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Dr. med. Erich Freisleben

Medizin ohne Moral

Diagnose und Therapie einer Krise

In ehrendem Gedenken an die vielen Seelen, denen unser Land die Zukunft genommen hat, widme ich das Buch meinen Kindern und Enkelkindern.

ISBN 978-3-99025-423-3

Alle Rechte vorbehalten

© Freya Verlag 2020

printed in EU

Cover: © AdobeStock: Zoltán Pataki (Pillen), まるまる (Stoffhintergrund, Yevhenii (Binärcode) Cover-Rückseite: Georg Kolbe, Tänzerin (1911/12), Nationalgalerie Berlin, Aufnahmen aus dem Archiv des Georg Kolbe Museums. Abgebildet mit freundlicher Genehmigung des Georg Kolbe Museums, Berlin.

Layout: freya_art, Alyssa Kamoun

Lektorat: Dorothea Forster

Der Inhalt dieses Buches wurde mit größter Sorgfalt erstellt, doch wie jede Wissenschaft entwickelt sich auch die Medizin ständig weiter. Für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität der Inhalte kann keine Garantie übernommen werden. Eine Haftung des Autors und des Verlags für Personen-, Sach- oder Vermögensschäden ist somit ausgeschlossen.

Inhalt

Prolog: Herr Staudinger und der Amtsschimmel
Vorbemerkung
Abschied von Hippokrates
Einleitung
Praxisalltag – der tägliche Turbo
Der Berufsanfang – Vom Wert, sich Zeit zu nehmen
Die Weggabelung – ein neues Medizinzeitalter bricht an
Der Niedergang einer menschengerechten Grundversorgung
Kontrollkultur und Bürokratisierung
Gesundheitsmanagement – Wie man Ärzte auf (Leit-)Linie bringt
Evidenz als Siegel und Kampfbegriff
Die Pharisäer – Ein Hauch von Zeitgeist-Schizophrenie
Das Leid mit den Leitlinien
Fallbeispiel „Nationale Leitlinie Nichtspezifischer Kreuzschmerz“
Das Justifizieren des Helfens
Die Beleidigung der Helfer
Qualitätslügen
Die Säule des Erfahrungswissens
Die tatsächliche Halbwertszeit des medizinischen Wissens
Der Nettogewinn des Fortschritts
Marketing und Fortbildungsverpflichtung
Die schöne Pharmavertreterin
Kommerziell kontaminiert
Patienten haben keine Lobby
Der Teufelskreis der Kostensteigerungen
Der langsame Abschied von menschlicher Nähe
Die Bedrohung der Selbstbestimmung
Die Manipulation des Patientenwillens
Behandlungsvielfalt und der Schutz vor Ausbeutung
Der leise Abschied von Hippokrates
Webfehler des Wissenschaftszeitalters
Der fehlende Begriff für das Besondere des Menschseins
Leerräume der Spiritualität
Fabulierende Wissenschaft
Das wissenschaftliche Weltbild und die Medizin
Dreißig Jahre Medizin auf den Punkt gebracht
Der Wert des Gesprächs
Gespräche im Angesicht existenzieller Bedrohung
Positive und negative Suggestion
Das Puzzle der Krankheitsentstehung
Die seelische Dimension der Organe
Der Tumor des Kampfes
Krebs aus ganzheitlicher Perspektive
Krebs und inneres Wissen
Krebs und bleierne Müdigkeit
Begleitung in den Tod
Unbehagen im Paradies
Abschied von den Mythen der Neuzeit
Erster Mythos: Die Wissenschaft ist neutral und „rein“
Zweiter Mythos: Die Technologie wird uns retten
Dritter Mythos: Wissen erzeugt automatisch Fortschritt
Vierter Mythos: Spezialistentum ist besser als Generalissimus
Fünfter Mythos: Alles ist Biologie
Zusammenschau:
Was können wir besser machen?
Umsteuern – wie würde das gehen?
Meine gesundheitspolitischen Bemühungen
Das Netzwerk Ganzheitsmedizin
Die verstandene Krankheit
Einleitung
Epochenwandel
Meine Krankheitserfahrung – Heilen mit Seele
Das Studium – Leistung, Freiheit und Verführungen
Erfahrungen mit der Psychotherapie
Arzt im Kiez – Begleiten statt belehren
Wo stehe ich persönlich?
Die Deutung von Krankheit
Salutogenese und die Kraft der Lebensenergie
Der Infekt als Mahnung zur Pause
Erfahrungen aus einer vergangenen Zeit
Schuppenflechte
Aurum und Ignatia
Asthma
Migräne und Spannungskopfschmerzen
Migräne und Tinnitus
Häufige Infekte
Ständige Halsentzündungen
Die Natur als Arzt
Beispiel eines gelungenen Methodenmixes
Die „Technik“ der ganzheitlichen Medizin – Schritte und Tipps
Der innere Dialog
Die Arbeitsschritte
Die Gesprächstechnik in der alltäglichen Psychosomatik
Gürtelrose
Kränkung und Ent-Täuschung
Ohnmacht und Schuld
Allergie
Herzkrankheiten
Schicksal
Selbstheilung durch Erinnern und Erkennen
Ein kompletter Behandlungsverlauf am Beispiel – die Krankenschwester
Eine Patientin, die niemand mochte
Das Ende der Ganzheitlichkeit
Medizin im Kranken Zeitalter
Einleitung
Die Dystopie – Der Patient als Rädchen in der geölten Medizinmaschinerie
Digitalisierung im Gesundheitswesen
Außer-sich-Sein
Außer-sich-Sein als Zeitphänomen
Zwecklogik und Expertokratie
Subjektivität und Wissen
Das menschliche Antlitz
Der Mensch als „Blaupause“
Zeitkrankheiten als Botschafter
Antwort auf die Zeitkrankheiten
Streitthemen der modernen Medizin
Wo wir schon einmal waren – Lernen aus der dunklen Vergangenheit
Der Zivilisationsbruch
Darwinismus und Sozialdarwinismus
Medizinischer Biologismus
Distanzierte Analytik
Internationaler Biologismus
Die Mission von Schuld
Die heutigen Stolpersteine
Die fehlende Trauerarbeit im Wissenschaftszeitalter
Wissenschaft und Ethik
Stellung von Wissenschaft im geistigen und realen Leben
Ein Ausflug in unser kulturelles Fundament
Wie wir den Turbo stoppen – praktische Schritte und eine Utopie
Die eigentlichen Bedürfnisse des Menschen
Freiheit
Loslassen
Verbundenheit
Entschleunigung
Wie wir dahin kommen
Moderne Märchen
Gewaltloser Widerstand
Lösungen für eine bessere Zukunft
Eine europäische Mission
Heiltrank für die Moderne
Eine zeitgemäße Vision
Epilog – Der letzte Tanz
Anhang
Danksagung
Nachwort
Mein Gedankenspiel: Wissen und Glauben – eine Quantenverschränkung?
Quellen und Verweise
Prolog: Herr Staudinger und der Amtsschimmel

Ein klein gewachsener, alter Herr schleppte sich mit letzter Kraft an der Hand seiner Begleiterin in den zweiten Stock des Altbaus im Berliner Wedding, der meine Hausarztpraxis beherbergt. Seine Lippen waren blitzeblau und seine Atmung ein einziges Röcheln. Sofort legten wir den uns bislang unbekannten Patienten auf eine Liege im Notfallraum. Trotz seines angeschlagenen Zustandes ließen uns die Personalien von Herrn Staudinger staunen: Mit einem Alter von 96 Jahren hätten wir nicht gerechnet! Sein EKG zeigte ausgeprägte Herzrhythmusstörungen.

„Ins Krankenhaus gehe ich auf gar keinen Fall!“, lauteten die ersten Worte, die er herausbrachte. Ich begriff schnell, dass er sich mit keinem Argument umstimmen lassen würde, denn selbst der Hinweis darauf, wie lebensbedrohlich die Situation war, ließ ihn kalt. Er wusste, was er wollte: „Tun Sie was, Herr Doktor!“ Eine Einweisung gegen seinen Willen wäre nicht statthaft gewesen, da er ohne Zweifel bei klarem Verstand war. Also tat ich, was ich gelernt hatte. Ich versorgte ihn intensivmedizinisch mit einem Tropf und verabreichte die entsprechenden Medikamente. Nachdem sich die schlimmsten Symptome seiner Lungenstauung gebessert und der Herzrhythmus sich stabilisiert hatte, seine Gesichtsfarbe wieder ins Rosige wechselte und seine Atmung ruhiger geworden war, fragte ich nach seinem Befinden.

„Ach Herr Doktor, das mit dem Herzen ist ja gar nicht so schlimm“, sagte er, „wenn nur nicht dieser Zeh wäre!“ Ich schaute hin. Sein rechter Zeh war weit nach oben durchgebogen. Vorsichtig griff ich nach ihm, um das vermeintlich ausgerenkte Glied in die richtige Position zu bringen. Kaum, dass ich ihn berührte, bewegte der alte Mann fröhlich sein Zehengelenk und amüsierte sich herzlich über meine Verblüffung: „Ach, ist das schön, wenn der Doktor lacht!“

Wie sich herausstellte, ermöglichte eine erblich bedingte Überbeweglichkeit seiner Glieder ihm, trotz seines Alters die Gelenke in Positionen zu bringen, die sonst nur Kleinkindern vorbehalten bleiben. Eine Fähigkeit, die er für gut inszenierte Scherze einzusetzen wusste.

Nach zwei weiteren Stunden hatte er sich so weit erholt, dass nun ein feiner, gewandt und würdevoll auftretender, alter Herr vor uns stand. Auf seinen Stock wie auf ein Zepter gestützt, verabschiedete er sich mit galanter Geste bei den jungen Helferinnen, nicht ohne ihnen zu versichern, wie wundervoll sie seien. Der Erstkontakt mit unserer Praxis war zu seiner Zufriedenheit verlaufen. Von diesem Tag an genossen wir sein uneingeschränktes Vertrauen.

Abgesehen von solch flüchtigen gesundheitlichen Krisen, meist in Form von Herzrhythmusstörungen, die ihn wie kurze Streiflichter an seine Endlichkeit erinnerten, war Herr Staudinger stets voller Lebenslust. Charmant zu allen Damen, unterhielt er das ganze Wartezimmer mit seinen Erzählungen. Seine um etliche Jahre jüngere Frau, die er erst von einem Jahrzehnt geehelicht hatte, hielt sich im Hintergrund und ließ ihn in seinem Element stumm gewähren, auch wenn sie die Geschichten schon unzählige Male gehört hatte. Er war eben so und nicht anders. So hatte sie ihn geheiratet und in Anbetracht seiner fast hundert Lebensjahre ersparte sie sich gelassen den Stress, hierbei noch Verhaltensänderungen zu erwarten.

Über die Jahre hinweg brauchte Herr Staudinger nur wenig medizinische Hilfe. Viele unserer Begegnungen in meinem Sprechzimmer bestanden in Unterhaltungen, in denen er mir seine Geschichten und Ansichten vermittelte. Der wichtigste therapeutische Effekt für seine Lebensphase war das für ihn tragende Gefühl, den richtigen Doktor im Rücken zu haben ... für alle Fälle. Eines Tages schenkte er mir die Kopie eines kleinen Meisterwerks aus seiner Hand. Als ehemaliger Graphiker hatte er ein wieherndes, sich aufbäumendes Pferd zu Papier gebracht. „Der Amtsschimmel“, erklärte er. „Das Wohnungsamt hat mich mit seinen Nachfragen nicht in Ruhe gelassen. Statt weiterer Erklärungen habe ich ihnen dieses Bild verehrt. Seitdem ist Ruhe.“

Mich an solche meiner Patienten zu erinnern fühlt sich an, als wenn mir längst vergilbte Fotografien aus guten alten Zeiten in die Hände gerieten.

Vorbemerkung

Krankheit erschüttert oft unerwartet unser Lebensgefühl. Warum geschieht das? Warum gerade mir? Ist mein Leben nur kurz beeinträchtigt oder muss ich fortan mit der Krankheit leben? Ist mein Leben sogar bedroht? Was macht krank und was braucht Gesundheit? Und angesichts der letzten Krankheit, dem Tod: Warum das alles? Mit diesen Fragen wendet sich der Blick des Betroffenen von der Außenwelt der sozialen Beziehungen und der beruflichen Tätigkeit ganz auf sich selbst.

Die wesentlichen Antworten, die ich auf diese Fragen geben kann, haben sich in vierzigjähriger Tätigkeit als Arzt geformt. In dieser Zeit haben sich jedoch die Bedingungen im Gesundheitswesen, in der Gesellschaft und in der Welt als Ganzes einschneidend geändert.

Für unser deutsches Gesundheitssystem besteht dringlichster Handlungsbedarf, wenn es weiter unsere Bedürfnisse erfüllen soll. Schon jetzt ist ein Verlust an Menschlichkeit und Leistungsfähigkeit in der Medizin spürbar – nur ein seichtes Vorspiel im Vergleich zu dem Verlust an Wärme und Hilfe, der uns in naher Zukunft erwartet. Wie ohnmächtig wird sich jemand fühlen, der ein Leben lang für seine Gesundheitsvorsorge eingezahlt hat und schließlich als Bittsteller vor verschlossenen Türen steht? Oder eine Medizin aufgedrängt bekommt, die er so gar nicht haben will? Ohne Zweifel hat die Entwicklung auch glanzvolle Seiten: Neue Erkenntnisse aus den Wissenschaften haben uns etliche Behandlungsfortschritte gebracht, diagnostisch wie therapeutisch. Manch tödliches Ende kann heute abgewendet werden, sogar durch Extremmaßnahmen wie die Organtransplantation. Und wie verlockend sind die möglichen Aussichten auf den technologisch-pharmakologischen Sieg gegen die Geißel Krebs … oder sogar die Vision, den Tod dereinst vollkommen besiegen zu können!

Der Kontrast von Licht und Schatten nimmt nicht nur in der Medizin zu. Täglich spülen uns die Nachrichten ähnlich kontrastierende Botschaften ins Haus. Gibt es dafür Zusammenhänge? Ich meine, ja!

Meine Botschaft: Lasst uns aufwachen!

Wir müssen neue Wege zwischen Glanz und Düsternis einschlagen, bevor unsere Lebensqualität weiter absinkt und der Mangel zur allgegenwärtigen Realität wird.

Die Corona-Krise 2020 hat uns einen Vorgeschmack für die Gefahren unserer modernen Lebenswelt gegeben. Das Virus SARS-CoV-2, welches den Globus mit einer Pandemie der Krankheit COVID-19 überzog, hat die Welt wie ein Blitz bis tief ins Mark des ökonomischen Gefüges getroffen. Eine Todesrate, die bis in den Millionenbereich geht, eine wirtschaftliche Depression in armen wie in reichen Ländern, welche nicht nur vielen Menschen ihren Job kostet, sondern ganze Volkswirtschaften in den Bankrott treibt, und jede Menge Angst und Sorgen sind die Ernte dieses kleinen Virus. Besonders stark hat es den wirtschaftlich entwickelten Teil der Welt getroffen. Den Flugverkehr, die Kreuzfahrten, die Börsen, die Warenketten, das Freizeitvergnügen. „Corona ist das Ebola der Reichen“, betitelte eine Zeitungsüberschrift dieses Phänomen in Anlehnung an die Bemerkung eines Intensivmediziners aus Bergamo in Italien, wo die Pandemie außerordentlich harte Auswirkungen hatte.

Darf man angesichts all der fatalen Folgen auch davon sprechen, was die Pandemie an Gutem bewirkt hat? Ich gehe so weit zu sagen – man darf nicht nur, sondern man muss! Doch was könnte bei so viel Leid noch Gutes übrigbleiben? Einiges will ich hier nennen.

Erstens: Der „Lockdown“ hat das Überhitzen der Welt heruntergefahren. Bislang konnten wir uns trotz zahlloser Klimagipfel und Konferenzen nicht auf wirksame Maßnahmen zur Begrenzung der Erderwärmung einigen. Nun müssen wir anerkennen, dass das Virus uns eine Atempause verschafft hat, indem es den Energieverbrauch der Flugzeuge, Kreuzfahrtschiffe, Fabriken und Autos massiv abwürgte. Würde uns diese Erfahrung zu einem vernünftigen Umgang mit unserem globalen Lebensraum verhelfen, stünde den Verlusten durch die Pandemie ein tausendfacher Gewinn gegenüber.

Zweitens: Die Krisenerfahrung sagt uns etwas über unser gesellschaftliches Wertesystem. In der Not stellen wir fest, dass die schlecht bezahlten und bürokratisch überfrachteten Helferberufe wichtiger sein können als die höchst angesehenen und bestens alimentierten Positionen der Manager, Star-Anwälte und Produktentwickler in der Technologiebranche. Haben wir an dieser Stelle nicht dringend etwas an unserer gesellschaftlichen Wertschätzung zu korrigieren?

Drittens: Die Angst vor dem Virus macht uns demütiger und lehrt uns unmissverständlich, dass in schwierigen Zeiten Mitmenschlichkeit unser Leben aufrechterhält und nicht die kalte Zwecklogik eines ökonomischen Wettlaufs.

Viertens: Die Krise deckt versteckte Missstände auf. Hätten wir die Gesundheitssysteme in der Breite nicht so vernachlässigt, wäre der erzwungene Stillstand des Weltgetriebes in dieser radikalen Form unnötig gewesen. Denn – eine Herdenimmunität gegen das Virus werden wir so oder so entwickeln müssen. Das Problem bildeten die mangelnden Kapazitäten in der Krankenversorgung, insbesondere der Intensivmedizin, die für knapp zehn Prozent der Erkrankten für einige Tage notwendig ist. Vor allem der über viele Jahre heruntergefahrene Personalbestand an Ärzten, Pflegern und Amtsmedizinern machte die drastischen Maßnahmen notwendig. Eine Intensivkrankenschwester fasste dies auf einer Diskussionsveranstaltung mit Politikern so zusammen: „Jahrelang wurden wir als Kostenfaktor gesehen, nun sind wir plötzlich systemrelevant.“ Ebenso fiel uns nun auf die Füße, dass wir die Produktion von Standardmedikamenten und medizinischen Schutzbedarfsartikeln flächendeckend in Billiglohnländer ausgelagert haben. Die gnadenlose Rationalisierungsphilosophie der Ökonomen wurde zur todbringenden Falle.

Ich behaupte nicht, eine Pandemie sei gut für die Welt. Aber ich meine, es liegt in unserer Hand, ob all das Sterben und Leiden ein sinnloses Unglück darstellt oder ob wir daraus Lehren ziehen und unsere Zukunft besser gestalten. Und ich warne vor der Illusion, wir könnten solche Katastrophen allein durch medizinische Fortschritte und wissenschaftliche Erkenntnisse in den Griff bekommen. Natürlich können beispielsweise Impfungen Epidemien eindämmen – aber nahezu alle Infektionsausbrüche der letzten Jahrzehnte hatten etwas mit unseren Lebensstilen und modernen Produktionsweisen zu tun. Sie häufen sich und es wäre naiv, zu glauben, es kämen keine weiteren mehr hinzu. Das trifft sowohl auf die großen Probleme wie Ebola, Lassa-Fieber, HIV, BSE sowie Influenza mit ihren Spielarten Schweinegrippe und Vogelgrippe zu als auch auf scheinbar kleinere wie Salmonellenausbrüche, Antibiotikaresistenzen und Geschlechtskrankheiten. Allgemein lässt sich sagen: Die Gefahrenpotenziale steigen parallel mit den Fortschritten. Nicht nur in der Medizin, wie wir von Atomkatastrophen, moderner Kriegsführung und der Manipulationsgefahr im digitalen Zeitalter wissen.

Nun können und wollen wir den Fortschritt nicht abstellen. Doch die Krisen lehren uns, dass wir etwas ändern müssen. Moralische Appelle allerdings haben in der realen Welt nur einen kurzen Atem. Bertolt Brecht hat das in der Dreigroschenoper auf den Punkt gebracht: „Wir wären gut, anstatt so roh, doch die Verhältnisse, die sind nicht so.“

Mein Buch handelt zu allererst von den Verhältnissen in der Medizin. Von den Veränderungen der letzten Jahrzehnte und dem Weg in unsere Zukunft. Es beleuchtet die Kraftfelder Wissenschaft und Ökonomie und geht auf die Spannungen zwischen Ethik und Fortschritt ein. Es beschäftigt sich aber auch mit dem janusköpfigen Charakter von Krankheiten, also mit positiven Aspekten, die im Unglück der Krankheit liegen können, so wie es im Zusammenhang mit der Pandemie bereits angeklungen ist. Das zweite Kapitel bietet hierfür reichlich Anschauungsmaterial aus der Praxis.

Ich lade Sie ein, einerseits mit mir im Schnellschritt durch die gesundheitspolitischen Wandlungen zu schreiten und mir andererseits in Ruhe über die Schulter zu schauen, wenn sich in der Intimität des Sprechzimmers etwas vom Wesen der Krankheiten zeigt. Sie werden erahnen, was Sie in Zukunft zum Thema Gesundheit auch ganz persönlich erwarten wird, und in Ihrer Kompetenz gestärkt, eine Medizin zu finden, die Sie haben wollen.

Essentiell sind jedoch die tieferen Ursachen. Der letzte Teil des Buchs beschäftigt sich damit, was es uns so schwermacht, die Lehren aus unseren persönlichen, aber auch unseren gesellschaftlichen Katastrophen zu ziehen. Dazu müssen wir auch ein Stück in unserer Kulturentwicklung zurückschauen, denn ohne ein Bewusstsein für die Geschichte können wir die heutigen Entwicklungen nicht begreifen. Der berühmte Dirigent Yehudi Menuhin nannte diesbezüglich den Menschen, der in seinem Zeitverständnis nur die unmittelbare Gegenwart kennt, als „den Enteigneten“ [1]. Denn ein Zeitverhältnis, in dem wir zuhause sein können, verbindet immer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu einem Ganzen.

Die Zusammenhänge von Krankheiten und Katastrophen in ihrer Tiefe zu verstehen belohnt uns mit einem neuen Gefühl der Befreiung und stärkt unsere Kompetenz, selbst Meister unseres Schicksals zu werden.

Der erste Teil des Buchs, Abschied von Hippokrates, beschreibt die heutige Arbeitsrealität in der Medizin, wirft einen Blick zurück auf die letzten vierzig Jahre und thematisiert eine Weggabelung, an der die Medizin begann, sich in konträre Grundprinzipien aufzuspalten. Am vorläufigen Ende dieser Entwicklungskaskade haben sich trotz Lichtvollem zunehmend düstere Wolken aufgetürmt.

Der zweite Teil, Die verstandene Krankheit, beginnt mit einem kurzen biografischen Ausflug zu den wichtigsten Etappen auf meinem persönlichen Weg zum Arztberuf, die meinen Blick auf das Thema Krankheit erweitert haben. Damit mache ich auch ein Stück meiner Person für Sie transparent. Im Folgenden erhält der manchmal diffus erscheinende Begriff der „Ganzheitlichkeit“ konkrete und fühlbare Gestalt. Anhand ausgewählter Krankengeschichten und Behandlungsverläufe bekommen Sie ein Gespür dafür, wie Krankheit entsteht und was sie uns mitteilen will. Dieser Abschnitt des Buches gibt Ihnen Werkzeuge für den Umgang mit Ihren persönlichen Gesundheitsfragen in die Hand.

Der dritte Teil, Medizin im kranken Zeitalter, wendet sich den gesellschaftlichen Hintergründen zu, die zur Entstehung von Krankheiten führen. Nicht nur den individuellen Störungen, sondern auch denen im Leben von Völkern, Staaten und Glaubensgemeinschaften. Denn die Vorgänge im Kleinen haben viel mit den großen Zusammenhängen gemein, da sich trotz aller Individualität und Vielschichtigkeit das Menschliche im Kern sehr ähnlich ist. Deshalb widme ich mich in diesem Teil den Gedanken und Konzepten, die unsere Gesellschaft seit Anbruch des wissenschaftlich-technologischen Zeitalters geprägt haben. Ohne ihre Reflexion bleiben viele Probleme unserer Zeit unverstanden, in der Medizin, im Zeitgeist und in der Politik.

Wir erleben gerade den gewaltigen Prozess einer wirtschaftlichen und kommunikativen Verknüpfung der Welt. Auf der anderen Seite erreichen uns tagtäglich beunruhigende Nachrichten, die alle Menschen betreffen. Die Klimaveränderung, das Artensterben und das Schwinden menschlicher Umgangsformen ängstigen uns genauso wie die Berichte von Krieg, Vertreibung und Zerfall von Gemeinschaftsstrukturen aus vielen Regionen. Die Welt braucht Heilung. Deshalb habe ich mit dem Blick des Arztes darauf geschaut und vor die Therapievorschläge die Diagnose gesetzt.

Wir sind gewohnt, Probleme zu analysieren und Theorien aufzustellen, so auch in diesem Buch, doch es ist nicht primär im Studierzimmer entstanden, sondern im Wesentlichen aus der Praxis heraus. Es nahm den Weg von der Anschauung der Realität über das Verstehen zur Theorie. Diesem Weg haftet heute leicht der Beigeschmack des Subjektiven an, doch ich gehe ihn ganz bewusst. Denn erst, wenn man von unten schaut, nimmt man mit den Kenntnissen auch die Empfindungen mit auf. Dadurch gewinnt die Theorie etwas von den Schwingungen des realen Lebens und ermöglicht jedem, den Inhalt nicht nur intellektuell zu prüfen, sondern auch mit Hilfe seines eigenen Gespürs für das Wahre.

Sie als Leser sind ungeheuer wichtig. Sicher brauchen wir für vieles Spezialisten, aber wir sehen zugleich, dass all das Expertentum allein unsere Lage nicht verbessert. Das Geschehen im Kleinen wie im Großen ist heute nicht mehr unbeeinflussbar von oben bestimmt. Das Denken der Vielen spielt eine entscheidende Rolle. Deshalb ist nicht nur reines Wissen, sondern vor allem verstehendes Durchschauen für die Breite der Gesellschaft so wichtig. Jeder Einzelne gestaltet diese mit.

Ich gehöre zu einer Generation, die sich nun aus dem Arbeitsleben verabschiedet. Eine Generation, die noch an ihren Eltern die Folgen der nationalsozialistischen Schreckenszeit unmittelbar gespürt hat, aber auch die entscheidenden Aufbrüche zu Neuem erleben durfte, die 68er-Revolte und eine von Experimentierlust begleitete Liberalisierung der Gesellschaft. Das Wunder des wirtschaftlichen Aufschwungs im Westen und das der Wiedervereinigung des getrennten Deutschlands gehören ebenso in diese Epoche, aber auch weniger glänzende Erscheinungen wie die spürbaren Rückzüge in die Selbstzufriedenheit einer prosperierenden Nation und die zunehmende Enge durch Sachzwänge und scheinbare Alternativlosigkeit. Vor allem aber: eine zunehmende Angst.

Erst seit wenigen Jahrzehnten bestimmt uns die Walze der Digitalisierung, die so viele technologische Wunder hervorbringt und gleichzeitig die bestehenden Strukturen mit schwindelerregender Geschwindigkeit einreißt. Mein Beitrag zur Diagnose eines offensichtlich kränker werdenden Zeitalters endet mit Vorschlägen zur Therapie, die bis in die Tiefe des Geistes unserer Zeit reichen.

Ich habe mich bemüht, für jeden verständlich zu schreiben, möchte Ihnen aber eine eventuelle Textauswahl erleichtern. Daher können Sie jedes Einzelthema leicht an einer entsprechenden Überschrift identifizieren. Zusätzlich habe ich für schnelle Leser die zentralen Aussagen durch ein verstärktes Schriftbild hervorgehoben. Entscheiden Sie selbst, ob diese pointierten Sätze zum Verständnis reichen oder ob Sie lieber den ganzen Abschnitt lesen wollen.

Vorab bitte ich um Nachsicht dafür, dass ich überwiegend in der männlichen Begrifflichkeit schreibe. Fortwährend beide Geschlechter anzusprechen, würde den Text zwar aus der Genderperspektive korrekt, für mein Gefühl aber zu hölzern klingen lassen. Ich schätze die Zunahme von Ärztinnen gerade in der Hausarztmedizin sehr, weil ich mir auch von ihr erhoffe, dass die Balance zwischen Technik und Empathie wieder besser ins Lot kommt. So mag es in absehbarer Zeit vielleicht stimmiger klingen, vorrangig von Hausärztinnen zu sprechen.

Abschied von Hippokrates
Einleitung

Wünschen Sie sich einen Arzt, mit dem Sie über alle Fragen sprechen können? Der genau hinhört und Sie mit seinem Wissen, seiner Erfahrung und mit Empathie in leichterer wie schwerer Erschütterung begleitet? Jemand, der mit Ihnen unvoreingenommen alle therapeutischen Optionen durchspricht und vielleicht wichtige Fragen stellt, die Ihnen zu eigener Erkenntnis verhelfen? Einer, der sich nicht abwendet, wenn Ihr Schicksal schwierig oder sogar aussichtslos erscheint, und Sie noch begleitet, wenn Heilung nicht mehr möglich ist? Wenn Sie sich eine solche Ärztin oder einen solchen Arzt wünschen, werden Sie es nicht mehr leicht haben, diese zu finden.

Viele von denen, die in den letzten Jahren medizinische Hilfe brauchten, werden dies schon gespürt haben. Wer im Wesentlichen gesund war oder sich selbst helfen konnte, mag darauf vertrauen, dass seine monatlichen Krankenkassenbeiträge im Ernstfall für gute Hilfe sorgen. Viele Jahre lang war dieses Vertrauen gerechtfertigt, denn unser Gesundheitssystem galt im internationalen Vergleich als sehr gut. Doch die Nachrichten der letzten Jahre lassen erkennen, dass unser Vorsorge-Ruhekissen Löcher bekommen hat. Immer mehr Leistungen werden eingeschränkt oder ausgeschlossen, dazu ängstigen uns Berichte von Mängeln der alltäglichen Versorgung. Der Pflegenotstand, der Ärztemangel, die langen Wartezeiten in der Notdienst-Versorgung sowie Lieferengpässe bei Medikamenten. Die Klagen darüber, dass die Medizin an Menschlichkeit verliert und die Ökonomisierung viel zu sehr im Vordergrund steht, häufen sich.

Die gute Nachricht lautet: Das Gesundheitssystem könnte durchaus unseren Bedürfnissen entsprechen! Wir haben ein großes Potenzial, wirtschaftlich, technologisch und erfahrungsbasiert. Auf dem Weg dahin werden wir aber vieles ändern müssen. Davon werde ich Ihnen berichten.

Durch meine Ausbildung zum Internisten bin ich natürlich von wissenschaftlichen Erkenntnislehren geprägt. Wissensdurst und Offenheit haben mich aber auch in verschiedene Randbereiche der Medizin und auf Wege der komplementärmedizinischen Heilweisen geführt. Der Blick auf den ganzen Menschen wurde zunehmend wichtiger, über die körperlichen Beschwerden hinaus auf seine seelischen, geistigen und biographischen Besonderheiten. In den vergangenen Jahrzehnten habe ich an lokalen gesundheitspolitischen Entscheidungsprozessen teilgenommen und ein Ärztenetzwerk mit aufgebaut. Historisch habe ich mich mit der Medizin in der Weimarer Zeit und dem Nationalsozialismus auseinandergesetzt. Ungeachtet meines Alters bin ich noch heute als Kassenarzt in einer großen hausärztlichen Versorgerpraxis im Berliner Bezirk Wedding tätig. Patienten aller Altersgruppen, gesellschaftlicher Schichten und ethnischer Wurzeln finden den Weg zu mir. Auch wenn die Aussage schlicht wirken mag: Ich liebe meinen Beruf und ich liebe meine Patienten. Das war der Zündfunke für dieses Buch. Mit meinem Wissen und meinen Erfahrungen möchte ich dazu beitragen, dass die Medizin auch in der Zukunft menschlich bleibt.

Praxisalltag – der tägliche Turbo

Montagmorgen, kurz vor acht. Eine Stunde lang habe ich mich durch den Berufsverkehr geschlagen und zwischendurch drei meiner Kinder samt zwei Nachbarssprösslingen vor der Schule abgeliefert. Von dort aus ging es schnurstracks in meine Praxis. Vor dem Eingang steht eine Menschenschlange, die sich über das Treppenhaus bis in den zweiten Stock hinaufzieht. Grüßend quetsche ich mich an den Patienten vorbei. Im Wartezimmer sind die Sitzplätze schnell besetzt, einige warten im Stehen. An der Anmeldung bemühen sich zwei Helferinnen um die Wünsche der Patienten.

Zwei weitere betreuen die Menschen in einem zweiten Raum im Erdgeschoss, den ich für nicht Gehfähige vor einigen Jahren dazugemietet habe. Es werden Blutuntersuchungen vorgenommen, Rezeptwünsche befriedigt, Überweisungen getätigt, Atteste ausgestellt, Krankschreibungen ausgehändigt, Verbände angelegt, Fäden gezogen und kleine Behandlungen durchgeführt. Kaum einer der Wartenden murrt, denn für jeden ist sichtbar, dass alle ihr Bestes geben. Enzar, der bei mir angestellte Allgemeinmediziner, und ich, hören uns die Schilderungen der Beschwerden, Sorgen und Wünsche an. Wir untersuchen, sprechen und beraten.

Die junge Frau Bayer bitte um eine Krankschreibung, weil sie „nicht mehr kann“. Sie bricht in Tränen aus. Ihre zwei Kinder erzieht sie allein. Kürzlich wurde ihr Zwölfjähriger aufgrund eines Knochenbruchs operiert. Ihn begleitet sie zur Physiotherapie, die Neunjährige bringt sie zur Mathematik-Nachhilfe. Frau Bayer ist unermüdlich in Bewegung und hat keine Unterstützung an ihrer Seite. Sie selbst arbeitet als Verkäuferin. Seitdem sie sich von ihrer Vorgesetzten Vorwürfe machen lassen musste, weil sie für wichtige Angelegenheiten ihrer Kinder einen Tag frei nehmen wollte, fehlt ihr die Kraft für alles. Ich signalisiere großes Verständnis für ihre Überforderung und biete ihr eine Krankschreibung an. Aus Angst, ihren Job zu verlieren, lehnt sie ab, nimmt aber meinen Vorschlag an, sich bei einer Mutter-Kind-Kur zu erholen.

Das Formular dafür stellt umfangreiche Fragen. Besorgt blicke ich auf meinen Bildschirm, ob die Zeit reicht, den Antrag gleich jetzt zu stellen. Die Liste der Patienten, die auf mich warten, füllt sich. Ich rate Frau Bayer, zum Kinderarzt zu gehen, damit dieser ihrem Nachwuchs ebenfalls eine Kurnotwendigkeit bescheinigt. Andernfalls bestünde die Gefahr eines Zuständigkeitsgerangels zwischen der Rentenversicherung und der Krankenkasse. Ich muss sie darauf vorbereiten, dass der Antrag zunächst abgelehnt werden könnte. In dem Fall müsse sie einen von mir begründeten Widerspruch einlegen.

Unser Gespräch schließe ich mit den Sätzen: „Sie ackern sich ab und Ihnen werden dennoch so viel Steine in den Weg gelegt! Leider hat unsere Leistungsgesellschaft kaum Verständnis für die Bedürfnisse von Kindern und ihren Eltern. Sie können aber stolz auf sich sein, weil Sie allein so viel für Ihre Kinder erreicht haben. Wir werden den Antrag schon durchkriegen. Ich kümmere mich darum, dass Sie zu ihrem Recht kommen.“ Die Warteliste hat sich inzwischen weiter verlängert. Ich denke daran, dass der Stapel mit dem Schreibkram um einen weiteren Antrag gewachsen ist.

Seitdem die Kostenträger dazu übergegangen sind, sozialrechtliche Anträge im ersten Schritt meistens abzulehnen, weil sie darauf spekulieren, dass ein Teil der Antragsteller aufgibt, sind wir Ärzte ständig mit diesem Thema beschäftigt. Genehmigungen gibt es häufig erst nach Widersprüchen, manchmal sogar erst nach sozialgerichtlichen Entscheidungen. Gesetzliche Ansprüche mit solcher Methodik zu unterlaufen bedeutet für uns Ärzte zusätzliche langwierige Konsultationen, das erneute Durchforsten der Krankenakten und weitere Schreibarbeit.

Als Nächste betritt die siebzig Jahre alte Frau Müller mein Sprechzimmer, deren Ehemann letzte Nacht verstarb. Ich spreche ihr mein Beileid aus und lasse mir die Umstände des Todes berichten. Die Tränen fließen auch noch, nachdem ich ihr das dritte Taschentuch reiche. Gemeinsam mit ihr erinnere ich an die Besonderheiten und guten Eigenschaften des Verstorbenen und versichere ihr, dass der Tod nicht abzuwenden gewesen sei und dass sie alles Erdenkliche für ihren Mann getan habe.

Ich schlage ihr vor, sie solle zuhause eine Kerze anzünden, zu ihrem Mann sprechen und alles sagen, was ihr auf dem Herzen liege. Wenn ihr danach wäre, könne sie sich bei ihm für das bedanken, was er ihr gegeben habe. Wir wissen es nicht, aber vielleicht komme es bei ihm an. Sie selbst glaubt fest an sein Weiterleben in irgendeiner Weise und ich bestätige, dass ich dies nachvollziehen kann. Sie verlässt leicht getröstet das Sprechzimmer.

Ein Blick auf den Monitor: Die Wartezeiten werden zunehmend rot angezeigt. Dazu kommen zwei Terminpatienten, die Vorrang vor den anderen haben. Langsam beginne ich mich bei jedem für die lange Wartezeit zu entschuldigen. Zwar wissen sie eigentlich, dass ich mein Bestes tue und nichts dafürkann, aber eine kurze Entschuldigung löst meist die Anspannung des langen Wartens. Zwei Patienten brauchen nach kurzer körperlicher Untersuchung nur eine Krankschreibung. Damit habe ich etwas Zeitverlust aufgeholt.

Der nächste Patient, Herr Celik, kommt, weil seine Rehabilitationskur abgelehnt wurde. Er ist zutiefst getroffen. Nach 25 Jahren schwerer körperlicher Arbeit, in denen er sich so gut wie nie krankschreiben ließ, war dies sein erster Versuch, sich etwas Luft zu verschaffen. Ich versichere ihm, dass die Sachbearbeiter derzeit bei jedem fast gleichlautende Ablehnungsschreiben ausfertigen und er dies nicht persönlich nehmen solle. Ich rate ihm zum Widerspruch und verspreche, gemeinsam mit ihm um die Bewilligung zu kämpfen. Im Stillen sorge ich mich, schon wieder einen Antrag mehr bearbeiten zu müssen.

Herr Celik übergibt die Staffel an Frau Schubart. Die knapp Sechzigjährige klagt über Harndrang und Brennen beim Wasserlassen. Schon seit vier Wochen plagen sie die Beschwerden, vorübergehend besserten sie sich, flackerten aber nach kurzer Zeit wieder auf. Eine einfache und leicht zu klärende Gesundheitsstörung, wie es scheint. Da ich es mir dennoch prinzipiell zur Pflicht gemacht habe, die Menschen nach den Zusammenhängen zu fragen, unter denen ihre Symptome auftreten, erfahre ich, dass Frau Schubarts Beschwerden mit ihrem Abflug nach Asien begannen. Schon oft habe sie in Fernost Urlaub gemacht und sei dort seit Jahrzehnten mit einem Asiaten rein freundschaftlich verbunden. Das Umfeld seines Hauses, seine Freunde und seine Ehefrau bedeuten für sie so etwas wie ihre eigentliche Heimat, in der sie sich rundum wohlfühlt. Ich möchte wissen, wieso sie diese Geborgenheit nicht auch in Deutschland empfindet. Daraufhin schildert sie mir ihre Kindheit. Ihre Mutter hatte drei Kinder, zwei von ihrem ersten Mann, der im Krieg blieb. Sie selbst stammt von einem anderen Mann, der kein Interesse an seiner Tochter zeigte. Ihre Mutter, die über medizinische Kenntnisse verfügte, hatte heimlich anderen Frauen bei Abtreibungen geholfen, da es zu dieser Zeit keine legalen Möglichkeiten des Schwangerschaftsabbruchs gab. Diese Tätigkeit bescherte ihr mehrere Jahre Haft. Im Rahmen der rigiden Moralauffassung der jungen Bundesrepublik wurde ihr vom Jugendamt zudem über Jahre der Kontakt zu ihren Töchtern verwehrt.

Frau Schubart kam als Mädchen in mehrere Heime, die sie überwiegend in schlechter Erinnerung hat. Das letzte ebnete ihr immerhin den Weg zu ihrem Beruf als Erzieherin. Nach vielen Jahren ohne Kontakt konnte Frau Schubart später keinen innigen Zugang mehr zu ihrer Mutter finden. In der warmherzigen Atmosphäre ihrer asiatischen Bekannten verspürte sie erstmals in ihrem Leben das Gefühl echter familiärer Nähe. Doch nun hatte sie auch das verloren, denn schon vor dem Abflug zu ihrer letzten Auslandsreise hatte ihr der Bekannte mitgeteilt, dass er sie nicht mehr als Gast in seinem Haus aufnehmen könne. Die Ehefrau sei dagegen. Rational konnte Frau Schubart das akzeptieren. Sie wollte keinesfalls, dass wegen ihr Schwierigkeiten entstünden, und mietete sich woanders ein. Emotional jedoch war der Zauber eines ungebrochenen Heimatgefühls zerstört.

Im Gespräch kamen wir gemeinsam auf die Interpretation, dass ihre Harnwegsinfektion symbolisch für die Trauer über den genannten Verlust steht. Dies deckte sich mit meiner Erfahrung, dass Harnwegsinfektionen neben den bekannten Auslösefaktoren sehr häufig Konflikte im nahen Beziehungsbereich zur Ursache haben. Ich riet daher zunächst von einer antibiotischen Therapie ab und empfahl ihr, neben dem Einsatz eines Naturheilmittels ihre Krankheit versuchsweise durch ihre seelische Auseinandersetzung mit dem Thema Heimat zu heilen. Ich gab ihr zu Bedenken, dass ihre Mutter als Alleinerziehende mit drei Kindern Erstaunliches geleistet habe. Nun sei es an der Zeit, ihr die Würde, welche ihr der Staat damals genommen hat, wieder zurückzugeben. Die Ursache des spärlichen Kontaktes lag nicht in der mangelnden Liebe und Fürsorge ihrer Mutter, sondern in der aus dem Preußentum und dem Nationalsozialismus tradierten, empathielosen Härte. Vielleicht könne Frau Schubart ja heute, wo sie selbst so alt sei, wie damals ihre Mutter geworden ist, eine innere Versöhnung finden. Einen Frieden, der ihr ein Stück des verlorenen Aufgehoben-Seins wiedergibt. Den Verlust der asiatischen Heimat möge sie nicht als Unrecht, sondern als Wink des Schicksals begreifen, um nun an dem Ort, an dem sie den größten Teil ihres Lebens verbracht hat, besser zu wurzeln.

Die Geschichte von Frau Schubart, die zudem in ihrem Berufsleben als Erzieherin ihren Schützlingen all das geben wollte, was sie selbst vermisste, hat mich sehr berührt. Doch der Ausflug in die ganzheitliche Betrachtung der Beschwerden hat wieder einmal Zeit gekostet, die mir eigentlich nicht zur Verfügung steht. Ein Patient war nach dreistündiger Wartezeit entnervt gegangen. Die noch Wartenden zeigten sich sichtlich unruhig, manche sogar erbost.

Aufgrund solcher Situationen ertappe ich mich dabei, entgegen meiner Überzeugungen die Weiterbildungsassistentin zu mehr Eile in ihrem Sprechzimmer antreiben zu wollen. Dabei bräuchten gerade die jungen Mediziner Zeit und Ruhe, um die tiefere Betrachtung des Patienten zu trainieren. Die Kunst, solche Fragen zu stellen, durch die man sogar bei knappem Zeitbudget zum ganzheitlichen Kern des Problems vorstoßen kann, habe ich in einer Epoche gelernt, die noch ausreichend Raum für das Sammeln eigener Erfahrungen ließ. Solche Lernbedingungen wird meine Assistentin nicht mehr haben.

Meine Konsultationen werden unterbrochen von EKG-Beurteilungen, Anrufen von Kollegen aus dem Krankenhaus, wichtigen Nachfragen der Helferinnen und Unterschriften unter Rezepte, Atteste und Formulare. Jede dieser kleinen Tätigkeit muss aber auf ihre Stimmigkeit geprüft werden. Immer wieder bimmelt das Telefon oder öffnet sich die Sprechzimmertür. Wegen der schweren Luftnot eines gehunfähigen Patienten ruft man mich ins Erdgeschoss. Meine Weiterbildungsassistentin bittet mich das dritte Mal, ihre Einschätzung eines Patienten zu überprüfen. Sie hat das Recht auf eine gute Weiterbildung, weshalb ich ihre Fragen ausführlich beantworte. Den Arbeitsdruck, der auf mir lastet, lasse ich mir nicht anmerken. Ich bleibe stets freundlich. Niemand soll das Gefühl haben, er dürfe wichtige Fragen nicht klären. Ein gutes Arbeitsethos und das Vertrauen untereinander sind die besten Garanten dafür, dass Fehler vermieden werden. Fehler, die in der Medizin leicht unverzeihlich werden können.

In der kurzen Spanne zwischen zwei Patienten nehme ich einen Schluck Café Latte. Meinen Toilettengang habe ich nun das dritte Mal verschoben, eine kurze Pause und eine kleine Mahlzeit gönne ich mir erst nach sechs Stunden. Als sich zwei Stunden später das Sprechstundenzeitfenster schließt, müssen noch aktuelle Befunde und Laborwerte gesichtet und Rückrufe getätigt werden. Gottlob wartet heute wenigstens kein Hausbesuch auf mich. Grob überschlagen war ich mit über fünfzig Patienten befasst. Etwas Schreibkram mit Anträgen und Attesten nehme ich mit nach Hause. Ein ganz normaler Arbeitstag.

Der Berufsanfang – Vom Wert, sich Zeit zu nehmen

Auf der Heimfahrt kommt mir die Zeit in Erinnerung, als der Alltag noch ganz anders war. In der Klinik blieb oft Zeit für ein Gespräch mit den Patienten und dem Stationspersonal. Mittags schlenderten wir jungen Ärzte in die Cafeteria, nicht ohne angeregte Gespräche untereinander oder mit dem Personal anderer Abteilungen zu führen. Zwar gab es auch zu Beginn meiner Berufstätigkeit Situationen der Überforderung, doch diese waren tatsächlich noch Ausnahmen innerhalb eines grundsätzlich langsameren Tempos.

Eine Extremerfahrung allerdings erlebte ich schon sehr früh als Medizinalassistent, der damaligen praktischen Vorbereitungsphase vor der finalen Anerkennung als Arzt. In einem kleinen christlichen Versorgungskrankenhaus in Westfalen wurde ich schnurstracks ins kalte Wasser geschmissen. Nach kurzer Einarbeitungszeit verließen die beiden Assistenzärzte der inneren und der chirurgischen Abteilung sowie der Oberarzt ihre Arbeitsstätte. Damit waren die zweite Medizinalassistentin und ich allein mit dem Chefarzt, einem schwer umgänglichen Mann. Unerfahren, wie wir waren, hatten wir zwei Stationen zu führen, die Notfallambulanz zu betreuen, mit dem Notarztwagen rauszufahren und bei Operationen zu assistieren. Die Schwestern, die Pfleger und wir Assistenten halfen uns gegenseitig, diese viel zu große Verantwortung zu stemmen und grobe Fehler zu vermeiden. Da wir auch noch täglich abwechselnd nächtliche Rufbereitschaft hatten, bewegten wir uns ständig an unseren physischen und psychischen Grenzen, manchmal auch darüber hinaus.

Nach dieser überaus erschöpfenden Zeit unternahm ich mit meinem besten Freund eine Afrikareise durch Ägypten, Somalia, Äthiopien, Kenia und Tansania. Einige Male kam ich dazu, in Notsituationen meine bisherigen Kenntnisse anzuwenden. Die Verfügbarkeit medizinischer Hilfe war rar und hing noch dazu oft von der Unterstützung der Familie oder des Stammes ab, die dort das eigentliche soziale Netz bilden. Trotz der im Vergleich zum Reichtum der nördlichen Halbkugel großen Armut begegnete mir auf diesen Reisen weitaus mehr Fröhlichkeit und Lebenslust, als ich es aus meinem bisherigen Umfeld gekannt hatte. Im Unterschied zu uns leben die Menschen ganz in der Gegenwart und machen sich kaum Sorgen um die Zukunft. Gefühlt blieb die Zeit ähnlich stehen, wie ich es nur aus Kindertagen kannte, wenn der Tag manchmal nie zu enden schien. Eine unvergessliche Erfahrung.

Nach meiner Rückkehr brauchte ich mehrere Monate, um mich wieder an unser Tempo zu gewöhnen. Während der folgenden Tätigkeit in einem Kinderkrankenhaus hatte ich Mühe, mit der Schnelligkeit der Visiten Schritt zu halten. Noch unter dem frischen Eindruck meiner afrikanischen Reise festigte sich in mir schon früh die Überzeugung, wie wenig die Lebensfreude von materiellem Wohlstand abhängt und wie sehr umgekehrt die Geschwindigkeit unseres Lebensstils mit seinem chronischen Zeitmangel uns die Leichtigkeit und Unbeschwertheit nimmt.

Es folgte eine fünfjährige Ausbildung zum Internisten im Rudolf-Virchow-Krankenhaus, einem damals großen kommunalen Berliner Versorgungskrankenhaus mit nahezu allen Fachabteilungen. Später wurde es ein Standort des Universitätsklinikums der Charité. Mein Chef war der renommierte Infektiologe Professor Hans-Dieter Pohle, der als Erster in Europa eine Isolierstation aufgebaut hatte, die sogar geeignet war, hochansteckende Krankheiten wie die des Ebola-Virus zu behandeln. Wir Assistenten rotierten jeweils halbjährlich auf die gastroenterologische und die kardiologische Abteilung, wurden mehrfach für einige Monate in die Aufnahme abgeordnet und arbeiteten ein Vierteljahr auf der Intensivstation. Mit meinem Facharztexamen konnte man als Internist entweder Hausarztfunktionen ausüben oder sich mehr auf Teilgebiete wie Kardiologie, Gastroenterologie oder Nephrologie spezialisieren. Die spätere strikte Trennung in Hausarztinternisten und Facharztinternisten gab es noch nicht.

Mit Professor Pohle hatte ich einen hervorragenden Lehrmeister bekommen. Er baute auf die Kette ehrwürdiger Infektiologen auf, die alle in engem Kontakt zwischen Klinik und Forschung standen. Das Robert-Koch-Institut, mit dem wir kooperierten, war nur ein Steinwurf weit von unserer Abteilung entfernt. Die Charakteristika der früheren Infektiologen waren meinem Chef ebenfalls zu eigen: eine bis ins kleinste Detail wachsame Wahrnehmung des Patienten, akribische Anamnese und sorgfältige körperliche Untersuchung. Temperaturverlauf, Hautkolorit, Gewebebeschaffenheit, Geruch, Atembesonderheiten und sogar die Wahl der Worte, mit denen der Patient seine Beschwerden beschrieb, spielten eine Rolle. Der Chef reflektierte die gewonnenen Informationen vor dem Hintergrund seines außergewöhnlich breiten Wissens, das auch angrenzende Fächer wie Dermatologie und Neurologie miteinschloss. Da er durch diese gründliche Vorarbeit das diagnostische Spektrum möglicher Krankheiten schon weitgehend eingrenzen konnte, fehlten ihm nur wenige technische Untersuchungen oder Laborwerte, um sich der Diagnose sicher zu sein.

Einmal wurde Professor Pohle damit konfrontiert, dass ein Ehepaar gleichzeitig an einer ungewöhnlichen Form der Lungenentzündung erkrankt war. Er zweifelte daran, dass es sich um eine Infektion handelte, und bohrte so lange mit Fragen zu den Lebensumständen nach, bis er herausfand, dass die beiden in einem engen Flur ihre Lederkleidung mit einem toxisch wirksamen Spray bearbeitet hatten. Er lag richtig. Kein Infekt, sondern ein gesundheitsschädliches Produkt bildete die Ursache. Für Pohle war jeder neue Fall ein Puzzle, das es zusammenzusetzen galt. Ein kriminalistisch anmutendes Suchen nach den Zusammenhängen der Krankheitsentwicklung. Schnelles Fiebersenken oder der ungezielte Einsatz von Antibiotika gehörten für ihn zu den Todsünden.

Oft war die Krankheit bereits am Fieberverlauf zu erkennen und er verordnete erst Antibiotika, wenn alle Materialien wie Urin, Sputum oder Blut zur Untersuchung abgenommen und die Diagnostik bereits so weit eingegrenzt worden war, dass passgenau das richtige Medikament gegeben werden konnte. Seine eigenen Ansprüche legte er auch an uns Assistenten an: Als ich bei der morgendlichen Besprechung die Anamnese eines von mir im Bereitschaftsdienst aufgenommenen Patienten nicht exakt genug wiedergeben konnte, musste ich sarkastische Seitenhiebe ertragen. Ich fühlte mich so blamiert, dass ich Ähnliches in der Zukunft durch mehr Sorgfalt vermied.

In Anbetracht seiner gelebten Vorbildfunktion von Anamnesegeschick, Untersuchungstechnik, breitem Wissen, wacher Aufmerksamkeit, intellektueller Kombinationsgabe und einem Schuss Intuition, lag die Latte für uns sehr hoch. Der Professor forderte uns zum Duell in treffsicherer Diagnostik heraus und erkannte es durchaus an, wenn jemand ihn mal übertraf.

Allgemein herrschte in der Abteilung allerdings ein gewisser Dünkel der „alten Hasen“ gegenüber dem Nachwuchs. Jeder, der zum Kern dazugehören wollte, hatte sich erst einmal durch ganz besondere Leistungen zu beweisen. Mir gelang es, in diesen erlauchten Kreis aufgenommen zu werden, als ich in einem meiner Dienste einen jungen Mann mit starken Beinschmerzen untersuchte, der schon durch mehrere Facharzthände gegangen war. Dank der bei uns geschulten Untersuchungsmethodik fiel mir an ihm eine merkwürdige Empfindungsstörung auf der Rückenhaut auf. Dieses kleine Detail führte bei weiterer Diagnostik zur Not-OP eines unerwarteten Rückenmarksabszesses, wodurch eine Querschnittslähmung verhindert werden konnte.

Wurden wir Assistenzärzte mit dem Sterben konfrontiert, setzten wir uns zusammen, fühlten uns auf Basis der vorhandenen Kenntnisse in die Person des Sterbenden ein und versuchten, gemeinsam mit den Angehörigen zu einer Entscheidung über den Einsatz von Therapieversuchen, Leidenserleichterung und gegebenenfalls hochdosierter Schmerzbehandlung zu kommen. Es galt als selbstverständlich, dem Sterben einen würdevollen Raum zu geben. Dieses Vorgehen hat jeden von uns für die Grenzfälle in der Medizin geschult.

Die Weggabelung – ein neues Medizinzeitalter bricht an

Als Gegenstück zum umfassend analysierenden Professor Pohle lernte ich einen Kardiologen kennen: Professor Glitz. Er pflegte ein strikt standardisiertes Vorgehen und verlangte von seinen Assistenten, Schemata rigoros einzuhalten. Mit Fragestellungen außerhalb der Kardiologie befasste er sich nicht und überließ sie anderen Fachkollegen. Dies führte dazu, dass nach der Aufnahme eines Patienten erst einmal eine Vielzahl konsiliarischer Untersuchungen angefordert werden mussten. Auch in medizinischen Grenzsituationen verhielt Glitz sich anders. Als ein Greis mit Massenblutung im Gehirn unwiderruflich im Sterben lag, ließ er ihn nicht einfach gehen, sondern bestand darauf, dass weiterhin alle intensivmedizinischen Behandlungsoptionen ausgeführt werden. Auch an pharmakologischen Studien beteiligte sich die Kardiologie mit Eifer. Dem Oberarzt oblag es, Patienten dafür zu rekrutieren, sie zu informieren und sie in die Studien aufzunehmen. Viele der so Angeworbenen verstanden kaum, worauf sie sich einließen. Auch wenn die Zusammenhänge und Gefährdungspotenziale ihnen fremd blieben, stimmten sie in der Regel zu, um in ihrer abhängigen Situation den Oberarzt nicht zu enttäuschen. Einige Details in der Durchführung der Studien erweckten bei mir den Eindruck, dass ihre großzügige Honorierung einen Anreiz dafür bot, positive Ergebnisse im Sinne der Auftraggeber zu fördern. Mit dieser Einschätzung stand ich nicht allein da.

Im Gegensatz dazu ließ Professor Pohle bei dieser Thematik immer absolute Aufrichtigkeit walten. Sobald er witterte, dass Pharmafirmen auch nur im Ansatz geschönte Ergebnisse erwarteten, lehnte er die Teilnahme an Studien ab. Roch ein Anliegen unlauter, schmiss er die Pharmavertreter sogar aus seinem Dienstzimmer und verwehrte ihnen für die Zukunft jeglichen Besuch. Seine Haltung blieb für mich später gleichermaßen Richtschnur für meine eigenen kritisch abwägenden Therapieentscheidungen.

Der detektivische Professor Pohle und der schematische Professor Glitz symbolisierten damals einen wesentlichen Umbruch in der Medizin. Dass der Kardiologe Glitz schematischer arbeitete, war zu einem gewissen Maße verständlich. Vieles in diesem Bereich, besonders in der Intensivmedizin, benötigt klare Muster. Andererseits bleiben dabei die krankheitsbegleitenden Umstände des Patienten kaum berücksichtigt, obwohl das Herz aus umfassender Perspektive als wichtigstes menschliches Organ angesehen werden kann. Diese Doppeldeutigkeit sah Professor Glitz nicht. Er beschränkte sich strikt auf das Physische seines Fachgebiets.

Mit der Trennung in Spezialgebiete, die heute die Regel ist, gingen die Zusammenhänge der verschiedenen Organschauplätze mehr und mehr verloren. Fortan zählte allein fachbezogenes Spezialwissen. Wer allerdings den Blick von der Gesamtschau der Krankheit abwendet und sich immer nur auf einzelne Symptome fokussiert, verliert das Verständnis für den Menschen in seiner Gesamtheit.

Albert Einstein beschrieb das Problem der zunehmenden Spezialisierung in der Wissenschaft anlässlich einer Laudatio so:

„Unsere Erziehung zum Objektiven hat nämlich aus allem Persönlichen ein »Tabu« werden lassen, gegen das der Sterbliche nur bei ganz außergewöhnlichen Gelegenheiten […] sündigen darf. […] Der Kreis des wissenschaftlich erfaßten Tatsachengebietes ist ungeheuer erweitert, die theoretische Erkenntnis auf allen Gebieten der Wissenschaften ungeahnt vertieft worden. Das menschliche Fassungsvermögen aber ist und bleibt an enge Grenzen gebunden. So konnte es nicht ausbleiben, daß sich die Aktivität des einzelnen Forschers auf einen immer beschränkteren Sektor des Gesamtwissens zurückziehen muß. Noch schlimmer aber ist es, daß diese Spezialisierung es sogar mit sich bringt, daß auch das bloße allgemeine Verständnis für das Ganze der Wissenschaft, ohne das der echte Forschergeist notwendig erlahmen muß, immer schwieriger mit der Entwicklung Schritt halten kann. Es wird eine Situation geschaffen ähnlich derjenigen, welche in der Bibel durch die Geschichte vom Turm zu Babel symbolisch dargestellt ist. Jeder ernsthaft Forschende kennt das schmerzliche Bewußtsein dieser unfreiwilligen Beschränkung auf einen immer engeren Kreis des Verstehens, das den Forscher der großen Perspektiven zu berauben droht und ihn zum Handlanger degradiert.“ [2]

Der weite Blick und die Schulung der Wahrnehmung, die ich von meinem eigentlichen medizinischen Lehrmeister Pohle vermittelt bekommen habe, entpuppten sich später als wichtigste Geschenke für meine Praxistätigkeit. Zum Prinzip einer solchen Persönlichkeitsprägung, die noch dem Humboldt’schen Bildungsideal nahestand, formulierte Einstein:

„Es ist nicht genug, den Menschen ein Spezialfach zu lehren. Dadurch wird er zwar zu einer Art benutzbarer Maschine, aber nicht zu einer vollwertigen Persönlichkeit. Es kommt darauf an, daß er ein lebendiges Gefühl dafür bekommt, was zu erstreben wert ist. Er muß einen lebendigen Sinn dafür bekommen, was schön und was moralisch gut ist. Sonst gleicht er mit seiner spezialisierten Fachkenntnis mehr einem wohlabgerichteten Hund als einem harmonisch entwickelten Geschöpf. […] Dies ist es, was Kultur in erster Linie ausmacht und erhält. […] Überbetonung des kompetitiven Systems und frühzeitiges Spezialisieren unter dem Gesichtspunkt der unmittelbaren Nützlichkeit töten den Geist, von dem alles kulturelle Leben und damit schließlich auch die Blüte der Spezialwissenschaften abhängig ist.“ [3]

Nach meinem Facharztexamen fühlte ich mich bestens für die weitere Tätigkeit in der ambulanten Medizin ausgebildet. Die Arbeitswelt der Klinik wollte ich hinter mir lassen. Sie hatte mir zwar ein reiches Erfahrungsfeld geboten, meinen Hunger nach tieferer Erkenntnis und mein Bedürfnis nach einer ganzheitlicheren Medizin aber nicht gestillt. Mir wurde die Gnade zuteil, in einer Zeit selbstverantwortlich ambulant tätiger Arzt zu werden, als noch ein ausreichender Raum für das Erlernen einer umfassenden Perspektive vorhanden war. Auch herrschte gesellschaftlich ein anregendes Klima dafür. Für Patienten und Ärzte hatte die Therapiefreiheit eine hohe Priorität.

Der Niedergang einer menschengerechten Grundversorgung

Eine heftige, unerbittliche Überschrift, ich weiß. Vor allem angesichts der Tatsache, dass wir im Vergleich zu den meisten anderen Industrieländern der Welt überhaupt ein flächendeckendes, allgemeines Gesundheitssystem haben. Gerade deshalb aber sollten wir wachsam sein und darauf achten, wie dieses System sich in seinem Charakter verändert.

Seit den Neunzigerjahren verlagert das System der gesetzlichen Krankenversicherung seinen Schwerpunkt weg von der Fürsorge für eine hochwertige ambulante und stationäre Medizin in der Breite hin zu den Spitzen des technologisch-pharmakologischen Fortschritts.

Einerseits gewannen ökonomische Interessen an Einfluss, andererseits übten die Innovationen große Faszination aus. Die Medien begleiteten diese Verschiebung der Prioritäten mit großen Visionen vom Sieg des technologischen Fortschritts über die „Geißel Krankheit“. Eine Kaskade von Gesundheitsreformen brachte Budgets, Regresse und eine enorm gestiegene Arbeitsbelastung für die Ärzte mit sich. Den Versicherten bescherte sie immer stärkere Einschränkungen ihres Leistungsanspruchs. Alle, die als Pflegepersonal oder Ärzte die Hauptlast in der breiten Grundversorgung tragen, spürten eine Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen.

Jede sogenannte Gesundheitsreform führte dazu, Geld und Energie aus der Breite und in die Förderung von Hochtechnologie und Pharmazie zu leiten. Die Kosten stiegen rapide. Zugunsten der vielfältigen Spezialisierungen wurde die Grundversorgung, einst die unbestrittene Säule des Systems, massiv abgewertet. In der Aufmerksamkeit. In der Finanzierung. Im Ansehen.

Damit sank auch die Attraktivität des Hausarztberufs. Um die Jahrtausendwende gab es erstmals weniger Hausärzte als Fachärzte. Heute entscheidet sich nur noch ein kleiner Bruchteil der Medizinabsolventen für diesen Beruf. Siebzig Prozent werden Fachärzte. Einen weiteren Teil locken lukrative Angebote der Industrie, der Forschung und des Managements.

Nicht nur die finanzielle und gesellschaftliche Abwertung, sondern auch die Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen durch Bürokratisierung und Arbeitshektik haben zur unvermeidlichen personellen Ausdünnung der Grundversorgung in Krankenhaus und Praxis geführt. Sie äußert sich als Pflegenotstand, Hausarztmangel, lange Wartezeiten in Notfallambulanzen und späte Arzttermine. Kurzum: als Mangel an Raum für die so notwendige menschliche Begegnung.

Als 1996 vor allem die Honorierung der hausärztlichen Gespräche drastisch heruntergesetzt wurde, mussten kleine, gesprächsintensive Praxen aufgeben. Die Kassenärztliche Vereinigung organisierte damals Vorträge, in denen sie uns Ärzten nahelegte, doch einfach ein zweites finanzielles Standbein in unserer Praxis einzurichten: zum Beispiel den Verkauf von Gesundheits- und Ernährungsprodukten.

Ich fühlte mich im Kern meines Arztverständnisses getroffen. Die Hausarztmedizin, die ich mit so viel Anstrengung und Herzblut ausübte, war abgewertet. Von einem Quartal zum anderen bedrohten plötzliche Honorarverluste die Existenz der Hausarztpraxen. Verzweifelt spielte ich mit dem Gedanken, neben meiner Praxis eine Firma für mobilen Kaffeegenuss im Stadtzentrum zu gründen.

Den Verteilungskampf innerhalb der Ärzteschaft gewannen im ersten Schritt die Fachärzte. Sie holten sich über „Vergütungsreformen“ das Geld für ihre Technisierung und Besserstellung aus dem Hausarzthonorar.

Abfällig wurden unsere Hausarztpraxen von einigen als „Quasselbuden“ bezeichnet. Sie fühlten sich zurecht besser honoriert und sahen sich mit ihrem Schwerpunkt auf technische Ausrüstung und teure Innovation als überlegen an. Doch selbst viele Fachärzte zeigten sich nach einer Weile erschrocken von den Geistern, die sie selbst gerufen hatten. Der Fluss des Geldes hin zu denen, die maximal profitabel und an der Spitze des technischen Fortschritts arbeiten, machte selbst vor ihnen nicht halt. Sie gerieten untereinander in Konkurrenz.

In einem zweiten Schritt profitierten später selbst unter den Fachärzten auch nur noch die ganz besonders Spezialisierten.

Den aus diesen Entwicklungen resultierenden Verlust an Menschlichkeit und die Verschwendung der Ressourcen durch überteuerte Medizinprodukte und Pharmaka prangerte ich während meiner Tätigkeit in der Selbstverwaltung der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin an und formulierte schon 1998 in einem Interview durch unser kassenärztliches Mitteilungsblatt:

„Derzeit etabliert sich eine Zweiklassenmedizin, in der die Patienten, die sich in technologisch hochgerüsteten Bereichen bewegen, beispielsweise in speziellen Schwerpunktpraxen, in der hochspezialisierten Kardiologie, der Lasertherapie usw. auf eine Maximalversorgung treffen, die dem Betreiber attraktiv vergütet wird. Diejenigen aber, die der Grundversorgung – egal in welchem Fachbereich – bedürfen, treffen auf ein heruntergefahrenes Versorgungsnetz, in dem sie bei häufiger und intensiver Inanspruchnahme vom Arzt unbezahlte Leistungen abfordern und damit unerwünscht werden. Ich bin allerdings in letzter Zeit zu der Überzeugung gelangt, dass weder die Ärzteschaft noch die Gesundheitspolitiker die Kraft und den Willen haben, den von mir beschriebenen Trend wirksam umzusteuern.“ [4]

Die Entwicklung machte auch vor den Krankenhäusern nicht halt, in denen fortan mit pauschalen Diagnosen und unterfinanzierten Fallpauschalen gearbeitet wurde.

Die Kliniken begannen mit dem Rosinenpicken zwischen wirtschaftlichen und unwirtschaftlichen Krankheiten. Patienten, die der wenig lukrativen Grundversorgung zuzurechnen waren, wurden schnellstens entlassen. Sie sollten nun vom Hausarzt mittels Hausbesuchen und häuslicher Krankenpflege weiterbetreut werden.

Die Stationsärzte fanden nach jeder Entlassung viel schneller als früher wieder einen neuen Patienten vor. Nur kurze Liegezeiten waren rentabel, sie erhöhten fortwährend die Taktzahl und den Arbeitsaufwand.

Gut vergütet werden seitdem Intensivstationen, Herz-OPs, Transplantationen und ähnlich hochtechnisierte Bereiche. Um zu überleben, bleibt den Krankenhäusern nichts anderes mehr übrig, als die Behandlung von Kranken weniger unter fachlichen, sondern mehr unter ökonomischen Gesichtspunkten zu betrachten.

Dies führt zu blutigen Entlassungen, unnötigen Operationen und einer Ausdehnung der Intensivmedizin und weiteren strategischen Handlungen.

Ein Bericht über eine Tagung der Bundesärztekammer spricht davon, dass die zunehmende „Kommerzialisierung des Gesundheitssystems“ die Arbeit dermaßen verdichtet habe, dass „die Patientenversorgung und die Gesundheit der Ärzte gefährdet“ sei. Experten forderten „Änderungen am DRG System und mehr Widerstand der Ärzteschaft“. [5] Alle Referenten zogen das gleiche Fazit:

Wirtschaftliche Aspekte sind wichtiger geworden als ethische. Renditejäger beuten zunehmend die Medizin aus.

Solche Appelle an das Management des Gesundheitswesens verhallen jedoch seit Jahren ungehört. Dies wird auch so bleiben, wenn sich niemand traut, die Fehlverteilung der Ressourcen zwischen hochtechnisierter Spezialmedizin und Grundversorgung beim Namen zu nennen.

Eine inhaltliche Schwäche der beschleunigten und kommerzialisierten Medizin ist das Denken in engen Rastern.

Um das System zu optimieren, wurde eine Diagnosekodierung mit künstlich geschaffenen Kategorien eingeführt. Im Schema eines solchen Rasters verblasst der individuelle Charakter von Krankheiten zusätzlich.

Oft entsprechen die Codes kaum noch der realen Behandlungsbedürftigkeit der dahinterstehenden Gesundheitsprobleme. Auf welche Weise und wie intensiv man etwa die mit vielen Krankheiten behafteten Multimorbiden behandelt, hängt gerade davon ab, wie deren Einzelkrankheiten zusammenwirken. Gerade hier ist es entscheidend, das ganze Bild zu erkennen, statt gemäß vorgegebener Codes Einzeldiagnosen aneinanderzureihen. Eine „mittelschwere Depression“ beispielsweise kann völlig unterschiedliche Behandlungskonzepte benötigen und ganz verschiedenen Einfluss auf das berufliche und soziale Leben haben.

Durch das rigide Raster der Diagnose-Codes ist der Konflikt zwischen den Verwaltungsleitern der Krankenhäuser und den Ärzten vorprogrammiert, aber nicht zu lösen.

Im Ergebnis entscheiden nicht mehr medizinische Notwendigkeiten, wohin die Gelder der Gesetzlichen Krankenversicherung fließen, sondern fiktive Stellgrößen und abstrakte Muster, die mit der Praxis wenig zu tun haben.

Die Normen der industriellen Massenproduktion werden unreflektiert auf die Medizin übertragen: schnelles Durchschleusen, bei dem man die Zeit als etwas ansieht, was wegrationalisiert werden müsse.

Mit diesen treffenden Worten beklagte Professor Giovanni Maio, Lehrstuhlinhaber für Ethik und Geschichte der Medizin an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, 2017 auf einem Symposium in Berlin den Zustand der modernen Medizin. Denken werde nicht mehr anerkannt, stattdessen die Stromlinienförmigkeit gepriesen. „Doch ärztliches Handeln ist nicht technisierbar“, schloss Maio, „und das Wohl des Patienten ist nicht verhandelbar.“ [6]

Kontrollkultur und Bürokratisierung

Unter den Kostenkrisen hat sich der Umgang der Krankenkassen mit den Ärzten, Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen grundlegend verändert.

Die Kultur des Vertrauens wandelte sich in eine Kultur der Kontrolle.

Schon vor Jahren verbreiteten die Manager der Krankenversicherungen medienwirksam das Credo, es gäbe gar kein Kostenproblem. Vielmehr sei genug Geld da, wenn es denn bloß richtig ausgegeben würde! Die Krankenkassen sprachen in diesem Zusammenhang gern von der „Black Box“ des Gesundheitswesens, in der das Geld versickere. Sie ignorierten die Tatsache, dass das Geld eben gerade nicht in der Breite versickert, sondern gezielt in Richtung teurer Innovationen gelenkt wird, und taten so, als liege das eigentliche Problem in einem Mangel an Qualität in der Grundversorgung.

Genau jener Grundversorgung, der sie selbst das Wasser abgruben, darauf bauend, aus der Konkurrenz der Akteure im Gesundheitswesen Honig saugen zu können. Als Sachverwalter der Gelder aller Versicherten übernahmen sie das Narrativ der Pharmaindustrie und der Medizintechnik und begriffen nicht, dass sie sich damit ins Dickicht eines von Lobbyismus getriebenen Drucks zu mehr Profit und Wirtschaftlichkeit begaben, den sie nicht mehr unter Kontrolle bekommen.

Die Forderung, das Geld dürfe in Zukunft nur noch im Sinne einer von der Wissenschaft definierten Qualität ausgegeben werden, engte die Behandlungsfreiheit der Ärzte immer mehr auf die Vorgaben von Fachverbänden und Universitäten ein. Die akademische Perspektive mit ihrer stark biologisch-somatisch ausgerichteten Sicht erhielt Monopolstatus. Und da viele Fachverbände wie auch Universitätseinrichtungen in enger Kooperation mit der forschenden Pharmaindustrie und der Medizintechnologie stehen, erhielten gerade diejenigen, die am stärksten kostentreibend wirkten, direkten Einfluss auf die Stellschrauben der medizinischen Behandlung.

Die „Qualität“ einer Behandlung wurde nur noch rein technisch definiert. Und wo ausschließlich Zahlen zählen, erhält man die Rechtfertigung zu immer mehr Kontrolle. Damit begann die Überbürokratisierung des Helfens in Medizin und Pflege.

Um die Kontrolle ausüben zu können, standardisierte man die Arbeitsvorgänge, damit sie messbarer und vergleichbarer wurden.

Was bedeutet dieser Bürokratieterror in der Praxis? Konnte der Arzt früher Maßnahmen wie die Krankengymnastik mit begründender Diagnose einfach auf einem Rezept verordnen, musste er nun einen 200 Seiten langen Heilmittelkatalog befragen, in dem genau festgelegt ist, bei welcher Diagnose man mit welcher Schlüsselnummer wie viele und welche Heilmittel verordnen darf. [7]

Ein Antrag für eine medizinische Kur über die Krankenkasse enthält vier Durchschreibebögen mit 38 Spalten und Kästchen, die ausgefüllt und angekreuzt werden müssen. Auf ihm wird nicht nur nach den begründenden Diagnosen gefragt, sondern auch nach Schädigungen und Befunden, bisheriger Therapie, Rehabilitationszielen, Kontextfaktoren, Rehabilitationsprognosen, interpersonellen Aktivitäten und vielem mehr. [8]

Dabei ist es inzwischen die Regel, dass sozialrechtlich zu gewährende Leistungen nach dem ersten Antrag zunächst abgelehnt werden. Besonders Rehabilitationskuren über die Rentenversicherung werden geradezu automatenhaft abgelehnt, mit der Begründung, die vorliegende Störung könne doch auch von ambulanten Ärzten behandelt werden. Wie ein Arzt allerdings etwa ein Überforderungssyndrom ambulant behandeln soll, bleibt dabei ein Geheimnis der Rentenversicherung.

Erst durch einen Widerspruch, der zwischen dem Patienten und seinem Arzt ausgiebig besprochen werden muss und wieder neue Nachweise und Atteste beibringt, kann der Patient zu seinem Recht kommen. Selbst so einfache Anträge wie die Kostzulage für einen Diabetiker führen über die Ablehnung und die Ablehnung des Widerspruchs bis zur Verhandlung beim Sozialgericht, welches schließlich vom Arzt die Beantwortung von 19 Fragen einfordert.

Zu diesen gehören, welche Ernährungsform der Patient brauche, wann und wie ich ihn als Arzt über seine Ernährung beraten habe, welchen Inhalt das Gespräch hatte, ob ein schriftlicher Diätplan erstellt worden ist und wie hoch die Kosten der besonderen Ernährungsform seien.

Diese „kafkaesken“, aufwendigen Formalisierungen, wurden allmählich für immer mehr Routinetätigkeiten eingeführt, vornehmlich für Verordnungen von Leistungen, die von den Kostenträgern als Einsparpotenzial angesehen werden. Die Begründung lautet immer, dies sei im Namen der Qualität notwendig. Als habe der Arzt trotz seiner Ausbildung nicht die Kompetenz, Heilmittel, Kuren und Zulagen angemessen zu verordnen, und müsse deren Notwendigkeit erst noch „leitliniengerecht“ nachweisen.

Eine absurde Bürokratie, die der Arzt aufgrund von Zeitknappheit kaum korrekt bearbeiten kann, führt häufig zu dem offenbar erwünschten Effekt, dass für den Patienten notwendige Verordnungen entgegen ihrem Bedarf immer weniger getätigt werden. Diese filigrane Methode, Leistungen zu beschneiden, verschafft den Kassen eine weiße Weste und den Managern ein reiches Betätigungsfeld. Den Ärzten raubt sie die notwendige Zeit für ihre eigentliche Arbeit. Bei den Kranken hinterlässt sie nicht selten eine weitere Kränkung.

Als wäre das nicht genug, steigen kontinuierlich die ärztlichen Informationspflichten. Ein Schicksal, das viele weitere Branchen teilen. Die gesamte Zunahme an Formalien wird jährlich mit einem Bürokratieindex gemessen. Demzufolge macht die Bürokratie der Ärzte 54,49 Millionen Nettoarbeitsstunden aus. Allein durch eine Reduktion dieses Aufwands um ein Viertel könnten rechnerisch 4.000 neue Arztstellen entstehen. [9]

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