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Christian Blasge

Der Mensch als Rohstoff


© 2021 Promedia Druck- und Verlagsgesellschaft m.b.H., Wien

Coverfoto: Possessed Photography, unsplash.com

ISBN: 978-3-85371-887-2

(ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-3-85371-485-0)

Der Promedia Verlag im Internet: www.mediashop.at www.verlag-promedia.de

Inhaltsverzeichnis

Über den Autor

Einleitung

Was ist Philosophie und welche Aufgaben hat sie?

1. Die Antiquiertheit des Menschen

Günther Anders’ Ansichten über die Technik

Schwenk zur Gegenwart

Dave Eggers’ Roman »The Circle« – Eine Dystopie mit Realitätscharakter?

Der echte Circle: Alphabet Inc.

Die kalifornische Ideologie: Gegenkultur, Silicon Valley und Stanford

2. Auf dem Weg zum Übermenschen?

Friedrich Nietzsche und der Übermensch

Ray Kurzweil – Technik als Religion und Transhumanismus

Stand der Forschung: Gentechnik

Stand der Forschung: Nanotechnik

Stand der Forschung: Robotik

3. Treibende Kräfte des Optimierungswillens

Die Stilisierung des Menschen als Mängelwesen

Der allgegenwärtige Wettbewerb

Die Entwurzelung und Atomisierung des Menschen

Konsumismus und der Absolutheitsanspruch des Marktes

4. Die Selbstaufgabe des Menschen I: Künstliche Intelligenz

»Her« – ein zukunftsweisender Film?

Künstliche Intelligenz: Grundlagen, Anwendungsfelder und philosophische Probleme

5. Die Selbstaufgabe des Menschen II: Enhancement, Trans- und Posthumanismus

Jürgen Habermas’ Kritik an der liberalen Eugenik

Michael Sandels Plädoyer gegen die Perfektion

Bernward Gesangs Perfektionierung des Menschen und humaner Utilitarismus

Allen Buchanans Beyond Humanity

Savulescus und Perssons »Need for Moral Enhancement«

Gedanken über Enhancement, Trans- sowie Posthumanismus

Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis

Internetquellen (in chronologischer Reihenfolge)

Über den Autor

Christian Blasge, geboren 1988 in Klagenfurt, ist als Schullehrer sowie als Fachlehrer in den Bereichen Ethik, Bewegung und Sport an der Pädagogischen Hochschule Steiermark sowie an der Karl-Franzens-Universität Graz tätig.

Einleitung

»Es war die beste und die schlimmste Zeit, ein Jahrhundert der Weisheit und des Unsinns, eine Epoche des Glaubens und des Unglaubens, eine Periode des Lichts und der Finsternis: es war der Frühling der Hoffnung und der Winter der Verzweiflung; wir hatten alles, wir hatten nichts vor uns; wir steuerten alle unmittelbar dem Himmel zu und auch alle unmittelbar in die entgegengesetzte Richtung – mit einem Wort, diese Zeit war der unsrigen so ähnlich, daß ihre geräuschvollsten Vertreter im guten wie im bösen nur den Superlativ auf sie angewendet wissen wollten.«1

Charles Dickens (1812−1870)

Jedes Sehen ist ein perspektivisches Sehen und wir leben in einer Zeit voller Paradoxien. Während die Gegenwart dem einen als die beste aller Zeiten erscheint, kann sie für einen anderen die schlimmste bedeuten. Wer liegt näher an der Wahrheit? Es hängt von der Perspektive ab: Sinn und Unsinn, Besonnenheit oder Risikobereitschaft, Chancen und Gefahren – diese Begriffe lassen sich nicht voneinander trennen. Trotzdem neigen wir dazu, uns entweder für das eine oder das andere zu entscheiden. Unserem Verstand fällt es schwer, mehrere, einander womöglich widersprechende Realitäten auf ein und denselben Sachverhalt zu beziehen. Dabei hat kein Geringerer als Friedrich Nietzsche eindringlich darauf hingewiesen, dass sich im Guten stets etwas Böses, im Bösen stets etwas Gutes verberge.

Dieses Buch soll gleichwohl nicht als ein Aufruf zur »Umwertung aller Werte« verstanden werden – im Gegenteil: In einer postfaktischen Welt müssen wir uns vielmehr als Einzelne und in der Gesellschaft immer wieder neu fragen, wie wir eigentlich leben wollen, welche Werte für uns als zentral gelten und was wir für gut und erstrebenswert erachten. Dies gilt insbesondere mit Blick auf die technischen Errungenschaften, die Achtsamkeit, analytischen Scharfsinn und interpretatorische Fähigkeiten verlangen. Technik schafft neue Welten, sie erzeugt neue und transzendiert alte Werte. Der nahezu alle Lebensbereiche beherrschende Umgang mit ihr einerseits und ihr rasantes Fortschreiten andererseits prägen unser alltägliches Verhalten wie unsere Sicht auf die Welt. Die Technik an sich stellt womöglich eines der ambivalentesten Phänomene überhaupt dar, lassen sich doch mit ihr Wunder und Zerstörung gleichermaßen vollbringen – Menschen können geheilt oder geknechtet, befreit oder kontrolliert, sozial eingebettet oder ausgeschlossen werden. Die Technik steht daher im Zentrum des vorliegenden Buches. An ihre Seite soll die Philosophie treten, die durch ihre große Geschichte eine Fülle an fundierten Perspektiven bereithält, die dem einen oder anderen Orientierung, Halt, hoffentlich Zweifel und bestenfalls Stärke vermitteln kann. Philosophie ohne Kontext und ohne Kritik am Status quo bleibt allerdings theoretisch, freischwebend und zahnlos. Es wird daher der Versuch unternommen, an aktuelle Entwicklungen im Bereich der Technik anzudocken und sie mit dem Instrumentarium der Philosophie zu einem besseren Verständnis des Hier und Jetzt aufzuschlüsseln.

Was erwartet Sie als neugieriger Leser, neugierige Leserin? Am Anfang steht ein Einblick in das philosophische Denken, in dem zugleich die Grundprinzipien vorgestellt werden, die diesem Buch zugrunde liegen: Offenheit, Mut und ein kultiviertes Staunen über die Welt. Begleitet und vertieft wird dieser Einblick durch biografisch-philosophische Exkurse zu Sokrates, Immanuel Kant und Karl Jaspers.

Im ersten Kapitel trete ich zunächst ins Gespräch mit Günther Anders, dessen Interpretation der Technik in Die Antiquiertheit des Menschen (Band 1 1956, Band 2 1980) nach über 60 Jahren immer noch für Nachdenklichkeit, Faszination und manches Kopfschütteln sorgt. Anschließend springe ich in die Gegenwart und schlage über den dystopischen Roman Der Circle (2013, deutsch 2014) eine Brücke zu einem der einflussreichsten Konzerne der Welt, beheimatet im Silicon Valley. Was passiert eigentlich in diesem »Silicium-Tal«? Und wie ist die sogenannte »kalifornische Ideologie« zu interpretieren, die sich aus dem abenteuerlichen Rebellentum junger Menschen und aus deren Glauben, durch Technik sei schlechthin alles machbar, zusammensetzt?

Im zweiten Kapitel vergegenwärtige ich einige Aspekte von Nietzsches Konzeption des »Übermenschen»sowie die Ideen Ray Kurzweils zum »Transhumanismus« und der »Singularität«. Schließlich bringe ich dieses Sammelsurium mit aktuellen Entwicklungen aus Gentechnik, Nanotechnik und Robotik zusammen.

Im dritten Kapitel möchte ich die subversiven Kräfte aufdecken, die uns dazu motivieren oder gar nötigen, uns selbst, unsere technischen Mittel und unsere Umwelt kontinuierlich zu optimieren. Wir begeben uns auf einen Ausflug tief in die menschliche Psyche, betreiben Gesellschaftskritik und klären die Frage, ob sich unsere Gesellschaft zunehmend in einem Modus der Konkurrenz und immer weniger in Kooperation befindet. Angestoßen werden diese Fragen durch folgende Problembereiche:

1. Die Stigmatisierung des Menschen als »Mängelwesen«, das überwunden werden soll.

2. Die Digitalisierung und Automatisierung menschlicher Arbeitskraft und deren Auswirkung auf den Arbeitsmarkt und den Menschen selbst.

3. Die Zunahme an Freiheiten, die einerseits begrüßt werden muss, andererseits zu Überforderung, Entwurzelung und Entfremdung führen kann.

4. Der Mythos, Probleme ließen sich durch Konsum lösen, gekoppelt mit dem Trend, sich (freiwillig oder unfreiwillig) zum Vermarkter einer Ware und gleichzeitig selbst zur Ware zu machen.

Sie haben Zweifel? Vielleicht kann die philosophische Auseinandersetzung mit Beispielen aus den Sozialen Medien, den Partnerbörsen und dem Arbeitsmarkt Sie umstimmen.

Das vierte Kapitel befasst sich vorwiegend mit dem technischen Fortschritt, der zu einer buchstäblichen »Selbstaufgabe des Menschen« führen kann. Wir werden uns mit der Wahrscheinlichkeit auseinandersetzen müssen, dass uns auf lange Sicht künstliche Intelligenzen ablösen werden. So manche Expertin ist der durchaus streitbaren Ansicht, dass sich Eigenschaften, die unsere Biologie auszeichnen, technisch generieren lassen. Ich stelle milliardenschwere Forschungsprojekte vor, spiele Zukunftsszenarien durch und frage, ob die Möglichkeit, Superintelligenzen zu entwickeln, unser Leben, so wie wir es kennen, für immer verändern wird. Achtung: Die Erschaffung einer Superintelligenz könnte die letzte Erfindung sein, die wir machen – ob dies positiv oder negativ zu bewerten ist, bleibt offen.

Im letzten Kapitel setze ich mich mit dem leiblichen Aspekt der menschlichen Selbstaufgabe auseinander. Sie betrifft unmittelbar unseren Körper. Konkret beschäftige ich mich mit den philosophischen Richtungen des Transhumanismus und mit dem darauf aufbauenden Posthumanismus, deren Ziel darin besteht, den Menschen per se zu etwas Höherem, Besserem zu transformieren. Nach dem Motto »Ist es nicht besser, besser zu sein?« werden neueste Fortschritte in Genetik, Medizin, Pharmakologie, Nanotechnik und Robotik es uns langfristig erlauben, länger zu leben, schneller zu denken und leistungsfähiger zu sein. Was mit einfachen Brillen, Herzschrittmachern, Prothesen und Cochlea-Implantaten begann, findet in Gentherapien, Nanorobotern im Körper, Gehirn-Computer-Schnittstellen usw. seine Fortsetzung. Die schleichende Verschmelzung von Mensch und Maschine hat unseren von Smartphones und anderen technischen Intelligenzen beherrschten Alltag bereits erfasst. Doch wie weit wollen wir in den westlichen, wohlhabenden Gesellschaften gehen? Soll alles technisch Machbare tatsächlich umgesetzt werden? Welche Rolle kann und soll in diesem Zusammenhang die Ethik spielen – sofern sie hier in ihrer klassischen Form überhaupt noch greifen kann? Die Debatte rund um den Trans- bzw. Posthumanismus wirft zahlreiche Fragen auf: Wie lässt sich eine Gesellschaft gestalten, in der »Cyborgs«, virtuelle Entitäten und Menschen neben- bzw. miteinander leben? Wie werden Trans- und Posthumanisten den Menschen betrachten? Als etwas Schützenswertes, als bloßen Rohstoff oder gar als obsolete Belastung? Oder provokant mit Nietzsche gesprochen: »Was ist der Affe für den Menschen? Ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham. Und ebendas soll der Mensch für den Übermenschen sein: ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham.«

1 Dickens, Charles: Eine Geschichte aus zwei Städten, Insel Verlag: Berlin 2011 [1859].

Was ist Philosophie und welche Aufgaben hat sie?

»Philosophie ist die Wissenschaft, über die man nicht reden kann, ohne sie selbst zu betreiben.«2

Carl Friedrich von Weizsäcker (1912−2007)

»Der Mut der Wahrheit, der Glaube an die Macht des Geistes ist die erste Bedingung der Philosophie.«3

Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770−1831)

Der Ursprung des Begriffs Philosophie (φιλοσοφία) liegt im Griechenland des 6. Jahrhunderts v. Chr. Übersetzt bedeutet Philosophie »Liebe zur Weisheit«, womit zum Ausdruck gebracht wird, dass sich der Philosophierende intensiv mit Fragen des Denkens, Sprechens und Handelns beschäftigt, um so zu einem tieferen Verständnis der Zusammenhänge zwischen Mensch, Natur und Kosmos zu gelangen. Welche Merkmale »Weisheit« grundsätzlich definieren, kann nicht eindeutig bestimmt werden. Eines ist jedoch sicher: Sie bedarf einer bestimmten Form des Wissens. Ohne Wissen kann Weisheit nicht zur Erscheinung gelangen, während es umgekehrt durchaus Wissen ohne Weisheit geben kann. Der Philosoph ist folglich jemand, der sich stets auf der Suche nach Erkenntnis und nach Weisheit befindet. Er unterscheidet sich damit fundamental von jemandem, der behauptet, bereits im Besitz eines unveränderlichen Wissens zu sein. Tiefere Einsichten führen naturgemäß zu weiteren Fragen – dieser Kreislauf kommt, sofern man des Fragens nicht müde wird, zu keinem Ende. Weisheit kann somit als etwas dem Wissen Übergeordnetes verstanden werden, das uns dazu befähigt, Einsichten in unser Leben zu gewinnen und mit einem beweglichen Geist möglichst unabhängig von äußeren Einflüssen in der Welt zu wirken.

Um zu verstehen, worum es in der Philosophie geht, muss man sich mit ihren Fragestellungen und Herangehensweisen auseinandersetzen. Grundsätzlich betreibt jeder Mensch Philosophie. Sobald man über seine eigene Lebensweise nachzudenken beginnt, über das Wesen von Politik und Gerechtigkeit, über Gott oder die Existenz der Seele, philosophiert man. Diese Art des konzentrierten Nachdenkens könnte man als Alltagsphilosophie bezeichnen. Sie nimmt zweifellos eine wichtige Funktion in unserem Leben ein, unterscheidet sich jedoch von der akademischen Philosophie. Die akademische Philosophie verfügt über ein systematisches Wissen über die verschiedenen Bereiche dieser Disziplin und verständigt sich darüber mit einer eigenen, für Außenstehende oft schwer verständlichen Terminologie. Sie arbeitet vorwiegend mit Begründungen sowie Argumenten und ist bemüht, persönliche Befindlichkeiten und Emotionen nicht zu berücksichtigen. Zu fruchtbaren Debatten kommt es, wenn sich innerhalb eines Bereiches oder einer Fragestellung der Philosophie unterschiedliche und womöglich divergierende Ansätze gegenübertreten. Plötzlich werden Inhalte infrage gestellt, die möglicherweise seit Jahrzehnten als aktueller Kenntnisstand oder common sense behandelt wurden. Die philosophische Methode dieser Art der Auseinandersetzung wurde in der Geschichte als Dialektik bezeichnet, bei welcher Argumente (Thesen) auf Gegenargumente (Antithesen) treffen, woraus gewandelte Einsichten (Synthesen) für beide Seiten entwickelt werden. Dabei ist nicht auszuschließen, dass diese Synthesen nach einer Weile erneut einer kritischen Prüfung unterzogen werden, womit der Prozess von vorne beginnt. Das zentrale Element dieser Methode ist die beiderseitige Ergebnisoffenheit: Man vertritt zwar den eigenen Standpunkt, muss diesen aber revidieren, wenn er von einer plausibleren Erklärung abgelöst werden kann. Manchmal beschleicht einen Außenstehenden das Gefühl, dass Philosophen ihre Thesen in einer bewusst abstrakt gehaltenen Sprache gegen Kritik immunisieren möchten. Im optimalen Fall sollen Alltagsphilosophie und akademische Philosophie einander nicht ausschließen, sondern ergänzen. Philosophische Fragen betreffen jeden von uns und gehören zum Leben dazu.

Darauf verweist auch der Urvater des abendländischen Philosophierens: Sokrates. Sokrates hat nie ein Buch geschrieben (verschriftlicht hat ihn erst Platon), sondern zum Gespräch gezielt den Marktplatz – die agora – gewählt. Er lehrt uns, grundsätzliche Fragen nie als endgültig beantwortet zu betrachten. Das menschliche Denken, aber auch politische oder moralische Überzeugungen oder das Verständnis von Begriffen wie Gerechtigkeit oder Tapferkeit sind bei näherer Betrachtung widersprüchlich und schwer zu definieren. Wir täten daher gut daran, mit unseren Wissensansprüchen etwas bescheidener aufzutreten. Wahrhaft weise sei jemand, der sich stets darüber im Klaren sei, dass er nicht die endgültige Wahrheit, sondern nur Ausschnitte oder Abbilder von dieser erkennen könne – der »weiß«, wie Sokrates sagt, »dass er nichts weiß«. Im Dialog – so hat Platon ihn uns überliefert – zeigt Sokrates seinen Gesprächspartnern häufig auf bissige, provokante, aber tief reflektierende Weise (und gelegentlich mit einer gesunden Portion Humor) die Grenzen ihrer Ansichten auf. Die sogenannte Sokratische Methode, also das gezielte Hinterfragen einer Sache oder das Formulieren von detaillierten Fragen, auf die man nicht ad hoc eine Antwort erhalten kann, stellt einen ersten Schwerpunkt des Buches dar. Das »Modell Sokrates« und sein bewusst provokatives und herausforderndes Auftreten haben in der heutigen Zeit eher wenig Einfluss. Die meisten Philosophen haben sich auf ihre Fachgebiete zurückgezogen und pflegen möglichst harmonische Beziehungen zu ihren Kollegen an den Universitäten, zur Gesellschaft, zu Kreisen der Wirtschaft und Politik. Man hat den Eindruck, dass keiner dem anderen allzu sehr auf die Füße treten möchte.

Unter vielen anderen wähle ich nach Sokrates einen zweiten großen Denker, der grundsätzlich anders an die Philosophie heranzugehen scheint: Immanuel Kant. Der deutsche Philosoph aus dem 18. Jahrhundert vertritt im Gegensatz zu Sokrates durchaus Wissensansprüche, jedoch mit einer wichtigen Einschränkung: Unsere Perspektive ist eine dezidiert menschliche – und sie kann auch keine andere sein, da wir nur über unsere Sinnesorgane Zugang zur Welt haben. Mithilfe der Vernunft, die unser Denken auf eine neue, abstrakte Ebene hebt, ist es uns dennoch möglich, allgemeine Aussagen zu formulieren. So hat Kant exemplarisch einen Versuch unternommen, eine moralische Regel, den sogenannten Kategorischen Imperativ, zu formulieren, die allgemeine Gültigkeit beanspruchen sollte. Kant formulierte zudem vier grundsätzliche Fragen der Philosophie – Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch? –, die er in seinen Werken ausführlich und einflussreich für die Nachwelt diskutiert. Für meine Überlegungen besonders relevant ist seine leidenschaftliche Ermutigung des Menschen, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen und nicht fremdbestimmt und unmündig durch das Leben zu gehen.

Der dritte und letzte Philosoph, der im einleitenden Teil zur Philosophie besondere Beachtung erhält, wirkte im 20. Jahrhundert: Karl Jaspers. Jaspers beschäftigte sich mit dem Ursprung der Philosophie, mit ihrem eigentlichen Nutzen und mit ihren besonderen Merkmalen. Die Philosophie ist nach Jaspers ein ambivalentes Phänomen. Nicht wenige halten sie für ein überflüssiges Grübeln von Träumern, während sie für andere keine eigenständige Disziplin ist. Da sie keine eindeutigen Ergebnisse liefern kann, sei es sinnlos, sich mit ihr zu beschäftigen. Warum ist sie heute trotzdem von Belang? Jaspers Antwort lautet: Philosophie verkörpert eine Art des Denkens, die tiefer ergreift als jede wissenschaftliche Erkenntnis. Vor aller Wissenschaft tritt sie dort auf, wo Menschen hellhörig werden, aufwachen und Fragen stellen. Sie lehre, sich nicht täuschen zu lassen und keine Möglichkeit einfach beiseitezuschieben. Sie stört die Ruhe der Welt, denn sie will die ganze Wahrheit. Die meisten Menschen verlieren im Laufe ihres Erwachsenwerdens ihre kindliche Naivität und Unbefangenheit. Sie verstricken sich in einem Netz von Konventionen und Meinungen, die sie daran hindern, grundsätzliche Fragen zu stellen. Dabei ist Philosophie in »abgesunkener« Form überall gegenwärtig: in Redewendungen, politischen Ideologien, moralischen Überzeugungen oder den »Mythen des Alltags«. Gewissen Fragen kann man nicht entrinnen.

Jaspers schreibt der Praxis des Philosophierens drei wesentliche Merkmale zu: das Staunen, das Zweifeln und die Befriedigung im Vollzug der Erkenntnis. Diese Motive sollen uns durch das vorliegende Buch leiten. Die Leserin und der Leser werden durch aktuelle Entwicklungen in Wissenschaft und Technik in Staunen versetzt, aber nicht nur das. So spannend manche Erkenntnisse sein mögen – eine gesunde Skepsis sollte uns nie verlassen. Die meisten von uns bevorzugen schnelle, pragmatische Lösungen, übersehen jedoch, dass viele Dinge darüber ihren Reiz, ihre Besonderheit und ihren Wert einbüßen, wodurch etwaige Probleme, ja sogar Gefahren nicht erkannt werden. Der Zweifel gibt einer neuen Erkenntnis eine Chance – und nach Jaspers ist genau diese Art zu denken geprägt von tief greifender Befriedigung. Ich möchte Sie also zu folgenden drei Haltungen ermuntern:

Zu der Offenheit, tief greifende Fragen zu stellen

Zu dem Mut, sich Ihres eigenen Verstandes zu bedienen

Zu einer Kultivierung Ihres Staunens über die Welt

2 Weizsäcker, Carl Friedrich: Die Einheit der Natur, Hanser: München 1971.

3 Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie: Erster Teil, Hofenberg: Berlin 2013 [1837]

1. Die Antiquiertheit des Menschen
Günther Anders’ Ansichten über die Technik

»Wenn es im Bewußtsein des heutigen Menschen etwas gibt, was als absolut oder als unendlich gilt, so nicht mehr Gottes Macht, auch nicht die Macht der Natur, von den angeblichen Mächten der Moral oder der Kultur ganz zu schweigen. Sondern unsere Macht. […] Die prometheisch seit langem ersehnte Omnipotenz ist, wenn auch anders als erhofft, wirklich unsere geworden. Da wir die Macht besitzen, einander das Ende zu bereiten, sind wir die Herren der Apokalypse. Das Unendliche sind wir.«4

»Unter den Mächten, die uns heute formen und entformen, gibt es keine mehr, deren Prägekraft mit der der Unterhaltung in Wettbewerb treten könnte. Wie wir heute lachen, gehen, lieben, sprechen, denken oder nichtdenken, selbst wie wir heute zu Opfern bereit sind, das haben wir nur zum allunbeträchtlichsten Teil im Elternhaus, in den Schulen oder in den Kirchen gelernt, vielmehr fast ausschließlich durch Rundfunk, Illustrierte, Filme oder durch das Fernsehen – kurz: durch ›Unterhaltung‹.«5

In den 1950er-Jahren warf Günther Anders die provokante Frage auf, ob der Mensch nicht mittlerweile hoffnungslos antiquiert, also überholt sei, da ihm die Technik den Rang abgelaufen habe. Diese Frage wird eingebettet in eine fundamentale Skepsis gegenüber dem »Gerät an sich«, womit Radio und Fernsehen, die sogenannte Maschinenmusik sowie Abbilder aller Art gemeint sind. Ich nehme Anders’ Diagnose zur kritischen Ausgangsbasis für die Betrachtung der Technik im 21. Jahrhundert.

Günther Anders wurde 1902 in Breslau geboren und wuchs in einer jüdischen Familie auf. Sein Vater war der bekannte Psychologe William Stern. Anders wurde 1923 bei Edmund Husserl promoviert und lernte 1925 in einem Seminar seine erste Ehefrau, die Philosophin Hannah Arendt, kennen. In den Jahren 1930−1932 arbeitete Anders an dem antifaschistischen Roman Die molussische Katakombe, der aufgrund der nationalsozialistischen Machtergreifung nicht erscheinen konnte und erst 60 Jahre nach seinem Entstehen, im Jahr 1992, publiziert wurde. 1933 emigrierten er und Arendt nach Paris. 1937 ließ sich das Paar scheiden, worauf Anders weiter in die USA floh. Im Exil blieb Anders ein Außenseiter und fand nie Anschluss an die dortige »scientific community«. Infolge finanzieller Engpässe musste er seinen Lebensunterhalt durch unterschiedliche Tätigkeiten – beispielsweise als Putzmann in den Requisitenkammern von Hollywood – bestreiten. Diese Erfahrungen schärften allerdings seinen Blick für die Charakteristika der modernen Zivilisation. Die erst langsam durchsickernde Wahrheit über die Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten sowie der Abwurf der Atombombe über Hiroshima gaben dem Leben und Denken von Günther Anders eine entscheidende Wende. 1950 kehrte er nach Europa zurück und ließ sich in Wien, der Heimatstadt seiner zweiten Frau (der Schriftstellerin Elisabeth Freundlich) nieder. Der Bau weiterer Atombomben und die Möglichkeit der Auslöschung der Menschheit durch einen globalen Krieg wurden für Anders zum bestimmenden Thema der nächsten Jahrzehnte. Anders starb in hohem Alter und bis zuletzt arbeitend 1992 in Wien.6 In einem seiner Werke bezeichnete er seine Tätigkeit als »Gelegenheitsphilosophie« – eine Philosophie, die die charakteristischen Aspekte ihrer Zeit zum Ausgang des Denkens nimmt.

Der Medien- und Technikphilosoph hat sich in den beiden Bänden seines Hauptwerkes Die Antiquiertheit des Menschen (Band 1 1956, Band 2 1980) intensiv mit der Seele des Menschen im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution (Band 1) sowie mit der Zerstörung des Lebens in der dritten industriellen Revolution (Band 2) beschäftigt. Seine Ansichten über die Technisierung der Welt und deren Bedeutung für den Menschen sind bis heute einflussreich. Die Methode der Vermittlung seiner Gedanken beschreibt er selbst als »Übertreibung«. Es gebe Erscheinungen in unserer Welt, bei denen sich die Überpointierung und die Vergrößerung nicht vermeiden lassen, da sie ohne diese Entstellung kaum identifizierbar wären oder gar unsichtbar bleiben würden, so Anders. »Übertreibung oder Erkenntnisverzicht« – vor diese Alternative stellt er seine Leserinnen.

In seinem Werk verfolgt Günther Anders drei zentrale Thesen: (1) Wir sind der Perfektion unserer Produkte nicht gewachsen; (2) wir stellen mehr her, als wir vorstellen und verantworten können; und (3) wir glauben, alles, was wir können, auch zu dürfen, zu sollen, ja sogar zu müssen. Diese Thesen sollen Gegenstand der nächsten Seiten sein und als philosophisches Grundgerüst für weitere Überlegungen dienen.

Einer der bekanntesten Begriffe, mit denen man Anders in Verbindung bringt, ist die »prometheische Scham« des Menschen gegenüber den Dingen, die er selbst hergestellt hat. In der griechischen Mythologie galt Prometheus als ein Freund und Lehrmeister der Menschen. Einer Variante des Mythos zufolge fertigte er die Menschen aus Ton an und verlieh ihnen von verschiedenen Tieren je eine Eigenschaft – z. B. die Klugheit des Hundes. Überdies gab er den Menschen das Feuer zurück, das ihnen wegen Betrugs während einer Opfergabe für die Götter von Zeus genommen worden war. Während Prometheus stolz auf seine Kreationen sein konnte, da er ihnen stets überlegen blieb, drückt die prometheische Scham das Gefühl der menschlichen Unterlegenheit gegenüber seinen perfekt gestalteten Produkten aus, denen der Mensch als mängelbehaftetes Wesen nicht mehr beikommen kann. Anders bezeichnet diesen Zustand auch als das »prometheische Gefälle«. Im Angesicht seiner durchkalkulierten Produkte schämt sich der Mensch, geworden, statt gemacht worden zu sein. Er zieht in seiner Scham das Gemachte dem Macher vor – der verspürte Stolz wechselt vom creator zum creatum. In einer komplexer werdenden Welt von Maschinen wird der Mensch darüber hinaus zunehmend von seinen Schöpfungen assimiliert. Er fungiert nicht nur als Gerät neben Geräten, sondern als Gerät für Geräte. Die Folge ist für Anders das Vertauschen der Subjekte von Freiheit und Unfreiheit: Frei sind die Dinge, unfrei ist nun der Mensch.

Die erste Inferiorität des Menschen gegenüber den Maschinen ist das Scheitern im Vergleich zu ihnen, das sich in Minderwertigkeitsgefühlen äußert. Die zweite Inferiorität folgt aus der Tatsache, dass der Mensch sterblich und von der »industriellen Reinkarnation« ausgeschlossen sei. Anders bezeichnet dieses Phänomen als die »Malaise der Einzigartigkeit« des Menschen. Im strikten Sinn sind unsere Produkte nicht unsterblich. Die Haltbarkeit von Lebensmitteln ist begrenzt, auch Glühbirnen und Autos haben eine überschaubare Lebensdauer. Nicht selten sind es jedoch wir selbst, die unseren Produkten ein Verfallsdatum zuweisen, um die Absatzmärkte lebendig zu halten. Unsere eigene Sterblichkeit dagegen ist nicht unser Werk – sie kann nicht kalkuliert werden. In einem weiteren Sinn sind unsere Produkte dagegen tatsächlich »unsterblich« bzw. »industriell inkarnierbar« – nämlich dort, wo sie in die Serienproduktion gehen:

Als einzelnes hat zwar jedes Stück (diese Schraube, diese Waschmaschine, diese Langspielplatte, diese Glühbirne) seine Leistungs-, Verwendungs- und Lebensfrist. Aber als Serienware? Führt nicht die neue Glühbirne, die die alte ausgebrannte ersetzt, deren Leben fort? Wird sie nicht die alte Birne?7

Ein weiteres Beispiel stellt Hitlers Bücherverbrennung 1933 dar, als tausende Seiten von derjenigen Literatur, die dem Regime nicht genehm war, auf dem modernen Scheiterhaufen einer neuen Inquisition vernichtet wurden. Anders als im verheerenden Bibliotheksbrand im antiken Alexandria, durch den große Teile des damaligen Wissens verloren gingen, wurde bei der Bücherverbrennung des 20. Jahrhunderts keine einzige Seite endgültig verbrannt. Denn von jeder Seite gab es hunderte oder sogar tausend »Geschwister« in versteckten Sammlungen oder im Ausland, die ein, zwei Jahrzehnte später wieder reproduziert wurden.

Wie konnte man damals und wie kann man heute gegen die »Malaise der Einzigartigkeit« aufbegehren? Anders erkennt die Revolte gegen das Gefühl der Benachteiligung in einer Sucht, die in ihrem Ausmaß und in ihrer Intensität eine erstmalige Erscheinung darstellt und im frühen 21. Jahrhundert ihren Höhepunkt feiern wird. Diese Sucht ist ein Schlüsselphänomen, das in vielen Theorien unseres Zeitalters vorkommt. Die Rede ist von der Bildersucht oder, mit einem Terminus von Anders, der »Ikonomanie«. Die Rolle des Bildes war bereits im 20. Jahrhundert groß – heute ist sie so ungeheuerlich, dass wir in dem Versuch, uns die Welt ohne die unzähligen Bilder, Handyschnappschüsse, Kopien, Plakate, Filme (ganz abgesehen von den sozialen Netzwerken und dem Internet) usw. vorzustellen, mit leeren Händen dastehen. Als einen Grund für die Genese der Ikonomanie nennt Anders die Möglichkeit, durch Bilder die Chance zu erhalten, »Ersatzteile« von sich selbst zu schaffen und somit seine unerträgliche Einmaligkeit Lügen zu strafen.

Sie [diese Chance] ist eine im größten Stile von ihm [dem Menschen] durchgeführte Gegenmaßnahme gegen sein »mich gibt’s nur einmal«. Während er sonst von der Serienproduktion ausgeschlossen bleibt, verwandelt er sich eben, wenn photographiert, doch in ein »reproduziertes Produkt«. Mindestens in effigie gewinnt auch er dadurch multiples, zuweilen sogar tausendfaches, Dasein.8

Diejenigen unter uns, denen das multiple Dasein am eindrucksvollsten gelingt, sind nach Anders die von vielen beneideten Filmstars. Da sie unseren Traum, zu sein wie die Dinge und als Emporkömmlinge der Produktwelt zu gelten, am triumphalsten verwirklicht haben, werden sie sprichwörtlich vergöttert. Der Filmstar geht mit der Massenware eine unheilvolle Allianz ein.9 Wer Gelegenheit hat, Touristen aus den Industrieländern in Urlaubsorten zu beobachten, wird bemerken, in welchem Grad Einmaligkeit sie irritiert. Der Eiffelturm, die Chinesische Mauer oder die Pyramiden von Gizeh sind allesamt Unikate in einer Welt voller Serienprodukte. Seit der Entwicklung des Fotoapparats verfügen wir über ein probates Mittel, um eine sofortige Wiederherstellung unserer Seelenruhe zu ermöglichen: Mit seiner Hilfe können wir das Einmalige, sollte es uns durch seine Schönheit oder Unklassifizierbarkeit allzu stark verwirren, mit einem Klick zu einem weiteren Objekt transformieren. In diesem Vorgang wird der bestimmte Artikel (der Turm von Pisa) in einen unbestimmten verwandelt (eines von unzähligen Bildern des Turms von Pisa) – in die Artikelform, die im Universum der Reproduktion ihren rechtmäßigen Platz einnehmen kann. Das Fotografieren kann nach Anders als Akt des »Aufnehmens« gedeutet werden – mit dem Bild hat man es nun geschafft, dieses oder jenes Objekt zu »haben«.

Haben, so scheint es uns, ist etwas ganz Normales im Leben; um leben zu können, müssen wir Dinge haben, ja, wir müssen Dinge haben, um uns an ihnen zu erfreuen. In einer Gesellschaft, in der das oberste Ziel ist, zu haben und immer mehr zu haben, in der man davon spricht, ein Mann sei »eine Million wert«: wie kann es da eine Alternative zwischen Haben und Sein geben? Es scheint im Gegenteil so, als bestehe das eigentliche Wesen des Seins im Haben, so daß nichts ist, wer nichts hat.10

Menschen, die sich vorwiegend in der seriellen Welt aufhalten, umgeben sich mit Reproduktionen bzw. Kopien von ursprünglichen Modellen. Nachbilder sind für sie eben das Wirkliche geworden.

So wenig sie dasjenige photographieren, was sie sehen – denn was sie sehen, das sehen sie nur, um es zu photographieren; und was sie photographieren, das photographieren sie nur, um es zu haben – so wenig ist ihnen das, was sie photographieren, das »Wirkliche«. »Wirklich« ist für sie vielmehr die Aufnahme, das heißt: die in das Serien-Universum aufgenommenen und zu ihrem Eigentum gewordenen Exemplare der Reproduktions-Serie.11

Wirklich scheint für sie nicht, tatsächlich dort zu sein, den Moment zu genießen, ein Verständnis für die Kultur zu entwickeln, die andersartige Architektur zu bestaunen oder die fremde Sprache zu hören, sondern allein, dort gewesen zu sein. Nicht nur, weil der Besuch des Fremden das heimische Prestige hebt, sondern weil nur Gewesenes, und nicht das flüchtige Gegenwärtige, einen sicheren Besitz darstellt. Während Erich Fromm konstatiert, dass nach dieser Auffassung offenbar »nichts ist, wer nichts hat«, macht nach Anders’ Diagnose »nur Gewesen-sein das Sein« aus. Sein bedeute demnach »Gewesensein und Reproduziertsein und Bildsein und Eigentum sein«12.

Den damals in den USA populären Jazz bezeichnet Anders als industriellen Dionysos-Kult. Der griechische Gott Dionysos galt in der Antike als Gott der Freude, des Wahnsinns und der Ekstase. Friedrich Nietzsche hat aus diesen Charakteristika ein eigenes Prinzip entwickelt: das »Dionysische«. Während das »Apollinische« (im Rekurs auf den Gott Apoll) sich in beherrschten, klaren und bildhaften Formen darstelle, gleiche das Dionysische einer Welt des Rausches. Es verweise auf einen orgiastischen, ekstatischen Zustand der Selbstvergessenheit, der sich für Nietzsche vor allem in der Musik ausdrückte.13 Übertragen auf den Jazz, stellt dieser Zustand für Anders ein Symptom des damaligen Zeitgeistes dar. Der Jazz trage die Kennzeichen einer dinglichen und automatisierten Gangart in sich – er sei ein alles zerstampfender Wiederholungsfuror, der Furor einer immer gleich laufenden Maschine. Kurz: »Maschinenmusik«. Die Maschinen geben den Bewegungsrhythmus vor, während sich der menschliche Leib ihm bei jedem Takt aufs Neue unterwerfen muss. Es komme zu einer Widerlegung des Leibes und seines Anspruches, über eigene Rhythmen zu verfügen:

Da nun aber der Leib, um seinen Konformismus mit der Maschine zu beweisen, diese Widerlegung mitvollzieht, ist, was der Tänzer tanzt, nicht nur die Apotheose [Vergottung, Verherrlichung] der Maschine, sondern zugleich eine Abdankungs- und Gleichschaltungsfeier, eine enthusiastische Pantomime der eigenen totalen Niederlage.14

Die Ekstase der Tänzer ist echt. Statt sie selbst sind sie »außer sich«, um mit dem Gott der Maschine eins zu werden: »Industrieller Dionysos-Kult«. Was würde der Gelegenheitsphilosoph wohl über die heutige Popindustrie sagen oder über den Disc-Jockey, der die Maschinenmusik so deutlich verkörpert wie kein anderer vor ihm?

Anders’ Analysen und Deutungen sind zeitgebunden und streitbar, aber doch in der Sache aufschlussreich, wie beispielsweise seine Überlegungen zum Arbeitsprozess am Fließband. An maschinisierten Tätigkeitsformen erkennt man, dass sich der Mensch in eine kraftraubende Gleichschaltung mit der Maschine begeben muss. Er wird sich an ihrem Tempo und Rhythmus orientieren – und ist ständig von der Angst beherrscht, nicht Schritt halten zu können. Die Arbeiterin soll in seiner wachsamen Selbstkontrolle einen Automatismus in Gang bringen. Sie muss sich zusammennehmen, um nicht als sie selbst zu funktionieren. Gerade diese Aufgabe scheint für Anders das entscheidende Paradox an einer solchen Arbeit zu sein. Denn in diesem Prozess erwächst die Zumutung, sich als Akteurin auszulöschen und die eigene Tätigkeit in einen automatischen Vorgang zu verwandeln sowie unter Kontrolle zu halten. Der Arbeiter mache sich auf diese Weise selbst zum Organ des Gerätes. Er lasse sich vom Gang der Maschine einverleiben, nehme seine eigene Passivmachung aktiv in die Hand und führe diesen Kreislauf selbstständig fort.

Da er unter Aufbietung aller Konzentrationskräfte zu versuchen hat, statt selbst Zentrum zu sein, sein Zentrum ins Gerät zu verlegen, muß er zugleich »er selbst« und »nicht er selbst« sein.15

Der an die Maschine angepasste Mensch bleibt sich selbst aber nicht vollständig fremd. Es kommt auch hier zu einer »Selbstbegegnung«. Die Begegnung mit sich selbst – seinem Körper und seinem Geist – findet jedoch nur durch ein negatives Ereignis statt: durch einen Moment, in dem der Konformismus misslingt und der Mensch sich als etwas Anstößiges, als Versager erfährt. Erst durch ein Versagen wird sich der Mensch somit seiner eigenen Identität wieder bewusst:

Nicht deshalb, weil es Selbstbegegnung gibt, wird »Identitätsstörung« erfahren; umgekehrt tritt Selbstbegegnung nur deshalb ein, weil es Störung gibt.16

Im Kapitel »Die ins Haus gelieferte Welt« untersucht Günther Anders Rundfunk und Fernsehen in ihrer Bedeutung für die Gesellschaft. Er diskutiert seine These am Beispiel eines Gottesdienstes, der im Fernsehen ausgestrahlt wird, sodass eine Vielzahl an Menschen daran teilnehmen kann. Während des Betrachtens scheint es dem naiven Menschen, als ob er die Wirklichkeit und nicht bloß ein Abbild wahrnimmt. Die Inhalte des Gottesdienstes, die Musik und die Atmosphäre haben einen Einfluss auf den Beobachter – offenbaren aber eben auch eine andere, verborgene Tatsache: dass der Mensch an diesem gerade nicht teilnimmt, sondern allein dessen Bild konsumiert.

Dieser Bilderbuch-Effekt ist aber offensichtlich von dem »bezweckten« nicht nur verschieden, sondern dessen Gegenteil. Was uns prägt und entprägt, was uns formt und entformt, sind eben nicht nur die durch die »Mittel« vermittelten Gegenstände, sondern die Mittel selbst, die Geräte selbst: die nicht nur Objekte möglicher Verwendung sind, sondern durch ihre festliegende Struktur und Funktion ihre Verwendung bereits festlegen und damit auch den Stil unserer Beschäftigung und unseres Lebens, kurz: uns.17

Die Kritik, dass eine solche kritische Verallgemeinerung nicht akzeptiert werden könne, da es ausschließlich darauf ankomme, wie wir uns dieser Geräte bedienen, wird somit als Illusion entlarvt. Aufmerksamkeitsräuber, wie heutzutage das Smartphone, werden so konstruiert, dass sie nach ihrer ständigen Benutzung gieren bzw. diese anregen und Menschen bewusst in Abhängigkeit halten. Sie sind nicht wertneutral, sondern bringen den Menschen mit neuen Sachzwängen in Verbindung, sodass die Geräte vom Objekt zum Subjekt der Geschichte aufsteigen.

Gleichzeitig interessiert sich Anders für den eigentlichen Akt des Konsumierens von Bildern im Fernsehen. Was tut der Mensch eigentlich, wenn er da im Wohnzimmer allein oder mit der Familie oder Freunden vor dem Fernsehgerät sitzt und sich unterhalten lässt? Er gleicht, so Anders, einem unbezahlten Heimarbeiter für die Herstellung des Massenmenschen. Millionen von Menschen wird eine stereotyp hergestellte Ware präsentiert. Jeder Fernsehkonsument wird (ganz wie das Präsentierte) als ein »unbestimmter Artikel« behandelt, als jemand ohne individuelle Eigenschaften. Massenmenschen produziert man dadurch, dass man sie Massenware konsumieren lässt. Je einsamer sie sind, umso ausgiebiger findet der Konsum statt. Durch den Konsum von Massenware wird der Mensch zum Mitarbeiter bei der Produktion bzw. durch Umformung seiner selbst zum Massenmenschen. Konsum und Produktion gehen in diesem Verfahren eine trickreiche Symbiose ein. Jedermann ist gewissermaßen als »Heimarbeiter« angestellt und beschäftigt. Vollends paradox wird dieser Vorgang dadurch, dass die Heimarbeiter, statt für ihre Tätigkeit entlohnt zu werden, zudem für das Gerät und dessen Sendungen bezahlen müssen, durch deren Konsum sie sich in den Massenmenschen verwandeln.

Er zahlt also dafür, daß er sich selbst verkauft; selbst seine Unfreiheit, sogar die, die er mitherstellt, muß er, da auch diese zur Ware geworden ist, käuflich erwerben.18

Gustave Le Bon, dessen Psychologie der Massen (1895) bis heute zitiert wird, analysiert unter anderem, wie Menschen von Persönlichkeiten wie Napoleon, denen die Masse Charisma zuschreibt, bestimmte Meinungen eingeflößt werden konnten. Hierzu bedarf es großer Versammlungen und einer geschickt inszenierten Vorstellung, die nicht mit Inhalten operiert, sondern mit Emotionalisierung und die Menschen in eine Art Rauschzustand versetzt. Je größer die Masse, desto geringer ist der (kritische) Verstand.19 Bei Anders wird diese Methode der Einebnung von Individualität und Rationalität in den 1950er-Jahren von zu Hause aus vor den Geräten erledigt.

Massenregie im Stile Hitlers erübrigt sich: Will man den Menschen zu einem Niemand machen (sogar stolz darauf, ein Niemand zu sein), dann braucht man ihn nicht mehr in Massenfluten zu ertränken; nicht mehr in einen, aus Masse massiv hergestellten Bau einzubetonieren. Keine Entprägung, keine Entmachtung des Menschen als Menschen ist erfolgreicher als diejenige, die die Freiheit der Persönlichkeit und das Recht der Individualität scheinbar wahrt.20

Mit anderen Worten: Die Konditionierung des Menschen findet nun bei jedermann gesondert – gewissermaßen in Millionen Einsamkeiten – statt. Sie funktioniert deshalb so effizient, weil die Suggestion durch das Fernsehen »fun« macht: Dem Opfer bleibt auf diese Weise verborgen, was ihm eigentlich abverlangt wird. Und weil sie im privaten Wohnzimmer stattfindet, bleibt sie auch diskret. Welche Auswirkungen Radio und Bildschirm auf die Familie haben, subsumiert Anders unter dem Begriff des »negativen Familientisches«. Entgegen der damaligen öffentlichen Begeisterung für das Fernsehen21, erkennt er in solcher Art von Konsum das Potenzial, die Familie aufzulösen. Aufgelöst wird nicht die Familie als solche, aber was durch das Fernsehen von jetzt an dominiert, ist die wirkliche oder fiktive Außenwelt. Diese herrscht so unumschränkt, dass sie damit die Realität des Nahen und das gemeinsame Leben ungültig und phantomhaft werden lässt:

Wenn das Ferne zu nahe tritt, entfernt oder verwischt sich das Nahe. Wenn das Phantom wirklich wird, wird das Wirkliche phantomhaft.22

Der Fernseher sei ein »Erfahrungsverhinderungsgerät«. De facto sitzen die Familienmitglieder nun zum Fernseher ausgerichtet und die ganze Einrichtung des Wohnzimmers wird an das Gerät angepasst. Man sieht sich nicht mehr, man sieht sich nicht mehr an (höchstens versehentlich) und auch das Miteinandersprechen geschieht eher zufällig oder lediglich im Sinne eines Kommentars zur Phantomwelt des Fernsehens. Die Familienmitglieder sind nicht länger zusammen, sondern nur noch beieinander (oder nebeneinander) – »bloße Zuschauer«.

Die Metamorphose des zwischenmenschlichen Umgangs am »negativen Familientisch« hin zu einem zufälligen, versehentlichen Ereignis ist das eine Problem – ein anderes ist der Verlust des Sprechens. Zur einleitenden Verdeutlichung wird eine Kindergeschichte zitiert, die als Metapher für das dienen soll, was vor dem technischen Gerät passiert:

Da es dem König aber wenig gefiel, daß sein Sohn, die kontrollierten Straßen verlassend, sich querfeldein herumtrieb, um sich selbst ein Urteil über die Welt zu bilden, schenkte er ihm Wagen und Pferd. »Nun brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen«, waren seine Worte. »Nun darfst du es nicht mehr«, war deren Sinn. »Nun kannst du es nicht mehr«, deren Wirkung.23

Überträgt man diese Pointe auf den Konsum von Rundfunk und Fernsehen, wird aus dem »Nun braucht ihr nicht mehr selbst sprechen« ein »Nun könnt ihr es nicht mehr.« Die Geräte nehmen uns das Sprechen ab und uns damit unsere Sprache weg. Sie berauben uns unserer Ausdruckfähigkeit, unserer Mitteilungsfähigkeit und unserer Sprachlust. Worte sind für die Fernsehgesellschaft

nicht mehr etwas, was man spricht, sondern etwas, was man nur hört; sprechen ist für sie nicht mehr etwas, was man tut, sondern etwas, was man erhält.24

Durch diese Sprachvergröberung, -verarmung und -unlust werden Menschen letztlich zu infantilen, unmündigen und nicht sprechenden Wesen. Die Sprache ist nicht nur der Ausdruck des Menschen, der Mensch ist auch das Produkt seines Sprechens. Oder mit Ludwig Wittgenstein (1889−1951) gesagt: »Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.«25

Schwenk zur Gegenwart

Wenn wir die Überlegungen von Günther Anders unserer heutigen Zeit gegenüberstellen, können wir durchaus Parallelen und eine sich zuspitzende Entwicklung erkennen. Führen wir uns nur den Begriff des »negativen Familientischs« vor Augen: In wie vielen Familien haben (neben dem Fernseher) Smartphone, Tablet, Spielkonsole & Co. Erziehung, Gespräch und wechselseitigen Austausch übernommen? Diese technischen Geräte fungieren nicht nur als »Erfahrungsverhinderungsgeräte« dahingehend, dass sie uns vom echten Leben abhalten – sie bringen es auch mit sich, dass wir immer weniger persönlichen Umgang pflegen. Auch die »Ikonomanie« hat ein drastisches Ausmaß angenommen: Auf digitalen sozialen Plattformen jeglicher Art tummeln sich mittlerweile Milliarden Abbilder von Menschen. Die Vervielfältigung des Selbst ist zum Habitus eines modernen Lebensstils geworden. Und das, was Anders als »Maschinenmusik« bezeichnet, hat ebenfalls eine Steigerung erfahren: Heute existieren ganze Musikgenres, die vollständig ohne Menschen und Instrumente auskommen. Künstliche Intelligenzen wie Jukedeck komponieren in Sekundenschnelle neue Lieder, die von den von Menschen gemachten Produkten nicht mehr zu unterscheiden sind.

Manche seiner im Gewand der damaligen technischen Möglichkeiten formulierten Gedanken wirken für die heutige Leserin ohne Zweifel leicht antiquiert – und doch ist die Kernaussage essenziell. Es ist eine Tatsache, dass unsere moderne Gesellschaft über die erste und zweite industrielle bis zur dritten digitalen Revolution (Computerwesen, Internet, Smartphones usw.) kontinuierlich eine einseitige Symbiose mit der Maschinenwelt eingegangen ist. Solange Maschinen kein ausgeprägtes Bewusstsein besitzen, was sich in den kommenden Jahrzehnten eventuell ändern wird, fällt dieses Zusammenspiel unilateral aus. Die Maschinen brauchen uns nicht, wir in der westlichen, wohlhabenden Gesellschaft dagegen können uns ein Leben ohne diese technischen Hilfsmittel kaum mehr vorstellen. Neben den positiven Seiten des technologischen Wandels – rasche Informationsbeschaffung, ständige Erreichbarkeit und die blitzschnellen, weltweiten Kommunikationsmöglichkeiten – sind ebenso viele neue Herausforderungen und Belastungen entstanden. Die Reizüberflutung und das Überangebot an Möglichkeiten überfordern uns Menschen, die wir in diesen technologischen Transformationsprozess eingestiegen sind. Wenn von Transformation gesprochen wird, wird zugleich angenommen, dass der Prozess noch nicht abgeschlossen ist. Das Gleiche betrifft die technologische Entwicklung. Wir befinden uns möglicherweise nach wie vor in einem Anfangsstadium, aber wohin soll die Reise überhaupt gehen? Diese Frage möchte ich zum Ausgangspunkt der nächsten Kapitel nehmen.

Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, benennt in einer seiner Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (aus dem Jahr 1917) drei Kränkungen der Menschheit. In diesen (aufeinander aufbauenden) Kränkungen wurde das Selbstverständnis des Menschen durch wissenschaftliche Erkenntnisse fundamental vor den Kopf gestoßen:

1 Die kosmologische Kränkung: Nach der Kopernikanischen Wende musste der Mensch akzeptieren, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Weltalls ist.

2 Die biologische Kränkung: Nach Charles Darwins Evolutionstheorie ist die wissenschaftliche Gemeinschaft zu dem Konsens gelangt, dass sich der Mensch aus dem Tierreich entwickelt hat.

3 Die psychologische Kränkung: Freud fügte diesen Kränkungen eine dritte hinzu. Danach entzieht sich ein beträchtlicher Teil des Seelenlebens unserer bewussten Kenntnis: »Das Ich ist nicht Herr in seinem eigenen Haus.«26Es wäre angebracht, der Menschheit aus heutiger Sicht eine weitere Kränkung hinzuzufügen: die Kränkung ihrer Intelligenz. Günther Anders spricht von »prometheischer Scham« und meint damit die aus seiner Unvollkommenheit herrührende Scham des Menschen gegenüber den von ihm geschaffenen Produkten. Diese Scham dürfte mittlerweile das Potenzial einer Kränkung erreicht haben.

4 Die intellektuelle Kränkung: Der Mensch gilt nicht mehr als die einzige intelligente Lebensform auf der Erde. Seine Schöpfungskraft hat dazu geführt, dass nicht nur seine Fähigkeiten, sondern auch seine kognitiven Kapazitäten von Maschinen abgelöst worden sind. Er ist sozusagen »nicht mehr allein«.

Sobald künstliche Intelligenzen in überwiegende Bereiche unseres Lebens eingedrungen sein werden, wird es zu einer Zäsur in unserer Selbstwahrnehmung kommen. Wir werden uns nicht länger als »Krone der Schöpfung« betrachten können. Vielmehr haben wir uns durch unsere Schöpfungskraft selbst abgelöst, indem wir in den biologischen Evolutionsprozess eingegriffen und diesen beschleunigt haben. Unsere individuelle Urteilskraft wird zu einem nicht unerheblichen Teil durch personalisierte Datensammlungen über unsere Vorlieben, Probleme und Fähigkeiten abgelöst werden, in denen bereits ein technischer Algorithmus berechnet hat, was wir als Nächstes tun sollen. Aus Effizienzgründen und Bequemlichkeit wird man diese »Erleichterung« mit offenen Armen in das eigene Leben integrieren. Menschen, die auf diese Hilfsmittel verzichten, dürften bald von ihren Konkurrenten abgehängt werden. Diese Grundeinstellung mag dazu führen, dass man sich den Verzicht beruflich, aber auch sozial nicht mehr leisten können wird. Man fällt zurück, man gehört nicht mehr dazu – man ist antiquiert. Dass künstliche Intelligenzen bestimmte Analyse- bzw. Beraterfunktionen übernehmen oder uns bestimmte Aufgaben abnehmen werden, ist nur ein Aspekt der Vielzahl an technologischen Neuerungen. In der philosophischen Denkrichtung des sogenannten Transhumanismus strebt man sogar eine körperliche Symbiose zwischen Mensch und Maschine an. Mit dieser Verschmelzung sollen die Grenzen, die uns einst die Natur gesetzt hat, überwunden werden. Gegenwärtig spricht man noch von konservativ-traditionellen Erweiterungen des menschlichen Körpers, die unser Leben erleichtern: Herzschrittmacher, künstliche Gelenke oder Dialysegeräte. Realistische Prognosen stellen jedoch bereits Implantate in Aussicht, die unsere Gedächtnisleistung steigern und unsere Vitalwerte aufzeichnen. Winzige Roboter sollen beschädigte Zellen und Gewebe im Körper reparieren oder Tumore vernichten. Transhumanisten beschwören sogar euphorisch die Wahrscheinlichkeit, in einigen Jahrzehnten technologisch so weit fortgeschritten zu sein, dass die menschliche Unsterblichkeit in greifbare Nähe rückt. Ob man dabei durch regenerative Maßnahmen im selben Körper verbleiben kann oder sein Bewusstsein komplett in einen neuen Körper transferiert – prinzipiell scheint nichts mehr unerreichbar zu sein.

Es zeichnet sich somit der Trend ab, dass der zukünftige Mensch nicht nur immer umfangreichere Symbiosen mit Maschinen bzw. künstlichen Intelligenzen eingehen (müssen) wird, sondern dass auch futuristische Modifikationen des eigenen Körpers keine Seltenheit mehr darstellen. In der Hoffnung, die vierte Kränkung der Menschheit überwinden zu können, wird der Mensch eine Allianz mit der überragenden Konkurrenz der Maschinen und den dahinterstehenden Konzernen eingehen müssen. Philosophisch gesehen bietet dieses Zukunftsszenario reichlich Stoff für Interpretation, Diskussion und Kritik. Schritt für Schritt muss das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine aufgearbeitet werden.

Dave Eggers’ Roman »The Circle« – Eine Dystopie mit Realitätscharakter?

»Was ist die größte Gefahr für unsere Freiheit in der heutigen Zeit? Es ist unsere Ansicht, dass wir das Recht hätten, alles, was wir über jemanden wissen wollen, auch wissen zu dürfen.«27

Dave Eggers (*1970)

2013 erschien der zukunftsweisende Roman Der Circle und wurde sogleich millionenfach verkauft. Gibt man diesen Titel in eine Suchmaschine ein, erhält man eine nahezu unüberschaubare Liste an Rezensionen, Kommentaren und Kritiken in Form von geschriebenen Texten oder aufgezeichneten Videos. 2017 kam sogar eine Literaturverfilmung mit einer Starbesetzung – Tom Hanks und Emma Watson – in die Kinos. Der Autor Dave Eggers hat mit seinem Roman offenbar einen Nerv getroffen. Er bringt eine Fülle an ernst zu nehmenden Gedanken, Einsichten und Sorgen bezüglich des ambivalenten Potenzials moderner Technologien auf den Punkt. Eine Besonderheit seines Buches liegt darin, dass die Geschichte derart authentisch erzählt wird, dass die Leserinnen immer stärker das Gefühl beschleicht, dieses dystopische Szenario könne in der Zukunft tatsächlich eintreten. Es handelt von perfektionierter Überwachung und lückenloser Technikabhängigkeit, die den Menschen rundum als Fortschritt präsentiert werden. Gleichzeitig zeichnet Eggers ein Psychogramm der zumeist jungen und intelligenten Menschen, die sich mit euphorischem Engagement der Entwicklung der revolutionären Technologien verschreiben. Die meisten Protagonisten sind naiv, denn sie realisieren nicht, was sie durch die vermeintlichen Verbesserungen, die meist irreversibel sind, eigentlich verlieren. Die junge Generation, die sich enttäuscht von der Politik abgewendet hat und ihr Rebellentum wie ihren Beitrag zur Verbesserung der Welt auf das Entwickeln futuristischer Technologien beschränkt, stellt somit die treibende Kraft in diesem Szenario dar.

Auf die Frage, was denn die größte Gefahr für unsere Freiheit heute darstelle, antwortete Eggers in einem Interview, es sei die Auffassung, »alles, was wir über jemanden wissen wollen, auch wissen zu dürfen«. Dieser Anspruch beziehe sich nicht nur auf uns als Individuen, sondern auch auf profitorientierte Unternehmen, die mit dem Sammeln und Verkauf von Daten bewusst einen Eingriff in unsere Privatsphäre vornehmen. Ist Eggers’ fiktionale Dystopie bloß eine spannende Geschichte oder enthält sie einen wahren Kern?

Der Circle ist ein Weltkonzern, der sich durch den Zusammenschluss von Google, YouTube, Facebook, Apple und Twitter als digitales Monopol etabliert hat. Mit seinem Hauptsitz im einflussreichsten High-Tech-Zentrum der Welt, dem Silicon Valley, ist der Circle zum weltweit mächtigsten Konzern aufgestiegen. Ohne Zweifel: Wenn ein Unternehmen die bekannteste Suchmaschine (Google) inklusive der beliebtesten Videoplattform der Welt (YouTube), das mit Abstand am meisten genutzte soziale Netzwerk (Facebook), den größten Hersteller von Computern und Smartphones (Apple) und einen sogenannten Mikrobloggingdienst (Twitter) unter einem Dach fusioniert, ist die Monopolstellung in vielen digitalen Zukunftsbereichen auf lange Sicht geklärt. Gleichzeitig hat ein solches Unternehmen Zugang zu den meisten Daten der digitalen Kommunikation.

Der Circle genießt auf dem Globus ein ansehnliches Image – er verkörpert die Zukunft und strahlt die Aura des »Alles-Ist-Machbar« aus. Daher wirkt er wie ein Magnet auf junge, talentierte Abgänger von Eliteuniversitäten, die mit ihren kreativen Ideen die Karriereleiter erklimmen, berühmt werden und reichlich Geld verdienen möchten. Die brillantesten Köpfe stellen ihre Produkte und Geschäftsideen auf großen Konferenzen vor und werden je nach Einschätzung der »drei Weisen« sofort eingestellt – oder sie müssen ihr Glück woanders versuchen. Diese drei Weisen stellen die oberste Autorität des Konzerns dar, da sie es waren, die den Circle zum größten Konzern der Welt gemacht haben. Jede wichtige Entscheidung läuft über dieses Direktorat. Hier wird eine erste Problematik deutlich: Wenn lediglich drei Menschen die Richtung eines globalen Unternehmens vorgeben, existiert keine wirksame Kontrollinstanz. Vordergründig und mit großem Erfolg halten die drei den Schein aufrecht, dass ihre Gesinnung rein philanthropischer Natur sei: Der Fortschritt der Menschheit steht stets öffentlichkeitswirksam im Fokus. In Wirklichkeit verfolgen sie primär profitorientierte Pläne und lassen selbst ihre engsten Mitarbeiterinnen über ihre Aktivitäten im Dunkeln. Diese wissen stets nur so viel, wie für ihren Tätigkeitsbereich notwendig ist. Ty, der als Mitglied des Direktorats unter dem Decknamen Kalden im Circle-Areal bekannt ist, erkennt die Gefahr, die von seinem Konzern ausgeht. So werden etwa Politiker, die das Monopol des Circle zerschlagen möchten oder sich gegen bestimmte neue Vorhaben des Großkonzerns stellen, plötzlich in den Medien in vernichtende Skandale verwickelt. Kein Wunder: Hat man Zugang zu allen erdenklichen Daten eines Menschen, bleibt kein Vergehen, kein peinliches Foto und kein Besuch auf dubiosen Internetseiten unbeobachtet. Es ist sogar möglich, unliebsamen Personen Verfehlungen anzuhängen, die gar nicht stattgefunden haben. Zu guter Letzt sorgen hochdotierte Spenden an politische Parteien dafür, dass prominente Politikerinnen die Intentionen des Circle verharmlosen oder ignorieren. Für Ty geht das zu weit, er tritt für eine Verlangsamung des Prozesses und für das Recht auf Privatsphäre ein. Er wird jedoch scheitern, da seine einzige Vertrauensperson und Hauptfigur des Buches, Mae Holland, die durch ihre Popularität einiges verändern könnte, mittlerweile blind den Anweisungen des Circle folgt und Ty verrät.

Eggers warnt in seinem Buch vor monopolartigen Konzernen, die sektenähnliche Strukturen annehmen und ihre Konsumenten als Anhängerschaft einspannen. Im Roman werden die Mitarbeiter durch interne digitale Rankings dazu motiviert, an den Events des Unternehmens zu partizipieren, herausragende Leistungen zu erbringen und unablässig mit kreativen Einfällen hervorzutreten, um in der Hierarchie des Unternehmens aufzusteigen. Der Circle wird zu einem zentralen Bestandteil im Leben seiner Angestellten, die sich zunehmend von der Außenwelt abkapseln. Bei den meisten herrscht der Glaube, sie seien ihrer Zeit einfach voraus und keiner »da draußen« sei in der Lage, sie wirklich zu verstehen. Damit unterstützen sie weitgehend unbewusst die Circle-Blase, in der alles, was von innen kommt, glorifiziert und alles Externe grundsätzlich abgelehnt wird. Überdies immunisieren sie sich auf diese Weise gegen jeglichen Widerspruch von außen. Mercer, der einstige Freund der Hauptfigur Mae, bringt eine solche externe kritische Beobachtung gegenüber dem Circle-Kollektiv zum Ausdruck:

Einzeln wisst ihr nicht, was ihr kollektiv macht. […] Du lässt dich bereitwillig an die Leine legen. Und du wirst bereitwillig sozial völlig autistisch. Du kriegst die einfachsten menschlichen Kommunikationssignale nicht mehr mit. […] Ich sag dir jetzt was, und es schmerzt mich, dir das sagen zu müssen. Aber du bist nicht mehr sehr interessant. Du sitzt zwölf Stunden pro Tag an einem Schreibtisch, und dabei kommt nichts anderes rum als ein paar Zahlen, die in einer Woche nicht mehr existieren oder in Vergessenheit geraten sind. Du hinterlässt keine Spuren. Es gibt keinen Beweis, dass du gelebt hast. […] Du kommentierst Sachen, und das ist der Ersatz dafür, sie selbst zu tun.28

Dieser Versuch der Aufrüttelung zerschellt jedoch an Ignoranz und wird als bloße Neidreaktion abgetan. Durch das einzigartige Gemeinschaftsgefühl im Circle, die motivierenden Aufstiegsmöglichkeiten und das Feilen an Zukunftstechniken, die die Welt verbessern sollen, erreicht der Konzern, dass seine Mitarbeiterinnen den Vorhaben und Projekten bedingungslos vertrauen. Sie übersehen dabei, dass die langfristigen Konsequenzen ihres Handelns eine digitale Diktatur ermöglichen: Ausgehend von einem Megakonzern, der nicht auf demokratischem Weg zustande gekommen ist und der sich gegen politische Regulationsversuche mit allen Mitteln geschickt zur Wehr setzt.

Die meisten Mitarbeiter sind nur in ihre eigenen Projekte eingebunden. Sie sehen nicht das große Ganze, was allein dem Direktorat vorbehalten ist. So erarbeitet jede Entwicklergruppe lediglich einen von vielen Mosaiksteinen, die zusammengenommen dem Konzern seine dominante Rolle am Markt, aber auch im politischen Kontext ermöglichen. Ich werde hier die wichtigsten Programme, die im Laufe der Handlung schrittweise, aber doch zügig in die gesellschaftlichen Prozesse integriert werden, grob vorstellen. Anschließend gehe ich von der Fiktion in unsere Realität über und zeige die Parallelen auf.

Hinter den drei Leitsätzen des Unternehmens »Geheimnisse sind Lügen, Teilen ist heilen und Alles Private ist Diebstahl« steht das Dogma, dass Menschen sich besser verhalten, wenn sie sich dessen bewusst sind, dass sie beobachtet werden. Daher ist einer der zentralen Bestandteile der »Unternehmensphilosophie« die Transparenz des Menschen. Einer der Vorstände des Circle äußert sich diesbezüglich wie folgt:

Ich denke seit Jahren darüber nach, und mir ist noch kein Szenario eingefallen, wo ein Geheimnis mehr nützt als schadet. Geheimnisse führen zu antisozialen, unmoralischen und destruktiven Verhalten. […] Was wäre, wenn wir alle uns so verhielten, als ob wir beobachtet würden? […] [W]ir wären endlich gezwungen, bessere Menschen zu sein.29

Folglich werden überall auf der Welt winzige Kameras angebracht, zu denen jeder im Netz Zugriff hat. Unter dem Deckmantel der Kriminalitätsbekämpfung wird zusätzlich hochentwickelte Gesichts- und Spracherkennungssoftware integriert. Fortan hat jeder Mensch nur mehr einen digitalen Account, mit welchem er wählen gehen, seine Steuern zahlen oder seine Zahlungsabläufe bzw. Einkäufe abwickeln kann. Im Sinne eines Nebeneffekts wird auf diese Weise zugleich das Bargeld, das als antiquierte Form des Tauschhandels gebrandmarkt wird, abgeschafft. Auch die Korruption soll damit unmöglich gemacht werden. Der gesundheitliche Zustand jedes einzelnen Menschen wird anhand von Sensoren im Körper permanent dokumentiert und an medizinische Einrichtungen zur Analyse weitergeleitet. Je mehr Daten für die präventive Gesundheitsuntersuchung zur Verfügung stehen, desto effektiver kann einer Person geholfen werden, so das Credo. Um die Sicherheit bei Kindern zu erhöhen, wird ihnen nach der Geburt ein Chip implantiert, der ihren jeweiligen Aufenthaltsort verrät. Später werden selbst schulische Testergebnisse der Kinder digital dokumentiert, um Vergleiche zwischen ihnen und zwischen den unterschiedlichen Schulen anstellen zu können. Zugleich wird eine Applikation entwickelt, die blitzschnell sämtliche Informationen über eine Person, ihre Vorlieben und Charaktereigenschaften bereitstellt, um dem Nutzer einen aussagekräftigen Eindruck zu vermitteln. Diese »Neuerungen« werden den Konsumentinnen grundsätzlich unter den bekannten Leitmotiven der Bequemlichkeit, Pragmatik und Sicherheit angeboten. Bereitwillig und unbedacht nehmen sie im Roman diese Angebote, die zumeist kostenfrei und als praktischer Service angeboten werden, an.

Ich möchte die Frage stellen: Befinden nicht auch wir uns diesbezüglich bereits mitten in einem Paradigmenwechsel? Wie ist es denn um unsere Privatsphäre unter der Berücksichtigung von Datenvorratsspeicherungen von Regierungen und Geheimdiensten, von hinterlassenen Internetspuren, von der Dokumentation von Kaufgewohnheiten bis hin zu intelligenten persönlichen Assistenten wie Alexa und Siri bestellt? Und was mich auf den folgenden Seiten besonders beschäftigen wird: Für wie einflussreich halten sich die großen digitalen Unternehmen? Wie kommen sie zu dieser Einschätzung und was sind ihre konkreten Zukunftsprojekte?

Der echte Circle: Alphabet Inc.

»Mit ihrer Erlaubnis geben sie uns Informationen über sich selbst, über ihre Freunde und wir können die Qualität unserer Suche verbessern. Sie brauchen nicht einmal zu schreiben. Wir wissen, wo sie sind. Wir wissen, wo sie waren. Wir können mehr oder weniger wissen, was sie gerade denken.«30

»Ich glaube nicht, dass die Gesellschaft versteht, was passiert, wenn alles zugänglich ist, man alles wissen kann und alles von jedem ständig aufgezeichnet wird.«31

»Wir versuchen herauszufinden, wie die Zukunft der Suche aussieht. Ich glaube, dass die meisten Menschen gar nicht wollen, dass Google ihre Fragen beantwortet. Sie wollen, dass Google ihnen sagt, was sie als nächstes tun sollen.«32

Eric Schmidt (*1955), ehem. CEO von Google, jetzt Executive Chairman bei Alphabet

Auf den folgenden Seiten möchte ich anhand eines Beispiels aus Der Circle einen Bezug zur Gegenwart herstellen. So verstörend und dystopisch die erzählte Geschichte auch wirken mag, sie enthält wesentliche Elemente, die den Status quo einer technisch modernen, aber gedankenlosen Gesellschaft wie der unseren beschreiben. Die hierarchische Struktur des Circle erinnert bewusst an die Führung beim Suchmaschinengiganten Google: Auch dort haben drei Personen die Geschicke eines der größten Unternehmen der Welt gelenkt und tun es jetzt in einem noch größeren Zusammenhang.33 2015 wurde das für viele noch unbekannte börsennotierte Unternehmen Alphabet Inc. gegründet. Alphabet ist eine Dachorganisation, bestehend aus neun Tochterfirmen, von denen Google den prominentesten Teil darstellt. Die Schwerpunkte der einzelnen Unternehmen liegen in den Bereichen der Glasfasernetze, der Bio- sowie Gentechnik, des Verkehrsmanagements, der Thermostaten, der Überwachungskameras und der Investitionsgeschäfte. Von besonderem Interesse dürfte die Abteilung X sein, die mit ihrer Forschung zu »disruptiven Ereignissen« auf den Weltmarkt abzielt. Der Begriff der »Disruption« meint Unterbrechung, Störung und Unordnung. Er beschreibt in einem Wort das Motto des bedeutendsten Technologieparks der Welt: Silicon Valley. Es handelt sich um eine Methode, mit welcher man mit voller Wucht in bestehende Geschäftsmodelle eindringt und letztlich Konkurrenten vom Markt verdrängt. Der Journalist Christopher Keese schildert die Glorifizierung dieses Begriffes nach seiner eigenen Erfahrung auf einer entsprechenden Konferenz folgendermaßen:

Die Konferenz heißt TechCrunch Disrupt. Aus dem Konzertlautsprecher hämmert ein Jingle in Endlosschleife: »Disrupt«, ruft eine tiefe Rapperstimme in den abgedunkelten Saal, der Schriftzug Disrupt beginnt psychedelisch auf den Leinwänden zu flackern. Immer wieder ertönt dieser monotone, mitreißende Ruf, so eindringlich vorgetragen wie die Zauberformel eines Indianerstammes: Disrupt, Disrupt, Disrupt. Irgendwann hat der Begriff das Unterbewusstsein jedes Kongressteilnehmers erreicht. Auch ich kann den Namen TechCrunch nicht mehr denken, ohne die Stimme des Disrupt-Rappers gleich mit zu hören. Disrupt ist das Mantra des Silicon Valley. Wichtigstes Wort und zentraler Schlachtruf.34

Disruption ist in aller Munde. Sie fasst ein spezifisches Lebensgefühl zusammen. Laut Keese handelt es sich um eine Art Gehirnwäsche, die gleichzeitig als Aufputschmittel der Avantgarde des Silicon Valley fungiert, die Tag und Nacht arbeitet und sich irgendeinen Sinn einreden muss, um den Stress körperlich und mental auszuhalten. Ergänzend beschreiben der CEO von Google, Eric Schmidt, und der ehemalige Senior Vice President Jonathan Rosenberg in ihrem Buch Wie Google tickt ihre erfolgversprechende Firmenkultur, in welcher die besondere Arbeitsplatzgestaltung einen entscheidenden Faktor einnimmt. Demnach werden die Büros so gestaltet, dass sie maximalen Energiefluss und maximale Überschneidungen fördern.35 Es gibt keine Privilegien, keinen Status und somit keinen Neid. »Zusammen arbeiten, essen und leben«36 – ein Versuch, seine Mitarbeiterinnen an das Unternehmen zu binden, wie wir ihn bereits im Circle kennengelernt haben?

Zurück zur Abteilung X von Alphabet: Dort wird an Projekten gearbeitet, deren Realisierung als sogenannte »Moonshots« alles bisher Dagewesene übertrumpfen soll. Bisher sind nur einige Forschungsvorhaben öffentlich bekannt, aber selbst die in der Öffentlichkeit diskutierten dürften das gewaltige Potenzial offenlegen. So befasst sich das ambitionierte »Project Loon« mit der Versorgung sämtlicher Regionen auf dieser Welt mit Internet. Zu diesem Zweck sollen solarbetriebene Ballone in der Stratosphäre in 20 km Höhe zum Einsatz kommen, um den Großteil der Landesfläche mit LTE-Signalen zu versorgen.

Sri Lanka wäre im Jahre 2015 das erste Land weltweit gewesen, das durch dieses Projekt einen landesweiten Internetzugang erhalten hätte sollen. Gerade ein Drittel der 21 Millionen Einwohner verfügt über einen Netzzugang. Die Verträge wurden bereits bilateral unterzeichnet und seit Februar 2016 ist der erste Ballon zwar in die Luft gelangt, aber laut einer großen singalesischen IT-Nachrichtenseite ist die weitere Implementierung aufgrund von internen politischen Turbulenzen und Kontroversen zwischen der Regierung und Google ins Stocken geraten. Die Daily Mail berichtet von diesem besagten Test-Ballon, der bereits nach einem Tag in der Luft auf eine Teeplantage in der Region Gampola abgestürzt ist, was von offizieller Seite jedoch als kontrollierte Landung bezeichnet wurde.37

Bis zum Ende des Jahrzehnts – wir sprechen von spätestens 2020 – soll die ganze Menschheit online sein, so der Google-Gründer Larry Page.38 Eine Herkulesaufgabe, deren Umsetzung zumindest in Sri Lanka aus technischen Gründen und aufgrund diverser politischer Unstimmigkeiten bislang jedenfalls als gescheitert betrachtet werden muss.39

Zwar beteuert Google – das scheint die nächste Parallele zum fiktiven Circle zu sein – stets altruistische Motive: Der Internetzugang soll Millionen Menschen in Afrika und Asien Zugang zu Bildung und Freiheit ermöglichen, so Mike Cassidy, Hauptverantwortlicher des (Wohlfühl-)Projekts. Dahinter verbergen sich jedoch Geschäftsinteressen des Konzerns. Denn je mehr Menschen Zugang zum Internet erhalten, desto mehr kommt die hauseigene Suchmaschine zum Einsatz. Durch die digitalen Fußabdrücke, die die Besucher im Netz hinterlassen, werden sie (ungewollt) Empfänger personalisierter Werbung über passende Produkte – mit Anzeigen von Google-AdWords. Kurz: Jede Internetkonsumentin hinterlässt Daten, die kommerziell weiterverarbeitet werden. Project Loon kann eine Nation im Worst-Case-Szenario in die Abhängigkeit von einem Monopol treiben, das prinzipiell über Druckmittel verfügt, Preise zu diktieren, steuerliche Privilegien einzufordern oder sogar bei politischen Entscheidungen mitzumischen.

2014 wurde »Google Glass« für ein Jahr auf den Markt gebracht. Es handelt sich dabei um eine hochentwickelte Brille, die sich optisch kaum von einer herkömmlichen unterscheidet. Ihre primäre Funktion besteht jedoch darin, den Träger mit Informationen aus dem Internet oder anderen Datenträgern zu versorgen. Zusätzlich sind benutzerfreundliche Videoaufnahmen sowie blitzschnelle Fotos vorgesehen. Durch leichte Kopf- und Augenbewegungen und durch Sprachbefehle kann die Brille bedient werden. Erste Kritikpunkte an dieser Technologie wurden bald laut, da Datenschützerinnen die Gefahr der verdeckten Ausspähung anderer Menschen erkannten – vor allem deshalb, weil sämtliche Aufnahmen an die Google-Server übermittelt werden. Google ist durch die GPS-Erfassung grundsätzlich in der Lage, Bewegungsprofile der Benutzer zu erstellen sowie durch Gesichts- und Spracherkennungssoftware Personen gezielt ausfindig zu machen. Auch werden sämtliche Aufnahmen auf unbestimmte Zeit gespeichert. »Weder Orwell noch Hitchcock hätten sich in ihren schrecklichsten Dystopien Google Glass einfallen lassen können«, sagte der Journalist Andrew Keen von CNN, als er 2013 von dem ursprünglichen Plan erfuhr, wonach die Brille – ohne Zutun der Nutzerin – automatisch alle fünf Sekunden ein Bild knipst.40

Grundsätzlich sollte man sich bei der Markteinführung einer neuen Technologie als verantwortungsvoller Konsument die Frage stellen, ob überhaupt ein Bedarf für dieses Produkt besteht und wie sich das eigene Verhalten durch die Nutzung langfristig verändern könnte. Unsere Haltung sollte also eine prinzipiell kritische sein. Man stelle sich im Blick auf die Nutzung von Google Glass – mit besonderer Berücksichtigung der Beliebtheit von Datingportalen und den damit verwandten Applikationen für Smartphones – folgendes hypothetisches Szenario vor:

Sie sitzen in einem Café, trinken genüsslich eine heiße Schokolade und blättern in der Tageszeitung – nichts ahnend, dass Sie in diesem Moment von einem Benutzer der Google Glass »gescannt« werden. Dieser verfügt über eine Software, die ihm mithilfe eines Gesichtserkennungsprogramms Auskunft über den Beziehungsstatus der jeweils »ins Visier genommenen« Person gibt. Da die meisten, vor allem jüngeren Menschen in den Sozialen Medien ihren Beziehungsstatus offenlegen und für die Gesichtserkennung genügend Bildmaterial hochladen, dürfte einem schnellen Suchergebnis nichts im Weg stehen. Nach der Analyse werden Sie – und bei noch effizienterer Software gleich alle Personen – im Blickfeld schemenhaft mit Farben umrahmt. Die Farbe Grün könnte beispielsweise für »alleinstehend«, Gelb für »in einer Beziehung« und Rot für »verheiratet« stehen. Aus den Sozialen Netzwerken gewonnene Zusatzinformationen über hetero- bzw. homosexuelle Vorlieben, Hobbys oder den ausgeübten Beruf dürften Ihrem »Jäger« ausreichend Datenmaterial für eine anschließende Nutzenkalkulation zur Verfügung stellen: Nimmt er das Risiko einer Zurückweisung (und damit potenziellen Kränkung) in Kauf, um mit Ihnen in Kontakt zu treten? Passen Ihre sexuellen Vorlieben, Hobbys, Einkommensverhältnisse und der daraus resultierende sozioökonomische Status mit seinen Vorstellungen zusammen?

Ein solches Szenario würde das spontane Kommunikationsverhalten, das sich bereits durch die Nutzung des Smartphones einschneidend gewandelt hat, erneut verändern. Wir werden dem anderen mit Skepsis begegnen: Spricht sie mich an, weil sie gerade meine Bikinifotos aus dem letzten Urlaub überflogen und Gefallen daran gefunden hat? Wirft mir die Frau gegenüber der Ladentheke ihre zugeneigten Blicke nur deshalb zu, weil ich Bankmanager bin und mich auf einem Seitensprungportal befinde? Auch wenn sich manche Menschen solche Fragen nicht stellen, eines steht fest: Die Zahl der spontanen Begegnungen, der etwaigen Überraschungen und der prickelnden Momente der Unsicherheit dürften zurückgehen. Von nun an wird man im Lokal angesprochen, weil man den spionageartigen Auswahlkriterien eines anderen genügt – eine möglicherweise schmeichelhafte, jedoch befremdliche Art der Kontaktaufnahme.

Faktisch wurde der Einsatz der Google Glass in manchen Lokalen oder auf öffentlichen Plätzen verboten. Google sah sich überdies gezwungen, sogenannte »Benimm-Regeln« zu veröffentlichen: »Sei kein Glasshole!« dürfte für viele Brillennutzerinnen die eingängigste sein. Seit Anfang 2015 lag das Projekt Google Glass auf Eis. 2017 meldete sich Google unter dem Namen »Glass Enterprise Edition« damit zurück und ging diesmal gezielt auf Unternehmen zu. Mithilfe der Brille können nun Mitarbeiter ihren Kollegen per Livestream übertragen, woran sie gerade arbeiten. Auf diese Weise erhalten sie Tipps oder Anleitungen. Hilfreich könnte eine solche Brille bei Reparaturen oder chirurgischen Eingriffen, aber auch als Eins-zu-Eins-Dokumentation sein.41 Glass Enterprise Edition – ein emanzipiertes Produkt, das durch sein neues Einsatzgebiet nun größere Akzeptanz genießen könnte?

»Deep Learning« ist der Überbegriff für ein prestigeträchtiges Forschungsprojekt, das eine leistungsstarke künstliche Intelligenz entwickelt, die je nach Programmierung unterschiedliche Aufgabenfelder abdecken soll. Hier werden Computer- und Neurowissenschaften nach der Hypothese miteinander verschmolzen, dass Maschinen klüger gemacht werden können, bringt man ihnen »menschliche Verstehensweisen« bei. Neben Google investieren auch Facebook, Apple und Microsoft in diese Technologie. Wer zurzeit den Vorsprung hat, lässt sich nur vermuten, aber eines ist sicher: Dieses Projekt erfüllt alle Kriterien, um es als »Moonshot« zu bezeichnen.42 Bei dem daraus abgeleiteten Projekt »DeepMind«, das 2014 von Google übernommen wurde, handelt es sich um eine komplexe Software, welche die Strukturen des menschlichen Gehirns nachbildet. Je mehr Ebenen einander überlagern, desto effektiver arbeitet das neuronale Netz unseres Gehirns. Während der menschlichen Informationsverarbeitung natürliche Grenzen gesetzt sind, verfügt die Software über beinahe unbegrenzte Kapazitäten und eine ununterbrochene Energiezufuhr. Der Spiegel-Journalist Thomas Schulz war über einen längeren Zeitraum Gast bei Google und hat mit den kreativen Köpfen des Konzerns zahlreiche Gespräche geführt. Menschliche Intelligenz, so Schulz, wird hier lediglich als eine komplexe Software wahrgenommen, die es zu verstehen und anschließend zu simulieren gilt.

Ihr Ansatz basiert dabei auf einer radikalen Idee: dass die menschliche Intelligenz auf einige sehr wenige Algorithmen, vielleicht sogar nur auf einen einzigen Algorithmus zurückgeht.43

Ein Ableger dieser Technologie beschäftigt sich mit der Spracherkennung. Das Ziel besteht darin, eine Software zu entwickeln, welche die menschliche Stimme »versteht« und auf diese Weise eine tiefergehende, komplexe Kommunikation zwischen Mensch und Maschine ermöglicht. Das maschinelle Sehen ist ein weiterer Aspekt dieser Forschung: Danach sollen Computer so programmiert werden, dass sie Bilder ihrer Umgebung – ob Sonnenuntergänge, Katzen oder ein Fußballspiel – richtig interpretieren. In einem nächsten Schritt werden Maschinen einen Film analysieren oder ein Buch zusammenfassen lernen, doch dafür reiche die Rechenkraft noch nicht.

»Google Translate« stellt eine weitere folgenreiche Facette dieser Technologie dar. Mithilfe dieser Software lassen sich Texte aus und in nahezu 100 Sprachen übersetzen.44 Ein derartiger Universalübersetzer soll in Zukunft alle Sprachbarrieren in Luft auflösen – und einmal mehr wird von dem Entwickler des leistungsfähigen Übersetzungscomputers Franz Josef Och gepredigt: Je mehr Daten zur Verfügung stehen, desto besser funktioniert das System.

Vereinfacht gesagt, setzt der Computer existierende Übersetzungen in Beziehung zueinander und lernt eigenständig aus diesen Milliarden und Abermilliarden von Wörtern, wie er das am besten zu machen hat. […] Am Ende berechnen wir die Wahrscheinlichkeit einer Übersetzung.45

Das Verständnis und die richtige Interpretation von Humor, Sarkasmus oder Ironie liegen offenbar in greifbarer Nähe. Bei einer gelungenen Fertigstellung des Projekts soll das Sprachverständnis einer künstlichen Intelligenz – so die Entwicklerinnen – dem unseren haushoch überlegen sein. Werden möglicherweise ab diesem Zeitpunkt Maschinen unsere Bücher, Gedichte oder informativen Zeitungsberichte verfassen? In einem fortgeschrittenen Stadium soll die künstliche Intelligenz laut Geoffrey Hinton, einem führenden Forscher im Feld der künstlichen neuronalen Netze, in der Lage sein, uns je nach Suchanfrage in der Suchmaschine brauchbare wissenschaftliche Aufsätze zu liefern, die z. B. ein bestimmtes Medikament als wirksam einstufen. Zusätzlich könnte sie sämtliche Studien herausfiltern, bei denen die Verfasser offenkundig von der Pharmaindustrie bezahlt worden sind – und das in einem Bruchteil der Zeit, die ein Mensch für diese Aufgabe benötigen würde.46 Man vergegenwärtige sich die Fähigkeiten einer derartigen Maschine: Sie könnte die Bedeutung aller oben erwähnten Aspekte und den jeweiligen Kontext, in dem diese zum Einsatz kommt, verstehen und richtig interpretieren. Das gelingt nur, wenn diese Intelligenz das menschliche Denken nachahmt oder tatsächlich vollzieht. Der führende Entwickler in diesem Bereich stellt sich grundsätzlich nicht mehr die Frage, ob so etwas überhaupt möglich (oder gar sinnvoll) wäre, sondern nur noch, wann wir so weit sein werden. Googles Chefingenieur und bekanntester Vertreter wie Befürworter der »Maschinenherrschaft«, Ray Kurzweil, hat diesbezüglich bereits eine Voraussage getroffen:

Ende der 2020er werden wir das menschliche Gehirn komplett erforscht haben, was uns ermöglichen wird, nichtbiologische Systeme zu erschaffen, welche dem Menschen an Komplexität und Raffinesse in nichts nachstehen – dies schließt auch die emotionale Intelligenz ein.47

Um die dafür notwendige Rechenleistung zu erhalten, wird seit einigen Jahren an sogenannten Quantencomputern geforscht. Google hat 2013 – neben der NASA und dem Rüstungskonzern Lockheed Martin – von der kanadischen Firma D-Wave Systems Inc. einen Quantencomputer erworben. Dieser Rechner sollte in der Lage sein, einige der größten Herausforderungen der Informatik zu lösen. Google und Co. wenden dabei die Gesetze der Quantenmechanik in der Computerwissenschaft an. Das bedeutet, den Binärcode von 0 und 1, der die Grundlage der digitalen Informationsverarbeitung darstellt, zur gleichen Zeit, also in einem sich überlagernden Zustand zu berechnen. Die daraus resultierende Rechenkraft dürfte nach Aussage der Experten um ein Vielfaches schneller sein als die der klassischen Rechner und eine zweite Computerrevolution einleiten.48 Mithilfe dieser – mit einer vollständig erprobten, aber rechenintensiven Software ausgestatteten – Computer sollen nicht nur alle oben erwähnten Aufgaben gemeistert und zur Perfektion gebracht werden. Es kann überdies eine Maschine entwickelt werden, die aufgrund ihres Zugriffs auf sämtliche Daten der Welt in der Lage sein wird, stichhaltige Prognosen über künftige Ereignisse abzugeben.49 Der D-Wave Quantencomputer ist gegenwärtig nur bei bestimmten Aufgaben schneller als konventionelle Computersysteme, weswegen Google an der Entwicklung einer eigenen Version arbeitet.

Ein weiterer Teilbereich der künstlichen Intelligenz beschäftigt sich mit selbstfahrenden Autos. Dutzende fahrerlose Google-Autos sind regelmäßig auf den Straßen von San Francisco oder den kalifornischen Highways zu finden. Ein auf dem Dach angebrachtes Radarsystem schießt 64 Laserstrahlen in alle Richtungen und misst durch das reflektierte Licht des Lasers die Distanz zu einem Ziel. Der Software-Chef des Projekts, Dmitri Dolgov, reduziert die Komplexität dieser Technologie auf folgende Aussage:

Am Ende funktioniert das System ganz einfach: Der Computer wird mit einer Riesenmenge an Daten gefüttert. Heraus kommen zwei Zahlen, eine für Geschwindigkeit und die zweite für das Lenken.50

Analysiert man diesbezüglich einschlägige Zitate des zweiten Google-Gründers, Sergey Brin, so lassen sich einige Parallelen zu den jeweiligen Aussagen der drei Weisen aus dem Roman The Circle festhalten. Brin erwartet sich von dieser Technologie mehr Verkehrssicherheit und damit einhergehend eine Reduzierung der Unfalltoten – da die fahrenden Roboter niemals betrunken, abgelenkt oder unaufmerksam seien. Er möchte uns zudem mehr Zeit schenken, die wir nicht am Steuer vergeuden müssen – es soll uns ermöglicht werden, während der Fahrt unseren Interessen nachzugehen.51 Übrigens bräuchten nicht alle Menschen ein Fahrzeug. Dieses würde auf Bestellung angefahren kommen, uns abholen und zum gewünschten Ort transportieren. Verkehrsprobleme, fehlende Parkplätze, verstopfte Straßen und die daraus resultierende Umweltverschmutzung könnte man dadurch erheblich reduzieren. Man bedenke, dass ein herkömmliches Auto nur einen Bruchteil seiner »Lebenszeit« von seiner Besitzerin aktiv genutzt wird. In der restlichen Zeit steht das Fahrzeug herum – vergeudetes Potenzial. Selbstfahrende Autos befinden sich noch in der Testphase. Vier Millionen Meilen sind bereits auf einem Testgelände, auf dem Google bestimmte Straßen- und Verkehrssituationen durchspielt, zurückgelegt worden. Die Software lernt mithilfe von Sensoren das optimale Fahrverhalten bei Schnee und Regen. Sie lernt, Menschen, Tiere und Objekte voneinander zu unterscheiden und im Ernstfall den geringsten Schaden zu verursachen. Eine große Menge an Daten wird auf diese Weise gesammelt – je mehr, desto besser, denn die Software entwickelt sich ständig weiter. Bis zum Sommer 2015 war ein selbstfahrendes Auto 13 Mal in einen Unfall verwickelt – schuld war jedes Mal der menschliche Fahrer auf der Gegenseite.52 Dass das selbstfahrende Auto bereits in politischen Debatten erörtert wird, bewies die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer Fragerunde im Juni 2017 in Argentinien. Danach sollen wir in 20 Jahren nur noch mit Sondererlaubnis selbst mit dem Auto fahren dürfen, da wir, also der Mensch, das größte Risiko im Verkehr darstellen.53 In den letzten Jahren – mit dem vorläufigen Höhepunkt im Sommer 2017 – ereigneten sich mehrere Terroranschläge, die mit Lastkraftfahrzeugen oder einfachen Pkw durchgeführt wurden. Das Argument der Sicherheit im Zusammenhang mit selbstfahrenden Autos gewinnt daher zunehmend an Gewicht.

Die biowissenschaftliche Abteilung der Dachorganisation Alphabet, »Verily Life Sciences«, beschäftigt sich mit weiteren potenziellen »Moonshots«, die an den Circle erinnern: Nanopartikel, also winzige Teilchen, sollen als Sensoren in den Körper geschleust werden und nach Krankheiten suchen bzw. Vitalwerte aufzeichnen – die Informationen werden an ein Armband weitergeleitet. Eine Kontaktlinse soll den Blutzucker von Diabetikerinnen messen und somit die ständige Blutabnahme durch einen Stich in den Finger ersetzen. Roboter werden menschliche Chirurgen ablösen, da sie präziser, ermüdungsfrei und permanent arbeiten können. Für Menschen, die an der Parkinsonkrankheit leiden, soll ein löffelartiges Gerät (»spoon«) entwickelt werden, welches die beschleunigte Muskelkontraktion feststellen und wieder normalisieren kann. In einer groß angelegten Studie werden Informationen über die genetische Ausstattung zahlreicher Menschen gesammelt, die es ermöglichen sollen, sich ein konkretes Bild von den genetischen und molekularen Eigenschaften eines gesunden Menschen zu machen. Die Abteilung »Calico« geht im Ausbau von technischen Möglichkeiten noch einen Schritt weiter, um das menschliche Altern zu verlangsamen und altersbedingte Krankheiten zu verhindern. Diese ambitionierten Projekte, zumindest manche von ihnen, haben ohne Zweifel das Potenzial, unser Leben von Grund auf zu verändern.

Der Autor des Circle, Dave Eggers, hat seinen Roman bewusst auf der Basis einer womöglich baldigen Realität konzipiert – doch liegt er mit seiner Warnung, ein Konzern könnte mächtiger als die Politik werden, ja diese sogar vereinnahmen, richtig? Betrachten wir Alphabet, das 2015 – und damit zwei Jahre nach Eggers’ Roman – gegründet wurde und den Zusammenschluss der oben erwähnten Forschungsabteilungen darstellt, müssen wir einräumen, dass sich in dieser Dachorganisation von Anfang an eine große intellektuelle, aber auch politische Macht in den Händen weniger Personen konzentriert hat. Im Januar 2017 ließ Dänemark diesbezüglich verlautbaren, als erstes Land der Welt einen digitalen Botschafter zu ernennen, der die Beziehungen zu den Magnaten Apple, Microsoft und zum Tochterunternehmen von Alphabet, Google, pflegen wird. Die Wirtschaftskraft dieser Firmen hat einen derart hohen Börsenwert erreicht, dass sie nur knapp den Einzug in die Gruppe der 20 weltweit größten Volkswirtschaften (G-20) verpassen dürften. Eine Aussage des dänischen Außenministers Anders Samuelsen bringt den politischen Einfluss der digitalen Großkonzerne auf den Punkt:

Diese Konzerne sind eine Art neue Nationen geworden, und dazu müssen wir uns verhalten. […] Das sind Firmen, die Dänemark genauso beeinflussen wie ganze Länder.54

Dänemark erhofft sich bei neuen technologischen Entwicklungen sowie den darauffolgenden politischen und ethischen Herausforderungen die Nase vorn zu haben und für digitale Investoren ein attraktives Land zu werden. Die Anbiederung der Politik an die großen Hightechkonzerne lässt tief blicken – erste Anzeichen eines Abhängigkeitsverhältnisses sind deutlich zu erkennen. Gegenwärtig haben viele europäische Regierungen eigene Ministerien eingerichtet, die sich ausschließlich mit der Digitalisierung beschäftigen.

Jedes Teilunternehmen von Alphabet stellt an sich schon ein Ballungszentrum an Know-how bzw. Brainpower dar. Es ist aber die Synthese aller neun Töchter, die sich gegenseitig befruchten, unterstützen und ihre Daten zusammenfügen, die dem Unternehmen erst das Fundament verleihen, weitreichende Veränderungen unseres Lebens zu bewirken. Google bzw. Alphabet verfügt über ausreichend flüssiges Kapital – 2017 betrug der reine Gewinn des Unternehmens 16,6 Milliarden Dollar –, um aufstrebende Start-up-Unternehmen mit ihren revolutionären Ideen aufzukaufen. Mit Stichtag 31. Dezember 2019 arbeiteten 118.899 Personen für Alphabet und im Geldspeicher des Unternehmens liegen heute ca. 120 Milliarden Dollar. Die Liste der seit der Gründung von Google 1998 gekauften Unternehmen wäre zu lang, um sie hier abzudrucken. Heute, im Jahr 2020, rangiert Alphabet auf Platz vier der größten börsennotierten Unternehmen nach Marktkapitalisierung – davor liegen Microsoft, Apple und Amazon. Fraglich bleibt, ob der Börsenwert eines Unternehmens mit seiner faktischen Macht und seinem politischen Gestaltungspotenzial gleichzusetzen ist.

Auf einen zentralen Aspekt muss in diesem Kontext noch hingewiesen werden: Google kann durch seine Suchmaschine und seine Videoplattform (YouTube) den weltweiten Prozess der Meinungsbildung durch inhaltliche Selektion beeinflussen. So musste sich der Konzern gegenüber der Kritik verteidigen, bei Suchanfragen bezüglich der Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton im Wahlkampf 2016 die Ergebnisse manipuliert zu haben, um Clinton in einem besseren Licht erscheinen zu lassen.55 In seinem Transparenzbericht dokumentiert Google Anfragen von Regierungen, gezielt bestimmte Inhalte aus der Suchmaschine, YouTube oder anderen Google-Produkten zu löschen.56 Ohne einen Einzelfall untersucht zu haben – diese Fälle sind öffentlich nicht zugänglich –, kann es einen Laien verwundern, dass Regierungen mit ihren Staatsanwälten bei Google entscheiden, welcher Inhalt als glaubwürdig bezeichnet werden kann und welcher nicht. Selbstverständlich sollten staatliche Behörden ein Interesse daran haben, den Jugendschutz ernst zu nehmen, die Privatsphäre seiner Bürgerinnen und Bürger zu achten oder hetzerische Beiträge bzw. Videos gegenüber Minderheiten beim Betreiber zu melden. Jedoch geht in der Kategorie der nationalen Sicherheit jegliche Transparenz verloren. Wenn laut Google eine Regierung per gerichtlicher Anordnung verfügen kann, dass bestimmte Inhalte, die gegen sie selbst gerichtet sind, gelöscht werden sollen, muss man als mündige Bürgerin für das Recht der Meinungsfreiheit eintreten. Ohne irgendeiner Institution Boshaftigkeit oder Zensur unterstellen zu wollen – das Missbrauchspotenzial von Instrumenten der Meinungsbildung ist immer zu bedenken.

Auf den letzten Seiten wurde eine Entwicklung dokumentiert, die aufzeigt, dass aus der Symbiose zwischen Regierungen, die an der Macht bleiben und ihre Fehltritte kaschieren wollen und Großkonzernen, welche prinzipiell in gewissen Sparten über Monopolstellungen verfügen und diese lukrativ nützen wollen, gefährliche Szenarien entwachsen können. Der Zwiespalt zwischen Privatsphäre und Sicherheit spielt gegenwärtig eine wichtige Rolle. Aufgrund der Vielzahl an terroristischen Anschlägen wird der Aspekt der Sicherheit zunehmend an Bedeutung gewinnen – auf Kosten der Privatsphäre.

Die neuen Technologien von Alphabet, aber auch von anderen Hightechunternehmen bieten faszinierende Möglichkeiten und Chancen für die Zukunft. Gleichzeitig bergen manche von ihnen die Gefahr, unsere zwischenmenschliche Kommunikation zu verändern, uns von ihren Produkten abhängig zu machen, jeden Mausklick auf unbestimmte Zeit zu dokumentieren und Regierungen Instrumente der Kontrolle in die Hände zu geben. Wir sollten diesen Trend also mit Argusaugen beobachten.

Die kalifornische Ideologie: Gegenkultur, Silicon Valley und Stanford

»Am Ende des 20. Jahrhunderts vollzieht sich schließlich die lange prophezeite Konvergenz der Medien, der Computer und der Telekommunikation zu einem Hypermedium. Wieder einmal ist die unermüdliche Begierde des Kapitalismus, die kreativen Kräfte des Menschen zu diversifizieren und zu intensivieren, auf dem Sprung, die Weise, wie wir arbeiten, spielen und zusammen leben, qualitativ zu verändern. Durch die Integration verschiedener Technologien mittels gemeinsamer Protokolle wird etwas erzeugt, was mehr als die Summe seiner Teile ist. […] In diesem entscheidenden Augenblick hat ein loses Bündnis von Autoren, Hackern, Kapitalisten und Künstlern die Definition einer heterogenen Orthodoxie für das kommende Informationszeitalter geschaffen: die kalifornische Ideologie.«57

Richard Barbrook (*1956) und Andy Cameron

Die kalifornische Ideologie hat ihren Ursprung in den späten 1960er-Jahren. Sie kann als eine Art Gegenbewegung zum konservativen Establishment aufgefasst werden – auch wenn Google, Facebook, Apple und Co. mittlerweile selbst eine Art Establishment repräsentieren. Damals gingen hauptsächlich junge Menschen gegen den US-Imperialismus, der sich durch den Krieg gegen das kommunistische Nordvietnam (1964−1975) äußerte, gegen Rassismus, Sexismus, geistlosen Konsum und Umweltverschmutzung auf die Straße. Sie forderten eine soziale Revolution und propagierten einen Lebensstil frei von bürgerlichen Tabus und Zwängen. Diese Gegenkultur hatte großen Einfluss auf die damalige Musikszene, auf die Filmindustrie und auf die Kunst. Komplettiert wurde die Rebellion durch den Gebrauch psychedelischer Substanzen wie LSD, was ihr in der öffentlichen Wahrnehmung und ihrer Authentizität nachweislich geschadet hat. Dennoch ist diese revolutionäre Gegenbewegung, die abschätzig als Hippiekultur bezeichnet wurde, nicht verschwunden – sie hat sich lediglich emanzipiert. Die aus ihr entstandene kalifornische Ideologie zeigt, dass die Ambitionen jener jungen Menschen, die heute im Silicon Valley die Welt zu verändern versuchen, mehr sind als lediglich die Aussicht auf monetären Reichtum und Anerkennung.

In einer Welt, in der das Streben nach materiellem Wohlstand im Vordergrund steht und als ein zentrales Merkmal von Erfolg gilt, stellt die Akkumulation von Geld ein entscheidendes Motiv für die berufliche Tätigkeit dar. Aber Geld und Wohlstand allein dürften nicht ausreichen, um hochintelligente Menschen dazu zu bringen, in das Silicon Valley zu ziehen. Diese Menschen sind kreativ und wollen die Welt verändern – und zwar auf eine positive Weise. Der Weg in die Politik scheint offenbar an Reiz verloren zu haben. Bei vielen Menschen besteht diesbezüglich der Konsens, dass das politische System in den USA bis in seine Grundfesten beschädigt ist und größtenteils durch Interessen der Großkonzerne, großzügige Wahlkampfspenden und Mechanismen des Lobbyismus regiert wird. Der politische Diskurs ist geprägt von Intrigen, Propaganda und wechselseitigen Anfeindungen der jeweiligen Parteien. Allem Anschein nach dreht man sich im Kreis und in der Bevölkerung macht sich zunehmend ein Gefühl der Ohnmacht breit. Eine wirkliche Veränderung lässt sich daher nur schleppend bewirken. Viel leichter kann ein junger Mensch versuchen, seine Zukunftsvorstellungen gemeinsam mit anderen durch die Entwicklung neuer technologischer Anwendungen, ohne Einschränkungen und ohne Rücksichtnahme auf die politische Korrektheit, zu realisieren. Es liegt daher nahe, das Wirken im Silicon Valley auch als ein politisches Statement, nämlich als eines der stillen Rebellion gegenüber dem System zu verstehen. Die ablehnende Haltung gegenüber der Politik kann folgendes Beispiel illustrieren: Als der damalige US-Präsident Barack Obama 2013 den Campus eines Hightechunternehmens besuchte, soll sich ein Mitarbeiter anlässlich des hohen Besuchs mit folgenden Worten geweigert haben, den Arbeitsplatz zu verlassen: »Ich verändere mehr, als irgendjemand in der Regierung es jemals könnte.«58

Gleichzeitig scheint dieser Technikglaube eine scheinbare Auflösung der politischen linken und rechten Lager widerzuspiegeln. Der Fortschrittsglaube transzendiert die traditionelle Vorstellung von Politik, gleichzeitig repräsentiert er eine verborgene technokratische Ideologie. Diese Überzeugung von der totalen Machbarkeit bei gleichzeitiger Ablehnung des Politischen ist zu der sogenannten »kalifornischen Ideologie« geworden. Sie setzt sich aus freisinniger Experimentierlust, unkonventionellem Lebensstil, Computerbesessenheit und Unternehmertum zusammen. Sie hat ihre Wurzeln einerseits in der Hippiekultur, andererseits in dem militärisch-industriellen Komplex, der seit den 1950er-Jahren im Silicon Valley einen wichtigen Stützpunkt hat.59

Diese Verschmelzung von Flower Power und Mikroprozessor, von Erleuchtung und Technologie wurde von Steve Jobs verkörpert, der morgens zunächst meditierte, dann Physikvorlesungen besuchte und nachts bei Atari arbeitete und davon träumte, seine eigene Firma zu gründen.60

Eine Ideologie, soll sie anziehend wirken und ihre Mitglieder langfristig binden, muss unter anderem verschiedene Formen von Ritualen bereitstellen. Neben zahlreichen konzerninternen Events und Spektakeln findet im Silicon Valley jährlich ein Event der Superlative statt: das »Burning Man-Festival«. In der Wüste Nevadas feiern Zehntausende von Menschen sieben Tage lang eine ekstatische, in jeder Hinsicht unkonventionelle Party. Das Festival steht für eine der spektakulärsten Manifestationen des Glaubens an das unerschöpfliche Befreiungspotenzial der Technik – die Feiernden zelebrieren einen Zukunftskult, in dem soziale und technische Schranken schon heute überwunden scheinen.61 Für die Teilnahme an diesem Event geben die meisten Firmen ihren Mitarbeitern frei, manche organisieren sogar Fahrten auf das Gelände. Seine Strahlkraft zieht nicht nur die Angestellten der jeweiligen Unternehmen an, sondern auch deren Bosse. So treffen sich dort die wichtigsten Persönlichkeiten von Google, Facebook, Twitter, Zynga und Uber, wenn auch in abgeschiedenen Arealen. Das Festival hinterfragt bestehende Konventionen und bricht bewusst Regeln – genau diese Mentalität wird von den Inhabern der Konzerne gutgeheißen.

Für ständigen Nachschub an Nachwuchstalenten sorgt nicht nur das lockere, offene, aber dennoch elitäre Image des Silicon Valley, sondern auch eine dort ansässige Talentschmiede: die Privatuniversität Stanford. Stanford gilt als eine der besten Universitäten der Welt – zu ihren Laureaten zählen 21 Nobelpreisträgerinnen. Je nach Fakultät rangiert sie auf Platz 1 oder 2 in den USA, verfügt über ein Jahresbudget von über fünf Milliarden Dollar, fast zehnmal so viel wie die größte Universität Deutschlands in Köln. Zusätzlich erhält sie jährlich etwa eine Milliarde Dollar an Spenden, meist von ehemaligen Abgängern, die seither Karriere machten. Die Universität prosperierte nicht zuletzt deshalb, weil sie per Verfügung an allen Erfindungen, die auf dem Campus entwickelt werden, beteiligt ist. So haben die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin für das Entwickeln ihrer Software Einrichtungen der Hochschule in Anspruch genommen. Da sie der Universität dafür keine Entschädigung zahlen konnten, erhielt Stanford im Gegenzug Aktien. Mitglieder des Lehrkörpers wurden Beraterinnen, einige sogar Aktionäre – und der Rektor, John Hennessy, sitzt bis heute im Verwaltungsrat.62 Stanford genießt somit nicht nur den Ruf einer exzellenten Universität. Sie wird auch mit wirtschaftlichen Interessen, ausgehend von den Professorinnen, in Verbindung gebracht, die ihren Studentinnen nicht selten den Rat geben, ihr Studium abzubrechen und gleich eine Firma zu gründen, an welcher die Professoren beteiligt werden. Angesichts der Studiengebühren, die bei durchschnittlich 40.000 Dollar pro Studienjahr liegen, ist das ein attraktiver Vorschlag, der jedoch nur noch schwer mit den konventionellen Werten einer Universität in Einklang gebracht werden kann.

Man mag zweifellos behaupten, dass das Silicon Valley eine zumindest zum Teil in sich geschlossene Einheit bildet, die sich aus einer eigenen Geschichte (der beschriebenen Synthese zwischen dem Hippiekult als Gegenbewegung und dem bereits ansässigen militärisch-industriellen Komplex), dem Glauben an die ubiquitäre Machbarkeit via Technik und der Stanford University als Kaderschmiede zusammensetzt. Aufgrund seines fast magischen Nimbus wirkt das Wüstental überaus anziehend für junge Menschen, die ihre ambitionierten Vorstellungen verwirklichen wollen. Greifen diese Elemente synergetisch ineinander, reproduziert sich diese Kultur kontinuierlich weiter. Möglicherweise sind Abkapselungstendenzen (ähnlich wie im Circle-Roman) gegenüber der »äußeren Welt« vorhanden. Scheint der kritische Gedanke so abwegig, dass sich viele der dort tätigen Personen – die hauptsächlich unter 30 sind – in einer Art Blase befinden? Sie forschen naiv, teilweise unreflektiert – geblendet von dem Charisma des Silicon Valley und dem dort herrschenden technischen Fortschrittsgedanken – und in der Hoffnung, Karriere zu machen, an technischen Anwendungen, die zwar prima facie progressiv zu sein scheinen, für die gegenwärtige Ordnung der Gesellschaft und damit unseren Lebensstil jedoch irreversible Folgen haben können.

Vielleicht sollten wir in Zukunft genauer differenzieren zwischen Berufsfeldern, die traditionellen Zielen dienen, und solchen, deren Tätigkeiten unser Leben auf bislang unbekannte Weise beeinflussen könnten – in letzteren schlummert ein gehöriges Macht- und Gestaltungspotenzial, das mit Aufmerksamkeit und Skepsis behandelt werden sollte, denn sie greifen massiv in unser alltägliches Leben ein, ja verwandeln sogar unsere Perspektive auf das Leben überhaupt. Wir sollten uns immer wieder die grundsätzliche Frage stellen, was wir tatsächlich wollen, wie wir leben möchten und was für uns persönlich richtig sein könnte – Fragen, denen viele von uns gerne aus dem Weg gehen. Denn alle Technologien stiften Abhängigkeiten – pragmatischer, sozialer oder kognitiver Natur.

Vor diesem Hintergrund möchte ich eine These formulieren, die sich mit der Lebensführung junger Menschen in Symbiose mit der Technik auseinandersetzt.

Jeder von uns erhält durch die Art und Weise, wie er sein Leben gestaltet, durch ständige Rückmeldungen von anderen soziale Bestätigung. Um eine positive Rückmeldung zu bekommen, müssen wir uns häufig an die Erwartungshaltung anderer anpassen. Kritische Gedanken, politische Meinungen und Sachverhalte, die ein Konfliktpotenzial beinhalten, werden dabei so weit wie möglich ausgeklammert. Meistens ziehen wir es vor, uns auf einen still vereinbarten gemeinsamen Nenner zu berufen. Auf diese Weise bestätigen wir uns zwar gegenseitig innerhalb der sozialen Gruppe, tendieren aber zugleich dazu, individuelle Zweifel kollektiv auszuräumen. Wir verschwinden mitsamt unserer Skepsis in der Masse. Im Fall der kalifornischen Ideologie scheinen genau diese Mechanismen ineinanderzugreifen. Die herrschende Rolle der Technik unterstützt diesen Mechanismus insofern, als sie den Menschen stets an seine Unvollkommenheit erinnert und ihm zugleich technische »Vervollkommnungsmöglichkeiten« anbietet, die letztlich Abhängigkeiten hervorrufen. Auf diese Weise wird ein Prozess in Gang gesetzt, in dem wir uns als selbstbestimmte und souveräne Wesen zunehmend infrage stellen und wichtige Entscheidungsprozesse der Maschine überantworten.

In dieser These werden vor allem zwei Aspekte hervorgehoben. Erstens: Der Mensch ist ein auf andere Menschen angewiesenes, unvollständiges Wesen, das seine Bestätigung, ja sogar manchmal den Beweis seiner Existenz durch andere »Leidensgenossen« sucht und erfährt. Was dieses Gefühl potenziert, ist der spürbare Anstieg an Zukunftsängsten. Arbeitsplätze sind nicht mehr gesichert und Maschinen könnten eines Tages viele unserer Aufgaben sowie Tätigkeiten übernehmen und uns somit in vielen Bereichen überflüssig machen. Durch die dominierende Stellung der Technik in unserem Lebensstil hat sich dieses Unbehagen ungemein verstärkt. Der Mensch versucht jedoch – und das markiert den zweiten Aspekt –, dieses Gefühl mithilfe der Technik aufzufangen und auszugleichen. Auf diese Weise droht er Eigenschaften zu verlieren, die ihn als Menschen grundlegend auszeichnen. Subversiv schwingt also in diesem Prozess immer die Frage mit, ob wir denn so bleiben dürfen, wie wir sind. Damit kommen wir zum nächsten Kapitel.

4 Anders, Günther: Die Antiquiertheit des Menschen 1. Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, Verlag C. H. Beck: München 2010 [1956], 239.

5 Anders, Günther: Die Antiquiertheit des Menschen 2. Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution, Verlag C. H. Beck: München 2013 [1980], 137.

6 Liessmann, Konrad Paul: Die großen Philosophen und ihre Probleme, Facultas Verlag: Wien 2003 [1998], 179−181.

7 Anders, Die Antiquiertheit des Menschen 1, 51.

8 Anders, Die Antiquiertheit des Menschen 1, 57.

9 »In der Tat besteht zwischen der, in tausende von Kopien zerstreuten Star-Schauspielerin und dem, in zahllosen Exemplaren verbreiteten Nagellack kein grundsätzlicher ontologischer Unterschied mehr. Daß in der Reklame Star und Massenware einander stützen (der Star die Ware durch Empfehlungen, die Ware den Star durch, der Verpackung beigelegte, Bilder), daß sie eine Allianz bilden, ist ganz folgerichtig, sie sind gleich und gleich, die sich gern gesellen. Und nicht nur gleichverbreitet sind sie, sie haben auch auf gleiche Weise ihre Sterblichkeit überwunden: Beide können sich ja nach ihrem Tode in ihren Reproduktionen weiterbewähren.« Anders, Die Antiquiertheit des Menschen 1, ebd.

10 Fromm, Erich: Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft, Deutscher Taschenbuch Verlag: München 1980 [1976], 27.

11 Anders, Die Antiquiertheit des Menschen 1, 181.

12 Anders, Die Antiquiertheit des Menschen 1, 182.

13 Liessmann, Die großen Philosophen und ihre Probleme, 136−137.

14 Anders, Die Antiquiertheit des Menschen 1, 84.

15 Anders, Die Antiquiertheit des Menschen 1, 90−91.

16 Anders, Die Antiquiertheit des Menschen 1, 91.

17 Anders, Die Antiquiertheit des Menschen 1, 100.

18 Anders, Die Antiquiertheit des Menschen 1, 103.

19 Le Bon, Gustave: Psychologie der Massen, Nikol Verlag: Hamburg 2012 [dt. 1911].

20 Anders, Die Antiquiertheit des Menschen 1, 104.

21 So verweist er auf einen Artikel aus der Wiener Tageszeitung Die Presse vom 24. 12. 1954, der das Fernsehen als ein ausgezeichnetes Mittel preist, um junge Menschen von kostspieligen Hobbys abzuhalten, die Kinder ans Haus zu binden und der familiären Gemeinsamkeit einen neuen Reiz zu verleihen.

22 Anders, Die Antiquiertheit des Menschen 1, 105.

23 Anders, Die Antiquiertheit des Menschen 1, 97.

24 Anders, Die Antiquiertheit des Menschen 1, 109.

25 Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus, Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main 1973 [zweisprachig dt./engl. 1922], 89.

26 Freud, Sigmund: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, 18. Vorlesung, 152f. Siehe: http://www.odysseetheater.org/ftp/bibliothek/Psychologie/Sigmund_Freud/Sigmund_Freud_Vorlesungen_zur_Einfuehrung_in_die_Psychoanalyse.pdf [abgerufen am 21. 12. 2019].

27 Interview mit Dave Eggers: http://www.telegraph.co.uk/culture/books/authorinterviews/10356543/Dave-Eggers-interview.html [abgerufen am 24. 11. 2016].

28 Eggers, Dave: Der Circle, Kiepenheuer/Witsch: Köln 2015 [2014], 297ff.

29 Eggers, Der Circle, 330f.

30 Zitat von Eric Schmidt, siehe: http://www.businessinsider.com/eric-schmidt-we-know-where-you-are-we-know-where-youve-been-we-can-more-or-less-know-what-youre-thinking-about-2010-10?IR=T [abgerufen am 30. 8. 2017].

31 Zitat von Eric Schmidt, siehe http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/privatsphaere-im-netz-google-boss-sorgt-sich-um-die-glaeserne-generation-a-712572.html [abgerufen am 30. 8. 2017].

32 Zitat von Eric Schmidt, ebd.

33 Gemeint sind die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin. Eric Schmidt stieß später als CEO hinzu und wurde Executive Chairman. Siehe: Schulz, Thomas: Was Google wirklich will. Wie der einflussreichste Konzern der Welt unsere Zukunft verändert, Deutsche Verlags-Anstalt: München 2015.

34 Keese, Christoph: Silicon Valley. Was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zukommt, Knaus Verlag: München 2014, 107f.

35 Schmidt, Eric/ Rosenberg, Jonathan: Wie Google tickt, Campus Verlag: Frankfurt/New York 2015, 47.

36 Schmidt/ Rosenberg, Wie Google tickt, ebd.

37 Project Loon und Sri Lanka, siehe: http://www.dailymail.co.uk/sciencetech/article-3452850/Googles-Internet-balloon-crashes-Sri-Lanka-test-flight.html [abgerufen am 25. 8. 2017].

38 Schulz, Was Google wirklich will, 130.

39 Weit erfolgreicher scheint der Unternehmer Elon Musk mit einer Zweigstelle seines Raumfahrtunternehmens SpaceX, namens Starlink, zu sein. Starlink ist ein weltumspannendes Satellitennetzwerk, das die gleichen Ambitionen verfolgt: Die Versorgung der ganzen Welt mit dem Internet. Hunderte Satelliten befinden sich im Jahre 2020 bereits im Orbit und in Zukunft sollen es Zehntausende werden.

40 Keen, Andrew: »Why life through Google Glass should be for our eyes only«, siehe: http://edition.cnn.com/2013/02/25/tech/innovation/google-glass-privacy-andrew-keen [abgerufen am 26. 08. 2017].

41 Lindner, Roland: »Google Glass versucht Comeback«, siehe: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/datenbrille-google-glass-versucht-comeback-in-unternehmen-15113228.html [abgerufen am 29. 8. 2017].

42 Schulz, Was Google wirklich will, 184f.

43 Schulz, Was Google wirklich will, 188.

44 Schulz, Was Google wirklich will, 193.

45 Schulz, Was Google wirklich will, 195.

46 Schulz, Was Google wirklich will, 191.

47 Kurzweil, Ray: Menschheit 2. 0. Die Singularität naht, Lola Books: Berlin 2013 [2005], 387.

48 Meier, Christian J.: Eine kurze Geschichte des Quantencomputers. Wie bizarre Quantenphysik eine neue Technologie erschafft, Heise Zeitschriften Verlag: Hannover 2015, 11.

49 Die zweite Seite der Medaille stellt naturgemäß der Missbrauch einer solchen Technologie dar. So veröffentlichte die Washington Post auf Basis der geheimen Dokumente, die der Whistleblower und ehemalige NSA-Mitarbeiter Edward Snowden ans Tageslicht gebracht hatte, einen Artikel mit der Erkenntnis, dass der US-Geheimdienst ebenfalls an Quantencomputern forscht. Die NSA erhofft sich durch die Entwicklung eines eigenen Quantencomputers – unter dem Projektnamen »Durchbrechen harter Ziele« –, jedes digitale Verschlüsselungssystem zu knacken, das bisher Banken, Regierungen oder Forschungs- bzw. Militäreinrichtungen vor fremden Zugriffen geschützt hat. Selbst die bisher beste Verschlüsselungstechnik RSA könnte geknackt werden. Das Ausmaß und der Fortschritt der geheimen Forschungen sind uns nicht bekannt und es muss festgehalten werden, dass die Öffentlichkeit von diesem Projekt erst durch einen Whistleblower erfahren hat.

Gellman, Barton/ Rich, Stephen: »NSA seeks to build quantum computer that could crack most types of encryption«, siehe: https://www.washingtonpost.com/world/national-security/nsa-seeks-to-build-quantum-computer-that-could-crack-most-types-of-encryption/2014/01/02/8fff297e-7195-11e3-8def-a33011492df2_story.html?utm_term=.674f07b0c941 [abgerufen am 26. 08. 2017].

50 Schulz, Was Google wirklich will, 110.

51 Schulz, Was Google wirklich will, 112.

52 Schulz, Was Google wirklich will, 119.

53 Vitzthum, Thomas: »Als Merkel in die Zukunft blicken soll, lacht das Auditorium«, siehe: https://www.welt.de/politik/deutschland/article165359594/Als-Merkel-in-die-Zukunft-blicken-soll-lacht-das-Auditorium.html [abgerufen am 29. 08. 2017].

54 »Mehr als ein Signal«, siehe: http://orf.at/stories/2376992/2376997/ [abgerufen 28. 01. 2017].

55 »Manipuliert Google?«, siehe: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/netzwirtschaft/google/hillary-clinton-kampangne-manipuliert-google-14281390.html [abgerufen am 30. 8. 2017].

56 Transparenzbericht, siehe: https://transparencyreport.google.com/government-removals/by-country/DE [abgerufen am 30. 8. 2017].

57 Barbrook Richard/ Cameron, Andy: »Die kalifornische Ideologie« (engl. 1995), siehe: https://www.heise.de/tp/features/Die-kalifornische-Ideologie-3229213.html [abgerufen am 21. 11. 2020].

58 Kommentar eines Mitarbeiters über Obamas Besuch bei einem Hightechunternehmen, in: Pogue Harrison, Robert: »Verändert die Welt, und macht sie flach!«, siehe: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kalifornische-ideologie-veraendert-die-welt-und-macht-sie-flach-13092376-p2.html [abgerufen am 11. 12. 2016].

59 Wagner, Thomas: Robokratie. Google, das Silicon Valley und der Mensch als Auslaufmodell, PapyRossa Verlag, Köln 2016, 23.

60 Isaacson, Walter: Steve Jobs. Die autorisierte Biographie des Apple-Gründers, btb-Verlag: München 2012, 80. Zitiert nach: Wagner, Robokratie, 24.

61 Wagner, Robokratie, 22.

62 Keese, Silicon Valley, 60.

2. Auf dem Weg zum Übermenschen?

»O welch ärmliches Geschöpf ist der Mensch, wenn er sich nicht über das Menschliche erhebt! So lange wir mit den Leidenschaften ringen, was tun wir Großes? Wenn wir sie auch bemeistern, so ist es ein Hirngespinst, was wir besiegen. Haben wir wohl Ursache, uns etwas einzubilden, dass wir nicht sind wie die Schlechtesten? Ich sehe nicht ein, warum sich einer etwas dünken soll, wenn er im Krankenhaus der kräftigste ist.«63

Seneca (1 v. Chr. – 65 n. Chr.)

»Denn der Mensch ist kränker, unsicherer, wechselnder, unfestgestellter als irgend ein Tier sonst, daran ist kein Zweifel – er ist das kranke Tier: woher kommt das? Sicherlich hat er auch mehr gewagt, geneuert, getrotzt, das Schicksal herausgefordert als alle übrigen Tiere zusammen genommen: er, der große Experimentator mit sich, der Unbefriedigte, Ungesättigte, der um die letzte Herrschaft mit Tier, Natur und Göttern ringt – er, der immer noch Unbezwungne, der ewig-Zukünftige, der vor seiner eignen drängenden Kraft keine Ruhe mehr findet, so dass ihm seine Zukunft unerbittlich wie ein Sporn im Fleische jeder Gegenwart wühlt: – wie sollte ein solches mutiges und reiches Tier nicht auch das am meisten gefährdete, das am längsten und tiefsten kranke unter allen kranken Tieren sein?«64

Friedrich Nietzsche (1844−1900)

Gegenwärtig verfolgen die meisten demokratisch regierten Nationen eine liberale Grundeinstellung, geprägt von der Menschenrechtskonvention aus dem Jahr 1948. Der Mensch soll als rational denkende, autonome Person selbst entscheiden, welcher politischen Ideologie er im Rahmen von demokratischen Wahlen seine Stimme gibt und wie er sein Leben individuell gestalten will. Der Staat hält sich aus vielen Belangen heraus, fungiert als unterstützende Instanz und bleibt im idealen Fall neutral. Der Verlauf des persönlichen Lebens ist offen und nicht vorgezeichnet oder bereits bewusst eingeschränkt. Es gibt keine existentiellen und einschneidenden Verpflichtungen gegenüber einer höheren Instanz, wie sie gegenüber einer Partei und/oder einer Religion lange Zeit eingefordert wurden. Menschen sollen in liberalen Staaten nicht mehr verfolgt, vertrieben oder exekutiert werden. Im Vergleich zu jeder anderen Menschheitsepoche, von der wir wissen, ist der faktisch vorhandene Freiheitsgrad – in weitentwickelten Ländern wohlgemerkt – so ausgeprägt wie nie zuvor.65

So sehr die Freiheit als ein erstrebenswertes Gut bezeichnet werden kann, wirkt sie auf viele Menschen dennoch belastend. Was manche als Einengung ihrer Individualität oder als Eingriff in ihre Privatsphäre empfinden, bedeutet wiederum für andere ein Fehlen von soziokulturellem Halt und Orientierung. In einer liberalen Gesellschaft, die Grenzen in jeglicher Form schrittweise abzubauen bereit ist und die beinahe jeder Ansicht, jedem Lebensstil und jeder Wertvorstellung die gleiche Berechtigung zugesteht, ist die Möglichkeit einer tendenziellen Zunahme eines Werteverfalls ernst zu nehmen. In liberalen Staaten ist die treibende Kraft eine Form des Leistungsdenkens, die stets subtil vorhanden ist und sich in vielen Facetten des gesellschaftlichen Lebens bemerkbar macht. Der Mensch ist nicht mehr gezwungen, sich an Idealen und Konformitäten zu orientieren. Stattdessen irrt er rat- wie rastlos umher und definiert sein Wesen wie seine individuelle Identität durch seine Wirkung auf und seine Bedeutung für die Welt. In einer kapitalistischen Gesellschaft mutiert der individuelle, eigentlich unveräußerliche Wert eines Menschen zur Ware, die »konsumiert« oder als Ressource »abgeschöpft« werden kann. Der Mensch genügt lediglich aufgrund eines allumfassenden, dynamischen Marktes. Halt findet der entwurzelte Mensch lediglich darin, seinen eigenen Wert zu steigern: Ob im privaten Bereich mit Statussymbolen, einer Vielzahl an Freund- und Bekanntschaften – die aufgrund der Inflation oberflächlich bleiben müssen – oder im öffentlichen Leben anhand beruflicher Erfolge, Ausbildungen, Aufstiege und Beförderungen.

Der Psychotherapeut und Philosoph Erich Fromm stellte 1976 in diesem einflussreichen Werk Haben oder Sein die fundamentale Frage, ob Menschen die eigene Person, den eigenen Wert über differenzierte Formen des Besitzes definieren – auch Freundschaften können in einem materialistischen Sinn als Besitz interpretiert werden –, oder anhand einer holistischen Sichtweise unter Berücksichtigung all seiner individuellen Eigenschaften, Bedürfnisse und Wünsche.66 Nicht wenige Menschen empfinden diese tunnelblickartige Sicht- und Lebensweise des Habens als unbefriedigend, doch ziehen sie nicht die richtigen Konsequenzen. Anstatt neuen Halt sowie Orientierung in bewährten nichtökonomischen Konzepten – wie stabile und erfüllende Partner- sowie Freundschaften, die Gründung einer Familie, die Reduktion des Arbeitseifers zugunsten von Freizeit und Freiheit für alternative Engagements – zu finden, kann es durchaus vorkommen, dass die Intensität der Profilierung und der Geltungsdrang noch weiter erhöht werden. Analogisch betrachtet, stellt dies den Versuch dar, einen Brand mit noch mehr Feuer löschen zu wollen.

Freiheit kann ein Gefühl der Leere, der Überforderung und der Belastung vermitteln. Das Glück und den Sinn in der eigenen Leistung sowie der Produktivität am Arbeitsmarkt zu finden, kann als Versuch eines angemessenen Umgangs mit dieser neuen Freiheit interpretiert werden. In einer am Höhepunkt stehenden kapitalistischen Gesellschaft, in welcher gefragte Arbeitsplätze rar gesät sind, ist der Konkurrenzkampf mit anderen Menschen, ob sozial oder beruflich, nicht zu übersehen. Der Mensch steht nicht nur in Konkurrenz mit seinesgleichen, sondern auch mit den Maschinen, die nicht nur einfache, sondern zunehmend komplexer werdende Aufgaben übernehmen. In vielen Bereichen des Arbeitsmarktes sind unsichere Zeiten angebrochen. Was auch immer der Mensch tut – Zusatzausbildungen, Überstunden etc. –, es besteht die bedrückende Gefahr, dass sein Eifer nicht genügen könnte. Wie wird die Situation am Arbeitsmarkt in fünf, zehn oder 20 Jahren aussehen? Die Prognosen, welche an einer anderen Stelle genauer ausgeführt werden, verlautbaren einen besorgniserregenden Ausblick. Daraus folgend dürfte eines sicher sein: Viele Menschen könnten in Zukunft dem Anspruch der neuen Arbeitswelt nicht mehr gerecht werden. Sie werden erneut gezwungen sein, sich zu verändern, flexibler zu werden und sich anzupassen. Die Alternative bestünde in einem Abhängigkeitsverhältnis von sozialstaatlichen Maßnahmen, das einer resignierenden Situation gleicht. Dies könnte man als ein Paradox einer liberalen, offenen Gesellschaft deklarieren, die angetreten ist, dem Menschen eine Vielzahl an Freiheiten zu ermöglichen. Nicht nur in totalitären Systemen bestimmen die gesellschaftlichen Verhältnisse das Sein des Einzelnen, sondern auch in liberalen, kapitalistisch geprägten Gesellschaften.

Die Zeichen der Zeit weisen immer deutlicher auf folgende Konsequenz hin: Die Anhänger der Denkschule des sogenannten Transhumanismus bereiten sich auf eine Lebensweise vor, bei der sich in Zukunft der Mensch den sich beschleunigenden und unsicheren Verhältnissen optimal anpassen soll. Was wird unter dem Begriff Transhumanismus verstanden? Ein transhumanes Wesen stellt eine neue Entwicklungsstufe der menschlichen Spezies dar und verfügt über besondere Eigenschaften, die die Grenzen der menschlichen Natur überwinden. Vertreter des Transhumanismus, die naturgemäß technikaffin sind, teilen die Ansicht, dass der Mensch das Recht habe, sich anhand von gentechnischen, maschinellen oder pharmakologischen Optimierungen gesünder, leistungsfähiger und glücklicher zu machen. Der Mensch als solcher wird in diesem Kontext als eine Biomaschine betrachtet, die durch Modifizierungen an ihrer Hard- und Software zu einem höheren Wesen transformiert werden kann, ja sogar soll. Die Philosophie des Transhumanismus stellt essenzielle Fragen, die jeden von uns bereits beschäftigt haben dürften. Durch ihre zunehmende Dringlichkeit erhalten diese Fragen zusätzliche Relevanz. Welcher Mensch würde denn nicht seine Lebenserwartung verlängern bzw. seinen Todeszeitpunkt selbstbestimmt festsetzen wollen? Wäre es nicht vorteilhaft für uns, für die körperliche sowie geistige Regeneration weniger Schlaf zu benötigen und trotzdem leistungsfähig zu sein? Wie verhält es sich mit der eigenen Stimmung: Streben wir nicht intuitiv einen Glückszustand an, den man in Zukunft mit pharmakologischen Pillen ohne Nebenwirkungen erreichen könnte? Herzschrittmacher oder Prothesen gelten schon lange als Usus in der Medizin und werden zu therapeutischen Zwecken eingesetzt. Könnte man nicht Chips in Gehirne implantieren, die unsere Denkleistung verzigfachen, oder winzige Roboter in den Blutkreislauf integrieren, die uns von Krebs, Viren und Entzündungen befreien? Es sollte nun ersichtlich sein, dass transhumanistische Vorhaben weg vom therapeutischen Zugang der Medizin, die sich auf die Heilung von Krankheiten fokussiert, hin zu optimierenden Eingriffen in die menschliche Natur führen.

Als ein geistiger Urvater des Transhumanismus wird oftmals Friedrich Nietzsche angesehen. Mit seiner Philosophie des Übermenschen liefert Nietzsche einige gedankliche Ansätze, die sich heutzutage in einschlägiger Literatur zum Transhumanismus verwissenschaftlicht wiederfinden.

Auf Nietzsche soll Ray Kurzweil folgen, welcher gegenwärtig als der einflussreichste Vertreter des Transhumanismus gilt. Welche Überlegungen stellt er an und wie lauten seine Beweggründe und Argumente?

Als Abschluss soll ein informativer Einblick in den aktuellen Forschungsstand der drei Techniksparten Gentechnik, Nanotechnik und Robotik gegeben werden, die maßgeblich und ohne Zweifel unsere Zukunft prägen werden. Die beabsichtigte Intention dieser Herangehensweise besteht darin, dem Leser einen realistischen Ausblick auf die nächsten Jahre bzw. Jahrzehnte der technologischen Entwicklung zu geben.

Vorweg soll mit einer allgemeinen Einschätzung der gegenwärtigen Sichtweise auf den Menschen begonnen werden, bevor ich mich mit einzelnen, besonderen Merkmalen auseinandersetzen und konkrete Auswirkungen durch die Etablierung von transhumanistischen Ideen analysieren werde. Um zu sehen, wie der Mensch in westlichen Gesellschaften wahrgenommen wird, welche Aufgaben diesen erwarten und welchen Stellenwert das Individuum genießt, ist es durchaus hilfreich, das vorherrschende Bildungssystem und seine daraus abgeleiteten Werte unter die Lupe zu nehmen.

Aktuell arbeiten wir am Entwurf des perfekten Menschen. Es geht um die Verbesserung und Veränderbarkeit des Menschen in einem neuen Sinn: Nicht durch Erziehung und Bildung, nicht durch Moral, Aufklärung und eine humanistische Kultur soll die Verbesserung des Menschengeschlechts erreicht werden, wohl aber durch Technik und Genetik. Dass man lieber von Optimierung und nicht mehr von Verbesserung spricht, indiziert diesen Wandel von einer moralischen zu einer technizistischen Deutung.67

In den westlichen Gesellschaften vollzieht sich vor unseren Augen ein Wandel des Menschenbildes, das nicht mehr von traditionellen Konzepten der Pädagogik in Form von Erziehung, Entfaltung und Reifung gekennzeichnet ist. Persönlichkeitsbildende und die Autonomie fördernde Faktoren wie Bildung, Selbsterkenntnis sowie -verwirklichung sind mühsame und langwierige Prozesse, die für den Menschen nicht einfach zu meistern bzw. zu erfahren sind. Diese werden nun durch neue Denkweisen, die den Menschen als heranwachsende Humanressource betrachten, beeinflusst und teilweise sogar dominiert. Bezeichnet man den Menschen als eine Ressource – was gegenwärtig keine Seltenheit mehr ist –, so impliziert dies den Verwertungscharakter des Menschen als ein Mittel zur Erreichung höherer Ziele, die in einer kapitalistisch dominierten Gesellschaft selbsterklärend sind.

Eine Ressource ist ein Rohstoff, den man durch einen Veredelungsprozess zu einem wertvolleren Produkt transformieren kann. Zwar ist bei einem menschlichen Wesen kein maschineller Prozess in Fabrikhallen inklusive Kohle, Öl, Elektrizität und weiteren Materialien notwendig, sondern eigens dafür etablierte Bildungseinrichtungen – angefangen beim Kindergarten bis hin zur Universität –, die sich zunehmend die anschließende Verwertbarkeit des Menschen zum Schwerpunkt setzen. Spitzenpolitikerinnen beteuern regelmäßig, die nachfolgenden Generationen fit für die Zukunft machen zu wollen und ihnen dafür die nötigen Werkzeuge mit auf den Weg zu geben, die sie zu einem wertvollen Mitglied der Gesellschaft machen sollen. Wie diese Zukunft konkret aussehen wird und wie man allen Menschen ein ihnen angemessenes und würdevolles Leben garantieren kann, darüber kann nur spekuliert werden. Die im Hintergrund wirkende Zielvorstellung, die sich aus einem Effizienzdenken herausgebildet hat, wird selbst von den Betroffenen – Eltern, Kindern und Lehrern – anerkannt, akzeptiert und mittlerweile aus einer Selbstverständlichkeit heraus praktiziert. Talente, Begabungen und Anlagen müssen erkannt, gefördert und beim Erreichen eines befriedigenden Niveaus von Arbeitgeberinstitutionen abgeschöpft werden. In diesem Prozedere der Bildung – präziser formuliert: Ausbildung – ist die Tendenz vorhanden, den Menschen als ein ganzheitliches, facettenreiches, aber auch widersprüchliches Wesen größtenteils auf sein Potenzial am Arbeitsmarkt zu reduzieren. Es wird übersehen oder verdrängt, dass es den meisten Menschen gar nicht darum geht, ein leistungsfähiges Mitglied einer Gesellschaft zu werden, sondern ein Leben in Harmonie, Zufriedenheit und Glück zu führen. Viel eher versucht der Großteil der Menschen, den fehlgeleiteten und ihnen oftmals fremden Erwartungen, die ihnen von den Eltern und der Schule bzw. prinzipiell vom Gesellschafts- oder Wirtschaftssystem auferlegt werden, zu entsprechen. Aristoteles brachte in einem Satz, der ihm häufig zugeschrieben wird, den eigentlichen Zweck (telos) der Bildung, so wie sie verstanden und praktiziert werden sollte, auf den Punkt: Bildung für den Verstand ohne Bildung fürs Herz ist rein gar keine Bildung.

Ein gutes Leben führe nach Aristoteles jener Mensch, der stets einen goldenen Mittelweg zwischen den Extremen sucht. Zwischen Verschwendungssucht und Geiz sei die Sparsamkeit angesiedelt, zwischen Schmeichelei und Streitsucht die Freundlichkeit, zwischen Feigheit und Tollkühnheit die Tapferkeit. Er ließ als relatives Moment ein wenig Spielraum in diesen Kategorisierungen zu, da ein Soldat etwas anderes unter Tapferkeit verstünde als ein einfacher Zivilist. Ähnlich verhält es sich bei den pekuniären Ausgaben eines Reichen, dessen Maßstab sich von dem eines Bettlers unterscheidet. Verhält es sich nicht auch bei der Bildung eines Menschen entsprechend gleich? Ist in der goldenen Mitte zwischen abstraktem, fernab von der Realität und den Lebensumständen befindlichem Wissen und streng funktional orientiertem Wissen nicht auch der Begriff der Bildung anzusiedeln? Bezogen auf das aristotelische Zitat könnte in einer weiteren Differenzierung die Bildung als ein Mittelweg zwischen reiner Vernunft und Emotion angeordnet werden. Bildung stellt in diesem Zusammenhang eine ausgewogene Symbiose aus berufsspezifischen und instrumentellen Inhalten, gepaart mit reflektiertem Wissen über den Sinn, die moralische Qualität und die soziale Bedeutung der eigenen Tätigkeit dar.

Ein weiteres Beispiel, das der Thematik der (Aus-)Bildung zuzuordnen ist, ist der Bereich der eigenen Erwerbsarbeit. Der goldene Mittelweg dieser Tätigkeit könnte folgendermaßen aussehen: Der Mensch übt eine Arbeit aus, die seine Energie, seine zur Verfügung stehende Zeit und seine Gedankenwelt nicht zur Gänze beansprucht, sodass er noch genügend Platz für Hobbys, Leidenschaften, Familie und Freundschaften übrig hat. Der Beruf soll ergo keine entfremdete, bloß funktional orientierte Tätigkeit bedeuten, die den Menschen schlussendlich »verbraucht«. Unglücklicherweise sind mit der beruflichen Tätigkeit viele Extremsituationen in der Gesellschaft verbunden. Oftmals sind die davon betroffenen Menschen vor keine Wahl gestellt worden, sondern mussten sich mit den gegebenen Möglichkeiten zufriedengeben. Wie viele Menschen können von sich aus behaupten, dass sie einem Beruf, im Sinne einer Berufung, nachgehen können und nicht einem sogenannten Job, der im Englischen des 14. Jahrhunderts einen Klumpen oder eine Ladung bezeichnete, die man herumschieben konnte?

Die Flexibilität bringt diese vergessene Bedeutung zu neuen Ehren. Die Menschen verrichten Arbeiten wie Klumpen, mal hier, mal da.68

Dieser systemisch bedingte Wettlauf, in welchem wir uns befinden, fördert die »niederen Instinkte« des Menschen: Kampf, Flucht oder Totstellreflex. Diejenigen, die in diesem Wettkampf durch größtenteils willkürliche Einflussfaktoren (die Erziehung der Eltern sowie deren sozioökonomischer Status, körperliche/geistige Beeinträchtigungen, mangelnde Talente, geografische Nachteile usw.) das Nachsehen haben, beschleicht das Gefühl des Versagens, der Entwertung oder der Scham. Daraus folgend ist es keine Seltenheit mehr, dass sich bei manchen eine Resignation, eine Kränkung sowie ein Rückzug von der Gesellschaft und der Berufswelt (Flucht bzw. Totstellreflex) einstellt. Privilegierte Menschen mit einem hohen Bildungsstatus – aber nicht nur dieses Segment der Gesellschaft – werden systematisch dazu motiviert, miteinander in Konkurrenz zu treten, sich zu überbieten und ständig an sich zu arbeiten (Kampf). Ergänzend wird feierlich von den (Staats-)Medien verkündet, dass die Tage, an denen Menschen in den Krankenstand gehen mussten, im Vergleich zu den 1990er-Jahren rückläufig sind, und dass die Dauer eines Krankenstandes ebenfalls im Mittel abgenommen hat.69 Es stellt sich die berechtigte Frage, ob die erwerbstätigen Menschen im Durchschnitt tatsächlich gesünder sind als noch vor ein, zwei Jahrzehnten – oder sind die Ursachen des Rückgangs an Krankenstandstagen noch nicht vollständig differenziert betrachtet worden?

Eines sollte in diesem Kontext klargestellt werden: Eine Gesellschaft kann langfristig wohl kaum prosperieren, stabil und gesund in einem ganzheitlichen Sinn sein, wenn sie hauptsächlich aus Akademikerinnen und hochqualifizierten Personen besteht – was von staatlicher Seite angestrebt wird –, die um die rar gesäten Berufsmöglichkeiten in Konkurrenz treten oder, wenn sie nicht arbeitslos sein wollen, Arbeiten nachgehen müssen, für diese sie sozusagen überqualifiziert sind. Zur Untermauerung der These, dass die Überqualifizierung der jungen Generation, gekoppelt mit nur mäßigen Berufsaussichten, Selbstzweifel, Frustration und Ärger bei den Betroffenen hervorruft und den sozialen Frieden einer Gesellschaft beeinträchtigen könnte – man betrachte die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien, Portugal und Griechenland während und nach der Wirtschaftskrise sowie die fatalen Auswirkungen der Auswanderung von gut gebildeten Jugendlichen –, darf ein kurzer literarischer Exkurs unternommen werden:

In Aldous Huxleys Dystopie Brave New World (1932) leben die Menschen im Jahre 2540 überwiegend in einem Weltstaat, der die Gesellschaft in all ihren Facetten zum Wohl ihrer selbst kontrolliert und künstlich reproduziert. Das menschliche Schicksal ist bereits während des Reifungsprozesses des Embryos mithilfe von eugenischen Verfahren festgelegt: In Brut- und Aufzuchtzentren werden zukünftige Menschen nicht mehr von Frauen ausgetragen und geboren, sondern in Reagenzgläsern gezüchtet. Durch spezifische Interventionen (Sauerstoffentzug, Beimischung von Alkohol) während des Embryonenstadiums ist es möglich, ein Kastenwesen, bestehend aus Alphas, Betas, Gammas, Deltas und Epsilons, und somit eine ausbalancierte Gesellschaft zu konstruieren. Je nachdem, welchen Status man seit Geburt zugestanden bekommt, gestalten sich die berufliche Zukunft, die Möglichkeiten und Chancen sowie das Ansehen des jeweils betroffenen Menschen. Durch gezielte Einflussnahme und Indoktrination während des Heranwachsens gelingt es der obersten Autorität, dass alle Kasten zufrieden mit ihrer Position sind, sich konform als kleiner Teil eines großen Ganzen verhalten und keinen Neid gegenüber anderen Kasten empfinden. Gegenüber Langeweile, Traurigkeit oder Frustration wurde die Glücksdroge Soma entwickelt, die allen Kasten zur Verfügung gestellt und regelmäßig konsumiert wird.

Im Laufe des Romans wird immer wieder deutlich hervorgehoben, dass sich Alphas um die interessantesten, lukrativsten und prestigeträchtigsten Positionen streiten und sich keinesfalls mit der niederen Arbeit von Epsilons abgeben würden.

»Alphas können der menschlichen Gemeinschaft perfekt eingefügt werden, aber nur, wenn man ihnen Alpha-Arbeit überträgt. Nur ein Epsilon kann die Opfer eines Epsilons bringen, aus dem einfachen Grund, daß sie für ihn keine Opfer bedeuten, sondern der Weg des geringsten Widerstands sind. Seine Normung hat Schienen vor ihn hingelegt, auf denen er laufen muß. Er kann nicht anders, es ist ihm vorbestimmt.«70

Interessant ist in diesem fiktiven Roman folgendes Experiment, das auf Zypern durchgeführt wurde: Die Regierung »säuberte« Zypern von allen Bewohnern und siedelte dort 22.000 Alphas an. Man stattete diese reine Alphagesellschaft mit allen notwendigen landwirtschaftlichen sowie industriellen Möglichkeiten aus und überließ sie anschließend sich selbst. Das Ergebnis entsprach allen theoretischen Prognosen der Regierung: Die Alphas bekämpften sich untereinander um die rar gesäten Spitzenpositionen. Nur wenige waren bereit, untergeordnete Arbeiten zu verrichten. Befehle und Gesetze wurden missachtet, Streiks entstanden und binnen sechs Jahren ereignete sich ein Bürgerkrieg. Das Experiment musste nach großen Verlusten abgebrochen werden.71

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9783853718872
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