Читать книгу: «Oliver Twist»

Шрифт:

Charles Dickens

Oliver Twist

Julius Seybt

Saga

Oliver Twist ÜbersetzerJulius Seybt Coverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 1837, 2020 Charles Dickens und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726479812

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk

– a part of Egmont www.egmont.com

Erstes Kapitel.

Wo und unter was für Umständen Oliver Twist geboren wurde.

Ausser anderen öffentlichen Gebäuden rühmt sich die Stadt Mudfog, gleich den meisten grossen und kleinen Städten, auch eines Armen- und Arbeitshauses; und in diesem wurde an einem Tage und Datum, worüber genaue Auskunft zu erhalten unwichtig für den Leser ist, Oliver Twist geboren. Noch lange nachdem der Kirchspielwundarzt ihn in diese Welt der Sorgen und Mühen gefördert, blieb es sehr ungewiss, ob er am Leben bleiben würde. Es war äusserst schwierig, ihn zum Athmen zu bringen — einem mühsamen Geschäft, das die Gewohnheit uns aber freilich zu einer nothwendigen Lebensbedingung gemacht hat — und er lag eine Zeit lang zuckend und keuchend gleichsam auf der Grenzscheide dieser und jener Welt. Wenn er während dieser Zeit von sorglichen Grossmüttern, geschäftigen Tanten, erfahrenen Wärterinnen und hochgelahrten Doctoren umgeben gewesen wäre, so würde er natürlich die Stunde nicht überlebt haben; allein es war Niemand in seiner Nähe, ausser einer alten, ein wenig bierberauschten Frau und dem Kirchspielwundarzte, der die Geburtshilfe contractmässig leistete, wovon die Folge war, dass Oliver endlich den Hausbewohnern seine Erscheinung in der Welt durch ein lautes Schreien ankündigte. Als er dieses Zeichen des Lebens gab, hob ein bleiches junges Frauenzimmer den Kopf vom Kissen empor, und rief mit matter, bebender Stimme: „Lasst mich das Kind sehen, und sterben!“

Der Wundarzt ermahnte sie, nicht vom Sterben zu reden. „Ach, Sir,“ sagte die Wärterin, „wenn die junge Person erst so alt geworden ist, als ich’s bin, und, wie ich, dreizehn Kinder gehabt hat, die alle todt sind, ausgenommen zwei, die, wie ich selbst, im Armenhause sind, so wird sie keine so traurige Gedanken mehr haben, Sir. Sei Sie ruhig, Kind, und bedenke Sie die Freude, Mutter zu sein.“

Die tröstlichen Worte schienen des gebührenden Eindrucks zu verfehlen. Die Wöchnerin schüttelte den Kopf, und streckte die Arme nach dem Kinde aus. Der Wundarzt reichte es ihr, sie küsste es, heftig erregt, mit den kalten weissen Lippen auf die Stirn, fuhr mit den Händen über ihr Gesicht, blickte wild umher, schauderte, sank zurück — und starb.

„’S ist aus mit ihr,“ sagte der Wundarzt nach einigen vergeblichen Bemühungen, sie wieder zum Leben zurückzubringen.

„Das arme Kind!“ sagte die Wärterin.

„Sie brauchen nicht zu mir zu schicken, wenn es schreit,“ fuhr der Wundarzt fort, während er kaltblütig die Handschuhe anzog. „Es wird wahrscheinlich sehr unruhig sein; geben Sie ihm dann ein wenig Hafergrütze.“

Er setzte den Hut auf, trat aber noch einmal an das Bett und sagte: „Die Mutter sah gut aus; woher kam sie?“

„Sie wurde gestern Abend gebracht,“ erwiderte die Wärterin, „auf Befehl des Directors. Man hatte sie auf der Strasse liegen gefunden, und sie muss ziemlich weit hergewandert sein, denn ihre Schuhe waren ganz zerrissen; aber woher sie kam, oder wohin sie wollte, das weiss Niemand.“

Der Wundarzt beugte sich über die Verblichene, hob die linke Hand derselben empor und bemerkte kopfschüttelnd: „Die alte Geschichte; ich sehe, kein Trauring. Hm! gute Nacht!“

Er ging zu seinem Abendessen, und die Wärterin fing an das Kind anzukleiden. Bis zu diesem Augenblick hätte man nicht sagen können, ob es das Kind eines Edelmanns oder eines Bettlers sei; das dürftige, verwaschene Kinderzeug des Armenhauses bezeichnete indess sogleich seine gegenwärtige und zukünftige Stellung in der Welt, sein ganzes Schicksal, als Kirchspielkind — Waise des Armenhauses, halb verhungert und unter Mühe und Plackerei, verachtet von Allen, bemitleidet von Niemand, durch die Welt geknufft und gestossen zu werden.

Zweites Kapitel.

Oliver Twist’s erste Kindheit.

Oliver Twist wurde die ersten zehn Monate „aufgefüttert“, und sodann in ein drei Meilen entferntes Filialarmenhaus versetzt, wo zwanzig bis dreissig andere kleine Uebertreter der Armengesetze unter der mütterlichen Aufsicht einer ältlichen Frau, welche für jeden derselben wöchentlich sieben und einen halben Penny erhielt, aufwuchsen, ohne zu gut genährt oder zu warm gekleidet und verzärtelt zu werden. Mit sieben und einem halben Penny lässt sich viel beschaffen, und die Matrone war klug und erfahren. Sie wusste, wie leicht sich Kinder den Magen überladen können und was ihnen dient, eben so genau aber auch, was ihr selbst gut war; sie verwendete daher einen beträchtlichen Theil des für die Kinder Bestimmten in ihrem eigenen Nutzen, fand demnach in der tiefsten noch eine tiefere Tiefe, und bewies somit, dass sie es in der Experimentalphilosophie wirklich weit gebracht.

Jedermann kennt die Geschichte eines anderen Experimentalphilosophen, nach dessen ruhmwürdiger Theorie ein Pferd im Stande war, ohne Nahrung zu leben, und der jene so vortrefflich demonstrirte, dass er sein eigenes Pferd bis auf einen Strohhalm den Tag herunterbrachte, und ohne Frage ein äusserst muthiges, kräftiges und gar nicht fressendes Thier aus ihm gemacht haben würde, wenn es nicht vierundzwanzig Stunden vor seinem ersten comfortablen vollkommenen Hungertage gestorben wäre. Die mehrerwähnte Matrone wendete dasselbe System nicht selten mit gleichem Unglücke auf die Kirchspielkinder an, deren nicht wenige vor Kälte oder Hunger, oder weil sie einen Fall gethan oder sich verbrannt hatten, starben und zu ihren Vätern in jener Welt, die sie in dieser nicht gekannt, versammelt wurden, wenn sie sie eben mit vieler Mühe so weit gebracht hatte, dass sie von der möglichst geringen Quantität möglichst schwacher Nahrungsmittel leben konnten.

Stellten die Directoren unangenehme Untersuchungen an, oder thaten die Geschworenen lästige Fragen, so schützten dagegen das Zeugniss und die Aussage des Wundarztes und Kirchspieldieners. Der Erstere hatte stets die Leichen geöffnet, und nichts darin gefunden (was sehr natürlich zuging), und der Letztere beschwor stets, was dem Kirchspiel angenehm war, und gab damit einen grossen Beweis von Selbstaufopferung und Hingebung. Das Armencollegium besuchte von Zeit zu Zeit die Filialanstalt, und schickte Tags zuvor den Kirchspieldiener, um seine Ankunft zu verkünden. Und dann sahen die Kinder stets gut und reinlich aus, und was konnte man mehr verlangen?

Oliver Twist war an seinem achten Geburtstage ein blasses, schwach aussehendes, nicht gross zu nennendes Kind, gewiss aber von sehr geringem Umfange; doch wohnte in ihm ein gesunder, kräftiger Geist, der auch, Dank der strengen Diät des Hauses, hinreichenden Raum hatte, sich auszudehnen. Oliver feierte seinen Geburtstag im Kohlenkeller, welcher ihm nach einer tüchtigen Tracht Schläge angewiesen worden war, weil er sich erkühnt hätte, hungrig zu sein, als Frau Mann, die gutherzige Pflegerin, durch die Erscheinung Mr. Bumble’s, des Kirchspieldieners, der dem Gartenpförtchen zuschritt, in Schrecken gesetzt wurde.

„Du meine Güte, sind Sie das, Mr. Bumble?“ rief sie ihm aus dem Fenster, anscheinend hoch erfreut, entgegen. — „Susanne, bring’ gleich den Oliver und die andern beiden Buben herauf und wasch’ sie. Ach, Mr. Bumble, wie lange haben Sie sich nicht sehen lassen!“

Mr. Bumble zürnte aber gewaltig, dass er auf das Oeffnen der Hausthür warten müsse, er, der Kirchspielbeamte, und indem er in Kirchspielwaisenangelegenheiten erscheine; allein Frau Mann wusste ihn durch viele milde Worte und ein starkes Getränk zu besänftigen, das er nach mancher Weigerung endlich anzunehmen sich herabliess. Er ging darauf zu den Geschäften über.

„Ist nicht der Knabe Oliver Twist heute acht Jahre alt, Frau Mann?“

„Des Himmels Segen über das liebe Herzchen!“ rief Frau Mann aus, und musste die Augen mit der Schürze abtrocknen.

Mr. Bumble fuhr fort: „Trotz ausgebotener Belohnung von zehn Pfund, ja nachher von zwanzig Pfund — trotz der übernatürlichen Anstrengungen des Kirchspiels, sind wir nicht im Stande gewesen, seinen Vater ausfindig zu machen, oder seiner Mutter Wohnung, Namen oder Stand in Erfahrung zu bringen.“

„Wie geht es denn aber zu, dass er einen Namen hat?“ fragte die Waisenmutter.

Der Kirchspieldiener warf sich in die Brust und erwiderte: „Ich erfand ihn.“

„Sie, Mr. Bumble!“

„Ich, Frau Mann. Wir benennen unsere Findlinge nach dem Alphabet. Der letzte war ein S, — Swubble: ich benannte ihn. Dieser war ein T, — Twist: ich gab ihm abermals den Namen. Ich habe Namen im Vorrath von A bis Z; und wenn ich beim Z angekommen bin, fang’ ich beim A wieder an.“

„Sie sind wirklich ein Gelehrter, Mr. Bumble!“

„Mag sein, mag sein, Frau Mann. Doch genug davon. Oliver ist jetzt zu alt geworden zum Hierbleiben, das Collegium hat beschlossen, ihn zurückzunehmen, ich bin selbst gekommen, ihn abzuholen; — wo ist er?“

Frau Mann eilte hinaus, und erschien gleich darauf mit Oliver wieder, der unterdess gewaschen und bestens gekleidet war.

„Mach ’nen Diener vor dem Herrn, Oliver,“ sagte sie.

Oliver verbeugte sich tief vor dem Kirchspieldiener auf dem Stuhle und dem dreieckigen Hute auf dem Tische.

„Willst du mit mir gehen, Oliver?“ redete ihn Mr. Bumble in feierlichem Tone an.

Oliver war im Begriff, zu antworten, dass er auf das Bereitwilligste mit Jedermann fortgehen würde, hob aber zufällig die Augen zu Frau Mann empor, die hinter des Kirchspieldieners Stuhl getreten war und mit grimmigen Mienen die Faust schüttelte. Er wusste nur zu gut, was das bedeutete.

„Geht sie auch mit?“ fragte er.

„Das kann nicht sein; sie wird aber bisweilen kommen und dich besuchen,“ erwiderte Bumble.

Das war kein grosser Trost für Oliver; allein er hatte trotz seiner Jugend Verstand genug, sich anzustellen, als verliesse er das Haus nur sehr ungern; ohnehin standen ihm die Thränen in Folge des Hungers und kaum noch erfahrener harter Züchtigung nahe genug. Frau Mann umarmte ihn wiederholt, und gab ihm, was er am meisten bedurfte, ein grosses Stück Butterbrod, damit er im Armenhause nicht zu hungrig anlangte. Die Sache war natürlich abgemacht. Sein Butterbrod in der Hand, verliess er die Stätte, wo kein Strahl eines freundlichen Blickes das Dunkel seiner ersten Kinderjahre erhellt hatte. Und doch brach er in Thränen kindlichen Schmerzes aus, als das Gartenthor sich hinter ihm schloss. Verliess er doch seine Leidensgefährten, die einzigen Freunde, die er in seinem Leben gekannt hatte; und zum ersten Male, seit dem Erwachen seines Bewusstseins, empfand er ein Gefühl seiner Verlassenheit in der grossen weiten Welt.

Angelangt im Armenhause, führte ihn Bumble in ein grosses Zimmer mit weiss übertünchten Wänden, wo (denn es war Sitzungstag) acht bis zehn wohlbeleibte Herren an einem Tische sassen. Ein besonders dicker Herr mit einem runden, rothen Gesicht präsidirte, und begann das Verhör.

„Wie heisst du, Knabe?“

Oliver bebte, denn der Anblick so vieler Herren brachte ihn gänzlich ausser Fassung; Bumble suchte ihn durch eine kräftige Berührung mit dem Kirchspieldienerstabe zu beleben, und er fing an zu weinen. Er antwortete daher leise und zögernd, worauf ihm ein Herr in weisser Weste zurief, ei wäre ein dummer Junge, was ein vortreffliches Mittel war, ihm Muth einzuflössen.

„Knabe,“ sagte der Präsident, „hör’, was ich dir sage. Du weisst doch, dass du eine Waise bist?“

„Was ist denn das, Sir?“ fragte der unglückliche Oliver.

„Er ist in der That ein dummer Junge — ich sah es gleich,“ sagte der Herr mit der weissen Weste sehr bestimmt.

„Du wirst doch wissen,“ nahm der Herr wieder das Wort, der zuerst gesprochen hatte, „dass du weder Vater noch Mutter hast, und vom Kirchspiel erzogen bist?“

„Ja, Sir,“ antwortete Oliver, bitterlich weinend.

„Was heulst du?“ fragte der Herr mit der weissen Weste; und es war in der That höchst auffallend, dass Oliver weinte.“

„Ich hoffe doch, dass du jeden Abend dein Gebet hersagst,“ fiel ein anderer Herr in barschem Tone ein, „und für Diejenigen betest, die dir zu essen geben und für dich sorgen?“

„Ja, Sir,“ stotterte Oliver.

„Wir haben dich hierher bringen lassen,“ sagte der Präsident, „damit du ein nützliches Geschäft lernen sollst. Du wirst also morgen früh um sechs Uhr anfangen, Werg zu zupfen.“

Oliver wurde hierauf wieder hinausgeführt, und schluchzte so lange, bis er einschlief. Zum Glück für ihn hatte das Collegium der Armenpfleger vor einiger Zeit die Entdeckung gemacht, dass das Armenhaus von nur zu vielen Arbeits- und Erwerbsfähigen, aber Faulen, als eine Art Paradies betrachtet und gesucht werde, und daher Anordnungen getroffen, dem Zudrange entgegen zu wirken. Es fand kein Luxus in der Speisung oder sonst mehr statt. Eheleute wurden von einander, Eltern von ihren Kindern getrennt, und so fort.

Das Gemach, in welchem die Knaben gespeist wurden, war eine Art Küche, und der Speisemeister theilte ihnen aus einem kupfernen Kessel am unteren Ende ihre Haferbreiportionen zu, einen Napf voll und nicht mehr, ausgenommen an Sonn- und Feiertagen, wo sie auch noch ein nicht eben zu grosses Stück Brod bekamen. Die Näpfe brauchten nicht gewaschen zu werden, denn sie wurden mit den Löffeln der Knaben so lange polirt, bis sie wieder vollkommen blank waren; und auch an den Löffeln und Fingern blieben Speisereste niemals hängen. Kinder pflegen eine vortreffliche Esslust zu besitzen. Oliver und seine Kameraden hatten drei Monate die Hungerdiät ausgehalten, vermochten sie nun aber nicht länger mehr zu ertragen. Ein für sein Alter sehr grosser Knabe, dessen Vater ein Garkoch gewesen, erklärte den Uebrigen, dass er, wenn er nicht täglich zwei Näpfe Haferbrei bekomme, fürchten müsse, über kurz oder lang seinen Bettkameraden, einen kleinen, schwächlichen Knaben, aufzuessen. Seine Augen waren verstört und rollten wild. Die halbverhungerte Schaar glaubte ihm, hielt einen Rath, looste darum, wer nach dem Abendessen zum Speisemeister gehen und um mehr bitten solle, und das Loos traf Oliver Twist.

Der Abend kam, der Speisemeister stellte sich an den Kessel, der Haferbrei wurde ausgefüllt und ein breites Gebet über der schmalen Kost gesprochen. Die letztere war verschwunden, die Knaben flüsterten unter einander, winkten Oliver, und die zunächst Sitzenden stiessen ihn an. Der Hunger liess ihn alle Bedenklichkeiten und Rücksichten vergessen. Er stand auf, trat mit Napf und Löffel vor den Speisemeister hin, und sagte, freilich mit ziemlichem Beben: „Bitt’ um Vergebung, Sir, ich möchte noch ein wenig.“

Der wohlgenährte, rothwangige Speisemeister erblasste, starrte den kleinen Rebellen wie betäubt vor Erstaunen an, und musste sich am Kessel festhalten. Oliver wiederholte unter Furcht und Zittern seine Worte, und nunmehr ermannte sich der Speisemeister, schlug ihn mit dem Löffel, auf den Kopf und rief laut nach dem Kirchspieldiener.

Das Armencollegium war eben versammelt, und Bumble stattete in grosser Aufregung seinen Bericht ab: Oliver Twist habe mehr gefordert. — Das Collegium wär empört.

„Hören wir recht — nachdem er gehabt, was zum Abendbrod festgesetzt ist?“ fragte Mr. Limbkins.

Bumble bejahete.

„Denken Sie an mich, Gentlemen,“ sagte der Herr mit der weissen Weste, „der Knabe wird dereinst gehangen werden.“

Die Herren hielten feierlichen Rath, und das Resultat bestand darin, dass Oliver eingesperrt, und durch öffentlichen Anschlag die Summe von fünf Pfunden Demjenigen, der Oliver Twist zu sich nehmen möchte, gelobt wurde, oder mit anderen Worten, man bot Oliver Twist um fünf Pfund aus an Jedermann, der eines Lehrlings oder Laufburschen bedürfte, gleichviel wo, oder in welchem Handwerke oder Geschäfte.

Drittes Kapitel.

Wie Oliver Twist nahe daran war, eine Anstellung zu bekommen, welche keine Sinecure gewesen sein würde.

Wenn es Oliver darum zu thun gewesen wäre, die Prophezeiungen des Herrn mit der weissen Weste selbst wahr zu machen, so hätte er zum wenigsten Zeit genug dazu gehabt; denn er blieb acht Tage lang eingesperrt. Allein um sich im Gefängniss zu erhenken, fehlte ihm erstlich ein Taschentuch — denn Taschentücher waren als Luxusartikel verpönt — und zweitens war er noch zu sehr Kind. Er weinte daher nur den langen Tag über, und schlief ein, als er erschöpft war. Es war indess dafür gesorgt, dass es ihm an Leibesbewegung, Gesellschaft und religiösem Troste nicht mangelte. Bumble geleitete ihn jeden Morgen zum Brunnen, und ausserdem veranlasste ihn die Kälte, viel auf und ab zu laufen im Gefängniss: Bumble führte ihn einen Tag um den andern in den Speisesaal, wo er alle anderen Knaben vorfand, vor deren Augen und zu deren Warnung und Beispiel er ausgepeitscht wurde; Bumble schleppte ihn jeden Abend zur Theilnahme am Gebet, das eine speciell auf ihn sich beziehende Clausel erhalten hatte: Gott möge sie (die Knaben) gut, zufrieden und folgsam machen, und — vor der Bosheit Oliver Twist’s bewahren.

Während Oliver’s Angelegenheiten noch so standen, wurde eines Morgens der Schornsteinfeger, Mr. Gamfield, durch sein Geschäft vor dem Armenhause vorübergeführt. Er plagte sein Gehirn und daneben auch seinen Esel, weil sich ihm durchaus kein Mittel entdecken wollte, eine Schuld von einigen Pfunden zu berichtigen, um welcher willen er hart bedrängt wurde. Er las den erwähnten Anschlag, und schmunzelte. Der Betrag der angebotenen Summe war eben, was er bedurfte. Er kannte die Armenhausdiät, und war daher überzeugt, dass die an sich lästige Knabenmitgabe nicht zu sehr in Anschlag kommen könne. Das Kind war ohne Zweifel zart und schmächtig genug, um nützlich in engen Schornsteinen und Ofenröhren verwendet werden zu können.

Er trat in das Haus, liess sich anmelden, erklärte den Directoren, dass er eines Lehrlings für ein respectabeles Schornsteinfegergeschäft bedürftig sei, und trug darauf an, dass man ihm den angebotenen Knaben überlassen möge. Mr. Limbkins missfiel das Geschäft, und ein anderer Herr bemerkte, man habe Beispiele, dass Knaben in den Rauchfängen erstickt wären.

„Das kam nur davon,“ sagte Gamfield, „wenn das Stroh feucht war, das angezündet wurde, um sie herunterzubringen, und also nur Rauch und keine Flamme nicht gab. Knaben sein widerspenstig und faul, meine Herren; ein gutes Feuer im Kamin macht sie munter, verhindert, dass sie oben einschlafen, oder weckt sie auf, wenn sie eingeschlafen sind.“

Dem Herrn mit der weissen Weste gefiel die Erklärung, Mr. Limbkins aber hatte desto mehr Einwendungen. Indess beriethen die Directoren leise, so dass nur die Worte „Ersparung“ und „Abrechnung“ vernommen wurden; sie erklärten dem Schornsteinfeger jedoch endlich, dass auf seinen Antrag nicht eingegangen werden könne.

Mr. Gamfield wünschte keine weitläufigen Verhandlungen. Sie hätten zu Erkundigungen führen können, wobei dann leicht wieder davon geredet werden konnte, dass bereits drei oder vier Knaben, wie man ihm schuld gab, in seinem Geschäft zu Tode gekommen waren. Er schickte sich daher an, abzutreten.

„Ich soll ihn also nicht haben, meine Herren?“ sagte er, an der Thür noch verweilend.

Man erklärte ihm, das Schornsteinfegergeschäft wäre ein schlechtes Geschäft, und er könne zum wenigsten auf den vollen Betrag der gebotenen Prämie keinen Anspruch machen. Er begann zu feilschen, verzichtete auf zehn und noch zehn Schillinge, der Handel kam endlich zu Stande, und Bumble wurde beauftragt, Oliver Twist dem Friedensrichter zur obrigkeitlichen Bestätigung des Vertrags vorzuführen.

Bumble kündigte Oliver seine Bestimmung an, und ermahnte ihn zur Dankbarkeit gegen das Kirchspiel, das so grosse Kosten aufwende, damit er, eine elende Waise, durch die Welt kommen könne. Oliver weinte blos. Bumble schalt ihn einen Narren, schärfte ihm ernstlich ein, was er auf die Fragen des Friedensrichters zu erwidern habe, und befahl, ihm zu folgen. Mr. Limbkins und der Schornsteinfeger warteten bereits. Bumble stellte Oliver gebührend vor, und Oliver verbeugte sich um so tiefer, da er noch nie Herren mit gepuderten Perrücken gesehen hatte.

„Der Knabe wünscht also Schornsteinfeger zu werden?“ sagte der Friedensrichter.

„Mit Gewalt,“ sagte Bumble, „will’s mit Gewalt werden, Ihr Edeln; würde übermorgen wieder entlaufen, wenn wir ihn morgen in ein anderes Geschäft gäben.“

Der Friedensrichter wendete sich zu dem Schornsteinfeger.

„Und Sie versprechen, ihn gut zu behandeln, ordentlich zu speisen, zu kleiden und was weiter dahin gehört?“

„Wenn ich’s einmal gesagt habe, dass ich’s will, so ist’s auch meine Meinung, dass ich’s will,“ erwiderte Gamfield barsch.

„Ihre Rede ist eben nicht fein, mein Freund; doch Sie scheinen ein ehrlicher, geradsinniger Mann zu sein,“ bemerkte der Friedensrichter, und war im Begriff, das betreffende Document zu unterzeichnen, als ihm Olivers angstvolles Zittern und entsetzte Mienen auffielen. Er legte die Feder wieder aus der Hand, sah Mr. Limbkins an, der aus Verlegenheit Schnupftabak nahm, lehnte sich über das Schreibpult, und redete Oliver so freundlich an, dass der Knabe zusammenfuhr, noch heftiger zu zittern anfing, und in Thränen ausbrach. Er sprach ihm Muth ein, und forderte ihn wiederholt auf, ohne Scheu zu sagen, wie es ihm um das Herz wäre.

Oliver fiel auf die Knie nieder, hob die gefalteten Hände empor und flehete schluchzend, man möge ihn in das finstere Gemach zurückbringen, hungern lassen, schlagen, ja todtschlagen — nur aber mit dem schrecklichen Manne nicht fortschicken.

Bumble bezeigte sein unsägliches, entrüstetes Erstaunen; der Friedensrichter gebot ihm Stillschweigen; er fragte, ob er gemeint sei; der Friedensrichter wiederholte das Gebot, und Bumble’s Erstaunen und Entrüstung kannten keine Grenzen mehr. Ihm zu gebieten, den Mund zu halten!

„Ich muss dem Vertrage die Bestätigung versagen,“ erklärte der Friedensrichter, das Pergament unwillig zur Seite schiebend.

„Ich hoffe,“ stotterte Mr. Limbkins, „Sie werden nicht geneigt sein, lediglich auf das Zeugniss eines Kindes der Meinung Raum zu geben, dass das Verfahren des Directoriums einem Tadel unterliege.“

„Ich bin als Friedensrichter nicht berufen, eine Meinung darüber auszusprechen,“ entgegnete der alte Herr. „Nehmen Sie den Knaben wieder mit sich, und behandeln Sie ihn gut. Er scheint es zu bedürfen.“

Man hatte den Anschlag herunter genommen, am folgenden Morgen wurde jedoch Oliver abermals um fünf Pfund ausgeboten.

Viertes Kapitel.

Oliver Twist fängt ein neues Leben unter Särgen an.

Die Directoren hatten Bumble befohlen, Erkundigungen einzuziehen, ob nicht etwa ein Stromschiffer eines Knaben bedürfe, wie man denn die jüngeren Söhne, und eben so die Waisen gern zur See schickt, um sich ihrer zu entledigen. Gerade als der Kirchspieldiener zurückkehrte, trat Mr. Sowerberry aus dem Hause, der Leichenbestatter des Kirchspiels, der es trotz seinem Geschäft doch nicht wenig liebte, zu scherzen.

„Ich habe so eben das Mass zu den beiden gestern Abend gestorbenen Frauenzimmern genommen, Mr. Bumble,“ rief er ihm entgegen, und bot ihm zugleich seine Dose, ein artiges kleines Modell eines Patentsarges.

„Sie werden noch ein reicher Mann werden, Mr. Sowerberry,“ bemerkte Bumble.

„Möcht’s wünschen; aber die Directoren zahlen nur gar zu geringe Preise.“

„Ihre Särge sind auch gar zu klein, Mr. Sowerberry.“

„Grössere thun auch nicht noth, Mr. Bumble, bei der neuen Speiseordnung.“

Bumble missfiel die Wendung, welche das Gespräch genommen; er suchte es daher auf einen anderen Gegenstand zu lenken, spielte mit einem seiner grossen Rockknöpfe mit dem Kirchspielsiegelemblem — dem barmherzigen Samariter — und begann von Oliver Twist. Mr. Sowerberry bedurfte eines Knaben zu Handreichungen, wurde sofort zu den Directoren geführt, und das Geschäft war bald abgemacht. Oliver sollte noch am selbigen Abend „auf Probe“ zu ihm gehen, was so viel sagen will, als dass der Meister, dem ein Kirchspielknabe als Lehrling übergeben wird, denselben auf eine Anzahl Lehrjahre haben soll, um mit ihm zu thun, was ihm beliebt, wenn er nach kurzer Probezeit ersieht, dass ihm der Knabe genug arbeitet, ohne zu esslustig und also zu kostbar zu sein. Dem kleinen Oliver wurde gesagt, wenn er nicht gutwillig ginge, oder sich im Armenhause wieder blicken liesse, so würde man ihn nach gebührender Züchtigung zur See schicken, wo er unfehlbar ertrinken müsse. Er zeigte wenig Rührung, und wurde nunmehr für gänzlich verhärtet erklärt. Er hatte freilich in Wahrheit nicht zu wenig, sondern eher zu viel Gefühl, war aber durch die erfahrene Behandlung betäubt und für den Augenblick vollkommen abgestumpft. Auf dem Wege zu Mr. Sowerberry ermahnte ihn Bumble in seinem gewöhnlichen Tone. Oliver traten die Thränen in die Augen.

„Was weinst du, Schlingel? Hab’ ich’s nicht immer gesagt, dass du die schlechteste, undankbarste Creatur von der Welt bist? Was hast du? Sprich!“

„Ich bin so verlassen, Sir — so ganz verlassen! Jedermann ist so schlimm gegen mich. Es ist mir, als wenn ich hier blutete und mich todtbluten müsste;“ — und er presste die Hand auf das Herz, und blickte mit nassen Augen seinem Führer in das Gesicht.

Bumble hustete, sagte endlich: „Sei nur ein guter Junge,“ und ging schweigend weiter.

Mr. Sowerberry rief seine wenig einnehmende Gattin. „Das ist der Knabe, von welchem ich dir sagte,“ nahm er schüchtern das Wort.

„Mein Himmel, wie klein er ist!“ rief Mrs. Sowerberry aus.

„Er ist allerdings klein,“ sagte Bumble, Oliver sehr unwillig anblickend, als ob es des Knaben Schuld gewesen wäre, dass er nicht grösser war; „er wird aber grösser werden, Mrs. Sowerberry.“

„O ja, auf unsere Kosten,“ entgegnete sie verdriesslich. „Ich sehe keine Ersparniss mit Kirchspielkindern; sie kosten allezeit mehr, als sie werth sind. Die Männer glauben aber immer, Alles am besten zu wissen.“

Sie stiess Oliver eine Treppe hinunter in eine finstere, elende Küche, und befahl einer schlumpigen Dienstmagd, ihm zu geben, was für den nicht zu Hause gekommenen Trip zurückgestellt wäre.

O dass doch so Mancher, dessen Blut von Eis und dessen Herz von Stein ist, und der dennoch eine Stimme sich anmasst, eine Stimme hat, wo es der Beurtheilung der Lage, dem Wohl oder Wehe der Armen gilt, den Knaben hätte verschlingen sehen können, was der Haushund verschmäht! Wie sehr wäre so vielen Menschenfreunden dieselbe und keine andere Diät zu wünschen!

Frau Sowerberry hatte dem Knaben mit stummem Entsetzen zugeschaut; er hörte auf zu essen, als er nichts mehr fand.

„Bist du endlich fertig?“ sagte sie. „Nun komm, dein Bett ist unter dem Ladentische. Du wirst dich doch nicht grauen, zwischen Särgen zu schlafen? Aber wenn du auch nicht wolltest, du bekommst keine andere Schlafstelle.“

Oliver folgte schüchtern und geduldig seiner neuen Herrin.

Fünftes Kapitel.

Oliver unter neuen Umgebungen und bei einem Leichenbegängnisse.

Sobald Oliver im Laden des Leichenbestatters allein gelassen war, setzte er seine Lampe auf eine Bank, und Furcht und Grauen durchschauerte ihn. Mitten im Gemach stand ein neuer, fast fertiger Sarg; die schon zugeschnittenen, an die Wände umher gelehnten Bretter erschienen ihm beim matten Lampenlichte wie Geister. Auf dem Boden lagen grosse Nägel, Holzspähne, Stücke schwarzen Tuchs und Sargembleme, und an der Wand über dem Ladentische hing das grauenhafte Bild eines Leichenzugs. Die Luft war drückend heiss; sie däuchte Oliver wie Grabesluft, die Oeffnung zu seiner Ruhestätte unter dem Ladentische wie ein gähnendes Grab.

Er fühlte sich allein und unbefreundet in der Welt, und obwol er keinen Schmerz über Trennung von Freunden oder Angehörigen empfand, so war ihm das Herz dennoch schwer; und als er in sein enges Bett hineinkroch, wünschte er, dass es sein Sarg sein und dass er darin hinaus auf den Kirchhof getragen werden möchte, wo das hohe stille Gras über ihm wüchse und im Winde säuselte, und das Läuten der alten traurigen Thurmglocke ihm schöne Träume zuführte in seinem süssen Schlummer.

Er wurde am folgenden Morgen durch ein ungestümes Pochen an der Thür aus seinem unruhigen Schlafe geweckt, und eilte, dieselbe zu öffnen. Tobend und drohend trat ein weit grösserer Knabe, als Oliver selbst war — ein Armenknabe — herein, und befragte ihn barsch und ungestüm, ob er der neue Lehrling, wie alt er wäre, u. s. f. Oliver fragte ihn schüchtern und in aller Unschuld, ob er eines Sarges bedürfe.

„Es wird nicht lange währen, bis du selbst einen brauchst,“ war die zornige Antwort, „wenn du Scherz treibst mit Leuten, die dir zu befehlen haben. Weisst du nicht, wer ich bin? Noah Claypole, und du bist mir untergeben, Musjö Ohnevater. Oeffne die Fensterläden, Faulpelz.“

Oliver that, wie ihm geheissen war, und gleich darauf erschien Mr. und Mrs. Sowerberry. Oliver und sein neuer Tyrann wurden in die Küche geschickt, um ihr Frühstück zu erhalten. Charlotte, die Köchin, bedachte Noah gut und Oliver desto schlechter, der obenein von Jenem sehr unsanft in einen dunkeln Winkel gestossen und vielfach gehänselt wurde.

Noah war ein Freischüler, aber doch keine Waise aus dem Armenhause. Sein Stammbaun war ihm sehr wohl bekannt; seine Eltern wohnten in der Nachbarschaft. Seine Mutter war eine Waschfrau, und sein Vater ein pensionirter, täglich betrunkener Soldat. Die Ladenburschen nannten ihn verächtlich „Lederhose“ und so fort, was er schweigend duldete, dagegen aber nunmehr mit desto grösseren Uebermuth einen Schwächeren und Elternlosen behandelte, den er als solchen tief unter sich sah. — Welch’ ein köstlicher Stoff zu Betrachtungen über die liebenswürdige menschliche Natur, deren vortreffliche Eigenschaften sich beim hochstehenden Lord wie beim Armenknaben offenbaren.

Oliver hatte sich drei bis vier Wochen bei Mr. Sowerberry befunden, als derselbe einst gegen seine Hausehre die Rede auf ihn brachte. „Der Knabe sieht wirklich gut aus,“ bemerkte er.

„Kein Wunder,“ entgegnete sie, „denn er isst genug.“

„Er hat ein äusserst melancholisches Gesicht, und sieht immer so trübselig aus, dass er wirklich einen vortrefflichen Stummen 1 abgeben würde.“

Seine Gattin sah ihn verwundert an, und er fuhr fort: „Ich meine nicht bei Erwachsenen, sondern bei Kinderbegräbnissen. ’S ist etwas Neues, auch zu dergleichen kleine Stumme zu stellen, und man kann sich etwas davon versprechen.“

Mrs. Sowerberry gab dem Gedanken ihres Gatten, blos mit dem Bemerken, warum ihr einfältiger Eheherr denn nicht schon längst daran gedacht, Beifall, und Mr. Sowerberry beschloss, Oliver in die Mysterien des Leichenbestattergeschäfts einzuweihen, und sich daher von ihm zum ersten besten vorkommenden Begräbnisse begleiten zu lassen. Die Gelegenheit liess nicht lange auf sich warten, denn eine halbe Stunde darauf erschien Bumble mit dem Auftrage zu einem Kirchspielbegräbnisse.

Mr. Sowerberry ordnete die erforderlichen Vorbereitungen, und befahl Oliver, mit ihm zu gehen. Sie begaben sich nach dem bezeichneten Hause, um das Mass zum Sarge zu nehmen, wo sich ihren Blicken eine Scene des grauenvollsten Elends darbot, die auf Oliver, obgleich er an Elend so wohl gewöhnt war, den peinlichsten Eindruck machte.

Am folgenden kalten und regnichten Tage wiederholten sie ihren Besuch, die Leiche wurde in den Sarg gelegt, jede Anordnung war getroffen. Mr. Sowerberry sagte den Trägern, sie möchten sich sputen, und den Geistlichen nicht warten lassen; es wäre schon spät. Die Träger setzten sich in eine Art von Trab, und Oliver musste fast laufen, um mitkommen zu können. Der Geistliche war noch nicht angelangt, der Sarg wurde in einem entfernten Winkel des Kirchhofs neben der Gruft einstweilen niedergesetzt, und Mr. Sowerberry und Bumble setzten sich zum Küster in die Sacristei an das Feuer, und nahmen die Zeitungen zur Hand.

Nach einer halben Stunde erschien der Geistliche, Bumble verjagte die Gassenbuben, die sich damit unterhielten, herund hinüber über den Sarg zu springen, der Geistliche las eilend die Gebete, entfernte sich wieder, der Sarg wurde eingesenk, die Grube zugeworfen, und Alle begaben sich auf den Heimweg.

„Nun, Oliver, wie hat dir’s gefallen?“ fragte Mr. Sowerberry.

„Recht gut, bedanke mich, Sir,“ antwortete Oliver zögernd; „aber doch eigentlich nicht sehr gut.“

„Wirst dich schon daran gewöhnen,“ sagte der Leichenbesorger; „und ’s ist gar nichts, wenn du’s erst gewohnt bist.“

Oliver hätte gern gewusst, wie lange es gedauert, ehe Mr. Sowerberry sich daran gewöhnt, wagte jedoch nicht zu fragen, und kehrte gedankenvoll mit seinem Herrn nach Hause zurück.

Sechstes Kapitel.

In welchem Oliver kräftig auftritt.

Es fiel gerade eine sehr ungesunde Zeit ein, und Oliver sammelte daher in wenigen Wochen viel Erfahrung. Die Erfolge der scharfsinnigen Speculation Mr. Sowerberry’s übertrafen alle seine Erwartungen. Die ältesten Leute wussten sich nicht zu erinnern, dass so viele Kinder an den Masern gestorben waren, und Oliver mit schwarzen, bis an die Knie herunterreichenden Hutbändern führte einen Leichenzug nach dem andern an. Die Mütter bewunderten ihn über die Massen und waren unbeschreiblich gerührt. Da er seinen Herrn auch zu den meisten Erwachsenen-Begräbnissen begleiten musste, um sich die für einen vollkommenen Leichenbestatter so nothwendige gemessene Ruhe und Selbstbeherrschung anzueignen, so hatte er häufig Gelegenheit, die schöne Ergebung und Seelenstärke zu bemerken, welche so viele Leute bei ihren schmerzlichen Prüfungen und Verlusten beweisen.

Hatte Sowerberry zum Beispiel das Begräbniss einer reichen alten Dame, oder eines reichen alten Herrn zu besorgen, der von einer grossen Anzahl von Neffen und Nichten umgeben war, welche sich während seiner Krankheit vollkommen untröstlich gezeigt, und ihren Schmerz nicht einmal vor den Augen des grossen und grössten Publicums hatten bemeistern können, so blieb es selten aus, dass sie unter sich so heiter waren, als man es nur wünschen konnte, und so froh und zufrieden mit einander redeten oder auch lachten, als wenn sie ganz und gar keine Trübsal erlebt hätten. Ehemänner ertrugen den Verlust ihrer Frauen mit der heldenmüthigsten Ruhe, und Ehefrauen legten die Trauerkleider um ihre Männer auf eine Weise an, als wenn sie dadurch nicht etwa Schmerz andeuteten, sondern so anziehend als möglich erscheinen wollten. Viele Damen und Herren, welche bei der Beerdigung der Verzweiflung nahe zu sein schienen, beruhigten sich schon auf dem Heimwege, und waren vollkommen gefasst, bevor die Theestunde vorüber war. Dieses Alles war sehr angenehm und lehrreich anzuschauen, und Oliver sah es mit grosser Bewunderung.

Dass das Beispiel so vieler Leibtragenden ihn zur Ergebung und Geduld gestimmt hätte, kann ich mit Bestimmtheit nicht behaupten, sondern vermag nur so viel zu sagen, dass er Wochen lang mit Sanftmuth die Tyrannei und üble Behandlung ertrug, die er von Seiten Noah’s erfuhr, der um so erbitterter gegen ihn wurde, weil sein Neid gegen ihn erregt worden war. Charlotte misshandelte ihn, weil es Noah that, und Mrs. Sowerberry war seine erklärte Feindin, weil ihr Gatte sich ihm ziemlich freundlich erwies. Und so befand sich denn Oliver bei diesen Feindschaften und fortwährender Leichenbegleitungslast nicht ganz so comfortable, als das hungrige Ferklein, das aus Versehen in die Kornkammer einer Brauerei eingeschlossen war.

Es muss aber jetzt ein an sich unbedeutender Vorfall erzählt werden, der jedoch eine bedeutende Veränderung mit Oliver selbst, wie mit seinen Lebensschicksalen zur Folge hatte.

Eines Mittags befand er sich mit Noah in der Küche. Sein Peiniger trieb seine gewöhnlichen Neckereien weiter als gewöhnlich, und hatte es offenbar darauf angelegt, ihn ausser Fassung und zum Weinen zu bringen, was jedoch lange nicht gelingen wollte. Endlich sagte Noah scherzend, er werde nicht verfehlen zuzuschauen, wenn Oliver gehangen würde, und fügte hinzu: „Was wird aber deine Mutter dazu sagen — und wie geht’s ihr denn?“

„Sie ist todt,“ entgegnete Oliver, feuerroth vor Entrüstung; „untersteh’ dich aber nicht, mir Böses von ihr zu sagen.“

„Woran starb sie denn?“ fragte Noah weiter.

„An Kummer und Herzleid, wie mir eine unserer alten Wärterinnen gesagt hat,“ erwiderte Oliver, mehr wie wenn er mit sich selbst redete, als Noah’s Frage beantwortend. „Ich glaube, dass ich’s weiss, was es heisst, daran zu sterben!“

Ueber seine Wange rollte eine Thräne hinab, Noah pfiff eine muntere Weise, und sagte darauf: „was hast du zu plärren — um deine Mutter?“

„Dass du mir kein Wort mehr von ihr sagst — sonst nimm dich in Acht!“ rief Oliver.

„Ich soll mich in Acht nehmen — ich — mich in Acht nehmen vor einem solchen unverschämten Thunichtgut? Und von wem soll ich kein Wort mehr sagen? Von deiner Mutter? Die mag auch die rechte gewesen sein — ha, ha, ha!“

Oliver verbiss seine Pein und schwieg. Noah nahm den Ton spöttischen Mitleids an.

„Nun, nun, sei nur ruhig; ’s ist nichts mehr d’ran zu ändern, und ich bedaure dich, wie’s Alle thun. Indess ist das wahr, ich weiss es, deine Mutter taugte nichts; sie ist eine ganz verworfene Person gewesen, und es war nur gut, dass sie starb, denn es würde ihr jetzt schlecht genug ergehen in der Tretmühle, wenn sie anders nicht deportirt oder gehangen wäre. Hab’ ich nicht Recht, Armenhäusling?“

Oliver’s Geduld war zu Ende; er sprang auf, fasste Noah bei der Kehle, schüttelte ihn, sammelte seine ganze Kraft, und schlug ihn mit einem einzigen Schlage zu Boden. Es war, als wenn er plötzlich verwandelt, ein ganz anderes Wesen geworden wäre, als der stille, geduldige, sanftmüthige, der schüchterne Knabe, zu welchem eine harte Behandlung ihn gemacht hatte.

Noah war in Bestürzung und schrie jammervoll: „Er macht mich todt — Charlotte — Mrs. Sowerberry — Hilfe, Hilfe! — Oliver ist rasend geworden!“

Es währte nicht lange, bis sein Geschrei durch ein ähnliches beantwortet wurde. Charlotte stürzte herein, Mrs. Sowerberry zögerte noch an der Treppe, um erst die Ueberzeugung zu gewinnen, dass sie ihr Leben nicht in Gefahr setze. Endlich erschien sie gleichfalls; Charlotte packte Oliver und schlug mit derber Faust auf ihn los, Mrs. Sowerberry fasste ihn am anderen Arme und zerkratzte ihm das Gesicht, und Noah ermannte sich wieder, und begann ihm den Rücken zu bearbeiten. Als sie der Anstrengung müde geworden, zerrten sie ihn in das Kehrichtloch und schlossen ihn ein.

Mrs. Sowerberry sank erschöpft auf einen Stuhl nieder, und pries laut den Himmel, dass sie nicht sammt Charlotte und Noah ermordet wäre; Charlotte erklärte, der Herr würde nun wol ein Haar darin finden, Creaturen zu sich zu nehmen, die von der Wiege an zu Räubern und Mördern geboren wären; Noah machte aufmerksam darauf, dass Oliver die Thür des Gefängnisses einzustossen versuche. Mr. Sowerberry war nicht zu Hause, und somit wurde Noah eiligst abgeschickt, Bumble zu holen.

Siebentes Kapitel.

Oliver bleibt widerspenstig.

Noah stürzte mit einem so jammervollen Geschrei und unter Geberden in das Armenhaus hinein, dass Bumble, ohne Hut und Stab aus seinem Zimmer herausstürzend, den Beweis lieferte, wie selbst ein Kirchspieldiener unter Umständen ausser Fassung gerathen und seiner persönlichen Würde vergessen kann.

„O, Mr. Bumble — o Sir!“ schrie Noah; „Oliver, Sir — Oliver Twist!“

„Wie — was? Ist er — ist er davongelaufen?“

„Nein, Sir; er ist ganz ruchlos geworden. Er hat mich und Charlotte und Missis ermorden wollen! O Sir! o Sir — mein Nacken, mein Kopf, mein Leib, mein Leib!“

Sein Geheul zog den Herrn mit der weissen Weste herbei.

„Sir,“ rief Bumble demselben entgegen, „hier ist ein Knabe aus der Freischule, der von dem Oliver Twist beinahe ermordet worden wäre!“

„Mein Sinn hat mir’s von Anfang an zugetragen,“ bemerkte der Herr mit der weissen Weste, „dass der kleine Satan noch gehangen werden würde.“

„Er hat auch die Magd ermorden wollen,“ sagte Bumble mit bleichem Gesicht.

„Und die Frau,“ fiel Noah ein.

„Und nicht wahr, Noah, sagtest du nicht, auch seinen Herrn?“ sagte Bumble.

„Nein, der Herr war nicht zu Hause, sonst hätt’ er ihn auch gemordet,“ antwortete Noah. „Aber der Bösewicht sagte, er wollte —“

„Sagte er das — was wollte er?“ fragte der Herr mit der weissen Weste.

„Ja, Sir,“ erwiderte Noah; „und Missis wünscht zu wissen, ob Mr. Bumble wol nicht einen Augenblick Zeit hätte, um zu kommen und ihn abzupeitschen, da der Herr nicht zu Hause ist.“

Noah wurde belobt, und Bumble erhielt den Auftrag, sich sofort nach Mr. Sowerberry’s Hause zu begeben, Oliver zu züchtigen, ihn ja nicht zu schonen, und seinen Herrn zu ermahnen, ihn in der schärfsten Zucht zu halten. Bumble und Noah machten sich sogleich auf den Weg. Angelangt, forderte Bumble den Gefangenen auf, sich vor allen Dingen ruhig zu verhalten.

„Lasst mich hinaus!“ rief Oliver.

„Kennst du meine Stimme, Oliver?“

„Ja!“

„Fürchtest du dich nicht — zitterst du nicht bei meiner Nähe?“

„Nein!“

Bumble war starr vor Erstaunen.

„Er muss verrückt geworden sein,“ bemerkte Mrs. Sowerberry.

„’S ist keine Verrücktheit, Ma’am,“ sagte Bumble; „’s ist das Fleisch!“

„Das Fleisch!“

„Ja, ja, Ma’am! Sie haben ihn überfüttert, Ma’am. Hätten Sie ihm nichts als Haferbrei gegeben, so wäre er nimmermehr so geworden.“

Mrs. Sowerberry machte sich wegen ihrer Gutherzigkeit und Freigebigkeit die bittersten Vorwürfe, so unschuldig in Gedanken, Worten und Werken sie auch war.

Bumble, erklärte, dass nur Gefängniss und sodann strenge Diät den rebellischen Sinn des kleinen Galgenstricks würden bändigen können, öffnete die Thür, zog Oliver heraus, begrüsste ihn mit einigen nachdrücklichen Ohrfeigen, und rückte ihm sein entsetzliches Vergehen vor.

„Er schimpfte meine Mutter,“ sagte Oliver ohne alle Zeichen von Scheu vor dem Gewaltigen.

„Und wenn er das auch that, du undankbarer Bösewicht,“ versetzte Mrs. Sowerberry. „Sie hat’s verdient, was er von ihr gesagt hat, und noch viel mehr.“

„Nein, nein!“ rief Oliver. „’S ist eine Lüge.“

Mrs. Sowerberry brach in eine Thränenflut aus, die dem Gatten, der inzwischen zu Hause gekommen war, keine Wahl liess. Denn wenn er nicht auf der Stelle Oliver nachdrücklich gezüchtigt hätte, so würde er sich, gemäss allen Ehezänkereiregeln, als eine Nachtmütze, ein liebloser Ehemann, ein Ungeheuer gezeigt haben. So ungern er es daher auch thun mochte, er peitschte Oliver dermassen ab, dass die nachträgliche Anwendung des Rohrs Mr. Bumble’s jedenfalls sehr unnöthig war. Oliver wurde darauf bei Wasser und Brod wieder eingesperrt, und spät Abends unter Noah’s unbarmherzigem Gespött zu Bett gewiesen.

Und erst hier liess er seinen Gefühlen freien Lauf. Er hatte allen Spott und Hohn mit hartnäckiger Verachtung, die schmerzlichsten Streiche ohne Schrei ertragen, und würde nicht geweint haben, wenn man ihn lebendig geröstet hätte; ein solcher Stolz war in seiner Brust erwacht. Nun aber, da er allein und gänzlich sich selber überlassen war, fiel er auf die Knie nieder, bedeckte das Gesicht mit den Händen und weinte solche Thränen, wie Gott sie den Betrübten und Geängsteten zur Erleichterung ihres Herzens sendet, wie nur wenige menschliche Wesen, so jung an Jahren als Oliver, sie zu vergiessen Ursachen hatten.

Es währte lange, bevor er sich wieder erhob. Das Licht war tief hinuntergebrannt, er horchte und blickte vorsichtig umher, öffnete leise die Thür und sah hinaus. Die Nacht war finster und kalt. Die Sterne schienen ihm weiter von der Erde entfernt zu sein, als er sie je gesehen; die Bäume, von keinem Winde bewegt, standen wie Geister da. Er verschloss die Thür wieder, knüpfte seine wenigen Habseligkeiten in ein Taschentuch, und setzte sich auf eine Bank, um den Anbruch des Tages zu erwarten.

Mit dem ersten durch die Ritzen der Fensterladen eindringenden Lichtstrahle stand er auf, öffnete die Thür zum zweiten Male, blickte furchtsam umher, zögerte ein paar Augenblicke, trat hinaus, und ging, ungewiss, wohin er sich wenden sollte, rasch vorwärts. Nach einiger Zeit gewahrte er, dass er sich ganz in der Nähe des ländlichen Hauses befände, in welchem er seine ersten Kinderjahre verlebt hatte. Es war Niemand zu hören oder zu sehen; er blickte in den Garten hinein. Einer seiner kleinen, weit jüngeren Spielkameraden reinigte ein Beet vom Unkraut. Sie hatten mit einander gar oft Hunger, Schläge und Einsperrung erduldet.

„Pst! Dick!“ rief Oliver.

Der Knabe lief herbei und streckte ihm die abgemagerten Hände durch die Gitterthür entgegen.

„Ist schon Jemand auf, Dick?“

„Keiner, als ich.“

„Sag’ ja nicht, dass du mich gesehen hast, Dick; ich bin fortgelaufen; konnt’s nicht mehr aushalten, und will mein Glück in der Welt versuchen. Ich muss weit fort von hier; weiss nicht wohin. Wie blass du aussiehst!“

„Ich habe den Doctor sagen hören, dass ich sterben müsste. Ach, das ist schön, dass du hier bist! Aber halt’ dich nicht auf; lauf’ fort!“

„Ja, ja, leb’ wohl! Ich weiss gewiss, wir sehen uns wieder, Dick. Du wirst noch recht glücklich werden.“

„Das hoff’ ich — wenn ich todt bin; eher nicht. Ich weiss es, Oliver, der Doctor hat Recht; denn ich träume so viel vom Himmel und von Engeln und freundlichen Gesichtern, die ich niemals sehe, wenn ich aufwache. Leb’ wohl, Oliver; geh’ mit Gott! Gottes Segen begleite dich!“

Oliver hatte noch nie des Himmels Segen auf sich herabrufen hören, und nie vergass er diese Segnung von den Lippen eines Kindes unter allen Leiden, Sorgen, Mühen, Kämpfen und Wechselschicksalen seines Lebens.

Achtes Kapitel.

Oliver geht nach London, und trifft mit einem absonderlichen jungen Gentleman zusammen.

Oliver lief ohne Rast und Ruhe, bis er um Mittag bei einem Meilensteine stilstand, auf dem die Entfernung Londons angegeben war. Dort konnte man ihn nicht finden, er hatte oft sagen hören, dass die unermessliche Stadt zahllose Mittel zum Fortkommen darböte, sein Entschluss war gefasst; er machte sich bald wieder auf den Weg, und gedachte nun erst der Schwierigkeiten, die er zu überwinden haben würde, um an sein Ziel zu gelangen. Er hatte ein grobes Hemde, zwei Paar Strümpfe, eine Brodrinde und einen Penny in seinem Bündel — ein Geschenk Mr. Sowerberry’s nach einem Begräbnisse, bei welchem er sich dessen ungewöhnliche Zufriedenheit verdient hatte. Er sann vergeblich darüber nach, wie er mit so geringen Mitteln London erreichen solle — und trabte weiter.

Nachdem er zwanzig Meilen zurückgelegt hatte, lenkte er auf eine Wiese ein und legte sich in einem Heuhaufen zur Ruhe nieder. Er machte am zweiten Tage abermals zwölf Meilen, verwendete seinen Penny für Brod, übernachtete auf ähnliche Weise, und erhob sich am dritten Morgen fast erfroren und mit erstarrten Gliedern, so dass er sich kaum von der Stelle bewegen konnte.

Die Strasse wand sich hier einen ziemlich steilen Hügel hinauf, und er flehete die Aussenpassagiere einer Postkutsche um eine Gabe an. Nur Einer beachtete ihn, rief ihm zu, er möge warten, bis man oben angelangt wäre, und begehrte darauf, zu erfahren, wie weit er um einen halben Penny mitlaufen könne. Oliver musste nach der grössten Anstrengung doch bald zurückbleiben, und der Mildthätige steckte sein Geldstück wieder in die Tasche und erklärte ihn für einen faulen Schlingel, der keine Freigebigkeit verdiene. Dahin rollte die Postkutsche, und liess nur eine Staubwolke zurück.

In manchen Dörfern waren Pfosten mit Tafeln errichtet, auf welchen scharfe Drohungen gegen alle Bettler zu lesen waren, und Oliver eilte furchtsam weiter; in andern, wenn er etwa vor einem Gasthause mit sehnsüchtigen Blicken stillstand, hiess man ihn sich davon machen, wenn er nicht als ein Dieb eingesperrt werden wollte. Aus vielen Häusern vertrieb ihn die Drohung, dass man die Hunde loslassen werde, wenn er sich nicht sofort entferne.

Es würde ihm ohne Zweifel ergangen sein, wie seiner unglücklichen Mutter, wenn sich nicht ein menschenfreundlicher Schlagbaumwärter und eine gutherzige Frau seiner angenommen hätten. Jener erquickte ihn durch ein, wenn auch nur aus Brod und Käse bestehendes Mittagsmahl; und diese, die einen schiffbrüchigen, sie wusste nicht wo umherirrenden Grosssohn hatte, gab ihm, was ihre Armuth vermochte, und obenein, was mehr war für Oliver, und ihn alle seine Leiden auf eine Zeitlang vergessen liess, freundliche Worte und mitleidige Zähren.

Am siebenten Morgen nach Sonnenaufgang erreichte er mit wunden Füssen die kleine Stadt Barnet. Es regte sich fast noch Niemand, die Wenigen, welche sich blicken liessen, kümmerten sich nicht um ihn, er wagte es nicht, sie um eine Gabe anzusprechen, und setzte sich auf eine Bank vor einer Thür.

Nach einiger Zeit ging ein Knabe an ihm vorüber, sah sich nach ihm um, ging weiter, sah sich zum zweiten Male nach ihm um, stand still, kehrte zurück und redete ihn an.

Er mochte ungefähr so alt sein, wie Oliver selbst, der nie einen so absonderlichen Kauz gesehen. Er hatte eine Stumpfnase und eine platte Stirn, sah höchst ordinär und schmutzig aus, und seine ganze Haltung und sein Benehmen war wie das eines Mannes. Er war klein für sein Alter, hatte Dachsbeine, und kleine, scharfe, hässliche Augen. Der Hut sass ihm so lose auf dem Kopfe, als wenn er jeden Augenblick herunterfallen müsste, und er würde auch heruntergefallen sein, wenn er nicht durch häufige rasche Kopfbewegungen seines Besitzers immer wieder zurecht gerückt oder befestigt worden wäre. Die Kleidung des kleinen war gleichfalls nichts weniger als knabenhaft, und die ganze Figur stellte das vollkommene Bild eines renommirenden, prahlhaften kleinen Helden von vier Fuss Höhe dar.

„Was fehlt dir, Bursch? Was scheft dermehr? 2 redete er Oliver an.

„Ich bin sehr hungrig und müde,“ erwiderte Oliver, mit Thränen in den Augen. „Ich komme weit her, und bin seit sieben Tagen auf der Wanderung gewesen.“

„Weit her — hm! — seit sieben Tagen auf der Wanderung gewesen? — Ah — sehe schont — auf Oberschenkels Befehl — he? Doch,“ fügte er hinzu, als er Oliver’s verwunderte Miene gewahrte, „du scheinst nicht zu wissen, was ä Oberschenkel ist, mein guter Kochemer.“ 3

Oliver erwiderte schüchtern, er wisse allerdings sehr wohl, dass man unter einem Oberschenkel den oberen Theil eines Beines verstehe.

„Ha, ha, ha! Wie grün!“ rief der junge Gentleman aus. „Ae Oberschenkel ist ä Friedensrichter, wer auf ’nes Oberschenkels Befehl geht, kömmt nicht vorwärts, sondern geht immer ’nauf, ohne wieder ’nunter zu kommen. Noch nicht in der Mühle gewesen?“

„In was für einer Mühle?“ fragte Oliver.

„Ei, in der, die in ä Doves 4 Platz hat. Doch du bist butterich; 5 ich hab’ freilich auch nicht eben zu viel Massumme, 6 aber so weit’s zureicht, will ich ’rausrücken und blechen. Steh’ auf — komm!“

Der junge Gentleman half Oliver aufstehen, und nahm ihn mit sich in sein Gasthaus, wo er Brod und Schinken bringen liess, und ihn sehr aufmerksam beim Essen beobachtete. Als sich Oliver endlich gesättigt, warf er die Frage hin: „Nach London?“

„Ja.“

„Wohnung?“

„Nein.“

„Geld?“

„Nein.“

Der junge Herr senkte die Hände in die Taschen und pfiff.

Oliver fragte ihn, ob er in London wohne.

„Ja, wenn ich zu Hause bin. Aber du weisst wol nicht, wo du kommende Nacht schlafen sollst?“

„Nein,“ antwortete Oliver. „Ich habe seit sieben Nächten unter keinem Dache geschlafen.“

„Mach’ dir darum nur keine Sorgen. Ich gehe nach London und kenne da ’nen respectablen alten Herrn, der dir Wohnung umsonst geben und dir bald ’ne gute Stelle verschaffen wird — das heisst, wenn dich ä Schentleman einführt, den er kennt. Und ob er mich wohl kennt!“ fügte der junge Herr lächelnd hinzu.

Das unerwartete Anerbieten war zu lockend, als dass Oliver einen Augenblick hätte anstehen sollen, es anzunehmen. Er wurde zutraulicher, und erfuhr nun auch, dass sein neuer Freund Jack Dawkins heisse, und ein besonderer Liebling des erwähnten alten Herrn sei. — Jack’s Aeusseres schien freilich den Lieblingen des alten Herrn nicht viele Vortheile zu versprechen; allein da er ziemlich leichtfertig und grosssprecherisch redete, und auch gestand, dass er unter seinen Bekannten allgemein den Namen des „gepfefferten Baldoberers“ (d. h. ausgelernten Kundschafters) führe, so schloss Oliver, er möge nicht eben viel taugen und die guten Lehren seines Wohlthäters in den Wind schlagen. Oliver nahm sich daher in der Stille vor, sich so bald als möglich die Gunst des alten Herrn zu gewinnen, und wenn er den Baldoberer unverbesserlich fände, die Ehre der näheren Bekanntschaft desselben abzulehnen.

Da es Jack nicht genehm war, vor Abend in London einzutreffen, so wurde es fast elf Uhr, bevor sie den Schlagbaum von Islington erreichten. Die Plätze, Strassen und Gassen, über und durch welche Oliver geführt wurde, waren zuerst schlecht, und dann abscheulich und immer abscheulicher, und was er von den Begegnenden und in den offenstehenden Läden und Gasthäusern sah und hörte, erfüllte ihn mit Bangigkeit und Schauder. Es wurde ihm immer unheimlicher, und er überlegte schon, ob er nicht am besten thäte, davonzulaufen, als ihn sein Führer plötzlich beim Arme nahm, die Thür eines Hauses unweit Fieldlane öffnete, ihn hineinzog und die Thür wieder verschloss. Der Baldoberer pfiff, und erwiderte auf den Ruf: „Wer da?“ — „Grim und petacht!“ 7 Unten auf der Hausflur zeigte sich Licht, und der Kopf eines Mannes tauchte auf der zur Küche hinunterführenden Treppe empor.

„Es sind Eurer zwei — wer ist der Andre?“

„Ein neuer Chawwer,“ rief Jack, Oliver nachziehend, zurück.

„Woher kömmt er?“

„Von Grünland. Ist Fagin oben?“

„Ja. Er sortirt die Schneichen. 8 Geh’ hinauf!“

Das Licht und der Kopf verschwanden.

Jack führte Oliver eine finstere, sehr beschädigte Treppe hinauf, mit der er jedoch sehr genau bekannt zu sein schien, öffnete die Thür eines Hinterzimmers und zog Oliver nach.

Die Wände des Gemachs waren von Schmutz und Rauch geschwärzt, auf einem elenden Tische stand ein in den Hals einer Bierflasche gestecktes Licht, und am Kamine die zusammengeschrumpfte Gestalt eines alten Juden mit einem zurückstossenden, spitzbübischen, satanischen Gesicht, das durch dichte, klebrige rothe Haare verdunkelt wurde. Er steckte in einem fettigen flanellenen Schlafrocke, trug den Hals bloss, und schien seine Aufmerksamkeit zwischen dem Feuer, an welchem er Brodschnitte röstete, und dem Kleiderstocke zu theilen, auf welchem eine grosse Anzahl seidener Taschentücher hing. An dem Tische sassen vier oder fünf Knaben, keiner älter als Jack, rauchten aus langen Thonpfeifen und tranken Branntwein, ganz als wenn sie Erwachsene gewesen wären. Sie drängten sich um den Baldoberer, als er dem Juden einige Worte zuflüsterte, dreheten sich darauf nach Oliver um, und sie und der Jude grinsten ihn an.

„Fagin, das ist er, mein Freund Oliver Twist,“ sagte Jack Dawkins laut.

Der Jude greinte, machte Oliver eine tiefe Verbeugung, fasste seine Hand, und sagte, er hoffe die Ehre seiner näheren Bekanntschaft zu haben. Hierauf umringten ihn die jungen rauchenden Gentlemen, und drückten ihm eifrig die Hände — besonders die linke, in welcher er seinen kleinen Bündel trug. Der Eine von ihnen bezeigte grossen Eifer, seine Kappe aufzuhängen, und ein Anderer war so dienstfertig, in seine Tasche zu greifen, um ihn der Mühe zu überheben, wenn er sich niederlegte, sie auszuleeren; und alle diese Höflichkeiten würden kein Ende gehabt haben, wenn der Jude die Köpfe der gefälligen jungen Herren nicht mit der Röstgabel, die er in der Hand hielt, zu bearbeiten angefangen hätte, worauf sich Alle zu Tisch setzten.

Nachdem Oliver seinen Theil gegessen, mischte ihm der Jude ein Glas heissen Genevre mit Wasser, und sagte ihm, er müsse sogleich austrinken, weil noch Jemand des Glases bedürfe. Oliver that, was ihm geheissen war, sein Freund Jack hob ihn auf, legte ihn auf ein aus alten Säcken bereitetes Lager, und er versank sogleich in einen tiefen Schlummer.

Neuntes Kapitel.

Weitere Mittheilungen über den alten Herrn und seine hoffnungsvollen Zöglinge.

Es war schon spät am folgenden Morgen, als Oliver aus einem langen, festen Schlummer erwachte, doch vorerst nur zu jenem Mittelzustande zwischen Schlaf und Wachen, in welchem man sich noch nicht vollkommen ermuntern kann, und doch Alles hört und sieht, was umher vorgeht.

Der Jude war ausser Oliver allein im Zimmer. Er schlürfte seinen Kaffee, setzte das Geschirr nach einiger Zeit zur Seite, stand eine Weile am Kamin, wie wenn er nicht wüsste, was er zunächst vornehmen sollte, blickte darauf nach Oliver hin und rief ihn bei Namen. Oliver antwortete nicht und schien noch zu schlafen.

Der Jude horchte, ging zur Thür, schob den Riegel vor, und nahm darauf, wie es Oliver schien, aus einer Vertiefung des Fussbodens eine kleine Schachtel heraus, und stellte sie auf den Tisch. Seine Augen glänzten, als er sie öffnete und in die Schachtel hineinschaute. Er setzte sich, und nahm eine goldene, von Diamanten funkelnde Uhr heraus.

„Aha!“ murmelte er mit einem entsetzlichen Lächeln. „Verdammt pfiffige Bestien! Und courageux bis zum letzten Augenblick. Sagten mit keinem Sterbenswörtchen dem alten Pfarrer, wo sie wären, verkappten 9 den alten Fagin nicht. Und was hätt’s ihnen geholfen? Der Strick wäre doch geblieben fest — hätten gebaumelt keinen Augenblick später. Nein, nein! Wackre Bursche, wackre Bursche!“

Er legte die Uhr wieder in die Schachtel, nahm mehrere andere, und dann Ringe, Armbänder und manche Kostbarkeiten heraus, deren Namen oder Gebrauch Oliver nicht einmal kannte, und beäugelte sie mit gleichem Vergnügen. Hierauf legte er ein sehr kleines Geschmeide in seine flache Hand, und schien lange bemüht, zu lesen, was darin eingegraben sein mochte. Endlich liess er es, wie am Erfolge verzweifelnd, wieder in die Schachtelhineinfallen, lehnte sich zurück und murmelte:

„Was es doch ist für ’ne hübsche Sache ums Hängen! Todte bereuen nicht — bringen ans Licht keine dumme Geschichten. Selbst die Aussicht auf den Galgen macht sie keck und dreist. ’S ist sehr schön fürs Geschäft. Fünf aufgehangen in einer Reihe, und keiner übrig zu theilen mit mir oder zu lehmern.“ 10

Er blickte auf, seine schwarzen stechenden Augen begegneten Oliver’s Blicken, die in stummer Neugier auf ihn geheftet waren, und er gewahrte sogleich, dass er beobachtet worden war. Er drückte die Schachtel zu, griff nach einem auf dem Tische liegenden Messer und sprang wüthend und am ganzen Leibe zitternd auf.

„Was ist das?“ rief er. „Warum passest du mir auf? Warum bist du wach? Was hast du gesehen? Sprich, Bube — sprich, sprich, so lieb dir dein Leben ist!“

„Ich konnte nicht mehr schlafen,“ erwiderte Oliver bestürzt. „Es thut mir sehr leid, wenn ich Sie gestört habe, Sir.“

„Hast du nicht schon seit einer Stunde gewacht?“ zürnte der Jude.

„Nein, Sir — nein wahrlich nicht,“ sagte Oliver.

„Ist’s auch wahr?“ rief der Jude mit noch drohenderen Geberden.

„Auf mein Wort, Sir,“ versicherte Oliver.

„Schon gut, schon gut,“ fuhr der Jude, auf einmal sein gewöhnliches Wesen wieder annehmend, fort. „Ich weiss es wohl — wollte dich nur erschrecken — auf die Probe stellen. Du bist ein wackrer Junge, Oliver.“ Er rieb sich kichernd die Hände, blickte jedoch unruhig nach der Schachtel hin. „Hast du gesehen die hübschen Sachen? fragte er nach einigem Stillschweigen.

„Ja, Sir.“

„Ah!“ rief erblassend der Jude aus. „Sie — sind mein Eigenthum, Oliver; mein kleines Eigenthum — Alles, was ich besitze für meine alten Tage. Man schilt mich einen Geizhals — aber ich muss doch leben.“

Oliver dachte, der alte Herr müsse wirklich ein Geizhals sein, denn er würde sonst nicht, obgleich im Besitz solcher Schätze, so erbärmlich wohnen. Indess meinte er, seine Liebe zu Jack und den andern Knaben möchte ihm wol viel Geld kosten. Er fragte schüchtern, ob er aufstehen dürfe. Der Jude hiess ihn Wasser zur Waschen aus dem dastehenden Steinkruge holen, und als Oliver es geschöpft hatte und sich umdrehete, war die Schachtel verschwunden.

Er hatte sich kaum gewaschen, als der Baldoberer nebst einem der Knaben eintrat, die Oliver am vorigen Abend hatte rauchen sehen. Jack stellte ihm seinen Begleiter, Charley Bates, förmlich vor, und alle Vier setzten sich zum Frühstück, das Jack in seiner Hutkrone mitgebracht.

„Ich hoffe, dass ihr heute Morgen gearbeitet habt,“ sagte der Jude zu Jack, nach Oliver blinzelnd.

„Tüchtig,“ lautete die Antwort.

„Wie Drescher!“ setzte Charley Bates hinzu.

„Ah, ihr seid gute Jungen! Was hast du mitgebracht, Baldoberer?“

„Ein paar Brieftaschen,“ erwiderte Jack, und reichte ihm eine rothe und eine grüne.

Der Jude öffnete beide und durchsuchte sie mit bebender Begier. „Nicht so schwer, als sie sein könnten,“ bemerkte er; „aber doch artige Arbeit, recht artige Arbeit — nicht wahr, Oliver?“

„Ja wahrlich, Sir,“ antwortete Oliver, worüber Charley Bate, zur grossen Verwunderung Olivers, laut zu lachen anfing.

„Was hast du denn mitgebracht, Charley?“ fragte der Jude.

„Schneichen,“ erwiderte Master Bates, und wies vier Taschentücher vor.

Der Jude nahm sie in genauen Augenschein.

„Sie sind sehr gut,“ sagte er; „du hast sie aber nicht gezeichnet gut; die Buchstaben müssen wieder ausgelöst werden, und das soll Oliver lernen. Willst du, Oliver?“

„Wenn Sie es befehlen, gern, Sir,“ war Oliver’s Antwort.

„Möchtest du mir wol eben so leicht Taschentücher anschaffen können, wie Charley?“

„Warum nicht — wenn Sie es mir lehren wollen, Sir?“

Charley brach abermals in ein ausgelassenes Gelächter aus, und wäre dabei fast erstickt, da er eben einen Bissen zum Munde geführt hatte. „Er ist gar zu allerliebst grün!“ rief er endlich, gleichsam zur Entschuldigung seines unhöflichen Benehmens, aus.

Der Baldoberer bemerkte, Oliver würde seiner Zeit schon Alles lernen. Der Jude sah Oliver die Farbe wechseln, und lenkte das Gespräch auf einen andern Gegenstand. Er fragte, ob viele Zuschauer bei der Hinrichtung gewesen wären, und Oliver wurde noch verwunderter; denn aus den Antworten Jack’s und Charley’s ging hervor, dass sie Beide zugegen gewesen waren, und es war ihm unerklärlich, wie sie dessungeachtet so fleissig hatten arbeiten können.

Als das Frühstücken beendet war, spielten der muntere alte Herr und die beiden Knaben ein äusserst sonderbares und ungewöhnliches Spiel. Der alte Herr steckte eine Dose, eine Brieftafel und eine Uhr in seine Taschen, eine Brustnadel in sein Hemde, hing eine Uhrkette um den Hals, knöpfte den Rock dicht zu, ging auf und ab, blieb bisweilen stehen, als wenn er in einen Laden hineinsähe, blickte beständig umher, als wenn er Furcht vor Dieben hegte, befühlte seine Taschen, wie um sich zu überzeugen, ob er auch nichts verloren hätte, und machte das Alles so spasshaft und natürlich, dass Oliver lachte, bis ihm die Thränen über die Wangen hinabliefen. Die beiden Knaben verfolgten unterdess den Alten und entschwanden, wenn er sich umdrehete, seinen Blicken mit der bewunderungswürdigsten Behendigkeit. Endlich trat ihm der Baldoberer wie zufällig auf die Zehen, während Charley Bates von hinten gegen ihn anrannte, und sie entwendeten ihm dabei Taschentuch, Uhr, Brustnadel u. s. f. so geschickt, dass Oliver kaum ihren Bewegungen zu folgen vermochte. Fühlte der alte Herr eine Hand in einer seiner Taschen, so war der Dieb gefangen, und das Spiel fing von vorn wieder an.

Es war mehrere Male durchgespielt, als zwei junge Damen erschienen, um die jungen Herren zu besuchen. Die eine hiess Betsy, die andere Nancy. Ihr Haar war nicht in der genauesten Ordnung, ihre Schuhe und Strümpfe schienen nicht im besten Zustande zu sein. Sie waren vielleicht nicht eigentlich schön, hatten aber viel Farbe und ein kräftiges, munteres Aussehen. Ihre Manieren waren sehr frei und angenehm, und so meinte Oliver, dass sie sehr artige Mädchen wären, was sie auch ohne Zweifel waren.

Sie blieben lange. Es wurde geistiges Getränk gebracht, da die jungen Damen über innerliche Kälte klagten, und die munterste Unterhaltung entspann sich. Endlich erinnerte sich Charley Bates, dass es Zeit sei, auszugehen. Der gute alte Herr gab ihm und dem Baldoberer verschiedene Anweisungen und Geld zum Ausgeben, worauf sie sich nebst Betsy und Nancy entfernten.

„Ist’s nicht ein angenehmes Leben, das meine Knaben führen?“ sagte Fagin.

„Sind sie denn auf Arbeit ausgegangen?“ fragte Oliver.

„Allerdings,“ erwiderte der Jude; „und sie arbeiten den ganzen Tag unverdrossen, wenn sie nicht werden gestört. Nimm sie dir zum Muster, mein Kind; thu’ Alles, was sie dir heissen, und folg’ jederzeit ihrem Rath, besonders dem des Baldoberers. Er wird werden ein grosser Mann, und auch aus dir machen ’nen grossen Mann, wenn du dir ihn zum Vorbilde nimmst. Hängt mein Taschentuch aus der Tasche, mein Lieber?“

„Ja, Sir,“ sagte Oliver.

„So sieh’ einmal zu, ob du es herausziehen kannst, ohne dass ich’s fühle, wie du’s vorhin gesehen hast von den Beiden.“

Oliver erinnerte sich genau, wie er es Jack hatte thun sehen, und that es ihm nach.

„Ist’s heraus?“

„Hier ist es, Sir.“

„Du bist ein kluger Knabe,“ sagte der alte Herr, ihm die Wange klopfend; „ich habe niemals gesehen ein anstelligeres Kind. Da hast du ’nen Schilling. Fährst du so fort, so wirst du werden der grösste Mann deiner Zeit. Doch will ich dir jetzt zeigen, wie man herauslöst die Buchstaben.“

Oliver konnte gar nicht begreifen, wie er ein grosser Mann dadurch werden könne, dass er dem alten Herrn das Tuch aus der Tasche zöge, meinte jedoch, dass es der so viel Aeltere besser wissen müsse, als er, und war bald eifrig mit seinen neuen Studien beschäftigt.

Zehntes Kapitel.

Oliver gewinnt Erfahrung um einen hohen Preis.

Oliver blieb acht bis zehn Tage im Zimmer des Juden, wurde fortwährend beschäftigt, Zeichen aus Taschentüchern herauszulösen, und nahm bisweilen an dem beschriebenen Spiele Theil, das täglich gespielt wurde. Er fing immer mehr an, sich nach frischer Luft zu sehnen, und bat den alten Herrn mehrmals auf das Dringendste, ihn mit seinen beiden Kameraden zum Arbeiten ausgehen zu lassen.

Endlich wurde ihm eines Morgens die Erlaubniss ertheilt, unter Jack’s und Charley’s Aufsicht auszugehen. Sie gingen, und geriethen sogleich in ein sehr faulenzerisches Schlendern, was Oliver höchst missbilligte, eingedenk der vielfachen Warnungen des alten Herrn vor dem verderblichen Müssiggange. Der Baldoberer verübte mannichfachen Muthwillen an Knaben, und Charley erlaubte sich sogar, die Heiligkeit des Eigenthums zu verletzen, wenn er an einem Apfel- oder Zwiebelkorbe vorüber kam. Oliver war daher schon im Begriff, unwillig heimzukehren, als seine Begleiter auf einmal anfingen, sich äusserst geheimnissvoll zu benehmen, wodurch er von seinem Vorhaben abgelenkt wurde.

Sie umschlichen einen alten Herrn, auf den sie ihn aufmerksam gemacht hatten, ohne seine Fragen anders als durch einige ihm unverständliche Worte und Winke zu beantworten. Er hielt sich einige Schritte hinter ihnen, und stand endlich, unschlüssig, ob er weitergehen oder sich zurückziehen solle, verwundert zuschauend da.

Der alte Herr sah sehr respectabel aus, trug Puder in den Haaren und eine goldene Brille. Er hatte sich vor einen Bücherladen hingestellt, ein Buch zur Hand genommen, las darin, sein spanisches Rohr unter dem linken Arme, und hörte und sah offenbar nicht, was um ihn her vorging.

Wer beschreibt Oliver’s Bestürzung, als der Baldoberer dem alten Herrn das Tuch aus der Tasche zog, es Charley Bates reichte, und als darauf Beide spornstreichs davon liefen! Im Augenblick war ihm das Geheimniss der Taschentücher, Uhren und Kleinodien klar. Das Blut stockte ihm in den Adern, ihm schwindelte vor Furcht und Schrecken, und ohne zu wissen, was er that, lief er seinen Kameraden nach, so schnell seine Füsse ihn tragen mochten. In demselben Augenblicke griff der alte Herr nach seinem Tuche in die Tasche, vermisste es, drehete sich rasch um, sah Oliver laufen, und erhob den Ruf: „Halt’ den Dieb!“ — den magischen Ruf, auf welchen sofort Alles lebendig wird, der Krämer aus seinem Laden auf die Strasse stürzt, der Gemüsehändler seinen Korb, der Milchmann seinen Eimer, der Pflasterer seine Bicke, der Schulknabe seine Bücher stehen lässt, zur Seite setzt, wegwirst und nachläuft.

Jack und Charley hatten Aufsehen zu vermeiden gewünscht, und waren daher nur bis um die nächste Ecke gelaufen, worauf sie sich unter einem Thorwege neugierigen Blicken zu entziehen suchten. Sobald sie das Geschrei „Halt’ den Dieb!“ vernahmen, stimmten sie aus allen Kräften ein, und schlossen sich wie gute Bürger den Verfolgern an. Diese Anwendung des grossen Naturgesetzes der Selbsterhaltung war Oliver vollkommen neu. Er wurde noch mehr verwirrt und bestürzt, und verdoppelte seine Eile, sah sich indess nach einiger Zeit eingeholt und wurde obenein zu Boden geschlagen.

In wenigen Augenblicken war ein zahlreicher Haufen um ihn versammelt. „Drückt ihn doch nicht todt!“ — „Verdient er’s besser?“ — „Wo ist der bestohlene Herr?“ — „Da kommt er schon; macht Raum für den Herrn!“ — „Ist dies der Bursch, Sir?“ — „Ja!“

Oliver lag da, mit Schmutz bedeckt, blutend aus Nase und Mund, und starrte betäubt und geängstet umher.

„Ich fürchte, dass es der Knabe ist,“ sagte der Herr sehr milde.

„Das fürchten Sie?“ wurde gemurrt. „Der ist auch wol der Rechte.“

„Der arme Kleine hat sich beschädigt,“ fuhr der Herr fort.

„Das hab’ ich gethan,“ fiel ein vierschrötiger Mensch hervortretend ein; „traf ihn gerade mit der Faust auf die Schnauze — ich hab’ ihn aufgehalten für Sie, Sir.“

Er zog greinend den Hut, eine Belohnung seiner Dienstfertigkeit erwartend; allein der alte Herr blickte ihn unwillig an, und hätte sich offenbar gern entfernt, als sich ein Polizeidiener hindurchdrängte, Oliver beim Kragen fasste und, trotz der mitleidigen Verwendung des alten Herrn, vom Strassenpflaster emporriss und sehr unsanft schüttelte.

„Thun Sie ihm nichts zu Leide,“ sagte der menschenfreundliche Herr, und folgte wohl oder übel dem Polizeidiener, der Oliver unter lautem Hussa des Haufens fortzog.

Elftes Kapitel.

Wie Mr. Fang die Gerechtigkeit handhabte.

Der Diebstahl war im Bezirke eines sehr bekannten Polizeiamtes begangen. Angelangt, wurde Oliver vorläufig in ein kellerartiges Gemach eingeschlossen, das über alle Beschreibung schmutzig war, denn sechs Betrunkene hatten es fast drei Tage inne gehabt. Doch das will nichts sagen. Sperrt man doch Tag für Tag und Nacht für Nacht Männer und Weiber um der geringfügigsten, leichtfertigsten Anschuldigungen willen in Spelunken ein, gegen welche die Zellen der schwersten und bereits verurtheilten Verbrecher im Newgategefängnisse für Prunkgemächer gelten könnten!

Der alte Herr sah Oliver mitleidig und wehmüthig nach.

„Es liegt ein Ausdruck in den Zügen des Knaben, der mich ja ganz wunderbar ergreift,“ sprach er bei sich selbst. „Sollte er nicht unschuldig sein? Er sah aus, als wenn er — hm! — ist mir’s doch in der That, als wenn ich dieses Gesicht oder ein ganz ähnliches schon gesehen hätte.“

Er sann und sann, rief sich die Züge seiner Freunde, Feinde und Bekannten, alter und neuer, längst vergessener, längst im Grabe ruhender vor die Seele, vermochte sich aber dennoch keines zu entsinnen, mit welchem Oliver Aehnlichkeit gehabt hätte. „Nein, es muss Einbildung sein,“ sagte er endlich seufzend und kopfschüttelnd.

Er wurde gerufen. Oliver sass schon da, Mr. Fang, der Polizeirichter, war in die Lectüre eines Zeitungsblattes vertieft. Mr. Fang’s Antlitz hatte den Ausdruck der Härte, und war sehr roth. Wenn er nicht mehr zu trinken pflegte, als ihm gut war, so hätte er gegen sein Gesicht eine Injurienklage anstellen können, und sicher würden ihm beträchtliche Entschädigungsgelder zuerkannt worden sein.

Der alte Herr verbeugte sich ehrerbietig.

„Hier ist mein Name und meine Adresse, Sir,“ sagte er, und reichte Mr. Fang seine Karte.

Mr. Fang war übler Laune und blickte verdriesslich auf.

„Wer sind Sie?“

Der alte Herr wies ein wenig erstaunt auf seine Karte.

Mr. Fang stiess sein Zeitungsblatt nebst der Karte verächtlich zur Seite.

„Gerichtsdiener! wer ist dieser Mensch?“

„Sir, ich heisse Brownlow,“ fiel der alte Herr mit dem Anstande eines Gentleman, und also in starkem Contrast zu Mr. Fang ein. „Erlauben Sie, dass sich um den Namen des Richters bitte, der einen anständigen Mann ohne alle Veranlassung im Gerichtslocale beleidigt.“

„Gerichtsdiener!“ herrschte Fang; „wessen ist dieser Mensch angeklagt?“

„Er ist nicht angeklagt, Ihr Edeln, sondern erscheint als Kläger des Knaben.“

Seine Edeln wussten das sehr wohl, konnten jedoch auf die Weise ganz sicher unangenehme Dinge sagen.

„Erscheint als Ankläger des Knaben — so!“ sagte Fang, Brownlow verächtlich von Kopf bis zu Füssen betrachtend. „Nehmen Sie ihm den Eid ab.“

„Bevor das geschieht, muss ich mir ein paar Worte erlauben,“ fiel Brownlow ein. „Ich würde nämlich, ohne dass es mir wirklich widerfahren wäre, niemals geglaubt haben —“

„Halten Sie den Mund, Sir,“ unterbrach ihn Fang.

„Ich will, und werde reden,“ sagte Brownlow eben so bestimmt.

„Sie halten augenblicklich den Mund, Sir, oder ich lasse sie hinausbringen. Sie sind ein unverschämter Mensch! Wie können Sie es wagen, einen Richter einschüchtern zu wollen?“

Dem alten Herrn stieg das Blut in die Wangen.

„Beeidigen Sie dieses Individuum!“ rief Fang dem Schreiber zu. „Ich will durchaus nichts mehr hören.“

Brownlow war höchst entrüstet, dachte aber, dass er dem Knaben schaden könne, wenn er seine Gefühle nicht unterdrückte, und legte daher den Eid ab.

„Wohin geht Ihre Anklage?“ fragte ihn Fang darauf. „Was haben Sie zu sagen, Sir?“

„Ich stand vor einem Bücherladen,“ begann Brownlow, allein Fang unterbrach ihn.

„Schweigen Sie, Sir. Wo ist der Polizeidiener? Beeidigen Sie ihn. Polizeidiener — reden Sie!“

Der Polizeidiener berichtete mit gebührender Unterwürfigkeit, wie er den Knaben gefunden, und wie er ihm die Taschen durchsucht und nichts gefunden habe; — mehr wisse er nicht.

„Sind Zeugen vorhanden?“ fragte Fang.

„Nein, Ihr Edeln.“

Fang sass ein paar Minuten schweigend da, wendete sich darauf zu Brownlow und sagte in grosser Hitze: „Denken Sie Ihre Anklage gegen den Knaben anzubringen oder nicht? Sie haben geschworen. Verweigern Sie Ihr Zeugniss, so werd’ ich Sie wegen Nichtachtung der Richterbank in Strafe nehmen; das werd’ ich, beim —“

Es ist und bleibt unbekannt, bei wem; denn der Schreiber hustete im rechten Augenblicke und liess ein Buch zur Erde fallen — natürlich nur zufällig.

Brownlow konnte, endlich vorbringen, was er zu sagen hatte, und fügte hinzu, dass er die Hoffnung hege, der Richter werde die Gesetze so mild als möglich anwenden, wenn er es als erwiesen annehmen sollte, dass der Knabe, wo nicht selbst ein Dieb, doch mit Dieben in Verbindung stehe.

„Er ist bereits hart beschädigt,“ schloss er, „und ich fürchte, dass ihm sehr unwohl ist.“

„Unwohl — so, so!“ sagte Fang mit einem höhnischen Lächeln. „Du spielst mir hier keine Comödie, du kleiner Landstreicher, das sag’ ich dir; kömmst mir damit nicht durch. Wie heissest du?“

Oliver wollte antworten, aber die Zunge versagte ihm den Dienst. Er war todtenblass, und Alles schien rund mit ihm zu gehen.

„Wie heissest du, du verhärteter Schlingel,“ donnerte ihn Fang wiederholt an. „Gerichtsdiener, wie heisst der Bube?

Der Gerichtsdiener beugte sich über Oliver und wiederholte die Frage, gewahrte aber, dass der Knabe wirklich nicht im Stande war, zu antworten, und sagte daher, weil er wusste, dass der Richter sonst nur noch wüthender werden und eine noch härtere Strafe dictiren würde:

„Er sagt, sein Name wäre Tom White, Ihr Edeln.“

„Wo wohnt er?“ fragte Fang weiter.

„Wo er eben kann,“ erwiderte der gutherzige Gerichtsdiener abermals für Oliver.

„Hat er Eltern?“

„Er sagt, sie wären in seiner Kindheit gestorben, Ihr Edeln,“ entgegnete der Gerichtsdiener. Es war die gewöhnliche Antwort in Fällen dieser Art.

Oliver hob bei der letzten Frage den Kopf empor, sah mit flehenden Blicken umher, und bat mit schwacher Stimme um ein Glas Wasser.

„Albernheiten!“ sagte Fang. „Hab’ mich ja nicht zum Narren, Bursch!“

„Ich glaube wirklich, dass ihm unwohl ist, Ihr Edeln,“ wendete der Gerichtsdiener ein.

„Ich weiss es besser,“ fuhr Fang auf.

„Gerichtsdiener, halten Sie ihn,“ rief der alte Herr, „oder er sinkt zu Boden.“

„Zurück da, Gerichtsdiener!“ tobte Fang; „mag er, wenn’s ihm beliebt.“

Oliver bediente sich der freundlichen Erlaubniss, und fiel ohnmächtig von seiner Bank herunter.

Der Richter befahl, ihn liegen zu lassen, bis er wieder zu sich käme; der Schreiber fragte leise, wie Mr. Fang zu verfahren gedächte.

„Summarisch,“ erwiderte Mr. Fang. „Er wird drei Monate eingesperrt — natürlich bei harter Arbeit.“

Zwei Schliesser schickten sich an, den ohnmächtigen Knaben in seine Zelle zu tragen, als plötzlich ein ältlicher, ärmlich, aber anständig gekleideter Mann athemlos hereintrat.

„Halt — halt!“ rief er; „um des Himmels willen noch einen Augenblick Geduld.“

Obgleich die Polizeibeamten die willkürlichste Gewalt über die Freiheit, den guten Ruf und Namen, ja fast das Leben der königlichen Unterthanen, besonders der ärmeren Klassen, zu üben pflegen, und obgleich in den Polizeigerichten genug Dinge vorgehen, um den Engeln blutige Thränen auszupressen, so erfährt das Publicum doch nichts davon, ausgenommen durch das Medium der Tagespresse. Mr. Fang war daher nicht wenig entrüstet, einen ungebetenen Gast eintreten und so ordnungswidrig auftreten zu sehen.

„Was ist das? Wer ist das? Werft den Menschen hinaus!“ rief er.

„Ich will und muss reden, Sir; ich lasse mich nicht hinauswerfen; hab’s Alles angesehen. Ich bin der Besitzer des Buchladens. Ich verlange, beeidigt zu werden. Mr. Fang, Sie müssen mich anhören — Sie können es nicht wagen, mein Zeugniss zurückzuweisen, Sir.“

Er war im Recht, und sah zu entschlossen aus, als dass der Richter es hätte wagen dürfen, ihn abzuweisen. Fang liess ihm daher den Eid abnehmen, und fragte darauf, was er zu sagen habe.

„Ich sah drei Knaben — zwei andere und diesen hier — um den Herrn da herumschleichen, der vor meinem Laden stand und las. Der Diebstahl wurde von einem anderen Knaben begangen, und dieser war ganz erstaunt darüber, — sah aus, als wenn ihn der Schlag gerührt hätte.“

„Warum kamen Sie nicht schon früher her?“

„Ich hatte Niemand, nach meinem Laden zu sehen, und bin hergelaufen, sobald ich Jemand auftreiben konnte.“

„Also der Ankläger las?“

„Ja, Sir — in dem Buche, das er in diesem Augenblicke in der Hand hat.“

„Ah — ist es bezahlt?“

„Nein,“ erwiderte der Bücherhändler lächelnd.

„Mein Himmel, das hab’ ich ganz vergessen!“ rief der zerstreute alte Herr ganz unbefangen aus.

„Vortrefflich! — und Sie werfen sich zum Ankläger eines unglücklichen armen Knaben auf!“ bemerkte Fang mit komisch aussehender Anstrengung, eine menschenfreundliche Miene anzunehmen. „Es scheint mir, Sir, dass Sie unter sehr verdächtigen und unehrenhaften Umständen zu dem Buche gelangt, und Sie mögen sich sehr glücklich schätzen, wenn der Eigenthümer nicht als Ankläger gegen Sie auftreten will. Nehmen Sie sich dies zur Lehre, mein Freund, oder Sie verfallen noch einmal dem Gesetze. Der Knabe ist freizulassen. Räumen Sie das Gerichtszimmer!“

Der alte Herr wurde unter Au brüchen der Entrüstung, die er nicht länger mehr zurückzuhalten vermochte, hinausgeführt. Er stand im Hofraume, und sein Zorn verschwand. Oliver lag auf dem Steinpflaster; man hatte ihm die Schläfe mit Wasser gewaschen; er war weiss wie eine Leiche, und zitterte krampfhaft am ganzen Leibe. „Armes Kind, armes Kind!“ sagte Mr. Brownlow, sich über ihn hinunterbeugend. „Leute, ich bitte, schaff’ mir doch Jemand sogleich einen Miethwagen.“

Gleich darauf fuhr ein leerer Wagen vorüber, Oliver wurde sorgfältig hineingehoben und auf einen Sitz gelegt, während der alte Herr auf dem anderen Platz nahm.

„Darf ich Sie begleiten?“ sagte der Bücherhändler.

„Ja, ja, mein werther Herr,“ erwiderte Brownlow. „Ich habe Sie vergessen; verzeihen Sie. Und da hab’ ich auch das unglückliche Buch noch. Steigen Sie geschwind ein, es ist keine Zeit zu verlieren.“

Der Bücherhändler setzte sich zu Brownlow, und sie fuhren ab.

Zwölftes Kapitel.

In welchem für Oliver bessere Fürsorge getragen wird, als er sie noch in seinem ganzen Leben erfahren.

Der Wagen hielt vor einem artigen Hause in einer stillen Strasse nicht weit von Pentonville. Mr. Brownlow liess Oliver sogleich zu Bett bringen, und sorgte mit einem Eifer für Pflege jeder Art, der keine Grenzen kannte. Sein Schützling verfiel in ein heftiges Fieber, und erwachte erst nach acht Tagen aus einem langen und unruhigen Traume, wie es ihm däuchte. „Wo bin ich?“ rief er mit schwacher Stimme. „Wer hat mich hierher gebracht?“

Der Vorhang seines Bettes wurde rasch zurückgeschoben, und eine mütterlich aussehende, sauber gekleidete alte Frau beugte sich über ihn und sagte: „Ruhig, mein Söhnchen, du musst dich ganz still halten, oder wirst sonst wieder krank werden. Denn du hast an der Schwelle des Todes gestanden; also verhalt’ dich ja recht ruhig.“

Sie sah so freundlich und liebevoll dabei aus, und strich ihm so sorglich das Haar von der Stirn zurück, dass er sich nicht enthalten konnte, seine abgezehrte Hand auf die ihrige zu legen, und einige, wenn auch unverständliche Worte gerührten Dankes zu murmeln.

„Was es für ein lieber Kleiner ist!“ sagte sie mit Thränen in den Augen. „Wie würde sich seine Mutter freuen, wenn sie so wie ich bei ihm gesessen hätte und ihn jetzt sähe!“

„Vielleicht sieht sie mich, flüsterte Oliver und faltete seine Hände. „Vielleicht war sie bei mir, Ma’am. Es ist mir fast als wäre sie hier gewesen.“

„Das macht das Fieber, mein Kind,“ bemerkte Frau Bedwin.

„Kann wol sein,“ erwiderte Oliver nachdenklich; „denn der Himmel ist sehr fern, und die Seligen haben es dort zu gut, als dass sie an das Krankenbett eines armen Knaben herunterkommen sollten. Wenn sie es aber gewusst hat, dass ich krank war, so hat sie gewiss Mitleid mit mir gehabt, denn sie war selbst sehr krank, ehe sie starb. Aber — sie mag wol nichts von mir wissen, denn wenn sie mich hätte niederschlagen sehen, so würde sie sehr betrübt geworden sein, und ihr Gesicht war immer so froh und vergnügt, wenn ich von ihr geträumt habe.“

Frau Bedwin wischte sich die Augen, brachte ihm zu trinken, und ermahnte ihn abermals, ganz still zu liegen, weil er sonst wieder krank werden würde. Er schwieg daher und hielt sich vollkommen ruhig, theils weil er der guten Frau nicht ungehorsam sein wollte, und anderntheils, weil er durch das, was er gesagt hatte, bereits vollkommen erschöpft war. Er schlief ein, und als er erwachte, stand ein Herr an seinem Bette, der seinen Puls fühlte. „Nicht wahr, mein Kind, du fühlst dich weit besser?“ fragte ihn der Herr.

„Ja, ich danke, Sir,“ antwortete Oliver.

Das wusste ich wohl. Und du bist hungrig — nicht wahr?“

„Nein, Sir.“

„Hm! Ja, ganz recht. Du kannst auch in der That keinen Hunger empfinden. Er ist nicht hungrig, Frau Bedwin,“ sagte der Herr mit sehr weiser Miene.

Frau Bedwin neigte ehrfurchtsvoll den Kopf, wodurch sie andeuten zu wollen schien, dass sie den Doctor für einen äusserst gescheidten Mann hielte. Der Doctor schien vollkommen derselben Meinung zu sein.

„Du bist müde, nicht wahr, mein Sohn?“ sagte er.

„Nein, Sir.“

„Nicht?“ wiederholte der Doctor; „das freut mich, und ich dachte es wohl. Aber durstig bist du?“

„Ach ja, Sir,“ erwiderte Oliver.

„Ganz wie ich es erwartet habe. Frau Bedwin, es ist sehr natürlich, dass er Durst fühlt. Sie können ihm ein wenig Thee mit Weissbrod ohne Butter geben. Halten Sie ihn nicht zu warm, Ma’am, und haben Sie Acht, dass er nicht zu kalt wird.“

Frau Bedwin knixte, und der Doctor ging. Oliver schlief bald wieder ein, und als er erwachte, war es fast zwölf Uhr. Frau Bedwin sagte ihm gute Nacht, und überwies ihn der Pflege einer eingetretenen alten Frau, die in ihrem Bündel ein kleines Gebetbuch und eine grosse Nachtmütze mitgebracht hatte, sich an den Kamin setzte und sehr bald einschlief.

Oliver wachte einige Zeit. Es herrschte eine feierliche Stille, und als er daran dachte, dass der Tod viele Tage und Nächte über seinem Bette geschwebt hätte und das Gemach auch wol noch mit Schmerz und Wehe erfüllen könnte, begann er inbrünstig zu beten. Er versank darauf wieder in jenen festen Schlummer, den nur heitre Ruhe nach erduldeten Leiden gibt, und aus welchem man nicht ohne Bedauern erwacht. Wenn es der Tod wäre — wer möchte aus ihm wieder aufwachen wollen zu den Mühen und Aengsten des Lebens, zu den Mühen der Gegenwart, den Sorgen um die Zukunft, und zumal den trüben Erinnerungen an die Vergangenheit?!

Es war heller Tag, als Oliver die Augen aufschlug, er fühlte sich heiter und froh, die Krise war überstanden und er gehörte der Welt wieder an. — Nach drei Tagen konnte er, durch Kissen gestützt, in einem Lehnstuhle sitzen. Frau Bedwin liess ihn in ihr kleines Zimmer hinunterbringen, setzte sich zu ihm an das Feuer, und fing vor Freude von Herzen zu schluchzen an.

„Sie sind sehr gütig gegen mich, Ma’am,“ sagte Oliver.

Sie wollte nichts davon hören, und bereitete ihm sorglich ein für seinen Zustand passendes Frühstück. Oliver heftete unterdess seine Blicke auf ein ihm gerade gegenüber an der Wand hängendes Portrait. Sie wurde aufmerksam darauf.

„Magst du gern Bilder leiden, mein Kleiner?“

„Ich habe noch wenige gesehen; aber wie schön und liebevoll das Gesicht der Dame ist!“

„Ah, die Maler machen die Damen immer hübscher, als sie sind, denn sie würden sonst keine Kundschaft haben. Der Mann, der die Conterfeimaschine erfand, hätte vorauswissen können, dass es nichts damit wäre, denn es ist viel zu viel Ehrlichkeit dabei.“

Sie lachte, Oliver aber blieb ernst und fragte:

„Wen stellt denn das Bild vor, Ma’am?“

„Ich weiss es nicht, mein Kind; aber sicher Niemand den wir Beide kennen. Es scheint dir ja erstaunlich zu gefallen.“

„Ach, es ist gar zu schön!“ rief Oliver aus.

„Du fängst doch nicht an, dich zu fürchten?“ sagte Frau Bedwin, denn sie gewahrte mit grosser Verwunderung, dass Oliver das Portrait mit einer Art von Beben betrachtete.

„O nein, nein,“ erwiderte er rasch; „aber die Augen blicken so traurig, und es ist, als wären sie gerade, wo ich sitze, auf mich geheftet. Es macht mir das Herz schlagen,“ setzte er mit leiser Stimme hinzu, „als wenn es lebte und zu mir reden wollte, und könnte doch nicht.“

„Gott sei uns gnädig!“ rief Frau Bedwin bestürzt aus; „sprich nicht so, Kind. Du musst noch sehr schwach und fieberisch sein. So, so — nun kannst du es nicht mehr sehen.“

Sie drehete bei diesen Worten seinen Stuhl herum; Oliver aber sah im Geist das Bild so deutlich, als ob es ihm noch immer vor Augen hinge. Er wollte indess die gute alte Frau nicht ängstigen, und lächelte ihr freundlich zu, als sie ihm seine Brühe mit Weissbrod brachte. Er hatte kaum einen Löffel voll genossen, als Mr. Brownlow eintrat.

Oliver sah noch sehr blass und abgezehrt aus; er machte einen vergeblichen Versuch, aufzustehen, um seinem Wohlthäter zu danken, dem die Thränen in die Augen traten.

„Armes Kind, armes Kind,“ sagte er. „Wie befindest du dich heute, mein Lieber?“

„Vortrefflich, Sir,“ erwiderte Oliver; „und ich bin Ihnen sehr dankbar für alle Ihre Güte.“

„Gutes Kind,“ sagte sein Wohlthäter, erkundigte sich darauf, was ihm Frau Bedwin zur Stärkung gegeben, und bemerkte: „Brühe — pfui! — ein paar Gläser Portwein würden ihm besser geschmeckt haben — nicht wahr, Tom?“

„Ich heisse Oliver, Sir,“ entgegnete der kleine Patient sehr verwundert.

„Oliver! — wie? — Oliver White?“

„Nein, Sir, Twist — Oliver Twist.“

„Curioser Name; — warum sagtest du denn dem Richter, dass du White hiessest?“

„Das hab’ ich ihm ganz und gar nicht gesagt,“ erwiderte Oliver äusserst verwundert.

Dies sah einer Lüge so ähnlich, dass ihn der alte Herr etwas strenge ansah. Allein es war unmöglich, seine Aussage zu bezweifeln, denn aus allen seinen Zügen leuchtete die klarste Wahrheit hervor. Brownlow meinte, dass ein Missverständniss obwalten müsse, sein Verdacht schwand gänzlich, und doch vermochte er die Blicke von Oliver nicht abzuwenden, denn abermals drang sich die Aehnlichkeit des Knaben mit bekannten Zügen ihm auf. Oliver hob flehend die Augen zu ihm empor.

„Sie sind mir doch nicht böse, Sir?“

„Nein, nein; — aber — barmherziger Himmel! was ist das? Frau Bedwin — sehen Sie, sehen Sie!“

Und während er hastig die Worte sprach, wies er nach Dem Bilde über Oliver’s Lehnstuhle, und dann auf Oliver selbst hin. Es konnte keine grössere Aehnlichkeit geben; der Knabe war der Dame auf dem Bilde wie aus den Augen geschnitten.

Oliver gewahrte die Ursache des plötzlichen Ausrufs seines Wohlthäters nicht; der Schrecken war ihm zu viel gewesen; er war ohnmächtig geworden.

Dreizehntes Kapitel.

In welchem der Leser eine neue Bekanntschaft macht.

Sobald der Baldoberer und Master Bates ihren Zweck erreicht hatten, alle Aufmerksamkeit von sich ab und auf Oliver zu lenken, schlüpften sie in eine Seitengasse, um eiligst nach Hause zurückzukehren. Sobald sie wieder zu Athem gekommen waren, fing Master Bates laut zu lachen an, und rief sich und dem Freunde mit grenzenlosem Vergnügen die unendlich spasshafte Scene in das Gedächtniss zurück, wie der geängstete Oliver gelaufen und überall angerannt war, und wie er (Charley Bates) und der Baldoberer ihn eifrigst mit gehetzt und das Tuch in der Tasche gehabt hatten. Sein Freund unterbrach jedoch bald seinen Redefluss, und warf das Bedenken auf, was Fagin sagen würde?

„Was soll er sagen?“ meinte Charley.

„Hm!“ sagte Jack, pfiff und schnitt sehr bedeutsame Gesichter.

Charley folgte ihm nachdenklich, bald darauf langten sie zu Hause an.

„Wo habt ihr den Oliver, ihr Halunken?“ schnaubte der Jude, als sie eintraten.

Sie schwiegen; er fasste den Baldoberer bei der Kehle und drohete, ihn zu erwürgen, wenn er nicht augenblickliche Auskunft gäbe. Charley erhob ein jammervolles Geheul, sein Freund riss sich los, ergriff ein Messer, und war im Begriff, es dem Juden in die Seite zu stossen, als die Thüre geöffnet wurde, und ein Vierter, gefolgt von einem knurrenden, zerbissenen Hunde, hereintrat.

„Was gibt’s hier, zu allen Teufeln! Spitzbube von Juden, was soll das bedeuten?“

Die grobe, polterude Stimme gehörte einem vierschrötigen Manne von etwa fünfundvierzig Jahren, mit einem breiten Gesicht und düster grollendem Blicke an. Sein Bart war seit mehreren Tagen nicht abgenommen, und sein eines Auge von einem Schlage angeschwollen, den er erst vor Kurzem erhalten haben musste. Arm- und Beinschellen dachte man sich bei der ganzen Erscheinung leicht hinzu.

Er setzte sich gemächlich. „Was sind das hier für Sachen?“ fuhr er fort. „Warum misshandelst du die Jungen, du alter unersättlicher Filz und Pascher (Diebeshehler)? Ich wundere mich nur, dass sie dir die Kehle nicht abschneiden, was ich unfehlbar thun würde, wenn ich in ihrer Haut steckte. Ich hätt’s längst gethan, wenn ich dein Lehrling wäre. Freilich — verkaufen hätt’ ich deinen Haut- und Knochencadaver nicht können; du bist zu nichts gut, denn als ein merkwürdiges Stück von Hässlichkeit in Spiritus aufbewahrt zu werden, und sie blasen so grosse Gläser nicht.“

„Pst, pst! Mr. Sikes,“ fiel der zitternde Jude ein; „nicht so laut, nicht so laut!“

„Ich will dich bemistern; du hast immer Teufeleien im Sinn, wenn du damit kömmst. Du weisst meinen Namen, und ich werd’ ihm keine Unehre machen, wenn die Zeit kömmt.“

„Schon gut, schon gut; also Bill Sikes,“ sagte der Jude kriechend demüthig. „Ihr scheint übler Laune zu sein, Bill.“

Bill überhäufte ihn zur Erwiderung abermals mit Vorwürfen und Schimpfwörtern, und deutete dabei auf so verdächtige Dinge hin, dass ihn Fagin angstvoll und mit einem Seitenblicke nach den beiden Knaben fragte, ob er wahnsinnig geworden wäre? Bill machte pantomimisch einen Knoten unter seinem linken Ohre, wies durch eine Kopfbewegung über seine rechte Schulter, welche Symbolik der Jude vollkommen zu verstehen schien, forderte ein Glas Branntwein und fügte die Erinnerung hinzu, es aber nicht zu vergiften. Er sagte dies scherzend; hätte er jedoch den satanischen Blick sehen können, mit welchem der Jude sich umwendete, um nach dem Schranke zu gehen, so würde ihm die Warnung keineswegs unnöthig gedäucht haben.

Nachdem er einige Gläser hinuntergestürzt, liess er sich herab, die jungen Herren anzureden, was zu einem Gespräch führte, in dessen Laufe ihm Oliver’s Gefangennehmung umständlich und mit solchen Ausschmückungen erzählt wurde, wie sie der Baldoberer für nöthig erachtete.

„Ich fürchte, dass er wird etwas lehmern, wodurch wir kommen in Ungelegenheit,“ bemerkte der Jude.

„Sehr wahrscheinlich,“ sagte Bill mit einem boshaften Greinen. „Du bist verloren, Fagin.“

Der Jude that, als ob er die Unterbrechung nicht beachtet hätte, behielt Sikes scharf im Auge, und fuhr fort: „Ich fürchte nur, wenn mir das Handwerk gelegt würde, möcht’s auch noch Anderen mehr gelegt werden, und dass die Geschichte ein schlechteres Ende nimmt für Euch, als für mich, mein Lieber.“

Sikes fuhr zusammen und blickte den Juden wüthend an, der jedoch die Achseln zuckend gerade vor sich hinstarrte. Nach einem langen Stillschweigen sagte er mit leiserer Stimme: „Es muss erforscht werden, was sich auf der Polizei zugetragen hat.“

Fagin nickte beifällig.

„Hat er nichts ausgeschwatzt und ist ein Haftsbefehl gegen ihn ausgestellt, so ist nichts zu fürchten, bis er wieder loskommt; dann aber muss er in Obacht genommen und wieder eingefangen werden.“

Der Jude nickte abermals. Der Rath war offenbar gut, nur war die Ausführung schwierig, da alle vier Gentlemen einen unüberwindlichen Widerwillen dagegen hegten, einem Polizeiamte nahe zu kommen. Sie blickten einander verlegen an, als sie beiden jungen Damen eintraten, deren Bekanntschaft Oliver vor einigen Tagen gemacht hatte. Der Fall wurde ihnen vorgetragen, und Fagin sprach seine Zuversicht aus, dass Betsy den Auftrag übernehmen werde. Die junge Dame war zu wohlerzogen und zu feinfühlend, um einem Mitgliede der Gesellschaft geradezu oder vielleicht gar mit Schärfe zu widersprechen, oder eine Bitte abzuschlagen. Sie sagte daher keineswegs entschieden nein, sondern begnügte sich mit der Versicherung, dass sie sich hängen lassen wollte, wenn sie’s thäte.

Der Jude wendete sich an ihre fast prachtvoll gekleidete Freundin: „Gute Nancy, was sagst du?“

„Dass ich mich schönstens hüten werde; also geht Euch nur weiter keine Mühe, Fagin.“

„Wie soll ich das nehmen?“ fiel Sikes grollend ein.

„Just wie ich’s gesagt habe, Bill,“ entgegnete die Dame sehr ruhig.

„Du bist aber eben die rechte Person dazu; es kennt dich hier herum Niemand.“

„Und es thut auch gar nicht noth, dass mich wer kennen lernt, was ganz gegen meinen Wunsch wäre.“

„Sie geht, Fagin,“ sagte Sikes.

„Nein, sie lässt’s wohl bleiben,“ eiferte Nancy.

„Ja, ja, sie geht doch,“ wiederholte Sikes.

Und er hatte Recht. Nancy liess sich endlich durch Geschenke, Versprechungen und Drohungen bewegen. Auch hatte sie in der That weniger als ihre Freundin zu besorgen, mit einem ihrer zahlreichen Bekannten zusammenzutreffen, da sie erst seit ganz kurzer Zeit die entlegene, sehr anständige Vorstadt Ratcliffe mit der Gegend von Fieldlane vertauscht hatte. Der Jude staffirte sie aus seinen unerschöpflichen Vorräthen so aus, wie es dem Zwecke am angemessensten erschien, und gab ihr einen Korb und einen Hausschlüssel in die Hand.

„Ach, mein Bruder! mein armer lieber kleiner Bruder,“ begann Nancy mit überströmenden Thränen und händeringend zu wehklagen. „Ach, was ist aus meinem Bruder geworden — wo soll ich ihn sinden? O, haben Sie Erbarmen, liebe Herren, und sagen Sie mir, was aus ihm geworden ist?“

Ihre Zuhörer waren entzückt; sie hielt inne, blinzelte lächelnd und bedeutungsvoll, und verschwand.

„Die Nancy ist ’ne gescheidte Dirne,“ sagte der Jude mit feierlichem, nachdenklichem Kopfnicken zu seinen beiden jungen Freunden, als wenn er sie mahnen wollte, das eben geschaute glänzende Beispiel nachzuahmen.

„Sie ist ’ne Zierde ihres Geschlechts,“ stimmte Sikes, sein Glas füllend und nachdrücklich auf den Tisch schlagend, ein. „Sie lebe hoch, und möchten ihr Alle gleich werden!“

Die Vielgepriesene eilte unterdess nach dem Polizeiamte, wo sie bald, trotz ein wenig natürlicher Schüchternheit, allein und ohne Beschützer die Strassen zu durchwandern, glücklich und ohne Gefährde anlangte. Nach einigen misslungenen Versuchen wendete sie sich weinend und wehklagend an den Gefängnisswärter, von welchem sie in Erfahrung brachte, dass Oliver’s Unschuld ans Licht gekommen, und dass er von dem beraubten Herrn mit fortgenommen sei, der in der Gegend von Pentonville wohne, wohin zu fahren er den Kutscher angewiesen habe. Mit dieser Auskunft kehrte sie zum Juden zurück.

Sobald sie ihren Bericht erstattet hatte, rief Bill Sikes hastig seinen Hund, stülpte den Hut auf den Kopf und entfernte ich, ohne sich Zeit zu der Formalität zu nehmen, der Gesellschaft einen guten Morgen zu wünschen.

„Wir müssen ihn ausforschen, er muss gefunden werden,“ sagte der Jude in grosser Aufregung. „Charley geh’ auf die Lauer, bis du etwas von ihm siehst oder hörst. Beste Nancy, ich muss ihn wiederhaben — ich verlasse mich ganz auf dich und den Baldoberer. Da, da habt ihr Geld. Ich entferne mich heut’ Abend von hier — ihr wisst, wo ich zu finden bin. Macht, dass ihr fortkommt — ihr dürft keinen Augenblick länger hier bleiben.“

Er stiess Alle hinaus, verschloss die Thür hinter ihnen und steckte seine Kostbarkeiten zu sich. „Er hat nichts ausgeschwatzt auf der Polizei,“ murmelte er; „thut er’s aber gegen die Leute, bei denen er sich jetzt aufhält — wir werden ihn wieder bekommen und wollen ihm schon stopfen den Mund.“

Vierzehntes Kapitel.

In welchem Mr. Grimwig auftritt.

Oliver erholte sich bald wieder. Brownlow und Frau Bedwin vermieden sorgfältig Alles, wodurch er wieder an das Bild oder seine Herkunft und Lage hätte erinnert werden können, und suchten ihn auf jede Weise angenehm zu unterhalten, ohne ihn aufzuregen. Als er jedoch am folgenden Tage wieder in das Zimmer der Haushälterin hinunterkam, hob er sogleich die Augen nach der Wand empor, in der Hoffnung, das Bild der schönen Dame zu erblicken. Er sah sich getäuscht; es war entfernt worden. Frau Bedwin hatte ihn jedoch beobachtet.

„Ah!“ sagte sie, „es ist nicht mehr da, mein Kind.“

„Ich seh’ es, Ma’am,“ erwiderte Oliver seufzend. „Warum ist es denn fortgenommen?“

„Weil Mr. Brownlow sagte, es schiene dich unruhig zu machen, und könnte daher deiner Herstellung schaden.“

„Ach, es machte mich gar nicht unruhig, Ma’am. Ich freuete mich, es anzusehen, und hatte es gar zu lieb gewonnen.“

„Nun, nun, mein Kind,“ sagte die gute Frau, „du besserst dich zusehends, und es soll schon wieder aufgehangen werden; ich verspreche es dir. Lass uns jetzt aber von andern Dingen sprechen.“

Sie hatte ihm in seiner Krankheit so viele Liebe erwiesen, dass er sich vornahm, einstweilen nicht mehr an das Bild zu denken. Er hörte ihr daher aufmerksam zu, als sie begann, ihm von ihren wohlgerathenen Kindern und ihrem guten seligen Ehemann zu erzählen. Sodann wurde Thee getrunken, worauf sie ihm Cribbage spielen lehrte, was er schnell begriff und eifrig mit ihr spielte, bis es Zeit war, zu Bett zu gehen.

Es folgten nun selige Tage für Oliver. Alles um ihn her war so still, sauber und ordentlich, und Jedermann war so liebevoll gegen ihn, dass er fast im Himmel zu sein glaubte. Als er im Stande war, sich wieder ordentlich anzukleiden, hatte Mr. Brownlow schon für einen ganz neuen Anzug gesorgt, und da ihm gesagt wurde, er könnte mit feinen alten Kleidern thun was er wollte, so gab er sie der Magd, die sehr gefällig gegen ihn gewesen war, und sagte ihr, sie möchte sie an einen Juden verkaufen und das Geld behalten. Die Magd machte sogleich Gebrauch von der erhaltenen Erlaubniss, Oliver sah durch das Fenster, wie der Jude seine ganze alte Garderobe zusammenwickelte, einsackte und fortging; und er freuete sich nicht wenig darüber, da er nun nicht mehr zu fürchten brauchte, die traurigen Lumpen je wieder anlegen zu müssen.

Es mochte etwa eine Woche verlaufen sein, als eines Nachmittags Mr. Brownlow hinunterschickte, und Oliver zu sich rufen liess. Frau Bedwin ordnete eiligst den Anzug und das Haar ihres kleinen Pfleglings, und begleitete ihn selbst bis an Mr. Brownlow’s Thür. Das Zimmer war mit Büchern angefüllt und das einzige Fenster öffnete in einen kleinen Blumengarten. Mr. Brownlow legte ein Buch aus der Hand, und sagte Oliver, er möchte näher kommen und sich setzen. Oliver that, wie ihm geheissen war, und dachte, wo die Leute wol gefunden werden könnten, eine solche Menge von Büchern zu lesen, die geschrieben zu sein schienen, um die Welt klüger zu machen — eine Sache, welche fortwährend erfahreneren Leuten zu schaffen macht, als Oliver Twist war.

„Du siehst hier sehr viel Bücher, nicht wahr; mein Kind?“ fragte Mr. Brownlow.

„Ja, sehr viele,“ erwiderte Oliver; „ich habe noch nie eine solche Menge von Büchern gesehen.“

„Du sollst sie, wenn du dich gut beträgst, auch lesen, was dir noch besser gefallen wird, als das blosse Beschauen der Bände — wenn auch nicht immer; denn es gibt allerdings Bücher, an welchen die Bände bisweilen das Beste sind. Möchtest du wol ein recht gescheidter Mann werden, und selbst Bücher schreiben?“

„Ich möchte lieber in Büchern lesen, Sir,“ entgegnete Oliver.

„Wie, du möchtest also kein Bücherschreiber sein?“ sagte der alte Herr.

Oliver besann sich ein wenig, und erwiderte endlich, es bedünke ihm weit besser, ein Bücherhändler zu sein, worüber der alte Herr herzlich lachte, und wozu er bemerkte, Oliver habe da etwas sehr Gescheidtes gesagt. Oliver freute sich, etwas sehr Gescheidtes gesagt zu haben, obgleich er durchaus nicht begriff, worin es bestehen möchte.

„Sei nur ohne Furcht,“ sagte der alte Herr; „ich werde dich nicht zum Schriftsteller machen, so lange es noch ein anderes ehrliches Geschäft oder Handwerk gibt, das du erlernen kannst.“

„Ich danke, Sir,“ entgegnete Oliver, und der alte Herr lachte abermals über den grossen Ernst, womit er antwortete, und sagte ein paar Worte von einem merkwürdigen Instinet, welche Oliver nicht sehr beachtete, da er sie nicht verstand. Brownlow fuhr darauf in einem, wo möglich noch freundlicheren, aber zugleich ernsteren Tone, als er gegen Oliver bis dahin angenommen, fort: „Sei jetzt recht aufmerksam auf das, was ich dir sagen werde. Ich gedenke ohne Rückhalt mit dir zu reden, weil ich überzeugt bin, dass du mich eben so gut verstehen wirst, als viele ältere Personen.“

Oliver erschrak. „Ach!“ rief er aus, „sagen Sie nicht, dass Sie mich fortschicken wollen, Sir; weisen Sie mir nicht die Thür, dass ich wieder auf der Strassen umherirren muss. Lassen Sie mich bei Ihnen bleiben und Ihnen dienen. Schicken Sie mich nicht in das schreckliche Haus zurück, woher ich gekommen bin. Erbarmen Sie sich eines armen verlassenen Knaben, bester Herr!“

„Mein liebes Kind,“ sagte der alte Herr gerührt, „du brauchst nicht zu fürchten, dass ich meine Hand von dir abziehe, so lange du mir keine Ursache dazu gibst.“

„Das will ich nie, niemals, Sir!“

„Ich hoffe, dass du es nicht thun wirst, glaube es auch nicht. Ich bin oft getäuscht und betrogen von Leuten, denen ich wohlthun wollte; bin aber trotzdem sehr geneigt, dir zu vertrauen, und ich empfinde eine grössere Theilnahme für dich, als ich sie sogar mir selbst erklären kann. Die ich am meisten geliebt habe, ruhen längst in ihren Gräbern, und ich habe auch meines Lebens Glück und Zier begraben — nicht aber meine Herzenswärme. Auch herber Kummer hat sie nicht ausgelöscht, sondern nur noch stärker angefacht; wie denn allerdings Schmerz und Leid unser Inneres stets reinigen und läutern sollten.“ — Er hatte dies mit leiser Stimme und mehr vor sich hin, als zu Oliver gesprochen, der ganz still dasass und kaum zu athmen wagte. — „Doch ich sagte das nur, fuhr der alte Herr wieder heiterer fort, „weil du ein junges Gemüth hast, und wenn du weisst, dass ich viel gelitten habe, dich vielleicht noch sorgfältiger hüten wirst, mir abermals wehe zu thun. Du sagst, dass du eine Waise wärst und ganz allein daständest in der Welt. Alles, was ich habe erkunden können, bestätigt deine Angaben. Erzähle mir nun, wer deine Eltern gewesen sind, wo du erzogen, und wie du in die Gesellschaft gerathen bist, in welcher ich dich gefunden habe. Sag’ die Wahrheit, und wenn ich finde, dass du kein Verbrechen begangen hast, so soll es dir niemals, so lange ich lebe, an einem Freunde fehlen.“

Oliver vermochte vor Schluchzen ein paar Minuten nicht zu antworten, und als er sich endlich gefasst hatte und seine Erzählung beginnen wollte, liess sich ein Herr zum Thee anmelden.

„Es ist ein Freund von mir, Mr. Grimwig.“ sagte Brownlow zu Oliver. „Er hat ein wenig rauhe Manieren, ist aber im Herzen ein sehr wackerer Mann.“

Oliver fragte, ob er hinunter gehen solle, allein Brownlow hiess ihn bleiben, und in demselben Augenblicke trat Mr. Grimwig, ein corpulenter alter Herr, gestützt auf einen tüchtigen Handstock — denn er hatte ein etwas lahmes Bein — schon in das Zimmer. Oliver hatte nie ein so verzwicktes Gesicht gesehen. Grimwig hielt dem Freunde sogleich auf Armslänge ein Stückchen Citronenschale entgegen, und polterte, dergleichen würde ihm überall in den Weg geworfen. „Ich will meinen eigenen Kopf aufessen, wenn Citronenschale nicht noch mein Tod ist!“ bet euerte er.

Es war seine gewöhnliche Betheuerung; allein wenn die Erfindung, den eigenen Kopf zu verspeisen, auch noch gemacht werden sollte, so würde es einem Herrn, wie Mr. Grimwig war, doch jedenfalls stets sehr schwer fallen, in einer einzigen Mahlzeit damit zu Stande zu kommen.

Mr. Grimwig erblickte Oliver, trat ein paar Schritte zurück, und fragte Brownlow verwundert, wer der Knabe wäre.

„Der Oliver Twist, von welchem ich Ihnen gesagt habe,“ erwiderte Brownlow.

Oliver verbeugte sich.

„Doch nicht der Knabe, der das Fieber gehabt hat?“ sagte Grimwig, sich noch etwas weiter zurückziehend.

„Gehabt hat,“ wiederholte Brownlow lächelnd.

Grimwig setzte sich, ohne seinen Handstock zur Seite zu stellen, beäugelte den hocherröthenden Oliver durch seine Lorgnette, und redete ihn nach einiger Zeit an. „Wie befindest du dich?“

„Danke, Sir, sehr viel besser,“ erwiderte Oliver.

Brownlow schien zu besorgen, dass sein absonderlicher Freund etwas Unangenehmes sagen möchte, und hiess Oliver daher hinuntergehen und Frau Bedwin ankündigen, dass die Herren den Thee erwarteten. Oliver ging mit Freuden.

„Er ist ein artig aussehender Knabe, nicht wahr?“

„Kann’s nicht sagen,“ entgegegnete Grimwig verdriesslich.

„Sie können es nicht sagen?“

„Nein. Ich kann nie einen Unterschied an Knaben entdecken. Ich kenne nur zwei Arten von Knaben — Milchsuppengesichter und Rindfleischgesichter.“

„Zu welcher Art gehört Oliver?“

„Zu den Milchsuppengesichtern. Ich kenne so ein Rindfleischgesicht — einen abscheulichen Knaben. Er hat eine Stimme wie ein Bootsknecht und ist wie ein Wolf.“

„Dann gleicht er Oliver nicht, dem Sie daher nicht zürnen dürfen.“

„Freilich gleicht er dem Oliver nicht, der vielleicht noch schlimmer ist.“

Brownlow hustete ungeduldig, was seinen Freund höchlich zu ergötzen schien.

„Ja, ja, er ist vielleicht noch schlimmer,“ fuhr Grimwig fort. „Woher ist er? Wer ist er? Was ist er? Er hat ein Fieber gehabt. Gute Menschen pflegen keine Fieber zu bekommen, wol aber schlechte. Ich habe einen Menschen gekannt, der in Jamaika gehangen wurde, weil er seinen Herrn ermordet hatte. Er hatte sechs Mal das Fieber gehabt, und wurde deshalb nicht zur Begnadigung empfohlen.“

Grimwig war im innersten Herzensgrunde sehr geneigt, anzuerkennen, dass Oliver ein ausserordentlich einnehmender Knabe wäre; allein er liebte noch mehr den Widerspruch, die Citronenschale hatte ihn gereizt, er war entschlossen, sich von Niemand sein Urtheil über einen Knaben vorschreiben zu lassen, und hatte sich aus diesen triftigen Gründen von Anfang an vorgenommen, seinem Freunde das Widerspiel zu halten. Als Brownlow daher zugestand, dass seine bisherigen Erkundigungen noch ungenügend wären, lächelte Grimwig ziemlich boshaft, und fragte, ob die Haushälterin auh wol regelmässig das Silbergeschirr nachsähe und wegschlösse, denn er würde sich eben nicht wundern, wenn sie einmal einige. Löffel oder dergleichen vermisste, u. s. w.

Brownlow, obgleich selbst etwas heftigen Temperaments, ertrug dies Alles sehr gutlaunig, da er die Sonderbarkeiten seines Freundes kannte; und da sich dieser mit dem Thee und den Semmeln sehr zufrieden bezeigte, so ging Alles weit besser, als man hätte erwarten sollen, und Oliver, der wieder heraufgerufen war, fühlte sich in des sauertöpfischen Herrn Anwesenheit leichter als zuvor. Als das Theegeschirr hinweggeräumt wurde, fragte Grimwig, wann sein Freund den Knaben zu veranlassen gedächte, ihm einen ausführlichen und wahrhaften Bericht über seine Lebensumstände und Schicksale zu erstatten?

„Morgen früh,“ erwiderte Brownlow. „Ich wünsche dabei unter vier Augen mit ihm zu sein. Komm morgen Vormittag um zehn Uhr zu mir herauf, Oliver.“

„Ja, Sir,“ sagte Oliver. Er antwortete mit einigem Stocken, weil er dadurch in Verwirrung gerathen war, dass Mr. Grimwig ihn bei seiner Frage so scharf angesehen hatte.

„Ich will Ihnen etwas sagen,“ flüsterte Grimwig Brownlow in das Ohr; „er kommt morgen früh nicht herauf zu Ihnen. Ich habe ihn beobachtet. Er betrügt Sie, Liebster.“

„Ich schwöre darauf, dass er’s nicht thut,“ entgegnete Brownlow mit Wärme.

„Ich will meinen Kopf aufessen, wenn er’s nicht thut.“

„Und ich bürge mit meinem Leben für seine Wahrhaftigkeit.“

„Und ich mit meinem Kopfe für seine Lügenhaftigkeit.“

„Wir werden sehen,“ sagte Brownlow, seinen Unwillen bemeisternd.

„Ja, ja, wir werden allerdings sehen,“ wiederholte Grimwig mit einem herausfordernden Lächeln.

Das Schicksal wollte es, dass gerade in diesem Augenblicke Frau Bedwin mit einigen Büchern hereintrat, welche Brownlow an demselben Tage von dem mehrerwähnten Bücherhändler gekauft hatte. Sie legte sie auf den Tisch und schickte sich an, wieder hinauszugehen.

„Lassen Sie den Ladenburschen noch warten,“ sagte Brownlow; „er soll etwas mit zurücknehmen — ein Päckchen Bücher und das Geld für die gekauften.“

Der Ladenbursche war aber schon wieder fortgegangen.

„Ah, das ist mir ja sehr unangenehm,“ fuhr Brown- low fort. „Der Mann braucht sein Geld, und ich würde es auch gern gesehen haben, dass er die Bücher noch heute zurückerhalten hätte.“

„Schicken Sie sie doch durch Oliver,“ siel Grimwig mit einem ironischen Lächeln ein. „Sie wissen, er wird sie ohne Zweifel richtig abliefern.“

„Ja, lassen Sie sie mich hintragen, Sir,“ sagte Oliver eifrig. „Ich will auch den ganzen Weg laufen.“

Brownlow wollte eben erklären, dass er Oliver unter keiner Bedingung hinschicken werde, als ein boshaftes Husten seines Freundes ihn bestimmte, seinen Beschluss abzuändern, um Grimwig der Ungerechtigkeit seines Argwohns zu überführen. Er hiess Oliver die Bücher hintragen, und gab ihm zugleich eine Fünfpfundnote, worauf er zehn Schillinge zurückbekommen würde.

Oliver versicherte er würde in zehn Minuten wieder da sein, verbeugte sich ehrerbietig und eilte hinaus. Frau Bedwin folgte ihm vor die Hausthür, gab ihm ausführliche Anweisungen in Betreff des nächsten Weges, und entliess ihn unter vielen wiederholten Ermahnungen, sich nicht zu überlaufen, sich nicht zu erkälten u. s. f. Es war ihr höchst unangenehm, ihn aus den Augen lassen zu müssen. Sie hätte mit Mr. Brownlow zürnen mögen, und sah Oliver nach, bis er an der nächsten Ecke angelangt war, wo er sich noch einmal umwendete und ihr freundlich zunickte.

„Er ist in höchstens zehn Minuten wieder hier,“ sagte Brownlow, und legte seine Uhr auf den Tisch. „Es wird bis dahin dunkel geworden sein.“

,,Sie glauben also wirklich, dass er wiederkömmt?“

„Sie nicht?“ entgegnete Brownlow lächelnd.

In seinem Freunde regte sich der Widerspruchsgeist gerade mit besonderer Lebhaftigkeit, und Brownlow’s Lächeln verstärkte ihn noch. „Nein,“ erwiderte er mit grosser Bestimmtheit. „Er steckt in einem nagelneuen Anzuge, hat ein Packet werthvoller Bücher unter dem Arme und eine Fünfpfundnote in der Tasche; er wird sich sofort wieder zu seinen alten Spiessgesellen begeben und Sie auslachen. Ich will meinen Kopf essen, wenn er sich jemals wieder hier blicken lässt.“

Er rückte näher an den Tisch, und Beide sassen in stummer Erwartung da. Es ist der Bemerkung werth, und setzt die Bedeutung in das Licht, welche wir unsern eigenen Urtheilen beilegen, und den Stolz, mit welchem wir uns auf unsere übereiltesten Schlüsse verlassen, dass Grimwig, obgleich er kein schlechtes Herz hatte, obgleich es ihn wirklich betrübt haben würde, wenn er seinen geschätzten Freund betrogen gesehen, im Augenblick eben so lebhaft wünschte als hoffte, Oliver möchte nicht wiederkommen. Aus solchen Widersprüchen ist die menschliche Natur zusammengesetzt!

Es wurde so dunkel, dass die Zahlen auf dem Zifferblatte der Uhr nicht mehr zu erkennen waren; allein die beiden alten Herren sassen forwährend da, und hefteten schweigend die Blicke auf die Uhr.

Fünfzehntes Kapitel.

Was Oliver auf dem Wege zum Bücherhändler begegnete.

Oliver’s Rückkehr wurde beiden Herren immer zweifelhafter, zu Grimwig’s Triumph und Brownlow’s tiefer Betrübniss. Ich hatte nun hier in meinem Epos in Prosa die kostbarste Veranlassung, die Leser mit vielen weisen Betrachtungen über die offenbare Unklugheit zu unterhalten, seinen Mitmenschen Gutes zu erweisen ohne Aussicht auf irdischen Lohn, oder vielmehr darüber, wie sehr es die Klugheit erfordere, in einem besonders hoffnungslosen Falle einige Liebe und Menschenfreundlichkeit an den Tag zu legen, und sodann dergleichen Schwachheiten für immer abzulegen. Die Vortheile liegen auf der Hand. Hält sich Der, dem ihr unter die Arme gegriffen, gut, und dient ihm euer geleisteter Beistand zum Wohlergehen, so erhebt er euch bis in den Himmel, ihr werdet sehr geachtete Leute, und gelangt in den Ruf, unendlich viel Gutes im Verborgenen zu thun, wovon nur der zwanzigste Theil bekannt werde; zeigt er sich als ein Undankbarer und Nichtswürdiger, so habt ihr euch in die vortreffliche Stellung gebracht, dass man euch nachsagt, ihr hättet euch höchst uneigennützig, mildthätig und dienstfertig erwiesen, wäret nur durch erfahrenen Undank und Verrath menschenfeindlich geworden, und man könne euch euer Gelübde nicht verdenken, nie wieder einem Menschenkinde beizuspringen, um nicht durch abermalige Täuschungen verletzt zu werden. Ich kenne eine Menge Personen, welche die angegebene Klugheitsregel befolgt haben, und kann versichern, dass sie in der allgemeinsten und natürlich verdientesten Achtung stehen.

Brownlow gehörte indess zu ihrer Zahl nicht, denn er blieb hartnäckig dabei, Gutes zu thun um des Guten selbst und um der Herzensberuhigung und Freude willen, die es ihm gewährte. Täuschungen raubten ihm sein Vertrauen und seine Milde und seine Menschenfreundlichkeit nicht, und Undankbarkeit von Seiten Einzelner führte ihn nicht zu dem Entschlusse, sich dafür an der ganzen leidenden Menschheit zu rächen. Ich werde daher die fraglichen vielen weisen Betrachtungen unangestellt lassen; und sollte dieser Grund ungenügend erscheinen, so kann ich noch hinzufügen, dass es obenein gänzlich ausser meiner ursprünglichen Absicht liegt.

Im finsteren Gastzimmer einer kläglichen Winkelschenke, gelegen in der schmutzigsten Gasse von Little Saffron Hill, sass bei einem Bierkruge und Branntweinglase ein Mann, in welchem trotz dem herrschenden Halbdunkel kein irgend erfahrener Polizeiagent Bill Sikes verkannt haben würde. Zu seinen Füssen lag sein weisser, rothäugiger Hund, und sei es, dass Bill seine Zeit nicht besser anzuwenden wusste, oder dass er seine üble Laune an irgend einem Gegenstande auszulassen wünschte, genug, er versetzte dem Thiere einen derben Fusstritt. Dem Hunde missfiel der offenbare Muthwille dieser Behandlung so sehr, dass er nach seines Herrn Beine schnappte, Bill ergriff wüthend das Schüreisen und sein Messer, als die Thür sich aufthat und der Hund hinausschoss. Zu einem Streite gehören dem Sprichworte gemäss Zwei, und Bill setzte daher den einmal begonnenen sogleich mit dem Eintretenden fort.

„Verdammter Jude, was trittst du zwischen mich und meinen Hund?“ schrie er ihm entgegen.

„Ich wusst’s ja nicht, mein Lieber, wusst’s ja nicht, dass Ihr wolltet dem Hunde zu Leibe,“ erwiderte Fagin demüthig.

„Spitzbube, hast du den Lärm nicht gehört?“

„So wahr mir Gott gnädig ist, nein, Bill, nicht ’nen einzigen Laut.“

„Ja freilich, du hörst nichts, gar nichts,“ entgegnete Sikes höhnisch; „ebenso wie du selbst ein- und ausschleichst, ohne dass man dich hört. Ich wollte nur, dass du jetzt der Hund wärst.“

„Warum denn?“ fragte Fagin mit einem erzwungenen Lächeln.

„Weil die Regierung, die das Leben solcher Halunken schützt, wie du einer bist, und die nicht halb so viel Muth haben, als die schlechtesten Hunde, Jedermann erlaubt, seinen Hund abzuschlachten, wenn’s ihm beliebt — darum!“ erwiderte Sikes, sein Messer mit einem sehr bedeutungsvollen Blicke wieder einsteckend.

Der Jude rieb sich die Hände, setzte sich an den Tisch, und zwang sich, über die Spasshaftigkeit des Freundes zu lachen, war jedoch offenbar nicht eben guten Muthes dabei.

„Greine nur, ja greine nur,“ sagte Sikes, ihn mit verächtlichem Trotze anblickend; „über mich sollst du doch nicht lachen, es müsste denn unter der Nachtmütze sein am Galgen. Ich habe die Hand oben, Fagin, und will verdammt sein, wenn ich dir den Daum nicht auf’m Auge halte. Baumele ich, baumelst du auch; also hüte dich vor mir und trag’ hübsch Sorge für mich.“

„Schon gut, mein Lieber,“ fiel der Jude ein; „ich weiss das Alles; Gewinn und Gefahr ist gemeinschaftlich bei uns.“

„Hm!“ murrte Sikes, als wenn er dächte, der Gewinn möchte wol zumeist auf des Juden Seite sein. „Was hast du mir denn aber zu sagen?“

„’S ist Alles in den Schmelztiegel gewandert und glücklich wieder heraus — da ist Euer Antheil. Ihr erhaltet eigentlich mehr, als Ihr solltet, mein Lieber; doch da ich weiss, dass Ihr mir schon ’mal wieder sein werdet gefällig, und —“

„Halt ein mit dem Schwätzen,“ unterbrach ihn Sikes ungeduldig. „Wo ist’s? Her damit!“

„Ja, ja doch, Bill; gönnt mir nur Zeit. Da ist’s,“ versetzte Fagin, zog ein altes baumwollenes Taschentuch, hervor, knöpfte einen Knoten auf, und reichte Sikes ein Päckchen, der es öffnete und die Goldstücke hastig zu zählen anfing.

„Ist das Alles?“ fragte Sikes.

„Ja, Alles.“

„Hast du auch das Päckchen nicht aufgemacht auf dem Wege und ein paar Stück verschluckt? Stell’ dich nur nicht beleidigt — hast’s ja schon oft gethan. Greif’ an Bimbam.“

Fagin klingelte, und es erschien ein anderer Jude, der jünger war, aber nicht weniger zurücksossend und spitzbübisch aussah. Sikes wies stumm nach dem leeren Kruge hin, Jener verstand den Wink und ging wieder hinaus, jedoch nicht ohne Fagin vorher einen Blick zugeworfen zu haben, den dieser durch ein kaum bemerkbares Kopfschütteln beantwortete. Sikes hatte sich zufällig gebückt; hätte er den Blick des einen und das Kopfschütteln des andern Juden gewahrt, so möchte er der Meinung gewesen sein, dass ihm diese Pantomimen nichts Gutes bedeuteten.

„Ist Niemand hier, Barney?“ fragte Fagin den wieder eintretenden Juden.

„Blos Miss Nancy.“

„Schick sie herein,“ sagte Sikes.

Barney blickte Fagin fragend an, ging und kehrte gleich darauf mit Nancy zurück.

„Du bist auf der Spur, Nancy, nicht wahr, mein Engel?“ fragte Bill, und reichte ihr ein gefülltes Glas.

„Ja, Bill,“ erwiderte die junge Dame, nachdem sie das Glas geleert hatte; „hab’ aber Mühe genug gehabt. Er ist krank gewesen, und —“

Nancy bemerkte ein Augenzwinkern Fagin’s, das eine Warnung vor übergrosser Mittheilsamkeit zu bedeuten schien. Sie brach ab, und fing an von anderen Gegenständen zu reden. Nach zehn Minuten bekam Fagin einen Husten, worauf Nancy erklärte, dass es Zeit sei, zu gehen. Sikes sagte, dass er sie eine Strecke begleiten wolle, da er denselben Weg habe. Sie entfernten sich daher mit einander. Der Hund folgte in einiger Entfernung. Fagin sah Sikes durch das Fenster nach, schüttelte die geballte Faust hinter ihm, murmelte eine grimmige Verwünschung, setzte sich mit einem schauerlichen Greinen wieder an den Tisch, und war bald darauf in das Londoner Polizeiblatt vertieft.

Oliver befand sich unterdess auf dem Wege zum Bücherhändler, ohne zu ahnen, dass er dem lustigen alten Juden so nahe wäre. Er gerieth in eine Nebengasse unweit Clerkenwall, bemerkte seinen Irrthum erst, als er sie bereits über die Hälfte durchwandert hatte, und hielt es für das Beste, um keine Zeit zu verlieren, ihr zu folgen, da sie ihn, wie er meinte, auch an sein Ziel führen müsse. Er trabte munter vorwärts, und dachte an sein Glück, und was er darum geben würde, wenn er den armen kleinen Dick daran Theil nehmen lassen könnte, als er durch den lauten Ruf: „O mein lieber kleiner Bruder!“ aus seinen Träumereien aufgeschreckt wurde. Als er aufblickte, umschlossen ihn schon die Arme eines Frauenzimmers. Er sträubte sich und suchte sich loszumachen, allein das Frauenzimmer hielt ihn nur um so fester, und rief und frohlockte laut:

„O gütiger Himmel! Endlich hab’ ich dich gefunden. Ach, Oliver, o du böser Junge, was hab’ ich um deinetwillen ausgestanden! Gott sei Dank, dass ich dich endlich gefunden habe!“

Das junge Frauenzimmer brach in eine Thränenflut aus, und schien so heftige Krämpfe zu bekommen, dass ein paar mitleidige Frauen einen dastehenden Fleischerburschen fragten, ob er nicht meinte, dass er zu einem Doctor laufen müsse, worauf der Fleischerbursche, der eine sehr grosse Ruhe, wo nicht ein beträchtliches Phlegma zu besitzen schien, erwiderte, dass seine Meinung nicht dahin ginge.

„Nein, nein, lasst mich nur,“ rief jetzt auch das junge Frauenzimmer mit dem Körbchen und Hausschlüssel; „ich fühle mich schon besser. Und nun komm, mein Junge, geh’ sogleich mit mir, mein böser kleiner Liebling.“

„Was gibt’s denn?“ fragte eine der umstehenden Frauen.

,,Ach, er ist vor vier Wochen seinen Eltern entlaufen, guten Leuten, die sich redlich von ihrer Hände Arbeit nähren, und hat sich unter Gauner und Landstreicher begeben, dass seine Mutter fast vor Kummer gestorben wäre.“

„O du kleiner Bösewicht! — Mach’, dass du nach Hause kömmst, du ungerathene Creatur!“ riefen die Weiber.

„Ich bin meinen Eltern nicht entlaufen!“ rief Oliver in grosser Angst. „Ich habe weder Schwester, noch Eltern. Ich wohne in Pentonville.“

„Ach du gütiger Himmel, wie trotzig er schon geworden ist!“ schluchzte das junge Frauenzimmer.

„Ei, Nancy!“ rief Oliver, der jetzt erst ihr Gesicht sah, im höchsten Erstaunen aus.

„Seht ihr wol, dass er mich kennt,“ sagte Nancy. „Helft mir ihn nach Hause bringen, lieben Leute; seine Eltern und wir Alle sterben sonst noch vor Kummer über ihn.“

„Zu allen Teufeln, was ist das hier?“ schrie ein aus einem Bierladen hervorstürzender Mann. „Oliver, Satansbrut, komm augenblicklich mit nach Hause!“

Er fasste Oliver beim Kragen; der Knabe rief und jammerte nach Hilfe.

„Hilfe!“ polterte Sikes. „Ich will dir gleich helfen. Was sind das für Bücher? Ohne Zweifel gestohlen — her damit!“

Er entriss ihm das Päckchen, und versetzte ihm damit einen heftigen Schlag auf den Kopf.

„So ist’s schön — das wird ihm den Trotzkopf schon zurecht setzen,“ riefen die Weiber.

„Sollt’s auch meinen,“ sagte Sikes, wiederholte die Schläge, forderte Oliver auf, sofort ohne Sträuben mitzugehen, und machte ihn auf den bissigen Hund an seinen Fersen aufmerksam.

Noch schwach von seiner Krankheit, betäubt durch die Schläge und das Ueberraschende des ganzen Vorgangs, in Schrecken gesetzt durch das Knurren des Hundes und die Brutalität des baumstarken Mannes, und überwältigt durch den Beifall, den die Umstehenden seinen Angreifern gaben — was konnte das geängstete Kind thun? Es war dunkel geworden, die Gasse sah an sich selbst schon verdächtig aus, Hilfe war nirgends zu erblicken, Widerstand nutzlos. Ohne recht zu wissen, wie ihm geschah; fühlte sich Oliver durch ein Labyrinth von engen Strassen geschleppt, und sein jeweiliges Rufen verhalte um so mehr, da er so schnell fortgerissen wurde, dass er keinen Augenblick zu Athem kommen konnte; doch würde es auch von Niemand beachtet worden sein.

—————

Die Gaslampen waren angezündet: Frau Bedwin erwartete mit Herzpochender Ungeduld, dass die Hausthür sich aufthun würde; die Magd war zwanzig Mal die Strasse hinuntergelaufen, um nach Oliver auszusehen; die beiden alten Herren sassen beharrlich im Dunkeln neben der zwischen ihnen liegenden Uhr.

Sechzehntes Kapitel.

Was sich mit dem entführten Oliver begab.

Es wurde immer finsterer, der Nebel immer dichter, und bald fing es auch an zu regnen. Nancy vermochte selbst kaum Schritt zu halten mit Sikes, der Oliver halb trug und ihn halb gehen oder laufen liess. Sie hatten Smithfield erreicht, als tiefe Glockenklänge die Stunde verkündeten. Sikes und Nancy standen bei den ersten Schlägen still, und wendeten sich um nach der Richtung, aus welcher die Töne erschallten.

„Acht Uhr, Bill,“ sagte Nancy.

„Ich habe selbst Ohren,“ erwiderte Sikes mürrisch.

„Ich möchte wol wissen, ob sie es schlagen hören können?“ fuhr Nancy fort.

„Natürlich können sie’s,“ sagte Sikes. „Es war um Bartholmäi, als ich in Dobes 11 gesteckt wurde, und auf dem ganzen Markt schnarrte keine Pfennigtrompete, die ich nicht gehört hätte. Nachdem ich für die Nacht eingeschlossen war, machte der Lärm und das Getöse draussen das vermaledeite alte Gefängniss so still und einsam, dass ich mir den Kopf hätte einrennen mögen an den Basteln.“ 12

„Die armen Bursche! Ach, Bill, was sie für schmucke junge Leute sind!“

„Ja, ja, so sprecht ihr Weibsbilder alle! Schmucke junge Leute! Doch sie sind so gut wie todt, also mag’s gleichviel sein.“

Er fasste den Knaben wieder fester und trieb zur Eile an.

„Noch einen Augenblick,“ sagte das Mädchen; „ich würde nicht vorbeilaufen, wenn Ihr’s wär’t, der zum Galgen herausgeführt würde, wenn’s wieder acht schlägt. Ich würde auf und nieder travallen, bis ich niedersänke, und wenn fusshoher Schnee läge, und ich hätte kein warmes Tuch, mich einzuhüllen.“

„Das sollte mir wol viel helfen,“ bemerkte der nichtsentimentale Sikes. „Könnt’st du mir nicht ä Kulm 13 und ä zwanzig Ellen Kabot 14 ’neinpracticiren, so möcht’st du funfzig Meilen laufen, oder ganz zu Hause bleiben, es wäre mir Alles nichts nütze. Vorwärts, steh’ hier und paternelle 15 nicht!“

Das Mädchen brach in ein Gelächter aus, ergriff Oliver’s Hand, und sie eilten weiter. Oliver fühlte, dass ihre Finger zitterten, und als sie an einer Gaslampe vorüberkamen, sah er, dass ihr Gesicht todtenblass war.

Sie lenkten nach einer halben Stunde in eine enge, schmutzige Gasse ein, die fast ganz von Trödlern bewohnt zu sein schien, und standen vor einem verschlossenen Laden still. Das Haus schien unbewohnt zu sein, und sah halb verfallen aus. Ueber der Thür war eine Tafel angenagelt, auf welcher zu lesen war, dass das Haus zu vermiethen sei; sie schien jedoch dort schon Jahre lang befestigt gewesen zu sein.

„Alles gut; sagte Sikes, vorsichtig umherlugend. Er klopfte auf eine besondere Weise, die Thür wurde leise geöffnet, und im Augenblick befanden sich alle Drei auf der Hausflur. Ein Licht zeigte den Weg. Sie stiegen einige Treppenstufen hinunter, gingen durch eine leere Küche, und traten in ein niedriges, dumpfiges Gemach ein. Ein lautes Gelächter schallte ihnen entgegen. Charley Bates wälzte sich im eigentlichen Sinne vor Vergnügen über den gar zu kostbaren Spass auf dem Boden, riss sodann Jack Dawkins das Licht aus der Hand, hielt es Oliver dicht vor das Gesicht, und beschanete ihn von allen Seiten, während ihm Fagin scherzhafterweise tiefe Verbeugungen machte, und der gepfefferte Baldoberer, der von ernsterem Wesen war, und sich nicht leicht der Heiterkeit überliess, wenn es Geschäfte zu verrichten galt, sorgfältig seine Taschen durchsuchte.

„Ich freue mich unendlich, Sie so wohl zu sehen, mein Lieber,“ sagte der Jude. „Der Gepfefferte soll Ihnen geben einen andern Anzug, damit Sie den sonntäglichen nicht verderben gleich. Warum schrieben Sie’s nicht, dass Sie kommen wollten — wir hätten dann treffen können noch bessere Vorbereitungen — aber Sie sollen dennoch etwas Warmes bekommen zum Abendbrod.“

Jetzt lächelte sogar der Baldoberer; da er jedoch in diesem Augenblicke die Fünfpfundnote hervorzog, so ist es zweifelhaft, ob der Witz Fagin’s, oder die erfreuliche Entdeckung seine Heiterkeit erregte.

„Holla, was ist das?“ rief Sikes, und trat auf den Juden zu, als derselbe die Banknote hinnahm. „Diese ist mein, Fagin!“

„Nein, nein, mein Lieber,“ entgegnete der Jude. „Mein, Bill, mein; Ihr sollt die Bücher haben.“

„Bekomm’ ich und Nancy sie nicht,“ sagte Sikes, mit entschlossener Miene den Hut aufsetzend, „so bring’ ich den Buben wieder zurück.“

Der Jude fuhr empor, und. Oliver gleichfalls, obgleich aus einem ganz anderen Grunde; er hoffte der Streit würde damit enden, dass man ihn wieder nach Pentonville zurückbrächte. Allein Sikes entriss dem Juden unter Schelten und Drohen die Banknote, faltete sie kaltblütig zusammen und knüpfte sie in den Zipfel seines Halstuchs.

„’S ist für unsere Mühe, und noch nicht halb genug,“ sagte er. „Behaltet Ihr die Bücher, wenn Ihr gern lest, und wo nicht, schlagt sie los!“

„Es sind prächtige Bücher; nicht wahr, Oliver?“ fiel Charley Bates ein, als er die klägliche Miene gewahrte, womit Oliver zu seinen Peinigern emporblickte.

„Sie gehören dem alten Herrn,“ sagte Oliver händeringend, „dem lieben, guten alten Herrn, der mich in sein Haus nahm und mich pflegen liess, als ich todtkrank lag. O bitte, schickt sie zurück, schickt ihm die Bücher und das Geld zurück! Behaltet mich hier mein Leben lang, aber bitte, bitte, schickt sie nur zurück. Er wird glauben, dass ich sie gestohlen hätte — und die alte Dame und Alle, die so freundlich gegen mich waren, werden es denken. O, habt Erbarmen, und schickt die Bücher und das Geld zurück!“

Oliver fiel vor dem Juden auf die Knie nieder und hob flehend und ganz in Berzweiflung die Hände zu ihm empor.

„Der Bube hat Recht,“ sagte Fagin, listig umherblickend und die buschigen Augenbrauen zusammenkneifend. „Du hast Recht, Oliver, hast ganz Recht; sie werden allerdings glauben, dass du sie gestohlen hast. Ha, ha, ha!“ kicherte er und rieb sich die Hände; „es hätte sich ganz unmöglich treffen können besser, und wenn wir noch so gut gewählt hätten die Zeit.“

„Versteht sich,“ fiel Sikes ein; „ich wusst’s gleich im selbigen Augenblick, als ich ihn durch Clerkenwall mit den Büchern unterm Arme daherkommen sah. ’S ist nun Alles gut. Es müssen schwachköpfige Bethrüder sein — hätten ihn sonst gar nicht eingenommen; und sie werden auch keine Nachfrage anstellen, aus Furcht, dass sie ihn anklagen müssten und ihn gerumpelt 16 zu sehen. Wir haben ihn jetzt fest genug.“

Oliver hatte unterdess bald Sikes, bald Fagin angesehen, als wenn er ganz betäubt wäre und kaum verstände, was gesprochen wurde; allein bei Bill’s letzten Worten sprang er plötzlich empor, und stürzte unter einem Geschrei nach Hilfe aus der Thür hinaus, dass die nackten Wände des Hauses davon wiederhallten.

„Halt’ den Hund zurück, Bill,“ schrie Nancy, und eilte vor die Thür und verschloss sie, als der Jude mit seinen beiden Zöglingen Oliver nachgestürzt war; „halt’ den Hund zurück; er reisst ihn in Stücke!“

„Ist ihm gerade recht!“ rief Sikes, und suchte sich von dem Mädchen loszumachen. „Lass mich los, oder ich renn’ dir den Kopf gegen die Wand!“

„Ist mir Alles gleichviel, Bill, ist mir Alles gleichviel,“ schrie das Mädchen, sich heftig gegen ihn sträubend; „er soll nicht von dem Hunde zerrissen werden, und wenn es mein Tod ist!“

„So!“ tobte Sikes; „sollst nicht lange warten auf deinen Tod, wenn du nicht im Augenblick ablässest!“

Er schleuderte sie in die fernste Ecke des Gemachs, gerade als der Jude, Jack und Charley den Flüchtling wieder hereinschleppten.

„Was gibt’s hier?“ fragte Fagin.

„Ich glaube, die Dirne ist tot geworden,“ erwiderte Sikes in Wuth.

„Nein, ich bin nicht toll,“ rief Nancy blass und athemlos dazwischen; „nein, Fagin, glaubt’s nicht!“

„Dann sei ruhig — willst du wol?“ sagte der Jude mit drohender Geberde.

„Das will ich auch nicht!“ erwiderte Nancy mehr schreiend, als redend. „Was willst du nun?“

Mr. Fagin war mit den Sitten und Gebräuchen der Species des Menschheitsgenus hinlänglich bekannt, welcher Miss Nancy angehörte, um sich ziemlich überzeugt zu fühlen, dass es einigermassen gefährlich sein würde, die Unterhaltung mit ihr für den Augenblick fortzusetzen. Er wendete sich daher, um die Aufmerksamkeit der Gesellschaft abzulenken, zu Oliver.

„Du wolltest also fortlaufen, mein Lieber?“ sagte er, einen Knotenstock aufhebend, der am Kamine lag; „wolltest rufen die Polizei — nicht wahr, mein Schatz? Ich will dich von der Krankheit curiren, lieber Engel!“

Er hatte bei diesen Worten Oliver beim Arme gefasst, versetzte ihm einen Schlag über den Rücken und hob den Knotenstock wieder empor, als Nancy auf ihn zustürzte, ihm den Stock aus der Hand riss und in das Feuer schleuderte.

„Ich leid’s nimmermehr, Fagin!“ schrie sie. „Ihr habt den Knaben, und was wollt Ihr mehr?“ Lasst ihn — lasst ihn zufrieden, oder ich thue etwas an Euch, das mich vor meiner Zeit an den Galgen bringt!“ Sie stampfte bei dieser Drohung heftig mit den Füssen, und blickte mit verbissenen Lippen, geballten Fäusten und blass vor Zorn und Wuth wechselweis den Juden und Sikes an.

„Ah, Nancy!“ sagte der Jude nach einer kurzen verlegenen Pause beschwichtigend; „du — du übertriffst dich wirklich heute Abend selbst — ha, ha, ha! — spielst ganz prachtvoll deine Rolle, liebes Kind!“

„So!“ entgegnete Nancy; „nehmt Euch nur in Acht, dass ich sie nicht zu gut für Euch spiele. Ich sag’ es Euch vorher, Ihr werdet Euch sehr schlecht dabei stehen!“

Es gibt wenige Männer, die sich nicht gern enthielten, ein in Wuth gerathenes und obenein von nichtsachtender Verzweiflung beseeltes Frauenzimmer noch mehr zu reizen. Der Jude sah ein, dass es ihm nichts helfen könne, sich noch länger zu stellen, als wenn er Nancy’s Zorn für blos erkünstelt hielte, fuhr unwillkürlich einige Schritte zurück, und blickte Halb zitternd, halb verzagend nach Sikes. Dieser mochte glauben, sein persönliches Ansehen fordere es, Nancy baldigst wieder zur Vernunft zu bringen, und begann daher seine Operationen mit zahlreichen und kräftigen Drohungen und Verwünschungen, wobei er den Beweis lieferte, dass er es in diesem Genre in der That zur Meisterschaft gebracht hatte. Als sie keinen sichtbaren Eindruck machten, ging er zu noch überzeugenderen Argumenten über. „Was soll das bedeuten, Dirne?“ tobte er unter Hinzufügung einer Verwünschung, die die Blindheit so gewöhnlich als die Masern machen würde, wenn der Himmel sie nur halb mal so oft wahr machte, als man sie auf Erden hört. „Was willst du damit bezwecken? Weisst du, zum Geier, wer du bist — was du bist?“

„O ja, ja, ich weiss es nur zu gut!“ erwiderte Nancy unter krampfhaftem Lachen, und den Kopf hin- und herwiegend, um gleichgültig zu erscheinen, was ihr jedoch schlecht gelang.

„Dann sei ruhig, oder ich werde dich auf ’ne lange Zeit zum Stillschweigen bringen.“

Sie lachte abermals, blickte flüchtig nach Sikes, wendete das Gesicht ab und biss sich die Lippen blutig.

„Du bist mir die Rechte, dich auf die menschenfreundliche und honette Seite zu legen!“ fuhr er verächtlich fort. „Der Bursch’ würde ’ne saubere Freundin an dir haben, wozu du dich aufwirfst!“

„Und beim allmächtigen Gott, ich bin es!“ rief sie mit leidenschaftlicher Heftigkeit; „und ich wollte lieber, dass ich auf der Strasse todt niedergefallen oder in das Gefängniss geworfen wäre, statt derer, denen wir so nahe waren, als dass ich mich dazu hergegeben hätte, ihn hierher zu bringen. Er ist von heut’ Abend an ein Dieb, ein Lügner, ein Mörder, ein Teufel und Alles, was nur schlecht und verworfen heissen mag; — ist das nicht genug für den alten Halunken — muss er ihn obenein schlagen?“

„Hört, Bill,“ fiel der Jude dringend und nach dem mit gespanntem Ohr zuhörenden Knaben hindeutend ein; „wir müssen freundliche Worte gebrauchen, freundliche Worte, Bill.“

„Freundliche Worte!“ schrie das in seiner Wuth schrecklich aussehende Mädchen; „freundliche Worte, Ihr Schuft? Ja, die verdient Ihr auch von mir! Ich habe gestohlen für Euch, als ich noch nicht halb so alt war, als dies Kind hier, und bin im selbigen. Geschäft und im selbigen Dienst seit zwölf Jahren gewesen; wisst Ihr das nicht? Sprecht, wisst Ihr es nicht?“

„Ja, ja doch,“ erwiderte der Jude besänftigend; „du hast ja aber auch davon dein Brod.“

„Freilich, ich habe mein Bettelbrod davon,“ schrie sie immer heftiger, „und die kalten, nassen, schmutzigen Strassen sind meine Wohnung; und Ihr seid der ruchlose Mann, der mich Tag und Nacht hinaustreibt, und mich Tag und Nacht hinaustreiben wird, bis ich im Grabe liege.“

Die Galle des Juden wurde erregt, er drohete ihr, sie zerraufte ihr Haar, stürzte auf ihn zu, und auf seinem Gesichte würden ohne Zweifel sichtliche Spuren ihrer Rache zurückgeblieben sein, hätte nicht Sikes eben noch zur rechten Zeit ihre Arme festgehalten. Sie bemühete sich vergeblich, sich von ihm loszureissen, und sank in Ohnmacht. Sikes legte sie auf eine Art Lager nieder, und bemerkte ruhig, es sei nun Alles gut, da sie im Zorn grosse Armstärke besässe. Der Jude wischte sich die Stirn und lächelte; und sowol er, als Sikes und die Knaben schienen den ganzen Vorfall als einen gewöhnlichen, im Geschäft häufig vorkommenden zu betrachten.

„Nicht wahr, Fagin, er soll morgen seine besten Kleider nicht tragen?“ fragte Charley Bates greinend, und der Jude verneinte, Charley’s liebliches Greinen erwidernd. Master Bates schien sich seines Auftrags höchlich zu freuen, führte Oliver in das anstossende Gemach, in welchem einige Betten der Art standen, wie er sie bereits kennen gelernt, und zog mit unbezwinglichem Gelächter die alten Kleidungsstücke hervor, die sich Oliver so viel Glück gewünscht, ablegen zu dürfen, und die Fagin auf die erste Spur seines Aufenthalts bei Mr. Brownlow gebracht hatten.

„Zieh’ die Sonntägischen aus,“ sagte. Charley, „ich will sie Fagin zum Aufheben geben. Welch’ ein prächtiger Spass!“

Der arme Oliver gehorchte widerstrebend, und wurde darauf von Charley im Dunkeln gelassen und eingeschlossen. Master Bates’ Gelächter und die Stimme Betsy’s, die nach einiger Zeit erschien und ihre Freundin zum Bewusstsein zurückzurufen sich bemühete, wären gar wohl geeignet gewesen, ihn unter anderen Umständen wach zu erhalten; allein er war erschöpft und unwohl, und schlief daher bald ein.

Бесплатный фрагмент закончился.

Текст, доступен аудиоформат
5,0
1 оценка
540,09 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Объем:
440 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9788726479812
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги