Читать книгу: «Bevor er Tötet»
B E V O R E R T Ö T E T
(EIN MACKENZIE WHITE KRIMI—BUCH 1)
B L A K E P I E R C E
Blake Pierce
Blake Pierce ist die Autorin der Bestseller Krimireihe RILEY PAGE, die bisher die spannenden Thriller VERSCHWUNDEN (Buch #1), GEFESSELT (Buch #2), ERSEHNT (Buch #3), und GEKÖDERT (Buch #4) umfasst. Blake Pierce ist ebenfalls die Autorin der MACKENZIE WHITE Krimireihe sowie der AVERY BLACK Krimireihe.
Blake Pierce ist eine begeisterte Leserin und schon ihr ganzes Leben lang ein Fan des Krimi- und Thrillergenres. Blake liebt es von Ihnen zu hören, also besuchen Sie www.blakepierceauthor.com und bleiben Sie in Kontakt!
Copyright © 2016 by Blake Pierce. Alle Rechte vorbehalten. Außer, wie gemäß dem U.S Copyright Gesetz von 1976 ausdrücklich erlaubt, darf kein Teil dieser Veröffentlichung ohne vorherige Erlaubnis der Autorin vervielfältigt, verbreitet oder in irgendeiner Weise oder in irgendeiner Form übertragen, in einer Datenbank oder in einem Datenabfragesystem gespeichert werden. Dieses E-Book ist nur für den persönlichen Gebrauch zugelassen. Dieses E-Book darf nicht weiterverkauft oder an andere Menschen weitergegeben werden. Wenn Sie sich dieses E-Book mit einer anderen Person teilen möchten, kaufen Sie sich bitte eine zusätzliche Kopie für jeden weiteren Empfänger. Wenn Sie dieses Buch lesen, es jedoch nicht selbst gekauft haben und es auch nicht für ausschließlich Ihren Gebrauch gekauft wurde, dann geben Sie es bitte zurück und erwerben eine eigene Kopie. Vielen Dank für Ihren Respekt für die harte Arbeit dieser Autorin. Bei diesem Buch handelt es sich um Fiktion. Namen, Charaktere, Unternehmen, Organisationen, Orte, Veranstaltungen und Vorkommnisse sind entweder das Produkt der Fantasie des Autors oder sind fiktiv eingesetzt. Jede Ähnlichkeit mit reellen Personen, lebend oder tot, ist reiner Zufall. Buchumschlagabbildung Copyright lassedesignen, unter Lizenz von Stutterstock.com.
BÜCHER VON BLAKE PIERCE
RILEY PAIGE KRIMIREIHE
VERSCHWUNDEN (Buch #1)
GEFESSELT (Buch #2)
ERSEHNT (Buch #3)
GEKÖDERT (Buch #4)
MACKENZIE WHITE KRIMIREIHE
BEVOR ER TÖTET (Buch #1)
BEVOR ER SIEHT (Buch #2)
AVERY BLACK KRIMIREIHE
GRUND ZU TÖTEN (Buch #1)
GRUND ZUM LAUFEN (Buch #2)
INHALT
PROLOG
KAPITEL EINS
KAPITEL ZWEI
KAPITEL DREI
KAPITEL VIER
KAPITEL FÜNF
KAPITEL SECHS
KAPITEL SIEBEN
KAPITEL ACHT
KAPITEL NEUN
KAPITEL ZEHN
KAPITEL ELF
KAPITEL ZWÖLF
KAPITEL DREIZEHN
KAPITEL VIERZEHN
KAPITEL FÜNFZEHN
KAPITEL SECHSZEHN
KAPITEL SIEBZEHN
KAPITEL ACHTZEHN
KAPITEL NEUNZEHN
KAPITEL ZWANZIG
KAPITEL EINUNDZWANZIG
KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG
KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG
KAPITEL VIERUNDZWANZIG
KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG
KAPITEL SECHSUNDZWANZIG
KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG
KAPITEL ACHTUNDZWANZIG
KAPITEL NEUNUNDZWANZIG
KAPITEL DREISSIG
KAPITEL EINDUNDDREISSIG
KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG
KAPITEL DREIUNDDREISSIG
KAPITEL VIERUNDDREISSIG
KAPITEL FÜNFUNDDREISSIG
KAPITEL SECHSUNDDREISSIG
PROLOG
Zu jeder anderen Zeit hätten ihr die ersten Lichtstrahlen am frühen Morgen gefallen, die auf die Spitzen der Maisstängel fielen. Sie beobachtete, wie das erste Tageslicht über die Halme strich und somit ein gedecktes Gold erschuf, in dem sie sich anstrengte, etwas Schönes zu sehen.
Sie musste sich selbst ablenken – sonst würde der Schmerz unerträglich werden.
Sie war an eine große Holzstange gefesselt, die an ihrem Rücken verlief und noch etwas mehr als einen halben Meter über ihren Kopf hinausragte. Ihre Hände waren hinter ihr an die Stange gefesselt. Sie trug nur schwarze Spitzenunterwäsche und einen BH, der ihre bereits üppige Brust noch weiter zusammendrückte und nach oben schob. Dieser BH brachte ihr im Strip Club am meisten Trinkgeld ein und sorgte dafür, dass ihre Brüste immer noch wie die einer Einundzwanzigjährigen anstatt einer vierunddreißigjährigen, zweifachen Mutter aussahen.
Die Stange rieb an ihrem nackten Rücken, der schon ganz wund war. Doch der Schmerz war noch lange nicht so groß wie der, den ihr der Mann mit der dunklen, unheimlichen Stimme zugefügt hatte.
Ihr ganzer Körper spannte sich an, als sie ihn hinter sich laufen hörte, seine Schritte waren ganz sanft auf der Lichtung des Maisfeldes. Sie vernahm jedoch noch ein anderes, ein leiseres Geräusch. Er zog etwas hinter sich her. Die Peitsche, erkannte sie, mit der er sie geschlagen hatte. Sie hatte sie nur einmal zu Gesicht bekommen – doch was hatte ihr schon gereicht.
Ihr Rücken brannte aufgrund der vielen Schläge und allein zu hören, wie das Teil über den Boden gezogen wurde, löste Panik in ihr aus. Sie schrie – zum gefühlt hundertsten Mal in dieser Nacht – doch er schien im Maisfeld verschluckt zu werden. Zuerst hatte sie um Hilfe gerufen, in der Hoffnung, dass jemand sie hören würde. Doch im Laufe der Zeit waren sie zu Schmerzensschreien übergegangen, wie nur von Menschen ausstoßen, die wissen, dass ihnen niemand zur Hilfe kam.
„Ich werde es in Betracht ziehen, dich gehen zu lassen“, sagte der Mann.
Seine Stimme klang wie die eines Menschen, der gerne rauchte oder viel schrie. Außerdem gab er beim Sprechen einen seltsamen, lispelnden Laut von sich.
„Aber zuerst musst du deine Verbrechen gestehen.“
Das hatte er schon viermal gesagt. Sie zerbrach sich erneut den Kopf darüber. Sie hatte keine Verbrechen zu gestehen. Sie hatte jeden, den sie kannte, nett und zuvorkommend behandelt, sie war eine gute Mutter – zwar nicht so gut, wie sie es gerne wäre – doch sie gab sich wenigstens Mühe.
Was wollte er von ihr?
Erneut schrie sie und versuchte, ihren Rücken gegen die Stange zu wölben. Dabei spürte sie, wie die Seile um ihre Handgelenke ein winziges Stück nachgaben. Sie fühlte aber auch, wie sich ihr klebriges Blut an dem Seil sammelte.
„Gestehe deine Verbrechen“, wiederholte er.
„Ich weiß nicht, wovon Sie reden!“, stöhnte sie.
„Du wirst dich daran erinnern“, gab er zurück.
Das hatte ebenfalls schon gesagt. Und zwar vor jedem –
Ein leises Flüstern zog durch die Luft, als die Peitsche durch die Luft geschwungen wurde.
Sie schrie und wand sich an der Stange, als sie von dem Ding getroffen wurde.
Neues Blut floss aus neuen Wunden, doch sie bekam es kaum mit. Stattdessen konzentrierte sie sich auf ihre Handgelenke. Das Blut, das sich dort im Laufe der letzten Stunde oder sogar noch länger gesammelt hatte, vermischte sich nun mit ihrem Schweiß. Sie konnte einen kleinen Spalt zwischen dem Seil und ihren Handgelenken ertasten und dachte, dass sie vielleicht entkommen könnte. Sie spürte, wie ihr Geist versuchte, abzuschweifen und sich von der Wirklichkeit zu lösen.
Zisch!
Dieser Schlag traf sie direkt auf der Schulter, was sie zum Schreien brachte.
„Bitte“, sagte sie. „Ich tue alles, was Sie von mir wollen! Lassen Sie mich einfach nur gehen!“
„Gesteh deine –“
Sie zog ihre Arme so fest sie konnte nach vorne. Ein scharfer Schmerz zuckte durch ihre Schultern, doch sie war sofort frei. Das Seil rieb über ihre Handoberfläche, was ein Brennen verursachte, doch es war nichts im Vergleich zu dem Schmerz an ihrem Rücken.
Sie zog so stark nach vorne, dass sie fast auf ihre Knie fiel und ihre Flucht vereitelte. Doch ihr primitiver Selbsterhaltungstrieb übernahm die Kontrolle über ihre Muskeln und bevor sie es überhaupt realisierte, rannte sie schon davon.
Sie rannte so schnell sie konnte, erstaunt, dass sie wirklich frei war, dass ihre Beine noch funktionierten, nachdem sie so lange gefesselt gewesen waren. Doch das würde sie jetzt nicht in Frage stellen.
Sie stürmte durch den Mais, die großen Stängel schlugen gegen ihre Gliedmaßen. Die Blätter und Äste schienen nach ihr greifen zu wollen und strichen über ihren verwundeten Rücken wie runzelige Finger. Sie schnappte nach Atem und konzentrierte sich darauf, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Sie wusste, dass die Straße ganz in der Nähe war. Sie musste nur weiter rennen und den Schmerz ignorieren.
Hinter sich hörte sie den Mann lachen. Es hörte sich so an wie das Lachen eines Monsters, das sich schon seit Jahrhunderten in dem Maisfeld versteckte.
Sie wimmerte, doch blieb nicht stehen, ihre nackten Füße stapften in den Dreck und ihr größtenteils nackter Körper schob die Maisstängel zur Seite. In diesem Moment versprach sie sich, dass sie nie wieder strippen würde, wenn sie aus der ganzen Sache hier lebend herauskäme. Sie würde sich einen besseren Job suchen, eine bessere Art, um für ihre Kinder zu sorgen.
Dieser Gedanke entzündete einen Funken in ihr, der sie schneller rennen ließ, sodass sie nun geradezu durch den Mais flog. Sie rannte so schnell sie konnte. Wenn sie einfach nur weiter rannte, dann würde sie ihm entkommen. Die Straße musste direkt um die Ecke sein. Oder etwa nicht?
Vielleicht. Aber auch wenn es so wäre, dann gäbe es keine Garantie, dass auch jemand unterwegs ist. Es war noch nicht einmal sechs Uhr morgens, zu dieser Tageszeit waren die Straßen Nebraskas oft noch recht einsam.
Vor ihr öffneten sich die Stängel. Das trübe Licht des Morgengrauens drang zu ihr hindurch und ihr Herz machte einen Sprung, als sie die Straße sah.
Sie sprang durch die letzten Stängel und konnte ihr Glück kaum fassen, als sie das Geräusch eines sich nähernden Motors hörte. Neue Hoffnung erfüllte sie.
Sie sah das Licht sich nähernder Scheinwerfer, weshalb sie sogar noch schneller rannte. Sie war so nahe, dass sie den dampfenden Asphalt riechen konnte.
Sie erreichte den Rand des Maisfeldes, gerade als ein roter Pickup vorbeifuhr. Sie schrie und winkte wild mit den Händen.
„BITTE!“, schrie sie.
Doch zu ihrem Entsetzen brummte der Truck an ihr vorbei.
Sie winkte, während ihr Tränen aus den Augen quollen. Vielleicht, wenn der der Fahrer in seinen Rückspiegel schaute –
Zisch!
Ein scharfer und stechender Schmerz explodierte in ihrer linken Kniekehle, weshalb sie zu Boden fiel.
Sie schrie und versuchte, auf die Beine zu kommen, doch sie spürte, wie sie von einer kräftigen Hand an den Haaren gepackt und zurück ins Maisfeld gezogen wurde.
Sie versuchte sich zu bewegen, auszubrechen, doch dieses Mal gab es kein Entrinnen.
Sie spürte noch einen letzten Peitschenschlag, dann verlor sie endlich das Bewusstsein.
Sie wusste, dass all das hier bald zu Ende sein würde: Die Geräusche, die Peitsche, der Schmerz – und ihr kurzes, schmerzerfülltes Leben.
KAPITEL EINS
Detective Mackenzie White bereitete sich auf das Schlimmste vor, als sie an diesem Nachmittag durch das Maisfeld wanderte. Die Maisstängel, gegen die sie im Hindurchlaufen mit ihrer Jacke strich, erzeugten ein dumpfes Geräusch, das ihr auf die Nerven ging. Es schien ihr, als ob die Lichtung, die sie suchte, meilenweit entfernt wäre.
Als sie sie schließlich erreichte, blieb sie wie angewurzelt stehen und wünschte sich, an jedem anderen Ort zu sein. Dort hing der tote, größtenteils nackte Körper einer Frau in ihren Dreißigern an einer Stange, auf ihrem Gesicht war der Ausdruck der Angst und des Leids eingebrannt. Es war ein Ausdruck, den Mackenzie sich wünschte, nie gesehen zu haben – und sie wusste, dass sie ihn nie wieder vergessen könnte.
Auf der Lichtung standen fünf Polizisten, die jedoch nichts Bestimmtes taten. Sie versuchten, beschäftigt auszusehen, doch sie wusste, dass es nur Schau war. Sie war sich sicher, dass keiner von ihnen so etwas schon einmal gesehen hatte. Mackenzie erkannte sofort, nachdem sie die blonde, an die hölzerne Stange gefesselte Frau sah, dass viel mehr dahintersteckte. Etwas, mit dem sie noch nie zu tun gehabt hatte. So etwas geschah normalerweise nicht in den Maisfeldern Nebraskas.
Mackenzie näherte sich der Leiche und ging langsam um sie herum. Währenddessen konnte sie die Augen der anderen Polizisten auf sich spüren. Sie wusste, dass einige von ihnen dachten, dass sie ihren Job zu ernst nähme, denn sie schaute sich alles immer einen Hauch zu genau an und suchte nach Bedrohungen und Verbindungen, die fast schon absurd schienen. Sie war eine junge Frau, die in den Augen vieler Männer auf dem Revier zu schnell die Position eines Detectives erreicht hatte, das war ihr bewusst. Sie war eine ehrgeizige junge Frau, die etwas größeres im Visier hatte, als Detective in einer Kleinstadt mitten in Nebraska zu sein.
Mackenzie ignorierte sie und konzentrierte sich stattdessen voll und ganz auf die Leiche, wobei sie die Fliegen wegscheuchte, die überall herumschwirrten. Insbesondere kreisten sie um den toten Körper der Frau, wo sie eine kleine schwarze Wolke bildeten, denn die Hitze war nicht gerade geeignet für eine Leiche. Es war schon den ganzen Sommer lang heiß gewesen und es fühlte sich so an, als ob sich all diese Wärme auf dieser Lichtung des Maisfeldes aufgestaut hätte.
Mackenzie trat näher heran und betrachtete die Frau, wobei sie versuchte, die Übelkeit und eine Welle der Traurigkeit zu unterdrücken. Der Rücken der Frau war mit Striemen übersät. Sie schauten alle gleich aus, woraus Mackenzie schloss, dass sie wohl von dem gleichen Instrument verursacht wurden. Ihr kompletter Rücken war voller Blut, das mittlerweile getrocknet und klebrig war. Die Rückseite ihres Tangas hatte sich ebenfalls damit vollgesaugt.
Als Mackenzie ihren Rundgang beende, trat ein kleiner und doch kräftiger Polizist zu ihr heran. Sie kannte ihn gut, auch wenn sie ihn nicht sonderlich mochte.
„Hallo Detective White“, sagte der Polizeichef Chief Nelson.
„Chief“, gab sie zurück.
„Wo ist Porter?“
In seiner Stimme lag nichts Herablassendes, doch sie konnte es trotzdem spüren. Dieser abgehärtete Polizeichef in seinen Fünfzigern, der aus der Gegend kam, wollte nicht, dass eine fünfundzwanzigjährige Frau versuchte, den Fall zu lösen. Walter Porter, ihr vierundfünfzig Jahre alter Partner wäre für diesen Job am besten geeignet.
„Auf der Straße“, antwortete Mackenzie. „Er redet gerade mit dem Bauer, der die Leiche gefunden hat. Er wird bald wieder hier sein.“
„Okay“, sagte Nelson, der sich sofort besser zu fühlen schien. „Was halten Sie von dem hier?“
Mackenzie wusste nicht, wie sie die Frage beantworten sollte. Sie wusste, dass er sie testete. Das hatte er von Anfang an getan, sogar bei unscheinbar kleinen Dingen auf dem Polizeirevier. Das tat er bei keinem der anderen Polizisten und Detectives und sie war sich ziemlich sicher, dass er es bei ihr nur tat, weil sie jung und eine Frau war.
Ihr Bauchgefühl sagte ihr, dass es mehr als nur ein dramatisch aufgezogener Mord war. Sie konnte ihren Verdacht jedoch noch nicht begründen. Waren es die zahlreichen Striemen auf ihrem Rücken? War es die Tatsache, dass die Frau einen Körper wie aus einem Männermagazin hatte? Ihre Brüste waren definitiv nicht echt und wenn Mackenzie schätzen müsste, dann würde sie vermuten, dass auch ihr Hintern operiert worden war. Sie trug ziemlich viel Makeup, das teilweise verschmiert und durch die Tränen aufgelöst war.
„Ich denke“, sagte Mackenzie, als sie schließlich auf Nelsons Frage einging, „dass das hier ein reines Gewaltverbrechen war. Ich glaube nicht, dass die Gerichtsmediziner Anzeichen einer Vergewaltigung werden feststellen können. Die meisten Männer, die eine Frau für Sex entführen, missbrauchen sie nicht auf solche Weise, auch wenn sie vorhaben, sie danach umzubringen. Die Art ihrer Unterwäsche lässt darauf schließen, dass sie in einem provokativen Milieu tätig war. Um ehrlich zu sein, würde ich aufgrund ihres Makeups und der üppigen Fülle ihrer Brüste alle Stripclubs in Omaha anrufen und nachfragen, ob letzte Nacht eine ihrer Tänzerinnen verschwunden ist.“
„Das ist bereits geschehen“, erwiderte Nelson selbstgefällig. „Die Tote heißt Hailey Lizbrook, sie ist dreiundfünfzig Jahre alt, hat zwei Kinder und war eine Mittelklassetänzerin im Club The Runway in Omaha.“
Er ratterte die Fakten herunter, als ob er eine Bedienungsanleitung vorlesen würde. Mackenzie nahm an, dass er schon lange genug eine Position innehatte, in der Opfer keine Menschen mehr waren, sondern einfach nur Rätsel, die gelöst werden mussten.
Doch Mackenzie, die erst seit ein paar Jahren in dem Gebiet arbeitete, war nicht so abgehärtet und herzlos. Sie betrachtete die Frau mit zwei Augen, mit dem einen versuchte sie herauszufinden, was passiert war, aber mit dem anderen sah sie auch die Frau, die zwei Kinder zurückgelassen hatte – zwei Söhne, die den Rest ihres Lebens ohne ihre Mutter verbringen müssten. Dass die Frau als Mutter von zwei Kindern Stripperin war, führte Mackenzie zu der Annahme, dass sie Geldprobleme gehabt haben musste und dass sie so gut wie alles dafür getan hätte, um für ihre Kinder zu sorgen. Doch nun war sie hier, an einen Pfahl gefesselt und von einem gesichtslosen Mann schwer misshandelt –
Ein Rascheln der Maisstängel hinter ihr unterbrach ihren Gedankengang. Sie drehte sich um und sah wie sich Walter Porter seinen Weg durch den Mais bahnte. Als er auf die Lichtung trat und den Dreck sowie die Maisgrannen von seinem Mantel wischte, machte er einen genervten Eindruck.
Er schaute sich einen Moment lang um, bevor sein Blick auf Hailey Lizbrooks Leiche am Pfahl fiel. Auf sein Gesicht legte sich ein überraschter Ausdruck, sein ergrauter Schnurrbart zog sich in einem seltsamen Winkel nach rechts. Dann schaute er zu Mackenzie und Nelson, zu denen er schnell trat.
„Porter“, sagte der Polizeichef. „White löst den Fall bereits. Sie ist ziemlich scharfsinnig.“
„Das ist sie manchmal“, entgegnete er abweisend.
So war es immer. Nelson machte ihr in Wirklichkeit kein Kompliment. Tatsächlich zog er Porter damit auf, ein junges Mädchen am Hals zu haben, das aus dem Nichts auftauchte und die Position eines Detectives ergattert hatte – das hübsche junge Mädchen, das nur wenige Männer über Dreißig auf dem Polizeirevier ernst nahmen. Und Porter konnte das bei Leibe nicht ausstehen.
Während sie es genoss, zuzusehen, wie Porter sich unter den Neckereien wand, war es das nicht wert, sich unzulänglich oder nicht geschätzt zu fühlen. Immer wieder hatte sie Fälle gelöst, bei denen die anderen Männer nicht weiterkamen, und sie wusste, dass sie sich dadurch bedroht fühlen. Sie war gerade einmal fünfundzwanzig, viel zu jung, um sich in dem Beruf, den sie einmal geliebt hatte, ausgebrannt zu fühlen. Aber jetzt, da sie an Porter und diese Polizeistation gebunden war, fing sie an, ihren Beruf zu hassen.
Porter machte Anstalten zwischen Nelson und Mackenzie zu treten, um ihr zu bedeuten, dass es jetzt seine Show war. Mackenzie bemerkte, wie sie so langsam anfing zu kochen, doch sie schluckte es herunter. Das tat sie schon seit drei Monaten, seit ihr aufgetragen wurde, mit ihm zusammenzuarbeiten. Vom ersten Tag an hatte Porter kein Geheimnis daraus gemacht, dass er sie nicht mochte. Immerhin war sie der Ersatz für Porters vorherigen Partner, mit dem er achtundzwanzig Jahre lang gearbeitet hatte, und der laut Porter aus dem Dienst entlassen worden war, um einer jüngeren, weiblichen Kollegin Platz zu machen.
Mackenzie ignorierte dieses offenkundige Fehlen von Respekt, sie ließ es nicht zu, dass es ihre Arbeitseinstellung beeinflusste. Ohne ein Wort zu verlieren ging sie zu der Leiche. Sie schaute sie sich genau an. Es tat ihr innerlich weh, sie so genau zu betrachten, und doch war sie davon überzeugt, dass er keine Leiche gab, die sie so sehr treffen würde, wie die erste, die sie je gesehen hatte. Sie hatte schon fast den Punkt erreicht, an dem sie nicht mehr jedes Mal, wenn sie einen Tatort betrat, die Leiche ihres Vaters vor Augen hatte. Aber an diesem Punkt war sie noch nicht ganz angekommen. Sie war sieben Jahre alt gewesen, als sie das Schlafzimmer betreten und ihn auf dem Bett in einer Pfütze seines eigenen Blutes liegend gesehen hatte. Seitdem bekam sie das Bild nicht mehr aus dem Kopf.
Mackenzie suchte nach Beweisen dafür, dass es sich nicht um ein Sexualdelikt handelte. Sie sah keine Kratzspuren oder blaue Flecken an ihren Brüsten oder am Hintern, auch fand sie kein Blut an ihrem Schambereich. Dann schaute sie die Hände und Füße der Frau an und fragte sich, ob es sich vielleicht um einen religiösen Mord handeln könnte, doch weder an den Handflächen, Fußknöcheln noch an den Füßen konnte sie Anzeichen einer Kreuzigung feststellen.
In dem kurzen Bericht, den sie und Porter erhalten hatten, stand, dass die Kleider des Opfers noch nicht gefunden wurden. Mackenzie hielt es für Wahrscheinlich, dass sie der Mörder entweder noch bei sich oder schon entsorgt hatte. Das deutete darauf hin, dass er entweder sehr vorsichtig oder fast schon grenzwertig besessen war. Wenn man hierzu noch die Tatsache hinzuzählte, dass seine Tat in der letzten Nacht sehr wahrscheinlich nicht aus einem sexuellen Motiv heraus begangen hatte, dann erhielt man einen schwer fassbaren und kalkulierenden Mörder.
Mackenzie zog sich zum Rand der Lichtung zurück, um die gesamte Szene in sich aufzunehmen. Porter warf ihr einen Seitenblick zu, dann ignorierte er sie einfach und wandte sich wieder seinem Gespräch mit Nelson zu. Sie bemerkte, dass die anderen Polizisten sie beobachten. Zumindest einige von ihren verfolgten ihre Arbeit. Sie hatte ihre Stelle mit dem Ruf, außerordentlich klug zu sein und war von der Mehrzahl ihrer Ausbilder auf der Polizeiakademie geschätzt worden. Hin und wieder stellten ihr jüngere Polizisten – sowohl Männer als auch Frauen – ernstgemeinte Fragen und holten ihre Meinung über einen Fall ein.
Andererseits war ihr auch bewusst, dass ihr einige der Männer, die sich ebenfalls auf der Lichtung befanden, anzügliche Blicke zuwarfen. Sie wusste nicht, was schlimmer war: die Männer, die auf ihren Hintern starrten, wenn sie vorbeiging, oder diejenigen, die hinter ihrem Rücken das kleine Mädchen auslachten, das die Rolle eines knallharten Detectives spielen wollte.
Als sie die Szene betrachtete, überkam sie wieder der nagende Verdacht, dass etwas hier einfach nicht stimmte. Sie hatte das Gefühl, ein Buch zu öffnen und die erste Seite einer Geschichte zu lesen, von der sie wusste, dass sie voller Intrigen stecken würde.
Und das ist gerade erst der Anfang, dachte sie.
Ihr Blick wanderte zu dem Dreck um die Stange und sah ein paar Fußabdrücke, die aussahen, als ob jemand beim Gehen seine Füße nicht richtig hochgehoben hätte, doch daraus konnte man keine Abzüge erstellen. Ebenfalls entdeckte sie fast schon geschwungene Linien auf dem Boden. Sie ging in die Hocke, um sich die Spuren näher anzuschauen. Dabei fiel ihr auf, dass die geformten Abdrücke nebeneinander verliefen und den hölzernen Pfahl umrundeten, sodass der Eindruck entstand, dass ihr Verursacher mehrmals um ihn herumgegangen sein musste. Dann betrachtete sie wieder den Rücken der Frau und bemerkte, dass die Striemen auf der Haut in etwa die gleiche Form hatten wie die Spuren auf dem Boden.
„Porter“, sagte sie.
„Was ist denn?“, fragte er, verärgert, dass sie ihn einfach unterbrochen hatte.
„Ich glaube, ich habe die Spuren der Waffe gefunden.“
Porter zögerte einen Moment, bevor er zu der Stelle ging, an der Mackenzie im Dreck kauerte. Als er neben ihr in die Hocke ging, stöhnte er leicht auf und sie konnte hören, wie sein Gürtel knirschte. Er wog etwa fünfundzwanzig Kilo zu viel, was sich immer deutlicher machte, je weiter sich diese Zahl der dreißig näherte.
„Eine Art Peitsche?“, vermutete er.
„Schaut so aus.“
Sie untersuchte den Boden, wobei sie den Spuren im Sand bis hin zum Pfahl folgte – dabei fiel ihr etwas Anderes auf. Es war so unauffällig, so klein, dass sie es fast nicht gesehen hätte.
Sie ging zu dem Pfahl, darauf bedacht, die Leiche nicht zu berühren, bevor die Forensiker sie nicht untersucht hatten. Wieder ging sie in die Hocke, doch diesmal bekam sie die volle Nachmittagshitze zu spüren, die sie niederdrückte. Unerschrocken rückte sie mit ihrem Kopf näher an den Pfahl heran, so nah, dass sie ihn fast mit ihrer Stirn berührte.
„Was zur Hölle tun Sie da?“, fragte Nelson.
„Hier ist etwas eingeritzt“, sagte sie. „Es schaut aus, als wären es Zahlen.“
Porter trat heran um nachzuforschen, doch er konnte sich nicht noch einmal hinunterbeugen. „White, dieses Holzstück ist locker zwanzig Jahre alt“, meinte er. „Diese Einkerbungen schauen genauso alt aus.“
„Vielleicht“, entgegnete Mackenzie. Aber das glaubte sie nicht.
Porter, der schon das Interesse an ihrer Entdeckung verloren hatte, ging zurück zu Nelsen, mit dem er die Informationen abglich, die ihm der Bauer, der die Leiche gefunden hatte, gegeben hatte.
Mackenzie holte ihr Handy hervor und fotografierte die Zahlen ab. Sie vergrößerte das Bild, wodurch sie deutlicher wurden. Sie so detailliert zu sehen, verstärkte das Gefühl, dass all das hier der Anfang etwas viel Größeren war.
N511/J202
Die Zahlen sagten ihr gar nichts. Vielleicht hatte Porter Recht, vielleicht bedeuteten die Zahlen überhaupt nichts. Vielleicht stammten sie von dem Holzfäller, der den Pfahl geschaffen hatte. Vielleicht hatte ein einsames Kind irgendwann im Laufe der Jahre die Nummer eingeritzt.
Aber all diese Vermutungen fühlten sich nicht richtig an.
Nichts davon fühlte sich richtig an.
Und tief in sich drinnen wusste sie, dass dies erst der Anfang war.
KAPITEL ZWEI
Mackenzie spürte einen Knoten im Bauch, während sie aus dem Auto schaute und die neuen, aufgereihten Vans sowie die Reporter sah, die um die besten Plätze kämpften, um sich auf sie und Porter zu stürzen, sobald sie vor dem Polizeirevier halten würden. Als Porter parkte, beobachtete sie, wie mehrere Nachrichtensprecher über den Rasen der Polizeiwache rannten, hinter ihnen eilen schwerbeladene Kameramänner her.
Mackenzie sah, dass Nelson bereits an der Eingangstür war und sein Bestes tat, um die Medien zu beruhigen. Man merkte deutlich, dass er sich nicht wohl fühlte und dass er ziemlich aufgebracht war. Sogar von hier aus konnte sie den Schweiß auf seiner Stirn glänzen sehen.
Nachdem sie ausgestiegen waren, holte Porter sie ein, um sicherzustellen, dass sie nicht der erste Detective wäre, den die Medien sahen. Als er an ihr vorbeilief, meinte er: „Sagen Sie den Blutsaugern bloß nichts.“
Bei seinem herablassenden Befehl erfasste sie eine Welle der Empörung.
„Das weiß ich, Porter.“
Die Traube aus Reportern und Kameras erreichte sie. Mindestens zehn Mikrofone stachen aus der Menge hervor und in ihre Gesichter, während sie an ihnen vorbeigingen. Fragen prasselten wie ein Schwarm Insekten auf die beiden ein.
„Haben Sie schon die Kinder des Opfers benachrichtigt?“
„Wie reagierte der Bauer, als er die Leiche fand?“
„War es sexueller Missbrauch?“
„Ist es denn sinnvoll, dass eine Frau diesen Fall ermittelt?“
Die letzte Frage traf Mackenzie ein wenig. Natürlich wusste sie, dass sie einfach nur eine Reaktion hervorrufen wollten, und auf eine kurze und dennoch sensationsreife Aufnahme für die Nachmittagssendung hofften. Es war gerade einmal vier Uhr, wenn sie schnell waren, dann hätten sie vielleicht ein Stück exklusiver Informationen für die sechs Uhr Nachrichten.
Als sie sich ihren Weg durch die Menge bahnte und in das Gebäude eintrat, hallte diese letzte Frage wie ein Donner in ihrem Kopf wider.
Ist es denn sinnvoll, dass eine Frau diesen Fall ermittelt?
Sie erinnerte sich daran, wie gefühllos Nelson die Informationen zu Hailey Lizbrook vorgelesen hatte.
Natürlich ist es das, dachte Mackenzie. Es ist sogar von größer Bedeutung.
Schließlich waren sie im Polizeirevier und die Türen fielen hinter ihnen zu. Mackenzie atmete erleichtert auf, wieder Stille um sich zu haben.
„Verdammte Blutsauger“, sagte Porter.
Jetzt, da er nicht länger von Kameras verfolgt wurde, verloren seine Bewegungen ihren Schwung. Er ging langsam am Empfangstresen vorbei und lief den Flur hinunter, der zu den Konferenzzimmern und den Büros führte, aus denen das Polizeirevier bestand. Er schaute müde aus, bereit, nach Hause zu gehen, bereit, diesen Fall abzuschließen.
Mackenzie betrat das Konferenzzimmer zuerst. Dort saßen mehrere Polizisten an einem großen Tisch, einige von ihnen trugen Uniform, andere jedoch ihre Alltagskleidung. Aus der Anwesenheit der vielen Polizisten und dem immer neuen Auftauchen der Medien schloss Mackenzie, dass die Geschichte in den zweieinhalb Stunden, in denen sie ihr Büro verlassen hatte, zum Maisfeld gefahren und zurückgekommen war, an die Öffentlichkeit gelangt war. Es war nicht mehr nur ein zufälliger, grausamer Mord, jetzt war er zu einem Spektakel geworden.
Mackenzie nahm sich eine Tasse Kaffee und setzte sich an den Tisch. Jemand hatte bereits Akten auf dem Tisch verteilt, in denen die wenigen Informationen standen, die zu dem Fall schon gesammelt wurden. Während sie die Akte durchblätterte, füllte sich der Raum immer weiter. Als Porter schließlich eintrat, setzte er sich ans andere Ende.
Mackenzie nahm sich einen Moment Zeit, auf ihr Handy zu schauen, und sah, dass sie acht verpasste Anrufe, fünf Sprachnachrichten und ein dutzend E-Mails hatte. Es erinnerte sie wieder daran, dass sie schon viel zu tun gehabt hatte, bevor sie heute Morgen zum Kornfeld geschickt worden war. Die traurige Ironie dabei war, dass ihre älteren Kollegen, trotz der Tatsache, dass sie sie immer wieder niedermachten und sie subtil beschimpften, auch ihr Talent erkannten. Deshalb gehörte sie zu den Polizisten, die am meisten ausgelastet waren. Bis jetzt hatte sie jedoch bei keinem einzigen in ihrem Zeitplan zurückgeblieben und hatte eine ausgezeichnete Rate von gelösten Fällen.
Sie spielte einen Moment lang mit dem Gedanken, ein paar der E-Mails zu beantworten, während wartete, doch bevor sie die Chance dazu hatte, betrat Hauptkommissar Nelson ein. Schnell schloss er die Tür des Konferenzzimmers hinter sich.
„Ich weiß nicht, wie die Medien so schnell davon erfahren haben“, knurrte er, „aber wenn ich herausfinde, dass jemand in diesem Raum dafür verantwortlich ist, dann wird mich diese Person kennenlernen.“
Im Zimmer breitete sich Stille aus. Ein paar der Polizisten und Angestellten begannen, sich nervös den Inhalt der vor ihnen liegenden Akten anzusehen. Auch wenn Mackenzie Nelson nicht mochte, musste sie doch zugeben, dass der Mann mit seiner Anwesenheit und Stimme einen Raum ohne große Mühe beherrschen konnte.
„Die Sachlage ist folgende“, fuhr Nelson fort. „Das Opfer ist Hailey Lizbrook, eine Stripperin aus Omaha. Sie ist vierunddreißig Jahre al, hat zwei Söhne, der eine ist neun und der andere fünfzehn. Soweit wir wissen, wurde sie entführt, bevor sie zum Arbeitsbeginn stempeln konnte, denn ihr Chef behauptete, dass sie in dieser Nacht nicht aufgetaucht wäre. Die Sicherheitsüberwachung vom Runway, ihrer Arbeitsstelle, zeigt nichts. Deshalb gehen wir davon aus, dass sie irgendwo zwischen ihrem Apartment und dem Runway gekidnappt wurde. Das umfasst eine Strecke von siebeneinhalb Meilen – ein Gebiet, in dem wir zurzeit gemeinsam mit den Polizisten in Omaha ein paar Leichenfunde ermitteln.“
Dann schaute er Porter an, als ob er sein Lieblingsschüler wäre, und sagte:
„Porter, warum beschreiben Sie uns nicht die Szene?“
Es war klar, dass er Porter für diese Aufgabe auswählen würde.
Porter stand auf und schaute sich im Raum um, als ob er sichergehen wollte, dass auch alle gut aufpassten.
„Das Opfer war mit den Händen hinter dem Rücken an eine hölzerne Stange gefesselt. Der Schauplatz ihres Todes war eine Lichtung in einem Maisfeld, etwas mehr als eine Meile von der Straße entfernt. Auf ihrem Rücken waren, so wie es aussieht, mit Striemen übersät, die von einer Art Peitsche verursacht wurden. Auch wenn wir es erst nach der Untersuchung des Gerichtsmediziners genau wissen, gehen wir nicht davon aus, dass es ein sexueller Übergriff war, obwohl das Opfer nur noch ihre Unterwäsche trug und ihre Kleidung nirgendwo gefunden werden konnte.“
„Danke, Porter“, sagte Nelson. „Wenn wir gerade vom Gerichtsmediziner sprechen, ich habe vor zwanzig Minuten mit ihm telefoniert. Er meinte, dass der Tod wahrscheinlich durch Blutverlust oder einen Infarkt – entweder im Herzen oder im Gehirn – ausgelöst wurde, doch er wollte sich vor der Untersuchung nicht vollständig darauf festlegen.“
Seine Augen wanderten dann zu Mackenzie, doch seiner Stimme klang nur mäßig interessiert, als er sie fragte: „Möchten Sie noch etwas hinzufügen, White?“
„Die Nummern“, sagte sie.
Nelson verdrehte die Augen vor allen Anwesenden im Raum. Es war ein klares Zeichen fehlenden Respektes, was sie jedoch ignorierte, denn sie wollte alle davon in Kenntnis setzen, bevor er sie unterbrach.
„Ich habe etwas gefunden, das zwei Nummern sein könnten, die durch einen Schrägstrich voneinander getrennt sind. Sie waren in die Stange eingeritzt.“
„Was sind das für Nummern?“, fragte einer der jüngeren Polizisten am Tisch.
„Eigentlich sind es Zahlen und Buchstaben“, antwortete Mackenzie. „N 511 und J 202. Ich habe mit meinem Handy ein Bild davon gemacht.“
„Die anderen Bilder werden ebenfalls bald hier sein, sobald Nancy sie ausgedruckt hat“, bemerkte Nelson. Er sprach schnell und eindrücklich, um den Anwesenden zu zeigen, dass die Sache mit den Nummern beendet war.
Mackenzie hörte Nelson zu, der über die Aufgaben redete, die ausgeführt werden mussten, um die Strecke von siebeneinhalb Meilen zu untersuchen, die zwischen Hailey Lizbrooks Wohnung und dem Runway lagen. Aber in Wirklichkeit hörte sie nur mit halbem Ohr zu. Ihre Gedanken schweiften immer wieder zu der Art ab, wie der Körper der Frau festgebunden gewesen war. Irgendetwas an der Darstellung der Leiche war ihr sofort bekannt vorgekommen, und sie wurde den Gedanken nicht los, während sie im Konferenzzimmer saß.
Sie ging die kurzen Notizen in der Akte durch, in der Hoffnung, dass ein kleines Detail vielleicht etwas in ihrer Erinnerung aktivieren würde. Sie blätterte sie vier Blätter voller Informationen durch, um irgendetwas zu finden. Sie wusste bereits alles, was in der Akte stand, doch trotzdem überflog sie die Details.
Vierunddreißig Jährige Frau, vermutlich in der vergangenen Nacht getötet. Striemen, Schnitte, mehrere Abschürfungen am Rücken, an eine hölzerne Stange gefesselt. Vermutete Todesursache: Blutverlust oder möglicher Herzinfarkt. Fesselungsmethode deutet auf religiöse Motive, während die Art der Leiche sexuelle Beweggründe zulässt.
Als sie die Informationen las, klickte es. Sie schaltete gedanklich einen Moment ab, womit sie es ihrem Geist ermöglichte, in seine Tiefen abzutauchen, ohne von ihrer Umgebung gestört zu werden.
Als sie den Zusammenhang herstellte, kam sie zu einem Ergebnis, von dem sie sich wünschte, es wäre falsch. Gleichzeitig begann Nelson damit, seine Rede abzuschließen.
„…und da es zu spät für effektive Straßenblockierungen ist, werden wir uns größtenteils auf die Aussagen von Zeugen verlassen müssen, bis ins Kleinste und scheinbar unwichtigste Detail. Möchte noch jemand etwas hinzufügen?“
„Eine Sache, Sir“, sagte Mackenzie.
Sie bemerkte, dass Nelson sich beherrschen musste, nicht laut aufzuseufzen. Von der anderen Seite des Tisches aus hörte sie, wie Porter ein glucksendes Geräusch von sich gab. Sie ignorierte das alles und wartete ab, wie Nelson mit ihrem Einwand umgehen würde.
„Ja, White?“
„Ich erinnere mich an einen Fall aus dem Jahr 1987, der fast identisch mit diesem hier ist. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er in der Nähe von Roseland stattfand. Die Fesselung war die gleiche, die Art der Frau war die gleiche. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass die Prügelmethode die gleiche war.“
„1987?“, fragte Nelson. „White, waren Sie da überhaupt schon auf der Welt?“
Sein Kommentar löste Gelächter von mehr als der Hälfte der Anwesenden aus, was Mackenzie jedoch ignorierte. Sie hatte später noch genug Zeit, deshalb verlegen zu sein.
„Das war ich nicht“, antwortete sie, bereit, sich mit ihm anzulegen. „Aber ich habe den Bericht gelesen.“
„Sie müssen wissen, Sir“, warf Porter ein, „dass Mackenzie ihre Freizeit damit verbringt, alte Fallakten durchzulesen. Das Mädchen ist in dieser Hinsicht ein laufendes Lexikon.“
Mackenzie fiel sofort auf, dass Porter ihren Vornamen verwendet und sie ein Mädchen statt einer Frau genannt hatte. Das traurige daran war, dass er sich wahrscheinlich nicht einmal seiner Beleidigung bewusst war.
Nelson rieb sich über den Kopf und stieß endlich das donnernde Seufzen aus, das sich in ihm aufgebaut hatte. „1987? Sind Sie sich sicher?“
„Ziemlich sicher.“
„Roseland?“
„Oder in der direkten Umgebung“, erwiderte sie.
„Okay“, sagte Nelson, während er ans andere Ende des Tisches blickte, wo eine Frau mittleren Alters saß, die gewissenhaft zuhörte. Vor ihr befand sich ein Laptop, auf dem sie die ganze Zeit leise mitgeschrieben hatte. „Nancy, können Sie bitte in der Datenbank danach suchen?“
„Ja, Sir“, entgegnete sie und begann sofort, etwas in den revierinternen Server zu tippen.
Nelson warf Mackenzie einen missbilligenden Blick zu, den sie mit ‚Du hast besser Recht, sonst hast du gerade zwanzig Sekunden meiner wertvollen Zeit vergeudet‘ deutete.
„Okay, meine Damen und Herren“, sagte Nelson. „Wir werden die Sache folgendermaßen angehen. Sobald dieses Meeting endet, will ich, dass Smith und Berryhill nach Omaha fahren, um den örtlichen Polizeibehörden zu helfen. Wenn es nötig ist, werden wir mehrere Schichten arbeiten. Porter und White, ihr sprecht mit den Kindern der Verstorbenen sowie mit ihrem Arbeitgeber. Wir arbeiten gerade ebenfalls an der Adresse ihrer Schwester.“
„Entschuldigung, Sir“, unterbrach ihn Nancy, die von ihrem Computer aufschaute.
„Ja, Nancy?“
„Anscheinend hatte Detective White Recht. Im Oktober 1987 wurde eine Prostituierte tot und an eine Holzstange gefesselt am Rande der Stadt Roseland gefunden. In der Akte, die ich gefunden habe, heißt es, dass sie nur noch ihre Unterwäsche anhatte und brutal mit einer Peitsche geschlagen worden wäre. Es gibt keine Anzeichen eines Sexualverbrechens und auch keine Motive.“
Der Raum wurde wieder still, denn jeder behielt seine Fragen für sich. Schließlich meldete sich Porter zu Wort und obwohl Mackenzie wusste, dass er versuchte, den Fall runterzuspielen, konnte sie eine gewisse Angst in seiner Stimme hören.
„Das ist schon fast dreißig Jahre her“, sagte er. „Das nenne ich einmal einen schwachen Zusammenhang.“
„Aber es besteht trotzdem ein Zusammenhang“, entgegnete Mackenzie.
Nelson schlug eine seiner kräftigen Hände auf den Tisch, seine Augen bohrten sich in Mackenzie. „Wenn es einen Zusammenhang gibt, dann wissen Sie was das bedeutet, nicht wahr?“
„Es bedeutet, dass wir es womöglich mit einem Serienkiller zu tun haben“, antwortete sie. „Und schon allein der Gedanke daran, dass wir es mit einem Serienkiller zu tun haben könnten, erfordert, dass wir das FBI einschalten.“
„Oh verdammt“, meinte Nelson. „Sie ziehen hier voreilige Schlüsse. Übereilt, um ehrlich zu sein.“
„Bei allem Respekt“, widersprach Mackenzie. „Wir sollten uns zumindest damit beschäftigen.“
„Und jetzt, da Ihr eifriges Gehirn uns darauf hingewiesen hat, müssen wir es tun“, erwiderte Nelson. „Ich werde ein paar Anrufe tätigen und Sie damit beauftragen, sich damit zu beschäftigen. Für jetzt, sollten wir uns den Dingen zuwenden, die wichtig und aktuell sind. Das war es. Zurück an die Arbeit.“
Die kleine Gruppe am Konferenztisch begann, sich zu zerstreuen, wobei sie die Akten mitnahmen. Als Mackenzie sich daranmachte, den Raum zu verlassen, warf ihr Nancy ein kleines Lächeln zu. Es war das größte Zeichen der Ermutigung, das Mackenzie seit mehr als zwei Wochen auf der Arbeit bekommen hatte. Nancy war die Empfangsdame und Faktencheckerin des Polizeireviers. Soweit Mackenzie wusste, war sie eine der wenigen älteren Mitglieder der Polizeiwache, die kein Problem mit ihr hatten.
„Porter und White, einen Moment noch“, sagte Nelson.
Sie sah, dass Nelson nun dieselbe Besorgnis zeigte, die sie bei Porter gesehen und gehört hatte, als er nur wenige Momente zuvor gesprochen hatte. Er machte den Eindruck, fast krank vor Sorge zu sein.
„Gute Arbeit, sich an den Fall von 1987 zu erinnern“, sagte Nelson zu Mackenzie. Sie zu loben schien ihm fast schon physische Schmerzen zu bereiten. „Es ist ein Schuss ins Blaue. Aber es lässt die Frage aufkommen, ob…“
„Ob was?“, fragte Porter.
Mackenzie, die nie um den heißen Brei herumredete, antwortete für Nelson.
„Warum er sich jetzt dazu entschieden hat, wieder aktiv zu werden“, sagte sie.
Dann fügte sie hinzu:
„Und wann er wieder töten wird.“
KAPITEL DREI
Er saß in seinem Auto und genoss die Stille. Die Straßenlichter warfen einen geisterhaften Schein auf die Straße. Zu dieser späten Stunde waren nicht mehr viele Autos unterwegs, weshalb es fast schon unheimlich ruhig war. Er wusste, dass so gut wie jeder in diesem Teil der Stadt, der sich um diese Uhrzeit draußen aufhielt, beschäftigt und gedankenverloren war oder etwas im Geheimen erledigte. Das machte es für ihn einfacher, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren – die Gute Arbeit.
Die Gehwege lagen im Dunkeln, mit Ausnahme der vereinzelten Neonleuchten der schäbigen Einrichtungen. Der grobe Umriss einer vollbusigen Frau leuchtete im Fenster des Gebäudes, das er beobachtete. Es flackerte wie ein Leuchtfeuer bei rauer See. Doch diese Orte boten keine Zuflucht – zumindest keine respektable Zuflucht.
Während er in seinem Auto saß, so weit von den Straßenlaternen entfernt wie möglich, dachte er über seine Kollektion nach, die er Zuhause hatte. Er hatte sie genau betrachtet, bevor er in dieser Nacht losgefahren war. Auf seinem kleinen Schreibtisch lagen zahlreiche Überbleibsel seiner Arbeit: eine Handtasche, ein Ohrring, eine goldene Halskette, ein Büschel blonder Haare in einem kleinen Tupperware-Behälter. Sie waren Erinnerungen, eine Erinnerung daran, dass ihm diese Arbeit aufgetragen worden war. Und dass er noch mehr Arbeit vor sich hatte.
Ein Mann verließ ein Gebäude auf der anderen Straßenseite und riss ihn aus seinen Gedanken. Während er ihn beobachtete, saß er in seinem Auto und wartete geduldig. Er hatte im Laufe der Jahre gelernt, geduldig zu sein. Deshalb machte ihn das Wissen, dass er nun schnell handeln musste, nervös. Was, wenn er nicht präzise genug war?
Er hatte keine große Wahl. Der Mord an Hailey Lizbrooks Mord war bereits in den Nachrichten. Die Menschen suchten nach ihm – als ob er derjenige wäre, der etwas Schlechtes begangen hätte. Sie verstanden es einfach nicht. Was er der jungen Frau gegeben hatte, war ein Geschenk.
Ein Akt der Gnade.
In der Vergangenheit hatte er zwischen seinen heiligen Akten viel Zeit verstreichen lassen. Aber nun spürte er eine gewisse Dringlichkeit in sich. Es gab so viel zu tun. Hier draußen gab es immer Frauen – an Straßenecken, in persönlichen Anzeigen, im Fernsehen.
Am Ende würden sie verstehen. Sie würden verstehen und ihm danken. Sie würden ihn darum bitten, sie zu reinigen, und er würde ihre Augen öffnen.
Kurze Zeit später erlosch der neonfarbige Umriss der Frau im Fenster. Auch der Schein hinter dem Fenster verblasste. Der Ort lag im Dunkeln, die Lichter waren ausgeschaltet, da der Laden für diese Nacht schloss.
Er wusste, dass das bedeutete, dass die Frauen jeden Moment rauskommen und zu ihren Autos gehen würden, um nach Hause zu fahren.
Er legte den ersten Gang ein und fuhr langsam um den Block herum. Die Straßenlichter schienen ihn zu verfolgen, aber er wusste, dass es keine neugierigen Augen gab, die ihm hinterherschauten. In diesem Teil der Stadt kümmerte sich niemand um solche Dinge.
Die Autos an der Rückseite des Gebäudes waren größtenteils gut in Schuss. Man konnte viel Geld damit verdienen, seinen Körper zur Schau zu stellen. Er parkte ganz am Ende des Parkplatzes und wartete.
Nach langer Zeit öffnete sich schließlich die Tür der Mitarbeiter. Zwei Frauen traten, begleitet von einem Mann heraus, der aussah, als würde er als Sicherheitsmann für den Laden arbeiten. Er beäugte ihn und fragte sich, ob er womöglich ein Problem darstellen würde. Er hatte eine Waffe unter dem Sitz, die er verwenden konnte, wenn es denn wirklich sein musste, aber er würde lieber nicht auf solche Mittel zurückgreifen. Er hatte sie noch nicht verwenden müssen. In Wirklichkeit hasste er Waffen. Sie hatten etwas Unreines an sich, fast schon etwas Faules.
Schließlich teilten sie sich auf, stiegen in ihre Autos und fuhren davon. Er beobachtete, wie weitere Angestellte herauskamen, und setzte sich auf. Er konnte spüren, wie sein Herz wild schlug. Das war sie. Das war die Eine.
Sie war klein, mit gefärbt blonden Haaren, die zu einem langen Bob geschnitten waren und ihr fast bis auf die Schultern reichten. Er beobachtete, wie sie in ihr Auto stieg, doch er fuhr erst los, als die Rücklichter ihres Wagens hinter der Ecke verschwunden waren.
Er fuhr auf die andere Seite des Gebäudes, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Als er sie verfolgte, begann sein Herzschlag zu rasen. Instinktiv tastete er mit seiner Hand unter den Sitz, wo er das Seil zu fassen bekam. Das beruhigte ihn.
Es beruhigte ihn zu wissen, dass nach der Verfolgung das Opfer kommen würde.
Und es würde definitiv kommen.
KAPITEL VIER
Mackenzie saß auf dem Beifahrersitz, auf ihrem Schoß waren verschiedene Akten ausgebreitet und Porter, der hinter dem Steuer saß, klopfte mit seinen Fingern im Takt eines Liedes der Rolling Stones. Das Autoradio war auf dasselbe Klassikrock-Programm eingestellt, das er beim Fahren immer hörte, und Mackenzie blickte genervt auf, sie konnte sich nicht mehr konzentrieren. Sie sah, wie die Scheinwerfer die Straße, auf der sie mit achtzig Meilen pro Stunde fuhren, beleuchtete, und wandte sich ihm zu.
„Können du das bitte leiser machen?“, schnappte sie.
Normalerweise machte es ihr nichts aus, aber sie versuchte gerade, sich in das Gehirn des Mörders hineinzuversetzen.
Mit einem Seufzen und einem Kopfschütteln drehte Porter die Lautstärke des Radios leiser. Er war ihr einen abschätzigen Blick zu.
„Was hoffen Sie eigentlich zu finden?“, fragte er.
„Ich versuche ja gar nichts zu finden“, antwortete Mackenzie. „Ich will nur die Puzzleteile zusammensetzen, um die Persönlichkeit des Mörders besser zu verstehen. Wenn wir denken können wie er, dann haben wir eine größere Chance, ihn zu finden.“
„Oder“, sagte Porter, „Sie können es gar nicht abwarten, nach Omaha zu gelangen und mit den Kindern des Opfers zu reden, wie Nelson uns aufgetragen hat.“
Sogar ohne ihn anzusehen, wusste Mackenzie, dass er sich einen schlauen Spruch verkneifen musste. Sie musste es ihm wohl hoch anrechnen, dass er nicht einfach damit herausplatzte. Wenn nur sie beide unterwegs oder einem Ort des Verbrechens waren, dann reduzierte Porter seine Witzeleien und das abwertende Verhalten auf ein Minimum.
Einen Moment lang ignorierte sie Porter und schaute stattdessen die Akten auf ihrem Schoß durch. Sie verglich die Aufzeichnungen des Falles aus dem Jahr 1987 mit dem Mord an Hailey Lizbrook. Je mehr sie darüber las, desto sicherer war sie, dass beide von demselben Täter begangen worden waren. Aber dennoch war sie frustriert, weil sie kein eindeutiges Motiv erkennen konnte.
Sie blätterte immer wieder durch die Dokumente und sprang zwischen den Informationen hin und her. Sie begann, zu sich selbst zu murmeln, sich Fragen zu stellen und laut Fakten zu nennen. Es war eine Angewohnheit, die sie schon seit der High School hatte und nie ablegen konnte.
„In beiden Fällen gibt es keinen Beweis für sexuellen Missbrauch“, sagte sie leise. „Keine offensichtliche Verbindung zwischen den Opfern, außer ihrem Beruf. Kein ersichtliches religiöses Motiv. Wenn man einen religiösen Beweggrund hat, warum kreuzigt man dann die Person nicht, anstatt sie nur an eine Stange zu fesseln? In beiden Fällen tauchen diese Nummern auf, aber sie scheint kein offensichtlicher Zusammenhang zu den Morden zu bestehen.“
„Verstehen Sie mich nicht falsch“, sagte Porter, „aber ich würde mir viel lieber die Stones anhören.“
Mackenzie hörte auf, zu sich selbst zu reden, und bemerkte, dass das Benachrichtigungslicht ihres Handys blinkte. Nachdem sie und Porter gegangen waren, hatte sie Nancy eine E-Mail geschrieben und sie gebeten, in den Fällen der letzten dreißig Jahre nach den Begriffen Stange, Stripper, Prostituierte, Kellnerin, Mais, Striemen und der Nummernfolge N511/J202 zu suchen. Als Mackenzie ihren E-Maileingang überprüfte, sah sie, dass Nancy wie immer sehr schnell gehandelt hatte.
In der E-Mail stand: Ich konnte leider nicht viel herausfinden. Ich habe ein paar Informationen zu den Fällen angehängt, bei Treffer auftauchten. Viel Glück!
Es gab nur fünf Anhänge, die Mackenzie relativ schnell überfliegen konnte. Drei davon hatten ganz offensichtlich nichts mit dem Mord an Lizbrook oder dem Fall von 1987 zu tun. Die anderen beiden waren jedoch interessant genug, um sie zumindest in Betracht zu ziehen.
Einer davon stammte aus dem Jahr 1994, bei dem eine Frau tot hinter einer verlassenen Scheune in einer ländlichen Gegend ungefähr achtzig Meilen außerhalb von Omaha gefunden wurde. Sie war an eine Holzstange gefesselt gewesen und man nahm an, dass ihre Leiche mindestens sechs Tage lang dort gehangen hatte, bevor sie entdeckt worden war. Ihr Körper war versteift und von ein paar Waldtieren – man ging von Rotluchsen aus – an den Beinen angenagt worden. Die Frau hatte eine lange Kriminalakte, zu der zwei Festnahmen wegen dem Anbieten von Sex gehörten. Auch bei ihr gab es keine Zeichen für sexuellen Missbrauch und obwohl sie Striemen auf dem Rücken hatte, waren sie nicht annähernd so ausgeprägt wie bei Hailey Lizbrook. Im kurzen Bericht des Mordes stand allerdings nichts über eine Nummernfolge auf der Stange.
Der zweite Fall, der mit dem aktuellen in Verbindung stehen könnte, handelte von einem neunzehn Jahre alten Mädchen, dass entführt wurde, als es 2009 in den Weihnachtsferien nicht von der Universität von Nebraska nach Hause zurückkehrte. Als ihr Körper drei Monate später in einem leeren Feld, halb begraben, gefunden wurde, entdeckte man Striemen auf ihrem Rücken. Bilder gelangten an die Presse, auf denen das Mädchen nackt bei einer schrecklichen Sexparty in einem Bruderschaftshaus der Universität zu sehen war. Die Bilder waren eine Woche vor der Vermisstenmeldung entstanden.
Der letzte Fall war etwas weit hergeholt, aber Mackenzie dachte, dass zwischen den beiden sowie dem Mord aus dem Jahr 1087 und an Hailey Lizbrook eine Verbindung bestand.
„Was haben Sie da?“, fragte Porter.
„Nancy hat mir ein paar Infos über andere Fälle geschickt, die möglicherweise damit in Verbindung stehen könnten.“
„Ist etwas Brauchbares dabei?“
Sie zögerte, doch erklärte ihm dann die beiden Morde. Als sie fertig war, nickte Porter und starrte in die Nacht hinaus. Sie kamen an einem Schild vorbei, das ihnen ankündigte, dass Omaha noch zweiundzwanzig Meilen entfernt war.
„Ich glaube, Sie strengen sich manchmal zu sehr an“, sagte Porter. „Sie schuften sich ab, was viele Menschen bemerkt haben. Aber seien Sie ehrlich mit sich selbst: egal, wie sehr Sie sich auch anstrengen, nicht jeder Fall hat eine wichtige Verbindung, mit der Sie einen riesigen Fall an Land ziehen können.“
„Dann sagen Sie mir“, entgegnete Mackenzie, „was Ihnen gerade Ihr Bauchgefühl über diesen Fall sagt? Mit was haben wir es zu tun?“
„Es ist einfach nur ein kleiner Täter, der ein Problem mit Frauen hat“, meinte Porter abweisen. „Wenn wir mit genügend Leuten reden, dann werden wir ihn auch finden. Solche Menschen findet man, indem man Fragen stellt. Auf der Straße. Von Tür zu Tür. Zeuge um Zeuge.“
Als Stille das Auto füllte, begann sich Mackenzie darum zu sorgen, wie simpel seine Weltsicht doch war und dass es in ihr nur schwarz und weiß gab. Es ließ keinen Raum für Nuancen, für irgendetwas anderes außer seinen vorentschiedenen Ansichten. Sie jedoch war der Meinung, dass der Psycho, mit dem sie es hier zu tun hatten, viel zu feinsinnig und durchdacht für so etwas war.
„Was denken Sie denn von dem Mörder?“, fragte er schließlich.
Sie konnte die Abneigung in seiner Stimme hören, als ob er sie das eigentlich gar nicht fragen wollte, aber die Stille nicht mehr ertragen hatte.
„Ich glaube, dass er Frauen für das hasst, wofür sie stehen“, sagte sie leise, während sie darüber nachdachte. „Vielleicht ist er eine fünfzigjähre Jungfrau, die Sex abscheulich findet – und trotzdem verspürt er das sexuelle Verlangen in sich. Frauen umzubringen gibt ihm das Gefühl, seine eigenen Instinkte zu besiegen, Instinkte, die er als abscheulich und unmenschlich betrachtet. Wenn er die Ursache seines sexuellen Verlangens ausschalten kann, denkt er, die Kontrolle zu haben. Die Striemen auf den Rücken der Frauen lassen darauf schließen, dass er sie schon fast bestrafen wollte, wahrscheinlich für ihr provozierendes Wesen. Dann gibt es noch die Tatsache, dass es keine Anzeichen für sexuellen Missbrauch gibt. Da stellt sich mir dir Frage, ob das in den Augen des Mörders ein Versuch der Reinheit ist.“
Porter schüttelte den Kopf, fast wie ein enttäuschter Elternteil.
„Davon habe ich gesprochen“, sagte er. „Zeitverschwendung. Sie haben sich viel zu sehr in die Sache hineingesteigert, sodass Sie nicht einmal wissen, was Sie denken – und nichts davon hilft uns weiter. Sie sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht.“
Eine ungemütliche Stille erfüllte den Wagen. Da er anscheinend der Meinung war, genug geredet zu haben, drehte Porter die Lautstärke des Radios wieder auf.
Das hielt jedoch nur ein paar Minuten an. Als sie sich Omaha näherten, schaltete Porter den Radio wieder aus, ohne, dass er diesmal dazu aufgefordert worden war. Als Porter sprach, klang er nervös, aber Mackenzie merkte auch, wie sehr er sich anstrengen musste, damit es so wirkte, als ob er das Sagen hätte.
„Haben Sie jemals mit Kindern gesprochen, nachdem diese ein Elternteil verloren haben?“, fragte Porter.
„Einmal“, antwortete sie. „Nach einer Schießerei aus einem Auto heraus. Der Junge war elf Jahre alt.“
„Ich habe das auch schon ein paar Mal gemacht. Es ist nicht schön.“
„Nein, das ist es nicht“, stimmte Mackenzie zu.
„Also, wir werden den beiden Jungen Fragen über ihre verstorbene Mutter stellen. Ihre Arbeitsstelle wird zwangsläufig aufkommen. Wir müssen dieses Thema bei den Kindern vorsichtig angehen.“
Sie kochte vor Wut. Er sprach zu ihr wie mit einem kleinen Kind.
„Überlassen Sie mir die Führung. Sie können die tröstende Schulter sein, auf der die Kinder weinen können. Nelson meinte, dass die Schwester ebenfalls dort sein wird, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie in der Lage ist, sonderlich viel Trost zu spenden. Sie ist wahrscheinlich genauso am Boden zerstört wie die Kinder.“
Mackenzie dachte eigentlich nicht, dass das die beste Herangehensweise wäre. Aber sie wusste auch, dass sie sich ihre Schlachten sorgsam aussuchen musste, wenn Porter und Nelson beteiligt waren. Wenn Porter also die beiden trauernden Kinder über ihre tote Mutter befragen wollte, dann würde sie ihm den Egotrip gönnen.
„Wie Sie wollen“, antwortete sie mit zusammengebissenen Zähnen.
Erneut legte sich Stille über das Auto. Diesmal schaltete Porter das Radio nicht wieder ein, das einzige Geräusch war das Umblättern der Seiten in Mackenzies’ Schoß. Es gab einen größeren Zusammenhang zwischen diesen Dokumenten und denen, die Nancy ihr gesandt hatte, dessen war sich Mackenzie zu einhundert Prozent sicher.
Um eine Geschichte zu erzählen, mussten natürlich alle Personen enthüllt werden. Und im Moment versteckte sich die Hauptfigur noch im Schatten.
Das Auto wurde immer langsamer und als sie in ein ruhiges Viertel fuhren, hob Mackenzie ihren Kopf. Sie spürte ein altbekanntes Ziehen im Bauch und wünschte sich, an einem anderen Ort zu sein.
Sie würden mit den Kindern einer toten Frau sprechen.
KAPITEL FÜNF
Als sie Hailey Lizbrooks Apartment betrat, war Mackenzie überrascht, es war nicht das, was sie erwartet hatte. Es war sauber und aufgeräumt, die Möbel passten gut zusammen und abgestaubt. Die Dekoration passte zu der einer sehr häuslichen Frau, wovon beispielsweise die mit süßen Sprüchen beschrifteten Kaffeetassen und -becher zeugten, die an verzierten Haken über dem Kamin hangen. Es war eindeutig, dass sie alles fest im Griff gehabt hatte, sogar die Frisuren und Schlafanzüge ihrer beiden Söhne.
Es war wie die Familie und das Zuhause, die sie sich immer gewünscht hatte.
Mackenzie erinnerte sich daran, in den Akten gelesen zu haben, dass die Jungen neun und fünfzehn Jahre alt waren; der ältere hieß Kein und der jüngere Dalton. Als sie die beiden kennenlernte, konnte sie deutlich sehen, dass Dalton viel geweint hatte, denn seine blauen Augen waren von roten Flecken umrahmt.
Kevin schien jedoch vor allem wütend zu sein. Das zeigte sich deutlich, als sie sich hinsetzten und Porter die Führung übernahm und dieser mit einem Tonfall sprach, der gleichzeitig herablassend war und an einen übereifrigen Vorschullehrer erinnerte. Mackenzie zuckte bei Porters Worten innerlich zusammen.
„Ich würde gerne wissen, ob eure Mutter irgendwelche männlichen Freunde hatte“, sagte Porter.
Er stand in der Mitte des Raumes, während die beiden Jungen auf dem Wohnzimmersofa saßen. Haileys Schwester Jennifer stand in der angrenzenden Küche, wo sie am Herd bei laufender Dunstabzugshaube eine Zigarette rauchte.
„Sie meinen, einen festen Freund?“, fragte Dalton.
„Zum Beispiel“, antwortete Porter. „Aber nicht nur das. Ich meine jeden Mann, mit dem sie mehrmals gesprochen hat. Dazu kann sogar der Postbote oder jemand aus dem Supermarkt gehören.“
Die beiden Jungen starrten Porter an, als ob er jeden Moment einen magischen Trick aufführen oder sogar platzen würde. Mackenzie tat das gleiche. Sie hatte ihn noch nie mit solch einer sanften Stimme reden gehört. Es war schon fast amüsant, solch einen zarten Tonfall aus seinem Mund zu hören.
„Nein, ich glaube nicht“, sagte Dalton.
„Nein“, stimmte Kevin zu. „Und sie hatte auch keinen festen Freund. Zumindest habe ich davon nichts mitbekommen.“
Mackenzie und Porter schauten zu Jennifer, die immer noch am Herd stand, doch bekamen lediglich ein Schulterzucken als Antwort. Mackenzie war sich ziemlich sicher, dass Jennifer unter einer Art Schock litt. Deshalb fragte sie sich, ob es vielleicht noch weitere Familienmitglieder gab, die sich für eine Weile um die Kinder kümmern konnten, da Jessica im Moment nicht dazu in der Lage schien.
„Wie schaut es mit den Menschen aus, mit denen ihr und eure Mutter euch nicht verstanden habt?“, fragte Porter. „Habt ihr sie je mit jemandem streiten hören?“
Dalton schüttelte den Kopf. Mackenzie war sich sicher, dass das Kind erneut kurz vor einem Tränenausbruch stand. Kevin rollte jedoch nur mit den Augen und schaute Porter direkt an.
„Nein“, entgegnete er. „Wie sind nicht dumm. Wir wissen, was Sie uns fragen wollen. Sie möchten wissen, ob wir uns vorstellen könnten, wer unsere Mutter umgebracht hat, nicht wahr?“
Porter sah aus, als hätte er einen Schlag in den Bauch bekommen. Sein Blick huschte nervös zu Mackenzie, doch er fing sich schnell wieder.
„Also, ja“, meinte er. „Darauf wollte ich hinaus. Aber es scheint, dass ihr keine nützlichen Informationen habt.“
„Das denken Sie also?“, erwiderte Kevin.
In einem kurzen, angespannten Moment war sich Mackenzie sicher, dass Porter mit dem Kind grob werden würde. Kevin schaute Porter mit Schmerz in seinem Gesicht an, fast so, als ob er ihn herausfordern würde.
„Nun denn“, sagte Porter. „Ich habe euch Jungs genug gestört. Danke für eure Zeit.“
„Einen Moment noch“, warf Mackenzie ein, bevor sie sich stoppen konnte.
Porter warf ihr einen Blick zu, der Wachs hätte schmelzen können. Es war eindeutig, dass er es für Zeitverschwendung hielt, mit diesen trauernden Jungen zu reden – vor allem mit einem Fünfzehnjährigen, der offensichtlich Autoritätsprobleme hatte. Mackenzie ließ seinen Gesichtsausdruck an ihr abprallen und kniete sich hin, damit sie auf Daltons Augenhöhe war.
„Hör zu, könntest du für einen Moment zu deiner Tante in die Küche gehen?“
„Ja“, erwiderte Dalton leise mit zittriger Stimme.
„Detective Porter, warum begleiten Sie ihn nicht?“
Wieder warf ihr Porter einen hasserfüllten Blick zu, den Mackenzie jedoch ohne mit der Wimper zu zucken erwiderte. Ihr Gesicht verhärtete sich, sie war fest entschlossen, sich hier durchzusetzen. Wenn er darüber diskutieren wollte, dann würden sie es draußen tun. Aber es war offensichtlich, dass er sich sogar in der Anwesenheit von zwei Kindern und einer katatonischen Frau nicht peinlich machen wollte.
„Natürlich“, antwortete er schließlich mit zusammengebissenen Zähnen.
Mackenzie wartete einen Moment, während Porter und Dalton in die Küche gingen.
Mackenzie stand wieder auf. Sie wusste, dass die Taktik, sich auf die gleiche Augenhöhe wie die Kinder zu begeben, ihre Wirkung verlor, wenn diese älter als zwölf waren.
Sie schaute Kevin an und stellte fest, dass dieselbe Trotzhaltung, die er Porter gegenüber gezeigt hatte, immer noch da war. Mackenzie hatte nichts gegen Teenager, aber sie wusste, dass sie im Umgang schwer sein konnten – vor allem im Angesicht tragischer Umstände. Doch sie hatte gesehen, wie Kevin auf Porter reagiert hatte und dachte, dass sie vielleicht zu ihm durchdringen konnte.
„Spreche mit mir, Kevin“, sagte sie. „Glaubst du, dass wir zu bald gekommen sind? Glaubst du, dass es gefühllos von uns war, euch zu befragen, so kurz nachdem ihr die Neuigkeiten über eure Mutter erfahren habt?“
„Ein bisschen“, sagte er.
„Bist du jetzt einfach nur nicht in der Stimmung, zu reden?“
„Nein, damit habe ich kein Problem“, meinte er. „Aber der Kerl ist ein Idiot.“
Mackenzie wusste, dass das ihre Chance war. Sie könnte professionell und formell an die Sache herangehen, wie sie es auch normalerweise tun würde – oder sie könnte diese Gelegenheit nutzen, um eine Beziehung zu dem wütenden Teenager aufzubauen. Jugendliche, das wusste sie, schätzten vor allem Ehrlichkeit. Sie konnten, getrieben durch Gefühle, alle Lügen durchschauen.
„Da hast du Recht“, entgegnete sie. „Er ist ein Idiot.“
Kevin starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an. Sie hatte ihn geschockt, offensichtlicherweise hatte er nicht mit dieser Antwort gerechnet.
„Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass ich mit ihm arbeiten muss“, fügte sie hinzu, ihre Stimme war voller Mitgefühl und Verständnis. „Es ändert auch nichts an der Tatsache, dass wir hier sind, um euch zu helfen. Wir wollen denjenigen finden, der eurer Mutter das angetan hatte. Willst du das denn nicht auch?“
Lange Zeit war er still, dann nickte er schließlich.
„Denkst du, du könntest dann mit mir reden?“, fragte Mackenzie. „Es sind nur ein paar schnelle Fragen, dann sind wir hier weg.“
„Und wer kommt danach?“, wollte Kevin etwas reserviert wissen.
„Willst du eine ehrliche Antwort?“
Kevin nickte und sie sah, dass er den Tränen nahe war. Sie fragte sich, ob er sie die ganze Zeit lang zurückgehalten und versucht hatte, für seinen Bruder und seine Tante stark zu sein.
„Also, wenn wir weg sind, werden wir alle Informationen zusammentragen, die wir finden können. Anschließend kommt das Sozialamt und wird sicherstellen, dass Jennifer in der Lage ist, sich um euch zu kümmern, während die Sache mit deiner Mutter abgeschlossen wird.“
„Meistens ist sie cool“, meinte Kevin, während er Jennifer ansah. „Aber sie und meine Mutter standen sich sehr nahe. Sie waren wie beste Freundinnen.“
„Das sind Schwestern manchmal“, erwiderte Mackenzie, doch sie hatte keine Ahnung, ob das stimmte. „Aber für jetzt ist es wichtig, dass wir uns auf meine Fragen konzentrieren. Kannst du das?“
„Ja.“
„Gut. Ich stelle die Frage nur ungern, aber sie ist notwendig. Weißt du, als was deine Mutter arbeitete?“
Kevin nickte und senkte den Blick zu Boden.
„Ja“, antwortete er. „Und ich weiß zwar nicht woher, aber die Kinder in der Schule wissen es auch. Ein notgeiler Vater von ihnen ist wahrscheinlich in den Club gegangen und hat sie von einer Schulveranstaltung oder so erkannt. Es ist schrecklich. Ich wurde deshalb immer aufgezogen.“
Mackenzie konnte sich gar nicht vorstellen, wie sehr er gelitten haben musste, aber es erhöhte auch ihre Achtung vor Hailey Lizbrook um einiges. Natürlich arbeitete sie nachts als Stripperin, aber tagsüber war sie anscheinend eine fürsorgliche Mutter gewesen.
„Okay“, sagte Mackenzie, „da du ihren Beruf kennst, kannst du dir vorstellen, welche Art Männer solche Orte besuchen, nicht wahr?“
Kevin nickte und Mackenzie sah, wie die erste Träne über seine linke Wange rollte. Fast schon wollte sie ihre Hand ausstrecken und die seine nehmen, um ihm Trost zu spenden, aber sie wollte ihn nicht noch mehr quälen.
„Fällt dir ein, ob deine Mutter einmal wirklich wütend oder aufgebracht über etwas war, oder ob irgendwelche Männer…nun ja, ob welche vielleicht mit ihr nach Hause kamen?“
„Sie hat nie jemanden mitgebracht“, entgegnete er. „Und ich habe Mom fast nie wütend oder verärgert gesehen. Nur einmal war sie wegen etwas wirklich aufgebracht, nämlich als sie letztes Jahr mit den Anwälten sprach.“
„Anwälte?“, fragte Mackenzie nach. „Weißt du, warum sie mit den Anwälten gesprochen hat?“
„So in etwa. Ich weiß, dass eines nachts einmal etwas auf der Arbeit geschah, weshalb sie sich an ein paar Anwälte wandte. Ich hörte ein paar Brocken, wenn sie telefonierte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie mit ihnen über eine einstweilige Verfügung gesprochen hat.“
„Und du denkst, dass das mit ihrer Arbeit zu tun hatte?“
„Ich bin mir nicht sicher“, antwortete Kevin. Er schien ein bisschen heiterer zu sein, jetzt, da er ihr anscheinend helfen konnte. „Aber ich gehe davon aus.“
„Das ist eine große Hilfe, Kevin“, sagte Mackenzie. „Fällt dir sonst noch etwas ein?“
Er schüttelte langsam den Kopf und schaute dann in ihre Augen. Er wollte stark bleiben, doch in den Augen des Jungen lag so viel Traurigkeit, dass Mackenzie nicht verstehen konnte, warum er noch nicht zerbrochen war.
„Mom schämte sich dafür, wissen Sie?“, meinte Kevin. „Tagsüber arbeitete sie von Zuhause aus. Sie war eine Art technische Schreiberin für Webseiten und solche Sachen. Aber ich glaube nicht, dass sie damit viel Geld verdiente. Sie tat das andere, um mehr Geld zu verdienen, weil unser Vater…nun ja, er trennte sich vor langer Zeit. Er schickt auch kein Geld mehr. Deshalb musst Mom…diese andere Arbeit annehmen. Sie tat es für mich und Dalton und…“
„Ich weiß“, entgegnete Mackenzie und diesmal streckte sie ihre Hand nach ihm aus. Sie legte sie auf seine Schulter, wofür er dankbar schien. Sie konnte auch erkennen, dass er seinen Tränen gerne freien Lauf lassen würde, was er sich aber wahrscheinlich vor fremden Menschen nicht erlauben würde.
„Detective Porter“, rief Mackenzie und er trat mit finsterem Blick aus der Küche. „Haben Sie noch weitere Fragen?“ Bei der Frage schüttelte sie leicht mit dem Kopf, in der Hoffnung, dass er den Hinweis erkennen würde.
„Nein, ich glaube, wir sind hier fertig“, antwortete er.
„Okay“, erwiderte Mackenzie. „Nochmal danke für eure Zeit.“
„Ja, danke“, sagte Porter, als er zu Mackenzie ins Wohnzimmer kam. „Jennifer, Sie haben meine Nummer, zögern Sie also nicht, uns anzurufen, wenn Ihnen etwas einfällt, von dem Sie denken, dass es uns helfen könnte. Sogar das kleinste Detail kann hilfreich sein.“
Jennifer nickte und krächzte: „Danke.“
Mackenzie und Porter gingen hinaus und ein paar hölzerne Treppe zum Parkplatz des Wohnkomplexes hinunter. Als sie ein gutes Stück von der Wohnung entfernt waren, verringerte Mackenzie den Abstand zwischen den beiden. Sie konnte seine Wut wie Hitze neben sich spüren, was sie jedoch ignorierte.
„Ich habe eine Spur“, meinte sie. „Kevin erzählte mir, dass seine Mutter letztes Jahr eine einstweilige Verfügung gegen jemanden auf der Arbeit erwirken wollte. Er sagte, dass er sie nur dieses einzige Mal wütend über etwas erlebt hatte.“
„Gut“, erwiderte Porter. „Dann ist wenigstens etwas Brauchbares bei Ihrer Untergrabung meiner Autorität herausgekommen.“
„Ich habe sie nicht untergraben“, widersprach Mackenzie. „Ich sah einfach nur, wie sich ein Konflikt zwischen Ihnen und dem ältesten Sohn aufbaute, weshalb ich einschritt, um die Situation zu lösen.“
„So ein Müll“, entgegnete Porter. „Sie haben mich vor den Kindern und ihrer Tante schwach und untergeordnet aussehen lassen.“
„Das ist nicht wahr“, wandte Mackenzie ein. „Und selbst wenn es so wäre, was wäre denn schon dabei? Sie haben mit den Kindern wie mit einem Haufen Idioten gesprochen, der kaum Englisch verstehet.“
„Ihr Verhalten war ein eindeutiges Zeichen von fehlendem Respekt“, konterte Porter. „Ich erinnere Sie daran, dass ich diesen Job schon länger mache als Sie am Leben sind. Wenn ich Ihre Hilfe brauche, dann bestimme ich das, verdammt nochmal.“
„Sie waren fertig, Porter“, erwiderte sie. „Das Gespräch war zu Ende, wissen Sie nicht mehr? Und es gab nichts mehr zu untergraben. Sie wollten schon weggehen. Das war Ihre Meinung und zwar die falsche.“
Sie hatten das Auto erreicht und als Porter es aufschloss, brannten seine Augen über das Dach hinweg in die von Mackenzie.
„Wenn wir zurück auf der Polizeiwache sind, werde ich bei Nelson einen Antrag stellen, Sie einem anderen Polizisten zuzuweisen. Ich habe genug von Ihrem mangelnden Respekt.“
„Mangelnder Respekt“, wiederholte Mackenzie mit einem Kopfschütteln. „Sie wissen ja nicht einmal, was das Wort bedeutet. Warum fangen Sie nicht einmal damit an, Ihr Verhalten mir gegenüber unter die Lupe zu nehmen?“
Porter atmete zitternd aus und stieg ohne ein weiteres Wort in das Auto. Entschlossen, sich nicht von Porters schlechter Stimmung beeinflussen zu lassen, stieg Mackenzie ebenfalls ein. Sie schaute zur Wohnung zurück und fragte sich, ob Kevin seine Tränen mittlerweile zugelassen hatte. Wenn man das große Ganze sah, dann schien der Konflikt zwischen ihr und Porter unwichtig.
„Wollen Sie Bescheid sagen?“, fragte Porter, der ziemlich wütend war, dass sie ihn übergangen hatte.
„Ja“, antwortete sie und zog ihr Handy hervor. Als sie Nelsons Nummer wählte, konnte sie die Genugtuung nicht unterdrücken, die sich in ihr aufbaute. Vor einem Jahr war eine einstweilige Verfügung erlassen worden und jetzt war Hailey Lizbrook tot.
Wir haben den Bastard, dachte sie.
Aber gleichzeitig kam sie nicht umhin, sich zu fragen, ob es wirklich so einfach sein würde, diesen Fall abzuschließen.
KAPITEL SECHS
Mackenzie kam schließlich um viertel vor zehn völlig erschöpft Zuhause an. Der Tag war anstrengend und auslaugend gewesen, doch sie wusste, dass sie noch lange nicht würde einschlafen können. Ihre Gedanken waren zu sehr auf die Spur fixiert, die Kevin Lizbrook ihr genannt hatte. Sie hatte die Informationen an Nelson weitergeleitet und er hatte ihr versichert, dass jemand im Stripclub anrufen und herausfinden würde, mit welcher Anwaltskanzlei Hailey Lizbrook zusammengearbeitet hatte, um die einstweilige Verfügung durchzusetzen.
Da ihr Gehirn in hunderte verschiedene Richtungen dachte, schaltete Mackenzie Musik an, nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank und ließ sich ein Bad ein. Normalerweise mochte sie es nicht so gerne, sich in die Badewanne zu legen, aber heute Abend war jeder Muskel ihres Körpers verkrampft. Während sich die Wanne mit Wasser füllte, ging sie durch das Haus und räumte Zacks Dinge auf, anscheinend hatte er wieder bis zur letzten Minute gewartet, auf die Arbeit zu gehen.
Sie und Zack waren vor etwas mehr als einem Jahr zusammengezogen, in einem Versuch, jeden möglichen Schritt in ihrer Beziehung zu gehen, um somit eine Hochzeit so lange wie möglich hinauszuzögern. Mackenzie fühlte sich bereit zum Heiraten, doch Zack schien panische Angst davor zu haben. Sie waren nun schon drei Jahre lang zusammen und obwohl die ersten beiden davon wunderbar gewesen waren, bestand das letzte Jahr ihrer Beziehung aus Monotonie und Zacks Angst, alleine zu sein oder zu heiraten. Wenn er irgendwo zwischen diesen beiden Enden bleiben konnte und Mackenzie als sein Puffer hatte, dann war er glücklich.
Doch als sie zwei dreckige Teller vom Kaffeetisch nahm und über eine Xbox CD auf dem Boden stieg, fragte sich Mackenzie, ob sie nicht langsam genug von ihrer Rolle hatte. Und sogar noch schlimmer, wenn Zack sie morgen bitten würde, ihn zu heiraten, dann wüsste sie nicht einmal, ob sie einwilligen würde. Sie kannte ihn zu gut, sie wusste, wie eine Ehe mit ihm sein würde und ehrlich gesagt war das nicht gerade vielversprechend.
Sie steckte in einer aussichtslosen Beziehung mit einem Partner, der sie nicht wirklich schätzte. Sie erkannte, dass sie auf dieselbe Art auch auf der Arbeit feststeckte, wo sie von ihren Kollegen nicht geschätzt wurden. Ihr gesamtes Leben fühlte sich an, als würde es gerade feststecken. Sie wusste, dass sie etwas verändern musste, doch es erschien ihr so beängstigend. Und wenn man bedachte, wie erschöpft sie war, dann hatte auch einfach nicht die Energie dazu.
Mackenzie ging zurück ins Badezimmer und drehte das Wasser ab. Von der Wasseroberfläche aus stiegen Dampfschwaden auf, als ob sie sie hineinziehen wollten. Sie zog sich aus und betrachtete sich im Spiegel. Dabei bemerkte sie, dass sei acht Jahre ihres Lebens mit einem Mann verschwendet hatte, der eigentlich gar nicht vorhatte, sich an sie zu binden. Sie fühlte sich auf einfache Weise schön. Sie hatte ein hübsches Gesicht (vielleicht sogar noch ein wenig mehr, wenn sie ihr Haar in einem Zopf trug) und eine solide Figur, auch wenn diese ein wenig zu dünn und muskulös war. Ihr Bauch war flach und hart – so sehr, dass Zack manchmal Scherze darüber riss, dass ihre Bauchmuskeln ihn einschüchtern würden.
Sie ließ sich in die Wanne gleiten und stelle das Bier auf dem kleinen Handtuchtisch neben ihr ab. Dann atmete sie tief aus und ließ das heiße Wasser auf sich wirken. Sie schloss ihre Augen und versuchte, sich so gut es ging zu entspannen, aber das Bild von Kevin Lizbrooks Augen kehrte ständig in ihre Gedanken zurück. Die Trauer darin war fast untragbar gewesen, und sprach von einem Schmerz, den Mackenzie selbst einmal gelitten aber tief in ihr Herz verdrängt hatte.
Sie schloss ihre Augen und nickte ein, doch das Bild verfolgte sie. Sie spürte eine Präsenz, als ob Hailey Lizbrook in demselben Raum wäre und sie dazu drängte, den Mord aufzuklären.
*
Zack kam eine Stunde später von seiner zwölfstündigen Schicht in einer Textilfabrik in der Gegend nach Hause. Jedes Mal, wenn er nach Dreck, Schweiß und Fett roch, erinnerte sie sich daran, welch niedrigen Ziele Zack hatte. Mackenzie hatte kein Problem mit der seiner Arbeit an sich, es war eine anständige Arbeit, die für Männer geschaffen war, die hart und zielstrebig arbeiteten. Aber Zack hatte einen Bachelor-Abschluss, mit dem er in ein Master-Programm aufgenommen werden wollte, um Lehrer zu werden. Dieser Plan endete vor fünf Jahren und seitdem steckte er in seiner Rolle als Schichtführer in der Textilfabrik fest.
Als er hereinkam, trank Mackenzie bereits ihr zweites Bier, saß im Bett und las ein Buch. Sie hatte vor, gegen drei Uhr einzuschlafen, nach etwa fünf Stunden wieder aufzustehen und etwa gegen neun Uhr morgens zur Arbeit zu gehen. Schlafen war für sie nie wichtig gewesen und sie hatte erkannt, dass sie nach Nächten, in denen sie mehr als sechs Stunden schlief, am nächsten Tag träge und nicht bei der Sache war.
Zack betrat mit seiner schmuddeligen Arbeitskleidung das Schlafzimmer. Er trat seine Schuhe von den Füßen und sah zu ihr hinüber. Sie trug ein Tank Top und eine kurze Fahrradhose.
„Hey Babe“, sagte er, während er sie gründlich musterte. „Es ist schön, zu so etwas nach Hause zu kommen.“
„Wie war dein Tag?“, fragte sie, doch schaute kaum von ihrem Buch auf.
„Ganz in Ordnung“, antwortete er. „Dann kam ich nach Hause und sah dich so wie du gerade bist, was ihn um einiges verschönert hat.“ Mit diesen Worten kroch er auf das Bett und direkt auf sie zu. Seine Hand legte sich an die Seite ihres Gesichtes, als er versuchte, einen Kuss zu erhaschen.
Das Buch glitt aus ihren Händen und zuckte zurück. „Zack, hast du den Verstand verloren?“, fragte sie.
„Was?“, wollte er verwirrt wissen.
„Du bist dreckig. Ich gerade erst ein Bad genommen und außerdem bringst du Dreck und Fett und weiß der Herr was sonst noch auf die Bettwäsche.“
„Oh Gott“, sagte Zack genervt. Er rollte sich vom Bett, wobei er mit Absicht so viel Bettwäsche wie möglich unter sich begrub. „Warum bist du so verstockt?“
„Ich bin nicht verstockt“, entgegnete sie. „Ich ziehe es nur vor, nicht in einem Schweinestall zu leben. Übrigens, danke für das Aufräumen, bevor du zur Arbeit gegangen bist.“
„Oh, ist es schön, Zuhause zu sein“, spöttelte Zack, während er ins Badezimmer ging und die Tür hinter sich schloss.
Mackenzie seufzte und leerte ihre Bierflasche. Dann schaute sie ans andere Ende des Zimmers, wo Zacks dreckige Arbeitsstiefel noch immer auf dem Boden standen – dort würden sie auch bleiben, bis er sie morgen wieder anzog. Sie wusste, dass sie morgen, wenn sie aufstand und ins Bad ging, seine dreckigen Kleider in einem Haufen auf dem Boden finden würde.
Zur Hölle damit, dachte sie und konzentrierte sich wieder auf ihr Buch. Während sie dem Wasser aus der Dusche lauschte, las sie nur wenige Seiten. Dann legte sie das Buch weg und ging ins Wohnzimmer zurück. Sie hob ihre Aktentasche hoch, trug sie ins Schlafzimmer und zog die aktuellsten Dokumente zu dem Mord an Lizbrook hervor, die sie in der Polizeiwache mitgenommen hatte, bevor sie nach Hause gegangen war. So gerne sie sich auch ausruhen wollte, wenn auch nur für ein paar Stunden, würde ihr die Sache doch keine Ruhe lassen.
Sie schaute die Akten durch und sucht nach einem Detail, das sie vielleicht übersehen haben könnte. Als sie sicher war, dass sie an alles gedacht hatte, sah sie erneut Kevins tränengefüllte Augen vor sich, doch sie schob das Bild beiseite.
Mackenzie war so auf die Dokumente fixiert, dass sie gar nicht mitbekam, wie Zack das Schlafzimmer betrat. Jetzt roch er viel besser und schaute, nur mit einem Handtuch um die Hüften, auch viel besser aus.
„Tut mir leid wegen der Bettwäsche“, sagte Zack gedankenverloren, ließ das Handtuch auf das Bett fallen und zog sich eine Unterhose an. „Ich…ich weiß nicht…ich kann mich gar nicht an das letzte Mal erinnern, dass du dich mit mir beschäftigt hast.“
„Du meinst Sex?“, fragte sie und war selbst überrascht, dass sie in der Stimmung dafür war. Vielleicht brauchte sie genau da, um sich endlich zu entspannen und einzuschlafen.
„Nicht nur Sex“, erwiderte Zack. „Ich meine jede Form der Beschäftigung. Wenn ich nach Hause komme, schläfst du entweder oder schaust dir Akten durch.“
„Das mache ich aber erst nachdem ich deinen Müll weggeräumt habe“, konterte sie. „Du lebst wie ein kleiner Junge, der darauf wartet, dass ihm seine Mutter hinterherräumt. Ja, es stimmt, manchmal konzentriere ich mich deshalb lieber auf die Arbeit, um zu vergessen, wie frustrierend du sein kannst.“
„Also ist alles wieder beim Alten?“, fragte er.
„Wie meinst du das?“
„Du verwendest deine Arbeit als eine Mittel, um mich zu ignorieren.“
„Ich verwende sie nicht, um dich zu ignorieren, Zack. Jetzt gerade mache ich mir mehr Sorgen darum, einen brutalen Mörder finden, der eine Mutter von zwei Söhnen umgebracht hat, als um die Aufmerksamkeit, die du brauchst.“
„Genau deshalb“, entgegnete Zack, „will ich nicht heiraten. Du bist ja bereits mit deiner Arbeit verheiratet.“
Ihr fielen tausende Erwiderungen ein, doch Mackenzie wusste, dass es keinen Sinn machte. Sie wusste, dass er auf gewisse Weise Recht hatte. Fast jede Nacht brachte sie Unmengen an Akten mit nach Hause, die viel interessanter waren als Zack. Sie liebte ihn immer noch, daran zweifelte sie nicht, aber an ihm gab es nichts Neues – keine Herausforderung.
„Gute Nacht“, sagte er bitter und kroch ins Bett.
Sie schaute seinen nackten Rücken an und fragte sich, ob sie auf irgendeine Weise dafür verantwortlich wäre, ihm Aufmerksamkeit zu schenken. Würde sie das zu einer guten Freundin machen? Würde sie dadurch für einen Mann, der panische Angst vor dem Heiraten hatte, für eine attraktivere Investition erscheinen?
Nun, da die Möglichkeit, mit ihm zu schlafen, nicht mehr zur Debatte stand, zuckte Mackenzie einfach nur mit den Schultern und schaute zurück auf die Akten.
*
Mackenzie betrat das Schlafzimmer ihrer Eltern, doch noch bevor sie komplett durch den Türrahmen getreten war, dran ein Geruch in ihre Nase, der den Magen des siebenjährigen Mädchens umdrehte. Es war ein strenger Geruch, der sie an das Innere ihres Sparschweins erinnerte – wie das Kupfer der kleinen Münzen.
Sie ging weiter in den Raum hinein und sah das Bettende, ein Bett, in dem ihre Mutter seit etwa einem Jahr nicht mehr geschlafen hatte – ein Bett, das für ihren Vater alleine viel zu groß wirkte.
Dort sah sie ihn, seine Beine hangen von der Seite des Bettes, die Arme waren ausgebreitet, als ob er versuchen würde zu fliegen. Überall war Blut: auf dem Bett, an der Wand, sogar an der Decke. Sein Kopf war nach rechts gedreht, als ob er von ihr wegschauen würde.
Sie wusste sofort, dass er tot war.
Sie trat näher an ihn heran, ihre nackten Füße traten in eine Blutlache, sie wollte nicht weitergehen aber sie musste es tun.
„Daddy“, flüsterte sie mit Tränen in den Augen.
Plötzlich drehte er sich um und starrte sie an, doch er war immer noch tot.
Mackenzie schrie.
Mackenzie öffnete ihre Augen und schaute sich mit verwirrtem Blick im Raum um. Die Akten lagen verteilt auf ihrem Schoß. Zack schlief neben ihr, er hatte ihr seinen Rücken zugedreht. Sie atmete tief durch und wischte sich den Schweiß von der Augenbraue. Es war nur ein Traum.
Und dann hörte sie ein Knarzen.
Mackenzie erstarrte. Sie schaute zur Schlafzimmertür und schlüpfte langsam aus dem Bett. Sie hatte die kaputte Diele im Wohnzimmer knarzen gehört, ein Geräusch, dass nur erklang, wenn jemand im Wohnzimmer herumlief. Natürlich war sie gerade erst aufgewacht und noch dazu aus einem Alptraum, aber sie hatte es gehört.
Oder etwa nicht?
Sie stand auf und holte ihre Dienstwaffe, die zusammen mit ihrem Abzeichen und einer kleinen Tasche auf der Kommode lag. Leise schob sie sich zur Tür hinaus in den Flur. Das schwache Licht der Straßenlaternen fiel durch die Vorhänge des Wohnzimmers herein und erleuchteten einen leeren Raum.
Sie trat mit schussbereiter Pistole ein. Ihr Bauchgefühl sagte ihr, dass niemand da war, aber trotzdem hatte sie etwas Angst. Sie wusste, dass sie das Knarzen der Dielen gehört hatte. Sie ging weiter hinein, bis zum Couchtisch, plötzlich hörte sie wieder dieses Knarzen.
Wie aus dem nichts, tauchte das Bild von Hailey Lizbrook in ihren Gedanken auf. Sie sah die Striemen auf dem Rücken der Frau und die Spuren im Dreck. Sie erzitterte. Sie schaute stumm auf die Waffe in ihren Händen und versuchte, sich daran zu erinnern, wann sie ein Fall zuletzt so mitgenommen hatte. Was zum Teufel hatte sie gedacht? Dass der Mörder in ihrem Wohnzimmer wäre und sich an sie heranschleichen wollte?
Genervt ging Mackenzie ins Schlafzimmer zurück. Lautlos legte sie die Waffe zurück auf die Kommode und ging zu ihrer Bettseite.
Während sowohl Teile der Angst zusammen mit den Nachwirkungen des Traums in ihrem Kopf herumgeisterten, legte sich Mackenzie hin. Sie schloss ihre Augen und versuchte, wieder einzuschlafen.
Aber sie wusste, dass es ihr schwerfallen würde. Sie wurde geplagt, das wusste sie, sowohl von den lebenden als auch den toten.
KAPITEL SIEBEN
Mackenzie konnte sich nicht daran erinnern, wann die Polizeistation je so chaotisch gewesen war. Als sie eintrat, sah sie zuerst, wie Nancy die Flure entlang in ein Büro eilte. Sie hatte Nancy noch nie so schnell laufen sehen. Außerdem lag auf dem Gesicht jedes Polizisten, an denen sie auf ihrem Weg zum Konferenzzimmer vorbeikam, ein nervöser Ausdruck.
Es schaute nach einem schrecklichen Morgen aus. In der Atmosphäre lag eine Spannung, die sie an die Schwere der Luft vor einem schlimmen Sommersturm erinnerten.
Sie hatte selbst einen Teil dieser Spannung gespürt, sogar noch bevor sie das Haus verlassen hatte. Den ersten Anruf hatte sie um halb acht Uhr morgens erhalten, in dem sie darüber informiert wurde, dass sie der Spur in wenigen Stunden verfolgt nachgehen würden. Anscheinend hatte sich die Spur, die sie aus Kevin herausbekommen hatte, in der Nacht als sehr vielversprechend erwiesen. Ein Haftbefehl wurde erlassen und ein Plan erarbeitet. Eine Sache stand jedoch schon fest: Nelson wollte, dass sie und Porter den Verdächtigen hereinbrachten.
Die zehn Minuten, die sie erst auf der Polizeiwache war, waren komplett chaotisch. Als sie sich eine Tasse Kaffee einschenkte, bellte Nelson allen Polizisten Befehle zu und Porter saß würdevoll in einem Stuhl am Konferenztisch. Porter schaute aus wie ein schmollendes Kind, das so viel Aufmerksamkeit auf sich lenken wollte wie möglich. Sie wusste, dass es an ihm nagte, dass diese Spur von einem Jungen gekommen war, mit dem Mackenzie gesprochen hatte – einem Jungen, mit dem er sich nicht hatte abgeben wollen.
Mackenzie und Porter sollten die Führung übernehmen und zwei Autos ihnen folgen, falls sie Unterstützung brauchten. Es war das vierte Mal in ihrer Karriere, dass sie mit so einer Verhaftung beauftragt wurde, und sie erlebte den gleichen Adrenalinstoß wie beim ersten Mal. Trotz des Energieschubes, der durch ihren Körper schoss, blieb Mackenzie ruhig und gefasst. Sie verließ das Konferenzzimmer selbstsicher, so langsam bekam sie das Gefühl, dass es ihr Fall war, egal, wie sehr Porter ihn für sich wollte.
Auf ihrem Weg nach draußen, kam ihr Nelson entgegen und berührte sie leicht am Arm.
„White, lassen Sie uns eine Minute reden, okay?“
Er nahm sie zur Seite und führte sie in den Kopierraum, bevor sie antworten konnte. Er schaute sich verschwörerisch um, als ob er sichergehen wollte, dass auch niemand zuhörte. Als er sich davon überzeugt hatte, schaute er sie auf eine Weise an, die in ihr die Frage aufkommen ließ, ob sie etwas falsch gemacht hatte.
„Schauen Sie“, begann Nelson.“ Gestern Abend kam Porter zu mir und bat mich um einen neuen Partner. Ich lehnte geradewegs ab. Aber ich sagte ihm auch, dass er dumm wäre, den Fall jetzt aufzugeben. Wissen Sie, warum er einen neuen Partner zugeteilt bekommen will?“
„Er ist der Meinung, dass ich ihm gestern Abend auf den Schlips getreten bin“, erwiderte Mackenzie. „Aber es war eindeutig, dass die Kinder ihm nicht antworten würden und er strengte sich nicht einmal an, zu ihnen durchzudringen.“
„Oh, Sie müssen mir das nicht erklären“, sagte Nelson. „Ich denke ja, dass Sie bei dem ältesten Kind großartige Arbeit geleistet haben. Der Junge erzählte sogar den anderen Menschen, die vorbeikamen – inklusive den Sozialarbeitern – dass er Sie wirklich mochte. Ich wollte Sie nur warnen, dass Porter heute auf Kriegsfuß steht. Lassen Sie es mich wissen, wenn er Ihnen Probleme bereitet. Aber ich denke nicht, dass er das tun wird. Auch wenn er nicht gerade ein Fan von Ihnen ist, hat er dennoch erzählt, dass er großen Respekt vor Ihnen hat. Aber das bleibt unter uns, verstanden?“
„Ja, Sir“, antwortete Mackenzie, von seiner plötzlichen Unterstützung und Ermutigung überrascht.
„Okay, dann ist ja alles geklärt“, erwiderte Nelson und klopft ihr auf den Rücken. „Schnappt euch nun diesen Kerl.“
Mit diesen Worten ging Mackenzie hinaus auf den Parkplatz, wo Porter bereits hinter dem Lenkrad ihres Autos saß. Als sie sich zu ihm ins Fahrzeug setzte, warf er ihr einen Was-zur-Hölle-dauert-denn-so-lange Blick zu.
„Ich nehme an, du hast heute Morgen den ganzen Bericht über den Kerl bekommen?“, fragte Porter, während er auf die Straße fuhr. Die anderen beiden Autos, in denen Nelson und vier weitere Polizisten zur Unterstützung saßen, folgten ihnen.
„Das stimmt“, entgegnete Mackenzie. „Clive Traylor, ein einundvierzigjähriger vorbestrafter Sexualstraftäter. Im Jahr 2006 saß er sechs Monate im Gefängnis, weil er eine Frau belästigt hatte. Momentan arbeitet er in der örtlichen Apotheke, aber macht nebenbei auch Holzarbeiten in einem kleinen Schuppen auf seinem Grundstück.“
„Ah, Sie müssen die letzte Nachricht verpasst haben, die mir Nancy geschickt hat“, meinte Porter.
„Wirklich?“, fragte sie. „Was habe ich denn verpasst?“
„In dem Schuppen des Bastards liegen mehrere Holzstangen und unsere Spione berichteten, dass sie etwa die gleiche Größe haben wie diejenige, die wir im Maisfeld fanden.“
Mackenzie scrollte auf dem Handy durch ihre E-Mails und sah, dass Nancy die Nachricht vor weniger als zehn Minuten geschickt hatte.
„Das hört sich ja so an, als hätten wir unseren Mann“, bemerkte sie.
„Exakt“, entgegnete Porter. Er sprach wie ein Roboter, als ob er darauf programmiert wäre, bestimmt Dinge zu sagen. Dabei schaute er sie kein einziges Mal an. Es war offensichtlich, dass er wütend war, aber das war Mackenzie egal. Solange er seine Wut und Entschlossenheit dafür nutzte, den Verdächtigen festzunehmen, wäre sie zufrieden.
„Ich werde das Problem jetzt einfach ansprechen und gleich zur Sache kommen“, fuhr Porter fort. „Es machte mich verdammt wütend, als Sie gestern einfach so die Kontrolle übernommen haben. Aber ich muss zugeben, dass Sie bei dem Kind eine Art Wunder gewirkt haben. Sie sind schlauer als ich Ihnen zugetraut hatte. Das gebe ich zu. Aber die Respektlosigkeit…“
An dieser Stelle brach er ab, als ob er sich nicht sicher wäre, wie er seine Aussage beenden sollte. Mackenzie erwiderte darauf nichts. Sie schaute einfach nur geradeaus und versuchte, die Tatsache zu verdauen, dass sie gerade von zwei Personen eine Art Kompliment bekommen hatte, von denen sie es am wenigsten erwartet hätte.
Plötzlich spürte sie, dass ein sehr guter Tag vor ihr lag. Hoffentlich hätten sie am Ende des Tages den Mann gefangen, der für den Tod von Hailey Lizbrook und noch weiteren ungelösten Mordfällen im Laufe der letzten zwanzig Jahre verantwortlich war. Wenn das die Belohnung war, dann konnte sie Porters schlechte Stimmung auf jeden Fall ertragen.
*
Mackenzie schaute zum Fenster hinaus und wurde von einem deprimierenden Gefühl überrollt, während sie beobachtete, wie sich die Nachbarschaft veränderte, als Porter in die heruntergekommeneren Vororte Omahas fuhr. Die wohlhabenden Bereiche wurden von kostengünstigen Wohnungsblocks abgelöst, die zusammen ein verwahrlostes und schäbiges Viertel bildeten.
Schon bald erreichten sie die Gegend, in dem Clive Traylor wohnte. Es bestand aus Häusern, in denen Niedrigverdiener lebten, die sich nicht um ihre Vorgärten kümmerten, auf denen nur verbogene Briefkästen standen. Die endlosen Häuserreihen schienen kein Ende zu nehmen, jede von ihnen sah verwahrloster aus als die vorherige. Mackenzie wusste nicht, was sie mehr deprimierte: der verwahrloste Zustand oder die betäubende Eintönigkeit.
Clives Viertel war ruhig und als sie seinem Haus immer näherkamen, spürte Mackenzie den altbekannten Adrenalinrausch. Unwillkürlich richtete sie sich auf und bereitete sich darauf vor, einem Mörder gegenüber zu treten.
Laut den Angaben des Beschattungsdienstes, die das Grundstück seit 2 Uhr morgens beobachtete, war Traylor noch Zuhause. Er musste erst um ein Uhr auf der Arbeit sein.
Als Porter weiter die Straße hinunterfuhr, wurde er immer langsamer, bis das Auto schließlich vor Traylors Haus zum Stehen kam Dann schaute er Mackenzie zum ersten Mal an diesem Morgen an. Er schien leicht gereizt zu sein und sie erkannte, dass sie wohl den gleichen Eindruck machen musste. Trotz all ihrer Differenzen fühlte sich Mackenzie doch sicher, sich gemeinsam mit ihm in eine Gefahrensituation zu begeben. Auch wenn er ein sexistischer, sturer Hund war, hatte er einen beeindruckenden Ruf als Polizist und wusste meistens, was er tat.
„Sind Sie bereit?“, fragte Porter sie.
Sie nickte und zog an dem Mikrofon des Radios, das am Armaturenbrett hing.
„Hier ist White“, sprach sie hinein. „Wir sind bereit, auf Ihr Wort hineinzugehen.“
„Dann los“, kam sofort Nelsons Antwort.
Mackenzie und Porter stiegen langsam aus dem Auto aus, denn sie wollten Traylor keinen Grund zur Sorge geben, falls er aus dem Fenster schauen und sehen sollte, dass zwei Fremde über seinen Rasen liefen. Porter übernahm die Führung, während sie die wackeligen Stufen der Veranda hinaufgingen. Diese war mit flockiger, weißer Farbe bestrichen und beherbergte eine ganze Schaar an toten Insekten. Mackenzie spürte, wie sie sich in Vorbereitung auf die bevorstehende Aufgabe anspannte. Was würde sie tun, wenn sie das Gesicht des Mannes sah, der diese Frauen umgebracht hatte?
Porter öffnete die dünne Fliegentür und klopfte an der Haustür.
Mackenzie stand neben ihm und wartete mit wild schlagendem Herzen. Sie konnte spüren, wie ihre Handflächen zu schwitzen begannen.
Es verstrichen ein paar Sekunden, bis der Klang von sich nähernden Fußschritten ertönte. Danach hörten sie, wie das Schloss entriegelt wurde, anschließend öffnete sich die Tür einen Spalt breit und Clive Traylor schaute heraus. Er machte einen verwirrten und bald schon einen sehr alarmierten Eindruck.
„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte Traylor.
„Mr. Traylor“, begann Porter, „ich bin Detective Porter und das ist Detective White. Wir würden gerne mit Ihnen reden, wenn Sie eine Minute Zeit haben.“
„Worüber denn?“, wollte Traylor wissen, der sofort eine Verteidigungshaltung einnahm.
„Über das Verbrechen, das vorgestern Nacht begangen wurde“, antwortete Porter. „Wir haben nur ein paar Fragen und so lange Sie ehrlich sind und keine Falschaussage leisten, sind wir in fünf bis zehn Minuten wieder verschwunden.“
Traylor schien einen Moment darüber nachzudenken. Mackenzie war sich ziemlich sicher, dass sie wusste, was gerade in seinem Kopf vorging. Er war ein vorbestrafter Sexualverbrecher und jeder Versuch, der Polizei seine Hilfe zu verweigern, würde die Alarmglocken klingeln und womöglich sogar zu genaueren Nachforschungen bezüglich Traylors momentanen Aktivitäten führen.
Und das war das letzte, was ein Mann wie Clive Traylor wollte.
„Ja, kommen Sie herein“, sagte Traylor schließlich, obwohl er mit der Situation sichtlich nicht zufrieden war. Trotzdem öffnete er die Tür und ließ sie in sein Haus, das wie ein ehemaliges College-Schlafzimmer aussah, eintreten.
Überall lagen Bücher herum, dazwischen waren leere Bierdosen verteilt, und auf jeder verfügbaren Oberfläche befanden sich Kleiderstapel. Es roch, als ob Traylor vor kurzem etwas auf dem Herd hatte anbrennen lassen.
Er führte sie in sein kleines Wohnzimmer. Sofort nahm Mackenzie alles in sich auf und analysierte es blitzschnell, um zu ermitteln, ob dies das Haus eines Mörders war. Auf der Couch lagen weitere Kleiderbündel und der Kaffeetisch war voll dreckigen Geschirrs, neben dem ein Laptop stand. Der Anblick dieser Unordnung ließ Mackenzie erkennen, dass Zacks Angewohnheiten vielleicht doch nicht so schlimm waren wie sie gedacht hatte. Traylor bot ihnen nicht an, sich hinzusetzen, was gut war, denn auf keinen Fall würde sich Mackenzie irgendwo in diesem Haus hinsetzen.
„Danke für Ihre Zeit“, sagte Porter. „Wie gesagt geht es um ein Verbrechen, das vorgestern Nacht begangen wurde – einem Mord. Wir sind hier, weil Sie eine recht dubiose Vergangenheit mit dem Opfer haben.“
„Wer ist es denn?“, fragte Traylor.
Mackenzie beobachtete ihn genau, sie konzentrierte sich auf seine Gesichtsausdrücke und seine Haltung, in der Hoffnung, dass über die Körpersprache etwas verraten würde. Bis jetzt konnte sie jedoch nur feststellen, dass er sich sehr unwohl dabei fühlte, die Polizei in seinem Zuhause zu haben.
„Eine Frau namens Hailey Lizbrook.“
Traylor schien einen Moment darüber nachzudenken, bevor er den Kopf schüttelte.
„Ich kenne niemanden, der so heißt.“
„Sind Sie sich sicher?“, hakte Porter nach. „Wir haben Beweise dafür, dass sie letztes Jahr eine einstweilige Verfügung gegen Sie erwirkt hat.“
Erkenntnis huschte über sein Gesicht und er verdrehte die Augen.
„Oh. Sie. Ich kannte ihren Namen nicht.“
„Aber Sie wussten, wo sie lebte?“, fragte Mackenzie.
„Ja“, antwortete Traylor. „Ja, ich folgte ihr ein paar Mal vom Runway zu ihrer Wohnung. Deshalb kamen auch ein paar Polizisten zu mir nach Hause, um mit mir darüber zu reden. Aber ich habe gegen die Verfügung nicht verstoßen. Das schwöre ich.“
„Dann bestreiten Sie es also nicht, sie einmal gestalkt zu haben?“, wollte Porter wissen.
Mackenzie sah, dass es Traylor peinlich war, weshalb sich Enttäuschung in ihr breitmachte. Sie war sich ziemlich sicher, dass dies hier nicht der Mörder war.
„Nein, das gebe ich zu. Aber nach der einstweiligen Verfügung habe ich mich von ihr ferngehalten. Ich hörte sogar auf, zu dem Stripclub zu gehen.“
„Okay“, meinte Porter. „Können Sie mir sagen, wo Sie vorgestern Nacht waren?“
„Also, ich arbeitete bis neun Uhr und kam dann nach Hause. Anschließend schaute ich ein bisschen fern und ging etwa gegen Mitternacht ins Bett.“
„Können Sie das beweisen?“, fragte Porter.
Traylor schien etwas überrumpelt zu sein, als er versuchte, eine passende Antwort zu geben. „Verdammt, ich weiß es nicht. Ich habe mich online in mein Bankkonto eingeloggt. Hilft Ihnen das?“
„Möglicherweise“, entgegnete Porter. Dabei deutete er auf den Laptop auf dem Kaffeetisch. „Zeigen Sie es uns.“
Traylor begann in diesem Moment, mit sich zu ringen. Langsam streckte er seine Hand nach dem Laptop aus, doch dann zögerte er. „Das ist, nun ja, eine Verletzung meiner Privatsphäre. Kommen Sie mit einem Haftbefehl zurück, dann werde ich – “
„Ich bin kein Anfänger“, unterbrach ihn Porter. „Draußen stehen mehr Polizisten bereit, die innerhalb von Sekunden hier drinnen sein können. Wir haben bereits einen Haftbefehl. Machen Sie es sich so einfach wie möglich und zeigen uns einfach Ihren Suchverlauf.“
Auf Traylors Stirn bildeten sich Schweißtropfen. Mackenzie war sich ziemlich sicher, dass er nicht der Mörder war, aber er verbarg definitiv etwas.
„Wo liegt das Problem?“, fragte Mackenzie.
„Sie müssen diese Informationen direkt von meiner Bank einholen“, meinte er.
„Warum?“
„Weil es auf diesem Computer keinen Verlauf gibt.“
Porter trat einen Schritt vor und wiederholte seine vorherige Aussage. „Zeigen Sie es uns.“
Mackenzie und Porter standen um Traylor herum, einer auf jeder Seite. Mackenzie passte gut auf und sah, dass Traylor schnell seinen Internetverlauf öffnete. Trotzdem hatte Mackenzie einen Blick auf seinen Bildschirmhintergrund werfen können und war sich sicher, genug gesehen zu haben.
Sie trat einen Schritt von Traylor zurück und bedeutete Porter, dass sein Suchverlauf leer war. Sie hörte, wie er Porter erklärte, dass er immer seinen Suchverlauf lösche, um somit all die Cookies und Spams in seinem Cache loszuwerden. Sie überließ Porter diese uralte Ausrede alleine und warf einen Blick in den Flur. An der Wand hingen keine Bilder, stattdessen lag lauter Gerümpel auf dem Boden. In der ganzen Unordnung entdeckte sie eine leere Box, die ihre Alarmglocken klingeln ließ.
Mackenzie ging zurück ins Wohnzimmer, gerade als die Unterhaltung zwischen Porter und Traylor etwas hitziger wurde.
„Entschuldigung“, sagte sie, womit sie die beiden übertönte. „Mr. Traylor, ich glaube Ihnen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie nichts mit dem Mord an Hailey Lizbrook zu tun haben. Viele Faktoren sprachen gegen Sie, sogar die Holzstangen draußen hinter dem Schuppen. Aber nein, ich glaube nicht, dass Sie jemanden umgebracht haben.“
„Vielen Dank“, blaffte er sarkastisch.
„White“, sagte Porter, „was tun Sie – “
„Aber ich bestehe darauf, dass Sie mir erzählen, bei welch anderen illegalen Dingen Sie mitgewirkt haben.“
Er schaute überrascht, fast schon beleidigt aus. „Bei gar nichts“, erwiderte er. „Ich weiß, dass meine Akte nicht lupenrein ist. Wenn man einmal eine Vorstrafe als Sexualverbrecher hat, wird das Leben nie wieder so sein wie zuvor. Die Menschen betrachten einen immer anders und – “
„Sparen Sie sich das, bitte“, unterbrach ihn Mackenzie. „Sind Sie sicher, dass Sie an nichts Unrechtmäßigem beteiligt waren?“
„Das schwöre ich.“
Mackenzie nickte und wandte sich dann mit einem dünnen Lächeln an Porter. „Detective Porter, möchten Sie ihm die Handschellen anlegen, oder soll ich das tun?“
Doch bevor er antworten konnte, rannte Traylor los. Er stieß mit Mackenzie zusammen, versuchte, sie umzustoßen und in den Gang zu fliehen. Es war offensichtlich, dass er nicht damit gerechnet hätte, dass sie so stark und kräftig sein würde. Sie stemmte ihre Füße in den Boden spannte ihre Beine an, als Traylor mit voller Wucht gegen sie stieß, was dazu führte, dass er verwirrt an ihr abprallte.
„Verdammt“, murmelte Porter, während er nach seiner Dienstwaffe griff.
Währenddessen stieß Mackenzie ihren Ellbogen fest in Traylors Brust, als er versuchte, an ihr vorbeizukommen. Er stieß ein uff aus und schaute sie überrascht an. Dann begann er, auf ein Knie zu sinken, doch noch bevor er den Boden berührte, schnappte Mackenzie ihn am Nacken und schmiss ihn auf den Boden.
Traylor schrie auf, als Mackenzie ein Knie in seinen Rücken drückte und gleichzeitig ein Paar Handschellen hervorzauberte, genau wie Zauberer es mit einem Taschentuch machten.
„Ist ja auch egal“, sagte Mackenzie mit Blick auf Porter. „Ich kümmere mich darum.“
Mit diesen Worten legte sie die Handschellen um Traylors Handgelenke, während Porter bewegungslos danebenstand, seine Hand lag immer noch auf seiner Hüfte, wo sich seine Dienstwaffe weiterhin in ihrer Halterung befand.
*
Mackenzie schaute die Plastiktüte an und schon bei dem Gedanken, was sich wahrscheinlich auf den USB-Sticks darin befinden würde, wurde ihr schlecht. Insgesamt gab es elf davon. Nach einem harten Verhör erfuhren sie, dass Traylor die USB-Sticks ergattern wollte, als er versucht hatte, an Mackenzie vorbeizukommen.
„Verdammt“, sagte Nelson, der ein bisschen zu glücklich schaute, als Clive Traylor in ein Polizeiauto gesetzt wurde. „Es ist zwar nicht die Festnahme, die ich heute wollte, aber ich beschwere mich nicht, denn diese hier ist auch sehr gut.“
Es war etwas weniger als eine Stunde vergangen, seit Traylor abgestritten hatte, in einer verdächtigen Sache drinzuhängen. In dieser Stunde war sein Laptop konfisziert und seine Suchgeschichte entdeckt worden. Bis jetzt hatte man mehrere USB-Sticks in seinem Haus gefunden, auf denen Fotos und Videos waren. Wenn man die Funde auf seinem Laptop, inklusive der Webseiten, die er in den letzten zwei Tagen aufgerufen hatte, und die USB-Sticks zusammennahm, dann besaß Clive Traylor mehr als fünf hundert Bilder und fünfundzwanzig Videos, in denen es um Kinderpornographie ging. Zusätzlich verkaufte er die Dateien im Internet. Die letzte Transaktion ging an eine IP Adresse aus Frankreich und brachte ihm zweihundert Dollar ein – die Transaktion war gerade eben von Traylors Bank bestätigt worden.
Clive Traylor war nicht einmal in der Nähe des Maisfeldes, in dem Hailey Lizbrook vorgestern ermordet worden war. Stattdessen war er online gewesen und hatte Kinderpornographie verbreitet.
Als Mackenzie das Icon des Inkognito-Browsers auf Traylors Hintergrund und anschließend die Schachteln für Software zum Blockieren von IP-Adressen in seinem Flur gesehen hatte, konnte sie die Stücke zusammensetzen. Die Tatsache, dass Traylor ein bekannter Sexualstraftäter war, trug zu dieser Schlussfolgerung ebenfalls bei.
Nelson stand bei Mackenzie und Porter, als Traylor weggefahren wurde.
„Ich glaube, das war erst die Spitze des Eisbergs“, sagte er. „Sobald wir an der Software vorbeikommen, werden wir noch viel mehr finden. Sehr gute Arbeit, ihr beide.“
„Danke, Sir“, entgegnete Porter, der sich sichtlich unwohl fühlte, Lob anzunehmen, das Mackenzie eigentlich verdiente.
„Übrigens“, sagte Nelson, wobei er direkt Mackenzie anschaute, „habe ich ein paar Leute in den Schuppen hinter dem Haus geschickt. Sie fanden nichts, nur ein paar unvollendete, selbst gebaute Sachen, ein Bücherregal, ein paar Tische, solche Dinge. Ich habe sogar die Holzstangen überprüfen lassen und es hat sich herausgestellt, dass sie aus Kiefernholz sind, genau wie das Zeug, das er baut. Es war also reiner Zufall.“
„Ich war mir so sicher, dass er unser Mann war“, sagte Porter.
„Lassen Sie sich nicht entmutigen“, entgegnete Nelson. „Der Tag ist noch jung.“
Nelson ging nun zu dem Technikteam, das daran arbeitete, tiefer in Traylors Computer einzudringen.
„Das war sehr schlau von Ihnen“, bemerkte Porter. „Ich hätte nichts davon bemerkt – weder die Software auf seinem Computer, noch die Hardware-Schachteln.“
Er klang deprimiert, schon fast traurig.
„Danke“, erwiderte Mackenzie, der die Situation etwas unangenehm war. Sie wollte ihm erzählen, wie sie zu ihren Schlussfolgerungen gekommen war, aber dachte dann, dass es ihn nur aufregen würde, weshalb sie still blieb, wie immer.
„Also dann“, meinte Porter und klatschte seine Hände zusammen, als ob sich die Sache erledigt hätte. „Lassen Sie uns auf die Wache zurückkehren und nachschauen, ob wir noch etwas über unseren Serienkiller herausfinden können.“
Mackenzie nickte, doch ließ sich beim Einsteigen Zeit. Sie schaute zurück zu Clive Traylors Haus und dem Schuppen im Hinterhof. Sie konnte die Enden der Holzstangen sehen. Von außen betrachtet war es wie eine sichere Sache erschienen, aber es hatte sich als etwas vollkommen Anderes herausgestellt und sie sah sich wieder mit der Tatsache konfrontiert, dass sie wieder so gut wie von vorne anfangen mussten.
Da draußen war ein Mörder unterwegs und mit jeder Minute, die verstrich, gaben sie ihm eine weitere Chance, wieder zu töten.
KAPITEL ACHT
Als Junge war er gerne auf der Veranda hinter dem Haus gesessen und hatte beobachtet, wie ihre Katze im Hof herumlief. Es war besonders interessant, wenn sie auf einen Vogel oder auch hin und wieder auf ein Eichhörnchen traf. Er hatte zugesehen, wie die Katze einen Vogel bis zu fünfzehn Minuten verfolgte und mit ihm spielte, bis sie sich schließlich auf ihn stürzte, ihm das Genick brach und kleine Federn in die Lüfte stieß.
Jetzt dachte er an diese Katze, während er beobachtete, wie die Frau von einer weiteren Nacht auf der Arbeit – wo sie auf einer Bühne stand und ihren Körper anbiederte. Wie die Katze aus seiner Kindheit hatte er sie verfolgt. Er hatte die Idee, sie an ihrer Arbeitsstelle zu entführen, wieder verworfen, denn die Sicherheitsvorkehrungen dort waren zu groß und sogar unter dem blassen Schein der Straßenlaternen am frühen Morgen war die Chance, entdeckt zu werden, zu groß. Stattdessen wartete er auf dem Parkplatz vor ihrem Apartmentblock.
Er hatte direkt vor der Treppe auf der rechten Seite des Wohnblockes geparkt, da sie diese immer nahm, wenn sie zu ihrer Wohnung im zweiten Stock hinaufging. Dann, nach drei Uhr, war er die Treppen hinaufgestiegen und hatte auf dem Absatz zwischen der ersten und der zweiten Treppe gewartet. Dort gab es nur schlechte Beleuchtung und zu dieser Zeit war alles still. Trotzdem hatte er als Tarnung ein altes Handy dabei, das er schnell an sein Ohr halten und vorgeben würde, zu telefonieren, wenn jemand an ihm vorbeikommen sollte.
Er folgte ihr nun schon seit zwei Nächten und wusste, dass sie zwischen drei und vier Uhr morgens nach Hause kam. Beide Male hatte er sein Auto auf der anderen Seite des Parkplatzes abgestellt und immer nur eine Person zwischen drei und vier Uhr morgens auf der Treppe gesehen, und diese war eindeutig betrunken gewesen.
Als er nun auf dem Treppenabsatz stand, sah er, wie sie parkte und ausstieg. Sogar in Straßenkleidern schien sie ihre Beine zur Schau zu stellen. Und was hatte sie die ganze Nacht lang getan? Diese Beine gezeigt und in Männern Verlangen erweckt.
Sie näherte sich der Treppe, weshalb er das Handy an sein Ohr hielt. Nur noch ein paar wenige Stufen, dann würde sie vor ihm stehen. Er spürte, wie sich seine Muskeln anspannten und auf den Sprung warteten, wieder kehrten seine Gedanken zu der Katze in seiner Kindheit zurück.
Da er ihre leisen Schritte unten hörte, tat er so, als würde er telefonieren. Er sprach leise, aber nicht auf verschwörerische Weise. Er spielte mit dem Gedanken, sie sogar anzulächeln, wenn sie auftauchte.
Und dann war sie da, kam um den Absatz herum und ging in die Richtung der zweiten Treppe. Sie warf ihm einen Blick zu, sah, dass er beschäftigt war und harmlos aussah, und nickte. Er nickte zurück und lächelte.
Seine rechte Hand fuhr in seine Jackentasche und zog ein Tuch hervor, dass er kurz bevor er ausgestiegen war, in Chloroform getränkt hatte. Seinen anderen Arm schlang er um ihren Nacken und zog sie rückwärts, sodass sie hinfiel. Sie konnte gerade einmal ein kleinen Überraschungslaut von sich geben, bevor er den Lappen auf ihren Mund drückte.
Sofort kämpfte sie gegen ihn, biss zu und schaffte es sogar, in seinen kleinen Finger zu beißen. Sie biss so fest zu, dass er zuerst meinte, dass sie seinen Finger durchtrennt hätte. Er zog seine Hand einen Moment zurück, aber es reichte, damit sie ihm entkommen konnte, sie entriss sich dem Griff, den er mit seinem linken Arm auf ihren Hals ausgeübt hatte.
Sie sprang die Treppe hinauf und stieß ein Wimmern aus, von dem er wusste, dass es sich in kürzester Zeit in einen Schrei verwandeln würde. Er schoss vor, streckte seine Arme aus und bekam ein seidig schimmerndes, nacktes Bein zu fassen. Er stürzte mit dem Oberkörper auf die Treppe, was ihm die Luft aus den Lungen drückte, aber er schaffte es dennoch, fest an ihrem Bein zu ziehen. Mit einem verzweifelten Schrei fiel sie auf den Boden. Als ihr Gesicht auf die Treppe knallte, ertönte ein lautes Knacken.
Ihr Körper erschlaffte und sofort krabbelte er die Stufen hinauf, um sie sich genauer anzuschauen. Sie war mit der Schläfe auf der Treppe aufgeschlagen. Zu seiner Überraschung blutete es nicht, aber sogar in dem schwachen Licht konnte er sehen, dass sich bereits eine Schwellung bildete.
Mit einer schnellen Bewegung steckte er das Tuch zurück in die Tasche. Dabei musste er feststellen, dass sie ziemlich fest in seinen kleinen Finger gebissen hatte. Dann hob er sie hoch und bemerkte, dass ihre Beine ganz schlaff waren, sie musst wirklich komplett bewusstlos sein.
Aber mit so etwas hatte er schon Erfahrung. Er hob sie hoch und legte sie mit ihrem ganzen Gewicht auf die Seite, an der sich die Schwellung bildete. Dann schlang er einen Arm um ihre Hüfte und zog sie die Treppe hinunter, wobei ihre Füße nutzlos hinter ihr her schleiften. Mit seiner anderen Hand legte er sein Telefon an sein Ohr, falls ihnen jemand auf der kurzen Strecke zum Auto entgegenkam. Für solche Fällte hatte er sich schon vorbereitet: Ich weiß nicht, was ich dir sagen soll, Alter. Sie ist betrunken – einfach sturzbesoffen. Ich dachte, es wäre am besten, sie nach Hause zu bringen.
Aber zu dieser späten Stunde gab es keinen Grund für solch ein Schauspiel. Auf der Treppe und dem Parkplatz war keine Menschenseele. Er steckte sie ohne Zwischenfälle in sein Auto, dabei sah er niemanden.
Er schlug das Lenkrad ein und verließ den Parkplatz in Richtung Osten.
Zehn Minuten später, als ihr Kopf leicht gegen das Fenster am Beifahrersitz schlug, murmelte sie etwas Unverständliches.
Er streckte seine Hand aus und tätschelte ihr Bein.
„Es ist gut“, sagte er. „Es ist alles gut.“
KAPITEL NEUN
Mackenzie las gerade den Abschlussbericht von Clive Traylor und fragte sich, wo sie einen Fehler begangen hatte, als Porter ihr Büro betrat. Er sah immer noch ein wenig missmutig wegen des Morgens aus. Mackenzie wusste, dass er Traylor für den Mörder gehalten hatte und er hasste es, im Unrecht zu sein. Aber Mackenzie hatte sich schon vor langer Zeit an seine ständig gereizte Stimmung gewöhnt.
„Nancy meinte, dass Sie nach mir suchen würden“, sagte Porter.
„Ja“, antwortete sie. „Ich denke, wir sollten den Stripclub besuchen, in dem Hailey Lizbrook arbeitete.“
„Warum?“
„Um mit ihrem Chef zu reden.“
„Wir haben bereits mit ihm telefoniert“, entgegnete Porter.
„Nein, Sie haben mit ihm telefoniert“, widersprach Mackenzie. „Und zwar ganze drei Minuten lang.“
Porter nickte leicht. Er trat komplett in ihr Büro und schloss die Tür hinter ihm. „Hör zu“, sagte er. „Heute Morgen hatte ich Unrecht. Und Sie haben mich mit dieser Festnahme sehr beeindruckt. Aber das bedeutet nicht, dass Sie mich so kleinreden können.“
„Ich rede Sie nicht klein“, wandte Mackenzie ein. „Ich wollte damit nur andeuten, dass wir bei einem Fall, bei dem wir nicht vorankommen, jede Möglichkeit ausschöpfen sollten.“
„Und Sie glauben etwa, dass der Besitzer des Stripclubs den Mörder kennt?“
„Wahrscheinlich nicht“, antwortete Mackenzie. „Aber ich denke, dass es sich lohnt, mit ihm zu reden, für den Fall, dass er uns eine neue Spur geben kann. Außerdem, haben Sie sich sein Vorstrafenregister angesehen?“
„Nein“, meinte Porter. So wie er dabei sein Gesicht verzog, machte deutlich, dass er es hasste, dies zuzugeben.
„Er ist wegen häuslicher Gewalt vorbestraft. Und vor sechs Jahren soll er eine Siebzehnjährige beschäftigt haben. Später ging sie zur Polizei und meinte, dass sie den Job nur bekommen hatte, weil sie ihm sexuelle Gefallen tat. Der Fall wurde jedoch abgewiesen, weil das Mädchen von Zuhause davongelaufen war und niemand ihr Alter bestätigen konnte.“
Porter seufzte. „White, wissen Sie, wann ich das letzte Mal in einem Stripclub war?“
„Das würde ich lieber nicht wissen“, sagte Mackenzie. Oh mein Gott, hatte sie ihm wirklich ein Lächeln entlockt?
„Es ist schon lange her“, antwortete er und verdrehte die Augen.
„Nun ja, wir werden immerhin dienstlich dort sein und nicht zum Vergnügen.“
Porter gluckste. „Wenn Sie in meinem Alter sind, verschwimmt die Trennung zwischen den beiden manchmal. Kommen Sie schon, lassen Sie uns gehen. Ich glaube nicht, dass sich Stripclubs in den letzten dreißig Jahren so sehr verändert haben.“
*
Mackenzie kannte Stripclubs bisher nur aus Filmen und auch wenn sie es vor Porter nicht zugeben wollte, so war sie sich jedoch nicht sicher, was sie erwartete. Als sie eintraten, war es kurz nach sechs Uhr abends. Der Parkplatz begann sich so langsam mit gestressten Männern zu füllen, die nach ihrer Arbeit vorbeikamen. Ein paar von ihnen schauten Mackenzie ein wenig zu genau an, während sie und Porter durch die Lobby zur Bar gingen.
Mackenzie nahm den Ort so gut in sich auf wie möglich. Die Beleuchtung war schwach, wie eine dauerhafte Dämmerung, und die Musik tönte laut. Momentan tanzten zwei Frauen an einer Stange auf einer Bühne, die wie ein Laufsteg geformt war. Sie trugen jeweils nur ihr Höschen und versuchten, so sexy wie möglich zu einem Rob Zombie Lied zu tanzen.
„Also“, sagte Mackenzie, während sie auf den Barkeeper warteten, „hat sich etwas verändert?“
„Nichts außer der Musik“, erwiderte Porter. „Die Musik ist schrecklich.“
Sie musste es ihm lassen, er schaute nicht einmal zur Bühne. Porter war seit fast fünfundzwanzig Jahren verheiratet. Zu sehen, dass er sich auf die Reihe der Alkoholflaschen hinter der Bar konzentrierte, anstatt die oberkörperfreien Frauen auf der Bühne zu betrachten, steigerte ihren Respekt für ihn. Man konnte sich Porter schwer als einen Mann vorstellen, der seine Frau so sehr respektierte, und sie war froh, falsch gelegen zu haben.
Als der Barkeeper schließlich zu ihnen kam, erschlafften seine Gesichtszüge. Obwohl weder Porter noch Mackenzie ihre Polizeiuniform trugen, drückt ihre Kleidung dennoch aus, dass sie geschäftlich hier waren – und wahrscheinlich nicht wegen eines angenehmen Geschäfts.
„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte der Barkeeper.
Kann ich Ihnen helfen? dachte Mackenzie. Er fragte uns nicht, was wir trinken wollen. Er fragte, ob er uns helfen könne. Er scheint Polizisten wie uns schon einmal hier drinnen gesehen zu haben. Erster Treffer für den Besitzer.
„Wir würden gerne mit Mr. Avery sprechen, bitte“, antwortete Porter. „Und ich hätte gerne eine Rum-Cola.“
„Er ist gerade beschäftigt“, entgegnete der Barkeeper.
„Da bin ich mir sicher“, meinte Porter. „Aber wir müssen mit ihm reden.“ Dann zog er seinen Polizeiausweis aus der Innentasche seiner Jacke heraus, zeigte sie ihm und steckte sie wieder zurück, als ob er gerade einen magischen Trick aufgeführt hätte. „Er muss mit uns reden, sonst werde ich ein paar Anrufe tätigen und es ganz offiziell machen. Es ist seine Entscheidung.“
„Einen Moment“, sagte der Barkeeper, der sich sofort aus dem Staub machte. Er lief zur anderen Seite der Bar und trat durch eine Doppeltür, die Mackenzie an Saloon-Türen in kitschigen Westernfilmen erinnerte.
Sie schaute zurück zur Bühne, wo jetzt nur noch eine Frau zu Van Halens „Running with the Devil“ tanzte. Bei der Art, wie sich die Frau bewegte, fragte sich Mackenzie, ob die Stripper keinen Respekt vor sich selber hatten und es ihnen deshalb nichts ausmachte, ihre Körper auf diese Weise zur Schau zu stellen. Während sie bei vielen Dingen sehr selbstsicher war, gehörte ihr Körper nicht dazu, trotz der lüsternen Blicke, die sie hin und wieder von den unterschiedlichsten Männern zugeworfen bekam.
„Du wirkst ein bisschen fehl am Platz“, sagte jemand neben ihr.
Sie schaute nach rechts und sah, dass sich ihr ein Mann näherte. Er schien um die dreißig Jahre alt zu sein und wohl schon länger an der Bar zu sitzen. In seinen Augen lag ein gewisser Glanz, den sie schon bei vielen Betrunkenen gesehen hatte.
„Dafür gibt es auch einen Grund“, erwiderte Mackenzie.
„Ich meine ja nur“, fuhr der Mann fort, „dass man in solchen Lokalen nur selten Frauen findet. Und wenn sie hier sind, dann normalerweise mit ihrem Mann oder Freund. Aber ehrlich gesagt, kann ich mir euch beide“, dabei deutete er auf Porter, „nicht als Paar vorstellen.“
Mackenzie hörte, wie Porter bei der Bemerkung gluckste. Sie wusste nicht, was sie mehr aufregte: die Tatsache, dass dieser Mann mutig genug war, um sich neben sie zu setzen, oder dass Porter jede Sekunde davon genoss.“
„Wir sind kein Paar“, sagte Mackenzie. „Wir arbeiten zusammen.“
„Dann seid ihr also nur auf ein paar Drinks hier, hm?“, fragte er. Dann lehnte er sich näher an sie heran – nah genug, sodass Mackenzie den Tequilageruch in seinem Atem riechen konnte. „Lass mich dir eines ausgeben.“
„Hör zu“, sagte Mackenzie, die ihn immer noch keines Blickes würdigte. „Ich habe kein Interesse. Also suche dir dein nächstes ahnungsloses Opfer.“
Der Mann beugte sich näher heran und starrte sie einen Moment lang an. „Du musst ja nicht gleich so aus der Haut fahren.“
Der Mann lehnte sich näher heran und starrte sie für einen Moment an. „Du musst ja nicht so zickig sein.“
Mackenzie dreht sich schließlich zu ihm um und als sich ihre Blicke kreuzten, veränderte sich der Ausdruck in den Augen des Mannes. Er bemerkte sofort, dass sie nicht zum Vergnügen hier war, doch er hatte schon ein paar Drinks zu viel und konnte sich anscheinend nicht stoppen. Er legte ihr eine Hand auf die Schulter und lächelte sie an. „Es tut mir leid“, sagte er. „Was ist sagen wollte, nein, ich meinte genau das, was ich sagte. Du hättest ja nicht so zickig sein müssen –“
„Nimm deine Hände von mir“, unterbrach ihn Mackenzie mit leiser Stimme. „Letzte Warnung.“
„Du magst es nicht, wenn dich ein Mann berührt?“, fragte er lachend. Er strich mit seiner Hand über ihren Arm, wobei er sie nicht mehr nur berührte, sondern schon betatschte. „Deshalb bist du wohl hier, um dir nackte Frauen anzuschauen, hm?“
Mackenzie hob ihren Arm blitzschnell. Der arme betrunkene Mann bekam gar nicht mit, was geschah, bis sie ihm den Arm ins Genick geschlagen hatte und er nach Luft röchelnd von seinem Barhocker fiel. Dabei machte er genug Lärm, um die Sicherheitsmänner, die am Rande der Lounge standen, auf sich aufmerksam zu machen.
Porter sprang auf die Füße und stellte sich zwischen den Wachmann und Mackenzie. Er zog seinen Polizeiausweis heraus und stand zu Mackenzies Überraschung fast Nase an Nase mit dem viel größeren Wachmann. „Ganz ruhig, Großer“, sagte Porter, der dem Kerl seinen Polizeiausweis direkt unter die Nase hielt. „Wenn Sie das Spektakel, dass jemand in diesem heruntergekommenen Club verhaftet wird, schlage ich vor, dass Sie den Idioten hier rauswerfen.“
Der Wachmann schaute von Porter zu dem betrunkenen Mann auf dem Boden, der immer noch hustete und nach Luft schnappte. Der Sicherheitsmann verstand, welche Wahlmöglichkeiten er hatte, und nickte. „Natürlich“, entgegnete er und zog den betrunkenen Mann auf die Beine.
Mackenzie und Porter beobachteten, wie er von dem Wachmann zur Tür befördert wurde, dann stupste Porter Mackenzie an und gluckste. „Du steckst voller Überraschungen, hm?“
Sie zuckte nur mit den Schultern. Als sie sich wieder zu ihren Hockern umdrehten, sahen sie, dass der Barkeeper zurückgekehrt war. Neben ihm stand ein weiterer Mann, der Mackenzie und Porter anstarrte, als ob sie ein Pack streunender Hunde wären, denen er nicht traute.
„Was war da gerade los?“, fragte der Mann.
„Sind Sie Mr. William Avery?“, erwiderte Porter.
„Ja.“
„Nun gut, Mr. Avery“, begann Mackenzie, „Ihre Klienten sollten sich mehr Mühe geben, ihren Mund geschlossen und ihre Hände bei sich zu behalten.“
„Worum geht es hier?“, fragte Avery.
„Können wir irgendwo unter vier Augen sprechen?“, erkundigte sich Porter.
„Nein. Wir bleiben hier. Das ist die geschäftigste Zeit im Club. Ich muss hier sein und an der Bar aushelfen.“
„Natürlich“, entgegnete Porter. „Immerhin habe ich vor fünf Minuten eine Rum-Cola bestellt und sie bis jetzt noch nicht erhalten.“
Der Barkeeper zog die Augenbrauen finster zusammen und wandte sich an die Flaschen hinter ihm. In seiner Abwesenheit lehnte sich Avery näher heran und meinte: „Wenn es um Hailey Lizbrook geht, dann haben ich euren Kollegen schon alles erzählt, was ich von ihr weiß.“
„Aber Sie haben noch nicht mit mir gesprochen“, erwiderte Mackenzie.
„Und weiter?“
„Ich habe eine andere Herangehensweise als die anderen und das hier ist unser Fall“, erklärte sie mit einem Nicken zu Porter. „Deshalb brauche ich Antworten zu weiteren Fragen.“
„Und wenn ich sie nicht gebe?“
„Wenn Sie das wirklich wollen“, sagte Mackenzie, „dann könnte ich mit einer Frau namens Colby Barrow reden. Kommt Ihnen der Name bekannt vor? Ich glaube, sie fing mit siebzehn an, hier zu arbeiten. Sie bekam den Job, weil sie Ihnen einen Blowjob gegeben hatte. Ich weiß, dass der Fall geschlossen ist. Aber ich frage mich, ob sie mir etwas über Ihre Geschäftspraktiken erzählen könnte, die Sie vor sechs Jahren unter den Tisch fallen ließen. Ich frage mich, ob sie mir vielleicht auch erzählen kann, warum es Ihnen egal scheint, was vor drei Nächten mit einer Ihrer Tänzerinnen geschah.“
Avery machte den Eindruck, als würde er sie schlagen wollen. Sie wollte es fast darauf ankommen lassen. In den vergangenen Jahren war sie zu vielen Männern wie ihm begegnet – Männer, die sich kein Stück um Frauen kümmerten, bis es dunkel war und sie Sex oder jemanden zum Verprügeln brauchten.
„Was wollen Sie wissen?“, fragte er.
Bevor sie antworten konnte, stellte der Barkeeper endlich den Drink vor Porter ab. Dieser nahm einen kleinen Schluck, während er Avery und den Barkeeper mit einem wissenden Lächeln betrachtete.
„Gab es Männer, die immer zu Hailey gingen?“, wollte Mackenzie wissen. „Gab es Männer, die sich immer an sie wandten?“
„Vielleicht ein oder zwei“, antwortete Porter.
„Kennen Sie deren Namen?“, hakte Porter nach.
„Nein. Ich achte nicht auf die Männer, die hereinkommen. Sie sind alle gleich, wissen Sie?“
„Aber denken Sie“, fragte Mackenzie, „ob einige Ihrer anderen Tänzerinnen vielleicht wissen, wie sie heißen?“
„Das bezweifele ich“, entgegnete Avery. „Und mal ehrlich: Die meisten Tänzerinnen fragen die Männer aus Höflichkeit nach ihren Namen. Es kümmert sie eigentlich gar nicht. Sie wollen nur bezahlt werden.“
„War Hailey eine gute Angestellte?“, wollte Mackenzie wissen.
„Ja, das war sie. Sie übernahm häufig Schichten. Sie müssen wissen, dass sie ihre beiden Söhne sehr liebte.“
„Ja, wir haben sie schon getroffen“, erwiderte Mackenzie.
Avery seufzte und schaute zur Bühne. „Hören Sie, Sie können gerne mit allen Mädchen hier reden, wenn Sie denken, dadurch herauszufinden, wer Hailey umgebracht hat. Aber ich kann das nicht hier und nicht jetzt zulassen. Es würde sie traurig und wütend machen, was sich wiederum schlecht auf mein Geschäft auswirkt. Aber ich kann Ihnen eine Liste mit ihren Namen und Telefonnummern geben, wenn Sie sie denn wirklich brauchen.“
Mackenzie dachte eine Minute darüber nach und schüttelte dann denk Kopf. „Ich glaube nicht, dass das nötig ist. Aber danke für Ihre Zeit.“
Mit diesen Worten stand sie auf und tippte Porter auf die Schulter. „Wir sind hier fertig.“
„Ich aber nicht“, entgegnete er. „Ich muss noch mein Getränk austrinken.“
Mackenzie wollte schon zurückschießen, als Porters Handy klingelte. Er ging ran und drückte seine freie Hand auf das andere Ohr, um das schreckliche Geräusch des Skrillex Liedes, das gerade abgespielt wurde, auszuschalten. Er unterhielt sich kurz, nickte zwischendurch und legte auf. Dann kippte er seinen Drink auf Ex hinunter und reichte Mackenzie die Autoschlüssel.
„Was ist los?“, wollte sie wissen.
„Es scheint, dass ich wohl doch fertig bin“, antwortete er. Dann legte sich ein ernster Ausdruck auf sein Gesicht. „Es hat einen weiteren Mord gegeben.“
KAPITEL ZEHN
Nach dem Anruf fuhren etwas mehr als eineinhalb Stunden von dem Stripclub, langsam legte sich die Nacht auf die Welt, was Mackenzies deprimierte Stimmung steigerte, und als sie am Tatort ankamen, war es stockdunkel. Schließlich bogen sie von der großen Straße ab auf eine unbefestigte Teerstraße und anschließen auf einen dreckigen Weg, der zu einem großen, offenen Feld führte. Als sie näher an ihr Ziel kamen, bekam sie ein unheilvolles Gefühl.
Die Lichter ihres Autos erleuchteten den Weg, während sie vorsichtig den holprigen, dreckigen Weg entlangfuhr. Sie sah, dass bereits mehrere Polizeiautos vor Ort waren. Ein paar von ihnen waren auf die Mitte des Feldes gerichtet, ihre Scheinwerfer beleuchteten einen grausigen und doch bekannten Anblick.
So sehr sie es auch unterdrücken wollte, zuckte sie trotzdem zusammen.
„Oh mein Gott“, sagte Porter.
Mackenzie parkte, löste ihren Blick jedoch keine Sekunde von dem Anblick, stieg aus dem Auto aus und lief langsam los. Das Gras auf dem Feld war hoch, es reichte ihr an manchen Stellen an ihre Knie, und sie konnte den leicht plattgetretenen Pfad sehen, den die Polizisten genommen hatten. Es waren zu viele Polizisten hier, sie machte sich bereits Sorgen, dass die Spuren am Fundort verwischt waren.
Sie schaute auf und atmete scharf ein. Es war eine weitere Frau, die nichts außer ihrer Unterwäsche trug, und an eine etwa zweieinhalb Meter hohe Stange gebunden war. Diesmal war die Frau auf eine Weise festgebunden, die bei Mackenzie unwillkürlich Erinnerungen an ihre Schwester aufkommen ließ. Steph war ebenfalls eine Stripperin gewesen. Mackenzie war sich nicht sicher, was Steph heutzutage machte, aber es war zu einfach, sich vorzustellen, dass auch sie so enden könnte.
Als Mackenzie an das Opfer herantrat, schaute sie sich am Tatort um und zählte insgesamt sieben Polizisten. Zwei standen an der Seite und sprachen mit zwei Jugendlichen. Ein paar Meter von der Stange und dem Opfer entfernt stand Nelson, der gerade mit jemandem telefonierte. Als er sie sah, winkte er sie zu sich herüber und beendete schnell seinen Anruf.
„Hat der Besuch im Stripclub etwas ergeben?“, fragte Nelson.
„Nein, Sir“, antwortete Mackenzie. „Ich bin überzeugt davon, dass Avery nichts mit der Sache zu tun hatte. Er hat uns die Namen und Telefonnummern aller seiner Angestellten angeboten, falls wir sie brauchen, aber ich denke nicht, dass wir seine Hilfe benötigen werden.“
„Wir benötigen die Hilfe von jedem“, entgegnete Nelson, der die Stange anschaute und den Eindruck machte, als müsse er sich gleich übergeben.
Mackenzie näherte sich der Leiche und sah sofort, dass sich diese in sogar noch schlechterem Zustand befand als die von Hailey Lizbrook. Zum einen gab es eine große Schwellung und Verfärbungen auf der linken Gesichtshälfte. In und um das Ohr konnte sie ebenfalls getrocknetes Blut sehen. Die Striemen auf ihrem Rücken schienen von derselben Waffe verursacht worden zu sein, nur waren sie diesmal heftiger und öfter ausgeführt worden.
„Wer hat die Leiche gefunden?“, wollte Porter wissen.
„Die beiden Kinder dort drüben“, sagte Nelson und deutete in die Richtung der Polizisten, die immer noch mit den zwei Jugendlichen sprachen. „Sie haben zugegeben, hierhergekommen zu sein, um Gras zu rauchen. Sie meinten, dass sie es schon seit ungefähr einem Monat so machen. Aber heute Nacht fanden sie das hier.“
„Dieselbe Art der Leiche wie Hailey Lizbrook“, dachte Mackenzie laut. „Ich nehme an, wir können von demselben oder ähnlichen Beruf ausgehen.“
„Ich brauche Antworten, ihr zwei“, sagte Nelson. „Und ich brauche sie jetzt.“
„Wir geben unser bestes“, entgegnete Porter. „White ist in ihrem Element und – “
„Ich brauche Ergebnisse“, unterbrach ihn Nelson, der kurz vor einem Wutanfall stand. „White, ich werde bei diesem Fall sogar ihre außergewöhnlichen Denkansätze akzeptieren.“
„Könnte ich mir eine Taschenlampe ausleihen?“, fragte sie.
Nelson griff in seine Manteltasche und zog eine kleine Lampe heraus, die er ihr zuwarf. Sie fing sie auf, schaltete sie ein und begann, sich am Tatort umzusehen. Sie ignorierte Nelsons nervöses Gerede und ließ ihn seinen Dampf bei Porter ablassen.
Mit der ultragenauen Präzision, die in solchen Momenten einsetzte, verschwamm die Welt um sie herum, während sie nach Hinweisen suchte. Mehrere Dinge fielen ihr sofort auf. Zum Beispiel wusste sie, dass Nelson und die anderen Polizisten denselben abgetretenen Pfad verwendet hatte, um zu der Leiche zu kommen, damit sie keine Spuren verwischten. Neben ihrem Fußpfad, der von den Autos zur Leiche führte, gab es noch andere Abdrücke im Gras, vermutlich vom Mörder.
Sie ging etwas abseits des Pfades und beleuchtete mit der Taschenlampe das Feld um die Stange herum. Sie prägte sich alles ein, schaute zu den zwei Jugendlichen zurück und ging dann wieder zur Stange. Sie untersuchte die Leiche nach weiteren Hinweisen und kam zu dem Schluss, dass dieser Körper, genau wie der von Hailey Lizbrook, keine Anzeichen sexuellen Missbrauchs aufweisen würde.
Sie fragte sich, ob das Aufstellen des Pfahles mehr als nur ein dramatisches Element war. Etwas daran erschien ihr entschieden, fast so, als ob es für den Mörder eine Notwendigkeit wäre. Für einen kurzen Moment konnte sie ihn sehen, wie sich seine Hände auf die Stange legten und mit ihrer Arbeit begannen.
Er zieht ihn mit Stolz, vielleicht sogar über seinen Rücken. Mit der Aufgabe ist ein Kraftaufwand verbunden, eine Voraussetzung für die Morde. Sich mit der Stange abzumühen, sie zu diesem Ort zu bringen, ein Loch zu graben und sie darin zu versenken – all das hat eine schweißtreibende Befriedigung. Er bereitet den Ort für einen Mord vor. Das bereitet ihm genauso viel Befriedigung wie der Mord.
„Was denken Sie, White?“, fragte Nelson, der sie beim Umkreisen der Leiche beobachtete.
Mackenzie blinzelte, denn sie wurde abrupt aus den Gedanken an den Mörder gerissen. Sie erkannte, wie tief sie gerade in sich versunken war, was sie zum Erschauern brachte.
„Ein bisschen abseits kann man einen Pfad sehen, der entstand, als er die Stange vom Feldweg hierherzog“, antwortete sie. „Das bedeutet, dass die Stange vorher nicht hier war. Er hat sie mitgebracht. Und das bedeutet wiederum, dass er entweder einen Pickup oder eine Art Van fährt.“
„Das habe ich auch schon erkannt“, entgegnete Nelson. „Sonst noch was?“
„Nun ja, es ist schwer, nachts sicherzugehen“, meinte sie, „aber ich bin mir ziemlich sicher, dass der Täter das Opfer in etwas eingewickelt hatte, als er sie hierherbrachte.“
„Warum?“
„Ich sehe kein Blut auf dem Gras, aber auf den Wunden auf ihrem Rücken schon – vor allem um ihren Hintern herum – sie sind noch ziemlich feucht.“
Während Nelson die Information verdaute, ging Mackenzie hinter der Stange in die Hocke und drückte das Gras mit einer Hand nach unten. Mit der anderen leuchtete sie mit der Taschenlampe die Stange entlang.
Ihr Herzschlag beschleunigte sich, als sie die Nummer sah: N511/J202.
Er verwendet ein Messer oder einen Meißel und gibt sich große Mühe, die Schnitzereien leserlich zu machen. Sie sind ihm wichtig und will, dass sie gesehen werden. Ob bewusst oder unbewusst, er will, dass jemand herausfindet, warum er das macht. Er will, dass jemand sein Motiv versteht.
„Chief?“, sagte sie.
„Ja, White?“
„Ich habe wieder diese Nummer gefunden.“
„Scheiße“, erwiderte Nelson, der zu ihr herüberkam. Er schaute nach untern und seufzte tief auf. „Irgendeine Idee, was sie bedeuten könnte?“
„Leider nein, Sir.“
„Okay“, sagte Nelson. Er hatte seine Hände in die Hüfte gestemmt und schaute wie ein geschlagener Mann zum Himmel hinauf. „Wir haben hier zwar ein paar Antworten, aber nichts, das uns weiterhilft. Ein Mann fährt einen Truck oder einen Can, hat Zugang zu Holzstangen und – “
„Warten Sie“, sagte Mackenzie. „Sie haben gerade etwas gesagt.“
Sie wandte sich wieder der Rückseite der Stange zu und beugte sich zu der Stelle, an der die Handgelenke der Frau mit dem Seil festgebunden waren.
„Was ist los?“, fragte Porter, der nähertrat, um einen Blick darauf zu werfen.
„Können Sie Knoten binden?“, fragte sie.
„Nicht sonderlich viele.“
„Aber ich“, warf Nelson ein, der nun ebenfalls darauf schaute. „Was haben Sie entdeckt?“
„Ich bin mir sicher, dass es derselbe Knoten ist, der auch bei Hailey Lizbrook verwendet wurde.“
„Und wenn schon?“, meinte Porter.
„Er ist ungewöhnlich“, erwiderte Mackenzie. „Können Sie so einen Knoten binden? Ich nämlich nicht.“
Porter schaute sich ihn noch einmal ratlos an.
„Ich bin mir ziemlich sicher, dass es ein Matrosenknoten ist“, sagte Nelson.
„Das dachte ich mir auch“, meinte Mackenzie. „Es mag vielleicht unwahrscheinlich erscheinen, aber ich würde in Betracht ziehen, dass unser Mörder sich womöglich mit Booten auskennt. Vielleicht lebt er am Wasser oder hat irgendwann einmal am Wasser gelebt.“
„Er fährt einen Truck oder Van, lebt am Wasser und hat Mami-Komplexe“, schloss Nelson. „Nicht sonderlich viel, aber besser als gestern.“
„Und wenn man die ritualhafte Natur der Morde betrachtet“, fügte Mackenzie hinzu, „und die kurze Zeit zwischen den beiden, können wir nur annehmen, dass er bald wieder zuschlagen wird.“
Sie drehte sich um und sah ihn mit ernstem Gesicht an.
„Mit allem Respekt, Sir, aber ich denke, wir sollten das FBI einschalten.“
Er zog die Augenbrauen zusammen.
„White, deren Prozesse würden uns langsamer machen. Wir hätten zwei neue Leichen, bevor sie jemanden zu uns heraus senden.“
„Ich denke, es ist einen Versuch wert“, meinte sie. „Das ist eine Nummer zu groß für uns.“
Sie hatte es zuzugeben, aber Nelsons Gesichtsausdruck sagte ihr, dass er ihr Recht gab. Er nickte und schaute zurück zu der Leiche an der Stange. „Ich werde anrufen“, sagte er schließlich.
Hinter ihnen hörten sie das deutliche Fluchen von einem der Polizisten. Sie drehten sich alle um, um zu sehen, was los war, und sahen das wacklige Leuchten von sich nähernden Scheinwerfern.
„Wer zur Hölle ist das?“, fragte Nelson. „Niemand sonst sollte davon wissen und – “
„Es sind Journalisten“, sagte der Polizist, der geflucht hatte.
„Wie?“, verlangte Nelson. „Verdammt, wer gibt diesen Idioten Informationen?“
Der Tatort brach in Hektik aus, als Nelson versuchte, ihn auf das Eintreffen der Journalisten vorzubereiten. Er war stinksauer und machte den Eindruck, als würde sein Kopf jeden Moment explodieren. Mackenzie nutzte die Gelegenheit, um so viele Bilder wie möglich zu machen: von den eingedrückten Bereichen des Feldes, dem Knoten am Handgelenk des Opfers, der Nummer am unteren Ende der Stange.
„White, Porter, geht zurück zur Polizeiwache“, befahl Nelson.
„Aber Sir“, widersprach Mackenzie. „Wir müssen doch noch – “
„Tun Sie einfach, was ich sage“, unterbrach er sie. „Ihr zwei seid die Ermittler dieses Falles und wenn die Medien davon Wind bekommen, werden sie sich an euch dranhängen und euch nur Zeit kosten. Verschwindet jetzt.“
Es war ein logischer Gedanke und Mackenzie folgte seinem Befehl. Doch als sie mit Porter zum Auto zurückkehrte, kam ihr ein anderer Gedanke. Sie wandte sich an noch einmal an Nelson und sagte: „Sir, ich denke, wir sollten das Holz dieser und der letzten Stange untersuchen lassen. Besorgen Sie eine Probe und schicken Sie sie ins Labor. Vielleicht sagt uns das verwendete Holz etwas Neues.“
„Guter Gedanke, White“, sagte er. „Und jetzt weg hier.“
Mackenzie tat, was er sagte, denn sie sah, dass noch zwei weitere Paar Scheinwerfer dem ersten folgten. Der erste gehörte zu einem Van mit der Aufschrift WSQT auf der Seite. Er hatte gerade erst gegenüber den Polizeiautos geparkt. Ein Reporter und ein Kameramann stürmten heraus und Mackenzie kam nicht umhin, sie mit Geiern zu vergleichen, die auf Jagd waren.
Als sie ins Auto stiegen, sie saß wieder hinter dem Steuer, sprangen weitere Journalisten aus dem Van und begannen, Bilder zu schießen. Mackenzie war schockiert, dass eine Kamera in ihre Richtung gedreht war. Sie senkte ihren Kopf, setzte sich ins Auto und startete den Motor. Währenddessen sah sie, dass drei Polizisten bereits zum Nachrichtenvan stürmten, Nelson in der Mitte.
Sie fuhren davon, doch Mackenzie wusste, dass es schon zu spät war.
Morgen früh würde ihr Bild auf der Titelseite aller Zeitungen sein.
KAPITEL ELF
Es stellte sich heraus, dass Nelson beim FBI falsch gelegen hatte. Mackenzie wurde im 6:35 morgens angerufen mit dem Befehl, zum Flughafen zu fahren, um den eingeflogenen Agenten abzuholen. Sie musste sich beeilen, denn der Flug kam um 8:05 an und es war ihr peinlich, dass sie für den ersten Eindruck nicht einmal ihre Frisur richten konnte.
Ihr Haar war jedoch ihre geringste Sorge, als sie in einem unbequemen Flughafenstuhl saß und am Gate wartete. Sie trank eine Tasse Kaffee, in der Hoffnung, sich von der Tatsache abzulenken, dass sie in der Nacht zuvor nur fünf Stunden geschlafen hatte. Es war ihre dritte Tasse an diesem Morgen und sie wusste, dass sie zappelig werden würde, wenn sie nicht langsamer machte. Aber sie konnte es sich nicht leisten, müde und nachlässig zu sein.
Sie war in ihrem Kopf alles durchgegangen, während sie darauf wartete, dass der Agent das Flugzeug verließ. Sie hatte die scheußliche Szene von vergangener Nacht noch einmal mental abgespielt. Sie wurde das Gefühl nicht los, dass sie etwas übersehen hatte. Hoffentlich würde der FBI Agent helfen können, den Durchblick zu bekommen.
Nelson hatte ihr die Akte des Agenten per E-Mail geschickt, die sie während des Frühstücks, bestehend aus einer Banane und einer Schüssel Haferflocken, schnell durchgelesen hatte. Deshalb erkannte sie den Agenten sofort, als er von der Fluggastbrücke stieg und den Flughafen betrat. Jared Ellington, einunddreißig Jahre alt, ein Georgetown Absolvent mit einem Hintergrund, zu dem das Profiling in der Terrorbekämpfung gehörte. Sein dunkles Haar war wie auf dem Bild zurück gegelt und sein Anzug kennzeichnete ihn als jemanden, der gerade im Dienst war.
Mackenzie ging durch die Halle, um ihn zu begrüßen. Sie hasst die Tatsache, dass ihre Gedanken immer wieder zu ihrem dämlichen Haar zurückkehrten. Sie war erschöpft und neben der Spur, da sie heute Morgen früher zum Dienst gerufen worden war. Außerdem hatte sie sich noch nie viel aus ersten Begegnungen gemacht und sich nie zu sehr um ihr Erscheinungsbild geschert. Warum also jetzt?
Vielleicht, weil er vom FBI war, eine Behörde, die sie verehrte. Oder vielleicht, weil sie von seinem Aussehen überwältig war. Sie hasst sich dafür, nicht nur wegen Zack, sondern wegen der grässlichen Natur ihrer Arbeit.
„Agent Ellington“, sagte sie mit ausgestreckter Hand. Sie zwang sich, ihren Ton so professionell wie möglich zu halten. „Ich bin Mackenzie White, eine der Detectives, die an dem Fall arbeiten.“
„Schön, Sie kennenzulernen“, sagte Ellington. „Ihr Chief hat mir gesagt, dass Sie der Haupt-Detective des Falles sind. Stimmt das?“
Sie tat ihr Bestes, ihren Schock zu verbergen, und nickte.
„Das ist korrekt“, entgegnete sie. „Ich weiß, dass Sie gerade erst angekommen sind, aber wir müssen uns beeilen und zur Polizeiwache fahren.“
„Natürlich“, meinte er. „Nach Ihnen.“
Sie führte ihn durch den Flughafen und hinaus auf den Parkplatz. Währenddessen waren sie still und Mackenzie nutzte die Zeit, um ihn zu mustern. Er schien relativ entspannt zu sein, nicht steif und starr wie andere Agenten, die sie kennengelernt hatte. ER schien ebenfalls sehr ernst und intensiv zu sein. Er hatte eine weitaus professionellere Aura um sich als alle Männer, mit denen sie arbeitete.
Als sie auf die Autobahn fuhren und sich durch den morgendlichen Verkehr um den Flughafen herum kämpften, scrollte Ellington durch eine Reihe von E-Mails und Dokumenten auf seinem Handy.
„Sagen Sie mir, Detective White“, begann er. „Nach welcher Art Mensch denken Sie suchen wir? Ich habe die Notizen durchgesehen, die Chief Nelson mir gesandt hat, und muss sagen, dass Sie einen ziemlich schlauen Eindruck machen.“
„Danke“, erwiderte sie. Sie wollte das Kompliment schnell abwinken, weshalb sie hinzufügte: „Und wegen der Art des Täters denke ich, dass er einmal misshandelt wurde. Wenn man bedenkt, dass die Opfer nicht sexuell missbraucht, aber er hat sie bis auf die Unterwäsche ausgezogen und es deutet alles darauf hin, dass die Morde aus irgendeiner Form Rache gegen Frauen ausgeführt wurden, die ihm früher in seinem Leben Unrecht getan haben. Deshalb glaube ich, dass es ein Mann sein könnte, dem Sex peinlich ist oder der ihn zumindest eklig findet.“
„Ich sehe, du hat einen religiösen Kontext ausgeschlossen“, bemerkte Ellington.
„Nein, noch nicht. Die Art der Darstellung der Leichen erinnert an eine Kreuzigung. Außerdem gibt es ja noch die Tatsache, dass die Frauen, die er umbringt, die männliche Lust darstellen, weshalb man das noch nicht ausschließen kann.“
Er nickte und scrollte weiterhin durch sein Handy. Sie warf ihm Seitenblicke zu, während sie sich durch den Verkehr schlängelte, und war erstaunt, wie gut er aussah. Auf den ersten Blick war es kaum zu erkennen, aber Ellington hatte etwas Einfaches und doch Kantiges an sich. Er würde nie ein Anführer sein, doch er würde ein attraktives Mitglied im Team des Helden darstellen.
„Ich weiß, dass das unhöflich erscheint“, sagte er, „aber ich versuche sicherzustellen, dass ich mich bei dem Fall auskenne. Wie Sie sicher wissen, wurde er mir vor weniger als sechs Stunden zugewiesen. Es waren ein paar hektische Stunden.“
„Nein, das ist kein Problem“, erwiderte Mackenzie. Sie fand es erfrischen, mit einem Mann in einem Auto zu sitzen und keine Unterhaltung zu führen, die voller indirekter Beleidigungen und sexistischer Anspielungen war. „Was sind Ihre ersten Gedanken zu dem Mörder?“
„Meine große Frage ist, warum er die Leichen so darstellt“, antwortete Ellington. „Das führt mich zu der Annahme, dass es sich nicht einfach um eine persönliche Racheaktion handelt. Er will, dass die Menschen sein Werk sehen. Er will diese Frauen zu einem Spektakel machen, was darauf hindeutet, dass er stolz auf seine Taten ist. Ich würde sogar so weit gehen, um anzunehmen, dass er denkt, der Welt einen Gefallen zu tun.“
Als sie der Polizeiwache näherkamen, verspürte Mackenzie leichte Aufregung. Ellington war das genaue Gegenteil von Porter und schien dieselbe Herangehensweise bezüglich des Profiling zu haben wie sie. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt so frei ihre Meinung mit einem Kollegen geteilt hatte, ohne Gefahr zu laufen, ausgelacht oder nieder gemacht zu werden. Sie konnte bereits erkennen, dass man mit Ellington leicht reden konnte und dass er die Meinung von anderen schätzte. Und um ehrlich zu sein, schadete es auch nicht, dass er schön anzusehen war.
„Ich glaube, du bist auf der richtigen Spur“, sagte Ellington. „Unter uns, ich denke, dass wir diesen Kerl schnappen werden. Die Information über die Knoten, die Tatsache, dass er einen Van oder Truck fährt, und offensichtlich jedes Mal dieselbe Waffe verwendet, wir haben viel Hinweise. Ich freue mich schon, mit Ihnen zusammenzuarbeiten, Detective White.“
„Ebenso“, entgegnete sie, während sie ihm aus den Augenwinkeln einen Blick zuwarf. Er las sich jedoch weiterhin pflichtbewusst seine E-Mails auf dem Handy durch.
Ihre Aufregung steigerte sich immer mehr, sie war so motiviert wie schon lange in ihrem Arbeitsleben nicht mehr. Sie fühlte sich inspiriert, belebt – und hatte das Gefühl, das sich in ihrem Leben etwas verändern würde.
*
Ein bisschen mehr als eine Stunde später wurde Mackenzie schnell wieder in die Wirklichkeit zurückgeholt, als sie beobachtete, wie Agent Jared Ellington im Konferenzraum vor lauter Polizisten stand, die offensichtlich der Meinung waren, seine Hilfe nicht zu benötigen. Ein paar von ihnen schrieben sich Notizen auf, doch im Raum lag eine Spannung, die sich auf den Gesichtern von allen Anwesenden widerspiegelte. Se bemerkte, dass Nelson fast am Ende des Konferenztisches saß und einen nervösen und unwohlen Eindruck machte. Er hatte immerhin das FBI angerufen und er war sich nicht sicher, ob es die richtige Entscheidung gewesen war.
Währenddessen tat Ellington sein Bestes, um den Raum zu kontrollieren, während er dasselbe Material durchging, dass er und Mackenzie auf dem Weg von Flughafen diskutiert hatten – dass sie nach einem Mörder suchten, der möglicherweise eine Abneigung gegen Sex hatte und stolz auf seine Morde war. Er besprach ebenfalls alle Hinweise, die sie hatten, und was sie bedeuten könnten. Erst als er darüber sprach, das Holz der Stangen analysieren zu lassen, bekam er irgendeine Art Reaktion der Polizisten, die um den Tisch herumsaßen.
„Was die Holzproben betrifft“, sagte Nelson. „Wir sollten die Ergebnisse in ein paar Stunden erhalten.“
„Was soll das überhaupt bringen?“, fragte Porter.
Nelson schaute zu Mackenzie und nickt, womit er ihr die Erlaubnis gab, die Frag zu beantworten. „Nun ja, mit den Ergebnissen können wir die Holzfällerunternehmen unter die Lupe nehmen und nachforschen, ob jemand in letzter Zeit Stangen dieser bestimmen Holzart gekauft hat.“
„Hört sich weit hergeholt an“, warf ein älterer Polizist am Ende des Raumes ein.
„Das stimmt“, sagte Ellington, der sofort wieder die Kontrolle übernahm. „Aber es ist besser als gar nichts. Und bitte, versteht die Situation nicht falsch, ich bin nicht hier, um die komplette Kontrolle über diesen Fall an mich zu reißen. Ich bin nur hier als ausschlaggebender Teil, um eine Lösung zu finden, um euch vollen Zugang zu den Ressourcen des FBI zu geben. Das beinhaltet Untersuchungen, Einsatzkräfte oder was auch immer ihr braucht, um diesen Mörder zu fassen. Ich bin nur für kurze Zeit hier – wahrscheinlich nicht länger als sechsunddreißig oder achtundvierzig Stunden – dann bin ich wieder weg. Das hier ist eure Chance, Jungs. Ich bin nur zur Unterstützung hier.“
„Wo fangen wir dann an?“, fragte ein anderer Polizist.
„Ich werde nach diesem Meeting mit Chief Nelson arbeiten, um euch angemessen aufzuteilen“, erklärte Ellington. „Wir werden einige von euch zu Hailey Lizbrooks Kolleginnen schicken. Soweit ich weiß, haben wir die endgültigen Autopsieergebnisse und die Informationen zu der Verstorbenen, die gestern Abend gefunden wurde. Sobald wir wissen, wer sie ist, müssen einige von euch ihre Familie und Freunde besuchen, um nach Informationen zu fischen. Wir müssen ebenfalls die örtlichen Holzbetriebe abklappern, wenn wir die Ergebnisse der Holzanalyse erhalten.“
Wieder bemerkte Mackenzie die steife Haltung der meisten Polizisten am Tisch. Ihr fiel es schwer zu glauben, dass sie so stolz (oder vielleicht zu faul) waren, um direkte Befehle von jemandem anzunehmen, den sie nicht gut kannten, egal, ob er vom Rang her über ihnen stand. War es so schwierig, sich von der Kleinstadt-Denkweise zu lösen? Das hatte sie sich oft gefragt, wenn sie seit ihrer Ankunft von den meisten Männern im Raum von oben herab behandelt wurde.
„Das ist alles für jetzt“, sagte Ellington. „Gibt es Fragen?“
Natürlich nicht. Nelson sprang jedoch auf die Füße und stellte sich neben Ellington an den Kopf des Tisches.
„Agent Ellington wird mit Detective White arbeite, wenn ihr ihn braucht, könnt ihr ihn also in ihrem Büro finden. Ich weiß, das ist ein wenig unorthodox, aber lasst es uns annehmen und die Großzügigkeit des FBIs nutzen.“
Während die Polizisten aufstanden und hinausgingen, ertönte zustimmendes Gemurmel. Mackenzie bemerkte, dass ein paar von ihnen sie mit sogar noch mehr Tadel und Angst ansahen als normal. Sie wandte ihren Blick ab, als sie aufstand und zu Nelson und Ellington trat.
„Gibt es etwas, das ich wissen sollte?“, fragte Mackenzie Nelson.
„Was meinen Sie?“
„Mir werden gemeinere Blicke als üblich zugeworfen“, erklärte sie.
„Gemeine Blicke?“, hakte Ellington ein. „Warum bekommen Sie normalerweise gemeine Blicke?“
„Weil ich eine zielstrebige, jüngere Frau bin, die ihre Meinung sagt“, erwiderte Mackenzie. „Die Männer hier mögen so etwas nicht. Einige von ihnen denken, dass ich zuhause in der Küche sein sollte.“
Nelson war die Sache sichtbar peinlich und er schien auch etwas verärgert zu sein. Sie dachte, dass er vielleicht etwas sagen würde, um sich selbst und seine Polizisten zu verteidigen, doch dazu bekam er keine Chance. Porter trat zu ihnen und klatschte die heutige Ausgabe der örtlichen Zeitung auf den Tisch.
„Ich denke, das ist der Grund für die gemeinen Blicke“, sagte er.
Auf der Titelseite stand „VOGELSCHEUCHEN-MÖRDER IMMER NOCH AUF FREIEM FUSS“. Darunter gab es einen Untertitel: „Überforderte Polizei scheint nicht weiter zu kommen, da ein neues Opfer gefunden wurde.“
Auf dem dazugehörigen Bild war zu sehen, wie Mackenzie in das Auto einstieg, mit dem sie und Porter gestern zu dem Feld gefahren waren. Der Fotograf hatte die komplette linke Seite ihres Gesichtes erwischt. Das Ironische an der Sache war, dass sie auf dem Bild sogar richtig gut aussah. Ob sie es nun zugeben wollte oder nicht, dieses Bild direkt unter der Schlagzeile betitelte sie als Gesicht der Ermittlung.
„Das ist nicht fair“, sagte sie und hasste den Klang dieser Worte aus ihrem Mund.
„Die Jungs denken, du geilst dich an den Bildern auf“, bemerkte Porter. „Sie denken, dass du so versessen darauf bist, den Fall zu lösen, weil du die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit willst.“
„Denken Sie das etwa auch?“, fragte Nelson.
Porter trat einen Schritt zurück und seufzte. „Nein. White hat sich mir in den letzten Tagen bewiesen. Sie will diesen Kerl fangen, egal wie.“
„Warum trittst du dann nicht für sie ein?“, wollte Nelson wissen. „Misch dich ein wenig ein, während wir auf die Identifizierung des neuen Opfers und die Ergebnisse der Holzanalyse warten.“
Porter, der aussah, wie ein kleines Kind, das gerade für eine Lüge gescholten worden war, sagte: „Ja, Sir.“ Er verließ den Raum, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Nelson schaute zurück auf das Papier und dann zu Mackenzie. „Ich würde Ihnen raten, das Beste daraus zu machen. Wenn die Medien den Ermittlungen ein hübsches Gesicht geben wollen, dann lassen wir sie. Es wird Sie viel besser dastehen lassen, wenn Sie diesen Bastard verhaften.“
„Ja, Sir.“
„Agent Ellington, was brauchen Sie von mir?“, fragte Nelson.
„Nur Ihren besten Detective.“
Nelson grinste und deutete auf Mackenzie. „Sie schauen sie gerade an.“
„Dann sind wir uns ja einig.“
Nelson ging aus dem Konferenzzimmer und ließ Ellington und Mackenzie alleine. Diese begann, ihren Laptop und ihre Aufzeichnungen einzupacken, während sich Ellington im Raum umsah. Es war offensichtlich, dass er sich fehl am Platze fühlte und nicht sicher war, wie er damit umgehen sollte. Sie fühlte sich ebenfalls ein wenig fehl am Platze. Sie war froh, dass alle gegangen waren. Sie genoss es, mit ihm alleine zu sein, es gab ihr das Gefühl, einen Vertrauten in all dem zu haben, jemanden, der sie als gleichberechtigt ansah.
„Also“, meinte er, „sie schauen wirklich auf dich herab, weil du jung und eine Frau bist?“
Sie zuckte mit den Schultern.
„Es scheint so. Ich habe gesehen wie Neulinge – Männer – hereinkamen, die etwas gehänselt wurden, aber sie werden nicht so herablassend behandelt wie ich. Ich bin jung, motiviert und, laut einigen von ihnen, ganz hübsch anzusehen. Irgendetwas an dieser Kombination scheint sie abzuschrecken. Es ist einfacher für sie, mich als überehrgeizige Zicke hinzustellen, anstatt mich als Frau zu sehen, die noch keine dreißig ist und doch schon eine strengere Arbeitsethik hat als sie.“
„Das ist bedauerlich“, sagte er.
„Ich habe in den vergangenen Tagen eine leichte Veränderung gespürt“, fügte sie hinzu. „Vor allem Porter scheint sich daran zu gewöhnen.“
„Nun gut, lassen Sie uns den Fall aufklären und sie alle zur Vernunft bringen.“ „Können Sie dafür sorgen, dass alle Fotos von beiden Tatorten in Ihr Büro gebracht werden?“
„Ja“, erwiderte sie. „Treffen Sie mich dort in zehn Minuten.“
„Verstanden.“
Mackenzie beschloss, dass sie Jared Ellington ein bisschen zu sehr mochte als gut für sie war. Die nächsten Tage mit ihm zusammenzuarbeiten würde herausfordernd und interessant werden – aber nicht wegen dem Fall, an dem sie gemeinsam arbeiteten.
KAPITEL ZWÖLF
An diesem Abend kam Mackenzie um kurz nach sieben Uhr nach Hause und wusste genau, dass sie zu jeder Zeit wieder in den Dienst gerufen werden konnte. Zurzeit gab es einfach so viele Möglichkeiten, so viele verschiedene Spuren, die womöglich ihre Aufmerksamkeit benötigten. Sie konnte spüren, wie ihr Körper ermüdete. Sie hatte seit ihrer Ankunft an dem ersten Ort des Verbrechens nicht mehr gut geschlafen und sie wusste, dass sie nur dumme Fehler auf der Arbeit begehen würde, wenn sie sich jetzt nicht die Zeit zum Ausruhen gönnte.
Als sie zur Tür hereintrat, sah sie, dass Zack auf der Couch mit einer Xbox-Fernbedienung in der Hand saß. Vor ihm auf dem Tisch stand eine Flasche Bier, daneben auf dem Boden zwei leere. Sie wusste, dass er den Tag frei gehabt hatte und nahm an, dass er ihn genau so verbracht hatte. In ihren Augen ließ ihn das wie ein unverantwortliches Kind erscheinen und das war nicht, was sie sehen wollte, wenn sie an einem Tag wie heute nach Hause kam.
„Hey Babe“, sagte Zack, wobei er seine Augen kaum vom Fernseher löste.
„Hey“, gab sie trocken zurück und ging in die Küche. Das Bier auf dem Kaffeetisch hatte das Verlangen nach einem eigenen in ihr geweckt. Aber da sie zu müde und gereizt war, beschloss sie, stattdessen eine Tasse Pfefferminztee zu trinken.
Während sie darauf wartete, dass das Teewasser kochte, ging Mackenzie ins Schlafzimmer und zog sich um. Sie hatte das Abendessen verpasst und erkannt nun, dass fast keine Nahrungsmittel mehr im Haus waren. Sie war schon länger nicht mehr einkaufen gegangen und sie wusste ganz genau, dass Zack keinen Gedanken daran verschwendet hatte.
Nachdem sie sich eine kurze Sporthose und ein T-Shirt angezogen hatte, verließ sie beim Klang des pfeifenden Teekessels das Schlafzimmer. Als sie das Wasser über den Beutel goss, hörte sie die gedämpften Schüsse aus Zacks Videospiel. Weil sie neugierig war und zumindest das Thema anschneiden wollte, um seine Reaktion zu sehen, konnte sie ihre Frustration nicht für sich behalten.
„Was hast du zu Abend gegessen?“, fragte sie.
„Ich habe noch nichts gegessen“, antwortete er, wobei er es nicht für nötig hielt, vom Fernseher aufzuschauen. „Willst du etwa nichts kochen?“
Sie starrte finster auf seinen Hinterkopf und fragte sich für einen Moment, was Ellington wohl gerade tat. Sie bezweifelte, dass er wie ein Loser, der nie erwachsen geworden war, Videospiele zockte. Sie wartete einen Moment, dass ihre Wut abflachte, bevor sie in das Wohnzimmer trat.
„Nein, ich werde nichts kochen. Was hast du den ganzen Nachmittag gemacht?“
Sie konnte sogar über die Explosion in seinem Videospiel hinweg sein Seufzen hören. Zack pausierte das Spiel und drehte sich schließlich zu ihr um. „Und was genau willst du damit sagen?“
„Es war nur eine Frage“, erwiderte sie. „Ich wollte wissen, was du heute Nachmittag getan hast. Wenn du nicht die ganze Zeit Videospiele gespielt hättest, dann hättest du etwas zu Abend kochen können. Oder zumindest eine Pizza bestellen können.“
„Es tut mir leid“, sagte er voller Sarkasmus. „Woher soll ich denn wissen, wann du nach Hause kommst? Du redest ja nie mit mir darüber.“
„Dann ruf halt an und frag“, schnappte sie.
„Warum sollte ich das tun?“, fragte Zack, während er die Fernbedienung fallen ließ und auf die Füße sprang. „Die paar Male, als ich dich angerufen habe, sprang sofort deine Mailbox an und du hast mich nie zurückgerufen.“
„Weil ich arbeitete, Zack“, erwiderte sie.
„Ich arbeite auch“, schoss er zurück. „Ich schufte mir in der verdammten Fabrik meinen Hintern ab. Du hast ja keine Ahnung, wie hart ich arbeite.“
„Doch, das weiß ich“, sagte sie. „Aber sag mir eines: Wann hast du mich das letzte Mal einfach nur auf meinem Hintern sitzen sehen? Ich komme nach Hause und werde normalerweise sofort mit deiner Dreckwäsche auf dem Boden oder dreckigem Geschirr in der Spüle konfrontiert. Und weißt du was, Zack? Ich arbeite auch hart. Ich arbeite verdammt hart und ich muss zudem noch jeden Tag diese Dinge sehen, bei denen du zusammenbrechen würdest. Ich kann es nicht gebrauchen, beim Nachhausekommen einen kleinen, videospielenden Jungen zu finden, der mich fragt, was es zu essen gibt.“
„Kleiner Junge?“, schreit er schon fast.
Mackenzie hatte nicht so weit gehen wollen, aber es war nun einmal geschehen. Es war die pure Wahrheit, die sie ihm nun schon seit Monaten vorenthalten hatte und jetzt, dass sie heraus war, fühlte sie sich erleichtert.
„So kommt es mir manchmal vor“, erklärte sie.
„Du Schlampe.“
Mackenzie schüttelte den Kopf und trat einen Schritt zurück. „Du hast genau drei Sekunden, um das zurückzunehmen“, sagte sie.
„Oh, fahr zur Hölle“, entgegnete Zack, während er um den Tisch herumtrat und sich ihr näherte. Sie erkannte, dass er sie reizen wollte, aber er sollte es eigentlich besser wissen. Er wusste, dass sie ihn bei einem Kampf im Handumdrehen überwältigen konnte, das sagte er ihr immerhin immer wieder, wenn er ihr vorhielt, was ihn an ihrer Beziehung störte.
„Wie bitte?“, fragte Mackenzie, fast schon in der Hoffnung, dass er aggressiv werden und sie angreifen würde. Im selben Moment sah sie etwas ganz deutlich, nämlich, dass ihre Beziehung vorbei war.
„Du hast mich gehört“, sagte er. „Du bist nicht glücklich, genauso wenig wie ich. Das geht schon länger so, Mackenzie. Und ehrlich gesagt, habe ich genug davon. Ich habe genug davon, an zweiter Stelle zu kommen und ich weiß, dass ich nicht mit deiner Arbeit konkurrieren kann.“
Sie sagte nichts, da sie ihn nicht provozieren wollte. Vielleicht hatte sie Glück und der Streit wäre bald vorbei, womit ihre Beziehung zu einem Ende kommen würde, das sie beide wollten, ohne sich zu prügeln.
Schließlich sagte sie nur: „Du hast Recht. Ich bin nicht glücklich. Im Moment habe ich keine Zeit dafür, mit einem Freund zusammenzuleben. Und ich habe definitiv keine Zeit für solche Auseinandersetzungen.“
„Dann tut es mir leid, deine Zeit vergeudet zu haben“, sagte Zack leise. Er hob seine Bierflasche hoch, trank sie leer und stellte sie mit einem Knall auf den Tisch – so hart, dass Mackenzie befürchtete, das Glas könnte brechen.
„Ich denke, du solltest jetzt gehen“, meinte Mackenzie. Sie sah ihm in die Augen, damit er wusste, dass sie nicht mit sich verhandeln ließ. Bei vergangenen Auseinandersetzungen hatte er schon fast seine Sachen gepackt und war gegangen. Aber diesmal musste es wirklich passieren. Diesmal würde sie sichergehen, dass es keine Entschuldigungen, keinen Versöhnungs-Sex und keine manipulativen Unterhaltungen gab, bei denen sie betonten, wie sehr sie sich doch gegenseitig brauchten.
Zack wandte schließlich seinen Blick von ihr ab, wobei er stinksauer aussah. Trotzdem sorgte er dafür, ein paar Zentimeter Platz zwischen ihnen zu lassen, als er an ihr vorbei ins Schlafzimmer stürmte. Mackenzie hörte ihm von der Küche aus zu, wo sie ihren Tee umrührte.
Das bin ich also geworden, dachte sie. Alleine, kalt und emotionslos.
Sie runzelte die Stirn, denn sie hasste die Unvermeidbarkeit des Ganzen. Sie hatte einmal einen Mentor gehabt, der sie vor so etwas gewarnt hatte – dass ihre Leben zu beschäftigt und hektisch für irgendeine Art einer gesunden Beziehung werden würde, wenn sie eine Karriere bei der Polizei anstrebte.
Nach ein paar Minuten hörte Mackenzie, wie Zack zu sich selbst murmelte. Als sich die Schubladen im Schlafzimmer öffneten und schlossen, hörte sie die Worte verdammte Schlampe, arbeitssüchtig und herzloser verdammter Roboter.
Die Worte taten weh (sie versuchte gar nicht, vorzugeben, dass dem nicht so sei), doch sie ließ sie an sich abprallen. Anstatt sich auf sie zu fokussieren, begann sie, die Unordnung, die Zack im Laufe des Tages veranstaltet hatte, aufzuräumen. Sie räumte die leeren Flaschen sowie das dreckige Geschirr und ein paar dreckige Socken weg, während der Mann, der all das hier verursacht hatte – ein Mann, in den sie sich einmal verliebt hatte – vor sich hin flüchte und sie vom Schlafzimmer aus beschimpfte.
*
Um acht Uhr dreißig war Zack verschwunden, eine Stunde später lag Mackenzie im Bett. Sie checkte ihre E-Mails und sah, dass Nelson und ein paar andere Polizisten Berichte ausgetauscht hatten, doch nichts davon verlangte ihre sofortige Aufmerksamkeit. Zufrieden, dass sie vielleicht sogar ein paar Stunden ununterbrochenen Schlaf bekommen könnte, schaltete Mackenzie ihre Nachttischlampe aus und schloss ihre Augen.
Probeweise streckte sie ihre Hand aus und betastete die leere Seite des Bettes. Dass dort niemand lag, störte sie nicht zu sehr, da er aufgrund seiner Schichtarbeit oft nicht hier war, wenn sie ins Bett ging. Aber jetzt, da sie wusste, dass er für immer verschwunden war, schien das Bett viel größer zu sein. Als sie ihren Arm ausstreckte und die leere Seite des Bettes spürte, fragte sie sich, wann sie begonnen hatte, ihn nicht mehr zu lieben. Es war mindestens schon einen Monat her, das wusste sie sicher. Aber sie hatte nichts gesagt, weil sie gehofft hatte, dass das, was zwischen ihnen einmal gewesen war, vielleicht wieder aufflammen könnte.
Doch stattdessen hatten sich die Dinge verschlimmert. Sie dachte oft, dass Zack gespürt hatte, dass sie sich von ihm distanzierte, als ihre Gefühle für ihn nachgelassen hatten. Aber Zack war nicht der Typ Mensch, der so etwas akzeptierte. Er vermeid Konflikte so gut es ging und, so sehr sie es auch hasste, es zuzugeben, war sie ich ziemlich sicher, dass er so lange wie möglich hiergeblieben war, weil er Angst vor der Veränderung hatte und zu faul gewesen war, auszuziehen.
Während sie über diese Dinge nachdachte, klingelte ihr Handy. Großartig, dachte sie. So viel zu meinem Schlaf.
Sie schaltete ihre Nachttischlampe wieder an und erwartete, Nelsons oder Porters Nummer auf ihrem Display zu sehen. Oder vielleicht war es ja Zack, der sie bat, ihn zurückzunehmen. Doch stattdessen sah sie eine unbekannte Nummer.
„Hallo?“, fragte sie und bemühte sich, nicht müde zu klingen.
„Hi Detective White“, erklang die Stimme eines Mannes. „Hier ist Jared Ellington.“
„Oh, hi.“
„Rufe ich zu spät an?“
„Nein“, erwiderte sie. „Was ist denn los? Gibt es etwas Neues?“
„Nein, leider nicht. Ich habe sogar die Nachricht bekommen, dass wir die Ergebnisse der Holzanalyse nicht vor morgen früh erhalten werden.“
„Nun ja, immerhin wissen wir jetzt, wie der Tag morgen anfängt“, sagte sei.
„Genau. Hören Sie, ich wollte Sie fragen, ob wir uns zum Frühstück treffen könnten“, meinte er. „Ich würde gerne die Details des Falles mit Ihnen besprechen. Ich will sichergehen, dass wir dasselbe denken und kein Detail übersehen.“
„Natürlich“, antwortete sie. „Um wie viel Uhr – “
Sie brach ab und schaute zur Schlafzimmertür.
Eine Sekunde lang hatte sie etwas da draußen gehört. Wieder hatte sie das Knarzen dieser verdammten Diele gehört. Aber sogar noch mehr, sie hatte auch ein schlurfendes Geräusch vernommen. Langsam kletterte sie aus dem Bett, wobei sie das Telefon an ihr Ohr hielt.
„White, sind Sie noch dran?“, fragte Ellington.
„Ja, ich bin noch dran“, sagte sie. „Tut mir leid. Ich wollte wissen, um wie viel Uhr wir uns treffen wollen.“
„Wie wäre es um sieben Uhr in Carols Diner? Wissen Sie, wo das ist?“
„Ja, sagte sie, während sie zur Tür ging. Sie schaute hinaus, doch sah nur Schatten und dunkle, verschwommene Umrisse. „Sieben Uhr hört sich gut an.“
„Wunderbar“, erwiderte er. „Dann bis morgen.“
Sie hörte ihn kaum als sie aus dem Schlafzimmer hinaus in den kleinen Flur, der zur Küche führte, trat. Trotzdem brachte sie noch ein „Bis dann“, heraus, bevor sie auflegte.
Sie schaltete das Licht im Flur an, was die Küche erhellte und das Wohnzimmer gleichzeitig in einen trüben Schein tauchte. Genau wie ein paar Nächte zuvor war niemand dort. Aber um sicher zu gehen, betrat sie das Wohnzimmer und schaltete auch dort das Licht an.
Natürlich war niemand dort. Im Raum gab es keine Möglichkeit, sich u verstecken und die einzige Veränderung, die Mackenzie auffiel, war das Fehlen der Xbox, die Zack mitgenommen hatte. Mackenzie schaute sich noch ein weiteres Mal im Raum um, denn sie mochte die Tatsache nicht, dass sie sich so leicht erschrecken ließ. Sie lief sogar über die knarzende Diele, um das Geräusch mit dem, das sie gehört hatte, zu vergleichen.
Sie überprüfte, ob die Eingangstür verschlossen war, und ging anschließend zurück ins Schlafzimmer. Sie warf noch einen Blick hinter sich, bevor sie die Lichter löschen und sich schlafen legen wollte. Bevor sie ihre Lampe ausschaltete, nahm sie ihre Dienstwaffe aus dem Nachttischkästchen und legte sie darauf, sodass sie problemlos nach ihr greifen konnte.
Sie schaute sich im Dämmerlicht des Schlafzimmers um und wusste, dass sie ihre Waffe nicht brauchte, aber sich trotzdem sicherer fühlte, wenn sie sie sah.
Was war nur mit ihr los?
KAPITEL DREIZEHN
„Daddy? Daddy, ich bin’s. Wach auf.“
Mackenzie betrat das Schlafzimmer und machte sich auf etwas gefasst. Gleichzeitig wandte sie den Blick von ihrem toten Vater ab.
„Was ist passiert, Daddy?“
Ihre Schwester befand sich ebenfalls in dem Raum und stand auf der anderen Seite des Bettes, wo sie ihren Vater mit einem enttäuschten Gesichtsausdruck ansah.
„Steph, was ist passiert?“, fragte Mackenzie.
„Er hat nach dir gerufen und du bist nicht gekommen. Es ist deine Schuld.“
„Nein!“
Mackenzie trat vor und kroch, obwohl sie wusste, wie verrückt es war, auf das Bett, wo sie sich an ihren Vater kuschelte. Sie wusste, dass sein Körper bald kalt und blass sein würde.
Mackenzie schreckte auf, der Alptraum hatte sie um 3:12 Uhr morgens schweißüberströmt aus dem Schlaf gerissen. Sie saß dort schweratmend und komplett verwirrt, und begann zu weinen.
Sie vermisste ihren Vater so sehr, dass es wehtat.
Sie saß dort alleine und weinte sich in den Schlaf.
Aber sie wusste, dass es noch Stunden dauern würde, bis sie wieder einschlief. Wenn überhaupt.
Aber auf seltsame Weise sehnte sie sich danach, den Fall neu aufzurollen. Wenn es nur nicht so sehr wehtun würde.
*
Als Mackenzie in paar Stunden später bei Carol’s Diner ankam, war sie wach und aufgeweckt. Als sie über den kleinen Tisch hinweg Agent Ellington betrachtete, war es ihr peinlich, wie sehr ihr Alptraum sie mitgenommen und wie leicht sie sich gestern Abend gefürchtet hatte. Was zur Hölle war nur los mit ihr?
Sie wusste, was es war. Der Fall nahm sie mit, weckte alte Erinnerungen, von denen sie eigentlich angenommen hatte, dass sie schon verarbeitet waren. Es beeinflusste ihre Lebensweise. Sie hatte von andern gehört, denen so etwas passiert war, aber hatte es bis jetzt noch nicht selbst erfahren.
Sie fragte sich, ob Ellington jemals so etwas durchgemacht hatte. Von ihrer Seite des Tisches, sah er ordentlich und professionell aus – genau, wie Mackenzie sich einen FBI Agenten vorstellte. Er war durchtrainiert aber kein Muskelprotz, er war selbstsicher aber nicht arrogant. Es fiel ihr schwer, sich vorzustellen, dass ihn irgendetwas sehr mitnehmen würde.
Er bemerkte ihr starren und erwiderte ihren Blick, anstatt peinlich berührt wegzuschauen.
„Was ist?“, fragte er.
„Nichts, wirklich“, sagte sie. „Ich frage mich nur, wie es sein muss, zu wissen, dass man mit nur einem einzigen Anruf das FBI dazu bringen kann, sich mit einem Fall zu beschäftigen, der mich mehrere Stunden Überzeugungsarbeit kosten würde, damit sich die eigene Polizeibehörde damit beschäftigt.“
„Es läuft nicht immer so glatt“, entgegnete Ellington.
„Nun ja, bei diesem Fall scheint das FBI motiviert zu sein“, meinte Mackenzie.
„Das ritualisierte Vorgehen an den Tatorten schreit geradezu nach einem Serienmörder“, sagte er. „Und jetzt, da eine weitere Leiche gefunden wurde scheint es, dass genau so etwas vorliegt.“
„War Nelson entgegenkommend?“, wollte sie wissen.
Ellington lächelte, wodurch sein Charme unter seinem sorgsam beherrschten Äußeren zum Vorschein kam. „Er versucht es. Manchmal ist es einfach schwer, aus der Kleinstadt-Mentalität auszubrechen.“
„Davon könnte ich ein Lied singen“, warf Mackenzie ein.
Die Kellnerin kam um ihre Bestellungen aufzunehmen. Mackenzie entschied sich für ein vegetarisches Omelett, wohingegen sich Ellington eine große Frühstücksplatte bestellte. Nun, da sie keine Ablenkung mehr hatten, faltete Ellington seine Hände und beugte sich vor.
„Also“, meinte er. „Wo genau stehen wir bei dem Fall?“
Mackenzie wusste, dass er ihr eine Chance gab, ihm zu zeigen, wie sie arbeitete. Es lag in seiner Stimme und in dem kleinen Lächeln, das kaum seine Mundwinkel verzog. Er sah auf raue Weise gut aus und Mackenzie fühlte sich leicht unwohl bei der Tatsache, dass ihre Augen immer wieder zu seinem Mund wanderten.
„Wir müssen erst einmal auf Hinweise waren und sie dann unter die Lupe nehmen“, antwortete sie. „Das letzte Mal, als wir dachten, einen vielversprechenden Hinweis zu haben, entpuppte er sich als komplett falsch.“
„Aber ihr habt einen Kerl gefangen, der Kinderpornographie vertrieb“, stellte Ellington klar. „Dann war es also nicht komplett umsonst.“
„Das stimmt. Aber trotzdem, ich nehme an, dass Sie die Hierarchie auf unserer Polizeiwache bemerkt haben. Wenn ich den Fall nicht bald löse, werde ich sehr lange in meiner Position feststecken.“
„Da wäre ich mir nicht so sicher. Nelson hat eine sehr hohe Meinung von Ihnen. Ob er es nun vor den anderen Polizisten zugeben würde oder nicht ist eine andere Sache. Deshalb soll ich Ihnen helfen. Er weiß, dass Sie es schaffen können.“
Zum ersten Mal wandte sie den Blick ab. Sie wusste nicht, wie sie diesen Fall lösen sollte, wenn sie bei jedem kleinen Geräusch in ihrem Haus erschrak und mit ihrer Waffe auf dem Nachttischkästchen schlief.
„Ich denke, wir sollten mit der Holzprobe anfangen“, sagte sie. „Wir besuchen, wer auch immer in der Gegend diese Art Holz verkauft, bis hin zu den Holzfällern. Wenn das nichts bringt, werden wir damit anfangen müssen, Hailey Lizbrooks Kolleginnen zu befragen.“
„Gute Ideen“, erwiderte er. „Ich werde Nelson ebenfalls vorschlagen, Undercover-Polizisten in einigen der Stripclubs in einem Radius von einhundert Meilen einzusetzen. Wir können ein paar Agenten aus der Polizeiwache in Omaha hinzuziehen. Beim Durchsehen alter Fälle – was Sie laut Nelson in einem früheren Treffen perfekt gemeistert haben – können wir schließen, dass wir nach einem Mann suchen, der es auf Prostituierte abgesehen hat. Wir können nicht einfach annehmen, dass es nur Stripperinnen sind.“
Mackenzie nickte, obwohl sie so langsam anzweifelte, dass der Fall in den 80ern, bei dem eine Prostituierte an eine Holzstange angebunden war, mit diesem Fall etwas zu tun hatte. Trotzdem war es schön, zu hören, dass ein erfahrener Agent ihre Bemühungen schätzte.
„Okay“, sagte Ellington. „Ich muss Sie das jetzt fragen.“
„Was denn?“
„Es ist offensichtlich, dass Sie hier untergraben werden. Aber es ist auch offensichtlich, dass Sie hart arbeiten und sich auf Ihrem Gebiet auskennen. Sogar Nelson hat mir gesagt, dass Sie eine seiner vielversprechendsten Detectives sind. Ich habe mir Ihre Akte angeschaut, wissen Sie? Ich war von allem, was ich sah, beeindruckt. Warum bleiben Sie also hier, wo Sie nur verspottet werden und keine faire Chance erhalten, wenn Sie doch sofort an einem anderen Ort als Detective arbeiten könnten?“
Mackenzie zuckte mit den Schultern. Das hatte sie sich selbst schon häufig gefragt und die Antwort war zwar morbide aber einfach. Sie seufzte, denn sie wollte sich nicht damit beschäftigen, aber zur selben Zeit wollte sie die Chance nicht vertun. Sie hatte in paar Mal mit Zack über ihre Gründe, hier zu bleiben, gesprochen – damals, als sie noch miteinander sprachen – und Nelson kannte einen Teil ihrer Geschichte. Aber sie konnte sich nicht daran erinnern, wann jemand sie das letzte Mal dazu aufgefordert hatte, darüber zu reden.
„Ich wuchs am Rande Omahas auf“, begann sie. „Meine Kindheit war…nicht die beste. Als ich sieben Jahre alt war, wurde mein Vater getötet. Ich fand seine Leiche im Schlafzimmer.“
Ellington zog die Augenbrauen zusammen, sein Gesicht war voller Mitleid.
„Das tut mir leid“, sagte er sanft.
Sie seufzte.
„Er war Privatdetektiv“, fügte sie hinzu. „Zuvor war er jedoch fünf Jahre lang Streifenpolizist gewesen.“
Er seufzte ebenfalls.
„Meiner Theorie nach hat mindestens jeder fünfte Polizist eine Art ungelöstes Trauma in seiner Vergangenheit, das mit einem Verbrechen zusammenhängt“, meinte er. „Dieses Trauma löst bei ihnen das Verlangen aus, zu schützen und zu dienen.“
„Ja“, erwiderte Mackenzie, sie war sich nicht sicher, wie sie auf die Tatsache, dass Ellington sie ihn weniger als zwanzig Sekunden analysiert hatte. „Das kann gut möglich sein.“
„Wurde der Mörder deines Vaters je gefunden?“, fragte Ellington.
„Nein. Von den Akten zu schließen, die ich gelesen habe, und dem bisschen, was meine Mutter mir erzählte, ermittelte er eine kleine Gruppe, die Drogen von Mexiko ins Land schmuggelte. Der Fall wurde noch eine Weile weiterverfolgt, doch nach drei Monaten aufgegeben. Das war alles.“
„Das tut mir leid“, sagte Ellington.
„Als ich dann erkannte, dass es im Justizsystem viele fahrlässige, schlampige Arbeit gab, wollte ich in der Strafverfolgung, genauer gesagt als Detective, arbeiten.“
„Dann hast du deinen Traum mit fünfundzwanzig erreicht“, entgegnete Ellington. „Das ist beeindruckend.“
Bevor sie darauf antworten konnte, brachte die Kellnerin das Essen. Sie stellte die Teller hin und als Mackenzie begann, ihr Omelett zu verputzen, war sie überrascht zu sehen, dass Ellington ein stilles Gebet sprach.
Sie musste ihn unwillkürlich anstarren, während er seine Augen geschlossen hielt. Sie hatte ihn nicht für einen religiösen Mann gehalten und ihn beim Beten vor dem Essen zu beobachten, berührte irgendetwas in ihr. Sie warf einen Blick auf seine linke Hand, doch sah keinen Ehering. Sie fragte sich, wie sein Leben wohl war. Hatte er eine Junggesellenhöhle mit Biervorrat im Kühlschrank, oder war er mehr der Typ Mann, der einen Weinschrank und IKEA Regalen hatte, in denen sich eine Mischung aus klassischer und zeitgenössischer Literatur befand?
Sie arbeitete hier mit einem offenen Buch. Es interessierte sie viel mehr, wie er FBI Agent geworden war. Sie fragte sich, wie er sich im Verhörraum oder im Hitze des Gefechts, wenn Waffen gezogen waren und der Verdächtige entweder kurz davorstand, sich zu ergeben, oder das Feuer zu eröffnen. In dieser Hinsicht wusste sich nichts über Ellington – und das war spannend.
Als er seine Augen öffnete und begann zu essen, wandte Mackenzie den Blick ab und richtete ihn auf ihr Essen. Doch sie konnte sie nicht lange beherrschen.
„Okay, was ist mit dir?“, fragte sie. „Warum hast du dich für einen Job beim FBI entschieden?“
„Ich war ein Kind der Achtziger“, erwiderte Ellington. „Ich wollte wie John McClane und Dirty Harry werden, nur mit mehr Raffinesse.“
Mackenzie lächelte. „Das sind großartige Vorbilder. Gefährlich, aber riskant.“
Er wollte gerade etwas erwidern, als sein Telefon klingelte.
„Entschuldigung“, sagte er, während er in seine Jackentasche griff und sein Telefon herausholte.
Mackenzie hörte der einseitigen Unterhaltung zu, die sich als sehr kurz herausstellte. Nach ein paar zustimmenden Bemerkungen und schnellen Dankes legte er auf und schaute verloren auf sein Essen.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte sie.
„Ja“, antwortete er. „Allerdings müssen wir das hier mitnehmen. Die Ergebnisse der Holzanalyse sind angekommen.“
Er schaute sie direkt an.
„Das Holzunternehmen, von dem sie stammen, befindet sich weniger als eine halbe Stunde entfernt.“
KAPITEL VIERZEHN
Mackenzie hatte schon immer den Geruch von frisch gespaltenen Holz geliebt. Es erinnerte sie an Weihnachtsferien, die sie nach dem Tod ihres Vaters mit ihrem Großvater verbracht hatte. Dieser hatte sein Haus mit einem alten Holzofen geheizt und der hintere Teil des Hauses hatte immer nach Zedern und dem nicht vollkommen unangenehmen Geruch frischer Asche gerochen.
Als sie aus dem Auto auf den mit Kieselsteinen gefüllten Parkplatz des Holzfällerunternehmens Palmer trat. Zu ihrer linken Seite sah sie ein Sägewerk, das gerade einen großen Baum auf einem Fließband zu einer Säge führte, die ungefähr so groß wie ihr Auto war. Daneben warteten mehrere Stapel frisch gefällter Bäume darauf, gesägt zu werden.
Sie nahm sich einen Moment Zeit, den Vorgang zu beobachten. Ein Lader, der wie eine Mischung aus einem kleinen Kran und eine Spielzeug-Greifautomat, hob die dicken Holzstämme hoch und legte sie in eine archaisch anmutende Maschine, die sie wiederum auf ein Laufband beförderte. Von dort aus wurde das Holz direkt zur Säge gebracht die, wie sie annahm, auf jeden Stamm mithilfe eines Steuermechanismus, den sie von ihrem Standpunkt aus nicht sehen konnte, individuell angepasst wurde. Als sie sich davon anwandte, sah sie, wie ein Truck mit einem Hänger, auf dem sich dreieinhalb Meter hoch grob gesägtes Holz stapelte, vom Hof fuhr.
Seltsamerweise musste sie dabei an Zack denken. Er hatte sich für einen Job in einem ähnlichen Unternehmen am anderen Ende der Stadt beworben, als er die Arbeit in der Textilfabrik bekam. Als er von der Schichtarbeit in der Fabrik erfuhr, nahm er die Stelle an, weil er hoffte, dadurch mehr Freizeit zu haben. Sie dachte, dass es wahrscheinlich besser für ihn gewesen wäre, in dem Holzunternehmen zu arbeiten, denn er hatte schon immer ein Händchen für das Bauen und Basteln gehabt.
„Schaut wie harte Arbeit aus“, bemerkte Ellington.
„Unserer ist auch ziemlich hart“, entgegnete sie, froh, Zack aus ihren Gedanken zu vertreiben.
„Das stimmt“, gab ihr Ellington Recht.
Vor ihnen befand sich ein einfaches Betongebäude, das man nur anhand der schwarzen Schrift BÜRO als solches erkennen konnte. Sie ging neben Ellington zur Eingangstür und wurde wieder überrascht, als er ihr die Tür aufhielt. Ihr war noch nie so viel Respekt und gutes Benehmen entgegengebracht worden, seit sie einen Polizeiausweis besaß.
Im Inneren des Gebäudes war der Lärm von draußen nur dumpf zu vernehmen. Das Büro bestand aus einer großen These mit einer Reihe Schränken dahinter. Der Geruch nach geschnittenem Holz durchdrang den ganzen Raum und überall schien sich Staub abzulagern. Ein einziger Mann stand hinter der Theke und schrieb etwas in ein Lederbuch. Als er zu ihnen aufsah, konnte man deutlich erkennen, dass er verwirrt war – wahrscheinlich aufgrund von Ellingtons Anzug und Mackenzies halb-legerer Kleidung.
„Hallo“, sagte der Mann hinter der Theke. „Kann ich Ihnen helfen?“
Ellington übernahm die Führung, was Mackenzie Recht war. Er war ihr bisher nur respektvoll begegnet und hatte mehr Erfahrung als sie. Das ließ in ihr die Frage aufkommen, wo Porter war. Hatte Nelson ihn auf der Wache behalten, um die Fotos zu analysieren? Oder war er Teil des Befragungsteams, das mit Hailey Lizbrooks Kolleginnen sprach?
„Ich bin Agent Ellington und das hier ist Detective White“, begann Ellington. „Wir würden uns gerne mit Ihnen über einen Fall unterhalten, den wir gerade ermitteln.“
„Äh, natürlich“, erwiderte der Mann, den die Sache deutlich verwirrte. „Sind Sie sicher, dass Sie am richtigen Ort sind?“
„Ja, Sir“, entgegnete Ellington. „Während wir nicht alle Details des Falles aufdecken können, so kann ich Ihnen jedoch sagen, dass eine Holzstange an jedem Tatort gefunden wurde. Wir nahmen eine Holzprobe und unser forensisches Team hat uns hierhergeführt.“
„Stangen?“, fragte der Mann überrascht. „Reden Sie von dem Vogelscheuchen-Mörder?“
Mackenzie zog die Augenbrauen zusammen, denn sie mochte es nicht, dass dieser Fall mittlerweile schon Stoff für öffentliche Diskussionen war. Wenn ein einsamer Mann in einem Sägewerk schon davon gehört hatte, dann verbreiteten sich die Neuigkeiten über den Fall wohl wie ein Buschfeuer. Und mitten in all dem prangte ihr Gesicht auf dem Titelblatt der Zeitungen.
Tatsächlich musterte er sie und Mackenzie meinte, Wiedererkennen in seinen Augen gesehen zu haben.
„Ja“, sagte Ellington. „Hatten Sie in letzter Zeit einen außergewöhnlichen Auftrag dieser Stangen?“
„Ich würde Ihnen gerne helfen“, antwortete der Mann hinter der Theke. „Aber ich befürchte, dass es für Sie wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen sein wird. Sie müssen verstehen, dass ich das Holz nur von Firmen oder kleineren Holzunternehmen erhalte oder an sie verkaufe. Alles, was den Hof verlässt, geht direkt zu einem anderen Holzunternehmen oder an unterschiedliche Firmen.“
„Welche Art von Firmen?“, wollte Mackenzie wissen.
„Das hängt davon ab, über welche Art Holz wir reden“, meinte er. „Der Großteil meines Holzes geht direkt an Bauunternehmen. Aber ich habe auch ein paar Kunden, die Möbel bauen.“
„Wie viele Kunden bedienen Sie pro Monat?“, fragte Ellington.
„Ungefähr siebzig“, antwortete er. „Aber die letzten paar Monate waren eher träge, was die Sache für Sie vielleicht einfacher macht.“
„Eine Sache noch“, warf Mackenzie ein. „Markieren Sie das Holz auf irgendeine Weise?“
„Bei größeren Bestellungen mache ich manchmal einen Stempel auf ein Stück der Lieferung.“
„Einen Stempel?“
„Ja. Mithilfe einer kleinen Presse auf dem Hof. Sie druckt das Datum sowie den Namen meines Holzunternehmens auf ein Stück.“
„Aber keine Gravierungen oder Einkerbungen?““
„Nein, nichts Derartiges“, meinte der Mann.
„Könnten Sie bitte die Daten der Kunden abrufen, die vorgeschnittenes Zedernholz bestellt haben?“, fragte Ellington.
„Ja, natürlich. Wissen Sie, welche Größe?“
„Einen Moment, bitte“, sagte Ellington, während er nach seinem Handy griff, wahrscheinlich, um die Information zu suchen.“
„Zweieinhalb Meter“, warf Mackenzie ein, die sich noch an die Zahl erinnerte.
Ellington warf ihr ein Lächeln zu.
„Etwa dreißig Zentimeter unter dem Boden“, fuhr Mackenzie fort, „und zwei Meter zwanzig über dem Boden.“
„Die Holzstangen schienen alt zu sein“, meinte Ellington. „Das Holz war nicht frisch. Unsere Untersuchungen belegen, dass sie auch nie behandelt wurden.“
„Das macht es etwas einfacher“, sagte der Mann. „Wenn das Holz von hier kommt, dann sicherlich aus dem zweite Wahl Stapel. Einen Moment bitte, dann schaue ich schnell einmal nach. Wie weit zurück brauchen Sie die Informationen?“
„Die letzten drei Monate, um sicher zu gehen“, erwiderte Ellington.
Der Mann nickte und ging zu einem antik wirkenden Aktenschrank hinter ihm. Während sie warteten, klingelte Mackenzies Handy. Als sie ranging, hatte sie große Angst, dass es womöglich Zack sein könnte, der eine Versöhnung wollte. Sie war erleichtert, Porters Stimme zu hören.
„Hallo?“, meldete sie sich.
„Mackenzie, wo Sind Sie gerade?“, fragte Porter.
„Ich bin mit Ellington im Holzunternehmen Palmer und überprüfe die Testergebnisse der Holzanalyse.“
„Haben Sie schon etwas herausgefunden?“
„Es scheint wieder eine Spur zu sein, die uns zu vielen Möglichkeiten führt.“
„Verdammt“, meinte Porter. „Ich sage es nur ungern, aber es wird nicht besser.“ Er zögerte einen Moment und sie hörte, wie er am anderen Ende der Leitung zittrig Luft holte, bevor er hinzufügte:
„Wir haben noch eine Leiche.“
KAPITEL FÜNFZEHN
Als sie vierzig Minuten später am Tatort ankamen, fühlte sich Mackenzie ziemlich unwohl, da der Ort diesmal nah an ihrem Zuhause lag. Sie befand sich genau fünfunddreißig Minuten von ihrem Haus entfernt, im Hinterhof eines baufälligen Hauses, das vor langer Zeit verlassen wurde. Sie konnte praktisch sehen, wie sich der Schatten der erst vor kurzem ermordeten Frau über das flache Land, durch die Straßen der Stadt bis zu ihrer Haustür erstreckte.
Sie tat ihr Bestes, um ihre innere Aufruhr zu verbergen, während sie und Ellington zur Stange liefen. Sie schaute zum alten Haus und insbesondere zu den leeren Fensterrahmen zurück. Sie erschienen ihr wie riesige, drohende Augen, die herausstarrten und sie aufzogen.
Um die Stange herum standen mehrere Polizisten, Porter in der Mitte. Er nickte Mackenzie und Ellington zu, als sie näherkamen, doch Mackenzie bekam es kaum mit. Sie war zu beschäftigt mit dem Anblick der Leiche, denn sofort fielen ihr zwei deutliche Unterschiede zu den vorherigen Frauen auf.
Zu allererst hatte diese Frau kleine Brüste, wohingegen die beiden vorherigen Opfer einen großen Vorbau hatten. Der zweite Unterschied war die Tatsache, dass die Striemen, die bei den anderen Morden nur auf den Rücken der Opfer zu finden gewesen waren, sich nun auch auf dem Bauch und der Brust der Frau verteilten.
„Das gerät außer Kontrolle“, sagte Porter mit sanfter und abgezehrter Stimme.
„Wer hat die Leiche gefunden?“, fragte Mackenzie.
„Der Landbesitzer. Er lebt zwei Meilen östlich von hier. Er hatte eigentlich eine Kette über den Privatweg gespannt und bemerkt, dass diese fehlte. Er meinte, dass niemand hierherkomme, außer ein paar Jäger während der Jagdsaison, aber wie Sie wissen, ist das noch mehrere Monate entfernt. Außerdem meint er, dass er alle Männer kennt, die hier schießen.“
„Ist es ein Privatweg?“, fragte Mackenzie, während sie zurück zur dreckigen Straße schaute, über die sie hierhergekommen waren.
„Ja. Wer auch immer das getan hat“, dabei deutete er auf den aufgehängten Körper, „hat die Kette zerschnitten. Er wusste, dass er seine nächste Trophäe präsentieren würde. Das hat er alles im Voraus geplant.“
Mackenzie nickte. „Das zeigt seine böse Absicht und den wahren Zweck der Morde. Es geht hier nicht um ein verstörtes, psychologisches Verlangen.“
„Besteht die Möglichkeit, dass der Landbesitzer etwas damit zu tun hat?“, fragte Ellington.
„Zwei von unseren Männern befragen ihn gerade in seinem Haus“, antwortete Nelson. „Aber ich bezweifle es. Er ist achtundsiebzig Jahre alt und hinkt beim Laufen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie er die Stange herumheben oder erfolgreich eine Stripperin in seinen Truck locken könnte.“
Mackenzie trat näher an die Leiche heran, Ellington war ihr dicht auf den Fersen. Diese Frau sah bedeutend jünger aus als die anderen – sie war wahrscheinlich erst Anfang zwanzig. Ihr Kopf hang tief und blickte zu Boden, doch Mackenzie konnte den dunkelroten Lippenstift sehen, der auf ihre Wange und das Kinn geschmiert war. Ihr dunkler Mascara war ebenfalls verschwommen und hatte dunkle Streifen auf ihrem Gesicht hinterlassen.
Mackenzie begann, sich die Rückseite der Stange anzusehen. Auch dort gab es, wie bei den anderen beiden, Striemen. Einige von ihnen waren immer noch frisch genug, um zu nässen, da das Blut noch nicht ganz getrocknet war. Sie ging in die Hocke, doch wurde von Nelson aufgehalten.
„Ich habe bereits nachgesehen“, meinte er. „Ihre Nummer ist dort.“
Ellington kam zu ihr und beugte sich ebenfalls hinab, um einen Blick darauf zu werfen. Dann schaute er zu Mackenzie auf. „Keine Idee, wofür diese Nummer steht?“
„Leider nein“, erwiderte sie.
„Das ist natürlich selbstverständlich“, sagte Nelson, „aber dieser Fall hat absolute Priorität. Agent Ellington, wie bald können wir mehr Kräfte für den Fall bekommen?“
„Ich kann einen Anruf tätigen und wahrscheinlich schon für heute Nachmittag zusätzliche Männer anfordern.“
„Dann tun Sie das, bitte. Hat der Besuch im Sägewerk etwas gebracht?“
„Wir haben sechzehn Namen“, sagte Mackenzie. „Die meisten sind Bauunternehmen. Wir müssen jeden von ihnen überprüfen und nachhören, ob sie uns nützliche Informationen geben können.“
„Ich werde jemanden darauf ansetzen“, entgegnete er. „Für jetzt müssen Sie und Ellington den vielversprechenden Hinweisen nachgehen. Sie beide sind richtungsweisend in diesem Fall, tun Sie also alles, was Sie tun müssen, um den Fall aufzuklären. Ich will diesen kranken Dreckskerl heute Abend im Verhörsaal sehen. Währenddessen werde ich meine Männer auf der Landkarte die Umgebung mit einem Radius von einhundert Meilen untersuchen lassen. Wir werden den Bereich aufteilen und abgeschottete Gebiete, wie dieses hier, das Feld von gestern Abend und die Maisfelder abklappern, zu denen man sich einfach Zutritt verschaffen kann.“
„Sonst noch etwas?“, fragte Ellington.
„Mir fällt erst einmal nichts weiter ein. Haltet mich über das kleinste Detail, das ihr herausfindet, auf dem Laufenden“, befahl Nelson. Dann wandte er sich an Mackenzie und nickte mit dem Kopf nach rechts. „White, können wir uns einen Moment unterhalten?“
Mackenzie folgte Nelson zu dem heruntergekommenen Haus und fragte sich, was er von ihr wollte.
„Kommen Sie mit Ellington zurecht?“, fragte er.
„Ja, Sir. Er hat einen scharfen Verstand und man kann gut mit ihm die Einzelheiten des Falles besprechen.“
„Gut. Hören Sie, ich bin kein Idiot. Ich kenne Ihr Potenzial und weiß, wenn es jemanden gibt, der diesen Bastard schnappen kann, dann sind Sie das. Und ich werde nicht zulassen, dass das FBI vorbeikommt und uns den Fall wegnimmt. Deshalb will ich, dass du mit ihm zusammenarbeitest. Ich habe bereits mit Porter gesprochen und ihn neu zugeteilt. Er arbeitet zwar immer noch an dem Fall, aber ich werde ihn mehr mit Botengängen beauftragen.“
„Und das hat er sich gefallen lassen?“
„Darum müssen Sie sich keine Sorgen machen. Im Moment ist es wichtig, dass Sie an dem Fall dranbleiben und aus Ihrem Bauchgefühl heraus handeln. Ich vertraue Ihnen, die richtigen Entscheidungen zu treffen, Sie müssen mich nicht für jedes kleine Detail um Erlaubnis bitten. Ich will einfach nur, dass Sie dem Ganzen ein Ende bereiten. Könne Sie das tun?“
„Ja, Sir.“
„Das dachte ich mir“, entgegnete Nelson mit einem Lächeln. „Und jetzt verschwinden Sie und Ellington und bringen mir Ergebnisse.“
Er klopfte ihr auf den Rücken, was, wenn man ihre gemeinsame Geschichte betrachtete, ungefähr so viel bedeutete wie die Tatsache, dass Ellington ihr die Tür des Sägewerks aufgehalten hatte. Zusammen gingen sie zur Leiche zurück und Mackenzie schaute sich die Nummer an. Sie spürte, dass sie etwas verbargen, dass der Schlüssel des Ganzen in dieser verdammten Nummer lag.
Ein Teil von ihm, das erkannte sie, wollte gefasst werden. Er köderte sie.
„Geht es Ihnen gut?“, fragte Ellington, der auf der anderen Seit des Pfahles stand.
Sie nickte und richtete sich wieder auf.
„Haben Sie schon einmal an einem ähnlichen Fall gearbeitet?“
„Nur an zwei“, antwortete er. „Einer von ihnen schlug achtmal zu, bis wir ihn schnappten.“
„Glauben Sie, dass es hier ebenfalls so weit kommen wird?“
Sie hasste die Tatsache, dass sie durch die Fragen unsicher und vielleicht sogar unerfahren wirkte, aber sie musste es wissen. Alles, was sie tun musste, war sich daran zu erinnern, wie viel Angst sie für ein paar Minuten in ihrem eigenen Zuhause gehabt hatte, weil sie sich durch ein Knarzen der Dielen erschrecken ließ, um zu verstehen, wie sehr dieser Fall sie mitnahm. Sie hatte ihren Freund verloren und so langsam war sie dabei, die Nerven zu verlieren. Sie würde nicht zulassen, dass sie im Laufe der Ermittlungen noch mehr verlor.
„Nicht, wenn wir es verhindern können“, entgegnete Ellington. Dann seufzte er. „Also, was ist diesmal anders?“
„Nun ja, die Tatsache, dass der Täter einen Weg im Nirgendwo ausgewählt hat, erscheint mir seltsam. Sie Kette an der Straße hat ihn nicht aufgehalten. Nicht nur dass, er wusste, dass sie da sein würde. Er hatte Vorbereitungen getroffen, um sie zu zersägen.“
„Und was bedeutet das?“
Sie wusste, dass er sie testete, aber er tat es auf eine Weise, die ihre Intelligenz nicht beleidigte. Er forderte sie heraus, was sie durch und durch genoss.
„Das bedeutet, dass er den Ort nicht zufällig ausgewählt hat. Er tat es aus einem bestimmten Grund.“
„Dann sind also nicht nur die Morde geplant, sondern auch die Tatorte.“
„Es scheint so. Ich glaube, ich – “, begann sie, doch brach ab.
Zu ihrer Rechten, am Rande des kleinen Waldes, sah sie eine Bewegung.
Einen Moment lang dachte sie, dass sie es sich nur eingebildet hätte.
Doch dann sah sie es wieder.
Etwas bewegte sich tiefer in den Wald hinein. Sie konnte gerade genug erkennen, um den Umriss einer menschlichen Figur auszumachen.
„Hey!“
Mehr fiel ihr spontan nicht ein und es hörte sich ein wenig aufgeregt an. Beim Klang ihrer Stimme rannte die Figur schneller davon, ohne jegliche List, denn die Äste knackten und das Laub raschelte, während die Figur versuchte, zu entkommen.
Instinktiv nahm Mackenzie im Sprint die Verfolgung auf. Als Ellington die Situation verstanden hatte und losgerannt war, befand sich Mackenzie bereits nicht mehr auf dem Hof, sondern im Wald. Die Bäume im sie herum schienen genauso verloren und farblos wie das Haus hinter ihr zu sein, dessen dunkle Fenster sie immer noch anstarrten.
Sie schlug Äste beiseite und rannte durch den Wald. Sie konnte gerade so Ellington hinter ihr höre, aber sie verschwendete keine Zeit oder Mühe damit, sich umzudrehen.
„Stopp!“, schrie sie.
Es überraschte sie nicht, dass die Figur weiter rannte. Mackenzie hatte innerhalb weniger Sekunden erkannt, dass sie schneller als ihr Zielobjekt war, denn sie holte sie mit einer Geschwindigkeit ein, auf die sie schon immer stolz gewesen war. Ein paar Äste schlugen ihr ins Gesicht und Spinnenweben verfingen sich auf ihrer Haut, doch sie schoss unbeirrt durch den Wald.
Als sie der Figur näherkam, erkannte sie, dass es ein Mann in einem schwarzen Kapuzenpullover und einer dunklen Jeans war. Weil er kein einziges Mal hinter sich schaute, konnte Mackenzie sein Alter nicht erkennen, doch sie konnte feststellen, dass er übergewichtig und offensichtlich nicht in Form war. Als sie immer weiter aufholte, konnte sie sein Röcheln hören.
„Verdammt“, stieß sie hervor, während sie ihren Arm ausstreckte und ihn an der Schulter fasste. „Ich habe stopp gesagt!“
Mit diesen Worten gab sie ihm einen kräftigen Stoß, durch den er auf den Boden fiel. Er rollte sich herum, bevor sie zum Stehen kam.
Ich habe ihn, dachte Mackenzie.
Der Mann versuchte, aufzustehen, aber Mackenzie trat ihm schnell in die Kniekehle, sodass er wieder zu Boden fiel. Dabei stieß er mit dem Kopf auf eine Wurzel.
Mackenzie drückte ein Knie hart in den Rücken des Mannes und griff nach ihrer Waffe. Schließlich kam auch Ellington an und drückte den Mann zu Boden. Jetzt, da Ellington gesamtes Gewicht auf ihm lastete, hörte er auf zu zappeln. Mackenzie griff an ihren Gürtel und holte ein Paar Handschellen hervor. Währenddessen zog Ellington dem Mann die Arme auf den Rücken, was ihm einen weiteren Schmerzensschrei entlockte. Mackenzie legte ihm die Handschellen an und zog den Mann anschließend grob auf die Füße.
„Wie heißen Sie?“, fragte Mackenzie.
Sie stellte sich vor ihn und sah im zum ersten Mal ins Gesicht. Der Kerl schaute harmlos aus, war übergewichtig und wahrscheinlich Ende dreißig.
„Sollten Sie mich so etwas nicht fragen, bevor Sie mich angreifen?“
Ellington schüttelt ihn ein wenig und übte Druck auf seine Schulter aus. „Sie hat Ihnen eine Frage gestellt.“
„Ellis Pope“, antwortete der Mann, der sichtlich erschrocken war.
„Und warum sind Sie hier?“
Zuerst sagte er nichts und in der Stille konnte Mackenzie weiteren Aufruhr im Wald hören. Die Geräusche kamen von rechts und als sie sich in die Richtung drehte, sah sie, dass sich Nelson und drei weitere Polizisten durch die schmalen Bäume und Büsche drängten.
„Was zum Teufel ist hier los?“, schrie Nelson. „Ich sah im Rückspiegel, wie Sie beide losrannten und – “
Er stockte, als er bemerkte, dass noch eine dritte Person bei ihnen stand, deren Hände in Handschellen lagen.
„Er sagt, dass er Ellis Pope heißt“, sagte Mackenzie. „Er hielt sich am Rande des Waldes auf und beobachtete uns. Als ich ihm zurief, rannte er davon.“
Nelson trat direkt vor Pope und es war offensichtlich, dass Nelson sich zusammenreißen musste, um ihn nicht körperlich anzugreifen. „Was haben Sie hier zu suchen, Mr. Pope?“, fragte Nelson. „Sind Sie in der Nähe geblieben, um ihre Tat zu bewundern?“
„Nein“, entgegnete Pope, der nun verängstigter war als je zuvor.
„Warum waren Sie dann dort?“, wollte Nelson wissen. „Ich werde Sie das nur einmal fragen, bevor ich mich vergesse.“
„Ich bin ein Reporter“, sagte er.
„Für welche Zeitung?“, fragte Mackenzie.
„Für keine Zeitung, sondern für eine Webseite. Das Oblong Journal.“
Mackenzie, Nelson und Ellington tauschen unbehagliche Blicke aus, bevor Mackenzie langsam ihr Handy aus der Tasche griff. Sie öffnete den Browser, tippte Das Oblong Journal ein und öffnete die Webseite. Schnell klickte sie zur Mitarbeiterseite, wo sie nicht nur den Namen Ellis Pope, sondern in der Biographie auch ein Bild fand, das dem Mann vor ihnen entsprach.
Mackenzie fluchte nur selten, aber als sie ihr Handy an Nelson weitergab, stieß sie ein angespanntes „Scheiße“ aus.
„Also“, sagte Ellis Pope, der erkannt hatte, dass er langsam die Oberhand bekam. „Mit welchem von euch Schweinen muss ich reden, um Anzeige zu erstatten?“
KAPITEL SECHSZEHN
Mackenzie fühlte sich in Ellingtons Gegenwart ein wenig fehl am Platze und seltsamerweise verstärkte sich das Gefühl noch, als sie zwei Stunden später nebeneinander in einer Bar saßen. Sie wusste, dass sie beide müde und leicht erschöpft aussahen, womit sie sich gut an die restliche Kundschaft anpassten. Sie waren nicht die einzigen, die gut angezogen waren, manche Menschen kamen direkt von der Arbeit, weshalb sie ebenfalls Anzüge oder Kostüme trugen.
Schwaches Nachmittagslicht fiel durch die zwei Fenster auf der anderen Seite der Bar, aber das Neon hinter der Bar und die Spiegelung der Deckenlampen in den Alkoholflaschen erschufen diese Stimmung.
„Irgendeine Idee, wie Pope so schnell von dem Tatort erfahren haben könnte?“, fragte Ellington sie.
„Keine Ahnung. Auf dem Polizeirevier muss es einen Maulwurf geben.“
„Das denke ich auch“, meinte Ellington. „Und deshalb verstehe ich nicht, wie Nelson so hart mit dir ein kann. Du hättest keineswegs wissen können, dass die Bewegung zwischen den Bäumen ein Journalist war. Vor allem nicht, wenn Pope so davonrannte.“
„Lass uns das hoffen“, entgegnete sie.
Mackenzie wusste, dass sie noch gut davongekommen war. Ihr Vorgesetzter hatte gesehen, wie sie den fettleibigen und wehrlosen Journalisten grob auf den Boden gedrückt hatte. Und obwohl Pope nur einen kleinen Schnitt an der Schläfe, von seinem Sturz auf die Wurzel, davongetragen hatte, und sich auf Privateigentum befunden hatte, war es immer noch Grundlage für eine Bestrafung. Trotzdem hatte sie das Äquivalent eines Schlages auf die Finger erhalten. Sie hatte schon gesehen, wie Nelson weitaus schlimmere Strafen ausgeteilt hatte. Es ließ jedoch die Frage in ihr aufkommen, wie viel Vertrauen er in sie hatte. Dass er sie ihres Weges geschickt hatte, während Ellis Pope wahrscheinlich Beschwerdeanrufe tätigte, sprach Bände.
Natürlich hatte er ebenfalls verlangt, dass sie ihm aus den Augen und woanders hingehen solle, bevor sie den nächsten armen Kerl anfiel, der ihr zufällig über den Weg lief. Da sie ein kleines Fluchtfenster gesehen hatte, bevor er seine Entscheidung, sie den Fall weiter ermitteln zu lassen, ändern konnte, hatte sie genau das getan.
Während sie so verantwortungsbewusst wie möglich an einem in der Gegend gebrauten Bier nippte, versuchte sie sich zu erinnern, wann sie das letzte Mal in eine Bar gegangen war, um der Welt zu entkommen. Normalerweise verwendete sie die Arbeit für solche Zwecke – etwas, das sie viel leichter zugeben konnte, nun, da Zack nicht mehr in ihrem Leben war. Aber jetzt, da sie für eine Weile von der Arbeit weggeschickt wurde, fühlte es sich surreal an, in der Bar zu sitzen.
Es war sogar noch seltsamer, neben einem FBI Agenten zu sitzen, den sie erst gestern kennengelernt hatte. In der kurzen Zeit, die sie mit Agent Ellington verbracht hatte, hatte sie schon einiges über ihn herausgefunden. Zum einen war er ein traditioneller Mann: er öffnete ihr die Türen, fragte immer erst nach ihrer Meinung, bevor er eine Entscheidung traf, bezeichnete alle Menschen, die älter waren als es mit Sir oder Ma’am und schien auch einen Beschützerinstinkt für sie entwickelt zu haben. Als sie die Bar betreten hatten, machten zwei Männer kein Hehl daraus, dass sie sich auscheckten. Als Ellington dies bemerkte, trat er neben sie, womit er den anderen ihre Sicht nahm.
„Sie wissen schon, warum die Männer auf ihrer Polizeiwache so gemein zu Ihnen sind, nicht wahr?“, fragte Ellington.
„Ich nehme an, dass sie einfach so erzogen wurden“, entgegnete Mackenzie. „Wenn ich keine Schürze anhabe und ihnen ein Sandwich oder ein Bier bringe, was für einen Nutzen habe ich dann?“
Er zuckte mit den Schultern. „Das könnte auch ein Grund sein, aber nein, ich denke, es liegt an etwas Anderen. Ich glaube, sie fühlen sich von dir eingeschüchtert. Sogar noch mehr, ich denke, dass einige von ihnen Sie richtig fürchten. Sie haben Angst, dass Sie sie dumm und unfähig aussehen lassen.“
„Wie kommen Sie darauf?“
Er schenkte ihr ein kleines Lächeln. Und auch wenn es nichts Romantisches an sich hatte, war es schön, auf diese Weise angeschaut zu werden. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann Zack sie zuletzt so angesehen hatte – wie etwas, das man schätzen und nicht ausnutzen oder tolerieren sollte.
„Lassen Sie uns das Offensichtliche aus dem Weg schaffen: Sie sind jung und eine Frau. Sie sind praktisch der neue Computer, der ins Büro kommt und allen die Arbeit wegnimmt. Außerdem habe ich gehört, dass Sie ein laufendes Wörterbuch in Sachen Forensik und Ermittlungen sind. Neben Sie dann die Jagd auf den armen Polizisten heute dazu und wir haben das Ergebnis. Sie sind eine neue Rasse und die anderen sind alte Hunde. So die Richtung sehe ich das.“
„Dann haben sie also Angst vor dem Fortschritt?“
„Mit Sicherheit. Ich bezweifle zwar, dass sie es selbst jemals so sehen würden, aber im Grunde ist es das.“
„Soll ich das als Kompliment auffassen?“, fragte sie.
„Natürlich. Ich wurde nun zum dritten Mal mit einem hochmotivierten Detective zusammengetan und Sie sind bisher die engagierteste und zielstrebigste, die ich je gesehen habe. Ich bin froh, dass wir zusammenarbeiten.“
Sie nickte nur, denn sie wusste noch nicht, wie sie mit seinen Komplimenten und Einschätzungen umgehen sollte. Bei der Arbeit war er sehr professionell und vorschriftsmäßig – nicht nur bei seiner Herangehensweise an den Fall, sondern auch bei seinem Umgang mit ihr. Aber jetzt, da er etwas entspannter war, fiel es Mackenzie schwer zwischen Ellington im Dienst und in seiner Freizeit zu unterscheiden.
„Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, zum FBI zu gehen?“, fragte Ellington.
Die Frage erstaunte sie, weshalb sie für einen Moment sprachlos war. Natürlich hatte sie darüber nachgedacht. Das war ihr Kindheitstraum. Aber selbst als zielstrebige Zweiundzwanzigjährige, die eine Karriere in der Strafverfolgung vor sich hatte, war das FBI wie ein ferner Traum erschienen.
„Anscheinend schon, hm?“, meinte er.
„Ist es denn so offensichtlich?“
„Ein wenig. Es scheint Ihnen peinlich zu sein. Daran erkenne ich, dass Sie schon einmal mit dem Gedanken gespielt, ihn jedoch nie verfolgt haben.“
„Es war einmal mein Traum“, gab sie zu.
Es war ihr peinlich, das zuzugeben, aber etwas an der Art, wie er sie zu lesen schien, sorgte dafür, dass es ihr nicht so viel ausmachte.
„Sie haben die Fähigkeiten dafür“, sagte Ellington.
„Danke“, gab sie zurück. „Aber ich denke, meine Wurzeln hier sind zu fest. Ich glaube, es ist zu spät.“
„Es ist nie zu spät.“
Er schaute sie mit professionellem und intensivem Blick an.
„Soll ich ein Wort für dich einlegen und schauen, ob es auf interessierte Ohren fällt?“
Sein Angebot machte sie sprachlos. Einerseits wollte sie es mehr als alles andere auf der Welt, aber andererseits brachte es ihre alten Unsicherheiten wieder auf. War sie überhaupt qualifiziert genug, um für das FBI zu arbeiten?
Langsam schüttelte sie den Kopf.
„Danke“, sagte sie. „Aber nein.“
„Warum nicht?“, wollte er wissen. „Ich will ja nicht zu schlecht von Ihren Kollegen sprechen, aber sie nutzen Sie aus und behandeln Sie schlecht.“
„Was würde ich beim FBI machen?“, fragte sie.
„Sie wären eine ausgezeichnete Agentin“, meinte er. „Vielleicht sogar ein Profiler.“
Mackenzie schaute gedankenverloren und überwältigt in ihr Bier. Sie war sprachlos und hatte das Gefühl, über vieles nachdenken zu müssen. Was, wenn sie wirklich eine Agentin werden konnte? Wie sehr würde sich ihr Leben ändern? Wie schön wäre es, eine Arbeit zu haben, die sie liebte, ohne von hinderlichen Männern, wie Nelson oder Porter, zurückgehalten zu werden?
„Geht es Ihnen gut?“, fragte Ellington.
Sie seufzte, während sie weiterhin in ihr dunkles Bier starrte. Sie dachte einen Moment an Zack und konnte sich nicht einmal an die letzte bedeutsame Unterhaltung mit ihm erinnern. Wann hatte er sie zuletzt so aufgebaut, wie Ellington es gerade tat? Und überhaupt, wann hatte zuletzt irgendein Mann sie in ihrer Gegenwart so gelobt?
„Ja, alles in Ordnung“, antwortete sie. „Ich schätze Ihre Worte wirklich sehr. Sie haben mir viel Stoff zum Nachdenken gegeben.“
„Gut“, erwiderte Ellington mit sanfter Stimme und ohne zu zögern. „Aber gestatten Sie mir eine Frage: Haben Sie sich schon immer selbst zurückgehalten?“
„Ich glaube nicht, dass es an mir liegt“, meinte sie. „Ich denke es ist nur…ich weiß es nicht. Vielleicht meine Vergangenheit?“
„Der Tod Ihres Vaters?“
Sie nickte.
„Das ist ein Teil davon“, stimmte sie ihm zu.
Es sind auch meine zahlreichen gescheiterten Beziehungen, dachte sie, aber es erschien ihr unangebracht, das zu erwähnen. Während sie darüber nachdachte fragte sie sich plötzlich, ob es zwischen den beiden Dingen eine Verbindung gab – zwischen dem Tod ihres Vaters und ihren Beziehungen. Vielleicht ließ sich ja doch alles auf seinen Tod zurückführen.
Würde sie jemals darüber hinwegkommen? Sie wüsste nicht wie. Egal, wie viele Verbrecher sie hinter Gitter brachte, nichts schien zu helfen.
Er nickte, als ob es sie verstehen könnte.
„Ich verstehe“, meinte er.
Dann grinste sie ihn an, damit er wusste, dass sie scherzte, und fragte ihn: „Versuchen Sie etwa meine Psyche zu analysieren, Agent Ellington?“
„Nein, ich rede nur mit Ihnen. Ich höre zu. Nichts weiter.“
Mackenzie trank ihr Bier aus und schob das Glas zum Rand der Bar. Der Barkeeper nahm es, füllte es auf und stellte es wieder vor ihr ab.
„Ich weiß, dass mich der Fall deshalb so sehr mitnimmt“, fügte sie hinzu. „Ein Mann missbraucht Frauen. Vielleicht nicht sexuell, aber er fügt ihnen Schmerzen und Scham zu, als ob er damit eine gestörte Aussage machen will.“
„Haben Sie schon einmal an einem ähnlichen Fall gearbeitet?“
„Ja. Ich meine, ich wurde schon bei häuslicher Gewalt gerufen, bei denen ein Ehemann ziemlich grob mit seiner Frau umging, und ich habe auch schon zwei Frauen nach einer Vergewaltigung befragt. Aber nichts wie dieser Fall.“
Sie nahm einen Schluck von ihrem Bier und erkannte, dass sie zu schnell trank. Sie hatte noch nie viel Alkohol getrunken und dieses Bier – das dritte an diesem Abend – brachte sie an eine Grenze, die sie seit ihrer Zeit auf dem College vermieden hatte.
„Ich weiß nicht, ob meine Intuition Ihnen hilft“, bemerkte Ellington, „aber dieser Kerl wird in ein paar Tagen gefasst sein. Da bin ich mir ziemlich sicher. Er wird zu dreist und eine dieser Spuren wird schließlich zum Ziel führen. Außerdem ist die Tatsache, dass Sie diese Ermittlung leiten, ein großes Plus.“
„Wie können Sie so sicher sein?“, fragte sie. „Meine Leistung meine ich? Und warum sind Sie so nett?“
Er schenkte ihr neues Selbstvertrauen und stärkte zur selben Zeit einen Charakterzug an ihr, den sie für einen ihrer schlechten Eigenschaften hielt. Sie wusste, dass sie Männern gegenüber, die ihr Komplimente machten, in die Defensive ging, vor allem, weil diese Männer es häufig nur auf eines abgesehen hatten. Als sie sah, dass Ellington sie anlächelte, dachte sie, dass es gar nicht so schlecht wäre, wenn er diese eine Sache wollte. Sie begann sogar zu glauben, dass sie es sehr genießen würde. Natürlich würde er morgen zurückgehen und sie sah ihn wahrscheinlich nie wieder.
Vielleicht brauche ich genau das, dachte sie. Eine Nacht. Keine Gefühle, keine Erwartungen, einfach nur ein dunkler und zu guter FBI Agent, um wahr zu sein, der immer die richtigen Dinge sagte –
Sie drängte den Gedanken zurück, weil er, ehrlich gesagt, viel zu verlockend war. Dann wurde ihr bewusst, dass Ellington ihre Frage, warum er zu ihr so nett war, immer noch nicht beantwortet hatte.
Er verkniff sich sein Lächeln und gab ihr schließlich die Antwort.
„Weil du eine Pause verdienst. Ich bekam meine Position, weil ein Freund von mir einen Freund hatte, der den stellvertretenden Leiter des FBI kannte. Und ich kann Ihnen garantieren, dass die Hälfte der Neandertaler auf Ihren Polizeirevier das gleiche von sich sagen können.“
Sie lachte und das Geräusch ließ sie erkennen, dass sie kurz davorstand, ihre Grenze zu überschreiten. Während sie versuchte, sich zu erinnern, wann sie das letzte Mal betrunken gewesen war, trank sie das Glas leer und schob es zum Rand der Bar. Doch als er Barkeeper es nachfüllen wollte, schüttelte sie mit dem Kopf.
„Kannst du fahren?“, fragte sie. „Ich vertrage nicht viel. Tut mir leid.“
„Ja, kein Problem.“
Als der Barkeeper mit ihren Rechnungen kam, schnappte sich Ellington schnell ihre, bevor sie danach greifen konnte. Während sie ihn beobachtete, beschloss sie, herauszufinden, wie eine emotionslose Nacht mit einem traumhaften Mann sein könnte. Immerhin hatte sie nun ihr Haus und Bett für sich alleine. Was konnte schon schiefgehen?
Sie gingen hinaus zum Auto und Mackenzie bemerkte, dass Ellington ziemlich nahe an ihr lief. Er hielt ihr die Tür auf, was ihn in ihren Augen noch liebenswerter erscheinen ließ. Als er die Tür schloss und zur Fahrerseite ging, lehnte Mackenzie ihren Kopf gegen die Stütze am Sitz und holte tief Luft. Von einem verlassenen Haus, hinter dem eine tote Frau an eine Stange gefesselt war, zu einer möglichen Nacht mit einem Mann, den sie erst gestern kennengelernt hatte – war das alles wirklich in weniger als vierundzwanzig Stunden passiert?
„Ihr Auto steht noch auf der Polizeiwache, nicht wahr?“, fragte Ellington.
„Das stimmt“, erwiderte sie. In diesem Moment begann ihr Herz schnell zu schlagen, weshalb sie hinzufügte: „Aber wir kommen sowieso bei meinem Haus vorbei – wenn Sie möchten, können wir auch dort anhalten.“
Er sah sie verwirrt an und seine Mundwinkel schienen sich nicht zwischen einem Lächeln und einer Grimasse entscheiden zu können. Es war offensichtlich, dass er ihren Vorschlag verstanden hatte; sie zweifelte nicht daran, dass er solche Angebote schon vor ihr erhalten hatte.
„Oh Gott“, sagte und rieb seinen Kopf. „Um Ihnen meinen starken Willen und Charakter noch mehr zu beweisen, werde ich Ihnen nun sagen, dass ich verheiratet bin.“
Mackenzie warf einen Blick auf seine linke Hand – die gleiche Hand, die sie schon in der Bar mehrmals betrachtet hatte, nur um sicherzugehen. Er trug keinen Ring.
„Ich weiß“, sagte er. „Ich trage den Ring nie auf der Arbeit. Ich hasse es, wie er sich anfühlt, wenn ich nach meiner Waffe greife.“
„Oh mein Gott“, sagte Mackenzie. „Ich bin – “
„Nein, es ist schon in Ordnung“, entgegnete er. „Und glauben Sie mir, ich fühle mich geschmeichelt. Ich meinte alles, was ich in der Bar gesagt habe. Und obwohl ich weiß, dass mich mein primitiver männlicher Instinkt den Rest meines Lebens verfluchen wird, so liebe ich meine Frau und meine Tochter doch sehr. Ich glaube, ich – “
„Können Sie mich einfach zu meinem Auto bringen?“, fragte Mackenzie peinlich berührt. Sie schaute aus dem Fenster und wollte am liebsten schreien.
„Es tut mir leid“, sagte Ellington.
„Das muss es nicht. Es ist meine Schuld. Ich hätte es besser wissen sollen.“
Er startete den Motor und fuhr vom Parkplatz. „Besser als was?“, wollte er wissen, während sie zur Polizeistation fuhren.
„Nichts“, entgegnete sie und weigerte sich ihn anzusehen.
Aber in dieser Stillen, die schwer im Auto lag, dachte sie: Ich hätte es besser wissen sollen, als anzunehmen, dass so schönes wahr sein kann.
Während sie still zur Wache fuhren, wollte sie sich am liebsten zusammenrollen und sterben, sich hassen und sich fragen, ob sie gerade die beste Möglichkeit, die sich für sehr, sehr lange Zeit in ihrem Leben ergeben würde, vertan hatte.
KAPITEL SIEBZEHN
Am nächsten Tag wachte Mackenzie durch das Piepen einer empfangenen Nachricht auf. Sie war schon einmal wach gewesen und hatte sich ihre Unterwäsche angezogen. Als sie nun nach ihrem Handy griff, um die Nachricht zu lesen, wurde ihr ganz bange, denn sie sah, dass sie von Ellington war.
Ich bin auf dem Heimweg. Ich rufe später wegen dem Fall an.
Sie spielte mit dem Gedanken, ihn auf der Stelle anzurufen. Sie wusste, dass sie sich gestern wie eine unreife Jugendliche verhalten hatte. Verdammt, sie war noch nicht einmal wirklich zurückgewiesen worden. Ellington war lediglich seinem Charakter treu geblieben, womit sie treuer Ehemann zu der langen Liste seiner bewundernswerten Eigenschaften hinzufügen konnte.
Schließlich verwarf sie diese Idee jedoch wieder. Es war ihr immer noch peinlich und sie fühlte sich geschlagen, was nicht häufig vorkam. Der Mörder war immer noch da draußen und sie waren bei den Ermittlungen noch immer keinen Schritt weiter als vor drei Tagen. Sie hatte ihren Freund verloren, mit dem sie seit drei Jahren zusammengewohnt hatte, und hätte vierundzwanzig Stunden später fast etwas mit einem FBI Agent angefangen. Als ob das nicht schon genug wäre, hatte sie gesehen, wie ihre Zukunft sein könnten, wenn sie mit Ellington zusammen wäre, wie ihr Job sein könnte, wenn sie respektiert und geschätzt wurde. Nun war all das verschwunden.
Jetzt hatte sie nur Porter und Nelson vor sich, die sie inmitten eines Falles, der ihr unter die Haut ging, Zweifel entgegenbrachten.
Als sie sich ein T-Shirt anzog, setzte sich auf das Bett und schaute zu ihrem Handy. Plötzlich wollte sie nicht Ellington anrufen, sondern jemand anderen – einen Menschen, der dasselbe Trauma und Gefühl des Versagens hatte, das sie so gut kannte.
Mit einem Kloß im Hals nahm Mackenzie ihr Handy von der Kommode und scrollte durch ihre Kontakte. Als sie zu dem Namen Steph kam, drückte sie auf ANRUFEN und hätte fast sofort wieder aufgelegt.
„Mackenzie“, meldete sich Stephanie. „Es ist noch früh.“
„Du schläfst nie länger als fünf“, bemerkte Mackenzie.
„Das stimmt. Aber ich wollte nur anmerken, dass es noch früh ist.“
„Tut mir leid“, sagte sie, was in ihren Unterhaltungen mit Steph häufig vorkam. Nicht, weil sie es wirklich so meinte, sondern weil Steph geschickt darin war, Schuldgefühle über die banalsten Dinge bei ihren Gesprächspartnern auszulösen.
„Was hat Zack diesmal getan?“, fragte Steph.
„Es ist nicht Zack“, entgegnete Mackenzie. „Wir haben uns getrennt.“
„Gut“, sagte Steph nüchtern. „Er war sowieso nur Platzverschwendung.“
Für einen Moment schwiegen beide. Es war offensichtlich, dass es Steph auch nichts ausgemacht hätte, in ihrem ganzen Leben nie wieder mit ihrer Schwester zu reden. Das hatte sie schon mehrmals deutlich gemacht. Sie hassten sich nicht wirklich, aber ihre Unterhaltungen brachten immer wieder die Vergangenheit auf. Und die Vergangenheit war etwas, vor dem Steph die meiste Zeit ihrer dreiunddreißig Jahre davongelaufen war.
Wie immer hörte sich Steph am Telefon verschlafen an.
„Kein Grund für Details. Wir können die Rechnungen kaum bezahlen. Mein alkoholsüchtiger Freund verprügelt mich gerne, ich habe ständig Migräne. Wovon soll ich dir erzählen?“
Mackenzie holte tief Luft.
„Nun ja, wie wäre es mit dem gewalttätigen Freund?“, fragte Mackenzie. „Warum zeigst du ihn nicht wegen häuslicher Gewalt an?“
Steph lachte nur. „Zu viel Ärger. Nein danke.“
Mackenzie zwang sich dazu, ihre Meinung zu anderen Themen für sich zu behalten. Dazu gehörten: Wie wäre es, wenn du wieder zurück auf die Universität gehst und an deinem Abschluss arbeitest, damit du aus deinem aussichtslosen Job herauskommst? Aber jetzt war nicht der richtige Moment für solche Ratschläge. Jetzt, über das Telefon, würden die Dinge oberflächlich bleiben. Beide hatten vor langer Zeit gelernt, dass es so besser war.
„Also, raus damit“, sagte Steph. „Du rufst nur an, wenn dein Leben gerade nicht funktioniert. Ist es, weil du dich von Zack getrennt hast? Wenn ja, dann sage ich dir, dass es deine beste Entscheidung seit langem war.“
„Das ist ein Teil davon“, entgegnete Mackenzie. „Aber es liegt auch an diesem Fall, der mir unter die Haut geht, wie ich es noch nie erlebt habe. Ich fühle mich dadurch, ich weiß nicht, unfähig. Und dann gibt es auch noch die Tatsache, dass ich gestern einen verheirateten Mann in mein Bett eingeladen habe und – “
„Hat er dich flachgelegt?“, unterbrach Steph sie.
„Steph! Ist das alles, was du mitbekommen hast?“
„Es war das interessanteste. Wer war es?“
„Ein FBI Agent, der uns bei dem Fall helfen sollte.“
„Oh“, meinte Steph, für die die Unterhaltung schon zu Ende war. Etwa fünf Sekunden lang herrschte Stille, bevor sie ihre Frage wiederholte: „Also, hat er dich nun flachgelegt?“
„Nein.“
„Autsch“, entgegnete Steph.
„Hast du keine Lust zu reden?“
„Nicht wirklich. Ich meine, wir kennen uns ja kaum, Mackenzie. Was willst du von mir?“
Mackenzie seufzte voller Traurigkeit.
„Ich will meine Schwester“, sagte sie, womit sie sich selbst überraschte. „Ich will eine Schwester, die ich anrufen kann und die mich hin und wieder anruft und mir von dem ekligen Kerl auf der Arbeit erzählt, der seine Hände nicht bei sich behalten kann.“
Steph seufzte. Dieses Geräusch schien die vollen achthundert Meilen, die zwischen ihnen lagen, zu überqueren und sie direkt ins Gesicht zu schlagen.
„Das bin nicht ich“, sagte Steph. „Du weißt, dass Dad jedes Mal, wenn wir reden, aufkommt. Und von dem Moment an geht alles den Bach runter. Es wird sogar noch schlimmer, wir reden über Mom.“
Das Wort Mom schien ihr ebenfalls über das Telefon ins Gesicht zu schlagen. „Wie geht es ihr?“, fragte Mackenzie.
„So wie immer. Ich habe letzten Monat mit ihr gesprochen. Sie hat mich nach Geld gefragt.“
„Hast du ihr welches geliehen?“
„Mackenzie, ich habe kein Geld, das ich ihr leihen könnte.“
Wieder herrschte Schweigen. Mackenzie hatte Steph schon mehrmals Geld angeboten, doch jeder Versuch wurde nur von Spott, Wut und Verachtung gestraft, weshalb Mackenzie nach einer Weile einfach aufgehört hatte, es anzubieten.“
„Ist das alles?“, frage Steph.
„Eine Sache noch“, erwiderte Mackenzie.
„Was denn?“
„Als du mit Mom geredet hast, hat sie mich auch nur einmal erwähnt?“
Steph war eine Weile ruhig, bevor sie antwortete. Als sie es tat, lag wieder dieser schläfrige Ton in ihrer Stimme. „Willst du dir das wirklich antun?“
„Hat sie nach mir gefragt?“, wollte Mackenzie mit lauterer und schärferer Stimme wissen.
„Das hat sie. Sie fragte mich, ob du ihr vielleicht Geld leihen würdest. Ich sagte ihr, sie solle dich selbst fragen. Das war es.“
Traurigkeit überkam Mackenzie. Das war alles, was ihre Mutter je von ihr gewollt hatte.
Sie hielt sich das Telefon ans Ohr, während sie spürte, wie sich die Tränen in ihren Augen sammelten, und sie nicht wusste, was sie sagen sollte.
„Hör zu“, meinte Steph. „Ich muss jetzt wirklich los.“
Und die Leitung war tot.
Mackenzie warf das Telefon auf das Bett und starrte es einen Moment lang an. Die Unterhaltung hatte nicht einmal fünf Minuten gedauert, sich doch wie eine Ewigkeit angefühlt. Trotzdem war sie seltsamerweise besser verlaufen als sie vorherigen, bei denen sie über die Familie gestritten und sich gegenseitig die Schuld für den Absturz ihrer Mutter und den Tod ihres Vaters zugeschoben hatten. Und doch war dieser Anruf auf eine Weise schlimmer gewesen.
Sie dachte über die Jahre nach, die zwischen dem Tod ihres Vaters und der Einweisung ihrer Mutter in eine psychiatrische Klinik lagen. Als dies geschah, war Mackenzie siebzehn Jahre alt und Steph auf der Uni gewesen, wo sie auf einen Abschluss in Journalismus hinarbeitete. Danach hatte sich die Lage zwischen den dreien verschlechtert, doch Mackenzie war die einzige gewesen, die das überstanden und das Beste aus den schwierigen Umständen gemacht hatte.
Als sie sich fertig anzog, dachte sie an ihre Mutter und fragte sich, warum die arme Frau sie so sehr hasste. Es war eine Frage, die sie tief in sich vergrub und mit der sie sich nur beschäftigte, wenn sie äußerst deprimiert war.
In dem Versuch, nicht an diesen Punkt zu gelangen, nahm sie ihr Handy, ihren Polizeiausweis und die Waffe. Dann ging sie entschlossen zur Arbeit. Aber was würde sie dann machen? Was wäre ihr nächster Schritt?
Zum ersten Mal, seit sie zum Detective befördert worden war, hatte sie das Gefühl, in einer Sackgasse festzustecken.
Sackgasse, dachte sie, wobei sich in ihrem Geist eine Idee formte.
Sie dachte über den Feld weg nach, an dem das zweite Opfer gefunden worden war. War dieses Feld nicht zu einer Sackgasse geworden?
Und wie war es bei dem verlassenen Haus? Die steinige Straße, die zu dem Ort führte, an dem das dritte Opfer ermordet worden war, endete in einem kleinen dreckigen Viereck vor dem Haus in einer Sackgasse.
„Sackgasse“, sagte sie laut, als sie das Haus verließ.
Und plötzlich wusste sie, wohin sie gehen musste.
KAPITEL ACHTZEHN
Sein Wohnzimmer lag größtenteils im Dunkeln und wurde nur von der Morgensonne erleuchtet, deren Strahlen sich durch die Vorhänge hindurchzwängten. Er saß in einem verfranzten Sessel und schaute zu dem alten Rollpult am anderen Ende des Raumes. Die Abdeckung war nach oben gerollt, sodass er die Gegenstände sehen konnte, die er von jeder Opferung behielt.
Darunter befand sich eine Brieftasche, in der sich der Führerschein von Hailey Lizbrook befand. Ebenso lag ein Rock darin, der zu der Frau gehörte, die er in dem Feld aufgehängt hatte. Daneben befand sich eine Strähne blonden Haares mit schwarzer Farbe an den Spitzen. Sie hatte der Frau gehört, die er hinter das verlassene Haus gebracht hatte.
Es war immer noch Platz für die Erinnerungsstücke, die er von seinen anderen Opferungen mitbringen würde – Erinnerungen an jede Frau, die er im Auftrag Gottes aus der Welt entfernt hatte. Obwohl er zufrieden war, wie die Dinge bisher gelaufen waren, gab es noch viel zu tun, bis die Aufgabe erledigt war.
Er saß in dem Sessel, starrte seine Erinnerungsstücke – seine Trophäen – an und wartete auf den Sonnenaufgang. Nur wenn der Morgen voll aufgeblüht war, würde er sich wieder an die Arbeit machen.
Bei dem Blick auf die Gegenstände in seinem Rollpult fragte er sich (nicht zum ersten Mal), ob er ein schlechter Mensch war. Das glaubte er jedoch nicht. Jemand musste schließlich diese Arbeit verrichten. Die härteste Arbeit blieb immer denjenigen, die keine Angst vor ihnen hatten.
Aber manchmal, wenn er diese Frauen schreien und um ihr Leben flehen hörte, fragte er sich, ob mit ihm etwas nicht stimmte.
Als die Lichtstrahlen auf dem Boden von einem blassen Gelb zu einem fast schon zu hellen Weiß wurden, wusste er, dass die Zeit gekommen war.
Er erhob sich aus dem Sessel und ging in die Küche. Von dort aus verließ er das Haus über die Hintertür, die in seinen Hinterhof führte.
Er war klein und von einem alten Maschendrahtzaun umschlossen, was sowohl fremd als auch wie eine Verkleidung wirkte, da der Rest der Nachbarschaft so verwahrlost war. Das Gras stand hoch und voller Unkraut. Bienen summten und andere Insekten huschten auf dem Boden herum, als er näherkam und sich seinen Weg durch das Gras bahnte.
Am Ende des Hofes stand ein alter Schuppen, der die gesamte linke Seite einnahm. Es war ein Schandfleck auf einem sowieso schon hässlichen Grundstück. Er ging darauf zu und öffnete die Tür, dessen alte, rostige Angeln quietschten, bevor sie den Blick auf die Dunkelheit darin freigaben. Bevor er eintrat, schaute er zu den Nachbarshäusern. Niemand war zu Hause. Er kannte ihre Tagesabläufe genau.
Jetzt, zur sicheren Tageszeit von neun Uhr morgens, betrat er den Schuppen und schloss die Tür hinter ihm. Der Geruch nach Holz und Staub durchdrang alles. Als er eintrat, rannte eine große Ratte an der Rückwand entlang und schlüpfte durch ein Lock in den Holzbrettern hinaus. Er beachtete das Nagetier nicht weiter, sondern ging direkt auf die drei langen Holzstangen zu, die an der rechten Seite des Schuppens lehnten. Sie waren zu einer kleinen Pyramide gestapelt, eine lag auf den anderen beiden. Vor zehn Tagen hatten noch drei weitere danebengelegen. Aber diese hatten ihre Aufgabe erfüllt und seine Arbeit einen Schritt vorangetrieben.
Und jetzt musste er eine weitere vorbereiten.
Er ging zu den Stangen und fuhr mit seiner Hand liebevoll über das beanspruchte Zedernholz der oberen von ihnen. Dann ging er ans andere Ende des Schuppens, wo ein kleiner Arbeitstisch stand. Dort lagen eine alte Handsäge, dessen Zähne krumm und verrostet waren, sowie ein Hammer und ein Meißel. Er nahm den Hammer und den Meißel, mit denen er zu den Stangen zurückkehrte.
Als er den Hammer in der Hand wog, dachte er an seinen Vater, der Schreiner gewesen war. Bei vielen Gelegenheiten hatte ihm sein Vater gesagt, dass Jesus, Gottes Sohn, ebenfalls Schreiner war. Der Gedanke an seinen Vater ließ Erinnerungen an seine Mutter aufkommen. Er erinnerte sich wieder daran, warum sie die beiden verlassen hatte, als er gerade einmal sieben Jahre alt gewesen war.
Er dachte an den Mann, der ein paar Häuser weiter gewohnt und vorbeigekommen war, wenn sein Vater nicht zuhause war. Er erinnerte sich an die quietschenden Bettfedern und die dreckigen Worte, die zusammen mit den Schreien seiner Mutter aus dem Schlafzimmer gedrungen waren – Schreie, die gleichzeitig Glück und Schmerz ausdrückten.
„Unser Geheimnis“, hatte seine Mutter gesagt „Er ist nur ein Freund, aber davon muss dein Vater ja nichts wissen, nicht wahr?“
Er hatte zugestimmt. Außerdem war seine Mutter glücklich gewesen, weshalb ihr Verlassen ihn so sehr verwirrt hatte.
Er legte seine Hände auf die oberste Stange und schloss die Augen. Eine Fliege an der Wand hätte vielleicht gedacht, dass er betete oder auf irgendeine Weise mi der Stange kommunizierte.
Als er fertig war, öffnete er die Augen und legte Hammer und Meißel an.
Im dämmrigen Licht, das durch eine Spalte in den Holzbrettern hereinfiel, begann er zu meißeln.
Zuerst formte er N511, danach J202.
Als nächstes würde das Opfer kommen.
Und zwar heute Nacht.
KAPITEL NEUNZEHN
Mackenzie betrat das kleine Café mit nur wenig Hoffnung. Nach der unangenehmen Unterhaltung mit ihrer Schwester hatte sie noch jemanden angerufen, mit dem sie schon lange nicht mehr gesprochen hatte. Dieses Gespräch war kurz und knapp verlaufen, wobei sie sich verabredet hatten, gemeinsam Kaffee zu trinken.
Sie schaute auf und sah den Mann sofort. Man konnte ihn schwer übersehen, da sein weißes Haar und sein Flanellshirt in der Menge gehetzter, meist junger und gut angezogener Menschen auf dem Weg zur Arbeit herausstachen.
Er saß mit dem Rücken zu ihr, weshalb sie ihm eine Hand auf die Schulter legte, als sie ihn erreichte.
„James“, sagte sie. „Wie geht es dir?“
Er drehte sich um und lächelte sie breit an, als sie sich vor ihn hinsetzte.
„Mackenzie, du wirst immer schöner“, sagte er.
„Und deine Worte werden immer glatter“, entgegnete sie. „Es ist schön, dich wiederzusehen, James.“
„Ebenso“, erwidert er.
James Woerner war fast siebzig, doch sah eher wie achtzig aus. Er war groß und schlaksig, weshalb er von seinen früheren Kollegen bei der Polizei den Spitznamen Crane, nach Ichabod Crane bekommen hatte. Es war ein Name, den er übernommen hatte, als er nach seiner Zeit als Polizist acht Jahre lang Berater für die örtliche Polizeiwache und bei zwei Gelegenheiten auch für die Bundespolizei fungierte.
„Was ist denn so schlimmes passiert, dass du dich bei einem alten Niemand wie mir meldest?“, fragte er.
In seiner Stimme lag zwar Humor, doch Mackenzie spürte, wie sie von ihm zurückzuckte, als sie erkannte, dass James der zweite Mensch innerhalb von zwei Stunden war, der dachte, sie hätte ihn angerufen, weil sie in Schwierigkeiten steckte.
„Ich habe mich gefragt, ob dich jemals ein Fall mitgenommen hat“, sagte sie. „Und ich meine nicht, dass er dir einfach nur naheging. Ich rede davon, wenn ein Fall dich so sehr mitnimmt, dass du zuhause paranoid bist und denkst, dass jeder ins Nichts führende Hinweis deine Schuld ist.“
„Ich schätze, dass du von dem Vogelscheuchen-Mörder redest? Schrecklicher Name, wenn du mich fragst“, sagte James.
„Wie…“, fragte sie fast, doch erkannte schnell, dass sie die Antwort bereits wusste, doch James antwortete trotzdem.
„Ich habe dein Bild in der Zeitung gesehen“, sagte er, bevor er an seinem Kaffee nippte. „Ich habe mich für dich gefreut. Du brauchst so einen Fall. Ich meine mich daran erinnern zu können, dir vor Jahren gesagt zu haben, dass dazu bestimmt warst, solche Fälle zu lösen.“
„Das hast du“, stimmte sie zu.
„Und doch hängst du immer noch auf der örtlichen Polizeistation herum?“
„Ja.“
„Behandelt Nelson dich gut?“
„So gut er kann mit dem Team, das für ihn arbeitet. Er hat mich quasi zur Ermittlungsleiterin gemacht. Ich hoffe, dass es seine Art ist, mir eine Chance zu geben, mich zu beweisen, damit das Machogehabe der anderen aufhört.“
„Arbeitest du immer noch mit Porter?“
„Das tat ich, aber als ein FBI Agent auftauchte, wurde er einem anderen Polizisten zugeteilt.“
„Du arbeitest also mit dem FBI zusammen“, sagte James lächelnd. „Ich glaube, das war eine weitere Vorhersage von mir. Aber ich schweife ab.“
Er lächelte und beugte sich vor.
„Erzähl mir, warum dich dieser Fall so mitnimmt. Und wenn du nur an der Oberfläche kratzt, dann nehme ich meinen Kaffee und gehe. Ich habe einen geschäftigen Tag voller Freizeit vor mir.“
Sie lächelte.
„Das wunderbare Leben eines Rentners“, sagte sie.
„Da hast du aber Recht“, meinte James. „Aber versuche nicht, auszuweichen.“
Sie wusste es besser, als einer direkten Aufforderung nicht nachzukommen. Das hatte sie gelernt, als er sie vor fünf Jahren unter seine Fittiche genommen und ihre die Grundlagen des Profilings gelehrt hatte und wie man sich in die Denkweise von Kriminellen versetzt. Der Mann war unglaublich stur und kam immer zum Punkt, was Mackenzies Ansicht nach der Grund war, warum sie sich so gut verstanden.
„Ich glaube, es ist, weil ein Mann nur Frauen umbringt. Sogar noch mehr, er bringt Frauen um, die sich ihren Lebensunterhalt mit ihrem Körper verdienen.“
„Und warum setzt dir das so zu?“
Es versetzte ihrem Herzen einen Stich, aber sie brachte die Worte trotzdem hervor.
„Es lässt mich an meine Schwester denken. Und wenn ich an meine Schwester denke, dann denke ich an meinen Vater. Und wenn ich dahingehe, fühle ich mich wie ein Versager, weil ich den Kerl noch nicht geschnappt habe.“
„Deine Schwester war eine Stripperin?“
Sie nickte.
„Etwa sechs Monate lang. Sie hasste es. Aber das Geld war gut genug, um ihr nach einer schwierigen Zeit auf die Füße zu helfen. Es macht mich immer traurig, wenn ich daran denke, dass sie damit ihr Geld verdient hat. Und auch wenn ich meine Schwester nicht an einer dieser Stangen sehe, wenn ich an die Tatorte komme, weiß ich doch, dass die Wahrscheinlichkeit sehr groß ist, dass die Frauen, die dieser Kerl umbringt, ein ähnliches Leben wie Steph führten.“
„Mackenzie, du weißt schon, dass du dich selbst missbrauchst, wenn du immer wieder zu deinem Vater zurückkehrst, wenn etwas nicht so läuft, wie du es gerne hättest? Es gibt keinen Grund dich deshalb zu plagen.“
„Ich weiß. Aber ich kann nichts dafür.“
„Nun ja, lass uns erst einmal über etwas Anderes reden. Ich nehme an, dass du mich angerufen hast, weil du meinen Rat möchtest, nicht wahr?“
„Ja.“
„Also, die schlechte Nachricht ist, dass alles, das ich in der Zeitung gelesen habe, mein Tipp gewesen wäre. Du suchst einen Mann mit einer Abneigung gegen Sex, der in seinem Leben womöglich Probleme mit einer Ehefrau, Schwester, oder Mutter hatte. Ich würde auch behaupten, dass dieser Kerl nicht häufig vor die Tür geht. Seine Neigung, die Frauen in ländlichen Gebieten darzustellen, lässt ihn für mich wie ein Kleinstadtjunge wirken. Er lebt wahrscheinlich in einem heruntergekommenen Teil der Stadt. Wenn nicht in dieser Stadt, dann mit Sicherheit in einem Radius von einhundert Meilen von hier. Aber das ist nur eine Vermutung.“
„Dann können wir also die Suche auf jemanden beschränken, der Zedernstangen hat und den heruntergekommeneren Stadteilen lebt?“
„Es wäre zumindest ein Anfang. Jetzt sag mir, ob du irgendwelche Details an den Tatorten bemerkt hast, die bei der schrecklichen Gräueltat vielleicht in den Hintergrund getreten sind?“
„Nur die Nummern“, sagte sie.
„Ja, davon habe ich gelesen, aber nur zweimal. Die Medien haben sich auf die Berufswahl der Frauen eingeschossen, anstatt über etwas nachzudenken, dass sie nicht sofort verstehen. Wie etwa diese Nummern. Aber denk daran: nimm einen Tatort nie so an, wie du ihn siehst. Jeder Tatort hat eine eigene Geschichte. Sogar wenn die Geschichte in etwas scheinbar Banalem versteckt ist, so gibt es sie doch. Es ist dein Job, sie zu finden, zu lesen und herauszufinden, was sie bedeutet.“
Darüber dachte sie nach. Was, fragte sie sich, hatte sie übersehen?
„Ich muss dich noch etwas Anderes fragen“, sagte sie. „Ich stehe kurz davor, etwas zu tun, das ich noch nie zuvorgetan habe, und ich will meine Situation nicht noch schlimmer machen. Es könnte mich noch mehr herunterziehen.“
„Du willst zu den Tatorten zurückkehren“, meinte er.
„Ja.“
„Du versuchst, dich in den Mörder hineinzuversetzen“, fuhr er fort. „Du wirst dir die Tatorte mit den Augen eines Mannes ansetzen, bei dem etwas nicht stimmt – mit einem Hass auf Frauen und einer gestörten Angst vor Sex.“
„Das ist mein Plan“, sagte sie.
„Und wann willst du das machen?“
„Sobald wir hier fertig sind.“
James schien einen Moment darüber nachzudenken. Er trank einen weiteren Schluck von seinem Kaffee und nickte zustimmend.
„Ich weiß, dass du es schaffen wirst“, meinte er. „Aber glaubst du, dass du psychisch dafür bereit bist?“
Mackenzie zuckte mit den Schultern und sagte: „Ich muss es.“
„Das kann gefährlich sein“, warnte er sie. „Wenn du die Tatorte aus den Augen des Mörders siehst kann es deine antrainierte Sichtweise der Schauplätze verändern. Du musst dafür bereit sein – um die Grenze zwischen dieser dunklen Inspiration und deinem Verlangen, diesen Kerl zu finden und ihn festzunehmen zu ziehen.“
„Ich weiß“, entgegnete Mackenzie sanft.
James klopfte mit seinen Fingern auf die Seite der Tasse. „Soll ich mit dir kommen?“
„Ich dachte darüber nach, dich zu fragen“, antwortete sie. „Aber ich glaube, ich muss das selber machen.“
„Das ist vermutlich die richtige Entscheidung“, entgegneten James. „Aber ich muss dich warnen: Wenn du alles aus der Perspektive eines Mörders sehen willst, darfst du nie voreilige Schlüsse ziehen. Versuche, von vorne anzufangen. Verschließe deinen Geist nicht mit Vermutungen, wie beispielsweise, dass dieser Kerl einfach Frauen hasst. Lass die Szene zu dir sprechen, bevor du dich in sie hineinwirfst.“
Mackenzie grinste. „Das hört sich ziemlich modern an“, sagte sie. „Hast du eine Geistesumwandlung hinter dir?“
„Nein. Der wandelt sich mit Eintritt in die Rente nicht mehr. Also, wie viel Zeit hast du noch vor deiner kleinen Suche?“
„Nicht mehr viel“, erwiderte sie. „Ich würde gerne noch vor der Mittagszeit am ersten Tatort sein.“
„Gut“, meinte er. „Das bedeutet, dass du noch Zeit hast. Dann lassen wir für jetzt einmal diesen Vogelscheuchen-Mist beiseite. Bestell dir einen Kaffee und unterhalte dich eine Weile mit einem alten Mann. Was hältst du davon?“
Sie schenkte ihm einen Blick, den sie in dem Jahr, in dem er sie trainiert hatte, auf keinen Fall zeigen wollte. Es war der Blick eines jungen Mädchens, das ihren Vater mit dem Bedürfnis, ihn stolz und glücklich zu machen, anschaute. Während sie sich nie selbst analysiert hatte, um diese Wahrheit zu entdecken, hatte sie diese vom ersten Moment, von der ersten Woche, in der sie jeden Tag zwei Stunden mit ihm verbrachte, erkannt. James Woerner war in jenem Lebensabschnitt für sie eine Vaterfigur und das war etwas, wofür sie für immer dankbar sein würde.
Deshalb folgte sie seiner Aufforderung gerne, als er sie bat, sich einen Kaffee zu holen und mit ihm Zeit zu verbringen. Das Maisfeld, die Schotterstraße und das alte, verlassene Haus existierten schon seit Jahrzehnten. Sie könnten auch noch eine oder zwei Stunden warten.
KAPITEL ZWANZIG
Während des kurzen Trainings von James Woerner hatte dieser immer wieder ihren Instinkt gelobt. Sie hatte ein Bauchgefühl, wie er immer gesagt hatte, das besser als jedes Handlesen oder Teesatzlesen war, wenn es darum ging, herauszufinden, was als nächstes getan werden sollte. Deshalb vergeudete sie keine Zeit mit dem Maisfeld, in dem Hailey Lizbrooks Leiche entdeckt worden war, oder dem offenen Feld, wo die zweite Leiche gehangen hatte.
Sie ging direkt zu dem verlassenen Haus zurück, hinter dem das letzte Opfer gefunden wurde. Bei ihrem ersten Besuch hatte sie die dunklen Fenster wie Augen betrachtet, die jede ihrer Bewegungen verfolgten. Tief in ihrem Herzen hatte sie sofort erkannt, dass die Szene noch mehr zu bieten hatte. Aber nach all dem, was mit Ellis Pope geschehen war, hatte sie diesem Gefühl nicht nachgehen können.
Sie parkte ihr Auto vor dem Haus und starrt er durch die Windschutzscheibe an, bevor sie ausstieg. Von der Vorderseite schaute das Haus genauso unheilvoll aus, wie die Kulisse eines Geisterhauses für einen Horrorfilm. Sie schaute es an und versuchte es mit den Augen eines Mörders zu sehen. Warum suchte man sich diesen Ort aus? War es das Haus selber oder das erdrückende Gefühl der Einsamkeit, das ihn so ansprach?
Dies wiederum ließ in ihr die Frage aufkommen, wie lange der Mörder nach den Orten für die Ermordung seiner Opfer gesucht hatte. Der Bericht des Gerichtsmediziners besagte, dass die Frauen erst zu den jeweiligen Orten gebracht und anschließend getötet wurden – sie wurden also nicht schon vorher umgebracht und nur an den Orten präsentiert. Warum? Was war der Sinn davon?
Mackenzie stieg schließlich aus dem Auto aus. Bevor sie die verfallene Verandatreppe hinaufstieg, ging sie um das Haus herum und trat an den Ort, an dem das dritte Opfer aufgehängt worden war. Die Leiche sowie die Stange waren nicht mehr dort, doch das Gelände war eindeutig in Mitleidenschaft und von den Fußstapfen der verschiedenen Behörden, die hierhergekommen waren zertreten worden. Mackenzie blieb an der Stelle stehen, an der die Stange gestanden hatte. Das Loch war immer noch da, genauso wie die lockere Erde darum herum.
Sie ging in die Hocke und legte ihre Hand auf das Loch. Sie schaute zu dem umliegenden Wald und zurück zum Haus. Dabei versuchte sie zu sehen, was der Mörder gesehen hatte, als er angefangen hatte, die Frau zu misshandeln. Ein Schauer fuhr ihr über den Rücken, als sie ihre Augen schloss und sich die Szene vorstelle.
Die Peitsche, die er verwendete, hatte an ihrem Ende mehrere Fäden, wahrscheinlich mit Stacheln versehen, wie sie aus den hinterlassenen Spuren schloss. Trotzdem musste sie mit großer Kraft verwendet werden, um das Fleisch so aufzureißen. Er würde wahrscheinlich zuerst um seine Opfer herumgehen, Kreise um die Stange ziehen und ihre Schreie und ihr Flehen genießen. Dann passiert etwas. Etwas klickt in seinem Kopf oder vielleicht sagt das Opfer etwas, dass seine Gewalt auslöst. Dann fängt er an, sie zu peitschen.
Hier an diesem Ort hatte er sein Opfer mit größerer Wut angegriffen als zuvor, denn die Striemen befanden sich nicht mehr nur auf dem Rücken, sondern auch auf ihrer Brust, dem Bauch und vereinzelt sogar auf ihrem Hintern. Irgendwann sieht der Mörder seine Arbeit als beendet an und hört auf. Und dann was? Stellt er sicher, dass sie tot sind, bevor er den Ort in einem Truck oder Van verlässt? Wie lange bleibt er bei ihnen?
Wenn er mehr als nur zu seinem Vergnügen umbringt, weil er beispielsweise eine Abneigung gegen Frauen und/oder Sex hat, dann bleibt er wahrscheinlich noch eine Weile vor Ort und beobachtet, wie sie bluten und das Leben aus ihren Augen verschwindet. Vielleicht ist er stark genug, ihre Körper anzuschauen, während diese sterben, vielleicht nimmt einer ja sogar eine ihrer Brüste in eine zitternde Hand. Fühlt er sich sicher oder mächtig, angewidert oder erfreut, wenn er sie bluten sieht, wenn er mitbekommt, wie der Tod über sie hereinbricht und nur noch ihre nackten Körper zurücklässt?
Mackenzie öffnete ihre Augen und schaute zu dem Loch, über dem ihre Hand noch immer schwebte. Die Berichte zeigten, dass alle drei Löcher eilig mit einer Schaufel ausgehoben wurden und nicht mit einem akkurateren Erdlochausheber. Er wollte schnell anfangen, die Stange in die Löcher setzen und mit der ausgehobenen Erde befestigen. Wo waren die Frauen zu dieser Zeit? Standen sie unter Drogen? Waren sie bewusstlos?
Mackenzie stand auf und ging zurück zur Vorderseite des Hauses. Obwohl sie keinen Grund zur Annahme hatte, dass sich der Mörder darin aufhalten könnte, ließ die Tatsache, dass der Täter den Hinterhof als einen Ausstellungsort für seine Trophäen auserkoren hatte, das Haus in einem seltsamen Licht erscheinen.
Sie betrat die Veranda, die sofort unter ihrem Gewicht quietschte. Die gesamte Veranda schien unter ihrem Gesicht zu ächzen. Irgendwo im Wald antwortete ein Vogel mit einem Schrei.
Sie ging durch eine größtenteils zerfallene Tür hinein, die am Boden kratzte. Der Geruch nach Staub und Schimmel stürmte auf sie ein, genauso wie der Duft der Vernachlässigung.
Das Haus zu betreten war wie in einen schwarz-weiß Film einzutauchen. Sobald sie eingetreten war sagte ihr das von James so hochgelobte Bauchgefühl, dass hier drinnen nichts Ungewöhnliches war und nichts Entscheidendes für die Aufklärung des Falles zu finden war.
Trotzdem konnte sie nicht widerstehen. Sie erkundete die leeren Räume und Flure. Sie betrachtete die rissigen Wände und die sich ablösende Tapete, wobei sie sich die Familie versuchte vorzustellen, die einmal in dieser Ruine gelebt haben könnte. Schließlich bahnte sie sich ihren Weg zur Rückseite des Hauses, wo sich anscheinend einmal eine Küche befunden hatte. Alter, gerissener Linoleum bedeckte den Boden in sich wellenden Lagen und enthüllte den verfaulenden Boden darunter. Sie schaute sich in der Küche um und sah die beiden Fenster, die in den Hinterhof blickten – die gleichen Fenster, deren Starrten sie bei ihrem ersten Besuch hier gespürt hatte.
Sie ging durch die Küche, wobei sie an der vernachlässigten Arbeitsplatte an der Wand entlanglief, um den fragwürdigen Boden in der Mitte zu vermeiden. Als sie sich bewegte, erkannte sie, wie unglaublich still es in diesem Haus war. Es war ein Ort für Geister und Erinnerungen, nicht für eine verzweifelte Detective, die blind versuchte, sich in den Mörder hineinzuversetzen. Trotzdem ging sie zur Rückwand des Hauses und schaute zum ersten Fenster hinaus, das sich links neben einem alten, zerbrochenen Waschbecken befand.
Die Stelle, an dem die Stange gestanden und das dritte Opfer gehangen hatten, konnte man vom Fenster konnte man von dem Fenster ohne Hindernisse einsehen. Von innen schaute das Haus nicht annähernd so furchteinflößend aus. Mackenzie versuchte, sich den Tathergang von ihrem Platz am Fenster aus vorzustellen, als ob sie das Geschehen im Fernseher sehen würde. Sie sah, wie der Mörder die Frau zu der Stange brachte, die er bereits dort platziert hatte. Sie fragte sich, ob sie bewusstlos oder unter dem Einfluss irgendwelcher Drogen stand, ob sie mit seinen Händen unter ihren Achseln oder an ihrem Rücken herumstolpern würde.
Das regte einen Gedanken an, den bisher noch niemand überprüft hatte. Wie bringt er sie zu der Stange? Sein sie bewusstlos? Haben Sie Drogen bekommen? Überwältigt er sie einfach? Vielleicht sollten wir den Gerichtsmediziner fragen, nach verhaltensverändernden Substanzen zu suchen…
Sie starrte die Szene noch etwas länger an und begann die Abgeschiedenheit des Waldes und des Hinterhofes zu spüren. Dort draußen gab es nichts außer Bäumen, versteckten Tieren und einer sanften Brise.
Sie verließ die Küche und bahne sich ihren Weg zurück in einen Raum, der wohl einmal als Wohnzimmer gedient hatte. Ein alter, zerkratzter Schreibtisch stand an der Wand. Die Oberfläche war eindeutig verzogen und viele der verstreuten Papiere darauf schauten aus wie Blätter, die seit Jahren schon auf den Boden fielen. Mackenzie ging zum Schreibtisch hinüber und sah sich die Seiten an.
Sie fand Rechnungen für Schweinefutter und Getreide. Die älteste stammte vom Juni 1977 und kam von einem Farmlieferanten in Chinook, Nebraska. Auf Notizpapier, das so sehr gealtert war, dass seine blauen Linien fehlten, war eine Handschrift zu lesen. Mackenzie überflog die Zeilen, die wie Notizen für eine Sonntagsschule aussahen. Sie sah Verweise auf Noah und die Sintflut, David und Goliath sowie auf Samson. Unter dem Papierberg befanden sich zwei Bücher: ein Andachtsbuch mit dem Namen Gottes Heilendes Wort und eine Bibel, die so alt aussah, dass sie fürchtete, sie könnte bei ihrer Berührung zu Staub zerfallen.
Trotzdem konnte sie ihren Blick nicht von der Bibel abwenden. Ihr Anblick brachte Bilder der Kreuzigung auf, von der sie bei den wenigen Malen, die sie als junges Mädchen mit ihrer Mutter in die Kirche gegangen war, gelernt hatte. Sie dachte an Christus an dem Kreuz und wofür er stand, weshalb sie unwillkürlich nach dem Buch griff.
Sie dachte an das Kreuz, an dem Jesus gestorben war und überlagerte dieses Bild mit dem der drei Frauen an ihren Stangen. Sie hatte ein religiöses Motiv zwar ausgeschlossen, aber sie konnte den Gedanken nicht abschütteln.
Sie öffnete die Bibel und blätterte die ersten Seiten durch, bis sie auf das Inhaltsverzeichnis stieß. Sie wusste sehr wenig über die Bibel, weshalb ihr die Hälfte der Namen der Bücher nicht bekannt vorkamen.
Gedankenverloren überflog sie das Inhaltsverzeichnis und wollte die Bibel schon wieder hinlegen, als sie etwas entdeckte, was ihr Herz zum Rasen brachte. Die Namen der Bücher. Neben ihnen standen Nummern.
Die Abkürzungen erinnerten sie an etwas.
Die Stange.
Die Nummern.
N551
J202
Mit zitternden Händen begann sie oben im Inhaltsverzeichnis und legte ihr Finger auf Genesis. Dann fuhr sie mit ihrem Finger nach unten und suchte nach einem Buch, das mit „N“ anfing.
Innerhalb von Sekunden hielt sie bei den Verweisen auf das Buch Numeri an.
Sie blätterte durch die staubigen Seiten, der Geruch nach verfaulendem Papier stieg ihr in die Nase. Sie fand Numeri und suchte nach Kapitel fünf. Als sie dort ankam, fuhr sie mit ihrem Finger über die Seite, bis sie den elften Vers erreichte.
N511. Numeri, Kapitel 5, Vers 11.
Sie las und mit jedem Wort schlug ihr Herz schneller. Es fühlte sich so an, als wäre die Temperatur im Haus um zwanzig Grad gesunken.
Der Herr sprach zu Mose: Rede zu den Israeliten und sag ihnen: Angenommen, eine Frau gerät auf Abwege, sie wird ihrem Mann untreu, und ein anderer Mann schläft mit ihr, ohne dass es ihr Mann merkt, angenommen also, sie ist unrein geworden, ohne dass es entdeckt wird, und es gibt keine Zeugen, weil sie nicht ertappt worden ist, der Mann aber schöpft Verdacht und wird eifersüchtig auf seine Frau, die wirklich unrein geworden ist; angenommen aber auch, er schöpft Verdacht und wird auf seine Frau eifersüchtig, obwohl sie in Wirklichkeit nicht unrein geworden ist: In einem solchen Fall soll der Mann seine Frau zum Priester bringen…
Sie las die Stelle mehrmals, mit zitternden Händen, und verspürte Aufregung und Ekel zugleich. Die Passage gab ihr ein unheilvolles Gefühl, das ihren Magen ein wenig drehte.
Sie blätterte zurück zum Inhaltsverzeichnis. Sie sah, dass es mehrere Bücher mit dem Anfangsbuchstaben J gab, aber dieses kleine Rätsel zu lösen war nicht ihr Spezialgebiet. Außerdem war sie sich ziemlich sicher, dass sie mit der Passage aus dem Buch Numeri genug zu tun hatte.
Mackenzie schloss die Bibel und legte sie zurück auf die vergessenen Papiere. Sie rannte eilig aus dem Haus und zurück zu ihrem Auto.
Sie musste zurück auf zur Polizeistation.
Mehr noch, sie musste mit einem Pfarrer reden.
Dieser Mörder ging nicht beliebig und wahllos vor wie gedacht.
Er hatte einen Modus Operandi.
Und sie würde ihn knacken.
KAPITEL EINUNDZWANZIG
Mackenzie hatte seit der Hochzeit ihrer Mitbewohnerin auf der Universität keine Kirche mehr betreten. Nach dem Tod ihres Vaters hatte ihre Mutter oft versucht, sie und Steph in die Kirche zu zerren, aus welchem Grund Mackenzie alles tat, um das zu vermeiden.
Trotzdem musste sie beim Betreten der New Life Methodist Kirche zugeben, dass sie eine gewisse Schönheit in sich barg. Es waren nicht nur die bunten Fenster und der verzierte Altar – es war etwas Anderes, das sie nicht bestimmen konnte.
Als sie sich dem Altar näherte, sah sie einen alten Mann in einer der ersten Bankreihen sitzen. Er schien ihr Eintreten nicht gehört zu haben, denn er hatte seinen Kopf gebeugt und las ein Buch.
„Pastor Simms?“, fragte sie. Ihre Stimme hallte in den heiligen Hallen der Kirche wider.
Der Mann schaute von seinem Buch auf und drehte sich zu ihr um. Er war in seinen Fünfzigern und trug ein Hemd und Khakis sowie eine Brille, die ihm sofort ein nettes Aussehen verlieh.
„Detective White, nehme ich an?“, fragte er, während er aufstand.
„Da haben Sie Recht“, entgegnete sie.
Er machte einen geschockten Eindruck, als er sie am Ende des Kirchenschiffes vor dem Altar traf.
„Entschuldigen Sie meine Verwunderung“, sagte er. „Als Chief Nelson anrief und nach meiner Hilfe bei Ihren Ermittlungen bat, rechnete ich nicht mit einer Frau. Aufgrund der schrecklichen Natur der Verbrechen, finde ich es eher seltsam, dass eine Frau an der Spitze der Ermittlungen steht. Das soll natürlich keine Beleidigung sein.“
„Kein Problem.“
„Clark lobt sie sehr, wissen Sie?“
Der Name Clark verwirrte sie ein wenig und sie brauchte einen Moment, um zu erkennen, dass er über Nelson, Polizeichef Clark Nelson, sprach.
„Das habe ich in letzter Zeit häufig gehört“, entgegnete sie.
„Das muss schön sein.“
„Und unerwartet“, sagte sie.
Simmons nickte, als ob er sie vollkommen verstehen würde. „Nelson kann manchmal ein ganz schöner Wichtigtuer sein. Aber er ist ebenso sehr nett und freundlich. Ich kann mir vorstellen, dass er diese Seite auf der Arbeit nur selten zeigt.“
„Dann besucht er also den Gottesdienst hier in dieser Kirche?“, fragte Mackenzie.
„Oh ja“, antwortete er. „Jeden Sonntag. Aber ich schweife ab. Bitte“, fuhr er fort und deutete auf die Bank, auf der er gesessen hatte. „Setzen Sie sich.“
Mackenzie folgt seiner Bitte und schaute auf das Buch, das Pastor Simms gelesen hatte, und war überhaupt nicht überrascht, dass es die Bibel war.
„Also, Chief Nelson hat mir gesagt, dass Sie Fragen zu einigen Versen haben, die eventuell zur Festnahme des Mannes führen könnten, der diese armen Frauen umgebracht hat.“
Sie holte ihr Handy hervor und öffnete das Bild, das sie von der alten Bibel in dem verlassenen Haus gemacht hatte. Sie reichte es ihm und er richtete seine Brille, um sich die Aufnahmen anzuschauen.
„Numeri, Kapitel fünf, Verse elf bis zwanzig oder so. Könnten Sie mir bitte sagen, wie Sie diese Verse interpretieren würden?“, fragte sie.
Er warf einen kurzen Blick auf das Bild und gab ihr das Handy zurück.
„Nun ja, sie sind ziemlich selbsterklärend. Nicht alle Passagen aus der Bibel müssen entschlüsselt werden. Diese hier erzählt einfach nur von ehebrechenden Frauen, die gezwungen werden, von bitterem Wasser zu trinken. Wenn sie rein wären, würde es ihnen nichts ausmachen. Aber wenn sie eine sexuelle Beziehung mit jemand anderem als ihrem Mann gehabt hatte, würde dieses Wasser einen Fluch auf sie legen.“
Darüber dachte sie nach.
„Der Mörder hat auf jede Stange, an die er die Opfer gefesselt hatte, N511 eingeritzt“, sagte sie. „Und wenn man die Art der Frauen betrachtet, die er auswählt, scheint das Sinnbild zu passen.“
„Ja, da stimme ich Ihnen zu“, sagte Simmons.
„Er ritzt ebenfalls die Nummer J202 in die Stangen. In der Bibel gibt es zu viele Bücher, die mit J beginnen, um daraus etwas schließen zu können. Ich hoffte, dass Sie mir dabei helfen könnten?“
„Nin ja, Numeri ist ein Buch des Alten Testaments und wenn der Mörder seine Taten mit dem Gesetz des Alten Testamentes begründet – wie fehlgerichtet seine Interpretationen und Handlungen auch sein mögen – glaube ich, wir können annehmen, dass dieser andere Verweis ebenfalls im Alten Testament zu finden ist. Wenn das der Fall sein sollte, dann bezieht er sich ziemlich sicher auf das Buch Josua. Im Kapitel zwanzig dieses Buches spricht Gott von Zufluchtsstädten. Das waren Städte, in denen Menschen, die jemanden getötet haben, Zuflucht finden können, ohne für ihre Taten verfolgt zu werden.“
Mackenzie dachte einen Moment mit klopfendem Herzen darüber nach, bis sich ein Gedanke formte. Sie nahm die Bibel in die Hand, fand das Buch Josua und suchte nach der Passage. Als sie diese fand, las sie sie laut vor, wobei es sie etwas erschreckte, die Worte mit ihrer Stimme in dieser leeren Kirche zu hören.
Und der Herr redete zu Josua und sprach: Rede zu den Kindern Israels und sprich: Bestimmt euch die Zufluchtsstädte, von denen ich euch durch Mose gesagt habe, dass der Totschläger dorthin fliehen soll, der einen Menschen aus Versehen und ohne Absicht erschlägt, damit sie euch als Zuflucht vor dem Bluträcher dienen. Und er soll zu einer dieser Städte fliehen und draußen vor dem Stadttor stehen und seine Sache vor die Ältesten dieser Stadt bringen; dann sollen sie ihn zu sich in die Stadt aufnehmen und ihm einen Platz geben, dass er bei ihnen wohnen kann. Und wenn der Bluträcher ihm nachjagt…
An dieser Stelle schweifte sie verwundert ab, denn sie wusste, dass sie endlich den Ursprung der Nummern herausgefunden hatte. Es war gleichzeitig aufregend und deprimierend. Sie hatte nun ein Fenster in seinen Modus Operandi und doch schien alles noch so unklar. Nichts davon würde sie zu seinem Heim führen.
„Es gibt noch mehr, wissen Sie?“, sagte Simms.
„Ja, das weiß ich“, erwiderte sie. „Aber ich denke, das ist genug. Sagen Sie mir, Pastor, wissen Sie wie viele Zufluchtsstädte es gab?“
„Insgesamt sechs Stück“, antwortete er.
„Und wissen Sie auch, wo sie lagen?“
„So ungefähr“ meinte er.
Er nahm die Bibel in die Hand und schlug sie von hinten auf, wo er ihr eine Reihe an Glossaren und Landkarten zeigte. Er deutete auf eine Karte, die Israel in der biblischen Zeit darstellen sollte, und richtete seine Brille erneut, während er auf sechs Orte deutete.
„Natürlich“, sagte er, „sind diese Angaben nicht exakt, aber – “
Ihr Herz begann zu rasen, als sie eine Verbindung herstellte, die fast zu gut schien, um wahr zu sein. Sie schloss ihren Griff fest um das Buch.
„Darf ich ein Bild machen?“, fragte se.
„Natürlich“, entgegnete er.
Sie fotografierte die Karte mit zitternden Händen.
„Detective, was ist los?“, frage er, während er sie musterte. „Konnte ich Ihnen auf eine Weise helfen, die ich nicht verstehe?“
„Mehr als sie ahnen“, erwiderte sie.
KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG
Als Mackenzie das Konferenzzimmer betrat, befand sich der gesamte Raum im Aufruhr. Nancy saß an ihrer üblichen Stelle am Ende des Tisches, von wo aus sie die aktuellsten Berichte über den Vogelscheuchen-Mörder Fall austeilte. Polizisten setzten sich an den Tisch und murmelten feierlich vor sich hin, als ob sie auf einer Beerdigung wären. Während sich Mackenzie ihren Weg zum Kopf des Tisches bahnte, sah sie, dass sich Nelson mit einem anderen Polizisten unterhielt, bemerkte sie, dass ihr die anderen Polizisten immer wieder Blicke zuwarfen. Manche von ihnen schauten sie immer noch finster an, wie in den vergangenen drei Jahren. Aber (vielleicht bildete sie sich das auch nur ein) in den Blicken von manchen lag echtes Interesse und vielleicht sogar Respekt.
Nelson sah, dass sie sich ihm näherte, weshalb er sofort seine Unterhaltung mit dem anderen Polizisten beendete. Er legte einen Arm um ihre Schulter und wandte sie von der Menge ab, die sich in dem Raum versammelte. „Diese Neuigkeiten“, sagte er. „Werden wir damit den Täter im Laufe der nächsten paar Stunden schnappten?“
„Das weiß ich nicht“, sagte Mackenzie. „Aber sie kann unsere Suche definitiv einschränken. Es wird uns sehr nah an die Aufklärung des Falles bringen.“
„Dann werden Sie die Informationen vorstellen“, meinte er. „Können Sie das?“
„Ja“, erwiderte sie und ignorierte die aufsteigende Sorge in ihrem Bauch.
„Dann legen wir einmal los“, sagte er. Mit diesen Worten drehte er sich zu den anderen Polizisten um und schlug mit seiner fleischigen Hand mehrmals auf den Tisch. „Okay, Leute“, rief er. „Setz euch hin und schließt eure Münder“, befahl er. „Mackenzie hat einen Durchbruch in dem Fall und Ihr werdet ihr eure volle Aufmerksamkeit. Hebt die Fragen auf, bis sie fertig ist.“
Zu Mackenzies Überraschung nahm sich Nelson einen der übriggebliebenen Stühle an der Wand und trat vom großen Konferenztisch zurück. Vielleicht war es ein Test oder vielleicht war Nelson einfach am Ende seines Lateins. Was auf immer der Grund dafür war, das hier war ihre Chance, sich zu beweisen.
Sie ließ ihren Blick durch den Raum schweifen und sah Porter zwischen den anderen Polizisten sitzen. Er lächelte ihr schnell zu, fast so, als ob er nicht wollte, dass es jemand anderes sah. Es war womöglich das netteste, was er je für sie getan hatte, und sie hatte bemerkt, dass Porter sie in letzter Zeit ständig überraschte.
„Ich bin heute Morgen noch einmal zu einem der Tatorte gefahren“, erklärte Mackenzie. „Auch wenn der Besuch an sich nicht zu dem Durchbruch geführt hat, brachte er mich doch direkt dorthin. Wie viele von euch wissen, hat der Mörder in die Stangen, an denen er die Frauen festband, eine zweigruppige Abfolge aus Buchstaben und Zahlen hinterlassen: N511 und J202. Nachdem ich vorhin mit dem Pastor gesprochen hatte, entdeckte ich, dass es Verweise auf Numeri 5:11 und Josua 20:2 sind.
„Die Passage aus Numeri steht im Alten Testament und handelt von Ehebruch. Jede ehebrecherische Frau sollte zu den Priestern gebracht werden, die ihr ein sogenanntes bitteres Wasser gaben. Der Gedanke dahinter war, dass das heilige Wasser einen Fluch auf ehebrecherische Frauen legen jedoch keine Auswirkung auf reine Frauen haben würde. Im Grunde war es die Methode der Kirche, über Frauen, die für unrein gehalten wurden, zu richten und sie zu verurteilen.
Der Verweis auf Josua bezieht sich auf Zufluchtsstädte – Städte, in die die Menschen fliehen konnten, wenn sie aus Versehen einen Mord begangen oder jemanden in Notwehr, für ihre Familie oder ihr Volk getötet hatten. In diesen Zufluchtsstädten würden die Morde nicht verfolgt. Es heißt sogar, dass alle Menschen, die in einer Zufluchtsstadt wohnen, vor der Blutrache verschont blieben.
Laut dem Pastor, mit dem ich gesprochen habe, gab es sechs von diesen Städten. Das führt mich zu der Annahme, dass es noch mindestens drei weitere Morde geben wird.“
„Warum?“, fragte Nelson, der seine eigene Regel, mit den Fragen bis zum Ende zu warten, außer Acht ließ.
„Ich glaube, dass der Mörder diese Frauen umbringt, um sie jeweils als symbolhafte Darstellung der Zufluchtsstädte zu nutzen. Und er glaubt, dass er durch ihre Morde die Rolle des Bluträchers übernimmt. Sogar noch mehr, er denkt, eine Stadt zu bauen.“
Im Raum herrschte einen Moment lang Stille, während alle auf ihre Erklärung warteten. Sie drehte sich zur Wand hinter ihr, wo sich eine vor kurzem erst gereinigte Tafel befand. Sie nahm sich einen Marker und zeichnete aus ihrer Erinnerung grob die Karte nach, die Pastor Simms ihr in der Kirche gezeichnet hatte.
„Das ist die ungefähre Lage der sechs Städte“, sagte sie, als sie große Punkte auf die Karte setzte. Sie bildeten eine ovale Form und jede Stadt hatte den gleichen Abstand voneinander.
„Wenn man nun eine Karte unserer Umgebung nimmt und schaut, wo die Leichen gefunden wurden“, sagte sie, „dann sieht sie dieser hier ziemlich ähnlich.“
Sofort begann Nancy am Ende des Tisches etwas in ihren Computer zu tippen. Ohne vom Bildschirm aufzusehen, sagte sie: „Ich werde die Karte an die Wand projizieren. Lichter aus, bitte.“
Der Polizist, der dem Lichtschalter am nächsten stand, schaltete ihn aus, während ein anderer den Projektor in der Mitte des überfüllten Konferenztisches anschaltete. Mackenzie trat zur Seite, damit das Licht direkt auf die Tafel fallen konnte.
Nancy hatte dieselbe Karte ausgewählt, die den zuvor ausgeteilten Berichten angeheftet war. Auf ihr war jede Autobahn, Landstraße und Stadt in einem Radius von einhundertfünfzig Meilen zu sehen. Auf der Karte befanden sich drei Kreuze, wo die Opfer gefunden wurden.
„Auch wenn die Lage nicht zu einhundert Prozent übereinstimmt“, fuhr Mackenzie fort, „sind sie sehr nah dran. Das bedeutet, dass es nicht nur reiner Zufall ist – und mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass es keiner ist – dann können wir den nächsten Tatort grob eingrenzen.“
„Woher wissen wir, in welcher Reihenfolge er die Orte auswählt?“, fragte einer der Polizisten am Tisch. „Wenn es noch drei Orte gibt, besteht eine Garantie, dass er an die geographische Reihenfolge hält?“
„Nein, dafür gibt es keine Garantie“, gab Mackenzie zu. „Aber bis jetzt hat er es zumindest getan.“
„Und wir wissen immer noch nicht, wie er die Opfer aussucht?“, fragte Porter.
„Das wird gerade überprüft“, antwortete Mackenzie. „Wir haben Männer in den drei Stripclubs, die es in einem Radius von einhundert Meilen gibt. Aber ich denke, wir können annehmen, dass er sich auch für Prostituierte entscheiden könnte.“
„Was ist mit diesem bitteren Wasser?“, wollte jemand wissen. „Was für eine Art Wasser soll das sein?“
„Ich bin mir nicht sicher“, entgegnete Mackenzie. „Aber wir haben bereits den Gerichtsmediziner beauftragt, im Magen der Opfer nach etwas Verdächtigem zu suchen, wie etwa nach Gift, Chemikalien oder ähnlichen Stoffen. Ich glaube ja, dass es einfach nur Weihwasser sein könnte, und wenn es stimmen sollte, dann können wir es unmöglich feststellen.“
„Sie meinen, geheiligtes Wasser glüht etwa nicht magisch?“, fragte ein anderer Polizist. Am Tisch war leichtes Gelächter zu vernehmen.
„Hey“, sagte Nelson, der wieder an die Spitze des Tisches trat. Er ging zur Tafel und nahm sich einen roten Marker. Damit zeichnete er auf der projizierten Karte einen Phantomort ein, der so gut es ging mit der vierten Stadt auf Mackenzies Karte übereinstimmte.
„Ich werde White beauftragen, sich die Gegend dort anzuschauen“, meinte er. „Ich will, dass mindestens acht verfügbare Männer innerhalb der nächsten Stunde dort sind, um die Gegend zu untersuchen. Schaut euch die Situation vor Ort an, prägt euch die Straßen ein und bleibt in der Gegend auf Patrouille, bis ihr etwas Anderes von mir hört. Nancy, ich muss sofort mit dem FBI telefonieren und um eine Hubschraubergenehmigung bitten, damit wir die Gegend absuchen können.“
„Ja, Sir“, sagte Nancy.
„Noch etwas“, warf Mackenzie ein. „Wir sollten nur mit Zivilautos fahren. Wir wollen ja nicht, dass dieser Kerl von unseren Plänen erfährt.“
Nelson dachte einen Moment darüber nach und sie konnte erkennen, dass ihn dieser Vorschlag verärgerte. „Da wir nur vier Zivilautos haben, sind unsere Möglichkeiten beschränkt. Ich werde Streifenwagen erlauben, sie dürfen aber nicht geparkt werden. Mit allem, was wir nun wissen, gibt es keinen Grund, warum dieser Kerl nicht gefasst sein sollte, bevor eine vierte Frau sterben muss. Gibt es noch Fragen?“
Niemand sagte etwas, da jeder auf seine Füße sprang. In der Atmosphäre lag eine gewisse aufgeregte Spannung, die Mackenzie fast schon körperlich spüren konnte. Die Polizisten begannen, eilig auszuschwärmen, denn sie spüren, dass dieser elende Fall bald zu einem Ende kommen würde. Sie kannte die Denkweise, nun hatte jeder eine wirkliche Chance, den Verdächtigen festzunehmen. Obwohl jemand anderes (in diesem Falle sie) die Verbindungen hergestellt und ihnen eine Lösung des Falles präsentiert hatte, konnte nun jeder von ihnen das große Los ziehen.
Als Mackenzie zur Tür ging, wurde sie von Nelson aufgehalten: „Sehr gute Arbeit, Mackenzie. Und ich sage Ihnen noch etwas: Ellington hat Sie hochgelobt, als er nach Quantico zurückkehrte. Ich habe einen Anruf von seinem Vorgesetzten bekommen, der dir Komplimente machte.“
„Danke.“
„Wenn ich dich nur davon abhalten könnte, übergewichtige Reporter zu verfolgen und ihnen den Schrecken ihres Lebens einzujagen, dann hättest du meiner Meinung nach eine vielversprechende Karriere vor dir. Dieser Pope Kerl hat zwei verschiedene Anwälte auf dich angesetzt. Ich glaube nicht, dass er die Sache auf sich ruhen lässt.“
„Tut mir leid, Chief“, sagte sie und meinte ihre Worte auch wirklich.
„Stellen wir das erst einmal zurück“, erwiderte Nelson. „Jetzt sollten wir uns darauf konzentrieren, diesen Mörder zu schnappen. Journalisten sind immer schlecht, aber immerhin schnürt Ellis Pope keine Frauen an Holzstangen und prügelt sie tot.“
Sie zuckte bei der unbeschwerten Weise, wie Nelson über die Opfer sprach, innerlich zusammen. Es erinnerte sie daran, dass er sogar inmitten einer Aufbau- und Lobrede immer noch der gleiche Mann war, den sie damals kennengelernt hatte.
„Und wenn es Ihnen Recht ist“, sagte er, „dann fahre ich mit Ihnen. Wenn ich Ihnen die Verantwortung über diesen Schauplatz übertrage, dann will ich Ihre rechte Hand sein.“
„Natürlich“, erwiderte sie, obwohl sie die Idee sofort hasste.
Während sie das Konferenzzimmer verließen, schaute sie sich nach Porter um. Es war auf ironische Weise schon komisch, dass sie sich lieber ein Auto mit Porter teilen würde, um den Fall zu beenden. Vielleicht war es Gewohnheit oder einfach die Tatsache, dass Nelson ihrer Meinung nach ein wenig zu chauvinistisch war, um sie ernst zu nehmen, egal, wie sehr sie vom FBI gelobt worden war.
Doch Porter war in der Hektik und Aufregung untergetaucht, als alle das Konferenzzimmer verlassen hatten. Sie sah ihn auf dem Weg zu ihrem Büro, aus dem sie ihren Polizeiausweis und ihre Waffe holen wollte, nirgendwo in den Gängen und sie konnte ihn auch nicht auf dem Parkplatz sehen.
Nelson trat sie am Auto, die Frage, wer fahren würde, stand nicht einmal zur Debatte. Sofort setzte er sich hinters Steuer und schien sehr ungeduldig zu sein, während er darauf wartete, dass sie sich auf den Beifahrersitz setzte und sich anschnallte. Sie bemühte sich sehr, um sich ihre Verärgerung nicht anmerken zu lassen, aber die Mühe hätte sie sich auch sparen können, denn Nelson war so sehr in die Vorstellung, den Vogelscheuchen-Mörder zu schnappen, vertieft, dass er gar nicht beachtete – sie war nur ein kleines Zahnrad in der von Männern geschaffenen Maschinerie, die sie bisher schon so weit gebracht hatte.
Plötzlich erschien ihr Ellingtons Vorschlag, zu versuchen, beim FBI aufgenommen zu werden, ansprechender als je zuvor.
„Sind Sie bereit, dieses Arschloch zu schnappen?“, fragt Nelson, als er hinter zwei Streifenwagen vom Parkplatz fuhr.
Mackenzie biss sich auf ihre Unterlippe, um das sarkastische Lächeln zu unterdrücken, dass sich auf ihrem Gesicht ausbreiten wollte, und sagte:
„Mehr als Sie ahnen.“
KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG
Mackenzies Handy begann weniger als zehn Minuten später zu klingeln. Sie warf einen Blick auf die Nummer auf dem Bildschirm und obwohl sie sie nicht eingespeichert hatte, konnte sie sich noch gut an sie erinnern. Sie hatte schon fast vergessen, dass Ellington ihr eine Nachricht geschrieben hatte, dass er sie später anrufen würde. Sie wusste, dass er die Nachricht an diesem Morgen geschickt hatte, doch ihr es so vor, als wäre das schon eine Ewigkeit her. Sie warf einen Blick auf die Statusleiste ihres Handys, wo die Uhrzeit stand, und sah, dass es gerade einmal 3:16 Uhr nachmittags war. Dieser Tag würde noch sehr lange werden.
Sie ignorierte den Anruf, denn sie wollte ihren bereits jetzt schon chaotischen Nachmittag nicht noch komplexer machen. Zur selben Zeit telefonierte Nelson mit Nancy. Er sprach kurz, abgehackt und kam direkt zum Punkt. Es war offensichtlich, dass er angespannt und gestresst war, etwas, das auch Mackenzie verspürte.
Ein paar Sekunden später legte er auf und begann, mit seinen Daumen nervös auf das Lenkrad zu klopfen. „Nancy hat gerade mit dem FBI gesprochen“, informierte er sie. „Sie werden in eineinhalb Stunden mit einem Helikopter über das Gebiet fliegen.“
„Das sind tolle Neuigkeiten“, erwiderte Mackenzie.
„Sagen Sie mir“, fuhr Nelson fort. „Glauben Sie, dass er die Frauen umbringt, bevor er sie an die Stangen hängt, oder tötet er sie dort?“
„Es gibt für beides keine handfesten Beweise“, sagte Mackenzie. „Allerdings glaube ich anhand der Spuren im Maisfeld, dass die Frauen noch leben, wenn er sie an die Stangen hängt. Die Peitsche, oder was auch immer er verwendete, hat auf dem Boden Spuren hinterlassen, als sie umhergezogen wurde.“
„Und weiter?“
„Das heißt, er ging immer wieder um das Opfer herum. Wenn die Frauen schon tot waren, warum sollte er dann warten, bis er sie auspeitschte?“
Nelson nickte und nickte ihr kurz anerkennend zu. „Wir werden diesen Bastard kriegen“, sagte er, während er weiterhin mit den Fingern auf das Lenkrad trommelte.
Mackenzie wollte gerne ebenso enthusiastisch sein, aber sie hatte das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte. Sie meinte, irgendetwas übersehen zu haben, aber wusste wirklich nicht, was es sein sollte. Sie blieb still und dachte über dieses Gefühl nach, während Nelson weiterfuhr.
Zwanzig Minuten später kamen sie zu dem Interessengebiet, wie Nelson es nannte. Sie hatte während der Fahrt mehreren kurzen Anrufen von Nelson zugehört und mitbekommen, dass Nelson eine Art Blockierung in einem Radius von dreißig Quadratmeilen aufbaute. Die Gegend bestand größtenteils aus Buschwerk und Landstraßen. Ein paar von diesen wurden von Maisfeldern, wie beim ersten Tatort, umgeben, wo dieser Wahnsinn begonnen hatte.
Als Nelson auf so eine Straße abbog, schaltete sich das Polizeiradio ein. „Detective White, sind Sie da?“, fragte die Stimme eines Mannes.
Mackenzie schaute zu Nelson, als ob sie ihn um seine Erlaubnis bitten würde. Er deutete mit einem Lächeln auf das Funkgerät. „Nehmen Sie es schon“, sagte er. „Es ist Ihre Show.“
Mackenzie löste das Mikrofon von dem Funkgerät und drückte auf den Sendeknopf. „Hier ist White. Was haben Sie?“
„Ich bin hier an der State Route 411 und habe einen Feldweg entdeckt – eigentlich ist es nicht mehr als eine alte Schotterstraße. Sie führt direkt in ein Maisfeld und befindet sich nicht auf der Karte. Sie ist etwa eine Meile lange und endet in dem Maisfeld in einer Sackgasse.“
„Okay“, entgegnete sie. „Haben Sie etwas gefunden?“
„Das wäre eine Untertreibung, Detective“, sagte der Polizist am anderen Ende. „Ich glaube, Sie sollten so schnell es geht hierherkommen.“
*
Es war mehr als gruselig, in einem weiteren Maisfeld zu stehen. Es war fast so an, als hätte sich der Kreis geschlossen, nur, dass es sich nicht so anfühlte, als würde das alles zu einem Ende kommen. Ganz im Gegenteil, es fühlte sich so an, als würde alles von vorne beginnen.
Sie stand mit Nelson und Officer Lent, der Mann, der sie über das Funkt kontaktiert hatte, am Rand der Lichtung. Die drei standen zwischen dünnen Maisstängeln und betrachteten die kleine Lichtung.
In der Mitte war eine Holzstange aufgebaut worden. Im Gegensatz zu den anderen Stangen, die sie vor kurzem gesehen hatte und die dieser hier ähnlich waren, hing diesmal keine Leiche daran. Die Stange war nackt und schaute fast wie ein seltsamer antiker Monolith auf einer leeren Lichtung aus.
Langsam näherte sich Mackenzie der Stange. Sie war aus Zedernholz gemacht, genau wie auch die anderen drei. Sie ging in die Hocke und betastete die Erde am Ende der Stange. Sie war weich und offensichtlich vor kurzem gelockert und anschließend wieder festgetreten worden.
„Dieses Loch gibt es noch nicht lange“, sagte Mackenzie. „Die lockere Erde ist noch frisch. Ich würde sogar schätzen, dass es erst heute gegraben wurde.“
„Dann bereitet er also die Orte vor, bevor er die Opfer herbringt“, spekulierte Nelson. „Ich weiß nicht, ob das genial oder anmaßend ist.“
Obwohl Mackenzie angewidert war, das Wort genial mit dem Mörder in Verbindung zu bringen, ignorierte sie ihn. Sie ging zur Rückseite der Stange und sah sofort die Markierungen am unteren Ende, mehrere Zentimeter über der Stelle, an der die Stange von der lockeren Erde im Boden gehalten wurde. Dort stand: N511/J202.
„Ich würde sagen, es ist nichts von beidem“, sagte Mackenzie. „Was ich allerdings weiß ist, dass er uns praktisch seine Visitenkarte hinterlassen hat. Wenn er zurückkommt, wird er wahrscheinlich sein neuestes Opfer bei sich haben.“
Als sie wieder aufstand, wurde sie von einem Gefühl der Rache erfasst, das sie noch nie zuvor verspürt hatte und das nie nun überraschte. Der Mann hinter den Verbrechen war irgendwie zu ihr durchgedrungen. Er war zu einer Art Geist geworden, einem Geist, der ihr Zuhause, ihre Gedanken und ihr Selbstvertrauen heimsuchen konnte. Er hatte sie bei dem Geräusch von knarzenden Dielen aufschrecken lassen und sie an einen Punkt getrieben, an dem sie sich an herausragende FBI Agenten ranmachte. Er hatte sie so sehr mitgenommen, dass sie weder Energie noch Emotionen übrighatte, als dass es ihr etwas ausgemacht hätte, als Zack endlich gegangen war.
Darüber hinaus wählte er Frauen als seine Opfer aus, nur, weil sie ihren Lebensunterhalt mit ihren Körpern verdienten. Und wer zur Hölle war er eigentlich, um sie dafür zu verurteilen?
„Ich will hier sein“, sagte Mackenzie. „Ich will auf Streife sein oder observieren oder was auch immer wir tun, um ihn zu fangen. Ich will dem Kerl die Handschellen anlegen.“
Sie wusste, dass es sich egoistisch anhörte, aber das war ihr in diesem Moment egal. Es kümmerte sie gerade kein bisschen, was Nelson von ihr dachte. Es war ihr egal, ob er zu seinen Jungs auf die Station zurückging und mit ihnen über diese putzige, kleine Frau lachte, die Dinge von ihm verlangte. Den Mann hinter diesen Morden festzunehmen war plötzlich wichtiger als alles andere – sogar wichtiger als ihr Job und ihr Ruf.
„Das lässt sich arrangieren“, sagte Nelson mit einem Lächeln. „Schön, einen Funken Wut in Ihnen zu sehen, White. Ich hätte nicht gedacht, dass Sie das Zeug dazu haben.“
Sie behielt die Bemerkung, die ihr auf der Zunge lag, zurück und dachte sie stattdessen nur.
Ich auch nicht.
KAPITEL VIERUNDZWANZIG
Mackenzie war sich ziemlich sicher, dass der Mörder nicht vor heute Abend zuschlagen würde, wobei ihr die anderen zustimmten. Das bedeutete, dass sie noch vier Stunden Tageslicht hatten, um sich auf eine hoffentlich erfolgreiche Verhaftung vorzubereiten. Selbst wenn es vor dem Anbruch der Nacht geschehen würde, waren drei Streifenwagen entlang der State Route 411 stationiert, die nach einem Fahrzeug Ausschau hielten, das auf den Feldweg einbog, der zu dem vom Mörder vorbereiteten Ort führte. Mit der Unterstützung des FBI Helikopters, der auf dem Weg hierher war, fühlte es sich schon vor Sonnenuntergang wie ein Sieg an.
Mackenzie saß in einem der Zivilautos entlang der State Route 411 und war froh, alleine zu sein. Nelson war zur Polizeistation zurückgekehrt, wo er sich mit einem Berater der Staatspolizei traf, was es ihr ermöglichte, dort zu bleiben, ihre Augen auf den Fall zu richten und die Kontrolle zu behalten. Ihr Auto stand eineinviertel Meilen von dem Schotterweg entfernt und konnte von der 411 aus nicht so einfach entdeckt werden, da sie rückwärts in einen kleinen Weg gefahren war, den die Bauern früher verwendet hatten, um von einem Maisfeld zu dem anderen zu gelangen.
Sie saß schon seit fünfzehn Minuten im Auto und das einzige Fahrzeug, das sie gesehen hatte, war ein Polizeiauto, das den Ort des zukünftigen Verbrechens verließ und zurück zur Wache fuhr. Sie war sich sicher, dass bis spät in die Nacht nichts geschehen würde, und wusste, dass sie eine lange Wartezeit vor sich hatte. Sie fragte sich, ob Nelson ihr diese Aufgabe übertragen hatte, um sie sich vom Leib zu schaffen oder ob er ihr damit eine Position geben wollte, bei der sie alles aus nächster Nähe mitbekommen und den Zugriff leiten konnte.
Seufzend warf Mackenzie einen Blick auf die einsame State Route 411, holte ihr Handy heraus und starrte auf die Nachricht, die ihr anzeigte, dass sie vor eineinhalb Stunden einen Anruf von Ellington verpasst hatte. Sie bemühte sich, nicht an die Ereignisse des gestrigen Abends zurückzudenken, als sie sich in seiner Gegenwart blamiert hatte, und tippte die Statusleiste an. Als seine Nummer aufleuchtete, drückte sie schnell darauf, bevor sie es sich noch einmal anders überlegte.
Er nahm beim dritten Klingeln ab und sie hasste es, dass es sich so gut anfühlte, seine Stimme zu hören. „Ellington am Apparat“, meldete er sich.
„Hier ist Mackenzie White“, sagte sie. „Sie haben mich vorhin angerufen?“
„Oh, hey! Ich habe gehört, dass ihr einen vielversprechenden Durchbruch hattet.“
„Es scheint so, aber das wird sich erst noch zeigen. Wir fanden die nächste Stange, die bereits aufgestellt und bereit war.“
„Davon habe ich gehört. Wie geht es Ihnen dabei?“
„Gut“, antwortete sie.
„Sie hören sich an, als hätten Sie Zweifel.“
„Es scheint einfach zu gut um wahr zu sein. Ich habe das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt.“
„Vielleicht tut es das ja auch“, sagte Ellington. „Ihre Instinkte sind ziemlich gut. Ich würde auf sie hören.“
„Das mache ich normalerweise nicht.“
Eine unangenehme Stille machte sich zwischen ihnen breit und Mackenzie versuchte, mit einem neuen Thema aufzukommen. Er hatte bereits von dem Durchbruch bei dem Fall gehört, weshalb es sinnlos wäre, noch einmal alles zu widerholen. Das ist erbärmlich, Mackenzie, dachte sie.
„Also“, sagte Ellington, womit er die Stille brach. „Ich habe mir erlaubt, ein Profil zu erstellen, nachdem ich von der religiösen Verbindung erfuhr. Wir suchen mit großer Wahrscheinlichkeit nach jemandem mit religiösem Hintergrund. Vielleicht sogar ein Priester oder Pastor, denn die Dinge deuten auf eine Erziehung in einem streng religiösen Haus hin. Vielleicht ging er auf eine private, religiöse Schule. Ich denke auch, dass er ohne Mutter aufwuchs oder dass diese eine Affäre hatte. Er benahm sich als Kind wahrscheinlich auffällig – nicht so extrem, wie wir ihn heute erleben, aber er steckte wohl immer in Schwierigkeiten als Kind.“
„Woher weißt du das?“, fragte sie. „Nur aus den Akten der Fälle?“
„Ja, größtenteils“, sagte er. „Die Ermittlungsergebnisse sind nicht mein Verdienst. Aber ehrlich gesagt ist es eine Formel, die bei etwa siebzig Prozent der Fälle funktioniert.“
„Okay, wenn hier an diesem Ort nichts passiert, müssen wir nach einem von vermutlich tausenden Verdächtigen Ausschau halten.“
„Vielleicht sind es ja doch nicht so viele. Aufgrund meines Profils denke ich, dass er in der Nähe wohnt. Wenn er seine eigene Stadt plant, wie Sie angedeutet haben, dann würde ich schätzen, dass er in der Gegend aufgewachsen ist. Und deshalb habe ich ein paar Anrufe getätigt. Im Radius von sechzig Meilen um Omaha herum gibt es eine katholische Grundschule. Im gleichen Bundesstaat gibt es zwar noch eine, aber ich glaube, dass ihr auf diejenige setzen solltet, die näher an Omaha liegt.“
„Was denn?“
„Sie haben einfach so die Suche und sogar die mögliche Quelle der Hintergrundinformation eingeschränkt.“
„Nun ja, das I in FBI steht nun einmal für Investigation.“ Er lachte ein wenig über seinen eigenen Witz, doch als er merkte, dass Mackenzie nicht mit einstimmte, verstummte er.
„Danke, Ellington.“
„Kein Problem. Eine Sache noch, bevor Sie auflegen.“
„Was denn?“, fragte sie nervös und hoffte, dass er ihren peinlichen Annäherungsversuch vom vergangenen Abend nicht erwähnen würde.
„Als ich meinem Vorgesetzten meinen Bericht gab, sagte ich ihm, dass Sie unglaublich waren und ich versucht habe, Sie auf die dunkle Seite zu ziehen.“
Sie fühlte sich geschmeichelt.
„Die dunkle Seite ist also das FBI?“
„Genau. Wie dem auch sein, er scheint Interesse zu haben. Wenn Sie also jemals den Drang verspüren, zu uns zu kommen, kann ich Ihnen seine Kontaktinformationen geben. Die Unterhaltung mit ihm könnte sich sogar lohnen.“
Sie dachte einen Moment darüber nach und auch wenn sie mehr sagen und ihm gestehen wollte, wie sehr sie ihn schätzte, brachte sie doch nur ein einfaches „Danke“ hervor. Die Vorstellung alleine kam ihr traumhaft vor. Großartige Dinge wie so etwas passierten ihr nicht.
„Geht es Ihnen gut?“, fragte Ellington.
„Ja, es ist alles in Ordnung. Ich muss jedoch los. Die Ermittlungen haben Fahrt aufgenommen und ich muss mich konzentrieren.“
„Davon habe ich gehört. Schnappen Sie sich den Kerl.“
Sie musste grinsen. Er mag für sie zwar ein herausragender Mensch sein, aber Ellington bewies, dass er genauso kitschig und fehlerhaft wie alle anderen war.
Sie legte auf und starrte wieder hinaus auf die State Route 411. Sie begann zappelig zu werden, als ob sie mit dem Herumsitzen ihre Zeit verschwenden würde. Sie öffnete den Internetbrowser auf ihrem Handy und suchte nach katholischen Grundschulen in der Gegend. Dabei fand sie heraus, dass Ellington mit seinen Ermittlungen ins Schwarze getroffen hatte.
Sie speicherte die Adresse auf ihrem Handy und wählte Nelsons Nummer. Er antwortete nach dem vierten Klingeln und hörte sich genervt an, dass er bei seinem Schleimversuch bei den Männern der Staatspolizei gestört worden war.
„Was ist los, White?“
„Ich will einem Hinweis nachgehen, Sir“, sagte sie. „Dafür muss ich meine Position an der 411 allerdings zwei oder drei Stunden verlassen.“
„Auf gar keinen Fall“, widersprach Nelson. „Sie führen diese Ermittlung, weshalb Sie dortbleiben werden. Das ist Ihre Show, White. Denken Sie gar nicht daran, abzuhauen. Wenn wir diesen Kerl morgen früh noch nicht festgenommen haben, können wir noch einmal darüber reden. Wenn es ein vielversprechender Hinweis ist, kann ich jemand anderen hinschicken.“
„Nein“, entgegnete Mackenzie. „Es ist nur ein Bauchgefühl.“
„Okay“, meinte er. „Bleiben Sie, wo Sie sind, bis ich Ihnen eine andere Anweisung gebe.“
Sie konnte nicht einmal antworten, bevor er auflegte.
Trotzdem suchte sie die Adresse der katholischen Schule auf ihrem Navi heraus und speicherte sie. Dann schaute nach rechts, wo ein Stücken die State Route 411 hinunter, weiterhin nur eine leere Stange stand, die auf ein Opferwartete.
Sie wusste, dass sie dableiben, ihren Auftrag ausführen und mehrere Stunden herumsitzen sollte, ohne etwas zu tun.
Aber während sie so dasaß, nagte etwas an ihr. Was, wenn er die Opfer umbrachte, bevor er sie herausbrachte?
Wenn das stimmt, dann wäre gerade ein Mädchen irgendwo eingesperrt und wurde gefoltert, ein Mädchen, dass sterben würde, weil Mackenzie hier saß und darauf wartete, dass ihr toter Körper auftauchte.
Sie konnte den Gedanken nicht ertragen.
Und was, wenn diese katholische Schule – die einzige in der Gegend, die eine, die perfekt auf das Profil des FBI passte – ihr einen Namen nennen konnte? Eine Identität?
Damit könnten sie dem Mörder entgegenkommen und müssten nicht darauf warten, dass er auftauchte. Vielleicht könnten sie das nächste Opfer retten, bevor es zu spät war.
Mackenzie saß dort und verbrannte innerlich, während sie wartete und in ihrem Kopf die Schreie des nächsten Opfers hören konnte. Jede verstreichende Minute war die reinste Qual.
Schließlich trat sie auf das Gaspedal und schoss davon.
Eine direkte Anweisung wie diese zu ignorieren könnte sie ihren Job, ihre gesamt Zukunft kosten.
Aber sie hatte keine Wahl.
Sie hoffte nur, dass sie es hin und zurück schaffen konnte, bevor es zu spät war.
KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG
Dumm.
Das Wort hallte in seinem Kopf wider, während er an der Kreuzung zwischen dem Highway 32 und der State Route 411 vorbeikam.
Dumm.
Wenn er den Beweis gebraucht hatte, dass Gott auf seiner Seite war, dann war es sein Timing. Er war zur Stelle des vierten Mordes unterwegs gewesen – was seine vierte Stadt geworden wäre – als er das Polizeiauto gesehen hatte, das die State Route 411 entlangfuhr. Als er es sah, war er mit wild schlagendem Herzen direkt den Highway 32 entlanggefahren.
Vielleicht war es einfach nur ein Zufall. Vielleicht war es eine Routinekontrolle auf der Suche nach Rasern.
Oder vielleicht hatten sie die Stange gefunden. Er wusste, dass sie ihn suchten; er hatte die Geschichten über den Vogelscheuchen-Mörder in der Zeitung gesehen, aber er hatte sich nicht die Mühe gemacht, sie zu lesen oder sich die Ausschnitte seiner Arbeit im Fernsehen anzuschauen. Er tat es schließlich nicht für die öffentliche Aufmerksamkeit. Er tat es, um Gottes Zorn zu verbreiten und um die Welt über Liebe, Gnade und Reinheit zu lehren.
Natürlich würde die Polizei das nicht verstehen. Und wenn sie die Stelle gefunden hatten, an der er seine vierte Stadt erbauen wollte, könnte es vorbei sein. Er würde seine Arbeit nicht fertigstellen können, was Gott nicht gefallen würde.
Die vierte Stelle müsste sich verändern. Vielleicht würde es ihm langfristig gesehen helfen. Vielleicht wäre die Polizei so beschäftigt, ihn an dieser vierten Stelle zu fangen, dass er woanders seine Arbeit beenden konnte, ohne gefasst zu werden.
Er kam an einem kleinen Supermarkt auf dem Highway 32 vorbei, auf dessen Parkplatz er seinen Truck wendete. Er fuhr zurück zur Kreuzung, die er überquerte, ohne die State Route 411 eines Blickes zu würdigen.
Da sein Opfer bereits ausgewählt und bereit war, könnte er seine vierte Stadt trotzdem noch wie geplant heute Nacht errichten.
Er würde seine Arbeit woanders fortsetzen.
*
Sie öffnete ihre Augen und spürte, wie ihr Kopf vor Schmerzen fast explodierte. Sie schrie auf und stellte fest, dass sich ihre Stimme seltsam, fast schon gedämpft, anhörte. Sie versuchte, ihre Hand an den Mund zu heben, doch erkannte, dass sie dazu nicht in der Lage war. Über ihrem Mund lag ein Stoffknebel, der mit viel Kraft festgezogen war und in ihre Mundwinkel schnitt.
Sie blinzelte schnell in dem Versuch, den Schmerz in ihrem Kopf zu verjagen. Als sich ihre Augen so langsam wieder fokussierten und die Müdigkeit verschwand, begann sie zu verstehen, wo sie war. Sie lag auf einem staubbedeckten Hartholzboden. Ihre Arme waren hinter dem Rücken gefesselt und ihre Fußgelenke waren aneinandergebunden. Jemand hatte sie bis auf ihre Unterwäsche ausgezogen.
Diese Tatsache löste die Erinnerungen aus. Ein Mann war gestern Nacht, als sie nach Hause gekommen war, aus dem Nichts aufgetaucht. Es war vier Uhr gewesen und sie hatte…Oh Gott, was hatte sie getan?
Ihr leuchtend rosa BH machte es unmöglich zu vergessen, was sie letzte Nacht getan hatten. Sie hatte sich versucht, davon zu überzeugen, dass eine Escort-Dame etwas Anderes war als das, was diese anderen Frauen taten. Sie hatte mehr Stil und Kontrolle.
Aber am Ende des Tages hatte sie das gleiche getan wie diese anderen Frauen. Sie hatte ein hübsches Sümmchen erhalten (hey, eintausend fünfhundert Dollar für eineinhalb Stunden „Arbeit“ waren nicht schlecht) und sich hinterher nicht annähernd so schlecht gefühlt wie erwartet.
Aber dann war dieser Mann aus den Schatten gekommen. Er hätte nur Hallo gesagt und dann seinen Arm um ihren Hals geschlungen. Sie hatte kurz etwas gerochen, dann war sie ohnmächtig geworden. Dabei hatte sie ihn von Opfern und einem bitteren Wasser murmeln gehört.
Und nun war sie hier. Sie trug immer noch ihr Höschen und verspürte keinen Schmerz, weshalb sie sich ziemlich sicher war, dass er sie nicht vergewaltigt hatte. Aber trotzdem befand sie sich in Schwierigkeiten.
Sie versuchte, auf die Knie zu kommen, aber jedes Mal, wenn sie es fast schaffte, fiel sie durch ihre gefesselten Fußknöchel vornüber und prallte mit der Schulter auf den Boden. Nun lag sie dort, weinte und versuchte, sich an das letzte, das der Mann zu ihr gesagt hatte, zu erinnern, bevor er was auch immer an ihre Nase gehalten hatte und sie ohnmächtig geworden war.
Langsam kam die Erinnerung zurück. Und überraschenderweise veranlasste der Irrsinn und die Verrücktheit seiner Worte sie dazu, zusammensinken und aufgeben zu wollen, anstatt einen Ausweg zu suchen.
Mach dir keine Sorgen, hatte er gesagt. Ich werde eine Stadt für dich bauen.
KAPITEL SECHSUNDZWANZIG
Mackenzie brauchte etwas mehr als eine Stunde, um zur Holy Cross Catholic School zu gelangen, wobei sie die ganze Fahrt über Vollgas gegeben hatte. Die Schule war für diesen Tag zwar schon vorüber, aber als sie die Stufen hinaufeilte wurde sie von der Rezeptionistin an die Schulleiterin verwiesen, die heute einen guten Tag hatte.
Sie war eine rundliche Frau und erfüllte so ziemlich jedes Vorurteil, das Mackenzie je über Nonnen gehabt hatte. Zuerst warm und einladend verwandelte sich in nüchtern und kurz angebunden, als Mackenzie im Büro der Schulleiterin Ruth-Anne Costello vor deren Schreibtisch saß.
„Wir haben Gerüchte über den sogenannten Vogelscheuchen-Mörder gehört“, sagte Schulleiterin Costello. „Sind Sie deshalb hier?“
„Ja“, antwortete Mackenzie. „Woher wissen Sie das?“
Schulleiterin Costello zog die Brauen zusammen, womit sie aber mehr Wut als Enttäuschung ausdrückte. Mackenzie bekam den Eindruck, dass alle Angestellten in einer solchen Schule den ganzen Tag mit einem solchen Ausdruck herumliefen.
„Nun ja, diese armen Frauen wurden an Holzstangen aufgehängt und ausgepeitscht, nicht wahr? Der religiöse Symbolismus ist unübersehbar. Und wann immer ein Mörder seine Taten im Namen seiner furchtbar fehlgeleiteten religiösen Prinzipien und seiner unsinnigen Auslegung der Religion begeht, werden immer die privaten Religionsschulen unter die Lupe genommen.“
Mackenzie konnte nur nicken. Sie wusste, dass das stimmte; sie hatte es ein paar Mal gesehen, seit sie auf der Universität die Grundsteine für ihre Karriere gelegt hatte. Aber ihr Schweigen rührte auch von der Tatsache her, dass Schulleiterin Costello Recht hatte: der religiöse Unterton der Vogelscheuchen-Morde waren offensichtlich. Mackenzie hatte es bei der ersten Leiche verspürt. Warum hatte sie es also ignoriert?
Weil ich Angst davor hatte, Nelson und Porter davon zu berichten und ausgelacht zu werden, dachte sie.
Aber jetzt hatte sie die Chance, ihre Ignoranz wiedergutzumachen und sie würde diese Gelegenheit nicht verstreichen lassen.
„Nun ja“, begann Mackenzie. „Wir haben ein sehr spezielles Profil. Ich hoffte, dass ich vielleicht mit Ihnen oder jemandem, der schon seit langer Zeit hier ist, sprechen und eventuell einen möglichen Verdächtigen finden könnte. Und wenn schon keinen Verdächtigen, dann wenigstens jemanden, der etwas über die Morde weiß.“
„Nun ja“, sagte Costello. „Ich bin schon seit fünfunddreißig Jahren hier. Ich war zuerst Vertrauenslehrerin und wurde dann zur Schulleiterin ernannt, eine Position, die ich nun schon seit zwanzig Jahren innehabe.“
Sie stand auf und ging zur linken Seite ihres Büros, wo ein paar antik wirkende Aktenschränke an der Wand standen. „Sie müssen wissen“, sagte Costello, „dass Sie nicht die erste Polizistin sind, die hier herumschnüffelt, wenn ein Verbrechen begangen wird, das einen religiösen Einfluss zu haben scheint. Bei weitem nicht.“
Costello zog vier Akten aus dem Schrank und brachte sie zu ihrem Schreibtisch zurück. Sie ließ sie mit einer Wucht darauf fallen, die ihrem Ärger Ausdruck verlieh. Mackenzie streckte ihre Hand danach aus, doch Costello deutete bereits darauf. Ohne Mackenzie anzuschauen, begann Costello wieder zu reden, wobei sie jede Akte mit ihrem dicken Zeigefinger antippte.
„Der hier“, sagte sie, während sie auf die erste Akte deutete, „ist Michael Abner. Als er in den frühen Siebzigern hier war, belästigte er ein Mädchen auf dem Spielplatz und wurde entdeckt, wie er auf dem Mädchenklo masturbierte. Er starb jedoch 1984. Ich glaube, in einem schrecklichen Autounfall. Er ist also eindeutig nicht verdächtig.“
Somit entfernte Costello Michael Abners Akte vom Tisch. Dann nahm sie auch zwei weitere weg, da einer von ihnen vor fünf Jahren an Lungenkrebs gestorben war und der andere im Rollstuhl saß und somit offensichtlich nicht in der Lage war, Holzpfahl zu dem Schauplatz eines Mordes zu transportieren.
„Dieser letzte hier“, meinte Costello, „heißt Barry Henderson. Als er hier auf Holy Cross war, wurde er in mehrere Kämpfe verwickelt, bei einem davon mussten zwei Jungen in die Notaufnahme. Als er nach seinem Rauswurf zurückkehrte, begann er den Lehrern anzügliche Briefe zu schreiben, die in der versuchten Vergewaltigung der Kunstlehrerin endete, während er das Lieblingslied seiner Mutter sang. Das geschah 1990. Es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass er auch nicht Ihr Verbrecher sein kann. Er lebt seit zwölf Jahren in der Westwall Anstalt für geisteskranke Straftäter.“
Mackenzie merkte sich, das zu überprüfen und beobachtete, wie Costello die Akten zurück in den Schrank räumte. Als sie diesen kraftvoll schloss, ertönte ein lauter Schlag wie das Explodieren einer Bombe.
„Und das sind die einzigen Schüler in den letzten fünfunddreißig Jahren, die zu einem Verbrechen wie denen des Vogelscheuchen-Mörders fähig wären?“
„Das wissen wir nicht“, sagte Costello. „Bei allem Respekt, aber wir kontrollieren nach dem Abschluss nicht jeden einzelnen Schüler, der eventuell straffällig werden könnte. Das würde bedeuteten, ausführliche Berichte über jedes Kind zu führen, dass auch nur die kleinste Regel bricht. Die vier, die ich Ihnen gezeigt habe, waren die extremsten unter ihnen, und ich habe sie schon seit Jahren zur Hand, denn es spart mir eine Menge Zeit, wenn sich die Polizei bei uns meldet, vor allen, wenn sie mit, so wie sie glauben, passenden Profilen aufkreuzen. Sie wollen immer der Religion die Schuld an Verbrechen geben, die sie selbst nicht lösen können.“
„Hier wird niemandem die Schuld zugeschoben“, verteidigte sich Mackenzie.
„Natürlich passiert das“, widersprach Costello. „Sagen Sie mir, Detective. Sind Sie hierhergekommen, um einfach den Namen eines Verdächtigen herauszufinden, oder um zu sehen, welche religiöse Doktrin ihn so hat verkommen lassen, dass er nun diese schrecklichen Taten begeht?“
„Es ist mir egal, woher die Information kommt“, schnappte Mackenzie. „Ich will einfach nur herausfinden, wer diese Frauen umbringt. Das warum ist erst einmal Nebensächlich.“
So langsam fühlte sich Mackenzie wie ein Idiot, weil sie hierhergekommen war. Was hatte sie denn erwartet? Eine nette und hübsche Lösung? Ein ehemaliger Student, der zu einhundert Prozent auf Ellingtons Profil passte?
„Danke für ihre Zeit, Ms. Costello“, meine sie mit sanfter Stimme. Sie stand auf und ging zur Tür. Als sich ihre Hand auf den Türknauf legte, wurde sie von Schulleiterin Costello aufgehalten.
„Warum denken Sie das, Detective White?“
„Was?“
„Warum suchen die Strafbehörden Antworten bei einer Religion, wenn sie Verbrechen nicht lösen kann, die sie auf den Glauben zurückführen?“
„Es passt in den meisten Fällen zu den Profilen“, sagte Mackenzie.
„Wirklich?“, fragte Costello. „Oder können Menschen einfach nicht das Böse für das akzeptieren, was es wirklich ist? Und weil wir es nicht akzeptieren können, müssen wir etwas finden, dass genauso unberührbar ist, um ihm die Schuld zu geben?“
Eine Frage brannte ihr auf den Lippen, die sie nicht zurückhalten konnte.
„Was ist das Böse, Ms. Costello? Wie schaut das Böse aus?“
Schulleiterin Costello lächelte schwach. Es war ein quälendes Lächeln, ein Ausdruck, der ein tieferes Verständnis andeutete.
„Das Böse schaut aus wie Sie. Wie ich. Wir leben in einer gefallenen Welt, Detective. Das Böse ist überall.“
Plötzlich fühlte sich der Türknauf unter Mackenzies Hand sehr kalt an. Sie nickte und ging, wobei sie nicht einmal zur Schulleiterin Costello zurücksah, um sich zu verabschieden.
Als sie sich ihren Weg durch das Labyrinth der Gänge der Holy Cross Schule bahnte, vibrierte ihr Handy in ihrer Tasche. Sie holte es hervor und sah Nelsons Name mit seiner Nummer auf dem Display. Ihr Herz setzte einen Schlag aus.
Der Mörder, dachte sie. Er war aufgetaucht, während ich weg war und Nelson wird mich dafür feuern.
Sie ging mit einem dicken Knoten im Bauch ran. „Hallo, Chief.“
„White“, sagte er. „Wo sind Sie?“
„Holy Cross Catholic School“, antwortete sie. “Ich verfolge Ellingtons Profil.”
Nelson schwieg einen Moment, während er über ihre Worte nachdachte. „Wir können später darüber reden, dass sie sich meiner direkten Anweisung widersetzt haben“, meinte er. „Jetzt sollten Sie auf Ihrem Rückweg auf der Polizeiwache vorbeikommen.“
„Aber was ist mit der Route 411?“, fragte sie. „Ich würde gerne vor dem Berufsverkehr dorthin zurückkehren.“
„Das ist ein weiterer Grund, warum es nicht Ihre Aufgabe war, Ellingtons Spur nachzugehen. Kommen Sie jetzt einfach her.“
„Ist alles in Ordnung?“, wollte sie wissen.
Aber Nelson hatte bereits aufgelegt und Mackenzie lauschte nur noch einer toten Verbindung.
KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG
Ihre Besorgnis wurde größer, als Mackenzie die Polizeiwache betrat und sah, dass Nancy an ihrem Posten am Empfangstresen saß. Als sie Mackenzie eintreten sah, schenkte sie ihre ein kurzes Lächeln und schaute dann sofort wieder auf ihren Bildschirm zurück. Das war extrem uncharakteristisch für Nancy, einer Frau, die normalerweise für jeden, der durch die Türen trat, ein breites Lächeln übrighatte.
Einen Moment spielt Mackenzie mit dem Gedanken, Nancy zu fragen, ob sie wusste, was los war, doch entschied sich dann dagegen. Sie wollte auf keinen Fall schwach und außen vor erscheinen, wenn sie doch gleichzeitig versuchte, die Aufklärung des Falles anzuführen. Deshalb ging sie am Empfangstresen vorbei in den hinteren Bereich, direkt zu Nelsons Büro.
Sie öffnete die Tür und trat ein, wobei sei versuchte, selbstsicher zu wirken und den Eindruck zu vermitteln, dass sie alles unter Kontrolle hatte. Aber als sie die Tür hinter sich schloss, wusste sie, dass es ein Fehler gewesen war, heute Nachmittag die zweieinhalb Stunden zu nutzen, um zur Holy Cross Schule zu fahren. Sie hatte sich unbedingt beweisen und sichergehen wollen, dass sie jeder Spur nachging, vor allem, wenn sie von einem beeindruckenden FBI Agenten zur Verfügung gestellt wurde, um diesen Fall zu lösen.
Nelson schaute zu ihr auf und für eine Sekunde meinte sie, einen nervösen Ausdruck auf seinem Gesicht zu sehen.
„Setzen Sie sich, White“, sagte Nelson und nickt auf die Stühle, die auf der anderen Seite seines überfüllten Schreibtisches standen.
„Was ist los?“, fragte sie. Ihre Anspannung war deutlich in ihrer Stimme zu hören, aber als Nelson sie so musterte, war das ihre geringste Sorge.
„Wir haben ein Problem“, sagte er. „Und die Lösung wird Ihnen nicht gefallen. Unser idiotischer Freund Ellis Pope hat eine offizielle Beschwerde gegen Sie eingereicht. Bis jetzt ist er damit noch nicht an die Öffentlichkeit gegangen, im Moment ist das nur zwischen uns und seinem Anwalt. Aber er sagt, dass er es veröffentlichen wird, wenn wir keine sofortigen Maßnahmen ergreifen. Normalerweise würde ich auf solche Drohungen nicht viel geben, aber die Zeitungen und auch die Fernsehmedien schien Sie als Ermittlungsleiterin darzustellen. Wenn Pope seine Beschwerde öffentlich macht, werden die Dinge ziemlich hässlich.“
„Sir, ich habe aus einem Impuls heraus gehandelt“, flehte Mackenzie. „eine mysteriöse Figur drückt sich am Rande eines Mordschauplatzes herum, zudem noch auf einem Privatgrundstück. Er beging Hausfriedensbruch. Dann rannte er verdächtig davon. Hätte ich ihn einfach gehen lassen sollen? Ich habe ihn nur aufgehalten und nicht angegriffen oder misshandelt.“
Er runzelte die Stirn.
„White, ich stehe auf Ihrer Seite. Zu einhundert Prozent. Aber es gibt noch einen anderen Faktor, den ich nicht ausblenden kann. Die Staatspolizei ist nun in der Sache beteiligt. Sie haben von der Auseinandersetzung mit Pope Wind bekommen. Dann gibt es noch die Tatsache, dass Sie heute Nachmittag einfach von Ihrem Posten an der State Route 411 verschwunden sind. Darüber bin sich ebenfalls stinksauer. Aber sie sahen es als schlampige Arbeit Ihrerseits an. Das macht keinen guten Eindruck.“
Er hob eine Hand, bevor sie etwas erwidern konnte.
„Und als ob das nicht genug wäre, habe ich vor einer halben Stunde einen Anruf von Ruth-Anne Costello bekommen. Sie hat sich über Ihr ruppiges und aggressives Verhalten beschwert. Sie hat ebenfalls eine Beschwerde eingereicht.“
„Meinen Sie das ernst?“
Nelson wirkte bedrückt, als er nickte.
„Ja, leider. Und all das zusammen wird ein ganz schönes Spektakel auslösen.“
„Was machen wir also, um das wieder gerade zu rücken?“, fragte sie. „Was will Pope, damit er seinen Mund hält? Wie können wir die Staatspolizei beruhigen und die Nonne glücklich machen?“
Nelson seufzte und schaute zur Decke, er war mit seinen nächsten Worten offensichtlich nicht zufrieden.
„Es bedeutet, dass sie mit sofortiger Wirkung, vom Vogelscheuchen-Mörder Fall abgezogen sind.“
Mackenzie durchfuhr ein eisiger Schauer. Der Gedanke an den Mörder da draußen, dass er weiter tötete, und sie ihn nicht stoppen konnte, war einfach zu viel für sie.
Sie wusste nicht, was sie sagen sollte.
Nelsons Stirnrunzeln vertiefte sich.
„Ich habe mich für Sie eingesetzt und wollte die anderen Beteiligten dazu bringen, etwas locker zu lassen“, meinte er. „Ich habe sogar vorgeschlagen, Sie diesen Fall beenden und dann für eine Woche suspendieren zu lassen. Aber Pope und die Staatspolizei waren dagegen. Meine Hände sind gebunden. Es tut mir leid.“
Mackenzie spürte, wie ihre Angst durch Wut abgelöst wurde. Ihr erster Instinkt war, Nelson anzuschreien, aber sie konnte sehen, dass er ebenfalls wütend war, wie sich die Dinge entwickelt hatten. Außerdem glaubte sie ihm, dass er alles in seiner Macht Stehende versucht hatte, wenn man bedachte, wie respektvoller er in den letzten Tagen er mit ihr umgegangen war.
Das war nicht seine Schuld. Wenn jemand Schuld daran hatte, dann war es Ellis Pope. Und wahrscheinlich auch sie selbst. Seit sie diese knarzende Diele vor drei Nächten gehört hatte, war sie nicht sie selbst. Dass sich die Dinge mit Ellington so verändert hatten, war auch nicht gerade hilfreich.
Und doch war es größtenteils ihre Schuld. Und das war womöglich das Schlimmste an der Sache.
„Wer übernimmt jetzt den Fall?“, fragte Mackenzie.
„Die Staatspolizei. Und sie haben die FBI auf Abruf bereit, falls sie sie brauchen. Aber da wir wahrscheinlich den genauen Ort für den nächsten Mord kennen, wird es hoffentlich ein einfacher Fall.“
„Sir, ich …“
Sie brach ab, denn sie wusste nicht, was sie sagen wollte. Sie hatte noch nie viel geweint, aber jetzt, als sie in Nelsons Büro saß, war sie so sauer, dass ihr Körper es nur durch Tränen ausdrücken konnte.
„Ich weiß“, sagte er. „Das ist so ein Mist. Aber wenn alles vorbei, dieses Arschloch hinter Gittern und der Papierkram erledigt ist, werde ich sicherstellen, dass Ihr Name auf bestmöglichste Weise erwähnt wird. Darauf haben Sie mein Wort, White.“
Sie stand unter Schock auf und schaute zur Tür, als ob sie sie in eine magische Welt transportieren könnte, in der dieses Gespräch nie stattgefunden hatte.
„Was soll ich jetzt tun?“, fragte sie.
„Gehen Sie nach Hause. Betrinken Sie sich. Tun Sie, was auch immer Sie tun müssen, um all das abzuschütteln. Und wenn der Fall geschlossen ist, werde ich Sie anrufen und Bescheid sagen. Die Staatspolizei wird sich mit den Problemen hier nicht mehr abgeben, sobald der Mörder verhaftet ist. Ellis Pope wird unsere einzige Sorge sein und das sollte einfach von statten gehen, da Sie nicht mehr im Mittelpunkt stehen.“
Sie öffnete die Tür und ging hinaus.
„Es tut mir sehr leid, White“, sagte er, bevor sie die Tür schloss. „Wirklich.“
Sie konnte nur nicken und die Tür hinter sich schließen.
Sie ging den Flur entlang, wobei sie ihren Blick auf den Boden gerichtet hielt, sodass sie niemandem in die Augen schauen musste. Als sie in die Eingangshallte kam, schaute sie zu Nancy. Diese ahnte anscheinend, dass Mackenzie nun Bescheid wusste, weshalb sie ihre ein höfliches Stirnrunzeln entgegenbrachte.
„Geht es Ihnen gut?“, frage sie.
„Das wird es“, erwiderte Mackenzie, obwohl sie nicht wusste, ob das stimmte.
KAPITEL ACHTUNDZWANZIG
Obwohl die Vorstellung, sich zu betrinken, definitiv ansprechend war, musste Mackenzie unwillkürlich daran denken, was das letzte Mal geschehen war, als sie Alkohol getrunken hatte. Ja, das war zwar erst gestern gewesen, aber die Verlegenheit über das Geschehene gab ihr das Gefühl, es wäre schon vor Jahren geschehen und hätte sie die ganze Zeit verfolgt. Anstatt also ihre Wut wegzutrinken, tat Mackenzie das einzige, was ihr sonst noch übrigblieb.
Sie ging nach Hause und legte all die Dokumente, die mit dem Vogelscheuchen-Mörder zu tun hatten, auf ihren Kaffeetisch. Dann kochte sie sich eine Kanne Kaffee und ging jedes einzelne Detail des Falles durch. Während ein Teil von ihr der Meinung war, dass die Tatsache, dass sie den Ort für den vierten Mord kannten, für einen schnellen Abschluss des Falles sorgen würde, sagte ihr Instinkt, dass der Mörder schlau war. Er musste nur das geringste Anzeichen einer polizeilichen Präsenz sehen, um seine Pläne zu ändern. Nelson und die Staatspolizei erkannten das ebenfalls, aber die Tatsache, dass sie so nahe dran waren, ließ ihre Herangehensweise wieder in alte, traditionelle Muster verfallen.
Draußen war es mittlerweile dunkel geworden. Sie starrte für einen Moment durch ihre Jalousien und fragte sich, wie sich die Vorkommnisse der letzten paar Tage auf ihren Lebensweg ausgewirkt haben könnten. Sie dachte an Zack und erkannte, wahrscheinlich zum ersten Mal, dass sie froh war, ihn los zu sein. Wenn sie ehrlich mit sich selbst war, dann hatte sie die Beziehung nur so lange geführt, damit sie nicht alleine war – etwas, vor dem sie Angst hatte, seit sie ihren Vater tot im Schlafzimmer ihrer Eltern gefunden hatte.
Sie fragte sich auch, was Ellington wohl gerade tat. Sein Anruf wegen dem Profil früher am Tag war der Beweis, dass er immer noch an den Ermittlungen zum Vogelscheuchen-Mörder arbeitete, auch wenn nur im Hintergrund. Als sie an ihn dachte, fragte sie sich auch, ob sie das Profil und den Besuch der Holy Cross Schule so ernst genommen hätte, wenn diese Spur von jemand anderem gekommen wäre. Hatte sie versucht, ihn oder Nelson zu beeindrucken?
Als sie zurück auf die vor ihr liegenden Akten schaute, dran ein einfacher und doch reizender Gedanke in ihren Kopf: Warum sollte ich überhaupt jemanden beeindrucken? Warum kann ich nicht einfach meinen Job gut machen und meine Fähigkeiten so gut es ging ausschöpfen? Warum sorge ich darum, was andere von mir denken, wie beispielsweise ein nutzloser Exfreund, chauvinistische Vorgesetzte oder ein verheirateter FBI Agent?
Als ob es ihre Gedanken gehört hätte, klingelte ihr Handy. Sie nahm es von den verstreuten Papieren und Akten auf dem Kaffeetisch und sah, dass es Ellington war. Sie grinste das Handy an und wollte erst gar nicht rangehen. Er rief wahrscheinlich an, um sich Lob für den Hinweis mit der Holy Cross Schule abzuholen oder vielleicht hatte er eine weiter tolle Idee, für die sie nur wieder zurechtgewiesen würde. Wenn sie in diesem Moment einen klareren Kopf gehabt hätte, dann hätte sie den Anruf ignoriert. Aber ein Teil der Wut, die sie in Nelsons Büro verspürt hatte, kochte immer noch in ihrem Herzen und verlangte, freigelassen zu werden.
„Hallo Agent Ellington“, sagte sie.
„Hi, White. Ich weiß, dass ich Sie nerve, aber ich mache für heute Schluss und wollte fragen, ob Ihnen das Profil weitergeholfen hat.“
„Nein, das hat es nicht“, antwortete Mackenzie fast schon unhöflich. „Das einzige, was mein Besuch einer katholischen Schule bewirkt hat, war, die oberste Nonne zu verärgern.“
Ellington hatte offensichtlich nicht mit solch einer Antwort gerechnet, weshalb er volle fünf Sekunden schwieg, bevor er antwortete.
„Was ist passiert?“, fragte er.
„Es war eine Sackgasse. Und während ich von der Schulleiterin über das Wesen des Bösen unterrichtet wurde, tauchte die Staatspolizei an dem Ort auf, an dem der vierte Mord stattfinden soll. Weil ich nicht da war, haben sie ihre Autorität spielen lassen.“
„Oh, verdammt.“
„Und es wird sogar noch besser“, schnappte Mackenzie. „Erinnern Sie sich noch an Ellis Pope?“
„Ja, der Reporter.“
„Genau. Nun ja, er hat sich heute dazu entschlossen, Klage gegen mich zu erheben und gedroht, unsere kleine Auseinandersetzung in den Medien zu veröffentlichen. Die Männer der Staatspolizei haben davon Wind bekommen. Deshalb bedrängten sie Nelson und vor etwa einer Stunde wurde ich offiziell von dem Fall abgezogen.“
„Soll das ein Witz sein?“, fragte er.
Seine Fassungslosigkeit schürte ihren Ärger noch weiter an und half ihr glücklicherweise zu erkennen, dass sie aus keinem Grund unhöflich zu ihm war. Immerhin fragte er nur nach und schenke ihr ein mitfühlendes Ohr.
„Nein, ich meine es ernst“, erwiderte sie und versuchte, sich zu beherrschen. „Mir wurde befohlen, die Füße still zu halten, während die alten Jungs den Fall lösen.“
„Das ist nicht fair.“
„Da stimme ich Ihnen zu“, sagte sie. „Aber ich weiß, dass Nelson keine Wahl hatte.“
„Was kann ich tun?“, fragte Ellington.
„Leider nicht viel. Wenn Sie dem Fall wirklich weiterhelfen wollen, dann sollten Sie Nelson anrufen. Sie werden wahrscheinlich sogar Ärger bekomme, wenn Sie mit mir darüber sprechen.“
„White, das tut mir wirklich leid.“
„Es ist, wie es ist“, erwiderte sie.
Wieder herrschte Stille und diesmal nutzte Ellington nicht die Chance, ein Gespräch zu beginnen. Sie befürchtete, dass ihre fehlgerichtete Wut wieder aufkochen würde, wenn er es doch tat, was er jedoch nicht verdiente.
„Ich muss los“, sagte sie. „Machen Sie es gut.“
„Wird es Ihnen gutgehen?“, fragte er sie.
„Ja“, entgegnete sie. „Es ist nur ein Schock.“
„Nun denn, bis bald.“
„Danke.“
Sie legte auf, ohne auf eine Antwort zu warten. Dann warf sie das Handy zurück auf den Tisch neben die Kopien der Bibelpassagen, die sie von den Holzstangen hatten entziffern können. Sie las sie immer wieder, doch entdeckte nichts Neues. Dann schaute sie sich noch einmal die Karte aus dem hinteren Teil der Bibel sowie Nancys grobe Karte an, auf der die möglichen Mordplätze eingezeichnet waren. Es schien alles so einfach zu sein.
*
Als ihr Handy erneut vibrierte, zeigte das Display 19:44 Uhr an. Sie blinzelte und rieb sich leicht schockiert ihren Kopf. Seit Ellingtons Anruf waren fast Zwei Stunden vergangen, die sich für sie jedoch nicht so lange angefühlt hatten.
Sie war verwirrt, als sie Nelsons Name auf dem Display sah. Sie stieß ein kleines, heißeres Lachen aus, als sie das Handy nahm und sich fragte, was sie sonst noch getan haben könnte, dass eine weitere Bestrafung erfordern würde.
Als sie ranging, sah sie mit den Augen durch das Fenster und in die Nacht hinaus. War der Mörder dort draußen, bereit, sein nächstes Opfer aufzuhängen? Oder war er schon dabei?
„Mit Ihrem Anruf hätte ich nun gar nicht gerechnet“, sagte Mackenzie.
„White, halten Sie Ihren Mund und hören mir zu“, entgegnete Nelson. Seine Stimme klang weich, fast schon sanft, wie sie es noch nie zuvor bei ihm gehört hatte.
„okay“, sagte sie, unsicher, wie sie seinen Tonfall und seine Anweisung auffassen sollte.
„Vor zwanzig Minuten zog Officer Patrick einen Mann auf der State Route 411 heraus. Er fuhr einen alten, roten Toyota Pickup Truck. Auf dem Beifahrersitz lag eine Bibel und im Fußraum mehrere Seile. Dieser Mann, Glenn Hooks, ist Pastor in einer kleinen Baptistenkirche in der Stadt Bentley. Und hier kommt das Spannende: in seiner Bibel waren acht Stellen markiert. Eine davon handelte von den sechs Zufluchtsstädten.“
„Oh mein Gott“, hauchte Mackenzie.
„Patrick hat den Mann zwar noch nicht festgenommen, aber er bestand darauf, dass dieser mit auf die Polizeiwache kam. Er wehrte sich heftig dagegen, doch Patrick konnte ihn überreden, mitzukommen. Sie sind jetzt auf dem Weg. Ich werde eine weitere Einheit zu seinem Haus schicken, um zu sehen, ob es etwas Verdächtiges gibt.“
„Okay“, war alles, was Mackenzie herausbrachte.
„Die Staatspolizei weiß davon nichts“, fuhr Nelson fort. „Nur unter uns, das war auf meine Veranlassung. Ich wollte diesen Kerl zuerst knacken, bevor sich der Staat einschaltet. Ich habe gerade erst mit Patrick telefoniert. Sie werden in etwa zehn Minuten auf der Station sein. Ich will, dass Sie den Kerl befragen. Und das müssen Sie schnell tun, weil ich nicht weiß, wie lange wir die Kerle von der Staatspolizei im Dunkeln lassen können. Sie haben vielleicht zwanzig oder dreißig Minuten, bevor Sie irgendwie verschwinden müssen.“
„Und nach all dem, was Sie mir in Ihrem Büro erzählt haben, halten Sie das wirklich für eine gute Idee?“
„Nein, es ist keine gute Idee“, erwiderte Nelson. „Aber es ist alles, was wir im Moment haben. Ich weiß, dass ich Sie vor fünf Stunden nach Hause geschickt habe, aber ich bitte Sie nicht um diesen Gefallen, sondern befehle es Ihnen. Sie sind offiziell immer noch Teil des Ermittlungsteams dieses Falles. Daran hat sich nichts geändert. Das hier geschieht inoffiziell. Ich brauche Sie dafür, White. Verstehen Sie das?“
Sie hatte sich noch nie so wenig respektiert und zur gleichen Zeit geschätzt gefühlt. Ihr Herzschlag beschleunigte sich durch die Aufregung, doch wurde von der Wut, die den ganzen Nachmittag lang in ihr gekocht hatte, überdeckt.
Denk daran, mahnt sie sich. Du musst hier niemanden beeindrucken. Es geht nicht darum, richtig oder gut dazustehen. Es geht darum, deine Arbeit zu machen und einen Mann, der Frauen quält und ermordet, hinter Gitter zu bringen.
„White?“, bellte Nelson.
Sie schaute auf den Kaffeetisch hinab und sah die Fotos. Die Frauen, die ihrer Würde beraubt, verängstigt, geschlagen und getötet worden waren. Sie schuldete es ihnen. Sie schuldete es ihren Familien, um Frieden schließen zu können.
Während sie das Telefon fest umschloss, legte sich ein Ausdruck stahlharter Entschlossenheit auf ihr Gesicht und Mackenzie sagte:
„Ich bin in fünfzehn Minuten da.“
KAPITEL NEUNUNDZWANZIG
Als Mackenzie auf der Polizeistation ankam, warteten zwei Polizisten am Eingang auf sie. Sie war positiv überrascht, dass einer von ihnen Porter war. Er schenkte ihr ein wissendes Lächeln, als sie die Türen erreichte, und ohne ein Wort zu verlieren, öffneten die Männer sie ihr und führten Mackenzie hinein. Sie hatten kaum einen Fuß ins Präsidium gesetzt, da erkannte Mackenzie, dass Porter und der andere Polizist als Schutzschild für sie dienten. Sie liefen schnellen Schrittes links und rechts von ihr und halfen ihr, in der Menge zu verschwimmen, falls jemand auf der Wache sie sehen und Ärger stiften sollte.
Schon bald erreichten sie die Haupthalle, wo sie sah, dass Nelson vor dem Verhörsaal stand. Als er sie erblickte, straffte er sich und Mackenzie bemerkte, dass er schrecklich angespannt wirkte, als ob er jede Sekunde explodieren könnte.
„Danke“, sagte er, als sie ihn erreichten.
„Natürlich“, erwiderte Mackenzie.
Nelson nickte Porter und dem anderen Polizisten kurz zu, bevor sich diese zurückzogen. Nach einem Schritt drehte sich Porter jedoch noch einmal zu ihr um und flüsterte: „Verdammt gute Arbeit.“ Dabei lächelte er sie an und schob sie zur Tür.
Sie nickte nur und erwiderte das Lächeln, bevor die Polizisten zurück zum Eingang des Gebäudes gehen.
„Okay“, sagte Nelson. „Dieser Hooks Kerl war bisher sehr kooperativ. Er hat einfach nur Angst und ist nervös. Er redet ziemlich viel und hat bisher noch nach keinem Anwalt verlangt. Üben Sie also nicht zu großen Druck auf ihn aus, dann können wir ihm die Taten vielleicht sogar ohne einen Anwalt, der die ganze Sache nur in die Länge zieht, entlocken.“
„Okay.“
„Wir werden im Nachbarraum hinter dem Verdunkelungsglas warten, wenn also etwas falsch geht, sind wir in weniger als zehn Sekunden da. In Ordnung?“
„Ja, alles klar.“
Nelson klopfte ihr aufmunternd auf den Rücken und öffnete ihr die Tür. Zu ihrer Überraschung entfernte sich Nelson von dem Raum und ging den Flur entlang zu dem Kontrollzimmer. Mackenzie schaute einen Moment lang auf die offene Tür, bevor sie eintrat.
Er ist hier drinnen, dachte sie. Der Vogelscheuchen-Mörder ist hier drinnen.
Als sie den Befragungsraum betrat, zeigte der Mann an dem kleinen Tisch in der Mitte des Raumes verschiedene Emotionen. Zuerst saß er stocksteif da, dann runzelte er die Stirn, machte anschließend einen leicht verwirrten Eindruck und zeigte schließlich Erleichterung.
Mackenzie empfand ähnliche Emotionen, als sie den Mörder zum ersten Mal sah. Er schien Anfang fünfzig zu ein, sein Haar war an den Schläfen ergraut und Alterslinien begannen, sich in seinem Gesicht abzuzeichnen. Er war zwar dünn, aber dafür recht groß. Er sah sie mit seinen dunkelbraunen Augen an, die man leicht lesen konnte: er hatte Angst und war sehr verwirrt.
„Hi, Mr. Hooks“, begrüßte sie ihn. „Ich heiße Detective White. Ich denke, wenn Sie meine Fragen so ehrlich wie möglich beantworten, dann sind wir schnell hier fertig. Mir wurde gesagt, dass Sie bis jetzt sehr kooperativ gewesen sind, lassen Sie uns also so weitermachen, okay?“
Er nickte. „Das ist alles ein riesiges Missverständnis“, sagte Hooks. „Die Polizisten denken, dass ich drei Frauen umgebracht habe. Sie denken, dass ich der Vogelscheuchen-Mörder bin.“
„Und das sind Sie nicht?“, fragte sie.
„Natürlich nicht! Ich bin ein Pastor in der Grace Creek Baptist Church.“
„Das wurde mir auch gesagt“, erwiderte Mackenzie. „In der Bibel in Ihrem Truck waren mehrere Passagen markiert. Eine davon ist eng mit dem Fall des Vogelscheuchen-Mörders verbunden.“
„Ja, das haben mir die anderen Polizisten gesagt. Die Zufluchtsstädte, nicht wahr?“
Mackenzie musste sich einen Moment sammeln. Sie war sauer, dass ihm schon jemand die Details verraten und Hooks von der Verbindung mit den Zufluchtsstädten erzählt hatte. Sie würde die Sache von einem anderen Winkel aus angehen müssen. Ihr Bauchgefühl sagte ihr nur eindeutig, dass Hooks definitiv nicht der Vogelscheuchen-Mörder war. Die Angst in seinen Augen war echt und sagten ihr alles, was sie wissen musste.
„Was ist mit den Seilen, die wir im Fußraum gefunden haben?“
„Grace Creeks Ferien Bibelschule fängt in zwei Wochen an“, antwortete Hooks. „Die Seile sind noch von den Dekorationsarbeiten an der Bühne übrig. Dieses Jahr ist das Thema Dschungel und wir verwenden die Seile als Lianen und für eine kleine Hängebrücke.“
„Und wo liegt die Grace Creek Baptist Church?“
„Am Highway 33.“
„Das ist die Parallelstraße zur State Route 411, nicht wahr?“
„Das stimmt.“
Mackenzie musste sich einen Moment von Hooks abwenden, um ihren Gesichtsausdruck zu verbergen. Wie hatten Nelson und die anderen Polizisten nur so blind und dumm sein können? Hatten Sie etwa nicht recherchiert, bevor sie diesen armen Mann hereingebracht hatten?
Als sie sich gefasst hatte, wandte sie sich ihm wieder zu und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie ihn nicht für den Mörder hielt. „Warum genau haben Sie denn die Passage über die Zufluchtsstädte markiert?“
„Ich will in etwa drei bis vier Wochen eine Predigt darüber halten.“
„Darf ich fragen, warum?“, hakte Mackenzie nach.
„Um über das Sündigen zu reden, ohne, dass sich die Gottesdienstbesucher schuldig fühlen. Wir alle sündigen, wissen Sie? Sogar ich. Sogar der frommste Mensch. Aber viele Menschen wurden in dem Glauben erzogen, dass eine Sünde die ewige Verdammnis nach sich zieht, und diese Städte sind ein großartiges Beispiel von Gottes Vergebung der Sünden. Sie handeln von der Schwere der Sünde. Ursprünglich waren sie für Menschen gedacht, die ohne Vorsatz einen Mord begangen hatten. Nicht alle Sünden sind gleich schwer. Und sogar denjenigen, die ohne Vorsatz morden, kann vergeben werden.“
Mackenzie dachte einen Moment darüber nach und spürte, wie etwas in ihrem Kopf klickte. Es steckte noch mehr dahinter, doch es zeigte sich noch nicht.
„Eine letzte Frage, Mr. Hooks“, sagte sie. „Ihr Toyota ist recht alt. Wie lange haben Sie ihn schon?“
Hooks dachte kurz nach und zuckte mit den Schultern. „Seit ungefähr acht Jahren. Ich habe ihn von einem Mitglied der Grace Creek Church gebraucht gekauft.“
„Haben Sie jemals Holz darin transportiert?“
„Ja. Erst letzte Woche transportierte ich darin Sperrholzplatten für die Dekorationen. Und hin und wieder helfe ich anderen Menschen im Winter dabei, Feuerholz zu sammeln und fahre es zu ihren Häusern.“
„Nichts Größeres?“
„Nein. Nicht, dass ich wüsste.“
„Vielen Dank, Mr. Hooks. Sie waren eine große Hilfe. Ich bin mir sicher, dass Sie schon bald wieder gehen können.“
Er nickte, immer noch verwirrt. Mackenzie warf ihm einen letzten Blick zu, bevor sie den Raum verließ und die Tür hinter sich schloss. Sobald sie sich außerhalb des Verhörraums befand, trat Nelson aus einer der Türen nebenan. Er schien aufgeregt zu sein, als er sich ihr näherte, und sie konnte seine Anspannung spüren.
„Das ging aber schnell“, bemerkte er.
„Er ist nicht der Mörder“, erwiderte Mackenzie.
„Und warum sind Sie sich da so sicher?“, wollte er wissen.
„Bei allem Respekt, Sir, haben Sie ihn überhaupt nach dem Seil gefragt?“
„Das haben wir“, bellte Nelson. „Er zauberte eine Geschichte, dass er sie für eine Ferien-Bibelschule in seiner Kirche bräuchte.“
„Hat das jemand überprüft?“
„Ich warte gerade auf den Anruf“, sagte er. „Ich habe vor einer halben Stunde jemanden hingeschickt.“
„Sir, seine Kirche befindet sich etwa fünfzehn Minuten von der besagten Stelle entfernt. Er wollte bald von den Zufluchtsstädten predigen.“
„Was für ein Zufall.“
„Es scheint so“, erwiderte sie. „Aber seit wann reicht so etwas für eine Festnahme?“
Nelson sah sie mit finsterem Blick an und stemmte die Hände in seine Hüften. „Ich wusste, dass es ein Fehler war, Sie anzurufen. Sie sind wohl fest entschlossen, das alles in die Länge zu ziehen, nicht wahr? Wollen Sie die Aufmerksamkeit, um in den Schlagzeilen zu bleiben?“
Mackenzie konnte ihre Wut nicht unterdrücken. „Bitte sagen Sie mir, dass Ihre Frustration gerade mit Ihnen durchgeht“, meinte sie. „Ich würde gerne glauben, dass Sie schlauer sind als so etwas anzunehmen.“
„Passen Sie auf Ihren Ton auf, Mackenzie“, erwiderte er. „Im Moment sind Sie von dem Fall abgezogen. Wenn Sie mir noch einmal in die Quere kommen, werde ich Sie auf unbefristete Zeit suspendieren.“
Eine angespannte Stille breitete sich zwischen ihnen aus, die jedoch nur wenige Sekunden anhielt, da sie durch das Klingeln von Nelsons Handy unterbrochen wurde. Er löste seinen Blick von Mackenzie, drehte ihr den Rücken zu und ging ran.
Mackenzie stand dort und hörte seiner Seite der Unterhaltung zu, in der Hoffnung, dass wer auch immer gerade anrief, Pastor Hooks entlasten konnte.
„Was ist los?“, fragte Nelson, während er ihr immer noch den Rücken zudrehte. „Ja? Okay…sind Sie sich sicher? Verdammt. Ja…ich hab’s verstanden.“
Als sich Nelson wieder zu ihr umdrehte, machte er den Eindruck, als wolle er sein Handy gegen die Wand werden. Seine Wangen waren knallrot und er sah geschlagen aus.
„Was ist?“, wollte Mackenzie wissen.
Nelson zögerte, wobei er an die Decke schaute und seufzte. Er hatte die Haltung eines Menschen, der sich mächtig entschuldigen musste.
„Das Seil, das in seinem Truck gefunden wurde, ist genau das gleiche, das auch für die Bühnendekoration der Ferien-Bibelschule der Grave Creek Baptist Church verwendet wird. Zudem wurden in seinem Büro in der Kirche detaillierte, handgeschriebene Berichte gefunden, wie Hooks die Rede über die Zufluchtsstädte aufbauen will.“
Sie musste sich sehr beherrschen, um keinen Kommentar darüber zu verlieren, dass er und seine Polizisten Unrecht gehabt hatten – wie versessen sie darauf waren, diesen Fall ohne die Hilfe der Staatspolizei oder des FBI zu lösen, sodass sie einen Mann verhaftet hatten, der es keineswegs verdient hatte.
„Dann kann er also gehen?“, fragte Mackenzie.
„Ja. Er ist frei.“
Sie erlaubte sich ein kleines Lächeln. „Möchten Sie es ihm sagen oder soll ich das tun?“
Nelson schien jeden Moment zu explodieren. „Tun Sie es“, bestimmte er. „Und dann verschwinden Sie, verdammt nochmal. Am besten sprechen wir ein paar Tage nicht mehr miteinander.“
Mit Freude, dachte sie.
Sie ging in den Verhörsaal zurück, froh, Nelson entkommen zu sein. Als sie die Tür hinter sich schloss, schaute Hooks mit Hoffnung in seinen dunkelbraunen Augen zu ihr auf.
„Sie können jetzt gehen.“
Er nickte dankbar, holte tief Luft und sagte: „Danke.“
„Könnte ich Ihnen erst noch eine Frage stellen?“, wollte sie wissen.
„Natürlich.“
„Warum sollte Gott Zufluchtsstädte für Sünder erschaffen? Ist es nicht eine der Aufgaben Gottes Sünder zu bestrafen?“
„Das wird viel diskutiert. Persönlich glaube ich jedoch, dass Gott will, dass seine Kinder zu ihm finden. Er wollte jedem von ihm die Chance geben, an seiner Seite zu sein.“
„Und diese Sünder glaubten, dass sie in diesen Städten Gott finden könnten? Sie dachten, Sie könnten dort sein Wohlgefallen finden?“
„Auf gewisse Weise, ja. Aber sie wussten auch, dass Gott das Zentrum aller Dinge ist. Sie mussten ihn einfach nur finden. Und diese Städte hatten eben diesen Zweck.“
Mackenzie dachte darüber nach, während sie zur Tür ging. Sie begleitete Hooks durch den Freilassungsprozess, doch ihre Gedanken waren woanders. Sie dachte über sechs Städte nach, die in einem Kreis angeordnet waren, und wie ein manchmal zorniger aber letztendliche vergebender Gott über sie wachte.
Wie hatte sich Hooks ausgedrückt?
Aber sie wussten auch, dass Gott das Zentrum aller Dinge ist.
Plötzlich fühlte sich Mackenzie, als ob ihr ein Schleier von den Augen genommen wurde. Diese eine Bemerkung ließ sie die Verbindung, die sie im Verhörraum gemacht hatte, in deutlicherem Licht erscheinen.
Fünf Minuten später raste sie nach Hause und über dachte den einen Gedanken.
Gott ist das Zentrum aller Dinge.
Die Uhr auf ihrem Armaturenbrett zeigte 20:46 Uhr, doch Mackenzie wusste, dass ihre Nacht gerade eben erst begann.
Denn wenn sie Recht hatte, dann wusste sie, wo sie den Mörder finden konnte.
KAPITEL DREISSIG
Sobald sie nach Hause angekommen war, ging Mackenzie direkt zu ihrer Couch zu dem Papierstapel, den sie auf dem Kaffeetisch zurückgelassen hatte. Auf gewisse Weise war es ironisch, dachte sie, dass sie der Meinung gewesen war, ohne Zack ein ordentlicheres Zuhause zu haben, doch nun wurde die Unordnung von ihrer Arbeit verursacht. Einen kurzen Moment lang fragte sie sich, was er wohl gerade tat. Doch der Gedanke hielt nur ein paar Sekunden. Er wurde von dem Gedanken ersetzt, der sie auf dem Heimweg schon begleitet und ihr Gehirn aufgewühlt hatte.
Gott ist das Zentrum aller Dinge.
Sie wühlte sich durch die Dokumente auf dem Tisch und fand zwei Karten – die der Zufluchtsstädte des Alten Testaments und die Karte, die die Gegend mit einem Radius von einhundert Meilen abbildete. Sie legte die beiden übereinander und betrachtete sie nachdenklich. Dann konzentrierte sie sich auf die Karte der Umgebung und starrte auf die Kreuze, die sie mit einem schwarzen Textmarker darauf markiert hatte. Nachdem sie mit dem Finger darübergefahren war, verband sie alles Kreuze mit einer Linie, wodurch ein Kreis entstand.
Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit dem Inneren des Kreises zu. Sie nahm sich einen Stift, mit dem sie die sechs „Städte“ wie Speichen eines Rades miteinander verband.
Gott ist das Zentrum aller Dinge.
Die Linien trafen sich in der Mitte des Kreises. Sie zeichnete einen kleineren Kreis um die Stelle, an der sich die Linien überschnitten. Es war ein Teil der Stadt, nicht weit von dem Ort entfernt, an dem sie vor ein paar Tagen Clive Traylor festgenommen hatten. An der markierten Stelle war ein Fluss eingezeichnet, es war der Danvers River, einer kleinen Wasserstraße, die an mehreren heruntergekommenen Grundstücken vorbeiführte und schließlich in den Sapphire Lake mündete.
Anhand der Karte konnte man es nur schwer erkennen, doch sie war sich sicher, dass ihr neuer kreis zwei oder drei verschiedene Straßen einschloss sowie einen kleinen Wald, der die westlichen Gebiete der Stadt von dem Rand des Sapphire Lakes trennte.
Das war der Tötungsort – der zentrale Punkt zwischen den Mordstellen, den sogenannten Städten. Wenn dieser Mann dachte, dass er auf gewisse Weise Gott wäre und unter der Führung Gottes arbeitete, dann würde er sich vermutlich als Zentrum von all dem sehen. Und wenn Gott das Zentrum aller Dinge war, dann war dieser zentrale Punkt sehr wahrscheinlich sein Zuhause.
Einen Moment lang saß sie einfach nur dort, ein bekanntes Gefühl der Aufregung baute sich in ihrem Herzen auf. Sie wusste, dass sie eine Entscheidung treffen musste, die wahrscheinlich über ihre Karriere entscheiden konnte. Sie könnte Nelson anrufen und ihm diese Informationen zukommen lassen, doch sie war sich ziemlich sicher, dass er nicht rangehen würde. Und selbst wenn er sie ernst nehmen würde, hatte sie immer noch die Sorge, dass sich die Spur als falsche Fährte erweisen könnte.
Die Tatsache, dass sie an der neuen Mordstelle eine präparierte Holzstange gefunden hatten, bedeutete, dass der Mörder bereit war, erneut zuzuschlagen. Was, wenn er schon eine Frau für sein nächstes Opfer überwältigt hatte? Und was, wenn er seine Denkweise änderte, jetzt, da seine anderen drei Mordschauplätze unter Beobachtung standen?
Zur Hölle damit, dachte sie.
Mackenzie sprang auf die Füße, wobei sie in ihrer Eile und Aufregung die Papiere von ihrem Tisch stieß. Sie ging ins Schlafzimmer, wo sie ihre Dienstwaffe holte und diese an ihrem Gürtel befestigte. In dem Moment klingelte ihr Handy. Das plötzliche und unerwartete Geräusch erschreckte sie leicht und sie musste sich erst beruhigen, bevor sie abnahm. Als sie auf das Display schaute, sah sie, dass es wieder Ellington war.
„Hallo?“, fragte sie.
„Oh, wow“, meinte Ellington. „Ich hätte nicht gedacht, dass Sie rangehen. Ich wollte Ihnen eigentlich eine Nachricht hinterlassen, dass ich für heute Schluss mache und Sie bitten, dass Sie mich morgen mit Neuigkeiten über die Verhaftung anrufen. Soweit seid ihr noch nicht, oder?“
„Oh, ich musste kurz weg und bin gerade erst zurückgekommen. Er war nicht der Mörder.“
Er verstummte.
„Und das haben Sie in weniger als einer halben Stunde herausgefunden?“
„Ja. Es war offensichtlich. Nelson und seine Männer, nun ja, sie waren nicht gerade bei der Sache.“
„Zu eifrig, jemanden festzunehmen?“
„Sowas die Art“, entgegnete sie, während sie den Verschluss ihrer Waffe am Gürtel schloss.
„Geht es Ihnen gut?“, fragte Ellington. „Es hört sich an, als hätten Sie es eilig.“
Sie hätte es ihm fast nicht gesagt – sie hätte ihre neue Theorie fast für sich behalten. Wenn sich herausstellte, dass sie falsch lag, könnte es ziemlich hässlich werden – vor allem, wenn jemand vorher wusste, was sie vorhatte. Und doch spürte sie, dass sie richtiglag, sie spürte es in ihrem Herzen, in ihrem Bauch, in ihren Knochen. Und wenn sie doch etwas übersah oder voreilige Schlüsse zog, dann war Ellington der logisch denkendste Mensch, den sie kannte.
„White?“
„Ich glaube, ich habe etwas herausgefunden“, erwiderte Mackenzie. „Über den Mörder und wo er lebt.“
„Was?“ Er schien schockiert zu sein. „Wie sind Sie denn darauf gekommen?“
Sie erzählte ihm schnell von ihrer Unterhaltung mit Pastor Hooks und wie sie das Zentrum aller Dinge auf der Karte gefunden hatte. Als sie es laut aussprach, war sie immer mehr der Überzeugung, dass sie die Lösung gefunden hatte. Dies war endlich die richtige Spur, die sie zu dem Mörder führen würde.
Als sie endete, herrschte am anderen Ende der Leitung erst einmal Stille. Sie machte sich darauf gefasst, die übliche Kritik zu erhalten.
„Denken Sie, dass meine Schlussfolgerung falsch ist?“, fragte sie.
„Nein. Überhaupt nicht. Ich denke, sie ist genial.“
Sie war selbst überrascht und fühlte sich motiviert.
„Was hat Nelson dazu gesagt?“, wollte er wissen.
„Ich habe ich nicht angerufen. Das werde ich auch nicht.“
„Das müssen Sie aber“, drängte er sie.
„Nein, das muss ich nicht. Er will mich nicht mehr an dem Fall haben. Und nach unserer Diskussion auf der Polizeistation, bezweifle ich, dass er meinen Anruf überhaupt annehmen würde.“
„Dann lass mich die Staatspolizei informieren.“
„Zu riskant“, widersprach sie. „Wenn sich herausstellt, dass ich Unrecht hatte, wem wir dann die Schuld zugeschrieben? Ihnen? Mir? Nichts davon wäre gut.“
„Das stimmt“, sagte Ellington. „Aber was ist, wenn Sie doch Recht haben? Was ist, wenn Sie dem Mörder gegenüberstehen? Sie müssen Nelson Bescheid sagen.“
„Aber wenigstens werde ich es dann wissen. Und solange ich den Bastard festnehmen kann, ist es mir egal, welche Folgen es nach sich ziehen wird.“
„Hören Sie zu.“ Er schien frustriert zu sein. „Sie können das nicht alleine machen.“
„Das muss ich aber“, entgegnete sie. „Wir wissen nicht, wann er wieder töten wird. Ich kann nicht herumsitzen, bis Nelson bereit dazu ist, wieder mit mir zu sprechen, oder bis Ihre Jungs der Meinung sind, dass es sich lohnt, vorbeizukommen.“
„Ich könnte die Idee als meine eigene vorstellen“, meinte Ellington. „Vielleicht würde das die Dinge etwas beschleunigen.“
„Daran habe ich auch schon gedacht“, erwiderte Mackenzie. „Aber wann könnten die Agenten des FBI denn frühestens hier sein?“
Sein Seufzen am andern Ende der Leitung sagte ihr, dass sie Recht hatte.
„Wahrscheinlich in fünf bis sechs Stunden“, antwortete er. „Und das ist schon eine optimistische Einschätzung.“
„Dann verstehen Sie also, was ich meine.“
„Und Sie verstehen, dass ich mich in einer unangenehmen Lage befinde“, konterte er. „Wenn Sie dorthin gehen und Ihnen etwas zustoßen sollte, dann muss ich mich vor meinen Vorgesetzen rechtfertigen. Wenn Sie verletzt oder getötet werden und es herauskommt, dass ich von Ihrem Plan wusste, dann bin ich dran.“
„Ich schätze, ich muss einfach dafür sorgen, dass mir nichts passiert.“
„Verdammt, White – “
Danke für Ihre Sorge, Ellington. Aber ich muss jetzt los.“
Sie legte auf, bevor er etwas erwidern konnte, das ihre Entscheidung zum Schwanken gebracht hätte. Sogar jetzt schon fragte sie sich, ob sie zu leichtsinnig war. Sie würde auf sich alleine gestellt sein und sich in die Dunkelheit begeben, obwohl sie den Befehl hatte, sich nicht in den Fall einzumischen. Sogar noch schlimmer, sie war vermutlich einem Mörder auf der Spur, von dem nur sehr wenig bekannt war.
Sie ging durch ihr Wohnzimmer zur Eingangstür, bevor sie sich es anders überlegen konnte. Als sie die kühle Nachtluft einatmete, schob sie alle Zweifel beiseite. Sie tastete mit ihrer Hand nach dem Umriss ihrer Pistole am Gürtel, was sie ein wenig beruhigte.
Anschließend vergeudete sie keine Zeit mehr, sondern eilte zu ihrem Auto und startete den Motor. Dann fuhr sie aus ihrer Einfahrt in Richtung Westen. Währenddessen legte sich die Nacht wie ein dunkler Vorhang auf eine Bühne, die endlich dabei war, sich zu öffnen.
KAPITEL EINDUNDDREISSIG
Sie hatte den ganzen Tag gehört, wie er im Haus gewerkelt hat. Hin und wieder hatte er religiöse Lieder gesungen, eines davon kannte sie aus ihrer Kindheit, als sie auf dem Schoß ihrer Großmutter in einer kleinen Kirchenbank einer ländlichen Baptistenkirche gesessen hatte. Sie war sich ziemlich sicher, dass es „Wie groß bist du“ hieß. Jedes Mal, wenn er es summte, überkam sie eine neue Welle der Übelkeit und Angst, denn sie wusste, was er ihr bereits angetan hatte – und was er noch tun würde.
Während sie seinem Gesang und seinen Bewegungen lauscht, versuchte sie, wieder auf die Füße zu kommen. Es wäre einfacher gewesen, wenn sie ihre Kleidung anhätte. Sie hatte es geschafft, sich an die gegenüberliegende Wand zu rollen, ihren Rücken dagegen zu lehnen und sich langsam aufzurichten. Doch dann würden sich ihre Waden strecken und wegen der eng zusammengebundenen Fußknöchel brennen. Weil sie bis zu diesem Punkt so sehr geschwitzt hatte, würde sie an der Wand entlang rutschen und wieder auf ihren Hintern fallen.
Jetzt bluteten ihre Handgelenke durch die Abschürfungen der Seile, die sich in ihre Haut gerieben hatten, als sie sie gegen die Wand gedrückt hatte. Ihre Beine fühlten sich wackelig an und die Blessuren, die sie auf ihrem Hintern hatte, brannten wie Bienenstiche. Wimmernd versuchte sie erneut, sich an der Wand aufzustellen, während sie sich gleichzeitig mit ihren Füßen abstützte. Als sie zu dem Punkt kam, an dem ihre Fußknöchel und Waden anfingen, zu brennen, zwang sie sich dazu, den Schmerz auszuhalten und ihre Beine durchzustrecken.
Als sie sich vollständig aufrichtete, zitterten ihre Beine, weshalb sie fast wieder hingefallen wäre. Doch sie stemmte sich gegen die Wand, um das Gleichgewicht zu halten.
Okay, was jetzt?
Sie wusste es nicht. Sie war nur erleichtert, endlich auf den Füßen zu stehen. Sie überlegte, dass sie vielleicht ein Telefon finden und die Polizei anrufen könnte, wenn sie es durch die Türe, die sich ein paar Meter entfernt auf der rechten Seite befand, schaffte. Sie hatte ihn den ganzen Tag die Türe öffnen und schließen gehört. Sie nahm an, dass er für kurze Zeit hinausging und wieder zurückkam. Wenn sie einen Blick auf das erhaschen könnte, was im Haus los war, dann könnte sie womöglich lebend aus der ganzen Sache herauskommen.
Sie ließ sich gegen die Wand fallen und machte sie auf in Richtung Tür. Auf ihrem schweißgebadeten Körper breitete sich eine Gänsehaut aus. Sie spürte, dass ihr Körper zitterte und wollte weinen und zurück auf den Boden sinken. Sie ließ ihren Blick durch den Raum schweifen, auf der Suche nach einem scharfen Instrument, mit dem sie ihre Fesseln durchschneiden könnte.
Doch sie fand nichts.
Sie wollte am liebsten aufgeben. Es war zu viel und zu hart.
Mit dem Rücken zur Tür rüttelte sie an dem Türknauf. Als sie ihn in ihren Händen hielt, drehte sie ihn leicht. Ein leises Klicken ertönte, als sich die Tür öffnete.
Sie trat von der Tür weg und ließ sie auffallen. Sie konnte die frische Luft auf der anderen Seite der Tür spüren und fragte sich, ob sich in ihren ganzen Leben schon einmal etwas so gut angefühlt hatte.
Langsam und so leise wie möglich drehte sie sich um. Sie würde ein Telefon finden und jemanden anrufen, oder ein Fenster öffnen. Ihre Hände und Beine waren zwar immer noch gefesselt, aber sie würde das Risiko hinzufallen in Kauf nehmen, um zu entkommen.
Doch als sie sich vollständig umdrehte und ihr Gesicht zur Tür wandte, stand er dort.
Ihr Schrei wurde von einem Stoffknebel auf ihrem Mund erstickt. Er lächelte sie an und betrat den Raum. Anschließend legte er eine Hand auf ihre nackte Schulter, die er streichelte. Doch dann schubste er sie mit breitem Lächeln zurück. Sie fiel auf den Boden, wobei sich ihre Schulter verdrehte. Sie schrie erneut auf, was sich jedoch in heftiges Schluchzen verwandelte.
„Du wirst bald frei sein“, sagte er zu ihr.
Er ging auf die Knie und legte ihr wieder eine Hand auf die Schulter, als ob er ihr Mut machen wollte.
„Wir werden beide frei sein und er wird wunderbar sein.“
Dann verließ er den Raum und als er die Tür zumachte, konnte sie diesmal das zusätzliche Klicken eines Schlosses hören. Sie weinte und hatte das Gefühl, durch den Knebel zu ersticken. Währenddessen ging er hinunter, wobei er denselben Gott mit Liedern preiste, sodass sie auf seinem staubigen Boden verzweifelt bete.
*
Er mochte es nicht, unter Druck zu arbeiten. Was er ebenfalls nicht mochte, waren Veränderungen, vor allem, wenn er alles so gut geplant hatte. Und doch musste er nun seine Pläne inmitten der Arbeit ändern. Es galt noch drei weitere Städte zu errichten, drei weitere Opfer zu bringen. Eines war schon bereit, doch er hatte immer noch keine Ahnung, wie er die anderen beiden ausführen würde.
Für jetzt musste er es einen Schritt nach dem anderen angehen und sich voll und ganz um die vierte Stadt kümmern.
Er dachte, dass er sich angesichts der aktuellen Ereignisse recht gut angepasst hatte. Es war ein Zeichen Gottes gewesen, dass er an der Stelle, an der er die die vierte Stadt errichten wollte, vorbeigefahren und ein Polizeiauto gesehen hatte. Die Männer der Welt waren ihm auf den Fersen und würden alles tun, um seine Arbeit abzubrechen. Doch Gott, der allwissende und allherrschende, beschützte ihn. Er hatte gebetet und Gott hatte ihm gesagt, dass die Tat zählte, nicht der Ort des Opfers.
Er hatte sich dementsprechend angepasst. Und soweit er es beurteilen konnte, war er damit erfolgreich gewesen.
Zum Beispiel befand sich die Frau nicht mehr in dem Zimmer im oberen Stockwerk, sondern stattdessen in dem Schuppen. Sie hatte sich in eine Fötus-Position zusammengerollt, bei der sie ihre Knie mit den Armen umklammerte. Ihre Fußknöchel und Handgelenke waren aneinandergebunden, wobei das Seil einen gewissen Spielraum hatte, damit sie sich nicht versehentlich die Schulter verrenkte. Sie musste makellos sein, wenn er sie an die Stange fesselte. Gott würde keine befleckten Opfer akzeptieren.
Er beobachtete sie einen Moment lang, während er an der Stange lehnte, die er gerade in dem Schuppen aufgebaut hatte. Diese Frau war sehr hübsch, viel hübscher als die anderen. Von ihrem Führerschein wusste er, dass sie neunzehn Jahre alt war und ursprünglich aus Los Angeles kam. Er wusste nicht, warum die Frau hierhergekommen war, doch er wusste, dass Gott sie in sein Leben geführt hatte. Das Mädchen wusste es nicht, doch sie sollte sich geehrt fühlen. Sie erkannte nicht, dass sie schon vor ihrer Geburt dazu ausgewählt worden war, zur Ehre Gottes geopfert zu werden.
Er machte sich nie die Mühe, den Frauen dies zu erklären. Sie würden ihm sowieso nicht zuhören.
Er hatte diese hier komplett nackt ausgezogen. Die anderen hatte er in ihrem BH und Höschen gelassen, weil er sich nicht in Versuchung führen wollte. Aber diese hier war so ein perfektes Opfer, dass er sich nicht zügeln konnte. Er hatte noch nie so perfekte Brüste gesehen, nicht einmal in Filmen oder Zeitschriften.
Er wusste, dass er sich dafür bestrafen musste, dass er ihr Fleisch auf solche Art ansah. Er würde später Buße tun und sich heute Nacht oft Schmerzen zufügen.
Nachdem er die Stange aufgebaut hatte, war er in einen Baumarkt gefahren und eine Rolle Plastikfolie gekauft. Er hatte eine halbe Stunde damit verbracht, den Boden des Schuppens damit auszulegen, wobei er sie fest getackert hatte anstatt sie mit Nägeln zu befestigen, weil sie sich somit später einfacher entfernen lassen würde. Die Stange aufzustellen und den Boden auszulegen war harte Arbeit gewesen, doch sie hatte ihm gutgetan. Auf gewisse Wiese wusste er dadurch das kommende Opfer noch besser zu schätzen. So hart für ein Opfer zu arbeiten, gab ihm das Gefühl, der Tat würdig zu sein.
Er hielt inne und atmete tief durch, während er sein Werk betrachtete.
Jetzt war es fast an der Zeit.
Zuerst musste er beten, dann würde er die Frau an der Stange festbinden. Er würde den Knebel fester ziehen müssen, da er in so einer dicht bewohnten Gegend noch nie ein Opfer vollzogen hatte. Ein Fehler und die Nachbarn würden ihre Schreie hören, wenn die Peitsche auf ihren Körper trag. Aber er würde sich darum sorgen, wenn sie an der Stange hing.
Zuerst würde er beten und Buße tun. Er musste beten, dass seine Städte – seine Opfer – Gott gefallen würde und dass diese Arbeit dessen Pracht und Liebe des Menschen bestärken würde.
Er sank vor der Stange auf die Knie. Bevor er seine Augen zum Gebet schloss, blickte er noch einmal zu der Frau. Auf ihrem Gesicht schien sich Erkenntnis auszubreiten und bei diesem Anblick begann er seine Gebete mit einem großen Gefühl des Friedens.
Es war fast so, als ob sie wüsste, dass sie hinterher belohnt werden würde, als ob sie wüsste, dass sie eine Belohnung erhalten und von dieser Welt voller Dreck befreit werden würde, noch bevor die Stunde verstrichen war.
KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG
Mackenzie parkte ihr Auto am Ende des Straßenblocks in dieser heruntergekommenen Nachbarschaft und suchte eine detaillierte Karte der Gegend auf ihrem Handy, bevor sie ausstieg. Sie wusste, dass ihre Suche sich in dem Block auf drei verschiedene Straßen konzentrieren würde: Harrison, Colegrove und Inge.
Sie wusste, dass sie die Inge Street von ihrer Liste streichen konnte, da alle Häuser in dieser Straße verlassen waren, nachdem sie vor mehreren Jahren abgerissen werden sollte. Das wusste sie, weil sie ein beliebter Treffpunkt für Drogendealer und für Gangaktivitäten war. Sie hatte hier ihre erste Drogenfahndung erledigt und zum ersten Mal in ihrer Karriere ihre Seitenwaffe einsetzen müssen.
Colegrove und Harrison waren jedoch dicht bewohnt und schafften es, in dem ansonsten verweisen Stadtviertel zu überleben. Die Menschen hier verübten niedrige Arbeiten und gaben ihr Geld für Alkohol, Lottoscheine und, wenn noch etwas übrig war, für Fast Food aus.
Bevor sie ausstieg, suchte sie Ellingtons Nummer. Sie schrieb ihm die Straßennamen und fügte hinzu: Wenn Sie in ein paar Stunden nichts von mir gehört haben, rufen Sie jemanden an und schicken Sie ihn hierher.
Dann stellte sie ihr Telefon stumm und trat in die Nacht hinaus.
Mackenzie lief die Harrison Street gleichmäßigen Schrittes entlang, denn sie wollte zu so später Stunde nicht zu verdächtig erscheinen, obwohl jede Frau, die in der Dunkelheit alleine hier entlanglief, würde als dumm gelten. Sie hielt Ausschau nach Häusern mit Trucks oder Vans auf dem Grundstück und entdeckte zwei Häuser, die diese Bedingungen erfüllten.
Vor dem ersten Haus parkte ein Van in der kleinen Einfahrt. An der Seite stand in ausgebleichter Vinylschrift: Smith Brothers Plumbing.
So schnell sie konnte, schlich Mackenzie im Schatten der Häuser zur Seite des Vans und spähte durch das Beifahrerfenster hinein. Sie konnte fast nichts sehen, doch entdeckte eine Werkzeugbox. Zwischen den Sitzen und der Gangschaltung sowie zwischen dem Armaturenbrett und der Windschutzscheibe konnte sie mehrere Rechnungen sehen. Darauf war derselbe Schriftzug abgebildet wie auf der Seite des Vans, wodurch die Rechnungen eindeutig der Firma Smith Brothers Plumbing zugeordnet werden konnten.
Da sie dieses Haus von ihrer Liste streichen konnte, ging sie zum nächsten. Ein schwarzer Truck stand am Straßenrand. Es war ein neueres Modell, das einen Sticker der Gadsden Flag und an der Heckscheibe einen Aufkleber hatte, der den Besitzer als Vietnam Veteran kennzeichnete. Sie schaute in den Truck für Anzeichen, dass vor kurzem eine Zedernstange transportiert worden war, doch sie fand nichts.
Auch wenn sie einen Veteranen nicht alleine wegen seines Dienstes für das Land ausschließen wollte, konnte sich Mackenzie nur schwer vorstellen, wie ein fast siebzigjähriger Mann diese Stangen alleine herumtragen sollte.
Sie erreichte das Ende des Blocks und bog rechts in die Colegrove Street ab. Sie konnte den donnernden Bass lauter Rap Musik hören, die aus einem Haus drang. Als sie an jedem Haus auf der Suche nach Trucks oder Vans vorbeiging, erhaschte sie einen Blick auf den trüben Danvers River, der hinter den Häusern das Mondlicht reflektierte.
Direkt vor ihr stand ein Truck am Straßenrand. Noch bevor sie ihn erreichte, sah sie, dass es nicht der Truck war, nach dem sie suchte. Die hinteren Reifen waren platt und man konnte Anzeichen der Vernachlässigung sehen, weshalb sie davon ausging, dass er schon seit mehreren Jahren nicht mehr gefahren worden war.
Sie hatte die Straße halb durchquert und bei einem Blick nach vorne nicht außer Autos sehen, manche von ihnen in kleinen Einfahrten, doch die meisten standen am Straßenrand. Insgesamt waren es sechs Wagen, wobei einer neuer als die anderen fünf verrosteten Autos war.
Gerade, als sie glaubte, einer weiteren leeren Spur gefolgt zu sein, fiel ihr Blick auf ein Haus zu ihrer Linken. Am Straßenrand stand ein älterer Honda Accord. Ein kleiner, überwucherter Frontgarten führte zu einem halb zerfallenen Maschendrahtzaun, der zu einem ebenso schlechten Holzzaun führte. Als sie das andere Ende des Hauses erreichte, erstarrte sie.
Der Maschendrahtzaun war verschwunden, anscheinend endete er im Hinterhof. Was sie jedoch sah, war eine provisorische Einfahrt, die aus nicht mehr als plattgedrücktem Gras und schmalen Dreckspuren bestand. Sie folgte den Spuren mit den Augen und sah, dass sie bei einem alten grünen Fort Pickup endeten, dessen abgeschaltete Scheinwerfer direkt in ihre Richtung sahen.
Mackenzie warf einen Blick zu dem Haus und sah, dass ein einziges Licht brannte. Es war sehr schwach, weshalb sie sofort eine Lampe oder ein Licht im Flur irgendwo tiefer in dem Haus vermutete.
Schnell schlüpfte sie in den Hof, wobei sie den Spuren des Trucks folgte. Sie sah durch das Fenster auf der Fahrerseite in den Truck und entdeckte alte Fast Food Tüten und anderen Müll.
Dazwischen, in der Mitte der Sitzbank, lag eine Bibel.
Mit vor Adrenalin pumpendem Herzen versuchte sie, die Fahrertür zu öffnen, und war erstaunt, dass sie nicht verschlossen war.
Sie ging um den Truck herum und bemerkte, dass die Heckklappe offenstand. Sie spähte hinein und konnte kein eindeutiges Anzeichen erkennen, dass vor kurzem etwas transportiert worden wäre, doch es war generell schwierig, im Dunkeln etwas auszumachen.
Sie schaute zurück in den Hof und sah, dass ihre Annahme korrekt war; der Maschendrahtzaun führte den Hof entlang und endete neben einem Schuppen. Sie konnte zwar keine Fenster sehen, doch bemerkte einen kleinen Lichtschein, der unter der Tür des Schuppens hindurchstrahlte.
Sie betrat den Hinterhof, wobei sie sich an den Maschendrahtzaun hielt. Als der Schuppen in Sicht kam, dachte sie, dass das Licht wirklich etwas kleineres, wie etwa eine Kerze, war. Als sie das Ende des Zauns erreichte, verwandelte sich ihre Neugier in Vorsicht. Sie drückte sich dicht an den Boden, während sie das schwache Licht, das durch den kleinen Schlitz an der Tür fiel, betrachtete.
Sie begann, sich einen Weg durch den Zaun zu suchen, denn sie fürchtete, dass es zu laut wäre, darüber zu klettern. Währenddessen fiel ihr Blick auf einen weiteren Umriss neben dem Schuppen, den sie zuvor übersehen hatte, da er auf dem Boden und in den Schatten verborgen lag. Doch nun, da sie nicht weiter als drei Meter von dem Schuppen entfernt war, konnte sie den Umriss klar und deutlich erkennen.
Es waren sogar zwei Formen.
Zwei Zedernstangen, die etwa zweieinhalb Meter lang waren.
Sie wusste, dass sie nicht auf Verstärkung warten konnte.
Sie spürte mit jeder Faser ihres Wesens, dass sie keine Zeit verlieren durfte.
Deshalb legte sie ihre Hände mit all ihrer Muskelkraft und großer Nervosität hinauf an den Maschendrahtzaun.
Dann begann sie hochzuklettern.
KAPITEL DREIUNDDREISSIG
Der Zaun war alt und rostig, genau wie alles andere in dieser gottverlassenen Straße. Sie spürte, wie der Rost in ihre Finger schnitt, aber immerhin gab der Zaun durch den Rost kein Geräusch von sich, als sie hinaufkletterte. Der Zaun war zwei bis zweieinhalb Meter hoch und schon bald erreichte sie die Spitze.
Sie warf ein Bein darüber, balancierte und zog das andere hinterher.
Dann stieß sie sich in einer einzigen Bewegung von dem Zaun ab, sprang herunter und landete mit einem dumpfen Geräusch im Hof.
Sofort zog sie ihre Glock aus dem Halfter und schlich sich in geduckter Haltung zu dem kleinen Schuppen. Als sie an der Tür ankam, richtete sie sich leicht auf und suchte nach einem Punkt, an dem sich das Holz verzogen hatte, sodass sie hineinspähen konnte. Sie fand eine Stelle etwa auf Augenhöhe und schaute in den Raum hinein.
Als erstes fiel ihr die Stange auf, die direkt in der Mitte des Schuppens stand. Dann fiel ein Schatten darauf, der von dem Mann stammte, der sie errichtet hatte. Zuerst sah sie die Frau, die mit ihren Beinen in die Luft trat, und von einem Mann von hinten festgehalten wurde. Die Frau war bis auf einen Knebel in ihrem Mund nackt, der ihre Schreie erstickte, die sie bei ihrem Kampf ausstieß.
Der Mann, über dessen Schulter ein Seil wie eine Schlange geschlungen war, zog sie in Richtung der Stange.
Mackenzies Herz schlug so schnell, dass sie kaum hören konnte, was vor sich ging, doch sie hatte genug gesehen. Sie wusste, dass sie schnell handeln musste, sie musste die Türe aufziehen und mit erhobener Waffe hineinstürmen, bevor der Kerl verstand, was geschah.
Das wäre natürlich einfacher, wenn man Hilfe hätte, dachte sie und bereute plötzlich, dass sie alleine hierhergefahren war.
Sie legte ihre Hand auf die rostige Türklinke. Als sie sie umfasste, wurde sie von einem abscheulichen Gedanken erfasst. Was, wenn sie von innen verschlossen ist?
Sie holte tief Luft, hielt den Atem an und stieß ihn erst dann wieder aus, als sie die Tür aufriss.
Sie sprang mit erhobener Waffe hinein.
„Polizei! Legen Sie die Waffe weg und heben sie Ihre Hände – “
Sobald sie eintrat, wusste sie, dass sie einen Fehler begangen hatte, denn der Boden unter ihren Füßen fühlte sich seltsam an. Und dann ertönte ein Geräusch, das keinen Sinn ergab.
Mackenzie schaute eine Millisekunde nach unten und wandte ihren Blick von dem Mann vor ihr ab. Dabei entdeckte sie, dass der Boden mit einer Plastikplane ausgelegt war, auf der sie stand. Und obwohl sie weniger als eine Sekunde für diese Erkenntnis brauchte, war es eine Sekunde zu viel.
Die finstere Gestalt vor ihr ging sofort in die Hocke, krallte seine Hände in die Plastikplane und zog mit voller Kraft daran.
Mackenzie spürte, wie sich der Boden bewegte. Das Plastik, auf dem sie stand, wurde mit einem Ruck zu ihm gezogen, sodass sie ihren Halt verlor und zu Boden fiel.
Der Mann schubste die nackte Frau in ihre Richtung, welche direkt auf ihr landete.
Leicht benebelt schob Mackenzie die Frau hektisch von sich herunter, doch im selben Moment stürzte sich der Mann auf sie und schlug mit seinen Fäusten auf sie ein. Mackenzie hatte sich gerade halb aufgerichtet, als er sie direkt zwischen die Augen traf, weshalb sie wieder nach hinten umkippte.
Als sie hinfiel, erhaschte Mackenzie ihren ersten Blick auf den Mörder. Er war in seinen Vierzigern und hatte nur noch wenig Haare. Seine Augen strahlen in einem elektrischen Blau und hatten den Ausdruck eines verrückten Tieres, das zu lange eingesperrt war, jedoch eine gute Vorstellung von der Freiheit hatte. Er war klein und stämmig. Mackenzie vermutete, dass sich unter seinem Hemd mehr Muskeln versteckten als es den Anschein machte. Der Schlag, den er ihr versetzt hatte, bestätigte sie in dieser Annahme.
Jetzt ging er mit einer Schnelligkeit auf sie zu, die in dem beengten Raum des kleinen Schuppens unmöglich schien. Er hatte etwas in seine Hand, das durch die Dunkelheit glitt. Alas er seinen Arm hob, erkannte Mackenzie, was es war. Sie sah das gespaltene Ende auf sich zurasen.
Mackenzie rollte sich gerad noch rechtzeitig weg.
Die Peitsche traf mit einem lauten Schlag weniger als fünf Zentimeter neben Mackenzies rechtem Ohr auf den Boden. Das Geräusch war ohrenbetäubend.
Der Mörder hob die Peitsche erneut hoch, diesmal zielte er direkt auf Mackenzie.
Doch nun hob sie ihre Waffe, stabilisierte ihre Hand und drückte ab.
Seine Armbewegung beim Schwingen der Peitsche führte dazu, dass sie ihr eigentliches Ziel verfehlte und ihn in die Schulter statt ins Herz traf.
Er ließ die Peitsche fallen und stolperte vor, wobei er Mackenzie ansah, als ob ihn die bloße Vorstellung einer Pistole absurd erschien.
Trotzdem ließ er sich davon nicht aus der Fassung bringen. Er langte nach ihr und nach ihrer Waffe. Mackenzie schoss erneut ab, diesmal erwischte sie seinen rechten Arm, als er sich auf sie stürzte.
Er warf sich mit seinem gesamten Gewicht auf sie, was einen starken Schmerz in ihrem Körper auslöste. Instinktiv öffneten sich ihre Hände und die Glock fiel auf den Boden.
Sobald sie hörte, wie die Waffe auf den Boden fiel, richtete sich der Mörder auf und zog seine Hand zurück. Doch bevor er sie wieder herunterbringen konnte, boxte sie ihn in den Bauch. Doch da sie mit dem Rücken auf dem Boden lag, hatte sie nicht genug Kraft, weshalb sie nur seinen Schlag abwehren konnte. Als er auf sie einschlagen wollte, trag seine Faust auf ihre Schulter, gleichzeitig drehte Mackenzie auf die Seite und versetzte ihm mit ihrem Ellbogen einen kräftigen Stoß seitlich ans Kinn.
Er glitt von ihr herunter und sie griff sofort nach der Glock.
Als Mackenzie ihre Waffe wiederhatte, rannte der Mörder davon. Sie hob die Glock hoch und zielte auf die Tür, gerade, als er hinausschlüpfte. Fast hätte sie abgefeuert, doch die nackte Frau war im Weg.
Mackenzie sprang auf die Füße und schaute die nackte, zitternde und noch immer gefesselte Frau an.
„Bleib hier“, sagte Mackenzie. „Ich hole dich dann.“
Die Frau nickte und Mackenzie sah etwas Gebrochenes in den Augen der Frau. Die Ereignisse dieser Nacht, egal mit welchem Ausgang, würden diese arme, junge Frau für den Rest ihres Lebens verfolgen.
Durch diesen schauerlichen Gedanken angetrieben, rannte Mackenzie gerade noch rechtzeitig aus dem Schuppen, um die Hintertür des Hauses zufallen zu sehen. Mackenzie nahm sofort die Verfolgung auf und rechnete schon damit, dass die Hintertür verschlossen war.
Doch als sie den Türknauf drehte, gab er nach. Die Hintertür öffnete sich und gab den Blick auf einen Flur frei, der in eine dunkle Küche führte.
Das war Absicht, dachte sie. Er will, dass ich ihm hineinfolge.
Sie dachte nur einen kurzen Moment darüber nach, bevor sie eintrat und sich mit erhobener Waffe in die Dunkelheit begab.
KAPITEL VIERUNDDREISSIG
Mackenzie trat in die Küche und erkannte sofort, dass es den Mann nicht sonderlich kümmerte, wie er lebte. Der Geruch nach verdorbenem Essen lag in der Luft und vermischte sich mit Staub und dem Körpergeruch eines alten Menschen. Sie spürte, wie ihre Hand feucht wurde und ihr Herz schnell schlug, weil sie wusste, dass die Chance bestand, in diesem Haus zu sterben, weshalb sie versuche, ihren Griff um die Waffe zu festigen.
Mackenzie schlich durch die Küche und lauschte nach Geräuschen im Haus. Nun, da sie im Haus waren, wusste sie, dass sie keine Kontrolle über das hatte, welche Waffen dem Täter zur Verfügung standen. Er konnte zum Beispiel gerade seine eigene Waffe holen.
Mackenzie erreichte das Ende der Küche, wo sie ein dunkler Flur erwartete. Auf halber Höhe führte eine Holztreppe ins obere Stockwerk. Der Mörder war hier im Vorteil und das wusste sie. Es wäre dumm, einfach den Flur entlang zu gehen. Sie schaute nach rechts und entdeckte ein Wohnzimmer, das von einer kleinen Lampe auf einem Tisch beleuchtet wurde, auf dem eine weitere Bibel lag. Aus dieser ragte ein Lesezeichen, daneben lagen ein Stift und ein Notizblock.
Von oben ertönte ein leises Knarzen der Dielen, das die Position des Mörders preisgab. Mackenzie handelte schnell, denn sie wollte ihn überraschen.
Jetzt oder nie, dachte sie.
Innerhalb von weniger als drei Sekunden rannt sie den Flur entlang und die Treppe halb hinauf. Dort hielt sie inne und starrte in die Dunkelheit über ihr. Ihre Augen begannen sich an die Lichtverhältnisse gewöhnen und sie dachte, dass es sicher wäre, weshalb sie weiter hinaufgehen wollte.
Doch plötzlich hörte sie Schritte aus der Küche. Verwirrt schaute Mackenzie die Treppe hinunter, gerade rechtzeitig, um zu sehen, dass das Opfer zur Treppe kam. In ihren Augen lag Wahnsinn, und Mackenzie war etwas von der Tatsache verwirrt, mitten in einer solch angespannten Situation eine attraktive, nur in Unterwäsche gekleidete Frau zu sehen.
„Bitte“, sagte die Frau. „Sie müssen die Polizei rufen. Ich kann nicht – “
Doch sie hatte keine Chance, ihren Satz zu beenden. Stattdessen schrie sie und ihre Augen richteten sich auf etwas über Mackenzie. Diese drehte sich blitzschnell um und sah, dass die Figur des Mörders mit solcher Geschwindigkeit auf sie zuflog, dass Mackenzie kaum Zeit hatte, ihre Pistole hochzureißen.
Zisch!
Die Peitsche traf sie und die Knöchel ihrer rechten Hand explodierten fast vor Schmerz, kurz darauf folgte ein brennender Schmerz an ihrer linken Wange, als er erneut zuschlug.
Sie spürte sofort das Blut fließen, dass über ihre Finger und das Gesicht strömte. Sie sah ihn auf sich zukommen, Stufe um Stufe, weshalb sie blind abdrückte, doch sie wusste, dass der Schmerz in ihrer Hand ihre Zielgenauigkeit beeinträchtigte.
Trotzdem hörte sie ihn vor Schmerz aufschreien, da ihn einer der Schüsse in den Bauch getroffen hatte.
Erstaunlicherweise bremste dies seinen Schlag jedoch kaum. Wieder stieß er mit seinem gesamten Gewicht gegen sie, weshalb sie rückwärts die Treppe hinunterfiel.
Sie wollte sich an der Wand festhalten, doch es nützte nichts. Stattdessen verlor sie nur ihre Waffe. Sowohl der Mörder als auch Mackenzie fielen die Treppen hinunter und als Mackenzie mit dem Rücken aufschlug, spürte sie wie ihr der Atem genommen wurde.
Sie rollten die restlichen Stufen in einem Knäuel aus Armen und Beinen hinunter. Als sie schließlich am Boden ankamen, bestand Mackenzies Rücken nur noch aus Schmerz und das Blut aus ihrem Gesicht bedeckte auch ihren Hals und tränkte ihr T-Shirt.
Nun rappelte sich der Mörder auf die Füße, wobei der dieselbe Peitsche anhob, mit der er sie auf der Treppe angegriffen hatte. Er drehte sich um und peitschte das eigentliche Objekt seiner Verrücktheit, die Frau in dem rosa BH, die vor Angst erstarrt dort stand und zusah. Seine Waffe traf auf ihre Schulter, wo sich sofort ein roter Striemen bildete und das Blut an die Wand im Flur spritzte.
Da die Frau heulend zu Boden fiel, versuchte Mackenzie einen eigenen Angriff zu starten, doch ihr Rücken schien nicht mitarbeiten zu wollen. Sie fühlte sich gelähmt und fragte sich, ob beim Sturz auf der Treppe wohl die Wirbelsäule beschädigt worden war.
Der Mörder richtete seine Aufmerksamkeit nun auf sie und holte erneut mit der Peitsche aus. Das Lächeln auf seinem Gesicht war das eines Wahnsinnigen aus einem Alptraum.
„Ich werde in deinem Namen eine Stadt erbauen“, sagte er, als er sich darauf vorbereitete, sie mit der Peitsche zu schlagen.
Mackenzie konnte nur zusammenzucken und auf das Auftreffen der Peitsche auf ihrer Haut zu warten, das von einem beängstigenden Zischen begleitet und ihre Haut in Stücke reißen würde, womit sie für immer entstellt wäre. Sie fragte sich, wie sich aussehen würde, wenn er fertig war – wenn sie denn überhaupt überlebte.
Plötzlich drang ein lautes Geräusch aus der Küche. Mackenzie verstand nicht, was es war, bis ein weiterer Mensch im Flur auftauchte. Er rannte den Gang entlang und stürzte sich auf den Mörder.
Dieser wurde mitten in der Bewegung zu Boden geworfen. Erst als die beiden Menschen miteinander rangen, erkannte Mackenzie schockiert, wer die andere Person war.
Porter.
Das ergab keinen Sinn. Ein Teil von Mackenzie fragte sich, ob sie sich bei dem Sturz die Treppe hinunter ihren Kopf gestoßen hatte und nun Wahnvorstellungen hatte.
Doch als ihr Körper ihr allmählich wieder gehorchte und sie sich mit schweren Bewegungen auf die Knie aufrappelte, sah sie, was vor ihr geschah. Porter hatte sie gerettet. Jetzt kämpfte er mit dem Mörder, wobei er auf diesem saß und ihm einen rechten Kinnhaken gab.
Obwohl sich schwarze Punkte in ihren Blick drängten, suchte Mackenzie nach ihrer Waffe. Es fühlte sich so an, als würde der Boden schwanken und mittlerweile konnte ihr eigenes Blut sogar riechen. Es floss aus ihrer Wange wie ein Fluss und –
Plötzlich sah sie ihre Waffe. Sie befand sich nur wenige Zentimeter von der Hand des Mörders entfernt, welcher sich anstrengte, danach zu greifen.
„Porter“, krächzte sie, denn ihre Beine waren immer noch zu schwach, als dass sie ihnen hätte vertrauen können.
Sie versuchte, vorzustoßen, doch ihr Rücken blockierte, weshalb sie mit schmerzverzerrtem Gesicht wieder auf die Knie fiel. Sie konnte nur hilflos dabei zusehen, wie der Mörder nach ihrer Glock griff.
Porter erkannte das zur selben Zeit, weshalb er sich streckte, um zu vermeiden, dass der Mörder die Waffe in eine Position bringen konnte, die es ihm ermöglichen würde, abzudrücken.
Doch Porter verlor auf dem Mörder sein Gleichgewicht. Gleichzeitig nutzte dieser die Situation aus, indem er Porter von sich herunterrollte und nach der Waffe griff.
Dann stand er auf und drückte ab.
Das Geräusch war ohrenbetäubend und Porters Schmerzensschrei viel zu kurz. Mackenzies Herz setzte einen Schlag aus, denn sie hoffte, dass es nicht das bedeutete, was sie dachte.
Mackenzie ignorierte den beißenden Schmerz in ihrem Rücken und stolperte vor. Der Mörder stand dort, sein Gesicht war durch Porters Angriff nun ebenfalls blutig, und Mackenzie attackierte ihn von hinten, wobei sei ihm ihren Ellbogen hart zwischen seine Schultern stieß.
Er fiel zu Boden und ließ die Waffe los.
Mackenzie schrie auf, da der Schmerz in ihrem Rücken unerträglich wurde, als sie dem Mann ihr Knie in den Rücken stieß. Sie konnte praktisch spüren, wie die Luft aus seinen Lungen wich, weshalb sie die Situation sofort ausnutze.
Sie legte ihre Hände auf beide Seiten seines Kopfes, wobei ihre rechte Hand durch seinen Peitschenangriff blutüberströmt war, und hob ihn ein paar Zentimeter vom Boden an. Dann schlug sie seinen Kopf mit einem Schrei, ausgelöst durch Schmerz, Frustration und ihrem Sieg, auf den Holzboden.
Er stöhnte und schnappte nach Luft.
Sie tat es wieder, schnell wie eine Maschine. Auf und ab.
Diesmal gab er kein Geräusch mehr von sich.
Sie rollte sich von seinem Rücken und lehnte sich an die Wand. Dann rutschte sie zu Porter und ihr Herz ging auf, als sie sah, dass er sich bewegte. An der linken Seite seines Kopfes sammelte sich Blut und er drückte eine Hand an sein Ohr wie ein verängstigtes Kind.
„Porter?“
Er antwortete nicht. Jedoch rollte er sich herum und sah sie an.
„White?“
Er schaute besorgt aus, als er sich das Blut aus dem Gesicht wischte.
„Die verdammte Pistole feuerte direkt neben meinem Ohr ab“, sagte er mit lauter Stimme. „Ich kann nichts hören.“
Sie nickte, streckte ihren Rücken und versuchte, den Schmerz loszuwerden. Doch er wollte nicht weggehen, so kam es ihr zumindest vor. Sie legte ihre Hand auf den Hals des Mörders. Wegen ihres eigenen schnellen Herzschlags konnte sie seinen nur schwer feststellen, doch sie war sich ziemlich sicher, dass er noch einen hatte.
Dann legte sich Mackenzie neben Porter auf den Boden und holte ihr Handy aus der hinteren Tasche ihrer Hose. Sie suchte Nelsons Nummer, wobei ihre Hand blutige Streifen auf dem ganzen Telefon hinterließ.
Als das Telefon zu währen begann, tastete sie mit ihrer freien Hand herum und fand schließlich die von Porter. Sie drückte sie und trotz des Blutes, das an ihren Fingern klebte, erwiderte Porter den Druck.
KAPITEL FÜNFUNDDREISSIG
Drei Tage, nachdem der Vogelscheuchen-Mörder verhaftet genommen worden war, kehrte Mackenzie in dasselbe Krankenhaus zurück, aus dem sie vor gerade einmal zwei Tagen mit vierzehn Stichen an ihrer Wange und fünf auf ihrer rechten Hand entlassen worden war. Sie ging in den zweiten Stock und betrat den Raum, in dem Porter lag. Ihn in einem Krankenhausbett liegen zu sehen, brach ihr das Herz, vor allem, wenn man bedachte, wie er hier gelandet war.
Er lächelte sie an, als sie eintrat. An der linken Seite seines Kopfes lag ein dicker Verband, doch sie war erleichtert zu sehen, dass, im Gegensatz dem letzten Mal, als sie ihn gesehen hatte, nun keine Nadeln mehr in seinen Armen steckten.
„Da ist sie ja“, sagte Porter.
Sie lächelte und war immer noch erstaunt, wie sehr sich ihre Beziehung verändert hatte.
„Wie geht es dir, Porter?“
„Also, die gute Nachricht, dass ich dich hören kann, was mir die Ärzte vor zwei Tagen noch nicht versprechen konnten. Die schlechte Nachricht ist, dass ich dich nicht sonderlich gut hören kann. Das schlimmste, was passieren kann, ist, dass ich auf dem einen Ohr nie wieder so gut werde hören können wie zuvor. Es scheint, dass die Kugel den oberen Teil abgerissen hat.“
„Das tut mir leid.“
„Was hätte ich denn tun sollen?“, fragte Porter, leicht verstimmt. „Dein FBI Kumpel rief mich an und meinte, dass du diesen Kerl ganz alleine fassen willst. Ich musste helfen.“
Sie schüttelte den Kopf und drückte seine Hand.
„Wie hast du mich eigentlich gefunden?“
„Es könnte sein, dass ich in dein Haus eingebrochen bin“, antwortete Porter mit einem gerissenen Lächeln. „Ich sah deine Karte, auf der das Zentrum der Städte eingezeichnet war. Als ich dann in die Gegend kam, hörte ich Pistolenschüsse – ich schätze, da hast du ihn gerade in dem Schuppen überwältigen wolltest. Von da an folgte ich einfach den Geräuschen.“
„Porter, vielen Dank. Ich wäre gestorben – “
Er schüttelte mit zusammengepresstem Kiefer den Kopf.
„Auf keinen Fall“, widersprach er. „Du hättest ihn irgendwie überwältigt.“
Mackenzie nickte, denn sein Kompliment bedeutete ihr viel, doch sie war sich da nicht so sicher. Wenn sie die Augen schloss, konnte sie immer noch das Gesicht des Mörders vor sich sehen, als er sich darauf vorbereitete, sie umzubringen. In den letzten beiden Nächten war sie durch eine Panikattacke verschwitzt und alleine in ihrem Bett aufgewacht und nun fragte sie sich, ob sie die Erinnerung jemals vergessen würde.
Sie war in ihren Gedanken verloren und merkte nicht, wie viel Zeit verstrichen war, als Porter weitersprach.
„Wie geht es deinem Rücken?“, fragte er, womit er das Thema wechselte, wahrscheinlich, weil er sah, dass etwas in ihr geschah.
Sie lächelte und zwang sich aus ihren Erinnerungen. Schließlich war sie hierhergekommen, um Porter beizustehen, das war das Mindeste, was sie ihm schuldete.
„Ich hatte heute Morgen meinen Abschluss-Röntgentest“, erwiderte sie. „Alles ist in Ordnung. Keine Wirbelsäulenverletzung, nur eine starke Verstauchung. Ich hatte Glück.“
„Wenn man die Stiche in deinem Gesicht und mein entstelltes Ohr betrachtet, dann würde ich nicht das Wort Glück verwenden.“
Mackenzie ging zu dem Besucherstuhl am Kopfende des Bettes und schaute ihn so ernst an wie es ihr möglich war.
„Ich bin gekommen, um mich zu bedanken“, sagte sie. „Und um mich zu verabschieden.“
Er schaute alarmiert auf.
„Verabschieden?“
Sie straffte sich.
„Ja. Nelson musste eine schwere Entscheidung treffen. Als herauskam, dass ich den Mörder fasste, nachdem ich von dem Fall abgezogen worden war, wurde es hässlich.“
„Er hat dich wirklich rausgeworfen?“
„Nein. Er hat mich für sechs Monate suspendiert. Danach habe ich gekündigt.“
Porter setzte sich im Bett auf, wobei er das Gesicht verzog, doch er schaffe es trotzdem noch, sie finster anzusehen.
„Warum zur Hölle hast du das getan?“
Sie schaute zu Boden, denn sie wusste nicht, wie sie es erklären sollte.
„Weil ich zu viel Zeit damit verschwendet habe, zu beweisen, dass ich kein junges, naives Mädchen bin, das versucht, eine zum Großteil aus Männern bestehende Polizeiwache zu übernehmen. Wenn man nun noch hinzuzählt, dass ich mich den Anweisungen des Polizeichefs widersetzte, werde ich noch lange daran arbeiten müssen, bis ich das geschafft habe.“
Er runzelte die Stirn und schwieg lange Zeit.
„Was hast du jetzt vor?“, wollte er wissen. „Du bist ein zu guter Detective, um einen anderen Weg einzuschlagen.“
Sie lächelte und sagte: „Ich ziehe andere Möglichkeiten in Betracht.“
Er grinste sie an und gluckste.
„Du gehst zum FBI, nicht wahr?“
Sie war sich sicher, dass sie ihren Schock nicht verbergen konnte, und erwiderte sein Lächeln, als er nach ihrer Hand griff. Es erinnerte sie an ihren letzten bewussten Moment in dem Haus des Mörders und wollte ihm erzählen, was sie für ihre Zukunft geplant hatte. Jedoch blieb sie still. Jetzt war nicht die Zeit dafür.
Er hatte den Nagel auf den Kopf getroffen und sie damit überrascht. War er schon immer so scharfsinnig gewesen? Hatte er die ganze Zeit seine wahre Haltung ihr gegenüber, nämlich die eines besorgten Freundes, unter seinen schneidenden Bemerkungen und seiner Ungeduld versteckt?
„Das machst du wirklich“, bemerkte er. „Gut für dich. Lass uns ehrlich sein – du gehörst dort hin. Du warst schon immer zu gut für diesen Ort hier. Das weiß ich und du solltest das besser auch erkennen. Ich habe dich immer so sehr herausgefordert, weil ich wollte, dass du noch besser wirst. Ich wollte, dass du hier wegkommst. Und es scheint, als hätte ich mein Ziel erreicht.“
Sie hatte eine Zurechtweisung erwartet, und war von seiner Wärme und seiner echten Freude für sie tief berührt und erleichtert.
Zum ersten Mal seit langer Zeit spürte sie Tränen der Dankbarkeit. Sie schaffte es jedoch, sich zu beherrschen und ließ stattdessen die Stille für sie sprechen, während sich ihre Hände fest in einem Zeichen der Freundschaft umschlossen, die sich viel zu spät entwickelt hatte.
KAPITEL SECHSUNDDREISSIG
Das Packen hatte nicht viel Zeit in Anspruch genommen. Sie hatte es geschafft, etwa die Hälfte ihrer Kleider in zwei Koffer zu stecken und die andere Hälfte in einem Karton zu verstauen, auf den sie mit einem Textmarker BITTE SPENDEN geschrieben hatte. Eine weitere Box enthielt bestimmte Gegenstände, wie beispielsweise verschiedene Bücher, ein altes iPad, einen Plattenspieler, den sie einmal reparieren wollte, bis jetzt jedoch noch nicht dazugekommen war. Auf diesem Karton stand dieselbe Beschriftung.
Sie hatte Zack angerufen, in dem Wissen, dass er auf der Arbeit war und ihren Anruf nicht annehmen konnte. Sie hatte ihm eine Nachricht hinterlassen, die sie nun, da sie ihre Koffer zur Eingangstür hinausschob, bereute. Sie war nur kurz gewesen und jetzt, als sie sich in dem Haus, das ungewöhnlich leer und sauber war, noch einmal umschaute, fragte sie sich, ob sie ihm eine längere Erklärung schuldig gewesen war.
Doch der Gedanke war lächerlich. Wenn sie jemandem eine Erklärung schuldete, dann ihr selber, warum sie so lange in diesem Lebensstil versauert war.
„Ich verlasse die Stadt für immer“, hatte sie ihm hinterlassen. „Das Haus ist bis Ende nächsten Monats bezahlt. Wenn du es willst, kannst du einziehen. Wenn nicht, dann wird die Mietszeit auslaufen und wieder auf den Markt kommen. Alle deine Sachen sind noch dort, hol sie also wann immer du willst. Du kannst die Möbel, den Fernseher und auch alles andere, das wir uns gemeinsam kauften, haben. Ich beginne ein neues Kapitel in meinem Leben und es ist offensichtlich, dass du kein Teil davon bist. Bitte respektiere meinen Wunsch und ruf mich nicht an. Pass auf dich auf, Zack.“
Der Teil mit dem neuen Kapitel klang wie ein Klischee, aber es stimmte. Es war der Grund, warum sie Möbel und Geräte im Wert von mehreren tausend Dollar einfach so hinter sich lassen konnte. Sie waren die Diskussionen mit Zack einfach nicht wert. Das war auch der Grund, warum sie die Hälfte ihrer Kleider zurückgelassen hatte. Sie würde sich neue Kleider kaufen – Kleider, die sie schon immer tragen wollte, aber sich es nicht getraut hatte, weil sie nicht wusste, was Zack, Porter oder Nelson davon halten würden.
Dieses neue Leben, auf das sie zuging, bot ihr eine neue Version von sich selbst, von der sie bis jetzt nur hatte träumen können. Was war denn die Alternative? Sollte sie etwa hierbleiben, ihre Suspendierung absitzen und anschließend mit einem Makel mehr auf die Arbeit zurückzukommen, wo sie von den alternden Männern nur als eine leere Bedrohung angesehen wurde?
Nein, danke.
Das Haus war noch nie so ruhig gewesen. Es war fast so ruhig und still wie Mordschauplätze, die sie gesehen hatte – fast so stoisch wie das Maisfeld, in dem sie das erste Opfer gefunden hatten. Alle ihre Dinge, die in dem Haus blieben, waren tot. Das spürte sie mit Gewissheit, als ihre Hand auf den Türgriff legte.
Als Mackenzie die Tür aufzog und hinaustrat, spürte sie, wie ein unsichtbares Gewicht von ihren Schultern genommen wurde. Dieses Gefühl verstärkte sich sogar noch, als sie ihre Koffer den kleinen Hof zu ihrem Auto entlang schob. Sie packte sie in den Kofferraum, schlug ihn zu und setzte sich hinter das Lenkrad.
Als sie rückwärts auf die Straße fuhr, schenkte sie dem Haus keinen zweiten Blick. Ihre Zukunft lag in der anderen Richtung. Das Haus stand für eine Vergangenheit, die bereits jetzt schon anfing, von ihren Schultern zu gleiten, wie eine Last, die sie länger getragen hatte als es für sie gut gewesen wäre.
*
Die Zeitungen hatten endlich genug von der Geschichte. Mackenzie hatte sie auf fünf verschiedene Weisen gelesen und egal, wie sie erzählt wurde, hatte Mackenzie doch immer das Gefühl, dass sie von einem anderen Ereignis berichtete.
Sie hatte keine Interviews gegeben, weshalb die Journalisten Spekulationen anstellten. Sie war sogar auf die Internetseite Oblong Journal gegangen, um zu sehen, ob Ellis Pope etwas über darüber geschrieben hatte.
Er hatte sie nicht enttäuscht, denn er hatte eine Geschichte über eine gewalttätige junge Frau erzählt, die dachte, dass sie die Rechtschaffende wäre, weshalb sie sich über die Befehle ihres Chefs hinweggesetzt und den bösen Kerl verhaftet hatte. Obwohl der Artikel vor Hass und Beleidigungen nur so strotzte, wurde Pope in den Kommentaren zerrissen und Mackenzie als knallharte Polizistin und hin und wieder auch als heiße Braut bezeichnet.
Diese Geschichte las sie gerade auf ihrem iPad am Flughafen, als ihr Flug aufgerufen wurde. Sie nahm sich ihre Taschen und dachte über den Anruf nach, den sie früher am Morgen mit Ellington geführt hatte. Es fühlte sich immer noch wie ein Traum an, sogar als sie in Richtung Gate lief.
„Ich wollte Ihnen nur Bescheid sagen, dass ich gebeten wurde, bei deinem Ankunftsmeeting anwesend zu sein“, hatte er gesagt. „Ist das in Ordnung für Sie?“
„Ja, das ist okay.“
„Sind Sie aufgeregt?“
„Ja, aber ich bin vor allem nervös.“
„Das müssen Sie nicht. Jeder hier ist begeistert, dass Sie kommen. Und jetzt geht es mehr als nur um mein Lob. Die Medien haben in letzter Zeit in höchsten Tönen von Ihnen gesprochen. Und die Tatsache, dass Sie bescheiden damit umgehen, spricht Bände.“
„Danke noch einmal“, hatte Mackenzie erwidert.
Er hatte gegluckst und geantwortet: „Special Agent White. Wie hört sich das an?“
Sie begann, die Rampe zu dem Flugzeug hinaufzugehen, wobei sei innehielt und ein letztes Mal auf den Flughafen zurückblickte. Sie hatte erwartet, alles in sich aufzunehmen und einen letzten Blick auf ihr Zuhause zu werfen, doch stattdessen sah sie zu ihrem Horror nur den Moment vor Augen, als sie den Kopf des Mörders wieder und wieder auf den Boden geschlagen hatte. Sie erinnerte sich daran, wie wild sich das angefühlt hatte – wie absolut ungezähmt und unberechenbar. Dieses Gefühl hatte ihr in den folgenden Tagen Angst gemacht, doch sie wusste auch, dass es nun ein Teil von ihr war – ein Teil, von dem sie wusste, dass es ihn gab, seit sie ihren Vater tot aufgefunden hatte.
Jetzt, da sie diesen Teil von sich herausgelassen und ihn akzeptiert hatte, wie würde das ihre Arbeitsweise beeinflussen?
Sie nahm an, dass dies sie es nur bei einem neuen Job herausfinden konnte, bei dem sie niemand kannte. Obwohl sie nicht naiv genug war, um zu glauben, dass es ein vollständiger Neuanfang sein könnte, war sie sich zum ersten Mal sicher, dass sie es schaffen konnte.
Sie schüttelte die Bilder ab und schritt den Weg weiter voran. Ein Flugzeug wartete auf sie.
Genau, wie eine neue Zukunft.

BEVOR ER SIEHT
(Ein Mackenzie White Krimi—Buch 2)
Von Blake Pierce, der Bestsellerautorin von VERSCHWUNDEN (einem #1 Bestseller mit mehr als 600 Fünf-Sterne-Bewertungen), erscheint nun Buch #2 einer spannenden neuen Krimireihe.
In BEVOR ER SIEHT (Ein Mackenzie White Krimi—Buch 2), kämpft die in der Ausbildung zu FBI Agentin steckende Mackenzie White darum, sich in der FBI Academy in Quantico einen Namen zu machen und sich gleichzeitig sowohl als Frau als auch als Neuankömmling aus Nebraska zu beweisen. In der Hoffnung, dass sie das Zeug dazu hat, eine FBI Agentin zu werden, und ihr Leben im Mittleren Wesen für immer hinter sich zu lassen, will Mackenzie sich zurückhalten und ihre Vorgesetzten beeindrucken.
Aber alles ändert sich, als die Leiche einer Frau in einer Mülltonne gefunden wird. Der Mord hat große Ähnlichkeit mit dem Fall des Vogelscheuchen-Mörders, durch den Mackenzie in Nebraska berühmt wurde. Im hektischen Kampf gegen die Zeit, um einen neuen Serienkiller zu stoppen, beschließt das FBI, sein Protokoll zu brechen und Mackenzie den Fall zu übertragen.
Für Mackenzie ist es ihre Chance, das FBI zu beeindrucken, doch die Erwartungen waren noch nie so hoch. Nicht jeder will, dass sie den Fall leitet, und alles, was sie in Angriff nimmt, scheint schief zu gehen. Als der Druck am höchsten ist und der Mörder wieder zuschlägt, findet sich Mackenzie alleine in einem Heer erfahrener Agenten, und schon bald erkennt sie, dass sie bereits viel zu tief in der ganzen Sache verwickelt ist. Ihre gesamte Zukunft beim FBI steht auf dem Spiel.
So hart und entschlossen Mackenzie auch ist, so brillant sie Mörder auch jagen kann, dieser neuer Fall entpuppt sich als unlösbares Rätsel, etwas, dem sie nicht gewachsen ist. Womöglich hat sie nicht einmal genug Zeit, es zu entschlüsseln, da ihr eigenes Leben über ihrem Kopf zusammenbricht.
Als dunkler Psychothriller mit kaum auszuhaltender Spannung ist BEVOR ER SIEHT der zweite Teil einer fesselnden neuen Krimireihe – mit einem neuen, liebenswerten Charakter – das Sie bis spät in die Nacht fesseln wird.
Buch #3 der Mackenzie White Krimireihe wird bald verfügbar sein.

BEVOR ER SIEHT
(Ein Mackenzie White Krimi—Buch 2)
Blake Pierce
Blake Pierce ist die Autorin der Bestseller Krimireihe RILEY PAGE, die bisher die spannenden Thriller VERSCHWUNDEN (Buch #1), GEFESSELT (Buch #2), ERSEHNT (Buch #3), und GEKÖDERT (Buch #4) umfasst. Blake Pierce ist ebenfalls die Autorin der MACKENZIE WHITE Krimireihe sowie der AVERY BLACK Krimireihe.
Blake Pierce ist eine begeisterte Leserin und schon ihr ganzes Leben lang ein Fan des Krimi- und Thrillergenres. Blake liebt es von Ihnen zu hören, also besuchen Sie www.blakepierceauthor.com und bleiben Sie in Kontakt!
BÜCHER VON BLAKE PIERCE
RILEY PAIGE KRIMIREIHE
VERSCHWUNDEN (Buch #1)
GEFESSELT (Buch #2)
ERSEHNT (Buch #3)
GEKÖDERT (Buch #4)
MACKENZIE WHITE KRIMIREIHE
BEVOR ER TÖTET (Buch #1)
BEVOR ER SIEHT (Buch #2)
AVERY BLACK KRIMIREIHE
GRUND ZU TÖTEN (Buch #1)
GRUND ZUM LAUFEN (Buch #2)
