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Читать книгу: «Liebesdramen»

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Erster Theil

Erstes Capitel.
Welches allen ersten Capiteln gleicht

Wenn wir uns die Erlaubniß nehmen, unsere Leser nach Châteaudun zu führen, so sind mir im Voraus auf die Frage gefaßt: Was ist Châteaudun? wo liegt es?

Châteaudun ist die vormalige Hauptstadt der Grafschaft Dunois in Beauce. Und um jeder weitern Interpretation zuvorzukommen, setze ich hinzu, daß die Landschaft Beauce, welche in das Gebiet von Chartres, in Dunois und Vendomois zerfiel, ein prosaisches Aussehen hat und folglich den Poeten, Künstlern und andern Leuten, die keinen Werth auf Grundrenten legen, sehr häßlich erscheinen muß; wer hingegen fette Weizen- und Kleefelder mit einem gelb- und grüngestreiften Horizont den reizendsten Gebirgspartien der Alpen und Pyrenäen vorzieht, wird Beauce für das schönste Land der Welt halten.

Jeder Reisende, der durch dieses Land kommt, wird indeß zugeben, daß einige Bauminseln in diesem Getreidemeere, wie grüne Oasen in der Wüste, reizender scheinen, als sie wirklich sind.

Eine solche angenehme Unterbrechung der Einförmigkeit findet statt, wenn man, von Chartres kommend, über den Pappeln am Ufer des Loir den Höhenrücken bemerkt, auf welchem das Städtchen Châteaudun und das alte prächtige Schloß Montmorency erbaut ist.

Felsengruppen, Schluchten, grüne Bäume, mitten in der flachen, eintönigen Beauce! Man könnte die Landschaft, die sich plötzlich entrollt, für eine Theaterdecoration halten.

Diese liebliche Oase ist mit Schlössern und Landhäusern übersäet, deren Bewohner in sehr lebhaftem Verkehr mir einander stehen.

Dies war zumal im Anfange der Regierung Ludwig Philipps der Fall, in jener Zeit, wo wir Gelegenheit hatten, in einige Gesellschaftskreise von Châteaudun eingeführt zu werden und von den Ereignissen, die wir erzählen wollen, Kenntniß zu bekommen.

Es war die Zeit, wo eine jetzt in den Ehestandskatakomben begrabene Generation im vollen Glanz der Jugend strahlte, eine Generation, welche durch die von einer Revolution so gewaltsam geöffneten Thore um das Jahr 1832 in die große Welt einzog.

Es war ein seltsames Geschlecht, lebhaft, erregbar, leichtsinnig, gewissermaßen wie die Krieger des Kadmus, aus Drachenzähnen hervorgegangen, während eines kurzen Friedens zwischen zwei blutigen Kämpfen geboren, unter Trommelschlag aufgewachsen; ein Geschlecht, das in dem Alter, wo andere Kinder Ballspielen, nicht in Soldatenuniform, sondern in der Schälerjacke, mit der Flinte auf dem Rücken fortzog, um Paris zu vertheidigen.

Die Väter waren im Kampf gefallen; ihre nun verwaisten Söhne hatten sie kaum gekannt. Eines Morgens waren sie, wie einst Rodrigo zu Ximenes, auf blutbeflecktem Roß vor die Thür gekommen und ohne abzusteigen, nahmen sie Abschied von ihren Frauen, ließen sich ihre Kinder aufs Pferd reichen, küßten sie, gaben sie ihren Müttern zurück und ritten fort.

Als endlich der große Feldherr, der die Seele aller dieser Körper gewesen war, in einem Sturme verschwand und eine mit Pulverrauch angefüllte, von Blitzen durchzuckte Atmosphäre zurückließ, wankte die Generation auf den Trümmern eines für den Krieg gebornen Reiches. Sie war zum Frieden verurtheilt: in den Nächten träumte sie von den sandigen Ebenen Egyptens, von den schneebedeckten Bergen Syriens, und als sie erwachte, erblickte sie statt jenes Kriegsgottes, statt jener Heldengestalten mit Erstaunen eine schwerfällige sechsspännige vergoldete Kutsche, und in derselben einen bejahrten kränkelnden König, der für die alten Mäntel, von denen man die Bienen abgekratzt, neue mit Lilien besetzte Fracks austheilte.

Zwei Welten standen einander gegenüber: die bis zu Ludwig dem Heiligen zurückreichende Welt der Vergangenheit, und die mit Napoleon entstandene Welt der Gegenwart und Zukunft.

Und zwischen diesen beiden Welten, einem nur in flüchtigen Umrissen sichtbaren, aber furchtbar drohenden Gespenst gleich jene Göttin, die drei Jahre lang ein Schaffot als Thron erwählt und nach schweren blutigen Geburtswehen die Freiheit gebar.

Es war eine fieberhaft aufgeregte, aber ehrliche, würdevolle, überzeugungstreue Zeit. Der Börsenschwindel hatte unsere Gesellschaft noch nicht ergriffen; die Stunde hatte noch nicht geschlagen, wo ein Pair von Frankreich, ohne Aergerniß zu geben, sich unter die Coulissiers der Börse mischen konnte.

Es war daher natürlich, daß die jungen Leute, die das Fontanell der Spekulation noch nicht hatten, von einer unbeschreiblichen Unruhe getrieben und von thörichten, unerreichbaren Wünschen erfüllt, sich Hals über Kopf in zweckloses Beschäftigungen oder stürmische Genüsse stürzten. Alle Lebenskraft, alles Jugendfeuer vergeudeten sie in tollen Gelagen, unsinnigen Wetten und Glücksspielen, in Hetzjagden und Maitreffen. Die Lebemänner in der Provinz standen damals denen in Paris an wahnsinniger Verschwendung keineswegs nach; viele Trümmer geben noch heute Zeugniß davon.

Zu jener Zeit, die wir in dieser Hinsicht wahrhaft bevorzugt genannt haben, enthielt die Stadt Châteaudun mit ihren Umgebungen wohl zwanzig solcher unbeschäftigten Söhne vornehmer Familien, und dies trug nicht wenig dazu bei, der dortigen Gesellschaft den alten Ruf der heiteren, wenn auch nicht selten in Tollheit ausartenden Lebenslust zu erhalten.

Der auffallendste, wenn nicht angesehenste unter den dortigen Lions – dieses Wort war eben damals aufgekommen – war damals Marquis von Escoman.

Er war vermählt, aber er hatte die Ehe nur als ein Mittel betrachtet, seinen großen Aufwand fortzusetzen. Als guter Franzose hatte er bei der Wahl seiner Gattin nur die finanziellen Vortheile berücksichtigt, und das Geld seiner Frau glitt ihm eben so leicht und schnell durch die Finger, wie zuvor sein eigenes, oder vielmehr wie das Geld seines Vaters.

Der Marquis von Escoman war dreißig Jahre alt. Die Julirevolution hatte ihn als Unterlieutenant unter den Gardedragonern gefunden. Er war ein höchst liebenswürdiger, wenn auch nicht sehr tüchtiger Offizier, der viel häufiger aus Bällen in den Notizbüchern der Damen für Contretanz, Walzer und Polka, als in den Tabellen des Kriegsministeriums für das Avancement vorgemerkt war. Er würde indeß unter der ältern Linie der Bourbons immerhin Aussicht auf eine ehrenvolle Laufbahn gehabt haben, wenn die Julirevolution nicht ausgebrochen wäre.

Der Marquis hielt es unter seiner Würde, einem Bürgerkönige zu dienen, der baumwollene Handschuhe trug, zu Fuß mit einem Regenschirm unter dem Arme ausging und auf den Ruf des Pariser Pöbels auf dem Balcon erschien, dreimal grüßte und die Marseillaise sang. Er nahm seinen Abschied und ging nach Hause.

Er langweilte sich ungeheuer bis zur Eröffnung der Jagd, die einen Monat nach dem Regierungsantritt das neuen Königs folgte. Am 5. September nahm er seine Doppelflinte und durchstreifte in Begleitung seines Hühnerhundes die Felder; aber als die Rebhühner nicht mehr »halten« wollten, als das Glatteis die Hetzjagden unmöglich machte, sah sich der Marquis wieder auf die Gesellschaft ältlicher Damen, noch älterer Ludwigsritter und einiger eben aus der Schule entlassenen jungen Leute beschränkt und die Langweile wurde ihm bald unerträglich.

Er sah sich um und sann nach, was er wohl Gutes oder Böses unternehmen könne. Wir müssen ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er sich nicht mehr zu dem bösen Princip als zu dem guten hinneigte.

Die ländliche Einsamkeit war die Hauptschwierigkeit, die er zu überwinden hatte. Er mußte, wie die Spanier sagen, den Stier bei den Hörnern fassen. Er versuchte die Einöde zu bevölkern.

Eine der ersten Blüthen, welche die im Entstehen befindliche Gesellschaft trieb, war ein schönes Mädchen, welches sich der Marquis zur Geliebten erkor. Es war keine »Courtisane« mehr und auch noch keine »Lorette«, es war ein Mittelding zwischen beiden. Sie hieß Margarethe Gelis.

Trotzdem entschloß sich der Marquis, eine Frau zu nehmen; die Gründe dieses Entschlusses sind uns bereits bekannt; wir haben nur noch zu sagen, wie diese echt französische Ehe zu Stande kam.

Der Marquis von Escoman, dessen ererbtes Vermögen bereits im Dienste Sr. Majestät Carl X. bedeutend zusammengeschmolzen war, hatte dasselbe in den zwei Jahren zwischen der Julirevolution und der Zeit, in welcher unsere Erzählung beginnt, vollends verthan. Nach einem Jahre waren alle seine Güter mit Hypotheken belastet, und nach zwei Jahren begann der Credit, der den reichen Gutsherren in so reichem Maße zu Gebote steht, die Schnüre seines Geldbeutels fester anzuziehen.

Der Notar des Marquis erklärte seinem Clienten eines Tages die Unmöglichkeit, eine neue Anleihe zu machen und bewies ihm, daß er die Wahl zwischen zwei Mitteln habe, nicht in den Abgrund zu stürzen, an dessen Rand er stehe: er müsse entweder »ausspannen« oder eine Frau nehmen.

Der Marquis würde nicht einmal unter der Bedingung, die Ludwig XV. seinem Leibarzt stellte, nemlich »den Hemmschuh einzulegen«, den ersten Theil des Vorschlags angenommen haben; der zweite Theil allein schien ihm ausführbar und er erwiederte mit einem Seufzer: »Gut verschaffen Sie mir eine Frau.«

Der Notar meinte, man müsse das Eisen schmieden, so lange es heiß sei; er schlug daher seinem Clienten eine Partie mit 45,000 Franken jährlicher Renten vor. Der Marquis war so freudig überrascht, daß er sich sogleich bereit erklärte, die Million anzunehmen, ohne die Hände, die sie ihm bringen sollten, in Augenschein zu nehmen.

Der Marquis war in der That ein Glückskind. Die Inhaberin der Million hatte schöne, weiße, aristokratische Hände; sie war die letzte Blüthe eines hochansehnlichen alten Stammes in der Landschaft Blois, zählte achtzehn Jahre, war sehr hübsch und hatte eine sorgfältige Erziehung genossen. Ueberdies war sie eine Waise, und das verdoppelte den Werth der Million in den Augen des künftigen Gemals, der sich der lästigen Ueberwachung von launischen Schwiegereltern überhoben sah.

Einige Tage nach seiner Unterredung zwischen dem Marquis und seinem Notar wurden die beiden jungen Leute einander vorgestellt, und nach einer zweimonatlichen Bewerbung, die dem Marquis schwere Opfer an den gewohnten Genüssen kostete, wurde er in der Kirche zu Châteaudun mit dem Fräulein von Nanteuil vermält.

In einer sogenannten C o n v e n i e n zheirat – ein nach unserer Meinung sehr unpassender Ausdruck, denn es kommt dabei ja nicht in Betracht, ob die künftigen Gatten einander C o n v e n i r e n – ist fast immer gegenseitige Gleichgültigkeit, auf einer Seite oft sogar entschiedene Abneigung vorhanden. Dies war jedoch bei dieser bevorstehenden Verbindung nicht der Fall; denn obgleich Emma – so hieß das Fräulein von Nanteuil – dem Marquis sehr gleichgültig war, so liebte sie ihn doch aufrichtig und mit aller Hingebung.

Die jungen Mädchen aus den höheren Ständen mögen Sympathien und Hoffnungen gehegt haben, aber selten haben sie mehr empfunden, und noch seltener hat die Strenge ihrer Erziehung eine wirkliche Liebe in ihnen entstehen lassen. Sie haben in den Jahren, welche die Kindheit von der Vermählung trennen, wohl Sehnsucht nach Liebe gefühlt und ungeduldige Wünsche gehegt; aber ihre Stellung in der Gesellschaft ist so scharf abgegrenzt, daß nur wenige von ihren vorhandenen Gefühlen etwas merken lassen und fast alle sich die Ohren zuhalten, um das ungestüme Pochen ihres Herzens nicht zu hören. Sie träumen viel und glauben zu lieben, ohne wirklich zu lieben. So schwankt ihr Gemüth zwischen lauter Traumbildern, ähnlich den vom Lufthauch umhergetriebenen Sommerfäden, die nicht Festigkeit genug haben, um einen dauernden Standpunkt einzunehmen.

In einem Kloster erzogen, hatte Emma nur im Geiste ihren zukünftigen Gatten gesehen. Als ihr daher der Vormund auf den Antrag des Notars einen liebenswürdigen, ihren schönsten Träumen entsprechenden jungen Mann vorstellte, glaubte sie an eine Fügung der Vorsehung und dankte Gott von ganzem Herzen für das Glück, das ihr zu Theil wurde.

Die bisher unbekannten Gefühle, welche der tägliche Verkehr mit dem Marquis in ihr merkte, bewirkten wie ein magnetischer Strom diesen Uebergang von der Zuneigung zur Liebe.

Die Sinne sind um so thätiger, je weniger ihre Thätigkeit geahnt wird. Wenn daher Emma von ihrem Verlobten sprach und »mein schöner Raoul« sagte, so war leicht zu erkennen, daß sie ungeachtet ihrer Reinheit und Unschuld ein sinnliches Wohlgefallen an ihm fand; man ahnte, daß es keine blos geistige Liebe war, welche das holde Mädchen an den Mann ihrer Wahl fesselte, und man sah ihre Verblendung, wie es die vernünftigen Leute nannten.

Denn es fehlte nicht an Warnungen über das ihr bevorstehende Schicksal; es fehlte nicht an Briefen ohne Namensunterschrift, denen sie wohl keinen Glauben schenken mochte; der Wunsch, die Marquise von Escoman zu werden, war bei der armen Emma so lebhaft, daß sie nicht nur den anonymen Briefen und wohlgemeinten Warnungen, sondern auch den dringenden Vorstellungen einer mütterlichen Freundin widerstand. Die Letztere war eine alte Dienerin, die wegen ihrer Treue und Ergebenheit nach und nach den Platz eingenommen hatte, der durch den frühen Tod der Mutter des Fräuleins von Nanteuil erledigt worden war.

Susanne Mottet war Kammerjungfer des Fräuleins von Nanteuil, der nachmaligen Gräfin von Nanteuil, gewesen und hatte acht Tage nach der Vermählung ihrer Herrin einen Kammerdiener des Herrn von Nanteuil geheiratet. Sie war die Amme der kleinen Emma geworden und hatte ihre zärtliche Sorge zwischen dieser und ihrem eigenen Kinde getheilt.

Das letztere starb und es schien der treuen Susanne, als sei die Seele des Verstorbenen in ihren leiblichen Säugling übergegangen; so tröstete sie sich durch die sorgsame Pflege der kleinen Emma über den Verlust ihres eigenen Kindes. Die derbe Bäuerin war der Kleinen mit wahrhaft leidenschaftlicher Zärtlichkeit zugethan; sie war sorgsamer, ängstlicher, als die Mutter selbst. Bei der mindesten Unpäßlichkeit ihres Lieblings vergoß sie Thränen, bei dem geringsten Unfall hörte man Susanne schreien. Man pflegt die gänzliche Hingebung einer Person an eine andere mit den Worten auszudrücken: sie würde das Leben für sie geben. Diese sprichwörtliche Redensart war bei Susanne Mottet ganz buchstäblich zu nehmen. Diese Zärtlichkeit ging so weit, daß Frau von Nanteuil die Sache für bedenklich fand. Die Eifersucht einer Mutter ist leicht zu wecken. Die Dame glaubte, ihr Kind werde zu ihrer überzärtlichen Amme eine entschiedene Zuneigung bekommen und dem Mutterherzen entfremdet werden, und sie beschloß Susanne Mottet zu entfernen.

Dieses Mal blieb es aber nicht bei Thränen und Jammergeschrei. Die arme Susanne war ein Bild stummer Verzweiflung, und die Gräfin sah ein, daß sie nicht das Recht hatte, sie so hart zu behandeln. Bestand doch ihr ganzes Unrecht in allzu zärtlicher Liebe, zu einem fremden Kinde. Susanne Mottet blieb bei der kleinen Emma, und da sie mit wunderbarem Instinkt die Ursache dieser beschlossenen Entlassung eingesehen hatte, da sie sogar Anwandlungen von Eifersucht fühlte, wenn das Kind zärtlich mit der Mutter war, so beschloß sie, in Gegenwart der Frau von Nanteuil, sogar vor den Dienstleuten und Fremden ihre leidenschaftliche Zärtlichkeit zu verbergen. So gewann sie nach und nach so viele Selbstbeherrschung, daß sie die Hoffnung, die ihr Leben war, in ihr Herz verschloß.

Aber kaum war sie allein mit dem Kinde, so überließ sie sich ganz ihren Gefühlen; sie drückte es mit Entzücken und Freudenthränen an ihr Herz, nannte es mit den zärtlichsten Namen und geberdete sich wie toll.

Die kleine Emma, welche nur zwei Personen, ihre Mutter und Susanne, in der Welt kannte, theilte zwischen ihnen ihre ganze Zärtlichkeit, von welcher die Mutter nur sehr wenig mehr erhielt als die Amme.

Ueberdies wurde Emma, als sie größer ward, ihrer Mutter immer näher gerückt; sie schlief nicht mehr in der Stube ihrer Amme, sondern in einem großen Cabinet neben dem Zimmer der Gräfin.

Diese Uebersiedlung war eine schwere Prüfung für Susanne; es schien ihr, als würde ihr die Hälfte ihres Glückes geraubt, als würden die Nächte aus ihrem Leben genommen. Oft schlich sie in der Dunkelheit, während Frau von Nanteuil schlief, mit angehaltenem Athem und ungestüm pochendem Herzen, als ob sie ein Verbrechen begehen wollte, in das Cabinet, um ihre kleine Emma zu küssen. Ein paarmal erwachte die Mutter und Susanne gab vor, es sei ihr vorgekommen, das Kind schreie und sie habe keine Ruhe gehabt.

Es war die Zeit der großen Kriege. Der Graf von Nanteuil war Oberst eines Kürassierregimentes, er hatte die Siege des Kaisereiches mit erkämpft und nahm nun an den Niederlagen Napoleons theil. Er war an der Moskowa, bei Leipzig und Montmiral verwundet worden; bei Waterloo blieb er.

Die Gräfin erhielt eines Tages von dem Kriegsminister einen schwarzgesiegelten Brief, der ihr diese Trauerbotschaft brachte.

Die kleine Emma war damals zwei Jahre alt.

Wenn uns der Tod eine tiefe Wunde geschlagen hat, werden uns die Ueberlebenden um so theurer. Die Gräfin von Nanteuil wandte nun der kleinen Emma ihre ganze Liebe zur bis zum zehnten Jahre kam das Kind fast nie von der Seite der Mutter, und Susanne wurde, ohne eine Fremde für die Kleine zu werden, allmälig aus ihrer nächsten Umgebung entfernt.

Zwanzigmal war die Amme, der diese Entfernung von dem geliebten Kinde das Herz brach, im Begriff, ihren Abschied zu verlangen und sich in ihre Familie zurückzuziehen, aber sie hatte nicht den Muth dazu; sobald sie den Mund aufthat, um der Grafen ihr Anliegen vorzutragen, erstorben ihr die Worte auf der Zunge. Sie dachte: nur noch einen Tag! Der Tag verstrich und sie war eben so schwach wie gestern.

Eines Abends, als die Gräfin von einer Spazirfahrt nach Hause kam, klagte sie über heftiges Seitenstechen. Sie war im offenen Wagen gefahren; das Wetter war kalt und in ihrer Besorgniß um die kleine Emma hatte sie ihren Pelz abgenommen und das Kind in denselben gehüllt. Sie hielt es nicht für nothwendig, den Arzt kommen zu lassen. Vierundzwanzig Stunden nachher brach eine Lungenentzündung aus, und diese Krankheit machte so rasche Fortschritte, daß die Gräfin nach dreitägigem Krankenlager starb. Die Sorge für ihr Kind blieb nun der treuen Susanne überlassen.

Das menschliche Herz hat oft seltsame Widersprüche. Susanne war der Gräfin treu ergeben, aber als diese die Augen geschlossen hatte, glaubte sie doch eine innere Stimme zu hören, welche ihr zuflüsterte: »Jetzt erst ist Emma wirklich dein, Niemand kann Dich jetzt hindern sie zu lieben.«

Sie erschrak, als sie diese innere Stimme vernahm, aber sie drückte das Kind zärtlich an ihr Herz.

Ein Oheim der Gräfin von Nanteuil, ein eifriger Royalist, wurde zum Vormund der Waise ernannt. Er hatte seine Nichte, deren Gemahl dem Usurpator diente, sehr selten besucht, so daß er seine Mündel kaum kannte. Er beschloß Emma in eine der besten Kostschulen der Hauptstadt zu geben, und gab der Amme die Erlaubniß, ihr geliebtes Kind zu begleiten; er wußte, daß es der Wunsch der Gräfin gewesen war. – Mehr konnte ja auch Susanne nicht wünschen.

So verflossen sechs Jahre. Die Erziehung der jungen Gräfin war vollendet und ihr Vermögen unter der redlichen und verständigen Verwaltung des Vormundes fast verdoppelt. Dieser sagte einst zu seinem Notar:

»Sie wissen, lieber Herr Pienat, daß ich eine Mündel zu verheiraten habe; auf Vermögen sehe ich nicht, aber ich will einen gutgesinnten Edelmann aus altem Hause.«

Drei Tage nachher kam der Marquis von Escoman zu dem Notar, um eine Anleihe zu machen, und der Notar machte seinem Clienten den oben erwähnten Antrag.

Sobald von der beabsichtigten Heirat die Rede war, begann Susanne Mottet in ihrer mütterlichen Sorge Erkundigungen über den Marquis einzuziehen, und zwar nicht in den Salons, bei Leuten, welche ihr Interesse an der Entstellung der Wahrheit fanden, sondern bei der Dienerschaft in vornehmen Häusern; sie wußte wohl, daß die Dienerschaft ein strenges Richtercollegium bildet, von welchem nur wenige Herren völlig freigesprochen werden.

Susanne erschrak über die Geschichten, welche von der Liederlichkeit und Verschwendung des Marquis von Escoman erzählt wurden. Es schien ihr, als ob ihre liebe Emma die Beute eines jener Ungethüme werden sollte, welche in den Feenmärchen geschildert werden. Sie bat und beschwor ihren Liebling, sich nicht vorsätzlich ins Verderben zu stürzen. Zum Unglück waren die tollen Streiche des Marquis derart, daß eben diejenigen unter denselben, die gerade am abschreckendsten gewirkt haben würden, einem jungen Mädchen unmöglich erzählt werden konnten. Susanne konnte und durfte nichts näher bezeichnen; Emma lachte über die Besorgnisse ihrer alten Freundin, zeigte ihr das hübsche Gesicht ihres Zukünftigen und fragte sie, ob es einem Blaubart ähnlich sei.

Emma vermählte sich also.

Acht Tage, nachdem das süße und so verhängnißvolle Ja gesprochen war, konnte man an Emma eine trübe Stimmung bemerken, obgleich sie die Gedanken der Amme, deren verweinte Augen nicht aufgehört hatten gegen die Freude der jungen Frau zu protestieren, nicht theilte. Aber die neue Ehe hatte keine der Versprechungen gehalten, welche die Phantasie derer Herzen der jungen Frau gegeben. Sie hatte gehofft, ganz dem geliebten Gatten zu leben, seine Gefühle zu theilen, und nun fand sie sich zu ihrem großen Erstaunen allein, immer allein. Die Kälte und Gleichgültigkeit, die der Marquis nicht verhehlte, hatte sie aus den Anstandsrücksichten erklärt; sie hatte seine Zurückhaltung für feines Benehmen gehalten, aber sie fand es auffallend, daß diese Kälte immer fortdauerte.

Wie der durch das Phänomen der Luftspiegelung getäuschte Wanderer, sah sie statt der erfrischenden Quelle nur die heiße Sandwüste um sich, und sie fühlte nicht gegen den Marquis von Escoman, sondern gegen das Leben, das den Menschen solche Täuschungen bereitet, ein Entsetzen, neben welchem die Besorgnisse Susannens nur kindische Furcht waren.

Der Marquis von Escoman hatte nach seiner Vermählung seine Lebensweise nicht im mindesten geändert. Er kaufte noch zwei Pferde und nahm einen Koch; und da Margarethe Gelis diese Vermählung sehr ungern zu sehen schien, so hatte er als echter Cavalier einen für seine Braut bestimmten Shawl aus den angekauften Geschenken genommen und Margarethen geschenkt. Emma bekam ja ohnedies zwei Shawls, und Margarethen konnte er wohl die Freude gönnen, die Bürgersfrauen in Châteaudun neidisch zu machen.

Er widmete seinen geselligen Freunden und seiner Maitresse eben so viel Zeit wie vor seiner Vermälung Pferde und Hunde blieben immer seine Lieblinge, das Spiel seine Hauptleidenschaft.

Aber trotzdem war Châteaudun eine wahre Einöde, und der Marquis suchte dieselbe zu bevölkern. Die Ludwigsritter waren nicht nach seinem Geschmack; ihre endlosen Bemerkungen über die Artikel der »Gazette« und der »Quetidienne« nahmen ihre Geisteskräfte und ihre Zeit in Anspruch. Die eben aus dem College entlassenen jungen Leute waren schon mehr für ihn geeignete einige von ihnen berechtigten zu den schönsten Erwartungen; der Marquis übernahm die Ausbildung der glücklichen Naturanlagen. Er lenkte die Studien seiner jungen Freunde freilich nicht auf Rhetorik und Philosophie, sondern auf die nobleren Passionen des Spiels, des Weines und der Weiber.

Nach sechs Monaten konnte der Marquis von Escoman auf seine Zöglinge stolz sein; die Stadt Châteaudun war gänzlich umgestaltet. Nie hatte ein Abgesandter ein solches Resultat erzielt. Elegante Equipagen fuhren auf den Promenaden; die Jagdhörner klangen bis in die späte Nacht in der Umgegend, deren Stille sonst nur durch das Geläute der Glocken unterbrochen worden war; die nächtliche Ruhe der friedlichen Bürger wurde durch das laute Singen weinseliger Schaaren gestört; viele Mütter weinten über ihre Töchter, welche den Weg der Tugend verlassen hatten, und die frommen ehrbaren Leute rechneten die von den jungen Leuten im Clubb verspielten ungeheuren Summen zusammen.

Zweites Capitel.
Louis von Fontanieu

Zu der Zeit, in welcher unsere Geschichte beginnt, war der Marquis von Escoman mit Emma von Nanteuil seit zwei Jahren vermält, und die Ehe hatte gehalten was sie versprochen.

Jede nicht vernarbte Wunde wird größer und tiefer, das ist ein moralisches und ein physisches Gesetz. Weder in den Lastern noch im Schmerz gibt es einen Stillstand. In zwei Jahren war der Schmerz Emma‘s tiefer gewordene die Laster des Marquis hatten beträchtliche Fortschritte gemacht.

Noch mehr, diese Laster hatten die Grenze des Anstandes und der Schicklichkeit überschritten und daher jeden Anspruch auf Entschuldigung verloren, mit der man gegen die vornehme junge Männerwelt sonst sehr freigebig ist. Die elegante Welt, die gemeiniglich sehr gleichgültig ist gegen häusliches Mißgeschick, nahen Anstoß an der Aufführung dieses Mannes, der nicht nur die Schranken des Anstandes niedergetreten, sondern auch jede Maske abgeworfen hatte.

Emma’s Betrübniß war nach und nach zur völligen Muthlosigkeit, zur Verzweiflung gewordene zum Glück besaß sie Charakterstärke genug, um ihr Unglück endlich mit stiller Ergebung zu tragen. Schwere Prüfungen kräftigen und erheben ja jedes Gemüth, das stark genug ist, reicht durch sie gebrochen zu werden. Emma hatte seit ihrer Kindheit manches Mißgeschick erfahren; sie hatte ihre Mutter in Trauer gesehen, und später hatte sie selbst Trauer angelegt. In der Verlassenheit war ihr Geist gekräftigt worden, denn die Zärtlichkeit Susannens konnte ihr keine wirkliche Stütze gewähren. Als daher der erste heftige Schmerz über die Täuschung vorüber war, schien sie ruhig und gefaßt in ihrem Unglück; sie unterdrückte ihre Thränen und ertödtete durch Verachtung eine Liebe, welche sie unter ihrer Würde hielt. Sie seichte keinen Trost bei Anderen, sondern zeigte sich vielmehr so gleichgültig und stolz mitten unter den Huldigungen, von denen sie umgeben war, daß es in der That den Anschein hatte, als ob nichts mehr im Stande sei, diese marmorkalte Gestalt wieder zu beleben, dieses allen Lebensfreuden abgewandte Herz zu erwärmen.

Aber Susanne Mottet war mit dieser Ergebung und Entsagung keineswegs einverstanden. Die Tugend ihrer Emma verkennen, ihre Schönheit verachten, war für die alte treue Dienerin schon ein unverzeihliches Verbrechen; aber daß der Marquis diesen schönen blauen Augen Thränen entlockte, daß er dieser reizenden jungen Frau Kummer machte, mußte Susanne aufs äußerste gegen ihn erbittern.

Dieser Haß erreichte den höchsten Grad, als sie einst im Carneval dem Marquis mit Margarethe Gelis begegnete und den Blick der Verachtung, den sie den Beiden zuschickte, mit frechem Gelächter beantwortet sah.

Emma besuchte die Gesellschaften nur auf Befehl ihres Mannes, der die Verlassenheit, zu der er sie verurtheilt hatte, nicht allzu offenkundig werden lassen mochte. Die geselligen Freuden hatten aber keinen Reiz für sie; die Einsamkeit sagte ihrer ernsten Stimmung mehr zu, als das geräuschvolle Leben; aber Susanne war mit dieser Zurückgezogenheit keineswegs einverstanden, und da sie den Marquis nicht todtmachen konnte, so war sie wenigstens daraus bedacht ihn recht zu ärgern.

Wenn die junge Marquise sich dann und wann einmal entschloß, ihren Gemal in eine Soiree zu begleiten, so schmückte Susanne ihre Gebieterin mit ungemeiner Sorgfalt, wie ein Brahmane sein Idol ausputzt; sie folgte damit ihrer Zärtlichkeit und befriedigte zugleich ihren Haß gegen den Marquis.

Oft folgte sie der Marquise in die befreundeten Häuser, mischte sich unter die Dienerschaft des Ortes, wo das Fest gegeben wurde, und betrachtete ihren Liebling durch eine angelehnte Thür. Sie freute sich ihres Erfolges und war entzückt, wenn sie Emma von Verehrern umgeben sah, und in ihrem Haß gegen den Marquis fühlte sie sich versucht, die Marquise durch Worte und Geberde zu ermuthigen.

Der Marquis kümmerte sich überigens so wenig um sein Hauswesen, daß er die gar nicht verhehlte Feindseligkeit der alten Haushälterin keineswegs beachtete.

So standen die Sachen, als in den ersten Tagen des Jahres 1835 ein Ereigniß eintrat, welches unter der Aristokratie von Dunois ein unerhörtes Aufsehen machte.

Der Unterpräfect des Bezirks hielt sich einen Geheimsecretair, und dieser Secretär gehörte einer der vornehmsten Familien der Normandie an. Er hatte eben seinen Posten angetreten und an einen in Beauce wohnenden Verwandten sein Empfehlungsschreiben mitgebracht, durch welches die Mutter des jungen Mannes a vista auf das Wohlwollen ihres Vetters trassirte und ihn ersuchte, ihre Tratte durch Einführung des Söhnleins in die dortige Gesellschaft zu honorieren.

So wurde denn Louis von Fontanieu, so hieß der neue Secretär, in die Salons eingeschmuggelt, au deren Pforten noch nie ein öffentlicher Beamter das »Sesarm thue Dich auf!« vernommen hatte.

Anfangs wurde er wenig beachtet; aber eine aus boshaften Munde kommende Bemerkung brachte die ganze Gesellschaft in Aufruhr, denn Keiner wollte dem Andern an Reinheit der royalistischen Grundsätze nachstehen.

Viele erklärten eine solche Herabwürdigung des Adels für unerhört. Die Royalisten mußten es allerdings höchst anstößig finden, daß ein Fontanieu in die Dienste der Juliregierung trat, daß ein Edelmann aus gutem Hause der Lakei eines dem Bürgerkönige dienenden Beamten wurde. Jedes Wohlwollen für den jungen Mann, der seinen Namen und seine Ehre so weit vergessen konnte, galt in den Augen der Aristokratie für mitschuldig. Die eifrigsten Royalisten wollten dem Eindringling die Thür weisen.

Es konnte nicht fehlen, daß diese heftigen Aeußerungen des Unwillens vielfachen Wiederhall fanden.

Dieses Echo drang auch bis zu Herrn von Mauroy, – dem Vetter, der Louis von Fontanieu in die Gesellschaft eingeführt hatte; er nahm seinen jungen Verwandten lebhaft in Schutz und suchte ihn dadurch zu entschuldigen, daß dessen Vater dem legitimen Königthum weit größere Opfer gebracht habe, als die Unzufriedenen, die sich als so eifrige Royalisten geberdeten. Der würdige Mann sei als Oberst der königlichen Garde im Jahre 1830 gefallen; sein Sohn habe kein Vermögen und sei folglich auf den Staatsdienst angewiesen, um seine Mutter und seine Tochter zu unterstützen.

Aber die Eiferer waren nicht durch Gründe zu beschwichtigen; Herr von Mauroy wurde zwar von einigen einsichtsvollen und vorurtheilsfreien Personen unterstützt, aber ein beträchtlicher Theil der aristokratischen Gesellschaft von Châteaudun widersetzte sich der Zulassung des jungen Secretärs in ihren Gesellschaftskreis.

Einer seiner ärgsten Gegner war der Marquis von Escoman. Der Parteigeist war freilich bei diesem nicht die Ursache, sondern der Vorwand der Feindseligkeit.

Es gibt allerdings energische Charaktere, die mitten in einem regellosen Leben fest bei ihren Meinungen beharren; die Völlerei ist bei ihnen dann eine Art Sicherheitsventil, durch welches das überflüssige innere Feuer entweicht. Aber es sind immer nur Ausnahmen. Für gewöhnliche Menschen hat das Uebermaß in den sinnlichen Genüssen einen entnervenden Einfluß auf alle Geisteskräfte, und folglich auch auf die politische Ueberzeugung. Die gewaltsamen Veränderungen der gesellschaftlichen Zustände, die vergangenen oder bevorstehenden Revolutionen waren dem Marquis gleichgültiger als ein einziger Blick von Margaretha Gelis. Und eben eine unwillkürliche Bewegung ihrer großen schwarzen Augen hatte seinen Groll gegen Louis von Fontanieu geweckt.

Jener Blick, der sich anfangs wohl unwillkürlich auf den Letzteren gerichtet hatte, wurde oft und sehr willkürlich wiederholt, und zwar jedesmal feuriger und herausfordernder.

Der Marquis, aufs äußerste erzürnt, erklärte den kleinen aristokratischen Gesellschaftskreis von Châteaudun für entehrt und betheuerte, er werde die Einsamkeit suchen und als Eremit leben.

Fontanieu, der von diesen Umtrieben anfangs keine Ahnung hatte, war ein junger Mann von vierundzwanzig Jahren und schien von der Natur ungemein begünstigt zu sein; wenn man ihn aber durch die Lupe betrachtete, fand man etwas Unfertiges, des letzten Schliffes Bedürftiges an ihm.

Er war hübsch gewachsen, sein Gesicht regelmäßig und selbst nicht ohne Ausdruck und Geist; aber seinem ganzen Wesen fehlte die Anmuth, die Ungezwungenheit der feinen Weltsitte. Er hatte die steife, gezwungene Haltung eines, Soldaten in Civilkleidern. Er war als der Sohn keines Offiziers zum Militärstande bestimmt gewesen, und er würde auch Soldat geworden sein, wenn sein Vater am Leben geblieben wäre. Die Besorgnisse seiner Mutter hatten ihn bewogen die Militärschule zu St. Cyr nicht als Unterlieutenant zu verlassen, sondern der Secretär eines Unterpräfecten zu werden. Er hatte also bis zum einundzwanzigsten Jahre die Uniform getragen.

Seine Fassungskraft war außerordentlich, aber es fehlte ihm an Ausdauer; er wußte von Allem etwas, aber seine Kraft erlahmte, sobald ein Studium die mindeste Anstrengung erforderte. Uebrigens war er sanft von Charakter und herzensgut. Die Natur hatte eben durch die Superlative seine Vorzüge verringert und sogar ihm und Anderen lästig gemacht; diese keineswegs gewöhnlichen Eigenschaften waren bei ihm eine Art nervöser Schwäche, aus welcher er sich durch gewaltsame Anstrengungen erhob, so daß er, wenn er sich nicht in einem Zustande der Ueberreizung befand, einen mehr weiblichen als männlichen Charakter hatte.

Da er gegen Jedermann freundlich und wohlwollend war, so erblickte er Alles in einem rosigen Lichte. In den ersten acht Tagen nach dem Antritt seiner neuen Stellung schilderte er in zwei langen Briefen an seine Mutter mit Begeisterung die Aufnahme, die er in der vornehmen Gesellschaft von Dunois gefunden. Männer und Frauen, behauptete er, wetteiferten mit einander, ihm den Aufenthalt in diesem Städtchen angenehm zu machen, und Gott weiß, durch welches überschwängliche Lob er die Schuld der Dankbarkeit bezahlte. Wer diese Briefe las, mußte glauben, er werde vergöttert.

Er war daher sehr erstaunt, als ihn der Unterpräfect eines Morgens im Vertrauen über die wirkliche Lage der Dinge aufklärte und ihm sagte, einige Unhöflichkeiten die er in seiner Arglosigkeit wahrscheinlich nicht bemerkt, hätten Gerüchte hervorgerufen, die seinen Muth in Zweifel stellten; er verlange daher im Namen der ihm befreundeten Familie Fontanieu, selbst im Namen der von ihm vertretenen Regierung, daß der neue Secretär Alles aufbiete, um diesem Zerwürfniß mit den Gegnern der Regierung in einer für ihn ehrenvollen Weise ein Ende zu machen.

Ein Blitzstrahl, der zu den Füßen Fontanieu‘s eingeschlagen hätte, würde seine Nerven nicht heftiger erschüttert haben. Ohne den Unterpräfekten weiter anzuhören, ohne seinen Vetter Mauroy zu Rath zu ziehen, eilte er in den Clubb mit dem festen Entschlusse, die erste Person, die er dort finden würde zu fordern.

Es war ein Uhr Nachmittags und die Säle des Clubbs waren fast leer. Der Marquis von Escoman und zwei Tagediebe von seiner Bekanntschaft waren indeß schon da.

Georg von Guiscard, der eine dieser beiden Genossen des Marquis, war ein frivoler junger Mensch von zwanzig Jahren, der andere, der Chevalier von Montglas, ein sechzigjähriger Bruder Liederlich. Alle Drei lehnten sich auf das Geländer des Balcons und erwarteten ihre Pferde zum Spazierritt.

Die beiden Ersten rauchten ihre Cigarren; der Dritte, in dessen Jugendzeit die Cigarren noch nicht erfunden waren, hatte diesem modernen Genuß keinen Geschmack abgewinnen können.

Als Fontanieu vor oder vielmehr unter diesen drei Herren vorüberging, glaubte er ein spöttisches Gelächter zu hören, und dieses Gelächter verdoppelte den Zorn, den er im Herzen hatte.

Er eilte ins Haus und die Treppe hinan. Er war einige Tage vorher im Clubb vorgestellt worden; sein Name stand auf einem angehefteten Zettel, der bis zum Ballotiren so bleiben sollte.

Fontanieu riß den Zettel von der Wand und trat ihn mit Füßen.

Der Marquis von Escoman beschrieb eben seinem Freunde Guiscard die Schönheit einer unlängst gekauften Stute, die sein Groom am Zügel hielt. Die Beiden hatten Fontanieu nicht kommen sehen und wußten gar nicht, daß er da war. Nur der Chevalier von Montglas sah sich um.

Der Chevalier war der einzige alte Garcon in Châteaudun, den der Marquis dem altmodischen Reversi und der Politik abtrünnig gemacht hatte. Der sechzigjährige Lebemann bezahlte freilich für alle Andern und bezahlte so gut, daß er der beste Helfershelfer des Marquis in dessen philanthropischen Bestrebungen geworden war. Er war klein, aber noch kräftig und gewandt; unter der Kupferfarbe seines Gesichts errieth man noch immer den hübschen unternehmenden Pagen, der einst mancher Marquise und Herzogin den Kopf verdreht hatte.

Er war in seiner Jugend ein ausgezeichneter Tänzer gewesen, und noch auf der Kehrseite seines Lebens machte er von diesem Talent noch gerne Gebrauch, obgleich dasselbe bei der Kleinheit unserer modernen Salons lächerlich geworden war. Er hatte nie begreifen können, daß zwei Paare von Personen von verschiedenem Geschlechte sich einander gegenüber stellten, um steif und langsam vor und zurückzuschreiten, rechts und links hinüber und wieder auf ihren Platz mit derselben Anmuth und Lebhaftigkeit zu gehen, als s ob sie einem Leichenwagen folgten. Als Zögling des großen Vestris, den er noch immer als »Dieu da la Danse« verehrte, machte der Chevalier seine halben Schritte und Pas de Zephir und Entrechats. Ein Ball war für ihn eine hochwichtige Angelegenheit, die ihn acht Tage im voraus beschäftigte, ein choreographisches Kunststück, das er in seinem Zimmer vor dem Spiegel einstudirte. Man sagte sogar, der Chevalier sei mehr als einmal, wenn er auf das Land zu einem Ball gefahren, aus dem Wagen und hinten aufgestiegen, um auf dem Platze des abwesenden Bedienten die gewagtesten Sprünge zu machen.

Ungeachtet seiner höchst stürmischen Jugend schienen seine sechzig Jahre weder seine Leidenschaften noch seine Körperkraft vermindert zu haben. Sollte eine Hirschjagd gehalten werden, so war der Chevalier von Montglas der Erste, der auf dem Sammelplatz erschien, und keiner der jungen Männer, die an der Jagd theilnahmen, konnte so gut wie er über eine Hecke oder einen Schlagbaum setzen. Eine zehnstündige Jagd war für ihn ein Spiel und hinderte ihn keineswegs, die folgende Nacht tüchtig zu zechen. Bei Tische zumal leistete der alte Kämpe Ausgezeichnetes. Niemand erinnerte sich den mindesten Rausch an ihm bemerkt zu haben, obgleich der Chevalier Jedermann Bescheid that; eben so wenig hatte sein frohes Gesicht jemals die mindeste Spur von Gram und Sorge gezeigt.

Endlich sprach man von einigen Abenteuern, die der Chevalier, trotz feiner grauen Haare, mit Ehren bestanden hatte, gleichviel ob er mit einer schönen Dame oder mit einem Gegner zu thun hatte.

Vollkommene Helden im guten wie im bösen Sinne findet man übrigens nur in Romanen, und da wir eine wahre Geschichte erzählen, müssen wir gestehen, daß der Chevalier von Montglas auch seine Mängel hatte.

Zuvörderst machte er sich dadurch lächerlich, daß er zu viel an die Vergangenheit dachte. Die Vergangenheit schien ihm um so schöner, da ihm das Leben und Treiben der vermeintlichen Nachfolger großer Roués kleinlich und erbärmlich vorkam. Natürlich sprach er auch zu viel von der glänzenden Rolle, die er in jener heroischen und nun fast schon dem Sagenkreise angehörenden Zeit gespielt habe. Niemand mochte die wahren oder erdichteten Duellgeschichten mehr hören, die immer mit den Worten endeten: »Das Gefäß meines Degens diente ihm als Pflaster.« Daher pflegte man ihn, wenn er nicht da war, den »Pflaster-Chevaliers« zu nennen.

Der Chevalier von Montglas war arm, und das Bedürfniß eines geräuschvollen, ruhelosen Lebens, zumal die Leidenschaft des Spiels hatte ihn viel zu weit fortgerissen, seitdem der Marquis von Escoman den Ton angab.

Die Armuth, die einen alten ehrenhaften Edelmann wahrhaft ehrwürdig macht, war dem lasterhaften Chevalier – denn anders kamt matt ihn nicht nennen – in hohem Grade lästig geworden und hatte ihn nach und nach zur Verleugnung alles Schicklichkeitsgefühls geführt. Er borgte hier und da einige Louisd'or, die er aber eben so wenig bezahlte wie seine Spielschulden, und so war er im Verkehr mit den jungen Leuten, die ihm doch weit nachstanden, in eine gewisse untergeordnete Stellung gekommen. Seine wahren Freunde bedauerten dies; aber es lag in seinem Wesen so viel Einnehmendes, daß matt über seine Thorheiten oft, lachte, aber nie unwillig wurde.

Der Chevalier von Montglas war also der Einzige, der sah was Fontanieu that. An der Blässe und Aufregung des Secretärs errieth er leicht was in ihm vorging.

Seit einiger Zeit waren die Zuhörer des Chevalier minder nachsichtig geworden; er hatte auf manchen Lippen ein spöttisches Lächeln bemerkt, wenn er feine Jugendstreiche erzählte. Das ärgerte ihn, und er meinte, ein Duell sei das beste Mittel, den Spöttern den Mund zu stopfen und sich ein aufmerksames Gehör zu verschaffen. Es schien ihm überdies pikant, sich in seinem Alter zu schlagen. Er verließ den Balcon und trat auf den jungen Mann zu.

»In der That,« sagte er mit der kecken Miene, die den Edelleuten aus dem vorigen Jahrhundert eigen war, »ich bedaure, daß wir so eben die Lakeien fortgeschickt haben.«

Fontanieu fühlte den Stachel dieser Worte.

»Warum das?« fragte er trotzig.

»Weil die Lakeien nöthig gewesen wären, um einen Tollkopf zu ersuchen seinen Zorn zu Hause oder in der Unterpräfectur auszulassen.«

»Sie haben Unrecht es zu bedauern,« erwiederte Fontanieu, der in seinem Zorn alle Anstandsrücksichten verläugnete; »denn Sie ersehen die Lakeien sehr gut.«

»Oho!« fuhr der Chevalier auf, als ob er eine Ohrfeige bekommen hätte, »wissen Sie wohl, mein Herr, daß Sie mir eine grobe Beleidigung gesagt haben?«

»Nehmen Sie die Sache wie sie ist, ich sehe, daß Sie ein sehr richtiges Urtheil haben.«

»Wenn das ist,« sagte der Chevalier, der ungeachtet der ernsten Wendung, welche das Gespräch genommen, in seinen Lieblingsfehler verfiel, »so muß ich Ihnen erzählen, daß mir einst ein Engländer, der Capitän Jarvis, viel weniger sagte als Sie mir so eben sagen, und daß ich gleichwohl in dem Duell, das ich mit ihm hatte, seinen ersten Stoß parirte, dann eine Finte machte und ihm meine Klinge bis an das Gefäß in den Leib stieß —«

»Eitles Geschwätz!« fiel ihm der Secretär ins Wort. »Lächerliche Prahlerei!«

Dieser neue Beweis einer offenbar epidemischen Zweifelsucht versetzte den Chevalier aus einem erkünstelten in einen wirklichen Zorn.

»Und ich hoffe,« setzte er hinzu, »daß Sie mir Rede stehen werden.«

»Ich bin bereit, mein Herr,« zuvor aber wünsche ich Genugthuung von den unverschämten Leuten, die ihre arglistigen Absichten hinter der Maske der Freundlichkeit versteckt und mich verlästert haben.«

Der Marquis von Escoman war während des Wortwechsels näher getreten.

»Darf ich fragen, worüber Sie sich beklagen,« sagte er kalt.

Fontanieu wandte sich zu ihm.

»Ich beklage mich,« erwiederte er, »über einige Personen, welche behauptet haben, man müsse mich aus den Salons weisen, in denen mir mein Name und meine Familienverhältnisse einen der ersten Plätze anweisen. Ich erkläre Jeden für einen erbärmlichen Wicht, der mich hinter meinem Rücken verleumdet und nicht den Muth hat mich offen anzugreifen.«

»Niemand bestreitet das Alter Ihres Hauses,« sagte der Marquis mit spöttischem Lächeln, »Jedermann weiß, daß der Name Fontanieu bis auf Sie zu den geachtesten der Normandie gehörter aber Ihre Geburt gibt Ihnen nicht das Recht, sich in die Häuser Derer einzudrängen, welche die Treue als den ersten Adelstitel betrachten.«

Louis von Fontanieu sah trotz seiner Unerfahrenheit und Aufregung wohl ein, daß eine Erörterung über die Legitimität seines Verhaltens ihn in ein lächerliches Licht stellen würde; er wußte, daß die Geldfrage, wenn schon die Existenz seiner Familie davon abhing, eine traurige Figur spielen müsse, wenn der Marquis von Escoman so chevalereske Gesinnungen zur Schau trug. Aber der Zorn des jungen Secretärs war so groß, daß er an eine andere Klippe stieß, während er die eine zu vermeiden suchte.

»Wenn ich nur, wüßte,« antwortete er, »wer die schändlichen Reden geführt hat, so würde ich beweisen, daß der von dem Blute der Feinde des Königs noch geröthete Degen meines Vaters auch von mir mit Ehren geführt wird.«

»Nehmen Sie sich in Acht,« sagte der Marquis mit höhnischem Tone. »Wenn es Ihre Vorgesetzten hörten, so würden Sie durch die Bezeichnung: Feinde des Königs, gewiß nicht sehr erbaut werden. Doch das kümmert mich nicht – Sie wünschen also die Personen zu kennen, die der Meinung sind, daß der Secretär des Herrn Unterpräfecten nicht in unsere Salons gehöre?«

»Nennen Sie sie,« erwiederte Fontanieu, der die kalte, gleichgültige Haltung des Marquis falsch deutete; »und Sie werden sich Ansprüche auf meinen Dank und meine Freundschaft erwerben.«

»Beide sind mir so schätzenswerth, daß ich nicht umhin kann Ihre Bitte zu gewähren.«

Fontanieu wartete in angstvoller Spannung.

»Ich habe es gesagt,« setzte der Marquis von Escoman hinzu und sah den Secretär mit einem festen, ja herausfordernden Blicke an.

Fontanieu gab sein Erstaunen in so naiver Weise zu erkennen, daß Guiscard und Montglas in ein lautes Gelächter ausbrachen.

Dieses einstimmige Zeugniß der Ungeschicktheit, mit der er sein Anliegen vorgebracht, führte ihn einigermaßen zur Besinnung

»Belieben Sie die Waffen zu wählen, Zeit und Ort zu bestimmen,« sagte er ernst zu dem Marquis von Escoman.

»Nur nicht so voreilig, mein Herr!« höhnte der Marquis, »man sieht, daß Sie in solchen Dingen nicht bewandert sind. Unsere Zeugen werden das Nöthige verabreden. Hier sind die meinigen,« setzte er hinzu, indem er einen Schritt zurücktrat und auf Guiscard und den Chevalier zeigte.

Guiscard verneigte sich, aber der Chevalier von Montglas trat vor und entgegnete:

»Entschuldigen Sie, lieber Marquis. Ich habe mit diesem Herrn eine Sache auszugleichen, für die ich die Priorität beanspruche.«

»Genug, Montglas,« unterbrach der Marquis; »ich habe mit Herrn von Fontanieu eine Ehrensache, und Ihre Späße sind jetzt nicht am rechten Orte. Begnügen Sie sich daher bis auf Weiteres, die Leute mit Worten zu bombardiren.«

Dieser neue Zweifel an der Wahrheit seiner Aussagen brachte den Chevalier vollends in Harnisch.

»Sacrebleu!« erwiederte er; »ich will Ihnen beweisen, Marquis, daß mein Degen nicht stumpf geworden ist, und behaupte mein Recht.«

»Ich meine,« sagte Guiscard zu dem Marquis, »Du solltest ihm vorschlagen, seine angebliche Priorität gegen fünfundzwanzig Louisd’or einzusetzen; seine Hartnäckigkeit wird dann wie Wachs schmelzen. Wir kennen den Chevalier.«

Die Mühe werde ich mir nicht nehmen; ich werde dem Chevalier nur zu bedenken geben, daß er mir schon sowohl an Darlehen, als an Spielschulden Geld genug schuldet, für welches er nur seine Person verpfändet hat; es wäre seht unzart von ihm, mein Pfand aufs Spiel zu setzen.«

Wie sehr sich die Beiden auch bestrebten, dem Gespräch seine scherzhafte Wendung zu geben, so war der Inhalt doch sehr beleidigend für den Chevalier von Montglas.

Louis von Fontanieu gewahrte mit Freude die schwache Seite, welche ihm seine Gegner darboten, und er fühlte mit Stolz, daß er unfähig war, einem Feinde zu sagen, was der Marquis und Guiscard einem Freunde gesagt hatten.

»Mein Herr,« sagte er, auf den Chevalier zutretend, »wenn das Anerbieten einer leider ziemlich schlaffen Börse Ihnen für einige Tage angenehm ist, so erlauben Sie mir die meinige zu Ihrer Verfügung zu stellen.

Der Chevalier nahm hastig die Brieftasche, die ihm der junge Mann reichte, dankte ihm mit einem flüchtigen Blick – der alte Roué fand die Sache ganz natürlich – und begann sogleich den Inhalt zu untersuchen.

Die Brieftasche enthielt eine Banknote zu tausend und eine zu fünfhundert Franken nebst einigen Goldstücken.

Er nahm eine Banknote und vier Louisd’or heraus, übergab sie Guiscard und steckte die Brieftasche ein.

»Wir Beide wollen zuerst mit einander abrechnen,« sagte er.

»Mit dem größten Vergnügen, Chevalier, und ich verhehle Ihnen nicht, daß Sie nur gewinnen, wenn Sie in Zukunft so glücklich sind wie heute.«

»Ich war Ihnen eintausendundachtzig Francs schuldig, Sie haben diese Summe erhalten, nicht wahr?«

»Allerdings,« antwortete Guiscard.

»Ich schulde Ihnen also nur noch einen Degenstoß, und den sollen Sie morgen haben.«

»Glauben Sie?«

»Sie können sich darauf verlassen; ich werde mich künftig durch meine kaufmännische Pünktlichkeit auszeichnen.«

»Ich nehme die tausendundachtzig Franken an, Chevalier; aber den Degenstoß werde ich Ihnen hoffentlich geben.«

Der Marquis von Escoman und Guiscard entfernten sich.

Der Chevalier von Montglas trat nun auf Fontanieu zu und reichte ihm die Hand.

»Wir sind jetzt allein,« sagte er; »bitten Sie um Verzeihung.«

»Um Verzeihung!« erwiederte der junge Mann entrüstet; »ich soll Sie um Verzeihung bitten? Nein, nein!«

»Armer Teufel!« sagte der Chevalier von Montglas, den Kopf schüttelnd; »es gibt wirklich keinen rechten Mann mehr. Sie haben sich als echter französischer Cavalier benommen, Sie haben sich zu der Ritterlichkeit Ihrer Ahnen erhoben, und nun verhunzen Sie Ihre schöne That dadurch, daß Sie einen armen Teufel, der Ihr Geld angenommen hat und den Degen nicht gegen Sie ziehen kann, zwingen wollen, sich zu entschuldigen und Ihnen Worte zu sagen, die in Ihrem Munde sehr passend, in dem meinigen aber lächerlich sein würden. Pfui! die Revolution hat auch ihn verdorben!«

»Sie haben mich nicht verstanden, Herr Chevalier,« sagte Fontanieu; »ich bin Ihr Gläubiger geworden, aber es war keineswegs meine Absicht, die erbärmliche Summe Geldes als ein Hindernis zum Ausfechten unserer Ehrensache zu betrachten.«

»Ich habe das Geld angenommen,« entgegnete der Chevalier, »weil ich Sie nicht mehr als Gegner betrachten wollte. Vormals hätten wir, ungeachtet dieses mir erwiesenen Dienstes, unsere gegenseitige Stellung bewahren können, aber die Zeiten haben sich geändert; jetzt würde man sagen, ich hätte Ihnen nach dem Leben getrachtet, um unsere Rechnung auszugleichen. Fallen Sie daher nicht aus Ihrer Rolle, junger Mann. Es ist ja keine Schande, sich vor einem grauen Haupte zu beugen. Und ich habe graue Haare, ich muß es mir zuweilen selbst gestehen.«

Bis dahin war Louis von Fontanieu unschlüssig geblieben, da er nicht wußte, was er von dem Chevalier denken sollte. In der eleganten Welt erfährt man die Lächerlichkeiten und schwachen Seiten derer, die ihr angehören, zugleich mit ihren Namen. Der Chevalier von Montglas war bisher für den Neuangekommenen nur ein alter Wüstling gewesen, der wegen seiner Prahlereien verhöhnt, wegen seiner Laster fast verachtet wurde. Fontanieu hatte Mitleid mit der traurigen Lage des armen Teufels und zürnte denen, die über seine Noth und seine Leidenschaften spotteten. Seine offene, entschlossene Sprache, sein ehrliches Gesicht verwandelte dieses Mitleid in Theilnahme. Fontanieu ergriff die Hand, die ihm der Chevalier darbot, und drückte ihm sein Bedauern aus, daß er nicht so achtungsvoll gesprochen, wie es das Alter des Mannes erforderte.

»Gut, gut,« erwiederte der Chevalier; »ich habe nicht das Recht, es allzu genau zu nehmen. Morgen wird‘s besser sein, und in einigen Tagen sind wir vielleicht Freunde. Inzwischen verfügen Sie über mich, junger Mann; reden Sie, wenn ich Ihnen in etwas dienen kann. Ich kann nicht vergessen, daß ich zu unserm Wortwechsel Anlaß gab, ich möchte daher gern mein Unrecht wieder gut machen.«

»Ich danke Ihnen tausendmal, Herr Chevalier, und um Ihnen zu beweisen, wie hoch ich Ihr Wohlwollen schätze, ersuche ich Sie mir zu erklären, warum der Marquis von Escoman so erbittert gegen mich ist. Diese Feindseligkeit scheint mir durch politische Gründe nicht gerechtfertigt.«

Der Chevalier lächelte.

»Kennen Sie seine Maitresse?« fragte er.

»Nein, meines Wissens wenigstens nicht.«

»Margarethe Gelis?«

»Nicht einmal dem Namen nach.«

»Das ist fatal.«

»Warum denn?«

»Es ist gut die Maitresse eines Freundes zu kennen, um so wichtiger ist es, die eines Gegners zu kennen.«

»Wozu könnte mir das in dem vorliegenden Falle nützen?«

»Warten Sie nur. Der Marquis von Escoman möchte Ihnen gern seinen Degen durch die Brust stoßen, weil Sie, ohne es zu wollen, seine Eigenliebe verletzt haben, weil die schöne Margarethe Gelis seit acht Tagen nicht müde geworden ist, Ihre Haltung zu loben; kurz, sie scheint ein Auge auf Sie zu haben.«

Louis von Fontanieu war ganz bestürzt über diese Erklärung, die ihm die Vorgänge in einem ganz andern Lichte zeigte.

»Erweisen Sie mir noch eine Gefälligkeit, Herr Chevalier,« sagte er nach kurzem Besinnen.

»Ist diese Margarethe Gelis wirklich schön?«

»Schön?« erwiederte Montglas. »Das kommt auf den Geschmack an. Es ist im Grunde gleichgültig; aber ich versichere, daß ich an Ihrer Stelle und in Ihrem Alter nicht mehr als vierundzwanzig Stunden gebraucht haben würde, um dem Marquis von Escoman einen ganz andern Aerger zu machen, als über die Einbildungen einer Närrin. Doch da erwacht der alte Adam wieder in mir, setzte er, wie mit sich selbst redend, hinzu; »ich hatte mir doch so eben fest vorgenommen, mit dem Satan nichts mehr zu thun zu haben.«

Der Chevalier drehte sich mit einer aus dem achtzehnten Jahrhundert herübergebrachten Grazie auf dem Absatz und tänzelte, ein Schnippchen schlagend, zum Saale hinaus.

Drittes Capitel.
Der Vorabend eines Duells

Louis von Fontanieu begab sich wieder in die Unterpräfectur. Da er nicht sehr schnell ging, so kam das Gerücht von dem Duell schon vor ihm dort an; in kleinen Städten ist der Vergleich mit einem Lauffeuer auf die Vervielfältigung zur Verbreitung einer Nachricht ganz buchstäblich anzuwenden.

Herr von Mauroy erwartete seinen Vetter in dessen Zimmer. Er erbot sich in Begleitung eines Freundes die Secundanten des Marquis von Escoman zu besuchen und mit ihnen das Nöthige zu verabreden.

Fontanieu wurde nun mit seinen Sorgen allein gelassen. Es fehlte ihm keineswegs an Muth, aber am Tage vor dein ersten Duell ist es einem jungen Manne nicht zu verargen, wenn er etwas aufgeregt ist und sich des Gedankens: heute roth und morgen vielleicht todt! nicht erwehren kann.

Er ging zur Stadt hinaus, und ohne Zweck und Ziel in‘s Freie. Der Weg führte in einer Pappelallee am Ufer des Flusses hin. Fontanieu dachte an die Heimat und dies dort zurückgelassenen Lieben, zumal an seine Mutter, die natürlich keine Ahnung hatte von der Gefahr, in der sich ihr Sohn befand. Zuweilen war er ganz gedankenlos, sein Geist schwebte gewissermaßen zwischen Leben und Tod.

Die Promenade war ganz menschenleer; es war freilich mehr ein Fahrweg als eine Promenade. Es fing an dunkel zu werden, und so wurde auch die Stimmung des jungen Mannes trüber. Plötzlich hörte er Hufschläge auf dem Straßenpflaster, und er sah sich nach dem Reiter um.

Er erkannte sogleich Roß und Mann. Das Pferd war jene schöne Stute, welche der Marquis von Escoman vor einigen Stunden seinem Freunde Guiscard gezeigt hatte. – Der Reiter war der Marquis selbst.

Der Anblick seines Gegners entlockte dem jungen – Manne einen tiefen Seufzer; sein Haß gegen den Marquis war ja nicht so groß, daß er kein anderes Gefühl hätte hegen können. Er wollte weiter gehen, als er bemerkte, daß der Marquis sein Pferd anhielt.

Der Marquis war hinter einer Biegung der Straße bereits verschwunden, und Fontanieu hörte mehre Stimmen, unter denen er eine Frauenstimme zu unterscheiden glaubte.

Wenn er weiter ging, mußte er wenige Schritte an dem Reiter vorübergehen, und dies wäre ihm gar nicht lieb gewesen; sein Stolz sträubte sich indeß gegen die Umkehr. Er nahm einen Ausweg: er ging an den Fluß hinunter und blieb dicht an der Böschung.

Er hörte die Stimmen nun deutlicher und der Dämon der Neugierde trieb ihn an zu lauschen.

Er schaute durch die Bäume und sah zwei Frauen. Die eine, welche bejahrt zu sein schien, stand in einiger Entfernung, während die andere die Hand auf den Hals des Pferdes gelegt hatte und vertraulich mit dem Marquis plauderte.

Die letztere war jung und sehr schön. Fontanieu zweifelte gar nicht, daß es die schöne Margarethe Gelis sei, von der ihm der Chevalier von Montglas eine für seine Eigenliebe so schmeichelhaft stille Neigung verrathen hatte.

Er bezweifelte es noch weniger, als er sah, wie sich der Marquis bückte, ihre Hand faßte, einen Kuß auf ihre Stirn drückte und ihr zum Abschied ganz vertraulich sagte: »Diesen Abend!«

Fontanieu war höchst aufgebracht; eine Anwandlung von Eifersucht weckte in seiner Seele den Haß, den er bis dahin noch nicht gegen den Marquis gefühlt hatte. Seine Eifersucht wurde indeß nicht durch die Vertraulichkeiten, die sich der Marquis mit Margarethe Gelis erlaubte, sondern durch den Gedanken erregt, daß sein Gegner in der düstern Stimmung, die er bei ihm ebenfalls voraussetzte, den Trost der Liebe hatte. Seine Verlassenheit schien ihm eine große Ungerechtigkeit des Schicksals und erinnerte ihn an die von Montglas kurz vorher entwickelten Grundsätze.

Fontanieu war in der Liebe noch eben so sehr ein Neuling wie in den sogenannten Ehrensachen; die Theorie war gut, aber die Praxis fehlte ihm noch. Die Erfahrung mußte bei ihm durch Eifer und guten Willen ersetzt werden. Der überreizte Gemüthszustand, der durch die Aussicht auf das nahe Duell hervorgerufen wurde, machte ihm Lust mit einer andern Art von Abenteuer einen Versuch zu machen. Das schöne Mädchen mußte auf dem Wege zur Stadt an ihm vorbeigehen. Er erwartete sie ohne einen bestimmten Entschluß, aber mit dem festen Vorsatz, seine Schiffe hinter sich zu verbrennen, wenn es die Umstände erheischten.

Die Dunkelheit machte ihn noch kühner, denn es war« inzwischen Nacht geworden. Als aber Margarethe oder wenigstens die, welche er dafür hielt – nur noch einige Schritte von ihm entfernt war, als er das Rauschen des seidenen Kleides auf dem Sandwege hörte, fing sein Entschluß an zu wanken, sein Blut langsamer durch die Adern zu strömen, sein Athem zu stocken; aber er bedachte, daß er morgen eine Degenspitze oder die Mündung eines Pistols vor sich haben werde und die Fassung nicht verlieren dürfe, und ohne sich weiter zu besinnen, verließ er seinen Versteck und war mit einem Sprunge an der Allee.

Die inneren Stürme, die den jungen Mann bewegten« mochten wohl seinem Gesicht einen etwas verstörten Ausdruck gegeben haben; denn die junge Dante schrie laut auf, als sie ihn erblickte. Die ältere, welche wohl vertrauter; mit der Gefahr sein mochte, trat zwischen ihre Begleiterin und Fontanieu, und hielt ihm entschlossen ihren Regenschirm entgegen.

Fontanieu machte jedoch keine Bewegung, um den Angriff fortzusetzen; er war ganz erstaunt über die Schönheit der jungen Dame und über den feinen, vornehmen Anstand, den er an ihr bemerkte und der mit ihrer sehr schiefen gesellschaftlichen Stellung im Widerspruch zu stehen schien. Er fühlte jetzt, daß es ihm weit leichter sein werde, den Marquis von Escoman trotzzubieten, als den Blick dieser großen blauen Augen auszuhalten. Er hatte seine Fassung verloren und wollte sich beschämt zurückziehen; aber die alte Dame ließ ihm nicht Zeit dazu.

Mitten in der schnell zunehmenden Dunkelheit hatte sie die Verlegenheit Fontanieu‘s nicht bemerkte sie sah sich nach Hilfe um, ohne jedoch ihre Vertheidigungsposition aufzugeben.

»Ich hoffe, lieber Freund,« sagte sie in der Voraussetzung, daß der junge Mann ein Räuber sei, »ich hoffe, wir werden uns verständigen. Thun Sie uns nichts zu Leide, und Madame wird Ihnen ihre Börse geben. Es ist ein schöner blanker Louisd’or darin, ich habe ihn selbst hineingethan, ehe wir fortgingen; mehr haben wir nicht bei uns, so wahr Susanne Mottet eine ehrliche Frau ist. Auf die Promenade nimmt man keine Capitalien mit – und im Grunde ist ein Louisd’or auch nicht zu verachten; Sie können schon einige Tage damit leben – denn ohne Zweifel werden Sie durch die Noth zu dieser schlechten That getrieben.«

Und ohne die Annahme ihres Vorschlags abzuwarten, griff sie mit der Hand, welches bei der defensiven Haltung des Regenschirms entbehrlich war, in die Tasche ihrer Herrin, nahm eine grünweiße Börse heraus, durch deren Maschen man das blanke Goldstück sah, und warf sie dem jungen Manne vor die Füße.

Der Irrthum Susannens gab dem Letzteren eine Keckheit, die er unter andern Umständen gewiß nicht gehabt haben würde.

»Sie irren sich, meine liebe Dame,« sagte er, die Geldbörse aufnehmend. »Ihre Börse verlange ich nicht als Lösegeld —«

»Gerechter Himmel!« rief Susanne,« was verlangen Sie denn?«

»Nichts und viel, wie Sie es nehmen wollen – ein Almosen und einen Schatz: einen einzigen Kuß von Ihrer Begleiterin,« antwortete Fontanieu mit einem Tone, dem er einen ungezwungenen, liebenswürdigen Ausdruck zu geben suchte.

Die Marquise von Escoman, die er für Margarethe Gelis hielt, hatte bis dahin kein Wort gesprochen, obgleich sie den Irrthum ihrer Begleiterin über das plötzliche Erscheinen des jungen Mannes nicht theilte.

Sie war nichtsdestoweniger sehr erschrocken, als sie eine Viertelstunde von der Stadt, in der Dunkelheit einen Unbekannten vor sich sah. Die Unsicherheit, welche sie in der Stimme des jungen Mannes bemerkte, gab ihr indeß einigen Muth wieder. Seine lebten Worte weckten in ihr das Gefühl der verletzten weiblichen Würde; sie trat auf Fontanieu zu, der ihr die Börse überreichte und den Arm ausstreckte, um seinen Tribut zu empfangen.

»Halt, mein Herr!« sagte sie kalt, »wir wollen die Sache lieber so lassen, wie Susanne vorgeschlagen hat. Des Verlustes einer Kleinigkeit werde ich mich stets mit Gleichgültigkeit erinnern, aber es würde mir weh thun, wenn ein dem Anscheine nach gebildeter Mann die mir schuldige Achtung verletzte.«

»Wie groß auch mein Wunsch ist, Ihnen zu gefallen,« erwiederte Fontanieu, der sich bemühte das Gespräch in dem gleichen Tone fortzusetzen, »kann ich mich doch nicht entschließen, in Ihren Augen als Straßenräuber zu gelten.«

»Sie haben Unrecht mein Herr; diese letzte Rolle ist nicht gehässiger als die, welche Sie durch den Angriff einer wehrlosen Frau spielen, und in meinen Augen viel weniger lächerlich.

Fontanieu war ganz erstaunt. Eine Grisette in Châteaudun konnte sich unmöglich mit dieser imponirenden Würde und zugleich so ungezwungen ausdrücken. Er fing daher an zu fürchten, daß er sich geirrt habe, und es folgte eine kurze Pause, in welcher er seine Verlegenheit verrieth.

Susanne Mottet errieth zuerst die Ursache dieses Stillschweigens.

»Mein Gott!« sagte sie, ihren Regenschirm drohend erhebend, »diese schreckliche Beleidigung hat wieder der Herr Marquis verschuldet. Er ist erstaunt, uns allein zu begegnen, und trotzdem reitet er weiter, statt seine —«

»Susanne,« sagte die Marquise ernst, »vergessen Sie sich nicht!«

Aber diese unterbrochenen Worte der erbitterten Feindin Escoman’s hoben alle Zweifel des jungen Wegelagerers und führten ihn wieder auf den zuerst betretenen Weg.

Susanne wollte sagen: »seine Frau;« Fontanieu aber verstand: »seine Geliebte.«

Der Marquis war so zügellos in seinen Sitten, die Marquise hingegen lebte so eingezogen, daß Louis von Fontanieu wohl von seiner Maitresse gehört hatte, aber von der Marquise fast gar nichts wußte. Mit etwas mehr Erfahrung würde er gewußt haben, daß sich ein Mann wie der Marquis von Escoman gegen seine Maitresse nicht so benimmt, wie es Susanne rügte, sondern derlei Unhöflichkeiten nur für seine Frau aufspart. Aber er war erst in das Leben eingetreten und daher noch kein scharfer Beobachter, und die junge Dame, für welche die alte Susanne so rührend das Wort genommen, schien ihm mehr als je Margarethe Gelis zu sein.

Er nahm das Geldstück aus der Börse und reichte es der Dame ans der einen Hand, während er die Börse mit der andern an sein Herz drückte.

»Nein, mein Herr,« antwortete die Marquise, den Kopf schüttelnd, »nicht das Eine ohne das Andere.«

Louis von Fontanieu gab seine Ungeduld zu erkennen.

»Ich sehe wohl,« sagte er, »daß wir uns nicht so schnell verständigen werden. Die Nacht bricht an, und ich bitte Sie um Erlaubniß, Sie bis an das Stadtthor zu begleiten; wir können ja unterwegs die Sache besprechen.«

»Nein, mein Herr,« antwortete die Marquise, »wir sind jetzt ausgeplündert und haben daher keinen Raubanfall mehr zu fürchten. Behalten Sie daher Geld und Börse und lassen Sie uns fortgehen.«

»In der That,« sagte Fontanieu, den diese unerwartete Kälte ärgerte, »man hatte mir Hoffnung auf eine bessere Aufnahme gemacht.«

»Darf ich fragen, mein Herr, wer so gütig gewesen ist, für meine Gesinnung zu bürgen?«

»Ein Bekannter, der die Ihnen von dem Marquis d‘Escoman bereitete Stellung kennt.«

»Sie kennen also den Marquis von Escoman und die Stellung, die er mir bereitet hat?« erwiederte Emma ganz erstaunt.

»Wie abscheulich!« eiferte Susanne. »Die Stellung, die er Ihnen bereitet hat! Jedermann weiß in Châteaudun, wie er sich gegen uns benimmt. Wer weiß, ob uns nicht der Herr Marquis selbst diese Falle gestellt hat.«

»Ich heiße Louis von Fontanieu,« erwiederte der junge Mann mit Verwunderung über die Haltung der vermeinten Margarethe Gelis. »Es ist also nicht auffallend, daß ich einen Mann von meinem Stande kenne.«

»Mein Herr,« sagte Emma, »bis jetzt betrachtete ich Ihr Benehmen nur als eine Unbesonnenheit, jetzt aber bekommt es das Ansehen einer Schlechtigkeit. Sie sind indeß noch jung, Sie sind ein Edelmann und gewiß noch nicht unempfänglich für Ehre. Erlauben Sie daher, daß ich Sie als Edelmann behandle. Ich beschwöre Sie, verlängern Sie diesen empörenden Auftritt nicht; Sie kennen mich nicht und ahnen daher auch nicht, wie weh Ihre letzten Worte einem ohnedies schon tief verwundeten Gemüthe gethan haben.«

Aus den Worten der Marquise sprach ein so tiefes, Gefühl« daß Fontanieu sogleich seine Eroberungsgedanken aufgab und seine Keckheit zu bereuen begann.

»Verzeihen Sie mir,« sagte er, »ich habe Sie schwer beleidigt; ich habe Sie verkannt und mich durch den Ruf, in welchem Sie stehen, verleiten lassen. Mein Unrecht ist um so größer, da ich Ihnen nur in meiner Verstimmung, in meinem Schmerze eine ungenügende Entschuldigung bieten kann.

»Verstimmung? Schmerz?« erwiederte die Marquise mit Ironie.

»Finden Sie das so erstaunlich?« fragte Louis von Fontanieu.

»Ich wundere mich darüber, weil ich an einen Schmerz nicht glaube, der noch einer Hoffnung Raum gibt, und weil Sie mir noch viel zu jung scheinen, um nicht mehr hoffen zu können.«

»Sie glauben also meinen Worten nicht?«

»Was kann Ihnen daran liegen, ob ich Ihren Worten traue oder nicht? Ich habe Sie nur durch eine Unschicklichkeit kennen gelernt – Sie sehen, daß ich den allermildesten Ausdruck für Ihre Handlungsweise wähle. Was in Ihrem Innern vorgeht, kümmert mich nicht, ich verlange nur, daß Sie mir aus dem Wege gehen.«

»Ich bitte Sie,« erwiederte Fontanieu, »gehen Sie so nicht von mir, es würde mir Unglück bringen; ich befinde mich in einer Lage, wo man der Verzeihung bedarf. Noch ein Wort, und vielleicht wird meine Offenheit für mich reden. Ich will Ihnen mit wenigen Worten Alles sagen, selbst auf die Gefahr hin, mich lächerlich zu machen. Ich will lieber lächerlich als gehässig erscheinen; Sie sehen also, daß mir vor Allem an meiner Entschuldigung liegt. Ich habe morgen ein Duell; vielleicht wissen Sie es schon, denn in dieser kleinen Stadt findet ja das unbedeutendste Ereigniß ein Echo.«

»Ich habe es noch nicht gewußt,« antwortete dies Marquise mit einiger Ironie; »aber die peinliche Stimmung, von der Sie sprechen, ist doch wohl nicht durch dieses Duell hervorgerufen worden?«

Louis von Fontanieu erröthete und biß sich in die Lippen.

»Sie haben Recht, Madame,« sagte er, »ich fürchte keineswegs den Tod; aber Angesichts des Grabes, das für mich vielleicht schon gegraben ist, stehe ich allein, verlassen, mitten unter fremden Menschen, wie in einer Wüste, ohne ein befreundetes Herz, dem ich meine Gedanken mittheilen könnte, ohne ein zärtliches, trauliches Wort von süßlächelden Lippen zu hören. Das ist die Ursache meiner peinlichen, trostlosen Stimmung, die mich so eben zu der schlechten That trieb.«

»Sie sollten lieber sagen,« erwiederte Emma, »daß« Sie verrückt sind.«

»Ja, ich war es vielleicht vor einer Weile, aber jetzt bin ich es nicht mehr. Man sagt ja, daß die Wahnsinnigen nicht weinen, und ich fühle Thränen in meinen Augen. – O, wenn meine gute Mutter bei mir wäre! sie ist jetzt vielleicht recht heiter und sorglos, ohne zu ahnen, daß sie ihren Sohn vielleicht nie wieder sehen wird!«

Fontanieu sprach mit so tiefem, wahrem Gefühl, daß die junge Dame gerührt wurde.

»Armer junger Mann!« sagte sie, »Gott wird Ihrer Mutter den letzten Trost nicht rauben; suchen Sie daher bei Gott den Trost, dessen Sie bedürfen.«

»Sie sehen, daß ich nicht so schuldig war, wie ich schien,« sagte Fontanieu, indem er ein Knie vor der jungen Dame beugte. »Gewähren Sie mir also die Verzeihung, um die ich Sie bitte, und nehmen Sie mit diesem Goldstück Ihre Börse zurück. Ach! ich hätte gern einen Talisman daraus gemacht, der die Stelle Ihres holden Bildes in meinem Herzen vertreten haben würde.«

Die Marquise von Escoman nahm ihre Geldbörse und rollte sie, wie in Gedanken vertieft, zwischen den Fingern zusammen.

In diesem Augenblicke hörte man auf dem Fahrwege das Rollen eines Wagens. Dieses Geräusch erinnerte die Marquise an die Nothwendigkeit, dieser Scene ein Ende zu machen. Sie ging an Louis von Fontanieu vorüber und sagte mit einem beinahe freundlichen Wink:

»Fassen Sie Muth. Ich kann Ihnen zwar nicht bieten, was Sie suchen; aber wenn Sie glauben, daß das Gebet einer fremden Person nicht schaden könne, so werde ich Sie in mein Gebet mit einschließen.«

Sie entfernte sich schnell und mit vornehmer Haltung . Fontanieu machte keine Bewegung, sie zurückzuhalten.

Er schaute den beiden Frauen nach, bis sie in der Dunkelheit verschwunden waren. Dann stand er auf, und als er sich mit der Hand auf die Erde stützte, faßte er die Geldbörse, welche die Marquise in der Eile hatte fallen lassen.

Er drückte die Börse an seine Lippen und eilte fort um sie der Eigenthümerin zurückzugeben; aber er besann sich und stand wieder still. Warum sollte er sich von einem Gegenstande trennen, der ihn an dieses schöne wunderholde Weib erinnerte – an ein Wesen, das ihn entzückte, dem er sein ganzes Leben zu widmen beschloß!

Nicht ohne einiges Zögern gab er der Versuchung nach. Der Louisd’or steckte wieder in der Börse, und um so mehr war er verpflichtet, sie der Eigenthümerin zurückzugeben.

Während er noch mit seinem Gewissen zu Rathe ging, fühlte er einen leisen Schlag ans seiner Schulter.

Er sah sich um und erkannte die alte Dame, die wieder umgekehrt war.

»Mein Herr«s sagte Susanne fast athemlos und daher nicht in so feierlichem Tone, wie sie wohl beabsichtigt hatte, »ich habe wohl gewußt, daß Sie morgen ein Duell haben, ich weiß auch mit wem. Schonen Sie Ihren Gegner nicht, und wenn Gott Sie zum Werkzeuge seiner Rache, oder vielmehr seiner Gerechtigkeit macht, so hoffen Sie. Denn ich werde dann die beste Freundin des Mannes sein, der meinem armen Kinde Freiheit und Glück wiedergibt.«

Und ohne Fontanieu‘s Antwort abzuwarten, verschwand Susanne Mottet wieder in der Dunkelheit.

Wie räthselhaft unserm Helden auch die Worte der alten Dame schienen, so machten sie doch seiner Unschlüssigkeit ein Ende. Er dachte, der Verlust der Geldbörse sei wohl nicht ganz unfreiwillig, und nahm sich fest vor, über das ihm so seltsam scheinende Verhältniß des Marquis von Escoman zu Margarethe Gelis genaue Erkundigung einzuziehen.

Er steckte die Börse mit dem darin befindlichen Goldstück in die Westentasche und flüsterte den Namen Margarethe mit schwärmerischer Zärtlichkeit.

Viertes Capitel.
Das Duell

Louis von Fontanieu kam in einer kaum zu beschreiben den Aufregung nach Hause. Er fand nun Alles erklärlich, was ihm der Chevalier von Montglas über die leidenschaftliche Liebe des Marquis von Escoman für Margarethe Gelis gesagt hatte; ein so reizendes Geschöpf zu lieben, war gewiß verzeihlich.

Nach und nach aber erblickte er die Wirklichkeit durch die in seinem Geiste zurückgebliebene glänzende Luftspiegelung. Morgen sollte er dem Marquis von Escoman, der schon manche Ehrensache muthig ausgefochten, im Zweikampf gegenüberstehen. Er hingegen hatte noch nie ein Duell gehabt.

Man wird es vielleicht befremdend finden, wenn ich behaupte, daß der Muth mindestens eben so sehr eine Sache der Gewohnheit wie des Temperamentes sei. Man gewöhnt sich an die Gefahr wie an Alles; wenn man einigemale eine, und dieselbe Gefahr glücklich überstanden hat, so scheint dieselbe geringer als im Anfange, und zum fünften oder sechsten Male geht man ihr mit weit ruhigerem Herzen entgegen, als das erste Mal.

Es war daher natürlich, daß Louis von Fontanieu von Zeit zu Zeit von einem bangen Gefühl ergriffen wurde, und obgleich er seine Gedanken mit andern Dingen zu beschäftigen suchte, so gedachte er doch nicht ohne tiefe Worte des Evangeliums: Mensch, Du bist Staub, und wirst wieder zu Staub werden!

Gegen zehn Uhr Abends wurde die Glocke an seiner Thür gezogen und sein Diener meldete die Herren von Mauroy und von Apremont.

Mauroy, der Vetter Fontanieu‘s, hatte ihn, wie wir wissen, in die vornehme Gesellschaft von Châteaudun eingeführt,und kam nun, um über seine Unterredung mit den Sekundanten des Marquis von Escoman Rechenschaft zu geben. Herr von Apremont war der Freund, der ihn begleitet hatte.

Die Sache war schnell abgethan worden. Als Waffe hatten beide Parteien den Degen gewählt, und das Duell sollte am andern Morgen um sieben Uhr in einem nahen Wäldchen stattfinden.

Herr von Mauroy sah seinen Vetter scharf an, während er ihm Bericht abstattete; er suchte zu errathen, ob im entscheidenden Augenblicke auf die Stärke seiner Nerven zu zählen sei.

Louis von Fontanieu hörte ganz ruhig zu.

»Sie sind also mit dem Degen vollkommen vertraut?« fragte Mauroy.

»Vertraut ist viel gesagt,« erwiederte Louis; »ich führe morgen den Degen zum ersten Male in einer ernsten Sache; ich bin aber auf dem Fechtboden eben nicht ungeschickt gewesen.«

»In der That,« sagte Apremont, »ich sehe dort an der Wand Rapiere und Masken.«

»Würde es Ihnen unangenehm sein, lieber Vetter,« fragte Herr von Mauroy, »mir eine Probe Ihrer Fechtkunst zu geben?«

»Durchaus nicht,« sagte Louis von Fontanieu; »ich will noch einige Kerzen anzünden, es ist nicht hell genug.«

Fontanieu zündete alle Kerzen und Lampen an, die er in seiner Wohnung hatte, und das Zimmer, in welchem sich die drei Herren befanden, wurde taghell erleuchtet.

Mauroy und er nahmen die Mensur, nahmen die Rapiere und fingen ihre Fechtübung an.

Louis von Fontanieu war, wie schon erwähnt, ein Zögling der Militärschule von St. Cyr, und hatte natürlich auch Fechtunterricht erhalten. Seine große, kräftige, geschmeidige Gestalt war ihm dabei sehr zu Statten gekommen, und er war aus dem Fechtboden einer der Besten geworden.

Er traf seinen Vetter dreimal, während dieser ihn nur einmal mit der Spitze seines Rapiers berührte.

»Ich bin sehr mit Ihnen zufrieden, lieber Vetter,« sagte Mauroy; ich habe mich mit dem Marquis von Escoman nie gemessen und kann Ihnen daher über seine Fechtart nichts Näheres sagen. Aber ich glaube, daß Herr von Apremont dem Marquis etwa gleichkommt. Wollen Sie mir erlauben, ihm das Rapir zu übergeben?«

»Herr von Apremont wird mir viel Ehre erweisen,« antwortete Fontanieu mit jener natürlichen Höflichkeit, dir aus einem Fechtboden fast zur Etikette wird.

Apremont nahm das Rapir und legte sich aus.

Dieses Mal waren sich die beiden Gegner ziemlich gleich. Apremont stand in dem Rufe eines guten Fechters und Pistolenschützen. Nach einer Viertelstunde war er viermal, Louis dreimal getroffen worden.

»Sie können’s mit dem Marquis sehr wohl aufnehmen,« sagte Apremont.

Fontanieu dankte seinen beiden »Gevattern«, die sich mit dem Versprechen entfernten, ihn in der Frühe um halb sieben Uhr abzuholen.

Louis blieb allein, die beiden Rapiere und die Maske in der Hand haltend; die zweite Maske war noch aus seinem Gesicht.

Er hängte Rapiere und Masken wieder an die Wand und setzte sich an seinen Schreibtisch, um an seine Mutter zu schreiben.

In diesem Briefe, der nur im Falle eines Unglücks abgeschickt werden sollte, schüttete er sein ganzes Herz aus und gab allen seinen zärtlichen Gefühlen einen Ausdruck. Bei den letzten Zeilen flossen seine Thränen.

Es war weder Furcht noch Schwäche, sondern eine ungemein starke Aufregung.

Er siegelte den Brief, aber nun schien es ihm, als ob er seiner Mutter noch viel zu sagen hätte.

Er erbrach das Siegel und schrieb noch vier Seiten voll.

Dann ging er zu Bett und dachte an Margarethe Gelis.

Sein Schlaf war ziemlich ruhig.

Er träumte, sein Schlummer werde von den beiden Frauen bewacht. Sie standen auf beiden Seiten seines Bettes, und allmälig bekamen sie Flügel, so daß zwei Engel daraus wurden.

Gegen fünf Uhr erwachte er. Der Tag brach an. Louis hatte noch eine halbe Stunde Zeit, an die beiden Gestalten zu denken, welche die ganze Nacht an seinem Lager gewacht hatten.

Um sechs Uhr kamen Mauroy und Apremont. Sie fanden ihn völlig angekleidet und bereit ihnen zu folgen.

Sie brachten Degen mit, welche sowohl dem Marquis von Escoman als dessen Gegner unbekannt waren.

Die Freunde sprachen noch eine Viertelstunde von gleichgültigen Dingen und brachen dann auf.

« Der Wagen Mauroys hielt vor der Thür.

Ein junger Arzt war zum Stelldichein beschieden. Fünf Minuten nachher war Louis von Fontanieu auf dem Kampfplatz.

Einige Minuten nachher kam auch der Marquis von Escoman in Begleitung Guiscard’s und des Chevalier von Montglas.

Die Gegner begrüßten sich mit einer leichten, aber höflichen Verbeugung; die vier Sekundanten traten zusammen, der Arzt blieb in einiger Entfernung.

Die Unterredung der Sekundanten war kurz, die Bedingungen waren ja bereits festgestellt worden. Es blieben nur die Degen zu wählen.

Man warf ein Goldstück in die Höhe; der Marquis hatte die Wahl. Er wählte die Degen seines Gegners, ohne dieselben in Augenschein zu nehmen.

Die Degen wurden den Gegnern von den Secundanten überreicht, und jeder von ihnen zog seinen Rock aus.

Der Chevalier von Montglas und der Vicomte von Mauroy stellten sich, mit dem Stock in der Hand, neben die Kämpfenden und gaben das Zeichen.

Die Klingen kreuzten sich. Der Marquis von Escoman schien vollkommen ruhig und gefaßt; ein spöttisches Lächeln spielte um seine Lippen, und hätte sich seine Stirn nicht in leichte Falten gezogen, so hätte man glauben können, es sei eine gewöhnliche Fechtübung gewesen.

Louis von Fontanieu war mehr fest und entschlossen als ruhige seine Füße schienen am Boden festgeniete;z man sah es ihm an, daß er den festen Vorsatz hatte, keinen Schritt zurückzuweichen; seine etwas emporgezogene Oberlippe zeigte unter dem kleinen Schnurrbart die fest aufeinandergedrückten weißen Zähne; sein Auge funkelte von Muth und zugleich von Lebenslust; man sah es ihm an, daß er nicht sterben wollte und mit seiner ganzen Willenskraft am Leben festhielt.

Der Marquis von Escoman hatte anfangs geglaubt, mit seinem Gegner leicht fertig zu werden, aber schon im ersten Gange erkannte er an der Kraft und Gewandtheit Fontanieu‘s den Meister in der Fechtkunst. Er war daher vorsichtig, um das Spiel seines Gegners zu beobachten; dann aber fiel er plötzlich mit aller Gewalt aus, und er würde seinen Gegner durch und durch gestoßen haben, wenn seine Degenspitze nicht auf einem harten Gegenstande abgeglitten wäre; sie streifte nur die Rippen Fontanieu‘s

Dieser parirte instinctmäßig die Klinge, die er in seiner Seite fühlte, und zwar mit solcher Heftigkeit, daß dem Marquis der Degen aus der Hand fiel.

Fontanieu’s Hemd färbte sich mit Blut.

Ehe sich der Marquis bückte, um seinen Degen wieder aufzunehmen, stellte Louis behende den Fuß auf die Klinge.

Wie muthig und sorglos auch der Marquis war, so fühlte er doch in den wenigen Secunden, welche dieser Zwischenfall dauerte, einen Todesschauer durch seine Adern laufen. Er mußte denken, sein Gegner, durch die Wunde gereizt, werde den Stoß erwiedern. Aber statt nachzustoßen, hob Fontanieu den Degen des Marquis auf und überreichte ihm denselben.

Der Marquis legte sich wieder aus und Fontanieu kreuzte mit gleicher Schnelligkeit die Klinge.

Aber als der Kampf wieder anfangen sollte, trat der Chevalier von Montglas vor und trennte die Klingen durch einen tüchtigen Stockschlag.

»Es ist genug, meine Herren!« sagte er; »der Ehre ist Genüge geleistet. Marquis, vergessen Sie, daß Herr von Fontanieu in Ermanglung eines hinlänglichen Vermögens eine Stellung gesucht, ohne auf die Cocarde Rücksicht zu nehmen, und drücken Sie als Freund die Hand, in welcher einen Augenblick Ihr Leben war.«

Die andern Zeugen stimmten dem Chevalier bei und erklärten, daß sie eine Fortsetzung des Kampfes nicht dulden würden.

Der Marquis von Escoman fügte sich willig ihren dringenden Bitten.

»Von Herzen gern, Montglas; ich habe Herrn von Fontanieu Unrecht gethan, und er hat sich so ehrenvoll gerächt, daß mir nichts übrig bleibt, als um die Ehre seiner Freundschaft zu bitten.«

Fontanieu nahm die Hand, die ihm der Marquis reichte.

»In der That,« sagte Escoman, »es freut mich, daß meine tiefe Quart keinen bessern Erfolg gehabt hat. Es ist ein Opfer, das meine Eigenliebe dem Gewissen bringt, denn ich hatte die Ueberzeugung, diesen von einem Fechtmeister meines Regiments erlernten Stoß meisterhaft zu führen. Ich glaube übrigens, daß das wunderbare Gelingen Ihrer Parade weniger eine Folge des von Ihrem Degen beschriebenen Halbkreises als eines Hindernisses war, das meine Klinge unter Ihren Kleidern traf.«

Fontanieu, der noch sehr aufgeregt war, sah in den Worten des Marquis mehr als eine einfache und gleichgültige Frage, er glaubte, sein Gegner setze Zweifel in seine Ehrlichkeit und riß schnell sein Hemd auf, um seine entblößte Brust zu zeigen.

Man sah die von dem Degen des Marquis gezogene blutige Furche.

Der Marquis errieth die Gedanken seines Gegners.

»Glauben Sie denn,« setzte er hinzu, »daß ich nach der ritterlichen Großmuth, welche Sie gegen mich bewiesen, einem bösen Gedanken Raum geben könne? Nein, ich vermuthe blos, daß meine Degenspitze Ihre Uhr und eine jener Kleinigkeiten welche die jungen Leute als Talisman oder Amulette bei sich zu tragen pflegen, getroffen hat. Ich selbst bin nicht mehr jung und trage doch noch solche Siebensachen.«

»Escoman hat Recht,« sagte der Chevalier von Montglas, »und es ist erlaubt, eine sonderbare Thatsache aufzuklären. Ich habe im Jahre 1814 erlebt, daß ein Dragoneroffizier des Usurpators, mit dem ich mich schlug, seinen Degen an meinen Berlocken zerbrach; er hätte mir sonst die Klinge durch den Leib gestoßen. Ich stieß nach —«

Der Chevalier hielt erröthend inne. Er erinnerte sich, daß er ebenfalls eine Ehrensache hatte, und daß die Erzählung seiner Heldenthaten nicht am rechten Orte war.

»Ich glaube, daß Sie Recht haben, Herr Marquis,« sagte Louis von Fontanieu, der inzwischen in seine Westentasche gegriffen hatte. »Belieben Sie sich selbst zu überzeugen.«

Er zog die ganz vergessene kleine Börse heraus, welche seinen blutigen Fingern entglitt und auf den Rasen fiel.

Montglas nahm die Börse auf, zog das Goldstück heraus und betrachtete es aufmerksam.

»Ein Seitenstück zu dem Degenstoß auf meine Berlocken,« sagte er frohlockend. »Sehen Sie, Herr Marquis, das Gold hat trotz seiner Härte eine Schramme. Dieses Geld war gut angelegt, wie einst ein geistreicher Mann sagte.«

Der Chevalier reichte dein Marquis die Börse und das Goldstück.

Fontanieu erblaßte; er fürchtete, der Marquis werde einen Gegenstand erkennen, welcher, wie Louis glaubte, seiner Geliebten gehörte.«

Er suchte daher der Gefahr zu begegnen.

»Der Zufall ist um so sonderbarer,« sagte er, »da die Börse nicht mir gehört.«

»Wirklich?«

»Nun, das ist leicht zu erkennen,« setzte der Chevalier hinzu; »diese kleine Börse ist offenbar nicht für einen Cavalier gestrickt worden, es ist ein platonisches Andenken.«

»Sie irren sich,« erwiederte aber Fontanieu; »es ist nicht einmal ein Andenken, ich habe diese Börse gestern auf der Landstraße gefunden.«

»Wenn das ist,« sagte der Chevalier, »so müssen Sie die Eigenthümerin aufsuchen und kniefällig bitten, Ihnen diesen Talisman zu lassen, den Sie künftig wie ein Agnus Dei am Halse tragen werden.«

»Sie haben Recht, Montglas,« sagte der Marquis, der die Börse aufmerksam betrachtete; »ich werde ihn zu der Eigenthümerin führen, und wenn’s nöthig ist, meine Bitten mit den seinigen vereinigen.«

»Sie, Marquis?«

»Ja, ich – Herr von Fontanieu, haben Sie dieses Kleinod nicht am Ufer des Loir gefunden?«

»Ich glaube – ja,« stammelte Louis.

»Sie werden sehen,« sagte der boshafte Chevalier, »daß die schöne Margarethe auf einem sentimentalen Spaziergange diese Börse verloren hat. Nehmen Sie sich in Acht, Marquis, Sie haben heute kein Glück, und Sie vergessen etwas unbesonnen die Warnung der Schrift: wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.«

»Herr Chevalier,« antwortete der Marquis lächelnd, »ich kenne wirklich die Eigenthümerin dieser Börse; aber wenn ich Jemanden die Ehre erwiesen habe, ihm die Hand zu bieten und meinen Freund zu nennen, so stelle ich ihm, trotz Ihrer Warnung, Alles was ich besitze, zu seiner Verfügung.«

»O! diese Opferwilligkeit geht nur bis an die Schwelle einer mir wohlbekannten Thür,« erwiederte der Chevalier.

»Sie irren sich,« sagte der Marquis, der sich in die Enge getrieben sah; »und um es Ihnen zu beweisen, lade ich Sie und Herrn von Fontanieu aus diesen Abend zum Souper bei Margarethe ein.«

Das Gespräch hatte eine so beunruhigende Wendung genommen, daß Fontanieu, um seine Verlegenheit zu verbergen, zu dem von seinen Zeugen mitgebrachten jungen Arzt ging und ihm seine Wunde zeigte.

Der Schüler des Aeskulap erklärte, es sei nur eine unbedeutende Schramme und legte einen leichten Verband an.

Für den Fall, daß einer der beiden Gegner fiele oder schwer verwundet würde, hatten Guiscard und Montglas, die ihren Strauß noch auszufechten hatten, zwei Freunde in das Wäldchen bestellt. Letztere erschienen nun wirklich.

Der Marquis von Escoman bot alle Beredtsamkeit auf, um den Chevalier mit Guiscard zu versöhnen. Der Letztere sah wohl ein, daß ein solcher Zweikampf für ihn nur lächerliche Folgen haben könne und zeigte sich zu einer Aussöhnung bereit; aber alle Bemühungen des Marquis scheiterten an der Hartnäckigkeit des Chevaliers, und der Marquis fuhr mit Louis von Fontanieu, den er zur Annahme eines Platzes in seinem Wagen zwang, in die Stadt zurück.

Als der Wagen am den ersten Vorstadthäusern vorbeifuhr, bemerkte Fontanieu hinter einer halb verfallenen Gartenmauer eine Frau, deren Gesicht und Gestalt ihm auffiel. Er steckte schnell den Kopf zum Schlage hinaus und erkannte die alte Dame, die ihm Abends zuvor empfohlen hatte, den Marquis nicht zu schonen.

Sie schien die Rückkehr des Wagens zu erwarten. Als sie ihn kommen sah, lehnte sie sich über die Mauer, um das Innere der Kutsche zu beobachten, und als sie Louis von Fontanieu neben dem Marquis sitzen sah, machte sie ein zorniges Gesicht, bückte sich und verschwand hinter der Gartenmauer.

Der Marquis von Escoman hatte Susanne Mottet nicht bemerkt, und Fontanieu hielt es nicht für gerathen, sein Erstaunen über die seltsame Erscheinung merken zu lassen.

Louis glaubte, der Marquis werde ihn nach Hause begleiten; er war daher etwas verwundert, als der Wagen vor einem der ältesten und stattlichsten Häuser der Stadt hielt und ein schweres Hausthor sich knarrend aufthat.

»Wohin führen Sie mich denn, Herr Marquis?« fragte er.

»An den Ort, wo ich mein Versprechen halten muß.«

»Was für ein Versprechen meinen Sie?«

»Undankbarer, haben Sie denn die kleine Geldbörse schon vergessen?«

»O nein.«

»Ich habe Sie ja der Eigenthümerin vorzustellen.«

»Wie!« erwiederte Louis erstaunt, »wohnt denn Margarethe Gelis in diesem Hause?«

»Ei! wer spricht denn von Margarethe Gelis? Sind Sie etwa mit dem Chevalier einverstanden? Steigen Sie aus und folgen Sie mir.«

Der Marquis sprang aus dem Wagen; Fontanieu folgte ihm.

Wir haben noch zu sagen, was unterdessen zwischen dem Chevalier von Montglas und Georg von Guiscard vorging.

Auf die Weigerung des Ersterem eine Entschuldigung anzunehmen, hatte sich Guiscard bereit erklärt, Satisfacntion zu geben.

Die beiden Gegner ergriffen daher die Degen, welche, der Marquis von Escoman und Louis von Fontanieu zurückgelassen hatten. Bei dem dritten Gange stieß Montglas seinem Gegner den Degen zwischen die Rippen.

Der junge Arzt erklärte, daß die Wunde zwar nicht tödtlich sei, aber doch große Schonung und sorgfältige Pflege erheische.

Der Zweikampf hatte somit ein Ende und die beiden Gegner entfernten sich.

Der Chevalier von Montglas begab sich zu Fuß in die Stadt zurück, Guiscard wurde in den Wagen gesetzt und langsam zu seiner Wohnung gefahren.

Fünftes Capitel.
Gute Absichten und Nebenabsichten

Wir haben Louis von Fontanieu an der Thür des Hotel Escoman gelassen.

Er machte gar keine Gegenvorstellungen, erlaubte sich keine Frage, obgleich er über die Folgen dieser Unterredung nicht ohne Besorgniß war.

Er befand sich mit dem Marquis vor einem jener alten düsteren Häuser aus dem sechzehnten Jahrhundert, deren Quadersteine und Ziegel die gleiche röthlichbraune Farbe angenommen haben. Beide blieben vor einer halbrunden Außentreppe stehen.

»Ist die Frau Marquise zu Hauses?« fragte Escoman den Diener, der an den Wagen kam.

Diese Worte überzeugten Louis von Fontanieu, daß er Abends vorher einen großen Irrthum begangen; er sann nur auf ein Mittel, sich einer Unterredung zu entziehen, in welcher er jedenfalls eine sehr lächerliche Rolle spielen müßte.

»Um des Himmels willen, Herr Marquis,« sagte er, »lassen Sie mich nach Hause!«

»Nach Hause? Warum denn?«

»Weil ich mich in diesem Anzug, mit meinen blutigen Kleidern und schmutzigen Stiefeln nicht vor einer Dame zeigen kann. Und diese Dame —?«

Fontanieu stockte.

»Nun ja, die Dame, deren Börse Sie aufgenommen haben, ist die Marquise von Escoman. Finden Sie das so außerordentlich? Warum machen Sie so große Augen?«

»Weil ich – ich gestehe, daß ich —«

»Wußten Sie nicht, daß ich verheiratet bin?«

»Nein.«

»Das wundert mich nicht: Sie sind noch nicht lange hier, und ich führe im Grunde ein Junggesellenleben, das ich Ihnen ebenfalls empfehle, falls Sie einmal in die Verlegenheit kommen eine Frau nehmen zu müssen.«

Und ohne seinem Begleiter Zeit zu weiterem Nachdenken zu lassen, schob ihn der Marquis in die Vorhalle und sagte zu dem Diener: »Frage die Frau Susanne, ob die Marquise uns empfangen kann.«

»Frau Susanne ist in der Frühe ausgegangen,« antwortete der Diener.

In diesem Augenblicke that sich eine Seitenthür auf und die Marquise erschien. Ihre Augen waren verweint und sie war so zerstreut, daß sie die Anwesenheit Fontanieu‘s reicht bemerkte.

Als sie ihren Mann so heiter und vergnügt sah, hob sie die Hände empor, und fühlte sich so tief ergriffen, daß. sie sich an der Thürbekleidung halten mußte, um nicht zu fallen.

»Er lebt!« mehr vermochte sie nicht zu sagen.

Der Marquis trat rasch auf sie zu, um sie zu halten.

»Ich bitte Dich,« sagte er leise und mit spöttischem Tone, der ihr tief ins Herz drang, »keine Melodramenscene. Wir sind nicht allein. – Ja wohl ich lebe,« setzte er laut hinzu, »und zwar durch die Gnade des Herrn Louis von Fontanieu, den ich Dir sogleich vorstellen wollte, denn ich dachte, es würde Dir nichts angenehmer sein als der Anblick des Mannes, der Dich noch nicht zum Witwenschleier verurtheilen wollte. Der schwarze Schleier würde deinem blonden Haar indessen sehr hübsch stehen; Susanne würde mir gewiß beistimmen, wenn sie da wäre.«

»Wie können Sie in einem solchen Moment scherzen, Marquis!« erwiederte Emma, welche die tiefe Verbeugung Fontanieu’s nur mit leichtem Kopfnicken beantwortete.

»Parbleu!« sagte der Marquis, »warum soll man sich nicht freuen? Aber wenn Sie durchaus ernsthaft sein wollen, so hören Sie Herrn von Fontanieu an, der ein wichtiges Anliegen an Sie hat.«

»An mich?« sagte die Marquise erstaunt.

»Ja wohl, an Sie.«

»Ich höre,« sagte die Marquise.

»Es handelt sich um eine Börse, welche Sie in einem sehr günstigen Augenblicke verloren haben, denn sie hat uns Beiden einen großen Dienst geleistet. Herr von Fontanieu wird Ihnen die ganze Geschichte erzählen. Ich verlasse Sie, denn die Anwesenheit eines Ehernannes würde der gegenseitigen Mittheilung nur hinderlich sein. – Bieten Sie der Marquise Ihren Arm, mein junger Freund.«

Der Marquis ging trällernd die zu seiner Wohnung führende Treppe hinauf, er war froh, nicht mehr Zeuge der Freude zu sein, welche die Marquise über seine Rückkehr zu erkennen gab.

Fontanieu wartete, daß ihm die Marquise einen Wink gebe ihr zu folgen. Er trat tief bewegt in den Salon.

Die Marquise setzte sich und bot ihm einen Stuhl.

»Mein Herr,« sagte sie, ohne ihn zu Worte kommen zu lassen, »ich will die Vortheile, die Sie mir eingeräumt, nicht mißbrauchen: ich bin Ihnen zu dankbar für Ihr Benehmen gegen den Marquis. Ich verspreche Ihnen, daß ich mich in Zukunft nie des Unrechts erinnern werde, dessen Sie sich gegen mich schuldig gemacht haben; ich will es Ihrer Jugend und Ihrem Leichtsinn zuschreiben. Aber Sie müssen mir versprechen, jenes unangenehmen Auftrittes, den Sie gewiß bedauern werden, nie wieder zu erwähnen.«

Diese mit Sanftmuth gesprochenen Worte verfehlten aber ihre Wirkung. Einer vornehmen Dame zu begegnen, wo er nur Margarethe Gelis zu finden geglaubt, war in den Augen des jungen Mannes ein unverhofftes Glück. Seine gestrigen Träumereien nahmen nun eine bestimmte Gestalt an. Seine Phantasie schuf, wie Pygmalion, ein Weib. Sein launenhafter Uebermuth wurde zur Liebe. Einige der alten Dienerin entschlüpften Worte, die ihm bis dahin unverständlich gewesen waren, bekamen nun einen Sinn für ihn, und der kalte Hohn des Marquis erfüllte ihn mit ehrgeizigen Hoffnungen. Weit entfernt daher, eine Entschuldigung zu stammeln, sann er auf ein Mittel, das Spiel des Zufalls auf Rechnung eines überlegten Planes zu schreiben.

»Ach! Frau Marquise,« erwiederte er, »das Schicksal hat Alles so gefügt, daß ich Ihnen nicht gehorchen kann.«

»Das Schicksal!« erwiederte die Marquise erstaunt. »Was hat denn das Schicksal damit zu thun?«

»Hat Ihnen der Herr Marquis nicht gesagt, daß ich Sie um eine Gunst zu bitten habe?«

»Ja wohl, aber ich gestehe, daß ich nicht begreife, was für eine Gunst Sie von mir erwarten können.«

»Die Erlaubniß, diese kleine Börse behalten zu dürfen, Madame. Der Zufall setzte mich in den Besitz derselben, und auf meiner Brust wehrte sie einen Degenstich ab, der sonst tödtlich gewesen sein würde. Urtheilen Sie selbst, Madame, ob ich unser gestriges Zusammentreffen vergessen kann – selbst wenn mir alle Stimmen in meinem Innern nicht zuriefen, daß ich erst seit jener Stunde angefangen habe zu leben.«

Aber die Marquise unterbrach ihn.

»Verzeihen Sie,« sagte sie, »daß ich Ihnen ins Wort falle. Sie werden aber gestehen, daß es keineswegs schmeichelhaft für mich ist, in Ihrem Roman eine Rolle zu spielen, die mir gar nicht zugedacht war – mit einem Worte nur ein Lückenbüßer in Ihrem kleinen Intriguenstücke zu sein.«

»Madame —«

»Sie werden doch nicht behaupten,« fuhr die Marquise fort, »daß ich die erste Inspiration der Gefühle, welche Sie mit so viel Wärme ausdrücken, für mich in Anspruch nehmen könne? Ich habe gestern sehr wohl gemerkt, daß Sie keineswegs mit der Marquise von Escoman zu sprechen glaubten: Sie erlauben mir daher, dem Kaiser zu lassen, was des Kaisers ist.«

Die Stimme der Marquise war bewegt, als sie diese Anspielung auf Margarethe Gelis machte. Fontanieu bemerkte, daß die Augen der jungen Frau feucht wurden, und daß zwei Thränen an ihren langen Wimpern zitterten.

Die Marquise errieth an den Blicken des jungen Mannes, daß ihre Thränen nicht unbemerkt bleiben würden.

»Entschuldigen Sie,« setzte sie hinzu, »verzeihen Sie, daß ich mich nicht zu beherrschen vermag; aber das Unglück kennt ja kein Ansehen, der Person, und Niemand hat mir bis jetzt noch das Recht der Thränen streitig gemacht.«

Diese Worte, welche die Marquise mit erzwungenem Lächeln sprach, machten einen tiefen Eindruck auf Fontanieu. Er blieb einige Augenblicke stumm. Er verglich in Gedanken seine gemeinen niedrigen Gefühle mit der wahrhaft großen Ergebung dieser Frau, und er schämte sich. Sein Uebermuth schwand allmälig vor dem ehrerbietigen Mitleid, das sich in ihm regte. Je ernster aber die Liebe wurde, desto inniger, edler wurde sie.

Diese Umwandlung seiner Gefühle war auf seinem Gesicht bemerkbar. Er erröthete und erblaßte abwechselnd; endlich füllten sich auch seine Augen mit Thränen. Er sprang auf und fiel der Marquise zu Füßen.

»Verzeihen Sie mir,« sagte er mit dem Ausdruck der innigsten, aufrichtigsten Reue.

»Sie sind gut,« erwiederte Emma und drückte ihm die Hand; »ich hoffe, daß wir Freunde sein können, wenn Sie sich nemlich entschließen können, vernünftig zu werden.«

»Wenn Sie damit sagen wollen, daß ich Sie nicht mehr vergöttern soll, so irren Sie sich, Madame, in diesem Sinne werde ich nie vernünftig werden!«

»Wie thöricht sind Sie,« erwiederte Emma, sich abwendend; »kann man denn hoffnungslos lieben?«

»Die Beantwortung dieser Frage kommt nicht mir, sondern Ihnen zu, Madame.«

Emma erblaßte.

»Sie dürfen mich nicht lieben,« erwiederte sie fast mit Schrecken, »wenigstens nicht so, wie Sie es meinen. Sie klagten gestern, daß Sie von den Personen, die Ihnen theuer sind, entfernt sein müssen: ichs will Ihre Schwester, Ihre Freundin, Ihre Mutter sein; aber Sie müssen, so lange es noch Zeit ist, jedes Gefühl unterdrücken, das Ihnen nur Schmerz bereiten könnte. Wenn Sie wüßten, welchen Schmerz eine nicht getheilte Liebe bereitet! Wenn Sie wüßten, wie der Gram am Herzen nagt, wie man das Leben müde wird und sich nach dem Tode sehnt! Diesen Schmerz mischte ich Ihnen ersparen. Und wenn es nothwendig ist, Ihnen zu sagen was ich seit drei ewig langen Jahren gelitten habe und noch leide, so will ich‘s thun, wenigstens versuchen. Aber keine Liebe, keine Liebe! Hören Sie mich an.«

»Nein, Madame,« sagte Louis von Fontanieu, rasch aufstehend. »Ich will lieber nichts hören. Was könnten Sie mir auch sagen? daß Sie den Marquis lieben, vergöttern. O, ich weiß es nur zu gut, daß Sie ihn lieben, es ist nicht nothwendig, daß sie mir’s sagen.« Meine Liebe ist Wahnsinn, ich gebe es zu: aber dieser Wahnsinn wird mir in meiner Traurigkeit vielleicht liebliche Täuschungen, süße Hoffnungen bereiten, wie schnell sie auch schwinden mögen. Ich beschwöre Sie, rauben Sie mir diesen geringen Trost nicht; zerreißen Sie mir das Herz nicht durch das Bekenntniß ihrer Liebe für den Marquis, nicht durch die mahnende Stimme Ihres Gewissens, falls Sie keine Liebe für ihn fühlen. Vergessen Sie nicht, daß ich mit Ihnen geweint.«

»Ich werde mich dessen erinnern,« erwiederte Emma; »und eben deshalb werden Sie mich ohne Erbarmen finden gegen diese Leidenschaft, die ich scharf rügen würde, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß sie noch keine tiefen Wurzeln geschlagen. Ich danke Ihnen für die gute Meinung welche Sie von mir haben: Sie irren sich nicht, daß die Stimme des Gewissens mich bewahren würde vor einer Sünde, welche die Welt einen Fehltritt zu nennen pflegt – selbst wenn ich den Marquis nicht so innig liebte.«

»Ach, Madame, zwingen Sie mich nicht ihn anzuklagen.«

»Was habe ich denn zu fürchten? Mich an die Vergehen des Marquis zu erinnern, mir vorzuhalten, daß er mir gegenüber alle Anstandsrücksichten vergißt, das wäre nicht edel und nicht klug gehandelt. Sie würden den beabsichtigten Zweck dadurch nicht erreichen. Glauben Sie denn, es sei mir nicht bekannt, was er thut? Ich verlange nur, daß in meiner Gegenwart keine Rede davon sei, und die mich umgebenden Personen schweigen davon. Aber der Scharfblick der Liebe enthüllt mir mehr als seine Gleichgültigkeit. Was mir dieser Instinct sagt, suche ich im Stillen zu widerlegen; denn kann man dem Marquis die Schuld geben? Liegt es nicht vielmehr an seiner Erziehung, an der gewohnten Lebensweise, an den-Freunden, mit denen er umgeht? Alle Männer machen sich solcher Vergehen mehr oder weniger schuldig; und wenn er noch größeres Unrecht hätte, so würde ich ihn noch lieben. Er könnte mir nach dem Leben trachten, und ich würde ihn nicht verfluchen. Und überdies bin ich überzeugt, daß meine Treue und Hingebung ihre Früchte tragen wird und daß ich nicht von dieser Erde scheiden werde, ohne den Trost dessen erhalten zu haben, der allein mich hienieden zu trösten vermag. Gott wird den Verblendeten, den er mir zum Gatten gegeben, sehend machen, wie einst den blinden Tobias; er wird ihn erkennen lassen, daß ich nur für ihn lebe. O, dann werde ich überglücklich sein! – Es ist nur ein Traum, werden Sie sagen. Ja, aber es ist ein Traum, der sich jede Nacht wiederholt, er wird zur Wirklichkeit werden. Ihr Traum hingegen ist unsinnig, ja sündhaft. Den meinigen schickt die Vorsehung, um mein Herz zu erquicken; der Ihrige ist eine Einflüsterung des Dämons, der Sie ins Verderben stürzen will. Nein, nein, glauben Sie mir, eine Frau kann nicht sterben, ohne daß ihr Gatte ein Wort der Liebe zu ihr spricht. Doch ich bin sehr thöricht,« setzte sie wehmüthig lächelnd hinzu, »daß ich Ihre Worte für Ernst nehme. Mein Kopf ist durch dieses Duell, durch diesen Talisman, durch die Besorgniß um das Leben des Marquis ganz verwirrt geworden, und ich hoffe, daß morgen von dieser schwärmerischen Leidenschaft, durchs welche Sie mich zu erschrecken suchen, nur eine wohlwollende Theilnahme zurückbleiben wird.

Während die Marquise sprach und unwillkürlich ihrem Schmerz einen Ausdruck gab, hielt Louis von Fontanieu beide Hände auf das Gesicht. Als sie schwieg, richtete er sich auf und sagte:

»Wollen Sie mir erlauben, Madame, Ihnen zu beweisen, daß dem nicht so sein wird?«

»Lassen Sie hören.«

»Verzeihen Sie, daß ich noch von meinem Gefühl rede, das Ihnen mißfällt; aber meine Zuneigung ist so aufrichtig, so wahr, daß ich von Herzen wünsche, daß Ihr Traum von dem verlorenen Gatten zur Wirklichkeit werde. Wenn die Verwirklichung dieses Traumes von mir abhinge, so schwöre ich Ihnen bei Gott, daß ich sagen würde: er komme wieder zu ihr und mache sie glücklich!«

»Ich danke Ihnen für diesen Trost,« erwiederte Emma und drückte ihm mit Wärme die Hände. »Mein Gott, ist es denn ein unmögliches Wunder? Escoman hat einen klaren Verstand und ein gutes Herz. Wenn ihm Jemand zeigte, wie leicht das Opfer ist, das er mir zu bringen hat; wenn ihm Jemand bewiese, wie unwürdig jene Geschöpfe sind, denen er mich nachsetzt; wenn ihm Jemand meine Liebe, meinen Schmerz schilderte: er würde dann gewiß seine Irrwege verlassen und zu mir zurückkehren. – Doch nein, die leichtfertige Welt will nur mühelose Almosen geben, und was ich von seinem Mitleid erbitte, würde seiner Selbstsucht zu viel kosten. Doch wie würde ich den Namen dessen segnen, der mir mein Glück wiedergäbe! Der Himmel scheint Sie dazu erkoren zu haben. Sie sind jung, Sie sind fast sein Freund geworden, er wird Ihnen ein willigeres Ohr leihen, als irgend einem Andern. Der Rath seines Greises hat zu sehr das Ansehen einer Predigt. Ueberdies haben Sie ihm ja das Leben geschenkt, er kann Ihnen nichts übel nehmen. O, thun Sie es, ich beschwöre Sie!«

»Wenn aber meine Bemühungen erfolglos bleiben,« sagte Fontanieu, »was habe ich dann zu hoffen?«

»Mein Gott, es ist ja, als ob Sie mir nicht einen Freundschaftsdienst erweisen, sondern einen Handel vorschlagen wollten! Sie bedenken nicht was Sie sagen.«

»Sie haben immer Recht, Madame. Verzeihen Sie mir. Der Blinde wird selbst nicht durch ein Wunder plötzlich sehend, er muß eine Zeit lang im Dämmerlicht wandeln und straucheln in demselben. Ja, es ist wahr, es ist unmöglich, aber ich habe versprochen, den Versuch zu wagen. Ich hätte diesen kurzen Wonnerausch schon vergessen sollen, um nur den Namen Ihres Freundes zu verdienen. Das Opfer muß vollständig unbedingt sein und so soll es sein. Kein Wort, keine Geberde, keine Bewegung meiner Augen soll Ihnen fortan zeigen, wie schwer es mir wird. Leben Sie wohl, Madame, und wenn Ihr Wunsch nicht in Erfüllung geht, so klagen Sie weder meinen guten Willen noch meinen Eifer an.«

»Ich möchte zwei Herzen haben,« erwiederte Emma, »um sie zwischen Ihnen und ihm zu theilen.«

Sie schlang, von ihrem überwallenden Dankgefühl getrieben, die Arme um den Nacken Fontanieu’s. Ihre langen Locken streiften sein Gesicht. Einige Secunden schmiegte sich ihr wogender Busen an seine Brust, und diese beiden so harmlosen und zugleich so leidenschaftlich bewegten Herzen schlugen dicht an einander.

Aber die Marquise besann sich sogleich, und beschämt über diesen unwillkürlichen Erguß ihres Dankgefühls gegen einen Fremden verneigte sie sich mit linkischem Anstande, welcher ihre Gemüthsbewegung verrieth, und ging in ihr Zimmer.

Louis von Fontanieu stand einen Augenblick regungslos und starrte die Thür an, die sich hinter ihr geschlossen hatte. Es dauerte lange, ehe er sich völlig besinnen konnte; die stürmischen, in seinem Innern streitenden Gefühle lähmten seine Geisteskraft. Er glaubte zu träumen. Er ging auf die Thür der Vorhalle zu, um sich ebenfalls zu entfernen; aber es fehlte ihm die Kraft und der Wille, er sank in einen Lehnstuhl.

Hinter ihm that sich, ohne daß er es hörte, die Thür auf, und Susanne Mottet steckte den Kopf herein, um zu sehen, ob er allein sei.

Sechstes Capitel.
Susanne Mottet

Louis von Fontanieu wurde durch Susannens Stimme ans seiner Bewußtlosigkeit geweckt.

Die Stimme der Frau Mottet würde dies vielleicht nicht vermocht haben, aber sie klopfte ihm auf die Schulter.

»Wünschen Sie, junger Herr, daß ich Sie hinaus begleitete?« sagte sie höhnisch.

Fontanieu sah sich um und erkannte die alte Dame von gestern Abend – dieselbe, die er vor einer Stunde hinter der Gartenmauer gesehen hatte.

Sie nahm sofort seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, als hätte er geahnt, daß diese ihm doch ganz fremde Person einen unheilvollen Einfluß auf sein Geschick haben werde.

Wir haben das moralische Bild Susannens gegeben, aber ihr Aeußeres noch nicht geschildert.

Susanne Mottet war eine Frau von fünfzig Jahren, kurz und beleibt, also von ziemlich gemeinem Aeußern. Die Fettschichten, die sich auf ihren Wangen gelagert, hatten ihr ausdrucksvolles, schlaues Gesicht indeß nur wenig verändert. An ihre zwar dicken, aber in den Mundwinkeln stark aufgezogenen Lippen, an dem starken Flaum, der sie beschattete, an dem hervorstehenden Kinn war ihre Willenskraft zu erkennen. Die niedrige Stirn, welche unter den struppigen grauen Haaren und den buschigen Brunnen fast verschwand, würde dem großen Gesicht einen grotesken Ausdruck gegeben haben, wenn der Blick ihrer hellblauen Augen nicht so lebhaft und durchdringend gewesen wäre.

Während Louis von Fontanieu ihre Person musterte, nahm Susanne ohne Umstände auf einem Sessel des Salons Platz. Sie schien einen weiten Weg gemacht zu haben, denn dicke Schweißtropfen rannen von ihrer Stirne, die sie mit einem großen bunten Schnupftuch trocknete. Endlich wiederholte sie, wie ein zur Tränke geführtes Pferd schnaubend, ihre Frage.

»Wünschen Sie, junger Herr, daß ich Sie hinaus begleitete?«

»Nein,« antwortete Louis, »aber statt dessen ersuche ich Sie um eine Gefälligkeit.«

»Womit kann ich Ihnen dienen?«

»Erklären Sie mir Ihre gestrigen Worte, die für mich ein Räthsel geblieben sind.«

»Ich erinnere mich nicht mehr.«

»Aber ich erinnere mich so gut, daß ich dem Herrn Marquis Alles was Sie gesagt haben, Wort für Wort wiederholen kann, und er wird solche Aeußerungen in dem Munde einer Frau, die seiner Dienerschaft angehört, gewiß sonderbar finden.«

Susannens Augen sprühten Feuer.

»Ich stehe nicht bei dem Herrn Marquis im Dienst,« antwortete sie mit einer Verachtung, die sie gar nicht verhehlte. »Ich bin die Amme, die Gesellschafterin der Frau Marquise, und der Marquis hat nicht das Recht mich von ihr zu trennen.«

»Sie haben sie also sehr lieb?« fragte Louis von Fontanieu, für den es schon eine Freude war von Emma zu sprechen.

»Wen meinen Sie? meine Tochter?«

»Ich meine die Frau Marquise.«

»Wie sollte ich sie nicht lieb haben? ich habe sie ja erzogen. Sie sahen sie gestern zum ersten Male und waren gleich vernarrt in sie.«

»Ei! ei! es scheint, daß Sie mein Gespräch mit der Marquise belauscht haben.«

Susanne lachte. – Louis sah sie scharf an.

»Was ist denn lächerlich an meinen Worten?« fragte er.

»Wenn ich Ihnen gesagt habe, daß ich jede Nacht aufstehe, um sie schlafen zu sehen, daß ich stundenlang auf ihren Athem lausche, ihr Mienenspiel beobachte, um sie zu wecken, falls sie von bösen Träumen geplagt wird – dann werden Sie sich nicht mehr wundern, daß ich zu wissen wünschte, was der Mann, der eine Secunde ihr Schicksal in seiner Hand hatte, mit ihr sprach.«

»Sie werden doch nicht im Ernst bedauern,« sagte Fontanieu leise, »daß mein Duell mit dem Marquis keinen schmählichen Ausgang genommen?«

»Warum nicht?« fragte Susanne Motten den jungen Mann scharf ansehend.

Fontanieu vermochte sein Erstaunen nicht zu verbergen.

Susanne setzte mit Ingrimm hinzu:

»Haben Sie denn Mitleid, haben Sie Thränen für den Mörder, der auf dem Blutgerüst den Tod eines Mitmenschen büßt?«

»Aber der Marquis —«

»Was!« eiferte Susanne, »Sie haben kein Erbarmen mit dem Unglücklichen, der ein Verbrechen begangen, um Brot für seine Kinder zu bekommen – und den Unhold, der mir mein Kind genommen, der es vor meinen Augen zu Tode martert, der Verzweiflung preisgibt, soll ich nicht hassen! Sie sind wahrlich nicht bei Sinnen, junger Herr!«

»Still! man kann uns hören –«

»Ei! was liegt mir daran? ich will’s ihm ins Gesicht sagen. Ich will ihm sagen, daß ich heute Früh eine geweihte Kerze in die Kirche getragen und die heilige Jungfrau angerufen habe, meinen täglichen Wunsch zu erfüllen. Sie wissen nicht was eine Mutter ist – und ich bin ihre Mutter: ich habe sie an meiner Brust genährt. Jede Thräne die aus ihren Augen rinnt, fällt aus mein Herz und brennt eine Wunde hinein. Und an meinem Herzen ist längst kein Platz mehr für eine einzige Wunde. Sie hat so viel geweint, daß sie graue Haare bekommt. Mit zweiundzwanzig Jahren! Und bei einer Blondine! Es ist eine himmelschreiende Sünde. Ach! ich wußte es wohl, ich wollte auch nicht zugeben, daß er uns heirate. Gott ist mein Zeuge, daß ich es nicht wollte! Wenn er noch ein freundliches, liebevolles Wort für sie hätte, wie Sie vorhin, so könnte ich wohl ruhig zusehen, wenn er ihre Güter verkauft und ihr Vermögen verpraßt. Ach! sie liebt! Ich sage Ihnen, was in ihrem Herzen vorgeht, weiß Niemand. Schon als Kind hatte sie ein tiefes Gefühl. Wenn ich sie auszankte, begnügte sie sich nicht, wie andere kleine Mädchen zu weinen und zu schmollen – nein, sie wand sich zu meinen Füßen und sagte: Susanne, meine gute Susanne, sage mir doch, daß Du mich lieb hast! Und ich dachte bei mir selbst: Mein Gott! was wird daraus werden, wenn sie einmal einen Mann bekommt, der nicht liebevoll und zärtlich gegen sie ist? Und was ich gefürchtet, ist wirklich eingetroffen. Gott allein weiß was sie leidet. Sie wird sich todt grämen. Sie ist verloren. Nein, nein, so kann sie nicht leben!«

Die letzten Worte sprach Susanne mit zitternder Stimme. Sie brach in Thränen aus, stand auf, nahm von dem Arbeitstische eine Stickerei, an welcher Emma gearbeitet hatte, und bedeckte sie mit Küssen.

Louis von Fontanieu war eben so erstaunt als gerührt. Er hatte die innige Zuneigung dieser Frau zu ihrer Gebieterin gar nicht geahnt, und der unwillkürliche Vergleich, den er zwischen dieser Zärtlichkeit und seiner Leidenschaft machte, stellte diese tief in den Schatten. Susanne erschien ihm groß und edel, ungeachtet ihrer etwas trivialen Geschwätzigkeit und ihres Mangels an feiner Weltsitte. Er betrachtete sie mit eifersüchtiger Neugierde; er beneidete die feurigen Blicke der armen Frau, die so ganz Hingebung und Liebe war.

Ohne recht zu wissen, was er sprach, nahm er den Marquis in Schutz.

»Sie machen sich vielleicht zu übertriebene Vorstellungen von der Aufführung des Herrn Marquis,« sagte er. »Mich dünkt, daß die Folgen nicht so unglücklich sein werden, wie Sie fürchten. Und warum sollte man an seiner Rückkehr zum Guten verzweifeln?«

Susanne zuckte die Achseln und sah den jungen Mann mit einer Verachtung an, die ihm bewies, daß sie alles gehört hatte, was er mit der Marquise gesprochen.

»Hören Sie,« sagte sie endlich, »ich kenne die Frau Marquise; zu jeder Stunde des Tages kann ich sagen, was in ihrem Herzen vorgeht. Den Marquis kenne ich noch besser. Er sollte sich seiner Frau wieder zuwenden? Kann denn meine Emma lügen? Weiß sie sich zu vorstellen, um ihm zu gefallen?«

»Ich wiederhole, was ich der Frau Marquise gesagt habe: es ist nicht meine Schuld, wenn meine Bemühungen fruchtlos bleiben.«

»Glauben Sie denn, junger Herr, Sie könnten mit mir Ihr Spiel treiben wie mit meiner armen Emma? Es ist eine Komödie, nichts weiter. Wer weiß, ob er Ihnen diese Rolle nicht einstudirt hat? Er ist ja zu Allem fähig. Es wäre ihm eben recht, wenn wir uns etwas zu Schulden kommen ließen. – Ja, ja,« setzte Susanne nachsinnend hinzu, »er hat Sie abgeschickt. – Aber sie, soll gewarnt werden, darauf können Sie sich verlassen; ehe Sie aus dem Hause sind, werde ich ihr sagen, was ich von der Sache denke.«

»Ei, thun Sie das nicht, ich beschwöre Sie!« sagte Louis von Fontanieu.

»Und wenn Sie sich hier wieder blicken lassen,« setzte Susanne, ohne seine Bitte zu beachten, hinzu, »so werden Sie von ihr mit verdienter Verachtung behandelt werden.«

»Aber ich liebe sie! ich liebe sie!« sagte Fontanieu außer sich.

»Wenn das wäre,« entgegnete Susanne, »würden Sie dann nicht begierig die Gelegenheit ergriffen haben, sie ihrem Peiniger zu entreißen? Nein, nein, sie soll wissen, daß sie von Ihnen nichts zu erwarten hat, daß Sie ein Verräther sind —«

»Ich beschwöre Sie, thun Sie das nichts Rauben Sie ihr nicht den einzigen Freund, den sie auf der Welt hat.«

Louis von Fontanieu begleitete diese Worte mit einer bittenden Geberde.

»Das fehlte noch!« erwiederte Susanne Mottet, »nein, so wahr wir —«

Sie hielt inne. Die Thür that sich rasch auf und der Marquis von Escoman trat ein.

Als er die feierliche Geberde Susannens und das bestürzte Gesicht Fontanieu‘s sah, bracht er in ein lautes Gelächter aus.

»Par la mort!« sagte er, »ich glaube, daß ich störe – ich entferne mich.«

»Was meinen Sie, Marquis?« stammelte Louis von Fontanieu.

»Ich meine, Theuerster, daß Sie einer Situation nahe sind, wo Sie, wie weiland Jupiter, eine Wolke zu Ihrer Verfügung haben möchten; da dies aber schwerlich der Fall sein dürfte, so wird Ihnen die Discretion eines Cameraden gewiß willkommen sein.«

»Wahrhaftig, Marquis,« erwiederte Fontanieu, der sich alle Mühe gab, in den frivolen Ton einzustimmen, »ich habe große Lust, Sie wieder auf die Wiese zu führen.«

»Herr Marquis,« sagte Susanne, die sich so steif und gerade hielt, wie es bei ihrer Beleibtheit möglich war, und ihren Zorn gar nicht verbarg, »Sie-scheinen dem Herrn sowohl als mir ein schlechtes Compliment zu machen. Das wundert mich gar nicht: Sie sind ja immer generös gegen Frauen.«

»Ich wette, lieber Fontanieu,« sagte der Marquis, »daß mich Frau Susanne gelobt hat, als ich eintrat.«

Louis von Fontanieu wollte mit einer Nothlüge antworten, aber Susanne ließ ihm nicht Zeit dazu.

»Der Herr Marquis,« sagte sie, »sollte wissen, daß ich nicht gewohnt bin, etwas Unmögliches zu unternehmen.«

Ohne die kecke Antwort im mindesten übel zu nehmen, brach der Marquis in ein lautes Gelächter aus.

»Bravo!« rief er, »so habe ich Dich gern, meine dicke Huronin. Du bist für war meine einzige Unterhaltung in diesem trübseligen Hause.«

»O, es ist gar nicht nöthig, mir Impertinenzen zu sagen,« entgegnete die Alte. »Gott sei Dank, ich hasse Sie ohnedies schon genug.«

»Das ist es ja eben, was mich entzückt und was Ihnen, keusche Susanne, in meinen Augen einen so hohen Werth gibt. Sie hassen mich – und nicht nur mich, sondern auch meine Freunde. Wie nennen Sie sie doch in Ihrer hochpoetischen Blumensprache?«

»Schnapphähne!« erwiederte Susanne entschlossen.

»Ja, richtig – Schnapphähne! Sie haben’s gehört, lieber Fontanieu. Wenn Sie etwa auf die Freundschaft der Dame Susanne gezählt haben, so haben Sie die Rechnung ohne den Wirth gemacht. Sie sind in die Classe der Ungethüme versetzt worden, weil Sie zu meinen Freunden gehören.«

»Wirklich, Marquis?« sagte Fontanieu.

»Ich hatte also recht gerathen,« sagte Susanne, »ich hatte mich nicht geirrt: dieser Herr gehört zu Ihren Freunden! – Er hat Ihnen ohne Zweifel etwas zu sagen, ich will nicht stören – ich gehe.«

Susanne ging mit stolzem Anstande und höhnischer Miene in das Zimmer der Marquise.

Louis von Fontanieu hätte sie gern zurückgehalten, denn er zweifelte nicht, daß sie der Marquise sofort die nachtheilige Meinung, die sie von ihm hatte, mittheilten werde.

Der Marquis schaute ihr nach und zuckte die Achseln.

»Ich halte sie für etwas verrückt, die arme Alte,« sagte er. »Sie hängt an ihrer Herrin mit der Treue eines Pudels, und fletscht die Zähne, wenn ihr Jemand nahe kommt. Ich habe mir daher ein- für allemal vorgenommen, über ihre närrischen Streiche zu lachen, und es ist das Beste, was ich thun kann.«

»In der That,« erwiederte Fontanieu, der nach und nach seine Fassung wieder bekam, und in der Erwartung, daß Susanne an der Thür horchen werde, sich einigermaßen wieder in Gunst setzen wollte; »in der That, sie scheint der Frau Marquise sehr zugethan zu sein.«

»Allerdings« das ist sie. – Apropos, hat Ihnen die Marquise erlaubt, das wunderbare Goldstück zu behalten?«

Louis von Fontanieu bemerkte erst jetzt, daß er den Gegenstand, welcher der Vorwand seines Besuches war, ganz vergessen hatte. Er griff in die Tasche und zog die grünseidene Börse heraus.

»Ei ja, da ist sie ja,« setzte der Marquis hinzu. »Ich wünsche Ihnen von Herzen Glück zu Ihrem guten Erfolge, lieber Fontanieu. Wie haben Sie die Marquise gefunden?«

»Ich verhehle Ihnen nicht, Herr Marquis,« sagte Louis, »daß sie aus mich einen sehr tiefen Eindruck gemacht hat. Es ist unmöglich, mehr Schönheit mit Anmuth zu verbinden.«

»Ei, der tausend, wie begeistert! Man könnte wirklich glauben, Sie hätten ihr schon zu tief in die Augen geschaut – Sie müssen nicht roth werden, Theuerster. Ich sage Ihnen im voraus, daß ich ein sehr willfähriger Ehemann bin. Ja, sie ist hübsch – und dann hat sie eine für mich sehr schützbare Eigenschaft: sie legt mir in keiner Sache ein Hinderniß in den Weg.«

Louis von Fontanieu glaubte diese Gelegenheit zur Ausführung seines Planes benützen zu müssen.

»Ja,« erwiederte er, »aber glauben Sie, daß ihre Ergebung Glück oder auch nur Gleichgültigkeit sei?«

»Aha! ich sehe schon was vorgegangen ist,« sagte der Marquis, »eine Fee hat Sie mit ihrem Zauberstabe berührt, Susanne hat Ihnen den Kopf verdreht, gestehen Sie es nur. Nennen Sie es wie Sie wollen; ich kann Ihnen nur sagen, daß sie thun und lassen kann was sie will, und das ist für eine Frau sehr viel werth.«

»Ich glaube aber,« erwiederte Louis lächelnd, »daß sie die Sclaverei vorziehen würde, wenn Ihre Liebe die Fesseln vergoldete.«

»Lieber Freund, die sentimentalen Redensarten wollen wir den Zuckerbäckern und Poeten überlassen,« antwortete Escoman, der nun von seiner erzwungenen Heiterkeit zu einem ihm sonst fremden ernsten Tone überging. Die Marquise hat in Ihrer Gegenwart geweint, die Thränen machen sie sehr anziehend. Die Weiber weinen eben so leicht, wie sie lächeln, wenn das Lächeln ihrem Gesicht einen neuen Reiz gibt. Sie haben sich durch Thränen bewegen lassen, zu Gunsten meiner Frau eine Lanze mit mir zu brechen. Ich könnte mich beklagen über die Unschicklichkeit, mit der sie das Publikum in die Geheimnisse unseres Alkovens einweiht. Denn Sie sind nicht der erste Ritter, den sie an mich abgeschickt, lieber Fontanieu; doch es ist eine Kinderei, die ich ihr verzeihe. Ich will mich nicht zu rechtfertigen suchen. An Ihrer Stelle würde ich vielleicht so denken wie Sie; an meiner Stelle werden Sie künftig so handeln wie ich, wenn Sie selbst fühlen, wie unerträglich solche Fesseln für einen unabhängigen Geist sind. Uebrigens kennen Sie Margarethe Gelis, nicht wahr!«

»Ich habe nicht die Ehre.«

»Wirklich? Wenn Sie sie gesehen haben, werden Sie meine Gleichgültigkeit gegen die Reize der Marquise erklärlich finden. Die Dante sollte sich mit der stillen, gemüthlichen Freundschaft ihres Gemals begnügen, und diese Freundschaft habe ich ihr nie verweigert – Doch lassen wir diese langweiligen Dinge; ich wünsche, daß unter uns nie wieder die Rede davon sei.«

Louis von Fontanieu ward ganz eingeschüchtert durch die üble Laune, welche aus diesen letzten Worten des Marquis sprach. Er sah ein, daß sein Plan nicht leicht auszuführen war, wie er anfangs geglaubt, und er nahm Abschied von dem Marquis, um ungestört über die Verhältnisse nachzudenken.

Siebentes Capitel.
Das Gasthaus »zur Sonne.«

Wie alle Provinzstädte hatte Châteaudun ein in großem Rufe stehendes Gasthaus. Dieses hatte zum Schild eine goldene Sonne, und der Speisekünstler, welcher dieses Etablissement in Ruf gebracht hatte, hieß Bertrand.

In Paris beobachtet man den auf dieses Schild vollkommen anwendbaren Grundsatz: Sol lucet omnibus: die Säle eines Speisewirthes bilden ein auf der Grenze zweier erst unlängst abgetheilten Gebiete stehendes neutrales Haus, in welchem die beiderseitigen Einwohner ohne die mindeste Unannehmlichkeit zusammentreffen und essen und trinken; man setzt bei ihnen voraus, daß sie sich nicht um einander kümmern.

In der Provinz ist es anders: dort kennt man kein neutrales Gebiet. Natürlich: zwischen Leuten, die einander persönlich oder gruppenweise als sociale Gegner gegenüberstehen, muß allerdings eine tiefe Demarcationslinie gezogen werden.

Dies hatte Bertrand wohl eingesehen. Die Kundschaft der Wüstlinge war ihm erschienen, mit Trüffeln vollgestopft, von Champagner triefend,« von zerbrochenen Gläsern schimmernd, beständig hungrig und zumal durstig, das Geld mit vollen Händen ausstreuend.

Diese Kundschaft hatte ihn in Versuchung geführt. Er hatte die sybaritischen Mahlzeiten verglichen mit den immer um einige Pfennige verkürzten Rechnungen der ruhigen und vernünftigen Leute. Mit tiefer Verachtung betrachtete er daher die unter den ehrsamen Bürgern beliebten und häufig in deren Häuser gelieferten Blätterteigpasteten, in denen nach der Meinung der Besteller, die doch dreißig Saus dafür zahlten, nie genug Hahnenkämme waren; und ohne die Bestellungen der Bürgersleute ganz abzuweisen, hatte er sich durch die glänzenden Aussichten, welche ihm die Schlemmer eröffneten, verleiten lassen.

Frau Bertrand war Feine gottesfürchtige, sehr thätige Hausfrau. Der Gemal war ein moralischer Mann, gewissenhaft in der Erfüllung seiner Zahlungspflichten und ein eifriger Nationalgardist. Er glaubte dadurch die bösen Zungen völlig zum Schweigen gebracht zu haben, und wirkte daher unverdrossen in Küche und Keller zum Besten der mehr als leichtfertigen Gesellschaft, in welcher der Marquis von Escoman den Vorsitz führte.

Die beiden feindlichen Parteien – die Regierungsbeamten und die Aristokratie – zogen sich mit einer Uebereinstimmung der Gesinnung, die man sonst bei ihnen vermißte, aus der »goldenen Sonne« zurück. Bertrand verlor nicht nur die Lieferung der Hochzeitsmahle für die Bürgersleute und die Festessen; er verlor nicht nur die unverheirateten Abonnenten, sondern es kam so weit, daß ehrbare Frauen nicht einmal mehr eine Torte bei Bertrand kaufen mochten. Die Köchinnen bekreuzten sich, wenn sie vorübergingen. Der Wirth zur »goldenen Sonne« hatte Personen von üblem Ruf in seinem Hause.

Dahin war er also mit den besten Absichten von der Welt gekommen. Als ehrlicher Mann erkannte er nicht ohne Schmerz die Ursache der Leere, die um sein Haus entstand; über Mangel an Besuch konnte er sich eben nicht beklagen. Die großen Rechnungen, welche ihm seine Gäste zahlten,« trösteten ihn nicht über seinen Verruf. Er versuchte gegen den allgemeinen Unwillen zu kämpfen, indem er seine Gäste beiderlei Geschlechts in den Augen Aller entschuldigte, die kleinen Sünden derselben als die harmlosesten Vergnügungen darstellte und jedes öffentliche Aergerniß zu vermeiden suchte.

Die Damen, welche in Begleitung der Gäste zum Souper gekommen waren, hatten, als sie sich Morgens entfernten, einige Male einen Auflauf in der Nachbarschaft veranlaßt. Bertrand möblirte nun, um den Anstand zu beobachten, einige Zimmer im zweiten Stockwerke seines Hauses; seine verspäteten »Cousinen« konnten nun bei ihm verweilen, bis die Nacht angebrochen war.

Das Gegenmittel erwies sich aber schlimmer als das Uebel. Der köstliche Bratengeruch war einigen der jungen Damen, welche das Gasthaus besuchten, so unwiderstehlich, daß sie sich nicht entschließen konnten diese duftende Atmosphäre zu verlassen; sie verschoben ihr Fortgehen von einem Abend zum andern, bis sie am Ende bei dem Speisewirth ihren Wohnsitz erwählten und die »goldene Sonne« zu einem nicht eben empfehlenswerthen Hotel garni machten.

Altes aus Anstandsrücksichten!

Am Abende des Tages, an welchem die eben beschriebenen Ereignisse stattgefunden halten, klopfte Louis von Fontanieu an die Thür dieses Gasthauses.

Er war sehr aufgeregt gewesen,, seitdem er das Hotel Escoman verlassen hatte. Der arme Louis hatte eine zu lebhafte Phantasie, er vergeudete Zeit und Thatkraft in leeren Träumereien. Wie ein Opiumraucher und Hatschisesser baute er Luftschlösser auf die geringsten Hoffnungen. Die Folge davon war, daß es ihm an Energie und Willenskraft fehlte, um seine Ideen in Ausführung zu bringen.

Seit einigen Stunden hatte seine erregte Phantasie die verschiedensten Entwickelungen des Abenteuers gefunden, dessen Held er war. Er sah sich, trotz der Feindseligkeit Susannens, als den Wiederhersteller des Friedens im Hause des Marquis; er sah, wie er den beiden Gatten einen späten Honigmonat bereitete, und gefiel sich in der Ausschmückung seines Liebeswerkes.

Wir wollen indeß nicht behaupten, daß sich sein Herz über alle selbstsüchtigen Nebengedanken erhoben hätte. Seine erregte Phantasie setzte vielmehr ein Nachspiel in die Scene, in welcher seine Rolle gerade nicht die unangenehmste war.

Da er jedoch nicht alle Gewissensscrupel hinsichtlich dieser kleinen Abänderung des ursprünglichen Themas beseitigen konnte, so wurde er durch diese täuschende Luftspiegelung nicht beschwichtigt, sondern noch mehr aufgeregt. Er hatte ja gesehen, wie gleichgültig der Marquis gegen, Emma war, und konnte sich des Gedankens nicht erwehren, daß er ihm im Grunde wenig Unrecht thue, wenn er die Liebe der schönen Frau zu gewinnen suchte und den lieblichen Blumenstrauß, den man in einem Winkel verwelken ließ, aufnähme und an seinem Herzen erfrischte. Und überdies war ja, wie es unter solchen Verhältnissen immer der Fall ist, die Leidenschaft nach Maßgabe der zu überwindenden Hindernisse größer geworden.

Es war in der That zu fürchten, daß Susanne ihren Verdacht gegen Emma ausgesprochen. Wie abgeschmackt auch der Argwohn war, daß Fontanieu mit dem Marquis einverstanden sei, so war jenem doch der Gedanke unerträglich, bei der Marquise in einem zweideutigen Lichte zu erscheinen. Er fürchtete, daß sie den Einflüsterungen Susannens, die so viel über sie vermochte, nicht widerstehen werde, und er hielt es für unmöglich sich der Marquise vorzustellen, bevor er einen ernsten Versuch gemacht, sein Versprechen zu halten.

Sein erster Versuch war freilich nicht glücklich gewesen, die kurze Unterredung mit dem Marquis hatte ihn überzeugt, daß dieser nicht leicht in das Ehejoch zu bringen war.

In seiner Unerfahrenheit dachte er an den Chevaliers von Montglas, der ihm in dieser schwierigen Lage gewiß mit Rath und That würde beistehen können, und er beschloß sich an den alten Roué zu wenden, jedoch ohne ihn völlig zu seinem Vertrauten zu machen.

Fontanieu war also einige Minuten vor der bestimmten Stunde zur »goldenen Sonne« gekommen, in der Erwartung, den Chevalier zu finden; denn Montglas hatte alle Anordnungen für das Souper zu treffen und mußte früher da sein als die Andern.

Eine alte Bäuerin, welche den doppelten Dienst einer Kellnerin und eines Küchenmädchens versah, führte Fontanieu in ein an den Speisesaal stoßendes Zimmer.

In diesem Zimmer fand er den Chevalier.

Der alte Roué saß in einem großen Lehnstuhle; vor sich hatte er eine Flasche Madeira, zwei Gläser, ein Blatt Papier und Schreibzeug.

Neben ihm saß Frau Bertrand, welche der Chevalier, als galanter Cavalier, genöthigt hatte, in seiner unmittelbarsten Nähe Platz zu nehmen.

Am andern Ende des Zimmers stand Bertrand mit ehrerbietiger Haltung. Er war in vollständiger Rüstung, in weißer Jacke, weißer Schürze, das Küchenmesser an der Seite.

Der Congreß entwarf eben den Küchenzettel. Der Chevalier hatte unbeschränkte Vollmacht. Die Berathung war ungemein lebhaft.

Der Kochkünstler, welcher nicht Zeit gehabt hatte umfassende Vorkehrungen zu treffen, hatte nur ganz einfache Speisen anzubieten. Der alte Feinschmecker war entrüstet, bei einem solchen Festessen hätte er gern gebratene Ortolanen und Fricassée von Feigenschnepfen auf der Tafel gesehen.

Bertrand versprach vergebens die feinsten Saucen zu den Hühnern, Rehkeulen und Forellen, welche in der Speisekammer vorräthig waren, der Chevalier verschmähte Alles.

Bertrand war tief betrübt. Die Frau vom Hause hatte Mitleid mit den Seelenleiden ihres Gatten und machte einen Vermittlungsversuch.

Frau Bertrand war freilich nicht mehr in der ersten Jugendblüthe, aber sie wußte aus langer Erfahrung, daß ein Blick von ihr, daß ein Lächeln ihres Mundes mehr über den Chevalier vermochte, als alle Beredsamkeit des Speisewirthes.

Montglas schlang zum Zeichen der Zustimmung den Arm um die Taille der Frau Bertrand und die vereinbarte Speise wurde auf den Küchenzettel geschrieben.

Dann schlürfte er mit Behagen ein Glas Madeira.

Die Berathung, das Lächeln, das Umschlingen der Taille, das Nippen aus dem Glase wiederholte sich, und so wurde der Küchenzettel voll, die Flasche aber leer.

Der Chevalier von Montglas hatte natürlich zu viel Höflichkeit aus dem achtzehnten Jahrhunderte in das neunzehnte herübergebracht, als daß er das Glas an den Mund gesetzt hätte, ohne Frau Bertrand einzuladen ihm Bescheid zu thun. Dieser Einladung wurde auch jedesmal, wenn auch mit einigem Sträuben, Folge geleistet.

Bertrand drehte unterdessen seine weiße Mütze zwischen den Fingern, ohne daß sich der Chevalier darum kümmerte.

Als er Louis von Fontanieu erscheinen sah, trat er rasch auf seine Ehehälfte zu. Bertrand hielt auf Sitte und Anstand, er duldete die Vertraulichkeiten des Chevaliers nur hinter verschlossenen Thüren.

Aber Montglas, dessen Grundsätze minder streng waren, umfaßte die Taille der Frau Bertrand, die sich scheinbar sträubte, aber trotzdem gar holdselig lächelte, – und mit der andern Hand schlug er den Speisewirth auf den Bauch.

»Was fällt Ihnen denn ein?« sagte er. »Sind Sie toll? Wie können Sie sich erkühnen, mit Herrn von Fontanieu und mir im Zimmer zu bleiben? Sehen Sie ihm denn nicht an, daß er mir sehr wichtige Dinge mitzutheilen hat?«

»Gott behüte mich, Herr Chevalier!« sagte Bertrand mit einer tiefen Verbeugung. »Wie könnte ich so zudringlich sein? – Komm’, Louise, wir wollen die Herren allein lassen.«

»Nein, Ihre Frau bleibt. Eine hübsche Frau ist immer an ihrem Platze zwischen zwei Cavalieren. Wir haben auch noch die Entremets und das Dessert zu wählen.«

Und als Bertrand dennoch blieb und sogar wieder näher trat, rief ihm der Chevalier zu:

»In die Küche, Schmerbauch! Diable! ich leide nicht, daß Sie mich belauschen, wenn ich mit Madame spreche.«

Der Chevalier neigte sich zu dem Ohre der Wirthin und flüsterte ihr einige Worte zu, die ihr das Blut in die Wangen trieben.

Bertrand verschwand.

»Was für ein guter Genius führt Sie denn als den Ersten hierher?« fragte der Chevalier den neuen Gast.

»Der Wunsch, Ihnen Glück zu wünschen,« antwortete Louis von Fontanieu. »Ich hörte, daß Sie in Ihrem Duell mit Herrn von Guiscard unverletzt geblieben, und ging zu Ihnen, um mich davon zu überzeugen. Man sagte mir, Sie wären hier, und so bin ich gekommen, auf die Gefahr hin, Sie mitten in Ihren wichtigen Geschäften zu stören.«

»Ei, welche Theilnahme!« sagte Montglas, die Stirn runzelnd, denn er dachte, Fontanieu interessire sich weniger für seine Person, als für die fünfzig Louisd’or, die er ihm geliehen.

Fontanieu bemerkte die Verstimmung des alten Wüstlings nicht. Die Anwesenheit der Frau Bertrand vereitelte seinen Plan, er erwiederte aber, ohne eine Verlegenheit zu zeigen:

»Und Herr von Guiscard? Ich möchte von Ihnen erfahren, daß er eben so heiter und vergnügt sei wie Sie.«

»Es thut mir sehr leid, lieber Freund, daß ich Ihnen nicht nach Wunsch antworten kann. Herr von Guiscard lacht nicht, und wird hoffentlich nie mehr lachen, wenn in seiner Gegenwart von einem als Pflaster applicirten Degengefäß die Rede ist.«

»Sie haben ihn also erstochen, Chevalier?«

»Nein, nicht ganz; er wird vierzehn Tage das Bett und vier Wochen das Zimmer hüten müssen, und die zurückbleibende Blässe wird ihn in den Augen der Frauen interessant machen – doch um auf unser voriges Thema zurückzukommen. Wenn ich jung und hübsch wäre, wie unsere reizende Wirthin,« setzte der Chevalier hinzu, indem er mit den Fingerspitzen über den Nacken der Frau Bertrand strich, »so könnte ich glauben, die persönliche Zuneigung habe Sie zwanzig Minuten vor der bestimmten Zeit in dieses Zimmer getrieben; aber ich habe meine guten Gründe, mich dieser Täuschung nicht hinzugeben und Ihr frühes Erscheinen einer andern Ursache zuzuschreiben.«

»Chevalier, ich versichere –«

»Versichern Sie nichts,« entgegnete der Chevalier, und griff in die Westentasche, um mit einigen Goldstücken zu klimpern.

»Was meinen Sie?«

»Sie wundern sich, daß ich Ihnen die fünfzig Louisd’or, die Sie mir geliehen, noch nicht zurückgeschickt habe.«

»Herr Chevalier,« erwiederte Fontanieu, über diese Zumuthung beleidigt, »Sie haben versprochen, mich als Freund zu behandeln, aber Sie scheinen sich dessen nicht mehr zu erinnern.«

»Wie so?«

»Ihre Zumuthung ist so beleidigend, daß ich sie nicht einmal widerlegen mag.«

»Sie sind ein braver junger Manns Ihre Handlungsweise gefällt mir, sie erinnert mich an die gute alte Zeit. Wenn nicht eine Frau hier wäre, welche die nächsten Ansprüche an meine Huldigungen hat, so würde ich Sie küssen. Aber nehmen Sie Ihre tausend Franken.

»Lassen Sie doch, Chevalier —«

»Sie müssen mir diese zweite Gefälligkeit noch erweisen, junger Mann.«

»Aber ich brauche das Geld nicht, Chevalier.«

»Sie wollen wohl gar für einen Millionär gehalten werden? Nehmen Sie das Geld, das Ihre Mutter und Ihre Schwester vielleicht in zwei oder drei Jahren mühsam erspart haben. Nehmen Sie es und gewöhnen Sie mich nicht daran.«

»Warum denn?«

»Weil ich Ihnen von Herzen gut bin, und wenn Sie mich gewöhnen Ihr Schuldner zu sein, so würde daraus ein für unsere Freundschaft nachtheiliges Verhältniß entstehen.«

»Chevalier, es wird mich immer freuen —«

»Das ist möglich, aber wenn ich Ihr Schuldner bin, werde ich Ihnen natürlich Böses nachsagen. Ich will lieber die Casse des Marquis in Anspruch nehmen; was ich ihm nachsagen werde, ist wenigstens keine Verleumdung.«

Er bemerkte nun, daß Frau Bertrand den jungen Mann sehr aufmerksam ansah.

»Warum sehen Sie denn Herrn von Fontanieu so scharf an?« sagte er zu ihr, »Sehen Sie doch lieber mich an, Sie könnten sonst die schöne Margarethe zu meiner Feindin machen.«

»O Chevalier —« bat Fontanieu.

»Was für eine Margarethe? etwa Margarethe Gelis?« fragte Frau Bertrand neugierig.

»Allerdings, es gibt ja sonst keine Margarethe in Châteaudun. Ja, Madame, Margarethe Gelis verschlingt ihn mit den Augen, wie Sie eben thaten; sie ist in ihn vernarrt. Sind Sie nun zufrieden?«

»Was sagen Sie, Chevalier?« sagte Louis von Fontanieu, unwillkürlich erröthend.

»Mordieu! ich sage die Wahrheit, wie immer. Es ist indeß gut, daß Sie es wissen. Margarethe ist in Ihre liebenswürdige Person so vernarrt, daß sie im Stande ist sich Ihnen diesen Abend beim Dessert an den Kopf zu werfen.«

»O das ist viel zu schmeichelhaft für mich, Chevalier, und ich glaube nicht km die Gefahr, die Sie mir in Aussicht stellen. Und wenn‘s wirklich so wäre, so verspreche ich Ihnen, Mademoiselle Margarethe so kalt zu behandeln, daß sie ihre Eroberungsgedanken aufgeben muß.«

»Ta ta ta ta! Wenn Sie ihren wundervollen Nacken, ihre üppigen Schultern, ihre runden Arme, ihren zarten Fuß gesehen haben und an andere verborgene oder halbverhüllte Reize denken, dann bürge ich für Sie nicht mehr als für mich selbst.«

Louis von Fontanieu blieb stumm; nicht als ob die Aufzählung der Reize Margarethens einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht hätte, aber die Andeutungen des Marquis über die Laune des schönen Mädchens brachten ihn auf den Gedanken, das Entgegenkommen Margarethens zu benutzen, und den Marquis von ihrer Unwürdigkeit zu überzeugen.

Dieser schnell entworfene Plan machte seiner Unschlüssigkeit ein Ende.

»Chevalier,« sagte er nach einer kurzen Pause, welche Montglas benutzt hatte, um Frau Bertrand zu necken, »ich will aufrichtig sein und Ihnen gestehen, daß ich gekommen bin, Sie um Rath zu fragen.«

»Einen Rath geben, mein junger Freund, ist eine bedenkliche Sache. Diable! ein guter Rath wird selten befolgt, oder wenn man ihn befolgt, so macht man dem Rathgeber Vorwürfe. Ein Rath fordert Ueberlegung, und da es mir unmöglich ist, zwischen einem guten Madeira und einer schönen Frau zwei vernünftige Gedanken zusammenzubringen, so wollen wir Frau Bertrand um Erlaubniß bitten,. auf die Straße zu gehen.

Der Chevalier nahm seinen Hut und drückte einen Kuß aus die Wange der hübschen Wirthin, die sich gerade genug sträubte, um den Werth der Gunstbezeigung zu verdoppeln. Dann gingen die beiden Edelleute Arm in Arme auf die Straße.

Achtes Capitel.
Der Rath des Chevalier von Montglas

Der Chevalier und Louis von Fontanieu gingen Arm in Arm eine kleine Weile aus der Straße fort. Endlich stand der Erstere still, sah seinen Begleiter forschend an und sagte:

»Lassen Sie hören.«

Fontanieu dachte,er müsse mit diplomatischer Klugheit verfahren.

»Sie erinnern sich,« begann er, »daß mich der Marquis nach dem glücklichen Ausgange unseres Kampfes zum Souper eingeladen –«

»Und daß er hinzugesetzt hat: Chevalier von Montglas, schreiben Sie den Küchenzettel.«

»Ganz recht.«

»Sie haben’s gesehen und können’s bezeugen, daß Sie mich bei der Erfüllung dieser wichtigen Function gefunden haben.«

»Jetzt hören Sie weiter, Chevalier. Ich habe einiges Bedenken, meine Functionen anzutreten.«

»Als Gast oder als Courmacher?«

»Haben Sie nicht versichert, daß ich das Eine nicht ohne das Andere sein könne?«

»Ich fürchte es.«

»Aber es ist noch Zeit, Chevalier. Ich kann mich unter irgend einem Vorwande entschuldigen und nicht zum Soupet kommen.«

Der Chevalier sah Louis erstaunt an.

»Ist das Ihr Ernst?«

»Allerdings,« stammelte Fontanieu.

»Nun, so thun Sie es. Es ist ein heldenmüthiger Entschluß, aber der Klugheit angemessen.«

»Wie, Sie geben mir einen solchen Rath?«

»Sie haben mich ja um Rath gefragt.«

»Ja wohl, aber ich glaubte —«

»Sie glaubten, ich würde Ihnen einen andern Rath geben.«

»Aus Ihren gestrigen Aeußerungen glaubte ich zu schließen —«

»Der große Talleyrand hatte vollkommen Recht, man muß seinem ersten Gefühl nicht trauen. – Ich sehe, junger Mann, daß Sie den schlechten Rath, den ich Ihnen gegeben, zu früh befolgt haben. In einer Aufwallung des Zornes behauptete ich, ein hübscher junger Mann, wie Sie sind, könne wie Cäsar sagen: Ich kam, sah und siegte.«

»Ich verstehe Sie nicht, Chevalier.«

»Das glaube ich wohl. Es gibt Augenblicke, wo ich mich selbst nicht verstehe, zum Beispiel wenn die Vernunft, was zum Glück sehr selten der Fall, in meinem Kopfe die Oberhand über die Narrheit bekommt.«

»Erklären Sie sich.«

»Ich will so klar werden wie Krystall. Hören Sie wohl zu, ich predige: Mein lieber Sohn, die Stadt Châteaudun, die Alles weiß und die Herzen wie die Börsen aller Einwohner erforscht, sie versicherte gestern einstimmig, daß keine seidene oder kattunene Schürze dem hoffnungsvollen Louis von Fontanieu den Kopf verdrehe. Ich war, derselben Meinung wie die Stadt Châteaudun. Aber als Sie selbst erkannten, daß das kleine grünseidene Ding, das- Sie in der rechten Westentasche trugen, Ihr Leben so wunderbar gerettet, da bemerkte ich, daß Sie besagtem grünseidenen Dinge verschiedene halb erstaunte, halb schmachtende Blicke zuwarfen. Ich vermuthete daher, daß Liebe dabei im Spiel sei.«

»Und auf wen fiel Ihre Vermuthung?«

»Ich sah mich um und bemerkte nur Margarethe, die eine so schnelle Eroberung gemacht haben konnte.«

» Finden Sie, daß der Erfüllung meines Wunsches ein Hinderniß im Wege steht?« fragte Fontanieu, der den Chevalier gern in seinem Irrthum ließ.

»Ich sehe sehr große Hindernisse,« antwortete Montglas, »sogar Gefahren —«

»Ist diese Margarethe Gelis denn eine Syrene, eine Zauberin, eine Fee?«

»Ja, eine Syrene ist sie – formosa superne. Ich habe freilich nur ihren Oberkörper gesehen, aber ich habe Ursache, an den Fischschwanz zu glauben. Die Gefahr für Sei, mein junger Freund, scheint mir jedoch weniger in der Bekanntschaft mit diesem Mädchen, als in dem täglichen Umgange mit andern Leuten zu liegen, die Ihnen durch diese Bekanntschaft nahegerückt werden. Es würde mir leid thun, einen jungen Mann, für den ich wahre Theilnahme gehe, auf Abwegen zu sehen.«

»Sie sind sehr gütig, Chevalier; aber die Leute, von denen Sie sprechen, sind ja Ihre Freunde.«

»Fürwahr eine schöne Empfehlung!«

»Was für Nachtheile kann denn eine Annäherung für mich haben?«

»Sehr viele Nachtheile. Vor Allem ist für einen unbemittelten Mann, wie Sie sind, ein vertraulicher Umgang mit reichen Leuten ein unangenehmes Verhältniß.

»Ich bin allerdings arm,« erwiederte Louis von Fontanieu erröthend, »aber ich kann in den Herren nur Meinesgleichen sehen.«

»Ich sehe wohl, lieber Freund, daß man Ihnen die nackte Wahrheit sagen muß, wie den Sclaven des Großtürken. Der Adelstitel, an den Sie glauben, ist eine Goldmünze, aus welcher man kupferne Zahlpfennige gemacht hat. Es ist nur noch ein Fetisch, der mit der Burg Ihrer Ahnen niedergeworfen ist. Glauben Sie aber nicht, daß die Gleichmacher den Boden geebnet hätten, wie sie beabsichtigten; ihre Nase hat an dem eingestürzten Gestein tiefe Schatten bekommen. Statt des Fetisch hat man das goldene Kalb aufgestellt. Die Gleichheit ist in unserer Zeit eben so chimärisch, als zu der Zeit unserer Väter; es gibt keine Edelleute und Unadelige mehr, dafür aber gibt es Reiche und Arme, und ich glaube, daß die Dilettanten mehr dabei verloren als gewonnen haben. Die Geburtsaristokratie war im Grunde recht gemüthlich; wie oft habe ich nicht Geist, Talent und Wissen an ihrem Tische gesehen! Die Zahlen hingegen sind Abstractionen, neben denen selbst das größte persönliche Verdienst eine traurige Figur spielt. Der Reichthum ist eine Zahl, eine Ziffer; wenn Sie Ihren Werth nicht mit klingender Münze geltend machen können, so müssen Sie kriechen, und sich krümmen und winden und sich Demüthigungen jeder Art gefallen lassen. – Ist das verlockend für Sie, mein junger Freund? Reden Sie aufrichtig, ich habe in meiner Erinnerung Manches, das Ihnen die Sache verleihen könnte. Es wird Ihnen trotz aller Mühe nicht gelingen, Ihren verstorbenen Adel wieder ins Leben zu rufen, er ist und bleibt todt. Sie sind aus der ersten Kaste in die letzte übergetreten, überschreiten Sie nicht den um Sie gezogenen Kreis. Hüllen Sie sich nicht in moderne Laster, die auf Ihrem Kopfe eben so lächerlich sein würden, wie das Barbierbecken auf dem Kopfe Don Quixotte’s. Sie sind unbemittelt, Sie haben eine Mutter zu unterstützen, eine Schwester zu verheiraten, eine Stelle zu erringen: bedenken Sie das und bequemen Sie sich zur Thätigkeit und Sparsamkeit, führen Sie ein exemplarisches Leben. Es ist freilich unangenehm, ich weiß es wohl; aber es war von jeher das Los der steuer- und frohnbaren Classe, zu welcher Sie gehören.«

»Ich erkenne Sie gar nicht mehr, Chevalier,« erwiederte Louis von Fontanieu erstaunt, »Sie sprechen ja wie einer der sieben Weisen Griechenlands.«

»Lieber junger Freund,« antwortete der Chevalier, indem er seine Hand auf die Schulter Fontanieu‘s legte, »wenn ich weder Schürze noch Flasche noch grünen Tisch vor mir sehe, bin ich selbst ganz erstaunt über den gesunden Verstand, den mir der liebe Gott gegeben, aber diesen gesunden Verstand theile ich nicht allen Leuten mit.«

»Ich bin Ihnen um so mehr zu Dank verpflichtet. Womit habe ich dieses Vorrecht verdient?«

»Sie gefallen mir.«

»Wirklich?« sagte Fontanieu lachend.

»Es ist ja nicht zu verwundern. Man wählt sich eine Geliebte nach dem Wohlgefallen, das man an ihr findet: warum sollte man nicht eben so einen Freund wählen? Und dann ist man ja nicht undankbar – Sie sind ja für mich ein Deus ex machina gewesen.«

»Herr Chevalier, ich bitte Sie, nichts mehr davon zu erwähnen.«

»Glauben Sie denn nicht au Dankbarkeit? Um eine Stellung zu erringen, muß man arbeiten; um zu arbeiten, muß man das Leben lieben; um das Leben zu lieben, braucht man Täuschungen. Mit den Täuschungen ist es aber wie mit den Röcken der Tänzerinnen: sie müssen weder zu lang noch zu kurz sein. – Jetzt ist der Roman zu Ende, junger Freund; jetzt können Sie gehen. Sie haben in Ihrer Schreibstube gewiß manches interessante bürgermeisterliche Schreiben einzuregistriren, manchen musterhaft stylisirten Feldhüterbericht zu studiren; die Polizei nimmt Sie in Anspruch – gehen Sie – retten Sie Frankreich und lassen Sie mich dem Verderben entgegeneilen.«

»Es thut mir unendlich leid, Chevalier, daß ich Ihren guten Rath so schlecht befolge; ich will der Einladung des Marquis auf jeden Fall folgen. Um jedoch Ihre Bedenklichkeiten zu beschwichtigen, gebe ich Ihnen mein Wort, daß ich nicht so große Gefahr laufe, wie Sie glauben.«

»Hm! dahinter steckt ein Geheimniß,« sagte Montglas; »man glaubt vor einer angelehnten Kellerthür zu stehen. Aber ich bin weit entfernt, die Lösung des Räthsels zu verlangen.«

»Sie haben das Räthsel schon errathen,« erwiederte Fontanieu lachend; »ich bin zum Rasendwerden in Margarethe verliebt.«

»Lieber Freund, wenn man zum Rasendwerden verliebt ist, so sagt man’s nicht, und am wenigsten lacht man dabei.«

»Es ist so meine Art.«

»Gut. Und Sie wollen meinen Rath nicht.«

»Nein, Chevalier.«

»Nun, desto besser. Da wir wieder vor Bertrand‘s Thür sind, so gebe ich meine Anwandlung von Vernunft dein Wind und Wetter preis. Meine Weisheit flattert wie die zwei Unschlittkerzen, die das Schaufenster unseres Wirthes erleuchten, und zerstreut sich wie der Nebel in der Morgensonne; meine Gedanken nehmen die Rosenfarbe des Champagners an; meine Kehle wird trocken, und die wenigen Louisdor, die noch in meiner Tasche sind, hüpfen voll Sehnsucht nach dein grünen Teppich. – Wer sprach denn von Armuth und Reichthum? Es gibt hiernieden keine andere Ungleichheit, als die Größe des Magens und die Stärke der Liebe. In diesem Punkte haben wir uns also zu beklagen, nicht wahr, lieber Fontanieu? Mordieu! wer wird wohl die Nacht unter staubigen Acten sitzen, wenn man guten Wein, ein hübsches Mädchen und den grünen Tisch in Aussicht hat? Wie der große Condé bei Rocroy, werfe ich meinen Stock in die feindlichen Reihen – und vorwärts!«

Diese plötzliche Umwandlung, obschon von dem Chevalier selbst vorhergesagt, setzte Fontanieu doch in Erstaunen, und er fragte sich, ob der alte Roué nicht verrückt sei.

»Margarethe soll Ihre Geliebte werden,« setzte der Chevalier hinzu. »Ob, Sie sie lieben oder nicht, ist mir ganz gleichgültig; aber ich will mein Lebenlang Wasser trinken, ich will keinen Louisd’or mehr gewinnen, ich will nie mehr eine Eroberung machen, wenn ich Sie nicht mit ihr einsperre. Ich bin seit vierundzwanzig Stunden begierig zu sehen, wie der falsche Roué Escoman die Sache aufnehmen wird.«

Louis von Fontanieu, etwas erschrocken über diesen feierlichen Schwur, folgte dem Chevalier auf der in das obere Stockwerk führenden Wendeltreppe, die der alte Montglas mit jugendlicher Kraft und Behändigkeit hinaufeilte.

Neuntes Capitel.
Wo der Chevalier von Montglas seinen jungen Freund im Angeln unterrichtet

Bertrand hätte den Wahlspruch des großen Königs: Nec pluribus impar! gern unter die auf seinem Schilde prunkende goldene Sonne gesetzt. Er zollte dem sogenannten »Salon der Herren« die aufrichtigste Bewunderung und erklärte ohne erheuchelte Bescheidenheit, daß selbst in den Gemächern der Unterpräfectur keine kostbarere Einrichtung, keine geschmackvollere Verzierung zu finden sei, als die von Frau Bertrand gewählte.

Diese so gerühmte Einrichtung bestand aus zwei Sophas, sechs Fauteuils und zwölf Stühlen von Mahagoniholz, dessen Politur schon etwas abgenutzt war, und mit amarantfarbenen wollenen Ueberzügen; ferner aus einem großen Tische, dessen grüner, mit Fett getränkter Ueberzug Zeugniß gab von den geleisteten gastronomischen Diensten. Die Fenstervorhänge waren roth und schwarz geblümt, mit gelben Kanten und Fransen, welche letzteren die Form von Schellen hatten. Au den Wänden hingen zwei Schlachtbilder, ein Mazeppa und die Ermordung der Mamelucken: schlechte Lithographien in gepreßten Rahmen. Auf dem Camine stand eine Bronzeuhr, eine Psyche in engem Kleide mit kurzer Taille darstellend. Trotzdem aber hatte die Göttin Flügel und diente den Herren, welche Zutritt in diesem Salon hatten, zur beständigen Zielscheibe des Spottes.

Dies waren die Wunder, auf welche Herr Bertrand so stolz war.

Louis von Fontanieu fand hier einige ihm bereits bekannte junge Männer wieder, aber er sah nur Margarethe Gelis.

Der Chevalier von Montglas sagte ihm, die Geliebte des Marquis von Escoman sei eine jener Personen, die der Speisewirth nur sehr ungern in seinem Hause dulde, sie wohne in demselben Stockwerk.

Als der Chevalier eben die Erklärung gegeben hatte, erschien der Marquis von Escoman mit Margarethe, welche von Louis mit der größten Aufmerksamkeit gemustert wurde.

Margarethe Gelis war fünfundzwanzig Jahre alte sie war schön, aber ihre ganz materiellen Reize entbehrten jener Zartheit und Anmuth, durch welche die Marquise so anziehend wurde. Ihre sehr regelmäßigen Züge waren stark ausgeprägt; ihre langgeschlitzten, beständig feuchten schwarzen Augen nahmen bei den allergewöhnlichsten Anlässen einen schmachtenden Ausdruck an und schwächten dadurch den Eindruck, den sie sonst gemacht haben würden.

Margarethe hatte die Nähe ihrer Wohnung benutzt, um sich in einem einfachen Hauskleide zu zeigen, welches sie dem großen Putz vorzog, weil es ihr schöner stand. Sie trug einen hellblauen seidenen, sehr freigebig ausgeschnittenen Ueberrock, der die ganze blendendweiße Fülle der Brust und Schultern sehen ließ. Die gefügigen Falten dieses Peignoirs schmiegten sich an den üppigen Körper, an welchem man nur die feine, anmuthige Haltung vermißte. Außerdem hatten die Hände der vormaligen Grisette die bräunliche Farbe und die dicken Fingergelenke als Merkmale früherer Arbeit.

Ihr Eintritt in den Salon wurde von den jungen Leuten, von denen Viele ihre Gründe hatten, dem Marquis von Escoman zu schmeicheln, mit Jubel begrüßt.

Louis von Fontanieu blieb kalt. Das Bild der Marquise von Escoman erfüllte seinen Geist und sein Herz. Er mußte ein schlechter Beurtheiler der Schönheit Margarethens sein, um so mehr, da ihm ihre Eroberung leicht schien und die schöne Dunenserin, wie wenigstens der Chevalier von Montglas behauptete, ihn nicht einmal schmachten lassen sollte.

Er meinte, es müsse ihm gelingen den Marquis von seinem Irrthum zu überzeugen, und nur diese gemeine Person hindere die Rückkehr Escoman’s zu seiner liebenswürdigen Frau. Er ward nun ganz begeistert für seinen Plan, an den er noch vor einigen Augenblicken nicht ohne eine gewisse Besorgniß gedacht hatte.

Louis von Fontanieu war nicht der Einzige, der das junge Paar beobachtete: der Chevalier von Montglas ließ es nicht aus den Augen. Als der Marquis seinen neuen Freund Fontanieu unter den Gästen bemerkte, begrüßte er ihn lächelnd; die Augen Margarethens nahmen einen ungemein schmachtenden Ausdruck an, ihre Wangen rötheten sich, und der Chevalier rieb sich frohlockend die Hände.

Der Marquis von Escoman stellte ihr Fontanieu vor. Sein Benehmen hatte nichts von der Heiterkeit und Sorglosigkeit, die er Morgens vor seiner Frau zur Schau getragen hatte. Er war ernst, er behandelte Margarethe sehr höflich, fast ehrerbietig, und an der Mühe, die er sich gab, sie in den Augen seiner Genossen zu erheben, war leicht zu erkennen, daß der junge Edelmann von der schönen Repräsentantin hausbackener bürgerlicher Reize völlig beherrscht wurde.

»Nun, was denken Sie?« fragte der Marquis, der Margarethe zu einem Fonteuil geführt hatte und wieder zu Fontanieu kam.

»Von wem?«

»Von Margarethe.«

»Um aufrichtig zu sein und ohne hier einen sehr unziemlichen Vergleich machen zu wollen, gestehe ich Ihnen, daß die Morgenvorstellung der Abendvorstellung geschadet; man muß die Frau Marquise von Escoman nicht gesehen haben, um diese Demoiselle schön zu finden.«

»Sie haben einen sonderbaren Geschmack,« antwortete der Marquis so gleichgültig, als ob von einer ihm ganz fremden Dame die Rede gewesen wäre, aber sein Gesicht drückte doch Zweifel und Mißtrauen aus.

Diese Worte drangen wie ein glühendes Eisen in das Herz Fontanieu’s. Er fühlte einen Haß gegen Margarethe: konnte er ihr verzeihen, daß man sie über sein Idol stellen wollte?

Der Marquis, der sich entweder schnell beruhigte oder sich nicht durch Eifersucht lächerlich machen wollte, wies Fontanieu, als dem Helden des Tages, einen Platz neben Margarethen an.

In seinem Eifer, die einmal übernommene Rolle zu zu spielen, war Fontanieu ungemein freundlich und zuvorkommend gegen seine hübsche Nachbarin und überhäufte sie mit Schmeicheleien. Aber zu seinem großen Erstaunen blieb Margarethe kalt und ernst; sie antwortete ihm nur mit Gemeinplätzen, so daß er die größte Mühe hatte, das Gespräch in der angefangenen Weise fortzuführen.

Der Marquis von Escoman runzelte die Stirn und bewies dadurch, daß ihm die Galanterie seines neuen Freundes nicht sehr angenehm sei.

Als das Souper beendet war und während der Tisch abgeräumt und zum Spiel hergerichtet wurde, trat der Chevalier von Montglas auf Louis von Fontanieu zu, der noch ganz verblüfft war über die ernste, würdevolle Verbeugung, mit der ihn Margarethe, als er sie wieder an ihren Platz geführt, verabschiedet hatte.

»Nun, wie gehen die Geschäfte?« fragte der alte Edelmann den Secretär.

»Schlecht,« antwortete Fontanieu; »ich glaube, Sie haben Margarethe verleumdet.«

»Bah! lassen Sie sich nur nicht abschrecken. Sie haben’s nur nicht recht angefangen. Die Männer sind sehr albern, und gerade da recht dumm, wo sie recht klug zu sein wähnen. Ich spreche im Allgemeinen, Sie haben nicht das Recht sich beleidigt zu fühlen. Um bei einem Plunder hundert Sous zu verdienen, bieten sie so viel diplomatische Kunstgriffe auf, als ob sie ein Volk verkaufen oder einen König auf den Thron setzen wollten, und sobald ihre Eitelkeit ins Spiel kommt, wollen sie nicht begreifen, daß man ihn noch nicht nimmt, wenn man sagt: Ich möchte ihn wohl haben.«

»Sie finden also —«

»Daß Sie viel zu viel Eifer an den Tag legen,« fuhr der Chevalier fort. »Angeln Sie?«

»Nein. Wozu diese Frage?«

»Sie werden in der Kunst des Angelns ein Geheimniß finden, das für die jetzige Situation sehr gut paßt. – Sie sehen schöne Fische im Wasser schwimmen; das Wasser kommt Ihnen in den Mund, wenn Sie an die leckern Speisen denken; Sie werfen ihnen den Köder hin, aber sie verschmähen ihn, weil er ihnen zu nahe ist. Ziehen Sie aber die Angelschnur etwas zurück, so stürzen die Fische gierig auf den Köder zu und beißen sich fest. Eben so geht’s mit den Weibern, lieber Freund.«

»Ich werde Ihren guten Rath befolgen, Chevalier; aber ich gestehe Ihnen, daß meine Hoffnungen seit einer Stunde sehr herabgestimmt sind.«

»Sie scheinen’s mit ihr nicht gemacht zu haben, wie Sie es diesen Morgen mit Escoman machten. Man muß Freund oder Feind immer in die Augen schauen. Weiberaugen lernen sehr spät lügen.«

»Sie machen mir einigen Muth; ich brauche ihn, denn ich war schon im Begriff diese Eroberung aufzugeben, an der mir doch so viel gelegen ist.«

»Haben Sie etwa ein Gelübde gethan?«

»Vielleicht.«

»Nun, ich gestehe aufrichtig, daß mir an der Erfüllung desselben eben so viel liegt wie Ihnen, obgleich mich wohl andere Gründe dazu bewegen.«

»Ich danke Ihnen verbindlichst, Chevalier – und wenn ich Ihnen etwas Angenehmes erweisen kann. —«

»Das können Sie. – Haben Sie zuweilen gespielt?«

»Nein, ich habe nie gespielt.«

»Desto besser. Hier sind die fünfundzwanzig Louisd’or, die ich noch habe; sie gehören natürlich Ihnen, Sie haben sie mir ja geliehen, ich gebe Ihnen aber nur zwölf und einen halben zurück, die übrigen vertraue ich Ihnen an. Ich vertraue auf das erste Lächeln, welches die Glücksgöttin den jungen Leuten aufspart. Halten Sie mir diesen alten Spielerglauben zu gute. Spielen Sie; den Gewinnst theilen wir.«

Sie nahmen neben einander Platz.

Margarethe setzte sich mit einer gewissen Absichtlichkeit neben den Marquis und sprach ungemein freundlich, ja zärtlich mit ihm.

Zum ersten Male bemerkte Louis von Fontanieu, daß Margarethe ihn ansah, während ihr Mund die Wange des Marquis berührte, und in ihren halb offenen feuchten Augen glaubte er einen Blitz zu sehen, der nicht in gleicher Richtung mit ihren Lippen ging.

Der Zufall wollte, daß die Hoffnung des Chevaliers in Erfüllung ging: Fontanieu hatte dauerndes Glück; die gewagtesten Sätze gelangen ihm, die tollsten Parolis fielen zu seinen Gunsten ans. Aber trotz des vor ihm liegenden und immer größer werdenden Haufens von Gold, Silber und Banknoten, trotz des stark duftenden Punsches, den Bertrand persönlich reichte, trotz der Aufreizungen seines Nachbars, der durch dieses außerordentliche Glück ganz elektrisirt wurde, war er sehr verstimmt. Er sah ein, daß ein solcher Gewinn ihn auf eine Bahn treiben werde, die er nicht betreten mochte.

Der Marquis von Escoman war ein leichtsinniger Spieler, aber die Größe des Verlustes raubte ihm doch seine gewohnte Besonnenheit.

»Zweihundertfünfzig Louisdor auf Ehrenwort!« sagte er, als Alles fort war was er bei sich hatte.

»So viel Sie wollen, lieber Marquis,» antwortete Fontanieu, der eben zwei Figuren aufgelegt hatte, deren eine schon so oft vorgekommen war, daß man glauben mußte, sie sei nicht mehr im Spiel.

»Es war zu spät, um zu reden,» sagte der Chevalier, der die Interessen der Gesellschaft schlecht vertreten glaubte.

»Sie wagen sehr viel, Herr von Fontanieu!»

»Ich schäme mich meines schamlosen Glücks,» erwiederte der Secretär.

Er legte eine dritte Karte auf; sie war der zweiten gleich. Er gewann wieder. Er konnte sich einer Aeußerung des Unwillens nicht erwehren.

»Bravo!l lieber Freund,» sagte Montglas erfreut. »Schmollen Sie nur mit der Fortuna; zeigen Sie ihr, wie wenig Ihnen an ihrer Gunst liegt; sie ist ein Weib und wird Sie um so eifriger verfolgen.»

Margarethe hatte mit einigem Erstaunen die plötzliche Veränderung in dem Benehmen Fontanieu’s bemerkt. Sie sah darin keine Taktik, sondern eine Entmuthigung, und suchte das zu schnell erloschene Feuer wieder anzufachen. Sie war keineswegs unempfänglich für den Zauber des Goldes, und bald waren ihre schmachtenden Blicke zwischen den auf dem Teppich angehäuften Schätzen und deren glücklichen Besitzer getheilt. Bei den letzten Worten des Chevaliers erröthete sie, schlug die Augen nieder und schien ihre Aufmerksamkeit auf eine Karte zu richten, welche sie mit einer Nadel durchstach.

»Fünfhundert Louisdor! Wer hält fünfhundert Louisd’or?» rief der Chevalier von Montglas, die bellende Stimme des Croupiers nachahmend.

»Ich halte sie,« sagte der Marquis von Escoman, der durch seine bald bleiche, bald glühendrothe Gesichtsfarbe, seine weitgeöffneten Augen und seinen tiefen Athem die große Aufregung verrieth, in der er sich befand.

Fontanieu nickte zustimmend. Sei Kopf schwindelte ihm; er wünschte zu verlieren und gleichwohl fühlte er, daß der Dämon des Spiels immer größere Gewalt über ihn bekam. Er vermochte sich nicht mehr der quälenden Angst zu entreißen, die jedem Spieler das Herz zusammenschnürt. Er vergaß Margarethe, und das Bild der Marquise, das er sich zu vergegenwärtigen suchte, erschien ihm wie in einem Nebelmeer.

Eine feierliche Stille folgte. Man hörte nur das Rauschen der fallenden Karten.

Der Marquis von Escoman verlor wieder. Wer ihn ansah, fühlte zugleich Entsetzen und Mitleid.

Er faßte Margarethe beim Arm und forderte sie auf, mit ihm fortzugehen.

Aber sie stand nicht aus; sie drehte die durchstochene Karte zwischen den Fingern.

»Nein,» erwiederte sie, »ich will versuchen, ob das Glück des Herrn nicht höflicher gegen mich ist, als gegen Sie.»

»Tausend Louisdor!» rief Montglas.

»Warum nicht Peru? Ich bin bescheidener, Montglas. Ich wünsche nur das Armband, das mir Escoman längst versprochen hat. Herr von Fontanieu wird so gütig sein, einen Einsatz von fünfundzwanzig Louisdor anzunehmen – so viel kostet mein Armband.«

»Sie haben ja kein Geld mehr!« sagte der Marquis ungeduldig.

»Ja, heute geht’s mir wie Ihnen, aber morgen – bis dahin wird Herr von Fontanieu mein Pfand nicht zurückweisen.«

Sie warf dem jungen Glückskinde das zweimal zusammengelegte Kartenblatt hin.

»Der Fisch beißt an,« flüsterte der Chevalier seinem Nachbar zu; »halten Sie sich bereit, die Angelschnur anzuziehen.«

Der Marquis von Escoman griff mit gieriger Hast nach der letzten Hoffnung, die den letzten Thaler eines Spielers überlebt. Die Vernunft rieth ihm sich zu entfernen, aber die Leidenschaft bedurfte nur eines Vorwandes, um ihn zurückzuhalten, und in solchen Fällen trägt die Leidenschaft immer den Sieg davon. Er ertkärte, den Rest der tausend Louisd’or halten zu wollen.

Das Glück blieb den beiden Gesellschaftern treu.

»Adieu, mein schönes Armband,« sagte Margarethe seufzend und stand auf.

Der Chevalier stieß Fontanieu an.

»Nein,« sagte dieser zu Margarethe, »dieser Abend hat mir ohnedies schon genug Gewissensbisse gemacht. Wenn es der Herr Marquis erlaubt, werde ich Ihnen morgen das Armband anlegen.«

»Schade, daß Sie kein Millionär sind,« setzte Montglas so laut hinzu, daß es Margarethe hören konnte. »Es müßte fürwahr schön sein, Ihre Geliebte oder Ihr Freund zu sein.«

Der Marquis schien nicht verstanden zu haben; er gab Margarethen einen Kuß, der einen guten Abend und zugleich eine Weisung sich zu entfernen bedeutete. Dann ging er fort, mit der Erklärung, daß er Geld holen und wiederkommen werde.

Die Spieler benutzten diese Pause, um sich zu erholen. – Der Chevalier von Montglas nahm den Haufen der vor Fontanieu liegenden Goldstücke und Banknoten, trug ihn in ein Nebenzimmer, legte ihn auf einen Tisch und theilte ihn gewissenhaft.

»Es ist doch eine schöne Sache um das Spiel!« sagte er, indem er das Gold und die Banknoten durch die Finger gleiten ließ. »Sehen Sie, Fontanieu, es ist kein todtes Metall, kein schlechtes Papier, sondern eine Welt von Freuden und Genüssen: Jugend und Liebe, Vergnügen und Freundschaft. Ha, das Leben ist doch schön!«

Als er aber bemerkte, daß sein junger Freund seinen Antheil an dem Schatze kaum beachtete und durch’s Fenster den Sternenhimmel ansah, setzte er hinzu:

»Sie hören ja nicht. Sie wollen doch nicht schlafen? Ich würde Sie dann meinen Freund nicht mehr nennen. Der Schlaf ist nur ein Vorurtheil.«

»Wenn man gewinnt,« antwortete Fontanieu lächelnd.

»Sie werden nie ein Spieler,« sagte Montglas mit dem Tone aufrichtigen Bedauerns. »Doch ich hatte in der Freude meines Herzens vergessen, daß Sie verliebt sind. Es ist freilich eine schlechte Entschuldigung aber ich muß sie wohl gelten lassen. Apropos,« setzte er, auf die Wand zeigend, hinzu: »sie ist da.«

»Wen meinen Sie?«

»Margarethe; wen denn sonst? Eine einfache Wand trennt Sie von ihr, und dieses Flußpapier,« sagte er, auf die Banknoten zeigend, »würde Sie ihr näher bringen, wenn ein großer Theil der Entfernung nicht schon zurückgelegt wäre. Soll ich an die Wand klopfen, um von Ihnen zu reden?«

»Was fällt Ihnen ein? Ist denn der Marquis nicht bei ihr?«

»Haben Sie denn nicht gehört, daß er nach Hause gehen wollte, um seine Börse zu füllen, und Margarethe leert sie zuweilen aus, aber die Marquise füllt sie jedesmal wieder.«

Diese Worte machten einen erschütternden Eindruck ans Fontanieu; er sah sein Gold nicht mehr mit Gleichgültigkeit, sondern mit Widerwillen an.

»Ei, ei!«setzte der Chevalier hinzu, indem er seinen Schatz mit Wohlgefallen betrachtete und betastete, »da finde ich etwas zwischen meinen Banknoten, was nicht in meinen Antheil gehört.«

»Was denn?«

»Das Pfand Margarethens.«

»Zerreißen Sie es. Sie werden doch nicht glauben, daß ich fünfundzwanzig Louisdor für das ihr angebotene Armband nehmen wolle?«

»Nein, aber was von einer lieben Person kommt, ist immer kostbar. Behalten Sie es also. Warten Sie, mich dünkt, es steht etwas auf diesem Papier, das man Ihnen so gleichgültig zugeworfen.«

Montglas faltete die Karte auseinander. Die Nadelstiche waren nicht regellos zerstreut, sondern bildeten deutlich erkennbare Buchstaben, und diese das Wörtchen: »Liebe.«

»Ei der Tausend!« sagte der Chevalier, »der Fisch ist hungriger als ich glaubte. Jetzt, da Sie ihn an der Angel haben, ist er nur noch in die Küche und von da auf die Tafel zu bringen.«

Zehntes Capitel.
Von der Gebrechlichkeit der menschlichen Tugend

Der Chevalier von Montglas trat auf seinen immer am Fenster stehenden jungen Freund zu.

»Der Fischfang,« erwiederte Fontanieu, »ist allerdings wunderbar; aber ich werde von dem Fische nicht kosten.«

»Sie glauben vielleicht, ich soll ihn essen. Da würden Sie Unrecht haben. Mir ist nur der gute Wille geblieben, und der ist nicht genügend, was auch die Weisen sagen. Aber sagen Sie, lieber Freund, warum zerknittern Sie denn das kostbare Autograph?«

»Es ist ein Primawechsel, auf den gesunden Verstand des Marquis gezogen. Noch eine oder zwei solcher Tratten, und er wird sie gewiß honorieren.«

»Wenn Sie in Räthseln sprechen, so mache ich mich ans dem Staube.«

Louis von Fontanieu war sehr erfreut über seinen Erfolg. Seine Träume hatten ihm nichts Schöneres vorgegaukelt; er fand Geschmack an der Wirklichkeit. Die Ausführung seines Planes wurde so leicht, daß er sich schämte, eine ihm so werthvolle Zuneigung mit so geringer Mühe zu erwerben. Das Glück, vielleicht in Verbindung mit einem leichten Weinrausche, machte ihn mittheilend.

»Sie sind so gütig gegen mich, Chevalier,« sagte er, »daß ich Ihnen aus meinen Absichten unmöglich ein Geheinmiß machen kann. Ich bin um so weniger dazu geneigt, da Sie mit den vernünftigen Grundsätzen, die Sie mir diesen Abend eingeprägt, ganz übereinstimmen.«

»Morbleu! sprechen Sie doch hier nicht von Vernunft. Sollen wir denn hier undankbar sein gegen die Thorheit, die uns diesen Abend so gut gelungen ist?«

Fontanieu ließ sich nicht irre machen.

»Wenn ich an Margarethe dachte,« fuhr er fort, »so geschah es nur, um dem verblendeten Escoman zu beweisen, daß er sich von einem seiner unwürdigen Mädchen täuschen läßt, daß er seine liebenswürdige, vortreffliche Frau einem thörichten Wahne opfert.«

Montglas staute den jungen Mann ganz verblüfft an; er sah, daß alle seine Vermuthungen falsch waren, und dennoch schien ihm die Wirklichkeit die Grenzen des Möglichen zu überschreiten. Er wollte antworten, aber man rief ihnen zu wiederholten Malen. Sie verließen das Fenster und gingen wieder in den Salon. Der alte Chevalier sah noch so bestürzt aus, daß man ihn fragte, was ihm fehle.

»Erschrecken Sie nicht, meine Herren,« antwortete er, »Herr von Fontanieu hat mir so eben eine neue Theorie über das Pharaospiel entwickelt, die mich in Erstaunen gesetzt hat. Ich bin seit einiger Zeit sehr reizbar geworden.«

In den meisten Romanen lassen die Spieler, während sie die Karten einsehen, keine Gelegenheit unbenutzt, geistreich und witzig zu sein, aber in der Wirklichkeit haben sie keine Zeit dazu. Das Spiel nimmt, wie die Seekrankheit, alle Geistes- und Körperkraft in Anspruch.

Die Gäste des Marquis von Montglas saßen stumm und düster um den grünen Tisch; es war bei ihnen nicht mehr Spieleifer, sondern Spielwuth. Nur der Chevalier von Montglas war ruhig und heiter, obgleich er verlor.

Sonderbarer und doch häufiger Widerspruch! Dieser alte Roué, der sich in der ersten Hälfte des Abends über sein Glück so kindisch gefreut hatte, ertrug den Verlust mit stolzer Gleichgültigkeit. Er schob seine Massen mit der Ruhe eines im Feuer der Schlachten erprobten Generals vor, er betrachtete ihre Niederlage mit dem Gleichmuthe eines Stoikers. Noch mehr, er dachte, trotz seiner beständigen Verluste, an die vertrauliche Mittheilung, die ihm Fontanieu gemacht hatte. Wenn der Blick des Letzteren dem seinigen begegnete, so gab der alte Chevalier durch ein Augenblinzeln deutlich zu verstehen, was er von dem sentimentalen Donquichotestreiche seines jungen Freundes dachte.

In einer halben Stunde hatte er das Gold und die Banknoten, die ihn so glücklich gemacht, wieder verloren.

Er stand auf und nahm seinen Hut zum größten Erstaunen der Anwesenden.

»Was fällt Ihnen ein, Montglas?« sagte der Marquis von Escoman; »Sie werden doch nicht der Erste sein, der fortgeht?«

»Ich gehe sehr leicht von dannen, lieber Marquis,« erwiederte der Chevalier, an seine Westentaschen schlagend.

»Bah! Sie wissen wohl, daß wir Alles halten, was Sie wollen,« sagte der Marquis, der wieder gut bei Laune war, denn er hatte einen Theil des verlorenen Geldes wieder gewonnen.

»Ich hätte es glauben können, Marquis, bevor Sie so aufrichtig waren, mir das Gegentheil zu sagen.«

»Montglas, der Degenstoß, den Sie dem armen Guiscard gegeben, hat Ihre üble Laune nicht beruhigt. Sie zürnen mir noch ob meines vorgestrigen schlechten Witzes; aber ich wills nicht, ich bitte Sie hiermit öffentlich um Verzeihung. Wie könnte ich auch der Feind eines Mannes sein,« dem ich den Wiedergewinn von tausend Louisdor zu danken habe? Wenn Sie wirklich diesen Abend fein spießbürgerlich sein wollen, so müssen wir zuvor wenigstens aus Ihre Gesundheit trinken. Unsere Aussöhnung wird dann vollständig. Meine Herren, auf das Wohl des Herrn Chevalier von Montglas, des edlen Musters einer andern schöneren Zeit, des heldenmüthigen Repräsentanten der Lebemänner von ehedem.«

Der Toast wurde mit Jubel angenommen.

»Sie sind in der That zu gütig,« erwiederte der Chevalier. »Ich werde wenigstens mit dem Troste aus dem Leben scheiden, daß die Ueberlieferung der guten alten Zeit nicht verloren sein wird; daß Sie den künftigen Geschlechtern ein Beispiel geben werden, um zu kämpfen gegen den schlechten Geschmack eines Zeitalters, welches das Spiel zu einem Geschäfte, den Wein zur Arznei, die Mädchen zum Vorwande der Sentimentalität macht. Auf das Wohl Escoman‘s, dem die Gesellschaft ihre Wiedergeburt verdanken wird!«

Der Marquis bemerkte nicht den Anflug von Ironie in den Worten des Chevaliers; er schien sich auf die vortheilhafte Meinung, welche dieser Kenner über ihn aussprach, sehr viel einzubilden.

Louis von Fontanieu hätte den Chevalier gern begleitet; er wünschte dessen bis dahin nur durch Geberden ausgedrückte Meinung zu kennen. Der alte Roué las diesen Wunsch in seinen Augen; er trat auf ihn zu und flüsterte ihm in‘s Ohre »Morgen sehen wir uns; aber Sie müssen mir versprechen, sich zu nichts zu verpflichten, bevor Sie mich wiedergesehen.«

»Aber wann werde ich Sie sprechen?«

»Ich sage Ihnen ja, morgen.«

»Sie haben mein Wort, Chevalier.«

Als Montglas fort war, gab der Marquis von Escoman dem Bankhalter einen Wink, noch einige Augenblicke zu warten.

»Glauben Sie an seinen Vorwand?« sagte er. »Er hat etwas Anderes zu thun, sonst würde er den Spieltisch nicht verlassen. Vielleicht hat er ein Stelldichein mit unserer hübschen Wirthin. Hören Sie nur: ich wette, daß wir die Hausthür nicht zumachen hören.«

Die Gesellschaft lauschte, und es verging wirklich eine geraume Zeit, ohne daß im oberen Stockwerke, wo sich die Gäste befanden, ein Geräusch gehört wurde. Die Vermuthung des Marquis schien sich zu bestätigen. Man flüsterte einander die abenteuerlichsten Vorschläge zu. Einer wollte den Chevalier überraschen; ein Anderer wollte Bertrand warnen; aber es ging mit diesen Vorsätzen wie mit den Ratten in der Fabel.

Bald wurde die Neugierde durch die Spiellust verdrängt, die Karten fielen wieder tactmäßig auf den Teppich.

»Still!« sagte plötzlich ein Spieler. »Escoman hat Recht. Ich höre auf der Treppe das Rauschen eines Kleides.«

Fünf oder sechs junge Leute standen auf und eilten auf die Treppe; aber es war zu spät, die Hausthür that sich auf und wurde vorsichtig wieder zugemacht.

Die Nacht war so finster, die Straßenbeleuchtung so mangelhaft, daß sie durch das Fenster nur eine nicht erkennbare, in der Dunkelheit verschwindende Gestalt bemerkten.

Man machte natürlich allerlei spöttische Bemerkungen über den abwesenden Chevalier; endlich hörte man auf zu spielen, und die Gesellschaft brach auf.

Ehe der Marquis das Haus Bertrand‘s verließ, klopfte er leise an Margarethens Thür. Der Schlüssel steckte, aber es erfolgte keine Antwort.

»Sie schläft,« sagte der Marquis und holte seine Freunde ein.

Louis von Fontanieu begleitete ihn bis zum Hotel Escoman. Der Marquis trat ein, und Louis blieb allein auf der Straße.

Wie wenig er auch an Nachtwachen gewöhnt war, so war er doch durch die Ereignisse des Tages so sehr aufgeregt worden, daß er keine Ermüdung fühlte. Er ging vor dem großen düsteren Hause auf und ab. Die materielle Erregtheit steigerte auch seine geistige Kraft, wie sein Gefühlsvermögen.

Er sah ein Licht von einem Fenster des Hauses zum andern wandern. Ohne Zweifel trug es der Marquis. Und hatte dieser nicht das Recht, das Zimmer zu betreten, wo sie ruhte?

Seine Phantasie gaukelte ihm nun ein Bild vor, das seine Eifersucht fast bis zur Raserei steigerte. Sobald er einem selbstsüchtigen Gedanken Raum gegeben, trat seine Leidenschaft klar und deutlich ans dem Nebel des Idealen hervor. Das Blut stieg ihm zu Kopfe, sein ungestüm pochendes Herz raubte ihm fast die Besinnung.

Endlich gewann er wieder einige Fassung. Er entschloß sich fortzugehen. Als er noch einen Blick auf das Haus warf, fühlte er, daß sich ein Arm leise unter den seinigen schob und er hörte eine Frauenstimme, welche halb laut zu ihm sagte:

»Ich habe mit Ihnen zu reden.«

Fontanieu dachte in der ersten Ueberraschung, es könne nur die Marquise sein. Er war so tief ergriffen, daß er kein Wort zu erwiedern vermochte.

Die Dame machte eine rasche Bewegung, um sich zu entfernen; dadurch wurde die Capuze, die ihren Kopf bedeckte, verschoben und Louis erkannte – nicht die Marquise, sondern Margarethe Gelis.

»Margarethe!« sagte er, »zu dieser Stunde!«

»Ja wohl,« antwortete sie, »ich wollte Sie noch diesen Abend sprechen. In meiner Wohnung war es nicht gut möglich. Ich weiß nicht wo Sie wohnen, ich entschloß mich daher Ihnen zu folgen.«

»Darf ich fragen, Mademoiselle, was mir diese Ehre verschafft?« sagte Louis von Fontanieu so gelassen, wie es ihm unter diesen Umständen möglich war.

»Und ich,« antwortete Margarethe, »ich frage Sie, womit ich Ihren Haß verdient habe?«

»Meinen Haß!« erwiederte Louis ganz erschrocken.

»Ich will Ihnen mit dem Beispiel der Aufrichtigkeit vorangehen.

Ich stand in meinem Zimmer am offenen Fenster, als Sie mit dem Chevalier von Montglas an dem nächsten Fenster sprachen; ich habe Alles gehört: Sie wollen mich von Escoman trennen.«

»Nein, Mademoiselle; ich will thun was jeder Ehrenmann an meiner Stelle thun würde: ich will den Marquis seiner Gemalin wieder zuführen.«

»Was für einen Zweck man auch hat,« entgegnete Margarethe, »es ist immer erbärmlich, die Liebe einer Frau zu stehlen, um sie zu verkaufen.«

»Verkaufen?«

»Ja, verkaufen! Sie werden mir nicht einreden, Sie werden die Welt nicht überreden, daß der sonderbare Beweis von Theilnahme, den Sie einem ganz fremden Manne geben wollen, nicht das Resultat einer wenigstens stillschweigenden Uebereinkunft sei. Schwören Sie mir, daß Sie für die Marquise nie eine andere Zuneigung, als die reinste Freundschaft gefühlt – eine Freundschaft, wie sie ein Mann von Ihrem Alter für eine Frau in den Jahren der Marquise fühlen kann – wenn Sie mir diese Versicherung geben können, so will ich Ihren Wünschen förderlich sein und den Marquis von Escoman freiwillig aufgeben.«

Louis von Fontanieu blieb stumm: sein Herz, das noch unter der Einwirkung sämmtlicher Gedanken pochte, konnte keine Lüge finden.

»O mein Gott!« sagte Margarethe, die Hände faltend; »die Menschen verdammen die Sünde, und sie selbst hegen sündige Gedanken!«

Sie fing an zu weinen.

Fontanieu ward durch ihre Thränen tiefer gerührt, als durch ihre Vorwürfe. Ein weinendes Weib verwandelt sich. Er faßte die heißen Hände der jungen Dunenserin, und seine Worte wurden milder, seine Manieren minder abstoßend.

»Beruhigen Sie sich, Mademoiselle,« sagte er, »Sie finden in meinem Mitleid für die Marquise Nebenabsichten, die mir ganz fremd sind. Ich gestehe, daß ich gerührt wurde, als ich die junge, reiche, schöne vornehme Dame, die Gott mit allen Erdengütern so reich gesegnet, so verlassen und trostlos sah. Sie waren das Hinderniß, das sie von ihrem Gemal trennte. Ich kannte Sie nicht; ich versuchte das Hinderniß zu beseitigen, sonst nichts, das schwöre ich Ihnen. Ich habe mich in der Wahl der Mittel vielleicht geirrt; es wäre wohl besser gewesen, wenn ich zu Ihnen gegangen wäre, um Ihnen zu zeigen was vorgeht, was Ihnen gewiß nicht bekannt ist; und vor so vielen unverdienten Leiden würden Sie gewiß mein Mitleid getheilt haben.«

Margarethe, die bisher vor Fontanieu gestanden, setzte sich auf einen Schutzstein an der Ecke des Hotels und verbarg ihr Gesicht mit beiden Händen. Nach einer kurzen Pause erwiederte sie mit bewegter Stimme:

»Es ist natürlich, daß sich Ihr ganzes Mitleid ihr zuwendet; sie ist ja reich und vornehm; ihre Leiden sind unverdient, wie Sie sagen – aber glauben Sie denn, daß meine, des armen, niedrig gebornen Mädchens Geschichte minder traurig sei, als die der Marquise? Glauben Sie denn, daß keine Stelle in meinem Herzen sei, die blutet, stark und schmerzhaft blutet? Ich möchte Ihnen diese Geschichte mit kurzen Worten erzählen. Doch warum sollte ich es thun? es ist ja die Geschichte aller Kinder meines Standes. Man ist fünfzehn Jahre alt, rein und unschuldig, man hat die Aussicht, einen jungen braven Handwerker zu heiraten. Aber seit fünfzehn Jahren rüttelt auch die Noth an allen guten Grundsätzen der Mutter. Ein Mutterherz ist sehr stark, aber die Noth zernagt es am Ende, wie der Rost das Eisen. Arme Mutter! mein Herz spricht Dich frei, wie Dich mein Verstand laut anklagt. Sie dachte mit Schrecken an ihre Vergangenheit voll Elend und Kummer; sie wünschte mir eine bessere Zukunft. Sie dachte: meine kleine Margarethe ist heiter und sorgenlos; sie liebt Blumen und Lieder, und jagt gern Schmetterlinge an der Hagedornhecke; die Last der Dürftigkeit, die ich so muthig getragen, wird ihr zu schwer sein, sie wird ihr erliegen, und das will ich nicht. – Während sie so mit sieh selbst sprach, kam ein Mann; er war jung und weit einnehmender, als der arme Arbeiter; er streute das Gold mit vollen Händen aus, sprach von Liebe und Glück, stellte Reichthum in Aussicht. – Mein Gott! haben Sie nie gewünscht in das Land der Feen zu wandern? Die Freuden der Reichen sind unsere Feenmärchen. Die Mutter glaubt ihre Tochter einem jener glänzenden, freigebigen Genien anzuvertrauen; sie schweigt und wendet sich ab. Die Mutter ist der Schutzengel eines armen Mädchens; was vermag das Kind, wenn es von seinem Schutzengel verlassen wird? – Dies ist in den meisten Fällen der erste Schritt zum Verderben. Glauben Sie denn, daß die Gefallenen nicht das Recht haben, das Schicksal und die Welt zu verwünschen? Muß man Ihnen, um Sie zu überzeugen, daß ihre Augen weinen und ihre Herzen bluten, muß man Ihnen erzählen was in ihrem Innern vorgeht, wenn sie die Lüge entdecken, womit man ihr Elend vergoldet, und die Verachtung, welche selbst die Liebe nie ganz verhehlen kann? Soll man ihren Schmerz, ihre Reue schildern, wenn man ihnen sagt, wie Sie: Mit welchem Rechte geht Ihr in Sammt und Seide? Mit welchem Rechte schmückt Ihr euer Haar mit Blumen? Von Allem, was man Euch genommen, wird man Euch nur die Gasse wiedergeben, in welcher Ihr geboren seid. Platz für die vornehme reiche Dame, die allein Ansprüche hat auf die Liebe, die man Euch versprochen, auf das Glück, das man Euch verheißen hat! Ehre der, die ohne Versuchung rein geblieben ist, ohne Kampf gesiegt hat!«

Margarethe sprach mit dem Tone tiefer Ueberzeugung, der jeden Zweifel an der Wahrheit ihrer Worte beseitigte.

»Es ist viel Wahres an dem, was Sie sagen,« mein Kind,« erwiederte Fontanieu. »Sie wiederholen ein Thema, welches schon viele Menschenfreunde ohne Erfolg entwickelt haben, und aus dieser Erfolglosigkeit kann man nur den traurigen Schluß ziehen, daß die Menschheit zu immerwährenden Leiden verurtheilt ist. Sie weinen an der Ecke dieses großen stattlichen Hauses und wenige Schritte von Ihnen, hinter den seidenen Vorhängen weint ein anderes weibliches Wesen. Aber glauben Sie mir, die dort oben,« setzte er hinzu und zeigte auf die großen dunkeln Fenster, »die dort oben würde gern Ihre Thränen trocknen, wenn sie es vermöchte, obgleich sie wohl Ursache hätte, sich über Sie zu beklagen. Sie haben mir gezeigt, daß Sie, wie Jene, ein Opfer unserer gesellschaftlichen Einrichtungen sind; jetzt müssen Sie beweisen, daß Sie Anspruch auf Anteilnahme auf Achtung haben. Das Bewußtsein einer guten Handlung wird das Schmerzliche des Opfers mildern, und Ihre Liebe —«

»Ich liebe den Marquis nicht mehr,« unterbrach ihn Margarethe mit starker Betonung, und ihre auf den jungen Mann gerichteten Augen funkelten in der Dunkelheit.

Diese Worte waren bezeichnend, wenn auch der Ton derselben nicht ausgedrückt hätte, was sie zu verstehen geben wollten.

Das freiwillige Geständnis einer Frau erregt bei dem Manne, der es empfängt, entweder großen Widerwillen oder einen unwiderstehlichen Wunsch. Wenn der Becher voll ist, so läuft er über, sobald ein Tropfen Nektar oder Wasser hineinfällt.

»Wirklich!« antwortete Louis von Fontanieu stammelnd, als ob eine unwiderstehliche Kraft die Worte, die sein Herz gern zurückgehalten hätte, seinen Lippen entrisse; »wen lieben Sie denn, Margarethe?«

»Mein Gott, was soll ich denn thun, um mich verständlich zu machen?« sagte Margarethe mit überwallender Leidenschaft und sich an seine Schulter schmiegend.

Fontanieu war wie elektrisirt; er schloß sie in seine Arme und sein Mund berührte den ihrigen.

In diesem Augenblicke wurde über ihnen ein Fenster hastig ausgerissen. Margarethe lief mit einem Schrei des Schreitens davon. Fontanieu eilte ihr nach.

Nach einer kleinen Weile kam der Marquis von Escoman aus dem Hause.

Ohne etwas von Margarethens Erzählung gehört zu haben, hatte er doch an dem Aufschrei ihre Stimme erkannt, und begab sich zu Bertrand, um Gewißheit zu bekommen.

Er fand Margarethe nicht zu Hause.

Der Marquis hatte eine schlaflose Nacht. Der Chevalier von Montglas hatte also Recht: Escoman hatte noch bürgerliche Vorurtheile.

Elftes Capitel.
Was dahinter steckt

Die Schriftsteller unserer Zeit haben das menschliche Herz sehr gelehrt zerlegt; sie haben die Fächer numerirt, aus denen die verschiedenen Gedanken, die Triebfedern der Handlungen kommen sollen. In ihrer geistreichen Zergliederung haben sie die Verwirrung der Gefühle, deren Schauplatz das Herz sehr oft ist, und die daraus entstehenden scheinbaren Widersprüche zwischen den moralischen Ursachen und den Thatsachen vielleicht nicht hinlänglich berücksichtigt.

Was wir jetzt sagen wollen, wird man wahrscheinlich für eine Ungereimtheit halten, aber der Egoist leidet durch den Verrath eines Weibes sicherlich mehr als jeder andere Mann.

Vollständige Selbstverläugnung ist ein leerer Wahn. Der Egoist liebt sich selbst mit größerer Zärtlichkeit, als Andere ihre Mitmenschen lieben; er muß daher, wenn er in seiner Selbstvergötterung verletzt wird empfindlicheren Schmerz fühlen, als ein Herz, das seine Zuneigung getheilt hat.

Großmuth kann den Schmerz mildern. Wie mancher Liebende hat in seinen Thränen aufrichtig gesagt: Möge sie glücklich sein! – Aber den Egoisten vermag nichts zu erheben, zu trösten; er führt nur Verwünschungen im Munde, und diese fallen wie geschmolzenes Blei auf seine Herzenswunde.

Die Selbstsucht beruht auf der Eigenliebe; in den zärtlichen Verhältnissen des Egoisten spielt die Eigenliebe die erste Rolle, die übrigen Gefühle haben nur eine untergeordnete Bedeutung. Wenn der erste Liebhaber ausgepfiffen ist, fällt das ganze Stück durch.

Der Marquis von Escoman wurde nicht durch die Liebe in seiner Nachtruhe gestört, als er in die Lage kam, an Margarethens Treue zu zweifeln; er schlief nicht, weil er »etwas auf sie hielt« – sie stand also zu ihm etwa indem selben Verhältniß wie ein schönes Pferd oder ein Lieblingshund.

Der Ehrgeizige hält etwas auf eine Geliebte, weil sie ihm durch ihre Stellung oder ihr Ansehen nützen kann; der eitle Geck, weil sie im Rufe der Eleganz und des feinen Geschmacks steht und von dem sie umgebenden Nimbus immer etwas auf den erklärten Verehrer fällt; der Gimpel, weil sie vor ihm schon mehre sehr bekannte Verehrer gehabt hat. Der Geizige hält etwas auf seine Geliebte, weil sie ihm wenig Geld kostet; die meisten Männer dagegen halten etwas auf die ihrigen, weil sie viel für sie ausgegeben haben. Diese letztere Situation hat große Aehnlichkeit mit der eines Spielers, der alle verlornen Summen aus einen einzigen Wurf setzt; man sagt von ihm: er läuft seinem Gelde nach. Eben so »doublirt« man den Einsatz in der Schmuggelliebe, ehe man sich entschließt, den Verlust mit Gleichmuth zu betrachten; man würde die Totalsumme lieber verzehnfachen, als sie demüthig unter der Rubrik Gewinn und Verlust eintragen. Man sucht sich sogar durch die triftigsten Gründe einzureden, daß die Speculation sehr gut gewesen sei.

Wir haben diese speculative Zärtlichkeit ins Auge gefaßt, weil der Marquis von Escoman in die Kategorie der speculativen Liebhaber gehört. Er hatte zwei Gründe, die Sache so anzusehen. Margarethe kostete ihm zugleich viel Zeit und viel Geld.

Sie war durch ihn geworden, was sie seht war. Wie sie Louis von Fontanieu erzählt hatte, war sie ein armes Mädchen aus dem Volke, deren Geist eben so wenig cultiviert war wie ihr Haar, deren Naivität von zartfühlenden Seelen für plumpes, ungehobeltes Wesen gehalten werden konnte. Er hatte sie nach seiner Weise geformt und zugestutzt; er hatte ihr nach und nach alle Grundsätze der Eleganz und seinen Weltsitte beigebracht; sie hatte von ihm gelernt, wie man Landsknecht spielt und wie man mit Anstand Suppe ißt, wie man schlüpfrige Lieder ohne Erröthen singt und die Strumpfbänder gehörig anlegt. Die Kunst, Handschuhe anzuziehen, hatte ihm allein mehr als einen Monat täglichen Unterrichtes gekostet. Endlich war er überglücklich, wie er sah, mit welcher wunderbaren Leichtigkeit sie die Manieren und die Ausdrucksweise der von ihr besuchten Gesellschaften annahm. Er schmückte sein Spielzeug, wie ein Kind seine Puppe ansputzt; er gab für Kleider, Schmuck und Spitzen ein Capital aus, von dessen Renten eine Familie hätte anständig leben können.

Nur diese eigennützigen Beweggründe machten ihm Margarethe theuer. Sie unterhielt ihn in Stunden, wo er sonst nichts zu thun wußte, sie schmeichelte seinem Stolz, sie stellte eine beträchtliche Summe dar, und überdies fand der frühzeitig abgelebte Marquis Wohlgefallen an den derben Reizen dieser plebejischen Schönen.

Dazu kam noch ein anderer und zwar der allertriftigste Grund. Was würden die Leute dazu sagen? Was würde der Clubb, was der Chevalier von Montglas sagen, wenn man in Erfahrung brächte, daß der Marquis von Escoman, der chevalereske Edelmann, der sich um die Wiederherstellung eines wirklich »noblen Lebens« in der Hauptstadt von Dunois so große Verdienste erworben, von einer armen Grisette gefoppt, betrogen worden sei!

Der Gedanke an den wahrscheinlichen Verlust entlockte ihm wohl einige Seufzer, aber der Gedanke an das, was ihn erwartete, versetzte ihn in Wuth. Als er den ersten Aufwallungen des Zornes freien Lauf gelassen hatte, füllten sich seine Augen mit Thränen; er weinte aus Aerger, der Thau des Schmerzes kam nicht aus dein Herzen.

Er war bleich, seine Lippen waren fest zusammen gepreßt, sein verstörtes Gesicht hatte denselben Ausdruck, wie Abends vorher bei dem großen Verlust im Spiel.

Er sann nach, wer ihm Margarethe wohl geraubt, wer ihre Zuneigung gewonnen haben könnte. Er ließ in Gedanken alle seine Bekannten die Musterung passiren; aus Louis von Fontanieu fiel sein Verdacht weniger als auf einen Andern. Endlich vermuthete er ein Einverständniß mit einem Schauspieler oder einem Unteroffizier der Garnison.

Dieser Gedanke trug wesentlich dazu bei, Margarethe aus seiner Erinnerung zu verbannen; hatte sie wirklich ein gemeines Liebesverhältniß angeknüpft, so verdiente sie nicht, daß er sich nach ihrem Besitz zurücksehnte. Im Grunde besaß sie wenig Geist; sie war nur eine schöne Statue; das Verhältniß hatte auch schon lange gedauert; der Marquis würde zu der Zeit, wo er neue Pferde anzukaufen pflegte, auch eine Maitresse genommen haben, wenn er die andern Mitglieder des Clubs, an deren Bewunderung ihm sehr viel lag, hätte überzeugen können, daß es sein Wille gewesen. Aber er mochte die Mängel Margarethens immerhin übertreiben, eine innere Stimme sprach lauter zu ihrem Vortheil. Um diese Stimme nicht zu hören, versuchte er sich in jenen halbwachen träumerischen Zustand zu versetzen, in welchem es sich für den Menschen um »Sein oder Nichtsein« handelt, in welchem er gleichsam zwischen Himmel und Erde schwebt und seine Gedanken ineinander verschwimmen. Er glaubte nun die eintönigen Klänge einer Todtenglocke zu hören, und allmälig wurde aus diesen Klängen eine menschliche Stimme. Er rief wiederholt den Namen Margarethe mit allen Ausdrücken schwärmerischer Zärtlichkeit, und zugleich zog die Vergangenheit an seinem geistigen Auge vorüber.

Dieses Traumgesicht weckte seinen Zorn. Er erwachte und nun beschuldigte er Margarethe des Undanks; er warf ihr die Wohlthaten vor, mit denen er sie überhäuft, und in die erste Reihe dieser Wohlthaten stellte er die Verführung, deren Opfer sie geworden war. Dann fing er an auf Rache zu sinnen.

Diese Gedanken erinnerte ihn an die Rolle, die er in der vornehmen Welt zu spielen hatte. Er bedachte, daß er sich durch Rache doppelt lächerlich machen würde; er sah ein, daß er ganz gleichgültig scheinen und sich das Ansehen geben müsse, als habe er, dieses Verhältnisses überdrüssig, den Bruch selbst veranlaßt.

Diese Erwägung gab ihm einige Fassung wieder; um sich nicht lächerlich zu machen, konnte er seinen Verdruß verbergen und seinen Zorn mäßigen.

Er kleidete sich an und ging fort, um der Erste zu sein, der die Nachricht erzählte.

Die meisten seiner Freunde mußten noch schlafen; aber unter der gestrigen Tischgesellschaft waren zwei Dragonerlieutenants, und diese hatten das Recht im Quartier zu sein, um ihre nächtlichen Strapazen zu vergessen.

Sie bemerkten den Marquis von Escoman, der absichtlich diesen Weg genommen, und redeten ihn an. Es entspann sich ein Gespräch, und der Marquis erzählte mit scheinbarer Gleichgültigkeit, daß er Margarethe entlassen, und setzte hinzu, er werde ihnen mit Vergnügen behilflich sein, falls sie Absichten hätten. Es folgte nun eine frivole Schilderung der Vorzüge Margarethens.

Der Marquis wußt, daß die Herren beim Frühstück, von nichts Anderem sprechen würden; im Kaffeehause gab es natürlich viele Zuhörer, und so war vorauszusehen, daß sich die interessante Nachricht bald wie ein Lauffeuer unter den vornehmen Müßiggängern verbreiten werde.

Er ging wieder nach Hause; er legte die nun nicht mehr nothwendige Maske ab und war gegen Emma noch mürrischer als je zuvor. Es war natürlich, daß er seiner Frau die Ungezogenheit der ihr oktroyierten Nebenbuhlerin entgelten ließ.

Zur gewohnten Stunde war er im Clubb. Die Gesellschaft war zahlreich, aber nicht zerstreut, wie gewöhnlich. Alle anwesenden Mitglieder bildeten einen Kreis um einen Spieltisch, an welchem zwei junge Leute Karten spielten.

Die Ankunft des Marquis schien Allen sehr angenehm zu sein. Er nahm alle seine Kraft und Besonnenheit zusammen: er wußte wohl, daß der bevorstehende Auftritt entscheidend sein müsse, um so mehr, da er in dem Gesicht des Chevalier von Montglas eine gewisse Schadenfreude bemerkte.

»Sie kommen wie gerufen, lieber Escoman; wir haben nun nicht mehr nöthig diese alberne Partie, zu welcher uns Montglas verleitet hat, zu Ende zu spielen,« sagte einer der beiden Spieler, dessen Gesicht seit dem Erscheinen des Marquis eine gewisse Unruhe ausdrückte.

»Seit wann hat denn meine Gegenwart Ihre Unterhaltungen gehindert oder unterbrochen? Branchen Sie einen Partner? Da bin ich.«

»Ich sagte Ihnen ja, daß Escoman die Idee gut finden würde,« sagte Montglas.

»Warten Sie doch, bis er Ihre Idee kennt, um Ihnen so rauschenden Beifall zu spenden,« erwiederte der Andere. »Denken sie sich, lieber Marquis, man hat in der Stadt das Gerücht Ihres Bruches mit Margarethe verbreitet; wir wollten es nicht glauben.«

»Ich danke Ihnen für die Meinung, die Sie von mir, haben,« erwiederte Escoman mit berechneter Ironie. »Warum sollte ich denn Margarethe nicht verlassen? Ist es denn nicht das natürlichste, folgerichtigste Ende eines solchen Verhältnisses? Es hat ja drei Jahre gedauert und bekam bereits das Ansehen eines Hauswesens. Pfui! ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich an die sentimentalen Faseleien und Thränen und Augenverdrehungen denke – ich habe also der Sache schnell ein Ende gemacht.«

»Das arme Kind hat geweint,« sagte der Chevalier mit erheucheltem Mitleid.

»Bravo!« erwiederte der Spieler, dessen Gesicht merklich heiterer geworden war. »Wir können nun in unserer Partie fortfahren. Geben Sie Karten.«

»Was hat denn meine Angelegenheit mit Ihrer Partie zu thun?«

»Sehr viel, lieber Marquis. Da die Schöne frei ist, so wollten wir Beide uns um ihre Gunst bewerben. Eine solche Erbschaft wird nicht sub beneficio inventarii angetreten. Montglas gab uns nun den Rath, unsere Degen und Pistolen ruhen zu lassen und Margarethe auszuspielen.«

In der Hitze eines physischen oder geistigen Kampfes wird die Kraft des Kämpfenden verdoppelt; aber der Marquis konnte diesen frevelhaften Uebermuth doch nicht gleichgültig anhören.

»Finden Sie meine Idee nicht allerliebst?« sagte der Chevalier.

»Ich finde diese Reminiscenz an die Zeiten der Regentschaft sehr abgeschmackt,« erwiederte der Marquis. »Ehe Sie die Karten mischen, hätten Sie die Zustimmung Margarethens einholen sollen. Wissen Sie denn, ob der Posten, um den Sie sich bewerben, nicht schon vergeben ist? Ich gestehe, daß ich es sehr wahrscheinlich finde. Die festen Plätze bleiben nicht gern ohne Garnison.«

Montglas trat der Meinung des Marquis in aller Demuth bei; er gab zu bedenken, daß Niemand besser als Escoman, der doch gewiß ein väterliches Wohlwollen für Margarethe hege, ihre Stimmung zu erforschen vermöge. Der alte Roué sprach mit solcher Gewandtheit, daß der Marquis sich nicht gut weigern konnte, einen Schritt zu thun, durch den er endgültig beweisen würde, wie gleichgültig ihm Margarethe sei.

Der Chevalier drang nicht ohne Absicht auf eine so baldige Zusammenkunft des Marquis mit Margarethe. Er wußte was Escoman dachte und empfand, seinem Scharfblick war das Mienenspiel des Letzteren nicht entgangen. Er sah voraus, daß in dem Gemüthe und zumal in den Gewohnheiten des Marquis eine große Lücke entstehen müsse und er zählte auf seine Schwäche, um diese Lücke auszufüllen, wenn auch der Marquis den Ruf eines vollendeten Roué, auf den er so großen Werth legte, dadurch einbüßen mußte. Sein Groll gegen den Marquis fand durch diese Demüthigung eine Befriedigung.

Escoman war leicht zu überreden, weil er sehnlich wünschte was der Chevalier vorschlug. Seit dem frühen Morgen hatte er nur auf Mittel gesonnen, Margarethe wieder zu sehen; er suchte sich freilich einzureden, daß er sie mit Hohn und Verachtung behandeln,reuig und zerknirscht zu seinen Füßen sehen wolle. Aber in der Wirklichkeit ging es ihm wie allen Sclaven, die ihre Ketten nicht mit starker Willenskraft gebrochen haben: er war sehr geneigt, die schadhaft gewordenen Kettenglieder zusammennieten zu lassen.

Zwölftes Capitel
Täuschung

Louis von Fontanieu hatte eine kleine Wohnung im Erdgeschoß der Unterpräfectur, mit einem abgesonderten, nur von ihm benutzten Eingange.

Gegen sechs Uhr Früh war diese Thür leise und vorsichtig geöffnet worden und ein weiblicher Kopf hatte sich in derselben gezeigt. Dieses weibliche Wesen hatte den Moment abgewartet, wo die vor dem Gebäude auf-und abgehende Schildwache den Rücken wandte, um auf die Straße zu eilen. Die Gestalt war schnell in der Morgendämmerung verschwunden.

Sie ging so rasch und leicht, daß ihr Fuß kaum das Straßenpflaster zu berühren schien. Sie athmete mit tiefen Zügen die frische Morgenluft ein. Ihr Gesicht schien heiter und belebt. Vielleicht hatte ihre freie, dem Zuge des Herzens folgende Hingebung dieses Gemüth erfrischt, welches in dem zerstörenden Hauch das Lasters noch nicht ganz verdorrt war.

Ihre Zuneigung zu Louis von Fontanieu war freilich nur eine stürmische Gefühlswallung gewesen, wie sie Frauen eigen sind, welche nicht gewöhnt sind ihre Begierden in den Schranken der Zucht und Sitte zu halten und ihre Leidenschaften den Geboten der Pflicht unterzuordnen; aber diese Laune —wenn man‘s so nennen will – hatte mehr gehalten als versprochen.

Unter den jungen Männern, die Margarethe kennen gelernt, war Louis von Fontanieu der erste, der sich wirklich einer Jugend rühmen konnte; das Herz und die Sinne des Marquis und seiner Freunde trugen Schminke und Perrücke. Die Gefühlsfrische, die naive ungekünstelte Zärtlichkeit, die dem unverdorbenen Jüngling eigen ist, war ihr ganz neu. Sie erkannte nun, daß ihr bisheriges Verhältniß zu dein eitlen, blasirten Marquis nur eine groteske Nachäffung der Liebe gewesen war, und die Laune wurde zur Leidenschaft. Die Brust wurde zu eng für ihr ungestüm pochendes Herz. Trotz der frischen scharfen Luft schlug sie den Schleier zurück, um ihre Stirn zu kühlen. Sie ging rasch. Es schien ihr, als könne sie nicht athmen in dem engen Zimmer des Bertrand'schen Hauses, sie ging aus der Stadt, und als sie mitten auf dem Felde war, setzte sie sich an einen Graben und zupfte, wie in ihrer Kindheit, die Blätter der Gänseblumen aus, um zu ermitteln, ob der Mann, an den sie dachte, sie von Herzen liebe.

Die Liebe einer Courtisane hat immer eine idyllische oder sentimentale Seite, wenn keine Berechnung oder Eitelkeit dabei in’s Spiel kommt.

Es war die Stunde, wo es auf dem Lande lebhaft wird. Die Lerche schwirrte hoch in der Luft, das Rebhuhn ließ in den Furchen seine Stimme hören, die Heerdenglocken ertönten in der Ferne. Je höher die Sonne über den Stadtnebel emporstieg, desto mehr bevölkerte sich die Landstraße mit Bauern, welche ihre Früchte zu Markte brachten; die Hirten und Ackerleute begaben sich an ihre Arbeit; auch Gruppen von Bäuerinnen in ihren schwarz- und weißgestreiften Röckchen und mit dem blechernen Milchtopf auf dem Kopfe wanderten zur Stadt.

Alle blieben stehen, um die in Sammt und Seide gekleidete schöne Dame, die zu so seither Stunde auf der bloßen Erde saß, mit Verwunderung zu betrachten.

Diese Neugierde verscheuchte Margarethe, die sich nun nach Hause begab. Sie fand den Wirth »zur goldenen Sonne« in der Hausthür, ihrer wartend.

Als ehrsamer Mann war Bertrand mit seiner Kostgängerin sehr unzufrieden. Er hatte bereits erfahren, daß der Marquis von Escoman sie verlassen habe, und war in ihr Zimmer gegangen, um zu fragen, was an dem Stadtgeschwätz Wahres sei. Er hatte sie nicht zu Hause gefunden, und da er vermuthete, daß diese Abwesenheit die Ursache des Bruches sei, war er sehr entrüstet gegen Margarethe.

Daß sie ihre Gunst verkaufte, konnte Bertrand allenfalls dulden; aber ein Liebesverhältniß war gegen seine Grundsätze.

Er erzählte ihr, was das Gerücht sagte, und erklärte ihr, sie müsse sich, da sie nicht mehr die Ehre habe dem Herrn Marquis anzugehören, nach einer andern Wohnung umsehen.

Margarethe lachte ihm ins Gesicht; sie hatte nicht gedacht, daß es anders sein könne, als er sagte. Sie war bereits mit sich selbst zu Rathe gegangen; sie wollte sich prüfen, ob sie wohl im Stande sei eine Unwahrheit zu sagen; aber als ihr Herz den Namen Louis von Fontanieu nannte, fühlte sie ihre Wangen glühen, ihr Herz ungestüm pochen, und sie sah ein, daß jede Verstellung, jede Ausflucht unmöglich sein würde.

Was lag ihr auch an den Wohlthaten des Marquis und an der Achtung Bertrand’s? Ja, sie fühlte eine gewisse Befriedigung, daß ihr neues Liebesverhältniß kein Geheimniß mehr war, sie war zu stolz auf ihr Glück, um es nicht für beneidenswerth zu halten.

Sie ging in ihr Zimmer und sang wie eine Grasmücke, wenn ein Sonnenstrahl in ihren Käfig fällt. Sie; fing an mit der größten Gleichgültigkeit ihre Sachen einzupacken. Von Zeit zu Zeit jedoch lehnte sie sich, während sie ein Kleid zusammenlegte oder einen Schmuckgegenstand einwickelte, zum Fenster hinaus und sah mit gespannter Erwartung auf die Straße.

Sie hatte Louis von Fontanieu erst vor wenigen Stunden verlassen, und schon fand sie die Zeit der Trennung sehr lang. Sie legte an seine Gefühle den Maßstab ihrer eigenen Sehnsucht und begriff nicht, daß er an etwas Anderes denken könne, als an sie.

Aber Fontanieu kam nicht und Margarethe fing an ungeduldig zu werden. Sie ging unruhig im Zimmer auf und ab, oder saß am Fenster; sie suchte ihre Sehnsucht durch mancherlei Vorwände zu entschuldigen.

Endlich hielt sie sein langes Ausbleiben für Bescheidenheit; sie setzte sich an den Tisch und schrieb an ihn. Als sie eben den Brief gesiegelt hatte, wurde an die Thür geklopft.

»Er ist’s!« rief sie frohlockend, sprang auf, öffnete die Thür und – sah den Marquis von Escoman vor sich.

Er war blaß. Er war so tief bewegt, daß er sich setzen mußte, ehe er ein Wort sprach.

Margarethens Gesicht zeigte nicht die mindeste Verlegenheit, es drückte den Unwillen über den Besuch aus. Sie fragte den Marquis stolz, was er wolle.

Der Marquis, durch diesen zweiten Schlag galvanisirt, wurde aufgebracht und fand im Zorn die schwindende Kraft wieder. Er gewann so viele äußere Ruhe, daß er sein Anliegen in wohlgesetzten Worten vorbringen konnte.

Wie frivol und sittenlos auch die Umgebungen waren, in denen sie seit drei Jahren gelebt hatte, so verhehlte sie doch den Abscheu nicht, den sie vor der Botschaft wie vor dem Botschafter empfand. Und als der Marquis in seiner erheuchelten Sorge um ihr Wohl auf die Folgen hindeutete, die ein Liebesverhältniß mit einem armen Teufel für sie haben könne, nannte sie stolz den Namen Louis von Fontanieu.

Diese Erklärung traf den Marquis wie ein Donnerschlag; sie warf das Gerüst seiner Prahlereien, die er so eben unter seinen Genossen hatte laut werden lassen, über den Haufen. Die Intrigue ward ihm nun klar; er sah die Fäden in der Hand des Chevalier von Montglas; er sah voraus, daß dieser das Publicum nicht in dem Wahn lassen werde, er habe den Bruch herbeigeführt. Ueberdies sah er seine geheimen Aussöhnungshoffnungen schwinden. Als er erkannt, daß Margarethe wirklich große Gewalt über ihn hatte, als er in ihrem Geliebten einen unbekannten und unbedeutenden Menschen vermuthete, hatte er im Stillen gehofft, daß er leicht sagen könne: »Sie hat so erbärmlich geweint, daß ich in einen Aufschub unserer Trennung gewilligt habe.« Und dies wäre mit der Rolle, die er spielen wollte, recht gut vereinbar gewesen. Aber nach dem Aufsehen, das der Zweikampf gemacht hatte, war keines dieser Auskunftsmittel anwendbar.

Ueberdies kommen in Liebeshändeln, wie wir sie zu schildern versuchen, sonderbare Widersprüche vor. Wenn der Verrath gehässig ist, so kann die Wahl dessen, der die Ursache desselben ist, noch weit gehässiger sein. Die Eifersucht ist gemeiniglich voll Erbitterung und Groll, aber zuweilen ist sie auch nachsichtig.

Kein Nebenbuhler, kein Nachfolger hätte dem Marquis unangenehmer sein können, als der welcher schon früher sein Mißfallen erregt und noch dazu in dem gestrigen Duell die schöne Rolle gehabt hatte.

Er nahm seinen Hut und eilte fort, ohne von Margarethen Abschied zu nehmen.

Zu Hause fand er Emma, die ihn erwartete.

Susanne, die immer nach Allem forschte, was ihre Herrin unmittelbar oder mittelbar anging, hatte das in ganz Châteaudun verbreitete Gerücht längst erfahren. Sie hatte natürlich keine Minute gezögert, der Marquise die Nachricht zu überbringen.

»Gott sei gelobt,« hatte die junge Frau geantwortet, »mein Mann wird mir endlich zurückgegeben!«

Sie war auf die Knie gefallen und hatte ein inbrünstiges Dankgebet zum Himmel emporgeschickt.

Susanne hatte sich, trotz ihrer Frömmigkeit, diesem Dankgebet nicht angeschlossen. Ihr Zweifel an der Bekehrung der Sünder im Allgemeinen und des Marquis von Escoman insbesondere grenzte an Verstocktheit. Sie blieb sitzen und betrachtete die Marquise mit dem Ausdruck mütterlichen Bedauerns.

»Warten Sie doch erst seine Rückkehr ab, ehe Sie das fette Kalb schlachten,« sagte sie; »wir könnten sonst leicht in Gefahr kommen, die für das Festessen bestimmten Speisen allein essen zu müssen.«

Aber die Marquise gab dieser entmuthigenden Stimme kein Gehör. Wie alle Leidenden dachte sie, ihre Leiden hätten eine einzige Ursache, welche sie in ihrer Sehnsucht nach trostreichen Hoffnungen mehr einem fremden Einflusse als dem Marquis zuschrieb. Wenn die Ursache beseitigt sei, meinte sie, könnten auch die Folgen nicht fortdauern. So war sie denn in einem wahren Freudentaumel; sie lachte und weinte, umarmte Susanne und baute Lustschlösser auf ihr künftiges häusliches Leben.

Erst als der erste Freudenrausch vorüber war, dachte die Marquise an den Freund, der ihren Gemal aller Wahrscheinlichkeit nach zu diesem tugendhaften Entschlusse bewogen hatte. Sie machte nun der alten Susanne Vorwürfe wegen ihrer Zweifel an der Aufrichtigkeit Fontanieu’s.

Susanne leistete zwar auf der Stelle Abbitte, gab aber die Besorgniß zu erkennen, daß dem jungen Manne der Dienst, den er dem Marquis erwiesen, theuer zu stehen kommen werde. Die würdige Duenna meinte, die ihr höchst verhaßte Margarethe Gelis sei im Staude, sich durch einen Meuchelmord zu rächen.

In diesem Augenblicke hatte die Marquise die Thürglocke gehört und war ihrem Gemal entgegengeeilt. Als der Marquis eintrat, umarmte sie ihn wie nach einer langen Abwesenheit.

Die quälenden Gedanken, die unterwegs auf ihn eingestürmt waren, hatten ihn in die größte Wuth versetzt. Die Zärtlichkeit der Marquise stach so grell gegen seine Stimmung ab, daß er sich schmerzlich berührt fühlte und diesem liebevollen Entgegenkommen einen ganz falschen Stirn beilegte. Er sah darin einen stummen Vorwurf oder den Ausdruck eines verletzenden Mitleids; er machte sich aus ihren Armen los, stieß sie von sich und ging weiter, ohne ihr ein Wort zu sagen.

Die Marquise verlor das Gleichgewicht, fiel zu Boden und verletzte sich die Stirn auf dem Steinpflaster des Vorhauses.

Sie richtete sich auf, ehe Susanne, welche diesem Auftritt von fern zugesehen, herbeigeeilt war. Und trotz der Bitten und Vorstellungen der alten Dienerin folgte sie dem Marquis in sein Zimmer und schob den Riegel vor, um allein mit ihm zu bleiben.

Ohne seiner Frau, über deren Gesicht ein dünner Blutstrom rann, sein Bedauern auszudrücken, sank der Marquis in einen Lehnstuhl, schlug die Beine übereinander, stützte den Kopf auf die Hand, den Ellbogen auf die Caminplatte und blieb in dieser Stellung.

Er dachte, es sei nicht mehr der Mühe werth, die ihm seit diesem Morgen so lästig gewordene Maske länger zu tragen. Er warf sie weg und sank feig unter der Wucht seiner unsinnigen oder lächerlichen Verzweiflung zusammen.

»Sie sind leidend, lieber Marquis?« sagte Emma, indem sie das aus ihrer Stirnwunde fließende Blut mit dem Schnupftuch abwischte.

»Ich antwortete er mit einem-Tone, der seine Worte Lügen strafte; »mein Gott, warum sollte ich denn leidend sein?«

»Verhehlen Sie mir nichts,« antwortete die Marquise. »Wie gern ich auch der Ursache Ihres Schmerzes fremd bleiben möchte, so kommt es doch mir zu, ihn zu mildern und wo möglich ganz zu heben. Andere verlangen nur Ihre Freuden zu theilen, ich hingegen verlange meinen Antheil an Ihren Leiden. Meiner übrigen Rechte habe ich mich freiwillig begeben, aber dieses Recht nehme ich in Anspruch, ich will es Niemanden überlassen. Reden Sie doch, ich beschwöre Sie, wie mit einer Freundin, mit einer Schwester. Sie glauben nicht, wie viel Milde in einem liebenden Herzen ist —«

Der Marquis suchte seine Hände, welche seine Frau gefaßt hatte, loszumachen. Er brauchte die Hände, um die seinen sonst immer trockenen Augen entquellenden Thränen zu verbergen. Die liebevolle zärtliche Stimme hatte sein Herz erweicht.

Als Emma diese Thränen sah, umarmte sie ihn noch einmal mit inniger Zärtlichkeit, und dieses Mal stieß er sie nicht zurück.

»Weine nur,« sagte sie, »Thränen fallen wie lindernder Balsam in das wunde Herz. Ich habe lange keinen andern Trost gehabt. Mit Dir soll‘s nicht so sein. Das Opfer, welches Du deinen Pflichten bringst, ist freilich schmerzhaft, aber ich will es Dir erleichtern. – Mein Gott,« setzte sie hinzu, als sie sah, daß der Marquis bei dieser Anspielung auf seine verbrecherische Leidenschaft laut schluchzte, »vielleicht habe ich Unrecht, deine Rückkehr zu mir so sehnlich zu wünschen. – Ich liebe Dich so innig, daß ich mein Glück gern opfern würde, wenn es Dir einen Kummer kostete. Doch nein, wir werden Beide glücklich sein. Du kannst nicht wissen, wie reich mein Herz an Liebe ist, denn Du schienest Dich ja nie darum zu kümmern; aber jetzt wirst Du es erfahren. Bin ich denn nicht auch schön? Ich bin ja noch nicht dreiundzwanzig Jahre alt. O, Du sollst nichts vermissen, Du sollst mich eben so leidenschaftlich lieben, wie Du je geliebt hast. Man sagt, manche Frauen wissen auch Männer durch gewisse Zauberkünste zu fesseln. Diese Künste sind mir unbekannt, und es ist nicht zu verwundern; als Du um mich warbest, war ich ein argloses, unwissendes Mädchen. Mein Gott, man sollte es uns sagen, es macht ja glücklich. Du wirst mich in diese Geheimnisse einweihen, Du mußt sie ja kennen, und Du wirst sehen, wie leicht Alles ist, wenn das Herz will!«

Der Marquis ließ sie reden. Seinen Thränen war ein träumerischer, gedankenloser Zustand gefolgt. Er widersetzte sich nicht den Liebkosungen, mit denen Emma ihre Worte begleitete. Als sie schwieg, küßte er sie und gab ihr zu verstehen, daß ihm jetzt Ruhe das größte Bedürfniß sei.

Emma erfüllte bereitwillig diesen Wunsch. Als sie fortging, war ihr Gesicht freudestrahlend unter den Blutflecken, die es bedeckten. Sie fand Susanne Mottet auf der Treppe sitzend; sie sagte zu ihr mit Entzücken:

»Du hast Dich geirrt, Susanne, er ist wirklich als verlorener Sohn heimgekehrt.«

Aber kaum hatte die Marquise die Schwelle überschritten, so sprang der »verlorene Sohn« auf und schob den Riegel vor. Sein Gesicht belebte sich wieder er eilte an seinen Schreibtisch und schrieb folgendes Billet:

»Ich kann ohne Dich nicht leben, ich will Alles vergessen. In zwei Stunden reisen wir nach Paris, und ich verspreche Dir bei meiner Cavalierehre, Dir dort eine beneidenswerthe Stellung zu bereiten.«

»Wenn die Nacht angebrochen ist, wird Dich Germain abholen; der Wagen wird auf der Straße nach Orleans warten.«

Er unterzeichnete mit seinen Anfangsbuchstaben und schrieb auf die Adresse: »An Mademoiselle Margarethe Gelis.«

Während Emma zu seinen Füßen lag, hatte er nicht aufgehört an Margarethe zu denken. Die zärtlichen Worte der armen Marquise hatten nur die halberloschene unlautere Flamme wieder angefacht. Die Liebe war für ihn in Margarethen verkörpert, es schien ihm unmöglich, daß sie von anderer Seite komme.

Wie alle durch schlechte Erziehung und frivole Sitten erschlafften Gemüther wurde das seinige um so störrischer, je mehr Widerstand es fand. Sein kindischer Eigensinn wollte seinen Stolz nicht aufkommen lassen.

Er schellte und befahl seinem Kanrmerdiener, den Brief an Margarerthe Gelis zu übergeben.

In einer Stunde kam Germain zurück. Er hatte die schöne Dunenserin in einer schwer zu beschreibenden Entrüstung gefunden. Margarethe sei mit aufgelöstem Haar und feuersprühenden Augen in ihrem Zimmer auf- und abgegangen, wie eine wüthende Tigerin in ihrem Käfig. Um ihre Nervenaufregung zu beschwichtigen, habe sie die Spiegel und Porzellanvasen ihres Hauswirthes zerschlagen und die Kleider und Spitzen, welche ihr gehörten, mit großer Zornmüthigkeit zerrissen.

Der Chevalier von Montglas, der bei ihr gewesen, habe sie vergebens zu beschwichtigen gesucht.

Der Brief, den die arme Margarethe Vormittags geschrieben, hatte von Louis von Fontanieu offenbar eine Antwort erhalten, auf welche sie nicht gefaßt war.

Sie nahm ungeduldig das Billet, welches ihr Germain überreichte, las es und warf es in den Camin.

»Sagen Sie Ihrem Herrn, daß er mir unausstehlich ist. Wenn ich reisen will, so reife ich allein und ohne ihn.«

Der Marquis erblaßte, als ihm diese Nachricht überbracht wurde. Er ließ anspannen, befahl seinem Kammerdiener einen Koffer zu packen und reiste ab.

Auf der ersten Station vertauschte er seine Pferde gegen Postpferde und rief dem Postillon zu: »Nach Paris!«

Er hatte vergessen von der Marquise Abschied zu nehmen.

Dreizehntes Capitel.
Die Schmerzen eines glücklich Liebenden

Wenn Margarethe weit entfernt war, den Ueberdruß zu empfinden, der dem Besitz zu folgen pflegt, so war‘s nicht so mit Louis von Fontanieu.

Die junge Dunenserin hatte beim Fortgehen ihren neuen Geliebten ruhig schlafen lassen. Als er erwachte, war‘s spät, die Sonne schien durch die Sommerläden und färbte die Vorhänge mit breiten Purpurstreifen.

Fontanieu richtete sich auf und sammelte seine Gedanken. Die Ereignisse der Nacht, die allmälig in seinem Gedächtniß auftauchten, erschienen ihm wie ein toller, wüster Traum; allein die um ihn herrschende Unordnung bezeugte die Wirklichkeit dieses vermeinten Traumes – die fieberhafte Aufregung des gestrigen Tages war vorüber, die Nebel, welche seinen Geist umdüstert hatten, waren zerstreut und die schädlichen Einwirkungen derselben hatten aufgehört; alle seine Gedanken waren wieder auf sein Idol gerichtet.

Nun kamen die inneren Vorwürfe und Gewissensbisse. Er verwünschte seine Schwäche; aber als er später über die Rolle nachsann, welche Margarethe bei diesem Abenteuer gespielt hatte, fing er an zu glauben, sie habe mit Vorbedacht gehandelt und ihn arglistig in ihre Netze gezogen. Ohne Zweifel setzte sie bei Fontanieu mehr Einfluß auf den Marquis von Escoman voraus: sie wollte ihn zwingen, aus Zartgefühl neutral zu bleiben.

Louis war den Tag über in einer seltsamen Stimmung, die abenteuerlichen Pläne durchkreuzten seinen Geist. Er wollte den Marquis aufsuchen und ihm aufrichtig gestehen, was seit seinem Zusammentreffen mit Emma vorgegangen war; so hoffte er den von der Marquise so sehnlich gewünschten Bruch herbeizuführen. Er mußte dann freilich auf seine theuersten, wie auf seine bescheidensten Hoffnungen verzichten. Er konnte dann nicht einmal mehr als Freund in das Hotel Escoman kommen; aber diese Curtiusrolle erschien seiner jugendlichen Phantasie doch sehr anlockend.

Dieser Plan blieb indeß nicht ohne Widerspruch. War nicht zu vermuthen, daß der Marquis Emma verantwortlich machen würde für die tiefe Verletzung seiner Eigenliebe? Würde er nicht die Lage verschlimmern, die er verbessern wollte? würde er nicht dem Interesse schaden, dem er sich aufzuopfern glaubte? Er wollte nun die Marquise ins Vertrauen ziehen; aber der Gedanke an die Geständnisse, die er ihr machen mußte, lähmte seinen Willen und raubte ihm fast die Besinnung.

In dieser qualvollen Unschlüssigkeit blieb er bis vier Uhr Nachmittags. Da erhielt er den Brief Margarethens, die ihm mit glühenden, leidenschaftlichen Worten ihre Liebe, ihre Sehnsucht schilderte.

Louis von Fontanieu war entsetzt. Er hätte gern eine abwartende Rolle gespielt, und während er seine abenteuerlichen, obschon edelmüthigen Plane entworfen, hatte er doch gedacht, es sei immerhin möglich, daß ein unerwartetes Ereigniß seinen Vorsätzen in den Weg treten und ihn in die Unmöglichkeit versetze, sich heldenmüthig uneigennützig zu zeigen, wie er es wünschte. Er wollte sich nicht übereilen, sondern den vollendeten Thatsachen Zeit lassen, die Folgerungen für die Zukunft aus sich selbst herzuleiten.

Diese Folgerungen machten seine Lage schlimmer als er vermuthet hatte. Statt einer Laune, statt einer schlauen Berechnung fand er eine stürmische Leidenschaft. Er befand sich in der Lage eines Jägers, der sorglos über einen Weideplatz geht, auf welchem er nur Kühe sah, und nun auf einmal vor einem wüthenden Stiere steht.

Margarethe beschied Louis von Fontanieu unmittelbar vor die Schranken ihrer Liebe. Es war eine klare, entschiedene Vorladung. Aber Louis hütete sich wohl zu erscheinen. In gemessener Entfernung glaubte er standhaft bleiben zu können.

Er feste sich an seinen Schreibtisch und bekritzelte nach und nach zwanzig Blätter Papier, um auf die glühende Epistel Margarethens zu antworten, aber er zerriß alle seine Antworten. Endlich kam eine vieldeutige schwülstige aus hochtönenden Worten zusammengestoppelte, aber mit vielen beschränkenden und berichtigenden »Aber« gespickte Depesche zu Stande. Die Redefloskeln glichen schönen Schlingpflanzen, die man an einer häßlichen Mauer zieht, um diese zu verdecken.

Louis von Fontanieu verlor seine Mühe: Margarethe mußte die Mauer trotz der üppigen Schlingpflanzen und Blumengewinde bemerken. Der Brief schloß mit der Versicherung ewiger Freundschaft. Als ob man nur Freundschaft von ihm erwartet hätte!

Dieser Brief hatte Margarethe in den an Raserei grenzenden Zustand versetzt, in welchem sie der Bote des Marquis gefunden. Ihr Zorn ward durch die schnöde Abfertigung Escoman’s nicht mehr beschwichtigt als durch die unter den Spiegeln, Kleidern und Tüchern angerichtete Verwüstung. Der Chevalier von Montglas rettete noch den Rest des Porzellangeschirrs und der Garderobe durch das Versprechen, den gefühllosen Fontanieu lebendig oder todt zu überbringen.

Der Secretär war sehr erfreut über den Besuch des alten Chevaliers, in welchem er einen Verbündeten zu finden hoffte. Er begann die Ereignisse der Nacht mit historischer Treue zu erzählen, aber der Chevalier unterbrach ihn schon bei den ersten Worten durch Ueberreichung des Briefes, der einen so gewaltigen Sturm erregt hatte.

»Lieber Camerad,« sagte er, »hier ist Ihr Brief. Künftig vergessen Sie nicht an den ersten Paragraph des Gesetzbuches für Liebende: machen Sie den ausgedehntesten Gebrauch von der Sprache, welche der liebe Gott den Menschen gegeben hat; aber seien Sie vorsichtig im Gebrauch der Schrift, nach der die Advocaten so lüstern sind, daß man wohl glauben kann, Sie hätten die Schreibkunst erfunden.«

»Wie ist denn dieser Brief in Ihre Hände gekommen?«

»Durch eine diplomatische Combination, die einem Talleyrand Ehre machen würde. Ich komme als Abgesandter zu Ihnen. Ich brauchte ein Beglaubigungsschreiben und verIangte dieses hier; ich erhielt es mit großer Mühe. Jetzt verbrennen Sie es, sündigen Sie nicht mehr, nehmen Sie Hut und Stock und folgen Sie mir.«

»Wohin denn, Chevalier?«

»Zu dem Potentateu, dessen Stelle ich vertrete – zu Margarethe Gelis.«

»Haben Sie den Brief nicht gelesen, Chevalier?«

»Ich bin zu discret, nur mir so etwas zu erlauben; man hat mir ihn vorgelesen, und deshalb sage ich Ihnen: Kommen Sie.«

»Haben Sie denn nicht verstanden,daß ich das Mädchen nicht liebe?«

»Allerdings. Wenn Sie Margarethe liebten, würde ich diese Sprache nicht führen; aber Sie lieben sie nicht – also fort. Sie werden erwartet.«

»Chevalier, ich bin zu höflich, um Ihnen zu sagen, daß ich Sie für ein bischen närrisch halte, aber es steht Ihnen frei anzunehmen, daß ich es denke. Gestern suchten Sie mir Margarethe zu verleiden und heute sind Sie noch mehr als ihr Ritter geworden.«

»Ja, noch etwas mehr. Aber ich sehe wohl, daß mein Benehmen gegen Sie einer Erklärung bedarf. Hören Sie mich also an. Escoman hatte mich beleidigt. Sie waren dabei. Mit einem Degenstoß zu antworten, wäre gar zu alltäglich gewesen, und dann ist‘s auch eine ungenügende Rache. Ein Degenstoß hat denen, die nicht auf dem Platze bleiben, nie Schaden gethan. Ich wollte ihm eine Kanonenkugel in die Breitseite schicken, um ihn unter vollen Segeln in den Grund zu bohren. Ich erkor Sie zur Kanonenkugel und warf Sie auf die Margarethe. Nehmen Sie mir‘s nicht übel, lieber Freund, daß ich Sie zu diesem Bombardierdienste erkor; aber ich konnte diesen Dienst doch nicht selbst versehen. Ich kann die Weiber nicht überreden, daß ich mich sehr gut conservirt habe. Sogar die liebe Frau Bertrand zieht mir einen Unterlieutenant vor! Ueberdies ist die Zuneigung, die ich für Sie hege, durch Reue verdoppelt worden: ich glaubte, Sie nähmen die Sache ernsthaft, Sie würden nach Art der heutigen jungen Leuten einem Mädchen dieser Art eine platonische Liebeserklärung machen, und das verleidete mir meine Rache. Sie werden gestehen, daß ich Ihnen eine Menge guter Lehren gegeben habe, die Sie uns einem triftigen Grunde nicht befolgen wollten. Diese Ursache hat, sobald sie mir klar wurde, meine Stimmung und mein Verhalten verändert – Sie lieben also Margarethe nicht! Sie Glücklicher, lassen Sie sich lieben. Sie werden Ihrer Gleichgültigkeit eine sehr hübsche Rolle verdanken: Sie marschiren ins Feuer, ohne daß Sie die mindeste Verwundung zu fürchten haben. Ich möchte es den Stein der Weisen nennen, den Sie gefunden haben und nicht aufheben wollen.«

»Scherz bei Seite, lieber Chevalier,« antwortete Louis von Fontanieu. «Ein Moment der Verirrung machte mich zum Geliebten Margarethens, aber dies ist, wie ich glaube, kein genügender Grund, diese Rolle, die ich sehr bereue, weiter zu spielen. Lassen Sie daher von weiterem Zureden ab, es ist vergeblich, ich liebe eine Andere.«

»Ich weiß es, lieber Freunde ein Wort, das Ihnen entschlüpft ist, hat mir’s verrathen. Sie lieben die Marquise, die Verfasserin der famosen grünseidenen Börse. Ich lese zu schlecht in den Büchern, um nicht mit einer gewissen Geschicklichkeit in den Gesichtern zu lesen. Ich kenne Ihr ganzes Histörchen. Ich soll ernsthaft reden. Ihr Wunsch soll erfüllt werden. Ich behaupte, daß man über den Charakter einer Frau eben so wenig eine Meinung feststellen kann, wie über die Farbe des Chamäleons. Das Weib ist nichts als eine schillernde Farbe. Ich will indeß zugeben, daß die schöne Marquise so tugendhaft sei wie irgend eine Dame der Welt. Ist es denn so schön, die Rolle eines blöden Schäfers zu spielen? Noch schlimmer ist’s, wenn die Tugend der Marquise, wie ich wohl behaupten möchte, bloßer Schein ist. Sie sind nicht reich genug, eine Geliebte zu erhalten, und versuchen Ihr Glück bei den vornehmen Damen! Armer Thor! Nichts ist theurer als was man umsonst hat. Sie brauchen Ihre Zeit und Ihre Freiheit; man wird Ihnen beides rauben. Ich sehe Sie schon, wie Sie das Schnupftuch und den Blumenstrauß der gnädigen Frau tragen und die Prahlereien des Marquis geduldig anhören. Kurz, Sie kommen in den Schraubstock und werden zerquetscht, gefeilt, gedreht und endlich völlig platt gedrückt. Sie sind auf der Reise in das Land der Träume; Theuerster, lassen Sie den Eilwagen anhalten, bezahlen Sie den Schaffner, steigen Sie aus und füllen Sie Ihre Mußestunden mit leichten Liebschaften aus; es sind die einzigen für Jeden, der von dem Manne mehr haben will als den Namen; die einzigen, in denen man die Unabhängigkeit des Herzens und Geistes, des Denkens und Handelns bewahren kann, welche den Herrn der Schöpfung kennzeichnen soll. Eine Cokette lieben! Gerechter Himmel, da könnte man das Los eines tollen Hundes beneiden!«

Es gab noch eine dritte Möglichkeit, die der Chevalier mit Stillschweigen überging. Vielleicht erwiederte die Marquise die Liebe Fontanieu’s. Dieser hätte in ihrem Nennen gern reclamirt, aber ans Bescheidenheit schwieg er.

Montglas sprach noch ein Langes und Breites über die Vortheile eines Verhältnisses, dessen man sich so leicht und schnell entledigen könne, wie eines aus der Mode gekommenen Rockes. Diese Beweisgründe machten aber auf Louis von Fontanieu nur einen geringen Eindruck, und die Redseligkeit des alten Roué schadete offenbar der Sache, zu deren Vertreter er sich gemacht hatte. Er ermüdete seinen Zuhörer.

Er bemerkte es und versuchte es mit andern Beweggründen die mehr Einfluß auf die Stimmung des jungen Mannes haben mußten. Er erzählte ihm, Margarethe habe entschieden mit dem Marquis gebrochen, die ganze Stadt spreche davon und sehr wahrscheinlich wisse es auch die Marquise. Er sprach von den Pflichten, welche Fontanieu nach der-Abreise des Marquis gegen die Verlassene habe. Aber Fontanieu ließ sich nicht überreden. Um seine Bedenken zu besiegen, machte Montglas die noch zurückgehaltenen Beweggründe geltend. Er schilderte die gewaltige Leidenschaft des Marquis; er erzählte den Auftritt, dessen Zeuge er gewesen war; er pries die edle Zuneigung seines jungen Freundes für Emma und gab diesem zu verstehen, daß er vielleicht vergebens hoffen werde, wenn Margarethe am Ende noch den Entschluß faßte, ihren alten Freund in Paris aufzusuchen.

Mehr bedurfte es nicht, um Louis von Fontanieu zu rühren, zu überzeugen. Er vergoß Thränen.

Montglas begrüßte diese weiche Stimmung und führte seinen jungen Freund zu Margarethe. Diese war zu glücklich, ihn wiederzusehen, als daß sie ihre Zeit mit Vorwürfen hätte verlieren mögen.

Der Chevalier begab sich in den Clubb, um den Mitgliedern zu erzählen, was unter der Löwenhaut steckte, in welche sich ihr Präsident bis dahin so dicht gehüllt hatte.

Vierzehntes Capitel.
Worin gezeigt wird, daß man scheinbar verstehen kann, ohne sich verstanden zu haben

Louis von Fontanieu hatte Recht, die Erfahrung benutzen und sich in ehrerbietiger Entfernung von der gefährlichen Versucherin halten zu wollen. Er war allerdings mit den muthigen Vorsätzen eines Joseph gekommen; da er aber keinen Mantel in den Händen der Frau Potiphar zurückzulassen hatte, so konnte dieser ihm von dem Chevalier aufoktroyierte Besuch keineswegs das Resultat haben wie vormals die Leidenschaft der Egypterin für den Sohn Jacobs.

Ein Rückfall dient gemeiniglich zur Befestigung solcher von der Gesellschaft nicht anerkannter Bande. Ein Kaufmann läßt gern die angebotenen Stoffe betasten, gibt sogar unentgeltlich ein Muster; wenn matt aber zweimal in dass Tuch schneidet, so ist hundert gegen eins zu wetten, daß er‘s auf die Rechnung setzt.

Das ganze Bertrand’sche Haus, von dem Oberbefehlshaber bis zum Küchenjungen, von der »Traiteuse« bis zur Magd, stellte sich in Reihe und Glied auf, als Louis von Fontanieu zu Margarethe kam. Die Wände des Hauses waren dünn, die Schmerzensworte Margarethens waren hindurchgedrungen; seit dem frühen Morgen feierten sämmtliche Dienstleute, um die Frage zu erörtern, ob die schöne Dunenserin nicht in der Lage von Buridan’s Esel sei. Die Neugierigen sehnten sich also eben so sehr wie Margarethe nach der Lösung des Knotens. Sie folgten Louis auf dem Fuße, als er in Begleitung des alten Chevaliers ankam, aber noch zudringlicher waren sie, als er fortging. Waren die Wände daran Schuld? Oder geschah es, weil Margarethe ihm oben auf der Treppe nachrief: »Diesen Abend?« Die Geschichte schweigt über diesen Punkt; wir wissen nur, daß die Gesichter, welche der Glückliche beim Fortgehen sah, einer jener alten Lithographien, wo zehn neben einander abgebildete Köpfe das gleiche Gefühl mit verschiedenen Ausdrücken zu erkennen geben, als Muster hätten dienen können. Alle Gesichter lächelten; aber während das Lächeln Bertrand’s Verachtung ausdrückte, sah man dem Koch an, daß er neidisch war. Frau Bertrand hätte gern ihre Entrüstung zu erkennen gegeben, aber sie brachte es nur bis zum Aerger; das Kichern der Mägde gab Zeugniß von aufrichtigen Sympathien, und der Küchenjunge lachte ins Fäustchen.

Die Anwesenheit dieser Herren und Damen machte es dem jungen Secretär fast unmöglich zurückzutreten. In den ersten Tagen dachte er euch nicht daran. Vernunft, Grundsätze sind eine Frucht des reiferen Alters; die Männer gleichen den Bäumen, man muß sie alt werden lassen oder zustutzen, um schmackhafte Früchte von ihnen zu bekommen; die Früchte ihrer Jugend oder ihrer unbezähmten Kraft sind wild und herbe.

Louis von Fontanieu war eine Zeit lang wider Willen glücklich; es war freilich ein Rausch, der ihm aber Alles im rosigen Licht zeigte. Er vergaß Alles, sogar Emma.

Ader in nüchternen Momenten kam die Ueberlegung, und diese ist den erregten Leidenschaften immer gefährlich. Für Margarethe wurden diese Momente ruhiger Ueberlegung um so nachtheiliger, da Louis von Fontanieu mit der ihm eigenen Neigung zur Träumerei oft Vergleiche anstellte, die keineswegs zu ihrem Vortheil ausfielen.u Er hatte sich nach und nach in das Land der Chimären locken lassen und dasselbe nicht wieder verlassen. Wir haben gesehen, wie sehr diese träumerische Stimmung seine Willenskraft lähmte; in der gegenwärtigen Lage mußte sie nicht minder folgenreich werden. Sobald er Zeit und Muße zu ruhigerem, klarem Nachdenken fand, kehrte er zu seinem lieben Traume und zu seinem Ideal zurück.

Und war dieses Ideal, war die für ihn unerreichbare Emma nicht unvergleichlich schöner als Margarethe? Wie prosaisch, wie gemein erschien ihm die Wirklichkeit, wenn seine Phantasie die Schwingen regte und ihn weit über das niedere Treiben auf der Erde emportrug! Da er natürlich von den hehren Himmelsräumen wieder zur Erde herabsteigen, den Nektar gegen sauren Landwein vertauschen, die Sylphide verlassen und zu der armen Margarethe zurückkehren mußte, so wurde er zu Vergleichen getrieben, welche für Letztere sehr nachtheilig ausfielen. Welches Weib könnte auch wohl kämpfen gegen das Phantom, dessen Schöpfer der Liebesgott ist!

In der ersten Zeit wurde Louis von Fontanieu seiner neuen Geliebten nur selten im Geiste untreu; er gab sich alle Mühe, diese beunruhigenden Gedanken zu verbannen: er war ja, wie er meinte, von Emma auf immer getrennt. Aber nach und nach wurden die Krisen häufiger, bis diese Träumerei endlich chronisch wurde. Seine Unruhe, seine Sehnsucht wurde größer. Die Hindernisse, die ihn von Emma trennten, schienen ihm nicht mehr unüberwindlich. Margarethe, das Haupthinderniß, ward ihm verhaßte er verwünschte den Tag, wo er sie zum ersten Male gesehen; er verwünschte seine Schwäche, seinen Wankelmuth. Es erschienen nun einige Wollfäden unter den goldenen und seidenen, aus denen, wie Montglas behauptet, seine Tage durch die Hand des tändelnden Liebesgottes gewoben werden sollten. Louis von Fontanieu wurde traurig und mürrisch; er mied nicht nur seine Bekannten, sondern sogar den alten Chevalier; er suchte die Einsamkeit, um sich im Geiste ungestört mit seinem Ideal zu beschäftigen; seine Abende verlebte er größtentheils am Ufer der Loir. Er betrachtete oft stundenlang das über die Kiesel laufende, hier und da schäumende oder kleine Wasserfälle bildende Wassers er wurde nicht müde, auf das eintönige Säuseln des Windes im Espenlaube zu lauschen. Ob er aber bei diesen Träumereien wirklich Augen und Ohren hatte? Es ist wohl zu bezweifeln, denn oft standen die lustwandelnden Bürgersleut still und betrachteten kopfschüttelnd den Secretär des Herrn Unterpräfecten, ohne daß er es bemerkte.

Die dunensische Chronik behauptete, er sei etwas verrückt geworden. Vielleicht würde sie ihn nachsichtiger beurtheilt haben, wenn die Geisteskrankheit, von welcher Louis befallen war, nicht offenbare Beweise ihres ansteckenden Charakters gegeben hätte.

Margarethe Gelis war nicht mehr zu erkennen. Ihr Verstand war etwas kurzsichtig; die feinen, zarten Gefühle des Herzens waren für sie dasselbe, was die Infusionsthierchen für die Wassertrinker sind: sie hatte sie zu wenig gesehen, um daran zu denken, ihr volksthümliches Naturell war unverändert geblieben. Sie hatte mit mikroskopischen Untersuchungen und kleinlichen Classificirungen keine Zeit zu verlieren.

Die Liebe war für sie nicht jene Destillierung der Gefühle, der die zartfühlendem nichtsthuenden Seelen diesen Namen gegeben haben; sie fand das Wesen der Liebe in derben, leidenschaftlichen Gefühlsäußerungen, mehr suchte und wünschte sie nicht. Ihre kräftige, üppige Schönheit schien sich noch mehr entfaltet zu haben, seitdem sie Louis von Fontanieu angehörte. Wir würden sagen, daß sie dafür dankbar gewesen sei, wenn die Dankbarkeit nicht auch eine Berechnung wäre, und bis jetzt war ihrer Liebe jeder Nebengedanke fremd geblieben. Sie liebte mit jener vielleicht sinnlichem aber aufrichtigen uneigennützigen Hingebung, die man im Naturzustande findet und die das Wesen der Leidenschaft bedingt.

Louis von Fontanieu hatte seinerseits zu viel Zartgefühl, um Margarethen ohne Ursache Schmerz zu machen; er verbarg soviel als möglich seinen wirklichen Gemüthszustand und schrieb seine trübe Stimmung fremden Ursachen zu.

So kam es denn, daß sich Margarethe sehr leicht über ihr Verhältniß zu Louis von Fontanieu täuschte, daß sie sich innig geliebt und glücklich glaubte. Und dieses Glück, das sie früher nicht gekannt, bewirkte in dem Charakter Margarethens die Veränderungen, welche die ganze Stadt in Erstaunen setzten.

Vormals war sie träge und gleichgültig; nichts war im Stande, sie ihrer Apathie zu entreißen; ein Lächeln schien ihr zu viel Mühe zu machen – und nun war sie lebhaft und munter, fast ausgelassen. Wenn sie allein war, jauchzte und tobte sie in der Freude ihres Herzens oft so laut, daß sich die Nachbarn darüber beklagten.

Wenn sie Louis von Fontanieu am offenen Fenster erwartete, so sang sie zum Zeitvertreib wie ein Vogel, und wenn er an der Straßenecke erschien, gab sie ihr Entzücken so stürmisch und rücksichtslos zu erkennen, daß sich die Vorübergehenden umsahen.

Endlich war ihre Freude in Sprödigkeit, in Männerscheu ausgeartet: außer ihrem Geliebten mochte sie keinen Mann in ihrer Nähe dulden; sie gab es ihren Freunden sehr deutlich zu verstehen, und da diese etwas schwer von Begriffen waren, so schlug sie ihnen die Thür vor der Nase zu, und Margarethe, einst die Seele und die Leuchte aller Soupers, das Idol sämmtlicher Roués von Dunois, geberdete sich zum größten Aergerniß der letzteren wie eine Carmeliterin.

Jedermann machte seine Bemerkungen über diese Umwandlung. Im Allgemeinen fand man die Ursache derselben in der Eifersucht Fontanieu’s, und obgleich Margarethe das Zimmer im Bertrand’schen Hause gegen eine sehr hübsche Wohnung vertauscht hatte, obgleich Louis ihr mit großer Freigebigkeit den größten Theil der vom König Pharao erhaltenen Geschenke zuwendete, so beklagte man doch das Los des vermeinten Opfers der Eifersucht.

Margarethe brach immer in ein lautes Gelächter aus, wenn sie hörte, wie sie bedauert wurde; aber die Zeit kam, wo sie das Bedauern nicht mehr unzeitig finden sollte.

Fünfzehntes Capitel.
Eine Idee Susannens und deren Folgen

Zwei Monate nach den eben erzählten Ereignissen hatte die Stadt Châteaudun wieder ihr früheres ödes Aussehen bekommen. Die Familien hatten die Abwesenheit des Clubbpräsidenten benützt, um dem liederlichen Leben der fashionablen Jugend ein Ende zu machen, oder dasselbe wenigstens in die engsten Schranken zu bannen. Einige Eltern hatten theils durch liebevolle Vorstellungen, theils durch den Köder reicher Heiraten ihre verirrten Schafe zurückzuholen gesucht. Andere gingen schlauer zu Werke: sie ließen sich in den Club aufnehmen und verschafften dadurch dem bisher sehr schwach vertretenen ruhigen, gemäßigten Element ein entschiedenes Uebergewicht. Ein grüner Saal, den sich seit der Gründung des Clubbs die Raucher und die spottweise sogenannten »Perücken« streitig gemacht halten, blieb endgültig den letzteren, welche mit dem Whist zu zwei Sous die Marke zugleich Wohlanständigkeit und gute Sitte einführten.

Das war ein furchtbarer Schlag für den leichtfertigen Theil des Clubbs. Die auseinandergesprengten jungen Leute gaben nach und nach die ihnen aufgedrungenen Gewohnheiten aus, schaarten sich wieder um den häuslichen Herd, tanzten auf anständigen Bällen, wurden eifrige Landwirthe und ließen sich das Essen aus den so lange verschmähten väterlichen Töpfen wohl schmecken.

Der Chevalier von Montglas war bei dem besten Willen nicht im Stande gewesen, dieser Niederlage vorzubeugen; er besaß nicht die Mittel, welche den Marquis von Escoman in den Stand gesetzt, mit gutem oder schlechtem Beispiel vorauszugehen und den Enthusiasmus warm zu erhalten. Mit den durchschwärmten Nächten und Soupers und Spielpartien war’s nun aus. Die Pferdeställe wurden leer, die Equipagen abgeschafft, die ehrsamen Bürgersleute konnten wieder ungestört in der Mitte der Straße gehen, die Frommen wurden nicht mehr in ihrer Andacht gestört, das Gras keimte üppig zwischen den Pflastersteinen hervor, und das Gesicht des alten Edelmannes, der sich auf die Zerstreuungen bei Madame Bertrand beschränkt sah, war unnatürlich lang geworden.

Er fing an zu finden, daß der Marquis von Escoman doch auch seine guten Seiten gehabt und daß er den Liebhaber Margarethens etwas zu hart behandelt habe.

Plötzlich wurde die Rückkehr des Marquis gemeldet.

Diese Nachricht erregte eben kein großes Aufsehen in der Stadt.

Jedes Gestirn, das am socialen Himmel erblaßt, ist so gut wie erloschen. Der Marquis von Escoman war für Freunde und Feinde abgenutzt, veraltet; er hatte den gewaltigen Einfluß auf die ersteren eingebüßt, die nun seine Vorwürfe und seinen Spott nicht mehr zu fürchten hatten; er hatte den blanken Firniß großartiger Excentricität verloren, der die letzteren nachsichtig machte gegen Laster und Ausschweifungen, die sie in ihrer Ehrbarkeit mißbilligten.

Das Gerücht erzählte, er sei aus Geldverlegenheit nach Châteaudun zurückgekommen, er habe sich endlich entschlossen, der Verwaltung seines Vermögens einige Aufmerksamkeit zu widmen, da die Correspondenz nicht genügt habe, den Widerstand zu besiegen, den die Marquise den sich immer öfter wiederholenden Anleihen entgegenstellte.

Dieses Gerücht enthielt viel Wahres. Die Marquise von Escoman gehörte zu jenen Frauen, denen das Pflichtgefühl eine außerordentliche Willenskraft gibt. Seit einem Jahre würde sie bei aufrichtiger Selbstprüfung erkannt haben, daß ihr Gemal nicht mehr die Stelle einnahm, welche ihm ihre bräutliche Phantasie angewiesen hatte; aber wenn ihr ein sich plötzlich aufdrängender Gedanke ihren Gemüthszustand enthüllte, leugnete sie diesen mit muthiger Entschlossenheit ab; sie gebot der ernst warnenden innern Stimme Schweigen und glaubte ihr widerstrebendes Herz bezähmen zu können.

Dieser innere Kampf nagte an ihrem Leben weit mehr als der Kummer, den ihr der Marquis machte, aber sie hätte es sich selbst um Alles in der Welt nicht gestehen mögen. Wenn sie glaubte, Gott werde ihr Gebet erhören und den Gatten zur Erkenntniß seines Unrechts bringen, so hoffte sie, die Vorsehung werde sich zugleich ihres Gatten und der Gattin erbarmen, ihre zur Pflicht zurückführen und sie auf immer von der marternden Unruhe befreien.

Sie überwand ihren Widerwillen; sie ließ sich wie wir gesehen, durch schlechte Behandlung nicht abschrecken; ihre Tugendschwärmerei berührte eine Saite in ihrem Herzen, die im Grunde schon zerrissen war, und steigerte ihren Wunsch, den Schuldigen wieder zu gewinnen, zur zärtlichsten Sehnsucht.

Der Marquis von Escoman verließ Châteaudun, ohne seiner Gemalin auch nur den Trost eines gewöhnlichen Abschiedes zu gönnen. Er schrieb nicht anders, als wenn er die Unterschrift der Marquise brauchte, um Geld zu bekommen.

Emma hatte nun nicht mehr die Kraft der Verleugnung; sie verzweifelte an Gott, an sich selbst.

Susanne Mottet wußte diese Stimmung ihrer jungen Herrin geschickt zu benutzen. Bis daher war sie durch ihre schwärmerische Liebe zu Emma in ihren Handlungen geleitet worden; das rohe Benehmen des Marquis steigerte ihren Haß und ihre Wuth auf’s höchste. Sobald die Marquise ihrer alten Dienerin nicht mehr Stillschweigen gebot, ließ diese ihren Gefühlen freien Lauf. Sie erzählte ganz rücksichtlos Alles, was sie von dem frühern Leben des Marquis erfahren hatte. Trotz der verschämten Gegenvorstellungen der Marquise hob Susanne den Vorhang jedes Alkovens, wo Escoman seine Jugendliebe vergeudet hatte; sie schilderte alle wüsten Gelage, alle unsinnigen Spielpartien und wußte alle seine Jugendsünden von der lächerlichsten Seite darzustellen. Gott weiß, wie sie die Geschichte mit Margarethe Gelis ausbeutete und die traurige Figur schilderte, die der große Sieger am Ende doch gespielt hatte.

Susanne wollte an dem Marquis einmal kein gutes Haar lassen. Die Zeit der Nachsicht und der zärtlichen Zuneigung war längst vorüber. Liebe ist nicht vereinbar mit Verachtung.

Aber Susanne war damit noch nicht zufrieden: nachdem sie das glühende Eisen aus die Wunde gehalten hatte, wollte sie diese auch heilen. Sie baute prächtige Luftschlösser, um ihren Liebling darin einzuquartieren. Im Grunde war man doch nicht so sehr zu beklagen. Eine geistreiche Frau hat ja gesagt, man müsse heiraten, um Witwe zu sein, und in dieser angenehmen Lage befand man sich ja. Emma war jung, sie besaß einen schönen klingenden Namen, ein trotz der Verschwendung des Marquis immer noch glänzendes Vermögen. Die Marquise von Escoman konnte immerhin zufrieden sein, wenn sie auch nur den alltäglichen Trost hatte, den man im Verkehr mit der Welt findet.

Um der jungen Dame diesen Trost zu sichern, ernannte sich Susanne zur Verwalterin und Intendantin ihrer Güter. Nach ihrer Angabe schrieb Emma den Brief, in welchem sie dem Marquis die verlangte Unterschrift entschieden verweigerte.

Die glänzenden Bilder, welche Susanne ihrer Herrin vor die Augen hielt, vermochten Emma jedoch reicht ihrer gewohnten Verstimmung zu entreißen. Die alte Dienerin meinte, sie bedürfe zur Vollendung ihres Werkes einer Nachhilfe, und begann zum hundertsten Male das Capitel von dem sündhaften Marquis; aber Emma unterbrach sie bei den ersten Worten und erklärte ihr lächelnd, daß ihre Mühe vergeblich sei, der Marquis sei fortan nichts mehr für sie. Durch dieses Lächeln etwas beruhigt, glaubte Susanne schon einen Sieg errungen zu haben; nun fand sie die Schwermuth, deren Ursache sie reicht zu ergründen vermochte, einigermaßen bedenklich.

Inzwischen kam der Marquis von Escoman wieder nach Châteaudun.

Er kam Abends an, und am andern Morgen vor derer Frühstück ließ er fragen, ob Madame ihre empfangen könne.

Susanne wäre bei der Unterredung gern zugegen gewesen; sie fürchtete, daß die wiederholten Ermahnungen, welche sie der jungen Frau über ihr zu beobachtendes Benehmen gegeben, fruchtlos sein würden, wenn ihre Zärtlichkeit wieder die Oberhand über den Unwillen gewönne. Aber Emma, welche die ungestüme Heftigkeit der alten Dienerin fürchtete, machte ihr begreiflich daß ihr Wunsch nicht erfüllt werden könne.

Der Marquis war nicht der Mann, sich aus einer einmal eingenommenen Stellung ohne Widerstand verdrängen zu lassen: er sprach von der Verweigerung seines Verlangens in hochfahrenden Ausdrücken und spielte den Beleidigten.

Emma antwortete ihm kalt und entschieden durch vernünftige Vorstellungen über seine Verschwendung, welche in den verflossenen Jahren ihr Vermögen beträchtlich vermindert habe. Sie habe keineswegs aus Selbstsucht so gehandelt; sie habe sich nie vor beschränkten Verhältnissen gefürchtet, aber der Marquis sei an Aufwand gewöhnt und man müsse sich so einrichten, daß dieser Aufwand bestritten werde. Endlich erklärte sie, daß sie bereit sei, ihm einige zur Unterstützung Nothleidender bestimmte Ersparnisse zu opfern und ihm alles verfügbare Geld zu übergeben, aber in fernere Belastungen ihres Capitals nie einwilligen werde.

Der Marquis war ganz erstaunt über die Ruhe und die würdevolle Sprache der jungen Frau, die ihre sonst nie hatte ansehen können, ohne zu erblassen oder zu erröthen, und die heute mit der Entschiedenheit und Sachkenntniß eines alten Advocaten von Geldangelegenheiten sprach. Und vollends unheimlich ward ihm zu Muthe, als sie das erwähnte Geld vor ihrer niederlegte.

Er kam in Versuchung, das Geld zurückzuweisen, aber er befand sich vermuthlich in einer dringenden Verlegenheit, wie so manche vornehme junge Wüstlinge, die dann nur zu oft die Gebote der Ehre vergessene denn er bekämpfte diese ehrenhafte Regung – und nahm das Geld.

Im Clubb, den der Marquis nach dieser für ihn so beschämenden Unterredung besuchte, bemerkte er, daß er hier eben so viel Terrain verloren hatte, wie in seinem Hause.

Dieses Terrain mußte wieder erobere werden.

Es fehlte dem Marquis nicht an Verstand. Er dachte, durch eine gänzliche Aenderung seiner Lebensweise könne er den Drachen kirren, der die goldenen Aepfel der Hesperiden bewachte, und zugleich die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenken.

Noch denselben Abend nach Tische gab er den Wunsch zu erkennen, einen Theil des Abends bei der Marquise zuzubringen. Dies war seit seiner Vermählung vielleicht kaum zweimal geschehen. Er war sehr artig und zuvorkommend gegen Emma; er machte sogar einige Versuche, Susanne für sich zu gewinnen, aber ohne Erfolg; der Haß gegen den Marquis war bei der alten Dienerin zu tief eingewurzelt. Sie saß, ihrer täglichen Gewohnheit gemäß, mit dem Strickzeuge auf einem Tabouret zu den Füßen ihrer jungen Herrin.

Emma war den ganzen Tag unruhig und verstimmt; trotz der schönen Worte; mit denen der Marquis sehr freigebig war. Gegen zehn Uhr wünschte sie ihm gute Nacht und begab sich in ihr Zimmer. Sobald Susanne den Riegel vorgeschoben hatte, sank die junge Frau in die Arme ihrer Amme und brach in Thränen aus.

Susanne suchte vergebens die Ursache dieses Schmerzes zu erforschen, die Marquise blieb stumm.

Der Marquis ging noch in den Clubb. Sein Erscheinen in dem unlängst streitigen, nunmehr aber tractatmäßig eroberten grünen Saale machte einiges Aufsehen. Die glücklichen Besitzer fürchteten, der Marquis werde noch genug Einfluß und Keckheit haben, die Wiedereinsetzung in den vorigen Stand zu verlangen.

Aber zum allgemeinen Erstaunen entschloß sich der Marquis, die schwere Probe zu bestehen. Er warf bescheiden seine Cigarre in den Camin, setzte sich an einen Whisttisch, an welchem »der vierte Mann fehlte« und fragte sehr höflich, wie hoch die Marke gespielt werde.

Sein Partner, ein alter emerierter Präfecturrath, antwortete ihm stammelnd und ihn durch seine große runde Brille verlegen ansehend, man spiele gewöhnlich um zehn Centimen die Marke, aber wenn‘s dem Herrn Marquis gefällig sei —

Escoman ließ ihn nicht ausreden.

»Ich bin vollkommen einverstanden,« sagte er mit zugleich ernster und höflicher Miene; »ich habe mich natürlich nach dem hier eingeführten Brauch zu richten.«

Zugleich nahm er eine Handvoll Kupfergeld aus der Tasche und legte es vor sich auf den Tisch.

Jede Brust athmete nun freier, den Whistspielern fiel ein Stein vom Herzen; es war das erste Mal, daß Spieler durch Kupfergroschen geblendet wurden.

Der Marquis wußte einige halbe Franken so hartnäckig zu vertheidigen und dabei sein Gähnen so geschickt zu verbergen, daß Spieler und Zuschauer ihn lieb gewannen.

Auf die Kunde von der Rückkehr des Marquis gab Louis von Fontanieu sein bisheriges eingezogenes Leben auf und erschien wieder im Clubb. Der Chevalier von Montglas hatte ihm von dem Briefe, den der Marquis in extremis an Margarethe geschrieben, eine so erschütternde Schilderung gemacht, daß er vermuthete, hinter dieser schnellen Rückkehr stecke die Absicht einer neuen Aufforderung, und er wollte sich nicht das Ansehen geben, als meide er den Marquis. Louis schien ein Duell eher zu wünschen als zu vermeiden, denn mehr als einmal schienen seine Blicke Streit zu suchen. Aber der Marquis stand vom Spieltische auf, trat auf seinen früherer Gegner zu, drückte ihm mit Wärme die Hand, sprach in den herzlichsten Ausdrücken mit ihm und als sich alle Anwesenden entfernt hatten, als der Chevalier allein noch da war, erkundigte er sich sogar mit der größten Unbefangenheit nach Margarethens Befinden.

Louis von Fontanieu nahm dieses Entgegenkommen ziemlich kalt auf, der Chevalier hingegen war sehr erfreut darüber.

»Bravo!« dachte er, »er zeigt, daß er zu leben weiß. Er werde wohl noch ein bischen blaß, als er den Namen der Schönen nannte, aber es gibt ja hienieden nichts Vollkommenes.

Der alte Roué rieb sich schmunzelnd die Hände. Im Allgemeinen glaubte er an keine Ueberzeugung, am wenigsten an die Ueberzeugung eines herzlosen, von schlechtere Grundsätzen geleiteten Mannes. Er witterte eine Kriegslist hinter dieser Resignation, und versprach sich davon noch einige heitere Lichtblicke in seinen letzten Tagen.

Der Marquis hatte seinen Zweck schon halb erreichte die ganze Stadt sprach von der wunderbaren Veränderung, die durch eine kurze Abwesenheit in seiner Person bewirkt worden war. Er war Gegenstand des Gesprächs in vornehmen und bürgerlichen Häusern, in Hotels und Kaufläden, und da sich Jedermann persönlich von der Wahrheit des wunderbaren Gerüchtes überzeugen wollte, so mußte die arme Emma die Glückwünsche von Freundinnen und Bekannten über sich ergehen lassen.

Ja, sie mußte es über sich ergehen lassen, denn wie sehr sie sich auch zwang, heiter zu sein oder zu scheinen, so fand sie ihr Herz doch nicht mehr so willfährig wie vormals; es blieb traurig, und da die junge Frau nicht die Kunst verstand, ein ihr fremdes Gefühl zu erheucheln, so war ihr Gesicht während dieser Besuche der Spiegel ihres Herzens.

Alle Besucherinnen schieden daher von der armen Emma mit der Ueberzeugung, daß der Marquis mit seiner Rückkehr eine Nebenabsicht verbinde.

Der Marquis schien diesen Argwohn nicht rechtfertigen zu wollen. Seine Liebe zu Margarethe war freilich nicht erloschen; die Erinnerung an die undankbare Dunenserin war weder durch das große Unrecht, das sie sich hatte zu schulden kommen lassen, noch durch die Pariser Zerstreuungen geschwächt worden; aber trotz dieser immer noch lebhaften Erinnerung ging es dem Marquis wie allen Wüstlingen, er konnte keine schöne Frau sehen, ohne deren Besitz zu wünschen – und wär‘s auch die seinige. Er ging in seine eigne Falle: er nahm die einstudirte Rolle für Ernst und Wahrheit.

Am sonderbarsten war, daß er anfangs die Veränderung in der Stimmung der Marquise nicht bemerkte. Durch ihre kalte Zurückhaltung gereizt, ward er immer zuvorkommender in seinem Benehmen, immer dringender in seinen Bitten, immer feuriger in seinen Betheuerungen.

Emma hörte ihrer gewöhnlich mit zerstreuter Miene zu; zuweilen sah sie ihn mit traurigen, ängstlich fragenden Blicken an. Sie schien sich zu fragen: Ist es denn nicht mehr der Raoul, den ich so innig geliebt habe? Wie kommt es, daß er mein Inneres nicht mehr von Wonne durchschauert wird, wenn er mir nahe kommt? – Dann folgte ein Seufzer, oft auch eine Thräne.

Der Marquis meinte, nur die Erinnerung an seine Verirrungen habe diese trübe Stimmung hervorgerufen. Er fiel seiner Frau zu Füßen und schwor ihr hoch und theuer, daß die Vergangenheit begraben sei, um nie wieder zu erwachen.

Diese Worte hatten den Ausdruck der Wahrheit und gemeiniglich verdoppelten sie die Thränen der Marquise.

Susanne sah diesen Aussöhnungsscenen mit angstvoller Spannung zu. Sie liebte Emma zu sehr, um nicht zur Verzeihung geneigt zu sein, wenn es nothwendig gewesen wäre ihren Groll gegen den Marquis zu opfern; aber ihrem Scharfblick entging weder die Befangenheit noch der geheime Schmerz der Marquise. Sie gewann immer mehr Ueberzeugung, daß Emma die Wahrheit gesagt, daß der Marquis vergebens seufzen werde.

Susanne fing an bitter zu bereuen, daß sie zur Erreichung dieses Resultates so wesentlich beigetragen; sie klagte sich selbst an und erbot sich in brünstigem Gebet, ihr Leben opferte zu wollen, wenn sie damit das Glück ihrer lieben Emma erkaufen könne.

Aber es fanden bald neue Ereignisse statt, und die Vermuthungen Susannens bekamen neuen Spielraum.

Der Marquis von Escoman war nie der Mann gewesen, lange vor einer, wenn auch stark verrammelten Thür zu schmachten. Und hier hatte er als rechtmäßiger Eigenthümer den Schlüssel! Wenn er den Abend bei Emma zugebracht hatte, so bemerkte Susanne bei ihr Thränenspuren und eine Niedergeschlagenheit, welch sie sehr besorgt machte.

Eines Abends endlich, als der Marquis fort war, bekam Emma einen heftigen Nervenanfall, Susanne war außer sich, kaum behielt sie die Besonnenheit, über die Ursache nachzudenken. Emma mußte ein Geheimniß haben, welches sie ihrer treuen Amme sorgfältig verbarg, und diese Vermuthung machte dieser den tiefsten Schmerz, den sie je im Leben empfunden. Einen solchen Schmerz aber mit Geduld zu ertragen vermochte sie nicht. Sie glaubte das größte Recht auf das Vertrauen ihrer Herrin zu haben und hielt sich für berechtigt dieses Vertrauen zu erzwingen, wenn es ihr durch eine ihr unbegreifliche Kinderei vorenthalten wurde.

Sie begann nun alle Ereignisse in dem Leben der Marquise zu mustern; sie prüfte die Gesichter genau aller Personen, die seit einem halben Jahre im Hause gewesen waren. Sie erinnerte sich nicht nur aller Handlungen, sondern sogar aller Gedanken, welche sie in den Blicken der jungen Frau gelesen. Doch die sorgfältigste Zergliederung blieb fruchtlos, sie fand den Faden nicht, der sie durch dieses Labyrinth hätte führen und in das Geheimniß ihrer Herrin einweihen können.

Die Vergangenheit der Marquise war so rein und heiter wie ein schöner blauer Himmel, die gewitterschwangere Wolke war am Horizont nicht zu bemerken.

Susanne richtete nun ihre Batterie anders, ohne jedoch ihre fixe Idee aufzugeben. Statt in die Vergangenheit zurückzublicken, forschte sie in der Gegenwart.

Aber auch diese schien einen Argwohn nicht zu rechtfertigen.

Die Marquise führte ein streng geregeltes Leben. Sie ging wenig ans. Morgens besuchte sie die Messe; Nachmittags vor Tische machte sie eine kurze Spazierfahrt. Susanne begleitete sie in die Kirche. Abends hatte Emma den Kutscher und einen Bedienten bei sich, und diese Leute wußten zu gut, wie viel die alte Amme im Hause galt, als daß sie nicht nach ihrer Gunst gestrebt hätten; sie würden ihr gewiß nicht verschwiegen haben, wenn sie einen bedeutenden Vorfall bemerkt hätten.

Es war zum Verzweifeln! – Susanne griff in ihrer Rathlosigkeit zu den trivialsten Mitteln: sie horchte an den Thüren, erbrach die ankommenden Briefe. Nie hat wohl eine bezahlte Duenna mit mehr Schlauheit und Ausdauer beobachtet.

Emma blieb unergründlich; aber zugleich wurde ihre Stimmung immer trauriger. Die Krankheitsanfälle, welche die alte Dienerin so besorgt gemacht halten, nahmen einen bedenklicheren Charakter an.

Susanne gab endlich ihren Argwohn auf, um die Ursache des Uebels in einer abzehrenden Krankheit zu finden. Sie bekämpfte ihre Abneigung gegen den Marquis und bat ihn einen Arzt kommen zu lassen.

An denselben Tage, als die Marquise eben in den Wagen gestiegen war und der Bediente den Schlag zugemacht hatte, hörte Susanne, daß der Kutscher seinen Cameraden fragte, wohin er fahren solle.

»Madame macht ihre gewöhnliche Spazierfahrt. «

Susanne wollte reicht bis zum Abend warten, um die Lieblingspromenade der Marquise kennen zu lernen. Sie hatte die feine Nase eines Schweißhundes, sie fand die Führte, wenn diese auch schon alt war. Sie setzte schnell ihre Haube auf, warf ihren leichten Mantel über, nahm den Regenschirm, dessen sie sich so erfolgreich als Schutzwaffe gegen den vermeinten Banditen Louis von Fontanieu bedient hatte, und eilte dem von zwei englischen Pferden gezogenen Wagen der Marquise nach.

Als sie aus dem Hotel trat, sah sie den Wagen links fahren. Vermuthlich war die sogenannte Avenue-de-Paris das Ziel der Spazierfahrt. Sie eilte durch einige Seitenstraßen, um den Weg abzukürzen, und befragte einige Bekannte, die ihr in der Vorstadt begegneten.

Keiner von ihnen hatte den wohlbekannten Wagen der Marquise von Escoman gesehen. Susanne hatte die Führte verloren und sie kehrte um, und nach wiederholten Erkundigungen erfuhr sie endlich, daß der Wagen dem Loir zugefahren sei.

Als Susanne eben an den letzten Häusern war, sah sie die Kutsche mitten in einer Staubwolke kommen. Sie spannte ihren Regenschirm auf und verbarg sich hinter demselben, wie ein Soldat hinter einer Faschine.

Die Spazirfahrt war zu Ende. Die Marquise fuhr nach Hause. Susanne mochte wohl schwerlich etwas entdecken, vorausgesetzt daß wirklich etwas zu entdecken war.

Als sie still stand, um Athem zu schöpfen und ihre von Schweiß triefende Stirn zu trocknen, ging Louis von Fontanieu an ihr vorüber.

Susanne ließ den jungen Mann ganz unbeachtet. Er war seit dem Tage, wo ihre der Marquis seiner Frau vorgestellt, nicht wieder in das Hotel Escoman gekommen, und sein stadtkundiges Verhältniß mit Margarethe, machte ihn in Susannens Augen nicht gefährlich.

Aber am folgenden Tage und lange vor der Stunde, wo die Marquise auszufahren pflegte, war Susanne auf einem Beobachtungsposten an der rechten Seite der Landstraße, hinter einer Anhöhe, von welcher sie die ganze Allee übersehen konnte.

Der Wagen kam; er fuhr viermal die Allee auf und ab, ohne anzuhalten, ohne daß sich Jemand näherte.

Susanne glaubte wieder unverrichteter Sache fortgehen zu müssen, da kam ihr wieder Louis von Fontanieu in den Weg.

Sie spitzte die Ohren, und nahm den sentimentalen Spaziergänger genauer in Augenschein. Zu ihrem großen Erstaunen bemerkte sie in seinem Gesicht die Spuren tiefer Schwermuth. Er sah eben so traurig aus wie Emma; er war blaß wie sie; er schien wie sie in tiefen Gedanken zu sein.

Susanne begab sich eiligst nach Hause. Als sie ankam, spannte der Kutscher eben die Pferde aus.

Sie fand die Marquise trauriger und nachdenkender als je.

Susanne war für die heroischen Mittel.

»Rathen Sie, Madame,« sagte sie, »wen ich soeben abgewiesen habe.«

»Du hast Recht gethan, liebe Susanne, gleichviel wer da war. Ich bin so verstimmt, daß ich Niemand sprechen mag.«

»Wenn ich Ihnen den Besuch nenne, werden Sie mich zum Dank küssen.«

»Sprich, ich bin keine Freundin von Räthseln.«

»Denken Sie sich,« fuhr Susanne mit erheuchelter Entrüstung fort, um der Lüge, die sie sagen wollte, größern Nachdruck zu geben, erdenken Sie sich die Keckheit des jungen Menschen —«

Die blassen Wangen der Marquise rötheten sich; sie errieth, wen Susanne meinte.

»Ein Mensch, der uns angefallen, beleidigt hat, fuhr die Letztere fort, »ein Bruder Liederlich, der eine stadtkundige Liebschaft mit einer Dame hat, wünscht die Frau Marquise zu sprechen. Das ist zu arg!«

Zweiter Theil

Erstes Capitel.
Eine Idee Susannens und deren Folgen

Ob Susanne wirklich das Geheimniß der Marquise errathen hatte?

Emma hegte für Louis von Fontanieu eine Neigung, welche sie mit aller Willenskraft bekämpfte, welche aber trotzdem in ihrem Herzen weiter um sich griff, weil die Anstrengungen, welche der Kampf erforderte, die Marquise erschöpften.

Emma hatte sich schon bei der ersten Unterredung zu dem jungen Manne hingezogen gefühlt: er hatte weder die Gemeinheit der Gesinnung noch die Geckenhaftigkeit derer, welche sie bis dahin kennen gelernt hatte. Die Begeisterung, mit der er sich ihrem Glücke zu widmen versprach, wies ihm in ihren Gedanken einen bevorzugten Platz an. Schon den Tag nach ihrer Unterredung konnte sie glauben, daß er Wort gehalten. Sie erwartete seinen Besuch; sie wollte ihm, wie sie dachte, nur danken für diesen glänzenden Beweis seiner Ergebenheit, nur von dem undankbaren Raoul mit ihm sprechen; aber vielleicht gehorchte sie schon einer leisen Regung der Liebe, vielleicht trieb der zarte Gefühlskeim, der ohne ihr Wissen in ihr Herz gefallen war, schon die ersten Knospen.

Aber Louis von Fontanieu kam nicht. Er fühlte eine unüberwindliche Verlegenheit, der vornehmen Dame unter die Augen zu treten, der er eine Liebeserklärung gemacht und die er gleichwohl vergessen hatte, um sich in den Netzen einer gemeinen Grisette fangen zu lassen.

Seine Schüchternheit that mehr für ihn, als er von dem schlauesten Plan hätte erwarten können. Sein Ausbleiben wurde für übertriebenes Zartgefühl gehalten, und er wurde für Emma ein wahrer Gefühlsheros.

Die Marquise war mit der vornehmen Welt so wenig in Berührung gekommen, daß sie noch in den schwärmerischen Jugendphantasien befangen war. Sie dachte Tag und Nacht an ihren Helden, und die reine, ungeheuchelte Freundschaft, die sie ihm versprochen hatte und die sie vor der Welt mit ihm zu theilen hoffte, war ihr einziger Trost in dem Schmerz, den sie in den ersten Tagen nach der Abreise des Marquis fühlte.

Da unternahm Susanne ihre Radicalcur, in welcher natürlich das Capitel »Margarethe-Fontanieu« eine der ersten Stellen einnahm. Emma sah nun ein, daß ihre Gefühle die Grenzen der Freundschaft schon etwas überschritten hatten; sie fühlte eine unaussprechliche Angst und ihre Augen wurden feucht, wenn Susanne, um den Marquis recht tief zu demüthigen, in ihrer blumenreichen Sprache die leidenschaftliche Liebe der Grisette und des jungen Secretärs schilderte.

Sie wandte das wirksamste Mittel, die Vernunftgründe, gegen das Uebel an. Sie suchte sich einzureden, daß es Fontanieu frei stehe, sich nach Gefallen eine Geliebte zu wählen, und daß die Freundschaft durch ein flüchtiges Liebesverhäitniß nicht erschüttert werden dürfe. Sie betäubte sich, ohne sich zu überzeugen.

Erst nach der Ankunft des Marquis, als dieser anfangs durch Interesse, dann durch eine Anwandlung von Zuneigung zu ihren Füßen hingetrieben wurde, erkannte Emma, daß der vermeinte flüchtige Gedanke ein in ihrem Herzen tief wurzelndes Gefühl geworden war. Zwischen ihr und dem Marquis stand fortan ein Gespenst, das sie unablässig schonungslos verfolgte, das sich durchaus nicht abweisen ließ, gegen alle Bitten taub blieb, und sich sogar vor die geschlossenen Augen drängte. Dieses Bild folgte ihr auf allen Promenaden, die sie mit dem Marquis machte, belauschte ihre Gespräche und hielt auf der Schwelle des Schlafzimmers strenge Wache, um den Marquis nicht einzulassen.

Der Letztere bemerkte zu wiederholten Malen, daß Emma erschrocken zurückwich, wenn er sie küssen wollte; sie glaubte die heißen Lippen des Gespenstes, dem ihre aufgeregte Phantasie Leib und Leben gab, auf ihrem Munde zu fühlen.

Und das Gespenst war nicht stumm; es führte eine Sprache, die nur ihrem Herzen verständlich war; und sie erbebte, wenn sie diese wehmüthige, vorwurfsvolle Sprache vernahm, wie das vom Winde bewegte Laub. So war es denn gekommen, daß sie fast unbewußt den Ort ausgesucht, wo sie Louis von Fontanieu zum ersten Male gesehen hatte, und wohin dieser durch ähnliche Gefühle getrieben wurde.

Von den Leidenschaften dieser Welt kannte Susanne nur zwei: die Liebe einer Amme zu ihrem Pflegekinde und die Zuneigung einer Frau zu ihrem Manne. Dem erstern Gefühl gestattete sie den weitesten Spielraum, das zweite umgab sie mit sehr engen Schranken. Es schien ihr unmöglich, daß die sanfte keusche Emma jemals so überspannte, ungeheuerliche Gefühle hegen und sich so sehr verirren könne, wie Escoman und Fontanieu und andere Leute ohne Grundsätze.

Sie war daher eben so erstaunt als erschrocken, als die Gesundheit der jungen Marquise durch den immerwährenden innern Kampf ernstlich gefährdet wurde. Emma wurde nach einer kurzen Unpäßlichkeit bedenklich krank.

Der Hausarzt beurtheilte die Ursache der Krankheit sehr richtig: er vermuthete ein tiefes Seelenleiden, welches er natürlich dem Kummer zuschrieb, den der Marquis seiner Gemahlin gemacht habe. Susanne bestätigte diese Vermuthung, aber sie dachte bereits ganz anders über das Verhältniß ihrer Herrin zum Marquis. Sie würde keine andere Wärterin zugelassen haben; sie saß alle Nächte vor dem Bett, halb versteckt in den Falten der Vorhänge, und beobachtete bei dem flackernden Lichte der Nachtlampe das bleiche Gesicht und die schwerathmende Brust der Kranken. Von Zeit zu Zeit zog sie die Spitzen des Kopfkissens zur Seite, um die Kranke besser zu sehen.

In einer Nacht, als die Wangen der schlummernden Marquise vom Fieber geröthet waren, glaubte Susanne zu bemerken, daß ihre Lippen sich bewegten und mit zärtlichem Ausdruck einen Namen lispelten.

Einige Tage später antwortete der Arzt, den Susanne täglich mit großer Angst befragte, mit bedenklichem Kopfnicken.

Ein Erdbeben hätte Susanne nicht in größere Bestürzung setzen können, als dieser stumme Urtheilsspruch, Sie schrie laut auf und stürzte in das Krankenzimmer. Ohne zu bedenken, daß ihr Jammern und Wehklagen die Kranke erschrecken und ihren Zustand sehr verschlimmern könnten, warf sie sich auf das Bett, umschlang Emma mit beiden Armen und bedeckte ihr Gesicht mit Küssen und Thränen.

Sie hatte das Gespenst des Todes gesehen; ihre erste Bewegung war, ihren Liebling zu vertheidigen und sich das Opfer nur mit Gewalt entreißen zu lassen. Sie weinte und jammerte, sie tobte und wüthete gegen das furchtbar drohende Gespenst. Bald war sie außer sich vor Zorn, bald wurde sie wieder weich und zärtlich; heftige Drohungen und rührende Bitten wechselten auf ihren Lippen. Sie wiegte Emma auf ihren Armen, wie vormals, ehe sie das Kind in die Wiege gelegt hatte. Zum ersten Male nannte sie den Namen Louis von Fontanieu, aber ohne Vorwurf, ohne Unwillen, denn die Kranke wurde durch die Gefahr, in welcher sie schwebte, in den Augen ihrer Amme von jeder Schuld freigesprochen. Noch mehr, Susanne suchte sie zu rechtfertigen; sie gab in ihrem namenlosen Schmerz nicht nur ihre Zustimmung, sondern versprach ihr auch, daß ihre Liebe erwiedert werden solle, wie man ein schreiendes Kind durch ein Spielzeug zu beschwichtigen sucht.

»Sterben!« sagte sie zu sich; »Du solltest vor mir sterben? Ist das möglich? Kann der liebe Gott das zugeben? Er schickt den Winter vor dem Frühling. Von Gott hängt Leben und Tod ab. Wozu brauchen wir einen Arzt? Habe ich denn sonst einen Arzt gehabt, wenn Du krank warst? Wer hat Dich in der Bräune behandelt? Ich ganz allein. Ha! ha! hat die Aerzte! ich glaube kein Wort von allem was sie sagen. – O, Du wirst bald genesen, meine Emma, Du mußt wieder gesund werden. Aber Du mußt Dich nicht grämen. Warum grämst Du Dich denn? Wer hat Dir denn gewehrt, den Herrn von Fontanieu zu lieben? Etwa der Marquis? Er hat nicht das Recht dazu, sonst hätte er Dir mit einem guten Beispiel vorangehen müssen. Das fehlte noch! Seitdem Du krank bist, hat er sein liederliches Leben wieder angefangen. Es kommt ihm fürwahr nicht zu, den ersten Stein auf Dich zu werfen. Wenn man jung ist, kann man nicht ohne Liebe leben; wir armen Frauen haben ja keinen andern Trost in unserem Kummer. Es ist nicht möglich! Ich weiß ja, wie es mir selbst in meiner Jugend ergangen ist!« – Susanne verleumdete sich selbst. – »Sei nur ruhig, meine Emma. Verbanne diese traurigen Gedanken, die allein an deiner Krankheit Schuld sind. Es gibt ja kein reineres Gewissen, als das deine. Im Grunde ist Dir ja Alles erlaubt nach dem himmelschreienden Unrecht, das man Dir gethan. Fasse Muth, in einigen Tagen wirst Du wieder gesund und blühend sein, und dann müssen alle deine Wünsche in Erfüllung gehen.«

Emma befand sich gerade in der Abspannung, die dem Fieber folgt. Sie war anfangs mehr erstaunt als bestürzt über Susannens leidenschaftliche Sprache, und als sie den Namen hörte, der sich beständig in ihrem Herzen wiederholte, schloß sie die Augen und schlief lächelnd, fast ruhig ein.

Eine geringe Besserung folgte dieser Krise und bestärkte Susanne in den selbstsüchtigen Gedanken, welche ihr die Verzweiflung eingegeben hatte. Der Arzt war in ihren Augen ein Pfuscher; sie fragte ihn nicht mehr um seine Meinung über den Zustand der Marquise und beantwortete seine Fragen über die Krankheitssymptome, die sich während seiner Abwesenheit gezeigt, mit beleidigender Kürze.

Susanne beschränkte sich natürlich nicht auf den ersten, Versuch des wirksamen Heilmittels. So oft als sie mit Emma allein war – und sie wußte die Anwesenden immer unter mancherlei Vorwänden zu entfernen – lenkte sie das Gespräch auf Louis von Fontanieu. Sie kannte ihn nur sehr oberflächlich, und gleichwohl sprach sie von dem Zustande seines Herzens, als ob sie darin zu Hause gewesen wäre. Sie schilderte ihn als den liebenswürdigsten jungen Mann und lobte seine Eigenschaften in den überschwenglichsten Ausdrücken.

Im Allgemeinen kleidet man die Krankheiten der Menschen in ein viel zu poetisches Gewand. Um der Wahrheit treu zu bleiben, muß man sie mehr von der materiellen Seite darstellen. Gemeiniglich welkt und schwindet Alles, wenn es der Auflösung entgegengeht; die menschliche Maschine gleicht dann einem Gewebe, dessen Fäden durch eine ätzende Flüssigkeit die Farbe und Haltbarkeit verloren haben. Die Wirkung der Krankheit beschränkt sich selten auf die Schwächung des Körpers, in den meisten Fällen erstreckt sie sich auf die Geisteskraft und sogar auf das Gefühlsvermögen.

Emma konnte seit ihrer Erkrankung nicht mehr klar denken; sie hatte nicht mehr die Willenskraft, den ihren Lippen nahegebrachten süßen Giftbecher zurückzuweisen. Sie fand ja darin Linderung ihrer Schmerzen und freudige Hoffnung. Aber als ihre Kräfte wiederkehrten, erwachte mit ihren anderen Gefühlen auch das Pflichtgefühl, und nun begann auch wieder der Kampf gegen die tief in ihrer Seele wurzelnde Leidenschaft.

Eines Tages antwortete sie ihrer Amme, die von dem künftigen Glücke ihres lieben Kindes sprach, dieses Glück sei für sie nicht da, sie könne sich desselben nicht ohne Sünde erfreuen, und überdies stehe der Erfüllung ein noch größeres Hinderniß im Wege.

Sie nannte nun tief erröthend den Namen Margarethe Gelis und brach in Thränen aus.

Susanne war höchst bestürzt. Sie war in dem Reiche der Phantasie so weit vorgeschritten, daß sie sich darin ganz verirrt hatte. Als sie ihrer Herrin einen Platz in dem Herzen eines nur in ihrer Phantasie existirenden Fontanieu anwies, hatte sie ganz vergessen, daß dieser Platz in dem Original bereits besetzt war. Zum zweiten Male sah sie nun im Geiste das offene Grab, welches ihre Emma zu verschlingen drohte; aber sie würde sich lieber selbst hineingestürzt haben, als daß sie sich ihren Liebling hätte entreißen lassen.

Am andern Morgen ließ sie ihre Stelle im Krankenzimmer durch ein Kammermädchen vertreten und war einige Stunden abwesend.

Zweites Capitel.
Zu leichtfertig für ehrbare Leute – zu ehrbar für leichtfertige Leute

Margarethe konnte, trotz aller Verführungskünste, trotz ihres Bestrebens, sich so liebenswürdig als möglich zu machen, ihre Gewalt über ihn nicht wieder erlangen, ja sie verlor mit jedem Tag an sinnlichem Reiz. Das arme Mädchen war schon verlassen, als sie noch weit entfernt war ihr Unglück zu ahnen. Das einzige Gefühl, welches Louis von Fontanieu bei ihr zurückhielt, war die Ueberzeugung von dem tiefen Schmerz, den er ihr durch gänzliches Zurücktreten verursachen würde.

Wir halten es für unsere Pflicht, ihn in den Augen vieler Leser, welche ihm die ganze Schuld dieses Verhältnisses zuschreiben könnten, zu rechtfertigen und zu zeigen, daß sich Margarethe bei allem guten Willen sehr ungeschickt benahm.

Sie war in einem Sinnentaumel, der Beide ergriffen hatte, die Geliebte des jungenSecretärs geworden. Sie wußte wohl, daß das Herz keinen Antheil an diesem Verhältniß hatte Sie selbst hatte es ihm gesagt: sie hatte ja nach dem Souper, welches dem Duell gefolgt war, sein Gespräch mit dem Chevalier von Moutglas belauscht. Sie trug sich daher mit dem quälenden Argwohn, er sei deshalb so kalt gegen sie geworden, weil er eine Andere liebe.

Jede Frau hat in ihrem Gesicht einen eigenthümlichen Charakter, von welchem sie einen ausgedehnten Gebrauch machen kann. Bei der einen ist es die heitere Laune, die sich bis zum ausgelassensten Gelächter steigern kann; bei der andern ist es die Wehmuth, und die Thränen machen sie nur schöner; aber für alle ist es gefährlich, sich Uebergriffe auf das Gebiet der Nebenbuhlerin zu erlauben – fast so gefährlich wie ein blauer Turban für eine Brünette, wie rothe Blumen im Haar für eine Blondine. Solche Ausnahmen können sich nur Königinnen erlauben. Königinnen sind immer schön.

Margarethe hatte keinen Begriff von dieser weisen Mäßigung, und in ihrem Eifer, dem Geliebten zu gefallen, versuchte sie täglich Unmögliches. Es stand ihr weder Heiterkeit noch Sentimentalität zu Gebote; ihre Augen hatten einen zu sinnlich lüsternen Ausdruck, der von Zeit zu Zeit wohl anziehend ist, für die Dauer aber ermüdend, ja lästig wird.

Diese leidigen Augen straften die Worte ihrer Inhaberin beständig Lügen, sie standen im offenbarsten Widerspruch mit ihrem einstudirten, erzwungenen Benehmen, mochte sie nun das stets düstere Gesicht Fontanieu’s durch Tändeleien zu erheitern suchen oder ihn durch Nachahmung des zarten, sinnigen Wesens der Marquise fesseln wollen. Die Augen lehnten sich gegen alle diese Versuche auf, sie behielten immer den gleichen Ausdruck, und die Einförmigkeit der stets herausfordernden Blicke rechtfertigte die Gleichgültigkeit, mit welcher er sie am Ende aufnahm.

Dies war noch nicht Alles. Margarethe kannte auch die Gefahren des Widerspruches nicht. Sie hatte keine Ahnung von zarten, ideellen Gefühlen, und statt den Geliebten durch Schmeichelei und List an sich zu fesseln, machte sie einen schonungslosen Angriff auf die stille Liebe, welche der Erfüllung ihrer Wünsche im Wege stand. Wenn sie die Marquise von Escoman verleumdete, so zwang sie Fontanieu, die letztere in Schutz zu nehmen und ihre Tugenden, ihre ausgezeichneten Eigenschaften zu preisen.

Noch schlimmer war’s, wenn sie es mit der Melancholie versuchte. Die wahre Melancholie ist nur starken Gemüthern eigen; schwache Naturen kennen nur die Traurigkeit, die ihr ähnlich ist, aber immer schwankend und unsicher bleibt. Fontanieu fand in seiner Stimmung keinen Geschmack an Zerstreuungen, aber er hatte eben so wenig die Kraft sie zu meiden, als den Muth sie aufzusuchen: er ließ sie sich gefallen, weil ihm jede Bewegung, jede Anstrengung zuwider geworden war, wie der Lärm, den man bei ihm machte, wenn er in dem Lande der Träume wanderte.

So setzte er seine Besuche bei Margarethe Gelis fort; so blieb er aus Gutherzigkeit, Zartgefühl und Gewissenhaftigkeit ihr Geliebter.

Ueberdies hatte ihm der Chevalier von Montglas zu verstehen gegeben, daß er für die Zukunft Margarethens verantwortlich bleibe, da sie um seinetwillen ihre frühere Stellung aufgegeben habe. Er war daher sehr freigebig gegen sie; das im Spiele gewonnene Geld setzte ihn in den Stand, durch diese Verschwendung sein Gewissen einigermaßen zu beruhigen.

Louis von Fontanieu dachte übrigens nicht ohne ein gewisses schwärmerisches Gefühl, daß er sich dem Glücke seines Idols geopfert, und zumal seit der Rückkehr des Marquis hielt er sich für verpflichtet, das Opfer der theuersten Gefühle zu vollenden, seinem Idole auf immer zu entsagen; er schloß sich wieder fester an Margarethe an, um den Marquis von ihr fern zu halten. Margarethe konnte daher auf eine kurze Zeit glauben, sie habe ihn wieder für sich gewonnen.

Andererseits wurde er dem Marquis wieder näher gerückt, seitdem Emma erkrankt war. Die Gerüchte, welche über den Zustand der Kranken ausgingen, waren unsicher und widersprechend. Louis von Fontanieu trieb sich voll Angst in den Umgebungen des Hotels umher; er hoffte Susanne zu begegnen, aber diese verließ ihre Herrin keinen Augenblick, und Louis mußte sich an den Marquis selbst wenden.

Emma besaß zu wenig von den Eigenschaften, die einen Wüstling zu fesseln vermögen. Der Marquis strebte daher nicht allzu lange nach der Verwirklichung seiner Wünsche, die ihn theils aus Laune theils aus Spekulation eine kurze Zeit an sein Haus gebannt hatten. Als er den unerwarteten Widerstand sah, den Emma ihm entgegenstellte, kehrte er zu seinen früheren Gewohnheiten zurück. Die alte Sippschaft wurde wieder zu einer geschlossenen Phalanx vereinigt; er hoffte auch seinen Nachfolger bei Margarethen anwerben zu können; er hatte mehr als einen Grund, dies zu wünschen. Er war daher äußerst artig und zuvorkommend gegen Fontanieu, beantwortete jedoch alle Fragen über das Befinden der Marquise mit großer Gleichgültigkeit; er ahnte ja nicht, daß sein vormaliger Gegner so lebhaften Antheil daran nehme.

Louis von Fontanieu war sehr erfreut über diesen Empfang, der ihm, wenn auch nicht wie er gewünscht hätte, einen Platz am Krankenlager, doch wenigstens genaue Nachricht über die Krankheit der Marquise in Aussicht stellte.

Einige Zeit nachher bekam er noch einen Grund, sich über das freundschaftliche Entgegenkommen Escoman’s zu freuen. Seine Besuche bei Margarethe waren, sobald der Marquis nicht mehr an sie zu denken schien, immer seltener geworden; allein eines Tages, als er die dunkle Treppe Margarethens hinunterging, begegnete ihm ein Frauenzimmer, in welchem er trotz dem Dämmerlichte die alte Dienerin der Marquise von Escoman zu erkennen glaubte.

Die Anwesenheit Susannens in diesem Hause fiel ihm auf. Er war schon aus der Straße, ehe er einen Entschluß gefaßt hatte; nun aber bekam seine Neugierde die Oberhand, er ging die Treppe wieder hinauf.

Margarethe bewohnte das erste Stockwerk.

Das zweite bestand aus zwei Dachstuben. Die Gesellen des Hutmachers, der seinen Laden im Erdgeschosse hatte, schliefen in zwei dieser Stuben und pflegten diese nur Abends zu betreten; in der dritten wohnte eine unter dem Namen »Mutter Brigitte« bekannte Verfertigerin von Fußsocken mit einem zehnjährigen Knaben, welcher durch den Tod der armen Alten zur Waise geworden und ihr zur Last gefallen war.

Margarethe, ein gutherziges Geschöpf, wie sie alle sind, hatte mit Fontanieu oft über die traurige Lage der alten Brigitte gesprochen und von ihm einige Almosen für Letztere erhalten. Ein neues Almosen bot einen schicklichen Vorwand zu einem Besuch.

Er klopfte entschlossen an die Thür der Dachstube. Die Thür that sich sogleich auf und die alte Brigitte erschien. Aus ihrem schnellen Erscheinen hätte man schließen können, sie habe diesen Besuch erwartet.

Sie machte einen tiefen Knix, so daß Fontanieu über sie wegschauen und einen Blick in die ärmliche Stube werfen konnte.

Nikolaus – so hieß der kleine Knabe – war in zwei gleichzeitigen Beschäftigungen so vertieft, daß er sich nicht umsah. Mit der einen Hand, welche die Stelle eines Kammes zu vertreten schien, wühlte er in seinen struppigen Haaren; mit der andern versuchte er einen Vorgeschmack der Tafelfreuden zu bekommen und langte in eine auf dem irdenen Ofen stehende Pfanne, aus welcher gar appetitlich duftende Dämpfe aufwirbelten und die Hast, mit welcher der Knabe die ihm von der Großmutter gelassene Muße zu seinem Privatvortheil benutzte, vollkommen rechtfertigten.

Susanne war nicht da; das Stübchen, dessen ganze Einrichtung aus drei Stühlen bestand, war leicht zu übersehen.

Louis von Fontanieu richtete einige Fragen an die Alte, aber sie war taub, sie antwortete nur mir neuen Knixen, die der Kniebeugung sehr nahe kamen, und mit warmen Danksagungen für die schon erhaltenen Geschenke. Er gab ihr ein Fünffrankenstück und setzte seine Nachforschungen fort. Die Hutmachergesellen ließen gewöhnlich ihre Thüre offen. Er trat in die beiden Stuben und ging sogar auf den Boden, aber nirgends fand er eine Spur der Person, die zehn Minuten zuvor dicht an ihm vorübergegangen war.

Dies grenzte ans Wunderbare, und gleichwohl fand er sehr wahrscheinlich, daß Susanne Flügel habe. Ohne das Räthsel zu lösen, vermuthete er, daß ihn die Dienerin der Marquise beobachte.

Diese Vermuthung hatte eine gute und eine schlechte Seite. Wenn er wirklich beobachtet wurde, so war daraus zu schließen, daß man im Hotel Escoman, von welchem er sich jedoch fern hielt, noch an ihn dachte. Allein nach der Unterredung, die er mit Susannen gehabt, konnte er hinter dieser scheinbaren Theilnahme nur üble Absichten vermuthen.

Nach kurzem Besinnen faßte er den Entschluß, ein Herz zu fassen und der Marquise von Escoman, sobald sie seinen Besuch annehmen könne, sein Benehmen in aller Aufrichtigkeit und Demuth zu erklären. Dazu wollte er das freundliche Entgegenkommen des Marquis benutzen. Dieser sollte ihn, wie schon einmal, bei Emma einführen.

Diese künftige Unterredung beschäftigte nun alle seine Gedanken; er studirte Alles ein, was er der Marquise sagen wollte; er suchte ihre Antworten im Voraus zu errathen, und sein Herz pochte ungestüm bei dem Gedanken, daß er sie bald wiedersehen werde.

Zwei Tage nachher bemerkte er den Chevalier von Montglas in der Nähe des Hotels Escoman. Es war sieben Uhr Früh, und dennoch war der Chevalier im Ballanzuge. Der alte Lebemann hatte sich wahrscheinlich bei einem Gelage verspätet, welches einer anständigen Soirée gefolgt war. Diese Deutung wurde durch die Unordnung seines sonst so sorgfältigen Anzugs gerechtfertigt. Seine Weste war aufgeknöpft; eben so hatte er die Knöpfe seiner engen Beinkleider über den Knöcheln gelöst, und die entblößten Stellen, die man über den schwarzen Strümpfen bemerkte, glichen von weitem den Ringen, welche die Wilden um die Beine tragen; sein Hemd verrieth durch röthliche Flecke, daß er dem Bacchus gehuldigt hatte. Um sich gegen die Morgenkühle zu schützen, hatte er den Rockkragen aufgeschlagen, der damals sehr breit getragen wurde und in dieser Stellung eine Capuze um den Kopf bildete. Sobald der Chevalier, der trotz seines abenteuerlichen Anzugs ungemein vergnügt schien, seinen jungen Freund bemerkte, eilte er auf ihn zu.

»Schmachten wir immer noch?« sagte er mit einem schalkhaften Seitenblick auf das Haus der Marquise.

Louis von Fontanieu wußte aus Erfahrung, daß es vergeblich war, sich gegen den Chevalier zu verstellen; er kannte die Treuherzigkeit, die der alte Roué aus allen Stürmen des Lebens gerettet hatte. Ungeachtet seines leichtfertigen Benehmens war Montglas nicht fähig, das Vertrauen eines Freundes zu täuschen.

»Ja wohl,« antwortete Fontanieu, »Sie sind ein Narr, lieber Freund! Was wollen Sie denn mit einer Leiche anfangen? denn wie die Leute sagen, liegt sie in den letzten Zügen.«

Louis von Fontanieu erblaßte, als er diese letzten Worte hörte; aber er faßte sich schnell und erwiederte:

»Im Gegentheil, sie befindet sich besser.«

»Das ist noch schlimmer.«

»Wie so?«

»Ja wohl, für Sie noch schlimmer. Ich habe Alles gethan, was in meinen Kräften stand, um Ihnen diesen tollen Gedanken ans dem Kopfe zu treiben, und es reut mich, daß ich meine Zeit dabei verloren habe. Bedenken Sie doch, armer Junge, daß sie nach ihrer Genesung zwanzig Gründe hat, eine Frömmlerin zu werden, denn sie ist von ihrem Manne wieder verlassen worden, und —«

»Ich gestehe Ihnen,« unterbrach Fontanieu, »daß selbst diese Perspertive mich nicht abschrecken würde.«

»Sie haben Muth, Theuerster; aber eine Frömmlerin hegt immer die Hoffnung, der liebe Gott werde ihr in jener Welt die Tage des Fegefeuers vorrechnen, welches sie in seinem Namen hienieden ihren Liebhabern auferlegt.«

»Um ihretwillen würde ich Alles auf’s Spiel setzen.«

»Seien Sie vernünftig, Fontanieu, denken Sie nicht mehr an die Marquise. Wenn Sie wüßten, wie Sie sich seit einigen Monaten zu Ihrem Nachtheil verändert haben! Ich scherze nicht.«

»Und ich antworte Ihnen eben so ernsthaft, daß es unmöglich ist, ein so heftiges Gefühl, wie ich für die Marquise hege, zu mäßigen.«

»Machen Sie sich wenigstens nicht lächerlich,« erwiederte der Chevalier mit einer zornigen Bewegung, die den breiten Rockkragen von seinem Gesicht ablöste.

»Ich verstehe Sie nicht, erklären Sie sich,« sagte Louis von Fontanieu.

»Allerdings will ich mich erklären. Ich erweise Ihnen einen Freundschaftsdienst dadurch. Mein Zorn gegen den Marquis ist allerdings beschwichtigt, ich habe bewiesen, daß die heutigen Roués uns Voltigeurs Ludwigs XV., wie man uns nannte, nicht bis ans Knie reichten. Ich habe das dünne Silberblättchen entdeckt, welches dem gemeinen Kupfer den Anschein der Echtheit gab, und Jedermann hat darüber urtheilen können. Wir sind wett, das ist gewiß. Aber zwischen Ihnen und ihm schwanke ich keinen Augenblick, und kann nicht mithin, Ihnen einiges Mißtrauen zu empfehlen.«

»Was meinen Sie?«

»Sehen Sie denn nicht ein, daß Escoman Revanche nehmen will, und zwar auf demselben Platze, wo er geschlagen worden ist?«

»Glauben Sie, daß ihm Margarethe noch am Herzen liegt?«

»Allerdings.«

»Woraus schließen Sie das, Chevalier? der Marquis hat sie seit seiner Rückkehr nach Châteaudun nicht gesehen.«

»Das ist möglich, aber er hat sich durch einen Abgesandten bei ihr vertreten lassen.«

»Bah!« sagte Louis von Fontanieu, der über diese Eröffnung weder so erstaunt noch so bestürzt schien, wie es der Chevalier wünschte.

»Bah!« wiederholte Montglas spöttisch, »geben Sie immerhin Margaretha auf, wenn Sie wollen, aber vertheidigen Sie wenigstens Ihre Ehre, die auf dein Spiele steht.«

Fontanieu konnte sich eines Lächelns nicht erwehren, als er die sonderbare Deutung hörte, die der alte Roué seiner Ehre gab.

»Diesen Abgesandten müßte ich doch wenigstens kennen,« sagte er, um seine Lachlust zu verbergen.

»Ich wette, daß Sie unter tausend Namen den rechten nicht treffen.«

»Wir wollen annehmen, ich hätte neunhundert neunundneunzig Namen genannt, ohne den rechten zu treffen, Chevalier, und nennen Sie mir den tausendsten.«

»Es ist Susanne, lieber Freund, jene Gardistin, die man immer bei der Marquise sah und die der schlaue Escoman zu seiner Vertrauten gemacht hat.«

»Das ist nicht möglich, Chevalier.«

»Nicht möglich! Ich sah sie ja zweimal und an verschiedenen Tagen aus Margarethens Hause kommen.«

»Es ist wenigstens sehr unwahrscheinlich. Susanne hatte gegen den Marquis immer eine an Haß grenzende Abneigung.«

»Nun, dann ist sie vielleicht die Abgesandte der Marquise. Diese beabsichtigt wohl Margarethe zu ihrem Ehrenfräulein zu machen.«

Louis von Fontanieu versprach dem Chevalier seine Warnung nicht unbeachtet zu lassen. Er war ganz nachdenklich, als er seinen alten Freund verließ. Dieses seltsame Zusammentreffen von Umständen verwirrte seine Gedanken und warf alle seine Vermuthungen über den Haufen.

Noch denselben Vormittag faßte er zwei Entschlüsse.

Erstens wollte er Margarethen aufgeben. So glaubte er sich einer unangenehmen Ueberwachung zu entziehen, und folglich auch im Sinne des Chevaliers seine Ehre zu wahren. Er konnte sich nun der Marquise mit froherem Muthe vorstellen und ihr seine Aufrichtigkeit beweisen.

Der zweite Entschluß bezog sich auf Susanne. Fontanieu wollte sich um jeden Preis überzeugen, ob Susanne wirklich in Margarethens Hause gewesen war, und was sie daselbst zu thun gehabt.

Diese beiden Entschlüsse wollte er noch denselben Tag in Ausführung bringen.

Drittes Capitel.
Wo gezeigt wird, daß es schmerzhafter ist, sich einen Dorn aus dem Fuße zu ziehen, als hineinzutreten

Uni vier Uhr begab sich Louis von Fontanieu, als er aus dem Bureau kam, zu Margarethe. Er ging schnell, wie Einer, der gewöhnlich unentschlossen ist und sich nur durch Reizmittel, die sein Blut aufregen, in einer muthigen Stimmung erhält.

Als er um die Ecke der Carmeliterstraße bog, befand er sich dem Hause gegenüber, in welchem Margarethe wohnte. Aus jenem Fenster pflegte sie ihm die erste Kußhand zuzuwerfen.

Aber heute war das Bild nicht in seinem Rahmen; es war das erste Mal, daß es hier fehlte.

Louis von Fontanieu fürchtete, sie sei ausgegangen. Er fühlte sich in ungemein guter Stimmung, den entscheidenden Schritt zu thun. Ein Aufschub wäre ihm höchst unangenehm gewesen: er wußte ja nicht, ob er je wieder die Willenskraft haben werde, die er jetzt besaß.

Unten auf der Treppe hörte er kichern; er erkannte die Stimme Margarethens.

Sie schien heiterer, schalkhafter, als sie seit einiger Zeit gewesen war, d.i. seit dem sich Louis von Fontanieu gegen ihre Liebeständeieien waffnete.

»Komm geschwind!« rief sie ihm oben auf der Treppe zu. »Ach! wenn Du wüßtest, was für eine merkwürdige Geschichte ich Dir zu erzählen habe!«

Aber die versprochene Geschichte nahm ihr nichts von den Rechten, welche sie für sich in Anspruch nahm. Als ihr Verehrer im ersten Stocke erschien, schlang sie einen Arm um seinen Nacken und küßte ihn mit der ihr eigenen Heftigkeit.

Sie hing noch an seinem Halse, als er aus dem Halbdunkel der Treppe auf den hellern Vorplatz trat. Nun erst konnte Margarethe sehen, wie finster sein Gesicht war.

Sie trat erschrocken ein paar Schritte zurück; der finstere, fast drohende Ausdruck seiner Züge zeigte ihr ein sehr nahes Ungewitter.

»Mein Gott! was fehlt Dir denn?« fragte sie.

»Ich habe mit Ihnen zu reden, Margarethe,« antwortete Louis.

»Das freut mich,« sagte Margarethe, die das Geplauder als Blitzableiter zu benützen suchte. »Denn das muß man Dir lassen: wenn ich seit vierzehn Tagen taub geworden wäre, so könnte man Dir gewiß nicht vorwerfen, daß Du mir durch übermäßige Betheuerungen deiner Liebe das Trommelfell gesprengt habest.«

»Was ich Ihnen zu sagen habe, ist ernster, Margarethe.«

»Du machst mir Angst, Louis. Hast Du vielleicht einigen Lästerungen Gehör gegeben? Doch nein, Du würdest sie nicht beachtet haben. Jedes weibliche Wesen findet im Leben einen Mann, gegen den eine Untreue, ein Verrath unmöglich ist. Man muß sie nach ihrem Verhalten gegen diesen Mann beurtheilen; ihre andern Vergehen sind keine Vergehen mehr. Wie könnte ich Dich betrügen! Ich frage mich zuweilen, ob es möglich wäre, und mein ganzes Wesen empört sich bei dein Gedanken an eine solche Treulosigkeit.«

»Ich beschuldige Sie keineswegs, Margarethe; ich habe Ihnen keinen Vorwurf zu machen.«

»Ei! das sind also die ernsten Dinge, die mir eine Gänsehaut machten? Das lasse ich gelten; aber ich bitte Dich, lieber Louis, sage nicht mehr Sie. Du solltest nur wissen, wie weh mir das thut! – Das trauliche Du ist ja Alles, was von den süßesten Stunden übrig bleibt, Alles, was uns die Menschen nicht verkümmern können. Wenn Du mich nicht mehr Du nennen willst, so liebst Du mich nicht, wie ich Dich liebe.«

Margarethe wollte sich auf seinen Schooß setzen, aber er stieß sie zurück.

»Sie müssen sich aber doch in das Unvermeidliche fügen,« erwiederte Louis von Fontanieu; »denn wahrscheinlich werden wir fortan diese Sprache immer führen.«

Seine abwehrende Bewegung hatte einen so erschüttenden Eindruck auf sie gemacht, daß sie seine Worte nicht beachtete.

»Es wird also gehen wie gestern, wie vorgestern, wie seit mehren Tagen: Du hast keinen Kuß, kein zärtliches Wort für deine arme Margarethe! – Mein Gott! mein Gott! wie unglücklich bin ich!«

Sie fing an zu weinen, um ihre Klage noch rührender zu machen.

Louis von Fontanieu wurde sehr verlegen. Er hatte, um seine ganze Willenskraft zu zeigen, auf eine heftige Scene gezählt. Diese Sanftmuth, diese Ergebung, auf die er nicht gefaßt war, zwang ihn zu kaltem Muth; er sah sich gezwungen seine Entschlossenheit mit Heuchelei zu umgeben; er zog daher die eben zurückgestoßene Margarethe auf seinen, Schooß.

»Du hast Recht, armes Kind, ich weiß deinen Schmerz zu würdigen. Das Leben, welches ich Dir bereitet, muß schwer auf Dir lasten. Warum solltest Du es also fortsetzen?«

Margarethe faßte den Doppelsinn dieser Worte unrichtig auf.

»Warum? Du fragst warum?« erwiederte sie. »Weil ein einziger Kuß von Dir alle meine Leiden reichlich bezahlt; weil ich Alles aufs Spiel setzen würde, um Dich mir zu erhalten; weil es mir scheint, daß die Leiden, zu denen Du mich verurtheilst, deinen Werth verdoppeln; weil ich Dich noch nie so innig geliebt habe, wie heute und Du vergönnst mir nicht einmal ein liebevolles, tröstendes Wort.«

Der Kampf hatte begonnen, er konnte nicht mehr zurück. Der erste Angriff kostet immer Ueberwindung, gleich viel ob mit geistigen oder greifbaren Waffen gekämpft wird; Thränen und Blut reizen den Gegner und machen seiner Unschlüssigkeit ein Ende.

»Hören Sie mich an, Margarethe,« sagte Louis von Fontanieu mit kaltem Tone, der mit seinem einschmeichelnden, ja zärtlichen Benehmen, im Widerspruch stand. »Sie wissen, durch welchen unfreiwilligen Umstand unsere-Bekanntschaft eingeleitet wurde; es war mir immer zuwider, in der Liebe nur eine vorübergehende Befriedigung zu suchen. Es schien mir, daß unser ganz zufälliges Verhältniß keinen Anspruch auf längere Dauer habe. Ich war leider so schwach, dieser inneren Stimme nicht zu gehorchen, und ich habe meine Schwäche oft bitter bereut. Als ich Sie nachher besser kennen lernte, entdeckte ich in Ihnen Vorzüge, die ich nicht geahnt hatte. Ich hoffte immer, Sie würden in meinem Herzen den Platz einnehmen, den ich Ihnen so gern angewiesen hätte; heute, Margarethe, sehe ich ein, daß es mir unmöglich ist, diese schmähliche Komödie einer Liebe weiter zu spielen, die ich nicht theilen kann, ja die ich nie gefühlt habe.«

Bei den ersten Worten war Margarethe blaß geworden; sie war aufgestanden und starrte den Mund ihres Geliebten an, als ob jedes seiner Worte eine Gestalt, eine Farbe gehabt hätte, welche sie zu erkennen suchte.

»Was sagt er?« stammelte sie, indem sie, gleichsam um ihre Gedanken zu sammeln, langsam mit der Hand über die Stirn strich als sie sich endlich von der ersten Bestürzung erholte, brach sie in Thränen aus.

»Nein, nein!« rief sie, heftig schluchzend, »es sind Lügen! Du hast mich nicht geliebt, sagst Du? – Du lügst! Als ob ich Liebe von Gleichgültigkeit nicht zu unterscheiden wüßte! Ich habe d’Escoman nie geliebt; für deine zärtlichen Worte aber war ich nur zu empfänglich, sie klingen mir noch in den Ohren. Glaubst Du denn, ich hätte das Gedächtniß verloren? Du hast mich geliebt, sage ich Dir! Suche daher deiner Handlung keinen falschen Schein von Delicatesse zu geben. Soll ich Dir die Verlegenheit eines Geständnisses oder die Beschämung eines Betruges ersparen? Ich will Dir die Wahrheit sagen. Du liebst eine Andere, ich stehe Dir im Wege, und Du willst Dich meiner entledigen. – Das ist die Wahrheit, aus deren Krallen Du vergebens loskommen möchtest. Mein Gott! wenn ich doch wüßte, wer die Andere ist. Aber sie möge sich in Acht nehmen, wenn ich sie kennen lerne! Ich werde sie ohne Erbarmen, ohne Reue umbringen wie einen Hund. Hörst Du wohl, sie mag sich in Acht nehmen!«

Margarethe machte bei diesen Worten eine Handbewegung, als ob sie einen Dolch gehabt hätte. Ihre Augen sprühten Feuer; ihr Haar, welches sich bei ihren heftigen Geberden aufgelöst hatte, gab ihr ein so furchtbares Aussehen, daß Louis von Fontanieu unwillkürlich erblaßte; aber nach diesen Verwünschungen und Drohungen bekamen die weiblichen Gefühle wieder die Oberhand und milderten die tobende Leidenschaft.

Margarethens Kraft schien plötzlich gebrochen.

»Nein, nein, es ist nicht wahr!« sagte sie, auf die Knie fallend und die Hände des jungen Mannes mit Küssen und Thränen bedeckend. »Es ist nicht wahr, Du willst mich nur auf die Probe stellen, mir einen Schrecken einjagen. Du hast gedacht, ich will doch sehen, ob mich die närrische Margarethe wirklich so liebt, wie sie sagt. – Mein Gott! wenn es Dir Vergnügen macht, mich zu quälen, so thue es. Ich bin ja deine Creatur, mit der Du nach Gutdünken schalten und walten kannst. Und doch thut‘s mir sehr weh, glaube mir’s nur, ich würde fast eben so gern sterben.«

Ein Gerichtshof ist nicht härter, unerbittlicher, als ein Herz, das von einem einzigen Gefühle erfüllt ist, wenn man diese Gefühlsseite nicht anschlägt. Louis von Fontanieu würde das Leben geopfert haben, um den Augen der Marquise von Escoman eine Thräne zu ersparen, und er blieb gleichgültig, als er Margarethe schluchzend in seinen Füßen sah.

Er hatte nur seinen Zweck vor Augen.

»Nehmen Sie Vernunft an, Margarethe,« sagte er mit eisigkaltem Tone. »Heute verwünschen Sie mich; später werden Sie einsehen, daß ich wirklich als Freund gehandelt, als ich nicht wollte, daß Ihre Jugend ohne Gegenliebe, deren Sie vollkommen würdig sind, verloren gehe.«

»Meine Jugend! Siehst Du denn nicht ein, daß meine Haare grau sein werden, wenn das noch zehn Minuten dauert? – Meine Jugend! was liegt mir an meiner Jugend, denn Du bist ja mein Leben. – Louis, ich bitte Dich um Gottes willen, liebe mich! Oder, wenn Du mich nicht liebst, so sage mir wenigstens, daß Du mich liebst.«

»Das ist unmöglich, Margarethe. Wenn mein bisheriges Stillschweigen ein Fehler war, so würde es durch längere Dauer zum Verbrechen. Seit vierzehn Tagen bin ich unschlüssig, ob ich Ihnen aufrichtig Alles sagen sollte; Sie selbst haben’s so eben gestanden. Wir haben in diesen vierzehn Tagen so viel gelitten, daß wir Beide nicht wünschen sollten, sie wieder anzufangen.«

Aber ohne ihn anzuhören, oder vielmehr ohne seine Worte zu beachten, setzte sie hinzu:

»Sage mir, was muß matt thun, um Dir zu gefallen, um deine Liebe zu gewinnen? – Mein Gott! habe ich mich denn je beklagt, daß Du mich nicht zärtlich genug liebtest? Wie soll ich werden, um von Dir geliebt zu werden! Sprich, ich glaube, ich würde mich umschmelzen lassen, um Dich nicht zu verlieren.«

Louis von Fontanieu gab seine Ungeduld zu erkennen.

»Nehmen Sie Vernunft an, Margarethe,« sagte er.

»Die Vernunft ist der Wein, mit welchem sich die Schwachköpfe und Feiglinge berauschen,« antwortete Margarethe heftig; »ich habe nie Vernunft gehabt und will nichts davon hören. Ich will von Dir geliebt werden, und wenn dies deine Kräfte übersteigt, so laß es mich wenigstens glauben.«

»Wozu könnte es Ihnen nützen? – Ich will Sie jetzt verlassen, armes Kind; ich will wieder kommen, wenn Sie ruhiger sind.«

»Du gehst nicht von der Stelle!« rief Margarethe, auf die Thür zueilend. »Was soll aus mir werden, wenn Du fort bist? – Du gehst nicht von der Stelle, sage ich Dir! Du liebst eine Andere, das ist nicht zu bezweifeln; würdest Du sonst so unerbittlich sein!? O, ich kenne das. Ich stand zu d’Escoman in dein gleichen Verhältnisse, wie Du zu mir. Der liebe Gott straft mich nun dafür. Ich bin böse, Du aber bist gut. Ich kenne Dich. Gestehe es nur, man hat Dich umgarnt, gegen mich eingenommen. Sage es nur, gestehe es, und ich will Dich fortlassen. – Du kannst wohl denken, daß ich dein Herz nicht mit einer Andern theilen mag. Sage mir Alles, und Du wirst sehen, daß ich ruhig werde, wie Du es wünschest. – Nicht wahr, Du liebst eine Andere? – Lüge nicht, antworte mir Nein, und sieh mich dabei an, wie ich Dich ansehe.«

»Und wenn es wäre, habe ich nicht das Recht?«

»Wer macht Dir’s denn streitig? Aber sprich, damit ich doch wenigstens einmal die Wahrheit aus deinem Munde höre. Da es einmal mein Urtheil ist, so habe doch den Muth es auszusprechen.«

»Margarethe, jetzt verleumden Sie mich. Ich habe Sie nie belogen; ich habe Ihnen nie gesagt, daß ich Sie liebe. Sie haben mir heute nicht zum ersten Male vorgeworfen, daß Sie mein Herz nicht besitzen.«

»O, da ist sie schon wieder!« sagte Margarethe mit dem Tone, mit welchem Archimedes angekündigt haben mag, daß er sein großes Problem gelöst.

»Wen meinen Sie?«

»Die Marquise von Escoman. – Du bist ihr also treu geblieben? Du bist also standhaft in deiner Liebe? – Mein Gott! eine solche Rache hatte ich nicht gehofft.«

»Sie haben sich an der Marquise gerächt? Was kann denn sie mit —«

»Mit mir gemein haben, wolltest Du sagen? Eine vornehme Dame mit einem verachteten Geschöpfe? Sage es nur gerade heraus, obgleich ich in diesem Augenblicke wirklich nicht weiß, ob dieses Wort auf sie oder ans mich eine Anwendung findet. – O, wie ungerecht sind doch die Menschen, und wie groß ist die Langmuth Gottes! Man ist arm, man ist als sechzehnjähriges Mädchen mit Lumpen bedeckt, die Ihr eleganten Leute nicht einmal mit den Handschuhen anfassen würdet. Man zeigt dem armen Geschöpf Geschmeide, schöne Kleider, Shawls, man spricht ihr schöne Worte vor, wie könnte die Arme dieser Versuchung widerstehen!l sie würde sich um weit geringern Preis verkauft haben, um nur ihren Hunger zu stillen. – Jene dagegen ist reich, von vornehmer Geburt. Die Anderen, die von Fleisch und Bein sind, wie sie, vielleicht schöner sind als sie, gehen aus dem Wege, wenn sie kommt, und betrachten sie mit noch mehr Bewunderung als Neid. Gott hat ihr Alles gegeben, was man nur wünschen kann; sie hat umsonst, was Andere von einem Manne erkaufen müssen. Und wenn sie aus Laune, aus Uebermuth, aus Leidenschaft thut, was die Anderen aus Noth, soll das etwa keine Schmach für sie sein?«

»Schweigen Sie, Margarethe! Sprechen Sie den Namen einer allgemein hochgeachteten Dame nicht aus, ich weiß sonst nicht, ob ich mich beherrschen würde.«

»Ja, Du wirst mich schlagen, mißhandeln. Ich sehe wohl, daß Du sie liebst. – Nun, ich will schweigen; aber ich will Dir etwas zeigen, was beredter, überzeugender ist, als meine Worte. Du wirst sehen, daß Du bei dem Tausche wenigstens nichts gewinnst, daß sie nicht besser ist als ich.«

»Margarethe!« rief Louis von Fontanieu zornig und! faßte sie bei der Kehle als ob er sie erwürgen wollte. »Margarethe, zittere vor mir, wenn Du gelogen hast!«

»So komm doch,« antwortete Margarethe.

Sie zog Louis von Fontanieu an die Treppe, welche sie mit wüthender Hast erstieg.

Die drei Thüren des zweiten Stockwerkes waren geschlossen.

Margarethe deutete auf die Kammer, welche der jüngste und hübscheste Geselle des Hutmachers, der sogenannte Adonis von Châteaudun, bewohnte.

»Dies ist das Boudoir der Marquise von Escoman,« sagte Margarethe sehr laut; »hier hat sie ihre Zusammenkünfte —«

, Zusammenkünfte! – Gott im Himmel! mit wem denn?« rief der junge Mann, dem der Dämon der Eifersucht das Herz zerriß.

»Mit wem!l Frage sie nur: vermuthlich mit einem bescheidenen Handwerker. Während die Grisette Liebschaften mit Cavalieren hat, beglückt die Marquise einen Arbeiter. Das Gleichgewicht wird also sehr vernünftig hergestellt. Findest Du das nicht auch, Vicomte, Graf, Baron, ich weiß nicht mehr was Du bist.«

»O, mein Gott!« sagte Louis von Fontanieu, das Gesicht mit beiden Händen bedeckend, »ich glaube, daß ich den Verstand verliere!«

Er versuchte nun die verschlossene Thür gewaltsam zu öffnen.

Der Lärm, den Margarethe machte, hatte inzwischen die Bewohner des Erdgeschosses herbeigelockt; die alte Brigitte war mit ihrem Enkel aus ihrer Stube gekommen, und Beide vereinigten ihre Anstrengungen um sich den Einbruchsversuchen des jungen Mannes zu widersetzen.

Margarethe sah wohl, daß sie nicht mehr zögern durfte, die Rache, welche sie sich versprochen, hätte sonst leicht vereiteit werden können; sie fürchtete, Louis von Fontanieu werde an der Wahrheit ihrer Behauptung zweifeln. Sie stieß die Mutter Brigitte so heftig zurück, daß die alte Frau zu Boden fiel; auch den jungen Mann schob sie auf die Seite und sprengte mit einem kräftigen Fußtritt die Thür ein.

Louis von Fontanieu sah nun zwei Frauen in der kleinen Dachstube. Die Eine trat den Eindringenden beherzt entgegen, und er erkannte Susanne Mottet. Die Andere verbarg ihr Gesicht mit beiden Händen; aber an ihrer Gestalt, an ihren langen blonden Locken, die unter dem Hut hervorquollen, zugleich aber an den raschen Pulsen seines Herzens erkannte er Emma.

Margarethe hatte sich indeß in einem Punkte getäuscht: von einem Manne war keine Spur in der Dachstube zu sehen.

Noch mehr. Das Bett war weggerückt, und an der Stelle, wo es gestanden, waren die Ziegel, mit denen das Stübchen belegt war, sammt dem darunter befindlichen Schutt weggeräumt, so daß der Fußboden, der die Dachstube von dem Zimmer des ersten Stockes trennte, möglichst dünn wurde.

Dieses letztere Zimmer war aber das Zimmer Margarethens.

Louis von Fontanieu wurde leichenblaß, als er diese Vorkehrungen sah und an den muthmaßlichen Zweck derselben dachte.

Viertes Capitel.
Wie gefährlich es ist, in einer Mausefalle auf der Lauer zu stehen

Es waren wirklich Emma und Susanne, welche Louis von Fontanieu in einer elenden Dachstube neben dem Kämmerlein der alten Brigitte fand.

Wir haben zu erklären, wie die Beiden dahin gekommen waren.

Als Emma, wie schon erwähnt, die Erinnerung an die vormalige Geliebte des Marquis gleichsam als Schutzmittel gegen den jungen Mann anwandte, der ihrem Herzen so theuer war, beschloß Susanne dieses Hinderniß zu beseitigen.

Später wußte sie die seltsame Rolle, welche sie in diesem entscheidenden Wendepunkte ihres Lebens gespielt, durch triftige Gründe zu rechtfertigen; aber wir müssen zur Steuer der Wahrheit erklären, daß sie ohne Ueberlegung handelte; sie würde sich geschämt haben eine Secunde zu zögern. Es war für sie eine Lebensfrage, gegen welche nichts einzuwenden war. Sollte Emma leben, oder der Krankheit unterliegen? das war die große Frage, deren Lösung für die schwärmerische Liebe Susannens keinen Augenblick zweifelhaft bleiben konnte. Die religiösen Grundsätze der alten Amme wurden durch ihre fixe Idee völlig in den Hintergrund gedrängt; aber sie lebte in der festen Ueberzeugung, ein gutes, Gott wohlgefälliges Werk zu thun.

Der Plan, den sie zur Ausführung ihres Vorhabens entwarf, war sehr abenteuerlich: sie wollte zu Margarethe gehen und sie durch das Versprechen eines hübschen Sümmchens, weiches sie von ihren Ersparnissen nehmen wollte, zu bewegen suchen, die Stadt zu verlassen. Sobald sie freies Feld hatte, konnte sie ungehindert manövriren, und es schien ihr unzweifelhaft, daß Louis von Fontanieu zu der Marquise zurückkehren werde. Die letztere sollte natürlich die geheimen Fäden, welche die alte Susanne spielen ließ, nie kennen lernen und Alles für eine zufällige Wendung der Dinge halten.

– Susanne bemerkte bald, daß ihr Plan weit leichter auszuführen war, als sie geglaubt hatte. Sie machte die Entdeckung, daß Louis von Fontanieu sehr kühl gegen seine sogenannte Maitresse war. Sie zog daraus mit echt weiblicher Logik den Schluß, daß er nie aufgehört habe, an die Marquise zu denken. Hatte sie doch selbst gehört, daß er dieser eine feurige Liebeserklärung gemacht.

Susanne war ganz voll Freude und Hoffnung. Von diesem Augenblicke an suchte sie mit völliger Gewißheit zu ermitteln, was sie ahnte. Sie beachtete Louis von Fontanieu mit der Hartnäckigkeit eines Schergen; sie schlich ihm Tage lang nach, folgte ihm auf seinen melancholischen Spazirgängen am Saum des Waldes, bis zu der Stelle, wo er die Marquise von Escoman angeredet hatte. Sie sah, wie er zwecklos um das Hotel umherirrte, und aus ihren Beobachtungen schloß sie, daß er nicht aussehe wie ein glücklich Liebender.

Das war schon etwas, aber sie hatte noch viele Schwierigkeiten zu beseitigen. Sie mußte völlige Gewißheit haben, um Emma gegenüber mit Entschiedenheit zu handeln.

Der Geist wird sehr scharfblickend, das Gefühl äußerst fein, wenn die Gedanken beständig auf einen und denselben Gegenstand gerichtet sind. Susanne war mit ihrer jungen Herrin gleichsam ein Herz und eine Seele geworden; sie litt ihre Schmerzen mit, sie theilte jede freudige Regung, jede Hoffnung mit ihr; sie sah daher leicht voraus, daß das beständige Schwanken zwischen Hoffnung und Täuschung ihr geliebtes Kind tödten würde.

Die alte Brigitte war die einzige Person, durch welche sie Zutritt in dem Hause finden konnte. Ein Vorwand zu einer Annäherung an die arme Arbeiterin war leicht gefunden.

Die Frauen aus dem Volke haben, zumal in der Provinz, eine tiefe Verachtung gegen Mädchen ihres Standes, welche eilten anstößigen Lebenswandel führen. Ob es Eifersucht ist oder Sittlichkeitsgefühl, Abneigung gegen die, welche die Armuth entehren, wer vermag es zu entscheiden? Genug, die alte Brigitte, welche die milden Gaben Margarethens ohne Bedenken annahm, gab gleichwohl ihre Entrüstung über die Letztere deutlich zu erkennen.

Susanne stimmte natürlich in diesen Tadel mit ein, obgleich sie es mit der Wahrheit eben so wenig genau nahm, wie irgend eine der von ihr getadelten Dirnen. Sie erzählte ihrer neuen Bekannten mit der größten Zuversicht, der junge Mann, der seinem Verderben entgegengehe, sei ein Verwandter ihrer Herrin; er sei verheiratet und treibe seine Frau zur Verzweiflung. Sie machte von dieser Verzweiflung eine so rührende Schilderung, daß die alte Brigitte noch mehr gegen Margarethe aufgebracht ward als Susanne selbst. Diese mußte die erzürnte Alte sogar beschwichtigen.

Beide waren darüber einverstanden, die »Dirne« – so nannte sie die Nachbarin im ersten Stocke – müsse den unglücklichen jungen Mann behext haben, und Susanne sprach den noch schüchternen Wunsch aus, das Zaubermittel kennen zu lernen, durch weiches sie es ihm angethan.

»Das ist ganz leicht,« antwortete Brigitte. »Die Dachstube nebenan wird von den Arbeitern nur zum Schlafen benutzt, und Nicolas hat die Erlaubniß, dort zu spielen und aus dem Fenster auf die Straße zu schauen. Das Caminrohr geht aus dein ersten Stocke durch die Dachstube. Man kann leicht ein paar Ziegel herausnehmen; man hält das Ohr an die Oeffnung und hört jedes Wort, das in dem Zimmer der Dirne gesprochen wird.

Susanne fragte die alte Brigitte nicht, wie sie diese Entdeckung gemacht; es war nicht der Augenblick, die arme Frau über die Reinheit ihrer Absichten zur Rede zu stellen; überdies stimmten ja diese Ansichten mit denen Susannens ganz überein. Die Amme brachte daher die eben erhaltene Lehre sogleich in Ausführung, und sie konnte sich überzeugen, daß Brigitte die Wahrheit gesagt hatte.

Louis von Fontanieu war eben zu Margarethe gekommen. Susanne verlor kein Wort seiner Unterredung mit ihr.

Louis von Fontanieu, der immer nur an Emma dachte, war keineswegs mehr so zärtlich gegen Margarethe, wie im Anfange ihrer Bekanntschaft; er gab sich gar keine Mühe mehr, seine Kälte zu verbergen, so daß sich Margarethe bitter darüber beklagte.

Susanne, die in ihrem Versteck Alles hörte, schloß daraus, daß ihr Argwohn gegründet sei, daß die vermeinte Granitmauer, welche die Marquise als eine Schutzwehr gegen alle Versuchungen betrachtet hatte, nur eine schlechte Lehmwand sei, die bei dem mindesten Stirnrunzeln einstürzen würde, wie die Mauern von Jericho durch den Schall von Josua’s Posaune eingestürzt waren.

Sie beeilte sich, der Marquise die gute Nachricht mitzutheilen.

Diese gab ihr einen sehr ernsten Verweis. Es war der erste Vorwurf, den ihr Liebling ihr machte, und sie brach in Thränen aus! Emma suchte ihr das Gehässige dieser Umtriebe begreiflich zu machen und ihr zu zeigen, wie tadelnswerth sowohl der Zweck als das zur Erreichung desselben angewendete Mittel sei; aber wo das Gewissen schwieg, konnten auch die Worte der Marquise keinen Anklang finden. Susanne wollte ihr ja keinen Geliebten, sondern die Gesundheit, das Leben geben, und nach ihrer Meinung hingen Gesundheit und Leben der Marquise von der Gewißheit ab, daß Louis von Fontanieu Margarethe Gelis nicht liebte.

Es war unmöglich, die arme Frau eines Besseren zu belehren.

Sie brachte noch denselben Abend ihr Lieblingsthema auf’s Tapet; sie ward wieder abgewiesen, aber sie ließ sich nicht abschrecken. Am andern Morgen fing sie wieder an; sie sprach nur von Louis de Fontanieu, von seiner unendlichen Liebe, von ihrem Schmerz über seine Verirrung.

Das tropfenweise fallende Wasser höhlt mit der Zeit den Stein aus. Die verlockenden Reden Susannens, die eindringlichen Worte, mit welchen sie nicht nur der weiblichen Eigenliebe ihrer jungen Herrin schmeichelte, sondern auch ihr Mitleid zu erregen wußte, machten am Ende einen tiefen Eindruck auf die Marquise, deren schwaches Herz nur, noch durch die Gebote der Weltsitte und des Anstandes im Gleichgewichte erhalten worden war.

Bald gebot sie der alten Susanne nicht mehr zu schweigen; sie ließ sich auf Erörterungen ein, und von jenem Tage an war sie verloren. Es handelte sich nur um Zeit und Gelegenheit. Susanne widerlegte siegreich alle Einwendungen und Gegengründe.

Die Marquise hatte indeß ein Bedenken, welches die Amme mit allen Scheingründen und Trugschlüssen nicht zu heben vermochte. Wenn Louis von Fontanieu für Margarethe keine Liebe empfand, warum setzte er denn ein so anstößiges, von allen ehrbaren Leuten getadeltes Verhältnis; fort?

Susanne, welche mit den Sitten und Gewohnheiten der gebildeten Welt wenig bekannt war, wußte sich die Geduld und Beharrlichkeit Fontanieu’s so wenig zu erklären, wie die Marquise; sie umging daher die Frage, welche sie nicht zu beantworten wußte.

Sie machte eine dieses Mal nicht sehr übertriebene Schilderung von den Lockungen, denen der junge Mann seit einigen Tagen, wo sie ihn beobachtet, so heroischen Widerstand geleistet. Sonst würde die gute Susanne ihre junge Gebieterin wohl mit solchen eben nicht stark verhüllten Bildern verschont haben, aber sie wollte ihr beweisen, wie wenig die Versucherin über Louis von Fontanieu vermochte.

Solche Schilderungen waren ganz geeignet, in dein Herzen der jungen Frau Gefühle zu wetten, die ihr bis dahin ganz unbekannt gewesen waren. Wenn die alte Amme die stürmische Zärtlichkeit Margarethens beschrieb, so erregte sie nicht nur die sinnlichen Gefühle der Marquise, sondern auch ihre Eifersucht. Die sanfte, keusche Emma fühlte den Stachel des Hasses durch ihre Seele dringen, und sie wandte sich nicht mehr mit Widerwillen ab von solchen Ungeheuerlichkeiten, welche sie nicht mehr mit Entrüstung, sondern nur noch mit Neid betrachtete.

Der Gesundheitszustand der Marquise verschlimmerte sich wieder; ihr kurzer, unruhiger Schlaf wurde von schrecklichen Träumen gestört. Sie fühlte sich so tief ergriffen davon, daß sie es kaum noch wagte die Augen zu schließen und nur der äußersten Erschöpfung ihrer Kräfte nachgab.

Einst fuhr sie mit einem lauten Schrei ans dem Schlafe auf.

Susanne eilte herbei. Die Marquise saß im Bette aufgerichtet; ihr Blick war starr, ihr Gesicht glühte in Fieberhitze.

»Ich will selbst sehen,« sagte sie mit fieberhafter Hast, »und wenn Du mich betrogen hast, Susanne, so werde ich ohne Bedauern scheiden. Wenn er mich aber liebt, so will ich nicht sterben, ohne aus seinem Munde das Geständniß seiner Liebe gehört, ohne ihm geantwortet zu haben: »Und ich liebe Dich auch.«

»Und Du sollst nicht sterben, mein Kind,« erwiederte Susanne freudetrunken, denn sie glaubte, daß Emma bald das Ende ihrer Leiden erreichen werde.

Am frühen Morgen begab sie sich zu der alten Brigitte; sie fürchtete, der Plan werde an irgend einem Mißgeschicke scheitern. Mit einer neuen Lüge gab sie der Alten zu verstehen, daß die Verwandte Fontanieu’s zu sehen wünsche, was zwischen Margarethe und dem jungen Manne vorgehe, der seine Familie mit leeren Versprechungen hinhalte.

Eine gute Summe Geldes, welche sie der Alten übergab, befestigte deren Treue und Verschwiegenheit. Brigitte erbot sich, Wache zu stehen, während Susanne und Nicolas an der Vergrößerung der Oeffnung arbeiten würden.

Susanne riß sich an den Ziegeln und an der harten Gypsverkleidung die Finger blutig; sie würde in ihrem Eifer das Haus abgebrochen haben.

Es wurde verabredet, daß Susanne in Begleitung der fraglichen Verwandten kommen sollte. Nicolas sollte eine Stunde vorher als Schildwache an die Thür gestellt werden; er sollte die beiden Damen durch ein verabredetes Zeichen warnen, wenn es gefährlich für sie wäre, die Treppe zu besteigen.

Die Ungeduld, mit welcher Emma schon seit dem frühen Morgen die Stunde des Ausganges erwartete, machte alle diese Vorkehrungen unnütz.

Als sie mit Susanne ankam, war Nicolas nicht auf seinem Posten; aber Margarethe lauerte am Fenster hinter den halbgeöffneten Jalousien.

Die Haltung der einen dieser beiden Damen, welche sie in’s Haus kommen sah, fiel ihr auf; sie öffnete leise ihre Zimmerthür, und ungeachtet des dichten Schleiers, den die Marquise von Escoman trug, erkannte sie diese ganz deutlich.

Der Ruf der Marquise war so weit über jeden Verdacht erhaben, daß Margarethe anfangs glaubte, sie gehe zu der alten Brigitte, um der armen Frau ein Almosen zu geben.

Sie wartete, und sah die beiden Frauen nicht zurückkommen.

Margarethe bekam nun böse Gedanken. Vielleicht bewahrte die Marquise von Escoman nur den äußeren Schein der Tugend, vielleicht war sie nicht besser als alle Anderen.

So pflegen Personen von Margarethens Art über gebildete Damen zu urtheilen. Diese, meinen sie, wahren ihren Ruf nur durch Verstellung.

Während sich Margarethe ihren philosophischen Betrachtungen überließ, hörte sie auf einmal flüstern, dann die Thür zu der Kammer des Arbeiters öffnen, endlich leise Fußtritte.

Ihr Argwohn wurde nun fast zur Ueberzeugung. Ohne Zweifel begab sich die Marquise zu einem Geliebten, und dieser nahm in der gesellschaftlichen Hierarchie die bescheidene Stellung eines Hutmachergesellen ein.

Er war freilich der hübscheste Hutmachergeselle in Châteaudun.

Margarethe, die in solchen Dingen erfahren war, wußte wohl, daß man, um Glauben zu finden, nicht blos Verdacht, daß man Gewißheit haben muß.

Sie ging zu der alten Brigitte, um diese Gewißheit zu suchen.

Die Alte empfing sie eben so, wie sie Louis von Fontanieu vor etwa zehn Tagen empfangen hatte.

Nur Nicolas brachte eine kleine Abwechslung in die Situation; statt sich mit fünf Fingern die Haare zu kämmen, rieb er sich ein Auge mit der flachen Hand; er benutzte den Augenblick, wo ihm seine Großmutter den Rücken zukehrte, dieses Mal nicht zum Naschen, sondern er gab einem schwarzen Kater, seinem größten Feinde, einen tüchtigen Fußtritt.

Margarethe sah keine Spur von den beiden Damen. Konnte die Bescheidenheit einer Wohlthäterin wohl so weit gehen, daß sie sich Stunden lang in der Kammer eines Arbeiters versteckt hielt?

Margarethe dachte ganz folgerichtig.

Beim Fortgehen warf sie einen Blick ans die Thür der Dachstube und bemerkte, daß der Schlüssel nicht draußen steckte. Sie lachte ins Fäustchen und nahm sich vor, die Damen zu begrüßen, wenn sie sich entschließen würden, das Nest, in welchem die schöne Emma ihre Liebe barg, zu verlassen. Aber am meisten frohlockte sie über den Nutzen, den sie aus dieser Entdeckung zu ziehen gedachte, um Louis von Fontanieu wieder dauernd an sich zu fesseln.

Wir haben gesehen, was aus ihren schönen Hoffnungen geworden war, und wie sie die Marquise von Escoman – freilich nur in Susannens Gesellschaft – gefunden hatte.

Die Marquise hatte Alles gehört, was Louis von Fontanieu mit Margarethe gesprochen hatte.

Das Harte, Schonungslose seiner Sprache stellte ihn für Emma noch über das Lob, welches ihm Susanne gespendet hatte. Mitleid ist in den Augen einer Eifersüchtigen ein unverzeihliches Verbrechen; sie fühlte kein Mitleid. Die Marquise beurtheilte die Liebe Fontanieu’s nach seiner Schonungslosigkeit; sie fand ihn ihrer würdig; sie fragte sich nur mit einer gewissen Bangigkeit, wie sie Margarethens leidenschaftliche Glut ersetzen solle.

Die Scene, welche das Gespräch Fontanieu’s und Margarethens so plötzlich zum Abschluß gebracht, hatte sie mitten in diesen Gedanken überrascht.

Susanne, welche Alles hörte, was unten vorging, und Margarethens Absicht errieth, hatte sich mit Emma zu der alten Brigitte flüchten wollen: aber die Marquise ward wie vom Donner gerührt, als sie ihren Namen aus Margarethens Munde hörte. Sie war halb bewußtlos auf den einzigen in der Dachstube befindlichen Stuhl gesunken; sie war keiner Bewegung fähig, um zu entkommen.

Fünftes Capitel.
Wo eine Wendung eintritt, welche denen, die sie am meisten wünschten unerwartet kam

Sobald Margarethe einen Blick in die Dachstube warf, – ahnte sie was vorging.

Die halben Geständnisse Fontanieu’s, die Verlegenheit der Marquise von Escoman, der Zorn Susannens, die in der Kammer herrschende Unordnung, die große Oeffnung im Camin – Alles enthüllte ihr die Wahrheit. Wenn die Marquise diesen Schritt aus Liebe gethan hatte, so konnte nur Louis von Fontanieu der Gegenstand derselben sein.

Ihre Vermuthungen gingen freilich über die Wirklichkeit hinaus.

Sie meinte, die Marquise könne nur die Absicht gehabt haben, sich zu überzeugen, daß Louis von Fontanieu das ihm ohne Zweifel entlockte Versprechen halten werde, sich von Margarethe loszusagen und sich an dem Schmerz und der Verzweiflung einer Nebenbuhlerin zu weiden.

Dieser Gedanke reizte sie zur höchsten Wuth; sie stürzte mit einem lauten Schrei aus Emma zu.

Aber Fontanieu kam ihr zuvor; mit dem einen Arm erfaßte er die halb ohnmächtige Emma und mit dem andern wehrte er Margarethe ab.

Die Berührung zweier Personen, die sich zu einander hingezogen fühlen, weckt unaussprechliche Gefühle, denen sich Niemand entziehen kann. Die Marquise fühlte sich wie von einem elektrischen Schlage getroffen, sie blieb zwar noch in der vorübergehenden Betäubung, welche ihre Glieder lähmte, aber ihr Geist erwachte und überließ sich in süßer Wonnetrunkenheit der Freude, welche ihr die Nähe ihres Beschützers bereitete.

»Diesen Schmerz leide ich um Ihretwillen, Louis,« lispelte sie; »schützen Sie mich gegen diese wüthende Person.«

Die Leute aus dem Erdgeschoß, durch den Tumult herbeigelockt, kamen nun die Treppe herauf.

Susanne verließ Margarethe, welche sie abzuwehren suchte, um die Thür zuzumachen; aber die Grisette, deren Muth durch die Worte der Marquise zum Wahnsinn gesteigert ward, kam ihr zuvor und hielt die Thür weit offen.

Margarethe sah, daß es Zeit sei sich zu rächen.

»Es ist hier Niemand zu viel,« rief sie. »Die Frau Marquise muß künftig keck und mit erhobener Stirn gehen, wie ich seit drei Jahren gehe. Die Bescheidenheit paßt nur für die Rollen, die wir zu spielen haben. Ihr glaubet, es sei nur eine Margarethe hier, aber wir sind unser zwei: ich, die ich mich aus meiner Schmach erheben und meine Vergehen sühnen wollte, und die Marquise von Escoman, die vornehme, gefeierte Dame, die einer Dirne den Geliebten stiehlt.«

Und da die Anwesenden ihre Zweifel durch ein leises Gemurmel zu erkennen gaben, setzte Margarethe mit derselben Heftigkeit hinzu:

»Ihr guten Leute zweifelt. Sehet nur, wie mich die Frau Marquise belauscht hat. Sehet nur, wie sie sich umschlungen halten, so unwiderstehlich ist ihre Leidenschaft. – Doch wozu bedarf es aller dieser Zeugnisse? Ich kann ein noch unwiderleglicheres Zeugniß vorbringen, ihr eigenes. Strafen Sie mich Lügen, Madame, wenn Sie es wagen! Sagen Sie diesen Leuten, welche an solche Schamlosigkeit unter der Maske der Ehrbarkeit, an solche Frechheit unter so harmloser Außenseite nicht glauben wollen, – sagen Sie ihnen, daß ich lüge, daß Sie nicht ans Liebe zu Herrn von Fontanieu hier auf der Lauer gestanden, um zu hören, was bei einem armen Mädchen vorgeht; sagen Sie ihnen, daß ich mich irre, wenn ich erkläre, daß Sie, wie ich, eine Courtisane sind.«

Susanne suchte Margarethe zu überschreien. Bei den letzten Worten ließ Louis von Fontanieu die Marquise los und faßte Margarethe bei der Kehle, als ob er noch Zeit gehabt hätte, das schändliche Wort zurückzuhalten.

Die Zeugen dieses beklagenswerthen Auftrittes eilten herbei, um die Unglückliche den Händen des erzürnten jungen Mannes zu entreißen. Sie schleppten Louis von Fontanieu in die Stube der alten Brigitte, während die bebende und halb bewußtlose Margarethe in ihre Wohnung gebracht wurde.

Louis von Fontanieu kam, sobald er sich losmachen konnte, in die Dachkammer zurück; er glaubte, die Marquise bedürfe seiner Hilfe, aber er fand sie nicht.

Susanne hatte die Verwirrung benutzt, um mit der Marquise das Haus zu verlassen.

Louis von Fontanieu stand vor Margarethens Thür nicht einmal still. Margarethe war ein Ungethüm, das er zertreten haben würde wie ein giftiges Thier. Die wahnsinnigen Ausbrüche der Leidenschaft, zu denen der Schmerz das arme Mädchen getrieben hatte, waren in seinen Augen ein todeswürdiges Verbrechen.

Er wankte wie ein Betrunkener über die Straße; er sah seine an ihm vorübergehenden Bekannten nicht. Kaum daß von Zeit zu Zeit ein Gefühl stolzer Befriedigung sein Herz schwellte, wenn er dachte, daß sein Wonnetraum so wunderbar in Erfüllung gegangen war, daß die Marquise von Escoman um seinetwillen so viel gewagt hatte. Er dachte nur an ihr Schicksal.

Nach diesem Scandal, welches bald bekannt werden mußte, war sie gewiß nicht nach Hause gegangen. Und war in der heftigen Erschütterung, die dieser Vorfall bei ihr bewirkt, nicht das Schlimmste zu fürchten?

Er ging in seiner Bestürzung vor das Hotel Escoman. Die Nacht war angebrochen. Das Haus war düster und öde. Kein Geräusch war zu hören; die dunklen Wände sahen gar unheimlich aus. Es war, als ob Tod und Trauer ihren Einzug gehalten hätten. Fontanieu fühlte sich von einem eisigen Schauer durchbebt; seine Angst ward so groß, daß er sich entschloß, auf jede Gefahr hin das Hotel zu betreten und den ersten Diener, der ihm begegnen würde, zu fragen was geschehen sei.

Er faßte den Thürklopfer; aber als er eben klopfen wollte, eilte eine Frau athemlos herbei und suchte mit zitternden Händen einen Schlüssel in das Schlüsselloch zu stecken.

Louis von Fontanieu und die Frau erkannten einander.

»Um des Himmels willen, Susanne, – denn sie war es, – was ist der Frau Marquise geschehen?« fragte er erschrocken.

»Kommen Sie! kommen Sie!« antwortete Susanne.

»Der liebe Gott leihe Ihnen Flügel; denn wir müssen uns beeilen, sonst finden wir sie vielleicht nicht mehr am Leben.«

Susanne, welche seiner Zustimmung gewiß war, dachte in ihrer Angst gar nicht mehr an die Ursache, welche sie hergeführt hatte; sie lief, trotz ihrer Beleibtheit, so schnell zurück, daß Fontanieu sie kaum einzuholen vermochte.

So liefen sie zur Stadt hinaus.

Susanne erklärte sich nicht, sie antwortete nicht auf die Fragen, mit denen ihr Begleiter sie bestürmte; sie schien ihre wie ein Schmiedeblasbalg schnaubenden Lungen nicht noch zum Sprechen verwenden zu können.

Sie kamen an den Fluß. Aber nachdem sie etwa hundert Schritte an der Pappelwand fortgelaufen waren, fing Susanne an zu wanken und fiel erschöpft zu Boden. Vergebens suchte sie sich wieder aufzuraffen; das in der Brusthöhle angehäufte Blut dehnte die Arterien so heftig aus, daß sie zu ersticken schien; sie konnte nicht sprechen, und die wenigen Worte, die sie hervorzubringen vermochte, hatten Aehnlichkeit mit dem Röcheln eines Sterbenden.

»Weiter! Weiter!« sagte sie, – »und Sie werden sie finden. Um des Himmelswillen! gehen Sie fort mit ihr! Leiden Sie nicht, daß sie sterbe! —«

Louis von Fontanieu hörte nicht mehr; er lief weiter, ohne sich um Susanne zu kümmern.

Während seines schnellen Laufes sah er sich nach allen Seiten um. Seine Augen suchten die Dunkelheit zu durchdringen. Plötzlich sah er neben dem Wege eine schwarze Gestalt. Er stand still. Es war die Marquise von Escoman.

Sie saß auf der Erde, mit dem Rücken an eine Pappel gelehnt. Sie hatte das Gesicht auf die Knie gebeugt. Fontanieu hörte wie ihr die Zähne klapperten.

»Madame,« sagte er, »um des Himmels willen, was ist Ihnen geschehen?«

Die Marquise sprang auf, als ob sie durch eine Feder emporgeschnellt würde.

»Wer ruft?« fragte sie mit bebender Stimme.

»Ich, Louis von Fontanieu, der Sie liebt, der nie aufgehört hat Sie zu lieben; der sich glücklich schätzen würde, wenn er von Ihnen, mit seiner Verzeihung, die Hoffnung erhielte, daß Sie seine Liebe nicht mehr verschmähen.«

»Und ich erkannte ihn nicht!« erwiederte Emma! »ich konnte zweifeln, ob er es sei! – O! mein Herz sagte mit wohl, daß er mich in meinem Elend nicht verlassen würde. Ich wußte wohl, daß Du gut bist!«

Unter allen weiblichen Wesen sind die Courtisanen am sprödesten; sie allein verstehen mit Anstand zu straucheln. Ein tugendhaftes Weib hingegen verschmäht jede Ziererei, sie zeigt sich dem geliebten Manne, wie sie denkt und fühlt. Die wahre Liebe kennt keine Bedenklichkeiten, keine Berechnungen.

Die Marquise umschlang mit der Glut der Verzweiflung den Mann, der von nun an ihre einzige Zuflucht war. Ihr Mund berührte den seinigen, und sie erwiederte mit liebender Hingebung seinen Kuß.

»Nein, nein! Sie werden mich nicht verlassen, lieber Freund!« sagte sie schluchzend. »O! was habe ich seit zwei Stunden gelitten! Ich glaubte hier unter diesem Baume sterben zu müssen! Ich wünschte mir den Tod, aber zum, Glück ist er nicht gekommen. Es wäre zu hart gewesen zu sterben, ohne Sie noch einmal gesehen zu haben. – Sie lieben mich also wirklich, Louis? Reden Sie, lassen Sie mich hören was mein Herz leise flüsterte. Denn ich habe Sie schon lange geliebt. – Wenn es nur ein Traum wäre! – doch nein, ich träume nicht. – Die Stimme jenes schrecklichen Geschöpfes klingt mir noch in den Ohren, der entsetzliche Name, den sie mir gab, brennt mich wie das Feuer der Hölle. O mein Gott! mein Gott!«

»Mein ganzes Leben soll Ihnen gewidmet sein, damit Sie jenen schrecklichen Augenblick vergessen, theuerste Emma. Ich will mein Vergehen büßen, das ich wider meinen Willen begangen. Ich schwöre Ihnen bei Allem was dem Menschen heilig sein kann, Sie so wahr, so treu zu lieben, daß Sie das schmerzliche Opfer, welches Sie mir bringen, nie bereuen werden.«

»Wozu bedarf es Ihres Schwures, Louis? Man kann nicht lügen, wenn man liebt. Wie könnte ich mir etwas aus meiner Vergangenheit zurückwünschen? Ich denke nur an Sie; was gestern, was heute geschah, habe ich vergessen. Es ist mir, als ob ich erst seit fünf Minuten lebte. Sagen Sie mir noch, Louis, daß Sie mich lieben. Ich habe oft geträumt, daß Sie es sagten, aber ich dachte nicht, daß es so süß anzuhören sei.«

Nach den ersten Herzens- und Seelenergüssen mußte an die mißliche Lage, welche Margarethe der Marquise bereitet hatte, gedacht werden.

Als die Berathung eben begonnen hatte, kam Susanne dazu.

Die Amme erkannte zu ihrer Freude an der hellen, klaren Stimme ihrer Herrin, daß diese sich völlig wieder erholt hatte. Die Freude machte dieselbe Wirkung auf sie, wie die Ermüdung; sie sank vor Fontanieu auf die Knie und schloß ihn in ihre Arme, wie eine Mutter, die ihren geliebten Sohn wiederfindet.

»Nicht wahr, Sie werden meine Emma glücklich machen? sagte sie. »Ach! Herr von Fontanieu, wenn es anders wäre! Ich bedenke erst seit einem Augenblicke, daß es doch möglich ist, und ich zittere schon. Mein Gott! Dann wäre ich die Ursache ihres Unglücks, denn ich habe – ach! ich habe vielleicht großes Unrecht gethan; wenn mich der Himmel dafür bestrafte! Nicht an mir selbst, sondern an dem Theuersten, das ich in der Welt habe: an meinem Kinde! – O!l nein, ich bin recht thöricht in meiner Angst. Sie würde es ja nicht überleben. Nein, sie wird gewiß glücklich mit Ihnen sein. Sie sind ja nicht so wie der Andere; Sie sind noch nicht in der großen Welt verdorben – Sie wird gewiß glücklich! Sehen Sie nur, sie scheint mir schon ganz verändert; ich sehe trotz der Dunkelheit, daß ihr Mund lächelt. Es ist schon lange her, daß sie nicht gelächelt hat. Sie führte mich hierher, als wir jenes Haus verließen. Ach mein Gott! warum habe ich sie auch dahin geführt! Sie sank hier unter diesem Baume nieder, und weder meine Bitten noch meine Thränen konnten sie bewegen, diesen Platz zu verlassen und sich nach Hause zu begeben. Ich wollte Hilfe holen, da traf ich Sie.«

Louis von Fontanieu wußte zwar nicht, welche wichtige Rolle Susanne in dem Abenteuer, das für ihn eine so unverhoffte Wendung genommen, gespielt hatte, aber es war ihm wohl bekannt, wie viel die Amme bei ihrer jungen Herrin galt: er wiederholte ihr daher die Schwüre, die er der Marquise geleistet.

Es wurde indessen spät; es mußte ein Entschluß gefaßt werden.

Die zaghaften Naturen, welche nicht leicht einen kühnen Entschluß fassen, lassen um so entschlossener die unvermeidlichen Folgen ihrer Handlungen über sich ergehen. Sie gehen eben so ungern zurück, als vorwärts.

Es hätte einer größern Willenskraft bedurft, als die Marquise besaß, um sowohl den Vorwürfen des Marquis, als dem allgemeinen Gespött trotz zu bieten.

Diese Rücksichten wirkten nur mittelbar auf ihren Entschluß; aber sie bestärkten sie in dem Gedanken, daß sie nicht mehr zurück könne. Dazu kam die Erinnerung an die von ihr belauschte Scene; sie war eifersüchtig auf Margarethe geblieben, sie beneidete die Grisette um die feurigen Gefühle, zu denen sie sich noch am Morgen nie erheben zu können meinte. Lauheit, Sprödigkeit wäre in ihren Augen eine Verneinung der Liebe gewesen. Trotz der Vorurtheile, welche den Stab über sie brechen würden, erschien ihr der ruhige Besitz des Geliebten außerhalb der vornehmen Welt von der sie sich losgesagt hatte, wie ein Sieg. Diese Aussicht hatte für sie jenen unwiderstehlichen Reiz, der so viele edle, für das Gute begeisterte Menschen dem frivolen Weltleben entfremdet. Ueberdies hoffte sie, durch die Größe des Opfers, welches sie dem Geliebten brachte, mit unauflöslichen Banden an ihn gefesselt zu werden.

Dieser Entschluß bot so viele von jenen unmittelbaren Vortheilen, welche das Gehirn der Liebenden verwirren, daß Louis von Fontanieu keine ernsten Gegenvorstellungen machte. Susanne allein ließ die Stimme der Vernunft laut werden: sie bat ihre Herrin dringend, dem Ungewitter die Spitze zu bieten, oder wenigstens ruhig zu überlegen.

Man gab ihr kein Gehör. Es wurde beschlossen, daß sie alle Drei noch in der Nacht abreisen sollten. Emma drang noch mehr als Louis von Fontanieu auf die Entführung; sie wünschte so sehnlich, die ihr seit einigen Stunden verhaßt gewordene Stadt zu verlassen und sich auf dem Wege zu dem vermeinten irdischen Paradiese zu sehen, daß sie nur auf dringendes Bitten die Allee verließ, um ein paar Stunden auszuruhen, bis die Vorkehrungen zur Abreise getroffen wären.

Sie bedurfte wirklich der Ruhe: die heftigen Gemüthsbewegungen, welche sie im Laufe des Tages gehabt, hatten die Kräfte der kaum Genesenen erschöpft z aber sie maß ihre Kräfte nach dem Glücke, welches ihr die erste Liebe gewährte. Sie scherzte über ihre Schwäche, sie bat Louis von Fontanieu, ihr Herz nicht nach ihrem kränkelnden Aussehen zu beurtheilen, und als sie beiden ersten Schritten, welche sie an seinem Arme machte, zu wanken begann, weigerte sie sich lange, sich von ihm bis zur Stadt tragen zu lassen.

Erst in der Vorstadt schwand auch die heitere Laune, mit welcher sie ihre Schwäche zu bekämpfen suchte; es wurde ihr wieder bange; sie erschrak vor jedem Vorübergehenden.

Zum Glück war’s zehn Uhr, und um zehn Uhr Abends sind die Straßen von Châteaudun fast leer.

Louis von Fontanieu hatte der Marquise keinen andern Zufluchtsort zu bieten als seine Wohnung. Aber wie verödet auch die Stadt bereits schien, hielt er es doch nicht für gerathen, den Präfecturplatz zu betreten, ohne die auf demselben etwa befindlichen Personen beobachtet zu haben.

Sie waren in diesem Augenblicke bei der Kirche. Der Friedhof, welcher sie vormals umgab, ward nicht mehr benutzt, aber er war noch in seiner früheren Gestalt. Dieser Ort, wie unheimlich er auch war, schien sich zu einem vorläufigen Versteck für Emma gut zu eignen.

Er ging durch eine Lücke der halbverfallenen Mauer, führte die beiden Frauen in einen Winkel des Friedhofs, hinter ein Cypressengebüsch und entfernte sich, nachdem er der Amme die Sorge für ihre Herrin dringend ans Herz gelegt hatte.

Seine Vorsicht war nicht unnütz. Zwei Männer, die vor der Präfectur auf- und abgingen, schienen Jemand zu erwarten. Der eine hatte die Gestalt und Haltung des Marquis von Escoman.

Wie gleichgültig der Marquis auch gegen seine Gemahlin war, so mußte ihr Verschwinden ihn doch beunruhigen.

Das Gerücht mochte ihm wohl schon Louis von Fontanieu als den bezeichnet haben, der ihm sagen könne, was aus der Marquise geworden.

Wenn man daher fliehen wollte, so war keine Minute zu verlieren.

Fontanieu weckte einen Lohnkuscher und bestellte einen Wagen nach Chartres, wohin er mit Mutter und Schwester in dringender Angelegenheit schleunigst reisen müsse.

Der Mann gab durch ein pfiffiges Lächeln zu verstehen, daß er den Secretär des Herrn Unterpräfecten wohl kenne und recht gut wisse, daß er weder Mutter noch Schwester in Châteaudun habe. Aber Fontanieu drückte ihm einige Thaler in die Hand. Der Mann wurde wieder ernsthaft und versprach, daß sein schönster Reisewagen, mit feinen besten Pferden bespannt, in zehn Minuten bereit stehen solle.

Diese Aussicht auf eine so schnelle Abreise wälzte dein jungen Manne einen Stein vom Herzen. Er eilte ganz erfreut zu der Kirche zurück und betrat den Friedhof; aber er fand die beiden Frauen nicht.

Eine Todeskälte ergriff ihn.

Er rief Emma leiser keine Antwort.

Er dachte, die beiden Frauen hätten sich gefürchtet und in dem Gebüsch versteckt. Er bog die Zweige auseinander und betastete den Erdboden, aber fühlte nichts als das Moos, welches die Grabhügel bedeckte, und die noch stehenden Kreuze.

Er war außer sich. Ein schwindelartiger Schrecken befiel ihn; er glaubte Gespenster zu sehen, welche dir Geliebte fortschleppten und in ein offenes Grab warfen.

Er vergaß die von den Umständen gebotene Vorsicht; er eilte über den Friedhof und rief Emma mit lauter Stimme.

Endlich glaubte er leise Klagetöne zu hören, welche von der Mitte des Friedhofs kamen. Er eilte in athemloser Angst zu der Stelle.

Die meisten Grabsteine waren eingestürzt und vom Grase bedeckt; nur das Kreuz, welches man vor Jahrhunderten auf dem Gottesacker errichtet hatte, war noch unversehrt und streckte seine Granitarme, als Sinnbild der Auferstehung, über die Schlummernden aus.

Auf dem mit Epheu umrankten Piedestal knieten Emma und Susanne. Fontanieu war durch das Schluchzen der Marquise aufmerksam gemacht worden.

»Kommen Sie! kommen Sie!« sagte er. »Der Wagen ist bereit, wir müssen vor Tagesanbruch weit von hier sein.

Emma antwortete nicht; sie weinte heftiger; ihr ganzer Körper zuckte krampfhaft.

Louis von Fontanieu wollte sie umfassen und forttragen, wie er vorhin gethan; aber sie wehrte ihn sanft ab.

»Mein Gott, was ist geschehen?« sagte er; »was haben Sie gethan?«

»Ich habe gebetet.«

»Kommen Sie doch! Wollen Sie denn, Emma, daß einige verlorne Minuten uns auf immer trennen?«

Die Marquise versuchte zu antworten, aber sie war zu tief ergriffen; sie schüttelte verneinend den Kopf, dann drückte sie beide Hände aus ihr in Thränen gebadetes Gesicht.

»Sie liebt mich nicht!« sagte Fontanieu, die Hände ringend.

»Ich liebe Dich nicht? Mein Gott, hatte ich denn an dieser Liebe sterben sollen, um ihre Aufrichtigkeit zu beweisen? – Kommt, es ist vielleicht eine Sünde, an einem solchen Orte von irdischen Gefühlen zu sprechen; aber bei diesem Kreuz, bei den Todten, die hier ruhen, schwöre ich Dir, daß ich nur an Dich denke, daß mein Herz nur für Dich schlägt.«

»Warum wollen Sie mir nicht folgen? Soll ich Sie denn nach einem solchen Geständniß verlieren? Was wird mir dann bleiben, wenn ich einen flüchtigen Blick in den Himmel gethan habe und mich wieder auf der öden, düstern Erde befinde?«

»Dies wird Ihnen bleibe,« erwiederte Emma, auf das Sinnbild der Erlösung zeigend, »dieses Kreuz, das Ihnen die Kraft geben wird, eine Prüfungszeit zu überwinden; es hat mir ja in einem Augenblicke die Kraft gegeben, gegen meine Schwache und Verirrung zu kämpfen.«

»Nein,« entgegnete Fontanieu; »über Ihren Verlust kann man sich nicht trösten. Und wenn der Beweis meiner Worte Ihrem Stolz schmeicheln kann, Marquise, so schwöre ich Ihnen bei diesem Kreuz, daß ich den Schmerz, den Sie mir bereiten, nicht überleben werde.«

Es kam ihm aber eine Hilfe von einer Seite, wo er sie nicht erwarten konnte.

»Emma, mein Kind, höre mich an,« sagte Susanne, welche fürchtete, daß Fontanieu in seiner Verzweiflung einen unheilvollen Entschluß fassen werde. »Er liebt Dich, und ich weiß wohl, daß Du nicht leben würdest, wenn er sich das Leben nähme. Weise es daher nicht von Dir das Glück, Welches Dich jetzt mit Schrecken erfüllt – und ich gestehe, daß auch ich mit Zagen daran gedacht habe. Aber Gott ist gütig, er hat Dich so schwer geprüft, daß er Dir verzeihen wird; in dieser Lage würde selbst ein Engel straucheln.«

»Nein, es schien mir, als ob ein Blitzstrahl aus diesem Kreuz strömte und mein Herz erleuchtete. O, ich würde ja alle Leiden willig erdulden; aber wenn mir deine Liebe entzogen würde, Louis! Verzeihe mir diesen Gedanken, ich kann mich desselben nicht erwehren, er erfüllt mich mit Entsetzen. Ich liebe Dich, aber ich beschwöre Dich, fordere nicht mehr von mir. Gehört uns denn nicht die Zukunft, wenn wir einander unsere Liebe bewahren und unser Gewissen rein erhalten? Gott hat mich am Rande des Abgrundes zurückgehalten, er wird sich auch meiner Thränen erbarmen; ich will ihn täglich bitten, uns zu vereinigen, ohne daß ich gezwungen bin, seine Gebote zu übertreten.«

Aber Fontanieu hörte nicht mehr; als er seine der Verwirklichung so nahen Hoffnungen schwinden sah, ward er von einer an Raserei grenzenden Wuth ergriffen und;, brach in laute Verwünschungen aus.

Die Marquise faßte seine Hand.

»Fassen Sie Muth, Louis,« sagte sie. »Wenn es Sie trösten kann, so sage ich Ihnen, daß ich eben so sehr leide wie Sie, vielleicht mehr als Sie, denn das Opfer kommt ja von mir. Weinen Sie nicht, ich bitte Sie, lieber Freund. Ich habe Ihnen bewiesen, daß ich um Ihretwillen Alles aufs Spiel gesetzt. Was lag mir an dem Urtheile der Welt, da ich Ihrer Liebe gewiß war? Aber Ihre Verachtung will ich nicht verdienen.«

»Wie, meine Verachtung? —«

»Ja. Sobald ich mich sammelte, sobald ich irrt Gebete die Kraft zu ruhiger Ueberlegung schöpfte, sah ich ein, daß dem Weibe, welches seine Pflicht verletzt, über kurz oder lang die Verachtung bevorsteht. Ich habe bedacht, wie wankelmüthig die Gefühle der Menschen sind. Was würde mir bleiben, wenn einst Ihre Liebe erkaltet, wenn Sie mich nicht mehr achten? Nein, die gegenwärtigen Leiden sind nichts gegen solche Qualen!«

»Ich sollte Sie verachten, weil Sie mir mehr als Ihr Leben gegeben! Das ist ja Wahnsinn, Einmal Wie gering denken Sie von mirs Mein Leben wird nicht lang gering sein, um Ihnen durch meine Hingebung und Selbstverleugnung zu beweisen, wie unendlich ich Sie liebe, wie sehr ich Ihnen danke. – Ich Sie verachten! eher würden diese Todten aus ihren Gräbern kommen. Ich habe Sie um Verzeihung, um Gnade zu bitten, Emma. Ich möchte meine Brust öffnen, um Ihnen die furchtbare Angst meines Herzens zu zeigen. Es wird mein Tod sein, wenn ich Sie nicht mehr sehen, Ihre Stimme nicht mehr hören kann. Ahnen Sie denn nicht, was in meinem Gemüthe vorgeht? Ach, wenn Sie fühlten, was ich fühle, würde es mein Herz gewiß errathen. Emma, treiben Sie mich nicht zur Verzweiflung!«

Bei diesen Worten schloß er sie in seine Arme; sie fühlte seine Thränen an ihren Wangen.

»Reden Sie nicht so, Louis,« erwiederte sie abwehrend; »rauben Sie mir nicht meinen Muth und meine Besonnenheit. Haben Sie Mitleid mit mir, mein theurer Louis, bereiten Sie mir nicht die Schmach, vor welcher ich zittere. Lassen Sie mich allein fort, harren Sie geduldig aus. Ich will in einem Kloster eine Zuflucht suchen, und Ihr Bild im Herzen, will ich dort leben bis zu dem Tage, wo wir uns ohne Erröthen angehören werden. Verweigern Sie mir nicht, was ich im Namen meiner unendlichen Liebe von Ihnen erbitte. – Louis, auf den Knieen beschwöre ich Dich, laß’ mich abreisen!«

»Die Frau Marquise hat Recht,« sagte eine Männerstimme ein paar Schritte hinter der Gruppe; »ich begreife nicht, daß Herr von Fontanieu schwächer ist als ein Weib.«

Fontanieu sah sich rasch um und erkannte den Chevalier von Montglas.

»Was haben Sie hier zu thun, Chevalier?« sagte er auffahrend.

»Ehe ich Ihnen antworte,« erwiederte Montglas, »erlauben Sie mir, daß ich der Frau Marquise mein Compliment mache.«

Der Chevalier trat mit zierlichen Anstande, als ob er in einem Salon gewesen wäre, auf Emma zu und erkundigte sich nach ihrem Befinden.

»Jetzt, mein junger Freund,« setzte er hinzu, »will ich Ihnen sagen, daß ich eine Rolle zu spielen habe, welche Sie mir, ohne Vorwurf sei es gesagt, sehr schwer machen. Die Rolle eines Mentor ist höchst schwierig mit einem Telemach, der auf seine Dummheiten so erpicht ist.«

»Chevalier!« sagte Louis von Fontanieu auffahrend, denn seine Empfindlichkeit wurde durch die Anwesenheit der Marquise sehr erhöht.

»Nehmen Sie es, wie Sie wollen. Ich kenne die Dankbarkeit sehr gut, und es wundert mich gar nicht, wenn Sie einem Freunde, der Sie drei Stunden in der ganzen Stadt sucht und es gut mit Ihnen meint, ein kaltes Eisen durch den Magen stoßen wollen.«

»Wer hat Ihnen denn gesagt, daß Sie mich hier finden würden?«

»Wer? Das Echo der umstehenden Häuser; es ist so wenig stumm, wie Ihr Schmerz, der fürwahr Lärm genug macht.«

Die Marquise schauderte, als sie sah, daß ein Fremder alle Gefühle ihres Herzens erlauscht hatte. Fontanieu errieth ihre Gedanken an der Bewegung des Schreckens, die sie machte.

»Beruhigen Sie sich, Marquise,« sagte er, »der Herr Chevalier von Montglas ist mein Freund; sein ehrenhafter Charakter bürgt uns für seine Verschwiegenheit. Er wird uns nicht verrathen.«

Emma reichte dein alten Chevalier die Hand, die dieser mir der ihm zur andern Natur gewordenen Höflichkeit küßte.

»Man sagt,« erwiederte er, »daß die Zeit, welche man den Damen widmet, nicht verloren ist; wir bitten indeß, unsere Huldigungen auf einen andern Tag zu verschieben. Sie haben keine Minute zu verlieren, Frau Marquise. Dieses Mal sagt es Ihnen ein verständiger, besonnener Freund.« Louis von Fontanieu athmete tief auf. Er hoffte noch, der Chevalier werde ihm zu Hilfe kommen; er meinte, der alte Wüstling könne, ohne mit seiner Vergangenheit in Widerspruch zu kommen, eine Entführung nicht hindern. Fontanieu glaubte sogar, Montglas werde die Reise mitmachen.

»Seit einer halben Stunde,« sagte er, »muß der Wagen bereit stehen; der Kutscher hat mir gute Pferde versprochen.«

»Sie hatten sich noch nicht zehn Schritte entfernt,« antwortete der Chevalier, »so suchte Ihr Kutscher den Marquis von Escoman, um ihm das Geheimniß Ihrer Abreise zu verkaufen. Der Wagen mag wohl bereit stehen, aber wahrscheinlich, um Sie an einen Ort zu führen, der nicht nach Ihrem Sinne sein würde. – Mein junger Freund,« setzte der Chevalier als echter Lebemann hinzu, »wenn man bei solchen Gelegenheiten gezwungen ist, sich auf die Verschwiegenheit eines Menschen zu verlassen, so muß man ihm recht viel Gold oder recht viele Schläge geben. Aus unendlich vielen Gründen, deren Auseinandersetzung jetzt zu viel; Zeit kosten würde, habe ich das zweite Mittel immer vorgezogen. Sie haben keines von beiden Mitteln angewandt. Jetzt sage ich Ihnen noch einmal: der Marquis ist in der Wagenremise mit sehr gemein aussehenden Leuten versteckt, und es wäre eine Thorheit von Ihnen, ihm die Spitze bieten zu wollen.«

Emma stieß einen Schrei des Schreckens aus und warf sich in Susannens Arme.

»Mein Gott, was ist zu thun?« sagte Louis von Fontanieu. »Chevalier, geben Sie uns einen Rath.«

»Mit Vergnügen, lieber Freund; ich bin ja eigentlich nur in dieser Absicht gekommen.«

»Lassen Sie hören.«

»Es ist halb zwölf. Der Postwagen fährt um halb zwölf Uhr hier durch. Wir wollen auf der Landstraße warten,« sagte der Chevalier. »Unterdessen mag sich der Marquis langweilen; seine Gesellschaft bringt nicht einmal ein Whist zu Stande, um die Zeit zu vertreiben.«

»Aber,« entgegnete Fontanieu, »ist es auch wahrscheinlich, daß im Postwagen drei Plätze leer sind?«

»Drei Plätze! – was, wollen Sie denn auch abreisen?«

»Ich sollte sie verlassen, wenn sie in Gefahr ist? Nein, ich reise mit ihr.«

»Und ich, Herr von Fontanieu, sage Ihnen, daß Sie nicht mit ihr reisen werden. – Um Sie der Gesellschaft der Frau Marquise zu entreißen, würde ich Ihnen nothigenfalls ein Pflaster von meiner Erfindung auf die Brust appliciren.«

»Gut, das ist mir sehr erwünscht. Ja, ich will lieber sterben, als mich von ihr entfernen!« erwiederte Fontanieu in leidenschaftlicher Aufwallung.

Emma und Susanne gaben sich alle Mühe, ihn zu beruhigen. Der Chevalier nahm ihn beim Arm und führte ihn auf die Seite.

»Mein Gott,« sagte der alte Kauz, »es ist nicht genug, galant zu sein und Liebesabenteuer zu haben, man muß auch ein Ehrenmann dabei bleiben. Ich habe oft gar viel gewagt, und ich gestehe, daß es Ihrem ergebenen Diener nicht immer zum größten Ruhme gereichte und der öffentlichen Moral nicht immer förderlich war. Ich habe viele Frauen verführt; aber ventrebleu! nie habe ich eine ins Unglück gestürzt, nie eine auf dem Luxus in bittere Noth geschleudert – und das wollen Sie thun.«

»Ich – Emma ins Unglück stürzen!«

»Allerdings, ins Unglück stürzen! Sehen Sie denn nicht ein, daß dieses Abenteuer, das ich mir noch nicht zu erklären weiß, den Wünschen des Marquis ganz entspricht? Er will das Vermögen in seine Hände bekommen, und dazu wollen Sie ihm verhelfen.«

»Zuvor werde ich ihn niederstoßen.«

»Das hätten Sie thun sollen, als er vor Ihrer Degenspitze stand. Jetzt ist’s zu spät. Glauben Sie, daß wir gezögert hätten, wenn uns Jemand im Wege war? Leben um Leben, ventrebleu! – Aber, wie gesagt, mein junger Freund, es ist nicht mehr Zeit; er hat ein anderes Feld gewählt, und da muß er bekämpft und besiegt werden – und Sie können es.«

»Wie?«

»Sie müssen die Marquise abreisen lassen. In Paris findet sie zehn, zwanzig, hundert Advocaten, die bereit sind, sie weiß zu waschen und dem Marquis die Tintenflasche ins Gesicht zu schütten. Gegen ihn sind zwanzig erschwerende Beweise beizubringen. Was kann man aber gegen die Marquise sagen, wenn sie von Ihnen getrennt ist, wenn Sie hier bleiben? Nichts als ein boshaftes Geschwätz, welches durch das Vorleben der Marquise widerlegt wird. Das Zeugniß seiner vormaligen Maitresse kann er nicht geltend machen, er würde sich selbst dadurch schaden. Kurz, die Marquise muß den Prozeß gewinnen.«

»Aber ich – was soll unterdessen aus mir werden? Wenn sie mich vergißt —«

»Was fällt Ihnen ein? Die Bedenklichkeiten, welche sie hat, werden es nicht zugeben. Sie muß doch Zeit haben, sie zu bekämpfen. Sie werden in diesen Scrupeln eine Bresche finden, wenn Ihnen der Gewinn des Prozesses freien Zutritt gestattet. Bedenklichkeiten können den Sieg nur verzögern, nie vereiteln. – Die Sache wird dadurch erst recht pikant,« setzte der Chevalier mit einem Seufzer hinzu. »Thun Sie, was ich Ihnen sage, und zeigen Sie sich als Mann. Morbleu!«

Dann wandte er sich wieder zu der Marquise und sagte:

»Unser Freund ist vernünftig geworden. Wir haben uns nur zu entfernen.

Louis von Fontanieu antwortete nicht; er schlug die Augen nieder. Er war mehr besiegt als überzeugt Emma schien eben so niedergeschlagen wie er; sie gab sich gar nicht die Mühe, dem Chevalier von Montglas ihren Schmerz zu verbergen.

Man ging endlich fort. Der Chevalier führte Emma auf der einen Seite, Fontanieu auf der andern. Die beiden jungen Leute konnten nicht so ungehindert mit einander sprechen, wie sie ohne die Anwesenheit des Chevaliers gethan haben würden. Dieser erklärte der Marquise, was sie zu thun habe, um aus der Verlegenheit, in welche sie sich durch ihre Unbesonnenheit gestürzt, mit Ehren herauszukommen. Emma konnte dein Geliebten nur durch einen Druck des Armes zu verstehen geben, was sie so gern laut gesagt hätte: Ich liebe Dich!

Von Zeit zu Zeit antwortete sie wohl dem Chevalier, aber nur um ihm ihren Freund mit einer Dringlichkeit zu empfehlen, welche bewies, wie wehe ihr diese Trennung that.

Eine Viertelstunde von der Stadt, auf einer Anhöhe, wurde Halt gemacht. Susanne trat nun auf Louis von Fontanieu zu; sie fürchtete, er werde beim Abschiede nicht an sie denken und wollte im Voraus seinen Scheidegruß empfangen. Sie legte ihm noch einmal dringend ans Herz, ihre Emma, die ihm so viel geopfert, nicht zu vergessen. Angesichts des Kummers, den sie ihrer jungen Herrin durch ihre geheimen Umtriebe bereitet hatte, fühlte Susanne bereits einige Gewissensbisse, welche sich durch Besorgnisse kundgaben; sie fühlte das Bedürfniß, beruhigende Versicherungen zu hören. Der Schmerz Fontanieu’s beruhigte sie auch wirklich.

Endlich hörte man wie fernen Donner das Rollen des Postwagens auf dem Pflaster der Landstraße. Dieses Geräusch machte auf Fontanieu etwa denselben Eindruck, den das Erscheinen des Karrens auf einen zum Tode Verurtheilten macht.

Er wünschte, der Postwagen möge, ehe er zu ihnen käme, von der Erde verschlungen werden.

Sie bemerkten endlich die brennende Lampe, welche ans der in der Dunkelheit nicht sichtbaren schwarzen Wagendecke wie ein Irrlicht schwankte.

Der Chevalier von Montglas hatte absichtlich die Anhöhe gewählt, wo die Pferde langsam gehen müssen. Er rief dem Schaffner. Es waren zwei Plätze frei.

Die letzte Hoffnung Fontanieu’s schwand.

Die beiden Liebenden sanken einander noch einmal in die Arme. Die Marquise war so tief ergriffen, daß sie halb ohnmächtig in den Wagen gehoben wurde, Susanne war schon vor ihr eingestiegen.

Louis von Fontanieu setzte sich, trotz dem Zureden seines Begleiters, auf einen Steinhaufen und schaute dem Postwagen nach und lauschte, bis das Rollen der Räder und das Klingeln der Schellen in der Ferne verhallte.

Es war ihm, als ob die fünf Pferde des Eilwagens seine Seele fortzogen.

Sechstes Capitel.
Wo Louis von Fontanieu vergißt, daß die Zukunft dem gehört, der warten kann

Der Chevalier von Montglas suchte Louis von Fontanieu anfangs durch Vorwürfe, dann durch Späße und endlich durch die erfreulichsten Aussichten zu einiger Thatkraft anszustacheln.

Aber ungeachtet aller Bemühungen seines alten Freundes blieb Fontanieu in trüber, verzweifelnder Stimmung. Er schien gar nicht zu hören, was ihm der Chevalier sagte; er öffnete den Mund nur, um dem Letzteren zu erklären, daß er nicht mit zu dem Lohnkutscher gehen werde.

Montglas behauptete nemlich, es sei Fontanieu’s Pflicht, den Marquis von Escoman, der schon drei Stunden auf seinem Posten gestanden, abzulösen. Er versprach sich so viel Unterhaltung von diesem Spaß, daß er nur ungern darauf verzichtete.

Fontanieu war in seiner Stimmung für den Trost, welchen ihm der Chevalier bot, nicht sehr empfänglich. Montglas konnte einen solchen Schmerz, den er nie gefühlt, gar nicht begreifen. So hatte er nie geliebt. Amor hatte sich immer nur mit vollen rothen Wangen, mit Blumen und Bändern geschmückt, bei ihm eingefunden. Er schien sich die Liebesgötter, welche die Maler des achtzehnten Jahrhunderts über allen Thüren und Caminen dargestellt, zum Muster genommen zu haben – jene lustigen, flatterhaften, schäkernden Liebesgötter, die keine anderen Thränen kennen, als die Thautropfen an den Blumen, deren zarte Finger sich nie an einem Rosenstengel blutig geritzt haben und die mit dem größten Gleichmuth ihre Pfeile aus dem Köcher nehmen.

Der Chevalier von Montglas konnte den Schmerz seines jungen Freundes nicht begreifen.

»Warum weinen Sie denn?« sagte er; »ich an Ihrer Stelle würde Luftsprünge machen, so hoch wie der Kirchthurm!« – Der Chevalier begleitete diese Worte mit einem Kreuzsprunge, der aber auf dem feuchten Steinpflaster nicht zu seiner Zufriedenheit gelang und daher einige Male wiederholt wurde. – »Wie! die schönste, über jede Lästerung erhabene junge Dame der Stadt schenkt Ihnen ihre Zuneigung – was sage ich! vernarrt sich in Sie, und Sie machen ein wahres Leichenbittergesicht! Was würden Sie erst sagen, wenn sie ihren Lakeien befohlen hatte, Sie zur Thür hinauszuwerfen? – Alles zu seiner Zeit, Freundchen. Behalten Sie Ihre Seufzer, um sie zu den Füßen Ihrer Angebeteten auszuhauchen. So lange Sie fern von ihr sind, müssen Sie vergnügt sein, Sie haben viele Gründe dazu. Sie wollten nicht, daß wir dem Marquis einen kleinen Besuch machen; er muß sich schrecklich langweilen zwischen den Heubündeln und seinen Begleitern, die mir ganz so aussehen, als ob sie Heu fressen. Es wäre indeß eine sehr hübsche Unterhaltung und für Sie eine Zerstreuung gewesen. – Ich darf Sie Ihrer kopfhängerischen Laune nicht überlassen; ich habe es unserer liebenswürdigen Marquise versprochen, und Sie müssen mir’s bezeugen, wenn Sie sie wiedersehen, daß der alte närrische Montglas Wort gehalten. Ich will Ihnen einen andern Vorschlag machen: wir wollen bei der vortrefflichen Frau Bertrand anläuten. Der Mann wird wohl ein bischen murren; aber wenn er Lärm macht, stecken wir ihn in seinen Kochtopf. Seine schönere Hälfte wird sich freuen mich zu sehen. Die Nacht bei einem lustigen Kumpan, einer hübschen Frau und einem halben Dutzend Flaschen Champagner beschließen – morbleu! das könnte mich über das Ende der Welt trösten.«

Der Chevalier sah seinen Begleiter fragend an, und als er sah, daß dieser Vorschlag keinen Eindruck aus Fontanieu machte, setzte er hinzu:

»Sie verschmähen wohl die hübsche Wirthin? Man kann ja nicht ausschließlich mit Engeln zu thun haben. Soll ich einem Herzensdiebe, wie Sie sind, etwa die verborgenen Reize der Schönen schildern, die mir nicht ganz abhold ist? Sie müssen nicht glauben, lieber junger Freund, daß ich mich so einfältig benehmen würde wie Escoman. Nein,« setzte der alte Chevalier halb geckenhaft, halb gutmüthig hinzu, »wenn es Sie trösten kann, so verspreche ich Ihnen, daß ich ein Auge zudrücken werde. Mordieu! was kann man mehr thun für einen Freund?«

Louis von Fontanieu konnte den Chevalier nur mit einiger Mühe überreden, ans dieses letztere Mittel zu verzichten, dessen Heilkraft dem alten Roué weit wirksamer zu sein schien, als die erstere Zerstreuung, die er ihm vorgeschlagen hatte. Noch größere Schwierigkeiten fand er, als er dem Chevalier begreiflich machen wollte, daß er nur in der Einsamkeit und Ruhe wieder einige Fassung bekommen könne.

Endlich ließ Montglas seinen Begleiter nach Hause gehen; er gab ihm noch einige weise Lehren mit aus den Weg.

Das Gespräch mit dem Chevalier war eine wahre Qual für Fontanieu gewesen. In seinem gereizten Gemüthszustande dachte er nicht an den großen Dienst, den ihm der alte Edelmann erwiesen; die skeptischen Trostgründe des letzteren hatten die Schmerzen seiner Wunde nur noch vermehrt. Er freute sich daher, als er ihn fortgehen sah; einige Augenblicke vorher hätte er zehn Jahre von seinem Leben geopfert, um ungestört an Emma denken zu können.

Er trat in seine Wohnung. Die Thränen, welche er in Gesellschaft des Chevaliers zurückgehalten hatte, stürzten nun unaufhaltsam hervor, als ob ihn die Marquise erst eben verlassen hätte.

Nach und nach berauschte er sich gleichsam an seinem Schmerz, der fast in Wahnsinn ausartete. Er raufte sich die Haare aus und zerriß seine Kleider und rief den Namen seiner Theuren, die für ihn todt zu sein schien.

Er sah sich nach einem Gegenstande um, der ihn an sie erinnere. Endlich dachte er an die kleine Geldbörse, die sie ihm gegeben hatte und die er immer noch auf der Brust trug.

Er zog sie hervor und bedeckte sie mit Küssen. Dabei nannte er wiederholt den Namen der Abwesenden. Es machte ihm eine gewisse Freude, sich selbst zu hören; die Buchstaben, aus denen der Name bestand, schienen mit anderen Buchstaben keine Aehnlichkeit zu haben.

Endlich hatte er nur einen Gedanken: das Wiedersehen. Er steckte alles Geld, das er hatte, in die Taschen und nahm aus einem Schranke ein paar Jagdstiefel, um sie anzuziehen.

Aber bald warf er sie zornig auf den Fußboden. Ein ganzes Drama entwickelte sich plötzlich vor seiner Phantasie. Er sah wie Emma von dem Marquis vor die Gerichtsschranken geschleppt ward, wie sie so bleich war und die Hände rang. Und dieses Elend hatte er verschuldet!

Es begann nun ein Kampf zwischen seinem Schmerz und seinem Gewissen.

Der Schmerz stachelte sich immer mehr und mehr auf; er wühlte absichtlich in seinen Wunden, um sie noch schrecklicher zu machen, wie der Bettler, der das Mitleid der Vor- übergehenden erregen will. Der Schmerz geberdete sich gar unbändig und wünschte sich den Tod, als das einzige Heil- mittel und als letzten Trost das Wiedersehen.

Das Gewissen protestirte; wie Montglas gethan hatte, warf es ihm Feigheit vor. Aber dieser Vorwurf ward in dem Lärm, den der Gegner machte, nicht gehört. Das Gewissen mußte endlich schweigen.

Fontanieu athmete tief auf, nach Art Derer, die sich entschließen, eine schlechte Handlung zu begehen; er hatte alle seine guten Regungen geknebelt, um ihr zustimmendes Stillschweigen zu benutzen.

Es fehlte natürlich nicht an Scheingründen und Vorwänden, durch welche man eine Handlung zu beschönigen pflegt.

Wer hatte gesagt, daß der Marquis von Escoman die Fehltritte seiner Frau zu seinem Vortheile zu betrüben suchte? Der Chevalier von Montglas. Aber der Chevalier war immer ein Gegner dieser Liebe gewesen Warum? Wahrscheinlich in Folge einer geheimen Eifersucht, die er nicht zu verbergen vermochte. Von dem Marquis war so etwas nicht zu vermuthen. Er war zu leichtfertig für solche Tücke. Er hatte von den Nachforschungen über seinen eigenen Wandel zu viel zu fürchten, als daß er es auf eine Gerichtsverhandlung ankommen lassen würde. Ueberdies war das Geschehene nicht mehr zu ändern. Und die Scheidung war nur ein scheinbares Linderungsmittel. Wenn er heute nicht abreiste, würde es ihm morgen noch möglich sein? Das Abenteuer hatte so großes Aufsehen gemacht, daß ihn der Unterpräfect schwerlich bei sich behalten würde: wozu hätten dann alle Leiden genützt? Und würde nicht der Gram die Gesundheit der Marquise völlig untergraben?

Diese Gedanken bewirkten eine Ueberreizung, gegen welche alle Vernunftgründe nichts vermochten. Er glaubte Emma zu sehen, wie sie die Arme nach ihm ausstreckte; er glaubte ihre flehende Stimme zu hören, die ihm zurief: Komm, ich erwarte Dich, zögere nicht länger. Du bist ja, wie ich, ein Opfer menschlicher Bosheit!

Er glaubte ihren heißen Athem an seinem Gesicht zu fühlen. Er kleidete sich hastig an, verließ seine Wohnung und lief zur Stadt hinaus, auf die Landstraße, als ob es ihm möglich gewesen wäre, den Postwagen, in welchem die Marquise abgereist war, noch einzuholen.

Die Morgenröthe färbte eben den östlichen Horizont, als Louis von Fontanieu an den Ort kam, wo er Abends vorher von Emma Abschied genommen hatte.

Er wandte sich nach der Stadt um; sie war noch ganz in Nebel gehüllt; nur die hohen Martern des Schlosses Montmorency, welches die Stadt beherrscht, wurden von dem erster Morgenstrahle erreicht.

Fontanieu zögerte noch, als er diese Häusemasse überblickte, deren Bewohner nun bald erwachen sollten, um Emma anzuschwärzen.

In diesem Augenblicke bemerkte er etwas Weißes auf dem Grase neben der Landstraße; es war Emma’s Schnupftuch. Es war noch mehr von ihren Thränen, als von dem Morgenthaue feucht.

Dieser Fund schien ihm eine seinem Vorhaben günstige Vorbedeutung zu haben. Dieser Zeuge ihres Schmerzes vertrieb alle seine Bedenklichkeiten, er ging weiter, ohne sich umzusehen.

So wanderte er bis Mittag, ohne die mindeste Nahrung zu nehmen. Er war an lange Wanderungen nicht gewöhnt. Die siebenstündige Anstrengung hatte seine Kräfte erschöpft, seine wunden Füße mochten ihn nicht mehr tragen. Nun erst bedachte er, daß es unmöglich sei, zu Fuß weiter zu kommen. Er bedauerte, daß er nicht zu dem gewöhnlichen Fortschaffungsmittel eines Postwagens oder sonstigen Fuhrwerks seine Zuflucht genommen.

Er setzte sich auf den Chausséegraben und wartete wohl eine Stunde auf einen Wagen. Aber bald verlor er die Geduld. Seine wunden Füße konnten ihn nicht hindern zu reiten. Er schleppte sich bis zur nächsten Poststation, bestieg einen Klepper und hieb so unbarmherzig auf denselben los, daß der ihn begleitende alte Postillon murrte.

Wenn er immer so schnell ritt, konnte er Abends in Paris sein.

Es war zwischen dem Chevalier von Montglas und der Marquise verabredet worden, daß sie in dem Kloster der Rue de Grenelle eine Zuflucht suchen sollte.

Die Gitterthore dieser Anstalten thun sich nur zu bestimmten Stunden für Fremde auf. Fontanieu wußte wohl, daß seine Eile vergebens war, aber es war schon ein Glück für ihn, in Emma’s Nähe zu sein, und er trieb sein Pferd von neuem an.

Um sieben Uhr war er zu Lonjumeau. Während er den Stallknecht, der sein Pferd sattelte, zur Eile antrieb, hörte er auf der Landstraße das Rasseln eines Wagens, der hinter ihm her gefahren war, und die Peitsche des Postillons.

Er trat instinctmäßig hinter einen Trog, der zum Tränken der Pferde diente, und bückte sich.

Der Wagen hielt an. Fontanieu schaute aus seinem Versteck hervor, und in dem Lichte der beiden Wagenlaternen erkannte er in dem Reisenden den Marquis von Escoman.

Der Marquis schien so sorglos, wie gewöhnlich; er tauchte ganz behaglich eine Cigarre und schäkerte mit dem Mädchen, das ihm ein Glas Wasser brachte. Die Abreise der Marquise schien eben keinen unangenehmen Eindruck auf ihn gemacht zu haben; aber es war nicht zu bezweifeln, daß er ihr nachreise.

Im ersten Augenblicke verwünschte Fontanieu seine Zerstreuung, welche ihn gehindert hatte, sieben Stunden früher mit Extrapost abzureisen. Er wäre dann bereits in Paris und hätte Emma früher eingeholt als der Marquis. Und was war jetzt zu erwarten? Er mochte gar nicht daran denken.

Aber bald begann sein durch die Ermüdung herabgestimmter Geist ruhiger zu überlegen; die Folgen dieses Zufalls erschienen ihm minder bedenklich.

Der Chevalier von Montglas hatte also die Wahrheit gesagt. Der Marquis war entschlossen, die Sache nicht so leicht zu nehmen, wie sich Fontanieu hatte einreden wollen. Er fing an einzusehen, daß dieses Zusammentreffen einen Entschluß ändern könne, dessen Folgen sein Gewissen schwer belastet haben würden, und daß ihm der Zufall im Grunde günstig sei.

Er besaß keineswegs die Seelenstärke, sich ohne Klagen in das Unvermeidliche zu fügen; aber er fügte sich doch, und als der Marquis nach einem kurzen Gespräche mit dem Postmeister weiter fuhr, kam Fontanieu aus seinem Verstecke hervor, erklärte dem Postillon, er sei zu ermüdet und werde erst am andern Morgen seine Reise fortsetzen.

Zugleich bestellte er ein Bett. Damals war der Postmeister in Lonjumeau zugleich Gastwirth.

Die Hausmagd, der sein verstörtes Gesicht auffiel, fragte ihn, ob er zu Bette gehen wolle, ohne zu essen.

Mit zwanzig Jahren verliert die Natur nicht leicht ihre Rechte. Louis von Fontanieu hatte seit mehr als vierundzwanzig Stunden nichts gegessen, und sein übervolles Herz hinderte ihn nicht, von Zeit zu Zeit die Leere seines Magens zu fühlen.

Er bestellte ein Abendessen.

Die Magd führte ihn durch eine räucherige Küche in ein Speisezimmer und deckte für ihn den Tisch.

Die ersten Bissen, welche er in den Mund steckte, schienen den Weg durch die Kehle nicht finden zu können; aber allmälig verging diese nervöse Zusammenziehung.Er aß nicht viel, aber mit dem Landweine, den man ihm vorsetzte, löschte er sich reichlich seinen brennenden Durst.

Seine überreizten Nerven konnten dem Weindunste nicht widerstehen. Noch ehe er seine Mahlzeit beendet hatte, ward er ganz betäubt; die anmuthige Gestalt der Geliebten schwebte seinem umnebelten Geiste wohl noch vor, aber er vermochte sie nicht mehr festzuhalten. Er stützte sich mit dem Ellbogen auf den Tisch und versank in jene unbezwingbare Schlaftrunkenheit, welche großen Strapazen folgt.

Die Hausmagd, welche sich für den melancholischen jungen Mann lebhaft interessirte, ließ ihn ruhig schlummern.

Louis von Fontanieu mochte wohl zwanzig Minuten; geschlafen haben, als eine ältliche Frau, mit einem Lichte in der Hand, durch die Stube ging, um sich in die Küche zu begeben.

Sie selbst schien so befangen, daß sie den verspäteten Gast anfangs nicht beachtete; aber als sie zurückkam, zeigte das Mädchen auf ihn.

Die Fremde war über seinen Anblick so erstaunt, daß sie laut aufschrie und sowohl das Licht als einen Theetopf fallen ließ.

»Herr von Fontanieu!« rief sie.

»Susanne!« antwortete Fontanieu, der, durch das Gepolter aufgeweckt, die Amme anstarrte.

Er glaubte zu träumen.

Und ohne sich um das Erstaunen des Hausmädchens zu kümmern, setzte Susanne hinzu: »Der Himmel hat Sie hierher geführt. Kommen Sie, kommen Sie!«

Sie faßte Fontanieu beim Arm und zog ihn zu einer in den ersten Stock führenden Treppe.

»Ach, ich glaubte diese Nacht, sie würde in meinen Armen verscheiden,« fuhr sie fort. »Ich wollte nicht zugeben, daß sie weiter reiste, sie wäre im Postwagen gestorben. Es war ein glücklicher Gedanke, den ich hatte. – Kommen Sie, und wenn man Ihnen etwas zu Leide thun will, so nehme ich Sie in Schutz; wenn’s nöthig ist, vertheidige ich Sie mit meinen Nägeln und Zähnen. Ja, ehe man Sie betrübt, muß man es mit der alten Susanne aufnehmen. Cordieu!« setzte sie mit einem Fluche, dem ersten in ihrem Leben, hinzu, »wir wollen doch sehen, ob man mein Kind wider meinen Willen unglücklich machen wird! Ach, wenn sie nur nicht stirbt!«

Bei den letzten Worten hatte Susanne eine Thür geöffnet, und Fontanieu stürzte in das Zimmer.

Die Marquise saß auf dem armseligen Wirthshausbette und hörte mit Besorgniß auf den von draußen kommenden Tumult.

Als sie Fontanieu erscheinen sah, streckte sie die Arme nach ihm aus, aber ihre Gemüthsbewegung war so heftig, daß sie kein Wort sprechen konnte: ihre Kräfte schwanden, und sie sank bewußtlos auf das Bett.

Siebentes Capitel.
Wie ein schlechter Rechtshandel auszubeuten ist

Der Marquis von Escoman reiste seiner Gemahlin wirklich nach.

Er hatte zu viele vertraute Freunde, als daß ihm lange unbekannt geblieben wäre, was in der Carmeliterstraße vorging.

Wozu würde auch ein vertrauter Freund nützen, wenn er dem Freunde nicht Alles erzählte, was diesem unangenehm sein muß? Und er erzählt es in einer Weise, die ihm noch schönen Dank erwirbt.

Guiscard, der unter der ganzen nobeln Sippschaft dem Marquis am nächsten stand, zeigte bei dieser Gelegenheit eine chevalereske Hingebung und Selbstverläugnung. Obgleich kaum genesen von seiner Wunde, verließ er sein Zimmer, um dem Marquis die bereits stadtkundige Geschichte zu erzählen.

Wie das Gerücht sagte, hatte Margarethe die Marquise mit Herrn von Fontanieu überrascht; das Aufsehen, welches die Grisette gemacht hatte, schien der geschäftigen Fama noch nicht zu genügen, sie setzte hinzu, die beiden Geliebten Fontanieu’s seien handgemein geworden, und durch ihren Dolmetscher Guiscard fügte sie noch einige Einzelheiten bei, die sogar dem Marquis von Escoman das Blut in die Wangen trieben.

Der Wüstling, der eine tugendhafte Frau hat, fühlt sich gemeiniglich in seiner Eitelkeit geschmeichelt; er schreibt die Ehrenhaftigkeit und den guten Ruf der Dame, welche seinen Namen führt, nicht ihrem tadellosen Wandel; sondern seinem persönlichen Verdienste zu. Ueberdies betrachtete der Marquis von Escoman die von ihm nicht erwiederte und sehr gering geachtete Zuneigung der Marquise als einen Theil ihres Heiratsgutes. Dieses wollte er wohl vergeuden, aber sich nicht stehlen lassen.

Die Mittheilung Guiscard’s machte daher einen weit größeren Eindruck aus ihn, als zu erwarten war. Sein Verdruß war um so größer, da Louis von Fontanieu sich schon einmal einer Beleidigung gleicher Art gegen ihn schuldig gemacht hatte.

Er sprach daher mit Guiscard von einem zweiten Duell mit dem Secretär und erklärte, daß diesesmal der eine der beiden Gegner auf dem Platze bleiben müsse.

Vor Allem aber mußte er eine Erklärung mit der Marquise haben. Sie konnte ja verleumdet worden sein; er bestellte daher seinen Freund auf den folgenden Tag wieder und erwartete die Marquise.

Sie kam nicht.

Bis dahin hatte das Unglück des Marquis nur Füße gehabt, es bekam nun einen Körper und ein Gesicht.

Während er mit sich zu Rathe ging, ob er nicht sofort zu Fontanieu schicken solle, wurde leise an der Thür geklopft.

Der Kammerdiener fragte, ob der Herr Marquis geneigt sei, seinen Advocaten zu empfangen.

Der Marquis sah die Nothwendigkeit nicht ein, aber er fand auch nichts dagegen einzuwenden.

Der Advocat wollte sich blos zu seiner Verfügung stellen.

Der Marquis machte große Augen; er hatte nie gehört, daß es Sitte sei, seinen Rechtsfreund als Sekundanten zu nehmen. Aber der Advocat erklärte ihm, einem in der Stadt verbreiteten zweiten Gerücht zufolge werde der Herr Marquis eine Scheidungsklage gegen seine Gemahlin anhängig machen Advocaten wittern so gut wie Geier, wo es ein Blutbad gibt.

Der Marquis wurde nachdenkend. Da der Advocat gerade bei der Hand war, so konnte er ihn gleich um Rath fragen.

Ein Advocat gleicht dem Futter, welches sich mit Leichtigkeit an den Stoff anschmiegt. So fand sich auch der Rechtsfreund des Marquis schnell in die Situation. Er begann mit einer Homilie über die Barbarei des Vorurtheils, wodurch das Recht und die Gerechtigkeit der Diskretion des Glückes und eines blutigen Kampfes preisgegeben werde. Dabei ließ er mitten unter den Gemeinplätzen des Hauptthemas eine mit Drohungen gespickte Aeußerung fallen, welche die Aufmerksamkeit des Marquis mehr anregte, als das ganze übrige Gesalbader.

Er sagte, ein Zweikampf zwischen dem Marquis und Fontanieu sei ungleich; denn der Letztere wage dabei nur sein Leben, der Marquis hingegen setze außer seinem Leben auch sein Vermögen auf’s Spiel.

Und er bewies dies durch die Bilanz, aus welcher sich ergab, daß sein Client nur von dem Vermögen seiner Frau lebe. Er hielt es daher für unklug, die Marquise zu erbittern, ehe man die Gewißheit habe, einen entscheidenden Schlag führen zu können. An gerichtliche Schritte sei nicht zu denken, wenn man keinen andern Beweis als die dermaligen zweifelhaften Zeugnisse vorbringen könne. Die Marquise werde darin die Veranlassung zu einer Einrede finden, welche für den Marquis, dessen Lebenswandel leider notorisch sei, sehr üble Folgen haben könne.

Der Marquis ließ den Advocaten ausreden. Er fragte ihn, ob er ihn für einen Pedanten halte, und drohte ihn zur Thür hinauszuwerfen.

Der Advocat zog mit frostigem Lächeln einige Papiere aus der Brusttasche und fragte den Marquis, ob er morgen in der Lage sein werde, die Summe von zehn- bis zwölftausend Francs zu zahlen.

Der Marquis erblaßte und stammelte. Der Advocat benutzte seine Verlegenheit, um ihm mitten auf die Brust einen Stoß zu geben.

Der Herr Marquis, sagte er, habe viele Schulden, die nur durch das Leben des Schuldners und durch fortdauernde Familieneintracht garantirt würden. Diese Eintracht sei gestört und der Herr Marquis sei in Gefahr, sein Leben zu verlieren. Dies könne er, der Advocat, nicht dulden; er sei zwar dem Herrn Marquis vom Herzen ergeben, allein andere Clienten, welche durch seine Vermittlung Geld vorgeschossen, dürften nicht zu Schaden kommen. Es sei seine Pflicht, sie auf die Gefahr, die ihnen drohe, aufmerksam zu machen, und er zweifle nicht, daß sie auf die erste Nachricht von dem häuslichen Zwist wenigstens Sicherstellung ihrer Forderungen verlangen würden, und diese Sicherstellung könne nur die Frau Marquise leisten.

Die Lage wurde verwickelt. Der Marquis von Escoman ging mit großen Schritten im Salon auf und ab. Seine krampfhaft geballten Hände steckten in den Taschen, und in seiner Aufregung zerkäute er die nicht mehr brennende Cigarre. Der Advocat ließ ihn nicht zu Athem kommen.

Er gab wohl zu verstehen, daß es gerathen sei, die Marquise eine Zeitlang mit Schonung zu behandeln, aber er wollte dem Marquis nicht zumuthen, die Verirrungen seiner Gemahlin gar nicht zu rügen. Er war vielmehr ein eifriger Vertheidiger der Strenge, aber diese Strenge mußte dem, der sie ausübte, Vortheil bringen. Er wollte handeln, aber nur dann handeln, wenn man perernptorische Beweisgründe vorbringen könne, welche das Gericht zu unerbittlicher Strenge und rücksichtsloser Anwendung des Gesetzes zwingen würden. Ein unter solchen Verhältnissen nicht von der Frau Marquise, sondern von dem Herrn Marquis anhängig gemachter Prozeß nehme eine ganz andere Wendung. Dem Herrn Marquis werde in einem solchen Falle sehr wahrscheinlich der Fruchtgenuß des Vermögens seiner Gemahlin und dieser eine Rente zugesprochen werden. Das Resultat eines solchen Prozesses scheine ihm so sicher, daß er kein Bedenken tragen würde, seinem Clienten einen beliebigen Vorschuß darauf zu machen.

Diese letzte Aeußerung war entscheidend. Der Marquis zündete eine frische Cigarre an, setzte sich ziemlich ruhig und fragte seinen Rechtsfreund, was er unter »peremptorischen Beweisgründen« verstehe.

Der Advocat zögerte einen Augenblick, endlich gestand er, ein sträfliches Verhältniß müsse durch ein Protokoll festgestellt worden.

Der Marquis sprang entrüstet auf; die Gemeinheit des Mittels war ihm weit mehr zuwider als die Thatsache selbst; aber er hatte sich unbesonnenerweise eine Blöße gegeben, und der Advocat wußte diese so geschickt zu benützen, daß die Skrupel des Marquis nach zwanzig Minuten von dieser geschickten Hand ganz weich geknetet waren. Der Marquis war geneigt, den Ehebruch der Marquise durch einen Polizeicommissär constatiren zu lassen, als ob er der dickhäutigste Spießbürger gewesen wäre.

Inzwischen meldete der Bediente, daß der Lohnkutscher Mangin den Herrn Marquis zu sprechen wünsche.

Wir wissen schon was der Mann zu sagen hatte.

In der Wagenremise des Lohnkutschers wurde eine Falle gestellt.

Aber der Chevalier von Moutglas, der sich zu seinem jungen Freunde begeben wollte, um von ihm zu erfahren, was von den umlaufenden Gerüchten zu halten sei, verhütete, daß die Vögel in die Falle gingen.

Zugleich wurden noch andere Agenten in der Nähe der Unterpräfectur aufgestellt, um Fontanieu zu überwachen.

Sie meldeten dem Advocaten, der die Fäden der ganzen Intrigue in die Hand genommen hatte, der junge Mann sei um ein Uhr nach Mitternacht nach Hause gekommen, aber eine Zeit lang nachher wieder fortgegangen und nicht wiedergekommen. Zugleich meldete man dem Marquis, daß man seine Gemahlin um halb zwölf auf der Pariser Landstraße gesehen habe, wo sie wahrscheinlich den Postwagen erwartet.

Sobald einmal ein Entschluß gefaßt ist und die Verfolgung begonnen hat, pflegt man auch, trotz des anfänglichen Widerstrebens, auf der einmal betretenen Bahn weiter zu eilen.

Der Marquis von Escoman ließ sogleich vier Pferde vor eine Calesche spannen.

Wir haben gesehen, wie er in Lonjumeau umspannen ließ und weiter fuhr.

Er kam gegen halb sieben Uhr Abends in Paris an und stieg bei dem Generalpostdirector ab.

Auf sein Ersuchen ließ dieser Beamte den Namen des Schaffners erforschen, welcher aller Wahrscheinlichkeit nach die Marquise von Escoman aufgenommen und nach Paris begleitet hatte. Er that noch mehr: von dem Wunsche beseelt, einem Cavalier, für den er als verheirateter Mann wahre Sympathien fühlte, gefällig zu sein, ließ er den Schaffner sogleich kommen.

Dieser Mann erzählte, er habe wirklich unweit Châteaudun zwei Damen in den Eilwagen aufgenommen. Ihre Personenbeschreibung stimmte genau mit jener überein, welche der Marquis von Emma und Susanne gegeben hatte; aber er versicherte, keiner von den beiden Herren, welche sie begleitet, habe im Postwagen Platz genommen. Er setzte außerdem hinzu, die jüngere der beiden Damen sei so krank geworden, daß sie in Lonjumeau ausgestiegen und im Posthause geblieben sei.

Der Advocat hatte dem Marquis in seiner langen Besprechung zu verstehen gegeben, daß ihm nur zwei Mittel zu Gebote ständen, sich aus der Verlegenheit zu ziehen: entweder ein Prozeß unter den von ihm bezeichneten Voraussetzungen, oder eine wenigstens scheinbare Ausgleichung mit der Marquise.

Louis von Fontanieu mochte sich nun bei der letztern befinden oder nicht, so beschloß der Marquis auf der Stelle nach Lonjumeau zurückzukehren. Er bestellte frische Pferde und fuhr sogleich denselben Weg zurück, den er gekommen war.

Vor dem Städtchen Lonjumeau ließ er seinen Wagen halten, zahlte dem Postillon dreifaches Trinkgeld unter der Bedingung, daß er, ohne seine Pferde zu füttern, umkehre, und begab sich allein zum Posthause.

Er klopfte so bescheiden an die Thür, als ob er ein gewöhnlicher Fußreisender gewesen wäre. Der Stallknecht ließ ihn ein. Der Marquis fabelte von einer zerbrochenen Achse, bestellte ein Zimmer mit einem Bett, und während die Hausmagd geweckt würde, fragte er den Knecht aus.

Im Jahre 1832 waren die vor der Revolution so häufigen Reisenden, die auf Postpferden ritten, selten geworden. Die Postmeister boten den Reisenden leichte Einspänner, welche für letztere nicht nur bequemer, sondern für jene eine sehr gute Spekulation waren. Der Postillon nahm neben dem Reisenden Platz und dieser bezahlte zwei Pferde.

Die Ankunft eines jungen Mannes zu Pferde hatte daher im Poststalle einiges Aussehen gemacht, zumal da die scharfsichtige Hausmagd von der tiefen Schwermuth des Reisenden gesprochen hatte. Und als sie gar erzählte, wie die Kammerfrau der Dame, welche seit Mittag im Posthause wohnte, als eine alte Bekannte begrüßte, wie er um Mitternacht von seinem schneeweißen Bett noch nicht Besitz genommen, da war er zum Gegenstande allgemeiner Aufmerksamkeit geworden.

Der Stallknecht erwartete mit Sehnsucht den Tag, um den Nachbarn seine Vermuthungen über dieses Ereigniß mitzutheilen; er war ganz glücklich, schon jetzt einen willfährigen Zuhörer zu finden.

Der Marquis von Escoman war wirklich ganz Auge und Ohr.

Als der Stallknecht seine Erzählung beendet hatte, drückte ihm der Marquis ein Goldstück in die Hand, welches dieser als einen Beweis des Dankes für seine prächtige Geschichte annahm. Er ersuchte ihn, mit ihm zum Bürgermeister zu gehen, bei welchem er ein sehr dringendes Geschäft habe.

Der Stallknecht fand es unerhört, den Bürgermeister mitten in der Nacht zu wecken. Er verhehlte es dem Fremden nicht und gab ihm den Rath, bis zum Tagesanbruch zu warten; endlich wurden seine Skrupel durch die Versicherung, daß man ihm keine Vorwürfe machen werde, und zumal durch ein zweites Goldstück beschwichtigt.

Der Bürgermeister las vor allem den Paß des Marquis von Escoman und einen Brief, den sich dieser für alle Fälle von dem königlichen Procurator zu Châteaudun hatte geben lassen, und stellte sich dann mit einer Zuvorkommenheit, welche den Führer in Erstaunen setzte, zur Verfügung des Fremden.

Man ließ ihm nicht Zeit zu langer Verblüfftheit, denn der Bürgermeister von Lonjumeau befahl dem Knecht, die Gendarmen zu holen, während er selbst sich ankleiden würde. Die Nachtkleidung, in welcher der erste Gemeindebeamte den Fremden empfangen hatte, paßte allerdings nicht zu der dreifarbigen Schärpe, die er in seinem Diensteifer angelegt hatte, ehe er den Theil seines Individuums, welchen die Schärpe umgab, in herkömmlicher Weise costumirt hatte.

Bald darauf ging die kleine Gruppe in Begleitung von drei Gendarmen durch die öden Straßen von Lonjumeau.

Achtes Capitel.
Wo der Marquis von Escoman seine beleidigte Ehre ganz anders rächt, als der Sire von Coucy die seinige rächte

In dem Zimmer, welches die Marquise von Escoman im Posthause zu Lonjumeau bewohnte, waren zwei Betten.

Das eine Bett hatte keine Vorhänge; es stand zwischen dem Fenster und dem Camin. Susanne lag in vollen Kleidern aus der Steppdecke; sie schlief fest.

Mitten im Zimmer, dem Fenster gegenüber, war ein Alcoven mit Vorhängen von Indienne. In diesem Alcoven schlummerte die kranke Emma. Fontanieu saß auf einem Fauteuil, der am Kopfende des Bettes stand.

Wie die Marquise, wie Susanne, war Fontanieu eingeschlafen. Sein Kopf lehnte sich an die Bettwand, seine rechte Hand hielt die linke der Kranken gefaßt. Von Zeit zu Zeit lächelte Emma im Traume, und unwillkürlich, vielleicht auch unbewußt, wurde der Händedruck stärker.

Eine einzige Wachskerze brannte aus dem Tische. Sie war schon herabgebrannt; bald schien sie dem Erlöschen nahe und lange, phantastische Schatten tanzten ein den Wänden; bald bekam die Flamme durch ein Stückchen Wachs neue Nahrung.

Die Marquise von Escoman erwachte Ihr erster Blick fiel auf Louis von Fontanieu; in einer unwillkürlichen Bewegung des Schreckens entwand sich ihre Hand der seinigen. Dann lächelte sie über ihre Furcht, stützte den Kopf auf die Hand und betrachtete den schönen, bleichen, schlummernden Antinouskopf mit den glänzend schwarzen Locken.

Emma war nicht mehr in der fieberhaften Aufregung wie gestern Abends; obgleich von Niemand beobachtet, erröthete sie bei dem Gedanken, daß sie im Grunde mit Fontanieu allein war, denn sie hörte die langen, tiefen Athemzüge Susannens Sie zog ihr Kleid dicht am Halse zusammen und streckte die Hand aus, um Fontanieu zu wecken.

Er schlief so süß, daß sie zögerte.

In diesem Augenblicke hörte sie auf der Straße die Fußtritte mehrerer Personen.

Einem unruhigen Gewissen ist nichts gleichgültig. Sie lauschte in angstvoller Spannung, bis Alles wieder still war.

Sie lächelte nun über ihre thörichte Furcht. Das Geräusch war ja ganz natürlich in einem Posthause, wo so oft Pferde gewechselt werden.

Die Sache hatte indes; einen so tiefen Eindruck auf sie gemacht, daß sie sich unwillkürlich zu Fontanieu neigte, als ob sie Beruhigung in der Gewißheit suchen wollte, daß ihr noch ein Freund und Beschützer blieb.

Sie drückte ihm einen leisen Kuß auf die Stirn. Da wurde plötzlich stark an die Thür geklopft.

»Was gibt’s denn?« fragten zugleich Susanne und Fontanieu, welche Beide noch zu träumen glaubten.

Emma fragte nicht; sie hatte sogleich geahnt, daß ihr ein neues Unglück bevorstehe. Im ersten Schrecken verbarg sie ihr Gesicht im Kopfkissen.

Inzwischen wurde wiederholt und stärker geklopft. Die ernste Stimme des Bürgermeisters befahl im Namen des Gesetzes zu öffnen.

»Um des Himmels willen, thun Sie es nicht!« sagte Susanne, welche alle ihre Kräfte aufbot, um eine Commode als Bollwerk vor die Thür zu rücken.

Louis von Fontanieu sah endlich ein, daß die Rache des Marquis kam. Er eilte ans Fenster mit dem Vorsatz, sich hinauszustürzen und sich den Kopf auf dem Steinpflaster zu zertrümmern. Aber der Bürgermeister oder der Marquis hatten diesen Entschluß vorausgesehen, als er das Fenster öffnete, bemerkte er einen Gendarmen, der unten auf dem Pflaster stand; er hörte das Hohngelächter des Marquis, den er im Dunkeln bemerkte.

»Wir sind hier nicht mehr bei Margarethe,« sagte der Letztere. »Es thut mir unendlich leid, lieber Herr von Fontanieu, daß ich störe; aber das Gesetz ist auf solche Fälle vorbereitet.«

»Marquis von Escoman, Sie sind ein erbärmlicher Wicht,« antwortete Fontanieu, außer sich vor Wuth. »Wenn ich Sie vor meiner Degenspitze habe, werde ich Sie ohne Erbarmen wie ein giftiges Thier niederstoßen, das schwöre ich Ihnen!«

»Wenn einige Monate Gefängniß Ihr Blut nicht abkühlen, so will ich mit Vergnügen Ihr Wundarzt sein, lieber Herr von Fontanieu,« erwiederte der Marquis, dessen hämischer Ton die Erbitterung Fontanieu’s aufs Aeußerste trieb.

Der Letztere wollte mit neuen Schmähungen antworten, als ihn die Stimme der Marquise rief.

Als er das Fenster geschlossen hatte und sich umsah, saß Emma auf ihrem Bett. Ihr ganzer Körper zitterte krampfhaft, aber ihr Gesicht hatte einen ruhigen, fast entschlossenen Ausdruck; einige Secunden waren hinreichend gewesen, um diese völlige Aenderung in ihrer Haltung zu bewirken.

In gewöhnlichen Verhältnissen können edle, feingebildete Personen, wenn sie schüchtern sind, eben so schwach und unbedeutend scheinen, wie gewöhnliche Menschen; aber wo diese unterliegen, zeigen jene ihre Seelengröße. In einem entscheidenden Momente werfen sie die Windeln ab, welche ihre freie Bewegung hinderten; sie zeigen was sie vermögen; sie erheben sich schnell zu der Höhe des Unglücks, das sie erdrücken zu wollen schien.

So zeigte sich die Marquise von Escoman.

Auf einen Wink von ihr trat Louis von Fontanieu an ihr Bett.

»Louis,« sagte sie, ihn zum ersten Male dutzend, »schwöre noch einmal, daß nichts in der Welt mir deine Liebe zu rauben vermag.«

Er schwor es ihr.

»Gut,« sagte sie und drückte ihm beide Hände. »Ich nehme ebenfalls den Himmel zum Zeugen, daß kein Ereigniß, wie hart es mich auch treffe, meine Gefühle wankend machen wird, daß ich in dieser Welt nur Dir angehören werde. – Jetzt öffnet die Thür.«

Fontanieu sah die Marquise bestürzt an. Susanne machte ernste Gegenvorstellungen, sie betheuerte, sie werde lieber sterben, als sich ergeben.

»Susanne,« sagte aber die Marquise ernst und entschieden, »ich befehle selten, allein wenn es geschieht, so erwarte ich unbedingten Gehorsam. Oeffne die Thür!«

Susanne fügte sich seufzend; sie entfernte mit Fontanieu’s Hilfe das Bollwerk, von welchem sie zur Vertheidigung ihres Kindes so viel erwartet hatte.

Es war Zeit. Die schwachen und schlecht zusammenefügten Bretter würden den Anstrengungen der Gendarmen nicht mehr lange widerstanden haben.

Der Bürgermeister wies die letzteren auf die Treppe und trat allein in das Zimmer.

Das lange Zögern hatte ihn etwas verstimmt, denn er war sehr eifersüchtig aus seine Amtsgewalt. Ueberdies war er verheiratet, und eine schuldige Frau schien ihm gar kein Mitleid zu verdienen.

Er trat also mit dem Hut auf dem Kopfe ein und gab sich alle erdenkliche Mühe, seinem Gesicht den nach seiner Meinung sowohl den Verhältnissen als seiner Schärpe angemessenen vernichtenden Ausdruck zu geben.

»Meine Damen,« begann er, »welche von Ihnen Beiden heißt die Marquise von Escoman?« In ihrer blinden Hingebung und trotz der großen Unwahrscheinlichkeit ihrer beabsichtigten Antwort öffnete Susanna den Mund, um sich dem strafenden Gesetz zu überliefern; aber die Marquise kam ihr zuvor und antwortete:

»Ich bin‘s«

Der Bürgermeister warf einen Blick aus den Alcoven; er bemerkte das wunderholde Gesicht der Marquise mit dem Spitzenhäubchen, unter welchem das schöne blonde Haar hervorquoll. Er schlug vor ihrem klaren, engelreinen Blick die Augen nieder, nahm seinen Hut ab, verneigte sich verlegen und stand stumm und unbeweglich vor ihr.

Die Marquise selbst erinnerte ihn an die Rolle, die er übernommen hatte.

»Was wollen Sie von der Marquise d’Escoman?« fragte sie.

»Ich habe eine sehr peinliche Pflicht zu erfüllen, Madame,« erwiederte er; »aber jeder Mensch hat auf Erden einen Beruf, den – den er – genug, die Regierung hat mich erkoren, sie bei den Bewohnern dieser Stadt zu ersetzen —«

»Um des Himmels willen, mein Herr, fassen Sie sich kurz,« sagte die Marquise.

»Es sei, Madame,« erwiederte der Bürgermeister mit einigem Mißfallen über den geringen Beifall, den seine Redeübung bei der schönen Dame fand. »Ich will mich kurz fassen. Sagen Sie mir gefälligst, was dieser Herr, der doch vermuthlich nicht Ihr Gemahl ist, um zwei Uhr Nachts in Ihrem Zimmer macht?«

»Ich war so unpäßlich, daß ich nicht weiter reisen konnte, ich mußte in diesem Gasthause bleiben. Meine Kammerfrau war sehr ermüdet. Der Zufall führte Herrn von Fontanieu, meinen Freund, hierher, und ich bat ihn, in Gesellschaft der Kammerfrau bei mir zu bleiben. Er nahm es an.«

»Das glaube ich wohl!« sagte der Bürgermeister, der sich durch seine immer zunehmende Bewunderung hinreißen ließ; »ich würde es an seiner Stelle eben so gemacht haben.«

Er sagte dies ganz leise; aber er setzte laut hinzu, so daß es die draußenstehenden Gendarmen hören konnten:

»Die Bereitwilligkeit dieses Herrn wäre allerdings recht lobenswerth, wenn das Gerücht ihn nicht als Ihren Geliebten bezeichnete.«

Die Marquise, welche über den plumpen Spaß des Bürgermeisters feuerroth geworden war, bekam einigermaßen ihre Fassung wieder, als er diese unverhüllte Beschuldigung aussprach.

»Mein Herr,« erwiederte sie, »wenn Sie mit diesem Worte den Mann bezeichnen wollen, der mir auf der Welt am theuersten ist, so haben Sie recht. Ja, in diesem Sinne, ist Herr von Fontanieu mein Geliebter; wenn Sie aber diesem Worte eine andere Bedeutung geben, so irren Sie sich.«

Die würdevolle Haltung der Marquise machte aus den Vertreter des Gesetzes einen ganz andern Eindruck, als ihre Schönheit schon auf ihn gemacht hatte. Er betrachtete sie mit ehrerbietigen Erstaunen.

»Meine liebe Dame,« antwortete er nach einer kurzen Pause und den ihm eigenen gutmüthigen Ton wieder annehmend, »in dieser Welt ist Alles möglich, selbst das, was Sie mir eben gesagt haben. Leider kommt es mir nicht zu, darüber zu entscheiden; ich wäre sehr geneigt, Ihre Erklärung für wahr zu halten. – Ich nehme Antheil an Ihrem Schicksale,« sagte er näher tretend, »ich möchte Ihnen, trotz meiner strengen Amtspflicht, gern nützlich sein. Gibt es kein Mittel, die Sache beizulegen? Bei solchen Gelegenheiten schweigt die Justiz, wenn kein Kläger auftritt; widrigenfalls muß sie einschreiten. Wäre der Herr Marquis nicht zu bewegen, von seiner Klage abzustehen? Er scheint gar kein übler Mann zu sein. Ich würde an seiner Stelle Feuer und Flammen speien. Wünschen Sie, daß ich hier als Vermittler auftrete? Im Grunde haben Sie Recht, er hat keine Ursache sich zu beklagen. Soll ich zu ihm hinuntergeben und ihm zureden?«

»Ich danke Ihnen für Ihre gütige Teilnahrne,« sagte die Marquise ablehnend, »aber es ist mir unmöglich, von Ihrer Güte Gebrauch zu machen.«

»Warum denn? Was für ein Hinderniß sehen Sie dabei? Liegt Ihnen denn dieser Herr mehr am Herzen, als zu wünschen wäre? Ei, der tausend! sind Sie denn so jung und schön, um sich durch ein so kleines Hinderniß abschrecken zu lassen? Ich habe Damen gekannt, die nicht entfernt mit Ihnen zu vergleichen sind und unter ähnlichen Verhältnissen diesen Herrn zum intimen Freunde des Herrn Gemahls gemacht haben würden. – Wenn das ist, was bleibt dann einer schönen Frau in dieser Welt zu wünschen übrig? – Honny soit, qui mal y pense! wie unsere Nachbarn, die perfiden Engländer, sagen.«

Der würdige Vertreter des Gesetzes schien vor seinen eigenen Worten und vor dem Wahlspruche des Hosenbandordens zu erschrecken; er setzte, gleichsam als Correctiv, mit feierlicher Stimme hinzu: »Madame, die bürgerliche Gesellschaft fordert Sie durch mich auf, Ihr Unrecht zu bereuen und den Worten der Schrift gemäß an den Schafstall zu klopfen, der sich Ihnen sofort aufthun wird.«

»Herr Maire, nach den irdischen Richtern, die mich verurtheilen werden, wird Gott den Marquis und mich richten; ich fürchte den Urtheilsspruch nicht. Ich kann Ihnen nur antworten, daß der Marquis die Verhältnisse herbeigeführt, die mich von ihm getrennt haben, und daß mich jetzt nichts bewegen oder zwingen konnte, ihn wieder zu sehen.«

Louis von Fontanieu ergriff die Hand, welche die Marquise feierlich emporhielt, und zog diese Hand, trotz der Anwesenheit des Bürgermeisters, an seine Lippen.

»Angesichts meiner Schärpe!« rief der Maire. »Junger Mann, Sie verdienten, daß ich diesen Handkuß in’s Protokoll aufnähme. Sie zählen fürwahr allzu sehr auf meine Nachsicht! Der Frau Marquise zu Gefallen will ich nichts gesehen haben, aber thun Sie es nicht wieder – Gegen Ihren so entschieden ausgesprochenen Willen, Madame, werde ich zu meinem Bedauern schweigen. Es ist schmerzlich für einen Mann, der Ihnen einen Tempel oder wenigstens einen Palast anweisen möchte, Sie in’s Gefängniß führen zu lassen.«

Diese letzten Watte brachen die Kraft, welche Emma gefunden hatte, um dem furchtbaren Ungewitter trotz zu bieten; sie brach in Thränen aus.

»Ins Gefängniß!« wiederholte Susanne, während Louis von Fontanieu, wie vorn Donner gerührt, auf einen Stuhl sank und sein Gesicht mit beiden Händen verhüllte. »In’s Gefängniß, sagen Sie, mein schöner Herr? Die Frau Marquise, Emma von Escoman, in’s Gefängniß!«

»Allerdings, meine Dame. Der König Ludwig Philipp wäre so wenig wie ich im Stande, dem Laufe des Gesetzes Einhalt zu thun.«

»Dann hat man Ihnen nicht die Wahrheit gesagt, man kann sie Ihnen nicht gesagt haben. Sie wissen nicht, daß sie ihrem Verfolger seit drei Jahren nicht nur ihre von Ihnen wie von Jedermann bewunderte Schönheit, sondern auch ihre zärtliche Liebe, ihre engelgleiche Sanftmuth und alle Tugenden anbietet, und daß der Unhold verschmäht, was er heute fordert. Sie wissen nicht —«

»Ich bitte Dich, Susanne« unterbrach die Marquise.

»Nein, ich will reden, Madame! Die Justiz ist gerecht. Der Herr Maire wird mich anhören,« setzte Susanne hinzu und faßte mit der ihr eigenen Heftigkeit die bürgermeisterliche Schärpe.

»Sie irren sich, liebe Dame,« erwiederte aber der Bürgermeister, halb erstickt durch die Schwankungen, in welche Susanne seine ziemlich umfangreiche Person setzte, »ich bin nicht die Justiz, aber wenn ich auch die Justiz wäre, so würde ich mich nicht wie ein Pflaumenbaum schütteln lassen.«

»Sie müssen mich anhören, und Sie werden die Frau Marquise nicht mehr in’s Gefängniß führen lassen. – In‘s Gefängniß! Der Unhold hat es verdient, und noch Schlimmeres. – Sie war siebzehn Jahre alt, und ihr Vermögen lockte den Wüstling an, der das seinige vergeudet hatte. Sobald er seinen Zweck erreicht hatte, wurde er an ihr zum Verräther, er verließ diese Perle, der er einige Stunden zuvor Treue und Schuh geschworen hatte. Ja, ich will’s beweisen, gleich nach der Hochzeit hat er sie verrathen; ich habe ihn genau beobachtet, ich habe ihm aufgelauert, wie die Katze der Maus. Ich will’s beweisen!«

»Ich glaube Ihnen, aber lassen Sie mich doch los!l«

Susanne schien es nicht zu hören, sie fuhr fort:

»O, wenn Sie wüßten, was sie gelitten hat! Ihr Männer habt keinen Begriff davon. Matt tröstet sich über den Verlust des Vermögens, man gewöhnt sich an die Einsamkeit, aber der ruchlose, liederliche Mann hat kein Gewissen, tritt Zartgefühl, er entzieht einer ehrbaren Frau die schuldige Achtung. Man sagt, sie verstehe nicht ihren Mann an sich zu fesseln, und verleumdet ihren Charakter. Für sie sind alle Freuden todt, alle Hoffnungen erloschen; der Frühling hat keine Blumen, der Tag kein Sonnenlicht mehr; selbst die Tröstungen der Religion bleiben oft wirkungslos. Und alle diese Qualen hat meine liebe Emma erduldet. Und weil sie aus dieser Hölle, zu der sie der Unhold verurtheilte, einst die Augen zum Himmel erhob, um zu sehen, ob dort oben kein Stern mehr glänze, wollen Sie sie auf die grundlose Anklage ihres abscheulichen Verfolgers in’s Gefängniß bringen lassen! Wenn das wahr wäre, so müßte man in der That an dem lieben Gott verzweifeln.«

»Sie sprechen allerdings recht schön, meine liebe Dame,« antwortete der Bürgermeister stöhnend, »aber leider kann ich nichts dazu thun – und was noch schlimmer, Sie werden mich des Vergnügens berauben Sie anzuhören, ich ersticke!«

Er sank ächzend auf einen Stuhl, der glücklicherweise in seiner Nähe stand.

Trotz ihres Zornes hatte Susanne Mitleid und brachte ihm ein Glas Wasser.

Als er wieder zu Athem gekommen war, ersuchte er Susanne, auf die Seite zu treten, damit er sich mit ihrer Herrin verständigen könne.

Im Vertrauen auf den Erfolg ihrer Beredsamkeit gehorchte sie, und trat auf Louis von Fontanieu zu, der am Fenster stand.

Der Bürgermeister nahm Platz auf dem Sessel, auf welchem Fontanieu den Anfang dieser Unglücksnacht zugebracht hatte. Er drückte in einfachen, aber aufrichtigen Ausdrücken sein Bedauern über ein Unglück aus, welches er für unverschuldet hielt; er versprach der Marquise, daß er alle mit seiner Pflicht vereinbaren Rücksichten nehmen werde; er erbot sich, sie in seinem eigenen Wagen und ohne Escorte nach Versailles zu begleiten, und verlangte nur, daß sie ihrer Kammerfrau das wirkliche Ziel der Reise verschweige. Der brave Mann mochte wohl diese Vorsicht anwenden, um die Empfindlichkeit der armen Frau zu schonen, vielleicht wollte er sich selbst neue Qualen ersparen.

Endlich stand er auf und ersuchte die Marquise, ihre Vorbereitungen zur Abreise zu beschleunigen, um noch vor Tagesanbruch das Städtchen zu verlassen und sich der lästigen Neugierde der Bevölkerung zu entziehen.

»Es ist schon zu spät,« antwortete Louis von Fontanieu, der eine Weile mit Unruhe auf die Straße geschaut hatte.

»Mein Gott! mein Gott!« jammerte Emma, die Hände ringend, »soll ich denn diesen Leidenskelch bis auf den Grund leeren?«

Man hörte wirklich das Summen der zusammenströmenden Menge.

Susanne riß das Fenster auf, ehe Fontanieu es hindern konnte. Sobald die weibliche Gestalt am Fenster erschien, hörte man ein höhnendes Geschrei aus einigen hundert Kehlen und einige Steine zerschmetterten die Glasscheiben.

Emma verbarg ihr Gesicht an der Brust Fontanieu’s, der auf sie zugetreten war.

Der Bürgermeister faßte Susanne beim Arm und suchte sie ins Zimmer zu ziehen. Aber die muthige Frau hielt sich am Fenster fest; sie ließ sich weder durch Geschrei noch durch Steinwürfe abschrecken.

Sie wollte der Menge beweisen, wie sie dem Maire bereits bewiesen zu haben glaubte, daß man ihre Herrin verleumdet, daß die Marquise die ehrenwertheste Dame von der Welt sei; kurz, sie wollte eine Anrede an die Bewohner von Lonjumeau halten.

Sie sprach wirklich zum Fenster hinaus.

Die Leute wurden wenigstens gerührt, wenn auch nicht überzeugt.

Anfangs wurde wohl gemurrt und höhnisch gelacht, aber bald hörte man aufmerksam zu.

Sie wiederholte den Gaffern, was sie dem Bürgermeister schon gesagt hatte; sie drückte sich nur in weit kräftigeren Worten aus. Mit dem Tact eines gewandten Redners hatte sie eingesehen, daß sie sich einer dem Volke verständlichen Sprache bedienen müsse.

Diese energischen Aeußerungen der Zärtlichkeit, der innigsten Liebe zu dem Kinde, das sie an ihrer Brust genährt, die heftigen Ausbrüche der Entrüstung über die Gottlosigkeit der Ehemänner und die Ungerechtigkeit der Menschen überhaupt machten einen tiefen Eindruck auf die Gemüther der Weiber, welche die-Mehrzahl der Zuhörerschaft ausmachten; die Schnupftücher wurden aus allen Taschen hervorgezogen, die Augen wurden feucht, und als Susanne schwieg, applaudirte man, wie einem modernen Demosthenes im Palais Bourbon.

Das Volk, dessen Leidenschaften einmal aufgeregt sind, muß fast immer ein Opfer haben. Einige Gevatterinnen meinten, man müsse an dem Manne der verfolgten Dante ein Exempel statuiren, zur Warnung aller künftigen Geschlechter.

Der Marquis von Escoman war aber, sobald er dem Maire seine Weisungen gegeben, nach Paris zurückgekehrt.

Die Kühnheit Susannens hatte doch den guten Erfolg, daß die Marquise von Escoman, als sie, nach einem herzzerreißenden Abschiede von Fontanieu, am Arme des Bürgermeisters in der Thür des Posthauses erschien, von der Menge mit ehrerbietigem Schweigen, ja mit deutlichen Zeichen der Theilnahme empfangen wurde. So wurde ihre traurige Lage einigermaßen gemildert.

Susanne frohlockte; sie drückte mit stolzer Befriedigung die nach ihr ausgestreckten Hände.

Neuntes Capitel.
Wer den Liebesgöttern die Flügel stutzt

Eine Scheidungsklage ist in unserer Zeit kein neues Scandal; aber sie macht großes Aufsehen, wenn beide Parteien den höheren Ständen angehören.

Bei derartigen Verhandlungen ist der Gerichtssaal immer überfüllt.

Wenn man untersucht, warum die Zuhörer gekommen sind, so kann man sie in mehre scharf geschiedene Classen eintheilen.

Zuerst die Feinschmecker, die Sportsmen der Entführungen und Liebesabenteuer, die eifrigen Leser schlüpferiger Romane. Diese Zuhörer finden hier, wenn auch keinen ganzen Roman, doch wenigstens ein sehr pikantes Capitel; sie wollen die Heldin sehen, sie wollen sich überzeugen, ob sie die allgemeine Aufmerksamkeit verdient und ob es auch der Mühe werth war, mit ihr zu sündigen. Sie glauben im Theater zu sein; ihre unverschämten Lorgnetten erwarten mit der Geduld und dem Scharfblick eines Wilden den Augenblick, wo der nothwendige Gebrauch des Schnupftuches die arme junge Dame nöthigen wird, einen Zipfel des Schleiers aufzuheben, hinter welchem sie ihr Erröthen zu verbergen hoffte. Sie steigen auf die Bänke, um zu sehen, ob sie einen hübschen Fuß hat; durch Thränen werden sie nicht im mindesten abgehalten zu sehen, ob die Augen, denen die Thränen entströmen, schön sind. Die verschlossenen Thüren bringen diese Feinschmecker zur Verzweiflung. Der Anklageact hat für sie nie genug episodische Einzelheiten. Im Allgemeinen sind sie der Angeklagten gewogen, zumal wenn sie schön ist; aber ihr lautes und zu demonstratives: Mitleid ist nicht die geringste der Martern, welche die Unglückliche an diesem Pranger zu erdulden hat.

Dann kommen die Speculanten, die der Meinung sind, das beste Mittel, sich vor Unglück zu bewahren, sei, über das Unglück Anderer zu lachen.

Ferner die Freunde, deren Rolle leicht zu errathen ist, ohne daß man nöthig hat sie näher zu bezeichnen. Sie erscheinen, um der einen oder andern Partei eine kleine Schuld des Dankes abzutragen. Wenn man ein dumpfes Gemurmel Vernimmt, durch welches die Zuhörer ihre Entrüstung zu erkennen geben, so kann man versichert sein, daß dieses Gemurmel aus der Gruppe der »Freunde« kommt.

Studenten pflegen sieh auch häufig einzufinden, und zwar großentheils Studenten, welche sich zu belehren wünschen, wie weit man gehen darf und wo man stillstehen muß, um nicht auf die verhängnißvolle Bank der Angeklagten zu kommen.

Endlich eine ziemlich zahlreiche Classe von Schwachköpfen, die in vollem Ernst glauben, daß die Gesellschaft in Gefahr sei, weil ein Frauenherz nicht mit ewiger Standhaftigkeit begabt sei.

Die Haltung dieser aus so verschiedenen Gründen herbeigelockten Parteien des Publikums bleibt immer gleich, das heißt: sie ist albern, unschicklich und gefühllos.

Wir begreifen nicht, was durch eine Oeffentlichkeit dieser Art zu gewinnen ist; wir sehen darin nur einen Vortheil und bemerken tausend Mängel.

Man kann allerdings behaupten, daß diese öffentliche Schmach der schuldbeladenen Gattin ein heilsamer Zügel sei; aber sind denn fünf Männer nicht genug, um ein weibliches Wesen zu beschämen?

Hat man denn nicht bedacht, daß man die Gemüther der Müßigen, welche den Gerichtsverhandlungen beiwohnen, oder die Berichte in den zahlreichen Zeitungen lesen, zur Selbsterkenntniß und Zerknirschung führen wollte? Die Galanterie hat, wie das Duell, in unseren Sitten zu tiefe Wurzeln geschlagen, als daß man die Leute bestimmen könnte, in dem Verbrechen – wie es die Juristen nennen – etwas Anderes zu sehen, als einen unglücklichen Zufall. Man könnte noch hinzusehen, daß diese Oeffentlichkeit selbst mit ihren erotischen Erörterungen nur eine Aufreizung zur Sittenlosigkeit ist, die sie verhindern wollte.

Man verurtheile also die Schuldigen; aber man ziehe die häuslichen Mysterien nicht aus dem Dunkel hervor; der Richter hat nebst dem Arzte allein das Recht, den Schleier zu lüften. Schon die Rücksicht auf die Kinder macht Disceretion zur Pflicht.

Man setze doch die höhnisch lachenden, begierig lauschenden Zuhörer nicht der Gefahr aus, daß die Angeklagte sich zu ihnen wende und ihnen zurufe: Wer von Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf mich! Nicht auf alle Pharisäer würde eine solche Beschämung eine heilsame Wirkung haben.

Wenn es schon für jede Angeklagte, welches Standes sie auch sei, eine Marter ist, auf die Bank geführt zu werden, wo die schwersten Verbrecher gesessen, so kann man sich denken, was die Marquise von Escoman fühlte, als sie diesen verhängnißvollen Platz einnahm.

Sie hatte gedacht, daß sie stärker, die Wirklichkeit minder furchtbar sein werde.

Ihre Unterredungen mit dem ausgezeichneten Advocaten, der sie vertheidigen sollte, hatten für sie den unheimlichen Anblick des Leidensbechers, den sie leeren sollte, so viel als möglich verhüllt. Nachdem er den Fall in Erwägung gezogen, hatte er ihr Hoffnung gemacht. Sie verstand darunter nicht die Straflosigkeit, sondern die Mittheilung des theilnehmenden Wohlwollens, welches sie bei ihrem Rechtsfreunde gefunden, an ihren Ankläger, an ihre Richter, an die Zuhörer. Ihr Vertheidiger verhehlte ihr zwar nicht, daß sie in den Augen des Gesetzes nicht recht gethan, aber er entschuldigte sie und milderte ihren Schmerz durch seine warme Theilnahme.

Auch Susanne trug zu ihrer Beruhigung bei. Wir haben gesehen, wie groß ihr Selbstvertrauen durch den in Lonjumeau erzielten Erfolg geworden war. Wie schwer sie sich auch an den Gedanken gewöhnte, die Marquise von Escoman wie eine Verbrecherin eingesperrt zu sehen, so war sie doch fest überzeugt, daß ihre Herrin glänzend gerechtfertigt werden und der Ankläger tief beschämt werden müsse.

Im Anfange der Präventivhaft hatte Susanne die Marquise und Fontanieu abwechselnd besucht und ihnen den Trost gebracht, den sie in der Versicherung ihrer gegenseitigen Liebe finden konnten. Aber der Advocat wollte diese Besuche nicht länger gestatten, da man dieselben leicht zum Nachtheile seiner Clientin ausbeuten könne.

Susanne blieb nun beständig bei ihrer Herrin; sie hatte ihr von der begeisterten Liebe Fontanieu’s, von seinem Schmerz, von seiner rührenden Hingebung so viel zu erzählen, und Emma ließ sich Alles, was ihre alte Freundin mit dem Geliebten gesprochen, so ausführlich wiederholen, daß die einsamen Stunden der Haft ziemlich schnell verstrichen.

Endlich kam der Tag, an welchem ihr Schicksal entschieden werden sollte.

Die Bank der Angeklagten hat ihre den Umständen angemessene Toilette, wie die Bälle und die Festessen.

Der Advocat hatte der Marquise einen schwarzen Anzug empfohlen und Susanne wandte dabei die größte Sorgfalt an. Die gute Frau wollte kein Mittel, die Richter für ihre Herrin einzunehmen, unversucht lassen.

Man führte die Marquise von Escoman in den Gerichtssaal. Bei dem Anblicke der dichtgedrängten Menge, der tausend Augen, die auf sie gerichtet waren, wich Emma mit Entsetzen zurück. Sie wollte fliehen, aber schon hatte sich die unerbittliche Thür hinter ihr und ihrem Advocaten geschlossen. Dieser war der einzige Mensch, auf dessen öffentlichen Beistand sie zählen konnte. Er hatte ihr seinen Arm geboten und führte sie zu der Bank, auf welcher Louis von Fontanieu schon saß.

Dann begann die Gerichtsverhandlung. Die Marquise zitterte an allen Gliedern, so heftig war der erste Eindruck gewesen. Es wurde ihr auf Augenblicke dunkel vor den Augen, es brauste in ihren Ohren, wie eine ferne Brandung. Den vom königlichen Procurator vorgelesenen Anklageact hörte sie nicht. Der Inhalt war übrigens ziemlich nichtssagend; man schien Bedenken getragen zu haben, zu tief in dem Vorleben der Angeklagten zu forschen, als ob man gefürchtet hätte, das ganze Gerüst, auf welchem die Anklage ruhte, einstürzen zu sehen.

Nach dem königlichen Procurator bekam der Advocat des Marquis von Escoman das Wort.

Er war von dem Rechtsfreunde, den wir kennen gelernt, abgerichtet worden. Er kannte die Marquise eben so wenig wie den Marquis; aber er war ein gewissenhafter Advocat, der das ihm zukommende Geld verdienen wollte. In Ermanglung des Talentes war er bereit, seinen Vortrag für das scandalsüchtige Publikum recht pikant zu machen.

Er declamirte also im Namen der verletzten Moral, der schmählich übertretenen socialen Gesetze, der herausgeforderten öffentlichen Meinung; er rief die Strenge des Gerichtshofes auf das Haupt der Schuldigen mit einem Redepomp, den er für die von Zeit zu Zeit auftauchenden moralischen Ungeheuer aufgespart zu haben schien. Er war pathetisch, inspirirte sich durch Stellen ans Dante, ricirte das mosaische Gesetz und das Corpus Juris der Römer.

Noch mehr. Als er die Gedanken und Handlungen der Marquise verdrehte, ihre Absichten verdächtigte, den jungfräulichen Kranz, den sie zum Altar gebracht hatte, mit roher Hand entblätterte; als er ausführte, wie sie das Vertrauen des redlichsten, achtbarsten Mannes mißbraucht, seine Leichtgläubigkeit durch den Schein der Religiösität getäuscht, einen bis dahin hochgeachteten Namen dem allgemeinen Gespött preisgegeben; als er die für das Bedürfniß der Anklage erfundene Marquise von Escoman als eine Messaline darstellte, – da glaubte die Unglückliche zu träumen; die rauhe Stimme des Redners drang nur noch von Zeit zu Zeit an ihr Ohr wie eine Todtenglocke. Endlich wurde sie von krampfhaften Zuckungen befallen und sank bewußtlos nieder.

Susanne war längst nicht mehr an ihrer Seite. Sie hatte die Schmährede des Advocaten schon im Anfange unterbrochen, und trotz ihrer Betheuerungen, ihrer Bitten und Drohungen hatte sie der Präsident hinausführen lassen.

Louis von Fontanieu weinte. Mehr konnte er nicht thun, ohne die Unglückliche zu kompromittieren, und sein Advocat empfahl ihm sogar seine Thränen zu verbergen.

Die Abwesenheit der Angeklagten, welche fortgetragen wurde, nöthigte den Präsidenten die Gerichtsverhandlung zu unterbrechen.

Als Emma wieder zur Besinnung kam, fragte man sie, ob sie bereit sei wieder vor dem Tribunale zu erscheinen.

Sie antwortete nicht; ihr Stillschweigen wurde für Einwilligung genommen.

Die Natur hat den menschlichen Kräften, aber auch den Schmerzen Grenzen gesetzt. Wenn die Leiden einen gewissen Grad erreicht haben, wird der Mensch unempfindlich, er verliert das Bewußtsein dessen, was um ihn vorgeht, die Martern werden wirkungslos. Die Seele scheint die Kraft zu bekommen, sich eine Zeit lang ihren Peinigern zu entziehen und ihren armen Leib als Geißel zu lassen.

Emma weinte nicht mehr; sie war sich ihrer Lage nicht mehr klar bewußt, ihr Blick war starr, sie sah und hörte nichts.

Um ihr beizustehen, hatte man ihren Schleier aufgehoben; sie ließ ihn nicht wieder herab, als sie in den Gerichtssaal zurückkam.

Als sie wieder erschien, waren die bis dahin ziemlich theilnahmlosen Zuschauer höchst erstaunt über die Schönheit der Angeklagten, welche vorher mit Bewilligung des Präsidenten tief verschleiert gewesen war. Wir wissen, daß Emma weinen konnte, ohne häßlich zu werden; der Schmerz gab ihrem zarten Gesicht einen noch größern Reiz. Mitten in dem Gesumme, welches die wieder geweckte Neugierde machte, waren leise Aeußerungen des Mitleids zu vernehmen.

Die plastische Seite ist die, welche ihre Wirkung auf das menschliche Herz nicht verfehlt.

Emma hörte nicht was um sie vorging. Ihr Advocat, an dessen Arme sie eintrat, neigte sich zu ihr und flüsterte ihr zu:

»Fassen Sie Muth. Der Eifer hat unsern Gegner zu weit getrieben; er ist verloren. Ich sah ihn zu meiner großen Freude diesen unbesonnenen Ton anstimmen. Er hat Ihnen einen unendlich wichtigen Dienst erwiesen. Den Marquis von Escoman zum Cato stempeln zu wollen! Dem Wortschwall meines Gegners ist es nicht gelungen, ich habe es an dem spöttischen Lächeln unserer Richter wohl bemerkt. Wir haben ihre Meinung für uns. Und Sie, Madame, sind gerade zur rechten Zeit in Ohnmacht gefallen. Sehen Sie jetzt, mit welcher Theilnahme Sie vom Publikum aufgenommen werden. Ich bürge für das Gewinnen des Prozesses, und nicht allein dieses, sondern auch für den günstigen Ausgang des Civilprozesses, den wir anhängig machen werden. Ich kann Ihnen um so zuversichtlicher dafür bürgen, da ich mit meinem Collegen, der Herrn von Fontanieu vertheidigt, ein Uebereinkommen getroffen habe, welches meine Aufgabe sehr erleichtern wird. – Also fassen Sie Muth. In einer Stunde wird Ihre Freisprechung mit allgemeinem Jubel begrüßt werden.«

Der Advocat glaubte wirklich, seine Clientin spiele ihre Rolle, wie er die seinige spielte. Die Marquise verstand nur ein Wort von Allem was er ihr sagte: den Namen Fontanieu. Sie sah ihn an und fand die Kraft zu lächeln.

Der Vertheidiger der Marquise hatte in der That mit seinem Collegen einen Plan verabredet.

Die Angeklagte war in einem und demselben Zimmer mit Louis von Fontanieu betreten worden. Aber Susanne war anwesend, Fontanieu in seinen Reisekleidern gewesen. Dies war gewiß ein sehr mildernder Umstand.

Der Advocat des Marquis hatte überdies unterlassen, die Zeugen der Scene in der Carmeliterstraße vorladen zu lassen. Der Hauptzeuge wäre leicht als verdächtig zurückzuweisen gewesen und die Aussagen der übrigen hätten wohl die Marquise aus der Fassung bringen, aber die Richter gewiß nicht überzeugen können.

Louis von Fontanieu hatte kein Bedenken getragen, alle Folgen einer gehässigen oder lächerlichen Rolle auf sich zu nehmen, wenn die Marquise wo möglich dadurch gerettet werden konnte.

Sein Advocat, den er von seiner Absicht in Kenntniß gesetzt, hatte sich mir dem Vertheidiger der Marquise verständigt. Der letztere sollte auf das entschiedenste in Abrede stellen, daß zwischen Fontanieu und der Marquise ein anderes Verhältniß bestanden, als eine in den Formen der gebildeten Welt sich bewegende Freundschaft; Fontanieu habe aber diese Freundschaft aus Eitelkeit und Leichtsinn mißbraucht, um von der Angeklagten Beweise einer Liebe zu erhalten, welche sie ihm nie gestanden.

Die Marquise von Escoman blieb anfangs in ihrer Theilnahmlosigkeit. Ihr Vertheidiger wies die gegen seine Clientin geschleuderten Verleumdungen zurück; er stellte die Thatsachen und Verhältnisse der Wahrheit gemäß dar; dann wies er nach, wie weit der wirkliche Marquis von Escoman verschieden sei von dem Phantasiegebilde, welches aus dem Gehirn seines redegewandten Collegen wie Minerva aus dem Haupte Jupiters hervorgegangen sei. Er erzählte schonungslos alle Abenteuer, welche ihm Susanne mitgetheilt hatte. Er zählte seine gewissenlosen Streiche zusammen und zog die Bilanz seines Vermögens und seines Lebenswandels. Dagegen schilderte er die Marquise in ihrem ehrenhaften häuslichen Leben; er zeigte, wie sie von Allen, die sie kannten, bedauert und bewundert, den Lockungen der großen Welt widerstanden, alle frivolen Zerstreuungen verschmäht, wie sie nicht einmal im Umgange mit der Welt, sondern nur in der Religion und in der gewissenhaften Erfüllung ihrer Pflichten Trost gesucht.

Der Redner schilderte nun Louis von Fontanieu. Dieser habe das wüste Leben des Marquis mitgemacht; er habe eine Maitresse mit ihm gewechselt oder getheilt. Er habe entweder dem verderblichen Einfluß der Letzteren nachgegben, oder sich durch eine bei liederlichen Menschen sehr gewöhnliche Eitelkeit verleiten lassen, die Arglosigkeit der engelreinen, über jede unlautere Leidenschaft erhabenen Marquise zu mißbrauchen und einen mit teuflischer Bosheit angelegten Verführungsplan zu versuchen.

Sobald er von Fontanieu gesprochen hatte, war die Marquise aufmerksam geworden. Die Blässe des Gesichts war einer lebhaften Röthe gewichen. Sie sah bald ihren Vertheidiger, bald Fontanieu an; dem Einen schien sie Schweigen gebieten, dem Andern ihr Bedauern ausdrücken zu wollen.

Dieser Blick hätte den Entschluß Fontanieu’s fast erschüttert. Er fühlte, was sie leiden mußte, und fragte sich, ob das Gegenmittel nicht schlimmer als das Uebel sei. Um die Fassung nicht zu verlieren, schlug er die Augen nieder.

Diese Verlegenheit Fontanieu’s, der nun der Hauptangeklagte geworden war, glaubte der Advocat zu einer entscheidenden Redewendung benützen zu müssen.

»Schlagen Sie die Augen nieder,« rief er ihm zu, »vor den erzürnten Blicken der Anwesenden; beugen Sie das Haupt unter der Reue, die Sie erdrückt. Die Angeklagte hat Sie nicht geliebt; Sie haben ihre Freundschaft mißbraucht, um sie zu verrathen; Sie haben ein frevelhaftes Spiel getrieben mit einem bis dahin fleckenlosen Rufe; Sie sind aus alberner Eitelkeit zum Verleumder geworden. Die Gewissensbisse mögen Ihre Strafe sein; Sie werden es nie mehr wagen einem Ehrenmanne in die Augen zu sehen!«

Das war zu viel für Emma. Sie stand auf; ihre Augen funkelten, ihre Lippen bebten. Die vernichtenden Worte des Advocaten hatten sie ganz umgewandelt; ihre Schüchternheit war verschwunden.

»Sie lügen!« rief sie ihrem Vertheidiger zu. »Herr von Fontanieu hat mich nie betrogen, nie verleumdet. Er ist nie zum Verräther an mir geworden. Sie lügen! Ich liebe ihn!«

Und ehe es die Gendarmen hindern konnten, sank sie in Fontanieu’s Arme.

Wie der Advocat erwartet hatte, brachen die Zuhörer in lauten Beifall aus. Aber dieser allzudramatische Schluß der Verhandlung vereitelte seine Hoffnung auf gänzliche Freisprechung der Clientin. Der Gerichtshof verurtheilte die Marquise zu sechs Monaten und Louis von Fontanieu zu drei Monaten Gefängniß.

Zehntes Capitel.
Wo gezeigt wird, wie aus den am kürzesten abgemähten Wiesen das Gras am dichtesten nachwächst!

Nach der Gerichtsverhandlung wurde die Marquise Escoman von einem heftigen Fieber befallen.

Susanne pflegte sie mit derselben Sorgfalt wie früher. Trotz der Schmähungen, die sich die brave Frau gegen den Anwalt des Marquis erlaubt, hatte ihre schwärmerische Hingebung den Gerichtspräsidenten so tief gerührt, daß er ihr die Erlaubniß gegeben hatte, die Gefangenschaft ihrer Herrin zu theilen.

Die Krankheit hinderte Emma, zu tief über ihr Unglück nachzudenken; das was ihren Tod hätte herbeiführen können, rettete sie.

Als sie anfing zu genesen, zeigte sich ihr Alles in einem neuen Licht. Sie war in einer Welt eingeschlafen, und erwachte in einer andern. Die Vergangenheit erschien ihr wie ein in den Wolken am Horizont dämmerndes mattes Licht, die Zukunft wie ein hellstrahlender Leuchtthurm, dessen Licht ihr Herz erwärmte und dem sich alle ihre Gedanken und Wünsche zuwandten.

Die volksthümlich klingende Wahrheit, welche diesem Capitel als Titel dient, findet ihre Anwendung eben so wohl auf die Gefühle des Menschen, als auf die physischen Gesetze.

Die in das menschliche Herz gepflanzte Leidenschaft wächst und blüht und stirbt wie eine Pflanze.

Diese Veränderungen sind um so kürzer, je weniger die Pflanze beunruhigt wird. Im Schatten verkümmert sie; in zu üppigem Boden und zu süßer Ruhe bleibt sie unfruchtbar; wenn sie mit Füßen getreten wird, zieht sich die Lebenskraft in die Wurzeln und macht dieselben größer und kräftiger; die Millionen Fasern, aus denen die Wurzeln bestehen, verbreiten sich ringsum in dem Erdboden und treiben junge Schößlinge. Vergebens würde man alle Kräfte aufbieten, um das frühere Pflänzchen, aus welchem fast ein Baum geworden ist, auszureißen.

Eben so geht es im Seelenleben. Jedes Gefühl, das man zu ersticken sucht, wird unendlich gekräftigt und erweitert. Widerstand leisten, für eine Sache, für einen geliebten Gegenstand dulden, ist unter allen Vorrechten der Menschheit das kostbarste, das sie am wesentlichsten von den übrigen Geschöpfen unterscheidet.

Man fühlt mit Stolz, daß keine Verfolgung, keine Mißhandlung im Stande ist, den hohen Sinn zu beugen. Wie schwach der Mensch auch sei, der göttliche Hauch, der ihn berührt, gibt ihm eine Widerstandskraft, die ihn in seinen eigenen Augen wenigstens zum Märtyrer macht.

Wenn man zuweilen das Opfer bereut, so ist dies erst, der Fall, nachdem es vollbracht ist; bis dahin beklagt man sich über die Härte des Opfers nicht mehr, als das Rennpferd über den Sporn, der ihm die Seiten blutig rißt und es zu rascherem Lauf antreibt.

Die Marquise von Escoman klagte selbst bei ruhigem Nachdenken, wo ihr Alles, was sie verloren, klar vor der Seele stand, weder ihre Liebe noch Louis von Fontanieu an. Sie fühlte sich durch ihre Leiden so gehoben, daß es ihr unmöglich schien, sich über dieselben zu beklagen. Sie fühlte eine gewisse Freude bei dem Gedanken an die Opfer, welche sie Beide für einander gebracht hatten. Zuweilen fragte sie sich, ob es nicht besser sei, wenn sie noch schwerer geprüft worden wäre.

Doch diese Rückblicke in die Vergangenheit trübten nur selten ihre Ruhe; sie lebte ganz in der Zukunft.

Sie dachte nicht mehr an die vornehme Welt. Die Meinung der Welt hat einige Aehnlichkeit mit der Unterschrift eines Banquiers, welche nur für die Besitzer seiner Wechsel einen Werth hat, oder mit einem Raritätencabinet, welches außer den Sammlern Jedermann zum Fenster hinauswerfen würde. Die Welt bestand für sie fortan nur aus Louis von Fontanieu und Susanne.

Sie schuf sich ein wunderbar reizendes Bild von dem Glücke zweier Wesen, die durch gegenseitige Liebe vereinigt wurden, und dieser Wonnetraum, den sie als Mädchen geträumt hatte, schien ihr einen Vorgeschmack des Paradieses geben zu müssen.

Sie bot ihre ganze Geisteskraft auf, um eine Ecke des Vorhanges aufzuheben, der diese lachende Zukunft ihren Blicken entzog, um nur einen verstohlenen Blick in dieselbe zu werfen.

Wenn es ihr gelang, erschien ihr diese Zukunft herrlich. Was man aus der Ferne sieht, ist ja immer schön.

Die Stunden der Haft schienen ihr nur deshalb lang, weil sie noch von einem Glücke getrennt war, welches sie als den gerechten Lohn ihrer Leiden betrachtete. Sie langweilte sich in ihrer Verpuppung, weil sie gern ein Schmetterling werden, ihre Flügel regen und frei in der schönen lauen Himmelsluft umherflattern wollte.

Sie mußte zuweilen freilich ihrer Phantasie Zügel anlegen. Nach dem Criminalprozeß kam die von dem Marquis Escoman anhängig gemachte Scheidungsklage, und die Advocaten verlangten häufige Besprechungen mit der Marquise.

Susanne wollte nicht das mindeste Zugeständniß machen. Sie würde lieber dreißig Jahre prozessirt haben, ehe sie einen Strohhalm abgetreten hätte. Daher hatte sie sich sehr bald mit der Advocatenzunft wieder ausgesöhnt; die Spitzfindigkeiten und Ränke paßten ganz zu ihrer Stimmung. Sie hatte sich sogar die damals noch übliche barbarische Gerichtssprache mit wunderbarer Leichtigkeit angeeignet. Wenn die Marquise, nachdem sie ihre Advocaten entlassen, Ruhe zu haben glaubte, so begann Susanne ihr Gesalbader von Untersuchung, Gegenuntersuchung, Actenvorlage, Einreden, interlocutorischen Bescheiden und Subhaftationen. Und um diesem Redeschwall zu entgehen, blieb der Marquise nichts übrig, als sich krank zu stellen und die Augen zu schließen.

Die guten Absichten Susannens trugen zur Beschleunigung eines von der Marquise Escoman lange gewünschten Ergebnisses bei.

Mancherlei Rücksichten hatten sie bewogen, diesen Plan zu entwerfen.

Sie wußte, daß die Scheidung nur der Vorwand war, hinter welchem der Marquis seine Absichten verbarg, daß er den Zweck hatte, wenigstens einen Theil des Vermögens seiner Frau an sich zu ziehen. Emma sah mit Beschämung, daß sich die großen Fragen der socialen Rechte und Pflichten um solche Erbärmlichkeiten drehten, und sie konnte sich nicht entschließen, den Advocaten auf diesem schlüpfrigen Boden zu folgen. Da sie mit der Gesellschaft gebrochen, hatte, glaubte sie nicht das Recht zu haben zu behalten, was sie von ihr bekommen hatte. Sie hielt es für ungerecht, dem Marquis das Vermögen vorzuenthalten, welches ihn bewogen hatte, ihr seinen Namen zu geben; hing doch die Scheidung im Grunde von ihrem Willen ab. Wenn sie wieder frei würde, so war es, wie sie meinte, ganz natürlich, ihr Vermögen als Lösegeld zurückzulassen.

Noch ein anderer Ideengang hatte einen großen Einfluß auf die Stimmung der Marquise.

Sie besaß das übergroße Zartgefühl jugendlicher Gemüther, die in der Einsamkeit von jeder Berührung mit der frivolen Welt frei geblieben sind. Sie dachte mit Widerwillen an ihr Vermögen, weil sie wußte, daß Louis von Fontanieu arm war; weil es ihr schien, sie sei als reiche Erbin ein Hinderniß einer völligen, unbedingten Vereinigung, die in Zukunft in den äußeren Verhältnissen wie im Herzen stattfinden sollte.

Waren sie Beide arm, so müßten sie sich, wie sie meinte, inniger lieben; konnte doch Keines von Beiden in den Verdacht eigennütziger oder selbstsüchtiger Absichten kommen. Diese Armuth schien überdies ihm und ihr die Arbeit zur Pflicht zu machen, und die Arbeit allein konnte ihre beiderseitige Zukunft sichern.

Während also Susanne mit Wohlgefallen die wahrscheinliche Summe des zu rettenden Vermögens der Marquise an den Fingern zusammenzählte, ohne zu bedenken, daß der Ruin des sogenannten Marquis – wie sie ihn nannte – ihre Berechnungen sehr gewagt machte, schrieb Emma ohne ihr Wissen an den ihr Interesse vertretenden Advocaten, daß sie der gegen sie erhobenen Forderung nicht entgegentreten wolle, daß sie vielmehr geneigt sei, dem Marquis von Escoman den ausschließlichen Fruchtgenuß ihres Vermögens zu überlassen. Sie drückte ihren Entschluß so bestimmt aus, daß man gar keinen Versuch machte, denselben zu erschüttern.

Der Marquis war erstaunt über diesen Entschluß; aber er wußte die Gefühle, aus denen derselbe hervorgegangen war, nicht zu würdigen. Er ließ der Marquise eine Leibrente anbieten, die sie jedoch ablehnte; und ohne sich weiter den Kopf zu zerbrechen, freute er sich, unter einem so glücklichen Stern geboren zu sein.

Als dieser letzte Ring der Kette, welche Emma noch an die Vergangenheit fesselte, gebrochen war, athmete sie noch freier als bis dahin.

Die Zukunft erschien ihr in freundlicheren Farben, sie harrte mit Sehnsucht dem glücklichen Tage entgegen, an welchem sich ihr, mit den Thüren des Gefängnisses, ein neuer Gesichtskreis eröffnen würde.

Für Louis von Fontanieu entstanden größere Schwierigkeiten.

Die »Galanterie« wurzelt tief in den französischen Sitten. Jeder Franzose wird bei seiner Geburt in das Hauptbuch dieser modernen Liebespriesterin eingetragen. In Frankreich wird man als Weiberheld geboren, wie man in Deutschland als Denker, in England als Hypochonder, am Zuydersee als Phlegmatiker geboren wird. Das Gesetz bat sich daher wenigstens einmal einen Uebergriff erlaubt, als es die anziehendste Beschäftigung der unermeßlichen Mehrheit des französischen Volkes verpönte und eine Strafe auf das setzte, was man mit den ausgezeichnetsten Eigenschaften großer Männer auf gleiche Stufe stellt.

Das Gesetzbuch ist hart gegen das weibliche Geschlecht; aber dem Manne gegenüber, der strenger bestraft werden sollte, vermag es weniger als die Unsitte; es züchtigt ihn, und in den Händen des Gesetzes verwandeln sich die Ruthen, mit denen er gegeißelt wird, in Rosen ohne Dornen; es meint ihn an den Pranger zu stellen, aber der Leichtsinn und das hartnäckige, die Tugend verhöhnende Vorurtheil der Menge will darin nur ein Postament sehen, auf welches man ihn stellt, um ihn bewundern zu lassen.

Wie streng auch ein Familienvater in seinen Grundsätzen sei, so lange als die kleinen Sünden seines Sohnes in den Grenzen des Anstandes bleiben und weder sein Vermögen noch seine Gesundheit zu Grunde richten, wird der brave Mann seinem Sprößlinge nicht den Text lesen, ohne daß ein sarkastischer Zug aus dem Munde seine Strafpredigt Lügen straft und die Wirkung derselben aushebt. Er erfüllt eben nur eine Pflicht; aber die Hoffnung der Nation protestirt gegen die Strafpredigt.

Die Mütter sind in solchen Verhältnissen stolz auf ihren Sprößling, wenn ein richterliches Urtheil erklärt, daß ihr Söhnlein unwiderstehlich war.

Frau von Fontanieu besaß dieselbe Schwäche wie alle französischen Matronen. Die Laufbahn ihres Sohnes war unterbrochen, und die Opfer, welche sie gebracht, konnte sie als verloren betrachten, allein die Dame fühlte sich durch den Gedanken, daß ihr Sohn eine solche Eroberung gemacht, in ihrer Eitelkeit geschmeichelt, und als sie während der Gerichtsverhaudlung, welche sie nicht versäumen wollte, sogar bemerkte, wie die Augen der Zuhörerinnen auf ihn gerichtet waren, da schwieg ihr Gewissen und sie fühlte nur Mitleid nicht nur mit ihm, sondern auch mit der Marquise. Sie weinte, als Emma die Rede ihres Vertheidigers durch eine so energische Einrede unterbrach.

Frau von Fontanieu glaubte freilich, die Liebe der beiden jungen Leute werde nun ein Ende nehmen. Sobald sie in ihren Unterredungen mit ihrem Sohne erfuhr, welche Absichten er hatte, bekam sie eine ganz andere Ansicht von den Verhältnissen. Seine Liebe mußte auf seine ganze Zukunft einen entscheidenden Einfluß haben. Wie er früher der mütterlichen Eitelkeit geschmeichelt, erregte er jetzt die Besorgniß der Dame. Bisher hatte man ihn entschuldigt, von nun an mußte er ein Gegenstand ernster Mißbilligung werden; man hatte ihn bedauert, von nun an war nur ein schonungsloses Urtheil zu erwarten. Die materiellen Interessen entscheiden heutzutage selbst über Fragen, bei denen nur das sittliche Gefühl betheiligt ist.

Frau von Fontanieu bot Alles auf, was in ihren Kräften stand, um ihren Sohn den Folgen eines ungesetzlichen Verhältnisses zu entreißen. Sie suchte mit Bitten, Thränen, Vorwürfen, Drohungen seinen Widerstand zu besiegen; sie beschwor ihn bei seiner kindlichen Liebe, bei seiner Schwester, welche keine andere Stütze als ihn hatte. Es würde ihr wahrscheinlich gelungen sein, ihren Sohn von Emma abwendig zu machen und sein Herz, wenn auch gebrochen, zerrissen, blutend, wieder zu gewinnen; aber leider sind die Mütter nicht frei von kleinlichen Eifersüchteleien und anderen weiblichen Schwächen. Frau von Fontanieu eiferte unaufhörlich gegen Emma, welche ihr den Sohn rauben wolle; sie wiederholte, einiges einfältige Geschwätz, welches sich in ihrem Munde zu Verleumdungen gestaltete; die von ihr selbst bewunderte edle Entrüstung der Marquise über die gegen Louis vorgebrachten Beschuldigungen nannte sie jetzt Schamlosigkeit und Frechheit.

Louis von Fontanieu ward durch die Thränen seiner Mutter tief gerührt; er fühlte wohl, daß ihm Pflicht und Ehre das Opfer geboten, welches von ihm verlangt wurde; aber nach den unzeitigen Angriffen der Matrone schwieg er; seine Stirn verfinsterte sich, feine Stimmung ward plötzlich umgewandelt, sein Benehmen wurde frostig, abgemessen, ehrerbietig. Eine Eiswand, die aus der Erde hervorgezaubert zu sein schien, trennte ihn fortan von seiner Mutter.

Frau von Fontanieu errieth was in der Seele ihres Sohnes vorging; sie sah wohl ein, daß es ihr nicht gelingen werde, die eisige Scheidewand zu durchbrechen; sie drückte ihr Schnupftuch auf’s Gesicht und entfernte sich schluchzend.

Louis that keinen Schritt, sprach kein Wort, um sie zurückzuhalten. Seine Mutter erschien nicht wieder im Gefängniß; er schrieb, aber ohne die Ursachen dieses Entschlusses zu erforschen, nahm er denselben vielmehr als vollendete Thatsache hin.

Eine leidenschaftliche Liebe gleicht dem Baum, in dessen Schatten der Pflanzenwuchs verkümmert; wenn am Fuße des Baumes etwa ein Grashalm hervorkommt, so wird Saft und Kraft von dem Stamme angezogen und der Halm stirbt ab.

Als Louis von Fontanieu aus dem Gefängniß entlassen wurde, begab er sich nicht zu seiner Mutter. Sein Entschluß war unerschütterlich; seine Liebe kam freilich mit der Sohnespflicht und mit den Erinnerungen an seine Kindheit in Widerstreit; aber seine Gedanken und Wünsche waren, wie bei Emma, obschon aus einem minder edlen Gefühl, ausschließlich auf das Glück gerichtet, das ihm in drei Monaten zu theil werden sollte.

Er besaß noch etwas Geld, das er von Châteaudun mitgebracht hatte. Er suchte in der Nähe von Paris einen verborgenen, einsamen Aufenthalt. Als er eine ihm zusagende Wohnung gefunden hatte, ließ er dieselbe mit der zärtlichen Sorgfalt meubliren, mit welcher der Vogel sein Nest baut.

Dabei schrieb er täglich an die Marquise von Escoman, und täglich erhielt er eine Antwort von ihr.

Die Briefe Emma’s waren gewiß der treueste, wahrste Ausdruck des Gefühls, welches sie erfüllte; sie sprach in denselben ihre Liebe und Hingebung, ihre Selbstverläugnung und ihre Hoffnungen aus, und doch mußten sie ihm kalt erscheinen im Vergleich mit denen, die ihm seine aufgeregte Phantasie dictirte, mit den sich beständig wiederholenden Schilderungen seiner Leidenschaft.

Endlich kam der Augenblick, wo das ersehnte, so theuer erkaufte Glück zur Wahrheit werden sollte.

Einen Theil der letzten Nacht, welche Emma im Gefängniß zubrachte, wanderte Fontanieu um das düstere Gebäude und wiederholte in seinem Herzen die aufrichtigsten Schwüre des Dankes und der Liebe. Als er nach Hause ging, um ein paar Stunden zu ruhen, raubte ihm das Geräusch des Uhrpendels den Schlaf.

Lange vor der Stunde, in welcher er Emma und Susanne am Ende der Pariserallee erwarten sollte, um mit ihr eine Stadt zu verlassen, die ihnen Beiden nur traurige Erinnerungen hinterließ, war er bereit. Er ging unruhig in seinem kleinen Zimmer auf und ab. Bei dem mindesten Geräusch, das sich draußen hören ließ, erschrak er. Oft fragte er sich, ob sich auch die Erde nicht aufthun werde, um ihm das ersehnte Glück zu rauben. Er zitterte bei dem Gedanken, daß Emma durch ein unerwartetes Hinderniß abgehalten werden könne, sich an dem verabredeten Orte einzufinden. Er glaubte den Verstand verlieren zu müssen, wenn das Wiedersehen durch einen Zufall nur um einen Tag verschoben würde.

Ein aufmerksamer Beobachter würde vielleicht einige Zweifel in die Zukunft dieser Liebe gesetzt haben, wenn er bemerkt hätte, welche Sorgfalt Louis von Fontanieu, trotz seiner Befangenheit, seinem Anzuge gewidmet hatte.

Elftes Capitel.
Idylle

Im Marnethale, vier Stunden von Paris, am Wege von dem Dorfe Champigny nach der Mühle von Bonneuil steht ein Gehöfte, dessen graue Wände und rothen Dächer mitten unter Pappeln und Weidenbäumen so versteckt sind, daß man es erst in der Nähe bemerkt.

An dem ländlichen Aussehen, an den kleinen Fensterscheiben, an dem schweren, plumpen Hofthor, an den halbverfallenen Scheunen und Ställen erkannte man es leicht als einen vormaligen Meierhof, den ein für Naturschönheiten empfänglicher Eigenthümer in ein Landhaus verwandelt hatte.

Weder diese Liebhaberei noch die glückliche Vorbedeutung des Namens – die Landleute nannten es »Clos-beni« – hatten dem anspruchlosen Hause Glück gebracht. Aus den frisch ausgebesserten Mauerspalten, aus den neuen Ziegeln, mit denen die alten Dächer übersäet waren, aus dem noch im Garten wuchernden Unkraut und Gestrüpp, aus den unbeschnittenen Obstbäumen und Weinreben war leicht zu ersehen, daß das unlängst ausgebaute Haus lange verödet gewesen war.

Das unwohnliche Erdgeschoß bestand aus einer altmodischen Küche mit einem rußigen Herde, wo an einem sechs Fuß hohen Feuer sich zehn durchnäßte Jäger wärmen konnten; aus einer düstern Stube, wo die Feuchtigkeit die Tapeten mit bläulichem Schimmel überzogen hatte, und aus einem dritten, verschlossenen Gemach, welches vormals ein Salon gewesen, dann ein Gewächshaus und endlich ein Stall geworden war.

An den geschwärzten Balken der Küche führten die Spinnen einen unaufhörlichen nützlichen Krieg gegen die Fliegen und die bräunlichen Wände waren mit blankem Kochgeschirr besetzt.

Die Einrichtung der Stube bestand aus einem großen Tische von Nußbaumholz, einigen weiß angestrichenen Stühlen, einem Porzellanofen und einem alten Barometer, an welchem die Glasröhre fehlte.

Der vormalige Salon war durchaus nicht bewohnbar. Der scharfe widerliche Geruch, der gewissen Hausthieren eigen ist, gab die letzte Bestimmung deutlich zu erkennen.

Damit unsere Leser das Loos der künftigen Bewohner des Clos-beni nicht im Voraus beklagen, setzen wir sogleich hinzu, daß das sorgfältig ausgebaute erste Stockwerk durch seine elegante Einrichtung einen auffallenden Gegensatz sowohl zu dem Erdgeschoß als zu dem Aeußern des Hauses bildet.

An einem schönen Maitage um die Mittagszeit fuhr eine Miethkutsche langsam den Seitenweg herauf und hielt vor der Thür des Clos-beni.

Louis von Fontanieu stieg aus und hob Emma aus dem Wagen. Dann kam auch Susanne zum Vorschein.

Der junge Mann schickte den Kutscher fort. Er hatte die Schlüssel. Er schloß das Hofthor auf. Die Marquise von Escoman trat zuerst in ihre künftige Wohnung. Als die beiden Andern ebenfalls eingetreten waren, drückte sie mit beiden Händen gegen das schwere Hofthor und schloß es mit kindischer Freude wieder zu. Sie schien sich gegen das Lärmen und Treiben der Welt absperren zu wollen.

Sie nahm den Arm Fontanieu’s, schmiegte ihren Kopf an seine Brust und sah ihn zärtlich lächelnd an. Sie bot ihm die Stirn zum Kuß. Sie erbebte unter der Berührung seiner Lippen, und gleichwohl waren ihre Gefühle rein; sie fühlte nur jene stumme, aber beredte Wonnetrunkenheit des Seemannes, der nach einem Sturm den Hafen und die Seinen wiedersieht.

Alles was einige Aehnlichkeit mit der Vergangenheit hatte, schien ihr an diesem Tage zu widerstreben, selbst Freudenthränen schien sie nicht weinen zu wollen; denn sie nahm sogleich ihr kleines Reich in Augenschein und zeigte dabei ein stürmisches Entzücken, welches sonst ihrem sanften Charakter fremd war.

Die Hühner gackerten zu ihren Füßen, ein schöner stattlicher Hahn krähte ein paar Schritte von ihr; auf dem Dache ließen Tauben ihr Gefieder in der Sonne schimmern, Emma fühlte eine ihr bis dahin unbekannt gebliebene Vorliebe für dieses Völklein, welches ihre Einsamkeit beleben sollte, und wollte nicht von der Stelle gehen, ohne es mit Hilfe einiger Hände voll Körner um sich versammelt zu haben.

Ungeachtet der Gegenvorstellungen Fontanieu’s, der ihr aus guten Gründen vor Allem das erste Stockwerk zeigen wollte, nahm sie zuerst das Erdgeschoß in Augenschein.

In gewissen Lebensverhältnissen sehen die Frauen weniger, als sie fühlen. Emma war so glücklich über die Erfüllung ihres Wonnetraumes, daß sie sich trotz der sichtbaren Verstimmung Susannens recht herzlich freute.

Aber als Louis von Fontanieu sie die hölzerne Treppe hinauf in ihr freundliches Zimmer, in den zierlichen Salon führte, hatte ihre Freude keine Grenzen mehr. Sie war nicht mehr die mit ihrer Kindheit an den Luxus der modernen Wohnungen gewöhnte Marquise von Escoman, sie war eine Grisette, die von einem längst ersehnten freundlichen Stübchen Besitz nimmt. Sie eilte aus einem Zimmer ins andere, setzte sich in die Fauteuils, stellte Porzellan und Glas zurecht, ordnete die Blumen, welche Fontanieu Abends vorher in die Vasen gestellt hatte; nahm die kleine Bibliothek, welche ihre Lieblingsbücher enthielt, in Augenschein; öffnete alle Schränke und Fenster, freute sich über die bequeme Einrichtung der erstern und war entzückt über die Aussicht, welche die letzteren darboten. Sie war entzückt über die am Hause vorbeifließende Marne, über die hohen Pappeln von zwei nahen Inseln. Sie zeigte ihrem Geliebten am Horizont den Thurm von Vincennes, der aus grünen Baumgruppen hervorragte. Alles dies betrachtete sie mit begeisterter Bewunderung und dankte Gott, der die Natur so schön geschaffen und ihr den reinen, ungetrübten Genuß derselben vergönnt.

Sonderbar, während Emma in dieser lieblichen Einsamkeit ein Glück fand, welches ihre Hoffnungen weit zu übertreffen schien, während sie, um ihre Freude auszudrücken, eine Lebhaftigkeit und eine Wärme des Gefühls zeigte, die ihr sonst nicht eigen war, blieb Louis von Fontanieu weit zurück hinter der leidenschaftlichen Glut, von welcher seine Briefe so viele Muster enthielten. Es ging ihm wie Allen, welche ihre Phantasie nicht gezügelt haben; sie hatte ihn so weit in das Land der Träume geführt, daß die Wirklichkeit keinen Reiz mehr für ihn hatte. Es fehlte ihm die Frische des Geistes, und er war sich seiner Lauheit bewußt; er machte sich Vorwürfe, daß er sich mit Emma nicht innig freuen konnte über den hellen Sonnenschein, über die Klarheit des Wassers, über die duftige Frühlingsluft, über das frischgrüne Laub, das liebliche Gezwitscher der Vögel.

Diesen leisen Mißton zwischen seinen und ihren Gefühlsäußerungen bemerkte sie nicht. Und hätte sie ihn bemerkt, so würde sie ihm doch keine Vorwürfe gemacht haben. Sie hielt es nicht für möglich, daß Louis ihr Entzücken nicht theilen sollte.

Sie war wohl nicht ganz ohne Bangigkeit. Als Louis von Fontanieu sie mit dem für sie eingerichteten Häuschen überrascht hatte, war ihr der Gedanke gekommen, daß die Verzichtleistung auf ihr Vermögen einst die Ruhe dieser ländlichen Einsamkeit trüben könne; allein der Tag des Wiedersehens gehörte ganz ihrer Liebe, und sie glaubte andere Gedanken nicht haben zu dürfen.

Sie überließ sich daher den ganzen Tag dem freudigen Gefühl der Freiheit und des Wiedersehens. Sie war unendlich reizend und liebenswürdig in ihren zärtlichen Tändeleien, den Vorboten eines Glückes, welches nur scheinbar vollkommen ist. In den meisten Fällen wünscht man noch vor dem letzten Acte das Vorspiel zurück.

Wenn Susanne die beiden jungen Leute auf Augenblicke allein ließ, so hatten sie einander unendlich viel zu erzählen, zu betheuern, zu fragen. Umarmungen wechselten dann mit Schwüren ewiger Treue. Wenn Susanne wieder kam, so schien der leichte Zwang, den ihre Anwesenheit zur Folge hatte, den Werth dieser zärtlichen Mittheilungen zu verdoppeln. Die beiden Liebenden drückten einander verstohlen die Hände, und diese Berührung hatte dann eine elektrische Wirkung. Sie sahen einander zärtlich an und flüsterten sich die theuersten Namen zu. Und wenn Susanne einen heimlich gegebenen und genommenen Kuß bemerkte, so gab’s ein lautes Gelächter.

Trotz der Gegenvorstellungen Susannens, welche zu bedenken gab, daß es sich für die Marquise nicht schicke in die Küche zu gehen und daß sie bei ihrer notorischen Unbekanntschaft mit der Kochkunst auch nichts nützen könne, wollte ihr Emma bei der Bereitung des Essens helfen. Und da in dem einfachen Hause Keines das Recht hatte müßig zu sein, mußte Fontanieu unter einem Fliederbaume, wo gespeist werden sollte, das wuchernde Unkraut entfernen. Aber diese verschiedenen Arbeiten trennten sie von einander, sie verließen bald ihre Posten, um wieder miteinander zu kosen. Fontanieu lachte über die Ungeschicklichkeit, mit welcher die ehemalige vornehme Dame die freiwillig übernommenen Arbeiten verrichtete. Emma nahm ihm den schweren Spaten aus der Hand und stützte ihren zarten Fuß auf das Eisen, ohne den Erdboden zu lockern.

Nach dem Essen gingen sie Arm in Arm an den Fluß.

Susanne weinte Freudenthränen, als sie ihnen nachschaute. Nie waren die Wangen ihrer lieben Emma so rosig gewesen, wie heute, nie hatte ihr Mund so freundlich gelächelt, nie hatten ihre Augen so geglänzt. Die gute Frau freute sich der Beute, welche sie dem Tode abgejagt zu haben glaubte.

Es war um sieben Uhr Abends, die Sonne ging unter, und ihre hinter den Bäumen halb versteckte Scheibe übergoß die Landschaft mit purpurnen Tinten. Der Fluß glich einem Feuerstrom.

Der würzige Duft des Frühlings erfüllte die sanft bewegte Luft. Das leise Rauschen des Landes begleitete das Abendlied der Singvögel. Einige verspätete Schmetterlinge flatterten noch von einer Blume zur andern.

Es war die Tageszeit, wo die Natur ihre schönsten Reize entfaltet, wo sie sich im schönsten Glanze zeigt, ehe sie sich in Nacht und Schweigen hüllt. Ein erhabenes Sinnbild für die Weisen, welche sich mit Rosen bekränzten, wenn sie aus dem Leben scheiden sollten.

Louis von Fontanieu und Emma gingen am Ufer fort. Ihre Lippen waren stumm, aber ihre Herzen hatten sich noch nie besser verstanden. Ein Druck der Hand genügte zur gegenseitigen Mittheilung des tiefen Eindrucks, den das herrliche Naturschauspiel auf ihre empfänglichen Gemüther machte.

Als sie wieder zurückkamen, machte Fontanieu einen Kahn vom Ufer los, trug Emma hinein und ruderte stromabwärts. An der Stelle, wo sie sich befanden, haben sich fünf bis sechs kleine Inseln durch Anschwemmungen gebildet und hemmen den Wasserstrom. Diese kleinen Eilande sind einander so nahe, daß sich die Aeste der darauf stehenden Bäume berühren und über den schmalen Flußarmen ein dichtes Laubdach bilden.

Emma war entzückt über die schöne Wasserfahrt. Sie saß auf der hinteren Bank des Nachens, den Ellbogen auf den Rand gestützt; ihr blondes Haar flatterte im Abendwinde; ihre halbgeschlossenen Augen betrachteten das reizende Landschaftsbild, und das Lächeln ihres Mundes gab die seligen Gefühle zu erkennen, welche sie an diesem Abende, dem ersten nach der langen einsamen Haft, erfüllten.

Louis von Fontanieu ließ die Ruder los und trat auf Emma zu.

Der sich selbst überlassene Nachen glitt sanft stromabwärts.

Das Gesicht des jungen Mannes hatte in diesem Augenblicke einen Ausdruck, den die Marquise noch nie au ihm gesehen hatte. Als er mit funkelnden Augen und liebenden Lippen auf sie zu kam, richtete sie sich erschrocken auf und streckte bittend die Hände aus:

»Fürchtest Du mich?« sagte er mit unsicherer Stimme.

Emma versuchte zu lächeln. Sie schüttelte den Kopf und machte ihm an ihrer Seite Platz.

Louis von Fontanieu schlang den Arm um ihren Leib. Sie ließ es geschehen, aber er fühlte, daß sie heftig zitterte.

»Es friert Dich,« sagte er; »willst Du nach Hause?«

»Nein, es ist ja so schön hier. Seit diesem Morgen glaube ich in eine neue, mir bisher unbekannte Welt gekommen zu sein; ich fühle eine Kraft, die ich nie geahnt. Und dieses neue Leben verdanke ich der Liebe. Louis, sage mir noch einmal, sage mir noch recht oft, daß Du mich liebst.«

»Kannst Du daran zweifeln?«

»O, gewiß nicht! Ich möchte nur die süße Musik dieses Wortes hören.«

Statt der Antwort küßte er sie und zwar so stürmisch, daß sie erschrocken aufschrie und sich loszumachen suchte.

In diesem Augenblicke stieß der Nachen so heftig an das Ufer, daß Beide von einander getrennt wurden und auf die Knie fielen.

»Gnade, mein Geliebter!« bat Emma, die in der ihr vom Zufall aufgenöthigten Stellung blieb. »Wir sind ja so glücklich! Was kannst Du mehr wünschen, als dieses Glück, das uns Gott gewährt hat? Ich fürchte mich – ich habe so viel gelitten, Du mußt Nachsicht mit mir haben. – Ich fürchte es zu verlieren, dieses Glück, das ich kaum kennen gelernt. – Ich bin ja dein auf ewig, aber Du mußt Mitleid haben mit den bangen Ahnungen, von denen ich mir keine Rechenschaft zu geben weiß, die mir aber doch Thränen erpressen. – Ach, wenn Du mich nicht mehr liebtest!«

Louis von Fontanieu konnte das Widerstreben der keuschen jungen Frau nicht begreifen; er konnte sich eine reingeistige Liebe, wie die ihrige, gar nicht vorstellen.

»Du liebst mich nicht mehr!« sagte er mit kaltem, schneidendem Tone.

Dieser Vorwurf erpreßte ihr einen neuen Thränenstrom, – sie sank in seine Arme.

* * *

Es war Nacht geworden. Die Sterne glänzten am Himmel und in dem tiefblauen WasserspiegeL Zwei Gestalten gingen Arm in Arm und schweigend durch den Ulmenwald, der die Insel bedeckte. Sie machten sich Bahn durch die Hopfenranken und andere Schlingpflanzen, die ihnen den Weg versperrten, und setzten sich am Ufer nieder.

Der eben aufgebende Mond warf seine Silberstrahlen über die Landschaft und spiegelte sich in den Fluten.

Die Stille des Abends wurde durch einen lieblichen und volltönenden Gesang unterbrochen.

Es war die Nachtigall, welche ihr wunderbar schönes Liebeslied anstimmte.

Zwölftes Capitel.
Clos-beni

Das Häuschen am Ufer der Marne schien endlich den früher mit Unrecht geführten Namen verdient zu haben.

Seit sechs Monaten hatten die Bewohner in ungetrübtem Glücke gelebt; auch das Gehöfte selbst hatte ein freundlicheres Aussehen bekommen. Die Gartenwege waren vom Unkraut gereinigt, die Obstbäume frisch beschnitten, die Weinreben aus ihren zwar malerischen, aber nutzlosen Ausschreitungen in anständige Grenzen gebannt worden. Das Hans hatte ein freundlicheres Gewand bekommen, und endlich hatte die aristokratische Susanne das einfache, unfreundliche Erdgeschoß mit der Eleganz des ersten Stockwerkes in Einklang gebracht.

Die Stunden verstrichen den jungen Leuten rasch in ihrer glücklichen Einsamkeit.

Die ländlichen Beschäftigungen sagen vor allen anderen den Liebenden zu; zumal die Blumenzucht hat einen großen Reiz für sie.

Emma pflegte ihren kleinen Blumengarten mit ungemeiner Sorgfalt: sie kümmerte sich nicht ums die bräunliche Farbe, welche ihre zarten Hände dabei bekamen. Louis von Fontanieu war ihr dabei behilflich. Die übrige Zeit wurde durch Wasserfahrten, Spaziergänge, Lectüre und durch die beständige Abwandlung des Zeitwortes »lieben« ausgefüllt.

Emma war glücklich. Jeden Morgen beim Erwachen wunderte sie sich, daß sie das Leben noch schöner fand, als es ihr gestern erschienen war; jeden Tag bemerkte sie, daß ihr der Mann, für den sie so viel gelitten, theurer wurde, und sie wünschte sich Glück zu dem Opfer, welches diese gänzliche Veränderung ihrer Stimmung herbeigeführt hatte.

Ihre Bedenklichkeiten hinsichtlich ihres Verhältnisses zu Louis von Fontanieu waren verschwunden. Ein entscheidender, von glücklichem Erfolge begleiteter Schritt bringt die Reue bald zum Schweigen, und überdies fehlte es ihr keineswegs an Rechtfertigungsgründen, welche zugleich eine schwere Anklage gegen ihre Verfolger in sich faßten.

Louis von Fontanieu folgte ihr nicht in diesem Aufschwunge der Gefühle. Er war allerdings auch glücklich; er liebte Emma, aber sein Glück war mehr die Folge einer geistigen Trägheit, als einer klaren Auffassung der Verhältnisse. Er liebte Emma, weil die ländliche Ruhe den Sturm seines Innern beschwichtigt hatte; weil er das Leben sehr schön fand an der Seite dieses unvergleichlichen Wesens, bei welchem er immer neue Vorzüge entdeckte; weil er unmöglich kalt bleiben konnte, wenn Emma Alles that, was sie ihm an den Augen absehen konnte, seine leisesten Wünsche erfüllte. Aber er würde nicht gewagt haben, sein Inneres zu prüfen und sich zu fragen, ob er wirklich nicht hinausblicke über die liebliche Oase, auf welcher er Halt gemacht hatte. Die Antwort würde mit den Anforderungen des Zartgefühls und der Ehre vielleicht nicht übereingestimmt haben. In seinem Zweifel bekämpfte er das dunkle Gefühl, welches seine früheren Träume so weit über die jetzige Wirklichkeit erhoben. So lebte er von einem Tage zum andern.

Dieser Gemüthszustand zeigte sich zuweilen in seinem Aeußern. Es gab Tage, wo ihn Emma’s edle, hochherzige Liebe tief beschämte; er fragte sich mit Schrecken, ob sein Herz wirklich nicht mehr fähig sei zu lieben. Dann ward er so traurig, daß Emma einige Mühe hatte ihn zu erheitern.

Sie ahnte nie die Ursache dieser plötzlichen Niedergeschlagenheit. Nur ein Umstand trübte ihre Seelenruhe, und dies war eine ganz materielle Frage.

Sie hatte Louis von Fontanieu noch immer nicht über ihre Vermögensverhältnisse aufgeklärt. Ihre Geschmeide, mit deren Verkauf sie, sogar ohne Wissen Susannens, ihren Advocaten in Paris beauftragt hatte, konnten für die bisherigen einfachen Bedürfnisse einige Jahre ausreichen.

Aber was sollte ans ihnen werden, wenn diese Hilfsquelle erschöpft war, und die Noth, welche sie mehr für ihn als für sich selbst fürchtete, an ihre Thür klopfte?

Den ursprünglichen Plan, ihr kleines Capital zu einem für die Zukunft ausreichenden Erwerb zu verwenden, nahm sie wieder auf. Aber ihr Glück war so vollkommen, daß sie nicht den Muth hatte, Fontanieu seiner Ruhe zu entreißen.

Es bedurfte einer andern Rücksicht, um ihrem Stillschweigen ein Ende zu machen. Eines Tages sprach Fontanieu von seiner Mutter, und Emma machte sich im Stillen Vorwürfe, daß sie Mutter und Sohn von, einander getrennt. Sie dachte auch an seine abgebrochene Laufbahn.

Von diesem Augenblicke an war ihr Entschluß gefaßt. Am andern Morgen erfuhr Louis von Fontanieu, daß die, Marquise von Escoman freiwillig auf den Fruchtgenuß ihres Vermögens verzichtet, daß sie, um von der Vergangenheit nichts anzunehmen, ihrer und seiner Arbeit Alles verdanken wollte.

Er bewunderte sie und leistete im Stillen den Schwur, der edlen Selbstverläugnung von welcher er einen neuen Beweis erhielt, immer würdig zu bleiben.

Emma war der Meinung, daß man in diesem Capua von La Brie nicht länger dem Wohlleben und Müßiggange fröhnen dürfe, daß sie ihre gegenseitige Begeisterung benutzen müßten, um einen Entschluß zu fassen.

Obgleich sie als Dame von Stande nie auf Erwerb angewiesen gewesen war, fand ihr Scharfsinn schnell den Weg, aus welchem sie leichter und mit mehr Vortheil vorschreiten konnten.

Eine Anstellung konnte Louis von Fontanieu nicht erhalten, er hätte diesem gemeinsamen Leben, das ihnen Beiden so lieb geworden war, entsagen müssen. Er dachte nicht einen Augenblick an eine Trennung.

Aber Emma fand für ihn zwanzig andere eben so ehrenvolle Erwerbsquellen, welche überdies den Vorzug hatten, daß sie ihm die vollste Unabhängigkeit ließen.

Die geistige Ueberlegenheit der Marquise hatte ihn von manchen Kastenvorurtheilen befreit. Sie bezeichnete ihm die Geschäftscarriere als die, welche am wenigsten die Aufmerksamkeit des Publikums auf ihn lenken, welche ihm zugleich die Mittel bieten würde, sein Vermögen zu vermehren und« mit einem bescheidenen Wohlstande in die liebe Einsamkeit: zurückzukehren.

Es wurde beschlossen, daß er einen Platz in einem Bankhause suchen sollte. Emma, die ihm gern mit dem Beispiel der Ergebung vorangehen wollte, beschloß unterdessen in einem bescheidenen Geschäfte den Grund zu dem Vermögen zu legen, welches Fontanieu später wo möglich vermehren sollte.

Am andern Morgen begaben sie sich nach Paris, und mit Hilfe des Advocaten der Marquise erhielt Fontanieu den gewünschten Platz. Die Marquise von Escoman, weiche sich nun »Madame Louis« nannte, schloß mit der Eigenthümerin eines Ladens, welcher sich in dem damals noch öden Stadtviertel der Madeleine befand, einen Vertrag ab.

Der schwerste Schritt stand noch bevor: die Trennung von dem traulichen Landhause, welches der Marquise theurer geworden war, als sie geglaubt hatte.

Auch Susanne mußte in Kenntniß gesetzt werden von dieser Revolution, welche, gleich der großen Umwälzung von 1793, die tief eingewurzelten Begriffe der guten Frau hinsichtlich der socialen Stufenleiter über den Haufen werfen sollte.

Nichts verwebt sich inniger mit wichtigen Ereignissen des Lebens, als die Orte, welche Zeugen dieser Ereignisse gewesen sind. Von dem Clos-beni zu scheiden, war für Emma die Entkleidung ihres Glückes von der Schale, unter deren Schutz es herangewachsen war. Jeder Winkel des Hauses, jeder Weg des Gartens hatte für sie eine theure Erinnerung. Sie dachte mit Schmerz, daß eine rauhe Hand die sorgfältig gepflegten Rosenstöcke abmähen werde; daß diese Wände, welche Zeugen so vieler zärtlichen Worte gewesen waren, nur die plumpen Flüche einiger Bauern wiederholen würden. Ihre Augen füllten sich mit Thränen bei dem Gedanken, daß sie den schönen Hügel, den sie oft am Arme Fontanieu’s erstiegen hatte, den herrlichen Fluß, der sich wie ein breites Silberband durch das Thal schlängelte, nicht mehr wiedersehen sollte.

Louis von Fontanieu war minder traurig als Emma, obgleich er nicht, wie sie, einen fast abergläubischen Gedanken an diese Trennung knüpfte. Der gestrige muthige Aufschwung war verschwunden; wie alle in der Idee lebenden Liebesleute, huldigte er gern der Trägheit, und das müßige, wenn auch ärmliche Leben, das er in Clos-beni geführt hatte, war nun der Gegenstand seiner zurückblickenden Sehnsucht. Er schlug Emma vor, das Landhaus zu behalten, dessen Miethzins keine schwere Last sein werde; sie könnten künftig die Sonntage dort zubringen. Emma nahm diesen Vorschlag, der so ganz mit ihren Wünschen übereinstimmte, mit großer Freude an.

Susanne wollte anfangs nicht glauben, daß ihre Gebieterin ihr Vermögen geopfert habe und eine Arbeiterin werden wolle. Diese Umwandlung der vornehmen Dame schien ihr die Grenzen des Möglichen zu überschreiten, und ihre Hartnäckigkeit war so groß, daß sie die Erklärung ihrer Herrin zwei Tage als Scherz betrachtete.

Erst als sie sah, wie Fontanieu die nothwendigsten Sachen einpackte, entschloß sie sich, diese Ungeheuerlichkeit einigermaßen wahrscheinlich zu finden.

Sie nahm nun »ihr Kind« ins Verhör. Emma bestätigte ihre frühere Erklärung.

Susanne war nun außer sich vor Entrüstung und Schmerz. Tausend Verwünschungen entströmten ihrem Munde, und wie immer wurden diese gegen den Marquis von Escoman geschleudert. Emma mußte alle ihre holde Freundlichkeit aufbieten, um den Unwillen ihrer Amme zu beschwichtigen, und alle ihre Versicherungen, daß das wahre Glück im Mittelstande zu Hause sei, beantwortete Susanne mit Kopf schütteln. Wie konnte man ihr auch zumuthen, so etwas zu glauben?

Endlich kam der Tag, an welchem man, für eine Zeitlang wenigstens, von Clos-beni scheiden mußte. Emma wünschte mit Fontanieu noch einmal das ganze Gehöfte zu durchwandeln. Sie pflückte im Garten alle Blumen, die der Herbst an ihren Rosenstöcken gelassen hatte; sie wollte, daß ihre neue Wohnung mit dem Duft dieser Reliquien erfüllt werde.

Sie war tief bewegt, als sie aus der Thür schritt, vor welcher, wie sechs Monate zuvor, ein Wagen hielt, mit dem Unterschiede, daß die Köpfe der Pferde dieses Mal nach Paris gewendet waren.

Sie schmiegte sich fester an Fontanieu, als hätte sie eine trübe Ahnung bekämpfen wollen.

Sie wünschte den Abhang zu Fuß zu ersteigen; sie wollte noch einmal zurückblicken nach dem lieben Häuschen; aber sie konnte es zwischen dem vergilbten Laube nicht mehr unterscheiden.

Ob die Freuden ihrer Liebe bestimmt waren zu verschwinden, wie das Dach des Clos-beni, wenn Emma einige Schritte weiter gegangen wäre?

Dreizehntes Capitel.
Was in den Herzen und in dem Kaufladen der Rue de Seze vorging

In dem zweiten Halbjahre nach ihrer Befreiung zeigte die Marquise von Escoman wahre Seelengröße.

Die in Luxus und Sorglosigkeit erzogene vornehme Dame, welche von jeher an die schnelle Befriedigung ihrer frivolen Laune gewöhnt war, fügte sich mit heroischer Selbstverläugnung in ihre neue Lage und in die zahllosen Entbehrungen, welche sie sich auflegen mußte, um von ihrem Opfer einen Erfolg zu erzielen.

Der Uebergang fand statt, ohne daß sie es zu bemerken schien. Sie ließ sich weder durch Nachtwachen noch durch die Einförmigkeit ihrer Arbeiten abschrecken. Am meisten Ueberwindung kostete sie der Verkauf, aber auch dieses ihr so widerwärtige Geschäft verrichtete sie ohne Murren.

Wenn sie hinter dem einfachen Ladentische nähte, oder behende auf einen Schämel stieg, um einen der höchsten Cartons herabzuholen; wenn sie mit freundlicher Zuvorkommenheit den Kunden die tausend Artikel ihres Sortiments zeigte, so erstaunte man über den feinen, edlen Anstand dieser jungen Person, die im einfachen Kattunkleide und mit einem schmucklosen Häubchen manche reichgeschmückte Dame beschämte; aber Niemand ahnte hinter dieser Einfachheit die gefallene Größe, Niemand vermuthete hinter dieser Geschäftsgewandtheit den verschwundenen Reichthum. Diese kleine Dame, die sich so große Mühe gibt und so freundlich ist, um an der angepriesenen Waare einen Franc zu verdienen, hieß unlängst noch die Marquise von Escoman; sie hatte ein halbes Dutzend Diener und zehn Pferde zu ihrer Verfügung; ihr Adel stammt von den Kreuzzügen her und ihr Vermögen zählte sie nach Millionen.

Sie zeigte in ihrer neuen Lage eine ungetrübte Heiterkeit. Susanne sollte nicht glauben, daß sie ihren Entschluß im mindesten bereue. Fontanieu sollte nicht ahnen, wie groß das Opfer sei, das sie ihrer Liebe gebracht.

Susanne hegte einen tiefen Groll gegen Louis von Fontanieu; sie sagte, er habe mit unverzeihlicher Schwäche in Emma’s Thorheit – wie sie es nannte – gewilligt. Er war in ihren Augen verantwortlich für das Glück ihrer Herrin; sie mochte nicht glauben, daß dieses Glück nicht in Gefahr sei; sie war ängstlich besorgt wie eine Henne, die einen die Jungen bedrohenden Raubvogel hoch in der Lust sieht. Aber Emma betheuerte ihr so oft, sie sei glücklich, daß sie schwieg. Sie war freilich überzeugt, daß dieses Glück in der Einbildung liege und nur den Reiz der Neuheit habe. Sie meinte, Madame Louis werde dieses Geschäftsspiels über kurz oder lang überdrüssig werden. Sie erwartete das Erwachen; aber nichts in der Welt hätte sie bewegen können, dieses Erwachen zu beschleunigen. Sie zeigte den Kunden, welche den kleinen Laden besuchten, blos das Gegentheil der Freundlichkeit und Zuvorkommenheit, durch welche sich Madame Louis auszeichnete.

Ein ziemlich allgemeiner Irrthum der Liebenden besteht darin, daß man die geistige Kraft, welche man selbst fühlt, auch bei dem geliebten Gegenstande voraussetzt. Louis von Fontanieu erlag unter der Last, welche Emma so muthig trug.

Der gebildete Mann wird sich nöthigenfalls in die drückendsten Verhältnisse fügen, wenn diese nur eine pittoreske Seite haben, wenn sie ihm zumal das angenehmste Vorrecht des Weltmannes, die Unabhängigkeit des Charakters sichern, so wird er gern Künstler, Landwirth, Soldat, Matrose, er wird Alles, nur nicht Kaufmann werden.

Jedermann ist hienieden mehr oder minder an die Scholle seines Vortheils gebunden; aber es gibt Abstufungen in dieser Knechtschaft; für den Kaufmann ist sie unbedingt, und um die Fesseln leicht zu finden, muß das Gewicht derselben durch lange Gewohnheit vermindert werden.

In den ersten Monaten eiferte Louis von Fontanieu gegen das tyrannische Publicum, welches ihm kraft des au dem Ladenschilde verbrieften Rechtes seine Geliebte streitig machte.

Er kam täglich um vier Uhr, von Zahlen gesättigt, aus der Schreibstube nach Hause. Er verwünschte Sconto, Commissionsgebühr und Creditbriefe. Und was fand er in seiner Wohnung statt der, trotz widerlicher Habgier, immer noch großartigen Finanzoperationen? Kleinliche Berechnungen; erbärmliche Pfennigfuchserei, beständiges Zusammenscharren der Groschen.

Wenn er sich neben Emma setzte; wenn er ihr, wie ein zur Mutter kommendes Kind, das Langweilige, Geisttödtende seiner Arbeiten schilderte; wenn ihn Emma zu trösten, zu erheitern suchte, wenn sie versicherte, daß ihre Seelen, ob nahe oder fern, unzertrennlich seien, wenn sie, um ihre Trostgründe wirksamer zu machen, ihre Lippen seiner Stirn näherte: dann kam gewiß irgend eine Nachbarin, um etwas zu kaufen.

Die Thür öffnete sich Emma stand erröthend auf. Die Nachbarin, in den meisten Fällen eine alte und häßliche Frau, trat dann mit kecker, höhnischer Miene an den Ladentisch, als ob sie sich freute, das zärtliche Gezwitscher zweier Vögel in ihrem Käsig zu unterbrechen. Die Käuferin warf ungeduldig das Kupfergeld aus den Tisch, sprach in gebieterischem Tone mit »Madame Louis«, feilschte um den Preis und verlängerte dadurch die Marter des armen Fontanieu, der zwanzig Mal in Versuchung kam, die unangenehme Besucherin zur Thür hinauszuwerfen und sich nur durch die bittenden Blicke der Marquise beschwichtigen ließ.

Wenn die Käuferin fort war, versuchte die immer heitere Emma das Gespräch wieder anzuknüpfen; aber vergebens plauderte und liebkoste sie, selbst ihre Liebkosungen hatten aufgehört allmächtig zu sein; Fontanieu hörte nicht mehr was sie sprach, sah sie nicht mehr an seiner Seite: sein verwundetes Herz hatte ihn für die Gegenwart unempfindlich gemacht, er träumte immer nur von der Vergangenheit, und wenn ihn die süßen, freundlichen Worte der Marquise in die Wirklichkeit zurückversetztem so konnte er sich nicht enthalten, seine Erinnerungen mit der Gegenwart zu vergleichen. Dann fing er an zu bereuen, daß er an dem Fall dieses Engels Antheil genommen; er schauderte vor dem Abgrunde, in welchem er Emma sah.

Die Reue ist der Gefrierpunkt des Thermometers der Liebe; sobald dieser Punkt einmal überschritten ist, gibt sich die Gleichgültigkeit kund.

Der Augenblick, wo man den an einem Vergehen genommenen Antheil verwünscht, ist nicht mehr weit von dem Augenblicke, wo man auch den Antheil verwünscht, den die Mitschuldige daran genommen.

Louis von Fontanieu hatte im Grunde aufgehört, Emma zu lieben, seitdem sie sich ihm ergeben hatte. Die Liebe ist ja nur die Fortdauer des Verlangens. Es gibt unruhige Geister, bei denen dieses Verlangen nur Angesichts des Unbekannten, Unerreichbaren erwacht; Geister, für welche der Besitz unausbleiblich zur Täuschung wird; Geister, die vom Himmel zur Erde herabsteigen möchten – unglückliche, rastlose Gemüther, die immer phantasiren, ohne zu wissen, was sie eigentlich wollen; die immer ein Gestirn anbeten wollen, und wenn sie auch den Wiederschein aller Straßenlaternen in einem Bache für Sterne halten müssen.

Louis von Fontanieu war grundehrlich; er sah das was in seinem Innern vorging, nur durch den Nebel seiner wahren, aufrichtigen Gefühle.

Er blieb überzeugt, daß er Emma immer noch mit gleicher Innigkeit liebe; er redete es sich so laut und nachdrücklich ein, daß er seinen Worten wohl Glauben schenken mußte. Er vermißte freilich jene glühende Leidenschaft, die vormals in seinem Innern tobte; er blieb kalt bei ihrem zärtlichen Kosen; er bebte nicht mehr vor Wonne, wenn er ihre Stimme oder das Rauschen ihres Kleides hörte; die anmuthigen Falten ihres Gewandes, welches den reizenden Leib einschloß, waren für ihn Hieroglyphen geworden, deren Deutung weder sein Herz noch seine Sinne versuchten. Er fühlte sein inneres Mißbehagen nicht nur, wenn ein Dritter störend zwischen Emma und ihn trat, sondern auch wenn er mit ihr allein war. Er war nicht selten genöthigt, auf Worte zu sinnen, seine Geberden abzumessen, auf seinen Blick zu achten. Alle improvisirende Fähigkeit der Liebe war verschwunden.

Nun kam der Ueberdruß den geheimen Neigungen seines Herzens zu Hilfe. Anfangs hatte er nur Emma bedauert, aber nach und nach begann er sich selbst zu beklagen. Er beweinte sein eigenes Mißgeschick. Dann schwand die Strahlenkrone, welche das edle Weib in seinen Augen behalten hatte, unter dem Hauch dieser selbstsüchtigen Einflüsterungen. Er wunderte sich, daß eine Dame von so hoher Bildung an so nichtssagenden Beschäftigungen Gefallen finden konnte; er stellte Emma auf gleiche Stufe mit dem von ihr selbst gewählten, aber von ihm verachteten bescheidenen Beruf; er vergaß, daß die einfache junge Verkäuferin, die so muthig ihren Glauben und ihre Liebe bewahrte, die Marquise von Escoman war, er sah hinter dem Ladentische nur eine Madame Louis, die als einfache Arbeiterin geboren und erzogen sei, und er dachte seufzend, daß sein Geschick ewig an das ihrige gefesselt sei.

Endlich ließ Louis von Fontanieu seinen Unmuth merken. Er hatte trübe Stunden, welche die zärtliche Sorge der Marquise nicht mehr zu erheitern vermochte. Er stürzte sich in Zerstreuungen, die seinem Geschmack sonst fremd waren; er nahm von den kleinen Einkäufen mehr in Anspruch, als er verlangt haben würde, wenn er weniger an sich gedacht hätte. Doch dies waren noch Kleinigkeiten, welche Emma wenig beachtete: sie war in jener Verblendung befangen, welche theils aus der Liebe, theils aus dem Streben nach Glück hervorgeht. Sie hielt seine Verstimmung für eine Folge der Sorgen um die Zukunft und des Kummers über ihre Lage und sie zeigte sich daher zufriedener und heiterer, als sie wirklich war.

Diese Lage hätte sehr lange dauern können und würde auch wahrscheinlich lange gedauert haben, wenn die beiden Liebenden nicht auf eine Ortsveränderung bedacht gewesen waren.

Sie standen der eleganten Welt immer noch so nahe, daß von einem Tage zum andern ein Vorfall zu erwarten war, welcher Louis von Fontanieu bewegen konnte, aus seiner zuwartenden Haltung hervorzutreten.

Alles was sie umgab, konnte so gut wie das, was sie hinter sich gelassen hatten, ein Ungewitter in seinem Schooße bergen.

In dem kleinen Pariser Bürgerstande lassen sich Berührungen mit der Nachbarschaft sehr schwer vermeiden. Louis war indeß so wenig geneigt, einen Verkehr mit Leuten dieses freiwillig gewählten Standes zu unterhalten und gab seine Abneigung so deutlich zu erkennen, daß jedes nachbarliche Verhältniß schnell wieder abgebrochen wurde.

Unter den Nachbarn machten jedoch ein Uhrmacher und ein Kunsttischler eine Ausnahme. Mit diesen waren Fontanieu und Emma im Verkehr geblieben: er aus Langweile, sie, um die von einigen Nachbarinnen gegen sie erhobenen Anklagen eines albernen Stolzes zu widerlegen.

Bernier, so hieß der Uhrmacher, war außer seinem Geschäft eine Null, welche nur durch seine Frau einen Werth erhielt. Frau Bernier war auch sehr stolz, daß sie zur Linken der Null stand. Sie galt auch vor der Ankunft der Marquise von Escoman für die Perle unter den Bürgersfrauen. Sie war in einem Institut erzogen worden und bildete sich aus ihre Bildung nicht wenig ein. Die eifersüchtige, geschwätzige Frau hatte sich bei Madame Louis, welche sie mit Recht als ihre Rivalin betrachtete, Zutritt verschafft, um ihre Geheimnisse zu erforschen und wo möglich Nutzen daraus zu ziehen. Sie verbarg übrigens mit echt weiblicher Verstellungskunst ihre bösen Absichten hinter der Maske der Freundschaft.

Berdière, der Kunsttischler, war ein braver, ehrlicher, arbeitsamer, wißbegieriger Mann. Er hörte Louis von Fontanieu aufmerksam zu und drückte ihm mit Stolz die Hand. Seine Frau, eine vormalige Blumenmacherin, kam Emma mit aufrichtiger Theilnahme entgegen.

Es war an einem der ersten Sonntage des Frühjahrs. Emma, Louis und Susanne waren in Clos-beni in der lieblichen Einsamkeit, an welche sich so schöne Erinnerungen knüpften. Durch diese wöchentlichen Besuche stärkte Emma ihren Muth und ihre freudige Zuversicht. Die Hoffnung, diese trauliche Einsamkeit bald wieder bewohnen zu können, gab ihr ja allein die Kraft, ihr jetziges Elend zu ertragen.

Das Landhaus schien auf Louis von Fontanieu gar keinen Eindruck mehr zu machen. Er begleitete Emma, aber er hatte große Mühe, die kindische Freude zu theilen, mit welcher sie jeden Ort wiedersah, wo sie Beide so zufrieden, so glücklich gewesen waren. Er gefiel sich in Zerstreuungen, welche die Marquise nicht wohl mit ihm zu theilen konnte, nemlich im Fischfang und in der Jagd.

Die Woche war indeß so hart und Fontanieu so traurig gewesen, daß Emma, welche noch immer den Zauberstab zu besitzen glaubte, ihn zu begleiten wünschte.

Beim Fischfange kamen sie in die Nähe des Dorfes Champigny. Um die Mittagszeit deckte Susanne, welche die Wasserfahrt mitmachte, in einer Bucht des Flusses den Tisch, und alle Drei griffen zu den Speisen mit einem Appetit, den man in der frischen, reinen Luft an den Ufern der Flüsse bekommt.

Die Zerstreuung mochte wohl den Unmuth Fontanieu’s verscheucht haben, oder seine ersten zärtlichen Gefühle für die in ihrem einfachen Kleide und mit ihrem Häubchen so reizende Emma kehrten wieder zurück: genug, er war heute recht heiter, und die Marquise plauderte in ihrer Herzensfreude wie eine Grasmücke.

Plötzlich hörten sie ein lautes Geräusch im Walde, und gleich darauf sahen sie mehre Reiter und Reiterinnen vorübergaloppiren.

Eine der Amazonen sah sich um und bemerkte die Drei bei ihrem einfachen Mahle. Sie schien sehr erstaunt und brach in ein lautes höhnisches Gelächter aus.

Emma hörte das Gelächter nicht; aber Fontanieu glaubte den Ton der Stimme und das eigenthümliche Lachen zu kennen. Er wurde so befangen, daß der so gut begonnene Tag düster und traurig endete.

Einige Zeit nachher erwartete ihn Emma zu der gewohnten Stunde. Sie stand am Fenster, um ihn kommen zu sehen.

Endlich erschien er in der traurigen Haltung, welche ihm zur Gewohnheit geworden war.

Sie klopfte leise ans Fenster, um ihn mit einem freundlichen Lächeln zu begrüßen.

In diesem Augenblicke fuhr eine elegante offene Calesche vorüber. Louis von Fontanieu sah sich um. Er schien erstaunt und schaute der Kutsche nach, bis sie an der Straßenecke verschwunden war.

Emma bemerkte in dem Wagen die wehenden weißen Federn eines Damenhutes. Auch das Erstaunen Fontanieu’s entging ihr nicht. Sie trat schnell aus dem Laden und sah, wie er dem Wagen aufmerksam nachschaute. Sie rief ihm. Er war so zerstreut, daß sie zum zweiten Male rufen mußte.

Emma fragte ihn, wer in dem Wagen gesessen. Fontanieu erröthete, stammelte und läugnete sein Erstaunen, welches doch so auffallend gewesen war.

Eine traurige Ahnung erfüllte sie. Fontanieu verhehlte ihr etwas, er hatte vielleicht ein Geheimniß, das er ihr nicht mittheilen wollte. Das gegenseitige unbedingte Vertrauen, welches sie so glücklich gemacht hatte, war erschüttert.

Sie wurde unruhig, sie baute einen traurigen Verdacht aus diese lauschende, aufmerksame Haltung, auf dieses Abläugnen dessen, was sie gesehen hatte.

Die Niedergeschlagenheit Fontanieu’s stand also im Zusammenhange mit der Dame, welche sie im Wagen gesehen hatte? Sie schauderte, als sie sich im Stillen diese Frage vorlegte.

War sie schon zu Ende diese Liebe, welche er ihr geschworen? hatte sie sich denn schon überlebt? – Dieser Gedanke schien ihr frevelhaft; sie schüttelte den Kopf und lächelte wie ein Engel lächeln würde, wenn man ihm anzeigte, das Kind, dessen Schutzgeist er ist, habe sich eines Verbrechens schuldig gemacht.

Es war unmöglich, es konnte nicht wahr sein, was sie fürchtete. Sie beruhigte sich, aber sie nahm sich vor, auf die Dame mit den weißen Federn ein wachsames Auge zu haben und wo möglich zu ermitteln, wer sie sei.

Am folgenden Tage stand Emma am Fenster wieder auf der Lauer. Jedes Geräusch auf der Straße spannte ihre Erwartung.

Es kam Jemand. Es war Frau Bernier.

Diese hätte die Zeit zu einem Besuche bei der Nachbarin nicht schlechter wählen können. Dieser Besuch war Emma um so unangenehmer, da die Uhrmacherin nie alberner geschwatzt hatte.

Ihre Unruhe entging der Frau Bernier nicht.

»Was fehlt Ihnen denn, liebe Kleine?« fragte sie; »Sie erwarten gewiß Ihren Geliebten?«

»Ja wohl, Madame,« antwortete Emma; »mein Mann kommt um diese Zeit aus seinem Bureau.«

Frau Bernier scherzte über die lange Dauer dieser Flitterwochen. Diese scharfgesalzenen Späße standen gewiß nicht auf dem Programm der Erziehungsanstalt, auf welche sie so stolz war.

Emma hielt es für das Beste, das Geschwätz gar nicht zu beachten.

Die Stimme der Frau Bernier klang in ihren Ohren wie ein dumpfes Summen.

Plötzlich hörte dieses Summen auf und die Uhrmacherin, welche von dem gestern gesehenen Drama »do Nesle« Bericht abstattete, ließ den Gefängnißact unbeendet.

»Ach, mein Gott! sehen Sie die schöne Kutsche, die vor Ihrem Laden anhält? Eine vornehme Kundschaft!«

Emma trat ans Fenster.

Der Wagen, den Louis von Fontanieu gestern so scharf beobachtet hatte, hielt wirklich vor dem einfachen Laden.

Ein betreßter Diener stieg vom Bocke, öffnete die Wagenthür und ließ mit großem Geräusch den Tritt herab. Die Eigenthümerin des Wagens stieg mit mehr Leichtigkeit als Anstand aus, und ohne sich um die Vorübergehenden, welche vielleicht allzu viel von ihren Füßen sahen, im mindesten kümmern.

Bis dahin hatte Emma das Gesicht der Dame nicht sehen können; aber als sie nach dem Schilde aufblickte, zeigte sie der Marquise ihr Antlitz.

Emma erblaßte.

»Um des Himmels willen, Madame,« sagte sie zu Frau Bernier, »sagen Sie dieser Dame, daß ich ausgegangen sei – sagen Sie ihr – ach, mein Gott! mein Gott!«

Und ohne die Antwort der erstaunten Uhrmacherin abzuwarten, eilte sie in die Hinterstube und schloß sich ein.

Während Frau Bernier in der Eile ihren Anzug ordnete, um vor einer so vornehmen Dame, wie die Herrin eines so reichbetreßten Dieners zu sein schien, in würdiger Weise die Honneurs des Ladens zu machen, öffnete die Fremde, in welcher der Leser wahrscheinlich unsere alte Bekannte Margarethe Gelis erkannt hat, die Thür des Ladens.

Vierzehntes Capitel.
Wo Margarethe wieder auftritt

Margarethe Gelis hatte sich gar nicht verändert; sie hatte wohl etwas an Fülle gewonnen, zu den Rosen und Lilien, welche die Natur über ihre Wangen gestreut, etwas rothe und weiße Schminke gethan; ihr Anzug war wohl glänzender als der Putz, mit welchem sie die Bürgersleute von Châteaudun in Erstaunen gesetzt hatte; sie hatte wohl von einigen Damen, die in der Oper neben ihr gesessen, ein vornehmes Lächeln entlehnt – sonst aber war sie nach einjährigem Aufenthalte zu Paris ganz gleich geblieben.

Als sie in den kleinen Putzladen trat, richtete sie ihre Lorgnette auf die Waaren, musterte die Einrichtung, ließ die knixende Frau Bernier ganz unbeachtet und sagte naserümpfend:

»Hier ist’s nicht zu schön. Es ist nicht so geschmackvoll wie bei Laura, nicht so elegant wie bei Victorine. Aber man! glaubt billiger zu kaufen, und das lockt die Bürgersfrauen an.«

Dann wandte sie sich zu der Uhrmacherin, die ebenso ihren sechsten classischen Knix gemacht hatte, und setzte hinzu:

»Ich störe vielleicht die Frau Marquise. Aber wenn man einmal einen Putzladen hat, muß man die Kunden bedienen. Ich bitte Sie, meine Liebe, sagen Sie ihr, daß ich etwas kaufen will.«

Die Uhrmacherin witterte ein Geheimniß, als sie von einer Marquise hörte; sie spitzte die Ohren, wie ein Schlachtroß beim Klange der Trompete.

»Madame Louis ist ausgegangen,« antwortete sie, den; Namen betonend.

»Madame Louis!« erwiederte Margarethe. »Der tausend! wie sentimental! – Aber Ihre Dame hat Unrecht, Jungfer. »Die Marquise von Escoman, Putzmacherin,« das würde auf dem Schilde keinen schlechten Effect machen und ihr viele Kunden zuführen.«

»Die Person, welche Sie meinen, Madame, ist nicht meine Herrin,« erwiederte die Uhrmacherin schnippisch, denn die Befriedigung ihrer boshaften Neugierde hinderte sie nicht sich durch die Vermuthung, sie sei eine Ladenjungfer, gedemüthigt zu fühlen. »Ich bin ihre Nachbarin; sie hat mich ersucht, in ihrer Abwesenheit ihre Stelle zu vertreten. Sagen Sie mir gefälligst, was Sie wünschen, so will ich’s aus den Cartons hervorsuchen.«

»Nein,« antwortete Margarethe mit hochfahrendem Tone, »in den Kaufläden, die ich mit meinem Besuche beehre, bin ich gewohnt, von dem Herrn oder der Frau vom Hause bedient zu werden. Und hier halte ich ganz besonders darauf. Ich bin bereit, dieser Laune hundert Louisd’or zu opfern. Ich werde wieder kommen.«

»Wollen Sie mir gefälligst sagen, zu welcher Stunde,« sagte die Uhrmacherin mit heuchlerischer Zuvorkommenheit; »ich werde Madame Louis davon in Kenntniß setzen; sie wird dann gewiß hier sein.«

»Ja wohl, damit sie mir aus dem Wege gehe! Nein, meine Liebe, sagen Sie ihr nur, daß ich alle Tage wiederkommen werde, bis ich sie finde. Man entsagt nicht so leicht einem Vergnügen. Sehen Sie nur dieses Häubchen, die Marquise von Escoman hat mir’s gemacht. Bewundern Sie diese Jacke, sie hat mir das Maß dazu genommen. Man bleibt immer Marquise, wenn man auch wegen unerlaubten Umgangs zu sechs Monaten Gefängniß verurtheilt worden ist. Der Titel bleibt, und ich will eine Marquise unter meinen Lieferanten haben. Sie begreifen das doch, Madame?«

Die Uhrmacherin antwortete mit einem zustimmenden Lächeln. Der Zufall hatte ihr eine erbitterte Feindin der Frau zugeführt, von der sie tief in den Schatten gestellt wurde. Sie war sehr erfreut.

Sie begleitete Margarethe bis an den Wagen. Dann eilte sie zu der angeblichen Madame Louis zurück. Sie kannte nun ihr Geheimniß und wollte sich an ihrer Demüthigung weiden.

Aber in dem Augenblick, als der Wagen davonfuhr und Frau Bernier an die verschlossene Thür der Hinterstube klopfte, kam Louis von Fontanieu in den Laden.

Er war in dem Augenblicke, als Margarethe aus dem Wagen stieg, in die Rue de Seze gekommen. Er ahnte die boshafte Absicht dieses Besuchs; aber er hoffte, Emma werde sich den Blicken ihrer vormaligen Nebenbuhlerin zu entziehen wissen. Er hielt es für unnütz, dieser unangenehmen Zusammenkunft beizuwohnen, und versteckte sich in der Nähe.

»Sehen Sie doch, ob Sie glücklicher sein werden als ich, mein lieber Herr,« sagte Frau Bernier zu Louis von Fontanieu, als sie ihn an ihrer Seite sah. »Die Thür des Paradieses scheint hier nicht zu sein: ich klopfte an und man öffnete nicht. Ich habe indeß eine Bestellung von dieser Dame an Ihre Geliebte zu machen.«

»An meine Geliebte!« wiederholte er auffahrend und mit behenden Lippen.

»So sagt wenigstens die Dame, Sie begreifen, mein lieber Herz, daß ich nicht beauftragt bin, Ihren Trauschein zu controliren. Im Grunde will ich jene Unbekannte lieber für eine Närrin halten, als von einem gebildeten jungen Manne denken, daß er seine Concubine in die Gesellschaft von rechtschaffenen Leuten eingeführt, die wohl keine Adelsbriefe, aber doch das Recht haben, den Namen zu führen, den sie auf ihr Schild setzen, und nie in der Gerichtszeitung figurirt haben,«

»Gehen Sie, Madame, und danken Sie Gott, daß Sie eine Frau sind.«

Und trotz ihren drohenden Gegenvorstellungen schob er sie zum Hause hinaus. Dann trat er, die Thür der Hinterstube ein und ging in den Zwischenstock hinauf, wo er die hastigen Fußtritte Susannens hörte.

Er fand Emma auf ihrem Bett. Sie lag, wie vor einem Jahre, im Starrkrampf.

Es hatte sich Folgendes zugetragen:

Bei den ersten Worten Margarethens errieth Susanne die boshafte Absicht der vormaligen Grisette. Sie wollte in den Laden eilen, und ihre Absichten würden, wenn sie in Ausführung gekommen wären, die Toilette der hübschen Dunenserin sehr übel zugerichtet haben. Emma hatte die größte Mühe, sie zurückzuhalten. Die Aufregung raubte der Marquise die Besinnung, und sie bekam erst wieder die Kraft, als Louis von Fontanieu in das Zimmer trat.

Von einer einst glühenden Liebe müßte nur die Asche zurückgeblieben sein, wenn bei dem Anblick der Leiden des geliebten Gegenstandes die früheren Gefühle nicht wieder geweckt würden. So lange noch ein Funke glimmt, kann er eine Flamme geben. Hartherzigkeit war mit dem Charakter Fontanieu’s unvereinbar. Er ward tief bewegt durch den Zustand, in welchem er Emma sah, zumal wenn er an die Ursachen dachte, die ihn herbeigeführt hatten. Er umfaßte sie und bedeckte ihr Gesicht mit Küssen und Thränen.

Diese süßen Liebkosungen thaten mehr für Emma, als die sorgsame Pflege Susannens. Sie sah die seinen Augen entströmenden Thränen; sein durch die gestrige Unruhe ausgetrocknetes Herz schien diesen erfrischenden Thau begierig einzusaugen.

»Sie war’s also!« sagte Emma. »Verzeihe mir, lieber Louis, daß ich einen Augenblick an deiner Liebe zweifelte. Ich begreife jetzt, warum Du mir nicht gestehen wolltest, daß sie es war. Du wolltest mir den Schmerz dieser Erinnerung ersparen. O wie bereue ich diesen Zweifel, dieses Mißtrauen! Meine Liebe ist sehr klein im Vergleich mit der deinigen. Jetzt weine ich über meine Schwäche, und nicht über die lächerlichen Neckereien dieser Person. Was vermögen denn diese gehässigen Kundgebungen? Was kann uns an einigen Schmähungen liegen, die zu unseren Füßen laut werden, wenn wir durch unsere Liebe zum Himmel emporgetragen werden? Sie ist zu beklagen und nicht wir. Du liebst mich ja, mein theurer Louis, deine Augen, deine Thränen versichern es ja, wie dein Mund.

Louis von Fontanieu bestätigte die Versicherungen, welche sich Emma selbst gab, und in diesem Augenblicke meinte er es wirklich so. Emma kam in Versuchung, ein Uebel, aus welchem so viel Gutes hervorging, nicht zu beklagen.

Dritter Theil

Erstes Capitel.
Wo Margarethe wieder auftritt.
(Fortsetzung.)

Als sie Beide beruhigt waren, sahen sie ein, daß sie sich weniger mit ihren Gefühlen, als mit den Verhältnissen zu beschäftigen hätten.

Fontanieu benutzte diese Gelegenheit, um sich über seine ihm immer verhaßter werdende Beschäftigung auszusprechen Er gab der Marquise zu bedenken, daß sie in Zukunft noch viele unangenehme Auftritte zu erwarten hätten, und gestand ihr, daß er selbst ihre Stellung als Verkäuferin von Hauben, Unterröcken und Windeln höchst lächerlich finde. Die Gesellschaft werde sie gewiß mit ihrem Haß verfolgen, weil sie sich gegen ihre Sitten und Gebrauche aufgelehnt, und an neuen anstößigen Auftritten werde es gewiß nicht fehlen.

Emma mochte nicht zugeben, daß die Verwirklichung eines ihr so ehrenvoll scheinenden Planes unmöglich sei; in ihrer Herzensreinheit sah sie nicht ein, daß ihre Uneigennützigkeit und Anspruchlosigkeit den Haß Anderer erregen könne; sie konnte nicht glauben, daß die Gesellschaft, welche gegen die frech einhergehende Schmach so nachsichtig ist, unversöhnlich sein werde gegen zwei harmlose Wesen, die nur in Ruhe und Frieden zu leben wünschten.

Aber Louis von Fontanieu gab sich nicht überwunden; er meinte, in einer andern Stellung werde er die feurige Liebe wiederfinden, die in der Atmosphäre der Curszettel und Wechsel bedeutend erkaltet war. Er schilderte mit grellen Farben seinen Widerwillen gegen das Geschäftsleben und betheuerte, wie tief es ihn schmerzt, seine Emma in dem kleinen Putzladen zu sehen. Endlich gab er ihr zu verstehen, daß er seinen Verdruß nicht bemeistern könne, und daß die Folgen desselben noch schrecklicher werden könnten.

Wie großen Werth auch die Marquise auf die Ausführung ihres ersten Entschlusses legte, wie sehr sie auch, nach sechsmonatlicher Erfahrung, von der Nothwendigkeit der Arbeit überzeugt war, so mußten diese Rücksichten doch einen großen Eindruck auf ihre Stimmung machen. Aber ehe ein Entschluß gefaßt wurde, mußten die Folgen in Erwägung gezogen werden.

Die Rue de Seze verlassen, zum Clos-beni zurückkehren und daselbst in der Entbehrung leben, die Fontanieu in seiner Aufregung wollte, war nicht einmal mehr ausführbar.

Die Marquise von Escoman hatte aus dem Verkauf ihrer Geschmeide achtundzwanzigtausend Francs gelöst; aber der größte Theil dieser Summe war durch die Ablösung des Geschäfts, durch den Ankauf von Waaren und durch das kleine Hauswesen aufgezehrt worden.

Louis von Fontanieu bat Emma, sich auf ihn zu verlassen: er wollte arbeiten und für ihren Lebensunterhalt sorgen. Aber wie erfreut sie auch über seine Versprechungen, war, so war sie doch zu klug, um sich auf den Zufall zu verlassen. Sie beschwor Fontanieu, sich mit Muth und Geduld zu waffnen; sie sei bereit, das Putzwaarengeschäft zu Verkaufen, mit dem Erlös könnten sie leicht etwas Besseres anfangen.

Dieser Entschluß, der eine sechsmonatliche saure Arbeit vergeblich machte, kostete Emma große Ueberwindung, aber die Freude Fontanieu’s entschädigte sie für ihr Opfer.

Sie fürchtete nur, daß Margarethe ihre Drohung, welche Emma im Nebenzimmer gehört, in Ausführung bringen werde, daß die Verfolgungen der Grisette die letzten Tage, welche sie im Laden zubringen mußte, sehr peinlich machen würden. Diese Besorgniß konnte sie nicht verschweigen.

Das Bewußtsein der Schuld führt gemeiniglich zu übergroßen Eifer. Louis von Fontanieu beschloß die Gefahr, welche Emma fürchtete, um jeden Preis zu beseitigen.

In seinem Bureau waren Söhne von Kaufleuten aus der Provinz, welche sich in Paris zu ihrem künftigen Berufe weiter ausbildeten. Die jungen Leute benutzten die Gelegenheit, nicht nur in die Mysterien der Börse, sondern auch in die der eleganten Welt eingeweiht zu werden. Fontanieu erhielt von einem derselben die Adresse eines Frauenzimmers, welches unter den reichen Wüstlingen etwa dieselbe Stellung einnahm, wie Margarethe Gelis.

Er glaubte gegen dir verführerischen Netze seiner vormaligen Geliebten so gut gewaffnet zu sein, daß er eine Zeit lang unschlüssig war, ob er sich nicht in ihre Wohnung begeben sollte.

Um jedoch den unvermeidlichen, für ihn sehr peinlichen Erörterungen auszuweichen, entschloß er sich, an sie zu schreiben.

Er appellirte an ihre Großmuth und an ihren gesunden Verstand. Wenn Margarethe das Recht zu haben meine, einige Rache auszuüben, so habe sie sich an ihn, den Beleidiger, und nicht an eine ganz schuldlose Frau zu wenden.

Er schickte seinen Brief durch einen Commissionär ab. Dieser brachte ihm nach einer halben Stunde eine recht günstige Antwort.

Herr von Fontanieu, schrieb Margarethe, wisse recht gut, daß man ihm nichts abschlagen könne; sie bedauere nur, daß er sein Anliegen nicht persönlich vorgetragen.

Louis von Fontanieu zerriß den Brief Margarethens, streute die kleinen Stücke auf die Straße und ging ganz vergnügt nach Hause.

Er war mit Emma, mit sich selbst und zugleich mit Margarethe zufrieden. Die Grisette war im Grunde nicht so schlimm, wie sie hatte scheinen wollen.

Er wunderte sich daher nicht allzu sehr, daß ihm die hübsche Dunenserin im Traume erschien.

Erst nach drei bis vier Tagen bemerkte er, daß sie in seinen Gedanken wirklich ihren Wohnsitz genommen hatte.

Er saß an Emma’s Seite, als sich diese Betrachtung ihm aufdrängte.

Er nahm sie auf den Schooß und küßte sie zärtlich, als ob sich sein Herz gegen diese Ueberrumpelung seiner Phantasie verwahren wollte. Er beruhigte sich vollends durch den Gedanken, man könne nur eine Blondine lieben, und nur eine Blondine sei treu und tugendhaft.

Aber trotz dieses Protestes wandten sich seine Gedanken, wie die Magnetnadel, immer einem und demselben Pole zu. Die Phantasiegebilde, welche seiner Liebe zu Emma einen so hohen Schwung gegeben hatten, tauchten wieder auf; aber im Hintergrunde zeigte sich immer wieder das verführerische Bild Margarethens. Sonderbarer Contrast! eben das Sinnlich-Ueppige, das früher sein Zartgefühl verletzt und ihn der Exgrisette entfremdet hatte, zog ihn nun unwiderstehlich an.

Wie der Hatschischesser, wie der Opiumraucher, wie alle Die, welche sich in einem überreizten Zustande befinden, überließ sich Fontanieu diesen schwärmerischen Gefühlen. Diese schienen ihm ja so harmlos, warum hatte er sich ihnen nicht hingeben sollen? Die Zeit der unbestimmten, schwankenden Gefühle war vorüber; seine Gedanken waren auf einen bestimmten Punkt gerichtet, er hatte einen Stern gesunden.

Wie vormals, fühlte er sich unangenehm berührt durch jedes Geräusch, das ihn seinen Wonneträumen entriß; er haßte den Lärm, der die anmuthigen und gefügigen Traumbilder verscheuchte; er langweilte sich, wenn er in das wirkliche Leben zurückversetzt wurde.

Die Langweile ist der Dolch, welcher bestimmt ist, der Liebe den Gnadenstoß zu geben.

Louis von Fontanieu hatte vormals in dem Ehr- und Pflichtgefühl die Kraft gefunden, Emma zu täuschen, ihr die geheime Erkaltung der Liebe zu verbergen. Diese Kraft wurde in einigen Tagen gelähmt. Er glaubte so viel zu leiden, daß er nicht den Muth hatte, die Maske, welche seine Gleichgültigkeit verhüllen sollte, vor seinem Gesicht zu tragen. Die Niedergeschlagenheit, welche seinen Ausflügen das Land der Hirngespinnste folgte, war so groß, daß er sie nicht zu verbergen vermochte.

Die Marquise von Escoman sah ihn an ihrer Seite bleich und kraftlos werden. Sie ward von Entsetzen ergriffen; aber sie hatte ein muthiges Herz, welches kämpfen mußte so lange als es schlug.

Es kämpfte also.

Anfangs schrieb sie die trübe Stimmung Fontanieu’s den Ursachen zu, die er selbst ihr angegeben hatte, insbesondere dem Kummer, den ihm der Aufenthalt in dem Putzladen der Rue de Seze verursache. Sie ersuchte ihren Advocaten den Verkauf ihres Geschäfts ernstlich zu betreiben. Leider war es Sommer, wo Geschäfte dieser Art schwer abzuschließen sind, und die wenigen Kauflustigen welche erschienen, kamen nicht wieder.

Die Klatschereien der eifersüchtigen Frau Bernier und anderer Nachbarinnen hatten den Laden der vormaligen Marquise offenbar in Mißcredit gebracht.

Emma merkte es wohl, und zugleich sah sie ein, daß sich die Lage täglich verschlimmerte.

Die reinste, vollkommenste Liebe ist die, welche am meisten der Mutterliebe gleicht. Emma sah mit tiefem Schmerz die immer größer werdende Traurigkeit Fontanieu’s und sie fürchtete einen nachtheiligen Einfluß auf seine Gesundheit. Wie eine geängstigte Mutter dachte sie: Möge Alles umkommen und zu Grunde gehen, wenn nur mein Geliebter gerettet wird.

Nun warf sie ohne Bedenken, ohne Sorge um die Gegenwart, ohne Bangigkeit um die Zukunft, Alles was sie von dem elenden Rest ihres Vermögens noch hatte, dem Ungethüm der Langweile als Beute hin; ja sie machte Schulden, sie bat Fontanieu, die ermüdenden, geisttödtenden Arbeiten in seiner Schreibstube einzustellen; sie beschwor ihn kniefällig, sich zu zerstreuen, um seine Schwermuth zu bekämpfen. Sie selbst wählte diese Zerstreuung. Sie legte sich neue Entbehrungen auf, um die Zerstreuungen anziehender, wirksamer zu machen. Sie würde sich ohne Zögern die Adern geöffnet und ihr Blut hingegeben haben, um dieses Gesicht zu erheitern, dessen Lächeln der kostbarste Schatz für sie war.

Louis von Fontanieu widerstand nicht. Die Langweile ist nicht nur der Liebe, sondern auch der Ehre gefährlich.

Zweites Capitel.
Das Ende des Traumes

Louis von Fontanieu, der jetzt der Marquise selten Gesellschaft leistete, begab sich eines Abends in die Oper.

Le Dieu et la Bayadère.«

Mitten im ersten Acte wurde er durch ein lautes Geräusch von geöffneten und geschlossenen Thüren aufmerksam gemacht. Er sah sich um und bemerkte in einer Loge des ersten Ranges eine junge Dame, welche eben ihren Shawl ablegte und das aus dem Parterre kommende hundertfache »St! St!« mit höhnischem Lächeln beantwortete. Er erkannte Margarethe. Sein Herz pochte ungestüm.

Wie jede Trunkenheit, hat auch die Träumerei ihre Pausen. Die Oper hatte die Geistesthätigkeit Fontanieu’s gefesselt. Er wunderte sich über den Eindruck, den Margarethe auf ihn machte; aber er wollte nicht gestehen, daß sie einen dauernden Eindruck auf seine Gefühle machen könne. Er richtete seine Blicke auf die Bühne; er würde sich geschämt haben, wenn Margarethe gemerkt hatte, daß er ihr die mindeste Aufmerksamkeit schenke.

Aber trotz dieses festen Vorsatzes wurde seine innere Aufregung immer größer, seine Besonnenheit schwand immer mehr und mehr. Eine Wolke senkte sich vor seinen Augen und entzog ihm den Anblick alles dessen, was um ihn vorging. Seine Gedanken waren verworren, gestaltlos, und zerstreuten sich und erloschen wie die Funken, welche der Hammer des Schmiedes dem Eisen auf dem Amboß entlockt. Er meinte keine Bewegung gemacht zu haben, und bemerkte gleichwohl das strahlende Gesicht Margarethens auf dem dunkeln Vorhange, der zwischen ihm und der Bühne war.

Sie war entzückend schön in ihrem schwarzen Sammtkleide, welches prächtig abstach gegen die Weiße der Schultern und Arme, und in ihrem Kopfputz von silbernen Weinreben und vergoldeten Trauben. Sie hatte Fortschritte gemacht: das sinnliche Gefühl, welches in ihr vorherrschte, hatte an Zuversicht gewonnen und den ihm eigenen Charakter angenommen. Ihre Augen senkten sich nur, um desto feurigere Blitze zu senden. Der Mund allein hatte seinen frühern Ausdruck behalten; die halbgeöffneten Lippen schienen fortwährend zum Kuß aufzufordern.

Louis von Fontanieu bot alle seine Kraft und Besonnenheit auf, um die vermeinte Wolke zu verjagen. Doch die Wolke fand sich überall wieder. Die Logen füllten sich mit Margarethen, welche alle so prunkvoll waren, wie die wirkliche. Die auf der Bühne tanzende Bajadere hatte sich in Margarethe Gelis verwandelt: es waren ihre Blicke, ihre leidenschaftlichen Geberden, ihre üppigen Formen.

Er stand rasch auf, drängte sich durch die Zuschauer und verließ das Theater.

Aber er hatte sich kaum hundert Schritte entfernt, so gab er einem neuen Schwindel nach und kehrte um.

Der Act war zu Ende, als Fontanieu wieder in den Opernsaal trat. Margarethe war nicht mehr in ihrer Loge. Er suchte sie im Foyer, ohne sie zu finden. Endlich bemerkte er sie im Corridor des ersten Stockes, mitten in einer Gruppe von Männern, welche ihr den Hof machten.

Sie schien sehr heiter; vermuthlich waren einige witzige oder schlüpfrige Worte über ihre Lippen gekommen, denn die Umstehenden lachten laut. Man kann einer Coutisane keine größere Freude machen, als wenn man sie scheinbar für geistreich hält, und die Schmeichler Margarethens benutzten diese Erfahrung von Jahrhunderten.

Louis von Fontanieu warf einen grimmigen Blick auf die Gruppe. Seine Eitelkeit konnte nicht glauben, daß sich die hübsche Dunenserin mit etwas Anderen als mit seiner Person beschäftige; vermuthlich lieferte sein plötzliches Fortgehen den Text zu ihren Späßen.

Er näherte sich der um Margarethe versammelten Gruppe mit dem festen Vorsatz, mit einem der Courmacher Streit anzufangen. In diesem Augenblicke bemerkte ihn Margarethe. Sie winkte ihm freundlich und herablassend zu. Einige der jungen Leute sahen sich um, um zu sehen, wem der Wink galt. Dann fing Margarethe wieder an, die Versuche eines dicken glatzköpfigen Mannes, eine Blume aus ihrem Strauß zu erobern, mit Witzen zu beantworten, und zwar so gleichgültig, als ob Louis von Fontanieu tritt ein Fremder für sie gewesen wäre.

Er versuchte sie mit einem verachtenden Blicke niederzuschmettern; aber dieser Blick traf nicht, Margarethe war nur mit ihren Verehrern beschäftigt, sie schien vergessen zu haben, daß Fontanieu da war.

Wie geringen Werth ein Mann auf die Liebe einer Schönen lege und wie frivol sein Verhältniß zu ihr gewesen sei, eine Vernachlässigung, Geringschätzung thut immer sehr weh.

Das Benehmen Margarethens wirkte wie ein eiskaltes Sturzbad auf die glühenden Erinnerungen, die seit einer halben Stunde in Fontanieu’s Busen tobten. Sein Aerger war so groß, daß er, das ganze weibliche Geschlecht verwünschend, das Theater verließ und nach Hause eilte. Er dankte dem Himmel, daß er ihm eine so seltene Ausnahme, eine Perle unter den Frauen beschieden. Dieses unscheinbare Haus ward für ihn wieder die Oase, wo er mitten in dem wüsten Treiben die Ruhe und das Glück finden würde.

Er fand die Oase freilich sehr langweilig, als er in das ärmliche Zimmer trat, welches von einer Schirmlampe nur spärlich erleuchtet wurde.

Emma saß auf ihrem Bett und arbeitete fleißig an einem Gegenstande für ihren Laden.

Trotz der stillen Freude über sein unaussprechliches Glück konnte er sich eines Seufzers nicht erwehren, als er das bleiche, von Sorgen und Entbehrungen abgemagerte Gesicht der armen Emma, als er ihre einfache Nachthaube, welche ihr Haar ganz bedeckte, und ihre ärmliche Kleidung sah.

Sie umfaßte seinen Hals und drückte ihm einen Kuß auf die Stirn. Ihre Lippen schienen ihm kalt, wie die Lippen einer Todten. Ein plötzlicher Vergleich drängte sich ihm auf. Er ward so tief ergriffen durch diesen schrecklichen Gedanken, daß er sich auf das Bett setzte und in Thränen ausbrach.

Drittes Capitel.
Das Erwachen

Einen Monat nachher kam Susanne ganz bestürzt nach Hause. Als sie über den Concordiaplatz gegangen war, um sich in die Vorstadt Saint-Germain zu begeben, war sie von einer rasch fahrenden Calesche fast umgeworfen worden. Sie hatte Fontanieu auf dem Rücksitze dieses Wagens bemerkt. Sie war ihm nachgelaufen, um sich zu überzeugen, ob sie auch recht gesehen; aber der Wagen war so schnell gefahren, daß sie die auf dem Rücksitze neben einem alten Herrn sitzende Dame nicht erkennen konnte.

Die Gesundheit der Marquise war so schwach geworden, ihre Geschäfte gingen so schlecht und machten ihr so viele Sorgen, daß Susanne durch die Mittheilungen ihrer vielleicht eingebildeten Besorgnisse ihren Kummer nicht vermehren wollte. Aber Abends erwartete sie Fontanieu im Laden, und als sie durch die angelehnte Thür seine Schritte auf der Straße hörte, ging sie ihm entgegen.

»Herr von Fontanieu,« sagte sie, ihm in den Weg tretend und seinen Arm fassend, »Sie sind die Ursache, daß Susanne Mottet ihren guten Ruf in dieser Welt aufs Spiel gesetzt und vielleicht ihr Seelenheil gefährdet hat. Um diesen Preis durfte ich hoffen, meine liebe Emma, die ich wie mein eigenes Kind liebe, glücklich gemacht zu haben, und gleichwohl sind die Thränen des Kummers in ihre Wohnung zurückgekehrt.«

»Das ist mehr die Schuld der Verhältnisse, als meine Schuld,« antwortete Fontanieu mit heuchlerischer Sanftmuth.

»Herr von Fontanieu, Sie wissen, daß ich mit den Schritten, welche meine Herrin aus Zartgefühl gethan, keineswegs einverstanden war; aber ich konnte ihr meine Bewunderung nicht versagen. Ich bin nur eine arme Frau von geringem Standes aber ich glaube, daß ich mich bestrebt haben würde, eben so groß und edel zu handeln.«

»Inwiefern finden Sie denn, Susanne, daß ich meine Pflichten gegen Emma verletzt hätte?«

»Ich will’s Ihnen sagen. Sie ist traurig, und Sie lassen sie allein; sie weint, und statt sie zu trösten, vergeuden Sie Ihre Zeit in Müßiggang und Zerstreuungen.«

»Susanne! —« sagte Fontanieu auffahrend.

»O, Sie müssen mich anhören. Ich bin Ihre Mitschuldige und habe das Recht, Ihnen zu sagen, was ich denke. Ich werde es ohne Furcht thun, Herr von Fontanieu. Ich sage Ihnen, nehmen Sie sich in Acht! Ich hasse den ersten Henker meiner armen Emma; aber wenn ich durch Ihre Schuld gestehen müßte, daß ich meine Herrin in’s Unglück gestürzt, so würde ich Sie noch furchtbarer hassen, als den Marquis von Escoman. Ich warne Sie also noch einmal, nehmen Sie sich in Acht!«

Louis von Fontanieu würdigte diese Drohworte der Duenna keiner Antwort. Diese Worte hatten indeß einigen Eindruck auf ihn gemacht, denn er konnte sich nicht verhehlen, daß Emma seit einigen Tagen sehr niedergeschlagen war. Dieser Eindruck sollte sich freilich durch ganz andere Wirkungen kundgeben, als einen Monat früher der Fall gewesen wäre.

So lange er nur die Bitterkeit der Enttäuschung, die seiner begeisterten Liebe gefolgt war, gefühlt hatte, so lange er nur in unbestimmten Gefühlen geschwärmt hatte, wurde sein Herz leicht gerührt. Wenn er auch nicht mehr liebte, so fühlte er doch noch Mitleid. Aber seitdem sein Unrecht aus der Ideenwelt in die Wirklichkeit gekommen war, hatte ihm sein Gewissen ernste Vorwürfe zu machen. Das Bewußtsein einer schlechten That hatte sein Gefühl abgestumpft, und wenn dieses erregt wurde, so gab es sich nur noch durch ein gewisses trotziges Schmollen kund.

Diese geheimen Gewissensbisse sind unter allen Gefühlen am schwersten zu verbergen. Louis von Fontanieu hatte nicht viel gelebt, er war noch kein Roué, kein abgestumpfter Wüstling, die Mahnungen des Gewissens waren in seinem Gesichte und Benehmen zu erkennen. Er versuchte auch nicht sie zu verhehlen; bei jeder sich darbietenden Gelegenheit ließ er seinem Unmuth freien Lauf.

Er nahm sich nicht die Mühe, Emma über ihren Kummer zu befragen, zu ermitteln, ob sie sich über sein Benehmen gräme, sie durch Ausflüchte zu beruhigen. Er fragte nicht einmal, ob die schlechten Geschäfte ihre Heiterkeit getrübt. Und daß die Geschäfte schlecht gingen, konnte ihm trotz seiner langen und häutigen Abwesenheiten nicht unbekannt sein. Er kümmerte sich nicht mehr darum. Er machte Lärm, um sich zu betäuben; er beklagte sich selbst, um Emma nicht beklagen zu müssen. So kehrte er die Rollen um, und mit Einer dem bösen Gewissen eigenen Verblendung entwarf er ein rührend sein sollendes Bild von der Oede seines Lebens, seitdem er bemerkt habe, daß ihn Emma nicht mehr so zärtlich liebe, wie vormals.

Gegen seine Erwartung zeigte sich die Marquise nicht entrüstet gegen diese schmähliche Täuschung; sie blieb ernst und ruhig; sie hörte ihm zu und sah ihn erstaunt an. Ihre Augen waren starr und thränenlos. Einige Seufzer, welche sie nicht zu unterdrücken vermochte, gaben allein zu erkennen, was in ihrem Innern vorgehen mußte, als sie den schmählichen Undank der erkalteten Liede entdeckte.

Als er schwieg, sagte sie mit engelgleicher Sanftmuth:

»Louis, würdest Du mir eine Bitte abschlagen?«

Er erröthete und zögerte mit der Antwort. Seine innere Unruhe zeigte sich in seinem Gesichte.

»Rede,« sagte er endlich.

»Du hast mir schon lange versprochen, deine Mutter zu besuchen, Dich mit ihr auszusöhnen. Versprichst Du mir, morgen diese Pflicht zu erfüllen?«

»Warum denn morgen? Warum nicht einen andern Tag?«

»Weil morgen der 29. Juli, der Todestag deines Vaters und Oheims ist; weil Du schon im vorigen Jahre nicht mit der armen Witwe und der Waise geweint hast. Vielleicht hat es uns Unglück gebracht. Versprichst Du mir’s?«

Es lag in diesen Worten der Marquise ein so natürlicher, rührender Ausdruck, daß Louis von Fontanieu, trotz seiner zum Widerspruch geneigten Reizbarkeit, die Erfüllung ihres Wunsches zusagte. Ueberdies hatte er gefürchtet, daß sie einen ganz andern Zweck habe, und als er einsah, daß er ohne Grund besorgt gewesen war, fühlte er sich von einer großen Last befreit.

Er ging zu Bette und schlief ein. Als seine tiefen, regelmäßigen Athemzüge einen festen Schlaf bekundeten, trat Emma an sein Bett und betrachtete lange den Mann, der ihr noch so theuer war.

Dann begab sie sich ebenfalls zur Ruhe. Aber noch lange sann sie über ihr Schicksal nach.

Als der Tag anbrach, war das Kopfkissen ganz feucht von ihren Thränen. Sie stand auf und nahm ans einem Schranke die Briefe und Haarlocken, welche ihr Louis von Fontanieu zugeschickt hatte, während sie im Gefängnisse gesessen. Sie küßte diese theuern Andenken und legte sie in eine Schatulle.

»Dies ist Alles,« seufzte sie, »was ich aus diesem Hause mitnehmen werde, und bald wahrscheinlich Alles, was mir von ihm bleiben wird.«

Dann kniete sie nieder und setzte, die Hände faltend hinzu: »Gott, ich habe einen Götzen auf deinen Altar gestellt, und in deinem Zorne hast Du ihn herabgestürzt. Ich habe der Sünde gefröhnt, und Du strafst mich. Ich beuge mich unter deinem allmächtigen Willens ich will nicht murren, ich will sie nicht schmähen die Hand, welche mich züchtigt. Aber schone seiner! Möge dein Zorn mich allein treffen, und im Staube liegend werde ich dulden, was Du über mich verhängst!«

Viertes Capitel.
Margarethens Morgenstunden

Margarethe Gelis sah in den Morgenstunden immer eine gewählte Gesellschaft bei sich. Nicht Jedermann hatte Zutritt bei ihr. Angesehene Persönlichkeiten mußten diplomatische Künste anwenden, um Gnade zu finden vor dem Bedienten, der vor den prächtigen Salons der Exgrisette den Thürsteher machte.

Nichts ist schwerer für unser Geschlecht, als sich den Titel eines in der eleganten Welt gefeierten Mannes zu erwerben.

Um dieses Ziel zu erreichen, muß man entweder wirkliche Verdienste besitzen, einen berühmten Namen haben, oder sonst durch Stand und Geburt ausgezeichnet sein, – oder man muß es in den Albernheiten, welche man von einem Modemenschen fordert, zu einer gewissen Virtuosität gebracht haben. Diese Albernheiten bilden aber ein so verwickeltes System, daß die meisten derer, welche sich dem Studium desselben widmen, beim Alphabet stehen bleiben, wie die Gelehrten, welche chinesisch lernen.

Anders ist es mit dem schönen Geschlecht. In dieser Beziehung haben die Frauen große Vorrechte. Sie sind alle für die Mode geboren; wenn sie nicht in die Mode kommen, so liegt die Schuld an den Verhältnissen, welche ihren Beruf nicht begünstigt haben.

Um in der Modewelt eine Rolle zu spielen, brauchen die Damen nur möglichst wenig Herz, viel guten Willen, dabei die Freude des Naturmenschen an allem, was glänzt, und ein kindisches Wohlgefallen an Geräusch und Prunk.

Hübsche Augen können nicht schaden, aber es gibt viele Beispiele, daß sie nicht nothwendig sind. Für geistreich gelten so ziemlich alle Schönen; wenn sie es nicht sind, so wissen sie wenigstens geschickt nachzuahmen, und ein Echo ist auch ein Ton.

Als Margarethe in Paris angekommen war, hatte sie ein sehr reicher, bekannter Finanzier eines schönen Morgens in ein prächtiges Hotel in der Rue du Helder eingemiethet. Man hatte die schöne Exgrisette über Nacht wie ein Pilz hervorwachsen sehen. Wer sie genauer in Augenschein genommen, hatte den Neugierigen erklärt, dieser weibliche Glückspilz habe im Stalle ein paar dunkelbraune Pferde, welche früher bei Stephan Drake großes Aussehen gemacht hatten, einen famösen Koch und betreßte Dienerschaft. Die Sache machte Aufsehen. Die Grisette von Châteaudun ward Marschallin im Lager der eleganten Welt, und die Neugierde über ihre Herkunft und ihr Vorleben wurde für ein Zeichen schlechten Geschmacks gehalten.

Die Frauen sind aus sehr weichem Thon gebildet, der in die schärfsten Ecken der Formen dringt. Margarethe war nicht mehr erstaunt über ihren neuen Glanz, als die arme Marquise von Escoman über die schwere Arbeit, zu der sie sich verurtheilt hatte, erschrocken gewesen war. Die Grisette war noch nicht acht Tage in ihrem Hotel gewesen, so schien es ihr, als ob ihre Füße nur auf die prachtvollsten orientalischen Teppiche getreten hätten; so dachte sie nicht mehr an ihre barfüßige Kindheit. Ein feiner Geschmack würde freilich an ihrer Toilette, trotz der Pracht, einige Ausstellungen gemacht haben, und ihre Nebenbuhlerinnen unterzogen sie auch wirklich einer scharfen Kritik; aber sie saß ganz behaglich auf der Geldkiste ihres Gönners, und jene neidischen Gerüchte störten nicht im mindesten ihre Ruhe.

Nur eine Wolke trübte das Glück Margarethens: ihr Haß gegen die Marquise von Escoman. Dieser Haß hatte ihre Liebe zu Fontanieu überlebt.

Unsere Leser werden errathen haben, daß sie ihn gesprochen hatte. Aus der Unruhe, die er nicht ganz zu verbergen vermochte, konnte sie schließen, daß sie jetzt wenigstens auf die Sinne ihres früheren Geliebten jenen Einfluß ausübte, den sie vormals mit der Hälfte ihres Lebens erkauft haben würde. Zu ihrem eigenen Erstaunen blieb sie ganz gelassen bei dieser Entdeckung. Ihr Puls ging nicht schneller, sie erröthete nicht, wie vormals.

Für erloschene sinnliche Leidenschaften gibt es reinen Trost; sie lassen nur unangenehme Erinnerungen zurück. In der pittoresken Sprache, welche Margarethe in ihren neuen Umgangskreisen schnell erlernte, beklagte sie manchmal ihre »Dummheit«, wie sie es nannte. Die Erinnerung an die Rolle, welche sie dabei gespielt hatte, demüthigte ihre Eigenliebe, jenes einzige menschliche Gefühl, welches sich in der sittlichen Zerfahrenheit nicht vermindert, sondern vergrößert Sie hatte sich oft vorgenommen, sich zu rächen; vielleicht würde sie die Gelegenheit nicht mehr ausgesucht haben; aber diese Gelegenheit bot sich von selbst dar, und sie wollte sie nicht unbenutzt lassen.

Margarethe haßte Emma nicht nur wegen des Schmerzes, den ihr die alte Wunde noch von Zeit zu Zeit machte, auch der hohe, edle Sinn der Marquise im Unglück, ihre Seelengröße, ihr Muth, ihre Ergebung, alle jene Tugenden, welche sie vergebens lächerlich zu machen suchte, und denen sie im Stillen ihre Bewunderung nicht versagen konnte, reizten ihren Zorn und brachten ihr Blut in Wallung. Sie empörte sich gegen diesen hohen Aufschwung des Schönen und Guten über das Schlechte und Gemeine. Die muthige Marquise in ihrem kleinen Laden demüthigte die Courtisane in ihrem Palast, und diese konnte es ihr nicht verzeihen. Dieser Haß einer Dirne gegen Emma bewies auf das Glänzendste, daß die Tugend der armen Marquise ihre Schmach überlebt hatte.

Wie die Liebe, wie alle Leidenschaften, hat der Haß einen großen Einfluß auf das geistige Leben des Menschen. So fand auch Margarethe in ihrem Rachedurst eine Schlauheit und Ausdauer, die bei der trägen Person nicht zu erwarten war.

Als Louis von Fontanieu in ihr Hotel kam, empfing sie ihn mit rührender Herzlichkeit. Sie erheuchelte eine Rührung, die sie keineswegs empfand; sie fand vielsagende Seufzer, um von der Vergangenheit zu reden. Er konnte glauben, sie erwarte nur ein Wort von ihm, um die vorigen leidenschaftlichen Gefühle wieder zu wecken. Doch er täuschte sich; die Frauen lieben nur die, welche ihnen nicht entgegenkommen.

Margarethe wußte den Fehler, den er gemacht, schlau zu benutzen. Sie rühmte seine Großmuth, seine Hingebung, so daß Emma in seinen Augen herabgesetzt wurde. So begann sie die Bande zu lösen, welche ihn an die Marquise fesselten, und sie kam so oft und mit solcher Schlauheit auf dieses Thema zurück, daß er mit der armen Emma bald nur noch durch einen dünnen Faden in Verbindung stand.

Bald wurde Louis von Fontanieu einer der fleißigsten Besucher des Hotels der Rue du Helder. Nicht als ob ihn Margarethe in seine früheren Rechte wieder eingesetzt hätte; sie ließ sich das Los ihrer Nebenbuhlerin zur Warnung dienen. Sie bat ihn, wie sie sagte, um die Wiederholung seiner Besuche, damit ihre Freundschaft den Schmerz des einzigen Mannes, den sie geliebt, mildern möge. Im Grunde aber suchte sie ihn durch diese beständigen Annäherungen ganz in ihre Gewalt zu bekommen und zum willenlosen Werkzeuge ihres Hasses zu machen.

Margarethe goß Oel auf die schon zu starke Glut. Sie wußte wohl, wie verführerisch sie war in diesen glänzenden Umgebungen, in diesem Luxus von Spitzen, Sammt und Seide. Fontanieu war bald der Sklave seiner neuen Leidenschaft. Was vermochte jetzt die Erinnerung an die sanfte, sittsame Emma? Ohne einen Rest von Selbstgefühl wäre er zu Margarethens Füßen gefallen, um das Mitleid, das er ihr einst selbst versagt, von ihr zu erstehen.

Ihrer Taktik getreu, bot die Courtisane Alles auf, um diesen gefährlichen Gefühlsäußerungen vorzubeugen. Unter dem Vorwande, daß ihm diese Bekanntschaft nützlich sein könne, stellte sie ihren vormaligen Geliebten dem Baron Verdières, ihrem dermaligen Gönner, vor, und sie wußte es so einzurichten, daß dieser immer Zeuge ihrer Unterredungen mit Fontanieu war.

Zugleich war sie darauf bedacht, den jungen Mann in den Augen der Marquise von Escoman zu verdächtigen. Sie glaubte der Zukunft sicher zu sein; aber sie wollte gern eine Abschlagszahlung nehmen. Ein Nadelstich in Emma’s Herz war ein Vorgeschmack ihrer rachsüchtigen Freude. Sie zwang Fontanieu, sich öffentlich mit ihr zu zeigen, sie auf ihren Spazierfahrten zu begleiten. Ihr Kutscher hatte Befehl, immer in der Nähe der Rue de Seze zu fahren.

Bis dahin war Fontanieu noch nicht an den Empfangstagen in Margarethens Salon erschienen. Aber sie nöthigte ihn, sich in den Morgengesellschaften einzufinden, welche sie gab, um den Abendgesellschaften einer gefeierten Schauspielerin Schach zu bieten.

Louis von Fontanieu versprach sich einzufinden; aber bald hätte er nicht Wort gehalten.

Wir wissen, daß ihn Emma gebeten hatte, seine Mutter zu besuchen. Seine kindliche Liebe hatte über seine Verirrungen den Sieg davongetragen. Dieses Gefühl war in dem Maße stärker geworden, als ihm Emma gleichgültiger wurde. Er war daher beinahe entschlossen, das Vergnügen der Pflicht zu opfern und den Tag in Saint-Germain, wo Frau von Fontanieu wohnte, zuzubringen.

Während er sich ankleidete, bemerkte er bei der Marquise eine ungewöhnliche Aufregung. Er fürchtete, Susanne habe geplaudert; aber er ging fort, um einer Erklärung auszuweichen.

In der Rivolistraße, wo damals die Wagen nach Saint-Germain abfuhren, bemerkte er, daß er seine Geldbörse vergessen hatte. Er mußte umkehren.

Aber er fand den Laden verschlossen. Auf seine Nachfrage erfuhr er, daß Emma und Susanne bald nach ihm das Haus verlassen hätten. Er mußte die Fahrt nach Saint-Germain auf einen andern Tag verschieben.

Er ging fort, um der Einladung Margarethens zu folgen.

Madame Bernier stand in der Thür. Sie warf ihm einen höhnischen, frohlockenden Blick zu. Er war zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt, um diese Gefühlsäußerungen der Uhrmacherin zu beachten. Aber ein kräftiger Schlag auf seine Schulter entriß ihn seinen Träumereien. Er sah sich um und erkannte den Kunsttischler Verdure, der ihm die Hand reichte.

»Ich habe mit Ihnen zu reden,« sagte Verdure und zog ihn in eine Nebenstube seines Magazins.

»Was wollen Sie von mir, lieber Nachbar?« erwiederte Fontanieu.

»Was ich von Ihnen will, lieber Herr Louis, ist etwas schwer zu sagen,« antwortete der Nachbar, sich am Ohr kratzend. »Doch müssen Sie darum nicht an meiner Freundschaft und Theilnahme zweifeln.«

»Ich zweifle keineswegs daran, lieber Herr Verdure und bin Ihnen sehr dankbar dafür. Aber dies ist gewiß nicht die Mittheilung, die Sie mir machen wollten,«

»Die Geschäfte gehen wohl nicht?« fuhr der Kunsttischler fort, indem er seine Stentorstimme mäßigte, so daß er von den in der Werkstatt arbeitenden Gesellen nicht verstanden werden konnte.

»Nein,« antwortete Fontanieu. »Wir wünschen unsern Laden zu verkaufen; aber es geht nicht so leichte.«

»Der tausend! Sie hätten mit Verlust losschlagen sollen, Herr Louis. Die Spitzbuben wollen Ihnen Haut und Haare abhobeln, und ich will mich in den Schraubstock einkeilen lassen, wenn man Ihnen nur die Späne läßt.«

»Was meinen Sie?« fragte Louis von Fontanieu und sah den Tischler sehr erstaunt an.

»Machen Sie doch nicht den Geheimnißkrämer, Herr Louis. Ich will Ihnen sogleich reinen Wein einschenken. Glauben Sie denn, daß man zwanzig Jahre ein Geschäft gehabt habe, ohne von diesem Ungeziefer angefressen zu sein? Ein Geschäftsmann ist wie ein Tisch oder ein Stuhl: er mag vom besten Holz sein, in der Hitze wirft er sich doch. Sehen Sie,« setzte er hinzu und nahm ein Bündel schmutziger, vergilbter Papiere aus einer Schublade, »bei mir findet sich mehr Stempelpapier als bei Ihnen. Es macht einem ehrlichen Manne keine Schande. Also lassen Sie hören.«

»Auf mein Wort, Herr Verdure, ich weiß nicht, was Sie meinem.«

»Es ist bekannt, daß der Gerichtsdiener diese Woche dreimal bei Ihnen war. Heute ist die Pfändung Glauben Sie denn, daß so etwas in der Nachbarschaft nicht bekannt werde?«

»Nein, das ist unmöglich!« erwiederte Louis von Fontanieu ganz bestürzt.

»Ich sehe schon, wie die Sachen stehen,« sagte der Kunsttischler der durch Fontanieu’s Ton endlich überzeugt wurde. »Das brave Weibchen hat’s Ihnen vielleicht verheimlichen wollen. Eine brave Person! Es nützt freilich nicht viel, wenn man in Gefahr ist. Aber die gute Absicht läßt sich nicht verkennen. Ich bin Ihrer lieben Frau vom Herzen gut, Herr Louis: sie ist so häuslich und fleißig und sauber, und dabei hat sie einen Anstand, wie eine Herzogin. Man sagt, Sie wären nicht verheiratet. Ich sage, das geht nur die bösen Zungen an, und stelle sie meiner Frau als Muster auf, die doch auch nicht so übel ist. Ein Weibchen wie das Ihrige, Herr Louis, sollte man nicht in Mahagoni-, Palissander- oder Citronenholz, sondern in Gold fassen.«

Der brave Mann hätte eine ganze Stunde so sprechen können. Louis von Fontanieu hörte nicht mehr zu; er war vernichtet durch die Kunde von diesem Unglücke. Er konnte keinen Gedanken fassen. Er dachte wohl etwas an Emma, aber desto mehr an sich. Er sah mit Schrecken, wie das Unglück, welches sie um seinetwillen trug, eine immer größere Ausdehnung annahm; denn er konnte sich nicht verhehlen, daß seine Pflichten gegen Emma zugleich ernster, unabweislicher wurden. Er stand schnell auf, um sich zu entfernen, aber Verdure hielt ihn zurück.

»Wir haben noch nicht Alles gesagt,« setzte er hinzu. »Es gibt zwar Gerichtsdiener in dieser Welt, aber es gibt auch Freunde. Ich bin nicht reich, Herr Louis, aber unsereins hat immer einige Banknoten auf die Seite gelegt, und wenn man braven Leuten aus der Verlegenheit helfen kann, so thut man’s gern. Fünfhundert Franks stehen Ihnen zu Diensten. Nehmen Sie, wenn Ihnen damit gedient ist. Ich habe mich vielleicht schlecht ausgedrückt, weil meine Arme mehr gearbeitet haben, als meine Zunge. Aber wenn Ihnen damit gedient ist, so bleibt’s dabei: Sie können auf den Tischler Verdure trassiren.

Louis von Fontanieu drückte dem braven Handwerker herzlich die Hände und eilte nach Hause. Emma war noch nicht da. Die ernsten Besorgnisse, welche ihm ihre Abwesenheit machte, seitdem er erfahren, welche schmerzliche Prüfungen sie in den letzten Tagen bestanden haben müsse, begannen seine selbstsüchtigen Bestrebungen zu beherrschen.

Als er wieder in die Hausthür trat, um auf die Straße zu sehen, wurde er von einem schwarzgekleideten Manne angeredet, der ihm den Pfändungsauftrag übergab und ihm erklärte, daß er sofort damit beginnen werde. Wenn ihm die Thüren nicht geöffnet würden, so müsse er die Assistenz des Commissärs in Anspruch nehmen.

Louis von Fontanieu warf einen Blick auf das Papier, welches ihm der Gerichtsdiener überreichte, und sogleich fiel ihm ein mit großen Buchstaben geschriebener Name aus.

Es war der Name von Margarethens Gönner.

Er las die Schrift aufmerksamer. Es war nicht mehr zu bezweifeln, die Pfändung war auf Ansuchen des Banquiers Verdières gegen die Frau d’Escoman, genannt »Frau Louis«, angeordnet worden.

Louis von Fontanieu war hocherfreut und eilte in Margarethens Hotel.

Eine lange Wagenreihe hielt vor der Thür. Fontanieu konnte sich nur mit Mühe einen Weg durch die Menge der Gäste bahnen, und noch größere Mühe hatte er, zu der Dame vom Hause zu kommen.

Endlich fand er sie. Margarethe gab eben ihre letzten Befehle für das Concert. Sie war von einigen Stutzern umgeben, welche Adjutantendienste bei ihr versahen. Er ging auf sie zu, aber sie schien ihn nicht zu bemerken.

»Margarethe,« sagte er, sich zu ihrem Ohre neigend.

Sie sah sich um.

Frau« – sie betonte dieses Wort – »würde Sie zum Garnwinden bei sich behalten.«

Die Umstehenden, welche Fontanieu gar nicht kannten, brachen gleichwohl in ein lautes Gelächter aus. Der Witz mußte bewundert werden; aus einem schönen Munde können ja nur schöne Worte kommen.

»Margarethe,« erwiederte Louis von Fontanieu leise, aber hastig, »ich habe mit Ihnen zu reden.«

»Sie haben ja schon angefangen.«

Er warf einen bittenden Blick auf die Umstehenden.

»Sie wünschen ein Tête-à-Tête, Fontanieu?« sagte Margarethe. »Was fällt Ihnen ein? Der Baron würde den Schlagfluß bekommen, und dann wär’s aus mit den zweihunderttausend Livres, die er mir jährlich auszahlen läßt.«

»Margarethe, es handelt sich um Leben und Tod.«

»Solche Angelegenheiten haben ihre Stunden, lieber Freund – für den Augenblick muß ich mich meinen Gästen widmen. Ich kann die Gesellschaft nicht wegen solcher Kleinigkeiten verlassen.«

Sie sprach sehr laut. Die Gecken verneigten sich und einer von ihnen küßte ihr die Hand.

Margarethe mochte an dem Gesicht Fontanieu’s wohl sehen, daß sie zu weit gegangen war, und daß ihrem Freunde wie verblendet er auch war, die Augen aufgehen konnten. Dann wäre aber ihr Racheplan über den Haufen geworfen worden.

»Nun, werden Sie nicht böse,« setzte sie hinzu und nahm vertraulich seinen Arm. »Wir wollen Ihnen diese so dringende Audienz bewilligen. Mein Herr und Meister wird nichts Arges dabei denken; er weiß ja, daß Sie vormals mein Verehrer waren. – Ja, meine Herren, ich war ganz vernarrt in diesen hübschen Jungen, und wünsche jedem von Ihnen eine eben so feurige Geliebte, wie ich einst war. Aber der liebe Baron weiß auch, daß er meinen Grundsätzen vertrauen kann.«

Sie führte Louis von Fontanieu in ein kleines Boudoir, dessen Thür sie hinter sich schloß.

»Laß hören, sagte sie, sich setzend; »was willst Du von mir?«

Statt der Antwort reichte ihr Fontanieu das verhängnißvolle Papier. Margarethe las es und ihre Stirn verfinsterte sich.

»Was kann ich dazu thun?« sagte sie, ihre Handschuhe betrachtend, um zu sehen, ob sie von dem Papier nicht beschmutzt worden waren.

»Hast Du denn nicht gelesen, daß die gerichtlichen Schritte auf Ansuchen des Herrn von Verdières gethan sind?«

»Auf sein Ansuchen! Armer Tropf, Du hast bei deinem Banquier blutwenig gelernt, oder dein Principal muß ein rechter Gimpel sein. Ich bürge Dir dafür, daß der Baron nicht einmal den Namen dieser Dame kennt.«

»Das glaube ich wohl; aber es hängt von ihm ab, diese gerichtlichen Schritte einzustellen, und ein Wort von Dir kann ihn dazu bewegen.«

Margarethe warf schmollend den Mund auf.

»Wie wär’s, wenn ich mit ihm redete?« setzte er hinzu.

»Das darfst Du nicht,« erwiederte sie hastig; »Du würdest mich sehr erzürnen. Der Baron ist Dir sehr gewogen, und das hast Du mir zu danken. Ich habe schon oft bemerkt, daß Du von meiner Zuneigung einen geringen Begriff hast. Du irrst Dich, sie ist größer als je; sie ist nur verständiger geworden. Du mußt mich nicht mir der Zierpuppe vergleichen, die einen Putzladen als Spielzeug betrachtet und Dich in eine schöne Verlegenheit gebracht hat. Du hältst mich für leichtsinnig, gedankenlos, während ich auf deine Zukunft bedacht bin, die doch nicht durch meine Schuld in Frage gestellt worden ist. Ich will Dir eine solide, angenehme Stellung bereiten. Du wirst seiner Zeit das Nähere erfahren, mein Cherub. Du mußt nur bedenken, daß deine Zukunft ganz von der Freundschaft Verdière’s abhängt. Hüte Dich also wohl, diese Freundschaft durch eine Albernheit zu verscherzen.«

»Durch eine Albernheit! das kamt dein Ernst nicht sein, Margarethe. Bedenke doch, wie groß meine Verantwortlichkeit ist. Ich habe mich allerdings einer Uebereilung schuldig gemacht; aber meine Ehre fordert, daß ich die Folgen trage. Die Ehre verbietet mir, die Marquise von Escoman, die durch mich ins Unglück gestürzt ist, dem Elend und der Verzweiflung preiszugeben. Ich bitte nicht für sie, sondern für mich,« setzte er hinzu, als er das Stirnrunzeln der Courtisane bemerkte.

»Du solltest den Namen nicht aussprechen!« sagte Margarethe auffahrend und mit dem Fuße stampfend. »Ich bin nur vernünftig, und Du würdest mich böse machen. Ich erfülle deinen Wunsch nicht; ich will’s nicht, weil ich Dich aufrichtig liebe. Wenn Du sie noch liebtest, würdest Du nicht hier sein. Ich weiß freilich nicht, ob Du nach einem Jahre trauriger Selbsttäuschung noch die Kraft hast, deine geheimen Gedanken auszusprechen. Du erwartest in deiner Rathlosigkeit eine Katastrophe, welche dieses unsinnige Verhältniß abbreche. Die Katastrophe ist gekommen, und Du trittst scheu zurück; ich soll Dir behilflich sein, sie in die Zukunft hinauszuschieben. Das will ich nicht. Deine Zukunft, welche sie Dir bereitet hat, macht mir große Sorgen; ich will sie sichern. Vielleicht kann ich es. Ich will diese Gelegenheit nicht unbenutzt lassen; wenn sie sich noch einmal darböte, würde ich vielleicht nichts mehr thun können. Willst Du Geld für deine Unterhaltungen? willst Du eine deinem Namen angemessene Stellung? Du hast nur deine Wünsche auszusprechen, sie sollen erfüllt werden, ohne daß dein Zartgefühl dadurch verletzt wird. Aber zur Fortsetzung dieses unsinnigen Lebens werde ich Dir nie die Mittel bieten. Spare nur deine Mühe, ich werde mich unter keiner Bedingung dazu verstehen.«

Bei diesen Worten schlug Margarethe mit ihrem Fächer, so heftig auf den Tisch, daß der Fächer zerbrach. Sie stieß die Stücke mit dem Fuß zurück.

Louis von Fontanieu wollte seine Bitte wiederholen; aber Margarethe, welche die Wirkung ihrer Worte beobachtet hatte, ließ ihm nicht die Zeit, den Mund aufzuthun.

»Mein Gott!« sagte sie, vor einen Spiegel tretend und ihren Anzug musternd, »du vergesse ich ja meine Gesellschaft, wie zu der Zeit, als er mir Alles war. Aber ich will die Lästerzungen nicht noch mehr in Versuchung führen. – Zieh mir doch den Besatz meines Kleides ein bischen hinauf.«

Der Besatz bestand aus Blumen und Laub. Louis von Fontanieu, der sich dieses Auftrages entledigte, berührte dabei mit den Fingern den Nacken der Courtisane. Seine Blicke begegneten im Spiegel den schmachtenden Augen Margarethens. Er vergaß Emma und die Angst, in der sich die Unglückliche befinden mußte; er vergaß seine eigene verzweifelte Lage – und drückte einen glühenden Kuß auf die Schulter seiner vormaligen Geliebten.

Margarethe wandte sich schnell ab und riß die Thür des anstoßenden Salons auf, in welchem ihre Gäste versammelt waren.

»Wenn der Baron an der Thür gelauscht hätte!« sagte sie halb erzürnt, halb lächelnd zu Fontanieu. Dann faßte sie seine Hand und entließ ihn mit den Worten: »Morgen sehen wir uns wieder, lieber Freund.«

Fontanieu ging wankend und kaum seiner Sinne mächtig durch die Gäste. Erst im Vorzimmer bekam er einige Fassung wieder.

Margarethe war noch in ihrem Boudoir. Sobald Fontanieu fort war, schrieb sie auf einen Zettel: »Bleiben Sie taub gegen alle Bitten, nehmen Sie kein Versprechen an.«

Sie gab den Zettel einem Bedienten mit dem Befehle, ihn durch einen Commissionär dem Gerichtsdiener zu senden, der in diesem Augenblicke die Pfändung in der Rue de Seze vollziehen mußte.

Fünftes Capitel.
Wo unerwartet Hilfe kommt

Inzwischen war Emma wieder nach Hause gekommen.

Wenn sie bedachte, wie nachtheilig seit einiger Zeit der Gram auf ihre Gesundheit gewirkt hatte, wunderte sie sich, daß sie Kraft hatte, so viele Leiden zu ertragen. Denn ihr jetziger Kummer war weit größer, als der, den ihr der Marquis verursacht hatte.

Diesen Muth konnte sie nur aus der Liebe schöpfen. Sie liebte noch immer; ihr zweimal so tief verwundetes Herz konnte nicht von ihrem Geliebten lassen. Jedes aufrichtige, tiefe Gefühl ist ja unvergänglich wie Alles, was aus den Händen des Schöpfers hervorgegangen ist. Solche Gefühle werden wohl verändert, geläutert, aber sie leben so lange wie das Herz, in welchem sie geboren sind.

Ihr blindes Vertrauen war verschwunden; sie errieth die Gedanken Fontanieu’s, ihr Ahnungsvermögen ersetzte die in die Augen springenden Beweise, welche sie gar nicht suchte. Sie betrachtete mit stiller Ergebung die ewige Liebe als einen schönen Traum; sie beweinte das schnelle Zerrinnen desselben; aber sie fühlte weder Verachtung noch Zorn gegen den Mann, der den Traum so schnell zu Ende gebracht. Sie erkannte endlich den Wankelmuth des Träumers, der es einst, wie jetzt, ehrlich gemeint hatte, und sie fühlte für ihn das zärtliche, innige Mitleid, mit welchem eine Mutter die Verirrungen ihres Sohnes betrachtet. Sie hielt sich für berufen, über den Geliebten zu wachen, den seine Schwäche in Gefahr brachte, und sie war überzeugt, daß sie darin ausharren müsse, bis der Todesengel sie abrufe. Sie waffnete sich mit Geduld; sie bekämpfte den Schmerz, den ihr die nur zu offenbaren Verirrungen Fontanieu’s verursachten. Sie hoffte, es werde ein Augenblick kommen, wo, wenn nicht sie, doch die Vernunft einige Gewalt über diesen Flattergeist bekommen werde. Bis dahin wollte sie dem Geliebten Alles ersparen, was ihm das Leben verbittern konnte.

Aber die Last ihrer Trübsal war schwer zu tragen; zu ihrem Gram waren noch die quälenden Nahrungssorgen gekommen.

Jeder Rausch hat die gleiche Wirkung. Louis von Fontanieu hatte in dem seinigen kein Bewußtsein von dem, was in ihm vorging. Seine immer größer werdenden Bedürfnisse erschöpften die Casse. Emma erröthete für ihn; aber sie war eine vornehme Dame geblieben, sie würde sich noch tiefer beschämt gefühlt haben, wenn materielle Interessen neben ihren Seelenleiden zur Sprache gekommen wären, und sie wußte es so einzurichten, daß Fontanieu’s Börse nie leer war.

Die Schulden häuften sich, und eines Tages mußte sie für einen sehr nothwendigen Waarenankauf einen Wechsel ausstellen. Diesen Wechsel konnte sie zur Verfallzeit nicht bezahlen. Sie bat den Giranten, der klagbar gegen sie wurde, um eine kurze Verlängerung der Frist; aber er zeigte eine ihr unerklärliche Härte. Sie konnte die hinter dem Banquier Verdières verborgene Hand Margarethens nicht sehen.

Sie hatte ihrem Geliebten alle diese Sorgen verschwiegen. An dem zur Pfändung bestimmten Tage sollte er auf ihr dringendes Verlangen seine Mutter besuchen Sie wollte allein sein, während das Ungewitter sich entladen würde; vielleicht hegte sie noch die leise Hoffnung, ihn durch ihre aufopfernde Hingebung und Selbstverleugnung wieder an sich zu fesseln.

Nachdem sie die treue Susanne in ihre trostlosen Verhältnisse eingeweiht, und nachdem sich Louis von Fontanieu entfernt hatte, ging sie am Morgen dieses traurigen Tages ebenfalls fort, um noch einen Versuch zu machen. Sie begab sich zu dem Advocaten, der sie in ihrem Prozesse vertheidigt hatte. Dieser rieth ihr, sich an den in Paris lebenden Marquis von Escoman zu wenden. Dies lehnte Emma jedoch entschieden ab.

Sie fand den Gerichtsdiener und seine Handlanger im Laden. Das Gesetz hatte ihm in der Gestalt eines Polizeicommissärs und eines Schlossers den Zutritt eröffnet. Die Leute machten bei ihrer Arbeit plumpe Bemerkungen über die Schönheit der jungen Putzmacherin.

Emma suchte Susanne und fand sie nicht. In ihrer Verzweiflung schöpfte sie Verdacht gegen die treue Dienerin. Der Wankelmuth Fontanieu’s machte ja Alles möglich, und in ihrer Verlassenheit fühlte sie, daß ihr Muth weichen werde. Sie sank mitten unter den durcheinander geworfenen Schachteln auf einen Stuhl und fing an zu weinen.

Plötzlich hörte sie vor der Thür die wohlbekannten Schritte Susannens. Sie sprang erfreut auf, riß die Thür auf und sank der alten Amme in die Arme.

Susanne war blaß, und gleichwohl rann ihr der Schweiß über das Gesicht. Man sah ihr an, daß sie trotz ihrer Beleibtheit sehr schnell gegangen war. Sie gab ihrem »lieben Kinde« nur einen flüchtigen, aber zärtlichen Kuß.

Mit einem Blick erkannte sie, was vorging.

»Stellen Sie Alles wieder an seinen Platz!« rief sie dein Gerichtsdiener und seinen Handlangern mit einer Stentorstimme zu.

Und als die Diener des Gesetzes sie höhnisch lachend ansahen, setzte sie hinzu:

»Nur geschwind! Ich werde Euch sogleich das Maul stopfen.«

Bei diesen Worten ließ sie einen mit Thalern gefüllten Sack, den sie bis dahin unter ihrem Tuche versteckt gehalten hatte, auf den Ladentisch fallen, während sie mit der andern Hand eine Elle faßte und drohend erhob.

Der erste Theil dieser doppelten Pantomime machte auf den Gerichtsdiener einen weit größern Eindruck, als der zweite. Er musterte den Geldsack und maß in Gedanken den Umfang desselben; dann wandte er sich an die Marquise und fragte:

»Wenn gehört dieses Geld, Madame?«

»Was liegt Dir denn daran, Du Unhold?« antwortete Susanne, während Emma, die noch an ihrem Halse hing, sie dringend fragte, woher sie das Geld habe. – »Dieses Geld gehört meiner Herrin, Du garstiger Mensch!«

»Sie behaupten also, daß Madame die Eigenthümerin dieses Geldes ist?«

»Allerdings.«

»Susanne,« bat Emma, »sage mir doch wenigstens —«

»Schweigen Sie! Ich habe mir’s in Ihrem Dienste erspart und ich habe es geholt. – Sie sehen also, daß es Ihnen gehört.«

»Wenn das ist,« erwiederte der Gerichtsdiener, »so nehme ich das Geld als hier vorgefunden in Beschlag. Dieser Beutel kann nicht mehr als dreitausend Franks enthalten, es müßten denn Gold oder Banknoten sein. Die Schuldforderung, wegen welcher wir die Pfändung vornehmen, beläuft sich freilich nur auf zweitausendachthundert Franks: aber mit den Gerichtskosten beläuft sich die ganze Schuld auf dreitausendzweihundertsiebenundvierzig Francs, und um die Differenz zu decken, fahren wir in der Pfändung fort.«

Der Gerichtsdiener hatte einige Augenblicke vorher das Billet von Margarethe erhalten, und er hielt sich genau an den erhaltenen Auftrag.

Susanne war außer sich vor Zorn. Wenn die Marquise ihren Arm nicht zurückgehalten hätte, so würde die strafende Waffe, welche sie in der Hand hielt, das Gesicht des Gerichtsdieners getroffen haben.

»Mein Gott!« sagte Emma. »Arme Susanne, sollte deine Aufopferung wirklich vergebens sein!«

»Nichts ist unnütz in der Welt, selbst nicht ein alter Knabe, wie ich bin,« sagte eine Stimme hinter der Marquise und Susanne. »Der Himmel bereitet mir zum zweiten Male das Glück, Frau Marquise, Ihnen einen Dienst zu erweisen.«

»Der Chevalier von Montglas!« rief Emma erstaunt, als sie sich umsah und den Chevalier bemerkte, der in der Thür stand und die zierlichste Verbeugung machte, wie er sie in Versailles gelernt hatte.

Zugleich war auch Louis von Fontanieu erschienen. Er stand hinter dein Chevalier und betrachtete mit verstörten Blicken das Innere des Ladens.

»Louis!« sagte Emma, indem sie durch ihre Thränen zu lächeln suchte.

»Still!« unterbrach aber der Chevalier. »Lassen Sie mich zuerst diese Unglücksvögel fortschicken. Wie hoch beläuft sich die Schuldforderung?« fragte er den Gerichtsdiener.

»Dreitausendzweihundertsiebenundvierzig Francs,« antwortete dieser; »hier sind die Schriften.«

Der Chevalier schnellte mit einer raschen Handbewegung die Papiere zum Plafond empor, nahm die Hälfte eines Banknotenbündels und sagte:

»Machen Sie sich bezahlt und geben Sie den Geldsack zurück.«

»Aber —« begann Susanne, die ihren Antheil an dem ihrer Herrin erwiesenen Dienste haben wollte.

Der Chevalier gab ihr einen gebieterischen, aber durch eine gewisse Vertraulichkeit gemilderten Wink. Sie schwieg.

Dann wandte er sich wieder zu der Marquise und küßte ihr mit so zierlichem Anstande die Hand, als ob er in ihrem Salon zu Châteaudun gewesen wäre.

Unterdessen gab der Gerichtsdiener den Geldsack an Susanne zurück und zählte ab, was er dem Chevalier herauszugeben hatte.

»Sie haben mir viertausend Franks gegeben,« sagte er; »Sie bekommen siebenhundertdreiundvierzig zurück. Hier ist das Geld.«

»Geben Sie den Ueberschuß Ihren Leuten,« sagte Montglas, ohne sich umzusehen.

»Mein Herr,« erwiederte der Gerichtsdiener stolz, »meine Leute werden besoldet und nehmen von Niemand Almosen an.«

»Zu meiner Zeit nahmen sie gern; sie wurden freilich oft durchgeprügelt. Die Revolution hat Alles umgekehrt, und ich finde, daß wir bei dem Tausch mehr verloren als gewonnen haben.«

Während die Diener des Gesetzes fortgingen, traten Louis von Fontanieu und die Marquise auf den Chevalier zu und drückten ihm die Hände.

»Montglas,« sagte der junge Mann, »wir soll ich Ihnen danken für den Dienst, den Sie mir erwiesen haben?«

»Sind Sie mir nicht in weit mißlicheren Verhältnissen gefällig gewesen? Sie haben mir fünfzig Louisd’or geliehen, als Sie sie hatten; ich leihe Ihnen zweihundert, da ich sie eben habe. Seit wann wägt man denn unter Edelleuten die Wichtigkeit eines Dienstes nach der Größe der Summe ab?«

»Aber wie kommt es, daß Sie gerade zur rechten Zeit erschienen, Chevalier?« fragte die Marquise, welche sich weder die Dazwischenkunft noch den Reichthum des früher fast nothdürftigen alten Roué zu erklären wußte. »Louis wußte also, daß Sie in Paris sind?«

»Frau Marquise, die Romantik ist nicht so phantasiereich als der Zufall. Ich wollte Herrn **, unserem gemeinsamen Freunde, eben einen kleinen Besuch machen. Er gibt am hellen Mittage einen Ball, und unter dem Vorwande, daß ich keine Eintrittskarte hatte, wollten die dienstbaren Geister den Chevalier von Montglas ohne weiteres zur Thür hinauswerfen. – Wahrhaftig,« setzte der alte Edelmann hinzu, »ich hätte nicht gedacht, daß man dort eine Eintrittskarte haben müsse, wie in den Tuilerien.«

Louis von Fontanieu warf seinem alten Freunde einen bittenden Blick zu. Aber der Chevalier fuhr fort:

»Fontanieu ging gerade fort, als ich mich mit den unverschämten Kerlen zankte. Er kam mir zu Hilfe, und während ich mit ihm sprach, fand ich sein Gesicht bedenklich. – Sie werden jetzt wissen, schöne Dame, daß unser Freund seine Gefühle nicht zu verbergen weiß.« – Emma seufzte. – Ich witterte Sorgen, wie ein Schweißhund den Hirsch wittert. Mein Herz war seit langer Zeit ausgedorrt, ich fühlte das Bedürfniß, es zu erfrischen. Ich verzichtete auf die Züchtigung der unverschämten Bedienten und entschloß mich, Fontanieu zu begleiten. Er wollte mir sein Geheimnis nicht mittheilen; aber ich wußte wohl, daß ich das Räthsel hier lösen und überdies das Vergnügen haben würde, Ihnen meine Huldigung darzubringen.«

»Aber Sie müssen wissen, Herr Chevalier,« entgegnete Emma, »daß wir in langer Zeit nicht im Stande sein werden, Ihnen die vorgestreckte Summe zurückzuzahlen.«

»Das freut mich, liebe Marquise. Das Geld ist in guten Händen; es wird mir mehr Glück bringen, als aus dem grünen Tische. Ich werde bald ein reicher Mann sein.«

»Haben Sie etwa eine reiche Erbschaft gemacht?« fragte Fontanieu neugierig.

»Seht im Gegentheil.

Die viertausend Francs, die ich Ihnen leihe, lieber Freund, sind gerade die Hälfte dessen, was mir von dem letzten Oheim geblieben ist, den die Vorsehung an meine Speisekammer gehängt hatte.«

»Ach mein Gott!« sagte Emma, die untröstlich war, daß sie das großmüthige Darlehen angenommen hatte.

»Ich will Ihnen Alles sagen, um Ihre Bedenklichkeiten zu beschwichtigen, liebe Marquise. Ich kam unlängst nach Paris, um mich zu verheiraten,« setzte der Chevalier ganz ernsthaft hinzu und zog seine Halsbinde in die Höhe.

Diesen Griff hatte er sich unter dem Directorium angewöhnt.

»Sie wollten sich verheiraten?« sagte Louis von Fontanieu erstaunt.

»Sie sind gar nicht höflich, Theuerster. Allerdings, ich will mich verheiraten. Man muß sich doch endlich dazu entschließen. Seit zwanzig Jahren gehe ich mit dem Gedanken um, mein Junggesellenleben zu begraben. Nun kann ich doch vernünftigerweise nicht länger warten. Ich bin entschlossen, den verhängnißvollen Schritt zu thun.«

Diese letzten Worte begleitete der Chevalier mit einem tiefen Seufzer.

»Wen heiraten Sie denn, Chevalier?«

»Nur nicht so hastig, mein junger Freund Warten Sie doch. Ich warte ja auch. Sobald ich den Namen der künftigen Marquise von Montglas weiß, werde ich nicht ermangeln, Ihnen denselben mitzutheilen. Morgen gehe ich auf die Brautschau. In Berücksichtigung der schlechten Zeiten bin ich geneigt, einige kleine Zugeständnisse zu machen. Das neue Königthum ist ja von Bürgersleuten umgeben, und man darf es heutzutage mit der Geburt nicht so genau nehmen. Und da ich in meinem Archiv ein altes vergilbtes Pergament, das mich berechtigt den Grafentitel zu führen, gefunden habe, so werde ich hoffentlich bald in der Lage sein, der Frau Marquise von Escoman eine Gräfin vorzustellen; vorausgesetzt, daß sie es mir gütigst erlaubt.

Der Chevalier sprach in so ernstem Tone, daß an der Wirklichkeit seines Entschlusses nicht zu zweifeln war. Der Scharfblick des alten Edelmannes hatte die Schwermuth der Marquise und die Befangenheit Fontanieu’s bemerkt. Die erzürnten Blicke, welche Susanne von Zeit zu Zeit dem jungen Manne zuwarf, klärten ihn vollends über die Lage der Dinge auf. Aber mit dem feinen Takt des Weltmannes vermied er jede Anspielung, welche ein Geständniß hätte herbeiführen können. Seine heitere Gesprächigkeit versuchte gegen die Verstimmung seiner Freunde anzukämpfen.

Er wünschte seine Rückkehr durch ein Fest zu feiern. Er bat so dringend, daß Emma, die dem Helfer in der Noth diese kleine Gefälligkeit nicht abschlagen mochte, die Einladung zu einem Diner auf den Abend annahm.

Nach Tische führte Montglas die Marquise und Fontanieu in die Oper.

In einem Zwischenacte schützte er heftige Kopfschmerzen vor und bat Fontanieu ihn zu begleiten. Sie entfernten sich Beide, nachdem sie der Logenschließerin befohlen, Niemand in die Loge zu lassen, in welcher die Marquise von Escoman allein blieb.

Der Chevalier führte Louis von Fontanieu auf den Boulevard.

»Lieber Freund,« sagte er, »ich habe mir große Mühe gegeben, Sie von vielen Thorheiten abzuhalten. Werde ich glücklicher sein, wenn ich Sie verhindern will, schlecht zu handeln?«

Fontanieu machte eine rasche Bewegung, um dem alten Manne seinen Arm zu entziehen. Aber der Chevalier hielt ihn mit einer in seinen Jahren staunenswerthen Muskelkraft fest.

»Lassen Sie mich ausreden,« setzte er hinzu. »Ich bin einmal so, ich menge mich in Dinge, die mich eigentlich gar nicht kümmern sollten. Aber ich bin bereit, Ihnen Genugthuung zu geben, wenn Sie sich durch meine Worte beleidigt fühlen; ich will meine grauen Haare durchaus als Blitzableiter benutzen. Ich fahre also in meinem Texte fort. Sie lieben die Marquise nicht mehr, und sind in die Dirne von Châteaudun vernarrt.«

»Chevalier, diese Fabel hat Ihnen Emma erzählt.«

»Wie können Sie das glauben?« erwiederte der Chevalier mit aufrichtiger Entrüstung. »Ich habe zu große Achtung vor einer gebildeten Dame, als daß in einem Gespräch mit ihr ein solcher Name genannt werden könnte. Ich bin fünfundsechzig Jahre alt, aber ich habe noch gute Augen, mein junger Freund. Die Abgeschmacktheit der Ehestandsgedanken, welche Sie diesen Morgen so in Erstaunen setzten, wird dadurch bedeutend gemildert. Ich habe Margarethe, die ebenfalls in der Oper ist, sehr gut erkannt. Sie sitzt im ersten Range. Ich habe Ihre verstohlenen Blicke wohl bemerkt. Ich habe gesehen, wie zornig sie ist, wie sie in ihrem Aerger eine Blume nach der andern aus ihrem Strauß riß, wie sie die Marquise mit giftigen Blicken ansah. Und warum waren Sie diesen Morgen bei ihr, während die arme Emma in der schrecklichsten Lage war? Treiben Sie mich nicht in meine letzten Verschanzungen, Fontanieu! Mein Scharfblick könnte Ihnen noch weit unangenehmer werden.«

»Und wenn es wäre, wenn ich mich durch die Erinnerung an ein früheres Verhältniß zu weit hätte hinreißen lassen, kommt es denn Ihnen zu, Montglas, Ihnen, dem alten Roué, mir Vorwürfe darüber zu machen?«

»Sie thun mir Unrecht, Freundchen. Ich will zugeben, daß ich ein alter Bruder Liederlich bin; aber auf Ehre! ich habe noch Niemand betrogen. Ich habe meine Vorzüge und Mängel immer offen zur Schau getragen. Die Schöne, der sie gefielen, nahm mich, wie ich mich eben gab; wenn sie es zu bereuen hatte, so war’s ihre Schuld, und nicht die meinige. Ich hatte eine Husarenliebe versprochen, es war also keine elegische, sentimentale Stimmung von mir zu erwarten. Ist dies etwa die Rolle, welche Sie der Marquise gegenüber gespielt haben?«

»Können Sie mir denn einen Vorwurf machen, daß ich sie nicht mehr liebe?«

Dies irae auf dem Friedhofe zu Châteaudun anstimmten; aber ich glaubte, Sie würden, obschon ein gewöhnlicher Sterblicher, bedenken, daß Sie die Ehre haben ein Edelmann zu sein; ich hoffte, Sie würden sich von der Unglücklichen, die Ihnen Alles geopfert, nicht nachsagen lassen, daß Sie sich wie ein —«

»Was sollte ich denn thun?«

»Aufrichtig sein, ihr sagen, was in Ihrer Seele vorging. Sie würde vielleicht den Tod davon gehabt haben, und das wäre ehrenvoller gewesen, als die Rolle zu spielen, welche Sie bei ihr spielen, und zugleich menschlicher, als die Arme so lange zu martern.«

»Emma hat gar keine Ahnung.«

»Glauben Sie? – Ich bürge Ihnen dafür, daß sie Alles weiß, was in Ihrem Innern vorgeht. – Ich will Ihnen noch einen Rath geben,« setzte der Chevalier mit sanfterer Stimme hinzu. »Sie lieben Emma nicht mehr. Das ist ein Unglück für Beide, ein noch größeres für Sie. Aber Sie sollten bedenken, welche Pflichten Ihnen durch die Hingebung und das Zartgefühl dieses edlen Wesens aufgelegt werden. Ich sage Ihnen dies sowohl aus Mitleid als aus Theilnahme an Ihrem Geschick. Das Pflichtgefühl allein vermag Sie zurückzuhalten von dem Abgrunde, dem Sie zueilen. Zeigen Sie, daß Sie ein Mann sind; betrachtete Sie Ihre Lage mit dem festen Willen, nicht zu wanken. Bedenken Sie, daß Sie arm sind und daß Sie zwei Gläubiger haben, mit denen Sie sich abfinden müssen: die Marquise von Escoman, die Ihnen ihr Leben anvertraut hat, und die arme Dienerin, die Ihnen heute ihren Sparpfennig brachte. Bequemen Sie sich zur Arbeit, und trachten Sie, daß Sie kein Montglas werden. – Endlich, lieber Freund, denken Sie an die Worte der Schrift: Wenn Dich dein Auge ärgert, so reiße es aus und wirf es ins Feuer. Gehen Sie nicht wieder zu Margarethe. Versprechen Sie mir’s?«

Louis von Fontanieu schlug die Augen nieder und antwortete nicht.

Sie gingen schweigend einige Schritte weiter; dann stand der Chevalier plötzlich still.

»Meine Kopfschmerzen werden unerträglich,« sagte er.

»Ich gehe nicht in die Oper zurück. Empfehlen Sie mich unserer schönen Marquise und sagen Sie ihr, daß es mir unendlich leid thut, sie diesen Abend nicht nach Hause begleiten zu können. Wenn Sie meiner bedürfen, so bin ich im Hotel Rivoli zu finden. Adieu, lieber Freund!«

Der Chevalier entfernte sich, ohne seinem jungen Freunde die Hand zu drücken. Fontanieu begab sich wieder zu Emma; er wunderte sich über die sonderbaren Gewissensscrupeln, welche der Chevalier von Montglas in seinen alten Tagen hatte.

Sechstes Capitel.
Wo der Louisd’or wieder aufs Tapet kommt

Die Hilfe, welche die Freundschaft des Chevalier von Montglas der Marquise geleistet, war vergebens.

Nach den Gesetzen der Schwere nimmt die Schnelligkeit eines fallenden Körpers im Verhältniß der Höhe zu. Dieses Phänomen der Physik läßt sich auch in den gewöhnlichen Lebensverhältnissen beobachten. Niemand vermag die furchtbare Schnelligkeit zu berechnen, mit der das Unglück seine Opfer in den Abgrund stürzt.

Das Unglück hatte Emma in ihren theuersten Gefühlen getroffen. Sie überlebte diesen furchtbaren Schlag. Dann kamen die materiellen Sorgen, welche immer schonungsloser auf sie einstürmten.

Ihr Credit war verloren, ihre Kundschaft vernichtet; jede noch so geringe Schuldforderung wurde mit einer Härte eingetrieben, welche sie noch weniger als früher zu erklären wußte. Es war ihr nicht möglich, sich des so theuer bezahlten Geschäfts zu entledigen. Sie mußte sich, um dem Bankerott zu entgehen, zu ihrem größten Kummer entschließen, die ihr mit großer Hartnäckigkeit aufgedrungenen Ersparnisse Susannens anzunehmen. Die brave Dienerin konnte nicht begreifen, warum man dem Chevalier von Montglas, der ihrer Herrin doch nicht so nahe stand, einen Vorzug einräumte.

Durch die dreitausend Francs und den Verkauf der Einrichtung des Clos-beni wurde die Marquise in den Stand gesetzt, die Rue du Seze mit Ehre zu verlassen. Sie hatte in dieser Wohnung so viel gelitten, daß sie trotz des Mißgeschicks, welches sie vertrieb, mit wahrer Freude fortzog. Für den Dulder ist ja jede Veränderung der Lage eine Erleichterung.

Zumal für Emma. Sie bezog ihre neue und bescheidene Wohnung in der Rue de la Pepinière mit einer frisch keimenden Hoffnung.

Geliebt werden ist ein großes Glück, aber für manche hochbegabte Gemüther ist lieben ein noch größeres Glück. Seitdem Louis von Fontanieu so zerstreut, so kalt, so gleichgültig gegen sie geworden war, hatte sie stillschweigend auf das erstere Glück verzichtet; aber sie hoffte, daß ihr der Himmel den Trost des andern lassen werde. Sie glaubte, dieses könne ihr genügen; sie hatte sich diesem Gedanken mit Freude hingegeben, sie hatte ihre ganze Hoffnung darauf gesetzt.

Die Seelenkrankheiten haben ihr Delirium wie ihr Fieber. Die Marquise hatte trotz aller schweren Prüfungen die Klarheit des Geistes bewahrt. Um in die dritte Phase ihres Lebens zu treten, hatte sie einen Plan entworfen, dessen einziger Fehler die Unausführbarkeit war.

Sie hatte den Charakter Fontanieu’s studirt; sie hatte den beständigen Widerspruch zwischen seinem Herzen und seinen Handlungen beobachtet und daraus den Schluß gezogen, daß er nur in der Ideenwelt lebe. Sie meinte, er sei zum Dichter, zum Künstler geboren, und wollte ihn auf die Bahn führen, zu der er bestimmt zu sein schien. Sie glaubte ihn dadurch vor Abwegen und Täuschungen zu bewahren. Sie hoffte, der Umgang mit den Musen werde seiner rastlosen Phantasie eine bestimmte Richtung geben.

Die Marquise von Escoman irrte zuerst darin, daß sie die Künstler, die fleißigen Gefangenen unserer Civilisation, mit den Träumern, den Eunuchen derselben, verwechselte.

Sie bedachte nicht, daß es ein großer Unterschied ist, sich von seiner Phantasie fortreißen zu lassen, der Sclave derselben zu werden, allen ihren Launen zu gehorchen, ihr träge nachzuschlendern auf dem Gebiete des Widersinnigen und Unmöglichen, oder sie zu bezähmen, zu beherrschen, in den Schmelztiegel zu bannen, um das ihr in wohnende Schöne und Nützliche auszuscheiden. Sie fühlte zu tief den Stolz des liebenden Weibes, als daß sie zu dem schonungslosen Schlusse hätte kommen können, daß der Trübsinn nur ein Beweis der Schwäche ist, daß die Fehler, selbst die Laster für einen Mann weniger zu fürchten sind, als die sogenannten negativen Tugenden, welche gemeiniglich nur ein Zeichen moralischer Trägheit sind. Ueberdies hatte sie nur oberflächlich beobachtet; sie hatte die Augen geschlossen, weil sie fürchtete, der Anblick der Wunde werde ihrer Liebe zu abschreckend sein. Sie konnte sich keinen Begriff machen von der Versunkenheit des Mannes, auf dessen Sinnesveränderung sie noch immer so große Hoffnungen setzte.

Leider kam zu diesem Irrthum noch ein zweiter, welcher noch unmittelbarer in ihr Leben eingreifen sollte.

In dem Uebermaße ihres Schmerzes hatte sie die Mutterrolle, die einzige, welche sie dem Verirrten gegenüber spielen zu müssen glaubte, buchstäblich genommen; in ihrer Furcht vor gänzlicher Verlassenheit hatte sie sich in eine Art Juste-Milieu zwischen Liebe und Freundschaft geflüchtet; ohne ihr Herz um Rath zu fragen, hatte sie beschlossen, daß es sich fortan damit begnügen solle. Das Herz schwieg, und dieses Schweigen hatte sie für Zustimmung gehalten. Sie war aufrichtig in ihren Planen; sie vermuthete nicht, daß dieser Heroismus in der Selbstverläugnung, dieses Uebermaß in der Hingebung ihr den wankelmüthigen Geist wieder zuführen werde; aber sie war überzeugt, daß alles dies ihren Geliebten zu einer Theilung bewegen werde, in welcher ihr das Einzige zufallen müsse, was im Leben noch Werth für sie hatte: die reine, uneigennützige Zuneigung des Mannes, der sie einst so leidenschaftlich geliebt hatte.

Während sie in seine geistigen Saiten griff, denen sie eine so große Kraft der Töne zuschrieb, suchte sie das zur Ausführung ihrer Plane nothwendige Vertrauen zu gewinnen.

Diese Aufgabe war schwierig. Einerseits fand sie wohl Begeisterung, die aber nur flüchtig war und schnell zusammensank, wie der Schaum auf dem Glase, und wie günstig sie ihn auch gern beurtheilte, so konnte sie sich doch nur mit Mühe länger der Täuschung hingeben, er sei zu hohen Dingen bestimmt.

Andererseits fand sie nicht minder große Hindernisse. Wo es sich um Gefühle handelt, versteht der Mann gemeiniglich nur das sinnlich Wahrnehmbare, das Naheliegende. Zu der erhabenen Uneigennützigkeit in der Liebe konnte sich Fontanieu’s Geist nicht erheben. Er glaubte nicht daran, er sah darin eine Falle und sein Mißtrauen verweigerte jede Mittheilung mit einer Hartnäckigkeit, die man gemeiniglich nur bei der Lüge zeigt.

Emma war entschlossen, diese Herzensergüsse, welche man ihrer Großmuth verweigerte, zu erzwingen. Nachdem sie nichts hatte wissen wollen, wollte sie Alles wissen. Der Chevalier von Montglas war in ihrer Wohnung nicht wieder erschienen. Sie fürchtete, durch dieses Ausbleiben nach dem großen Freundschaftsdienste, den er ihnen erwiesen, gebe er einen Tadel über das Verhalten seines jungen Freundes zu erkennen. Sie ersuchte ihn schriftlich um eine Zusammenkunft. Der Chevalier war zu höflich, um nicht zu antworten, aber er entschuldigte sich mit einer hartnäckigen Unpäßlichkeit, und bedauerte, auf die ihm zugedachte Ehre verzichten zu müssen.

Susanne sagte gar nichts. Sie wußte indeß die Ursache der Gleichgültigkeit Fontanieu’s gegen ihre Herrin. Die sinnreichen Mittel, welche sie angewandt hatte, um die Wahrheit zu erforschen, waren auch dieses Mal nicht erfolglos geblieben. Sie wußte recht gut, warum Fontanieu immer häufiger abwesend war; aber Emma empfing ihn trotz ihres mütterlichen Programmes immer mit so zärtlichen Blicken; sein Lächeln, ein Wort von ihm machte ihr so große Freude, daß Susanne ihr diesen Trost nicht rauben mochte. Sie hütete sich wohl, den schwachen Grashalm wegzublasen, der sie über dem Abgrunde hielt; sie reichte ihr vielmehr die Hand, um sie zu halten. Sie spielte eine doppelte Rolle: in Emma’s Gegenwart war sie höflich, fast zutraulich gegen Fontanieu; nur wenn sie mit ihm allein war, gab sie ihren Haß durch giftige Blicke zu erkennen.

Während die Marquise mit den ersten Schwierigkeiten kämpfte, welche die Ausführung ihres Planes hinderten, klopfte die Noth an ihre Thür.

Emma hatte kein Bedenken getragen zu arbeiten, aber sie bedachte nicht, daß diese Hilfsquelle gewöhnlich unzureichend ist.

Susanne befolgte gewissenhaft das Beispiel ihrer Herrin. Die Schwache ihrer Augen machte ihr das Nähen unmöglich; aber ein anderer kleiner Erwerb, den sie nicht genauer bezeichnete, erlaubte ihr, zu den gemeinsamen Auslagen ihr Scherflein beizutragen.

Louis von Fontanieu hatte seinen Dienst bei dem Banquier wieder angetreten; aber die Bedürfnisse des Hauswesens konnten von seinem geringen Gehalt und von dem Erwerb der beiden Frauen für die Dauer nicht bestritten werden.

In dem Wechsel der Verhältnisse hatte Susanne ihre früheren Dienste geleistet: in Clos-beni, wie in der Hinterstube des Putzladens deckte sie den Tisch mit derselben Genauigkeit und Sorgfalt, wie die Dienerschaft im Hotel Escoman. Sie meldete mit demselben Pomp wie vormals, wenn die Speisen auf dem Tische standen.

Sie hatte freilich nur wenig aufzutischen, aber sie blieb bei ihrer alten Gewohnheit. Ihr neuer Erwerb nahm nur die Abendstunden in Anspruch.

Eines Tages, als sie den Tisch besorgt, die Teller und Bestecke in regelmäßigen Entfernungen vertheilt und zwei Flaschen mit klarem Wasser aufgestellt hatte, ging sie fort, um – wie sie es nannte – das Essen »für die Herrschaft« aus einem benachbarten Speisehause zu holen. Gleich darauf kam sie mit zornglühenden Augen und bebenden Lippen zurück.

Die Marquise erfuhr nur mit Mühe die Ursache dieses Zornes.

Die Lieferanten verweigerten die Verlängerung eines Credits, der ihnen nicht ohne Gefahr zu sein schien.

Man machte einige Ueberreste des frühern Reichthums zu Gelde; aber dieses Strandgut des Schiffbruchs verschwand bald, und Emma hatte fast täglich mit der Noth zu kämpfen.

Ihre größte Sorge war, Fontanieu könne merken, zu wie traurigen Hilfsmitteln sie ihre Zuflucht nehmen mußte; sie war beständig darauf bedacht, es ihm zu verbergen. Eines Tages jedoch, als nichts mehr zu verkaufen war, als die Lieferanten unerbittlich waren, konnte sie nicht umhin, ihm die Wahrheit zu gestehen. Sie that es mit Thränen.

Louis von Fontanieu ward tief gerührt durch den Anblick dieser bittern Noth. Er weinte mit ihr, er fand für sie die lange vermißten zärtlichen Worte wieder; er bat sie um Verzeihung, daß er sie in solche Noth gebracht; er machte sich selbst die bittersten Vorwürfe, er pries ihren Muth und ihre Hingebung und sprach endlich so zuversichtlich von dem nahe bevorstehenden Ende ihrer Drangsale und von einer bessern Zukunft, daß die Neugierde der Marquise geweckt wurde.

Am andern Morgen ging sie aus, um von der Wäschehändlerin, für welche sie arbeitete, etwas Geld zu holen. Sie blieb lange aus und schien ganz außer Fassung, als sie nach Hause kam. Sie wankte, ihr Gesicht war sehr blaß ihre Augen glühten fieberhaft, und von Zeit zu Zeit wurde sie von Fieberschauern befallen. Sie schien mit äußerster Anstrengung eine innere Bewegung zu bekämpfen Susanne bestürmte sie mit Fragen. Emma schützte eine leichte Unpäßlichkeit vor; sie bat ihre treue Dienerin ihrem gewöhnlichen Erwerbe außer dem Hause nachzugehen. Fontanieu merkte nichts; er selbst schien unruhig, verlegen, zerstreut.

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30 ноября 2019
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