Читать книгу: «Eine versunkene Welt»
Franz Treller
Eine versunkene Welt
e-artnow, 2022
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EAN 4066338123619
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Titelblatt
Text
Anda hermosa! Oh, anda capitana, dulce!« flüsterte der Arriero mit schmeichelnder Stimme dem zögernden Tiere zu. Auch die gehorsame Mula schien ein Grausen befallen zu haben vor dem Abgrund, der sich vor ihr auftat. Ich starrte fassungslos in die gähnende Schlucht hinab.
Jenseits stiegen dunkle Felsen jäh, fast senkrecht empor, und der Schluß lag nahe, daß die Seite, an der wir hinabklettern sollten, genau das Gegenstück zu der bildete, die wir vor uns sahen.
» Anda, valida mio! Anda capitana!« klang es wieder in weichem Tone von den Lippen des Führers.
Außer ihm war noch ein indianischer Peon vorhanden und mein Diener Heinrich, der mit sehr sorgenvoller Miene hinter mir hielt.
Zwei Saumtiere trugen mein Gepäck.
»Da sollen wir hinunter, Herr Doktor?« fragte Heinrich, und das Beben seiner Stimme verriet seine Unruhe.
Er hatte in meiner Schwadron den Krieg mitgemacht und mehr als eine tolle Attacke geritten, er war ein Mann, dessen Mut nicht anzuzweifeln war; aber angesichts dieser 3000 Fuß tiefen Barranca schien er doch ins Wanken zu kommen. Übrigens war mir auch gar nicht wohl zumute. Zwar wußte ich bereits aus Erfahrung, wie vorsichtig und zuverlässig die Maultiere des Landes auf gefährlichen Wegen sind, kannte diese Abgründe und ihre Durchquerung längst aus Beschreibungen, aber ein anderes ist es doch, sie vor sich in schreckhafter Wirklichkeit gähnen zu sehen, als von ihnen lesen.
Mit möglichster Ruhe erwiderte ich dem ehemaligen Husaren: »Es ist weniger gefährlich, als es aussieht, Heinrich. Die Tiere sind an diese Pfade gewöhnt. Überlassen Sie sich ruhig Ihrer Mula, und sie wird Sie sicher hinübertragen.«
Er murmelte etwas in sich hinein, was ich nicht verstand, und warf einen trostlosen Blick in die Tiefe.
»Anda, adelante! Capitana!« ermunterte der Führer von neuem sein zögerndes Tier, und die Mula setzte sich in Bewegung und ließ das silberne Glöckchen, das sie am Halse trug, wiederum erklingen.
Die wohlgeschulten Tiere folgten der Capitana, das meinige zunächst, dann das Heinrichs. Die zwei beladenen Mulas schlossen sich an, und der braune Peon des Arriero bildete den Schluß. Wir ließen den Tieren ruhig den Zügel; die spanischen Sättel kamen uns bei diesem Ritte wohl zustatten. Auf schmalem Fußpfade bewegten wir uns zur Tiefe, ein Rückwärts gab es für uns nicht, denn unmöglich war es, umzukehren, unmöglich für Tier und Mensch. Zu unserer Linken erhob sich schroff die kahle, dunkle Felswand, zur Rechten gähnte der Abgrund. Es kostete Energie, den Schwindel fern zu halten.
Melodisch klang vor uns die Glocke der Capitana. Vorsichtig schritt das Tier hinab, vorsichtig und gemessen. Ich heftete den Blick auf die Gestalt des Arriero vor mir, um nicht immer den Abgrund vor Augen zu haben. Von den geräuschlos mir folgenden Maultieren gab nur ihr Schnauben zuweilen Kunde. Mich umzuschauen wagte ich nicht. Das Schweigen meines sonst so munteren Begleiters ließ darauf schließen, wie ernst er gestimmt war.
Kein Land der Erde weist auf beschränktem Raume eine wechselvollere, bald anmutig liebliche, bald großartige oder schreckenerregende Bodengestaltung auf als Guatemala. Die vulkanische Tätigkeit der Vorzeit hat hier mit Gigantenkraft Fels auf Fels getürmt und Spalten zwischen ihnen gerissen von einer solch schauerlichen Erhabenheit, wie wir sie jetzt mit innerem Beben vor uns sahen.
Nachdem wir einige Minuten auf dem mählich sich senkenden Felspfad langsam uns fortbewegt hatten, klopfte das Herz weniger ungestüm, und das Auge wagte es, zur Tiefe hinabzusehen.
Drüben war die Felswand, sonnig beleuchtet, während wir im Schatten ritten; sie war wohl 300 Schritte entfernt. Unter uns die grüne Talsohle, mit Büschen durchsetzt, und Felsbrocken, zwischen denen ein glitzernder Bach sich hinwand.
Das Bild war lieblich, doch immer mußte nach einem solchen Blicke in die Tiefe das Auge wieder einen Halt in der Nähe suchen, er verwirrte die Sinne.
Tiefer und tiefer gelangten wir hinab, oftmals in Zickzackwendungen, und mit der zurückkehrenden Seelenruhe wuchs das Interesse an der Umgebung. Mächtiger und mächtiger, düsterer, himmelanstrebender stiegen die Felswände um uns empor, und die Wucht der gigantischen Massen sprach mit jedem Schritt zur Talsohle eindringlicher zu uns. Doch die grauenvolle Majestät dieser Einrahmung vermochte die Anmut des Grundes, dem wir näher und näher kamen, nicht zu beeinträchtigen. Ehrfurcht vor den Gewalten der Urzeit mischte sich mit dem Behagen an freundlicher Gegenwart.
Endlich nach einem Ritte, der länger als eine Stunde gedauert hatte, berührten die Hufe der Capitana das Gras des Tales, und dicht hinter ihr verließen wir den Felspfad, freudig aufatmend.
Der mit Blüten geschmückte, von Büschen durchsetzte grüne Teppich zu unseren Füßen, aus dem einzelne gewaltige Ceibabäume aufragten, die wir von oben für Gestrüpp gehalten hatten, zerstreute Felsbrocken, zwischen denen sich der glitzernde, murmelnde Bach durchwand, boten ein Bild, so lieblich und friedlich, daß wir die Schrecken der letzten Stunde rasch vergaßen und selbst der einengenden, finsteren Riesenmauern, über denen sich der wunderbar klare, tiefblaue Himmel der Tropen wölbte, kaum noch achteten.
»Für Jemsen eene scheene Jegend, Herr Doktor,« sagte mein Heinrich und sprang, dem Beispiel des Führers folgend, aus dem Sattel, »aber für meiner Mutter Sohn taugt et doch nich.«
»Nun, wir haben die Kletterpartie hinter uns.«
»Und die Jeschichte jeht wieder los, wenn et nach oben jeht. Et is doch eene unheimliche Sache, so janz von die Laune eenes Maultieres abzuhängen.«
»Man gewöhnt sich an alles, selbst an diese Barrancas und ihre schwindelerregenden Steige.«
»Ick jönne sie die Leute hier neidlos; ick halte et mit jlattem Boden, wenn ick im Sattel bin.«
»Nur getrost! Wir erreichen auch bald wieder die Ebene.«
Mein Führer gab die Absicht kund, die Tiere zu tränken und zu füttern, ehe wir den Weg nach oben nahmen, und ich war ganz damit einverstanden.
Man sattelte die Tiere ab, und Heinrich, der geborene Koch, der seine kulinarischen Talente oft genug in Frankreich zur Geltung gebracht hatte, zündete mit überraschender Geschwindigkeit Feuer an und brachte in unserem Blechtopfe Wasser zum Sieden. Bald hatten wir Tee in Blechbechern vor uns, Tortillas, die wir am Morgen gekauft hatten, und kalten Hammelbraten.
Es war der achte Tag, seitdem ich die Stadt Guatemala auf der Straße nach Norden hin verlassen hatte. Teobaldo, der Arriero, war mir von unserem Generalkonsul als ein zuverlässiger Mann empfohlen worden, und ich hatte ihn für meine Fahrt um so lieber in Dienst genommen, als mir der Mann, – er war ein Vollblut-Indianer – durch sein Äußeres Vertrauen einflößte und seine Tiere kräftig und wohl genährt waren.
Meine Reise über den Ozean galt den Ruinenstädten Mittelamerikas, von denen schon Cortez in seinem vierten Briefe an Kaiser Karl V. bei der Schilderung seines grauenvollen Zuges nach Honduras spricht.
Seit früher Jugend trieb mich die Sehnsucht nach diesen Resten einer eigenartigen untergegangenen Welt.
Der Krieg hatte meine Reise verzögert, doch jetzt war ich nach mancher Mühsal auf dem Wege, meinen Wunsch zu verwirklichen.
Heinrich Schmidt, mein Putzkamerad, während ich mein Jahr abdiente, 1870 mein Kriegskamerad, ein auf alle Fälle zuverlässiger Mensch, begleitete mich um so lieber, als er sehr geneigt war, ein Stück von der Welt zu sehen. Er war von Hause aus Schneider, hatte aber in Frankreich gezeigt, daß er auch die eiserne Elle recht gut zu brauchen verstand.
So waren wir beiden Deutschen, nachdem wir in San Thomas gelandet waren und von da den Weg nach der Hauptstadt genommen hatten, nach längerem Aufenthalte dort inmitten des wild zerklüfteten Teiles des Landes angelangt und ruhten behaglich auf dem Grunde einer Barranca, von deren schauerlichen Größe keine Schilderung auch nur einen annähernden Begriff zu geben vermag.
Der Feldzug hatte uns übrigens an manche Entbehrungen gewöhnt, so daß wir die Beschwerden der Reise in unwirtsamen Gegenden leichter ertrugen, als ohne diese harte Schule möglich gewesen wäre.
Wissenschaftlich war ich für meine Reise nicht übel vorbereitet, ich hatte sogar meinen Scharfsinn an den beiden geheimnisvollen Handschriften versucht, die die Bibliotheken in Dresden und in Madrid seit Jahrhunderten bewahren, und die unzweifelhaft aus Mittelamerika stammen. Freilich war auch ich dabei nicht viel weiter gekommen als meine Vorgänger.
So war ich jetzt auf dem Wege nach Palenque und Uxmal, um an Ort und Stelle meine Studien über ein Volk fortzusetzen, das uns außer seinen Bauten und Hieroglyphen keine Spuren seines Erdendaseins hinterlassen hat.
Schmidt und ich hatten die Begierde nach Speise und Trank gestillt, und mein Arriero, der mit seinem Stammesgenossen abseits von uns saß, blickte nach der Sonne und mahnte zum Aufbruch.
Rasch waren die Saumtiere mit der Geschicklichkeit dieser Leute beladen, wir im Sattel, Teobaldo ließ sein mahnendes Horn ertönen, und es begann der Aufstieg an der himmelanragenden Felsenwand.
Wir fanden ihn – es mochte das wohl daran liegen, daß man jetzt nach der Höhe zu strebte – weniger bedenklich und gefährlich als den Abstieg und erreichten nach zwei Stunden die Ebene, die der Felsspalt so jäh unterbrochen hatte.
Nach der Hitze auf dem Grunde der Barranca wehte uns die Luft hier oben, die uns am Morgen so sehr erfrischt hatte, recht kühl an, und wir hüllten uns fester in unsere Ponchos. Die Nacht brach herein, während wir den Weg zwischen Felstrümmern und Buschholz suchten, und das Haupt des gewaltigen Quezaltenango, der fern am Horizonte emporragte, hüllte sich in düsteren Feuerschein, ein warnendes Zeichen, daß die Kräfte, die einst diesen Boden erschütterten, nur schlummern, nicht erstorben sind.
Unser Führer leitete uns zu einem in einem Tale liegenden Rancho, wo wir gastliche Aufnahme und die geringen Bequemlichkeiten fanden, die ein solches Heim bieten kann. Eier, die landesüblichen schwarzen Bohnen, Schokolade und frisch gebackene Tortillas bildeten unser Nachtmahl. Wir hatten in Frankreich oft schlechter gegessen. Der Ranchero, ein freundlicher Mann, erfreute uns mit selbstgefertigten Puros, wirklichen Zigarren im Gegensatze zu Cigarritos, die unseren Zigaretten entsprechen, von vorzüglichem Tabak. Ich unterhielt mich etwas mit dem Manne, der wenig von der Welt wußte und nur von Zeit zu Zeit die Stadt Quezaltenango aufsuchte, um dort seinen Tabak und andere Erzeugnisse seiner kleinen Pflanzung zu verkaufen. Seine Frau, die uns beim Abendbrot Gesellschaft leistete, hatte die Provinzstadt nur einmal in ihrem Leben gesehen. Beide hatten von Ruinen aus der alten Heidenzeit nie etwas vernommen.
Da ich müde war vom langen Ritt, suchte ich bald meine Hängematte auf. Heinrich hatte sie, während ich mit dem Ranchero plauderte, gut angebracht.
Nach ruhig verbrachter Nacht – Moskitos gab es hier glücklicherweise nicht – erhoben wir uns bald nach Sonnenaufgang. Die Tiere hatten geruht und reichlich Futter bekommen. Schokolade, Eier und Tortillas bildeten unser Frühstück. Auch für Reisevorrat des landesüblichen Getränkes hatte die Frau gesorgt. Die anspruchslosen Leute verweigerten die Annahme von Bezahlung, doch gelang es mir, der Frau einen kleinen goldenen Ring mit einem Türkis aufzudrängen, der ihr sichtlich große Freude bereitete.
Aus dem lauschigen Tal, das sich nach Westen hin öffnete, erreichten wir wieder die Höhe, um über einen kahlen Gebirgskamm hinwegzugehen. Die Aussicht von hier war von einer Erhabenheit, daß ein andachtsvolles Gefühl sich tief im Herzen regte. Allmutter Erde zeigte ihr Angesicht hier in ihrer ganzen jungfräulichen Schöne. Hochragende Berge von malerischster Gestaltung ringsum, rötlich bestrahlt von der noch niedrig stehenden Sonne und umflattert von phantastisch geformten, langsam sich lösenden Nebelstreifen. Dazwischen waldige Hügel, Savannen mit frischem Grün und rauschende Bäche.
Weit hinaus schaute der Blick auf die zackigen Felsmassen, die den Horizont abschlossen.
Und noch mehr. Gleich darauf führte uns der hoch liegende Weg an einem See hin, der still und friedlich, wie soeben aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen, tief unter uns lag, eingefaßt von Felsen und waldigen Hügeln. Die noch schräg fallenden Sonnenstrahlen verliehen dem Bilde einen zauberhaften Reiz.
Nur ungern verließ ich trotz der kalten Luft eine Stätte, deren landschaftliche Schönheit ihresgleichen auf Erden sucht.
Ich hatte Italien, Griechenland gesehen, ich war in den Fjorden Norwegens und auf seinen Höhen gewesen, ich kannte die Schweiz und Tirol, doch nichts von allem, was diese Landschaften auszeichnet, konnte sich dem Anblick vergleichen, den uns hier die Höhe der Cordillere Guatemalas bot.
Ganz leise und andächtig sagte Schmidt, der hingerissen war, wie ich: »Det is aber fein, Herr Doktor.«
Welch ein schönes Bild! Welch ein glückliches Land, das solch erhabene Schönheit in so reichem Wechsel birgt!
Und dazu einigt das sich aus dem Meere erhebende Land, dessen Bergriesen himmelan streben, alle Klimate der Welt in seinem Schoße; von der tropischen Glut der Niederungen an den Küsten, der tierra caliente, durch die gemäßigte Zone der tierra templata hinauf zur tierra fria der kalten, deren Winde den Wanderer eisig durchschauern.
Mit Bedauern schieden wir von dem wunderbaren Ausblick auf den Amitatlansee, um eine mit Felsbrocken überstreute und von karger Vegetation bedeckte Ebene zu überschreiten.
Nach Mittag lag wiederum eine dieser Barrancas vor uns, die wir unter ähnlichen Umständen durchqueren mußten, wie sie uns gestern Schrecken einflößten.
Doch besaßen wir, d. h. Schmidt und ich, diesmal größere Ruhe, wir hatten uns von der Vorsicht und Sicherheit der trefflichen Tiere, die wir ritten, überzeugt. Die beiden Indianer waren ganz apathisch der Gefahr gegenüber.
Der Arriero entlockte, ehe wir den Aufstieg begannen, einen weithin hallenden Ton seinem Büffelhorn und lauschte dann. Es ist das ein Zeichen, daß eine Maultierkarawane den Felspfad betreten will und wird von An- wie von Absteigenden gegeben; oftmals wird auch ein Läufer vorausgesandt, wenn die Zahl der Peons es erlaubt.
Der Untergang für alle ist es, wenn sich zwei Maultierzüge auf solchem Pfade begegnen.
Dreimal ließ der Arriero sein Horn ertönen. Keine Antwort folgte.
Darauf ritt er auf der Capitana hinab in die gähnende Schlucht, deren Wände näher aneinander gerückt waren, als jene, die wir gestern durchkreuzt hatten, und darum finsterer und drohender erschienen.
In derselben Ordnung wie gestern folgte man dem Führer, der auch auf dem Wege sein Horn noch brauchte. Langsam, oftmals nur Schritt für Schritt, hatten wir mehr als zwei Drittel des schwindelerregenden Pfades zurückgelegt, als zum Entsetzen des Arriero um einen Vorsprung, den ein hervorstehender Felszacken bildete, ein Reiter auf einem Maultier erschien, ein dunkel gefärbter Bursche, der nicht wenig erschrocken schien, als er unsere Karawane vor sich erblickte.
» Dios nos guarda!« (Gott behüte uns!) stöhnte mein Führer, der dicht vor mir ritt, auf. » Por el amor de Dios, hombre, was willst du?«
Der Mann, der vor ihm hielt, starrte mit Augen, in denen der Schrecken sich deutlich ausdrückte, zu uns her.
Auch unsere Karawane stand still, und Entsetzen durchschauerte auch mich; denn ich erkannte nur zu deutlich, daß der schmale Pfad, überragt von schroffen, nicht erklimmbaren Felsen, zur Seite eines viele hundert Fuß tiefen Abgrundes, dessen Wände ebenso steil abfielen als sie neben uns aufstiegen, nicht einmal ein Verlassen des Sattels gestattete, um wie viel weniger ein Ausweichen der Tiere, geschweige denn deren Wendung. Wir konnten stehen gleich zwei Hirschen, die im Kampf die Geweihe unlöslich miteinander verschränkt haben, bis der Tod uns erlöste.
»Um der Liebe Gottes willen, Mann, was tatest du? Hast du das Horn nicht gehört?«
Der braune Kerl, der ein häßliches, finsteres Gesicht hatte, antwortete nicht, er schien vor Schreck wie gelähmt. Die Lage, in der wir uns jetzt befanden, war furchtbar.
Sein Tier trug keine Glocke, war also kein Capitana.
Dies erkannte auch der Arriero.
»Bist du allein, Mann?« fragte er mit bebender Stimme.
»Allein!« rief der Mann jetzt.
Beide wechselten diese Worte in einem indianischen Idiome. Teobaldo sagte mir, daß der Fremde allein sei.
Dies gab Hoffnung, – war ein Zug von Mulos hinter ihm, waren wir alle rettungslos verloren.
»Du mußt über dein Mulo nach hinten abgleiten, amigo,« rief ihm der Führer zu, »es wird dir gelingen, und du wirft Fuß am Boden fassen und zurückkehren können.«
Der Mann murmelte etwas vor sich hin und warf einen Blick auf uns, der neben dem Entsetzen, das seine Lage bei ihm hervorrief, auch grimmigen Haß atmete.
Schon begannen unsere Tiere unruhig zu werden. Der hinter mir haltende Schmidt erkannte die Gefährlichkeit unserer Lage wie ich, und es war ihm nicht wohler zu Sinn als mir. Von den gewechselten Worten hatte er nichts verstanden, aber die Situation redete deutlich genug.
Schmidt war ein entschlossener Bursche.
»Wenn der Kerl mit sein Tier nich ausweichen kann, müssen wir et niederschießen – der Weg muß freijemacht werden,« sagte er, »ick habe doch keene Lust, hier runterzupurzeln.«
Wir führten zwei Karabiner, treffliche Hinterlader, mit, die mir aus besonderer Gunst für meine abenteuerliche Fahrt von der Spandauer Gewehrfabrik überlassen worden waren, und ich sowohl wie Schmidt trugen die Waffen am Riemen auf dem Rücken.
Ich sah ein, daß er recht hatte. Schon machte er auch seine Waffe fertig und schob eine Patrone in den Lauf.
Aber ob die Tiere, die wir ritten, schußfest waren?
Ein Schuß mußte in dieser Schlucht gleich einem Donnerschlage widerhallen.
»Hat der Mensch da noch andere Tiere hinter sich?«
Ich sagte Schmidt, daß dies nicht der Fall sei.
»Lassen Sie ihm sagen, det er sich salvieren soll, det Maultier muß jeopfert werden.«
Der fremde Mann sah augenscheinlich, daß Schmidt sich zum Schießen fertig machte und mochte glauben, es gelte ihm, denn er duckte sich jetzt auf den Hals seines Tieres.
Ich befahl dem Arriero, dem Burschen mitzuteilen, er solle sich zu retten versuchen, wir würden das Maultier niederschießen.
Teobaldo wiederholte seinen dem Fremden eben gegebenen Rat.
Jetzt machte dieser Anstalt, über den Schweif des Tieres hinabzugleiten.
Auch das war mit höchster Lebensgefahr verknüpft, denn der Fels bot nicht den geringsten Anhalt.
Langsam, immer seinem Tiere Schmeichelworte zuflüsternd, zog er die Füße aus den Bügeln, streckte die Beine nach hinten aus und bewegte sich vorsichtig rückwärts.
Es war ein Augenblick höchster Aufregung für uns, eine Bewegung des Mulos konnte den Mann in den Abgrund schleudern.
Ich sah sein verzerrtes Gesicht, die angstvoll weitaufgerissenen Augen – jetzt glitt er hinab –; aufatmend erkannte ich, daß er Boden gefunden hatte, er stand hinter dem Maultier.
Gellend schrie der Kerl jetzt: » Maledito gojos!« (Verdammte Hunde) und war gleich darauf um den Vorsprung verschwunden. Das Maultier stand allein; es zitterte.
Den Weg frei zu machen, gab es kein anderes Mittel, als es zu erschießen.
Teobaldo sah dies wohl ein. Er rief dem Peon, zwischen dem und Schmidt die beiden beladenen Maultiere standen, zu, daß geschossen werden würde. Mit mühsam unterdrückter Besorgnis fragte ich ihn dann, ob die Tiere schußfest seien?
Er antwortete mit der einzigen Redensart dieser Leute: » Quien sabe?« und bekreuzte sich.
Aber es half nichts, es mußte geschossen werden auf jede Gefahr hin.
Ich nahm mein Tier fest in den Zügel, ein gleiches tat der Arriero.
»Bückt euch da vorn,« sagte Schmidt mit vor Aufregung heiserer Stimme.
Teobaldo und ich beugten uns auf den Hals unserer Tiere.
»In Gottes Namen, Schmidt!« sagte ich, und im Herzen flehte ich: »Herr, erbarme dich unser!«
Der Schuß krachte.
Donnernd hallte die Schlucht wider – unsere Tiere zuckten zusammen, stemmten aber fest die Hufe gegen den Boden.
Das fremde Maultier, in den Kopf getroffen, lehnte sich an den Fels, um gleich darauf zusammenbrechend in den Abgrund zu stürzen.
Der Weg war frei.
» Oh, Dios sea labado!« (Gott sei gelobt!) murmelte der Arriero und setzte hinzu: » Mil gracias, oh santissima!« (Tausend Dank, Allerheiligste!).
Die dräuende Gefahr war vorüber.
» Nombre de Dios, adelante!« (Im Namen Gottes, vorwärts!)
Ich war von der überstandenen Todesangst zu erschüttert, um ein Wort sagen zu können, dankte aber im stillen für unsere Rettung.
Schmidt rief mir zu: »Jott verläßt keenen Deutschen nich, Herr Dokter!«
Als das Glöckchen der Capitana erklang, setzten sich alle Tiere in Bewegung. Glücklich kamen wir um den gefährlichen Vorsprung, und leichten Herzens ritten wir zu Tale, den Grund bald erreichend.
»Det war een kleenes Abenteuer, Herr Dokter. Wenn ick det nich selbst erlebt hätte, jloobte ick es nich. Wir saßen scheene in die Klemme. Der Deuwel hole diese Barrancas.«
»Wir können Gott danken, der Gefahr entgangen zu sein.«
»Jloobe ick ooch, Herr Dokter.«
»Dein Diener schießt gut, Senor,« sagte der Arriero, der äußerlich viel Gleichmut bewahrt hatte.
»Ja, er schießt gut, doch ein Glück war es, daß die Tiere den Knall ertrugen.«
»Die Allerheiligste war mit uns.«
Er hatte kaum ausgesprochen, als hinter einem Busche hervor der Mensch trat, der uns in diese Lebensgefahr gebracht hatte. Die Windungen des Felsenpfades hatten uns verhindert, ihn auf diesem zu erblicken.
Es war ein tückisch aussehender, sehniger Bursche von dunkler Gesichtsfarbe, in schmutzigem Poncho und defektem Strohhut, der im Gürtel eine breite Machete (das im Lande übliche Haumesser) trug.
Er fuhr den Arriero heftig an, machte diesem Vorwürfe und verlangte, daß man ihm eines unserer Saumtiere übergeben solle.
Mein Führer erwiderte ihm ruhig in spanischer Sprache:
»Ich werde dich dem nächsten Alkalden anzeigen, mein Bursche, du hast den Weg betreten, trotzdem ich mit dem Horn gewarnt hatte.«
»Ich habe nichts gehört. Gib mir ein Mulo, oder es geht euch schlimm!«
Des Kerls Augen weissagten nichts Gutes, und an der Seite trug er eine sehr gefährliche Waffe. Mir war das so bedenklich, daß ich zu meinem Karabiner griff. Kaum sah dies Schmidt, als er sich mit größter Schnelligkeit schußfertig machte.
»Will der Kerl wat, Herr Dokter?«
Dies machte den Indianer doch stutzig.
»Wenn du dich nicht alsbald davon machst, du piccro, du estupido du, lasse ich dich binden und nehme dich mit; du müßtest es denn vorziehen, die Kugel eines dieser Senores in den Schädel zu bekommen.«
»Aber erbarmt euch, wie soll ich ohne Mulo über die Berge kommen?«
»Das ist deine Sache. Geh jetzt aus dem Wege, oder mein Lasso fliegt dir um die Schultern.«
Der Kerl, der einen gar bösen Blick hatte, gab jetzt Raum, und wir ritten weiter, auf die gegenüberliegende Felswand zu.
»Es ist gut, daß der Bursche keine Flinte hat,« sagte mein Führer, »er könnte uns in arge Gefahr bringen, während wir nach oben reiten.«
Wir begannen den Aufstieg und erreichten glücklich die Höhe.
Eine kurze Strecke Weges hatten wir erst zurückgelegt, als uns ein Reiter, ein Weißer, entgegenkam, der eine Flinte auf dem Rücken trug und es sehr eilig zu haben schien. Als er uns erblickte, hielt er und fragte, ob wir nicht einem Indio auf einem Maultiere begegnet seien?
Wir teilten ihm unser Erlebnis mit.
Er vernahm es mit Staunen und schien sehr erfreut darüber zu sein.
»O, ist der Ladron jetzt ohne Mulo, so werde ich ihn bald haben,« äußerte er.
Ich fragte den Mann, der gut gekleidet war, nach Art der Hacienderos des Landes, welche Veranlassung er habe, den Mann zu verfolgen.
»Ich will Ihnen das sagen, Senor, da Sie mir ein Fremder zu sein scheinen. Dieser Bursche, ein gewisser Antonio Mahos, ist ein gefährlicher Aufwiegler und hat versucht, bei uns die Indios rebellisch zu machen. Es muß wieder einmal im Lande gären, daß diese Schurken sich an das Tageslicht trauen. Wir wollen ihn einfangen – ich habe noch einige Freunde hinter mir – und dem Alkalden überliefern.«
In diesem Augenblick erschienen auch noch drei Reiter, gekleidet und bewaffnet wie der, mit dem wir uns unterhielten, die rasch verständigt, ebenfalls erfreut waren, daß dem Verfolgten das Maultier getötet worden sei. Auf meine Frage, ob meine Reise etwa durch Unruhen im Lande gefährdet sein könne, wurde mir die beruhigende Mitteilung, daß zunächst keine Ursache zu Befürchtungen sei, wie ich den Männern versichern konnte, daß weder in Guatemala noch in Quezaltenango, wo ich mit den Behörden verkehrt hatte, irgendein Anzeichen bekannt gewesen sei, das auf Störung des Landfriedens gedeutet werden könne.
»Nun, Gott möge dem Lande den Frieden bewahren!« sagte der, der uns zuerst begegnet war, »und die heilige Jungfrau nehme Euch in ihren Schutz! Adio, den Mahos wollen wir bald haben.«
Sie ritten eilig davon, und wir bewegten uns nach der andern Richtung hin.
Ich schlug mir die Bedenken, die mir die Mitteilungen des Hacienderos erregt hatten, bald aus dem Kopfe, um so leichter, als mein Arriero, mit dem ich darüber sprach, keinerlei Befürchtungen hegte.
Wir gelangten bald wieder tiefer hinab zwischen duftende Wälder und blumige Auen, fanden auch wiederum Ranchos an unserem Wege, deren Eigentümer Landwirtschaft trieben. Schon neigte sich die Sonne, als wir in ein liebliches Tal einritten, das sich nach Westen hin öffnete und bereits tropische Vegetation zeigte.
Einige sauber ausgeführte Baulichkeiten und um dieselben liegende eingefriedigte Gärten mit Fruchtbäumen und Blumen stachen so sehr ab von dem, was die Ranchos des Landes gewöhnlich dem Anblick boten, taten dem Auge so wohl, daß ich unwillkürlich mein Tier zügelte, um mich des Ungewohnten zu erfreuen.
»Wir müssen noch eine Legua weiter reiten zu unserm Nachtquartier,« sagte höflich mein Führer.
»Sehen Sie sich einmal den Mann dort an, Herr Dokter,« äußerte Schmidt und machte mich aufmerksam auf die auf einer Veranda stehende Gestalt.
Ein hochgewachsener, kräftiger Mann, sauber in einen hellen Anzug gekleidet, schaute zu uns her; noch war es hell genug, um deutlich das blonde Haar und den kräftigen blonden Vollbart erkennen zu können und ein Gesicht, dessen Züge so entschieden auf nordische Abstammung deuteten, wie das meines Arrieros auf indianische.
»Wenn det nich een Landsmann is, lasse ick mir hängen,« fuhr Schmidt fort.
Ich lächelte über seine Vermutung, hier, inmitten der Berge Guatemalas, einen Ranchero von unserm Stamm zu finden, obgleich sie immerhin in dem Äußern des Mannes, das zwischen Indios und gelblichen Spaniern um so mehr auffiel, einige Berechtigung fand.
»Herr Dokter, jlooben Sie mir, det is eener von uns.«
Einer Anwandlung von Laune folgend, rief ich dem Manne, der unsern Zug schweigend betrachtete, in deutscher Sprache zu: »Freund, das Vaterland grüßt Euch durch uns.«
Der Mann, von dem ich das spanische: » Que es eso« erwartete, stand starr da, und schon wollte ich ihm spanisch einen guten Abend wünschen, als ich deutlich die mit halblauter Stimme hervorgestoßenen Worte vernahm: »Allmächtiger Gott, es sind alemans.«
Gleich darauf kam der Mann hastig auf uns zu, sah mich aus blauen Augen mit einem Blick an, der auf tiefe Erregung schließen ließ, und fragte: »Sie sind Deutsch? Richtig Deutsch?« Das kam ziemlich unbeholfen heraus.
»Ja, wir sind Deutsche, echte Deutsche, und sollten wir in Ihnen einen Landsmann begrüßen, wäre das eine große Freude für uns.«
Er sah mich, sah Schmidt an, Staunen, Freude malte sich auf seinem gebräunten, männlichen Gesicht. »O, hier bleiben, nicht gehen vorüber – bleiben, bleiben.« Dann rief er mit der Stimme Stentors zu der Veranda des Wohnhauses in spanischer Sprache hin: » Madrecilla! Muchachos! Alle herbei – Gäste, alemans! – Vorwärts, richtet das Haus her! Steig ab, Arriero, bist willkommen mit den Deinen bei Carlos Vilando. Allmächtiger Gott,« sagte er dann wieder deutsch, »Senores – willkommen, willkommen.« – »O, Deutsch alles willkommen.«
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