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Eckhard Lange

Lübeck - ausgeplaudert

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Der Anfang: Das deutsche Liubice

2. Zu Besuch in Lubeke

3. Lübeck und die hohe Politik

4. Lübeck – Stadt der Kaufleute

5. Lübeck – Stadt der sieben Türme

6. Dänenherrschaft – Fremdherrschaft?

7. Lübeck – Boomtown des 13. Jahrhunderts

8. Noch einmal: Lübeck als Stadt des Reiches

9. Lübeck – Zentrum des Fernhandels

10. Lübeck und die Hanse der Städte

11. Lübeck und seine Geistlichkeit

12. Lübeck und der „tolle Bischof“

13. Die Hanse und die Dänen

14. Frieden nach außen, Eintracht im Innern?

15. Von Höllenangst und Seelenheil

16. Hinter Lübecks Türen

17. Widrige Zeiten für die Stadt

18. Auf Lübecks Baustellen

19. An der Wende zu einer neuen Zeit

20. Non vi sed verbo – ohne Gewalt, nur durch das Wort

21. Sehnsucht nach verlorener Größe

22. Auf dem Weg durch schwierige Zeiten

23. Und täglich grüßt der Streit ums Geld

24. Den rechten Glauben, Herr, ich mein...

25. Außen hui und innen pfui? Lübeck schminkt sich

26. Das 18. Jahrhundert - Zeit des Wandels

27. Frauenpower trifft Biedersinn

28. Die geschundene Stadt

29. Lübeck, Stadt des Reiches - aber des französischen

30. Kleine Stadt - was nun?

31. Die im Dunkeln sieht man nicht

32. Die Vorstädte: Gartenhäuser, Fabriken, Wohnsiedlungen

33. Im Schlepptau der großen Politik

34. ... Brüder, zur Sonne, zur Freiheit...

35. Herrlichen Zeiten entgegen: Von Hafen bis Hochofen

36. Ein Hoch auf den Fortschritt!

37. Lübecks berühmte Söhne

38. Lübeck und der große Krieg

39. Zwischen Hoffen und Hungern: die Jahre von Weimar

40. Rot gegen Braun, Braun gegen Rot

41. Höre Israel, Jahwe ist unser Gott, Jahwe allein

42. Gott hat mit mächtiger Stimme gesprochen

43. Die Jahre nach der Stunde Null

44. Wiederaufbau - aber wie?

45. Die letzten Jahrzehnte

46. Was hätten wir eigentlich ebenfalls erzählen müssen?

47. Lübeck im Zeitraffer

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Impressum neobooks

1. Der Anfang: Das deutsche Liubice

Der Anfang? Nun ja, das ist meist so eine Sache für die Historiker. Eigentlich hat ein Anfang stets zwei feste Größen: ein Datum und einen Ort. Dabei sind die Daten oft nur noch bloße Schätzungen beim Blick in das Dunkel vergangener Zeiten. Aber ein Ort sollte doch wenigstens lokalisierbar sein. Oder?

Lübeck jedoch hat gleich jeweils zwei davon, denn zwei Orte tragen diesen geschichtsträchtigen Namen: ein Hügel dort, wo die Schwartau in die Trave fließt. Und ein etwas größerer und höherer an jener Stelle, wo die Wakenitz dasselbe macht: in die Trave münden. Und die Daten? Wenigstens wissen wir das – nun, sagen wir etwas vereinfachend – das Sterbedatum des ersten, des alten Lübeck: 1138 nach Christi Geburt. Und wenn wir Helmhold von Bosau trauen dürfen, lautet das Geburtsjahr des zweiten, des neuen, des heutigen Lübeck 1143. Davon ist also zu berichten. Doch genau genommen ist das noch nicht alles. Denn eigentlich wurde Lübeck gleich viermal gegründet, und das an drei verschiedenen Plätzen. Das müssen wir noch erklären. Später!

Angefangen hat alles mit verwegenen Typen, Nobodys nach damaliger Rangordnung. Wagemutige Händler waren schon seit längerem über die Grenze des fränkischen Königreiches hinaus auf abenteuerliche Reisen gegangen. Auch wenn man im Reich weithin von dem lebte, was Ackerboden, Wald und eigene Geschicklichkeit erzeugten, es gab genug Herren im Land, die sich gerne mit exotischen Dingen schmückten. Und die galt es für die Kaufleute weiter im Norden zu erwerben. Schwert oder Spieß in der Hand und den Beutel mit den Silbermünzen am Gürtel, so zogen sie in verschworener Gemeinschaft über Land, Konkurrenten zwar, aber doch auf einander angewiesen in der Fremde. Das mit dem Schwören ist also durchaus wörtlich zu nehmen.

Ziel war die Ostsee, denn dort hausten nicht nur slawische Bauern und Fischer, sondern hier und da an der Küste hatten sich ebenso wagemutige Nordmänner niedergelassen, die mit ihren schlanken Schiffen allerlei Waren aus fernen Ländern herbeischafften – aus den Weiten Russlands, das damals noch nicht so hieß, aus dem reichen Konstantinopel, das heute Istanbul heißt, und sogar dem geheimnisvollen China. Rerik, irgendwo nahe der Insel Poel gelegen, war solch ein Hafen der Wikinger, ehe sie mit Hab und Gut nach Haithabu an der Schlei auswichen. Und vor allem auf Gotland lebten und handelten die Nordmänner. Da lohnte es sich, selber ein Schiff zu besteigen.

So war es ein Segen für die deutschen Kaufleute, dass ein mächtiger Slawenfürst, der eine Burg an der Trave bewohnte, dort, wo die Schwartau in den Fluß mündete, sich dem Christenglauben zugewandt hatte, vorsichtig genug angesichts seiner heidnischen Untertanen. Sogar eine steinerne Kirche stand nun im Ringwall seiner Burg, und nicht nur Priester, sondern auch deutsche Händler ließ er ins Land. Sie bauten ihre Hütten aus Holz, Lehm und Reetdächern am anderen Ufer, gegenüber der slawischen Siedlung, und beide pro-fitierten voneinander. Aber der ständige Streit zwischen den Sachsen und ihren slawischen Nachbarn, die Überfälle durch andere wendische Fürsten brachten ebenso Gefahren mit sich wie Stürme und Seeräuber auf der Ostsee. Und das Jahr 1138 wurde dann zur Katastrophe: Ranen überfielen diese Siedlung, die sich Liubice nannte, plünderten sie und brannten sie nieder. Burg und Kirche blieben als Trümmerhaufen zurück.

Die Deutschen dort waren also wieder einmal auf der Flucht, die Mutigsten ließen sich weiter flussaufwärts nieder, da, wo statt der sumpfigen Uferzonen ein lehmiger Hügel ans Wasser stieß und der feste Strand es erlaubte, die Boote an Land zu ziehen. Zu den slawischen Fischern, die in der Nachbarschaft lebten, hielt man eher Abstand. Als Kunden kamen sie eh nicht in Frage, und das mühselige Missionieren sollten lieber fremde Priester übernehmen. Ihr eigener hatte sein hölzernes Kirchlein, dem heiligen Nikolaus geweiht, oben am Rande des Steilhangs gezimmert. Holz bot der Hügel genug, nicht umsonst hatten die Slawen ihn Bucu – also Buchenwald - genannt. Und der Priester las die Messe ebenfalls lieber seinen deutschen Schäflein als den unverständigen Heiden mit ihren Götzen.

Aber auch hier war wenig Frieden, so wie ihn doch ein Kaufmann braucht, um seinen Handel zu treiben. Zwar hatte schon der große Kaiser Karl einen weiten, unbewohnten Landstrich entlang der oberen Trave zur Grenze erklärt, und sowohl die Sächsischen als die Slawischen hatten jeweils Ringwälle aufgeworfen zum Schutz gegen die Nachbarn, doch Ruhe gab es selten an diesem Limes Saxoniae, wie ihn die Chronisten gerne nannten. Mal zogen die Deutschen gen Osten, um slawische Dörfer niederzubrennen, mal waren es die Slawen, die plündernd und mordend ins Reich eindrangen. Alle Vereinbarungen hielten nicht lange, und die Versuche, den heidnischen Nachbarn den wahren Glauben - und damit auch den Gehorsam gegen die christlichen Herrscher – beizubringen, scheiterten am Starrsinn der Götzendiener. Und wohl auch an ihrer Freiheitsliebe. Und nicht zuletzt daran, dass sie nicht begreifen wollten, dass diese Herrscher von ihnen Abgaben verlangten. Und ihre Priester ebenfalls. Wer teilt schon gerne!

Da erschien eines Tages ein junger Adliger im Grenzland: Adolf von Schauenburg, seines Zeichens Lehnsmann des ebenso jungen, aber energischen Sachsenherzogs Heinrich, der sich stolz 'der Löwe' nannte. Der hatte dem Schauenburger nicht nur die Grafschaft im Gau der Holsten und der Stormarner bestätigt, sondern ihm auch die slawischen Gebiete jenseits der alten Grenze übertragen, damit er endlich dort Ordnung schaffen sollte. Und Adolf erkannte, es würde nicht reichen, ständig Strafexpeditionen auszurichten, befriedet wäre dieses Land erst, wenn es auch von Siedlern aus dem Reich unter den Pflug genommen würde. Platz für beide, Deutsche und Slawen, gab es genug.

So kam der junge Graf an einem schönen Sommertag Anno Domini 1143 hoch zu Roß von Segeberg herüber, um das Slawenland zu erkunden. Und als er den Hügel Bucu entlang ritt, erkannte sein scharfer Blick, dass er einen strategisch hervorragenden Platz vor sich hatte. Denn der Höhenzug war eine langgestreckte Halbinsel, im Osten von der Wakenitz umflossen, ehe sie sich an seiner Südspitze in die Trave ergoß. Sumpfgebiete an beiden Seiten boten weiteren Schutz, und dort, wo eine schmale Landzunge den Zugang von Norden her ermöglichte, hatten ihn schon slawische Herrscher mit einer Burg gesichert. Allerdings: der ringförmige Erdwall bot kaum noch Schutz, die hölzernen Palisaden darauf waren längst vermodert. Aber der Platz war gut gewählt. Denn hier mußte der alte Handelsweg vorbei, der aus Bardowiek kam, der letzten Stadt auf dem Boden des Reiches südlich der Elbe. Von einer Furt über die Wakenitz führte er den Höhenrücken entlang nordwärts, war also an dieser Landenge leicht zu überwachen. Und auch die kleine Siedlung der deutschen Kaufleute bot einen besseren Hafenplatz als im alten Liubice, das dem Grafen wenig ausbaufähig erschien.

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Ein Trupp Reiter nähert sich von Norden her. Hinter dem jungen Mann an der Spitze trägt ein Knappe das Fähnlein mit dem Wappen des Grafen von Schauenburg, seit kurzem zum Grafen von Holstein ernannt. Eben hebt Graf Adolf die Hand, zügelt sein Pferd und schaut sich um. Der Hügel hat sich zu einem schmalen Grat verengt, zu beiden Seiten schimmert Waser herauf.

„Wo sind wir?“ fragt er einen seiner Begleiter. „Vor dem Hügel, den die Slawen hier Buku nennen, Herr.“ - „Und dort vorne, ist das ein Burgwall?“ - „Ja, Herr, dort herrschte einst Fürst Kruto, der Feind Gottes. Er strafe seine Seele im ewigen Feuer.“

Der junge Graf lächelt: „Aber ein gutes Auge hatte dieser Kruto, mein Lieber. Wenn dieser Weg hier geradewegs über den Hügel hinweg nach Bardowiek führt, kommt niemand ungesehen vorbei. Und wohl auch ungeschoren. Ich will mir diesen Hügel einmal genauer anschauen.“

Der Trupp setzt sich in Bewegung, der kaum noch erkennbare Weg führt durch lichten Wald auf die Höhe des Hügels, dann zweigt ein Pfad zur Rechten ab. Der Graf schwenkt ein, reitet den Hang hinunter. Und stutzt: einige Holzhäuser stehen dort, und dahinter liegen Langschiffe, auf einen schmalen Strand gezogen.

Die Reiter haben das Ufer der Trave erreicht. Ein Mann in den Kleidern der Sachsen tritt aus einer Tür, schaut auf den Wimpel und zieht dann ehrerbietig die Kappe: „Seid uns willkommen, Graf Adolf!“ Der Graf springt vom Pferd: „Wer begrüßt mich hier so freundlich?“ will er wissen.

„Wir sind Kaufleute aus dem Reich,“ antwortet der Sachse, „wir hatten Siedlung und Hafen in Lubice, weiter flußabwärts, bis es überfallen und zerstört wurde. Nun haben wir uns hier niedergelassen. Und es ist ein viel besserer Hafen, wie Ihr seht, auch bietet der Hügel uns Schutz, wird er doch fast ganz von Wasser umflossen und von sumpfigen Ufern gesäumt. Ihr müßtet nur die Burg wieder aufbauen und mit Euren Mannen besetzen. Wenn es erlaubt ist, Euch einen Ratschlag zu geben.“ Adolf blickt ihn nachdenklich an: „Du hast recht, Freund. Und der Hügel ist groß, dorthin könnten wir Siedler holen aus dem Reich, Händler, Handwerker. Dann wird hier dein altes Lubice neu entstehen, größer und schöner - als Stadt des Reiches unter meinem Schutz. Und ihr Kaufleute werdet die ersten sein in dieser neuen Stadt!“

War es so? Oder war es so ähnlich? Vielleicht.

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Adolf beschloß also, nicht nur bäuerliche Siedler ins Land zu rufen, sondern auch Stadtgründer zu werden. Einen Namen gab es ja schon: Die Händler hatten ihn gleich mitgenommen: Liubice. Das neue, das deutsche Liubice war geboren, zunächst nur im Kopf des jungen Grafen, aber bald auch auf dem buchenbestandenen Hügel.

Denn nicht nur die Fernkaufleute aus dem Reich ließen sich hier nieder, ebenso strömten Handwerker aus Sachsen und Westfalen, selbst aus dem fernen Flandern und Friesland in die neue Stadt, und die gräflichen Ministerialen steckten Straßenzüge und Grundstücke ab, verteilten Genehmigungen zum Holzeinschlag, ließen einen großzügigen Markt anlegen dort, wo der Hügel die größte Höhe erreichte, teilten dem Bischof aus dem entlegenen Oldenburg Land zu, damit neben dem Markt eine dem heiligen Petrus gewidmete Kirche errichtet werden konnte und bald auch auf dem Markt selbst eine zweite, die den Namen der Gottesmutter tragen sollte.

Die verfallene Burg wurde für den vom Grafen eingesetzten Stadtvogt ebenfalls wieder hergerichtet, die Wälle erhöht, neue Palisaden eingerammt, und ein Tor sperrte den Zugang über die schmale Landzunge. Noch aber war längst nicht der ganze Hügel bebaut, zwischen Burg und Siedlung dehnten sich Wald und Heideflächen, ebenso lag das alte Kirchlein des Heiligen Johannes einsam am Südende auf der Höhe.

2. Zu Besuch in Lubeke

Schauen wir uns im Geiste ein wenig um in dieser neuen Stadt. Nein – dabei nur nicht an das heutige Lübeck denken! Backsteingiebel? Fehlanzeige! Aus gebrannten Ziegeln hat man bislang nur ein paar Treppenstufen, die außen zu einem hölzernen Keller führten, gefunden aus diesen Anfangsjahren. Und letztens auch das Fundament eines Hauses, tief unten am Fußes des Hügels, auf dem die Petrikirche steht. Dennoch: Da stehen keine steinernen Häuser dicht gedrängt, sondern hier ein Gebäude aus Bohlen, dort eines mit hölzernen Ständern und Wänden aus lehmbeworfenem Weidengeflecht. Geflochten auch die Zäune, die die weitläufigen Grundstücke voneinander trennten, damit die Schweine und Ziegen nicht zum Nachbarn entliefen.

Die Straßen, die vom Hügel herab schnurgerade zum Hafen führten, waren meist schlammig und unangenehm riechend, weil allerlei Unrat dorthin entsorgt wurde, denn nicht jeder Neusiedler hatte sich eine Kloake auf dem Hof gegraben, mit Balken oder Feldsteinen versteift und sorgsam abgedeckt, damit niemand in der Dunkelheit hineinstürzen konnte. Ställe und Werkstätten auf den Gehöften ergänzten das Bild – und an manchen Stellen turmartige hölzerne Gebäude, die keine Wohnung enthielten, sondern gut gesicherte Speicher waren für die wertvollen Handelswaren, die nun aus aller Herren Ländern hierher gelangten.

Jenseits der hölzernen Palisade, die die neue Stadt schon bald umschließt, zur Trave hin, liegen auf das Ufer gezogen vor den Hütten der Schiffsleute: Langschiffe nach Wikingerart, aber breitbauchiger für den Transport der Güter, daneben sind Riemen und Masten sorgsam gelagert. Träger eilen hin und her, schleppen Stoffballen, vor allem aber unzählige Tonnen, jene Allzweck-Container des Mittelalters. Hier und dort auch ein Haus, in dem für die Hungrigen und Durstigen Bier oder Brei in hölzernen Gefäßen angeboten wird – und gelegentlich auch andere Dienste, begehrt nach Tagen der Enthaltsamkeit auf der See. Davor hocken Schifferknechte beim Spiel und verwürfeln ihren bescheidenen Lohn, statt ihn zu vertrinken.

Aber auch Kaufleute gehen gemessenen Schrittes zum Tor in der Palisade, vielleicht in eifrigem Gespräch mit einem Schiffsführer oder einem anderen Händler.

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Hinrich, seines Zeichens lübischer Kaufmann, trat aus seinem breiten Hallenhaus, oben gleich unterhalb der hölzernen Kirche, die der Heiligen Jungfrau geweiht war. Es hatte wieder einmal tagelang geregnet, und der Weg hinab zum Hafen war schlammig. Da nützten auch die hölzernen Trippen mit ihren Stelzen nicht viel, die er unter seine Lederschuhe gebunden hatte.

Doch als er seinen Nachbarn Johann von Soest traf, der ebenfalls zu den Schiffen hinab wollte, hatte er andere Sorgen: „Dieser Morast hier ist höchst unerfreulich,“ sagte er, kaum dass die beiden einen Gruß gewechselt hatten. „Es ist schon bei trockenem Wetter mühevoll genug, wenn unsere Männer die Waren mit dem vollbeladenen Karren den Weg hinaufziehen müssen. Aber heute scheint es ganz unmöglich zu sein.“

„Ja, Hinrich, das mag wohl sein. Doch muß es so bleiben?“ Der Kaufmann blickte den anderen fragend an. „In meiner Heimat Soest gibt es viele Moore rings herum, und dennoch kann man sie überqueren. Die Leute dort haben mit Stämmen und Knüppeln einen festen Damm errichtet und etwas Erde darauf geschüttet. Da kannst du trockenen Fußes den Morast überqueren. Sollte das nicht auch auf unseren Straßen möglich sein?“

Hinrich schlug dem Freund kräftig auf die Schulter. „Du hast recht. Doch das geht nur, wenn alle hier in der Straße mitmachen. Ich werde deinen Vorschlag gleich in der nächsten Versammlung der Verschworenen vortragen. Sie haben das Recht, solche Arbeiten anzuordnen, wenn sie dem Wohl der ganzen Gemeinde dienen.“ Und so geschah es auch.

War es so? Oder war es so ähnlich? Vielleicht.

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Sie haben dafür gesorgt, dass statt des schlammigen Weges ein fester Knüppeldamm hergerichtet wurde, um darauf bis zum Markt zu gelangen mit den zweirädrigen Karren. Angeboten wurden dort oben all die Dinge des täglichen Bedarfs, weil die Stadt inzwischen Marktrecht hatte, die kostbaren Waren der Fernhändler dagegen lagerten sicher verwahrt in den Kellern, Speichern und auf den Böden.

Noch fuhren die meisten Kaufleute selber hinaus auf den Schiffen, an deren Besitz sie beteiligt waren, die aber auch Waren anderer Händler beförderten. So teilte man das Risiko; denn die Gewinnspannen waren zwar gewaltig, aber die Gefahren, Schiff und Ladung zu verlieren, nicht minder.

Besonders die Tuche mussten in einer besonderen Halle neben dem offenen Markt angeboten werden, zu kostbar waren die Stoffe, und vor allem brachte ihr Handel Steuern ein, die es zu kontrollieren galt. Zugleich aber treffen sich in dieser Halle jene Männer, die vom Stadtvogt ausgewählt waren, all das zu kontrollieren: die Ordnung auf dem Markt, den Einzug der Abgaben, den Zustand der Palisaden und Tore, die Ausstattung der Kirchen. Noch gilt diesseits und jenseits der Stadtgrenzen das gleiche Landrecht des Fürsten, aber bald ringen jene ersten Vertreter der Bürgerschaft ihrem Stadtherrn, zunächst Graf Adolf und dann Herzog Heinrich, mancherlei Befugnisse ab, um selbst über die Stadt zu bestimmen. Und im Jahre 1160 verleiht der Herzog seiner Stadt Lubeke auch ganz offiziell das Stadtrecht, wie es in Soest schon galt und den Bürgern Selbstverwaltung zugestand. Aus den beauftragten Bürgern, Fernhändler zumal, waren jetzt Ratmänner geworden: Männer, die für die Geschicke der Stadt im Inneren wie im Äußeren Verantwortung trugen, auch wenn der Herzog Stadtherr blieb und allerlei Abgaben verlangte. Aber die Mitglieder des Rats wählten sich nun ihre Bürgermeister selbst, und aus der Tuchhalle wurde so etwas wie ein erstes Rathaus, wo sich ein ehrbarer Rat versammelte.

Lubeke – so nannte man übrigens die Stadt an der Trave inzwischen im Reich. Wer will schon gerne einen slawischen Namen tragen, der für die deutsche Zunge zudem nur schwer auszusprechen war!

3. Lübeck und die hohe Politik

Neben all den Luxuswaren gab es seit langem ein Handelsgut, das nicht nur bei den Reichen begehrt war im Reich: Getrockneter oder gesalzener Fisch. Denn er konnte jene Nahrungsmittel aus dem Fleisch von Tieren ersetzen, deren Genuß allen Christenmenschen an den Fastentagen untersagt war – und davon gab es viele, nicht nur die vierzig Tagen vor dem Osterfest, sondern auch zu anderen Zeiten und an jedem Freitag ohnehin, weil er an die Kreuzigung des Herrn erinnerte. Schon lange war auf dem Handelsweg von Bardowiek, der letzten großen Stadt des Frankenreiches, über Liubice und die Ostsee Hering in großen Mengen nach Süden verbracht worden. Aber er wollte zunächst einmal gesalzen werden, und dieses wichtige Produkt mussten die Skandinavier aus dem Reich, genauer: aus Lüneburg einführen. So wanderten tausende Salztonnen hin und her – mit dem weißen Gold nach Norden und den gut gesalzenen Fischen zurück nach Süden. Und bald lief Lübeck dem sächsischen Bardowiek den Rang ab: Denn hier trafen nun Land- und Seeweg zusammen, hier wurde umgeschlagen und entsprechend Gewinn gemacht.

Herzog Heinrich sah es mit wachsendem Unmut, denn die entsprechenden Steuern kassierte jetzt nicht mehr der herzogliche Vogt in Bardowiek, sondern Graf Adolf als Stadtherr von Lübeck. Nun war der Schauenburger zwar Lehnsmann des Herzogs, doch teilen wollte er den Gewinn nicht, im Gegenteil: Im nahen Oldesloe fanden sich Salzquellen, so wurde auch Lüneburg und damit wiederum der Herzog geschädigt. Aber Heinrich hatte ein wirksames Mittel in der Hand, ohne dass er zur Waffe greifen mußte: die Privilegien Lübecks. Er hatte sie ausgestellt in Vertretung des Kaisers, also konnte er sie auch wieder zurücknehmen. So verbot er 1156 der Stadt den Fernhandel, ob auf dem Markt oder am Hafen. Der Graf verlor viel Geld, die Lübecker aber noch mehr: nämlich die Grundlage ihrer Existenz. Als dann im Jahr darauf eine gewaltige Feuersbrunst die gesamte Stadt niederbrannte, schien ihr Ende nach nur wenigen Jahren besiegelt.

Die Häuser hätte man wieder aufbauen können, aber was ist ein Kaufmann, wenn er nicht handeln darf? Also schickten die Lübischen zum Herzog: Wenn er etwas gegen den Grafen habe, dann würden sie ja bitte schön auch da ihre Stadt anlegen, wo er das Sagen habe. Heinrich wies ihnen einen Platz an der Wakenitz zu, dort, wo ihre Schiffe allerdings nicht mehr hin segeln konnten angesichts der Wasserstände, und wir dürfen vermuten, genau das war auch gewollt.

Denn weder Herzog noch Graf hätten dabei letztlich etwas gewonnen. Verhandlungen folgten, die beiden feilschten, aber endlich trat Graf Adolf seine Rechte an Lübeck, jetzt nur noch ein wertloser Trümmerhaufen, an seinen Herzog ab, gegen gutes Geld, versteht sich, und der Löwe gründete die Stadt von neuem, jetzt also zum vierten Mal, eben dort, wo sie hingehörte: auf dem Hügel Buku. Das war im Jahre 1159. Nun saß also ein herzoglicher Vogt in der Burg von Lubeke. Aber wichtiger war, dass alle alten Privilegien bestätigt wurden, dass der Handel wieder florierte. Und dass man jetzt einen weitaus mächtigeren Schutzherren hatte.

Doch der wurde irgendwann zu mächtig – zunächst in den Augen vielen Fürsten des Reiches und vor allem der sächsischen Adligen, endlich jedoch auch seines Kaisers Friedrich I, genannt Barbarossa. Die beiden waren zwar Vettern, und der Rotbart hatte den Löwen lange Zeit gewähren lassen, sicherte er doch das Heilige Römische Reich gegen die Dänen und die slawischen Obotriten. Aber als der Herzog ihm die Heerfolge verweigerte bei seinen Kämpfen in Oberitalien, war der Bogen überspannt: Der Kaiser ließ den Unbotmäßigen auf dem Hoftag in Gelnhausen 1180 verurteilen und ächten, sein Herrschaftsgebiet wurde aufgeteilt und anderen übertragen. Doch noch gab der Löwe sich nicht geschlagen, also mußte der Kaiser ihn mit Waffengewalt vertreiben.

Und so war Lübeck plötzlich hineingezogen in die große Politik: 1181 erschien Barbarossa mit Heeresmacht vor den kürzlich errichteten Mauern der Stadt und ließ schon einmal einige Bliden heranschaffen, um große Steine gegen die Mauern und darüber hinweg auch in die Stadt zu schleudern - damals eine gefürchtete Waffe. Nicht jede Stadt ließ sich schließlich mit einem trojanischen Pferd erobern.

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Im Saal über der Tuchhalle am Markt versammelten sich die Ratsherren, allesamt Fernkaufleute. Man war besorgt, sehr besorgt sogar. „In wenigen Tagen wird der Kaiser mit seinen Truppen vor dem Burgtor stehen,“ sagte Herr Gerhard und nahm auf dem Stuhl des Bürgermeisters Platz. „Graf Simon wird die Tore nicht freiwillig öffnen, schließlich vertritt er den Herzog.“

„Dem wir einen feierlichen Treueid geschworen haben,“ ergänzte Herr Albrecht, der Älteste unter den Ratsherren. „Wir werden wohl oder übel unsere Stadt verteidigen müssen.“ - „Um dann von den Kaiserlichen erstürmt zu werden! Nein, Albrecht, das wird nicht gut ausgehen. Wir sollten die Sächsischen samt dem Grafen in der Burg einschließen und den Kaiser würdig empfangen,“ schlug ein anderer vor. „Die römische Majestät ist schließlich Lehnsherr auch des Herzogs, und sie hat ihn in die Acht getan.“

„Und wie wollt Ihr einst vor den himmlischen Richter treten - als Eidbrüchige?“ erregte sich Albrecht, der wahrscheinlich als erster diesen Gang anzutreten hatte.

Bürgermeister Gerhard hob beide Hände: „Das mit dem Schwur bei allen Heiligen ist eine Sache, da mag jeder sein Gewissen befragen. Aber wir sollten auch etwas anderes bedenken in dieser Stunde: Wir alle sind Kaufleute, jeden Tag schließen wir Verträge mit Käufern und Kunden, und nicht nur mit Händlern, sondern auch mit Städten und Fürsten, leisten einen Eid, um uns für den Vertrag zu verbürgen. Ich frage Euch, ihr Herren: Wer wird uns noch trauen, uns für ehrbare Kaufherren halten, wenn wir einen so wichtigen Eid leichtfertig brechen? Und wissen wir, ob der Herzog nicht einmal zurückkehren wird? Was wird er dann mit dieser Stadt tun? Denkt nur an Halberstadt! Das hat er grausam niederbrennen lassen, als er mit Bischof Ulrich in Streit geraten war.“

Nun mischte sich Herr Johann ein. Er war weit herumgekommen mit seinen Schiffen, war welterfahren und klug: „Gerhard hat recht,“ sagte er, „aber es gibt einen Weg: Wir sollten Herzog Heinrich bitten, uns von diesem Eid zu entbinden. Bitte, haltet das nicht für einfältig! Er wird einwilligen, eine vom Rotbart zerstörte Stadt nützt ihm wenig. Noch hofft er ja, gegen die kaiserliche Majestät zu gewinnen. Und wir sollten den Kaiser um Waffenruhe bitten - und um Erlaubnis, dass wir Boten nach Stade zum Herzog schicken mit diesem Anliegen. Sind sie zurück, würden wir ihn mit allen Ehren in unserer Stadt begrüßen.“

War es so? Oder war es so ähnlich? Vielleicht.

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Zum ersten Mal war also hohe Diplomatie gefragt. Und die übernahm ein anderer Heinrich: Lübecks Bischof, aus dem fernen Oldenburg inzwischen an die Trave übergesiedelt und mit dem Herzog seit langem freundschaftlich verbunden. Er handelte mit dem Kaiser eine Waffenpause aus, damit der Lübecker Rat nach Stade schicken konnte. Der Kaiser mag gerührt gewesen sein über so viel Biederkeit - da war er aus den eigenen Kreisen anderes gewohnt - Heinrich war da das beste Beispiel. Doch der geschasste Herzog gewährte gnädigst das Erbetene.

So empfingen nun die Bürger Lubekes den hohen kaiserlichen Herrn mit aller Ehrerbietung: Feierlich wurde er in die Stadt geleitet, mit Hymnen und Lobgesängen, wie die Chronik vermeldet, und das nicht ohne Grund: Denn was würde mit all den wichtigen Privilegien geschehen, die Heinrich gewährt hatte, wenn es nun keinen Sachsenherzog mehr gab? Wer würde Stadtherr werden, Schutzherr in gefährlichen Zeiten? Und der Kaiser gab sich großzügig: Nicht nur all diese Rechte gewährte er, sondern auch manches mehr. Vor allem Land rings um die Stadt und Besitzrechte auf dem Wasser übertrug er den Bürgern Lübecks – ein unschätzbarer Gewinn im Dauerstreit mit den Holsteiner Grafen.

Und 1188 legten ihm Lübecks Gesandte dann noch einmal eine schöne Urkunde vor, die man eigens für ihn aufgeschrieben hatte, mit alledem, was er zugesagt hatte – und vielleicht noch ein bisschen mehr? Schaden könnte das ja nicht, und das Original wäre schließlich nur in Lübeck einzusehen. Jedenfalls bestätigte Friedrich Barbarossa feierlich, dass Lübeck nicht etwa den Grafen von Holstein, sondern allein dem Kaiser unterstellt sei. Die Verwaltung aber blieb dem Rat vorbehalten, er konnte ordnen, was es zu ordnen gab, zum Besten der Stadt und ihrer Bürger. Lübeck war eine freie Stadt des Reiches geworden – aber nur, wenn das Reich stark genug und willens war, das auch durchzusetzen.

4. Lübeck – Stadt der Kaufleute

In jeder Stadt des Heiligen Römischen Reiches, gleich ob schon aus römischen Zeiten herübergerettet oder neu gegründet, gab es eine ständische Ordnung: Es gab Krämer und Großkaufleute, es gab Handwerker unterschiedlichster Art und Bedeutung, organisiert in Zünften, Gilden oder Ämtern, es gab Mägde, Knechte, Gesellen, Lehrlinge, Tagelöhner und „unehrliche“ Berufe wie den Abdecker oder den Henker, aber auch den Spielmann oder den Barbier. Und es gab eine Hierarchie im System der Mitbestimmung am Schicksal der Stadt: Da waren die herrschenden Familien, „ratsfähig“ nannte man sie in Lübeck, Patriziat in anderen Städten, da war die gar nicht so große Zahl der einfachen Bürger, also im Besitz des Bürgerrechts und damit in meist recht geringem Maße mitbeteiligt an manchen Entscheidungen, und da war die große Menge bloßer Einwohner, weil sie die Bedingungen für einen Bürgereid nicht erfüllten: Grundbesitz, bestimmte Einkünfte, freie und 'ehrliche' Geburt. Und männlich mussten sie auch sein! Demokratisch sieht anders aus. Aber dieser Begriff stammt schließlich aus einer anderen Zeit. Heute würde man das eine Oligarchie nennen.

Lübeck war da keine Ausnahme, im Gegenteil: Seit dem ersten Tag waren es die Fernhändler, die hier schon vor der Gründung lebten und handelten, Männer, die sich um des Handels willen zusammentun mussten und dann wohl auch als eine Art Schwurgemeinschaft dem Stadtgründer gegenüberstanden. Jedenfalls stellten sie die Verhandlungspartner des Stadtherrn, aber auch die ersten Männer, die Verantwortung übernahmen für gemeinnützige Aufgaben. Schließlich ging es bei allem um ihre Existenzgrundlage, den freien Handel. Aber auch adlige oder (obwohl das im Grunde dasselbe war) geistliche Stadtherren anderweitig förderten die Kaufleute in ihren Städten nach Kräften, denn ihre Tätigkeit war auf Gewinn ausgerichtet, während das Handwerk sich mit Selbstversorgung zufriedengab. Und Gewinn lässt sich abschöpfen – durch Zölle, Abgaben, Steuern. Daher der Boom der Stadtgründungen im 11. und 12. Jahrhundert!

Daher auch die Bereitschaft der adligen Herren, dieser neuen Schicht neue Rechte einzuräumen. Denn eigentlich waren im christlichen Weltbild Handeltreibende gar nicht vorgesehen. Die Gesellschaft bestand, so wusste man, aus drei tragenden Säulen: demAdel, dem Klerus und der – arbeitenden – Landbevölkerung, oder, wie man es formuliert hat: bellatores, der Wehrstand, oratores, der Lehrstand und laboratores, der Nährstand. Konnte man zum letzteren notfalls auch die Handwerker rechnen, der frei herumreisende Händler passte dort nicht hinein. Er war zwar Untertan und Bürger, aber zugleich auch Abenteurer und Weltbürger; er besaß Haus und Grund und erwirtschaftete doch sein Vermögen durch Kauf und Verkauf; er war reich nicht wegen der Hufen in seinem Besitz, der Abgaben seiner Hörigen, sondern weil sich in seiner Truhe gemünztes Silber ansammelte. Und er trat Adel und Klerus zunehmend selbstbewusster gegenüber.

Nehmen wir also ein wenig Anteil an einem lübischen Kaufmann! Nennen wir ihn Johann Bardewick, unseren erdachten Handelsmann. Denn er war von dort – aus der damals noch florierenden Metropole Bardowiek – ins aufstrebende Lubeke gekommen, mit Sack und Pack sozusagen. Er war also neu in der Stadt an der Trave, aber kein Unbekannter, hatte er doch schon seit Jahren erfolgreich im Salzhandel mitgemischt. Seitdem aber die Ilmenau jetzt auch bis Lüneburg schiffbar wurde, fiel Bardowiek als Umschlagplatz fort; und außerdem hatte Herzog Heinrich seine Gunst ganz der neuen Hafenstadt zugewandt. Da war es lohnender, seine Geschäfte gleich von dort aus abzuwickeln. So erwarb Johann ein noch unbebautes Grundstück in der Mengstraße, dicht am Hafen, errichtete dort ein Hallenhaus, wie es in seiner sächsischen Heimat üblich war – dreischiffig mit kräftigen Hölzern als Pfeiler, um auch den weiten Boden unter dem Reetdach gut nutzen zu können.

Das nötige Vermögen hatte er aus Bardowiek mitgebracht, und es half ihm auch, möglichst rasch den Eid auf den Rat abzulegen, um die Bürgerrechte zu erhalten. Sein Weib, die zwei Söhne und drei Töchter waren ihm gefolgt, und für Trineke, die jüngste, hatte er schon einen Vertrag mit der Oberin des gerade erst geweihten Johannesklosters geschlossen, falls er sie nicht unter die Haube bringen konnte. Hinrich, sein Ältester, war schon fast erwachsen und würde ihn bald auch auf seinen Fahrten begleiten können. Denn Johann hatte vor, seine Geschäfte auszuweiten: Schon aus Bardowick hatte er Anteile an drei lübischen Schiffen erworben, und auf einem wollte er sich zum ersten Mal in seinem Leben auf die stürmische See begeben.

Vorsorglich hatte er beim Rat ein Testament hinterlegt, bezeugt von zwei Ratsherren, und außerdem dem Altar des Heiligen Nikolaus als Schutzpatron der Schiffer zwei große Wachskerzen gestiftet. Übrigens war Nikolaus gleichsam umgezogen: Der Herzog hatte dem Wunsch des Oldenburger Bischofs stattgegeben, den Sitz des Bistums nach Lubeke verlegen zu dürfen, hatte ihm Grund und Boden im Süden des Stadthügels geschenkt und dort ein erstes, noch recht bescheidenes Oratorium errichten lassen, damit Bischof und Domherren die Messe feiern konnten.

Vor allem aber hatte er einige Jahre später feierlich den Bau eines steinernen Domes begonnen, einer Basilika von beträchtlichem Ausmaß, wie sie einem Bischof gebührte. Selbst der Erzbischof aus dem fernen Bremen war angereist, um der Weihe des Grundsteins die nötige Würde zu geben.

Und der Backstein imponierte anscheinend dem Herzog als Baumaterial, so dass er ihn nicht nur für seine Burg im Norden der Halbinsel verwendet, wo diese Ziegel bis auf den heutigen Tag das Fundament am Burgtor bilden. Er nutze sie einige Zeit später, als er schon den Zorn seines kaiserlichen Vetters zu spüren bekam, auch für die bürgerliche Civitas, also den besiedelten Teil auf der Mitte des Hügels, die er nun mit einer Backsteinmauer gegen einen befürchteten Angriff sicherte.

Um auf Johann zurückzukommen: Er plante also, die Insel Gotland anzusteuern, denn der Herzog hatte nicht nur den Gotländern zollfreien Handel in seinen Territorien zugesichert, sondern im Gegenzug auch die Rechte seiner lübischen Kaufleute dort auf der Insel gefestigt – ein weitsichtiges Abkommen war so 1160 zustande gekommen. Wir berichteten bereits davon, Die Schwurgemeinschaft der deutschen Gotlandfahrer hatte nun feste Häuser und einen ständigen Vertreter dort auf der Insel, gleichsam einen zollfreien Hafen und eine exterritoriale Siedlung. Auf Gotland landeten die Nordmänner schließlich alle Waren an, die sie aus Nowgorod und von den Häfen der Esten und Kuren herbeibrachten.

Aber der Schiffsführer, dem sich Johann anvertraut hatte, wollte mehr: selbst von Gotland aus die ferne Küste ansteuern, hinter der dieses sagenhafte Nowgorod lag – ein großes Abenteuer, aber eine ebenso große Chance, den Gewinn ohne den Zwischenhandel um ein vielfaches zu steigern. So konnten die mitgeführten flandrischen Tuche und die Schwerter und Helme westfälischer Werkstätten direkt gegen Zobel und Marder, aber auch gegen Teer und Wachs getauscht werden.

Lassen wir es also dahingestellt, ob unser guter Johann gesund und mit reichem Gewinn seine Reise beendet hat oder doch in Visby von einem rauflustigen Gotländer erschlagen wurde oder gar in den Tiefen der Ostsee inmitten eines Schiffswracks auf die Auferstehung des Leibes wartet, an die er sicher fest geglaubt hat. Vielleicht aber begegnen wir seinem Sohn oder Enkel ja noch einmal im Laufe der Geschichte.

5. Lübeck – Stadt der sieben Türme

Zugegeben, Köln hatte im Mittelalter weitaus mehr Kirchen als Lübeck, aber Köln war auch jahrhundertlang die größte Stadt des Reiches nördlich der Alpen – und übrigens auch der Ursprungsort der Hanse. Aber davon später. Doch mit seinem Dom, den vier Pfarrkirchen, vier Klöstern, einem Spital und einigen Kapellen konnte die ja erst viel später entstandene Stadt an der Trave sich schon sehen lassen. Sieben Türme, ihr heutiges Markenzeichen, hatte sie damals allerdings noch nicht. Und wir hatten es schon gesehen: Die Anfänge des Kirchbaus waren noch äußerst bescheiden: Hölzerne Kirchlein, wohin man blickte. Aber schon bald – anders als die ersten Feldsteinkirchen in Wagrien – entdeckte man (wieder) ein solides Baumaterial: den Ziegel, oder, wie man gemeinhin hier entlang der Ostsee sagt: den Backstein.

Steine hatten die Eiszeiten zwar hier und da zurückgelassen, aber nur hartes Felsgestein statt der weiter südlich üblichen und leichter zu bearbeitenden Sand- oder Kalksteine. Ton dagegen gab es in großen Lagern, längs der Trave gleich vor der Stadt, und bald wurden die Holzbauten durch Backsteinkirchen ersetzt. Noch waren es romanische Basiliken, eintürmig und massiv. Aber Herzog Heinrich plante für das Lübecker Bistum schon eine Kathedrale, zweitürmig, wie es sich für eine Bischofskirche gehörte, ähnlich dem Dom seiner Residenzstadt Braunschweig. 1173 hatte er gemeinsam mit Bischof Gerold den Grundstein gelegt – wir wissen es schon - und zugleich für den Bau eine jährliche Gabe von 100 Mark gestiftet – damals eine beträchtliche Summe, zumal der Löwe ja auch andere Bistümer im slawischen Missionsgebiet förderte: Ratzeburg und Schwerin.

Es war mit den 92 Metern in der Länge der erste Großbau, den man allein mit den kleinen Ziegelsteinen aufführen wollte, und entsprechend mächtig mussten Wände und Pfeiler werden. Der Bau zog sich hin, nicht nur, weil die vielen Backsteine mühsam genug produziert werden mussten, sondern auch wegen der unsicheren politischen Verhältnisse, nachdem der Löwe gestürzt und das Herzogtum zerschlagen war. Erst 1247 konnte der Dom geweiht werden - fast hundert Jahre später. Knapp zwei Jahrzehnte danach jedoch reichte er den Bischöfen nicht mehr, denn sie unterlagen einem ständigen Konkurrenzdruck im Vergleich mit der Kirche des Rates, St. Marien.

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Vor jeder Sitzung versammelte sich der Rat in der Marienkirche, um der heiligen Messe zu lauschen, bevor er ins Rathaus hinüberging. Doch heute ist es anders: Statt schweigend in den Ratssaal zu schreiten, hält Wilhelm Witte seinen Ratskollegen Heinrich von Bockholt zurück: „Auf ein Wort, Heinrich! Habt Ihr bemerkt, wie düster unsere Kirche heute wieder gewirkt hat?“ - „Es ist neblig, da mag es wohl so scheinen,“ erhält er zur Antwort.

„Nein, das ist es nicht: Die kleinen Fenster, dieser ganze Bau - das ist doch nicht mehr unserer Zeit angemessen. Da baut man im fernen Frankreich längst anders.“ - „Wilhelm, haben wir nicht die alte Basilika gerade erst zu einer weiten Halle umgebaut, wie man es in Westfalen getan hat? Und unser Werkmeister mit seinen Leuten ist noch lange nicht fertig. Wie sollen wir seine Pläne da noch einmal ändern?“ Herr Wilhelm schaut den anderen mit geheimnisvoller Miene an: „Wir müssen jetzt eilen, die anderen sind schon durchs Tor. Aber ich bitte Euch heute nach dem Angelusläuten zu mir, da möchte ich Euch zeigen, was ich von der letzten Reise nach Flandern mitgebracht habe.“

Heinrich von Bockholt ist neugierig geworden, so schreitet er eilig die Alfstraße hinunter, um Wilhelm Witte zu besuchen, kaum, dass die Glocken im Turm von St. Marien verklungen sind. Der Ratsherr erwartet ihn schon, führt ihn in seine Dornse und öffnet eine Truhe, um eine große Rolle zu entnehmen. Er breitet sie auf dem Pult aus und wartet schweigend, dass sein Gast die Zeichnung betrachtet.

Dann blickt Heinrich auf: „Das ist gewaltig,“ sagt er ehrfürchtig, „aber glaubt Ihr wirklich, eine solche Kirche kann man bauen? Die riesigen Fenster in den Wänden, dieser ganze Zierat! Und dann diese Türme, als ob sie den Himmel berühren! Das kann kein Werkmeister zustande bringen.“

Wilhelm Witte lächelt: „Und wenn ich Euch sage, ich habe solche Bauten mit eigenen Augen gesehen? Wir haben bislang Gottes Burgen errichtet. Nun aber können wir das himmlische Jerusalem auf die Erde holen! Und - wir könnten zwei Türme haben wie der Dom unseres Bischofs, aber sie wären weit höher als seine dort. Wir würden ein Mittelschiff errichten, wie es noch niemand in all den Städten entlang der Küste geschaut hat.“

„Und woher wollen wir die Unmengen an Kalkstein oder Sandstein herbeiholen für ein solches Werk?“ - „Wir werden sie nicht brauchen! Auch unser Backstein wird es tun, da bin ich sicher.“ Er streckt seinem Gast die Hände entgegen: „Ich bitte Euch, Heinrich, unterstützt mich im Rat, dass er einen solchen Bau beschließt. Es wird den Ruhm unserer Stadt bei allen wendischen Städten erhöhen, und...,“ er verzieht den Mund zu einem breiten Lächeln, „wir werden Bischof Johannes zeigen, dass wir Bürger dieser Stadt mächtiger sind als alle seine adligen Domherren zusammen.“

War es so? Oder war es so ähnlich? Vielleicht.

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So ist es: Die Pfeffersäcke hatten nun einmal mehr Geld zur Hand als die Pfaffen im Domkapitel. So hatten die Herren des Rats gewagt, auch ihrer Kirche nun zwei Türme vorzusetzen – eine Provokation. Und die zweite: Man hatte die gerade zur Hallenkirche umgebaute Basilika am Markt schon wieder teilweise abgetragen, um sie im inzwischen modernen Stil, den wir heute Gotik nennen, neu zu planen – mit sage und schreibe 38 Metern ragte nun das Gewölbe im neuen Chor der Bürgerkathedrale empor.

Konnten die geistlichen Herren schon mit dieser schwindelerregenden Höhe nicht mithalten, so versuchte es Bischof Johann von Tralau mit der Länge: ein riesiger Chor, ebenfalls gotisch-filigran, sollte den Dom noch einmal um 40 Meter verlängern. Aber wieder ging es nur schleppend voran, 1341 kann Bischof Bocholt endlich den neuen Chor weihen, um wenige Tage später dort auch seine letzte Ruhe zu finden.

Wir sind der Zeit weit vorausgeeilt, kehren wir also zu den Anfängen der anderen Kirchen zurück: Dass St. Petri und St. Marien, die beiden Kirchen am Markt, als romanische Basiliken ins steinerne Dasein starteten, sahen wir bereits. Aber selbst Kirchbau ist Modesache: Aus den Basiliken wurden frühgotische Hallenkirchen, das entsprach auch dem Selbstbewusstsein ihrer bürgerlichen Auftraggeber: Nicht mehr die Ausrichtung auf den Chor, den Bereich des Klerus, sondern die Halle als Versammlungsort der (Laien-)Gemeinde bestimmte die Bauidee. Und die Petrikirche wurde dann gleich um zwei weitere Seitenschiffe erweitert, war fast so breit wie lang.

Die Herren des Rats aber erfuhren von den neuen, himmelstürmenden Kathedralbauten in Frankreich, und sie beschlossen es den Vorbildern gleichzutun – ein kühnes Unterfangen angesichts des Backsteins als Baumaterial. Sie setzten damit zugleich ein Zeichen für all die vielen Neubauten in den neuen Städten entlang der Ostseeküste – von Wismar angefangen über Danzig und Riga bis ins ferne Tallinn, das damals Reval hieß. Aber auch innerhalb Lübecks wuchs die Zahl der Backsteinkirchen: St. Jakobi im Schifferviertel am Koberg, St. Ägidien im Handwerkerviertel am Osthang des Stadthügels. Hinzu kommen die Klosterkirchen, von denen heute nur noch St. Katharinen erhalten ist, die Predigtstätte der Franziskanermönche. Kirchen hatten natürlich auch die Dominikaner im sogenannten Burgkloster, die Zisterzienserinnen bei St. Johannes, Lübecks ältestem Kloster, und schließlich, nur wenige Jahre vor der Reformation erst fertig gestellt, das St. Annen-Kloster als Heimstätte für Lübecks ehelos gebliebene Jungfrauen aus den reichen Familien, nachdem den Bürgertöchtern die beiden Nonnenklöster in Rehna und Zarrentin verschlossen blieben.

Kirchen jedoch waren mehr als nur Orte, an denen ein Kleriker die (lateinische) Sonntagsmesse las. In ihnen wuchs die Zahl der Altäre und der seitlichen Kapellen, weil es galt, bewusste und unbewusste Sünden zu sühnen, ehe der Tod den Menschen dahinraffte – und auch danach noch gab es eine Chance, dem Fegefeuer rascher zu entfliehen: die Seelenmessen zu Gunsten der verstorbenen Vorfahren. An Sünden mangelte es dem normalen Christenmenschen ja nicht, und ob nicht sogar das Gewinnstreben des Kaufmanns ohne alle produktive Tätigkeit schlechthin sündhaft war, das blieb letztlich ungeklärt.

So war es schon angebracht, sich die Fürbitte der Heiligen durch mancherlei Geschenke zu sichern – von der schlichten Wachskerze bis hin zum geschnitzten Retabel auf einem steinernen Altartisch. Und eine Präbende – Pröven sagte man in Norddeutschland dazu - mit der man einen eigenen Priester bezahlen konnte, der für den Stifter die tägliche Messe las und seine Fürbitte gen Himmel schickte, war ebenso von Vorteil wie eine fromme Stiftung zugunsten der Witwen und Waisen, denn Barmherzigkeit war eine wichtige Tugend, wo man schon nicht immer tugendsam leben konnte. Es waren die reichen Bürger, die ein dem Heiligen Geist geweihtes Hospital stifteten, zunächst in der Marlesgrube, aber dort erhob der Bischof Ansprüche. Und so baute man wenig später am Koberg eine riesige Halle und davor eine zweischiffige Kirche, und beides wurde von einem bürgerlichen Gremium verwaltet.

Kirchen waren jedoch ebenso der Ort, in dem oder doch um den herum die Menschen ihre letzte Ruhe fanden, und je näher dem allerheiligsten Sakrament, desto näher auch dem erhofften Paradies. Wer zu den angesehenen, den ratsfähigen Familien gehörte, hatte sein Erbbegräbnis möglichst gleich in St. Marien – dort, wo der Rat sich versammelte, ehe er in das neu errichtete Rathaus gleich nebenan zog.

6. Dänenherrschaft – Fremdherrschaft?

Eigentlich konnten Ratsherren und Bürgermeister ja zufrieden sein: Seit 1188 war Lübeck eine freie Stadt des Reiches, allein der Kaiser war noch Stadtherr, und der war weit und hatte meist andere Sorgen, als ihnen hineinzuregieren. Aber eben darin lag auch ein Problem: Ein ferner und wenig interessierter Stadtherr würde kaum zu Hilfe eilen, wenn wieder einmal der (nun schon dritte) Adolf von Schauenburg sich Lübecks bemächtigen wollte und damit die Stadt auch in seine zahlreichen Händel verwickeln würde.

Kaiser Friedrich hatte ja mit seinen großzügigen Privilegien für Lübeck auch den Holsteiner Grafen geschädigt: Die mancherlei Rechte am umliegenden Land – Weiderechte auf dem anderen Traveufer, Holzeinschlag im Klützer Winkel, Fischereirechte an der unteren Trave, Hoheitsrechte über die Stecknitz bis nach Mölln – das alles ging schließlich zu Lasten der benachbarten Fürsten, auch wenn sie entschädigt werden mußten. Doch Anlaß für Streit gab es für viele Jahrhunderte (noch 1890 dienten die alten Urkunden als Nachweis vor Gericht!) Aber wir wissen ja: Recht haben und Recht bekommen sind oft genug sehr unterschiedliche Dinge, vor allem, wenn der Holsteiner Graf oder ein anderer mächtiger Nachbar seine Truppen aufmarschieren ließ.

Die politische Lage im nördlichen Raum war um das Jahr 1200 schließlich verworren genug. Dabei ist für jeden, der Handel treibt, vor allem eines wichtig: Frieden und geordnete Verhältnisse, Sicherheit der Verkehrswege zu Lande und vor allem auch auf dem Wasser. Und eine starke Hand, die eben das garantiert. Doch der mächtige Sachsenherzog, der Löwe, war ins Exil nach England geflohen.

Allerdings, da war noch der ehrgeizige Holstengraf, Adolf III, und der nutzte die Gunst der Stunde, um sich überall zu bereichern: die Dithmarscher unterwarf er, die Grafschaften Stade und Ratzeburg nahm er in Besitz. Und natürlich lockte eine weitere Beute: die Stadt an der Trave mit ihren hohen Gewinnen, die man abschöpfen konnte. 1192 mußte sie sich ihm notgedrungen ergeben, und der neue Kaiser, Friedrichs Sohn Heinrich VI, war in Sizilien beschäftigt. So war ihm ein starker Mann hoch oben im Norden durchaus willkommen, und bereitwillig überließ er dem Grafen die Einkünfte aus Lübeck, die eigentlich dem Reich zustanden.

Freunde unter den fürstlichen Nachbarn und den adligen Herren in seinen Ländern hat sich Adolf mit alledem nicht gemacht, und als er auch noch in Mecklenburg einfiel, dessen Herren zu Lehnsleuten des dänischen Königs Knut VI geworden waren, griff dieser ins Geschehen ein. Mächtig genug war er, nannte sich stolz nicht nur König der Dänen, sondern auch der Wenden: „Danorum Slavorumque rex.“ Nun aber hatte er einen Grund, auch gegen Nordelbien vorzugehen. Einen Kaiser hatte er nicht zu fürchten, denn nach Kaiser Heinrichs frühem Tod hatten die Fürsten des Reiches gleich zwei Nachfolger gewählt: Philipp von Schwaben, jüngster Sohn Barbarossas, und Otto von Braunschweig, Sohn des Löwen. Und da bekanntlich sich der Dritte freuen kann, wenn zwei sich streiten, ließ Knut seinen Bruder Waldemar, den Herzog von Schleswig, gegen Adolf ins Feld ziehen, und bald hatte er dessen wichtigste Burgen erobert und Holstein besetzt. Adolf selbst wurde am zweiten Weihnachtstag 1201 gefangen genommen.

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Wütend schlägt Jan Steneke mit der Faust auf sein Pult und wirft das gesiegelte Pergament zur Seite, das ihm eben einer seiner Schreiber hereingereicht hat. Dann greift er nach dem pelzverbrämten Umhang und geht eilig die wenigen Schritte die Mengstraße hinauf zum Haus von Hinrich Wullenpund, den die Ratsleute gerade zu einem der Ihren gewählt haben. Der empfängt den Ältermann der Schonenfahrer sofort, obgleich er gerade im Gespräch mit Herrn Gottfried ist, seines Zeichens seit längerem schon Lübischer Ratsherr.

„Schon wieder hat der Däne eines unserer Schiffe aufgebracht,“ poltert Steneke los, kaum hatte man einen ersten Schluck Braunbier zur Begrüßung genossen. „Und unsere Kaufleute auf Schonen sitzen immer noch dort fest, als seien sie Gefangene des Königs. Wann endlich unternimmt unser Rat etwas dagegen?“ Hinrich zieht die Brauen hoch: „Wir sind nicht untätig, lieber Freund,“ sagt er ein wenig beleidigt. „Aber Ihr wißt schon, dass wir erst kürzlich dem Grafen Adolf die Treue aufgekündigt haben, dem Erzgegner des Dänen? König Knut wird es wohlwollend zur Kenntnis genommen haben.“ - „Aber unsere Männer hält er immer noch gefangen; mitten in der Zeit der Heringsschwärme unterbindet er unseren Handel,“ murrt der Schonenfahrer, „trotz all unserer verbrieften Rechte.“

„Ihr müßt das alles im großen Rahmen betrachten, Jan Steneke,“ mischt sich nun Herr Gottfried ein. „Der Däne hat ganz Holstein gewonnen, und Adolf ist sein Gefangener. König Knut beherrscht die gesamte Küste, und nicht umsonst nennt man seinen Bruder Waldemar den Sieger. Wir werden die Dänen als neue Großmacht betrachten müssen. Und..“ er wendet sich Hinrich zu, ... bald wird er mit seine Truppen vor unseren Toren erscheinen. Es wäre klug, den Dänen dann als Freund...“ und leise, als könnte ihn jemand belauschen, fährt er fort: „...ja, wohl auch als neuen Stadtherrn zu empfangen.“ Hinrich schaut ihn betroffen an: „Aber wir sind Stadt des Reiches,“ wendet er ein. „Um wie letztlich vom Kaiser an den Grafen Adolf verschachert zu werden,“ bemerkt Herr Gottfried, und man hört seinen Spott. „Und welcher Kaiser ist nun unser Stadtherr? Der Welfe oder der Schwabe? Und der dritte ist weit weg im fernen Sizilien, aber König Knut beherrscht den Norden des Reiches. Er allein kann unsere Kaufleute schützen, unseren Handel fördern, unsere Privilegien erneuern.“

„Und unsere Männer auf Schonen?“ Jan Steneke ist die Verwirrung anzumerken. „Hohe Politik, mein Freund,“ antwortet Gottfried gelassen, „Nur ein kleiner Fingerzeig an die Herren unseres Rates: Wenn ihr nicht für uns seid, seid ihr unsere Feinde.“ Er legt dem Schonenfahrer die Hand auf die Schulter: „Seid gewiß, Jan, bald werden die Männer auf Schonen wieder frei sein, wenn der Rat dem König Botschaft schickt, Lubeke erkennt ihn als neuen Stadtherrn an. Und es wird wieder Frieden herrschen auf See - unter Knuts und Waldemars Schutz. Aber noch gilt es, die Zaghaften im Rat davon zu überzeugen.“

War es so? Oder war es so ähnlich? Vielleicht.

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In der Tat: Für die Lübecker war nun guter Rat teuer geworden. Auf ihre Freiheit als Stadt des Reiches zu pochen, wäre ebenso nutzlos wie unklug. Aber Geschäftsleute pflegen realistisch zu denken. Und zur Realität gehörte: Mit der Grafschaft Holstein kontrollierte der Däne den Weg nach Hamburg und in den Westen des Reichs, mit der Grafschaft Ratzeburg die Handelsstraße nach Lüneburg, auf der das kostbare Salz an die Trave kam. Und außerdem die Häfen an und die Wasserwege auf der Ostsee. Ja, hier war sie: die starke Hand, die man für den eigenen Handel als Partner brauchte.

Also - ausgesuchte Vertreter, beauftragt von der gesamten Bürgerschaft, ritten Herzog Waldemar entgegen, als er mit Heeresmacht durch die Grafschaft Ratzeburg zog, ein Angebot in den Satteltaschen: die freiwillige Unterwerfung, wenn – ja wenn der dänische König doch bitteschön die lübischen Privilegien gnädigst bestätigen wolle. Und er wollte! Es ist wohl bezeichnend, dass im gleichen Jahr auch der Begriff „consules“ für die Repräsentanten der Stadt auftaucht, also selbständig handelnde Ratsherren wie einst im antiken Rom. Und dieses Recht, eigene politische Entscheidungen zu treffen, auf Augenhöhe mit den adligen Herren aus der Nachbarschaft zu verhandeln – es ist und bleibt der größte Gewinn, den die Lübecker in diesen Jahren errungen haben.

Im Sommer 1202 bemüht sich der König persönlich in die Stadt, und er wird dort überaus freundlich und ehrenvoll empfangen. Das gleiche gilt für seinen Bruder und Nachfolger Waldemar II., der mehrfach Lübeck besucht, und er gibt es den Lübischen auch schriftlich - in einer Urkunde bestätigt er einfach das, was Herzog Heinrich und Kaiser Friedrich der Stadt zugesichert haben. Punktum und gesiegelt. Warum also sollten die Lübecker unzufrieden sein mit ihrem neuen dänischen Stadtherrn? Das haben erst die Nationalisten des 19. Jahrhunderts erfunden, als würde hier eine ausländische Besatzungsmacht die armen Deutschen unterdrücken.

Gut zwei Jahrzehnte haben die Kaufleute von der Trave von der schützenden Hand des Dänenkönigs profitiert, der ihnen wieder die Handelswege in den Norden eröffnet hat und auch die Stadt selbst nach Kräften förderte, wie wir noch sehen werden. Schließlich brachte sie ihm gutes Geld. Doch irgendwann begann sein Stern zu sinken, und als der Graf von Schwerin ihn mit einem Handstreich gefangen setzte – und den Kronprinzen gleich mit – zerbrach das dänische Großreich, und andere Herren galt es zu beachten. Doch, sind Kaufleute nicht kluge Realisten? So finden wir dann die lübischen Pfeffersäcke – oder genauer deren rasch angeheuerte Söldnertruppe – in der entscheidenden Schlacht zwischen Waldemar und Graf Adolf (nun bereits der Vierte seines Namens) nebst dessen norddeutschen Verbündeten auf der Heide von Bornhöved auch auf der Seite der Sieger. Doch das war erst 1227. Dazwischen lag, trotz einiger Rückschläge, die große Wachstums-Periode der Travestadt.

7. Lübeck – Boomtown des 13. Jahrhunderts

Als König Knut in Lubeke einzieht, bedeckt die Civitas gerade einmal ein Viertel des Hügels – eben jenen Teil, der sich von der Höhe herab etwa zwischen Mengstraße und Holstenstraße zum Traveufer hinabzieht. Und auch der – umschlossen von der hastig aufgezogenen Mauer Herzog Heinrichs – ist immer noch weitläufig bebaut. Hier steht ein Holzhaus mit in den Boden vertieften Pfosten, dort ein Ständerbau, dessen Ständer und Bohlen auf einem Ringbalken sitzen und oben ebenfalls mit Balken beschlossen werden. Viele Häuser haben bereits Keller, meist mit einem Zugang von außen, und manche auch ein Obergeschoß. In den Höfen sieht man gelegentlich Blockhütten für das Vieh. Steinbauten außer Mauer und Kirchen zählen dagegen zu den Raritäten im Stadtbild. Und dennoch: Der Besitz dieser Stadt, die mehrere Landwege aus dem Reich bündelt, um über die untere Trave sie dann wieder weit zu fächern in den Weiten der Ostsee – ihr Besitz also bedeutet, den größten Teil des Handels in Nordeuropa zu kontrollieren und entsprechend sich einen guten Anteil an dessen Gewinnen zu sichern.

Als die Stadt sich dann gut zwanzig Jahre später wieder der dänischen Herrschaft entzieht, bietet sie ein völlig anderes Bild: Der Hügel ist jetzt weitgehend bebaut, schmale und tiefe Grundstücke entlang der Straßenzüge sind die Regel, und zumindest die Hauptgebäude darauf haben steinerne Mauern und Dächer aus gebrannten Ziegeln. Auf dem einst leeren Gelände zwischen Civitas und Burg erhebt sich nun an einem weiten Platz der imposante Bau der Jakobikirche, und auch zwischen Dombezirk und Johanniskloster auf dem südöstlichen Hang reihen sich die Häuser vieler Handwerker, allerdings eher in Fachwerk errichtet, um eine vierte Kirche, dem heiligen Ägidius geweiht und von den Lübeckern deshalb Tilgenkark genannt.

Wie ist es dazu gekommen? Begleiten wir einmal den Sohn unseres erdachten Johann von Bardowick, Elver von Bardewik. Einen Mann dieses Namens hat es übrigens wirklich gegeben, auch wenn wir nur das von ihm erfahren: Er war im Jahre 1200 einer der Bürgermeister der Stadt, hat also mindestens seit dieser Zeit im Rat gesessen. Mit diesem Wissen lassen wir ihn teilhaben am Geschehen, rücken ihn als Vertreter des Rats einfach ganz in die Nähe zum dänischen Stadtvogt Albrecht von Orlamünde. Der aber hat einen ehrgeizigen Plan König Waldemars auszuführen: Lübeck gleichsam zur Großstadt zu machen.

Die leeren Flächen auf dem Stadthügel an Siedlungswillige zu vergeben, war keine große Kunst: Immer mehr Menschen drängten sich in die Stadt an der Trave – Fernhändler aus Westfalen und sogar aus dem Rheinland mit guten Beziehungen nach Flandern und England, Kaufleute aus Lüneburg und Braunschweig, aber auch wagemutige Männer aus dem Westen des Reiches, Kleinhändler und vor allem Handwerker wie Helmschmiede und Plattner, Nagelschmiede und Böttcher, Knochenhauer und Bäcker. Dazu kamen die vielen Schifferknechte und die Schiffsführer, die nicht nur Kapitäne, sondern meist auch Reeder waren – nach unseren Begriffen. Und überall brauchte man Knechte und Gesellen, Träger, Handlanger und Gelegenheitsarbeiter – und natürlich auch Mägde für den Haushalt. Unser Elver hatte viel zu tun, allen einen Bauplatz zuzuweisen, soweit nicht die Großkaufleute sich die Grundstücke längst gesichert hatten und nun selber vermieteten.

Bald jedoch war der gesamte Hügel besiedelt, soweit er festen Baugrund bot. Auch die eher bäuerlich-weitläufigen Gehöfte im ältesten Viertel der Stadt wurden nun aufgeteilt, immer häufiger sah man dort steinerne Häuser mit einem großen Saal im Obergeschoß und gewölbten Kellern, auch mancher Speicher wich nun einem turmähnlichen Gebäude aus Backstein. Doch der Platzmangel blieb. Und jetzt lassen wir unseren Elver von Bardewik einfach einmal aktiv werden!

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Wie so oft, geht der Bürgermeister Elver die Mengstraße zum Hafen hinunter, um das Entladen seiner Waren zu beaufsichtigen. Doch diesmal schweifen seine Gedanken ab. Es herrscht wieder einmal unübersichtliches Gedränge an der kurzen Kaimauer, die man am Ufer gezogen hatte. Schließlich ist sie gerade einmal knapp vierhundert Schritte lang, denn rechts und links dehnt sich sumpfiges Gelände, schilfbewachsen bis weit zum Fuß des Stadthügels. Nicht umsonst haben unsere Vorfahren die Straßen dort fossae, Gruben, genannt, denkt Elver. Und wieder kommt ihm dieser Gedanke, der ihn schon lange bewegt: Man müßte den Hafen dorthin verlängern, den morastigen Boden trockenlegen. Doch das würde nicht reichen, jedes Hochwasser im Frühling wird ihn überschwemmen. Das Ufer muß auch hier höher werden. Plötzlich bleibt er stehen: Und wenn nun gleich das ganze Gelände bis hinauf zum Hügel aufgeschüttet würde? Das gäbe viel Raum für neue Häuser, neue Grundstücke.

„Ja,“ sagte er leise vor sich hin: „So könnte es gehen.“ Entschlossen wendet er sich um, geht wieder die Straße hinauf, wendet sich nach links und eilt über den Koberg auf das prächtige Haus des Stadtvogtes zu, läßt sich Herrn Albrecht von Orlamünde melden.

Erstaunt über den unerwarteten Besuch, läßt Graf Albrecht den Gast in sein Schreibgemach bitten. „Ihr scheint etwas Wichtiges im Schild zu führen, Bürgermeister,“ sagt der Stadtvogt. „Entschuldigt, wenn ich so unangemeldet erscheine, Herr Albrecht, es mag nicht eilig sein, aber wichtig ist es in der Tat.“ - „So laßt mich hören!“ Der Stadtvogt lädt seinen Gast ein, sich zu setzen.

„Ihr wißt selbst, wie eng es unten am Hafen geworden ist. Es wäre gut, das Bollwerk zu verlängern. Dazu müßte man allerdings den feuchten Torfboden befestigen und aufschütten.“ Der Däne schaut sein Gegenüber erstaunt an: „Das ist ein hochfliegender Plan, Bürgermeister!“ Elver holt tief Luft, ehe er antwortet: „Könnten wir dieses Gelände trockenlegen, hätten wir für Jahre hinaus ausreichend Bauland, und außerdem würde nicht nur der Hafen um ein Vielfaches verlängert. Auch der Bereich jenseits unserer Brücke über die Trave ließe sich aufschütten. Dort könnten die Prähme anlegen, die vor allem das Lüneburger Salz über die Stecknitz heranschaffen.“

Graf Albrecht hört mit wachsendem Interesse zu. Damit würden sich auch die Einnahmen aus der Stadt wesentlich steigern lassen. Doch er erkennt ebenso, welchen Aufwand ein solches Vorhaben kosten würde, und so fragt er zurück: „Das ist ein gewaltiges Unternehmen, Bürgermeister, wie wollt Ihr es in die Tat umsetzen?“ Elver von Bardewik spürt, dass Graf Albrecht neugierig geworden ist, und wagt, seinen Plan genauer zu erläutern: „Es gibt zwei Dinge zu bedenken: Das eine ist – wir benötigen viele Hände für ein solches Werk, auch wenn wir es nur nach und nach verwirklichen. Das bedeutet Frondienst der Bürger über eine lange Zeit, und nur, wenn er die sonstige Arbeit in der Stadt nicht hindert, und wenn jeder einzelne sich auch einen Vorteil davon versprechen darf, wird er auch ohne großes Murren geleistet werden. Das zweite ist dies: Wir bauen dort auf dem Torf des Flusses, darum muß die Schicht darüber mächtig genug sein, um die Last auch von steinernen Häusern zu tragen. Wir werden viele Last Erdreich heranschaffen müssen, und nur ein kleiner Teil steht uns auf dem Stadthügel zur Verfügung – dort, wo nun immer häufiger Keller, Brunnen und Kloaken ausgehoben werden. Der weitaus größere Rest kann nur von den Feldern und Wiesen in der Umgebung stammen.“

Albrecht von Orlamünde beugt sich vor: „Ihr sagt selbst, dass der Boden dort ein wahrer Sumpf ist. Glaubt Ihr, er könnte Häuser tragen, wieviel Erde Ihr auch herbeischaffen würdet?“

Elvers hebt beide Hände: „Ihr habt recht, Herr Albrecht, es wird nicht reichen, nur Erde aufzuschütten. Ich stelle mir vor, dass wir dort eine Art bodenlose Holzkisten versenken, dicht an dicht und miteinander verbunden, auch mehrfach übereinandergeschichtet, um den Boden stabil zu halten. Erst dann können wir diese Kisten verfüllen – übrigens auch mit allem Unrat, der in der Stadt anfällt und sowieso fortgeschafft werden müsste. Für die Kisten lässt sich sicher manche Bohle verwenden, die von den Holzhäusern stammt, die bald den Steinhäusern weichen werden. Dennoch werden wir kräftig Holz einschlagen müssen, und auch dafür brauchen wir weitere Schenkungen Eures königlichen Herrn.“ - „Ich sehe, Ihr habt alles bereits wohldurchdacht, und König Waldemar wird das alles sicher mit großem Wohlwollen prüfen. Doch seid Ihr sicher, Ihr könnt auch den Rat und die Bürgerschaft überzeugen? Ihr werdet damit nicht nur Freunde gewinnen. Aber Ihr habt recht: Lubeke braucht dieses Wachstum, und spätere Geschlechter werden es Euch danken.“

War es so? Oder war es doch so ähnlich? Vielleicht.

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Es war ein gewaltiges Vorhaben, und es gelang, dank der straffen Anordnungen von Rat und Stadtvogt, es in wenigen Jahrzehnten zum Abschluß zu bringen. Unsere gründlichen Historiker haben genau nachgerechnet und staunenswerte Zahlen geliefert: Im Schnitt waren es fünf Meter, um die das Niveau angehoben werden mußte, um nicht mehr vom Hochwasser erreicht zu werden. Die so gewonnene Fläche betrug etwa 40 Hektar, also ist ein Drittel der heutigen Altstadt damals hinzugewonnen worden. Und auch die Mengen lassen sich dadurch errechnen: Etwa zwei Millionen Kubikmeter Füllmaterial wurden gebraucht und mußten zumeist draußen vor den Toren abgebaut werden. Zweihunderttausend Kubikmeter Holz sind damals verbaut worden. Alle Achtung, lieber Elver von Bardewik! Oder wer auch immer dafür die Verantwortung getragen hat.

König Waldemar setzte dem Werk dann den Kronreif auf – man kann es fast wörtlich nehmen: Auf seinen Befehl hin wurde nun die gesamte Halbinsel mit einer durchgehenden Mauer umgeben, Tore und Wehrtürme eingefügt. Noch einmal also eine große gemeinschaftliche Anstrengung der Stadtbewohner. Damit war nicht nur ein Schutz gegen äußere Feinde geschaffen, sondern auch ein einheitlicher Siedlungsraum vom Burgtor im Norden bis zur Mühle an der Mündung der Wakenitz in die Trave – eine Stadt, ein Rechtsraum, ein gemeinsamer Rat an der Spitze. Nein, nicht ganz! Denn der Domhof und die Kurien der Kapitelherren unterstanden ihm nicht, das war bischöfliches Gebiet und nur der hatte hier das Sagen. Und der königliche Stadtvogt in seiner Burg war natürlich ebenfalls sein eigener Herr. Dafür baute auch er dort nun ein repräsentatives Haus, natürlich in Backstein. Und – es steht noch immer, eingebaut in die Gebäude des späteren Klosters. Wer wollte nun noch sagen, die Dänen seien nur ungeliebte Besatzer gewesen?

8. Noch einmal: Lübeck als Stadt des Reiches

Ja, nichts währt ewig, auch keine Großmächte. Warum mußte König Waldemar II auch auf einsamer Insel nach einem Jagdausflug in einer schönen Mainacht unbewacht in sein Zelt kriechen? Der Graf von Schwerin hatte allen Grund, diesen Mann zu kidnappen, schließlich war sein Schwerin von den Dänen besetzt worden. Aber einen Ort, ihn einzusperren, fand er dennoch. Zwei Jahre lang feilschte der Graf um den Preis, den König wieder freizulassen, und eine große Koalition von Feinden des Dänen stand ihm bei. Als die dann auch noch ein dänisches Heer besiegte, mußte Waldemar (sicherlich zähneknirschend) nicht nur 45.000 Mark Silber auf den Tisch legen, sondern auf alle Gebiete verzichten, die zum heiligen römischen Reich gehörten – Mecklenburg, die Grafschaften Schwerin und Holstein. Da hatten auch die Lübecker schon die Zeichen der Zeit erkannt und die dänische Burgmannschaft sicherheitshalber davongejagt.

Doch sogleich wuchs die Gefahr, dass ein anderer die leere Burg besetzen könnte. Also rissen sie erst einmal die gegen die Stadt gerichteten Mauern dieser Festung nieder.

Außerdem ließen sie sich in einer gewichtigen Urkunde von den fürstlichen Gegnern Waldemars bescheinigen, dass ihre Unterstützung auf eigene Rechnung geschehen sei und ganz und gar freiwillig. Aber letztlich konnte jetzt jeder Anspruch auf die Stadtherrschaft erheben, und Adolf IV, Graf im gerade wiedergewonnenen Holstein, würde sicher bald darauf zurückkommen.

Die Herren des Rats sannen auf Abhilfe, und die sah so aus: Man holte die alte Urkunde Kaiser Barbarossas aus der Truhe, und da sie schon ein wenig vergilbt war, schrieb der Notar des Rates namens Marold sie fein säuberlich ab – und gleich ein paar weitere wichtige Dinge mit hinein. Schließlich hatte ja Waldemar den Lübeckern ebenfalls einiges zugestanden. Aber etliche ganz neue Wünsche tauchten ebenfalls dort auf, die man dabei dem Kaiser als vorhandenes Privileg unterschieben konnte: So sollte der Rat Verstöße gegen seine eigenen Erlasse auch bestrafen können, und er hätte das Recht, die Pfarrer seiner Ratskirche St. Marien selber zu wählen. Schließlich sei die Stadt von der Heerfolge befreit. Und – vorsichtig, wie Geschäftsleute eben sind – die alte Vorlage landete im offenen Kamin. Und dort brannte zufällig das Feuer. Daneben aber listete man noch weitere Punkte auf, die der Kaiser gewähren sollte und die man schlecht zurückdatieren konnte.

Mit diesen geschönten Dokumenten machten sich zwei Herren aus dem Rat auf, um über die Alpen ins ferne Italien zu reisen, wo Friedrich II. sich aufhielt. Im Mai 1226 trafen sie in Borgo bei Parma ein, und der Kaiser empfing sie freundlich. Die Barbarossa-Urkunde war rasch unterschrieben, doch mit den anderen Forderungen ließ er sich Zeit. Zwei Wochen mussten die lübischen Abgesandten ausharren, ehe sie das Pergament mit dem Reichssiegel und den Unterschriften vieler gewichtiger Zeugen, darunter drei Erzbischöfe, acht Bischöfe und etliche weltliche Fürsten, in den Händen hielten.

Doch das Zittern hatte sich gelohnt: Lübeck erhielt die Burg von Travemünde und den Priwall zugesprochen sowie weitere Bereiche längs der Trave, die bisher dem Holsteiner gehörten. Verboten war es allen Nachbarn, entlang der Trave eine Burg zu errichten und damit den Lübecker Handel zu gefährden. Auch sonst gab es allerlei Vorteile für die Lübecker Kaufleute, wenn sie im Reich unterwegs waren. Vor allem aber: Lübeck sollte frei sein, nur dem deutschen König, also dem Kaiser, unterstellt, es sei „Reichsgut“ – und es sollte auch in aller Zukunft nicht aus dem Besitz des Reiches herausgenommen werden, wenn es wieder einmal einem Kaiser in den Sinn kommen sollte, einem Fürsten die Stadtherrschaft abzutreten.

Das alles konnte Kaiser Friedrich zwar überhaupt nicht durchsetzen, aber es war ein unbestreitbarer Rechtstitel für die Stadt, und als die Sendboten mit ihrem kostbaren Dokument zurückgekehrt waren, legte man es in der Trese ab, der Schatzkammer der Stadt unter dem Dach von St. Marien – und bis 1940 war es dort wohlverwahrt, bis es nach manchen Irrungen 1986 wieder nach Lübeck zurückkehrte. Nur das goldene Siegel des Kaisers – die Bulle – hatte es dabei eingebüßt. Gold findet eben immer einen Käufer.

Noch aber war die Freiheit Lübecks nur ein Versprechen, für dessen Einlösung die Stadt erst selbst sorgen mußte. Zwar hatte Waldemar feierlich auf Rache verzichtet, doch bald versuchte er, das Verlorene zurück zu gewinnen. Schließlich hatte ihn der Papst höchst persönlich von seinem erzwungenen Eid gelöst.

9. Lübeck – Zentrum des Fernhandels

Waren es anfangs zumeist Luxusartikel, die unsere aben- teuernden Fernhändler mit der Knorr, dem etwas breiter ausladenden Langschiff der Nordmänner, von Gotland herbeischafften und damit glänzende Geschäfte machten, so wuchs im 13. Jahrhundert der Bedarf an Massengütern: Weizen, Holz, Wachs und Honig, vor allem aber Fisch, getrocknet, gedörrt, gesalzen. Und langsam wurde es schwierig, das alles auf dem Seeweg zu befördern.

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Dietrich Bokholt hat sein Schiff im Hafen von Skanör mit Heringsfässern beladen. Gerade hat er sich vom Ältermann der Hansischen verabschiedet und schlendert zurück zum Strand. Doch plötzlich stutzt er: Dicht neben dem seinen liegt ein fremdes Schiff, und fremd ist auch seine Bauart.

Zwar ist es kaum größer als seine Knorr, doch weitaus bauchiger und mit höheren Bordwänden; der Vordersteven ragt ohne jede Krümmung aus dem Wasser, der hintere ist noch steiler und ebenfalls gerade. Auch liegt das Schiff viel dichter am Ufer, es scheint einen flachen Boden statt des üblichen Kiels zu haben. Das erklärt auch, warum es so breit und behäbig erscheint. Gerade kommt sein Schiffsführer hinzu, auch er betrachtet das andere Schiff mit Erstaunen.

„Seht nur,“ sagt er zu Dietrich: „Nirgends sind die Planken geklinkert! Keine liegt über der anderen, keine ist genagelt und gedichtet worden. Ob man mit solch glatten Schiffswänden wohl schneller durch das Wasser gleitet?“ Dietrich zuckt die Achseln. Er bewundert eher, dass dieses Schiff nicht offen ist, sondern nach oben hin geschlossen. Und auf dem Heck sitzt sogar ein erhöhtes Podest wie ein flachgedeckter Schuppen. Neugierig tritt er näher an das Ufer heran. Vom Mast weht der Wimpel einer St. Knut-Gilde, also kommt das Schiff wohl von einer der dänischen Inseln.

Doch dann sieht er, wie der Schiffer an Deck kommt, und ruft ihn an: „Sagt, guter Freund, was habt Ihr da für ein Schiff?“ Der Däne lacht: „Da staunt Ihr, nicht wahr? Dabei gibt es diese Koggen schon seit langem. Die Friesen fahren darauf, denn mit dem flachen Boden liegt es gut auf, wenn im Hafen Niedrigwasser ist. Das ist auch im flachen Wattenmeer ein großer Vorteil. Und wie Ihr seht, lässt sich das Schiff darum auch viel weiter an eine Kaikante bringen.“

„Aber Ihr habt keine Ruderer?“ „Nein, wir fahren allein mit dem Segel. Das spart eine gute Anzahl Schiffsvolk, und Ihr wisst selber, dass damit die Frachtkosten sinken.“ - „Ja, das ist wahr,“ bestätigte Dietrich, und sein Interesse an diesem Schiffstyp steigt. „Und wer hat Euch diese Kogge, wie Ihr sie nennt, gebaut?“ „Meine Schiffsherren haben sie einem Händler aus Dorestad abgekauft. Aber auch in Jütland, so hörte ich, wurden bereits die ersten gebaut.“

„Und wie viel Last könnt Ihr an Bord nehmen?“ fragt Dietrich. „Nun, mit sechzig Last sind wir vollbeladen.“ - „Das hört sich gut an, unsere Knorr faßt gerade einmal die Hälfte. Und Ihr sagt, die Jütländer können solche Schiffe auf Kiel legen?“ Der Schiffer lacht: „Kiel ist gut. Der Koggenboden ist platt wie ein großes Brett, da dient der Kiel nur noch dazu, die Steven zu halten. Doch das kann ich Euch leider nicht zeigen, es sei denn, Ihr lasst Euch kielholen.“ Nun lacht auch Dietmar: „Vielen Dank, darauf verzichte ich gern. Jedenfalls wünsche ich Euch eine gute Reise!“

Dietrich Bokholt ist nachdenklich geworden. Dieses andere Schiff scheint wirklich besser zu sein als die Knorr, wie man sie in Lubeke nutzt. „Man müsste einmal eine Fahrt mit einer solchen Kogge machen,“ sagt er zu seinem Schiffsführer. „Ich muß darüber unbedingt mit den anderen Kaufleuten reden.“

War es so? Oder war es doch so ähnlich? Vielleicht.

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Und die Lübecker ließen sich rasch überzeugen, zu groß waren die Vorteile dieses neuen Schiffstyps. Auf Ruderer konnte man so verzichten, ein Mast mit einem großen Rahsegel reichte, und der breite Rumpf fasste eine große Ladung. 100 bis 200 Tonnen – nach unseren Maßen – konnten es schon sein. Kein Wunder, dass dieses Schiff, die berühmte Kogge, und danach die etwas verbesserte Kraweel, für gut zweihundert Jahre das Transportmittel schlechthin auf Nord- und Ostsee wurde. Es war schneller herzustellen, verbrauchte weniger Material und war noch bei mäßigem Wind rascher am Ziel als jeder Fuhrmann an Land. Ein hoher Aufbau am Heck, das Kastell, bot Platz für Schiffsführer und die mitreisenden Kaufleute, das Ruder wanderte von Steuerbord ans Heck und machte das Schiff wesentlich manövrierfähiger.

Segelte man anfangs noch möglichst unter Land, also in Sichtweite der Küste, um sich zu orientieren, so fuhr man jetzt auch über das offene Meer. Das verkürzte den Seeweg, und selbst bis ins ferne Reval war man gerade eine Woche unterwegs. Lange Zeit war für die Lübecker Händler Gotland das erklärte Ziel, hier nahmen sie von den Nordmännern die Waren des Ostens in Empfang und tauschten sie gegen das, was sie mitbrachten. Wir erinnern uns: Schon Heinrich der Löwe hatte nicht nur den gotländischen Kaufleuten freien Handel in seinen Landen zugesagt, sondern auch den Lübeckern gleiche Rechte auf der Insel beschafft. Viele blieben dort länger, manche auch über Winter. Und in Visby, dem Hauptort Gotlands, gab es bald ein eigenes deutsches Viertel mit einer eigenen Kirche für die Genossenschaft der lübischen Gotlandfahrer. Visby war also die Spinne im Netz des Ostseehandels.

Aber Lübeck wuchs ebenso zu einem Knotenpunkt von See- und Landwegen heran. Zwei Spinnen in einem Netz? Wie lange würde das gut gehen? Zunächst war Visby die eigentliche Schutzmacht der deutschen Händler, nahm sie in ihrer Niederlassung in Nowgorod auf, gründete dann gemeinsam mit ihnen den Peterhof dort, das spätere Kontor der Hanse. Visby war zur Großstadt geworden, schloß ein Bündnis mit Lübeck, gehörte dann auch zur Hanse. Viele lübische Kaufleute blieben ganz auf der Insel, wurden Bürger Visbys. Doch um die Verwaltung des Peterhofs gab es Streit zwischen den beiden Städten, und irgendwann war es Lübeck, das die Nase vorn hatte. Irgendwann hat eine Spinne die andere gefressen.

Es waren also lange Jahrzehnte die Genossenschaften der Kaufleute, die mit den einheimischen Größen verhandeln mussten. Und es gab viel zu bereden: Welche Rechte hatten sie als Ausländer in der Fremde, von welchen Abgaben und Zöllen wollten sie sich freikaufen, wie sah es mit der Selbstverwaltung in ihren Niederlassungen aus, welches Gericht war zuständig bei Streitigkeiten über Waren und Preise – oder bei Mord und Totschlag? Was ist mit Schiff und Ladung, wenn beides nach einem Schiffbruch am fremden Strand landete, was mit dem Hab und Gut eines Händlers, der dort fern der Heimat verstarb? Da wanderte manche Mark Silber in die Taschen von Grafen und Königen für ein durch viele Zeugen beglaubigtes Pergament, und doch blieb letztlich immer offen, ob sie sich an die erteilten Privilegien halten würden. Oder sie durchsetzen konnten bei ihren eigenen Leuten.

Nun gut, diese Genossenschaften, organisiert nach ihren Zielen, waren ernstzunehmende Partner, brachten sie doch die Waren ins Land, die dort dringend gebraucht wurden, brachten sie auch Einnahmen und Gewinn für die einheimischen Fürsten, indem sie deren Produkte aufkauften.

Oberstes Ziel aller lübischen und der anderen deutschen Kaufleute jedoch war es, Handelsmonopole zu schaffen, die Konkurrenz auszuschalten und die Preise zu bestimmen. Und notfalls griff man auch mit wenig Skrupel zum letzten Mittel, dem Boykott. In Norwegen hatte diese Politik zu einer landesweiten Hungersnot geführt, als die Weizenlieferungen eingestellt wurden, bis der König einlenken mußte.

Aber Ziel mußte auch sein, die Handelswege zu sichern, ob auf See oder auf den Straßen – vor Wegelagerern ebenso wie vor den vielen Zöllnern, die die Händler unterwegs gerne abkassierten im Auftrag aller möglichen Herren. Da waren die Hansischen dann gerne für einen freien Handel. Kommt irgendwie bekannt vor, nicht wahr?

Nach und nach häuften sich die Genossenschaften in der Stadt. Neben die Gotlandfahrer traten die Schonenfahrer, die Bergen- und Nowgorodfahrer, die Stockholmfahrer; und dann auch die Kaufleute, die über die Nordsee nach Brügge segelten, um von dort mit den Engländern zu handeln, den Hauptproduzenten von Schafwolle. Überall gab es Niederlassungen, eigene Wohnquartiere und damit auch Ältermänner, die vor Ort verhandelten, aber auch für Ordnung sorgten. Und viele dieser Zusammenschlüsse führten sogar ein eigenes Siegel, waren sozusagen 'staatlich anerkannte' Vertragspartner.

10. Lübeck und die Hanse der Städte

Nein, Lübeck hat die Hanse nicht gegründet. Es gab überhaupt keine Gründung, es gab weder Satzung noch Beitrittsurkunden. Und entstanden ist das, was wir 'Hanse' nennen, auch gar nicht an der Ostsee, sondern – am schönen Rhein. Genauer: in Köln. Könnte man jedenfalls so sehen.

Hanse – was bedeutet eigentlich dieser vielbenutzte Name, den noch heute Dutzende Städte als stolzen Titel tragen? Eigentlich etwas recht Schlichtes, so sagen jedenfalls die Fachleute. Mit 'Hanse' gemeint ist eine Schar von bewaffneten Männern. Und weil jene ersten wagemutigen Fernhändler sich für eine gemeinsame Reise gegenseitigen Beistand schworen, bildeten sie eben eine solche Gruppe. Und so blieb die Bezeichnung irgendwie an den Schwurgemeinschaften haften, auch als sie zu ständigen Genossenschaften wurden von Kaufleuten, die mit einer bestimmten Stadt Handel trieben.

Eine solche Genossenschaft gab es auch in Köln. Es waren die Kaufleute, die den seit römischen Zeiten am Rhein angebauten ordentlich vergorenen Rebensaft flussabwärts und über den Kanal nach England brachten und meist mit englischer Wolle zurückkamen. Dazu brauchten sie die Unterstützung des englischen Königs, denn der Handel mit Wolle und Tuchen lag fest in der Hand der Flamen, und es drohte die Gefahr, dass die flandrischen Kaufleute ein Handelsmonopol errichteten. Heinrich II, der Herrscher in London, sah es wohl ähnlich, und so stellte er die rheinischen Fernhändler unter seinen Schutz, gewährte ihnen den Bau einer Guildhall als Niederlassung am Ufer der Themse. Sein Sohn, Richard Löwenherz, ging etliche Jahre später wesentlich weiter: 1194 gewährte er den Kölnern die umfangreichsten Privilegien, die es damals gab – als Dank, dass sie ihm das Kapital geliehen hatten, mit dem er sich aus der Gefangenschaft des deutschen Königs loskaufen konnte.

In der Kölner Handelsbasis auf der britischen Insel aber tauchten bald auch niederdeutsche Kaufleute auf, und sie kommen aus verschiedenen Städten. Dennoch haben sich die Nordlichter zusammengeschlossen als Händlergemeinschaft, denn sie haben die gleichen Interessen, steuern die gleichen Ziele an. 1157 erhalten auch sie vom englischen König ein erstes Privileg für ihren Handel. Was aber noch wichtiger ist: Die Kölner und diese „Osterlinge“ schließen sich zusammen, wählen sich Ältermänner als Verhandlungsführer aller, schlicht und einfach, weil sie gemeinsam stärker sind. Miteinander leben und handeln sie nun im Stalhof, einer Erweiterung der alten Gildehalle mit Wohnhäusern und Warenspeichern.

Und hier in London taucht dann 1282 unser Begriff wieder auf, denn sie werden als 'de dudesche Hense' bezeichnet, oder in der allgemeinen Vertragssprache Latein: 'Hansa Alemanniae.' Sie selber sprechen eher von sich als dem 'gemenen Koopman,' also der gemeinsam handelnden Kaufmannschaft. Keine Geburt, keine Herkunft, keine fürstliche Gunst hat diesen Stand geschaffen, sondern allein ihr eigener Wille.

Kehren wir nach Lübeck zurück. Es sind zwar die gleichen Männer, die hier den Fernhandel beherrschen und im Rat die Stadt regieren, aber Beruf und Mandat, so könnten wir es mit heutigen Begriffen sagen, sind doch getrennt. Zunächst noch. Denn ob Kaufmann oder Ratsherr – sie verfolgen die gleichen Interessen. Und manchmal ist es eben nützlich, wenn in den Verhandlungen mit den politischen Größen nicht der Kaufmann auftritt, sondern der Ratsherr – also der Vertreter der Stadt. Und damit die Stadt selbst. Die Historiker sagen es so: Aus der Kaufmannshanse wird die Städtehanse. Natürlich nicht von heute auf morgen, und nicht von klugen Köpfen ausgeheckt. Es ergab sich halt so, und es war ja auch nützlich.

Schuld daran war die allgemeine Lage. Lassen wir einfach wieder einen Bardewik die Sache erklären. Es gab damals ja tatsächlich wieder einen im Lübischen Rat – Johann von Bardewik, und er war mehrfach zum Bürgermeister gewählt worden zwischen 1263 und 1290. Wir haben uns vor seinem Haus eingefunden, in der Breiten Straße, schräg gegenüber vom Rathaus. Gerade wollen wir uns den Buden der Goldschmiede zuwenden, die gegenüber, am Rand des weiten Marktplatzes, arbeiten und ihre Ringe und Halsketten anbieten, da öffnet sich auch schon die Tür und Herr Johann tritt heraus in seiner Schaube aus feinem braunen flandrischen Tuch mit dem Zobelkragen. Auf die Trippen, die hölzernen Überschuhe mit den Stelzen gegen den allgegenwärtigen Schmutz, hat er diesmal verzichtet, denn der Markt mit seinem festen Belag aus Holzbohlen wird regelmäßig gereinigt und zum Eingang des Gewandhauses sind schließlich nur wenige Schritte. Es ist zwar keine Ratssitzung angesagt, aber er will sich mit Hinrich von Wittenborg treffen, der in diesem Jahr wieder das Amt eines Bürgermeisters versieht. Es geht um einen wichtigen Vertrag, den Lübecker Sendboten mit den Vertretern der Nachbarstädte Wismar, Rostock und Kiel ausgehandelt haben, auch Stralsund ist trotz früherer Feindschaft mit Lübeck bereit, sich anzuschließen.

Wittenborg hatte Herrn Johann hinzugebeten, denn er hat Erfahrungen mit Verträgen, hatte er doch 1250 als gerade neu gewählter Ratsherr bereits erfolgreich mit König Hakon von Norwegen verhandelt. Johann von Bardewik war jahrelang nach Bergen gesegelt, hatte dort gelegentlich auch die Wintermonate verbracht, um rechtzeitig viele Tonnen Stockfisch aufzukaufen. Dafür hatte er neben Pelz und Wachs vor allem Weizen aus den preußischen Häfen nach Norwegen verschifft, denn das Land war schon länger auf Einfuhren angewiesen. Er kannte also die Situation gut, als es zu Auseinandersetzungen über die Rechte der Lübecker Kaufleute dort kam. Und er hatte ein Druckmittel: Die einheimische Getreideernte war 1249 wieder einmal unzureichend gewesen, König Hakon mußte die Lübecker dringend um weitere Lieferungen bitten. Der junge Ratsherr nutzte die Gunst der Stunde und trotzte dem König weitere Privilegien ab, ehe Lübecker Schiffe mit dem dringend begehrten Weizen nach Bergen segelten.

Seitdem galt Herr Johann in seiner Heimatstadt als geschickter Taktiker. Und er kann nun sein Talent auch ganz in den Dienst der Stadt stellen. Wie viele andere Fernhändler geht er nun nicht mehr selbst auf Reisen, sondern lenkt seine Geschäfte von seiner 'Schrivkamere' aus: Auf der Diele seines stattlichen Giebelhauses, bis auf die Rückwand nun ganz in Backstein aufgeführt, hatte er sich eine Dornse seitlich der eichenen Eingangstür abtrennen lassen und dort nicht nur ein Schreibpult und etliche Truhen für die vielen Dokumente hineingestellt, sondern auch einen eigenen Kachelofen für die kalten Monate.

Von hier aus dirigiert er nun seine Warenströme, teilt sich Schiffe und Ladungen mit anderen Kaufleuten, beauftragt Schiffsführer oder junge Handelsgehilfen mit den Verhandlungen in den angesteuerten Häfen, korrespondiert mit Geschäftsfreunden in manchen anderen Städten, um stets Angebote und Nachfragen genau zu kennen. So bleibt ihm die Zeit, seine Aufgaben im Rat wahrzunehmen. Und er war soeben zum Wetteherrn berufen worden, ein verantwortungsvolles und zeitraubendes Amt, muß er doch die vielen Händler auf dem Markt und die Handwerker in der Stadt überwachen, ob sie richtig maßen und abwogen, keine gefälschten Münzen nutzten, keinen Pfusch anboten und an den ihnen zugewiesenen Plätzen ihre Waren anboten. Da ist es gut, dass ihm die Büttel zur Seite standen.

Während wir hier ins Plaudern kommen, ist unser Ratsherr schon in den ersten Stock des Gewandhauses hinaufgestiegen, wo Bürgermeister Hinrich von Wittenborg, Ratsherr Arnold Schotelmund und der Stadtschreiber bereits zusammensitzen. Der Rat von Wismar hatte den Entwurf einer Urkunde geschickt, die es zu beraten gilt. Worum geht es da? Seit langem schon klagen die Händler darüber, dass Straßen und Wege immer unsicherer werden. Zwar herrscht Landfrieden, und die Landesherren sollen ihn durchsetzen, doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Die vielen Adligen in ihren befestigten Häusern sind in den Augen der Städte zu bloßen Wegelagerern geworden, zu Räubern und Erpressern. Gut, das mag einseitig sein, denn meist ging es ganz legal um eine Fehde, und die war keineswegs verboten.

Aber Anlaß für eine solche Kriegserklärung konnte (fast) alles sein, und sie konnte jeden treffen: Einen einzelnen Bürger oder gleich die ganze Stadt. Und war sie erst einmal erklärt, konnte der Ritter jeden Warenzug, jeden reisenden Kaufmann gleichsam als Pfand nehmen, bis seine Forderung erfüllt war. Es gelang den Fürsten nur selten, die Rückgabe von widerrechtlich einbehaltenem Gut zu erzwingen oder wenigstens für Entschädigung zu sorgen. Hier aber war nun die Stadt, also die Räte und Bürgermeister, gefragt, waren sie doch zum Schutz ihrer Bürger verpflichtet, und das nicht nur innerhalb der Mauern.

So hatten schon die beiden Städte Hamburg und Lübeck seit längerem einen Vertrag geschlossen, um die Wege, die sie verbanden, sicherer zu machen. Und nun liegt das Pergament aus Wismar auf dem Tisch. Johann studiert es genau, und er weiß wohl, was es bedeutet: Die Städte sollen sich urkundlich verpflichten, so liest er, jeden, der einen Kaufmann beraubt, für geächtet zu erklären. Im Klartext: Jeder darf dann solche Leute ohne weiteres Gerichtsverfahren, aber dennoch ohne Angst vor Strafe ins Jenseits befördern. Und wer diese Räuber schützt, ihnen Zuflucht gewährt, verfällt ebenfalls der Acht.

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Herr Johann blickt auf und schaut die drei Männer an: „Damit nehmen wir uns ein Recht heraus, das nur dem König zusteht,“ sagt er nachdenklich. Der Bürgermeister erwidert den Blick: „Nennt mir einen Herrn, lieber Johann, ob Kaiser, Herzöge oder Grafen, die unsere Kaufleute zu schützen wissen. Es bleibt uns keine Wahl, als dieses Recht in die eigenen Hände zu nehmen.“

Und Johann von Bardewik weiß aus manch eigener Erfahrung, dass Wittenborg die Wahrheit spricht. „Ja, es ist leider wahr! Wie oft schon haben diese Buchwalds und Scharpenbergs einen Warenzug überfallen, ihn ausgeraubt und die gefangenen Kaufgesellen nur gegen hohes Lösegeld freigelassen. Und das mit höchst fadenscheinigen Vorwänden für eine Fehde.“ - „Wenn es denn überhaupt eine Fehde gab,“ mischt sich nun Herr Arnold in der Runde ein: „Vergangenes Jahr hat dieser Lorenz Scharpenberg meine Wagen in der Hahnheide überfallen, ohne je einen Fehdebrief geschickt zu haben. Das ist eindeutig Straßenraub. Und weil mein Ältester unter den Begleitern war, hat er eine gewaltige Summe für seine Freilassung verlangt. Was sollte ich tun? Ich habe zahlen müssen!“

„Ja, was soll man anderes tun?“ nimmt Herr Johann den Faden auf. „Auf die Fürsten können wir kaum zählen, ob es nun der Lüneburger Herzog oder Graf Adolf ist. Dabei sind diese Strauchritter ihre Lehnsleute. Aber hat der Herzog je einen gezwungen, die Gefangenen freizulassen? Oder uns den Schaden zu ersetzen? Nichts als schöne Worte bekommen wir von ihm zu hören.“ - „Eben darum müssen die Städte nun selber handeln,“ sagt Wittenborg und deutet auf das Pergament, um das es hier geht. „Aber werden sie auch einwilligen, diesen Vertrag besiegeln?“

Der Bürgermeister lächelt „Da bin ich sicher. So sehr unsere Kaufleute auch auf den vielen Märkten rings um die Ostsee konkurrieren mögen, hier haben alle ein gemeinsames Interesse, und das läßt sich gemeinsam am besten vertreten.“

War es so? Oder war es doch so ähnlich? Vielleicht

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Verlassen wir das Lübecker Rathaus und die drei Herren dort für einen Augenblick des Nachdenkens. Wie könnte unser Urteil – aus der Sicht des 21. Jahrhunderts – wohl ausfallen? Jedenfalls alles andere als einhellig. Lautet es: Die Stadt(regierung) damals stellte sich schützend vor ihre Bürger? Oder sollte man eher sagen: Jetzt hat eine elitäre Schicht die Stadt endgültig zum Instrument eigener Interessen gemacht?

Könnten wir feststellen: Hier entsteht ein globales Netzwerk, um den freien Austausch von Waren (und manchmal ja auch von Ideen) zu fördern und zu sichern? Oder sollten wir entsetzt konstatieren: Hier vollzieht sich ein gnadenloser Kampf um ein Handelsmonopol, ein Preisdiktat zu Lasten der Produzenten? (Also genau das, was in unseren Tagen die großen Einzelhandelskonzerne auch praktizieren.)

Damals entstanden die ersten regionalen Städtebündnisse – die 'wendischen' mit Lübeck und die rheinisch-west-fälischen mit Köln an der Spitze, die sich dann in der großen hansischen Gemeinschaft zusammenfanden. Dabei tobte der Konkurrenzkampf der Städte untereinander um Märkte und Absatz kaum gebremst weiter. Aber es gab eben auch Dinge, die allen gemeinsam waren und nur gemeinsam durchgesetzt werden konnten: Schutz vor Wegelagerei und den lästigen Zollschranken einerseits, Ausschaltung fremder Konkurrenz andererseits. Freiheit des Handels und rigorose Kartellpolitik – nur zwei Seiten einer Medaille, auf der stets eines stand: de dudesche hense. Wenn wir die Münze werfen – was würde dann oben liegen?

Es dauert noch mehr als ein halbes Jahrhundert, bis sich 1356 auf Einladung des lübischen Rats hier in seiner Stadt Vertreter (Sendboten nannte man sie damals) all der vielen Städte zu einer ersten 'Tagfahrt' trafen, also zu einer gemeinsamen Konferenz. Die ja längst bestehende Hanse der Städte hatte ein Gesicht bekommen. Traf man sich anfangs hier und da in den Städten, so wurde bald Lübeck zum eigentlichen Tagungsort, und Lübecks Rat verschickte die Tagesordnung.

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