Читать книгу: «Lebendige Seelsorge 2/2019»
INHALT
THEMA
Hör auf(!)s Scheitern…
Von Maria Elisabeth Aigner
Scheitern und Aufhören als spirituelle Herausforderung und Ressource
Von Katharina Karl
Was hat Scheitern mit Gott zu tun?
Die Replik von Maria Elisabeth Aigner auf Katharina Karl
Sein dürfen und Sein lassen
Die Replik von Katharina Karl auf Maria Elisabeth Aigner
Im Scheitern aufhören können
Praktisch-theologische Impulse zum Umgang mit bedeutsamen Verlusten
Von Christian Kern
PROJEKT
Letzte-Hilfe-Kurse
Ein Beitrag zu einer sorgenden Gemeinschaft
Von Petra und Tilman Kirste
INTERVIEW
„Die Krone der Schöpfung ist nicht der Mensch, sondern der Schabbat.“
Ein Gespräch mit Werner Kohler
PRAXIS
Schluss machen
Oder: Von der Kunst, mit dem Aufhören anzufangen
Von Hans-Joachim Höhn
Eine Ordensgemeinschaft hört (auf)
Oder: Das Ende des einen ist der Anfang eines anderen
Von Sr. Benedicta-Maria Kramer
Gepflegt scheitern
Der Salzburger Coworking Space „Mirabell5“ und die „FuckUp Nights“ für junge Unternehmer
Von Dominik Elmer
Erfolgskritische Faktoren einer charismenorientierten Pastoral
Lernen aus einem gescheiterten Experiment
Von Theresa Faupel
Mit Gott aufhören
Von Gotthard Fuchs
Als die Geschichte zu Ende war
Deuteronomistische Theologie angesichts der Katastrophe des Exils
Von Barbara Schlenke
FORUM
Homiletische Entwicklungen in Polen
Einblicke in eine kaum bekannte Landschaft
Von Leszek Szewczyk
POPKULTURBEUTEL
Ikonen
Von Stefan Weigand
NACHLESE
Re:Lecture
Von Peter Walter
Buchbesprechungen
Impressum

Bernhard Spielberg Mitglied der Schriftleitung
Liebe Leserin, lieber Leser,
dreißig Stunden müssen reichen. So viel Zeit ist für das Durchschreiten der Niederlage vorgesehen. So lange ist Unordnung erlaubt, steht das Programm still. Dann muss es weitergehen. Noch prächtiger als zuvor. Dreißig Stunden liegen zwischen dem „Es ist vollbracht“ der Karfreitagsliturgie und dem „Lumen Christi“ der Osternacht. Dreißig von achttausendsiebenhundertsechzig Stunden im Jahr.
In Kirchen lässt sich in dieser Zeit beispielhaft beobachten, wie unterschiedlich auch in der Seelsorge mit dem Scheitern umgegangen wird: Die einen bleiben beim Alten. Weggeräumt wird nur, was man beim Auszug unkompliziert aus dem Altarraum mitnehmen kann. Es muss ja ohnehin bald wieder alles an seinem Platz sein. Andere können es kaum erwarten, wieder Halleluja zu singen. Das Osterfeuer wird noch im Sonnenschein des Karsamstags entzündet. Wieder andere verklären Leid zur Tugend und Schmerz zur Prüfung – untermalt durch detaillierte Darstellungen. Und es gibt die, die der Leere Platz machen, die sich in Liturgie wie Pastoral dem Scheitern aussetzen, sich aber auch nicht damit abfinden.
In dieser letzen Spur bewegt sich dieses Heft. Es hat zwei merkwürdig unverbundene Themen: Scheitern und Aufhören. Beide werden zunächst für sich betrachtet: Maria Elisabeth Aigner und Katharina Karl gehen den psychologischen bzw. spirituellen Ebenen des Scheiterns auf den Grund. Christian Kern nimmt daran anschließend die feine Verbindung zwischen beiden in den Blick: Im Widerfahrnis des Scheiterns kann die unverfügbare Gabe des Aufhörens liegen. Sie braucht Orte und Rituale, um wirksam zu werden und zu einem neuen Anfang zu verhelfen. Auf dieser Linie bewegen sich die weiteren Beiträge: So beschreiben unter anderem Petra und Tilman Kirste ganz praktisch „Letzte-Hilfe-Kurse“, Hans-Joachim Höhn entfaltet die Kunst, mit dem Aufhören anzufangen. Schließlich zeigen Gotthard Fuchs und Barbara Schlenke – in je eigener Perspektive –, was passieren kann, wenn man Gott aufhört.
Die dreißig Stunden nach dem Kreuzestod sind ein kostbares Leerzeichen der Liturgie: Ostern wird es nicht trotz des Scheiterns, und auch nicht wegen des Scheiterns. Ostern kann es im Scheitern werden. „Das Gelingen“ – so hat es Klaus Hemmerle formuliert – „muss immer erscheitert werden. Die Erlösung muss immer erscheitert werden.“
Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre!

JProf. Dr. Bernhard Spielberg
THEMA
Hör auf(!)s Scheitern…
Soeben hat es draußen zu regnen aufgehört – so wie das Klavierspiel des Nachbarn direkt ober mir plötzlich zu einem Ende gekommen ist. Hat er von selbst zu spielen aufgehört? Hat ihm jemand gesagt: „Hör auf zu spielen!“? Oder ist er an dem anspruchsvollen Stück gescheitert? Im Tod fallen das Aufhören und das Scheitern zusammen. Das Leben geht zu Ende, es hört auf – unwiederbringlich. In dem Moment scheitern wir mit all unseren Vorhaben und Vorgaben, unserem Sehnen und Verlangen, dem Dasein noch ein wenig Zeit abzuringen. Jedes Leben geht auf dieses Scheitern zu.
Maria Elisabeth Aigner
Im ursprünglichen Wortsinn war es das Schiff, das „scheiterte“, und zwar an den Klippen der Küste. Dort zerbirst und zerschellt es, bricht in tausend Stücke, wird zerstört (vgl. Klessmann, 256). So kann sich scheitern auch existentiell anfühlen, und zwar dann, wenn das Leben nicht von Erfolg gekennzeichnet ist, nicht „geglückt“ zu sein scheint.
Die Psychologie hat – um lebensgeschichtliche Brüche zu beschreiben und zu veranschaulichen – vor allem auf die Begriffe Krise, Trauma oder Konflikt rekurriert und auch deutlich gemacht, wie wir uns dazu verhalten können: mittels Kriseninterventionen, Resilienz, Trauma- und Konfliktbewältigungsstrategien.
Der Begriff des Scheiterns hingegen suggeriert Endgültiges. Scheitern scheint in westlichzivilisierten kapitalistischen Gesellschaften mit ihren neoliberalen Wirtschaftssystemen genau das Gegenteil von „Erfolg“ zu sein. Das Start-up Unternehmen ist gescheitert, weil es pleitegegangen ist; Ehen und Paarbeziehungen scheitern, die Medizin „scheitert“, wenn die Krankheit zum Tod führt; „gescheiterte Existenzen“ sind es, die man unter den Psychiatriepatient/innen in der geschlossenen Abteilung, den Obdachlosen und Pennern zu finden meint. Auch Jesus „scheitert“ am Kreuz. Scheitern gehört insofern konstitutiv in das begriffliche Repertoire christlicher Theologie. Wenn das Gegenteil von Scheitern zur Voraussetzung und Bedingung für das Leben wird, ist es die Theologie, die ihre Stimme erheben muss.
SCHEITERN UND CHANCE
Krisen, Konflikte, traumatische Ereignisse sind ebenso wie das Scheitern gewissermaßen Bestandteil jeder Biografie. Sie gehören zu den Wachstumsprozessen im Lebensverlauf. Das Leben „wider-fährt“ uns mit voller Wucht – auch wenn wir geneigt sind, uns manches Mal gegen dieses Widerfahrnis aufzulehnen und entgegenzustemmen, dagegen aufbegehren wollen. Heftige Ereignisse von außen können Prozesse des Scheiterns in Gang setzen. Scheitern gibt es jedoch auch im Stillstand, in der Erstarrung der Lebendigkeit, im Festgezurrt-Sein durch Muster und unhinterfragte Gewohnheiten. Zum Leben gehört auch all das, was überhaupt Leben ermöglicht: materielle und geistige Nahrung, Sicherheit und Geborgenheit, Zuwendung, Beziehung, Liebe und Glück. Um den Alltag bewältigen zu können, benötigen Menschen eine bestimmte Form von ontologischer Sicherheit („ontological security“), wie dies der Soziologe Anthony Giddens bezeichnet. Im Kontext von Pastoralpsychologie und Seelsorge spricht man in diesem Zusammenhang von „Seinsgewissheit“ (Ziemer, 221), die nötig ist, um angesichts menschlicher Kontingenzerfahrungen Boden unter den Füßen zu behalten.
Maria Elisabeth Aigner
Ao. Univ.-Professorin am Institut für Pastoraltheologie und Pastoralpsychologie an der Karl-Franzens-Universität Graz; Leiterin der Abteilung für Pastoralpsychologie; Lebens- und Sozialberaterin; Bibliodrama- und Bibliologtrainerin international; Vorsitzende des Arbeitskreises für Gleichbehandlungsfragen an der Universität Graz.
Krisenphänomene erschüttern diese Seinsgewissheit in zweifacher Hinsicht. Zum einen sind sie Bestandteil jeder lebensgeschichtlichen Übergangssituation und haben mittlerweile auch im populärpsychologischen Sprachgebrauch Eingang gefunden: Pubertätskrisen, Ehe- oder Beziehungskrisen und der Pensionsschock gehören als Entwicklungskrisen zur Alltagserfahrung. Im verhaltenen oder offensiven Trubel und Chaos andauernder Identitätsfindungsprozesse macht sich aus dem Unterbewussten langsam ins Bewusstsein tretend die Erkenntnis breit, dass Veränderung ansteht. Etwas funktioniert im eigenen System und in Relation zur Umwelt nicht mehr so wie bisher. Die Krise signalisiert, dass es zu einem Wandel kommen wird. Es ist dies die Zeit, wo verfestigte Muster und Strukturen sich verflüssigen und der Stillstand aufgehoben wird.
Die Lebenserfahrung zeigt, dass Krisen- und Konfliktsituationen ein großes Potenzial beinhalten. Zugleich erleben Menschen diese Phasen mitunter äußerst schmerz- und leidvoll und trachten nach möglichst schneller Bewältigung, was einem heilsamen Entwicklungsprozess zumeist entgegensteht.
Zum anderen wird in sogenannten „Aktualkrisen“ (Rössler, 454) erfahren, dass die selbstverständliche und vertraute Routine des Lebens einen gewichtigen Einschnitt erfährt. Wenn die Krise nicht mehr allein ein verunsichernder, angstmachender, mit Schmerz verbundener Teil des Alltags ist, sondern sich wie ein Zusammenbruch anfühlt, der das Leben bis in die tiefsten Ritzen hinein erschüttert und infrage stellt, nimmt die Krisenerfahrung eine anders gelagerte Bedeutung an. Trennung, Tod, Verlust, Missbrauch, Krankheit, Ruin können Menschen so sehr zusetzen, dass es zu Traumatisierung, Störungen und totalem Rückzug kommt, der auch in einer suizidalen Krise enden kann, wenn die notwendigen Bewältigungs- und Copingstrategien nicht im hinreichenden Ausmaß vorhanden sind.
Die seelsorgliche Konnotation mit dem Begriff „scheitern“, sowie die Tatsache, dass das Scheitern größeren Endgültigkeitscharakter zu haben scheint als die Krise, verweisen auf die Schuldthematik und die Thematik der Schuldgefühle. Menschen erfahren sich gerade in Zusammenhang mit der Erfahrung von Scheitern in Schuld verstrickt oder werden von Schuldgefühlen geplagt, der bewussten oder unbewussten Überzeugung also, etwas Falsches getan zu haben, was womöglich gar nicht der Fall ist. Es gibt Anteile von Selbst- und Fremdverschulden im Scheitern und selten lassen sich diese klar benennen – weder von Seiten der Betroffenen noch von außen.
Das Erleiden-, Erdulden-, Ertragen-Müssen erzeugt Ohnmacht. Schuldgefühle stellen eine erahnte Möglichkeit dar, für das Geschehene Verantwortung zu übernehmen und sich dadurch nicht mehr so entsetzlich ohnmächtig zu fühlen. Scheitern hat mit Versagen, Niederlagen, Begrenzungen, Scham, sowie mit dem Gefühl des Ausgeliefert-Seins zu tun – allesamt Tabus in einer leistungsorientierten Gesellschaft.
Vor diesem Hintergrund ist das Einsetzen jeglicher Chancenrhetorik im Zusammenhang mit Krisen und Scheitern mit Vorsicht zu genießen. In den Erschütterungsprozessen der Seinsgewissheit auch ungeahnte Chancen zu wittern, kann fatal und notwendig zugleich sein. Es ist fatal und grenzt an Zynismus, dem Gescheiterten in seinem Elend vorschnell mit der Hoffnung, oder mit Potenzialen und Chancen zu kommen. Die Chancen aufzuzeigen ist dennoch wichtig, weil das Wissen, dass im Prozess des Scheiterns auch die Möglichkeit des Eintauchens in eine neue Kehre des Lebens – der Umkehr – liegt, Mut machen kann, nicht aufzugeben. Dem Schicksal des Scheiterns nicht zu erliegen, sondern in ihm in paradoxer Weise den Keim des Neubeginns zu erahnen, dazu gehören Vertrauen ins Leben und Lebenskunst.
In den Erschütterungsprozessen der Seinsgewissheit auch ungeahnte Chancen zu wittern, kann fatal und notwendig zugleich sein.
HÖR AUF (MICH)!
Kinder wissen noch am besten, wie mit Scheitern umgegangen werden kann, denn sie erproben sich spielerisch im Experiment, das das Scheitern mit einschließt. Immer wieder scheitert das Gehen im Probieren der ersten Schritte des Kleinkindes, weil es hinfällt. Und erneut steht es unermüdlich auf, bis die Füße von selber in der aufrechten Fortbewegung tragen. Der kindliche Entdeckungs- und Erkundungssinn und das Wiederholen kennen mitunter keine Grenzen – auch wenn Gefahr droht. „Hör auf!“ ist dann das Signal aus dem Mund der Erwachsenen, um zu verdeutlichen, dass es nun genug ist. „Hör damit auf!“, lautet der Appel, der zugleich suggeriert: „Hör auf mich, ich sage dir, was gut für dich ist!“. Aufhören geschieht, weil wir auf etwas hören – auf die Stimme der Mutter oder auf unsere eigene innere Stimme, die so wie andere Menschen, auf die wir hören, zu uns gehört.
Aufhören hat ähnlich wie das Scheitern etwas mit Grenzerfahrung zu tun. Das Aufhören markiert selbst die Grenze. Das, was war, ist nicht mehr – es wurde beendet. Es gibt einen Bruch, ein Zerschellen der Kontinuität an der Entscheidung, dem Ganzen ein Ende zu setzen. Die Distanz zum Vorhergehenden kann als schmerzlicher Verlust oder aber auch als befreiende Erleichterung wahrgenommen werden. Die Distanz zu dem, was kommen wird, birgt einen hohen Grad an Verunsicherung in sich. Aufhören, beenden, beschließen heißt in einem ersten Schritt, die Leere auszuhalten, es sei denn, diese Leerstelle wird nicht sofort mit neuer Aktivität aufgefüllt. Es gibt das Aufhören als aktiven Beschluss, aber auch als resigniertes klein Beigeben. Mit etwas bewusst aufzuhören und Schluss zu machen, bedroht, besticht, verunsichert und verletzt, oder es schafft Raum, ermöglicht, erfreut, bereichert.
In diesem Sinne bedeutet Aufhören auch, sich einer bestimmten Ambivalenz auszusetzen. Die Ambivalenz trifft jene, die den Akt des Aufhörens vollziehen, aber auch jene, die passiv davon betroffen sind. Denn einerseits heißt Aufhören oder Beenden, dass etwas Neues entstehen kann, andererseits stirbt etwas Altes. Die eine Seite verlangt, das Alte gehen zu lassen, die andere, sich dem Neuen in einem intensiven Prozess zu öffnen.
Wenn der Schnitt gesetzt wird, ist noch nicht klar, in welche Richtung es sich entwickelt: Kann der Verlust ausgehalten und betrauert werden? Bleibt er eine klaffende Wunde, die sich erst nach langer Zeit schließen wird? Ist das Beendete unwiderruflich beendet oder kann wieder damit „angefangen“ werden? Wird das neu Entstehende wahrgenommen und erkannt, lässt es sich mutig gestalten?
Wie grausam sich der Schnitt des Aufhörens anfühlen kann, ist in Mt 18,8-9 verdeutlicht: „Wenn dir deine Hand oder dein Fuß Ärgernis gibt, dann hau sie ab und wirf sie weg! Es ist besser für dich, verstümmelt oder lahm in das Leben zu gelangen, als mit zwei Händen und zwei Füßen in das ewige Feuer geworfen zu werden. Und wenn dir dein Auge Ärgernis gibt, dann reiß es aus! Es ist besser für dich, einäugig in das Leben zu kommen, als mit zwei Augen in das Feuer der Hölle geworfen zu werden.“ Der Preis ist hoch, der Gewinn mächtig: Es geht darum, ins Leben zu kommen und das, was daran hindert, dem Feuer preiszugeben, auch wenn es in einer solchen Nähe zu uns steht wie unser eigener Augapfel.
DAS GESCHENK DES LEBENS
Einfach da zu sein, sich dem Leben ohne viel Aufhebens hingeben zu können und darauf zu vertrauen, dass es durch die Tage und Wochen hindurch trägt, ist möglich durch die unhinterfragte Gewissheit, zu existieren. Krisen und Scheitern bringen Ungewissheit, die vertraute Selbstverständlichkeit der Gewissheit gerät ins Wanken. Dieser Lebensungewissheit und der damit verbundenen tiefen Verunsicherung versucht die Seelsorge etwas entgegenzusetzen, das bestärkt und Empowerment bedeutet. Die Pastoralpsychologie verwendet dafür den Begriff „Lebensvergewisserung“ und meint damit „[…] den Prozess, zu lernen, auf das Leben zu vertrauen“ (Weiß, 50).
Scheitern und aufhören zu können heißt, zu akzeptieren, dass eine gestaltende Lebensmacht unsere Fixierungen, Muster und Anhaftungen aufzubrechen im Stande ist. Mit beidem – dem Scheitern wie dem Aufhören – gehen Schmerz und Leid einher und es wird deutlich, dass es etwas zu verabschieden und zu betrauern gibt. Sicherheit und Gewissheit erscheinen statisch, Vergewisserung bedeutet hingegen, dass es notwendig ist, sich auf einen Prozess einzulassen.
Wenn das Leben ins Wanken gerät, erleben sich Menschen nicht nur orientierungslos und ohnmächtig, sondern auch fragend und suchend. In diesen Lebensabschnitten ist es eine Kunst, sich treu zu bleiben, wehrhaft zu sein und vor allem den eigenen Opferstatus-Anteil zu durchschauen. Das erfordert von seelsorglichen und therapeutischen Expert/innen ein hohes Maß an Realitätswahrnehmung, Aufmerksamkeit und Demut.
Seelsorge heißt hier, die Angst, das Entsetzen und das Verstummen auszuhalten, ohne sich selbst davon wegschwemmen zu lassen, oder sich mit vorschnellen Vertröstungen dagegen zu immunisieren. Die von Scheitern und Verlusterfahrungen betroffenen Menschen sind diejenigen, die den Keim von Verwandlung und Transformation in sich tragen. Sie kennen den Faden der zu ihren Widerfahrnissen führt, auch wenn dieser Faden noch so dünn sein mag. Menschen, die in Not geraten sind, tragen Wunden in sich und laufen Gefahr, tiefer in diese Wunden gestoßen zu werden (vgl. Lieben, 99). Das geschieht häufig in der Umgebung, die weder am Scheitern noch an den damit verbundenen Konsequenzen interessiert ist, aber auch durch den eigenen „Ankläger“ oder „Richter“ in uns. Wunden brauchen Zuwendung und einen freundlichen Umgang, damit sie der Verwandlung ausgesetzt werden können. Denn es gibt den paradoxen wie unheilvollen Zusammenhang zwischen Wunden und Verachtung. Verachtung aber macht dumpf und fremd sich selbst und seinem Schmerz gegenüber.
Der Seelsorger/die Seelsorgerin erfährt die Begleitung als Spiegelung in Bezug auf den eigenen Umgang mit der Kontingenz des Lebens. Förderlich sind Klarheit, Genauigkeit und Sorgfalt, die Ordnung schaffen im psychischen Chaos, das Katastrophen im Normalfall hinterlassen. Wenn das Spiegelbild vorschnelle Erklärungsmodelle, Genugtuung oder Mitleid sichtbar werden lässt, ist das ein Anlass, sich auf den Weg zu machen, die eigenen abgespaltenen Anteile aufzusuchen.
Im Scheitern liegt Endgültigkeit, weshalb es noch stärker als in Krisensituationen Normen und Glaubenssätze zerbrechen lässt. Was Menschen in dieser Situation in erster Linie brauchen, ist Achtung und das Wiedergewinnen von Verantwortung durch das Aufgeben der Opferrolle. Das ist eine Zumutung – für die/den vom Scheitern Betroffene/n ebenso wie für das begleitende Gegenüber. Das Schicksal der Betroffenen und sie selbst sind weder zu romantisieren noch zu bagatellisieren. Das, was geschehen ist, was losgelassen oder beendet wurde, hinterlässt Leere und Verwirrung. Schuldzuweisungen und Verurteilungen, das Ausüben einer Deutungsmacht, die sich über das Wissen der Betroffen erhebt, schafft Unheil. Menschen wollen in der Würde ihres Schicksals gesehen, verstanden und angenommen werden.
Die Dunkelheit und das Böse lösen Depression, Ohnmacht, Verzweiflung, Angst und Elend aus. Zugleich stehen diese Realitäten ganz nah an der Sehnsucht der Menschen, sich dem Leben ganz und gar anzuvertrauen und es vertieft und sinnerfüllt zu begreifen. Der Apostel Paulus spricht in seinem Brief an die Gemeinde in Rom von der Gewissheit der Hoffnung in allem Leid und schreibt: „Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch Gewalten, weder Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes […]“ (Röm 8,38f). Daran zu glauben ist angesichts von Not und Elend, das Menschen aufgrund bestimmter Schicksale aushalten müssen, eine Herausforderung. Jedoch ist anscheinend im Leben selbst – in seiner Natur und schöpferischen Kraft – die Gewissheit zugrunde gelegt, dass es sich ständig selbst verschenkt und erneuert. Das Scheitern will also gehört werden und Gehör finden, weil ihm anscheinend eine bedeutende Botschaft innewohnt.
Die erst kürzlich achtzig Jahre alt gewordene österreichische Autorin, Sängerin und ehemalige Schauspielerin am Burgtheater Wien,Erika Pluhar, formulierte jüngst in einem Interview, dass das Leben ein Geschenk sei, auch wenn es einem nichts schenkt. In Bezug auf den Tod ihrer Tochter erzählt sie: „Ich habe alles gemacht und wahrgenommen wie hinter Glas. Aber das Leben ist stark. Und langsam ist das Glas gesplittert und plötzlich merkt man die Sonne und spürt, die ist eigentlich schön“ (Pluhar-Interview). Sie beschreibt in ihrem Buch „Die öffentliche Frau“ ihren Umgang mit einer in Stücken gebrochenen Welt: „Aber mit der Zeit […] klebt man alles, was gebrochen ist, die Welt, das Herz, die Hoffnung, das Vertrauen wieder irgendwie zusammen und lebt weiter“ (Pluhar, 87). Das geschenkte Leben ermöglicht es, dass das, was gebrochen ist, sich auf bestimmte Weise wieder irgendwie zusammenfügt, dass die Welt sich wieder neu findet im eigenen Herzen.
LITERATUR
Giddens, Anthony, The Consequences of Modernity, Cambridge 2010.
Klessmann, Michael, Seelsorge. Begleitung, Begegnung, Lebensdeutung im Horizont des christlichen Glaubens, Neukirchen-Vluyn 32010.
Lieben, Christl, Im Antlitz des Bösen. Ich weinte die Tränen der Mörder und fand das Licht, München 2016.
Pluhar, Erika, Die öffentliche Frau. Eine Rückschau, Berlin 2015.
Pluhar-Interview: www.looklive.at/people-ich-lebe-mit-demschmerz.
Rössler, Ingeborg, Krise, Trauma und Konflikt als Ausgangspunkt der Seelsorge, in: Engemann, Wilfried (Hg.), Handbuch der Seelsorge. Grundlagen und Profile, Leipzig 32016, 451-47 5.
Weiß, Helmut, Seelsorge – Supervision – Pastoralpsychologie, Neukirchen-Vluyn 2011.
Scheitern und Aufhören als spirituelle
Herausforderung und Ressource
Das Phänomen „Scheitern“ ist ambivalent. Es umfasst existentielle Brucherfahrungen, wenn etwa durch den Verlust der Arbeit Armut droht, ein entscheidender Plan nicht aufgeht, eine Beziehung zerbricht. Das damit einhergehende Erleben von Ohnmacht, Kontrollverlust und Versagen ist schwer auszuhalten. Scheitern ist in keinem Fall einfach und wird gesellschaftlich vielfach entweder verdrängt, voyeuristisch stilisiert oder marginalisiert. Scheitern kann existenzbedrohende Folgen haben und ist zunächst eine negative Erfahrung. Der Umgang damit kann jedoch eine Ressource für persönliches Wachstum darstellen.
Katharina Karl
SCHEITERN ALS „SIGNATUR DER MODERNE“
Der These, dass Scheitern eine „Signatur der Moderne“ (Jeggle, 221) darstellt, ist insofern zuzustimmen, als ein großes Augenmerk auf der Frage nach dem Glück und dem Gelingen von Lebensentwürfen liegt. Der gesellschaftliche Druck und Anspruch, glücklich zu sein, kann belastend sein und zum Scheitern führen, vor allem angesichts der Tatsache, dass in einer „Risikogesellschaft“ (Beck) die Verantwortung für das eigene Leben mit allen Chancen, aber eben auch Gefahren beim Individuum selbst liegt. Die Gesellschaft bietet Rahmenbedingungen, aber keine Garantien zur Absicherung der Daseinsbewältigung. Die Maßstäbe, an denen Scheitern gemessen wird, werden so zunehmend höher und die „Orte“ der Selbstverwirklichung oder auch des Scheiterns vervielfältigen sich. Jemand mag an einem Ziel scheitern, das er/sie sich persönlich gesetzt hat oder an Erwartungen an Wohlstand und Erfolg, die gesellschaftlich festgelegt und vom Subjekt anerkannt sind. Es sind ausgesprochene und unausgesprochene Ideale des gelungenen Lebens, an denen Menschen sich messen und gemessen werden – und an denen sie scheitern. Eine Karriere kann ebenso scheitern wie eine Beziehung.
Zu unterschieden sind hier für die eigene Identität relevante Teilbereiche des Scheiterns und das absolute Scheitern als Idealtyp nach Max Weber (vgl. Junge, 18). Gelingt es einer Person nicht mehr, handlungsfähig zu bleiben und Möglichkeitsspielräume zu entwickeln, umfasst das Krisenerleben zunehmend die ganze Existenz. Scheitern wird subjektiv empfunden und intersubjektiv verstärkt oder relativiert. Im Scheitern erlebt eine Person, dass identitätsstützende Faktoren wegfallen, dass etwa das eigene Kohärenzgefühl gestört ist und soziale Anerkennung ausbleibt. Beide, Kohärenz und Anerkennung, gehören zusammen und sind Teil der Syntheseleistungen von Identitätsarbeit (vgl. Keupp, 243-263).
Katharina Karl
geb. 1976 in Regensburg, Dr. theol. habil., Professorin für Pastoraltheologie und Religionspädagogik an der PTH der Kapuziner in Münster; Leiterin des dortigen Pastoralseminars für Ordenspriester sowie Leiterin des Jugendpastoralinstituts Don Bosco in Benediktbeuern.
Ein kohärentes Identitätsgefühl hängt neben anderen Faktoren auch davon ab, welche Ressourcen materieller, aber auch psychischer Art dem Individuum zur Verfügung stehen, um andere Identitätsbereiche zu stärken, und welche Begleitung ein soziales Umfeld im Fall des Scheiterns in einem Lebensbereich (Ehe, Arbeit) bereithält. „Die Kompetenz einer aufgeklärten Umgangsweise mit bedrohter und gebrochener Identität gehört zu den Grundausstattungen der Lernprozesse, die auf Zukunft ausgerichtet sind“ (Negt, 34). Umgang mit Scheitern bildet daher einen wesentlichen Teil von Identitätsarbeit und ist, prospektiv gesehen, Bestandteil der Konstruktion der eigenen Zukunft.
Aufhören ist vom Scheitern in mehrfacher Hinsicht abzugrenzen. Aufhören ist ein grundsätzlich wertneutraler, alltäglicher Vollzug. In manchem Kontext, wenn Aufhören mit Aufgeben verknüpft ist, rückt es je nach dem Kontext, in dem es bewertet wird, in die Nähe des Scheiterns. Bevor es zu einer letzten Konsequenz kommt, wird ein aktiver Handlungsimpuls gesetzt. Der bewusste Ausstieg aus einem System, einer Handlungsabfolge, einer Lebensform, einer Tätigkeit o.ä. kann ein Zeichen des Protests sein (etwa der Austritt aus der Kirche) und markiert eine Grenze. Aufhören oder Dabeibleiben ist in Konfliktsituationen eine schwierige Entscheidung. Ob es zum Scheitern führt, ist abhängig vom situativen Kontext und Faktoren.
Das aktuelle gesellschaftliche Narrativ ist ein Narrativ des Erfolgs, das Gescheiterte in der Regel marginalisiert. „Auch und vor allem Gescheiterten wird die Aufgabe zugeteilt, die Geltung der gesellschaftlichen Erzählung von den Möglichkeiten erfolgreichen Handelns zu bestätigen. Das […] erzeugt eine Situation von gesteigertem Sinn- und Transzendenzbedarf“ (Junge, 30). An dieser Stelle öffnet sich der Diskurs auf den Bereich der Spiritualität. Denn die Frage nach Sinn und Transzendenz trifft in den Kernbereich von Spiritualität. Spiritualität ist als Ressource für existentielle Daseinsbewältigung angefragt. Wie dies aussehen kann, dem soll im Folgenden genauer nachgegangen werden.
SCHEITERN (SPIRITUALITÄTS)THEOLOGISCH
„Die Stockwerke des Scheiterns scheinen sehr unterschiedlich. Im Dachgeschoss beschäftigen sich die Theologen mit der Christologie unter dem Aspekt des Scheiterns als Voraussetzung der Erlösung“ (Jeggle, 221). Ein spiritualitätstheologischer Kern im Blick auf das Scheitern findet sich in der Biografie Jesu. Sie hat, so behauptet es zumindest die narrative Exegese, exemplarische Funktion, präsentiert eine Relecture, aus der eine Identifikation mit Aspekten der eigenen Lebensgeschichte erfolgen kann (vgl. Karl 2013, 293). Im Scheitern Jesu wird „menschliche Existenz radikal auf die Gottesfrage hin geöffnet“ (Karl 2013, 293).
Ob man mit Jeggle so weit gehen kann, Scheitern als Voraussetzung für Erlösung zu bezeichnen, sei dahingestellt. Auch scheint es fraglich, den theologischen Blick auf das Scheitern bildlich gesprochen ins Dachgeschoss zu verlegen und ihn nicht ganzheitlich mit anderen Forschungsrichtungen verwoben zu verstehen. In jedem Fall ist das Kreuz als christliches Symbol des Heils ein Zeichen, das die Realität von Scheitern nicht außen vor lässt. Das entlastet. Es entlastet von dem Wahn eigener Perfektion und überhöhtem Erfolgsdruck und sensibilisiert für das Nicht-Machbare, dem sich jede Existenz ausgeliefert sieht.
Die christliche Botschaft scheint eindeutig, und doch stoßen wir auch hier auf Ambivalenzen. Auf der subjektiven Ebene sind persönliche Wertvorstellungen und Ideale involviert, die einen hochsensiblen Bereich betreffen, denn nicht selten geht Spiritualität mit Elite- und Perfektionsstreben einher. Auf der intersubjektiven Ebene übt eine Glaubensgemeinschaft auch die Funktion moralischer Bewertung aus. Innerhalb der christlichen Kirchen besteht dabei nicht selten Uneinigkeit darüber, wie die Botschaft der Barmherzigkeit Gottes und das Moment der menschlichen Verletzlichkeit, das dem Weg Jesu als Verkörperung der Menschenfreundlichkeit Gottes eingezeichnet ist, mit der systemischen Funktion als moralisch-ethischen Instanz vereinbar sind.
KRITIK AN EINER SPIRITUALITÄT DES SCHEITERNS
In diesem Kontext ist auch auf mögliche und existierende Fehlformen hinzuweisen. Geht eine Idealisierung von Scheitern oder eine Stigmatisierung von Gescheiterten so weit, dass sie eine Selbstrücknahme, die zu menschlichem Scheitern führt, im Mantel der Demut als Teil eines geistlichen Weges spirituell zu validieren sucht, fördert und begünstigt dies Strukturen und Haltungen des Missbrauchs.Das Kreuz wird als ein Demutssymbol inszeniert, das Menschen in der Aufgabe ihrer selbst bestätigt und ihr Scheitern normiert. Dieses Phänomen ist subtil in verschiedenen Formen in der religiösen Landschaft präsent. Gerade das Frauenbild ist in verschiedenen Religionen oder religiösen Gruppierungen von einer solchen falschen Demutslogik gekennzeichnet.
In der pastoralen Arbeit mit missbrauchten Frauen ist mir dies begegnet. Eine betroffene Frau etwa fand im Leiden Jesu am Kreuz die Begründung, die Misshandlungen durch ihren Mann auszuhalten. Abgesehen davon, dass materielle Ressourcen fehlten, um aus der Situation auszubrechen, wurde Spiritualität hier zu einer negativen Identitätsstütze und dadurch der Missbrauch indirekt legitimiert. In künstlerischer Form ist dieses Phänomen im Film „Kreuzweg“ von Dietrich Brüggemann dargestellt, der 2014 in die Kinos kam. Er zeichnet den buchstäblichen Kreuzweg eines Mädchens, das an dem eigenen Anspruch der Demut und Selbstverleugnung und dem Druck von außen in höchst tragischer Weise zerbricht (vgl. Kreuzweg).
Auf ein analoges Muster stößt man im Zusammenhang mit Haltungen in der katholischen Kirche in Bezug auf das Scheitern und die Schwäche von Amtsträgern. Die Argumentationsstruktur, menschliches Fehlverhalten etwa im Vergleich mit dem Verrat des Petrus biblisch zu fundieren und damit strukturell zu entschuldigen, ist gerade angesichts der aktuellen Missbrauchsaufarbeitung höchst fraglich und nicht mehr akzeptabel. Denn es überhöht menschliche Schuld und menschliches Scheitern in einer unangemessenen Art und Weise. Es kann und darf also keine „Spiritualität des Scheiterns“ geben, sondern nur eine scheiternssensible Spiritualität und Pastoral (vgl. Sautermeister, 49).
SPIRITUALITÄT ALS RESSOURCE
Scheitern als eine biografische Aufgabe zu verstehen, bedeutet, Ressourcen in den Blick zu nehmen, die es zu stärken gilt. An den oben angeführten Beispielen wird deutlich, dass Werte und Bewertungen durch eine Institution mit eigenen Idealen und Bedürfnissen in einer vitalen Spannung stehen, die für eine Bewältigung von Krisen und Konflikten bearbeitet werden muss (vgl. Karl 2014, 95-98). Für die Integration von Scheitern in das biografische Narrativ kann Spiritualität, neben und mit anderen Ressourcen, eine wesentliche Rolle spielen. Sie stellt einen wesentlichen Faktor von Resilienz dar. Dies ist jedoch durchaus mit Herausforderungen verbunden, da Scheitern immer auch eine religiöse Bewährungsprobe darstellt (vgl. Sautermeister, 46). Der Glaube eines Menschen kann am Scheitern auch scheitern, daher bedarf es einer „produktiven Bewältigung“ (Sautermeister, 47).
In einem ersten Schritt kann Spiritualität von enormer Bedeutung für das eigene Selbstverhältnis sein. Die Fähigkeit zur Selbstannahme ist Teil einer spirituellen Kompetenz, die aus dem Glauben erwachsen kann, als Mensch in der conditio sine qua non jenseits aller Leistung und jenseits des Scheiterns angenommen zu sein. Sie gründet in der Annahme der eigenen Begrenztheit und Fragilität. Um nach einer radikalen Brucherfahrung neu anzufangen, sind der Glaube an sich selbst, aber auch an eine äußere sinnstiftende Instanz äußerst hilfreich.
Darüber hinaus erfüllt Spiritualität als eine Ressource im Umgang mit Scheitern die Funktion als Deutehilfe für persönliche Widerfahrnisse und biografische Erfahrungen. Spiritualität kann zur Coping-Strategie werden und ermöglicht eine positive Re-Evaluation des Erlebten. An Bekehrungsgeschichten von Menschen im Gefängnis wird dies deutlich. Ein Beispiel ist die Biografie von Stanley Tookie Williams (1953-2005), dem Mitbegründer der Crips-Gang in Los Angeles, der wegen mehrerer Morde, die er bis zuletzt bestritt begangen zu haben, zum Tode verurteilt wurde. Nach einem Bekehrungserlebnis – er kam mit der Bibel in Kontakt und sah sein Leben fortan unter dem Vorzeichen der Erlösung – setzte er sich dafür ein, Kinder zu stärken und zu schützen. Für seine Kinderbücher zur Prävention gegen Rassismus, Drogen und Gewalt wurde er für den Nobelpreis nominiert. Völlig unabhängig von der Schuldfrage ist das religiöse Konzept der Erlösung der Schlüssel für die Art und Weise, mit der Stanley Williams sein Scheitern deutete. Scheitern wurde für ihn zu einer „spirituelle[n] Erschließungserfahrung“ (Sautermeister, 46).
Als Beitrag der Spiritualität zum Identitätsdiskurs kann festgehalten werden: Im Sinne der Ganzheitlichkeit hat Spiritualität Bedeutung als ein Identitätsbereich, der in besonderer Weise Sinnstiftung ermöglicht und Bewältigungsstrategien für Brucherfahrungen generiert.
AN KRISEN HEIL WERDEN? INSTITUTIONELLE SCHEITERNSBEWÄLTIGUNG
Tatsächlich ist das Scheitern im Moment nicht nur eine Frage persönlicher Biografien, sondern Thema der ganzen Kirche. „Christliche[r] Glaube [ist] Erfahrung von Zerbrechlichkeit“, diese Erfahrung ist nicht neu, aber „heute wird sie kollektiv“ (de Certeau, 249) und konkretisiert sich etwa im Sterben der Idee der Volkskirche, im Relevanzverlust christlicher Kultur, in der Auseinandersetzung mit eigener Schuld durch Machtstrukturen und Missbrauch. Scheitern ist Teil der „Erfahrung der Boten“ (de Certeau, 249). Die Frage nach Akzeptanz und Bewältigung von Scheitern, die bislang vor allem Thema der Seelsorge war, wird notwendigerweise ausgeweitet auf das Kirchenbild, das Selbstverständnis christlicher Gemeinschaft. Dies erfordert eine Auseinandersetzung mit dem Scheitern im Sinne einer Sensibilität für das Scheitern als einem inhärenten Bestandteil christlicher Spiritualität, wobei Scheitern deutlich abzugrenzen ist von Schuld.
Lassen sich die ausgeführten Beobachtungen vom Individuum auf das System übertragen, bedeutet das, dass die Ressourcenlogik auch für eine Institution gilt. In der gegenwärtigen Situation der Kirche kann Spiritualität in oben beschriebener Art und Weise als Deutehilfe dienen, das eigene Narrativ zu bearbeiten, zu korrigieren und die eigene Kontingenz (wieder)zuentdecken – nicht mit der Absicht, das Scheitern beschönigen oder Schuld in unangemessener Weise entschuldigen zu wollen, sondern um seine Überhöhung und Relativierung zu vermeiden, Brüchigkeit im eigenen Selbstbild festzumachen und eine ehrliche Auseinandersetzung damit zu ermöglichen. Dies birgt das Potenzial eines durchaus konstruktiven Umgangs mit den Brucherfahrungen institutioneller Existenz, die einen Beitrag zur Aufarbeitung der traumatisierenden Erfahrungen des Scheiterns zu leisten vermag, indem Verletzlichkeit ihren Platz im Narrativ der christlichen Gemeinschaft findet.
LITERATUR
Certeau, Michel de, Glaubensschwachheit (Religionskulturen 2), Stuttgart 2009.
Jeggle, Utz, Scheitern lernen, in: Zahlmann, Stefan/Scholz, Sylka (Hg.), Scheitern und Biographie, Gießen 2005, 221-236.
Junge, Matthias, Scheitern und Scheiternsbewältigung vor dem Hintergrund empirischer Daten, in: Karl, Katharina (Hg.), Scheitern und Glauben als Herausforderung (Spirituelle Theologie 4), Würzburg 2014, 9-31.
Karl, Katharina, Biografieforschung als Weg der Theologie, in: MThZ 64 (2013/3) 291-301.
Karl, Katharina, Scheitern auf dem Glaubensweg? Krise und Neuanfang am Beispiel von Ordensbiographien, in: Dies. (Hg.), Scheitern und Glauben als Herausforderung (Spirituelle Theologie 4), Würzburg 2014, 93-110.
Keupp, Heiner u. a., Identitätskonstruktionen. Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne, Reinbek bei Hamburg 1999. Kreuzweg: www.kreuzweg-derfilm.de/ (21.2.2019).
Negt, Oskar, Lernen in einer Welt gesellschaftlicher Umbrüche, in: Dieckmann, Heinrich/Schachtsiek, Bernd (Hg.), Lernkonzepte im Wandel, Stuttgart 1998, 21-44.
Sautermeister, Jochen, Scheitern hat nicht das letzte Wort.
Radikale Brucherfahrung als theologisch-ethische Herausforderung, in: Karl, Katharina (Hg.), Scheitern und Glauben als Herausforderung (Spirituelle Theologie 4), Würzburg 2014, 33-53.
Was hat Scheitern mit Gott zu tun?
Die Replik von Maria Elisabeth Aigner auf Katharina Karl
Ich habe Katharina Karls Beitrag mit Interesse gelesen und kann ihr in fast allem nur zustimmen. Ihre Ausführungen haben mich angeregt, weiterzudenken und weiter zu fragen – vor allem was das Scheitern und unseren theologischen und seelsorglichen Umgang damit betrifft. Zugleich stoße ich dabei erneut auf die Frage, was Scheitern in einem ganz existenziellen Sinn für uns Menschen bedeutet. Worin besteht der Zusammenhang zwischen Scheitern und unserer menschlichen Existenz? Und viel mehr noch: Wann kommt es dabei zu Transzendenz und Überschreitung des Diesseitigen? Was hat Scheitern mit Gott zu tun?
Vorneweg beschäftigt mich jedoch – angeregt dadurch, dass Scheitern als „Signatur der Moderne“ betrachtet werden kann, der interkulturelle Aspekt des Themas. Seit etlichen Jahren verbringe ich einen Monat im Jahr in Afrika, genau genommen in Tanzania, einem für afrikanische Verhältnisse relativ sicheren Land, in dem ich nicht nur auf Not und Elend treffe, auch wenn nach wie vor vierzig Prozent der Bevölkerung dort hungern. Seit ich kontinuierlich mit Schwarzafrika „in touch“ bin, begegnet mir der Begriff des Scheiterns in einer anderen Dimension als hierzulande – und das ebenso in der ganzen Ambivalenz, von der auch in Katharina Karls Ausführungen gleich zu Beginn die Rede ist. Wo mangelnde Bildung, und unzureichende medizinische Versorgung, Arbeitslosigkeit, Hunger und Naturkatastrophen,Korruption und politische Repression Not und Elend hervorrufen, stehen keine Ressourcen mehr zur Verfügung, um dem Scheitern noch in irgendeiner Form eine damit verbundene Erfahrung persönlicher Wachstumsprozesse abzuringen. Hierzulande scheitern wir, wenn es uns an Erfolg und Wohlstand mangelt. In Afrika liegt der Erfolg darin, trotz des allgegenwärtigen, tagtäglichen Scheiterns den Mut nicht zu verlieren und sein Leben nicht aufzugeben, sondern irgendwie weiterzukämpfen. Wichtig erscheint mir anzuerkennen, dass Scheitern zum Menschsein gehört und zwar nicht nur individuell und gemeinschaftlich bzw. in einem systemischen Sinn, sondern auch in einem existenziellen sowie theologischen Sinn. Es stimmt, dass das Kreuz als christliches Symbol eben auf diese Realität hinweist und dass dies – so Katharina Karl – eine Entlastungsfunktion hat. Ich würde sogar noch weiter gehen und behaupten, dass im Verlauf des Lebens einzig im Anerkennen dieser Realität die heilsamen Wenden liegen können und das Kreuz auch dafür Sinnbild ist.
Es geht mit Blick auf das Kreuz als Heilssymbol eben nicht um jene perfide Verkehrung, die den ohnedies durch das Scheitern gedemütigten Menschen noch zusätzlich die Demut abverlangt, ihr Leid aufzuopfern. Das kommt einem frömmelnd-verbrämten Sadismus gleich. Scheitern als „Voraussetzung für Erlösung“ zu bezeichnen oder von einer „Spiritualität des Scheiterns“ zu sprechen, leistet der Gefahr einer solchen Demutslogik massiven Vorschub. Wenn das Kreuz das Symbol des Heils ist, dann heißt das, die Realität des Scheiterns als Tatsache menschlicher Existenz anzuerkennen, jedoch nicht, dass das Scheitern zu ertragen, oder womöglich sogar als gerechte Sündenfolge zu verstehen ist.
Das Junktim zwischen Scheitern und Chance oder Scheitern und Erlösung ist verachtend denjenigen gegenüber, die mitten im Scheitern und den damit verbundenen Leiden stehen. Denn Scheitern hat zuerst mit einem Mangel an Lebensmöglichkeiten, Freude und Zukunftsaussichten zu tun. Scheitern kann Menschen so sehr in die Verzweiflung führen, dass sie verstummen, sich zurückziehen, aus allen sozialen Netzen fallen. Der Weg des existenziellen Scheiterns führt so wie das Leiden „[…] nicht geradewegs in die Weisheit, nicht in die Sprache, nicht zu Gott, zumindest zu keinem, der all dies will und weiß. Der Weg in das Leiden führt zu Niedrigkeit, Einsamkeit, Verzweiflung“ (Bucher, 33). Es gibt also eine Logik der Abfolge im Bewältigungsprozess des Scheiterns. Wenn durch das Scheitern das Vertrauen in die Menschen und in das Leben verloren geht und sich dieser selbstverständliche Vertrauensraum lediglich wie ein winzig kleines dunkles Kämmerchen anfühlt, wird das als eine Form der Ausgrenzung erlebt, die Menschen nicht nur aus dem Gemeinschaftsnetz, sondern gewissermaßen ‚aus der Welt‘ fallen lässt.
An dieser Stelle Gottes Nähe vermitteln zu wollen, kann nur scheitern. Als Prävention und Intervention bleiben einzig das solidarische Wahrnehmen und Aushalten dessen, was beim Gegenüber ist. Das schafft im weitläufigen, von Verwirrung durchzogenen Raum des Scheiterns Anerkennung und verleiht den Betroffenen Autorität und Würde. Das ist viel. Vor allem aber drängt es jene, die mit den Konsequenzen des Scheiterns konfrontiert sind, nicht zusätzlich in das Gefühl zu versagen, weil sie die Anwesenheit Gottes in alledem nicht spüren und wahrnehmen können. Die Deutungsmacht darüber, welchen Sinn das Scheitern hat, liegt einzig bei den Gescheiterten selbst. Wer Gott in alle dem ist und wie er sich zeigt, bleibt unverfügbar. Als Sigel erkennbar ist lediglich die Bodenlosigkeit im Scheitern Jesu – in seinem Leben und durch sein Lebensende am Kreuz –, und dass Gott in diesem Jesus alles Zerborstene, Zerschellte, Zerstörte menschlicher Existenz teilt.
LITERATUR
Bucher, Rainer, Gott, das Kreuz, das Leiden, in: Spendel, Aurelia (Hg.), Glaubenskunst. Vom Reichtum christlicher Spiritualität, Ostfildern 2008, 28-35.
Бесплатный фрагмент закончился.
