Читать книгу: «Reconnection»

Dr. Eric Pearl
The Reconnection
Heile andere, heile dich selbst

Wichtiger Hinweis
Die im Buch veröffentlichten Ratschläge wurden von Verfasser und Verlag sorgfältig erarbeitet und geprüft. Eine Garantie kann dennoch nicht übernommen werden. Ebenso ist die Haftung des Verfassers bzw. des Verlages und seiner Beauftragten für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ausgeschlossen.
Titel der amerikanischen Originalausgabe
»The Reconnection – Heal Others, Heal yourself«
Original English Language Publication 2001 by
Hay House, Inc. California, USA
Deutsche Ausgabe: © KOHA-Verlag GmbH Burgrain
Alle Rechte vorbehalten
Aus dem Englischen von Tara Eleonore Albers
Lektorat: Maryam Beck
Gesamtherstellung: Karin Schnellbach
Ebook ISBN 978-3-86728-718-0
Zu Ihrer Information
Dieses Buch gibt Ihnen eine Einführung, die Ihnen bei Ihren ersten Schritten im Bereich Heilung durch Reconnection Unterstützung bietet. Doch allein durch das Lesen dieses Buches werden Sie nicht zum Reconnective Healing Practitioner oder zum Reconnection Practitioner, und es gestattet Ihnen nicht, Reconnective Healing® oder The Reconnection® zu lehren oder sich gegenüber anderen als Reconnective Healing Practitioner oder als Reconnection Practitioner oder als Lehrer einer der beiden oder beider Methoden auszugeben. Eine erfolgreiche Teilnahme an den von Eric Pearl geleiteten Seminaren ist unabdingbare Voraussetzung, Reconnective Healing Practitioner oder Reconnection Practitioner zu werden.
Zurzeit sind Eric Pearl und sein Reconnection Teaching Team die einzig autorisierten und qualifizierten Ausbilder für Reconnective Healing (dt.: Rückverbindende Heilung). The Reconnection (dt.: Die Rückverbindung) wird als RCPP (Reconnection Certified Practitioner Program) von durch Eric ausgebildeten Instruktoren unterrichtet. Erst nach erfolgreicher Teilnahme an zwei Grundkursen können Sie an einem Kurs zum Reconnection-Certified Practitioner und zum Teaching Assistant and Mentor zugelassen werden oder am Instructor Program teilnehmen. Es können noch weitere Anforderungen hinzukommen, und die Voraussetzungen können sich von Zeit zu Zeit ändern.
Zu Ihrer Information bitten wir Sie, sich an info@TheReconnection.com zu wenden oder an die Telefonnummern:
(001) 323-960-0012 oder (001)-888-ERIC PEARL (001)-888-374-2732), bevor Sie an einem Trainingsprogramm teilnehmen, das zum Thema Reconnective Healing oder The Reconnection von jemand anderem als den oben angegebenen Leuten angeboten wird. Wir werden Sie darüber informieren, ob es sich dabei um ein genehmigtes Seminar eines qualifizierten Ausbilders handelt.
Zu Informationen über die Voraussetzungen zum Reconnective Healing Practitioner, Reconnection Practitioner, Certified Practitioner, Teaching Assistant and Mentor oder für die Aufnahme ins Instructor Program – oder auch einfach, um als Praktizierender auf dem Laufenden zu bleiben, kontaktieren Sie uns bitte unter
info@TheReconnection.com
oder telefonisch unter (001) 323-960-0012
oder (001)-888-ERIC PEARL (001)-888-374-2732.
Wir freuen uns auf Ihre Kommentare und Anfragen.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Einleitung
Teil I Das Geschenk
Erste Schritte
Lehren aus dem Leben nach dem Tod
Kindliche Angelegenheiten
Ein neuer Weg des Entdeckens
Neue Türen öffnen, das Licht einschalten
Die Suche nach Erklärungen
Das Geschenk des Steins
Einblicke: Die Gegenwart und die Zukunft
Teil II Reconnective Healing und was es bedeutet
Erzähl mir mehr
Fäden und Stränge
Die großen Fragen
Um geben zu können, musst du empfangen
Geh aus dem Weg
Die Richtung bestimmen
Dinge, die in Betracht zu ziehen sind
Teil III Sie und Reconnective Healing
Hineingleiten in den Pool von rückverbindender Energie
Die Umgebung des Heilers
Das Entfachen des Heilers in Ihnen
Die Energie finden
Der dritte Partner
Im wechselseitigen Austausch mit Ihren Patienten
Was ist Heilung?
Abschließende Gedanken
Vorwort
Von Dr. Gary E.R. Schwartz und Dr. Linda G.S. Russek
Sie sind im Begriff, ein Buch über Dr. Eric Pearl, einen mutigen und einfühlsamen Mediziner, zu lesen, der herausgefunden hat, dass der Schlüssel zu Gesundheit und Heilung in dem liegt, was er The Reconnection (dt.: Die Rückverbindung oder auch Die Wiederverbindung oder Die Wiederanbindung) nennt. Als wir Dr. Eric Pearl in dem Dr.-Andrew-Weils-Programm für Integrative Medizin an der Universität von Arizona zum ersten Mal sprechen hörten, waren wir sofort von seiner Aufrichtigkeit und Offenheit beeindruckt. Wir hatten einen Mann vor uns, der bereit war, eine der einträglichsten Chiropraktikerpraxen von Los Angeles aufzugeben, um sich auf eine spirituelle Heilungsreise zu begeben und sich mit einigen der bedeutendsten und umstrittensten Fragen der zeitgenössischen Medizin und Heilung zu befassen:
Spielen die Energie und die darin enthaltene Information eine zentrale Rolle für Gesundheit und Heilung?
Kann sich unser Verstand mit dieser Energie verbinden, und können wir lernen, diese Energie für uns einzusetzen, um damit uns selber und andere zu heilen?
Gibt es eine größere spirituelle Wirklichkeit, die aus lebendiger Energie besteht und die nicht nur unsere persönliche Heilung, sondern auch die Heilung des Planeten als Ganzes fördert, und können wir lernen, uns mit ihr zu verbinden?
Zunächst fragten wir uns verwundert: »Hat Dr. Pearl den Verstand verloren? Oder ist es ihm tatsächlich gelungen, sich wieder mit der Weisheit in seinem eigenen Herzen und dem lebendigen Energie-Herzen des Kosmos zu verbinden?«
Die Wahrheit ist, als wir Dr. Pearl zum ersten Mal trafen, wussten wir das nicht.
Doch Dr. Pearl hatte es sich zur Aufgabe gemacht, »seine Worte in die Tat umzusetzen«. Das schloss auch ein, dass er mit seinen Thesen – und seinem fachlichen Können – in ein Forschungslabor ging, das nach dem Motto arbeitet: »Wenn es wahr ist, wird es zum Vorschein kommen; und wenn es falsch ist, werden wir den Fehler finden.«
The Human Energy Systems Laboratory (dt.: Labor für menschliche Energiesysteme) an der Universität von Arizona widmet sich der Zusammenführung der Körper-Geist-Medizin mit der energetischen Medizin und der spirituellen Medizin. Bei unserer Zusammenarbeit mit Dr. Pearl bestand unsere Absicht nicht darin, zu beweisen, dass Reconnective Healing (dt.: Rückverbindende Heilung) funktioniert, sondern vielmehr darin, zu ermöglichen, dass sich die Wirkung dieses Heilungsvorgangs selbst entfalten und offenbaren kann.
Eine lebensgeschichtliche Verbindung zur Rückverbindung
Meine (Garys) persönliche Beziehung zu dem Konzept einer Rückverbindung reicht zurück in mein Doktorandenstudienprogramm an der Harvard-Universität in den späten Sechzigerjahren. Damals wurde ich in die bahnbrechende Forschung über Selbstregulierung und Heilung eingeführt, die von einem der am stärksten ganzheitlichen orientierten Wissenschaftler und Physiker des ersten Drittels des vergangenen Jahrhunderts durchgeführt wurde.
1932 veröffentlichte Professor Walter B. Cannon von der Harvard-Universität sein klassisches Werk Wisdom of the Body. Dr. Cannon beschrieb, wie der Körper seine physiologische Gesundheit aufrechterhält – abgeleitet vom griechischen Wort hael/holon, welches »Ganzheit« bedeutet – durch einen Prozess, den er »Homöostasis« (dt.: Selbstregulation) nannte. Cannon zufolge erfordert die Fähigkeit des Körpers, seine physiologische Ganzheit aufrechtzuerhalten, dass Rückmeldevorgänge im ganzen Körper miteinander verbunden sind und dass die Informationen, die sich entlang diesem Netzwerk aus Rückkopplungsstraßen bewegen, fließend und exakt sind.
Wenn Sie zum Beispiel mit einem Thermostat die Heizung regeln, wird jedes Mal, wenn die Raumtemperatur unter das vorgegebene Niveau sinkt, durch das Signal des Thermostats die Heizung eingeschaltet, und dadurch wird die Raumtemperatur beibehalten. Der Thermostat sorgt für die Rückmeldung; das Ergebnis ist Homöo-stasis (ein physiologisches Gleichgewicht) zwischen Ihnen und Ihrem Raum.
All dies wirkt aufgrund der richtigen Verbindungen innerhalb des Systems. Wenn Sie die Rückmeldung von dem System abtrennen, bleibt die Temperatur nicht erhalten. Dies ist, kurz gesagt, die Idee der Verbindung durch Rückkopplung.
Als junger Assistenzprofessor in der Abteilung für Psychologie und Soziale Beziehungen der Harvard-Universität führte meine logische Schlussfolgerung daraufhin zu der Entdeckung, dass die Rückkopplungsverbindungen nicht nur für physiologische Gesundheit und Ganzheit von grundlegender Bedeutung sind, sondern auch für die Gesundheit und Ganzheit auf allen Ebenen der Natur. Die Verbindung von Rückmeldungen ist fundamental wichtig für die Ganzheit – in energetischer, physischer, emotionaler, mentaler, sozialer, globaler, ja sogar in astrophysikalischer Hinsicht.
Ich habe festgestellt, dass »die Weisheit des Körpers« von Cannon vielleicht ein größeres, ein universelles Prinzip widerspiegelt. Ich habe dies Die Weisheit eines Systems oder – einfacher ausgedrückt – Die Weisheit der Verbindung genannt:
Wenn Dinge miteinander verbunden sind – wie z.B.
1. Sauerstoff, der durch chemische Bindungen im Wasser mit Wasserstoff verbunden ist,
2. das Gehirn, das durch neurale, hormonelle oder elektromagnetische Mechanismen mit den physiologischen Organen im Körper verbunden ist,
3. die Sonne, die durch die Schwerkraft und elektromagnetische Einflüsse im Sonnensystem mit der Erde verbunden ist,
– und Information und Energie frei zirkulieren, hat jedes System die Fähigkeit, gesund zu sein, ganz zu bleiben und sich zu entwickeln.
Als ich von Mitte der Siebzigerjahre bis Ende der Achtzigerjahre als Professor für Psychologie und Psychiatrie an der Universität von Yale tätig war, veröffentlichte ich wissenschaftliche Unterlagen, die dieses universelle Prinzip der Verbindung nicht nur auf die Körper-Geist-Ganzheit und die Heilung anwandten, sondern auch auf die Ganzheit und Heilung auf allen Ebenen der Natur (z.B. Schwartz, 1977; 1984). Meine Kollegen und ich schlugen die Betrachtungsweise vor, dass für die Erlangung von Ganzheit und Heilung fünf grundlegende Schritte erforderlich sind: Aufmerksamkeit, Verbindung, Selbstregulierung, Ordnung und Wohlbehagen.
1. Schritt: Bewusste Aufmerksamkeit. Diese besteht einfach darin, Ihren Körper und die Energie wahrzunehmen, die in Ihrem Körper fließt, ebenso wie die Energie zwischen Ihnen und Ihrer Umgebung.
2. Schritt: Aufmerksamkeit führt zu Verbindung. Wenn Sie es Ihrem Geist bewusst oder unbewusst erlauben, Energie und Information wahrzunehmen, unterstützt dieser Vorgang die Herstellung von Verbindungen, und zwar nicht nur innerhalb Ihres Körpers, sondern auch zwischen Ihrem Körper und der Umgebung.
3. Schritt: Verbindung fördert die Selbstregulierung. Ähnlich der Art und Weise, wie ein Athleten- oder Musikerteam gemeinsam beim Sport oder beim Jazz eine großartige Leistung erreicht, so ermöglichen die dynamischen Verbindungen zwischen den Spielern es dem gesamten Team, sich mit Hilfe der leitenden Unterstützung von Trainern und Dirigenten zu organisieren und sich selbst zu kontrollieren (dies wird als »Selbstregulierung« bezeichnet).
4. Schritt: Selbstregulierung fördert die Ordnung. Was Sie als Ganzheit, Erfolg oder gar als Schönheit empfinden, spiegelt einen Ordnungsablauf wider, der durch Verbindungen, die die Selbstregulierung zulassen, ermöglicht wurde.
5. Schritt: Die Ordnung wird durch Wohlbehagen ausgedrückt. Wenn alles richtig miteinander verbunden ist und es den Teilen (den Spielern) erlaubt ist, ihre jeweiligen Rollen einzunehmen, wird der Selbstregelierungsvorgang mühelos geschehen. Der Prozess ist im Fluss.
Aber auch das Gegenteil trifft zu. Es gibt fünf grundlegende Schritte, um Zerfall und Störung (ist Krankheit) herbeizuführen: Unaufmerksamkeit, Trennung, Deregulierung, Unordnung und Störung.
Wenn Sie Ihren Körper unbeachtet lassen (1. Schritt), bewirkt dies innerhalb Ihres Körpers Trennung und ebenso zwischen Ihrem Körper und der Umgebung (2. Schritt), was eine Deregulierung im Körper begünstigt (3. Schritt), was wiederum als Unordnung vom System beurteilt wird (4. Schritt) und als Störung = Krankheit (5. Schritt) erlebt wird.
Mit einem Wort führt Verbindung zu Ordnung und Wohlbehagen; Trennung führt zu Unordnung und Störung = Krankheit.
Wenn Sie Dr. Eric Pearls Buch lesen, werden Sie herausfinden, wie diese verbindenden Schritte auf allen Ebenen lebendig werden – von der energetischen Ebene über die Körper-Geist-Ebene bis hin zur spirituellen Ebene. Der Schlüssel zum Verständnis dieser neuen Ebene der Heilung ist die Vorsilbe »re« (dt.: wieder, neu bzw. zurück, nicht im Sinne von rückwärts, sondern im Sinne von ursprünglich) – »reattending«(wieder) aufmerksam sein, »reconnecting« (rück- bzw. wieder)-verbinden, »regulating« (neu) regulieren, »reordering« (wieder neu) ordnen von Heilung.
Die Weisheit von Rückverbindung entdecken
In Stephen Sondheims Musical »Sunday in the Park with George« das von dem pointillistischen Maler George Seurat handelt, wird die Erschaffung von Schönheit als ein Vorgang der Verbindung beschrieben. Seurat war ein Meister im Ordnen und Verbinden von farbigen Punkten und erschuf auf diese Weise wunderschöne Bilder, die uns bis heute noch tief beeindrucken. Sondheim erinnert uns in seinem einfachen Liedtext »Connect, George, connect« (dt.: Verbinde dich, George, verbinde dich) an die außerordentliche Bedeutung dieses Sich-Verbindens.
Während Sie das Buch lesen, das Sie gerade in Ihren Händen halten, werden Sie an einer verbindenden Heilungsreise teilnehmen. Ihr Geist und Ihr Herz werden erweitert und vereint, wenn Dr. Pearl die farbigen Punkte seines Lebens miteinander verbindet. Sie werden in die Seele eines begabten Heilers schauen, der persönliche Zweifel und Schmerz erfahren hat, als er den Prozess der Rückverbindung entdeckte, und Sie werden Zeuge der großen Segnungen und der Befriedigung sein, die er erlebte, als er sah, wie seine Patienten heil wurden.
Wir wollen damit nicht sagen, dass alles, was in diesem Buch geschrieben steht, wissenschaftlich anerkannt ist. Und Dr. Pearl ist derselben Meinung. Er teilt seine Erfahrungen mit, bietet seine Schlussfolgerungen an und lässt Sie dann zu Ihren eigenen Schlussfolgerungen kommen.
Dr. Pearl fühlt sich seit jeher der auf wissenschaftliche Beweise gestützten Medizin verpflichtet. Die grundlegenden wissenschaftlichen Studien, die in unserem Labor bis heute durchgeführt wurden, stimmen überraschenderweise mit seinen Vorhersagen überein, und weitere klinische Studien sind in Planung. Wie in unserem Buch Alles erinnert. Wie zwei Wissenschaftler ein universelles, lebendiges und interaktives Gedächtnis entdecken angedeutet, ist es möglicherweise so, dass die Weisheit der Heilung uns überall umgibt und dass sie darauf wartet, angezapft zu werden, damit sie den höchsten Zwecken dienen kann.
Mögen Sie durch dieses Buch genauso erleuchtet und inspiriert werden, wie wir es wurden.
Dr. Gary E.R. Schwartz und Dr. Linda G.S. Russek
Dr. Gary E.R. Schwartz ist Professor für Psychologie, Medizin, Neurologie, Psychiatrie und Chirurgie und Direktor des Human Energy Systems Laboratory (Labor für menschliche Energiesysteme) an der Universität von Arizona. Er ist auch Vizepräsident für Forschung und Bildung der Living Energy Universe Foundation (Stiftung für das Lebendige Energie-Universum). Er erhielt seinen Doktortitel 1971 an der Harvard-Universität und war dort bis 1976 Assistenzprofessor für Psychologie. Bis 1988 war er als Professor für Psychologie und Psychiatrie an der Yale-Universität, als Direktor des Psychophysiologischen Zentrums in Yale und als Co-Direktor der Klinik für Verhaltensmedizin in Yale tätig.
Dr. Linda G.S. Russek ist klinische Assistenzprofessorin für Medizin und Co-Direktorin des Human Energy Systems Laboratory an der Universität von Arizona. Ebenso ist sie Präsidentin der Living Energy Universe Foundation und leitet die Konferenz-Reihe »Cele-brating the Living Soul«.
www.livingenergyuniverse.com
Einleitung
»Jeder hat einen Sinn und Zweck im Leben ... ein einzigartiges Geschenk oder ein besonderes Talent, um es an andere weiterzugeben. Und wenn wir dieses einzigartige Talent mit dem Dienst an unseren Nächsten verschmelzen, erleben wir die Ekstase und das Frohlocken unseres eigenen Geistes, und dies ist das höchste Ziel aller Ziele.«
Dr. Deepak Chopra
Mir sind in meinem Leben zahlreiche wunderbare Geschenke gegeben worden. Eines davon ist die erstaunliche Fähigkeit, Heilungen anregen zu können – die ich, wie Sie beim Lesen dieser Seiten herausfinden werden, nicht ganz verstehe (obwohl ich der Lösung näherkomme). Ein zweites Geschenk war meine Entdeckung, dass es außerhalb dieser Welt wahrhaftig noch andere Welten gibt. Ein drittes Geschenk ist die Gelegenheit, die ich bekam, dieses Buch zu schreiben und dadurch die Informationen, die ich bis jetzt erworben habe, mit anderen teilen zu können.
Das ausgesprochen Wunderbare an dem ersten Geschenk besteht darin, dass ich dadurch erkannte, mein Leben hat einen Sinn, und ich wurde damit gesegnet, diesen Sinn nicht nur zu erkennen, sondern ihn auch aktiv und bewusst leben zu können. Von allen Geschenken des Lebens ist dies wahrhaftig eines der größten.
Das zweite Geschenk verlieh mir die Fähigkeit, mein wahres Selbst zu erkennen – zu verstehen, dass ich ein spirituelles Wesen bin und dass meine menschliche Erfahrung einfach nur Folgendes ist: meine menschliche Erfahrung. Sie ist nur eine Erfahrung dessen, wer ich bin, und es gibt noch mehr. In dem Maße, in dem ich erkenne, wie sich mein geistiges Wesen in allem, was ich tue, ausdrückt, kann ich es ebenso in anderen erkennen – und berühren. Dies ist ein erstaunliches Geschenk, und obwohl es die ganze Zeit direkt vor mir lag, hatte ich es zuvor nie wirklich bemerkt. Dieses zweite Geschenk gab mir einen klaren Ausblick auf den Sinn meines Lebens.
Das dritte Geschenk ist dasjenige, das den ersten beiden Gaben ein neues Lebenselement eingehaucht hat. Bis vor kurzem habe ich die Gabe der Heilung immer mit jeweils einem Menschen in einem Moment geteilt. Obwohl ich liebte, was ich tat, wusste ich, dass diese Gabe mit viel mehr Menschen geteilt werden sollte. Ich würde ihr keinen Gefallen tun, wenn ich sie für mich behielt – und es war auch nicht meine Absicht, sie für mich zu behalten. Doch ich betrachtete sie als ein Geschenk (was sie auch ist) und dachte daher, dass dieses nicht von mir an andere weitergegeben werden könnte (was es jedoch kann).
Meine Gabe war geduldig mit mir. Sie wusste, dass ich das größere Bild bald erkennen würde. Als sich die Fähigkeit zeigte, sie zu vermitteln, begann ich, Seminare zu geben, in denen eine größere Anzahl von Menschen einen direkten Zugang zu dieser Heilenergie bekommen konnte. Sehr aufregend war auch die Entdeckung, dass dieses Geschenk der Heilung in anderen Menschen über das Fernsehen aktiviert werden kann. Dies trifft gleichfalls für das geschriebene Wort zu – und es fügt der Übertragung der Energie anscheinend noch eine ganz neue Dimension hinzu. Das Fesselnde an der Übermittlung der Energie über Druckmedien, Rundfunk und Fernsehen ist, dass damit sehr viel mehr Menschen die Möglichkeit gegeben wird, die Aktivierung dieser Heilungsfähigkeit in sich selbst zu erfahren. Ich begriff, dass es Zeit für einen Entwicklungssprung in unserem Verständnis ist – dafür, dass die Menschheit erkennt, dass wir – und ich möchte dabei nicht allzu religiös klingen – überall, wo wir zu zweit oder zu mehreren versammelt sind, uns gegenseitig dienen können. Wir können einer dem anderen Heilung ermöglichen. Und jetzt können wir dies auf Ebenen vollbringen, die noch nie zuvor für uns verfügbar waren.
Ich kam zu der Einsicht, dass mein Geschenk (die Gabe) nicht nur darin besteht, anderen zu helfen, sondern auch darin, anderen dabei zu helfen, wieder anderen zu helfen. Das gab mir einen erweiterten Rahmen, in dem ich beginnen konnte, den Sinn und Zweck meines Lebens zu erfüllen.
Dieses Buch setzt sich zusammen aus der (so genannten) »Gebrauchsanweisung«, die ich nie bekommen habe, und einer Aktivierung, um Ihnen eine Starthilfe für Ihren Weg zu geben.
Wenn es Ihre Absicht ist, entweder HeilerIn zu werden oder Ihre gegenwärtige Fähigkeit als HeilerIn auf eine höhere Ebene zu bringen – oder einfach nur, die Sterne zu berühren, um zu wissen, dass es sie wirklich gibt –, dann wurde dieses Buch für Sie geschrieben.
Doch es wurde auch für mich geschrieben. Es ist ein Ausdruck für den Sinn und Zweck meines Lebens, den ich letztendlich gefunden habe. Oder vielleicht sollte ich sagen, dass der Sinn meines Lebens mich gefunden hat. Ich hoffe, dass dieses Buch Sie dabei unterstützen wird, auch den Ihren zu finden.
Dr. Eric Pearl
Teil I
Das Geschenk
»Wie lange willst du noch damit fortfahren, deine Energie schlafen zu lassen? Wie lange noch wirst du die Unermesslichkeit deiner selbst vergessen?«
Bhagwan Shree Rajneesh in »A Cup of Tea«
Erste Schritte
Es gibt nur zwei Arten, sein Leben zu leben: Entweder so, als gäbe es keine Wunder, oder so, als wäre alles ein Wunder.
Albert Einstein
Garys Wunder
Wie ist dieser Mensch nur die Treppenstufen heraufgekommen?, dachte ich und blickte durch das Aussichtsfenster neben meinem Büroeingang. Mein neuer Patient war soeben am Ende des Treppenhauses angelangt. Er bewegte sich mit mehreren Sätzen schrittweise nach vorne; zwischendurch legte er vereinzelte Pausen ein, in denen er auf die Stufen hinunterstarrte, während er sich auf die nächste Anstrengung vorbereitete. Ich fragte mich wieder einmal verwundert, ob die Eröffnung einer Chiropraktik-Praxis in der zweiten Etage eines Gebäudes ohne Fahrstuhl die beste Vorgehensweise gewesen war. War das nicht ungefähr so, als würde man eine Reparaturwerkstatt für Bremsen am Ende eines steilen Berges eröffnen?
Als ich 1981 mit meiner Praxis begann, standen mir nicht viele Möglichkeiten offen, und es sah so aus, als hätte ich heute sogar noch weniger, auch wenn sich die Gründe dafür jetzt geändert hatten. Während meiner 12 Jahre hier in Los Angeles war meine Praxis zu einer der größten in der Stadt herangewachsen. Wie konnte ich da einfach zusammenpacken und umsiedeln?
Ich beschloss, nicht hinauszugehen, um diesem Mann beim Heraufkommen der letzten Stufen zu helfen. Ich wollte das bevorstehende Gefühl seiner erfolgreichen Leistung nicht schmälern. In seinem Gesicht entdeckte ich die eiserne Entschlossenheit eines Bergsteigers, der den letzten Hang des Mount Everest erklimmt. Als er schließlich taumelnd den Treppenabsatz erreichte, wurde ich unweigerlich an den Glöckner von Notre Dame erinnert, wie er unerschrocken den Glockenturm entlanggeklettert war.
Ein flüchtiger Blick auf die Unterlagen des Patienten verriet mir seinen Namen: Gary. Er suchte mich aufgrund seiner Rückenschmerzen auf, an denen er Zeit seines Lebens gelitten hatte. Diese waren nicht verwunderlich. Obwohl er noch jung und gesund war, hatte er eine verzerrte Körperhaltung, die sofort augenscheinlich wurde, wenn man seinen Körper betrachtete. Sein rechtes Bein war um mehrere Zoll kürzer als sein linkes und seine rechte Hüfte war gleichzeitig viel höher angeordnet. Aufgrund dieser Deformation schritt er mit einer bis zum Äußersten reichenden Überbetonung seiner rechten Hüfte voran. Mit jedem Schritt schwang er sie betont nach außen, worauf er anschließend seinen Körper nach vorne schob, um wieder aufzuholen. Sein rechter Fuß zeigte nach innen und wurde oberhalb seines linken Fußes abgestellt, wodurch seine beiden Beine sich wie ein einziges größeres Bein bewegten und dadurch das Gewicht seines Oberkörpers im Gleichgewicht hielten. Um einen Sturz zu verhindern, schob sich sein Rücken in einem Winkel von etwa 30 Grad nach vorne, was den Eindruck vermittelte, dass er sich für einen Sprung in den Pool bereit machte. Seine Haltung und Gangart verursachten infolgedessen heftige Rückenschmerzen, die sich bereits in seiner Kindheit eingestellt hatten und bis zur Gegenwart andauerten.
Kurze Zeit später setzte mich Gary über seine Krankengeschichte in Kenntnis. Es stellte sich heraus, dass er sich in gewisser Weise seit dem Zeitpunkt seiner Geburt fortwährend wie auf einer Treppe vorangekämpft hatte. Der Arzt hatte seine Nabelschnur zu früh durchtrennt und dadurch war die Sauerstoffzufuhr zu seinem Säuglingsgehirn unterbrochen worden. Als seine Lungen die Atmung aufnahmen, war der Schaden bereits angerichtet: Sein Gehirn war in einer solchen Weise davon betroffen, dass sich seine rechte Körperseite nicht symmetrisch entwickeln konnte.
Gary erklärte mir, dass er – in dem Versuch, seinen Zustand zu heilen – im Alter von 14 Jahren bereits mehr als 20 Ärzte aufgesucht hatte. Es wurden chirurgische Eingriffe vorgenommen, wie unter anderem eine Verlängerung der Achillessehne an seiner rechten Ferse, mit denen seine Gangart und Haltung verbessert werden sollten. Doch es funktionierte nicht und brachte keinen Erfolg. Er bekam orthopädische Schuhe und Stützapparate für die Beine. Doch auch hiermit trat keine Besserung ein. Als die Krämpfe, die sein rechtes Bein peinigten, immer heftiger wurden, wurden Gary starke, krampflösende Medikamente verschrieben. Die Krämpfe schienen sich dadurch prächtig zu entwickeln, während Gary durch sie abgestumpft und orientierungslos wurde.
Schließlich landete Gary in der Praxis eines berühmten und hoch angesehenen Arztes. Sollte es noch irgendjemanden geben, der ihm helfen könnte, so war es dieser Mann – davon war Gary überzeugt.
Nach einer eingehenden Untersuchung setzte sich der Arzt hin, sah ihm in die Augen und sagte, es gebe nichts, was er für ihn tun könne. Er sagte, Gary würde Zeit seines Lebens an Rückenproblemen leiden, und er fügte hinzu, dass sich seine Probleme mit zunehmendem Alter noch verschlimmern würden, dass sich sein Knochenbau weiterhin verschlechtern und dass er sein Leben letzten Endes an den Rollstuhl gefesselt verbringen würde. Gary konnte den Arzt nur fassungslos anstarren.
Gary hatte all seine Hoffnungen und Erwartungen auf diesen Facharzt gesetzt, doch als er die Praxis verließ, fühlte er sich niedergeschlagener als je zuvor. An diesem Tag, so sagt Gary, habe er »die Ärzteschaft geistig abgeschrieben«.
Dreizehn Jahre verstrichen. Während des Trainings mit einer Bekannten erwähnte Gary beiläufig, dass er an ungewöhnlich heftigen Rückenschmerzen litt. Zufällig – oder vielleicht seltsamerweise – war sie zwei Jahre zuvor nach einem schweren Motorradunfall eine Patientin von mir gewesen. Sie empfahl Gary meine Praxis.
Und nun war er hier.
Ganz in seine Krankengeschichte vertieft, schaute ich von den Notizen, die ich mir gemacht hatte, auf und fragte: »Wissen Sie, was hier vor sich geht?« Gary sah mich an und schien irgendwie verwirrt durch die Frage, dann sagte er: »Sie sind ein Chiropraktiker, richtig?« Ich nickte mit einem Ja und entschied mich bewusst, nicht näher darauf einzugehen. Es lag ein erwartungsvolles Gefühl in der Luft. War ich der Einzige, der dieses Gefühl spürte?
Ich brachte Gary in ein anderes Zimmer, forderte ihn auf, sich auf eine Massageliege zu legen, und begann seinen Nacken einzurenken. Anschließend wies ich ihn an, in 48 Stunden zur Überprüfung wiederzukommen und sagte ihm, der erste Besuch sei jetzt vorüber.
Zwei Tage später kam Gary zurück.
Wie zuvor forderte ich ihn auf, sich auf die Massageliege zu legen. Das Einrenken dauerte nur ein paar Sekunden. Dieses Mal bat ich ihn, sich zu entspannen und die Augen zu schließen und sie nicht eher wieder zu öffnen, bis ich es ihm sagte. Ich hielt meine Hände mit den Handflächen nach unten in einem Abstand von etwa 30 Zentimeter über seinen Oberkörper, und mir fielen nach und nach verschiedene ungewöhnliche Empfindungen auf, die mich berührten, während ich meine Hände weiter aufwärts, in Richtung seines Kopfes, bewegte. Ich richtete meine Handflächen nach innen und führte sie so weit hoch, bis jede auf eine seiner Schläfen gerichtet war. Während ich die Hände dort ausgerichtet hielt, beobachtete ich, wie Garys Augäpfel hinter den geschlossenen Lidern hin und her flitzten und dies mit einer Schnelligkeit und Stärke von Seite zu Seite, mit einer solch großen Intensität, die darauf hindeutete, dass er ganz und gar nicht eingeschlafen war.
Ich fühlte mich instinktiv dazu hingezogen, meine Hände hinunter in den Bereich von Garys Füßen zu bringen. Ich hielt meine Handflächen sanft darüber, sodass sie zu seinen Fußsohlen zeigten. Meine Hände fühlten sich an, als würden sie durch ein unsichtbares, unterstützendes Gefüge in der Schwebe gehalten. Durch die angeborene Deformität verharrte sein rechter Fuß, selbst wenn Gary auf dem Rücken lag, in seiner nach innen gedrehten Position. Während ich die Unterseite seiner in Strümpfe gekleideten Füße betrachtete, hatte ich noch keine Vorstellung von dem, wovon ich jetzt Zeuge sein würde. Es war so, als würden seine Füße zum Leben erwachen. Nicht so lebendig wie unsere Füße, sondern so, als würden sie sich in zwei lebendige Wesenheiten verwandeln, die sich voneinander unterschieden – und die eindeutig nicht Gary waren. Mit gebannter Faszination beobachtete ich die Bewegungen seiner Füße. In jedem einzelnen Fuß schien ein selbständiges Bewusstsein anwesend zu sein.
Dabei setzte Garys rechter Fuß plötzlich zu einem Bewegungsmuster an, das in etwa so zu beschreiben ist, als würde er sanft auf ein Gaspedal »treten«. Während sich dieses »Treten« fortsetzte, kam eine zweite Bewegung hinzu – eine nach außen gerichtete Drehbewegung, die seinen rechten Fuß aus der ursprünglichen Position, in der er sich auf dem linken Fuß befand, hinaushob in eine Position, in der die Zehen nach oben gerichtet waren und nach oben zur Decke deuteten genauso wie vorher, als sie sich noch auf dem linken Fuß befanden. Ich spürte nicht, ob ich überhaupt noch atmete, ich blickte still vor mich hin, während Garys Augen weiterhin wie ein rasender Taktmesser auf einem großen Piano hin und her flitzten. Dann drehte sich sein Fuß, der noch immer am Treten war, wieder zurück und nahm seine ursprüngliche Position ein. Dieses Muster wiederholte sich. Nach außen, nach innen, nach außen, nach innen. Dann schien es aufzuhören. Ich wartete. Und wartete. Und wartete. Es schien nichts mehr zu folgen.
Ich nahm wahr, wie ich den Tisch entlangging, bis ich an Garys rechter Seite stand. Obwohl es nicht meine Angewohnheit war, bei dieser Tätigkeit den Körper eines Menschen unmittelbar zu berühren, tat ich es in diesem Fall. Ich fühlte mich auf einmal verpflichtet, meine Hände sehr leicht auf seine rechte Hüfte zu legen, wobei sich meine rechte Hand oberhalb meiner linken befand, doch lag sie nicht direkt darüber. Ich blickte hinunter zu Garys Füßen. Wieder begann sich der rechte Fuß zu bewegen, zuerst im Tretmodus und dann begann er wieder mit der Drehbewegung. Nach außen, nach innen, nach außen, nach innen
Ich wartete. Und wartete. Danach geschah allem Anschein nach nichts mehr.
Ich nahm meine Hände von Garys Hüfte und berührte Garys Brust sanft mit zwei Fingern. »Gary? Ich denke, wir sind fertig.«
Garys Augen flitzten immer noch hin und her, obwohl ich sehen konnte, dass er versuchte, sie zu öffnen. Etwa 30 Sekunden später, als er sie geöffnet hatte, sah Gary ein wenig benommen aus. »Mein Fuß hat sich bewegt«, erzählte er mir, als ob ich es nicht auch gesehen hätte. »Ich konnte es spüren, aber ich konnte nicht damit aufhören. Überall fühlte es sich heiß an, und ich spürte, wie sich eine Art von Energie in meiner rechten Wade aufbaute. Dann – Sie werden dies für verrückt halten – fühlte es sich so an, als würden unsichtbare Hände meinen Fuß wenden, und doch fühlten sie sich auch wieder gar nicht wie Hände an.«
»Sie können jetzt aufstehen«, sagte ich und bemühte mich, nicht allzu verblüfft auszusehen, obwohl ich selbst gerade versuchte, all dies fassen zu können. Gary stand auf – zum ersten Mal mit seinen 26 Jahren – etwas über 1,80 Meter groß mit zwei selbständigen Beinen.
Ich beobachtete in dankbarem Erstaunen, wie Gary hier aufrecht stand: Seine Wirbelsäule war aufgerichtet und seine Hüften waren auf gleicher Höhe und im Gleichgewicht. Sein Gesichtsausdruck spiegelte ganz langsam das wider, was seiner Auffassung nach gerade geschehen war. Während er vorsichtig ein paar Schritte ging, konnte ich erkennen, dass er noch ein wenig humpelte, aber dies war nicht einmal mehr annähernd ein Vergleich zu dem torkelnden Gang von früher.
Gary verließ meine Praxis mit einem staunend-strahlenden Lächeln im Gesicht, und ich beobachtete ihn dabei, wie er tatsächlich anmutig die Treppe hinunterschritt.
Wegweiser
An diesem Tag hatte die Energie eindeutig eine völlig neue Ebene erreicht. Warum? Ich konnte es nicht sagen. Sie stieg einfach zu neuen Ebenen auf: manchmal jede Woche, manchmal alle paar Tage, manchmal mehrmals an einem bestimmten Tag. Schon damals wusste ich, dass diese Energie, obwohl sie DURCH mich hindurch kam, nicht von mir erschaffen und noch nicht einmal gelenkt wurde. Jemand anderes tat dies, jemand, der mächtiger war als ich. Obwohl ich in letzter Zeit viel gelesen hatte, passte das, was geschah, nicht mit dem zusammen, was ich über »Energie-Heilung« aus Büchern erfahren konnte. Dies hier war mehr als nur »Energie«. Dies war ein Träger von Leben und Intelligenz und ging über die zahlreichen »Techniken« hinaus, welche die Bücherregale und New-Age-Zeitschriften füllen. Dies hier war irgendetwas anderes. Es war etwas sehr Reales.
Was an diesem Nachmittag mit Gary geschehen war, veränderte nicht nur sein Leben, sondern es sollte auch mein Leben verändern. Nicht, dass Gary der einzige Patient gewesen wäre, bei dem ich in der Weise gearbeitet hatte – indem ich meine Hände oberhalb des Körpers der Patienten bewegte. Dies hatte ich schon seit über einem Jahr so gemacht. Auch war er nicht der einzige Patient, der die Erfahrung einer bemerkenswerten Heilung während der Sitzung erlebt hatte. Allerdings stellte er bis jetzt bei weitem den Extremfall dar – der Patient, der zunächst an schlimmstem Gebrechen litt und der meine Praxis mit den verblüffendsten und offenkundigsten Ergebnissen verlassen konnte. Fast zwei Dutzend der besten Ärzte des Landes waren unfähig gewesen, Garys Gang, Körperhaltung, die Drehbewegung in seiner Hüfte und in seinem Bein zu beheben – oder zu verbessern – und dennoch waren seine Abnormität und die damit verbundenen Schmerzen so gut wie verschwunden. Tatsächlich in nur wenigen Minuten. Verschwunden.
Ich wunderte mich wieder einmal, warum diese Energie ihr Erscheinen durch mich kundtun wollte. Ich meine, wenn ich auf einer Wolke sitzen und den Planeten nach genau dem Menschen absuchen würde, dem ich eines der kostbarsten und begehrtesten Geschenke des Universums überreichen könnte, dann weiß ich nicht, ob ich durch den Äther hindurch gereicht hätte und mit meinem Finger durch die riesige Vielzahl von Menschen hindurch auf jemanden gedeutet und gesagt hätte: »Er! Das ist derjenige. Gib ihm dieses Geschenk.«
Nun, vielleicht hat es sich nicht unbedingt genau auf diese Weise zugetragen, doch so hat es sich für mich angefühlt.
Ich habe mein Leben ganz sicher nicht damit verbracht, auf einem Berggipfel in Tibet herumzusitzen, meinen Nabel zu betrachten und aus schmutzigen Schüsseln mit Stäbchen zu essen. Ich war 12 Jahre lang damit beschäftigt, meine Praxis aufzubauen, und ich besaß drei Häuser, einen Mercedes, zwei Hunde und zwei Katzen. Ich war ein Mann, der sich gelegentlich gehen ließ und der mehr fernsah als ein 12-jähriger Dauerglotzer, und ich dachte, dass ich eigentlich bereits alles tat, was ich tun »sollte«. Oh, ich hatte auch ein paar Probleme abbekommen – tatsächlich hatten sie gerade, bevor all diese bizarren Ereignisse begannen, ihren Höhepunkt erreicht – aber im Allgemeinen war mein Leben dabei, sich nach Plan zu entwickeln.
Bloß – nach wessen Plan? Genau das war die Frage, die ich mir jetzt stellen musste. Denn wenn ich zurückschaute, konnte ich sehen, dass es entlang der Straße meines Lebens gewisse Wegweiser gegeben hatte – seltsame Vorkommnisse, Zufälle und Ereignisse – die, obwohl sie im Einzelnen unbedeutend waren, insgesamt gesehen und im Nachhinein betrachtet, doch darauf hindeuteten, dass ich niemals wirklich den Weg beschritten hatte, den ich mir meiner Ansicht nach ausgesucht hatte.
Wo war der erste Wegweiser gewesen? Wie weit gehen die Beweise zurück? Wenn Sie meine Mutter fragen würden, gehen die Beweise den ganzen Weg zurück bis zu dem Tag, an dem ich aus ihrem Leib entbunden wurde. Nach ihren Worten war meine Geburt ausgesprochen »ungewöhnlich« gewesen. Selbstverständlich bleibt die erste Geburt den meisten Müttern als besonderes, als ungewöhnliches und einzigartiges Ereignis in Erinnerung. Doch das ist nicht dasselbe. Manche Frauen gehen durch tagelange zermarternde Geburtswehen hindurch. Andere gebären ihr Kind im Wald oder auf dem Rücksitz eines Taxis. Und meine Mutter? Sie starb auf dem Entbindungsbett, während sie mit mir in den Wehen lag.
Es war jedoch nicht das Sterben, was ihr wirklich etwas ausmachte und was sie als ungewöhnlich beschrieb, das, was eine große Wirkung bei ihr hervorrief, war das Geschehen, dass sie wieder ins Leben zurückkehren musste.
Lehren aus dem Leben nach dem Tod
»Für alles, was sich in dieser Welt und jenseits davon ereignet, gibt es einen logischen Grund – und alles ergibt vollkommenen Sinn. Eines Tages wirst du den göttlichen Sinn vom Plan Gottes verstehen.«
Lois Pearl
Das Krankenhaus
Wann wird dieses Kind zur Welt kommen?, fragte sie sich gequält. Im Kreißsaal hatte Lois Pearl, meine Mutter, ihre Atemübungen gemacht und gepresst und gepresst ..., aber nichts geschah. Kein Baby. Keine Erweiterung. Nur Schmerzen und noch mehr Schmerzen und von Zeit zu Zeit die Ärztin, die zwischen den Entbindungen anderer Babys hereinschaute, um nach ihr zu sehen. Meine Mutter gab sich Mühe, nicht laut aufzuschreien, denn sie war fest entschlossen, keine Szene zu machen. Schließlich war dies hier ein Krankenhaus. Und hier hielten sich in erster Linie kranke Menschen auf.
Doch als die Ärztin das nächste Mal vorbeikam, sah meine Mutter mit flehentlichem Blick und tränenüberströmtem Gesicht zu ihr hoch und fragte: »Wird dies jemals ein Ende haben?«
Besorgt legte die Ärztin ihre Hand fest auf den Unterleib meiner Mutter, um zu sehen, ob ich ausreichend genug nach unten »gerutscht« wäre, um entbunden werden zu können. Das Gesicht der Ärztin ließ erkennen, dass sie nicht ganz davon überzeugt war, dass ich dies bereits ausreichend genug getan hätte. Doch als sie die fürchterlichen Schmerzen meiner Mutter in Betracht zog, wandte sie sich zu der Krankenschwester und sagte zögernd: »Bringen Sie sie herein«.
Meine Mutter wurde auf eine Rollbahre gelegt und in den Entbindungsraum geschoben. Während die Ärztin fortwährend gegen ihren Unterleib drückte, merkte meine Mutter, dass der Raum plötzlich mit der lauten Stimme einer Person erfüllt war, die gellend schrie. Menschenskind, dachte sie, diese Frau macht sich wirklich lächerlich! Dann begriff sie, dass sie und die ärztliche Belegschaft die Einzigen im Entbindungsraum waren – was darauf hinauslief, dass das Schreien wohl von ihr kommen musste. Jetzt machte sie doch noch eine Szene. Das machte ihr wirklich zu schaffen.
»Wann wird dies ein Ende haben?«
Die Ärztin warf ihr einen ermutigenden Blick zu und hüllte sie in einen Hauch von Äther ein, was in etwa den gleichen Effekt hatte, als würde ein abgetrennter Körperteil mit einem Heftpflaster versorgt.
»Wir verlieren sie ...«
Meine Mutter konnte die Stimme kaum durch das Dröhnen der Motoren hindurch hören. Es waren gewaltige Motorengeräusche etwa in der Art, wie man sie sehr wohl in einer Fabrik, nicht aber in einem Krankenhaus vorfinden würde. Am Anfang waren diese Motorengeräusche noch nicht so laut gewesen. Dieses Geräusch, das mit einem Kribbeln einherging, hatte etwa in der Gegend ihrer Fußsohlen begonnen. Dann stieg es langsam ihren Körper empor, so als würden die Motoren sich nach oben bewegen, während sie lauter und immer lauter wurden, und – während sich dies fortsetzte – legten sie die Gefühle in dem einen Bereich lahm, bevor sie sich zum nächsten weiterbewegten. Zurück ließen sie nichts als Benommenheit.
Durch dieses Geräusch der Motoren hindurch setzte sich der Schmerz der Wehen mit vehementer Intensität fort.
Meine Mutter wusste, dass ihr dieser Schmerz für den Rest ihres Lebens in Erinnerung bleiben würde. Ihre Geburtshelferin – eine praktische, jedes Überflüssige als Unfug ablehnende Provinzärztin – glaubte, dass die Frauen den gesamten Ablauf ihrer Geburt durchleben sollten. Das bedeutete, dass sie keine Schmerzmittel bekamen. Nicht einmal während der Entbindung, es sei denn, wir würden den barmherzigen Hauch von Äther auf dem Höhepunkt der Wehen mitzählen.
Seltsamerweise sah keiner der Ärzte besorgt aus. Da war dieses donnernde Dröhnen, das anscheinend niemand sonst im Kreißsaal bemerkte. Meine Mutter fragte sich erstaunt: Wie kann das sein?
Die Motoren und die Benommenheit, die sie auslösten und hinter sich zurückließen, hätten eine Erleichterung sein müssen. Doch als sie am Becken meiner Mutter vorbeirumpelten, hoch zu ihrer Hüfte, kam ihr schlagartig in den Sinn, was vermutlich passieren würde, wenn sie ihr Herz erreichten.
Wir verlieren sie ...
Nein! Sie wurde von einem Gefühl des Widerstands überwältigt. Egal, ob sie nun Schmerzen hatte oder nicht, sie wollte nicht sterben – sie stellte sich die Menschen, die sie liebte, in Trauer vor. Aber ganz gleich, wie sehr sie auch kämpfte, die Motoren kehrten nicht um. Sie bewegten sich weiter nach oben, betäubten sie jedes Mal wieder einen Zollbreit, so als wollten sie ihr Dasein auslöschen. Sie war unfähig sie aufzuhalten. Als meine Mutter zu dieser Erkenntnis gelangte, passierte etwas Eigenartiges. Obwohl sie noch immer nicht sterben wollte, breitete sich plötzlich Frieden in ihr aus.
Verlieren sie ...
Die Motoren erreichten ihr Brustbein. Das Dröhnen erfüllte ihren Kopf.
Und dann erhob sie sich allmählich ...
Die Reise
Was sich hier in die Lüfte erhob, war nicht der Körper meiner Mutter. Es war das, was sie sich nur als ihre Seele vorstellen konnte. Sie wurde nach oben gezogen, strebte zielbewusst auf irgendetwas zu. Sie schaute nicht zurück. Sie war sich ihrer physischen Umgebung nicht mehr bewusst, und doch wusste sie, dass sie den Kreißsaal und seine Motoren längst hinter sich gelassen hatte. Sie stieg weiter empor und bewegte sich nach oben. Dass sie hierbei keine bewusste Kenntnis vom Leben nach dem Tod hatte oder von irgendwelchen »spirituellen Dingen«, war eher unbedeutend und spielte keine Rolle. Es ist kein geistiges Hintergrundwissen dafür nötig, zu erkennen, wenn die Innerste Essenz deinen Körper verlässt und aufzusteigen beginnt. Dafür kann es nur eine Erklärung geben.
Die letzte Erkenntnis, die meine Mutter auf dem Entbindungs-
tisch hatte, war, dass es ihr nichts mehr ausmachte, alles, was ihr vertraut war, zurückzulassen. Das erstaunte sie zunächst. Sobald sie jedoch aufgehört hatte, zu kämpfen, und »losließ«, begann ihre Reise. Das Erste, was sie überkam, war ein Gefühl von alles durchdringendem Frieden, von Ruhe und der Abwesenheit sämtlicher weltlichen Verantwortungen. Keine Besorgnis erregenden Einzelheiten des täglichen Lebens, die sie herunterzogen und in denen sie sich verzettelte. Keine Termine, die sie einhalten musste, keine alltäglichen Aufgaben, die sie erfüllen musste, keine Erwartungen, denen sie gerecht werden musste, keine Grenzen, die sie setzen musste. Keine Angst mehr vor dem Unbekannten. Eines nach dem anderen schmolz dahin ... was für eine Befreiung das war ... was für eine große Befreiung. Als dies geschah, überkam sie ein leichteres Gefühl und sie wurde sich der Tatsache bewusst, dass sie schwebte. Durch das Hinwegschwinden all ihrer weltlichen Verantwortung fühlte sie sich so leicht, dass sie sich weiter erhob zu einer noch höheren Ebene. Und nun begann der Aufstieg meiner Mutter, bei dem sie nur stehen blieb, um Wissen der einen oder anderen Art aufzunehmen.
Sie stieg durch eine Aufeinanderfolge verschiedener Ebenen empor – sie kann sich nicht an einen deutlichen »Tunnel« erinnern, von dem manche, die Ähnliches erlebt haben, berichteten. Woran sie sich jedoch erinnerte, war, dass sie auf ihrem Weg »Anderen« begegnete. Diese waren mehr als nur »Menschen«. Sie waren »Wesenheiten«, »Geistwesen«, »Seelen« von jenen, deren Zeit auf Erden zu Ende gegangen war. Diese »Seelen« sprachen mit ihr, obwohl sprechen wohl nicht die treffendste Bezeichnung ist. Es war eine wortlose Kommunikation, eine Art der Gedankenübertragung, die keinen Zweifel an dem ließ, was übermittelt wurde. Zweifel existierten hier nicht.
Meine Mutter erfuhr, dass die verbale Sprache, wie wir sie kennen, nicht so sehr eine Hilfe für die Kommunikation ist, sondern eher ein Kommunikationshindernis. Sie ist eine jener Hürden, die uns als Teil unserer Lernerfahrung, die wir hier auf Erden zu meistern haben, gegeben wurden. Sie ist auch ein Teil von dem, was uns in einem begrenzten Spielraum von Verständnismöglichkeiten hält, in dem wir, um die Meisterschaft über unsere anderen Lebenslektionen zu erreichen, unsere Aufgaben zu erfüllen haben.
Die Seele – der »innerste Kern« eines Menschen – ist das Einzige, was überlebt und was wichtig ist, das war die Erkenntnis meiner Mutter. Die Seelen zeigen ihre Wesensart klar und deutlich. Es gab keine Gesichter, keine Körper und nichts, hinter dem man sich verstecken konnte, und dennoch erkannte sie jeden genau als den, der er war. Die physische Fassade war nicht mehr länger ein Teil von ihnen. Sie war zurückgelassen worden, als Erinnerung an die Rolle, die sie einst im Leben ihrer geliebten Menschen gespielt hatte, zurückgelassen als etwas, das in Erinnerung behalten und verehrt werden konnte. Das Zeugnis von der Wahrheit ihres einstigen körperlichen Wesens war das Einzige, was hier auf Erden bestehen bleibt. Ihre wahre Essenz war weitergegangen.
Meine Mutter erfuhr, wie unbedeutend unser äußeres Erscheinungsbild und unsere körperlichen Eigenheiten in Wirklichkeit sind und wie oberflächlich unsere Verhaftung an den Wert hieran ist. Ihre Lektion, die sie auf dieser Ebene zu lernen hatte, war, die Menschen weder nach ihrem Aussehen – einschließlich der Rasse oder Farbe – noch nach ihrem Glaubensbekenntnis oder ihrem Bildungsstand zu bewerten. Der Sinn bestand darin, zu entdecken, wer sie wirklich sind, das zu sehen, was sich in ihrem Inneren befindet, sich über das Äußere hinwegzusetzen und ihre wirkliche Identität wahrzunehmen. Und obwohl dies eine Lektion war, die sie bereits hier kannte, war die Erleuchtung, die sie drüben erlangte, unendlich komplexer, unendlich weitreichender.
Es war unmöglich, die Dauer der Zeit zu beurteilen. Meine Mutter wusste, dass sie sich dort lange genug aufhielt, um durch alle Ebenen hindurch aufzusteigen. Sie wusste auch, dass auf jeder Ebene eine andere Lektion gelehrt wurde.
Die erste Ebene war die der erdgebundenen Seelen – jener, die noch nicht bereit gewesen waren, zu gehen. Es sind solche Seelen, denen es schwerfällt, sich von dem Vertrauten zu trennen. Es handelt sich bei ihnen für gewöhnlich um Geistwesen, die in sich das Gefühl tragen, sich noch um ein paar unerledigte Geschäfte kümmern zu müssen. Sie haben möglicherweise kranke oder behinderte geliebte Menschen zurückgelassen, für deren Betreuung sie verantwortlich waren (und die sie nur ungern verließen), und sie verweilen auf dieser Ebene, bis sie den Eindruck gewinnen, dass sie sich von ihren irdischen Bindungen lösen können. Oder sie starben vielleicht eines plötzlichen oder gewaltsamen Todes, der ihnen weder die Zeit ließ zu verstehen, dass sie gestorben waren, noch sie erkennen ließ, welchen Prozess sie durchzumachen haben, um den Weg des Aufstiegs zu gehen. Auf die eine oder andere Weise spüren sie noch eine starke Verbundenheit mit den Lebenden und sind einfach noch nicht bereit, loszulassen. Bis sie zu der Erkenntnis kommen, dass sie auf dieser Ebene nicht mehr dienen können, dass sie nicht mehr hierher gehören und dass sie nicht mehr länger Teil dieser Dimension sind, so lange werden sie auf der ersten Ebene bleiben – auf der Ebene, die ihrem früheren Leben am nächsten ist.
Meine Mutter erinnert sich irgendwie nur sehr ungenau an die zweite Ebene, jedoch sind ihre Erinnerungen an die dritte Ebene ziemlich lebhaft.
Sie erinnert sich, dass sie ein Gefühl der Schwere erlebte, während sie zu ihrer dritten Ebene aufstieg. Sie spürte eine Traurigkeit, als sie erkannte, dass dies die Ebene jener Menschen war, die sich selber das Leben genommen hatten. Diese Seelen waren wie in einem Gefängnis. Sie waren scheinbar wie in Isolation und bewegten sich weder nach oben noch nach unten. Sie waren orientierungslos. Ihre Gegenwart hatte etwas Zielloses an sich. Würde es ihnen eines Tages möglich sein, aufzusteigen, um ihre Lernerfahrungen zu beenden und um in ihrer Entwicklung voranzuschreiten? Meine Mutter hätte es nicht verstehen können, wenn es nicht so wäre. Vielleicht würde es bei ihnen nur länger dauern, doch sie fühlte, dass dies eine reine Vermutung von ihr war. Hier gab es für meine Mutter keine Antwort, die sie mit zurückbringen konnte.
Was auch immer der Fall war, diese Seelen befanden sich nicht in einem Ruhezustand – und es war unerfreulich, diese Ebene zu erleben, nicht nur für diejenigen, die dort ihre Zeit verbrachten, sondern auch für diejenigen, die dort nur hindurchgingen. Die Lektion aus dieser dritten Ebene war unvergesslich und klar: Wer sich selbst das Leben nimmt, unterbricht den Plan Gottes.
Zusätzliche Lektionen
Es gab noch weitere Lehren, die meine Mutter mit zurückbringen konnte. Es wurde ihr gezeigt, wie sinnlos es war, um die Verstorbenen zu trauern. Wenn es eine Trauer gab, welche die Geistwesen der Verstorbenen verspürten, so war dies der Schmerz derer, die zurückblieben. Sie wollen, dass wir uns an ihrem Fortgehen erfreuen, dass wir »sie mit Trompeten nach Hause begleiten«, denn wenn wir sterben, sind wir genau dort, wo wir sein möchten. Unsere Trauer gilt unserem Verlust, dem Verlust des Platzes, den dieser Mensch in unserem Leben einst eingenommen hat. Seine Existenz, ob sie als angenehm oder als unangenehm empfunden wurde, war Teil unseres eigenen Lernprozesses. Wenn dieser Mensch stirbt, verlieren wir die »Quelle« dieser Lernerfahrung. So bleibt zu hoffen, dass wir alles gelernt haben, was es für uns zu lernen gab, oder dass wir es noch lernen, wenn wir über sein Leben, das mit dem unseren verbunden war, nachdenken. Meine Mutter wusste, dass der Zeitabschnitt – von dem Zeitpunkt, als wir den Himmel verließen, um unser Leben hier auf Erden zu durchlaufen, bis zu dem Zeitpunkt, wenn wir zurückkehren – im Bewusstsein der Ewigkeit nur wie ein Fingerschnipsen ist und dass wir alle nur für »eine Weile« zusammen sein werden. Dies ist der Augenblick, in dem wir erkennen, dass alles so ist, wie es vorgesehen war.
Meiner Mutter wurde auch gezeigt, dass die Dinge, die den Menschen hier auf Erden widerfahren, ganz gleich, wie schrecklich oder unfair sie aussehen mögen, nicht Gottes Schuld sind. Wenn unschuldige Kinder umgebracht werden, gute Menschen nach einer langwierigen Krankheit sterben oder jemand verletzt oder entstellt wird, so hat dies nichts mit Schuld zu tun. Hierbei handelt es sich vielmehr um unsere Lerneinheiten, Erfahrungen, die wir zu lernen haben – die Lernerfahrungen in unserem göttlichen Plan – und wir haben eingewilligt, durch sie hindurchzugehen. Es sind Lektionen, die unserer Entwicklung dienen – sowohl für die Gebenden als auch für die Empfangenden.
Im größeren Bild betrachtet unterliegen diese Vorkommnisse der Leitung und Kontrolle des Menschen, der sie erlebt. Die Handlung oder die Umsetzung der Handlung ist nichts weiter als unsere Inszenierung der Ereignisse. Nachdem meine Mutter dies verstanden hatte, konnte sie sehen und begreifen, wie unangemessen es ist, sich zu fragen, wie Gott solche Dinge zulassen könne, oder sich aufgrund solcher Ereignisse grundsätzlich die Frage zu stellen, ob Gott überhaupt existiert. Meine Mutter verstand jetzt, dass es für alles eine vollkommen logische Erklärung gibt. Diese war so vollkommen, dass sie sich wunderte, warum sie es nicht schon seit jeher gewusst hatte. Und irgendwie begriff sie, als sie das gesamte Bild sah, dass alles – alles – so ist, wie es sein soll.
Meine Mutter verstand auch, dass der Krieg ein vorübergehender Zustand der Grausamkeit ist – eine unwissende und unangebrachte Art und Weise, Meinungsverschiedenheiten beizulegen, und sie erkannte, dass es ihn eines Tages nicht mehr geben würde. Die Seelen halten die menschliche Kriegssucht nicht nur für primitiv, sondern auch für geradezu lächerlich – junge Männer werden hinausgesandt, damit sie die Kämpfe der alten Männer um die Eroberung eines Landes führen. Eines Tages wird die Menschheit auf dieses ganze Konzept zurückblicken und sich fragen: Warum? Wenn es genügend entwickelte Seelen mit einer riesigen Intelligenz zur Problemlösung gibt, werden all die Kriege ein Ende haben.
Meine Mutter fand sogar heraus, warum Menschen, die allem Anschein nach »schreckliche« Dinge im Leben getan hatten, dort ohne Verurteilung aufgenommen werden. Ihre Handlungen wurden zu Lernerfahrungen, aus denen sie etwas lernend erfahren konnten und durch die sie zu vollkommeneren Wesen werden sollten/wollten. Sie sollten/wollten sich von den Ebenen aus, die sie wählten, weiterentwickeln. Selbstverständlich würden sie immer wieder und wieder auf die Erde zurückkehren, so lange, bis sie sich das Wissen zu Eigen gemacht hätten, das sich aus den tief gehenden Konsequenzen ihres Verhaltens ableitete. Sie würden so lange durch den Zyklus von Geburt und Wiedergeburt hindurchgehen, wie es für sie dauern würde, sich zu entwickeln, um endlich nach Hause zurückkehren zu können.
Als die Lektionen zu Ende waren, stieg meine Mutter zur höchsten Ebene auf. Dort angekommen, stieg sie nicht mehr weiter aufwärts, sondern sie begann, mühelos nach vorne zu gleiten, wobei sie ständig und zielgerichtet zu einer Art Kraft hingezogen wurde. Die schönsten Farben und Formen wirbelten auf beiden Seiten vorbei. Sie waren wie Landschaften ..., nur gab es dort kein Land. Irgendwie wusste sie, dass dies Blumen und Bäume waren, und doch glichen sie in keiner Weise den Dingen hier auf Erden. Diese einzigartigen, unbeschreiblichen Farbtöne und Formen, die in der Welt, die sie zurückgelassen hatte, nicht existierten, erfüllten sie mit Staunen und Verwunderung.
Allmählich wurde sich meine Mutter bewusst, dass sie über eine Art Straße hinwegglitt, durch eine Gasse, die auf beiden Seiten von vertrauten Seelen gesäumt wurde – Freunde, Verwandte und Menschen, die sie schon aus vielen Leben kannte. Sie waren gekommen, um sie in Empfang zu nehmen, um sie zu führen und wissen zu lassen, dass alles in Ordnung war. Es war ein unbeschreibliches Gefühl von Frieden und Glückseligkeit.
Am fernen Ende der Straße sah meine Mutter ein Licht. Es ähnelte der Sonne und war so hell, dass sie Angst hatte, es könne ihre Augen verbrennen. Doch die Schönheit dieses Lichtes war wie betäubend. Sie konnte ihren Blick nicht davon abwenden. Erstaunlicherweise tat das Licht ihren Augen nicht weh, auch nicht, als sie näher darauf zuging. Das außergewöhnliche Leuchten des Lichtes schien ihr vertraut zu sein – irgendwie wohltuend. Sie fühlte sich von der Ausstrahlung dieses Lichtes eingehüllt und sie wusste, dass das Licht viel mehr war als nur ein Ausstrahlen: Es war der innerste Kern des Allerhöchsten Wesens. Sie hatte die Ebene des allwissenden, alles ausfüllenden Lichtes, das alles akzeptiert und alles liebt, erreicht. Meine Mutter wusste, dass sie zuhause war. Hierhin gehörte sie. Von hier war sie gekommen.
Dann sprach das Licht ohne Worte mit ihr. Mit einem oder zwei wortlosen Gedanken übermittelte es ihr genügend Informationen, um ganze Bände füllen zu können. Es breitete ihr Leben – dieses Leben – in Bildern vor ihr aus. Es war wundervoll, all dies zu sehen; nahezu alles, was sie je gesagt oder getan hatte, wurde deutlich vor ihr ausgebreitet. Sie konnte tatsächlich den Schmerz und die Freude sehen, die sie anderen bereitet hatte. Bei diesem Vorgang erhielt sie ihre Lektionen – ohne jegliche Verurteilung. Obwohl es keine Bewertung gab, wusste sie, dass es ein gutes Leben gewesen war.
Nach einer Weile wurde meine Mutter davon in Kenntnis gesetzt, dass sie wieder zurückgesandt werden sollte. Doch sie wollte nicht gehen. Obwohl sie zuerst so gegen das Sterben gekämpft hatte, wollte sie jetzt überhaupt nicht mehr von hier weggehen. Sie war mit sich in einem so wunderbaren Frieden – und hatte sich in ihrer neuen Umgebung, mit ihrem neuen Verständnis und mit ihren neuen Freunden eingelebt. Sie wollte für die Ewigkeit hier bleiben. Wie konnte jemand von ihr erwarten, dass sie von hier fortgehen würde?
Als Antwort auf diese stillen, flehentlichen Bitten wurde meiner Mutter verständlich gemacht, dass sie ihre Aufgabe unten auf Erden noch nicht zu Ende gebracht hatte. Sie musste zurückkehren, um ihr Kind großzuziehen. Einer der Gründe, warum sie hierher gebracht worden war, war der, besondere Einsichten darin zu gewinnen, wie sie dies tun konnte!
Plötzlich spürte meine Mutter, wie sie aus dem Kern des Lichtes hinausgezogen wurde ..., zurück auf den Weg, auf dem sie zuvor unterwegs gewesen war. Doch nun ging sie in die entgegengesetzte Richtung und sie wusste, dass sie wieder in ihr Leben auf der Erde zurückkehrte. Sie verspürte eine tiefe Sehnsucht und eine Traurigkeit, als sie die vertrauten Seelen, die Farben und Formen und das Licht verließ.
Als meine Mutter aus dem Licht zurücktrat, begann ihr Wissen zu entschwinden, und sie wusste zugleich, dass sie programmiert worden war, es zu vergessen; sie sollte sich nicht daran erinnern. Sie versuchte verzweifelt, sich an das zu klammern, was noch übrig war, und sie war sich darüber im Klaren, dass dies ganz sicher kein Traum war. Sie strengte sich an, die Erinnerungen und Eindrücke zu behalten, doch viele von ihnen waren schon verschwunden, und sie erlebte ein schreckliches Gefühl des Verlustes. Zugleich fühlte sie einen inneren Frieden, der jetzt von dem Wissen durchdrungen war, dass, wenn ihre Zeit kommen würde, sie wieder nach Hause zurückkehren und dort in Liebe empfangen würde. Hieran würde sie sich ganz genau erinnern, das wusste sie. Sie hatte keine Angst mehr vor dem Tod.
In diesem Augenblick vernahm meine Mutter aus der Ferne das Geräusch von Motoren. Diesmal begannen sie am oberen Ende ihres Kopfes und arbeiteten sich von hier aus nach unten. Durch das Dröhnen hindurch begann sie Stimmen zu hören – menschliche Stimmen – und dann das Schlagen ihres eigenen Herzens.
Sie bemerkte, dass die meisten Schmerzen nun verschwunden waren.
Die Motoren bewegten sich nach unten, nach unten, nach unten ... und die Lautstärke des Dröhnens ließ nach. Bald war von den Motoren nur noch ein Kribbeln in ihren Fußsohlen übrig. Und dann nicht einmal mehr das. Es war vorbei. Sie war zu dem zurückgekehrt, was die Menschen für die »reale« Welt halten.
Eine sehr erleichtert aussehende Ärztin beugte sich über sie und lächelte: »Meinen Glückwunsch, Lois«, sagte sie, »Sie haben einen gesunden, hübschen Jungen zur Welt gebracht«.
Die Bedeutung von all dem
Sie hatten mich meiner Mutter noch nicht gezeigt. Zuerst mussten sie mich waschen, wiegen und meine Zehen zählen. Und dann ging es ab in Richtung ihres Krankenzimmers. Als sie meine Mutter in den Gang schoben, wurde sie plötzlich von der ganzen Bedeutung dessen, was sie erfahren und aufgenommen hatte, überwältigt. Intuitiv war sie sich darüber im Klaren, dass bereits viele der Einsichten, die ihr noch vor wenigen Augenblicken gewährt worden waren, in Vergessenheit versunken waren: Warum der Himmel blau ist, warum das Gras grün ist, warum die Welt rund ist und wie die Schöpfung entstand – die vollkommene Logik von allem. Doch sie wusste mit Sicherheit, dass es ein höchstes Wesen gibt. Es gibt einen Gott.
Sie brachte mit unmissverständlicher Klarheit eine weitere Erkenntnis mit: »Wir werden hierher gebracht, um Lektionen zu lernen, die uns zu vollkommeneren Wesen werden lassen. Wir haben den Plan auf dieser Ebene zu verwirklichen, bevor wir bereit sind, auf eine andere Ebene weiterzugehen. Dies ist der Grund dafür, dass manche Menschen alte Seelen sind und andere noch junge.«
Heute können wir in metaphysischen Büchern eine Menge Informationen zu diesem Thema finden, doch damals gab es das noch nicht. Die Buchgeschäfte führten zu jener Zeit noch keine New Age – und Esoterik-Abteilungen und diese Lehren wurden ganz gewiss nicht als Teil unserer grundlegenden religiösen Traditionen unterrichtet. Meine Mutter hatte keine Freunde, die über diese Dinge sprachen, und sie war auch nicht ins Krankenhaus gegangen, um Erleuchtung zu erlangen – sie wollte einfach nur einen Widerstand leistenden Ungeborenen aus ihrem Körper herausbringen, bevor die Schmerzen sie in den Wahnsinn trieben!
Es gab allerdings keinen Zweifel daran, dass sie sich verändert hatte. Sie konnte es spüren – und sie wusste, dass diese Veränderung ironischerweise zum Teil das Ergebnis dessen war, dass sie die Erinnerungen an so viele Lektionen zurücklassen musste. Ihr ganzes Leben lang hatte sie an Zwängen gelitten und war eine Perfektionistin gewesen. Und nun, da sie sich danach sehnte, jedes einzelne der ihr beigebrachten Prinzipien zum Ausdruck zu bringen, entdeckte sie, dass sie sich an die meisten nicht mehr erinnern konnte. Wie kannst du etwas, woran du dich nicht mehr erinnerst, anwenden?
Daher beschloss meine Mutter, dass es Zeit war, schonender mit sich selber umzugehen – und auch mit den anderen. Das heißt, sie würde es auch einmal zulassen, dass im Inneren des Hauses ein paar Staubkörnchen liegen, und würde es sich nicht mehr erlauben, auf Urlaubsreisen ein Fläschchen Lysol zum Abwischen der Innenseiten von Hoteltoiletten mitzunehmen, und sie würde beginnen, die Dinge so anzunehmen, wie sie sind.
Als ihr Bett über den Korridor gerollt wurde, tauchte mein Vater an der Seite meiner Mutter auf und hielt mit ihr Schritt. Sie deutete ihrem Mann an, dass er sich näher über sie beugen solle. »Wenn wir wieder im Zimmer sind«, flüsterte sie, »muss ich dir etwas erzählen, von dem gewollt ist, dass ich es vergessen soll.«
Als sie dann, mit Ausnahme von ein paar Frauen in den benachbarten Krankenbetten, alleine im Zimmer waren, flüsterte meine Mutter: »Erzähle das, was ich dir sagen werde, niemandem weiter, Sonny. Die Leute werden mich für verrückt halten.«
»Nein, ich werde dich nicht für verrückt halten.«
Sie fuhr fort und beschrieb alles, woran sie sich noch erinnern konnte, und versuchte dabei, die paar Sandkörner zu retten, die an ihren Fingern haften geblieben waren. Mein Vater hörte still zu, und sie war sich sicher, dass er an keinem einzigen Wort, das sie sagte, zweifelte. Er wusste, dass sie nie und nimmer eine so verrückte Geschichte erfinden würde.
Als sie fertig war, schlief sie vor Erschöpfung beinahe ein. Sie drängte meinen Vater, nach Hause zu gehen und sobald wie möglich alles aufzuschreiben. Diese Informationen waren zu kostbar, um verloren zu gehen. Er stimmte ihr zu.
Als sie wieder erwachte, ertappte sie sich dabei, wie sie die Frau im nächsten Bett betrachtete. Meine Mutter erkannte sie noch vom Vortag. Ihr erster Gedanke war Oh je, ist die hässlich! Doch dann sagte sie sich: »Moment mal. Du hast soeben die Erkenntnis gehabt, dass das Aussehen einer Person nicht wichtig ist.« Die Ironie an dieser Situation brachte sie zum Lachen.
»Als Sie nach der Geburt des Kindes zurückgekommen sind, haben Sie die ganze Nacht geredet«, erzählte ihre Zimmergenossin.
»Wirklich?«
»Sie haben die Heilige Schrift rezitiert.«
»Was habe ich gesagt?«
»Ich weiß nicht. Sie haben in einer fremden Sprache gesprochen.«
In einer fremden Sprache gesprochen? Meine Mutter sprach keine fremden oder alten Sprachen; im Übrigen konnte sie nichts anderes als den 23. Psalm rezitieren – und das nur in ihrer eigenen Sprache, auf Englisch.
Sie lehnte sich in ihrem Bett zurück. So viele Fragen. Falls sie irgendwelche Zweifel darüber hatte, was am Tag zuvor mit ihr geschehen war, so waren ihr diese nicht bewusst gewesen. Irgendetwas sehr Ungewöhnliches hatte sich in diesem Kreißsaal ereignet. Sie wusste, dass es kein Traum gewesen war, und sei es nur deswegen, weil man sich durch die Träume nicht verändert, zumindest nicht in einer so grundlegenden Weise. Wie ist es möglich, aus lauter Angst vor dem Tod in einen Traum zu fallen und furchtlos aus diesem Traum aufzuwachen, sich tatsächlich sogar wohl zu fühlen – und zu wissen, dass man sich jetzt immer so fühlen würde?!
Meine Mutter wollte ihre Erfahrung noch tiefer ergründen. Insbesondere wollte sie ganz genau wissen, was sich im Entbindungssaal mit ihrem Körper zugetragen hatte, während ihr Bewusstsein fort war, um mit Wesenheiten aus reinem Licht Zwiesprache zu halten.
Bald stellte sie fest, dass es nicht so einfach sein würde, dies herauszufinden.
Als meine Mutter die Ärztin fragte, ob sich irgendetwas »Seltsames« im Kreißsaal zugetragen hatte, wurde ihr gesagt: »Nein, es war eine normale Entbindung.« Der Ärztin zufolge war die einzige Komplikation – die noch dazu eher unbedeutend war –, die Notwendigkeit gewesen, Zangen zu verwenden, um das Baby in die richtige Geburtsstellung zu bringen – dies war zu jener Zeit eine sehr weit verbreitete Methode.
Das Gesetz des Schweigens
Eine normale Entbindung?
Dies konnte nicht der Wahrheit entsprechen. Der Ausdruck »normale Entbindung« stimmte nicht mit dem »Wir verlieren sie« überein.
Als Nächstes befragte meine Mutter die examinierten Krankenschwestern, die mit ihr im Kreißsaal oder im Entbindungsraum gearbeitet hatten, doch keine von ihnen wollte sich daran erinnern, dass meine Mutter in einer fremden Sprache gesprochen hatte, und sie wollten auch keinerlei andere Probleme eingestehen.
»Alles verlief einfach wunderbar«, wurde ihr gesagt.
Wenn die Ärzte und examinierten Krankenschwestern die Einzigen gewesen wären, die bei dem Geburtsvorgang anwesend waren, hätte die Sache wahrscheinlich hier ein Ende gehabt. Doch schließlich erinnerte sich meine Mutter noch an eine Hilfsschwester, die ebenfalls während meiner Entbindung mit im Operationssaal anwesend gewesen war. Die Hilfsschwestern arbeiteten wie im »Schützengraben«. Sie gingen ihrer Aufgabe ruhig, effizient und ohne großes Aufhebens nach. Sie werden oft nicht bemerkt und werden fast immer unterschätzt. Hilfsschwestern hatten nicht viele Gründe, die Wahrheit zu verheimlichen, wenn etwas schiefgegangen war.
Also konfrontierte meine Mutter die Hilfsschwester mit der Feststellung: »Ich weiß, dass mir in diesem Operationssaal etwas widerfahren ist.«
Nach einer längeren Pause zuckte die Hilfsschwester mit den Achseln und meinte: »Ich kann nicht darüber reden, alles, was ich Ihnen sagen kann, ist, dass Sie ... Glück ... gehabt haben.«
Wir verlieren sie?
Sie haben Glück gehabt?
Dies reichte meiner Mutter als Bestätigung für das, was sie bereits wusste. An diesem Tag im Kreißsaal war ihr etwas Besonderes widerfahren, etwas, das weit mehr war als die Freude, mich Kleinen ohne die Wohltat einer Narkose in die Welt zu pressen. Die Ärzte hatten sie tatsächlich verloren. Sie war gestorben – und zurückgekehrt. In der Tat hielt sie das, was mit ihr geschehen war, nicht für ein »Nahtod«-Erlebnis, sondern für eine »Leben-nach-dem-Tod«-Erfahrung. »Nahtod« ist ein verwässerter Ausdruck. Meine Mutter war nicht dem Tode nahe gewesen. Sie war gestorben. Und so ähnlich wie andere Menschen, die gestorben und zurückgekehrt sind, ist sie als ein anderer Mensch zurückgekommen. Sie verstand nun, dass das, was auch immer in ihr Leben eintrat, ob »gut« oder »schlecht«, genau dem entsprach, was ihre Seele zu dieser Zeit brauchte, um sich weiterzuentwickeln. »Man kommt zurück ..., bis man es richtig macht.« Das ist ein Teil der Entwicklung.
Diese Lektion stellte sich als absolut passend und angemessen heraus. Sie hatte mich soeben zur Welt gebracht, und in ihren Augen war ich von dem Moment meiner Geburt an jenseits des Gewöhnlichen gewesen.
Handelte es sich hier um die typische Übertreibung einer Mutter? Vielleicht schon, abgesehen davon, dass meine Mutter darauf besteht, dass sie von dem Moment an, als ihre Augen am Tage nach der Geburt zum allerersten Mal auf mir ruhten, ein paar Beweise dafür gesehen hat, dass ich ungewöhnlich war. Ich war das einzige Neugeborene im Säuglingssaal, und als sie mit einer Flasche Babymilch in der Hand hereinkam, näherte sie sich meinem Babykorb und spähte hinein. Ich lag auf dem Bauch und war wach. »Hallo, kleiner Neuankömmling«, begrüßte sie mich. »Wir beide, du und ich, gegen den Rest der Welt. Du und ich.«
Als ich ihre Stimme hörte, erhob ich mich, auf meine Unterarme gestützt, hob meinen Kopf und drehte mich langsam nach links und dann allmählich wieder nach rechts, als wollte ich meine neue Umgebung erfassen. Meine Mutter betrachtete diesen Anblick voller Erstaunen. Konnte das möglich sein? Ihr war immer gesagt worden, dass die Halsmuskeln eines Neugeborenen viel zu schwach seien, um so etwas zu tun.
Meine Mutter wollte gerade die Flasche auf dem nahen Tisch ab-stellen, doch sie zögerte. Wer weiß, welche Keime sich möglicherweise auf der Tischoberfläche befanden? Sie konnte sich bildhaft vorstellen, wie diese an der Außenseite des Fläschchens emporschwärmten und durch die Öffnung des Saugers hindurchdrangen, um die Babymilch zu verunreinigen. Aber hatte sie nicht gerade gelernt, dass sie einige dieser belanglosen Zwangsvorstellungen, die sie einst verzehrt hatten, ignorieren sollte – und dass es für alles einen Grund und einen Ausgleich gab?
Beinahe. Meine Mutter ging einen Kompromiss ein, indem sie ein Taschentuch zusammenfaltete und es zwischen die Flasche und die Tischoberfläche legte, dann beugte sie sich herab, um mich hochzuheben. Sie hat sich, wie sie erzählte, in genau dem Moment, als sie mich sah, in mich verliebt.
Als später die Ärztin hereinkam, um mich zu untersuchen, erzählte ihr meine Mutter, dass ich meinen Kopf hochgehoben hätte. Die Ärztin sagte mit Bestimmtheit: »Das können die Säuglinge noch nicht.« Dann ging sie in den Säuglingssaal, wo ich untersucht werden sollte.
Eine Sekunde später hörte meine Mutter die Stimme der Ärztin aus dem Säuglingssaal, dem Raum nebenan. »Oh, ts, ts, ts!«, sagte die Ärztin, und ihre Stimme hörte sich fast wie ein Schimpfen an. »Von dir wird noch nicht erwartet, dass du das tust!«
In diesem Augenblick war sich meine Mutter sicher, dass hier etwas Außergewöhnliches am Werk war.
Kindliche Angelegenheiten
»Kinder sagen die verflixtesten Dinge.«
Art Linkletter
Es wird erzählt, dass ich als Kind sehr schnell gelernt habe, aber auch sehr schnell gelangweilt war. Ich war fantasievoll und launenhaft, zuvorkommend und rücksichtslos, liebevoll und selbstsüchtig. Wie die meisten kleinen Kinder war ich davon überzeugt, dass sich das Universum um mich und meine Bedürfnisse dreht. Und warum auch nicht? Es gab meines Erachtens nur wenige Grenzen zwischen dem, was ich mir wünschte, und dem, was ich erwartete zu bekommen. Ich glaubte, dass alles nach meinem Wunsch verlaufen sollte. Alles.
Einschließlich der Familienplanung.
Etwa in der Zeit, als ich zwei Jahre alt wurde, spürte meine Mutter die ersten Regungen neuen Lebens in ihrem Leib. Es machten sich Empfindungen in Gestalt zweier unterschiedlicher Arten von »Tumulten« bemerkbar, und infolgedessen war sie der festen Überzeugung, dass sie Zwillinge erwartete. Ein Team von Geburtshelfern behauptete dagegen steif und fest, sie habe Unrecht, selbst als ihr Bauch allmählich wuchs ... und wuchs ... und wuchs. Sie war eine große, schlanke Frau. Von hinten sah man nur ihre Körpergröße und eine schlanke Silhouette, doch wenn sie sich zur Seite drehte, kam ein Profil zum Vorschein, das so ausgeprägt war, dass sie bequem ein Tablett auf ihren Bauch hätte stellen können.
Ich liebte es, ganz nahe zu kommen und dem Pochen im Bauch meiner Mutter zuzuhören. Wenn ich mein Ohr an ihren Bauch legte, wurde es im Inneren sehr lebendig. Das faszinierte mich.
Wenige Monate später war meine Mutter wieder im Kreißsaal, doch diesmal wurden ihr Schmerzmittel verabreicht. Sie hörte keine Motoren und sie begab sich auf keine Odyssee.
»Pressen«, sagten die Ärzte durch einen nahezu unerträglichen Dunst, und als sie dann gepresst hatte, schlief sie umgehend ein. Nach einer Weile weckten sie meine Mutter auf. »Herzlichen Glückwunsch, Sie haben ein hübsches Mädchen zur Welt gebracht.« Erfreut (und betäubt) nickte sie und schlief wieder ein. Ein paar Minuten später weckten die Ärzte sie erneut auf: »Pressen.«
Gut, dachte sie, ich wusste, dass es so kommen würde. Also tat sie ihnen den Gefallen noch einmal. Das Nächste, woran sie sich erinnerte, war: »Herzlichen Glückwunsch, Sie haben einen prächtigen Jungen zur Welt gebracht.« Nachdem sie wusste, dass die Geburt nun vorüber war, gestattete sie sich, in einen tiefen Schlaf zu sinken.
Kurz danach weckten die Ärzte sie wieder auf. »Pressen.«
»Nicht noch eins!«
Sie lachten. »Nein, nein, das ist wegen der Nachgeburt.«
Als sie schließlich mit den Zwillingen nach Hause kam, stellte sie erstaunt fest, dass ihr erstgeborenes Kind, ich, nicht gerade erfreut aussah.
»Was ist los?«, fragte sie mich.
»Ich habe sie nicht gewollt«, erwiderte ich.
»Du hast gesagt, dass du sie dir gewünscht hast«, antwortete meine Mutter voller Wärme.
»Nein, das habe ich nicht gesagt.«
»Du hast gesagt, du wünschst dir einen Bruder und eine Schwester.«
Ich spreizte die Beine, stemmte die rechte Faust fest auf meine Hüfte und sah meiner Mutter in die Augen. »Ich habe gesagt, ich wünsche mir einen Bruder oder eine Schwester. Oder eine Schwester. Bring einen von ihnen wieder zurück.«
Ich war mir nur wenig über die Schwierigkeiten im Klaren, die es mit sich bringen würde, mich an Geschwister anzupassen und die Welt mit ihnen zu teilen, die bis jetzt nur mir allein gehört hatte. Dies sollte sich in den kommenden Jahren als eine große Herausforderung (gut, sagen wir als eine Lektion für mein Wachstum) erweisen.
Mach die Tür auf
Die Sache mit dem frühreifen Benehmen ist die: Manchmal ist es niedlich und manchmal auch nicht. Schon in sehr jungen Jahren hatte ich ein Problem mit Autorität und ein noch größeres mit Langeweile. Es war eine unbeständige Kombination. Wenn es irgendeinen kleinen Winkel gab, den ich nicht erkunden sollte, hielt ich mich dort auf. Wenn es irgendetwas gab, was ich nicht tun sollte, dann tat ich es aller Wahrscheinlichkeit nach. Mit den Worten meiner Mutter ausgedrückt, war ich sehr erfinderisch darin, mir »Tricks« und Erklärungen einfallen zu lassen, um mich selbst zu beschäftigen. Sich dem Schlaf hinzugeben, war nur eine Art der Verjüngung. Ich hatte Angst, dass ich etwas versäumen würde, während ich schlief.
Ein Beispiel für meine Tricks betraf meine Großmutter mütterlicherseits, »Nana«. Eines Tages, nicht lange nachdem mein Bruder und meine Schwester nach Hause gekommen waren, kam Nana ins Haus, um auf uns aufzupassen. Dadurch konnte sich meine Mutter eine dringend benötigte Pause gönnen. Mein Bruder und meine Schwester waren in ihren Gitterbetten, und ich war vorübergehend mit Fernsehen beschäftigt. Drei große Aluminiumtöpfe, einer gefüllt mit Windeln, die anderen Töpfe mit den Flaschen mit Babynahrung kochten heftig auf dem Herd und ein Trockner mit Wäsche im Keller war gerade fertig geworden. Nana ging hinunter, um die Kleidungsstücke heraufzuholen. Die fleißige, flinke und praktisch veranlagte Nana versuchte sich zu beeilen, weil sie wusste, dass es nicht gerade das Klügste war, mich längere Zeit alleine zu lassen. Ihre Arme voll beladen mit warmer, frisch getrockneter und gefalteter Wäsche, die hoch und ordentlich aufeinander gestapelt war, begann sie die Treppe heraufzusteigen. Sie spähte nach oben und sah plötzlich, wie die Tür zum Keller zufiel. Sie versuchte sich zu beeilen, aber die Tür knallte zu, bevor sie dort angelangt war. Das Schloss schnappte ein.
Während Nana sich gegen die Tür lehnte und dabei den Stapel Wäsche hielt, machte sie eine Hand frei und untersuchte den Türgriff. Er drehte sich nicht. »Mach die Tür auf, Eric«, sagte sie mit einer lieblichen, aber beherrschten Stimme.
Mit einer noch viel lieblicheren Stimme erwiderte ich: »Uh-uh«
»Komm schon, mach jetzt die Tür auf.«
»Uh-uh.«
Nana wusste, dass ein strenger Ton bei mir nichts ausrichten würde. Doch sie hatte auch nicht vor, sich von einem kleinen Kind, egal wie frühreif es war, an der Nase herumführen zu lassen – noch dazu, wo in einem Raum drei Töpfe voll Wasser kochten und im anderen Raum zwei Säuglinge schliefen. Also versuchte sie, die Sache anders anzugehen. »Ich wette, du kannst den Türgriff nicht erreichen«, sagte sie und spielte dabei mit meinem Eigensinn.
»Doch, das kann ich.«
»Ich wette, du kannst es nicht.«
Dann folgte Stille.
Nana geriet ins Schwitzen. Sie konnte schon fast das Geräusch in meinem Gehirn hören, dieses Summen, während ich die Situation erkundete. Doch schließlich musste ich mich, wie sie hoffte, beweisen. Ich drückte ein wenig am Türgriff. Sie hörte das leise schleifende Geräusch des Türgriffes.
»Ich wette, du kannst ihn nicht entriegeln«, sagte sie.
»Doch, kann ich.«
Noch einmal folgte die süßlich getarnte Herausforderung, »Ich wette, du schaffst es nicht.«
Es folgte eine neue, längere Pause. Die Kleider in ihren Armen fühlten sich allmählich schwer an. Der Mechanismus des Schlosses bestand aus einem kleinen Griff, der eingedrückt und dann gedreht werden musste. Wenn das Schloss entriegelt wurde, gab es gewöhnlich einen kleinen Klick und Nana wartete auf dieses Geräusch. Sie würde sich schnell bewegen müssen. Sie wollte mir nicht durch ein zu rasches Öffnen der Tür wehtun, doch dies war wahrscheinlich ihre einzige Chance.
Ich konnte nicht widerstehen.
Klick.
Nana drückte rasch gegen die Tür und sie flog schneller auf, als sie es erwartet hatte. Die immer noch warme, frisch gefaltete Wäsche wurde überall auf dem Boden verteilt. Ich wurde umgestoßen, bevor ich davonlaufen konnte. Entsetzt saß ich auf dem Fußboden und weinte.
Nana beeilte sich, das kochende Wasser abzustellen und kam dann zu mir, um mich zu trösten. Ich war erst zweieinhalb Jahre alt, doch Nana wusste bereits damals, dass damit ihre Karriere als Babysitterin beendet war.
In den Wolken
Nana war die Mutter meiner Mutter und »Bubba« war die Mutter meines Vaters. Bubba war eine herzliche, starke und altmodische Großmutter, die diese saugenden, europäischen Küsse auf die Wange drückte – die Art von Küssen, bei denen sogar ein Staubsauger erröten würde. Sie war voller Leben mit einer grenzenlosen Energie und einem gewagten Sinn für Humor, mit dem sie oft einige der eher »konservativen« Verwandten in Verlegenheit brachte. Bei den Festtagsessen setzte sie mich an ihre Seite und wenn ich bei ihr übernachtete, führte sie mich am Morgen in ihren Garten, um Erdbeeren und andere Früchte zu pflücken, um damit ein großes Frühstück zuzubereiten. Anschließend trug sie mich wie eine Feder auf nur einem Arm herum, während sie putzte, abstaubte, staubsaugte oder telefonierte. Ich liebte diese Bewegungen, dieses Gefühl, durch das All zu reisen, ohne dabei meine Füße zu gebrauchen. Mehr davon und schneller, ja, das wollte ich. Menschenskind, wie sehr habe ich sie geliebt.
Eines Tages im Januar ging Bubba ins Krankenhaus und kam nie wieder heraus.
Offensichtlich hatte sie, während sie in ihrem Krankenbett lag, einen Schmerz in ihrer Brust verspürt, nach dem Klingelknopf für die Schwester gegriffen – und es nicht mehr geschafft.
Nun mussten meine Eltern mit Bubbas plötzlichem Verschwinden aus unserem Leben fertig werden.
»Sie ist schlafen gegangen«, sagten sie mir, »und sie wird nie mehr aufwachen.«
Ich dachte ein wenig darüber nach, gab es dann aber wieder auf. »Ich kann sie aufwecken«, sagte ich. »Ich wette, wenn wir ihr drei Aspirin in den Mund legen und ich auf ihrem Bauch auf und ab springe, wird sie aufwachen.« Das Auf-und-ab-Springen auf ihrem Bauch war eine zusätzliche Strategie von mir, etwas, das eine Unterstützung für den Fall wäre, falls der Geschmack von dem sich auf ihrer Zunge auflösenden Aspirin nicht genügend Anreiz für sie sein sollte, ihre Augen zu öffnen und das Leben neu zu beginnen.
Dies war einer jener seltenen Augenblicke, in denen ich meinen Vater weinen sah.
Das Begräbnis fand kurz danach statt. Ich durfte nicht dabei sein. Meine Eltern hatten das Gefühl, dass es für mich im Alter von fünf Jahren zu furchtbar sein würde, den leblosen Körper meiner Großmutter zu sehen. Bubba war gegangen und jeder konnte sich von ihr verabschieden, nur ich nicht.
Nachts lag ich im Bett und dachte über sie nach. Manchmal weinte ich still vor mich hin. Ich vermisste sie, und obwohl ich diesen Begriff damals noch nicht verstand, hatte ich kein Gefühl für das Ende.
Unterdessen wusste ich allerdings, dass Bubba mich nicht vergessen hatte, auch wenn ich keine Gelegenheit gehabt hatte, ihr Lebewohl zu sagen. Ich wusste genau, wo sie war, und ich wusste, dass sie auf mich aufpasste, so wie sie es schon immer getan hatte. Ich wusste es, weil sie mir half, wenn ich dies brauchte – zum Beispiel, wenn ich draußen mit meinen Freunden spielte und es zu regnen begann. Jeder würde jetzt nach Hause gehen wollen und das Spiel wäre zu Ende gewesen, also sagte ich zu ihnen: »Wartet hier. Ich bin sofort zurück.« Während sich alle unter unserem Eingangsvordach zusammendrängten, lief ich um das Haus herum zu einer Seite, wo mich niemand sehen konnte. Dann blickte ich zum Himmel empor und sagte: »Bubba, könntest du bitte machen, dass es aufhört zu regnen?«
Und meistens hörte es dann tatsächlich auf zu regnen. Es sah so aus, als hätte meine Bubba mich keineswegs verlassen.
In Konflikt mit der Vorschule
Bald war es an der Zeit für mich, in den Kindergarten zu gehen. Von Anfang an, langweilte ich mich dort halb zu Tode. Den Großteil der Zeit verbrachte ich mit Tagträumen, allerdings nicht die typischen Fantasien eines kleinen Jungen – Ball spielen, ein Held sein, Monster bekämpfen. (Gut, manchmal bekämpfte ich einen riesigen Tornado oder zwei ..., aber macht das nicht jeder?) Oft stellte ich mir vor, dass ich das Orakel von Delphi sei. Ich wusste nicht wirklich, wer oder was das Orakel von Delphi war, doch ich sah mich selbst in einer weit entfernten Höhle sitzen und mich zu Ansammlungen von Menschen neigen, die weite Wege zurückgelegt hatten, um meinen Rat einzuholen.
Ich sann auch über Handlungen nach, von denen ich wusste, dass sie vollbracht werden könnten, wie zum Beispiel mit meinen Händen durch Wände hindurchzugehen. Ich war mir sicher, dass ich herausfinden könnte, wie man das macht, wenn ich mich bloß drei Tage lang in meinem Schlafzimmer einschließen könnte. Seltsamerweise war niemand gewillt, dies zuzulassen. Wahrscheinlich hatten sie es ausprobiert, als sie noch Kinder gewesen waren, und entschieden, dass es Zeitverschwendung sei.
Wenn die Erzieher schon meine Tagträume missbilligten, so missfiel ihnen meine fehlende Aufmerksamkeit sogar noch mehr. Häufig störte ich den Betrieb: Ich benahm mich schlecht und zog dadurch die Aufmerksamkeit auf mich, oder ich ignorierte sie und verlor mich in meiner eigenen Welt. Ehe mein erstes Jahr in der Vorschule vo-rüber war, hatte ich so oft in Schwierigkeiten gesteckt, dass meine Mutter schließlich weinend vor dem Direktor zusammenbrach.
»Wann wird dies jemals ein Ende haben?«, schluchzte sie und wiederholte unabsichtlich die Worte, die sie bei meiner Geburt verwendet hatte.
»Wenn er sich für irgendetwas interessiert«, erwiderte der Direktor.
»Wann wird das geschehen?«
»Das kann jederzeit geschehen.« Der Direktor hielt inne und lachte hilflos. »Bei meinem Sohn war das erst im College der Fall.«
Es war nicht so, dass ich keine Interessen gehabt hätte, sie lagen nur offensichtlich nicht in der Schule. Als mir mein Großvater eine Schachtel mit alten, kaputten Uhren zeigte, war ich fasziniert. Zu dieser Zeit (vor der digitalen Revolution) waren die Uhren knifflige Geheimnisse, die aus winzigen, aufeinander abgestimmten Teilen bestanden. Jedes Mal, wenn eine seiner Uhren kaputtging und die Werkstatt sie nicht mehr reparieren konnte, legte er sie in eine alte Zigarrenschachtel, wo bereits andere Uhren waren, die ein ähnliches Schicksal erlitten hatten. Eines Tages brachte er mir diese »Schatztruhe« mit kaputten Uhren. Keine der Uhren in der Schachtel funktionierte und selbstverständlich waren sie alle zu groß, um von mir getragen zu werden, doch das machte mir nichts aus. Ich wollte trotzdem mit ihnen spielen. Und das tat ich auch. Ich zog eine Uhr auf und sie begann zu ticken. Ich zog noch eine Uhr auf, sie begann zu ticken und hörte dann wieder auf. Eine dritte Uhr ließ sich nicht aufziehen, daher schüttelte ich sie ein wenig. Ich hielt sanft eine Uhr, die zu ticken begonnen und dann wieder aufgehört hatte. Sie begann wieder zu ticken und ging weiter. Ich hielt die Uhr, die ich geschüttelt hatte, und sie begann zu funktionieren. Bald »reparierte« ich die alten Uhren meiner Freunde. Ich schätze, das war in etwa das Gegenteil von dem Prinzip, wonach Uhren kaputtgehen, wenn sie von bestimmten Individuen getragen werden.
Aber für gewisse Leute war die Fähigkeit, Uhren zu reparieren, ohne sie aufzumachen, nicht so wichtig wie die Fähigkeit, innerhalb der vorgegebenen Linien zu malen und Gelerntes richtig aufzusagen. Meine akademischen Unzulänglichkeiten wurden als so ernst erachtet, dass, als ich in der zweiten oder dritten Klasse war, eine Sozialarbeiterin nach Hause kam, um das Umfeld zu überprüfen und festzustellen, warum ich in der Schule keinen Erfolg hatte. Kurz nach ihrer Ankunft fragte ich sie, ob sie mir das Wort »Unendlichkeit« erklären könne. Nervös stand sie plötzlich auf und lief aus dem Haus.
»Darüber werde ich mit dem Direktor sprechen müssen«, rief sie über ihre Schulter.
Falls sie das wirklich getan hat, so hat sie mir nie gesagt, was sie darüber erfahren hatte.
Diesmal gab es ein Ende
Es gab einen guten Grund, über Dinge mit einer unbegrenzten Natur nachzudenken, denn zu jener Zeit sollte ich noch einen weiteren Verlust erleiden: meine Hündin Silk – ein Dobermann-Pinscher –, die bereits bei meiner Geburt zwei Jahre alt war, die gnädig mein kindliches Verhalten ertrug, auch die Angewohnheit, ihre Unterlippe als Haltegriff zu benutzen, mit dem ich mich auf meine Füße ziehen konnte, um mich an ihr festzuhalten, als ich das Gehen lernte. Sie zuckte zwar vor Schmerz zusammen, doch sie hat nie nach mir geschnappt oder auch nur geknurrt. Irgendwie wusste sie, dass ich ein Kind war und dass ich ihre Liebe und ihren Schutz brauchte.
Ich liebte es, Dinge zu berühren, die sich kühl anfühlten, einschließlich Silks Ohren. Wenn sie neben meinem Bett schlief, legte ich meinen Arm auf die Seite und ergriff mit zwei meiner Finger sanft ihr kühles Ohr. Die Berührung erwärmte schließlich ihr Ohr (ein warmes Ohr wollte ich nicht), also wechselte ich zu ihrem anderen Ohr, und wenn dieses Ohr zu warm geworden war, ging ich wieder zum ersten Ohr. Wenn beide Ohren so warm waren, dass sie für mich nicht mehr interessant waren, ließ ich Silk hinaus, um sich wieder abzukühlen. Nach circa 10 Minuten erschien sie an der Vordertür mit einem Bellen – ihr Zeichen – und ich wusste, dass sie bereit war, wieder hereinzukommen und es noch einmal zu tun. Nach zwei vollständigen Durchgängen dieses Rituals sank ich in den Schlaf.
Als ich 10 Jahre alt war, war Silk 12 Jahre alt (was 84 Hundejahren entspricht) und ihre Gesundheit war angeschlagen. Meine Mutter und mein Vater hatten die Vereinbarung getroffen, dass sie Silk, wenn nichts mehr für sie getan werden konnte, nicht leiden lassen, sondern sie dann einschläfern lassen würden.
Dieses war Silks schwierigstes Jahr gewesen. Zeitweise konnte diese Hündin, die mir geholfen hatte, gehen zu lernen – obwohl sie es versuchte –, einfach nicht mehr aufstehen. Für einen Erwachsenen war dieser Anblick kaum zu ertragen, noch schwerer war dies für ein Kind. Es rüttelte meine ganze Welt durcheinander. Es war an der Zeit, sie zum Tierarzt zu bringen, und wir waren uns ziemlich sicher, dass dies der Besuch sein würde.
Es war kurz vor dem Erntedankfest. Wir beschlossen, einen oder zwei Tage zu warten bis nach den Ferien. Zum Erntedankfest gab meine Mutter Silk eine große Platte Truthahn mit Bratensoße und Kartoffelbrei. Silk, deren Kost aus sehr wenig »menschlicher« Nahrung bestand, zögerte. Mit einem etwas verwirrten Blick sah sie sich nach uns um, um ein zustimmendes Nicken zu erhalten, und beschloss dann, es nicht in Frage zu stellen, und nahm ihr letztes Mahl zu sich.
Am nächsten Tag brachten wir sie zum Tierarzt. Diesmal blieb meine Mutter zu Hause. Ich erinnerte mich daran, dass es für mich bei dem Verlust von Bubba kein wirkliches Ende gegeben hatte, und so bestand ich diesmal darauf, meinen Vater zu begleiten. Als wir im Wartezimmer mit den medizinischen Gerüchen und den Norman-Rockwell-Bildern von Hunden, die Karten spielen, saßen, kam mir alles so kalt vor. Mein Vater kam aus dem Sprechzimmer heraus und sagte mir, dass es so weit sei: Silk würde eingeschläfert werden. Ob ich dabei sein wolle? Ich folgte meinem Vater und dem Tierarzt, als sie mit Silk durch die alten Korridore und dann durch die Hintertür in einen Hof gingen. Ich sagte ihr Auf Wiedersehen und beobachtete, wie der Tierarzt ihr die Spritze gab. Nach nur wenigen Sekunden brach sie sanft am Boden in sich zusammen. Silk wurde anschließend hochgehoben und in eine Einäscherungsschale gelegt.
In dieser und in vielen darauffolgenden Nächten weinte ich wieder einmal um ein geliebtes Wesen. Diesmal hatte es jedoch ein Ende gegeben. Die Unendlichkeit schien nicht so weit weg zu sein und die Ewigkeit nicht so lang.
Schulzeit
Als ich vom Kindergarten, der Vorschule hinüber zur Grundschule gewechselt hatte, steigerte sich mein Selbstgefühl ständig ein wenig mehr. Ich langweilte mich immer noch schnell und verbrachte viel Zeit mit Tagträumen, aber bei einer seltenen Gelegenheit, als mir ein wahrlich inspirierender und zum Nachdenken anregender Lehrer zugeteilt wurde, übertraf ich alle Erwartungen. Unglücklicherweise waren solche Lehrer, damals genauso wie heute, eine Ausnahme und nicht die Regel.
Die Atmosphäre in meinem Elternhaus gestattete es mir, mich für mein Alter sehr gut zu entwickeln. Meine Eltern behandelten mich wie einen Erwachsenen: Sie redeten nicht von oben herab mit mir, sondern bezogen mich in ihre Gespräche und Entscheidungen mit ein und behandelten mich wie einen Menschen, dessen Meinung zählt.
Ich konnte es jeden Tag kaum erwarten, von der Schule nach Hause zu kommen. Es schien, dass ich daheim immer faszinierende Leute kennen lernte. Meine Eltern hatten eine Menge Freunde mit spannenden Hintergründen: Anthropologen, Psychologen, Künstler, Ärzte, Rechtsanwälte usw. (Und was das Ganze noch wunderbarer machte, war, dass diese vielfältige Gruppe zu einer Vielzahl leckerer Küchengerichte anregte, die mit köstlichem Geschmack und erlesenen Aromen einhergingen).
Und weil mein Zuhause so aufgeschlossen war und ich dadurch mit solch unterschiedlichen Menschen verkehren konnte, war es ganz natürlich, dass ich weiterhin mit einseitig diktatorischer Autorität ein Problem hatte – oder vielleicht sollte ich sagen, einseitig diktatorische Autoritäten würden weiterhin ein Problem mit mir haben.
Die Highschool-Verwaltung war sehr streng in Bezug auf die Pünktlichkeit der Schüler. Obwohl ich in Gehweite zum Campus wohnte, war ich fast jeden Morgen zu spät dran. Eine Minute hier, eine Minute dort – eigentlich keine große Sache, nur die Schulverwaltung sah das anders. Wenn die Schüler nach dem Läuten der Glocke erschienen, erwartete man von ihnen eine Entschuldigung für das Zuspätkommen.
Das Problem war, dass die Schule das Zuspätkommen der Schüler nur entschuldigen würde, wenn sie eine Mitteilung von zu Hause mitbrachten. Ich richtete mir alles so eng ein, dass ich niemals genau wusste, wann ich zu spät sein würde, und ich konnte keine Entschuldigung von zu Hause mitbringen, ohne noch einmal zurückzugehen, um meine Mutter darum zu bitten. Dementsprechend versäumte ich ständig den einleitenden Teil der ersten Schulstunde. Warum fiel es mir so schwer, einfach nur 15 Minuten früher von zuhause wegzugehen? Es ergab keinen Sinn – und es änderte sich auch nichts. Anscheinend hatte ich nicht denselben Zeitbegriff wie alle anderen. Ich dachte, dass ich um 7.50 Uhr in der Schule ankommen könnte, wenn ich das Haus um 8.01 Uhr verlassen und schnell genug gehen würde.
Schließlich fragte ich meine Mutter, ob es ihr etwas ausmache, wenn ich an solchen Vormittagen meine eigenen Entschuldigungen schreiben und sie wie erforderlich mit ihrem Namen unterzeichnen würde. In Anbetracht der Tatsache, dass ich andernfalls ein ganzes Schulfach versäumen würde, indem ich jeden Morgen hin- und zurücklief, willigte sie zögernd ein.
Eines Tages bemerkte ein Aufsichtslehrer der Schule, dass ich mir meine eigene Entschuldigung ausstellte. Er war ein selbst ernannter Ex-Soldaten-Typ, dessen Sohn das Kind von einem Reklameplakat für Verhaltensstörungen hätte sein können (das gibt Ihnen zu denken oder?) Er zeigte auf die Mitteilung, die ich schrieb, und knurrte mit empörter Selbstgefälligkeit: »Was machst du da?«
»Ich schreibe mir selbst eine Entschuldigung«, erwiderte ich gelassen.
»Du wirst nachsitzen, weil du die Unterschrift deiner Mutter gefälscht hast.«
»Nein, das werde ich nicht. Fälschung heißt, etwas ohne das Wissen des anderen oder ohne Genehmigung zu tun. Und ich habe beides.«
Antworten dieser Art machten mich bei meinen Lehrern nicht gerade beliebt. »Wie ist dein Name?«, fragte der Erzieher.
»Eric Pearl.« Ich stand da, sammelte meine Sachen zusammen und sah dem Mann in die Augen. »P-E-A-R-L.« Dann drehte ich mich um und ging in meine Unterrichtsstunde.
Und inmitten dieser Ereignisse – dieser Lektionen – schritt mein junges Leben weiter voran. Mein Vater war gemeinsam mit seinem Bruder und seinem Vater Teilhaber und Unternehmer in einer Firma für Verkaufsautomaten. Außerdem war er ehrenamtlicher Polizist. Meine Mutter war zu Hause und zog uns drei Kinder groß. Sie arbeitete auch zeitweise als Fotomodell und leitete Modenschauen. Spätestens um 7.00 Uhr morgens verließ Vater das Haus, und um diese Zeit schob uns meine Mutter bereits das Essen hinein wie eine Vogelmutter, die ihre Jungen fütterte. Niemand ging hinaus, ohne ein gutes Frühstück gegessen und eine vorbereitete Lunchbox bekommen zu haben – »alle vier Nahrungsmittelgruppen« (zu dieser Zeit war das ein Dogma, von dem Eltern überzeugt waren). Mit 13 Jahren feierte ich Bar Mitzvah (die Aufnahme in die jüdische Kultgemeinschaft). Manchmal ging ich sonntags mit meinen Freunden in die Kirche.
Kindergarten, Grundschule, Mittelschule, Oberschule: neue Freunde, Prüfungen, Schülerbälle, der Erhalt meines Führerscheins, Standardtests für die Zulassung zum Studium und schließlich Abschlussprüfung und College ...
Es geht weiter
Ich fand schnell heraus, dass der Abschluss der High School nicht »Freiheit« bedeutete: Meine Eltern wollten mich unbedingt weiterhin in Reichweite behalten. Aber wie gewöhnlich hatte ich andere Vorstellungen. Warum sollte ich in New Jersey bleiben? Ich wollte in Kalifornien aufs College gehen. Sie hatten vielleicht angenommen, ich hätte gesagt, ich wolle »zum Nordpol«.
»Das ist zu weit weg«, beharrten meine Mutter und mein Vater. Aus einer vernünftigen Diskussion wurde eine zunehmende Meinungsverschiedenheit, die sich zu einer Schreierei entwickelte.
Letzten Endes wurde ein Kompromiss erreicht: Ich konnte in Miami, Florida, aufs College gehen. Meine Eltern dachten, dies sei sicherer – erstens war Miami zweimal weniger weit entfernt von zuhause als Kalifornien, und zweitens war mein Großvater väterlicherseits, Zeida, der mir als Kind die Schachtel mit den Uhren gegeben hatte, kurze Zeit nach Bubbas Tod dorthin umgezogen. Sie stellten sich vor, dass Zeida ein wachsames Auge auf den verlorenen Sohn haben würde. Schließlich war ich der erstgeborene Sohn eines erstgeborenen Sohnes.
Auf diese Weise verloren mich meine Eltern für ein volles Jahr.
Ich schrieb mich an der Universität von Miami ein.
Meine Eltern hatten mir immer gesagt, dass ich alles werden könnte, was ich wollte, und dass ich alles tun könnte, was ich mir ausdachte. Dies war eine machtvolle Vorstellung, während ich aufwuchs, doch als ich älter wurde und darüber nachzudenken begann, einen Beruf zu finden, wurde das Fehlen eines inneren Kompasses nach und nach zu einem Problem. Alles zu sein und alles zu tun, gab mir keine sehr genaue Orientierung. Die Sache war die, dass mich nichts interessierte, und daher gab es auch nichts, worauf ich mich ausrichten konnte.
Ich widmete mich selbst sofort einem völlig zusammenhanglosen Studienplan. Im Zeitraum eines Jahres zog ich nicht weniger als drei Hauptstudienfächer in Erwägung: Psychologie, Einführung in das Recht und modernen Tanz. Ich hatte keine Ahnung davon, was ich tun wollte. Und wie immer konnte nichts mein Interesse sehr lange fesseln.
Zeida beobachtete, wie ich mich entwickelte, während ich alleine in Miami lebte – und er wollte eine Fortsetzung dieses Prozesses sehen. Ohne meine Eltern um Erlaubnis zu bitten, eröffnete er mir die Möglichkeit, mein zweites Studienjahr am Mittelmeer zu verbringen. Dies war eine sehr aufregende Aussicht. Als mir Bilder von Rom und Athen durch den Kopf schwebten, »definierte« Zeida das Mittelmeer. Er hatte dafür einen Kosenamen. Er bezeichnete es als Israel. Zeida, der der Situation wie üblich einen Schritt voraus war, fabrizierte eine Broschüre für einen einjährigen Studienplan in Jerusalem, ein Programm für amerikanische Studenten. Dann machte er das Angebot, dieses Projekt finanziell zu unterstützen. Wie konnten meine Eltern da nein sagen?
Mehr als Milch und Honig
Ein Großteil der Studenten, die nach Israel reisten, erwarteten, dass Gott vom Himmel herunterkommen und in den Straßen Milch und Honig fließen würden. Sie wurden enttäuscht. Ich jedoch ging dorthin und erwartete nur wenig mehr als ein Jahr außerhalb der Vereinigten Staaten, was bedeutete, dass mir keine unrealistischen Erwartungen im Wege standen und ich mich letztlich in alles verliebte. Die Reise in das Heilige Land war damals das bedeutungsvollste Jahr meines Lebens. Bis zum heutigen Tage erwache ich noch aus Träumen, in denen ich dort bin, inmitten der Menschen, der alten Tempel und der atemberaubenden Ausblicke vom Berg Sinai.
Bei meiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten wurde ich in genau das gleiche Leben zurückversetzt, das ich hinter mir gelassen hatte. Was auch immer ich im Heiligen Land gefunden hatte, meine wirkliche Aufgabe hatte es mir nicht offenbart – oder wenn doch, so hatte ich sie nicht erkannt. Nun war ich wieder mit meinem Dilemma konfrontiert: ein Hauptstudienfach zu finden.
In dem Jahr, bevor ich zu meiner Reise aufbrach, war mir eine Idee gekommen. Während meinem Jahr in Miami hatte ich eine Erfahrung mit Rolfing gemacht, einer Art Tiefengewebsmassage, die in der Lage ist, die Muskulatur des Körpers zu befreien. Einige meiner Freunde hatten sich den zehn vorgeschriebenen Rolfing-Sitzungen unterzogen, und ich hatte die körperlichen Veränderungen gesehen, die diese bei ihnen bewirkt hatten. Für meine Entscheidung, mich auch »rolfen« zu lassen, genügte es mir, sie in ihrem Vorher-und-Nachher-Zustand zu sehen.
Die Sitzungen bewirkten eine Veränderung der Art und Weise meiner Haltung und schienen mir einen erweiterten Blick für die Welt zu eröffnen. Dem Rolfing liegt die Vorstellung einer körperlich-geistigen Rückkopplungsschleife zugrunde, und die Theorie dahinter besagt, dass es einzelne Muskeln befreit und in diesem Prozess den in ihnen gespeicherten Schmerz freisetzt – sowohl körperlichen als auch emotionalen, alten oder neuen. Während man durch diese Heilungen geht, geschieht es oft, dass vergangene Erfahrungen aufgelöst werden und die mit ihnen verbundenen Unannehmlichkeiten verschwinden. Eine Folge davon ist oft eine Verwandlung des physischen Körpers wie auch der Gefühle. Dieses neue Leben, frei von vielen alten Schmerzen, lässt eine andere Bewegung zu, ein anderes Dastehen und eine andere Haltung. Und wenn wir eine andere Haltung einnehmen, dann ergibt sich daraus, dass wir auch einen anderen physischen Raum einnehmen – und ebenso einen anderen emotionalen Raum.
Ich war von diesem Konzept und den Ergebnissen so beeindruckt, dass ich darüber nachdachte, selbst ein Rolfer zu werden. Doch meine Eltern hatten das Gefühl, dass sich Rolfing vielleicht als eine Modeerscheinung erweisen, aus der Mode kommen und ich beruflich gesehen auf dem Trockenen sitzen würde. Sie schlugen mir vor, dass ich einen Bereich der Gesundheitsfürsorge in Betracht ziehen sollte, der schon erprobter war: Chiropraktik. So hätte ich letztendlich wenigstens einen Abschluss, auf den ich zurückgreifen könnte.
Ich stimmte zu, nach Brooklyn zu reisen und mit einem Chiropraktiker zu sprechen, der mir von einem Freund der Familie vorgestellt wurde. Der Arzt schilderte mir die grundlegende Philosophie hinter der Kunst und Wissenschaft der Chiropraktik. Er erklärte, dass es eine universelle Intelligenz gibt, die den Aufbau und das Gleichgewicht des Universums aufrechterhält, und dass in jedem von uns eine Ausdehnung dieser Intelligenz existiert, die sich angeborene Intelligenz nennt und die uns lebendig, gesund und im Gleichgewicht erhält. Diese angeborene Intelligenz oder Lebenskraft kommuniziert mit den übrigen Anteilen unseres physischen Wesens größtenteils über unser Gehirn, das Rückenmark und unser restliches Nervensystem – das Kontrollsystem unseres Körpers. Solange die Kommunikation zwischen unserem Gehirn und unserem Körper offen ist und frei fließen kann, bleiben wir in unserem größtmöglichen Zustand von Gesundheit.
Wenn sich einer der Wirbel verdreht oder aus seiner Position he-rausschiebt, kann dies zu einem Druck auf unsere Nerven führen, was die Kommunikation zwischen unserem Gehirn und demjenigen Teil von uns, der von diesen Nerven versorgt wird, stören oder unterbrechen kann. Als eine Folge dieser Störung kann es dazu kommen, dass unsere Zellen allmählich absterben und unsere Widerstandsfähigkeit nachlässt, was ein Unbehagen mit sich bringt, als Vorläufer von Krankheit. Die Tätigkeit eines Chiropraktikers besteht also darin, die Störung, die von den Verkrümmungen (sie werden Subluxationen genannt) in unserer Wirbelsäule verursacht wird, zu entfernen und dadurch unserer Lebenskraft die Möglichkeit zu geben, wieder die Führung zu übernehmen, was uns in einen gesunden Zustand des Gleichgewichtes zurückbringt. Anders gesagt, geschieht hier Heilung dadurch, dass die Ursache der Störung beseitigt wird und nicht dadurch, dass man das Symptom behandelt oder verdeckt.
Als ich plötzlich erkannte, dass die Kopfschmerzen der Leute nicht die Folge von angeborenem Aspirinmangel im Blut war – wie es uns die Werbespots im Fernsehen glauben lassen möchten – und dass es etwas gab, womit ich helfen konnte, fasste ich den Entschluss, Chiropraktiker zu werden. Ich habe nicht aufgehört, über die ungeheure Reichweite dieses Schrittes nachzudenken und konnte auch nicht voraussehen, welche Rolle dieser Schritt schließlich in meinem Leben spielen würde. Synchronizität war noch kein Begriff, mit dem ich mich bewusst beschäftigt hatte.
Ganz plötzlich machte etwas »klick«. Ich wurde überschwemmt von den Fantasien meiner Kindheit – oder waren es Visionen gewesen? –, wie ich den Menschen als Orakel von Delphi geholfen hatte. Vielleicht war dies hier für mich eine Möglichkeit, tatsächlich etwas in dieser Richtung zu tun. Alles, was ich in diesem Moment wusste, war, dass etwas von dem, was der Arzt gesagt hatte, eine Saite in mir zum Klingen gebracht hatte. Irgendetwas an dieser Sache fühlte sich vollkommen an – und das reichte für mich aus. Ich war drauf und dran, einen ersten Schritt in eine neue Richtung zu gehen – die mich zu guter Letzt meiner Bestimmung näherbringen würde.
Ein neuer Weg des Entdeckens
»Selbstverständlich bist du medial veranlagt; es ist dir nur nicht bewusst.«
Meine Freundin Debbie Luican
Zurück in der Schule
Der Chiropraktiker aus Brooklyn, mit dem ich sprach, hatte mir das Cleveland Chiropraktiker-College in Los Angeles empfohlen. Ich bewarb mich dort und wurde aufgenommen.
Und so geschah es, dass meine Eltern schließlich doch noch einen Sohn verloren – sie verloren ihn an Kalifornien, wohin er schon immer gehen wollte. Andererseits würden sie dadurch eines Tages einen Arzt gewinnen und ich vermute, das glich dann alles für sie aus.
Ich werde mich immer an meinen ersten Tag am Chiropraktiker-College erinnern. Die Klasse der Studienanfänger war groß und bestand aus mehr als 80 Studenten. Eine bewegliche Wand musste entfernt werden, damit wir uns bis in einen zweiten Raum hinein ausbreiten konnten. Der Dozent bat jeden von uns, kurz zu erklären, warum er oder sie Chiropraktiker / Chiropraktikerin werden wollte. Er begann mit dem Studenten in der ersten Reihe außen links, der natürlich ganz zufällig von meinem Sitzplatz in der hinteren rechten Ecke des Zimmers am weitesten entfernt war. Von da an erzählten die Studenten durch alle die Reihen ihre Geschichten. Ich saß da und hörte mir eine Geschichte nach der anderen an – darüber, wie dieser Student gelähmt war, bis er einen Chiropraktiker aufgesucht hatte; wie bei einem anderen Studenten der Krebs verschwunden war; dass bei einer Studentin das Sehvermögen wiederhergestellt und bei einem anderen Studenten lebenslange Kopfschmerzen gelindert wurden – immer weiter und weiter, eine nicht enden wollende Litanei bleibender Heilungen, die weit über das hinausgingen, was jemand, der kein Chiropraktiker war, zu hören gewohnt war. Ganz besonders ich. Zeida bezeichnete die Chiropraktiker nach wie vor als »Rückgratbrecher«.
Schlussendlich war ich an der Reihe zu sprechen. Dreiundachtzig Köpfe drehten sich nach hinten, um sich meine Geschichte – die letzte dieses Tages – anzuhören. Würde meine Geschichte wirklich die Steigerung sein und das Epos, das die anderen Studenten aus dem Raum hinaus und dann auf ihre neuen leuchtenden Lebenswege befördern würde? Ich glaube nicht. Ich war der einzige in der Klasse, der noch nie einen Chiropraktiker aufgesucht hatte. Aus diesem Grunde wusste ich noch nicht einmal wirklich, was ein Chiropraktiker war. Ich erinnerte mich nur an Bruchteile von dem, was mir der Arzt in unserem 20-minütigen Beisammensein erzählt hatte – dass eine Störung behoben wird, was wiederum dem Körper gestattet, sich selbst zu heilen. Diese Zusammenhänge waren so einleuchtend für mich gewesen, als sie mir erklärt wurden, dass ich mir nie die Mühe gemacht hatte, sie auszuprobieren, sie näher zu betrachten oder mit anderen darüber zu diskutieren. Ich erhob mich, blickte in die Menge und hörte mich sagen: »Nun, ... es hat sich gut angehört.«
Wenn du es nicht finden kannst, versuchst du es zu angestrengt
Hier war ich nun – zurück in der Schule –, doch diesmal sahen die Dinge ein wenig anders aus. Zum ersten Mal waren dies eine Schule und ein Studienplan, die ich mir ausgesucht hatte. Das machte einen himmelweiten Unterschied.
Ich war kein Bücherwurm und genoss es, soziale Kontakte zu schließen, zu feiern und meine neue Stadt zu entdecken. Ich nahm einen Teilzeitjob in einem Schuhgeschäft an, denn obwohl mir meine Eltern meine Ausbildung finanzierten, wollte ich mir ein paar Dollar dazuverdienen, um die Dinge tun zu können, die ich tun wollte. Eines Tages kam ein Kunde – ein Forscher aus einem seismologischen Labor – ins Geschäft, um Schuhe zu kaufen. Während des Kaufes erwähnte er beiläufig, dass das Labor für die Gegend von Südkalifornien in den nächsten 24 Stunden ein Erdbeben voraussagte.
»Haben Sie noch einen anderen der Angestellten hierüber informiert?«, fragte ich.
»Nein, das habe ich nicht.«
»Gut. Tun Sie es bitte nicht.« Ich lächelte. Er lächelte auch, denn er verstand; dann bezahlte er seine Schuhe und ging.
Ein paar Minuten, nachdem er das Geschäft verlassen hatte, tat ich so, als würde ich eine Vorahnung haben, und teilte meinen Kollegen mit, dass es meinem Gefühl nach in den nächsten drei Tagen ein Erdbeben geben würde.
Wie »vorhergesagt«, trat es ein. Jeder spürte es, und in den Nachrichten wurde davon berichtet. Meine Kollegen waren zutiefst beeindruckt.
Wenige Tage später und ohne Einschreiten eines Seismologen hatte ich wieder das Gefühl, dass es noch ein Erdbeben geben würde. Mutig ergriff ich die Gelegenheit und kündigte auch dieses an.
Ob Sie es glauben oder nicht, es folgte ein weiteres Erdbeben.
Es war so, als wäre in mir etwas ausgelöst worden. In den folgenden zwei oder drei Jahren sagte ich 21 von 24 Erdbeben korrekt voraus.
An einem Nachmittag kam mein Zimmergenosse nach Hause und fand eine Notiz vor, die ich ihm hinterlassen hatte: Die Erde wird beben. Später erzählte er mir, dass das Erdbeben genau in dem Moment begann, als er die Notiz las. Seine Freundin stand die ganze Zeit neben ihm ... und schrie.
An einem anderen Tag, als ich alleine in einem Restaurant zum Essen saß, spürte ich, wie ein weiteres Erdbeben begann, die Art von Erdbeben, die eine »rollende« Bewegung macht. Als die Stärke des Erdbebens zunahm, sah ich mich im Raum um. Niemand außer mir reagierte. Kein einziges Wasserglas bebte; die Lampen hingen reglos an der Decke über den Köpfen. Doch ich konnte zur selben Zeit sehen, wie die Lampen hin und her schwangen. Für mich war es real. Ich stand auf und eilte hinaus auf die Straße. Ich konnte nicht verstehen, warum niemand außer mir flüchtete, warum das Leben um mich herum völlig normal weiterging.
Es schien nicht möglich. Die Erde bebte noch; ich konnte es fühlen. Dies war das längste rollende Erdbeben, das ich je erlebt hatte, doch die Kombination dieser surrealen Bewegung mit der Tatsache, dass anscheinend niemand außer mir es bemerkt hatte, ließ mich den Schluss ziehen, dass es wohl doch nicht stattgefunden hatte. Voller Verlegenheit ging ich zurück in das Restaurant, ich war froh, dass ich alleine dort gegessen hatte; es wäre vielleicht ein wenig ... schwierig gewesen, meine abrupte Flucht auf die Straße erklären zu müssen.
Wenn es allerdings kein richtiges Erdbeben gewesen war, so musste es sich wieder um eine Vorahnung gehandelt haben. Es gab keine andere Erklärung dafür.
Als ich vom Restaurant nach Hause ging, machte ich einen Zwischenstopp bei der Reinigung, um meine Wäsche abzuholen, und erwähnte den Eigentümern gegenüber, dass die Erde heute Abend wieder beben würde. Sie lachten alle darüber.
Später an diesem Abend brach das Erdbeben los. Der Mittelpunkt dieses Bebens befand sich in Culver City, also genau in der Gegend, wo die Eigentümer der Reinigung wohnten.
Ein paar Wochen später, als sich so viel schmutzige Wäsche angesammelt hatte, dass ich damit ein halbes Dutzend Kissenbezüge in Übergröße füllen konnte, ging ich wieder zur Reinigung. Da ich Mühe hatte, über die ersten drei Wäschebeutel hinauszuschauen, die ich in meinen Armen hielt, tastete ich mit dem Fuß nach der Tür. Ich öffnete sie mit einem vorsichtigen Stoß und versuchte mit meinen Zehen den Ladentisch zu ertasten. Plötzlich erklang eine Stimme, so laut, dass ich mich heute noch darüber wundere, dass ich damals nicht alle drei Wäschesäcke fallen ließ.
»Da ist er! Das ist derjenige!«, rief die Frau hinter der Ladentheke mit einem starken russisch-jüdischen Akzent. »Hier haben Sie meine Adresse«, sagte sie, während sie mir ein hastig beschriebenes Stück Papier in die Hand schob: »Bitte rufen Sie mich an, bevor das nächste Erdbeben kommt!«
Von da an wurde ich jedes Mal, wenn ich diesen Laden betrat, gebeten, das nächste Erdbeben vorauszusagen. Und ich versuchte es auch – aber auf diese Weise schien es nicht zu funktionieren. Ich konnte es nicht erzwingen; die Vorahnungen kamen nur, wenn ich mich um meine eigenen Angelegenheiten kümmerte.
Ohne es zu bemerken, hatte ich eine grundlegende Wahrheit erlernt: Wenn du etwas nicht finden kannst, versuchst du es zu angestrengt.
Auferstehung
Von Zeit zu Zeit konnte ich genügend Geld aus meinem Studentenbudget zusammenkratzen, um im Kino, das sich gleich um die Ecke meines Apartments befand, ein Programm mit zwei Hauptfilmen besuchen zu können. An einem Nachmittag kam ich gerade rechtzeitig zum zweiten Hauptfilm, auch B-Movie genannt – Auferstehung, mit Ellen Burstyn in der Hauptrolle. Natürlich war dieser Film nur als »B« eingestuft, weil Burstyn erst noch daran arbeitete, als beste Schauspielerin für ihre Rolle im Film für einen Academy Award nominiert zu werden.
Der Film Auferstehung basiert auf der Geschichte einer Frau namens Edna Mae, die nach einem Autounfall im OP stirbt ... und dann wieder ins Leben zurückkehrt. Einige Zeit später entdeckt sie, dass sie die Fähigkeit hat – durch das Auflegen ihrer Hände – zu heilen. Indem sie die Menschen einfach nur berührt, während sie gleichzeitig in einen Zustand der Liebe eintaucht, erlebten die Menschen Heilung. Manchmal übernahm sie die Krankheit oder das Gebrechen – nachdem sie es von den anderen Menschen genommen hatte – und danach befreite sie ihren eigenen Körper von den Symptomen. In anderen Momenten sah es so aus, als würden die Heilungen aus Gnade geschehen, ohne dass sie selbst etwas auf sich nehmen musste.
Ich war von diesem Film dermaßen fasziniert, dass ich mir Auferstehung noch einmal ansah, nachdem ich den Hauptfilm über mich hatte ergehen lassen, was auch immer das für einer gewesen sein mag. Anschließend nahm ich meine Freunde mit in diesen Film. Später nahm ich noch mehr Freunde mit. Ich hatte keine Ahnung, warum ich mich wie gezwungen fühlte, diesen Film immer wieder ansehen zu müssen. Obwohl zu jener Zeit der Aspekt der Heilung diesen Film so interessant machte, ging mir doch am meisten die Ähnlichkeit der Darstellung von Edna Maes Nahtoderfahrung mit dem unter die Haut, was meine Mutter am Tag meiner Geburt durchgemacht hatte. Ich hatte hierüber noch nie etwas gesehen oder gelesen und dieser Film beschrieb auf das genaueste die Erfahrungen meiner Mutter. Jedes Mal, wenn ich mir den Film ansah, hatte ich das Gefühl, einen kurzen Einblick in etwas zu bekommen, das mir auf gewisse Weise sehr vertraut war. Es war nahezu so, als könnte ich etwas sehen, als könnte ich mich fast an etwas erinnern. An etwas ...
Andere Hinweise
Während der Zeit meiner Unternehmungen entdeckte ich auch etwas, das »Psychometrie« (A.d.Ü.: zeitliche Messung geistiger Vorgänge) genannt wird, die Fähigkeit oder die Kunst, Informationen über Menschen zu sammeln, indem man einen Gegenstand berührte oder hielt, der ihnen gehörte, für gewöhnlich ein Schmuckstück, das sie getragen hatten. Nachdem ich jemandem dabei zugesehen hatte, wie er dies gemacht hatte, versuchte ich es selbst und fand heraus, dass es mir eröffnete, einige bemerkenswerte, genaue Einblicke in Menschen zu erhalten, die ich zum Teil nie kennen gelernt hatte. Während meines kurzen Abstechers in dieses Gebiet entdeckte ich zwei damit verbundene Geheimnisse: Umso gleichmäßiger ich meine Finger über das Schmuckstück bewegte, umso konzentrierter wurde ich; und je schneller ich sprach, desto präziser waren die Informationen. Die beharrliche Erforschung des Gegenstandes durch meine Finger schien meinen Geist zu beruhigen, auf ähnliche Weise wie bei vielen von uns der Geist während des Autofahrens sich entspannt und beruhigt. Das schnelle Sprechen ließ mir offensichtlich keine Zeit, das Gesagte zu beurteilen. Mit dem Ruhigwerden meines Geistes kamen die Erkenntnisse; mit der Schnelligkeit des Sprechens kam der Mut, sie auszusprechen.
Ich erwähne diese Dinge nicht nur, weil sie mir seltsam erschienen, sondern auch deshalb, weil sie auf andere Einflüsse in meinem Leben hindeuteten – sogar schon in jenen frühen Jahren.
Abgesehen von diesen ziemlich illusteren Ereignissen entsprach meine Hauptaktivität in diesem Zeitabschnitt genau dem, was meine Grund- und Hauptschullehrer nie geglaubt hatten: Ich nahm am Unterricht teil und studierte. Na gut, in Ordnung, meine Art der Teilnahme am Unterricht bestand oft nur darin, dass ich hinten im Raum saß und meinen Arm lange genug ausstreckte, um »Hier« zu sagen. Doch genauso wie in meiner früheren Schulkarriere schaffte ich es auch diesmal, gute Noten zu bekommen ... und schloss schließlich mit einem akademischen Grad in Chiropraktik ab.
Ich hatte damit unabsichtlich bewiesen, dass mein Schuldirektor Recht gehabt hatte. Ich hatte etwas gefunden, was mich interessierte, und war endlich dabei, etwas aus meinem Leben zu machen.
Fieber und Besucher
Eines Tages im Jahr 1983, nicht lange nachdem ich meinen Abschluss am College gemacht hatte, fühlte ich mich ein wenig angeschlagen: Ich hatte Schmerzen, Kopfweh und fühlte mich fiebrig. Ich war kein großer Fan davon, Aspirin als fiebersenkendes Mittel zu nehmen, denn ich wusste, dass das Fieber seinen Sinn hatte, und ich wollte diesem Fieber seinen Lauf lassen. Folglich ging ich ins Bett, zog mich warm an und trank eine Menge Flüssigkeit – und sah fern (ohne schlechtes Gewissen: der eindeutige Höhepunkt, wenn man zu Hause im Bett liegt und krank ist). Aber nach ein paar Tagen beschloss ich, dass es Zeit war, etwas Aktiveres zu tun, um das Fieber herunterzubringen. Also stapelte ich jede Nacht die Oberdecke und die Bettdecken übereinander, schwitzte sie nass und wechselte mindestens zweimal die Bettlaken und den Pyjama.
Wenn ich morgens aufwachte, ging es mir nie besser als am Tag zuvor. Schließlich gab ich auf und rief einen Arzt an. Er verschrieb mir Tylenol mit Kodein. Das muss Tylenol Nr. 4 mit Kodein gewesen sein – die richtig großen Kodeintabletten –, denn man braucht verdammt viel Kodein, um mich während eines I-love-Lucy-Marathons ins Land der Träume zu schicken. Aber ich kann Ihnen sagen, nachdem ich diese Pillen geschluckt hatte, bestand der ganze Tag nur noch aus einem Schleier roter Haare und kubanischem Akzent.
Meine Temperatur war ganz weit oben, bei etwa 41 °C. Nachdem ich schließlich noch eine Nacht Leintücher und Pyjama gewechselt hatte (ich war mir sicher, dass das Fieber heruntergehen würde, wenn ich einfach nur dieses Programm weiter fortsetzte), öffnete ich die Augen und sah für einen flüchtigen Augenblick, dass ich »Besuch« hatte. Dort, am Fußende meines Bettes, stand eine Gruppe von »Personen«. Es schien, als seien es sieben, unterschiedlich in Größe und Form: Manche waren groß, manche klein und einer sah fast wie ein Zwerg aus. Sie blieben gerade lange genug, bis ich sie gesehen hatte und bis sie sahen, dass ich sie gesehen hatte.
Dann waren sie verschwunden.
Ehe mein Verstand bewusst verarbeiten konnte, was sich soeben ereignet hatte, atmete ich tief ein. Der Atem fühlte sich so an wie der erste Atemzug eines Neugeborenen, und mir kam es so vor, als wäre dies mein allererster Atemzug – als hätte ich von dem Zeitpunkt an, als ich meine Augen geöffnet hatte, bis zu dem Zeitpunkt, an dem meine »Besucher« verschwunden waren, nicht geatmet. Während des Einatmens fühlte – und hörte – ich ein leichtes Rasseln in meiner Brust. Plötzlich begriff ich: Ich sterbe.
Ich rief meinen Arzt an und sagte ihm, dass ich sofort vorbeikommen würde, rief dann einen Taxidienst und bat darum, mir ein Auto mit Klimaanlage zu schicken, da wir gerade in einer Sommerhitzewelle waren, und durch mein Fieber hatte ich mehr als genug mit meiner eigenen Hitzewelle zu tun.
Ich konnte kaum stehen, doch ich schaffte es bis zur Tür und hi-naus auf die Straße. Das Taxi kam ... natürlich ohne Klimaanlage. Trotzdem stieg ich wie im Delirium ein.
In seiner Praxis machte der Arzt eine Röntgenaufnahme von meinen Lungen und sagte mir, ich solle sofort ins Krankenhaus gehen. »Halten Sie unterwegs nicht an«, meinte er. Ich hatte offensichtlich eine Lungenentzündung. Da ich spürte, dass mir mehr als nur ein kurzer Besuch bevorstand, fuhr ich trotzdem mit dem Taxi zuerst nach Hause, damit ich meinen Pyjama, meine Zahnbürste u.a. zusammenpacken konnte.
Ich war zu dieser Zeit nicht krankenversichert und deshalb ließ man mich im Bezirkskrankenhaus lange warten, bis ich in der Station aufgenommen wurde. Am nächsten Morgen wurde ich in einen Raum gebracht, in dem ich 10 Tage an Schläuche angeschlossen lag, Sauerstoff ... und ein Essen, wie es einem von einer Inlandsfluglinie serviert wird. Als ich schließlich entlassen wurde, war mein Gewicht auf 138 Pfund gesunken – und ich bin etwa gut 1,80 Meter groß. Mein Arzt gab später zu, er habe angenommen, ich würde dort aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr lebendig herauskommen.
Ich erinnere mich nicht allzu gut an meine Zeit im Krankenhaus, doch ich weiß, dass ich viel von meinem Kurzzeitgedächtnis verloren hatte, wahrscheinlich als Folge des hohen Fiebers.
(Wo wir gerade von überhitzten Gehirnen sprechen: Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, welche Ähnlichkeit zwischen den englischen Worten für schwitzen (engl. perspiration) und Erscheinung (engl. apparition) besteht? Beide enthalten zweimal I, zweimal P, fünf Selbstlaute, vier Silben ... und ein Zustand kann den anderen herbeiführen). Wer also waren diese Personen, die ich am Fußende meines Bettes zu Hause gesehen hatte? Waren sie Geistführer? Geistwesen? Schutzengel? Waren sie eine interdimensionale Gruppe von Beobachtern? Waren sie Erscheinungen, die durch mein Fieber verursacht worden waren – mit anderen Worten, eine Täuschung? Oder waren sie Erscheinungen, die in Wahrheit zwar existierten, die ich aber nur aufgrund meines Fiebers sehen konnte – das heißt, Wesenheiten, die auf einer Ebene innerhalb der (bis jetzt) 11 angenommenen Daseins-ebenen lebten (gemäß der heutigen Lehre von der Quantentheorie)?
Ich weiß es nicht. Eines aber ist gewiss: Wenn ich diese Besucher an dem Tag, als das Rasseln in meiner Brust war, nicht gesehen hätte, so hätte ich einfach nur meine Diät mit Safttrinken fortgesetzt und mich weiterhin warm angezogen – und wäre mit ziemlicher Sicherheit gestorben. Doch ich war noch nicht bereit gewesen, zu sterben. Ich hatte andere Pläne. Und vielleicht, nur vielleicht hatte ja auch noch jemand anderer oder etwas anderes irgendwelche Pläne für mich.
Auferstehung – die zweite
Zu der Berufsausbildung, die ich mir ausgesucht hatte, gehörte auch, dass ich schließlich als »externer Assistent« tätig sein musste; im Wesentlichen war dies eine Tätigkeit als Arzt im Praktikum in einer anerkannten Chiropraktiker-Praxis. Obwohl dieser Abschnitt in der Karriere eines neuen Chiropraktikers in vielfacher Hinsicht lohnend war, so war er doch nicht unbedingt das, was man lukrativ nennen würde. Wie die meisten Menschen nahm ich an, dass alle Ärzte wussten, wie man eine Praxis führt. Damit lag ich falsch. In der Praxis, in der ich anfing, gab es viele Dinge, von denen die Ärzte nichts wussten. An oberster Stelle stand das Verhalten gegenüber den Patienten. Wir hatten vereinbart, dass ich 50 Prozent der Einnahmen, die ich von meinen Patienten erhielt, als Gebühr an die Praxis bezahlen musste. Da sie allerdings schon ihre eigenen Patienten, sagen wir mal, nicht ganz königlich behandelten, war es nicht erstaunlich, dass sie meine sogar nur halb so gut behandelten. Und weil sie meine Patienten dementsprechend behandelten, kamen viele von ihnen nicht mehr wieder.
Mit einem Einkommen, das nur aus 50 Prozent meiner Einnahmen bestand, und einer unvorhersagbaren Anzahl von Patienten konnte ich kaum die Miete für das Büro und für meine Wohnung bezahlen. Je länger ich als Externer arbeitete, desto mehr Schulden hatte ich. Je mehr Schulden ich hatte, desto weniger konnte ich es mir leisten, wegzugehen – bis ich nach drei Jahren gehen musste –, andernfalls hätte ich meine Karriere ganz aufgeben müssen.
Also ging ich weg.
Ich zog jedoch auch ein paar Vorteile aus dieser Erfahrung. Einer meiner Patienten war zufälligerweise ein zentraler Verbindungspunkt zum Film Auferstehung, der – wie ich erwähnt habe – einer meiner Lieblingsfilme war. Eine andere Patientin war zufälligerweise Mitglied bei der Akademie für Filmkunst und Filmwissenschaft und sie nahm mich in jenem Jahr zu den Academy Awards mit. Da saß ich also auf der Balustrade und sah mir die Veranstaltung an. Als ich mich umdrehte, bemerkte ich, wie Ellen Burstyn, die nominiert worden war und die vorne im Hauptbereich ihren Sitzplatz hatte, sich direkt hinter mich setzte. Wie seltsam, dachte ich. An diesem Abend war mir vorher gar nicht aufgefallen, dass dieser Sitzplatz noch frei war.
Nach einer Weile stand sie auf und ging. Ich sah sie nie wieder persönlich und dachte auch nicht viel darüber nach, dass wir uns beinahe begegnet wären, genauso wenig wie über die anderen seltsamen Ereignisse, die sich in meinem Leben gezeigt hatten: die »Wesenheiten« am Fußende meines Bettes, die vorhergesagten Erdbeben, die Psychometrie, die Armbanduhren, die sich von selbst »reparierten«
Zumindest dachte ich zum damaligen Zeitpunkt nicht viel da-rüber nach, das tat ich erst 13 Jahre später, als die Heilungen begannen.
Der Geist von Melrose Place
Als Ex-Externer mit wenig Geld miete ich mir die erstbeste Lokalität, die zu meinem Budget passte: eine Zweizimmer-Wohnung die zu einem Dreizimmer-Apartment im Obergeschoss am Melrose Place umgebaut worden war und das ich mir mit zwei Psychologen teilte. Melrose Place – samt seinen drei Blöcken – wurde von vielen für eine der interessantesten und renommiertesten Straßen in Los Angeles gehalten, doch offensichtlich hatten die Leute, von denen diese Einschätzung stammte, meine neue Praxis noch nicht gesehen. Die Patienten dazu zu bringen, sich einen Treppenaufgang hinaufzubemühen, war nicht das einzige Problem. Wie jedem bekannt ist, bewegt sich niemand in L.A. ohne sein Auto, und Parkmöglichkeiten gab es am Melrose Place so gut wie gar keine – was mich dazu anregte, mit einigen Leuten, den Besitzern von vornehmen Antiquitäten- und Kunsthandlungen, Vereinbarungen über Parkmöglichkeiten zu treffen. Und so geschah es, dass meine Klienten, die größtenteils zu den gesellschaftlichen Aufsteigern gehörten, sich rühmen konnten, dass ihr Chiropraktiker einen Kundenparkplatz hatte.
Aber all dies passierte zu einem späteren Zeitpunkt. Am Anfang bestand mein größtes Problem darin, herauszufinden, wie ich dieses Apartment in eine brauchbare Praxis für einen Chiropraktiker verwandeln konnte. Nachdem ich eine Reihe von abgeteilten Räumen in merkwürdigen Formen entworfen hatte, schuf ich aus dem Schlafzimmer drei kleine Räume, wandelte den »Frühstücksraum« in einen Empfangsbereich um und zwängte einen Schreibtisch und eine Sprechstundenhilfe in den winzigsten Küchenbereich, den man sich vorstellen kann. Dann beauftragte ich einen Bauunternehmer mit der Arbeit.
Jeder, der schon einmal mit Bauen zu tun hatte, weiß, dass gearbeitet und gearbeitet wird und dass das Budget und der Zeitplan bei weitem überschritten werden. Schließlich ging mir das Geld aus, und ich konnte die Bank nicht davon überzeugen, mir noch mehr Geld zu leihen.
Jeden Morgen kam ich in meine halbfertige Praxis, um Patienten zu empfangen und zwei weitere Dinge zu tun: die Bank anzurufen, um sie zu überreden, mir mehr Geld zu leihen, und die Schrauben meiner neuen Lichtschiene festzuziehen. 27 Dollar hatten eine Lichtschiene und vier Leuchtröhren gekostet, aber die schöne Vorstellung einer integrierten Beleuchtung hatte sich bisher ebenso als Illusion herausgestellt wie die geschätzten Baukosten und das Fertigstellungsdatum des Bauunternehmers.
Aus irgendeinem Grund hatten sich die Schrauben dieser Lichtschiene jeden Morgen gut 2 Zentimeter aus der Position, in der sie fest angeschraubt waren, gelockert. Meine Praxis befand sich an der Ecke einer stark befahrenen Straße, daher kann es sein, dass die Schrauben durch die Erschütterungen des Verkehrs gelockert wurden. Wie dem auch sei, jeden Morgen musste ich die Schrauben wieder neu anziehen. Es war ein Kreislauf: Die Bank zog bei mir die Schrauben an, und ich zog die Schrauben auf meiner Lichtschiene an.
Eines späten Abends, nachdem meine »Belegschaft« (eine Frau, die so viel Zeit mit Nagelfeilen verbrachte, dass es mich überraschte, dass nicht alles, was sie berührte, mit Blut bedeckt war) zugeschlossen hatte und nach Hause gegangen war, war ich noch dageblieben, um einen Patienten zu behandeln, der später kommen sollte. Mir fiel eine Bewegung ins Auge, ich blickte auf und sah einen Mann, der durch den Flur und am Eingang zum Behandlungsraum entlangschlenderte. Ich wusste, dass der Haupteingang zum Apartment verschlossen war, es war also nicht möglich, dass jemand hereingekommen war. Doch ich sah diesen Mann ziemlich deutlich: Er war knapp 1,80 Meter groß, hatte ein rundes Gesicht und kurz geschnittenes, welliges Haar. Er trug einen grauen, gerippten Mantel und sah aus, als wäre er Ende 20 oder Anfang 30.
Ich wusste ohne den geringsten Zweifel, dass er ein Geistwesen war. Als ich dies am nächsten Morgen den Psychologen, die sich das Apartment mit mir teilten, erzählte, war ich verblüfft zu erfahren, dass beide bereits von diesem Besucher wussten. Sie hatten mir gegenüber nichts davon erwähnt, weil sie eine dritte Person gebraucht hatten, um die Miete zu teilen, und Angst gehabt hatten, dass mich die Vorstellung von einem Geist abschrecken würde.
In Wahrheit störte nicht mich der Geist, sondern es sah so aus, als würde ich ihn stören. »Zu viel Unruhe«, sagte ein Medium, das meinte, es könne den Geist dazu bringen, wegzugehen. »Ein Mensch pro Stunde wie bei den Psychologen macht ihm nichts aus, aber Sie bringen zu viele Fremde in seine Wohnung.«
Ich beobachtete, wie das Medium durch mein Apartment (meine Praxis) ging, die Stelle fand, an der sich der Geist seinem Gefühl nach die meiste Zeit aufhielt, und den Geist dann höflich davon in Kenntnis setzte, dass er tot sei. Anschließend sagte er ihm, er solle »in das Licht gehen« oder etwas in dieser Art. Das alles dauerte zirka 30 Sekunden. Dies geschah an einem Sonntagabend. Am nächsten Morgen kam ich in meine Praxis und sah meine Beleuchtungskörper an: Sie waren alle fest angeschraubt und blieben es auch, bis ich sie fünf Jahre später bei einem Ausbau der Praxisräume herunternahm. Dann klingelte das Telefon. Es war die Bank. Mein Kredit war genehmigt worden.
Neue Türen öffnen, das Licht einschalten
»Was hinter uns liegt und was vor uns liegt, sind Kleinigkeiten, verglichen mit dem was in uns liegt.«
Ralph Waldo Emerson
Die jüdische Zigeunerin von Venice Beach
Zwölf Jahre vergingen und in der Zwischenzeit hatte ich etwa die Hälfte der zweiten Etage am Melrose-Place-Gebäude für meine Praxis übernommen. Alles florierte. Die Praxis war mit acht Behandlungsräumen und Kundenparkplätzen ausgestattet, und Assistenten, Massagetherapeuten, Fußreflexzonenmasseure und so viele Patienten, wie ich annehmen konnte, erfüllten sie mit Leben. Doch gefühlsmäßig hielt ich all dem kaum stand.
Ich hatte gerade eine sechs Jahre dauernde Beziehung beendet, von der ich vollkommen überzeugt war, sie würde für den Rest meines Lebens bestehen bleiben. Irgendwie strauchelte ich seit der Trennung herum, nahezu unfähig, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Das einzige, was mir noch schwerer fiel, als jeden Morgen aufzustehen und in die Praxis zu gehen, war, mich während meiner Anwesenheit dort für die Patienten zusammenzureißen.
Als ob in meinem persönlichen Leben in dieser Zeit nicht ohnehin schon genug Veränderungen passieren würden, war ich zur selben Zeit dabei, eine vollkommen neue Belegschaft einzustellen. Eine äußerst kompetente Frau, die meine Praxis verwaltet hatte, zog zu ihrem Freund in eine andere Gegend des Landes. Der Zeitpunkt dieses Umzugs fiel zusammen mit zwei weiteren Kündigungen, die miteinander abgesprochen worden waren. In kurzer Zeit musste ich einen Neuanfang machen. Ich brauchte jetzt zwei Personen, um die Büroverwalterin zu ersetzen, die ausgeschieden war – eine Person für die Erledigung der Dinge im Hintergrund, wie Versicherungsabrechnungen, medizinische Gutachten und Korrespondenz; und eine weitere als Verbindungsperson zu den Patienten und für den Praxisbetrieb, der so genannten Rezeptionsarbeit.
Wie in einer Broadway-Show (oder in diesem Fall einer Seifenoper) musste der Betrieb weitergehen, und deswegen begann ich, mit Leuten Vorstellungsgespräche für die Stelle an der Rezeption zu führen. Als Merkmal einer Empfangsdame hatte ich immer »Persönlichkeit« geschätzt, denn eine umgängliche Persönlichkeit an der Rezeption stellt eine Verbindung zu den Patienten her und eine starke Persönlichkeit verhindert, dass es mir langweilig wird.
Ich hatte noch nicht viel Erfahrung mit dem Einstellen von Mitarbeitern, und daher kam ein Freund, der dies beruflich machte, um die Vorstellungsgespräche mit mir gemeinsam durchzuführen. Noch ein oder zwei Menschen halfen bei dem Auswahlverfahren. Als wir die Bewerber durchgingen, blieb mir – ebenso wie den anderen – eine Frau besonders im Gedächtnis. Ob Sie es glauben oder nicht, sie sah aus, hörte sich an und sie benahm sich wie die Frau in der Rolle der Fran Drescher in der Fernsehsendung Die Nanny: Sie war groß, dunkelhaarig und attraktiv, sie hatte eine lockere Einstellung, einen schrillen, nasalen New Yorker Akzent und eine Stimme, die Diamanten hätte zerschneiden können. Sie war eine Nicht-weiter-nach-Karriere-strebende Schauspielerin (falls es so etwas gibt).
Alle sagten: »Stell sie nicht ein. Stell diese Frau nicht ein.« Doch ich hatte das Gefühl, sie sei die Richtige. Zum einen hatten ihre Augen etwas an sich, was mich an Bubba erinnerte. Und zum anderen konnte ich nicht glauben, dass so ein Mensch wirklich existierte. Ich versuchte mir ihre Anstellung ein letztes Mal auszureden und auf die Stimmen derer zu hören, die Erfahrung mit solchen Dingen hatten und gekommen waren, um mir bei der Auswahl einer kompetenten Belegschaft für meine Praxis zu helfen, doch ich war fasziniert von ihr. Es war sinnlos, die Angelegenheit durch logische Argumente zu beschönigen.
Es entwickelte sich zwischen uns in der Folge eine Beziehung, die wahrlich von Hassliebe geprägt war. Ich liebte sie. Die Patienten hassten sie.
Eines Tages verkündete sie, dass mir bei all dem Stress, dem ich ausgesetzt war, ein Tag am Strand gut tun würde. In Wirklichkeit meinte sie damit, dass sie an den Strand gehen und nicht ihr eigenes Geld für Benzin ausgeben wollte, aber was soll’s. An diesem Sonntag gingen wir an den Strand von Venice Beach. Einige Zeit ruhten wir uns einfach im Sand aus, dann verschwand sie. Als sie zurückkam, sagte sie: »Dort drüben ist eine Frau, die Karten legt. Du musst dir unbedingt von ihr die Karten legen lassen.«
Ich hatte überhaupt nichts dagegen, die Karten gelegt zu bekommen, doch ich wäre lieber zu jemandem mit einer besseren Empfehlung gegangen.
»Ich möchte mir nicht die Karten von irgendeiner dahergelaufenen Person am Strand legen lassen«, erwiderte ich.
Wenn sie eine so wunderbare Kartenlegerin wäre, würden die Leute sie aufsuchen, dachte ich mir. Sie würde nicht einen Kartentisch, Tischtuch, Stühle und sonstige Ausrüstung an einen überfüllten Strand schleppen, nur um Leute herbeizuwinken, damit sie ihnen die Karten legt.
Doch meine Empfangsdame drängte und schubste mich in genau ihrer Nanny-Art. Ein Blick in ihre Augen sagte mir, dass jeder weitere Protest vergeblich sein würde. Schließlich gestand sie mir, sie habe diese Frau auf einer Party kennen gelernt und ihr gesagt, dass wir heute am Strand sein würden. »Es würde mich sehr in Verlegenheit bringen, wenn du dir nicht die Karten legen lässt«, jammerte sie und runzelte dabei die Stirn. »Biiiiiitte ...«
Ich gab nach und folgte Nanny durch den heißen Sand den Strand entlang, um diese Frau zu sehen. Dort saß sie an einem Tisch, ihre Karten genau in der Art ausgebreitet, wie es meines Erachtens zu einer Zigeunerin passte. Nachdem wir uns vorgestellt hatten, sagte sie »Bubbelah, ich deute die Karten für 10 Dollar oder für 20 Dollar.«
Bubbelah? Gab es wirklich so etwas wie eine jüdische Zigeunerin?
Ich war mit nur 20 Dollar in der Tasche zum Strand gekommen. Als ich daran dachte, wie hungrig ich war, sagte ich: »Ich nehme die 10-Dollar-Sitzung.«
Im Austausch für mein Geld erhielt ich eine nette, wenngleich nicht wirklich erinnerungswerte Deutung der Gegenwart. Als sie fertig war, sagte die Frau, fast so, als wäre es ihr nachträglich gerade noch eingefallen: »Es gibt da eine ganz besondere Arbeit, die ich mache. Sie verbindet die Meridianlinien des Körpers mit den Gitternetz-Linien des Planeten, was uns wiederum mit den Sternen und den anderen Planeten verbindet. Sie meinte, dass dies etwas sei, was ich als Heiler brauchen würde. Sie sagte auch, dass ich es in einem Buch namens Das Buch des Wissens: Die Schlüssel des Enoch von J. J. Hurtak nachlesen könne. Dies alles hörte sich ganz interessant an und so stellte ich die Frage: »Wie viel kostet es?« Sie sagte: »333 Dollar«, ich sagte: »Nein danke.«
Das ist genau die Sache, vor der in den Abendnachrichten gewarnt wird. Ich konnte schon den Ansagetext hören: »Jüdische Zigeunerin nimmt 333 Dollar von einem arglosen Chiropraktiker ... « Mein Foto mit dem darunter geschriebenen Wort Naivling oder Einfaltspinsel flackerte über den Bildschirm. »... überzeugt einen Arzt, ihr zusätzlich ein Leben lang 150 Dollar pro Monat zu bezahlen, um für seinen Schutz Kerzen anzuzünden ...«, der ganze Film um 23 Uhr. Ich fühlte mich schon allein deshalb erniedrigt, weil ich dies überhaupt in Erwägung gezogen hatte. Meine Empfangsdame und ich verließen den Strand, um auf einfallsreiche Weise ein 10-Dollar-Abendessen für zwei zusammenzustellen.
Sie glauben vielleicht, dies wäre das Ende der Geschichte gewesen, doch der Verstand arbeitet auf geheimnisvolle Weise. Mir gingen die Worte dieser Frau nicht mehr aus dem Kopf. Ich ertappte mich dabei, wie ich in den letzten Minuten einer Mittagspause zum Bodhi-Tree-Buchladen ging, der in der Nähe meiner Praxis war, und den Versuch machte, rasch das Kapitel 3.1.7 in: Das Buch des Wissens: Die Schlüssel des Enoch durchzulesen. (Dies war das Kapitel, das mir an jenem Tag am Strand empfohlen worden war.) Die größte Lektion dieses Tages war allerdings: Wenn jemals ein Buch geschrieben worden ist, das man nicht mal eben schnell durchlesen konnte, dann war es ganz sicher dieses. Doch ich hatte genug gelesen. Es verfolgte mich von da an so lange, bis ich aufgab. Ich warf meine Bedenken über Bord und rief die Frau an.
Ihre Behandlung sollte an zwei Tagen erfolgen, mit zwei Tagen Pause dazwischen. Am ersten Tag gab ich ihr mein Geld, lag auf ihrer Massageliege und lauschte meinen widerstreitenden Gefühlen und Gedanken, während sie den Raum verdunkelte und ein New-Age-Musikgeklimper auflegte. Dies ist das Dümmste, was ich je getan habe, dachte ich insgeheim. Ich kann nicht glauben, dass ich einer völlig fremden Person so viel Geld zahle, damit sie mit ihren Fingerspitzen Linien auf meinem Körper zeichnet. Als ich dort lag und daran dachte, welchen guten Verwendungszweck dieses Geld gehabt haben könnte, überkam mich plötzlich eine Welle der Erkenntnis und ich hörte mich denken, Nun, du hast ihr das Geld bereits gegeben. Du könntest jetzt auch mit dem negativen Gequatsche aufhören und dich für das öffnen, was auch immer es ist, das du hier empfangen kannst. Also lag ich da, ruhig, bereit und offen. Als es vorüber war, verkündete mir mein Verstand, dass ich nichts erfahren hatte. Absolut gar nichts. Allerdings war ich scheinbar der einzige im Raum, dem dies bewusst war. Die Frau richtete mich auf, als hätte sich die Erde bewegt und würde schwanken, und sie sagte mir, ich solle mich an ihr festhalten, während sie mich nun langsam in ihrem Wohnzimmer herumführte.
»Erden Sie sich«, wies sie mich an. »Kehren Sie in Ihren Körper zurück.«
Und dann hörte ich sie: diese kleine, nicht ganz so ruhige Stimme in meinem Kopf, die sagte: Liebe Dame, ich weiß nicht, was sich Ihrer Meinung nach hier abgespielt hat, aber ich habe es verpasst, ich habe nichts davon mitbekommen.
Da ich für beide Sitzungen bezahlt hatte, beschloss ich, dass ich genauso gut am Sonntag zur zweiten Sitzung wiederkommen könnte. Wie auch immer, die merkwürdigsten Dinge trugen sich dann in jener Nacht zu. Etwa eine halbe Stunde, nachdem ich schlafen gegangen war, ging die Lampe neben meinem Bett – die ich schon seit zehn Jahren besaß – von selbst an und ich erwachte mit einem Gefühl, dass definitiv andere Personen in meinem Hause anwesend waren. Daher stand ich mutig auf und durchsuchte – bewaffnet mit einem Tranchiermesser, einer Dose Pfefferspray und meinem Dobermann-Pinscher – das Haus. Doch ich fand niemanden. Dann ging ich mit dem äußerst unheimlichen Gefühl, dass ich nicht allein war und dass ich beobachtet wurde, wieder ins Bett.
Meine nächste Sitzung begann zuerst ziemlich genau so wie die erste. Es zeigte sich jedoch bald, dass es alles andere als das sein würde. Meine Beine wollten nicht ruhig liegen bleiben. In meinen Beinen war dieses Schütteln, von dem manche Menschen alle Jubeljahre einmal mitten in der Nacht heimgesucht werden. Bald breitete sich dieses Gefühl über meinen ganzen Körper aus, begleitet von nahezu unerträglicher Kälte. Alles, was ich tun konnte, war, ruhig liegen zu bleiben. So gern ich auch auf und ab gesprungen wäre und die Gefühle aus jeder Zelle meines Körpers herausgeschüttelt hätte, ich wagte nicht, mich zu bewegen. Warum? Weil ich der Frau mehr Geld gegeben hatte, als ich normalerweise in einer Woche für Lebensmittel ausgab und weil ich die Erfahrung für jeden einzelnen Penny herausholen wollte – darum.
Endlich war die Sitzung zu Ende. Es war ein drückend heißer Tag im August, und wir hielten uns in einem Apartment ohne Klimaanlage auf. Dennoch war mir so kalt, als wäre ich erfroren, meine Zähne klapperten, während diese Frau sich beeilte, mich in eine Decke einzuhüllen, unter der ich dann etwa fünf Minuten lang liegen blieb, bis sich meine Körpertemperatur wieder normalisiert hatte.
Jetzt war ich verändert. Ich verstehe nicht, was geschehen war, und ich könnte auch unmöglich versuchen, es zu erklären, jedoch war ich nicht mehr derselbe Mensch wie vier Tage zuvor. Irgendwie schaffte ich es bis zu meinem Auto, das scheinbar von alleine den Weg nach Hause fand.
Ich habe keine Erinnerungen an den Rest dieses Tages. Ich kann Ihnen auch nicht mit Sicherheit sagen, ob der Rest dieses Tages überhaupt stattgefunden hat. Alles, was ich weiß, ist, dass ich am nächsten Morgen wieder an meinem Arbeitsplatz war.
Meine Odyssee hatte begonnen.
Бесплатный фрагмент закончился.
