überreste aus der Antike – eingeführt, sondern die stilgeschichtliche MethodeMethode, die allein von den materiellen Überresten ausging, befreite deren Einordnung und Verständnis auch aus der Abhängigkeit von den antiken Texten. Ihnen konnten die Objekte nun eigenständig gegenübertreten. Waren bisher schon Inkonsequenzen oder Widersprüche in der literarischen Überlieferung bemerkt worden, so bestand nun die Chance, die materiellen Altertümer als unabhängige Zeugnisse zur Überprüfung der Texte heranzuziehen.

Ein umfassendes Konzept einer weit verzweigten Altertumswissenschaft ist dann in diesem Sinne von Christian Gottlieb HeyneHeyne, Christian Gottlieb (1729–1812) entwickelt und insbesondere von Friedrich August WolfWolf, Friedrich August (1759–1824) systematisch dargelegt worden: Der Übergang von der normativen Aneignung der Texte zur kritischen Auseinandersetzung ist darin bereits vollzogen. Die PhilologiePhilologie wurde zu einer umfassenden, in sich differenzierten Altertumswissenschaft geweitet, deren verschiedene Teile gleichberechtigt waren und als akademisches Fach gemeinsam der objektiven Erkenntnis verpflichtet. Ziel war es, die Philologie zur „Würde einer wohlgeordneten philosophisch-historischen Wissenschaft“ zu erheben.

Wolfs historischer, auf die Sache bezogener Ansatz traf innerhalb der PhilologiePhilologie allerdings auch auf erheblichen Widerspruch. Viele Philologen wollten den Gegenstand ihres Faches nicht über die sprachliche und formale Analyse der Texte hinaus ausdehnen. Auch aus diesem Widerspruch heraus öffnete Wolfs Konzept den Raum für eine ,Alte Geschichte‘ als eigenes Fach. Bahnbrechend für die inhaltliche Ausdifferenzierung wurde dann letztlich der Politiker und wissenschaftliche Autodidakt Barthold Georg NiebuhrNiebuhr, Barthold Georg (1776–1831). In seinen Untersuchungen zur römischen Republik begriff er die literarischen Quellen nicht als Wirklichkeit abbildende, quasi protokollarische Notizen eines vergangenen Geschehens, sondern er interpretierte sie als an Gattungstraditionen und Absichten gebundene literarische Texte aus der Antike. Ziel einer Kritik dieser Quellen müsse es sein, durch die Darstellungen hindurch zum tatsächlichen vergangenen Ereignis selbst vorzustoßen. Erst auf der Grundlage eines so herauspräparierten Geschehens könne dann Geschichte beschrieben werden: Vergangenheit und Darstellung der Vergangenheit, das Geschehen selbst und die darüber berichtenden antiken Texte traten auseinander. Damit war der Platz für eine Alte Geschichte neben der Klassischen Philologie umrissen.

August BoeckhBoeckh, August (1785–1867) war einer der ersten, der eine so neu gewonnene, nicht mehr antiquarisch nacherzählende ,Alte Geschichte‘ vorexerzierte: In seiner „Staatshaushaltung der Athener“ (1817) verband er die literarische Überlieferung in souveräner Weise mit den Realien. Insbesondere die konsequent ausgewerteten Inschriften erlaubten ihm eine genuine Darstellung der athenischen Wirtschaft in klassischer Zeit. Da nach diesem Ansatz die gesamte Hinterlassenschaft dem Verständnis des historischen Geschehens nutzbar gemacht werden sollte, konnten in der Folge auch Archäologie, Epigraphik und Numismatik ihren Stellenwert ausbauen (→ Kap.2.3–2.6).

Die fortschreitende Historisierung der PhilologiePhilologie und der Skeptizismus der kritisch-philologischen MethodeMethode waren überdies geeignet, der Antike die Vorbildfunktion zu nehmen: Die wissenschaftlichen Standards genügende Beschäftigung mit ihr unterhöhlte das Idealitätspostulat. Die gültige, über die Antike hinausgehende Formulierung stammt von Leopold von RankeRanke, Leopold von (1795–1886), nach der „jede Epoche unmittelbar zu Gott“ und von gleicher Dignität sei. Das Abgehen von der Vorbildlichkeit öffnete jetzt auch stärker den Blick auf die jenseits der KlassikKlassik stehenden ‚Ränder‘ der Antike, wie HellenismusHellenismus und SpätantikeSpätantike, oder ebnete den Weg zu einer Geschichte des Altertums unter Einschluss der orientalischen Kulturen: Etwa Johann Gustav DroysenDroysen, Johann Gustavs (1808–1884) „Geschichte des Hellenismus“ (1833–1848), Otto SeeckSeeck, Ottos (1850–1921) „Geschichte des Untergangs der antiken Welt“ (1895–1920) oder Eduard MeyerMeyer, Eduards (1855–1930) „Geschichte des Altertums“ (1884–1902).

Die Ausdifferenzierung der Altertumswissenschaften spiegelte sich auch im institutionellen Ausbau der deutschen Universitäten, wo sich neben der PhilologiePhilologie die Klassische Archäologie und Alte Geschichte als Fächer etablieren konnten: Am Ende des 19. Jahrhunderts waren alle drei an nahezu sämtlichen deutschen Universitäten vertreten. Flankiert wurde die Institutionalisierung der Alten Geschichte durch Ausdifferenzierungen der Geschichtswissenschaft, wo sich jetzt auch die sog. Mittlere und Neuere Geschichte als eigene Teildisziplin etablierte. Ein bleibendes Charakteristikum der Alten Geschichte ist seitdem eine spezifische Zwischenposition, deren institutionelle Klärung immer wieder ansteht: Versteht sie sich – als ein Erbe der UniversalgeschichteUniversalgeschichte – in erster Linie als ein auf eine bestimmte Epoche spezialisierter, doch von ihr nicht zu lösender Teil der Allgemeinen Geschichte, oder aber findet sie ihre Heimat, dem Traditionsstrang der Erweiterung der Philologie folgend, vorrangig als Teil einer umfassenden Wissenschaft vom Altertum.

Die breite, auch die Grundlagenwissenschaften einschließende Ausdifferenzierung und gute Platzierung an Universitäten und Akademien in organisatorischer Hinsicht, die Strenge des methodischen Vorgehens, verbunden mit einem Objektivitätsanspruch in inhaltlicher Hinsicht, schließlich die Menge und Gediegenheit der vorgelegten Arbeiten sicherten den deutschen Altertumswissenschaften in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine international überragende Rolle. Ihren Exponenten fanden sie in dem Politiker, Historiker und Nobelpreisträger Theodor MommsenMommsen, Theodor: Neben den eigenen Forschungen trat er als Initiator zahlreicher Großprojekte auf – Projekte, die zum Teil bis in unsere Gegenwart fortgeführt werden.

1.4.2 Forschungsfelder

Beherrschender Gegenstand der Alten Geschichte nach ihrer Lösung aus der PhilologiePhilologie war die politisch-militärische EreignisgeschichteEreignisgeschichte. Zum Teil wurde diese Perspektive durch die antiken Quellen, zumal die historiographischen, vorgegeben. Doch eine Geschichte der Staaten, die sich wiederum primär in ihrem Verhältnis zu anderen Staaten zu artikulieren schien, entsprach ebenso den Erfahrungen und Denkweisen der Gegenwart. Denn auch eine mit philologisch-historischer Kritik ausgerüstete Wissenschaft konnte sich den zeitgenössischen Erlebnissen und Vorstellungen nicht immer entziehen (→ Kap.3.1.4): So wird in Theodor MommsenMommsen, Theodors Mitte des 19. Jahrhunderts abgefasster Geschichte der römischen Republik die kontinuierliche Expansion der Stadt am Tiber als eine äußerst positiv beurteilte nationalstaatliche Einigung – in diesem Fall: Italiens – beschrieben, die durch RomRom vorangetrieben worden sei.

Info: Theodor Mommsen

Theodor MommsenMommsen, Theodor (1817–1903), Forscher, Wissenschaftsorganisator, aktiver liberaler Politiker und Träger des Nobelpreises für Literatur war der überragende Altertumswissenschaftler in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Seine Forschungen und die von ihm initiierten Großprojekte prägten die Entwicklung des Fachs während des gesamten 20. Jahrhunderts und wirken bis in unsere Zeit.

In souveräner Weise beherrschte und verband Mommsen die verschiedensten Quellengruppen und Methoden genauso wie die Kunst der Darstellung. Hauptwerke unter seinen mehr als 1500 Veröffentlichungen sind seine „Römische Geschichte“ (Bde. 1–3: 1854–1856; Bd.5: 1885; der vierte Band über die römischen Kaiser ist nie erschienen), die „Geschichte des römischen Münzwesens“ (1860), das „Römische Staatsrecht“ (3 Bde.: 1871–1888) sowie das „Römische Strafrecht“ (1899). Hinzu kommen zahlreiche Editionen in monographischer Form: Bedeutende historische Inschriften wie der Maximaltarif des DiokletianDiokletian (1851) oder die Res Gestae Divi Augusti (1865); Werke spätantiker Autoren wie Cassiodor (1861; 1894), Iordanes (1882) oder Eugipp (1898); Rechtstexte wie die Digesten Iustinians (1868–1870) oder das Corpus Iuris Civilis (1872).

Abb. 2

Theodor Mommsen, Foto um 1890

Unter den von Mommsen angestoßenen Großprojekten dominiert das Corpus Inscriptionum Latinarum, dessen ersten Band mit den Inschriften der Römischen Republik er selbst bearbeitete (1863; 21893). Auf Mommsens Initiative geht die Gründung der „Reichs-Limeskommission“ (1892) zurück, ebenso das Corpus Nummorum, der groß angelegte Versuch einer Erfassung aller griechischen Münzen.

Aufgrund seiner Stellung in der Preußischen Akademie der Wissenschaften, der Fakultät der Berliner Universität sowie in der Zentraldirektion des Deutschen Archäologischen Instituts prägte Mommsen den organisatorischen Ausbau der Altertumswissenschaften an den deutschen Universitäten. Zahlreiche Lehrstühle wurden mit seinen Schülern besetzt, die sich vorrangig durch epigraphische Arbeiten ausgezeichnet hatten. Den Nobelpreis für Literatur, als erster Preisträger überhaupt, erhielt Mommsen 1902 für seine in zahlreichen Auflagen verbreitete und äußerst populäre „Römische Geschichte“. Die darstellerische Brillanz und kraftvolle RhetorikRhetorik machen sie noch heute lesenswert.

Besonders eng mit dem Namen Mommsen verbunden ist allerdings ein anderer Forschungsansatz: die Untersuchung von Recht und Verfassung. Höhepunkt unter seinen zahlreichen juristischen Werken ist fraglos sein monumentales „Römisches Staatsrecht“. Auch wenn das Buch aufgrund seiner ordnenden Struktur und des souveränen Quellenbezugs noch immer ein vorzügliches Hilfsmittel ist, so hat Mommsen sich durch seinen völlig einseitigen, der systematischen Rechtsschule entlehnten Ansatz, den Staat ausschließlich als Rechtssystem zu erfassen, doch selbst Grenzen gesetzt. Besonders deutlich werden sie bei der Nachzeichnung des Übergangs von der Republik zur Kaiserzeit, wo gesellschaftliche Bedingungen des neuen politischen Systems nur wenig Berücksichtigung finden. Mommsens Entwurf setzte eine Stabilität der Rechtsnormen und der Begriffe geradezu axiomatisch voraus.

So waren es dann vor allem sozialgeschichtliche Ansätze, später dann die Verknüpfung von Verfassung und Gesellschaft, die einen dynamischeren Erklärungsrahmen boten. Mit Gewinn wurden jetzt auch das Recht und die Verfassung konsequent als sich entwickelnde und Veränderungen unterworfene Gegenstände betrachtet. Ein früher Markstein der soziologischen Perspektive war Matthias GelzerGelzer, Matthiass (1886–1974) „Die Nobilität der römischen Republik“ (1912). Nicht zuletzt durch die im akademischen Unterricht weit verbreiteten Werke von Jochen BleickenBleicken, Jochen (1926–2005) ist die gemeinsame Berücksichtigung von Gesellschaft, Recht und Verfassung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Standard geworden.

Unberührt blieb die Alte Geschichte aber auch nicht von den geschichtsdeutenden Modellen des 19. Jahrhunderts, die in den wirtschaftlichen Verhältnissen die Grundlage jeder politischen und gesellschaftlichen Entwicklung sahen. Im Streit zwischen ,Primitivisten‘, welche der Antike im Rahmen linear-fortschrittlicher Vorstellungen nur einen begrenzten Entwicklungsstand unterstellten, sowie ,Modernisten‘, welche die Vergleichbarkeit zwischen antiken und gegenwärtigen Wirtschaftsformen postulierten und zum gegenseitigen Verständnis nutzbar machten, ging es auch darum, in wie weit die Antike für Gegenwartsfragen relevant sein konnte. Gegen die Positionen von Karl BücherBücher, Karl (1847–1930) setzten insbesondere Eduard MeyerMeyer, Eduard (1855–1930) und Karl Julius BelochBeloch, Karl Julius (1854–1929) ihr modernisierendes Verständnis von der antiken Ökonomie. Unter dem Einfluss kulturanthropologischer Modelle, welche den primitivistischen Positionen näher standen, wurde die bereits als ‚JahrhundertdebatteJahrhundertdebatte‘ historisierte Diskussion in den 1960er und 1970er Jahren mit Vehemenz wieder aufgenommen und noch bis fast ans Ende des ideologisierten 20. Jahrhunderts fortgeführt. In der zugespitzten Diskussion hatten vermittelnde Positionen Schwierigkeiten, Gehör zu finden. Allerdings brachte die Kontroverse auch hervorragende Grundlagenarbeiten zur antiken Wirtschaft – wie die monumentalen Arbeiten von Michael RostovtzeffRostovtzeff, Michael (1870–1952) –, zum Wirtschaftsdenken – wie die „Ancient Economy“ von Moses I.Finley (1912–1986) – oder auch zum antiken Handel hervor. Es scheint, dass eine gewisse Erschöpfung durch diese Debatte Schuld daran trägt, wenn die antike WirtschaftsgeschichteWirtschaftsgeschichte heute längst nicht die Rolle spielt, die man aufgrund des vorherrschenden, alle gesellschaftlichen und politischen Bereiche durchziehenden wirtschaftlichen Paradigmas in unserer Gegenwart erwarten sollte.

1.4.3 Die Alte Geschichte in der Gegenwart

Die deutsche Altertumswissenschaft erlebte in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft und durch den Zweiten Weltkrieg einen dramatischen Kontinuitätsbruch. Viele in Deutschland tätige Althistoriker jüdischer Herkunft emigrierten (z.B. Victor Ehrenberg), andere, wie Friedrich MünzerMünzer, Friedrich, kamen im Konzentrationslager um (1868–1942: Theresienstadt). Wiederum andere Altertumswissenschaftler konnten sich in ihren Arbeiten den Perspektiven der Zeit nicht entziehen. Sie bemühten etwa rassenkundliche Kategorisierungen als Erklärungsansatz für historische Entwicklungen, oder sie nutzten die institutionellen Chancen einer sich unter dem Diktat der Partei weitgehend neu organisierenden Wissenschaft, wie etwa Helmut BerveBerve, Helmut (1896–1979) oder Fritz SchachermeyrSchachermeyr, Fritz (1895–1987).

Heute erreicht die Alte Geschichte in Deutschland nicht mehr die Bedeutung, die sie im 19. und frühen 20.Jahrhundert besaß, weder was ihre Stellung in der internationalen Forschung, noch ihre Position im hiesigen Wissenschaftsbetrieb oder in der Gesellschaft betrifft. Dies gilt, obwohl sich das Fach nach dem Krieg an den meisten Universitäten wieder etablieren und zumal in den 1960er- und 1970er-Jahren personell erheblich ausweiten konnte: Sowohl beim Wachstum der Universitäten als auch bei den zahlreichen Neugründungen konnte sich die Alte Geschichte im Fächerkanon zwar noch behaupten, doch ihr Einfluss schwand.

Die Erarbeitung der zumeist noch auf Mommsen zurückgehenden Corpora hielt sowohl im westlichen als auch im östlichen Teil Deutschlands an. Die Ideologiediskussion in der Zeit des Kalten Kriegs gab manchen Themen eine besondere Relevanz und führte etwa zu einem Aufschwung der Forschungen über die antike Sklaverei. Daneben folgte die Alte Geschichte den anderen Geschichtswissenschaften in der Abkehr von der politischen EreignisgeschichteEreignisgeschichte, akzentuierte Strukturen und widmete sich schließlich in schneller Folge bislang vernachlässigten Themen: Über SozialgeschichteSozialgeschichte und WirtschaftsgeschichteWirtschaftsgeschichte hinaus der BegriffsgeschichteBegriffsgeschichte; den Ideen und der Religion; der Wissenschaft und Technik; aber auch der Geschichte des eigenen Fachs. Hinzugetreten ist in den letzten Jahrzehnten die ‚KulturgeschichteKulturgeschichte‘ mit ihren vielfältigen Themen: Alter, Alltag und GenderGender; Familie und Mentalitäten, Formen der Kommunikation und Repräsentation und anderes mehr (→ Kap.4.4). Innerhalb der Alten Geschichte nahmen und nehmen zudem geographische Schwerpunktsetzungen zu, um in diesen Regionen unter Berücksichtigung aller Quellen zu möglichst dichten Beschreibungen zu gelangen: Neben der Historischen Geographie (→ Kap.4.2) hat sich vor allem die Geschichte der römischen Provinzen zu einem eigenen, eng mit den Grundlagenwissenschaften und der Archäologie verbundenen Bereich entwickelt.

Ein nicht immer überschaubares, teils wuchernd erscheinendes Wachstum hat sowohl in den 1970er-Jahren (als von der Studentenbewegung eingeforderte Reflektionsphase) als auch in den 1990er-Jahren (im Zuge organisatorischer Fragen der Wiedervereinigung, dann aber auch eines europäischen Identitätsdiskurses) zu vermehrten Bestandsaufnahmen des Fachs, Selbstreflektion und Legitimationsbemühungen geführt. Insbesondere Christian MeierMeier, Christian hat schon früh vor einer Vereinzelung und Isolierung der einzelnen Forschungsfelder als Kehrseite der hochgradigen Spezialisierung gewarnt. Sie würden eine Kommunikation selbst der Fachwissenschaftler untereinander kaum mehr ermöglichen. Forderte Meier allerdings noch eine angemessene Relation zwischen Spezialforschung und ,Ganzem‘, so ist zuletzt bereits vor einem ,zu viel‘ und einer Krise durch – zumindest falsches – Wachstum gewarnt worden: Wissenschaftlich gehe angesichts gebundener und hoch spezialisierter Kapazitäten nicht nur die gegenseitige Überprüfbarkeit verloren, sondern aufs Ganze gesehen seien auch Sinn und innerer Zusammenhang der jeweiligen Studien kaum mehr vermittelbar–oder gar herzustellen. Ziel der provozierenden Bemerkungen ist es vor allem, an die von der Geschichte zu erwartende Orientierungsfunktion zu erinnern: Denn die forschende Beschäftigung mit der Geschichte dient nicht dem Zweck, ,Lücken‘ zu füllen, sondern neben der Dokumentation ihres Materials – wie sie Kernbestand der Grundlagenwissenschaften ist – hat die Geschichtswissenschaft auf den Orientierungsbedarf der jeweiligen Gegenwart Rücksicht zu nehmen. Insoweit muss jeder seine Beschäftigung mit der Geschichte nicht nur in methodischer Hinsicht, sondern auch im Hinblick auf die Themenwahl ‚verantworten‘ können.

Nicht ohne Einfluss auf die Entwicklung von Fragestellungen ist die jeweilige organisatorische Zuordnung der Alten Geschichte an den Universitäten. Hier spiegeln sich noch heute die doppelten Wurzeln des Fachs: Die Zugehörigkeit zu einem Historischen Seminar oder einem Institut für Geschichte folgt dem universalhistorischen Ansatz und der Idee von der Einheit der Geschichte. Die gemeinsame Einbindung mit Klassischer Archäologie und PhilologiePhilologie sowie ggf. anderen, regional oder zeitlich ausdifferenzierten altertumswissenschaftlichen Fächern oder Grundlagenwissenschaften folgt dem Konzept einer umfassenden Altertumskunde. Die Studiengänge lassen jedoch im Regelfall auch unabhängig von den Organisationsstrukturen oder von räumlichen Gegebenheiten beide Formen der Annäherung an die Alte Geschichte zu, und ebenso die Kombination beider Ansätze: Hier gilt es für jeden, innerhalb der von der TraditionTradition gebahnten Möglichkeiten den eigenen Weg zu finden.

Literatur
Zur Bedeutung der Alten Geschichte:

Ch. Meier, Die Welt der Geschichte und die Provinz des Historikers, Berlin 1989.

W. Nippel (Hg.), Über das Studium der Alten Geschichte, München 1993; darin u.a.: Ch. Meier, Was soll uns heute noch Alte Geschichte? (1970), S.323–352.

E.-R. Schwinge (Hg.), Die Wissenschaften vom Altertum am Ende des 2. Jahrtausends, Stuttgart/Leipzig 1995; darin u.a.: H.-J. Gehrke, Zwischen Altertumswissenschaft und Geschichte. Zur Standortbestimmung der Alten Geschichte am Ende des 20. Jahrhunderts, S.160–195.

J. Cobet/C.F. Gethmann/D. Lau (Hgg.), Europa. Die Gegenwärtigkeit der antiken Überlieferung, Aachen 2000.

K.M. Girardet, Die Alte Geschichte der Europäer und das EuropaEuropa der Zukunft. Traditionen, Werte, Perspektiven am Beginn des 3. Jahrtausends, Saarbrücken 2001.

K.-J. Hölkeskamp u.a. (Hgg.), Sinn (in) der Antike. Orientierungssysteme, Leitbilder und Wertkonzepte im Altertum, Mainz 2003, darin u.a.: A. Winterling, Über den Sinn der Beschäftigung mit der antiken Geschichte, S.403–419.

H. Leppin, Das Erbe der Antike, München 2010.

J. Grethlein, Die Antike – das ‚nächste Fremde‘?, Heidelberg 2018.

Zur WissenschaftsgeschichteWissenschaftsgeschichte:

A. Momigliano, Wege in die Alte Welt, Berlin 1981.

P. Kuhlmann/H. Schneider (Hgg.), Geschichte der Altertumswissenschaften. Biographisches Lexikon (= DNP Suppl. 6), Stuttgart 2012.

K. Christ, Klios Wandlungen. Die deutsche Althistorie vom NeuhumanismusNeuhumanismus bis zur Gegenwart, München 2006.

K. Christ, Hellas. Griechische Geschichte und deutsche Geschichtswissenschaft, München 1999.

K. Christ, Römische Geschichte und deutsche Geschichtswissenschaft, München 1982.

St. Rebenich, Theodor Mommsen, München 2002.

V. Losemann, Nationalsozialismus und Antike. Studien zur Entwicklung des Fachs Alte Geschichte 1933–1945, Hamburg 1977.

B. Näf (Hg.), Antike und Altertumswissenschaft in der Zeit von Nationalsozialismus und Faschismus, Cambridge/Mandelbachtal 2001.

H.P. Obermayer, Deutsche Altertumswissenschaftler im amerikanischen Exil. Eine Rekonstruktion, Berlin/Boston 2014.

M. Sommer/T. Schmitt (Hgg.), Von Hannibal zu Hitler. „Rom und Karthago“ 1943 und die deutsche Altertumswissenschaft im Nationalsozialismus, Darmstadt 2019.

M. Willing, Althistorische Forschung in der DDR. Eine wissenschaftsgeschichtliche Studie zur Entwicklung der Disziplin Alte Geschichte vom Ende des 2.Weltkrieges bis zur Gegenwart (1945–1989), Berlin 1991.

I. Stark, Elisabeth Charlotte Welskopf und die Alte Geschichte in der DDR, Stuttgart 2005.

Einen Überblick zur Binnengliederung der Alten Geschichte, in dem auf knappem Raum die spezifischen Charakteristika der Epochen souverän herausgearbeitet werden, bietet:

J. Deininger, Historische Epochen: Antike, in: R. van Dülmen (Hg.), Fischer Lexikon Geschichte, Frankfurt/Main 1990, 2. Aufl. 2003, S.393–412.

Vgl. auch:

D. Timpe, Der Mythos vom Mittelmeerraum: Über die Grenzen der alten Welt, Chiron 34, 2004, 3–23.

Die Bezüge zwischen griechischer und orientalischer Kultur erörtert anhand zahlreicher anschaulicher Beispiele:

W. Burkert, Die Griechen und der Orient, München 2003.

J. Wiesehöfer, Alte Geschichte und Alter Orient oder Ein Plädoyer für die Universalgeschichte, in: R. Rollinger u.a. (Hgg.), Getrennte Wege? Kommunikation, Raum und Wahrnehmung in der Alten Welt, Frankfurt 2007, 595–616.

2 Die Quellen der Alten Geschichte und ihre Hilfs- und Nachbardisziplinen

Überblick

Die Aussagemöglichkeiten in der Alten Geschichte hängen natürlich in hohem Maße von der Art und Weise ab, wie das Material beschaffen ist, das uns über diese Zeit überhaupt informiert. Diese Informationen nun, die Quellen der Alten Geschichte, sind äußerst bunt und vielfältig: Wir besitzen literarische Texte, dokumentarische Notizen, zahlreiche Inschriften und Münzen und nicht zuletzt materielle Befunde. All diese Quellen haben eine ganz eigene Geschichte hinter sich, und sie erzählen auch jeweils ganz eigene Geschichten. Manche Quellen geben Aufschluss über die Politik- und EreignisgeschichteEreignisgeschichte, andere Quellengattungen sind besonders aussagekräftig für die Bereiche Wirtschaft, Gesellschaft und Alltag. Zugleich erfordern die unterschiedlichen Quellengattungen viel Erfahrung und Spezialkenntnisse: Was gilt es zu berücksichtigen, wenn man einen historiographischen Text untersucht? Was können uns Inschriften und Münzen über die Antike sagen, und weshalb sind die in ÄgyptenÄgypten gefundenen Papyri von ganz unschätzbarem Wert für die Geschichtswissenschaft? Das sind nur einige der Fragen, die im folgenden Kapitel zur Sprache kommen werden.

2.1 Einleitung: Quellen und Quellengattungen
2.1.1 Quellen und SekundärliteraturSekundärliteratur

Als Quellen bezeichnet man im Allgemeinen „alle Texte, Gegenstände oder Tatsachen, aus denen Kenntnis der Vergangenheit gewonnen werden kann“ (Paul KirnKirn, Paul). Quellen versteht man in diesem Zusammenhang also als Informationsquellen, die die Historiker auswerten und interpretieren müssen, wenn sie sich ein Bild über eine bestimmte Zeit verschaffen möchten. Von solchen Informationsquellen zu unterscheiden sind natürlich die Auswertungen und Interpretationen anderer; dies ist die so genannte Forschungs- oder SekundärliteraturSekundärliteratur. Die Historiker müssen bei ihrer Arbeit selbstverständlich beides berücksichtigen, doch der Dreh- und Angelpunkt, die Grundlage einer jeden historischen Untersuchung kann nur ihr Bezug zu den Quellen sein.

Wichtig ist nun, dass die Unterscheidung zwischen Quellen und SekundärliteraturSekundärliteratur nicht absolut ist, d.h., dass der jeweilige Charakter zum Beispiel eines Textes nicht für alle Zeiten festgelegt ist. Ob etwas eine QuelleQuelle ist oder aber Sekundärliteratur, dies hängt letztlich davon ab, wofür man sich interessiert, welche Fragestellung man jeweils verfolgt: Wer sich beispielsweise mit der Sozial- und WirtschaftsgeschichteWirtschaftsgeschichte der hellenistischen Welt beschäftigt, für den sind die Publikationen von Michael RostovtzeffRostovtzeff, Michael (1870–1952) aus den 1920ern bis 1940ern – auch heute noch – eine wichtige Sekundärliteratur; wer aber die Geschichte der althistorischen Forschung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts untersucht, für denjenigen ist Rostovtzeff zur Quelle geworden. Umgekehrt beschränkt sich gerade in der Alten Geschichte ein großer Teil der schriftlichen Quellen nicht darauf, nur Informationen zu liefern. Vor allem die antiken Geschichtsschreiber transportieren darüber hinaus oft auch eine Deutung und Einschätzung des Berichteten, und man muss sich klarmachen, dass sie damit im Grunde genommen nichts anderes tun als die moderne Forschung: sie interpretieren Fakten. Die Grenzen zwischen Quellen und Forschung können also fließen, und am besten bestimmt man diese Begriffe daher in Relation zueinander und zur Tätigkeit des Historikers: QUELLEN sind das, was interpretiert wird, und Forschung bzw. Sekundärliteratur ist das Ergebnis einer solchen Interpretation.

2.1.2 TraditionTradition und Überreste

Von diesen grundsätzlichen Feststellungen ausgehend hat man nun immer wieder versucht, die Quellen der Geschichtswissenschaft in Quellengattungen oder Quellenarten zu untergliedern, um so das selbst für die Antike doch recht umfangreiche Material übersichtlicher zu gestalten. Eine gängige Einteilung in diesem Zusammenhang ist die auf Johann Gustav DroysenDroysen, Johann Gustav (1808–1884) zurückgehende und von Ernst BernheimBernheim, Ernst (1850–1942) aufgegriffene Unterscheidung von TRADITIONTradition und Überresten. Gemeint ist damit der Unterschied zwischen ganz bewusst im Hinblick auf die Nachwelt ‚erzeugten‘ und überlieferten Quellen einerseits und eher ‚unabsichtlich‘ erhalten gebliebenem Material auf der anderen Seite. Ähnliches hatte Hermann BengtsonBengtson, Hermann (1909–1989) im Sinn, als er zwischen primärem (Akten-)Material (Urkunden, Briefe, Reden etc.) und sekundärer, geformter Überlieferung differenzierte, wobei auch er unter Letzterer vor allem die antike Geschichtsschreibung verstand. Hier wie dort steht der Gedanke im Mittelpunkt, dass es für die historische Interpretation wichtig ist zu wissen, in welchem Kontext eine bestimmte QuelleQuelle entstanden ist und welche Absichten hinter ihrer Überlieferung stehen könnten: War die Quelle ein Teil des Geschehens selbst, oder ist sie der Versuch, anhand von PrimärmaterialPrimärmaterial die Geschichte im Nachhinein zu rekonstruieren? Haben wir ein originales Puzzlestück vor uns, oder ein Bild, das jemand anderes für uns gezeichnet hat? Mitgedacht wird hierbei unterschwellig, dass das primäre Material, der Überrest, nicht in dem Maße täuschen will oder auch nur kann, wie man dies für Teile der Tradition nicht nur vermutet, sondern längst schon erwiesen hat.

Abb. 3

Thukydides (um 460 bis nach 400 v. Chr.), griechischer Geschichtsschreiber, hellenistische Porträtbüste Paris, Louvre

An diesem Punkt entstehen freilich Schwierigkeiten. Zwar ist die Frage, die hinter der Einteilung in TraditionTradition und Überreste bzw. Primär- und SekundärmaterialSekundärmaterial steht, für jede historische Untersuchung von zentraler Bedeutung. Zweifellos haben eine Münze, eine Inschrift oder ein auf PapyrusPapyrus überlieferter Vertrag einen ganz anderen Aussagewert und sind auch anders zu interpretieren als ein antikes Geschichtswerk wie etwa das des TacitusTacitus. Selbstverständlich müssen Historiker bei ihrer Arbeit eventuelle Überlieferungsabsichten und unterschiedliche Zeitnähe von Quellen in Rechnung stellen. Allerdings haben wir damit wohl dennoch kein taugliches Gliederungskriterium gewonnen, mit dessen Hilfe wir uns einen vernünftigen Überblick über den Gesamtbestand unserer Quellen verschaffen könnten, im Gegenteil: Es ist bei vielen Quellen nämlich nicht ganz klar, in welche der beiden Kategorien sie fallen. Ist zum Beispiel ein bestimmter Brief für die Nachwelt verfasst worden oder nicht? Hat ein erhalten gebliebenes Monument nicht auch eine Aussage, verkörpert es nicht auch ein ‚Programm‘? Noch komplizierter wird das Ganze dadurch, dass eine Sekundärquelle, wenn man sie unter einer anderen Fragestellung bearbeitet, ohne weiteres zum PrimärmaterialPrimärmaterial werden kann, ungefähr so, wie auch Forschungsliteratur unter bestimmten Aspekten Quellencharakter besitzt. Der athenische Historiker ThukydidesThukydides etwa ist für den Gegenstand, den er darstellt, für den Peloponnesischen Krieg (431–404 v. Chr.), gewiss unsere beste und wichtigste QuelleQuelle; aber er liefert hiervon eben nur eine sekundäre, geformte Rekonstruktion. Wer jedoch die klassische athenische Geschichtsschreibung selbst in den Blick nimmt und damit genau die Intentionen und Darstellungstendenzen, die im Hinblick auf eine Untersuchung des Kriegsgeschehens stören könnten, für den ist Thukydides eine unschätzbare Primärquelle! Wir sollten daher festhalten, dass die Überlegungen, die zu den Begriffspaaren ‚Tradition – Überreste‘ und ‚Primärmaterial – SekundärquellenSekundärquellen‘ geführt haben, unerlässlich sind für die Arbeit mit Quellen, die so genannte QuellenkritikQuellenkritik; als analytische Schneisen durch den Dschungel der Materialfülle eignen sie sich weniger.

2.1.3 Schriftquellen und Geschichte

Wer solche Schneisen schlagen will, der wird das Material zunächst in schriftliche und schriftlose Quellen trennen. Mit dieser ebenso einleuchtenden wie grundlegenden Unterscheidung korrespondiert die Wissenschaftskonvention, dass die ‚eigentliche‘ Geschichte erst mit der Erfindung und Verbreitung der Schrift anfängt und die schriftlose Vergangenheit des Menschen der Vor- und Frühgeschichte zuzuweisen ist. Demnach befasst sich das Universitätsfach ‚Geschichte‘ in der Regel nicht mit völlig schriftlosen Kulturen (→Kap.1.1.2). Man überlässt dies anderen, wie etwa den Prähistorikern oder den Ethnologen. Begründet wird das gerne damit, dass erst die Schrift den Beginn von HochkulturHochkultur darstelle, eine Auffassung, die freilich schon deswegen problematisch ist, weil sie strenggenommen voraussetzt, Kulturen nach höher- und minderwertig klassifizieren zu können. Das ist zwar schon oft versucht worden, und entsprechend gibt es mehrere voneinander abweichende ‚Kultur-Systematisierungen‘. Diese Ansätze haben in den letzten Jahrzehnten aber zunehmend an Überzeugungskraft eingebüßt, und es herrscht heutzutage in der Wissenschaft nicht einmal mehr darüber Einigkeit, ob eine ‚objektive‘ Klassifizierung von Kulturen überhaupt möglich ist.

Außerdem gibt es auch in der Alten Geschichte weite Bereiche, für die keine oder kaum Schriftquellen existieren. Dies betrifft bestimmte Zeiträume wie etwa die so genannten DUNKLEN JAHRHUNDERTE der griechischen Geschichte (12.–8. Jh.v. Chr.), bestimmte Gebiete an den Rändern der antiken Welt (zum Beispiel weite Teile des heutigen Deutschlands), und auch bestimmte Fragestellungen wie die Siedlungsgeschichte. Überall dort sind wir völlig oder fast völlig auf schriftloses Material, konkret auf die Erkenntnisse der Archäologie angewiesen. Deshalb darf man sich durchaus fragen, ob die oben angesprochene Arbeitsteilung zwischen (Alter) Geschichte und (prähistorischer) Archäologie nicht lediglich pragmatisch betrachtet werden sollte. Andererseits ist aber unstrittig, dass zum Beispiel Politik- und EreignisgeschichteEreignisgeschichte, IdeengeschichteIdeengeschichte (auch Details der ReligionsgeschichteReligionsgeschichte) und MentalitätsgeschichteMentalitätsgeschichte nicht oder nur unvollkommen ergründet werden können, wenn Schriftquellen ganz fehlen. Schriftliches Material vervielfacht also die Möglichkeiten der historischen Forschung, und vor diesem Hintergrund ist es vielleicht doch gerechtfertigt, die Geschichte im engeren Sinne mit der SchriftlichkeitSchriftlichkeit beginnen zu lassen.

2.1.4 Quellengattungen und Hilfswissenschaften

Bei der weiteren Untergliederung der schriftlichen und nichtschriftlichen Quellen sind mehrere Varianten denkbar. Man kann die Schriftquellen in Literaturgattungen oder Textsorten einteilen, man kann die schriftlosen Quellen danach unterscheiden, ob es sich um Kunstgegenstände handelt oder um Alltagsrealien usw. Für die folgenden Ausführungen wurde ein anderes Prinzip als Leitfaden gewählt, nämlich die Orientierung an wichtigen Hilfs- und Nachbardisziplinen, die sich im Laufe der Zeit mit den jeweiligen Quellengattungen verbunden haben und auf deren Spezialkenntnisse auch die Historiker immer wieder zurückgreifen müssen. Auf diese eher praktische Weise kann man die Quellen der Alten Geschichte unterteilen in:

1 Literarische Quellen – gemeint sind damit die durch die mittelalterliche Handschriftentradition überlieferten Texte, mit denen sich die Latinistik und die Gräzistik beschäftigen;

2 Inschriften, mit denen sich die Epigraphik befasst;

3 auf PapyrusPapyrus überlieferte Texte, die von der Papyrologie bearbeitet werden;

4 Münzen, um die sich die Numismatik kümmert, und

5 die materielle Hinterlassenschaft, die der Gegenstand der verschiedenen archäologischen Fächer ist.

Literatur

H. Bengtson, Einführung in die Alte Geschichte, 8. Aufl., München 1979.

E. Bernheim, Einleitung in die Geschichtswissenschaft, ND Leipzig 1912.

J.G. Droysen, Historik: Vorlesungen über Enzyklopädie und Methodologie der Geschichte, hg. von P. Leyh und H.W. Blanke, Stuttgart 1977ff. (Erstveröffentlichung: „Grundriß der Historik“, 1858).

P. Kirn/J. Leuschner, Einführung in die Geschichtswissenschaft, 6. Aufl., Berlin/New York 1972.

K. Meister, Einführung in die Interpretation historischer Quellen. Schwerpunkt: Antike, 2 Bde., Paderborn u.a. 1997–99.

2.2 Literarische Quellen – die Philologien
2.2.1 Die Handschriftenüberlieferung

Nur ein Bruchteil der griechischen und lateinischen Literatur des Altertums existiert heute noch. Wie die genauen Zahlen aussehen, ist ungewiss. Manfred FuhrmannFuhrmann, Manfred geht beispielsweise davon aus, „dass nicht einmal ein Hundertstel der römischen Literatur – der lateinischen Werke also, die in dem halben Jahrtausend von etwa 250 v. Chr. bis 250 n. Chr. entstanden sind – erhalten blieb“. Diese Schätzung ist vielleicht zu pessimistisch, und für die antike griechische Literatur oder die lateinische Literatur der Zeit nach 250 n. Chr. mögen die Verhältnisse teilweise etwas besser aussehen. Dennoch ist unbestreitbar, dass in der Tat der Löwenanteil des antiken Schrifttums – höchstwahrscheinlich für immer – verloren gegangen ist. Dies ergibt sich schon daraus, dass in den erhalten gebliebenen antiken Schriften sowie in späteren EXZERPTEN und Katalogen eine Vielzahl von Autoren und Werken erwähnt werden, die eben nicht überliefert wurden. Dabei trat ein Teil der Verluste bereits in der Antike selbst auf, doch die meisten Fäden rissen – im Osten wie im Westen – erst im 7. und 8. nachchristlichen Jahrhundert ab.

Abb. 4

Handschrift auf Papyrus in jüngerer römischer Kursive aus dem 4. Jh. n. Chr., gefunden in Ägypten

Die auf uns gekommene antike Literatur wurde größtenteils in Klöstern durch die Jahrhunderte des Mittelalters hindurch handschriftlich tradiert. Als man dann in der frühen Neuzeit begann, sich für diese Texte wieder stärker zu interessieren, stellte man fest, dass verschiedene Handschriften ein und desselben Werkes mitunter voneinander abweichen konnten. Das ständige Abschreiben hatte im Laufe der Zeit also zu zahlreichen Fehlern geführt, und darüber hinaus war es offenbar auch zu anderen Veränderungen des ursprünglichen Wortlautes gekommen, wie z.B. zu Anmerkungen, INTERPOLATIONEN oder gar irrtümlichen ‚Verbesserungen‘ der Kopisten. All dieses bezeichnet man als KORRUPTELEN, d.h. als verderbte Textstellen. Die Konsequenz aus dieser Beobachtung musste daher sein, durch genaue Handschriftenvergleiche (KOLLATIONKollation) und darauf aufbauende Überlegungen einen ‚Urtext‘ zu erschließen. Dieses Bemühen, die so genannte TextkritikTextkritik, die sich besonders seit dem 15.Jahrhundert erkennen lässt, war letztlich die Geburtsstunde der Klassischen PhilologiePhilologie. Nach reflektierten methodischen Regeln, und damit als Wissenschaft betrieben, wird die Klassische Philologie freilich erst seit dem 19.Jahrhundert; damals verfestigte sich im Zuge der allgemeinen akademischen Institutionalisierung auch ihre Aufspaltung in die beiden sprachlichen Teilbereiche der Gräzistik und der Latinistik.

2.2.2 Die wissenschaftliche TextkritikTextkritik

Die wissenschaftliche TEXTKRITIKTextkritik nun hat noch heute ihren festen Platz in diesen Fächern. Dabei geht es, wie gesagt, darum, zu einem möglichst originalgetreuen Text eines antiken Werkes zu gelangen. Der erste Arbeitsschritt, der in diesem Zusammenhang zu leisten ist, besteht darin, alle Handschriften, in denen ein Werk überliefert ist, zusammenzutragen (HEURISTIKHeuristik). Falls es daneben Zitate aus dem betreffenden Werk bei anderen antiken, seltener bei mittelalterlichen Autoren gibt, müssen selbstverständlich auch diese – als sehr alte Textversionen – berücksichtigt werden. Diese werden als TESTIMONIEN bezeichnet. Im Einzelfall mag es ferner notwendig sein, frühe Drucke hinzuzuziehen, wenn diese noch auf mittlerweile verschollene oder nicht mehr gut lesbare Handschriften zugreifen konnten. Bei manchen Werken wiederum, die in einer sehr großen Zahl von MANUSKRIPTEN vorliegen (so gibt es etwa über eintausend Vergilhandschriften), zwingt die Arbeitsökonomie dazu, in einer sehr groben Sichtung die Masse der jüngeren Handschriften auszuscheiden und sich ganz auf die alten Versionen zu konzentrieren. Danach gilt es, aus den auf diese Weise gesicherten Überlieferungsvarianten einen ‚Handschriftenstammbaum‘, ein so genanntes STEMMAStemma, aufzustellen (→ Abb. 5). Dies geschieht dadurch, dass die einzelnen Handschriften in Gruppen eingeteilt werden, die dieselben Fehler enthalten bzw. bei denen man anhand der Fehler erkennen kann, wie sie sich auseinanderentwickelt haben. Das Resultat dieser Rekonstruktion der Überlieferungsgeschichte ist im Idealfall eine – unter Umständen aber immer noch mit Fehlern behaftete – hypothetisch erschlossene älteste Überlieferungsversion, der so genannte ARCHETYPUSArchetypus. Von diesem Ausgangspunkt wird dann, gegebenenfalls mithilfe von Testimonien, der Text hergestellt (RECENSIORecensio). Hierbei kommt es immer wieder vor, dass verschiedene gleichrangige Textvarianten (Lesarten) gegeneinander abgewogen werden müssen. In diesem Zusammenhang ist üblicherweise der Grundsatz leitend, dass die schwierigere Lesart vorzuziehen ist, da es sich bei ihr, angesichts der Vereinfachungstendenzen in der Überlieferung, wahrscheinlich um die ursprünglichere handelt (lectio difficilior potior). Ferner gibt es in beinahe jedem aus dem Altertum stammenden Text Stellen, die aus sprachlichen oder sachlichen Gründen, obwohl sie eindeutig überliefert sind, als Fehler identifiziert und verbessert werden (EMENDATIONEmendation/ KONJEKTURKonjektur).

Abb. 5

Stemma der Handschriften des Lukrez von K. Lachmann (1850)

2.2.3 Die kritische EditionEdition

Am Ende der TextkritikTextkritik steht schließlich ein griechischer oder lateinischer Text, der den Kern der ein- oder zweisprachigen modernen EDITIONEN bildet, die heutzutage benutzt werden. Entscheidend ist nun, dass dieser Text – wie aus den obigen Erläuterungen klar hervorgeht – nicht unbedingt mit dem antiken Original identisch sein muss. Es handelt sich vielmehr lediglich um ein Produkt, das nach der mehr oder weniger gut begründeten Meinung des Herausgebenden dem Original so nahe wie möglich kommt. Mit anderen Worten: Der durch die philologisch-kritische MethodeMethode etablierte Text ist eine Interpretation, und er muss daher – auch dies ist ein Gebot der WissenschaftlichkeitWissenschaftlichkeit – als solche gekennzeichnet werden. Es kann nämlich immer der Fall eintreten, dass neue Erkenntnisse oder inhaltliche Erwägungen zum Beispiel eine EmendationEmendation hinfällig machen oder eine vom Herausgebenden nicht berücksichtigte Lesart als sinnvoller erscheinen lassen. Derartige neue Gesichtspunkte können etwa ein neuer Textfund sein, oder ein in der EditionEdition noch abgelehnter Sinnzusammenhang, der aber durch neuere Forschungen plausibler wird. Um hier die philologische Forschung nicht zu behindern, ist es erforderlich, dass der Herausgebende eines Textes seine Optionen und Entscheidungen bei der Textherstellung offenlegt und für jeden nachvollziehbar darstellt. Editionen, die dies gewährleisten, nennt man wissenschaftliche oder kritische Textausgaben. Sie zeichnen sich aus durch eine Einleitung, die die textkritische Arbeit und deren Ergebnisse (vor allem das StemmaStemma) beschreibt, und sie verfügen über einen so genannten textkritischen APPARAT (hinzukommen kann ein Testimonienapparat u.ä.), in dem entweder alle Lesarten zu den verschieden überlieferten Stellen präsentiert werden (positiver Apparat), oder aber nur die von der in der Edition abgedruckten Variante abweichenden Lesarten (negativer Apparat).

Abb. 6

Verzeichnis der benutzten Handschriften aus der kritischen Edition der vier Reden Ciceros gegen Catilina

Abb. 7

Seite aus der kritischen Edition der vier Reden Ciceros gegen Catilina

Der genaue Wortlaut einer QuelleQuelle (in der Originalsprache!) und, damit verbunden, das Wissen um Abweichungen in der Überlieferung sind nun aber auch für die historische Interpretation von zentraler Bedeutung. Gerade Historiker müssen Bedeutungsnuancen erfassen oder Schlüsselbegriffe und deren Kontext erkennen können. Deswegen ist es für sie wichtig zu wissen, was an einer bestimmten Textstelle im Original gestanden hat oder gestanden haben kann. Manchmal, etwa bei geographischen oder politischen Namen, geht es schlicht darum, korrekt informiert zu sein: Ist die Stelle Cassius Dio 77,13,4 zum Jahr 213 n. Chr. tatsächlich, wie man lange gesagt hat, die früheste Erwähnung des Stammes der AlamannenAlamannen? Ein Blick in die EditionEdition von Boissevain (III 388ff.) klärt darüber auf, dass der Alamannenname hier später eingefügt wurde – das allerdings bedeutet, dass es die Alamannen zu Dios Zeiten möglicherweise noch gar nicht gab, oder sie zumindest noch nicht in den Gesichtskreis der Römer getreten waren. Dieses und ähnliche Beispiele zeigen deutlich: Althistoriker müssen vielleicht nicht gleichzeitig klassische Philologen sein; sie müssen aber in der Lage sein, die griechischen und lateinischen Quellen im Original zu verstehen und mit den Ergebnissen der philologischen Forschung zu arbeiten.

2.2.4 Literaturgattungen und TopikTopik

Ein anderer Zweig der philologischen Studien ist die Literaturwissenschaft. Dazu gehört es, das literarische Schrifttum, also alle Werke, die für ein breiteres Publikum und mit einem gewissen ästhetischen Anspruch verfasst worden sind, in Literaturgattungen einzuteilen. Dies kann nach formalen oder inhaltlichen Kriterien oder einer Kombination von beidem geschehen; gängig ist beispielsweise die Unterscheidung der literarischen Werke in DichtungDichtung und Prosa. Wichtig für die Alte Geschichte ist, dass schon in der Antike über Literaturgattungen nachgedacht wurde und dass in diesem Zusammenhang zum Teil gattungsspezifische Regeln für Stil und Inhalt literarischer Werke formuliert wurden. Daraus ergibt sich, dass manches, was ein Autor schrieb, nur dem Bedürfnis geschuldet war, solchen Gattungsgesetzen zu entsprechen. Dieser Mechanismus konnte im Übrigen auch unreflektiert allein dadurch ablaufen, dass sich ein Autor sehr eng an ein berühmtes literarisches Vorbild anlehnte, eine im Altertum sehr häufige Konstellation. Man bezeichnet solche literarischen Gemeinplätze, die im Rahmen eines bestimmten Genres unbedingt ‚bedient‘ werden mussten, als TOPOI. Häufig meint dieser Begriff jedoch eher die Übertragung auch der Inhalte einer Aussage in ein anderes Werk oder einen anderen Kontext. Manche derartigen Topoi ziehen sich als Wandermotive durch die gesamte antike Literatur. Vor diesem Hintergrund muss bei der historischen Auswertung einer QuelleQuelle natürlich auch auf eventuelle topische Bezüge sorgfältig geachtet werden.

Die Interpretation von Texten unter gattungstheoretischen Vorzeichen muss allerdings dort ihre Grenzen finden, wo sie, ohne hinreichend gerechtfertigt zu sein, eine unbefangene Deutung erschwert. Das Paradebeispiel hierfür sind die homerischen Epen, die Ilias und die Odyssee. Beide Gedichte wurden traditionellerweise als HeldendichtungHeldendichtung eingeordnet und vor allem mit mittelalterlichen Heldensagen wie etwa dem NibelungenliedNibelungenlied verglichen. Vor diesem Hintergrund deutete man dann die bei HomerHomer geschilderte Gesellschaft, in der beinahe nur von heldenhaften Gestalten gesprochen wird, als die aus gattungsspezifischen Gründen in den Vordergrund gerückte aristokratische Hälfte einer zweigeteilten realen Gesellschaft: In Heldengedichten sei, so die Einschätzung der älteren Forschung, eben nur von Helden die Rede, und nicht von ihren Dienern und Knechten. So, wie es Diener und Knechte in der gesellschaftlichen Wirklichkeit der Völkerwanderungszeit (in der das Nibelungenlied entstand) aber nachweislich gegeben habe, so dürfe man auch von der Existenz einer Unterschicht in homerischer Zeit ausgehen – nur könne man diese in den Gedichten nicht richtig greifen. Diese Ansicht ist problematisch, denn sie lässt außer Acht, dass die homerischen Gedichte gewissermaßen am Beginn der antiken Literatur stehen, dass wir über ihre Entstehung wenig wissen, und dass es daher methodisch nicht zulässig ist, Elemente, die in späteren Werken der Gattungstradition verpflichtet sind, auch schon für Ilias und Odyssee als solche Gemeinplätze aufzufassen. Dies ist zwar denkbar, aber kaum schlüssig zu begründen, und das heißt für die homerische Gesellschaft, dass es sich bei ihr ebenso gut um eine Art ‚Leistungsgesellschaft‘ gehandelt haben kann, in der die ‚ritterliche Ethik‘ allen Mitgliedern der Gemeinschaft offenstand, und nicht nur einem ‚Adel‘.

2.2.5 Die antike Geschichtsschreibung

Schriftquellen sind also, obwohl sie, wie eingangs betont, unsere Erkenntnismöglichkeiten über die Vergangenheit ungeheuer erweitern, zumeist nicht einfach zu interpretieren, sie eröffnen im Gegenteil häufig Schwierigkeiten eigener Art. Eine Sonderstellung nehmen dabei NARRATIVE Texte ein. Einerseits handelt es sich bei ihnen zweifellos um besonders wertvolle Quellen, denn sie sind die einzigen Texte, die uns die für das geschichtliche Verständnis so wichtigen Ereigniszusammenhänge liefern. Auf der anderen Seite aber ist bei der Auswertung erzählender Quellen auch besondere Vorsicht geboten. Oft ist nämlich schon die bloße Herstellung eines Ereigniszusammenhanges bereits eine Interpretation, und viele narrative Zeugnisse transportieren bekanntlich weit darüberhinausgehende Deutungen und Wertungen. Diese vorgegebenen Muster sind freilich fast nie die einzige Art und Weise, wie man die berichteten Fakten sehen kann, und deswegen dürfen Historiker nicht der großen Versuchung erliegen, sie einfach ungeprüft zu übernehmen.

Man muss daher stets nach den Darstellungsabsichten eines Autors fragen. Am deutlichsten wird dies wohl bei der antiken HISTORIOGRAPHIE, also der Geschichtsschreibung im engeren Sinne, die im 5.Jahrhundert v. Chr. in Griechenland einsetzte. Zwar gab es schon zuvor sowohl im griechischen Bereich als auch anderswo erzählerische Darstellungen der Vergangenheit, etwa die homerischen EPEN, oder, um ein Beispiel außerhalb des griechischen Kulturkreises zu nennen, Teile des Alten Testamentes. Erst bei HerodotHerodot von Halikarnassos aber (ca. 485–425 v. Chr.), den schon CiceroCicero für den „Vater der Geschichtsschreibung“ hielt (De legibus I 1,5), findet man jene kritisch-rationale Distanz zum historischen Gegenstand, durch die man – damals wie heute – die eigentliche Geschichtsschreibung gekennzeichnet sieht. Dabei war Herodot, der sich mit den Perserkriegen (490–479 v. Chr.) und ihrer Vorgeschichte befasste, der Ansicht, er müsse, obwohl er längst nicht alles glauben könne, trotzdem alle Geschichten aufschreiben, die man sich erzähle (Herodot 7,152). Diese Auffassung hat ihm später den Vorwurf eingetragen, leichtgläubig und geschwätzig zu sein (z.B. bei Aulus GelliusAulus Gellius 3,10,11), und bereits der nicht minder berühmte Fortsetzer Herodots, ThukydidesThukydides von AthenAthen (ca. 460–400 v. Chr.), hat seinen Vorgänger – wenn auch ohne ihn namentlich zu nennen – herb kritisiert (Thukydides 1,20–22). Thukydides setzte dem herodoteischen Vorgehen das erklärte Ziel entgegen, durch genaue Überprüfung und Erforschung des Vergangenen die Wahrheit herauszufinden und nur diese dann auch zu präsentieren. Damit formulierte er im Grunde genommen als erster ausdrücklich die Forderung, dass Historiker ihre Quellen kritisch gewichten müssen. Thukydides ist folglich in gewissem Sinne der Vater der QuellenkritikQuellenkritik, und für diesen methodischen Anspruch hat man ihn in der Regel dem Herodot als Historiker vorgezogen. In diesem Zusammenhang hat Wilfried NippelNippel, Wilfried vor einigen Jahren allerdings daran erinnert, dass Herodot, indem er seine Quellen – und dadurch die Grundlage seiner Interpretationen – nennt und dem Leser so zur Überprüfung zugänglich macht, eigentlich viel eher dem modernen Verständnis von WissenschaftlichkeitWissenschaftlichkeit als Transparenz in der Darstellung entspricht als Thukydides, der die von ihm verworfenen Zeugnisse zumeist nicht erwähnt und auf diese Weise eine nachträgliche Revision seiner Ergebnisse mindestens erschwert.

Abb. 8

Der griechische Geschichtsschreiber Herodot, römische Kopie eines griechischen Originals des 4. Jhs. v. Chr. Neapel, Museo Nazionale Archeologico

Gleichwohl kann die gewiss berechtigte Rehabilitierung Herodots den Rang des ThukydidesThukydides als Historiker in keiner Weise schmälern. Thukydides hat mit seiner Geschichte des Peloponnesischen Krieges (431–404 v. Chr.) nicht nur den historischen Gegenstand, den er beschrieb, eigentlich erst selbst erschaffen, als er eine Reihe von Einzelkonflikten in seinem Werk unter diesem Namen als geschichtliche Einheit zusammenfasste. Dadurch, dass er sich, anders als HerodotHerodot, auch sehr stringent auf diesen seinen Gegenstand beschränkte, gilt Thukydides des Weiteren als der Schöpfer der historischen MONOGRAPHIEMonographie. Darüber hinaus begründete er durch sein bewusstes Anknüpfen an den Zeitpunkt, an dem Herodot sein Werk enden ließ, eine seither in der antiken Historiographie häufiger geübte Praxis, nämlich die Selbsteinordnung in eine historia perpetua, eine kontinuierliche Geschichtsdarstellung.

2.2.6 Formen der Geschichtsschreibung und QuellenkritikQuellenkritik

Von der historischen MonographieMonographie, die sich auf ein ganz bestimmtes Thema konzentriert, kann man die so genannte UNIVERSALGESCHICHTEUniversalgeschichte unterscheiden, in der versucht wird, die bekannte Geschichte umfassend abzuhandeln, und von dieser wiederum lässt sich die Lokalgeschichte abgrenzen, deren Horizont entsprechend bescheidener ist. Eine Besonderheit der römischen Historiographie, die sich seit ungefähr 200 v. Chr. entwickelte, ist die so genannte ANNALISTISCHE Darstellungsweise, die sich an eine jahrweise Stoffgliederung anlehnt. All diese verschiedenen ‚Arten‘ der antiken Geschichtsschreibung sind freilich im Grundsatz von Althistorikern gleich zu behandeln: Man muss aus den oben benannten Gründen zunächst die Intentionen eines Autors klären und von dort aus mögliche Bezüge zwischen seinen Absichten und dem Inhalt seiner Darstellung, also Verbindungen zwischen Autor und Werk herstellen. Zu diesem Zweck ist es natürlich ebenso notwendig, sich über die Lebensumstände des jeweiligen Autors zu informieren, da nicht zuletzt diese ihn auch in seinen historiographischen Zielsetzungen prägen können. Dafür stehen im Bereich der Alten Geschichte mehrere handliche Referenzwerke zur Verfügung (→S.63f. und 125), und wer diese konsultiert, wird bei nicht wenigen griechischen und römischen Geschichtsschreibern feststellen, dass sie oft erheblich später, teilweise sogar Jahrhunderte nach den von ihnen behandelten Ereignissen gelebt haben.

2.2.7 QuellenkritikQuellenkritik und ‚Quellenforschung‘

Diese Beobachtung wirft eine weitere Kardinalfrage der QuellenkritikQuellenkritik auf: Woher konnte der Autor überhaupt das wissen, was er uns berichtet? Im Idealfall führt diese Frage zu älteren, den geschilderten Ereignissen näherstehenden Historikern, am Ende vielleicht gar zu Zeitzeugen des Geschehens. Solche Werke sind jedoch oft nicht mehr – oder zumindest nicht mehr vollständig – erhalten: Zum Beispiel wurde das monumentale Werk des Titus LiviusLivius (59 v. Chr.–17 n. Chr.), in dem er die Geschichte Roms von der Gründung der Stadt bis in das Jahr 9 v. Chr. behandelte, so stilbildend und erfolgreich, dass ein Großteil der von ihm verarbeiteten älteren römischen Geschichtsschreibung verloren ging. Hier gilt es nun, die Zuverlässigkeit der jeweiligen Gewährsmänner abzuschätzen, und zwar ebenfalls auf der Grundlage dessen, was man über Leben und Werk der betreffenden Personen in Erfahrung bringen kann. Allerdings sollte diese Art von Quellenforschung nicht zu schematisch vonstatten gehen. Es ist nämlich oft nicht klar, wie viel ein späterer Autor an einer bestimmten Stelle von einem älteren Werk unverändert übernommen hat, und in welchem Ausmaß eigene Umarbeitung vorliegt. Gerade bei Livius hatte eine auf die Spitze getriebene Suche nach den ‚Quellen der QuelleQuelle‘ in der Vergangenheit sogar zur Folge, dass die wesentlichen Fragen aus dem Blick zu geraten drohten: „Allzu oft konzentrierte sich das Bemühen darauf, einzelne Passagen (…) einer bestimmten Vorlage zuzuweisen, wobei das Ergebnis wegen der Schattenhaftigkeit der Vorgänger des Livius in vielen Fällen eine bloße Etikettierung war, ohne ersichtliche Relevanz für die Erforschung der geschichtlichen Ereignisse“ (J. v. Ungern-Sternberg).

Quellenforschung als Selbstzweck, das zeigt sich an diesemBeispiel, führt die Geschichtswissenschaft also eher in eine Sackgasse. Dabei kann die Antwort auf die Frage, ob unsere Quellen wirklich wissen, was sie zu wissen vorgeben, durchaus auch negativ ausfallen. Insbesondere die Berichte über die frühe römische Geschichte bis etwa 350/300 v. Chr. stehen unter dem Generalverdacht, fast völlig frei erfunden zu sein. Ein deutlicher Hinweis auf derartige Geschichtskonstruktionen sind so genannte Doubletten, d.h. beinahe identische Schilderungen verschiedener Ereignisse, sei es in ein und demselben Werk, sei es in verschiedenen Geschichtswerken. Es ist kein Zufall, dass Doubletten gerade in der frührömischen Geschichte häufig vorkommen. Schon LiviusLivius selbst konnte es seinen Vorlagen nicht glauben, dass sowohl die Latiner 340 v. Chr., als auch die Campaner 216 v. Chr. von den Römern angeblich gefordert haben, in Zukunft einen der beiden Konsuln stellen zu dürfen. Er hielt freilich die spätere Forderung für die Imitation der früheren (Livius 23,6,6–8; vgl. Livius 8,5,5), eine Annahme, die nicht unbedingt der historischen Wahrscheinlichkeit entspricht: Man wird bei der Beurteilung der Historizität von Doubletten vielmehr entweder das Erzählmuster insgesamt für eine Fiktion halten oder davon ausgehen, dass eher das ältere Ereignis einem realen jüngeren nachgebildet wurde als umgekehrt. Denn im Grundsatz ging es den römischen Geschichtsschreibern natürlich darum, Wissenslücken in der Frühzeit mit Material aus der besser belegten späteren Periode zu stopfen.

2.2.8 Die antike Biographie

Vergleichbar mit der Geschichtsschreibung im engeren Sinne, und als Quellengattung dementsprechend fast so wichtig wie diese, ist die antike BIOGRAPHIE. Auch Lebensbeschreibungen informieren nämlich, der Natur der Sache folgend, über Ereigniszusammenhänge, und selbstredend sind auch hier die oben erwähnten quellenkritischen Überlegungen anzustellen. Es gibt aber ebenso Unterschiede zwischen Historiographie und Biographie: In antiken Lebensbeschreibungen geht es in erster Linie um Charaktereigenschaften der skizzierten Person, d.h. vor allem um deren Tugenden und deren Laster. Tugenden und Laster offenbaren sich jedoch nach antiker Meinung seltener in geschichtlich bedeutsamen Ereignissen, sondern zumeist in scheinbar unwichtigen Situationen. Beinahe programmatisch formuliert hat dies PlutarchPlutarch von Chaironeia (ca. 46–120 n. Chr.), der wohl berühmteste Biograph des Altertums, der auch heute noch bekannt ist durch seine fast vollständig erhalten gebliebenen Parallelbiographien, in denen er große Griechen und Römer miteinander verglichen hat (wir besitzen noch elf von ursprünglich zwölf Biographiepaaren).

Quelle

Im ersten Kapitel seiner Alexandervita äußert sich PlutarchPlutarch zu seiner Arbeitsweise:

„Wenn ich in diesem Buch das Leben des Königs Alexander und das des Caesar, von dem Pompeius bezwungen wurde, darzustellen unternehme, so will ich wegen der Fülle des vorliegenden Tatsachenmaterials vorweg nichts anderes bemerken als die Leser bitten, wenn ich nicht alles und nicht jede der vielgerühmten Taten in aller Ausführlichkeit erzähle, sondern das meiste kurz zusammenfasse, mir deswegen keinen Vorwurf zu machen. Denn ich schreibe nicht Geschichte, sondern zeichne Lebensbilder, und hervorragende Tüchtigkeit und Verworfenheit offenbart sich nicht durchaus in den aufsehenerregendsten Taten, sondern oft wirft ein geringfügiger Vorgang, ein Wort oder ein Scherz ein bezeichnenderes Licht auf einen Charakter als Schlachten mit Tausenden von Toten und die größten Heeresaufgebote und Belagerungen von Städten.“ (PlutarchPlutarch, Alexander 1,1f.; Übersetzung K. Ziegler).

Das aber heißt nun, dass in antiken Biographien manches, das dem historisch Forschenden relevant erschienen wäre, unter Umständen gar nicht oder aber nicht gebührend berücksichtigt wird. Hinzu kommt, dass die Orientierung am Charakter bisweilen auch die Gliederung von Lebensbeschreibungen bestimmt, was dazu führen kann, dass der behandelte Stoff nicht immer streng chronologisch angeordnet ist. Dies ist beispielsweise der Fall bei SuetonSueton (mit vollem Namen: Gaius Suetonius Tranquillus, etwa 75–150 n. Chr.), der die Viten der römischen Herrscher von Caesar bis DomitianDomitian darstellte (100 v. Chr.–96 n. Chr.). Trotzdem bieten sowohl Sueton als auch PlutarchPlutarch einen im Grundsatz verlässlichen Faktenrahmen, und ihre Werke – wie auch andere Biographien – erweisen sich darüber hinaus immer wieder als unschätzbare Fundgrube für Informationen zu fast allen antiken Lebensbereichen.

2.2.9 Andere Literaturgattungen: Fachschriften, DichtungDichtung, Reden und Briefe

In diesem Sinne liefern noch zahlreiche andere antike Schriften eine unentbehrliche Ergänzung zur reinen EreignisgeschichteEreignisgeschichte, so zum Beispiel die einschlägige Fachliteratur aus vielerlei Wissensgebieten. Zu denken ist hierbei nicht nur an die großen Philosophen wie PlatonPlaton (427–347 v. Chr.) und AristotelesAristoteles (384–322 v. Chr.), oder an medizinische Schriften wie das so genannte Corpus HippocraticumCorpus Hippocraticum (4. Jh. v. Chr.). Von großem historischem Interesse sind auch geographische oder – im weitesten Sinne – naturwissenschaftliche Werke wie die Erdbeschreibung Strabons (ca. 63 v.–19 n. Chr.) oder die „Naturgeschichte“ des älteren Plinius (Gaius Plinius Secundus, 23–79 n. Chr.). Speziell für die WirtschaftsgeschichteWirtschaftsgeschichte wichtig sind etwa die Werke der Agrarschriftsteller CatoCato der Ältere (Marcus Porcius Cato, ca. 234–149 v. Chr.) und ColumellaColumella (Lucius Iunius Moderatus Columella, 1. Jh. n. Chr.), und in den Bereich der Völkerkunde fällt die berühmte Germania des kaiserzeitlichen Historikers TacitusTacitus (Cornelius Tacitus, um 55–120 n. Chr.), die vielleicht nicht so sehr über GermanienGermanien selbst Aufschluss gibt als vielmehr über die ETHNOGRAPHISCHEN Vorstellungen der Römer. Nicht zu vergessen ist in diesem Zusammenhang schließlich die juristische Fachliteratur, die wertvolle Einblicke in die gesellschaftliche Realität des Imperium Romanum besonders im 2. und 3. nachchristlichen Jahrhundert gewährt (Gaius, 2. Jh. n. Chr.; Papinian und Ulpian, beide um 200 n. Chr.).

Man sieht, dass es die Fragestellungen sind, die eine bestimmte Literaturgattung auskunftsfreudig erscheinen lassen. Nicht zuletzt gilt dies für die antike DichtungDichtung. Von der Bedeutung der homerischen Epen (8. Jh. v. Chr.) für die Kenntnis der frühgriechischen Gesellschaftsstrukturen war oben bereits die Rede; ähnliches trifft zu für die „Werke und Tage“ des HesiodHesiod von Askra in Böotien (um 700 v. Chr.), ein längeres Gedicht, in dem er seinen harten Alltag als kleiner Bauer schildert, der stets am Rande der Not lebt. Wieder andere Aspekte des täglichen Lebens werden in Komödien wie denen des AristophanesAristophanes beleuchtet (446–388 v. Chr.), und selbst den Tragödien, die üblicherweise eher ‚zeitlose‘ Probleme im mythologischen Gewand behandeln, kann eine gewisse ‚Aktualität‘ nicht abgesprochen werden: Immerhin haben Dramatiker wie AischylosAischylos (ca. 525–456 v. Chr.), SophoklesSophokles (496–406 v. Chr.) und EuripidesEuripides (480–406 v. Chr.) ihre Stücke für Wettbewerbe gedichtet, und es ist daher gewiss nicht übertrieben anzunehmen, dass sie damit einen ‚Zeitgeschmack‘ berühren wollten. Vor diesem Hintergrund aber lässt sich auch kürzeren Gedichten noch manches abgewinnen, denn auch sie repräsentieren zweifellos einen historischen Diskurs, ob man nun an die frühgriechische LyrikLyrik eines TyrtaiosTyrtaios (650 v. Chr.?), AlkaiosAlkaios (ca. 630 v. Chr.) oder SolonSolon (um 640–560 v. Chr.) denkt, oder an die kaiserzeitlichen Satiren eines JuvenalJuvenal (Decimus Iunius Iuvenalis, 58–130 n. Chr.).

Abb. 9

Marcus Tullius CiceroCicero, römische Porträtbüste, Florenz, Uffizien

Ein letzter großer Bereich antiker Literatur sind schließlich die Reden, Flugschriften und Briefe. Teilweise gehören diese Texte zu dem, was Hermann BengtsonBengtson, Hermann als „primäres Material“ bezeichnet hat (→S.44f.). Manches war freilich von vorneherein zur Veröffentlichung gedacht, so etwa die Briefe des jüngeren Plinius (Gaius Plinius Caecilius Secundus, ca. 61–112 n. Chr.), und auch die eine oder andere Rede ist ein reines literarisches Kunstprodukt und nie tatsächlich gehalten worden. Bei den übrigen Reden darf man wohl davon ausgehen, dass sie zumindest nicht in der Form vorgetragen wurden, in der sie überliefert sind. In der Regel besitzen wir nur eine spätere, für die Publikation überarbeitete Version, und diese kann vom Original natürlich erheblich abweichen. All dies gilt es zu berücksichtigen im Umgang mit solchen Erzeugnissen der antiken RHETORIKRhetorik. Gleichwohl liefern sie häufig Informationen aus erster Hand. Gerade die Zeitnähe vieler Reden und Briefe kann allerdings zur Folge haben, dass ihr Inhalt parteiisch und absichtlich subjektiv ist – dies zeigt sich beispielsweise bei den beiden berühmten Athenern IsokratesIsokrates (436–338 v. Chr.) und DemosthenesDemosthenes (384–322 v. Chr.), die uneins waren über die Frage, wie man es mit Philipp II. von MakedonienPhilippII. von Makedonien halten solle. Dies zeigt sich auch in aller Deutlichkeit in vielen Briefen und Reden Ciceros (Marcus Tullius CiceroCicero, 106–43 v. Chr.), die ein beredtes Zeugnis darüber ablegen, wie dieser in der turbulenten Endphase der römischen Republik gleich mehrmals die politischen Seiten gewechselt hat.

2.2.10 Einzelstelle und gesamtes Werk

Reden und Briefe, aber auch DichtungDichtung oder Fachschriften sind also in vielerlei Hinsicht als Quellen fruchtbar zu machen. Freilich werden Althistoriker auf den Ereigniszusammenhang, den narrative Texte – und das heißt hauptsächlich Historiographie und Biographie – stiften, nicht ganz verzichten können. Abschließend sei in diesem Zusammenhang noch auf Folgendes hingewiesen: Wichtig im Umgang mit antiker Literatur jedweder Art ist – und dies sollten die vorstehenden Darlegungen klar gemacht haben –, dass man stets den Autor einer Quellenstelle und das gesamte Werk im Blick behält, selbst wenn man eine Fragestellung bearbeitet, für die bloß ein kleiner Abschnitt daraus interessant ist. Nur wer sich an diese Vorsichtsmaßregel hält, vermeidet es, Darstellungsabsichten oder topische Bezüge zu übersehen und dadurch die Stimmigkeit der eigenen Interpretation zu gefährden.

Literatur
Einführungen:

M. Landfester (Hg.), Geschichte der antiken Texte: Autoren- und Werklexikon (= DNP Suppl. 2), Stuttgart 2007.

J. Bernays, Geschichte der klassischen PhilologiePhilologie, Hildesheim/Zürich 2008.

H.-G. Nesselrath (Hg.), Einleitung in die griechische PhilologiePhilologie, Stuttgart/Leipzig 1997.

F. Graf (Hg.), Einleitung in die lateinische PhilologiePhilologie, Stuttgart/Leipzig 1997.

P. Riemer/M. Weißenberger/B. Zimmermann, Einführung in das Studium der Gräzistik, München 2000.

P. Riemer/M. Weißenberger/B. Zimmermann, Einführung in das Studium der Latinistik, München 1998.

E. Pöhlmann, Einführung in die Überlieferungsgeschichte und in die Textkritik der antiken Literatur, 2 Bde., Darmstadt 1994/2003.

Literaturgeschichte, griechisch und römisch:

A. Dihle, Griechische Literaturgeschichte, 2. Aufl., Darmstadt 1991.

B. Zimmermann/A. Schlichtmann (Hgg.), Handbuch der griechischen Literatur der Antike, Bd.1: Archaische und klassische Zeit, HdA VII 1, München 2011.

B. Zimmermann/A. Rengakos (Hgg.), Handbuch der griechischen Literatur der Antike, Bd.2: Die Literatur der klassischen und hellenistischen Zeit, HdA VII 2, München 2014.

A. Dihle, Die griechische und lateinische Literatur der Kaiserzeit, München 1989.

R. Herzog/P.L. Schmidt (Hgg.), Handbuch der lateinischen Literatur der Antike, HdA VIII 1, 4, 5, 6.1/6.2, München 1989 – 2002.

M. v. Albrecht, Geschichte der römischen Literatur, 2 Bde., 3. Aufl., München 2012.

M. Fuhrmann, Geschichte der römischen Literatur, Stuttgart 1999.

Geschichtsschreibung:

B. Näf, Antike Geschichtsschreibung: Form – Leistung – Wirkung, Stuttgart 2010.

A. Feldherr/G. Hardy (Hgg.), The Oxford History of historical Writing, Bd.1: Beginnings to AD 600, Oxford 2012.

O. Lendle, Einführung in die griechische Geschichtsschreibung: Von Hekataios bis Zosimos, Darmstadt 1992.

D. Flach, Römische Geschichtsschreibung, 4. Aufl., Darmstadt 2013.

J. Rüpke, Römische Geschichtsschreibung: eine Einführung in das historische Erzählen und seine Veröffentlichungsformen im antiken RomRom, 2. Aufl., Marburg 2015.

Andere Literaturgattungen:

H. Sonnabend, Geschichte der antiken Biographie: Von IsokratesIsokrates bis zur Historia Augusta, Stuttgart/Weimar 2002.

K. De Temmermann (Hg.), The Oxford Handbook of Ancient Biography, Oxford 2020.

Ch. Mueller-Goldingen, DichtungDichtung und Philosophie bei den Griechen, Darmstadt 2008.

M. Fuhrmann, Die Dichtungstheorie der Antike, 2. Aufl., Darmstadt 1992.

W. Eisenhut, Einführung in die antike Rhetorik und ihre Geschichte, 5. Aufl., Darmstadt 1994.

W. Stroh, Die Macht der Rede: eine kleine Geschichte der RhetorikRhetorik im alten Griechenland und Rom, Berlin 2009.

S. Döpp u.a. (Hgg.), Lexikon der antiken christlichen Literatur, 3. Aufl., Freiburg u.a. 2002.

Zu wichtigen Editionen und Übersetzungen antiker Autoren → Kap.3.2.5

Zur EDV-gestützten Recherche → Kap.3.2.1

Exkurs: Quellentext befragt

Auf den ersten Seiten seines 24. Buches, das die Ereignisse des Jahres 215 v. Chr. behandelt, bringt LiviusLivius die Haltung der italischen Bundesgenossen Roms nach der katastrophalen römischen Niederlage gegen HannibalHannibal bei CannaeCannae (216 v. Chr.) in einem einzigen Satz auf den Punkt:

„Unus velut morbus invaserat omnes Italiae civitates, ut plebes ab optimatibus dissentirent, senatus Romanis faveret, plebs ad Poenos rem traheret“ (LiviusLivius 24,2,8). In der deutschen Übersetzung von Josef FeixFeix, Josef (1977) lautet die Stelle: „Eine einzige Krankheit hatte gleichsam alle Staaten Italiens befallen, dass das Volk anders dachte als der Adel, dass der Senat den Römern zugetan war, die Bürgerschaft sich aber zu den Puniern hingezogen fühlte.“

Derartige Aussagen sind, das kann nun nicht oft genug betont werden, extrem verdächtig! Sie pauschalisieren in einer Weise, die geradezu danach riecht, dass hier ein Gemeinplatz oder aber eine bestimmte darstellerische Absicht Pate gestanden haben für eine Verdrehung, Übertreibung oder zumindest eine grobe Vereinfachung der Tatsachen.Was ist zu tun? Der nahe liegende Ansatz besteht darin, die generalisierende Behauptung am Einzelfall zu überprüfen, und zwar zunächst in der livianischen Schilderung selbst. Wer dies unternimmt, der muss die Bücher 23–30 bei LiviusLivius durchmustern, in denen der Zweite Punische Krieg von der Schlacht bei CannaeCannae bis zum Friedensschluss 201 v. Chr. dargestellt wird. Dazu ist etwas Zeit erforderlich, aber das Ergebnis lohnt die Mühe. Die Gegenprobe bei Livius zeigt nämlich, wie kaum anders zu erwarten war, ein durchaus vielschichtiges Bild. Der in 24,2,8 erwähnte Gegensatz zwischen Adel und Volk findet sich nur an einigen wenigen Stellen wieder: So sollen in der campanischen Stadt NolaNola die (adeligen) Ratsherren die Römer unter Marcus Claudius MarcellusClaudius Marcellus, Marcus zu Hilfe gerufen haben, weil das Volk zu HannibalHannibal habe übergehen wollen. Diese Geschichte wird aber gleich dreimal für drei aufeinander folgende Jahre erzählt (für 216: Livius 23,14,7–17,3; für 215: Livius 23,39,7–8; 23,41,13–46,7; für 214: Livius 24,13,8–11; 24,17), es handelt sich also sogar um mehr als um eine Doublette. Damit nicht genug: An einer Stelle wird der Anführer der prokarthagischen Partei in Nola, ein Mann namens Lucius BantiusBantius, Lucius, ganz zweifelsfrei als Adliger identifiziert, denn es heißt von ihm, er sei „zu der Zeit unter den Bundesgenossen [der Römer] beinahe der vornehmste Ritter“ gewesen (Livius 23,15,8: „erat … sociorum ea tempestate prope nobilissimus eques“). Man wird daher berechtigte Bedenken tragen dürfen, ob Livius die Lage in Nola wirklich zutreffend beschrieben hat. Ähnliches gilt nun auch für die einzigen beiden anderen Fälle, die wenigstens halbwegs und auf den ersten Blick der angeblichen ‚Zweiteilung‘ Italiens in einen romfreundlichen Adel und ein karthagerfreundliches Volk zu entsprechen scheinen. Es sind dies die unteritalischen Griechenstädte Kroton und Locri, deren in Livius 24,1–3 berichtetes Schicksal im Übrigen überhaupt erst den erzählerischen Rahmen für die fragliche Pauschalaussage abgegeben hat. Ausführlich wird dort dargestellt, wie es in beiden Städten eben das Volk gewesen sei, das gegen den Widerstand der Adligen den Wechsel auf die Seite der Punier (und der mit diesen verbündeten Bruttier) durchgesetzt habe.

In Buch 23 nimmt LiviusLivius den Verlust der beiden Städte jedoch kurz vorweg (23,30,6–8), und hier heißt es, Kroton sei aus militärischer Schwäche an die KarthagerKarthager gefallen, während es in Locri das Volk gewesen sei, das vom Adel betrogen wurde, und nicht umgekehrt: „Et Locrenses descivere ad Bruttios Poenosque prodita multitudine a principibus“ („Auch die Locrer gingen zu den Bruttiern und den Puniern über, weil die [Volks]menge von den Adligen verraten wurde“). Normalerweise würde man in diesem Zusammenhang die umfangreichere Schilderung in Buch 24 der stark verkürzten Angabe in Buch 23 vorziehen. Gerade die Beobachtung aber, dass in die längere Fassung, gewissermaßen als Fazit, die Aussage 24,2,8 eingebettet wurde, spricht hingegen dafür, dass Livius oder seine Vorlage an dieser Stelle die Faktentreue zugunsten eines pointierten Bonmots vernachlässigt haben.

Alle übrigen aus LiviusLivius gewonnenen Informationen zum Verhalten der italischen Völkerschaften nach CannaeCannae stützen diese Annahme: Nirgends ist von Meinungsverschiedenheiten zwischen Adel und Volk die Rede; mehr noch, das Volk spielt zumeist keine erkennbare Rolle in den politischen Entscheidungsprozessen. Diese finden vielmehr fast ausschließlich innerhalb der Oberschicht statt. Es ist also der Adel, oder, im Konfliktfall, die jeweils stärkere Adelspartei, die bestimmt, ob man bei RomRom bleibt oder sich den Karthagern anschließt. Dies ist in CapuaCapua so (Livius 23,2–10), in EtrurienEtrurien (Livius 27,24; 29,36,10–12; 30,26,12) und auch in Süditalien (Compsa: Livius 23,1,1–3; Tarent: Livius 24,13,1–4; 25,8,3–10; Arpi: Livius 24,47,6; Salapia [Salpia]: Livius 26,38,6–14).

Die Parallelüberlieferung zu LiviusLivius – es handelt sich hauptsächlich um Abschnitte aus PolybiosPolybios, PlutarchPlutarch und Cassius Dio– enthält nichts, das diesen Quellenbefund wesentlich verändern würde: Die Aussage in Livius 24,2,8 ist als unzutreffend entlarvt!

Handelt es sich hierbei nun um einen ToposTopos, oder steckt eine anders geartete Darstellungsabsicht dahinter? Und: Hat LiviusLivius selbst hier die Tatsachen ‚frisiert‘, oder hat er die tendenziöse Beurteilung von einem seiner Gewährsmänner übernommen?

Diese Fragen sind nicht mehr mit letzter Gewissheit zu beantworten. Eine im weitesten Sinne ‚antidemokratische‘ Haltung, die man an dieser Stelle für eine stereotype Verzerrung verantwortlich machen könnte, ist sowohl in Griechenland als auch in RomRom gerade in den gebildeten Kreisen zu fast allen Zeiten weit verbreitet gewesen. Trotzdem kommt man vielleicht noch ein bisschen weiter. Ein Fingerzeig auf eine ganz konkrete Konfliktsituation, die hinter der Äußerung LiviusLivius 24,2,8 stehen könnte, liefert der genaue Wortlaut der Stelle, denn sie spricht von den optimates einerseits und (weniger charakteristisch) der plebs andererseits. Diese Begriffswahl lenkt freilich den Blick auf die berühmte ‚Krise der späten römischen Republik‘, auf die Turbulenzen der Gracchenzeit ab 133 v. Chr., und besonders auf die daraus erwachsene Frontstellung zwischen POPULARENPopularen und OPTIMATENOptimaten. Angesichts der Tatsache, dass sich Livius in seiner Darstellung des Zweiten Punischen Krieges nicht zuletzt auf – nicht mehr erhaltene – römische Historiker aus dieser Krisenzeit stützte, auf Schriftsteller wie Coelius AntipaterCoelius Antipater und Valerius AntiasValerius Antias (um 100 v. Chr.?), wird es wahrscheinlich, die Pauschalaussage auf einen dieser Autoren zurückzuführen und als tagespolitische optimatische Propaganda zu verstehen, die das ‚Volk‘ – und damit vor allem diejenigen, die vorgaben, die Sache des Volkes zu vertreten, mithin die Popularen – als ‚Vaterlandsverräter‘ diffamieren wollte.

Abb. 10

Rom und Italien in der Auseinandersetzung mit Karthago

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