Читать книгу: «Fremde Zeichen»
Anne Richter
Fremde Zeichen
Roman
Saga
Für Judith
Personen
Margret
Hans
Sonja, Hans’ und Margrets Tochter
Johanna, Margrets Mutter
Friedrich, Margrets Vater
Lene, Hans’ Mutter
Erwin, Hans’ Vater
Ein wärmeres Land
Sonja · 1992
Sonja schaute hinaus zu der Linie, die Himmel und Meer voneinander trennte. Sie hatte Afrika – den Kontinent, der dort begann, wo das Wasser auf Land traf – noch nicht bereist.
Zurückgelehnt und sich mit den Händen abstützend, saß sie auf ihrer Jacke, die sie an einer Stelle unweit des Strandes über einen der kalkfarbenen, das Ufer säumenden Steinbrocken gebreitet hatte. Einige hundert Meter hinter ihr verlief die Marseiller Küstenstraße, von der das unablässige Rauschen des Verkehrslärms zu ihr drang, während das Meer still und beinahe unbewegt mit sacht gekräuselter Oberfläche vor ihr lag.
In Deutschland war es Anfang März niemals so warm gewesen, dass sie außerhalb der Wohnung keine Jacke zu tragen brauchte. Ein Stück des vielfarbig gemusterten Stoffs hing rechts am Stein herab, und aus der Jackentasche lugte ein Streifen Papier hervor, der letzte Brief der Eltern. Ob sie, kaum zwanzigjährig, das Kind gewollt habe? Ob sie jetzt für immer dortbleiben wolle? Ob die Eltern Sonja besuchen kommen könnten?
Den Blick erneut auf die sonderbar klare Linie am Horizont gerichtet, strich Sonja mehrere Male über die Wölbung ihres Bauches.
Sie hatte den Eltern bereits geantwortet: Ja, sie habe das Kind gewollt, sie könnten sie auch gern besuchen kommen, doch ob sie für immer hierbleibe, das wisse sie nicht.
Mittlerweile war es dem Baby in der Enge des Bauches nicht mehr möglich, sich ohne Tritte oder zarte Faustschläge umzudrehen. Das Meer wurde jetzt unruhiger, ein leiser Wind trieb kleine Wellen an den Strand, als Sonja die Bewegungen des Kindes spürte. Kein Klopfen wie zu Anfang der Schwangerschaft, nein, nun kämpfte das Kind um mehr Platz.
Sonja schloss die Augen und hob den Kopf.
Sie sah die Eltern im Wohnzimmer einander gegenüberstehen, den Vater mit schwarzem Haar, die blonde Mutter, vor den bereits zugezogenen Gardinen, während draußen auf dem Armeegelände die sowjetischen Soldaten sangen, begleitet von einem Akkordeon. Die Worte der Eltern übertönten den Gesang.
Sie war acht Jahre alt gewesen und noch einmal aufgestanden, um zur Toilette zu gehen, ein dünnes Mädchen mit knabenhaft kurz geschnittenem Haar. Die Eltern schienen ihre im Türrahmen stehende Tochter nicht zu bemerken. Obwohl die Weise, in der die beiden sich anblickten, Sonja sehr erschreckte, ging sie erst hinaus, als der Vater seine Hand gegen die Mutter erhob.
Viele Abende lang hörte sie vom Kinderzimmer aus die erregten, unnachgiebigen Stimmen der Eltern und stand auf, um sie wieder und wieder einander gegenüberstehen zu sehen, sich mit Blicken unerbittlich angreifend und verteidigend.
Sonja öffnete ihre Augen. Der unbekannte Kontinent dort hinten. Hatte es nicht einmal die Suche nach dem innersten Afrika gegeben, bevor sie, so wie ihre Freunde, die ihr vertraute Stadt verlassen hatte?
Während der Vater Tag für Tag wie gelähmt die Nachrichten im Fernsehen verfolgte und die Mutter auf dem großen innerstädtischen Platz, im Gedränge Hunderter von Menschen, zu den Rufen, dass sie das Volk seien, nicht ohne Hoffnung schwieg, saßen Sonja und ihre Freunde, wenn sie nicht selbst demonstrierten, täglich nach dem Unterricht beieinander, redeten und gestikulierten, um passende Worte für Theaterstücke und Aufrufe zu finden, die sie an die Menschen ihrer Stadt richten und mit Zitaten und Vorschlägen versehen würden, wie es in den Schulen, den Büros, den Betrieben weitergehen könnte. Solange wir an unsere Zukunft glauben, brauchen wir uns vor unserer Vergangenheit nicht zu fürchten. – Was uns ersticken machen kann: aus der bewegten Zeit in eine stehende zu fallen. So nah schien ihnen plötzlich ein wärmeres Land, obwohl es auf den Winter zuging.
Später brüllten die Demonstranten auf dem Platz stakkatoartig, dass sie ein Volk seien, und die Mutter suchte schwitzend und von Übelkeit befallen einen Weg zum Rand der Menschenmenge, in der Bierflaschen geschwenkt und gepfiffen wurde, wenn einer sich am Mikrofon als Genosse zu erkennen gab. Wenn man bloß normal miteinander reden könnte!, hatte die Mutter einmal, als sie von einer Demonstration heimkehrte, gesagt, und Sonja war unsicher, ob sie dabei an die Menschen auf dem Platz oder an sich selbst und den Vater gedacht hatte.
Sie hätte auch Sonja und ihre Freunde meinen können, wenn Sonja ihrer Mutter je davon erzählt hätte, wie es ihnen plötzlich nicht mehr gelang, Sätze zu Papier zu bringen, die ihren Ideen entsprachen. Ein falsch gesetztes Komma, eine Bedeutungsnuance konnten mit einem Mal zu langen Diskussionen führen, an deren Ende sie missgelaunt auseinandergingen. Anfangs stritten sie noch miteinander, kompromisslos ein jeder, dann aber wichen ihre Auseinandersetzungen stetig einem schwunglosen Hin und Her der Meinungen. Die stehende Zeit. Die Sprechpausen wurden von Zusammenkunft zu Zusammenkunft länger, sie blickten einander seltener an, drehten ihre Weingläser mit gesenktem Kopf zwischen den Fingern, schwiegen. Bis der Tag kam, an dem einer der Freunde mit klarer Stimme in die bedrückende Stille hinein sagte, er habe vor kurzem einen Flug gebucht, weil es in Afrika, dem wirklichen Afrika, anderes zu tun gebe als lächerliche Gespräche über Wörter zu führen. Sonja hatte ihren Kopf hochgerissen und gedacht: Gar nichts gibt es für dich dort zu tun. Doch während sie in die erschrockenen Gesichter der anderen blickte, sah der Freund versonnen aus dem Fenster und murmelte: »Und die Wärme, wisst ihr.«
Kurz darauf verließ einer nach dem anderen den Kreis, und Sonja, die nicht die Letzte sein wollte, überlegte fröstelnd, wohin sie gehen werde.
Seit das Kind in ihrem Bauch wuchs, fror Sonja nicht mehr.
Trotz des Windes, der nun stärker wehte, zog sie ihre Schuhe und Strümpfe aus und schmiegte ihre nackten Fußsohlen an den lauwarmen Stein. Sie wäre gern zum Ufer hinabgeklettert, um ein paar Schritte durch das Wasser zu gehen, fürchtete jedoch, auf den glatten Steinen auszugleiten und, durch ihren Bauch weniger beweglich, sich nicht geschickt abfangen zu können.
Sie wandte ihren Blick zur Seite, den schroffen, spärlich bewachsenen Kalkfelsen zu, die keine Ähnlichkeit mit den Hügeln ihrer Geburtsstadt hatten.
Als sie vor über einem Jahr hier angekommen war, hatte die große französische Stadt zunächst ihren Abscheu erregt, weil sie staubig und lärmend von Autos und Bussen war, die auch in unmittelbarer Nähe des Meeres fuhren und sich hupend gegenseitig antrieben, weil ihre Straßen endlos schienen und die Parks, in denen man sich für eine Weile zurückziehen konnte, in unmäßigen Abständen über die Stadt verteilt lagen. Dennoch war Sonja nicht zurückgefahren.
Einige Tage vor ihrer Abreise – sie wohnte noch bei ihren Eltern – hatte sie nach einem abendlichen Kinobesuch leise die Wohnungstür aufgeschlossen und war eingetreten, ohne dass die Eltern sie bemerkten. Wie damals blieb sie im Türrahmen des Wohnzimmers stehen und beobachtete die beiden.
Der Vater hielt die Hände der Mutter zwischen seinen, den Blick schamhaft gesenkt, und sagte fast unhörbar: »Meine liebe Margret.« Er wirkte verunsichert, beinahe ängstlich, während die Mutter lächelnd und langsam ihre Hände aus seinen löste und ihm kameradschaftlich über die Schulter strich.
Vor Erstaunen und mit dem Gefühl, Zeuge einer intimen Szene zu sein, schlich Sonja rasch aus dem Zimmer und ging zu Bett, ohne einschlafen zu können.
In den letzten Jahren vor dem Umbruch waren die Streitigkeiten zwischen den Eltern einem gleichgültigen Umgang miteinander gewichen. Sie beschimpften sich zwar nicht mehr, berührten sich jedoch auch nicht. Nie hörte Sonja sie liebevoll miteinander sprechen.
Vielleicht würde in der Ferne alles seinen Sinn bekommen, hatte Sonja schließlich gedacht.
Rechts, wo der weiße Kieselsteinstrand verlief, rannten mehrere Kinder ungestüm in Sonjas Richtung, bald auf den trockenen kreidigen Steinen, bald mit den Füßen im Wasser. Sonja würde nach der Geburt des Kindes wieder hierherkommen, weil es ein Ort war, an dem sich Kinder jenseits der großen Straßen ungehemmt bewegen konnten, kein vollkommen stiller, doch ein friedlicher Ort, auch zum Rückzug nach einem heftigen Streit mit Laurent geeignet.
Obwohl das Kind seit einer Weile unablässig gegen Sonjas Bauchdecke stieß, empfand sie nun zum ersten Mal einen leichten Schmerz rechts neben dem Nabel. Spürte es, wenngleich Sonja weder gesprochen noch ihre Sitzhaltung geändert hatte, ihre tiefe Beunruhigung? Darüber, dass kein Tag verging, ohne dass sie Laurent, mit dem sie gemeinsam das Kind großziehen wollte, bekämpfte.
Die fremden Kinder, sie waren vielleicht sechs oder sieben Jahre alt, spielten jetzt in ihrer Nähe, bemüht, aus dem Kieselsteinsand Burgen und Wälle zu bauen, die, von unbeständiger, haltloser Form, sogleich zusammenbrachen. Daraufhin fuhren sie mit kleinen Kreidesteinen über ihre Waden und Füße, als ob sie etwas darauf zeichnen wollten. Weil nur rote Striemen sichtbar wurden, warfen sie die Steine mit lauten Rufen ins Wasser und wetteiferten, wessen Stein am weitesten flöge.
Sonja versuchte sich vorzustellen, wie ihr eigenes Kind in ein paar Jahren mit anderen Kindern spielte. Es gelang ihr nicht, dem Ungeborenen ein Aussehen zu verleihen. Stattdessen sah sie sich selbst, die nun Erwachsene, wie aus früheren Fotografien herausgelöst und in eine andere Umgebung versetzt.
Sie warf noch einmal einen Blick auf die Linie, die hellblau oder meeresblau sein konnte. Dann zog sie ihre Strümpfe und Schuhe wieder an, stand vorsichtig auf und verschränkte die Hände kurz unter ihrem Bauch, ehe sie dem Meer den Rücken zuwandte und mit den Füßen tastend über die allmählich flacher werdenden Steine in Richtung der Küstenstraße ging.
Kommunistenzicke
Margret · 1965
Heute Morgen begegnete ich meinem Vater im Hof der Universität. Unsere Schritte hallten im Karree der jahrhundertealten Gemäuer. Mein Vater wich meinem Blick aus, bis wir voreinander stehen blieben, uns verlegen musterten und er mich schließlich fragte, wie meine Prüfungen liefen und was ich in den Semesterferien vorhabe. Ich erzählte ihm, dass ich mit Hans gemeinsam eine kleine Reise plane.
Die Wut, die sein verständiges, unzugängliches Nicken einst hervorgerufen hatte, war verflogen. Ich nahm es hin, dass mein Vater weder Überraschung zeigte noch nachfragte, wohin wir reisen wollten.
Auf seiner Stirn zogen sich die beiden vertrauten Linien zu seinen Augen hin, die seinem Gesicht – wie ein Student mir gegenüber einmal behauptet hatte – den Ausdruck fortwährender Nachdenklichkeit verliehen. Seine sorgfältig gepflegte Kleidung erinnerte mich an Marie, die Haushaltshilfe, die ihm die Hemden und Krawatten bügelte, seine Fliegen zurechtzupfte, an ihr selbstbewusstes Stapfen durch unser Haus, ihr leises Ächzen beim Putzen der Badewanne und den Geruch nach Reinigungsmittel. Mein Vater hingegen roch nach süßlichem Pfeifentabak, ich schloss kurz die Augen und schwankte, weil ich müde vom nächtelangen Lernen war und weil sich mir Erinnerungsbilder aufdrängten.
Um unser Schweigen zu brechen, fragte ich ihn nach meiner Mutter. Er erwiderte, dass es ihr ganz gut gehe. Als er verstohlen auf seine Armbanduhr schaute, drehte ich mich um und hob meinen Kopf zu der großen Uhr am Turm des Universitätsgebäudes. Er schien es nicht zu bemerken. Beim Abschied streckte er mir seine Hand entgegen, die merkwürdig ungelenk und ohne Spannung in der Luft hing. Sie war warm, und ich konnte die Hornhaut auf seinen Fingerkuppen spüren.
Als ich wieder allein auf dem Hofplatz stand, suchten meine Augen die Fenster nach Zeugen unserer Begegnung ab. Erleichtert schweifte mein Blick weiter zum mittäglich hohen Himmel, an dem ein Mauersegler kreiste. Mir schwindelte erneut, so dass ich den Blick auf die Pflastersteine hinabsenkte und ein paar Schritte bis zur Wand des Universitätsgebäudes ging. Der flüchtige Geruch des Pfeifentabaks begleitete mich.
Was ist das für ein Mensch?, fragte ich mich, gegen die Mauer gelehnt. Vergangenen Herbst habe ich die Hoffnung aufgegeben, dass er mich als sein Kind erkennt, mir Gedanken, gar Empfindungen widmet. Bei meinem letzten Versuch, ihn aus seiner Höhle zu locken, sprang er tatsächlich heraus, doch nur, um mich, den Angreifer, mit misstrauischem Knurren zu vertreiben und sich anschließend wieder in seinen Bau zurückzuziehen.
Während seiner Vorlesung für Hörer aller Fakultäten, die ich von Zeit zu Zeit besuchte, setzte ich mich gewöhnlich in eine der hinteren Reihen. An jenem Tag aber fand ich nur noch einen Platz in der Mitte des Hörsaals. Mein Vater sprach über die Aufgaben der jungen Generation bei uns und in Westdeutschland, über Bücher, die helfen könnten, diese Aufgaben zu erfüllen. Die jungen Leute, insbesondere im Westen, müssten lernen, gegen die Generation ihrer Eltern aufzubegehren und die faschistische Vergangenheit in Frage zu stellen. Die meisten Studenten beugten sich über ihre Hefter oder starrten meinen Vater unverwandt an. Obwohl ich die politischen Ansichten meines Vaters gut zu kennen glaube und sie sogar meist teile, reizte es mich in dem Moment, ihm zu widersprechen.
Meine Vermutung, dass mein Vater mich bislang in seiner Vorlesung nicht bemerkt hatte, schien sich zu bestätigen, als ich meinen Arm hob und langsam aufstand. Es erfüllte mich mit Genugtuung, dass ihn meine Anwesenheit beunruhigte. Seine glatte, stets rasierte und blasse Gesichtshaut rötete sich, er drehte sich vom Pult weg und lief einige Schritte in Richtung des hinteren Ausgangs, als ob er aus dem Saal flüchten wollte. Kurz bevor er die Tür erreichte, machte er überraschend kehrt, legte seinen Kopf in den Nacken und forderte mich mit einer unmerklichen Handbewegung zum Reden auf. Ich erschrak, errötete ebenfalls und sagte, mit starrem Blick zur hinteren Ausgangstür, dass ich nicht wisse, egal unter welchen Umständen, ob ich mit meinem Vater brechen könnte. Während ich eilig wieder Platz nahm, spürte ich die Blicke der Studenten auf mir ruhen. Dann klatschte jemand, andere begannen zu flüstern, einer erhob sich und sprach erregt von den Gaskammern, den Lagern, Leichenbergen, vom Schweigen der Massen. Im nächsten Augenblick schämte ich mich für meine Aussage.
Nachdem der Student zu Ende gesprochen hatte, sagte mein Vater mit fester Stimme, einem Zuhörer nach dem anderen ins Gesicht blickend: »In unseren Zeiten hat sich das Private dem Gesellschaftlichen unterzuordnen.«
Ein leises Murren zog durch den Raum; wessen Stimme an dem Geräusch beteiligt war, blieb unergründbar. Es stimmte mich nicht milder, endlich die Gewissheit zu haben, dass mein Vater mich und meine Schwestern nicht einfach vergaß, sondern dass sein Mangel an Aufmerksamkeit seiner Weltanschauung entsprach. So rief ich, ohne ein weiteres Mal aufzustehen, dass er schon einmal mutiger gewesen sei, damals, geriet aber ins Stammeln, weil ich merkte, dass ich kaum etwas darüber wusste. Es hatte ein Parteiverfahren gegeben, dessen genaue Umstände ich nicht kannte.
Mein Vater ging nicht darauf ein und setzte seine Vorlesung fort. Da seiner Rede jedoch nun der übliche Elan fehlte, wuchs in mir die Hoffnung, einen wunden Punkt berührt zu haben, und diese Hoffnung war noch auf dem Heimweg von der Universität stärker als jedes andere Gefühl. Je länger ich allerdings darüber nachdachte, desto unpassender kam mir mein Auftreten während der Vorlesung vor.
Einige Tage später läutete es am Abend zweimal an meiner Tür. In den vergangenen Tagen hatte ich bei jedem Klingeln gehofft, dass es noch einmal ertönen würde, weil zweimaliges Läuten unser Familienzeichen war. Wenn ich als Schulkind den Schlüssel vergessen oder in den ersten Studienjahren gelegentlich meine Eltern besucht hatte, erkannten sie an der Anzahl der Töne, dass es unnötig war, sich umzuziehen, benutzte Kaffeetassen vom Tisch zu räumen oder rasch ein Fenster zu öffnen, damit der Essensgeruch verschwand.
Mein Vater hatte nun, als er die Treppe hochstieg, seine steife Körperhaltung und seine häufig grüblerische Mimik aufgegeben. Unsicher, doch froh, dass er den Weg zu mir gefunden hatte, lächelte ich ihn an und bat ihn herein. Ohne sich umzuschauen lief er durch den Flur in die winzige Küche und setzte sich auf einen Stuhl, den ich ihm hinschob, den einzigen gepolsterten, den ich besaß. Ich bot ihm Brot und Wein oder Limonade an, doch er sagte, er wolle es kurz machen. Er bitte mich darum, dass ich mich nicht in seine beruflichen Angelegenheiten einmische. Wenn ich mich für Philosophie interessiere, so freue ihn das, aber es sei mir wohl kaum um Philosophie gegangen, sondern darum, ihn vor den anderen zu brüskieren. Warum, das sei ihm unklar. Ob es mit meiner Mutter zu tun habe? Ob ich ihm die Schuld an ihrer Krankheit gebe?
Ich schwankte zwischen Bestürzung und einer Spur bewahrter Hoffnung, die Sekunde um Sekunde schwand, während unser Schweigen das Zimmer erfüllte und ich darüber nachsann, was er soeben gesagt hatte. Reden, dachte ich verzweifelt, würde uns beiden nicht mehr helfen.
Als ich klein war, hatte ich zwei Mütter: meine leibliche und meine große Schwester Rosa, die mich tröstete, wenn meine Mutter mein Geschrei nicht ertrug, mir von ihrem Essen abgab, wenn meine Mutter bereits alles aufgeteilt hatte, und mich in den Luftschutzkeller trug, wenn meine Mutter unsere andere Schwester Tanja huckepack nahm.
Rosa war dünn und reichte meiner Mutter bis zu den Achselhöhlen. Sie weinte nie, schrie oder lachte nicht. Nach dem Krieg, als mein Vater wieder bei uns wohnte und Rosa meiner Mutter bis zum Kinn reichte, stürzte sie manchmal zu unserem Vater hin und vergrub ihr Gesicht in seiner grauen, wollenen Jacke. Mein Vater strich dann flüchtig über ihr dunkles Haar und schob sie mit behutsamer Geste von sich.
Die Strickjacke trug mein Vater im Winter wie im Sommer. Wenn er die Jacke über der Lehne des rauen Wohnzimmersessels ablegte oder sie im Badezimmer vergaß, roch auch ich zuweilen an der kratzenden Wolle, an welcher der milde Geruch des Pfeifentabaks haftete.
Als wir ein paar Jahre später ein Einfamilienhaus bezogen, stellte mein Vater den Wohnzimmersessel in sein neues Arbeitszimmer. Wurde es ihm während einer Mahlzeit zu warm, stand er auf, ging hinüber in sein Zimmer und kam ohne Jacke wieder. Nur einmal entdeckte ich die Jacke an der Klinke unserer hinteren Haustür, die in den Garten führte. Mein Vater ging dort auf und ab. An diesem Märztag war es draußen wärmer als in unserem Haus. Im Vorbeigehen griff ich unauffällig in die Wolle hinein.
Meine Mutter fand das Haus viel zu groß. Mein Vater benötigte einen Raum für seine Bibliothek, er hatte eine Professorenstelle an der Universität angetreten und verdiente gut. So bestand meine Mutter darauf, einen Gärtner und eine Haushaltshilfe zu engagieren. Tagsüber lag sie meist auf dem Sofa und erhob sich nur, um der Haushälterin Geld für den Einkauf zu geben oder Tanja und mich an unsere Hausaufgaben zu erinnern.
Wir vermieden es, unserer Mutter zu widersprechen, weil wir ihre sich überschlagende Stimme fürchteten. Eure Mutter muss sich schonen, sie hat ein schwaches Herz, hatte der Hausarzt bei einer seiner Verabschiedungen eindringlich gemahnt. Tanja und ich hatten beschämt genickt. Einige Tage darauf legte Tanja ihre Hand auf meine linke, noch flache Brust, und ich presste meine Hand neben die leichte Wölbung, die sich bei ihr an derselben Stelle befand. »Mein Herz ist stärker als deins, hörst du?«, kicherte ich. »Du musst deine Hand richtig drauflegen«, erwiderte Tanja, aber ich traute mich nicht. Wir hockten hinter einem Haselnussstrauch im hinteren Teil des Gartens, wo wir oft spielten, weil wir hofften, dass man uns von dort aus nicht hörte.
Manchmal, während ich mit Tanja den Eichhörnchen hinterherkletterte oder Fangen spielte, lehnte Rosa an der Hausmauer und schaute in Richtung eines bestimmten, entfernten Baums, den sie kaum wahrzunehmen schien. Erst wenn mein Vater einen halben Meter neben ihr das Fenster seines Arbeitszimmers öffnete und laut rufend um Ruhe bat, oder wenn meine Mutter in die Tür trat und schrie: Soll Marie die ganze Arbeit allein machen? oder: Wie sieht das Badezimmer oben aus? oder: Komm die Treppe fegen!, schrak Rosa zusammen und stakste auf ihren mageren Beinen ins Haus. Tanja und ich versteckten uns hinter dem Haselnussstrauch und beobachteten von dort das Geschehen hinter den Fenstern.
Rosa verließ uns von einem Tag auf den anderen. Sie zog einem hageren Militärarzt hinterher, über dessen zackiges Gebaren Tanja und ich oft lachten. Obwohl ich selten mit Rosa gespielt hatte, vermisste ich sie sehr. Zwar hatte sie sich in letzter Zeit schattengleich durchs Haus bewegt, doch war mir mit einem Mal, als ob die Abwesenheit dieses Schattens mir einen Schutz nähme, ohne den ich mich unsicher und ängstlich fühlte. Zu Rosa hatte ich gehen können, wenn ein Mitschüler über mich gespottet hatte oder ich ohne ersichtlichen Grund traurig gewesen war.
Nach Rosas Auszug ging ich auf den Vorschlag meiner Eltern ein, ab der neunten Klasse ein Internat zu besuchen. Dass Tanja bereits ab nächstem Herbst dort wohnen und ich, zwei Jahre später nachfolgend, für die erste Internatszeit ihrer Nähe sicher sein würde, erleichterte mir die Entscheidung. Außerdem klang Freie Schulgemeinde nach einem Ort, an dem sich niemand über geräuschvolles Spielen oder Lachen beklagte.
Fangen spielten wir jetzt nicht mehr. Tanja brachte Freundinnen mit nach Hause, mit denen sie hinter vorgehaltener Hand flüsterte, und ich stimmte in ihr schallendes Gelächter ein, ohne den Grund dafür zu kennen. Unser unvermittelt ausbrechendes und minutenlang anhaltendes Lachen störte meinen Vater beim Arbeiten und brachte meine Mutter aus der Fassung, so dass Tanjas Freundinnen mit der Zeit fortblieben und Tanja ihren Auszug schließlich herbeisehnte.
Um zum Internat zu gelangen, fährt man zuerst mit dem Zug durch eine Ebene und danach mit dem Bus hoch zu Dörfern, die zwischen weiten Wäldern liegen. Von der Haltestelle am Waldrand läuft man die Dorfstraße entlang, um rechter Hand in das Schulgelände einzubiegen. Die Dorfbewohner recken jeden September ihre Hälse nach den neuen Schülern, aber sie stecken ihnen auch Essen zu, Wurst und Honig, den Jungen Schnaps und Zigaretten. Tanja hatte einen Freund im Wohnhaus »Junger Patriot«, der sich mit anderen Jungen heimlich zum Kartenspielen traf. Sie erzählte mir, sie habe oft beobachtet, wie die Jungen an den darauffolgenden Morgen verstohlen Pfefferminzbonbons lutschten und bei Gesprächen mit Lehrern oder mit dem Hausältesten den Kopf zur Seite wandten.
Ich wohnte in der »Roten Fahne«, einem Häuschen mit Glockenturm. Heute würde ich den dumpfen Glockenton vielleicht als angenehm empfinden, doch damals riss er mich jeden Morgen dröhnend aus dem Schlaf. Bevor wir uns auf dem Schulhof zum Morgenappell einfanden, blieben uns zehn Minuten zum Zähneputzen, Waschen, Anziehen und fünfzehn zum Frühstücken.
Die Enge des Sechsbettzimmers störte mich nicht. Wir redeten und musizierten miteinander, machten uns über unsere Eigenheiten lustig, ohne einander zu verletzen. Hier nannte mich niemand Kommunistenzicke. Gemeinsam arbeiteten wir auf dem Feld und im Hühnerstall, badeten im Sommer im angrenzenden kühlen Teich, sammelten Pilze in den schattigen Wäldern oder fanden uns an Winterabenden im Speisesaal ein, wo unsere Lehrer, unter uns sitzend, leiser als im Unterricht sprachen. Der Kamin in der Mitte des Saals verbreitete bis zu den letzten Stuhlreihen eine behagliche Wärme. Wenn ich an anderen Abenden Ruhe suchte und allein sein wollte, zog ich mich in die Bibliothek des Internats zurück. Sobald ich ein Buch aufschlug und mich in die Lektüre vertiefte, erfasste mich eine sonderbare Erregung. Ich tauchte in das Erzählte ein und nahm meine Umgebung erst wieder wahr, wenn die Bibliothekarin prüfend durch die Reihen ging und die letzten Lesenden zum Aufbruch mahnte.
Mit Tanja hatte ich wenig zu tun. Wir begegneten uns oft auf dem Hof oder dem Flur des Schulhauses und alberten kurz herum, ehe jede zu ihren Freundinnen zurückkehrte.
In der ersten Zeit fuhr ich regelmäßig auf Besuch nach Hause. Sobald ich eintraf, warf meine Mutter mir die Unsauberkeit meiner Kleider, die durch mich zusätzlich entstehende Arbeit, gleichzeitig aber meine seltenen Besuche vor. Sie beklagte sich über ihre Müdigkeit, ihre Gelenk- und Kopfschmerzen und darüber, dass sie in Vielem eingeschränkt sei. Meinen Vater bekam ich nur zu den Mahlzeiten und zur Begrüßung und Verabschiedung zu Gesicht.
Ich wusch gemeinsam mit Marie meine Wäsche und die Wäsche meiner Eltern, überredete meine Mutter zu Spaziergängen, rieb ihre Gelenke und ihren Rücken mit Salbe ein und schob die verwirrenden Empfindungen beiseite, die der Anblick und die Berührung ihres weichen, aufgeschwemmten Körpers in mir auslösten.
Zurück im Internat machte ich mir jedes Mal Vorwürfe, dass ich meiner Mutter nicht mehr Zeit widmete. Einmal sprach ich Tanja darauf an, die unbekümmert erwiderte, dass dies nicht unser Problem sei. Mir missfielen ihre Worte, und obwohl ich zugleich Unwillen verspürte, öfter als notwendig nach Hause zu fahren, fuhr ich immer wieder hin.
Eines Tages – es war im letzten Schuljahr – erhielt ich einen Brief von meinem Vater, den ersten, seitdem ich im Internat wohnte. Zu dieser Zeit wusste ich noch nicht, was ich studieren wollte. Ich interessierte mich für Pflanzen und fragte mich häufig nach ihrem Namen, ihrer Bedeutung, ihrem Nutzen, ging aber auch gerne mit Menschen um und war fasziniert von dem Einfluss, den unsere Lehrer auf mich ausübten. Es erschien mir sehr erfüllend, Kinder oder Jugendliche zu erziehen, die miteinander in Eintracht arbeiten und wie wir im Internat in einer frohen Gemeinschaft leben würden.
Nun schrieb mein Vater, er und meine Mutter wünschten sich, dass ich vor Beginn des Studiums eine Zeit lang praktisch arbeite, da der Kontakt mit Arbeitern oder Bauern in unserem Staat eine wichtige Erfahrung sei, die sie selbst mir leider nicht hätten vermitteln können. Zudem würde ich einen eigenen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes leisten.
Ich sah die schmalen Hände meines Vaters vor mir, mit denen er einmal über die Rinde eines Baumes gestrichen, ein anderes Mal mit der Schere ungeschickt eine Blume im Garten abgetrennt hatte, um sie in ein Wasserglas auf seinem Schreibtisch zu stellen, sah seine flinken Tippbewegungen auf der Schreibmaschine, seine vom Lesen entzündeten Augen und die Linien auf seiner Stirn. Im Übrigen kam mir sein unerwartetes Interesse an meiner Entwicklung sonderbar vor. Doch es ging wohl nur insofern um mich, als ich, ein Teil der Gemeinschaft, eine Aufgabe zu erfüllen hatte, deren Sinn mir einleuchtete.
Zum Abschied von der Schulzeit fuhr ich mit einigen Mädchen zwei Wochen ans Meer.
Ehe wir bei unserer Rückkehr am Bahnhof auseinandergingen, umarmten wir einander lange. Ich nahm die Straßenbahn und stieg unweit unseres Hauses aus. Je näher ich dem Elternhaus kam, desto deutlicher vernahm ich die Stimme meiner Mutter. Ich öffnete das Gartentor und ging zum Küchenfenster, in der Erwartung, dass mich jemand bemerke. Meine Mutter stand knapp einen Meter von meinem Vater entfernt und schrie ihm ins Gesicht. Plötzlich strich sie behutsam über seine Wangen und sein Haar, bevor sie, in Schluchzen ausbrechend, auf einen Stuhl niederfiel. Mein Vater sprach leise mit ihr, ohne sie zu berühren. Ich hätte mich gern umgedreht und wäre davongerannt. Wenngleich ich die Szenen seit meiner Kindheit kannte, schmerzte mich der Anblick meiner Eltern auf unerwartete Weise. Gleichzeitig wollte ich verstehen, was zwischen ihnen vorging.
Doch auch in den folgenden Wochen redeten meine Eltern kaum mit mir. Mein Vater hatte sich auf meinen Wunsch hin um einen Praktikumsplatz gekümmert. Das Versuchsgut gehörte zur Universität und umfasste unzählige Felder und Weideflächen. Ich kannte das unmittelbar an die Stadt grenzende Dorf von Spaziergängen und hatte gesehen, wie das Getreide vor der Ernte in der Sonne noch einmal aufleuchtete, wie die Kühe friedlich grasten und wie Pferde die Ernte in Hängern über die Dorfstraße in Richtung Hof zogen. Die Bauern hatten uns Spaziergängern freundlich zugenickt oder uns nicht beachtet.
Anfang August war die Luft des alternden Sommers drückend und heiß, die Dorfstraße gesäumt von Pferdeäpfeln. Am Hoftor traf ich auf eine Bäuerin, die ein Pferd unter dem Torbogen durch eine mit Sägespänen gefüllte Mulde führte. Es roch scharf nach Desinfektionsmittel. Die Frau musterte kurz meine Kleidung und rief mir zu, ich solle meine Schuhe gründlich säubern, es gebe Maul- und Klauenseuche.
Meine Schuhe sanken tief in die feuchten Sägespäne ein, die sich an meinen Rocksaum hefteten. Im Hof setzte ich mich auf eine Holzbank unter einer kleinen Linde und zupfte die Späne aus meinem Wollrock. Ein paar junge Leute, vermutlich Lehrlinge, liefen in Gummistiefeln und verdreckten blauen Arbeitshosen an mir vorüber und grinsten mich spöttisch an. Erst später begriff ich, dass das Grinsen mich meinte, weil ich die Tochter eines Akademikers war.
An manchen Tagen gab ich beinahe auf. Das zeitige Wecken war ich gewohnt, die harte körperliche Arbeit hingegen fiel mir schwer. Sie war kaum vergleichbar mit den landwirtschaftlichen Tätigkeiten während meiner Schulzeit, als wir nachmittags Kartoffeln oder Rüben ernteten, Hühner fütterten und Blumenbeete bepflanzten.
Nun jedoch spürte ich abends befriedigt, wie der Schmerz aus meinen Gelenken wich, der Druck der Düngerwannen gegen meinen Bauch und das Gewicht der Kartoffelkörbe an meinen Unterarmen nachließ. Ich gewöhnte mich an den Anblick der braunen Ränder meiner Fingernägel, die im Mondlicht gespenstisch wirkten, aber die Arbeit auf dem Feld und im Stall forderte mir das Äußerste an Anstrengung ab. Dennoch schien meine Kraft auszureichen – bis zu jenem Tag Mitte September.
Ich war mit einigen Landarbeiterinnen und den Mädchen aus meinem Zimmer, die Landwirtschaft studierten, zum Räumen hochgewachsener Schosser eingeteilt worden. Wir standen in der Mitte eines Feldes in zwei langen Reihen an den Rändern einer handgemähten Schneise, der jeweiligen Feldseite zugewandt. Vor mir sah ich die gelbgrünen Blütenstängel, von denen ich wusste, dass sie wertvolle Samen bargen. Nachdem der Traktor, den Mähbalken voran, an mir vorübergefahren war, griff ich mit einer Sichel mehrere Schosser, die ich hinter mir ablegte. Rasch ging ich einen Meter weiter und räumte die nächsten hinter mich. Am Ende meines fünfzehn Meter langen Streifens verrankten sich die dicht verzweigten Stängel einiger Pflanzen ineinander. Während ich mit der Sichel an ihnen zerrte, um sie voneinander zu trennen, sah ich am rechten Feldrand den Traktor erneut anrücken. Meine Kraft und meine Konzentration schwanden, mein Arm wurde taub. Als ich ihn kurz schüttelte, rollte der Traktor bereits wieder an mir vorüber.
Während des Mittagessens raunte es vom Tisch der Landarbeiter herüber: »Die Tochter des Professors mag ja hell im Kopf sein. Aber in den Armen ist sie lahm.« Jemand lachte. Ich wurde rot und senkte den Kopf. Beim Verlassen des Speisesaals blickte ich niemandem ins Gesicht.
Am Abend lief ich zwischen den Feldern entlang, wobei sich die Erde in dicken Klumpen an meine Schuhe heftete. Ich lief so lange durch die Dunkelheit, bis mir im Gehen fast die Augen zufielen. Kaum lag ich im Bett, umgeben von den schlafenden Mädchen, kreisten die Gedanken abermals in meinem Kopf. Ich knipste das kleine Licht am gemeinsamen Tisch an und drehte die Lampe zur Wand. Dann begann ich, einen Brief an meine Eltern zu schreiben. Ich erwähnte, dass ich sehr erschöpft sei und hier wohl nicht recht herpasse, nichts Konkretes. Anschließend zerriss ich den Brief.
Ich wusste, dass es in der Macht meines Vaters stand, mich gegen gehässige Bemerkungen anderer Menschen zu schützen, indem er Strafen verhängte. Er könnte mit Leichtigkeit herausfinden, wer sich über mich lustig gemacht hatte, und denjenigen zu einem Gespräch bitten. Danach würde die Angst dem Spötter den Mund verschließen.
Doch ich wollte meinen Vater nicht um Hilfe bitten, weder in dieser noch einer anderen Angelegenheit. Wenn ich ohne meinen Vater auskäme, bliebe mir mein Stolz erhalten und der Hass der Landarbeiter erspart.
Im Winter wurde die Erde hart. Morgens gegen drei Uhr tappte ich benommen hinüber zum Kuhstall, stieß die schlafenden Kühe mit einem Stock gegen ihr Hinterteil und rief sie bei ihren Namen. Ihre schweren Leiber fühlten sich warm an. Gemeinsam mit einer Landarbeiterin und einer Studentin fütterte ich die Tiere, ehe wir den Stall ausmisteten, neu einstreuten und sie zum Melkstand im Hof führten. Während ich einige empfindsame Kühe mit der Hand molk, dachte ich oft an die zarten Kälber im gegenüberliegenden Stall, an ihr leises Muhen und ihren Durst. Vielleicht könnte ich nachher einen Blick in ihren Stall werfen. Ich wünschte mir, dass die Sonne bereits aufgegangen wäre, wenn ich die Kühe verließ, und dass es ein heller Tag werden würde.
Abends nach der Arbeit wanderte ich nun regelmäßig ein Stück durch die Umgebung des Hofes. Meine Augen gewöhnten sich bald an das schwache Licht, so dass ich von Mal zu Mal die Konturen der Landschaft besser erkannte, die Wege, Bäume, Wiesen und Zäune um Weideflächen mühelos unterschied. Eingehüllt in Mantel und wollenen Schal verbündete ich mich mit der Winterluft, den schlafenden Pflanzen und Tieren, an manchen Tagen mit dem leuchtenden Schnee gegen die Dunkelheit.
Eines Abends erblickte ich am Rand einer Weidefläche die Silhouette eines Menschen, der dort in leicht gebeugter Haltung verharrte, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Als ich näher kam, drehte er sich zu mir um. »Die Luft«, sagte er zur Begrüßung, »ist hier am Abend wie bei mir zu Hause.« Ich kannte das Gesicht des jungen Mannes, er arbeitete ebenfalls auf dem Hof. Ich fragte ihn, wo er herkomme, und er nannte ein Dorf, das in der Nähe des Internats liegt. Ich erzählte ihm, wo ich zur Schule gegangen war und wie gern ich mich an diese Zeit erinnerte. Erstaunt murmelte er, dass sonst niemand hier sein Dorf kenne. Wir schwiegen einen Moment, ehe er sagte, dass er manche Arbeiten bereits als Kind erlernt habe: die Ernte einbringen oder Ziegen melken. Ich nickte und wunderte mich darüber, dass auch er mich auf dem Hof wahrgenommen hatte. Er fuhr fort zu erzählen, dass er hier sei, um vor dem Studium sein Wissen zu vertiefen, dass er auf seinen Spaziergängen im Frühherbst, als es noch hell war, Pflanzen an den Feldrändern gepflückt und ein Herbarium angelegt habe, dass ihm der Winter nichts ausmache. Ich rieb meine Hände aneinander, formte aus ihnen zwei kleine Höhlen und hauchte hinein. Wir waren nicht mehr weit vom Hof entfernt, als er mir seine Handschuhe anbot. Ich zögerte. Dann glitten meine Hände in die vorgewärmte Wolle.
Im Licht der niedrigen, staubigen Hoflaterne bemerkte ich, dass er auf dem linken Auge leicht schielte und unter meinem betrachtenden Blick errötete. Obwohl er nicht sehr sportlich und für die harten bäuerlichen Arbeiten wenig geeignet wirkte, war mir seine Gegenwart angenehm, gerade weil seiner Sprache und seinen Bewegungen das Raue, Burschikose fehlte. Als wir einander gute Nacht sagten, fragte er mich, wie ich heiße, und nachdem ich ihm meinen Namen verraten hatte, nannte er mir seinen, Hans, und fügte hinzu, dass die Frauen in seinem Dorf weniger klangvolle Vornamen als ich trügen. Mehrere Jahre sind seit diesem Abendspaziergang vergangen. Hans hat mir geholfen, das Jahr auf dem Gut zu überstehen, ohne mich ganz von den anderen abzusondern.
In den letzten Praktikumswochen dachte ich wieder häufig an meine Schulzeit zurück und empfand ein unerhörtes Bedürfnis zu lesen, mich endlich wieder in Bücher zu versenken. Ich suchte in der kleinen Bibliothek neben dem Speisesaal nach Büchern, die nichts mit Landwirtschaft zu tun hatten, und las, auf der Holzbank am Hofeingang sitzend, Werke von Seghers und Borchert, von Marx, Lessing, Büchner und Schiller. Wenn Lehrlinge oder Landarbeiter vorübergingen, versuchte ich, ihre Bemerkungen zu überhören. Am Ende des Praktikums entschied ich, dass ich Deutschlehrerin werden wollte.
Danach sah ich Hans ab und an in der Universität, wir redeten ein paar Worte miteinander, bis wir uns im vergangenen Jahr, es war ein sehr klarer, frühlingshafter Tag Ende Februar, bei einem Spaziergang durch den Botanischen Garten begegneten. Wir gingen nebeneinanderher wie einst. Hans erklärte mir die Namen der Bäume und Blumen und pflückte, als wir den Botanischen Garten verlassen hatten, für mich auf einer Wiese einige Gänseblümchen mit winzigen, zarten Blüten. Ich bedankte mich, indem ich ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange gab, so wie Rosa früher oft im Vorübergehen meine Wange mit ihren Lippen gestreift hatte.
Später sprachen wir über Gedichte, die wir mochten, über unser Studium und über die Gründe, aus denen wir beide zeitig in die Partei eingetreten waren. Hans sagte, wir hätten in unserem Land eine besondere Aufgabe zu erfüllen, und ich nickte. Er begleitete mich bis zu meiner kleinen Wohnung, in die ich zu Beginn meines Studiums eingezogen war, nahm mit einer unbeholfenen Bewegung seine Brille ab und küsste mich in der schützenden Dunkelheit des Abends. Noch immer, wenn ich ihn jetzt tagsüber umarme oder küsse, errötet er, und obwohl ich es ihm mehrmals anbot, ist er bis jetzt nicht ein Mal über Nacht geblieben.
In zwei Jahren wird er mit dem Studium fertig sein, und dann, vielleicht auch eher, wollen wir heiraten und uns eine gemeinsame Wohnung suchen, die wir mit frischen und getrockneten Blumen schmücken werden.
Kurz vor dem Besuch meines Vaters im letzten Jahr habe ich Hans meinen Eltern einmal vorgestellt, doch wir blieben nur eine knappe Stunde. Damals fuhr ich noch gelegentlich mit der Straßenbahn zum Elternhaus, ertrug das Schweigen meines Vaters und das Zetern meiner Mutter, die ich für ein paar Stunden umsorgte wie ein guter Ehemann. Jedes Mal war ich auf eine Weise froh, wenn ich ankam, und auf eine andere, wenn ich ging.
Ich zeigte Hans unseren Garten, und wir küssten uns an der Stelle neben der Hausmauer, wo Rosa häufig gestanden hatte. Zum ersten Mal seit langem sah ich wieder Eichhörnchen die Baumstämme hochflitzen und von Baum zu Baum springen. Wie Kinder sammelten wir, bevor wir aufbrachen, die Haselnüsse unter dem alten Strauch ein. Hans entdeckte eine blauschwarze Vogelfeder, die er bewundernd betrachtete, einem Eichelhäher zuordnete und schließlich vorsichtig in seine Jackentasche steckte. Zu Hause legte er sie auf meinen Schreibtisch neben meine kleine gläserne Blumenvase, und wenn später zuweilen Sonnenlicht auf die Vase fiel, schien auch die Feder ein wenig zu schillern. Die Haselnüsse mahlte ich in meiner kleinen Kaffeemühle und rührte sie in den Teig ein, aus dem ich Hans und mir einen Kuchen buk. Am Abend ging Hans wie immer fort, und ich beschäftigte mich mit einem Buch für Schüler der Oberstufe.
Heute denke ich, dass es vor allem darum geht, die richtige Lektüre für unsere Schüler auszuwählen. Bücher, die ihnen verdeutlichen, wie sie unsere Gesellschaft mitgestalten können. Man muss auch bei denjenigen, die selten lesen, ein Interesse für die Zukunft wecken, der unser Land entgegenstrebt, indem es sich vom Vergangenen abgrenzt. Die Jugendlichen kennen noch die Armut, doch nicht den Krieg. Für sie sind Bücher geschrieben worden, die davon, aber auch vom Heute und Morgen erzählen.
Sehe ich die Schüler vor mir, einige mit gelangweilten Gesichtern, andere aus Elternhäusern, in denen Vergangenes verschwiegen wird, fürchte ich, sie mit meiner Botschaft nicht zu erreichen. Was sage ich ihnen, wenn sie von den modischen Kleidern ihrer Verwandten schwärmen, von der Musik, die Gleichaltrige auf der anderen Seite der Mauer hören? Dass sie, wenn sie mithelfen, in ein paar Jahren die gleichen Vorzüge genießen werden? Wohlstand bedeutet mir wenig. Und wenn alle Fragen ausbleiben? Andere Menschen anschreien, wie meine Mutter, die vor dem Krieg auch Lehrerin war, möchte ich nicht.
Katzenträume
Hans · 1967
Die Mutter rief Hans am Abend gegen zehn Uhr an: »Der Arzt hat gesagt, dass es bald zu Ende geht.« Ihre Stimme klang müde und kaum aufgeregt.
In dieser Nacht träumte Hans, dass die Mutter den Vater, der mit einer Kopfwunde auf dem Boden lag, alleine ließ. Wie jeden Abend hatte der Vater ferngesehen und die Mutter widerwillig auf ihn gewartet, um ihn ins Schlafzimmer zu tragen. Als der Vater sich an ihrem Hals festklammerte, damit sie ihn huckepack nehmen konnte, bewegte sie heftig ihren Kopf und ihre Schultern, weil sie an seinem festen Griff zu ersticken glaubte. Der Vater fiel zu Boden, schlug mit dem Schädel gegen den Ofen, während die Mutter röchelte, ins Schlafzimmer eilte und die Tür zweimal abschloss.
Hans erwachte mit klopfendem Herzen, wischte sich mit dem Schlafanzughemd den Schweiß vom Oberkörper und wusch sich am Waschbecken seines kleinen Pensionszimmers. Er würde schriftlich für ein paar Tage Urlaub beantragen, unter diesen Umständen müsste es der Leiter des Herbariums akzeptieren.
Im Krankenzimmer drückte Hans die warme, schwielige Hand des Vaters, der unverändert wirkte. »Hier verrecke ich bestimmt«, hörte Hans den Vater sagen und dachte, dass er genauso reden würde, wenn ein Arzt oder eine Schwester im Zimmer wären. Auf einem Stuhl etwas abseits vom Bett saß die schlafende Mutter, deren Kopf auf die Brust gesunken war. Die Gerüche von Desinfektionsmittel, Kaffee und Bohnerwachs konnten den Schweißgeruch der Mutter und des Vaters nicht überdecken. Hans stand unbeholfen neben dem Bett, weil ein zweiter Stuhl fehlte.
Über das Gesicht des Vaters zog jäh ein Ausdruck von Schmerz, er kniff die Augen zusammen und presste die Lippen aufeinander. Hans fasste ihn an der Schulter und am Rücken und drehte ihn auf die Seite. Der Vater stöhnte leise. Schließlich streckte Hans seinen Arm nach dem Knopf neben dem Bett aus, aber der Vater fuhr unwirsch mit der Hand durch die Luft: »Lass, Junge, die brauch ich nicht, die pfuschen nur an mir rum.«
Nachdem die Mutter aufgewacht war, lösten sie sich bis zum Abend ab, so dass immer einer von beiden beim Vater blieb, ihm eine Tasse reichte oder beim Essen half, ihn halb aufrichtete, wieder hinlegte, gelegentlich ein paar Worte mit ihm wechselte, eine zweite Decke holte und sie wieder fortnahm, wenn ihm zu warm wurde.
Bei der Verabschiedung versprach die Mutter dem Vater, ihn am nächsten Tag erneut zu besuchen. Als Hans bestätigend nickte, sagte der Vater: »Hilf du mal der Mutter.«
Im Bus sprachen die Mutter und Hans nicht miteinander. Hans spürte, wie die warme, fleischige Hüfte der Mutter durch den Wollstoff gegen seine eigene drückte. Sein schneller werdender Atem und die Hitze, die ihm ins Gesicht stieg, störten ihn, doch im voll besetzten Bus konnte er nicht von der Mutter abrücken und ein Bein in den Gang stellen, weil die Fahrgäste dann schwerlich bis zum Ausgang durchkamen.
Zu Hause bereitete die Mutter ein schnelles Abendessen mit Ziegenkäse, Leberwurst und Brot aus dem Konsum. Hans erinnerte sich an einen Abend bei Margrets Eltern, an dem er sich gewundert hatte, dass es in der Stadt so gutes Essen gab, und Margrets Mutter, nicht ohne Stolz, von einem Laden erzählt hatte, in dem man nur an Universitätsangestellte und deren Angehörige verkaufte. Das Essen seiner Mutter schmeckte Hans sonst wunderbar, aber heute war sein Appetit ebenso gering wie der der Mutter. Die Stille im Haus erzählte vom Vater.
Nach dem Abendbrot bot ihm die Mutter an, neben ihr im Bett des Vaters zu schlafen, weil in der oberen Etage nicht geheizt sei. Hans wusste, wie kalt es im Oktober in der Dachkammer sein konnte. Gegen Mitternacht stieg er die Treppen hinauf, verhängte das Fenster mit einer Decke, nahm sich einen seiner früheren Schlafanzüge aus dem Schrank und vergrub sich fröstelnd unter die klamme Federbettdecke.
Am nächsten Morgen fuhr die Mutter nach dem Frühstück zum Vater. Hans begleitete sie in den Garten. Der Weg vom Schuppen zur Haustür war – anders als bei Hans’ letztem Besuch – zur Hälfte mit steinernen Platten belegt. Wo die Platten endeten, begann ein flacher, sich bis zum Schuppen hinziehender Graben. »Hat alles der Vater gemacht«, sagte die Mutter, »sogar die Platten gegossen. Hat sich beim Legen mit dem ganzen Körper auf die Arme gestützt und ist vorwärts gerutscht. Hatte manchmal wunde Knie danach, hat aber am nächsten Tag weitergemacht. Merkt ja nichts in den Beinen.« Hans staunte, wie genau eine Platte an die andere grenzte, er würde Mühe haben, ebenso sorgfältig wie der Vater zu arbeiten.
Im Schuppen fand er eine Schubkarre und belud sie mit den Platten, deren Gewicht seine Arme und Schultern nach unten zog, sobald er die Karre ein Stück vom Boden abhob. Beim Praktikum auf dem Gut musste man Kartoffeln körbeweise zum Hänger schleppen. In den Jahren danach hatte Hans nicht mehr körperlich gearbeitet, sondern an Exkursionen teilgenommen, Protokolle geschrieben, Herbarien angelegt, Vorlesungen aufgezeichnet. Die Schubkarre schwankte, als er sie über die Schwelle der kleinen Holzhütte rollte. Während er die Karre balancierend vorwärts schob, schaute er nach unten. Der leichte Schmerz oberhalb seiner Schulterblätter würde kaum eine halbe Minute andauern. Plötzlich sprang ihre Katze auf ihn zu, die er am Abend zuvor vermisst hatte. Sie streunte häufig durchs Dorf und fauchte die Menschen an, nur in Hans’ Gegenwart schnurrte sie.
Vor Schreck hielt Hans die Karre an, so dass sie umkippte und ein paar Platten herausrutschten, wobei eine unter dem Gewicht der anderen zerbrach. »Katzen bringen Unglück«, sagte die Mutter für gewöhnlich, »zertrampeln die Beete, verderben die Ernte. Meistens sind’s schwarze.« Vielleicht hatte sie Recht. So sehr die Katze Hans am Abend zuvor gefehlt hatte, so vehement schüttelte er nun sein Bein, an das sie sich schmiegte. Sie war ihm nie ganz geheuer gewesen, obwohl er ihre Anhänglichkeit mochte. Der Vater ärgerte sie gern, indem er sie am Schwanz oder an den Ohren zupfte, leises Bellen nachahmte oder den Hund auf sie jagte.
Als Kind hatte Hans jahrelang Nacht für Nacht von tiefschwarzen, funkeläugigen Katzen geträumt, die sich unversehens in schwarzhaarige Hexen verwandelten. Die Hexen stießen Flüche aus. Wenn die Hexen ihm in den letzten sechs Nächten des alten oder den ersten sechs Nächten des neuen Jahres erschienen, würden ihre Flüche in Erfüllung gehen. Hatte die Mutter gesagt. Auch wenn sich bis heute keiner der Flüche erfüllt hatte, könnte es eines Tages, nicht nur zum Jahreswechsel, geschehen. In jenen zwölf Winternächten jedoch bemühte Hans sich bis heute, ohne Schlaf auszukommen. Jedes Jahr fielen ihm nach der ersten durchwachten Nacht die Augen zu. Der Schlaf überkam ihn entweder auf dem Sofa, am Frühstücks- oder Mittagstisch im Haus der Eltern, die er über Weihnachten besuchte, oder auf dem Fußboden eines Geschäftes, nachdem er sich in einer verborgenen Ecke erschöpft niedergelassen hatte. Die Träume aber schwanden nicht.
Zum Glück konnte er sich an keinen Traum der vergangenen Nacht erinnern. Er hatte vor dem Einschlafen nicht einmal daran gedacht, dass er einen dieser Träume haben könnte.
Die Katze schlich lautlos um sein rechtes Bein. Hans trat kurz nach ihr, doch als sie maunzte, beugte er sich zu ihr hinab und legte seinen Kopf an ihr Fell. Die Mutter soll zum Teufel gehen mit ihren Weisheiten, dachte er und erschrak über seinen Gedanken. Er schleppte die zerbrochene Platte zurück zum Schuppen und begann mit der Arbeit.
Als die Mutter am frühen Abend aus der Stadt zurückkehrte und vom Gartentor über den Rasen hinunterstapfte, dem Graben auswich und neben Hans innehielt, trug Hans nur noch Trainingshose und Unterhemd, und der Schweiß perlte von seinem Gesicht auf die Erde. »Du wirst dich erkälten«, sagte die Mutter mahnend, doch Hans hörte kaum hin. Er hatte acht Stunden benötigt, um zunächst die Erde zu ebnen, von Steinen zu befreien, Sand aufzuschütten und danach jede einzelne der vier Platten zu legen. Mehrere Male musste er die Platten verschieben, wobei der Sand darunter seine Form verlor.
Dem Vater gehe es etwas besser, sagte die Mutter, die Ärzte wollten es allerdings nicht glauben. Hans antwortete, dass er es glaube, weil der Vater nicht so einfach aufgebe. Manchmal könnte man gar vergessen, dass er krank sei.
Die Mutter schaute ihn verwundert an.
»Ich geh Holz hacken«, erwiderte sie.
In der Nacht leuchtete das Federbett weiß. Hans blickte hinauf zur Tapete an der Dachschräge, über die schwarze Katzen huschten. Er dachte an Margret, die blond war, und spürte, wie sein Geschlecht steif wurde. Er berührte sich, zog die Hand aber sogleich zurück. Die schwarzen Katzen kreischten und machten ihn zittern. Sein Herzschlag beschleunigte sich, gleichzeitig schien die Wärme allmählich aus seinem Körper zu weichen. Plötzlich hatte er ein Foto vor Augen, auf dem die Mutter in einem schwarzen Kleid auf der Armlehne eines Sessels saß, ganz jung, die Hände im Schoß gefaltet, ein silbernes Kreuz um den Hals und mit schmalen Lippen lächelnd. Hinter ihr stand der Vater im Anzug, sein rechter Arm war halb zu sehen, so dass seine rechte Hand entweder den Rücken der Mutter oder die Sessellehne berührt haben musste. Vor dem Vater, in weißem Rollkragenpullover und weißen, gestrickten Kniestrümpfen stand er selbst, mit glatt gekämmtem Seitenscheitel.
Der Pfarrer hatte gesagt, man fasst sich nicht an. Die Mutter hatte gesagt, man fasst sich nicht an. Der Vater hatte geschwiegen.
Frierend erhob sich Hans, tappte leise die Stufen hinunter und blieb einen Moment zwischen der Kellertür und dem Schlafzimmer der Eltern stehen. Dann ging er in den Keller. Während er Kohlen in den Blecheimer schaufelte, hörte er dumpfe Schritte auf der Treppe. Unter dem Nachthemd der Mutter, die ihn sonderbar wach anblickte, zeichneten sich ihr großer Busen und ihr weicher Bauch ab. »Kohlen sind teuer«, sagte sie, ehe ihr Blick vom Kohleeimer zu Hans’ Schlafanzughose wanderte.
Fortan bot sie ihm nicht mehr an, neben ihr zu schlafen, auch wenn es von Nacht zu Nacht kälter wurde. In Hans’ Träumen wirbelten Hexen und verschiedene Tiere herum, die ihn verfolgten, aber niemals zu fassen bekamen. Einmal wurde er in den frühen Morgenstunden wach, und als er die Mutter unten in der Küche hantieren hörte, wäre er gern zu ihr geeilt, um sich von ihr trösten zu lassen.
Wenige Tage darauf schob Hans den dreirädrigen Wagen des Vaters hinüber zur Haltestelle und rollte ihn nah an die Bustür heran, bevor die Mutter mit dem Vater auf dem Rücken ausstieg. Hans griff den Vater unter den Achseln; zu zweit setzten sie ihn in den Selbstfahrer. »Die kriegen mich nicht unter«, lachte der Vater.
Hans und die Mutter wickelten den Keilriemen um die Antriebswelle, die seitlich am Wagen angebracht war, und traten dann vom Selbstfahrer zurück. Mit einer kräftigen, ruckartigen Bewegung zog der Vater an dem Lederriemen. Heute gelang es ihm beim ersten Mal, den Motor zu starten. Im Fahren winkte der Vater bald rechts, bald links den Dorfbewohnern, die ihre Gardinen beiseite schoben und zu ihm herüberblickten. Hans überlegte, ob die Leute im Dorf, wenn sie nicht arbeiteten, so häufig wie früher an ihren Fenstern auf Vorübergehende oder Vorüberfahrende warteten; ob das Geräusch des nahenden Selbstfahrers sie aus Gewohnheit zum Fenster lockte, oder weil sie sich vergewissern wollten, dass ihre Spenden für das Gefährt sinnvoll gewesen waren.
Als der Vater den Wagen über den Rasen am unfertigen Gartenweg vorbeilenkte, sagte er leise zu Hans: »Lass die Platten bitte für mich.« Erstaunt betrachtete Hans die von ihm gelegten Platten und konnte nur geringe Unterschiede zwischen seiner Arbeit und der des Vaters entdecken. Da der Blick des Vaters weder Unzufriedenheit ausdrückte noch vorwurfsvoll wirkte, ahnte Hans, dass seine Bitte etwas anderes meinte. Die Tiere füttern und schlachten, das Gras mähen, das Holz zerkleinern und auf dem Dachboden stapeln – das konnte der Vater nicht.
Im Haus hob Hans zusammen mit der Mutter den Vater aus dem Wagen, stellte ihm einen Stuhl hin, auf dessen Lehne der Vater sich stützte und vorwärts schob, während die Mutter den Sitz niederdrückte. Dann begab sich Hans erneut in den Garten. Die Mutter hatte das Gras bereits vor Wochen abgemäht, gewendet, trocknen lassen und auf dem Boden über der Dachkammer geschichtet. Die verbliebenen Stoppeln wirkten borstig.
Hans versuchte sich vorzustellen, wie die Mutter vor dem Krieg gewesen war, als der Vater noch gesunde Beine hatte und er noch nicht geboren war.
Nach der Rückkehr des Vaters aus der Gefangenschaft nahm die Mutter Hans jeden Tag mit zum Hof des Großvaters oder zu dessen Feld, das unweit des Hofes eine überschaubare Fläche einnahm. Der Großvater war Vorarbeiter bei den Rostöfen und selten zu Hause. Die Mutter traf dort ihre Schwestern, deren Kinder bereits zur Schule gingen. Hans streichelte das dünne, weiche Fell der Kaninchen, legte Muster aus Grashalmen oder beobachtete von einer flachen Mauer aus, wie die braunen Hühner gierig die wenigen hingestreuten Körner aufpickten. Oft hatte er Hunger und knabberte an Löwenzahnblättern. Als er in die Schule kam, arbeiteten Hans und die Mutter einige Monate lang gemeinsam, während der Vater weiterhin Tag für Tag in die Glasfabrik des Nachbardorfes fuhr. Die Mutter schlug Hans die rohen Kartoffeln aus dem Mund, in die er beim Auflesen hineinbiss, und verbot ihm das Betteln im Konsum. Mit geröteten Händen zeigte sie ihm das Ziegenmelken und führte seine Hände an das Euter. Sie kochte aus Kartoffeln, Butter und Milch schmackhafte Mahlzeiten und ließ Hans beim Schlachten zusehen, um es ihm beizubringen. Sie schickte ihn mit anderen Jungen zum Ziegenhüten auf die große Wiese. Aber sie wusste nicht, dass Hans die Ziege anpflockte, sobald einer von ihnen den mitgebrachten Gummiball hochwarf, um Kopfball zu spielen. Später brachte die Mutter ihm in ihrem eigenen Garten das Mähen bei, doch selten glitt die Sense bei Hans genauso geschwind und geschmeidig über den Grasstreifen wie bei ihr. Stets blieben einzelne Halme aufrecht, die er geduldig ausriss, bis die Fläche wie gleichmäßig geschnitten wirkte.
An den Sonntagen gingen sie zu dritt in die kleine Schieferkirche auf dem Hügel am Dorfrand. »Dort muss man hin, damit es danach Kaninchenfleisch und Klöße gibt«, flüsterte der Vater Hans einmal mit leisem Lachen zu. Später sagte er: »Geht ohne mich, anstelle des Wagens passen drei Fromme hinein.«
Kaum dass Hans neben der Mutter auf der harten Holzbank Platz genommen hatte, breitete die Mutter eine Wolldecke über Hans’ und ihre Knie. Dennoch fröstelte Hans sogar im Sommer, während die sonore Stimme des Pfarrers in den dämmrigen Raum tönte. Die Geschichten, die er von der Kanzel herab erzählte, klangen wie alte Märchen. Die Mutter erzählte sie Hans meist noch einmal vor dem Schlafengehen, und Hans erkannte sie ein ums andere Mal wieder, obgleich die Mutter sie verkürzte und in einfacheren Worten erzählte. Es blieben Geschichten von Bösen, die bestraft, und Guten, die belohnt werden. Je größer die Leiden waren, denen man sie aussetzte, desto höhere Anerkennung genossen sie später. Stets klangen die Worte der Mutter, als ob die Männer und Frauen in den Geschichten unter ihnen weilen würden. Diese Worte hallten noch lange in Hans nach, und selten gelang es ihm, die eindringlichen Blicke des Pfarrers und der Mutter während des Erzählens zu vergessen.
Nach der Konfirmation nahm ihn der Pfarrer beiseite und fragte ihn, ob er sich vorstellen könne, selbst Pfarrer zu werden. Hans war verwirrt und sprach einige Tage lang mit niemandem darüber, bevor er den Pfarrer aufsuchte, um ihm zu sagen, dass er es nicht wolle. »Warum nicht?«, fragte der Pfarrer mit leicht näselnder Stimme, fasste ihn am Arm und drehte Hans’ Gesicht der Kanzel zu. »Die Menschen werden dir zuhören und du wirst gutes Geld verdienen. Auch hier in diesem Land.« – »Man braucht andere Berufe genauso«, antwortete Hans ausweichend.
Im darauffolgenden Jahr feierte er als einer der Ersten aus dem Dorf Jugendweihe, woraufhin der Pfarrer ihm verbot, die Dorfkirche jemals wieder zu betreten.
Hans schaute vom Gartentor zu den Streifen klumpiger Erde hinüber, auf denen im kommenden Jahr wieder Kartoffeln und Rüben wachsen würden. Neben den beiden braunen Beeten blühten dunkelrote und gelbe Chrysanthemen, dahinter sah Hans die drei kleinen Johannisbeersträucher, deren Früchte er an unzähligen Sommertagen in Tassen, Kannen oder Töpfe gepflückt hatte. Eigenartig, dass die Mutter als Erste vorschlug, er solle fortgehen in die Stadt. Manchmal zog es ihn tatsächlich an einen anderen Ort, keinen bestimmten – aber hätte er von allein die Wälder, diesen Garten, die Tiere, das Haus verlassen? Die Mutter sagte, wenn er so gut in der Schule sei, müsse er die Oberschule besuchen und später studieren. Vielleicht komme er ja eines Tages gemeinsam mit seiner Frau zurück. Auch im Dorf brauche man Ärzte und Ingenieure. Der Vater pflichtete ihr bei: Er habe das Zeug zu einem Studierten.
Hans lief langsam zurück zum Hauseingang. In der Wohnküche bereitete die Mutter mit ernstem Gesicht das Abendessen, derweil der Vater eine von ihren Socken stopfte und vor sich hin pfiff. Hans schloss die Küchentür hinter sich und stieg die knarzenden Stufen zur zweiten Etage hinauf. Auf dem Stallboden lag das Heu wie abgeschnittene Haare eines fremden Lebewesens. Als er das zweite Bündel griff, fiel sein Blick auf die Esse am Rand des Dachbodens. Vielfach war in seinen nächtlichen Träumen ein loderndes Feuer ausgebrochen, welches durch das in der Nähe des Schornsteins gelagerte Heu entzündet worden war und sich über das ganze Haus – das einzige Hab und Gut ihrer Familie – ausgebreitet hatte. Eilig schloss Hans die Luke zum Dachboden. Unten musste er, nachdem er den ersten Kaninchenstall geöffnet hatte, das Futter in einer hinteren Ecke des winzigen vergitterten Kastens platzieren, damit das Kaninchen nicht heraussprang. Einmal mit Fressen beschäftigt, würde es die Enge nicht mehr stören, ebenso wie die anderen Kaninchen, die Hans nacheinander fütterte. Ohnehin würden sie alle früher oder später geschlachtet werden.
In der Wohnküche dampften Kartoffelklöße in einer weißen Schüssel auf dem Tisch. Der Duft von Kaninchenfleisch erfüllte den Raum. Hans’ Blick fiel auf den kleinen Abreißkalender über dem Sofa. Viel mehr Blumen während des Lebens / denn auf den Gräbern sind sie vergebens. Heute war Donnerstag. Als Hans jedoch sah, mit welcher Freude der Vater aß, wie er das Essen pries, die Mutter lobte, vom Krankenhaus erzählte und lachte, war er der Mutter für die Mahlzeit dankbar, wenngleich er selbst kaum etwas essen konnte. Vor einigen Tagen hatte ihm die Stille den Appetit verdorben. Nun erfüllte das Lachen des Vaters die Küche. Auch das Haus sprach zu ihm, mit unheimlichen, lange vergessenen Stimmen.
Die Mutter erhob sich zuerst und drehte den Abwaschtisch mit den beiden Emailleschüsseln aus dem Küchenschrank heraus. Sie füllte den Wasserkessel, griff nach den Streichhölzern, und als der Kessel nach wenigen Minuten pfiff, goss sie kaltes Wasser in die linke Emailleschüssel und heißes Wasser aus dem Kessel dazu. Dann umfasste sie die Lehne des Stuhls, auf dem der Vater saß, winkte Hans zu sich, und sie schoben den Vater gemeinsam an das Abwaschbecken heran. Hans griff nach einem mit Schaum überzogenen Teller, den der Vater in die rechte Schüssel legte, und rieb ihn mit dem Geschirrtuch trocken.
Später schaute der Vater auf dem Sofa liegend fern. Die Mutter ruhte sich einen Moment aus, und Hans setzte sich zu ihr an den Esstisch. Nach kurzer Zeit stand sie wieder auf. Hans fragte sie, ob sie von den Jungen gehört habe, mit denen er einst zum Ziegenhüten gegangen war. »Sie wohnen noch im Dorf«, antwortete die Mutter und deutete mit ihren Armen in einander entgegengesetzte Richtungen. »Einer arbeitet vorn im Werk, der andere in der LPG.« Als ob die Mutter seine Überlegung erraten hätte, sagte sie zu Hans: »Sie haben beide kleine Kinder, du kannst um diese Zeit nicht mehr hingehen.« Und beiläufig, während sie mit dem Lappen über den Herd wischte, fragte sie mit Seitenblick auf Hans: »Bei euch noch nichts in Sicht?«
Hans wurde rot und schüttelte den Kopf. Er bat die Mutter, ihn zu rufen, sobald der Vater zu Bett gehen wolle. Oder der Vater könne selbst nach ihm rufen, dann brauche sie nicht wach zu bleiben. Während Hans sich durch die Tür drückte, um zur zweiten Etage hinaufzusteigen, flüsterte die Mutter ihm zu, dass sie gern mehr Kinder gehabt hätte.
Er hatte mit Margret nicht über Kinder geredet. Sie würden wohl irgendwann kommen. Manchmal wehrte Margret ihn ab, dann hatte sie sicher ihre Tage – oder Angst, schwanger zu werden. Er wusste nicht, welche die passenden Worte waren. Lieber respektierte er, dass sie nicht mit ihm schlafen mochte. Als er sie in ihrer Hochzeitsnacht das erste Mal nackt gesehen hatte, wäre er gern davongelaufen. Geschlafen hatten sie nicht miteinander, Margret hatte ihn stattdessen zugedeckt und ihren Kopf in seine Achselhöhle gedrückt, bis sein Zittern nachgelassen hatte. Trotz unzähliger Versuche schliefen sie erst Wochen später miteinander. Danach dauerte es lange, ehe Margret, nun zitterte sie, sich ihm wieder öffnete.
Hans sprang auf, als die Mutter ihn rief. Unten empfing ihn die wohltuende Wärme der Wohnküche. Die Mutter half dem Vater, sich aufzurichten, derweil Hans einen Stuhl vor das Sofa schob, sich darauf setzte und seinen Rücken rund machte. Nachdem der Vater seine Arme von hinten um Hans’ Hals gelegt hatte, stand Hans auf und trug den Vater hinüber ins aufgeschlagene Federbett. Nie vergaß der Vater, wenn er zur Zimmerdecke blickend im Bett lag, sich zu bedanken. Auf dem weißen Laken wirkten seine dürren Beine grau. Hans deckte den Vater zu und wünschte eine gute Nacht, ehe die Mutter wie mit letzter verbleibender Tageskraft die Schlafzimmertür hinter sich verschloss.
Obwohl das Haus hellhörig war, vernahm Hans zehn Minuten später lediglich das rasselnde Schnarchen des Vaters. Bevor er morgen aufbrechen und zurück in die Stadt fahren würde, wollte er sich bei Tageslicht auf die weite Wiese stellen, auf der damals die Ziege gegrast und er mit den Jungen Kopfball gespielt hatte, und den Wind im Rücken spüren, der ihm das Haar zerwühlte. Über die zum Wald hin sanft abfallende Wiese, an den Moosen, Bächen und abgebrochenen Ästen vorüber würde er gern eines Tages mit Margret wandern, so wie sie einst auf dem Gut spazieren gegangen waren. Der durch die Luft fliegende schmutziggelbe Gummiball kam ihm in den Sinn, die an der schmalen Straße stehende Mutter, die ihn zum Haus des Großvaters zurückrief, die weiße Ziege, die meckernd neben ihm trottete, der Vater, der immer öfter zu Hause saß, weil ihm die Beine nicht mehr gehorchten, und schließlich sah er verschwommen und schemenhaft auf der anderen Seite des Waldes ein katzenähnliches Wesen von unbestimmbarer Farbe.
Schützender Panzer
Friedrich · 1968
Noch ist die durch das Fenster meines Arbeitszimmers eindringende Luft kühl. Vom Garten her meine ich den Duft der Sauerkirschen, die Marie in den kommenden Tagen ernten wird, wahrzunehmen, einen Hauch, schwach gegen das gläserne Rot der Früchte im Morgenlicht.
Ich drehe den Radioknopf im Uhrzeigersinn, die ruhige Stimme des Sprechers wird lauter. Obwohl es erst acht Uhr ist, hat das Telefon heute bereits mehrere Male geklingelt. Man sagte mir, ich solle mich darauf einstellen, dass es Unruhen an der Universität geben könne, und die Namen der Studenten mit abweichlerischen Meinungen notieren.
Auf meine Vorlesung brauche ich mich nicht vorzubereiten. Ich weiß, was ich sagen werde, auch wenn ein Student eine unerwartete Frage stellt. All diese Siege hätten wir nicht ohne die Sowjetarmee errungen. Wir sollten sie nicht verhöhnen oder beschimpfen, wie es im Westen derzeit Mode ist, sondern ihr unser Vertrauen entgegenbringen. Wie kann der Westen die heutige Situation mit der damaligen vergleichen, wie einen Krieg orakeln – ohne von Schuld, von Gerechtigkeit zu sprechen? Wie die menschenverachtende Ideologie des Faschismus mit der Idee der Befreiung des Menschen von Ausbeutung durch den Menschen gleichsetzen?
Der Weg zum Kommunismus ist lang und steinig, das weiß jeder, der heute noch zu uns gehört. Aber war nicht die Oktoberrevolution, der Sieg der Arbeiter, der nach Gerechtigkeit hungernden Menschen über die Aristokraten, war nicht dieser Sieg, der den Sozialismus begründete, unvergleichlich schwieriger? Und hat der Kampf gegen den Faschismus von uns nicht das Äußerste an Mut und Aufopferung, an geistiger und körperlicher Kraft gefordert?
Damals, noch vor dem Machtantritt Hitlers, habe ich den Kriegsausbruch bereits geahnt und gefürchtet. Deshalb brach ich nach Prag auf, um dort meine Dissertation zu schreiben. Wie oft haben die Menschen, kaum war ein Krieg beendet, mit Schrecken an einen kommenden gedacht? Jetzt denken sie wieder daran, wobei die wirkliche Gefahr nicht von den Panzern auf dem Wenzelsplatz ausgeht, sondern von der unaufhaltsamen atomaren Aufrüstung der westlichen Länder. Seit Jahren rede und schreibe ich gegen das Dogma an, dass es ein Interesse der sozialistischen Länder gäbe, weitere Atomwaffen zu bauen, weil es ganz und gar gegen unsere Erfahrungen und die kommunistische Grundidee spricht. Die Unterdrückten sollen ein Recht auf ein Leben frei von Hunger und Abhängigkeit haben – wie lässt sich das mit den Grauen des Krieges vereinbaren? Wie mit der vollständigen Vernichtung der Menschheit?
Was die Faschisten dem sowjetischen Volk angetan haben, verpflichtet uns zu unbedingtem Beistand. Heute noch schäme ich mich, weil ich bis zum Ende des Krieges in der Wehrmacht diente. Auch mich vermochten die Faschisten in den Jahren vor Ausbruch des Krieges zum Schweigen zu bringen.
Ich habe nie erfahren, wie sie uns ausfindig machten. Jedenfalls wedelten sie, nachdem wir Papier und Stifte, die Schreibmaschine und den Vervielfältigungsapparat oberhalb der Bodenluke versteckt und zwei Genossen ihnen ganz ruhig die Tür geöffnet hatten, bereits mit einem unserer Flugblätter. Sekunden danach konnte ich meine Hände kaum noch bewegen. Mein Trommelfell schien unter ihrem Gebrüll zu vibrieren. Erst als ich in der Zelle lag, begann ich allmählich wieder Geräusche wahrzunehmen. Später wünschte ich mir oft, taub zu sein, wenn ihre Stimmen zwischen den Verhören aus den Wänden drangen. Die quäkende Stimme des großen Schwarzhaarigen, die zunächst sanft und rund anklang, dann spitze Ecken bekam, Töne wie Gewehrsalven abgab, und die schließlich, seinen scheinbaren Zorn intonierend, nahe an meinem Ohr anschwoll, so dass mein Kopf zu zerplatzen drohte. Andere wählten eine verwirrendere Reihenfolge. In den Nächten bemühte ich mich, ihre Methoden zu analysieren, und hatte dabei, trotz meiner körperlichen Schwäche, das Gefühl, stark zu sein – aber nur so lange, bis sie Rosa oder ein anderes Baby im Nebenzimmer schreien ließen. Sie zeigten mir den Säugling nicht. Wenn sie erkannt hätten, wie es mir ging, hätten sie mir ohne Weiteres die Namen befreundeter Genossen entlocken können.
Wenige Tage darauf kaufte mich mein Onkel frei und schärfte mir ein, mich künftig still zu verhalten, mich nicht abzusondern oder zu verweigern, wenn ich eingezogen werden würde.
Er sprach nie darüber, mit wem er verhandelt noch wie viel er gezahlt hatte.
An der Front erzählte ich niemandem, dass ich im Gefängnis gewesen war. Danach jedoch, während der Gefangenschaft, zeigte ich den Engländern die schmuddeligen, zerknickten Papiere, auf denen die Daten meines Gefängnisaufenthaltes vermerkt waren. Kurze Zeit darauf fuhren zwei Soldaten mit mir und einigen anderen Gefangenen nach Hamburg. Magere Bäume wuchsen zwischen dem Schutt der zerbombten Gebäude. Das Militärauto hielt vor einem höheren, unzerstörten Haus. Die beiden Soldaten händigten uns die Entlassungsscheine aus und übergaben mich zwei Administratoren, die mich in einen kleinen Raum im Erdgeschoss führten, den man mit zwei Tischen, zwei Stühlen und ein paar Spinden zu einem Büro gemacht hatte. Sie ließen mich an einem Tisch Platz nehmen, in dessen Platte Namen, Hakenkreuze und deutsche Sprüche eingeritzt waren. Der Mann, der mir erklärte, wie man Lebensmittelkarten verteilte, zuckte die Schultern: There are no other desks. Ich fragte ihn, ob er nicht wenigstens etwas darüberdecken wolle, doch dann sahen wir beide uns im Raum um und blickten durch die matte Fensterscheibe hinaus auf die über Trümmer stolpernden Menschen. Als unsere sich Blicke trafen, winkte ich ab.
Die Leute, die mit ihren Kindern fortan zu mir kamen, taten mir leid. Man sah ihnen den Hunger an. Manche Kinder fragten mich, ob ich ein Bonbon oder ein Stück Zucker für sie hätte, und ihre Mütter trösteten sie damit, dass es an diesem Abend Butter aufs Brot gebe. Weit hinten, auf der anderen Seite des Platzes, hämmerten Frauen mit kleinen Hacken aus den Trümmern Ziegel, die sie von Hand zu Hand reichten. Im Laufe der Zeit, die ich dort arbeitete, entstanden auf diese Weise drei hausähnliche Unterkünfte. Männer sah ich nur selten. Ich fragte mich jeden Tag aufs Neue, woher die Frauen die Kraft nahmen und wo ihre Kinder gerade spielten. Manchmal kamen sie zu mir herüber, sie wirkten wie in Staub eingehüllt. Ihre Gesichter und Arme waren stets von einer dünnen, pulvrigen Schicht bedeckt. Wenn sie eintraten, zogen sie ihre Wollsocken von den Händen, und ich sah die Wunden auf ihren Handflächen und an ihren Fingern.
Viele Menschen liefen gebückt und schleppend am Fenster des Büros vorüber. Erst beim Eintreten richteten sie sich auf. Nur Kinder stemmten oft beide Hände gegen die Tür und kamen hereingerannt.
Ein Dreivierteljahr später stürmten meine Kinder in den Raum. Ich erkannte sie nicht. Margret, den blonden Wildfang, sah ich zum ersten Mal, Tanja war viel schmaler, als ich sie in Erinnerung hatte. Rosa, die wie auf Stelzen hinter ihren Schwestern herlief, hätte Margrets junge Mutter sein können. Ihr Gesicht erinnerte mich vage an eine mir bekannte Person. Erst die um Jahre gealterte Johanna erkannte ich sofort.
Johanna setzte sich unvermittelt auf den steinernen Boden und weinte, sie war so knochig, dass ich meine Strickjacke auszog und ihr unters Gesäß schob. Rosa, beinahe genauso dünn, kam zu mir und blieb unsicher einen Augenblick vor mir stehen, bevor sie sich an meinen Bauch lehnte. Die beiden anderen Mädchen spielten währenddessen Fangen. Als ich Johanna fragte, ob der prall gefüllte Seesack und der kleine Koffer daneben ihr gesamtes Gepäck seien, nickte sie. Und wo sie wohnen würden? Sie nannte einen kleinen Ort in der Nähe von Bremen. Dort seien sie registriert. Mir hatten die Engländer eine Kammer in der Wohnung einer jungen Familie zugewiesen. Die Frau wartete noch immer auf die Rückkehr ihres Mannes aus der Gefangenschaft.
Nach der Arbeit schulterte ich den Seesack und nahm Tanja und Margret an die Hand. Johanna und Rosa erhoben sich mit leichtem Schwung. Im Flur des Verwaltungsgebäudes hockten Hunderte anderer Flüchtlinge. Als wir nach mehreren Stunden hereingebeten wurden, lag die Stadt bereits in einem seltsam unstädtischen, kaum durch Scheinwerfer- oder Laternenlicht unterbrochenen Dunkel. Rosa sprang vom Fenstersims, von wo aus sie schweigend die Menschen betrachtet hatte. Tanja und Margret verabschiedeten sich von einem Mädchen, mit dem sie gespielt hatten und das zum Winken die zerrissene gelbe Hand seiner Wollpuppe in der Luft hin und her bewegte.
Der Mann, mit dem ich sprach und dem ich begreiflich zu machen versuchte, dass Johanna dieselbe bevorzugte Behandlung wie ich verdiente, schüttelte den Kopf. Wo es möglich gewesen sei, hätten Familien bereits Flüchtlinge aufgenommen. Ich verlieh meinen Worten einen nachdrücklichen Ton, während er ungeduldig zur Tür sah. Als Johanna uns unterbrach, merkte ich, dass ihr Englisch ebenso gut wie früher war. Doch der Mann schüttelte wieder bedauernd den Kopf. Johanna klammerte sich an meinem Hemd fest, ehe sie mit einem Mal lautlos auf den Boden sackte. Rosa beugte sich sogleich über sie. Der Mann beeilte sich, mir die Adresse eines Arztes und eines nahegelegenen Flüchtlingslagers herauszusuchen. Rasch stellte er Johanna und den Kindern die notwendigen Papiere aus.
Unten an der Straße standen ein paar Männer vor einem schwarzen Auto und handelten mit Zigaretten. Ich fragte sie, ob einer von ihnen uns zu dem Lager am Stadtrand fahren könne, doch sie stiegen eilig ins Auto. Johanna kam mir, von Rosa gestützt, entgegen und bat mich leise und eindringlich, sie und die Kinder für eine Nacht bei mir einzuquartieren. Ich sagte ihr, dass ich auf diese Weise riskiere, meine eigene Unterkunft zu verlieren. Schließlich hielt ein Militärauto vor dem Gebäude, dessen Fahrer ich überredete, uns mitzunehmen. Wir fuhren an Ruinen vorüber, zwischen denen einzelne Gestalten durch die Dämmerung huschten, bis die Straßen in Sandwege übergingen, die in großen Abständen von Hütten gesäumt waren. Der Sand wirbelte auf, als der Fahrer bremste. Ich erkannte flache aneinandergereihte Baracken, deren Fensterrahmen hell leuchteten. Gegen Mitternacht lief ich allein zurück zu meiner Unterkunft.
Ich besuchte Johanna und die Mädchen jeden Tag. Stapfte über die bei regnerischem Wetter aufgeweichte Erde zu der morschen Holzbaracke, begrüßte höflich die anderen Familien und nahm auf einem der beiden Stahlrohrbetten Platz, die man meiner Familie zugeteilt hatte. Man lebte in stillem Respekt nebeneinander, flüsterte, wenn es möglich war, ermahnte die Kinder, nicht oder nur draußen zu toben. Die Wände waren geschwärzt von Schimmel und Ruß. Wenn die Sonne schien, lief ich mit den Kindern auf dem Lagergelände umher, wo wir Steine, Hölzer und Grashalme zum Spielen sammelten. Einmal brachte ich Johanna eine Waschschüssel mit, ein Geschenk der mich beherbergenden Familie, damit sie die Wäsche nicht länger in ihrem winzigen Kochtopf zu waschen brauchte. Später kümmerte ich mich um Lebensmittelkarten. Jedes Mal, bevor ich zu meinem Zimmer zurückging, drückte Johanna mich, als ob sie nicht sicher wäre, dass ich noch einmal zurückkäme. Während ihre Umarmungen von Tag zu Tag fester und länger wurden, schien ihre Kraft für alltägliche Verrichtungen stetig zu schwinden. Sogar das Aufstehen bereitete ihr Mühe, und ihr Gang glich dem einer alten Frau.
Nach einigen Wochen sagte Johanna, es sei besser, die Kinder vorübergehend in ein Heim zu schicken, wo sie vielleicht reichlicher zu essen und ein paar Kleider bekämen. Sie habe sich bereits kundig gemacht und erfahren, dass es in der Nähe von Hamburg ein vom Schweizer Roten Kreuz betriebenes Heim gebe, dessen Gebäude unversehrt sei und das gegen ein geringes Entgelt noch Kinder aufnehme. Obwohl es mir ungeheuerlich erschien, die Kinder so kurz nach ihrer Wiederkehr fortzugeben, widersprach ich ihr nicht. Außerdem reichte mein Geld gerade, um ihnen die Barackenmiete zu bezahlen. Als ich an diesem Tag das Lager verlassen wollte, zerrte Margret schreiend an meinen Hosenbeinen. Die Kraft und Beharrlichkeit, mit der sie sich festkrallte, verhinderten, dass ich mich unauffällig aus ihrem Griff lösen konnte. Unmittelbar neben den Kindern erwachte ein älterer Mann aus dem Schlaf und richtete sich auf. Er fasste Margret schroff am Oberarm und blickte ihr drohend ins Gesicht. »Wenn du nicht still bist, sperre ich dich da rein«, sagte er und deutete auf einen kleinen verschlissenen Lederkoffer. Margrets Schreien verwandelte sich in erschrockenes Weinen. Ich drückte sie kurz an mich und ging hinaus.
Am nächsten Tag verstaute ich einige Lebensmittel in einer Tasche, ging zum Lager, erklärte Rosa die Zugstrecke, gab ihr den Zettel mit der Adresse in die Hand, ermahnte sie, gut auf die Kleinen Acht zu geben, und, falls die Fahrt sich verzögern würde, für die Nacht eine sichere Unterkunft zu suchen. Rosa nickte schwach, keine Träne, kein Widerspruch. Johanna und ich versprachen den Kindern, sie bald von dort abzuholen. Die Kleinen tappten hinter Rosa her, ohne sich umzudrehen.
Ich besuchte Johanna wie bisher täglich nach der Arbeit, sie sprach wenig, erwähnte bloß, dass sie inmitten der fremden Menschen unruhig schlafe. Ich erzählte ihr nicht, dass ich beinahe jede Nacht davon träumte, kilometerweit verfolgt und schließlich erschossen zu werden, wobei ich jedes Mal im Moment des Schusses erwachte, taub für andere Geräusche als den Knall und das eigene Schreien. Ich träumte von Johannas Erschießung, von Rosas, Tanjas und Margrets, träumte von verstümmelten Körpern und Blut, das statt Regen vom Himmel fiel, und wenn ich schweißgebadet erwachte, war ich froh, dass ich aufstehen und arbeiten gehen konnte.
Mehrere Monate vergingen, bis ich mich um einen Lehrauftrag für materialistische Philosophie an einer Thüringer Universität bewarb. Zum Wintersemester wurde er mir erteilt. Man schrieb mir, dass die Universität sich um eine Einreisegenehmigung in die Ostzone kümmern würde. Johanna verfasste einen Brief an die Kinder und einen an die Leiterin des Kinderheims, in dem sie darum bat, die Kinder auf möglichst sicherem Weg zurückzuschicken. Als die Leiterin des Kinderheims uns den voraussichtlichen Ankunftstag der Kinder mitteilte, übertrug ich dem anderen Angestellten im Büro meine Aufgaben und eilte gemeinsam mit Johanna zum Bahnhof. Es war ein heller, warmer Tag im Frühherbst. Ich wusste nicht, ob Johanna, die sich auf dem Weg zum Bahnhof bei mir einhakte und umso mehr an mich lehnte, je näher wir dem Bahnhof kamen, sich auf die Kinder freute. Ihr Gesichtsausdruck blieb überraschend unbeteiligt.
Die Kinder stiegen aus keinem der eintreffenden Züge. Johanna meinte, dass es wohl, wie häufig, Unterbrechungen gegeben haben müsse, ich aber rannte auf dem Bahnsteig hin und her und fragte die Leute, ob sie von unseren Kindern oder einem Zugunglück gehört hätten.
Sie kamen am nächsten Morgen mit einem Zug aus dem Norden, zu dritt, wie ich sofort erleichtert feststellte, und wirkten gepflegter und kräftiger als bei ihrer Abreise. Johanna und ich hatten die Nacht in der Bahnhofshalle verbracht. Tanja und Margret blickten nicht nur mich, sondern auch Johanna an, als wären wir Menschen, die sie vor längerer Zeit einmal gekannt hatten. Rosa dagegen berichtete knapp, dass sie sich verfahren hätten, und ihr Körper blieb steif, als ich sie umarmte. Wir erzählten den Kindern, dass wir bald in eine gemeinsame Wohnung ziehen könnten, doch keines der Mädchen gab eine Antwort.
Wie sich die Stadt verändert haben muss! Nein, ich meine Prag mit seinen wunderbaren Gassen, Brücken, seiner unverwechselbaren Geschichte. Wie gut es den Menschen jetzt geht, in ihren warmen Wohnungen, in neu errichteten, schmucklosen Häusern, die vielleicht ein wenig merkwürdig aussehen neben den Häusern der Jahrhundertwende. Doch über Schönheit werden wir nachdenken, sobald keiner mehr den Pfennig umdrehen muss.
In welch winzigem Zimmer ich als Student zur Untermiete wohnte! – während die über zwei Etagen verfügenden Hausbesitzer allabendlich in ihren hohen, weitläufigen Räumen zum Dinner einluden. Auf dem Stadtplan habe ich gesehen, dass das Haus den Bombenangriffen zum Opfer fiel.
Ich verstehe nicht, was die Menschen in Prag auf die Straße getrieben hat. Warum sie nicht zu Opfern bereit sind. Nicht begreifen, dass man nichts geschenkt bekommt. Dass die härtesten Jahre zwar hinter uns liegen, wir jedoch dem Feind in die Arme laufen, wenn wir das Ziel aus den Augen verlieren. Dass die von ihnen gewünschte Freiheit nur etwas für eigensüchtige Menschen und am Ende auch nur dem Gesetz des Stärkeren unterworfen ist.
Freilich müssen wir miteinander diskutieren und abweichende Meinungen anhören, doch soll wirklich jeder öffentlich herausschreien dürfen, was ihm einfällt, in Momenten der Geistesgegenwart oder der Verwirrung, der tiefen Niedergeschlagenheit oder der höchsten Freude, des unberechenbaren Zornes oder der uneingeschränkten Nachsicht mit seinen Mitmenschen – in welcher unserer schwankenden Gemütsverfassungen auch immer?
Ich habe selbst das Verletzende einer solch offenen Atmosphäre gespürt, als eine westdeutsche Hochschulgruppe mich vor mehr als zehn Jahren einlud, über den historischen Materialismus zu referieren. Nur junge Leute im Hörsaal, die stürmten und drängten, wie es der jungen Generation eigen ist, und Fragen stellten, die mich, um ehrlich zu sein, in eine Zwickmühle brachten. Ich hatte einen Auftrag zu erfüllen. Fragte ich deshalb gekränkt nach dem Grund meiner Einladung? Auf der Heimfahrt war ich froh, ihren Fragen ausgewichen zu sein, hätte es mir doch wie anderen Philosophen ergehen können, die sich unvorsichtig und wenig loyal verhielten. Natürlich widerstrebte mir die Festnahme von Kollegen, die ich als Kommunisten und Antifaschisten kannte, aber ich fragte mich auch, wieso sie dieses Risiko eingingen und ihre Kritik nicht zurückhaltender formulierten. Standen sie tatsächlich noch auf unserer Seite?
Nach der Reise nahm Beunruhigung von mir Besitz. Ich ging morgens zur Vorlesung und erzählte Eingeübtes, Erprobtes, bei dem ich sicher war, dass man mich dafür nicht belangen würde. Gleichzeitig spürte ich die Ungeduld mancher Studenten, ihre Enttäuschung darüber, dass ich niemals eine Diskussion anregte, die sich auf aktuelle Geschehnisse bezog, weder auf unmittelbarem Weg noch durch beiläufige Andeutungen. Einen kleineren Teil der Studentenschaft hörte ich nach der Vorlesung einige Male flüsternd die Ursachen meiner leidenschaftslosen Vortragsweise erwägen. Da ich erkannte, dass es unvermeidlich war, etwas zu verändern, band ich, in steter Erinnerung an meinen Vortrag im Westen, von einem Tag auf den anderen ein unlängst erschienenes Buch eines westdeutschen Soziologen über die Skepsis der jungen Generation in meine Vorlesung ein.
Ich merkte bald, dass etwas aufs falsche Gleis geriet. In meinem Kopf herrschte eine erschreckende Unordnung. Während ich mit den Studenten redete, empfand ich Scham, weil ich glaubte, meine Gesinnung zu verraten. Die Richtungslosigkeit meiner Gedanken, die sich von Woche zu Woche wandelten, schien mich zu zerreißen. So war es am Ende des Semesters unmöglich, den Studenten in der Abschlussklausur Wissen abzuverlangen, das ich ihnen nicht vermittelt hatte. Man bat mich zu einem Gespräch mit der Universitätsparteileitung. Was sollte ich sagen? Ich gab alles zu, nahm jede Schuld auf mich. Die Bilder der Zuchthauszelle und der Verhöre verfolgten mich wie ein gefräßiges Tier.
Wie hätte ich Margret das erklären können, als ich in ihrer Küche auf dem schmalen Stuhl saß und ein Leuchten in ihren Augen erkannte, das sie zu verbergen suchte?
Ich ärgerte mich darüber, dass sie Privates in den öffentlichen Raum trug, ärgerte mich, weil ich mir keinen weiteren Mangel an Stabilität leisten konnte. Dass sie mit mir nicht brechen könne. Ein Satz, der mich auf eigenartige Weise berührte. Zudem irritierte es mich über die Maßen, dass eine junge Frau vor mir stand, aufrecht und selbstbewusst, deren Entwicklung ich verpasst hatte. Habe ich mir etwas vorzuwerfen? Jahre zäher Arbeit liegen hinter mir, in denen ich die Form meines Weltbildes verfeinerte, mich über Zweifel und Unsicherheiten hinwegarbeitete und am Aufbau eines Landes mitwirkte, das zu gründen mir ein Anliegen war und dessen Erhalt mir eines ist.
Zu allen Zeiten sind Kinder neben ihren Eltern und Ammen herangewachsen, haben gespielt oder gearbeitet, hatten genügend zu essen oder haben gestohlen, gingen freiwillig oder notgedrungen von ihnen fort. Ich tue das Mögliche, um einen Ort zu gestalten, an dem Kinder erwünscht sind.
Solche Orte dürfen nicht gefährdet werden. Die Panzer zeigen den richtigen Weg. Es wird nur in äußersten Notfällen geschossen werden, und festnehmen wird man nur diejenigen, die uns an der Gestaltung menschlichen und menschenfreundlichen Lebens hindern wollen.
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