Читать книгу: «Purgatory - Wiedergeburt»
Prolog
01. Resurrection
02. Erwachen
03. Begegnungen
04. Mörder
05. Namensfindung
06. Abflug
Impressum neobooks
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Copyright © 2021 Christian Leukermoser
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Purgatory Wiedergeburt
Für meine Liebsten!
Prolog
Leise gähnend rollte sich Aaliyah Dearing aus dem Bett. Das kalte elektrische Licht ließ die helle Haut ihres nackten Körpers leuchten, als bestünde sie aus Schnee.
Hier im Inneren des Schiffes hörte man kaum etwas von den laufenden Maschinen. Da war nur das gedämpft Summen der Stromgeneratoren, die sich im Deck unter ihrer Kabine verbargen.
Als Offizierin im Range eines Lieutenants hatte sie eine eigene Schlafkoje bekommen. Neben dem schmalen Bett gab es einen kleinen Schreibtisch, einen Schrank für die wenigen persönlichen Sachen und die Kleidung, sowie einen winzigen abgetrennten Raum, in dem sich eine Dusche mit Toilette befand.
Es war nicht viel. Es war nicht groß. Aber wenigstens gehörte es ihr alleine. Zumindest die meiste Zeit.
Brummend erhob sich Vega aus den zerwühlten Kissen und Decken. Sein muskelbepackter, tätowierter Körper hatte die letzten Minuten gute Arbeit geleistet. Nicht herausragend, doch auch nicht schlecht.
Aaliyah betrachtete ihn. Halb aufgerichtet lag er da und gähnte herzhaft. Sein Penis hatte wieder seine ursprüngliche Größe angenommen und baumelte lustlos zwischen seinen Schenkeln. Er machte sich nicht einmal die Mühe ihn zu bedecken.
Ihr Blick wanderte über die zahllosen Tätowierungen an seiner braun gebrannten Gestalt nach oben und blieb an den, tief in den Höhlen liegenden, Augen ihres Gespielen hängen. Die kurz geschorenen Haare, der kantige Schädel. Er hatte etwas von einem Höhlenmenschen. Vielleicht war es das, was sie angemacht hatte.
»Wie sieht’s aus, Lieutenant«, fragte er grinsend, »Hab ich deine Welt erschüttert?«
»Pah«, machte Aaliyah, »Nicht einmal ansatzweise. Oder seh‘ ich aus, als könnt‘ ich nicht mehr laufen?«
Sie deutete an ihrem Körper hinab und fühlte seinen Blick auf ihrer Haut. Unschwer war zu erkennen, dass Vega gefiel, was er sah. Denn sein kleiner Freund schien sich schon für eine weitere Nahkampflektion bereit machen zu wollen.
»Ziehen Sie sich an, Soldat«, sagte Dearing lachend und aktivierte den Bildschirm über ihrem Schreibtisch.
Eine große Uhr erschien auf dem Display. Sie lief nach Erdstandardzeit und zeigte 1125 vormittags.
»Um 1400 gibts eine Inspektion durch Captain Jaramago. Ich will bis dahin alles sauber und fertig zum Einsatz haben. Anzüge, Waffen, Munition, Ausrüstung, wirklich alles! Verstanden?«
Ächzend rollte sich Vega aus dem Bett und salutierte. Der nackte Mann wirkte dabei äußerst albern, doch die militärische Geste war auch nicht ganz ernst gemeint.
»Aye, aye, Lieutenant«, sagte er und griff nach der dünnen Stoffhose und dem Shirt, das er getragen hatte, als sie ihn zu sich bestellt hatte.
»Wegtreten«, meinte Dearing, ohne sich noch einmal umzusehen.
Kurz darauf hörte sie das leise Zischen der automatischen Tür und war wieder alleine in ihrem Zimmer.
Auf ihre Berührung hin wurde ein Abschnitt des großen Bildschirmes zu einem Spiegel, während daneben auf kleineren Teilen Einsatzberichte, Nachrichten und E-Mails angezeigt wurden.
Die Mendraner hatten sich offensichtlich bislang nicht von der frisch gestarteten Offensive erholt. Sie liefen davon wie die Hasen.
Endlich.
Noch zwei Jahre zuvor hatte es düster ausgesehen. Damals verloren die Menschen Schlacht um Schlacht. Aaliyah wurde von den Erinnerungen überwältigt. Wie jedes Mal, wenn sie an diese Zeit dachte.
Gefühle wallten in ihr auf, die sie nie ganz überwinden oder würde verdrängen können. Sie schluckte heftig, versuchte, nicht an die Vergangenheit zu denken, doch es war überwältigend.
Das Interkom blinkte auf der Multitouch-Oberfläche ihres Schreibtisches auf. Das altbekannte Surren übertönte auch die leisen Klänge der Musik, die aus dem Multifunktionsbildschirm drang und riss sie aus ihren Erinnerungen. Zurück blieb nur eine Gänsehaut.
Aaliyah wischte sich gedankenverloren die Stirn. Sie merkte, dass sie schwitzte und zitterte. Mit einem Kopfschütteln vertrieb sie die Bilder und fuhr mit der Hand über die Fläche. Eine dreidimensionale Projektion baute sich auf, frei schwebend, direkt auf der Tischplatte. Ohne darüber nachzudenken, berührte sie die Stelle für die Kamera, und deaktivierte sie damit, bevor sie das Gespräch annahm.
Der Spiegel wurde kurz schwarz, dann erschien ein hochauflösendes Videobild einer Frau darauf.
Dunkle, braune Augen, die im Zentrum eines hellbraunen Gesichtes, mit strengen Zügen saßen, schienen sie zu durchbohren. Doch Captain Conchita Jaramago konnte sie nicht sehen, das wusste Aaliyah.
»Lieutenant Dearing?«, fragte die Offizierin unverkennbar genervt, »Wo sind Sie?«
»Ich bin hier, Captain.«
»Ich seh Sie nicht. Machen Sie verdammt noch einmal die Kamera an, wenn ich mit Ihnen spreche!«
Mit einem leisen Brummen aktivierte Aaliyah die Bildwiedergabe, indem sie den entsprechenden Punkt in der Projektion berührte. In einem winzigen Fenster unterhalb des Gesichts von Captain Jaramago erschien ihr Bild.
Aaliyah hatte vergessen, dass sie nackt war. Aber das war ihr auch egal. Sie mochte ihren Körper. Ihr war durchaus bewusst, dass sie mit ihren roten Haaren, grünen Augen und der blassen Haut ein äußerst seltener Anblick war.
Dazu kamen die natürlichen, kleinen Brüste und die nicht völlig enthaarte Scham, was dem Trend ihrer Generation widersprach. Ähnlich wie ihre stark trainierten Muskeln. Das Gesicht wirkte ernst, wenn die Sommersprossen ihm auch etwas Verspieltes gaben. Dennoch sah sie viel älter als 18 Jahre aus.
»Scheiße sind Sie gerade aufgestanden?«, fragte Jaramago naserümpfend.
Der Captain war nur zwei Jahre älter als Dearing, aber sie mochte die Kommandantin der kleinen Marineeingreiftruppe ihres Schiffes nicht. Dessen war sich Aaliyah bewusst. Die beiden Frauen würden niemals Freunde werden, doch das war bestimmt kein großer Verlust.
Dennoch gab es zwischen den Frauen einige Gemeinsamkeiten. Sie waren jung und hungrig. Der Krieg förderte steile Karrieren und sie waren schnell in der Hierarchie nach oben geklettert. Beide hatten sich den Respekt der Untergebenen durch ihre Kampfkraft gesichert.
Jaramago besaß einen Abschluss an der Militärakademie. Aufgrund der Kriegslage war die Ausbildung gestrafft und verkürzt worden. Innerhalb kürzester Zeit war sie im Kampfeinsatz vom Lieutenant zum Captain aufgestiegen und hatte nun den Befehl über den schweren Kreuzer SAS Dieppe erhalten.
Das Examen der Akademie war es, was das Klima zwischen den beiden Frauen vergiftete. Denn Aaliyah hatte nicht nur keine Qualifikation, die ihren militärischen Rang rechtfertigte, sie hatte sogar die Grundausbildung abgebrochen und war von der Truppe geflohen. Kein ehrenhafter Zug für einen Soldaten.
»Könnte man so sagen«, versetzte die Rothaarige kühl.
»Hören Sie, es ist mir, egal ob Sie sich einmal quer durchs Schiff vögeln, solange Sie bereit sind, wenn ich es befehle.«
»Aye, Captain.«
»Es sind Ihre Männer, die den Respekt vor Ihnen verlieren. Es sind Ihre Bindungen, die zu tief werden, um im Einsatz die richtigen Entscheidungen treffen zu können. Sie machen sich angreifbar. Und die Erde kann sich keine Fehlschläge leisten«, donnerte Jaramago.
»Scheiße, das weiß ich, Captain«, antwortete Aaliyah Dearing gelassen und blickte auf die Tischplatte hinab.
Die dreidimensionale Struktur hatte sich verändert. Ein Schachbrett war entstanden. Sie spielte seit ein paar Tagen eine Partie mit dem Captain und stellte sich nicht als so leichter Gegner heraus, wie diese sich das wohl gewünscht hatte.
Aaliyah tippte einen Springer an und schickten ihn über das Feld. Jaramago war in die Falle getappt, für die sie Züge zuvor ihre Dame und ihren Turm geopfert hatte.
»Schachmatt«, sagte sie gelangweilt.
»Was zum …?«
Die Rothaarige konnte erkennen, wie ihre Gesprächspartnerin erbleichte. Sie blickte nach unten auf ihr Brett. Schnell hatte sie die Situation erfasst und stieß einen verhaltenen Fluch aus.
Es kostete Aaliyah einiges an Anstrengung, nicht zu lachen. Captain Jaramago wusste nicht, dass sie Jugendmarsmeisterin im Schach gewesen war. Und das musste sie auch nicht erfahren.
»Haben Sie mich nur angerufen, um zu verlieren?«, neckte sie, als ihr Gegenüber sich nicht mehr zu Wort meldete.
»Was?«, fragte der Captain verwirrt, doch schien sie sich zu erinnern, dass sie noch immer mit jemandem sprach, »Nein, der Einsatz wurde vorverlegt. Alles verschiebt sich um eine Stunde nach vorne. Ich bin also um 1300 bei Ihren Soldaten. Ich erwarte, dass ich nichts zu beanstanden habe.«
Ohne Abschied trennte sie die Verbindung. Zurück blieb Aaliyah, die wutentbrannt mit den Augen rollte.
Schließlich schaltete sie den Multifunktionsbildschirm aus, zog ihre Sportsachen über und nahm ihre Tasche. Die Tür reagierte auf ihre Annäherung und öffnete sich automatisch.
Die Gänge des Raumschiffes hatten viel von einem Kreuzfahrtschiff. Die Wände waren mit Kunstholz verkleidet. Das Licht war immer etwas gedimmt, die einzelnen Türen gut erkennbar.
Sie befand sich auf dem untersten Deck, auf dem es noch Kabinen gab. Unter ihr waren die Lagerräume, Maschinen sowie die Aufenthalts- und Schlafräume der einfachen Matrosen und Marines.
Auf dem Deck gab es ein Kino, eine Bar, außerdem einen Fitnessraum, eine Sporthalle und fünf Ehekabinen.
Wie immer leuchtete dort eine rote Lampe über der Tür, als sie vorbeikam. Aaliyah war froh, dass sie ihren eigenen Raum hatte. Vor den Ehekabinen, auch Bumsgrotten, Fickstübchen oder Beischlafzellen genannt, herrschte immer Gedränge. Oft musste man lange warten, ehe man einen der kurzen und seltenen Momente der Zweisamkeit genießen konnte. So war das alles viel einfacher.
Sie nahm die Abzweigung, an der der Fitnessraum angeschrieben war und trat durch die sich öffnende, automatische Tür.
Der typische Geruch von Schweiß, Eisen und Leder empfing sie. Nur ein paar Crewmitglieder hatten zurzeit dienstfrei und die meisten im Raum waren Soldaten ihrer Einheit.
Der Fitnessraum war eine der wenigen Örtlichkeiten, wo man sich beim Erscheinen eines kommandierenden Offiziers nicht erheben musste und wo die militärischen Umgangsformen nur Nebensache waren.
Allerdings war Aaliyah nie besonders erpicht darauf gewesen, stets mit der mit ihr zustehenden militärischen Ehre behandelt zu werden. So sah sie ihren Männern und Frauen das auch gerne nach.
»Lieutenant«, grüßte sie Grigori Elkov und Aaliyah nickte ihm zu.
Der kleine Russe war beinahe so bleich wie sie, doch seine dunklen Haare standen im krassen Gegensatz zu ihren roten.
Er hatte sich über die Hantel gebeugt und unterstützte Claudia di Stefano, die gerade, mit unzähligen Scheiben auf jeder Seite, Bankdrückübungen machte.
Dahinter stand Stefanie Putz vor einem Spiegel und trainierte mit einer Langhantel Kreuzheben. Dem zierlichen Körper der Deutschen hätte man kaum zugetraut, dass sie ein derartiges Gewicht würde stemmen können, doch sie schaffte das ohne Probleme.
Aaliyah wärmte sich auf und wollte mit ihren Übungen beginnen, als ihr das Gespräch mit Jaramago in den Sinn kam. Sie ging zurück zur Tür und aktivierte eine der Konsolen dort. Sie verband sich mit ihrem versteckt im Ohr getragenen Kommunikator und wählte dann die Kommunikatoren ihre Soldaten aus.
Egal wo sie gerade auf dem Schiff waren und was sie taten. Sie würden die nächste Durchsage hören können und mussten sie auch bestätigen.
»Achtung an alle. Einsatz wurde um eine Stunde vorverlegt. Inspektion durch den Captain nun um 1300. Ich erwarte, dass sie nichts findet.«
Sie deaktivierte die Verbindung und blickte auf das Display. Mit einem leichten Druck von außen an den Kommunikator sendeten ihre Soldaten ein Signal zurück, dass sie die Nachricht erhalten und verstanden hatten. Schließlich war auch die letzte Bestätigung eingetroffen.
Die Uhr zeigte 1145. Ein kurzes Training würde sich noch ausgehen, doch nicht zu viel, denn um spätestens 1230 wollte sie wieder in ihrer Kabine sein.
Aaliyah Dearing spulte ihre Übungen lustlos herunter. Es wurde Zeit, die Gewichte zu erhöhen. Ihre Muskeln hatten sich zu gut daran gewöhnt.
Überraschend schnell war sie damit fertig geworden und verließ den Fitnessraum in Richtung der Duschen.
Natürlich hatte sie ihre eigene Nasszelle und hätte sich auch dort ungestört waschen können, doch sie mochte die Atmosphäre des Duschraumes mit den zehn Duschköpfen. Im Vorraum zog sie sich aus und betrat den mit weißen Fliesen ausgestatteten Raum.
Stefanie Putz und Grigori Elkov standen bereits unter den heißen Wasserstrahlen, während Claudia di Stefano vorsichtig mit ihrer Hand die Wärme testete.
»Alle fit und bereit?«, fragte Aaliyah als sie sich zwischen Claudia und einen anderen Mann stellte, den sie nicht kannte.
»Aye«, antworteten ihre Untergebenen wie aus einem Mund.
»Grigori, wie ich gesehen habe, hat Ihnen Claudia die Show gestohlen. Beim Bankdrücken müssen Sie noch etwas zulegen.«
»Wissen Sie, Lieutenant«, antwortete der Russe, »Wenn man ständig abgelenkt wird, dann ist das nicht so einfach.«
»Du solltest weniger mit deinem kleinen Freund denken«, mischte sich Claudia di Stefano lachend ein, »Sondern dich ein bisschen besser konzentrieren.«
»Ich finde, er ist immer ganz gut konzentriert. Und so klein ist sein Freund nicht«, grinste Stefanie Putz und gab dem Soldaten einen spielerischen Klaps auf den Hintern.
»Oho«, machte Aaliyah.
»Wie man hört, mögen Sie’s auch gern groß. Oder wie ist das mit Vega?«, fragte die Italienerin an Dearing gewandt.
»Gibt Größere«, antwortete die und betrachtete die Frau neben sich.
Claudia di Stefano hätte ein Model sein können. Ihr großer, schlanker Körper, die dunklen Haare, die perfekte Haut, die wunderbare Figur. Was nicht wirklich dazu passte, waren die kräftig definierten Oberarme und das Sixpack am Bauch.
Anstatt ihr Geld mit Fotoshootings zu verdienen, hatte sie sich für eine Militärlaufbahn entschieden. Allerdings war sie aus dem Unteroffizierskurs geflogen, nachdem sie einen Ausbilder geschlagen hatte, der sich ihr unsittlich genähert hatte.
Damals wusste noch niemand, dass sie mit Männern nichts anfangen konnte und, dass sie auf Frauen stand. Doch Aaliyah gegenüber hatte sie sich geoutet und seither war es nie wieder ein Thema.
Dearings Vergangenheit verschafften ihr eine Sonderstellung, in der sie viel tun konnte, was normalerweise nicht möglich gewesen wäre. So hatte sie ihr Platoon selbst zusammengestellt. Tagelang saß sie über Dossiers und Einsatzbewertungen, bis sie schließlich ihre Männer und Frauen zusammen hatte.
Claudia di Stefano war eine der Ersten, die sie angeheuert hatte. Sie mochte die forsche Italienerin. Eigentlich konnte sie jeden ihrer Truppe gut leiden. Das war üblicherweise auch der Grund, sie anzuheuern.
Aaliyah Dearing hatte auf dem Mars gelernt, wie wichtig Vertrauen war und wie sehr man in diesem Krieg Kameraden brauchte, denen man solches bedingungslos schenken konnte und die für einen durchs Feuer gingen.
»Größere also?«, lachte Stefanie Putz, »Dann muss ich ihn wohl nicht ausprobieren.«
»Dir werd ich’s zeigen«, knurrte Grigori und packte die Deutsche um die Hüften.
Die quietschte vor Vergnügen.
»Fuck, geht in eine Bumsgrotte, wenn es sein muss, aber nicht hier. Und nicht wieder im Bett über mir«, schimpfte die Italienerin und brachte Dearing damit zum Lachen.
»Gebt mal ein bisschen Gas Leute, wir haben nur noch eine halbe Stunde bis zur Begutachtung«, sagte die und stellte das Wasser ab.
Widerwillig folgten ihr die anderen drei hinaus in den Vorraum, um sich abzutrocknen. Grigori und Stefanie beeilten sich. Vermutlich waren deren Sachen nicht so instand gesetzt, wie Dearing das erwartete, und sie musste noch etwas nachbessern. Claudia di Stefano ließ sich Zeit.
»Sie wirken sehr sicher. Also alles erledigt für die Inspektion?«, meinte Dearing schließlich, als sie die Stille nicht mehr ertrug.
»Sie kennen mich doch, Lieutenant. Immer bereit, immer perfekt.«
»Das stimmt allerdings.«
»Also, das mit Ihnen und Vega. Ist das was Ernstes?«
Aaliyah war über die Frage nicht verwundert. Sie pflegte ein sehr offenes Verhältnis zu ihren Soldaten und war auch bereit über private Dinge zu sprechen.
»Nicht wirklich«, sagte sie deshalb gerade heraus, »Sie wissen ja, wie das ist. Manchmal will man ein bisschen Dampf ablassen und dafür ist Vega gut geeignet.«
»Oh ja, ich verstehe Sie gut. Hab schon seit Monaten keinen Dampf mehr abgelassen«, seufzte die Italienerin.
»Scheiße, würd‘ ich nicht überleben.«
»Ich muss. Ich meine, Männer gibts hier im Überfluss, aber Frauen. Besonders Frauen, die sich für Frauen interessieren.«
Aaliyah war kurz in Gedanken versunken und antwortete dann schlicht: »Vielleicht kann ich Ihnen ja mal dabei helfen, Dampf abzubauen.«
»Was?«, fragte Claudia di Stefano überrascht, »Sie? Sorry, ich wusste nicht, dass Sie auf Frauen stehen.«
»Naja, ich bin nicht auf Männer fixiert, wenn sie das meinen. Aber wenn ich ehrlich bin, dann drückt Vega meine Knöpfe nicht so, wie ich mir das vorstelle. Also hab ich noch immer Druck, der abgelassen werden will. Mal abgesehen davon weiß ich bereits, wie gut das Frauen können. Hatte auf dem Mars was mit einer Kampfkollegin. War scheiße, als sie von der Granate erwischt wurde. Hatte sie echt gerne.«
Sie konnte die Überraschung im Gesicht ihres Gegenübers erkennen. Damit hatte die wohl nicht gerechnet.
»Wow«, sagte sie nur.
»Das heißt, wenn ich überhaupt Ihr Typ bin. Oder Sie mich attraktiv finden. Ich für meinen Teil finde Sie sehr attraktiv, das muss ich zugeben.«
»Nein, mein Typ nicht wirklich. Ich mag’s lieber größer und dunkler. Doch attraktiv, auf jeden Fall. Vielleicht könnten wir uns ja einmal auf einen Drink treffen. Ich meine nach dem Einsatz.«
»Gerne«, meinte Aaliyah Dearing und sah auf die Uhr.
Es war schon beinahe 12:30. Sie mussten sich langsam beeilen.
»Aber jetzt gehts erst einmal in den Krieg«, sagte sie, »Machen Sie sich fertig Soldat. Der Feind wartet.«
»Achtung! Captain an Deck«, brüllte Vega und die Soldaten nahmen, egal wo sie sich gerade befanden, Haltung an.
»Rühren«, meinte Captain Conchita Jaramago ruhig und blickte sich um.
Der große Raum mit den Stockbetten und den schmalen Spinden war so sauber, dass man vom Fußboden hätte essen können. Sie würde nichts finden. Nicht bei dieser Inspektion und auch bei keiner weiteren. Das musste sie Dearing lassen, sie hatte ihre Untergebenen wirklich im Griff.
Lustlos sah sie sich die Betten und Schränke an. Makellos. Es war frustrierend. Nach kurzer Kontrolle wandte sie sich an Lieutenant Dearing, die sich immer in ihrer Nähe aufgehalten hatte.
Inspektionen durch den Captain persönlich waren nicht an der Tagesordnung. Doch die Spezialtruppe unterstand ihrem direkten Befehl und so fühlte sich Jaramago für sie verantwortlich.
»Lieutenant ist Ihre Truppe einsatzbereit?«
»Natürlich Captain, jederzeit.«
»Wir werden in zwei Stunden den Jupitermond Europa erreichen. Die Elevan sind bereits zum Angriff übergegangen. Ihr Team wird über einer kleinen Mine abgesetzt. Ziel ist die Sicherung des Bergwerks und der dort von den Mendranern aufgestellten Orbitalverteidigung.
Seien Sie sich bewusst, dass die Anlage sowohl für uns als auch für den Feind von strategischer Bedeutung ist. Die Kanonen könnten unseren Schiffen gefährlich werden, wenn wir uns dem Mond nähern. Daher werden Sie in einer Stunde mit Shuttles ausgebootet und über dem Zielgebiet abgeworfen.
Lieutenant.«
Sie nickte Dearing zu.
»Ihr habt den Captain gehört. Fertigmachen zum Einsatz!«, brüllte die und folgte Jaramago hinaus.
»Sie werden noch die Details zum Einsatzort und Profil erhalten«, meinte der Captain, als sie den Lift zur Kommandozentrale bestieg.
»Scheiße, warum werden wir zur Sicherung dieser Mine herangezogen? Was gibt es dort? Warum hat man keine Elevan hingeschickt.«
»Sie wissen so gut wie ich, dass man diesen genetisch verpfuschten Freaks nicht trauen kann. Ich mag Sie nicht, Dearing. Allerdings habe ich da unten lieber jemanden, den ich nicht mag, aber von dem ich weiß, dass er meine Befehle ausführt, als eine Bande Elevan, die am Schluss noch auf die Idee kommt, uns zu beschießen.«
»Die Überlegung hat was verlockendes«, murmelte Dearing.
»Treiben Sie es nicht zu weit!«, fuhr Jaramago sie an, »Nur weil Sie so etwas wie in Held sind, bleiben Sie für mich noch immer eine Schande für diese Uniform!«
»Diesen Standpunkt haben Sie mir schon des Öfteren klargemacht.«
»Nach diesem Einsatz werde ich mich darum bemühen, Sie und Ihre Leute auf ein anderes Schiff versetzen zu lassen. Vielleicht bekommen sie ja ein eigenes Kommando. Wäre nicht die erste verzweifelte Entscheidung in diesem Krieg.«
»Fuck, das nehm‘ ich als Kompliment«, meinte Dearing grinsend und machte den Captain damit rasend vor Wut.
Doch sie beherrschte sich. Wenn alles gut ging, würde sie sich nicht mehr lange mit dieser dahergelaufenen Schlampe auseinandersetzen müssen.
Ein Techniker umkreiste Aaliyah Dearing ein letztes Mal. Er hatte den Kampfanzug überprüft und bedeutete ihr nun, dass er einsatzfähig sei.
Wie immer machte der Lieutenant einige Sprünge und Bewegungen um sich davon zu überzeugen. Die Anzüge sahen aus wie klobige Roboter, in die man einen Menschen hineingezwängt hatte. Sie waren breit, schwer und langsam, dafür auch stark gepanzert, besaßen einen eigenen Energieschild und sicherten das Überleben in so gut wie jeder Umgebung.
Auf Aaliyahs Brust prangte ein großer, weißer Stern, der sich von der dunkelgrauen Grundfarbe des Anzuges abhob.
Es war immer wieder schwierig, in das Exoskelett hineinzukommen. Motoren verstärkten ihre Bewegungen, ermöglichten weite und hohe Sprünge, oder auch schnelle Sprints.
Der Kampfanzug war außerdem mit Düsen ausgestattet, die kurze Flüge möglich machten und nach dem Abwurf in der oberen Atmosphäre den Fall auf ein Maß bremsten, dass der Träger den Aufprall unbeschadet überstand.
»Auf gehts, machen wir uns nützlich«, sagte Dearing in ihr Mikrofon und wusste, dass jeder um sie herum es hören könnte.
»Aye«, scholl es zurück.
Der Einstieg in die Ladeluke des Shuttles war mit den schweren Anzügen ein Geduldsspiel. Sie wurden in die Halterungen eingeklinkt und verbanden sich mit dem System des kleinen Schiffes. Nach einigen Minuten war das Prozedere erledigt.
Die Luke schloss sich und Dunkelheit umfing die Soldaten. Doch nur kurz, ehe kaltes Licht aufflackerte, das die Farbe und Helligkeit der zu erwartenden Umgebung simulierte.
Vom Start und Flug bekamen sie nichts mit. Nur Dearing wusste ungefähr, wo sie sich befanden, da sie im Funk der Piloten mithörte. Deshalb überraschte sie auch nicht das Signal zum Abwurf.
Das schrille Piepen, gefolgt vom blinkenden Rotlicht signalisierte eine Minute bis zum Einsatz. Beim zweiten Ton waren es noch zehn Sekunden.
Aaliyah Dearing verschränkte die Hände vor der Brust, wie sie es während der Ausbildung gelernt hatte. Ein leises Zischen war zu hören, als die Atemluft aus dem Raum abgesaugt und die Verbindung mit dem Schiff getrennt wurde.
Der Boden unter ihnen öffnete sich. Von der Oberfläche war noch nichts zu erkennen. Als die Klappen völlig geöffnet waren, hörten sie ein metallisches Klicken. Doch als der Kopf das wahrgenommen hatte, befanden sie sich bereits im freien Fall durch die dünne Atmosphäre.
Die Anzüge steuerten automatisch die Landezone an und korrigierten den Sturz wenn notwendig.
Rasend schnell kam die helle Mondoberfläche näher. Sie bestand aus Eis, das wusste Dearing noch aus der Missionsbesprechung. Das Ziel lag allerdings in einem felsigen Gebiet. Hier hatte sich ein fremder Himmelskörper in den Eispanzer gebohrt und dessen Bodenschätze wurden von der Mine ausgebeutet.
Es gab eine kleine Kuppel, in der sich eine Farm zur Versorgung, sowie die Wohnhäuser der Arbeiter befanden. Während ihrer Schichten befanden sie sich alleine dort. Die Familien wohnten in der Kolonie, auf der anderen Seite des Mondes.
Kurz hatte Aaliyah das Sicherungsfeld der Siedlung gesehen, ehe sie hinter dem Horizont verschwunden war. Hier lebten beinahe 20.000 Menschen. Sie arbeiteten in Werften, im Bergbau oder verdienten sich als Techniker auf den Stationen im Zwischenraum. Sie befanden sich nun in der Gewalt der Mendraner.
Ein Ruck ging durch den Anzug, als die Düsen zündeten und ihn abbremsten. Augenblicke später schlug Aaliyah Dearing auf einer großen Fläche aus gehärtetem Spezialbeton auf, die man für Raumschiffstarts und Landungen angelegt hatte.
Hier unter der allumspannenden Energiekuppel gab es eine atembare Atmosphäre und angenehme Temperaturen. Doch gegen Beschuss oder Ähnliches bot sie keinen Schutz.
Aus der knienden Position, die der Kampfanzug automatisch einnahm, wenn er aufschlug, richtete sie sich auf und griff über die Schulter zum Rückentornister. Obwohl es möglich gewesen wäre, würde Aaliyah den Helm vorerst nicht öffnen. Es war zu gefährlich.
Die sich nähernde Hand öffnete eine Klappe und das schwere Sturmgewehr hob sich etwas hervor, sodass Aaliyah es besser greifen konnte. Sie zog es heraus und schob die mechanische Verriegelung zur Seite. Das Gewehr war nun scharf.
Auf ihre Berührung hin würde sie einen Gegner mit Kugeln eindecken, die von den Elektromagneten so stark beschleunigt wurden, dass sie Mündungsgeschwindigkeit konventioneller Rohrwaffen von zwei Kilometern pro Sekunde quasi pulverisierten. Bis zu 30 Kilometer pro Sekunde erreichten diese Waffen, was den Projektilen extreme Durchschlagskraft gab.
Um sie herum schlugen ihre Kameraden auf. Die Männer und Frauen waren die Besten, die sie hatte finden können. Auf jeden davon konnte sie sich verlassen. Jedem würde sie ihr Leben anvertrauen.
Am Ende der Landepiste gab es einen breiten Steg, der zu einem großen Tor führte, das den Zugang in das graue Felsgestein ermöglichte. Aaliyah setzte sich in Bewegung und ihre Soldaten folgten ihr. Sie hatten die Landezone noch nicht gesichert, als sich das Tor öffnete.
Es erschienen mehrere dunkle Umrisse und Augenblicke später surrten Geschosse durch die Luft.
»Deckung«, rief Dearing, deren Schild gleich von mehreren Schüssen getroffen wurde und aufleuchtete.
Sie sprang, soweit sie konnte, und eröffnete noch im Flug das Feuer auf die Verteidiger. Sofort fielen zwei getroffen zu Boden, während sich der Rest zurückzog und das Tor verriegelte. Das Gefecht hatte nur Augenblicke gedauert, allerdings war der Feind nun gewarnt.
»Scheiße. Die waren völlig überrascht. Hatten noch nicht einmal Schilde aktiviert und trugen keine Kampfanzüge«, meinte Vega und stapfte an ihr vorüber.
»Dafür wissen sie jetzt, dass wir hier sind. Also los, Tür aufmachen, wir gehen rein«, befahl Aaliyah Dearing.
Zwei Soldaten hetzten an ihr vorbei und versuchten, die Tür zu öffnen. Doch die Elektronik war verriegelt. Sie zu hacken würde einige Zeit dauern. Dearing blickte auf die Uhr ihres Anzuges. Sie lagen bereits jetzt eine Minute hinter dem Zeitplan.
»Scheiße«, fluchte sie, »Aufsprengen.«
»Aye«, antwortete Claudia di Stefano und stürmte mit stampfenden Schritten an ihnen vorüber zur Tür.
Sie war die Sprengstoffspezialistin und würde das Tor in zehn Sekunden geöffnet haben.
Der dumpfe Knall ließ Aaliyah Dearing kurz zusammenzucken, ehe sie die Waffe nach vorne richtete und wartete, während sich die Flügel des Tores langsam öffneten.
Schüsse peitschten. Die Soldaten feuerten zurück. Aaliyah rückte vor. Kugeln trafen den Energieschild, aber bislang prallten sie an ihr ab, als würde der Feind mit Kieselsteinen werfen. Doch sie musste aufpassen. Der Schild würde schwächer werden und irgendwann überlasten. Dann war sie so gut wie ungeschützt.
Auf dem Boden lag eine Leiche. Ein Mendraner. Seine Zunge hing zwischen den vier dominanten Reißzähnen seines Mauls hervor und hatte sich blau verfärbt. Das katzenartige Gesicht, mit den eng anliegenden, langen Ohren war fahl. Die Mendraner wirkten wirklich wie Katzen, die gelernt hatten, aufrecht zu gehen. Abgesehen davon, dass ihnen der Schwanz fehlte, war sonst alles da.
Die Körper waren von einem Fell überzogen, dessen Farb- und Mustervielfalt denen der irdischen Felidae entsprach. Doch das war nur äußerlich. Sie ähnelten Menschen mehr, als man ihnen auf den ersten Blick ansah. So war der Körperbau sehr ähnlich und auch die Lebensdaten wie erreichbares Alter, Größe oder Gewicht waren beinahe gleich. Sie benötigten eine vergleichbare Luftzusammensetzung und ihre lebenswichtigen Organe befanden sich an den selben Stellen wie bei Menschen.
Aaliyah hatte sich intensiv mit dem Gegner beschäftig. Auf dem Mars war solches Wissen Gold wert gewesen. So hatte sie auch gelernt, die Sprache des Feindes zu verstehen und seine Computersysteme zu benutzen.
Eine laute Explosion riss sie aus ihren Gedanken und von den Füßen. Der Anzug gab einen Warnton von sich, während sie auf dem Boden aufschlug. Die Anzeige des Energieschildes blinkte. Es war ausgefallen.
Im Funk war plötzlich die Hölle los. Sie hörte Schreie und Flüche, doch was geschah, konnte sie nicht erahnen.
Sofort kam Aaliyah wieder auf die Beine und konnte eine Rakete erkennen, die über sie hinweg zischte und irgendwo hinter ihr einschlug.
»Ruhe, verdammt«, brüllte sie in ihr Mikrofon, »Putz, schalten Sie den verschissenen Schützen aus.«
»Aye«, kam die Bestätigung der Scharfschützin.
Eine kurze Pause trat ein und Aaliyah überblickte die Situation. Drei gegnerische Soldaten hatten sich bei einigen Containern verschanzt, die vermutlich Erz aus der Mine enthielten.
Die Halle dahinter erstreckte sich mehrere Hundert Meter tief in den Felsen hinein. Sie war mit Minenfahrzeugen, Frachtcontainern und unzähligen Kisten vollgestellt. Links, etwa einhundert Meter dahinter, führte ein weiteres Tor wieder nach draußen. Hier konnte Aaliyah einen Schimmer erkennen, der farblich nicht zu dem sonstigen elektrischen Licht passte. War das Tor geöffnet?
Sie sprang aus ihrer Deckung hinter einer Versorgungskiste und lief los. Der Anzug surrte, während die Anzeige vermeldete, dass der Körperschild wieder zu 50 % einsatzbereit war.
Zwei der Mendraner erhoben sich beinahe gleichzeitig und eröffneten das Feuer, doch ihre Schüsse waren ungezielt. Sie waren vom plötzlichen Ansturm überrascht. Dearing feuerte. Sie konnte die Funken der Kugeln sehen, die das Metall der Container durchschlugen. Die Verteidiger wurden getroffen. Ihre Schilde hielten den Treffern nicht lange stand und als Aaliyah das bläuliche Flimmern um die Körper erkannte, zerfetzten die ersten Projektile bereits die Körperpanzer und drangen in das Fleisch ihrer Gegner. Wie Puppen fielen sie in sich zusammen und rührten sich nicht mehr.
Der dritte Feind kippte seitlich aus seiner Deckung. Einige Augenblicke später holte der Schall die Wirkung des Geschosses ein. Ein lauter Knall zerriss die Luft. Anders als die der Sturmgewehre.
»Guter Schuss Putz. Dafür dürfen Sie uns heute einen ausgeben«, meinte Dearing anerkennend.
Sie deutete zwei umstehenden Soldaten, dass sie die Stelle sichern sollten, und blickte sich um. Auf dem Boden lag jemand in einem schweren Kampfanzug.
»Wie sieht’s aus, Doc?«, fragte Aaliyah Grigori Elkov, der sich über den Mann gebeugt hatte.
»Zu spät«, seufzte der, »Leider. War ein Volltreffer. Die Hälfte seines Gesichtes fehlt.«
»Bringt ihn zum Sammelpunkt«, befahl Dearing ruhig.
Innerlich sah es anders aus. Vor ihr lag Vega. Zumindest war es bis vor kurzem noch Vega gewesen. Vor ein paar Stunden noch hatten sie sich vergnügt. Nun war er tot und würde nie wieder auf ihre Anrufe antworten.
»Alles klar?«, fragte Claudia di Stefano von der Seite.
Das Display im Helm zeigte, dass sie mit ihr über eine private Frequenz sprach, und nicht auf der allgemeinen Frequenz.
»Ja«, antwortete Aaliyah und wunderte sich darüber, wie schwach ihre Stimme klang.
»Wenn Sie wen zum Reden brauchen, rufen Sie mich an.«
»Danke.«
Damit schaltete sie den Kanal ab und gab ihre Befehle.
»Sichert die Halle und sucht nach den Arbeitern. Wir wissen nicht, wie viele Feinde es noch gibt. Dass es nur fünf wären, fände ich seltsam, also passt auf. Immer in Zweierteams.
Di Stefano, Sie kommen mit mir. Wir sehen uns mal die Kanonen an.«
Wütend legte sie ihre Waffe über die Schulter und lief die hundert Meter bis zum hinteren Tor. Es war tatsächlich geöffnet und gab den Blick auf eine weitere Landeplattform frei. Zwischen ihr und der, auf der sie gelandet waren, erstreckte sich die Flanke des Felsens, ebenso wie an der anderen Seite. Eingebettet in dieses kleine Tal stand ein mächtiges Geschütz, das beinahe die gesamte Plattform einnahm. Die vier Rohre zeigten drohend zum Himmel.
Laut keuchend berührte Aaliyah den Knopf an ihrem Helm und er öffnete sich. Leise summend sank er nach unten und erleichtert konnte sie die frische Luft der Anlage atmen.
»Putz und Elkov sichern Sie die Landezone. Wenn jemand mit einem Shuttle runter will, dann geht das nur dort«, funkte Dearing und näherte sich der Kanone, die in diesem Moment erwachte.
»Scheiße«, stöhnte di Stefano neben ihr.
»Die Schiffe sind wohl in Reichweite«, stellte Aaliyah fest, »Ich brauche hier einen Hacker. Wir müssen die Steuerung lahmlegen.«
Ihre letzten Worte gingen beinahe im lauten Donnern der Geschütze unter.
»Lieutenant«, hörte sie schließlich, als die ersten Schüsse verklungen waren, »Wir haben hier Zivilisten gefunden.«
»Wo?«, fragte Dearing ungläubig.
»In einem der Minentunnel. Etwa zweihundert Menschen. Männer, Frauen und Kinder.«
»Scheiße! Evakuieren Sie die Personen zur Landezone. Putz rufen Sie mir Shuttles, sie müssen die Leute hier rausholen.«
»Aye«, kam von beiden Gesprächspartnern zurück.
»Lieutenant Dearing, das Geschütz feuert noch!«, hörte sie im selben Moment die wütende Stimme von Captain Jaramago.
»Machen Sie sich nicht in Ihr Seidenhöschen, wir sind bereits dran«, antwortete Aaliyah gereizt.
Ein Hacker hatte damit begonnen sich in das System des Geschützes einzuloggen, als dieses ein weiteres Mal schoss.
»Scheiße! Beeilen Sie sich Dearing! Die London wurde gerade getroffen. Ging glatt durch die Schilde«, fuhr Jaramago sie an.
»Wie sieht es aus?«, fragte Dearing den Techniker, der im gleichen Moment seinen Daumen nach oben streckte.
»Geschütz in unserer Gewalt«, meldete sie daher an Jaramago.
»Wurde auch Zeit.«
»Wir sind zwei Minuten vor Plan damit fertig, sie waren zu früh!«, zischte Dearing.
»Sie stehen doch auf Druck.«
»Wo bleiben die Shuttles zur Evakuierung der Zivilisten.«
»Zivilisten?«, wollte der Captain wissen, »Welche Zivilisten?«
»Hier befinden sich mehrere Hundert Zivilisten. Shuttles wurden bereits angefordert.«
»Keine unserer Shuttles.«
»Putz, mit wem hatten Sie wegen der Shuttles Kontakt?«, fragte Aaliyah bei ihrer Scharfschützin nach.
»Mit einem Funker der SAS Unicorn. Sie sind bereits auf dem Weg. Die ersten Zivilisten treffen ein. Bisher keine weiteren Feindkontakte.«
»Haben Sie gehört, Jaramago? Alles unter Kontrolle. Di Stefano gehen Sie zurück zur Landezone und schicken Sie mir auf dem Weg vier Mann zur Sicherung des Geschützes.«
»Aye«, antwortete die Italienerin und verschwand wieder im Inneren der Mine.
Die Kanone bewegte sich und veränderte die Neigung. Kurz darauf feuerte sie selbstständig.
»Scheiße, worauf schießt das Ding?«, fragte Dearing erschrocken, konnte dann jedoch selbst das Luftfahrzeug erkennen, das brennend auf den Mond stürzte.
Bevor sie etwas sagen konnte, meldete sich Elkov: »Lieutenant, wir kriegen Besuch.«
Das Geschütz lud sich noch auf, doch bald würde es ein weiteres Mal schießen und hoffentlich ein anderes feindliches Fluggerät vom Himmel holen.
»Verteidigungsstellung in der Landezone einrichten. Sie dürfen nicht landen. Wo sind die Transfershuttles?«, rief Dearing in ihr Mikrofon und begann zu laufen.
»Shuttle Nummer eins landet gerade, Lieutenant«, sagte Stefanie Putz.
»Stopfen Sie so viele der Zivilisten wie nur möglich rein.«
Sie erreichte den Landeplatz, als sich die Tore des Transporters wieder schlossen. Auf der großen Fläche hatten sich ganze Familien versammelt, als die ersten Schüsse fielen.
Ein Jäger brauste im Tiefflug heran und feuerte auf die Menge, doch dem konzentrierten Feuer der Verteidiger war er nicht gewachsen. Das fischähnliche Fluggerät kippte zur Seite und steuerte knapp vor der Landezone in den Boden.
Die Explosion war heftig und riss viele Menschen von den Beinen. Ein zweites Jagdshuttle wurde von dem Geschütz im letzten Moment vom Himmel gefegt.
Plötzlich wimmelte es in der Luft von Flugzeugen. Da waren Jäger und unzählige Shuttles, aus denen Massen von Soldaten außerhalb des Schirms absprangen und sich ihnen näherten. Neuerlich setzte ein Shuttle der SAS Unicorn zur Landung an und öffnete seine Türen.
Die Zivilisten stürmten darauf zu und drängten hinein. Einige blieben zurück. Auf dem Boden lagen mehrere Tote. Doch nicht viele, wenn man die Menge an Menschen bedachte, die sich gerade noch hier auf dem Platz gedrängt hatte.
Ein weiteres Shuttle landete und bot nun genug Raum, um auch den Rest der Leute aufzunehmen.
Aaliyah ging hinter der Umrandung der Landefläche in Deckung und zielte mit ihrem Gewehr. Erste Kugeln fanden ihr Ziel, aber der Feind war ihnen zahlmäßig überlegen.
»Alle Mann zum Landeplatz. Zum Abrücken vorbereiten. Das Geschütz umprogrammieren, damit es sich selbst zerstört, wenn wir die Kontrolle darüber verlieren«, befahl sie und feuerte.
Das letzte Shuttle mit Zivilisten hob ab und ein weiteres flog herein. Die ersten Marines betraten das Fluggerät und nahmen dabei ihren gefallenen Kameraden und die Toten mit.
Der Feind war mittlerweile so nahe, dass die Schüsse Wirkung zeigten. Di Stefano wurde getroffen, als sie in das Shuttle hechtete, das nun nicht mehr gelandet war, sondern über der Landezone schwebte. Zum Glück verhinderte die Panzerung Schlimmeres.
»Alle an Bord?«, fragte Aaliyah, ehe sie ihre Deckung verließ.
Mit Dauerfeuer deckte sie ihren Rückzug, als sie sich langsam, rückwärtsgehend, dem Fluggerät näherte.
Schließlich drehte sich Dearing um und sprang. Die Düsen, des Anzugs, gaben ihr genug Schub, um bis zum Shuttle zu springen. Doch im Flug wurde sie getroffen. Der Schild fiel aus und die Schüsse durchschlugen ihre Panzerung. Brennender Schmerz durchzuckte sie, während der Kampfanzug an Kraft verlor und zurück auf die Landeplattform stürzte.
»Lieutenant!«, hörte sie jemanden rufen.
»Verschwinden Sie von hier, verdammt!«, rief Aaliyah, »Das ist ein Befehl!«
»Dearing? Dearing? Sind Sie noch am Leben?«
Der Ausfall der Systeme hatte nicht nur dazu geführt, dass Aaliyah wie ein Stein aufgeschlagen war. Auch die Beschleunigung dabei wurde nicht abgedämpft und so war sie nach dem Aufprall in Bewusstlosigkeit versunken.
Als sie die Augen aufschlug, befand sie sich nicht mehr auf Europa. Sie lag in einem dunklen Raum, gefesselt, auf einem Stahltisch.
Mühsam hob sie den Kopf und blickte an sich hinab. Dearing war nackt. Ihre Haut war an zahllosen Stellen aufgerissen und hatte geblutet, allerdings hatte man die Wunden bereits wieder verschlossen. Die medizinische Behandlung schien abgeschlossen und der eher dumpfe Schmerz ließ auf ein Sedativum schließen. Warum sie nackt war, konnte sie nur erahnen. Vermutlich wussten die Mendraner nicht genau, was an Kleidung sie ihr anlassen konnten, damit sie auch weiterhin keine Gefahr darstellte. So zogen sie ihr einfach alles aus.
Ihr Schädel brummte, dennoch versuchte sie sich, von den Fesseln loszureißen. Doch die gaben keinen Millimeter nach.
»Dearing? Wo zum Teufel sind Sie?«
Sie konnte die Worte deutlich hören. Offensichtlich hatte man ihr den Kommunikator nicht abgenommen. Mit einer umständlichen Verrenkung schaffte sie es, ihr Ohr zu berühren und den Kontakt zu bestätigen.
»Hallo?«, fragte Aaliyah schwach.
»Gott sei Dank, Sie leben noch.«
Die Stimme Jaramagos klang tatsächlich erleichtert. Das hätte sich Dearing niemals gedacht.
»Scheiße, Sie haben sich doch keine Sorgen um mich gemacht?«, meinte sie spöttisch.
»Natürlich. Was glauben Sie, was das Oberkommando mit mir macht, wenn ich einen ihrer ‚Helden‘ verliere?«
»Schluss mit den Scherzen, wo zum Teufel bin ich?«
»Unsere Sensoren haben Sie verloren. Aber der letzte Kontakt war an Bord eines Mendraner-Shuttles. Vermutlich wollen die Sie befragen.«
»Fuck, dabei habe ich heute so gar keine Lust auf Folter und Wahrheitsdrogen«, seufzte Dearing.
Wie eine eiskalte Hand klammerte sich die Angst um ihr Herz. Doch sie durfte ihr nicht nachgeben. Aaliyah hatte gesehen, was die Mendraner mit ihren Gefangenen anstellten, wenn sie Informationen aus ihnen herauspressen wollten.
Das stand ihr jedoch erst bevor. Sie musste einen kühlen Kopf behalten. Unzählige Leben hingen davon, dass sie nichts verriet.
»Ich glaube, da kommt jemand«, sagte sie und horchte.
Zischend öffnete sich eine automatische Tür und Dearing drehte ihr Gesicht zur Seite. Sie schloss die Augen und wartete.
Schwere Schritte waren zu hören. Dann eine schnarrende Stimme, deren Worte wie eine Mischung aus Motorenlärm und Vogelzwitschern klang. Der Kommunikator besaß einen eingebauten Übersetzer, doch die Sprache der Mendraner war noch nicht gut genug erforscht. Nun konnten nur Brocken übersetzt werden, die nun in Dearings Kopf drangen.
»Aufgewacht?«, konnte sie verstehen, »Befragen.«
»Nein, schläft«, antwortete eine andere Stimme.
»Geben Medikament aufwachen.«
»Losmachen.«
Warme Hände legten sich um ihre Handgelenke und die Verschlüsse knackten leise. Dann kam der erste Arm frei. Gleiches geschah auf der anderen Seite.
»Im Arm Blut«, sagte die zweite Stimme und etwas bohrte sich schmerzhaft in ihren Unterarm.
‚Die wissen nicht, wo sie mir am besten die Injektion verabreichen sollen‘, dachte Dearing. Sie wartete, bis sie das Schnauben ihrer beiden Besucher nah bei sich hörte.
Vorsichtig öffnete sie die Augen leicht. Zwei Mendraner waren über sie gebeugt. Einer stocherte mit einer Art Spritze in ihrem Arm herum, während der zweite sie festhielt. In seinem Holster baumelte eine Waffe. Langsam streckte Dearing die Hand aus.
Auf dem Mars hatten sie einige dieser Pistolen erbeutet. Sie wusste, wie man sie entsicherte und abfeuerte.
Mit einem Ruck hatte sie die Kanone aus dem Holster gerissen, mit dem Druck ihres Daumens entfernte sie die Verriegelung und schoss. Der Schuss war nahezu lautlos, aber das Projektil drang tief in den Oberkörper des einen Mendraners ein und dunkelbraunes Blut sprudelte hervor.
Der Alien ging mit einem gurgelnden Laut in die Knie, während Aaliyah die Waffe hob, auf den Schädel des Zweiten zielte und abdrückte.
Abermals war der Schuss sehr leise, das Ergebnis dafür verheerend. Der katzenartige Kopf platzte auf wie eine reife Melone und der Mendraner kippte nach hinten.
Schnell hatte sich Dearing aufgerichtet. Sie zog das spritzenähnliche Ding aus ihrem Arm und stöhnte vor Schmerz auf. Blut sprudelte hervor, aber sie ignorierte es.
Unter ihr erklang ein kaum hörbares Wimmern. Der erste Mendraner, den sie getroffen hatte, schien noch zu leben. Allerdings nicht mehr lange!
Wütend öffnete sie die Fesseln an ihren Beinen und sprang von dem Untersuchungstisch. Ihre Knie wollten nachgeben, allein ihr Wille hielt sie aufrecht.
Der Alien blickte zu ihr hoch. Einen Augenblick lang war es, als könne sie Angst in seinen Augen erkennen. Er hob die Hand, doch Dearing richtete die Waffe auf seinen Kopf und drückte ab. Die Kugel durchschlug Hand und Kopf und prallte kreischend vom metallenen Boden ab, ehe sie in einen Kasten fuhr und dort stecken blieb.
Zitternd sah Aaliyah Dearing sich um. Es gab eine Konsole neben der Tür. Die würde ihr alle Informationen liefern, die sie benötigte. Kaum trat sie näher, reagierte der Computer und die Menüs der Steuerung wurden angezeigt.
Aufgeregt scrollte sie durch die Anzeigen und wählte einige Bereiche an. Zwar verstand sie die Sprache nur teilweise, auch konnte sie nicht alles Buchstaben, doch auf dem Mars hatte sie oft mit solchen Systemen zu tun gehabt und das hier war damit identisch.
»Jaramago?«, fragte sie leise, als sie ihr Ohr berührte, um den Kommunikator zu aktivieren.
»Dearing? Was ist passiert?«, kam die Stimme des Captains Augenblicke später zurück.
»Hab Besuch bekommen. Aber der wollte nicht lange bleiben.«
»Was soll das bedeuten?«
»Ich habe jetzt eine Waffe und gerade herausgefunden, dass ich mich nur ein Deck unter der Kommandozentrale befinde. Scheiße, die haben hier wirklich den gesamten Plan des Schiffes in ihrem System. Ohne Zugriffsbeschränkungen und so aufgebaut, dass selbst ein Vollidiot ihn lesen kann. Wie kann man nur so dämlich sein?«
Aaliyah Dearing hatte genug gesehen. Sie deaktivierte die Konsole und schaltete das Licht im Raum ein. Tatsächlich befand sich über dem Untersuchungstisch ein Einlass der Luftsteuerung.
Erst in diesem Moment wurde ihr klar, dass sie noch nie auf einem Schiff der Mendraner gewesen war. Interessanterweise unterschied es sich nur wenig von den Schiffen der Menschen, zumindest im Inneren.
»Konnten Sie rausfinden, in welchem Quadranten Sie sind?«, fragte Captain Jaramago.
Im Hintergrund waren Alarmsirenen zu hören.
»Noch nicht. Was zum Teufel ist bei Ihnen los?«
»Mehrere feindliche Kreuzer sind aufgetaucht und nehmen die Flotte unter Beschuss.
Ausweichen!
Passen Sie auf die Trümmer auf!
Feuer erwidern!«
Die Verbindung wurde unterbrochen.
Aaliyah Dearing verriegelte die Tür und sprang auf den Tisch. Mit dem Griff der Waffe hieb sie gegen die Lüftungsabdeckung. Ein Schlag genügte und sie war locker. Ohne Probleme konnte sie den Deckel zur Seite schieben und kroch in den schmalen Lüftungsgang. Durch den Plan wusste sie, dass es in wenigen Metern eine Abzweigung gab, wo der Gang in einen Schacht führte. Dieser zog sich durch das gesamte Schiff.
»Verdammt, die nehmen uns auseinander!«, hörte sie in ihrem Kommunikator.
»Scheiße, Jaramago, was ist los?«
»Ich habe jetzt keine Zeit für Sie!«, kam zurück.
Im gleichen Augenblick wurde das leise Brummen der Generatoren des Raumers lauter. Vermutlich wurden die Schilde belastet und mehr Energie war notwendig geworden.
Dearing gelangte in den Schacht und fand dort völlig unerwartet in die Wände eingelassene Griffe, die man wie eine Leiter benutzen konnte. Offenbar war er für die Wartungstrupps des Raumschiffs ausgelegt, die von hier aus die unterschiedlichen Decks erreichen konnten, auch wenn die Lifte nicht mehr funktionierten.
‚Die machen es mir fast zu leicht‘, dachte sie und stieg weiter nach oben.
Nach kurzem Aufstieg erreichte sie das Ende des Schachtes und drei davon abzweigende Gänge. Wenn sie sich nicht irrte, dann musste sie den linken davon nehmen, um in die Kommandozentrale zu gelangen.
Vorsichtig krabbelte sie hinein. Das Metall hatte ihre Knie aufgescheuert. Die Waffe hielt sie mit den Zähnen, um sich besser bewegen zu können. Nach wenigen Metern gelangte sie an ein schmales Lüftungsgitter, das seitlich in einen Raum mündete. Licht drang in den dunklen Tunnel und Aaliyah blickte hinaus.
Sie sah etwas, dass an ein Cockpit erinnerte. Drei Mendraner saßen in bequemen Stühlen, die in einem Dreieck aufgestellt waren und fuchtelten mit ihren Händen scheinbar sinnlos in der Luft umher. Dearing wusste, dass die Helme, die sie trugen, ihnen alles anzeigten, was wichtig war, um das Schiff zu steuern.
Vorsichtig drückte sie gegen das Gitter. Es war verschraubt und ließ sich nicht so einfach öffnen. Doch die Schrauben waren in Reichweite. Mit ihren Fingern griff sie durch die Öffnungen und drehte die Verschlüsse auf. Nach wenigen Augenblicken konnte sie das Metall lösen und es kippte nach außen. Leise legte Dearing es auf den Boden und streckte den Kopf hinaus.
Die Tür zum Cockpit war geschlossen. Nur sie und die drei Piloten befanden sich in dem Raum, der drei große Fenster besaß, die ihnen einen Blick auf den Weltraum um das Schiff herum ermöglichten.
Noch hatten sie Dearing nicht bemerkt und die war von dem Anblick gebannt. Vor ihr glänzte die Oberfläche von Europa, während in der Umgebung kleine Sonnen zu entstehen schienen und gleich wieder vergingen. Eine Schlacht tobte hier, doch wer die Oberhand hatte, wusste sie nicht.
Es war Zeit zu handeln. Nun konnte sich Aaliyah keine Angst mehr leisten. Es stand zu viel auf dem Spiel. Aus ihren Erfahrungen auf dem Mars wusste sie, wie sie Türen der Mendraner manipulieren konnte.
Sie schlich näher heran, hoffend, dass der Sensor nicht reagierte, und erreichte ein kleines Terminal. Schnell hatte sie es aktiviert und die Tür verriegelt. Dann trat sie einige Schritte zurück, hob die Waffe und schoss.
Teile des Displays wurden in die Luft geschleudert und ritzten in ihre Haut. Schmerzhaft wurde Dearing bewusst, dass sie immer noch vollkommen nackt war. Aber auch für Schmerz war nun keine Zeit.
Sie wirbelte herum. Natürlich hatten die Piloten den Schuss gehört, doch Dearing war schneller. Drei Mal drückte sie ab. Drei Projektile verließen den Lauf. Drei Feinde sanken getroffen in ihren Sitzen zusammen.
Aaliyah warf die Waffe zu Boden. Sie würde sie nun nicht mehr brauchen. Angewidert zog sie einen der Mendraner aus seinem Sitz, zog seinen Helm ab und ließ die Leiche einfach fallen.
Seufzend nahm Dearing seinen Platz ein und setzte den Helm auf. Unzählige Symbole wurden erkennbar, dazu noch etwas, das einem Steuerknüppel sehr ähnlich sah. Vorsichtig griff sie nach vorne und bewegte ihre Hand über der virtuellen Darstellung.
Die Nase des Raumschiffes senkte sich tatsächlich, wie sie daran erkennen konnte, wie sich der Ausschnitt von Europa im rechten Fenster veränderte. Sie neigte den Kopf zur Seite und drückte ihr Ohr gegen die Innenseite des Helms.
»Jaramago? Hören Sie mich?«
»Dearing?«, kam zurück.
Im Hintergrund heulten Alarmsirenen. Menschen schrien durcheinander. Es schien das totale Chaos zu herrschen.
»Ja. Jaramago, ich habe die Kontrolle über das Schiff, auf dem ich mich befinde, übernommen.«
»Schön für Sie. Versuchen Sie, es auf Europa zu landen und hoffen Sie, dass wir diese Schlacht überleben. Aber es sieht gut aus. Nur noch zwei Kreuzer, dann sind wir durch.
Scheiße, was ist das?«
Die Verbindung wurde kurz unterbrochen, dann meldete sich der Captain wieder.
»Die Chancen sind gerade gesunken. Da kommt ein riesiges Schlachtschiff auf uns zu. Beten Sie für uns. Und viel Glück Dearing.«
Aaliyah blickte aus dem Fenster. Erst jetzt bemerkte sie den riesenhaften Schatten neben sich, der, in enger Formation, mit ihrem Schiff auf die Schlacht zusteuerte.
Noch nie hatte sie so ein gigantisches Raumschiff gesehen. Selbst von hier aus wirkten die ausgefahrenen Geschütze gewaltig. Die Menschen hatten keine Chance gegen diesen Riesen.
»Jaramago, ich glaube, ich sehe Sie«, sagte Aaliyah, »Die Flotte nimmt gegen das Schlachtschiff Aufstellung, habe ich recht.«
»Genau. Sind Sie auf dem Schlachtschiff?«
»Nein, das hier ist kleiner. Ein Kreuzer oder so etwas.«
»Wir haben mehrere Schiffe auf dem Schirm. Sie sind Begleitschutz von dem riesigen Kahn und fliegen offenbar unter dem Schild des Schlachtschiffs. Versuchen Sie, ein Shuttle zu erreichen, wir werden bald das Feuer eröffnen.«
»Dafür ist es zu spät. Außerdem können Sie das Riesending damit nicht aufhalten. Das Teil ist größer als unsere gesamte Flotte zusammen«, meinte Dearing.
»Dann gehen wir mit fliegenden Fahnen unter«, antwortete Jaramago verbissen.
Hinter Aaliyah klagen Schüsse und Projektile durchschlugen die Tür. Anscheinend hatte man bemerkt, dass im Cockpit niemand mehr am Leben war. Das Zischen eines Schweißgerätes wurde hörbar, dann wieder Schüsse. Eine der Kugeln traf Aaliyah Dearings Schulter. Sie würde diesen Raum nicht mehr lebend verlassen.
»Ich habe eine Idee«, zischte sie, den Schmerz so gut es ging unterdrückend.
»Was wollen Sie tun?«
»Ich opfere einen Bauern, um das Spiel zu gewinnen«, meinte Dearing leise und schaltete den Kommunikator ab.
Captain Conchita Jaramago starrte durch die großen Panoramafenster der Brücke nach draußen. Sie konnte ihren Augen kaum trauen. Das Schiff war wirklich gigantisch und die von den Scannern angezeigten Werte beinahe lächerlich hoch.
Drei Kreuzer begleiteten das Schlachtschiff mit äußerst geringem Abstand. Sie waren vom Schutzschirm gedeckt und verstärkten ihn mit der Energie ihrer Schutzschildgeneratoren. Dagegen bestand die Flotte der Menschen nur noch aus acht Schiffen, von denen zwei kaum noch in der Lage waren zu kämpfen. Alle kleiner und schlechter bewaffnet als selbst die kleinen Kriegsschiffe der Mendraner.
Es war ein aussichtsloses Unterfangen.
Bis einer der Kreuzer plötzlich seinen Kurs änderte.
Statt wie bisher parallel zu seinem großen Bruder zu fliegen, steuerte er direkt auf Kollisionskurs. Das bemerkte auch das Schlachtschiff, das seinerseits versuchte, den Kurs zu ändern, dabei jedoch einen seiner Begleiter rammte, der, durch die enge Formation, nicht schnell genug abdrehen konnte.
Die Hülle des Raumschiffes platzte auf und es zerbarst in einer unhörbaren Explosion, wie eine Seifenblase. Im gleichen Moment bohrte sich der andere Kreuzer spitz, etwa dort, wo die Brücke zu vermuten gewesen wäre, mitten in das Schlachtschiff und explodierte in einem grellen Feuerball.
Das Schiff geriet außer Kontrolle. Es drehte sich zur Seite, während es unverkennbar brennend, immer mehr Gas in den Raum entließ.
»Feuer eröffnen«, drang aus den Lautsprechern und die Flotte der Menschen folgte dem Befehl.
Es war nicht mehr notwendig. Noch bevor die ersten Raketen, Geschosse und Laser das Schlachtschiff trafen, begann dieses bereits auseinanderzubrechen.
Mit Wehmut sah Captain Jaramago dabei zu, wie die Trümmer langsam in Richtung Europa sanken. Dearing hatte sie gerettet und dafür ihr Leben geopfert. Kurz flackerte Bewunderung für den Mut der Frau auf. Sie war vielleicht ein dahergelaufenes Straßenkind, doch was sie auch tat, es führte schließlich zum Erfolg. Es war schade um sie.
»Verfluchte Helden«, murmelte sie leise vor sich hin und schloss die gepanzerten Läden vor den Panoramafenstern.
01. Resurrection
Das dreidimensionale Bild des Kommunikationsinterface war etwas zu blass, doch das störte den Zuseher meist kaum.
Zu erkennen war eine gut aussehende Mittdreißigerin in einem schlichten, äußerst knappen und extra tief ausgeschnittenen schwarz-weißen Kleid.
‚Sehr viel tiefer darf der Ausschnitt für die Nachrichten nicht mehr sein‘, dachte Branko Enzegowic grinsend, während er sich vorstellte, was wohl geschah, wenn sich die Brüste wirklich selbstständig machen würden. Heute interessierte das kaum jemanden. In seiner Jugend waren noch puritanisch geprägten Regeln zu Liveübertragungen in Kraft gewesen. Zeitversetzte Ausstrahlung, ausblenden verbotener Wörter und so weiter, waren an der Tagesordnung.
Niemand außer ihm konnte die Nachrichtensendung hören, keiner sah das Bild. Die KIFs jedes Einzelnen waren mit dem genetischen Zellcode verwoben. Dieser unterschied sich sogar bei Klonen, wenn auch nur geringfügig, und machte die Interfaces daher sehr sicher.
Die süße Stimme hämmerte in seinem Kopf, während sich die Aufnahme änderte. Sie stand vor dem Fenster zu einem OP-Saal. Dahinter sah man einen Körper, der hinter den Tüchern der Chirurgen vollkommen verschwand.
Heute war ein großer Tag, das wusste Branko, und wie er ausging, würde über viel entscheiden.
Er war ein unscheinbarer Mann. Auf der Straße hätte man ihn vermutlich einfach übersehen, wenn man ihm begegnete. Und doch auf dem Mars war er ein großer Mann. Er war das Gesicht und der Mann hinter der Sezession.
Zu lange hatte die Allianz den Mars wie eine Kolonie betrieben. Seine wirtschaftliche Kraft durch Zölle gehemmt und durch erschwerte Einfuhr den Aufschwung blockiert.
Hatten sie dafür vor so vielen Jahren gegen die Mendraner gekämpft?
Nur um noch immer unter Fremdbestimmung zu existieren?
Natürlich hatte ihnen die Regierung der VSA die Gründung eines eigenen Parlaments zugesagt. Man sicherte ihnen Sitze in der Hauptversammlung und ein Mitsprache- und Mitbestimmungsrecht zu.
Nur halbherzige Zugeständnisse. Die Abgeordneten des Mars vertraten beinahe ein Sechstel der Gesamtbevölkerung, doch ihre Stimmkraft in der Versammlung repräsentierte das nicht.
»Es ist ein großer Tag. Zum ersten Mal in der Geschichte wird ein als Blackbox bekannter Erinnerungsdatenspeicher in eine geklonte, menschliche Hülle eingeführt. Die Daten werden übertragen und danach der Körper wiederbelebt.
Das Ergebnis soll ein Individuum mit den gleichen Fähigkeiten und Erinnerungen eines Menschen zum Zeitpunkt des Todes sein. Ausgewählt für dieses Prestigeprojekt, mit dem sehr passenden Namen: Project Resurrection, des PHIMA-Konzerns, wurde eine verehrte Heldin aus der Zeit des Erstkontaktkriegs: Lieutenant Aaliyah Dearing.
Lieutenant Dearing wurde in der Benjan-Kolonie auf dem Mars geboren. Nach dem Angriff der mendranischen Flotte desertierte sie von ihrer Ausbildungseinheit und schlug sich bis in ihre Heimat durch. Schwer verletzt wurde sie nach New Hope gebracht, wo sie schnell zu einer charismatischen Figur des Widerstandes aufstieg. Ihre Berichte und Einträge, die sich wie ein Lauffeuer über die Erde verbreiteten, sind noch heute vielen Menschen ein Begriff.
Nach dem Tod von Joseph Liebermann übernahm sie die Leitung ihrer Zelle und führte sie mit den verbliebenen Widerständlern des Mars zusammen.
Diese Gruppen spielten bei der Befreiung des Mars‘ eine große Rolle. Ihr selbstloser Einsatz, gepaart mit ihren kurzen Einträgen im Infonet, die vom Leben als Gejagte unter einer feindlichen Herrschaft berichteten, wurde sie zum Symbol des Durchhaltewillens der Menschheit.«
Branko Enzegowic brummte etwas Unverständliches. Er konnte sich gut an die kurzen Posts erinnern. Sein Vater hatte ihm damals immer ihre Berichte vorgelesen. Sie hatten ihnen Mut gemacht, als sie sich in den Ruinen ihrer Häuser versteckten.
Dann war der Tag gekommen, als das Shuttle auftauchte und die Mendraner die Menschen zusammentrieben, in ein Raumschiff steckten und in eine Mine auf einen anderen Planeten brachten. Dort sollten sie etwas für sie abbauen, doch Branko erfuhr nie was genau. Nur so viel, dass der Abbau für die Mendraner selbst zu gefährlich war und spezielle Minenroboter fehlten. Die meisten der Einwohner des Himmelskörpers waren bereits in den übrigen Bergwerken versklavt worden und nun importierten die Mendraner Gefangene als Arbeitskräfte.
Beinahe ein Jahr verbrachten sie in der Mine eingesperrt, als eines Tages plötzlich Schüsse und Explosionen zu hören waren. Ihre Bewacher stürmten hinaus und kehrten nie wieder zurück. Dann war da jemand in einem Kampfanzug. Er brachte sie nach draußen auf einen Landeplatz.
Doch auch hier wurde gekämpft und Kugeln fuhren in ihre Gruppe. Mehrere Geschosse trafen seinen Vater in Brust und Kopf. Und da war nur noch Blut.
Branko würde diese Momente niemals in seinem Leben vergessen können. Allerdings auch nicht die, als er durch das Visier des Helmes in die hellen Augen der jungen Frau blickte, die seine Hand genommen und ihn hochgezogen hatte. Sie mochte vielleicht achtzehn oder neunzehn Jahre alt sein, aber sie zeigte keine Angst.
Ohne merkliche Anstrengung hatte sie den Elfjährigen in ein Shuttle gesetzt und dann ihre Waffe gehoben und auf die Angreifer gefeuert. Sie deckte den Abflug und riskierte ihr Leben.
Noch nie zuvor hatte Branko Enzegowic eine Person mit solcher Ausstrahlung erlebt. Und über Jahre hindurch verfolgten ihn die freundlichen Augen in seinen Träumen. Auch, seit er wusste, um wen es sich dabei gehandelt hatte.
Bereits zu Lebzeiten war Aaliyah Dearing eine Legende gewesen. Doch mit ihrem Tod wurde sie endgültig unsterblich.
Ihr war es gelungen, im Alleingang ein Superschlachtschiff und zwei Kreuzer zu zerstören und damit die Flotte der Allianz zu retten.
Die Medien hatten davon berichtet und schon nach wenigen Monaten wurden Plätze und Straßen nach ihr benannt. Und nicht nur das. Das Militär und die Regierung setzten auf ihren Ruf, um Geld zu lukrieren und Rekruten anzuwerben.
Den Menschen gab die Erinnerung an sie Hoffnung. So kannten selbst heute noch, mehr als dreißig Jahre später, kleine Kinder den Namen Aaliyah Dearing und wussten um ihre Verdienste.
»Lieutenant Dearing starb während eines Einsatzes, über den die Militärführung eine strikte Informationssperre erlassen hat. Nur ihre letzte Tat ist bekannt.
Als Gefangene auf einem Schiff der Mendraner gelangte sie bis ins Cockpit und übernahm die Kontrolle über den Kreuzer. Es gelang ihr, das Superschlachtschiff damit zu rammen und zu zerstören.
Dabei fand sie den Tod und stürzte mit den Resten der Schiffe und Tausenden Mendranern auf dem Mond Europa ab.
Archäologen entdeckten dort vor zehn Jahren Knochenfragmente, die man ihr zweifelsfrei zuordnen konnte, sowie die Blackbox. Diese war ihr als einer der wenigen Personen testweise und so berichten Gerüchte, ohne ihr Wissen, eingesetzt worden.
Mit der gefundenen DNA und den Daten der Blackbox will PHIMA sie nun wieder ins Leben zurückbringen.«
Branko Enzegowic seufzte leise. Niemand in der Bahn nahm von ihm Notiz. Die meisten der Fahrgäste sahen vermutlich selbst gerade die Übertragung. Es wunderte keine Menschenseele.
PHIMA, vormals Pheron International Mining Association, heute Pheron Interstellar Mining Association, war der mächtigste Konzern der Allianz, wenn nicht gar in der gesamten, bekannten Galaxie.
Pheron unterhielt Minen auf Hunderten von Welten und Asteroiden, doch sie beschränkten sich nicht nur auf den Abbau und Handel von Rohstoffen. Mittlerweile gab es wohl keinen Bereich des täglichen Lebens mehr, in dem das Unternehmen seine Finger nicht im Spiel hatte.
Pheron produzierte Pharmazeutika genauso wie Spielzeug, Nahrung, Gleiter und Waffen. Und das nicht nur innerhalb der Allianz. PHIMA Produkte konnte man auf nahezu allen bekannten Welten finden, egal ob nun von den Menschen besiedelt oder in der Hand einer anderen Rasse.
Diese Macht war Branko Enzegowic ein Dorn im Auge. Lange Jahre war er selbst Angestellter, doch der Umgang des Konzerns mit Mitarbeitern, ließ ihn zu einem Kritiker, wenn nicht gar Feind des Unternehmens werden.
PHIMA war nicht gerade für seine schonende beziehungsweise unterstützende Zusammenarbeit mit Untergebenen bekannt. Oder gar, sich auf Widerspruch einzulassen. Die PHIMA unterhielt die größte Privatarmee der Galaxie. Sie löste für sie Konflikte, Streiks und mischte sich sogar in Kriege und Umstürze ein, wenn die Seite, auf die sie sich stellten, dem Konzern dafür Konzessionen versprach.
Das ausgerechnet diese Firma nun so viel Geld in die Wiedererweckung einer Kriegsheldin investierte, musste einen Grund haben, doch Branko hatte keinen Verdacht wohin das führen sollte.
»Die Ärzte leiten gerade den letzten Prozess der Wiederbelebung ein. Das muss gleichzeitig mit dem Upload der Erinnerungen geschehen, sonst würde das Gehirn innerhalb von Minuten ein eigenes Bewusstsein entwickeln«, erklärte die Reporterin.
Sie blickte über ihre Schulter. Im Operationssaal war Hektik ausgebrochen. Etwas musste schief gelaufen sein. Mit offenem Mund starrte Branko auf das kleine, dreidimensionale Bild, ehe es plötzlich schwarz wurde und die Verbindung abriss.
»Das ist eine Katastrophe! Wie konnte es dazu kommen?«
Stephen J. Lyle wirkte alles andere als glücklich. Der Vorstandsvorsitzende der PHIMA blickte auf den kleineren Mann im Raum hinab.
Doktor Ravindran Simhan lehnte erschöpft an einem der Metalltische und starrte der dreidimensionalen Projektion seines Chefs in die Augen. Seit beinahe achtzehn Stunden war er nun bereits im Operationssaal. Sie standen so dicht vor der Wiederbelebung. Doch dann ging es schief.
»Wir konnten nichts machen«, erklärte er achselzuckend, »Ich habe Sie darauf hingewiesen, dass manche menschliche Gehirne auf die Übertragung aus der Blackbox mit Abwehr reagieren.
Dearing hat heftig reagiert. Heftiger als jedes andere Individuum, mit dem wir bisher experimentiert hatten.«
»Welche Chancen auf einen erfolgreichen Abschluss haben wir?«
»Sie verstehen das nicht, Mr. Lyle«, antwortete Ravindran Simhan ruhig, »Dearings Klon ist tot. Das Gehirn ist nur noch eine graue Masse ohne Funktion. Der Körper beginnt abzusterben. Wir haben verloren.«
»Dann müssen wir einen neuen Klon erschaffen. Es gibt doch mehrere Embryonen, oder?«, fragte Lyle nach, der sich nicht geschlagen geben wollte.
»Ja, aber keiner davon war so perfekt wie dieser. Wir haben einige mit Krebs, andere mit Verkrüppelungen, nur dieser war frei von Krankheiten. Das Zellmaterial war zu schlecht und dieser Klon ein Glückstreffer mit einer Chance von eins zu einhundert. Dazu kommt, das das System der Blackbox eine heute beinahe unbekannte Technik ist. Nach der Öffnung beginnt sich der Datenspeicher zu zersetzen. Das geht rasend schnell. Das Projekt ist gescheitert.«
»So einfach gebe ich nicht auf Doktor Simhan und ich erwarte das auch von Ihnen. Dearing ist wichtig für das Unternehmen. Mit ihrer Hilfe können wir die Separatisten auf dem Mars und auf allen anderen Kolonien in die Schranken weisen.
Denken Sie doch, welche Publicity eine lebende Aaliyah Dearing bedeutet. Welches Licht, das auf uns wirft.
Wir haben den Tod besiegt und eine Heldin wiedererweckt. Eine Heldin der Menschen, die auch bei anderen Spezies einen hohen Stellenwert besitzt. Unsere Aktien werden in unbekannte Sphären steigen und dazu können wir dann über eine Lichtgestalt verfügen, die wir unter Kontrolle haben. Was für eine Anführerin für unsere Truppen.«
Das Hologramm hob den Kopf und starrte sinnierend an die Decke. Doktor Simhan wagte nicht, etwas darauf zu erwidern. Es gab für ihn nur eine Möglichkeit, Dearing zu retten.
»Wir müssen neue Klone erschaffen«, schloss der Vorstandsvorsitzende, doch der Doktor schüttelte den Kopf.
»Ich habe Ihnen bereits gesagt, dass das nicht möglich ist. Die Blackboxes besitzen äußert empfindliche organische Speichermedien. Bereits jetzt beginnen sich die Daten zu zersetzen, in zwei Stunden sind sie unbrauchbar und dann für immer verloren. Wir müssen jetzt handeln und können keine fünf Jahre auf einen neuen, ausgewachsenen Klon warten.«
»Was schlagen Sie dann vor?«
»Es gibt nur noch eine Möglichkeit«, meinte Ravindran Simhan, »Wir müssen sie in einen anderen Körper transferieren.«
»Und woher bekommen wir den so schnell?«, fragte Stephen J. Lyle wild gestikulierend.
»Wir arbeiten parallel am Projekt Trojan Horse«, fuhr der Doktor fort, »Der Plan ist eine Führungspersönlichkeit in eine fremde Kultur einzuschleusen und dort die Macht zu übernehmen. Dazu wollten wir einen lebenden Körper, mit einer von uns entwickelten und kontrollierten virtuellen Intelligenz ausstatten. Im Gegensatz zu einer künstlichen Intelligenz hätte sie damit kein eigenes Bewusstsein, wäre aber lernfähig und natürlich unbedingt loyal.«
»Ich weiß, was denken Sie, wer den Denkanstoß zu diesem Projekt gegeben hat.«
»Verzeihung. Also, es gibt einen Körper, der zur Zeit zur Einpflanzung vorbereitet wird. Dieser besitzt noch ein Gehirn und wäre grundsätzlich dafür geeignet. Auch ist der Körper weiblich, doch das Aussehen ist leider weit entfernt von dem Aaliyah Dearings.«
»Sie sehen das als letzte Möglichkeit? Was ist das für ein Körper?«, fragte Lyle nach und kratzte sich nachdenklich am Kinn.
»Es ist eine Elevan.«
»Eine Elevan? Sind Sie verrückt? Dearing war eine Frau nach meinem Geschmack. Ein einfaches Mädchen. Voreingenommen gegen alle anderen Rassen. Und sie hasste die Elevan.«
»Entweder die Elevan oder Dearing verschwindet für immer«, schloss Doktor Simhan.
Es kostete Lyle sichtliche Überwindung. Er mochte die Elevan nicht, genauso wenig wie die meisten anderen der außerirdischen Rassen. Dabei waren die Elevan im Grunde einst Menschen gewesen.
Eine kleine Gruppe von, wie man vom heutigen Standpunkt aus behaupten könnte, Visionären, damals nannte man sie Verrückte, setzte sich auf einen kleinen Mond ab und gründete dort eine Kolonie. Sie schmiegte sich mit seltsam anmutenden Steinbauten an einen hohen Berg und erhielt den Namen Kaleron.
Kurz darauf begannen die Experimente. Mittels gezielter Mutation erschufen sie eine neue Rasse von Menschen und schrieben gleichzeitig einen Verhaltenskodex nieder, der sich an einem, mittlerweile vergessenen, Fantasy-Buch aus dem 21. Jahrhundert orientierte.
Die Gesellschaft der Elevan wirkte archaisch, war jedoch von Anfang an sehr offen. Aufgrund ihrer Mutationen konnten die Elevan auf vielen Welten siedeln, die für menschliche Siedler tödliche Umweltbedingungen boten.
Dafür wurden die Elevan eingesetzt, doch lebten sie mehr wie Sklaven in der Gesellschaft, denn als gleichberechtigte Bürger.
Diese Missstände führten zur Rebellion und zum Krieg. Die Elevan wollten als eigenständige Rasse anerkannt werden und waren bereit, dafür zu kämpfen. Und das taten sie.
An Körperkraft, Reaktion und Intelligenz den Menschen überlegen, waren sie siegreich und eroberten weitreichende Territorien der Allianz. Nach jedem Sieg schickten sie eine Botschaft an die Regierung, dass man von weiteren Kämpfen absehen würde, wenn man als eigenständige Rasse, mit eigenständiger Verwaltung angesehen würde. Doch die Regierung lehnte immer ab.
Erst der Angriff der Mendraner gab ihnen die Freiheit, für die sie gekämpft hatten. Die Allianz konnte keinen Zweifrontenkrieg führen und die Elevan wurden selbst von den Mendranern bedrängt. Die Regierung erkannte die Souveränität an und schloss mit den Elevan ein Angriffs- und Verteidigungsbündnis. Mit der Zeit wurde daraus ein festerer militärischer und wirtschaftlicher Zusammenschluss.
Lyle war während der Kriege jung und diente als Sanitäter auf der Erde. Für ihn war das der Inhalt einer Geschichtsstunde. Doch um die Elevan zu verstehen, musste man ihre Geschichte kennen.
Man sah sie nun immer häufiger auf der Erde. Menschenähnlich, aber im Durchschnitt wohl etwas größer. Auch ihre Lebenserwartung entsprach denen der Menschen. Allerdings, im Gegensatz zur menschlichen Bevölkerung, starben die Elevan nicht an Krebs oder Krankheiten. Sie waren dagegen immun. Ebenso wie gegen viele Umwelttoxine.
Ihre Haut- und Gewebestruktur war dichter als die der Menschen. Die Muskeln kräftiger, die Reflexe schneller. Ihre Pupillen wirkten wie die von Raubkatzen und wurden von einem zusätzlichen, durchsichtigen Lid geschützt, das wie eine Sonnenbrille selbst UV-Strahlen hoher Intensität abblockte. In der Nacht ermöglichte es eine Verstärkung des Restlichts und versetzte die Elevan damit in die Lage, sowohl bei gleißendem Licht, als auch bei Dunkelheit immer einsatzbereit zu sein.
Je länger Lyle darüber nachdachte, so war der Gedanke verlockend Dearing in einem solchen Körper wiederzuerwecken. Er könnte damit zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Mit ihrer Persönlichkeit hatte er einen Draht zu den Menschen. Ihr Aussehen brächte bei den Elevan Sympathien.
Dazu wäre sie noch stärker, schneller und intelligenter als zuvor. Davon abgesehen wurden den meisten Elevan bereits in frühester Jugend Bioimplatate eingesetzt, die Muskeln und Gelenke unterstützten und ihnen zusätzlich übermenschliche Kräfte verliehen.
Stephen J. Lyle begann der Gedanke einer Supersoldatin zu gefallen. Seiner Supersoldatin.
»Gut, Doktor«, sagte er schließlich, »Tun sie es. Ich werde es der Presse erklären, sobald ich eine positive Rückmeldung von ihnen habe.«
Der Anruf kam in der Nacht und holte Stephen J. Lyle aus dem Bett. Seine Frau neben ihm bemerkte nichts davon. Vorsichtig richtete er sich auf und hob seinen Arm.
Helle Linien auf der Haut begannen zu leuchten, ehe sich eine dreidimensionale, leicht durchscheinende Konsole vor ihm aufbaute. Mit einer Hand bediente er die Tasten und berührte schließlich den blinkenden Button.
Wie aus dem Nichts entstand ein Bild, das frei über seiner Hand schwebte und nur für ihn sichtbar war. Sofort erkannte er das Gesicht von Doktor Ravindran Simhan. Der gebürtige Inder wirkte müde, doch zufrieden.
»Doktor?«, fragte Lyle und versuchte, seine Aufregung zu verbergen.
»Wir haben es geschafft. Das Elevangehirn nahm die Informationen viel besser an, als das Menschliche. Vermutlich, weil die Elevan seit jeher an diese Art von Eingriffen gewöhnt sind.
Sie schläft jetzt und wir halten sie im Schlaf, bis sich Gehirn und Erinnerungen eingespielt haben. Unserer Erfahrung nach dauert das etwa vierundzwanzig Stunden. Danach können wir sie aufwecken.«
»Gute Arbeit, Doktor«, meinte Lyle sichtlich erleichtert, »Ich werde gleich morgen eine Pressekonferenz einberufen. Die Presse zerfetzt uns bereits, weil wir die Liveübertragungen gestern unterbrechen ließen. Ich muss sie mit Informationen füttern, sonst wird das eine Publicitydesaster. Also: Was kann ich ihnen sagen?«
»Die Wiederbelebung wurde erfolgreich durchgeführt, die Erinnerungen sind implantiert und werden gegenwärtig vom Gehirn übernommen. Bisher funktioniert alles so, wie wir uns das vorgestellt haben.
Allerdings würde ich die Sache mit der Elevan nicht verschweigen. Besser wir bereiten sie bereits darauf vor, bevor Dearing zum ersten Mal an die Öffentlichkeit tritt.«
Lyle nickte müde. Er hatte verstanden.
»Legen Sie sich hin, Doc. Das werden ein paar aufreibende Tage.«
»Nicht so beschwerlich, wie es bisher war. Aber dennoch. Gute Nacht.«
»Gute Nacht.«
Stephen Lyle legte sich wieder zurück und blickte auf seine Uhr. Es war 3:44 morgens. In etwas mehr als zwei Stunden würde der Wecker läuten und ihn wieder aus dem Schlaf reißen. Doch vermutlich würde er nicht mehr einschlafen können.
Vorsichtig stand er auf und durchquerte das Zimmer. Als er mit einer Handbewegung die automatische Tür aktivierte, die lautlos zur Seite glitt, regte sich seine Frau.
»Wo gehst du hin, Schatz?«, fragte sie.
»Ich kann nicht mehr schlafen.«
»Es ist noch nicht einmal vier Uhr. Was hält dich denn schon wieder wach?«
»Wir haben es geschafft«, sagte er leise.
Doch seine Frau hatte es gehört. Blitzartig richtete sie sich auf und starrte in die Dunkelheit, wo der Körper ihres Mannes nicht mehr als ein Schatten war.
»Aaliyah Dearing lebt?«
»Ja, wenn auch nicht in dem dafür vorgesehenen Körper«, seufzte Lyle, »Es gab Komplikationen und ihr Körper starb ab. Wir mussten reagieren und haben das Bewusstsein in eine Elevan transferiert. Es war notwendig, sonst hätten wir auch die Daten der Blackbox verloren.«
»Ich kenne die Probleme mit diesen organischen Speichermedien. Aber eine Elevan?
Dearing verachtete die Elevan, das weiß man doch. Und sie hasste die Mendraner. Ich halte es noch immer nicht für eine gute Idee, ein solches Relikt wieder auf diese Welt loszulassen.«
»Jetzt ist es zu spät, mein Schatz. Sie wird das Größte werden, was wir jemals erschaffen haben. Auf ihren Schultern wird die PHIMA zum absoluten Marktführer aufsteigen. Du wirst es sehen.«
»Es gefällt mir trotzdem nicht«, erwiderte sie und legte sich zurück in die weichen Kissen, »Sie ist ein Fossil. Sie gehört nicht mehr in diese Zeit. Erinnere dich daran, was sich in den letzten dreißig Jahren verändert hat. Sie wird in eine Welt geworfen, die sie nicht versteht, die sie nicht kennt.«
»Sie wird es lernen. Es geht um sie und um den Einfluss, den sie in der Bevölkerung besitzt. Wir werden sie mit allen Informationen versorgen, die sie braucht und wir werden darauf achten, dass sie nicht gleich schwere diplomatische Verstimmungen heraufbeschwört. Sei unbesorgt.«
Seine Frau brummte etwas Unverständliches und Stephen Lyle verließ das Schlafzimmer. Er ging die Treppe hinunter ins Wohnzimmer und aktivierte den Infoport vor der Couch. Augenblicklich bauten sich vor ihm dreidimensionale Projektionen auf, die genau auf seine Bedürfnisse zugeschnitten waren.
Links befand sich eine Auflistung seiner Nachrichten. Wie immer waren es zu viele um sie schnell überfliegen zu können. Aber seine Assistenten hatten bereits die Wichtigen mit einem Symbol versehen und so nahm sich Stephen diese zuerst vor.
Ein kleiner Aufstand in einer ihrer Minen, war erfolgreich von den Raidern, so wurde die Eingreiftruppe des Konzerns genannt, unterdrückt. Dabei waren drei Arbeiter getötet und zwanzig verletzt worden.
Die Informationen darüber würden zwar bestimmt an die Medien durchsickern, doch wie immer könnten die Pressesprecher dies relativ einfach klären. Der Konzern hatte Macht. Die Presse war ohnehin zahnlos geworden.
Börsenkurse wurden auf einem Laufband in der Mitte der Projektion angezeigt, während darüber gleichzeitig vier Nachrichtensender liefen. Sobald Stephen seinen Blick einem davon zuwandte, hörte er den entsprechenden Ton dazu.
Auf der rechten Seite war sein Terminkalender. Auch an diesem Tag war er zum Bersten gefüllt, doch heute waren andere Dinge wichtiger. Er würde das Labor besuchen und mit der Presse sprechen müssen. Alles andere war zweitrangig.
»Argus«, sagte er und ein leicht durchsichtiges Bild erschien in der Projektion.
Es war das Gesicht einer Frau. Natürlich würde jeder, der den Argus benutzt, seine eigenen Einstellungen besitzen. Stephen Lyles Projektion, war das Gesicht seiner Frau, das hier dargestellt wurde.
»Guten Morgen, Stephen«, sagte eine sanfte, warme Stimme, »Was kann ich für dich tun.«
»Sämtliche Termine von heute verschieben. Setz eine Pressekonferenz um vier Uhr nachmittags im Hauptgebäude an. Lade alle bekannten Medien dazu ein, doch sieh zu, dass unsere vorne am Podium sitzen.«
»Erledigt. Sonst noch etwas?«
»Nein.«
Das Gesicht verschwand. Der Kalender hatte sich verändert. Der heutige Tag hatte nun nur noch einen Eintrag. Pressekonferenz stand in der Spalte um 16:00 und reservierte dort eine Zeitspanne von zwei Stunden.
Argus war eine Entwicklung seines Unternehmens. Eine virtuelle Intelligenz, ohne Bewusstsein, die auf die Befehle ihrer Herren reagierte und sie ausführte. Dazu besaß sie die Fähigkeit, alle Geräte zu kontrollieren, die mit der jeweiligen Computerkonsole verbunden waren.
Der Name war durch die etwas holprige Bezeichnung Automatic Research and Guarding Universal Servant, kurz Argus, entstanden. Die Namensgleichheit mit dem vieläugigen Riesen aus der griechischen Mythologie, der auf Befehl Heras, Zeus‘ Geliebte Io bewachte, war beabsichtigt und führte daher wohl zu dem etwas ungewöhnlichen Akronym.
Für Stephen Lyle machte das keinen Unterschied. Auch, dass die Techniker dabei nicht den griechischen Namen, Argos, sondern den lateinischen verwendet hatten, spielte keine Rolle.
Argus war eine der am besten funktionierenden VIs, die für Privatpersonen zu bekommen war. Und sie lieferte bei jedem Gebrauch einen Bericht an den Zentralserver von PHIMA, wo die Daten ausgewertet wurden und in die Marktanalysen, Werbung und in andere wichtige Bereiche einflossen.
Der Gedanke daran, dass die Menschen sich nicht bewusst waren, wie viel ihrer persönlichsten Daten diese VI sammelte, ließ Lyle schmunzeln. Sie waren zu naiv. Die großen Sorgen wegen Datensicherheit und Persönlichkeitsschutz waren spätestens seit der Zeit des Erstkontaktkrieges Geschichte.
Die Angst machte Menschen gefügig und sie ließen zu, dass man ihnen einen großen Teil ihrer persönlichen Freiheiten nahm. Ja, sie drängten geradezu darauf. Für sie war Argus nicht mehr als eine sprachaktivierte Verbindung zum Netz, zu ihren Häusern, Fahrzeugen, Computern und so weiter, gleich wie alle ihre Vorgänger ebenso. Für den Konzern war Argus das Auge in die Schlafzimmer aller Planeten und Spezies.
Lyle lehnte sich auf seiner Couch zurück. Das kühle Leder schmiegte sich angenehm an seine Haut und erwärmte sich langsam. Es war nicht einfach gewesen, dieses gute Stück mit echtem Leder zu bekommen. Aber es war jeden Credit wert.
Daran dachte er, als ihn die noch vorhandene Müdigkeit wieder in Morpheus Sphären zog.
Es war ein kahler Raum. Kein Schmuck, keine Fenster, keinerlei störende Einrichtung. Die Decke leuchtete in einem sanften, kalten blauen Licht. Genau in der Mitte, auf einem Bett, lag ein Körper, den man mit unzähligen Tüchern abgedeckt hatte.
Eigentlich war es kein Bett. Es besaß nur ein breites Standbein, von dem aus sich ein weißer Körper, ähnlich eines Schiffsrumpfes, in beide Seiten erstreckte. Die Grundfläche war Oval und bot einem sehr großen, sehr dicken Menschen genug Platz, um bequem darauf zu liegen. Allerdings würde der Körper niemals die Oberfläche berühren.
Diese spezielle Konstruktion war für Operationssäle und Brandopfer entwickelt worden. Der Körper verharrte in einem Zustand der Schwerelosigkeit, wenn man ihn abgelegt hatte. Dadurch war er leicht manövrierbar und konnte doch mit den Kraftfeldern, die den Körper in diesem Zustand hielten, jederzeit so fixiert werden, dass keinerlei Bewegung mehr möglich war.
Über diesen Weg hatten die Betten Einzug als Stationsbetten in den Krankenhäusern gehalten. Viele lästige Wartungsarbeiten entfielen. Außerdem passten sich die Felder ideal auf jede Schlafposition an und durch die Absperrung konnte niemand das Bett verlassen, wenn man das wollte.
Ein leises Zischen ertönte, als Stephen J. Lyle den Raum betrat. Jedes dieser Betten besaß eine eigene Stromquelle, welche den Computer speiste, der die Kraftfelder steuerte. Ihr Summen war kaum wahrnehmbar und verschwand nach wenigen Augenblicken aus dem Bewusstsein der Besucher und Patienten.
»Da haben wir sie«, sagte Ravindran Simhan ehrfürchtig und blieb am Fußende stehen.
Lyle trat an das Kopfende. Vor ihm lag eine Frau mit dunklem Teint und schwarzen Haaren, die jedoch in ein Haarnetz gesteckt worden waren, um bei den Operationen nicht zu stören. Das Gesicht war bezaubernd, wie bei den meisten der Elevan. Eine Stupsnase, volle Lippen, dazu die hohen Wangenknochen. Störend wirkten lediglich die spitz zulaufenden Ohren.
Vorsichtig berührte Lyle die ebenholzfarbene Haut. Sie war weich und makellos. Seine Finger wanderten zu ihren Augen und zogen das Lid etwas nach oben. Ein graublaues Auge mit einer schlitzförmigen Pupille wurde sichtbar.
Er ließ die Hand nach unten gleiten und öffnete ihre Lippen. Die Zähne waren, wie bei den Elevan üblich, spitz und glichen Raubtierzähnen. Sie passten perfekt ineinander und bildeten eine durchgängige weiße Wand, wenn sie geschlossen waren.
Die Brust unter den dünnen Tüchern hob und senkte sich regelmäßig. Mit einer schwungvollen Bewegung deckte Lyle sie ab.
Hier war die Haut nicht mehr so makellos. Die Frau musste zu Lebzeiten einiges durchlebt haben. Der Körper war von Narben übersät. Die großen Brüste saßen straff auf dem breiten Brustkorb.
Der Bauch war flach und auch hier gab es unzählige kleine, hell leuchtende Wundmale. Das Muster zog sich beinahe bis zu den schlanken Unterschenkeln hinab.
Schmutzig grinsend musterte Lyle den Schoß und die leicht geöffneten Schenkel. Hier unterschieden sich die Elevan offensichtlich ebenfalls nicht von den Menschen. Selbst wenn es viele Geschichten über zahnbewährte Genitalien und Ähnliches gab.
»Was ist mit ihr passiert?«, fragte er den Doktor.
»Eine Granate. Schrapnelle haben sie durchlöchert. Wir konnten den Körper wiederherstellen, doch das Bewusstsein war erloschen. Deshalb hielten wir sie künstlich am Leben.
Heute Abend wird es eine Hautrekonstruktion geben. Dann sind die Narben morgen verschwunden. Aber da wir schnell handeln mussten, steht das nun hinten an«, antwortete der Inder.
»Gute Arbeit, Doktor. Wirklich hervorragende Arbeit«, meinte Lyle beeindruckt.
»Danke, Sir.«
»Begleiten Sie mich zur Pressekonferenz. Und bringen Sie ein Bild mit.«
Damit verließ Lyle den Raum und trat in den Verbindungsgang, der von mehreren Sicherheitsleuten bewacht wurde. Assistenten des Doktors fotografierten die neue Aaliyah Dearing. Noch ehe Lyle den Labortrakt verlassen hatte und sich in einem Expresslift nach oben befand, erhielt er das Foto auf seinem Kommunikator.
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