Читать книгу: «Die Stille meiner Worte»

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Über das Buch

»Ich finde Worte, ich finde Tausende davon und sie alle sind in meinem Kopf. Sie finden nur den Weg nicht hinaus.«

Hannahs Worte sind verstummt – in der Nacht, in der ihre Zwillingsschwester Izzy ums Leben kam. Wer soll nun ihre Gedanken weiterdenken, ihre Sätze beenden und ihr Lachen vervollständigen? Niemand kann das. Hannah ist in der Stille ihrer Worte gefangen. Bis sie Levi trifft, der mit aller Macht versucht herauszufinden, wer sie wirklich ist …

Ava Reed

Die
Stille
meiner
Worte


Inhalt

Über das Buch

Musikliste

Brief an Izzy

Kapitel 1 – Hannah

Kapitel 2 – Hannah

Kapitel 3 – Hannah

Kapitel 4 – Levi

Kapitel 5 – Hannah

Kapitel 6 – Hannah

Kapitel 7 – Levi

Kapitel 8 – Hannah

Kapitel 9 – Levi

Kapitel 10 – Hannah

Kapitel 11 – Hannah

Kapitel 12 – Levi

Kapitel 13 – Hannah

Kapitel 14 – Hannah

Kapitel 15 – Levi

Kapitel 16 – Hannah

Kapitel 17 – Levi

Kapitel 18 – Hannah

Kapitel 19 – Levi

Kapitel 20 – Hannah

Kapitel 21 – Levi

Kapitel 22 – Hannah

Kapitel 23 – Hannah

Kapitel 24 – Hannah

Kapitel 25 – Levi

Kapitel 26 – Hannah

Kapitel 27 – Hannah

Kapitel 28 – Levi

Kapitel 29 – Hannah

Kapitel 30 – Levi

Kapitel 31 – Hannah

Kapitel 32 – Hannah

Kapitel 33 – Levi

Kapitel 34 – Hannah

Kapitel 35 – Levi

Kapitel 36 – Hannah

Kapitel 37 – Levi

Kapitel 38 – Hannah

Kapitel 39 – Levi

Kapitel 40 – Hannah

Kapitel 41 – Hannah

Kapitel 42 – Levi

Kapitel 43 – Hannah

Epilog – Hannah

Nachwort & Danksagung

Leseprobe: Wir fliegen, wenn wir fallen

Über das Buch

7 YARA Erinnerungen sind Segen und Fluch zugleich

8 NOEL Du bist, wer du bist – nicht mehr und nicht weniger

9 YARA Nur ein Stück Papier

Über die Autorin

Musikliste

Adele – Water Under the Bridge

Andra Day – Rise up

AnnenMayKantereit – Barfuß am Klavier

Ben Cocks – So Cold

Birdy – Wings

Birdy & Rhodes – Let it all go

Chord Overstreet – Hold On

Cloves – Don’t Forget About Me

Coldplay – Fix you

Ella Henderson – Yours

Fleurie – Breathe

Imagine Dragons – Dream

Imagine Dragons – Not Today

James Bay – Incomplete

Jessie J – Who You Are

Katelyn Tarver – You Don’t Know

Of monsters and men – Little talks

One Republic – Let’s hurt tonight

Susie Suh – Here with me

The Chainsmokers & Coldplay – Something Just Like This

The Chainsmokers ft. Halsey – Closer

Tom Odell – True Colours

Tracy Chapman – Fast car

Sister Hazel – Your Winter

Für Jacquelin Stumpe

Weil du mir gezeigt hast, was es bedeutet, sich selbst treu zu bleiben, und dass man alles, was man verliert, wiederfinden kann. Auch sich selbst.

Für Lisa Herrmann

Weil du mir beigebracht hast, dass die leisen Worte manchmal die lautesten sind und die des Herzens die schönsten.

Für Nicci, Samy, Jennie, Hannah und Binia

Weil euer Herz so unglaublich groß ist und ihr mir eure Freundschaft schenkt.

Für dich

Weil du das hier liest.

Vergiss nicht, dass es okay ist, auch mal nicht okay zu sein.

Brief an Izzy

All die ungesagten Worte in mir sind Verständnis und Unverständnis zugleich, sie sind Einsamkeit und Gesellschaft, sie sind mein Gefängnis und meine Freiheit. Sie sind wie Fremde, die mich umarmen, und wie Freunde, die mir den Rücken kehren. Sie sind da und sie können nicht heraus – sie sind wie ich.

Uns umgeben die gleichen Mauern, uns halten die gleichen Grenzen. Ich weiß, woher sie kommen, ich spüre, dass sie da sind, aber ich weiß nicht, wie ich sie einreißen kann. Ob ich das möchte.

Ich habe Angst. Ich habe Angst vor der Stille meiner Worte.

Und so ist es, Tag für Tag, Kampf und Tanz zugleich.

Jeden Tag, seit du nicht mehr da bist, Izzy.


Kapitel 1 – Hannah
Die Stille kann lauter sein
als der Sturm.

Das war sie – die letzte Kiste, die mein altes Leben in mein neues bringt. Die letzte Kiste voller Erinnerungen.

Mein Blick schweift durch das Zimmer, über das fröhliche Pastellgelb der Wände und den alten Holzboden, bis hin zu meinem neuen Bett und den Kommoden in Weiß, die Dad bereits aufgestellt hat. In Gedanken höre ich ihn und Mum sagen: Neuer Ort, neues Heim, neuer Anfang. Alles wird besser werden, Hannah!

Aber heißt neu auch immer besser?

Mit zitternder Hand wische ich mir eine Träne aus dem Augenwinkel, schiebe einzelne Strähnen meines Haares zur Seite und atme tief ein, denn eines ist sicher: Es gibt keine Möglichkeit, dass all das noch schlimmer werden könnte. Es ist bereits schlimm, es tut weh und es ist real. Mein Leben ist die Steigerung von allem Schlechten, der Superlativ von einsam und verloren sein. Weil Izzy weg ist und weil auch ein neues Haus, ein neues Zimmer und ein neues Leben daran nichts ändern können. Erinnerungen kann man nicht löschen. Man kann sie nicht einfach vergessen. Man kann sie nicht ändern. So wenig, wie ich das mit diesem einen Tag kann. Egal, wie neu alles um mich herum ist – ich werde es nie sein.

Dutzende von Kartons stehen wild durcheinander, voll mit Dingen, die mir mal etwas bedeuteten. Jetzt sind es nur noch irgendwelche Dinge. Austauschbar, bedeutungslos, zerbrechlich.

Nur eine Kiste ist die Ausnahme. Eine einzige. Sie enthält nichts, außer eines von Izzys Lieblingsshirts mit der Aufschrift Hakuna Matata, meinen Notizblock samt Füller, ein gerahmtes Bild von Izzy und mir, eine Kerze und Streichhölzer.

Langsam steuere ich auf sie zu, sie steht etwas abseits. Vor ihr sinke ich auf die Knie und schiebe die zwei Hälften des Deckels auseinander, ziehe sie nach oben. Die Pappe knarzt dabei und gibt nur widerwillig nach.

Ich greife vorsichtig hinein, lege meinen Block und den Füller neben mich, ebenso das Shirt mit seinen Löchern, in das ich kurz mein Gesicht vergrabe. Es riecht längst nicht mehr nach Izzy. Das gerahmte Bild wiegt schwer in meinen Händen, wirkt, als wäre es aus einer anderen Welt, aus ferner, vergangener Zeit. Meine Fingerspitzen berühren den weißen, verschnörkelten Rahmen, den ich erst neu kaufen musste, und das kühle, glatte Glas darüber. Ich erinnere mich an den Tag, an dem das Bild geschossen wurde, und es ist fast, als könnte ich Izzys Lachen hören. Ich sehe sie und ich sehe mich – ich sehe sie in mir und mich in ihr. Meine Hand legt sich wie von selbst flach auf das Glas, auf das Stück über Izzy. Sie verschwindet. Nein, sie ist schon seit Monaten fort.

Schwer atmend kneife ich die Augen zusammen, schlucke den Kloß in meinem Hals herunter und vertreibe die Gedanken, die so viele Gefühle und Worte hervorrufen. So vieles, das sowieso nie hinauskann.

Alles in mir schmerzt. Es ist die Art von Schmerz, die so stark ist, dass man ihn nicht mehr zeigen kann, weil er eine Grenze überschritten hat. Die Art, die man nicht herauslassen kann, weil jeder Schrei, jedes Wort und jede Träne zu wenig wären für ihn.

Als etwas Weiches meinen Arm streift, zucke ich zusammen. Meine Augen finden die von Mo, der mich neugierig ansieht. Mo ist Izzys Kater. War es. Und ich kann über die Ironie nicht lachen, dass er aufgrund seines gemusterten Fells und seiner drei Farben als Glückskatze gilt. Vielleicht brauchte er es selbst, vielleicht hatte er Glück, weil er nur ein halbes Ohr verloren hat und etwas Fell und es ihm sonst gut geht.

Maunzend setzt er sich neben mich und beginnt zu schnurren. Manchmal beruhigt es mich und vertreibt alles in meinem Kopf, bis nur noch eine Leere darin ist, in der sich das Echo des Schnurrens sammelt und zu einer Melodie wird. Manchmal hilft es. Und dieses Manchmal ist nicht mehr als ein bunter Punkt auf einer monochromen Leinwand. Ein Stück Farbe, das in dem Meer aus Schwarz und Weiß zu ertrinken droht.

Die Schritte und das Knarzen der Treppe dringen an mein Ohr und geben mir Zeit, mich zu fassen, bevor es dreimal an der Tür klopft, die ohnehin offen ist. Ich lasse meine Hand weiter über Mos Fell streichen, spüre, wie meine Muskeln sich anspannen, wie jede Zelle meines Körpers sich wünscht, dass Izzy zurückkommt, nie wieder alleine zu sein. Weil allein sein nichts anderes bedeutet, als ohne Izzy zu sein. Für immer. Ohne daran etwas ändern zu können. Ohne es anders verdient zu haben.

Mein Vater steht unschlüssig im Türrahmen, ich kann es aus dem Augenwinkel sehen. Was möchtest du?, schießt es mir durch den Kopf, aber ich sage nichts. Ich kann nicht.

»Gefällt dir das Zimmer?« Er klingt erschöpft und dennoch bemüht fröhlich. Sein lautes Räuspern und seine zaghaften Schritte in meine Richtung verraten ihn. Er will nicht hier sein. Nicht wirklich. Nicht nach dem, was war.

»Das Bett sieht fast so aus wie dein altes und in den Kommoden hast du jetzt mehr Platz. Deine Mutter und ich sind unten dabei, die ersten Kisten auszuräumen. Möchtest du uns vielleicht helfen?«

Ich kann nicht anders, ich hebe den Blick, lege den Kopf in den Nacken und erforsche sein Gesicht. Er sieht blass aus, die ersten grauen Strähnen durchziehen sein dunkelblondes Haar. Mit den Händen in den Hosentaschen steht er vor mir, versucht sich an einem Lächeln. An einem bittenden, flehenden Lächeln, von dem er weiß, dass es zu nichts führt. Ich frage mich, was mehr wehtut: das Scheitern an sich oder das Wissen, dass man scheitern wird, noch während man es versucht. Ich frage mich, was ihm durch den Kopf geht und wie sehr es ihn schmerzt, mich anzusehen. Hannah, nicht Izzy. Und ob es die gleiche Art von Schmerz ist, die ich kenne.

In diesem Moment wünsche ich mir, die Mauern in mir wären fort, damit ich ihn anschreien kann. Ihn und die ganze Welt. Aber es funktioniert nicht, weil ich nicht weiß, was ich sagen soll. Weil keines der unzähligen Worte etwas ändern würde. Kein einziges! Nichts, außer dass sie gesagt wurden und nicht zurückgenommen werden können. Sind sie einmal gesprochen, hallen sie nach und verklingen nie, denn Worte sind Kinder der Ewigkeit.

»Vielleicht … Vielleicht ist es besser, du kommst erst richtig an und packst deine Sachen aus.« Unbeholfen fährt er sich über die Haare, weicht meinem Blick aus und geht schließlich.

Enttäuschung. Sie wabert in meinem Zimmer umher und erdrückt mich, treibt mir erneut die Tränen in die Augen. Izzy und mein Bild gleitet von meinen Beinen, die ich an mich ziehe, um meinen Kopf darauf zu betten. Ich weine leise, aber deshalb tut es nicht weniger weh.

Ich sitze auf dem Boden meines neuen Lebens – und zerbreche. Immer und immer weiter wird jede Scherbe gebrochen, die mich ausmacht. Sie werden kleiner und kleiner, denn es gibt nichts und niemanden, der sie zusammenflickt. Seit Izzy weg ist, kann ich das besonders gut – das Zerbrechen. Seit Izzy weg ist, weiß ich, wie das ist.

Irgendwann versiegen die Tränen, werden zu einem dumpfen Gefühl, zu etwas, das sich schlafen legt. Wenigstens für einige Stunden. Mo schnurrt noch immer neben mir und ich drücke ihn sanft weg, bevor ich aufstehe, mir einmal übers Gesicht wische und nach meinem Notizbuch samt Stift greife.

Es ist Zeit.

Mo hebt sofort verschlafen den Kopf, maunzt laut, folgt mir zum Bett und lässt sich erneut neben mir nieder. Seit Izzy fort ist, weicht er nicht von meiner Seite. Ich weiß nicht, ob er versteht, dass ich nicht sie bin.

Als ich das Büchlein öffne, schlägt mir eine gähnende Leere entgegen. Weiße Seiten ohne Inhalt. So, als hätte ich Izzy noch nie geschrieben, dabei waren es bereits Dutzende Briefe. Dutzende Sätze, Worte und Gedanken. Dutzende Gefühle und Dinge, die ich ihr nicht sagen konnte.

Ich ziehe den Deckel des Füllers ab, atme tief ein und setze ihn auf das Papier, bis der erste blaue Fleck entsteht, das erste bisschen Farbe. Das leichte Schaben der Füllfeder auf Papier beruhigt mich ebenso wie die Tinte, die sich in geschwungenen Linien ausbreitet. Zeile um Zeile füllt sich und es fühlt sich gut an, es ist mehr als eine Regelmäßigkeit, mehr als etwas, an dem ich mich festhalte. Es wird zum Rausch. Es ist ein Stück Hoffnung. Darauf, dass Izzy auf irgendeine Art und Weise diese Worte liest. Irgendwann. Dass diese Worte sie finden und umarmen, ihr Wärme schenken, wo auch immer sie ist. Dass diese Worte nicht ungesagt bleiben.

Sterben müssen wir alle und wahrscheinlich macht uns diese Gewissheit mehr Angst als der Tod selbst. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann würde ich mir nicht einfach Izzys Leben zurückwünschen, nein, ich würde mir wünschen, mehr Zeit mit ihr gehabt zu haben.

Ich würde mir Zeit wünschen. Unendlich viel davon.

Wenn du hier wärst, würden wir zusammen lachen und zusammen weinen, wir würden streiten und uns nerven. Ich würde über Mo schimpfen, weil er mal wieder in meinem Bett liegt anstatt in deinem, und du würdest ihn voller Inbrunst verteidigen. Oh, Izzy! Du bist gegangen und du hast so viel mitgenommen. Es ist, als hättest du mir meine Worte genommen, meine Sprache und Stimme. Als hättest du mir einen Flügel zum Fliegen geraubt. Zusammen waren wir eins. Deshalb fühlt es sich so leer an ohne dich.


Kapitel 2 – Hannah
Nicht jedes Ende ist ein neuer Anfang
und nicht jeder Neuanfang
bedeutet das Ende.

Mum und Dad haben gesagt, alles würde anders werden. Sie wollten neu anfangen, nein, sie mussten es, weil sie es sonst nicht ausgehalten hätten. Aber ich denke, sie wissen wie ich, dass es nichts gebracht hat. Dass alles eine große Lüge war – dass es das noch ist. Es wird mir richtig klar, als wir das erste Mal zusammen zu Abend essen. Genau jetzt. An diesem neuen Ort, in diesem neuen Haus. Es gibt Lasagne. Izzys Lieblingsessen. Und genau da liegt das Problem: Izzy ist fort und doch immer noch hier und wir werden nicht weit und schnell genug rennen können, um das zu vergessen.

Izzys Geschichte ist geschrieben und sie kann nicht gelöscht werden. Sie steckt tief in uns und jede Erinnerung, jeder Moment ist eingebrannt, jedes Wort und jedes Lachen wurde gehört, jeder Streit gespeichert, jede Träne geteilt und jede Angst. Als Izzy da war, war mein Leben wie eine Fahrradfahrt mit Stützrädern – jetzt muss ich lernen, wie man ohne sie fährt …

Gedankenverloren stochere ich in den verschiedenen Nudellagen herum, zwischen der Béchamel- und Bolognesesoße. Die letzten Sonnenstrahlen scheinen durch das große Esszimmerfenster. Das Licht spielt mit den Schatten, während ich darum kämpfe, Gabel um Gabel zum Mund zu führen und etwas herunterzuschlucken.

Ich denke an mein neues Zimmer. Alle Kisten sind leer, alles ist eingeräumt. Alles, bis auf diese eine Kerze in dieser einen Kiste.

»Hast du keinen Hunger? Ist etwas nicht okay?« Meine Mutter sieht mich besorgt an und irgendwie beschämt, denn sie weiß, wie blöd diese Frage klingt. Sie ist so einfach, wie sie schwer ist. Natürlich ist nichts okay. Das wird es nie wieder sein. Ich habe einen Teil von mir verloren – und sie? Sie mussten ihr eigenes Kind begraben. Das ist nicht richtig!

Die Gabel entgleitet mir, fällt mir aus der Hand und klirrend auf den Teller. Einzelne Tropfen der Soße landen auf der Tischdecke. Rot beißt sich mit Orange und ich kann meinen Blick nicht abwenden von diesem Gemisch, das nicht zusammenpasst, aber gerade keine andere Wahl hat, als zusammen zu sein.

Es ist so still. Wenn es nur nicht so still wäre.

Ich knete meine schweißnassen Hände, versuche mich zu beruhigen. Eins, zwei, drei, klingt es in meinem Kopf, zählen und atmen – und versuchen zu vergessen.

»Iss schneller! Sonst schnappe ich dir deine Lasagne vor der Nase weg«, höre ich Izzy mit vollem Mund sagen. Sie hat einen grässlichen Bolognesesoßenbart und die Wangen vollgestopft wie ein Hamster. Dass sie noch mit vollem Mund kauen kann, gleicht einem Wunder.

»Niemals! Finger weg!« Mein Essen verteidigend beuge ich mich leicht über den Teller und schiebe meinen Arm vor. Und dann grinsen wir. Wir beide. Dabei fällt Izzy ein Stück Lasagne aus dem Mund und landet klatschend auf Mums neuer Decke. Wir prusten los, bis wir kaum noch Luft bekommen, und halten unsere Bäuche vor Lachen.

»Wie wäre es, wenn du dir eine neue Mannschaft suchst?«, fragt Dad und reißt mich damit aus meiner Erinnerung. Er sagt es so, als wäre nichts passiert. Als hätte Mum nicht gefragt, ob alles okay wäre, als hätte ich nicht meine Gabel fallen lassen und als wäre alles normal, während er sich ein fettes Stück Lasagne in den Mund schiebt. Meine Mutter sieht ihn dankbar von der gegenüberliegenden Seite an mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. Ihre Züge werden erkennbar weicher, die Spannung verschwindet aus ihrem Gesicht.

»Ja, das wäre vielleicht eine gute Idee! Schließlich sind Sommerferien, das Wetter ist perfekt und es sind noch fünf Wochen, bevor die Schule wieder beginnt.«

Unmerklich schüttle ich den Kopf, meine Finger verkrampfen sich, meine Lippen sind fest aufeinandergepresst. In meinem Kopf geht alles drunter und drüber, weitere Erinnerungen wollen an die Oberfläche kommen. Aber ich kämpfe dagegen an.

»Es würde dir guttun! Du spielst gut, hast Spaß daran. Du könntest sofort neue Freunde finden.« Ein weiteres Stück Lasagne landet in seinem Mund, seine Miene ist ausdruckslos. Schwer schluckend starre ich auf den Tisch, vorbei an dem orange-roten Fleckduett, auf die besondere Struktur des Leinentischtuchs. Und das Einzige, was ich denke, ist: Es hat mir gutgetan! Ich habe gut gespielt und hatte Spaß daran. Ja, das hatte ich. Aber manche Dinge sind einfach vorbei. Nicht jedes Ende birgt einen neuen Anfang.

»Hörst du mir überhaupt zu? Izzy!«

Ruckartig hebe ich den Kopf, blicke meinem Vater in die Augen. Mein Atem stockt, meine Augen sind weit aufgerissen. Ich kann nicht glauben, was er gesagt hat – wie er mich genannt hat. Diese vier Buchstaben, die alleine keinen Sinn ergeben. Diese vier Buchstaben, die zusammen für mich die Welt bedeuten. Izzy.

Ich bin nicht sie.

Meine Mutter zieht hörbar die Luft ein, aber ich kann nicht ablassen vom Gesicht meines Vaters. Ich atme schwer, in mir tobt ein Sturm aus Wut und Trauer, aus Enttäuschung und Schuld, aus Unglauben und Schmerz.

Er lässt die Gabel sinken und ich sehe es ihm an – die Erkenntnis, dass gerade etwas schiefgelaufen ist, trifft ihn wie ein Schlag in die Magengrube. Seine Augen wandern unruhig umher, seine Schultern verspannen, sein Gesichtsausdruck ändert sich. Aber welche Erkenntnis ist es wohl genau? Dass Izzy tot ist oder dass er mich eben verletzt hat? Mehr als ich zugeben will.

Ich warte. Auf irgendeine Reaktion. Kurz schaue ich zu meiner Mutter, der es genauso geht, die meinen Vater beinahe flehend ansieht. Aber nichts geschieht. Nein, überhaupt nichts. Er schafft es nicht einmal mehr, mich anzusehen, und für den Moment könnte man glauben, dass er seine Sprache verloren hat – er und nicht ich.

Die Sekunden verrinnen, aber sie fühlen sich wie Minuten an. Wie eine quälende Ewigkeit, in der Izzys Name gesprochen widerhallt, immer wieder, und in der Dad es nicht schafft, ihn zurückzunehmen.

Laut und schnell schabt der Stuhl über das Parkett, als ich ruckartig aufstehe. Mir ist schwindlig und schlecht, mein Brustkorb droht zu explodieren, weil dahinter all meine aufgestauten Gefühle sitzen und darauf warten, ausbrechen zu können. Aber ich kann nicht schreien, nichts sagen. Also können sie nur auf einem Wege hinaus und das Letzte, was ich jetzt will, ist, dass jemand meine Tränen sieht. In diesem Moment schäme ich mich dafür, ich selbst zu sein, und ich kann nicht glauben, dass mein eigener Vater daran schuld ist.

Fast über meine eigenen Füße stolpernd laufe ich die Treppen hinauf, höre die Stimme meiner Mutter wie ein Hintergrundrauschen, das Zerbrechen von Geschirr wie eine schiefe Melodie. Keuchend lande ich in meinem Zimmer, schließe die Tür hinter mir und versuche, zu Atem zu kommen. Ich raufe mir die Haare, gebe ein leises Wimmern von mir und breche zusammen.

Hannah, Hannah, Hannah. Das ist mein Name. Auch wenn ich mir gewünscht habe, Izzy zu sein. Auch wenn ich alles tun würde, um mit ihr tauschen zu können … Jetzt schmerzt es einfach nur, dass man mich angeblickt und sie gesehen hat.

Es fühlt sich so an wie an dem Tag, an dem man mir sagte, dass man Izzy nicht retten konnte. Ich spüre die gleiche Schwere, den gleichen Schmerz. Ich spüre wieder diese tiefe Verlorenheit und Machtlosigkeit.

Irgendwann finde ich die Kraft aufzustehen. Meine Beine sind taub, meine Augen brennen, sie sind trocken, genauso wie mein Hals. Die Sonne ist untergegangen, doch das Dämmerlicht genügt. Mit kribbelnden und wackligen Beinen schwanke ich zu dem großen Spiegel am anderen Ende des Zimmers. Und ich sehe genau hin. Leicht gebräunte Haut, blondes langes Haar, blaue Augen. Eine Stupsnase. Ich sehe Izzy so ähnlich, dass es wehtut.

Während ich mein zerzaustes Haar zur Seite streiche, das letzte Licht des Tages mein Zimmer erhellt und ich die Spuren meiner Tränen von meinem Gesicht wische, ändert sich plötzlich etwas. Ich stelle mich aufrecht hin, hebe das Kinn, straffe die Schultern und zum ersten Mal, seit Izzy nicht mehr da ist, habe ich einen inneren Antrieb. Ich weiß, was ich tun muss. Morgen früh werde ich das tun, was meine Eltern wollten: neu anfangen.

Ein Lächeln zupft an meinen Lippen, ich kann es nicht nur spüren, sondern sehe es vor mir im Spiegel. Ein Funken nistet plötzlich in mir. Und es ist mir egal, woraus er besteht. Es ist ein Funke. Mehr als jemals da war, seit Izzy fortging.

Meine Beine tragen mich zum Bett, meine Hand greift mechanisch nach dem Block und dem Füller. Ich schalte die Nachttischlampe an und streiche Mo übers Fell, der sofort anfängt zu schnurren.

Kurz verharre ich, hole zitternd Luft. Dann spüre ich das vertraute Gefühl, sehe Tinte auf Papier, höre Worte, die geschrieben und nicht gesagt werden.

Ein großer Tintenfleck prangt auf dem Papier, der Füller ruhte zu lange an dieser Stelle. Ich war in Gedanken versunken. Entschlossen lege ich ihn weg, reiße die Seite mit einem Ruck heraus, genauso wie die Seiten davor, die ich heute Morgen schrieb, und lege den Block aufs Bett. Er ist jetzt wieder leer und unbeschrieben. So als hätte er nichts zu erzählen und als wäre ihm nie etwas erzählt worden. Doch der Schein trügt. Ich habe ihm schon so vieles anvertraut, habe es niedergeschrieben, nur um es ihm Stück für Stück wieder zu entreißen. Habe ihn für einen Moment vervollständigt, nur, um ihm danach so viel mehr zu nehmen. Und manchmal, wenn ich ihn ansehe, sehe ich mich. Ich bin der Block. Ich bin das weiße Papier. Mir hat das Leben etwas erzählt, mir hat das Leben Izzy geschenkt – und dann mit einem Ruck genommen. Stück für Stück reißt es etwas aus mir hinaus, ohne dass ich es verhindern kann …

Mit all den Worten in meiner Hand gehe ich zur Kommode und greife nach den Streichhölzern. Im schwachen Licht der Nachttischlampe öffne ich die Tür zu meinem kleinen Balkon. Noch immer ist es angenehm warm, nur eine leichte Brise weht mir um die Nase und lässt mich kurz die Augen schließen. Ich gehe in die Knie, lege die Blätter auf den Boden. Woche um Woche tue ich das bereits und trotzdem wird mir jedes Mal schwer ums Herz. Jedes Mal zittern meine Hände. Jedes Mal, wenn die Flamme auf das Papier trifft, wenn sie sich ausbreitet, hell aufleuchtet und all meine Worte an Izzy zerstört.

Ein Ratschen, das Streichholz geht an, die Flamme lodert, so klein und trotzdem so mächtig. Sie züngelt, als ich sie an das Papier halte, und dann beobachte ich, wie sie ihr Werk tut. Wie nichts als Asche bleibt. Aus meinen Gedanken wurden Worte, die nun verbrennen und wieder zu Gedanken werden. Aber jetzt habe ich das Gefühl, sie gesagt zu haben. Still und doch so laut.

Als die letzte Flamme erlischt und mich im Halbdunkel zurücklässt, als ein Windhauch die letzten Fetzen mit sich fortträgt, gehe ich zurück ins Zimmer. Lauschend stehe ich da, aber es ist vollkommen ruhig im Haus. Meine Eltern haben nicht versucht, mit mir zu reden, sie kamen nicht nach oben. Vielleicht geben sie es jetzt auf, weil ich sowieso nicht antworte. Weil ich es nicht kann. Ich glaube, ich kann meine Gedanken nicht mehr aussprechen, ich glaube, ich würde die Töne nicht mehr finden. Ich weiß nicht mehr, wie man spricht, es fühlt sich an, als hätte ich es nie gewusst. Es ist kein Automatismus mehr. Nein, es ist etwas, für das mir die Anleitung fehlt.

Wir sind hier an diesem fremden Ort, ich sitze auf einem fremden Bett, in einem fremden Zimmer, weil alles, was wir hatten, mit dir ging. Morgen werde ich auch zu etwas Fremdem werden. Morgen werde ich etwas ändern. Vielleicht passe ich dann hierhin. Vielleicht wird aus fremd und fremd etwas Bekanntes.

Es tut mir leid, Izzy. Es tut mir leid, dass ich nicht du bin. Heute wurde mir gezeigt, dass es auch anderen so geht.

Ich sehe dir so ähnlich. Aber jetzt, da du fort bist, frage ich mich immerzu, wer ich eigentlich bin. Ich weiß, wer ich mit dir war. Ein Teil von etwas, eine Hälfte einer anderen. Aber was bin ich für mich alleine? Ich weiß es nicht. Mum und Dad wissen es wahrscheinlich auch nicht. Sie sagten, ich solle mir eine Mannschaft suchen und wieder spielen. Eine Mannschaft suchen bedeutet, einen neuen Partner suchen. Eine neue Hälfte, von der ich ein Teil sein kann.

Aber, Izzy, wie soll das gehen?

Nicht alles, was kaputtgeht, kann repariert werden. Manche Dinge bleiben kaputt, für immer.


Kapitel 3 – Hannah
Nicht jede Veränderung
ändert auch etwas.

Meine Augen sind geschwollen, weil ich heute Nacht keine Ruhe gefunden habe. Stundenlang habe ich am Laptop gehangen und im Internet gesurft. Zwischendurch habe ich Mo gefüttert oder einfach mit ihm auf dem Boden gelegen und aus dem Fenster gestarrt. Jetzt geht die Sonne auf und ich bin müder, als ich dachte. Gähnend strecke ich mich vor dem Spiegel, dann binde ich meine Haare zu einem Dutt. Die Jeans von gestern klebt noch an mir, das Top ist leicht zerknittert. Ich habe keine Kraft, mich umzuziehen, nur den Willen, heute etwas zu ändern.

Ich schleiche auf Zehenspitzen in das Bad, das direkt neben meinem Zimmer liegt, dicht gefolgt von Mo, der sich zu meinen Füßen vor dem Waschbecken niederlässt. Das Bad gehört nur mir, das meiner Eltern ist unten. Während ich mir die Zähne putze, versuche ich wach zu bleiben, auch danach, als ich mein Gesicht eincreme und wenigstens die dunklen Augenringe überschminke. Ich sehe grauenvoll aus. Es ist mir egal. Es wird sich ändern.

Mo steht auf und reckt sich mir entgegen, als ich meine Arme nach ihm ausstrecke. Behutsam lege ich ihn über meine Schulter und schleiche mit ihm zurück ins Zimmer. Dort warten wir, still und leise, ich zähle die Sekunden und beobachte, wie die Sonne sich immer weiter nach oben schiebt.

Schließlich wird es Zeit. Ich lege Mo aufs Bett, schnappe mir meine Sandalen, den Schnipsel mit der Adresse und dem Bild neben dem Laptop, mein Portemonnaie, meinen Schlüssel und will gehen. Mo folgt mir, und ich seufze. Fragend sieht er mich an, legt den Kopf schief und ich schüttle den Kopf. Nein, Mo, heute kannst du nicht mit. Ich setze ihn erneut aufs Bett, streichle ihn sanft und gehe wieder zur Tür, die ich schnell hinter mir schließe. Dieses Mal so, dass Mo zurückbleibt.

Im Haus rührt sich nichts und niemand. Ich gehe die Holztreppe nach unten und überspringe die vorletzte Stufe, die sonst furchtbar laut knarzen würde.

Kurz wandert mein Blick zum Schlafzimmer meiner Eltern, ich spüre, wie sich ein Zögern in mir ausbreitet, die Frage, warum ich das tun will und ob es notwendig ist, aber meine Hand drückt bereits die Klinke der Haustür nach unten und meine Beine tragen mich hinaus. Ich habe mich längst entschieden.

Ich atme die frische und noch einigermaßen kühle Luft ein, umschließe den Zettel in meiner Hand fester und fester. Ich werde keinen Rückzieher machen. Für Rückzieher ist es zu spät.

Ritsch, ratsch, ritsch, ratsch. In regelmäßigen Abständen fährt die Schere durch mein langes, schweres Haar und mit jeder Strähne, die zu Boden fällt, fühle ich mich leichter. Ja, das hier ist richtig. Ja, es ist notwendig.

Gestern Abend, als ich mich im Spiegel sah und Izzy mich anblickte, wusste ich, dass sich etwas ändern muss. Ich vermisse Izzy, mehr als alles andere, aber ich bin nicht sie. Und ich will nicht länger so aussehen – wie ein Teil von etwas Ganzem, von etwas, das es so nicht mehr gibt.

Im Internet suchte ich nachts nach etwas, das am wenigsten nach mir aussah und dennoch irgendwie mir entsprach – und druckte das Foto aus.

Ich bin mit dem Fahrrad hier und seitdem ich den Friseurladen betreten habe, umklammere ich das Bild von meinem neuen Ich wie einen Anker. Man hat mich freundlich begrüßt, aber ich hielt nur zitternd das Bild hoch und zeigte darauf. Auf das Bild, dann auf mich.

Jetzt sitze ich auf einem dieser roten Friseursitze aus Leder und werde von Fanny zu einem neuen Menschen gemacht, wie sie mir zu Beginn freudig mitteilte. Sie merkte schnell, dass ich nicht rede, und hat es deshalb selbst ebenso gelassen. Sie lächelt mich nur ab und zu an, was mir ein wenig die Anspannung nimmt, auch wenn sie das nicht weiß. Fanny ist etwas größer als ich, kräftig gebaut, mit knallrotem Haar und einigen Piercings im Gesicht. Sie wirkt freundlich und so, als könne sie keiner Fliege etwas zuleide tun. Sie ist so unbeschwert und fröhlich – sie erinnert mich an Izzy.

Mit sicheren Bewegungen schwingt sie Kamm und Schere zu der Musik aus dem Radio. Plötzlich wächst ein Kloß in meinem Hals, aber ich ignoriere ihn, denn mein Bauch sagt mir, dass ich das hier tun muss. Wenn ich dafür einen Grund nennen müsste, könnte ich es nicht. Vielleicht ist es ein letzter Rest des Menschen, der ich einmal war, der gegen all das, was ich jetzt bin, rebelliert. Vielleicht kann ich mich aber auch einfach nicht mehr ansehen, weil mich sehen, Izzy sehen bedeutet.

»So, das war’s! Ich bin fertig. Wie findest du es?« Stunden später ist es so weit. Fanny fährt durch meine Haare, ich begegne ihrem Blick im Spiegel und erst jetzt schaue ich mich richtig an. Erst jetzt traue ich mich, meinem anderen, meinem neuen Ich zu begegnen. Vor Überraschung keuche ich auf, atme schneller. Ich sehe, wie sich meine Augen weiten, mein Mund sich zu einem kleinen O formt. Langsam hebe ich meine Hand, die leicht zittert. Fanny lässt von mir ab, gibt mir etwas Raum.

Meine Hand berührt mein Haar, das sich anfühlt wie immer, nur ist es jetzt so viel kürzer. Ich wusste, was mich erwartet – und irgendwie nicht. Immer wieder lasse ich die Strähnen durch die Finger gleiten. Sie sind weich, fühlen sich ungewohnt fremd an, der Duft des Shampoos weht zu mir herüber, er ist blumig und frisch. Dann hebe ich meine linke Hand ebenfalls und fahre an der linken Seite meines Kopfes entlang. Hier fühlt es sich stoppelig an, aber nicht kratzig oder rau. Meine lange blonde Mähne ist nun weg, meine Haare sind kurz und schwarz, schimmern im Licht leicht blau und lassen meine Augen größer und heller wirken. Rechts fallen sie bis zu meinem Kinn, werden nach hinten etwas kürzer, links ist nichts mehr übrig. Ein sauberer Sidecut. Das Blauschwarz meiner Haare lässt meine Haut strahlen und ebenso meine blauen Augen. Leider auch meine Augenringe, die ich von heute Nacht davongetragen habe.

Der Kontrast ist riesig.

»Ich finde es wunderschön! Es steht dir«, sagt Fanny aufmunternd, weil ich keinen Ton von mir gebe. Sie weiß nicht, dass es nicht an ihr liegt. Dankbar sehe ich sie an und hoffe, sie versteht. Ich glaube fest daran, dass man manchmal Dinge einfach so verstehen kann. Ohne sie erklären zu können. Ohne zu wissen, mit welchem Teil von uns wir es verstehen. Wir wissen nur, dass es so ist. Und ich bete, dass Fanny das auch irgendwie tut. Dass sie begreift, dass das hier für mich mehr ist als ein Haarschnitt. Dass ich damit mehr verloren und gewonnen habe, als sie je ahnen kann.

»Komm, vorne kannst du dir noch ein Pflegeshampoo mitnehmen.« Fanny geht zum Tresen und ich folge ihr langsam. Dabei sucht mein Blick andauernd nach einem Spiegel, um mir zu bestätigen, dass es echt ist. Dass ich nun anders aussehe. Nicht mehr wie Izzy, aber auch nicht mehr wie Hannah. Und ich frage mich, ob diese Veränderung wirklich irgendetwas verändert hat.

Nachdem ich bezahlt habe, trete ich aus dem Laden. Ohne es verhindern zu können, fahre ich erneut über meinen freiliegenden Nacken, bewege meinen Kopf, der sich leicht, beinahe nackt anfühlt. Ich warte auf etwas. Vielleicht auf das Gefühl von Freude oder Aufregung oder auch auf den Anflug eines schlechten Gewissens. Aber da ist nichts. Nur die Worte in meinem Kopf. Unaufhörlich wiederholen sie: Es hat sich nichts geändert! Und ich nicke, weil sie recht haben.

Ich lasse das Pflegeshampoo in den Korb vor mir plumpsen. Meine Hände greifen den Lenker meines bunten Fahrrads und mein rechtes Bein schwingt über den Sitz auf die andere Seite. Tief einatmend setze ich mich mit einem Ruck in Bewegung. Das Treten funktioniert wie von selbst, ich kann es nicht stoppen. Und das, obwohl mein Atem immer schneller wird, sich mein Innerstes immer weiter zusammenzieht. Alles in mir schreit: Du fährst in die falsche Richtung! Ich möchte weg und nicht nach Hause.

Angst. Es ist Angst. Aber sie selbst ist nicht das Schlimme. Nein, Angst ist am schlimmsten, wenn man nicht weiß, wovor man sich fürchtet. Wenn sie einfach da ist und dich wie ein alter Freund umarmt – dabei fesselt sie dich, anstatt dich zu beschützen.

Schweißgebadet komme ich zu Hause an, umfasse das Lenkrad mit so einer Kraft, dass sich meine Finger verkrampfen. Ich schaffe es nicht, mich zu bewegen, mich vom Fahrrad zu lösen und hineinzugehen. Vor ein paar Stunden erschien mir die Idee eines neuen Ichs wie eine Offenbarung, wie ein Funken Rebellion. Der Funken von überhaupt irgendetwas.

Jetzt? Jetzt fühlt es sich falsch an. Als hätte ich allem Fremden, was mich umgibt, ein weiteres Stück hinzugefügt. Und nein, es wurde nichts Bekanntes daraus.

Ich rede mir gut zu, schließe für einen Moment fest die Augen, drücke sie zu, bis es schmerzt.

Du kannst das. Du musst nur einen Fuß vor den anderen setzen, Hannah. Langsam, einen Schritt nach dem anderen. Zuerst musst du das Fahrrad loslassen. Du weißt, du kannst gehen, du weißt, wie es funktioniert. Dann musst du die Tür erreichen, es sind nur wenige Meter, und sie öffnen. Du hast das schon mal gemacht, du schaffst das. Du gehst hinein …

Ich schnaufe kurz, öffne meine Augen, bevor sich meine Hand fester um das Lenkrad krampft. Es wird immer wärmer, die Sonne lässt alles leuchten, blendet mich, der Himmel ist klar und hellblau, keine Wolke ist zu sehen.

Selbst wenn ich noch reden könnte, wäre ich nicht in der Lage zu erklären, warum ich das gerade getan habe. Der kleine Funken steckt noch in mir, ich kann ihn spüren in den hintersten Winkeln, aber er reicht nicht aus. Weil weder ihm noch mir klar ist, warum er da ist und wogegen wir eigentlich rebellieren: Izzys Tod, meinen Vater, die Schuld, dieses Leben? Egal, was es ist, der Funken ist eben nur das, ein Funken. Und er ist zu schwach, um gegen all das zu kämpfen, wogegen ich kämpfen müsste. Er trägt mich nicht hinein, er bringt mich nicht zum Reden und meinen Vater nicht dazu, zu verstehen, wie weh er mir getan hat. Am wenigsten bringt er Izzy zurück.

»Endlich! Wo warst du, wir haben uns Sorgen gemacht! Wir …«

Während ich mich, vollkommen in Gedanken versunken, keinen Zentimeter von der Stelle gerührt habe, öffnet sich die große, mattweiße Haustür unter dem schön geschwungenen Eingang. Mein Vater stoppt abrupt, beendet seinen Satz nicht, bleibt wie angewurzelt stehen und starrt mich an. Sein Mund steht ungewohnt offen, seine Augen könnten kaum größer sein und alle Farbe weicht aus seinem Gesicht. Ich hatte erwartet, er würde schreien, toben und fluchen. Ich dachte nicht, dass er schweigen würde. Die Sekunden verrinnen, während wir uns einfach nur ansehen. In diesem Moment spüre ich, dass ich mehr verändert habe als meine Haare. Vielleicht etwas anderes, als ich verändern wollte.

»Ist sie da? Ist etwas passiert?« Meine Mum kommt hinzu, bleibt beinahe schlitternd neben Dad stehen. Ihre Augen suchen und finden mich, sie schlägt sich eine Hand vor den Mund und ich sehe, wie sich ihre Brust heftig und unregelmäßig unter ihrem mintfarbenen Top hebt und senkt. Für einen Moment sind wir alle stumm. Ich schlucke schwer, mir steigen Tränen in die Augen. Vor Trotz, vor Wut und verflucht, einfach, weil ich es nicht verhindern und ändern kann. Durch den Schleier erkenne ich, dass meine Mutter ihre Tränen längst nicht mehr zurückhalten kann und ebenso wenig den lauten Schluchzer, der ihr entfährt. Sie rührt sich als Erste, macht einfach kehrt und stürmt zurück ins Haus, während mein Vater wie ein Fels in der Brandung stehen bleibt. Unverwüstlich.

Wenn es nur so wäre …

Sein Mund schließt und öffnet sich. Dann dreht auch er sich um und geht, lässt mich stehen ohne ein Wort. Dass er mir den Rücken gekehrt hat, dass er mich so angesehen hat und nichts gesagt hat … es tut mehr weh, als ich für möglich gehalten habe.

Der Schweiß rinnt mir den Rücken hinunter, die Härchen am Nacken kleben an der Haut. Ich verharre eine Ewigkeit wie angewurzelt in der prallen Sonne und blicke zur Tür, aber sie bleibt leer. Irgendwann schaffe ich es, meine schmerzenden Finger vom Lenker zu lösen, einen nach dem anderen. Sie sind an der Handfläche rot und haben Abdrücke vom Griff. Ich ziehe eine Grimasse und hebe mein Bein über das Fahrrad, um es bis zur Hauswand zu schieben. Eigentlich will ich es dort anlehnen, vorsichtig, weil alles so neu ist, aber im letzten Moment knalle ich es einfach hin, weil mir das alles nichts bedeutet. Weil es guttut! Weil ich diese Stille nicht mehr ertrage und auch nicht das laute Klopfen meines Herzens, das mich begleitet wie eine Hintergrundmusik. Das Fahrrad knallt an die Wand, rutscht ab und während meine Fahrradklingel laut ertönt, kommt es mit einem lauten Krachen auf dem Boden an. Ich straffe meine verkrampften Schultern, spüre jeden Muskel in ihnen und gehe hinein.

Ich sollte hoch in mein Zimmer gehen, stattdessen tragen mich meine Füße in die Küche. Die Atmosphäre im Haus erdrückt mich, die ganze Luft scheint sich zusammenzuziehen.

Meine Schritte werden kleiner, zaghafter. Meine Arme umschlingen meinen Körper, während meine Lippen fest zusammengepresst sind. Einen Wimpernschlag später stehe ich im Türrahmen der Küche, in der ich meine Eltern sehe, und spüre Übelkeit in mir aufsteigen. Meine Mutter sitzt auf einem der cremefarbenen Küchenstühle an dem kleinen, runden Holztisch. Ihr Körper bebt, er zittert überall. Ihre Ellenbogen stützt sie auf die Tischplatte, sie sind schon ganz rot, ihr Gesicht wird teilweise von ihren Händen verdeckt, ihr Mund ist verzerrt und ich kann erkennen, wie Tränen im Wettlauf ihre Haut hinunterrasen, am Kinn abspringen und auf dem Tisch landen. Ihre Haare lösen sich aus dem Zopf, der Träger ihres Tops sitzt komplett schief. An diesem Bild ist so vieles falsch, dass ich gar nicht weiß, wo ich beginnen soll. Dad versucht sie zu halten, umklammert sie, streicht über ihren Rücken und ihren Kopf. Er ist kreidebleich, aber seine Gesichtszüge verraten nichts von seinen Gefühlen.

Ein lauter Schluchzer nach dem anderen erfüllt den Raum, hallt von den Wänden wider und vervielfacht sich ins Unendliche. Die Sonnenstrahlen scheinen direkt in die Küche und ich weiß nicht, ob sie uns verspotten wollen.

Ich will einen Schritt nach vorne machen, ich will meine Mum in den Arm nehmen und ihr sagen, dass es mir leidtut. Aber ich halte inne. Ich bewege mich nicht, weil der Blick meines Vaters mich trifft. Dieser Blick, der auch meiner ist. Der auch mal Izzys war.

Er erhebt sich ruckartig, sein Stuhl kippt nach hinten, knallt auf die Fliesen und ohne Dads Halt verliert Mum auch ihren. Sie schwankt. Mit drei großen schnellen Schritten ist er bei mir, schreit mir ins Gesicht und dann hebt er die Hand. Ich zucke zusammen, weiche zurück. Ich habe Angst. Mein Atem überschlägt sich.

Sein Blick ist so voller Schmerz. Er kämpft mit sich. Ich halte ihm stand und für den Moment wünsche ich mir, er würde zuschlagen.

Aber er tut es nicht. Stattdessen geht er zurück, stößt gegen den Tisch, begegnet dem traurigen, verwaschenen Blick meiner Mutter und fährt sich unentwegt durch die Haare, reibt sich über das Gesicht. Ich höre ihn weinen. Das erste Mal in meinem Leben höre ich ihn weinen. Nicht einmal auf Izzys Beerdigung hat er sich das erlaubt oder als man ihm sagte, dass Izzy es nicht geschafft hat. Es ist, als würde etwas endgültig in ihm brechen, und ich weiß, dass ich schuld daran bin.

Er sinkt in die Arme meiner Mutter.

Wir alle haben etwas verloren, wahrscheinlich viel mehr als wir benennen können. Das, was uns unterscheidet, ist, dass ich zudem meinen Halt verloren habe – das, was sie noch haben. Ich bin das dritte Rad, das zu viel ist an einem Fahrrad und zu wenig hergibt für ein Auto. Ich bin das Eis in der Antarktis, der Sand in der Wüste, ich bin die Sonne in der Karibik, der Baum im Wald und das Klee im Gras – ich bin etwas, das schon da ist.

Sie brauchen mich nicht.

Ich kann dich nicht festhalten, aber noch weniger kann ich dich loslassen. Wieso hast du mich halb hiergelassen und halb mitgenommen?


Kapitel 4 – Levi
Was geschehen ist, ist geschehen.

»Jetzt komm schon! Du schummelst!«, dröhnt Max’ laute Stimme aus dem kleinen Gemeinschaftsraum.

»Ich hab dich einfach plattgemacht!« Josh lacht ihn lauthals aus und ich stöhne auf, weil ich weiß, was jetzt kommt.

»Du blöder Sack!«

Als ich das Wohnzimmer betrete, hat sich Max bereits auf Josh geschmissen, dem vor Lachen die Tränen kommen. Josh, der so breit ist wie hoch, wird von Max, der immer noch jede seiner Rippen einzeln zählen kann, am Boden festgehalten.

»Es war diese dämliche Banane! Das ist nicht fair!« Max ist wutentbrannt, sein Kopf leuchtet so rot wie seine Haare.

»Leute, jetzt beruhigt euch! So kann kein Mensch in Ruhe packen – oder auch nur einen klaren Gedanken fassen. Lass ihn los, Max. Du weißt genau, dass man bei Mario Kart nicht schummeln kann.« Regelmäßig bereiten mir die zwei Kopfschmerzen.

»Kein Mensch kann so viele Bananen abwerfen!«, schreit Max und drückt Josh dabei ein letztes Mal nach unten, der vor Lachen einen Hustenanfall bekommt.

»Kein Mensch fährt so oft über die beschissenen Bananen drüber wie du!«

Josh liebt es, Max zu nerven und zu provozieren. Am Ende sind die beiden aber die besten Freunde. Weil sie, seit sie hier sind, mit dem gleichen Problem zu kämpfen haben. Mit sich selbst. So geht es jedem hier in Sankt Anna.

»Blödarsch«, flüstert Max noch leise, aber ein Lächeln zupft jetzt auch an seinen Lippen, als er sich wieder anständig aufrichtet. Sie sitzen im Schneidersitz vor dem Fernseher und verdammt, jetzt richten sie ihre Blicke auf mich.

»Bist du etwa schon am Packen?« Max runzelt die Stirn und Josh kneift die Augen zusammen. Super. Wirklich.

»Dir ist klar, dass das Camp erst in zwei Wochen losgeht?«

»Danke, Josh! Danke! Ohne dich wäre ich verloren.« Ich verschränke die Arme vor der Brust.

»Das war Ironie, oder? Ich bin mir gerade unsicher. Du sendest zweideutige Signale.«

»Ja, verdammt, das war es! Ich weiß, wann es losgeht. Ich habe einfach gerade nichts zu tun, okay?«

»Kein Grund, gleich wütend zu werden.« Josh hebt abwehrend die Arme, während Max den Kopf einzieht. Ich atme ein, seufze leicht.

»Sorry, Jungs. Ich hab es nicht so gemeint.«

Beide nicken, aber Josh blickt mich dabei so intensiv an, dass ich eine Gänsehaut bekomme. Das Thema Camp ist eigentlich tabu. Immer – außer, wenn es losgeht. Dann kann es mir nicht schnell genug gehen. Es ist verrückt.

Ohne ein weiteres Wort drehe ich mich um und gehe in mein Zimmer. Dieses Mal schließe ich die Tür und überlasse die zwei ihrem Mario Kart-Schicksal.

Es sind noch zwei Wochen. Ich weiß das! Ich weiß auch, warum ich schon packe, ich will es nur nicht wahrhaben. Mit den Händen in den Taschen meiner zerfetzten Jeans lehne ich mich an die dünne Holztür des Zimmers und sehe mich um. Vor ungefähr sechs Jahren habe ich diesen Ort mehr gehasst als alles andere auf der Welt – und jetzt? Jetzt habe ich Angst davor, ihn zu verlassen. Sogar an das kleine Bett und die bescheuerte schräge Wand darüber, an der ich mir regelmäßig meinen Kopf stoße, habe ich mich gewöhnt. An den kalten Boden, das kleine Fenster, an zu wenig Platz, an mein persönliches Chaos. Weil es mir gehört.

Fluchend setze ich mich in Bewegung und schmeiße alle Klamotten wieder aus der Reisetasche. Sie landen auf dem Boden, ebenso wie meine Kopfhörer. Die leere Tasche pfeffere ich in Richtung Schrank und die Sachen auf dem Boden trete ich zur Seite.

Am liebsten würde ich schreien. Aber wenn ich heute damit anfange, bin ich mir nicht sicher, ob ich je wieder damit aufhöre. Was macht man, wenn man endlich ein Zuhause gefunden hat, an einem Ort, an dem man nie sein wollte? Was passiert, wenn der Ort, von dem du am schnellsten wegwolltest, jetzt der ist, an dem du bleiben willst?

Was, wenn man nichts daran ändern kann?

Kapitel 5 – Hannah
Ist das Leben ein Teil von uns
oder wir von ihm?

Sie ignorieren mich. Vielleicht, weil sie nicht anders können, vielleicht, weil es zu sehr schmerzt. Vielleicht. Dieses Wort ist so viel, wie es wenig ist. Es kann alles sein und nichts. Vielleicht ist ein Stück Hoffnung und ein Stück Verzweiflung.

Und während ich mit Mo auf dem Bauch auf dem Boden meines Zimmers liege, die weiße Decke anstarre, frage ich mich, ob es für sie schon die ganze Zeit so war. So, als würde ich sie ignorieren, weil ich stumm bleibe. Aber nein, das ist nicht dasselbe. Ich kann nicht anders. Meine Stimme ist gefangen und ich bin es auch. Nein, es ist nicht das Gleiche.

Die Musik, die durch die großen Kopfhörer an meine Ohren dringt, hilft mir, alles irgendwie zu überstehen. Mit Musik fühle ich mich leichter, als gäbe es keine Grenzen, die mich halten – weder um mich noch in mir. Musik erinnert mich an die Zeit mit Izzy, als wir ihr zusammen lauschten, zu ihr tanzten, als wir gemeinsam sangen und träumten. Von einem besseren Morgen, von etwas, das es nicht gab.

Musik sagt alles, was ich nicht sagen kann. Musik formt Noten zu einer Sprache, die jeder versteht, und Worte zu Emotionen, die jeder fühlt.

Ich liebe das. Ich liebe, was Musik aus mir macht. Was sie aus Izzy und mir machte. Früher war sie die Sängerin von uns beiden und ich habe selbst gespielt. In einem anderen Leben. Jetzt lausche ich anderen, wie sie es tun: Coldplay, Susie Suh, One Republic. Und manchmal höre ich mir Izzys Lieblingslied an, manchmal ertrage ich die Stimme von Fleurie. Dann, wenn sie nicht zu sehr nach Izzys klingt und mich nicht zu sehr an vergangene Tage erinnert.

Während ein Lied auf das nächste folgt, während Mo aufsteht, um etwas zu fressen, sich wieder zu mir legt, wieder aufsteht und sich anders hinlegt, zieht der Tag an mir vorbei, als wäre er auf der Überholspur.

Irgendwann gehe ich ins Bad, um zu duschen und meinen Schlafanzug anzuziehen, um mir die Zähne zu putzen und meine Haare zu flechten. Um alltägliche und normale Dinge zu tun, bis mir einfällt, dass nichts mehr normal ist und dass ich keine Haare mehr habe, die ich flechten könnte. Dass mein Spiegelbild mir eine Fremde zeigt, nicht mehr Izzy und nicht mehr Hannah.

Mo folgt mir zum Bett und ich schaffe es noch, ein paar Zeilen zu schreiben. Morgen werde ich den Brief zu ihr schicken, so wie immer. Heute fehlt mir die Kraft dazu.

Am nächsten Morgen weckt mich Mo, indem er mit der Zunge über mein Gesicht fährt. Ich höre sein lautes Schnurren und sein Maunzen, er hat bestimmt Hunger.

Schon gut, Mo, denke ich und streiche ihm müde über den Kopf, während ich gähne und meine Augen ganz zu öffnen versuche. Heute ist der Himmel bewölkt und düster, Gewitter ziehen auf und lassen diesen Sommertag noch schwüler werden als sonst.

Ich schwinge meine Beine über die Bettkante, da ist Mo schon längst zur Zimmertür gelaufen und sieht mich erwartungsvoll an. Vielleicht auch ein wenig ungeduldig.

Im Flur schütte ich ihm etwas von seinem Futter in den Napf und fülle sein Wasser auf. Er hat alles hier oben, vor meinem Zimmer, und ich bin froh, dass Mum und Dad nie angesprochen haben, dass mein bester Freund jetzt eine Katze zu sein scheint – mein einziger Freund!

Nach dem Badbesuch tapse ich zurück ins Zimmer und mein Blick fällt sofort auf den Brief, der auf dem kleinen Nachttisch liegt. Worte an Izzy. Augenblicklich wird meine Brust schwer, es ist, als ob etwas auf ihr drauf sitzt. Dennoch recke ich mein Kinn und setze einen Fuß vor den anderen. Es muss sein.

Ich nehme den Brief in die Hand und als ich zur Kommode gehe und mir die Streichhölzer schnappe, atme ich bewusst tief ein und aus. Meine Finger zittern und mit ihnen das Papier in meiner Hand. Meine Füße tragen mich zum Balkon, dessen Tür ich öffne, und mir schlägt sofort warme, aufgeladene Luft entgegen. Eine Welt, die nur darauf wartet, dass der Regen sich auf ihr niederlässt und sie abkühlt. Ich klemme den Brief zwischen meine Beine, will ein Streichholz aus der kleinen Packung holen, aber es gelingt mir nicht sofort. Seitlich ziehe ich es an der Packung vorbei, doch es klappt nicht. Beim zweiten Mal bricht der Kopf ab. Ein anderes Streichholz zersplittert, das nächste entfällt meinen zitternden und jetzt auch schweißnassen Fingern. Frustriert stöhne ich auf, beiße die Zähne zusammen und lege den Kopf für einen Moment in den Nacken, schließe die Augen und versuche ruhiger zu werden. Es sind nur noch zwei Streichhölzer da und ich will nicht losmüssen, um neue zu besorgen, bevor ich meine Nachricht an Izzy verschickt habe.

Es ist doch Routine, sage ich mir. Du kannst das, flüstert die Stimme in meinem Kopf. Und es ist so traurig, dass es stimmt, dass es das längst sein müsste. Aber in diesem Moment bin ich dankbar für meine Unbeholfenheit. Sie zeigt mir, dass das hier nie Routine sein wird. Weil es nicht richtig ist. Weil nichts hiervon okay ist.

Ratsch. Das Feuer lodert auf, brennt sich langsam an dem kleinen Holzstiel entlang, den ich zögerlich an das Papier halte, das ich wieder in die Hand genommen habe. Lautlos geht die Flamme ihren Weg. Lautlos und doch gefährlich, so genau und zielsicher. Sie vernichtet alles auf ihrem Weg, lässt nichts übrig, nur Staub und Asche, nur zerfallende Dinge.

Jeden Tag hoffe ich darauf, dass es nur ein böser Albtraum ist. Und dann lache ich freudlos auf, wenn ich erkenne, dass es tatsächlich irgendwie einer ist. Mum und Dad reden nicht mehr mit mir, nicht wirklich. Ich denke, weil ich ihnen den letzten Rest von dir auch noch genommen habe. Und selbst wenn ich noch reden könnte, würde ich es nicht tun. Was sollte ich auch sagen?

Mo folgt mir auf Schritt und Tritt. Ich sitze hier neben ihm auf dem Bett, versuche Gedanken und Gefühle in Buchstaben zu quetschen und auf Papier zu bringen, nur um etwas gegen all das hier tun zu können. Um eine Illusion aufrechtzuerhalten. Du wirst das hier nie lesen. Du wirst nicht wiederkommen. Du wirst mich nie wieder wecken, mir mein Eis klauen oder meine CDs hören. Du wirst nie wieder mit mir Musik machen. Du wirst mir nicht helfen können.

Du wirst mir nie verzeihen.

Ich weiß das alles und trotzdem schreibe ich weiter. Weil es ein letzter Anker ist. Ein Strohhalm, der mich über Wasser hält. Ich kann nicht schwimmen, Izzy …


Kapitel 6 – Hannah
Man will immer das,
was man nicht haben kann.

Schlafen, essen, schweigen – stets mit Mo, der mir folgt wie ein Schatten. Wenn ich nichts davon tue, schreibe ich Izzy oder überlasse mich meinen Träumen. Die guten kommen am Tag, die schlechten in der Nacht.

Die Stille hat eine andere Form angenommen. Seit ich vor fünf Tagen, getragen von diesem einen letzten Funken in mir, zum Friseur ging und ohne meine langen Haare wiederkam. Seit mein Vater mich Izzy nannte und ich nicht sie sein wollte.

Niemand redet, es ist, als hätten sie meine Stille geklaut. Mein Vater schafft es nicht einmal mehr, mich anzusehen. Das letzte Mal, als er so war, hatten Izzy und ich den geschützten Hof verlassen, um auf der Straße mit Kreide zu malen, weil das auf dem Asphalt einfach viel schöner aussah, oder hatten an den Knöpfen am Herd gespielt und anschließend versucht, uns darin zu verstecken. Es war immer Izzy, die danach wieder sein Herz erweichen konnte, weil sie stur wie ein Esel war und das Herz eines Engels hatte. Vielleicht auch, weil sie auf Kommando weinen konnte und Dad mit ihren großen Augen traurig anblickte, Tränen rausdrückte und einen Schmollmund zog. Alles an ihr schrie: Es tut mir leid, sei nicht böse! Damals hat er Angst um uns gehabt. Heute ist er einfach nur wütend. Damals habe ich den Unterschied nicht verstanden, heute spüre ich ihn.

Meine Hände ballen sich zu Fäusten, verkrampfen und lösen sich, wieder und wieder, während ich vor der Tür zum Esszimmer stehe. Meine Beine sind steif, meine Füße wie festgenagelt. Das Besteck, das aneinanderklirrt und über den Teller schabt. Mein Magen knurrt leise und ich überlege, ob ich es wagen kann, mich zu Mum und Dad an den Tisch zu setzen. Ich stehe einfach nur da und schließlich wähle ich den leichten Weg, hebe Mo hoch und schlurfe zurück aufs Zimmer. Nachher werde ich mir ein Brot machen oder Müsli, das wird reichen.

Ein Lächeln zupft an meinem Mundwinkel, während ich Mo an mich drücke und die Treppe hinaufgehe.

»Was wird das, wenn es fertig ist?« Völlig erstaunt blicke ich zwischen Izzy und ihrer Schale hin und her, in die sie gerade mindestens ein Dutzend verschiedene Cornflakessorten und Milch zusammenkippt.

»Das kann nie und nimmer schmecken! Und ich fasse es nicht, dass du mein Lieblingsmüsli mit reingekippt hast!«

Sie rührt mit ihrem XXL-Löffel in dem Gemisch herum und ihr Gesicht wechselt von freudiger Erwartung zu Unsicherheit, ob ich nicht recht haben könnte. Zaghaft steckt sie sich einen Löffel voll in den Mund. Sie kaut, dann schluckt sie und grinst mich diabolisch an.

»Dieses Mal irrst du dich, Schwesterherz! Es schmeckt verrückt, es schmeckt großartig. Wie eine Explosion aus Honig, Zucker, Karamell und Schokolade.«

»Es ist kein Gourmet-Frühstück, es ist Chaos-Müsli!«, schnaube ich und verdrehe die Augen, was Izzy lauthals zum Lachen bringt.

»Das ist ein perfekter Name!«

Ja, ich denke, heute esse ich ein Chaos-Müsli.

Als mich weder die Briefe an Izzy noch Mo oder die Musik von meinem grummelnden Magen ablenken können, nehme ich all meinen Mut zusammen und verlasse erneut das Zimmer. Es belastet mich, dass Mum und Dad mir meinen kleinen Ausbruch übler nehmen als gedacht. Nein, eigentlich habe ich überhaupt nicht nachgedacht und das ist das Problem daran. Das war es schon immer und nur dadurch sind wir überhaupt erst in dieser Lage.

Ich gehe den beiden seit Tagen erfolgreich aus dem Weg und es scheint sie wenig zu stören, denn niemand kam zu mir, fragte mich irgendein belangloses Zeug oder sah einfach nach mir.

Ich erreiche die Treppe und halte inne. Papier raschelt und das Geräusch dringt aus dem Schlafzimmer meiner Eltern. Ist es Mum oder Dad? Sind es beide? Wieso hört es sich an, als würden sie etwas lesen? Sie waren beide nie der Typ dafür.

Los, Hannah! Geh weiter! Sie wollen ihre Ruhe und du willst sie auch. Meine innere Stimme erhebt sich und zeitgleich drehe ich meinen Kopf. Meine Hand lässt das Geländer los, meine Beine setzen sich endlich in Bewegung – leider in die falsche.

Keine Ahnung, warum ich jetzt die angelehnte Tür öffne und hineingehe. Keine Ahnung, warum ich dabei so ruhig bleibe, beinahe selbstsicher. Meine Mutter sitzt im Schneidersitz auf dem riesigen Doppelbett, seitlich zu mir. Sie trägt ein altes, verblichenes Shirt und kurze Shorts. Ich bin mir sicher, dass sie längst bemerkt hat, dass ich hier bin, aber sie sieht nicht auf. Ich bleibe auf dem runden, flauschigen Teppich vor dem Bett stehen, vergrabe meine Zehen darin. Und ich warte. Darin habe ich Übung. Auch wenn ich nie sagen kann, worauf ich warte. Dann rede ich mir ein, dass es nicht so wichtig ist, das Ziel zu kennen.

Auf ihrem Schoß liegt ein dickes Buch, nein, ein Album voller Fotos. Vorsichtig blättert sie eine der großen, dicken Seiten um und kurz reflektieren die Fotos das Licht, bevor sie verschwinden. Beinahe liebevoll streicht meine Mum über jedes einzelne, sie wirkt, als wäre sie in Gedanken weit, weit weg, an einem anderen Ort.

Mit meiner rechten Hand fahre ich unsicher den linken Arm hoch und runter. Ich fühle mich wie ein Eindringling, wie ein Fremder. Kurz huscht mein Blick zurück zur Tür, ich schlucke schwer und bin versucht, einfach wieder zu gehen, ihr den Raum zu lassen, den sie gerade braucht. Wer weiß, warum ich überhaupt hierherging, was ich hier suche und warum ich nun hier stehe. Ich kann nichts sagen. Noch weniger etwas, das alles besser oder erträglicher machen würde. Ich habe ihr wehgetan – nicht nur vor fünf Tagen, als ich als eine andere heimkam, die doch immer noch dieselbe ist.

»Du wolltest etwas verändern, nicht wahr?«, dringt die leise Stimme meine Mutter zu mir. Ihr Blick findet meinen, hält ihn fest und ich beiße mir so fest auf die Unterlippe, dass ich Blut schmecken kann. Abgehackt nicke ich, dabei will ich nur Ja schreien. Ja, ich wollte so vieles verändern, ich will es immer noch. Ich will, dass alles anders ist und ich will die Zeit zurückdrehen. Meine Hand fährt wie von selbst durch mein kurzes Haar.

Sie ringt sich ein Lächeln ab, bevor sie mich zu sich winkt. Es dauert ganze zehn Atemzüge, bis ich es schaffe, mich zu ihr zu bewegen. Meine Füße fühlen sich an, als hätte ich riesige Schwimmflossen daran – man kann mit ihnen laufen, aber es sind unbeholfene Schritte, die sich total verrückt und fremd anfühlen. Mit genug Abstand setze ich mich neben sie auf die Bettkante, aber sie löst ihre Beine aus dem Schneidersitz und rutscht näher an mich heran. Kurz streicht sie mir über den Rücken und ich sehe ihr an, wie viel Kraft sie das kostet. Ich schlucke mehrmals, spüre den Kloß in meinem Hals, versuche mich zu entspannen. Sie schiebt das Album, das noch schwerer ist, als es aussieht, und beinahe überquillt, zur Hälfte auf meinen Schoß und blättert erneut um.

Kreuz und quer kleben die Fotos darin, ohne irgendein Muster erkennen zu lassen. Schräg, halb übereinander, bunt und in Farbe, schwarz-weiß, klein und groß. Doch dann sehe ich es. Jedes Foto zeigt Izzy und mich. Meine zitternde Hand legt sich zu der von Mum und ich fahre über die Fotos, als würde meine Berührung alles, was sie zeigen, zurückbringen. Izzy, wie sie das erste Mal ohne Stützräder fährt, Izzy, wie sie hinfällt und über ihre Schramme am Bein lacht, und ich daneben, wie ich weine, weil sie sich verletzt hat. Meine Hand fährt weiter, es ist eine einzige Bewegung, die Erinnerung um Erinnerung hervorholt.

Izzy und ich nach einem Turnier, mit verschwitzten Trikots, kurzen Sporthosen, weißen Sneakers, dem Volleyball zwischen uns und einem breiten Grinsen im Gesicht. Wir, wie wir uns einen Teller Spaghetti teilen und auf einmal beide je ein Ende der Nudel erwischt haben. Wir auf dem Sofa, nebeneinander, völlig verknotet und mit offenen Mündern, nachdem wir eingeschlafen sind, mit Mo auf uns drauf. Wir mit Mum und Dad. Glücklich.

Früher hat Dad andauernd Fotos gemacht, er und seine Kamera waren unzertrennlich, doch seit Izzy fort ist, hat er die Kamera in irgendeine finstere Ecke verbannt.

Die Momente, in denen man mit jeder Faser seines Ichs versteht, was man verloren hat, haben nur erste Male. Sie kommen immer wieder, und immer wieder fühlen sie sich an, als wäre es das erste Mal. Als würde man immer wieder von Neuem eine Wunde aufreißen und danach vergessen, dass man es davor schon oft getan hat. Trauer ist eine andere Form des Vergessens und des Erinnerns – man erinnert sich und es tut weh und man erinnert sich von Neuem, weil man vergaß, wie weh es zuvor tat. Die Erinnerung ist zuerst wie eine Umarmung und wird danach zu einem harten Schlag ins Gesicht, bevor sie in das Nichts verschwindet und man sich der nächsten hingibt. Aber selbst wenn man es wüsste, würde man sich erinnern. Weil dieser eine kurze Moment des Glücks jeden Schmerz wert ist.

Mums Hand legt sich über meine und schließlich ist das, nicht der Anblick alter Fotos, der Grund, warum ich anfange zu schluchzen.

»Ja«, sagt sie flüsternd und ihre Stimme klingt brüchig. »Ich denke auch, es ist Zeit für eine Veränderung.«

Es ist nicht der Satz, der mich nervös macht, und auch nicht die sanfte Art und Weise, wie sie mich ansieht. Es ist etwas, das zwischen uns hängt wie ein unsichtbares Blatt, das noch nicht weiß, ob es fliegen oder zu Boden gleiten soll.

Aber ich schiebe es vehement zur Seite, reiße mich zusammen und sehe mir mit Mum die anderen Fotos an. Ich erlebe all die Erinnerungen, all die schönen und schweren Momente und all den Schmerz. Ich erlebe unzählige Daserste-Mal-Momente.

Und als wir das Album schließen, scheint nicht nur in meinem Magen ein großes Loch zu klaffen.

Mum atmet laut ein, bevor sie aufsteht, um das Album in einer riesigen Box unter dem Bett zu verstauen. Dass es dieses Album noch gibt, grenzt an ein Wunder. Außer den Dingen, die darin lagen, und den Dingen in dieser einen Kiste in meinem Zimmer, gibt es nicht viel Altes in diesem Haus. Nichts Vergangenes.

Mum verlässt das Zimmer ohne ein Wort, aber das ist okay, denn hier schwebt mehr Ungesagtes herum, als ich ertragen kann. Kurze Zeit später folge ich ihr, schließe die Tür zum Schlafzimmer meiner Eltern und gehe endlich dahin, wo ich zuvor hinwollte. Die Küche ist leer, ich höre, wie die Stimmen des Fernsehers gedämpft zu mir dringen. Auf dem Tisch steht ein kleines Brettchen mit frisch belegten Brötchen und etwas Salat in einer Schüssel. Das Chaos-Müsli fällt nun zwar aus, aber ich danke Mum innerlich dafür, dass sie das für mich getan hat. Für mich ist das so viel mehr. Für mich sind die zwei Brötchen und der kleine Salat so viel mehr.

Am nächsten Tag plagt mich mein schlechtes Gewissen. Die Fotos mit all ihren Erinnerungen, die Momente mit Mum haben mich müde gemacht und mich in Gedanken versinken lassen, sodass ich das erste Mal vergessen habe, Izzy zu schreiben. Eine andere Art Erstes-Mal-Moment. Und er tut fürchterlich weh.

Mit Mo auf meiner Schulter liegend gehe ich nach unten, ich möchte mit meinen Eltern frühstücken. Ich möchte mich nicht mehr verstecken, meine Fehler verstecken sich schließlich auch nicht.

Bin ich zu spät? Das kann nicht sein. Aber der Anblick ist nicht wie sonst. Mum rennt nicht wie verrückt durch die Küche und versucht das Rührei zu retten und Dad schmeißt nicht seinen Toast weg, weil er mal wieder zu dunkel wurde. Sie sitzen am Tisch und der ist leer. Vor ihnen liegt nichts weiter als eine Broschüre. Mo richtet sich auf meiner Schulter halb auf und versucht auf mir zu balancieren, dann miaut er und meine Eltern zucken zusammen, als hätten wir sie erschreckt. Als könne ich sie bei etwas erwischen. Ein ungutes Gefühl bahnt sich seinen Weg meine Wirbelsäule hinauf, eine Gänsehaut bildet sich auf meinen Armen und ich würde mein kurzes blaues Top lieber gegen einen Pullover tauschen, um mitten im Sommer nicht zu frieren.

Sogar Dad sieht mich an. Etwas hat sich verändert und Mums Worte kommen mir in den Sinn. Ja, vielleicht ist es Zeit für Veränderungen.

»Guten Morgen«, sagen beide gleichzeitig.

Was ist hier los?, frage ich in Gedanken.

»Wir sind etwas zu spät mit dem Frühstück, es tut mir leid, ich werde sofort …« Die Stimme meiner Mutter überschlägt sich fast und als sie aufsteht, reißt sie beinahe die Tischdecke mit sich mit. Hektisch sieht sie sich um, aber bevor sie ganz losstürmen kann, hat Dads Hand sie erreicht und am Unterarm gepackt. Sie zuckt zusammen und hält inne, ihre Schultern sacken herab und beinahe flehend sieht sie ihn an. Er nickt ihr aufmunternd zu und sie sagen so viel, ohne zu reden, dass ich drohe Kopfschmerzen zu bekommen. Mum lässt sich erneut auf den Stuhl sinken, versucht sich zu fassen und hält Dads Hand ganz fest.

»Hannah«, sagt er leise.

Diese sechs Buchstaben, von hinten und von vorne gleich, gleiten durch mich hindurch. Er kennt noch meinen Namen, aber weiß er auch, wer ich bin?

Automatisch strecke ich mich, halte mich gerade, recke das Kinn und greife nach Mo, ich verstärke die Mauern in und um mich und obwohl ich sie Tag für Tag verfluche, sind sie da und schützen mich.

»Ich …«, beginnt er, bricht ab, zieht die Augenbrauen so fest zusammen, dass die Fältchen um seine Augen und auf der Stirn tief werden, dass er zu ernst aussieht, zu nachdenklich.

»Wir …«, hilft ihm meine Mutter aus. »Wir möchten, dass du dich zu uns setzt.«

Ich bewege mich nicht, mein Blick wandert zwischen den beiden hin und her und zwischen all den Dingen, die stumm und unsichtbar zwischen uns dreien liegen, zwischen all der Trauer, der Angst, dem Leid und den Erinnerungen. Zwischen allem, was war und was nie mehr ist.

»Bitte«, fügt sie hinzu und schließlich kann ich nicht anders und gehe auf sie zu. Ich setze mich zwischen sie, nehme Mo von den Schultern auf den Schoß und streiche über sein Fell, immer wieder, wie ein Mantra.

»In ungefähr vier Wochen beginnt die Schule, wie du weißt, und …«

»Wir haben dich abgemeldet«, platzt Dad Mum dazwischen und sie fährt sich mit der Hand über die Stirn. Erschrocken schnappe ich nach Luft. Wie bitte? Abgemeldet?

»Wir haben dich woanders angemeldet.« Der Blick meines Vaters bohrt sich in meinen. »Wir glauben, dass es so nicht weitergehen kann. Dass wir etwas ändern sollten. Dass wir es müssen«, fügt er hinzu und seine Worte sind wie Felsen in der Brandung, wie ein Berg im Sturm, unverwüstlich und unbeweglich. Sie stehen fest.

Ich atme zu schnell, Mo krallt sich in meine Beine, weil ich meine Finger zu fest in sein Fell presse.

Woanders angemeldet, wir müssen etwas ändern, schwirrt es durch meinen Kopf. Sofort springt mir die Broschüre auf dem Tisch ins Auge, die ich schon sah, bevor dieses Gespräch begann. Bevor ich wusste, was auf mich zukommt. Sankt Anna prangt in fetten Lettern darauf.

Mir wird schlecht.

Sie wollen mich wegschicken, sie wollen mich wegschicken, sie wollen mich wegschicken, wegschicken, wegschicken, wegschicken. Weg. Das ist, was bleibt. Weg.

»Die Schule soll sehr gut sein.« Mum hat schon immer versucht, alles besser zu reden, als es tatsächlich ist. Ich schnappe mir die Broschüre, schlage sie auf. Ein schönes altes Gebäude prangt auf den ersten Seiten, grauer Stein, viel Wald, es ist beinahe ein Schloss. Worte wie privat, Internat, intensive Betreuung springen mir entgegen und mit jedem weiteren Satz, mit jedem weiteren Blatt, das ich umdrehe, verstehe ich mehr und mehr, was Sankt Anna ist. Ein besonderer Ort für Jugendliche mit speziellen Problemen. Sofort habe ich Izzys Stimme im Kopf, die sagen würde: Sag es, Hannah! Es ist ein Irrenhaus, in dem man dir nebenbei noch Mathe und Englisch beibringt, nachdem man sichergestellt hat, dass du weder dir noch anderen schadest. Und du kommst da erst raus, wenn irgendein Fremder bescheinigen kann, dass bei dir alles wieder richtig funktioniert.

Bin ich kaputt?, frage ich mich unwillkürlich und schnaube laut auf. Wahrscheinlich schon.

»Wir dachten … vielleicht geht es dir dort besser. Vielleicht hast du in Sankt Anna genug Zeit und Raum für dich und vielleicht …« Mums Stimme bricht, sie atmet zitternd ein und startet einen neuen Versuch. »Vielleicht redest du mit jemandem.«

»Wenn du schon nicht mit uns redest.« Sobald Dad es gesagt hat, senkt er den Blick. Er meint es nicht so, ich weiß das, aber deshalb ist es nicht weniger schmerzhaft. Wenn ich könnte, würde ich reden. Oder nicht? Verzweifelt lasse ich Mo los und meinen Kopf in meine Hände sinken. Immer wieder schüttle ich den Kopf, bis mein Körper sich anschließt, vor und zurück schwingt und Mo von meinem Schoß vertreibt. Bis meine Mum ihre Hand über mein Haar streichen lässt.

»Wir halten es für das Beste, Hannah!«

Und mit »wir« meint sie nicht mich. Verletzt hebe ich den Kopf, springe vom Stuhl auf und fege die Broschüre vom Tisch, die zerknittert auf dem Boden zum Liegen kommt. Mo rennt fauchend aus der Küche. Ich bin so wütend! Auf Mum und Dad, auf das Leben, auf diesen Moment. Ich will dort nicht hin, ich bin nicht anders oder verrückt. Ich bin nur Hannah.

»In wenigen Tagen fahren alle neuen Schüler zusammen campen, das ist Pflicht. Die Schule fängt regulär wie alle anderen an.« Dads Stimme klingt kalt. »Du wirst mitfahren und du wirst auf diese Schule gehen.« Ende der Diskussion. Die Worte musste er nicht aussprechen, sie klingen auch so nach. Das Lustige daran ist, dass wir gar nicht diskutiert haben. Wie könnte ich auch ohne Worte? Und was würde eine Diskussion nützen bei Dingen, die anscheinend unumstößlich und längst entschieden sind.

Ich renne nach oben, knalle das erste Mal, seit ich denken kann, die Tür mit voller Wucht zu und stoße einen stummen Schrei aus, der lauter nicht sein könnte.

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Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
11 ноября 2024
Объем:
251 стр. 20 иллюстраций
ISBN:
9783764192143
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Правообладатель:
Bookwire
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