Читать книгу: «Nico & Silas - falling for you»
Impressum:
Widmung:
Trigger-/Inhaltswarnung:
Playlist:
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Danksagung
Über die Autorin:
Nico & Silas
falling for you
Annika M.
Impressum:
1. Auflage, 2021
© 2021 Annika Michler
Selbstverlag: Annika Michler, Universitätsstr. 98, 70569 Stuttgart
Buchcovergestaltung: Kreationswunder by Katie Weber
Korrektorat: Sarah Nierwitzki (Für autorenbedingte Änderungen nach Abschluss des Korrektorats wird seitens der Korrektorin keine Verantwortung auf Korrektheit übernommen)
Instagram: @annikam.autor
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Widmung:
Für Rick.
Ich sehe dich, als wärst du Teil meiner Realität.
Trigger-/Inhaltswarnung:
Homophobie/Queerfeindlichkeit
Tod durch Unfall/im Krankenhaus
natürlicher Tod
Narben
Outing vor Freunden
Outing vor Fremden
Hassrede
Krankenhausszenen
sexuelle (angedeutete) Handlungen
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Ich habe mich erst im Laufe der Überarbeitung intensiver mit dem Thema »ableistische Sprache/Formulierungen« auseinandergesetzt und bin mir nicht sicher, ob ich diese vollständig aus dem Buch verbannt habe. Sollte euch während des Lesens hierzu etwas aufgefallen sein, teilt mir dies gern per Instagram oder Mail mit, damit ich diese Stellen erneut überarbeiten kann.
Lasst mich auch wissen, wenn ihr weitere Trigger gefunden habt, dann ergänze ich diese in der obenstehenden Liste!
Sollten euch im Buch Formulierungen/Begriffe aufgefallen sein, die bestimmte Personengruppen (bspw. trans oder nicht-binäre Menschen) ausschließen, schreibt mir auch das gern.
Das war nicht meine Intention und falls ich unkorrekte Begriffe gewählt habe, werde ich diese in einer neuen Auflage ändern.
Ich danke euch für eure Mithilfe.
Playlist:
Ruben – Lay By Me
Jessie Kol – Can’t Help Falling in Love
Dermot Kennedy – An Evening I Will Not Forget
Dean Lewis – Need You Now
Elina – Here With Me
The Beach – Bridge Back to Your Heart
KEMAL – BRAVE
Coav – California
DAT ADAM – Lennon 2
5 Seconds of Summer – Old Me
Ed Sheeran – Perfect
Vance Joy – Mess Is Mine
John Legend – All Of Me
Prolog
Dienstag, 14. April
Der Wind fuhr durch Nicos Haare, als er schwungvoll mit seinem Fahrrad an einer wenig befahrenen Kreuzung abbog. Der Siebzehnjährige hatte einen langen Schultag hinter sich und konnte es kaum erwarten, mit schnellen Tritten seinem Zuhause näherzukommen. Mit den Gedanken weit weg, fuhr er durch die vertrauten Straßen, bis seine Fahrt in der nächsten Kurve ein abruptes Ende nahm.
»Fuck«, murmelte Nico. Er hatte einen Fußgänger übersehen, der vor ihm die Straßenseite wechseln wollte, und lag nun neben diesem unter seinem Fahrrad begraben auf der Straße. Ein stechender Schmerz schoss durch sein Bein und er spürte, dass sein rechtes Knie aufgeschürft war. Ein kurzer Blick genügte, um zu erkennen, dass es dem Typen, den Nico eben über den Haufen gefahren hatte, ähnlich zu gehen schien.
»Alles okay?«, fragte dieser, während er sich aufrappelte und den Schmutz von seiner Hose klopfte.
Erstaunt über die besorgte Stimme hob Nico seinen Kopf, ein kurzer Blick in die dunkelbraunen Augen seines Gegenübers ließ ihn seine Antwort vergessen. Nie zuvor hatte er Augen in einer solchen Farbe gesehen, dieses tiefe Dunkelbraun war so warm, so voller Geborgenheit. Erst als er einen verwirrten, leicht irritierten Ausdruck in diesen Augen wahrnahm, räusperte Nico sich und spürte, wie er errötete.
»Ja, alles okay. Sorry, dass ich dich umgefahren habe. Ich hätte besser aufpassen sollen.« Nicos Stimme klang krächzend, als er die ausgestreckte Hand des jungen Mannes ergriff und sich aufhelfen ließ. Er schätzte das Alter seines Gegenübers auf achtzehn oder neunzehn Jahre.
Verlegen standen die beiden voreinander.
»Egal, ist ja nichts Schlimmes passiert, manchmal vergisst doch jeder, worauf er sich konzentrieren sollte.«
Die kurzen, in alle Richtungen abstehenden wasserstoffblonden Haare faszinierten Nico so sehr, wie es die dunkelbraunen, fast schwarzen Augen seines Gegenübers taten. Obwohl er der Größere der beiden war, fühle Nico sich klein und hilflos.
Stumm standen sie voreinander und schienen vergessen zu haben, dass sie sich mitten auf der Straße befanden. Nico kam es so vor, als würde die Zeit für einen Moment langsamer vergehen. Ihm war klar, dass sie nicht für immer auf der Straße stehen bleiben konnten, aber er wusste nicht, was er sagen sollte, um die Stille zwischen ihnen zu durchbrechen. Am liebsten hätte er seinen Gegenüber nach dessen Namen gefragt, um wenigstens irgendetwas über ihn zu wissen, doch er brachte kein einziges Wort über die Lippen.
»Also ... ähm ... ich muss dann mal weiter.«
Der Blonde kratzte sich unbeholfen am Hinterkopf, ließ seinen Blick kurz durch die Gegend wandern, bevor er wieder auf Nico liegen blieb. Er lächelte.
»Nochmal sorry«, meinte Nico leise und konnte nicht verhindern, dass sich auch auf seinem Gesicht ein leichtes Lächeln ausbreitete.
Für einen weiteren Moment standen sie voreinander und schauten sich stumm an, bevor Nico nach seinem Fahrrad griff und den Bann zwischen ihnen brach. Ein verlegenes Grinsen diente als Verabschiedung, ehe sie erneut ihrer eignen Wege gingen. An der nächsten Straßenecke drehte Nico sich noch einmal um, doch der Blonde war bereits aus seinem Blickfeld verschwunden.
Kapitel 1
Donnerstag, 21. Mai
»Ihr glaubt nicht, wie ich mich freue, dass ihr heute alle Zeit habt!«
Ich brauchte Samantha nicht anzuschauen, um zu wissen, wie glücklich sie aussah. Ich sah bildlich vor mir, wie ihre grünen Augen mit dem grauen Stich zufrieden funkelten und uns zeigten, dass sie sich wohlfühlte. Ihre langen hellbraunen Haare hatte sie zu einem unordentlichen Zopf zusammengefasst, doch das störte niemanden von uns. Wir waren es gewohnt, dass es Samantha egal war, wie sie in unserer Gegenwart aussah. Sie genoss es, uns um sich zu haben und gemeinsam den Tag ausklingen zu lassen.
Wir befanden uns bei mir zu Hause und außer Samantha und mir war auch der Rest unserer Gruppe anwesend: Valentin, der Jüngste in unserem Kreis, und Kilian saßen nebeneinander auf dem Sofa und spielten UNO, während Timo neben mir auf dem Boden lag und meinte, dass er viel zu viel gegessen habe. Seine gelblich-braunen Augen hatte er geschlossen, konzentriert atmete er ein und aus, um Herr über die Übelkeit zu werden, die ihn aufgrund des vielen Essens plagte.
Es war ein Abend, wie wir ihn so oft versuchten zu planen, doch meistens kam irgendwem etwas dazwischen, sodass wir nur selten zu fünft und damit vollständig waren. Nicht, dass wir nicht auch unvollständig unseren Spaß haben konnten, vor allem wenn Samantha dabei war, kam es nicht oft vor, dass uns langweilig wurde. Doch mit allen vereint war es immer noch am schönsten.
»Was macht ihr in den Ferien? Hat irgendwer Pläne?« Timo hatte sich aufgerappelt und begab sich auf den Weg in Richtung Küche, als Valentin seine Frage stellte.
»Wann sind Ferien?«
»Nächste Woche ist noch Schule, danach zwei Wochen Ferien«, antwortete ich, während Samantha Timos Platz einnahm und sich neben mich legte. Mit dem Unterschied, dass sie ihren Kopf auf meinem Bauch platzierte. Meine Finger wanderten wie von selbst in ihre Haare und spielten mit den langen Haarsträhnen, bei denen sie schon seit Monaten überlegte, ob sie sie abschneiden sollte. Noch hatte sie es sich nicht getraut. Zufrieden seufzte sie.
»Ich bin mit meinen Eltern weg. Glaub‘ ich zumindest«, antwortete Timo auf Valentins Frage, als er mit einem Glas Wasser aus der Küche zurückkam. Er trank es in wenigen großen Zügen aus, was in mir die Frage aufkommen ließ, ob sich das so gut mit seiner Übelkeit vertragen würde. Sonderlich glücklich über seine verplanten Ferien sah er nicht aus, sein Gesicht hatte sich zu einer Grimasse verzogen, die zeigte, wie wenig ihm der Gedanke an zwei Wochen Urlaub mit der Familie gefiel. Was ich bei seiner Familie nachvollziehen konnte. Nicht, dass ich sie nicht mochte, doch bei seiner Vielzahl an Geschwistern konnte es schnell laut und hektisch werden, seine Eltern hatten alle Hände voll zu tun, damit die Mehrzahl zufrieden war.
»Warum fährst du eigentlich immer mit, obwohl du keinen Bock hast? Deine Eltern lassen dich doch mit Sicherheit allein zu Hause, wenn du fragst«, hakte Kilian nach, ohne den Blick von seinen Karten zu nehmen. Timo seufzte leise und setzte sich zu Valentin und Kilian, um in der nächsten Runde mitzuspielen.
»Ich habe nur keinen Bock auf meine Familie. Trotzdem will ich nicht zwei Wochen hierbleiben, wenn ich stattdessen im Urlaub sein könnte.« Darauf wusste niemand etwas zu sagen, wünschten wir uns doch alle, hier zumindest für eine kurze Zeit wegzukommen. Der eine mehr, der andere weniger.
Ich gehörte zu denen, die ganz zufrieden hier waren und sich nicht daran störten, die Ferien zu Hause zu verbringen. Während die anderen überlegten, was sie in der freien Zeit anstellen könnten, drifteten meine Gedanken wie so oft in den letzten Wochen ab. Ich dachte wieder an den Zusammenstoß mit dem blonden Typen zurück, dessen Namen ich noch immer nicht kannte. Es war mehr als ein Monat vergangen, doch seine dunkelbraunen Augen und seine warme Stimme wollten mir nicht aus dem Kopf gehen.
»Nico?«
Erschrocken zuckte ich zusammen, als Samantha mir in die Seite pikste.
»Hmm?«
Meine Reaktion brachte die anderen zum Lachen.
»Eigentlich wollte ich wissen, ob du irgendwas vorhast, aber jetzt interessiert mich mehr, warum du so oft in letzter Zeit überhaupt nicht bei der Sache bist.«
Ich war mir sicher, dass nicht nur Samanthas Blick vor Neugierde triefte. Doch ich wusste nicht recht, was ich ihnen sagen sollte. Weder hatte ich meinen Freunden von dem Zusammenstoß erzählt, noch von dem Typen, den ich umgefahren und der mich so in seinen Bann gezogen hatte. Ich hatte nicht gewusst, wie ich es ihnen erklären sollte, verstand ich doch selbst nicht, was mich so an ihm faszinierte. Und jetzt, fünf Wochen später, davon zu erzählen, kam mir genauso komisch vor, weshalb ich es vorzog, die Sache mit einem leichten Schulterzucken abzutun und nur auf den ersten Teil der Frage einzugehen.
»Ich weiß nicht, ob ich frei habe. Unabhängig davon werde ich viel durch die Gegend laufen und mir Sachen anschauen.«
Mittlerweile wunderte es niemanden mehr, dass ich schon vor Jahren eine Vorliebe für lange Spaziergänge durch unsere immer gleiche Stadt entwickelt hatte, die in seltenen Fällen von Samantha oder Timo begleitet wurden. Besonders mit Samantha waren diese Erkundungstouren schön, denn ähnlich wie ich konnte sie sich schnell in Kleinigkeiten verlieren, dasitzen und die Schönheit eines versteckten Brunnens oder eines alten zerfallenen Hoftores bewundern. Anders als mir fehlte ihr aber die nötige Geduld, um solche Orte ausfindig zu machen, weshalb sie für Unterhaltung sorgte, anstatt nach interessanten Objekten Ausschau zu halten. Ich liebte ihre aufgeweckte Art, wie sie anderen Menschen anfangs zwar oft distanziert begegnete, es aber dennoch schaffte, ihnen innerhalb kürzester Zeit Dinge zu entlocken, die sie sonst nicht erfahren hätte. Es wunderte mich, dass sie es bisher nicht geschafft hatte, etwas von dem blonden, braunäugigen Typen mitzubekommen.
»Genau das meine ich, du driftest ständig in deine Gedanken ab, ohne es überhaupt zu merken. Das ist sonst gar nicht so dein Ding«, murmelte sie mir ins Ohr, während sich ein freches Grinsen auf ihre Lippen legte.
Die anderen drei waren in eine neue Partie UNO vertieft und schienen das Interesse an unserer Unterhaltung verloren zu haben, obwohl Samantha und ich nach wie vor auf dem Boden lagen und leise redeten.
»Was auch immer es sein mag, sei dir sicher, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis ich weiß, was dich beschäftigt.«
»Ach ja?« Provokant grinsend schaute ich sie an. Es war ja gar nicht direkt mein Plan, ihr den Zusammenstoß zu verschweigen, ich wusste nur nicht, was ich von meiner Reaktion auf den unbekannten Typen halten sollte.
»Natürlich«, meinte sie selbstsicher, hob ihren Kopf und fing dabei meinen provozierenden Blick auf. »Was wäre ich denn für eine beste Freundin, wenn ich das nicht herausfinden würde?« Ich grinste breit, für mich war das Thema damit vorerst erledigt.
»Du weißt aber schon, dass du jederzeit mit mir reden kannst, falls es etwas gibt, das dich beschäftigt?« Prüfend sah sie mich an. Mein Grinsen wurde bei ihren Worten eine Spur breiter.
»Ich weiß«, antwortete ich leise. Als sie ihren Kopf zurück auf meinen Bauch legte, fanden meine Finger wie von selbst den Weg in ihre Haare, um sie zu kraulen.
Kapitel 2
Samstag, 30. Mai
Müde stand ich auf, zog mir ein Shirt über den Kopf und lief barfuß die Treppe hinunter. Aus der Küche vernahm ich die typischen Geräusche des Wasserkochers, wie sie beinahe jeden Morgen in unserem Haus zu hören waren.
»Morgen«, murmelte ich verschlafen, als ich durch die Tür trat und mich auf den Stuhl fallen ließ, der mir am nächsten stand. Lia, meine Mutter, wartete mit einer Kaffeetasse in der Hand vor dem Toaster, dass ihr Frühstück fertig wurde. Erstaunt schaute sie mich an.
»Schon wach? Obwohl Ferien sind?« Sie lächelte und schien nichts dagegen zu haben, dass ich ihr beim Frühstück Gesellschaft leistete. Es war recht still am Tisch. Wir waren beide keine Menschen, die morgens viel redeten, wenn es nicht etwas gab, das uns so beschäftigte, dass es nicht länger warten konnte. Doch in letzter Zeit war nichts passiert, das sich lohnte, schon jetzt angesprochen zu werden.
Lia wusste, wie ich meine Ferien am liebsten verbrachte. Sie musste die Woche über arbeiten, weshalb sich gemeinsame Aktivitäten, wenn überhaupt, nur fürs Wochenende planen ließen. Wir kamen gut miteinander aus, konnten den anderen genau einschätzen und störten uns nicht daran, dass wir in den Ferien nicht mehr als sonst gemeinsam unternehmen konnten.
Ich mochte meine Beziehung zu Lia, welche sich erst nach dem Tod meines Vaters gefestigt hatte. Normalerweise gab es kaum etwas, bei dem ich das Gefühl hatte, dass ich es nicht mit ihr besprechen konnte; einige wenige Male war ich sogar versucht gewesen, ihr von dem blonden Typen und seiner Wirkung auf mich zu erzählen, bisher hatte ich mich aber dagegen entschieden. Zwar wusste sie von dem Zusammenstoß, da sie nach meinem verletzten Knie gefragt hatte, doch mit keiner Silbe hatte ich erwähnt, wie sehr mich der junge Mann in seinen Bann gezogen hatte.
Nach dem Frühstück stellte ich das benutzte Geschirr zur Seite, während sich Lia in Richtung Wohnzimmer verzog. Ich würde die Küche später ordentlicher aufräumen, doch es zog mich nach draußen, weshalb ich nicht länger meine Zeit damit verschwenden wollte, den Abwasch zu erledigen. Nach kurzem Überlegen ließ ich mein Fahrrad an seinem Platz im Flur stehen und ging zu Fuß los.
Wir hatten das Glück, am Stadtrand zu wohnen und gleichzeitig ein verhältnismäßig großes Waldstück in unserer Nähe zu haben, sodass ich einen Großteil meiner Freizeit dort verbrachte. Vor allem als Kind hatte ich mir nichts Besseres vorstellen können, als den ganzen Tag die unzähligen Trampelpfade zu erkunden, auf Bäume zu klettern und auf Baumstämmen zu balancieren. Doch anders als bei vielen meiner Bekannten, war meine Liebe zur Natur und besonders zu diesem Wald nicht verschwunden, als ich älter wurde. Nur zu gern ging ich auch jetzt noch stundenlang die vertrauten Wege entlang, nur hatte ich mittlerweile nicht mehr so viel Zeit dafür, wie es früher der Fall gewesen ist.
Etwas ziellos lief ich durch den Wald, drehte mich manchmal um, wenn die Geräusche der kleinen Waldtiere in den Büschen und Bäumen mich erschreckten, und genoss es, draußen zu sein. Obwohl mich die Schule nicht störte, mochte ich die Ferien und die Tatsache, dass ich den ganzen Tag machen konnte, worauf ich Lust hatte. Stundenlang durch den Wald laufen. Die Stadt immer wieder neu erkunden. Bei Bedarf neue Leute kennenlernen. Alles Dinge, die deutlich mehr Spaß machten, wenn man nicht im Hintergrund daran dachte, dass es Hausaufgaben gab, die man noch zu erledigen hatte.
Ich verließ den breiten Hauptweg, um in die Richtung eines Schuppens zu laufen, welchen ich vor Jahren durch Zufall bei einem meiner Streifzüge entdeckt hatte. Obwohl das alte Dach schon einige Löcher aufwies, befanden sich die Wände, Fenster sowie die Tür in einem tadellosen Zustand.
Im Inneren war es aufgrund der verdreckten kleinen Fenster die meiste Zeit des Tages schummrig, doch wie durch ein Wunder konnte man trotz der Bäume nachts durch die Löcher im Dach den Sternenhimmel betrachten. Vorausgesetzt es war eine wolkenlose, sternenklare Nacht.
Der Schuppen befand sich abseits der meisten Waldwege am Rande einer Lichtung und schien schon seit Jahren keinen Besitzer mehr zu haben, der sich an das Dasein dieses kleinen Gebäudes erinnerte. Dennoch konnte ich nicht die einzige Person sein, welche ihn im Laufe der Zeit entdeckt und genutzt hatte.
Die Innenwände waren von vielen Graffitis bedeckt und die Tatsache, dass ab und zu neue dazukamen, bestätigte meine Vermutung.
In den Ecken des Innenraumes lagen einige alte Matratzen, auf welchen ich schon die ein oder andere Nacht verbracht hatte, wenn mich das Gefühl überkommen hatte, wieder etwas Abstand zwischen mich und den Rest der Welt zu bringen. Ich genoss das Wissen, dass es diesen Schuppen gab, dass ich hier sein konnte, wann immer ich wollte, ohne währenddessen für jemanden erreichbar zu sein. Es war mein Rückzugsort, den ich weder mit Samantha noch mit einer anderen Person teilte.
Der Weg zum Schuppen war mir mittlerweile so vertraut, dass es nicht lange dauerte, bis ich die alte Tür aufstieß und ins Innere trat. Normalerweise schaute ich mich kurz um, bevor ich mich auf eine der Matratzen neben der Tür fallen ließ. Wann immer ich hier war, verbrachte ich die meiste Zeit auf dieser Matratze, lauschte den Geräuschen des Waldes oder hörte Musik. Ich mochte dieses Nichtstun, dieses Abschalten, was hier so viel besser funktionierte, als es an anderen Orten der Fall war. Der leicht modrige Geruch sowie die Ruhe um mich herum wirkte so beruhigend auf mich, dass es nicht nur einmal passiert war, dass ich während des Musikhörens früher oder später eingeschlafen war.
Diesmal wurde meine Aufmerksamkeit von einem neuen Graffiti gefesselt, weshalb ich mich nicht setzte, sondern stattdessen zu der Wand lief, die der Tür gegenüberlag, und das Kunstwerk von Nahem betrachtete. Es nahm bestimmt die Hälfte der Wand ein und prangte über kleineren Kritzeleien. Ein einsamer weißer Wolf hatte seinen Kopf gen Himmel erhoben und heulte einen großen gelblichen Mond an, welcher leicht von grauen Wolken verhangen war. Ich wusste nicht, was mich so faszinierte, doch ich spürte das Verlangen, meine Hand auszustrecken und über die frische Farbe zu fahren. Vorsichtig strich ich über den Wolf, der so verlassen aussah.
»Gefällt es dir?«
Erschrocken fuhr ich herum. Mein Blick schnellte in die hinterste Ecke des Raumes, aus welcher die Stimme gekommen war.
»Sorry, ich wollte dich nicht erschrecken, wusste aber nicht, wie ich sonst auf mich hätte aufmerksam machen sollen. Und mich die ganze Zeit schlafend zu stellen, wäre auch nicht unbedingt das Schlauste, ich weiß ja nicht, wie lange du hierbleibst.«
Mit einer geschmeidigen Bewegung war der junge Mann aufgestanden und auf mich zugekommen, hielt aber eine gewisse Distanz zu mir. Mein Herz raste, ich hatte nicht damit gerechnet, dass jemand hier sein könnte. Innerlich verfluchte ich mich selbst, denn wer betrat ein fremdes Gebäude, ohne sich anschließend umzuschauen, ob man allein war? Nur, weil ich bisher noch niemanden hier angetroffen hatte, hieß das nicht, dass es nie dazu kommen würde, wie sich nun deutlich zeigte.
Ich beruhigte mich erst wieder, als ich dem Blick des jungen Mannes begegnete. Es waren die gleichen dunkelbraunen Augen, die mir die letzten Wochen nicht hatten aus dem Kopf gehen wollen. Überrascht betrachtete ich ihn genauer, doch bis auf seine Augen und die Stimme deutete nichts auf den Typen hin, welchen ich umgefahren hatte. Seine Haare waren nicht mehr wasserstoffblond, sondern schwarz und deutlich länger; leicht strähnig hingen sie ihm in die Stirn und hinter den Ohren. Seine Kleidung sah so aus, als habe sie die Erfindung des Bügeleisens nicht mitbekommen, doch sein Style gefiel mir. Das Shirt war ihm einige Nummern zu groß, aber dieser Look passte zu seinem Auftreten.
Ich blickte ihm wieder ins Gesicht und bemerkte, dass auch er mich aufmerksam betrachtet hatte. Als mir auffiel, dass ich bisher nichts gesagt hatte, räusperte ich mich nervös, ohne zu wissen, was ich von mir geben sollte. Ein Grinsen breitet sich auf seinem Gesicht aus. Ihn schien mein Verhalten weder zu verwundern, noch zu stören. Es amüsierte ihn nur.
»Ich bin übrigens Silas. Und du der Typ, welcher mich vor ein paar Wochen über den Haufen gefahren hat.«
Die Hitze schoss mir in die Wangen und ich hoffte, dass es ihm aufgrund des spärlichen Lichtes nicht auffallen würde. Sein leichtes Auflachen zeigte mir, dass dem nicht so war. Ich beschloss, dies geflissentlich zu ignorieren.
»Ähm ... ja. Ich bin Nico.«
Stumm standen wir voreinander, betrachteten die Bewegungen des anderen. Ich für meinen Teil versuchte, nicht so nervös zu wirken, wie ich es war. So wie ich mich kannte, ließ mich dieser Versuch nur noch unruhiger aussehen. Doch ich wusste beim besten Willen nicht, wie ich dieses unangenehme Schweigen durchbrechen sollte. Wie ich diese Situation am besten meistern sollte.
Am liebsten wäre ich wieder gegangen, hätte mich umgedreht und vergessen, dass dieser Moment überhaupt existiert und ich mich wie ein Trottel benommen hatte, der nicht mehr als ein paar zusammenhängende Worte herausbrachte. Nur die Tatsache, dass mir seine Augen die letzten Wochen nicht aus dem Kopf gegangen waren und ich nicht nur einmal gehofft hatte, ihm erneut zu begegnen, ließ mich an Ort und Stelle verharren. War das hier nicht genau das, was ich mir gewünscht hatte? Ich hatte die Gelegenheit den Typen, Silas, kennenzulernen. Ich musste nur damit anfangen. Doch stattdessen starrte ich ihn wie bekloppt an.
»Du scheinst kein Mensch der vielen Worte zu sein.« Sein Tonfall machte deutlich, dass ihm unsere, wohlgemerkt sehr einseitige, Unterhaltung gefiel.
Erneut räusperte ich mich, bevor ich antwortete. »Meistens eher nicht, nein.«
»Was heißt meistens?«
Ihm schienen meine kurzsilbigen Antworten nichts auszumachen. Stattdessen zeigte er mit seinem Blick echtes Interesse an dieser Unterhaltung. Mein Interesse war mindestens genauso groß, nur gelang es mir nicht, das zum Ausdruck zu bringen. Umso erleichterter war ich, dass er Fragen stellte. Auch wenn ich auf diese Weise nicht viel von ihm erfahren konnte.
Da mir auffiel, dass wir nach wie vor seltsam in der Mitte des Raumes voreinander standen, schaute ich die uns am nächsten liegende Matratze kurz an. Silas folgte meinem Blick und schien zu bemerken, was mich an der Situation störte. Synchron setzten wir uns in Bewegung und ließen uns auf der Matratze nieder. Es herrschte nach wie vor ein gewisser Abstand zwischen uns, der groß genug war, um niemanden in peinliche Situationen durch versehentliche Berührungen zu bringen, aber zu klein, um eine Unterhaltung unangenehm werden zu lassen.
»Also, in welchen Momenten redest du mehr als gerade?«
Kurz überlegte ich, ob ich mir etwas einfallen lassen sollte, was mich besser als die Realität dastehen ließ, doch ich entschied mich dagegen. Wenn man nicht direkt mit der Wahrheit herausrückte, verstrickte man sich nur immer weiter in Lügengebilde, die früher oder später eine Bekanntschaft zerstören würden.
»Wenn ich betrunken bin.« Silas lachte kurz, während ich zu verhindern versuchte, dass meine Wangen schon wieder heiß wurden. »Oder wenn ich mit den richtigen Leuten zusammen bin.«
Aufmerksam schaute er mich von der Seite an. »Ich hatte angenommen, dass du einer dieser Menschen bist, die mit den richtigen Leuten um sich herum erst recht still sind. Du wirkst so, als könntest du dich dann entspannen und würdest kein Gespräch brauchen, um dich wohlzufühlen.«
»Brauche ich auch nicht zwangsläufig. Ich mag es, stundenlang neben meinen Freunden zu sitzen und ihren Gesprächen zuzuhören. Aber wenn der Augenblick passend ist und ein interessantes Thema aufkommt, dann fällt es mir schwer, leise zu bleiben.«
Froh, dass er nicht weiter auf das Alkohol-Thema eingehen wollte, entspannte ich mich in seiner Gegenwart etwas. Das Gespräch ging in eine gute Richtung, nun musste ich nur den richtigen Moment abwarten, um ihm meine Fragen zu stellen. Wobei mir auffiel, dass ich gar nicht wusste, was ich ihn fragen wollte. Ich wollte ihn zwar kennenlernen, doch hatte keine Ahnung, wo ich anfangen sollte.
Still saßen wir nebeneinander, ohne dass die Stille unangenehm wurde. Ich bemerkte, dass Silas mich nach wie vor von der Seite betrachtete, während mein Blick erneut von dem weißen Wolf eingefangen wurde. Mir fiel ein, wie er mich gefragt hatte, ob mir das Graffiti gefalle.
»Der Wolf ist von dir?«
Aus den Augenwinkeln nahm ich sein Nicken wahr.
»Ja. Bin aber nicht zufrieden damit. Es fühlt sich falsch an, als würde etwas fehlen. Ich komme nur nicht darauf, was genau mich daran stört.«
Ich drehte meinen Kopf, um ihn aufmerksam anzuschauen. Ich hatte angenommen, dass dies zu einem leicht unangenehmen Blickwechsel führen würde. Es erstaunte mich, dass er, anders als erwartet seinen Blick senkte und sich ein minimaler Hauch von Röte auf seinem Gesicht ausbreitete. Ein leichtes Grinsen schlich sich auf meine Lippen, als ich realisierte, dass er gar nicht gemerkt zu haben schien, wie er mich anstarrte.
»Ich mag ihn, wie er ist.«
Erneut wurde es still zwischen uns, Silas scharrte mit seinen Füßen auf dem Boden, während ich meinen Blick zum wiederholten Male zu dem großen Wolf wandern ließ. Ich wusste selbst nicht genau, was mich an ihm so faszinierte, doch dieses Kunstwerk vor mir berührte mich auf eine intensive, ehrliche Art und Weise.
»Warum sieht er so traurig und einsam aus?«
»Was meinst du?« Silas schaute mich fragend an, weshalb ich mit dem Kopf zur Wand deute.
»Der Wolf. Warum sieht er so einsam aus?«
Er folgte meinem Blick und zuckte mit den Schultern. Seine Stirn legte sich nachdenklich in Falten. Ich bereute es, meine Frage gestellt zu haben. Es handelte sich schließlich um Kunst und die beste Kunst entstand aus einem selbst, indem man etwas Persönliches ausdrückte. Wahrscheinlich ging es mich nichts an.
»Sorry, ich wollte nichts Unpassendes sagen.«
Erstaunt begegnete sein Blick dem meinen. »Hast du nicht. Mir ist nur durch deine Frage klar geworden, dass ich mir nie Gedanken über solche Dinge gemacht habe. Ich mache immer nur, was sich gut anfühlt, und höre erst auf, wenn ich zufrieden bin oder mir klar wird, dass eh nichts mehr zu retten ist und jede Minute, die ich mich weiter damit beschäftige, nur verschenkte Zeit ist.
Mir war nicht bewusst, wie der Wolf wirkt. Aber ich habe auch nicht damit gerechnet, dass es jemanden interessieren würde, weshalb etwas, das ich geschaffen habe, so aussieht, wie es eben aussieht. Deine Frage war nicht unpassend, ich habe nur absolut keine Ahnung, wie ich sie beantworten soll.«
* * *
Den Großteil des Tages verbrachten wir auf eine ähnliche Art und Weise. Wir saßen nebeneinander, redeten hin und wieder und schwiegen ansonsten. Mit der Zeit gelang es mir, trotz seiner Anwesenheit meine Gedanken schweifen zu lassen und mich in verschiedenen Gedankengängen zu verlieren.
Als ich gegen Mittag Hunger bekam, ärgerte ich mich darüber, nichts von zu Hause mitgebracht zu haben. Meine leichte Verärgerung ließ erst nach, als Silas einige Snacks aus seinem Rucksack zutage förderte. Ich freute mich, jemanden neben mir sitzen zu haben. Es war so anders, als wenn ich mit meinen Freunden Zeit verbrachte.
Silas war anders. Er schien ein ausgeprägtes Menschenverständnis zu haben und es war, als könne er meine Gedanken lesen. Er ließ mich in Ruhe, wenn ich nachdachte, und verwickelte mich in Gespräche, sobald er merkte, dass mir langweilig wurde.
Er war ein faszinierender Gesprächspartner. Er wusste, wie er seine Fragen stellen musste, wie er mich zum Reden bringen konnte. Einige Male verstummte ich mitten im Satz, da mir klar wurde, dass ich schon wieder vollkommen ausschweifend auf irgendeine Frage geantwortet hatte, während er neben mir saß und zuhörte. Er sollte kein falsches Bild von mir bekommen, weshalb ich all meine Sätze mit Begründungen und Erfahrungen ausschmückte, um ihm zu zeigen, warum ich dachte, wie ich dachte, warum ich antwortete, wie ich antwortete. Ihn schien das nicht zu stören, er hörte mit einer Geduld zu, wie ich sie bisher an niemandem erlebt hatte.
Irgendwann gegen Abend wusste ich, dass ich mich auf den Heimweg machen sollte. Wenig begeistert stand ich auf und schaute auf Silas hinunter, welcher mich mit einem leichten Lächeln anschaute.
»Du bist oft hier, nicht wahr?« Ich nickte, auch wenn es nicht ganz der Wahrheit entsprach. Ich war nicht oft hier, doch mit der Aussicht, ihn von nun an öfter zu sehen, dachte ich mir, dass es am besten wäre, einfach zu nicken. So wunderte er sich später nicht, weshalb ich zwar meinte, nicht oft hier vorbeizukommen, ihn aber dennoch immer wieder dort traf. Zumindest war das meine Hoffnung. Ich wollte nicht, dass es bei diesem einen Tag blieb, ich wollte mehr Tage wie diesen erleben. Sehr viel mehr solcher Tage.
»Dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns demnächst mal wiedersehen, wohl ziemlich hoch.« Er grinste mich breit an und ich glaubte zu wissen, dass er genau wusste, dass ich normalerweise nicht so oft, wie behauptet, hier war.
Kurz hatte ich das Bedürfnis, mich zu ihm hinunter zu beugen und ihn zu umarmen, doch diesen Gedanken verdrängte ich schnell. Wir kannten uns kaum und hatten erst einen Tag miteinander verbracht. Ich wusste nicht, wie er zu solchen Dingen wie Umarmungen stand; nicht jeder mochte es, von anderen umarmt zu werden. Somit erwiderte ich nur sein Lächeln, murmelte ein paar Abschiedsworte und verließ den Schuppen.
Es war noch nicht sehr spät, dennoch wurde der Wald von der einsetzenden Dämmerung beherrscht. Meine Kopfhörer fanden wie gewohnt ihren Platz in meinen Ohren, während ich mit schnellen Schritten nach Hause lief.
So gern ich abends oder nachts unterwegs war, der Wald war mir bei Dunkelheit nicht geheuer. Außer, wenn ich im Schuppen lag und vorhatte, die Nacht dort zu verbringen. In diesem Fall hatten die Geräusche des Waldes sogar eine beruhigende Wirkung auf mich.
Ein großer Teil in meinem Inneren bedauerte es, dass ich mich von Silas verabschiedet hatte, und wünschte sich, dortgeblieben zu sein.
Der rational denkende Teil meines Kopfes machte mir aber klar, dass es das einzig Vernünftige gewesen war, zu gehen.
Ich ließ den Wald hinter mir und betrat unser Haus, während sich die zwei Teile in meinem Inneren miteinander stritten.
Kapitel 3
Sonntag, 31. Mai
Ein dunkler Umriss, deutlich größer als ich. Nur ein einziger großer Schemen, ohne dass ich Details erkennen konnte. Bis auf blutrote Augen. Augen, welche mich durchdringend anstarrten, mit einem Blick, der mir durch Mark und Bein ging. Ich versuchte, mich abzuwenden, doch war bewegungsunfähig.
»Du kannst nichts tun, Nico.« Der Schatten bewegte sich auf mich zu, langsam und gleichmäßig, ohne Eile. Ich zitterte bei diesen Worten. Sie waren nur geflüstert, trotzdem vernahm ich sie so laut, als hätte man sie mir ins Ohr gebrüllt. Ich versuchte, mich zu rühren, eine Frage zu stellen. Doch ich war wie eingefroren, die Worte blieben in meinem Hals stecken und ein Gefühl der Hilflosigkeit überkam mich.
»Du bist machtlos.« Nur ein leises Wispern, während er an mir vorbei glitt. Ich spürte seine Anwesenheit hinter mir, aber ich war nicht in der Lage, mich umzudrehen. Mein Zittern nahm zu und ich merkte, wie die Panik sich langsam aber sicher in mir ausbreitete.
»Versuch es erst gar nicht, du wirst dich nicht bewegen können.« Ich spürte einen Lufthauch in meinem Nacken, eine flüchtige Berührung, bei der mir ein Schaudern nach dem anderen den Rücken hinunter lief. Plötzlich befand sich der Schatten direkt vor mir. Der Schemen löste sich auf und ich erkannte die Person aus dem Schatten. Silas. Mit blutroten Augen. Er kam langsam auf mich zu. Sein Gesicht zeigte keinerlei Regung, keine Emotionen. Kein einziges Zeichen, dass er wusste, wer ich war. Er blieb vor mir stehen und streckte seine Hand nach mir aus. Ich war so verängstigt, dass es mich in diesem Moment nicht einmal störte, dass ich mich nicht bewegen konnte, hätte ich doch nicht gewusst, wie ich reagieren sollte.
»So klein und unschuldig.« Ich spürte seinen Atem, als er lachte. Seine Hand streichelte meine Wange, strich meinen Hals entlang und blieb auf meiner Halsschlagader liegen. Ich wusste, dass er meinen schnellen Herzschlag unter seinen Fingern spüren konnte. Sein emotionsloser Blick ließ mich vollkommen verunsichert zurück.
»Hab keine Angst«, flüsterte er. Die Dunkelheit zog sich um uns zusammen, begann Silas immer weiter einzuhüllen und zu verschlucken, bis er vollständig verschwunden war. Mit aufgerissenen Augen starrte ich die Stelle an, an welcher er sich eben befunden hatte. Doch da war nichts mehr. Dennoch war das Gefühl seiner Berührung an meinem Hals nicht verschwunden, es war, als läge seine Hand noch immer auf meiner Haut. Aber auch dieses Gefühl verschwand langsam. Zunächst fühlte ich Erleichterung in mir aufsteigen, nun gab es nichts mehr, was mich verängstigte.
Doch dann bemerkte ich den Rauch um mich herum. Wie ein dichter Nebelschleier kam er auf mich zu, hüllte mich von allen Seiten ein. Die Luft wurde stickiger, der Rauch drang in meine Lungen und ich hustete. Ich spürte, dass ich mich wieder bewegen konnte.
Erleichtert keuchte ich, versuchte, meinen Mund mit meiner Hand zu bedecken, und musste dabei feststellen, dass ich an einen Stuhl gefesselt war. Mitten in einem Raum, der sich immer weiter mit Rauch füllte. Verzweifelt riss ich an den Stricken, mit welchen meine Arme und Beine festgebunden waren, als ich an der mir gegenüberliegenden Zimmerseite Flammen sah. Stumm und wunderschön, aber dennoch heiß und tödlich. Ich drohte, mein Bewusstsein zu verlieren, und meine Angst war genauso schnell wieder an Ort und Stelle, wie sie eben verschwunden war. Doch das durch meinen Körper strömende Adrenalin hielt mich hellwach.
»Hilfe!« Mein Schrei war mehr ein leises Röcheln, als ich sah, wie die Flammen auf mich zugekrochen kamen. »Bitte, hilf mir.« Ich spürte die Anwesenheit Silas‘ und sah Sekunden später seinen Umriss, wie er durch die Flammen auf mich zugelaufen kam.
»Hab keine Angst. Sie tun dir nichts. Sie wollen nur spielen.« Seine Augen waren nicht länger blutunterlaufen, sondern so warm und braun, wie ich sie kannte. Doch seine Worte beruhigten mich nicht, kamen nicht gegen die Furcht in meinem Inneren an. Silas lief mit ruhigen Schritten durch die Flammen, ohne dass sie ihm etwas antaten. Er lächelte, als er meinen verstörten Blick auffing.
Vorsichtig streckte er seinen Arm ins Feuer und ich sah, wie sich eine der Flamme an seinem Arm entlang wand und sich an ihn schmiegte. Doch ich konnte mich weder auf Silas noch auf die ihn umgebenden Flammen konzentrieren, da ich sah, dass die erste der Feuerzungen meinen Fuß erreicht hatte. Voller Panik schrie ich laut auf, riss verzweifelt an meinen Fesseln und spürte nichts als pure Angst. Ich wollte nicht verbrennen! Von allen Möglichkeiten zu sterben, war dies schon immer die gewesen, welche mir am meisten Angst bereitet hatte.
Silas lachte leise, als er meinen Schrei hörte. Ich verstand nicht, wie er so ruhig vor mir stehen konnte, ohne mir zu helfen, mich von meinen Fesseln zu befreien.
»Deine Angst ist so groß, dass du gar nicht spürst, dass sie dich mögen. Du spürst ihre Liebe nicht, spürst nicht, wie sie sich sanft an dich schmiegen. Schau dir die Flammen an, Nico! Du darfst dich nicht von deiner Angst besiegen lassen, die Fesseln sind nichts weiter als deine Ängste.« Es dauerte kurz, bis seine Worte zu mir vordrangen. Erstaunt hielt ich inne, als mir klar wurde, dass er recht hatte. Die Flammen krochen an meinen Beinen nach oben, ohne dass ich dabei Schmerzen verspürte. Ich bemerkte die Hitze, welche sie verströmten, aber sie verbrannte mich nicht.
Mein Herzschlag beruhigte sich, als ich mir bewusst wurde, dass keine Gefahr von dem Feuer um mich herum ausging. Ich verspürte nicht einmal mehr den Drang, zu husten. Vorsichtig streckte ich meine Hand nach den Flammen aus, welche die Fesseln um meine Arme und Beine vernichtet hatten.
Kurz zuckte ich zurück, als ich die warme Substanz berührte, die meinen Oberkörper hinauf kroch. Es tat nicht weh. Ehrfürchtig versuchte ich, die Flammen zu fassen bekommen, doch geschickt wichen sie meinen Fingern aus. Sie schienen sich nicht einfangen lassen zu wollen, sodass ich es schließlich sein ließ und ihnen stumm dabei zuschaute, wie sie immer mehr von meinem Körper Besitz ergriffen, als mir Silas wieder einfiel.
Ich hob meinen Kopf und begegnete seinem Blick, mit welchem er mich erfreut anschaute. Wir sagten beide nichts, schauten uns einfach nur gegenseitig an und lächelten. Es gab keine Worte, die beschreiben konnten, wie ich mich in diesem Moment fühlte. Von meinen Fesseln befreit stand ich auf, bewegte mich auf Silas zu und blieb vor ihm stehen. Streckte eine Hand nach seinem Gesicht aus und strich vorsichtig über dieses. Die Flammen, welche sich an seinen Körper geschmiegt hatten, vermischten sich mit den meinen. Bildeten eine warme Hülle um uns herum, die uns vom Rest der Welt abschirmte.
Silas überbrückte die Distanz zwischen uns, legte seine kräftigen Arme um meine Schultern und zog mich sanft an sich. Ich konnte nicht anders, als mich an ihn zu schmiegen; umhüllt von den Flammen und seinen Armen bettete ich den Kopf an seinen Hals und fühlte mich sicher und geborgen.
Schweißgebadet wachte ich auf. Im Schlaf hatte ich die Bettdecke zur Seite gestrampelt, weshalb ich leicht fröstelte. Ich war verwirrt, fühlte mich komisch; zufrieden und doch einsam. Mein Kopf war wie leergefegt, wo Sekunden zuvor das Traumgeschehen gewesen war, befand sich nun nichts außer einer gähnenden Leere. So sehr ich es auch versuchte, ich bekam den Traum und dessen Inhalt nicht zu fassen. Leise seufzte ich. An Schlaf war nicht mehr zu denken, ich war hellwach. Ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass es gegen fünf Uhr morgens war. Ich beschloss aufzustehen.
Kurze Zeit später befand ich mich unter der Dusche, genoss mit geschlossenen Augen das Gefühl des lauwarmen Wassers, das auf meine Haut prasselte. Nach dem Duschen lief ich in die Küche und schaute nach, was wir an Essen vorrätig hatten. Nicht mehr viel; einer von uns sollte morgen dringend einkaufen gehen. Ich begnügte mich mit Cornflakes und Obst, welche ich ohne Eile in mich hineinschaufelte.
Nach dem Frühstück schrieb ich Lia einen Zettel. Ich war mir zwar sicher, dass sie sich nicht wundern würde, dass ich nicht zu Hause war, doch ich mochte die Geste, mochte es, ihr diesen Zettel zu schreiben und damit sicherzugehen, dass sie sich keine unnötigen Sorgen machte.
Es dauerte nicht lange, bis ich mir darüber klargeworden war, wie ich den Tag verbringen wollte. Ich wollte mein Glück versuchen und hoffte, im Wald erneut auf Silas zu treffen. Während etwas Essen den Weg in meinen Rucksack fand, beschloss ich, meine Kopfhörer daheim zu lassen. Ich befand mich nicht in der richtigen Stimmung, um beim Laufen Musik zu hören.
Wie von selbst trugen mich meine Beine in den Wald. Doch bevor ich die Richtung des Schuppens einschlug, fiel mir auf, dass es ziemlich früh war. Sollte Silas im Schuppen sein, würde er bestimmt schlafen. Es gab nichts Unheimlicheres, als im Wald zu übernachten und vollkommen unerwartet von einer anderen Person geweckt zu werden. Also beschloss ich, zunächst woanders entlang zu laufen und meinen Gedanken nachzuhängen. Zum Schuppen konnte ich später immer noch gehen.
* * *
Es war gegen acht Uhr, als mir auffiel, dass in meiner Nähe eine andere Person sein musste. Kurz blieb ich stehen, lauschte auf die Geräusche, die mir signalisierten, dass jemand durch die Büsche lief, und stellte fest, dass die Schritte langsam aber sicher näherkamen. Schnell setzte ich mich wieder in Bewegung und gab mir Mühe, möglichst wenig Geräusche von mir zu geben, was nicht so gut wie erwartet klappte. Je leiser ich zu sein versuchte, desto öfter blieb ich mit den Armen an Ästen und mit den Füßen an Wurzeln hängen.
Das Adrenalin begann durch meine Adern zu rauschen. Ich rannte durch den Wald, wohlwissend, dass ich dabei nur noch lauter als ohnehin schon war. Doch ich hatte die Hoffnung, dass ich schneller als die andere Person war, und somit diesen Nachteil meiner Flucht ausgleichen konnte. Nicht einen einzigen Gedanken verschwendete ich daran, dass nicht jeder, der wie ich morgens im Wald unterwegs war, etwas Böses im Sinn hatte.
»Ey, Nico, jetzt warte doch mal!« Die Worte kamen so unerwartet für mich, dass ich eine Wurzel vor mir übersah und mit dem Fuß an dieser hängenblieb. Kurz versuchte ich, mich zu fangen, was aber nur dazu führte, dass ich mit den Armen voran Bekanntschaft mit dem Waldboden machte. Ein stechender Schmerz fuhr durch meine Handgelenke bis hinauf in die Schultern, weshalb mir Tränen in die Augen traten, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte. Die Schritte hinter mir holten mich ein, was mich aber nicht störte, hatte ich doch durch die Worte gemerkt, dass es Silas war, welcher mir hinterherlief.
»Unsere Begegnungen beginnen jedes Mal auf eine seltsame Art und Weise.« Silas hatte mich eingeholt und hockte sich vor mir auf den Boden, wo ich nach wie vor lag und die Tränen aus meinen Augen blinzelte. Sein Atem ging schwerer als der meine, ihm schien das Rennen mehr ausgemacht zu haben, als es bei mir der Fall war.
»Wo kommst du denn plötzlich her?« Ich rappelte mich auf, saß vor ihm und strich über meine schmerzenden Handgelenke. Vorsichtig streckte ich meine Finger aus und probierte, welche Bewegungen besonders schmerzhaft waren.
»Was heißt denn plötzlich? Du bist vorhin an mir vorbei gelaufen, ohne mich zu bemerken, und als ich dich gerufen habe, hast du nicht reagiert. Also habe ich meine Sachen zusammengepackt und bin dir hinterhergelaufen, habe dich noch ein oder zweimal gerufen, aber da du so in deinen Gedanken versunken warst, hast du das nicht mitbekommen und ich kam mir etwas seltsam vor, wie ich durch den Wald laufe und deinen Namen rufe. Also dachte ich, ich versuche, dich einzuholen. Konnte ja nicht wissen, dass du dich nicht umdrehst, sondern vor mir davon rennst, sobald du bemerkst, dass dir jemand folgt.«
Etwas peinlich berührt kratzte er sich am Hals, während ich ihn ebenfalls leicht verlegen anschaute. Es war mir unangenehm, dass ich ihn nicht gehört und stattdessen die Flucht ergriffen hatte. Kurz schauten wir uns stumm an, bevor Silas sich aufrichtete und mir seine Hand reichte. Ich ließ mir von ihm hochhelfen, klopfte den Dreck von meiner Kleidung und nahm meinen Rucksack, der bei dem Sturz von meinem Rücken gerutscht war. Auch Silas griff sich seinen Rucksack, welchen er neben sich abgestellt hatte. Langsam trotteten wir nebeneinander her.
»Was hast du eigentlich mitten im Wald gemacht?« Ich versuchte, mich daran zu erinnern, ob ich nicht doch irgendwen während meines Spaziergangs wahrgenommen hatte. Fehlanzeige. Wie Silas gemerkt hatte, war ich vollkommen in meinen Gedanken vertieft gewesen. Ob mir sowas wohl schon einmal passiert war? Dass mich jemand gerufen und ich die Person gar nicht wahrgenommen hatte? Der Gedanke war nicht sonderlich angenehm.
»Ich bin früher als sonst aufgewacht und konnte nicht mehr einschlafen. Und weil mir der Schuppen zu wenig Abwechslung geboten hat, habe ich meine Sachen gepackt und mir einen schönen Platz gesucht, wo ich in Ruhe essen konnte.« Ich hatte mit meiner Vermutung, dass Silas im Schuppen übernachtete, recht gehabt.
»Und was hast du so früh im Wald gemacht? Bist du zum Nachdenken hergekommen?« Ich nickte leicht und versuchte, zu verhindern, dass mein Gesicht rot anlief. Klar, es war nicht gelogen, doch ich musste ihm nicht unbedingt unter die Nase reiben, dass mich die Hoffnung, den Tag heute ebenfalls mit ihm verbringen zu können, hergeführt hatte. Früher oder später würde er schon bemerken, dass er mich seit unserem Zusammenstoß in seinen Bann gezogen hatte.
»Hatte einen komischen Traum und konnte dann nicht mehr einschlafen«, fügte ich seiner Erklärung hinzu. Es war schön, neben ihm herzulaufen, auch wenn meine schmerzenden Handgelenke verhinderten, dass ich unser Gespräch so richtig genießen konnte.
»Worum ging’s in dem Traum?«
»Weiß nicht mehr, ich bin nur total verschwitzt aufgewacht mit so einem komischen Gefühl, das irgendwie schön und irgendwie grässlich war.« Es dauerte nicht lang, bis wir auf einem der Hauptwege landeten, welche aus dem Wald in das Wohngebiet führten. Unentschlossen schauten wir uns an.
»Wie geht’s deinen Händen?« Silas war nicht entgangen, dass diese bei meinem Sturz mehr abbekommen hatten, als mir lieb war. Unwissend, wie ich auf diese Frage antworten sollte, zuckte ich mit den Schultern. Es tat weh, doch solange ich mich nicht zu sehr darauf konzentrierte, war es auszuhalten. Dennoch wollte ein Teil von mir nichts lieber, als zurück nach Hause zu gehen und mich in mein Bett zu legen, in der Hoffnung, dass es nach dem Aufwachen weniger schmerzte. Der weitaus größere Teil von mir war aber zu stolz, um zuzugeben, wie weh es tat, und würde stattdessen den Tag lieber gemeinsam mit Silas im Schuppen verbringen.
»Vielleicht wäre es besser, wenn du nach Hause gehst, deine Gelenke kühlst und sie den Rest des Tages nicht mehr so viel bewegst.« Sein Vorschlag klang vernünftig, aber ich wollte nicht den ganzen Tag allein in meinem Zimmer sitzen.
»Willst du mitkommen?« Mir war klar, wie schüchtern die Frage meinen Mund verließ, doch es hatte mich einiges an Mut gekostet, sie überhaupt zu stellen. Wäre da nicht dieser Hauch von Bedauern in Silas‘ Stimme gewesen, als er darüber sprach, dass ich besser nach Hause gehen sollte, so hätte ich mich wahrscheinlich nicht getraut, ihn zu fragen, ob er mitkommen wollte. Umso glücklicher war ich, als ich sah, wie seine Augen erfreut aufleuchteten, und er kurz nickte.
»Gern, wenn’s dich nicht stört.«
Gemeinsam machten wir uns auf den Weg zurück zu mir nach Hause. Es freute mich, dass er mitkam, auch wenn es mich etwas nervös werden ließ, dass er erfahren würde, wie und wo ich wohnte. Doch so, wie ich ihn bisher kennengelernt hatte, war ich mir sicher, dass es ihn nicht weiter störte, dass Lia und ich nicht das größte Haus der Stadt bewohnten.
Bei mir zu Hause angekommen, wussten wir nicht, was wir tun sollten. Nachdem wir etwas im Wohnzimmer herumsaßen und keine richtige Unterhaltung zustande kam, beschloss ich, Silas mit in mein Zimmer zu nehmen. Dort fühlte ich mich wohl und sicher, außerdem hatte ich die Hoffnung, dass Silas wieder mehr aus sich herauskam und das Gespräch in Gang brachte. Es war komisch, wie wir plötzlich so schüchtern vor dem anderen waren, wie zurückhaltend Silas sich in unserem Haus umgeschaut hatte, so als wolle er nicht ungefragt in unsere Privatsphäre vordringen.
Ich holte schnell zwei Kühlpacks und verzog mich anschließend mit Silas in mein Zimmer. Wie ich es mir gedacht hatte, taute Silas etwas auf und schaute sich neugierig um. Während er zuvor nur vorsichtig einen kurzen Blick auf unsere Einrichtung und Wanddeko geworfen hatte, ließ er nun keine Kleinigkeit in meinem Zimmer unbeachtet. Interessiert fuhr er mit der Hand über die Buchrücken, welche sich in meinem Regal aneinanderreihten. Bei manchen blieb er kurz hängen, so als würde er überlegen, ob er sie kannte.
Während ich ihn beobachtete, zog ich meine Schuhe aus und setzte mich auf das Bett, rutschte an die Wand und lehnte mich zufrieden an diese. Je mehr ich mich bewegte, umso mehr schmerzten meine Handgelenke, weshalb ich froh war, mich einfach nur entspannt zurücklehnen zu können.
»Darf ich mir das ausleihen?« Silas schaute mich fragend an und hielt meine Ausgabe von Hesses Demian in der Hand. Ohne überlegen zu müssen, nickte ich. Mir gefiel der Gedanke, dass er sich etwas von mir borgen wollte, schließlich implizierte dies, dass wir uns spätestens, wenn er mir das Buch zurückgab, erneut sehen würden. Und dagegen hatte ich nicht das Geringste einzuwenden.
»Kennst du das Buch schon?«
Nun war er es, der kurz nickte. »Habe es vor ein paar Jahren durch Zufall gelesen und seitdem hat es mich nicht mehr losgelassen. Nicht, dass ich noch sonderlich viel vom Inhalt wüsste, doch es ist eins dieser Bücher, bei deren Namen ich sofort weiß, dass es verdammt gut ist. Ich würde es jedem empfehlen zu lesen, egal wie alt man ist.« In mir stieg ein warmes Gefühl auf, als ich sah, wie er andächtig über das Buchcover strich und es anschließend zufrieden in seinen Rucksack packte.
Eine Weile schaute er sich noch um, doch nichts gewann seine Aufmerksamkeit auf die Weise, wie es meine Bücher getan hatten. Als er sich genügend umgesehen hatte, setzte er sich im Schneidersitz vor mir auf das Bett. Es gefiel mir, wie er sich in meinem Zimmer verhielt. Wenn ich bei anderen zu Besuch war, so hielt ich mich die erste Zeit immer zurück und war unsicher, ob es für jeden cool war, wenn ich mich ungefragt irgendwo hinsetzte. Viel zu oft hakte ich nach, anstatt es auszuprobieren und anhand der Reaktionen zu erkennen, ob mein Verhalten okay war. Falls es jemanden störte, wie ich mich in seinem Zimmer verhielt, würde er mir das schon mitteilen. Silas schien kein Problem damit zu haben, sich in meinem Zimmer wie zu Hause zu fühlen.
»Wie geht’s deinen Händen?« Während sich meine Schultern wie von selbst hoben, lächelte ich, da er unbewusst die gleichen Worte wie zuvor im Wald benutzte.
»Nicht so gut, um ehrlich zu sein.«
»Tut mir echt unglaublich leid, dass ich dich so erschreckt habe.« Man sah ihm an, dass er seine Worte ernst meinte.
»Kannst du ja nichts dafür, ich bin selbst schuld dran. Wäre ich nicht so in meinen Gedanken gefangen gewesen, hättest du mich gar nicht so erschrecken können.« Seine Mimik machte deutlich, dass er sich trotz meiner Worte zumindest ein Stück weit dafür verantwortlich fühlte, dass ich nun mit schmerzenden Händen vor ihm saß. Mir an seiner Stelle wäre es mit Sicherheit nicht anders gegangen. Vorsichtig streckte er seine Hand nach mir aus und schob die Kühlpacks zur Seite. Erschrocken zog er die Luft ein, als er die blauen Flecke sah, welche mir selbst noch gar nicht aufgefallen waren. Er drehte meine Hand in verschiedene Richtungen und achtete auf meine Reaktionen.
»Was machst du da?«
Er grinste leicht. »So wirken als hätte ich Ahnung von dem, was ich tue, um dich im Anschluss möglichst einfach davon überzeugen zu können, zum Arzt zu gehen.«
Ich schloss mich seinem Grinsen an, bevor sich dieses zu einer Grimasse verwandelte. Auch wenn er lachte, spürte ich, dass er es ernst mit seinen Worten meinte.
»Ein Kumpel von mir ist nach einem Sturz auf die Handgelenke nicht direkt zum Arzt gegangen und später hat sich herausgestellt, dass eins einen komplizierten Bruch hatte, der hinterher falsch zusammengewachsen ist, sodass sie ihm im Krankenhaus die Knochen noch einmal brechen mussten, damit sie richtig zusammenwachsen konnte. Soweit ich weiß, kann er seine Hand nicht mehr so wie früher benutzen und hat manchmal Schmerzen. Ich würde wirklich zu einem Arzt oder ins Krankenhaus gehen, denn selbst wenn sich herausstellt, dass es nur eine Prellung ist, bist du auf der sicheren Seite.«
Mein Seufzen zeigte uns beiden, dass ich mich geschlagen gab. »Ich hasse Krankenhäuser«, murmelte ich vor mich hin, was Silas zum Grinsen brachte.
»Ich bin noch niemandem begegnet, der Krankenhäuser geliebt hat. Wenn du möchtest, kann ich mitkommen, dann ist dir beim Warten auf die Behandlung nicht so langweilig.« Ich war froh über das Angebot, doch wollte gleichzeitig nicht, dass er ebenfalls einen Tag auf diese Art und Weise vergeudete.
»Fände ich schön. Aber musst du wirklich nicht, du hast bestimmt Besseres zu tun.«
»Als mit dir in einem überfüllten Wartezimmer zu sitzen und sicher zu gehen, dass es dir gut geht? Nein, eigentlich fällt mir nichts ein, womit ich unter den gegebenen Umständen lieber meine Zeit verbringen wollen würde.« Er grinste mich schief an, während meine Wangen sich rot färbten. Mein Herz schlug schnell und aufgeregt, doch ich versuchte mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr mich seine Worte freuten.
»Dann lass uns lieber gleich losgehen, bevor ich es mir anders überlegen kann.«
Kapitel 4
Den Rest des Vormittags verbrachten wir im Krankenhaus. Da es Sonntag war, hatte mein Hausarzt nicht geöffnet und wie ich nach kurzer Recherche erfahren hatte, war er ab nächster Woche im Urlaub. Für einen Moment hatte ich überlegt, ob ich bis Montag warten sollte, um einen Arzt aufzusuchen, doch ich kannte mich gut genug um zu wissen, dass ich meine Handgelenke nicht verarzten lassen würde, wenn ich mich nicht direkt auf den Weg machte.
Nun saßen wir gemeinsam in dem großen, sterilen Gebäude und warteten darauf, dass ich zur Untersuchung gehen konnte. Obwohl es Wochenende war, war das Wartezimmer zum Bersten voll. Da sich meine Schmerzen in Grenzen hielten, solange ich meine Hände nicht bewegte, wurden wir zu den weniger dringlichen Fällen gesteckt. Anfangs versuchten Silas und ich, uns leise zu unterhalten, doch entweder wurde unsere Stimme von den Geräuschen der übrigen Leute übertönt oder uns fiel auf, dass jemand sich seine Zeit damit vertrieb, unseren Gesprächen so aufmerksam zu folgen, dass es uns unangenehm wurde, weiter zu reden.
So kam es, dass wir die meiste Zeit still nebeneinandersaßen. In regelmäßigen Abständen erkundigte Silas sich nach dem Wohlergehen meiner Hände und fragte bei den Krankenpflegern nach Kühlpacks, um meine warmgewordenen auszutauschen. Vermutlich gab es einiges, was Silas im Moment lieber getan hätte, aber mir sagte die Vorstellung, allein im überfüllten Zimmer zu warten, so wenig zu, dass ich ihn nicht noch einmal fragte, ob er nicht doch gehen wollte.
Mit der Zeit bekamen wir Hunger, weshalb Silas zur Cafeteria lief, um uns etwas zu essen zu besorgen. Nur zu gern hätte ich ihn begleitet und mir die Füße vertreten, doch das Krankenhauspersonal machte mir klar, dass ich, sollte ich den Bereich der Notaufnahme verlassen, im Anschluss wieder hinten auf der Warteliste landen würde. Je länger wir einfach nur da saßen, umso mehr ärgerte ich mich, dass ich ausgerechnet dann einen Arzt brauchte, wenn es Wochenende und mein Hausarzt im Urlaub war. Ich hatte mir wahrhaftig einen ungünstigen Zeitpunkt ausgesucht, um dem Krankenhaus einen Besuch abzustatten.
Einige Zeit später wurde ich aufgerufen und zu meiner Freude kam ich direkt in ein Zimmer, in welchem sich ein Arzt befand. Silas musste draußen warten, doch ich war froh, dass endlich etwas passierte. Das Gespräch mit dem Arzt ging recht schnell vonstatten. Ich erzählte ihm, was geschehen war, woraufhin er ähnlich wie zuvor Silas an meiner Hand herumdrehte, um meine Reaktionen zu beobachten und sich Notizen zu machen.
»Die rechte Hand sieht so aus, als wäre sie lediglich verstaucht, links kann ich aber Anzeichen eines Bruches erkennen. Zur Sicherheit würde ich beide Gelenke gern röntgen.« Ich seufzte innerlich, hatte ich doch gehofft, dass er direkt Entwarnung geben und mich mit einem stabilisierenden Verband oder einer Salbe nach Hause schicken würde. Mit einem Nicken gab ich mein Einverständnis zum Röntgen, woraufhin ich wieder aus dem Raum geschickt wurde. Diesmal musste ich wenigstens nicht im überfüllten Wartezimmer warten.
»Und, was hat der Arzt gesagt?« Silas hatte an der Wand gegenüber des Behandlungsraumes gelehnt und auf mich gewartet.
»Rechts ist wahrscheinlich nur gestaucht, links könnte es auch ein Bruch sein, deshalb muss ich jetzt zum Röntgen.«
Silas seufzte und schaute mich beunruhigt an. Sein Blick war mir unangenehm. Diese braunen Augen, die mich sorgenvoll anschauten und sich nur noch tiefer in meinen Kopf brannten.
Um zu verhindern, dass sich dieser Moment in eine peinliche Situation verwandelte, liefen wir in die Richtung, die mir der Arzt zuvor genannt hatte. Vor dem Röntgenbereich angekommen setzten wir uns auf die Stühle, welche leider nicht bequemer als die im Wartezimmer waren.
Unruhig rutsche ich auf dem viel zu hohen, viel zu unbequemen Stuhl herum. Ein Arzt hat mir gesagt, dass ich mich nicht bewegen soll, damit mein Kopf nicht so weh tut. Doch das ist mir egal, ich kann nicht ruhig sitzen bleiben.
Außer mir ist niemand auf dem Gang zu sehen. Ich verstehe nicht, weshalb ich nicht in dem warmen Arztzimmer bei den netten Pflegern warten kann, verstehe nicht, weshalb sie mich auf den Gang gesetzt haben. Ich könnte aufstehen und endlich Papa suchen. Ich habe ihn das letzte Mal gesehen, als sie mich aus dem Auto gezogen haben. Sie haben ihn mit einem anderen Krankenwagen in das Krankenhaus gebracht, haben mich nicht mit ihnen mitfahren lassen. Irgendwo muss er doch sein.
Wie es ihm wohl geht? Er lag ganz ruhig da, hat nichts gesagt, als ich mit ihm geredet habe. Aber der Arzt hat mir versichert, dass er zu mir kommen würde, sobald er etwas Genaueres wüsste. Vielleicht bleibe ich doch sitzen und warte, dass Mama endlich kommt, um Papa und mich abzuholen.
Durch die Handgriffe, mit welchen der Arzt die Beweglichkeit meiner Hände getestet hatte, waren die Schmerzen wieder stärker geworden, ohne dass ich diesmal etwas zum Kühlen bei mir hatte. Ich wusste nicht, wie lange man durchschnittlich warten musste, bis man beim Röntgen dran kam, doch meine Geduld war merklich am Ende. Mein gesamter Körper machte deutlich, wie müde ich war und wie ungern ich mich an einem solchen Ort aufhielt. Die Gedanken kreisten in meinem Kopf und ich wünschte mir, endlich von hier verschwinden zu können. Ich wollte mich nicht erneut an schon längst vergangene Krankenhausaufenthalte erinnern, sondern einfach nur etwas gegen die Schmerzen in meinen Händen bekommen.
Silas bemerkte, dass es mir nicht sonderlich gutging, schien aber nicht zu wissen, was er dagegen tun konnte. Müde wie ich war, versuchte ich eine möglichst bequeme Position zu finden. Ich zögerte, doch da sich außer uns niemand auf dem Gang befand und nur selten Krankenhauspersonal vorbeilief, beschloss ich, Silas als mein Kopfkissen zu benutzen. Mein Kopf fand wie von selbst seinen Platz auf seiner Schulter. Zufrieden lächelte ich. Vielleicht war es nicht die bequemste Position, welche ich mir vorstellen konnte, aber trotzdem war es entspannend, den Kopf ablegen und die Augen schließen zu können.
Silas blieb kurz bewegungslos sitzen und schien zu überlegen, wie er auf mein Verhalten reagieren sollte. In meinem Freundeskreis war es üblich, dass Körperkontakt zwischen Freunden normal war, aber ich wusste nicht, was Silas davon hielt.
War es überhaupt Körperkontakt zwischen Freunden? Wir kannten uns kaum, und doch fühlte ich mich zu ihm hingezogen. Mehr als ich es sonst zu Freunden tat.
Ich wollte meinen Kopf eben wieder zurückziehen, als Silas sich dafür entschied, dass er nichts dagegen hatte, dass er es mochte. Er zog seinen Arm zwischen unseren Körpern hervor und legte diesen um mich. Mein Kopf rutschte etwas von seiner Schulter und ruhte nun an seiner Brust, doch das schien weder ihn noch mich zu stören. Seine Finger strichen vorsichtig und langsam über meinen Arm, während ich es genoss, einer anderen Person so nahe zu sein.
Trotz der Schmerzen wäre ich beinahe an Silas gelehnt eingeschlafen, wäre nicht kurz vor dem Abdriften in die Dunkelheit des Schlafes ein Arzthelfer vorbeigekommen. Ich zuckte bei seinem Auftauchen leicht zusammen und löste mich sofort von Silas, der auf dem unbequemen Stuhl sitzen blieb, während ich in eins der Röntgenzimmer gebracht wurde.
* * *
Wir verbrachten noch einige Zeit im Krankenhaus, wobei sich herausstellte, dass mein linkes Handgelenk tatsächlich gebrochen war, weshalb ich nach dem Röntgen zurück ins Wartezimmer geschickt wurde.
Erneut dauerte es viel zu lang, bis ich endlich in eins der Behandlungszimmer gehen durfte, wo mir ein Gips angelegt wurde. Man schien mir meine Müdigkeit deutlich anzusehen, weshalb Silas die Erlaubnis erhielt, ebenfalls mit zur Behandlung zu kommen, damit wenigstens einer von uns hörte, was der Arzt über den weiteren Behandlungsverlauf erzählte.
Ich war mehr als froh, als wir uns endlich in der Bahn befanden und in die Richtung meines Zuhauses fuhren. Am liebsten hätte ich meinen Kopf erneut gegen Silas‘ Schulter gelehnt, doch um uns herum saßen zu viele Menschen, als dass ich mich dabei wohlgefühlt hätte.
»Nochmal danke, dass du mitgekommen bist. Du hättest mit Sicherheit deinen Tag weniger langweilig verbringen können.« Ich hörte, wie er leicht lachte.
»Kann sein. Aber egal, wichtig ist doch erstmal nur, dass deine Hand wieder gesund wird.« Es war schön, neben ihm zu sitzen, die Welt draußen an einem vorbeiziehen zu sehen und zu wissen, dass es nach Hause ging.
»Wo wohnst du eigentlich? Kann mich nicht daran erinnern, dich vor unserem Zusammenstoß schon mal hier gesehen zu haben.« Um nicht während der Fahrt einzuschlafen, begann ich ein Gespräch, in der Hoffnung, mehr über Silas zu erfahren.
»Am anderen Ende der Stadt trifft es wohl ganz gut. War auch vorher nicht oft hier in der Gegend, aber seit ich mit meinen Freunden etwas Stress habe, habe ich beschlossen, die Stadt neu kennenzulernen und Orte zu finden, die ich mir bislang unbekannt sind und an denen es mir gefällt. Wenn ich schon nicht oft hier herauskomme, dann will ich immerhin möglichst viele coole Orte entdecken. Der Schuppen im Wald hat mir bisher am besten gefallen, die Atmosphäre dort ist unbeschreiblich. Und besser als bei meinen Freunden zu wohnen, ist es momentan auf jeden Fall.«
»Was ist mit deiner Familie? Kannst du nicht dort bleiben, wenn es bei deinen Freunden stressig ist?«
Silas lachte leicht und schüttelte den Kopf.
»Meine Familie ist nicht sehr angetan von mir und meiner Vorstellung eines vernünftigen Lebens. Ich habe sie nicht mehr gesehen, seit ich mit sechzehn ausgezogen bin. Es existiert keine Situation, in der die einzige Option wäre, zurückzugehen. Dafür liebe ich es zu sehr, mein eigenes Ding machen zu können. Und wenn dazu gehört, dass ich ein paar Nächte in einem Schuppen im Wald schlafe, dann stört mich das nicht weiter.« Zu gern hätte ich erfahren, warum Silas und seine Familie so wenig miteinander auskamen, doch etwas an seiner Stimme machte mir klar, dass es nicht der richtige Zeitpunkt war, um darüber zu sprechen.
»Wenn du willst, kannst du ein paar Nächte bei uns schlafen, wir haben nicht oft Besuch und unser Gästezimmer würde sich freuen, mal wieder jemandem zu begegnen. Meine Mutter hat bestimmt nichts dagegen.« Ich wusste nicht, weshalb ich ihm dieses Angebot machte.
Es war keine vernünftig durchdachte Entscheidung, wir kannten uns schließlich erst seit kurzem und wussten nicht viel über den anderen. Doch Silas hatte etwas an sich, das mich dazu brachte, ihm zu vertrauen. Außerdem erinnerte ich mich daran, dass Lia vor wenigen Monaten mit mir darüber gesprochen hatte, was ich davon hielte, dass sie unser Gästezimmer vermieten würde.
Bislang hatten wir uns nicht weiter mit dieser Idee beschäftigt, aber wenn sie jemand Wildfremdes bei uns wohnen lassen würde, dann konnte Silas doch sicherlich bei uns bleiben, bis sich die Lage mit seinen Freunden gebessert hatte und er nicht irgendwo draußen übernachten musste.
Kurz ließ er sich meine Worte durch den Kopf gehen.
»Was ist mit deinem Vater? Du hast gesagt, deine Mutter wird bestimmt nichts dagegen haben.«
»Ist vor einigen Jahren nach einem Autounfall gestorben.« Meine Stimme klang schroffer, als ich es wollte. Silas schien zu merken, dass er ein empfindliches Thema getroffen hatte. Er blieb ruhig und überlegte, was er als Nächstes sagen sollte, doch es war, als fehlten ihm die richtigen Worte. Ich hasste es, wenn Leute mich nach meinem Vater fragten und anschließend nicht wussten, wie sie das Thema wieder wechseln sollten.
»Sorry, ich wollte das nicht so schroff sagen. Ich rede nur nicht so gern darüber und wenn ich nicht auf so eine Frage vorbereitet bin, ist mein Mund schneller als mein Verstand.« Meine Stimme war ein leises Murmeln, ich wollte nicht, dass andere Leute um uns herum etwas von dem Gespräch mitbekamen.
»Du musst dich nicht entschuldigen, ich habe einfach nicht nachgedacht, als ich gefragt habe. Ich würde zwar gern mehr darüber wissen, aber weder ist das hier der richtige Ort, noch ist es meine Entscheidung, wann und ob du mit mir reden möchtest. Ich weiß, dass wir uns noch lange nicht gut genug kennen, um über solche Themen problemlos sprechen zu können.
Was ich eigentlich sagen will, ist, dass ich dir gern zuhören würde, solange es dir recht ist. Wahrscheinlich weiß ich nicht, was ich dazu sagen soll, aber vielleicht möchtest du auch nur darüber sprechen, ohne dass dir jemand komische Fragen stellt oder nicht weiß, wie er sein Beileid ausdrücken soll. Lass es mich einfach wissen.« Seine Worte taten mir gut. Es gefiel mir, wie wir beide davon auszugehen schienen, dass wir in Zukunft öfter miteinander zu tun haben würden.
»Danke.« Wir verloren nicht mehr viel Worte auf dem Rest der Fahrt, sondern dösten aneinandergelehnt vor uns hin, während es draußen anfing zu regnen.
* * *
»Was ist denn mit dir passiert?« Mein in der Bahn gefasster Plan, Lia erstmal nichts von meinem Bruch und der Verstauchung zu erzählen, scheiterte daran, dass sie uns hatte kommen hören und nun vor uns in der offenen Haustür stand. Wenigstens konnte ich so direkt abklären, dass es für sie kein Problem war, wenn Silas ein paar Nächte bei uns schlief. Vorerst nahm sie diesen jedoch gar nicht wahr, sondern begutachtete besorgt meinen vergipsten Arm.
»Bin im Wald über eine Wurzel gestolpert und habe mich mit den Händen abfangen wollen. Ist nicht weiter schlimm, die haben mir Schmerzmittel gegeben, die machen zwar etwas müde, scheinen aber zu helfen.«
Kopfschüttelnd schaute sie mich an. »Immerhin warst du vernünftig genug, zum Arzt zu gehen. Wer weiß, was gewesen wäre, wenn du das nicht gleich hättest versorgen lassen.« Ich musste Silas nicht erst anschauen, um zu wissen, dass er grinste. Er stand schräg hinter mir und obwohl er kleiner war als ich, bemerkte Lia nun, dass ich nicht allein war. Fragend schaute sie mich an, weshalb ich gleich mit der Tür ins Haus fiel.
»Das ist Silas, ein Freund von mir. Kann er ein paar Nächte hier schlafen?« Ich trat einen Schritt zur Seite, sodass Silas nicht länger hinter, sondern neben mir stand.
»Ein Freund oder dein Freund?« Mit hochgezogenen Augenbrauen schaute sie zwischen uns hin und her, weshalb mir das Blut leicht in die Wangen stieg.
»Ein Freund«, murmelte ich, was sie mit einem Grinsen kommentierte. Irgendetwas sagte mir, dass die beiden sich prächtig verstehen würden. Neugierig betrachtete sie Silas von oben bis unten und ich war froh, dass Lia kein Problem damit hatte, wenn Menschen ihren eigenen Style auslebten. Sonst hätte sich das Ganze deutlich komplizierter gestalten können. Schließlich nickte sie und wandte sich direkt an Silas.
»Hallo Silas, ich bin Lia. Du kannst gern hierbleiben.« Kurz hielt sie inne, bevor sie grinsend weiterredete: »Nico muss dich ziemlich mögen. Es kommt nicht oft vor, dass er jemanden freiwillig bei sich übernachten lässt.« Sie wusste, dass es mir unangenehm war, wenn sie solche Dinge sagte, doch genau das war der Grund, weshalb sie es tat.
Wir zogen uns unsere Schuhe aus, während Lia neben uns stand. Es schien, als würde sie noch etwas loswerden zu wollen. Aufmerksam betrachtete sie Silas, nahm keine Sekunde den Blick von ihm. Obwohl sie nichts dagegen hatte, dass er bei uns übernachtete, war ihr anzusehen, dass sie Fragen hatte. Bevor wir uns in die Küche begaben, erkundigte Silas sich, wo das Badezimmer war. Lia nutzte den Moment, um nun mir einen aufmerksamen Blick zu schenken.
»Wie lang kennt ihr euch schon?«
»Um ehrlich zu sein, noch nicht lang. Das ist der Typ, den ich mit dem Fahrrad umgefahren habe«, erklärte ich leise. Lia schmunzelte. »Ich habe aber ein gutes Gefühl bei der Sache, er scheint cool zu sein«, fügte ich hinzu, bemerkte jedoch selbst, dass alle Argumente dagegen sprachen, Silas ohne weiteres einen Schlafplatz bei uns anzubieten.
»Wir können es ja einfach probieren. Pass trotzdem auf, okay? Du weißt, dass du jederzeit mit mir reden kannst. Und wenn du es plötzlich doch nicht mehr für eine gute Idee halten solltest, Silas bei uns übernachten zu lassen, dann sag Bescheid. Du bist nicht dazu verpflichtet, dich um ihn zu kümmern«, stellte Lia klar.
»Mache ich, versprochen.« Ich zog sie in eine kurze Umarmung, um meine Worte zu unterstreichen. Sie lächelte und gab mir einen flüchtigen Kuss auf die Stirn, bevor sie sich ins Wohnzimmer verzog, während ich in der Küche auf Silas wartete, der kurz darauf hereinkam.
»Ich nehme an, dass du genauso großen Hunger hast wie ich?« Er nickte grinsend und schaute mit mir zusammen nach, was wir an Essen vorrätig hatten. Es stellte sich heraus, dass wir die Wahl zwischen einer Tiefkühlpizza und etwas Selbstgekochtem hatten.
»Kannst du kochen?« Fragend blickte ich zu ihm, war mir sicher, dass ich heute nicht mehr viel hinbekommen würde. Wenn ich in der Küche stand, brauchte ich beide Hände, und selbst dann ging so einiges schief. Kochen mit einer eingegipsten Hand kam für mich somit gar nicht erst in Frage. Erfreut sah ich, dass Silas nickte.
»Ich bin nicht der beste Koch, aber für Pfannkuchen, Bratkartoffeln und solche Sachen reichen meine Künste problemlos.«
Wenig später hatten wir die Zutaten für Pfannkuchen zu einem glatten Teig verrührt. Ich saß auf dem Küchenschrank neben dem Herd, während Silas vor diesem stand und aufpasste, dass unser Essen nicht anbrannte. Da er konzentriert auf die Pfanne starrte, hatte ich die Möglichkeit, ihn vollkommen ungeniert betrachten zu können. Ich mochte es, wie die dunklen Linien seiner Tattoos diesen wunderschönen Kontrast zu seiner hellen Haut bildeten. Der Großteil seiner Arme war mit Bildern und Zeichen verziert und ich konnte bei bestem Willen nicht sagen, ob alles ein einziges zusammenhängendes Werk war oder ob das Gesamtbild aus zahlreichen Einzelwerken bestand, die sich perfekt aneinanderschmiegten.
Als Silas bemerkte, dass ich ihn intensiv betrachtete, hob er seinen Kopf und sein Blick kreuzte sich mit dem meinen, verfing sich in ihm und sorgte dafür, dass wir uns stumm in die Augen starrten. Die Hitze stieg mir in die Wangen, weshalb er breit grinste. Doch zu meiner Freude wandte ich den Blick daraufhin nicht ab, sondern hielt dem seinen stand. Denn Lia hatte schon recht gehabt: Ich mochte Silas. Sehr sogar.
Kapitel 5
Montag, 1. Juni
»Wie lange bist du schon wach?« Gähnend drehte ich mich auf die Seite, zog die Decke zu meinem Kinn und genoss die Wärme meines Bettes.
»Eine Stunde, vielleicht bisschen länger.« Silas grinste mich leicht an. Er saß auf der Matratze, die wir gestern aus dem Gästezimmer geholt hatten. Ursprünglich war ja der Plan gewesen, dass er im Gästezimmer schlief, doch nachdem wir den ganzen Abend gemeinsam verbracht hatten, wäre es komisch gewesen, wenn wir in getrennte Räume zum Schlafen gegangen wären. Nun saß er jedenfalls in dem großen Shirt, das ich ihm zum Schlafen gegeben hatte, vor mir. Neben ihm lag sein geöffneter Rucksack, sowie einige Stifte; auf seinen Beinen hatte er ein stabiles Notizbuch liegen. Es schien ihn nicht gestört zu haben, dass er vor mir aufgewacht war.
»Was machst du?«
»Hab‘ nur bisschen gezeichnet.« Neugierig setzte ich mich auf.
»Darf ich mir anschauen, was du gezeichnet hast?«
»Klar.« Silas nickte, während ich nach wie vor in meine Bettdecke gewickelt das Bett verließ und mich neben ihn auf die Matratze setzte. Er reichte mir sein Notizbuch, welches ich erfreut entgegennahm. Ich war gespannt, was er so zeichnete, kannte ich bisher nur den großen Wolf im Schuppen, der mir schon äußerst gut gefallen hatte. Vom Papier aus schaute mich eine schwarze Katze an. Ihre grünen Augen glitzerten voller Neugier und schienen dem Betrachter direkt in die Seele zu schauen. Mit erhobener Tatze und einem roten Wollknäuel vor sich, wirkte sie, als wolle sei einen zum Spielen auffordern. Die Art, wie Silas das kleine Wesen abgebildet hatte, gefiel mir.
»Zeichnest du nur Tiere?«
Entschieden schüttelte er seinen Kopf. »Eigentlich zeichne ich kaum Tiere, bin eher jemand, der Architektur sehr ansprechend findet. Habe aber vor ein paar Wochen begonnen, mehr mit Farben auszuprobieren, und seitdem habe ich vermehrt Tiere gezeichnet.«
Begeistert hielt ich das Notizbuch in meinen Händen.
»Willst du mehr sehen?« Schnell nickte ich, wobei sich ein Lächeln auf meine Lippen legte, als ich die Schüchternheit aus seinen Worten heraushörte. Zielstrebig blätterte Silas durch die Seiten, schien genau zu wissen, welche Zeichnungen und Skizzen er mir zeigen wollte.
Die Minuten vergingen wie im Flug, während ich mir seine Zeichnungen anschaute und wir über diese und Kunst im Allgemeinen sprachen. Ich erfuhr, dass Silas viel durch Bilder verarbeitete und dass es sich bei dem Buch, das ich beinahe ehrfürchtig in den Händen hielt, um eine Art Tagebuch handelte, in dem er regelmäßig Dinge festhielt, die ihn beschäftigten oder die er den Tag über gesehen hatte.
»Seit wann zeichnest du schon?«
Leicht hoben sich seine Schultern. »So gut wie immer, zumindest kann ich mich nicht daran erinnern, dass es mal eine Zeit gab, in der ich nicht irgendwas gemacht habe, was mit dem Zeichnen zu tun hat. Nur die Stile und Motive haben sich seitdem geändert.«
»Kannst du auch Porträts oder Menschen allgemein zeichnen?« In dem Moment, in dem ich die Frage gestellt hatte, kam sie mir schon wieder doof vor. Konnte nicht jeder, der sich mit Kunst beschäftigt oder gar einen eigenen Zeichenstil entwickelt hatte, Porträts zeichnen? Selbst meine im Kunstunterricht erstellten Werke erkannte man als solche, auch wenn sie nicht sonderlich schön oder ordentlich gemacht waren. Silas fand meine Frage allerdings nicht so doof, wie ich angenommen hatte, stattdessen grinste er leicht und nickte.
»Als ich damit begonnen habe, mit meinen Bildern Geld zu verdienen, habe ich anfangs nur Auftragsarbeiten von Leuten angenommen, die Porträts von sich oder von ihnen nahestehenden Menschen haben wollten«, erklärte er mir, weshalb ich meinen Blick erstaunt hob.
»Du verkaufst deine Bilder?«
Erneut nickte er. »Manche zumindest. Anfangs habe ich, wie gesagt, nur Auftragsarbeiten gemacht, bei denen es mich nicht gestört hat, dass ich das Original nicht mehr besitze. Jetzt, da online ein paar Menschen auf mich aufmerksam geworden sind, habe ich angefangen, Prints von bestimmten Bildern zu verkaufen, sodass ich erstens das Original behalten und zweitens mehr als nur eine Version eines Bildes zu Geld machen kann.« Fasziniert betrachtete ich ihn von der Seite, während seine Aufmerksamkeit nach wie vor auf seinem Notizbuch lag. Ich hatte mich schon immer gefragt, wie Menschen, die ihre Kunst im Internet präsentierten und verkauften, im realen Leben waren.
Im Internet sah es so einfach aus, das Leben kreativer Menschen schien unkompliziert und angenehm zu sein, künstlerisch veranlagte Leute schienen den ganzen Tag nichts anderes zu tun als ihrer Leidenschaft, ihrem Hobby nachzugehen. Umso spannender fand ich es, ausgerechnet Silas begegnet zu sein, und nun durch ihn die Möglichkeit zu haben, einen ungefilterten Eindruck der Realität zu erlangen.
»Verdienst du viel mit deinen Bildern?«, erkundigte ich mich. Ich hatte genauso wenig das Gefühl, dass es sich um eine unangebrachte Frage handelte, wie Silas die Frage zu stören schien. Im Gegenteil, er sah aus, als würde es ihm gefallen, dass ich mich für seine Kunst interessierte. Wir hatten es auf eine sonderbare Weise geschafft, so miteinander umzugehen, dass wir uns nicht scheuten, irgendwelche Fragen zu stellen, sondern dem Gefragten die volle Entscheidung überließen, welche der Fragen er beantworten wollte.
»Viel nicht gerade, aber da ich bis auf Nahrung bisher keine wirklichen Ausgaben hatte, hat es mit den anderen Sachen zusammen immer gut gereicht.«
»Was für andere Sachen?« Wenn es nach mir ginge, würden wir den restlichen Tag genau so verbringen. Es gefiel mir, wie wir uns langsam etwas besser kennenlernten, sodass sich unsere Informationen über den anderen nicht mehr nur auf Oberflächlichkeiten bezogen. Es kam mir vor, als würden wir uns schon deutlich länger kennen. Auch unser Umgang miteinander fühlte sich vertraut an, als würden wir uns seit Monaten regelmäßig treffen. Nicht, dass mich das störte, ich war es nur nicht gewohnt, so schnell einen tiefen Zugang zu einem neuen Menschen zu finden.
»Graffitis zum Beispiel. Ich mache das zwar nicht oft, aber manchmal fragen Schulen, Jugendhäuser oder ähnliche Einrichtungen an, ob ich allein oder mit ein paar Freunden Wände oder ganze Gebäudefassaden gegen Bezahlung verzieren möchten, wozu wir nicht nein sagen. Kennst du die als Dschungel gestaltete Wand der Humboldtschule?« Ich nickte, weshalb er weitersprach. »Da zum Beispiel habe ich mitgearbeitet. Ich mag solche Projekte, da sie Farbe in die Stadt bringen, ohne dass es sich um nervige Tags an irgendwelchen Hauswänden handelt.«
»Wie ist es dazu gekommen? Dass dich Schulen und so direkt fragen?«
Etwas planlos zuckte Silas mit seinen Schultern. »Ich würde mal sagen durch gemeinsame Kontakte. Angefangen hat es damit, dass die Eltern von einem Bekannten von mir Lehrer oder Pädagogen an einer Schule waren und die Idee zu so einem Projekt hatten und dabei den Bekannten um Hilfe gebeten haben. Der hat mich dann gefragt, ob ich Bock hätte sowas zu tun und danach ist es durch Empfehlungen weitergegangen.«
»Schon krass, wie sich sowas entwickelt.«
Silas nickte zustimmend, während ich mich aus meiner Decke schälte. Langsam wurde mir warm, jetzt, da ich hellwach war. Auch mein Magen deutete mir an, dass es an der Zeit war, etwas zu frühstücken, doch noch wusste ich dies gekonnt zu ignorieren. Die Unterhaltung war zu interessant, als dass ich sie an diesem Punkt abbrechen wollte.
»Ich war einfach jemand, der seinen eigenen Weg gehen wollte, und jetzt habe ich einen gut laufenden kleinen Onlineshop und kann mich größtenteils durch meine Kunst finanzieren. Auch wenn es manchmal anfangs schwer sein sollte, glaube ich fest daran, dass jeder auf eine ähnliche Art das machen kann, was er will.
Sobald man einmal damit begonnen hat, auf sich aufmerksam zu machen, ist das alles gar nicht so kompliziert. Klar, der ganze Mist mit Anmeldungen von Freiberuflern oder Gewerben und Sachen wie Krankenversicherungen sind nervig und man hat ständig das Gefühl, dass man es doch nicht hinbekommt, aber wenn man dran bleibt, wird das schon.«
Silas‘ Gesicht nahm einen leichten Rotton an, so als sei ihm klargeworden, dass er in seine Gedanken abgedriftet war und diese direkt mit mir geteilt hatte. Doch mir gefiel es, wie zuversichtlich er klang. Wie sicher er sich war, dass er einen Weg finden würde, der zu ihm und seinen Interessen passte.
Es hörte sich so einfach an und vielleicht war es das ja auch, sobald man seine Angst einmal überwunden hatte. Es gehörte eine gewisse Portion Mut dazu, seinen eigenen Weg zu gehen, doch Silas schien das beste Beispiel dafür zu sein, dass dieser Mut belohnt wurde. Der einzige Weg, herauszufinden, was für einen selbst funktionierte, war eben, es auszuprobieren.
Kapitel 6
Montag, 15. Juni
»Was ist denn mit deinem Arm passiert? Hattest du nicht gesagt, deine Ferien waren langweilig?«
»Das habe ich nicht gesagt, ich habe nur gesagt, dass ich nicht viel gemacht habe.« Was ebenfalls nur halbwegs stimmte. Ich hatte viel gemacht, doch hatten sich meine Tätigkeiten nicht oft voneinander unterschieden. So gut wie jeden Morgen war ich aufgestanden, hatte entweder mit Lia, Silas oder mit beiden gemeinsam gefrühstückt, bevor ich allein oder mit Silas als meine Begleitung draußen durch die Gegend getigert war. Wir hatten lange Spaziergänge unternommen, ganze Tage im Wald damit verbracht, neue Orte zu entdecken oder am Fluss zu sitzen und die Füße ins Wasser zu halten. Silas hatte es nicht lassen können, auf einer Vielzahl an Bäumen herumzuklettern, während ich unter diesen gesessen und bedauert hatte, dass ich ihm mit meiner noch immer vergipsten Hand keine Gesellschaft hatte leisten können.
Wir hatten uns schnell an das Zusammenleben gewöhnt und es gefiel mir, nicht ständig allein zu Hause zu sein, obwohl es mich zuvor nie gestört hatte. Die zwei freien Wochen waren wie im Flug vergangen und ich war gespannt, wie es weitergehen würde. Keiner von uns, weder Lia noch ich, hatte etwas dagegen, dass Silas eine Weile bei uns blieb.
Doch jetzt, wo die Schule weiterging und ich keine Ferien mehr hatte, würde sich bisschen was ändern. Ich würde die Woche über einen Großteil des Tages in der Schule verbringen und zweimal die Woche abends nicht da sein, weil ich seit einigen Monaten etwas Geld in einem der Tattoostudios bei uns in der Stadt verdiente, indem ich dafür sorgte, dass der Tätowierer jederzeit alle benötigten Materialien vor Ort hatte und diese auch sortiert waren.
Was Silas in der Zeit machen würde, wusste ich nicht, aber ich war mir sicher, dass ihm etwas einfallen würde. Er wirkte wie einer dieser Menschen, denen absolut nie langweilig war, die immer eine Sache fanden, die interessant genug war, um ihre Zeit damit zu verbringen. Und wenn dem nicht so war, setzte er sich irgendwo hin und zeichnete. Er war allgemein ein sehr selbstständiger Mensch, dem es nach ein paar Tagen nicht mehr unangenehm war, das Angebot, bei uns wohnen zu können, angenommen zu haben. Ich wusste nach wie vor nicht, was zwischen ihm und seinen Freunden geschehen war und was ihn veranlasst hatte, lieber irgendwo draußen zu übernachten, anstatt bei ihnen vorbeizuschauen. Doch ich wollte ihn nicht dazu drängen, mir Sachen zu erzählen, die er noch nicht bereit war, mit mir zu teilen.
Während Silas seinen Tag weiterhin so gestalten konnte, wie es ihm passte, saß ich jedenfalls wieder in der Schule, verbrachte Zeit mit meinen Freunden und hoffte, dass sich der Tag nicht unnötig in die Länge ziehen würde.
* * *
Es klingelte zur Pause. Erleichtert stopfte ich meinen Block sowie meine Stifte in den Rucksack und verließ den Klassenraum. Noch drei Stunden, dann konnte ich endlich wieder gehen.
»Sag mal, ist alles in Ordnung bei dir? Du hast dich die ganzen Ferien über kein einziges Mal gemeldet.« Kurz zuckte ich zusammen, da ich nicht bemerkt hatte, dass Timo neben mir aufgetaucht war.
»Sorry. Ich hatte wirklich vor, mich zu melden, doch hab‘s total vergessen. Tut mir echt leid.« Meine Aufmerksamkeit hatte sich in den letzten beiden Wochen so auf Silas gerichtet, dass ich nicht daran gedacht hatte, mich bei meinen Freunden zu melden. Zur Zeit ging alles so schnell, die Tage verflogen, ohne, dass ich wusste, was ich davon halten sollte. Etwas schuldbewusst schaute ich ihn von der Seite an, doch Timo lachte nur leicht.
»Alles gut, Nico. Wir wissen, dass du sowas vergisst, ohne es böse zu meinen«, neckte er mich, bevor er ernst wurde. »Ich will nur, dass du weißt, dass du immer mit mir reden kannst. Vorausgesetzt es gibt etwas, worüber du reden willst.« Prüfend schaute er mich an, während ich nicht anders konnte, als breit zu grinsen. Ich liebte es, wie selbstverständlich es bei uns war, dem jeweils anderen klarzumachen, dass wir jederzeit füreinander da waren. Manchmal tat es gut, solche Worte zu hören, auch wenn ich momentan nichts hatte, worüber ich mit ihm reden wollte.
Wir verließen das Schulgebäude und suchten den Rest unserer Freunde, den wir schnell fanden. Gemeinsam mit ein paar jüngeren Schülern standen sie am Rande des Pausenhofes und schienen sich angeregt über etwas zu unterhalten. Timo und ich liefen zu ihnen.
»Habt ihr den Überfall auf diese Tankstelle vor einigen Wochen mitbekommen?«, war das Erste, das ich verstand, als wir nah genug herangekommen waren.
»Du meinst den, bei welchem der Typ hinter der Kasse abgestochen wurde?«
»Genau den meine ich. Die haben ja mittlerweile die meisten Beteiligten festgenommen und wisst ihr, was herausgekommen ist? So wie’s aussieht, war Damian einer von denen, die den Typen erstochen haben.« Auch ich hatte von dem Überfall gehört, konnte aber die allgemeine Aufregung nicht nachvollziehen. So etwas passierte doch immer mal wieder, obwohl wenn es selten vorkam, dass so viele Leute einen gemeinsamen Überfall auf eine Tankstelle planten.
»Wer ist Damian?«, erkundigte ich mich. Der Name löste nichts in mir aus, doch an den Reaktionen einiger anderer konnte ich erkennen, dass sie etwas mit dem Namen anfangen konnten.
»Du kennst Damian nicht?« Erstaunte Blicke trafen mich. »Er war mal auf unserer Schule, ist zwei oder drei Jahre älter als wir, aber hat die Schule abgebrochen. Seitdem wohnt er bei Ben, du weißt schon, der Typ, der diese ganzen riesigen Partys veranstaltet.« Auch wenn ich Ben nicht persönlich kannte, so wusste ich direkt, von wem die Rede war. Er war Anfang zwanzig und für seine Partys bekannt. Ich selbst war kein Freund dieser Massenveranstaltungen, feierte lieber im Kreis meiner Freunde und verbrachte meine Abende allein oder mit Lia, anstatt mit dem Rest der Schule auf Bens Partys aufzutauchen.
Der Name Damian sagte mir trotzdem nichts, weshalb ich interessiert auf das Handy schaute, welches mir vors Gesicht gehalten wurde. Meine Stirn runzelte sich verwirrt. Diese tiefbraunen Augen hatten sich die letzten Wochen so in meinen Kopf gebrannt, dass ich sie überall erkennen würde. Es waren Silas‘ Augen, das konnte ich ohne den geringsten Zweifel sagen. Auch seine dunkelblau gefärbten, in alle Richtungen abstehende Haare passten zu Silas, sodass ich mir sicher war, dass es sich bei dem Bild um ihn handelte. Warum kannten einige meiner Freunde Silas als Damian?
»Kenne ich nicht«, murmelte ich und versuchte, mir meine Verwirrung nicht anmerken zu lassen. Auf dem Bild sah er etwas jünger aus als jetzt, seine Finger spielten mit einem filigranen Ring, welcher an seinem Ohr hing. Zufrieden grinste er in die Kamera, schien sich vollkommen wohlzufühlen.
Ich spürte Samanthas irritierten Blick auf mir. Meine Reaktion auf das Foto war ihr nicht entgangen, doch ich schüttelte leicht meinen Kopf, um ihr anzudeuten, dass sie keine Fragen stellen sollte. Zumindest nicht jetzt, da alle anderen um uns herumstanden.
Während das Gespräch über den Überfall weiterging, hielt ich mich aus der Unterhaltung raus und versuchte, meine Gedanken zu ordnen. Wenn es sich bei Silas und Damian wirklich um ein und dieselbe Person handeln sollte, dann hatte Silas etwas mit dem Tankstellenüberfall und dem toten Kassierer zu tun. Sagten zumindest die anderen. Hätte Silas mir nicht schon davon erzählt, falls dem so wäre? Ich wusste es nicht und das war genau das, was mich unruhig werden ließ. Wir kannten uns kaum und waren im Prinzip Fremde, die sich zueinander hingezogen fühlten.
Ich war froh, als es zum Pausenende klingelte. Stumm nahm ich meinen Rucksack und verzog mich in Richtung des Schulgebäudes.
»Du kennst Damian, oder?« Samantha hatte es sich nicht nehmen lassen, mir zu folgen. Leise seufzte ich. Ich wusste nicht, was ich antworten sollte.
»Vielleicht«, meinte ich ausweichend, während wir uns einen Weg zu unserem Klassenzimmer bahnten. Ich merkte, dass sie mehr dazu sagen wollte, weshalb ich mich beeilte, ihr zuvorzukommen.
»Du weißt, dass ich dir nicht absichtlich etwas verschweige. Ich muss ein paar Dinge klären, danach können wir meinetwegen nochmal darüber reden. Okay?« Ich wusste, dass es nicht sonderlich nett von mir war, sie so abzuweisen, doch mir fiel keine andere Lösung ein, wie ich mich anders aus dem Thema winden sollte.
Ich ließ mich auf meinem Fensterplatz nieder, spürte, dass Samantha mir noch einen prüfenden Blick schenkte, bevor sie sich mit einem Schulterzucken abwandte und auf ihren Platz setzte. Sie schien zu spüren, dass es sich nicht lohnte, jetzt weiter nachzuhaken.
Von den restlichen Stunden bekam ich nicht viel mit. Meine Gedanken kreisten um Silas, um das, was die anderen vorhin über den Tankstellenüberfall erzählt hatten und je mehr ich über alles nachdachte, umso mehr Fragen tauchten in meinem Kopf auf. Warum hatte er an einem Überfall teilgenommen? Wieso hatte er nichts gesagt? War es eine gute Idee, ihn bei uns wohnen zu lassen? In meinem Magen breitete sich ein flaues Gefühl aus und ich war froh, dass man mich während des Unterrichts in Ruhe ließ.
* * *
Mein Kopf hatte sich auch auf dem Nachhauseweg nicht sonderlich beruhigt. Die Gedanken kreisten munter weiter, erfanden Geschichten und gaben mir ein schlechtes Gefühl. Ich wusste, dass ich Silas mit dem Ganzen konfrontieren musste, da ich nur so die Wahrheit erfahren würde.
Doch ich wollte nicht, dass es kompliziert wurde. Ich mochte es, wie die letzten zwei Wochen verlaufen waren. Wie viel Zeit wir miteinander verbringen konnten, ohne uns unwohl zu fühlen. Wie wir zusammen lachen und reden konnten. Wie wir bis spät abends vor dem Fernseher saßen und Filme schauten, bevor wir in mein Zimmer gingen, uns hinlegten, und weiterredeten, bis wir irgendwann einschliefen. Ich wollte nicht, dass diese unbeschwerte Zeit vorbei war. Vielleicht war alles ganz anders und nur ein Missverständnis, über das wir nachher kurz sprechen und anschließend grinsen würde. Doch ein Teil von mir wusste, dass es nicht so einfach werden würde.
»Hey, nice dass du wieder da bist!« Ich war dabei mir meine Schuhe auszuziehen, als Silas in der Wohnzimmertür auftauchte und sich an den Türrahmen lehnte. Seine schwarzen Haare hingen ihm ins Gesicht, betonten seine braunen Augen und verliehen ihm ein geheimnisvolles Aussehen.
Ich wandte meinen Blick ab, wusste nicht, wie ich auf ihn reagieren sollte. Wenn sich herausstellte, dass Silas und Damian zwei komplett verschiedene Menschen waren, die absolut nichts miteinander zu tun hatten, dann war das einfach nur peinlich. Doch ich wollte nicht so tun, als wäre nichts passiert. Ich war vollkommen verwirrt.
Leise folgte Silas mir in die Küche und mir fiel erneut auf, wie geschmeidig er sich bewegte.
»Was ist los? Und sag nicht, dass alles in Ordnung ist. Du bist komplett durch den Wind.« Ich hatte stumm damit begonnen, Essen aus den Schränken zu holen und den Tisch zu decken. Als ich mich dem Kühlschrank zuwandte, lehnte Silas an diesem und verhinderte mit locker verschränkten Armen, dass ich seinem Blick ausweichen konnte. Er schaute mich so intensiv an, dass es mir unmöglich war, der Situation zu entkommen. Mein Herz schlug schnell, während ich nach den richtigen Worten suchte. Doch ich fand sie nicht.
»Ein paar Freunde haben in der Pause über den Tankstellenüberfall vor ein paar Wochen geredet.«
Silas‘ sonst so offene und warme Lächeln war verschwunden, stattdessen waren seine Gesichtszüge mit einem Mal wie versteinert. Sein Blick forderte mich dazu auf, weiterzureden und ihm zu erklären, was ich erfahren hatte, weshalb ich so verwirrt war und mich komisch verhielt.
»Sie haben davon geredet, dass du einer der Leute warst, die vermutlich den Kassierer erstochen haben.« Silas‘ Gesicht nahm einen verschlossenen Ausdruck an, seine Finger hielten seine Arme nicht länger locker fest, sondern krallten sich regelrecht in seine Haut. Am liebsten hätte ich nach ihnen gegriffen, um zu verhindern, dass er sich durch seinen eigenen Griff wehtat.
»Haben sie das?« Seine Stimme war ausdruckslos. Er starrte mich an und schien herausfinden zu wollen, was ich von der Sache hielt. Seine Reaktion verunsicherte mich, hinterließ ein ungutes Gefühl in meinem Inneren. Während ich leise erzählte, was ich gehört hatte, hörte Silas wortlos zu, bewegte sich nicht, schien nicht einmal zu blinzeln. Ich wandte meinen Blick ab und scharrte mit den Füßen unruhig über den Fußboden.
»Du denkst also, dass ich jemanden erstochen habe? Bei einem Überfall?« Es hörte sich lächerlich an, als er es aussprach. So ruhig und gelassen, als wäre es nicht er selbst, über den er sprach. Als ginge es ihn nichts an.
Ich wünschte, er hätte über meine Worte gelacht und mir erklärt, was passiert war, sodass wir die Sache vergessen konnten. Doch stattdessen fühlte ich mich von seiner Aussage angegriffen und hatte das Gefühl, mich verteidigen zu müssen.
»Das habe ich nicht gesagt, ich habe nur wiedergegeben, was die anderen mir erzählt haben.« Trotz Silas‘ abweisender Haltung schaffte ich es, ruhig zu bleiben. Langsam begann ich, mir zu wünschen, nichts von dem Gespräch auf dem Pausenhof mitbekommen zu haben. Dann würden wir jetzt gemeinsam etwas essen und danach den Tag in Ruhe ausklingen lassen können. Aber ob das wirklich besser gewesen wäre? Früher oder später wäre ich eh über das Thema gestolpert und wir hätten darüber reden müssen.
»Und was denkst du, was passiert ist?« Seine Stimme war schneidend, wenngleich seine Haltung und Mimik wieder so leblos war, als würden wir über etwas Banales sprechen. Innerlich zuckte ich bei seinen Worten zusammen und sogleich fühlte ich mich noch unwohler.
Leise antwortete ich: »Ich habe nicht den Hauch einer Ahnung, was ich denken soll. Du hast mir gesagt, dass du Silas heißt, während andere dich als Damian kennen. Das ist im Moment alles, was ich mit Sicherheit weiß. Aber so, wie du dich verhältst, sieht es ganz danach aus, als hättest du was damit zu tun. Sonst würdest du ja sagen, was los ist, und hättest du dich mir nicht unter einem anderen Namen vorgestellt. Außerdem würdest du nicht so abweisend reagieren.«
Ich bereute meine Worte in dem Moment, in dem ich meinen Mund schloss und den verletzten Ausdruck über Silas‘ Gesicht huschen sah. Doch er hatte sich erstaunlich schnell wieder im Griff. Für wenige Sekunden schaute er mir fest in die Augen, bevor er sich umdrehte und ging. Erst als die Haustür hinter ihm ins Schloss fiel, realisierte ich, dass ich die Möglichkeit, alles in Ruhe zu klären, vermasselt hatte. Ich löste mich aus meiner Starre und lief zur Haustür, doch als ich die Straße entlangschaute, war von Silas nichts mehr zu sehen. Frustriert schlug ich die Tür zu und ließ mich an dieser hinab auf den Boden gleiten. Silas war weg und ich wusste nach wie vor nicht, was geschehen war.
* * *
»Wo ist Silas?« Lia hatte bemerkt, dass mit mir etwas nicht stimmte. Gemeinsam saßen wir in der Küche. Lustlos stocherte ich in meinem Essen herum. Schweigend zuckte ich mit den Schultern, woraufhin ich einen weiteren intensiven Blick abbekam, bevor sie es mit einem Schulterzucken abtat. Lia wusste genau, dass es in solchen Momenten nichts brachte, mich zum Reden zu zwingen.
Nach dem Essen verzog ich mich in mein Zimmer und verkroch mich in mein Bett. Obwohl es draußen warm war, kuschelte ich mich unter meine Decken und schloss die Augen. Warum nur hatte ich es nicht geschafft, vernünftig mit Silas zu reden?
Erneut ließ ich unser Gespräch Revue passieren. Im Prinzip hatte ich es schon in dem Moment vermasselt, in welchem ich ihm nicht normal in die Augen hatte schauen können. Ich hätte ihm von Anfang an sagen sollen, was mich beschäftigte. Ich hätte mir nicht zuvor so viele Gedanken über alles machen sollen. So war es mir gar nicht möglich gewesen, unvoreingenommen Silas‘ Erklärung zu hören. Nach wie vor wusste ich absolut gar nichts darüber, was es mit dem Überfall auf sich hatte. Stattdessen hatte ich ihm vorgeworfen, mich zu belügen, und ihm das Gefühl gegeben, dass ich gar nicht an der Wahrheit interessiert war. Fuck.
Ich griff nach meinem Handy und steckte meine Kopfhörer ein. Da wir die letzten Wochen den Großteil unserer Zeit miteinander verbracht hatten, waren wir bisher nicht auf die Idee gekommen, unsere Nummern auszutauschen, weshalb ich ihn weder anrufen, noch ihm schreiben konnte.
Silas hatte nicht so gewirkt, als bräuchte er nur kurz Zeit für sich, bis er am Abend wieder vor der Tür stehen würde. Im Gegenteil, sein Blick, bevor er gegangen war, hatte nicht danach ausgesehen, als habe er vor, heute oder morgen wiederzukommen. Ich ärgerte mich, dass ich nicht schneller reagiert und ihn daran gehindert hatte zu gehen. Ob er wohl zu seinen Freunden gegangen war? Hatte er vielleicht sogar wegen des Überfalls Ärger mit ihnen?
Bevor ich weiter über diese Option nachdenken konnte, hielt ich inne. Es war Silas gegenüber nicht fair. Ich sollte ihm die Möglichkeit lassen, mir selbst zu erklären, was passiert war. Mir fiel auf, dass mich der Gedanke, er habe etwas mit dem Tankstellenüberfall zu tun, deutlich weniger störte, als der, ihn mit meinen Worten so verletzt zu haben, dass er gegangen war.
Ich wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als ich beschloss, rauszugehen. Mein Handy fand seinen Platz neben dem Schlüssel in der Hosentasche, ich sagte Lia Bescheid, dass ich draußen war, bevor ich die Haustür hinter mir schloss. Lia hatte mir nur einen weiteren nachdenklichen Blick geschenkt, doch sie hatte mich nicht am Rausgehen gehindert.
Auf direktem Weg lief ich zum Wald. Obwohl es draußen noch hell war, verfing sich das Tageslicht in den Baumkronen und bot einen düsteren Anblick. Mit Musik in den Ohren bahnte ich mir einen Weg durch die Büsche und Pflanzen, bis ich vor dem Schuppen ankam. Von außen deutete nichts darauf hin, dass sich im Inneren jemand befand; ein Eindruck, der sich mir bestätigte, als ich das Gebäude betrat. Meine unausgesprochene Hoffnung, Silas hätte sich den Schuppen als Zufluchtsort ausgesucht, wurde enttäuscht.
Seufzend ließ ich mich auf der Matratze nieder, auf welcher wir uns das erste Mal richtig unterhalten hatten. Es war faszinierend, dass diese Begegnung erst etwas mehr als zwei Wochen her war. Wie war es möglich, dass man in solch einer kurzen Zeit so vertraut miteinander umgehen konnte? Was war der Grund dafür, dass ich mich so unbegreiflich stark zu Silas hingezogen fühlte? War es sein Aussehen? Seine Ausstrahlung? Sein Charakter?
Ich war mir nicht sicher, doch wahrscheinlich war es eine Mischung aus all dem.
Während die Musik weiter durch meine Kopfhörer dröhnte, wurde ich mit einem Mal so müde, dass ich nicht anders konnte, als mich zusammenzurollen und die Augen zu schließen. Die Erzählungen auf dem Pausenhof, meine darauffolgenden Gedanken in der Schule und auf dem Nachhauseweg, die Unterhaltung mit Silas und nun die Frustration über meine eigenen Worte hatte mir mehr Kraft geraubt, als mir bewusst gewesen war. Innerhalb weniger Minuten war ich in einen traumlosen Schlaf abgedriftet.
* * *
Einige Stunden später wachte ich in völliger Dunkelheit auf. Ich stoppte die noch immer laufende Musik und steckte das Handy samt Kopfhörern in meine Jackentasche. Stattdessen lag ich stumm in der Finsternis, lauschte den Geräuschen draußen im Wald und war froh über die Stille in meiner direkten Umgebung. Die Nacht war nicht sonderlich warm, doch richtig kalt war mir auch nicht. Ich fühlte mich geborgen in dieser Hülle aus Dunkelheit und genoss es, abgeschieden von allem anderen zu sein. Teilweise zumindest, dann ich verspürte den Wunsch, Silas neben mir liegen zu haben. Ich wollte neben ihm einschlafen und neben ihm aufwachen. Ich wollte nachts wach bei ihm sein und ihm beim Schlafen betrachten.
Stück für Stück kam die Erkenntnis, festigte sich zu einem greifbaren Gedanken. Ohne ihn wirklich zu kennen, hatte ich mich Hals über Kopf in Silas verliebt.
Die Minuten vergingen wie im Flug. Erst als mein Wecker klingelte, bemerkte ich, dass ich langsam aber sicher meinen Rückweg antreten sollte. Obwohl ich kaum geschlafen hatte und mir nicht danach war, mich mit jemandem, der nicht Silas war, zu unterhalten, beschloss ich, in die Schule zu gehen. Vielleicht würde es mich ablenken und falls nicht, dann war es wenigstens eine effektive Lösung, um zu verhindern, dass ich den gesamten Tag meinen Gedanken nachhing und die Zeit vollkommen aus den Augen verlor.
Gähnend machte ich mich auf den Rückweg. Zu Hause verschwand ich kurz im Bad, bevor ich etwas aß und in Richtung Schule trottete. Dort angekommen setzte ich mich unter einen der wenigen Bäume auf dem Pausenhof und vertiefte mich erneut in die vertrauten Klänge meiner Musik.
* * *
Der Schultag zog sich scheinbar endlos in die Länge, weshalb ich froh war, als endlich die letzte Stunde überstanden war. Um zu verhindern, dass Samantha oder einer der anderen versuchen würden, mit mir zu reden, verschwand ich so schnell wie möglich aus dem Schulgebäude.
Eine Weile trottete ich durch die Stadt und ärgerte mich darüber, dass ich am Morgen nicht daran gedacht hatte, mein Fahrrad mit in die Schule zu nehmen. Da es schon nach fünfzehn Uhr war und in einer Stunde meine Arbeit im Tattoostudio begann, lohnte es sich nicht mehr, nach Hause zu gehen. Unterwegs kaufte ich mir etwas zu essen, bevor ich bei meinem Arbeitsplatz ankam.
Joe, mein Arbeitgeber, schien mir anzumerken, dass ich heute nicht für viel zu gebrauchen war, weshalb er mich nach hinten schickte, damit ich dort etwas Ordnung schaffen konnte.
Kapitel 7
Freitag, 19. Juni
Die nächsten Tage verliefen ähnlich: Ich stand morgens müde auf, quälte mich durch die Schulstunden, bevor ich entweder im Schuppen, im Wald oder im Tattoostudio war. Lia versuchte hin und wieder, mich zum Reden zu bekommen, doch ich wich jedes Mal aus. Auch wenn ich sonst super mit ihr über meine Probleme sprechen konnte, war es diesmal anders. Weder über Silas und über meine verwirrenden Gefühle für ihn, noch über den Vorfall mit der Tankstelle wollte ich mit ihr sprechen. Diese Gedanken gehörten mir und ich hatte nicht vor, sie mit jemandem zu teilen, der nicht Silas war.
Seit er Montag aus unserer Tür gegangen war, hatte er sich nicht mehr gemeldet, war nicht wieder aufgetaucht. In der Schule achtete ich darauf, ob irgendwer erneut etwas bezüglich des Überfalls erwähnte, doch so spannend es anfangs gewesen war, so schnell schien es ein vergessenes Thema zu sein.
Jedes Mal, wenn ich aus der Schule kam, hatte ich die Hoffnung, dass Silas im Garten saß, mich nachdenklich anschaute und sich durch die schwarzen Haare strich. Wann immer ich den Schuppen betrat, hoffte ich, dass er auf einer der Matratzen saß und zeichnete. Selbst wenn ich das Tattoostudio betrat, wünschte ich mir, dass er zufälligerweise genau dort und genau zu dieser Uhrzeit auftauchte, um sich ein weiteres Kunstwerk stechen zu lassen. Doch weder das eine noch das andere war der Fall.
* * *
»Du wirst mit Sicherheit nicht darüber reden wollen, was dich die letzten Tage so beschäftigt hat, habe ich recht?« Meinen Freunden war nicht verborgen geblieben, wie unkonzentriert ich war und wie ich ihnen aus dem Weg zu gehen versuchte. Valentin lehnte an der Tür vor mir, durch welche ich als einer der Letzten das Zimmer verlassen wollte. Innerlich seufzte ich, grinste ihn aber dennoch schief an.
»Da hast du absolut recht.« Ich war dankbar für meine Freunde und war froh, dass sie sofort bemerkten, dass etwas nicht in Ordnung war, doch mit ihnen war es ähnlich wie mit Lia: Ich wollte Silas nicht mit ihnen teilen. Vor allem nicht jetzt, wo ich gar nicht wusste, was geschehen war.
»Dachten wir uns schon.« Es war nicht das erste Mal, dass ich mich für einen kurzen Zeitraum von meinen Freunden abschottete, weshalb Valentin auch nicht danach aussah, als würde ihn meine Antwort stören. Er grinste lediglich und zuckte mit den Schultern, bevor er weiterredete.
»Wir treffen uns jedenfalls nachher am Fluss, wollten den Tag gemeinsam ausklingen lassen. Ich weiß, dass du arbeiten musst, doch du kannst nachkommen, wenn du willst.«
Innerlich rang ich kurz mit mir. Einerseits war mir nicht danach, meinen Abend mit jemandem, der nicht Silas war, zu verbringen. Andererseits hatten mir die letzten Tage gezeigt, dass es wenig Sinn ergab, einen weiteren Tag damit zu verschwenden, nur darauf zu warten, dass er wiederkam. Ich war mir sicher, dass er wieder auftauchen würde. Doch erst, wenn er bereit dazu war. Und bis dahin konnten Tage, oder sogar Wochen vergehen. Er wusste genau, wann ich zu Hause anzutreffen war, und da er noch immer unseren Haustürschlüssel hatte, musste er nicht einmal warten, bis Lia oder ich nach Hause kamen.
»Gut, ich komme mit. Kannst du mich gegen 19 Uhr abholen? Du weißt, dass ich manchmal vergesse, dass ich etwas geplant habe.« Verlegen kratzte ich mich am Kopf, während Valentin leicht auflachte. Wie oft wir uns schon gestritten hatten, weil ich immer und immer wieder Termine verpasst hatte, bis ihm endlich klar geworden war, dass ich gar nicht absichtlich nicht auftauchte, sondern lediglich vergaß, dass ich etwas geplant hatte.
»Kann ich machen. Dann bis später. Egal, was bei dir gerade so abgeht, ein wenig Ablenkung wird dir mit Sicherheit nicht schaden.« Er grinste mich noch einmal an, bevor er sich umdrehte, sodass wir den Raum verlassen konnten.
* * *
»Wenn du willst, kannst du gehen.« Erstaunt hob ich meinen Kopf und löste den Blick vom Bildschirm. Joe stand vor mir und grinste mich zufrieden an.
»Es ist doch noch gar nicht 19 Uhr«, meinte ich verwundert, nachdem ich einen schnellen Blick auf die Uhr geworfen hatte.
»Ich weiß. Aber heute ist sowieso nicht viel los und du warst die letzten Tage so durch den Wind, dass es dir bestimmt guttut, etwas Zeit mit deinen Freunden zu verbringen.« Mit einem Nicken deutete er auf Valentin, welcher vor dem Fenster des Studios stand und die dort ausgelegten Motivideen betrachtete. Joe hatte ihm schon öfter angeboten, drinnen auf mich zu warten, doch Valentin fühlte sich im Inneren des Studios nicht wohl genug, als dass er dieses freiwillig betreten würde. Er mochte die Atmosphäre und die Musik nicht, die im Hintergrund lief. Vor allem wenn Kunden anwesend waren, betrat er nur äußerst ungern das Studio. Er betrachtete zwar neugierig alle möglichen Tattoodesigns oder Ideen, konnte sich aber nicht vorstellen, jemals eins gestochen zu bekommen.
Ich bedankte mich bei Joe, nahm mir meine Sachen und verließ das Studio. Valentin und ich redeten nicht viel auf dem Weg zu den Anderen, welche direkt nach der Schule zum Fluss gegangen waren. Als wir ankamen, befanden sich Samantha und Kilian in einem erbitterten UNO-Kampf, während Timo daneben saß, ihnen abwechselnd in die Karten schaute und vorherzusagen versuchte, wer das Spiel gewinnen würde.
»Als Valentin meinte, dass er dich dazu überreden konnte, vorbeizuschauen, habe ich es ihm ehrlich gesagt nicht geglaubt.« Zufrieden grinsend begrüßte er uns, als wir uns neben ihm niederließen und zuschauten, wie Samantha das Spiel für sich entschied. Es machte Spaß, ihr dabei zuzusehen, wie sie sich freute und uns mit ihrer Freude ansteckte.
»Wollt ihr mitspielen?«, erkundigte sie sich, als sie die Karten mischte. Sie wusste genau, dass meine Antwort negativ ausfallen würde, gab es doch kaum ein Spiel, das ich so wenig genoss, wie es bei UNO der Fall war.
Während die vier eine neue Runde begannen, reichte es mir vollkommen, neben ihnen sitzen und zusehen zu können. Vielleicht war es gar keine schlechte Idee gewesen, mitzukommen. Es fühlte sich gut an, neben den Leuten zu sitzen, die mich seit Jahren kannten und die wussten, wann sie mich in Ruhe lassen mussten. Wie Valentin gesagt hatte, war Ablenkung genau das, was ich brauchte. Mit Silas würde sich alles schon wieder klären.
* * *
»Willst du wirklich nicht darüber reden?« Es war dunkel geworden, die Karten hatten wir weggepackt und stattdessen saßen wir nebeneinander und ließen die Füße im kühlen Wasser baumeln. Samantha saß neben mir, ihr Kopf lehnte an meiner Schulter, während ich meinen Arm um sie gelegt hatte.
»Worüber?« Ich war so in der Gegenwart, dass ich nicht direkt begriff, worauf Kilian hinauswollte, als er mir seine Frage stellte. Er rollte mit den Augen, bevor er mich mit hochgezogenen Augenbrauen von der Seite anschaute.
»Du weißt genau, was ich meine. Du bist ständig in Gedanken versunken und kannst dich kaum konzentrieren. Du bist deutlich distanzierter als sonst und gehst uns aus dem Weg.«
Ich zuckte leicht mit den Schultern und wusste nicht, was ich dazu sagen sollte. Nach den letzten Stunden kam es mir albern vor, dass ich mich so zurückgezogen hatte, denn ihre Gesellschaft tat mir gut. Meine Sorge, dass Silas nicht mehr wiederkam, schien plötzlich belanglos zu werden. Instinktiv wusste ich, dass er unsere gemeinsame Zeit genossen hatte und aktuell nur etwas Zeit für sich brauchte. Sobald er bereit war, würden wir in Ruhe über alles reden. Egal, was passiert war, egal, was Silas mit dem Überfall zu tun hatte, wir würden schon eine Lösung finden, damit umzugehen. Wir durften nur nicht alles so schrecklich kompliziert machen.
All das wurde mir mit einem Mal so richtig bewusst, doch ich war mir nicht sicher, wie und ob ich meinen Freunden davon erzählen sollte, weshalb ich einfachheitshalber mit einem Schulterzucken antwortete.
»Ich wette, dass Nico komplett verliebt ist.« Samantha grinste mich frech an, weshalb mir das Blut ins Gesicht schoss. Wie war sie bitte darauf gekommen?
»Wow, was haben wir verpasst?« Erstaunt schaute Timo zwischen mir und Samantha hin und her, während ich unruhig mit den Fingern Grashalme aus der Wiese zupfte.
»Ich will Details: Wer, wann und wie? Dass wir das noch mal erleben dürfen: Nico verliebt.« Auch Valentin stieg mit ein, schließlich wusste er, wie gern ich die anderen neckte, wenn sie verliebt waren. Mir hätte klar sein müssen, dass ich nichts anderes zu erwarten hatte, doch ehrlich gesagt hatte ich nicht damit gerechnet, dass es mich jemals so heftig erwischte, dass ich es nicht vor meinen Freunden leugnen konnte. Zwar hatte ich immer mal wieder die unterschiedlichsten Menschen attraktiv und anziehend gefunden und für manche über einen längeren Zeitraum hinweg geschwärmt, aber das war auch schon alles gewesen. Dieses Chaos, welches Silas in mir auslöste, war mir vollkommen fremd.
Ich hatte nicht den Hauch einer Ahnung, was ich antworten sollte, weshalb ich weiter Grashalme aus dem Boden rupfte.
»Lass dir nicht alles aus der Nase ziehen. Du musst ja nicht gleich sagen, wer es ist, aber ein bisschen mehr wäre schon nice zu wissen. Seit wann kennst du sie? Oder ihn, je nachdem.« Timo sprach seine Worte so selbstverständlich aus, als würde es niemanden wundern, wenn ich ihnen erzählen würde, dass ich mich in einen Typen verliebt hatte.
Doch war dem wirklich so? Ich hatte mich nie im klassischen Sinne geoutet, hatte hin und wieder Andeutungen gemacht, dass ich sowohl Jungs als auch Mädchen attraktiv fand, aber da ich ihnen bislang weder eine Freundin noch einen Freund vorgestellt hatte, war nie direkt auf das Thema eingegangen worden. Mir war es nie wichtig gewesen, den anderen meine sexuelle Orientierung mitzuteilen, da ich angenommen hatte, dass es sie nicht weiter interessierte.
Doch nun kamen mir Zweifel. War es notwendig, sich zu outen? Eigentlich ging das niemanden außer mich etwas an, oder? Würde mich einer meiner Freunde anders als bislang wahrnehmen?
Ich wünschte, ich hätte mir schon früher mehr Gedanken über das Thema gemacht und hinterher mit ihnen darüber gesprochen. Meine Eltern hatten mir von Anfang an klargemacht, dass ihnen egal war, zu welchem Geschlecht ich mich hingezogen fühlte, weshalb ich mir nie den Druck gemacht hatte, großartig über meine Sexualität nachzudenken. Für mich war immer alles klar gewesen: Wenn ich jemanden cool fand, dann fand ich ihn cool.
»Nicooo«, jammerte Samantha und stieß mir ihren Ellenbogen in die Seite. »Wir wollen Infos! Oder zumindest eine eindeutige Ansage, dass du nicht darüber reden willst.« Erneut zögerte ich kurz, bevor ich hoffte, Timos Selbstverständlichkeit, mit der er seine Frage gestellt hatte, richtig gedeutet zu haben, und ihnen eine leise Antwort gab.
»Es ist keine sie, es ist ein er.« Grinsend schaute Valentin mich an. Weder ihn noch einen der anderen schienen meine Worte zu verwundern. Was meine Freunde anging, wusste ich genau, was ich an ihnen so wertschätzte. Tiefe Erleichterung machte sich in mir breit.
»Das wird ja immer besser. Also, wie lange kennst du ihn schon?« Die Fragen und die neugierigen Blicke, die auf mir lagen, sorgten dafür, dass in mir eine Schleuse geöffnet wurde, welche einen Fluss an Worten zurückgehalten hatte, die sich nun ihren Weg nach draußen bahnte.
»Wir sind uns das erste Mal einige Wochen vor den Pfingstferien begegnet und Anfang der Ferien haben wir uns wieder getroffen.« Leicht zuckte ich mit den Schultern und versuchte, mein Grinsen zu unterdrücken, was mir nicht gelang. Etwas unangenehm waren mir die begeisterten Blicke, die auf meine Worte folgten schon, doch das wusste ich zu ignorieren. War das nicht die beste Reaktion, die man von seinen Freunden erhalten konnte, wenn man dabei war ihnen zu erzählen, dass man jemanden gefunden hatte, den man mochte?
»Wie habt ihr euch kennengelernt?«
»Ich habe ihn mit dem Fahrrad über den Haufen gefahren, als er über die Straße gehen wollte.« Lautes Lachen folgte auf meine Antwort.
»Das ist doch mal eine tolle Geschichte, die man seinen Kindern später erzählen kann«, sagte Kilian grinsend, während Valentin schon die nächste Frage formulierte.
»Wie sieht er aus?«
»Verdammt gut.«
Ein weiteres Lachen folgte und meine Wangen färbten sich erneut rot. Ich war es nicht gewohnt, die Person zu sein, welche solche Fragen beantwortete; normalerweise war ich derjenige, der eine neugierige Frage nach der anderen stellte.
»Wenn er dich nach so kurzer Zeit so dermaßen in seinen Bann gezogen hat, scheint er wirklich nicht schlecht auszusehen. Lass mich raten: Er hat dunkle oder gefärbte Haare.« Samantha schien es zu gefallen, ein Ratespiel aus der Sache zu machen, und die Anderen stimmten begeistert mit ein.
Leicht nickte ich.
»Tattoos?« Valentin traf genau ins Schwarze, weshalb ich erneut nickte.
»Piercings?« Ich schüttelte meinen Kopf, bis ich innehielt.
»Einen Ohrring, wenn das als Piercing zählt.« Die Unterhaltung machte mir mehr Spaß, als ich mir jemals hätte ausmalen können.
»Links oder rechts?«
»Rechts, warum?« Fragend schaute ich Timo an, welcher leicht mit den Schultern zuckte.
»Hab‘ mal gehört, dass sich viele schwule Männer rechts einen Ohrring stechen lassen. Nicht, dass ich weiß, ob das überhaupt stimmt oder irgendetwas zu bedeuten hat.« Bei Timos Worten kam mir erstmals in den Sinn, dass ich gar nicht mit Sicherheit wusste, ob Silas Interesse an Männern hatte. Bisher hatte es ihn nie gestört, wenn ich mich an ihn gelehnt oder gekuschelt hatte. Solange er nichts dagegen sagte, konnte ich mich weiter so verhalten, oder nicht? Eine weitere von Samanthas Fragen verhinderte, dass ich meine Gedanken vertiefen konnte.
»Hat er grüne Augen?« Ich schüttelte meinen Kopf, weshalb Samantha etwas enttäuscht schaute.
»Schade. Ich kann mir so perfekt vorstellen, dass du auf Typen mit schwarzen Haaren und grünen Augen stehst.«
»Ich hab das Gefühl, dass es Nico ziemlich egal ist, welche Augenfarbe jemand hat, solange er im Blick der anderen Person versinken kann.« Timo lachte und wackelte mit den Augenbrauen, weshalb ich ihm die Zunge herausstreckte. Dabei konnte ich trotzdem nicht verhindern, dass meine Wangen anfingen zu glühen. Leise grummelnd wartete ich darauf, dass sich das Thema änderte. Doch bei meinen Freunden war das Interesse erst geweckt worden.
»Also blaue oder braune Augen?«
»Braun, so extrem dunkelbraun. Fast schwarz.« Ich verkniff mir eine Angabe dazu, wie schön seine Augen waren und wie sie mir absolut nicht mehr aus dem Kopf gehen wollten. So deutlich musste ich auch wieder nicht machen, dass Samantha mit ihrer Aussage, ich sei komplett verliebt, verdammt richtig gelegen hatte.
»Wie alt ist er?«
»Neunzehn.« Ich erinnerte mich nicht genau an das Gespräch, in dem unser Alter zur Sprache gekommen war, doch wir hatten unseren Altersunterschied mit einem Schulterzucken abgetan.
Je mehr Fragen meine Freunde stellten, desto stärker vermisste ich Silas. Ich wollte nicht mit meinen Freunden herumsitzen und ihnen erzählen, wie sehr er mir gefiel, wollte stattdessen endlich klären, was es mit dem Überfall auf sich hatte. Wollte mich für meine Worte entschuldigen.
Valentin schien zu bemerken, dass ich mit meinen Gedanken nicht mehr bei ihren Fragen war, weshalb er sich an Samantha wandte und versuchte, das Thema möglichst geschickt zu wechseln.
»Wie bist du überhaupt auf die Idee gekommen, dass Nico verliebt ist? Das war so ziemlich das Letzte, mit dem ich gerechnet hätte.«
Samantha zuckte mit den Schultern. »War nur so ein Gefühl. Ich habe Nico nie so gesehen, also musste es etwas sein, das er bisher nie oder zumindest nicht so oft erlebt hat. Und da ist mir das als Erstes eingefallen und je weiter ich darüber nachgedacht habe, desto mehr Sinn hat es ergeben. Ich habe trotzdem das Gefühl, als wäre da noch etwas anderes. Irgendwas, was er uns nicht erzählen will. So als habe er sich gestritten und wüsste nicht mit der Situation umzugehen.«
Mir war nicht klar, woher sie diese Feinfühligkeit hatte, mit welcher sie mein Verhalten perfekt deutete. Ich wusste nur, dass mir das zu weit ging. Die Fragen waren ja ganz lustig, aber über die Auseinandersetzung mit Silas wollte ich nicht sprechen, wusste ich doch nach wie vor selbst nicht, was passiert war.
»Können wir bitte das Thema wechseln? Ich will da gerade echt nicht drüber reden.« Spätestens als sie meine Bitte hörten, musste sie wissen, dass Samantha ins Schwarze getroffen hatte.
»Sorry, falls ich mit den Fragen oder mit der Aussage zu weit gegangen bin. Ich bin nur wahnsinnig neugierig und schieße dabei manchmal etwas über das Ziel hinaus. Ich freue mich so, dass du verliebt bist, obwohl du immer meintest, dass Beziehungen nichts für dich sind. Tut mir leid, falls du dich dadurch bedrängt gefühlt hast.« So ehrlich, wie sie mich anschaute, konnte ich ihr nicht lange böse sein. Lächelnd lehnte ich mich zu ihr und umarmte sie fest.
»Alles gut, ich will, wie gesagt, nur nicht darüber reden.«
»Und falls doch, weißt du ja, wo du uns findest.« Sie erwiderte die Umarmung genauso fest, wie ich sie begonnen hatte, und drückte mir anschließend einen Kuss auf die Wange.
»Ich freue mich darauf, ihn kennenzulernen.«
Ich lachte, da ich nur zu gut wusste, wie intensiv Samantha neue Partner unter die Lupe nahm. Wie sich Silas wohl bei dieser Prüfung schlagen würde?
»Ist das ein guter Moment, um euch zu erzählen, dass ich eine Freundin habe?« Kilian fuhr sich schüchtern durch die Haare, während Samantha direkt Feuer und Flamme war. Timo konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Es war typisch Kilian, dass man von seinen Beziehungen erst erfuhr, wenn sie schon fast wieder vorbei waren. Zumindest war es in der Vergangenheit so gewesen. Ich wünschte mir für ihn, dass es diesmal anders war. Er war ein ruhiger und ausgeglichener Mensch, dem ich alles Glück der Welt wünschte.
»Was habe ich noch verpasst? Timo, Samantha, ihr eröffnet mir jetzt aber nicht, dass ihr schon seit einer Weile zusammen seid?«, erkundigte Valentin sich trocken, was mich zum Schmunzeln brachte, bis mir die knallrot angelaufenen Gesichter von Samantha und Timo auffielen.
»Echt jetzt?« Nicht nur ich starrte die beiden verblüfft an, auch Valentin schien keine Sekunde daran geglaubt zu haben, dass seine Frage nur einen Funken Realität innehatte.
»Wir sind nicht zusammen, wir ...« Zaghaft suchte Samantha nach den richtigen Worten. Es kam nicht oft vor, dass sie ins Stocken kam, was mich noch mehr zum Grinsen brachte.
»Wir mussten nur ein paar Sachen ausprobieren und klarstellen«, kam Timo ihr zur Hilfe. Bestätigend nickte Samantha, bevor sie ihren Kopf wieder an meine Schulter lehnte und ihr Gesicht an meinem Hals versteckte.
»Und warum erfahren wir erst jetzt davon?«, fragte ich sie leise, weshalb sie seufzte. Doch ich spürte, dass es sie nicht störte, dass wir es nun wussten. Ein Blick zu Timo machte mir klar, dass es ihm genauso ging. Ihrer Freundschaft schien das Ausprobieren und Klarstellen dieser gewissen Sachen nicht geschadet zu haben.
»Wusste nicht, wie ich beginnen soll.« Sie verstummte und ich nahm an, dass das Thema Beziehungen und alles, was damit weiträumig zu tun hatte, für heute beendet war, doch Samantha fügte ihren Worten noch etwas hinzu.
»Finde es aber ganz gut, dass du jetzt davon weißt«, murmelte sie an meinem Hals, sodass es die anderen nicht mitbekommen konnten. Mein Grinsen wurde weicher; ich freute mich darüber, dass wir alle gemeinsam nebeneinandersaßen und wir einige Dinge ausgesprochen, diese nicht länger vor den Anderen versteckt hatten. Ich war mehr als froh, Valentins Einladung gefolgt zu sein.
Kapitel 8
Samstag, 20. Juni
Kurz nach Mitternacht lag ich wieder in meinem Bett. Wir hatten den gesamten Abend am Fluss verbracht, hatten geredet und gelacht und es uns gutgehen lassen. Mein Inneres war ruhig und ich fühlte eine angenehme Müdigkeit in mir aufsteigen. Ich war froh, dass meine Freunde von Silas‘ Existenz wussten. Ihr Umgang mit dem Thema hatte mir Mut gemacht, solche Sachen in Zukunft öfter anzusprechen.
Gähnend drehte ich mich herum und zog mir die Decke bis an den Hals. Ich war schon fast eingeschlafen, als ich ein seltsames Geräusch wahrnahm, das sich nicht sofort einer Ursache zuordnen ließ. Leise setzte ich mich auf, versuchte die Herkunft zu lokalisieren. Es dauerte, bis mir klar wurde, dass etwas von außen gegen meine Fensterscheibe knallte. Vorsichtig lief ich zum Fenster und blickte hinaus in die Dunkelheit. Als sich meine Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, erkannte ich, dass jemand draußen im Garten stand und zu mir hinaufschaute. Verwirrt runzelte ich die Stirn und öffnete das Fenster.
»Silas?«
»Hab‘ ich dich geweckt? Ich wusste nicht, ob du schon schläfst.«
Das Grinsen schlich sich wie von selbst auf meine Lippen, als ich schnell den Kopf schüttelte.
»Du hast doch einen Schlüssel, warum bist du nicht reingekommen?«
»Wie creepy wäre das denn, wenn ich ohne Ankündigung mitten in der Nacht in deinem Zimmer auftauche und mit dir reden will?« Obwohl ich es aufgrund der Dunkelheit unmöglich sehen konnte, war ich mir sicher, dass auf seinem Gesicht ein ebenso breites Grinsen wie auf meinem lag.
»Willst du rein oder soll ich rauskommen?« Meine Müdigkeit war wie weggeblasen. Ich war einfach nur erleichtert, dass Silas wieder da war und wir normal miteinander reden konnten.
»Ich hätte nichts gegen einen Spaziergang, aber wenn du zu müde bist, kann ich auch reinkommen.«
Ich musste nicht erst nachdenken, um zu wissen, für was ich mich entscheiden würde.
»Warte kurz, ich muss mir schnell was anderes anziehen.« Nach sekundenschnellem Überlegen entschied ich mich dafür, den kürzesten Weg aus dem Haus zu nehmen, welcher durch mein Fenster verlief. Die Regenrinne hatte mich bisher jedes Mal sicher nach unten befördert, und mithilfe der an der Hauswand stehenden Mülltonnen war es nie ein Problem gewesen, den gleichen Weg zurück ins Haus zu nehmen. Selbst mit meiner eingegipsten Hand bereitete es mir keine Schwierigkeiten, durch das Fenster zu klettern und an der Rinne hinabzurutschen.
Unten angekommen, lief ich die wenigen Schritte zu Silas, welcher lächelnd auf mich gewartet hatte.
»Hey«, murmelte ich, als ich vor ihm stand.
»Hey«, war seine ebenso leise Antwort. Es tat gut, ihn wieder bei mir zu haben. Ich umarmte ihn fest und spürte erleichtert, wie er ausatmete und seine Arme um meinen Rücken schlang, um mich näher zu sich zu ziehen. Meinen Kopf legte ich in seiner Halsbeuge ab, während ich merkte, wie er den seinen an mich schmiegte. Ich mochte es, dass er kleiner war als ich, mochte, wie es sich anfühlt, ihn in den Armen zu halten. Eine Gänsehaut hatte sich auf seiner Haut ausgebreitet und ich hatte das Gefühl, dass sein Herz schneller schlug als zuvor.
»Tut mir leid, was und vor allem wie ich gesagt habe, was ich eben gesagt habe. Ich hätte bemerken müssen, wie unwohl du dich gefühlt hast und hätte dir die Chance geben müssen, mir zu erzählen, was passiert ist, bevor ich mir eine Meinung darüber bilde.« Die Worte verließen meinen Mund nur als Flüstern, doch wir waren uns so nahe, dass es nicht mehr brauchte, um uns zu verständigen.
»Und mir tut es leid, wie ich reagiert habe. Im Prinzip hattest du ja mit deinen Worten recht. Wenn ich nichts sage, kannst du nicht wissen, was passiert ist. In den letzten Wochen wurde mir so selten geglaubt und so viel vorgeworfen, dass ich Angst hatte, dass du das Gleiche tust. Sorry, dass ich abgehauen bin, bevor du überhaupt die Möglichkeit hattest, mir zu zeigen, wie du auf die Geschichte reagierst.
Außerdem tut es mir leid, dass ich dir nicht selbst von der Sache mit dem Überfall erzählt habe, doch das Zusammensein mit dir war so schön, dass ich das nicht aufs Spiel setzen wollte. Obwohl ich das so trotzdem habe.« Es dauerte etwas, bis wir uns voneinander lösten. Ich konnte nicht verhindern, dass ich meine Hand ausstreckte und vorsichtig durch seine verstrubbelten Haare fuhr, ihm die ins Gesicht hängenden Strähnen zur Seite strich. Silas schien diese Geste nicht zu stören.
»Wenn du willst, können wir etwas durch die Gegend laufen und ich erzähle dir dabei, was passiert ist.« Ich nickte leicht, weshalb wir uns auf den Weg durch die dunklen Straßen machten. Wir liefen nebeneinander her und am liebsten hätte ich unsere Finger miteinander verschränkt, aber ich traute mich nicht.
Silas begann nicht sofort, zu erzählen, doch ich drängte ihn nicht. Wenn er einen Augenblick brauchte, um sich zu sammeln, würde ich ihm diesen geben. Ich war viel zu erleichtert, dass er wieder da war und dass wir vernünftig über alles reden konnten, als dass mich ein paar zusätzliche Minuten gestört hätten.
»Erinnerst du dich daran, dass ich dir erzählt habe, dass ich normalerweise bei meinen Freunden wohne, momentan aber mit denen etwas Stress habe?«
»Du wohnst bei Ben, oder?«
Silas nickte. »Wir kennen uns schon seit Ewigkeiten, mittlerweile ist er so ein Zwischending aus bester Freund und großer Bruder für mich«, erklärte er. »Der ganze Stress, wegen dem ich aktuell nicht gern dort übernachte, hat damit angefangen, dass uns immer öfter langweilig geworden ist. Die meisten von uns haben die Schule abgebrochen und jetzt keinen richtigen Job, der uns regelmäßig mit Geld versorgt. Wir wohnen bei Ben, der hat vor paar Jahren eine ganze Menge Geld sowie ein Haus von einem entfernten Verwandten geerbt und kein Problem damit, uns bei sich wohnen zu lassen. Die meisten von uns schlagen die Zeit tot, indem sie irgendeinen Unsinn machen. Ein paar sprühen tagelang Kunstwerke an die Wände, andere haben mit dem Dealen begonnen und nur die wenigsten sind aktiv auf Jobsuche oder arbeiten.
Wie gesagt, irgendwann ist uns langweilig geworden und wir haben aus Spaß angefangen, Überfälle zu planen. Es war nicht geplant, diese durchzuführen. Wir mussten unsere Köpfe nur irgendwie beschäftigen. Also saßen wir stundenlang da und haben uns Möglichkeiten ausgedacht, wie man sowas am besten gestalten könnte.
Irgendwann hat das ein paar von uns nicht mehr gereicht und sie wollten das Ganze in die Praxis umsetzen, weshalb sie damit begonnen haben, einen richtigen Tankstellenüberfall zu planen. Ich habe nicht damit gerechnet, dass sie es wirklich ernst meinen. Mit der Zeit wurde mir dieses ewige Planen zu langweilig und ich habe mich eher im Hintergrund gehalten. Während meine Freunde irgendetwas zum zehnten Mal durchdachten, habe ich mich wieder vermehrt dem Zeichnen gewidmet und endlich alle Formalitäten für meinen Onlineshop geregelt. Das war ein paar Wochen, bevor du mich angefahren hast.
Ich war so mit mir und meinen Angelegenheiten beschäftigt, dass ich nicht gemerkt habe, dass alle dachten, dass ich noch immer Teil des Planes war. Es ist meine eigene Schuld, ich hätte direkter kommunizieren sollen, dass ich ihre Idee für eine Riesendummheit hielt.
Jedenfalls kam Ben zwei Tage vor dem Überfall zu mir, um den endgültigen Plan zu besprechen. Er war verdammt genervt, als er begriffen hat, dass ich überhaupt nicht mitmachen werde. Hinterher hat er mir erzählt, dass es gar nicht so einfach war, innerhalb von zwei Tagen einen Ersatz für mich zu finden.«
Meine Stirn legte sich in Falten. »Wenn Ben einen Ersatz gefunden hat, was hast du dann mit der ganzen Sache zu tun?«
Silas seufzte. »Ben hat den anderen nicht gesagt, dass ich nicht mit dabei bin.«
Ich zog meine Augenbrauen zusammen. »Und deine Freunde haben beim Überfall nicht gemerkt, dass es nicht du bist?«
»Offenbar nicht. Laut Plan sollten alle ihre Gesichter komplett verdeckt haben. Außerdem ist Ben ein Einzelgänger. Es war geplant, dass er mit mir durch den Hintereingang der Tankstelle hereinkommt, während die anderen die normale Tür benutzen. Er konnte nicht wissen, dass dieser Typ, mein Ersatz, den Kassierer niederschlägt, ihm ein Messer in den Bauch rammt und durch die Hintertür flieht. Ben meinte, dass es ein einziges Chaos war und alle durcheinanderliefen, bevor die Polizei kam.«
»Deine Freunde denken also, dass du jemanden umgebracht hast?« So ganz wollte mir die Sache noch nicht in den Kopf. Ich zweifelte nicht daran, dass Silas unschuldig war, ich verstand nur nicht, weshalb er unter Mordverdacht stand.
»Die meisten sind vor allem verwirrt. Stell dir vor, du planst einen Tankstellenüberfall, bei dem niemandem etwas passieren soll. Und dann kommt einer deiner Freunde durch die Hintertür, ersticht den Kassierer und flüchtet. Später heißt es, dass es gar keiner deiner Freunde gewesen sein soll, was du zu dem Zeitpunkt aber nicht wusstest. Als die Polizei dich verhört, wollen sie die Namen aller beteiligten Personen wissen. Hättest du an ihrer Stelle meinen Namen genannt?«
Wahrscheinlich schon. Würde ich Silas‘ Geschichte Glauben schenken?
»Warum hat Ben nichts gesagt? Würde seine Aussage deine Unschuld nicht eindeutig beweisen?«
Silas seufzte ein weiteres Mal. »Ihm ist das alles verdammt unangenehm und er hat Angst, durch eine solche Aussage noch tiefer in die Scheiße zu rutschen.«
»So ein Mistkerl!« Was war das denn für ein bester Freund? Er hatte Angst, tiefer in die selbstverschuldete Scheiße zu rutschen, während es ihm egal war, dass sein unschuldiger Freund unter Mordverdacht stand? »Wieso hat er aber deinen Namen nicht genannt? Er wird doch zumindest gesagt haben, dass du bei der Planung dabei warst, oder nicht?«
Er schüttelte den Kopf. »Ben hat gar nichts gesagt.«
So konnte man es natürlich auch machen. Einen Überfall planen und durchführen, nur um hinterher jede Aussage zu verweigern. Ben schien ein ziemlicher Feigling zu sein. Warum stand er nicht zu dem Mist, den er gebaut hatte?
»Was ist danach passiert? Nach dem Überfall?«, erkundigte ich mich.
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