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Erinnerungen an vier Konzentrationslager

Mit einem Nachwort von Gerhard Leo.

Das Neue Berlin

Impressum

eISBN 978-3-360-50067-0

© 2013 Verlag Das Neue Berlin, Berlin

© der Originalausgabe (2., ergänzte Auflage)

by edition ost, Berlin 1997

Covergestaltung: Verlag

unter Verwendung eines Motivst von bigstock.com

Bilder: privat

Das Neue Berlin Verlagsgesellschaft mbH

Neue Grünstr. 18, 10179 Berlin

Die Bücher des Verlags Das Neue Berlin erscheinen

in der Eulenspiegel Verlagsgruppe

www.eulenspiegel-verlagsgruppe.de

Meinen Kameraden gewidmet, von denen viele ein gleiches oder ähnliches Schicksal durchstanden


Vorwort

Obwohl es vielleicht nicht uninteressant wäre, auf diesen Seiten ausschließlich einen persönlichen Lebensbericht zu geben, so scheint das dennoch unnötig: Nicht von einem, angesichts der zu schildernden Ereignisse viel zu kleinen Einzelschicksal soll die Rede sein. Das Los Hunderter, Tausender und vieler Zehntausender von Menschen aller Nationen hingegen, das der Verfasser teilte, ist es wohl wert, geschildert zu werden.

Viele Bücher sind über das Thema der Nazi-Konzentrationslager schon geschrieben worden, und manches wird noch entstehen. Das Besondere, das der Verfasser mit seiner Schilderung der Vorgänge im Auge hat, besteht in folgendem: Zunächst ist es der unbedingte Wille, möglichst objektiv zu sein und nichts nach der einen oder der anderen Seite hin zu verfärben. Und da der Leser all dem Ungeheuerlichen, das in diesem Buche beschrieben wird, notwendigerweise misstrauisch gegenübersteht, nennt der Verfasser am Schluss seines Berichtes eine Reihe von Zeugen, die zusammen mit ihm für die Objektivität der Darstellung bürgen. Zum anderen will der Verfasser versuchen, auch eine kleine Psychologie von typischen Reaktionen der in den Lagern Inhaftierten zu schreiben und die allgemeinen menschlichen Reaktionen darzustellen, denen jeder dort zu seinem eigenen Erstaunen mehr oder weniger unterworfen war.

Der Verfasser hatte ungefähr vier Jahre lang das zweifelhafte Glück im Unglück, in den Revieren, den Krankenhäusern von vier verschiedenen Nazi-Konzentrationslagern tätig gewesen zu sein. Er konnte dort eine Reihe von Vorgängen miterleben, die nur wenige Menschen je gesehen haben. Schon allein dieser Beobachtungen wegen ist es notwendig, die vorliegenden Aufzeichnungen zu veröffentlichen.

Dieses Buch ist – ohne dass es von vornherein die besondere Absicht des Verfassers war – eine Anklage: Es musste zu einer Anklage gegen die furchtbare und brutale Willkür im »Dritten Reich« werden. Mögen jene, die dafür Verantwortung tragen, ihre gerechte und harte Strafe finden.

Dieses Buch ist aber auch eine Rechtfertigung für die zum Teil ungeheuerlich anmutenden Dinge, die unter dem Zwang einer brutalen Diktatur von den Eingekerkerten selbst getan werden mussten. Alle bisherigen, alle üblichen bürgerlichen oder christlichen oder sonstigen Maßstäbe versagten. Nur die Notlage drückte dem Verhalten gebieterisch ihren Stempel auf, nötigte zum Handeln. So zwang man diese der Freiheit Beraubten in eine Welt, die scheinbar jenseits von Gut und Böse lag. Instinktiv empfand wohl ein jeder, dass sich alle Prinzipien ins Gegenteil verkehrt hatten. Diese Tatsache zu bedenken, sie auszusprechen oder zu Papier zu bringen, wird nur wenigen gegeben sein. Um so mehr ist es Pflicht, hier das Notwendige zu berichten.

Auf diesen Seiten ist viel sprachlich Anstößiges unkorrigiert erhalten geblieben. Der Verfasser ist sich dessen wohl bewusst, und er hätte alles Vulgäre, das fein empfindende Menschen vielleicht abstoßen mag, wegschleifen können. Aber warum sollte er die grobe Sprache der Konzentrationslager, die er selbst so viele Jahre lang gesprochen hatte, verfälschen?

Fritz Lettow,

Herbst 1945

Bildung, Ausbildung, Politik

Wir schrieben das Jahr 1929. Da brach es über uns herein, über uns in Deutschland, in Europa, in der Welt. Der große Bankenkrach, den der »Schwarze Freitag« an der New Yorker Börse auslöste und die Weltwirtschaftskrise mit ihrer großen Arbeitslosigkeit packten uns. Viele, viele Banken machten damals bankrott, und in ihrem Strudel versanken Tausende von Existenzen, von Menschen.

Zweimal hatte uns das Schicksal schon ereilt, einmal im Ersten Weltkrieg und dann wieder in der Inflationszeit; zweimal verloren wir das meiste, manche fast alles, was sie besaßen und was ihnen lieb war. Und nun kam der dritte Schicksalsschlag.

Oh, wir gut behüteten Bürger, wie war mit uns Schindluder getrieben worden! Und wir wussten nicht, woher das kam, wir nahmen das als Schicksal!

Mein Vater, Lehrer an einer höheren Schule, hatte sich 1914 freiwillig ins Feld gemeldet, ein halbes Jahr später traf ihn der tödliche Schuss. Wir, die Familie, blieben verarmt zurück. Die kleine Rente der Mutter reichte nicht hin und nicht her. Und ein paar Jahre später, in der Inflationszeit am Anfang der zwanziger Jahre, gingen unsere letzten Ersparnisse endgültig dahin.

Zu Ende war die Zeit des zufriedenen, soliden Bürgerlebens, vorbei war es mit der hellen Vaterlandsbegeisterung. Unseres besten Schutzes waren wir nun beraubt, mühselig und zu äußerster Sparsamkeit gezwungen, schlugen wir uns durch.

Mit Stipendien in der Schule konnten wir uns das Schulgeld ersparen. Hie und da konnte man von einem Verwandten einen Anzug erwischen, der gewendet und weiter benutzt wurde, und Stundengeben für schwächere Schüler aus besser gestellten Familien ermöglichte es schon während der Schulzeit, ein paar zusätzliche Markstücke zu verdienen. Das war nicht uninteressant und gab Auftrieb.

Nicht allen war es jedoch so schlecht ergangen, manche hatten sich durch diese schweren Jahre gut, sehr gut hindurchgefunden. Unter meinen Mitschülern befanden sich viele Söhne von Adligen und Großgrundbesitzern, meist aus der märkischen Gegend, sogar ein Prinz von Waldeck war dabei. Sie waren in einem feudalen Pensionat am Rande der Stadt untergebracht und gingen gut gekleidet, diese schlanken, stolzen Gestalten, die sich als die Elite der Nation wähnten. Allerdings waren sie durchweg weder klug noch charaktervoll. Mit reichlich Taschengeld in den Händen, mit reichlich Dünkel ausgestattet und in ihrer Faulheit nicht zu übertreffen, bildeten sie eine feste Clique, in die kein »Bürgerlicher« hineinkam. Sie versuchten, in den Klassen den Ton anzugeben. In ihren »Literarischen Verein« nahmen sie nur Mitschüler auf, die ihrer gesellschaftlichen Stellung entsprachen. Wir aus der farblosen Mittelschicht standen abseits, beiseite, einen irgendwie versteckten Ingrimm im Herzen, einen Zweifel an der Richtigkeit dieser Welt. Damals schon bildete sich in mir eine kritische Einstellung zu dieser feudalen Oberschicht heraus.

Trotzdem übertrugen sich die politischen Einstellungen, die an der Schule herrschten, in gewisser Weise auch auf mich. Das im Grunde streng konservative, ausgeprägt »nationale« Denken ging mir ein und erfüllte mich. Schließlich waren ja fast alle Lehrer und auch die Pastoren der Stadt, die uns unterrichteten und konfirmierten, »national« gesinnt. Nicht umsonst wurde unsere kleine Stadt am Rande des Nordharzes, Wernigerode, damals die »schwarze Stadt« genannt. Das ging auf die vielen amtierenden und pensionierten Pastoren zurück, die sogar von den Kanzeln aus konservativ-politische Reden hielten und auch sonst ihren »schwarzen« Einfluss geltend machten. Das sollte wohl auf einen jungen Menschen abfärben.

Auf meiner Suche nach Kontakten und einem festeren Halt geriet ich in eine religiöse Jugendgruppe, einen Bibelkreis, zu dem auch Schüler unserer Schule gehörten. Jahrelang hoffte ich, meine Freunde dort zu finden, vertiefte mich in ihre Gedankenwelt, studierte ihre Lehren. Ja, eines Abends in der Natur war ich fest davon überzeugt, die Stimme Gottes zu vernehmen, der mich rief. Ein ungeheures Glücksgefühl durchströmte mich, ich glaubte, ein ganz anderer Mensch zu sein, »erweckt« zu sein. Aber das blieb nur kurz, die Suggestion hielt nicht lange vor, der Alltag forderte sein Recht, der graue Tag war wieder da, und nie wieder hatte ich ein ähnliches Erlebnis.

Als die Schule beendet war und ich mich dem Medizinstudium zuwenden wollte, fehlte das Geld. So versuchte ich, als »Werkstudent« einiges dazu zu verdienen. In einer Waggonfabrik meiner Heimatstadt nahm man mich an und stellte mich in einer riesigen lärmerfüllten Halle an eine Eisensägemaschine. Am Tage der offiziellen Schulentlassung stand ich schon morgens an der Maschine. Nun eilte ich, mir schnell die öligen Hände zu waschen und mich umzukleiden, um das Zeremoniell der Abschlussfeier samt Rede über mich ergehen zu lassen. Merkwürdiger Kontrast zwischen den wohlgebetteten Kameraden und mir, dem das Getöse der weiten Maschinenhalle noch in den Ohren dröhnte, als der Direktor seine Rede über die griechischen Tugenden hielt!

Kurze Zeit später stellte man mich an eine rotierende Schwabbelmaschine. Dort musste ich Eisenbahntürgriffe putzen. Dabei glitt mir einmal ein Metallstück plötzlich aus der Hand und schlug mit großer Gewalt gegen meine Brust. Mit einem Aufschrei stürzte ich zu Boden. Ich konnte kaum atmen. Die Arbeitskollegen sprangen herzu, betteten mich ruhig, halfen mir wieder auf und kümmerten sich um mich, bis der Schock nach einiger Zeit vorbei war. Wohltuend empfand ich ihre Hilfe.

Bald darauf ging ich in einer Gießerei unserer Stadt an den Kupolofen, wo wir schweratmend die Pfannen mit flüssigem Eisen trugen und mir der Funkenregen auf den in den Nacken geschobenen Hut spritzte.

Später arbeitete ich beim Stubbenroden im Forst. Es gehörte zu meinen Aufgaben, Löcher in den Boden und unter den Stubben zu graben, in die der Sprengmeister die Ladung hineinpackte. Wir flüchteten jedes mal gut fünfzig Meter hinter die Holzhaufen, dann ging der Krach los, und große Stücke flogen heraus. So tagaus, tagein, mitunter nieselte oder regnete es von morgens bis abends. Nur in den Pausen erwärmte uns ein Holzfeuerchen, an dem wir verdrießlich herumlagen und die Älteren Dinge erzählten, dass mir die Ohren rot wurden.

Als Bauarbeiter verdiente ich mir mit Kalk- und Ziegeltragen auf Neubauten die mageren, in der Inflationszeit schnell hinschwindenden Gelder. Während des Studiums arbeitete ich zeitweilig als Setzer in einer studentischen Druckerei. So kam ich arm, aber leidlich über die Runden.

Dabei merkte ich kaum, wie ich mich einer anderen Welt, der Welt der Arbeit, annäherte, neue Menschen kennenlernte, deren Sprache sprach, ihre Gedanken dachte und Gefühle empfand.

War ich auf der Hochschule anfangs noch sehr religiös eingestellt und auch Mitglied einer religiösen Vereinigung, der D.C.S.V., so bröckelte mein Glaube unter der Wucht der exakten Naturwissenschaften, die auf mich einströmten, langsam ab. Eine längere Krankheit und Gespräche mit einem fortschrittlichen Arzt zwangen mich zum Überlegen. Meine bisherige Weltanschauung war irgendwie brüchig geworden. Ich erkannte, wie viel Selbsttäuschung, Selbstbetrug ihr innewohnte, und eines Tages machte ich mich ganz frei davon.

Endlich war ich all des Ballastes ledig! Wieder spürte ich eine Welle des heißen Glücksgefühls, die mich in eine neu eroberte Welt getragen hatte. Frei und unabhängig vom Zwang des Glaubens, des Glaubenmüssens von Dingen, die der Verstand nicht wahrhaben und begreifen wollte und deshalb verneinte. Zusammen mit der Religion warf ich automatisch auch viele der konservativen Gedanken über Bord, ohne das im einzelnen schon ganz genau zu wissen. Jedenfalls versuchte ich, die Welt nun ohne Vorurteile zu betrachten, objektiv zu sein, so gut ich es vermochte.

Gewiss blieb das zum Teil feudale Treiben an den Universitäten nicht ohne Eindruck auf mich. Die begüterten jungen Leute lebten gut. Sie trugen elegante Kleidung, und wie zierlich konnten manche das Spazierstöckchen schwingen oder mit ihrem Hund promenieren gehen, die bunte Mütze keck auf dem Ohr. Sie »kneipten« in ihren Verbindungshäusern, ihren Villen, die wie ein schöner Kranz auf den Bergen der kleinen Universitätsstadt lagen, sie schlugen »Mensur« und ließen sich das Gesicht zerhacken, kamen stolz mit verpflasterten Visagen zum Kolleg und zeigten ihre »Schmisse«. Sie trugen die farbige »Couleur« der Verbindungsstudenten schräg über der Brust, sie gingen viel aus und leisteten oft wenig.

Wir »Mensastudenten« waren einfacher, oft bettelarm, so dass wir am Monatsende kaum den Groschen für das armselige Mensaessen aufbringen konnten, aber wir leisteten mehr, und das wussten wir auch. So ging das Studium mit den Examina zu Ende, und mit der ersten Anstellung in einem Hamburger Krankenhaus kam auch das erste, im Beruf selbst verdiente Geld.

Nun genoss ich die schöne Hansestadt und ihre tausend Möglichkeiten. Das Tuten der Schiffe im Hafen, das bunte Treiben und der Lärm an den Landungsbrücken, die Altstadt mit ihren pittoresken Straßen, Brücken und Bauten, Geschäften, Verkehr, das alles war für mich Binnenländer von unerhörtem Reiz. Dazu die norddeutsche, die Hamburger Sprache, das breite Platt, so anders als das Platt in meiner mitteldeutschen Heimat: ein großes Glück für mich.

Auf einem Faschingsfest lernte ich Grit kennen. Sie war mit einem grünseidenen Gewand bekleidet und tanzte leicht wie eine Feder. Ich war ein leidenschaftlicher Tänzer, und sie war für mich ein Entzücken. Wir blieben den ganzen Abend zusammen.

Am nächsten Tag rief sie mich im Dienst an. »Ihre Faschingsfee ist am Telefon« sagte eine ältere Kollegin mit missbilligendem Blick.

Grit war anhänglich. Wir wanderten zusammen durch die Lüneburger Heide, zu den Halligen an der Küste. Und wir tanzten, tanzten, so oft wir konnten. Das war für mich eine schöne, eine glückliche Zeit, fast dachte ich, sie sollte nicht enden.

Aber die drohenden Schatten der Zeit nach dem Unglücksjahr 1929 standen über uns, und keiner konnte ihnen entfliehen.

Ich lebte im Süden der Stadt Hamburg, unweit des Hafens, in Rotenburgort, einem Proletenviertel. Dort lag das Krankenhaus, an dem ich arbeitete und wo ich in einem kleinen Zimmerchen wohnte. In diesem Vorort gab es damals einige Tausend Arbeitslose. Ein unfassbarer Gedanke für mich, arbeitslos, beschäftigungslos zu sein. Was mochte in diesen Menschen vorgehen, die zu den Schlangen an den Arbeitsämtern wanderten und zum Kehricht der Geschichte gemacht worden waren? Früher hatte man sie in der Stadt ihrer Arbeit nachgehen sehen; sie beluden und entluden die großen Schiffe an den Kais, sie fuhren auf den kleinen Barkassen und Schleppern geschäftig hin und her, auf den Hauptstraßen wogte es von eilenden Menschen, sie strömten in die Fabriken oder quollen wieder aus ihnen heraus. Nun waren sie durch die Krise fast alle arbeitslos geworden, viele Fabriken hatten ihre Tore geschlossen. Ich sah diese Männer in Gruppen auf Plätzen und in den Straßen herumstehen, ihre blauen Schirmmützen beherrschten das Bild. Sie redeten, sie diskutierten, sie spielten auf den Bänken Schach, sicher langweilten sie sich.

Wir Ärzte konnten nicht unbeteiligt bleiben, mitunter wurden wir auch direkt davon berührt. Kinder, die in unsere Sprechstunde kamen, sahen in ihrer zerschlissenen Kleidung zum Erschrecken aus. Nur mühsam konnten die Mütter das Geld für Seife auftreiben, um sie sauber zu halten. Fast schämte man sich, eine Arbeit zu haben.

Und das ging wochenlang, monatelang, jahrelang, in schleppender Eintönigkeit. Wer konnte sich schon dagegen stemmen? Würde das niemals ein Ende finden? Sollte man das alles hinnehmen und tatenlos dabeistehen? Oder sich resigniert zurückziehen und versuchen, von dem verbliebenen Reichtum der wohlhabenden Hansestadt ein Stück zu ergattern? Durfte man den Ruf seines sozialen Gewissens einfach überhören? Was sollte nun werden? Viele, viele Fragen, aber kaum eine Antwort.

Ich musste begreifen, wie es zu solchem Massenelend hatte kommen können, ich musste lernen, welche Kräfte daran beteiligt waren, welche Schuld die Regierenden, die Machthaber traf, um mich dann für oder gegen sie entscheiden zu können. Das war nicht einfach, und wie durch einen weiten Nebel musste man sich durch viele Vorurteile und Überlieferungen, Verkettungen und Fesseln hindurch einen Weg bahnen, musste versuchen, von anderen vernünftigen, klar sehenden Menschen zu lernen.

Mit Grit konnte ich diese Fragen nicht besprechen. Sie hatte keinen Sinn dafür, ihr Lebenskreis, ihre Welt ließ derartige Fragen und Probleme nicht zu.

Und so kam plötzlich – ich war siebenundzwanzig Jahre alt – eine Leere über mich. Ich war der ewigen Vergnügungen satt und hatte genug von den Gesprächen über Geschäfte, über Moden, über Lokale, über all die Kleinigkeiten und Kleinlichkeiten des Lebens. Ich hatte auch die glatten Kameraden, die gastfreien Familien über, die mich einluden und bei denen ich in sich selbst genügenden Gesprächen über Kunst und Musik, über Theater und andere, an der Oberfläche liegenden Dingen meine Zeit vertat. Das alles war recht nett für ein paar Stunden. Aber füllte es mich aus? Das alles ekelte mich allmählich immer stärker an. Ich sah das Elend der Arbeitslosen, und die großen Gegensätze zwischen den Armen und den ungestört in ihren Villen lebenden reichen Hamburger Kaufleuten empörten mich. Mein soziales Gefühl protestierte, mein Gewissen regte sich. Was sollte all dieser Prunk angesichts des ungeheuren gewaltmachenden Elends, das über Deutschland lag? Wie konnte das in Deutschland anders werden?

Einer meiner Freunde war Bankangestellter in Hamburg. »Weißt du, wie es bei uns zugeht?« sagte er zu mir. »Vor einiger Zeit war mein Chef in der Oper, ich traf ihn dort. In der Pause ging er ans Telefon. Dann kam er zurück und sagte aufgeräumt zu mir: ›Gerade mit Zürich telefoniert und eine Million verdient.‹ So leicht geht das! Aber als der Bankenkrach kam, da waren die Direktoren bleich und krank, sie zitterten und konnten nichts machen. Die Arbeit haben wir für sie gemacht.« Ich hörte durch diesen Bekannten auch von der Korruption und den ungeheuren Einkünften gewisser Industrieller und Mitglieder von Aufsichtsräten. Schließlich sah ich diese Schicht oft genug in Hamburg durch die Straßen rauschen, in den Luxusgeschäften sich drängen, in den eleganten Lokalen sitzen.

Zur herrschenden Schicht der Besitzenden, der Regierenden hatte ich das Vertrauen verloren. So wie bisher ging es nicht mehr weiter. Und das sagten sich in dieser Zeit Tausende und Millionen. Es blieb nur der Weg nach ganz rechts oder nach links. Rechts, wo die Besitzenden, die Nationalisten waren, war für mich kein Platz. Ich hatte sie schon in der Schule kennengelernt und gemieden. Nicht umsonst aber hatte ich das Leben der Arbeiter gekostet, wie sie geschuftet und gelebt, wie sie gebangt und gehofft, wie sie die Groschen gezählt hatten. Mein Platz war an ihrer Seite. Niemals war mir der leiseste Gedanke für den Weg der Reaktion, des Nationalsozialismus gekommen.

Illegal

In meinem südlichen Hamburger Vorort schloss ich mich einem Zirkel junger Arbeiter, Kaufleute und Intellektueller an. Ich wusste, wo diese Gruppe der organisierten Linken tagte, und ging dorthin. Mit welcher Schärfe man die politischen und wirtschaftlichen Probleme betrachtete und wie man darüber sprach, setzte mich, der ich anfangs misstrauisch war, in Erstaunen. Meine oft noch konfusen Ansichten über das Wirtschaftsleben wurden dort behutsam, aber mit Bestimmtheit zerlegt und richtiggestellt. Mitunter äußerte ich derbe Kritik, man antwortete mir sachlich und gründlich, bis meine Einwände mehr und mehr verstummten. In diesem Kreis fühlte ich mich wohl, alle waren ohne Dünkel und Standesvorurteile, aber gute Kameraden.

Man brachte mir bald das Mitgliedsbuch einer großen Partei, der kommunistischen, und ich fühlte langsam: Dies war eine neue, eine richtige Welt, die die alte auf den Kopf stürzte. Ich las grundlegende politische Bücher, bemühte mich, schwierigste Sachverhalte und die komplizierte Terminologie wirtschaftlicher Zusammenhänge zu verstehen, und vieles gelang mir. Ich war glücklich. Nachdem ich zunächst meine religiöse und reaktionäre Gedankenwelt über Bord geworfen hatte, nach Überdruss und Ekel angesichts der Oberflächlichkeit eines bürgerlich satten und galanten Lebens, war ich nun von einer unerhört starken Idee ergriffen. Und ich blieb ihr verhaftet, sie hatte meinem Leben eine Richtung gegeben.

Zunächst wollte ich mich von Grit nicht trennen, wir wanderten weiter an den Wochenenden. Ich versuchte, sie für mein neues Denken zu gewinnen, aber es war ein vergebliches Bemühen, und dann trennten wir uns.

Als mich meine weitergehende Spezialausbildung nacheinander in verschiedene Gegenden Deutschlands verschlug, suchte und fand ich jedes mal Anhänger dieser großen linken Partei. Sie war ja überall vorhanden. Ich lernte in ihren Schulungsgruppen, der »Masch«, vertiefte mich immer mehr in die Theorie und Lehren dieser Partei. Welche Tiefe, welche sachliche Gründlichkeit, welche Klarheit der Gedanken! Es war mir, als ob ich nach all dem Mief der überkommenen Anschauungen endlich reine Luft atmen würde.

Und dann war ich über Nacht aktiv geworden, arbeitete mitunter in ihren Büros, schrieb hin und wieder für ihre Blätter und redete in ihren Zirkeln. Bei meinen Berufskollegen jedoch fand ich wenig Verständnis. Sie waren zumeist in der alten bürgerlichen Welt gefangen, und mich hielten sie für einen viel zu einseitigen, jugendlich glühenden Aktiven, als dass ich Brücken des Verständnisses hätte finden können. Nur wenige meiner Kollegen waren wie ich zu Anhängern dieser Partei geworden, und wir hielten zusammen und wurden Freunde.

Wegen meiner politischen Aktivitäten musste ich zweimal meine Stellung wechseln. Mit dürren Worten sagte man mir, dass die Stellen zu knapp geworden seien oder was dergleichen Ausreden mehr waren. Ich wusste Bescheid und suchte mir etwas Neues.

Noch am Abend von Hitlers Regierungsantritt war ich als politischer Referent der Partei zu einer Versammlung gegangen. Schon Wochen vorher hatte die Polizei unsere Versammlungen kontrolliert, wir mussten unsere Pässe vorlegen, sie suchten nach Ausländern.

Hätten sie gewusst, wie aktiv ich war, mir wäre es schlecht ergangen.

Nachdem die Nationalsozialisten an der Macht waren, führte für uns, deren Gegner, der Weg in die Illegalität. Dass man mich bei den Nazis nicht kannte, war mein Glück, sonst wäre ich gleich verhaftet worden. So hatte ich noch eine Spanne Zeit.

Wie viele andere glaubte damals auch ich, dass der Nationalsozialismus durch illegale Arbeit allmählich unterhöhlt werden könne. Leonid Krassin, der einer wohlhabenden russischen Familie im zaristischen Russland entstammte und sich als Zwanzigjähriger der revolutionären Bewegung anschloss, war mir zum Vorbild geworden. Er hatte viele Jahre lang ebenso illegal gearbeitet, wie ich es jetzt vorhatte. Immer noch voller Naivität dachten wir, jahrelang durch das riesengroße, engmaschige Gestaponetz hindurchschlüpfen zu können. Trotzdem war mir in dem Moment, als ich mich zu dieser verbotenen Arbeit entschloss, bewusst, dass man mich eines Tages fangen könnte. Gut, sagte ich mir, und wenn sie mich fangen, ich kann es nicht ändern, diese Arbeit muss getan werden. Ohne Opfer ist der Kampf nicht zu führen. Glücklicherweise war ich nicht verheiratet, und die Freundin, die ich hatte, war mir kein Hindernis, Existenz und Leben aufs Spiel zu setzen. Aber ich fühlte mich nicht als Hasardeur, sondern beobachtete mit Ekel und Entsetzen die steigende Flut der Nazihandlungen, sah die faschistischen Gesetze und Verbrechen, erkannte den wachsenden stillen Widerstand nach der Machtergreifung der Nazis.

Oft unterhielt ich mich mit Freunden, und wir fragten uns, wie lange dieser nationalsozialistische Spuk sich wohl halten könne. Ein bis zwei Jahre war die Meinung der meisten, dann würde es durchlöchert werden und aufhören. Wir waren reichlich naiv!

Eines Tages wurden die »Gleichschaltung« und das »Führerprinzip« auch bei uns in der Dresdner Privatklinik eingeführt. Alle – meist waren es ja Frauen im weißen Kittel – mussten morgens im Korridor der Größe nach in zwei Gliedern antreten. Ins vordere Glied wurden die Imposantesten gestellt. Und dann kam der Klinikchef, der Professor. Die dicke Oberschwester, vor Aufregung krebsrot, meldete, sich verhaspelnd, die angetretene Belegschaft, die »Gefolgschaft«, und er erhob wohlgefällig den Arm zum Hitlergruß. Die Gefolgschaft musste ebenso antworten, dann wurde weggetreten. Alles lächelte danach darüber, und allen war speiübel davon. – Der Vorgang wurde nie wiederholt.

Wenn ich zunächst nur wenige Erfolge in der illegalen Arbeit sah, so glaubte ich doch, dass sie allein schon aus Disziplin gegenüber den Genossen, die mich dazu aufforderten, unverändert getan werden müsse, im Hinblick auf spätere, günstigere Zeiten sowieso.

Unter meinen Patienten fiel mir eines Tages eine junge Frau besonders auf. Aus ihren braunen Augen leuchtete eine solche Fülle von Licht und Schönheit, dass ich wie verzaubert war. Schöne, strahlende Menschen anzusehen, bereitet wohl jedem Freude. Auch meine Mutter war stets von solchen Menschen fasziniert, und so ging es auch mir. Das Mädchen wurde meist von ihrem Verlobten abgeholt. Wir gerieten ins Gespräch, in das wir auch ihren Verlobten einbezogen und befreundeten uns allmählich. Schließlich machten wir zu Ostern 1934 sogar eine gemeinsame Wanderung in die Berge. Der Verlobte, Gerhard Berthold, war ein junger Zeichner, in dem ich bald einen politisch ähnlich gestimmten Geist entdeckte. Er war ein frischer, natürlicher Mensch, manchmal schien er mir freilich etwas vorlaut. Auf der Wanderung sangen wir die alten Wanderlieder, und er stimmte auch manche politische Lieder an, die er noch aus früherer Zeit kannte. Das Lied der roten Flieger sang er mit heller Begeisterung, und ich höre seine Stimme noch heute: »Und höher und höher und höher, wir steigen trotz Hass und Hohn … Ein jeder Propeller singt surrend, wir schützen die Sowjetunion.« Bald heirateten die beiden Verlobten.

Als ich im Sommer 1934 von einer Auslandsreise zurückkehrte, hatte ich ein kleines Parfümfläschchen für die junge Frau mitgebracht. Berthold sagte mir kurz darauf ins Gesicht: »Es war ein billiges Parfüm«. Ich war schockiert von seinen Worten, sie trafen mich wie ein Dolchstoß in die Seite. Über Geschenke redet man doch nicht schlecht!

Warum trennte ich mich nicht sofort von ihm? Nach einer solchen Taktlosigkeit sollte man doch mit dem Menschen nicht weiter zusammen sein. Aber das Glücksgefühl, in der trostlosen Zeit damals einen politisch ähnlich gestimmten Menschen zu kennen, war zu groß. So schlug ich die innere Warnung in den Wind. Das war mein Unglück!

Damals lernte ich auch, wenn ich mich recht erinnere, durch eine Zeitungsannonce, die Thielemann, der Leiter, aufgegeben hatte, einen Kreis von »Technokraten« kennen, eine Gruppe, in der technische und wirtschaftliche Angelegenheiten mit erstaunlicher Schärfe und überraschender Erfahrung diskutiert wurden.

Wie froh war man, in einer solchen Gemeinschaft ohne Schönrednerei, ohne nationalsozialistische Verbrämung und Verfälschung unverkennbarer Tatsachen wieder einmal über ernste Dinge reden zu können, und wie begierig griff man jede Möglichkeit dazu auf.

Bald war ich mit einem Ingenieur aus den Hillewerken namens Barth, in dem ich einen Gesinnungsfreund entdeckte, etwas näher befreundet. Mit seinen tief liegenden, dunklen Augen schien er das Innere der Welt aufzuspüren. Leise verständigten wir uns über die bitteren Vorgänge um uns herum, die Gleichschaltungen, die braune Flut der marschierenden Kolonnen, die schrankenlosen Gesetzesverletzungen, die wildgewordenen Spießer in den Machtpositionen. Wie ließ sich zum Beispiel der zum »Gauleiter« avancierte Mutschmann auf seinen Jagden die Hirsche zutreiben, die er und seine Kumpane zu Dutzenden von der Kanzel herunter abschossen. Wir lachten über solch unwaidmännisches Verhalten und empörten uns über den ganzen Pomp dieser »Goldfasanen«, die durch »Arisierungen« und andere Manipulationen reich gewordenen Würdenträger und »Amtswalter«.

Peschel war der andere meiner technokratischen Freunde, ein Kaufmann; allmählich lernte ich ihn und seine Familie kennen. Zögernd fassten wir Vertrauen zueinander. Er war ernst und verbittert, wenn er vom Nationalsozialismus sprach, kühn, wenn es galt, irgend eine illegale Sache zu vollenden. Wie oft war er schon in der Tschechoslowakei gewesen und hatte Schriften über die Grenze nach Deutschland hereingeschmuggelt, hatte Leuten, die die Gestapo suchte, zur Flucht verholfen, hatte Flüchtende wochenlang in seiner Wohnung verborgen. Und wie selbstverständlich half ihm seine Frau dabei.

Es war zur damaligen Zeit in den illegal arbeitenden Kreisen Deutschlands überhaupt häufig, dass irgendein – oft unbekannter – Flüchtender oder mit illegalem Auftrag Versehener, von zuverlässigen Genossen avisiert, in den privaten Lebenskreis aufgenommen und dort für Tage und Wochen verborgen wurde. Das Risiko, von jemandem angezeigt und der Polizei übergeben zu werden, war groß, aber es fanden sich noch immer genügend Menschen, die es auf sich nahmen.

Selbst meine alte Mutter, die in einem Berliner Vorort wohnte, aus bürgerlichem Hause stammte, liberal-bürgerlich erzogen war, wie wir Kinder aber den Nationalsozialismus leidenschaftlich hasste, war zu solchem Opfer bereit. Als einer unserer guten Bekannten aus der Nachbarschaft, der alte Kommunist Rudi Reimann, der nach 1945 Bibliothekar des ZK der SED wurde, eines Tages fragte – es war 1933 –, ob nicht auch sie jemanden für eine gewisse Zeit illegal aufnehmen würde, sagte sie zu. Sie hatte das Gefühl, das ihren Kinder zuliebe tun zu müssen. Der Genosse kam, blieb wohnen, hielt sich tagsüber in der Stube auf und ging nur abends einmal weg. Mitunter besuchte ihn sogar auch seine Frau. Nach sechs Wochen musste er jedoch das Quartier wechseln. Die Nachbarn waren irgendwie aufmerksam geworden. Natürlich kam er uns dann aus den Augen. Viele Jahre später hat mir Rudi Reimann gesagt, um wen es sich bei diesem Illegalen gehandelt hatte: Es war Walter Ulbricht gewesen.

Einer von solcherart Sympathisierenden war auch Thielemann, der Vorsitzende jenes technokratischen Zirkels, ein Kaufmann in den dreißiger Jahren. Er hat übrigens die technokratische Vereinigung sehr bald selbst aufgelöst: Einige Genossen waren mit ihren Äußerungen zu unvorsichtig gewesen, sogar das Wort »Rotfront« war einmal gefallen. Außerdem vermutete Thielemann, dass die Gestapo ihre Spitzel auch in diesen Zirkel schicken würde. Mit Thielemann hielt ich weiterhin Kontakt.

Ich hatte auch Beziehungen zu einigen Genossen in Magdeburg, wo ich früher einmal gelebt hatte, und eines Tages erreichte mich ein Telefonanruf aus Magdeburg. Liesel sagte mir, dass sie eine Besuchsfahrt nach Dresden machen würde und heute nachmittag mit dem Auto käme.

Liesel brachte drei Freunde mit. »Der eine ist aus dem Konzentrationslager Oranienburg geflüchtet, du musst ihn über die Grenze in die Tschechoslowakei zu den dortigen Genossen schaffen. Die anderen sind Begleiter«, erklärte sie mir. Ich war sofort dazu bereit.

Der Geflüchtete war ein kräftiger, gesund aussehender Mann, Arbeiter im mittleren Alter. Er war auf listige Art entwichen, indem er zwei nachlässige Posten getäuscht hatte. Die sollten ihn zum Zahnarzt bringen und, zu bequem, ihn zu begleiten, hatten sie ihn ein Stück allein laufen lassen. Der Mann war übrigens der Zweite, dem bis dahin die Flucht aus dem Lager Oranienburg glückte, alle anderen Flüchtlinge waren ergriffen und erschossen worden.

Wir fuhren zu Barth. Der erklärte sich bereit, den Oranienburger bei sich aufzunehmen, bis die Flucht über die Grenze vorbereitet sei. Damals war ein Buch über das Konzentrationslager Oranienburg erschienen, geschrieben von dem SA-Führer Schäfer und gedacht als Antwort auf die Enthüllungen des ersten Entflohenen, des SPD-Abgeordneten Gerhart Seeger, der im Ausland ein Buch über die Greuel in Oranienburg geschrieben hatte. In dem von Lügen strotzenden Buch des ehemaligen Lagerkommandanten waren einige Bilder von Häftlingen abgebildet, unter denen sich auch unser Geflüchteter befand. Unrasiert, finster dreinblickend, in gestreifter Häftlingskleidung mit großem Nummernschild auf der Brust, sah er auf dem Bild wenig vertrauenerweckend aus.

In Wirklichkeit war er ein sympathischer Typ, ein Mensch wie Tausende. Es schien also keine Kunst zu sein, auf einer Fotografie einen normalen Menschen wie ein Tier verzerrt erscheinen zu lassen: ein Stück Nazipropaganda. Und so verlogen wie dieses Bild war das meiste in diesem Buch. Die Bilder aus dem KZ zeigten freundliche Baracken – die mit Maschinengewehren bestückten Wachtürme rings um das Lager waren wegretuschiert –, sie zeigten fröhlich arbeitende Menschen – von den Gemarterten und unter Qualen Gestorbenen waren weder ein Bild zu sehen, noch ein Wort zu lesen. Aber mit den Erzählungen unseres Geflüchteten erfuhren wir von alledem aus erster Hand.

Peschel, der in der Tschechoslowakei politische Freunde hatte, erklärte sich bereit, mit über die Grenze zu gehen. Thielemann hatte seine Ausweispapiere zur Verfügung gestellt, damit wir für den Flüchtling Grenzübergangsscheine bekämen.

Es war ein heißer Junitag, als wir drei losgingen: Peschel, der Flüchtling und ich. Wir fuhren ein Stück des Weges, über die Grenze mussten wir zu Fuß. Der Flüchtende hatte eine dunkle Brille aufgesetzt, aber es drohte keine Gefahr. Anstandslos bekamen wir unsere Papiere, und ohne Aufenthalt überschritten wir die Grenze. Dann wurde der Flüchtling plötzlich müde. Ich fragte ihn erstaunt: »Was, du kräftiger Mann willst nach zwei Stunden Marsch schlapp machen?«

»Du vergisst« , sagte der Flüchtling, »dass ich zwei Jahre schlechtes Essen und Entbehrungen hinter mir habe und das Bergsteigen nicht gewöhnt bin«. Ich war beschämt und verstand ihn. Wir kamen zu den tschechoslowakischen Genossen, übergaben den Flüchtling und kehrten heim.

Eine Welle des Glücksgefühls überflutete uns, dass wir diesem verhassten Dritten Reich wenigstens ein Opfer hatten aus den Zähnen reißen können. Endlich waren wir einmal aus der Passivität herausgekommen.

Eine Woche später kam ein älterer Genosse aus dem Magdeburger Parteikreis zu mir in die Dresdner Klinik: »Ich komme aus der Tschechoslowakei, kann ich eine Nacht bei dir bleiben?« Ich sagte zu. Nach einigen Tagen kam er wieder und brachte einen Bekannten mit. Auch ihn nahm ich auf. Sie wollten über die Grenze. Ich hatte aber keine Zeit, selbst mit über die Grenze zu gehen, holte Berthold heran, der sich gern bereit erklärte, die beiden zu begleiten. Ich borgte meinen Pass, Bertholds Vater den anderen, und so gingen die drei bis zur Grenzstation, wo Berthold sie hinüberbrachte. Später gab er mir meinen Pass zurück.

Es kamen in der Folge noch einige Genossen, die ich selbst teils bei mir aufnahm, teils über die Grenze beförderte. Dann erhielt ich illegale Zeitungen und auch die kleinen, als Reclamhefte getarnten Broschüren über den Reichstagsbrand. Ich las alles und gab es an Vertraute weiter. Wir waren ja alle ausgehungert nach Informationen, konnten wir doch lediglich die starr frisierte Nazipresse lesen. Nur gelegentlich erwischte man einmal eine ausländische Zeitschrift, die einem mehr Wahrheit über Deutschland brachte, mehr von dem, was man nur wisperte.

Aber wo sollte ich illegale Zeitungen aufheben? In meinem kleinen Zimmer musste ich ständig darauf gefasst sein, auch einmal eine Haussuchung über mich ergehen lassen zu müssen. Oft sah ich meine ganze Habe durch, ob sich nicht irgend etwas Verdächtiges darin fand, machte »Haussuchungen« bei mir selbst. Und für die illegalen Zeitungen fand ich im Archiv der Klinik hinter einem Stapel von alten Büchern ein gutes Versteck. Niemand kam sonst dahin.

Im März 1935 fragte mich Berthold nach einem Quartier für einen illegal Arbeitenden. Da in meinem Zimmer kein Platz war, fragte ich Peschel, der bejahte. »Gut«, sagte ich zu Berthold, »ich habe ein Quartier, aber ich möchte dir die Anschrift nicht sagen, sondern nur dem Illegalen. Ich gebe dir einen Brief für den Illegalen mit, in dem die Anschrift steht.« Ich schrieb, versiegelte den Brief und gab ihn Berthold. Später erfuhr ich, dass der illegale Genosse richtig in sein Quartier gekommen war. Ich besuchte Peschel und traf den Illegalen bei ihm. In der Unterhaltung mit ihm setzte er sich hartnäckig für die Schaffung von »Einheitsgewerkschaften« ein. Ich schüttelte den Kopf, verstand nicht, wie man unter diesem Terror Einheitsgewerkschaften fordern konnte, statt kleinste Zirkel zu schaffen. Später zeigte sich, wie recht ich damit gehabt hatte.

Viele Jahre später erfuhr ich aus einem Buch, welch riesiges Ausmaß die illegale Arbeit im Grenzgebiet zur CSR damals angenommen hatte. Allein im Jahre 1935 registrierte die Gestapo über anderthalb Millionen illegale Materialien. Dass bei solchen Mengen für Verräter oder Spitzel der Zugriff nicht besonders schwer war, lässt sich denken. Dementsprechend gingen die Verhaftungen zu dieser Zeit in die Tausende.

Erst zu jenem Zeitpunkt, als der Illegale, Hedler hieß er, bereits in Polizeihände gefallen und bei einem Fluchtversuch nach einem Treff im Dresdner Ostragehege von der Gestapo erschossen worden war, begann ich mir über Berthold Gedanken zu machen. Meine Ahnungen von damals fand ich bestätigt, als ich in dem erwähnten Buch auch tatsächlich von der verhängnisvollen Rolle erfuhr, die Berthold bei all dem gespielt hatte.

Anfang 1935 rief mich Berthold an, ob ich einen Bekannten für kurze Zeit beherbergen könnte. Ich vertraute ihm damals immerhin noch so sehr, dass ich zusagte. Berthold brachte mir einen jüngeren Mann, einen Techniker, wie er angab. Der nächtigte bei mir. Wir unterhielten uns. Der Techniker erzählte von Einheitsfrontbesprechungen, die er gehabt habe, fragte auch, ob ich nicht Leute wüsste, die vielleicht zu weiteren Gesprächen über dieses Thema bereit wären. Ich sagte, ich wüsste wohl einige und vielleicht sogar einen, der aktiv mitmachen würde.

Am nächsten Morgen wusch sich der Techniker nur flüchtig, und ich brachte ihn aus dem Haus. Wir verabredeten uns für den Nachmittag, wo ich ihn einem geeigneten Bekannten zuführen wollte. Der Techniker erschien, aber ich hatte meinen Bekannten noch nicht antreffen können. Wir gingen einige Schritte weiter, da sagte der Techniker zu mir: »Nun, ich weiß jetzt wohl genug. Hier, das kennst du doch sicher?« Und er zog aus der Tasche ein kleines Kärtchen, in Leder eingefasst, auf dem stand: »Geheime Staatspolizei«.

Es war wie ein Donnerschlag für mich.

Gestapo, Gefängnis, Zuchthaus

Ich war in den Händen der Gestapo. Wir standen an einer Straßenkreuzung, und von drei Seiten kamen Männer in Zivil auf mich zu, nahmen mich in ihre Mitte und führten mich zu einem Auto. Sie drohten, ja kein Aufsehen zu machen. Wir stiegen ein. Ich stand noch unter dem Eindruck des tödlichen Schreckens, aber ich biss die Zähne zusammen, um nicht zu zittern, um hart zu bleiben. Mich fror, und ich bat, das Außenfenster zu schließen. »Oh«, sagte der eine Beamte, »das ist nur die Reaktion auf die Verhaftung. Das äußert sich bei dem einen so, bei den anderen so.«

Wir fuhren. Dann standen wir wieder. Zwei stiegen aus, um meine Arbeitsstelle zu verständigen. »Wie viel verdienen Sie im Monat?« fragte der Beamte. Ich nannte eine Summe. Aber ich war nicht deprimiert und fragte den Beamten das gleiche, der antwortete ausweichend. Die zwei Beamten kamen wieder. »Wie heißt deine Freundin?«, wollte der eine Beamte wissen. Ich überlegte einen Augenblick, dann, als ich ganz klar wusste, dass sie nichts mit irgendwelchen illegalen Angelegenheiten zu tun hatte, sagte ich ihren Namen. »Und wo wohnt sie?« Auch das sagte ich. Wir fuhren. Der Ältere herrschte mich an: »Und nun muss die volle Wahrheit gesagt werden!« Ich biss auf die Zähne. Ich wusste genau, so lange ich lebte, könnten sie von mir nichts erfahren.

Vor dem Polizeipräsidium hielt der Wagen. Zum letzten mal grüßte ich die freie Straße mit den grünenden Bäumen. Dann betraten wir ein Zimmer. »Hände hoch!« Meine Taschen wurden visitiert, alles herausgenommen. Dann begann ein kurzes Verhör, aber als ich auf alle Fragen nur sagte: »Darüber werde ich nichts sagen«, schienen sich die Beamten eines anderen zu besinnen. Sie sagten: »Wir werden jetzt deine Freundin verhaften«.

»Sie ist völlig unschuldig und an dem Ganzen unbeteiligt«, entgegnete ich. Darauf reagierten sie nicht. Ich sagte: »Sonst hätte ich Ihnen ihren Namen nicht genannt.«

»Das hätten wir auch so herausbekommen.«

Sie ließen mich abführen. Eine eiserne Tür tat sich vor mir auf, und dann war ich in einem langen, schmalen Lichthof, von dem ich aufschauend sechs Etagen eiserner Rundgangsstiegen sah, Drahtnetze über jede Etage gespannt. Poltern dort, Schlüsselklirren, Rufen.

Man nahm mir sämtliche Sachen ab, sogar Hosenträger und Schuhbänder. Später erfuhr ich, dass das wegen der Selbstmordgefahr geschah. Sogar die Brille musste ich abgeben. Offenbar war auch Glas ein Gegenstand, der für Pulsadern gefährlich schien. Dann erhielt ich ärmliches Drillich und ein zerschlissenes Hemd. Ich war jetzt kein Zivilist mehr, das Gefangenenleben hatte begonnen.

Dann kam das Schlimmste: Ich musste beide Hände auf den Rücken legen, und sie legten mir eine Eisenfessel darum. Sie schnürte nicht nur die Hände, sondern auch die Arme zusammen, dass sie schmerzten. Dann führte man mich die äußeren, knarrenden Stiegen empor, schloss eine ächzende Tür auf, und ich betrat einen winzigen Raum, in dem ich in der dort herrschenden Dunkelheit zunächst gar nichts sah.

Der Raum war von einer Häuserwand, die unmittelbar vor dem winzigen, fast an der Decke klebenden Milchglasfenster stand, so dunkel, dass man Gegenstände erst nach einiger Zeit undeutlich unterscheiden konnte. Was war das für ein Apartment! Sechs kleine Schritte in die Länge und vier kleine Schritte in die Breite. Ein hölzernes Klappbrett als Tisch und ein kleines als Sitzgelegenheit. An der Wand befestigt eine Eisenpritsche, die anscheinend als Schlafgelegenheit dienen sollte. Gegenüber an der Wand ein kleines Holzgestell mit einem Becher und einem stumpfen Messer aus Holz. In der Ecke ein Abortkübel, in der anderen ein Krug mit Wasser und eine Schüssel, darüber ein Klingelknopf an der Wand. Weiter befand sich nichts, auch gar nichts im Raum. Und Dunkelheit, fast schwarze Dunkelheit. Hielt man in der Nähe des vergitterten Fensters einen Gegenstand hoch oben bis an die Milchglasscheibe, so konnte man ihn ziemlich genau erkennen, in den anderen Teilen des Raumes war es düster. Die Zelle war kalt, obwohl es draußen ein heißer Tag war. Aber die Steinwände waren dick, sehr dick und hielten die Kühle. Mich fror.

Ich saß, stand, ging. Die Wände hallten von meinen Schritten wieder, sonst war es totenstill in dem kleinen Raum. Allmählich begannen meine Schultern vom Druck der Fessel zu schmerzen.

Ich überdachte das bunte, farbige Leben, das ich draußen gehabt hatte, ich dachte an meine Freundin, und ich hoffte, dass sie von dem gleichen Schicksal verschont bliebe. Vielleicht hatten die Beamten nur drohen wollen.

Die Zeit verging, ich hatte keine Ahnung, wie schnell. Es musste wohl schon Abend sein. Ich hatte Hunger. Hatte man mich vergessen? Draußen schlurften Schritte auf dem Eisensteg vorbei. Ich klopfte mehrmals mit dem Fuß an die eisenbeschlagene Tür. Jemand stand vor der Tür. Ich fragte nach der Zeit. »Zum Abendessen ist es noch lange hin«, sagte die Stimme draußen. Merkwürdig, ohne Uhr, ohne bekannte Umgebung hatte ich jedes Zeitgefühl verloren. Es wurde noch düsterer in dem Raum.

Plötzlich ein Schlüsselklirren, man schloss auf. Ein uniformierter Polizeibeamter trat ein und schloss mir die Fessel auf, die »Brezel«, wie er sagte. Ich dehnte meine schmerzenden Schultern. »Ja, bewegen, immer bewegen«, meinte der Beamte. Man stellte irgendeine kümmerliche Suppe in einem Blechnapf vor mich hin. Dann ließ man die Pritsche von der Wand herab und gab mir zwei Decken. Aber die Hände wurden mir wieder auf dem Rücken gefesselt. So lag ich. Auf dem Rücken zu liegen war unmöglich, ein wenig auf der einen, ein wenig auf der anderen Seite. Aber kaum war ich eingeschlafen, so weckten mich grausam die angespannten Schultern und die gefesselten Hände. An Schlaf war kaum zu denken.

Nach einer endlosen Nacht graute der Morgen. Wieder öffnete man die Tür und schloss meine Fessel auf. Man ließ mir ein wenig Zeit, mich in der Schüssel zu waschen. Ich bekam trockenes Brot und irgend etwas Heißes zu trinken. Kurze Zeit danach schloss man meine Fessel wieder. Ich hatte mir eine Decke um die Schultern geben lassen, so dass ich nicht fror. Der Beamte hatte mir bedeutet, dass ich, wenn ich austreten müsse, klingeln solle. Mit der Stirn drückte ich dann auf den Klingelknopf an der Wand, bis nach einiger Zeit ein Beamter erschien.

Aber an diesem zweiten Tag war es insgesamt schon anders. Ich fand mich mit der Zeit besser zurecht. Irgendwo hörte ich weit in der Ferne und ganz leise eine Turmuhr schlagen und konnte ihre Schläge zählen. So hatte ich jetzt eine Tagesorientierung.

Dieser Tag war ein Sonntag. Ich fragte einen Beamten, ob am Sonntag auch Vernehmungen sein würden. »Im Allgemeinen nicht.« »Schade«, sagte ich, »so verliere ich wieder einen Tag.« Ich war noch unerfahren in diesen Dingen und naiv genug zu glauben, dass ein einzelner Tag in meinem künftigen Leben eine Rolle spielen würde. Ich dachte bei mir, viel länger als ein halbes Jahr könne die Sache doch wohl kaum dauern. Denn was konnten sie mir schon nachweisen? Ich kannte die Gestapo- und überhaupt die damaligen Polizeimethoden noch nicht, ich hatte ja niemals etwas damit zu tun gehabt.

Man holte mich zum Verhör. Ich stand, die Beamten saßen. Scharf war der Ton der Fragen. Man fragte mich nach den Leuten, die ich über die Grenze gebracht hatte oder hatte bringen lassen. Ich war überrascht. Woher wussten sie davon? Nur Berthold war davon informiert gewesen, aber der war doch zuverlässig, dachte ich. Ich leugnete alles ab. Ich wusste genau, dass ich niemanden von meinen Kameraden verraten würde. Die Beamten sagten zu mir: »Es hat keinen Zweck, wir wissen doch alles, wie Sie sehen werden. Also geben Sie es zu, und Sie werden besser behandelt. Solange Sie nicht zugeben, besteht Verdunkelungs- und Selbstmordgefahr, und wir müssen Sie fesseln«. Ich versicherte ihnen, dass mir nichts ferner liege als ein Selbstmord, aber sie gingen nicht darauf ein. Offenbar war ihnen diese Fesselung ein bequemes Mittel der Tortur, um Aussagen zu erzwingen. Sie ließen mich wieder gehen.

Nach einigen Tagen holten sie mich wieder, um mich meiner verhafteten Freundin gegenüberzustellen. Das Mädel sah verstört aus, weinte, bat, doch zu reden, damit sie freikomme. Ich war entsetzt. Das war sie also, die immer treu zu mir gestanden hatte, an deren Moral ich nicht gezweifelt hatte. Und sie bat mich nun, die Kameraden zu verraten, damit sie frei käme! Ingrimmig lachte ich in mich hinein und wandte mich ab. »Und das rührt Sie nicht?«, fragte der Beamte. Ich schwieg.

Einige Tage später rief man mich wieder hinunter. Ich fuhr entsetzt zurück, als ich meine weinende Mutter vor mir sah. Die alte Frau hatte eine weite Reise zurückgelegt, um mich zu sehen. Weinend umarmte sie mich und flüsterte mir ins Ohr: »Tue doch alles, was man dir sagt, damit du bald wieder freikommst!« Ich war befremdet. Offenbar hatten die Gestapo-Beamten es ihr so geraten. Dann meinte sie laut: »Wenn du aber in vier Wochen nicht frei bist, komme ich noch einmal zurück.«

Ich war kühl geworden, es war mir alles peinlich. In diesem zerschlissenen Drillichanzug, seit Wochen nicht rasiert, mit ungekämmtem Haar, von Polizisten hereingebracht und wieder abgeführt, mochte ich meinen Angehörigen nicht gegenübertreten. Ich wollte nicht Gegenstand ihres Weinens oder ihres Mitleids sein und nicht unter den Augen von neugierigen Beamten irgendwelche Worte wechseln. Mein Stolz ließ das alles nicht zu. Ich war froh, wieder allein zu sein. Aber offenbar hatte man meine Mutter hereingelassen, um mich weich zu machen. Gewiss, schreiben wollte ich ihr, aber das ließ man nicht zu, so oft ich auch darum bat. Ich wusste, dass die anderen politischen Gefangenen schreiben durften, aber bei mir sagte man stets: »Erst wenn Sie ausgesagt haben.« Ich durfte auch nicht wie die anderen politischen Gefangenen täglich eine halbe Stunde im Hof herumgehen oder mir Wäsche schicken lassen oder ein paar Lebensmittel kaufen oder meine Zivilkleidung tragen. Alles verweigerte man mir und immer mit der Begründung: »Erst aussagen!«

Aber das Schlimmste war die Fessel. Mit der Zeit wurde der Schmerz in den Schultern fast unerträglich. Der Wachbeamte, mit dem ich darüber sprach, sagte zu mir: »Machen Sie doch ein Gesuch, schreiben Sie, dass die Fesseln Sie in Ihrer Gesundheit beeinträchtigen.« Ich tat das. Ich wurde heruntergerufen, und man hielt mir mein Gesuch als eine bodenlose Unverschämtheit vor, man beschimpfte mich. Und wieder befahl man mir: »Erst aussagen!«

Um irgend etwas auszusagen und den unbequemen Fragereien zu entgehen, gab ich zwei Adressen an, mit denen ich angeblich in Verbindung gestanden hatte. Aber ich hatte diese Personen fingiert, sie existierten für die Gestapo nicht. Eine war, das wusste ich, bereits vor Monaten ins Ausland emigriert, für die andere gab ich eine Phantasie-Adresse an: »Berlin SW 68 postlagernd«. Das war die Anschrift eines früheren Zeitungsamtes, die mir eingefallen war.

Nach einigen Wochen sahen auch die Gestapo-Beamten ein, dass ich sie an der Nase herumgeführt hatte. Sie waren zornig darüber, welch großen Beamtenapparat sie hatten aufbieten müssen, um das zu begreifen. Fortan war ich noch schlechter bei ihnen angeschrieben. »Nie werden Sie die Freiheit wiedersehen«, schrieen sie mich an. Ein andermal riefen sie mich zum Verhör. Als ich an der Tür stand, erblickte ich Anni Sindermann, mit der ich einen illegalen Treff gehabt hatte. Plötzlich erhielt ich einen wüsten Stoß gegen den Rücken und taumelte ins Zimmer gegen die Frau. »Du willst dich wohl an der Frau vergreifen, du feiner Bruder, wart’ nur, das werden wir dir austreiben!« herrschte mich einer der Gestapo-Beamten an.

Und als ich alles Vorgehaltene wieder einmal ableugnete, schlugen sie mir mit Fäusten ins Gesicht und traten mir gegen die Schienbeine. »Mit dir fahren wir noch einmal in den Wald!« drohten sie.

Ich war noch immer unerfahren und dachte tatsächlich, halbwegs in einem Rechtsstaat zu leben. Keuchend bat ich den uniformierten Wachbeamten vor meiner Zelle um Schutz.

Am nächsten Tag wurde ich hinuntergerufen. Gefesselt betrat ich das Zimmer eines Gestapoinspektors. Die beiden Beamten, die mich geschlagen hatten, saßen auch dabei.

»Sie haben um Schutz nachgesucht?« fragte der Inspektor.

Ich bejahte.

»Warum? Sind Sie geschlagen worden?«

Ich erklärte, hier, vor diesen zwei Beamten, könne ich nicht sprechen.

Der Inspektor befahl den Beamten, hinauszugehen. »Sind Sie geschlagen worden?«

Ich bejahte.

»Von wem?«

Ich überlegte. Würde ich jetzt die Namen der Beamten nennen, die der Inspektor natürlich genau kannte, so würden sie meine martervolle Fesselung und die übrigen Torturen bis ins Endlose weiter fortsetzen, vielleicht käme noch Schlimmeres. Es hatte also keinen Zweck, sich noch persönliche Feinde zu schaffen. Ich sagte darum: »Ich verweigere die Aussage.«

»Dann verweigere ich auch die weitere Untersuchung«, schrie der Inspektor, und er beschimpfte mich, wie man ein Stück Vieh beschimpft. Dann ließ er mich abführen. Immerhin war der Erfolg in dieser Sache doch der, dass ich bei den folgenden Verhören nun zunächst nicht mehr geschlagen wurde.

Sie hielten mir Dinge vor, über die ich erstaunt war. Nur Berthold war darüber so genau informiert gewesen. Warum hatte er das alles gesagt? Warum hatte er geradezu mit Liebe jede Einzelheit ausgemalt? Warum hatte er Dinge gesagt, die darauf schließen ließen, dass ich noch weitere Leute über die Grenze gebracht hatte? Berthold, dieser so zuverlässige Bursche, der mit Eifer jede illegale Sache verfolgte! Es war Verrat, den ich nicht verstand.

Sie fragten mich: »Was war mit dem versiegelten Brief?« Ich leugnete, irgend etwas darüber zu wissen. Sie fragten mich, wer denn das sei, »der alles mitmache?« Ich nannte die fingierte Adresse. Sie fragten mich, was Thielemann in der Sache mitgemacht habe. Ich sagte, ich kenne den Mann nicht. Sie fragten weiter: »Wer ist der Ingenieur in den Hille-Werken?« Innerlich erschrak ich, denn Barth war ja in den Hille-Werken beschäftigt. Aber weil ich zufällig einen anderen, harmlosen Menschen dort kannte, nannte ich den. Sie achteten nicht darauf. Später drohten sie mir, dass sie mich zu ihm nach Warnemünde mitnehmen würden. Woher wussten sie, dass Barth jetzt in Warnemünde war? Wollten sie ihn verhaften? Sollte ich dabei als Lockspitzel dienen? Aber ich blieb äußerlich ruhig, und sie gingen nicht weiter darauf ein.

Dann empfing ich einen Brief, den meine Freundin aus der Zelle an mich geschrieben hatte. Sie erinnerte mich daran, wie sie sich früher für mich aufgeopfert, wie sie andere Menschen für mich aufgegeben hätte, und nun wollte ich sie vernichten. Sie halte das nicht mehr aus. Wenn ich nicht spräche, so würde sie Selbstmord verüben, Gelegenheit dazu böte ja ihre Zelle. Ich war betroffen. Ich hatte mich bei den Aufsicht führenden Polizeibeamten genau erkundigt und wusste, wie es meiner Freundin ging.

Sie hatte eine für meine jetzigen Begriffe schöne, sonnige Zelle. Sie konnte jeden Tag an die frische Luft gehen, sie konnte schreiben, Pakete empfangen, sie konnte Lebensmittel kaufen, sie konnte ihre Zivilkleidung tragen, während ich wie ein Hund lebte. Und dann schrieb sie, sie halte das nicht mehr aus! Sie wollte mich dazu bringen, meine Kameraden zu verraten, nur damit sie selbst frei käme. Ekel erfüllte mich. Hatte man mich nicht früher schon einmal vor ihr gewarnt? Warum war ich so blind gewesen?

Was blieb noch übrig? Der Freund, der mich verraten hatte, das Mädchen, das mich zum Verrat erpressen wollte. Dazu die dunkle Zelle und die endlosen Tage. War ich nicht sehr unvorsichtig gewesen, mich solchen Menschen anzuvertrauen? Hätte ich nicht viel mehr prüfen sollen? Gewiss, ich glaubte, geprüft zu haben, aber das war doch alles viel zu kurz und zu oberflächlich gewesen.

Zwei- oder dreimal brachte man mir einen Brief meiner Mutter. Sie war sehr verzweifelt. Sie schrieb von den Schönheiten unserer ländlichen Heimat und von der Hoffnung, mich bald wieder zu sehen. Man erlaubte nicht, dass ich ihr antwortete. Dann blieben die Briefe aus. Offenbar glaubte sie nicht, dass ich die Briefe bekommen hätte. Ich war mir selbst überlassen. Nur die Briefe der Mutter lagen auf dem Holzbrett, das als Tisch diente.

Meine Stimmung begann zu sinken. In der dritten oder vierten Woche nach der Verhaftung war ich auf dem tiefsten Punkt angelangt. Das Schlagen bei den Verhören, der Verrat des Freundes, die erpresserischen Versuche der Freundin, die Verzweiflung der Mutter, die eigene Hilflosigkeit, die schmerzenden Fesseln, die düstere Zelle, das alles drückte mich sehr nieder.

So äußerte ich mich auch einem Wachmann gegenüber, der freundlich zu mir war. Der munterte mich auf, erzählte mir von seinen eigenen Erlebnissen als gefangener Soldat in Afrika, wo er ein halbes Jahr in Ketten unter der Erde geschmachtet habe. Und wirklich, die wenigen freundlichen Worte machten mir wieder Mut. Ich überwand den Tiefpunkt meiner Stimmung. Ich begann, meine morgendlichen Waschungen mit einem gewissen Zeremoniell zu betreiben, es gelang mir sogar, eine alte Illustrierte zu bekommen, in der ich während der Zeit, in der man mir in der dunklen Zelle das Licht kurz eingeschaltet hatte, jedes Wort von vorn bis hinten gründlich las.

Freilich, die Verhöre blieben. Die Drohungen der Gestapo-Beamten, die mir sogar den Tod ankündigten, ließen mich gleichgültig. Meine innere Stärke wuchs. Aber ich war mir klar darüber, dass ich dies alles nur aushalten könnte, wenn ich bis zum letzten entschlossen wäre. Und das war ich. Ich war entschlossen, nichts, aber auch nichts von meinen Geheimnissen preiszugeben, niemanden von meinen Kameraden zu verraten, auch wenn sie mich totschlügen. »Irgendwann vorher wird mich eine wohltätige Ohnmacht umfangen«, sagte ich mir. So trug ich die Schläge und Tritte bei den Verhören, die Qual der Fessel und die übrigen Schikanen. Das Schlimmste war, dass ich nicht wusste, wie lange diese Marter dauern würde. Ich fragte manchmal die Wachleute danach. Sie antworteten immer ausweichend. Einer nannte mir einmal ein viertel bis ein halbes Jahr. Innerlich erschrak ich. Sechs, acht Wochen waren jetzt vorbei. Sechs, acht qualvolle Wochen. Und nun noch länger?

Die Wachleute wurden allmählich freundlicher zu mir. Anscheinend hatten sie Achtung vor mir. Meine Fesseln wurden oft nur lose angelegt, so dass es mir gelang, eine Hand daraus hervorzuziehen. Freilich musste ich das sorgfältig verbergen, denn jeden Moment konnte die Tür aufgehen und ein nicht eingeweihter Wachtmeister eintreten. Unter der Decke, die mir über die Schultern hing, verbarg ich meine Hände. Ab und zu brachte man mir auch eine leichte Lederfessel, die die Hände nur vorn band. Sie war im Vergleich zur »Brezel« auf dem Rücken ein Vergnügen. Auch konnte man gelegentlich eine Hand daraus hervorziehen.

Eines Tages bekam ich einen kleinen Kriminalroman in die Zelle hineingeworfen. Ich war ausgehungert nach Lektüre. Hielt ich das Buch mit der Hand oben an das Fenster, so konnte ich sogar, wenn die Sonne schien, lesen. Manchmal machten mir freundliche Wachtmeister die kleine, vergitterte Deckenlampe an. Ich las den Roman mehrere Male, ich kannte bald jeden Satz darin auswendig. Wie köstlich es war, etwas Gedrucktes vor sich zu haben und für kurze Zeit der Eintönigkeit der eigenen Grübeleien zu entfliehen!

Und doch waren diese Grübeleien heilsam. Nie hatte ich soviel Zeit, mein eigenes Leben betrachten zu können, meine Fehler, meine Beziehungen zu anderen Menschen. Ich wurde hellhörig. Wie ich aus dem weit entfernten Glockenschlag jetzt die Zeit erkannte, so lernte ich in der Stille, aus kleinen, scheinbar nichtssagenden Zeichen, aus wenigen Worten den Charakter eines Menschen besser erkennen und beurteilen, als ich es je vorher gekonnt hatte.

Ich entsann mich winziger Begebenheiten, die ich an meinen Freunden, an Bekannten, an meiner Freundin, meinen Vorgesetzten beobachtet hatte. Warum hatte ich dies alles vorher nicht gesehen? Warum waren meine Sinne erst jetzt so geschärft? Nun sah ich ein, wie außerordentlich heilsam diese Wochen der Einsamkeit für mich waren. War nicht klösterliche Abgeschiedenheit etwas ähnliches? Schöpften nicht die größten Geister immer wieder ihre Kraft aus der Stille und der Einsamkeit? Ja, ich war bereit, jedem Menschen einmal einige Wochen solcher Abgeschiedenheit zu wünschen. Es musste ja nicht mit Fesseln und Torturen verbunden sein. Würden nicht viel Oberflächlichkeit, Heuchelei, viele Verkrampfungen verschwinden, wenn jeder irgendwann einmal eine Zeit stiller Selbstbesinnung hätte?

Als vielleicht acht oder neun Wochen verflossen waren, sagte ein Wachtmeister zu mir: »Nun wird es sich bald zeigen, wer stärker ist, die Behörde oder Sie«. Ich horchte auf, die Wachleute wussten also, worum es ging. Offenbar waren einige der Wachtmeister mir wohlgesonnen, vielleicht sogar auf meiner Seite. Sie wurden zusehends freundlicher, verschafften mir diese oder jene Erleichterung, sei es etwas zu lesen, sei es, dass sie meine Zellentür einmal lange aufließen oder mich für kurze Zeit gar in eine andere Zelle beorderten.

Das waren glückliche Augenblicke, denn die Sonne wollte ich noch einmal sehen, die Sonne. »Noch einmal die Sonne sehen, noch einmal die Sonne sehen«, so klang es in mir. Sie schien mir der Inbegriff aller Schönheit und der Freiheit zu sein nach dem Dunkel, das mich seit Monaten umhüllte. Aber noch war es mir nicht vergönnt, sie wieder zu sehen.

Ab und an wurde ich zum Baden in den Keller hinuntergeführt. Dort hing ein kleiner Spiegel. Ich erschrak, als ich mich sah. Blass, mit wirrem Haar; mein Bart, beinahe drei Zentimeter lang geworden und am Kinn schon grau, ließ mich um ein Dutzend Jahre älter erscheinen. Wie ein Straßenräuber sehe ich aus, dachte ich bei mir. Ein andermal traf ich dort überraschend auf Peschel. Es gelang mir, unbemerkt an seine Seite zu kommen und einige wenige Worte mit ihm zu flüstern. Dann wurden wir getrennt.

An den Abenden hörte ich jetzt über meiner Zelle hin und wieder Gespräche. Ich merkte, dass da politische Gefangene miteinander sprachen. Ich rief am Fenster nach oben und machte mich bemerkbar. Die über mir gehörten zu einer Parallelgruppe, die zum gleichen Zeitpunkt wie ich verhaftet worden waren. Ich erfuhr, dass Redler, jener illegale Flüchtling, dem ich das Quartier bei Peschel beschafft hatte, von der Polizei erschossen worden war.

Während ich noch am Fenster stand und nach oben rief, ging plötzlich die Tür auf, und ein Beamter, der mich durch das kleine Sehloch in der Tür, den »Spion«, beim Sprechen beobachtet hatte, kam herein. Ich war bei einer verbotenen Handlung erwischt worden. Der Beamte drohte mir. Am selben Abend noch wurde ich zum Inspektor gerufen, der mich fragte, was ich da zu sprechen hatte. Ich konnte die Wahrheit natürlich nicht sagen und musste eine Ausflucht gebrauchen. Ich log und sprach von der Uhrzeit, nach der man mich gefragt hatte. Die Sache ging vorbei, aber die Kameraden da oben schienen verlegt worden zu sein. Jedenfalls hörten die abendlichen Unterhaltungen auf.

Aber meine eigenen Fesseln wurden jetzt besonders stramm angezogen, so wie in den ersten Tagen. Das sollte wohl eine Strafe sein. Ingrimmig musste ich lächeln. Wie einen kleinen Jungen behandelten sie mich.

Nach einigen Tagen legte sich das wieder. Die Zügel wurden wieder etwas lockerer. Ich konnte wieder aufatmen, ohne von dauernden Schmerzen gepeinigt zu sein.

Mein Aufzug war jetzt wirklich räubermäßig. Der struppige Bart wucherte mir über den Mund. Da ich keine Schere hatte, musste ich einzelne vorstehende Haare mit den Zähnen abbeißen, so gut es eben ging. Aß ich, so war mir der Bart hinderlich, besonders, wenn ich einen Hering bekam, was ziemlich oft geschah. Mit dem kleinen Holzmesser mühsam die Gräten heraushebelnd, musste ich abbeißen, und der Saft tropfte in meine Barthaare. Trotz allen Waschens war der penetrante Heringsgeruch für Tage nicht wegzubekommen. Aber das waren natürlich Bagatellen!

Ich lernte die früher so selbstverständlichen Dinge der Zivilisation in einem neuen Licht sehen. Und was mir einst nie begehrenswert schien, etwa ein Parfüm oder eine gute Seife, war nun zum Inbegriff einer höheren Kultur geworden. Viele meiner Anschauungen hatten sich gewandelt, was draußen oben war, war hier unten, was draußen gut war, war hier böse, was man draußen tun musste, musste man hier lassen. Es war eine Umwandlung aller Werte, und je länger meine Haft dauerte, desto mehr musste ich umlernen, neue Begriffe formen. Hier war ich außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft, außerhalb jeder bürgerlichen Moral. Wie ein Tier musste ich darauf sinnen, meinen Peinigern mit Klugheit ein Schnippchen zu schlagen, sie zu überlisten. Ich gelangte langsam in eine Welt, die sich jenseits der überkommenen Begriffe von Gut und Böse befand. Und allmählich erst, nach Monaten und Jahren, würde ich lernen, dass auch sie ihre ungeschriebenen Regeln und Gesetze hatte. Später erst wurde mir klar, was mir viele Kameraden in der Haft immer wieder sagten: »Niemand kommt hier so heraus, wie er hereingekommen ist.«

Ob ich in den hölzernen Klapptisch ein Schachdiagramm einschnitt und mit Zeitungsfetzen als Figuren mit mir allein Schach spielte, ob ich Kreuzworträtsel selbst fabrizierte, ob ich später irgendwelche Zeitschriften von den Wachleuten erbettelte, ob ich durch Klingeln kurz vor den Essenszeiten versuchte, die Qualen der Fesselung abzukürzen, was mir oft gelang – es war das eigentlich verboten, aber immer war es ein Kampf um diese Kleinigkeiten, die den Geist wachhielten, dem Körper Erleichterung verschafften und das Dasein ein wenig erträglicher gestalten sollten.

Als genau zehn Wochen vergangen waren, wieder an einem Freitag, öffnete sich meine Zellentür. Ein Kommissar und ein Wachmann traten herein.

»Sie haben jetzt wohl keine Selbstmordabsichten?« Ich verneinte auf das Entschiedenste.

»Dann wollen wir Ihnen jetzt die Fesseln abnehmen.« Der Wachmann schloss die »Brezel« auf, nahm sie mir ab, und beide gingen wieder hinaus. Ich war allein. Ich wusste, ich hatte gesiegt, ich hatte meine Kameraden nicht verraten, die Qualen waren nicht umsonst gewesen; und das Gefühl der endlichen, so lange und so sehnlich erwarteten Befreiung von dieser Pein überwältigte mich derart, dass ich – zum ersten mal in meiner Haft – in einen Strom von Tränen ausbrach. Ich schämte mich dessen nicht.

Alle anderen Bedingungen blieben für mich die gleichen, aber meine Hoffnungen auf Besserung meiner Lage wuchsen. Noch zwei Wochen blieb ich in meiner dunklen Zelle, nun waren insgesamt zwölf Wochen vergangen.

Dann endlich holte man mich heraus. Gab mir eine helle Zelle, die einen kleinen Blick auf den blauen Himmel erlaubte, auf den ich mit heller Wonne schaute. Dann kamen all die anderen Dinge, die ich so lange entbehrt hatte. Ich erhielt meine eigene Kleidung wieder, der lange Bart fiel, meine wirren Haare wurden geschnitten, und endlich, endlich durfte ich in dem kleinen Hof wieder einmal die Sonne sehen. Ich schaute sie an, bis die Augen schmerzten: die Sonne, die Sonne! Es war wie ein Wunder! Ich bekam ein Buch, konnte lesen, und gierig verschlangen meine Augen die Zeilen.

Dann schaffte man mich in das Untersuchungsgefängnis derselben Stadt. Ich kam dort mit ein paar Kriminellen in einen Raum. Es war köstlich für mich, seit einem Vierteljahr wieder einmal mit Menschen reden zu dürfen, wieder mehr Bücher zu haben.

Ich lernte nun so mancherlei Dinge, die Kriminelle in den Gefängnissen seit je zu tun pflegen: Feuer mit einem Metallknopf machen, der in der Mitte eines Fadens hing und den sie gegen einen Steinkrug schnurren ließen. Seine Funken setzten geschabtes Zelluloid von einer Zahnbürste oder einem Kamm in Brand. Oder sie wurden mit einer »Lunte« aufgefangen, einem angesengten Stück Stoff, wo sie weiter glimmten, so dass man eine Zigarette daran anzünden konnte. Ich hörte sie von mancherlei Diebstählen sprechen, ich hörte sie sexuelle Perversionen ausmalen, wovon sie ein ganzes Arsenal voll zur Verfügung hatten. Wenn ich später mit politischen Kameraden über die Zeit bei den Kriminellen sprach, so hatten sie alle ziemlich die gleichen Erfahrungen gemacht: Es waren immer die gleichen arbeitsscheuen Elemente, die durch allerhand feine und grobe Gewitztheiten versuchten, sich auf bequeme Art Vorteile zu verschaffen. Klug waren sie nur bis zu einem gewissen Grade, denn ihre Klugheit reichte nie aus, um zu erkennen, dass sie früher oder später doch alle »gingen«, wie ihr Fachausdruck hieß. Sie waren alle geborene Individualisten, wie sie auch fast immer Egoisten waren. Für politische Gespräche waren sie nicht zu haben. Ihrem Individualismus widerstrebte ein politisches, für eine Gemeinschaft getragenes Ziel. Auch fehlte ihnen das Verständnis, für eine Idee zu kämpfen oder gar zu leiden. Sie hielten die Politischen entweder für dumm oder für unbelehrbare Fanatiker oder gar für Berechnende, die in späteren Zeiten auf einen guten Posten rechneten.

Je länger ich mit dieser Art von Menschen zusammen war, desto unangenehmer wurden sie mir. Viele warteten ja nicht auf die Verurteilung ihrer ersten Straftat, sondern es ging um das letzte Glied in einer langen Kette von »einschlägigen« Delikten. Sie blieben meist bei ihrem Fach. Der Betrüger beim Betrug, der Falschspieler beim Falschspiel, der Dieb beim Diebstahl usw.

In dieser Zeit fand auch die gerichtliche Untersuchung meines »Falles« statt. Der Untersuchungsrichter fragte mich korrekt. Schließlich ging es nur um eine Zusammenfassung dessen, was die Gestapo-Beamten notiert hatten.

Ich war froh, als ich das sechsstöckige Haus am Münchner Platz endlich verlassen konnte.

Nun transportierten sie mich in ein Gefängnis für Politische, in die sogenannte »Mathilde«. Glücklicherweise war ich dort auch mit politischen Gefangenen zusammen, deren mehrere hundert die Zellen füllten. Zu zweit in einer kleinen Zelle, den Schikanen der dortigen Wachtmeister nur ab und an ausgesetzt, war es im ganzen erträglich. Was bedeuteten schon ein paar hundert Wanzen in der Zelle? Wir machten uns einen Spaß daraus, sie in den Mauerritzen zu jagen. Wenigstens hatten wir Bücher, und wenn ich in Freiheitstagen wenig Zeit zum Lesen gehabt hatte, so hatte ich nun Gelegenheit, manches zu lesen, wozu ich sonst nie gekommen war.

War ich mit einem einfachen Menschen zusammen, so gehörte es zur Regel, dass wir uns in den ersten ein bis zwei Wochen viel zu erzählen hatten. Dann aber versagte der Gesprächsstoff. Das Thema Familie, Stadt, Politik war allmählich erschöpft, und wir wurden uns langweilig. War es ein guter Kamerad, so war es erträglich, war es ein schlechterer, so wurde es mit der Zeit fast unerträglich in der Zelle. Es begann das, was die Polarforscher die »Polarkrankheit« nennen: Man konnte sich in den engen Polarzelten nicht mehr sehen und explodierte bei der geringsten Gelegenheit. Ähnliches, wenn vielleicht auch nicht so krass, ergab sich mit der Zeit in der Enge der Zelle.

Täglich gingen wir für eine halbe Stunde in dem kleinen Hof herum: Einzeln, je drei Meter Abstand haltend, das Sprechen war streng verboten. Trotzdem war es kein stumpfsinniges Umhertrotten, wir sahen bekannte Gesichter, gute Kameraden, Junge und Alte, wir konnten uns zunicken, und wir lernten es, uns in manchen Momenten trotz der scharfen Aufsicht der Wachtmeister einiges zuzuflüstern. Wir lernten sprechen, ohne dass man die Bewegungen unseres Mundes sah. Mit leicht seitwärts geöffneten Lippen, wenige leise Stichworte, die der andere doch verstand. So trugen wir einander Nachrichten zu. Wir lernten, uns durch Klopfzeichen an die Wände zu verständigen und uns durch die Abortanlagen in den Zellen etwas zuzurufen. Wir hatten eine Art Alphabet ausgearbeitet, wodurch das »Morsen« schneller ging. Wir hatten Klopfzeichen, die für jede unserer Heimatstädte charakteristisch waren, so dass man in den Zellen gleich wusste, aus welcher Stadt der Nebenmann stammte. So wussten alle gut übereinander Bescheid.

Die große Frage für jeden war der Prozess. Hast du schon die Anklage? Wie viel Jahre erwartest du? Wann ist dein Prozess? Wie viel hat der und der bekommen? Das waren die täglichen Fragen, die wir, alle miteinander verbunden, uns nun stellten.

Ich war über die Höhe der Urteile erstaunt. Zu unter zwei Jahren wurde niemand verurteilt, aber die Strafen für die meisten bemaßen sich weit, weit höher. Aber man gewöhnte sich auch daran. Wir wussten nun ungefähr, was jeder von uns zu erwarten hatte, und wir trugen es alle mit dem gleichen guten Mut. Nie hatte ich einen trauern oder weinen gesehen, freilich, lachende Gesichter hatten wir kaum. Die Alten waren schlechter daran als die Jungen, die sich schneller über alles hinwegsetzten und sich an vieles gewöhnten. Die meisten unter uns waren einfache Menschen aus dem Volk. Deren Moral war gut, der Mut ungebrochen, und das, obwohl die meisten Frauen und Kinder hatten, denen jetzt der Ernährer fehlte und die sich oft in verzweifelter Lage befanden. Manche erhielten Briefe, die ihnen von der Exmittierung ihrer Familien aus den Wohnungen Nachricht gaben. Manche Frauen ließen sich sogar unter dem Druck der Wohlfahrtsämter, die das wünschten, oder unter den Einfluss anderer Leute scheiden. Manchem wurden die Rechte über die Kinder entzogen.

So erfüllte viele von ihnen Bitterkeit, nie aber Verzweiflung. Sie erwiesen sich des politischen Kampfes, den sie geführt hatten, würdig. Mochten auch gelegentliche Ausnahmen unter ihnen sein, mochte hie und da ein Verräter auftauchen, dem viele, manchmal sehr viele zum Opfer fielen, im allgemeinen waren die Menschen gut. Politische Köpfe waren dabei, die in harter Schule und Selbstdisziplin für eine spätere Aufgabe heranreiften. Und wir erfuhren voneinander, dass wir fast alle in den ersten Tagen und Wochen von der Gestapo wüst geschlagen worden waren, um Aussagen zu erpressen. Viele waren mehrmals bis zur Besinnungslosigkeit geprügelt worden. Viele waren lange gefesselt gewesen, und alle hatten die ganze Stufenreihe der Schikanen durchmachen müssen.

Von manchen hörte ich auch, die so tapfer gewesen waren, dass sie sich lieber totschlagen ließen, als ihre Kameraden zu verraten. Kasparcyk hieß einer der Heldenmütigen, ein unbekannter Mensch, aber ein leuchtendes Fanal.

Nach vierzehn Monaten Untersuchungshaft war mir endlich eine Anklageschrift ausgehändigt worden. Der Prozess führte mich nun zum ersten mal mit Peschel und vier anderen, die ich früher nicht gekannt hatte, zusammen. Aber aus der Anklageschrift und aus vielerlei kleinen Begegnungen wusste ich um sie.

Es ist müßig, die wenig nützlichen Vorbereitungen des Pflichtverteidigers auf die Verhandlung zu erörtern und den Prozess selbst zu schildern, der drei Tage dauerte. Es genügt zu sagen, dass er – wie alle politischen Prozesse – geheim war und unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. Dies hatte seinen Grund darin, dass das ganze Gewebe politischer Naziwillkür, aber auch der Kampf der Illegalen der Allgemeinheit nicht bekannt werden sollte. Auch sollte um die Spitzel der Gestapo Stillschweigen verbreitet werden.

So wurde der Prozess hinter verschlossenen Türen geführt. Scheinbar verlief er einigermaßen korrekt. Der formale Prozessverlauf wurde eingehalten, die Zeugenvernehmungen, die Vernehmungen der Angeklagten verliefen im wesentlichen gemäß den Regeln. Die Anklagerede des Staatsanwalts und die letzten Verteidigungsreden der Angeklagten, auch das war im Rahmen des Üblichen.

Gedankenschärfe und Geistesgegenwart waren nötig, denn während des Prozesses ergaben sich fortwährend neue Situationen, neue Vermutungen, neue Anklagen, die es zu entkräften galt. Die Offizialverteidiger, die man uns Angeklagten gegeben hatte, waren so alt und so unbeholfen, dass man sich als juristischer Laie selbst wesentlich geschickter verteidigte, als der Verteidiger es vermochte.

Immerhin rann es uns Angeklagten doch kalt den Rücken hinunter, als der Staatsanwalt drei bis fünf Jahre Zuchthaus für die meisten beantragte, für mich selbst fünf.

Das Gericht zog sich zu einer kurzen Beratung zurück, und nach einigen Minuten erschien es wieder. Bei der Urteilsverkündung wurde Publikum zugelassen. Stehend mussten wir sechs Angeklagten unser Urteil anhören. Die Urteile lauteten zwischen zwei und vier Jahren Zuchthaus, ich erhielt drei Jahre. Die Untersuchungshaft wurde uns fast ganz angerechnet.

Wir konnten in die Zellen zurückkehren, die Spannung hatte sich gelöst: Wir waren nicht niedergeschmettert, wir beglückwünschten uns sogar, dass es weniger war, als der Staatsanwalt beantragt hatte. Nun hatten wir bis zum Abtransport in die Strafanstalt nur noch wenige Wochen zu warten.

Als wir dort eintrafen, lasen wir hinter dem großen Tor die Tafel mit der Inschrift:

Wer Freiheit nicht zu schätzen weiß,

muss dieses Haus betreten.

Dort lernet er zu jeder Zeit

Für seine Freiheit beten.

Und als wir in das gelbliche hässliche Drillich der Sträflinge eingekleidet waren, standen wir entrechtet, entehrt von einer Gesellschaft, die wir hassten und die wir nie anerkannten.

Weit davon entfernt, diese neuen Beamten etwa als Vorgesetzte anzuerkennen, verglich ich meine Situation stets mit dem Bibelwort: »So fiel ein Mann unter die Räuber, und sie taten mit ihm, was sie wollten«. So kam ich mir vor, und die kleinlichen, schikanösen Subjekte von Bewachern nötigten mir innerlich keinerlei Respekt ab.

Fast zwei Jahre brachte ich in der Anstalt Zwickau zu. Vierzehn Monate davon war ich in Zellenhaft, teils allein, teils mit ein oder zwei anderen zusammen. Dreckige Arbeit, Wolle zupfen, Lumpen zerreißen, teerige Taue entwirren, Staub, Dreck, Lumpen, das füllte meine Tage aus. Der Lohn betrug vier Pfennige am Tage, nach acht Monaten, wenn man bei guter Führung in die »Mittelstufe« kam, stieg der Lohn auf acht Pfennige. Dafür konnte man ein mal in der Woche einige wenige Kärglichkeiten kaufen.

Mitunter, wenn einem primitiven Menschen in der Zelle der Gesprächsstoff ausging, wurde es eintönig und langweilig. Dann hatte ich das Glück, mit Sprachkundigen zusammenzukommen. Während der Dreckarbeit unterhielt ich mich auf englisch mit einem Deutschamerikaner, lernte von einem Brasilianer portugiesisch. Der war ein guter Lehrer, er unterrichtete nach der Methode der Berlitzschulen, bei der im Unterricht kein deutsches Wort fiel. Ich lernte spielend die Anfangsgründe einer klangvollen Sprache. Freilich, Notizen zu machen war während der Wochen Tagesarbeit streng verboten. So mussten wir das heimlich tun. Kleine, zwei Zentimeter lange Bleistiftstückchen hatten wir in unsere Kleidung eingenäht. Einen kleinen Zettel mit Notizen und Vokabeln verbargen wir unter den Haufen von Lumpen, setzten uns mit dem Rücken gegen die Tür, so dass wir durch den Spion von außen nicht beobachtet werden konnten, und lernten. Stundenlang oft. War der Abend gekommen, durften wir zur Lektüre greifen, die uns dosiert und zensuriert zugemessen wurde. Aber es war ein weiter und demütigender Weg, bis es gelang, Lektüre oder Schreibzeug zu erhalten. Beim Morgenaufschließen mussten wir uns einmal in der Woche zum Oberamtmann vormelden. Schloss der Beamte schnell auf und verschwand sofort, war das Vormelden für diese Woche nicht mehr möglich. Dann geruhte der Oberamtmann, bittende Sträflinge einige Tage später zu empfangen. Wir wurden aufgerufen, mussten an dem eisernen Rundgangstieg eine Etage höher mit dem Gesicht zur Wand stillstehen und, je zwei Meter Abstand haltend, schweigend warten, bis die Reihe an uns kam. Auf ein Klingelzeichen betraten wir den Raum des Oberamtmanns, nannten unsere Nummer und Namen und warteten. Dann brachten wir unsere Bitte vor, die er je nach Sachlage und Laune ablehnte oder annahm. Es musste zum Beispiel um die Erlaubnis gebeten werden, sich ein Schreibheft anzulegen. Dieses dicke Heft wurde uns nur am Wochenende ausgehändigt, um für die Arbeitswoche wieder weggeschlossen zu werden. Da konnten wir hineinschreiben, was wir wollten, Auszüge aus Büchern, Übersetzungen, Noten, Lieder, eigene Ideen und sonst noch allerlei. Das war doch etwas Köstliches, sich etwas notieren zu können, seinen Gedanken Ausdruck geben zu können. Aber in gewissen Abständen wurden diese Hefte vom Oberlehrer der Anstalt kontrolliert, ob sich nicht verbotene Dinge darin befänden, und er malte sein Signum mit Datum stets dazu. Mitunter, wenn er glaubte, etwas Verbotenes oder Anrüchiges gefunden zu haben, ließ er von dem Betreffenden eine Abschrift dieser Stelle machen. Es hieß, das könne üble Folgen, etwa für die Entlassung haben.

An das Stehen und Warten, schweigend und im Zweimeterabstand, hatten wir uns allmählich so gewöhnt, dass wir uns gewundert hätten, wäre es plötzlich anders gewesen. Der Stolz und die Selbstachtung wurden allmählich in uns abgetötet. Wir wurden wie dressierte Hunde, die die Befehle ihrer Herren entgegenzunehmen hatten. Aber das war nur äußerlich. Innerlich war unser Geist wach und rege.

Wir taten mit Vorliebe verbotene Sachen: Wir schauten aus den Fenstern, die hoch oben in den Zellen angebracht waren und zu denen man hinaufklettern musste. Wir flüsterten auf den täglichen Rundgängen miteinander, fertigten uns verbotene Bleistifte und Notizzettel an. Aus Lumpen machten wir Decken, um gegen die Kälte geschützt zu sein. Wenn wir auch äußerlich die Dressierten mimten, so taten wir doch alles, um noch etwas Individualität zu pflegen und den Geist wach zu halten.

Viele, besonders die schwerer belasteten Politischen, steckte man in Einzelhaft. Aber auch sie benutzten die Gelegenheit des täglichen Rundganges oder Exerzierens zu Mitteilungen. Sie waren genau so rege. Sie turnten allein in ihren Zellen, sie lasen und beschäftigten sich, so gut sie konnten. Keiner wurde stumpf, und nur von einem unter den vielen Hunderten war bekannt geworden, dass er während der langen Zellenhaft innerlich zusammenbrach und – um seine Leiden abzukürzen – zum Verräter wurde.

Nach der Zellenhaft folgte die Gemeinschaftshaft. Ein riesiger Schlafsaal, ein großer Arbeitsraum für Hunderte schweigende, nur gelegentlich flüsternde Gestalten, die alle mit der gleichen dreckigen Lumpenarbeit beschäftigt waren. Abends, wenn der verhasste Zwang der Wachtmeister im Schlafsaal aufgehört hatte, begann das Raunen und Wispern, das Erzählen und Berichten. Freundschaften wurden geschlossen, und die kargen Minuten des Sich-selbst-überlassen-Seins, fern dem Zwang, waren wie eine neue Welt.

Eines Abends, es war im Juni 1938, las ich den Kameraden im Schlafsaal leise ein Gedicht vor, das mir angesichts der vielen jungen und älteren politischen Gefangenen gekommen war. Nach einem Ausspruch von Liebknecht, der den politischen Kämpfer so charakterisiert hatte, hieß es:

Tote auf Urlaub

Viel blanke Jungen in einer Reih’,

sind auch paar Ältere mit dabei;

blitzen die Augen und weht weich das Haar,

ernster die anderen, träumerisch gar,

lachen die Lippen und sprüht das Leben,

will einer Zukunft Inhalt geben.

Sahst du sie nicht?

Sahst du die Sonne nicht spielen

auf blondem und dunklem Haar?

Doch als die Blätter fielen,

sahst du sie wieder – zwar

waren’s dieselben und waren’s doch nicht:

wächsern die Lippen und still das Gesicht,

lagen sie Reihe an Reihe, verreckt,

dort auf dem Sand,

kugeldurchbohrt und hingestreckt,

wo man sie fand,

lagen nun stumm in der Blüte des Lebens.

War denn ihr Ringen und Kämpfen vergebens?

Blieb denn nicht mehr als die wilde Anklage

und der Schrei bis ans Ende der Tage

und die zermarternde Pein,

Zeuge von der Vernichtung

soviel blühenden Lebens zu sein? –

Das waren die Toten auf Urlaub.

Die in den Betten Liegenden hörten und nickten und dachten nach und verstanden.

Doch bald wurde die Belegschaft aufgelöst, ein Teil von uns wanderte in die »Hofkolonne«. Da gab es tagsüber die großen Fäkalienfässer zu fahren, deren Inhalt uns oft über die Finger spritzte. Es mussten Kohlen geholt werden – menschliche Gespanne wurden gebildet. Dreck gab es viel, aber wir kamen ein wenig herum, gelegentlich sogar in die Stadt, wo unsere Sträflingskleidung schon kein Aufsehen mehr erregte.

Und wieder wanderte ich in eine andere Belegschaft, wo ich meinen Geist mit dem Sortieren von Schweineborsten zu beschäftigen hatte. Die weißen, die schwarzen und die grauen zu trennen, was war das für eine interessante Arbeit! Ich war froh, wenn ich mit anderen zum Kartoffelschälen und Gemüseputzen gerufen wurde. In der Küche saßen wir freier, konnten ungehinderter miteinander sprechen, ohne die hämischen Blicke der aufsichtführenden Wachtmeister unablässig über unseren Köpfen zu fühlen, hatten etwas mehr zu essen als die knappe Kost der anderen, und wenn auch die Arbeit dreckig war, so kam sie mir doch abwechslungsreicher vor als die frühere. Ich war deshalb ganz froh, als ich die Ehre hatte, zu den ständigen Kartoffelschälern ernannt zu werden. Acht Monate lang habe ich diese Arbeit dann getan und darin eine beträchtliche Fertigkeit erlangt, musste ich doch ein tägliches Mindestpensum von sechs Eimern schälen.

Mitunter fragten mich die Kameraden von der Belegschaft, ob wir wohl Natron oder ein anderes, die Triebe »dämpfendes« Mittel dem Essen beimischten. Denn das sexuelle Verlangen sei bei ihnen ja wie abgestorben. Aber wir wussten, es kam nichts in das Essen hinein. Das Ausbleiben aller sexuellen Gefühle hatte andere Ursachen: die magere Kost, der ungeheure seelische Druck, der auf allen lastete, die klösterliche Abgeschiedenheit, das Fernsein von Frauen, auch von Bildern. Es war ein ganz natürlicher Vorgang.

Gelegentlich mussten wir in den riesigen Kellergewölben Kartoffeln sortieren. Dort waren wir ganz unter uns, keine Aufsicht ließ sich blicken und dort summten wir halblaut unsere Lieder, die alten Lieder, die wir so lange nicht mehr gehört hatten. Ich lernte dort das Lied von Tjor Folesohn – heute heißt es »Unsterbliche Opfer« –, das in den Gewölben wie eine zauberhafte Melodie widerhallte.

Wir waren zu dieser Zeit schon recht gut orientiert. Wir hatten nicht nur Tageszeitungen, wir hörten von Zugängen auch manches, was nicht in den Zeitungen stand. Wir wussten genaues über den Bau des Westwalls, was damals noch geheimgehalten wurde. Wir wussten von Truppenverschiebungen von hier nach dort. Ja, ein Besucher berichtete uns einmal von der Explosion eines deutschen Luftschiffes in Brasilien, was im Nu die Runde machte. Und als ein Wachtmeister der Belegschaft nach einigen Stunden von dem Neuesten erzählen wollte, meinten die Sträflinge: »Ach, das mit dem Zeppelin, das ist ja schon uralt«. Der Wachtmeister war platt.

In den letzten drei Monaten der Strafhaft kam ich in die Gärtnerei, zu einer besonders begehrten Arbeit. Gewiss, sie war nicht immer leicht. Aber sie fand im Freien statt; im Gewächshaus standen herrliche Blumen, lang entbehrte Anblicke!

Man hatte dort viel mehr Freiheit, zu gehen und zu reden. Außerdem war die Belegschaft, zu der die Gärtnerei gehörte, eine besonders berühmte. Waren dort doch ausschließlich Politische. Manche Freunde traf ich wieder, viele Jugendliche mit besonders regem Geist und Sinn. Da waren einige aus einfachem Stand unter ihnen, die Gedichte schrieben, gute sogar, die philosophische Werke lasen: Es war eine politische Elite, die dort dem trostlosen Dasein Trotz zu bieten suchte. Und dies war um so mehr nötig, als einige der dort stationierten Beamten besonders kleinlich waren und alle schikanierten. Für des Beim-Sprechen-Ertapptwerden verhängten sie Strafversetzungen an einen anderen Platz, sie machten pedantische und peinliche Kontrollen der Kleidungsstücke. Alles musste genau nach einem Schema gefaltet und platziert sein, sie verlangten ein zackiges Grüßen, eine stramme Haltung, einen äußerlichen, mehr als preußischen Drill – obwohl sie Sachsen waren.

Kleine Unterbrechungen gab es an dem einen oder anderen Sonntag, eine sogenannte »Singestunde«. In der »Kirche«, einem großen holzgetäfelten Saal, spielten die Orgel oder ein Klavier, und Volkslieder wurden gesungen. Wir sangen alle eifrig mit, die verrosteten, des lauten Sprechens entwöhnten Kehlen tauten auf, der Klang der altgewohnten Lieder entlockte vielen wetterharten Gestalten Tränen. Besonders bei den Kriminellen sah man viele weinen. Wohl mit Absicht wählte der Lehrer, der diese Singestunden leitete, solche sentimentalen Lieder wie »Aus der Jugendzeit« oder »In einem kühlen Grunde«. Es war ein billiges Mittel, Rührung zu erzeugen; anscheinend versprach sich die Anstaltsleitung Besserung davon.

Einige Male hielt der »Oberlehrer« der Anstalt einen Lichtbildervortrag. Seine Themen waren »Eine Rheinreise« oder er berichtete von Reisen durch fremde Länder, wozu er Lichtbilder projizierte und dazu sprach. Seine Vortragsweise war so, wie er es gewohnt war, wenn er zu achtjährigen Buben sprach. Viele Gefangene empörten sich innerlich, diese Salbadereien anhören zu müssen. Aber man zwang uns, und schließlich war es eine Unterbrechung des altgewohnten Trottes.

Ein- bis zweimal im Monat war es uns Gefangenen erlaubt, nach Hause zu schreiben oder Briefe zu empfangen. So eintönig die Haft war, in allen lebte der Wille, mit den Angehörigen in Verbindung zu bleiben. Briefe waren das einzige Fenster, durch das wir in die Freiheit schauen konnten. Viele, die früher draußen nie oder selten schrieben, schrieben jetzt gern. Auch ich, dem Schreiben früher nur eine lästige Angelegenheit gewesen war, hätte jetzt mühelos viele Seiten schreiben können, wenn es erlaubt gewesen wäre. An dem Ausmalen der kleinsten Dinge fand ich eine früher ungeahnte Freude.

Schließlich nahte der Tag, an dem ich aus der Strafhaft entlassen werden sollte. An meinem Kalender, den ich mir in einem Heft selbst gemacht hatte, waren die Tage, die noch nicht durchgestrichen waren, weniger und weniger geworden. Zweifel und bange Ungewissheit drückten sich in unserer Stimmung aus, wie ich sie damals beschrieb:

Schlussworte

Dieser langen Jahre

Qual ist nun vorbei,

wie ein Schatten huschte

der Tage Einerlei;

schleppenden Schritten nahte

das Ende dieser Zeit.

Soll sich jetzt alles wenden,

wirst du jetzt befreit?

War denn nun alles sinnlos

und vergeblich, was du littest?

Ist denn nun alles verfallen

und vergessen, wofür du strittest?

Siehst du denn keine Werte,

die die Bitternis in dir hob?

Merkst du nicht die Wandlung,

die sich in dir vollzog?

Bist du nicht anders geworden

in dieser harten Zeit?

Klingt nicht ein neues Lied in dir

trotz aller Bitterkeit?

Vielleicht musst du dir einmal

die Rechenschaft abgeben:

Möchtest die Zeit nicht missen,

du lerntest hier erst leben.

Die rührende Selbsttröstung, die in diesen Versen enthalten ist, kann man erst nach Jahren ganz und gar ermessen.

Am letzten Tag kam ich in die sogenannte »Abgangszelle«. Ich vertauschte das dünne, hässliche Drillich mit meinen Zivilsachen, und ich wartete. Hoffen und Bangen erfüllten mich. War die Freiheit jetzt wirklich nahe?

Stunden um Stunden vergingen, dann rief man mich zum Oberamtmann. Der eröffnete mir, dass ich auf Grund eines Gestapo-Beschlusses nicht in die Freiheit, sondern auf unbestimmte Zeit in ein Konzentrationslager gebracht würde.

So waren nun die Würfel gefallen. Während die Kriminellen mit ihrer Entlassung ohne Ausnahme nach Hause gingen, schwebte über uns Politischen vom Anfang der Haft an das Damoklesschwert des »Was nachher?« Jahrelang schleppten wir diese Ungewissheit mit uns herum, um schließlich wieder hinter die Stacheldrähte verbannt zu werden. Die Qual der Ungewissheit, der unbestimmten Zeit, die diese Haft im Konzentrationslager dauern würde, erlitten wir reichlich. Kein Wunder, dass die Nerven vieler Kameraden dabei in die Brüche gingen. Ein raffiniertes System, den Menschen bis zum letzten Tag seiner Strafhaft darüber im Unklaren zu lassen, ob er die Freiheit wieder sehen würde oder nicht!

Es folgten weitere sechs Wochen in Schutzhaft und im gleichen Zuchthaus: Ich wartete auf den Abtransport. Wieder zwang man uns zur Arbeit mit dreckigen, stinkigen Lumpen, wieder mussten wir für diese Arbeit das hässliche Drillich anziehen. Es war alles genauso, als ob wir noch immer Sträflinge wären.

Dann kam der Abtransport im engen Zellenwagen. Buchenwald sollte der Bestimmungsort heißen. Wie mochte es dort sein? In unserem Wagen war einer, der ein wenig Bescheid wusste. Er zeigte nur seine schwieligen, aufgerissenen Hände. »Mehr will ich euch nicht sagen.« In Halle machten wir Zwischenstation und wurden im dortigen Gefängnis zu dreißig in eine enge Zelle gepfercht, die vielleicht für vier bis fünf Menschen Platz geboten hätte. Es war heiß und stickig. Ein paar Kriminelle erzählten ihre lauten Geschichten von Heiratsschwindeleien und dergleichen. Täglich der monotone, schweigende Rundgang in winzigem Hof, eine halbe Stunde lang.

Weitertransport, diesmal bis Weimar. Dort holte ein großes Polizeiaufgebot uns Gefangene vom Bahnhof ab. Unsere Gruppe war inzwischen bis auf fünfzig Mann angewachsen, alle sollten nach Buchenwald. Wir wurden auf Wagen verladen.

»Bei Fluchtversuch wird jeder erschossen«, rief uns ein Polizist zu.

Es war August 1938.

Buchenwald

Niedrige Gebäude, vor dem Lager eine gut asphaltierte Straße. Viele bunte Blumenbeete vor den Baracken, seltsamer Kontrast zwischen der schreienden SS und den blühenden Blumen! Wir müssen in der Baracke der politischen Abteilung auf dem Korridor in zwei Gliedern antreten, mit dem Gesicht zur Wand, schweigend. Wehe, wenn einer sich muckst! SS-Männer gehen vorbei und sparen nicht mit Ohrfeigen. Personenaufnahme, barsch, von Schimpfworten begleitet. Dann durch ein großes Tor ins Lager.

Am Torgitter stehen die Worte: »Jedem das Seine«.

Innerhalb des Lagers müssen wir fünfzig »Neuen« stehenbleiben. Mit dem Gesicht zum Tor. Wir sehen nicht, was hinter uns vorgeht. Dann schleppt man an unserer Seite ein Holzgestell herbei (später erfuhren wir, dass es der berüchtigte »Bock« war), schnallt dort einen Menschen auf und peitscht ihn aus. Fünfundzwanzig Hiebe zählen wir. Und dann peitscht man den nächsten aus und den dritten. Das wimmernde Geschrei hallt über den Platz, und ein Schauer durchfährt uns. Das ist also die Begrüßung in Buchenwald!

Später erfahren wir, dass man die Auspeitschungen absichtlich an den Tagen vornimmt, an denen »Zugänge« ins Lager kommen, um ihnen gleich den richtigen Eindruck zu vermitteln.

Dann zum Bad. Ein großer Raum mit vielen Duschen. Danach werden wir geschoren. Radikal. Jedes Härchen wird entfernt. Wir müssen unsere Zivilsachen abgeben und empfangen hässliches, blauweiß gestreiftes Zebra-Drillich. Wir erkennen uns gegenseitig nicht mehr wieder. Wie Harlekine sehen wir jetzt aus, in der Zebrakluft und mit unseren geschorenen Köpfen. Aber da es uns alle betrifft, machen wir uns nicht groß Gedanken darüber. Wir empfangen einen kleinen Stoffstreifen, auf dem unsere Nummer gedruckt steht, und ein Stoffdreieck, den sogenannten »Winkel«. Jede Kategorie von Häftlingen hat einen anderen Winkel: rot die Politischen, schwarz die Asozialen, grün die Kriminellen, lila die Bibelforscher, rosa die Homosexuellen usw. Es gibt einen richtigen Kodex, den man lernen musste, um sich zwischen all den Farben, Punkten, Streifen und Sternen zurechtzufinden, die jeder von uns auf der linken Brustseite und rechts am Hosenbein noch einmal tragen muss.

Wir werden in den sogenannten »Zugangsblock« gebracht. Eine Baracke, rechts und links je ein Schlafraum mit dreistöckigen Eisenbetten und ein Tagesraum mit Bänken und Tischen. In der Mitte Waschraum und Abort. Uns Politische setzt man an besondere Tische, auch die Asozialen für sich. Wir halten gute Kameradschaft, hören, dass man des Abends, nach dem »Abpfeifen« die Baracken nicht mehr verlassen darf, sonst wird man erschossen. Das ist zwar nicht wahr, aber Neulinge kann man doch damit schrecken. Wir durchlaufen die verschiedenen Instanzen. Wir werden fotografiert, registriert, untersucht, noch einmal registriert und befragt. Und wir haben die ersten Eindrücke vom KZ.

Eines Abends hat ein »Schwarzer«, ein Asozialer, ein Messer entwendet und will es dem Blockältesten auf dessen Geheiß nicht gleich geben. Da packt dieser einen Knüppel und schlägt wie ein Rasender auf den »Schwarzen« ein, der blutüberströmt zu Boden sinkt. Keuchend lässt der Blockälteste von seinem Opfer ab. »Und so geht es allen, die hier nicht Disziplin halten!« schreit er. Wir sind starr vor Schreck. So geht es hier zu. Faustrecht. Der Knüppel regiert.

Das Wasser ist knapp, zeitweise wird es abgestellt. Handtücher gibt es in den ersten Wochen nicht. Dreißig Mann trocknen sich gemeinsam an einem Laken ab. Aber in den Bassins im Waschraum ist viel Wasser. Ich hole mir – was verboten ist – eine Tasse voll heraus. Hinter mir hat das ein Stubenältester gesehen, ein großer, grober Krimineller. Und schon habe ich zwei klatschende Ohrfeigen erwischt, und der Hüne zieht ab. Wir merken: Wer hier eine Funktion hat, kann die anderen niederknüppeln, kann sie schlagen. Und zwar Häftlinge die Häftlinge, die SS hält sich heraus. Wir sehen die groteskesten Bilder im Lager. Sogenannte »Kapos« – eine Art Vorarbeiter – schlagen auf die Häftlinge ein, die ihre Arbeit nicht bewältigen können, manchmal vielleicht auch nicht recht wollen.

Aber es gibt ja schließlich niemals einen Pfennig Bezahlung. Hatte man im Zuchthaus noch vier bis acht Pfennige am Tage bekommen, hier erhält man überhaupt nichts. Darum also die Antreiberei! Blutende Köpfe, schmerzende Rücken sind besonders in manchen schlechten »Kommandos« an der Tagesordnung. Ja, in dem berüchtigten Steinbruch haust ein Kapo, dem es Vergnügen bereitet, die Leute mit Schlägen über die Postenkette zu jagen oder sie so zu prügeln, dass sie freiwillig über die Postenkette gehen und dann erschossen werden.

Die Kapos sind zumeist Kriminelle, vielfach vorbestrafte, üble Elemente, denen die SS, da sie brutal genug waren, die Rollen von Vorarbeitern gegeben hat – und dazu asoziale Elemente, die froh sind, andere für sich arbeiten lassen zu können. Auch Politische sind unter den schlechten Kapos, frühere Fremdenlegionäre, die die ganze Wildheit und Erbarmungslosigkeit einer exotischen Gegend mitgebracht haben, Abenteurer, Leute, die von der SS den politischen Winkel bekamen und den Ruf wirklicher Kämpfer diskreditieren.

So sehen wir Neuen im Lager sehr bald den Kampf zwischen den verschiedenen Farben, den Machtkampf, besonders zwischen Grün und Rot. In ihrer Brutalität sind die Grünen, die »BVer« (Berufsverbrecher), den Roten überlegen; Intelligenz, Zusammenhalt und moralische Qualität sind die Vorteile der Roten. Und es ist gut, dass wir Politischen unter den Neuen schnell Anschluss an die alten Politischen finden. So wird uns in vielen Dingen geholfen, wir werden beraten, insbesondere bei der Wahl oder Einteilung in die Arbeitskommandos.

Diese Zuordnung geschieht wenige Tage nach unserer Ankunft. Der Lagerführer, SS-Obersturmbannführer Rödl, ein dicker, breiter Bayer, teilt uns zur Arbeit ein. Gleich welchen Beruf man angibt, sei es Bäcker, Fleischer, Kaufmann, Intellektueller, man kommt zumeist in den Steinbruch oder in ein Schachtkommando. Andere Handwerker verrichten allerdings mitunter auch ihre Facharbeit. Da ich als Werkstudent an mehreren Häusern mitgebaut hatte und mich jetzt als Bauarbeiter ausgeben kann, werde ich dem Baukommando für eine neue Ziegelei zugeteilt.

Jeden Morgen um dreiviertel vier stehen wir nun auf. Um fünf Uhr rücken wir zum Appell, eifrig Gleichschritt haltend. Dann steht der ganze Haufen von ungefähr zweihundert Zugängen, dann steht das ganze Lager, damals an die sechstausend Mann, bis sie alle gezählt sind und der Befehl gegeben wird: »Arbeitskommandos antreten«. Und im Nu sind die in schnurgeraden Kolonnen ausgerichteten Häftlinge eine einzige durcheinanderquirlende und sich drängende Masse. Jeder versucht, den Standplatz für sein Arbeitskommando zu erreichen. Nach kurzer Zeit stehen die Kommandos, und der Abmarsch beginnt. Vor dem Tor steht ein glasverdecktes Pult, an dem der Arbeitsdienstführer seinen Posten bezogen hat. Jeder Anführer eines Kommandos, der Kapo, meldet die Stärke seiner Häftlingsgruppe, und in ausgerichteten Fünferkolonnen geht der Marsch durch das Tor. Dröhnend hallen jeden Morgen die Torwände vom Tritt dieser Tausende, und wer etwa am Tor steht und diesen Vorbeimarsch am Morgen miterlebt, dem bietet sich ein unvergessliches Bild dieser zusammengepressten, in Uniformität und Drill gezwungenen und doch mit stolzer Kraft herausmarschierenden Kolonnen.

Was ich damals empfand, habe ich niedergeschrieben:

Die Kolonne

Wir haben dem Grauen ins Auge gesehn

und das Entsetzen erblickt;

mag nun das Leben weitergehen,

mag die Welt sich immer weiterdrehn,

wir sind dem weit entrückt.

Wir leben in einer andern Welt,

die ihr nie und nimmer versteht.

Und wenn von uns auch mancher fällt,

und wenn auch manch ein Aufschrei gellt,

Voran der Marschtritt geht.

Weiß die Kolonne, wie lang der Weg?

Endlos die Straße weit;

Marschieren ohne Pfad und Steg,

marschieren ohne Pfad und Steg,

durch die ausweglose Zeit.

Die Kolonne geht, sie wird nicht müd,

der Schritte Takt schallt laut;

durch Tag und Nacht sie weiter zieht,

bis die Dunkelheit nach Westen flieht

und der Morgen wieder graut.

Manchmal fühlte sich einer zu schwach oder krank, an diesem Tag zur Arbeit hinauszumarschieren. War er aber erst einmal in seinem Kommando angetreten, so riss ihn der Strom der Hinausmarschierenden unaufhaltsam mit.

Für manche Arbeitsunfähige gab es dann nur ein Mittel: Sie ließen sich vor dem Tor hinfallen und wurden auf Befehl des Lagerführers ins Revier geschafft. In dem Jahr zuvor, so wurde uns Neuen erzählt, war es oft nicht so glatt abgegangen. Da war ein Lagerführer namens Weißenborn gewesen, der hatte morgens die Krankmeldungen entgegengenommen und die Kranken mit Ohrfeigen und Stößen zur Arbeit getrieben. Nur die Halbtoten waren damals ins Revier geschafft worden.

Den anderthalbstündigen Marsch vorbei an wogenden Kornfeldern hin zur Baustelle der Ziegelei empfand ich nach der ewigen Eintönigkeit des Lagers als schön. Freilich war die Arbeit schwer und der Hunger groß. In wilder, heißhungriger Gier hatten wir morgens um sieben schon das kleine Stück Brot, unsere Zuteilung, aufgegessen und arbeiteten nun mit knurrendem Magen weiter.

Manchmal schikanierten uns die Posten. Sie riefen einen schwer mit Ziegeln beladenen Häftling wohl ein Dutzend Mal zu sich hin und ließen ihn wieder gehen, bis ein Baupolier, der Zivilist war, den ob dieser Niedertracht Weinenden sah und dem Posten das verbot. Waren wir am Nachmittag müde und hungrig von der Arbeit eingerückt, so hieß es, schwere, zirka fünfzehn Meter lange Bäume ins Lager zu schleppen, immer zwei oder drei Mann einen Baum. Schwitzend und unter unserer Last keuchend langten wir dann im Lager an, gerade zur Zeit des Abendappells.

Das war der kritische Moment. Ging alles glatt, so war der Appell in einer guten halben Stunde abgenommen, und alles konnte zum Essen in die Blocks gehen. Aber wehe, wenn auch nur ein Mann fehlte, sei es durch einen Rechenfehler beim Zählen, sei es, dass er von der Arbeit ermüdet, irgendwo eingeschlafen war und das Zum-Lager-Gehen verpasst hatte. Dann wurden Suchkolonnen ausgeschickt.

»Stubendienst in den Wald, den Vogel suchen«, hieß das Kommando, und oft wurde im Wald oder in den Blocks ein Vergessener entdeckt. Manchmal mussten die weit abliegenden Arbeitsstellen durchgekämmt werden. Stundenlang dauerten dann die Appelle, und wehe, wenn wirklich einer einen Fluchtversuch gemacht hatte und sich deshalb irgendwo an seiner Arbeitsstelle versteckt hatte. Man konnte dann damit rechnen, acht Stunden zu stehen. Und es war gleich, welches Wetter herrschte, das ganze Lager stand bei glühender Sonne, im Regen, bei Kälte und bei Schneegestöber.

Diese Appelle forderten viele Opfer. In der Hitze und vor Kälte sanken viele um. Bei manchen Appellen waren es Hunderte, die stürzten. Und viele standen nie wieder auf. Ausgemergelt und schwach, wie ein großer Teil der Häftlinge war, konnten sie stehend die Wetterunbilden so viele Stunden lang nicht ertragen. Wohl nahm das Revier sich ihrer an. An manchen solcher Tage schleppten die Revierträger viele Dutzende auf Tragen in irgend eine Baracke, wo sie auf die Erde gelegt und mit Wasser und einigen Medikamenten versorgt wurden. Doch bei vielen war das umsonst. Wenn die Reserven des Körpers erschöpft waren, halfen alle Medikamente nicht mehr.

Beim Abendappell wurde auch die Post verteilt. Zweimal im Monat durften wir Häftlinge Post aus dem Inland empfangen, zweimal im Monat durften wir einen Fünfzehn-Zeilen-Brief schreiben. Natürlich wurde peinlich zensiert. Konnte der Zensor, häufig ein blutjunger, ganz ungebildeter SS-Scharführer, die Schrift nicht gut lesen, so hagelte es Ohrfeigen.

Abends beim Appell mussten die Leute auf seinen Ruf hin aus dem Glied vortreten, und er verabreichte ihnen die Backpfeifen. Auch ältere Leute wurden davon nicht verschont. Auch mich erwischte es einmal. Ich musste vortreten. Er fragte nach meinem Beruf. Ich hütete mich, einen studierten Beruf anzugeben, denn ich wusste, auf Studierte hatte die SS ihre besondere Wut. So sagte ich »Angestellter«, was ja den Tatsachen einigermaßen entsprach. Schon hatte ich meine Ohrfeige weg und durfte ins Glied zurücktreten. Nun musste ich meine Briefe immer sehr sorgfältig malen, damit mir so etwas nicht wieder passierte. War der SS-Scharführer schlecht gelaunt, so zerriss er die Briefe immer wieder, so dass es den Häftlingen oft wochenlang unmöglich war, Post nach Hause abzusenden.

Ich hatte mich nun im Lager akklimatisiert, ich kannte das Gelände. Hinter den drei Holzbaracken war eine Reihe doppelstöckiger, steinerner Baracken im Bau, und hinter denen begann der Buchenwald, von dem das Lager seinen Namen hatte. Das war eine riesige Fläche, vielleicht einen Quadratkilometer groß, mit herrlichen alten Bäumen bestanden. Nach der Enge der Gefängnis- und Zuchthausmauern war es ein Labsal, Sträucher, Bäume, Wald zu sehen. Sowohl im Sommer als auch im Winter sah man nach der Arbeitszeit dort immer einige, die die Natur liebten, die sich sonnten oder durch den Schnee stapften.

An der einen Seite des Waldes standen die zwei Revierbaracken, dahinter war ein großer Schweinestall, in dem die SS ihre Schweine mästete. Dazu brauchten sie ein großes Kommando von Häftlingen, die zwar eine sehr dreckige Arbeit hatten, aber etwas vom Schweinefraß fiel immer für sie ab. So war das Kommando sehr begehrt und für manchen ausgehungerten Kumpel eine Zufluchtsstätte.

In eintönigem Trott verstrichen die Tage. Sommer um Sommer, Winter um Winter, jahrelang. Im April wurde die dünne Sommerkleidung gefasst, Drillichzebrastoff, und im Oktober der dickere Winterzebrastoff. Oft gab es auch ausrangierte alte blaue oder grüne Polizeijacken, geflickt, oft zerrissen. Die musste jeder sich herrichten, so gut er konnte, musste Nummer und Winkel annähen. Und in jedem Frühjahr wieder der Kleiderwechsel und in jedem Herbst. Im stillen hofften wir, dass es diesmal das letzte Mal sein sollte. Aber immer und immer wieder kamen die ewigen Zebrasachen.

Wohl waren ab und zu einige aus der Haft entlassen worden. Sie wurden morgens beim Appell durch die großen Lautsprecher aufgerufen. Meist waren es Asoziale, selten ein Politischer, und dann auch meist nur ein kleiner Meckerer. Von den alten Politischen kam kaum einer nach Haus. Nur einmal, das war 1939, am 18., 19. und 20. April, setzten größere Entlassungen ein.

An den ersten beiden Tagen kamen je vierhundert Politische und nachher auch noch einige zur Entlassung. Damals schwamm das ganze Lager in einem Meer von Parolen. Alles glaubte, nun würden auch sie bald drankommen, ja man sprach von der Auflösung aller Lager, von der Freilassung aller Politischen. Und als dann die Entlassungen plötzlich wieder stoppten, verstummte das Geraune nach und nach.

Überhaupt war das Lager oft mit Parolen angefüllt. Genau wie schon die Kriminellen im Gefängnis dauernd von einer Amnestie gefaselt hatten, die kommen sollte oder schon in Vorbereitung oder gar fertig sei, so wurden über das Schicksal der verschiedenen Häftlingskategorien zu allen Zeiten die merkwürdigsten Gerüchte verbreitet. Bald sollten die Politischen woanders hinkommen, bald die Asozialen, bald sollten alle Kriminellen wegkommen. Und immer neue Orte tauchten auf, wohin die Häftlinge angeblich versetzt werden sollten. So gut wie nie war an diesen Parolen etwas Wahres dran, und nur die Neulinge glaubten an sie. Die Alten warteten ab. Sie ließen die Dinge an sich herankommen und winkten verächtlich mit der Hand ab.

Der Tischälteste in dem Steinblock, in den ich nach einigen Wochen übersiedelte, hieß Rudi Renner, Lithographenarbeiter seines Zeichens und früherer Redakteur einer sächsischen Zeitung. Er war in den Fünfzigern. Jetzt arbeitete er in der Buchbinderei, in der allerhand Bücher gebunden und Kleinigkeiten gedruckt wurden. Da waren Glückwunschkarten für die SS, die die Zeichner zeichnen mussten, da waren Stammbäume für die SS anzufertigen und zu drucken, Einladungskarten zu den Kameradschaftsabenden der SS und ähnliches.

Rudi war stets eifrig bei der Arbeit. Aber nur seine Hände mussten für die SS fronen, sein Geist war bei seinen Kameraden. Oft fragten wir einander: »Nun, was gibt es Neues?« Und ich kam mit ein paar Neuigkeiten und Parolen heraus. Rudi hörte mich schweigend an und sagte zum Schluss, er habe diese oder jene Parole auch gehört. »Sie kann aber nicht wahr sein, man hat vor einem Jahr schon dasselbe erzählt.« Und er analysierte die Parolen und die Neuigkeiten. Dabei war er vorsichtig. Er sagte nicht, so muss es werden, sondern er sagte, es gibt verschiedene Möglichkeiten, die so und so und so sind. Er lehrte mich, die Dinge von den verschiedensten Gesichtspunkten her zu sehen und vorsichtig zu sein mit dem Urteil. Die Gespräche mit ihm waren wie die eines Philosophen mit seinem Schüler. Sein Gedächtnis war ausgezeichnet. Nur liebte er es nicht, im KZ vor vielen zu sprechen. Eigene Krankheit und schlimme Erlebnisse während der Gefangenschaft hatten ihn vorsichtig und scheu gemacht. Aber im persönlichen Gespräch verfügte er über eine beißende Schärfe und eine unbestechliche Gedankenklarheit. Wie hätte ich gewünscht, dass Rudi den Tag der Befreiung miterlebte!

Da gab es noch andere, früher bedeutende Linkspolitiker im Lager. Sie waren nicht gebrochen, nicht zermürbt oder entmutigt. Die kleinen Dinge des Alltags, die im KZ-Leben so wichtig waren, nahmen sie genauso ernst wie die großen Angelegenheiten der Politik. Freilich war es streng verboten und deshalb gefährlich, im Lager irgendwelchen organisierten Zusammenhang zu pflegen. Also taten sie es heimlich. Täglich trafen sie einander zu einer bestimmten Zeit und sprachen über Wichtiges. Renner war immer dabei. Es galt, Kameraden in bessere Kommandos zu vermitteln, es waren Informationen über bestimmte Leute einzuziehen, man musste über die Neuangekommenen informiert sein und die mussten unter Umständen unterstützt werden. Ein regelrechter Dienst für die Zugänge war eingerichtet worden. So lag ein Netz scheinbar persönlicher Bekanntschaften, in Wirklichkeit aber organisierter und gepflegter Beziehungen über dem Lager. Man musste allerdings schon lange Zeit im Lager sein, ehe man darüber Genaueres wusste. Das war die Stärke der Roten den Grünen, den Kriminellen, gegenüber, die solche Dinge nicht kannten.

So geschah es, dass die Roten das anfängliche Übergewicht der Grünen langsam, aber sicher beseitigten. Waren doch am Anfang auf den meisten und wichtigsten Posten in Lager Grüne gewesen.

Einer ihrer übelsten Vertreter war Richter. Ein ehemaliger SA-Hauptsturmführer aus Braunschweig, später wegen krimineller Verfehlungen ins KZ gekommen. Dort war er Lagerältester geworden, eine Funktion mit damals unerhörter Gewalt. Es machte ihm gar nichts aus, Dutzende totzuschlagen. Er organisierte für sich selbst, was er nur konnte, sogar den im Lager streng verbotenen Alkohol. Er lebte für damalige Begriffe in Saus und Braus, hielt sich einen Kalfaktor, der ihn bediente, ließ sich in den Schneiderwerkstätten elegante Maßkleidung anfertigen, ein Kostüm, eine Art Räuberzivil aus schwarzen Breeches-Hosen und einer dunkelgrünen Jacke, seine hohen Offiziersstiefel waren stets elegant gewienert. Dieser Teufel schrie, dass man seine heisere Stimme über den weiten Appellplatz hören konnte. Besonders gegen ihn richteten sich die Angriffe der Roten.

Andere Kriminelle hatten sich im Revier eingenistet, begehrte Posten, denn das Revier brauchte den Appell nicht mitzumachen; sie hatten dort neben der üblichen Kost auch Diätessen und mancherlei kleine und große Annehmlichkeiten. In der Diätküche saßen einige Kriminelle und trieben nebenbei einen schwunghaften Handel mit Uhren, Ringen, Goldsachen, die sie irgendwelchen Zugängen abgegaunert hatten. Allerdings gab es im Revier auch einige wenige Kriminelle, die gute Kameraden waren. Fleißig, sogar sehr fleißig bei der Arbeit, hatten sie sich die Achtung der Roten errungen. Sie waren von den Angriffen natürlich ausgenommen. Da war der emsige Henrich in der Ambulanz, der den ganzen Tag vom frühen Morgen bis tief in die Nacht am Putzen und Säubern war. Er war unentbehrlich. Kein Politischer hätte das je so sauber und akkurat gemacht. Für diese grobe Arbeit eigneten sich die Politischen zumeist nicht. Ihr Geist war zu rege, als dass sie in solcher Arbeit hätten Befriedigung finden können. Darum hat Henrich auch alle Stürme gegen die Grünen überstanden.

Viele Juden gab es im Lager, anfangs vorwiegend Deutsche, dann auch aus anderen Nationen. Ihnen ging es im Lager schlechter als den übrigen. Schon bei der Ankunft wurden sie besonders heftig geschlagen, bekamen die schlechtesten Lumpen anzuziehen. Sie durften in kein gutes Kommando, also in keine Kammer, nicht in die Schreibstuben, nicht ins Revier. Sie mussten automatisch in den Steinbruch, in die Schachtkommandos. Jahrelang schufteten sie dort, ausgemergelt, verbissen, oft verzweifelt. Sie waren die Prügelknaben der SS und auch mancher wilder Kapos. Waren sie alt und schwach, so bekamen manche im »Holzhof« etwas leichtere Arbeit; mitunter hatte einer oder der andere von ihnen dort sogar das Glück, in einer der kleine Buden im Trockenen sitzen zu können. Das war dann aber ein besonders Beneidenswerter. Viele von ihnen waren Intellektuelle, Künstler, Ärzte, Juristen. Einige sah man mit kleinen Eimerchen altes Papier einsammeln oder Steine wegtransportieren.

Dann gab es die berühmte Kolonne »4711«. Sie musste mit Eimern die Kloaken entleeren. Mit ihren Eimern oder einem Kübelwagen zogen sie langsamen Schrittes von Abort zu Abort und taten dort ihre dreckige Arbeit. Später wurden sie sogar mit Extra-Arbeitsanzügen ausgerüstet. Sie hatten eine ruhige Arbeit, sie wurden nicht getrieben, nicht geschlagen. Es waren viele intelligente Köpfe bei dieser »Scheißkolonne«: Kaufleute, Gelehrte, Künstler. Tagaus, tagein, jahrelang sah man sie so ziehen.

Ein begehrtes Kommando waren die drei Rollwagen. Fünfzehn bis zwanzig Menschen waren davor gespannt, und dieses menschliche Fuhrwerk zog den oft schwer beladenen Wagen überall hin. Dabei wurden sie im allgemeinen in Ruhe gelassen. Sie regelten ihr Arbeitstempo selbst, es gab keine Schläge. Darum war es für die Juden ein ungewöhnliches Glück oder die Folge besonderer Protektion, dem Rollwagen zugeteilt zu werden.

Im Herbst 1938 kamen aus dem Lager Dachau zweitausend Wiener Juden an. Sie waren etwas anders als die deutschen Glaubensgenossen. Sie hatten ihre Wiener Liebenswürdigkeit noch nicht ganz verloren. Sie sagten stets »Bitte schön«, wenn sie etwas fragten, und es wurde im Lager zum geflügelten Wort: »Bitteschön, Herr Kapo, ein leichtes Tragerl!« das heißt eine nicht so schwere Trage zum Erde- oder Steineschleppen, die immer zwei fassen mussten. Erstaunlicherweise sah ungefähr die Hälfte von ihnen absolut nicht jüdisch aus.

Wochen und Monate hörte man diese Juden nur von Dachau schwärmen. Alles war dort besser gewesen, sie lobten die dortige Kantine und den guten Kaffee, sie priesen die bessere Arbeit. Kurz, sie sahen alles, wie es dort gewesen war, in einem rosigeren Licht. Und sie hatten recht. Denn sie waren in ganz leidlichem Zustand in Buchenwald angekommen und in wenigen Wochen zu Skeletten abgemagert. Dazu bekamen sie Sonnenbrand im Gesicht, an Nase und Ohren, denn sie hatten keine Kopfbedeckung. Einige von den ausgemergelten Gestalten sah man mit von der Sonne riesig aufgedunsenem Kopf einhergehen, die Lider waren so geschwollen, dass sie die Augen völlig verdeckten, und die Leute wie Blinde umhertappten. Andere wieder hatten die Sonnenbrandwunden an den Ohren, das war so häufig und den Leuten nicht recht erklärlich, dass sich die mannigfachsten Gerüchte über diese »Ohrenkrätze« im Lager verbreiteten. Einige wollten wissen, dass das aus den Decken käme, andere vermuteten eine geheimnisvolle Infektionskrankheit. Auf das Nächstliegende kamen sie zuerst nicht.

Aber so geplagt sie auch waren, die Wiener Juden hatten den meisten anderen Häftlingen etwas voraus: Sie besaßen Geld. Das wurde ihnen freilich nicht ausgezahlt, aber sie verfügten über große Konten und durften monatlich dreißig Mark davon abheben. Und da viele Kapos ohne Geld waren, schmierten diese Juden sie fleißig. Sie schmierten sie, um nicht geschlagen zu werden, sie schmierten sie, um leichtere, bessere Arbeit zu bekommen, sie schmierten mit Geld, sie schmierten mit Zigaretten. Die meisten Kapos waren bestechlich. Ja, es gab Kapos, die entwickelten geradezu eine Virtuosität, solche Gelder in Empfang zu nehmen.

Da war einer, der hing während der Arbeit seine Jacke an einen Baum und rief zu seiner Kolonne: »Dass mir aber keiner wagt, hier etwa Geld hineinzustecken!« Und ging dann weg. Natürlich hatte er, als er wiederkam, reichlich Fünfmarkstücke in den Jackentaschen. Er war zufrieden und ging gut mit den Leuten um. Sie wussten, hätten sie kein Geld hineingetan, so hätte er mit ihnen wegen der Arbeit geschrien, getobt und sie vielleicht auch geschlagen.

Einige Kapos, und das war schon die bessere Sorte, machten es ganz geschickt: War die Kolonne für sich allein, so waren sie ruhig und anständig; war aber ein SS-Mann oder gar ein SS-Offizier in der Nähe, so fingen sie an zu schreien, zu schimpfen, anzutreiben, allerdings nur solange, bis der SS-Mann weggegangen war. So fielen sie nie auf, kein SS-Mann konnte sie wegen Faulheit aufschreiben oder bestrafen.

Natürlich mussten sie an den Ecken ihrer Arbeitsstellen Lauschposten aufstellen, und es gab Häftlinge, die lange, lange Monate nichts weiter taten, als solche Postendienste zu verrichten.

Unten am Waldrand war ein Kommando, in das Ältere, Schwächere, vornehmlich Juden, kamen: die Steineklopfer. Hinter dem Revier hatten sie ihren Bereich, saßen auf zusammengeschichteten Ziegelsteinen und klopften mit einem Hammer die großen Steine entzwei. Vor jedem lagen die Haufen. Schutzbrillen gab es natürlich nicht, und wenn einem einmal ein Steinsplitter ins Auge drang, so musste er ihn eben im Revier entfernen lassen.

War nasses Wetter, so war das Sitzen auf den Steinen eine schlechte Sache. Mit Holzwänden und ein wenig Dachpappe suchten sich die Steineklopfer zu schützen. Nach und nach hatten sie so einen großen Schuppen erbaut, in dem sie arbeiteten. In der Mitte des Raumes hatte der Kapo, der ein Grüner – ein Krimineller – war, ein Feuerchen gemacht, und die dort Sitzenden konnten sich wärmen. Aber der Kapo ließ sich gut bezahlen. Wer direkt am Feuerchen sitzen wollte, zahlte drei Mark pro Woche, die weiter hinten Sitzenden eine Mark, je nach Lage des Platzes. Und da auch andere Kriminelle herausgefunden hatten, dass diese Juden dort reichlich mit Geld versehen waren, so kamen sie und boten an, was sie in der damaligen Friedenszeit organisiert hatten: Belegte Semmeln, Kaffee, ein Ei, und sie ließen es sich reichlich bezahlen.

Die Wiener Juden waren zum Teil streng rituell, und während der Arbeit fingen sie mitunter zu singen an, ihre Synagogengesänge tönten durch den Raum.

Anders waren die jüdischen Steineträger. Kopfgroße und noch größere Steine nahmen sie auf die Achsel und zogen damit durch das Lager, von einem Bauplatz zum anderen. Es waren meist ältere Leute, unter ihnen viele Ärzte und Intellektuelle. Sie hatten Ruhe bei der Arbeit. Mitunter konnten sie unbeladen ziehen, sie konnten lange Ruhepausen machen, man trieb sie nicht. Wind und Wetter freilich und der Hunger machten ihre Gestalten ausgemergelt, hager, zerknittert, aber in ihren geistvollen Gesprächen waren sie manchmal noch die alten. Öfter freilich war ihr Gemüt verdüstert und verbittert, Zank und Streit über geringste Kleinigkeiten brach aus. »Geh doch schon geradeaus, du Narr! – du bist ja selber der Trottel!« So hörte man sie einander oft zurufen. Sie waren, wie alle diese Kolonnen, die Parias im Lager.

Die Juden, die in den Außenkommandos arbeiteten, hatten nichts zu lachen. Sie bekamen die schwerste Arbeit zugeteilt. Schippen, Graben, Steinebrechen, dazu Beschimpfungen und Prügel.

Eine Kolonne von dreißig Mann hatte Arbeit an einem Wasserloch. Ihr Aufsichtsführer war der berüchtigte SS-Scharführer Abraham, ein großer, blonder Hüne, der Prototyp eines »Germanen«. Er war an diesem Tage besonders schlecht aufgelegt, und als ihm einer der Juden, der am Wasserloch arbeitete, nicht gefiel, trat er ihn kurzerhand mit dem Stiefel, so dass er in das Wasserloch fiel. Triefend kam er wieder heraus. Abraham trat ihn ein zweites Mal, so dass er wieder in das Wasserloch hineinfiel. Wieder kroch er heraus, und wieder trat ihn Abraham hinein, ein halbdutzend mal wohl so, bis der Jude vor Erschöpfung im Wasser versackte und ertrank.

Entsetzt hatten die übrigen neunundzwanzig diesem Schauspiel zugeschaut. Abraham schrieb nun die Nummern dieser neunundzwanzig Häftlinge in sein Notizbuch. Sie rückten abends zur Arbeit ein. Am folgenden Tage wurde einer von ihnen morgens zum Tor hinaufgerufen. Er wurde in den Bunker gesperrt, aus dem er nie wieder zum Vorschein kam. An den folgenden Tagen wurden wieder einige von diesen Neunundzwanzig in den Bunker gebracht. Angstvoll warteten die anderen, bis sie an die Reihe kämen. Und wirklich, in Abständen von drei bis vier Tagen, manchmal auch mehr, wurden sie alle zum Tor befohlen, alle neunundzwanzig verschwanden im Bunker und wurden dort umgebracht.

Der Bunker hatte seinen besonderen Ruf. Dort amtierte der SS-Scharführer Sommer. Alle, die im Lager geringe oder schwerere »Delikte« begangen hatten, kamen da hinein.

Einer der aufsehenerregendsten Fälle, von denen ich erfuhr, war der des Pfarrers Schneider. Er war ein Mann, der den Hitlergruß verweigert hatte und auch sonst diese neue Gewalt nicht anerkannte. Man hatte ihn zunächst ins Lager gebracht. Bei einem Appell und dem Kommandoruf »Mützen ab«, bei dem das Rauschen der zehntausend abgezogenen Mützen über den weiten Appellplatz klang wie das Schwirren eines riesigen aufsteigenden Vogelschwarms, hatte er als einziger nicht mitgemacht. Er verweigerte das Hutabnehmen vor dieser weltlichen Obrigkeit. Klar, dass er in den Augen der Häftlinge als Phantast galt. Denn nur ein solcher konnte sich derart gegen die reale Macht sträuben. Natürlich bekam er zunächst die üblichen »fünfundzwanzig« auf dem Bock. Die Füße standen dabei in einem schiebbaren Holzkasten, damit sie sich nicht rühren konnten, die Schenkel wurden angeschnallt, zwei Scharführer hielten den gekrümmten Oberkörper, und zwei schlugen mit den langen Peitschen auf den Unglücklichen, erst der eine SS-Mann, später der andere. Pfarrer Schneider kam in den Bunker, wo Sommer sein übliches Spiel mit ihm trieb. Er hing ihn an seinen auf den Rücken gedrehten Händen auf. Haken waren ja an der Wand. Dann begann er ihn zu treten und zu schaukeln. Später musste Pfarrer Schneider gefesselt stehen. Er stand tagelang, nächtelang. Seine Beine schwollen unförmig an, rot unterlaufen. Aber er gab nicht nach. Er verweigerte noch immer das »Mützen ab«. Ja, während des Appells schrie er mitunter aus seiner Zelle wilde, religiöse Worte heraus, die bis auf den Appellplatz drangen. Zweifellos hatte ihn so etwas überfallen wie der Fanatismus religiöser Märtyrer. Aber man wollte ihn noch nicht sterben lassen. Man ließ ihn sich wieder hinlegen, man gab ihm zu essen. Dann wiederholte man die Torturen. Aber Schneider blieb hartnäckig. Aufs Neue ließ man ihn die Stehtour machen. Sommer schlug ihn, sein Rücken war von blauen, roten und grünen Striemen bedeckt. Seine geschwollenen Füße brachen auf. Wasser tropfte daraus hervor. Dann führte man ihn ins Revier. Seit Monaten sah er zum ersten mal jemand anderen als seine Peiniger und Kerkermeister. Man badete seine Füße sorgfältig.

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9783360500670
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