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Christoph Engelhard

Memmingen

Kleine Stadtgeschichte


Gewidmet den Memminger Bürgern Paul Hoepp, Adam Bechtinger, Hans Lutz, Georg Lamprecht und Georg Teufel, die am 11. Juni/4. Juli 1525 zum Tode verurteilt und auf dem Marktplatz hingerichtet wurden.

BIBLIOGRAFISCHE INFORMATION DER DEUTSCHEN NATIONALBIBLIOTHEK

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Tel. 0941/920220 | verlag@pustet.de

ISBN 978-3-7917-3275-6

Reihen-/Umschlaggestaltung und Layout: www.martinveicht.de

Satz: Vollnhals Fotosatz, Neustadt a. d. Donau

Druck und Bindung: Friedrich Pustet, Regensburg

Printed in Germany 2021

eISBN 978-3-7917-6206-7 (epub)

Unser gesamtes Programm finden Sie im Webshop unter

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Inhalt

Vorwort

Vor- und Frühgeschichte: Erste Siedlungsspuren im Memminger Raum

Naturkundliche Grundlagen / Keltische und römische Spuren

Stadtwerdung: Memmingen im Früh- und Hochmittelalter

Welfischer Herrschaftssitz / Herzog Welf VI. / Kirchen und Spitäler in der staufischen »Civitas« / Benninger Wunderhostie und Memminger Heiltum / Privilegierung der Stadt / Stadtrecht und Bürgerrecht / Freie Reichsstadt / Diskriminierung der Juden

Zünftisch verfasste Reichsstadt: Memmingen im späten Mittelalter

Zunftverfassung / Zentral- und Gerichtsort im Netz schwäbischer Städte / Stadtgestalt / Heilig-Geist-Spital / Wirtschaft / Kirche, Kunst und Kultur / Hans, Ivo und Bernhard Strigel / Petrus Mitte de Caprariis / Verfassungskonflikte zwischen Kaufleuten und Handwerkern / Albrecht Kunne / Erhard Vöhlin und Elisabeth Lauginger

Aufbegehren des »gemeinen Mannes« und Reform des Kirchenwesens: Memmingen im Reformationszeitalter

Ludwig Vogelmann / Religionsgespräch / Bauernaufstand / Christoph Schappeler und Sebastian Lotzer / Zwölf Artikel / Oberdeutsche Reformation / Eberhard Zangmeister / Lutherische Reformation

Gesellschaftliche Stagnation und große Not: Memmingen zwischen Reformation und Dreißigjährigem Krieg

Karolingische Verfassung / Simultaneum zu Unser Frauen / Stadtregiment zwischen Krisenbewältigung und Ordnungspolitik/ Landeshoheit und Freie Pirsch / Lutz von Freyburg / Dreißigjähriger Krieg

Wirtschaftliche Erholung und bescheidene Blüte: Memmingen im späten 17. und im 18. Jahrhundert

Spanischer Erbfolgekrieg / Innerstädtische Spannungen / Barock in Stadt und Land / Handelsgesellschaften / Kulturelle Glanzlichter / Manufakturen und gesellschaftliche Spannungen / Künersberger Fayencen

Mediatisierung der Reichsstadt und Randlage in Bayern: Memmingen im frühen 19. Jahrhundert

Napoleonische Kriege und Mediatisierung / Stadtverfassung im Kurfürstentum / Neue Kriegsgefahren / Munizipalverfassung / Wirtschaftliche Auswirkungen / Konfessionelle Veränderungen / Reform des Schulwesens / Fürsorge und Armenpflege / Wiederherstellung kommunaler Selbstverwaltung / Elias Küchlin / Biedermeierliche Stagnation / Caroline Rheineck und Amalie Rehm

Aufbruch in eine neue Epoche: Memmingen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert

Aufbruchstimmung / Landwirtschaftsfest / Anschluss ans Eisenbahnnetz / Eisenbahnkomitee / Gesellschaftlicher Zusammenhalt / Freiwillige Feuerwehr / Ende der Staatskuratel / Modernisierung der Infrastruktur / Julius von Roeck / Bildungs-, Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum / Konfessionen und Religionen / Albrecht Gerstle / Wohnen und Arbeiten / Höhepunkt und Krise zur Jahrhundertwende / Vom Bachabschlagen zum Fischertag / Wechsel im Bürgermeisteramt / Baugenossenschaften / Johann Pfeffer

Revolution – Republik – Diktatur: Memmingen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Erster Weltkrieg / Revolution und Räterepublik / Hedwig Hildenbrand und Marie Köberle / Georg Dannecker / Wirtschaftliche Entspannung in politisch unruhiger Zeit / Jahrmarkt / Veränderungen im Bildungs- und Sozialsektor / Schlacht- und Viehhof / Konfessionelle Spaltung der Gesellschaft / Emil Kerler und Friedrich Wilhelm Göppel / Weltwirtschaftskrise / Ende der Demokratie / Arbeitsbeschaffung und Siedlungsbau / Diktatur und Ausbau der öffentlichen Infrastruktur / Fliegerhorst / Eingemeindungsversuche und Verlust der Kreisfreiheit / Verfolgung von Juden und Vernichtung »unwerten« Lebens / Anpassung und Widerstand / Zweiter Weltkrieg

Nachkriegszeit: (Wieder-)Aufbau in Memmingen nach 1945

Stadtverwaltung und Stadtpolizei / Versorgung von Displaced Persons, Flüchtlingen und Vertriebenen / Entnazifizierung und Demokratisierung / Kunst und Kultur / Wiederherstellung einer freien Presse / Kreisfreiheit und Gemeindepolitik / Ausbau der Infrastruktur im »Wirtschaftswunder« / Kriegsgedenken und Völkerverständigung / Vom Frühlingsumzug zum Kinderfest

Eine Stadt im Wandel: Memmingen im vergangenen halben Jahrhundert

Parteien im Stadtrat und Oberbürgermeister im Rathaus / Bildungsreform / Gebietsreform / Altstadtsanierung / Memminger »Hexenprozesse« / Frauen in der Politik / Auf dem Weg zum Oberzentrum / Landesgartenschau / Landestheater Schwaben / Autobahnkreuz, Airport und Elektrifizierung der Bahn / Klinikum

Ausblick

Anhang

Zeittafel / Eingemeindete Orte / Karte von Memmingen / (Ober-)Bürgermeister, Landräte und Abgeordnete seit 1804 / Literaturhinweise / Orts- und Personenregister / Bildnachweis

Vorwort

Die vorliegende »Kleine Stadtgeschichte« unterscheidet sich von den früheren Stadtchroniken (von Jakob Friederich Unold und Christoph Schorer) und der großen »Stadtgeschichte« (Von den Anfängen bis zum Ende der Reichsstadtzeit/Vom Neubeginn im Königreich bis 1945) dadurch, dass sie holzschnittartig versucht, die Geschichte eines Gemeinwesens zu umschreiben, das unter dem Namen »Memmingen« wohl irgendwann im 11. Jahrhundert das Licht der Welt erblickte und zur Heimat von Frauen und Männer wurde – zunächst unter dem Dach des Heiligen Römischen Reiches, dann in einem Flächenstaat, der sich Bayern nennt, aber auch Franken und Schwaben zu seinen Bewohnern zählt. Dabei können nicht alle Besonderheiten und Kuriositäten im jahrhundertewährenden Gang einer Stadt durch die Geschichte aufgezählt werden.

Auch möge man dem Verfasser verzeihen, dass nur einiger weniger Personen namentlich gedacht werden kann – und wie so oft am allerwenigsten der vielen namenlosen Frauen und Männer im sozialen Dienst für ihre Mitmenschen. Unberücksichtigt muss auch das Leben einiger kreativer Menschen bleiben – wie der Modeschöpferin Lieselotte Hauser (1912–2004) oder des Erfinders Elias Bilgram (1724–1803) sowie all der Persönlichkeiten, die außerhalb Memmingens Großes vollbracht haben: der Kaufmann und Chronist Burkhard Zingg (1396– 1474/75), der Ulmer Bürgermeister und Hauptmann des Schwäbischen Bundes Wilhelm Besserer (gest. 1503), der Leipziger Mathematikprofessor Johann Hommel (1518–1562), der Juraprofessor zu Ingolstadt und Reichsvizekanzler Johann Baptist Weber (1526–1584), die Barockdichterin Sibylla Schuster (1639–1685), der Barockmaler Johann Heiß (1640–1704), der Weltreisende Martin Wintergerst (1670–1728), der russische Staatsrat Jakob von Stählin (1709–1785), der Sandmaler Benjamin Zobel (1762–1831) am britischen Königshof, der Bildhauer Johann Georg Leeb (1790–1863), der sudetendeutsche Geschichtsschreiber Constantin von Höfler (1811–1897), der Alpinist Anton Spiehler (1848–1891), Generalleutnant Paul Ritter von Köberle (1866–1948) oder der Lautenspieler Oskar Besemfelder (1893–1965).

Memmingens Bewohnerinnen und Bewohner waren und sind weltläufig – und nicht nur auf ihre eigene unmittelbare Lebenswelt fixiert, wie der Leser/die Leserin folgender Mär vermeintlich denken könnte: Einst rief ein Memminger Mädchen in Lindau beim Aufgang des Mondes: »Gucket, dau isch dr Mengemer Mau!« Und vor allem: Den Menschen der »Maustadt« ist im Strom der allgemeinen Geschichte gelungen, im Spannungsfeld zwischen Einzel-/Gruppeninteressen und den Bedürfnissen einer Bürgerschaft Einzigartiges zu entwickeln, ehe globale Krisen wie die Erwärmung der Erdatmosphäre, die auch damit einhergehenden Flüchtlingsbewegungen (nicht erst 2015) und nicht zuletzt die Corona-Pandemie (2020/21) auch in Memmingen Spuren hinterließen, deren Tiefen sich noch nicht abschätzen lassen.

Blick vom Martinsturm auf Memmingens Marktplatz mit Steuerhaus, Rathaus und Großzunft

Vor- und Frühgeschichte: Erste Siedlungsspuren im Memminger Raum
Naturkundliche Grundlagen

Seinen »Mineralogischen Briefen« legte 1805 der ehemalige Kanzleidirektor der Reichsstadt Memmingen und nunmehrige Bergkommissar, Friedrich von Lupin (1771–1845) eine »petrographische Charte« bei, mit der er im Raum Schwaben und Tirol die Gebirgszüge und die dort zu findenden Gesteinsarten beschrieb. In den folgenden Jahrzehnten kam die Forschung zur Erkenntnis, dass der Gebirgsbildung in der Tertiärzeit vor 2,4 Millionen Jahren im Quartär diverse Klimaschwankungen folgten; abfließendes Wasser aus dem Lech-Iller-Gletscher trug zur typischen Nordsüdgliederung des Memminger Landes bei, bis sich schließlich nach dem Rückzug des Gletschers vor 18.000 Jahren die für das Voralpenland so typischen Moränen der Gletscher und daran anschließende Schotter-Terrassen auf Molasse bildeten und den großen Wasserreichtum (samt einiger Heilquellen) begründen.

Auf diesen geologischen Gegebenheiten bildete sich eine Flora, die in den vergangenen Jahrhunderten mehrfach intensiv erforscht wurde, u. a. von Pfarrer Christoph Ludwig Köberlin (1794–1862), Apotheker Julius Rehm (1830–1887) und Arzt Dr. Christoph Huber (1830–1913). Sie entdeckten so manche botanische Seltenheit, darunter Gelber Lein, Schachbrettblume, Gauklerblume und Frauenschuh sowie die Riednelke (Armeria purpurea) unterhalb des Memminger Trockentales im Hochmoor des heute sog. Benninger Riedes.

Dieses Ried besitzt mit der Memminger Ach (Stadtbach) sowie dem Haienbach östlich von Memmingen zwei Abflüsse nach Norden in Richtung Iller. An diesem wasserreichen Ort, der sich – anders als die höheren und niederschlagsreicheren Zonen weiter südlich – auch für den Anbau von Feldfrüchten gut eignete, siedelten sich Menschen an. Damit begann in einer noch weitgehend schriftlosen Zeit die Geschichte Memmingens und die Umgestaltung eines Naturraumes zu Kulturlandschaft und Siedlungsraum, dem so manche Tierart (z. B. der Bär) gewichen ist.

Bei ersten Grabungen an Hügelgräbern bei Volkratshofen fand Studienlehrer Jakob Friedrich Unold 1823 verschiedene Grabbeigaben. Die Fundstücke wurden 1882 der neuen Memminger Altertumssammlung (heute Stadtmuseum) übergeben.

Keltische und römische Spuren

Wohl im Zusammenhang mit Illerübergängen stehen die keltischen Nekropolen aus der Hallstattzeit bei Tannheim, Buxheim und Volkratshofen aus dem 8. bis 5. Jh. v. Chr. Dabei handelt es sich wahrscheinlich um Grabplätze für Angehörige der Oberschicht, die in Holzkammern unter aufgeschütteten Hügeln samt Waffen, Schmuck und Keramikgefäßen (für Nahrungsmittel) bestattet wurden; Überreste von Gehöften mit Wohn-, Stall- und Vorratsgebäuden wurden im Memminger Raum bislang nicht gefunden.

Nur wenige Spuren hinterließen hier auch die Vindeliker. Im Jahr 15 v. Chr. eroberten die Stiefsöhne von Kaiser Augustus, Tiberius und Drusus, das vindelikische Alpenvorland. Funde zeugen von der Bewirtschaftung und Kultivierung des Landes: Münzen in Kellmünz und auffällig häufig an weiteren Stellen, eine villa rustica in Amendingen aus dem 2./3. Jh. n. Chr., Haushaltsgegenstände im Bereich des Antonierhauses aus ebenjener Zeit, Reste eines Ziegelofens und eines Bades am Königsrain bei Dickenreishausen.

Mitglieder der Anthropologischen Gesellschaft (ab 1887 des Altertumsvereins) machten sich im späten 19. Jh. auf, die Vor- und Frühgeschichte im weiten Umkreis um Memmingen zu erforschen. Sie entdeckten einen römischen Burgus aus der Zeit Kaiser Valentinians auch im Bereich der Martinskirche, berichteten solches dem Generalkonservatorium der Kunstdenkmale und Altertümer Bayerns, unterließen jedoch eine exakte Vermessung der Fundstelle, um den Fund und seine tatsächliche Datierung und Bedeutung nachvollziehen zu können. Moderne archäologische Grabungen haben gezeigt, dass in der römischen Spätantike von einer kleinräumigen Besiedlung (villae rusticae, burgi) auszugehen ist. An der Handelsstraße von Caelio monte (Kellmünz) nach Cambodunum (Kempten) dürfte auch in Memmingen eine solche römische Siedlung gewesen sein, bis Alemanneneinfälle ab der Mitte des 3. Jhs. zur allmählichen Aufgabe römischer Kastelle und Villen zwangen. Man geht davon aus, dass zur Mitte des 5. Jhs. das Ende der Römerherrschaft in Schwaben besiegelt war.

Stadtwerdung: Memmingen im Früh- und Hochmittelalter

Orte wie Memmingen, Amendingen, Benningen, Heimertingen oder Woringen (»-ingen«) ordnet die Ortsnamensforschung in die Zeit der Landnahme durch »Alamannen« bzw. »Sueben« ein – schrittweise ab der zweiten Hälfte des 5. Jhs. Der Ortsname »Memmingen« soll dabei auf eine Person namens Mammo verweisen. Die Alemannen stießen auf eine keltoromanische Mischbevölkerung, die im Memminger Raum so manche römische Siedlungstradition fortführte. Im Zuge der weiteren »fränkischen Staatskolonisation« erschloss man in den etwas südlicher gelegenen Gegenden durch Rodungen neue Orte (Ortsnamen mit »-hofen« und »-hausen«).

Für die Christianisierung sorgten zur Mitte des 8. Jhs. Missionare aus Sankt Gallen. Das karolingische Kloster Kempten am östlichen Rand des Bistums Konstanz hatte in Königin Hildegard, der zweiten Frau Karls des Großen, eine große Wohltäterin, deren Wirken bis nach Memmingen ausstrahlte. Jahrhunderte später wurde die Heilige Hildegard neben dem Gaul in der Wiege, dem Basilisk, dem Grünen Teufel, der Blauen Saul, der Wasserkunst und dem Siebendächerhaus zu einem der sieben Wahrzeichen Memmingens.

Vergleichbar dem Kloster Kempten entwickelte sich auch das im Bistum Augsburg gelegene Kloster Ottobeuren ab dem letzten Drittel des 8. Jhs. zu einem Reichskloster inmitten wachsender Siedlungstätigkeit (Ortsnamen mit »-heim«) samt einer ausdifferenzierten Kirchenorganisation, die neben Marien- auch zahlreiche Martinspatrozinien kennt.

Welfischer Herrschaftssitz

Memmingen wird – anders als so mancher Ort der Region – in Urkunden des 8. Jhs. nicht genannt, wenngleich die verkehrsgeografische Lage Memmingens doch für eine durchgehende Siedlungskontinuität und die Existenz eines Königshofes sprechen würde.

Eine Traditionsnotiz auf Pergament zum Gründungsvermögen des Benediktinerklosters Ochsenhausen, ausgestellt am 26. März 1128, berichtet, dass am 31. Dezember 1099 die vier Schwestern von Hawin, Adelbert und Konrad, der Söhne Hattos von Wolfertschwenden, auf einem welfischen Hoftag in deren Ochsenhausener Klosterstiftung einwilligten. Herzog Welf IV. von Bayern hatte dazu seine »comprovinciales« ins (erstmals erwähnte) »oppidum mammingin« geladen. Memmingen war somit ein Ort von Rechtsgeschäften und ein Zentrum welfischer Herrschaft, die von Weingarten-Ravensburg über Memmingen und Kaufbeuren bis nach Schongau reichte. Am westlichen flachen Hang des Memminger Trockentales dürfen wir einen befestigten Herrensitz annehmen. In seiner unmittelbaren Umgebung (»Herrenstraße«) gingen Ministerialen, Handwerker und Handelsleute innerhalb eines »umfriedeten Raumes« ihren Diensten bzw. Tätigkeiten nach.

Die »Historia Welforum« erzählt von bewaffneten Auseinandersetzungen der Welfen mit den staufischen Herzögen. Es ging um die Macht in Schwaben und um die deutsche Königskrone. Um 1130 ließ Stauferherzog Friedrich II. von Schwaben Memmingen niederbrennen; bei Grabungen stoßen die Archäologen bisweilen auf eine entsprechende Brandschicht. Dieses einschneidende Ereignis bedeutete aber nicht das Ende der Siedlung. »In villa nostra Maemingen« fertigte Heinrich der Löwe, Herzog von Sachsen, 1142 eine Schenkungsurkunde aus – zur Vergebung seiner und seines Vaters Sünden im Kampf um die Macht. 1151 traf sich derselbe in Memmingen mit seinem Onkel Welf VI. und mit Stauferherzog Friedrich, um den Streit zwischen Staufern und Welfen zu beenden.

Während 1152 Friedrichs Sohn Friedrich Barbarossa den deutschen Königsthron bestieg, verstärkten die Welfen ihre Herrschaft in Ostschwaben durch diverse Stützpunkte, zu denen neben Landsberg und München (1158) auch die »villa« Memmingen gezählt werden darf.

PORTRÄT

HERZOG WELF VI.

Eine Burg oder ein Schloss sucht man in Memmingens Geschichte und Stadtbild vergeblich. Das hat auch mit der Emanzipation der Siedlung von ihren frühen Stadtherren zu tun, zu denen an entscheidender Stelle auch ein Herzog aus dem Geschlecht der Welfen zählt, dessen Ursprünge in karolingische Zeit zurückreichen. Welf VI., Enkel des bayerischen Herzogs Welfs IV. und Sohn Heinrichs des Schwarzen wurde 1115 geboren. Durch seinen Vater (seit 1120 Herzog von Bayern) und seine vier Schwestern (verheiratet mit Bregenzern, Staufern, Zähringern und Vohburgern) war sein Leben (in Regensburg) früh mit den bedeutendsten, um die Vorherrschaft in Schwaben rivalisierenden Geschlechtern verbunden. Als der Vater 1126 starb, wurde Welf zum Vertreter des welfischen Besitzes vor allem in Oberschwaben und sein Bruder Heinrich der Stolze (wenig später verheiratet mit einer Tochter des Königs) bayerischer Herzog.

1152 belehnte ihn König Friedrich I. Barbarossa mit dem Herzogtum Spoleto und der Markgrafschaft Tuszien (Toskana), um das Reich gegen die Ansprüche des Papstes abzusichern. Zweimal nahm Welf an Kreuzzügen ins Heilige Land teil. Die »Historia Welforum« berichtet von prachtvollen Festen Welfs VI. in Memmingen und andernorts; den Klöstern und Künstlern gegenüber zeigte er sich wohlgesonnen. Seinem Wunsch gemäß bestattete man ihn 1191 im Kloster Steingaden.

Eine »muralia« aus Kalktuffsteinen, wohl im frühen 13. Jh. vollendet und 1270 erstmals in den Quellen erwähnt, schützte die Siedlung, die man von Osten am Heilig-Geist-Spital vorbei betrat, und die bis zum heutigen Weinmarkt reichte. Im Stadtbild dominierten damals neben einigen Wohntürmen vor allem Fachwerkbauten – um den Kirchhof von Sankt Martin herum und am Marktplatz. Südlich von Memmingen stand eine der Gottesmutter Maria geweihte, 1258 erstmals erwähnte Kirche, deren Patronatsrechte ebenso wie bei Sankt Martin zunächst in der Hand des Königs lagen.

Herzog Welf VI. (um 1115/16–1191) stiftete vor seiner Reise 1167 ins Heilige Land »extra muros«, also außerhalb der Memminger Stadtmauern, ein kleines Benediktinerkloster iroschottischer Ausprägung. Nach dem Tod seines einzigen Sohnes zog er sich aus dem Konflikt mit den Staufern zusehends zurück und übergab seinen Besitz 1178 dem Stauferkaiser, um ihn zeitlebens als Lehen übertragen zu erhalten. Memmingen blieb ein bevorzugter Aufenthaltsort des Herzogs bis zu seinem Tod am 15. Dezember 1191.

Alljährlich zogen Bürgerschaft und Geistlichkeit der Reichsstadt am Tag des Heiligen Gregorius (12. März) mit einer Wunderhostie (»Heiltum«) um die Stadt. Das Gemälde Johann Friedrich Sichelbeins zeigt im Hintergrund die Silhouette Memmingens im ausgehenden 17. Jh.

Kirchen und Spitäler in der staufischen »Civitas«

An strategisch wichtigen Verkehrsknotenpunkten gründeten die Staufer planmäßig Städte; aus dem »oppidum« und befestigtem Marktort Memmingen wurde eine »civitas«. Zu Beginn des 13. Jhs. übergab Reichslandvogt Heinrich von Neuffen ein noch kleines Spital (damals noch vor den Mauern der Stadt) an die Chorherren vom Heiligen Geist (Regularkanoniker mit Augustinusregel und Ordenszentrale in Santo Spirito in Sassia/Rom).

HINTERGRUND

BENNINGER WUNDERHOSTIE UND MEMMINGER HEILTUM

Neid stand am Anfang des Geschehens. Ein Müller sah, wie sein Nachbar einen höheren Ertrag einfuhr. An Gründonnerstag des Jahres 1215 legte er erstmals eine Hostie ins Mühlwerk seines Konkurrenten. Der Frevel blieb ebenso wirkungslos wie ein zweiter Versuch am Gregoriustag 1216. Stattdessen rief eine Stimme »Hier wird zermahlt das höchste Gut«. Aus der nun geborgenen Hostie floss in den Händen des herbeigeeilten Benninger Pfarrers Blut – ein Wunder, das sich später nochmals wiederholte, als der Augsburger Bischof die Hostie in eine silberne Monstranz fasste.

Die Hostie wurde mit Einwilligung des Ottobeurer Abtes nach Sankt Martin in Memmingen transferiert, damit sie möglichst viele Menschen in ihrem Glauben und Leben stärke. Man schrieb ihr einige Wunder zu. Jährlich am Gregoriustag (12. März) führten Geistliche und Bürger fortan das sog. Heiltum in einer Prozession um die Stadt herum.

Nach einer Visitation 1444 verkündete der Augsburger Bischof ganz im Sinne des päpstlichen Legaten und Theologen Nikolaus von Kues, dass man das Heiltum nicht mehr als ein Sakrament, sondern als eine Reliquie verehren dürfe. Als sich 1494 König Maximilian mit Herzögen, Gesandten und Königinnen, darunter seine zweite Ehefrau Bianca Maria Sforza, der Reichsstadt näherte, trug man ihm gleichwohl das Heiltum als wichtigsten Schatz der städtischen Gemeinschaft entgegen.

Fast zeitgleich mit der Ankunft des Heilig-Geist-Ordens verlieh König Friedrich 1214 dem Antoniterorden das Patronat zu Sankt Martin. Die Antoniter widmeten sich seit Ende des 11. Jhs. als geistliche Bruderschaft mit Sitz im südfranzösischen Saint Antoine der Behandlung des »Heiligen Feuers« oder »Antoniusfeuers« (Pilzvergiftung/Ergotismus), das nach dem Genuss von Mutterkorn Blutgefäße verengte oder halluzinogene Bewusstseinszustände auslöste. Unweit der Pfarrkirche, möglicherweise am Ort des einstigen welfischen Herrschaftssitzes, erstand ein Hospital, dem sich Personen überwiegend aus dem Bistum Augsburg anvertrauten. Zur Finanzierung des Vorhabens standen der Memminger Generalpräzeptorei die »Antoniusscheine« sowie die Quest (Almosensammlungen) aus den Diözesen Augsburg, Chur, Trient, Eichstätt, Prag, Olmütz und zeitweise auch weiterer osteuropäischen Diözesen zu.

Zu den iroschottischen Benediktinern von Sankt Nikolaus vor der Stadtmauer und den beiden Spitalorden gesellten sich weitere Klöster: Die Augustinerinnen nach der Regel des heiligen Augustinus (Elsbethenkloster) kurz vor 1256 (damals noch vor den Mauern der Stadt) und die Augustiner-Eremiten um 1280 unweit des Marktplatzes.

Privilegierung der Stadt

Im Oktober 1268 ließ Karl von Anjou den letzten staufischen Herzog von Schwaben Konradin auf dem Marktplatz von Neapel hinrichten. Damit war Schwaben herrenlos. In Memmingen konnte sich nun eine »universitas civium« als eigene Rechtspersönlichkeit gegenüber dem König und seinem Vertreter vor Ort, dem Ammann, emanzipieren. Erster Beleg dieser Entwicklung war 1270 ein eigenes »sigillum civitatis« (Stadtsiegel).

Der erste Habsburger auf dem Königsthron, Rudolf I. von Habsburg, versuchte verloren gegangene Besitztümer und Rechte des Reiches wieder geltend zu machen. Im Rahmen dieser Revindikationspolitik etablierte er Reichslandvogteien, darunter diejenige für Oberschwaben mit dem Allgäu und den Gebieten vom Oberlauf des Lechs bis hinunter zu den regionalen Metropolen Augsburg und Ulm (späteres »Vorderösterreich«).

Gleichzeitig befreite der König die »cives imperii« von den Fesseln der Feudalherrschaft von Adel und Kirche. 1286 garantierte er der Stadt Memmingen, sie weder zu verpfänden – was bei königlicher Finanznot häufig vorkam (1273, 1297, 1339, 1349) – noch zu vertauschen, und verlieh ihr subsidiär die Rechte der Stadt Überlingen. Per Stadtrechtsprivileg König Adolfs von Nassau kamen ab 1296 subsidiär die Ulmer Rechte zur Anwendung. Die Reichsstadt Ulm wurde zu einem wichtigen Orientierungspunkt der Memminger Stadtpolitik, zu dem sich später auch Augsburg und Nürnberg gesellten.

König Rudolf I. von Habsburg verlieh Memmingen 1286 erste Stadtrechte, subsidiär diejenigen der Stadt Überlingen.

HINTERGRUND

STADTRECHT UND BÜRGERRECHT

Die beiden Stadtrechtsprivilege von 1286 und 1296 fixierten einen mehrere Jahrhunderte getrennten Status von (freier) Stadt- und (leibeigener) Landbevölkerung, der erst mit der Aufhebung der Leibeigenschaft (zu Beginn des 19. Jhs.), der Gleichstellung von Stadt- und Landgemeinden und einer allgemeinen Partizipation der Bevölkerung unabhängig von Besitz oder Geschlecht (zu Beginn des 20. Jhs.) ein Ende fand.

Im Zentrum des hochmittelalterlichen Stadtrechts standen das Marktrecht und das Recht auf Immobilienbesitz als wesentliche Merkmale des Bürgerrechts. In die Stadt konnten sich Grundholden aus ihrer Leibeigenschaft befreien, indem sie nicht mehr zur Abgabe des Todfalls gegenüber ihren früheren Herren verpflichtet waren. Sie genossen nun den Schutz der Stadt, waren aber gegenüber der Stadtgemeinschaft zu Wehr- und Wachdiensten sowie Abgaben verpflichtet.

1396 führte Stadtschreiber Marquard Neidhardt aus Ulm die Inhalte der bislang erhaltenen Privilegien zu einer neuen Stadtrechtssammlung zusammen, die verschiedene Rechtsmaterien (u. a. Ahndung von Diebstahl, Totschlag, Mord und Unzucht, Pfändung, Bürger-, Erbschafts- und Vormundschaftsrecht, Zoll und Gült, Gewerbe) systematisierte und bis ins 16. Jh. hinein Gültigkeit behalten sollte.

»Bürger« nannten sich in den ersten Jahrzehnten zunächst nur die Angehörigen der Führungsschicht. Später weitete sich der Kreis auf diejenigen Stadteinwohner, die ein Haus ihr Eigen nannten. Um neu aufgenommen zu werden, mussten eine Aufnahmegebühr bezahlt und ein Bürgereid abgelegt werden. Heiratete ein Bürger eine Leibeigene, erwarb diese gemäß Privileg König Heinrichs VII. von 1312 das Bürgerrecht. Hinzu kamen Pfahl- und Ausbürger, die im Umland wohnten, einen bürgerlichen Status genossen oder als Adelige eng mit den Interessen der Stadt verbunden waren. Anders als die Bewohner des Landes und die Mägde, Knechte und Tagelöhner innerhalb der Stadtmauern waren die Bürger (und ihre Frauen) frei von feudalen Herrschaftsbeziehungen.

Freie Reichsstadt

Auf dem Weg zur Reichsstadt, die allein dem König untertan und somit reichsunmittelbar war, gelang es der Bürgerschaft und ihrem Bürgermeister, das Amt des Ammanns als Träger des Blutbannes an sich zu binden – zunächst 1312 durch ein Vorschlags- und Einspruchsrecht. Die Stadt wurde in ihrer Gemengelage inmitten klösterlicher oder adeliger Herrschaften autonom, beschloss eigene Satzungen, sprach Recht, prägte Münzen, erhob Zölle und betrieb auswärtige Politik. Als Teil eines von König Ludwig dem Bayern geförderten regionalen Städtenetzwerkes übernahm Memmingen auch Aufgaben im Rahmen der königlichen Landfriedenswahrung, indem es Hauptleute bestellte und Straftäter innerhalb einer Sicherheitszone verfolgte. 1354 gebot König Karl IV., dass Memminger Bürger nicht vor sein Hofgericht oder ein Landgericht geladen werden dürfen, sondern nur vor das Stadtgericht zu Memmingen.

Dem Bedeutungszuwachs entsprechend vergrößerte sich das Siedlungsgebiet – durch Einbeziehung der Vorstädte im Osten (Kalchviertel östlich des Spitals) und im Süden (Wegbachviertel einschließlich des Quartiers der Frauenkirche) noch vor Ende des 14. Jhs.

HINTERGRUND

DISKRIMINIERUNG DER JUDEN

Außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft standen die Mitglieder der jüdischen Gemeinde, die im Zusammenhang mit ihrer Besteuerung erstmals 1344 genannt und wenige Jahre später für die Ausbreitung des Schwarzen Todes (Pest) verantwortlich gemacht und getötet wurden. 1348 gewährte König Karl IV. den Memminger Bürgern binnen Jahresfrist »Sühne und Huld«. Erst Jahrzehnte später lebten wieder Juden in der Stadt; doch sorgten antijüdische Predigten und Verschwörungslegenden 1430/40 für ihre Ausweisung. Fortan durften sich Landjuden nurmehr zu bestimmten Zeiten und in Begleitung eines Bürgers in der Stadt aufhalten.

Zünftisch verfasste Reichsstadt: Memmingen im späten Mittelalter

Das Jahr 1347 gilt als epochale Wende in der Memminger Stadtgeschichte; es steht am Beginn einer 200-jährigen Blütezeit, die – trotz einiger Krisen, Kriege und Seuchen – alle wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereiche umfasste und das Bild der Stadt bis zur Mitte des 16. Jhs. nachhaltig prägte. Wurde Memmingen im ausgehenden 13. Jh. mit einigen Freiheiten gegenüber der adeligen Feudalherrschaft des Umlandes privilegiert, erhielten die Bürger der Stadt nun eine verfassungsmäßige Teilhabe an der Gestaltung des Gemeinwesens. Zusammen mit den Familien der Salz-, Wein- und Textilienhändler, die sich zur Großzunft zusammenschlossen, bildeten die Zünfte der Handwerker die Basis der Stadtverfassung. An ihrer Spitze standen Zunftmeister, die die wirtschaftlichen, aber auch politischen und gesellschaftlichen Aufgaben der Zünfte koordinierten.

Als Schwur- und Eidgenossenschaft verpflichteten sich die Bürger zu gegenseitiger Treue und Gehorsam gegenüber dem Stadtregiment sowie zur Begleichung von (Vermögens-)Steuern und (Verbrauchs-)Abgaben zur Finanzierung gemeinschaftlicher Aufgaben. Rat und Amtspersonen erwiderten dies durch Ablage von Amtseiden.

1350 verlieh König Karl IV. das Ammann-Amt an Rat und Bürgerschaft – zunächst befristet, später nach mehrfacher Verlängerung und einjähriger Verpfändung endgültig. Die Kompetenz des Ammanns war von hoher Bedeutung, war er doch seit 1403 Träger des Blutbannes, konnte also ohne Zutun von Reichsgerichten Lebens- und Leibstrafen verhängen. Mit der Verleihung der Blutgerichtsbarkeit 1438 an die Reichsstadt unter Oberhoheit des Königs und seines Vertreters, des Reichslandvogtes, war die Entwicklung Memmingens zur Reichsstadt weitgehend abgeschlossen. Die Stadt hatte einen Sitz im Reichstag, war aber auch zur Zahlung von Reichssteuern und zur Abstellung von Landsknechten (»Reisigen«) für das Reichsheer verpflichtet.

HINTERGRUND

ZUNFTVERFASSUNG

Die ab 1347 geltende Zunftverfassung kennt – nach einigen Jahren der Konsolidierung – elf Handwerkerzünfte, nämlich in der Reihenfolge ihrer Leistungsfähigkeit und Pflicht zur Aushebung von Wehrpflichtigen: Kramer (mit Apothekern, Bleichern, Gürtlern, Seilern, Weinschenken); Metzger; Merzler und Müller; Schuhmacher; Zimmerer und Maurer; Weber; Schneider; Gerber; Bäcker und Bräuer; Schmiede, Schlosser, Uhrmacher und Zinngießer; Lodner und Färber. Die Kaufleute (»Geschlechter«) schlossen sich zur zwölften Zunft, der sog. Großzunft bzw. Gesellschaft zum Goldenen Löwen zusammen.

Der Rat setzte sich aus den zwölf Zunftmeistern und weiteren zwölf von den Zünften vorgeschlagenen Räten zusammen, die jährlich im Frühjahr von den sog. Elfern (Zunftvertretern) gewählt wurden. Die Zünfte bestimmten über die Besetzung der beiden wichtigsten Ämter der Stadt: Bürgermeister und Ammann. Die Amtszeiten waren häufig beschränkt, Wiederwahlen nach ein- oder zweijähriger Amtszeit (so beim Ammann) verboten, um zu verhindern, dass wie bislang wenige Familien zu sehr die Geschicke der Stadt beeinflussten. Bei grundlegenden Entscheidungen fanden sich Rat und Elfer zur Gemeinde zusammen. Sollte die Legitimation von Ratsbeschlüssen nochmals erhöht werden, traten jeweils zwei Vertreter aus jeder Zunft zum Großen Rat hinzu.

Formell besaßen alle zwölf Zünfte gleichermaßen Mitwirkungsrechte am Stadtregiment, waren also die Basis eines als gerecht angesehenen Partizipationsmodells. Die Verfassungswirklichkeit legte allerdings offen, dass sich die Mitglieder der Großzunft weit mehr als Handwerker öffentlichen Aufgaben widmeten bzw. für derartige zeitraubende Tätigkeiten abkömmlich waren. Ihre gesellschaftliche Vorrangstellung kam auch dadurch zum Ausdruck, dass ihre »Bürgerzech« in unmittelbarer Nähe des Rathauses stand, während sich die Versammlungshäuser der Handwerkerzünfte um den Weinmarkt gruppierten.

Mit Brief und Siegel wurde 1347 in Memmingen eine Zunftverfassung eingeführt. Die Pergamenturkunde galt bis 1551/52 als Grundgesetz der Reichsstadt. Das an ihr hängende Wachssiegel zeigt das damalige Stadtwappen: Gespalten, vorn (in Silber) ein durchgehendes (rotes) Tatzenkreuz, hinten (in Gold) ein halber (rot bewehrter schwarzer) Adler am Spalt (seit dem 16. Jh. Seiten gewechselt).

Zentral- und Gerichtsort im Netz schwäbischer Städte

Dem Ausbau einer geordneten königlichen Gerichtsbarkeit diente das seit 1342 quellenmäßig fassbare Landgericht Marstetten, das zunächst in Memmingen tagte, ehe es in der zweiten Hälfte des 15. Jhs. nach Weißenhorn verlegt wurde. Memminger Bürger waren Beisitzer dieses Gerichts, ab 1424 war dieses sogar an die Stadt verpfändet. Sein Einflussbereich reichte vermutlich vom Bodensee und den Alpen bis an den Lech und die Donau, schloss in jedem Falle Oberschwaben und die Herrschaft Eisenburg (Amendingen, Eisenburg, Trunkelsberg, Schwaighausen) mit ein. Nach 1489 trat an seine Stelle die Landvogtei Schwaben, die damals allerdings bereits von einer Reichsinstitution zu einem habsburgischen Herrschaftsinstrument geworden war.

Mit der Legitimation Memmingens als Reichsstadt ging eine Stärkung der Zentralörtlichkeit in der Region einher. Die Stadt sorgte sich um die Handelswege und Illerübergänge. Brücke und Zoll zu Marstetten befanden sich jedoch in der Hand des Truchsess von Waldburg; spätestens 1510/11 errichtete Memmingen bei Egelsee eine weitere Brücke über die Iller.

Um bürgerliche Interessen gemeinsam zu vertreten, das Räuberunwesen zu bekämpfen, Ansprüche benachbarter Adeliger abzuwehren und sich vor Verpfändungen zu schützen, schlossen sich oberschwäbische Städte zu Bündnissen zusammen. Doch waren laut Goldener Bulle von 1356 derartige Städtebünde untersagt. König Karl IV. sah 1370 jedoch Möglichkeiten für ein Landfriedensbündnis gegen die regionalen Rittergesellschaften. Als er aber begann, einzelne Städte an Bayern oder Württemberg zu verpfänden, schlossen sich 1376 14 Reichsstädte einschließlich Memmingen zum Schwäbischen Städtebund unter Führung der Reichsstadt Ulm gegen fürstliche Ansprüche zusammen. Bis 1389 tobte ein Krieg zwischen Städten und Rittern, die sich zu Ritterbünden zusammenfanden – auch um ihrerseits dem Raubrittertum wie auch den Interessen der herzoglichen Familien (Habsburger, Wittelsbacher) Einhalt zu gebieten.

1422 waren Memminger Bürgersöhne an den Feldzügen gegen die Hussiten beteiligt, 1441 »mit der großen Büchs« beim Rachefeldzug im Hegau, 1449 gegen den Grafen Ulrich und 1452 gegen Hans von Rechberg, dessen Feste Ruckburg bei Bregenz ein Memminger Büchsenmeister in Schutt und Asche legte. Im Fürstenkrieg 1458–1463 kämpften Memminger gegen Albrecht Achilles, den Markgrafen von Brandenburg-Ansbach.

1488 zogen wehrpflichtige Memminger Bürger – in Harnisch und blaue Röcke mit Streifen in den Stadtfarben schwarz-rot-weiß gekleidet – nach Brügge, um König Maximilian aus der dortigen Gefangenschaft zu befreien. Der König erinnerte sich wenig später der Solidarität des Reiches und war auch in seiner und des Heiligen Römischen Reichs Stadt Memmingen regelmäßig zu Gast. Ab 1490 war Memmingen eine Station an der ersten organisierten Postlinie zwischen Rom und den Niederlanden.

Um den Landfrieden nachhaltig zu wahren, vereinigten sich 1488 die Reichsstände Schwabens, darunter die großen Territorialstaaten, der Hohe Adel, die Prälaten der Reichsklöster und alle 20 Reichsstädte zum »Schwäbischen Bund«. Seine Organisation mit Versammlung, Räten und Bundeshauptleuten wurde zu einem wesentlichen und beispielhaften Element der Reichsreformen unter den Kaisern Friedrich III. und Maximilian I. Der Bund war aber auch ein habsburgisches Instrument gegen wittelsbachische Expansionsbestrebungen in Schwaben oder gegen die schweizerische Eidgenossenschaft im sog. »Schweizerkrieg« 1499. Ab 1500 bestanden neben Hauptleuten und Bundestag ein Bundesgericht und eine Kasse zur Finanzierung eines Bundesheeres, etwa gegen Herzog Ulrich von Württemberg 1519 oder gegen die aufständischen Bauern in Franken und Schwaben 1525.

Als der Schwäbische Bund 1534 zerbrach, übernahm der zu Beginn des 16. Jhs. errichtete schwäbische Reichskreis vollends Zuständigkeiten in den Bereichen öffentliche Sicherheit, Polizei, Zoll- und Münzwesen, Handelspolitik, Medizinalwesen, Reichssteuern und Landesverteidigung. Neben Fürsten, Adeligen und Klöstern saßen auch städtische Vertreter in den Kreistagen; Direktor des Augsburger Kreisviertels, zu dem u. a. die Reichsstadt Memmingen zählte, war der Bischof von Augsburg.

Stadtgestalt

Eine im oberschwäbischen Vergleich gewaltige Stadtmauer mit einst sieben Toren und 26 Türmen umschloss Memmingen mit seinen etwas mehr als 800 Anwesen. Die Stadtbefestigung erfuhr ab dem späten 14. Jh. zwar keine Erweiterung mehr, jedoch verschiedene Anpassungen an moderne Wehrtechniken. Allerdings stagnierten die Wirtschafts- und Bevölkerungszahlen, vergleichbar der Entwicklung auch in anderen oberschwäbischen Städten. Um 1420 dürften etwa 5.000 Menschen in Memmingen gelebt haben.

In einer Unterstadt gruppierten sich die großen Häuser der Ministerialen und Kaufleuten samt einigen Häusern von Handwerkern im welfisch-staufischen Siedlungskern um Sankt Martin und den Marktplatz. Im Osten war diese verwinkelte Memminger Urzelle schon zu staufischer Zeit um eine Vorstadt planmäßig und für Zwecke des Marktes erweitert worden. Markt und Gesellschaft benötigten einen öffentlichen, besonders geschützten Raum und Friedensbereich. Auswärtige Handelsleute, die dem Stapelzwang unterworfen waren, mussten für ihre Waren Verkehrs- und Verbrauchsabgaben entrichten.

Durch das Kalchtor führte man bayerisches Salz zum Salzstadel und dann weiter durch das Wester- oder das Lindauer Tor ins Württembergische oder an den Bodensee. Südlich von Elsbethenkloster und Kornhaus bestand eine Oberstadt mit vorwiegend kleineren Handwerkeranwesen, Stadtbauernhöfen und Mietshäusern. Sie umschloss das Gerberviertel am Stadtbach und reichte bis zur Frauenkirche und zum südlichen Stadtausgang am Kempter Tor. Eine kleine Niedergassen-Vorstadt schloss sich im Norden an.

Giebelständige, meist verputzte Fachwerkhäuser mit vorkragenden Obergeschossen über markanten Korbbogenfriesen prägten das Memminger Stadtbild. Im Inneren der Häuser teilte ein Durchgang zum Hof das Erdgeschoss in Werkstatt und Laden. Eine schmale Treppe führte in die oberen Geschosse, dessen oberstes in der Regel der Vorratshaltung diente.

Zwischen Ober- und Unterstadt errichteten einige Zünfte am Holz- und Weinmarkt ihre Zunfthäuser – die Gerber 1444, die Weber 1478, die Merzler 1454, die Metzger 1487. Dort erwarben auch die Kramer 1479 ein Haus, das bis dahin den Künstlern Conrad Menger und Ivo Strigel als Werkstatt gedient hatte.

Zu den beiden Spitälern gesellten sich im Spätmittelalter kleinere Pfründehäuser innerhalb und Siechenhäuser vor der Stadt. Einer verbesserten Hygiene dienten einige Badstuben entlang des Stadtbaches oder an Quellen im näheren Umkreis der Stadt.

Verwaltung und Justiz hatten am Marktplatz ihren Sitz – zunächst über den Kramerläden beim Münzturm (»Steuerhaus«). Die hohe Gerichtsbarkeit bedurfte eines Bannbezirkes mit einem freistehenden Gebäude. Vermutlich über der Stadtwaage in der nordöstlichen Ecke des Marktplatzes wurde 1488 eine neue Ratsstube auf der oberen Laube errichtet, von der aus man die Beschlüsse und Satzungen des Rates verkündete; das Archiv mit den Privilegien und Urkunden verblieb im Steuerhaus.

HINTERGRUND

HEILIG-GEIST-SPITAL

Nach einem Brand 1223 ließ der »Spitalmeister« – so hieß der Memminger Klostervorstand – sein Spital neu errichten; zur Finanzierung von Bau und Unterhalt trugen zahlreiche Besitzungen bei, die der Heilig-Geist-Orden durch Stiftungen oder von Pfründnern erhielt. 1341 schenkte der Kaiser dem Orden das Patronat zu Unser Frauen; 1346 folgte die Inkorporation der Pfarrei durch den Augsburger Bischof, wobei bis 1479 kein Ordensmann, sondern ein Weltgeistlicher die Pfarrstelle besetzte.

Vergleichbar der Entwicklung in anderen Städten, gelang es 1365/67 der Reichsstadt, den Vorstand des Klosters aus der Verwaltung des Spitals zu drängen, um – wie es hieß – einen finanziellen Ruin dieser Sozialeinrichtung zu verhindern. Der Kloster- und Spitalkomplex wurde in ein Unterhospital (Spital) mit der Dürftigenstube im Erdgeschoss und in ein Oberhospital (Kloster) mit der Spitalkirche, den oberen Geschossen des Kloster- und Konventbaues sowie allen bis dahin erworbenen Kirchenrechten geteilt.

Das Unterhospital war seither das Zentrum mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Wohltätigkeit mit Spital, Waisenhaus, Pfründenhaus, Krankenhaus und auch einem Brauhaus. Es besaß und erwarb (vor allem zur Mitte des 15. Jhs., dann nochmals 100 Jahre später) zahlreiche Höfe in einem Umkreis von 10 bis 15 Kilometern sowie Gerichts- und Patronatsrechte u. a. in Steinheim, Buxach, Dickenreishausen, Memmingerberg, Frickenhausen, Arlesried und Woringen, sodass Memmingen schließlich in mehr als 30 Dörfern präsent war.

Das Oberhospital (Kloster) blieb dagegen für Spitalangehörige und Gläubige von prägender Bedeutung für ihr religiöses und geistig-kulturelles Leben. In Unser Frauen besaß der Heilig-Geist-Orden die Patronatsrechte – wie auch in Erkheim, Breitenbrunn, Volkratshofen und Holzgünz.

Wirtschaft

Memminger Kaufleute transportierten große Mengen bayerischen Salzes. Im Verbund mit anderen oberschwäbischen Reichsstädten waren sie auch im Handel mit Memminger Leinwand und Barchent in vielen Regionen des Reiches und bis nach Venedig oder in die Niederlande unterwegs.

Der Wohlstand der Memminger Handelsleute Motz, von Kempten, Leutkircher, Egloffer, Ammann, Durracher, Hutter, Rupp, Stüdlin, Tagbrecht, Haintzel, Huith, Ettlinstett, Sättelin, Vöhlin, Zwicker, Besserer, Funk, Stebenhaber, Ehinger, Schütz, Gäb, Raiser oder Keller basierte aber auch auf den grund- und gerichtsherrschaftlichen Geld- und Naturalabgaben aus den Besitztümern im Memminger Umland und ist ablesbar an so manchem Handelshaus in Herren-, Kalch- und Kramerstraße.

Kirche, Kunst und Kultur

Die Kirche Sankt Martin war schon seit Jahrzehnten eine Großbaustelle. Erfahrene Kirchenpfleger aus der Mitte der städtischen Gesellschaft sammelten das nötige Geld. Mit Conrad von Amberg gelang es ab 1404 das Langhaus zu vollenden. Bei der Verlängerung des Langhauses ab 1489 und beim abschließenden Hochchor 1496 kam der Ulmer Münsterbaumeister Matthäus Böblinger zu Hilfe. Nicht bekannt sind der Baumeister des oktogonalen Turmabschlusses von 1538, jedoch die Memminger Instrumentenbauer – Jörg Wier d. Ä. (tätig zwischen 1510 und 1530) und d. J. (um 1485–1549) –, die damals für viele Türmer und Stadtpfeifer in Europa gebogene und gedrechselte Krummhörner herstellten, damit ihre kirchlichen und weltlichen Signale ausreichend Gehör und ihre Musik bei Hochzeiten, Schützenfesten oder in der Fasnacht gefälligen Anklang fand.

Bürgerlicher Wohlstand ermöglichte eine Förderung von Kunst und Kultur. Kraft ihrer finanziellen Möglichkeiten erteilten die Besserer, die Funk, Haintzel, Imhof, Vöhlin und Zangmeister den Bildhauern, Malern und Baumeistern der Stadt Aufträge zur Bemalung der Kirchenwände, zur Aufrichtung von Altären, Gestaltung von Altarbildern oder Fertigung von liturgischen Gerätschaften (»vasa sacra«). Manche Kapelle blieb allerdings den Augen der Öffentlichkeit verschlossen, so die Kirchen der Augustinerinnen zu Sankt Elsbeth (»schwarze Schwestern«) beim Kornhaus und der ab 1444 in der Krankenpflege tätigen Franziskanerinnen bei Maria Garten (»graue Schwestern«) unweit der Frauenkirche.

1475 erhielt Hans Strigel den Auftrag, den neuen Kreuzgang im Elsbethenkloster mit Fresken auszustatten. Die Kreuzigungsszene zeigt im Hintergrund eine Ansicht der Stadt Jerusalem (mit Ähnlichkeiten zur damaligen Reichsstadt Memmingen).

Schon zur Mitte des 15. Jhs. war die neue Augustinerklosterkirche vollendet. Von 1467 bis 1470 erweiterten die Franziskanerinnen ihr Kloster Mariengarten. Ab 1464 wurden Chorgewölbe und Langhaus von Unser Frauen freskiert, 1475 der neue Kreuzgang bei Sankt Elisabeth (Elsbeth). Von 1480 bis 1484 ersetzte Spitalmeister Andreas Aichelberger die alte Spitalkirche durch einen Neubau.

Eine Modernisierung erfuhr 1484 auch die Dreikönigskapelle; 1399 hatte der Bürger Nikolaus Tagbrecht – sein Lebensende vor Augen – hier an der Kalchstraße eine »Kapelle mit ewig Seelgerät und Seelhaus« gestiftet. Aus den grundherrschaftlichen Erträgnissen des Dorfes Lauben verrichteten Geistliche Gebete für das Seelenheil der Stifterfamilie und betreuten Pfleger und Pflegerinnen mindestens vier arme Menschen.

PORTRÄT

HANS, IVO UND BERNHARD STRIGEL

Auf Handelswegen oder den Spuren der Antoniter gelangte so manches Werk der Memminger Künstlerfamilie Strigel in spätgotische Kirchen in Tirol oder Graubünden. Aber auch in Memminger Kirchen sind von Hans Strigel d. Ä. (gest. 1462) herausragende Fresken erhalten, Hans d. J. und Ivo (1430–1516) traten künstlerisch in die Fußstapfen ihres Vaters. In Ivos Werkstatt am Weinmarkt (ab 1479 in der Kalchstraße) wurden Skulpturen geschnitzt und farblich gefasst, Bildnisse vorwiegend religiösen Inhalts gemalt und Altäre gezimmert.

Sein Neffe Bernhard (um 1460–1528) entdeckte neue Möglichkeiten in Komposition, Farbigkeit und Lichtgestaltung. Als Hofmaler Kaiser Maximilians war er in seiner Heimatstadt auch als Zunftmeister und Rat, aber auch als Gesandter in Religionsangelegenheiten unterwegs.

Stadt und Kirche bildeten eine »Sakralgemeinschaft«, sichtbar in der jährlichen Gregorius-Prozession mit dem Heiltum oder in der vierteljährlichen »Großen Spende« für die Armen der Stadt in und vor der Martinskirche. Laien und Klerus waren im Alltag vielfältig miteinander verbunden, am Schwörtag in der Augustinerkirche, bei der Verwaltung des Heilig-Geist-Spitals, in der Verwaltung kirchlicher Stiftungen oder im Wirken der Bruderschaften zum Seelenheil ihrer Mitglieder.

In Memmingen veröffentlichte Stadtarzt Dr. Ulrich Ellenbog (um 1435–1499) eine Schrift über giftige Dämpfe (1473) und eine Anleitung gegen die Pestilenz (1494). Sein Sohn Nikolaus (1481–1543), ein Ottobeurer Benediktiner, gilt neben Konrad Peutinger in Augsburg als wichtigster Vertreter des Humanismus in Schwaben, der mit vielen Größen seiner Zeit, darunter Erasmus von Rotterdam, in regem Austausch stand. Neue medizinische Erkenntnisse und die Enge der Kirchhöfe bei Unser Frauen und Sankt Martin veranlassten den Rat 1529, auf dem Areal des einstigen Schottenklosters vor der Stadt einen neuen »Gottesacker« einzurichten (heute Alter Friedhof); Pestkranke waren schon zuvor außerhalb der Stadt bei Sankt Leonhard begraben worden.

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PETRUS MITTE DE CAPRARIIS

1439 übertrug der Abt zu Saint-Antoine dem bisherigen Gesandten und Ordensvisitator Petrus Mitte de Caprariis (um 1416–1479) die Pfründe des Antoniterspitals in Memmingen. Ohne seine Ordensaufgaben aufzugeben und nach Absolvierung eines Theologiestudiums in Heidelberg vergrößerte der neue Generalpräzeptor ab 1454 das Spital zu einer höchst bemerkenswerten Vierflügelanlage. Die Antoniterkirche (heute Kinderlehrkirche) erhielt ihre heutige Gestalt, die Pfarrkirche Sankt Martin Gewölbe und Fresken. Seine Deutschkenntnisse verbesserte er soweit, dass er auch pastorale Aufgaben übernehmen und zu den Gläubigen predigen konnte. Zeit seines Lebens verwandte Petrus Mitte auch Kraft, Geld und Zeit auf die Förderung von Kunst und Literatur; per Testament wurde seine Studienbibliothek zum Grundstock der Memminger Stadtbibliothek.

Stadtarzt Jakob Stoppel (1470–1535) gab 1519 bei Albrecht Kunne ein Repertorium aller »Meere, Quellen, Flüsse, Berge, Völker, Staaten und Städte der bereits bekannten Welt« in Druck. Darin widmete er einige Absätze auch dem neuen Kontinent »America«.

Verfassungskonflikte zwischen Kaufleuten und Handwerkern

In einer zunehmenden Bürokratisierung der Verwaltung (Kanzlei) sowie einer Verlagerung der Entscheidungskompetenzen von den Zünften hin zum Rat angesichts wachsender wirtschaftlicher Schwierigkeiten und Versorgungskrisen werden die Ursachen für innerstädtische Auseinandersetzungen gesehen, die von 1471 bis 1473 sogar vor das kaiserliche Kammergericht gelangten. Die Familien der Kaufleute beklagten eine zunehmende Ausgrenzung, etwa dadurch, dass der Bürgermeister keine Stimme im Rat habe oder die Zunftmeister vor den Ratssitzungen Vorgespräche führten und gegebenenfalls einzelne Gegenstände von der Tagesordnung nahmen. Im Übrigen würden unfähige Personen zu Reichs- und Städtetagen gesandt und zu großzügig Leibeigene benachbarter Herrschaften ins Bürgerrecht aufgenommen. Die Beschränkung der Verwandtschaft im Rat solle gelockert und das Amt des Kämmerers häufiger auch mit Kaufleuten besetzt werden.

Die Klagen erhielten jedoch letztlich im kaiserlichen Urteil kein Recht. Gleichwohl festigte sich in der weiteren Folge die Vormachtstellung der Geschlechter im Stadtregiment, die sich in ihrer Lebensführung und ihrer Konzentration auf Großhandel und Finanzgeschäfte sowie in ihrem Streben nach herrschaftlichen Rechten dem Landadel annäherten.

Während aus so manchem Landgut ein adeliger Stammsitz wurde, stiegen in der Stadt einige zünftische Familien wie die Zehender, Span, Metzger, Löhlin oder Zangmeister in den Kreis des Patriziats auf. Die Spannungen innerhalb der Stadtgesellschaft verschärften sich; 1519 probten die Weber den Aufstand, da ihnen im Textilverlag mehr Mitsprache verweigert blieb; sechs Jahre später sympathisierte so mancher »gemeine Mann« mit den aufständischen Bauern.

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ALBRECHT KUNNE

Aus Duderstadt im Eichsfeld stammte Albrecht Kunne (geb. um 1435), bei Gutenbergs Nachfolgern in Mainz dürfte er die Kunst des Buchdrucks erlernt haben. Ein Jahr nach der Gründung einer Papiermühle 1478 in Memmingen zog Kunne aus Trient in die schwäbische Reichsstadt, um hier in den folgenden drei Jahrzehnten mehr als 100 Einzeldrucke (wie etwa Ablassbriefe) und Bücher zu drucken – überwiegend theologischen, aber auch medizinischen oder geografischen Inhalts. Sein erstes Buch war 1482 die Weltgeschichte des Kartäusermönchs Werner Rolevinck »Fasciculus temporum«, ein damals viel gelesenes Geschichtsbuch. Später druckte er eine Geschichte Europas aus der Feder Ennea Silvio Piccolominis, des späteren Papstes Pius II., sowie 1486 erstmals in Deutschland ein Autorenbildnis (Paulus Attavanti Florentinus). Kunnes Lebensende nach 1520 liegt im Dunkeln.

Mit ausführlichen Bestimmungen legt Elisabeth Lauginger verh. Vöhlin 1490 die Grundlagen für ein Seel- und Schwesternhaus (»Vöhlins Klösterle«).

An den zahlreichen Altären von Sankt Martin lasen die Kleriker der Stadt für Bürger, Bruderschaften und Zünfte die Heilige Messe. Im Chorgestühl – von Memminger Handwerker und Bildschnitzern (u. a. Hans Herlin/Daprazhauser, Heinrich Stark, Hans Thoman, Christoph Scheller, Michael Zeynsler, Heinrich Heidelberger) zwischen 1501 und 1507 gefertigt – verrichteten sie das ihnen als Kollegiatstift auferlegte Chorgebet. Dabei waren sie umgeben von den maßgeblichen politischen und kirchlichen Vertretern der Reichsstadt, geformt zu einer Reihe höchst bemerkenswerter Wangenfiguren und Reliefs, die Bürgermeister, Stadtammann und ihre Ehefrauen, den Generalpräzeptor der Antoniterniederlassung bzw. Pfarrer von Sankt Martin, die Prediger, Kirchenpfleger sowie Handwerker und Künstler symbolisieren.

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ERHARD VÖHLIN UND ELISABETH LAUGINGER

Über Generationen zählte die Kaufmannsfamilie Vöhlin zu den bedeutendsten und reichsten Memminger Geschlechtern. Zugezogen aus dem Bodenseeraum wird sie ab der Mitte des 14. Jhs. zunächst als Salz- und Weinhändler erwähnt. Um 1400 wandte sich die Familie dem Handel mit Baumwolle, Leinwand und Barchent zu – über Brenner und Fernpass nach Venedig oder Frankreich nach Süden, über Wien in den Osten und über Frankfurt bis nach Flandern oder ins Fränkische nach Nürnberg. Zu einem weiteren Erwerbszweig wurde schließlich der Handel mit Pfeffer aus Ostindien (über Venedig, Genua oder Portugal).

Erhard Vöhlin (1419–1484) erweiterte mit seinen beiden Eheschließungen (1441 mit Barbara oder Ursula Imhof aus Ulm, gest. 1452, und Elisabeth Lauginger aus Augsburg) die wirtschaftlichen Beziehungen in die benachbarten Reichsstädte wesentlich. Er bekleidete als Rat, Stadtammann, Geheimer oder Bürgermeister zahlreiche öffentliche Ämter. Mit dem Erwerb der Herrschaft Frickenhausen wurde Erhard Vöhlin 1460 Grund- und Gerichtsherr sowie Patronatsherr der zugehörigen Pfarrkirchen. Zu Sankt Martin stiftete er 1479 eine Prädikatur, auf die 34 Jahre später ein Theologe namens Christoph Schappeler berufen werden sollte. Erhard Vöhlin verstarb 1484. Im darauffolgenden Jahr war das Vöhlinsche Haus unweit des Salzstadels Quartier für Kaiser Friedrich III. Erhards Witwe Elisabeth (gest. 1509) stiftete 1490 im Einvernehmen mit ihren Vormündern (Hans Vöhlin und Anton Welser) ein »Seel- und Schwesternhaus« für häusliche Krankenpflege, das bald als »Vöhlinsches Klösterle« firmierte. Im Gebet gedachten die Schwestern der verstorbenen Familienangehörigen; im wohltätigen Arbeiten sorgten sie für deren Seelheil.

1496 schlossen sich mit den Memminger Vöhlin und den Augsburger Welser zwei der reichsten Handelsfamilien beider Reichsstädte zur Gesellschaft »Anton Welser, Konrad Vöhlin und Mitverwandte« zusammen. Firmensitz wurde die bedeutend stärkere Metropole Augsburg, wo Stadtschreiber Dr. Konrad Peutinger, verheiratet mit Margrete, einer in Memmingen geborenen Tochter Anton Welsers, die überseeischen Aktivitäten des Unternehmens unterstützte (u. a. 1505 nach Ostindien und 1529 nach Venezuela).

Aufbegehren des »gemeinen Mannes« und Reform des Kirchenwesens: Memmingen im Reformationszeitalter

Nur wenige Jahre nach seiner Bestellung zum Prediger in Sankt Martin 1513 hinterfragte Christoph Schappeler die Rechtmäßigkeit des Zehnten wie auch die kirchliche Praxis der Marien- und Heiligenverehrung. Seine im Rat ab 1519 als »lutherisch« gebrandmarkten Positionen ähnelten denen des Züricher Predigers Huldreich Zwingli, der ihn schließlich 1523 zu sich einlud, um einer Disputation über strittige Fragen vorzustehen. Zurück in Memmingen stießen Schappelers Predigten unter den Gläubigen und vor allem bei Lateinschulmeister Paul Hoepp, beim städtischen Juristen Dr. Matthäus Neithart, beim Stadtarzt Dr. Ulrich Wolfhart und beim Laienprediger und Flugschriftenautoren Sebastian Lotzer auf große Sympathie.

Über die mit der Heiligen Schrift begründeten Reformvorschläge entbrannte im Rat ein heftiger Streit, der im Februar 1524 zum Ausschluss von Altbürgermeister Ludwig Conrater aus dem Rat und im April zum Rücktritt von Stadtschreiber Ludwig Vogelmann führte.

Eine Ratssitzung »Lutter halb« kommentierte Memmingens Stadtschreiber Ludwig Vogelmann am 26. Juni 1523 mit dem Vermerk: »Der Theufel schlag darein«.

Im Juli 1524 forderten einige Hundert Bürger erfolgreich die Freilassung des Bäckermeisters Hans Heltzlin, der sich weigerte den Zehnten zu entrichten. Am 5. Dezember 1524 teilte Schappeler in Sankt Martin das Abendmahl unter beiderlei Gestalt aus; am 16. Dezember 1524 begehrten solches auch die Pfarrangehörigen zu Unser Frauen – samt einer Kindertaufe in deutscher Sprache. Da sich der dortige Pfarrer und Angehörige des Kreuzherrnordens Jakob Megerich verweigerte, kam es an Weihnachten 1524 zu handfesten Auseinandersetzungen.

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LUDWIG VOGELMANN

Allein schon mit seiner Reform des Verwaltungshandelns 1508/11 hat sich Stadtschreiber Ludwig Vogelmann in die Annalen eingetragen, trug er doch mit der sorgsamen Führung und Ablage der Amtsbücher und Beschlussprotokolle des Rates und der Erstellung einer Abschrift aller relevanten Stiftungsdokumente wesentlich dazu bei, dass sich spätere Generationen bis heute ein detailliertes Bild von den Vorgängen in den ersten Jahrzehnten des 16. Jhs. machen können. Der 1477 in Schwäbisch-Hall geborene Sohn eines wohlhabenden Salzsieders blieb in den heraufziehenden Konflikten aber nicht nur Hüter der reichsstädtischen Rechtstitel und Verwalter politischer und gesellschaftlicher Themen. Er zeigte sich auch als Verfechter der alten Glaubensgrundsätze.

Nach der Niederschlagung des Bauernkrieges im Frühsommer 1525 stritt er als Vertreter des Augsburger Bischofs an der Seite des Antoniterpräzeptors Kaspar von Leutzenbronn, der ebenfalls aus Schwäbisch-Hall stammte, für eine Wiederherstellung der vorreformatorischen Verhältnisse in Memmingen.

Als Ludwig Vogelmann zu Dreikönig 1531 wieder einmal in Memmingen weilte, ließ ihn der Rat mit dem Vorwurf festnehmen, er habe die Reichsstadt beim Kaiser in ein schlechtes Licht gerückt und eine Verfassungsänderung angestrebt. Die Gerichtsverhandlung dauerte nur kurz; schon drei Tage später wurde der Delinquent zum Tode verurteilt und auf dem Marktplatz enthauptet.

Religionsgespräch

Bürgermeister und Rat luden hierauf zu Jahresbeginn 1525 zu einem mehrtägigen Gespräch ins Rathaus ein. Sämtliche Welt- und Ordensgeistliche der Stadt sowie auswärtige Theologen (darunter auch Generalvikar Johannes Fabri aus Konstanz) trafen dort auf 24 Vertreter der Memminger Zünfte. In der Erwartung, der Heilige Geist möge in der Versammlung wirken, behandelte man sieben Artikel Christoph Schappelers zu Ohrenbeichte, Marien- und Heiligenverehrung, Zehnt, Abendmahl als Gedächtnisfeier, Fegefeuer und zum Priestertum aller Gläubigen.

Doch es kam zu keinem wirklichen Gespräch: Reihum gefragt fanden die Geistlichen an den Artikeln nichts auszusetzen. Jakob Megerich verwies jedoch auf ein künftiges Konzil zur Klärung strittiger Fragen und konnte der Person Schappelers nicht Positives abgewinnen. Er halte diesen für einen »Babst, Büschoff Kayßer vnnd burgermeister vnd wie er ein Ding macht vnnd haben will, mueß es geschehen«.

Im Auftrag des Rates stellte Schappeler nun einige strittige Fragen zur Begutachtung durch auswärtige Experten zusammen. Die Theologen Conrad Sam (Ulm) und Dr. Urbanus Rhegius (Augsburg) rieten hierauf zu ruhigen Reformen, Johann Rehlinger (Augsburg) – und wohl auch Conrad Peutinger (Augsburg) – zum Abwarten. Während Antoniterpräzeptor Caspar von Leutzenbrunn Memmingen verließ, berief der Rat noch im Januar 1525 neue Prediger, darunter den (ehemaligen Kartäusermönch) Simprecht Schenk (ca. 1485–1559) aus der Schweiz.

Bauernaufstand

Im Februar 1525 wandten sich Bauern aus Pleß, Steinheim oder Erkheim an den Rat. Sie verlangten nach Pfarrern, die das Evangelium »rein« und ohne allen Menschenzusatz verkünden, forderten eine Abschaffung des Zehnten, die Aufhebung der Leibeigenschaft, die Freigabe von Jagd und Fischerei, die Aufhebung des Ehrschatzes, die Rückführung der Frondienste und Strafen auf das traditionelle Maß sowie eine Rückgabe eingezogenen Gemeindegutes.

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CHRISTOPH SCHAPPELER UND SEBASTIAN LOTZER

In Horb in der württembergischen Grafschaft Hohenberg wurde um 1490 Sebastian Lotzer geboren. 1523 richtete der mittlerweile Memminger Laienprediger eine erste Druckschrift an die Bürger seiner alten Heimat. In seiner neuen Heimat wurde er Teil eines Kreises von Bürgern, die ganz im Geiste der Heiligen Schrift Missstände in Kirche und Gesellschaft aufdeckten und diskutierten. In ihrer Mitte stand Christoph Schappeler. Der Prediger zu Sankt Martin, 1472 in Sankt Gallen geboren, war seit 1513 Inhaber der Vöhlinschen Prädikaturstiftung. Anders als Kapläne an den dortigen Kapellen und Messstiftungen war er nicht zum täglichen Chorgebet verpflichtet, sondern sollte mit seinen Predigten die damals tiefe Religiosität der Menschen in christlichem Sinne lenken und unterstützen. Anders als erwartet, wandte sich Schappeler frühzeitig von der ihm gelehrten mittelalterlichen Scholastik eines Petrus Lombardus ab und den Gedanken Martin Luthers und Ulrich Zwinglis zu. Der Augsburger Bischof Christoph von Stadion belegte ihn deshalb im Februar 1524 mit dem Kirchenbann. In diesen Monaten ermahnte Sebastian Lotzer die Leser seiner Flugschriften, ihr Leben an Gottes Wort auszurichten.

Schappeler und Lotzer flohen im Frühsommer 1525 vor den herannahenden Truppen des Schwäbischen Bundes nach Sankt Gallen. Während Christoph Schappeler (gestorben 1551) später dort eine Pfarrstelle besetzte, sind uns von Sebastian Lotzer keine Nachrichten mehr überliefert.

Der Memminger Rat zeigte sich aufgeschlossen gegenüber den bäuerlichen Anliegen. Kein Wunder, dass wenige Wochen später Vertreter der oberschwäbischen Bauern nach Memmingen zogen. Am 6./7. März 1525 schlossen sie sich in der Memminger Kramerzunftstube zur Christlichen Vereinigung zusammen, gaben sich mit einer Bundesordnung Struktur und Stabilität, verpflichteten sich untereinander zu Frieden und Disziplin. Ihr gemeinsamer Forderungskatalog aus der Feder Sebastian Lotzers – die Zwölf Artikel, gedruckt an mehr als einem Dutzend Orten im Deutschen Reich – war die Grundlage für Verhandlungen mit dem in Ulm versammelten Schwäbischen Bund. Um die städtischen Positionen abzustimmen, lud Memmingen Ende März die oberschwäbischen Städte Biberach, Kempten, Kaufbeuren, Wangen, Isny, Leutkirch, Pfullendorf, Überlingen und Ravensburg zu einem Städtetag ein.

Im März 1525 wurde die Memminger Kramerzunft zum Ort einer (vordemokratischen) Versammlung von Vertretern Baltringer, Allgäuer und Bodenseer Bauern. Auf der Basis ihres Forderungskataloges, der Zwölf Artikel, schlossen sie sich zu einer »Christlichen Vereinigung« zusammen und besprachen ihr weiteres Vorgehen gegenüber dem in Ulm versammelten Schwäbischen Bund. Fotografie des jüdischen Kaufmanns Julius Guggenheimer (1885–1943).

Während sich Bauern- und Städtevertreter in Memmingen besprachen, war der Aufstand des »gemeinen Mannes« in Schwaben, Franken, Tirol und im Elsass bereits im Gang. Gleichzeitig bereitete auch der Schwäbische Bund mit Feldhauptmann Georg Truchsess von Waldburg, »Bauernjörg« genannt, einen Waffengang vor.

HINTERGRUND

ZWÖLF ARTIKEL

Tiefgreifende wirtschaftliche Wandlungen, aber auch der Ausbau landesherrschaftlicher Macht verschlechterte die Situation der Bauern im 15. und zu Beginn des 16. Jhs. deutlich. In Hunderten Beschwerden formulierten sie ab Herbst 1524 ihre Not.

Die Zwölf Artikel der oberschwäbischen Bauern wurden zum Monument deutscher Freiheitsgeschichte, da es ihrem Verfasser Sebastian Lotzer gelang, aus der Vielzahl der regionalen Beschwerden die wesentlichen, allgemein gültigen Sätze herauszuschälen und in eine verständliche Form zu gießen. Fußend auf der Heiligen Schrift stand der Gedanke der Freiheit im Zentrum, begleitet von der Wiederherstellung partizipativer Elemente im Gemeinwesen und einem Ende herrschaftlicher Willkür:

1.Jede Gemeinde hat ein Recht zu Wahl und Absetzung ihres Pfarrers.

2.Der Kleinzehnt solle aufgehoben, der Großzehnt für Geistliche, Arme und Landesverteidigung verwendet werden.

3.Die Leibeigenschaft solle aufgehoben werden.

4.Jagd und Fischerei sollen frei sein. Falls Verkäufe vertraglich belegt werden können, sollen einvernehmliche Regelungen zwischen Gemeinde und Rechtsinhabern angestrebt werden.

5.Wälder und Forsten sollen in Gemeindehand zurückgegeben werden. Sollten Verträge bestehen, werden gütliche Vereinbarungen mit den Forstinhabern angestrebt.

6.Die Frondienste sollen auf ein erträgliches Maß reduziert werden, orientiert an Herkommen und Evangelium.

7.Außervertragliche Frondienste sollen nicht zugelassen sein, es sei denn gegen eine angemessene Vergütung.

8.Die Abgaben der Bauern sollen durch »ehrbare Leute« neu eingeschätzt werden.

9.Die Strafmaße für schwere Vergehen sollen neu festgesetzt werden, orientiert an älteren Gerichtsordnungen.

10.Ehemalige Gemeindewiesen und -äcker sollen zurückgegeben werden, es sei denn, dass Kaufverträge vorgelegt werden können.

11.Der Zahlung des Todfalles belastet die Erben ungebührlich und wird deswegen zukünftig verweigert.

12.Alle Forderungen ergeben sich aus dem Wort Gottes. Sollten sie sich durch die Heilige Schrift als unberechtigt erweisen, sollen sie hinfällig sein.

Nach ergebnislosen Verhandlungen in Memmingen und Ulm plünderten oberschwäbische Bauernhaufen zahlreiche Burgen und Klöster, darunter Ottobeuren, Roggenburg, Ochsenhausen und Schussenried. In Wurzach besiegte ein Heer des Schwäbischen Bundes die Bauern. Am Ostermontag kam zu Weingarten ein Vertrag zustande, der die Wiederherstellung der Ordnung und eine Rückgabe geraubten Gutes sowie Huldigungen und Schiedsgerichte vorsah. Die Seebauern nahmen den Vertrag an, der Allgäuer Haufen unter Anführung des Jörg Schmid (Knopf von Leubas) zog jedoch weiter gegen das Herzogtum Bayern.

Aus Sorge um ihre Sicherheit bat die Reichsstadt Memmingen Mitte Mai den Schwäbischen Bund um militärischen Schutz; am 9. Juni rückten Bundestruppen ein. Christoph Schappeler und weitere 40 Bürger (darunter Sebastian Lotzer) konnten noch rechtzeitig aus der Stadt fliehen; fünf Sympathisanten, darunter Paul Hoepp, wurden wenige Tage später auf dem Marktplatz hingerichtet. Der Allgäuer Bauernaufstand endete am 14. Juli mit dem Sieg des »Bauernjörg« und seines Heeres bei Leubas und am 17. Juli mit der Hinrichtung von 18 Bauernführern in Durach.

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Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
10 сентября 2025
Объем:
196 стр. 45 иллюстраций
ISBN:
9783791762067
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
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