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Einfach. Nur. Tom.
Ein Roman von Darius Tech
Impressum:
© dead soft verlag, Mettingen 2021
http://www.deadsoft.de
© the author
Cover: Irene Repp
http://www.daylinart.webnode.com
Bildrechte:
© KIRAYONAK YULIYA – shutterstock.com
© CarlosDavid – shutterstock.com
© Jon Bilous – shutterstock.com
1. Auflage
ISBN 978-3-96089-470-4
ISBN 978-3-96089-471-1 (epub)
Inhalt:
Eigentlich hat Detective Mickey Simmons sein Leben im Griff. Er macht einen Job, den er liebt, und die Hochzeit mit seiner Verlobten steht kurz bevor.
Aber nicht nur der Tod seines Partners Nat Cunningham stürzt sein Leben ins Chaos. Da ist ein dunkelhäutiger Engel, der lang verdrängte Gefühle in ihm weckt, ein Serienmörder, der sich Opfer sucht, mit denen Mickey eine unangenehme Seelenverwandtschaft teilt und eine neue Partnerin, die auf dem Revier niemand ernstnehmen will.
Am Ende steht die Hoffnung, trotz allem das große Glück im Leben zu finden. Aber manchmal bedarf es dafür einiger Umwege.
Liebe*r Leser*in,
Mickey und Tom begleiten mich schon sehr lange, genauer gesagt seit dem Jahr 1996. Warum ich das so genau sagen kann? In diesem Jahr erschien der Film „Echte Kerle“. Ich war 15, ich wusste, dass ich ein Transmann/-junge war und wohl bereits auch irgendwo tief in mir drin, dass ich schwul bin. Letzteres war mir in meiner Identitätsfindung aber noch nicht möglich zuzulassen. Wie auch immer, jeder hat seine eigene Geschichte, nicht wahr? Aber der Film hat trotzdem seinen Eindruck hinterlassen.
Geboren wurden die zwei aus der Frage: was wäre, wenn? Was wäre, wenn die Geschichte anders ausgeht? Was wäre, wenn sich der Polizist doch in den Mechaniker verliebt? Damals schrieb ich ein zweiseitiges alternatives Ende, mit anderen Namen und einem neuen Beruf für den Mechaniker, jetzt war er ein Werbegraphiker. Die handschriftliche Kurzgeschichte hieß „Seitenwechsel“. Immer wenn sie mir in die Hände fiel, wurde sie erneuert und überarbeitet; ich weiß nicht mehr, wie viele Male. Trotzdem ist das meine älteste M/M Liebesgeschichte.
Viel ist nicht von der ursprünglichen Geschichte übrig geblieben. Noch immer erwacht Mickey eines Morgens ohne klare Erinnerung an den Vorabend in den Armen eines Mannes, nachdem ihn seine Verlobte rausgeworfen hat. Noch immer verdient Tom sein Geld mit Werbung, während Mickey ein Cop ist.
Mickey soll sichtbar sein, damit man vielleicht auch die Kinderseele sieht, die um Hilfe schreit. Und er soll Hoffnung machen, Hoffnung, einen Weg aus dem Trauma zu finden. Er hat einen harten Hintergrund und ich gehe hier das Risiko ein, zu spoilern, weil nicht jeder mit dem Thema umgehen kann und will. Das ist auch völlig in Ordnung.
Nur, um Missverständnissen vorzubeugen, ich hatte eine schöne und ziemlich untraumatische Kindheit, meine Eltern haben mich sowohl mit Flügeln, Wurzeln als auch mit Fallschirmen beschenkt.
Aber ich habe die Folgen von Kindesmissbrauch bei jemandem beobachtet, als ich selbst noch ein Kind und machtlos zu helfen war … Deswegen hat es mich auch niemals völlig losgelassen, dieses schwere und schwerwiegende Thema. Mein jugendlicher Kopf vermischte beide Eindrücke miteinander und Mickey war geboren. Mickey wurde als Kind von seinem Onkel missbraucht. Sein Fall ist natürlich fiktiv, aber er besitzt Parallelen zu dem, was ich damals beobachtet habe und mir im Nachhinein zusammenreimen konnte.
Überhaupt taucht dieses Thema immer wieder angedeutet in dieser Geschichte auf. Nicht nur er hat seine Vergangenheit nicht wirklich verarbeitet, aber das wäre jetzt wirklich ein Spoiler.
Die ganze Zeit in Mickeys Kopf zu sein, war eine intensive Erfahrung. Es ist nicht immer schön und fröhlich an diesem Ort, ganz und gar nicht. Mickey ist auch nicht perfekt, er täuscht sich, er hat manchmal Vorurteile und ab und zu könnte ich ihn schütteln. Immer sind seine Gedanken Momentaufnahmen. Aber er lernt, und um es mit den Worten von Selma Cunningham zu sagen, er hat ein Herz aus Gold. Zumindest sitzt es am rechten Fleck.
Das gesagt, ich denke, es gibt auch eine Menge Licht und Lachen in der Geschichte von Mickey und Tom. Eine Partnerin, die ihn herausfordert, Freunde, die ein überraschender Halt sind, Sprüche klopfende Kollegen und nicht zuletzt ein ganz besonderer Engel lassen es nicht langweilig oder finster werden. Und weil die beiden einen Haufen Mist durchmachen mussten, Detective Bastien Cadeaux würde wohl eher von einem Haufen gequirlter Scheiße reden, bekommen sie auch eine gute Portion Zuckerguss ab. Versprochen!
Gewidmet allen, die auf dem Weg aus ihrer eigenen Dunkelheit sind, egal, was diese verursacht hat.
Prolog
Ich habe mich schon immer für einen ganz harten Kerl gehalten. Klar klingt das erst einmal dämlich, wenn man es so sagt. Aber ich denke, diese Behauptung ist durchaus berechtigt. Ich bin mit knapp elf Jahren durch die Hölle gegangen und am anderen Ende in einem Stück wieder herausgekommen. Nicht ohne den Teufel dabei in seine eigene Zelle zu stecken und den Schlüssel wegzuwerfen.
Heute jage ich Monster wie jenes, das mir das damals angetan hat. Um dazu in der Lage zu sein, bin ich ein Cop geworden und habe den verschlafenen kleinen Ort, in dem ich aufgewachsen bin, weit zurückgelassen. Natürlich verfolge ich auch andere Verbrecher, ich kann mir meine Fälle nun einmal nicht aussuchen.
Davon allerdings abgesehen, glaube ich, jeder andere Kerl wäre ebenso wenig wie ich begeistert davon, dass die Frau, die er in knapp zwei Monaten heiraten soll, ihn nur noch mit Mitleid betrachtet. Vor knappen zwei Wochen hätte ich dazu noch aus voller Überzeugung gesagt, dass ich sie heiraten will. Heute bin ich mir nicht mehr so sicher. Denn ich hasse Mitleid, es ist mein Hassgegner seit High School Tagen. Es ist mir schlicht und ergreifend schon zu oft in meinen 27 Jahren entgegengebracht worden. Mickey Simmons braucht kein Mitleid, das hat ohnehin noch nie jemandem geholfen.
Die Albträume von Nagsville gehören genau dort hin, nicht nach Los Angeles. Nein, meine Gegenwart ist schon schrecklich genug. Meine Verlobte Kelly ahnt nichts von meiner Vergangenheit, dabei möchte ich es auch belassen. Nicht umsonst hat sie meine Eltern niemals kennengelernt, ich habe einfach behauptet, sie seien tot. Und meinetwegen dürften sie das auch sein, aber alle paar Monate besteht meine Mutter darauf, mich anzurufen und mir Vorwürfe zu machen. Nicht das Übliche, eher ein toxisches Gemisch aus Selbstmitleid und „Was sollen die Anderen denken, wenn unser Sohn nicht einmal an Thanksgiving heimkommt?“ Gefolgt von der Frage, ob ich noch immer in diesem schrecklichen Hotel wohne, welches sie niemals gesehen hat. Ich höre es mir an, versuche so wenig wie möglich zu sagen und bin froh, wenn sie endlich wieder auflegt.
Ich weiß schon, warum sie weder meine Adresse noch unsere Festnetznummer besitzt.
Meine Verlobte reißt mich aus meinen Gedanken. „Schatz, du erinnerst dich doch bestimmt an meinen Onkel Mel, oder?“
Die fette, haarlose Qualle, die bei der gefühlt hundertsten Hochzeit ihrer Mutter nicht vom Buffet zu trennen war? Ja, der war nicht zu übersehen. Darüber hinaus, in den anderthalb Jahren unserer Beziehung war es bereits die zweite Hochzeit ihrer Mutter. Man könnte sich fragen, ob das noch normal ist. Aber jeder Mensch braucht schließlich ein Hobby.
„Vage, ist das relevant?“
Kelly rollt mit den Augen. „Ja!“ Ihr genervter Tonfall versetzt mich in Alarmbereitschaft, irgendwie ahne ich, dass sie wieder etwas ausheckt.
„Seine Frau Mary-Ann ist letztes Jahr gestorben.“ Sie setzt ihre besonders ernste Miene auf, während ich mich noch immer frage, was dieser Mist mit mir zu tun hat. Vielleicht ist er ihr ja endlich nachgefolgt, wegen Herzverfettung.
Ich bin kein Arschloch, zumindest versuche ich keines zu sein, aber wenn sich jemand so offensichtlich selbst zugrunde richtet, fällt es mir schwer, Mitleid zu haben.
„Weißt du, er hat jetzt ein Magengeschwür. Bestimmt, weil er nicht über seine Trauer gesprochen hat.“ Sie klingt so, als stünde sie vor einer Klasse aufsässiger Kinder.
Kelly studiert Pädagogik, leider glaubt sie seit Neuestem, das mache sie auch zu einer guten Psychologin. Obwohl, vielleicht glaubte sie das schon immer. Ich merke es einfach erst, seitdem ich das erwählte Ziel ihrer Therapie geworden bin.
Während mein Gehirn damit beschäftigt ist, eine adäquate Reaktion zu formulieren, starre ich sie wortlos an. Variante A schlägt vor, zu stöhnen und den Kopf auf die Tischplatte zu schlagen, leider steht da meine halbvolle Müslischale. Variante B schlägt vor, einen Lachanfall zu bekommen, weil ich mir ziemlich sicher bin, was Onkel Mels Magengeschwür tatsächlich verursacht hat. Dazu bedarf es weder eines Psychologie- noch eines Medizinstudiums.
Während ich ernsthaft mit Variante B ringe, täusche ich vor, dass ich mich verschluckt hätte. „Warum erzählst du mir das?“
„Schatz, die Sache mit Nat …“ Ihre Pause ist dramatisch. Ernsthaft, ich sollte sie meine Verhöre für mich führen lassen, das würde zwar vermutlich zu nicht besonders vielen Ergebnissen führen, aber es wäre zumindest unterhaltsam. „Man darf so etwas nicht in sich hineinfressen.“
Nat Cunningham, das ist mein Partner … Mein Ex-Partner, um genauer zu sein. Ein guter, engagierter und ehrlicher Cop, dem jeder Fall und jedes Opfer gleichermaßen wichtig waren. Davon abgesehen, er war der mit Abstand beste Freund, den ich in L.A. jemals hatte.
„Welche Sache? Er ist tot, jemand hat ihn erschossen. Seinen langjährigen Partner zu verlieren, ist Scheiße, Kelly. Aber darüber zu reden, macht ihn in keiner Weise lebendig.“ Es ist mehr als Scheiße … Es ist so, als würde einem ein Arm und ein Bein abgeschnitten und man könne den Übeltäter nicht einmal vollbluten … Aber wie soll ich das dieser Frau begreiflich machen, ohne dass ihre Augen mit noch mehr Mitleid gefüllt würden?
Sie wird eine gute Lehrerin werden, das sehe ich. Die Grundschulkinder, die sie ziemlich bald unterrichten wird, werden sie lieben. Unsere Hochzeit soll kurz vor dem Antritt ihrer ersten Stelle stattfinden, wenn alles nach Plan läuft. Sie möchte unbedingt als verheiratete Frau in den Beruf einsteigen. ‚Weil sich das so gehört‘, sagt sie.
Ich allerdings bin kein Grundschüler. Trotzdem war ich mir bis vor Kurzem sicher, dass ich sie liebe. Jetzt frage ich mich allmählich, ob ich nicht auf einem Auge blind war. Aber ich verstehe, dass sie sauer ist, als ich aufstehe und sie ohne weitere Erklärung in der Küche zurücklasse.
Was das Psychologische betrifft, mir haben die vorgeschriebenen Sitzungen beim Polizeipsychologen bereits mehr als gereicht. Ich mag es überhaupt nicht, wenn jemand in meinem Kopf herumstochert. Der Dreck, der dabei zutage gefördert werden könnte, nutzt mir noch viel weniger als ihr Mitleid.
***
Seit drei Tagen bin ich jetzt wieder im Dienst, das heißt, ich darf an meinem Schreibtisch sitzen, mich zu TODE langweilen und über meine nicht mehr funktionierende Beziehung grübeln. Zumindest, wenn ich nicht darüber nachdenke, was ich hätte anders machen können, um Nat zu retten und wie ich ihm den Rücken hätte freihalten können. So, wie viele Male zuvor. So, wie er mich viele Male zuvor gerettet hat. Meine Zeit als Neuling liegt lange zurück und ich weiß gut genug, dass es darauf keine Antwort gibt. Die gibt es selten. Aber das bedeutet nicht, dass man sie nicht sucht.
Wenn ich Glück habe, darf ich meinen Kollegen bei der Computerrecherche helfen. Sehr spannend!
Mein Blick fällt über den Schreibtisch, zu dem leeren Stuhl mir gegenüber, Nats Arbeitsplatz. Ich kann ihn fast vor mir sehen, wie er mir vom letzten Wochenende erzählt. Davon berichtet, dass ich mal wieder gefehlt habe. Eine häufige Beschwerde, seit ich mit Kelly zusammen bin. Herrgott, ich werde halt sesshaft, nicht wahr? Wird man das nicht mit 27? Ist das nicht normal?
Ich weiß, was Nat auf diese Fragen sagen würde. Du hast nur ein Leben, Partner! Hör endlich auf zu tun, was man halt so tut! Hör auf, die Erwartungen anderer zu erfüllen und fang an, richtig zu leben, Mickey!
Nat war Ende 30. Ungeachtet dessen habe ich mich oft gefühlt, als wäre ich der Ältere von uns.
„Hey, Simmons?!“ Die Stimme des Captains klingt aus seinem Glaskasten am Ende des Großraumbüros des Morddezernats.
„Ja Sir?“
„Jemand hat vorhin die First National ausgeraubt, zwei Straßen weiter, und anscheinend gibt es da sehr viele Zeugenaussagen aufzunehmen. Die vom Raub fragen, ob wir ihnen ein paar Ohren leihen können. Hast du Lust, dir die Füße zu vertreten?“
Das wäre eigentlich eher eine Aufgabe für einen Streifenpolizisten, keinen Detective. Ich könnte daher beleidigt sein, aber Captain Henry Myers gehört zu den wenigen Menschen, die ich wirklich zutiefst respektiere. Ich denke, ich könnte diese Menschen an meinen Fingern abzählen. Er ist ein Cop, der noch immer am liebsten auf der Straße wäre. Jemand, der nur hinter dem Schreibtisch sitzt, weil man ihm keine wirkliche Wahl gelassen hat. Nat hat ihn noch als Detective kennengelernt und bis ihm eine Dienstverletzung eine Gehbehinderung bescherte, blieb er im Außendienst. Dann ließ man ihm zwei Optionen, Beförderung in den Innendienst oder Zivilist. Und er weiß mit Sicherheit ganz genau, dass ich gerade jede Gelegenheit wahrnehme, um aus diesem Revier herauszukommen. Es würde mich daher nicht wundern, wenn es umgekehrt gewesen wäre und er den Kollegen ein paar zusätzliche Ohren angeboten hat, nur um mir Ausgang zu verschaffen.
„Ja Sir! Ich bin unterwegs!“ Jetzt gerade bin ich meinem Captain vor allem sehr dankbar. Mein Schreibtisch ist der letzte Ort in Los Angeles, an dem ich sein will. Auf dem Weg nach draußen versuche ich die Geister abzuschütteln, die mich an diesem Ort seit meiner Dienstrückkehr immer wieder heimsuchen.
***
Meine Dankbarkeit verfliegt jedoch schnell, als ich in der Bank eintreffe. Catlin und Deeks bearbeiten den Fall, sie sind alte Kollegen aus meiner Anfangszeit nach der Akademie. Die beiden waren, knapp gesagt, nicht gerade meine Lieblingskollegen. Sie waren mir immer zu albern, stets auf der Lauer, um einem Neuling einen „gutgemeinten“ Spruch mit auf den Weg zu geben. Die zwei stellten sozusagen die Klassenclowns des Raubdezernats dar, während ich noch an meiner Schlagfertigkeit zu feilen hatte.
In einem Anflug von Hilfsbereitschaft hat jemand eine Ansammlung hässlicher, weißer aber zweifelsohne hochmoderner Plastikstühle aus den Büros der Bankangestellten in die Lobby geschafft. Auf diesen wartet tatsächlich eine überraschend große Anzahl Menschen. Manche wirken genervt, andere ängstlich oder schockiert. Wer überfällt denn eine Bank, wenn gerade Hochbetrieb herrscht? Die Bankräuber scheinen ja richtige Experten zu sein.
Auf einem der Stühle sitzt ein sehr jugendlich wirkender dunkelhäutiger Mann. Sein hellbraunes Gesicht wird von halbgebändigten Locken umrahmt und deutet eine vermutlich gemischte Abstammung an. Er trägt eine schlichte Jeans und eine Jacke aus dem gleichen Material. Unsere Augen treffen sich in demselben Moment, in dem ich die Bank betrete. Er grinst mich an, irgendwie schelmisch, so als würden wir beide ein Geheimnis miteinander teilen. Mein Blick bleibt an seinem Lächeln kleben. Für eine Sekunde erstarre ich in meiner Bewegung, bis mich Catlin und Deeks ansprechen, natürlich wegen Nat.
Das bekomme ich ständig zu hören. Allen tut die Sache mit Nat leid. Die Sache mit Nat … Zum Teufel! Wieso wissen die beiden überhaupt darüber Bescheid, sie sind nicht mal in meiner Abteilung. Dass ich beim Raub war, ist jetzt fünf lange Jahre her, da war ich gerade erst vom Streifenpolizisten befördert worden und somit kaum mehr als ein Rookie. Ja, klar spricht sich ein toter Kollege wie ein Lauffeuer herum, aber ihre Neugier ärgert mich einfach. Es geht die beiden schließlich nichts an, oder? Sollen sie ihre Floskeln doch für sich behalten. Ich halte mich an meiner Wut fest, sie ist eine alte Freundin, die mich noch nie im Stich gelassen hat. Vor allem ist es einfacher sich mit ihr auseinanderzusetzen, als mit meinen anderen Emotionen, die aufwallen wollen. Wenn ich mich auf sie konzentriere, kann ich meistens alle anderen Gefühle unter Kontrolle bekommen. Auch jetzt fühle ich mich nach ein paar tiefen Atemzügen bereit, meinen Job zu tun.
Während ich beginne, die zahlreichen Zeugen zu befragen, spüre ich beständig ein paar Augen auf mir ruhen. Der Lockenkopf in Denim beobachtet mich unentwegt. Was auch immer er an mir so interessant finden mag, es bleibt mir ein Rätsel. Er scheint dabei beständig irgendetwas in sein Notizbuch zu kritzeln, während er seinen rechten Fuß auf das linke Knie gelagert hat, vermutlich um eine Unterlage für das, was er dort zu Papier bringt, zu schaffen. Seltsam, dass er dort mit Stift und Papier sitzt. Die meisten der Wartenden scheinen in ihr Smartphone vertieft zu sein. Seine Blicke wandern allerdings immer wieder zu mir. Ebenso oft wandern meine Blicke zu ihm, ohne mein bewusstes Zutun. Einige Male treffen sie sich und ich muss unwillentlich schlucken, während ich demonstrativ wegschaue. Er hingegen schenkt mir jedes Mal ein Lächeln.
Ich versuche, mir nicht anmerken zu lassen, dass er mich aus dem Konzept bringt. Und doch befrage ich alle, außer ihn. Ich lasse ihn warten, bis ich ihm nicht mehr ausweichen kann. Warum ich mich überhaupt von ihm beeindrucken lasse, ist mir ein Rätsel. Eigentlich bin ich gegen diese Dinge schon lange immun. Wenn man als Kind bereits immer im Fokus der Öffentlichkeit steht, dann lernt man es, Blicke auszublenden. Und in Nagsville, PA, war ich immer DER Fokus der Öffentlichkeit, die traurig-tragische Berühmtheit der Stadt. Seine Blicke aber fühlen sich anders an und irgendwann ertappe ich mich dabei, dass ich seinen Blick suche, was mich endgültig verwirrt.
Schließlich lässt es sich jedoch nicht mehr vermeiden, mit ihm zu reden. Als ich mich ihm nähere, wird mir sofort klar, dass er kein Jugendlicher mehr ist, aber er hat dieses zeitlose Gesicht, das manche Menschen haben. Wahrscheinlich wird man ihn noch mit vierzig nach seinem Ausweis fragen, wenn er eine Bar betritt. Etwas Unbekanntes sitzt auf meiner Zunge und lässt mich schlucken, bevor ich den Fremden mit der schwarzen Lockenpracht anspreche. „Hi! Mein Name ist Detective Simmons! Sind Sie bereits befragt worden?“
Natürlich ist er das nicht. Volldepp! Sonst säße er hier wohl nicht mehr so blöd herum. Er sieht unverwandt auf meine Hand, dann schaut er zu mir auf. Vermutlich hält er mich für einen komplett hirnlosen Vollidioten. Unter dem intensiven Blick seiner grauen Augen fühle ich mich nackt, ganz so, als sähe er bis auf den Grund meiner Seele. Ich bleibe an diesen Augen hängen, die in dem milchkaffeefarbenen Gesicht so ungewöhnlich und exotisch wirken. Ein paar braune Punkte tanzen darin wie Funken. Es sieht aus, als habe jemand versucht, ihm eine andere Augenfarbe zu verleihen, doch dann ist ihm die Farbe ausgegangen. Der Effekt ist hypnotisierend. Sekunden verstreichen, ohne dass einer von uns den Blick abwendet, sich bewegt oder spricht.
„Tom … Thomas … Tommy Parker“, sagt er schließlich, etwas abgehackt, als er meine Hand ergreift. Seine Stimme ist sanft und tief, trotz der holprigen Sprache. Und seine Züge werden noch ein wenig dunkler. Sein, jetzt gerötetes Gesicht wird dabei von seinen Locken umrahmt, das Gesicht eines Engels. Ich schlucke verwirrt, was ist nur an diesem Typen, das mich so aus dem Gleichgewicht bringt, dass ich ernsthaft das Gesicht eines Mannes mit einem Engel vergleiche. Und seit wann haben Engel eigentlich schwarze Bartstoppeln?
Er sieht mich weiterhin mit seiner wirklich niedlichen Schamesröte an. War das sein Ernst? Haben ihn seine Eltern so sehr gehasst, oder ist er einfach nur genauso verwirrt, wie ich es gerade bin?
„Tom Thomas Tommy Parker?“ Was soll ich dazu sagen?
„Verzeihung, Detective!“ Sein Gesicht legt noch ein wenig an Farbe zu. „Der … Überfall hat mich wohl doch ein wenig mehr durcheinandergebracht, als ich angenommen habe“, erklärt er schließlich. „Nur Tom. Und nein, mich hat bislang noch niemand befragt.“ Seine Aussprache ist melodiös und gewählt, man kann ihm eine gehobene Bildung anhören. Seine einfache Straßenkleidung täuscht wahrscheinlich und er bewegt sich bestimmt in völlig anderen Kreisen als ich. Das interessiert mich natürlich nur rein beruflich, glaube ich zumindest. Ehrlich gesagt geht es mich auch überhaupt nichts an.
„Geht es Ihnen gut? Nur Tom?“ Ich kann nicht anders, während ich versuche zu begreifen, was mit mir gerade passiert, steige ich grinsend auf seine Vorlage ein. Mein Dank ist ein Lächeln seinerseits, etwas verlegen, aber nicht weniger wirkungsvoll als die schelmische Variante vorhin. Wenn ich auf Männer stehen würde, dann würde Tom Thomas Tommy Parker gerade einfach zum Anbeißen aussehen. Ich schüttele den seltsamen Gedanken ab. Was zum Geier geht heute bloß in meinem Kopf vor?
Ich heirate in zwei Monaten. Kelly ist das größte Ausmaß an Normalität, welches jemand wie ich in seinem Leben erwarten kann. Das sollte ich nicht vergessen. Kelly ist meine Zukunft, in der meine hässliche Vergangenheit unsichtbar hinter unserer Beziehung in Vergessenheit geraten kann.
Ich setze mich trotz dieser Erinnerung an die Tatsachen auf den leeren Stuhl neben ihm. Ich versuche so, mich auf seine Ebene zu begeben, was ich ja zumindest bei den nervöseren Zeugen ebenfalls gemacht habe. Es gibt schließlich keinen sinnvollen Grund dieses Gespräch wie ein Verhör zu führen. „Mickey, Mickey Simmons.“
Niemandem sonst habe ich hier jedoch meinen Vornamen verraten. Was mich dazu bewegt hat, es bei ihm zu tun, versuche ich erst gar nicht zu verstehen.
Der Blick aus diesen grauen Augen bleibt mir ein Rätsel. Denkt er etwa, ich flirte mit ihm? Flirte ich etwa tatsächlich mit ihm? Seine Augen weichen meinem Blick schließlich aus, bleiben dann an meinen Händen hängen. Es scheint ein deutlicher Ruck durch seinen Körper zu gehen. Noch während ich mich frage, was das soll, räuspert er sich.
„Sehr witzig! Ja, es geht mir gut, aber könnten wir bitte anfangen, ich habe heute noch andere Termine!“ Seine Stimme ist plötzlich distanziert und gereizt. Ich frage mich, was diesen unerwarteten Stimmungswandel verursacht hat. Was ich weiß ist, dass ich die mentale Distanz fast körperlich wahrnehme. Das irrationale Gefühl verwirrt mich zutiefst.
Einige Momente lang starre ich ihn irritiert an, etwas zu lange, um noch professionell zu wirken. Sein Blick ist jetzt herausfordernd. OK, verstanden, etwas passt ihm nicht. Auch wenn ich absolut nicht begreife, was ich gerade falsch gemacht haben könnte. Die Frage, was auch immer das sein mag, stört mich dabei mehr, als sie es sollte.
„Also gut, haben Sie etwas gesehen, Mr. Parker?“ Mein Tonfall ist jetzt völlig sachlich geworden. Besser, wir bringen diese Angelegenheit schnell hinter uns. Wahrscheinlich weiß er genauso viel wie die anderen Leute in der Bank, nämlich nichts.
„Nicht, als die Täter in der Bank waren. Ich wollte nur an den Automaten.“ Er weist jetzt auf den Bereich rechts des Haupteingangs. „Dahinten habe ich auch während des Überfalls gelegen. Dann sind sie hinausgelaufen und das Fluchtfahrzeug kam die Straße entlang, von dort!“ Wieder setzt er seine feingliedrigen Hände ein, um das, was er sagt, zu beschreiben.
Die Hände eines Künstlers … Anscheinend bringt Tom Thomas Tommy Parker mein Gehirn auf allerlei unpassende Gedanken. Großartig!
„Draußen haben sie sich die Masken vom Gesicht gezogen. Ich konnte denjenigen sehen, der auf der Fahrerseite hinten eingestiegen ist. In diesem, ähm … was auch immer es sein soll, hat sich sein Gesicht gespiegelt, als er sich die Maske abgestreift hat.“ Er zeigt dabei auf die ziemlich sinnlose und hässliche Spiegelstatue, die im Eingangsbereich der Bank förmlich zu lauern scheint. Wahrscheinlich hat dafür irgendein untertalentierter und überbewerteter Künstler ein größeres Vermögen bekommen, als die Räuber heute erbeutet haben.
„Kunstkritiker, hmm?“ Warum ich mich ausgerechnet an dem unwichtigsten Element seiner Aussage aufhänge, ist mir selbst ein Rätsel. Aber ich kann nicht anders, als ihn erneut anzugrinsen. Es ist so, als ob er mir einen kleinen Teil seiner Persönlichkeit präsentiert hat, die er vor nicht einmal einer Minute hinter einer Maske hat verschwinden lassen.
Er grinst zurück. Ich merke, dass mein Puls beschleunigt, als sich sein Gesicht wieder in das eines Engels verwandelt. Meine Augen bleiben erneut an seiner Mundpartie und dem Bartschatten, der sie umgibt, kleben. Was zum Teufel ist heute bloß in mich gefahren? Tom, nur Tom, Parker bringt mich völlig durcheinander und ich rudere verzweifelt rückwärts.
„Sie haben also einen der Täter erkennen können?“ Ich bemühe mich wieder um professionelle Distanz.
„Nicht nur das“, er klappt jetzt seine Mappe auf, die er zuvor auf dem Schoß verschlossen gehalten hat. „Ich habe ein fotografisches Gedächtnis.“ Ein Hauch von Stolz zeigt sich in seinem Gesicht. „Da ist Ihr Phantombild!“
1.
Montag
Zwei Monate später …
Dieser Tag hat ziemlich bescheiden angefangen, seitdem hat er dafür umso stärker nachgelassen.
„Hast du mal etwas davon gehört, dass man miteinander spricht, wenn man in einer Beziehung ist?“ Kelly steht wie eine Furie vor mir, ihre Arme hat sie vor der Brust verschränkt und ihre Körpersprache sagt gerade gar nichts von Reden, am allerwenigsten auf einer vernünftigen Ebene.
Ja, das habe ich. Aber immer, wenn ich mit ihr spreche, versucht sie mich zu therapieren. Was mir mächtig auf den Geist geht, aus diesem Grund habe ich es mir abgewöhnt. Warum will diese Frau nur ständig in meinen Kopf? Es ist kein guter Ort und die Gesellschaft besteht aus bösen Geistern.
„Ich habe das Gefühl, überhaupt nicht mehr Teil Deines Lebens zu sein, Mickey. Wie stellst du dir unsere Ehe eigentlich vor? Unsere Hochzeit ist in zwei Wochen, und ich kenne dich jetzt schon nicht mehr.“
Ich kenne mich selbst nicht mehr … Aber das kann ich ihr so nicht mitteilen.
„Bloß wegen heute Morgen …“ Ich versuche zumindest etwas zu diesem Gespräch beizutragen, aber sie lässt mich nicht weit kommen. War es nicht ihre Idee, dass ich rede?
„Nicht wegen HEUTE Morgen, wegen allen Morgen, seit … keine Ahnung, wann.“ Sie atmet schnaufend aus und gestikuliert mit den Armen. „Wegen den Nächten, in denen du anscheinend Albträume hast, über die du ebenso wenig redest, wie über sonst irgendetwas. Wegen deinem Rückzug aus unserer Beziehung! Möchtest du das, was wir JETZT haben, ein ganzes Leben lang?“
Nein? Nein … Aber was will ich dann? Sie loswerden? Etwas reparieren, von dem ich immer mehr das Gefühl habe, dass es noch nie funktioniert hat? Gerade weiß ich keine Antworten auf diese Fragen.
„Meine Träume bleiben in meinem Kopf, wo sie hingehören“, ist daher alles, was ich sage. Ich hatte schon immer Albträume, seit der Geschichte in Nagsville. Sie sind mir seit meiner Kindheit vertraut und ich werde sie nicht teilen, am wenigsten mit ihr. „Ich muss los, Kelly.“ Wieder einmal lasse ich sie in der Küche stehen. Ich frage mich, wie lange sie sich das noch gefallen lässt. Und ich frage mich, ob es mich stört, wenn sie es nicht mehr tut. Ich frage mich auch, ob ich nicht am besten selbst meine Sachen packen sollte. Um zu gehen, bevor es zu spät dafür ist. Aber ich habe keine blasse Idee, wohin. Ja, ich bin ein richtiger Held. Schon klar!
Seit zwei Monaten befindet sich unsere Beziehung im freien Fall. Und je länger dieser Fall dauert, desto häufiger stolpere ich über Dinge, die schon vorher nicht rund liefen. Dass es grundsätzlich sie ist, die über unsere Freizeit bestimmt, zum Beispiel. Nicht, dass sie es direkt entscheidet, aber am Ende machen wir immer das, was sie will. Nicht einmal ins Louie‘s möchte sie in der letzten Zeit, sie zieht coolere Läden vor, in denen ich das Gefühl habe, mich verkleiden zu müssen. Dabei haben wir uns in der Stammkneipe meines halben Reviers kennengelernt.
Ist es Nats Tod, der unsere Beziehung bedroht? Oder ihr Verhalten? Vielleicht sollte ich sie von ihrem nervigen Therapeutentrip abbringen. Und ihr klar machen, dass ich ein gestandener Cop bin, kein Grundschüler. Ich müsste ihr einfach klarmachen, dass sie mich wie einen Partner behandeln soll, wenn sie will, dass ich mich wie einer benehme. Wie auch immer ich diese Dinge bewerkstelligen soll, weiß ich selbst nicht. Viel entscheidender ist jedoch, ich finde nicht die Motivation dazu. Wenn dieser Zustand Normalität ist, komme ich allmählich an den Punkt, an dem ich auf Normalität pfeife. Es will mir nicht einmal wirklich gelingen, wütend auf sie zu sein. Das würde alles so viel leichter machen.
Andere Probleme sind neu. Sie und ich, wir hatten immer unterschiedliche Tagesrhythmen. Während sie abends aufdreht, bin ich früh munter. Das betraf alle Lebensbereiche, auch unsere Sexualität. Aber bislang war die Chemie zwischen uns trotzdem gut genug gewesen, dass stets der eine den anderen zu überzeugen vermochte. Nicht, dass wir das Haus dabei zum Beben gebracht hätten, aber es war in Ordnung zwischen uns. Zumindest habe ich das immer gedacht. Vielleicht wäre ein kleines Erdbeben bisweilen ganz nett. Ein neuer Gedanke, meine Vergangenheit hat mich diesbezüglich nie viel erwarten lassen, bislang. Aber neuerdings frage ich mich viele Dinge.
Jede Nacht besuchen mich meine Träume und sie werden zunehmend verstörender. Es sind, genau genommen, nicht wirklich Albträume, meistens zumindest, wenn mein Onkel sich nicht in sie einmischt. Es geht darin manchmal um Nat. Oft geht es um einen Engel mit schwarzen lockigen Haaren und grauen Augen, die zu viel sehen. Manchmal erscheint jedoch auch mein Onkel in meinen Träumen, nicht immer als das Monster, als das er sich herausgestellt hat, dann ist es nur der Bruder meiner Mutter, der in meinen Träumen erscheint. Der Engel hat ihn manchmal auch gezeichnet, er sagte dann immer das gleiche wie in der Bank. Hier ist Ihr Phantombild!
Manchmal zeichnet Tom sich selbst oder mich oder Kelly. Heute Nacht hat er mich gezeichnet, so wie ich aussah, als ich nach L.A. kam, danach hat er mich geküsst, nicht zum ersten Mal …
Dann bin ich neben Kelly aufgewacht, hart wie ein verdammter Stein, aber ihre Haare waren zu hell, ihre Augen zu blau und ihre Formen zu weich, als dass ich das Interesse gefunden hätte, etwas deswegen zu unternehmen. Dummerweise ist ihr jedoch beides nicht entgangen. Sie hat es offensichtlich nicht allzu gut aufgenommen. Ich stecke wirklich in der Scheiße, bis zum Hals!
***
Brütend an meinem Schreibtisch zu sitzen, ist ja eine inzwischen vertraute Beschäftigung geworden. Früher hat mich die alltägliche Geräuschkulisse des Reviers beruhigt und mir ein Gefühl von Zuhause gegeben, auch jetzt lausche ich meiner Umgebung. Zwei Kollegen hinter mir reden über die politischen Ambitionen des Chiefs, zu denen wir alle gemischte Gefühle haben. Er möchte Bürgermeister werden, sonderlich beliebt in der Mannschaft ist er aber nicht. Den Stimmen nach handelt es sich um Detective Peter Hodge und seinen Partner Bastien Cadeaux, genannt Frenchie.
„Simmons, was ist dir heute für eine Laus über die Leber gelaufen? Du bist noch ungenießbarer als gewöhnlich.“ Meine Partnerin lenkt meine Aufmerksamkeit auf sich und funkelt mich herausfordernd über den Schreibtisch, den wir seit zwei Wochen teilen, hinweg an.
Es ist nicht leicht, sich an einen neuen Partner zu gewöhnen. Im Grunde genommen erwarte ich immer noch Nat zu sehen, wenn mein Blick über diesen Tisch fällt.
Wenn man dazu noch einen Rookie zugeteilt bekommt, macht es das nicht leichter. Nein, das ist nicht fair. Und ja, ich war auch, zumindest beinahe, ein Rookie, als ich an diesem Schreibtisch Platz genommen habe. Das war vor fünf Jahren. Dass dieser Rookie aber auch noch so aussehen muss, wie es Samantha Caihill nun einmal tut, macht mein Leben nur gerade vollständig zur Hölle.
„Privatsache!“
Sam stöhnt. „Ernsthaft? Ich verstehe jeden Tag besser, warum die Leute nicht gerade Schlange gestanden haben, um mit dir zu arbeiten.“
Das war noch lange kein Grund mich mit Barbie persönlich zu bestrafen. Sie sieht aus wie Polizeibarbie in Zivil, die gab es doch ganz bestimmt auch schon. Gab es Barbie nicht als alles Mögliche?
„Wir arbeiten zusammen, wir müssen uns nicht anfreunden.“ Mir reichen die amüsierten Blicke der Kollegen auch so schon. Ein Polizeirevier ist immer noch eine Männerwelt, egal, ob das im 21. Jahrhundert so sein sollte oder nicht. Niemand nimmt meine Partnerin ernst, die als kurvenreiche Blondine eben nicht wie der typische knallharte Cop wirkt. Da ich mit ihr zusammenarbeite, habe ich in etwa das gleiche Ausmaß an Respekt zu erwarten. Als ich letzte Woche Catlin im Louie‘s getroffen habe, hat er mich Ken genannt. ‚Ihr zwei seid das Vorzeigepaar des LAPD, Barbie und Ken, hübsch anzusehen bei jedem Fall.‘ Catlin hält sich selbst für sehr komisch. Und anscheinend sind Sam und ich gerade die Lachnummer unter L.A.s Gesetzeshütern. Das einzig Gute daran ist, dass nicht mehr jeder mit mir über Nat sprechen will.
Und ja, ich bin pathetisch, hey, das sehe ich selbst, aber der Grund ist, dass ich tatsächlich nicht mehr weiß, wer oder was ich eigentlich bin. Geschweige denn, was ich will. Diesen Mist kann ich da oben drauf wirklich nicht auch noch gebrauchen.
„Simmons, Caihill! Ihr habt einen Fall!“ Die Stimme des Captains reißt mich aus meinen Gedanken. Das ist zumindest ein Lichtblick in diesem Chaos.
***
Die Gerichtsmedizin ist bereits vor Ort und in voller Aktion, als wir an dem Apartmentkomplex eintreffen, in dem die Leiche einer jungen Frau gefunden wurde. Überall außerhalb des Fundorts im Schlafzimmer wimmeln zudem die Forensiker in ihrer Wohnung herum. Es tut ja auch durchaus gut, wieder im Sattel zu sitzen. Funde wie dieser sind jedoch eher weniger eine Wohltat. Bei solchen Tatorten bin ich für die Schutzkleidung und den Mund/Nasenschutz dankbar, die eigentlich uns davor bewahren sollen, den Tatort zu verunreinigen. Er hält jedoch auch ein wenig von dem Verwesungsgeruch ab. Einen Hauch Tigerbalsam unter der Maske zu verteilen, hilft zusätzlich.
Die junge Frau, die wir vorfinden, muss schon ein paar Tage tot sein. Das können wir sehen und riechen, ohne dass uns der Gerichtsmediziner darüber informiert. Im frühsommerlichen Los Angeles bei nicht klimatisierter Zimmertemperatur hat sie sich bereits in ein vollständiges Ökosystem verwandelt.
„Das ist die Mieterin der Wohnung. Lilly Ann Parsons, 25 Jahre alt, sie ist vom Rettungsdienst gefunden worden, nachdem die Nachbarn den Geruch gemeldet haben.“ Der Gerichtsmediziner könnte keinen neutraleren Tonfall haben, vielleicht gehört diese Kunst der Nichtbetonung sogar ausdrücklich zur Jobbeschreibung.
Im nächsten Augenblick wächst mein Respekt vor Barbie, als sie sich mit dem Gerichtsmediziner über die Leiche beugt, die nackt und in seltsam fötaler Stellung auf ihrem Bett liegt. Ein langer, ordentlich geflochtener Zopf liegt hinter ihr auf dem Kopfkissen und ihr dunkelbraunes Haar wird dabei von einem leuchtend roten Haargummi fixiert. Abgesehen von der Delle, die ihr Körper im Bett verursacht, wirkt dieses vollkommen glatt. Natürlich hat der Tod seine Spuren auf dem Laken hinterlassen, aber sie muss hier ursprünglich wie ein Ausstellungsstück platziert worden sein.
„Sie ist post mortem so drapiert worden, oder?“ Sams Gesichtsausdruck ist konzentriert, aber beeindruckend unbeeindruckt.
Ich habe bei meiner ersten halbverwesten Leiche gekotzt, sie hingegen stellt sachliche Fragen. Mein Gehirn beginnt anscheinend aber auch, plötzlich wieder zu arbeiten und ich bin endlich bereit meinen neuen Partner mit anderen Augen zu sehen. Verwesungsgeruch ist anscheinend so etwas wie eine Aufweckdroge für mich.
Der Gerichtsmediziner nickt. „Davon ist auszugehen, ja. Vermutlich ist sie im Nachbarzimmer gestorben.“
„Im Wohnzimmer? Sie ist erdrosselt worden, nicht wahr?“ Sam zeigt auf die Verfärbungen am Hals, die noch deutlich zu erkennen sind.
„Ja, danach sieht es zumindest aus. Näheres kann ich natürlich erst nach der Autopsie sagen.“
Im Wohnzimmer stehen zwei Cocktailgläser, sie sind mit Obstscheiben dekoriert, die vermutlich einmal zu einer Kiwi gehörten. Jetzt sind sie eher von einer weißlich bis blaugrünen Farbe. Sehr appetitlich! Meine Partnerin läuft beim Anblick der Gläser zielgerichtet ins Bad. Wie jetzt? Bei den Gläsern wird ihr schlecht, aber nicht bei der Leiche? Ein wenig irritiert laufe ich ihr nach. Dort allerdings hält sie eine Flasche Schaumbad in die Luft, zwischen ihren behandschuhten Fingerspitzen. Ihr Gesichtsausdruck ist triumphierend. „Bingo!“, sagt sie leise.
„Hä?“ Also jetzt komme ich definitiv nicht mehr mit.
„Pfirsichduft! Später!“ Dann stellt sie die Flasche zurück an ihren Platz. Nun, dann bin ich ja mal auf später gespannt. Warum es so relevant ist, welches Schaumbad unser Opfer benutzt hat, leuchtet mir zumindest bislang nicht ein.
Wir beenden die Tatortbegehung nach Protokoll. Ich halte mich selbst mit Fragen zurück, und beobachte Barbie … Sam. Ihre Fragen sind mehr als auf dem Punkt, so als wäre ihr die Antwort bereits bekannt. Deswegen lasse ich sie mehr oder weniger ihr Ding machen und halte Augen und Ohren offen. Ja, ich habe mich ihr gegenüber bislang wie ein ziemliches Arschloch benommen. Aber was ich sehe, bringt zum einen meine Cop-Instinkte zum Klingeln und zum anderen sehe ich, dass sie in Ihrem Element ist, dass ich sie gewaltig unterschätzt habe. Eine schöne Lektion!
Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass unser Opfer hier schon längere Zeit gewohnt hat oder dies ernsthaft vorhatte. Ihrer Wohnung fehlt jegliche persönliche Note, dafür scheint sie aus dem Katalog einer Möbelfirma zu stammen. Vermutlich wird sie vollständig möbliert vermietet.
Als wir aus dem Wohnblock herauskommen, übergebe ich meiner Partnerin wortlos die Wagenschlüssel, weil mir gerade bewusst wird, dass ich dies bis zu diesem Zeitpunkt tunlichst vermieden habe. Macho-Modus aus, willkommen zurück im 21. Jahrhundert. Ja, ich habe mich wirklich wie ein ziemlich großer Arsch aufgeführt. Ich gebe es ja zu.
Sie schaut mich mit großen Augen skeptisch und überrascht an und nickt dann, bevor sie, ebenfalls wortlos, einsteigt. Sie fährt jedoch nur um die Ecke und biegt dann auf einen Supermarkt-Parkplatz ab.
„OK?!“ Ich sehe sie fragend an. „Ich weiß, ich schulde dir mehr als eine einfache Entschuldigung, Sam. Du hast mich gerade wirklich beeindruckt, aber das können wir genauso gut während der Fahrt besprechen, oder?“
Sie schüttelt den Kopf. „Angenommen! Ich habe schließlich bewusst nach einem Partner wie dir gefragt, einer Herausforderung. Ich wollte niemanden als Partner, der es mir zu leicht macht. Ich wusste vorher schon, dass ich dich von mir überzeugen muss. Jetzt bin ich ehrlich gesagt überrascht, dass das so einfach war. Aber das hier können wir nicht während der Fahrt besprechen.“ Sie atmet tief aus und macht eine Pause, bevor sie weiterspricht. „Was hat deine Meinung so plötzlich geändert? Nicht mehr Barbie oder Caihill?“
„Cop-Instinkt? Ich schätze, ich habe so tief in meiner Scheiße gesteckt, dass ich ihn fast vergessen habe. Es tut mir leid, dass ich sinnlos um mich gebissen habe!“ Ich sehe zu ihr hinüber, in der Hoffnung, dass sie jetzt nicht nachfragt, von welcher Scheiße ich rede. „Eigentlich bin ich kein so großes Arschloch. Du kannst schließlich nichts für meine Probleme oder die Meinung der Kollegen.“ Ich schaue sie schließlich kopfschüttelnd an. „Du willst jetzt aber nicht behaupten, dass das deine erste Leiche war, oder?“
Ihre Antwort ist ein Kichern. „Kennst du die Serie Quincy?“
„Schon was älter, aber ich glaube, das habe ich mal irgendwann gesehen, wieso?“
„Erinnerst du dich noch an den Vorspann?“
Ich überlege einen Moment. „Da war irgendwas mit einer Autopsie und umfallenden Leuten.“
„Wir hatten in Portland einen Ausbilder mit Sinn für das Makabre“, fährt sie daraufhin fort. „Der hat das echt mit uns durchgezogen.“
„Auf der Akademie? Wow …“ Als sie nickt, frage ich weiter. „Und du warst die Letzte, die stand?“
„Natürlich! Ich wollte Frank schließlich beeindrucken.“
„Deinen Ausbilder?“ Klingt sinnvoll.
„Nein, der war ein echter Scheißkerl. Den Gerichtsmediziner!“
Ich starre sie etwas ungläubig an. Warum wollte sie ausgerechnet den Gerichtsmediziner beeindrucken? Der hat doch keinen Einfluss auf ihre Ausbildung.
„Auch bekannt als mein Ehemann!“ Sie lacht wieder. „Ich fand ihn sofort heiß.“
„Jesus Christus! Du hast bei Deiner ersten Leiche mit dem Gerichtsmediziner geflirtet?“ Ich glaube nicht, dass ich über die Geschichte heute noch hinwegkomme.
Sam lacht jetzt erst richtig los. „Beim richtigen Menschen sind die Umstände egal“, stellt sie dann, wieder ernst, fest. „Außerdem, wirklich geflirtet haben wir dann später. Ohne Gesellschaft!“
Irgendwie wird mir das Thema plötzlich unangenehm. „Ok“, ich räuspere mich. „Sagst du mir jetzt, was du über diesen Fall weißt, was ich nicht weiß?“ Besonders die Frage, was es mit dem Pfirsichschaumbad auf sich hat, interessiert mich brennend.
„Deswegen habe ich hier gehalten. Wenn wir schnell arbeiten, bevor das FBI Lunte riecht, können wir einen Serientäter fangen. Dann werden wir auch die blöden Sprüche auf dem Revier ganz schnell los. Aber wir müssen uns vorher hundertprozentig einig sein, worauf wir uns hier einlassen. Wenn ich nämlich nur halbwegs richtig liege, steckt da gewaltig Zündstoff in diesem Fall.“
Ich ahne jetzt grob, wohin das Ganze geht. Sie stammt aus Portland und hat sich wegen der beruflichen Situation ihres Ehemannes kurz nach der Polizeiakademie hier auf eine Stelle beworben. Es muss ein Fall aus ihrer alten Heimat sein, der sich hier wieder aufrollt. „Dann schieß mal los! Ich bin ganz Ohr.“
„Der Täter mordet anscheinend alle acht Jahre, drei Frauen nacheinander, im Abstand von jeweils drei Wochen. Die erste Frau stirbt am elften Juni, die zweite am zweiten Juli und die dritte am dreiundzwanzigsten Juli. Er hat bislang bereits zwei Mal in Portland agiert, zuletzt eben vor acht Jahren, davor vor sechzehn. Ich habe den Fall studiert, aber natürlich nur im Unterricht an der Akademie. Das heißt, ich habe offiziell nichts damit zu tun und muss seine Vorgehensweise nicht erkennen. Das gibt uns die Gelegenheit den Feds zuvorzukommen.“
„Tut mir leid, Deinen Enthusiasmus zu bremsen, Sam. Aber das heißt auch, wir haben in zwei Wochen die nächste Leiche, wenn wir ihn bis dahin nicht finden. Und spätestens danach das FBI an der Backe.“ Wir haben den Siebzehnten Juni, zwei Wochen können verdammt schnell vorbei sein.
„Ja.“
Ich atme ein paarmal tief ein und aus, um meine Gedanken zu klären, bevor ich zögerlich nicke. „Ok, mein Vorschlag wäre, wir nehmen uns fünf Tage. Wenn wir bis Freitag keine sinnvolle Spur haben, melden wir den Zusammenhang. Ich möchte nicht den Tod seiner weiteren Opfer zu verantworten haben.“ Unsere Kollegen vom Hals zu bekommen klingt gut, aber es ist kein Menschenleben wert.
„Einverstanden! Ich auch nicht.“
„Ok, alles, was dir einfällt, kommt jetzt auf den Tisch. Wir müssen jeden kleinen Vorteil nutzen.“
Sie listet eine erstaunliche Fülle von Daten auf, anscheinend hat sie den Fall gründlich studiert.
„Der Täter betäubt seine Opfer zunächst, bevor er sie stranguliert, als wäre er nicht sehr stark oder wolle ihnen einen gnädigen Tod erweisen. Es gibt grundsätzlich keine Abwehrspuren. Die Toxikologie wird mit Sicherheit ein starkes Schlafmittel, KO-Tropfen oder Ähnliches in den Cocktailgläsern im Wohnzimmer finden. Cocktails gehören zu seiner Vorgehensweise.
Auch wenn die Opfer nackt sind, es gibt keine Anzeichen von sexueller Gewalt oder Geschlechtsverkehr vor ihrem Tod. Alle Frauen hatten langes braunes Haar, das er ihnen, vermutlich ebenfalls post mortem, zu einem Zopf geflochten hat. Außerdem wäscht und pflegt er sie nach dem Tod. Sie werden wie ein Kind in der Wanne gebadet, immer mit Pfirsichduft, auch wenn die Marke wechselt. Alle Opfer sind zwischen zwanzig und Anfang dreißig. Die roten Haargummis, die verwendet werden, sind an sich nichts Besonderes, aber er scheint sie mitzubringen. Oder sie … Es gab zuletzt in Portland den Verdacht, es könne sich um eine Täterin handeln.“
Ich stutze. „Weibliche Serienmörder sind selten, erst recht, wenn es um einen so stark ritualisierten Mord geht.“
„Richtig, aber zwei der Opfer waren definitiv lesbisch, eines bisexuell, bei den anderen Dreien war es allerdings zumindest nicht bekannt. Warum sollte sich eine lesbische Frau mit einem Mann zum privaten Cocktailtrinken treffen?“ Sie zuckt mit ihren Schultern. „Ausgeschlossen ist natürlich nichts. Es handelt sich auch vielleicht um einen Zufall, da nur die Hälfte der Frauen geoutet war, vielleicht waren die anderen heterosexuell. Er oder sie drapiert seine Opfer jedenfalls, nachdem sie stranguliert worden sind, in Embryonalstellung, immer auf ihrem eigenen Bett und nachdem sie gewaschen und sorgfältig gepflegt worden sind. Weil es eine Schutzhaltung ist? Oder weil der Tod eine Wiedergeburt darstellen soll? In letzterem Fall steht die Nacktheit möglicherweise für Unschuld.“
Einen Moment lang blickt sie durch die Windschutzscheibe, scheinbar in die Leere. „Alle Opfer wurden in ihrer eigenen Wohnung getötet. Sie haben ihrem Mörder vertraut, ihn oder sie eingelassen und gemütlich Cocktails mit der Person getrunken, die sie anschließend getötet hat.“
„Na Klasse, wenn uns dieser Fall um die Ohren fliegt, dann richtig! Das ist dir hoffentlich klar.“ Ich zweifle bereits daran, dass es eine gute Idee ist, den Fall auf eigene Faust lösen zu wollen. Dieser Fall wird Schlagzeilen machen, so oder so, und wir können nur darauf hoffen, dass sie zu unseren Gunsten ausfallen werden, wenn es so weit ist. „Was hat ihn dann von Portland nach L.A. verschlagen? Vorausgesetzt natürlich, wir haben es nicht mit einem Trittbrettfahrer zu tun.“
„Job, Langeweile … was weiß ich, vielleicht die netten Polizisten?“
„Sehr witzig!“
***
Die Recherche im Umfeld von Lilly Ann Parsons gestaltet sich als überraschend schwierig. Ihre Wohnung haben wir ja bereits gesehen, es gibt dort fast keine Dinge, die etwas über unser Opfer aussagen. Sie war darüber hinaus wohl auch im Beruf sehr zurückgezogen. Ihre Kollegen in der Anwaltskanzlei, in der sie als Sekretärin gearbeitet hat, können uns jedenfalls nur sehr wenig über Lilly Ann Parsons erzählen. Sie war höflich, sie hatte mit niemandem viel zu tun, sie machte ihre Arbeit gut. „Nachdem sie Mittwoch nicht zur Arbeit erschienen ist, haben wir uns Sorgen gemacht, sie war ja eigentlich sehr zuverlässig“, ist die einzige Aussage ihres Chefs. Nichts besonders Hilfreiches, außer, dass es Sams Vermutungen bezüglich des Todestags bestätigt. Ein paar weiterführende Infos währen aber schon wünschenswert.
„Sie hatte diesen lustigen Spleen, hat sich immer die Nägel machen lassen“, sagt eine Kollegin von Lilly, ihr Namensschild weist sie als Nadja Feldman aus. Sie strahlt mich an, und ihr Blick verrät mir, dass sie Interesse hat. Ich lächle zurück, aber ich bleibe unverbindlich. Meinerseits besteht, Kelly hin oder her, überhaupt kein Interesse. Doch vielleicht kommt etwas Nützliches dabei heraus, dass ich die Option im Raum stehen lasse. Es kann manchmal von Vorteil sein, wenn man Barbie und Ken ist.
„Was ist daran Besonderes?“
„Sie hatte immer an der rechten Hand die Nägel an zwei der Finger ganz kurz. Die anderen waren lang und spitz. Das habe ich nie verstanden.“ Während sie spricht, hält sie die rechte Hand hoch und wackelt mit den besagten Fingern. Sie lächelt verschwörerisch, als habe sie mir etwas Wichtiges verraten. Dummerweise scheint sie nicht zu wissen, dass sie das tatsächlich hat. „Ganz schön schräg, was?“
„Ganz und gar nicht Nadja, vielen Dank!“
Ich werfe Sam einen Blick zu. Wir haben die Information, die wir wollten, aber sie scheint die Information nicht verstanden zu haben. Sie folgt mir dennoch schweigend bis zum Parkplatz.
Sam schaut mich schließlich stirnrunzelnd an. „Was habe ich da drin verpasst?“
„Du kennst wohl nicht viele Lesben, oder?“
„Nein, glaube ich zumindest …“ Ihr Blick ist skeptisch.
„Hast du schon mal lange Fingernägel gehabt?“
„Eher selten, sind echt unpraktisch beim Schrauben …“, stellt sie schulterzuckend fest. „Ich habe eine alte Harley von meinem Dad sozusagen geerbt“, fügt sie hinzu. „Meine Mom besteht darauf, dass er zu alt geworden ist, um mit dem alten Seelenverkäufer, wie sie mein Baby nennt, herumzufahren.“ OK, das ist so ganz und gar nicht barbiehaft. Ich muss grinsen, aber ich frage mich, wie ich meine Information diplomatisch transportiere.
„… unpraktisch und schmerzhaft, bei gewissen intimen Tätigkeiten“, stelle ich schließlich unverblümt fest.
Ihre Augen werden groß, nachdem sie nur eine kurze Sekunde überlegt hat. „Oh fuck!“ Sie ist so überrascht, dass sie mich nicht fragt, woher ausgerechnet ich so etwas weiß. Ich spare mir die Information schmunzelnd auf.
„Ich denke, wir können also davon ausgehen, dass es sich nicht um einen Zufall handelt.“ Ich zeige die Straße hinunter. „Fahr da vorne links. Ich weiß jemanden, der uns vielleicht mehr über Lilly verraten kann.“
***
„Ok, wir können unser Glück hier versuchen, wenn sie zumindest privat out war, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie schon einmal in dem Laden war.“ Vor einer halben Minute sind wir hinter dem Rainbow Cats auf den Parkplatz gerollt. Der Laden von Selma ist sozusagen eine der ersten Adressen der Lesbenszene in L.A., außerdem liegt er unweit von Lillys Adresse und Arbeit. Sams Augen wandern augenblicklich zu den drei Motorrädern, die um diese Zeit als einzig andere Fahrzeuge auf dem Parkplatz stehen, motorisierte Zweiräder scheinen sie wohl wirklich sehr zu interessieren. Selmas Frau scheint also mit dem Lieferwagen unterwegs sein.
„Selma sollte zwar noch geschlossen haben, aber normalerweise ist sie um diese Zeit da und kümmert sich um ihre Bücher und Bestellungen und den ganzen Kram.“
Anscheinend hat Sam inzwischen die Information von vorhin verdaut und analysiert. „WARTE!“ Sie hält mich am Arm fest. „Ich gehe da nur mit hinein, wenn du mir verrätst, warum du SO ETWAS weißt! Und so etwas auch.“ Ihre Arme gestikulieren während des letzten Satzes zum Rainbow Cats.
Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. „Ein Mann darf doch auch seine Geheimnisse haben.“ Aber ich habe nur vor sie auf die Folter zu spannen. „Nat, mein letzter Partner, und ich waren oft genug hier, dass ich ein paar Dinge aufgeschnappt habe. Selma ist die kleine Schwester von Nat Cunningham. Ihr gehört der Laden. Ich kenne sie und ihre Frau Louise seit fünf Jahren.“
Sam stutzt, dann prustet sie lautstark los. Ihr Lachen ist, wie vieles andere an ihr auch, alles andere als barbiehaft. Es ist unmöglich nicht mitzulachen, obwohl ein Teil von mir sich, ob unserer unerwarteten Reise in die Vergangenheit, melancholisch fühlt. „Selma und Louise?“ bringt sie schließlich unter halb erstickten Grunzlauten hervor.
„Selma und Louise, genau die.“ Ich bemühe mich ernst zu werden.
„Und sie sind lesbisch?“ Sie kichert noch. „Oh Backe! Ich glaub es nicht.“
Ich habe gerade beschlossen, dass ich meinen neuen Partner mag. „Davon ist auszugehen, ich war bei ihrer Hochzeit.“ Die beiden haben zu den ersten gleichgeschlechtlichen Paaren gehört, die in der Stadt der Engel getraut wurden. Das war lange, bevor ich Kelly kennengelernt habe. „Louise sammelt Motorräder, mindestens eines hat sie immer gerade in Einzelteile zerlegt. Ich wette, ihr würdet euch prima verstehen.“
Sam schüttelt den Kopf. „Du steckst voller Überraschungen.“
Wir gehen durch die Hintertür hinein. Selma hat sie wie immer nicht abgeschlossen und ich erinnere mich, wie oft Nat ihr deswegen Vorwürfe gemacht hat. Wie oft er ihr gesagt hat, wie gefährlich das sei… Beinahe kann ich seine Stimme in meinem Kopf hören. Aber Selma lebt schließlich und ist wohlauf.
„Hey Selma, es ist ein Einbrecher!“ Ich rufe lautstark, sobald ich den Laden betrete. Um ehrlich zu sein, tue ich es vor allem, weil ich keine Lust habe in den Lauf einer Schrotflinte zu blicken … und weil dies auch Nats Begrüßung war, wenn wir herkamen.
Sam schaut mich amüsiert an, anscheinend ist sie ebenso überrascht von Ken, wie ich von Barbie.
Selma Cunningham sitzt wie erwartet über ihren Unterlagen. Sie ist eine elegante Frau Mitte dreißig. Selbst wenn sie wie jetzt in Jeans und schlichter Bluse über eine Inventurliste gebeugt ist, verliert sie nichts von der klassischen, kühlen Ausstrahlung, die sie auszeichnet. Es ist zwar nicht so, dass sie dabei tatsächlich eine kühle Persönlichkeit hätte, aber ich könnte sie mir in einer beliebigen klassischen Hollywoodrolle vorstellen. Am besten würde sie in einen Film Noir passen. Allerdings besitzt sie so viele Schichten wie eine Zwiebel. Ihren Laden führt sie mit eiserner Hand und wird zur Not zur schwerbewaffneten Wildwest Lady. Wenn es um Louise oder ihren Bruder geht, kann sie innerhalb von Sekunden zwischen Leidenschaft und Fürsorge wechseln und sie ist eine der besten Zuhörerinnen der Stadt. In L.A. bedeutet das etwas, hier gibt es schließlich eine ganze Menge Menschen. Jeder Person, die an ihrer Bar Platz nimmt, gibt sie das Gefühl ihre ungeteilte Aufmerksamkeit zu besitzen. Das Faszinierende daran ist, sie bekommt tatsächlich alles mit, egal ob vor ihr fünf oder fünfzehn Menschen sitzen.
Ihre dunkelblonden Haare hat sie wie immer kunstvoll hochgesteckt. Ich erinnere mich noch gut an meine Überraschung bei unserer ersten Begegnung. Nats kleine Schwester hatte so überhaupt nicht meinem Bild entsprochen, was ich zuvor von einer Lesbe gehabt hatte. Genauso wenig entspricht sie dem gängigen Bild von einer Frau, die mit einer Schrotflinte unter der Theke aufwarten kann.
Heute sehe ich die gleiche Überraschung in Sams Augen. Mir liegt es auf der Zunge ihr zu sagen, dass wir nicht alle den Klischees entsprechen. Aber mein bisheriges Verhalten ihr gegenüber verrät mir, dass ich diese Lektion wohl selbst erst einmal verinnerlichen sollte, bevor ich sie ihr vorhalte.
„Mickey!“ Selma kommt lächelnd auf mich zu und umarmt mich. „Was treibt dich denn hierher?“ Ihr Blick wandert kurz über Sam. Natürlich, Sam ist, ebenso wie ich, in Zivil und wie Kelly sieht sie überhaupt nicht aus. Ich ziehe eine Augenbraue hoch, weil ich ahne, was sie gleich sagen wird, bevor sie spricht. Es gab eine Zeit, in der Nat und ich viel Zeit mit ihr und Louise verbracht haben. Ein Teil von mir fragt sich, warum das eigentlich aufgehört hat.
„Hey, auch eine verheiratete Frau hat Augen im Kopf“, sagt sie schließlich trocken.
Sam lächelt leicht verunsichert, und ich kann es ihr nicht übel nehmen. Dass Selma nichts weiter mit ihrem Blick verfolgt, kann sie nicht wissen. Wäre das hier nicht genau der Ort, der es ist, hätte es diesen Blick nie gegeben. Er ist Teil des Begrüßungsrituals im Rainbow Cats, nicht mehr und nicht weniger. Etwas, das Sam ebenso wenig wissen kann. Meine Gedanken wandern das erste Mal seit Stunden zu einer Zeugenbefragung in der First National Bank, zu einem schwarzen Lockenkopf mit grauen unergründlichen Augen … Ich schüttele den Kopf, mehr um ihn zu klären, als um Selmas Verhalten zu kommentieren.
„Leider der Job“, sage ich, bevor ich mich räuspere. „Das ist mein neuer Partner, Samantha Caihill.“
„Hallo Samantha!“ Sie schaut meinen neuen Partner noch einmal sehr genau an, was Sam sichtlich noch mehr verunsichert. Ich hingegen bin mir jetzt sicher, dass es ein anderer Blick ist als zuvor. Sie scheint Sam abzuschätzen und ich wüsste nur zu gerne, was sie gerade sieht. „Pass gut auf Mickey auf, er ist so etwas wie ein kleiner Bruder für mich! Und auch wenn er manchmal so tut wie der größte Macho auf Erden, er hat ein Herz aus Gold.“
Jetzt hat sie uns beide sprachlos gemacht, ich bin es nicht gerade gewohnt, mit einem Herz aus Gold beschrieben zu werden. Das ist auch nicht das Bild, was ich von mir selbst habe. Erst recht nicht, wenn man bedenkt, wie wenig ich mich seit Monaten bei ihr blicken lassen habe, besonders in den letzten zwei davon. In mir regt sich mein schlechtes Gewissen, weil ich mich nach Nats Tod so unsichtbar gemacht habe.
Sam fängt sich ein wenig schneller als ich. Sie hält Selma ein Foto unseres Opfers unter die Nase und räuspert sich. „Ist Ihnen diese Frau bekannt?“
Überraschung und Erkennen spiegeln sich in Selmas Gesicht, wir haben einen Volltreffer gelandet. „Was ist mit Lilly?“
„Sie ist tot.“ Ich habe vor langer Zeit gelernt, dass es diesbezüglich wenig effektiv ist, um den heißen Brei herumzureden. „Wir suchen ihren Mörder.“
Es ist deutlich zu sehen, wie betroffen Selma ist.
„Hast du sie gut gekannt?“, frage ich sie daher.
„Gut?“ Selma fängt sich schnell. „Ist der falsche Begriff. Sie war früher jeden Donnerstag hier mit ihrer Freundin und noch ein paar Mädels. Sie haben immer dort drüben gesessen, ihr Stammtisch.“ Sie zeigt auf eine der wirklich bequemen Sitzecken an der Fensterfront. Insgesamt orientiert sich das Rainbow Cats optisch an den sechziger Jahren. Die Pastelltöne der Möbel folgen jedoch dem Regenbogen und bei genauerem Blick sieht man, wie modern tatsächlich alles ist. Unzählige LED-Lichter erzeugen ein angenehm indirektes Licht, wenn Selma öffnet. Aber noch leuchten die hellen Lampen des „Putzlichts“, wie Selma die Deckenbeleuchtung bezeichnet. Ich bin immer wieder überrascht, wie sehr das grelle, kaltweiße Licht den Raum verändert.
An mehr als einem Abend sind Nat und ich früher hier versackt, haben noch Stunden nach Ladenschluss mit Selma und Louise dort gesessen, geredet und gelacht.
„Aber ich habe sie seit über einem Monat nicht mehr gesehen. Sie hat sich von Nance getrennt, mehr weiß ich nicht. Außerdem, sie war komisch in der Zeit davor. Kriegt man einen Blick dafür, wenn man so einen Job hat. Sie sah aus, wie ein Veteran, der gerade aus dem Krieg zurückgekehrt ist.“ Selma untertreibt. Sie durchschaut Menschen, als seien sie frisch polierte Glasscheiben. Also nehme ich dieses Urteil ernst.
Ich nicke. „Kannst du uns die Namen von ihren Freunden geben?“
„Nicht ganz.“ Sie reißt jedoch einen Zettel von ihrem Schreibblock ab und notiert fünf Namen darauf. „Das war ihre Freundin, Nancy Reddigan. Von den anderen kenne ich nur die Vornamen.“ Selma schaut betreten. „Glaubt ihr, Nance hat etwas damit zu tun? Ich meine … Ich denke nicht, dass sie einer Fliege etwas zuleide tun könnte.“
Nein, das glauben wir nicht. Wäre es so, würde Selmas Urteil den Verdacht für mich nahezu ausräumen, weil … Glasscheiben eben. Aber ich möchte nichts sagen, das irgendetwas über den Stand unserer Ermittlungen verrät, auch wenn ich Selma vertraue, als wäre sie tatsächlich meine eigene Schwester. Zum Glück für meine nicht vorhandenen Geschwister musste jedoch niemand sonst in meiner Familie aufwachsen.
„Wir wissen noch nichts, unsere Ermittlungen stehen noch ganz am Anfang. Aber vielleicht kann sie uns wenigstens helfen zu rekonstruieren, wo Lilly ihren Mörder getroffen hat.“
„Ok“, sie runzelt die Stirn. „Kannst du mich auf dem Laufenden halten? Ich weiß, laufender Fall und so … aber die Kleine hat mir irgendwie leidgetan. Auch wenn ich nicht weiß, was ihr widerfahren ist.“
„Soweit es die Ermittlungen nicht gefährdet. Aber ich kann dir nichts versprechen.“
***
Unser nächster Weg führt uns zu Nancy Reddigan. Zum Glück gibt es den Namen nicht allzu häufig in Los Angeles. Eine der so benannten Frauen lebt in einem Seniorenheim, die zweite ist eine konservative Politikerin. Der Gedanke liegt also nahe, dass die dritte mögliche Nancy die Exfreundin unseres Opfers ist.
Der blonde Sidecut, der uns die Tür öffnet, unterscheidet sich allerdings deutlich von Lilly Ann Parsons. Nancy Reddigan strahlt Punk aus. Gegensätze ziehen sich anscheinend an. Außerdem strahlt sie über das ganze Gesicht. „Hallo?!“
Sam und ich wechseln einen Blick. Offensichtlich ist keiner von uns begeistert von der Idee, dieses Lächeln zu zerstören. „Nächstes Mal bist du an der Reihe“, murmele ich Sam schließlich, höchstens halb verständlich zu und räuspere mich, bevor ich Nancy anspreche. „Detectives Simmons und Caihill, LAPD.“ Während ich rede, zücke ich meine Marke. „Dürfen wir eintreten? Wir möchten mit ihnen über Lilly Ann Parsons sprechen.“
Ihre Augen werden groß, aber sie behält die Fassung, als sie uns die Tür frei macht. „Was ist denn los? Geht es um diese zwei Arschlöcher, die sie vergewaltigt haben? Haben sie da endlich eine neue Spur?“ Innerhalb von drei Sätzen hat der Fall eine weitere unangenehme Dimension gewonnen, großartig! Während wir die Wohnung betreten, die völlig chaotisch wirkt, und genauso wie Nance selbst das genaue Gegenteil von Lilly Ann und ihrer Wohnung zu sein scheint, fügt sie entschuldigend hinzu: „Verzeihung für dieses Chaos, ich hatte gestern Geburtstag, ich habe gehofft, Lilly kommt auch … Ich bin wohl eine Närrin, ich hoffe immer noch, dass sie uns noch eine Chance gibt.“
Oh Fuck! Ich habe wirklich keine Lust, dieses Gespräch zu führen.
***
Nancy klammert sich an eine Tasse Tee, ihre Hände zittern, aber sie scheint ansonsten gefasst zu sein. Nur ihre Augen und ihre Hände verraten den Schock, unter dem sie steht.
„Haben Sie jemanden, der nach Ihnen sehen kann? Ich denke nicht, dass Sie allein sein sollten.“ Sams Stimme klingt warm. Sie scheint genauso besorgt zu sein, wie ich es bin.
Als Nancy nickt, läuft ihr eine einzelne Träne die Wange hinunter. Wenn wir nicht von vornherein sicher gewesen wären, dass sie nichts mit Lillys Tod zu tun hat, dann wären wir es spätestens jetzt. Ihre Reaktion ist sicherlich nicht aufgesetzt. „Ich kann eine Freundin anrufen. Ich glaube, ich möchte auch nicht allein sein.“ Ihr Blick fällt auf ein Foto auf der Kommode, es zeigt sie und unser Opfer, fröhlich lachend vor einem Hintergrund aus Bäumen. Es muss beim Wandern entstanden sein, vielleicht auch in einem Park.
„Sie klang wie eine Country Sängerin.“ Nancy beginnt zu erzählen und ich habe nicht vor, sie zu unterbrechen. Vielleicht fällt dabei etwas Nützliches ab. „Ich meine nicht nur ihren Namen, sie hatte auch eine so tolle Stimme … Aber sie hat sich nie getraut, sie zu benutzen. Nur für mich …“ Sie unterdrückt ein Schluchzen. „Zumindest bis … bis zu dieser Sache.“
Diese Sache, die Typen, die sie in einem Park überfallen und vergewaltigt haben. Etwas in meinem Magen läuft nicht ganz rund.
„Die Vergewaltigung?“ Sam hakt nach.
Verdammte Scheiße! Als ob ich das erste Mal mit diesen Abgründen konfrontiert würde … Der kleine Michael Simmons ist doch auch sonst so tief in mir begraben, dass es mir nichts ausmacht. Ich konzentriere mich auf meine Atmung und bemühe mich, ruhig zu bleiben, mich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Die Geister meiner Vergangenheit kann ich gerade überhaupt nicht gebrauchen.
Wenn Sam bemerkt, dass mit mir etwas nicht stimmt, dann lässt sie es sich nicht anmerken. Dankbar für zumindest diese Gnade des Schicksals überlasse ich ihr wieder einmal die Regie über das Gespräch. Ich habe gerade auch so genug Probleme, meinen Körper wieder unter Kontrolle zu bringen.
„Ja, die Vergewaltigung … Wissen Sie eigentlich, wie schwierig es ist, psychologische Hilfe zu bekommen in diesem System? Wenn man nicht zu den oberen Zehntausend gehört, meine ich. Lilly ist zu einer Selbsthilfegruppe gegangen. Soweit ich weiß, hat sie noch immer keinen Therapieplatz gehabt. Und dann hat sie vor zwei Monaten gesagt, sie müsse das erst einmal mit sich selbst klären. Ich war am Boden zerstört, diese Kerle haben sie mir weggenommen, langsam, Stück für Stück … Und jetzt das!“ Sie seufzt lautstark, bevor sie an ihrem Tee nippt, den sie anscheinend bis gerade vergessen hatte. „Eigentlich wollten wir im Herbst zusammen nach Paris fliegen … Lilly und ich, wir wären dann seit fünf Jahren ein Paar. Ohne sie, da wüsste ich nicht einmal, dass ich auf Frauen stehe … verdammt! Sie … sie hat mich damals angesehen, und ich hatte das Gefühl, sie blickt mir direkt bis in die Seele. Ich konnte mich einfach nicht dagegen wehren, was zwischen uns war … Was mache ich jetzt nur?“
Aus welchem Grund auch immer, während des letzten Teils ihres Monologs hat sie mich direkt angesehen. So als wüsste ich die Antwort auf ihre Frage oder sie die Antwort auf das Chaos in meinem Inneren. Ich schlucke und senke die Augen. „Ich weiß es nicht“, sage ich schließlich hilflos. „Aber wir werden herausfinden, wer ihr das angetan hat.“ Ich hoffe nur, dass wir dieses Versprechen auch einhalten können.
Sie nickt nur stumm.
Sam lenkt die Aufmerksamkeit mit einem dezenten Räuspern auf sich. „Wir müssen das leider fragen, können Sie uns sagen, wo Sie am letzten Dienstag waren?“ Offiziell kennen wir den genauen Todestag noch nicht, Sam verzieht das Gesicht, anscheinend ist ihr auch aufgefallen, dass sie uns ein Stück weit verplappert hat. „Seitdem ist sie nicht zur Arbeit erschienen“, setzt sie nach.
„Bei meinen Eltern in San Diego, sie haben ihren Hochzeitstag groß gefeiert. Ich bin am Samstag dorthin geflogen und bin bis letzten Freitag dort geblieben, um Zeit mit meiner Familie zu verbringen.“ Praktischerweise deckt ihr Alibi einen geraumen Zeitraum ab, wir müssen also nicht erklären, woher wir das Datum kennen. „Soll das heißen … ich war nicht einmal in der Stadt, als …?“
Sam drückt ihre Hand. „Es hätte nichts geändert, da bin ich mir ganz sicher.“
„Können Sie uns sagen, wann und wo sich diese Selbsthilfegruppe trifft?“ Anscheinend führt das zu der einzigen sinnvollen Spur, die wir haben.
Nancy nickt erneut, bevor sie in einem Papierstapel unter dem Sofatisch kramt. Sie reicht mir einen Flyer. „Da steht alles drin.“
Wir bleiben bei ihr, bis die besagte Freundin erscheint. Carol steht auf Selmas Liste, sie sagt aus, dass sie Lilly seit Wochen nicht gesehen hat und hat ein Alibi, das den Rest der Clique umfasst. Wir werden es natürlich trotzdem überprüfen müssen, ebenso wie jenes von Nancy Reddigan.
„Dyke Tuesday im Mantles. Wir gehen nur noch mit der ganzen Gruppe dorthin, die Gegend ist gefährlich in der letzten Zeit.“ Sie wirft Nancy einen wissenden Blick zu und streicht ihr beruhigend über die Arme. Diese behält anscheinend nur noch mühsam die Fassung, deshalb ziehen wir uns zurück, um den beiden ihre Privatsphäre zu lassen.
***
„Puh!“ Sam atmet lautstark aus, sobald wir im Auto angekommen sind. „Das war nicht gerade angenehm.“
„Ich wünschte, ich könnte dir sagen, dass es leichter wird.“ Ich bin zumindest froh, den Aufruhr in meinen Eingeweiden wieder unter Kontrolle zu haben. „Aber das wird es nicht!“
„Armleuchter! Dafür sollte es einen Dollar ins Phrasenschwein geben …“ Ihr Gesichtsausdruck ist todernst, aber ich kann ein Grinsen in ihrer Stimme hören.
Ich zucke mit den Schultern, Phrase hin oder her, es ist die Wahrheit. „Die Selbsthilfegruppe trifft sich jeden Dienstag. Das heißt, sie ist möglicherweise dort zuletzt gesehen worden. Vielleicht hat sie dort sogar ihren Mörder getroffen.“
„Das heißt also, wir müssen morgen dort hin.“
Anscheinend, ich FREUE mich schon riesig darauf, mit einem ganzen Haufen Leute zu reden, die alle die Geister aus meiner eigenen beschissenen Vergangenheit ausgraben werden. Wir sollten den Fall möglichst schnell an die Feds abgeben. Zum Teufel mit den blöden Sprüchen! Aber Mickey Simmons kneift nicht, er bringt das Monster zur Strecke, beziehungsweise hinter Gitter. Und ich habe Nancy gesagt, wir finden dieses Monster.
***
Habe ich mich an diesem Tag auf den Feierabend gefreut? Nein, aber ich bin erleichtert, dass ich vor dem Albtraum, der mich morgen erwartet, noch eine Galgenfrist bekommen habe. Bis ich vor Kellys Wohnung stehe. Anscheinend hat mir meine Verlobte zumindest eine meiner vielen Fragen beantwortet. Sie ist mit ihrer Geduld am Ende angelangt.
Meine bescheidene persönliche Habe steht in Kisten, Taschen und Koffern vor der Tür. Auf den ersten Blick dürfte sie nichts vergessen haben. Aber ich reise schließlich auch mit leichtem Gepäck. Seit ich bei ihr wohne, ist es eher mehr geworden … Der rote Pulli, der ihrer Mutter so gut gefallen würde, ich müsse schließlich einen guten Eindruck machen … Die schwarze Lederjacke, die so modern ist, sie wolle schließlich ihren coolen Freund vorzeigen können … Ich kann ihre Stimme in meinem Kopf hören. Ich mochte die Farbe Rot noch nie und die Lederjacke war schrecklich unbequem.
Während ich den Stapel, der den Flur halb blockiert, betrachte, frage ich mich, ob ich jemals wirklich bei ihr zu Hause war, oder einfach nur aus Gewohnheit oder Bequemlichkeit geblieben bin. Obenauf steht ein Karton mit persönlichen Erinnerungsstücken, den ich niemals ausgepackt habe. Ich habe hier über ein Jahr gewohnt.
Ich sollte wütend, enttäuscht oder verletzt sein … Vielleicht sollte ich mich weigern, einfach zu gehen. Ich sollte an ihre Tür klopfen oder meinen Schlüssel benutzen, zum Teufel! Eine Erklärung sollte ich verlangen, irgendetwas tun jedenfalls. Aber ich grüble nur darüber, wo ich kurzfristig und mitten in einem Fall unterkommen soll.
Als ich schließlich seufze und mit dem oberen Ende der Pyramide beginne, meine Klamotten in meinen Kofferraum zu verfrachten, fällt ein Stück Karton hinunter. Kelly hat ihren Verlobungsring ganz unzeremoniell mit Klebestreifen darauf befestigt. Daneben steht:
Viel Spaß mit Deiner neuen „Partnerin“!
What the Fuck?!
***
Louie ist das Klischee eines Schankwirts einer Cop-Kneipe. Sein Laden liegt stilistisch irgendwo zwischen Sportsbar und Irish Pub. Da es Montagabend ist, herrscht wenig Betrieb. Somit habe ich Louies ganze Aufmerksamkeit. Er ist selber ein Ex-Cop, aufbrausend und sarkastisch und das Motiv vieler urbaner Legenden. Einer Geschichte zufolge hat er sich die Kneipe von seinen reichhaltigen Bestechungsgeldern bei der Sitte gekauft, oder hatte gar selber ein paar Mädels laufen. Der nächste Kollege glaubt zu wissen, dass er das Geld als Belohnung für die Ergreifung des Mörders eines Millionärs kassiert hat, von der Witwe. Vielleicht aber auch für den Mord. Wiederum die nächste Geschichte besagt, er habe sie beim Pokern gewonnen … Ob eine dieser Geschichten stimmt, weiß ich nicht, ebenso wahrscheinlich ist, dass er sie alle selbst verbreitet hat, um sich über den Rest der Welt zu amüsieren.
Gerade könnte mich seine Vergangenheit auch kaum weniger interessieren. Das Chaos in meinem Kopf beschäftigt mich mehr als ausreichend.
„Es reicht, Mickey, du gehst jetzt nach Hause zu deiner Frau. Du hast definitiv genug für heute!“
Ich lache prustend los, als hätte er etwas Komisches gesagt. „Die hab’sch … ni’mehr! Sowohl, als … Ausch, auch!“
„Wie auch immer, Junge, du bist blauer als die Uniform von einem Streifenpolizisten!“
Louie ist heute wirklich zum Schreien komisch. „Hi, hi, hi … Isss’ schwa’z … die Uniform!“
„Gott sei Dank, farbenblind bist du noch nicht“, trotzdem schiebt er mich von meinem Barhocker und mit Nachdruck aus seinem Laden. „Geh und schlaf deinen Rausch aus, Kleiner!“
Bevor ich mich darüber aufregen kann, dass er mich so genannt hat, ist er wieder in seiner Kneipe verschwunden. „Arschloch!“ Meine Stimme prallt von der geschlossenen Eingangstüre ab.
Auf dem Parkplatz schaue ich auf mein vollgeladenes Auto, ich habe meinen alten Ford erfolgreich in ein dreidimensionales Tetris-Spiel verwandelt … OK, ans Steuer gehöre ich nun wirklich nicht mehr. Gibt es hier irgendwo ein Hotel? Oder besser eine Bar, wo man einem verwirrten, obdachlosen Mann etwas zu trinken gibt? Nachdem ich ein paar Atemzüge der kühlen Nachtluft genommen habe, fühle ich mich nüchtern genug, um die Straße entlang zu marschieren, mehr oder weniger geradeaus.
Als ich nach ein paar Minuten Musik und Stimmengewirr höre, scheint mir das ein Zeichen zu sein. Ich gehe wie magnetisch angezogen den Geräuschen entgegen und betrete eine Bar, über deren Tür eine leuchtende Regenbogenfahne blinkt. Auf einer winzigen Bühne steht eine über zwei Meter große Lady Gaga in einem bizarren roboterartigen Metalloutfit. Sie „singt“ ihren aktuellen Hit, den Titel habe ich mir erst gar nicht gemerkt. Ist nicht meine Musik. Country und Rock sind eher mein Geschmack.
Unbeeindruckt von der Show und der Tatsache, dass ich anscheinend in ein real gewordenes Klischee geraten bin, laufe ich zur Bar. Vielleicht kann ich genug trinken, um diese beschissenen Träume für eine Nacht zu vergessen. Und meinen Onkel. Und den kleinen Michael Simmons. Und meinen toten Partner und Freund … Und die Frau, die behauptet, ich würde mit meinem neuen Partner schlafen. Scheiße Mann, ich habe eine Menge Fehler gemacht, bestimmt! Aber das ist ein Tiefschlag!
Ich lasse mich auf einen freien Barhocker gleiten und sehe mich um. Als ich nach rechts sehe, blicke ich in graue Augen in einem milchkaffeefarbenen Gesicht, das von schwarzen Locken umrahmt wird.
Fuck!
Wir starren uns gegenseitig an, ich und meine Halluzination, denn das muss es sein, was ich gerade vor mir sehe. Entweder ich habe bereits zu viel getrunken oder noch viel zu wenig. Auf jeden Fall bin ich gerade sicher, dass ich den Verstand verloren habe.
Ich höre eine Stimme, die mir nicht so vertraut scheinen sollte. „Verdammt! Jetzt verf… folgt misch der schon, … wenn’sch wach bin.“ Meine Halluzination spricht meine Gedanken aus. Entspricht das eigentlich den Regeln? Gibt es so etwas wie Regeln für Halluzinationen?
Ich drehe mich zur Bar um, meine Stimme durch die Nachtwanderung und den Schock halbwegs gefestigt. „Wo kriegt man hier einen Scotch?“
Ein brummiger dürrer Kerl mit einem sorgfältig gestutzten Bart, mit silbernem Lidschatten und neonpinkem Glitzer-Shirt, das mindestens zwei Nummern zu klein ist, erscheint vor meiner Nase. Ja, ich habe definitiv den Verstand verloren … leider nicht mein Augenlicht.
Die seltsame Erscheinung lädt das bestellte Getränk vor mir auf der Bar ab, bevor er sich meiner Halluzination zuwendet. „Ich nehme an, du willst auch noch einen, Tommy?“ Er stellt ihm das Gleiche hin wie mir. Moment? Wieso kann er meinen eingebildeten Engel überhaupt sehen?
Meine Halluzination ist genauso betrunken wie ich, trinkt sogar das Gleiche und spricht aus, was mir durch den Kopf geht. Ich bin mir sicher, das entspricht nicht den Regeln. Na prima, selbst meine Halluzination hat den Verstand verloren! Zumindest hat sie Geschmack!
Ich leere mein Getränk in einem Zug, danach beginnt alles gnädigerweise zu verschwimmen.
2.
Dienstag
In meinen Träumen gibt es heute keine Engel … Nancy erzählt mir darin von Lilly, die sie seltsamerweise in einer Bank getroffen hat. Und Lilly singt ein Kinderlied, ich kann mich nachher nicht daran erinnern, welches, oder wie ihre Stimme klang. Währenddessen steht Nat neben ihr und jongliert mit Spiegeln. Ich wusste gar nicht, dass er jonglieren kann. Aber immer mehr Spiegel wirbeln im Kreis, allmählich wird mir schwindlig davon.
Dann bin ich wieder zu Hause, nein nicht zu Hause, aber in Nagsville, in einer dämlichen Stadt mit einem noch dämlicheren Namen, auf der Minigolfbahn. Im Wohnhaus dahinter, um genau zu sein, und ein Wolf starrt mich aus toten Augen an. Mir tut der Wolf Leid … „Dieses dumme Vieh!“, sagt mein Onkel undeutlich. Er hat eine Fahne, er riecht nach Bier und Whisky und seine Hände scheinen immer näherzukommen. Und wie die Spiegel vorhin, scheinen sie sich zu vermehren. „Ich musste es doch tun, verstehst du?“ Er sieht mich gierig an. „Verstehst du, ich musste es doch tun!“
Fuck! Ich muss aufwachen … ein Traum, ein gottverdammter Traum! Ich schüttele mich, versuche aus dem Albtraum zu entkommen und befinde mich an einem unbekannten Ort.
Ich rieche noch immer eine Fahne nach Bier und Whisky, überall an meinem Körper spüre ich fremde Haut und um meinen Oberkörper liegt ein behaarter Arm. Mein Magen dreht sich augenblicklich um, und ich entdecke eine offene Tür, die in ein Bad zu führen scheint, während ich mich panisch aus meiner Lage befreie. Sekunden später hängt mein Kopf über einer fremden Kloschüssel. Was in drei Teufels Namen ist passiert?
„Ok, so hat noch niemand reagiert, der neben mir aufgewacht ist.“ Die schläfrige Stimme, die von der Tür erklingt, kommt mir viel zu bekannt vor. „Mist! Ich meine … Nicht, dass das häufig passiert oder so … also, dass jemand neben mir aufwacht … Ähm …“ Ich weiß, dass er rot anläuft, ohne von meiner unappetitlichen Beschäftigung aufzusehen.
Mein Kopf dreht sich, nicht nur vom Alkohol und ich beginne, mir einige Bruchstücke des Abends zusammenzureimen. „Ich habe mir dich also nicht eingebildet?“ Meine Frage klingt atemlos vom Würgen. Ich lasse mich schließlich rückwärts an seine Wanne sinken, die sich neben dem WC befindet. Es handelt sich um ein gigantisches Gebilde von einer Eckbadewanne. Ich bleibe, nackt wie ich bin, auf dem Boden sitzen, zu erschöpft und viel zu verwirrt, um etwas anderes zu tun.
„Ich mir dich auch nicht, anscheinend.“ Tom Thomas Tommy Parker, nur Tom, lässt sich am Türrahmen herabgleiten. Er bleibt dort, ebenfalls nackt, und anscheinend nicht minder verkatert als ich, sitzen.
„Was ist passiert?“ bringe ich schließlich hervor. Allerdings bin ich nicht sicher, ob ich die Antwort hören will.
„Ernsthaft?“ Er schaut mich unverwandt an. „Ich habe keinen Dunst, aber so blau wie wir waren kann es nicht viel gewesen sein. Falls dich das beruhigt.“
Ja es beruhigt mich … aber nur zum Teil. Weil das eigentlich gar nicht meine Frage war. Ich frage mich, wie ich hier gelandet bin, wo auch immer hier ist. Ob etwas zwischen uns passiert ist? Ich stelle fest, dass mich der Gedanke, mich nicht daran erinnern zu können, mehr stört, als die Idee an sich. Und gleichzeitig ringe ich weiterhin mit meinen Eingeweiden ob meines Albtraums. Scheiße! Ich habe nicht mehr in dieser Art und Intensität von meinem Onkel geträumt, seitdem ich Nagsville verlassen habe. Nagsville, die Stadt der Nörgler, was für ein dämlicher Name.
„Du bist hetero, oder? Und verheiratet? Ich habe deinen Ring gesehen … In der Bank. Vorher habe ich dich die ganze Zeit beobachtet … James Dean als 2019er Cop-Variante, ich konnte nicht anders … Fuck! Warum muss ich mich ausgerechnet in den Hetero-Cop verknallen, der meine Zeugenaussage aufnimmt.“ Er lässt das Gesicht nach seinen direkten Worten in die Hände sinken.
„James Dean? Der ist gut, viel besser als Ken jedenfalls.“ Ich kann nicht anders als zu schmunzeln. Ich sollte bessere Worte finden, nach seinem Geständnis … Mann, ich bin so dermaßen kaputt, wie konnte ich mir jemals einbilden, ich hätte meinen Onkel unbeschadet überlebt? Ich rupfe mir den Verlobungsring vom Finger, was ich gestern schon hätte tun sollen, und schmeiße ihn in die Kloschüssel, neben der ich noch immer sitze. Dann drücke ich die Spülung. „Zum Teufel mit dir Kelly!“
Tom starrt mich völlig entgeistert an. Schon klar, wäre ich er, würde für mich auch nichts von dem, was ich hier gerade treibe und sage, irgendeinen einen Sinn ergeben.
„Sie denkt, ich schlafe mit meinem neuen Partner Sam“, sage ich, als würde das alles erklären. Dann fällt mir auf, dass Sam männlich klingt. „Samantha Caihill“, ergänze ich, meinerseits errötend. Warum ich das klarstellen will, weiß ich selbst nicht. Es ist egal, oder? Es ist nicht gerade so, dass Tom und ich gleich übereinander herfallen würden … Nicht nach diesem Traum und meiner Reaktion darauf, nicht wenn er nach Bier riecht wie mein Onkel … Und überhaupt eigentlich gar nicht, er ist immer noch ein Mann, oder?! „Fuck!“
Sein Gesicht sagt mir, dass er mich auch jetzt nicht versteht. Gut, dann sind wir schon zwei.
„Und deswegen verschlägt es eine Hete sturztrunken ins Brothers?“
Brothers also, noch nie gehört, nicht dass ich mich mit Schwulenkneipen auskennen würde.
„Louie wollte mir nichts mehr zu trinken geben.“ Ich blicke zu ihm herüber und ich wünschte, ich wäre nicht so kaputt und innerlich zerrissen. Ich wünschte, ich wüsste, was ich will und wäre in der Lage, anders zu reagieren. Träume aus zwei Monaten voller unruhiger Nächte tummeln sich in meinem Gehirn. Live und in Farbe sieht er noch besser aus als in meinen Träumen, selbst verkatert und anscheinend genauso durcheinander, wie ich es gerade bin.
Und ich sollte das eigentlich nicht einmal registrieren, am wenigsten nach dieser Nacht und meinem unsanften Erwachen.
Ein Erinnerungsfetzen streift meinen Verstand. „Wer oder was war der menschliche Flamingo?“
Tom kichert. „Momo, Momo Da Vinci … Bühnenname! Das ist ein spezieller Fall!“ Ja offensichtlich. „Du hast sie wohl zwischen zwei Auftritten erlebt.“ Er zuckt mit den Schultern und grinst dann. „Momo ist der beste Freund, den man haben kann. Ich kenne ihn seit der High School. Er macht Stand-up Comedy als bärtige Lady, seine Nummer ist wirklich witzig. Aber er kellnert eben auch im Brothers. “
„Sie? Ihn? Ich kenne mich wohl besser mit Lesben als mit Schwulen aus.“
Jetzt sieht er mich wieder verwirrt an. In Rätseln zu sprechen, ist wohl heute meine besondere Stärke. Schließlich trifft mich eine viel wichtigere Erinnerung. Ich finde die Koordination und die Kraft, um aufzustehen. „Scheiße! Ich muss einen Serienmörder fangen!“, entfährt es mir, während ich mir die Haare aus dem Gesicht streiche.
Tom taxiert mich von oben bis unten. Ja, ich bin nackt, Mann! Das habe ich mir nicht ausgesucht! Das glaube ich jedenfalls. Vielleicht sollte ich mir mehr Gedanken darum machen, dass mich sein Blick nicht stört, obwohl ich ihn spüren kann, wie eine Berührung.
„Ich denke, erstmal brauchst du eine Dusche, frische Klamotten und einen Kaffee!“ Tom steht ebenfalls auf. Und ich ertappe mich dabei, wie ich den Körper des Mannes betrachte, aus dessen Armen ich gerade eben geflohen bin. Seine Haut ist nahtloser Milchkaffee, und sein Körper ist schlank. Er ist nicht übermäßig muskulös, aber man sieht, dass er auf sich achtet. Definierte, nicht allzu harte Linien bilden einen v-förmigen Oberkörper und ein dezentes Sixpack. Eine Straße schwarzen Haares läuft von seinem Buchnabel abwärts und übt eine magische Anziehung auf meine Augen aus. Ich frage mich, wie er sich fit hält. Irgendwie sehe ich ihn nicht beim Training an kühlen, funktionellen Geräten. Meine Gedanken laufen schon wieder Amok. Was ist nur an Tom Parker so Außergewöhnliches, dass ich in seiner Gegenwart ständig neben mir stehe?
Als er mich dabei erwischt, dass ich ihn ansehe, werde ich rot wie eine Tomate.
Seinen Blick, als er weiterspricht, versuche ich erst gar nicht zu verstehen. Mir ist die Situation so bereits zu viel. „Geh erst einmal duschen. Ich denke, ich finde etwas, was dir passen könnte. Die Küche ist am Ende des Flurs links.“
Die Dusche ist ja nicht zu übersehen. Eine geräumige Duschkabine befindet sich am anderen Ende des Bades. Der ganze Raum strahlt Luxus aus. Was ist das hier, eine Villa? Wenn das Bad schon so groß wie das Wohnzimmer von Kellys Wohnung ist, vermutlich.
***
Es könnte sein, dass ich etwas ausgiebiger geduscht habe als gewöhnlich, okay. Aber hey, normalerweise habe ich auch keine Dusche wie aus einem Science Fiction Film. Das Ding hat mehr Einstellungen und Knöpfe als mein Auto. Der Vergleich hinkt ein wenig, mein Auto ist halt einfach nicht das Neueste, aber es leistet mir gute Dienste. Ich fühle mich auf jeden Fall bereits deutlich besser, als ich mich auf den Weg in die Küche mache.
Die Wände im Flur hängen voller Familienfotos, auf denen wiederholt ein nett wirkendes weißes Pärchen, Tom und eine jüngere Version des Paradiesvogels von gestern auftauchen. Es sind Fotos vom Strand und im Garten. Ein Foto scheint den Schulabschluss von Tom und Momo zu zeigen, Arm in Arm in die Kamera strahlend. Andere Fotos zeigen anscheinend Familienfeiern mit vielen unbekannten Gesichtern. Das Pärchen sieht vage vertraut aus, in ihrer Normalität scheinen sie dabei wie die netten Nachbarn von nebenan, deswegen haben sie wohl auch diese Wirkung.
Sein Blick tastet mich, als ich in die Küche komme, von oben bis unten ab, vielleicht einen Moment länger als notwendig. Da ich jedoch vorhin bereits festgestellt habe, dass mich seine Blicke nicht stören, ist es mir egal.
„Die Sachen sind okay?“
„Alles bestens, danke!“ Er hat mir ein grünes T-Shirt herausgelegt, smaragdgrün, meine Lieblingsfarbe, was mich mehr als überrascht hat. Eine dumme Stimme in mir fühlt sich umsorgt, ungeachtet dessen, dass es ein Zufall sein muss. Das macht mir noch mehr Angst, als die vielen anderen unpassenden Reaktionen, die er in mir auslöst. „Die Jeans sitzt etwas knapp, aber es geht.“
„Du hattest in der Bank ein Hemd in der gleichen Farbe an, also dachte ich, grün ist sicher.“ Wow, er hat mich wirklich genau beobachtet, anscheinend. Soviel zum Thema Zufall. „Knapp steht Dir!“
Mein Kopf wechselt schon wieder die Farbe, und mir will keine passende Reaktion einfallen. Ich belasse es bei einem verwirrten Blinzeln, Tom macht mich einfach sprachlos.
„Also?“ Er schiebt mir einen Teller mit Rührei und Speck unter die Nase, nachdem ich mein Handy weggelegt habe. Ich habe gerade Sam mitgeteilt, wo sie mich einsammeln soll. Mein Auto steht am Louie‘s und ich bin mir sicher, mein Restalkohol wäre Grund genug, es auch dort stehen zu lassen.
„Also was?“, frage ich wachsam. Ich bin mir viel zu unsicher, über welche Teile des Chaos, das durch meinen Kopf schwirrt, ich bereit bin zu reden.
„Deine Frau …“
„Verlobte!“
„Deine Verlobte …“
„Ex-Verlobte!“
Er reißt die Arme nach oben und rollt mit den Augen. „Ernsthaft? SIE hat dich rausgeschmissen, weil sie denkt, du vögelst fremd? Richtig?“ Ich mag den Anblick, wenn er ein wenig die Kontrolle verliert, er stellt seltsame Dinge in meinem Inneren an. Mir ist völlig klar, dass das meine Probleme auch nicht gerade verkleinert.
„Auch … Wir haben schon eine ganze Weile eine Krise. Sam ist erst seit zwei Wochen meine Partnerin. Mein letzter Partner ist vor etwa zwei Monaten im Einsatz gestorben, kurz vor diesem Banküberfall. Seitdem hat sie mich als ihren Patienten behandelt … Das konnte nicht ewig gut gehen.“ Selbst das fühlt sich wie eine Halbwahrheit an, aber es kommt der Wahrheit nah genug.
Die Tatsache, dass ich anscheinend das Bedürfnis habe, meine Seele vor Tom auszubreiten, ist besorgniserregend. Viel mehr als meine unwillkommene physische Reaktion auf ihn.
Tom sieht mich eine Sekunde lang an, seinen Blick weiß ich nicht zu deuten. Als er spricht, bin ich ihm dankbar, dass er sich die Beileidsbekundungen spart, die ich schon zu oft gehört habe. „Ist sie Psychologin?“
„Wenn es mal so wäre, dann wäre sie vielleicht subtiler gewesen.“ Oder aber, sie hätte meine wahren Probleme erkannt. Bei dem Gedanken läuft mir ein Schauer über den Rücken. Mir wird klar, dass ich überhaupt nicht will, dass Kelly meine Geheimnisse kennt. Vielleicht waren wir einfach nie als Paar geschaffen.
Eigentlich bevorzuge ich eher Müsli oder Porridge zum Frühstück. Was das Essen betrifft, bin ich für gewöhnlich sehr wählerisch. Aber einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Also esse ich mein Rührei und eine Scheibe Toast, den Speck jedoch sortiere ich sorgfältig an die Seite, ich glaube nicht, dass mein Magen bereit ist, diesen momentan zu verdauen. Tom sagt nichts dazu, obwohl er es sicher registriert.
Überhaupt wundert mich Toms Freundlichkeit, nach meinem Ausflipper beim Aufwachen könnte ich es durchaus verstehen, wenn er mich direkt vor die Tür gesetzt hätte. Er beobachtet mich wachsam und schweigend eine ganze Weile. Er scheint über etwas nachzudenken. Da ich nicht weiß, was ich sagen soll, schweigen wir beide. Seltsamerweise fühlt sich unser Schweigen nicht peinlich an.
„Du kannst eine Weile in einem Gästezimmer pennen, unterm Dach. Hat auch ein eigenes Bad. Also, ähm … Das soll keine Anmache sein. Ich will nur helfen.“
Ich starre ihn völlig verdattert an. „Ernsthaft?“
„Nein, war ein Scherz … ich habe nur ein Kellerverlies anzubieten.“ Er gibt den Kommentar so trocken ab, dass ich ihn nicht sofort zuzuordnen weiß. „Natürlich ist das mein Ernst! Ich denke, einen Serienmörder zu fangen ist wichtiger als Wohnungssuche.“ Seine Worte sind so pragmatisch, als wäre es völlig normal, einen Fremden in sein Haus einzuladen, nachdem dieser seinen Mageninhalt in seinem Klo entsorgt hat.
Aber wir sind keine Fremden, oder? Wir sollten es sein, Tom fühlt sich jedoch vertraut an. Das sind nur diese dummen Träume schuld, ganz sicher! Ich weiß praktisch nichts über ihn. Nur, dass er freundlich ist, viel zu freundlich … Er hat ein fotografisches Gedächtnis, talentierte, feingliedrige Hände, er nimmt seine Rolle als rechtschaffener Bürger ernst, er kümmert sich um verwirrte und verkaterte, heterosexuelle Polizisten, die seinen Oberkörper definitiv nicht so anziehend finden sollten. Nein, ich weiß nichts über ihn, offensichtlich!
Ich räuspere mich. „Also das mit dem Serienmörder, das ist mir vorhin rausgerutscht … Wir haben laufende Ermittlungen und das sollte nicht gerade an die große Glocke gehängt werden, verstehst du?“
„Ok, kein Ding!“ Er zuckt beiläufig mit den Schultern. „Also, willst du das Gästezimmer oder nicht? Noch einmal frage ich nicht.“ Irgendetwas an seinem Gesichtsausdruck sagt mir, dass der letzte Satz gelogen ist.
Ich nicke, noch halb fassungslos von dem Angebot. „Danke Mann! Bist schwer in Ordnung.“ Ich habe irgendwie das Gefühl, das war es nicht, was er gerne gehört hätte. Aber mein eigener gedanklicher Aufruhr hält mich genug beschäftigt, außerdem ist da eine laute Alarmglocke in meinem Kopf, die es für eine ganz blöde Idee hält, unter einem Dach mit Tom Parker zu schlafen.
„Danke Tom Thomas Tommy Parker!“, füge ich schließlich leise hinzu, ohne zu wissen, was mich das sagen lässt. Ich kenne seinen richtigen Namen längst. Thomas Parker, 30 Jahre alt, wohnhaft in Santa Monica. Selbst seine Anschrift hat sich in mein Gehirn eingebrannt, neben jedem anderen Moment unseres Gesprächs vor zwei Monaten … Ein Gespräch, das zu einer der schnellsten Festnahmen des Jahres geführt hat, weil Deeks den Mann auf dem Profilbild erkannt hat. Nicht einmal die Beute hatten sie versteckt.
Und Tom hatte nur gebeten, seinen Namen aus der Presse zu halten. Dabei war die Festnahme sein Verdienst. Bescheiden ist er also auch. Und offenbar genauso wohlhabend, wie der Name Santa Monica verspricht. Alles an diesem Haus ist riesig. Die Küche hat Buntglasfenster zu den Nebenräumen hin, und eine Durchreiche lässt mich in ein Wohn- und Esszimmer blicken, das tatsächlich eine Bar besitzt. Ich komme mir hier ein wenig fehl am Platze vor, was die Alarmglocke in meinem Kopf nicht leiser werden lässt.
Nach seinem Geständnis vorhin fällt es mir auch nicht schwer, dahinter zu kommen, was ihn bei unserer Begrüßung in der Bank so sehr aus der Fassung gebracht hat. Jedenfalls so sehr, dass er sich bei seinem Namen versprochen hat. Ach ja? Und was hat mich so aus der Fassung gebracht?
„Einfach. Nur. Tom.“ Seine Worte sind halb geknurrt, und ich finde es hinreißend … Mein Blick bleibt an seinem Gesicht kleben, das mich in meinen Träumen verfolgt. Zum gefühlt hundertsten Mal an diesem Morgen. Scheiße!
***
„Darf ich fragen, was dich in diese Wohngegend verschlagen hat? Was macht deine Verlobte doch gleich beruflich? Hier draußen kann sich ein ehrlicher Cop jedenfalls eigentlich keine Unterkunft leisten.“ Ihr Blick ist abschätzend und sie rümpft die Nase, als ich in ihr Auto einsteige. OK, wahrscheinlich hätte ich besser ein Uber genommen und mir erst meine Zahnbürste aus meinem Auto besorgt. Tom hatte leider keine überzählige Zahnbürste auf Lager. ‚Wie gesagt, es kommt nicht oft vor, dass jemand neben mir aufwacht‘, seine Antwort scheint mir schwer vorstellbar, es sei denn, der Rest der Welt ist blind.
Nun ja, ich habe gestern beschlossen Sam zu mögen, aber ich habe nicht das geringste Bedürfnis, ihr von meinem nächtlichen Abenteuer zu berichten. „Kelly hat mich vor die Tür gesetzt, ich habe bei einem, ähm, Bekannten übernachtet.“ Der Begriff Bekannter rollt mir quer von der Zunge, aber mir will nichts Passenderes einfallen.
„Wieso zum Geier hat sie das getan?“
„Sie denkt, ich schlafe mit dir!“
„WAS?!“ Ich bewundere sie dafür, dass sie mitten im morgendlichen Berufsverkehr keine Vollbremsung macht. „Hast du ihr einen Grund für den Verdacht gegeben?“
„Himmel nein! Ich habe keinen Schimmer. Wir hatten schon eine Weile eine Krise, ja … Aber deswegen gehe ich noch längst nicht fremd.“ Überhaupt scheinen ihre Bedürfnisse intimer Natur viel intensiver zu sein, als meine. Wenn ich darüber schon gerade einmal nachdenke. „Und ich habe mich höchstens darüber beschwert, dass ich mit Barbie arbeiten muss.“ Ich lenke schnell ein, bevor ich sie noch mehr gegen mich aufbringe. „Das war, bevor ich gemerkt habe, dass du eine gute Polizistin bist, OK?“
„Klasse!“ Es ist nicht zu erkennen, ob sie sauer ist, und wenn ja, über welchen Teil meiner Aussage. „Ist das der Grund für die Fahne?“
„Ich …“
„Schon gut, ist verständlich. Würde Frank mich mit so einem Vorwurf vor die Tür setzen, würde meine Vernunft wohl auch aussetzen.“ Sie wirft mir einen Blick zu. „Bist du fit?“
„Ja, mein Bekannter hat mich mit Kaffee, Aspirin und Rührei versorgt. Können wir eventuell am Louie‘s halten, ich brauche ein paar Sachen aus meinem Kofferraum.“ Allen voran meine Zahnbürste.
„Klar!“ Sie konzentriert sich eine Weile nur auf die Straße, bevor sie fortfährt. „Im Gegensatz zu dir habe ich gestern noch ein wenig recherchiert. Ich habe mit Logan, einem Kollegen von der Akademie, in Portland telefoniert. Wir haben anscheinend in den richtigen Ameisenhaufen gestochen.“
„Inwiefern?“ Ihren Seitenhieb ignoriere ich. Wer den Schaden hat, braucht ja bekanntlich nicht für den Spott zu sorgen. Erst recht, wenn er ihn selbst verursacht hat.
„Es ist wohl bislang nicht aufgefallen, weil es keine Zusammenhänge zwischen den anderen Taten gab, beziehungsweise, weil nicht alle Frauen eine Anzeige erstattet haben. Aber es ist jetzt definitiv kein Zufall mehr.“
„Was ist kein Zufall? Und welche anderen Taten meinst du?“ Meine Stimme ist tonlos, weil ich irgendwie ahne, dass ich lieber nicht hören würde, was als Nächstes kommt.
„Zwei der Opfer aus Portland sind zuvor Opfer einer Vergewaltigung geworden, die sie angezeigt haben. Soweit stand das auch in den Fallakten. Es ist mir eingefallen, als wir bei Nancy waren. Eine war in Behandlung bei einer Psychologin, die auf Missbrauchsopfer spezialisiert ist. Eine der anderen Frauen war Mitglied in einem Opferschutzverein und in einer Akte steht die Diagnose PTBS, die Frau war allerdings vorher bei der Army, weswegen nicht klar ist, worauf sich die Diagnose bezieht. Das haben Logan und ich heute Nacht festgestellt.“
Scheiße! Mein Kopf transportiert mich unwillkürlich zurück zu meinem Albtraum von heute Morgen. Verdammte Erinnerungstrigger!
„Bei Opfer Nummer vier ist nichts zu finden gewesen, aber das heißt nichts“, Sam redet ungerührt weiter, während meine Eingeweide beginnen, sich von Neuem umzudrehen. So ist das bei mir. Andere Opfer entwickeln Panikattacken, Agoraphobie oder werden zu Bettnässern. Ich kotze einfach. Ich schätze, ich kann mich glücklich schätzen mit dieser Macke. Nur, dass ich inzwischen ein Cop bin und dachte, dieses Problem läge mindestens dreizehn Jahre zurück.
„Halt an!“, sage ich erstickt, und sie gehorcht nach einem kurzen Blick auf mein Gesicht.
Während ich mein Frühstück am Seitenstreifen entsorge, beäugt sie mich mit einer Mischung aus Skepsis und Sorge, wenn ich ihren Blick richtig deute. Ich bin mir nicht sicher, ob ich wissen will, was sie gerade denkt.
Wir schweigen auf der restlichen Fahrt und ich vermeide es sorgfältig, sie anzusehen.
Am Louie‘s angekommen krame ich umständlich in meinem Kofferraum nach meiner Zahnbürste, da ich nicht weiß, in welche Tasche Kelly sie gesteckt hat. Schließlich finde ich zusätzlich eine Flasche Wasser und meine Zahnpasta und beschließe, sofort etwas gegen den Geschmack in meinem Mundraum zu unternehmen. Sam scheint nichts dagegen einzuwenden zu haben.
Dann öffne ich die Kiste mit den Andenken und hole einen alten Zeitungsartikel hinaus. In meinem Kopf formt sich so etwas wie ein Plan. Vielleicht sollte ich mir vorher nur Tabletten gegen Übelkeit besorgen.
„Besser?“, fragt sie schließlich, als ich wieder neben ihr auf den Beifahrersitz gleite. Ich habe die Flasche Wasser vorsorglich mitgenommen.
„Ja, besser.“
Sie macht jedoch keine Anstalten zu fahren.
„Wir können los.“ Ich würde diese Episode nur zu gerne hinter mir zurücklassen und mit dem Fall weitermachen.
„Das war wohl der Alkohol von gestern, nicht wahr?“
„Was sonst?“ Ich gebe mich so gelassen wie möglich.
„Und auf der Couch von Nancy Reddigan?“ Oh Fuck, natürlich hat sie mein seltsames Verhalten und meine Atemübungen bemerkt.
„Keine Ahnung, was du meinst.“
„Bullshit!“
„Sam, ich weiß nicht …“
Sie unterbricht mich. „Wenn einer von uns dem Fall nicht gewachsen ist, müssen wir ihn doch an das FBI abgeben. Woher soll ich wissen, was in deinem komplizierten Kopf vorgeht? Bis gestern hast du kein vernünftiges Wort mit mir gewechselt. Herrgott noch eins!“
Mickey Simmons kneift nicht, und Mickey Simmons hält ein, was er sagt.
„Ich bin dem Fall gewachsen. Wer von uns kommt frisch von der Akademie, du oder ich?“
„Ich hänge aber nicht kotzend am Straßenrand, sobald jemand Vergewaltigung sagt.“ Sie blickt besorgt, so als befürchte sie, die Erwähnung des Wortes führe tatsächlich zu einer Wiederholung der gerade beendeten Episode. „Und ich bin ebenso wenig wie du als Detective von der Akademie abgegangen. Ich habe auf Streife auch meinen Anteil gesehen. Also spar dir die schlauen Sprüche!“
Mein Bauch ist so leer, dass kaum die Möglichkeit dazu besteht, weiteren Inhalt auszuspeien. Außerdem bin ich gerade mit Adrenalin vollgepumpt, das hilft.
„Ich habe schon genug andere Fälle mit einem Zusammenhang zu Sexualstraftaten bearbeitet.“ Nicht jeder Mordfall hat diesen Aspekt, aber es gab einige in den letzten fünf Jahren.
„Dann sag mir, was an diesem Fall anders ist, verdammt!“
Ich weiß es selbst nicht. Ist es, weil es ein Serientäter ist? Oder ist es der LGBTQ-Zusammenhang? Nichts davon ist für sich gesehen neu für mich.
„Nichts! Nichts an diesem gottverdammten Fall ist anders!“ Ich fahre mir durch die Haare, die heute ungebändigt bleiben, weil ich bei Tom kein Haargel hatte. Ohne, dass ich es will, driften meine Gedanken zu ihm zurück, zu unserem seltsamen Gespräch in seinem Bad, zu seinem Körper. Wie zum Teufel kann mein Gehirn mich gerade jetzt gerade daran erinnern? Fuck! Es ist wirklich keine gute Idee in seinem Gästezimmer zu übernachten. „Ich … Ich bin anders.“
Der Polizist Mickey Simmons beginnt allerdings, mein eigenes Verhalten zu analysieren, begreift allmählich, was ich mich noch weigere zu sehen. „In meinem Leben herrscht seit Monaten das völlige Chaos … dabei sind alte Geschichten aufgerissen, Dinge, von denen ich dachte, dass sie längst erledigt sind.“
Sam beäugt mich stumm, ja, so fühlt sich das wohl an auf der anderen Seite des Verhörtisches … Danke für diesen überaus unnötigen Perspektivwechsel! Schließlich atme ich lautstark aus. Ich nehme den Zeitungsartikel, den ich zuvor sorgfältig gefaltet habe, und schiebe ihn in ihre Hand, bevor ich wieder aussteige und unruhig hin- und hergehe. Momentan spüre ich zwar keine Übelkeit, aber ich kann nicht einfach stillsitzen, während sie in meiner dunkelsten Vergangenheit herumwühlt.
ELFJÄHRIGER BRINGT SEINEN VERGEWALTIGER HINTER GITTER
Die Schlagzeile bringt es auf den Punkt, aber selbst der darauffolgende Artikel verrät nicht, was wirklich passiert ist. Meine Eltern, die mich für ihren Urlaub bei meinem Onkel geparkt haben, seine täglichen Besäufnisse, seine Hände und andere Dinge … Das steht nur in meinem Kopf. Ebenso wenig wie meine Flucht aus seinem Badezimmerfenster und der nächtliche Horrortrip in die Nachbarstadt, auch davon steht dort nichts.
In Ermangelung einer anderen Möglichkeit bin ich per Anhalter mit einem Lkw-Fahrer mitgefahren, mir der möglichen Gefahr mehr als bewusst. Gleichzeitig habe ich gedacht, was soll’s, es kann kaum schlimmer werden. Außerdem war meine Wut so groß, dass sie alles andere überschattet hat. Der Trucker war jedoch sehr freundlich und besorgt. An seinem Rückspiegel hing ein Foto von einer hübschen Frau und zwei kleinen Mädchen. Aus einem rätselhaften Grund habe ich sein Gesicht vergessen, das Bild jedoch ist mir genau in Erinnerung geblieben. Hätte ich nicht selbst darauf bestanden, dann hätte er mich ohnehin bei der Polizei abgeliefert. Hauptsache nicht in Nagsville, bei einem Sheriff, der mit meinem Onkel befreundet war.
Und der Artikel sagt auch nicht, wie es danach war, in Nagsville aufzuwachsen. Aber er erwähnt seine anderen Opfer. Missbrauch und Vergewaltigung in mindestens 30 Fällen, vermutlich deutlich mehr, über einen Zeitraum von vielen Jahren. Und alle schwiegen. Aber ich war wütend, ich war so unglaublich wütend. Ich habe nicht geschwiegen. Wenn ich daran denke, bin ich noch heute wütend, auf Onkel Michael, meine Eltern, eine Stadt, die sich zu lange weigerte hinzuschauen, Opfer, die schwiegen, Nachbarn, die die Augen und Ohren verschlossen hielten, Menschen, die mich stets mit einer Mischung aus Scham, Mitleid und Misstrauen betrachteten.
Sam steigt schließlich aus dem Wagen aus. Ihr Gesicht ist blass.
„Scheiße!“, sagt sie und umarmt mich. Ich lasse es mir steif gefallen, meine Gefühle liegen gerade ziemlich blank.
Dann setzt sie sich auf ihre Motorhaube und sieht mich gedankenverloren an. Ich kopiere ihre Geste auf meinem eigenen Wagen.
„Du willst den Fall wirklich durchziehen?“
„Ich habe damals nicht vor meinem Onkel gekniffen, ich werde es nicht jetzt vor seinem Geist tun“, schaffe ich mit einem schiefen Lächeln zu sagen. „Ich schätze, ich sollte immer Vomacur dabeihaben. Oder so etwas.“
„Das ist Wahnsinn …“
„Vielleicht, bist du dabei, Partner?“
Sie grinst jetzt. „Immerhin haben wir an einem Tag mehr herausgefunden, als das FBI in sechzehn Jahren.“
„Stimmt!“ Wir hatten eine besondere Perspektive und eine gehörige Portion Glück, trotzdem stimmt es.
Und ganz am Rande weiß Sam jetzt mehr über mich, als irgendein anderer Mensch in dieser Stadt. Was ich davon halten soll, weiß ich noch nicht so recht.
„Was jetzt?“
„Die Selbsthilfegruppe, aber wir sollten das getrennt machen. Diese Leute werden zwei fremden Polizeibeamten nicht trauen, mir noch weniger als dir.“ Der Plan gefällt mir selber nicht, aber ich bin trotzdem bereit ihn durchzuziehen.
„Wie meinst du das?“
„Die Gruppe richtet sich ausdrücklich nicht nur an Frauen. Michael Simmons wird sich Hilfe suchen …“ Ich atme tief durch, es fällt mir bis heute schwer, diesen Namen zu verwenden. „Aber ich schätze, vorher besuche ich tatsächlich eine Apotheke.“
***
Leider sind wir bis zum Treffen der Selbsthilfegruppe wirklich ziemlich machtlos. Zurück auf dem Revier finden wir zumindest ein paar Antworten auf Computeranfragen. Lilly Ann Parsons Eltern leben in New Jersey. Beamte von dort werden uns das Überbringen der Nachricht abnehmen. Ich kann auch nicht behaupten, dass ich wild darauf wäre, die Aufgabe selbst zu übernehmen, noch weniger am Telefon. Wir haben außerdem eine Akte über Lilly Ann Parsons Vergewaltigungsfall, die ich beschließe, nicht zu lesen. Gerne überlasse ich Sam das Vergnügen, während sie mir einen skeptisch besorgten Blick zuwirft, aber schweigt. Es gibt keinerlei Grund zu der Annahme, dass die genauen Umstände der Vergewaltigung mit dem Fall zusammenhängen. Ich sehe also keinen Sinn darin, meinen Magen erneut herauszufordern.
Außerdem bekommen wir die Bestätigung für Nancys Alibi, die Alibis für die restliche Clique ließen sich gestern bereits absichern. Der Besuch bei der Gerichtsmedizin bestätigt Sams Vermutung bezüglich der KO-Tropfen in den Cocktailgläsern, aber auf die endgültigen Ergebnisse der Autopsie müssen wir noch warten.
Was wissen wir über die Opfer? Wir beschäftigen uns am Nachmittag mit Mindmapping, sicherheitshalber während wir ein paar Minuten vom Revier entfernt im Bistro Villeneuve sitzen. Es ist nicht notwendig, dass irgendjemand darüber stolpert, was wir tatsächlich wissen.
„Alle sind Anfang zwanzig bis Anfang dreißig, lesbisch oder bi und haben lange braune Haare.“
„Und sind irgendwann einmal vergewaltigt oder missbraucht worden“, füge ich hinzu. Mir ist völlig klar, dass meine Partnerin diese Information bewusst ausgespart hat.
Ich habe mir mittlerweile vorsorglich den Magen mit Tabletten gegen Übelkeit und Reisekrankheit vollgepumpt. Dennoch halte ich mich an dem frischen Ingwertee fest, den sie hier anbieten, um kein unnötiges Risiko einzugehen. Mein Bedarf an Kloschüssel-Kuscheln und Grünstreifendüngung ist für heute reichlich gedeckt.
Ich hasse meinen Onkel ein klein wenig mehr, weil ich selbst meinen, bereits sorgfältig gewählten, Speiseplan hinterfrage. Hier gibt es unter anderem auch einen hervorragenden Chicken-Hawaiisalat, den ich eigentlich liebe.
„Aber nicht alle Taten waren angezeigt oder im System verzeichnet. Und diese Taten haben keinen Zusammenhang zueinander.“ Sam sitzt, im Gegensatz zu mir, vor Kuchen und Latte Macchiato.
„Vielleicht geht es nicht um die Tat an sich? Die Opfer haben Hilfe bei der Verarbeitung des Traumas gesucht … das scheint bei allen gleich zu sein.“ Etwas, das ich bislang niemals getan habe. „Sie hatten nicht die Kraft, das Geschehene aus sich selbst heraus zu verarbeiten.“ Etwas, von dem ich wiederum bis vor Kurzem dachte, es sei mir vor langer Zeit bereits gelungen. Anscheinend bin ich ein Meister der Verdrängung.
„Wie weiß der Täter überhaupt, dass sie zu seiner Zielgruppe gehören? Die Taten waren teilweise im System, teilweise nicht, manche erfolgten in der Kindheit der Opfer, andere wenige Monate vor dem Mord?! Das erscheint völlig wahllos, sonst hätte das FBI das doch auch schon lange erfahren.“
Wir sehen uns an, als wir beide gleichzeitig einen Zusammenhang finden. „Er muss ein Teil des Hilfenetzwerks sein.“ Vielleicht werde ich ihm oder ihr bei dem Treffen nachher begegnen.
„Du musst da nicht Undercover reingehen, Mickey. Wir können die Leute auch einfach nach dem Treffen befragen. Wir haben gerade auch so bereits etwas Wichtiges festgestellt.“ Ja, der Fall läuft überraschend gut, ungeachtet dessen, dass er sich mit meinem persönlichen Mist verwurschtelt hat. Serientäter oder nicht, kein Captain würde uns den Fall überlassen, wenn er wüsste, was Sam inzwischen über mich weiß.
Ich hole tief Luft. „Sam, niemand in L.A. weiß von meiner Vergangenheit. Ich würde das auch gerne so lassen, OK?“ Mal davon abgesehen, dass ich in zwei Stunden in eine Selbsthilfegruppe marschiere, um genau darüber zu reden. Großartiger Plan, Mann!
„Sicher!“ Sie nickt. „Denkst du, ich posaune das auf dem Revier herum? Oder noch besser, erzähle es im Louie‘s?“ Sie macht ein missmutiges Gesicht. „Bros before Hoes, schon mal gehört, hmm?“ Ob ihr klar ist, wie widersprüchlich meine Aussage ist, lässt sie nicht durchblicken.
Ob das wirklich ein Fall für den Bro-Code ist, bin ich mir dabei ebenfalls so gar nicht sicher. Sei es drum, die Antwort lasse ich gelten.
***
Richard und Sandra, so stellen sich mir die Gruppenleiter vor. Beide sind Ende zwanzig und haben schwarze Locken.
Ihrer Haarpracht nach betrachte ich die beiden vorsichtig aber neugierig. Wie von dem Flyer erwünscht, bin ich zu meinem ersten Treffen etwas zu früh eingetroffen, um mich den beiden vorzustellen. Sie sehen sich sehr ähnlich, selbst für Geschwister. Unabhängig davon fragt sich ein Teil von mir, ob es einfach schwarze Locken sind, die mich magisch anziehen. Aber obwohl beide nach objektivem Maßstab attraktiv sind, bin ich mir sicher, dass ich keinen der zwei in meinen Träumen antreffen werde.
Sandra scheint meine Blicke zu bemerken und kichert. „Wir sind Zwillinge, wenn auch zweieiig, aber das hat sich nur bei unseren X- und Y-Chromosomen bemerkbar gemacht.“ Anscheinend hat sie meine Blicke nicht so ganz richtig gedeutet, was mir nur recht ist. „Als wir das durchmachen mussten, mit unserem Stiefvater … wir konnten uns da gegenseitig rausziehen, bis wir offizielle Therapieplätze hatten. Wir wollten hier eine Plattform schaffen, die Anderen die gleiche Chance gibt.“
Das mit unserem Stiefvater … ich kann mir nur zu genau denken, was sie meint. Mein Magen will schon wieder revoltieren und ich konzentriere mich auf ihre Haare, denke bewusst an andere schwarze Locken, an unser Geplänkel beim Frühstück und eine halbgeknurrte Antwort auf meine Neckerei.
Einfach. Nur. Tom.
Mein Magen beruhigt sich sofort. Wow! Diese Erkenntnis muss ich erst einmal verarbeiten, ich höre Richard daher nur halb zu.
„Lass ihn erst einmal, Sandra!“ Richard kommt auf mich zu. „Mickey, richtig? Also, du musst nichts sagen, bei deinem ersten Treffen, wenn du nicht bereit dazu bist. Aber unter uns, Männer sind in der Unterzahl, und die meisten hier sind Opfer von Männern. Es wird jeder respektieren, wenn du schweigst, aber die Anderen werden sich dir gegenüber sehr distanziert verhalten, bis sie wissen, dass du wirklich dazugehörst. Nur, damit du das dann zuordnen kannst … Wie gesagt, es ist dein Recht erst einmal nicht darüber zu reden, was dir passiert ist.“
„Wer lässt hier wen, Ricky? Bau bloß keinen Druck auf, Bruderherz!“ Sandra knufft ihren Bruder in die Schulter. „Hilf mir lieber!“
„Was denn? Ich habe doch bloß gesagt …“
„Zuviel!“ schneidet ihm seine Schwester das Wort ab.
Ich mag die beiden. Vielleicht wird das alles ja weniger unerträglich als befürchtet. Und ich habe eine Zauberformel gefunden, um meinen Magen unter Kontrolle zu bekommen.
Einfach. Nur. Tom.
***
Es sind über zwanzig Leute, die schließlich nach und nach eintreffen. Meine Idee von Selbsthilfegruppen basiert bislang auf dem, was ich im Fernsehen gesehen habe und ich habe so etwas wie einen Stuhlkreis erwartet. Stattdessen gibt es einen runden Tisch, und auf einem weiteren Tisch an der Seite häufen sich Kaffee, Tee und Selbstgebackenes, welches die Teilnehmer nach und nach herbeitragen.
Das Zusammenleben meiner Familie war seit dieser Geschichte mit meinem Onkel alles andere als normal. Ich musste wohl oder übel lernen, für mich selbst zu sorgen. Ein Vorteil davon ist, dass ich die italienisch inspirierte Küche meiner Oma erlernt habe und ihre Art zu backen. Die Mutter meines Vaters war ein kleines Element der Normalität im Nagsville nach Onkel Michael. Zumindest stundenweise konnte ich zu ihr fliehen und dem Kreislauf aus Vorwürfen und Streit meiner Eltern entkommen. Beim nächsten Mal könnte ich ihren berühmten Versunkenen Apfelkuchen beisteuern, wenn Tom mich in seiner Küche arbeiten lässt.
Was zum Henker denke ich da? Ich bin nur wegen des Falls hier oder bei Tom. Wahrscheinlich gehört beides nächste Woche bereits der Vergangenheit an.
Wie Richard angedeutet hat, bin ich zunächst nur das Ziel skeptischer Blicke. Aber ich kann es niemandem übel nehmen, es bestätigt nur meinen Verdacht, dass mir niemand dieser Leute auch nur eine einzige Information geben würde, wenn ich als Polizist hier wäre. Was mich jedoch viel mehr stört, ist das Gefühl, diese Menschen zu hintergehen. Sie sind bereits Opfer, sie hätten Ehrlichkeit, wenn schon nichts anderes verdient. Wenn allerdings möglicherweise der Mörder von Lilly und den anderen sechs Frauen hier unter ihnen ist, wäre Ehrlichkeit ein gefährlicher Fehler. Unser einziger Vorteil ist, dass bislang niemand auch nur erahnt, wie viel wir tatsächlich wissen. Bislang bemühen wir uns darum, den Eindruck zu erhalten, wir würden in einem Einzelfall, mit augenscheinlich persönlichen Motiven, ermitteln.
Zwei der Frauen entsprechen optisch dem Profil unseres Opfers, Marcy und Linda. Marcy ist jedoch vermutlich zu alt, um in das Opferprofil zu passen, sie sieht eher aus wie Ende dreißig, aber darauf möchte ich mich zum jetzigen Zeitpunkt nicht verlassen. Zum Teufel mit den ausschließlichen Vornamen, in L.A. gibt es unzählige Marcys und Lindas, wie sollen wir da die vollständige Identität der Frauen erfahren, die möglicherweise auf der Liste des Mörders stehen, ohne mein Cover fallen zu lassen?
Die Gruppenmitglieder plaudern zum Teil locker miteinander, andere scheinen eher zurückhaltend oder isoliert zu sein. Linda gehört zu der zweiten Gruppe, und ich wage es nicht, auf sie zuzugehen. Wenn ihr Trauma frisch ist, möchte ich nicht riskieren, ihr durch meinen scheinbaren Annäherungsversuch noch mehr Probleme zu machen. Ich scanne also die Gruppe nach potenziellen Kandidaten für unseren Täter, da wir keine genaue Ahnung haben, wie er oder sie aussieht, käme die Hälfte der Gruppe infrage. Knapp gesagt alle, die alt genug sind, um vor sechzehn Jahren getötet zu haben. Großartig!
Mein Magen knurrt wenig dezent, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich das Risiko eingehen will, etwas zu essen, bevor ich den offiziellen Teil des Treffens überstanden habe. Es ist also wieder nur Tee auf meinem Speiseplan vorgesehen, doch ich bin so mutig, ihn mit Sahne und Zucker zu verrühren. Er schmeckt jetzt wie Fudge und er gibt mir ein klein wenig Energie zurück.
Mir ist längst klar, dass ich sprechen muss. Dass Richard sagt, ich müsse nichts erzählen heute, ist irrelevant. Ich brauche das Vertrauen dieser Menschen so schnell wie möglich. Ja, nur keinen Druck aufbauen!
Richard eröffnet schließlich das Treffen ganz unspektakulär, indem er fragt, ob jemand etwas Neues zu erzählen hat. Wieder treffen mich skeptische Blicke, ich bin eine unbekannte Größe und somit ein Störfaktor. Spätestens damit steht fest, dass ich meine Geschichte teilen muss. Das hier soll diesen Menschen helfen, ihr Trauma zu verarbeiten, sie sollen sich frei fühlen und frei reden. Von unserem Fall ganz abgesehen.
Wenn der Mörder wirklich ein Mitglied dieser Gruppe ist, wird es allen anderen Mitgliedern einen weiteren Schock versetzen. Manchmal hasse ich meinen Job.
Eine ältere Frau bricht nach einigen Augenblicken des Schweigens letztendlich die Stille. Ihr Namensschild weist sie als Margret aus. „Ich habe endlich einen Therapieplatz bekommen, nach zwei Jahren Wartezeit. Aber ich würde gerne weiterhin herkommen.“
Einige in der Gruppe gratulieren ihr. Sandra lächelt sie an. „Natürlich Margret, wir würden deinen Käsekuchen vermissen.“ Ich bezweifle, dass es um den Kuchen geht, aber Margret errötet und wird scheinbar einen halben Kopf größer, ihrer Körperhaltung nach zu urteilen. Es war wohl genau das, was sie hören musste. Es ist seltsam, wie einfach man die meisten Menschen glücklich machen kann, wenn man nur versteht, wie. Zum Beispiel, indem man ihnen ein T-Shirt in ihrer Lieblingsfarbe leiht.
Einfach. Nur. Tom.
Diese drei Worte werden zu meiner Zauberformel, ich hole tief Luft und stehe auf. Ich bin mir jedes einzelnen Augenpaares bewusst, das auf mich gerichtet ist. Lass uns von Druck reden … Das hier ist eine Schnapsidee!
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