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Unser kleines Dorf:
Eine Welt mit 100 Menschen
Josef Nussbaumer, Andreas Exenberger, Stefan Neuner
3., weiter verbesserte Auflage 2010
Band 1 der Reihe
„Kufsteiner Wirtschaftsstudien“
im IMT Verlag, Kufstein
Herausgegeben von Markus Mayr und Andreas Exenberger

Eine Welt mit 100 Menschen
Josef Nussbaumer
Andreas Exenberger
Stefan Neuner
IMT Verlag, Kufstein
© 2010 IMT Verlag, Andreas Hofer Straße 7, A-6330 Kufstein, info@imt-kufstein.at, www.imt-kufstein.at/verlag.html
3., weiter verbesserte Auflage (Erstauflage 2009)
Unser kleines Dorf entstand als Gemeinschaftsproduktion von Josef Nussbaumer (Idee, Recherche, Textgrundlage), Andreas Exenberger (Textgestaltung, Sekundärrecherche), Stefan Neuner (Grafiken, Umschlaggestaltung) und Markus Mayr (Produktion, Vertrieb).
Wir wollen uns bei Martina Alfreider, Sabine Comploi, Veronika Eberharter, Stefan Lang, Engelbert Theurl und Paul Tschurtschenthaler für ihre sehr sorgfältige Durchsicht des Manuskripts und ihre ausführlichen Anmerkungen ganz besonders bedanken sowie bei vielen anderen Menschen, die uns in Gesprächen Anregungen und Rückmeldungen gegeben haben, die zur Fertigstellung dieses Buches und seiner Überarbeitungen beigetragen haben. Ein spezieller Dank geht an Ursula Kaml, die mit ihrer Diplomarbeit: Angenommen, die Welt wäre ein Dorf von 1.000 Einwohnern, wie könnte man sie statistisch seit 1950 beschreiben? (Innsbruck, 2003) wertvolle Vorarbeiten für die weitere Konkretisierung dieser Idee geleistet hat.
Siehe auch: www.unserkleinesdorf.com
Umschlaggestaltung: Stefan Neuner
ISBN(epub): 978-3-9502786-3-7
Alle Rechte vorbehalten.
eBook-Herstellung und Auslieferung:
readbox publishing, Dortmund
www.readbox.net
Inhaltsverzeichnis
Prolog: Ein „globozentrisches“ Weltbild
Kapitel 1: Bevölkerung
Kapitel 2: Wirtschaft
Kapitel 3: Landwirtschaft und Ernährung
Kapitel 4: Energie
Kapitel 5: Mobilität
Kapitel 6: Arbeit
Kapitel 7: Konsum
Kapitel 8: Die größten Probleme
Epilog: Gegenwärtige und zukünftige Krisen
Quellenverzeichnis der Abbildungen
Globo in der Nussschale
Prolog: Ein „globozentrisches“ Weltbild
Eine Welt der Krisen?
Wir haben es heute mit drei großen Krisen zu tun, so der prominente US-amerikanische Zukunftsforscher Jeremy Rifkin1:
• erstens mit dem Ende der zweiten industriellen Revolution und der Krise jener Globalisierung, die darauf aufbaut;
• zweitens mit dem Ende des fossilen Zeitalters und der Energiekrise;
• und drittens mit dem Klimawandel, der die menschliche Zivilisation auslöschen könnte.
Dennis Meadows, US-amerikanischer Systemforscher, sah bereits in den 1970er-Jahren deren gemeinsame Ursache, die er im Buch Die Grenzen des Wachstums beschrieb: die Verknappung und damit Verteuerung von Ressourcen.2 Um die großen Auswirkungen dieser Entwicklung besonders zu betonen, meinte er in einem Interview nach der aktualisierten Neuauflage des Buches 2006 sogar, dass die Menschheit in den nächsten 30 Jahren mehr Veränderungen sehen wird als im alles andere als ereignislosen 20. Jahrhundert.
Nun kann man zwar historische Erfahrungen niemals einfach auf die Gegenwart oder Zukunft übertragen, jedoch ist aufgrund vieler Faktoren klar, dass wir in einer Phase des radikalen Umbruchs leben. Die Spannungen im bestehenden „System“ nehmen seit geraumer Zeit unablässig zu und bringen es aus dem Gleichgewicht.3 Ein neues ist aber nicht mehr auf der Basis der alten Konzepte herzustellen. Die alten „Erzählungen“, die alte Logik, sie passen nicht zu einer Zukunft, die für alle auf der Welt lebenden Menschen ökonomisch wie ökologisch nachhaltig4 sein muss, weil sonst der Kollaps droht.
Mit diesem Buch wird insbesondere der Versuch unternommen, das zu veranschaulichen und Ansätze zu liefern, wie es zu erklären ist – nicht zuletzt historisch. Gerade Letzteres ist wichtig, weil sonst unklar bliebe, welche zukünftigen Entwicklungen überhaupt möglich sind. Nur so können echte „Optionen“ von reinen „Utopien“ unterschieden werden, wobei freilich auch das Utopische schon allein dadurch Bedeutung hat, dass es ein Ziel und damit Orientierung bieten kann und dass es nur über derartige „Visionen“ möglich ist, über das Althergebrachte, über die alten Erzählungen hinauszudenken und Neues zu entwickeln. Dabei ist die Vorstellung von drei gleichzeitigen Krisen ein guter Ausgangspunkt für die Bewältigung der anstehenden Aufgaben. Denn als Menschheit ebenso wie als jeder und jede Einzelne werden wir immer Einfluss auf unsere Zukunft haben. Je später wir aber agieren – oder gar nur reagieren – desto beschränkter wird unser Handlungsspielraum sein und desto kleiner und unerfreulicher die Auswahl an Möglichkeiten. Das Schicksal von Gesellschaften, die z.B. an ihre ökologischen Schranken gestoßen sind, kann eine Warnung vor allzu viel Übermut sein, dass der Mensch mit allen Problemen schon immer irgendwie fertig wird.5
Diese Befunde von Rifkin, Meadows und anderen werden vielen aus der Seele sprechen, ebenso wie sie vielen auf den ersten Blick unverständlich sein werden. Was zutrifft, hängt eng mit dem jeweiligen Weltbild zusammen. Gerade an mancher Vorstellung von der Welt will dieses Buch aber rütteln, indem der Versuch unternommen wird, weltweite Ungleichgewichte plastisch und greifbar zu machen. Das geschieht auf zwei Ebenen, auf denen zugleich die Begründungen stattfinden, warum uns einschneidende Änderungen bevorstehen. Die eine ist eher „empirisch“, also eine Sache des Begreifens, und liegt im großen Ausmaß der Ungleichheit, die unseren Globus derzeit viel mehr prägt, als das in der so genannten „entwickelten“ Welt zur Kenntnis genommen wird. Sie hat etwas mit Beobachten und Messen zu tun. Die zweite ist „theoretisch“, also eine Sache des Verstehens. Sie liegt in der Art und Weise, wie sich die Menschen die bisherigen Entwicklungen verständlich machen, was derzeit zunehmend durch das Konzept der „Krise“ geschieht. Hier haben Erklärungen, aber auch die bereits erwähnten „Erzählungen“ Platz, die im Idealfall die täglichen Geschehnisse in ein stimmiges Ganzes einbetten.
Globo, ein Dorf mit hundert Menschen
Dieses Buch soll also die Welt beschreiben, aber auch realistische Optionen und angemessenes Handeln verdeutlichen. Dazu braucht es die Kenntnis aktueller Zustände, aber auch darüber, wie es zu diesen Zuständen gekommen ist, denn das ist nicht egal. Vielmehr wirkt der beschrittene „Pfad“ prägend in die Gegenwart nach.6 Um das zu erreichen, wird ein Gedankenexperiment unternommen. Es geht dabei darum, sich die gegenwärtige Welt als Dorf mit 100 Einwohnerinnen und Einwohnern vorzustellen, das GLOBO heißt. Dieser Kunstgriff soll es ermöglichen, besser mit ungewohnten globalen Realitäten vertraut zu werden, und das bezogen auf eine Gruppe, die vielleicht ziemlich genau so groß ist wie jene Gruppe von Menschen, mit der man im Bekannten- und Freundeskreis beruflich und privat wirklich zu tun hat (auch wenn sie wohl kaum je so „global“ sein wird).
Ein wichtiges Darstellungsmittel in diesem Buch stellen Grafiken dar, die die Realität in „unserem kleinen Dorf“ veranschaulichen sollen. Alle enthalten verschiedene Daten, teils historische, oft gegenwärtige und manchmal zukünftige. Manche sind einer physischen Weltkarte nachempfunden (auf der sich übrigens links von Nordamerika auch eine sonst nicht dargestellte Anomalie findet7), manche gleichen eher Diagrammen. Die vielleicht gewöhnungsbedürftige Optik wurde dabei absichtlich gewählt, um die „eine Welt“ zu verdeutlichen, in der die 100 Menschen von Globo zusammenleben.

Als Hauptbezugsjahr für die Daten wird das symbolträchtige Jahr 2000 verwendet, weshalb ein Mensch in Globo stellvertretend für rund 61 Millionen Menschen in der realen Welt steht.8 Auch die Geld-, Mengen- und Flächenangaben werden entsprechend umgerechnet. Um diese Daten besser zu strukturieren, wird das Dorf in sechs Weiler geteilt.9 In Globo gibt es die Weiler „Afrika“, „Asien“, „Europa“ (einschließlich Sibirien), „Lateinamerika“ (und Karibik), „Ozeanien“ (Australien und Pazifik) und „Nordamerika“, wobei Ozeanien sozusagen „statistisch“ unbesiedelt ist, aber wichtig für die Ressourcenversorgung. Wenn es zweckmäßig ist, wird noch weiter untergliedert, vor allem der bevölkerungsreichste Weiler Asien.
Auf den folgenden Seiten werden nun verschiedene Lebensbereiche in Globo dargestellt. Dabei birgt die Auswahl der Daten aus der Fülle des vorhandenen Materials immer die Gefahr der Willkür, es soll hier aber ein Gesamtüberblick gegeben werden, der alles Wichtige sowie das unserer Ansicht nach zu wenig Bekannte enthält. Die Darstellung auf der Basis von 100 Menschen soll dabei außerdem nicht nur der Vorstellung helfen, sondern sie soll auch den Eindruck allzu exakter Zahlen verwischen. Denn nahezu alle folgenden Angaben entbehren solcher Exaktheit, die aktuellen kaum weniger als die historischen. Viele beruhen hingegen vielmehr auf Schätzungen und Hochrechnungen und manche können nur als ungefähre Annäherung an eine eigentlich unbekannte Realität angesehen werden. Es macht insofern auch keinen Unterschied, ob man solche Zahlen mit zwei Kommastellen oder auf ganze Einheiten gerundet angibt.10 Daher wird in diesem Buch auch weitestgehend auf Kommastellen verzichtet – und das nicht zuletzt, weil ein Mensch immer ein unteilbares Ganzes ist.
Es geht also nicht zuletzt darum, den Blick für Realitäten zu schärfen, die „wirklich“ globale Bedeutung haben, ist doch dieser Blick oft durch näher liegende Probleme getrübt. Diese „Wirklichkeit“ ist dabei allerdings mit voller Absicht in Anführungszeichen gesetzt, denn natürlich ist die Prozentgrenze, mit der hier letztlich gearbeitet wird, ein willkürliches numerisches Konstrukt. Auf dieser Ebene relativiert sich aber vieles, was nur scheinbar wichtig ist. Es gibt in ganz Globo z.B. nur 2,6 Kilogramm Gold, nur 11 Autos und nur höchstens vier Menschen können dieses Buch lesen, weil sie überhaupt Deutsch verstehen. Es schließt aber auch vieles aus: z.B. gibt es in Globo „statistisch“ keinen einzigen Löwen oder Elefanten, keinen einzigen Arzt und natürlich keinen einzigen Fernsehsender.11
Bei der folgenden Betrachtung handelt es sich nun zumeist um eine Beschreibung der Gegenwart mit einigen Rückblenden, vor allem ins 19. Jahrhundert, und Ausblicken in die nähere und fernere Zukunft. Trotz des Hauptbezugsjahres 2000 wurden für die Darstellung der jeweiligen Lebensbereiche aber natürlich stets möglichst aktuelle Daten verwendet.12 Dass dabei oft eine Zeitspanne von etwa zweihundert Jahren betrachtet wird, ist kein Zufall. Neuerdings hat man dafür sogar ein Wort erfunden: Anthropozän.13 Gemeint ist damit jener Zeitraum seit etwa 1800, in dem der Mensch zu dem prägenden Faktor des Weltgeschehens geworden ist und sich in Globo viele in ihrer Dimension und Dynamik historisch einzigartige Entwicklungen ereigneten. Es mag dabei bezweifelt werden, ob der Mensch, das Steinzeitwesen, sich an die absolute Einmaligkeit und Beispiellosigkeit des Wandels in jüngster Vergangenheit wirklich bereits gewöhnt hat, denn erdgeschichtlich betrachtet gleicht diese letzte Phase einem Hauch. Stellt man z.B. die Zeit seit Entstehung der Erde vor 4,5 Milliarden Jahren in einem Tag dar, so ereignet sich selbst die neolithische Revolution, also die „Erfindung“ der Landwirtschaft, erst in der letzten Sekunde.14 Und das Anthropozän könnte man gerade noch auf dem Zielfoto eines Hundertmeterlaufs erkennen, nicht aber mehr in der Zeitnehmung. Dieses Bild mag auch so verstanden werden, dass nicht mehr viel Zeit bleibt, den Kurs in Globo zu korrigieren. Es weist aber vielleicht auch auf die große Aufbauarbeit der Natur hin, die in den Händen der heute lebenden Menschen liegt, und damit auf deren Verantwortung.
Ein erster Blick auf die Globo-Geographie und die Globo- Ökonomie
Die Beschreibung soll mit einem Blick auf das Umfeld des Dorfes beginnen. Die Oberfläche beträgt etwa 8,4 Quadratkilometer bzw. 840 Hektar, von denen aber ca. 71 Prozent aus Wasser bestehen, das nahezu ausschließlich Salzwasser ist. Die restlichen 29 Prozent (also etwa 2,5 Quadratkilometer) bestehen zwar aus Festland, sind aber deshalb noch lange nicht bewohnbar. Mehr als ein Drittel des Festlands besteht nämlich aus Wüsten, Ödland, Gebirgen und Gletschern und insgesamt vier Fünftel der Dorffläche fallen damit als Wohngebiet zur Gänze aus. Doch auch der Rest besteht größtenteils aus Wald (ca. 65 Hektar), Wiesen- und Weideflächen (ca. 57 Hektar) und Ackerland und Dauerkulturland (ca. 25 Hektar). Übrig bleiben nur etwa 3 Hektar, auf denen Häuser und Infrastruktur stehen.15
Die reine Betrachtung der Oberfläche scheint noch wenig spektakulär zu sein. Aber auch sie ist aufschlussreich, wenn man etwa an die fortschreitende Entwaldung während des Anthropozän denkt, die alle Formen von Wald flächenmäßig dezimiert hat, zuletzt speziell den tropischen Regenwald. Dabei bleibt es aber nicht, denn auch sonst ereigneten sich während der zwei Jahrhunderte des Anthropozän viele langfristig betrachtet extreme Entwicklungen: Die Bevölkerung „explodierte“, ebenso die Industrieproduktion, damit aber auch die Menge an „produziertem“ Müll und die Belastung von Wasser, Boden und Luft, wobei all das natürlich auch direkt zusammenhängt.

Generell gleichen viele Zeitreihen von Entwicklungen während dieser Periode jenen, die in Abb. 0.02 als eine Art „Ikonen“ der Veränderung durch den Menschen zusammengetragen wurden.16 Denn obwohl eine große Zahl solcher Reihen durch den Rost der Aufnahmefähigkeit einer solchen Publikation gefallen ist, werden in diesem Buch immer wieder vergleichbare Bilder auftauchen.
Eine Warnung vor den Tücken der Statistik
Über die Ungenauigkeit vieler der hier präsentierten Daten ist bereits geschrieben worden. Zahlen zum selben Sachverhalt aus vergleichbar zuverlässigen Quellen unterscheiden sich oft, teils um ein Vielfaches. Manchmal ist der Grund nachvollziehbar, wie z.B. unterschiedliche Definitionen, manchmal auch nicht. Dass hier meist nur eine Zahl präsentiert wird, soll daher nur Verwirrung vermeiden und nicht etwa den Eindruck erwecken, es gebe korrekte Angaben (wobei aber stets die als am zuverlässigsten eingeschätzte wiedergegeben wird). Eine zweite sehr wichtige Anmerkung zum Umgang mit den vielen statistischen Daten ist aber noch zusätzlich nötig. Es wird in weiterer Folge oft von der durchschnittlichen Entwicklung im gesamten Dorf Globo oder in einzelnen Weilern die Rede sein. Allerdings zeigt sich hier eine statistische Tücke, denn Durchschnitte sagen nichts über die Verteilung der zugrundeliegenden Daten und damit wenig über Einzelereignisse aus. In der Statistik kursiert ein Witz, der dieses Problem auf ironische Art recht anschaulich macht: Wenn ein Jäger einem Hasen nachstellt und einmal genau 5 Meter links und bei seinem zweiten Schuss genau 5 Meter rechts an ihm vorbei schießt, dann wäre der Hase statistisch betrachtet im Durchschnitt dieser beiden Schüsse mausetot. Praktisch aber würde sich jeder Hase einen solchen Jäger wünschen und sich weiter seines Lebens freuen. Man sollte bei allen Durchschnittsangaben, die auch in diesem Buch sehr häufig vorkommen werden, diese Tücke niemals vergessen.
Nun gilt es aber, in ein Panoptikum globaler Lebensrealitäten einzutauchen, das von der Bevölkerung über die Landwirtschaft, die Energie, den Verkehr, die Arbeitswelt und den Konsum bis zu den größten Bedrohungen und aktuellen Herausforderungen führen wird. Die Darstellung ist dabei bewusst dem Konzept des „Globalen Lernens“17 verpflichtet, indem sie auf vielfältige Weise zum gemeinsamen Entdecken der Welt einladen will, vor allem einer Welt außerhalb des für viele der Leserinnen und Leser gewohnten Horizonts. Was sich dabei entfaltet, ist ein neues, ein globozentrisches Weltbild.18
Kapitel 1: Bevölkerung
Am Anfang war … der Mensch?
Die Beschreibung von Globo soll mit seinen Menschen beginnen. Hier hat sich gerade im Anthropozän ein fundamentaler Wandel ereignet. Im Jahr 1825 lebten in Globo nämlich gerade einmal 18 Menschen, davon nur 4 im Weiler Europa. Das war jene Zeit, als der englische Pastor und Ökonom Thomas Robert Malthus seinen Essay on the Principles of Population geschrieben hat.19 Dabei kam er zu dem Ergebnis, dass diese Bevölkerung kaum mehr wachsen könne, weil es der Nahrungsmittelmangel sowie damit verbundene Krankheiten und Konflikte in Bälde nicht mehr zulassen würden. De facto begann die Dorfbevölkerung damals erst richtig zu wachsen, und was in weitere Folge über die Unvergleichbarkeit vieler Entwicklungen in den letzten 200 Jahren festgehalten wird, gilt in gleicher Weise und ganz grundlegend schon für die Zahl der Menschen. Verglichen mit den vorangegangenen zwei Jahrtausenden beschleunigte sich das Bevölkerungswachstum in den letzten zwei Jahrhunderten etwa um den Faktor 12. Das bedeutet z.B., dass die Globo-Bevölkerung heute alle drei Jahre um die gleiche Anzahl an Menschen zunimmt, wie insgesamt während der ersten 1.500 Jahre christlicher Zeitrechnung.

Diese gewaltige Umwälzung hat den Wirtschaftshistoriker Gregory Clark dazu veranlasst, die Flucht aus der „Malthusianischen Falle“ für den entscheidenden Moment in der Weltwirtschaftsgeschichte zu halten.20 Dazu passt auch der Befund, dass vor zwei Jahrhunderten nahezu alle Menschen in Globo auf dem (und vom) Land lebten, während das heute für nicht einmal mehr die Hälfte zutrifft. Die andere Hälfte wohnt immer mehr in städtischen Behausungen: schon 54 Menschen im Jahr 2008, wahrscheinlich bereits 80 (von dann 130) im Jahr 2030, während es um 1900 erst 4 (von damals 27) waren.21
Zur Ehrenrettung von Malthus muss man freilich festhalten, dass er eine gute Zustandsbeschreibung der Welt vor 200 Jahren abgegeben hat, während er die Umwälzung der Grundlagen der menschlichen Existenz, obwohl sie sich zu seinen Lebzeiten vollzog, letztlich gar nicht als solche wahrnehmen konnte. Malthus hatte andere wissenschaftliche Probleme zu lösen: Er musste z.B. noch Kritiker überzeugen, die nicht wahrhaben wollten, dass bei prekärer Versorgungslage geringere Geburtenraten die Überlebenschancen der Geborenen erhöhen und daher insgesamt besser für die Bevölkerungsentwicklung sind. Gerade an diese „Bedingtheit“ von Erkenntnis zu erinnern, ist wichtig, denn vieles erschließt sich erst in der Rückschau. Bereits in der Vorausschau Kenntnis über die Zukunft zu erwarten wäre hingegen auch von Geistesgrößen viel verlangt.
Globo-Demographie
Zurück aber in die Gegenwart: Im Globo des Jahres 2000 leben 50 Frauen und 50 Männer. Bei den Kindern überwiegt in zunehmendem Maße die Zahl der Buben jene der Mädchen, während sich im Alter das Verhältnis der Geschlechter umkehrt.22 Pro Jahr werden mindestens zwei Kinder geboren und ein Mensch stirbt, weshalb die Bevölkerung bis heute (Stand Anfang 2010) bereits auf 112 Menschen gestiegen ist. Bis 2050 sollen es etwa 150 sein, möglicherweise aber auch mehr, geschätzt werden bis zu 180.23 Die Expertinnen und Experten hoffen, dass das Wachstum danach zum Stillstand kommen wird. Im Weiler Europa wird das bereits früher eintreten und die Bevölkerung dürfte im Jahr 2050 bereits geringer sein als heute.
Entsprechend diesen Trends nahm auch die Bevölkerungsdichte in Globo zu und stieg relativ zur besiedelbaren Fläche von 19 Personen pro km² im Jahr 1950 auf 45 im Jahr 2000, wobei sich die Menschen vor allem im Weiler Europa und in Teilen des Weilers Asien ballen. Diese Dichte wird weiter steigen (denn die Fläche nimmt in Globo ja nicht in relevantem Ausmaß zu), ebenso wie die damit verbundenen Unterschiede. Ein Grund dafür ist, dass von den 26 Frauen, die 2005 zwischen 15 und 49 Jahre alt waren und die in einer Partnerschaft lebten, nur 14 eine moderne Verhütungsmethode anwandten.24 Daher ist möglicherweise eines der zwei jedes Jahr geborenen Kinder in diesem Sinne „ungeplant“. Zudem kommt nach fundierten Schätzungen fast jedes Jahr noch ein drittes Kind dazu, das abgetrieben wird.25 Doch auch für die beiden geborenen Kinder ist der Start oft schwierig: jedes dritte kommt ohne professionelle Hilfe zur Welt26 und 40 % von ihnen existieren eigentlich gar nicht, weil es keine urkundlichen Aufzeichnungen über ihre Geburt gibt.27 Wer aber nicht „existiert“, hat letztlich auch keine Rechte.
Das Durchschnittsalter der Menschen in Globo betrug im Jahr 2000 26,6 Jahre. Dieser Wert gibt nicht den Mittelwert an, sondern den Median: die Hälfte der Menschen sind also jünger und die andere Hälfte älter. Dieser Durchschnitt wird aber jedenfalls steigen und soll 2050 bereits bei 38,4 Jahren liegen.28 Das deutet einen demographischen Wandel schon an, auf den noch ausführlicher zurückzukommen sein wird: Noch gibt es nämlich erheblich mehr Kinder (unter 15 Jahren) als Seniorinnen und Senioren (ab 65 Jahren) – nämlich 30 verglichen mit nur 7 –, dieses Verhältnis wird sich in den nächsten Jahrzehnten aber zugunsten der älteren Menschen verschieben.
Dass jemand in Globo sein Heimathaus auf Dauer verlässt, ist übrigens – vielleicht entgegen der Wahrnehmung – die ganz große Ausnahme. Fast alle bleiben dort, wo sie geboren sind, und die wenigen, die wandern, bleiben meist im selben Weiler. Alles in allem sind nur 3 Menschen in ganz Globo wirklich „ausgewandert“.29 Die Zahl derer, die aus anerkannten Asylgründen auf der Flucht sind (dazu zählen Krieg, politische Verfolgung oder Diskriminierung, nicht hingegen, dass das Leben durch Armut oder Umweltzerstörung bedroht ist), reicht hingegen nicht annähernd aus, um die Wahrnehmungsschwelle in Globo zu überschreiten.30 Das heißt aber noch lange nicht, dass nicht auch in Globo viele Menschen Diskriminierungen erdulden müssen oder Vertreibung erleiden. Besonders betroffen sind z.B. jene 5 Personen, die als „indigen“ bezeichnet werden, also „Eingeborene“.31 Sie sind oft sogar rechtlich benachteiligt.

Hier haben noch zwei interessante statistische Anmerkungen Platz, die allerdings auch die Grenzen des Gedankenexperiments Globo ausreizen: Zum einen lebte vor der neolithischen Revolution statistisch gesehen eigentlich niemand im Dorf. Erst die Landwirtschaft hat es ermöglicht, die menschliche Bevölkerung auf 1 und darüber zu „steigern“, wobei sich dieser „statistische Moment“ vermutlich erst vor etwa 3.000 Jahren ereignet hat.32 Zum anderen wird immer wieder die Frage gestellt, wie viele Menschen bislang eigentlich insgesamt gelebt haben. Eine präzise Beantwortung dieser Frage ist angesichts der unsicheren Angaben über vergangene, eigentlich aber auch über gegenwärtige Bevölkerungszahlen zwar letztlich nicht möglich, die vielleicht beste fundierte Schätzung ergab aber – umgelegt auf Globo – etwa 1.750.33
Zwei allzu menschliche „Missverständnisse“
Zwei Aspekte der Globo-Demographie, die aktuell wie historisch Anlass für viele „Missverständnisse“ im Dorf waren, sind Religion und Sprache. Vor allem die Religion ist zugleich jenes Thema, bei dem die Datenlage besonders unsicher ist.34 Würde man die Angaben der verschiedenen großen Religionsgemeinschaften über die Anzahl ihrer Anhängerinnen und Anhänger summieren, müsste Globo schon heute weit mehr als 150 Menschen beherbergen. Der Grund dafür ist nicht zuletzt das Interesse mancher Vertreter dieser Religionen (vor allem der missionarisch veranlagten unter ihnen), die jeweils ihre als möglichst groß darzustellen. Dazu kommt aber auch die weit verbreitete Vermischung verschiedener religiöser Vorstellungen in der individuellen Glaubenspraxis, was eindeutige Zählungen unterläuft. Das betrifft alle „Buchreligionen“ (Christentum, Islam, Judentum), mehr noch aber alle nicht schriftgebundenen „Glaubensgemeinschaften“ (Hinduismus, aber auch Buddhismus – um nicht „Buddhismen“ zu sagen) und am stärksten die „Restkategorien“ des Atheismus, Agnostizismus und Animismus, bei denen eine Zuordnung meist von außen erfolgt und nicht nur deshalb oft eher willkürlich ist.

Anders als die Zahl der Religionen, die sich eher vermehren, ist die Zahl der Sprachen in Globo in den letzten Jahrhunderten zurückgegangen.35 Das geht unmittelbar mit einer Konzentration der Sprachen einher, wobei Mehrsprachigkeit in Globo trotzdem verbreitet ist. Das gilt – was vielleicht überraschen wird – vor allem in seinen ärmeren Teilen, wo viele Menschen selbstverständlich vier oder mehr Sprachen sprechen. In den reicheren Teilen sind die Menschen zwar oft zweisprachig, selten aber mehr. Dabei sind diese Sprachen meist die jeweilige Muttersprache und Englisch, die lingua franca des Dorfes und vor allem seines Wirtschaftslebens, die vermutlich von mehr als einem Drittel der Bevölkerung zumindest verstanden wird.36
Wackelige Alterspyramiden
Mit Bezug auf das Alter ist eine ebenso problematische wie erfreuliche Entwicklung in Globo zu diskutieren. Die durchschnittliche Lebenserwartung bei der Geburt liegt derzeit bei rund 68 Jahren (70 für Frauen und 65 für Männer).37 Dieser Durchschnittswert hat sich im 20. Jahrhundert vermutlich nahezu verdoppelt, im Weiler Europa ist die Lebenserwartung der Menschen in dieser Zeit um rund drei Monate pro Jahr gestiegen.38 Je nach Weiler präsentiert sich das erreichte Lebensalter recht unterschiedlich, optimistische Schätzungen gehen aber davon aus, dass es sich angleichen wird, nicht zuletzt, weil sich die medizinische Versorgung in den benachteiligten Regionen verbessern wird. So könnte sich die durchschnittliche Lebenserwartung im Weiler Afrika von ca. 53 Jahren im Jahr 2000 auf rund 67 Jahre bis 2050 erhöhen, während sie in Europa „nur“ von 74 auf 82 Jahre steigen dürfte.
Trotz dieser demographischen Umwälzung sieht die Bevölkerungspyramide von Globo noch relativ stabil aus. Bei genauerem Hinsehen erkennt man aber wachsende Disparitäten, die zu den versteckten, aber zugleich sehr problematischen Trends im Dorf gehören. Das vielleicht dramatischste dieser Ungleichgewichte ist die „Apartheid“ der Geschlechter, denn der weibliche Teil der Bevölkerungspyramide wird immer schmäler. Ein zweites ist das sich verschlechternde Verhältnis zwischen älteren und jüngeren Menschen, denn der obere Teil der Pyramide wird immer größer. Insgesamt wird sie damit schief und kopflastig und verdient daher immer weniger ihren Namen.
Dazu kommt noch verschärfend, dass es um die Altersversorgung in Globo insgesamt schlecht bestellt ist. Nur etwa 20 Menschen haben überhaupt Zugang zu irgendeiner Form von öffentlich finanzierten Pensionen oder Renten, der Rest ist im Alter vollkommen auf die eigene Vorsorge, einen Familienverband oder Almosen angewiesen. Die Finanzierung einer flächendeckenden Altersversorgung wäre dabei angesichts der steigenden Lebenserwartung überall im Dorf eine besondere Herausforderung. So verknüpfen sich in den optimistischen Prognosen (selbst für den Weiler Afrika, aber auch für Globo als Ganzes) mehrere schwer vereinbare Vorstellungen: Dass die Menschen immer älter werden, dass sie sich außerdem besserer Gesundheit erfreuen und dass sie zudem ab einem gewissen Alter ohne zu arbeiten ihren Lebensunterhalt bestreiten können, mag wünschenswert sein, ist aber illusorisch – zumindest unter den derzeit herrschenden Bedingungen.

Das wird durch einen weiteren Aspekt verschärft, der nicht nur die Finanzierbarkeit staatlicher, sondern auch familiärer Altersversorgung in Frage stellt: Das Verhältnis der Anzahl an Personen im „arbeitsfähigen“ Alter (also von 15 bis 64 Jahren) und der Anzahl an älteren Personen (also ab 65 Jahren) wird sich erheblich verändern. Es liegt derzeit in Globo bei ca. 9 zu 1 (also 9 arbeitsfähigen Menschen, die einem nicht mehr arbeitsfähigen Menschen gegenüber stehen), soll aber bis 2050 auf 4 zu 1 sinken. Noch viel prekärer wird diese Situation im Weiler Europa, wo dieses Verhältnis schon heute nur noch 5 zu 1 beträgt und bis 2050 auf 2 zu 1 sinken wird. Dazu kommt noch, dass ja nicht nur die Altersversorgung finanziert, sondern auch eine teils beträchtliche Zahl an Kindern erhalten werden muss, und dass zudem „arbeitsfähig“ zu sein noch lange kein Einkommen bedeutet (gar nicht zu reden davon, ob es angemessen wäre, worauf spätestens im Kapitel 6 zurückzukommen sein wird).
Dabei stellt sich schließlich noch eine Frage, die ins nächste Kapitel überleitet. Es ist nicht nur interessant, wie Menschen trotz unterschiedlicher kultureller und religiöser Hintergründe miteinander auskommen und wie sie – vor allem zwischen den Generationen – füreinander aufkommen, sondern natürlich auch, wie viele Menschen Globo eigentlich verkraften kann. Dazu gibt es über die Jahrhunderte viele Berechnungen, von denen einige bereits widerlegt sind (weil schon heute deutlich mehr Menschen in Globo leben, als einst für maximal möglich gehalten wurde) und andere demnächst den Härtetest erfahren. Freilich diskutieren die wenigsten dieser Schätzungen auch die unverzichtbare Zusatzfrage: Wie viele auf welchem Niveau? Auf dem niedrigen Niveau der ärmeren Teile des Dorfes sind erheblich mehr möglich als auf dem Niveau der reichen, wobei damit aber noch nichts über die Nachhaltigkeit dieser Lebensstile ausgesagt sein soll. Der bereits erwähnte Dennis Meadows bezog in einem aktuellen Interview zum Klimawandel auch zu dieser Frage Stellung: „Es wird zwar eifrig diskutiert, was man gegen den Klimawandel tun kann, aber Bevölkerungswachstum und Lebensstandard werden nicht angerührt. So, als brauchten wir eine Lösung des Klimaproblems, die Reichen erlaubt, ihren Lebensstandard zu halten, und Armen erlaubt, zu den Reichen aufzuschließen. Das ist pure Fantasie. Das wird nie passieren.“39
Diese Frage nach dem möglichen Lebensstandard – stets verbunden mit der Frage nach der Gerechtigkeit, wenn auch oft unausgesprochen – wird sich von nun ab durch dieses Buch ziehen.
Kapitel 2: Wirtschaft
Ausmaß und Geschwindigkeit des wirtschaftlichen Wandels während des Anthropozän finden im Archiv von Globo keine angemessenen Vergleiche. Es wäre daher vorrangige Aufgabe des Dorfchronisten (das war fast sicher immer ein Mann, was wohl nicht ohne Einfluss darauf war, was aufgezeichnet wurde), auf diese Niveauverschiebung immer und immer wieder hinzuweisen. Bislang scheint die Botschaft aber bei zu wenigen Bewohnerinnen und Bewohnern angekommen zu sein, geschweige denn, dass daraus Konsequenzen gezogen würden. Der kritische Sozialwissenschaftler und Begründer der evolutionären Ökonomik, Kenneth E. Boulding, ist diesbezüglich hingegen eindeutig: „Wer glaubt, exponentielles Wachstum kann auf einem begrenzten Planeten für immer fortschreiten, ist entweder ein Schwachkopf oder ein Ökonom.“, soll er einmal gesagt haben.40
Erdbewegungen
Der erste Blick auf die „Wirtschaft“ soll darauf gerichtet sein, wie die Menschen in Globo durch ihre ökonomischen Tätigkeiten den Ort physisch verändert haben. Dabei handelte es sich vor allem um landwirtschaftliche Aktivitäten, denn historisch lebten die Menschen im Dorf nahezu ausschließlich auf dem und vom Land – was letztlich sogar noch für das 20. Jahrhundert gilt.

Die auffälligste Veränderung in Globo während des Anthropozän war die Umwandlung von Wald, Waldland und Grasland in Weideund Ackerland. Noch um das Jahr 1700 bestanden rund 94 Prozent der gesamten Grünfläche aus Wald und Grasland, lediglich 6 Prozent (rund 9 Hektar) wurden schon gezielt für Weide- bzw. Ackerzwecke genutzt. Heute hingegen sind kaum noch 60 Prozent der Grünfläche von Wald und Grasland bedeckt und auch dieses Land ist kaum mehr unberührt. Vor allem war es der Wald, auf den die Menschen quasi als natürliche Rückversicherung im Laufe der Geschichte immer und immer wieder zurückgreifen konnten. Sie tun das weiterhin – und nicht nur in den ärmeren Teilen von Globo, wo Holz eine der wichtigsten Energiequellen ist. Die Folge: Mehr als ein Drittel, vielleicht sogar knapp die Hälfte der ursprünglichen Waldfläche im Dorf ging in den letzten Jahrtausenden, vor allem aber im letzten Jahrhundert verloren, in manchen Regionen noch mehr. Übrig geblieben sind rund 65 Hektar, wobei auch davon vieles „verwandelt“ worden ist: Der „unberührte“, höchstens besuchte „Urwald“, vor 10.000 Jahren noch etwa 100 Hektar groß, ist heute auf einen Rest von 15 Hektar zusammengeschrumpft. Das bleibt nicht ohne Einfluss – weder auf das Klima, noch auf die lokalen Lebensbedingungen. Daher spielt es auch nicht die entscheidende Rolle, dass dieser Raubbau heute vor allem in den ärmeren Regionen des Dorfes stattfindet,41 was ja zudem nicht zuletzt deshalb geschieht, um die Ressourcennachfrage der Reichen zu befriedigen. „Was wir den Wäldern auf der Welt antun, ist nur ein Spiegelbild dessen, was wir uns selbst und einander antun.“, soll dazu Mahatma Gandhi einmal gesagt haben.42
In etwa die Hälfte der gesamten Landfläche ist bereits durch direkten menschlichen Einfluss verändert worden, mit negativen Folgen für Artenvielfalt, Bodenstruktur, Nährstoffkreislauf, Biologie und Klima und damit für das Weiterleben in Globo. Dazu ein kaum bekanntes, aber sehr wichtiges Beispiel: Bevor sich der Mensch Ackerbau und Viehzucht zuwandte, konnte sich in Globo ungestört von menschlichen Eingriffen eine große Menge an Mutterboden (Humus) bilden. Dieser fruchtbare Boden wurde quasi als Einstandsgeschenk seitens der Natur – der „Mutter Erde“, wie sie in vielen Traditionen heißt – den Menschen zur Verfügung gestellt. Dieses „Geschenk“ ist heute vielfach vergessen worden, daher wird sein Verbrauch auch nicht wirklich bemerkt. Es ist allerdings trotzdem die absolute Basis für das Überleben aller Menschen in Globo, auch jener in den reichen Teilen des Dorfes. Insgesamt beträgt der Verlust an Humus dort bereits rund 400 Tonnen pro Jahr, mit den zu erwartenden Auswirkungen auf die landwirtschaftlichen Erträge.43 Es soll dabei Regionen im Dorf geben, wo allein in den letzten 50 Jahren der Humusanteil an der ja alles andere als dicken Erdschicht von acht auf ein Prozent gesunken ist, und es sollen bereits etwa zwei Drittel der Ackerflächen und ein Drittel der gesamten Grünflächen betroffen sein.
Generell ist festzuhalten, dass möglicherweise bereits die Hälfte aller Kulturböden in Globo „degradiert“ sind, also verarmt.44 Es gibt dafür eine ganze Reihe von Auslösern wie Entwaldung, Erosion, Überweidung, Übernutzung, unsachgemäße Bewirtschaftung, Verschmutzung und anderes mehr.45 Die schlimmste Form der „Degradation“ stellt dabei die „Desertifikation“ dar, also die Wüstenbildung. Bereits etwa 20 Bewohnerinnen und Bewohner von Globo leben in Regionen, die davon bedroht sind.46

Dass solch gravierende Veränderungen auch Auswirkungen auf die „Biodiversität“ haben, also die Vielfalt an Tieren und Pflanzen, ist unvermeidlich (wobei eine Abnahme der Biodiversität wiederum die Verarmung der Böden tendenziell begünstigt). Dabei ist diese Artenvielfalt auch noch nach Einführung der Landwirtschaft weiter gestiegen, bis sich dieser Trend vor einiger Zeit umzukehren begann und es gerade im Zeitalter des Anthropozän zu einem sich ständig beschleunigenden Abbau an Vielfalt gekommen ist.47 Man spricht in diesem Zusammenhang auch von „Generosion“ und meint damit nicht zuletzt den Verlust an Selbstheilungskraft der Natur: Man denke nur an die verheerenden Auswirkungen, die eine aggressive Pflanzenseuche trotz aller Vorsichts- und Gegenmaßnahmen in den Monokulturen haben könnte, die die inzwischen für viele Menschen in Globo lebensnotwendige Agrarindustrie prägen.
Nun folgen aber Inhalte, die im Kapitel „Wirtschaft“ vielleicht eher erwartet werden, nämlich Angaben zu Einkommen (bzw. Produktion), Lebensstandard, Verteilung, Rohstoffen und Handel (andere Aspekte, z.B. Arbeit und Konsum, kommen in späteren Kapiteln). Sie werden hier bewusst nachrangig behandelt, denn letztlich – auch das wird oft vergessen – basiert das Überleben der Menschen nicht auf einer abstrakten „Wirtschaft“, sondern auf ausreichend Nahrung.
Auskommen mit dem Einkommen
Die Ökonomik ist die Wissenschaft von der Knappheit. Interessanterweise ist ihre Begrifflichkeit trotzdem eher am „Einkommen“ ausgerichtet, als an der Frage, wie Menschen damit „auskommen“. Zudem neigen viele Ökonominnen und Ökonomen dazu, in monetären Größen zu denken, also in Geld, überlegen aber nur selten, wie angemessen das jeweils ist. Gemessen wird das Einkommen (bzw. die Produktionsleistung) dann z.B. in inflationsbereinigter „Kaufkraft“, also „real“, wie das in der Ökonomik heißt, woran sich auch dieses Buch orientiert, wenn „$“ angegeben werden („US$“ oder „Euro“ sind hingegen nominell zu lesen).48 Rückschätzungen der Produktionsleistung ergeben dann z.B., dass das „Dorfsozialprodukt“ pro Kopf und Jahr vor 2.000 Jahren rund 470 $ betragen hat, wobei dieser Wert direkt mit heute vergleichbar ist. Das entspricht einer gesamten Produktionsleistung der damals in Globo lebenden 5 Menschen von rund 2.300 $. Ausgedrückt in Pro-Kopf-Größen veränderte es sich in der Folge kaum und war um 1500 auf rund 570 $ gestiegen (bzw. rund 4.500 $ insgesamt). Pro Kopf und Tag standen den Menschen jener Zeit also im Durchschnitt nur 1,30 bis 1,60 $ zur Verfügung, wobei sie in einer ökonomisch nahezu stagnierenden Welt lebten.49
Es kann kaum genug betont werden, wie fremd dieses Lebensgefühl allen Bewohnerinnen und Bewohnern der reichen Teile von Globo bereits seit Jahrzehnten ist. Das mag vielleicht ein Grund für die große Aufmerksamkeit sein, die der aktuellen Krise in der Dorfwirtschaft gewidmet wird (auf sie wird im Epilog noch zurückzukommen sein). Sie spielt sich auf völlig unvergleichlichem Niveau ab, denn schon im Jahr 2000 betrug das Einkommen in Globo bereits durchschnittlich mehr als 6.000 $ pro Kopf (insgesamt also 600.000 $), in den reicheren Weilern sogar mehr als 20.000 $. Zudem wächst es (zumindest bis 2007) fast ständig um mehrere Prozent jährlich – und das nicht nur absolut, sondern auch im Hinblick auf die Ungleichheit der Einkommen, die ebenfalls ständig zunimmt.
Diese Entwicklung vollzog sich natürlich nicht ohne Brüche. Im 20. Jahrhundert kam es zu zwei großen Kriegen und einer schweren Wirtschaftskrise. Dabei starb im Gefolge des ersten großen Krieges einer der damals 29 Menschen im Dorf an einer Grippe-Epidemie, und im zweiten Krieg einer von 40 durch die Kämpfe, zudem kam es zu furchtbaren Zerstörungen in Teilen des Dorfes. Erst nach diesen großen Krisen beschleunigte sich der Anstieg des Einkommens wieder, wenn auch ungleichgewichtig. Alles in allem verzehnfachte sich das Pro-Kopf-Einkommen während des Anthropozän, in Summe kam es sogar zu einer Versechsundfünfzigfachung des gesamten Dorfprodukts zwischen 1820 und 2000 auf insgesamt 601.235 $, grob verteilt auf eine Versiebenfachung vor und eine weitere nach 1950.50
Bislang war nur von der durchschnittlichen Entwicklung in ganz Globo die Rede, die aber bekanntermaßen nichts über Details aussagt. Was aber die Verteilung des „Dorfkuchens“ auf einzelne Weiler betrifft, ist zu betonen, dass sie ausgesprochen ungleich und daher möglicherweise ungerecht ausfällt, wobei auch dieses Phänomen erst während des Anthropozän in relevantem Ausmaß aufgetreten ist. Die größte Differenz zeigt sich in Globo heute zwischen den Weilern Nordamerika und Afrika: Im reichen Weiler Nordamerika steht jedem Menschen das Zwanzigfache dessen zur Verfügung, was die Menschen im armen Weiler Afrika im Durchschnitt haben. Dabei ist auch innerhalb der Weiler die Verteilung ungleich: Unter den 5 Menschen in Nordamerika ist 1 Mann, dessen Einkommen das Zwei- bis Dreifache des nordamerikanischen Durchschnitts beträgt, während unter den 13 Menschen in Afrika 5 sind (4 davon wahrscheinlich Frauen), deren Einkommen nur ein Drittel des afrikanischen Durchschnitts ausmacht. Ein ähnliches Bild würde sich bei einem Vergleich zwischen den Weilern Europa und Afrika bieten.

Der Weiler Afrika ist dabei während des Anthropozän im Hinblick auf die Wohlstandsentwicklung am weitesten „abgehängt“ worden, doch auch der Weiler Asien hat zeitweise schwere Rückschläge erlitten: Betrug der Anteil Asiens am gesamten Dorfprodukt um 1820 noch rund drei Fünftel, sank er bis 1950 auf nur noch rund ein Fünftel und ist seither immerhin wieder auf rund zwei Fünftel gestiegen. Für die Erkenntnis, dass die Gründe für diese Entwicklungen auch (natürlich nicht nur) mit Charakter und Nachhaltigkeit des europäischen Kolonialismus zu tun haben, braucht es angesichts dieser Zahlen keine komplizierten quantitativen Untersuchungen.
Eine selten erhobene und kaum je berechnete Kennzahl, die solche Unterschiede verdeutlichen könnte, ist der Lebensstandard. Hier soll – aus derselben Quelle wie die zuvor dargestellten Einkommensdaten – eine grobe Abschätzung gegeben werden, wo die einzelnen Weiler von Globo im Hinblick auf die Möglichkeit der Verbesserung desselben stehen. Dieser Information kann man sich annähern, indem man von der jährlichen Produktionsleistung einen Betrag abzieht, der für die Befriedigung der Grundbedürfnisse unbedingt erforderlich ist, und das Ergebnis über die Jahre summiert. Das Resultat gibt ein Lebensstandardpotential an, also einen Betrag, der zumindest zu Lebensstandard hätte werden können.51 Soweit es realisiert worden ist, verfügen die Menschen in den jeweiligen Weilern über dieses im Laufe der Zeit angesammelte Potential auch heute noch in Form von Geld,52 weit mehr noch aber in Form von Infrastruktur oder Bildungs- und Gesundheitssystemen von unterschiedlicher Qualität. Es stand und steht aber natürlich auch für den Luxuskonsum zur Verfügung oder, um damit Kriege zu führen, oder auch, um es einfach zu verschwenden. Die errechneten Zahlen sprechen wohl für sich.

Das Auf und Ab wirtschaftlicher Entwicklung
Das Zusammenspiel von Produktionsleistung und Technologie, wie es etwa in der Idee der Produktionszyklen zum Ausdruck kommt, ist eine zentrale Frage für die langfristige wirtschaftliche Entwicklung. Grundlegend dazu sind die mittlerweile 80 Jahre alten Überlegungen von Nikolai Kondratieff.53 Vor allem zwei Dinge waren es, die seiner Meinung nach für einen massiven Strukturbruch um etwa 1800 entscheidend waren: die Erfindung der Dampfmaschine und der Umstieg auf Baumwolle als Rohmaterial im Bekleidungswesen. Deren Kombination setzte eine bis heute nachwirkende „Textilrevolution“ in Gang: Verglichen mit früheren Zeiten wurden Kleider enorm billig und leicht verfügbar.54 Ermöglicht wurde diese Entwicklung allerdings nicht nur durch hehren Erfindergeist, sondern auch durch die Ausnutzung von billiger Arbeitskraft in den Fabriken, wo um Hungerlöhne gearbeitet wurde, und auf den Baumwollfeldern, wo Sklavinnen und Sklaven Zwangsarbeit leisteten.55
Kondratieff schrieb in der Folge das Muster aus Produktionszyklen und „Schlüsselinnovationen“ fort und wurde so zum Namensgeber des gesamten Konzepts. Der daher „Zweite Kondratieff“ basierte auf der Eisenbahn, die das Reisen, vor allem aber den Transport von Gütern vereinfachte und verbilligte, und auf dem Stahl, der neue Möglichkeiten im Ingenieurswesen erschloss. Diesem folgten Zyklen auf der Basis von Elektrotechnik und Chemie, Petrochemie und Mobilisierung und schließlich Informationstechnik, die alle auf verschiedene Weise zur Hebung des Lebensstandards beitrugen – wenn auch nur für einen Teil der Menschen in Globo und nicht ohne auch negative Folgewirkungen. Inzwischen wird – wenn auch mit offensichtlich großer Unsicherheit – über den nächsten Zyklus spekuliert,56 der mit Biotechnologie und Gesundheit in Verbindung gebracht wird, aber auch schon mit Atomenergie oder Nanotechnologie in Verbindung gebracht worden ist.

Auch wenn nicht alle davon profitierten, veränderten diese Wellen Globo doch für alle seine Bewohnerinnen und Bewohner. Die mit den jeweiligen Erfindungen verbundenen „Segnungen“ beschränkten sich vor allem auf jene reicheren Regionen, in denen sie zuerst aufgetreten und erprobt worden sind. Dort fielen die eigentlichen Gewinne an, während die Menschen in den ärmeren Regionen oft vielmehr gezwungen waren, die Entwicklungen unter großen Kosten nachzuvollziehen, um den Anschluss nicht zu verlieren.
Auf den Grund gehen: Rohstoffe und Handel
So sehr heute gerade angesichts der Bedeutung von „Innovationen“ für die Wirtschaft versucht wird, „Entwicklung“ mit dem Faktor Humankapital zu begründen, also Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten der beteiligten Menschen, so sehr ist man doch in der Produktion unverändert auch auf andere „Rohstoffe“ angewiesen. Gerade bei deren Beschaffung kam es zu enormen Veränderungen in Globo, die „erzeugte“ Menge wurde nicht selten, pro Kopf gerechnet, während der letzten 150 Jahre verhundertfacht.




Das freilich bedeutet nicht, dass sich auch die verfügbare Menge für jeden und jede in Globo derartig vergrößert hat. Vielmehr bestehen gerade in diesem Bereich große Ungleichheiten und nicht zuletzt daher kam dem Tausch von Gütern immer größere Bedeutung zu. Erst Handel ermöglicht schließlich den Zugang zu Ressourcen, die im eigenen Weiler nicht verfügbar sind. Der „Ausgleich“ auf diesem Wege ist dabei während des Anthropozän fast durchgehend stärker gewachsen als die Produktion selbst, nominell betrachtet z.B. um das 88-fache zwischen 1953 und 2003. Doch auch dieser Austausch erfasst bei weitem nicht alle Menschen und ist eher ein „Ausgleich“ zwischen Besitzenden. Nur etwa 35 Menschen in Globo nehmen derzeit überhaupt daran teil (darunter aber – zumindest indirekt über den Konsum – alle in den Weilern Europa und Nordamerika).57 Die anderen haben keinen Zugang zu den großen Märkten des Dorfes – einerseits, weil sie nicht ausreichend über Einkommen verfügen, andererseits aber auch, weil ihnen oft die nötigen Zugangsrechte fehlen.
Das freilich gilt ganz allgemein: Obwohl man in Globo kaum leben kann ohne einzukaufen, fehlt gerade den ärmsten Menschen dort oft die Möglichkeit dazu. Sie müssen teils ganz ohne Geld leben, können sich aber auch mit Geld nicht alles kaufen, weil es für sie schlicht nicht angeboten wird. Das gilt auch für jenes „Lebensmittel“, das im Mittelpunkt des folgenden Kapitels steht: die Nahrung.
Kapitel 3: Landwirtschaft und Ernährung
Lebensmittel
In der langen Dorfgeschichte von Globo war die Landwirtschaft der insgesamt mit Abstand wichtigste Wirtschaftszweig. Das gilt auch im Hinblick auf den Lebensunterhalt: Bis ins späte 20. Jahrhundert lebte der größte Teil der Dorfbevölkerung von der Landwirtschaft und in vielen Regionen des Dorfes (z.B. im Weiler Afrika oder im Süden des Weilers Asien) ist dies bis zum heutigen Tag so. So oder so müssen aber alle Menschen essen, was Ernährung eigentlich zum wichtigsten Thema überhaupt macht. Außerdem ist – nomen est omen – der Mangel an Lebensmitteln über die Jahrtausende auch eine der häufigsten Todesursachen im Dorf bzw. die Hauptursache dafür, warum Menschen früher sterben, als es sein müsste.
Aber können in Globo überhaupt genug Nahrungsmittel für alle produziert werden? Der schon erwähnte Thomas Malthus war hier pessimistisch: Er erwartete eine eher stabile Bevölkerungszahl, deren eigentlich exponentielles Wachstum durch Hunger, Kriege, Seuchen usw. „reguliert“ würde. Zu solchen Krisen ist es auch in den letzten 200 Jahren durchaus gekommen, die Bevölkerung von Globo hat sich aber trotzdem versechsfacht. Andere, z.B. Franz Oppenheimer, der dem Dorf eine Kapazität von bis zu 4.000 Menschen58 zubilligte, meinten daher, dass die Sorge um die Ernährung mit der Sorge um die Erkaltung der Sonne vergleichbar wäre. Seine Vorstellung war ebenso von der Technikeuphorie um 1900 getragen, wie Malthus von den technischen Möglichkeiten späterer Zeiten verständlicherweise nichts wissen konnte. Beide Theorien sind aber in den jeweils eigenen Erfahrungen wohl fundiert und schrieben sie eben in die Zukunft fort. Das aber gilt auch für viele heutige Prognosen und Spannweite wie Fehlerhaftigkeit der beiden erwähnten Ansätze zeigt, wie vorsichtig man mit solchen Schätzungen stets sein sollte.
Wo immer die Wahrheit zwischen diesen beiden Polen auch liegen mag, die in Globo unverändert virulente Nahrungsmittelknappheit ist heute jedenfalls kein eigentliches Produktionsproblem, sondern ein Verteilungsproblem. Allerdings hat das Bevölkerungswachstum in Globo die zwischen 1950 und 1980 auch pro Kopf ständig steigende Getreideproduktion inzwischen überholt. Es ist daher zu hoffen, dass es nicht zu einer Produktivitätskrise kommt, denn die Getreideanbaufläche lässt sich letztlich nur schwer vergrößern und nimmt daher pro Kopf betrachtet ab (auf inzwischen nur noch 0,11 Hektar pro Kopf). Was ebenfalls sinkt, sind die Reserven: Während die Speicher 1961 noch für 90 Tage ausgereicht haben, genügten sie im Jahr 2000 nur noch für 62 Tage, Tendenz fallend.59 Dafür braucht es in Globo nicht einmal ein eigenes Vorratslager, denn umgerechnet wäre das kaum mehr als ein 50-Kilo-Sack pro Kopf, der im Katastrophenfall nach nur zwei Monaten aufgegessen wäre, wenn der Verbrauch nicht eingeschränkt würde (was nur begrenzt möglich ist). Auch wenn dieser Extremfall nicht sehr realistisch ist, verweist dieser Rückgang doch darauf, dass Kriege, Missernten oder Umweltkatastrophen gerade den Getreidepreis enorm beeinflussen würden.


Getreide ist dabei natürlich nicht gleich Getreide: Während die Pro-Kopf-Produktion von Weizen, Reis und vor allem Mais sich im letzten Jahrhundert teils mehr als verdoppelt hat, ist die von Roggen und Hafer deutlich zurückgegangen. In ähnlicher Weise stieg die Fleischproduktion, während die Milch- und die Fischproduktion bereits seit einiger Zeit stagnieren (jeweils pro Kopf betrachtet), und bei Gütern, die für die alltägliche Ernährung in Globo in der Regel nicht zentral sind (wie Obst und Gemüse, die zum Teil vielmehr sogar Luxusgüter sind), sind die Steigerungsraten oft besonders groß.
Der Großteil dieser Zunahme basiert dabei auf Verbesserungen der Produktivität.60 Zentrale Faktoren dafür sind der Einsatz von mehr Energie und Chemie, vor allem von Maschinen, Düngemitteln und Pestiziden, nicht zuletzt in der Produktion von Futtermitteln. Ein Schlüssel dafür war die Verwendung von immer mehr Erdöl in der sich industrialisierenden Landwirtschaft, vor allem in den reicheren Teilen von Globo, während in den ärmeren Teilen auch heute noch die menschliche Arbeitskraft in einer nicht einmal mechanisierten Landwirtschaft dominiert. Dass es sich aufgrund dieser völlig unterschiedlichen Rahmenbedingungen bei den Ergebnissen dieser Produktionsprozesse eigentlich um zwei verschiedene Güter handelt, die auf den Märkten von Globo jedoch in direkter (und daher meist unfairer) Konkurrenz zueinander stehen, sei hier nur kurz angedeutet.
Bei dieser Erfolgsbilanz im Hinblick auf die reine Produktion gibt es aber auch Nebenwirkungen. So findet sich in den Ernten nur etwa ein Drittel bis zur Hälfte des als Dünger verwendeten Stickstoffs, während ungenutzte Reste Erdboden und Trinkwasser in Globo verun-reinigen.61 Ähnlich problematisch ist auch der Einsatz von Pestiziden im Dorf. In diesem Zusammenhang wird manchmal sogar von einem „Overkill“ in der Landwirtschaft gesprochen, da nur teilweise jene „Schädlinge“ getroffen werden, die man eigentlich bekämpfen will, der Rest richtet „Kollateralschäden“ an, oft sogar an „Nützlingen“.
Knappe Flächen
Bevölkerung und landwirtschaftliche Produktivität steigen in Globo, die Landfläche hingegen ist begrenzt. Dabei ist die Ackerfläche für die Ernährung von besonderer Bedeutung. Sie umfasst nur 25 Hektar und damit ein Zehntel der gesamten Landfläche. Für die Ernährung kommt eine mehr als doppelt so große Fläche (57 Hektar) dazu, die als Weideland für die Viehzucht verwendet werden kann, jedoch – wenn überhaupt – nur mit großer Mühe in wenig ergiebiges Ackerland umgewandelt werden könnte. Von diesen „landwirtschaftlichen“ Flächen steht dabei pro Kopf betrachtet in den Weilern Nordamerika und Lateinamerika deutlich mehr zur Verfügung als in den Weilern Afrika, Asien und Europa.
Land steht also nicht unbegrenzt zur Verfügung. „Echte“ Knappheit beginnt aber erst bei 700 Quadratmetern pro Kopf, die nach heutigem Stand der Technik eine ausreichende, nachhaltige Ernährung gerade noch erlauben, allerdings auf rein vegetarischer Basis.62 Dieser Wert wird vermutlich auch während des 21. Jahrhunderts nicht erreicht, jedoch handelt es sich dabei um eine typische Durchschnittsaussage.

Denn praktisch gibt es schon Weiler im Dorf, in denen eine solche Verknappung Realität ist, 8 Menschen sind bereits betroffen. Träfe eine Prognose für das Bevölkerungswachstum im oberen Bereich ein, würde deren Zahl bis 2050 auf 45 Menschen ansteigen.63 Das wäre dann wenigstens ein Viertel der Dorfbevölkerung, noch dazu eines mit sehr beschränkten Einkommensquellen.
Was aber wird eigentlich auf den 25 Hektar Ackerland in Globo angebaut? Es dominiert Getreide, vor allem Weizen (3,5 Hektar), Reis (2,6), Mais (2,6) und Soja (1,5). Auf ca. 4 Hektar wachsen Ölsaaten und auf je rund 1 Hektar Hülsenfrüchte bzw. Knollen und Wurzeln (darunter Kartoffeln). Noch unter je 1 Hektar liegen die Flächen für den Anbau von Gemüse und Obst. In einzelnen Weilern kommen lokale Besonderheiten auf jeweils weniger als 1 Hektar hinzu, wie etwa Sorghum, Hirse und Cassava in Afrika oder Gerste in Europa. Dabei wird nur ein Viertel des genutzten Ackerlandes (rund 5 Hektar) künstlich bewässert, größtenteils in den reicheren Regionen von Globo, während andererseits 4 Hektar brach liegen.64
Das „süße“ Nass
Neben der Landknappheit dürfte die Süßwasserknappheit in Globo in den nächsten Jahrzehnten ein vermutlich noch größeres Problem darstellen – gerade für die Landwirtschaft, auf die mehr als 60 Prozent des Wasserverbrauchs entfällt. Wasser wird eben nicht nur getrunken, sondern auch – meist indirekt – gegessen.


Nach einem ersten oberflächlichen Blick auf die Ressource Wasser in Globo könnte man freilich den Eindruck bekommen, dass es sich dabei um einen unerschöpflichen Rohstoff handelt. Allerdings sind mehr als 97 Prozent dieses Wassers salzig. Vom kümmerlichen Rest wiederum ist der größte Teil als Eis gebunden (vor allem in der Antarktis) und daher letztlich ebenfalls nicht verfügbar. Damit bleiben nur 0,65 Prozent als verfügbares Süßwasser übrig, wovon der Großteil als Grundwasser teils tief in der Erde liegt. Mit anderen Worten: nur ein winziger Rest findet sich leicht zugänglich in Flüssen und Seen, im Boden und in der Atmosphäre.65
Trotz dieses verschwindend kleinen Anteils ist das große Problem nicht die Menge an sich. Im Jahr 2005 betrug das Volumen des erneuerbaren Süßwassers 8.500 Kubikmeter pro Kopf und Jahr (also insgesamt fast 1 Milliarde Liter pro Jahr für Globo).66 Als „Wasserknappheit“ würde erst ein Wert unter 1.700 Kubikmetern pro Kopf und Jahr gelten, als „Wasserstress“ Mengen unter 1.000 Kubikmetern.67 Natürlich steckt der Teufel auch hier wieder einmal im Detail des Durchschnitts, und während in manchen Regionen mehr als 50.000 Kubikmeter pro Kopf und Jahr zur Verfügung stehen, sind es in anderen bereits heute weit weniger als 1.000. Zudem hat sich die Menge an durchschnittlich verfügbarem Wasser seit 1950 allein infolge des Bevölkerungswachstums halbiert.
Insgesamt liegt der Wasserverbrauch trotzdem noch bei „nur“ 870 Kubikmetern pro Kopf und Jahr, was freilich immerhin das Drei- bis Vierfache des Werts vor dem Anthropozän ist.68 Davon wird nur ein winziger Anteil in seiner ursprünglichen Form getrunken. Im Essen hingegen ist weitaus mehr Wasser gebunden, als zu sehen ist: Nicht nur in den bewässerten Feldfrüchten, sondern auch im Fleisch sind oft tausende Liter pro Kilogramm als so genanntes „virtuelles Wasser“ gewissermaßen indirekt enthalten.69 Daher übersteigt der Verbrauch in den reichen Regionen von Globo und jenen mit intensiver Bewässerungslandwirtschaft schon heute oft 2.000 Kubikmeter (also 2 Millionen Liter) pro Kopf und Jahr. Eine weitere Zunahme im derzeitigen Tempo würde die Kapazitäten bald sprengen und Wasser sparende Technologien werden zur Notwendigkeit.
Der ökologische Kollaps käme allerdings schon davor, wenn Flüsse und Feuchtgebiete austrocknen.70 Nicht erst dann droht der „Kampf“ ums Wasser auszubrechen. Er beginnt schon mit unscheinbaren Fragen, z.B. mit welchen Nahrungsmitteln die Menschen in Globo sich ernähren. So braucht man etwa zur Produktion von Fleisch nicht zuletzt wegen der Futtermittel nicht nur ein Vielfaches an Boden, sondern auch die vielfache Menge Wasser, die zur Produktion derselben

Energiemenge in Form von z.B. Getreide nötig wäre.71 Nicht zu vergessen ist auch, dass schon heute in Globo rund acht Prozent der Nahrungsproduktion auf der Nutzung „fossiler“ Wasservorkommen beruht, d.h. solcher, die dadurch endgültig verbraucht werden. Schon 8 Menschen ernähren sich also „auf Kosten kommender Generationen“,72 was Konflikte zweifelsohne weiter fördert. Dazu kommt der Kampf um Wasser innerhalb der und zwischen den Wirtschaftssektoren: Vor allem die Industrie, aber auch die Dienstleistungsbranche (man denke etwa an Golfplätze in wasserarmen Regionen) wollen letztlich ihren Verbrauch auf Kosten der Landwirtschaft steigern. Es ist daher zu befürchten, dass schon in naher Zukunft die Süßwasserproblematik noch mehr Sprengkraft entwickeln wird als heute, wo es Nutzungskonflikte vor allem in klimatisch sensiblen Regionen gibt (z.B. um das Nil- oder das Jordanwasser). Prognosen deuten zudem darauf hin, dass sich die Knappheit ausweiten wird, so etwa auch auf Teile des Weilers Europa.
Wird das Meer bald leer (gefischt sein)?
Das Wasser scheint unerschöpflich, aber es scheint eben nur so. Ebenso schien ausgeschlossen, dass die Menschen in Globo es jemals schaffen könnten, den Fischbestand in Bedrängnis zu bringen. Ganz im Gegenteil: Meerestiere galten als sichere Nahrungsquelle für die Zukunft des Dorfes. Heute sieht das anders aus. Hat sich die gesamte Fangmenge von 1950 bis in die 1980er-Jahre noch rund verfünffacht, so stagniert sie seit damals pro Kopf und sinkt bei einigen Fischarten sogar dramatisch. Es ist daher zu befürchten, dass auch immer ausgefeiltere Fangmethoden nicht mehr in der Lage sein werden, diesen alles andere als „natürlichen“ Schwund auszugleichen.73 Sie sind vielmehr wesentliche Ursache des Problems.

Auch offizielle Stellen warnen daher bereits vor dem teilweisen Zusammenbruch des Fischfangs mit den damit verbundenen Konsequenzen für ganze Ökosysteme und Gesellschaften. Durch die Konkurrenz industrieller Fangflotten ist es an vielen Küsten schon heute nicht mehr möglich, den Lebensunterhalt mit traditioneller Fischerei zu verdienen. Befürchtungen gehen davon aus, dass wild aufgewachsener Fisch schon in wenigen Jahrzehnten in Globo praktisch verschwunden sein wird.74 Inwieweit Fischzuchten diese Nahrungsmittellücke schließen könnten, ist zweifelhaft, insbesondere, wenn man an die ökologischen Folgen mancher dieser „Kulturen“ denkt.
In der Tat, man sollte die „Produktivkräfte“ des Menschen und auch sein „Effizienzstreben“ nicht unterschätzen, vor allem nicht seine „Kreativität“ gerade in diesen Feldern. Er könnte es sogar schaffen, sich dieser wichtigen Ernährungsquelle in absehbarer Zeit selbst zu entledigen. Freilich sei angesichts dieser Entwicklung die Frage erlaubt, ob ein solches Verhalten denn wirklich „menschlich“ wäre (gar nicht zu reden von „vernünftig“), oder ob es nicht vielmehr dem eines Raubtieres gliche (eines kurzsichtigen freilich).
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