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Читать книгу: «Ange Pitou Denkwürdigkeiten eines Arztes 3»

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Erstes bis viertes Bändchen

I.
Worin der Leser Bekanntschaft mit dem Helden dieser Geschichte und mit dem Orte, wo er zuerst das Tageslicht erblickte, machen wird

An der Grenze der Picardie und des Soissonais, auf jenem Teile des Nationalgebietes, der unter dem Namen Ile-de-France zum alten Erbgut der französischen Könige gehörte; in der Mitte eines ungeheuren Halbmondes, den ein Wald von fünfzigtausend Morgen bildet, erhebt sich im Schatten eines von Franz I. und Heinrich II. gepflanzten ungeheuren Parkes das Städtchen Villers-Cotterets, berühmt als Geburtsort von Charles Albert Demoustiers, der hier zur großen Zufriedenheit der hübschen Frauen jener Zeit seine Briefe an Emilie über die Mythologie schrieb, bei deren Erscheinen die Leserinnen sich förmlich darum rissen.

Um den poetischen Ruf dieses Städtchens zu vervollständigen, dem seine Verleumder, trotz seines königlichen Schlosses und seiner zweitausendvierhundert Einwohner hartnäckig den Namen Marktflecken geben, fügen wir bei, daß es zwei Meilen von Laferté-Milon, dem Geburtsorte von Racine, und acht Meilen von Chateau-Thierry, dem Geburtsorte von Lafontaine, liegt; auch führen wir ferner an, daß die Mutter des Verfassers von Britannicus und Athalia von Villers-Cotterets war.

Kehren wir nun zu seinem königlichen Schloß und zu seinen zweitausendvierhundert Einwohnern zurück.

Angefangen von Franz I., dessen Salamander es bewahrt, und vollendet von Heinrich II., dessen Namenszug es verschlungen mit dem von Katharina von Medicis und umkreist von den drei Halbmonden von Diana von Poitiers führt, war dieses Schloß, nachdem es die Liebschaften des ritterlichen Königs mit Frau von Etampes und die von Louis Philipp von Orleans mit der schönen Frau von Montesson beschützt hatte, beinahe unbewohnt seit dem Tode des letzteren Prinzen, da es sein Sohn, Philipp von Orleans, später Egalité genannt, von dem Range einer fürstlichen Residenz zu dem eines Jagdrendezvous hatte herabsinken lassen.

Bekanntlich bildete das Schloß und der Wald von Villers-Cotterets einen Teil der Apanagen, die Ludwig XIV. seinem Bruder Monsieur gab, als der Sohn von Anna von Österreich die Schwester von König Karl II., Madame Henriette von England heiratete.

Was die zweitausendvierhundert Einwohner betrifft, so waren sie, wie überall, wo sich zweitausendvierhundert Individuen beisammen finden, ein Gemisch:

1. Von einigen Adeligen, die den Sommer in ihren Schlössern und den Winter in Paris zubrachten, und die, um den Prinzen nachzuäffen, nur ein Absteigequartier in der Stadt hatten.

2. Von einer großen Anzahl von Bürgern, die man, wie auch das Wetter sein mochte, einen Regenschirm in der Hand, aus ihren Häusern weggehen sah, um nach dem Mittagessen ihren täglichen Spaziergang zu machen, der regelmäßig sein Ziel an einem, den Park vom Walde trennenden, eine Viertelmeile von der Stadt liegenden breiten Graben fand, welchen man ohne Zweifel wegen des Ausrufs, den sein Anblick der Brust der Asthmatischen entlockte, die darüber zufrieden waren, daß sie einen so langen Weg zurückgelegt, ohne zu sehr atemlos geworden zu sein, den Haha nannte.

3. Von einer Menge von Handwerksleuten, die die ganze Woche arbeiteten und sich nur Sonntags den Spaziergang erlaubten, dessen sich ihre mehr vom Glück begünstigten Mitbürger alle Tage erfreuten.

4. Und endlich von einigen elenden Proletariern, für die die Woche nicht einmal einen Sonntag hatte und die, nachdem sie sechs Tage im Lohne entweder der Adeligen oder der Bürger, oder sogar der Handwerker gearbeitet, sich am siebenten im Forste verbreiteten, um hier das dürre oder abgebrochene Holz zu sammeln, das der Sturm zerstreut auf den düstern, feuchten Boden des Hochwaldes, der herrlichen Apanagen des Prinzen, warf.

Zur Zeit, wo diese Geschichte beginnt, waren die königlichen Besitztümer, obschon sehr wankend, noch nicht bis zu dem Grade in Zerfall geraten, wie gegenwärtig. Allerdings war das Schloß nicht mehr von einem Prinzen, aber auch nicht von andern Leuten bewohnt; es stand ganz leer und hatte als Mietsleute nur die für seine Unterhaltung unerläßlichen Personen, unter denen man den Hausmeister, den Ballmeister und den Kastellan bemerkte; alle Fenster des ungeheuren Gebäudes, die teilweise nach dem Park, teilweise nach einem Platz gingen, den man aristokratisch den Schloßplatz nannte, waren geschlossen, was noch dessen Traurigkeit und Einsamkeit vermehrte.

An dem einen Ende des Platzes erhob sich ein Häuschen, von dem man gleichsam nur den Rücken sah. Aber wie bei gewissen Personen, hatte dieser Rücken den Vorzug, daß es die vorteilhafteste Partie seiner Individualität war. Die Fassade, die sich nach der Rue des Soissons, einer der Hauptstraßen, durch ein ungeschickt gewölbtes Thor öffnete, das verdrießlicherweise von den vierundzwanzig Stunden des Tags achtzehn verschlossen war, stellte sich in der That lachend und heiter auf der entgegengesetzten Seite dar. Auf dieser Seite fand sich nämlich ein Garten, über dessen Mauern die Gipfel der Kirsch-, Apfel- und Pflaumenbäume emporragten, während auf jeder Seite einer kleinen Thüre, die Ausgang nach dem Platze und Eingang in den Garten gewährte, zweihundertjährige Akazien sich erhoben, die im Frühjahr ihre Arme über die Mauer auszustrecken schienen, um im ganzen Umfang ihres Blätterwerks den Boden mit ihren wohlriechenden Blüten zu bestreuen.

Dieses Haus bewohnte der Schloßkaplan, der, während er zugleich den Gottesdienst in der herrschaftlichen Kirche versah, wo man, trotz der Abwesenheit des Gebieters, alle Sonntage Messe las, auch eine kleine Pension hielt, mit der durch eine besondere Gunst zwei Stipendien, eines für das College du Plessis, das andere für das Seminar von Soissons, verbunden waren. Es versteht sich von selbst, daß die Familie Orleans die Kosten dieser zwei Stipendien trug, von denen das des Seminars vom Sohn des Regenten, das des College vom Vater des Prinzen gestiftet worden war, und daß diese zwei Stipendien den Gegenstand der Ehrbegierde der Eltern und die Verzweiflung der Zöglinge bildeten, für die sie eine Quelle außerordentlicher Kompositionen waren, die an den Donnerstagen jeder Woche stattfanden.

An einem Donnerstag des Juli 1789 nun, einem ziemlich düsteren, stürmischen Tag, als es in dem spitzigen, mit Schiefer bedeckten Glockenturme der Stadt elf Uhr schlug, erscholl ein Hurrah, so durchdringend, wie wenn es von einem ganzen Regiment Trabanten ausgestoßen würde. Die zwischen den Akazien angebrachte Thüre öffnete sich und ließ einen Kinderstrom durch, der sich auf dem Platze verbreitete, wo sich sogleich fünf bis sechs muntere, lärmende Gruppen bildeten, und zwar die einen um einen zum Zurückhalten der gefangenen Kreisel bestimmten Ring, die anderen vor einem mit weißer Kreide gezeichneten Mühlenspiel, wieder andere vor mehreren regelmäßig ausgegrabenen Löchern, in denen eine Kugel gewinnen oder verlieren machte.

Zu gleicher Zeit, wenn die spielenden Schüler, die von den Nachbarn, deren spärliche Fenster auf den Platz gingen, mit dem Namen schlechte Subjekte bezeichnet wurden, und die in der Regel in Hosen mit Löchern an den Knieen und in Wämser mit zerrissenen Ellbogen gekleidet waren, auf dem Platze erschienen, sah man auch die sog. vernünftigen Schüler, die, nach der Behauptung der Gevatterinnen, die Freude und den Stolz ihrer Eltern bilden mußten, sich von der Masse trennen und auf verschiedenen Straßen mit langsamem Schritt, ihren Korb in der Hand nach dem väterlichen Hause zurückkehren, wo Butterbrötchen oder kleine Kuchen mit Eingemachtem, als Entschädigung dafür, daß sie auf die Spiele verzichteten, ihrer harrten. Diese waren im allgemeinen mit Wämsern in ziemlich gutem Zustand und mit ungefähr tadellosen Hosen bekleidet, was sie aber mit ihrer so sehr belobten Weisheit zu Gegenständen des Spottes oder sogar des Hasses für ihre minder gut bekleideten und besonders minder gut disziplinierten Gefährten machte.

Außer den zwei genannten Klassen, der spielenden und vernünftigen Schüler, bestand noch eine dritte, der trägen Schüler, die beinahe nie mit den andern herauskamen, um auf dem Schloßplatz zu spielen oder nach dem väterlichen Hause zurückzukehren, und zwar deswegen, weil diese unglückliche Klasse beinahe beständig zurückgehalten blieb. Während ihre Kameraden, nachdem sie ihre Übersetzungen und Aufgaben gemacht, mit dem Kreisel spielten oder Törtchen aßen, blieben diese Schüler an ihre Bänke oder vor ihre Pulte gefesselt, um während der Erholungsstunden die Uebersetzungen und Aufgaben zu machen, die sie während der Klasse nicht gemacht hatten, wenn nicht gar die Gewichtigkeit ihres Fehlers dem Zurückbehalten die höhere Strafe der Peitsche, der Rute oder der Schulgeißel beifügte.

An jenem Donnerstag nun ertönte eine mächtige Stimme von der Treppe herab in den Hof des Gebäudes, während ein Schüler, den unsere Geschichtsschreiber-Unparteilichkeit in die dritte Klasse, das heißt in die Klasse der Faulen einzureihen uns zwingt, hastig die Stufen herab stieg und dabei mit den Schultern die Bewegung machte, welche die Esel anwenden, um ihren Reiter abzuwerfen, und die Schüler, die einen Geißelhieb bekommen haben, um den Schmerz abzuschütteln.

»Ah! Unglücklicher, ah! kleiner Ausbund,« sagte die Stimme, »ah, Otterngezücht, entferne dich, gehe vade, vade. Erinnere dich, daß ich drei Jahre geduldig gewesen bin, daß es aber Bursche giebt, welche die Geduld des ewigen Vaters ermüden. Heute ist es vorbei und zwar ganz vorbei. Nimm deine Eichhörnchen, nimm deine Frösche, nimm deine Eidechsen, nimm deine Seidenwürmer, nimm deine Maikäfer und gehe zu deiner Tante, gehe zu deinem Oheim, wenn du einen hast, zum Teufel, kurz, wohin du willst, wenn ich dich nur nicht wiedersehe! Vade, vade.«

»O mein guter Herr Fortier, verzeihen Sie mir, erwiderte auf der Treppe eine andere Stimme; ist es denn der Mühe wert, daß Sie so in Zorn geraten über einige armselige kleine Sprachfehler, Solécismen, wie sie es nennen?«

»Drei Barbarismen und sieben Solécismen in einem Thema von fünfundzwanzig Zeilen!« entgegnete die zornige Stimme.

»Das war heute so,« Herr Abbé, »ich gebe zu, der Donnerstag ist mein Unglückstag; wäre aber zufällig morgen meine Aufgabe gut, würden Sie mein heutiges Mißgeschick nicht verzeihen? sprechen Sie, Herr Abbé.«

»Seit drei Jahren wiederholst du mir alle Kompositionstage dasselbe, Taugenichts; und die Prüfung ist auf den ersten November festgesetzt und ich, der ich auf die Bitte deiner Tante Angélique die Schwäche gehabt habe, dich als Kandidat für das in diesem Augenblick beim Seminar von Soissons erledigte Stipendium aufzuführen, ich werde die Schmach erleben, meinen Zögling zurückweisen zu sehen und überall ausrufen zu hören: Ange Pitou ist ein Esel: Angelus Pitovius asinus est.«

Bemerken wir sogleich, damit der wohlwollende Leser Alles Interesse an ihm nimmt, das er verdient, daß Ange Pitou, dessen Name der Abbé Fortier so malerisch latinisirt hatte, der Held dieser Geschichte ist.

»O mein guter Herr Fortier! o mein lieber Lehrer!« erwiderte der Schüler in Verzweiflung.

»Ich dein Lehrer!« rief der Abbé, tief gedemütigt durch diese Benennung. »Gott sei Dank, ich bin eben so wenig dein Lehrer, als du mein Schüler bist; ich verleugne dich, ich kenne dich nicht! ich wollte, ich hätte dich nie gesehen, ich verbiete dir mich zu nennen, und sogar, mich zu grüßen. Retro, Unglücklicher, retro!«

»Herr Abbé,« beharrte der unglückliche Pitou, für den es von ernstem Interesse zu sein schien, daß er sich nicht mit seinem Lehrer entzweite, Herr Abbé, »ich flehe Sie an, entziehen Sie mir nicht Ihre Teilnahme wegen einer verstümmelten Aufgabe.«

»Ah!« rief außer sich gebracht durch diese letzte Bitte der Abbé, indem er die vier ersten Stufen hinabstieg, während durch eine gleiche Bewegung Ange Pitou die vier letzten hinabeilte und im Hofe zu erscheinen anfing, »ah, du machst Logik, während du nicht einmal ein Thema machen kannst; du berechnest die Kräfte meiner Geduld, während du nicht einmal den Nominativ vom Accusativ zu unterscheiden weist?«

»Herr Abbé, Sie sind so gut gegen mich gewesen, daß Sie nur ein Wort zum hochwürdigsten Bischof, der uns prüft, zu sagen brauchen,« erwiderte der Barbarismenmacher.

»Ich Unglücklicher soll wider mein Gewissen lügen?«

»Wenn es einer guten Handlung wegen geschieht, so wird Ihnen unser Herrgott verzeihen.«

»Nie! nie!«

»Und dann, wer weiß? Die Examinatoren werden vielleicht nicht strenger gegen mich sein, als sie es zu Gunsten von Sebastian Gilbert, meinem Milchbruder, gewesen sind, als er sich im vergangenen Jahr um das Stipendium bewarb. Er war doch ein Barbarismenmacher, Gott sei Dank! obgleich er erst dreizehn Jahre zählt und ich siebzehn.«

»Ah! das ist doch einfältig,« rief der Abbé, der die übrigen Stufen vollends herabstieg und nun mit seiner Geißel in der Hand ebenfalls erschien, während Pitou klugerweise zwischen sich und seinem Professor die erste Entfernung behauptete. »Ja, ich sage einfältig,« fügte er, die Arme kreuzend und seinen Schüler mit Entrüstung anschauend, bei. »Das ist also der Preis meiner Lektionen in der Dialektik! dreifaches Tier! erinnerst du dich so des Axioms: Noti minora, loqui majora volens. Gerade weil Gilbert jünger war als du, ist man nachsichtig gegen ein vierzehnjähriges Kind gewesen, während man es nicht gegen einen großen Dummkopf von achtzehn Jahren sein wird.«

»Ja, und auch weil er der Sohn von Herrn Honoré Gilbert ist, der achtzehntausend Livres Einkünfte aus guten Gütern nur auf der Ebene von Pilleleux hat,« erwiderte mit kläglichem Ton der Logiker.

Der Abbé Fortier schaute Pitou, die Lippen vorstreckend und die Stirne faltend, an.

»Das ist minder dumm,« brummte er, nachdem er seinen Schüler stillschweigend einen Augenblick betrachtet hatte. »Indessen ist es nur scheinbar und nicht begründet.«

»Oh, wenn ich der Sohn eines Mannes von achtzehntausend Livres Rente wäre!« wiederholte Ange Pitou, der bemerkt zu haben glaubte, seine Antwort habe einigen Eindruck auf seinen Professor gemacht.

»Ja, doch du bist es nicht. Dagegen bist du unwissend wie der Bursche, von dem Juvenal spricht; eine profane Citation, – der Abbé bekreuzte sich – aber nicht minder richtig. Arcadius Juvenis. Ich wette, daß du nicht einmal weißt, was Arcadius sagen will.«

»Bei Gott! arcadisch,« antwortete Ange Pitou, indem er sich mit Stolz aufrichtete.

»Und dann weiter?«

»Was weiter?«

»Arcadien war das Land der Esel und bei den Alten wie bei uns Asinus synonym mit stultus.«

»Ich wollte die Sache nicht so verstehen, sagte Pitou, indem der Gedanke, der strenge Geist, meines würdigen Professors könnte sich bis zur Satire erniedrigen, weit von mir entfernt war.«

Und der Abbé Fortier schaute ihn zum zweiten Male mit nicht minder tiefer Aufmerksamkeit als das erste Mal an.

»Bei meinem Wort,« murmelte er, ein wenig besänftigt durch den Weihrauch seines Schülers, »es giebt Augenblicke, wo man darauf schwören würde, der Bursche sei nicht so dumm, als er aussieht.«

»Ah! Herr Abbé,« sagte Pitou, der, wenn nicht die Worte des Professors gehört, doch in seinem Gesicht den Ausdruck der Rückkehr zum Mitleid erhascht hatte, »verzeihen Sie mir, und Sie sollen sehen, welch ein schönes Thema ich morgen machen werde.«

»Nun denn, ich willige ein, erwiderte der Abbé, indem er zum Zeichen des Waffenstillstands seine Geißel in seinen Gürtel steckte und sich Pitou näherte, der auf diese friedliche Demonstration an seinem Platze zu bleiben sich entschloß.

»Oh! ich danke, ich danke!« rief der Schüler.

»Warte und danke nicht so rasch; ja ich verzeihe dir, doch unter einer Bedingung.«

Pitou neigte das Haupt und wartete mit Resignation, da er der Willkür des Lehrers anheimgegeben war.

»Unter der, daß du mir ohne Fehler auf eine Frage antwortest, die ich an dich richten werde.«

»In lateinischer Sprache?« fragte Pitou ängstlich.

»Lateinisch,« erwiderte der Professor.

Pitou stieß einen Seufzer aus.

In einem kurzen Zwischenraume, der nun eintrat, drangen die freudigen Schreie der Schüler, welche auf dem Schloßplatz spielten, bis zu den Ohren von Ange Pitou.

Pitou stieß einen noch tieferen Seufzer aus.

»Quid virtus, quid religio?« fragte der Abbé.

Mit dem Nachdruck des Pädagogen ausgesprochen, erschollen diese Worte in den Ohren des armen Pitou wie der Trompetenstoß des Engels vom jüngsten Gericht. Eine Wolke zog vor seinem Auge hin, und es ging in seinem Verstande eine solche Anstrengung vor, daß er einen Augenblick die Möglichkeit, ein Narr zu werden, begriff.

Infolge dieser Hirnarbeit, die, so gewaltig sie war, doch kein Resultat herbeiführte, ließ die verlangte Antwort unbestimmte Zeit auf sich warten; man hörte nun das gedehnte Geräusch einer Prise Tabak, welche langsam der furchtbare Frager schnupfte.

Pitou sah wohl, daß er ein Ende machen mußte.

»Nescio,« sagte er, in der Hoffnung, seine Unwissenheit würde ihm verziehen werden, wenn er sie in lateinischer Sprache gestände.

»Du weißt nicht was die Tugend ist?« rief der Abbé, erstickend vor Zorn; »du weißt nicht, was die Religion ist?«

»Ich weiß es wohl französisch,« erwiderte Ange, »aber ich weiß es nicht lateinisch.«

»So gehe nach Arcadien, Juvenis, alles ist vorbei zwischen uns. Wicht!«

Pitou war so niedergeschmettert, daß er nicht einen Schritt machte, um zu fliehen, obgleich der Abbé Fortier seine Geißel aus seinem Gürtel mit ebenso viel Würde gezogen hatte, als im Augenblick der Schlacht ein Heerführer sein Schwert aus der Scheide gezogen hätte.

»Aber was soll aus mir werden?« fragte der arme Junge, indem er seine beiden Arme träge an seiner Seite hinabhängen ließ, »was soll aus mir werden, wenn ich die Hoffnung, in das Seminar einzutreten, verliere?«

»Werde, was du kannst, das ist mir, bei Gott gleichgültig.«

»Wissen Sie denn nicht, daß meine Tante glaubt, ich sei schon Abbé?«

»Nun, sie wird erfahren, daß du nicht einmal zum Meßner taugst.«

»Aber, Herr Fortier  . . .«

»Ich sage dir, gehe Limina lingue.«

»Auf denn!« sagte Pitou, wie ein Mensch, der einen schmerzlichen Entschluß faßt, aber ihn dennoch faßt.

»Wollen Sie mir mein Pult lassen?« fragte Pitou, in der Hoffnung, während der kurzen Frist, die ihm gegönnt wäre, würde das Herz des Abbés Fortier zu mitleidigeren Gefühlen zurückkehren.

»Ich glaube wohl,« antwortete dieser, »dein Pult und alles, was es enthält.«

Pitou stieg mit kläglicher Miene die Treppe hinauf zur Klasse im ersten Stock. Er trat in die Stube ein, wo um einen großen Tisch versammelt etwa vierzig Schüler sich den Anschein gaben, als arbeiteten sie, öffnete vorsichtig den Deckel seines Pultes, um zu sehen, ob die Gäste, die es enthielt, vollzählig wären, hob es mit einer Behutsamkeit auf, die von seiner großen Sorgfalt für seine Zöglinge zeugte, und schlug mit langsamem, abgemessenem Schritt wieder den Weg nach der Hausflur ein.

Oben auf der Treppe stand mit ausgestrecktem Arm der Abbé Fortier und deutete mit dem einen Ende seiner Geißel die Stufe hinab.

Man mußte durch die cautinischen Pässe gehen; Ange Pitou machte sich so demütig und klein, als er nur immer konnte. Dessenungeachtet erhielt er beim Durchgang noch eine letzte Tracht mit dem Werkzeug, dem der Abbé Fortier seine besten Schüler zu verdanken gehabt hatte, und dessen Anwendung, obgleich sie häufiger und ausgedehnter bei Ange Pitou, als irgend einem andern, vorgekommen, von einem nur mittelmäßigen Resultat gewesen war.

Während Ange Pitou, eine letzte Thräne trocknend, mit seinem Pulte auf dem Kopfe nach dem Pleux, dem Quartier der Stadt wandert, wo seine Tante wohnt, sagen wir ein paar Worte von seinem Aeußern und seinen Lebensvorgängen.

II.
Worin bewiesen wird, daß eine Tante nicht immer eine Mutter ist

Louis Ange Pitou war in der Zeit, wo diese Geschichte anfängt, siebzehn und ein halbes Jahr alt. Er war ein langer, hagerer Junge, mit gelben Haaren, roten Wangen und fayenceblauen Augen. Die Blüte der frischen, unschuldigen Jugend dehnte sich auf seinem breiten Mund aus, dessen dicke Lippen zwei vollständige Reihen furchtbarer Zähne entblößten, furchtbar für diejenigen, deren Mittagsbrot sie zu teilen bestimmt waren. Am Ende seiner langen, knochigen Arme hingen, solid befestigt, Hände so breit wie Tennenpatschen; ziemlich gebogene Beine, Kniee so dick wie Kindsköpfe, die seine engen schwarzen Hosen springen machten; ungeheure Füße, die jedoch bequem in den durch den Gebrauch geröteten kalbsledernen Schuhen Platz hatten: dies war, mit einer Art von Kittel von brauner Sersche, das genaue Signalement vom Exschüler des Abbés Fortier.

Es bleibt uns noch die moralische Seite zu schildern.

Ange Pitou wurde im Alter von zwölf Jahren Waise, zu welcher Zeit er das Unglück gehabt, seine Mutter zu verlieren, deren einziger Sohn er gewesen. Damit ist gesagt, daß Ange Pitou seit dem Tode seines Vaters, der starb, ehe der Knabe das Alter des Bewußtseins erreichte, als Hätschelkind seiner Mutter ungefähr that, was er wollte, was seine physischen Eigenschaften zwar ungemein entwickelte, aber seine moralische Erziehung gänzlich im Rückstand ließ. In dem reizenden Dorfe Haramont geboren, das eine Meile von der Stadt mitten im Walde lag, galten seine ersten Ausflüge der Erforschung des heimatlichen Waldes und die erste Anwendung seines Verstandes der Bekriegung der Tiere, die ihn bewohnten. Aus diesem, einem einzigen Ziele zugewendeten Streben erfolgte, daß Ange Pitou bereits mit zehn Jahren ein ausgezeichneter Wilddieb und ein Vogelsteller ersten Ranges war, und zwar ohne Arbeit und besonderen Unterricht, ganz allein durch die Stärke des von der Natur dem inmitten der Wälder geborenen Menschen verliehenen Instinktes, der ein Teil des Triebes zu sein scheint, den sie Tieren gegeben hat. Es war ihm auch nicht eine Fährte von Hasen oder Kaninchen unbekannt. Auf drei Meilen in der Runde war nicht ein Tränkherd seiner Forschung entgangen, und überall fand man die Spuren seines Messers auf den für den Vogelfang geeigneten Bäumen. Durch diese unablässig wiederholten Uebungen hatte Pitou eine ganz außerordentliche Stärke erlangt.

Mittelst seiner langen Arme und seiner starken Kniee, die ihm die mächtigsten Stämme zu umfangen gestatteten, stieg er auf die Bäume, um die höchsten Nester mit einer Behendigkeit und Sicherheit auszunehmen, die ihm die Bewunderung seiner Kameraden zuzog und ihm unter einer dem Aequator näheren Breite bei der Jagd der Lockpfeife sogar das Anstaunen von Seiten der Affen erworben hätte, bei dieser selbst für die erwachsenen Personen so anziehenden Jagd, wobei der Jäger die Vögel auf einen mit Leimruten versehenen Baum lockt, indem er das Geschrei des Hähers oder der Nachteule nachahmt, dieser Individuen, die bei dem Federvolk so allgemein verhaßt sind, daß jeder Fink, jede Meise, jeder Grünling herbeieilt in der Hoffnung, seinem Feinde eine Feder zu entreißen, während er meistens die seinigen dabei verliert. Die Kameraden von Pitou bedienten sich einer wirklichen Nachteule, eines natürlichen Hähers, um, gut oder schlecht, das Geschrei von einem oder dem andern dieser Tiere nachzuahmen. Ange Pitou aber vernachlässigte immer diese Vorbereitungen, verachtete eine solche List. Mit seinen eigenen Hilfsquellen kämpfte er, mit seinen natürlichen Mitteln stellte er die Falle. Mit seinem eigenen Munde bildete er die kreischenden, widerlichen Töne, die nicht allein die andern Vögel, sondern auch die von derselben Gattung herbeiriefen, die sich durch dieses gut nachgeahmte Geschrei täuschen ließen. Was die Jagd an Pfützen betrifft, wohin die Vögel zum Trinken kamen, so war diese für Pitou eine Eselsbrücke, und er hätte sie als Gegenstand der Kunst sicher verachtet, wäre sie in Bezug auf den Ertrag minder ergiebig gewesen. Nichtsdestoweniger, und trotz der Verachtung, die er selbst gegen diese so leichte Jagd hegte, wußte nicht einer von den Erfahrensten gleich Pitou eine Pfütze mit Farnkraut zu bedecken, wenn sie zu groß war, um völlig überspannt zu werden; nicht einer wußte wie er die passende Neigung seinen Leimruten zu geben, so daß die schlauesten Vögel weder darunter, noch darüber trinken konnten; nicht einer besaß die Sicherheit der Hand und die genaue Kenntnis der verschiedenen Mischungsverhältnisse von Baumharz, Oel und Vogelleim, damit dieser Leim weder zu flüssig noch zu spröde werde.

Da nun die Achtung, die man den Eigenschaften der Menschen zollt, nach dem Schauplatz, wo sie dieselben, und nach den Zuschauern, vor denen sie dieselben produzieren, wechselt, so genoß Pitou in seinem Dorfe Haramont mitten unter seinen Bauern – das heißt unter Menschen, die gewohnt sind, wenigstens die Hälfte ihrer Mittel von der Natur zu verlangen, wie alle Bauern, einen instinktartigen Haß gegen die Civilisation haben – ein Ansehen, das bei seiner armen Mutter die Vermutung nicht aufkommen ließ, er gehe auf einem falschen Wege, und die vollkommenste Erziehung, die man einem Menschen mit großen Kosten geben könne, sei nicht diejenige, welche sich ihr ausgezeichneter Sohn unentgeltlich selber gab.

Als aber die gute Frau krank wurde, als sie den Tod herannahen sah, als sie begriff, sie werde ihr Kind allein und vereinzelt in der Welt zurücklassen, da fing sie an zu zweifeln und suchte eine Stütze für die zukünftige Waise. Sie erinnerte sich sodann, daß zehn Jahre vorher ein junger Mann mitten in der Nacht an ihre Thüre geklopft, der ihr ein neugeborenes Kind gebracht, für das er nicht nur bar eine ziemlich runde Summe zurückgelassen, sondern auch eine andere, noch viel größere Summe beim Notar in Villers-Cotterets deponiert hatte. Von diesem geheimnisvollen jungen Mann hatte sie anfangs nichts weiteres gewußt, als daß er Gilbert heiße. Doch vor drei Jahren hatte sie ihn wieder erscheinen sehen: er war damals ein Man von siebenundzwanzig Jahren, mit etwas steifer Haltung, mit dogmatischem Wort und einem etwas kalten Wesen. Diese erste Eislage war aber geschmolzen, als er sein Kind wiedergesehen; und da er es schön, stark und freundlich, und, wie er es selbst verlangt, nur naturwüchsig erzogen gefunden, so hatte er der guten Frau die Hand gedrückt und ihr bloß die Worte gesagt:

Rechnet auf mich im Notfall.

Dann hatte er das Kind genommen, sich nach dem Wege nach Ermenonville erkundigt, mit seinem Sohne eine Pilgerfahrt nach dem Grabe von Rousseau gemacht und war nach Villers-Cotterets zurückgekehrt. Verführt ohne Zweifel durch die gesunde Luft, die man hier atmete, sowie durch das Gute, das ihm der Notar von der Pension des Abbés Fortier gefügt, hatte er den kleinen Gilbert bei dem würdigen Mann zurückgelassen, dessen philosophisches Aussehen er mit dem ersten Blick gewürdigt; denn in jener Zeit war die Philosophie eine so große Macht, daß sie sich selbst bei den Geistlichen eingeschlichen hatte. Nachdem er seine Adresse dem Abbé Fortier hinterlassen, reiste er wieder nach Paris zurück.

Die Mutter von Pitou kannte alle diese einzelnen Umstände. In dem Augenblick, wo sie sterben sollte, erinnerte sie sich der Worte: Rechnet auf mich im Notfall. Das war eine Erleuchtung. Ohne Zweifel hatte die Vorsehung dies alles so gelenkt, damit der arme Pitou mehr fände, als er vielleicht verlor. Sie ließ den Geistlichen kommen, da sie nicht zu schreiben verstand; der Geistliche schrieb, und an demselben Tage wurde der Brief dem Abbé Fortier gebracht, der sich beeilte, die Adresse beizufügen und ihn auf die Post zu bringen.

Es war Zeit; zwei Tage nachher starb sie.

Pitou war zu jung, um den Verlust, den er erlitten, in seinem ganzen Umfang zu fühlen; er beweinte seine Mutter, nicht weil er die ewige Trennung des Grabes begriff, sondern weil er seine Mutter kalt, bleich, entstellt sah, weil der Arme instinktartig erriet, der Schutzengel des Herdes sei entflohen; seiner Mutter beraubt, werde das Haus öde und unbewohnbar; er begriff nicht nur seine zukünftige Existenz nicht, sondern nicht einmal die am andern Tag. Als er seine Mutter nach dem Friedhofe geleitet, als der Sarg vom Wurf der Erde ertönte, als sich diese, einen frischen Hügel bildend, gerundet hatte, setzte er sich auf das Grab und antwortete jedem, der ihn aufforderte, aus dem Friedhof wegzugehen, mit Kopfschütteln, er habe seine Mutter Madeleine nie verlassen und wolle bleiben, wo sie bleibe.

Er verweilte auch den ganzen übrigen Tag und die ganze Nacht auf dem Grabe.

Hier fand ihn der würdige Doktor, – haben mir gesagt, daß der zukünftige Beschützer von Pitou Arzt war? – hier fand ihn der würdige Doktor, als er, den ganzen Umfang der Pflicht begreifend, die ihm durch sein Versprechen auferlegt war, selbst ankam, um sie, kaum achtundvierzig Stunden nach dem Abgange des Briefs, zu erfüllen.

Ange war sehr jung gewesen, als er den Doktor zum ersten Mal gesehen. Bekanntlich aber empfängt die Jugend tiefe Eindrücke, die ewige Erinnerungen hinterlassen, und die Erscheinung des geheimnisvollen jungen Mannes hatte seine Spur im Hause fest eingeprägt. Hierher hatte er das von uns erwähnte Kind und mit ihm den Wohlstand gebracht; so oft Ange den Namen Gilberts von seiner Mutter hatte aussprechen hören, war es mit einem Gefühle gewesen, das der Anbetung glich. Als er sodann als ein gemachter Mann und mit dem neuen Doktorstitel wieder im Hause erschienen war, als er den Wohlthaten der Vergangenheit das Versprechen für die Zukunft beigefügt, da hatte Pitou aus der Dankbarkeit seiner Mutter geschlossen, er müsse selbst dankbar sein; und ohne genau zu wissen, was sie sagte, hatte er die Worte ewiger Erinnerung, tiefer Erkenntlichkeit gesammelt, die seine Mutter in seiner Gegenwart ausgesprochen.

Sobald er also den Doktor durch die Gitterthüre des Kirchhofs erblickte, sobald er ihn mitten unter den grasbewachsenen Gräbern und den zerbrochenen Kreuzen herbeischreiten sah, erkannte er ihn, stand auf und ging ihm entgegen; denn er begriff, daß er demjenigen, welcher auf den Ruf seiner Mutter kam, nicht nein sagen konnte, wie den andern; er leistete auch keinen weiteren Widerstand, als er den Kopf rückwärts drehte, da ihn Gilbert bei der Hand nahm und weinend aus dem Kirchhof hinauszog. Ein elegantes Cabriolet war vor der Thüre. Er hieß den armen Knaben einsteigen, ließ für den Augenblick das Haus seiner Mutter unter dem Schutze des öffentlichen Vertrauens und der Teilnahme, die das Unglück einflößt, führte seinen kleinen Schützling nach der Stadt und stieg mit ihm im besten Gasthofe, im Dauphin ab. Kaum hatte er sich hier einquartiert, als er einen Schneider holen ließ; zum voraus benachrichtigt, kam dieser sogleich mit fertigen Kleidern. Er wählte vorsichtig für Pitou Kleider, die zwei bis drei Zoll zu lang waren, ein Ueberfluß, der nach der Art, wie unser Held wuchs, von keiner langen Dauer zu sein versprach, und wanderte sodann mit ihm nach dem schon genannten Quartier, genannt der Pleux.

Je näher er diesem Quartier kam, desto mehr hemmte Pitou seinen Schritt; denn offenbar führte man ihn zu seiner Tante Angélique, und trotz der wenigen Male, die er seine Patin gesehen – die Tante Angélique hatte nämlich Pitou mit ihrem poetischen Taufnamen beschenkt – bewahrte er doch eine furchtbare Erinnerung an diese ehrwürdige Verwandte.

Die Tante Angélique besaß in der That nichts Anziehendes für ein Kind, das sich an alle Zärtlichkeiten mütterlicher Fürsorge gewöhnt hatte. Sie war in jener Zeit eine alte Mademoiselle von fünfundfünfzig bis achtundfünfzig Jahren, verdumpft durch den Mißbrauch der ängstlichen Religionsübungen, bei der eine mißverstandene Frömmigkeit alle mitleidigen, menschlichen Gefühle verengt und zusammengeschnürt hatte, um an ihrer Stelle eine starke Portion gierigen Verstandes zu pflegen, die sich täglich im beständigen Umgang mit den Betschwestern der Stadt vermehrte. Sie lebte nicht gerade von Almosen, doch außer dem Verkauf von flächsenem Garn, das sie am Rädchen spann, und der Vermietung der Kirchenstühle, die ihr vom Kapitel bewilligt worden war, empfing sie von Zeit zu Zeit von frommen Personen, die sich von ihrer Scheinheiligkeit bethören ließen, kleine Summen, welche sie allmählich von Kupfermünze in Silbermünze, und von Silbermünze in Louis d'or verwandelte. Ohne daß jemand ihr Vorhandensein mutmaßte, verschwanden sie einer um den andern in den Kissen des Lehnstuhls, auf dem sie arbeitete. Und befanden sie sich einmal in diesem Versteck, so trafen sie eine gewisse Anzahl ihrer Kameraden, die bestimmt waren, fortan von der Cirkulation ausgeschlossen zu sein, bis zu dem unbekannten Tag, wo der Tod der alten Mademoiselle sie in die Hände ihres Erben bringen würde.

Nach der Wohnung dieser ehrwürdigen Verwandten begab sich also der Doktor Gilbert, den großen Pitou an der Hand fortziehend.

Wir sagen den großen Pitou, weil vom ersten Vierteljahr nach seiner Geburt Pitou für sein Alter immer zu groß gewesen war.

Mademoiselle Rose Angélique Pitou war in dem Augenblick, als sie ihre Thüre öffnete, um ihren Neffen und den Doktor einzulassen, in sehr freudiger Laune. Während man die Totenmesse über dem Leichnam ihrer Schwägerin in der Kirche von Haramont las, hatten Hochzeiten und Taufen in der Kirche von Villers-Cotterets stattgefunden, so daß die Einnahme für die Stühle an einem Tage auf sechs Livres angewachsen war. Mademoiselle Angélique hatte ihre Sous in einen großen Thaler verwandelt, der wiederum mit den drei anderen zu verschiedenen Zeiten in Reserve gelegten Thalern einen Louisd'or gab. Dieser Louisd'or war soeben den übrigen beigesellt worden, und der Tag, an dem eine solche Vereinigung stattfand, bildete natürlich einen Festtag für Mademoiselle Angélique.

Gerade in dem Augenblick, als die Tante eine letzte Runde um ihren Lehnstuhl gemacht hatte, um sich zu versichern, daß nichts von außen den im Innern verborgenen Schatz verrate, traten der Doktor und Pitou ein.

Die Scene wäre rührend gewesen; doch in den Augen eines so richtigen Beobachters, wie der Doktor Gilbert, war sie nur grotesk. Als sie ihren Neffen erblickte, sprach die alte Frömmlerin ein paar Worte von ihrer armen teuren Schwester, die sie so sehr geliebt, und gab sich die Miene, als wischte sie eine Thräne ab. Der Doktor, der erst einen Blick in die tiefste Tiefe des Herzens der alten Mademoiselle werfen wollte, bevor er in Beziehung auf sie einen Entschluß fassen würde, hielt zum Schein Mademoiselle Angélique eine Rede über die Pflichten der Tanten gegen die Neffen. Doch in dem Maße, in welchem die Rede sich entwickelte und die Worte von den Lippen des Doktors strömten, trank das Auge der alten Mademoiselle die Thräne, die es befeuchtet hatte, alle ihre Züge nahmen die Trockenheit des Pergaments wieder an, mit dem sie bedeckt zu sein schienen. Sie hob die linke Hand bis zur Höhe ihres spitzigen Kinns empor und fing an, mit der rechten an ihren dürren Fingern die annähernde Zahl der Sous zu berechnen, die ihr das Vermieten der Stühle jährlich eintrug, so daß sie, da es der Zufall gefügt, daß die Rechnung zugleich mit der Rede geschlossen war, auf der Stelle antworten konnte: wie sehr sie auch ihre arme Schwester geliebt, und in welch hohem Grade sie auch Teilnahme für ihren Neffen hege, so gestatten ihr doch ihre geringen Einnahmen, trotz ihres doppelten Titels als Tante und Patin, keinen Zuwachs an Ausgaben.

Der Doktor war übrigens auf diese Weigerung gefaßt gewesen, sie überraschte ihn daher nicht. Er gehörte zu den großen Parteigängern der neuen Ideen, und da der erste Band vom Werke Lavaters erschienen war, so hatte er die physiognomische Lehre des Philosophen von Zürich schon auf das hagere gelbe Gesicht von Mademoiselle Angélique angewendet.

Aus dieser Untersuchung ergab sich für ihn folgendes: die kleinen, glühenden Augen der alten Mademoiselle, ihre lange Nase und ihre dünnen Lippen bieten die Vereinigung der Habgier, der Selbstsucht und der Heuchelei in einer Person.

Die Antwort erregte bei ihm, wie gesagt, nicht das geringste Erstaunen. Als Beobachter wollte er jedoch sehen, wie weit die Frömmlerin die Entwickelung dieser drei gemeinen Laster treiben würde.

»Aber Mademoiselle,« sagte er, »Ange Pitou ist ein armes Waisenkind, der Sohn Ihres Bruders, und Sie können, im Namen der Menschlichkeit, den Sohn Ihres Bruders nicht der öffentlichen Wohlthätigkeit überlassen.«

»Oh! hören Sie doch, Herr Gilbert,« erwiderte die alte Mademoiselle, »das ist eine Mehrausgabe von wenigstens sechs Sous täglich, und zwar noch gering gerechnet; denn dieser Junge muß mindestens ein Pfund Brot den Tag essen.«

Pitou schnitt ein Gesicht; er aß gewöhnlich anderthalb Pfund nur bei seinem Frühstück.

»Abgesehen von der Seife für seine Wäsche,« fuhr die Betschwester fort, »und ich erinnere mich, daß er erschrecklich verschmutzt.«

Pitou verschmutzte allerdings sehr, und das ist begreiflich, wenn man sich des Lebens erinnern will, das er führte; doch man mußte ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen: er zerriß noch viel mehr, als er verschmutzte.

»Ah!« sagte der Doktor, »pfui, Mademoiselle Angélique; Sie, die Sie so sehr die christliche Liebe üben, machen solche Berechnungen bei einem Neffen und Paten!«

»Abgesehen von der Unterhaltung der Kleider,« rief die alte Frömmlerin aus, die sich erinnerte, ihre Schwester Madeleine beständig mit Flickereien und Ausbesserungen an den Wämsern und Hosen ihres Neffen beschäftigt gesehen zu haben.

»Sie weigern sich also, Ihren Neffen zu sich zu nehmen?« sagte der Doktor; »von der Schwelle seiner Tante zurückgestoßen, wird die Waise genötigt sein, Almosen auf der Schwelle fremder Häuser zu fordern.«

So habgierig sie auch war, so begriff die Betschwester doch das Gehässige, das ganz natürlich auf sie zurückfallen müßte, wäre ihr Neffe, durch ihre Weigerung, ihn aufzunehmen, genötigt, diese Aeußerste zu ergreifen.

»Nein,« sagte sie, »ich behalte ihn bei mir.«

»Ah!« sprach der Doktor, »glücklich, ein gutes Gefühl in diesem Herzen zu finden, das er für vertrocknet hielt.«

»Ja,« fuhr die alte Mademoiselle fort, »ich werde ihn den Augustinern von Bourg-Fontaine empfehlen, und er wird bei ihnen als Laienbruder eintreten.«

Der Doktor war, wie gesagt, Philosoph. Man kennt den Wert des Wortes Philosoph in jener Zeit.

Er beschloß daher auf der Stelle, den Augustinern einen Neophyten zu entreißen, und zwar mit demselben Eifer, den die Augustiner ihrerseits angewandt hätten, den Philosophen einen Adepten zu entführen.

»Nun wohl!« sprach er, indem er die Hand an seine tiefe Tasche drückte, »da Sie in einer so schlimmen Lage sind, meine liebe Demoiselle Angélique, da Sie sich in Ermanglung eigener Mittel genötigt sehen, Ihren Neffen der Wohlthätigkeit anderer zu empfehlen, so werde ich jemand suchen, der wirksamer als Sie zum Unterhalt des armen verwaisten Knaben die Summe anzuwenden vermag, die ich für ihn bestimmt habe  . . . Ich muß nach Amerika zurückkehren und werde vor meinem Abgang Ihren Neffen Pitou in die Lehre bei einem Tischler oder bei einem Stellmacher bringen. Er selbst soll übrigens einen Stand nach seiner Neigung wählen. Während meiner Abwesenheit wird er groß werden, und bei meiner Rückkehr wird er schon geschickt in seinem Handwerk sein, und ich werde dann sehen, was sich für ihn thun läßt. Auf, mein Kind, küsse deine Tante und laß uns gehen,« fügte der Doktor bei.

Der Doktor hatte noch nicht vollendet, als Pitou schon mit seinen zwei langen Armen auf die Mademoiselle zustürzte; es drängte ihn in der That sehr, seine Tante zu küssen, unter der Bedingung, daß dieser Kuß zwischen ihm und ihr das Zeichen einer ewigen Trennung wäre.

Doch bei dem Worte die Summe, bei der Gebärde des Doktors, der seine Hand in seine Tasche steckte, beim silbernen Klang, den diese Hand eine Masse von großen Thalern, deren Quantum man nach der Ausdehnung des Rockes berechnen konnte, von sich geben ließ, hatte die alte Mademoiselle die Hitze der Habgier bis zu ihrem Herzen aufsteigen gefühlt.

»Ah!« sagte sie, »mein lieber Herr Gilbert, Sie wissen eines wohl.«

»Was?« fragte der Doktor.

»Ei! mein guter Gott! daß niemand in der Welt das arme Kind so sehr lieben wird, als ich!«

Und ihre magern Arme mit den ausgestreckten Armen von Pitou verschlingend, drückte sie auf jede seiner Wangen einen sauren Kuß, der ihn von den Fußspitzen bis zu den Haarwurzeln schauern machte.

»Oh! gewiß,« sagte der Doktor, »ich weiß das wohl, und ich zweifelte so wenig an Ihrer Freundschaft für ihn, daß ich ihn unmittelbar zu Ihnen, als seiner natürlichen Stütze, brachte. Aber was Sie mir soeben sagten, liebe Demoiselle, hat mich zugleich von Ihrem guten Willen und von Ihrem Unvermögen überzeugt und Sie sind, wie ich wohl einsehe, selbst zu arm, um einem noch Aermeren zu helfen.«

»Ei! mein guter Herr Gilbert,« entgegnete die alte Frömmlerin, »ist nicht der liebe Herrgott im Himmel, und ernährt er nicht vom Himmel herab alle seine Geschöpfe?«

»Das ist wahr, aber wenn er den Vögeln Futter giebt, so bringt er doch die Waisen nicht in die Lehre. Das muß nun für Ange Pitou geschehen, und das wird Sie bei Ihren geringen Mitteln nicht zu viel kosten.«

»Wenn Sie aber diese Summe geben,« Herr Doktor?

»Welche Summe?«

»Die Summe, von der Sie gesprochen, die Summe, die hier in ihrer Tasche ist?« fügte die Betschwester bei, indem sie ihren gekrümmten Finger gegen den Schoß des kastanienbraunen Rockes ausstreckte.

»Ich werde sie sicherlich geben,« liebe Demoiselle Angélique, doch ich sage Ihnen zum voraus, nur unter einer Bedingung.«

»Unter welcher?«

»Daß das Kind ein bestimmtes Gewerbe erlernt.«

»Es soll eines haben, ich verspreche es Ihnen bei meinem Wort, Herr Doktor,« sagte die Frömmlerin.

»Sie versprechen mir im Ernste?«

»Ich nehme den guten Gott zum Zeugen der Wahrheit meines Schwures,« erwiderte Angélique. Und sie streckte ihre fleischlose Hand in die Höhe.

»Gut, es sei,« sagte der Doktor, während er aus seiner Tasche einen Sack mit rundem prallem Bauche zog; »ich bin bereit, das Geld zu geben, wie Sie sehen; sind Sie Ihrerseits bereit, mir für das Kind zu haften?«

»Bei dem wahrhaftigen Kreuze, Herr Gilbert.«

»Schwören wir nicht so sehr, liebe Demoiselle, und unterzeichnen wir ein wenig.«

»Ich werde unterzeichnen,« Herr Gilbert, »ich werde unterzeichnen.«

»Vor dem Notar?«

»Vor dem Notar.«

»So gehen wir ein wenig zu dem Notar Niguet.«

Der Papa Niguet, dem infolge einer langen Bekanntschaft der Doktor diesen freundschaftlichen Titel gab, war, wie diejenigen von unsern Lesern schon wissen, die mit unserem Buche Joseph Balsamo vertraut sind, der angesehenste Notar des Ortes.

Mademoiselle Angélique, deren Notar Meister Niguet auch war, hatte nichts gegen die vom Doktor getroffene Wahl einzuwenden. Sie folgte ihm daher in die bezeichnete Schreibstube. Hier protokollierte der Notar das von Demoiselle Rose Angélique Pitou geleistete Versprechen, ihren Neffen Louis Ange Pitou zu sich zu nehmen und zur Ausübung eines ehrenhaften Gewerbes gelangen zu lassen, wogegen sie jährlich die Summe von zweihundert Livres erhalten sollte.

Am andern Tag verließ der Doktor Villers-Cotterets, nachdem er einige Rechnungen mit seinem Pächter geordnet hatte. Und Mademoiselle Pitou, die wie ein Geier über die genannten, zum voraus zahlbaren zweihundert Livres herfiel, schloß acht schöne Louisd'or in ihren Lehnstuhl ein.

Was die übrig bleibenden acht Livres betrifft, so warteten sie in einer kleinen Unterschale von Porzellan, die seit dreißig bis vierzig Jahren eine Menge Münzen von allen möglichen Sorten hatte durchziehen sehen, bis die Ernte von einigen Sonntagen die Summe von vierundzwanzig Livres vervollständigte, eine Zahl, bei der immer die genannte Summe eine Verwandlung in Gold durchmachte und von der Schale in den Lehnstuhl überging.

III.
Ange Pitou bei seiner Tante

Wir haben gesehen, wie wenig Sympathie Ange Pitou für einen zu langen Aufenthalt bei seiner guten Tante Angélique hegte; mit einem, dem der Tiere gleichen oder ihm vielleicht überlegenen Instinkte begabt, hatte der arme Knabe zum voraus erraten, was bei diesem Aufenthalt seiner harrte an Verdrießlichkeiten, Plackereien und Widerwärtigkeiten.

Einmal, sobald der Doktor Gilbert abgereist – und das hatte Pitou nicht am meisten gegen seine Tante mißgestimmt – war nicht einen Augenblick mehr davon die Rede gewesen, das Kind in die Lehre zu bringen. Wohl hatte der Notar mit einem Worte die förmliche Uebereinkunft berührt; aber Mademoiselle Angélique antwortete, ihr Neffe sei noch zu jung und besonders von zu zarter Gesundheit, um Arbeiten unterworfen zu werden, die vielleicht seine Kräfte übersteigen würden. Bei dieser Bemerkung bewunderte der Notar das gute Herz von Mademoiselle Pitou und verschob die Lehre auf das nächste Jahr. Dabei war keine Zeit verloren, denn der Knabe hatte erst sein zwölftes Jahr erreicht.

Sobald er bei seiner Tante war, und während sie darüber nachsann, wie sie den besten Nutzen aus ihrem Neffen ziehen könnte, hatte Pitou, der sich wieder in seinem Walde befand, auch schon alle seine topographischen Anordnungen getroffen, um in Villers-Cotterets dasselbe Leben zu führen, wie in Haramont. Denn eine Wanderung in der Runde hatte ihn in der That gelehrt, die besten Tränkherde wären die am Wege nach Dampleux, am Wege nach Compiègne und am Wege nach Vivieres, und der wildreichste Bezirk sei der der Wolfsheide.

Nachdem er diese Rekognoszierung vorgenommen, traf Pitou demgemäß seine Vorkehrungen.

Das, was er sich am leichtesten verschaffen konnte, insofern es keine Anlage von Kapitalien erforderte, war der Leim und die Leimruten. Die Rinde der Stechpalme, mit einer Mörserkeule zermalmt und im heißen Wasser gewaschen, verschaffte den Leim; die Ruten aber wuchsen zu tausenden auf den Birken der Umgegend. Pitou verfertigte sich, ohne einem Menschen ein Wort davon zu sagen, ein tausend Leimruten und einen Topf Leim erster Qualität, und an einem schönen Morgen, nachdem er tags zuvor auf Rechnung seiner Tante einen vierpfündigen Laib Brot beim Bäcker genommen hatte, ging er in der Dämmerung weg, blieb den ganzen Tag auswärts und kehrte erst bei sinkender Nacht wieder zurück.

Pitou hatte einen solchen Entschluß nicht gefaßt, ohne die Folgen davon zu berechnen. Er hatte einen Sturm vorhergesehen. Ohne die Weisheit von Sokrates zu besitzen, kannte er doch die Laune seiner Tante Angélique ebensogut, als der berühmte Lehrer von Alcibiades die seiner Frau Xantippe.

Pitou hatte sich in seiner Vorhersehung nicht getäuscht, doch gedachte er dem Sturme dadurch die Stirne zu bieten, daß er der alten Frömmlerin den Ertrag seines Tagewerkes überreichen würde. Nur hatte er den Platz nicht erraten können, wo ihn der Blitzstrahl treffen würde.

Der Blitzstrahl traf ihn bei seinem Eintritt.

Mademoiselle Angélique hatte sich hinter der Thür in den Hinterhalt gelegt, um ihren Neffen beim Vorübergehen nicht zu verfehlen, so daß er in dem Augenblick, wo er den Fuß in die Stube setzte, einen Schlag an das Hinterhaupt erhielt, an dem er, ohne einer andern Belehrung zu bedürfen, vollkommen die dürre Hand der Betschwester erkannte.

Zum Glück hatte Pitou einen harten Kopf, und obgleich ihn der Schlag kaum erschütterte, gab er sich doch, um seine Tante zu rühren – deren Zorn sich dadurch vermehrte, daß sie sich durch ein maßloses Schlagen an den Fingern sehr wehe gethan – den Anschein, als fiele er stolpernd an das andere Ende der Stube. Sobald er hier angelangt war und seine Tante, ihren Rock in der Hand, auf sich zukommen sah, zog er hastig aus seiner Tasche den Talisman, auf den er gerechnet hatte, um sich Verzeihung für sein Ausbleiben zu verschaffen.

Das waren zwei Dutzend Vögel, worunter ein Dutzend Rotkehlchen und ein halbes Dutzend Drosseln.

Mademoiselle Angélique riß ihre Augen ganz erstaunt auf und fuhr der Form wegen fort zu zanken; aber während sie schalt, bemächtigte sich ihre Hand des Jagdertrags ihres Neffen, sie machte drei Schritte gegen die Lampe und fragte:

»Was ist das?«

»Sie sehen es wohl, mein gutes Tantchen Angélique erwiderte Pitou, es sind Vögel.«

»Gut zum essen?« sagte rasch die alte Mademoiselle, welche in ihrer Eigenschaft als Betschwester natürlich eßgierig war.

»Gut zum essen!« wiederholte Pitou, »entschuldigen Sie; Rotkehlchen und Drosseln, ich glaube wohl.«

»Und wo hast du diese Tiere gestohlen, kleiner Unglücklicher?«

»Ich habe sie nicht gestohlen, ich habe sie gefangen.«

Wie?«

»Am Tränkherd.«

»Was ist das, ein Tränkherd?«

Pitou schaute Tante mit erstaunter Miene an; er konnte nicht begreifen, daß es in der Welt eine Person gebe, die in ihrer Erziehung vernachlässigt genug sei, um nicht zu wissen, was der Tränkherd bedeute.

»Der Tränkherd?« erwiderte er. »Bei Gott! das ist der Tränkherd.«

»Ja, kleiner Schlingel, aber ich weiß nicht, was das ist.«

Da Pitou voll Mitleid gegen alle Unwissenheiten war, so antwortete er:

»Der Tränkherd ist eine kleine Lache, es finden sich solche ungefähr dreißig im Wald; man legt Leimruten rings umher, und wenn die Vögel, die das nicht kennen, die Dummköpfe, kommen, um zu trinken, so fangen sie sich.«

»Woran?«

»Am Leim.«

»Ah! ah!« sagte die Tante Angélique, »ich begreife; doch wer hat dir Geld gegeben?«

»Geld?« erwiderte Pitou, erstaunt, daß man glauben konnte, er habe je einen Pfennig besessen; »niemand.«

»Mit was hast du denn den Leim gekauft?«

»Ich habe den Leim selbst gemacht.«

»Und die Leimruten?«

»Auch.«

»Diese Vögel kosten dich also nichts?«

»Die Mühe, mich zu bücken und sie zu nehmen.«

»Und kann man oft an den Tränkherd gehen?«

»Man kann alle Tage dahin gehen, nur muß man nicht . . .«

»Was muß man nicht?«

»Alle Tage dahin gehen.«

»Aus welchem Grunde?«

»Weil das ruiniert.«

»Was ruiniert das?«

»Den Tränkherd. Sie begreifen, Tante Angélique, die Vögel, die man gefangen hat  . . .«

»Nun?«

»Sie sind nicht mehr da.«

»Das ist richtig, erwiderte die Tante.«

Zum ersten Mal, seitdem er sich in ihrem Hause befand, gab die Tante Angélique ihrem Neffen recht; diese ungewohnte Billigung entzückte auch Pitou.

»Doch,« sagte er, »an den Tagen, wo man nicht an den Tränkherd geht, geht man anderswo hin. An den Tagen, wo man keine Vögel fängt, fängt man etwas anderes.«

»Und was fängt man denn?«

Man fängt Kaninchen.«

»Kaninchen?«

»Ja, man ißt das Fleisch und verkauft den Balg. Ein Kaninchenbalg ist zwei Sous wert.

Die Tante Angélique schaute ihren Neffen mit ganz erstaunten Augen an; sie hatte nie in ihm einen so großen Oekonomen gesehen. Pitou hatte sich geoffenbart.

»Aber ich werde die Kaninchenbälge verkaufen?«

»Allerdings, wie es Mama Madeleine machte.«

Es war dem Kinde nie der Gedanke gekommen, es könnte von dem Ertrage seiner Jagd etwas anderes in Anspruch nehmen, als seinen Teil am Verzehren.

»Und wann wirst du Kaninchen fangen?« fragte Mademoiselle Angélique.

»Ah! sobald ich Schlingen habe,« erwiderte Pitou.

»Nun denn! so mache Schlingen.«

Pitou schüttelte den Kopf. Du hast ja Leim und Leimruten gemacht!

»Ah! ich verstehe wohl Leim und Leimruten zu machen, das ist wahr; aber ich verstehe nicht Messingdraht zu machen; das kauft man fertig bei den Krämern.«

»Und wie viel kostet das?«

»Oh! mit vier Sous werde ich wohl zwei Dutzend machen,« antwortete Pitou an den Fingern rechnend.

»Und wie viel kannst du mit zwei Dutzend Kaninchen fangen?«

Das ist, wie es gerade kommt: vier, fünf, sechs vielleicht; und dann dienen diese Schlingen mehrere Male, wenn sie der Aufseher nicht findet.«

»Hier hast du vier Sous,« sagte Tante Angélique, »kaufe Messingdraht bei Herrn Dambrun und gehe morgen auf die Kaninchenjagd.«

»Ich werde die Schlingen morgen legen,« erwiderte Pitou, »doch erst übermorgen früh erfahre ich, ob sich Kaninchen gefangen haben.«

Der Messingdraht war minder teuer in der Stadt, als auf dem Lande, weil die Krämer von Haramont sich in Villers-Cotterets damit versahen. Pitou erhielt also vierundzwanzig Schlingen für drei Sous. Er brachte einen Sou seiner Tante zurück.

Diese unerwartete Ehrlichkeit ihres Neffen rührte beinahe die alte Mademoiselle. Sie hatte einen Augenblick den Gedanken, mit diesem Sou, der nicht verwendet worden war, ihren Neffen zu beschenken. Zum Unglück für Pitou war es ein mit dem Hammer breit geschlagener Sou, der in der Dämmerung für zwei Sous gelten konnte. Mademoiselle Angélique dachte, man müsse ein Geldstück nicht ausgeben, das hundert Prozent tragen könne; und steckte den Sou wieder in die Tasche.

Pitou hatte die Bewegung bemerkt, aber nicht analysiert. Es wäre ihm nie eingefallen, seine Tante könnte ihm einen Sou geben.

Er verfertigte seine Schlingen, und am andern Morgen verlangte er einen Sack von Mademoiselle Angélique.

»Wozu?« fragte die alte Mademoiselle.

»Weil ich einen brauche,« antwortete Pitou, der voller Geheimnisse war.

Mademoiselle Angélique gab ihm den verlangten Sack, legte den Vorrat an Brot und Käse hinein, der zum Frühstück und Mittagessen ihres Neffen dienen sollte, und dieser ging sogleich nach der Wolfsheide ab.

Die Tante Angélique ihrerseits fing damit an, daß sie die zwölf Rotkehlchen rupfte, die sie zu ihrem Frühstück und ihrem Mittagessen bestimmt hatte. Sie brachte zwei Drosseln dem Abbé Fortier und verkaufte die vier andern an den Wirt zur Goldenen Kugel, der sie ihr mit drei Sous das Stück bezahlte und ihr alle, die sie ihm bringen würde, um denselben Preis abzunehmen versprach. Die Tante Angélique kehrte strahlend zurück. Der Segen des Himmels war mit Pitou in ihrem Hause eingekehrt.

»Ah!« sagte sie, während sie ihre Rotkehlchen aß, die fett waren wie Ortolane und zart wie Feigenschnepfen: »man hat recht, wenn man behauptet, eine Wohlthat sei nie verloren.«

Am Abend kam Ange nach Hause; er trug auf seinem Rücken einen herrlich gerundeten Sack. Diesmal erwartete ihn die Tante nicht hinter der Thüre, sondern auf der Schwelle, und statt mit einer Kopfnuß empfangen zu werden, wurde der Knabe mit einer Grimasse aufgenommen, die beinahe einem Lächeln glich.

»Hier bin ich!« rief Pitou, als er in die Stube mit jener Dreistigkeit eintrat, die das Bewußtsein eines gut ausgefüllten Tages bezeichnet.

»Du und Dein Sack,«

»Ich und mein Sack,« erwiederte Pitou.

Und was ist in deinem Sack? fragte die Tante Angélique.

»Bucheln.«

Bucheln.«

»Allerdings, Sie begreifen wohl, Tante Angélique, wenn der Vater La Jeunesse, der Schütze der Wolfsheide, mich auf seinem Bezirke ohne meinem Sack hätte herumstreichen sehen, so würde er gesagt haben: »»Was machst du hier, kleiner Landstreicher?«« Abgesehen davon, daß er etwas vermutet hätte. Während ich mit meinem Sack, wenn er mich fragt, was ich machen wolle, ihm antwortete: »»Ich komme zur Buchellese; ist es denn verboten, zur Buchellese zu gehen?«« »»Nein.«« »»Nun wenn das nicht verboten ist, so haben Sie mir nichts zu sagen.«« In der That, wenn er etwas sagt, der Vater La Jeunesse, so hat er unrecht.

»Also hast du deinen Tag damit zugebracht, daß du Bucheln gelesen, statt die Schlingen zu legen, Träger!« rief die Tante Angélique, die unter allen diesen Kniffen ihres Neffen die Kaninchen sich entgehen zu sehen glaubte.

»Im Gegenteil, ich habe meine Schlingen gelegt, während ich Bucheln las, so daß er mich bei der Arbeit sah.«

»Und er hat dir nichts gesagt?«

»Doch. Er hat mir gesagt: »»du wirst deiner Tante Pitou meine Komplimente ausrichten.«« Nun! ist das ein braver Mann, der Vater La Jeunesse.

»Aber die Kaninchen? versetzte die Tante Angélique, die nichts von ihrem Hauptgedanken abbringen konnte.

»Aber die Kaninchen?« versetzte die Tante Angélique, welche nichts von ihrem Hauptgedanken abbringen konnte.

»Die Kaninchen? Der Mond geht um Mitternacht auf, und ich werde um ein Uhr nachsehen, ob sie gefangen sind.«

»Wo dies?«

»Im Walde.«

»Wie, du willst um ein Uhr morgens in den Wald?«

»Jawohl!«

»Ohne Angst zu haben?«

»Angst, wovor?«

Die Tante Angélique war ebenso erstaunt über den Mut von Pitou, als sie über seine Spekulationen erstaunt gewesen war.

Einfach wie ein Kind der Natur, kannte Pitou allerdings keine von den scheinbaren Gefahren, die die Kinder der Städte erschrecken.

Er brach auch um Mitternacht auf und ging längs der Kirchhofmauer hin, ohne sich abzuwenden. Das unschuldige Kind, das in seinem Leben, wenigstens in seinen Unabhängigkeitsideen, weder Gott noch die Menschen beleidigt hatte, fürchtete sich ebenso wenig vor den Toten, als vor den Lebendigen.

Ange fürchtete eine einzige Person: den Vater La Jeunesse; er hatte auch die Vorsicht, einen Umweg zu machen, um an seinem Hause vorüberzugehen. Da alles im Innern erloschen, da Thüren und Läden geschlossen waren, so fing Pitou, um sich zu versichern, ob der Schütze zu Hause und nicht in seinem Bezirk sei, an, das Bellen des Hundes nachzuahmen, so daß Ronflot, der Dachshund des Vaters La Jeunesse, sich in der Herausforderung täuschte, ebenfalls mit voller Kehle Laut gab und unter der Thüre durchschnüffelte.

Von diesem Augenblick an fühlte sich Pitou ruhig. War Ronflot zu Hause, so war Vater La Jeunesse auch zu Hause; Ronflot und der Vater La Jeunesse waren unzertrennlich, und sobald man den einen erblickte, konnte man sicher sein, man würde sogleich auch den andern erscheinen sehen.

Vollkommen beruhigt, wanderte also Pitou nach der Wolfsheide. Die Schlingen hatten ihr Werk verrichtet; zwei Kaninchen waren gefangen und erdrosselt.

Pitou steckte sie in die weite Tasche jenes zu langen Rockes, der nach Verlauf eines Jahres zu kurz geworden sein sollte, und kehrte zu seiner Tante zurück.

Die alte Mademoiselle war zu Bette gegangen, doch die Habgier hatte sie wach erhalten; wie Perette, hatte sie berechnet, was ihr vier Kaninchenbälge wöchentlich eintragen konnten, und diese Rechnung hatte sie so weit geführt, daß sie nicht ein Auge zu schließen imstande war: sie fragte auch mit einem nervösen Zittern den Knaben, was er bringe.

»Ein Paar! Ah! Tante Angélique, es ist nicht meine Schuld, daß ich nicht mehr habe bringen können; aber es scheint, sie sind boshaft, die Kaninchen des Vaters Jeunesse.«

Die Hoffnungen der Tante Angélique waren mehr als erfüllt. Sie nahm, bebend vor Freude, die zwei unglücklichen Tiere, untersuchte ihren unversehrt gebliebenen Balg und schloß sie in ihre Speisekammer ein, die in ihrem Leben keine Vorräte gesehen hatte, wie die, die sie enthielt, seitdem es Pitou eingefallen war, sie zu verfolgen.

Dann forderte sie mit ziemlich sanftem Tone Pitou auf, sich niederzulegen; das ermüdete Kind that dies auf der Stelle, ohne ein Abendbrot zu verlangen, was ihn vollends aufs beste in der Meinung seiner Tante stellte. Zwei Tage nachher wiederholte Pitou seinen Versuch, und er war diesmal noch glücklicher als das erste Mal. Er fing drei Kaninchen.

Zwei nahmen den Weg nach dem Wirtshause zur goldenen Kugel, das dritte den nach dem Pfarrhause. Die Tante Angélique trug sehr Sorge für den Abbé Fortier, der sie seinerseits den guten Seelen des Kirchspiels empfahl.

So gingen die Dinge drei bis vier Monate. Die Tante Angélique war entzückt, und Pitou fand seine Lage erträglich. Doch ein unerwarteter Umstand, auf den man indessen gefaßt sein mußte, machte der Tante einen Strich durch die Rechnung und unterbrach die Expeditionen des Neffen.

Es war ein Brief von Doktor Gilbert, datiert von New-York, angekommen. Als der philosophische Reisende den Fuß auf den Boden Amerikas setzte, vergaß er seinen kleinen Schützling nicht. Er schrieb an Meister Niguet, um sich zu erkundigen, ob seine Vorschriften befolgt worden seien, und um den Vollzug des Vertrags, wenn man dies nicht gethan, oder seinen Bruch zu fordern, wenn man diese Vorschriften nicht befolgen wollte.

Der Fall war ernster Natur. Die Verantwortlichkeit des Notars stand auf dem Spiel: er fand sich bei der Tante Pitou ein und stellte sie, den Brief des Doktors in der Hand, über den Vollzug des Vertrags zur Rede.

Man konnte nicht zurückweichen; jede Entschuldigung mit schlechter Gesundheit wurde durch das Aussehen von Pitou Lügen gestraft. Pitou war groß und mager; aber die jungen Bäume des Waldes waren auch groß und mager, was sie nicht verhinderte, sich äußerst wohl zu befinden.

Mademoiselle Angélique verlangte acht Tage, um ihren Geist auf die Wahl des Standes vorzubereiten, den sie ihren Neffen wollte ergreifen lassen.

Pitou war ebenso traurig als seine Tante. Das Gewerbe, das er trieb, kam ihm vortrefflich vor, und er wünschte sich kein anderes.

Während dieser acht Tage war weder von der Vogeltränke, noch vom Wildern mehr die Rede. Ueberdies befand man sich im Winter, und im Winter trinken die Vögel überall. Dann war Schnee gefallen, und beim Schnee wagte es Pitou nicht, seine Schlingen zu legen. Der Schnee bewahrt den Eindruck der Sohlen, und Pitou besaß ein paar Füße, das dem Vater La Jeunesse die schönste Aussicht gab, innerhalb vierundzwanzig Stunden zu erfahren, wer der Dieb gewesen, der den seiner Obhut anvertrauten Bezirk entvölkert.

Während dieser acht Tage wuchsen der alten Mademoiselle die Klauen wieder. Pitou hatte seine Tante Angélique von einst wiedergefunden, diejenige, welche ihm so sehr Furcht eingeflößt, und die das Interesse, diese mächtige Bewegkraft ihres ganzen Lebens, einen Augenblick Sammetpfoten hatte machen lassen. Je näher man dem Ziele rückte, desto mürrischer wurde die Laune der alten Mademoiselle, dergestalt, daß am fünften Tag Pitou wünschte, seine Tante möchte sich sogleich für irgend einen Stand entschließen, gleichviel welcher es wäre, wenn nur nicht der eines Schmerzendulders, den er bei der alten Mademoiselle einnahm.

Plötzlich erschloß sich ein Gedanke in diesem so grausam bewegten Kopf. Dieser Gedanke gab ihr die Ruhe wieder, die sie seit sechs Tagen verloren hatte. Er bestand darin, daß sie den Abbé Fortier bat, den armen Pitou unentgeltlich in seine Klasse aufzunehmen und ihm das von Seiner Hoheit, dem Herzog von Orleans, im Seminar gestiftete Stipendium zu verschaffen. Das war eine Lehre, die der Tante Angélique nichts kostete, und Herr Fortier, abgesehen von den Krammetsvögeln, den Amseln und den Kaninchen, mit denen ihn die alte Frömmlerin seit sechs Monaten überhäufte, war dem Neffen der Vermieterin seiner Kirchenstühle etwas mehr schuldig, als jedem andern. So unter der Glocke gehalten, trug Ange in der Gegenwart ein und versprach für die Zukunft.

Ange wurde in der That beim Abbé ohne irgend eine Bezahlung aufgenommen. Es war ein braver Mann, dieser Abbé; nicht im geringsten interessiert, gab er seine Wissenschaft denen, die arm am Geiste, sein Geld denen, die arm am Körper; aber unlenkbar in einem einzigen Punkt: die Solécismen brachten ihn außer sich, die Barbarismen machten ihn wütend. In diesem Fall kannte er weder einen Freund, noch einen Feind, weder einen Armen, noch einen Reichen, weder einen bezahlenden Schüler, noch einen nicht bezahlenden. Er schlug mit unbestechlicher Unparteilichkeit und mit einem lacedämonischen Stoicismus, und da er einen starken Arm hatte, so schlug er tüchtig. Das war den Eltern bekannt; es hing von ihnen ab, ihre Kinder zum Abbé Fortier zu bringen oder nicht; brachten sie ihre Kinder aber dahin, so mußten sie sie gänzlich seiner Willkür überlassen; denn auf alle mütterlichen Reklamationen antwortete der Abbé mit dem Wahlspruch: Wer gut liebt, der züchtigt gut, den er auf den Handgriff seiner Rute und auf den Stiel seiner Schulgeißel hatte gravieren lassen.

Ange Pitou wurde also auf die Empfehlung seiner Tante unter die Schüler des Abbés Fortier aufgenommen. Ganz stolz auf diese Aufnahme, die Pitou viel weniger angenehm war, begab sich die alte Andächtlerin zu Meister Niguet und benachrichtigte ihn, sie habe sich nicht nur mit den Absichten des Doktors Gilbert in Einklang gesetzt, sondern dieselben sogar übertroffen. Der Doktor hatte in der That für Ange Pitou ein ehrenhaftes Gewerbe verlangt. Sie gab ihm viel mehr als dies, da sie ihm eine ausgezeichnete Erziehung gab; und wo gab sie ihm diese Erziehung? In derselben Pension, wo Sebastian Gilbert, für den er fünfzig Livres bezahlte, die seinige erhielt.

Es ist nicht zu leugnen, Ange erhielt seine Erziehung gratis, aber es war keine Notwendigkeit vorhanden, dies dem Doktor Gilbert mitzuteilen; und teilte man es ihm mit, so kannte man die Unparteilichkeit und die Uneigennützigkeit des Abbés Fortier. Wie sein erhabener Meister, öffnete er die Arme und sprach: Lasset die Kindlein zu mir kommen! Nur waren diese zwei Hände, die das Ende der zwei väterlichen Arme bildeten, die eine mit einer Sprachlehre, die andere mit einem Bündel Ruten bewaffnet, so daß meistens, ganz im Gegenteil zu Jesus, der die Kinder in Thränen empfing und getröstet wegschickte, der Abbé Fortier die armen Kinder voll Angst auf sich zukommen sah und weinend wegschickte.

Der junge Schüler trat in die Klasse ein, mit einer Truhe unter dem Arm, ein hornenes Tintenfaß in der Hand und ein paar Federstümpfe hinter dem Ohr. Die Truhe war bestimmt, um, so gut es eben ging, das Pult zu ersetzen. Das Tintenfaß war ein Geschenk vom Krämer, und die Federstümpfe hatte Mademoiselle Angélique aufgelesen, als sie am Tage vorher Meister Niguet ihren Besuch machte.

Ange Pitou wurde mit jener sanften Brüderlichkeit empfangen, die bei den Kindern entsteht und bei den Männern sich fortpflanzt, nämlich mit Hohngelächter. Die ganze Klasse machte sich über ihn lustig. Zwei Schüler mußten zur Strafe zurückbleiben wegen seiner gelben Haare, und zwei andere wegen seiner sonderbaren Kniee, die wir schon mit einem Worte berührt haben. Diese zwei letzteren sagten, die Beine von Pitou gleichen Brunnenseilen, an die man einen Knoten gemacht. Das Wort fand eine günstige Aufnahme, machte die Runde um die Tafel, erregte die allgemeine Heiterkeit und folglich Aerger beim Abbé Fortier.

Als er am Mittag wegging, nachdem er vier Stunden in der Klasse gewesen war, hatte Pitou, ohne daß er ein Wort an jemand gerichtet, ohne daß er etwas anderes gethan, als hinter seinem Pult gegähnt, sechs Feinde in der Klasse und zwar sechs umso erbittertere Feinde, als er kein Unrecht gegen sie hatte. Sie leisteten auch auf den Ofen, der in der Klasse den Altar des Vaterlandes vorstellt, den feierlichen Eid, die einen, ihm seine gelben Haare auszuraufen, die andern, ihm seine fayenceblauen Augen grün zu schlagen, die letzten, ihm seine vorwärts gebogenen Kniee gerade aufzurichten.

Pitou wußte daraus nichts von diesen feindseligen Gesinnungen. Als er die Schule verließ, fragte er einen seiner Nachbarn, warum sechs von ihren Kameraden zurückbleiben, während sie weggehen.

Der Nachbar schaute ihn von der Seite an, nannte ihn einen boshaften Anzeiger und entfernte sich, ohne ein Gespräch mit ihm anknüpfen zu wollen.

Pitou fragte sich, wie er, der nicht ein einziges Wort während der ganzen Klasse gesagt, ein boshafter Anzeiger sein könne. Doch während der Dauer eben dieser Klasse hatte er entweder durch die Schüler oder durch den Abbé Fortier so viele Dinge sagen hören, die er nicht begriffen, daß er die Anklage des Nachbars in die Zahl der für seinen Geist zu hohen Dinge einreihte.

Als Tante Angélique, die unendlich eifrig sich bei einer Erziehung benahm, von der man glaubte, sie koste sie so große Opfer, Pitou um Mittag zurückkommen sah, fragte sie ihn, was er gelernt habe. Pitou antwortete, er habe schweigen gelernt. Die Antwort wäre eines Pythagoräers würdig gewesen. Nur hätte sie ein Pythagoräer durch Zeichen gegeben.

Der neue Schüler kehrte um ein Uhr ohne zu großen Widerwillen in die Klasse zurück. Die Morgenklasse war von den Schülern zur Prüfung des Äußeren von Pitou angewendet worden; die Abendklasse wurde vom Professor zur Prüfung des Innern angewendet. Als das Examen vorüber war, blieb der Abbé Fortier überzeugt, Pitou habe alle möglichen Anlagen, um ein Robinson Crusoe zu werden, aber sehr geringe Aussichten, dereinst ein Fontenelle oder ein Bossuet zu sein.

Während der ganzen Dauer dieser Klasse, die für den zukünftigen Seminaristen noch viel ermüdender war, als die am Morgen, wiesen ihm die seinetwegen bestraften Schüler zu wiederholtem Malen die Faust. In allen Ländern, zivilsierten oder nicht zivilisierten, gilt diese Demonstration als ein Zeichen der Drohung. Pitou war also auf seiner Hut.

Unser Held hatte sich nicht getäuscht: als er wegging oder vielmehr, sobald man außerhalb der Zubehör des Schulhauses war, wurde Pitou durch die sechs Schüler, die zur Strafe hatten zurückbleiben müssen, bedeutet, er habe ihnen die zwei Stunden Gefangenschaft mit Kosten, Zinsen und Kapital zu bezahlen.

Pitou begriff, es handle sich um einen Zweikampf auf die Fäuste. Er erklärte also, er sei bereit sich in einen Kampf mit demjenigen von seinen Gegnern einzulassen, welcher beginnen wolle, und hintereinander seinen sechs Feinden standzuhalten. Durch diese Erklärung erwarb sich der neue Schüler schon ein ziemlich großes Ansehen.

Die Bedingungen wurden festgestellt, wie sie Pitou vorgeschlagen. Es bildete sich ein Kreis um den Kampfplatz, und die Streiter rückten, nachdem sie, der eine sein Wams, der andre seinen Rock abgelegt hatten, gegeneinander an.

Wir haben von den Händen von Pitou gesprochen. Diese Hände, die nicht angenehm anzusehen waren, waren noch minder angenehm zu fühlen. Pitou ließ am Ende jedes Armes eine Faust so groß wie ein Kindskopf baumeln, und obgleich das Boxen in Frankreich noch nicht eingeführt war und folglich Pitou kein Elementarprinzip von dieser Kunst erhalten hatte, gelang es ihm doch, seinem ersten Gegner einen so hermetisch angepaßten Faustschlag auf das Auge zu geben, daß es sich auf der Stelle mit einem schwarzen Kreise umzog.

Der zweite trat vor. Hatte Pitou gegen sich die Anstrengung eines zweiten Kampfes, so war sein Gegner seinerseits sichtbar minder stark, als der erste. Der Kampf dauerte daher nicht lange. Die furchtbare Faust senkte sich auf die Nase, und die zwei Nasenlöcher zeugten sogleich für die Gültigkeit des Schlages, indem sie einen doppelten Blutbach entströmen ließen.

Der dritte kam mit einem zerbrochenen Zahn davon; dieser war am wenigsten von allen beschädigt. Die andern erklärten sich für befriedigt.

Pitou durchschritt die Menge, die sich vor ihm mit der einem Triumphator schuldigen Achtung öffnete, und zog sich gesund und wohlbehalten nach seinem Herde, d.h. nach dem seiner Tante, zurück.

Als am andern Morgen die drei besiegten Schüler ankamen, wurde eine Untersuchung vom Abbé Fortier angestellt. Doch die Schüler haben auch ihre gute Seite. Nicht einer von den Verstümmelten war schwatzhaft, und auf mittelbarem Wege, nämlich durch einen Zeugen des Streites, der der Schule völlig fremd, erfuhr der Abbé Fortier am andern Tag, Pitou habe auf den Gesichtern seiner Zöglinge den Schaden angerichtet, durch den am Tage vorher seine Besorgnis erregt worden war.

Der Abbé Fortier bürgte in der That den Eltern nicht nur für das Moralische, sondern auch für das Physische seiner Schüler. Der Abbé Fortier hatte eine dreifache Klage von den drei Familien erhalten. Eine Genugthuung war unerläßlich. Pitou mußte drei Tage zurückbleiben. Einen Tag für das Auge, einen andern Tag für die Nase, einen Tag für den Zahn. Diese drei Tage Schulstubenarrest gaben Mademoiselle Angélique eine geistreiche Idee ein, nämlich die, Pitou sein Mittagessen zu entziehen, so oft ihm der Abbé Fortier den Ausgang entziehen würde. Dieser Entschluß mußte notwendig zum Nutzen der Erziehung von Pitou ausfallen, weil er sich zweimal besinnen würde, ehe er Fehler beginge, die eine doppelte Strafe nach sich zögen.

Nur begriff Pitou nie recht, warum er Anzeiger genannt und warum er bestraft worden war, weil er diejenigen geschlagen, die ihn hatten schlagen wollen; doch wenn man alles in der Welt begriffe, so würde man dadurch einen von den Hauptreizen des Lebens, den des Geheimnisses und des Unvorhergesehenen, verlieren.

Pitou blieb seine drei Tage in der Schule zurück und begnügte sich während dieser drei Tage mit seinem Frühstück und seinem Nachtessen, war jedoch mit dieser Entbehrung nicht gerade zufrieden.

Die Strafe, die Pitou erstanden, ohne daß es ihm nur entfernt einfiel, den Angriff zu verraten, den er nur erwidert hatte, trug ihm indessen die allgemeine Achtung ein. Es ist nicht zu leugnen, die drei majestätischen Faustschläge, die man ihn hatte erteilen sehen, waren vielleicht von einigem Gewicht bei dieser Achtung.

Von diesem Tage an war das Leben von Pitou ungefähr das der andern Schüler, nur mit dem Unterschied, daß die andern Schüler die Wechselfälle der Komposition durchmachten, während Pitou beharrlich unter den fünf bis sechs Letzten blieb, und beinahe immer eine Summe von Schulstubenarresten doppelt so groß, als die seiner Mitschüler, anhäufte.

Doch eines, was in der Natur von Pitou lag, was von der ersten Erziehung herrührte, die er erhalten, oder vielmehr nicht erhalten hatte, eines, was man wenigstens für ein drittel bei seinen zahlreichen Schulstubenarresten rechnen mußte, war seine Neigung für die Tiere.

Die erwähnte Truhe, die seine Tante Angélique mit dem Namen Pult geschmückt hatte, war infolge ihres Umfangs und der zahlreichen Fächer, mit denen Pitou ihr Inneres bereicherte, eine Art von Arche Noah geworden, welche alle Arten von kletternden, kriechenden und fliegenden Tieren enthielt. Es fanden sich darin Schlangen, Eidechsen, Ameisenlöwen, Käfer und Frösche, welche Tiere Pitou um so teurer wurden, als er ihretwegen, mehr oder minder harte Strafen zu erdulden hatte.

Bei seinen Spaziergängen in der Woche sammelte Pitou für seine Menagerie. Er hatte sich Salamander gewünscht, die in Villers-Cotterets als das Wappen von Franz I., das dieser an allen Kaminen hatte anbringen lassen, sehr populär sind: es war ihm gelungen, sich solche zu verschaffen. Ein Umstand nahm ihn hierbei sehr in Anspruch, und er setzte dies am Ende unter die Zahl der Dinge, die seinen Verstand überstiegen: er hatte nämlich diese Reptile immer im Wasser gefunden, von denen die Dichter behaupteten, sie leben im Feuer. Dieser Umstand erregte in Pitou, der ein genauer Geist war, eine tiefe Verachtung gegen die Dichter.

Als Pitou Eigentümer von zwei Salamandern war, suchte er das Chamäleon auf. Doch diesmal waren alle seine Forschungen vergeblich, und kein Resultat krönte seine Bemühung. Pitou schloß am Ende aus diesen fruchtlosen Versuchen, das Chamäleon existiere nicht, oder es existiere wenigstens unter einer andern Breite.

Die zwei andern drittel der Arreste von Pitou rührten von den verdammten Solécismen und den verfluchten Barbarismen her, die in den Aufgaben von Pitou wuchsen, wie die Trespe in den Kornfeldern wächst.

Was die Donnerstage und Sonntage betrifft, an denen er frei hatte, so wurden sie auf den Tränkherd und die Wilderei verwendet; nur, da Pitou immer mehr wuchs und sechszehn Jahre zählte, kam ein Umstand hinzu, der Pitou ein wenig von seinen Lieblingsbeschäftigungen ablenkte.

An dem Wege nach der Wolfsheide lag das Dorf Pisseleu. In diesem Dorf war der Pachthof des Vaters Billot, und auf der Schwelle dieses Pachthofs stand beinahe jedes Mal, wenn Pitou daran vorbeiging, ein hübsches, frisches, lebendiges heiteres Mädchen, das man nach seinem Taufnamen Katherine, viel öfter aber noch nach dem Namen ihres Vaters, die Billotte nannte.

Pitou fing damit an, daß er die Billotte grüße. Allmählig faßte er sich sodann ein Herz und grüßte sie lächelnd; dann an einem schönen Tag, nachdem er gegrüßt, nachdem er gelächelt hatte, blieb er stehen und wagte errötend die Worte, die er als eine große Kühnheit betrachtete:

»Guten Morgen, Mademoiselle Katharine.«

Katharine war ein gutes Mädchen, sie empfing Pitou als einen alten Bekannten. Es war in der That ein alter Bekannter, denn seit zwei Jahren sah sie ihn vor dem Pachthofe wenigstens einmal in der Woche hin und her gehen, nur sah Katharine Pitou, und Pitou sah Katharine nicht. Als nämlich Pitou so vorüberging, war Katharine sechszehn Jahre alt und Pitou vierzehn.

Allmählig war Katharine dahin gekommen, daß sie die Talente von Pitou schätzte, denn Pitou teilte ihr Proben davon mit, indem er ihr seine schönsten Vögel und seine fettesten Kaninchen bot. Infolgedessen machte Katharine Pitou Komplimente, und Pitou, der um so empfänglicher für Komplimente war, als er selten solche erhielt, überließ sich dem Zauber der Neuheit, und statt wie früher, seine Wanderung bis zur Wolfsheide fortzusetzen, blieb er auf halbem Wege stehen; und statt seinen ganzen Tag mit der Buchellese oder mit dem Legen der Schlingen zuzubringen, verlor er seine Zeit damit, daß er bei dem Pachthofe des Vaters Billot umherstrich, in der Hoffnung, Katharine einen Augenblick zu sehen.

Daraus ging eine merkliche Verminderung im Ertrage der Kaninchenbälge und ein beinahe völliger Mangel an Rotkehlchen und Drosseln hervor.

Die Tante Angélique beklagte sich. Pitou antwortete, die Kaninchen werden mißtrauisch, und die Vögel, welche die Fallen erkannt haben, trinken aus der Höhlung der Blätter und der Baumstämme. Eines tröstete die Tante Angélique über den Verstand der Kaninchen und diese Schlauheit der Vögel, die sie den Fortschritten der Philosophie zuschrieb, nämlich, daß ihr Neffe das Stipendium erhalten, in das Seminar eintreten, hier drei Jahre zubringen und das Seminar wieder als Abbé verlassen werde. Haushälterin eines Pfarrers zu sein, war aber das ewige Trachten von Mademoiselle Angélique.

Dieses Trachten mußte sich notwendig verwirklichen: denn war Ange Pitou einmal Abbé, so konnte er nicht umhin, seine Tante als Haushälterin zu nehmen, besonders nach dem, was diese Tante für ihn gethan hatte.

Der einzige Umstand, der die goldenen Träume der armen Mademoiselle störte, war der, daß, als sie von ihrer Hoffnung mit dem Abbé Fortier sprach, dieser den Kopf schüttelnd erwiderte:

»Meine liebe Mademoiselle Pitou, um Abbé zu werden, müßte sich Ihr Neffe viel weniger der Naturgeschichte und viel mehr dem De viris illustribus oder dem Selecta e profanis scriptoribus widmen.«

»Das will besagen?«

»Daß er viel zu viel Barbarismen und unendlich zu viel Solécismen macht,« antwortete der Abbé Fortier.

Eine Antwort, die Mademoiselle Angélique in der betrübendsten Unbestimmtheit ließ.

IV.
Ueber den Einfluß, den auf das Leben eines Menschen ein Barbarismus und sieben Solécismen haben können

Pitou befand sich also außerhalb der Schule. Einer von seinen Armen hing an der Seite herab, der andere hielt seine Truhe auf dem Kopfe im Gleichgewicht, sein Ohr surrte noch von den wütenden Ausbrüchen des Abbés Fortier, und so ging er nach dem Pleux mit einer Sammlung des Geistes, die nichts anderes war, als die auf den höchsten Grad gestiegene Bestürzung. Endlich machte sich eine Idee Licht in seinem Geiste, und drei Worte, die seinen ganzen Gedanken enthielten, entschlüpften seinen Lippen:

Jesus! meine Tante!

In der That, was würde Mademoiselle Angélique Pitou über den Umsturz aller ihrer Hoffnungen sagen?

Was aus den Betrachtungen von Ange Pitou hervorging und was von seinen Lippen den kläglichen Ausruf springen gemacht hatte, war, daß Ange Pitou begriff, die Unzufriedenheit werde bei der alten Mademoiselle groß sein, wenn sie die unselige Kunde erfahre. Er kannte aber aus Erfahrung das Resultat einer Unzufriedenheit von Mademoiselle Angélique. Nur mußten diesmal, da die Ursache der Unzufriedenheit sich zu einer unberechenbaren Macht erhob, die Resultate eine unberechenbare Summe erreichen.

Er hatte beinahe eine Viertelstunde gebraucht, um den Weg, der vom großen Thore des Abbés Fortier zum Eingang der Straße in Pleux führte, zurückzulegen, und das war doch nur ungefähr dreihundert Schritte von einander entfernt.

In diesem Augenblick schlug die Glocke der Kirche ein Uhr.

Er bemerkte nun, daß ihn seine letzte Unterredung mit dem Abbé und die Langsamkeit, mit der er den Weg zurückgelegt, um sechszig Minuten verspätet hatten, und daß demnach seit dreißig Minuten die unerstreckbare Frist abgelaufen war, nach der man bei der Tante Angélique nicht mehr zu Mittag aß.

Dies war in der That der heilsame Zügel, den die alte Mademoiselle zugleich den Schularresten und den tollen Leidenschaften ihres Neffen angelegt hatte; dabei ersparte sie, ein Jahr in das andere gerechnet, ungefähr sechszig Mittagsmahle an dem armen Jungen.

Doch diesmal war es nicht das magere Mittagessen der Tante, was den saumseligen Schüler beunruhigte: so karg auch das Frühstück gewesen, Pitou hatte ein zu volles Herz, um zu bemerken, sein Magen sei leer.

Es giebt eine furchtbare, dem Schüler, ein so großer Wicht er auch sein mag, wohlbekannte Qual; das ist der unrechtmäßige Aufenthalt in irgend einem abgelegenen Winkel nach einer Austreibung aus der Schule; es ist der entschiedene und gezwungene Urlaub, den er zu benützen genötigt ist, während seine Mitschüler, die Mappe und die Bücher unter dem Arm, vorüberziehen, um zur täglichen Arbeit zu gehen. Diese verhaßte Schule nimmt eine wünschenswerte Gestalt an. Der Schüler beschäftigt sich ernstlich mit der großen Angelegenheit der Aufgaben und Uebersetzungen, mit der er sich nie beschäftigt hat, und die dort während seiner Abwesenheit verhandelt wird. Es findet eine große Ähnlichkeit zwischen diesem von seinem Lehrer weggeschickten Schüler und dem wegen seiner Gottlosigkeit Exkommunizierten statt, der nicht mehr das Recht hat, in die Kirche zurückzukehren, während er vor Verlangen, eine Messe zu hören, brennt.

Darum dünkte dem armen Pitou, je näher er zu dem Hause seiner Tante kam, desto schrecklicher der Aufenthalt in diesem Hause. Darum stellte er sich zum ersten Male in seinem Leben vor, die Schule sei ein irdisches Paradies, aus dem ihn der Abbé Fortier als ein Würgengel mit seiner Geißel in Form eines flammenden Schwertes vertrieben habe.

So langsam er indessen ging, und obgleich Pitou von zehn zu zehn Schritten Stationen machte, die immer länger wurden, je mehr er sich dem Schreckensorte näherte, er mußte nichtsdestoweniger zur Schwelle des so sehr gefürchteten Hauses kommen. Pitou erreichte also die Schwelle, indem er seine Schuhe schleppte und maschinenmäßig seine Hand auf der Naht seiner Hose rieb.

»Ah! ich bin sehr krank, Tante Angélique,« sagte er, um jedem Spott oder jedem Vorwurf zuvorzukommen, und vielleicht auch, um es zu versuchen, das arme Kind beklagen zu machen.

»Gut,« erwiderte Mademoiselle Angélique, »ich kenne diese Krankheit, und man würde sie leicht heilen, wenn man den Zeiger der Pendeluhr um anderthalb Stunden zurückrückte.«

»Oh mein Gott, nein!« rief Pitou bitter, »denn ich habe keinen Hunger.«

Die Tante Pitou war erstaunt und beinahe unruhig; eine Krankheit beunruhigt gleich sehr die guten Mütter und die Stiefmütter; die guten Mütter wegen der Gefahr, welche die Krankheit herbeiführt, die Stiefmütter wegen des Nachteils, den sie der Börse zufügt.

»Nun, was Hast du denn, laß hören?« fragte die alte Mademoiselle.

Bei diesen Worten, die indessen ohne eine sehr zärtliche Sympathie ausgesprochen wurden, zerfloß Ange Pitou in Thränen, und es ist nicht zu leugnen, die Grimasse, die er von der Klage zu den Thränen übergehend machte, gehörte zu den häßlichsten und unangenehmsten Grimassen, die man sehen kann.

»Oh! meine gute Tante, es ist mir ein sehr großes Unglück begegnet,« sagte er.

»Welches?« fragte die alte Mademoiselle.

»Der Herr Abbé hat mich weggeschickt,« rief Ange Pitou in ein ungeheures Schluchzen ausbrechend.

»Weggeschickt?« wiederholte die Tante, als ob sie ihn nicht recht verstanden hätte.

»Ja, meine Tante.«

»Von wo?«

»Von der Schule.«

Hier verdoppelte sich das Schluchzen von Pitou.

Von der Schule? Also keine Prüfungen, keine Stipendien, kein Seminar mehr?

Das Schluchzen von Pitou verwandelte sich in ein Geheule. Mademoiselle Angélique schaute ihn an, als hätte sie in der Tiefe des Herzens ihren Neffen den Grund seiner Ausweisung lesen wollen.

»Wetten wir, daß du wieder hinter die Schule gegangen bist?« sagte sie; »wetten wir, daß du abermals beim Pachthof des Vaters Billot herumgestrichen bist? Pfui! ein zukünftiger Pfarrer!«

Ange schüttelte den Kopf.

»Du lügst!« lief die alte Mademoiselle, deren Zorn in demselben Maße zunahm, in dem sie die Gewißheit erlangte, daß die Lage der Dinge ernst war; du lügst! noch am letzten Sonntag hat man dich in der Seufzerallee mit der Billotte gesehen.

Mademoiselle Angélique log; doch zu jeder Zeit haben sich die Frömmlerinnen für berechtigt geglaubt, zu lügen, kraft des jesuitischen Axioms: Es ist erlaubt, das Falsche vorzugeben, um das Wahre zu erfahren.

»Man hat mich nicht in der Seufzerallee gesehen, erwiderte Ange; das ist unmöglich, denn wir sind bei der Orangerie gegangen!«

»Ah! Unglücklicher! du siehst wohl, daß du mit ihr warst.«

»Aber, meine Tante,« entgegnete Ange errötend, »es handelt sich hier durchaus nicht um Mademoiselle Billot.«

»Ja, nenne sie Mademoiselle, um dein Spiel zu verbergen. Unreiner! Aber ich werde den Beichtvater von diesem Zieraffen benachrichtigen.«

»Aber, meine Tante, ich schwöre Ihnen, daß Mademoiselle Billot kein Zieraffe ist.«

»Ah, du verteidigst sie, während du der Entschuldigung bedarfst. Gut, ihr versteht euch immer besser. Oh! mein Gott, wie weit kommt es noch!  . . . Kinder von sechszehn Jahren!«

»Meine Tante, ganz im Gegenteil, ich verstehe mich nicht mit Katharine, Katharine jagt mich immer fort.«

»Siehst du, wie du dich verhaspelst! nun nennst du sie Katharine kurzweg. Ja, sie jagt dich fort, die Heuchlerin, wenn man sie beobachtet.«

»Ah!« sagte Pitou plötzlich erleuchtet zu sich selbst, »ah! daran hatte ich nicht gedacht.«

»Siehst du!« rief die alte Mademoiselle, den naiven Ausdruck ihres Neffen benützend, um ihn der Genossenschaft der Billotte zu überweisen; »aber nur zu, ich will das alles ins Reine bringen. Herr Fortier ist ihr Beichtvater; ich werde ihn bitten, dich einsperren zu lassen und auf, vierzehn Tage auf Wasser und Brot zu setzen, und was Mademoiselle Katharine betrifft, wenn sie das Kloster braucht, um ihre Leidenschaft für dich zu mäßigen, wohl! so soll sie es kosten, wir schicken sie nach Saint-Remy.«

Die alte Mademoiselle sprach ihr letztes Wort mit einer Autorität und einer Ueberzeugung von ihrer Macht, daß Pitou bebte.

»Meine gute Tante,« sagte er die Hände faltend. »Sie täuschen sich, wenn Sie glauben, Mademoiselle Billot habe irgend eine Schuld an meinem Unglück.«

»Die Unkeuschheit ist die Mutter aller Laster,« unterbrach ihn salbungsreich Mademoiselle Angélique.

»Meine Tante, ich wiederhole Ihnen, der Herr Abbé hat mich nicht weggeschickt, weil ich unkeusch bin, sondern er hat mich weggeschickt, weil ich zu viel Barbarismen, vermischt mit Solécismen, die mir auch von Zeit zu Zeit entschlüpfen, machte, und die mir, wie er sagt, alle Aussicht benehmen, das Stipendium des Seminars zu erhalten.«

»Wie, alle Aussicht? also wirst du das Stipendium nicht erhalten, also wirst du nicht Pfarrer werden, also werde ich nicht deine Haushälterin sein?«

»Mein Gott! nein, meine Tante.«

»Und, was wirst du denn werden?« fragte die alte Mademoiselle ganz bestürzt.

»Ich weiß es nicht.« Pitou schlug die Augen ganz wehmütig zum Himmel auf. Was es der Vorsehung aus mir zu machen gefällt, fügte er bei.

»Der Vorsehung? Ah! ich sehe, was es ist, rief Mademoiselle Angélique, man hat ihm etwas in den Kopf gesetzt, man hat ihm von den neuen Ideen gesprochen, man hat ihm Grundsätze der Philosophie eingeprägt.«

»Das kann es nicht sein, meine Tante, da man nur in die Philosophie eintreten darf, nachdem man seine Rhetorik gemacht hat, während ich nie meine dritte zu übersteigen imstande gewesen bin.«

»Bah! bah! ich spreche nicht von dieser Philosophie, ich spreche von der Philosophie der unglücklichen Philosophen; ich spreche von der Philosophie des Herrn Arouet, ich spreche von der Philosophie des Herrn Jean Jacques, von der Philosophie des Herrn Diderot, der die Nonne gemacht hat.«

Mademoiselle Angélique bekreuzte sich.

»Die Nonne?« fragte Pitou; »was ist das, meine Tante.«

»Du hast sie gelesen. Unglücklicher.«

»Meine Tante, ich schwöre Ihnen, nein.«

»Darum willst du nichts von der Kirche.«

»Meine Tante, Sie täuschen sich, die Kirche will nichts von mir.«

»Dieser Bursche ist entschieden eine Schlange. Ich glaube, er widerspricht.«

»Nein, meine Tante, ich antworte nur.«

»Oh! er ist verloren,« rief Mademoiselle Angélique mit allen Zeichen der tiefsten Niedergeschlagenheit, während sie in ihren Lieblingslehnstuhl sank.

Die Gefahr war groß. Die Tante Angélique faßte einen äußersten Entschluß: sie erhob sich, als ob eine Feder sie auf ihre Beine geschnellt hätte und lief zum Abbé Fortier, um sich Erklärungen von ihm zu erbitten, und besonders, um einen letzten Versuch bei ihm zu wagen.

Pitou folgte mit den Augen seiner Tante bis auf die Schwelle der Türe; dann, als sie verschwunden war, trat er ebenfalls auf diese Schwelle und sah sie mit einer Geschwindigkeit, von der er keinen Begriff hatte, nach der Rue de Soissons gehen. Von da an blieb ihm kein Zweifel mehr über die Absichten von Mademoiselle Angélique, und er war überzeugt, sie begebe sich zu seinem Lehrer.

Das bedeutete wenigstens eine Viertelstunde Ruhe. Pitou beschloß, diese Viertelstunde, die ihm die Vorsehung bewilligte, zu benützen. Er raffte die Ueberreste des Mittagsmahles seiner Tante zusammen, um seine Eidechsen zu füttern; er haschte ein paar Fliegen für seine Ameisen und seine Frösche; dann öffnete er nach und nach den Brotkasten und den Schrank, und sorgte für seine eigene Sättigung, denn mit der Einsamkeit war bei ihm der Appetit wiedergekehrt.

Als er alle seine Anordnungen getroffen hatte, lauerte er an der Thüre, um nicht bei der Rückkehr seiner zweiten Mutter überrascht zu werden.

Mademoiselle Angélique betitelte sich die zweite Mutter von Pitou.

Während er so lauerte, kam eine hübsche junge Person am Ende des Pleux, dem Gäßchen folgend, das von der Rue de Soissons nach der Rue de l'Ormet führt, vorüber. Sie saß auf dem Kreuz eines mit zwei Körben beladenen Pferdes, wovon der eine mit Hühnern, der andere mit Tauben gefüllt war; das war Katharine. Als sie Pitou auf der Schwelle seiner Tante erblickte, hielt sie an.

Pitou errötete seiner Gewohnheit gemäß; dann verharrte er mit aufgesperrtem Mund und schaute, d. h. bewunderte, denn die Billotte war für ihn der höchste Ausdruck menschlicher Schönheit.

Das junge Mädchen warf einen Blick in die Straße, grüßte Pitou durch ein leichtes Nicken mit dem Kopf und zog ihres Weges.

Pitou erwiderte den Gruß, bebend vor Behagen.

Diese kleine Scene dauerte gerade lange genug, daß der große Schüler, ganz seiner Betrachtung hingegeben und beständig nach dem Platze schauend, wo Katharine gewesen war, seine Tante nicht gewahrte, die vom Abbé Fortier zurückkam und ihn plötzlich, erbleichend vor Zorn, bei der Hand faßte.

Durch diese elektrische Erschütterung, die bei ihm immer das Berühren von Mademoiselle Angélique verursachte, unversehens aus seinem schönen Traume aufgeweckt, wandte sich Ange um, richtete seine Augen vom zornigen Gesicht seiner Tante auf seine eigene Hand und sah sich zu seinem Schrecken mit einer ungeheuren Hälfte von einer Semmel versehen, auf der, zu freigebig aufgestrichen, zwei Lagen frische Butter und darüber weißer Käse erschienen.

Mademoiselle Angélique stieß einen Schrei der Wut und Pitou einen Seufzer der Angst aus. Angélique hob ihren gekrümmten Finger auf, Pitou neigte das Haupt: Angélique bemächtigte sich eines Besenstiels, der nur zu nahe bei ihr stand, Pitou ließ seine Semmel fallen und lief ohne weitere Erklärung davon.

Diese zwei Herzen hatten sich verstanden, sie hatten begriffen, daß fortan nichts mehr unter ihnen bestehen könne.

Mademoiselle Angélique ging hinein und schloß die Thüre doppelt. Pitou, den das Knirschen des Schlosses wie eine Fortsetzung des Sturmes erschreckte, verdoppelte seine Geschwindigkeit.

Aus dieser Scene ging eine Wirkung hervor, die Mademoiselle Angélique entfernt nicht vorhersah, und die Pitou sicherlich ebenso wenig erwartete.

V.
Ein philosophischer Pächter

Pitou lief, als ob ihm alle Teufel der Hölle auf den Fersen wären, und war in einem Augenblick außerhalb der Stadt.

Als er sich um die Ecke des Kirchhofs wandte, wäre er beinahe mit der Nase auf das Hinterteil eines Pferdes gefallen.

»Ei! mein Gott,« sagte eine sanfte Stimme, »wohin laufen Sie denn so, Herr Ange? Sie haben uns so erschreckt, daß Cadet beinahe durchgegangen wäre.«

»Ah! Mademoiselle Katharine,« rief Pitou, mehr seine eigenen Gedanken, als die Frage des Mädchens beantwortend, »ah! Mademoiselle Katharine, welch ein Unglück, mein Gott, welch ein Unglück!«

»Jesus! Sie machen mir bange,« sagte das Mädchen, sein Pferd mitten auf der Straße anhaltend. »Was giebt es denn, Herr Ange?«

»Es giebt,« antwortete Pitou, als ob er ein Sündengeheimnis enthüllen sollte, »es giebt, daß ich nicht Abbé sein werde, Mademoiselle Katharine.«

Doch statt sich in dem Sinne zu gebärden, den Pitou erwartete, schlug die Billotte ein gewaltiges Gelächter auf.

»Sie werden nicht Abbé sein?« sagte sie.

»Nein,« antwortete Pitou bestürzt; es scheint, das ist unmöglich.

»Nun! so werden Sie Soldat,« versetzte Katharine.

»Soldat?«

»Allerdings. Mein Gott! man muß wessen einer solchen Kleinigkeit nicht in Verzweiflung geraten! Anfangs glaubte ich, Sie hätten mir den Tod Ihrer Mademoiselle Tante zu verkündigen.«

»Ah!« sprach Pitou mit Empfindung, es ist gerade dasselbe für mich, wie wenn sie tot wäre, da sie mich fortjagt.

»Verzeihen Sie, es fehlt Ihnen die Befriedigung, sie beweinen zu können,« entgegnete Katharine.

Und sie lachte auf das heiterste, was bei Pitou abermals ein Aegernis bereitete.

»Haben Sie denn nicht gehört, daß sie mich fortjagt!« rief der Schüler in Verzweiflung.

»Ei! desto besser!«

»Sie sind sehr glücklich, daß Sie so lachen können, und das beweist, daß Sie einen äußerst angenehmen Charakter haben, da der Kummer der andern keinen großen Eindruck auf Sie macht.«

»Und wer sagt Ihnen denn, daß ich Sie, wenn Ihnen ein wahres Unglück zustieße, nicht beklagen würde, Herr Ange Pitou.«

»Sie würden mich beklagen, wenn mir ein wahres Unglück zustieße? Sie wissen also nicht, daß ich keine Mittel mehr habe?«

»Abermals desto besser!« rief Katharine. Pitou wußte gar nicht mehr, was er denken sollte.

»Und essen!« sagte er, »man muß doch essen, Mademoiselle! besonders ich, der ich immer Hunger habe.«

»Sie wollen also nicht arbeiten,« Herr Pitou?

»Arbeiten! was? Herr Fortier und meine Tante Angélique haben mir mehr als hundertmal wiederholt, ich tauge zu nichts. Ah! wenn man mich zu einem Tischler, oder zu einem Stellmacher in die Lehre gethan hätte, statt einen Abbé aus mir machen zu wollen! Hören Sie Mademoiselle Katharine,« fügte Pitou mit einer Gebärde der Verzweiflung bei, »es ruht offenbar ein Fluch auf mir.«

»Ach!« sprach Katharine mitleidig, denn sie kannte, wie jedermann, die klägliche Geschichte von Pitou, »es ist etwas Wahres an dem, was Sie da sagen, mein lieber Herr Ange, doch warum thun Sie Eines nicht?«

»Was?« fragte Pitou, der sich an den zukünftigen Vorschlag von Katharine anklammerte, wie ein Ertrinkender sich an einen Weidenzweig anklammert. »Sprechen Sie, was?«

»Sie haben einen Gönner, wie mir scheint.«

»Den Herrn Doktor Gilbert.«

»Sie waren der Klassenkamerad seines Sohnes, da er, wie Sie, beim Abbé Fortier erzogen worden ist.«

»Ich glaube wohl, und ich habe es mehr als einmal verhindert, daß er geprügelt wurde.«

»Nun denn! warum wenden Sie sich nicht an seinen Vater? Er wird Sie nicht verlassen.«

»Ah! ich würde das sicherlich thun, wenn ich wüßte, was aus ihm geworden ist. Aber vielleicht weiß es Ihr Vater, Mademoiselle Billot, da der Doktor Gilbert sein Grundherr ist.«

»Ich weiß, daß er ihm einen Teil der Pachtgelder nach Amerika zu schicken hatte, und daß er das andere einem Notar in Paris übergeben mußte.«

»Ah!« sagte Pitou seufzend, nach Amerika; »das ist sehr fern.«

»Sie würden nach Amerika gehen?« fragte das Mädchen, beinahe erschrocken über den Entschluß von Pitou.

»Ich, Mademoiselle Katharine? Nie! nie! Wenn ich wüßte, wo und was ich essen sollte, so befände ich mich sehr wohl in Frankreich.«

»Sehr wohl,« wiederholte Katharine.

Pitou schlug die Augen nieder. Das Mädchen schwieg. Dieses Stillschweigen dauerte einige Zeit. Pitou war in Träumereien versunken, die den Abbé Fortier, einen logischen Mann, sehr in Erstaunen gesetzt hätten.

Von einem dunkeln Punkte ausgegangen, hatten sich diese Träumereien aufgeklärt; dann wurden sie verworren, obgleich glänzend wie Blitze, deren Ursprung verborgen, deren Quelle verloren ist.

Cadet hatte sich indessen im Schritt in Marsch gesetzt, und Pitou ging neben Cadet, eine Hand auf einen der Körbe gestützt. Katharine aber, die ihrerseits träumte wie Pitou seinerseits, ließ die Zügel auf dem Halse ihres Renners hängen, ohne daß sie befürchtete, er konnte durchgehen. Ueberdies gab es kein Ungeheuer auf dem Wege, und Cadet war von einer Rasse, die keine Ähnlichkeit mit den Pferden von Hippolyt hatte.

Pitou blieb maschinenmäßig stehen, als das Pferd stehen blieb. Man war vor dem Pachthof angekommen.

»Ah! Du bist es, Pitou,« rief ein Mann von mächtiger Gestalt, der ziemlich stolz vor einer Lache aufgepflanzt war, wo er sein Pferd trinken ließ.

»Ei! mein Gott! ja, Herr Billot, ich bin es.«

»Abermals begegnet diesem armen Pitou ein Unglück, sagte Katharine, während sie vom Pferde sprang, ohne sich darum zu bekümmern, ob ihr auffliegender Rock die Farbe ihrer Kniebänder zeigen würde. Seine Tante jagt ihn fort.«

»Und was hat er denn wieder der alten Betschwester gethan?« fragte der Pächter.

»Es scheint, ich bin nicht stark genug im Griechischen,« antwortete Pitou.

Er prahlte, der Geck; im Lateinischen, hätte er sagen müssen.

»Nicht stark genug im Griechischen?« fragte der Mann mit den breiten Schultern, »und warum willst du stark im Griechischen sein?«

»Um den Theokrit zu erklären und die Iliade zu lesen.«

Und wozu würde es dir nützen, den Theokrit zu erklären und die Iliade zu lesen?

»Das würde mir helfen Abbé zu werden.«

»Bah! versetzte Herr Billot; kann ich Griechisch? kann ich Lateinisch? kann ich Französisch? kann ich schreiben? kann ich lesen? Verhindert mich das, zu säen, zu ernten und einzufahren?«

»Ja, doch Sie, Herr Billot, Sie sind nicht Abbé, Sie sind Ackermann, agricola, wie Virgil sagt. O fortunatos nimium  . . .«

»Nun, glaubst du denn, ein Ackermann komme einem Pfaffen nicht gleich, sprich doch, schlimmer Chorknabe, besonders wenn dieser Ackermann sechzig Morgen Land in der Sonne und eintausend Louisd'or im Schatten hat?«

»Man hat mir immer gesagt, Abbé zu sein, sei das beste, was es auf der Welt gebe; es ist wahr,« fügte Pitou auf seine angenehmste Weise lächelnd bei, »ich hörte nicht immer auf das, was man mir sagte.«

»Und das war nicht schlecht, sondern recht. Du siehst, daß ich Verse mache, wenn ich mich damit befasse. Mir scheint, es ist in dir der Stoff, um etwas Besseres zu werden als ein Abbé, und es ist für dich ein Glück, wenn du diesen Stand nicht ergreifst, besonders in diesem Augenblick. Siehst du, in meiner Eigenschaft als Pächter verstehe ich mich auf die Zeit, und die Zeit ist schlecht für die Abbés.«

»Bah!« versetzte Pitou.

»Ja, es wird Sturm geben,« sprach der Pächter. »Glaube also mir. Du bist ehrlich, du bist geschickt.«

Pitou verbeugte sich sehr geehrt, denn zum ersten Male in seinem Leben hatte man ihn geschickt genannt.

»Du kannst also ohne dieses deinen Lebensunterhalt verdienen,« fuhr der Pächter fort.

Während sie die Hühner und die Tauben niedersetzte, horchte Katharine mit Interesse auf das Gespräch, das sich zwischen Pitou und ihrem Vater entsponnen hatte.

»Meinen Lebensunterhalt verdienen?« versetzte Pitou; »das kommt mir schwierig vor.«

»Was kannst du thun?«

»Ich kann Leimruten stellen und Schlingen legen! ich ahme ziemlich gut den Gesang der Vögel nach, nicht wahr, Mademoiselle Katharine?«

»Oh! was das betrifft, das ist wahr, er singt wie ein Fink.«

»Ja, doch dies alles ist noch kein Gewerbe,« erwiderte der Vater Billot.

»Das sage ich ja, beim Blitz!«

»Du fluchst? das ist schon gut.«

»Wie, ich habe geflucht!« rief Pitou; »ich bitte um Verzeihung, Herr Billot.«

»Oh! keine Ursache, das begegnet mir auch zuweilen. Ei! Donner Gottes, fuhr er fort, indem er sich gegen sein Pferd umwandte, willst du ein wenig ruhig sein! diese verteufelten Percherons können doch nicht einen Augenblick still halten. Sprich,« fügte er sodann wieder zu Pitou, »bist du träge?«

»Ich weiß es nicht; ich habe nie etwas anderes getrieben, als Lateinisch und Griechisch, und  . . .«

»Ich muß sagen, das habe ich nicht besonders eifrig angegriffen.«

»Desto besser, das beweist, daß du noch nicht so dumm bist, als ich glaubte.«

Pitou riß die Augen in einer erschrecklichen Dimension auf: es war das erste Mal, daß er diese Ordnung von Ideen bekennen hörte, die alle Theorien, die er bis dahin gehört, umstürzte.

»Ich frage dich,« sagte Billot, »ob du bei der Strapaze träge seist.«

»Oh! bei der Strapaze, das ist etwas anderes, antwortete Pitou; nein, nein, nein, ich würde zehn Meilen machen, ohne müde zu werden.«

»Gut, das ist schon etwas; läßt man dich noch um einige Pfunde abmagern, so kannst du Läufer werden.«

»Abmagern?« versetzte Pitou, während er seine dünne Gestalt, seine langen knochigen Arme und seine langen, pfahlartigen Beine anschaute; »Herr Billot, mir scheint, ich sei schon mager genug.«

»Wahrhaftig, mein Freund,« sagte der Pächter lachend, »du bist ein Schatz.«

Das war ebenfalls das erste Mal, daß man Pitou zu einem so hohen Preis angeschlagen hatte. Er ging auch von einem Erstaunen zum andern über.

»Höre mich,« fuhr der Pächter fort, »ich frage dich, ob du träge bei der Arbeit seist?«

»Bei welcher Arbeit?«

»Bei der Arbeit im Allgemeinen.«

»Ich weiß es nicht; ich habe nie gearbeitet.«

Das Mädchen lachte; doch diesmal nahm der Vater Billot die Sache im Ernst.

»Diese Schufte von Priestern!« rief er, seine dicke Faust gegen die Stadt ausstreckend; »so erziehen sie die Jugend in der Faulenzerei und der Unbrauchbarkeit. Ich frage, wozu kann ein solcher Bursche seinen Brüdern nützen?«

»Oh! nicht zu viel, das weiß ich wohl. Zum Glück habe ich keine Brüder.«

»Keine Brüder? ich meine die Menschen im allgemeinen. Willst du zufällig sagen, es seien nicht alle Menschen Brüder?«

»Oh! doch; überdies steht das im Evangelium.«

»Und gleich?« fuhr der Pächter fort.

»Ah! das ist etwas anderes; wenn ich mit dem Abbé Fortier gleich gewesen wäre, so hätte er mir nicht so oft die Rute und die Schulgeißel gegeben; und wenn ich meiner Tante gleich gewesen wäre, so hätte sie mich nicht fortgejagt.«

»Ich sage dir, daß alle Menschen gleich sind,« sprach der Pächter, »und wir werden das wohl den Tyrannen beweisen.«

»Tyrannis!« rief Pitou.

»Und zum Belege dient, daß ich dich zu mir nehme.«

»Sie nehmen mich zu sich, mein lieber Herr Billot, nicht wahr, um meiner zu spotten, da Sie solche Dinge sagen?«

»Nein. Sprich, was brauchst du, um zu leben?«

»Ei! drei Pfund Brot ungefähr im Tage.«

»Und nebst deinem Brot?«

»Ein wenig Butter oder Käse.«

»Ah! ah! ich sehe, daß du nicht schwer zu ernähren bist. Nun denn! man wird dich ernähren.«

»Herr Pitou, sagte Katharine, haben Sie nichts anderes von meinem Vater zu verlangen?«

»Ich? oh, mein Gott, nein.«

»Und warum sind Sie denn hierher gekommen?«

»Weil Sie kamen.«

»Ah! das ist ganz galant, doch ich nehme das Kompliment nur für das an, was es wert ist. Sie sind gekommen, Herr Pitou, um sich bei meinem Vater nach Ihrem Gönner zu erkundigen.«

»Oh! das ist wahr. Wie drollig! ich hatte das vergessen.«

»Du meinst den würdigen Herrn Gilbert? sagte der Pächter mit einem Ton, der den Grund der tiefen Achtung bezeichnete, die er für seinen Grundherrn hegte.«

»Ganz richtig, erwiderte Pitou, doch ich bedarf seiner nicht mehr, und da Herr Billot mich zu sich nimmt, so kann ich ruhig seine Rückkehr von Amerika abwarten.«

»In diesem Fall wirst du nicht lange zu warten haben, mein Freund, denn er ist zurückgekehrt.«

»Ah!« rief Pitou, »und wann dies?«

»Ich weiß das nicht genau, aber ich weiß, daß er vor acht Tagen in Havre war, denn es steckt dort in meinen Holftern ein Päckchen, das von ihm kommt. Er hat es bei seiner Ankunft, an mich adressiert, und es ist mir heute morgen in Villers-Cotterets zugestellt worden.«

»Wer sagt Ihnen denn, es sei von ihm, mein Vater?«

Es war ja ein Brief in dem Päckchen.

»Entschuldigen Sie, mein Vater,« versetzte lächelnd Katharine, »ich glaubte, Sie könnten nicht lesen. Ich sage Ihnen das, Papa, weil Sie sich rühmen, daß Sie es nicht können!«

»Ja wohl, ich rühme mich dessen! man soll sagen können: »»Der Vater Billot ist niemand etwas schuldig, nicht einmal einem Schulmeister. Der Vater Billot hat sein Glück durch sich selbst gemacht!«« Das soll man sagen können! Ich habe also den Brief nicht gelesen, sondern der Quartiermeister der Gendarmerie, den ich traf.«

»Und was steht in diesem Brief, mein Vater? Nicht wahr, er ist immer noch mit uns zufrieden?«

»Urteile selbst.«

Und der Pächter zog aus seiner ledernen Tasche einen Brief, den er seiner Tochter reichte.

Katharine las:

Mein lieber Herr Billot!

»Ich komme aus Amerika, wo ich ein Volk gefunden habe, das reicher, größer und glücklicher ist, als das unsere. Das rührt davon her, daß es frei ist, während wir es nicht sind. Doch wir gehen auch einer neuen Zeit zu, und jeder muß daran arbeiten, den Tag zu beschleunigen, wo das Licht scheinen wird. Ich kenne Ihre Grundsätze, mein lieber Herr Billot; ich weiß, welchen Einfluß Sie auf die anderen Pächter, und besonders auf die ganze brave Bevölkerung von Arbeitern und Ackerleuten üben, denen Sie nicht als ein König, sondern als ein Vater befehlen. Pflanzen Sie ihnen die Grundsätze der Aufopferung und der Brüderschaft, die ich in Ihnen erkannt habe, ein. Die Philosophie ist allgemein, alle Menschen müssen ihre Rechte und ihre Pflichten beim Scheine ihrer Kerzen lesen. Ich sende Ihnen ein kleines Buch, in dem alle diese Pflichten und alle diese Rechte bezeichnet sind. Das Buch ist von mir, obgleich mein Name nicht auf dem Titel steht. Verbreiten Sie die Grundsätze desselben: es sind die der allgemeinen Gleichheit. Lassen Sie das Buch an den langen Winterabenden vorlesen. Das Lesen ist die Nahrung des Geistes, wie das Brot die Nahrung des Körpers ist.

»An einem dieser Tage werde ich Sie besuchen und Ihnen eine neue Art der Pachtung vorschlagen, die in Amerika sehr üblich ist. Sie besteht darin, daß die Ernte zwischen dem Pächter und dem Grundeigentümer geteilt wird, was mir mehr nach den Gesetzen der Urgesellschaft und besonders nach dem Herzen Gottes zu sein scheint.

Gruß und Brüderschaft.

Honoré Gilbert,
Bürger von Philadelphia.

»Ho! ho!« rief Pitou, »das ist ein Brief, der mir gut abgefaßt zu sein scheint.«

»Nicht wahr?« sagte Billot.

»Ja, mein lieber Vater,« sprach Katharine, »doch ich bezweifle, ob der Gendarmerieleutnant Ihrer Ansicht ist.«

»Und warum dies?«

»Weil meines Dafürhaltens dieser Brief nicht nur den Doktor Gilbert, sondern auch Sie gefährden kann.«

»Bah!« sagte Billot, »du hast immer Angst; nichtsdestoweniger ist hier die Broschüre, und dein Geschäft, Pitou, ist völlig gefunden. Am Abend wirst du lesen.«

»Und am Tage?«

»Am Tage wirst du die Schafe und die Kühe hüten. Hier ist indessen deine Broschüre,« sagte der Pächter.

Und er zog aus seinen Holftern eine von jenen kleinen Broschüren mit roter Decke, wie man sie in großer Anzahl in jener Zeit mit und ohne Erlaubnis der Behörden veröffentlichte.

Nur wagte in letzterem Fall der Verfasser die Galeere.

»Lies mir den Titel hievon, Pitou, damit ich einstweilen vom Titel sprechen kann, bis ich vom Werte spreche. Du wirst mir das übrige später lesen.«

Pitou las auf der ersten Seite die Worte, die der Gebrauch seitdem sehr unbestimmt und sehr unbedeutend gemacht hat, die aber in jener Zeit einen tiefen Widerhall in allen Herzen fanden:

Von der Unabhängigkeit des Menschen und von der Freiheit der Nation.

»Was sagst du dazu, Pitou?« fragte der Pächter.

»Mir scheint, Herr Billot, die Unabhängigkeit und die Freiheit, das ist dasselbe; mein Gönner wäre von Herrn Fortier wegen dieses Pleonasmus aus der Schule gejagt worden.«

»Pleonasmus oder nicht, dieses Buch ist das eines Mannes,« erwiderte der Pächter.

»Gleichviel, mein Vater,« sagte Katharine mit jenem wunderbaren Instinkt der Frauen, »ich bitte Sie inständig, verbergen Sie es. Ich weiß, daß ich zittere, wenn ich es nur sehe.«

»Und warum soll es mir schaden, wenn es seinem Verfasser nicht geschadet hat?«

»Was wissen Sie davon, mein Vater; dieser Brief ist vor acht Tagen geschrieben worden, und das Päckchen konnte nicht acht Tage brauchen, um von Havre hierherzukommen. Ich habe heute morgen auch einen Brief erhalten.«

»Von wem?«

»Von Sebastian Gilbert, der uns seinerseits schreibt; er beauftragt mich sogar, viele Dinge seinem Milchbruder Pitou zu sagen; ich hatte den Auftrag vergessen.«

»Nun?«

»Nun, er schreibt, seit drei Tagen erwarte man in Paris seinen Vater, der ankommen sollte und nicht ankommt.«

»Die Mademoiselle hat recht,« sagte Pitou, »mir scheint, dieser Verzug ist beunruhigend.«

»Schweige, Furchtsamer, und lies die Abhandlung, des Doktors,« rief der Pächter; »dann wirst du nicht nur ein Gelehrter, sondern auch ein Mensch werden.«

Man sprach so in jener Zeit, denn man war bei der Vorrede von jener großen griechischen und römischen Geschichte, welche die französische Nation, zehn Jahre hindurch in allen ihren Phasen: Aufopferungen, Ächtungen, Siegen und Sklaverei, kopierte.

Pitou schob das Buch mit einer so feierlichen Geberde unter den Arm, daß er vollends das Herz des Pächters gewann.

»Sage nun, hast du zu Mittag gegessen?« fragte Billot,

»Nein, Herr,« antwortete Pitou, die halb religiöse, halb heroische Stellung behauptend, die er, seitdem er das Buch empfangen, angenommen hatte.

»Er wollte eben essen, als er fortgejagt wurde,« sagte das Mädchen.

»Nun denn!« sprach der Pächter, »verlange von der Mutter Billot die Kost des Pachthofes, und morgen wirst du deine Funktionen antreten.«

Pitou dankte mit einem beredten Blick Herrn Billot und trat, geführt von Katharine, in die Küche ein, welcher Teil des Hauses unter der unumschränkten Herrschaft von Frau Billot stand.

VI.
Hirtengedichte

Frau Billot war eine dicke Mama von fünfunddreißig bis sechsunddreißig Jahren, kugelrund, frisch, fleischig, herzlich; sie trabte ohne Unterschied vom Taubenhaus zum Hühnerhaus, vom Schafstall zum Kuhstall, inspizierte ihre Öfen, ihre Kessel und ihren Braten, beurteilte mit einem einzigen Blick, ob alles an seinem Platze stand, und nach dem Geruch allein, ob Thymian und Lorbeer in den Kasserollen in genügender Quantität verteilt waren; brummte aus Gewohnheit, aber ohne die entfernte Absicht, daß ihnen ihre Brummerei unangenehm sein sollte, gegen ihren Mann, den sie ehrte, wie den höchsten Potentaten, ihre Tochter und gegen ihre Taglöhner, die sie speiste, wie keine Pächterin auf zehn Meilen in der Runde die ihrigen speiste. Es fand sehr große Konkurrenz statt, um bei Herrn Billot unterzukommen. Aber auch hier waren leider, wie im Himmel, im Vergleich zu denen, die erschienen, viele Berufene und wenig Auserwählte.

Wir haben gesehen, daß Pitou, ohne berufen zu sein, auserwählt worden war. Das war ein Glück, das er zu seinem wahren Wert schätzte, besonders als er das goldgelbe Brot sah, das man zu seiner Linken legte, den Äpfelmostkrug, den man zu seiner Rechten stellte, und das Stück gesalzene Fleisch, das man ihm vorsetzte. Seit der Zeit, wo er seine arme Mutter verloren, und das war fünf Jahre her, hatte Pitou selbst an Festtagen keine solche Kost genossen.

Voll Dankbarkeit fühlte auch Pitou in demselben Maße, in dem er das Brot verschluckte und das gesalzene Fleisch mit einem reichlichen Aufguß von Äpfelmost befeuchtete, seine Bewunderung für den Pächter, seine Achtung für dessen Frau und seine Liebe für ihre Tochter zunehmen. Ein einziger Umstand quälte ihn: das war die demütigende Funktion, der zufolge er am Tage die Schafe und die Kühe hüten sollte, eine Funktion, die so wenig im Einklang mit der stand, welche ihm für den Abend vorbehalten war und die Belehrung der Menschheit über die erhabensten Grundsätze der Gesellschaft und der Philosophie zum Zwecke hatte. Pitou träumte davon nach seinem Mittagessen, doch selbst in dieser Träumerei machte sich der Einfluß des vortrefflichen Mahles fühlbar. Pitou sing an, die Dinge unter einem ganz andern Gesichtspunkte zu betrachten, als er dies nüchtern gethan hatte. Die Funktionen eines Schäfers und Kuhhirten, die er als so sehr unter seiner Person ansah, waren von Göttern und Halbgöttern verrichtet worden.

In einer der seinigen ungefähr ähnlichen Lage, nämlich von Jupiter aus dem Olymp weggejagt, wie er, Pitou, durch seine Tante Angélique vom Pleux weggejagt worden, hat sich Apollo zum Hirten gemacht und die Herden von Admetos gehütet; allerdings war Admetos ein König-Hirte, Apollo war aber auch ein Gott.

Herkules war etwas wie Kuhhirte gewesen, da er, wie die Mythologie sagt, die Kühe von Geryon am Schweif gezogen; und ob man die Kühe am Schweif oder am Kopf führt, das ist ein Unterschied in den Gewohnheiten von demjenigen, welcher sie führt, und nichts anderes; im ganzen bleibt er immer ein Kuhführer oder Kuhhirte.

Mehr noch, jener von Virgil erwähnte Titerus, der am Fuße einer Buche liegt und sich in so schönen Versen zu der Ruhe, die ihm Augustus bereitet hat. Glück wünscht, war auch ein Schäfer. Ferner war ein Schäfer jener Mecibeus, der sich so poetisch darüber beklagt, daß er seinen Herd verlassen soll.

Sicherlich sprachen alle diese Leute gut genug Lateinisch, um Abbés zu werden, und dennoch wollten sie lieber ihre Ziegen den bittern Geißklee abweiden sehen, als Messe lesen oder Vesper singen. Es mußte also, im ganzen genommen, der Stand eines Hirten auch seine Reize haben. Wer hielt übrigens Pitou ab, ihm die Würde und die Poesie zurückzugeben, die er verloren? Wer hielt Pitou ab, den Palämons und Menalkes der umliegenden Dörfer Gesangskämpfe vorzuschlagen? Niemand. Sicherlich hatte Pitou mehr als einmal auf dem Chor gesungen, und wenn er nicht von dem Abbé Fortier, der ihn sogleich mit seiner gewöhnlichen Strenge der Würde als Chorknabe entsetzte, beim Austrinken des Weines der Meßkännchen ertappt worden wäre, so konnte ihn dieses Talent weit führen. Er verstand es allerdings nicht, die Hirtenflöte zu blasen, aber er wußte in allen Tonarten das Röhrchen zu spielen, was sich ungemein gleichen mußte. Er schnitt zwar seine Flöte nicht selbst aus Röhren von ungleicher Größe, aber aus Zweigen vom Lindenbaum und vom Kastanienbaum machte er Pfeifen, deren Vollkommenheit ihm den Beifall seiner Kameraden eintrug. Pitou konnte also Schäfer sein, ohne sich zu sehr herabzuwürdigen; er stieg zu diesem in neuerer Zeit schlecht geschätzten Stande nicht herab, er hob ihn vielmehr zu sich hinauf.

Überdies waren die Schäfereien unter die Leitung von Mademoiselle Billot gestellt, und Befehle aus dem Munde Katharinens erhalten, hieß nicht Befehle erhalten.

Doch Katharine wachte ihrerseits über der Würde von Pitou.

Als an demselben Abend der junge Mann auf sie zutrat und sie fragte, um welche Stunde er abgehen müsse, um mit den Schäfern zusammenzutreffen, antwortete Katharine lächelnd:

»Sie werden nicht abgehen.«

»Warum nicht?« fragte Pitou erstaunt.

»Ich habe meinem Vater begreiflich gemacht, die Erziehung, die Sie erhielten, stelle Sie über die Beschäftigung, die er Ihnen zugeschieden. Sie werden im Pachthofe bleiben.«

»Ah! desto besser,« rief Pitou; »somit werde ich Sie nicht verlassen.«

Der Ausruf war dem naiven Pitou entschlüpft. Doch er war nicht so bald aus seinem Munde, als ihm die Röte bis über die Ohren stieg, während Katharine ihrerseits den Kopf senkte und lächelte.

»Ach! verzeihen Sie, das ist mir unwillkürlich aus dem Herzen gekommen. Sie dürfen mir darum nicht grollen,« sagte Pitou.

»Ich grolle Ihnen auch nicht, Herr Pitou,« erwiderte Katharine, »es ist nicht Ihre Schuld, wenn Sie ein Vergnügen daran finden, bei mir zu bleiben.«

Hier trat ein kurzes Stillschweigen ein. Darüber darf man sich nicht wundern; die zwei armen Kinder hatten sich so viele Dinge in so wenig Worten gesagt!

»Aber ich kann nicht im Pachthofe bleiben, ohne hier etwas zu thun. Was werde ich im Pachthofe thun?« fragte Pitou.

»Sie werden thun, was ich that. Sie werden die Schreibereien, die Abrechnungen mit den Taglöhnern besorgen, die Einnahmen und Ausgaben verzeichnen. Sie können doch rechnen, nicht wahr?«

»Ich weiß meine vier Regeln,« antwortete Pitou stolz.

»Also eine mehr als ich,« sagte Katharine. »Ich habe es nie über die dritte bringen können. Sie sehen wohl, mein Vater wird dabei gewinnen, daß er Sie als Rechnungsführer hat; und da ich meinerseits dabei gewinnen werde, und da Sie Ihrerseits dabei gewinnen werden, so wird alle Welt gewinnen«.

»Und was gewinnen Sie dabei, Mademoiselle Katharine?« fragte Pitou.

»Ich gewinne dabei Zeit, und während dieser Zeit werde ich mir Hauben machen, um hübscher zu sein.«

»Ah!« rief Pitou, »ich finde Sie schon sehr hübsch ohne Haube.«

»Wohl möglich! doch das ist Ihr eigentümlicher Geschmack,« erwiderte lachend das Mädchen. Übrigens kann ich am Sonntag nicht in Villers-Cotterets tanzen, ohne eine Art von Haube auf dem Kopfe zu haben. Das ist gut für die vornehmen Damen, die Puder zu nehmen und mit bloßem Kopfe zu gehen berechtigt sind.«

»Ich finde Ihre Haare schöner, als wenn sie Puder hätten.«

»Ah! ah! ich sehe, Sie sind gekommen, um mir Komplimente zu machen.«

»Nein, Mademoiselle Katharine, das verstehe ich nicht. Beim Abbé Fortier hat man das nicht gelernt.«

»Hat man dort tanzen gelernt?«

»Tanzen?« fragte Pitou erstaunt.

»Ja, tanzen.«

»Tanzen, beim Abbé Fortier? Jesus! Mademoiselle Katharine, ah! ja wohl, tanzen!«

»Also können Sie nicht tanzen?«

»Nein.«

»Nun! so werden Sie mich am nächsten Sonntag zum Tanze begleiten und zusehen, wie Herr von Charny tanzt; er tanzt am besten von allen jungen Leuten der Umgegend.«

»Wer ist das, Herr von Charny?«

»Er ist der Eigentümer des Schlosses Boursonne.«

»Er wird also am Sonntag tanzen?«

»Gewiß.«

»Und mit wem?«

»Mit mir.«

Das Herz von Pitou schnürte sich zusammen, ohne daß er wußte, warum.

»Also um mit ihm zu tanzen, wollen Sie sich schön machen?«

»Um mit ihm zu tanzen, um mit den anderen zu tanzen, um mit aller Welt zu tanzen.«

»Mit mir ausgenommen.«

»Und warum nicht mit Ihnen?«

»Weil ich nicht zu tanzen verstehe.«

»Sie werden es lernen.«

»Ah! wenn Sie es mir zeigen wollten, Sie, Mademoiselle Katharine, so würde ich es viel besser lernen, als wenn ich Herrn von Charny zuschaue, das versichere ich Sie.«

»Wir werden sehen,« sagte Katharine; »mittlerweile ist es Zeit, zu Bette zu gehen; gute Nacht, Pitou.«

»Gute Nacht, Mademoiselle Katharine.«

Es war Gutes und Schlimmes in dem, was Katharine Pitou gesagt hatte: das Gute, daß er von der Stelle eines Hirten zu der eines Buchhalters erhoben worden war; das Schlimme, daß er nicht tanzen konnte, während es Herr von Charny konnte; nach der Aussage von Katharine tanzte dieser sogar besser als alle anderen.

Pitou träumte die ganze Nacht, er sähe Herrn von Charny tanzen, und er tanze sehr schlecht.

Am andern Tage ging Pitou unter der Leitung von Katharine ans Geschäft; da fiel ihm eines auf: wie nämlich das Studieren bei gewissen Lehrern eine sehr angenehme Sache ist. Nach zwei Stunden war er vollkommen in seiner Arbeit bewandert.

»Ah! Mademoiselle Katharine,« sagte er, »wenn Sie mich das Lateinische gelehrt hätten, statt daß es der Abbé Fortier that, ich glaube, ich hätte keine Barbarismen gemacht.«

»Und Sie wären Abbé geworden?«

»Und ich wäre Abbé geworden.«

»Somit hätten Sie sich in ein Seminar eingeschlossen, in das nie eine Frau hätte kommen können?«

»Ah!« rief Pitou, »daran habe ich nie gedacht, Mademoiselle Katharine  . . . ich will lieber nicht Abbé sein.«

Um neun Uhr kam der Vater Billot zurück; er war weggegangen, ehe sich Pitou von seinem Lager erhoben hatte. Jeden Morgen um drei Uhr beaufsichtigte der Pächter persönlich den Abgang seiner Pferde und seiner Fuhrleute; dann lief er bis um neun Uhr auf den Feldern umher, um zu sehen, ob jedermann an seinem Posten sei, und ob alle ihre Arbeit verrichteten; um neun lehrte er zum Frühstück zurück, um zehn Uhr begab er sich abermals von Hause weg; um ein Uhr aß man zu Mittag, und der Nachmittag, wie die Stunden des Vormittags, war der Beaufsichtigung gewidmet. Die Geschäfte des Vaters Billot gingen auch vortrefflich. Er besaß, wie er gesagt hatte, seine sechzig Morgen in der Sonne und eintausend Louisd'or im Schatten,

Beim Frühstück eröffnete der Pächter Pitou, die erste Vorlesung des Werkes von Doktor Gilbert werde in zwei Tagen in der Scheune, um zehn Uhr morgens, stattfinden.

Pitou bemerkte hierauf schüchtern, zehn Uhr morgens sei die Stunde der Messe; aber der Pächter erwiderte, er habe gerade diese Stunde gewählt, um seine Arbeiter auf die Probe zu stellen.

Der Vater Billot war, wie gesagt, Philosoph.

Er haßte die Priester als Apostel der Tyrannei, und fand er eine Gelegenheit, Altar gegen Altar zu errichten, so ergriff er sie voll Eifer.

Frau Billot und Katharine wagten auch einige Bemerkungen; doch der Pächter erwiderte, die Frauen werden in die Messe gehen, wenn sie wollen, in Betracht, daß die Religion für die Weiber gemacht sei; was aber die Männer betreffe, so sollen sie die Vorlesung des Werkes vom Doktor anhören, oder bei ihm austreten.

Der Philosoph Billot war sehr Despot in seinem Hause; Katharine allein hatte das Vorrecht, die Stimme gegen seine Entscheidungen zu erheben; waren aber diese Entscheidungen dergestalt im Geiste des Pächters festgestellt, daß er Katharine antwortete mit finsterer Stirne, so schwieg diese wie die andern.

Nur gedachte Katharine aus den Umständen Nutzen für Pitou zu ziehen. Während sie vom Tische aufstand, bemerkte sie ihrem Vater, um alle die schönen Dinge vorzutragen, die er am zweiten Tage zu sagen habe, sei Pitou sehr ärmlich gekleidet; er spiele die Rolle des Lehrers, der da unterrichte, und der Lehrer dürfe nicht vor seinen Schülern zu erröten haben.

Billot bevollmächtigte seine Tochter, über die Kleidung von Pitou mit Herrn Dulauroy, dem Schneider von Villers-Cotterets, übereinzukommen.

Katharine hatte recht, und eine neue Kleidung war keine Sache des Luxus für den armen Pitou: er trug immer noch die Hosen, die ihm fünf Jahre vorher der Doktor Gilbert hatte machen lassen, die von zu lang zu kurz geworden waren, aber sich, das ist nicht zu leugnen, durch die Sorge von Mademoiselle Angélique um zwei Zoll jährlich verlängert hatten. Was den Rock und die Weste betrifft, so waren diese Kleidungsstücke seit mehr als zwei Jahren verschwunden und durch den serschenen Kittel ersetzt worden, mit dem unser Held schon in den ersten Kapiteln dieser Geschichte vor den Augen unserer Leser erschienen ist.

Pitou hatte nie an seinen Anzug gedacht. Der Spiegel war etwas Unbekanntes bei Mademoiselle Angélique, und da er nicht wie der schöne Narcissus die Urneigung hatte, in sich selbst verliebt zu werden, so war es ihm auch nie eingefallen, sich in den Quellen, an denen er seine Ruten stellte, zu beschauen.

Doch seit dem Augenblick, wo ihm Katharine gesagt hatte, er könne sie zum Tanze begleiten, seit dem Augenblick, wo von Herrn von Charny, dem eleganten Kavalier, die Rede gewesen, seit der Stunde, wo die Geschichte mit den Hauben, auf die Katharine, um ihre Schönheit zu vermehren, rechnete, in das Ohr von Pitou gedrungen war, hatte Pitou in einen Spiegel geschaut und sich betrübt über den Verfall seiner Kleidung gefragt, auf welche Art auch er seine natürlichen Vorzüge etwas erhöhen könnte.

Leider war Pitou nicht imstande gewesen, sich auf diese Frage eine Antwort zu geben. Der Verfall seiner Kleidung beruhte auf ihrem Alter, um aber neue zu bekommen, mußte man Geld haben, und Pitou hatte in seinem Leben keinen Pfennig besessen.

Wohl hatte Pitou die Hirten, wenn sie sich um den Preis der Flöte oder der Verse stritten, sich mit Rosen bekränzen sehen; doch er dachte mit Recht, dieser Kranz, so gut er ihm auch zu Gesichte stehen dürfte, würde nur noch mehr die Armut seiner übrigen Kleidung hervorheben.

Pitou war also äußerst angenehm überrascht, als am Sonntag um acht Uhr morgens, während er über die Mittel, seine Person zu verschönern, nachsann, Herr Dulauroy eintrat und auf einen Stuhl einen Rock und himmelblaue Hosen nebst einer großen weißen, rosa gestreiften Weste legte.

Zu gleicher Zeit trat die Näherin ein und legte auf einen andern Stuhl ein Hemd und eine Halsbinde; paßte das Hemd gut, so hatte sie Befehl, ein halbes Dutzend zu machen.

Es war die Stunde der Ueberraschungen: hinter der Nähterin erschien der Hutmacher. Er brachte einen kleinen Dreispitz von der neuesten Form, voll Eleganz, kurz das beste, was man bei Herrn Corau, dem ersten Hutmacher von Villers-Cotterets verfertigte.

Es hatte überdies der Schuster den Auftrag, für Pitou ein Paar Schuhe mit silbernen Schnallen anzufertigen.

Pitou erholte sich nicht von seinem Erstaunen, er konnte nicht glauben, alle diese Reichtümer seien für ihn. In seinen übertriebensten Träumen hätte er es nicht gewagt, sich eine solche Garderobe zu wünschen. Thränen der Dankbarkeit befeuchteten seine Augenlider, und er vermochte nur die Worte zu murmeln: Oh! Mademoiselle Katharine, Mademoiselle Katharine, ich werde nie vergessen, was Sie für mich thun!

Alles dies ging ganz vortrefflich, als ob man das Maß an Pitou genommen hätte; nur die Schuhe fanden sich um die Hälfte zu klein. Herr Lautereau, der Schuster, hatte das Maß am Fuße seines Sohnes genommen, der vier Jahre älter war, als Pitou.

Dieser Vorzug von Pitou vor dem jungen Lautereau machte einen Augenblick unsern Helden stolz; doch die Bewegung des Stolzes war bald gemäßigt durch den Gedanken, er werde genötigt sein, ohne Schuhe zu dem Tanze zu gehen, oder mit seinen alten Schuhen, die durchaus nicht mehr zu seinem übrigen Anzug paßten. Doch diese Besorgnis war von kurzer Dauer: ein Paar Schuhe, das man zu gleicher Zeit dem Vater Billot schickte, machte die Sache ab. Es fand sich zum Glück, daß der Vater Billot und Pitou denselben Fuß hatten, was man sorgfältig, aus Furcht, ihn zu demütigen, vor dem Vater Billot verbarg.

Während Pitou damit beschäftigt war, diese kostbare Kleidung anzuziehen, trat der Friseur ein. Er teilte die gelben Haare von Pitou in drei Massen: die eine, und das war die stärkste, sollte unter der Form eines Zopfes auf seinen Rock herabfallen; die zwei anderen hatten die Bestimmung, die zwei Schläfen zu bekleiden, und zwar unter dem wenig poetischen Namen Hundsohren; doch was ist da zu sagen, das war einmal der Name.

Als Pitou gekämmt, frisiert, mit seinem blauen Rock und seinen blauen Hosen, mit seiner rosa Weste und seinem Jabot-Hemde, mit seinem Zopf und seinen Hundsohren sich im Spiegel betrachtete, hatte er große Mühe, sich selbst zu erkennen, und er wandte sich um, um zu sehen, ob nicht Adonis in Person auf die Erde herabgestiegen wäre.

Er war allein. Er lächelte sich freundlich zu und, den Kopf hoch, die Daumen in den Hosentaschen, sagte er zu sich selbst, indem er sich auf den Zehen erhob:

»Wir werden diesen Herrn von Charny sehen!  . . .«

Es ist wahr, daß Ange Pitou in seiner neuen Tracht nicht einem Schäfer von Virgil, wohl aber einem Schäfer von Watteau glich, wie sich zwei Wassertropfen gleichen.

Der erste Schritt, den Pitou bei seinem Eintritte in die Küche that, war auch ein Triumph.

»Ah! sehen Sie doch, Mama,« rief Katharine, »wie hübsch er ist!«

»Er ist allerdings nicht zu erkennen,« sagte Frau Billot.

Zum Unglück ging Katharine von der Gesamtheit, die das Mädchen angenehm berührt hatte, zu den Einzelheiten über. Pitou war minder hübsch in den Einzelheiten, als in der Gesamtheit

»Oh! wie drollig!« rief Katharine, »was für große Hände haben Sie!«

»Ja,« sagte Pitou, »nicht wahr, ich habe tüchtige Hände.«

»Und große Kniee.«

»Das ist ein Beweis, daß ich wachsen soll.«

»Aber mir scheint, Sie sind schon sehr groß, Herr Pitou.«

»Ich werde immerhin wachsen, denn ich bin erst siebenzehn und ein halbes Jahr alt.«

»Und keine Waden.«

»Ah! das ist wahr, durchaus keine; doch sie werden kommen.«

»Man muß es hoffen,« sagte Katharine. »Gleichviel, Sie sind sehr hübsch.«

Pitou verbeugte sich.

»Oho!« rief der Pächter, der nun eintrat und Pitou ebenfalls betrachtete. »Wie stattlich bist du nun, mein Junge! Ich möchte wohl, daß deine Tante Angélique dich sehen würde.«

»Ich auch,« sagte Pitou.

»Ich wäre begierig, zu wissen, was sie sagen würde,« versetzte der Pächter.

»Sie würde nichts sagen, sie würde wüten.«

»Aber, Papa,« sprach Katharine mit einer gewissen Besorgnis, »hätte sie nicht das Recht, ihn zurückzunehmen?«

»Da sie ihn fortgejagt hat!«

»Und dann sind die fünf Jahre abgelaufen,« sagte Pitou.

»Welche Jahre?« fragte Katharine.

»Die, für welche der Doktor Gilbert tausend Franken hinterlegt hatte.«

»Er hatte also tausend Franken für deine Tante hinterlegt?«

»Ja, ja, ja, um mich in eine Lehre zu schicken.«

»Das ist ein Mann!« rief der Pächter. »Wenn man bedenkt, daß ich alle Tage Aehnliches erzählen höre! Für ihn auch, er machte eine Gebärde mit der Hand, auf Leben und Tod!«

»Er wollte, daß ich ein Gewerbe lerne,« sagte Pitou.

»Und er hatte recht. So werden die guten Absichten vereitelt. Man hinterlegt tausend Franken, um einen Knaben ein Gewerbe lehren zu lassen, und statt ihn ein Gewerbe zu lehren, bringt man ihn zu einem Pfaffen, der einen Seminaristen aus ihm machen will. Und wie viel bezahlte sie deinem Abbé Fortier?«

»Wer?«

»Deine Tante.«

»Sie bezahlte ihm nichts.«

»Also steckte sie die zweihundert Livres des guten Herrn Gilbert ein?«

»Wahrscheinlich.«

»Höre, soll ich dir einen guten Rat geben, Pitou, so rate ich dir, wenn deine alte bigotte Tante abfährt, überall wohl nachzuschauen, in den Schränken, in den Strohsäcken, in den Gurkenhäfen.«

»Warum?« fragte Pitou.

»Siehst du, weil du in einem wollenen Strumpf einen Schatz finden wirst. Ei! gewiß, denn sie wird keine Börse gefunden haben, die groß genug gewesen wäre, um ihre Ersparnisse darin unterzubringen.«

»Sie glauben?«

»Ich bin fest davon überzeugt. Doch wir werden zu geeigneter Zeit hievon sprechen  . . . Hast du das Buch von Doktor Gilbert?«

»Ich habe es hier in meiner Tasche.«

»Mein Vater,« sagte Katharine, »haben Sie wohl überlegt?«

»Es bedarf keiner Ueberlegung, um gute Dinge zu thun, mein Kind,« erwiderte der Pächter; »der Doktor hat mir gesagt, ich soll das Buch lesen lassen, die Grundsätze, die es enthält, verbreiten; das Buch wird gelesen, und die Grundsätze werden verbreitet werden.«

»Und,« fragte Katharine schüchtern, »wir können in die Messe gehen, meine Mutter und ich?«

»Geht in die Messe,« antwortete Billot; »ihr seid Weiber, wir sind Männer, das ist etwas anderes; komm, Pitou.«

Pitou grüßte Frau Billot, und Katharine und folgte dem Pächter, ganz stolz darauf, daß man ihn einen Mann nannte.

VII.
Worin nachgewiesen ist, daß lange Beine, wenn sie auch ein wenig beim Tanzen beschwerlich werden, doch sehr nützlich beim Laufen sind

Es war zahlreiche Versammlung in der Scheune. Billot stand, wie gesagt, in großer Achtung bei seinen Leuten, in Betracht, daß er sie oft schalt, aber sehr gut nährte und sehr gut bezahlte.

Es hatte sich auch jeder beeifert, seiner Einladung Folge zu leisten.

Ueberdies war zu jener Zeit unter dem Volke das seltsame Fieber im Umlauf, das die Nationen erfaßt, wenn sie zur Arbeit zu schreiten im Begriffe sind. Sonderbare, neue, beinahe unbekannte Worte kamen aus dem Munde vieler Leute, die sie nie ausgesprochen hatten. Das waren die Worte Freiheit, Unabhängigkeit, Emanzipation, und seltsamerweise hörte man nicht nur unter dem Volke solche Worte aussprechen; nein, diese Worte waren vom Adel zuerst ausgesprochen worden, und die Stimme, die ihnen antwortete, war nur ein Echo.

Vom Westen war das Licht gekommen, das leuchten sollte, bis es brennen würde. In Amerika hatte sich die Sonne erhoben, die ihren Lauf vollbringend, aus Frankreich einen weiten Brand machen sollte, bei dessen Schein die erschrockenen Nationen das Wort »Republik«, mit blutigen Buchstaben geschrieben, lesen würden.

Diese Versammlungen, in denen man sich mit politischen Angelegenheiten beschäftigte, waren auch minder selten, als man glauben dürfte. Männer, von denen man nicht wußte, woher sie gekommen, Apostel eines unsichtbaren Gottes und beinahe unbekannt, liefen in den Städten und auf dem Lande umher und streuten überall Freiheitsworte aus. Bis dahin blind, fing die Regierung an, die Augen zu öffnen. Diejenigen, welche an der Spitze der großen Maschine standen, die man die öffentliche Sache nennt, fühlten gewisse Räder lahm werden, ohne daß sie begreifen konnten, woher das Hindernis kam. Die Opposition war überall in den Geistern, wenn sie noch nicht in den Armen und in den Händen war, unsichtbar, aber gegenwärtig, untastbar, aber bedrohlich und zuweilen um so bedrohlicher, als sie ungreifbar war und man sie erriet, ohne sie erdrücken zu können.

Zwanzig bis fünfundzwanzig Bauern, alle von Billot abhängig, waren in der Scheune versammelt.

Billot trat, gefolgt von Pitou, ein. Alle Häupter neigten sich, alle Hüte bewegten sich. Man begriff, daß alle diese Menschen bereit waren, sich auf einen Befehl des Herrn töten zu lassen.

Der Pächter erklärte den Bauern, die Broschüre, die Pitou ihnen vorlesen werde, sei das Werk des Doktors Gilbert. Der Doktor Gilbert war sehr bekannt im ganzen Kanton, wo er mehrere Güter hatte, unter denen die Pachtung von Billot das bedeutendste war.

Ein Faß stand für den Leser bereit. Pitou bestieg diese improvisierte Tribüne und begann seine Vorlesung.

Es ist zu bekannt, daß diese Leute aus dem Volk mit um so größerer Aufmerksamkeit zuhören, je weniger sie begreifen. Offenbar entging der allgemeine Sinn der Broschüre den klarsten Geistern der bäuerischen Versammlung und Billot selbst. Doch mitten aus dieser dunkeln Phraseologie zuckten, wie die Blitze an einem dunkeln, mit Elektrizität beladenen Himmel, die leuchtenden Worte: Unabhängigkeit, Freiheit und Gleichheit hervor. Mehr brauchte es nicht; der Beifallssturm brach los; von allen Seiten erscholl der Ruf: Es lebe der Doktor Gilbert! Ungefähr das drittel der Broschüre war gelesen worden; man beschloß, sie an drei Sonntagen zu lesen.

Die Zuhörer wurden eingeladen, sich am darauf folgenden Sonntag zu versammeln, und jeder versprach, zu erscheinen.

Pitou hatte sehr gut gelesen. Nichts ermuntert so sehr, wie der günstige Erfolg. Der Vorleser nahm seinen Teil von dem dem Werke gespendeten Beifall, und Billot, der selbst diesem gegenseitigen Einfluß unterlag, fühlte in seinem Innern eine gewisse Achtung für den Zögling des Abbés Fortier entstehen. In körperlicher Hinsicht schon übermäßig groß, war Pitou moralisch um zehn Ellen gewachsen.

Ein einziges fehlte ihm: Mademoiselle Katharine hatte seinem Triumphe nicht beigewohnt.

Doch entzückt über die Wirkung, welche die Broschüre des Doktors hervorgebracht, beeilte sich der Vater Billot diesen günstigen Erfolg seiner Frau und seiner Tochter mitzuteilen. Frau Billot antwortete nichts, das war ein kurzsichtiges Weib, Katharine aber lächelte traurig.

»Nun! was hast du wieder?« fragte der Pächter.

»Mein Vater! mein Vater!« rief Katharine, »ich befürchte, Sie gefährden sich.«

»Ah! willst du nicht den Unglücksvogel machen? Ich bemerke dir, daß mir die Lerche lieber ist, als die Nachteule.«

»Mein Vater, man hat mir schon gesagt, ich möge Sie warnen, denn Sie werden beobachtet.«

»Und wer hat dir das gesagt?«

»Ein Freund.«

»Ein Freund? Jeder Rat verdient Dank. Du wirst mir den Namen dieses Freundes nennen. Wer ist es, sprich?«

»Ein Mann, der gut unterrichtet sein muß.«

»Wer denn?«

»Herr Isidor von Charny.«

»In was mischt er sich, dieser Stutzer? warum giebt er mir Ratschläge über meine Denkungsart? Gebe ich ihm einen Rat über die Art, wie er sich kleidet? Mir scheint, es wäre doch ebensoviel auf der einen wie auf der andern Seite zu sagen.«

»Mein Vater, ich sage Ihnen das nicht, um Sie zu ärgern. Der Rat ist in guter Absicht gegeben worden.«

»Wohl! ich werde denselben durch einen andern erwidern, und du kannst ihn in meinem Auftrag ausrichten.

»Sprechen Sie!«

»Er und seine Standesgenossen mögen auf sich acht geben; man schüttelt sie ganz sonderbar in der Nationalversammlung, die Herren Adeligen, und mehr als einmal ist von den Günstlingen und Günstlinginnen die Rede gewesen. Das mag sich sein Bruder, Herr Olivier von Charny merken, der dort ist und gar nicht schlecht mit der Österreicherin stehen soll.«

»Mein Vater,« sagte Katharine, »Sie haben mehr Erfahrung als wir, handeln Sie nach Ihrem Gefallen.«

»In der That,« murmelte Pitou, »den der günstige Erfolg seiner Vorlesung mit Vertrauen erfüllt hatte, worein mischt sich denn Herr Isidor?«

Katharine hörte nicht, oder sie stellte sich, als hörte sie nicht, und das Gespräch hatte damit ein Ende.

Das Mittagessen fand wie gewöhnlich statt. Nie war Pitou ein Mahl länger vorgekommen. Es drängte ihn, sich in seinem neuen Glanze, mit Mademoiselle Katharine am Arm, zu zeigen. Dieser Sonntag war ein großer Tag für ihn, und er gelobte sich, das Datum des dreizehnten Juli wohl im Kopfe zu behalten.

Man ging endlich gegen drei Uhr ab. Katharine sah reizend aus. Sie war eine hübsche Blondine mit schwarzen Augen, schlank und biegsam wie die Weiden, welche die kleine Quelle beschatteten, aus der man das Wasser für den Pachthof schöpfte. Sie war überdies mit jener natürlichen Koketterie gekleidet, die alle Reize des Weibes hervorhebt, und ihre von ihr selbst verfertigte Haube stand ihr vortrefflich.

Der Tanz begann gewöhnlich um sechs Uhr. Vier Spielleute, die auf einer Estrade von Brettern saßen, machten gegen eine Bezahlung von drei Sous für den Kontretanz die Honneurs dieses Ballsaales in freier Luft. In Erwartung der sechsten Stunde ging man in der bekannten Seufzerallee spazieren, von der die Tante Angélique gesprochen hatte, oder man schaute den jungen Herren der Stadt oder der Umgegend zu, die unter der Direktion von Varolet, dem Oberballmeister von Seiner Hoheit Monseigneur dem Herzog von Orleans, Ball spielten. Herr Varolet wurde für ein Orakel gehalten, und seine Entscheidungen in allen Fällen des Ballspiels nahm man mit der ganzen Verehrung auf, die man seinem Alter und seinem Verdienste schuldig war.

Ohne genau zu wissen, warum, hätte Pitou in der Seufzerallee zu bleiben gewünscht; doch nicht um im Schatten dieser doppelten Buchenreihe zu bleiben, hatte Katharine die glänzende Toilette gemacht, die Pitou so sehr mit Bewunderung erfüllte.

Die Frauen sind wie die Blumen, die der Zufall im Schatten hat wachsen lassen; sie streben unablässig nach dem Licht, und auf die eine oder die andere Weise muß ihre frische, balsamisch duftende Krone sich in der Sonne öffnen, die sie welk macht und verzehrt.

Katharine zog so lange und kräftig am Arm von Pitou, daß man den Weg zum Ballspiel einschlug. Pitou ließ sich indessen nicht zu sehr am Arm ziehen. Er hatte ebenso große Eile, seinen himmelblauen Rock und seinen zierlichen Dreispitz zu zeigen, als Katharine ihre Haube à la Galetée und ihren taubenhalsfarbenen Leib zur Schau zu stellen.

Eines schmeichelte besonders unserem Helden und gab ihm einen augenblicklichen Vorzug vor Katharine. Da ihn niemand erkannte, denn Pitou war nie in so prächtigen Kleidern gesehen worden, so hielt man ihn für einen jungen Fremden, für einen Neffen, für einen Vetter der Familie Billot, für einen Bräutigam von Katharine sogar. Doch Pitou war zu viel daran gelegen, seine Identität darzuthun, als daß der Irrtum lange währen konnte. Er nickte soviel seinen Freunden zu, er nahm so oft seinen Hut vor seinen Bekannten ab, daß man endlich in dem schön geputzten jungen Landmann den unwürdigen Schüler des Abbés Fortier erkannte, und daß sich eine Art von Geschrei erhob, das besagte: Das ist Pitou! habt ihr Ange Pitou gesehen?

Das Geschrei gelangte bis zu Mademoiselle Angélique; da aber dieses Geschrei ihr sagte, ihr Neffe sei ein hübscher Junge, der die Füße auswärts und die Arme rundend gehe, so schüttelte die alte Mademoiselle, die Pitou immer die Füße einwärts und die Ellenbogen am Leib hatte gehen sehen, ungläubig den Kopf und beschränkte sich auf die Erwiderung:

»Ihr täuscht euch, das ist nicht mein Schlingel von einem Neffen.«

Die zwei jungen Leute kamen zum Ballspiel. Es fand an diesem Tag eine Herausforderung zwischen den Spielern von Soissons und den Spielern von Villers-Cotterets statt, so daß die Partie äußerst belebt war. Katharine und Pitou stellten sich auf die Höhe des Seiles, in der Nähe der Böschung. Katharine hatte diesen Posten als den besten gewählt.

Nach einem Augenblick hörte man die Stimme von Meister Varolet rufen: Zu zwei passiert. Die Spieler passierten wirklich, das heißt, jeder begann seine Chasse zu verteidigen und die seiner Gegner anzugreifen. Einer von den Spielern, als er passierte, grüßte Katharine mit einem Lächeln. Katharine erwiderte dies durch einen Knix und errötete; zu gleicher Zeit fühlte Pitou, wie den Arm von Katharine, der sich auf den seinigen stützte, ein kleines Nervenzittern durchlief.

Etwas wie eine unbekannte Bangigkeit schnürte Pitou das Herz zusammen.

»Ist das Herr von Charny?« sagte er, »seine Gefährtin anschauend.«

»Ja,« antwortete Katharine; »Sie kennen ihn also?«

»Ich kenne ihn nicht, doch ich habe es erraten.«

Pitou hatte nach dem, was ihm Katharine am Tage vorher gesagt, in der That Herrn von Charny in diesem jungen Mann erraten können.

Derjenige, welcher das Mädchen gegrüßt, war ein Kavalier von dreiundzwanzig bis vierundzwanzig Jahren, gut gewachsen, elegant gekleidet und anmutig in seinen Bewegungen, wie dies diejenigen zu sein pflegen, welche schon in der Wiege eine aristokratische Erziehung festgenommen hat. Alle die Leibesübungen, die man nur unter der Bedingung gut macht, daß man sie von Kindheit an geübt hat, führte Herr Isidor von Charny mit einer merkwürdigen Vollkommenheit aus; dabei gehörte er zu denjenigen, deren Tracht stets mit der Übung, für die sie bestimmt ist, im Einklang steht. Seine Jagdlivreen wurden überall als äußerst geschmackvoll angeführt; seine Negligés für den Fechtsaal hätten selbst Saint-Georges als Muster dienen können; seine Reitkleider waren durch die Art, wie er sie trug, von einem ganz besondern Schnitt, oder schienen dies vielmehr zu sein.

Mit der ganzen Schmucklosigkeit einer Morgentoilette frisiert, trug Herr von Charny, der jüngere Bruder unseres alten Bekannten, des Grafen von Charny, eine Art von engem Pantalon von heller Farbe, das die Form seiner Lenden und seiner zugleich feinen und muskeligen Beine hervorhob; elegante Ballspielsandalen ersetzten, durch Riemen gehalten, für den Augenblick entweder den Schuh mit rotem Absatz oder den Stulpenstiefel; eine Weste von weißem Piquee umschloß seinen Leib, als ob er in einem Korsett gefangen wäre; auf der Böschung endlich hielt sein Diener einen grünen Rock mit goldenen Galonen.

Die Aufregung gab ihm in diesem Augenblick den ganzen Reiz und die ganze Frische der Jugend, die er, trotz seiner dreiundzwanzig Jahre, durch lange Nachtwachen, durch nächtliche Schwärmereien und die Spielpartien, welche die Sonne bei ihrem Aufgang beleuchtet, schon verloren hatte.

Keiner der Vorzüge, die ohne Zweifel von dem Mädchen bemerkt worden waren, entging Pitou. Als er die Hände und die Füße von Herrn von Charny sah, fing er an minder stolz auf diese Verschwendung der Natur zu sein, die ihm den Sieg über den Sohn des Schuhmachers verliehen hatte, und er dachte, eben diese Natur hätte auf eine geschicktere Art auf alle Partien seines Körpers die Elemente, aus denen er bestand, verteilen können.

Mit dem, was zu viel an den Händen, an den Füßen und an den Knien von Pitou war, hätte die Natur Stoff gehabt, um ihm ein sehr hübsches Bein daraus zu machen. Die Dinge waren nur nicht an ihrem Platze: wo es der Feinheit bedurfte, war Überfülle, und wo Rundung hätte sein sollen, war Leere.

Pitou schaute seine Beine mit der Miene an, mit welcher der Hirsch der Fabel die seinigen anschaute.

»Was haben Sie denn, Herr Pitou?« fragte Katharine.

Pitou antwortete nicht, er seufzte nur.

Die Partie war zu Ende. Der Vicomte von Charny benützte den Zwischenraum zwischen der beendigten Partie und der, welche beginnen sollte, um Katharine zu begrüßen. Als er näher kam, sah Pitou das Blut dem Mädchen zu Gesichte steigen, und er fühlte, wie der Arm seiner Gefährtin immer mehr zitterte.

Der Vicomte nickte Pitou zu; mit jener vertraulichen Artigkeit, welche die Adeligen jener Zeit gegen die kleinen Bürgerinnen und die Grisetten so gut anzunehmen wußten, erkundigte er sich bei Katharine nach ihrer Gesundheit und forderte den ersten Kontretanz von ihr. Katharine willigte ein. Ein Lächeln war der Dank des jungen Adeligen. Die Partie sollte wieder anfangen, man rief ihn. Er grüßte Katharine und entfernte sich mit derselben Ungezwungenheit, mit der er gekommen war.

Pitou fühlte die ganze Überlegenheit, die über ihn ein Mann hatte, der auf diese Art sprach, lächelte, sich näherte und entfernte.

Ein Monat auf den Versuch verwendet, die einfache Bewegung von Herrn von Charny nachzuahmen, hätte Pitou nur zu einer Parodie geführt, deren ganze Lächerlichkeit er selbst fühlte. Hätte das Herz von Pitou den Haß gekannt, er würde von diesem Augenblick an den Vicomte von Charny gehaßt haben.

Katharine schaute dem Ballspiel bis zu dem Augenblick zu, wo die Spieler ihren Bedienten riefen, um ihre Röcke anzuziehen. Sie wandte sich sodann zum Tanze, zur großen Verzweiflung von Pitou, der an diesem Tage bestimmt schien, gegen seinen Willen überall hin zu gehen, wohin er ging.

Herr von Charny ließ nicht auf sich warten. Eine leichte Veränderung in seinem Anzug hatte aus dem Ballspieler einen eleganten Tänzer gemacht. Die Geigen gaben das Signal, und er reichte seine Hand Katharine, indem er sie an die Zusage, die sie ihm geleistet erinnerte.

Was Pitou empfand, als er den Arm von Katharine sich von dem seinigen losmachen fühlte und er das Mädchen ganz errötend mit seinem Kavalier in den Kreis treten sah, war vielleicht eine der unangenehmsten Empfindungen seines Lebens. Ein kalter Schweiß drang ihm auf die Stirne, eine Wolke zog vor seinen Augen vorüber; er streckte die Hand aus und stützte sich auf das Geländer, denn er fühlte, daß seine Kniee, so kräftig sie auch sein mochten, nahe daran waren, unter ihm zu weichen.

Katharine hatte dem Anscheine und wohl auch der Wirklichkeit nach keinen Begriff von dem, was in dem Herzen von Pitou vorging; sie war zugleich glücklich und stolz: glücklich, zu tanzen, stolz, mit dem schönsten Kavalier der Umgegend zu tanzen. War Pitou gezwungen gewesen, Herrn von Charny als Ballspieler zu bewundern, so mußte er auch Herrn von Charny als Tänzer Gerechtigkeit widerfahren lassen. In jener Zeit hatte sich die Mode, zu gehen, statt zu tanzen, noch nicht eingeschlichen. Der Tanz war eine Kunst, die einen Teil der Erziehung bildete. Abgesehen von Herrn Lauzun, der der Art, wie er seine erste Courante bei der Quadrille des Königs getanzt, sein Glück zu verdanken hatte, verdankte mehr als ein Kavalier die Gunst, in der er bei Hofe stand, der Art, wie er den Kniebug anspannte und die Fußspitze vorwärts stieß. In dieser Hinsicht war der Vicomte ein Muster an Grazie und Vollkommenheit, und er hätte, wie Ludwig XIV., mit der Aussicht, beklatscht zu werden, auf einem Theater tanzen können, obgleich er weder König noch Schauspieler war.

Zum zweiten Mal schaute Pitou seine Beine an, und er war genötigt, sich zu gestehen, wenn nicht eine große Veränderung in diesem Teil seiner Person vorgehe, müsse er darauf verzichten, sich um derartige Siege, die Herr von Charny in diesem Augenblick davontrug, zu bewerben.

Der Kontretanz ging zu Ende; für Katharine hatte er kaum einige Sekunden gedauert, Pitou aber war er wie ein Jahrhundert vorgekommen. Als sie zurückkehrte und den Arm ihres Kavaliers nahm, bemerkte Katharine die Veränderung, die in seiner Physiognomie vorgegangen. Er war bleich; der Schweiß perlte auf seiner Stirne, und eine durch die Eifersucht halb verzehrte Thräne befeuchtete sein Auge.

»Ah! mein Gott!« sagte Katharine, »was haben Sie denn?«

»Ach! erwiderte der arme Junge, ich werde es nie wagen, mit Ihnen zu tanzen, nachdem ich Sie mit Herrn von Charny habe tanzen sehen!«

»Bah! Sie brauchen sich darum nicht zu grämen; Sie werden tanzen, wie Sie können, und es wird mir nicht weniger Vergnügen machen, mit Ihnen zu tanzen.«

»Ah! Sie sagen das, um mich zu trösten; doch ich lasse mir Gerechtigkeit widerfahren, und es wird Ihnen immerhin mehr Vergnügen machen, mit diesem jungen Adeligen, als mit mir zu tanzen.«

Katharine antwortete nichts, denn sie wollte nicht lügen; nur bezeigte sie ihm, da sie ein vortreffliches Geschöpf war und zu bemerken anfing, es gehe etwas Seltsames im Herzen des armen Jungen vor, viel Freundschaft; doch diese Freundschaftsbezeigungen konnten ihm seine verlorene Heiterkeit nicht wiedergeben. Der Vater Billot hatte wahr gesprochen: Pitou fing an ein Mensch zu sein – er litt.

Katharine tanzte noch fünf bis sechs Kontretänze, worunter einen zweiten mit Herrn von Charny. Ohne weniger zu leiden, war Pitou diesmal scheinbar ruhiger. Er folgte mit den Augen jeder Bewegung von Katharine und ihrem Kavalier. Er versuchte es, aus der Bewegung ihrer Lippen zu erraten, was sie sich sagten, und wenn bei den Figuren, die sie ausführten, ihre Hände sich vereinigten, suchte er zu erraten, ob diese Hände nur zusammenkamen oder ob sie, während sie sich vereinigten, sich auch drückten.

Ohne Zweifel wartete Katharine nur diesen zweiten Kontretanz ab, denn kaum war er beendigt, als das Mädchen Pitou mit ihr nach dem Pachthofe zurückzukehren aufforderte. Nie wurde eine Aufforderung mit größerem Eifer angenommen; doch der Schlag war geschehen, und Pitou, während er Schritte machte, die Katharine von Zeit zu Zeit mäßigen mußte, beobachtete das vollkommenste Stillschweigen.

»Was haben Sie denn?« fragte Katharine; »und warum sprechen Sie nicht mit mir?«

»Ich spreche nicht mit Ihnen, Mademoiselle Katharine,« erwiderte Pitou, »weil ich nicht zu sprechen weiß, wie Herr von Charny. Was soll ich Ihnen noch sagen nach all den schönen Dingen, die er Ihnen beim Tanze gesagt hat?«

»Sehen Sie, wie ungerecht Sie sind, Herr Ange; wir sprachen von Ihnen.«

»Von mir, und wie dies?«

»Ah! Herr Pitou, wenn Ihr Gönner sich nicht wiederfindet, wird man wohl einen andern für Sie wählen müssen.«

»Ich bin also nicht mehr dazu gut, die Schreibereien des Pachthofes zu besorgen? fragte Pitou mit einem Seufzer.«

»Im Gegenteil, Herr Ange, ich glaube die Schreibereien des Pachthofes sind nicht gut für Sie. Mit der Erziehung, die Sie erhalten haben, können Sie zu etwas besserem gelangen.«

»Ich weiß nicht, wozu ich gelangen werde, aber ich weiß, daß ich zu nichts gelangen will, wenn ich nur durch den Herrn Vicomte von Charny zu etwas gelangen kann.«

»Und warum sollten Sie seine Protektion ausschlagen? Sein Bruder, der Graf von Charny, ist, wie es scheint, vortrefflich bei Hofe angeschrieben. Er sagte mir, wenn es Ihnen angenehm sein könnte, so würde er Ihnen einen Platz beim Salzsteueramt verschaffen.«

»Sehr verbunden,« Mademoiselle Katharine, »doch ich befinde mich, wie ich Ihnen schon gesagt habe, sehr wohl so, wie ich bin, und wenn Ihr Vater mich nicht fortschickt, werde ich im Pachthofe bleiben.«

»Und warum, des Teufels, sollte ich dich fortschicken?« rief eine gewichtige Stimme, in der Katharine bebend die ihres Vaters erkannte.

»Mein lieber Pitou,« sagte leise Katharine, »ich bitte Sie, sprechen Sie nicht von Herrn Isidor.«

»Wie!« antworte doch!

»Ich weiß nicht,« erwiderte Pitou sehr verlegen, »vielleicht finden Sie mich nicht geschickt genug, um Ihnen nützlich zu sein.«

»Nicht geschickt genug, während du rechnest wie Bareme, und liesest, um unsern Schulmeister zu korrigieren, der sich doch für einen großen Gelehrten hält! Nein, Pitou, der gute Gott führt in mein Haus die Leute, die bei mir eintreten, und sind sie einmal eingetreten, so bleiben sie, so lange es dem guten Gott gefällt.«

Pitou kehrte auf diese Versicherung in den Pachthof zurück; aber obgleich dies etwas war, war es doch nicht viel; eine große Veränderung hatte sich in ihm zwischen seinem Abgang und seiner Rückkehr bewerkstelligt; er hatte eines verloren, was sich, ist es einmal verloren, nicht wiederfindet: das war das Selbstvertrauen; Pitou schlief auch gegen seine Gewohnheit sehr schlecht. In seinen schlaflosen Augenblicken erinnerte er sich des Buches von Doktor Gilbert; dieses Buch war hauptsächlich gegen den Adel, gegen die Mißbräuche der privilegierten Klassen, gegen die Feigheit derjenigen, welche sich dem unterwerfen, gerichtet; es kam Pitou vor, als fänge er erst an, alle die schönen Dinge, die er am Morgen gelesen, zu begreifen, und er nahm sich vor, sobald es Tag wäre, für sich allein und ganz leise das Meisterwerk wiederzulesen, das er laut und vor aller Welt gelesen hatte.

Da aber Pitou schlecht geschlafen hatte, so erwachte er spät. Nichtsdestoweniger beschloß er, seinen Leseplan in Ausführung zu bringen. Es war sieben Uhr; der Pächter sollte erst um neun Uhr zurückkehren; kam er indessen auch zurück, so konnte er einer Beschäftigung, die er selbst empfohlen, nur Beifall spenden.

Er stieg eine kleine Leiter hinab und setzte sich auf eine Bank unter dem Fenster von Katharine. War es der Zufall, der Pitou gerade an diesen Ort geführt hatte, oder kannte er die beziehungsweisen Situationen dieses Fensters und dieser Bank? So viel ist gewiß, daß Pitou, der wieder seine Werktagskleidung, die man durch eine andere ersetzen noch nicht Zeit gehabt hatte, nämlich seine schwarzen Hosen, seinen grünen Kittel und seine geröteten Schuhe trug, die Broschüre aus seiner Tasche zog und zu lesen anfing.

Wir möchten nicht behaupten, die Anfänge dieser Lesung haben stattgefunden, ohne daß sich die Augen des Lesers zuweilen vom Buche nach dem Fenster abwandten, da aber das Fenster in seinem Rahmen von Kapuzinern und Winden durchaus kein Brustbild von einem jungen Mädchen bot, so hefteten sich die Augen von Pitou am Ende unabänderlich auf das Buch.

Insofern jedoch seine Hand es versäumte, die Blätter umzuschlagen, und insofern diese Hand sich um so weniger bewegte, je tiefer seine Aufmerksamkeit zu sein schien, konnte man allerdings glauben, sein Geist sei anderswo und er träume, statt zu lesen.

Plötzlich kam es Pitou vor, als fiele auf die bis dahin durch die Morgensonne beleuchteten Seiten ein Schatten. Dieser Schatten war zu dicht, um der einer Wolke zu sein, und konnte also nur von einem undurchsichtigen Körper herrühren; es giebt aber so reizend anzuschauende undurchsichtige Körper, daß Pitou sich rasch umwandte, um zu sehen, wer derjenige wäre, welcher ihm die Sonne auffing.

Pitou täuschte sich. Es war in der That ein undurchsichtiger Körper, der ihm denjenigen Teil des Lichtes und der Wärme entzog, den Diogenes von Alexander forderte. Doch dieser undurchsichtige Körper bot, statt reizend zu sein, im Gegenteil einen sehr unangenehmen Anblick.

Es war ein Mann von fünfundvierzig Jahren, noch länger und hagerer als Pitou, in einem Kleid, das beinahe so abgetragen war, als das seinige; er neigte den Kopf über seine Schulter und schien eben so neugierig zu lesen, als Pitou dies zerstreut that.

Pitou war sehr erstaunt; ein freundliches Lächeln erschien auf den Lippen des schwarzen Mannes und zeigte einen Mund, in dem nur vier Zähne blieben, zwei oben und zwei unten, die sich kreuzten und wetzten wie die Hauzähne eines Wildschweins.

»Amerikanische Ausgabe,« sagte dieser Mann mit näselnder Stimme, Format in Oktav: Von der Freiheit der Menschen und der Unabhängigkeit der Nationen. – Boston 1788.

Während der schwarze Mann so sprach, öffnete Pitou die Augen mit einem stufenweisen Erstaunen, so daß, als der Mann zu sprechen aufhörte, die Augen von Pitou die größte Entwickelung, zu der sie gelangen konnten, erreicht hatten.

»Boston 1788. So ist es, mein Herr,« wiederholte Pitou.

»Es ist die Abhandlung des Doktors Gilbert,« sagte der schwarze Mann.

»Ja, mein Herr,« erwiderte Pitou artig, und er stand auf, denn er hatte immer sagen hören, es sei unhöflich, sitzend mit einem Höheren zu reden, und in dem noch naiven Geist von Pitou hatte jeder Mensch einen Vorrang vor ihm anzusprechen.

Doch während er aufstand, bemerkte Pitou beim Fenster etwas Rosiges, Bewegliches, was ihm zublinzelte. Dieses Etwas war Mademoiselle Katharine. Das Mädchen schaute ihn auf eine seltsame Weise an und machte sonderbare Zeichen.

»Mein Herr, ohne unbescheiden zu sein,« fragte der schwarze Mann, der, da er dem Fenster den Rücken zugewendet hatte, dem was vorging völlig fremd geblieben war, »mein Herr, wem gehört dieses Buch?« Und er deutete mit den Fingern, jedoch ohne sie zu berühren, auf die Broschüre.

Pitou war im Begriff zu antworten, da gelangten zu ihm die von einer beinahe flehenden Stimme gesprochenen Worte:

»Sagen Sie, es gehöre Ihnen.«

Der schwarze Mann, der ganz Auge war, hörte diese Worte nicht.

»Mein Herr,« antwortete Pitou majestätisch, »dieses Buch gehört mir.«

Der schwarze Mann schaute empor, denn er fing an zu bemerken, daß ihn von Zeit zu Zeit die erstaunten Blicke von Pitou verließen, um sich zu einem besondern Punkte zu erheben. Er sah das Fenster; doch Katharine hatte dessen Bewegung erraten und war rasch wie ein Vogel verschwunden.

»Nach was schauen Sie denn da oben?« fragte er.

»Ah! mein Herr,« erwiderte Pitou lächelnd, »erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß Sie sehr neugierig sind. Curiosus oder vielmehr avidus cognoscendi, wie der Abbé Fortier, mein Lehrer, sagte.«

»Sie sagen also,« sprach der Frager, »ohne daß er im geringsten durch die Probe des Wissens eingeschüchtert schien, die Pitou in der Absicht gegeben hatte, dem Fremden eine höhere Idee von sich beizubringen, Sie sagen also, das Buch gehöre Ihnen?«

Pitou blinzelte so mit dem Auge, daß sich das Fenster wieder in seinem Lichtstrahl befand. Der Kopf von Katharine erschien abermals und machte ein bejahendes Zeichen.

»Ja, mein Herr,« antwortete Pitou. »Sollten Sie begierig sein, es zu lesen? Avidus legendi libri oder legendae historiae?«

»Mein Herr,« sprach der schwarze Mann, »Sie scheinen mir sehr über dem Stande zu sein, den Ihre Kleider bezeichnen: Non dives vestitu sed ingenio. Demzufolge verhafte ich Sie.«

»Wie, Sie verhaften mich?« rief Pitou, »im höchsten Maße erstaunt.«

»Ja,« mein Herr, »ich bitte also, folgen Sie mir.«

Pitou schaute nicht mehr in die Luft, sondern um sich her, und erblickte zwei Sergeanten, die aus der Erde zu kommen schienen.

»Nehmen wir das Protokoll auf, meine Herren, sprach der schwarze Mann.«

Der Sergeant band mit einem Strick die Hände von Pitou und in seinen Händen das Buch des Doktors fest.

Dann band er Pitou selbst an einen Ring, der unter dem Fenster angebracht war.

Pitou wollte aufschreien, doch er hörte, wie dieselbe Stimme ihm zuflüsterte: »Lassen Sie machen.«

Pitou ließ also mit einer Folgsamkeit machen, welche die Sergeanten und besonders den schwarzen Mann entzückten, so daß sie ohne irgend ein Mißtrauen in das Haus des Pächters eintraten, die zwei Sergeanten, um einen Tisch zu holen, der schwarze Mann  . . . wir werden später erfahren, warum.

Kaum waren die Sergeanten und der schwarze Mann in das Haus eingetreten, als die Stimme sich hören ließ.

»Heben Sie die Hände auf,« sagte die Stimme.

Pitou hob nicht nur die Hände, sondern auch den Kopf empor und erblickte das bleiche, erschrockene Gesicht von Katharine; sie hielt ein Messer in der Hand: Noch mehr  . . . noch mehr  . . . sagte sie.

Pitou erhob sich auf den Fußspitzen.

Katharine neigte sich hinaus; die Klinge berührte den Strick, und Pitou erlangte die Freiheit seiner Hände wieder.

»Nehmen Sie das Messer,« sagte Katharine, »und durchschneiden Sie den Strick, der Sie am Ring festhält.«

Pitou ließ sich das nicht zweimal sagen; er durchschnitt den Strick und war völlig frei.

»Hier ist ein Doppel-Louisd'or,« sagte Katharine; »Sie haben gute Beine, retten Sie sich; gehen Sie nach Paris und benachrichtigen Sie den Doktor.«

Sie konnte nicht mehr sprechen; die Sergeanten erschienen wieder, und der Doppel-Louisd'or fiel zu den Füßen von Pitou.

Pitou raffte ihn behende auf. Die Sergeanten waren in der That auf der Thürschwelle; sie verweilten hier einen Augenblick, erstaunt, Pitou, den sie kurz zuvor so gut gebunden, frei zu sehen. Bei ihrem Anblick sträubten sich die Haare auf dem Haupte von Pitou, und er erinnerte sich verworren des in crinibus angues der Eumeniden.

Die Sergeanten und Pitou blieben einen Moment in der Lage des Hasen und eines stehenden Hundes: sie schauten sich unbeweglich an. Wie aber bei der geringsten Bewegung des Hundes der Hase aufpackt, so machte bei der ersten Bewegung der Sergeanten Pitou einen wunderbaren Sprung und befand sich auf der andern Seite einer Hecke.


Die Sergeanten stießen einen Schrei aus, der den Gefreiten, der eine kleine Kassette unter seinem Arm trug, herbeilaufen machte. Der Gefreite verlor seine Zeit nicht mit Redensarten und fing an, Pitou nachzulaufen. Die zwei Sergeanten thaten dasselbe. Doch sie waren nicht stark genug, um wie Pitou über eine Hecke von drei und einem halben Fuß Höhe zu springen, und sahen sich daher genötigt, einen Umweg zu machen.

Als sie aber an die Ecke der Hecke kamen, erblickten sie Pitou auf mehr als fünfhundert Schritte in der Ebene; er steuerte geradeswegs auf den Wald zu, von dem er kaum eine Viertelmeile entfernt war, und den er folglich in wenigen Minuten erreichen mußte.

In diesem Augenblicke wandte sich Pitou um, und als er die Sergeanten erblickte, die ihn mehr zur Befreiung ihres Gewissens, als in der Hoffnung, ihn zu erreichen, verfolgten, verdoppelte er seine Schnelligkeit und verschwand bald am Saume des Waldes.

Pitou lief so noch eine Viertelstunde; er würde zwei Stunden gelaufen sein, wenn es nötig gewesen wäre: er hatte den Atem des Hirsches, wie er auch dessen Geschwindigkeit hatte.

Doch nach Verlauf einer Viertelstunde, als er instinktartig dachte, er sei außer Gefahr, blieb er stehen, atmete, horchte, und nachdem er sich versichert hatte, daß er ganz allein war, sagte er:

»Es ist unglaublich, daß so viele Ereignisse in drei Tagen Raum haben konnten.«

Dann schaute er abwechselnd seinen Doppel-Louisd'or und sein Messer an und sprach:

»Oh! ich hätte gerne Zeit haben mögen, um meinen Doppel-Louisd'or zu wechseln und zwei Sous Mademoiselle Katharine zurückzugeben, denn ich befürchte sehr, dieses Messer schneidet unsere Freundschaft ab. Gleichviel,« fügte er bei, da sie mich hat heute nach Paris gehen heißen, so gehe ich dahin.

Und nachdem er sich orientiert und erkannt hatte, daß er sich zwischen Boursonne und Yvors befand, wählte er einen kleinen durch den Wald gehauenen Pfad, der ihn in gerader Linie zu den Heiden von Gondreville führen mußte, welche die Straße nach Paris durchzieht.

VIII.
Warum der schwarze Mann zu gleicher Zeit mit den zwei Sergeanten in das Haus des Pächters eingetreten war

Kehren wir nun zum Pachthof zurück und erzählen die Katastrophe, von der die Episode von Pitou nur die Entwickelung war.

Gegen sechs Uhr morgens kam ein Polizeiagent von Paris in Begleitung von zwei Sergeanten in Villers-Cotterets an; er erschien beim Polizeikommissär und ließ sich die Wohnung des Pächters Billot bezeichnen.

Fünfhundert Schritte vom Pachthof bemerkte der Gefreite einen Knecht, der auf dem Felde arbeitete, er näherte sich ihm und fragte ihn, ob er Herrn Billot zu Hause fände. Der Knecht antwortete, Herr Billot kehre nie vor neun Uhr, das heißt vor der Stunde seines Frühstücks zurück. Doch in diesem Moment schlug der Knecht zufällig die Augen auf, deutete mit dem Finger auf einen Reiter, der in einer Entfernung von ungefähr einer Viertelmeile mit einem Schäfer plauderte, und sagte:

»Ah! dort ist gerade Herr Billot.«

»Jener Reiter?«

»Er ist es.«

»Mein Freund,« sprach der Gefreite, »wollen Sie Ihrem Herrn wohl ein Vergnügen machen?«

»Das würde ich sehr gern thun.«

»So gehen Sie und sagen Sie ihm, ein Herr von Paris erwartet ihn im Pachthofe.«

»Oh!« rief der Bauer, »sollte es der Doktor Gilbert sein?«

»Gehen Sie immerhin,« sagte der Gefreite.

Der Bauer ließ sich das nicht zweimal sagen; er lief querfeldein, während die Gefreiten und die zwei Sergeanten sich hinter einer halb zerfallenen Mauer, beinahe dem Thore des Pachthofes gegenüber, in den Hinterhalt legten.

Nach einem Augenblick hörte man den Galopp eines Pferdes: Billot kam an.

Er ritt in seinen Hof, stieg ab, warf den Zügel einem Stallknechte zu und stürzte in die Küche, überzeugt, das erste, was er sehen würde, wäre der unter dem weiten Mantel des Kamins stehende Doktor Gilbert; doch er sah nur Frau Billot, die mitten in der Küche saß und ihre Enten mit der ganzen Sorgfalt und der ganzen Pünktlichkeit rupfte, die diese schwierige Operation erfordert.

Katharine war in ihrem Zimmer beschäftigt, eine Haube für den nächsten Sonntag zurecht zu richten; Katharine sorgte, wie man sieht, lange vorher; doch für die Frauen ist, wie sie sagen, das Vergnügen, sich mit ihrem Putz zu beschäftigen, beinahe eben so groß, als das, sich wirklich zu putzen.

Billot blieb auf der Schwelle stehen und schaute umher.

»Wer verlangt nach mir?« sagte er.

»Ich,« antwortete eine flötenartige Stimme in der Nähe.

Billot wandte sich um und erblickte den schwarzen Mann und die zwei Sergeanten.

»Potz tausend!« rief er, indem er zwei Schritte rückwärts machte, »was wollen Sie?«

»Oh! mein Gott, beinahe nichts, mein lieber Herr Billot, antwortete der Mann mit der Flötenstimme, eine Haussuchung in Ihrem Pachthofe vornehmen, das ist das Ganze.«

»Eine Haussuchung!« rief Billot.

Billot warf einen Blick nach seiner Flinte, die über dem Kamin hing, und sagte dann:

Seitdem wir eine Nationalversammlung haben, glaubte ich, wir seien nicht mehr solchen Plackereien ausgesetzt, die einer anderen Zeit angehören und nach einer anderen Regierung riechen. Was wollen Sie von mir, der ich ein friedlicher und rechtschaffener Mann bin?

Die Agenten aller Polizei der Welt haben das miteinander gemein, daß sie nie auf die Fragen ihrer Opfer antworten. Nur, während sie dieselben durchsuchen, verhaften, binden und knebeln, beklagen sie einige, und das sind die gefährlichsten, weil sie die besten zu sein scheinen.

Derjenige, welcher bei dem Pächter Billot erschien, war aus der Schule der Tapin und der Desgres, ganz in Süßigkeit eingemachter Leute, die immer eine Thräne für diejenigen haben, welche sie verfolgen, aber dennoch ihre Hände nie gebrauchen, um sich die Augen abzuwischen.

Der Erwähnte winkte, während er einen Seufzer ausstieß, den zwei Sergeanten mit der Hand; sie näherten sich Billot, der einen Sprung rückwärts machte und die Hand ausstreckte, um seine Flinte zu ergreifen. Doch seine Hand wurde von der Waffe abgewendet, – die in diesem Augenblick doppelt gefährlich, insofern sie sogleich denjenigen, welcher sich ihrer bediente, und den, gegen welchen sie gerichtet war, töten konnte, – und zwischen zwei kleinen, aber durch den Schrecken starken und durch das Flehen mächtigen Händen eingeschlossen.

Katharine war nämlich auf das Geräusch aus der Stube herausgetreten und zu rechter Zeit angekommen, um ihren Vater vor dem Verbrechen der Rebellion gegen das Gericht zu bewahren.

Als der erste Augenblick vorüber war, leistete Billot keinen Widerstand mehr. Der Gefreite befahl, ihn in einen Saal des Erdgeschosses, Katharine in eine Stube des ersten Stocks einzuschließen: Frau Billot hielt man für so harmlos, daß man sich nicht mit ihr beschäftigte und sie in ihrer Küche ließ. Wonach der Gefreite, der sich als Herrn des Platzes sah, Sekretäre, Kommoden und Schränke durchsuchte.

Billot, als er allein war, wollte fliehen. Doch wie die meisten Stuben des Erdgeschosses, so war auch die, in der er eingeschlossen, vergittert. Der schwarze Mann hatte das Gitter mit dem ersten Blick bemerkt, während es Billot, auf dessen Geheiß es angebracht worden war, vergessen hatte.

Durch das Schloß erblickte er den Gefreiten und seine zwei Leute, die das ganze Haus umkehrten.

»Ah!« rief er, »was macht Ihr denn da?«

»Sie sehen es wohl, mein lieber Herr Billot,« antwortete der Gefreite, »wir suchen etwas, was wir noch nicht gefunden haben.«

»Ihr seit aber Banditen, Schurken, Diebe vielleicht.«

»Oh! mein Herr,« antwortete der Gefreite, »Sie thun uns unrecht, wir sind ehrliche Leute, wie Sie, nur stehen wir im Solde Seiner Majestät und sind folglich genötigt, ihre Befehle zu vollziehen.«

»Die Befehle Seiner Majestät!« rief Billot; »König Ludwig XVI. hat euch Befehle gegeben, meinen Sekretär zu durchsuchen und in meinen Kommoden und Schränken das Oberste zu unterst zu lehren?«

»Ja.«

»Seine Majestät,« sprach Billot, »Seine Majestät, als im vorigen Jahre die Hungersnot so groß war, daß wir schon daran dachten, unsere Pferde zu verzehren. Seine Majestät, als uns vor zwei Jahren der Hagel am 13. Juli unsere Ernte zerschlug, Seine Majestät geruhte nicht, sich um uns zu bekümmern. Was hat sie denn heute mit meinem Pachthof zu thun, den sie nie gesehen, und mit mir, den sie nicht kennt?«

»Sie werden mir verzeihen, mein Herr,« sagte der Gefreite, indem er die Thüre vorsichtig ein wenig öffnete und seinen vom Polizeileutnant unterzeichneten, aber dem Gebrauche gemäß mit dem Eingang: Im Namen des Königs, versehenen Befehl vorzeigte, »Seine Majestät hat von Ihnen sprechen hören, und wenn sie Sie nicht persönlich kennt, so weisen Sie darum doch nicht die Ehre zurück, die sie Ihnen anthut, und empfangen Sie diejenigen, welche in ihrem Namen erscheinen, mit Anstand.«

Und mit einer artigen Verbeugung und mit einem kleinen freundschaftlichen Augenwink schloß der Gefreite die Thüre wieder, wonach die Ausspäherei ihren Fortgang nahm.

Billot schwieg und ging mit gekreuzten Armen, wie ein Löwe im Käfig, in der Stube umher; er fühlte sich gefangen und in der Gewalt dieser Menschen.

Das Werk der Durchsuchung wurde stillschweigend fortgesetzt. Diese Menschen schienen vom Himmel gefallen zu sein. Niemand hatte sie gesehen als der Taglöhner, der ihnen den Weg gezeigt. In den Höfen hatten die Hunde nicht gebellt; der Anführer der Häscher mußte unter seinen Genossen ein Meister sein von Kraft und nicht zum erstenmal bei der Ausführung eines ähnlichen Handstreichs.

Billot hörte das Seufzen seiner in der Stube über ihm eingeschlossenen Tochter. Er erinnerte sich ihrer prophetischen Worte, denn es unterlag keinem Zweifel, daß der Grund der Verfolgung, die den Pächter traf, das Buch des Doktors war.

Es hatte indessen neun Uhr geschlagen, und Billot konnte durch sein vergittertes Fenster, einen nach dem andern, seine Knechte zählen, die von der Arbeit zurückkamen. Bei diesem Anblick begriff er, daß im Falle eines Zusammenstoßes wohl die Stärke, wenn auch nicht das Recht, auf seiner Seite wäre. Diese Überzeugung machte das Blut in seinen Adern kochen. Er hatte nicht die Geduld, sich länger zu bewältigen, packte die Thüre beim Handgriff und rüttelte einmal so gewaltig daran, daß er mit ein paar ähnlichen Erschütterungen das Schloß gesprengt hätte.

Die Polizeiagenten öffneten sogleich und sahen den Pächter hoch aufgerichtet und drohend auf der Schwelle erscheinen; überall war das Oberste zu unterst gekehrt.

»Aber was sucht ihr denn bei mir?« rief Billot. »Sagt es, oder beim Teufel, ich schwöre, daß ich Euch zwinge, es zu sagen.«

Die allmählige Rückkehr der Leute des Pachthofes war einem Mann von so geübtem Auge, wie das des Gefreiten, nicht entgangen. Er hatte die Knechte gezählt und die Überzeugung erlangt, er könnte im Falle eines Zusammenstoßes das Schlachtfeld nicht wohl behaupten. Er näherte sich daher Billot mit einer Höflichkeit, die noch honigsüßer als gewöhnlich, bückte sich bis auf den Boden und sprach:

»Ich will es Ihnen sagen, lieber Herr Billot, obgleich das gegen unsere Gewohnheiten ist. Wir suchen bei Ihnen ein Buch, das den Umsturz predigt, eine aufrührerische Broschüre, die von unseren königlichen Zensoren verboten worden ist.«

»Ein Buch bei einem Pächter, der nicht lesen kann?«

»Darüber darf man sich nicht wundern, wenn Sie der Freund des Verfassers sind und er es Ihnen geschickt hat.«

»Ich bin nicht der Freund des Doktors Gilbert,« erwiderte der Pächter, »ich bin sein ergebenster Diener; Freund des Doktors, das wäre eine zu große Ehre für einen armen Pächter meiner Art.«

Dieser unüberlegte Ausfall, in dem sich Billot dadurch verriet, daß er gestand, er kenne nicht nur den Verfasser, was als ganz natürlich erscheinen mußte, da der Verfasser sein Grundherr war, sondern auch das Buch, sicherte dem Agenten den Sieg. Er richtete sich auf, nahm seine liebenswürdigste Miene an, berührte den Arm von Billot mit einem Lächeln, das sein Gesicht wie durch einen Querschnitt zu teilen schien, und sprach:

»Du bist's, der ihn genannt – kennen Sie diesen Vers, mein guter Herr Billot?«

»Ich kenne keine Verse.«

»Er ist von Herrn Racine, einem sehr großen Dichter.«

»Nun, was bedeutet dieser Vers?« fragte Billot ungeduldig.

»Er bedeutet, daß Sie sich verraten haben.«

»Ich? Wie dies?«

»Indem Sie zuerst Herrn Gilbert nannten, welchen wir nicht zu nennen so diskret gewesen sind.«

»Das ist wahr,« murmelte Billot.

»Sie gestehen also?«

»Ich werde mehr thun.«

»Oh! mein lieber Herr Billot, Sie sind allzu gütig; was werden Sie thun?«

»Wenn es dieses Buch ist, was Sie suchen, und wenn ich Ihnen sage, wo Sie es finden können,« erwiderte der Pächter mit einer Unruhe, die er nicht völlig verbergen konnte, »werden Sie dann aufhören, alles umzukehren?«

Der Gefreite gab den zwei Häschern ein Zeichen.

»Ganz gewiß,« sagte er, »da dieses Buch der Gegenstand der Haussuchung ist. Nur werden Sie uns vielleicht ein Exemplar eingestehen, während Sie zehn haben?« fügte er mit seiner lächelnden Grimasse bei.

»Ich habe nur eines, das schwöre ich Ihnen.«

»Lieber Herr Billot, sprach der Gefreite, wir sind verpflichtet, die genaueste Nachforschung zu halten. Gedulden Sie sich also noch fünf Minuten; wir sind nur arme Agenten, die Befehle von der Behörde erhalten haben, und Sie werden sich nicht gern dem widersetzen, daß Leute von Ehre, – es gibt in allen Ständen, lieber Herr Billot, – Sie werden sich nicht gern dem widersetzen, daß Leute von Ehre ihre Schuldigkeit thun.«

Der schwarze Mann hatte den rechten Ton gefunden. So mußte man mit Billot sprechen.

»Thun Sie es, aber geschwinde,« sagte er.

Und er wandte ihnen den Rücken zu.

Der Gefreite machte ganz sachte die Thüre zu und drehte nicht minder sachte den Schlüssel einmal um. Billot ließ ihn, die Achseln zuckend, gewähren, denn er war sicher, die Thüre an sich ziehen zu können, sobald er wollte.

Der schwarze Mann gab seinerseits den Häschern ein Zeichen und sie gingen ans Geschäft, und in einem Augenblick hatten alle drei, ihre Thätigkeit verdoppelnd, Bücher, Papiere und Wäsche geöffnet, entfaltet, entziffert.

Plötzlich erblickte man hinten in einem geöffneten Schranke ein Kistchen von Eichenholz mit eisernem Beschlag. Der Gefreite fiel darüber her, wie ein Geier über seine Beute. Schon beim Anblick, schon beim Geruch, schon bei der Berührung allein erkannte er ohne Zweifel das, was er suchte, denn rasch verbarg er das Kistchen unter seinem Mantel und bedeutete den zwei Häschern durch ein Zeichen, die Sendung sei erfüllt.

Gerade in diesem Augenblick wurde Billot ungeduldig: er blieb vor seiner geschlossenen Thüre stehen.

»Aber ich sage euch, daß ihr es nicht finden werdet, wenn ich euch nicht bezeichne, wo es ist,« rief er. »Es ist ganz unnötig, alle meine Sachen um nichts und wieder nichts unter einander zu werfen. Was Teufels! ich bin kein Verschwörer! Hört ihr mich? Antwortet, oder beim Gewitter! ich gehe nach Paris und beklage mich dort beim König, bei der Nationalversammlung, bei aller Welt!«

In jener Zeit setzte man den König noch vor das Volk.

»Ja, mein lieber Herr Billot, wir hören Sie, und wir sind ganz bereit, uns Ihren vortrefflichen Gründen zu fügen. Sagen Sie uns, wo das Buch ist, und sobald wir uns überzeugt haben, daß Sie nur dieses einzige Exemplar besitzen, so werden wir es in Beschlag nehmen, und uns sodann ganz einfach entfernen.«

»Wohl denn!« erwiderte Billot, »dieses Buch ist in den Händen eines ehrlichen Jungen, dem ich es heute morgen anvertraut habe, um es zu einem Freunde zu bringen.«

»Und wie heißt dieser ehrliche Junge?« fragte mit aller Einfalt der schwarze Mann.

»Ange Pitou. Er ist eine arme Waise, die ich aus Barmherzigkeit bei mir aufgenommen habe, und die gar nicht weiß, von was das Buch handelt.«

»Ich danke, lieber Herr Billot,« sprach der Gefreite, indem er die Wäsche wieder in den Schrank warf, und den Schrank über der Wäsche, aber nicht mehr über dem Kistchen schloß. Aber wo ist, wenn es beliebt, dieser liebenswürdige Junge?«

»Ich glaube ihn bei meiner Rückkehr, bei den Feuerbohnen, unter dem Laube bemerkt zu haben. Gehen Sie, nehmen Sie das Buch, aber thun Sie ihm kein Leid an.«

»Ein Leid, wir! oh! lieber Herr Billot, Sie kennen uns schlecht! Wir würden keiner Fliege ein Leid anthun.«

Und sie rückten gegen den bezeichneten Ort vor. Bei den Feuerbohnen angelangt, gewahrten sie Pitou, den sein großer Wuchs noch furchtbarer erscheinen ließ, als er in Wirklichkeit es war. Da der Gefreite nun dachte, die zwei Häscher würden, um mit dem jungen Riesen fertig zu werden, seiner Hilfe bedürfen, so machte er seinen Mantel los, wickelte das Kistchen darein und verbarg das Ganze in einer nah gelegenen dunkeln Ecke. Doch Katharine, die an der Thüre horchte, unterschied unbestimmt die Worte: Buch, Doktor und Pitou. Als sie den Sturm, den sie geahnt hatte, losbrechen sah, kam ihr auch der Gedanke, seine Wirkung zu schwächen. Da flüsterte sie Pitou zu, er möge sich als Eigentümer des Buches erklären. Was weiter vorfiel, haben wir bereits gesagt, wir haben gesagt, wie Pitou von dem Gefreiten und seinen Leuten gebunden, geknebelt, und sofort von Katharine, die den Augenblick benützte, wo die Häscher hineingingen, um einen Tisch, und der schwarze Mann, um seinen Mantel und das Kistchen zu holen, in Freiheit gesetzt wurde. Ebenso wie Pitou, über eine Hecke springend, die Flucht ergriff, aber wir haben nicht gesagt, daß der Gefreite als ein Mann von Geist diese Flucht benützte.

In der That, da die dem Gefreiten anvertraute doppelte Sendung vollbracht war, bot die Flucht von Pitou dem schwarzen Mann und seinen zwei Agenten eine vortreffliche Gelegenheit, selbst zu entfliehen.

Der schwarze Mann, obgleich er keine Hoffnung hatte, den Flüchtigen einzuholen, trieb daher seine zwei Häscher durch die Stimme und durch sein Beispiel an, so daß jeder, der sie durch den Klee, das Getreide und die Luzerne hätte fliegen sehen, diese drei Menschen für die erbittertsten Feinde des armen Pitou gehalten haben würde, während sie im Grunde ihres Herzens seine langen Beine segneten.

Doch kaum war Pitou in den Wald eingedrungen, kaum hatten sie dessen Saum erreicht, als sie hinter einem Gebüsch stehen blieben. Wahrend ihres Laufes waren zwei weitere Agenten zu ihnen gestoßen, die sich in der Umgegend des Pachthofes verborgen hielten und erst in dem Fall, daß ihr Anführer rufen würde, herbeieilen sollten.

»Bei meiner Treue,« sagte der Gefreite, »es ist ein Glück, daß dieser Bursche nicht das Kistchen gehabt hat, statt das Buch zu haben. Wir wären genötigt gewesen, die Post zu nehmen, um ihn zu erwischen. Großer Gott! das ist nicht der Kniebug eines Menschen, sondern eine Hirschsehne.

»Ja, sprach einer von den Häschern, doch er hatte das Kistchen nicht, nicht wahr, Herr Pas-de-Loup1 Im Gegenteil, es befindet sich in Ihren Händen.«

»Gewiß, mein Freund, hier ist es,« antwortete derjenige, dessen Namen oder vielmehr Zunamen, den man ihm wegen der Leichtigkeit und Schrägheit seines Ganges gegeben, wir zum ersten Mal genannt.

»Dann haben wir ein Recht auf die versprochene Belohnung.«

»Hier ist sie,« sagte der Gefreite. Und er zog aus seiner Tasche vier Louisd'or und verteilte sie unter seine vier Agenten, ohne daß er denjenigen, welche handelnd eingegriffen, einen Vorzug vor denen gab, welche bloß gewartet hatten.

»Es lebe der Herr Leutnant!« riefen die Häscher.

»Es ist nicht schlimm zu rufen: Es lebe der Herr Leutnant! sagte Pas de loup; »doch so oft man das thut, muß man es mit Unterscheidung thun. Nicht der Herr Leutnant bezahlt.«

»Wer denn?«

»Einer von seinen Freunden, oder eine von seinen Freundinnen, ich weiß nicht genau, welcher oder welche, da die betreffende Person anonym zu bleiben wünscht.«

»Ich wette, es ist die Person, die das Kistchen erhält.«

»Rigoulot, mein Freund, ich habe immer behauptet, du seist ein Junge voll Scharfsinn; doch mittlerweile, bis dieser Scharfsinn seine Früchte trägt und seine Belohnung herbeiführt, wollen wir ausreißen; der verdammte Pächter sieht nicht sehr mild und umgänglich aus, und wenn er wahrnimmt, daß das Kistchen fehlt, könnte er uns alle seine Knechte nachsetzen lassen, und das sind Bursche, die ihren Schuß so richtig thun, als der beste Schweizer von der Garde Seiner Majestät«.

Diese Ansicht war wohl die der Majorität, denn die fünf Agenten setzten ihren Marsch unaufhaltsam im Saume des Waldes fort, der sie vor aller Augen verbarg und drei Viertelmeilen von da wieder zur Straße führte.

Die Vorsicht war nicht überflüssig, denn kaum hatte Katharine den schwarzen Mann und die zwei Sergeanten in Verfolgung von Pitou verschwinden sehen, als sie voll Vertrauen zu der Schnellfüßigkeit des Verfolgten, – der, wenn kein Unfall dazwischen trat, seine Verfolger weithin entführen mußte, – die ängstlich lauernden Knechte rief, ihr die Thüre zu öffnen. Die Knechte liefen herbei, und sobald Katharine befreit war, beeilte sie sich, ihren Vater auch in Freiheit zu setzen.

Billot schien zu träumen. Statt aus der Stube zu stürzen, ging er nur mißtrauisch und kehrte von der Thüre mitten in das Zimmer zurück. Es war, als getraute er sich nicht, am Platze zu bleiben, und hätte zugleich bange, seinen Blick auf das von den Agenten gesprengte und geleerte Hausgeräte zu werfen.

»Und sie haben ihm das Buch genommen, nicht wahr?« fragte Billot.

»Ja, mein Vater, doch sie haben ihn nicht genommen.«

»Wen, ihn?«

»Pitou. Er ist entflohen. Und wenn sie ihm immer noch nachlaufen, so müssen sie nun in Cayolles oder in Vauciennes sein.«

»Desto besser! Armer Junge! ich habe ihm das zugezogen.«

»Oh! mein Vater, bekümmern sie sich nicht um ihn, und denken wir an uns. Seien Sie unbesorgt, Pitou wird sich schon heraus helfen. Doch, mein Gott! welche Unordnung! Sehen Sie doch meine Mutter!«

»Oh! mein Weißzeugschrank,« rief Frau Billot. »Sie haben nicht einmal meinen Weißzeugschrank respektiert. Das sind ruchlose Gesellen!«

»Sie haben im Weißzeugschrank gesucht!« rief Billot.

Und er stürzte auf den Schrank zu, den, wie gesagt, der Sergeant sorgfältig wieder geschlossen hatte, und fuhr mit seinen beiden Armen durch die Haufen umgeworfener Servietten.

»Oh!« rief er, »das ist unmöglich!«

»Was suchen Sie, mein Vater?« fragte Katharine.

Billot schaute in einer Art von Geistesverwirrung umher.

»Sieh, ob du es irgendwo findest. Doch nein; in dieser Kommode – nein; in diesem Sekretär auch nicht; übrigens war es da, denn ich hatte es selbst hierher gestellt. Noch gestern habe ich es gesehen. Nicht das Buch suchten diese Elenden, sondern das Kistchen.«

»Welches Kistchen?« fragte Katharine.

»Ei! Du weißt es wohl.«

»Das Kistchen des Doktors Gilbert?« sagte Frau Billot, die bei Umständen von hoher Bedeutung schwieg und die andern handeln und sprechen ließ.

»Ja, das Kistchen des Doktors Gilbert,« rief Billot, indem er die Hände in seine dichten Haare versenkte. »Das so kostbare Kistchen!«

»Sie erschrecken mich, mein Vater,« sprach Katharine.

»Oh! ich Unglücklicher!« rief Billot voll Wut; »und ich habe mir das nicht ahnen lassen! ich habe gar nicht an dieses Kistchen gedacht! Oh! was wird der Doktor sagen? was wird er von mir halten? Er muß glauben, ich sei ein Verräter, ein Feiger, ein Elender!«

»Aber, mein Gott, was enthielt denn das Kistchen, mein Vater?«

»Ich weiß es nicht; ich weiß nur, daß ich mich dem Doktor mit meinem Leben dafür verbürgt habe, und daß ich mich hätte müssen töten lassen, um es zu verteidigen,« rief Billot.

Und er machte eine so verzweifelte Geberde, daß seine Frau und seine Tochter vor Schrecken zurückwichen.

»Mein Gott, mein Gott, werden Sie wahnsinnig, mein Vater?« sagte Katharine.

Und sie brach in ein Schluchzen aus.

»Antworten Sie mir doch!« rief sie, »um des Himmels willen, antworten Sie mir doch.«

»Mein Freund,« sprach Frau Billot, »antworte doch deiner Frau, antworte doch deiner Tochter.«

»Mein Pferd, mein Pferd!« rief der Pächter; »man führe mir mein Pferd vor.«

»Wohin wollen Sie denn, mein Vater?«

Den Doktor benachrichtigen, der Doktor muß Nachricht haben.

»Aber wo werden Sie ihn finden?«

»In Paris. Hast du in dem Brief, den er uns geschrieben, nicht gelesen, er begebe sich nach Paris? Er muß dort sein. Ich gehe nach Paris. Mein Pferd! mein Pferd!«

»Und Sie verlassen uns so, mein Vater, Sie verlassen uns in einem solchen Augenblick! Sie lassen uns in Angst und Unruhe zurück?«

»Es muß sein, mein Kind; es muß sein,« sagte der Pächter, während er den Kopf seiner Tochter zwischen seine Hände nahm und krampfhaft seinen Lippen näherte. »»Wenn du je dieses Kistchen verlörest,«« hat der Doktor zu mir gesagt, »»oder wenn man es dir vielmehr stehlen würde, brich sogleich auf, komm und benachrichtige mich überall, wo ich auch sein werde; nichts halte dich auf, nicht einmal das Leben eines Menschen.««

»Herr, was kann denn dieses Kistchen enthalten?«

»Ich weiß es nicht; ich weiß nur, daß man es mir zur Aufbewahrung übergeben hatte, und daß ich es mir habe nehmen lassen. Ah! hier ist mein Pferd. Durch den Sohn, der im Kollege ist, werde ich wohl erfahren, wo sich der Vater befindet.«

Hiernach umarmte der Pächter seine Frau und seine Tochter zum letztenmal, schwang sich auf den Sattel und sprengte querfeldein in der Richtung der Straße nach Paris.

IX.
Straße nach Paris

Kehren wir zu Pitou zurück.

Pitou wurde vorwärts getrieben durch die zwei größten Anstachelungsmittel der Welt: die Furcht und die Liebe.

Die Furcht hatte ihm unmittelbar gesagt:

Du kannst verhaftet oder geschlagen werden, nimm dich in acht, Pitou.

Und das genügte, um ihn wie einen Hirsch laufen zu machen.

Die Liebe hatte ihm durch die Stimme von Katharine gesagt:

Entfliehen Sie geschwinde, mein lieber Pitou.

Die zwei Anstachelungsmittel machten, wie gesagt, daß Pitou nicht lief, sondern flog.

Wie kamen ihm seine langen Beine und seine ungeheuren Kniee, die bei einem Ball so unlieblich erschienen, nun so nützlich auf dem Felde vor, wo sein Herz, von Angst beklommen, drei Pulsschläge in der Sekunde that.

Herr von Charny mit seinen kleinen Füßen, seinen feinen Knieen und seinen symmetrisch an ihren Platz gestellten Beinen wäre sicherlich nicht so gelaufen.

Pitou lief also unaufhaltsam durch das Gehölz, ließ Cayolles zu seiner Rechten, Yvors zu seiner Linken und drehte sich bei jeder Ecke des Waldes, um zu sehen, oder vielmehr, um zu horchen; denn seit langer Zeit sah er nichts mehr, da seine Verfolger durch die Schnelligkeit, von der Pitou eine so glänzende Probe gegeben, gleich von Anfang um tausend Schritte von ihm entfernt waren, eine Entfernung, die jeden Augenblick zunahm.

Es ist wahr, daß sich die Agenten von Pasdeloup, ganz entzückt, ihre Beute in Händen zu haben, nicht im geringsten mehr um Pitou bekümmerten; doch Pitou wußte das nicht. Ihn verfolgten in seiner Angst noch immer die Schatten der Häscher, obgleich sie in Wirklichkeit schon längst von ihm abgelassen hatten.

Was die schwarzen Männer betrifft, so hatten sie das Selbstvertrauen, welches das Geschöpf träge macht.

»Laufe, laufe!« sagten sie, indem sie die Hände in ihre Hosentaschen steckten und darin die Belohnung klingen ließen, mit der sie Herr Pasdeloup beehrt hatte: »laufe, wir werden dich immerhin finden, wann wir wollen.«

Und Pitou lief immer weiter, als ob er die Worte der Agenten von Herrn Pasdeloup hätte hören können.

Als er durch schlaue Kreuzung seiner Laufspuren – wie es die Tiere des Waldes thun, um die Meute von ihrer Fährte abzubringen – seine Fußstapfen in ein so verworrenes Netz verwickelt hatte, daß sich Nimrod selbst nicht ausgekannt haben würde, faßte er plötzlich den Entschluß, nach rechts einen Haken zu machen, um die Straße von Villers-Cotterets nach Paris, ungefähr auf der Höhe der Heide von Gondreville, zu erreichen.

Sobald dieser Entschluß gefaßt war, stürzte er durch das Gehölze, machte einen rechten Winkel und erblickte nach Verlauf von einer Viertelstunde die Landstraße, eingerahmt von ihrem gelben Sandboden und begrenzt von ihren grünen Bäumen.

Eine Stunde nach seinem Abgang vom Pachthofe befand er sich auf dem Pflaster des Königs.

Er hatte ungefähr vier und eine halbe Meile in dieser Stunde gemacht. Das ist alles, was man von einem guten Pferde in scharfem Trab verlangen kann.

Er warf einen Blick rückwärts. Und nirgends zeigte sich was auf dem Wege, nur vor ihm ritten zwei Weiber auf Eseln.

Ein wenig beruhigt durch das, was er sah oder vielmehr nicht sah, machte Pitou einen Purzelbaum auf dem Rasen am Saume des Waldes, trocknete sich mit dem Aermel sein dickes, ganz rotes Gesicht ab, legte sich auf den frischen Klee und überließ sich der Wollust, in Ruhe zu schwitzen.

Doch die süßen Düfte der Luzerne und des Majorans konnten bei ihm das gesalzene Fleisch der Mutter Billot und das anderthalb Pfund schwere Laibchen schwarzes Brot, das ihm Katharine bei jedem Mahl, d. h. dreimal täglich, zuschied, nicht in Vergessenheit bringen.

Pitou sagte sich philosophisch, Mademoiselle Katharine sei die freigebigste Prinzessin der Welt, und der Pachthof des Vaters Billot der kostbarste Palast des Weltalls.

Dann sandte er einen sehnsuchtsvollen Blick in die Richtung des glückseligen Pachthofes und seufzte. Er fühlte, wie seine einen Augenblick sehr verworrenen und sehr gestörten Ideen mit dem ruhigen Atem wieder zu ihrer Regelmäßigkeit zurückkehrten.

»Warum,« sagte er zu sich selbst, »warum sind mir so viele außerordentliche Ereignisse in einem so kurzen Zeitraum begegnet? Warum mehr Vorfälle in drei Tagen, als in der ganzen übrigen Zeit meines Lebens?«

»Weil mir von einer Katze geträumt hatte, die Händel mit mir suchte,« antwortete er sich.

Und er machte eine Geberde, die besagte, die Quelle seines Unglücks sei ihm hinreichend klar.

»Ja,« fügte Pitou bei, nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte, »doch das ist keine Logik wie die meines verehrungswürdigen Abbés Fortier. Nicht, weil ich von einer gereizten Katze geträumt habe, begegnen mir alle diese Abenteuer. Der Traum ist den Menschen nur als Warnung gegeben worden.«

»Darum hat, ich weiß nicht welcher Schriftsteller, gesagt:« »»Du hast geträumt, hüte dich: cave, somniasti««.

»Somniasti?« fragte sich Pitou bestürzt. »Sollte ich denn abermals einen Barbarismus gemacht haben? Ei! nein, ich habe nur eine Elision gemacht; somniavisti hätte ich in grammatikalischer Sprache sagen müssen.«

»Es ist erstaunlich,« fuhr Pitou in Selbstbewunderung fort, »wie ich das Lateinische kann, seitdem ich es nicht mehr lerne.«

Nach dieser Verherrlichung seiner eigenen Person setzte sich Pitou wieder in Marsch.

Pitou ging mit langen Schritten, aber ruhiger. Diese Schritte konnten zwei Meilen in der Stunde zurücklegen.

Infolgedessen hatte Pitou innerhalb zweier Stunden, nachdem er sich wieder in Marsch gesetzt, Manteuil hinter sich und steuerte auf Dammartine zu.

Plötzlich überbrachte ihm sein feines Gehör, das nicht minder geübt war, als das eines wilden Osagen, das Geräusch eines auf dem Pflaster schallenden Hufeisens.

»Ho! ho!« rief Pitou; und er skandierte den bekannten Vers von Virgil: Quadru pe dante pu trem soni tu quatit ungula campum.

Und er schaute, doch er sah nichts.

Waren es die Esel, die er in Levignan gelassen und die einen Galopp angeschlagen hatten? Nein, denn das klirrende Eisen erscholl auf dem Pflaster; Pitou aber hatte in Haramont und selbst in Villers-Cotterets nur den Esel der Mutter Sabot gekannt, der beschlagen war, und zwar, weil die Mutter Sabot den Postdienst zwischen Villers-Cotterets und Crespy verrichtete.

Er vergaß daher für den Augenblick das Geräusch, das er gehört hatte, um zu seinen Betrachtungen zurückzukehren.

Wer waren die schwarzen Männer, die ihn über den Doktor Gilbert gefragt, die ihm die Hände gebunden, ihn verfolgt hatten, und die er so weit zurückgelassen?

Woher kamen diese im ganzen Kanton völlig unbekannten schwarzen Männer?

Was hatten sie besonders mit Pitou abzumachen? mit ihm, der sie nie gesehen und folglich auch nicht kannte?

Wie, da er sie gar nicht kannte, war es ihnen möglich, ihn zu kennen? Warum hatte ihn Mademoiselle Katharine nach Paris gehen heißen, und warum hatte sie ihm, um ihm die Reise zu erleichtern, einen Louisd'or von achtundvierzig Franken gegeben? das heißt zweihundert und vierzig Pfund Brot, das Pfund Brot zu vier Sous gerechnet, also Mittel, um achtzig Tage oder beinahe drei Monate bei einiger Mäßigkeit zu leben?

Vermutete Mademoiselle Katharine, Pitou könnte oder müsse achtzig Tage vom Pachthause entfernt bleiben?

Pitou bebte plötzlich.

»Ho! ho!« sagte er; »abermals dieses Hufeisen.«

Und er richtete sich auf.

»Diesmal täusche ich mich nicht. Das Geräusch, das ich höre, ist das eines galoppierenden Pferdes, ich will es auf der Steige sehen.«

Pitou hatte sein Selbstgespräch noch nicht vollendet, als ein Pferd auf der Höhe eines kleinen Abhanges hinter ihm auf ungefähr vierhundert Schritt erschien.

Die Furcht, die ihn auf einen Augenblick verlassen hatte, ergriff Pitou abermals und gab ihm noch längere und unerschrockenere Beine, als die, von denen er zwei Stunden vorher einen so wunderbaren Gebrauch gemacht, da er sich von einem der Agenten verfolgt glaubte.

Ohne zu überlegen, ohne rückwärts zu schauen, ohne daß er nur seine Flucht zu verhehlen suchte, schwang sich Pitou, auf die Vortrefflichkeit seines stählernen Kniebugs rechnend, mit einem einzigen Satz auf die andere Seite des Grabens, der die Straße begrenzte, und fing an, querfeldein in der Richtung von Ermenonville zu entfliehen. Pitou wußte nicht, was Ermenonville war. Er erblickte nur am Horizont den Gipfel von einigen Bäumen und sagte zu sich selbst:

»Wenn ich diese Bäume erreiche, die ohne Zweifel der Saum eines Waldes sind, bin ich gerettet.«

Und er eilte gegen Ermenonville.

Diesmal handelte es sich darum, ein Pferd im Laufe zu besiegen. Pitous Füße waren nicht Füße mehr, sondern Flügel. Und das um so mehr, weil Pitou, nachdem er sich ungefähr hundert Schritte querfeldein geflüchtet, im Zurücksehen bemerkt hatte, wie der Reiter sein Pferd den ungeheuern Sprung machen ließ, den er selbst über den Straßengraben gemacht.

Von diesem Augenblicke an gab es für den Flüchtigen keinen Zweifel mehr, daß es der Reiter auf ihn abgesehen habe, und der Flüchtige verdoppelte seine Geschwindigkeit, ohne nur noch den Kopf umzuwenden, weil er hierdurch Zeit zu verlieren fürchtete. Was seinen Lauf nun beschleunigte, war nicht mehr das Geräusch der Hufeisen auf dem Pflaster (denn das Geräusch dämpfte sich im Klee und auf dem Brachfelde); sondern es war etwas wie ein Schrei, der ihn verfolgte, die letzte Silbe seines Namens vom Reiter ausgesprochen, – ein Hu! Hu! welches das Echo seines Zornes zu sein schien und durch die Luft zog, die er durchschnitt.

Doch nach zehn Minuten dieses furchtbaren Laufes fühlte Pitou seine Brust schwer werden, seinen Kopf sich verstopfen. Seine Augen fingen an, in ihren Höhlen zu schwanken. Es kam ihm vor, als erhielten seine Kniee eine beträchtliche Ausdehnung, als füllten sich seine Lenden mit kleinen Steinen. Von Zeit zu Zeit stolperte er in den Furchen, er, der gewöhnlich die Füße beim Laufen so hoch aufhob, daß man alle Nägel an der Sohle seiner Schuhe sah.

Endlich triumphierte das Pferd, das in der Kunst zu laufen erhabener als der Mensch geboren ist, über den zweifüßigen Pitou; und dieser hörte zugleich die Stimme des Reiters nicht mehr: Hu! Hu! sondern: Pitou! Pitou! rufen.

Es war um ihn geschehen: alles war verloren.

Pitou versuchte es indessen, seinen Lauf fortzusetzen; das war eine Art von maschinenmäßiger Bewegung geworden; er ging, durch die repulsive Kraft fortgerissen; plötzlich wichen seine Kniee. Er wankte und fiel, einen großen Seufzer ausstoßend, mit dem Gesicht gegen die Erde nieder.

Zu gleicher Zeit aber, als er niederfiel, fest entschlossen, wenigstens mit seinem Willen nicht mehr aufzustehen, erhielt er einen Peitschenhieb um die Lenden. Ein schwerer Fluch, der ihm nicht fremd war, erscholl, und eine wohlbekannte Stimme rief ihm zu:

»Ah! Tölpel, ah! Dummkopf, du hast also geschworen, Cadet krepieren zu machen!«

Der Name Cadet setzte der Unentschlossenheit von Pitou ein Ziel.

»Ah!« rief er, indem er sich halb um sich selbst wandte, so daß er, statt auf dem Bauch zu liegen, auf den Rücken zu liegen kam. »Ah! ich höre die Stimme von Herrn Billot.«

Es war in der That der Vater Billot. Als sich Pitou von der Identität wohl überzeugt hatte, setzte er sich auf.

Der Pächter hatte seinerseits Cadet, der ganz von Schweiß troff, angehalten.

»Ah! lieber Herr Billot,« rief Pitou, »wie gut sind Sie, daß Sie mir so nachrennen! Ich schwöre Ihnen, daß ich in den Pachthof zurückgekommen wäre, nachdem ich den Doppel-Louisd'or von Mademoiselle Katharine verzehrt gehabt hätte. Doch da Sie da sind, so nehmen Sie hier Ihren Doppel-Louisd'or wieder, denn im ganzen gehört er doch Ihnen, und lassen Sie uns in den Pachthof zurückkehren.«

»Tausend Teufel!« entgegnete Billot, »es handelt sich wohl darum, in den Pachthof zurückzukehren, wo die Mouchards sind.«

»Die Mouchards!«2 fragte Pitou, der die Bedeutung dieses Wortes, das erst seit kurzer Zeit in das Wörterbuch der Sprache aufgenommen worden war, nicht recht begriff.

»Ja, ja, die Mouchards,« sagte Billot, »die schwarzen Männer, wenn du das besser begreifst.«

»Ah, die schwarzen Männer! Sie können sich wohl denken, Herr Billot, daß ich nicht zu meinem Vergnügen auf sie gewartet habe.«

»Bravo! sie sind also zurück.«

»Ich schmeichle mir damit; doch nach einem Laufe, wie ich ihn vollbracht, ist das, wie mir scheint, das Wenigste.«

»Wenn du deiner Sache gewiß warst, warum bist du dann noch immer geflohen?«

»Weil ich glaubte, es sei ihr Anführer, der mich, um mit Ehren zu bestehen, zu Pferde verfolge.«

»Ah! ah! du bist nicht so ungeschickt, als ich dachte. Sobald also der Weg frei ist, auf! auf! nach Dammartine.«

»Wie! auf, auf?«

»Ja, erhebe dich und komm mit mir.«

»Wir gehen also nach Dammartine?«

»Ja, ich werde ein Pferd beim Gevatter Lefranc nehmen; ich lasse ihm Cadet, der nicht mehr weiter kann, und wir marschieren heute Abend bis nach Paris.«

»Gut, Herr Billot, gut.«

»Wohl denn! auf! auf!«

Pitou strengte sich an, um zu gehorchen.

»Ich möchte wohl, lieber Herr Billot, aber ich kann nicht,« sagte er.

»Du kannst nicht aufstehen?«

»Nein.«

»Du hast wohl vorhin den Karpfensprung gemacht?«

»Oh! vorhin, darüber dürfen Sie sich nicht wundern. Ich hörte Ihre Stimme, und bekam zugleich einen Peitschenhieb auf den Rückgrat. Doch dergleichen Dinge gelingen nur einmal; jetzt bin ich an Ihre Stimme gewöhnt, und was Ihre Peitsche betrifft, so bin ich nun fest überzeugt, daß Sie dieselbe nur noch zur Führung des armen Cadet, der beinahe so heiß hat, als ich, anwenden werden.«

Die Logik von Pitou, welche im ganzen genommen keine andre war, als die des Abbés Fortier, überzeugte und rührte beinahe den Pächter.

»Ich habe keine Zeit, mich durch dein Schicksal erweichen zu lassen,« sagte er zu Pitou; »doch strenge dich an und steige auf das Kreuz von Cadet.«

»Ah! ah, da wird der arme Cadet krepieren!«

»Bah! in einer halben Stunde sind wir beim Vater Lefranc.«

»Ei! mein lieber Herr Billot, mir scheint, es ist vollkommen unnütz, daß ich zum Vater Lefranc gehe.«

»Und warum?«

»Weil, wenn Sie etwas in Dammartine bedürfen, ich doch nichts dort bedarf.«

»Ja, aber ich, ich bedarf, daß du nach Paris kommst. In Paris wirst du mir dienen; du hast solide Fäuste, und ich bin fest überzeugt, daß man sich dort demnächst Püffe austeilen wird.«

»Ah! ah!« versetzte Pitou, nicht sehr entzückt über diese Aussicht: »Sie glauben?«

Und er hißte sich auf Cadet, wobei ihn Billot wie einen Mehlsack an sich zog. Der gute Pächter erreichte die Landstraße wieder und agierte so gut mit dem Zaum, mit den Knieen und mit den Sporen, daß man in weniger als einer halben Stunde, wie er gesagt hatte, in Dammartine war.

Billot war in die Stadt durch ein ihm bekanntes Gäßchen eingeritten. Er gelangte in den Pachthof des Vaters Lefranc, ließ Pitou und Cadet mitten im Hof, lief geradeswegs in die Küche, wo der Vater Lefranc, eben im Begriffe auszureiten, um eine Runde in den Feldern zu machen, seine Gamaschen zuknöpfte.

»Geschwinde, geschwinde, Gevatter,« sagte er zu Lefranc, ehe sich dieser von seinem Erstaunen erholt hatte, »Dein stärkstes Pferd.«

»Das ist Margot,« erwiderte Lefranc; »das gute Tier ist gerade gesattelt; ich war im Begriff, aufzusitzen.«

»Gut also, Margot; nur ist es möglich, daß ich sie zu Tode reite, das sage ich dir zum Voraus.«

»Ah! Margot zu Tode reiten, und warum dies?« frage ich dich.

»Weil ich heute Abend in Paris sein muß,« sagte Billot mit düsterer Miene.

Und er machte Lefranc eine äußerst bezeichnende Freimaurergeberde.

»Dann reite Margot zu Tode,« sprach der Vater Lefranc, »du wirst mir Cadet geben.«

»Abgemacht.«

»Ein Glas Wein?«

»Zwei.«

»Doch du bist nicht allein, wie mir scheint?«

»Nein, ich habe einen braven Burschen bei mir, den ich mit mir nehme; er ist so abgemattet, daß er nicht die Kraft gehabt hat, bis hierher zu kommen; laß ihm etwas geben.«

»Sogleich, sogleich,« sagte der Pächter. In zehn Minuten hatten die zwei Freunde jeder seine Flasche Wein getrunken, und Pitou hatte einen zweipfündigen Laib Brot und ein halbes Pfund Speck verschlungen. Wahrend er aß, rieb ihn ein Knecht vom Pachthof, ein guter Teufel, mit einer Handvoll frischer Luzerne, wie er es mit einem Lieblingspferde gemacht hätte.

So gerieben, so erquickt, verschluckte Pitou auch ein Glas Wein von einer dritten Flasche, die mit um so größerer Schnelligkeit geleert wurde, als, wie gesagt, Pitou daran teil nahm, wonach Billot Margot bestieg und Pitou, steif wie ein Stück Holz, auf das Kreuz gesetzt wurde.

Vom Sporne angetrieben, trabte das gute Tier bald unter der doppelten Last mutig gen Paris, wobei es ohne Unterlaß mit seinem kräftigen Schweif nach den Fliegen jagte, dem armen Pitou den staubigen Rücken ausklopfte und von Zeit zu Zeit mit der dicken Rute aus Roßhaar auch an seine dünnen, wegen schlecht aufgezogener Strümpfe schutzlosen Waden schlug.

X.
Was am Ende der Straße, der Pitou folgte, nämlich in Paris vorging

Von Dammartine nach Paris sind es noch acht Meilen. Die vier ersten legte man ziemlich leicht zurück; doch von Bourget an wurden die Beine von Margot, obgleich durch die langen Beine von Pitou angetrieben, am Ende steif.

Als man nach La Villette kam, glaubte Billot in der Nähe von Paris eine große Flamme zu erschauen.

Er machte Pitou auf den rötlichen Schein aufmerksam, der am Horizont aufstieg.

»Sie sehen also nicht,« sagte Pitou, »daß das Truppen sind, die biwakieren und Feuer angezündet haben?«

In der That, indem er aufmerksam zu seiner Rechten schaute, sah der Vater Billot die Ebene von Saint-Denis besät mit schwarzen Abteilungen, die schweigsam, Infanterie und Kavallerie, in der Finsternis marschierten.

Ihre Waffen glänzten zuweilen in den bleichen Strahlen der Sterne. Pitou, der durch seine nächtlichen Wanderungen in der Dunkelheit zu sehen gewöhnt war, zeigte sogar seinem Herrn mitten auf dem feuchten Felde Kanonen, die bis zur Hälfte der Räder im Kot versunken waren.

»Ho! ho!« sagte Billot, »es giebt also neues dort? Beeilen wir uns, Junge, beeilen wir uns.«

»Ja, ja, es giebt Feuer dort,« erwiderte Pitou, der sich auf dem Kreuze von Margot erhoben hatte. »Sehen sie, sehen Sie die Funken!«

Margot blieb stehen. Billot sprang von ihrem Rücken auf das Pflaster und trat zu einer Gruppe blau und gelber Soldaten, die unter den Bäumen an der Straße biwakierten.

»Kameraden,« fragte er sie, »könnt Ihr mir wohl sagen, was es neues in Paris giebt?«

Doch die Soldaten beschränkten sich darauf, daß sie ihm durch einige Flüche in deutscher Sprache antworteten.

»Was Teufel sagen sie?« fragte Billot Pitou.

Pitou antwortete mit gewaltigem Zittern: »Lieber Herr Billot, ich kann Sie bloß versichern, daß es nicht lateinisch ist, was sie reden.«

Billot dachte nach und schaute.

»Ich Dummkopf, der ich bin, daß ich mich an Kaiserliche wende, rief er.«

Und in seiner Neugierde blieb er unbeweglich mitten auf der Straße.

Ein Offizier kam auf ihn zu.

»Ziehen Sie Ihres Weges,« sagte er, »und zwar geschwinde.«

»Verzeihen Sie, Kapitän,« erwiderte Billot, »ich gehe nach Paris.«

»Nun?«

»Und da ich Sie quer auf dem Wege sehe, so befürchte ich, daß man nicht bis zu den Barrièren passiert.«

»Man passiert.«

Billot stieg wieder zu Pferde und passierte wirklich; aber nur, um unter die Husaren von Berchigny zu geraten, die La Villette versperrten.

Diesmal hatte er es mit Landsleuten zu thun, und er fragte daher mit besserem Erfolg.

»Mein Herr,« sagte er, »was giebt es denn neues in Paris?«

»Eure wütenden Pariser,« antwortete ein Husar, »wollen ihren Necker haben, und sie schießen auf uns, als ob das uns anginge.«

»Necker haben!« rief Billot, »Sie haben ihn also verloren?«

»Gewiß, da ihn der König abgesetzt hat.«

»Der König hat Herrn Necker abgesetzt?« sprach Billot mit dem Erstaunen eines Adepten, der über Ruchlosigkeit schreit; »der König hat diesen großen Mann abgesetzt?«

»Oh, mein Gott, ja, mein Braver; dieser große Mann ist sogar schon unterwegs nach Brüssel.«

»Wohl! dann werden wir lachen,« rief Billot mit einer furchtbaren Stimme, ohne sich um die Gefahr zu bekümmern, die er dadurch lief, daß er mitten unter zwölf bis fünfzehnhundert royalistischen Säbeln sich als Aufrührer gebärdete.

Und er bestieg abermals Margots Rücken und trieb sie mit grausamen Fersenstößen bis zur Barrière.

Während er immer weiter ritt, sah er den Brand um sich greifen und sich röten; eine lange Feuersäule stieg von der Barrière zum Himmel auf. Die Barrière selbst brannte.

Eine brüllende, wütende Menge, vermischt mit Weibern, die ihrer Gewohnheit gemäß lauter drohten und schrieen als die Männer, schürte die Flamme mit Trümmern von Zimmerwerk, Hausgeräte und Effekten des Octroieinnehmers.

Auf der Straße schauten die ungarischen und deutschen Regimenter, das Gewehr bei Fuß, der Verwüstung zu und verzogen keine Miene.

Billot hielt nicht bei diesem Flammenwall an. Er trieb Margot durch den Brand. Margot setzte mutig über die weißglühende Barrière; doch jenseits der Barrière mußte Billot vor einer dichtgedrängten Volksmenge anhalten, die aus dem Mittelpunkte der Stadt in die Vorstädte zurückströmte, wobei die einen sangen, die andern: Zu den Waffen! riefen.

Billot hatte das Aussehen von dem, was er war, nämlich von einem guten Pächter, der in seinen Geschäften nach Paris kommt. Er schrie, vielleicht ein wenig zu laut: »Platz! Platz!« Doch Pitou wiederholte so artig hinter ihm: Platz, »wenn's beliebt! Platz!« daß der eine den andern verbesserte. Niemand hatte ein Interesse dabei, Billot zu verhindern, zu seinen Geschäften zu gehen: man ließ ihn vorüber.

Margot hatte ihre Kräfte wiedergefunden! das Feuer hatte ihr die Haare versengt: all dieses ungewöhnliche Geschrei ängstigte sie. Billot war nun genötigt, ihre letzte Anstrengung zu zügeln, denn er befürchtete, die zahlreichen, vor den Thoren zusammengescharten Neugierigen niederzureiten.

Billot rückte immerhin vor, indem er Margot, bald rechts, bald wieder links lenkte, bis zum Boulevard.

Es defilierte eben ein Zug, der von der Bastille kam und nach dem Garde-Meubles marschierte. Dieser Zug versperrte den Boulevard und folgte einer Bahre, auf der zwei Büsten getragen wurden: die eine durch einen Flor verschleiert, die andere mit Blumen bekränzt.

Die durch einen Flor verschleierte Büste war die Büste von Necker, dem nicht in Ungnade gefallenen, aber entlassenen Minister; die andere war die Büste des Herzogs von Orleans, der bei Hofe für den Finanzmann von Genf offen Partei genommen hatte.

Billot erkundigte sich, was diese Prozession bedeute. Man sagte ihm, es sei eine Herrn Necker und seinem Verteidiger, dem Herrn Herzog von Orleans, vom Volke dargebrachte Huldigung.

Billot war in einer Gegend geboren, wo man den Namen des Herzogs von Orleans seit anderthalb Jahrhunderten verehrte. Billot gehörte zur philosophischen Sekte und betrachtete folglich Necker nicht nur als einen großen Minister, sondern auch als einen Apostel der Menschheit. Das war mehr, als es brauchte, um Billot zu begeistern. Er sprang von seinem Pferde, ohne genau zu wissen, was er that, und schrie: »Es lebe der Herzog von Orleans! es lebe Necker!« und mischte sich unter die Menge.

Hat man sich einmal unter die Menge gemischt, so verschwindet die individuelle Freiheit. Billot war es übrigens um so leichter, sich fortreißen zu lassen, als er vielmehr an der Spitze, als an dem Schweife der Bewegung ging.

Der Zug rief aus vollem Halse: »Es lebe Necker! Keine fremden Truppen mehr! Nieder mit den fremden Truppen!«

Billot vermischte seine mächtige Stimme mit allen diesen Stimmen,

Ein Vorzug, welcher es auch sein mag, wird immer vom Volke geschätzt. Der Pariser der Vorstädte mit der schwächlichen, heiseren, durch die Entkräftung geschwächten, oder durch den Wein zerfressenen Stimme würdigte die frische, reine, klangreiche Stimme von Billot und machte ihm Platz, so daß Billot, ohne zu sehr gepufft, mit den Ellbogen gestoßen, des Atems beraubt zu werden, bis zu der Bahre gelangte.

Nach Verlauf von zehn Minuten trat ihm einer von den Trägern, dessen Enthusiasmus seine Kräfte überstieg, seinen Platz ab.

Billot hatte, wie man sieht, rasch seinen Weg gemacht.

Am Tage vorher noch einfacher Verbreiter der Broschüre des Doktors Gilbert, war er am andern Abend eines der Werkzeuge des Triumphes von Necker und vom Herzog von Orleans.

Doch kaum zu diesem Posten gelangt, durchzuckte ein Gedanke seinen Geist. Was war aus Pitou, was war aus Margot geworden?

Während er seine Bahre trug, wandte Billot seinen Kopf um und sah beim Scheine der Fackeln, die den Zug begleiteten und erhellten, beim Schimmer der Lämpchen, die alle diese Fenster beleuchteten, mitten im Zuge eine Art von wandernder Erhöhung, gebildet von fünf bis sechs gestikulierenden und schreienden Menschen.

Unter diesen Gestikulationen und unter diesem Geschrei war die Stimme von Pitou leicht zu unterscheiden, ließen sich seine langen Arme leicht erkennen.

Pitou that, was er konnte, um Margot zu verteidigen, aber trotz seiner Anstrengung war Margot gleichsam im Sturme genommen worden. Margot trug nicht mehr Pitou und Billot, schon eine ehrenwerte Last für das arme Tier.

Margot trug alles, was auf ihrem Rücken, auf ihrem Kreuz, auf ihrem Hals und auf ihrem Widerrist Platz hatte finden können.

Margot glich in der Nacht, die durch die Phantasie alle Gegenstände vergrößert, einem mit Schützen, die auf eine Tigerjagd ausziehen, beladenen Elephanten.

Auf dem breiten Rückgrat von Margot hockten fünf bis sechs Besessene und schrieen: »Es lebe Necker! es lebe der Herzog von Orleans! nieder mit den Fremden!«

Worauf Pitou erwiderte:

»Ihr werdet Margot erdrücken!«

Die Trunkenheit war allgemein.

Billot hatte einen Augenblick den Gedanken, Pitou und Margot Hilfe zu bringen; doch hielt ihn die Furcht wieder davon ab, er könnte, wenn er nur eine Minute auf die von ihm eroberte Ehre, eine von den Stangen der Bahre zu tragen, verzichtete, den Platz an seiner Stange verlieren. Dann dachte er, daß durch den mit dem Vater Lefranc abgeschlossenen Tausch von Cadet gegen Margot, Margot ihm gehörte, und daß, sollte Margot Unglück widerfahren, dies nur eine Sache von drei- bis vierhundert Livres wäre, und daß er, Billot, reich genug sei, um dem Vaterland drei- bis vierhundert Livres zum Opfer zu bringen.

Mittlerweile marschierte der Zug immer weiter; er hatte eine schräge Richtung angenommen und war von der Rue Montmartre bis zur Place des Victoires hinabgegangen. Als man zum Palais Royal kam, fand man eine große Zusammenscharung, die den Weg völlig versperrte. Ein Haufen Menschen mit grünen Blättern am Hut schrie: »Zu den Waffen!«

Man mußte sich erst erkundigen, waren die Menschen, welche die Rue Vivienne versperrten, Freunde oder Feinde? Grün war die Farbe des Grafen d'Artois. Warum die grünen Kokarden?

Nach einer kurzen Verhandlung erklärte sich alles.

Als man die Entlassung Neckers erfuhr, war ein junger Mann aus dem Kaffee Foy herausgetreten, auf einen Tisch gestiegen und hatte, eine Pistole zeigend, gerufen:

»Zu den Waffen!«

Bei diesem Rufe hatten sich alle Spaziergänger des Palais um ihn versammelt und geschrieen: »Zu den Waffen.«

Alle fremden Regimenter waren, wie gesagt, um Paris zusammengeschart. Man hatte glauben sollen, es wäre eine österreichische Invasion; die Namen dieser Regimenter klangen entsetzlich für französische Ohren. Sie hießen: Reynac, Salis Samade, Diesbach, Esterhazy, Römer;3 man brauchte sie nur zu nennen, um der Menge begreiflich zu machen, man spreche feindliche Namen aus. Der junge Mann nannte sie und verkündigte, Schweizer seien auf den Champs-Elysees mit vier Kanonen gelagert und müssen an demselben Abend im Gefolge der Dragoner des Prinzen von Lambesq in Paris einziehen. Er schlug eine neue Kokarde vor, die nicht die ihrige wäre, riß ein Blatt von einem Kastanienbaume und steckte es auf seinen Hut. In demselben Augenblick ahmten ihm alle Anwesenden nach, und in zehn Minuten hatten dreitausend Personen die Bäume des Palais Royal geplündert.

Am Morgen war der Name des jungen Mannes unbekannt, am Abend war er in aller Mund.

Der Name des jungen Mannes war Camille Desmoulins.

Man begrüßte sich, man schloß Brüderschaft, man umarmte sich. Dann marschierte der Zug weiter.

Während des kurzen Haltes, den man gemacht, hatten die Neugierigen, die nichts sehen konnten, selbst wenn sie sich auf den Fußspitzen erhoben, Margot mit einer neuen Last an seinem Zaum, an seinem Sattel, an seinem Schwanzriemen, an seinen Steigbügeln so sehr überbürdet, daß das arme Tier in dem Augenblick, wo es sich wieder in Marsch setzen sollte, buchstäblich unter dem übermäßigen Gewicht zusammensank.

An der Ecke der Rue Richelieu schaute Billot zurück; Margot war verschwunden.

Er stieß, dem Andenken des unglücklichen Tieres gewidmet, einen Seufzer aus. Dann raffte er die Kräfte seiner Stimme zusammen und rief dreimal Pitou, wie es die Römer bei den Leichenbegängnissen ihrer Verwandten thaten; es war ihm, als hörte er aus dem Schoße der Menge eine Stimme hervordringen, die auf die seinige antwortete. Doch diese Stimme ging in dem verworrenen Geschrei verloren, das halb in Drohungen, halb in Beifallsrufen zum Himmel emporstieg.

Der Zug marschierte weiter.

Alle Läden waren geschlossen; doch alle Fenster geöffnet, und aus allen Fenstern kamen Ermutigungen und fielen voll Berauschung auf die Umhergehenden.

So erreichte man die Place Vendôme. Doch hier wurde der Zug durch ein unvorhergesehenes Hindernis aufgehalten.

Jenen Baumstämmen ähnlich, die, von einem ausgetretenen Flusse fortgewälzt, auf einen Brückenpfeiler stoßen und gegen die Trümmer, die ihnen folgen, zurückspringen, fand das Volksheer eine Abteilung von Royal-Allemand auf der Place Vendôme.

Die fremden Soldaten waren Dragoner, die, als sie die durch die Straße Saint-Honoré steigende Volksmasse sahen, die nun gegen die Place Vendôme auszuströmen anfing, ihren Pferden, die durch einen Halt von fünf Stunden ungeduldig geworden, die Zügel schießen ließen und gegen das Volk ansprengten.

Die Träger der Bahre bekamen den ersten Stoß und wurden unter der Last niedergeworfen. Ein Savoyard, der vor Billot ging, stand zuerst wieder auf, ergriff das Bildnis des Herzogs von Orleans, befestigte es auf dem Ende eines Stockes, hob es über seinen Kopf empor und schrie: »Es lebe der Herzog von Orleans!« den er nie gesehen, oder: »Es lebe Necker!« den er nicht kannte.

Billot wollte dasselbe mit der Büste von Necker thun, doch war man ihm zuvorgekommen. Ein junger Mann von vierundzwanzig bis fünfundzwanzig Jahren, elegant genug gekleidet, um den Namen eines Muscadin4 zu verdienen, war der Büste mit den Augen gefolgt, was für ihn viel leichter, als für Billot war, der sie trug, und hatte sich auf dieselbe gestürzt, sobald sie den Boden berührte.

Der Pächter suchte daher vergebens auf der Erde; die Büste von Necker steckte schon an der Spitze einer Art von Pike und versammelte, neben derjenigen des Herzogs von Orleans getragen, einen großen Teil des Zuges um sich.

Plötzlich beleuchtet ein Feuerschein den Platz. In demselben Augenblick vernimmt man ein Gekrache, Kugeln pfeifen; etwas Schweres schlagt Billot vor die Stirne; er fällt; im ersten Augenblick hält sich Billot für tödlich getroffen.

Doch da ihn das Bewußtsein nicht verlassen hat, da ihm, abgesehen von einem heftigen Schmerz am Kopfe, durchaus nichts wehe thut, so begreift Billot, daß er höchstens verwundet ist; fährt mit der Hand an die Stirne, um sich der Bedeutung seiner Wunde zu versichern, und bemerkt zugleich, daß er nur eine Quetschung am Kopfe hat, und daß seine Hände von Blut gerötet sind.

Dem jungen Manne mit den schönen Kleidern, der Billot voranging, hatte eine Kugel die Brust in der Mitte durchbohrt. Er war tot. Dieses Blut, es war das seinige. Der Schlag, den Billot empfunden hatte, war die Büste von Necker, die ihm, ihre Stütze verlierend, auf den Kopf gefallen war.

Billot stößt einen Schrei aus, halb vor Wut, halb vor Schrecken.

Er tritt von dem jungen Manne zurück, der sich in den Konvulsionen des Todeskampfes zerarbeitet. Diejenigen, welche ihn umgeben, treten, wie er, zurück, und von der Menge wiederholt, verlängert sich der Schrei, den er ausgestoßen, wie ein Leichenecho in den letzten Gruppen der Rue Saint-Honoré.

Dieser Schrei ist ein neuer Aufruhr; man vernimmt ein zweites Krachen, und alsbald bezeichnen tiefe, in die Masse gegrabene Löcher den Durchzug des Geschosses.

Die Büste, deren ganzes Gesicht mit Blut befleckt ist, aufraffen, sie über seinen Kopf erheben, mit seiner männlichen Stimme Einsprache thun, auf die Gefahr hin, sich töten zu lassen gleich dem schönen jungen Mann, dessen Körper zu seinen Füßen liegt, daß ist es, was die Entrüstung Billot eingießt, und was er im ersten Augenblicke seines Enthusiasmus thut.

Doch bald legt sich eine breite, kräftige Hand auf die Schulter des Pächters und drückt dergestalt darauf, daß er genötigt ist, sich unter dem Gewichte zu biegen. Der Pächter will sich dem Druck entziehen, eine andere Hand, nicht minder schwer als die erste, fällt auf seine andere Schulter. Er dreht sich entrüstet um, um zu schauen, mit was für einem Gegner er es zu thun habe.

»Pitou?« ruft er.

»Ja, ja,« antwortet Pitou, »bücken Sie sich ein wenig und Sie werden sehen.«

Und er verdoppelt seine Anstrengung, bis es ihm gelingt, den widerspenstigen Pächter neben sich niederzudrücken.

Kaum hat er ihm das Gesicht gegen die Erde gedrückt, da ertönt eine zweite Salve. Der Savoyard, der die Büste des Herzogs von Orleans trägt, bückt sich auch, von einer Kugel in den Schenkel getroffen.

Dann hört man das Aufschlagen der Hufeisen auf dem Pflaster. Die Dragoner greifen zum zweiten Mal an; ein Pferd mit zerzauster Mähne und wütend, rennt über den unglücklichen Savoyarden, und er fühlt die kalte Spitze einer Lanze in seine Brust eindringen. Er fällt auf Billot und Pitou.

Der Sturm zieht, Schrecken und Tod verbreitend, weiter und weiter bis in die Tiefe der Straße! Die Leichname allein bleiben auf dem Pflaster. Alles flieht durch die anliegenden Gassen. Die Fenster schließen sich. Eine Todesstille folgt auf die Rufe der Begeisterung und auf das Geschrei des Zorns.

Billot wartete einen Augenblick, immer noch durch den klugen Pitou niedergehalten. Als er dann fühlte, daß die Gefahr sich mit dem Lärmen entfernte, erhob er sich auf ein Knie, während Pitou, nach Art der Hafen im Lager, nicht den Kopf aufzurichten, sondern das Ohr zu spitzen anfing.

»Nun, Herr Billot,« fügte Pitou, »ich glaube, Sie haben wahr gesprochen, wir sind im rechten Augenblick angekommen.«

»Auf, hilf mir!«

»Wobei? zu entfliehen?«

»Nein; der junge Muscadin ist tot, doch der arme Savoyard ist, wie ich denke, nur ohnmächtig. Hilf mir ihn auf meinen Rücken laden, wir können ihn nicht hier lassen, daß ihm die verdammten Deutschen den Rest geben.«

Billot sprach eine Sprache, die Pitou gerade zum Herzen ging. Er fand nichts zu antworten und konnte nur gehorchen. Darum nahm er den Körper des ohnmächtigen, blutenden Savoyarden, lud ihn, wie er es mit einem Sacke gethan hätte, auf die Schulter des kräftigen Pächters, und dieser schlug, als er die Rue Saint-Honoré frei und scheinbar verlassen sah, mit Pitou den Weg nach dem Palais-Royal ein.

XI.
Die Nacht vom 12. auf den 13. Juli

Die Straße war anfangs Billot und Pitou leer und verlassen vorgekommen, weil sich die Dragoner, in Verfolgung der Masse der Flüchtigen begriffen, in den Rues Louis-le-Grand und Gaillon verbreitet hatten, als aber Billot, instinktartig und mit halber Stimme das Wort Rache brummend, dem Palais-Royal näher kam, erschienen Menschen an den Straßenecken, in den Öffnungen der Gänge, auf der Schwelle der Thorwege; sie schauten anfangs stumm und erschrocken umher, versicherten sich der Abwesenheit der Dragoner, schlossen sich dann diesem Leichenzuge an, und wiederholten zuerst mit halber Stimme, dann laut, und endlich mit gewaltigem Geschrei das Wort: »Rache! Rache!«

Pitou ging, die schwarze Mütze des Savoyarden in der Hand, hinter dem Pächter.

Sie kamen so, eine unheimliche, traurige Prozession, auf den Platz des Palais-Royal, wo ein ganzes, vor Zorn trunkenes Volk beratschlagte und die Unterstützung der französischen Soldaten gegen die fremden forderte.

»Was für Menschen in Uniform sind das?« fragte Billot, als er vor die Fronte einer Kompagnie kam, die, das Gewehr bei Fuß, den Platz des Palais-Royal vom großen Thore des Schlosses bis zur Rue de Chartres versperrt hielt.

»Es sind französische Garden,« riefen mehrere Stimmen.

»Ah!« sagte Billot, indem er näher auf sie zutrat und den Soldaten den Körper des Savoyarden zeigte, der nur noch eine Leiche war. »Ah! ihr seit Franzosen, und laßt uns durch Deutsche erwürgen!«

Die französischen Garden machten unwillkürlich eine Bewegung rückwärts.

»Tot!« murmelten einige Stimmen in den Reihen.

»Ja, tot, ermordet, er und viele Andere.«

»Und durch wen?«

»Durch die Dragoner von Royal-Allemand. Habt ihr denn das Geschrei, die Schüsse, den Galopp der Pferde nicht gehört?«

»Doch! doch! riefen zwei- bis dreihundert Stimmen; man ermordete das Volk auf der Place Vendôme.«

»Und ihr seid vom Volk, tausend Götter!« rief Billot den Soldaten zu. »Es ist also eine Feigheit von euch, daß ihr eure Brüder ermorden laßt!«

»Eine Feigheit! murmelten einige drohende Stimmen in den Reihen.«

»Ja  . . . eine Feigheit! ich habe es gesagt und wiederhole es. Ah,« fuhr Billot fort, indem er drei Schritte gegen den Punkt machte, woher die Drohungen gekommen waren, »werdet ihr mich nicht töten, um zu beweisen, daß ihr keine Feige seid?«

»Es ist gut  . . . es ist gut,« sagte einer von den Soldaten; »Sie sind ein Braver, mein Freund; doch Sie sind Bürger und können thun, was Sie wollen; aber der Militär ist Soldat und hat einen Befehl.«

»Somit,« rief Billot, »wenn ihr den Befehl bekämet, auf uns, das heißt, auf Unbewaffnete, zu schießen, so würdet ihr schießen, die Nachfolger der Männer von Fontenoy!«

»Ich, ich weiß wohl, daß ich nicht feuern würde,« rief eine Stimme in den Reihen.

»Ich auch nicht, ich auch nicht,« wiederholten hundert Stimmen.

»So verhindert also die andern, auf uns zu schießen. Uns durch die Deutschen ermorden lassen, ist gerade, als ob ihr uns selbst ermorden würdet.«

»Die Dragoner! die Dragoner!« schrieen mehrere Stimmen, während zugleich die Menge, zurückgedrängt und durch die Rue Richelieu fliehend, auf den Platz auszuströmen anfing.

Und man hörte noch in der Ferne, aber näher kommend, den Galopp einer schweren Kavallerie auf dem Platze schallen.

»Zu den Waffen! zu den Waffen!« schrieen die Flüchtigen.

»Tausend Götter!« sagte Billot, während er den Körper des Savoyarden, den er bis jetzt noch nicht losgelassen, auf den Boden warf; gebt uns wenigstens eure Gewehre, wenn ihr euch derselben nicht bedienen wollt.«

»Doch, doch, tausend Donner! wir wollen uns derselben bedienen,« sagte der Soldat, an den sich Billot gewendet, während er aus den Händen des Pächters sein Gewehr losmachte, das der andere schon gepackt hatte. »Auf, auf, ergreift die Patronen, und wenn die Österreicher etwas zu diesen braven Leuten sagen, so werden wir sehen.«

»Ja, ja, wir werden sehen,« schrieen die Soldaten, und sie griffen mit der Hand an die Patrontasche, um Patronen herauszuholen.

»Oh! Donner!« rief Billot, mit dem Fuße stampfend, »daß ich mein Jagdgewehr nicht mitgenommen habe! Doch es wird wohl einer von diesen österreichischen Schuften getötet werden, dem nehme ich seine Muskete.«

»Mittlerweile,« sagte eine Stimme, »nehmen Sie diese Büchse, sie ist geladen.«

Und zugleich schob ein unbekannter Mann Billot eine reiche Büchse in die Hände.

Gerade in diesem Augenblicke mündeten die Dragoner, alles, was sich vor ihnen fand, niederwerfend und niedersäbelnd, auf den Platz aus.

Der Offizier, der die französischen Garden kommandierte, machte vier Schritte vorwärts.

»Holla! meine Herren Dragoner, halt da, wenn's beliebt!« rief er.

Sei es nun, daß die Dragoner nicht hörten, sei es, daß sie nicht hören wollten, sei es, daß sie durch einen zu stürmischen Lauf fortgerissen wurden, um anzuhalten, sie schwenkten rechts auf den Platz ein und warfen eine Frau und einen Greis nieder, die unter den Füßen der Pferde verschwanden.

»Feuer also, Feuer!« rief Billot.

Billot war ganz nahe bei dem Offizier, und man konnte glauben, der Offizier selbst rufe. Die französischen Garden schlugen an und machten ein Rottenfeuer, worauf die Dragoner rasch anhielten.

»Ei! meine Herren Garden,« sagte ein deutscher Offizier, der vor die Front der in Unordnung gebrachten Schwadron ritt, »wissen Sie, daß Sie auf uns feuern?«

»Bei Gott! ob wir das wissen!« rief Billot.

Und er schoß den Offizier vom Pferde.

Da gaben die französischen Garden eine zweite Salve, und die Deutschen, als sie sahen, daß sie es diesmal nicht mit Bürgern, die beim ersten Säbelhieb entflohen, sondern mit Soldaten zu thun hatten, die sie festen Fußes erwarteten, kehrten um und erreichten die Place Vendôme wieder unter einem so furchtbaren Ausbruch von Bravos und Triumphgeschrei, daß viele Pferde durchgingen und sich die Hirnschale an den geschlossenen Fensterläden zerschmetterten.

»Es leben die französischen Garden!« rief das Volk.

»Es leben die Soldaten des Vaterlandes!« rief Billot.

»Wir danken,« antworteten diese, »wir haben das Feuer gesehen und sind nun getauft.«

»Und ich habe das Feuer auch gesehen,« sagte Pitou.

Nun? fragte Billot.

»Nun! ich finde es nicht so erschrecklich, als ich es mir vorstellte.«

»Wem gehört nun das Gewehr?« sagte Billot, der die Büchse zu untersuchen Zeit gehabt und in derselben eine Waffe von großem Wert erkannt hatte.

»Meinem Herrn,« erwiderte dieselbe Stimme, die schon einmal hinter ihm gesprochen. »Doch mein Herr findet, Sie bedienen sich desselben zu gut, um es von Ihnen zurückzunehmen.«

Billot wandte sich um und erblickte einen Piqueur in der Livree des Herzogs von Orleans.

»Und wo ist dein Herr?« fragte er.

Der Piqueur deutete auf eine halb geöffnete Jalousie, hinter der der Prinz alles, was vorgefallen war, gesehen hatte.

»Er ist also mit uns, dein Herr?« fragte Billot.

»Mit Herz und Seele beim Volk,« erwiderte der Piqueur.

»Dann noch einmal: Es lebe der Herzog von Orleans!« rief Billot: »Freunde, der Herzog von Orleans ist für uns; es lebe der Herzog von Orleans!«

Und er deutete auf den Laden, hinter dem der Prinz stand.

Der Laden wurde ganz geöffnet, und der Herzog von Orleans verbeugte sich dreimal.

Dann schloß sich der Laden wieder.

So kurz die Erscheinung gewesen war, sie hatte die Begeisterung auf den höchsten Grad gesteigert.

»Es lebe der Herzog von Orleans!« schrieen zwei- bis dreitausend Stimmen.

»Brechen wir die Buden der Waffenschmiede auf,« sagte eine Stimme in der Mitte.

»Laufen wir ins Invalidenhaus!« riefen einige alte Soldaten. »Sombreuil hat zwanzigtausend Gewehre.«

»Ins Invalidenhaus!«

»Ins Stadthaus!« riefen mehrere Stimmen; der Stadtvogt Flesselles hat den Schlüssel zum Waffendepot der Garden, er wird sie uns geben.«

»Ins Stadthaus!« wiederholte ein Teil der Anwesenden.

Und alle Welt lief in den drei Richtungen weg, die bezeichnet worden waren.

Mittlerweile hatten sich die Dragoner wieder um den Baron Bezenval und den Prinzen von Lambesq auf der Place Louis XV. gesammelt. Das wußten Billot und Pitou nicht; sie waren keinem von den drei Haufen gefolgt und befanden sich beinahe allein auf dem Platze des Palais-Royal.

»Nun, lieber Herr Billot, wohin gehen wir, wenn ich fragen darf?« sagte Pitou.

»Ei! ich hätte große Lust, diesen braven Leuten zu folgen, nicht zu den Waffenschmieden, da ich eine so schöne Büchse habe, sondern nach dem Stadthause, oder ins Invalidenhaus. Insofern ich aber nach Paris gekommen bin, nicht um mich zu schlagen, sondern um die Adresse von Herrn Gilbert zu erfahren, so müßte ich, wie mir scheint, in das College Louis-le-Grand gehen, wo sein Sohn ist, mit dem Vorbehalt, wenn ich den Doktor gesehen habe, mich wieder in diesen ganzen Wirrwarr zu stürzen.«

Und die Augen des Pächters schleuderten Blitze.

»Zuerst in das College Louis-le-Grand zu gehen, kommt mir logisch vor, da wir zu diesem Ende nach Paris gekommen sind,« sprach Pitou pathetisch.

»Nimm also einen Musketon, einen Säbel, irgend eine Waffe von einem der Faulenzer, die dort liegen, sagte Billot, auf einen der fünf bis sechs auf der Erde ausgestreckten Dragoner deutend, und laß uns nach dem College Louis-le-Grand gehen.«

»Aber diese Waffen,« entgegnete Pitou zögernd, »gehören nicht mir.«

»Wem gehören sie denn?« fragte Billot.

»Sie gehören dem König.«

»Sie gehören dem Volk,« sagte Billot.

Stark durch das Gutheißen des Pächters, den er als einen Mann kannte, der seinen Nachbar nicht um ein Hirsenkörnchen hätte benachteiligen wollen, näherte sich Pitou mit allen Arten von Vorsichtsmaßregeln dem Dragoner, der ihm am nächsten lag, und nahm ihm, nachdem er sich versichert hatte, daß er wirklich tot war, seinen Säbel, seinen Musketon und seine Patrontasche.

Pitou hatte große Lust, ihm auch seinen Helm zu nehmen. nur wußte er nicht, ob das, was der Vater Billot von den Angriffswaffen gesagt hatte, sich auch auf die Verteidigungswaffen erstreckte.

Doch während er sich bewaffnete, horchte Pitou nach der Place Vendôme hin.

»Ho! ho!« sagte er, »mir scheint, Royal-Allemand kommt zurück.«

Man hörte in der That das Geräusch eines Reiterhaufens, der im Schritt zurückkehrte. Pitou neigte sich an die Ecke des Kaffees de la Regence und erblickte auf der Höhe des March Saint-Honoré eine herbeireitende Dragoner-Patrouille.

»Geschwinde, geschwinde, sie kommen zurück,« sagte Pitou.

Billot schaute umher, um zu sehen, ob man Widerstand zu leisten im Stande wäre. Der Platz war beinahe leer.

»Gehen wir ins College Louis-le-Grand,« sagte er.

Und er nahm den Weg nach der Rue de Chartres, gefolgt von Pitou, der, mit dem Gebrauche des Wehrgehängs nicht vertraut, seinen großen Säbel schleppte.

»Tausend Götter! Du siehst aus wie ein Alteisenhändler. Hänge dir doch diese Latte an.«

»Wo?«

»Ei! bei Gott! hier,« antwortete Billot.

Und er befestigte den Säbel von Pitou an seinem Wehrgehänge, was ihm eine Schnelligkeit im Gehen gab, die er ohne dieses Mittel nicht erlangt hätte.

Der Marsch wurde ohne einen Unfall bis zur Place Louis XV. fortgesetzt; hier aber fanden Billot und Pitou die Kolonne wieder, die sich nach dem Invalidenhause begeben wollte und plötzlich angehalten worden war.

»Nun! fragte Billot, was giebt es denn?«

»Man passiert nicht auf dem Pont Louis XV.«

»Und auf den Quais?«

»Auch nicht.«

»Und durch die Champs Elysees?«

»Ebenso wenig.«

»So kehren wir um und gehen über die Brücke der Tuilerien.«

Der Vorschlag war ganz einfach, und die Menge zeigte dadurch, daß sie Billot folgte, sie sei bereit, ihm beizutreten; doch ungefähr auf der Hälfte des Wegs zum Garten der Tuilerien sah man Säbel glänzen. Der Quai war durch eine Schwadron Dragoner abgeschnitten.

»Ah! diese verfluchten Dragoner sind also überall?« murmelte der Pächter.

»Hören Sie, lieber Herr Billot, sagte Pitou, ich glaube, wir sind gefangen.«

»Bah!« erwiderte Billot, »man fängt nicht nur so fünf- bis sechstausend Menschen.«

Die Dragoner des Quais rückten allerdings langsam doch merklich vor.

»Es bleibt uns die Rue Royal,« sagte Billot, »komm hier durch, komm, Pitou.«

Pitou folgte dem Pächter wie sein Schatten.

Doch eine Linie von Soldaten schloß die Straße auf der Höhe der Porte Saint-Honoré.

»Ah! ah!« sagte Billot, »du konntest wohl recht haben, Pitou, mein Freund.«

»So!« begnügte sich Pitou zu erwidern.

Doch dieses einzige Wort bezeichnete durch den Ausdruck, mit dem es Pitou gesprochen, wie sehr er es bedauerte, sich nicht getäuscht zu haben.

Die Menge bewies durch ihre Bewegungen und durch ihr Geschrei, daß sie nicht minder empfindlich für die Lage war, in der sie sich befand.

Durch ein geschicktes Manöver hatte der Prinz von Lambesq in der That Neugierige und Aufrührer, fünf bis sechstausend an der Zahl, umringt und hielt sie, indem er den Pont Louis XV., die Quais, die Champs-Elysees, die Rue Royale und die Feuillans absperrte, in einen großen eisernen Bogen eingeschlossen, dessen Sehne die schwer zu erkletternde Mauer des Gartens der Tuilerien und das beinahe nicht zu sprengende Gitter des Pont Tournant bildeten.

Billot erwog die Lage der Dinge: sie dünkte ihm nicht gut. Da er aber ein ruhiger, kalter Mann war, ein Mann, nicht verlegen wegen Hilfsmittel in der Gefahr, so schaute er umher und sagte, als er einen Haufen Zimmerstücke auf dem Ufer des Flusses erblickte, zu Pitou:

»Ich habe einen Gedanken, komm.«

Pitou folgte dem Vater Billot, und Billot ging auf die Zimmerstücke zu, faßte eines an und sagte einfach zu Pitou:

»Hilf mir.«

Pitou half Billot, ohne ihn zu fragen, wozu; daran war ihm wenig gelegen. Er hatte zu dem Pächter ein solches Vertrauen, daß er mit ihm in die Hölle hinabgestiegen wäre.

Der Vater Billot hatte den Balken am einen Ende genommen, Pitou nahm ihn am andern. Beide kehrten nach dem Quai zurück; sie trugen eine Last, die fünf bis sechs Männer von gewöhnlicher Stärke kaum hätten aufheben können.

Die Stärke ist immer ein Gegenstand der Bewunderung für die Menge; so geschäftig sie auch war, sie trat vor Billot und vor Pitou auf die Seite.

Nachdem man begriffen hatte, daß das Manöver, ohne Zweifel ein Manöver von allgemeinem Interesse sei, gingen einige Menschen vor Billot her und riefen:

»Platz! Platz!«

»Sagen Sie, Vater Billot,« fragte Pitou nach ungefähr dreißig Schritten, »gehen wir sehr weit so?«

»Wir gehen bis zum Gitter der Tuilerien.«

»Ho! ho!« rief die Menge, die begriff.

Und sie trat noch rascher, als zuvor, auf die Seite.

Pitou schaute und sah, daß er von dem Platz, wo er war, bis zum Gitter nur noch ungefähr dreißig Schritte zu machen hatte.

»Ich werde gehen!« sagte er mit der Kürze eines Pythagoräers.

Die Arbeit wurde indessen Pitou um so leichter, als fünf bis sechs Männer von den Stärksten am Tragen der Last teilnahmen.

In fünf Minuten war man vor dem Gitter.

»Auf!« sagte Billot, »alle zugleich.«

»Gut,« sprach Pitou, »ich verstehe, wir haben eine Kriegsmaschine gemacht. Die Römer nannten das einen Sturmbock.«

Sogleich in Bewegung gesetzt, zerschmetterte der Balken mit einem furchtbaren Stoß das Schloß des Gitters.

Die Soldaten, die im Innern der Tuilerien die Wache bezogen, liefen herbei, um sich dem Einfall zu widersetzen. Doch beim dritten Stoß gab die Thüre nach, drehte sich ungestüm auf ihren Angeln, und die Menge stürzte in den gähnenden, düsteren Schlund.

Aus der hiebei stattfindenden Bewegung ersah der Prinz von Lambesq, daß ein Ausgang für diejenigen geöffnet war, die er für seine Gefangenen hielt. Der Zorn bemächtigte sich seiner. Er ließ sein Pferd einen furchtbaren Sprung vorwärts machen, um die Lage besser beurteilen zu können. Die hinter ihm aufgestellten Dragoner glaubten, es sei ihnen Befehl zum Angriff gegeben, und folgten ihm. Schon erhitzt, konnten die Pferde ihren Lauf nicht mäßigen; die Männer, die eine Genugthuung für ihre Niederlage auf dem Platze des Palais-Royal zu nehmen hatten, versuchten es wahrscheinlich nicht, sie zurückzuhalten.

Der Prinz, als er sah, daß es ihm unmöglich war, die Bewegung zu mäßigen, ließ sich fortreißen, und ein von den Weibern und Kindern ausgestoßenes herzzerreißendes Geschrei stieg zum Himmel auf, um Rache von Gott zu verlangen.

Es ereignete sich in der Finsternis eine gräßliche Scene. Die Angegriffenen wurden wahnsinnig vor Schmerz, die Angreifer wahnsinnig vor Zorn.

Von den Terrassen herab wurde schnell eine Art Verteidigung organisiert. Die Stühle flogen auf die Dragoner. An den Kopf getroffen, erwiderte der Prinz von Lambesq den Streich durch einen Säbelhieb, ohne zu bedenken, daß er einen Unschuldigen schlug, statt einen Schuldigen zu bestrafen, und ein siebzigjähriger Greis sank zu Boden.

Billot sah den Mann fallen und stieß einen Schrei aus.

Flugs war seine Büchse an seiner Schulter, ein Feuerstreif durchzuckte die Finsternis, und der Prinz wäre tot gewesen, hätte sich nicht in diesem Augenblick aus Zufall sein Pferd gebäumt. Das Pferd erhielt die Kugel in den Hals und stürzte nieder.

Man hielt den Prinzen für tot. Da sprengten die Dragoner in die Tuilerien und verfolgten die Flüchtigen mit Pistolenschüssen.

Doch die Flüchtigen hatten nun einen großen Raum, sie zerstreuten sich unter den Bäumen.

Billot lud wieder ruhig seine Büchse, indem er sagte, »Pitou, ich glaube bei meiner Treue, du hattest recht; wir sind zur rechten Zeit angekommen.«

»Wenn ich tapfer würde,« versetzte Pitou und feuerte seinen Musketon in das dichteste Gedränge der Dragoner ab; »mir scheint, das ist nicht so schwer.«

»Ja,« erwiderte Billot, »doch die unnütze Tapferkeit ist keine Tapferkeit. Komm hieher, Pitou, und nimm dich in acht, daß du dir die Beine nicht in deinem Säbel verwickelst.«

»Warten Sie auf mich, lieber Herr Billot. Wenn ich Sie verlöre, wüßte ich nicht, wohin ich gehen sollte. Ich kenne Paris nicht, wie Sie; ich bin nie hier gewesen.«

»Komm, komm,« sagte Billot, und er schlug den Weg über die Terrasse am Rande des Wassers ein, bis er die Linie der Truppen überschritten hatte, die auf den Quais vorrückten, doch diesmal so rasch, als sie konnten, um, wenn es nötig wäre, den Dragonern des Prinzen von Lambesq Verstärkung zu bringen.

Am Ende der Terrasse angelangt, setzte sich Billot auf die Brüstung und sprang auf den Quai hinab. Pitou that dasselbe.

XII.
Was in der Nacht vom 12. auf den 13. Juli 1789 vorfiel

Als die zwei Landleute auf dem Quai waren und auf der Brücke der Tuilerien die Waffen eines neuen Trupps glänzen sahen, der aller Wahrscheinlichkeit nach kein befreundeter war, schlichen sie bis an das Ende des Quais und stiegen sodann das steile Ufer der Seine hinab.

Die Glocke der Tuilerien schlug elf Uhr. Einmal unter den Bäumen angelangt, die sich längs des Flusses hin erstreckten, einmal unter dem Dunkel ihres Blätterwerks verloren, legten sich der Pächter und Pitou auf dem Rasen nieder und eröffneten eine Beratung.

Es handelte sich um die Entscheidung, und die Frage wurde von dem Pächter gestellt: ob man bleiben sollte, wo man war, das heißt in ziemlicher Sicherheit; oder ob man sich wieder mitten in den Tumult werfen und an dem Kampfe teilnehmen sollte, der den Anschein hatte, die größere Hälfte der Nacht hindurch fortzudauern.

Als diese Frage gestellt war, wartete Billot auf die Antwort von Pitou.

Pitou war in der Achtung des Pächters nicht wenig gestiegen, einmal durch das Wissen, das er am vorhergehenden Tage geoffenbart, und dann durch den Mut, von dem er am Abend eine Probe abgelegt hatte. Pitou fühlte das instinktartig, doch statt deshalb stolzer zu sein, war er nur um so dankbarer gegen den guten Pächter. Pitou war von Natur demütig.

»Herr Billot,« sagte er, »Sie sind offenbar tapferer, und ich bin minder feig, als ich glaubte. Horaz, der doch ein anderer Mann war, als wir, hinsichtlich der Poesie wenigstens, warf seine Waffen weg und entfloh beim ersten Angriff. Ich, ich habe meinen Musketon, meine Patrontasche und meinen Säbel, was beweist, daß ich beherzter bin, als Horaz.«

»Nun, worauf zielst du ab?«

»Ich ziele darauf ab, daß der tapferste Mann von einer Kugel getroffen werden kann.«

»Hernach?«

»Hernach, lieber Herr, hören Sie. Da Sie, als Sie den Pachthof verließen, äußerten, es sei Ihre Absicht, wegen eines wichtigen Gegenstandes nach Paris zu gehen  . . .«

»Oh! tausend Götter! das ist wahr, ich bin wegen des Kistchens gekommen, tausend Donner! und aus keinem andern Grund.«

»Wenn Sie sich durch eine Kugel töten lassen, so wird sich die Angelegenheit, wegen der Sie gekommen sind, nicht abmachen lassen.«

»Wahrhaftig, du hast zehnmal recht,« Pitou.

»Hören Sie von hier aus, wie man zerschmettert, wie man schreit?« fuhr Pitou ermutigt fort. »Das Holz zerreißt wie Papier, das Eisen dreht sich wie Hanf.«

»Das Volk ist aufgebracht,« Pitou.

»Aber,« bemerkte Pitou, »mir scheint, der König ist auch nicht wenig erbost.«

»Wie, der König?«

»Allerdings; die Oesterreicher, die Deutschen, die Kaiserlichen, wie Sie sie nennen, sind die Soldaten des Königs. Nun also, wenn sie das Volk angreifen, so ist es der König, der ihnen anzugreifen befiehlt, und um solche Befehle zu geben, muß der König auch erbost sein.«

»Du hast zugleich recht und unrecht,« Pitou.

»Das scheint mir nicht möglich, lieber Herr Billot, und ich darf Ihnen vielleicht sagen, Sie würden, wenn Sie Logik studiert hätten, ein solches Paradoxon nicht wagen.«

»Du hast recht und hast unrecht, Pitou, und du wirst sogleich einsehen, warum.«

»Das soll mir sehr lieb sein; doch ich bezweifle  . . .«

»Siehst du, Pitou, es giebt zwei Parteien bei Hofe, die des Königs, der das Volk liebt, und die der Königin, welche die Oesterreicher liebt.«

»Das kommt davon her, daß der König Franzose und die Königin Oesterreicherin ist,« erwiderte Pitou philosophisch.

»Warte! Mit dem König sind Herr Turgot, Herr Necker; mit der Königin Herr von Breteuil und die Polignac. Der König ist nicht Gebieter, da er genötigt gewesen ist, Herrn Turgot und Herrn Necker zu entlassen. Die Königin ist also Gebieterin, das heißt, die Breteuil und die Polignac. Darum geht alles schlecht!  . . . Siehst du, Pitou, das Uebel kommt von Madame Defizit; Madame Defizit ist erzürnt, und in ihrem Namen greifen die Truppen an; die Oesterreicher verteidigen die Oesterreicherin: das ist ganz einfach.«

»Verzeihen Sie, Herr Billot,« erwiderte Pitou, »deficit ist ein lateinisches Wort, das bedeutet: es fehlt. Was fehlt denn?«

»Das Geld, tausend Götter! und weil das Geld fehlt, und weil die Günstlinge dieses Geldes, das fehlt, verzehrt haben, nennt man die Königin Madame Defizit. Nicht der König also ist erzürnt, sondern die Königin. Der König ist ärgerlich, ärgerlich, weil alles so schlecht geht.«

»Ich begreife,« sagte Pitou, »doch das Kistchen?«

»Richtig, Pitou! diese verteufelte Politik reißt mich immer weiter fort, als ich gehen will; ja vor allem das Kistchen. Du hast recht, Pitou; erst wenn ich den Doktor Gilbert gesehen habe, erst dann wollen wir zur Politik zurückkehren. Das ist eine heilige Pflicht.«

»Es giebt nichts heiligeres, als die heiligen Pflichten,« sprach Pitou.

»Laß uns also in das College Louis-le-Grand gehen, wo sich Sebastian Gilbert befindet,« sagte Billot.

»Gehen wir,« erwiderte Pitou seufzend, denn er mußte ein weiches Rasenbett verlassen, das ihm lieb geworden war. Ueberdies stieg, trotz der übermäßigen Aufregung des Abends, der Schlaf, der beständige Geist reiner Gewissen und ermatteter Kräfte, mit all seinem Schlummersaft auf den tugendhaften und ermüdeten Pitou herab.

Billot war schon aufgestanden, und Pitou erhob sich, als es halb zwölf Uhr schlug.

»Doch um halb zwölf Uhr wird das College Louis-le-Grand geschlossen sein, wie mir scheint,« sagte Billot.

»Oh! ganz gewiß,« erwiderte Pitou.

»Dann kann man bei Nacht in einen Hinterhalt geraten; mir scheint, ich sehe Biwakfeuer in der Nähe des Justizpalastes; man könnte mich verhaften oder töten; du hast recht, Pitou, man soll mich nicht verhaften, soll mich nicht töten.«

Seit diesem Morgen war es das dritte Mal, daß Billot in die Ohren Pitous die drei für den Menschen so schmeichelhaften Worte klingen ließ: du hast recht.

Pitou fand dagegen nichts besseres zu thun, als die Worte Billots zu wiederholen.

»Sie haben recht,« wiederholte er, während er sich auf den Rasen niederlegte. »Man darf Sie nicht töten, lieber Herr Billot.«

Und mit dem letzten Wort dieses Satzes erlosch die Stimme in der Kehle Pitous. Vox faucibus haesit hätte er sagen können, wenn er wach gewesen wäre. Aber er war eingeschlafen.

Billot bemerkte es nicht.

»Ein Gedanke,« rief er.

»Ah!« schnarchte Pitou.

»Höre mich, ich habe einen Gedanken! Trotz aller Vorsicht, mit der ich zu Werke gehe, kann ich getötet werden, von nahe oder von fern getroffen, vielleicht auf den Tod getroffen werden und sogleich sterben; würde dies geschehen, so mußt du wissen, was du statt meiner dem Doktor Gilbert sagen sollst.«

Pitou hörte nicht und antwortete folglich auch nicht.

»Wenn ich auf den Tod verwundet würde und meine Sendung nicht erfüllen könnte, so müßtest du statt meiner den Doktor Gilbert aufsuchen und ihm sagen  . . . hörst du mich wohl, Pitou?« sprach Billot, indem er sich gegen den jungen Mann hinabbückte, und du wirst ihm sagen  . . . Doch er schnarcht, der Unglückliche.«

Die ganze gewaltsame Aufregung Billots erlitt sofort eine Abspannung durch den Anblick des schlafenden Pitou.

»Schlafen wir also,« sagte er. Denn wie sehr auch der Pächter an Strapazen gewohnt war, der Ritt am Tage und die Ereignisse des Abends waren für ihn nicht ohne einschläfernde Gewalt.

Und nach drei Stunden ihres Schlummers oder vielmehr ihrer Erstarrung, erschien der Tag.

Als sie die Augen wieder öffneten, hatte Paris nichts von der wilden Physiognomie verloren, die sie am Tage zuvor an ihm wahrgenommen.

Nur sahen sie mehr Soldaten und überall Volk.

Das Volk bewaffnete sich mit Piken, die man in der Eile fabriziert hatte; mit Schießgewehren, deren sich die meisten nicht zu bedienen wußten; mit herrlichen Waffen aus einem andern Zeitalter, an denen die Träger ihre Verzierung von Gold, Elfenbein und Perlmutter bewunderten, ohne den Gebrauch und den Mechanismus davon zu verstehen.

Sogleich nach dem Rückzug der Soldaten hatte man das Garde-Meubles geplündert.

Und das Volk rollte zwei kleine Kanonen gegen das Stadthaus.

Die Sturmglocke erscholl in Notre-Dame, im Stadthause, in allen Kirchen. Man sah, und wußte nicht, von wo Legionen von bleichen, magern, nackten Männern und Weibern kommen, welche am Tage zuvor: Brot! geschrieen hatten und heute: Waffen! schrieen.

Es läßt sich nichts entsetzlicheres denken, als die Gespensterbanden, die seit ein paar Monaten aus der Provinz eintrafen, stillschweigend durch die Barrièren zogen und sich in dem selbst ausgehungerten Paris einquartierten, wie die arabischen Goules5 auf einem Friedhof.

Ganz Frankreich rief, an diesem Tage in Paris durch die Ausgehungerten jeder Provinz vertreten, seinem Könige zu: Mache uns frei! und seinem Gott: Sättige uns!

Billot, der zuerst wach geworden war, weckte Pitou auf, und beide wanderten nach dem College Louis-le-Grand, wobei sie, erschreckt durch dieses blutige Elend, schauernd umherschauten.

Als sie näher zu dem Teil der Stadt kamen, den wir heute das Quartier Latin nennen, als sie sodann die Rue de la Harpe hinaufstiegen, und endlich gegen die Rue Saint-Jacques, das Ziel ihres Marsches, vordrangen, sahen sie, wie zur Zeit der Fronde, Barrikaden sich erheben. Weiber und Kinder schleppten in die oberen Stockwerke der Häuser Folianten, schwere Möbel, kostbare Marmorarbeiten, in der Absicht, die fremden Soldaten niederzuschmettern, falls sie sich in die gekrümmten, engen Straßen des alten Paris wagen würden.

Von Zeit zu Zeit bemerkte Billot ein paar französische Gardesoldaten im Mittelpunkte einer Versammlung, die sie organisierten und mit einer wunderbaren Schnelligkeit die Handhabung eines Schießgewehres lehrten, eine Übung, welche die Weiber und Kinder mit Neugierde und beinahe mit dem Wunsche, sie selbst zu lernen, verfolgten.

Billot und Pitou fanden das College Louis-le-Grand im Aufruhr; die Schüler hatten sich erhoben und ihre Lehrer fortgejagt. In dem Augenblick, wo der Pächter und sein Gefährte vor das Gitter kamen, belagerten die Schüler dieses Gitter mit Drohungen, die der erschrockene Vorsteher durch Thränen erwiderte.

Der Pächter schaute einen Augenblick dieser Empörung im Innern zu und rief dann plötzlich mit einer Stentorstimme:

»Welcher von euch heißt Sebastian Gilbert?«

»Ich,« antwortete ein junger Mensch von einer beinahe weiblichen Schönheit, der mit Hilfe von drei bis vier seiner Kameraden eine Leiter brachte, um die Mauer zu erklettern, da er sah, daß er das Gitter nicht sprengen konnte.

»Kommen Sie näher hierher, mein Kind.«

»Was wollen Sie von mir, mein Herr?« fragte der junge Sebastian den Pächter.

»Wollen Sie ihn mitnehmen?« rief der Vorsteher, erschrocken bei dem Anblick der zwei bewaffneten Menschen, von denen der eine ganz mit Blut bedeckt war.

Der Knabe schaute seinerseits diese zwei Menschen mit Erstaunen an und suchte mit vergeblicher Mühe seinen Milchbruder Pitou wiederzuerkennen, denn er war seit der Zeit ihrer Trennung übermäßig gewachsen und in der kriegerischen Rüstung völlig verändert.

»Ihn mitnehmen!« rief Billot, »den Sohn von Herrn Gilbert mitnehmen; ihn in dieses Gemenge führen; ihn der Gefahr aussetzen, einen schlimmen Schlag zu bekommen! Oh! bei meiner Treue, nein!«

»Sehen Sie, Sebastian,« sagte der Vorsteher, »sehen Sie, Wütender, sogar Ihre Freunde wollen nichts von Ihnen. Denn diese Herren scheinen Ihre Freunde zu sein. Höret, meine Herren, höret, junge Zöglinge, höret, meine Kinder,« rief der arme Vorsteher, »gehorchet mir, gehorchet, ich befehle es; gehorchet, ich bitte euch inständig.«

»Oro obtestorque,« sagte Pitou.

»Mein Herr,« sprach der junge Gilbert mit einer für einen Knaben von seinem Alter außerordentlichen Festigkeit, behalten Sie meine Kameraden zurück, wenn es Ihnen gutdünkt, aber ich, verstehen Sie wohl, ich will hinaus.«

Er machte eine Bewegung gegen das Gitter. Der Professor hielt ihn am Arm zurück.

Doch er schüttelte seine schönen kastanienbraunen Haare auf seine bleiche Stirn und rief:

»Mein Herr, geben Sie wohl acht, was Sie thun. Ich bin nicht in der Lage der andern; mein Vater ist verhaftet, eingesperrt worden; mein Vater ist in der Gewalt der Tyrannen!«

»In der Gewalt der Tyrannen!« rief Billot; »sprich, mein Kind, was willst du damit sagen?«

»Ja! ja!« riefen die Knaben, »Sebastian hat recht; man hat seinen Vater verhaftet; und da das Volk die Gefängnisse geöffnet hat, so will er, daß man auch das Gefängnis seines Vaters öffne.«

»Ho! ho!« sprach der Pächter, indem er mit seinem Herkulesarm am Gitter rüttelte, man hat den Doktor Gilbert verhaftet. Alle Wetter! die kleine Katharine hatte also Recht!«

»Ja, mein Herr,« fuhr der junge Gilbert fort, »man hat meinen Vater verhaftet, und darum will ich fliehen, darum will ich ein Gewehr nehmen, darum will ich mich schlagen, bis ich meinen Vater befreit habe!«

Seine Worte wurden begleitet und unterstützt durch hundert tobende Stimmen, die riefen:

»Waffen! Waffen! man gebe uns Waffen!«

»Auf diese Rufe stürzte die Menge, die sich, ebenfalls von heldenmütigem Eifer beseelt, in der Straße zusammengeschart hatte, nach dem Gitter, um den jungen Leuten die Freiheit zu geben.

Der Vorsteher warf sich zwischen den Schülern und den Stürmenden auf die Kniee und streckte seine Arme flehend durch das Gitter.

»Oh! meine Freunde! meine Freunde!« rief er, »respektieren Sie diese Kinder!«

»Ob wir sie respektieren!« sagte einer von der französischen Garde; »ich glaube wohl! Das sind hübsche Jungen, welche die Übung wie die Engel machen werden.«

»Meine Freunde! meine Freunde! Diese Kinder sind ein Gut, das ihre Eltern mir anvertraut haben; ich bin für sie verantwortlich; ihre Eltern rechnen auf mich; ich bin ihnen mein Leben schuldig: doch in des Himmels Namen, führt die Kinder nicht weg!«

Hohngelächter, das aus der Tiefe der Straße, das heißt, aus den letzten Reihen der Menge kam, war die Antwort auf diese schmerzlichen Bitten.

Billot stürzte vor, widersetzte sich den französischen Garden, der Menge, den Schülern selbst, und rief:

»Er hat recht, das ist ein ihm anvertrautes heiliges Gut; die Männer sollen sich schlagen, sollen sich töten lassen, tausend Götter; doch die Kinder sollen leben; man braucht Samen für die Zukunft.«

Ein mißbilligendes Gemurre empfing diese Worte.

»Wer murrt hier?« rief Billot; »sicherlich ist es kein Vater. Mir, der ich mit euch spreche, sind gestern zwei Menschen in meinen Armen getötet worden; seht ihr Blut auf meinem Hemd, seht!«

Und er deutete auf seine gerötete Weste und sein blutiges Hemd mit einer Bewegung von Erhabenheit, welche die Versammlung elektrisierte.

»Gestern,« fuhr Billot fort, »gestern habe ich mich beim Palais-Royal und bei den Tuilerien geschlagen, und dieser Knabe hat sich auch geschlagen; doch dieser Knabe hat weder Vater noch Mutter, und überdies ist er beinahe ein Mann.«

Und er deutete auf Pitou, der sich in die Brust warf.

»Heute,« fuhr Billot fort, »werde ich mich abermals schlagen; doch niemand soll sagen: die Pariser waren nicht stark genug gegen die fremden Soldaten, und sie haben die Kinder zu Hilfe gerufen.«

»Ja! ja!« schrieen von allen Seiten Stimmen von Weibern und Soldaten. »Er hat recht. Kinder! geht hinein, geht hinein!«

»Oh! meinen Dank! meinen Dank! lieber Herr,« murmelte der Vorsteher, der die Hände von Billot durch das Gitter zu fassen suchte.

»Und unter Allen hüten Sie besonders Sebastian gut,« sagte dieser.

»Mich, mich hüten? ich sage Ihnen, daß man mich nicht hüten wird,« rief der junge Mensch, bleich vor Zorn, während er sich in den Händen der Diener des Hauses, die ihn wegführten, sträubte. »Lassen Sie mich hinein,« sprach Billot, »ich übernehme es, ihn zu beruhigen.«

Die Menge trat auf die Seite. Der Pächter zog Ange Pitou nach sich und drang in den Hof des College ein.

Schon bewachten drei bis vier Soldaten und ein Dutzend anderer Männer die Thüren und verschlossen jeden Ausgang für die aufrührerischen jungen Leute.

Billot ging gerade auf Sebastian zu, nahm die weißen feinen Händchen des Knaben in seine großen, schwieligen Hände und sagte zu ihm:

»Sebastian, erkennen Sie mich nicht mehr?«

»Nein.«

»Ich bin Billot, der Pächter Ihres Vaters.«

»Ich kenne Sie, mein Herr.«

»Und diesen Jungen,« fuhr er, auf seinen Gefährten deutend, fort, »kennst du ihn?«

»Ange Pitou?« fragte der Knabe.

»Ja, Sebastian, ja, ich, ich.«

Und Pitou fiel weinend vor Freude seinem Milchbruder und Studienkameraden um den Hals.

Aber ohne sich zu erheitern, sagte der Knabe:

»Nun! – hernach?«

»Hernach?  . . . Wenn man dir deinen Vater genommen hat, so werde ich ihn dir zurückgeben; ich, hörst du wohl?«

»Sie?«

»Ja, ich! ich! und alle diejenigen, welche dort mit mir sind. Was Teufels! wir haben es gestern mit den Österreichern zu thun gehabt, und wir haben ihre Patrontaschen gesehen.«

»Zum Beweise dient, daß ich eine besitze,« sagte Pitou.

»Nicht wahr, wir werden seinen Vater befreien?« rief Billot, sich an die Menge wendend.

»Ja, ja!« brüllte die Menge, wir werden ihn befreien,

Sebastian schüttelte den Kopf.

»Mein Vater ist in der Bastille,« sprach er schwermütig.

»Nun?« rief Billot.

»Nun, man nimmt die Bastille nicht,« erwiderte der Knabe.

»Was wolltest du dann thun, da du diese Überzeugung hattest?«

»Ich wollte auf den Platz gehen; man wird sich dort schlagen; mein Vater hätte mich vielleicht durch das Gitter eines Fensters bemerkt.«

»Unmöglich.«

»Unmöglich! und warum? Ich habe eines Tages, als ich mit meinen Mitschülern spazieren ging, den Kopf eines Gefangenen am Gitter der Bastille gesehen. Wenn ich meinen Vater gesehen hätte, wie ich diesen Gefangenen sah, so hätte ich ihn erkannt und ihm zugerufen: Sei ruhig, guter Vater, ich liebe dich.«

»Und wenn die Soldaten der Bastille dich getötet hätten?«

»Nun! so hätten sie mich unter den Augen meines Vaters getötet!«

»Tod und alle Teufel! Du bist ein böser Knabe, Sebastian. Du willst dich vor den Augen deines Vaters töten lassen! Du willst machen, daß er vor Schmerz in seinem Käfig stirbt, er, der nur dich auf der Welt hat, der dich so sehr liebt! Du bist offenbar ein schlimmes Herz, Sebastian!«

Und der Pächter stieß den Knaben zurück.

»Ja, ja, ein schlimmes Herz,« rief Pitou, in Thränen zerfließend.

Sebastian antwortete nicht.

Und während er in einem düstern Stillschweigen träumte, bewunderte Billot dieses edle, weiße, perlmutterartige Antlitz, das Feuerauge, den spöttischen feinen Mund, die Adlernase und das kräftige Kinn, das zugleich Adel der Seele und Adel des Blutes verriet.

»Du sagst, dein Vater sei in der Bastille?« fragte endlich der Pächter.

»Ja.«

»Und warum?«

»Weil mein Vater ein Freund von Lafayette und Washington ist; weil mein Vater für die Unabhängigkeit Amerikas mit dem Schwerte, und für die Freiheit Frankreichs mit der Feder gekämpft hat; weil mein Vater in beiden Weltteilen dafür bekannt ist, daß er die Tyrannei haßt; weil er die Bastille, wo die andern leiden, verflucht hat . . . Darum brachte man ihn dahin.«

»Wann dies?«

»Vor sechs Tagen.«

»Und wo hat man ihn verhaftet?«

»In Havre, wo er gelandet.«

»Woher weißt du das?«

»Ich habe einen Brief von ihm erhalten.«

»Und man hat ihn in Havre selbst verhaftet?«

»In Lillebonne.«

»Auf, mein Kind! schmolle nicht mit mir und gieb mir alle Umstände an, die du weißt. Ich schwöre dir, daß ich entweder meine Knochen auf dem Platz der Bastille lasse, oder du siehst deinen Vater wieder.«

Sebastian schaute den Pächter mit großen Augen an; und als er wahrnahm, daß er aus dem Grunde des Herzens zu sprechen schien, besänftigte er sich.

»Nun,« sagte er, in Lillebonne hatte er Zeit gefunden, mit Bleistift folgende Worte in ein Buch zu schreiben:

»»Sebastian, man verhaftet mich, und führt mich in die Bastille.

»»Geduld. Hoffe und arbeite!

Lillebonne, den 7. Juli 1789.
N. S.

»»Man verhaftet mich der Freiheit wegen.««

»»Ich habe einen Sohn im College Louis-le-Grand in Paris. Derjenige, welcher dies Buch findet, wird gebeten, es im Namen der Menschenliebe ihm zukommen zu lassen; er heißt Sebastian Gilbert.««

»Und dieses Buch?« fragte Billot, schnaubend vor Aufregung.

Er legte ein Goldstück hinein, umband es mit einer Schnur, und warf es durch das Fenster.

»Und?  . . .«

»Und der Pfarrer fand es. Er wählte unter den Gemeindeangehörigen einen kräftigen jungen Mann und sagte zu ihm:

»»Laß zwölf Franken deiner Familie, die kein Brot hat, und mit den andern zwölf trage dieses Buch nach Paris zu einem armen Knaben, dem man den Vater genommen, weil er das Volk zu sehr liebt.««

»Der junge Mann ist gestern Mittag hier angekommen und hat mir das Buch meines Vaters übergeben, daher weiß ich, daß mein Vater verhaftet ist.«

»Ah! ah!« rief Billot, »das söhnt mich ein wenig mit den Pfarren aus. Leider sind sie nicht alle wie dieser; und der brave junge Mann, wo ist er?«

»Er ist gestern Abend wieder abgegangen; er hofft seiner Familie noch fünf Franken von den zwölf, die er mitgenommen, zurückzubringen.«

»Schön! schön!« sagte Billot, fast vor Freude weinend.

»Oh, das Volk! es hat viel Gutes, Gilbert.«

»Nun wissen Sie alles. Sie versprachen mir, wenn ich reden würde, mir meinen Vater zurückzugeben. Ich habe geredet, denken Sie an Ihr Versprechen.«

»Ich habe dir gesagt, ich werde ihn retten, oder mich töten lassen. Zeige mir nun das Buch,« sprach Billot.

Hier ist es, erwiderte der Knabe, indem er aus seiner Tasche einen Band vom Contrat social zog.

»Und wo ist die Schrift deines Vaters?«

»Sehen Sie,« sagte der Knabe. Und er zeigte ihm die Schrift des Doktors.

Der Pächter küßte die Buchstaben.

»Sei nun ruhig,« sprach er, »ich will deinen Vater in der Bastille aufsuchen.«

»Unglücklicher!« rief der Vorsteher, indem er Billot bei den Händen nahm, »wie werden Sie zu einem Staatsgefangenen gelangen?«

»Dadurch, daß ich die Bastille nehme,« tausend Götter!

Einige Soldaten von der französischen Garde lachten. Nach einem Augenblick war das Gelächter allgemein.

»Sprecht,« rief Billot, indem er einen vor Zorn funkelnden Blick um sich her laufen ließ, »was ist denn die Bastille, wenn's beliebt?«

»Steine,« sagte ein Soldat.

«Und Eisen,« sagte ein anderer.

»Und Feuer,« sprach ein dritter. »Nehmen Sie sich in acht, mein braver Mann, man verbrennt sich dort.«

»Ja! ja! man verbrennt sich dort,« wiederholte die Menge voll Schrecken.

»Ah! Pariser!« brüllte der Pächter, »ah! Ihr habt Hacken, und fürchtet die Steine; Ihr habt Blei, und fürchtet das Eisen; Ihr habt Pulver, und Ihr fürchtet das Feuer. Pariser, Prahler; Pariser, Feiglinge; Pariser, Maschinen für die Sklaverei. Tausend Teufel! Wer ist ein Mann von Herz, der mit mir und Pitou die Bastille des Königs nehmen will? Ich heiße Billot, Pächter auf der Ile de France. Vorwärts!«

Billot hatte sich auf den höchsten Grad der Begeisterung emporgeschwungen. Die entflammte Menge bebte um ihn her und rief:

»Nach der Bastille! nach der Bastille!

Sebastian wollte sich an Billot anklammern, doch dieser schob ihn sanft zurück und sagte:

»Kind, was ist das letzte Wort deines Vaters?«

»Arbeite,« antwortete Sebastian.

»Arbeite also hier; wir werden dort arbeiten. Nur heißt unsere Arbeit zerstören und töten.«

Der junge Mann erwiderte nicht ein Wort: er verbarg sein Gesicht in seinen Händen, ohne nur Ange Pitou, der ihn umarmte, die Finger zu drücken, und fiel in so heftigen Konvulsionen nieder, daß man genötigt war, ihn in das Krankenzimmer der Anstalt zu tragen.

»Nach der Bastille!« riefen Billot und Pitou.

»Nach der Bastille!« wiederholte die Menge. Und man zog nach der Bastille.

XIII.
Der König ist so gut, die Königin ist so gut

Unsere Leser mögen uns nun erlauben, sie mit den politischen Hauptereignissen vertraut zu machen, die seit der Epoche, wo wir in unserer letzten Veröffentlichung den französischen Hof verlassen haben, vorgefallen waren.

Diejenigen, welche die Geschichte dieser Zeit kennen, oder diejenigen, welche vor der reinen, einfachen Geschichte zurückschrecken, können dieses Kapitel überschlagen, da das folgende gerade mit den vorangehenden sich zusammenfügt, und da das, welchen wir hier geben, nur für den Gebrauch der vielverlangenden Geister, die sich von Allein Rechenschaft geben wollen, bestimmt ist.

Etwas Unerhörtes, Unbekanntes, etwas, was von der Vergangenheit kam und auf die Zukunft zuging, toste und brummte seit ein paar Jahren in der Luft.

Das war die Revolution.

Voltaire hatte sich einen Augenblick in seinem Todeskampf erhoben, und, mit den Ellbogen auf sein Sterbebett gestützt, hatte er bis in der Nacht, wo er entschlummerte, diese blitzende Morgenröthe glänzen sehen.

Es sollte nämlich die Revolution, wie Christus, dessen Gedanke sie war, die Lebendigen und die Todten richten.

Als Anna von Oesterreich zur Regierung kam, sagte der Cardinal von Retz, gab es nur Ein Wort in Aller Mund: Die Königin ist so gut!

Einen Tage sieht der Arzt von Frau von Pompadour, Quesnoy, Ludwig XV. eintreten: ein Gefühl, das nicht Respect war, beunruhigt ihn dergestalt, daß er zittert und erbleicht.

»Was haben Sie?« fragte ihn Frau von Hausset.

»Madame,« erwiederte Quesnoy, »so oft ich den König sehe, sage ich mir: das ist ein Mann, der mir den Kopf kann abschlagen lassen!«

»Oh! es ist keine Gefahr,« entgegnete Frau von Hausset: »der König ist so gut!«

Mit diesen zwei Sätzen:

Der König ist so gut!

Die Königin ist so gut! hat man die französische Revolution gemacht.

Als Ludwig XV. starb. athmete Frankreich. Man war zugleich wie vom König, so von den Pompadour, von den Dubarry, vom Hirschpark befreit.

Die Vergnügungen von Ludwig XV. kosteten die Nation viel; sie kosteten allein übers drei Millionen jährlich6.

Zum Glück hatte man einen jungen, moralischen, philanthropischen, beinahe philosophischen König.

Einen König. der wie der Emil von Jean Jaques, ein Handwerk, oder vielmehr drei Handwerke gelernt hatte.

Er war Schlosser, Uhrmacher. Mechanicus.

Erschrocken über den Abgrund, über den er sich neigt, fängt der König damit an, daß er alle Gunstbezeigungen, die man von ihm verlangt, abschlägt. Die Höflinge beben. Zum Glück beruhigt sie Eines: nicht er schlägt sie ab, sondern Turgot. Die Königin ist vielleicht noch nicht Königin, und kann folglich an diesem Abend nicht den Einfluß haben, den sie morgen haben wird.

Im Jahr 1777 erlangt sie endlich den so sehr ersehnten Einfluß: die Königin wird Mutter; der König, der schon ein so guter König, ein so guter Gatte war, kann nun auch guter Vater werden.

Wird er derjenigen, welche der Krone einen Erben gegeben hat, etwas verweigern?

Und dann ist das noch nicht Alles: der König ist auch guter Bruder; man kennt die Anekdote von Beaumarchais, der dem Grafen von Provence geopfert wurde; und der König liebt nicht einmal den Grafen von Provence, weil er ein Pedant ist.

Dagegen liebt er sehr den Grafen d’Artois, diesen Typus von Geist, von Eleganz und französischen Adel. Er liebt ihn so sehr, daß, wenn er zuweilen der Königin das, was sie fordert, abschlägt, der Graf d'Artois sich nur mit der Königin zu verbinden braucht, und der König hat nicht mehr die Kraft, zu verweigerte.

Es ist auch die Regierung der liebenswürdigen Männer. Herr von Calonne, einer der liebenswürdigsten Männer der Welt, ist Generalcontroleur; er hat zur Königin gesagt:

»Madame, wenn es möglich ist, so ist es geschehen; ist eo unmöglich, so wird es sich machen.«

Von dem Tage an, wo diese reizende Antwort in den Salons von Paris und Versailles kreist, hat sich das rothe Buch, das man für geschlossen hielt, wieder geöffnet.

Die Königin kauft Saint-Cloud.

Der König kauft Rambouillet.

Der König hat nicht mehr Favoritinnen, sondern die Königin: die Damen Diane und Juleo von Polignac kosten Frankreich so viel, als die Pompadour und die Dubarry.

Die Königin ist so gut!

Man schlägt eine Ersparniß an den großen Gehalten vor. Einige fügen sich darein. Doch ein Vertrauter des Hofes weigert sich hartnäckig, sich beschränken zu lassen: das ist Herr von Coigny. Der König entflieht und sagt lachend am Abend:

»Wahrhaftig. ich glaube, wenn ich nicht nachgegeben hätte, Coigny würde mich geschlagen haben.«

Der König ist so gut!

Dann hängen die Geschicke einen Reiches von so Geringfügigem ab, vom Sporn eines Pagen zum Beispiel.

Ludwig XV. stirbt; wer wird der Nachfolger von Herrn von Aiguillon sein?

König Ludwig XVI. ist für Machaut. Machaut ist einer von den Ministern, die den schon wankenden Thron gestützt haben. Mesdames, das heißt, die Tanten des Königs, sind für Herrn von Maurepas, der so belustigend ist und so schöne Lieder macht. Er hat im Pontchartrain drei Bände gemacht, die er seine Denkwürdigkeiten nennt.

Dies Alles ist eine Frage den Kirchthurmrennens. Wer wird zuerst ankommen? Der König und die Königin in Arnouville, oder Mesdames in Pontchartrain?

Der König hat die Gewalt in Händen, die Chancen sind also für ihn.

– Er schreibt in Eile:

Reisen Sie auf der Stelle nach Parin ab. Ich erwarte Sie.

Er steckt die Depesche in einen Umschlag und schreibt darauf:

An den Herrn Grafen von Machaut in Arnouville.

Ein Page vom großen Stall wird gerufen. Man übergibt ihm das königliche Schreiben und befiehlt ihm, mit verhängten Zügeln zu reiten.

Nun, da der Page abgegangen ist, kann der König Mesdames empfangen.

Mesdames,dieselben, die ihr Vater, wie wir in Balsamo gesehen, mit den drei außerordentlich aristokratischen Namen: Locque, Chiffe und Graille7 beehrt hatte; Mesdames warten vor der Thüre, der entgegengesetzt durch welche der Page abgeht, bin der Page abgegangen ist.

Sobald der Page abgegangen ist, können Mesdames eintreten.

Sie treten ein, und flehen den König zu Gunsten den Herrn Maurepas an, – dies Alles ist eine Zeitfrage – der König kann Mesdames nicht abweisen, der König ist so gut!

Er wird einwilligen, wenn der Page fern genug ist, daß man ihn nicht wieder erwischen kann.

Der König kämpft gegen Mesdames, die Augen auf die Pendeluhr gerichtet, – eine halbe Stunde genügt ihm, – die Pendeluhr wird ihn nicht täuschen; es ist diejenige, welche er selbst richtet. Nach zwanzig Minuten gibt er nach.

»Man hole den Pagen zurück,« sagte er, »und Alles wird abgemacht sein!«

Mesdames stürzten hinaus; man wird aufsitzen; man wird ein Pferd, zwei Pferde, zehn Pferde zu Tode reiten, aber den Pagen einholen.

Das ist unnütz, und man wird gar nichts zu Tode reiten.

Beim Hinabsteigen ist der Page an einer Stufe hängen geblieben und hat einen Sporn zerbrochen. Wie kann man mit verhängten Zügeln reiten, wenn man nur einen Sporen hat?

Uebrigens ist der Chevalier d'Abzac Chef des großen Stalles, und er, der die Aufsicht über die Couriere hat, ließe einen Courier nicht abgehen, wenn derselbe auf eine Weise abgehen müßte, welche dem königlichen Stall nicht Ehre machen würde.

Der Page wird also nur mit beiden Sporen abgehen.

Eine Folge hiervon ist, daß man, statt den Pagen, mit verhängten Zügeln reitend, auf der Straße nach Arnouville einzuholen, ihn im Hofe des Stalles erwischen wird. Er saß nämlich im Sattel und war bereit, in tadellosem Anzug abzugeben.

Man nimmt ihm das Schreiben ab, man läßt den Text, der eben so gut für den Einen als für den Andern paßte. Nur, statt auf die Adresse zu schreiben: An Herrn von Machaut in Arnouville, schreiben Mesdames:

An den Herrn Grafen von Maurepas in Pontchartrain.

Die Ehre den königlichen Stalles ist gerettet, doch die Monarchie ist verloren.

Mit Maurepas und Calonne geht Alles vortrefflich. Der Eine singt, der Andere bezahlt; dann, nach den Höflingen, kommen noch die Generalpächter, die ihren Dienst auch gut versehen.

Ludwig XIV. begann seine Regierung damit, daß er zwei Generalpächter auf den Rath von Colbert aufhängen ließ, wonach er Lavailliére zur Geliebten nahm und Versailles baute. Lavailliére kostete ihn nichts.

Doch Versailles, wo sie wohnen sollte, kostete ihn sehr viel.

Im Jahr 1685 sodann jagt man unter dem Vorwand, sie seien Protestanten, eine Million gewerbsfleißiger Menschen aus Frankreich.

1707, noch unter dem großen König, sagt auch Boisguilbert, von 1698 sprechend:

»Das ging noch in jener Zeit, in jener Zeit war noch Oel in der Lampe. Heute hat in Ermangelung von Stoff Alles ein Ende genommen.

Mein Gott, was wird man achtzig Jahre später sagen, wenn die Dubarry, die Polignac über dies Alles hingegangen sind? Nachdem man das Volk Wasser hat schwitzen lassen, wird man es Blut schwitzen lassen!

Und dies Alles mit so reizenden Formen.

Früher waren die Pächter hart, grob und kalt wie die Thüren der Gefängnisse, in welche sie ihre Opfer warfen.

Heute sind es Philanthropen. Mit einer Hand plündern sie allerdingn das Volk, doch mit der andern bauen sie ihm Hospitäler.

Einer meiner Freunde, ein großer Finanzmann, hat mich versichert, von hundert und zwanzig Millionen, welche die Salzsteuer eintrug, haben die Pächter siebenzig für sich behalten.

In einer Versammlung, wo man die Ausgaben-Etats verlangte, sagte auch ein Rath, mit dem Wort spielend:

»Es sind nicht die besonderen Etats, was wir brauchen, sondern die General-Etats (Reichsstände).«

Der Funke fiel auf das Pulver, dan Pulver entzündete sich und machte einen Brand.

Jeder wiederholte das Wort den Raths und die Reichsstände wurden mit großem Geschrei gerufen.

Der Hof bestimmte die Eröffnung der Reichsstände auf den 5. Mai 1789.

Am 24. August 1788 zog sich Herr von Brienne zurück. Das war auch Einer, der die Finanzen ziemlich leicht verwaltet hatte.

Doch bei seinem Rückzug gab er wenigstens einen ziemlich guten Rath: den Necker zurückzurufen.

Necker trat wieder in das Ministerium ein, und man athmete voll Vertrauen.

Die große Frage der drei Ordnungen wurde indessen in ganz Frankreich verhandelt. Siéyès veröffentlichte seine bekannte Brochure über den dritten Stand.

Das Dauphiné, dessen-Stände sich, trotz des Hofes, versammelten, entschied, daß die Vertretung des dritten Standes der der Geistlichkeit und des Adels gleich sein sollte.

Man bestimmte die Zusammenberufung der Notablen.

Diese Versammlung dauerte zwei und dreißig Tage, das heißt, vom 6. November bis 8. Dezember 1788.

Diesmal mischte sich Gott darein.

Wenn die Peitsche der Könige nicht genügt, so pfeift die Peitsche Gottes ihrerseits in der Luft und macht die Völker vorwärts schreiten.

Der Winter kam in Begleitung der Hungersnoth.

Der Hunger und die Kälte eröffneten die Thore des Jahres 1789.

Paris war voll von Truppen, die Straßen von Patrouilien.

Zwei oder dreimal wurden die Gewehre vor der Menge geladen, welche Hungers starb.

Waren die Gewehre geladen, und man sollte sich derselben bedienen, so geschah dies nicht.

Eines Morgens, am 26. April, fünf Tage vor der Erdöffnung der Reichsstände, ist ein Name in der Menge im Umlauf.

Dieser Name wird mit um so schwereren Flüchen begleitet, als es der einen reich gewordenen Arbeiters ist.

Reveillon, wie man versichert, Reveillon, der Director der berühmten Papierfabrik des Faubourg Saint-Antoine, Reveillon hat gesagt, man müsse die Taglöhne der Arbeiter um fünfzehn Sous erniedrigen.

Das war die Wahrheit.

Man fügte bei, der Hof wolle ihn mit dem schwarzen Bande, das heißt, mit dem Sanct-Michaelsorden decorieren.

Das war die Albernheit.

Es gibt immer ein albernes Gerücht bei den Aufständen. Und es ist merkwürdig, daß sie hauptsächlich durch dieses Gerücht sich rekrutiren, vergrößen, zur Revolution werden.

Das Volk macht einen Gliedermann, tauft ihn Reveillon, decorirt ihn mit dem schwarzen Bande, zündet ihn vor der Thüre von Reveillon selbst an, und verbrennt ihn vollends auf dem Platze des Stadthauses, vor den Augen der Municipalbehörden, die ihn brennen sehen.

Straflosigkeit macht die Menge kühn; sie verkündigt, nachdem sie an Reveillon im Bildniß Gerechtigkeit geübt habe, werde sie am andern Tag in Wirklichkeit Gerechtigkeit an ihm üben.

Das war ein Fehdebrief in allen Regeln an die Regierung gerichtet.

Man schickte dreißig Soldaten von der französischen Garde ab; aber es war nicht einmal die Regierung, die sie abschickte, sondern der Oberst, Herr von Biron. Die dreißig Soldaten waren Zeugen dieses großen Tumultes, den sie nicht verhindern konnten. Sie sahen zu, wie man die Fabrik plünderte, das Hausgeräthe zum Fenster hinauswarf, Alles zerbrach, Alles verbrannte. Mitten unter diesem Tumult wurden fünfhundert Louisd'or gestohlen.

Man trank den Wein der Keller, und als man keinen Wein mehr hatte, trank man die Farben der Fabrik. die man für Wein hielt.

Diese garstige Handlung nahm den ganzen Tag den 27. ein.

Man schickte den dreißig Mann einige Compagnien französische Garden zu Hilfe; sie schaffen Anfangs blind und dann scharf. Mit den französischen Garden verbanden sich gegen Abend die Schweizer von Herrn von Bezenval.

Die Schweizer treiben keinen Scherz mit Revolutionen.

Die Schweizer vergaßen, daß sie Kugeln in ihren Patronen hatten, und da die Schweizer von Natur Schützen, und zwar gute Schützen sind, so blieben etliche und zwanzig Plünderer auf dem Platze.

Einige von ihnen hatten ihren Antheil an den erwähnten fünfhundert Louisd'or bei sich, welche aus dem Secretaire von Reveillon in die Tasche der Plünderer, und aus der Tasche der Plünderer in die der Schweizer übergingen.

Bezenval hatte Alles in seinem Namen gethan, unter seinen Hut genommen, wie man zu sagen pflegt.

Der König dankte ihm nicht und tadelte ihn nicht.

Wenn aber der König nicht dankt, so tadelt er.

Das Parlament eröffnete eine Untersuchung.

Der König schloß sie.

Der König war so gut!

Wer hatte das Volk so entzündet?

Niemand konnte es sagen.

Hat man nicht bisweilen bei großen Sommerhitzen Brände ohne Ursache entstehen sehen?

Man beschuldigte den Herzog von Orleans.

Die Beschuldigung war albern , sie fiel.

Am 29. war Paris vollkommen ruhig, oder schien es wenigstens zu sein.

Es kam der 1. Mai. Der König und die Königin begaben sich mit dem ganzen Hofstaate nach Notre-Dame, um das Veni creator zu hören.

Man rief viel: »Es lebe der König!« und besonders: »Es lebe die Königin!«

Die Königin war so gut!

Das war der letzte Tag den Friedens.

Am andern Tag rief man etwas weniger: »Es lebe die Königin!« und etwas mehr: »Es lebe der Herzog von Orleans!«

Dieser Ruf verletzte sie ungemein, die arme Frau, welche den Herzog so sehr haßte, daß sie von ihm sagte, er sei ein Feiger.

Als ob es je einen Feigen unter den Orleans gegeben hätte, von Monsieur an, der die Schlacht bei Cassel gewann, bin zum Herzog von Chartres, der zum Gewinnen der Schlachten von Jemmapes und Valmy beitrug.

So viel ist gewiß, daß die arme Frau beinahe ohnmächtig geworden wäre; man unterstützte sie, als ihr Kopf sich neigte. Madame Campan erzählt die Sache in ihren Denkwürdigkeiten.

Doch dieser geneigte Kopf erhob sich wieder stolz und hoffartig. Diejenigen welche den Ausdruck dieses Kopfes sahen, waren auf immer davon geheilt, daß sie sagten: »Die Königin ist so gut!«

Es gibt drei Portraits von der Königin; das eine gemalt 1776, dan andere 1784 und das dritte 1788.

Ich habe alle drei gesehen. Sehen Sie dieselben ebenfalls. Wenn sie je in einer Gallerie beisammen sind, so wird man die Geschichte von Marie Antoinette in diesen drei Portraits lesen8.

Die Vereinigung der drei Ordnungen, die eine Umarmung sein sollte, war eine Kriegserklärnng.

»Drei Ordnungen!« sagte Siéyès, »nein, drei Nationen.«

Am 3. Mai, am Tage vor der Messe den Heiligen-Geistes, empfing der König die Abgeordneten in Versailles.

Einige riethen ihm, die Herzlichkeit an die Stelle der Etiquette zu setzen.

Der König wollte nichts hören.

Er empfing die Geistlichkeit zuerst.

Den Adel sodann.

Und endlich den dritten Stand.

Der dritte Stand hatte lange gewartet.

Der dritte Stand murrte.

In den früheren Versammlungen sprach der dritte Stand auf den Knieen.

Es war nicht möglich, den Präsidenten den dritten Standes zum Knieen zu bewegen.

Man beschloß, der dritte Stand sollte keine Rede halten.

In der Sitzung vom 5. bedeckte sich der König.

Der Adel bedeckte sich.

Der dritte Stand wollte sich auch bedecken; doch der König entblößte sich wieder; er hielt lieber seinen Hut in der Hand, als daß er den dritten Stand vor sich bedeckt sah.

Am Mittwoch, den 10. Juni, trat Siéyès in die Versammlung. Er sah, daß sie beinahe gänzlich aus dem dritten Stande zusammengesetzt war.

Die Geistlichkeit und der Adel versammelten sich anderswo.

»Schneiden wir das Tau ab,« sagte Siéyès, »es ist Zeit.«

Und Siéyès schlug vor, den Adel und die Geistlichkeit zum Erscheinen in der unerstrecklichen Frist von einer Stunde aufzufordern.

Erscheinen sie nicht, so wird man die Abwesenden ausschließen.

Eine deutsche und eine Schweizen-Armee umgab Versailles. Eine Batterie schweres Geschütz war gegen die Versammlung aufgepflanzt.

Siéyès sieht nichts von Allem dem. Er sieht das Volk, das Hunger hat. Doch der dritte Stand, sagt man zu Siéyès kann nicht allein die Stände bilden.

»Desto besser,« erwiederte Siéyès, »er wird die National-Versammlung bilden.

Die Abwesenden erscheinen nicht; der Vorschlag des Abbé Siéyès wird angenommen; der dritte Stand nennt sich die National-Versammlung mit einer Majorität von vierhundert Stimmen.

Am 19. Juni befiehlt der König, daß der Saal, in dem die National-Versammlung ihre Sitzungen hält, geschlossen werden soll.

Doch um einen solchen Staatestreich zu vollführen, bedarf der König eines Vorwandes.

Der Saal wird geschlossen, um darin die Vorbereitungen zu einer königlichen Sitzung zu treffen, welche am Montag stattfinden soll.

Am 29. Juni, um sieben Uhr Morgens, erfährt der Präsident der National-Versammlung, man werde an diesem Tag nicht zusammenkommen.

Um acht Uhr begibt er sich vor die Thüre des Saales mit einer großen Anzahl von Deputirten.

Die Thüren sind geschlossen, und es stehen Schildwachen davor.

Es regnet.

Man will die Thüren sprengen.

Die Wachen haben ihren Befehl und kreuzen die Bajonette.

Der Eine schlägt vor, sich auf der Place d’Armes zu versammeln.

Der Andere in Marly.

Guillotin schlägt das Ballhaus vor.

Guillotin!

Wie seltsam, daß es Guillotin ist, dessen Name mit Hinzufügung von einem „e“ vier Jahre später so berühmt sein wird! Wie seltsam, daß es Guillotin ist, der das Ballhaus vorschlägt.

Das kahle, verwitterte, für alle vier Winde offene Ballhaus.

Das ist die Krippe der Schwester von Christus! Das ist die Wiege der Revolution.

Nur war Christus der Sohn einer Jungfrau.

Die Revolution war die Tochter einer geschändeten Nation.

Auf diese große Demonstration antwortete der König durch das königliche Wort: Veto!

Herr nun Brézé wird zu den Rebellen abgeschickt, um ihnen zu befehlen, aus einander zu gehen. »Wir sind hier durch den Willen des Volks,« spricht Mirabeau, »und wir werden nur mit dem Bajonett im Bauch weggehen.«

Und nicht, wie man gesagt hat: »Nur durch die Gewalt der Bajonette.« Warum ist immer hinter einem großen Mann ein kleiner Redekünstler, der die Worte verdirbt, unter dem Vorwand, sie zu ordnen.

Warum war dieser Redekünstler hinter Mirabeau im Ballhause?

Hinter Cambronne bei Waterloo?

Man überbrachte die Antwort dem König.

Er ging einige Zeit mit der Miene eines gelangweilten Menschen auf und ab.

»Sie wollen nicht gehen?«

»Nein, Sire.«

»Nun, dann lasse man sie.«

Das Königthum beugte sich schon, wie man sieht, unter der Hand des Volks, und zwar sehr tief.

Vom 23. Juni die zum 12. Juli schien Alles ziemlich ruhig, aber es war jene dumpfe, erstickende Ruhe, die dem Sturme vorhergeht.

Es war der böse Traum eines bösen Schlafes.

Am 11. faßt der König, durch die Königin, den l Grafen d'Artois, die Polignac, die ganze Camarilla von Versailles angetrieben, einen Entschluß: er entläßt Necker. Am 12. gelangt die Nachricht nach Paris.

Man hat gesehen, welche Wirkung sie hervorbrachte. Am 13. Abends kam Billot an, um die Barrièren brennen zu sehen.

Am 13. Abends vertheidigte sich Paris; am 14. Morgens war Paris zum Angriff bereit.

Am 14. Morgens rief Billot: Nach der Bastille! – und drei tausend Menschen wiederholten nach Billot denselben Ruf, welcher der der ganzen Pariser Bevölkerung werden sollte.

Es gab nämlich ein Gebäude, das seit beinahe fünf Jahrhunderten auf der Brust Frankreichs lastete, wie der Stein der Hölle auf den Schultern von Sisyphus.

Nur hegte Frankreich weniger Vertrauen zu seinen Kräften, als der Titan, und hatte es nie versucht, die Last aufzuheben.

Dieses Gebäude, ein auf die Stirne von Paris gedrücktes Siegel der Feudalherrschaft, war die Bastille.

Der König war, wie Frau von Hausset sagte, zu gut, um einen Kopf abschlagen zu lassen.

Aber der König schickte in die Bastille.

Befand man sich einmal auf Befehl des Königs in der Bastille, so war ein Mensch vergessen, auf die Seite gebracht, begraben, vernichtet.

Er blieb hier, bis der König sich seiner erinnerte, und die Könige haben so viele neue Dinge, an die sie denken müssen, daß sie oft an die alten Dinge zu denken vergessen.

Ueberdies gab es in Frankreich nicht nur eine Bastille; es gab zwanzig Bastillen, die man das Fort-l'Evêque, Saint-Lazare, das Chatelet, die Conciergerie, Vincennes, das Schloß la Roche, das Schloß If, die Inseln Sainte-Marguerite, Pignerolles u. s. w. Nannte.

Nur hieß die Festung der Porte Sainte-Antoine ; die Bastille, wie Rom die Stadt hieß.

Es war die vorzugsweise Bastille. Sie war für sich allein so viel werth als alle andern.

Beinahe ein Jahrhundert hindurch blieb das Gouvernement der Bastille in einer einzigen Familie.

Der Ahnherr dieser Auserwählten war Herr von Chateauneuf. Sein Sohn Lavrillière folgte ihm in seinem Posten. Seinem Sohne Lavrillière folgte sein Enkel Saint-Florentin. Die Dynastie erlosch im Jahre 1777.

Niemand kann sagen, weiche Menge von geheimen Verhaftsbefehlen9 während dieser dreifachen Regierung, die zum großen Theil unter Ludwig XV. verlief, unterzeichnet wurde. Saint-Florentin allein unterzeichnete mehr als fünfzehn tausend.

Die Verhaftsbefehle warfen ein großes Einkommen ab.

Man verkaufte an Väter, die sich ihrer Söhne entledigen wollten.

Man verkaufte an Frauen, die sich ihrer Männer entledigen wollten.

Je schöner die Frauen waren, desto weniger kosteten die Verhaftsbefehle.

Des war dann zwischen ihnen und dem Minister nur ein Austausch von Artigkeiten.

Seit dem Ende der Regierung von Ludwig XIV. waren alle Staatsgefängnisse und besonders die Bastille in den Händen der Jesuiten. Man erinnert sich der Bedeutendsten unter den Gefangenen:

Die Eiserne Maske. Lauzun, Latude.

Die Jesuiten waren Beichtväter, zu größerer Sicherheit hörten sie die Beichte der Gefangenen.

Abermals zu größerer Sicherheit wurden die Gefangenen, wenn sie starben, unter falschen Namen beerdigt.

Die Eiserne Maske beerdigte man, wie man sich erinnert, unter dem Namen Marchiali.

Sie war 45 Jahre im Gefängniß geblieben.

Lauzun blieb 14 Jahre darin.

Latude 30 Jahre.

Aber die Eiserne Maske und Lauzun hatten wenigstens große Verbrechen begangen.

Die Eiserne Maske, ein Bruder oder nicht von Ludwig XIV., glich, wie man versichert, dem König Ludwig XIV. zum Täuschen.

Es ist sehr unklug, es zu wagen, einem König zu gleichen.

Lauzun hätte beinahe oder hatte sogar wirklich die Groß-Mademoiselle geheirathet.

Es ist sehr unklug, es zu wagen, die Nichte von Ludwig XIII., die Enkelin von König Heinrich IV., zu heirathen.

Doch Latude, der arme Teufel, was hatte er gethan? Er hatte es gewagt, sich in Mlle. Poisson, Dame von Pompadour, die Maitresse des Königs zu verlieben.

Er hatte es gewagt, ihr ein Billet zu schreiben, und dieses Billet, das eine biedere Frau demjenigen, welcher es geschrieben, zurückgeschickt haben würde, wird von Frau von Pompadour an Herrn von Sartines geschickt.

Und verhaftet, flüchtig, gefangen und abermals gefangen, bleibt Latude dreißig Jahre unter Schloß und Riegel der Bastille, von Vincennes und Bicêtre.

Nicht umsonst war also die Bastille gehaßt.

Das Volk haßte sie als eine lebendige Sache, es hatte daraus eine von jenen riesigen Tarasquen10 eines von den Thieren des Gevaudan gemacht, welche unbarmherzig die Menschen verschlingen.

Man begreift auch den Schmerz des armen Sebastian Gilbert, als er erfuhr, sein Vater sei in der Bastille.

Man begreift die Ueberzeugung von Billot, der Doctor würde nicht mehr aus dem Gefängniß kommen, wenn man ihn nicht mit Gewalt daraus befreite.

Man begreift die wüthende Begeisterung des Volkes, als Billot rief: Nach der Bastille!

Nur war es, wie die Soldaten gesagt hatten, etwas Wahnsinniges, diese Idee, man könnte die Bastille nehmen.

Die Bastille hatte Proviant, eine Garnison, Artillerie.

Die Bastille hatte Mauern von fünfzehn Fuß an ihrer Firste, von vierzig an ihrer Base.

Die Bastille hatte einen Gouverneur, der Herr de Launay hieß, der dreihundert Centner Pulver in die Keller hatte bringen lassen, der versprochen hatte, im Falle eines Handstreichs die Bastille und mit ihr die Hälfte des Faubourg Saint Antoine in die Luft zu sprengen.

XIV.
Die drei Gewalten Frankreichs

Billot zog immer weiter. Von seinem martialischen Gesicht angezogen, erkannte die Menge in diesem Mann einen der ihrigen; die Menge, die seine Worte und sein Unternehmen billigte, folgte ihm immer mehr anwachsend, wie die Wellen der steigenden Flut.

Hinter Billot, als er auf den Quai Saint-Michel gelangte, waren mehr als dreitausend mit Säbeln, Aexten, Piken und Schießgewehren bewaffnete Männer.

Alles schrie: Nach der Bastille! nach der Bastille!

Billot dachte nach. Die Betrachtungen, die wir am Ende des vorhergehenden Kapitels angestellt haben, machte er ebenfalls, und allmählich fiel der ganze Durst seiner fieberhaften Aufregung.

Da sah er klar in seinem Geiste.

Das Unternehmen war groß, erhaben, aber unsinnig. Das war leicht zu begreifen nach den bestürzten und ironischen Physiognomieen, auf denen sich der Eindruck des Rufes: Nach der Bastille wiederspiegelte.

Doch sein Entschluß stand um so fester.

Nur begriff er, daß er Müttern, Frauen, Kindern für das Leben aller dieser Männer verantwortlich war, die ihm folgten, und er wollte daher alle möglichen Vorsichtsmaßregeln ergreifen.

Billot fing also damit an, daß er seine Leute nach dem Platz vor dem Stadthause führte.

Hier ernannte er einen Leutnant und Offiziere.

Ah! dachte Billot, es giebt eine Gewalt in Frankreich, es giebt zwei, es giebt sogar drei.

Beraten wir uns.

Er trat nun in das Stadthaus ein und fragte, wer der Vorstand der Municipalität sei.

Man antwortete ihm, es sei der Stadtvogt, Herr von Flesselles.

»Ah! ah!« sagte er mit einer durchaus nicht zufriedenen Miene, Herr von Flesselles, ein Adeliger, das heißt, ein Feind des Volks.

»Nein,« erwiderte man ihm, ein Mann von Geist.

Billot stieg die Treppe des Stadthauses hinauf, und im Vorzimmer traf er einen Ratsdiener.

»Ich will Herrn von Flesselles sprechen,« sagte Billot, als er bemerkte, daß der Ratsdiener auf ihn zutrat, um ihn zu fragen, was er wünsche.

»Unmöglich,« antwortete der Ratsdiener; »er ist damit beschäftigt, daß er die Cadres einer Bürgermiliz vervollständigt, welche die Stadt in diesem Augenblick organisiert.«

»Das kommt vortrefflich; ich organisiere auch eine Miliz, und da ich schon dreitausend eingereihte Leute habe, so bin ich so viel wert, als Herr von Flesselles, der keinen Mann auf den Beinen hat. Lassen Sie mich also mit Herrn von Flesselles sprechen, und zwar auf der Stelle. Oh! schauen Sie zum Fenster hinaus, wenn Sie wollen.«

Der Ratsdiener warf einen raschen Blick auf die Quais und gewahrte die Leute von Billot. Er beeilte sich daher, dem Stadtvogt Meldung zu machen und ihm gleichsam als Nachricht zu seiner Botschaft die fraglichen dreitausend Mann zu zeigen.

Dies flößte dem Stadtvogt eine Art von Achtung für den Ankömmling ein; er verließ den Rat und kam in das Vorzimmer zu Billot.

»Sie verlangen nach mir?« sagte er lächelnd.

»Sind Sie Herr von Flesselles, der Stadtvogt?« erwiderte Billot.

»Ja, mein Herr. Was steht zu Ihren Diensten? Beeilen Sie sich nur, denn mein Kopf ist zu sehr in Anspruch genommen.«

»Herr Stadtvogt, wie viel Gewalten giebt es in Frankreich?«

»Ei! je nachdem Sie das verstehen, mein lieber Herr,« antwortete von Flesselles.

»Sagen Sie, wie Sie es selbst verstehen.

»Wenn Sie Herrn Bailly fragen, so wird er Ihnen sagen, es gebe nur eine, die Nationalversammlung; wenn Sie Herrn von Dreux-Breze fragen, so wird er Ihnen antworten, es gebe nur eine, den König.«

»Und Sie, Herr Stadtvogt, welche ist unter diesen zwei Meinungen die Ihrige?«

»Meine Meinung ist auch, daß es in diesem Augenblicke nur eine giebt.«

»Die Nationalversammlung oder der König?« fragte Billot.

»Weder die eine, noch der andere; die Nation,« erwiderte Herr von Flesselles, seine Hemdkrause zerknitternd.

»Ah! ah! die Nation!« rief der Pächter.

»Ja, nämlich diese Herren, welche unten auf dem Platze mit Messern und Spießen warten; die Nation, das heißt für mich jedermann.«

»Sie können wohl recht haben, Herr von Flesselles,« sprach Billot, »und nicht mit Unrecht hat man mir gesagt, Sie seien ein Mann von Geist.«

Herr von Flesselles verbeugte sich.

»An welche von diesen drei Gewalten gedenken Sie zu appellieren, mein Herr?« fragte Flesselles.

»Bei meiner Treue,« erwiderte Billot, »ich glaube, das einfachste, wenn man etwas Wichtiges zu verlangen hat, ist, daß man sich an den guten Gott wendet, und nicht an seine Heiligen.«

»Damit wollen Sie sagen, daß Sie sich an den König wenden wollen?«

»Ich habe große Lust.«

»Wäre es unbescheiden, zu fragen, was Sie von dem König zu verlangen gedenken?«

»Die Freiheit des Doktors Gilbert, der in der Bastille ist.«

»Des Doktors Gilbert?« fragte Flesselles hochmütig; »ist das nicht ein Broschürenmacher?«

»Sagen Sie ein Philosoph, mein Herr.«

»Das ist ganz das Gleiche, mein lieber Herr. Ich glaube, daß Sie wenig Aussichten haben, so was vom König zu erlangen.«

»Und warum?«

»Einmal, weil der König, wenn er den Doktor Gilbert in die Bastille stecken ließ, seine Gründe hiefür haben mußte.«

»Gut! er wird seine Gründe angeben, und ich werde ihm die meinigen mitteilen.«

»Mein lieber Herr Billot, der König ist sehr beschäftigt und wird Sie nicht einmal empfangen.«

»Oh! wenn er mich nicht empfängt, so werde ich wohl Mittel finden, ohne seine Erlaubnis hineinzukommen.«

»Sind Sie einmal innen, so werden Sie Herrn von Dreux-Breze treffen, der Sie vor die Thüre werfen läßt.«

»Der mich vor die Thür werfen läßt?«

»Ja, er hat dies mit der Nationalversammlung in Masse thun wollen; allerdings ist es ihm nicht gelungen; doch das ist ein Grund mehr, daß er wütet und seine Wut an Ihnen ausläßt.«

»Gut, dann wende ich mich an die Nationalversammlung.«

»Der Weg nach Versailles ist abgeschnitten.«

»Ich werde mit meinen dreitausend Mann gehen.«

»Nehmen Sie sich in acht, mein lieber Herr. Sie finden auf der Straße vier- bis fünftausend Schweizer und zwei- bis dreitausend Österreicher, die nur einen Mund voll aus Ihnen und Ihren dreitausend Leuten machen, und in einem Augenblick sind Sie verschlungen.«

»Ah! Teufel, was soll ich denn machen!«

»Machen Sie, was Sie wollen; thun Sie mir aber den Gefallen, Ihre dreitausend Mann wegzuführen, die mit ihren Hellebarden auf das Pflaster stoßen und rauchen. Es sind siebzig bis achtzig Zentner Pulver in unseren Kellern, und ein Funke kann uns in die Luft sprengen.«

»Wenn es so ist, so werde ich mich weder an den König, noch an die Nationalversammlung, sondern an die Nation wenden, und wir nehmen die Bastille.«

»Womit? Mit den achtzig Zentnern Pulver, die Sie mir geben werden, Herr Stadtvogt.«

»Ah! wahrhaftig?« sagte Flesselles mit spöttischem Tone.

»Es ist so, mein Herr. Die Schlüssel zu den Gewölben, wenn ich bitten darf.«

»Wie! scherzen Sie?« sagte der Stadtvogt.

»Nein, mein Herr, ich scherze nicht,« sprach Billot.

Und er packte Flesselles mit beiden Händen an seinem Rockkragen und fügte bei:

»Die Schlüssel, oder ich rufe meine Leute.«

Flesselles wurde bleich wie der Tod. Seine Lippen und seine Zähne preßten sich krampfhaft zusammen; doch ohne daß die Stimme die geringste Veränderung erlitt, ohne daß er einen Augenblick von dem spöttischen Ton abließ, den er angenommen hatte, erwiderte er:

»Mein Herr, Sie leisten mir im ganzen einen Dienst, wenn Sie mich von diesem Pulver befreien. Ich werde Ihnen also die Schlüssel nach Ihrem Wunsche zustellen lassen. Nur vergessen Sie nicht, daß ich Ihre erste Obrigkeit bin, und daß Sie, wenn Sie das Unglück hätten, mir vor der Welt das zu thun, was Sie mir unter vier Augen gethan haben, eine Stunde nachher von den Wachen der Stadt gehängt wären. Sie beharren also dabei, daß Sie dieses Pulver haben wollen?«

»Ich beharre dabei,« sprach Billot.

»Und Sie werden es selbst austeilen?«

»Ich selbst.«

»Wann dies?«

»Auf der Stelle.«

»Verzeihen Sie, verständigen wir uns; ich habe hier noch ungefähr eine Viertelstunde zu thun, und es wäre mir, wenn es Ihnen gleichgültig ist, lieber, wenn die Verteilung erst anfinge, nachdem ich weggegangen bin. Man hat mir prophezeit, ich werde eines gewaltsamen Todes sterben; ich gestehe aber, ich habe einen Widerwillen dagegen, daß ich in die Luft gesprengt werde.«

»Gut, in einer Viertelstunde also. Doch nun eine Bitte von meiner Seite. Treten wir beide an dieses Fenster. Wozu?«

»Ich will Sie beim Volke beliebt machen.«

Billot führte den Stadtvogt ans Fenster.

»Freunde, sprach er, nicht wahr, ihr wollt die Bastille immer noch nehmen?«

»Ja! ja! riefen drei- bis viertausend Stimmen.«

»Aber nicht wahr, es fehlt euch an Pulver?«

»Ja! Pulver! Pulver!«

»Seht, hier ist der Herr Stadtvogt, der die Güte haben will, uns zu geben, welches in den Gewölben des Stadthauses sich befindet. Dankt ihm, meine Freunde!«

»Es lebe der Herr Stadtvogt! Es lebe Herr von Flesselles!« brüllte die Menge.

»Ich danke! ich danke für mich, ich danke für ihn!« rief Billot.

Dann wandte er sich gegen den Stadtvogt um und sprach:

»Mein Herr, nun brauche ich Sie weder mehr unter vier Augen, noch vor aller Welt am Kragen zu nehmen, denn wenn Sie mir das Pulver nicht geben, so wird Sie die Nation, wie Sie das nennen, in Stücke zerhauen.«

»Hier sind die Schlüssel, mein Herr,« sagte der Stadtvogt, »Sie haben eine Art, zu bitten, die keine Weigerung zuläßt.«

»In diesem Fall ermutigen Sie mich,« erwiderte Billot, der in seinem Innern einen Plan zur Reife zu bringen schien.

»Ah! Teufel! sollten Sie noch etwas von mir zu verlangen haben?«

»Ja. Kennen Sie den Gouverneur der Bastille?«

»Herrn de Launay?«

»Ich weiß nicht wie er heißt.«

»Er heißt Herr Launay?

»Gut. Kennen Sie Herrn Launay?«

»Er ist einer meiner Freunde.«

»Dann müssen Sie wünschen, daß ihm kein Unglück widerfahre.«

»Ich wünsche es in der That.«

»Nun denn, ein Mittel, daß ihm kein Unglück widerfahre, ist, daß er mir die Bastille, oder wenigstens den Doktor übergibt.«

»Nicht wahr. Sie hoffen nicht, ich werde den Einfluß haben, ihn zu bewegen, Ihnen seinen Gefangenen oder die Festung zu übergeben?«

»Das ist meine Sache; ich bitte Sie nur um meine Einführung bei ihm.«

»Mein lieber Herr Billot, ich sage Ihnen zum voraus, daß Sie, wenn Sie in die Bastille hineinkommen, nur allein hineinkommen werden.«

»Sehr gut.«

»Ich sage Ihnen ferner, daß Sie, wenn Sie in die Bastille hineinkommen, vielleicht nicht mehr herauskommen werden.«

»Vortrefflich!«

»Ich will Ihnen einen Einlaßschein für die Bastille geben, doch nur unter einer Bedingung.«

»Unter welcher?«

»Daß Sie nicht morgen bei mir erscheinen und von mir einen Einlaßschein für den Mond verlangen. Ich sage Ihnen, daß ich in jener Welt niemand kenne.«

»Flesselles! Flesselles!« sprach eine dumpfe, mürrische Stimme hinter dem Stadtvogt. »Wenn du fortfährst, zwei Gesichter zu haben, eines, das den Aristokraten, ein anderes, das dem Volke zulächelt, so wird vielleicht zwischen jetzt und morgen ein Passierschein für jene Welt, aus der niemand mehr zurückkommt, für dich unterzeichnet sein.«

»Der Stadtvogt wandte sich bebend um.«

»Wer spricht so?« sagte er.

»Ich, Marat.«

»Marat, der Philosoph, Marat, der Arzt!« rief Billot.

»Ja, Marat, der Philosoph, Marat, der Arzt,« sagte Flesselles, »der in letzter Eigenschaft bemüht sein müßte, die Narren zu heilen, was ihm Gelegenheit böte, heute eine große Anzahl von Kunden zu haben.«

»Herr von Flesselles, erwiderte der finstere Redner, dieser braue Mann verlangt von Ihnen einen Einlaßschein zum Herrn de Launay. Ich bemerke Ihnen, daß nicht nur er auf Sie wartet, sondern daß auch dreitausend Menschen auf ihn warten.«

»Es ist gut, mein Herr, er soll ihn haben.«

Flesselles trat an seinen Tisch, fuhr mit der Hand über seine Stirn, ergriff eine Feder und schrieb rasch ein paar Zeilen.

»Hier ist Ihr Einlaßschein,« sprach er, Billot das Papier reichend.

»Lesen Sie,« sagte Marat.

»Ich kann nicht lesen.«

»Nun, so geben Sie, ich werde lesen.«

Billot reichte das Papier Marat.

Der Einlaßschein war in folgenden Worten abgefaßt:

»Herr Gouverneur!

»Wir, der Vogt der Stadt Paris, schicken Ihnen Herrn Billot, um sich mit Ihnen über die Interessen genannter Stadt zu bereden.

14. Juli 1789.

Von Flesselles.

»Gut,« sagte Billot, »geben Sie.«

»Sie finden diesen Einlaßschein gut so?« fragte Marat.

»Allerdings.«

»Warten Sie; der Herr Stadtvogt wird eine Nachschrift beifügen, die ihn noch besser machen soll.«

Und er näherte sich Herrn von Flesselles, der, die Faust auf den Tisch gestützt, stehen geblieben war und mit einer hochmütigen Miene sowohl die zwei Männer als einen dritten halbnackten betrachtete, der, auf einen Musketon gelehnt, bei der Thüre erschien.

Dieser dritte war Pitou; er war seinem Herrn gefolgt und hielt sich bereit, den Befehlen des Pächters zu gehorchen, welche es auch sein möchten.

»Mein Herr,« sagte Marat zu Flesselles, »die Nachschrift, die Sie beifügen werden und die den Einlaßschein besser machen soll, ist folgende:

»Sprechen Sie, Herr Marat.«

Marat legte das Papier auf den Tisch bezeichnete mit dem Finger den Platz, wohin der Stadtvogt die verlangte Nachschrift setzen sollte, und sagte:

»Da der Bürger Billot den Charakter eines Parlamentärs hat, so anvertraue ich sein Leben Ihrer Ehre.«

Flesselles schaute Marat wie ein Mensch an, der mehr Lust hatte, dieses platte Gesicht mit einem Faustschlag zu zermalmen, als zu thun, was es forderte.

»Sollten Sie zögern, mein Herr?« fragte Marat.

»Nein,« erwiderte Flesselles; »denn im ganzen verlangen Sie nur etwas Gerechtes vor mir.«

Und er schrieb die verlangte Nachschrift.

»Doch, meine Herren,« sagte er, »merken Sie wohl: ich stehe nicht für die Sicherheit des Herrn Billot.«

»Und ich, ich stehe dafür,« sprach Marat, indem er ihm das Papier aus den Händen zog, »denn Ihre Freiheit ist da, um für die seinige zu haften, Ihr Kopf, um für seinen Kopf zu haften. Braver Billot, hier haben Sie Ihren Einlaßschein.«

»Labrie!« rief Herr von Flesselles, »Labrie!«

Ein Lakai in großer Livree trat ein.

»Meinen Wagen!« sprach er.

»Er erwartet den Herrn Stadtvogt im Hofe.«

»Gehen wir hinab!« sagte der Stadtvogt. »Sie wünschen nichts anderes, meine Herren?«

»Nein!« antworteten gleichzeitig Billot und Marat.

»Soll ich ihn durchlassen?« fragte Pitou.

»Mein Freund,« sprach Flesselles, »ich muß Ihnen bemerken, daß Sie ein wenig zu unanständig gekleidet sind, um die Wache vor der Thüre meines Zimmers zu beziehen. Wenn Sie durchaus hier bleiben wollen, so drehen Sie wenigstens Ihre Patrontasche nach vorne und lehnen Sie das Hinterteil an die Wand an.«

»Soll ich ihn durchlassen?« wiederholte Pitou, indem er Herrn von Flesselles mit einer Miene anschaute, die besagte, er finde nur wenig Geschmack an dem Scherz, dessen Gegenstand er gewesen.

»Ja,« antwortete Billot.

Pitou trat auf die Seite.

»Sie haben vielleicht unrecht gehabt, diesen Mann gehen zu lassen,« sprach Marat; »das war ein vortrefflicher Geisel zum behalten; doch in jedem Fall, wo immer er auch sein mag, seien Sie unbesorgt, ich werde ihn wiederfinden.«

»Labrie!« sagte der Stadtvogt, während er in seinen Wagen stieg, »man wird sogleich hier Pulver austeilen. Sollte das Stadthaus in die Luft springen, so möchte ich nicht gern Spritzer bekommen. Aus dem Bereiche, Labrie, aus dem Bereiche!«

Der Wagen rollte unter das Gewölbe und erschien auf dem Platz, wo vier- bis fünftausend Menschen murrten und tobten, Flesselles befürchtete, man würde seinen Abgang, der ebenso wohl auch eine Flucht sein konnte, übel deuten. Er legte sich mit dem halben Leib über den Wagenschlag hinaus und rief dem Kutscher zu:

»Zur Nationalversammlung!«

Was ihm von Seiten der Menge eine kolossale Salve von Beifallsgeschrei eintrug.

Marat und Billot waren auf dem Balkon und hatten die letzten Worte von Flesselles gehört.

»Meinen Kopf gegen den seinigen, er geht nicht in die Nationalversammlung, sondern zum König,« sagte Marat.

»Soll ich ihn verhaften lassen?« fragte Billot.

»Nein,« erwiderte Marat mit seinem häßlichen Lächeln. »Seien Sie unbesorgt, so schnell er auch gehen mag, wir werden noch schneller gehen, als er. Nun zum Pulver!«

»Ja, zum Pulver!« sagte Billot.

Hierauf gingen beide, gefolgt von Pitou, hinab.

XV.
Herr de Launay, Gouverneur der Bastille

Es waren, wie Herr von Flesselles gesagt hatte, achtzig Zentner Pulver in den Gewölben des Stadthauses.

Marat und Billot traten in das erste Gewölbe mit einer Laterne ein, die sie an der Decke aufhingen.

Pitou bezog die Wache vor der Thüre. Das Pulver war in Fäßchen, von denen jedes ungefähr fünfundzwanzig Pfund enthielt. Man stellte Leute auf der Treppe auf. Diese Leute bildeten eine Kette, und man begann den Transport der Fäßchen.

Es fand einen Augenblick eine Verwirrung statt. Man wußte nicht, ob Pulver für alles Volk da war, und jeder stürzte hinzu, um seinen Teil zu nehmen. Den von Billot ernannten Chefs gelang es jedoch, sich Gehör zu verschaffen, und die Verteilung nahm ihren Fortgang mit einer gewissen Ordnung.

Jeder Bürger bekam ein halbes Pfund Pulver, ungefähr also hinreichend für dreißig bis vierzig Schüsse. Als jeder das Pulver hatte, bemerkte man, daß die Flinten fehlten: kaum fünfhundert Mann waren bewaffnet.

Während die Austeilung fortgesetzt wurde, ging ein Haufen von dieser wütenden Bevölkerung in das Zimmer hinauf, wo die Wähler ihre Sitzungen hielten. Sie waren beschäftigt, die Nationalgarde zu organisieren, wovon der Ratsdiener ein Wort zu Billot gesagt hatte. Man hatte dekretiert, diese Miliz sollte achtundvierzigtausend Mann stark werden. Diese Miliz bestand aber bis jetzt nur im Dekret, und schon stritt man sich über die Ernennung des Generals.

Mitten unter dieser Verhandlung bestürmte das Volk das Stadthaus. Es hatte sich ganz allein organisiert. Es verlangte zu marschieren, und es fehlte ihm nur an Waffen.

In diesem Augenblick hörte man das Geräusch eines Wagens, der hereinfuhr. Es war der Stadtvogt, den man, obgleich er den Befehl des Königs, der ihn nach Versailles berief, vorgezeigt, nicht hatte wollen passieren lassen und mit Gewalt nach dem Stadthause zurückbrachte.

»Waffen! Waffen!« rief man von allen Seiten, als man ihn erblickte.

»Waffen?« sagte er; »ich habe keine, doch im Arsenal muß es geben.«

»Nach dem Arsenal! nach dem Arsenal!« rief die Menge.

Und fünf- bis sechstausend Menschen stürzten nach dem Quai de la Grève. Das Arsenal war leer. Sie kehrten um und brüllten:

»Nach dem Stadthaus!«

Der Stadtvogt besaß keine Waffen oder wollte vielmehr keine geben. Durch das Volk bedrängt, hatte er den Gedanken, sie zu den Chartreux zu schicken.

Die Chartreux öffneten ihre Thore; man suchte überall, fand aber keine Taschenpistole.

Während dieser Zeit machte Flesselles, als er erfuhr, Billot und Marat seien noch in den Gewölben des Stadthauses und teilen das Pulver aus, den Vorschlag, eine Deputation von Wählern an Herrn de Launay zu schicken und bei ihm darauf anzutragen, daß er seine Kanonen verschwinden lasse.

Was am Tage zuvor die Menge am wütendsten brüllen gemacht hatte, waren die Kanonen, die ihren Hals durch die Zinnen hervorstreckten. Flesselles hoffte, wenn man sie verschwinden lasse, so werde sich das Volk mit dieser Einräumung begnügen und sich zufrieden zurückziehen.

Die Deputation war eben abgegangen, als das Volk tobend zurückkehrte.

Sobald Billot und Marat die Schreie vernahmen, die es ausstieß, gingen sie in den Hof hinauf.

Flesselles suchte von einem inneren Balkon herab das Volk zu beschwichtigen. Er schlug ein Dekret vor, das die Distrikte ermächtigen sollte, fünfzigtausend Piken schmieden zu lassen.

Das Volk war bereit, dies anzunehmen.

»Dieser Mensch ist offenbar ein Verräter,« sagte Marat.

Dann wandte er sich gegen Billot und sprach:

»Thun Sie in der Bastille, was Sie dort zu thun haben.«

»In einer Stunde schicke ich Ihnen dahin zwanzigtausend Mann, jeden mit einem Gewehr.«

Billot hatte mit dem ersten Blick großes Zutrauen zu diesem Manne gefaßt, dessen Name schon so populär war, daß er bis zu ihm gedrungen. Er fragte ihn nicht einmal, wie er sich die Gewehre zu verschaffen gedenke. Ein Abbé war da, der die allgemeine Begeisterung teilte und wie alle Welt: Nach der Bastille! schrie. Billot liebte die Abbés nicht; doch dieser gefiel ihm. Er beauftragte ihn, die Austeilung des Pulvers fortzusetzen; der wackere Abbé willigte ein. Da stellte sich Marat auf einen Weichstein. Es fand ein entsetzlicher Tumult statt.

»Stille,« sagte! er, »ich bin Marat und will sprechen.«

Jeder schwieg wie durch einen Zauber, und aller Augen wandten sich nach dem Redner.

»Wollt ihr Waffen, um die Bastille zu nehmen?« sagte er.

»Ja! ja! ja! Wohl! so kommt mit mir, und ihr sollt welche haben. Im Invalidenhause sind zwanzigtausend Flinten.«

»Zu den Invaliden! zu den Invaliden!« riefen alle Stimmen.

»Nun, werden Sie nach der Bastille gehen?« sagte Marat zu Billot, der Pitou gerufen hatte.

»Ja.«

»Warten Sie. Sie können vor der Ankunft meiner Leute der Hilfe bedürfen.«

»In der That, das ist möglich,« erwiderte Billot.

Marat riß ein Blatt aus einer kleinen Brieftasche und schrieb mit Bleistift die zwei Worte:

»Von Marat.«

Dann fügte er auf dem Papier ein Zeichen bei.

»Nun!« fragte Billot, »was soll ich mit diesem Zettel machen, da weder der Name, noch die Adresse desjenigen, welchem ich ihn übergeben soll, darauf steht?«

»Was die Adresse betrifft, so hat der, an welchen ich Sie empfehle, keine; was seinen Namen betrifft  . . . er ist wohlbekannt. Fragen Sie den ersten, den besten Arbeiter, dem Sie begegnen, nach Gonchon, dem Mirabeau des Volkes.«

»Gonchon, du wirst dich dieses Namens erinnern, Pitou.«

»Goncho, oder Gonchonius,« sagte Pitou, »ich werde mich erinnern.«

»Zu den Invaliden! zu den Invaliden!« brüllten die Stimmen mit wachsender Wildheit.

»Vorwärts!« sprach Marat zu Billot, »und der Genius der Freiheit gehe dir voran.«

»Zu den Invaliden!« rief nun Marat selbst.

Und er zog, von mehr als zwanzigtausend Menschen gefolgt, den Quai de Gèvres hinab.

Billot nahm in seinem Gefolge fünf- bis sechshundert mit. Das waren diejenigen, welche Gewehre hatten.

In dem Augenblick, wo der eine am Fluß abwärts zog, während der andere gegen den Boulevard hinaufstieg, stellte sich der Stadtvogt an ein Fenster und sprach:

»Meine Freunde, warum sehe ich an euren Hüten die grüne Kokarde?«

Das war das Lindenblatt von Camille Desmoulins, das viele aufgesteckt hatten, weil sie es andere aufstecken sahen, doch ohne nur zu wissen, was sie thaten.

»Hoffnung! Hoffnung!« riefen einige Stimmen.

»Ja; doch die Farbe der Hoffnung ist zugleich die des Grafen d'Artois. Wollt Ihr das Aussehen haben, als traget ihr die Livree eines Prinzen?«

»Nein, nein,« riefen im Chor alle Stimmen und die von Billot über allen.

»Nun denn; so wechselt diese Kokarde, und wenn ihr eine Livree tragen wollt, so sei es wenigstens die der Stadt Paris, der Mutter von uns Allen – Blau und Rot. Freunde, Blau und Rot.«11

»Ja, ja,« riefen alle Stimmen, »Blau und Rot.«

Bei diesen Worten tritt jeder seine grüne Kokarde mit den Füßen, jeder verlangt Bänder; da öffnen sich wie durch einen Zauber die Fenster, und es regnet rote und blaue Bänder in Strömen.

Die Schürzen, die seidenen Kleider, die Halstücher, die Vorhänge werden zerstückt und in Fetzen zerrissen; ihre Fragmente bilden sich zu Knoten, zu Rosetten, zu Schärpen. Jeder nimmt seinen Teil davon.

Hernach setzte sich das kleine Heer von Billot wieder in Marsch.

Unterwegs rekrutierte es sich: alle Arterien des Faubourg Saint-Antoine schickten ihm, als es vorüber marschierte, zu, was sie heißestes und lebhaftestes an Volksblut hatten.

Man gelangte in ziemlich guter Ordnung zur Höhe der Rue Lesdiguieres, wo schon eine Masse von Neugierigen, die von einer glühenden Sonne geschwärzten Türme der Bastille anschauten.

Die Ankunft der Trommler des Volks vom Faubourg Saint-Antoine her, die Ankunft von hundert französischen Garden vom Boulevard, die Ankunft von Billot und seinem Haufen, der nun aus tausend bis zwölfhundert Mann bestehen mochte, veränderten sogleich den Charakter und den Anblick der Menge: die Schüchternen faßten ein Herz, die Ruhigen begeisterten sich, die Übermütigen fingen an zu drohen.

»Nieder mit den Kanonen! nieder mit den Kanonen!« schrieen zwanzigtausend Stimmen, mit der Faust die schweren Geschütze bedrohend, die ihre ehernen Hälse durch die Schießscharten der Plattformen streckten.

Gerade in diesem Augenblick, und als ob der Gouverneur der Festung den Aufforderungen der Menge gehorchte, traten die Artilleristen zu den Kanonen, und diese wichen zurück, bis sie völlig verschwunden waren.

Die Menge klatschte in die Hände, sie war also eine Macht, da man ihren Drohungen nachgab.

Die Schildwachen gingen jedoch fortwährend auf den Plattformen auf und ab. Ein Invalide kreuzte einen Schweizer.

Nachdem man gerufen hatte: »Nieder mit den Kanonen!« rief man: »Nieder mit den Schweizern!« Das war die Fortsetzung des Rufes vom vorhergehenden Tag: »Nieder mit den Deutschen!«

Doch die Schweizer kreuzten nichtsdestoweniger die Invaliden.

Einer von denjenigen, welche: Nieder mit den Schweizern! riefen, wurde ungeduldig; er hatte eine Flinte in der Hand, legte auf die Schildwache an und feuerte.

Die Kugel schlug an die graue Mauer der Bastille, einen Fuß unter dem Kranze des Turmes, gerade vor der Stelle, wo die Schildwache vorüberging. Der Ort, wo die Kugel eingeschlagen hatte, erschien wie ein weißer Punkt, doch die Schildwache blieb nicht stehen, wandte nicht einmal den Kopf um.

Ein großer Tumult entstand um den Mann, der das Signal zu einem unerhörten, wahnsinnigen Angriff gegeben hatte. Es waltete mehr Schrecken als Wut bei diesem Tumulte ob.

Viele begriffen nicht, daß es nicht ein mit dem Tode zu bestrafendes Verbrechen war, einen Schuß nach der Bastille zu thun.

Billot betrachtete diese schwarzgrünliche Steinmasse, nicht unähnlich jenen fabelhaften Ungeheuern, die das Altertum uns mit Schuppen bedeckt zeigt. Er zählte die Schießscharten, wo die Kanonen jeden Augenblick wieder ihre Plätze einnehmen konnten; er zählte die Wallbüchsen, die ihr finsteres Auge aufthaten, um durch die Öffnungen hinauszuschauen.

Und Billot schüttelte, sich der Worte von Flesselles erinnernd, den Kopf.

»Wir werden nie dazu gelangen,« murmelte er.

»Und warum werden wir nie dazu gelangen?« sagte eine Stimme hinter ihm.

Und er wandte sich an den Unbekannten und sprach zu ihm:

Billot sah einen in Lumpen gekleideten Mann mit grimmiger Miene, der seine Augen wie zwei Sterne funkeln ließ.

»Weil es mir unmöglich scheint, eine solche Masse mit Gewalt zu nehmen.«

»Die Einnahme der Bastille ist keine Kriegsthat, es ist ein Akt des Vertrauens; glaube, und du wirst siegen.«

»Geduld,« sagte Billot, während er seinen Einlaßschein in seiner Tasche suchte, »Geduld!«

Der Unbekannte täuschte sich in seiner Absicht.

»Geduld!« erwiderte er. »Ja, ich verstehe, du bist fett; du hast das Aussehen eines Pächters.«

»Ich bin in der That einer.«

»Dann begreife ich, daß du sagst, Geduld. Du bist immer gut genährt gewesen; doch betrachte ein wenig hinter dir alle diese Gespenster, die uns umgeben; sieh ihre vertrockneten Adern; zähle ihre Knochen und die Löcher ihrer Kleider und frage sie, ob sie das Wort Geduld begreifen.«

»Das ist einer, der sehr gut spricht; doch er macht mir bange,« sagte Pitou.

»Mir macht er nicht bange,« erwiderte Billot.

»Ja, Geduld, doch nur noch eine Viertelstunde.«

»Ah! ah!« rief der Mann lächelnd; »eine Viertelstunde! das ist in der That nicht zu viel! und was wirst du bis in einer Viertelstunde thun?«

»Ich werde die Bastille besucht haben; ich werde die Stärke der Garnison kennen, ich werde die Absichten des Gouverneurs kennen. Ich werde endlich wissen, wo man hinein kommt.«

»Ja, wenn du weißt, wo man heraus kommt.«

»Nun! wenn ich nicht herauskomme, so wird mich ein Mann herausbringen.«

»Und wer ist dieser Mann?«

»Gonchon, der Mirabeau des Volks.«

Der Unbekannte bebte; seine Augen schleuderten zwei Flammen.

»Kennst du ihn?« fragte er.

»Nein, aber ich werde ihn kennen lernen; denn man hat mir gesagt, die erste Person, an die ich mich auf dem Platze der Bastille wende, werde mich zu ihm führen. Du bist auf dem Platze der Bastille, führe mich zu ihm.«

»Was willst du von ihm?«

»Ihm dieses Papier übergeben.«

»Von wem ist es?«

»Von Marat, dem Arzte.«

»Von Marat! du kennst Marat?« rief der Mann.

»Ich habe ihn soeben im Stadthause verlassen.«

»Was macht er?«

»Er ist nach dem Invalidenhause gezogen, um zwanzigtausend Menschen zu bewaffnen.«

»Dann gieb mir dieses Papier. Ich bin Gonchon.«

Billot wich einen Schritt zurück.

»Du bist Gonchon?« fragte er.

»Freunde,« sprach der Mann in Lumpen, »hier ist einer, der mich nicht kennt und mich fragt, ob ich wirklich Gonchon sei.«

Die Menge schlug ein Gelächter auf; allen diesen Menschen dünkte es unmöglich, daß man ihren Lieblingsredner nicht kenne.

»Es lebe Gonchon!« riefen zwei- bis dreitausend Stimmen.

»Hier,« sagte Billot, indem er ihm das Papier reichte.

Nachdem Gonchon gelesen, klopfte er Billot auf die Schulter und sprach:y/p>

»Freunde, das ist ein Bruder; Marat empfiehlt ihn mir. Man kann also auf ihn rechnen. Wie heißest du?«

»Ich heiße Billot.«

»Und ich,« sagte Gonchon, »ich heiße Hache, und wir beide werden hoffentlich etwas machen.«

Die Menge lächelte bei dem blutigen Wortspiel12.

»Nun! was werden mir machen?« fragten einige Stimmen.

»Ei! bei Gott, wir werden die Bastille nehmen,« antwortete Gonchon.

»Gut, gut!« rief Billot, »das heiße ich sprechen. Höre, braver Gonchon, über wieviel Leute verfügst du?«

»Ungefähr über dreißigtausend.«

»Dreißigtausend, über die du verfügst, zwanzigtausend, die vom Invalidenhause zu uns kommen werden, und zehntausend, die schon hier sind: das ist mehr, als wir brauchen, um zu siegen, oder wir siegen nie.«

»Ich glaube es.Wohl denn! sammle deine dreißigtausend Mann; ich gehe zum Gouverneur hinein und fordere ihn auf, sich zu ergeben. Ergiebt er sich, desto besser, wir werden Blut ersparen; ergiebt er sich nicht, so wird das vergossene Blut auf ihn fallen, und in den gegenwärtigen Zeitläuften bringt das für eine ungerechte Sache vergossene Blut Unglück. Fragt das die Deutschen!«

»Wie lange wirst du beim Gouverneur bleiben?«

»So lange, als ich kann, bis die Bastille gänzlich eingeschlossen ist; wenn das möglich ist, so wird der Angriff beginnen, sobald ich herauskomme.«

»Abgemacht.«

»Du mißtraust mir nicht?« fragte Billot Gonchon, indem er ihm die Hand reichte.

»Ich?« erwiderte Gonchon mit einem verächtlichen Lächeln, indem er die Hand, die ihm der robuste Pächter reichte, mit einer Stärke drückte, die man bei einem so abgezehrten, fleischlosen Körper nicht erwartet hätte. »Ich dir mißtrauen? Und warum? Wenn ich will, lasse ich dich auf ein Wort, auf ein Zeichen von mir wie Glas zerstoßen, und wärest du unter dem schützenden Obdach dieser Türme, die morgen nicht mehr existieren werden. Gehe also und rechne auf Gonchon, wie er auf Billot rechnet.«

Billot war überzeugt und schritt auf den Eingang der Bastille zu, während der andere unter dem tausendmal wiederholten Rufe: Es lebe Gonchon! es lebe der Mirabeau des Volks! in die Tiefe des Faubourg eilte.

»Ich weiß nicht, wie der Mirabeau der Adeligen aussieht,« sagte Pitou zum Vater Billot, doch den unseren finde ich sehr häßlich.

XVI.
Die Bastille und ihr Gouverneur

Wir beschreiben die Bastille nicht; das wäre etwas Unnützes.

Sie lebt wie ein ewiges Bild zugleich im Gedächtnis der Greise und der Kinder.

Wir erinnern nur daran, daß sie, vom Boulevard aus gesehen, dem Platze der Bastille zwei Zwillingstürme bot, während die zwei Seiten parallel mit den zwei Ufern des Kanals von heute liefen.

Der Eingang der Bastille war beschützt, einmal durch eine Hauptwache, sodann durch zwei Linien von Schildwachen, und endlich durch zwei Zugbrücken.

Nachdem man sich durch die verschiedenen Hindernisse durchgearbeitet hatte, kam man in den Hof des Gouvernements, wo der Gouverneur wohnte. Von diesem Hofe führte eine Gallerie zu den Gräben der Bastille.

Bei diesem zweiten Eingang, der auch an die Gräben grenzte, fanden sich eine Zugbrücke, eine Hauptwache und eine eiserne Barrière. Beim ersten Eingang will man Billot anhalten; Billot zeigt aber seinen Einlaßschein von Flesselles, und man läßt ihn passieren.

Billot bemerkt nun, daß ihm Pitou folgt. Pitou besaß nicht die Kraft, auf eigene Faust etwas anzufangen, doch auf den Fersen, des Pächters wäre er bis in die Hölle hinabgestiegen.

»Bleibe außen,« sagte Billot, »komme ich nicht heraus, so ist es gut, wenn einer da ist, der das Volk daran erinnert, daß ich eingetreten bin.«

»Das ist richtig,« erwiderte Pitou; »nach wie viel Zeit soll ich es daran erinnern?«

»Nach einer Stunde.«

»Und das Kistchen?« fragte Pitou.

»Ach! ja. Nun denn! wenn ich nicht herauskäme, wenn Gonchon die Bastille nicht nimmt, oder wenn man mich, nachdem er sie genommen, nicht wiederfindet, so ist dem Doktor, den man vielleicht finden wird, zu sagen: Leute, die von Paris gekommen, haben mir das Kistchen gestohlen, das er mir vor fünf Jahren anvertraut; ich sei sogleich von Hause aufgebrochen, um ihn davon in Kenntnis zu sehen; bei meiner Ankunft in Paris habe ich erfahren, er sei in der Bastille; ich habe die Bastille nehmen wollen, und hierbei habe ich meine Haut gelassen, die ganz zu seinen Diensten gewesen.«

»Gut, Vater Billot,« sagte Pitou; »nur ist das sehr lang, und ich befürchte, es zu vergessen.«

»Was ich sage?«

»Ja«.

»Ich will es dir wiederholen.«

»Nein,« sprach eine Stimme in der Nähe von Billot, »schreiben ist besser.«

»Ich kann nicht schreiben,« entgegnete Billot.

»Ich kann das, ich bin Gerichtsdiener.«

»Ah! Sie sind Gerichtsdiener?«

»Stanislas Maillard, Gerichtsdiener des Chatelet.«

Und er zog aus seiner Tasche ein langes, hornenes Tintenfaß, in dem eine Feder, Papier, Tinte, kurz alles war, was man zum schreiben braucht.

Er war ein Mann von fünfundvierzig Jahren, lang, hager, ernst, ganz schwarz gekleidet, wie es sich für sein Gewerbe geziemte.

»Das ist einer, der teufelmäßig einem Leichenträger gleicht,« murmelte Pitou.

»Sie sagen,« fragte der Gerichtsdiener teilnahmlos, »Leute, die von Paris gekommen, haben Ihnen ein Kistchen gestohlen, das Ihnen der Doktor Gilbert anvertraut hatte?«

»Ja«

»Das ist ein Vergehen.«

»Diese Leute gehörten zur Polizei von Paris.«

»Schändliche Diebe!« murmelte Maillard.

Dann gab er das Papier Pitou und sprach:

»Nun, junger Mann, hier ist die verlangte Note; und wenn er getötet wird – er deutete auf Billot – wenn du getötet wirst, so darf man doch hoffen, daß ich nicht getötet werde.«

»Und wenn Sie nicht getötet werden, was werden Sie thun?« fragte Pitou.

»Ich werde thun, was du hättest thun sollen.«

»Ich danke,« sprach Billot.

Und er reichte dem Gerichtsdiener die Hand.

»Ich kann also auf Sie rechnen?« fragte Billot.

»Wie auf Marat, wie auf Gonchon.«

»Gut,« sagte Pitou, »«as ist eine Dreieinigkeit, die ich sicherlich im Paradies nicht wiederfinde.«

Dann wandte er sich an Billot:

»Ah! Papa Billot, nicht wahr, Klugheit?«

»Pitou,« sprach der Pächter mit seiner Beredsamkeit, worüber man oft staunen mußte, sie bei dieser bäuerischen Natur zu finden, »vergiß eines nicht: daß das klügste, was es in Frankreich giebt, der Mut ist.«

Und er durchschritt die erste Linie der Schildwachen, während Pitou wieder nach dem Platze hinaufstieg.

Bei der Zugbrücke mußte man abermals parlamentieren. Billot zeigte seinen Einlaßschein; die Zugbrücke wurde niedergelassen; das Gitter öffnete sich.

Hinter dem Gitter war der Gouverneur.

Dieser innere Raum, in dem der Gouverneur Billot erwartete, war der Hof, der den Gefangenen zum Spaziergang diente. Er wurde von seinen acht Türmen, das heißt, von acht Riesen bewacht. Kein Fenster ging darauf. Nie drang die Sonne bis zu seinem feuchten, beinahe schlammigen Pflaster; man hätte glauben sollen, es sei der Boden eines tiefen Brunnens.

Eine Uhr, Gefangene in Ketten darstellend, von denen sie getragen ward, maß in diesem Hofe die Stunde und ließ das langsame, abgemessene Geräusch ihrer Minuten fallen, wie ein Kerker den Wassertropfen, der durch seine Decken sickert, auf die Platten fallen läßt, die er zerfrißt.

Von der Tiefe des Brunnens aus, gleichsam in einem steinernen Abgrund verloren, betrachtete der Gefangene einen Augenblick die unerbittliche Nacktheit der Steine und verlangte bald, in sein Gefängnis zurückzukehren.

Hinter dem Gitter, das in diesen Hof führte, stand, wie, gesagt, Herr de Launay.

Herr de Launay war ein Mann von fünfundvierzig bis fünfzig Jahren. Er trug an diesem Tag einen flachsblütfarbenen Rock, das rote Band vom Kreuze des heiligen Ludwig, und hielt in der Hand einen Degenstock.

Es war ein schlimmer Mann, dieser de Launay. Die Denkwürdigkeiten von Lingues haben ihn mit einer traurigen Berühmtheit beleuchtet; er war beinahe ebenso verhaßt, als das Gefängnis.

Die de Launay, wie die Chateauneuf, die Lavailliére und die Saint-Florentin, welche das Amt der Verhaftbriefe vom Vater auf den Sohn vererbten, übertrugen in der That vom Vater auf den Sohn auch die Bastille.

Denn bekanntlich war es nicht der Kriegsminister, der die Beamten des Gefängnisses ernannte. In der Bastille wurden alle Plätze gekauft, von dem des Gouverneurs bis zu dem des Küchenjungen herab. Der Gouverneur der Bastille war ein Hausmeister im großen, ein Garkoch mit Epauletten, der seinen 60.000 Franken Gehalt noch 60.000 Franken Raub und Erpressungen beifügte.

Man mußte doch wieder zum Kapital und den Interessen des ausgelegten Geldes kommen.

Herr de Launay hatte im Punkte des Geizes alle seine Vorgänger übertroffen. Vielleicht hatte er den Platz teurer bezahlt und sah vorher, er würde ihn weniger lang behalten.

Er unterhielt sein eigenes Hauswesen auf Kosten der Gefangenen, hatte die Heizung beschränkt und den Preis von jedem Stück ihres Mobiliars verdoppelt.

Er war berechtigt, hundert Stückfaß Wein octroifrei in Paris einzuführen. Dieses Recht verkaufte er an einen Schenkwirt, der auf diese Art vortreffliche Weine einführte. Dann kaufte er mit dem zehnten Teil dieses Geldes den Essig, den er seine Gefangenen trinken ließ.

Ein einziger Trost war bis jetzt den in der Bastille eingeschlossenen Unglücklichen noch geblieben: das war ein auf einer Bastei angelegtes Gärtchen. Hier gingen sie spazieren; hier fanden sie auf einen Augenblick die Luft, die Blumen, das Licht, die Natur.

Auch dieses Gärtchen hatte er nun an einen Gärtner verpachtet, und so für fünfzig Livres jährlich, die er davon einnahm, den Gefangenen diesen letzten Genuß geraubt.

Allerdings gab es für die reichen Gefangenen außerordentliche Gefälligkeiten: er führte den einen von ihnen zu seiner Geliebten, die bei den Meubles beteiligt war und solcherweise unterhalten wurde, ohne daß sie ihn, den Herrn de Launay selbst, etwas kostete.

Man lese die entschleierte Bastille, und man wird diese Thatsache und noch viele andere finden.

Dabei war dieser Mann mutig.

Seit dem vorhergehenden Tage tobte der Sturm um ihn her. Seit dem vorhergehenden Tage fühlte er die Woge des Aufruhrs, immer hoher steigend, an den Fuß seiner Mauern schlagen. Er erschien zwar bleich, aber ruhig.

Allerdings hatte er hinter sich vier Kanonen bereit, Feuer zu geben; um sich eine Garnison von Schweizern und Invaliden, vor sich nur einen entwaffneten Mann; denn bei seinem Eintritt in die Bastille hatte Billot die Büchse Pitou zur Aufbewahrung gegeben.

Er hatte wohl eingesehen, daß ihm jenseits des Gitters, das er erblickte, eine Waffe mehr schädlich, als nützlich wäre.

Mit einem Blick erfaßte Billot sofort seine ganze Umgebung: die ruhige, beinahe drohende Haltung des Gouverneurs; die in den Wachhäusern bereit stehenden Schweizer; die Invaliden auf den Plattformen, und die stillschweigende Thätigkeit der Artilleristen, welche die Behälter ihrer Vorratswagen mit Stückpatronen füllten.

Die Schildwachen hielten das Gewehr im Arm, die Offiziere hatten den Degen entblößt.

Der Gouverneur blieb unbeweglich, Billot war genötigt, bis zu ihm zu gehen. Das Gitter schloß sich hinter dem Parlamentär des Volkes mit dem widrigen Geräusch von knirschendem Eisen, daß ihn, so mutig er sonst war, doch ein heimlicher Schauer durchrieselte bis ins Mark der Knochen.

»Was wollen Sie noch von mir?« fragte de Launay.

»Noch?« wiederholte Billot, »mir scheint, das ist das erste Mal, daß ich Sie sehe, und Sie haben folglich keinen Grund, meines Anblicks müde zu sein.«

»Man sagt mir, Sie kommen vom Stadthaus.«

»Das ist wahr, ich komme von dort.«

»Nun! ich habe soeben schon eine Deputation von der Munizipalität empfangen.«

»Was wollte sie hier?«

»Sie forderte von mir das Versprechen, das Feuer nicht zu beginnen.«

»Und Sie haben es versprochen?«

»Ja. Sie forderte ferner von mir, daß ich die Kanonen zurückschieben lasse.«

»Und Sie haben sie zurückschieben lassen. Ich weiß das; ich war auf dem Platz der Bastille, als das Manöver stattfand.«

»Und Sie glaubten ohne Zweifel, ich gehorche den Drohungen dieses Volkes?«

»Ah!« sprach Billot, »das sah wohl so aus.«

»Ich sagte Ihnen ja, meine Herren,« rief de Launay, indem er sich gegen die Offiziere umwandte, »ich sagte Ihnen ja, man werde uns dieser Feigheit fähig halten!«

Dann fragte er wieder Billot:

»Und Sie, in wessen Auftrag kommen Sie?«

»Im Auftrag des Volkes,« antwortete Billot stolz.

»Es ist gut,« erwiderte de Launay lächelnd; »doch ich denke, Sie werden noch eine andere Empfehlung haben, denn mit der, auf die Sie sich stützen, wären Sie nicht durch die erste Linie der Schildwachen gekommen.«

»Ja, ich habe einen Geleitsbrief von Herrn von Flesselles, Ihrem Freund.«

»Flesselles! Sie haben gesagt, er sei mein Freund?« entgegnete de Launay, indem er Billot anschaute, als hätte er in der tiefsten Tiefe seines Herzens lesen wollen. »Woher wissen Sie, daß Herr von Flesselles mein Freund ist?«

»Ich habe vermutet, er sei es.«

»Vermutet; nicht mehr? Es ist gut,« lassen Sie den Geleitsbrief sehen.

Billot reichte ihm das Papier.

De Launay las es ein erstes, dann ein zweites Mal, öffnete es, um zu sehen, ob es nicht eine zwischen den zwei Seiten verborgene Nachschrift enthalte, hielt es an das Licht, um zu ergründen, ob es nicht einige zwischen die Zeilen geschriebene Worte verberge.

»Und das ist alles, was er mir sagt?« fragte er.

»Alles.«

Sie sind dessen sicher?

»Vollkommen sicher.«

»Nichts Mündliches?«

Nichts.«

»Das ist seltsam!« sprach de Launay, während er durch eine der Schießscharten seinen Blick auf den Platz der Bastille senkte.

»Aber was soll er Ihnen denn sagen?« fragte Billot.

De Launay machte eine Bewegung.

»Im ganzen nichts, gar nichts. Sagen Sie, was Sie wollen, doch beeilen Sie sich, denn ich habe wenig Zeit.«

»Ich will, daß Sie die Bastille übergeben.«

»Wie beliebt?« rief de Launay, indem er sich rasch umwandte, als ob er schlecht gehört hätte. »Sie sagen? . . .«

»Ich sage, ich komme im Namen des Volkes, um Sie aufzufordern, die Bastille zu übergeben.«

De Launay zuckte die Achseln.

»Das Volk ist in der That ein sonderbares Tier,« sprach er.

»Wie?« versetzte Billot.

»Und was will es mit der Bastille machen?«

»Es will sie zerstören.«

»Ei! was Teufels thut denn die Bastille diesem Volke? Ist denn je ein Mensch aus dem Volke in die Bastille gesteckt worden? Das Volk müßte im Gegenteil jeden Stein der Bastille segnen. Wen steckt man in die Bastille? Die Philosophen, die Gelehrten, die Aristokraten, die Minister, die Prinzen, das heißt, die Feinde des Volkes.«

»Nun! das beweist, daß das Volk nicht selbstsüchtig ist.«

»Mein Freund, sprach de Launay mit einer Art von Mitleid, es ist leicht zu sehen, daß Sie nicht Soldat sind.«

»Sie haben recht, ich bin Pächter.«

Daß Sie nicht von Paris sind.

»Ich bin in der That aus der Provinz.«

»Daß Sie die Bastille nicht aus dem Grunde kennen.«

»Sie haben recht, ich kenne nur das, was ich davon gesehen habe, nämlich die äußeren Mauern.«

»So kommen Sie mit mir, ich will Ihnen zeigen, was die Bastille ist.«

»Ho! ho!« dachte Billot, er will mich über eine Oubliette gehen lassen, die sich plötzlich unter meinen Füßen öffnen wird, und dann gute Nacht, Vater Billot. Doch der unerschrockene Pächter verzog keine Miene und schickte sich an, dem Gouverneur der Bastille zu folgen.

»Zuerst,« sagte de Launay, »zuerst erfahren Sie, daß ich in meinen Gewölben Pulver genug habe, um die Bastille, und mit der Bastille die Hälfte des Faubourg Saint-Antoine in die Luft zu sprengen.«

»Ich weiß das,« erwiderte Billot ruhig.

»Gut. Sehen Sie einmal diese vier Kanonen an.«

»Ich sehe sie.«

»Sie bestreichen – wie Sie auch sehen können – diese ganze Gallerie, und diese Gallerie wird beschirmt, einmal durch eine Hauptwache, sodann durch zwei Gräben, über die man nur mit Hilfe von zwei Zugbrücken kommen kann; endlich durch ein Gitter.«

»Oh! ich sage nicht, die Bastille sei schlecht verteidigt, erwiderte Billot ruhig, ich sage nur, sie werde gut angegriffen werden.«

»Fahren wir fort,« sprach de Launay.

Billot nickte beipflichtend mit dem Kopf.

»Hier ist ein Schlupfthor, das auf die Gräben geht, sagte der Gouverneur, sehen Sie, wie dick die Mauern sind.«

»Ungefähr vierzig Fuß.«

»Ja, vierzig Fuß unten und fünfzehn oben. Sie sehen, daß das Volk seine Nägel, so gut sie auch sein mögen, sich auf diesen Steinen verstauchen und umbiegen wird.«

»Ich habe nicht gesagt,« entgegnete Billot, »das Volk werde die Bastille zerstören, bevor es dieselbe genommen. Ich habe gesagt, es werde sie nach ihrer Einnahme zerstören.«

»Gehen wir hinauf,« sprach de Launay.

Sie stiegen ungefähr dreißig Stufen hinauf.

Der Gouverneur blieb stehen.

»Sehen Sie, sagte er, hier ist abermals eine Schießscharte, die auf den Durchgang geht, durch den Sie herein wollen; diese wird nur durch eine Wallbüchse verteidigt, doch sie hat einen gewissen Ruf. Sie kennen das Lied:

 
O mein zarter Dudelsack,
Dudelsack, ich liebe dich.
 

»Gewiß kenne ich es,« erwiderte Billot, »doch ich glaube nicht, daß es die Stunde ist, es zu singen.«

»Warten Sie doch. Der Marschall von Sachsen nannte diese kleine Kanone seinen Dudelsack, weil sie es war, die am richtigsten die Melodie sang, welche er am meisten liebte. Das ist ein geschichtliches Detail.«

»Ho!« machte Billot.

»Gehen wir weiter hinauf.«

Man kam auf die Plattform des Turmes der Comté.

»Ah! ah!« rief Billot, »Sie haben die Kanonen nicht hinab bringen lassen?«

»Ich habe sie nur zurückschieben lassen.«

»Sie wissen, daß ich dem Volke sagen werde, die Kanonen seien noch da.«

»Sagen Sie es!«

»Sie wollen sie nicht hinunterschaffen?«

»Nein.«

»Entschieden?«

»Die Kanonen des Königs sind da auf einen Befehl des Königs, mein Herr. Sie werden nur auf einen Befehl des Königs hinabkommen.«

»Herr de Launay,« sprach Billot, der sein Wort in sich zur Höhe der Lage der Dinge anwachsen und steigen sah, »Herr de Launay, der wahre König, dem zu gehorchen ich Ihnen rate, ist da.«

Und er zeigte dem Gouverneur die graue, an gewissen Stellen durch den Kampf am vorhergehenden Tage mit Blut besudelte Menge, die vor den Gräben wogte und die Waffen in der Sonne glänzen ließ.

»Mein Herr,« sprach de Launay, indem er den Kopf mit hoffärtiger Miene zurückwarf, »es ist möglich, daß Sie zwei Könige kennen; doch ich, der Gouverneur der Bastille, kenne nur einen: das ist Ludwig, der Sechzehnte seines Namens, der seine Unterschrift unten an ein Patent gesetzt hat, kraft dessen ich hier über Menschen und Dinge gebiete.«

»Sie sind also nicht Bürger?« rief Billot zornig.

»Ich bin französischer Edelmann,« erwiderte der Gouverneur.

»Ah! es ist wahr. Sie sind Soldat und Sie sprechen als Soldat.«

»Sie haben das rechte Wort gesagt, mein Herr,« erwiderte de Launay sich verbeugend, ich bin ein Soldat und vollziehe meinen Befehl.

»Und ich, mein Herr, ich bin Bürger, und da meine Bürgerpflicht im Widerspruch steht mit Ihrem Soldatenbefehl, so wird einer von uns sterben, entweder derjenige, welcher seinen Befehl befolgt, oder derjenige, welcher seine Pflicht erfüllt.«

»Das ist wahrscheinlich mein Herr.«

»Sie sind also entschlossen, auf das Volk zu schießen?«

»Nein, solange es nicht auf mich schießt. Ich habe den Abgesandten des Herrn von Flesselles mein Wort verpfändet. Sie sehen, daß die Kanonen zurückgezogen sind. Doch beim ersten Schuß vom Platze aus nach meinem Schloß  . . .«

»Nun! beim ersten Schuß?«

»Nähere ich mich einer von den Kanonen, dieser zum Beispiel. Ich schiebe sie selbst bis zur Schießscharte, ich richte sie selbst, und gebe selbst mit dieser Lunte hier Feuer.«

»Sie?«

»Ich.«

»Oh! wenn ich das glaubte,« sagte Billot. »Ehe Sie ein solches Verbrechen begehen würden  . . .«

»Ich habe Ihnen schon gesagt, mein Herr, ich sei Soldat, und ich kenne meinen Befehl.«

»Wohl denn! schauen Sie,« sprach Billot, indem er de Launay bis an eine Schießscharte zog und nacheinander mit dem Finger zwei verschiedene Punkte, den Faubourg Saint-Antoine und den Boulevard bezeichnete, »dort ist dasjenige, was Ihnen fortan Ihren Befehl geben wird.«

Und er zeigte de Launay zwei schwarze, dichte, brüllende Massen, die, genötigt, sich nach den Straßenwindungen der Boulevards zu fügen, wogten wie eine ungeheure Schlange, von der man den Kopf und den Leib sah, während ihre letzten Ringe sich in den Krümmungen des Terrains verloren, auf dem sie sich bewegte.

Und alles, was man von dem riesigen Reptil sah, blinkte von leuchtenden Schuppen.

Es war der doppelte, einerseits von Marat, andererseits von Gonchon geführte Haufen, mit dem sich Billot auf dem Platze der Bastille zusammenbeschieden hatte.

Seine Waffen schwingend und furchtbares Geschrei ausstoßend, rückte er von beiden Seiten heran.

Bei diesem Anblick erbleichte de Launay; er hob seinen Stock in die Höhe und rief: »Zu euren Kanonen!«

Dann trat er mit einer Geberde der Drohung auf Billot zu und sagte:

»Und Sie, Unglücklicher, Sie, der Sie unter dem Vorwande, zu parlamentieren, hierher kommen, während die andern angreifen, wissen Sie, daß Sie den Tod verdienen?«

Und er zog halb den Degen aus dem Stock, der ihn verbarg.

Billot sah die Bewegung, packte schnell wie der Blitz de Launay beim Kragen und beim Gürtel und rief ihm, während er ihn von der Erde aufhob, zu:

»Und Sie, Sie würden verdienen, daß ich Sie über die Brüstung in die Tiefe der Gräben schleuderte . . . Doch, Gott sei Dank! ich werde Sie auf eine andere Weise bekämpfen.«

In diesem Augenblick durchzog, von unten emporsteigend, ein ungeheures, allgemeines Geschrei die Luft wie ein Orkan, und zugleich erschien Herr von Losme, der Major der Bastille, auf der Plattform.

»Mein Herr,« rief er, sich an Billot wendend, »ich bitte, haben Sie die Güte, sich zu zeigen; all dieses Volk glaubt, es sei Ihnen ein Unglück widerfahren, und verlangt nach Ihnen.«

Der Name Billot wurde in der That, von Pitou in der Menge verbreitet, unter dem Geschrei hörbar.

Billot ließ Herrn de Launay los, und dieser stieß seinen Degen wieder in die Scheide.

Dann trat ein Augenblick des Zögerns unter diesen drei Männern ein, während sich Schreie der Drohung und der Rache vernehmen ließen.

»Zeigen Sie sich doch, mein Herr,« sagte de Launay, »nicht als ob dieses Geschrei mich einschüchterte, sondern damit man wisse, ich sei ein redlicher Mann.«

Billot streckte nun den Kopf durch eine Schießscharte und winkte mit der Hand.

Bei diesem Anblick brach das Volk in einen Beifallssturm aus. Das war gewissermaßen die Revolution, die sich auf den Zinnen der Bastille in der Person dieses Mannes aus dem Volke erhob, der zuerst auf ihre Plattform als Herrscher trat.

Es ist gut, sagte de Launay, alles ist nun zwischen uns beendigt. Sie haben nichts mehr hier zu thun. Man verlangt Sie unten; gehen Sie hinab.

Billot begriff diese Mäßigung von Seiten eines Mannes, in dessen Gewalt er sich befand; er stieg dieselbe Treppe hinab, auf der er heraufgekommen war; der Gouverneur folgte ihm.

Der Major aber blieb. Der Gouverneur hatte ihm leise einige Befehle gegeben.

Herr de Launay hatte offenbar nur noch einen Wunsch: daß sein Parlamentär so schnell als möglich sein Feind würde.

Billot durchschritt den Hof, ohne ein Wort zu sagen. Er sah die Kanoniere bei ihren Stücken. Die Lunte rauchte am Ende der Stange.

Billot blieb vor ihnen stehen.

»Freunde!« sprach er zu ihnen, »erinnert euch, daß ich gekommen bin, um euren Chef aufzufordern, das Blutvergießen, zu vermeiden, und daß er es verweigert hat.«

»Mein Herr, im Namen des Königs!« rief Herr de Launay, mit dem Fuße stampfend, gehen Sie von hier weg.

»Nehmen Sie sich in acht,« entgegnete Billot, »wenn Sie mich im Namen des Königs weggehen heißen, so werde ich im Namen des Volkes zurückkehren.«

Dann wandte er sich gegen die Hauptwache der Schweizer und sagte: »Sprecht, für wen seid ihr?«

Die Schweizer schwiegen.

De Launay deutete mit dem Finger auf die eiserne Thüre.

Billot wollte einen letzten Versuch wagen.

»Mein Herr,« sprach er zu de Launay, »im Namen der Nation! im Namen Ihrer Brüder!«

»Meiner Brüder? Sie nennen meine Brüder diejenigen, welche schreien: Nieder mit der Bastille! Tod ihrem Gouverneur! Das sind vielleicht Ihre Brüder, mein Herr, aber sicherlich sind es nicht die meinigen.«

»Im Namen der Menschheit also.«

»Im Namen der Menschheit! die euch antreibt, zu Hunderttausend hundert in diesen Mauern eingeschlossene unglückliche Soldaten zu erwürgen.«

»Eben dadurch, daß Sie dem Volke die Bastille übergeben, retten Sie ihnen das Leben.«

»Und ich verliere meine Ehre.«

Billot schwieg, diese Logik des Soldaten vernichtete ihn; doch er wandte sich noch einmal an die Schweizer und an die Invaliden und rief:


»Ergebt euch, meine Freunde, es ist noch Zeit. In zehn Minuten wird es zu spät sein.«

»Wenn Sie nicht auf der Stelle von hier weggehen, mein Herr,« rief de Launay, »so lasse ich Sie niederschießen, so wahr ich ein Edelmann bin.«

Billot blieb einen Augenblick stehen, kreuzte seine Arme herausfordernd, traf mit seinem Blick zum letzten Mal auf den von Launay und entfernte sich.

XVII.
Die Bastille

Die Menge wartete, durch die glühende Julisonne verbrannt, bebend, berauscht. Die Leute von Gonchon hatten ihre Verbindung mit denen von Marat bewerkstelligt. Der Faubourg Saint-Antoine erkannte und grüßte seinen Bruder, den Faubourg Saint-Martin.

Gonchon stand an der Spitze seiner Patrioten. Marat war verschwunden.

Der Platz bot einen erschrecklichen Anblick.

Als man Billot gewahrte, verdoppelte sich das Geschrei.

»Nun?« fragte Gonchon, »indem er auf ihn zuging.«

»Dieser Mann ist brav,« erwiderte Billot.

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Ich will sagen, daß er fest beharrt.«

»Er will die Bastille nicht übergeben?«

»Nein.«

»Er beharrt dabei, daß er die Belagerung aushalten will?«

»Ja.«

»Und Sie glauben, er werde sie lange aushalten?«

»Bis zum Tod.«

Es sei; er wird den Tod haben.

»Doch wie viel Menschen werden wir töten lassen?« sagte Billot, der wohl bezweifelte, daß ihm Gott das Recht gegeben, das sich die Generale, die Könige und die Kaiser anmaßen als Herren, die Blut zu vergießen privilegiert sind.

»Bah!« versetzte Gonchon, »es sind zu viele Menschen vorhanden, da es nicht Brot genug für die Hälfte der Bevölkerung giebt. Nicht wahr, meine Freunde?« fuhr Gonchon, sich an die Menge wendend, fort.

»Ja! ja!« rief die Menge mit einer erhabenen Selbstverleugnung.

»Aber der Graben?« fragte Billot.

»Er braucht nur an einer einzigen Stelle ausgefüllt zu werden,« antwortete Gonchon, »und ich habe berechnet, das man mit der Hälfte unserer Leiber den Graben ganz ausfüllen würde; nicht wahr, meine Freunde?«

»Ja! ja!« wiederholte die Menge mit nicht weniger Begeisterung, als das erste Mal.

»Wohl! es sei,« sprach Billot überwunden.

In diesem Augenblick erschien de Launay auf einer Terrasse, gefolgt vom Major von Losme und einigen Offizieren.

»Mach' den Anfang!« rief Gonchon dem Gouverneur zu.

Dieser drehte den Rücken, ohne zu antworten.

Gonchon, der vielleicht die Drohung ertragen hätte, ertrug die Verachtung nicht; er legte rasch seine Büchse an seine Schulter, und im Gefolge des Gouverneurs fiel ein Mann.

Hunderttausend Flintenschüsse gingen zugleich los, als ob sie nur auf dieses Signal gewartet hätten, und besprenkelten mit weißen Stellen die grauen Türme der Bastille.

Ein Stillschweigen von einigen Sekunden folgte auf diese Salve, als wäre die Menge über das, was sie gethan, selbst erschrocken.

Dann bekränzte ein Flammenstrahl, der sich in einer Rauchwolke verlor, den Kamm eines Turmes; Schmerzensschreie machten sich in der gedrängten Menge hörbar; der erste Kanonenschuß war von der Bastille gefeuert worden; das erste Blut war vergossen; die Schlacht hatte sich entsponnen.

Was diese, einen Augenblick zuvor noch so drohende Menge empfand, glich dem Schrecken. Die Bastille, die sich durch diese einzige Handlung zur Wehr stellte, erschien in ihrer furchtbaren Unüberwindlichkeit. Das Volk hatte ohne Zweifel gehofft, in dieser Zeit der Einräumungen, die man ihm machte, werde auch diese ohne Blutvergießen in Erfüllung gehen.

Das Volk täuschte sich. Der auf dasselbe abgefeuerte Kanonenschuß gab ihm das Maß von dem Titanenwerk, das es unternommen hatte.

Dem Kanonenschuß folgte unmittelbar von der Plattform der Bastille herab ein wohlgerichtetes Musketenfeuer.

Dann entstand ein neues Stillschweigen, unterbrochen durch einige Schreie, durch einiges Stöhnen, durch einige da und dort ausgestoßene Klagen.

Da konnte man ein gewaltiges Neben in dieser Menge sehen: das Volk hob seine Toten und seine Verwundeten auf.

Doch das Volk dachte an keine Flucht, oder wenn es daran dachte, schämte es sich, indem es sich zählte.

In der That, die Boulevards, die Rue Saint-Antoine, der Faubourg Saint-Antoine waren nur ein weites Menschenmeer; jede Welle hatte einen Kopf, jeder Kopf zwei flammende Augen, einen drohenden Mund.

In einem Augenblick waren alle Fenster des Quartiers mit Planklern besetzt, selbst diejenigen, welche sich außer dem Bereiche befanden.

Erschien auf den Terrassen oder in den Schießscharten ein Invalide oder ein kleiner Schweizer, so wurden hundert Gewehre auf ihn angelegt, und der Hagel der Kugeln stieß die Ecken des Steins ab, hinter dem sich der Soldat schirmte.

Doch man wird bald müde, auf unempfindliche Mauern zu schießen. Nach Fleisch zielten die Schüsse, Blut wollte man unter dem Blei hervorspringen sehen, und nicht Staub.

Jeder gab seinen Rat mitten unter der Menge und dem Geschrei.

Man bildete einen Kreis um den Redner, und wenn man bemerkte, daß der Vorschlag unsinnig war, so entfernte man sich.

Ein Stellmacher schlug vor, eine Katapulte nach dem Muster der alten römischen Maschinen zu bauen und in die Bastille eine Bresche zu schießen.

Die Pompiers machten den Vorschlag, wonach sie mit ihren Feuerspritzen das Zündkraut der Kanonen und die Lunten der Artilleristen auslöschen wollten, ohne zu bedenken, daß die stärkste von ihren Spritzen das Wasser nicht bis zu zwei dritteln der Höhe von den Bastillemauern schleudern würde.

Ein Brauer, der den Faubourg Saint-Antoine befehligte, und dessen Name seitdem eine unselige Berühmheit erlangt hat, schlug vor, die Festung dadurch in Brand zu stecken, daß man Mohnsamenöl und Spiekül, das man am Tage vorher weg' genommen, hineinwerfen und mit Phosphor entzünden solle.

Billot hörte diese Vorschläge einen nach dem andern an. Beim letzten nimmt er eine Axt aus den Händen eines Zimmermanns, schreitet unter einem Hagel von Kugeln, der um ihn her die dicht gescharten Menschen trifft und wie die Ähren auf einem Kornfelde niederwirft, vor, erreicht ein kleines Wachhaus in der Nähe einer ersten Zugbrücke und haut unter Kartätschengeschoß, das auf dem Dache pfeift und prasselt, die Ketten ab und macht die Brücke fallen.

Während einer Viertelstunde, die dieses fast wahnsinnige Unternehmen dauerte, blieb die Menge keuchend. Bei jedem Schuß glaubte wanden kühnen Arbeiter niederstürzen zu sehen. Die Menge vergaß die Gefahr, der sie selbst preisgegeben war, um nur an die Gefahr zu denken, die dieser Mann lief. Als die Brücke fiel, ertönte ein gewaltiges Geschrei, und man stürzte in den ersten Hof.

Die Bewegung war so rasch, so ungestüm, so unwiderstehlich, daß man es nicht versuchte, den Hof zu verteidigen.

Die wütenden Freudenschreie verkündigten de Launay, daß das Volk diesen ersten Vorteil errungen hatte.

Man gab nicht einmal darauf acht, daß ein Mensch unter der Holzmasse zermalmt worden war.

Da brechen, wie aus der Tiefe einer Höhle, die sie beleuchten, die vier Kanonen, welche der Gouverneur Billot gezeigt hatte, auf einmal mit einem gräßlichen Lärmen los und fegen diesen ganzen ersten Hof.

Der eiserne Orkan hat in der Menge einen langen Blutstreifen gezogen; zehn bis zwölf Tote, fünfzehn bis zwanzig Verwundete sind auf dem Wege der Kartätschen geblieben.

Billot ist von seinem Dach auf den Boden geglitten; doch auf dem Boden hat er Pitou gefunden, der, er weiß nicht wie, hierher gekommen ist. Pitou hat ein rasches Auge; das ist eine Gewohnheit des Wilddiebes. Er hat die Artilleristen die Lunte dem Zündloche nähern sehen; er hat Billot beim Flügel seines Rockes gepackt und rasch rückwärts gezogen. Eine Mauerecke hat beide vor dieser ersten Salve geschützt.

Von diesem Augenblick an ist die Sache ernst; der Tumult wird gräßlich, das Gemenge tödlich; gleichzeitig gehen um die Bastille her zehntausend Flintenschüsse los, die noch gefährlicher für die Belagernden, als für die Belagerten sind. Endlich mischt eine Kanone, von Soldaten der französischen Garde bedient, ihren Donner mit dem Gekrache des Musketenfeuers.

Es ist ein entsetzlicher Lärm, bei dem sich die Menge berauscht, und dieser Lärm fängt an, die Belagerten zu erschrecken, die sich zählen und einsehen, sie werden ein ähnliches Getöse, das sie betäubt, nimmer hervorzubringen imstande sein.

Die Offiziere der Bastille fühlen instinktartig, daß ihre Soldaten schwach werden; sie nehmen selbst Gewehre zur Hand und schießen.

In diesem Augenblick, mitten unter dem Geräusch von schwerem Geschütz und Kleingewehrfeuer, unter dem Gebrülle der Menge, als das Volk abermals vorstürzte, um die Toten aufzuheben und sich eine Wehr aus diesen Leichnamen zu machen, die durch den Mund ihrer Wunden um Rache schreien, erscheint am Eingang des ersten Hofes ein kleiner Haufen von ruhigen Bürgern ohne Waffen. Sie durchschneiden die Menge, und schreiten vor, bereit, ihr Leben zu opfern, das nur durch die weiße Fahne, die ihnen voranzieht und Parlamentäre bezeichnet, geschützt wird.

Das ist eine Deputation des Stadthauses; die Wähler wissen, daß sich die Feindseligkeiten entsponnen haben; sie wollen dem Blutvergießen Einhalt thun, und man zwingt Flesselles, dem Gouverneur neue Vorschläge zu machen.

Diese Deputierten kommen im Namen der Stadt, um Herrn de Launay aufzufordern, das Feuer einzustellen und, um zugleich das Leben der Bürger, das seinige und das der Garnison zu schirmen, hundert Mann Bürgergarde im Innern der Festung aufzunehmen.

Das ist es, was die Deputierten auf ihrem Wege verbreiten. Selbst erschrocken über die Unternehmung, die es begonnen, ist das Volk, das die Verwundeten und die Toten auf Bahren vorübertragen sieht, bereit, diesen Vorschlag zu unterstützen; de Launay soll eine halbe Niederlage annehmen, und es wolle sich mit einem halben Siege begnügen.

Bei ihrem Anblick hört das Feuer des zweiten Hofes auf; man bedeutet ihnen durch ein. Zeichen, daß sie näher kommen können, und sie nähern sich in der That, im Blute ausgleitend, über die Leichnahme steigend, den Verwundeten die Hand reichend.

Das Volk gruppiert sich zu ihrem Schütze. Leichname und Verwundete werden weggetragen; mit großen purpurroten Flecken das Pflaster der Hofe färbend, starrt das vergossene Blut.

Von Seiten der Festung hat das Feuer aufgehört. Billot geht hinaus, um es zu versuchen, auch das Feuer der Belagernden einzustellen. Vor dem Thore trifft er Gonchon ohne Waffen, der Gefahr trotzend wie ein Inspirierter, ruhig, als ob er unverwundbar wäre.

»Nun!« fragte er Billot, was ist aus der Deputation geworden?

»Sie ist in die Bastille eingetreten,« erwiderte Billot; »lassen Sie das Feuer einstellen.«

»Es ist unnötig,« entgegnete Gonchon mit derselben Sicherheit, als ob er die Fähigkeit gehabt hätte, in der Zukunft zu lesen.

»Gleichviel, respektieren wir die Kriegsgewohnheiten, da wir uns zu Soldaten gemacht haben.«

»Es sei,« sagte Gonchon.

Dann wandte er sich an zwei Männer aus dem Volk, die unter ihm diese ganze Masse zu befehligen schien, und sprach:

»Geht, Elie, geht, Hullin, und es falle kein Schuß mehr!«

Auf die Stimme ihres Führers eilten die zwei Adjutanten, die Wogen des Volkes durchschneidend, fort, und bald nahm das Geräusch des Musketenfeuers allmählich ab, bis es endlich ganz erlosch.

Es trat ein Augenblick der Ruhe ein. Man benützte ihn, um für die Verwundeten, deren Zahl sich schon auf fünfunddreißig bis vierzig belief, Sorge zu tragen.

Wahrend dieses Augenblicks der Ruhe hört man zwei Uhr schlagen. Der Angriff hat um Mittag begonnen. Man kämpft also schon zwei Stunden.

Nillot ist an seinen Posten zurückgekehrt, und Gonchon ist ihm nun gefolgt.

Sein Auge wendet sich unruhig nach dem Gitter; seine Ungeduld ist sichtbar.

»Was haben Sie?« fragte ihn Billot.

Ist die Bastille nicht in zwei Stunden genommen, so ist alles verloren,« antwortete Gonchon.

»Und warum dies?«

»Der Hof wird erfahren, mit welcher Arbeit wir beschäftigt sind, und uns die Schweizer von Bezenval und die Dragoner von Lambesa schicken, und dann werden wir zwischen drei Feuer genommen.«

Billot war genötigt, zu gestehen, es sei Wahres an dem, was Gonchon sagte.

Endlich erschienen die Deputierten wieder. Aus ihrer düsteren Miene ersah man, daß sie nichts erlangt hatten.

»Nun!« rief Gonchon strahlend vor Freude, »was sagte ich? Die prophezeiten Dinge werden in Erfüllung gehen; die verfluchte Festung ist verurteilt.«

Ohne nur die Deputation zu fragen, stürzte er sodann aus dem ersten Hof und schrie:

»Zu den Waffen! Kinder, zu den Waffen! Der Kommandant verweigert!«

Der Kommandant hatte in der That kaum den Brief von Flesselles gelesen, als sein Gesicht sich aufklärte, und statt den Vorschlägen, die man ihm machte, nachzugeben, rief er:

»Meine Herren Pariser, Sie haben den Kampf gewollt, nun ist es zu spät.«

Die Parlamentäre drangen in ihn und stellten ihm all das Unglück vor, das seine Verteidigung herbeiführen könne. Doch er wollte nichts hören und sagte am Ende zu den Parlamentären, was er zwei Stunden zuvor schon zu Billot gesagt hatte: »Geht, oder ich lasse Euch erschießen.«

Und die Parlamentäre entfernten sich.

Diesmal ist es Herr de Launay, der die Offensive ergriffen hat. Er scheint trunken vor Ungeduld. Noch ehe die Deputierten die Schwelle des Hofes überschritten haben, hat der Dudelsack des Herzogs von Sachsen ein Lied gespielt. Drei Personen sind gefallen; die eine ist tot, die zwei andern sind verwundet.

Diese zwei Verwundeten sind: der eine ein Soldat von der französischen Garde, der andere ein Parlamentär.

Beim Anblick dieses Mannes, den sein Charakter heilig machte, und den man mit Blut bedeckt wegträgt, erhitzt sich die Menge abermals.

Die zwei Adjutanten von Gonchon sind zurückgekehrt und haben wieder ihren Platz an seiner Seite eingenommen; doch jeder von ihnen hat Zeit gehabt, nach Hause zu gehen und seine Kleider zu wechseln.

Allerdings wohnt der eine beim Arsenal und der andere in der Rue de Charonne.

Hullin, anfangs Uhrmacher in Genf, sodann Jäger beim Marquis von Conflans, kommt mit seiner Livree zurück, die der Tracht eines ungarischen Offiziers gleicht.

Elie, Exoffizier im Regiment der Königin, hat seine Uniform wieder angezogen, die dadurch, daß sie glauben machen wird, das Heer sei für das Volk und mit demselben, dem Volke mehr Vertrauen geben muß.

Das Feuer beginnt mit größerer Erbitterung und Heftigkeit, als je.

In diesem Augenblick näherte sich Herr von Losme, der Major der Bastille, dem Gouverneur.

Das war ein braver und tapferer Soldat; aber es war etwas vom Bürger in ihm geblieben, und er sah zu seinem Schmerz, was vorging, und besonders, was vorgehen sollte.

»Herr Gouverneur,« sagte er, »wir haben keine Lebensmittel, wie Sie wissen.«

»Ich weiß es,« erwiderte de Launay.

»Sie missen auch, daß wir keinen Befehl haben.«

»Ich bitte um Verzeihung, Herr von Lozme, ich habe den Befehl, die Bastille zu schließen, darum giebt man mir die Schlüssel.«

»Herr Gouverneur, die Schlüssel dienen ebenso gut dazu, die Thüren zu öffnen, als sie zu schließen. Hüten Sie sich, die ganze Garnison niedermetzeln zu lassen, ohne das Schloß zu retten. Zwei Triumphe für denselben Tag! Betrachten Sie die Menschen, die wir töten, sie wachsen aus dem Pflaster hervor. Heute morgen waren sie zu fünfhundert, vor zwei Stunden waren es zehntausend, nun sind es mehr als sechzigtausend; morgen werden es hunderttausend sein. Wenn unsere Kanonen schweigen, und das müssen sie am Ende thun, so wird dieses Volk stark genug sein, die Bastille mit seinen Händen zu zerstören.«

»Sie sprechen nicht wie ein Militär, Herr von Losme.«

»Ich spreche wie ein Franzose, mein Herr. Ich sage, da Seine Majestät uns keinen Befehl gegeben  . . . ich sage, da uns der Stadtvogt einen sehr annehmbaren Vorschlag hat zukommen lassen: den Vorschlag, hundert Mann Bürgergarde in das Schloß aufzunehmen, so können Sie, um das Unglück, das ich vorhersehe, zu vermeiden, dem Vorschlag des Herrn von Flesselles beitreten.«

»Ihrer Ansicht nach, Herr von Losme, ist also die Gewalt, welche die Stadt Paris vertritt, eine Autorität, der wir gehorchen müssen?«

»In Abwesenheit der unmittelbaren Autorität Seiner Majestät, ja, Herr Gouverneur, das ist meine Ansicht.«

»Wohl denn,« sprach Herr de Launay, indem er den Major in eine Ecke des Hofes zog, »lesen Sie, Herr von Losme.«

Und er reichte ihm ein Blättchen Papier.

Der Major las:

»Halten Sie fest; ich belustige die Pariser mit Kokarden und Versprechungen. Vor dem Ende des Tages wird Ihnen Herr von Bezenval Verstärkung schicken.

Von Flesselles.

»Wie, dieser Zettel ist Ihnen zugekommen, Herr Gouverneur?« fragte der Major.

»In dem Brief, den mir die Herren Parlamentäre übergeben haben. Sie glaubten, mir den Befehl zur Übergabe der Festung zuzustellen und brachten mir den Befehl, sie zu verteidigen.«

Der Major neigte das Haupt.

»Gehen Sie an Ihren Posten, mein Herr,« sagte de Launay, »und verlassen Sie ihn nur, wenn ich Sie rufe.«

Herr von Losme gehorchte.

Herr de Launay legte kalt das Papier zusammen, steckte es in seine Tasche, kehrte zu seinen Kanonieren zurück und befahl ihnen, tief und richtig zu zielen.

Die Kanoniere gehorchten, wie Herr von Losme gehorcht hatte.

Doch das Geschick der Festung war bestimmt, keine menschliche Macht konnte die Erfüllung verzögern.

Auf jeden Kanonenschuß antwortete das Volk: Wir wollen die Bastille!

Und während die Stimmen verlangten, handelten die Arme.

Unter der Zahl der Stimmen, die am energischsten verlangten, unter der Zahl der Arme, die am wirksamsten handelten, waren die Stimmen und die Arme von Billot und Pitou.

Nur ging jeder nach seiner Natur zu Werke.

Billot hatte sich mutig und vertrauensvoll, nach Art der Bulldoggs, Kugeln und Kartätschen trotzend, mit einem Schlag vorwärts geworfen.

Klug und umsichtig wie der Fuchs, im höchsten Grade mit dem Instinkte der Erhaltung begabt, benützte Pitou alle seine Fähigkeiten, um die Gefahr zu überwachen und zu vermeiden.

Seine Augen kannten die mörderischen Schießscharten, sie unterschieden die unmerkliche Bewegung des Erzes, das zu schießen im Begriff ist. Er hatte endlich genau den Moment erraten, wo die Batterie der Wallbüchse über die Zugbrücke spielen würde.

Hatten dann seine Augen ihren Dienst gethan, so war die Reihe an seinen Gliedern, für ihren Eigentümer zu arbeiten.

Die Schultern verschwanden, die Brust zog sich ein, sein Körper bot keine beträchtlichere Oberfläche dar, als ein Brett von der Seite gesehen.

Er hatte einen Winkel in dem Gang von der ersten zur zweiten Zugbrücke gewählt, eine Art von senkrechter Brüstung, gebildet durch Steinvorsprünge.

Von seiner Ecke aus, in die er geduckt war, wie ein Hase in seinem Lager, that er dahin und dorthin einen Flintenschuß zur Befreiung seines Gewissens; denn er hatte vor sich nur Mauern und Holzstücke; doch das machte offenbar dem Vater Billot Vergnügen, da er ihm beständig zurief:

»Schieße doch, Träger, schieße!«

Dagegen rief er dem Vater Billot, um seinen Eifer zu dämpfen, statt aufzuregen, von Zeit zu Zeit zu:

»Entblößen Sie sich doch nicht so, Vater Billot!«

Oder auch:

»Nehmen Sie sich in acht, Herr Billot, treten Sie zurück; die Kanone schießt auf Sie, der Hahn des Dudelsacks kracht.«

Und kaum hatte er diese Worte voll Vorsicht gesprochen, als der Kanonendonner oder das Kleingewehrfeuer losbrach und die Kartätsche den Gang fegte.

Trotz aller dieser Ermahnungen verrichtete Billot Wunder der Stärke und der Bewegung, alles jedoch vergeblich. Da er sein Blut nicht vergießen konnte, und das war sicherlich nicht seine Schuld, so vergeudete er seinen Schweiß in großen Tropfen.

Zehnmal faßte ihn Pitou beim Schoß seines Rockes und zog ihn gegen seinen Willen gerade in dem Augenblick zu Boden, wo ihn ein Schuß niedergeschmettert hätte.

Doch Billot erhob sich immer wieder, stärker als zuvor, mit einer neuen Idee.

Bald bestand diese Idee darin, daß er auf dem Holze der Zugklappe der Brücke selbst die Balken zusammenhieb, welche die Ketten festhielten, wie er es schon gethan hatte.

Dann stieß Pitou ein Gebrülle aus, um den Pächter zurückzubringen; wenn er aber sah, daß dieses Gebrülle vergeblich war, so stürzte er aus seinem Schlupfwinkel hervor und sagte:

»Herr Billot, lieber Herr Billot, Frau Billot wird eine Witwe sein, wenn Sie getötet werden.«

Und man sah die Schweizer ihre Gewehrläufe schräge durch die Schießscharte strecken, um den Kühnen zu treffen, der es versuchte, ihre Brücke in Späne zu verwandeln.

Bald rief Billot die Kanone herbei, um die Zugklappe zu durchschießen; da spielte aber der Dudelsack, die Artilleristen wichen zurück, und Billot blieb allein, um die Kanone zu bedienen, was Pitou abermals aus seinem Winkel zog.

»Herr Billot, rief er: Herr Billot! ich beschwöre Sie im Namen von Mademoiselle Katharine; bedenken Sie noch, wenn Sie sich töten lassen, wird Mademoiselle Katharine ein Waise sein.«

Billot fügte sich in diesen Grund, der mächtiger auf seinen Geist zu wirken schien, als der erste.

Endlich ersann die fruchtbare Einbildungskraft des Pächters eine letzte Idee.

Er lief nach dem Platze und schrie:

»Einen Karren! einen Karren!«

Pitou dachte, was gut sei, müsse, wenn es sich verdopple, vortrefflich sein. Er folgte Billot und rief:

»Zwei Karren! zwei Karren!«

Man brachte auf der Stelle zehn Karren.

»Stroh und trockenes Heu!« rief Billot. »Stroh und trockenes Heu!« wiederholte Pitou.

Und sogleich schleppten zweihundert Menschen jeder seinen Bund Heu oder Stroh herbei.

Andere häuften getrockneten Mist auf Tragbahren.

Man war genötigt, zu rufen, man habe zehnmal mehr, als man brauche. In einer Stunde hätte man einen Haufen Fourage gehabt, der an Höhe der Bastille gleichgekommen wäre.

Billot stellte sich zwischen die Gabel eines mit Stroh beladenen Karrens und schob ihn vorwärts, statt ihn zu ziehen.

Pitou that dasselbe, ohne zu wissen, was er that; doch er dachte, es sei gut dem Pächter nachzuahmen.

Elie und Hullin errieten, was Billot vorbereitete; sie ergriffen jeder einen Karren und schoben ihn in den Hof.

Kaum hatten sie die Schwelle überschritten, als ein Kartätschenfeuer sie empfing. Man hörte die Kugeln und das Geschoß der Wallmuskete mit einem scharfen Geräusch in das Stroh oder in das Holz der Räder und der Karrenleitern eindringen. Doch keiner von den Angreifenden wurde berührt.

Sobald diese Salve vorüber war, stürzten zwei- bis dreihundert Füsiliere hinter die Karrenführer und, sich ein Obdach aus diesem Wall bildend, stellten sie sich unter die Zugklappe selbst.

Hier zog Billot aus seiner Tasche einen Feuerstahl und Zunder, legte ein Griffchen voll Pulver mitten in ein Papier und steckte das Pulver an.

Das Pulver zündete das Papier, das Papier das Stroh an.

Jeder teilte sich einen Brand mit, und die vier Karren entzündeten sich gleichzeitig.

Um das Feuer auszulöschen, mußte man herauskommen; kam man heraus, so gab man sich einem sichern Tode preis.

Die Flamme erreichte die Zugklappe, biß mit ihren scharfen Zähnen in das Holz und schlängelte sich die Balken entlang.

Ein Freudenschrei, der vom Hofe ausging, wurde von der ganzen Place Saint-Antoine wiederholt. Man sah den Rauch über die Türme emporsteigen und vermutete, etwas für die Belagerten Verhängnisvolles gehe in Erfüllung.

Die geröteten Ketten machten sich in der That von den Bohlen los; die Brücke fiel, halb zerbrochen, halb verbrannt, rauchend und knatternd.

Die Pompiers liefen mit ihren Spritzen herbei. Der Gouverneur befahl, zu feuern; doch die Invaliden weigerten sich. Die Schweizer allein gehorchten; doch die Schweizer waren keine Artilleristen, und man mußte die Kanonen verlassen.

Die französischen Garden dagegen, als sie das Feuer der Artillerie erloschen sahen, pflanzten ihr Geschütz auf; ihr dritter Schuß zerschmetterte das Gitter.

Der Gouverneur war auf die Plattform des Schlosses gestiegen, um zu sehen, ob die versprochene Hilfe käme, als er sich plötzlich von Rauch umhüllt sah. Da ging er hastig hinab und befahl den Artilleristen, zu feuern.

Die Weigerung der Invaliden brachte ihn außer sich. Nachdem das Gitter in Stücke gegangen war, kam er zur Einsicht, daß alles verloren sei.

Herr de Launay fühlte sich gehaßt. Er erriet, daß es keine Rettung mehr für ihn gab. Während der ganzen Zeit, die der Kampf gedauert, hatte er den Gedanken genährt, sich unter den Trümmern der Bastille zu begraben.

In dem Augenblick, wo er fühlt, daß jede Verteidigung unnütz ist, reißt er eine Lunte aus den Händen eines Artilleristen und springt nach dem Gewölbe, wo die Munition ist.

»Das Pulver!« riefen zwanzig erschrockene Stimmen, »das Pulver! das Pulver!«

Man hat in den Händen des Gouverneurs die Lunte glänzen sehen. Man errät seine Absicht. Zwei Soldaten stürzen vor und kreuzen das Bajonett auf seiner Brust in dem Augenblick, wo er die Thüre öffnet.

»Ihr könnt mich töten,« sagte Herr de Launay; »doch Ihr werdet mich nicht so schnell töten, daß ich nicht Zeit hätte, diese Lunte unter die Pulverfässer zu werfen, und dann springt Ihr alle Belagernde und Belagerte, in die Luft.«

Die Soldaten stehen still. Die Bajonette bleiben auf der Brust von de Launay gekreuzt; doch es ist immer noch de Launay, der befiehlt, und man weiß es, daß er das Leben von allen in seinen Händen hat. Seine Handlung hat alle an ihren Platz gefesselt. Die Angreifenden bemerken, daß etwas Außerordentliches vorgeht. Sie tauchen ihre Blicke in das Innere des Hofes und sehen den Gouverneur drohend und bedroht.

»Höret mich,« sprach de Launay; »so wahr ich den Tod von Euch allen in der Hand halte, wenn einer von Euch einen Schritt macht, um in diesen Hof zu dringen, so stecke ich das Pulver in Brand.«

Diejenigen, welche diese Worten hörten, glaubten den Boden unter ihren Füßen zittern zu fühlen.

»Was wollen Sie? was verlangen Sie!« riefen mehrere Stimmen mit dem Ausdruck des Schreckens.

»Ich will eine Kapitulation, und zwar eine ehrenhafte Kapitulation.«

Die Angreifenden nahmen auf die Worte de Launays keine Rücksicht; sie glaubten nicht an diesen Akt der Verzweiflung und wollten eindringen. Billot ist an ihrer Spitze. Plötzlich zittert, erbleicht Billot: er hat an den Doktor Gilbert gedacht.

Solange Billot nur an sich selbst dachte, war ihm wenig daran gelegen, ob die Bastille und er mit ihr in die Luft sprang; aber der Doktor Gilbert muß um jeden Preis leben.

»Haltet ein,« rief Billot, indem er sich Elie und Hullin entgegen warf; »haltet ein, im Namen der Gefangenen!«

Und diese Männer, die den Tod für sich nicht fürchteten, wichen ebenfalls blaß und zitternd zurück.

»Was wollen Sie?« sagten sie, an den Gouverneur die Frage wiederholend, die schon von der Garnison an ihn gemacht worden war.

»Ich will, daß alle sich entfernen,« erwiderte Herr de Launay. Ich werde keine Vorschläge annehmen, solange ein Fremder in den Höfen der Bastille ist.«

»Werden Sie aber nicht unsere Abwesenheit benützen, um alles wieder in stand zu setzen?« entgegnete Billot.

»Wird die Kapitulation verweigert, so finden Sie alle Dinge, wie sie sind. Sie an jenem Thore, ich an diesem.«

»Sie geben uns Ihr Wort? Bei meinem adeligen Ehrenwort.«

Einige schüttelten den Kopf.

»Bei meinem adeligen Ehrenwort!« wiederholte de Launay. »Ist einer hier, der zweifelt, wenn ein Edelmann bei seinem Worte geschworen hat?«

»Nein, nein, niemand,« wiederholten fünfhundert Stimmen.

»Man bringe mir hierher Papier, eine Feder und Tinte.«

Die Befehle des Gouverneurs wurden auf der Stelle vollzogen.

»Es ist gut,« sagte de Launay.

Dann wandte er sich gegen die Angreifenden um und rief ihnen zu:

»Und nun, Ihr Leute, zieht euch zurück.«

Billot, Hullin und Elie gaben das Beispiel und zogen sich zuerst zurück.

Alle anderen folgten ihnen.

De Launay legte die Lunte auf die Seite und fing an, die Kapitulation auf seinem Knie zu schreiben.

Die Invaliden und die Schweizer begriffen, daß es sich um ihre Rettung handelte, und sahen ihm stillschweigend und mit einem gewissen ehrfurchtsvollen Grauen zu.

De Launay wandte sich um, ehe er die Feder auf das Papier setzte. Die Höfe waren frei.

In einem Augenblick erfuhr man außen alles, was innen vor sich ging.

Die Bevölkerung kam, wie Herr von Losme gesagt hatte, unter dem Pflaster hervor. Hunderttausend Menschen umgaben die Bastille.

Es waren nicht allein Arbeiter, es waren Bürger von allen Klassen. Es waren nicht nur Männer, es waren Kinder, es waren Greise.

Und alle hatten eine Waffe, alle stießen einen Schrei aus.

Da und dort sah man mitten unter den Gruppen eine in Thränen zerfließende Frau mit zerzausten Haaren, die Hände ringend und den steinernen Riesen mit einer verzweifelten Geberde verfluchend.

Es war eine Mutter, deren Sohn die Bastille niedergeschmettert, es war eine Tochter, der die Bastille den Vater niedergeschmettert, es war ein Weib, dem die Bastille den Mann niedergeschmettert hatte.

Doch seit einem Augenblick hatte die Bastille keinen Lärm, keine Flamme, keinen Rauch mehr. Die Bastille war erloschen. Die Bastille war stumm wie ein Grab.

Vergebens hätte man es versucht, alle die Flecken von Kugeln zu zählen, die ihre Oberfläche besprenkelten. Jeder hatte seinen Schuß diesem Granitungeheuer, dem sichtbaren Symbol der Tyrannei, zusenden wollen.

Als man erfuhr, die furchtbare Bastille sei zu kapitulieren im Begriff, der Gouverneur habe sie zu übergeben versprochen, wollte es niemand glauben.

Unter dem allgemeinen Zweifel, als man es noch nicht wagte, sich Glück zu wünschen, als man noch stillschweigend wartete, sah man durch eine Schießscharte einen an die Spitze eines Degens gesteckten Brief hervorkommen.

Nur war zwischen dem Brief und den Belagernden der breite, tiefe mit Wasser gefüllte Graben.

Billot verlangt ein Brett: drei werden gebracht; er versucht, ohne daß sie, da sie zu kurz sind, das Ziel erreichen zu können. Ein viertes berührt die zwei Ränder des Grabens.

Billot befestigt sie, so gut er es vermag, und wagt sich, ohne zu zögern, auf die zitternde Brücke.

Die ganze Menge bleibt stumm. Aller Augen sind auf den Mann gerichtet, der über dem Graben zu schweben scheint. Zitternd setzt sich Pitou auf die Rückseite der Böschung und verbirgt seinen Kopf zwischen seinen Beinen.

Das Herz bricht ihm, er weint.

Plötzlich, in dem Augenblick, wo Billet die zwei Drittel des Uebergangs erreicht hat, schwankt das Brett. Billot streckt die Arme aus, fällt und verschwindet im Graben.

Pitou stürzt ihm brüllend nach, wie ein Neufundländer Hund seinem Herrn.

Da nähert sich ein Mensch dem Brett, von dem Billot herabgefallen war. Ohne Zögern schlägt er denselben Weg ein. Dieser Mensch ist Stanislaus Maillard, der Gerichtsdiener im Chatelet.

An der Stelle angelangt, wo Billot und Pitou im Schlamme zappeln, schaut er einen Augenblick unter sich, und da er sieht, daß sie den Rand des Grabens unversehrt erreichen werden, schreitet er vorwärts.

Eine halbe Minute nachher ist er auf der andern Seite des Grabens und hat das Billet, das man ihm an der Degenspitze reicht.

Mit derselben Ruhe, mit derselben Festigkeit des Ganges kehrt er über das Brett zurück.

Doch in dem Augenblick, wo alle Welt sich um ihn drängt, um zu lesen, stürmt ein Hagel von Kugeln von den Zinnen herab, während man zugleich einen entsetzlichen Donner des Geschützes vernimmt.

Ein einziger Schrei, doch einer von den Schreien, welche die Rache des Volkes verkündigen, dringt aus der Brust aller hervor.

»Traut den Tyrannen!« ruft Gonchon.

Und ohne sich mehr mit der Kapitulation zu beschäftigen, ohne sich um das Pulver zu bekümmern, ohne an sich, ohne an die Gefangenen zu denken, ohne auf etwas anderes, als auf Rache zu sinnen, zu wünschen, zu verlangen, stürzt das Volk in die Höfe, nicht mehr zu Hunderten, sondern zu Tausenden.

Was das Volk einzudringen verhindert, ist nicht das Musketenfeuer: es sind die zu engen Thore.

Bei diesem Donner des Geschützes weisen sich die zwei Soldaten, die ihn nicht verlassen haben, auf Herrn de Launay, ein dritter bemächtigt sich der Lunte und zertritt sie unter seinem Fuß.

De Launay zieht seinen in seinem Stocke verborgenen Degen und will sich damit erstechen; man zerbricht den Degen zwischen seinen Händen.

Er begreift nun, daß er nichts anderes mehr zu thun hat, als zu warten, und er wartet.

Das Volk rückt heran, die Garnison reicht ihm die Hände, und die Bastille ist im Sturm, mit Gewalt, ohne Kapitulation genommen.

Seit hundert Jahren ist es nicht mehr die träge Materie, die man in die königliche Feste einschließt, es ist der Geist. Der Geist hat die Bastille gesprengt, und das Volk ist durch die Bresche eingedrungen.

Was das Schießen mitten unter dem allgemeinen Schweigen, während des Waffenstillstandes, betrifft, was diesen, unvorhergesehenen, unpolitischen, tödlichen Angriff betrifft, niemand hat je erfahren, wer den Befehl dazu gegeben, wer ihn angeregt, vollbracht.

Es giebt Augenblicke, wo die Zukunft einer ganzen Nation in der Wage des Schicksals gewogen wird. Eine von den Schalen gewinnt die Oberhand. Schon glaubt jeder das vorgesetzte Ziel erreicht zu haben. Plötzlich läßt eine unsichtbare Hand die Klinge eines Dolches oder die Kugel einer Pistole in die andere Schale fallen. Da verändert sich alles, und man hört nur noch einen einzigen Schrei: Wehe dem Besiegten!

XVIII.
Der Doktor Gilbert

Während das Volk, brüllend zugleich vor Freude und vor Wut, in die Höfe der Bastille stürmt, plätschern zwei Menschen im schlammigen Wasser der Gräben.

Diese zwei Menschen sind Billot und Pitou.

Pitou unterstützt Billot; keine Kugel hat ihn getroffen, kein Schuß hat ihn erreicht, doch sein Sturz hat den guten Pächter ein wenig betäubt.

Man wirft ihnen Stricke zu, man reicht ihnen Stangen.

Pitou erwischt eine Stange, Billot einen Strick.

Nach fünf Minuten werden sie im Triumph umhergetragen und umarmt, so kotig sie auch sind.

Der eine giebt Billot einen Schluck Branntwein, der andere stopft Pitou mit Wurst und gießt Wein darauf.

Ein dritter reibt sie ab und führt sie in die Sonne.

Plötzlich durchzuckt ein Gedanke, oder vielmehr eine Erinnerung den Geist von Billot; er entreißt sich der geschäftigen Sorge der Teilnehmenden und eilt gegen die Bastille zu.

»Zu den Gefangenen!« ruft er im Laufe, zu den Gefangenen!

»Ja, zu den Gefangenen!« ruft Pitou, dem Pächter nacheilend.

Die Menge, die bis dahin nur an die Henker gedacht hatte, bebt im Gedanken an die Opfer.

Sie wiederholt mit einem Schrei: »Ja, ja, zu den Gefangenen!«

Und ein neuer Strom von Angreifenden durchbricht die Dämme und scheint die Seiten der Festung zu erweitern, um die Freiheit hineinzutragen.

Ein entsetzliches Schauspiel bot sich nun den Augen von Billot und Pitou. Trunken, wütend, rasend, war die Menge in die Höfe gestürzt. Den ersten Soldaten, der ihr in die Hände gefallen, hatte sie in Stücke gehauen.

Gonchon ließ sie gewähren. Ohne Zweifel dachte er, der Zorn des Volkes sei wie der Strom der großen Flüsse, er richte mehr Unheil an, wenn man ihn aufzuhalten suche, als wenn man ihn ruhig sich verlaufen lasse.

Elie und Hullin dagegen hatten sich den Schlächtern entgegengeworfen: sie baten, sie flehten, sie sagten – eine großmütig erhabene Lüge – sie hatten der Garnison die Erhaltung ihres Lebens versprochen.

Die Ankunft von Billot und Pitou war eine Verstärkung für sie.

Billot, den man rächen wollte, Billot lebte; Billot war nicht einmal verwundet, es hatte sich nur das Brett unter seinem Fuße gedreht. Er hatte nur ein Schlammbad genommen, und nichts andres.

Auf die Schweizer war man hauptsächlich erbost; doch man fand keine Schweizer mehr. Sie hatten Zeit gehabt, Kittel von grauer Leinwand anzuziehen, und man hielt sie für Knechte oder für Gefangene. Die Menge zerschmetterte mit Steinwürfen die zwei Gefesselten der Uhrtafel. Die Menge eilte auf die Höhe der Türme, um die Kanonen zu beschimpfen, die den Tod gespieen hatten. Die Menge packte die Steine an und machte sich die Hände blutig, indem sie dieselben ausreißen wollte. Als man die ersten Sieger auf der Plattform erscheinen sah, ließ alles, was außen war, das heißt, hunderttausend Menschen, ein ungeheures Geschrei vernehmen.

Dieses Geschrei erhob sich über Paris und schwang sich wie ein Adler mit raschen Flügeln über Frankreich hin:

Die Bastille ist genommen!

Bei diesem Ruf zerschmolzen die Herzen, befeuchteten sich die Augen, öffneten sich die Arme; es gab keine entgegengesetzte Parteien, keine feindliche Kasten mehr; alle Pariser fühlten, daß sie Brüder, alle Menschen begriffen, daß sie frei waren.

Eine Million Menschen hielt sich in gegenseitiger Umarmung.

Billot und Pitou waren im Gefolge den einen und den andern voranschreitend eingedrungen; sie wollten nicht ihren Anteil am Triumph, sondern die Freiheit der Gefangenen.

Als sie durch den Hof des Gouvernements kamen, gingen sie an einem Mann in grauem Rock vorüber, der ruhig und die Hand auf einen Stock mit goldenem Knopf gestützt da stand. Dieser Mann war der Gouverneur. Er wartete unbeweglich, bis entweder seine Freunde ihn retten, oder seine Feinde ihn erschlagen würden.

Billot, als er ihn erblickte, erkannte ihn sogleich, gab einen Schrei von sich und ging gerade auf ihn zu.

De Launay erkannte den Pächter auch. Er kreuzte die Arme und wartete, Billot anschauend, als wollte er zu ihm sagen:

»Bist du es, der mir den ersten Streich versetzen wird?«

Billot begriff und blieb stehen.

»Wenn ich mit ihm spreche,« sagte er zu sich selbst, »so mache ich, daß man ihn erkennt; wird er erkannt, so ist er tot.«

Doch wie den Doktor Gilbert inmitten dieses Chaos finden? Wie der Bastille das in seinen Eingeweiden verschlossene Geheimnis entreißen?

Dieses ganze Zögern, dieses ganze heldenmütige Bedenken begriff de Launay ebenfalls.

»Was wollen Sie?« fragte halblaut de Launay.

»Nichts,« erwiderte Billot, indem er mit dem Finger auf das Thor deutete, um ihm zu bezeichnen, die Flucht sei noch möglich. »Nichts. Ich werde den Doktor Gilbert wohl finden können.«

»Dritte Bertaudiere,« antwortete de Launay mit weicher, beinahe gerührter Stimme.

Und er blieb auf derselben Stelle.

Plötzlich sprach eine Stimme hinter Billot:

»Ah! hier ist der Gouverneur.«

Die Stimme war ruhig, als ob sie nicht dieser Welt angehört hätte, und dennoch fühlte man, daß jedes Wort, das sie gesprochen, ein scharfer, gegen die Brust von de Launay gerichteter Dolch war.

Gonchon hatte so gesprochen.

Bei seinen Worten, wie beim Schalle einer Sturmglocke bebten alle diese rachetrunkenen Menschen; sie schauten mit flammenden Augen umher, erblickten de Launay und stürzten auf ihn los.

»Retten Sie ihn, oder er ist verloren,« sagte Billot, an Elie und Hullin vorübergehend.

»Helfen Sie uns,« erwiderten die zwei Männer.

»Ich muß hier bleiben, ich habe auch einen zu retten.«

In einem Augenblick war de Launay von tausend Händen bedroht, emporgehoben, fortgeschleppt.

Elie und Hullin eilten ihm nach und riefen:

»Haltet ein, wir haben ihm Schonung seines Lebens zugesagt.«

Das war nicht wahr; doch die erhabene Lüge drang gleichzeitig aus diesen zwei edlen Herzen hervor.

Unter dem Geschrei: Nach dem Stadthaus! nach dem Stadthaus! war de Launay, gefolgt von Elie und Hullin, in einer Sekunde durch den Gang verschwunden, der aus der Bastille führt.

De Launay, eine lebendige Beute, war für gewisse Sieger so viel wert, als die tote Beute der Bastille.

Sie bot übrigens ein seltsames Schauspiel, die traurige, schweigsame Feste, seit vier Jahrhunderten nur durch Wachen, Kerkermeister und einen düstern Gouverneur besucht, nun aber die Beute des Volks geworden, das in den Höfen umherlief, die Treppen auf- und abstieg, wie ein Bienenschwarm summte und den Granitkorb mit Bewegung und Geräusch erfüllte.

Billot schaute de Launay einen Augenblick nach; dieser wurde mehr fortgetragen, als geführt, und schien über der Menge zu schweben.

Doch in einer Sekunde war er verschwunden. Billot seufzte, sah umher, erblickte Pitou, eilte nach einem Turme und rief: »Dritte Bertaudiere!«

Ein zitternder Gefangenenwärter fand sich auf seinem Wege.

»Dritte Bertaudiere,« sagte Billot.

»Dorthin, mein Herr,« erwiderte der Gefangenenwärter, »doch ich habe die Schlüssel nicht.«

»Wo sind sie denn?«

»Man hat sie mir genommen.«

»Bürger, leihe mir deine Axt,« sprach Billot zu einem Vorstädter.

»Ich gebe sie dir,« antwortete dieser, »ich brauche sie nicht mehr, da die Bastille genommen ist.«

Billot ergriff die Axt und eilte, von dem Gefangenenwärter geführt, eine Treppe hinauf.

Der Gefangenenwärter blieb vor einer Thüre stehen.

»Dritte Bertaudiere?« fragte er.

»Ja.«

»Das ist hier.«

»Heißt der Gefangene, der in diesem Zimmer eingeschlossen ist, nicht Doktor Gilbert?«

»Ich weiß es nicht.«

»Seit fünf bis sechs Tagen erst angekommen.«

ich weiß es nicht.«

»Nun,« sagte Billot, »ich werde es erfahren.«

Und nun griff er die Thüre mit gewaltigen Axtstreichen an.

Sie war von Eichenholz; doch unter den Streichen des kräftigen Pächters zersprang das Holz in Splitter.

Nach einigen Sekunden konnte der Blick in die Zelle dringen.

Billot hielt sein Auge an die Öffnung. Durch die Öffnung tauchte sein Blick in das Gefängnis.

In der Linie des Lichtstrahls, der in den Kerker durch das vergitterte Fenster des Turms eindrang, stand, ein wenig zurückgebogen, in der Hand ein aus seinem Bett gerissenes Querholz haltend, ein Mann in verteidigender Stellung. Dieser Mann hielt sich offenbar bereit, den ersten, der eintreten würde, niederzuschlagen.

Trotz seines langen Bartes, trotz seines bleichen Gesichtes, trotz seiner kurz geschnittenen Haare erkannte ihn Billot. Es war der Doktor Gilbert.

»Doktor! Doktor! sind Sie es?«

»Wer ruft mich?« fragte der Gefangene.

»Ich, ich, Billot, Ihr Freund.«

»Sie, Billot?«

»Ja! ja! er! er! wir! wir!« riefen zwanzig Stimmen, die bei den furchtbaren Streichen, die Billot that, auf dem Ruheplatz stehen geblieben waren.

»Wer, ihr?«

»Wir, die Sieger der Bastille! Die Bastille ist genommen. Sie sind frei«!

»Die Bastille ist genommen! ich bin frei!« rief der Doktor.

Und er streckte seine beiden Hände durch die Öffnung und rüttelte so gewaltig an der Thüre, daß die Angeln und das Schloß sich losreißen zu wollen schienen, und daß ein schon durch Billot erschütterter eichener Flügel krachte, zerbrach und in den Händen des Gefangenen blieb.

»Warten Sie, warten Sie,« sagte Billot, denn er begriff, eine zweite der ersten ähnliche Anstrengung würde des Doktors überreizten Kräfte erschöpfen, »warten Sie.«

Und er verdoppelte seine Streiche.

Durch die Öffnung, die sich immer mehr vergrößerte, konnte er den Gefangenen sehen. Dieser war wieder auf seinen Stuhl gesunken, bleich wie ein Gespenst und unfähig, das Querholz aufzuheben, das bei ihm lag, der kurz vorher, einem Simson ähnlich, beinahe die Bastille erschüttert hätte.

»Billot! Billot!« murmelte er.

»Ja! ja!« und auch ich, der Pitou, »Herr Doktor; Sie erinnern sich wohl des armen Pitou, den Sie bei Tante Angélique in die Kost gebracht haben; auch Pitou kommt, um Sie zu befreien.«

»Aber ich kann ja durch diese Öffnung schlüpfen,« sagte der Doktor.

»Nein! nein!« antworteten die Stimmen; »warten Sie.«

Alle Anwesenden vereinigten ihre Kräfte in einer gemeinschaftlichen Anstrengung. Die einen schoben ein Brecheisen zwischen die Mauer und die Thüre, andere ließen einen Hebel am Schloß spielen; wieder andere drückten und stießen mit ihren angestemmten Schultern und ihren krampfhaft zusammengezogenen Händen. Das Eichenholz ließ ein letztes Krachen hören, die Wand schieferte sich ab, und alle stürzten miteinander durch die zerbrochene Thür, durch die abgestoßene Mauer wie ein Strom in das Innere des Gefängnisses. Gilbert befand sich in den Armen von Pitou und von Billot.

Gilbert, der kleine Bauer vom Schlosse Tavernen, Gilbert, den wir in seinem Blute gebadet in einer Grotte der Azoren gelassen haben, war nun ein Mann von vier- bis fünfunddreißig Jahren, von bleicher, aber nicht krankhafter Gesichtsfarbe, mit leuchtenden Augen, voll entschlossener Willenskraft. Nie verlor sich sein Blick umherirrend im Räume; heftete er ihn nicht auf einen äußeren Gegenstand, der ihn zu fesseln würdig war, so heftete er ihn auf seine eigenen Gedanken, und wurde darum nur umso düsterer und tiefer. Seine Nase war gerade und stand mit seiner Stirne durch eine direkte Linie in Verbindung; sie überragte eine stolze Oberlippe, die durch einen leichten Zwischenraum, der sie von ihrer Unterlippe trennte, den blendenden Schmelz seiner Zähne sehen ließ. In gewöhnlichen Zeiten war sein Anzug einfach und streng, wie der eines Quäkers. Doch diese Strenge grenzte durch die außerordentliche Reinlichkeit an die Eleganz. Sein etwas mehr als mittlerer Wuchs war schön geformt; was seine ganz nervöse Stärke betrifft, so haben mir soeben gesehen, wie weit sie in einer ersten Bewegung der Gereiztheit gehen konnte, mochte diese Gereiztheit nun den Zorn oder den Enthusiasmus zur Ursache haben.

Obschon seit sechs Tagen im Kerker, hatte doch der Gefangene dieselbe Sorge auf sich verwendet; sein mehrere Linien langer Bart hob noch mehr sein blasses Gesicht hervor und zeigte die einzige Spur von Vernachlässigung.

Nachdem er Pitou und Billot in seine Arme geschlossen. wandte er sich gegen die in sein Gefängnis eingedrungene Menge.

Dann, als ob ein Augenblick genügt hätte, ihm die ganze Herrschaft über sich selbst wieder zu verleihen, sprach er:

»Der Tag, den ich vorhergesehen, ist gekommen. Dank Euch, meine Freunde, Dank dem ewigen Geiste, der über der Freiheit der Völker wacht.«

Und er reichte seine beiden Hände der Menge, die, an der Erhabenheit seines Blickes, an der Würde seiner Stimme einen großen Mann erkennend, dieselben kaum zu berühren wagte.

Dann verließ er seine Zelle und ging, gestützt auf die Schulter von Billot und gefolgt von Pitou und seinen Befreiern, allen diesen Menschen voran.

Der erste Augenblick war von Gilbert der Freundschaft und der Dankbarkeit geschenkt worden, der zweite hatte die Entfernung erwogen, die den gelehrten Doktor getrennt von dem unwissenden Pächter, dem guten Pitou und dieser ganzen Menge, die ihn befreite.

Bei der Thüre angelangt, blieb Gilbert vor dem Lichte des Himmels, das ihn überströmte, stehen. Er blieb stehen, kreuzte die Arme auf seiner Brust, schlug die Augen zum Himmel auf und sprach:

»Gegrüßet seist du, schöne Freiheit; ich habe deiner Geburt bereits drüben in der neuen Welt beigewohnt, und wir sind alte Freunde. Gegrüßet feist du, schone Freiheit!«

Und das Lächeln des Doktors besagte in der That: der Jubel, den er hier von einem ganzen freiheitstrunkenen Volke vernahm, sei für ihn nichts neues.

Nachdem er sich sodann einige Sekunden gesammelt hatte, fragte er:

»Billot, das Volk hat also den Despotismus besiegt?«

»Ja, Herr.«

»Und Sie haben sich geschlagen?«

»Ich bin gekommen, um Sie zu befreien.«

»Sie wußten von meiner Verhaftung?«

»Ihr Sohn hat mich heute morgen davon unterrichtet.«

»Armer Emil! haben Sie ihn gesehen?«

»Ich habe ihn gesehen.«

»Ist er ruhig in seiner Kostschule geblieben?«

»Ich habe ihn, sich sträubend, in den Händen von vier Krankenwärtern gelassen.«

»Ist er krank, hat er das Delirium?«

»Er wollte mit uns ziehen, um sich zu schlagen.«

»Ah!« rief der Doktor, und ein Lächeln des Triumphes umspielte seine Lippen. Sein Sohn entsprach seiner Hoffnung.

»Sie haben also gesagt?« fragte er Billot.

»Ich habe gesagt, da der Doktor Gilbert in der Bastille ist, so nehmen wir die Bastille. Nun ist die Bastille genommen. Das ist noch nicht alles.«

»Was giebt es noch?«

»Das Kistchen ist gestohlen.«

»Das Kistchen, das ich Ihnen anvertraute?«

»Ja.«

»Und durch wen gestohlen?«

»Durch Leute, die sich unter dem Vorwand, Ihre Broschüre in Beschlag zu nehmen, bei mir eingeschlichen, mich verhaftet, eingeschlossen, das Haus durchsucht, das Kistchen gefunden und fortgenommen haben.«

»An welchem Tage?«

Gestern.

»Ho! ho! es findet offenbar ein Zusammenhang zwischen meiner Verhaftung und dem Diebstahl statt. Dieselbe Person, die mich festnehmen ließ, hat zu gleicher Zeit auch das Kistchen stehlen lassen. Erfahre ich den Urheber der Verhaftung, so kenne ich auch den Urheber des Diebstahls. Wo sind die Archive?« fragte der Doktor den Gefangenenwärter.

»Im Hofe des Gouvernements, mein Herr,« antwortete dieser.

»Zu den Archiven also, Freunde, zu den Archiven!« rief der Doktor.

»Mein Herr,« sagte der Gefangenenwärter, der ihn einen Augenblick zurückhielt, »lassen Sie mich Ihnen folgen, oder empfehlen Sie mich diesen wackern Leuten, damit mir kein Unglück widerfährt.«

»Es sei,« sprach Gilbert.

Dann wandte er sich an die Menge, die ihn mit einer Mischung von Neugierde und Ehrfurcht umgab, und sagte:

»Freunde, ich empfehle euch diesen braven Mann; er trieb sein Handwerk, indem er die Thüren öffnete und schloß; doch er war mild gegen die Gefangenen, und es werde ihm kein Leid angethan.«

»Nein! nein!« rief man von allen Seiten; »nein, er fürchte sich nicht, er braucht nicht bange zu haben, er komme.«

»Ich danke, mein Herr,« sagte der Gefangenenwärter; »doch wenn Sie in die Archive wollen, beeilen Sie sich; ich glaube, man verbrennt die Papiere.«

»Oh! dann ist kein Augenblick zu verlieren!« rief Gilbert; in die Archive!

Und er eilte nach dem Hofe des Gouvernements; die Menge, an deren Spitze beständig Billot und Pitou marschierten, folgte ihm auf den Fersen.

Fünftes bis achtes Bändchen

XIX.
Das Dreieck

Vor der Thüre des Saales der Archive brannte ein ungeheures Feuer von Papieren.

Man hatte sich der Archive der Bastille bemächtigt. Es war ein weiter, mit Registern und Plänen gefüllter Saal; die Akten von allen seit hundert Jahren in der Bastille eingeschlossenen Gefangenen lagen hier aufgehäuft. Das Volk zerriß diese Papiere voll Wut; ohne Zweifel dünkte es ihm, wenn es alle die Gefängnisregister zerreiße, gebe es auf eine gesetzliche Weise den Gefangenen die Freiheit.

Gilbert trat ein; unterstützt von Pitou, durchsuchte er die Register, die noch aufrecht in den Fächern standen; die Register des laufenden Jahres fanden sich nicht.

Der Doktor, sonst ein ruhiger, kalter Mann, stampfte vor Ungeduld mit dem Fuße. In diesem Augenblicke gewahrte Pitou einen von den heldenmütigen Straßenjungen, deren es immer noch bei den Volkssiegen giebt; er lief nach dem Feuer und trug auf seinem Kopf einen Band, der seiner ganzen Form nach demjenigen ähnlich war, welchen der Doktor Gilbert durchblätterte.

Pitou eilte ihm nach und hatte ihn mit seinen langen Beinen bald eingeholt. Es war das Register vom Jahre 1789.

Die Unterhandlung dauerte nicht lange. Pitou gab sich als Sieger zu erkennen, erklärte, ein Gefangener bedürfe des Registers, und der Straßenjunge trat es ihm ab und tröstete sich mit den Worten: Bah! ich werde ein andres verbrennen.

Pitou öffnete das Register, suchte, blätterte, las, und fand, bei der letzten Seite angelangt, die Worte: Heute, am 9. Juni 1789, ist Herr Gilbert, Philosoph und sehr gefährlicher Publizist, eingetreten; in den engsten Gewahrsam zu bringen.

Er brachte das Register dem Doktor.

»Herr Gilbert, ist das nicht das, was Sie suchen?«

»Oh!« rief der Doktor, das Register ergreifend, »ja, das ist es. Wir wollen sehen, von wem der Befehl kommt.«

Und er suchte am Rande.

»Necker!« rief er, »der Befehl, mich zu verhaften, von Necker, meinem Freunde, unterzeichnet. Oh! hier waltet sicherlich ein Irrtum ob.«

»Necker ist Ihr Freund?« rief die Menge voll Achtung, denn man erinnert sich, welchen Einfluß dieser Name auf das Volk übte.

»Ja, ja, mein Freund, ich behaupte es,« sagte der Doktor, »und Necker, davon bin ich fest überzeugt, wußte nicht, daß ich im Gefängnis war. Doch ich will ihn aufsuchen und  . . .«

»Wo aufsuchen?« fragte Billot.

»In Versailles.«

»Herr Necker ist nicht in Versailles; Herr Necker ist in der Verbannung, in Brüssel.«

»Aber seine Tochter?«

»Die Tochter wohnt auf dem Gute Saint-Quen,« sprach eine Stimme aus der Menge.

»Ich danke,« sagte Gilbert, ohne nur zu wissen, an wen er seinen Dank richtete.

Dann wandte er sich gegen die Verbrenner und sprach:

»Freunde, im Namen der Geschichte, die in diesen Archiven die Verurteilung der Tyrannen finden wird, flehe ich euch an, haltet ein mit der Verwüstung! Zerstört die Bastille Stein um Stein, daß keine Spur davon übrig bleibt, aber verschont die Papiere, verschont die Register, das Licht der Zukunft liegt darin.«

Kaum hatte die Menge diese Worte gehört, als sie dieselben mit ihrem erhabenen Verstande erwog.

»Der Doktor hat recht,« riefen hundert Stimmen, »keine Verwüstung! Nach dem Stadthause alle Papiere!«

Ein Pompier, der mit fünf bis sechs von seinen Kameraden, eine Feuerspritze schleppend, in den Hof gekommen war, richtete die Röhre seines Werkzeugs nach dem Herd und löschte ihn aus.

»Und auf wessen Verlangen sind Sie verhaftet worden?« fragte Billot.

»Ah! das ist es gerade, was ich suche und nicht herausbringen kann, der Name ist nicht beigeschrieben,« antwortete der Doktor.

Und nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte, fügte er hinzu:

»Doch ich werde es erfahren.«

Und er riß das Blatt, das ihn betraf, heraus, legte es zusammen und steckte es in seine Tasche. Dann sprach er zu Billot und Pitou:

»Freunde, laßt uns gehen, wir haben nichts mehr hier zu thun.«

»Gehen wir,« erwiderte Billot; »nur ist das leichter gesagt, als ausgeführt.«

Durch die Neugierde gedrängt, strömte gegen das Innere der Höfe eine solche Menge durch den Eingang der Bastille, daß sie deren Thore versperrte. Am Eingang der Bastille waren die andern Gefangenen.

Acht Gefangene, Gilbert mitgezählt, hatte man befreit.

Sie hießen: Jean Bechade, Bernard Laroche, Jean Lacaurege, Antoine Pujade, von White, der Graf von Solage und Tavernier.

Die vier ersten flößten nur ein geringes Interesse ein. Sie waren beschuldigt, einen Wechsel gefälscht zu haben, ohne daß sich je ein Beweis gegen sie erhoben hatte, was auf den Glauben führen sollte, die Anklage sei falsch gewesen. Sie befanden sich erst seit zwei Jahren in der Bastille.

Die anderen waren der Graf von Solage, von White und Tavernier.

Der Graf von Solage war ein Mann von ungefähr dreißig Jahren, voll freudigen Ergusses; er umarmte seine Befreier, pries ihren Sieg und erzählte ihnen seine Gefangenschaft. Im Jahr 1782 verhaftet und in Vincennes infolge eines von seinem Vater erlangten Geheimbriefes eingesperrt, war er von Vincennes nach der Bastille gebracht worden, wo er fünf Jahre geblieben, ohne daß er einen Richter gesehen, ohne daß man ihn ein einziges Mal verhört hatte. Seit zwei Jahren war sein Vater tot, und niemand hatte an ihn gedacht; wäre die Bastille nicht genommen worden, so hätte sich wahrscheinlich keine Seele mehr seiner erinnert.

Von White war ein Greis von sechzig Jahren; er sprach mit einem fremden Accent unzusammenhängende Worte. Auf die vielen sich kreuzenden Fragen antwortete er, er wisse nicht, seit wie langer Zeit er verhaftet sei und aus welchem Grunde man ihn verhaftet habe. Er erinnerte sich nur, daß Herr von Sartines ein Vetter von ihm war, mehr nicht. Ein Schließer, Namens Guyon, hatte in der That einmal gesehen, wie Herr von Sartines in den Kerker von White eingetreten war und ihn eine Vollmacht hatte unterzeichnen lassen. Doch der Gefangene hatte diese Umstände völlig vergessen.

Tavernier war der Älteste von allen. Er zählte zehn Jahre Gefangenschaft auf den Sainte-Marguerite-Inseln und dreißig in der Bastille; er war ein Greis von neunzig Jahren, mit weißen Haaren und weißem Bart; seine Augen hatten sich in der Dunkelheit abgestumpft, und er sah nur noch wie durch eine Wolke. Als man in sein Gefängnis eintrat, begriff er nicht, was man hier wollte; und als man ihm von Freiheit sprach, schüttelte er den Kopf; erst dann, als man ihm bemerkte, die Bastille sei genommen, rief er aus:

»Ho! ho! was werden König Ludwig XV., Frau von Pompadour und der Herzog von La Vailliere dazu sagen?«

Tavernier war durch die lange Gefangenschaft noch nicht zum Narren geworden; er war nur, wie White, Idiot.

Die Freude dieser Menschen war gräßlich anzuschauen, sie schrie nach Rache, sie war eine Freude mit Angst und Schrecken gepaart. Zwei oder drei schienen nahe daran, unter diesem, aus einem hunderttausendfachen Geschrei bestehenden Tumult zu verscheiden. Sie, die seit ihrem Eintritt in die Bastille nie mehr die Stimmen von zwei zugleich sprechenden Menschen gehört hatten; sie, die nur noch an das langsame geheimnisvolle Geräusch des Holzes, das in der Feuchtigkeit knarrt, der Spinne, die heimlich ihr Gewebe mit einem Picken, ähnlich dem einer unsichtbaren Pendeluhr, verfertigt; oder an das Geräusch der Ratte gewöhnt waren, die kratzt und weiter läuft.

In dem Augenblick, wo Gilbert erschien, machten die Enthusiasten den Vorschlag, die Gefangenen im Triumphe umherzutragen, welcher Vorschlag einstimmig angenommen wurde.

Gilbert hätte sehr gewünscht, dieser Huldigung zu entgehen, aber es war nicht möglich; er, Billot und Pitou waren bereits erkannt.

Das Geschrei: »Nach dem Stadthaus! nach dem Stadthaus!« erscholl abermals, und Gilbert sah sich auf die Schultern von zwanzig Personen zugleich emporgehoben.

Vergebens wollte der Doktor widerstehen, vergebens teilten Billot und Pitou ihre kräftigsten Faustschläge an ihre Waffenbrüder aus: die Freude und die Begeisterung hatten die Haut des Volkes abgehärtet. Faustschläge, Schläge mit Pikenschäften, mit Flintenkolben kamen den Siegern wie Liebkosungen vor und verdoppelten nur ihre Berauschung.

Gilbert war also genötigt, sich auf den Schild erheben zu lassen.

Der Schild war ein Tisch, in dessen Mitte man eine Lanze aufgepflanzt hatte, die dem Triumphator als Stützpunkt dienen sollte.

So beherrschte der Doktor Gilbert diesen Ocean von Köpfen, der von der Bastille nach der Arcade Saint-Jean seine Wogen schlug, ein Meer voller Stürme, dessen Wellen mitten unter Piken, Bajonetten und Waffen von allen Arten, von allen Formen und Epochen die Gefangenen im Triumph davontrugen.

Doch zu gleicher Zeit wälzte der erschreckliche, unwiderstehliche Ozean eine andere Gruppe fort, die so fest zusammengedrängt war, daß sie eine Insel zu sein schien. Diese Gruppe führte de Launay als Gefangenen weg. In ihrem Umkreis machten sich nicht minder geräuschvolle, nicht minder enthusiastische Schreie hörbar, doch es waren keine Siegesrufe, sondern Todesdrohungen.

Von dem erhabenen Punkte aus, wo er sich befand, verlor Gilbert nicht den kleinsten Umstand von dem furchtbaren Schauspiel.

Unter all den Gefangenen, denen man die Freiheit wiedergegeben, war nur Gilbert im vollen Besitz seiner Fähigkeiten. Die fünf Tage Gefangenschaft bildeten nur einen dunkeln Punkt in seinem Leben. Sein Auge hatte nicht Zeit gehabt, in der Finsternis der Bastille zu erlöschen oder schwach zu werden.

Doch bei den großen Volksmeuten, wie Frankreich so viele seit der Jacquerie bis auf unsere Tage gesehen hat, suchen die Waffen, welche die Furcht fern vom Kampfe gehalten, die der Lärmen gereizt hat, zugleich wild feig, nach dem Siege irgend einen Antheil an dem Kampfe z nehmen, dem sie nicht ins Gesicht Trotz zu bieten gewagt haben.

Sie nehmen ihren Antheil an der Rache.

Seit seinem Abgang aus der Bastille war der Marsch des Gouverneurs der Anfang seiner Hinrichtung.

Elie, der das Leben von Herrn de Launay unter seine Verantwortlichkeit genommen hatte, ging an der Spitze, beschützt durch seine Uniform und die Bewunderung des Volks, das ihn zuerst hatte ins Feuer gehen sehen. Er hielt in der Hand, an der Spitze seines Degens, das Billet, das Herr de Launay durch eine der Schießscharten der Bastille dem Volke hatte zukommen lassen.

Nach ihm kam der Aufseher der königlichen Steuern, die Schlüssel der Festung in der Hand haltend; dann Maillard mit der Fahne; dann ein junger Mann, der das Reglement der Bastille, von seinem Bajonett durchlöchert, zeigte, ein verhaßtes Reskript, kraft dessen so viele Thränen geflossen waren.

Endlich kam der Gouverneur, beschützt durch Hullin und zwei bis drei andere, die aber unter der Masse von drohenden Fäusten, unter den geschwungenen Säbeln und den bebenden Lanzen verschwanden.

Neben dieser Gruppe schleppte man den Major von Losme. Der Major von Losme war ein guter, braver, vortrefflicher Mann. Viele Unglückliche hatten ihm, seitdem er in der Bastille war, eine Linderung zu verdanken gehabt. Doch das Volk wußte das nicht, das Volk hatte ihn mit den Waffen in der Hand gefangen genommen. Das Volk hielt ihn nach seiner glänzenden Uniform für den Gouverneur, während der Gouverneur in seinem grauen Rock, ohne irgend eine Stickerei, ohne das Ordensband des heiligen Ludwig, das er mit eigener Hand abgerissen, sich in einen gewissen beschützenden Zweifel flüchtete.

So war das Schauspiel, das der sichere Blick von Gilbert beherrschte, dieser immer beobachtende und ruhige Blick des Mannes, der sich selbst unter Gefahren, die ihn persönlich bedrohten, seine mutvolle Fassung bewahrte.

Als Hullin aus der Bastille trat, rief er seine sichersten und ergebensten Freunde, die mutigsten, an diesem Tag volkstümlichen Soldaten zu sich; vier bis fünf antworteten auf seinen Ruf und suchten seine edelmütige Absicht durch Beschirmung des Gouverneurs zu unterstützen. Es waren drei Männer, deren Andenken die unparteiische Geschichte geheiligt hat; sie hießen: Arnet, Chollat und Lepine.

Diese Männer suchten also das Leben eines Mannes zu verteidigen, dessen Tod hunderttausend Stimmen forderten.

Um sie gruppierten sich einige Grenadiere von den französischen Garden, deren Uniform, seit drei Tagen populärer geworden, ein Gegenstand der Verehrung für das Volk war.

Herr de Launay, entging den Streichen, solange die Arme seiner edelmütigen Verteidiger die Streiche parieren konnten; aber den Schmähreden und Drohungen vermochte er nicht zu entgehen.

An der Ecke der Rue de Jouy war von den fünf Grenadieren der französischen Garden, die sich dem Zuge beim Abgange aus der Bastille angeschlossen hatten, nicht einer mehr übrig. Sie waren unterwegs einer nach dem andern durch die Begeisterung der Menge und vielleicht auch durch die Berechnung der Mörder entführt worden, und Gilbert hatte sie, einen nach dem andern, verschwinden sehen, wie die Kügelchen eines Rosenkranzes, den man abkörnt.

Von da an sah er voraus, der Sieg würde sich trüben durch Blut. Er wollte sich deswegen von dem Tische losreißen, der ihm als Schild diente, doch es hielten ihn eiserne Arme darauf fest. In seiner Ohnmacht forderte er Billot und Pitou zur Verteidigung des Gouverneurs auf; beide gehorchten seinem Befehle und strengten alle ihre Kräfte an, um diese Menschenwogen zu durchschneiden und bis zu ihm zu gelangen.

Die Gruppe der Verteidiger bedurfte in der That der Unterstützung. Chollat, der seit dem vorhergehenden Tage nichts gegessen, war aus Erschöpfung ohnmächtig geworden; nur mit großer Mühe hatte man ihn aufgehoben und es verhindert, daß die Menge nicht mit Füßen auf ihn trat. Durch diesen Vorfall entstand eine Bresche an der Mauer, ein Durchbruch am Damm.

Rasch stürzte ein Mann durch diese Bresche, schwang seine Flinte verkehrt und führte mit dem Kolben einen furchtbaren Schlag nach dem Kopfe des Gouverneurs.

Lepine sah die Keule sich senken, er hatte Zeit, sich mit ausgestreckten Armen zwischen dem Gouverneur und sie zu werfen, und erhielt auf seine eigene Stirne den Schlag, der für den Gouverneur bestimmt war.

Durch den Streich betäubt, durch das Blut geblendet, fuhr er schwankend mit den Händen nach seinem Gesicht, und als er sehen konnte, war er schon zwanzig Schritte vom Gouverneur entfernt.

In diesem Augenblick kam Billot, Pitou im Schlepptau nachziehend, in die Nähe des Gouverneurs.

Billot glaubte bemerkt zu haben, das verräterische Zeichen, an dem man de Launay hauptsächlich erkannte, sei, daß der Gouverneur allein barhäuptig war.

Billot nahm daher seinen Hut, streckte den Arm aus und setzte ihn dem Gouverneur auf den Kopf.

De Launay wandte sich um und erkannte Billot. »Ich danke, sagte er, doch was Sie auch machen mögen, Sie werden mich nicht retten«

Lassen Sie uns nur das Stadthaus erreichen, und ich stehe für alles« versetzte Hullin.

»Ja, erwiderte de Launay, doch werden wir es erreichen«

»Mit Gottes Hilfe werden wir es wenigstens versuchen« erwiderte Hullin.

Man konnte es in der That hoffen, denn man fing an auf den Platz vor dem Stadthause auszumünden; doch dieser Platz war überströmt von Menschen mit nackten Armen, die Säbel und Piken schwangen. Das in den Straßen umherlaufende Gerücht hatte ihnen verkündigt, man bringe den Gouverneur und den Major der Bastille, und sie warteten wie eine Meute, die man lange, die Nase im Winde, die Zähne fletschend, zurückgehalten hat.

Sobald sie den Zug erscheinen sahen, stürzten sie auf ihn los.

Hullin bemerkte, daß hier die äußerste Gefahr war, der letzte Kampf stattfinden sollte. Konnte er es dahin bringen, daß de Launay die Stufen der Freitreppe hinaufzusteigen vermochte, konnte er ihn bis zu den inneren Stiegen fortreißen, so war der Gouverneur gerettet.

»Herbei, Elie; herbei, Maillard; herbei, Ihr Männer von Herz,« rief er, es handelt sich um die Ehre von uns allen.

Elie und Maillard hörten den Ruf; sie machten einen Seitensprung mitten unter das Volk, doch das Volk unterstützte sie nur zu gut: es öffnete sich vor ihnen und schloß sich hinter ihnen.

Elie und Maillard fanden sich von der Hauptgruppe getrennt, die sie nicht mehr erreichen konnten.

Die Menge sah, was sie gewonnen hatte, und machte eine wütende Anstrengung. Wie eine Riesenschlange rollte sie ihre Ringe um die Gruppe. Billot wurde aufgehoben, fortgeschleppt; Pitou, der sich in allem Billot anschloß, überließ sich demselben Wirbel; Hullin stolperte auf den ersten Stufen des Stadthauses und fiel. Einmal erhob er sich wieder, doch nur, um beinahe in demselben Augenblick abermals zu fallen, und diesmal folgte ihm de Launay in seinem Sturze.

Der Gouverneur blieb, wie er war; bis zum letzten Augenblicke gab er keine Klage von sich, bat er nicht um Gnade; er schrie nur mit scharfer Stimme:

»Ihr Tiger, die ihr seid, laßt mich wenigstens nicht verschmachten.«

Nie wurde ein Befehl mit größerer Pünktlichkeit vollzogen, als diese Bitte; im einem Nu neigten sich um den gefallenen de Launay die Köpfe drohend, erhoben sich die Arme bewaffnet. Man sah einen Augenblick nur noch krampfhaft zusammengezogene Hände, niedertauchende Eisen; dann kam ein Kopf, vom Rumpfe gelöst, zum Vorschein und wurde am Ende einer Pike von Blut triefend emporgehoben; er bewahrte noch sein bleiches, verächtliches Lächeln.

Das war der erste.

Gilbert hatte auch diese ganze Szene mit angesehen, und auch diesmal hatte er herabspringen wollen, um dem Unglücklichen beizustehen; doch er war von zweihundert Armen zurückgehalten worden.

Er wandte sich ab und seufzte.

Der Kopf mit den offenen Augen erhob sich gerade, als wollte er ihn mit einem letzten Blick begrüßen, dem Fenster gegenüber, wo Flesselles stand, umgeben und beschützt von den Wählern.

Es wäre schwierig gewesen, zu sagen, wer bleicher ausgesehen, der Lebendige oder der Tote.

Plötzlich erhob sich ein ungeheurer Tumult bei der Stelle, wo der Leichnam von de Launay lag. Man hatte ihn durchsucht und in seiner Westentasche das vom Stadtvogt an ihn gerichtete Billet, das er Losme gezeigt, vorgefunden.

Dieses Billet war, wie man sich erinnert, in folgenden Wortlauten abgefaßt:

»Halten Sie fest! ich belustige die Pariser mit Kokarden und Versprechungen. Am Ende des Tages wird Ihnen Herr von Bezenval Verstärkung schicken.

»Von Flesselles.«

Ein gräßlicher Fluch stieg von dem Pflaster der Straße zum Fenster des Stadthauses auf, wo sich Flesselles befand.

Ohne die Ursache davon zu erraten, begriff er doch die Drohung und warf sich rückwärts.

Doch er war bereits gesehen worden, man wußte, daß er anwesend sei; man stürzte nach den Treppen, und zwar diesmal mit einer so allgemeinen Bewegung, daß die Männer, die Gilbert trugen, diesen verließen, um der unter dem Sturmwind des Zornes steigenden Flut zu folgen.

Gilbert wollte auch in das Stadthaus hinein, doch nicht um zu drohen, sondern um Flesselles zu beschützen. Er hatte schon die ersten drei bis vier Stufen der Freitreppe überschritten, als er sich heftig nach rückwärts gezogen fühlte; er wandte sich um, in der Absicht, sich von diesem neuen Zwang loszumachen; aber diesmal erkannte er Billot und Pitou.

O! rief Gilbert, der von dem hohen Punkte aus, auf dem er stand, den ganzen Platz überschaute, was geht denn dort vor?

Und er bezeichnete mit der Hand die Rue de la Tixeranderie.

»Kommen Sie, Doktor, kommen Sie,« sagten gleichzeitig Billot und Pitou.

»Oh! die Mörder!« rief der Doktor, »die Mörder!  . . .«

In diesem Augenblick fiel der Major von Losme von einem Axthieb getroffen; das Volk vermengte in seinem Zorn den selbstsüchtigen, barbarischen Gouverneur, der der Verfolger der unglücklichen Gefangenen gewesen war, und den edelmütigen Mann, der sie beständig unterstützt hatte.

»Oh! ja, ja,« sagte Gilbert, »gehen wir, denn ich fange an mich zu schämen, daß ich von solchen Menschen befreit worden bin.«

»Doktor,« sprach Billot, »seien Sie unbesorgt, nicht diejenigen, welche dort gekämpft haben, schlachten hier.«

Doch in demselben Augenblick, wo der Doktor die Stufen hinabstieg, die er eben hinaufgestiegen war, um Flesselles zu Hilfe zu eilen, wurde die Woge, die sie bis zum Stocken unter dem Gewölbe zusammengedrängt hatte, von diesem wieder ausgespieen. Unter dem großen Menschenstrom sträubte sich ein Mann, den man fortriß.

»Nach dem Palais Royal! nach dem Palais Royal!« schrie die Menge.

»Ja, meine Freunde, ja, meine guten Freunde, nach dem Palais Royal!« wiederholte dieser Mann.

Und er rollte gegen den Fluß, als ob die menschliche Überschwemmung ihn nicht nach dem Palais Royal führen, sondern in die Seine hätte fortziehen wollen.

»Oh!« rief Gilbert, »hier ist abermals einer, den sie erwürgen wollen! Versuchen wir es, wenigstens ihn zu retten.«

Doch kaum waren diese Worte gesprochen, als man einen Pistolenschuß vernahm, und Flesselles im Rauche verschwand.

Gilbert bedeckte in einer Bewegung erhabenen Zornes seine Augen mit seinen beiden Händen; er verfluchte dieses Volk, das während es so groß war, nicht die Stärke, rein zu bleiben, besaß und seinen Sieg durch einen dreifachen Mord befleckte.

Dann, als er seine Hände wieder von seinen Augen entfernte, sah er drei Köpfe an der Spitze von drei Piken.

Der erste war der Kopf von Flesselles, der zweite der von Losme, der dritte der von de Launay.

Der eine erhob sich auf den Stufen des Stadthauses, der andere in der Mitte der Rue de la Tixanderie, der dritte auf dem Quai Pelletier.

Durch ihre Stellung bildeten sie ein Dreieck.

»Oh! Balsamo! Balsamo!« murmelte der Doktor mit einem Seufzer, »symbolisiert man mit einem solchen Dreieck die Freiheit?«

Und Billot und Pitou nach sich ziehend, entfloh er durch die Rue de la Vannerie.

XX.
Sebastian Gilbert

An der Ecke der Rue Blanche-Mibray traf der Doktor einen Fiaker; er winkte ihm, zu halten, und stieg ein.

Billot und Pitou nahmen bei ihm Platz.

Nach dem College Louis-le-Grand, sagte Gilbert. Und er warf sich in den Hintergrund des Wagens und versank in eine tiefe Träumerei, in der ihn Billot und Pitou nicht störten.

Man fuhr über den Pont-au-Change, schlug den Weg durch die Rue de la Cite und die Rue Saint-Jacques ein und gelangte zum College Louis-le-Grand.

Ganz Paris schüttelte ein Schauer. Die Kunde hatte sich nach allen Seiten verbreitet, die Gerüchte von den Ermordungen auf der Grève vermischten sich mit den glorreichen Erzählungen von der Einnahme der Bastille; man sah die verschiedenen Eindrücke, welche die Geister ergriffen, sich wiederspiegeln auf den Gesichtern  . . . Blitze der Seele, die sich nach außen verrieten.

Gilbert hatte den Kopf nicht an den Wagenschlag gehalten, kein Wort hatte er gesprochen. An den Huldigungen des Volks findet sich immer auch eine lächerliche Seite, und Gilbert sah seinen Triumph von dieser Seite an. Dann kam es ihm dennoch vor – wie sehr er sich auch angestrengt hatte, das Blutvergießen zu verhindern – als ob einige Tropfen von dem vergossenen Blut auf ihn zurückspritzten.

Der Doktor stieg vor der Thüre des College aus, und hieß Billot ihm folgen. Pitou blieb bescheiden im Fiaker.

Sebastian war noch im Krankenzimmer; bei der Meldung der Ankunft des Doktors Gilbert führte ihn der Vorsteher persönlich ein.

Billot, der, so wenig er auch Beobachter war, den Charakter des Vaters und des Sohnes kannte, betrachtete aufmerksam die Szene, die unter seinen Augen vorging.

So sehr der Knabe in der Verzweiflung sich schwach und reizbar gezeigt hatte, ebenso ruhig und zurückhaltend zeigte er sich in der Freude. Als er seinen Vater sah, erbleichte er, und es versagte ihm die Sprache. Ein leiser Schauer lief über seine Lippen.

Dann warf er sich Gilbert mit einem einzigen Freudenschrei um den Hals und hielt ihn schweigend in seinen Armen.

Der Doktor erwiderte mit demselben Schweigen dieses stille Umfangen. Nur schaute er seinen Sohn, nachdem er ihn umarmt hatte, lange an mit einem mehr traurigen als freudigen Lächeln.

Ein geschickterer Beobachter als Billot würde sich gesagt haben, es walte ein Unglück oder ein Verbrechen zwischen diesem Knaben und diesem Manne ob.

Der Knabe war weniger zurückhaltend gegen Billot. Sobald er etwas andres sehen konnte, als seinen Vater, der seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hatte, lief er auf den guten Pächter zu, umschlang dessen Hals mit seinen Armen und sagte:

»Sie sind ein braver Mann, Herr Billot, Sie haben mir Wort gehalten, und ich danke Ihnen.«

»Ho! Ho! Herr Sebastian,« rief Billot, »das ist nicht ohne Mühe abgegangen; Ihr Vater war hübsch eingesperrt, und man mußte nicht wenig Schaden anrichten, ehe man ihn herausbringen konnte.«

»Sebastian,« fragte der Doktor mit einer gewissen Besorgnis, bist du gesund?

»Ja, mein Vater,« antwortete der junge Mann, »obgleich Sie mich im Krankenzimmer finden.«

Gilbert lächelte und sagte: »Ich weiß, warum du hier bist.«

Der Knabe lächelte ebenfalls.

»Fehlt es dir hier an nichts?« fuhr der Doktor fort.

»An nichts, durch Ihre Fürsorge.«

»Mein lieber Freund, ich will dir also immer dieselbe, dieselbe und einzige Ermahnung geben: arbeite!«

»Ja, mein Vater.«

»Ich weiß, daß dieses Wort für dich kein leerer Schall ist; wenn ich das glaubte, so würde ich es dir nicht mehr sagen.«

»Mein Vater, es ist nicht an mir, Ihnen hierauf zu antworten,« erwiderte Sebastian. »Es ist an Herrn Berardier, unserem vortrefflichen Vorsteher.«

Der Doktor wandte sich gegen Herrn Berardier um, und dieser bedeutete ihm, er habe ein paar Worte mit ihm zu sprechen.

»Warte Sebastian,« sagte der Doktor.

Und er ging auf den Vorsteher zu.

»Mein Herr,« fragte Sebastian teilnehmend den Pächter, »sollte Pitou ein Unglück widerfahren sein? Der arme Junge ist nicht bei Ihnen.«

»Er ist vor der Thüre in einem Fiaker.«

»Mein Vater,« sagte Sebastian, »wollen Sie erlauben, daß Herr Billot Pitou hieher bringt? es würde mich sehr freuen, ihn zu sehen.«

Gilbert nickte mit dem Kopfe; Billot ging hinaus.

»Was haben Sie mir zu sagen?« fragte Gilbert den Abbé Berardier.

»Ich wollte Ihnen sagen, mein Herr, daß es nicht die Arbeit ist, was Sie diesem Knaben empfehlen müßten, sondern vielmehr die Zerstreuung.«

»Wieso, Herr Abbé?«

»Ja, er ist ein vortrefflicher junger Mensch, denn jeder hier liebt ihn wie einen Sohn oder einen Bruder, doch wenn man nicht darauf acht giebt, so wird ihn etwas töten.«

»Was denn?« rief Gilbert.

»Die Arbeit, zu der Sie ihn ermahnen. Würden Sie ihn an seinem Pulte sehen, die Arme gekreuzt, die Nase im Wörterbuch, das Auge starr  . . .«

»Arbeitend oder träumend?« fragte Gilbert.

»Arbeitend: den guten Ausdruck, die antike Wendung, die griechische oder lateinische Form ganze Stunden lang suchend; und sehen Sie, gerade in diesem Augenblick  . . .«

Der junge Mensch, obgleich sein Vater sich kaum seit fünf Minuten von ihm entfernt, obgleich Billot kaum die Thüre hinter sich zugemacht hatte, war er in eine Art von Träumerei versunken, die der Ekstase glich.

»Ist er oft so?« fragte Gilbert mit Besorgnis.

»Mein Herr, ich könnte beinahe sagen, das sei sein gewöhnlicher Zustand. Sehen Sie, wie er sucht.«

»Sie haben recht, Herr Abbé, und wenn Sie ihn so suchen sehen, müßten Sie ihn zerstreuen.«

»Das wäre schade, denn es gehen aus seiner Arbeit Kompositionen hervor, die unsrer Anstalt die größte Ehre machen werden. Ich prophezeie, daß dieser Knabe in drei Jahren alle Preise beim Konkurs davon trägt.«

»Geben Sie wohl acht, sagte der Doktor, diese Art von Vertiefung des Geistes, in die Sie Sebastian versunken sehen, ist eher ein Beweis von Schwäche, als von Stärke, ein Symptom von Krankheit, als von Gesundheit. Sie hatten recht, Herr Abbé, man darf dem Knaben die Arbeit nicht zu sehr empfehlen, oder man muß wenigstens die Arbeit von der Träumerei zu unterscheiden wissen.«

»Mein Herr, ich versichere Ihnen, daß er arbeitet, und zum Beweise dient, daß seine Aufgabe immer früher als die der andern gemacht ist. Sehen Sie seine Lippen sich bewegen? Er wiederholt seine Lektionen.«

»Wohl denn! wenn er seine Lektionen so wiederholt, Herr Berardier, zerstreuen Sie ihn; er wird darum sie nicht schlechter wissen und sich dabei besser befinden.«

»Ah!« sprach der gute Abbé, »Sie müssen sich darauf verstehen, Sie, den die Herren von Condorcet und Cabanis für einen der gelehrtesten Männer erklärt haben, die wir gegenwärtig besitzen.«

»Nur,« sagte der Doktor, »nur gehen Sie mit Vorsicht zu Werke, so oft Sie genötigt sind, ihn solchen Träumereien zu entziehen, um ihn stufenweise zu dieser Welt, die er verlassen hat, zurückzuführen.«

Der Abbé schaute den Doktor ganz erstaunt an. Es fehlte wenig, daß er ihn für einen Narren gehalten hätte.

»Herr Abbé,« sprach der Doktor, »Sie sollen sogleich den Beweis von dem, was ich Ihnen sage, gewahr werden.«

Billot und Pitou kehrten in diesem Augenblick zurück. Mit drei Sprüngen war Pitou bei Sebastian.

»Du hast nach mir verlangt, Sebastian?« sagte Pitou, während er den Knaben beim Arm faßte. »Du bist sehr artig, ich danke dir.«

Und er näherte seinen großen Kopf der blassen Stirne des Knaben.

»Schauen Sie,« sprach Gilbert, den Arm des Abbés ergreifend.

Plötzlich durch die herzliche Berührung von Pitou aus seiner Träumerei aufgeweckt, wankte Sebastian in der That, sein Angesicht wurde noch blässer, sein Kopf neigte sich, als ob sein Hals nicht mehr die Kraft gehabt hätte, ihn zu tragen. Ein schmerzlicher Seufzer drang aus seiner Brust hervor, dann färbte eine lebhafte Röte seine Wangen.

Er schüttelte den Kopf und lächelte.

»Ah! Du bist es, Pitou,« sagte er. »Ja, es ist wahr, ich habe nach dir verlangt.«

Und er schaute ihn an und rief:

»Du hast dich also geschlagen?«

»Ja, und als ein braver Junge,« sprach Billot.

»Warum haben Sie mich nicht mitgenommen?« versetzte der Knabe mit einem Ton des Vorwurfs; »ich hätte mich auch geschlagen, und würde wenigstens etwas für meinen Vater gethan haben.«

»Sebastian,« sprach Gilbert, indem er sich seinem Sohne näherte und seinen Kopf an sein Herz drückte, »du kannst noch bei weitem mehr für deinen Vater thun als dich für ihn schlagen; du kannst seine Ratschläge anhören, sie befolgen, und ein ausgezeichneter, berühmter Mann werden.«

»Nicht wahr, wie Sie?« sagte der Knabe mit Stolz. »Oh! das ist es auch, wonach ich trachte.«

»Sebastian,« sprach der Doktor, »willst du, nachdem du Billot und Pitou umarmt und diesen unsern guten Freunden gedankt hast, mit mir im Garten einen Augenblick plaudern?«

»Das wird mich glücklich machen, mein Vater. Zwei- oder dreimal in meinem Leben konnte ich ganz allein mit Ihnen sein, und diese Augenblicke sind noch immer mit all ihren einzelnen Umständen meinem Gedächtnis gegenwärtig.«

»Herr Abbé, Sie erlauben?« fragte Gilbert.

»Gewiß.«

»Billot, Pitou, es ist vielleicht für euch Bedürfnis, etwas zu euch zu nehmen.«

»Bei meiner Treue, ja,« antwortete Billot, »ich habe seit dem Morgen nichts gegessen, und Pitou ist, denke ich, so nüchtern als ich.«

»Verzeihen Sie,« entgegnete Pitou, »ich habe so etwas wie einen Laib Brot und ein paar Würste kurz vorher, ehe ich Sie aus dem Wasser gezogen, verzehrt; doch das Bad macht Hunger.«

»Nun, so kommen Sie in den Speisesaal,« sagte der Abbé Berardier, »man soll Ihnen Mittagsbrot vorsetzen.«

»Ho! ho!« rief Pitou.

»Sie fürchten die Kost der Anstalt?« versetzte der Abbé. »Beruhigen Sie sich, man wird Sie als Eingeladenen behandeln. Übrigens scheint mir, fuhr der Abbé fort, es ist bei Ihnen nicht nur der Magen im Verfall, mein lieber Herr Pitou.«

Pitou warf einen Blick voll Scham auf sich selbst.

»Und wenn man Ihnen zugleich mit dem Mittagsbrot Hosen anböte  . . .«

»Ich würde sie in der That annehmen, Herr Abbé!« antwortete Pitou.

»Kommen Sie also, die Hosen und das Mittagsbrot sind zu Ihren Diensten.«

Und er führte Billot und Pitou auf der einen Seite weg, während, ihnen mit der Hand winkend, Gilbert und Sebastian sich auf der andern entfernten.

Beide durchschritten den für die Erholungen bestimmten Hof und erreichten ein den Lehrern vorbehaltenes Gärtchen, einen frischen, schattigen Winkel, in dem der ehrwürdige Abbé Berardier seinen Tacitus und seinen Juvenal zu lesen pflegte.

Gilbert setzte sich auf eine von Rebwinden beschattete Bank, zog Sebastian zu sich, strich mit der Hand seine langen Haare, die auf seine Stirne herabfielen, auseinander und sprach:

»Nun, mein Kind, nun sind wir wieder vereinigt.«

Sebastian schlug die Augen zum Himmel auf.

»Durch ein Wunder Gottes, ja, mein Vater.«

Gilbert lächelte.

»Wenn es ein Wunder giebt,« sagte Gilbert, »so hat es das brave Volk von Paris verrichtet.«

»Mein Vater,« entgegnete der Knabe, »trennen Sie nicht Gott von dem, was vorgefallen ist, denn ich, als ich Sie sah, dankte instinktartig Gott.«

»Und Billot?«

»Billot kam nach Gott.«

Gilbert dachte nach.

»Du hast recht, mein Kind,« sprach er. »Gott ist im Grunde von allen Dingen. Doch kommen wir auf dich zurück und laß uns ein wenig miteinander reden, ehe wir uns wieder trennen.«

»Werden wir uns abermals trennen, mein Vater?«

»Nicht für lange Zeit, denke ich. Doch es ist ein Kistchen, das wertvolle Papiere enthält, zu gleicher Zeit, als man mich in die Bastille einsperrte, verschwunden. Ich muß wissen, wer mich hat einsperren lassen, wer das Kistchen gestohlen.«

»Es ist gut, mein Vater, ich werde warten. Sie wiederzusehen, bis Ihre Nachforschungen beendigt sind, sagte der Knabe.«

Und er seufzte.

»Warum bist du traurig, Sebastian?« fragte der Doktor.

»Ich weiß es nicht; mir scheint, das Leben ist nicht für mich gemacht, wie für die andern Kinder: Alle haben Zerstreuungen, Vergnügen; ich, ich habe keine.«

»Du hast keine Zerstreuungen, kein Vergnügen?«

»Mein Vater, ich will damit sagen, ich finde keine Unterhaltung bei den Spielen meines Alters.«

»Nimm dich in acht, Sebastian; ich würde es bedauern, wenn du einen solchen Charakter hättest. Sebastian, die Geister, die eine glorreiche Zukunft versprechen, sind wie die guten Früchte während ihres Wachstums: sie haben ihre Bitterkeit, ihre Säure, ihre Herbe, ehe sie den Gaumen durch ihre wohlschmeckende Reife erquicken. Glaube mir, mein Kind, es ist gut, jung gewesen zu sein.«

»Wenn ich es nicht bin, so ist es nicht meine Schuld,« antwortete der junge Mensch mit einem schwermütigen Lächeln.

Gilbert drückte fortwährend die Hände seines Sohnes in den seinigen, heftete seine Augen auf die von Sebastian und sprach:

»Dein Alter, mein Sohn, ist das der Saat; nichts darf noch von dem, was das Studium in dich gelegt hat, außen zum Vorschein kommen. Mit vierzehn Jahren, Sebastian, ist der Ernst Hochmut oder Krankheit. Ich habe dich gefragt, ob deine Gesundheit gut sei; du hast mir geantwortet: ja. Ich will dich nun fragen, ob du hochmütig seist; suche mir mit nein zu antworten.«

»Mein Vater, erwiderte der Knabe, beruhigen Sie sich; was mich traurig macht, ist weder Krankheit, noch Hochmut; nein, es ist ein Kummer.«

»Ein Kummer, armes Kind! Mein Gott! welchen Kummer kannst du in deinem Alter haben? Sprich, sprich!«

»Nein, mein Vater, nein, später. Sie sagten, Sie haben Eile, Sie können mir nur eine Viertelstunde schenken. Sprechen wir von etwas Anderm, als von meinen Tollheiten.«

»Nein, Sebastian, ich würde dich unruhig verlassen. Sage mir, woher dieser Kummer rührt.«

»Wahrhaftig, ich wage es nicht, mein Vater.«

»Was befürchtest du?«

»Ich befürchte, in Ihren Augen für einen Geisterseher zu gelten, oder mit Ihnen von Dingen zu reden, die Sie betrüben würden.«

»Du betrübst mich noch viel mehr, wenn du dein Geheimnis bewahrst, liebes Kind.«

»Sie wissen wohl, daß ich vor Ihnen kein Geheimnis habe.«

»So sprich.«

»In der That, ich wage es nicht.«

»Sebastian, du, der du ein Mann zu sein dir einbildest?«

»Gerade deshalb.«

»Auf, fasse Mut!«

»Wohlan denn, mein Vater, es ist ein Traum!«

»Ein Traum, der dich erschreckt?«

»Ja und nein; denn wenn ich in diesen Traum mich versenke, bin ich nicht erschrocken, sondern wie in eine andere Welt versetzt. Schon als ein kleines Kind hatte ich solche Visionen. Sie wissen, zwei- oder dreimal habe ich mich in den großen Wäldern verirrt, die das Dorf umgeben, wo ich aufgezogen wurde.«

»Ja, man hat es mir gesagt.«

»Wohl! ich folgte etwas wie einem Gespenst.«

»Du sagst?  . . .« fragte Gilbert, indem er seinen Sohn mit einem Erstaunen anschaute, das dem Schrecken glich.

»Hören Sie, mein Vater, was geschah: Ich spielte wie die andern Kinder im Dorfe, und solange ich im Dorfe war, solange andre Kinder mit mir oder bei mir waren, sah ich nichts; wenn ich mich aber von ihnen trennte, wenn ich die letzten Gärten überschritt, so fühlte ich in meiner Nähe etwas wie das Rauschen eines Kleides; ich streckte die Arme aus, um es zu fassen, und ich umfing nur die Luft. Doch wie sich dieses Rauschen mehr entfernte, wurde das Gespenst sichtbar. Anfangs war es ein Dunst, durchsichtig wie eine Wolke, dann verdichtete sich der Dunst und nahm eine menschliche Form an. Diese Form war die einer Frau, die mehr glitt, als ging, und um so sichtbarer wurde, je mehr sie sich in die dunkelsten Stellen des Waldes vertiefte.«

»Dann zog eine unbekannte, fremde, unwiderstehliche Gewalt mich fort auf den Spuren von den Schritten dieser Frau. Ich verfolgte sie mit ausgestreckten Armen, stumm wie sie; denn oft habe ich es versucht, sie anzurufen, und nie konnte meine Stimme einen Ton bilden. Und ich verfolgte sie so, ohne daß sie anhielt, ohne daß ich sie zu erreichen vermochte, bis mir das Wunder, das mir ihre Gegenwart verkündigt hatte, ihren Abgang bezeichnete. Diese Frau verschwand allmählich; das Leibliche wurde Dunst, der Dunst verflüchtigte sich, und alles war vorbei. Und ich fiel, erschöpft von der Anstrengung, an der Stelle nieder, wo sie verschwunden war. Hier fand mich Pitou zuweilen an demselben Tag, zuweilen erst am andern.«

Gilbert schaute den Knaben unablässig mit einer wachsenden Unruhe an. Seine Finger hatten sich auf den Puls von Sebastian gelegt.

Dieser begriff das Gefühl, das den Doktor bewegte und sprach:

»Oh! Seien Sie unbesorgt, mein Vater, ich weiß, daß nichts Wirkliches an dem allen ist; ich weiß, daß es eine Vision ist, und nicht mehr.«

»Und diese Frau,« fragte der Doktor, welches Aussehen hatte sie?

»Oh! ein majestätisches gleich einer Königin.«

»Und ihr Gesicht, hast du es bisweilen gesehen, mein Kind?«

»Ja.«

»Seit wann?« fragte der Doktor bebend.

»Erst seitdem ich hier bin,« antwortete der junge Mann.

»Aber in Paris hast du ja den Wald von Villers-Cotterets nicht, wo die Bäume ein düsteres, geheimnisvolles grünes Gewölbe bilden? In Paris hast du nicht die Stille, die Einsamkeit, dieses Element der Gespenster?«

»Doch, mein Vater, ich habe dies alles hier.«

»Wie, hier? Ist dieser Garten nicht den Lehrern vorbehalten?«

»Allerdings, mein Vater. Doch zwei- oder dreimal kam es mir vor, als sähe ich diese Frau in den Garten gleiten. Jedesmal wollte ich ihr folgen, immer hielt mich die geschlossene Thüre zurück. Als mich dann eines Tages der Abbé Berardier, der mit meiner Komposition sehr zufrieden war, fragte, was ich wünsche, bat ich ihn, zuweilen im Garten mit ihm spazieren gehen zu dürfen. Er erlaubte es mir. Ich benützte diese Erlaubnis, und hier, hier, mein Vater, ist die Vision wieder erschienen.«

Gilbert schauerte.

»Eine seltsame Sinnestäuschung,« sagte er, »jedoch möglich bei einer nervösen Natur, wie die deinige; und du hast ihr Gesicht gesehen?«

»Ja, mein Vater.«

»Du erinnerst dich desselben?«

Der Knabe lächelte.

»Hast du es je versucht, dich ihr zu nähern?«

»Ja.«

»Ihr die Hand zu reichen?«

»Dann verschwand sie.«

»Und wer ist diese Frau deiner Ansicht nach, Sebastian?«

»Mir scheint, es ist meine Mutter.«

»Deine Mutter!« rief Gilbert erbleichend.

Und er drückte seine Hand auf sein Herz, als wollte er das Blut einer schmerzlichen Wunde stillen.

»Das ist ein Traum, und ich bin beinahe so verrückt als du,« sprach er.

Der Knabe schwieg und schaute mit nachdenkendem Auge seinen Vater an.

»Nun?« fragte dieser.

»Nun! es kann möglicherweise ein Irrwahn sein. Doch die Wirklichkeit meines Traumes existiert, denn während der letzten Pfingsten führte man uns im Walde von Satory bei Versailles spazieren, und dort, wahrend ich seitwärts träumte  . . .«

»Ist dir dieselbe Vision erschienen?«

»Ja; doch diesmal in einem mit vier prächtigen Pferden bespannten Wagen  . . . doch diesmal sehr reell, sehr lebend. Ich wäre beinahe in Ohnmacht gefallen.«

»Und welcher Eindruck ist dir von dieser neuen Erscheinung geblieben?«

»Daß es nicht meine Mutter war, die ich im Traume erscheinen sah, denn diese Frau war dieselbe wie die meiner Erscheinung; aber meine Mutter ist tot.«

Gilbert stand auf und fuhr mit seiner Hand über seine Stirne. Eine seltsame Blendung hatte sich seiner bemächtigt.

Der Knabe bemerkte seine Unruhe und erschrak über seine Blässe.

»Ah!« sagte er, »sehen Sie, daß ich unrecht gehabt habe, Ihnen alle diese Thorheiten zu erzählen.«

»Nein, mein Kind, nein; im Gegenteil, sprich mir oft hiervon, sprich davon, so oft du mich siehst, und wir werden dich zu heilen suchen.«

Sebastian schüttelte den Kopf.

»Mich heilen  . . . und warum? sagte er. »Ich habe mich an diesen Traum gewöhnt; er ist ein Teil meines Lebens geworden; ich liebe die Vision, obgleich sie mich flieht, obgleich es mir manchmal vorkommt, als stieße sie mich zurück. Heilen Sie mich nicht, mein Vater. Sie können abermals mich verlassen, abermals reisen, nach Amerika zurückkehren. Habe ich diese Vision, so bin ich doch nicht so allein.«

»Wohl denn,« murmelte der Doktor.

Und er drückte Sebastian an seine Brust und sprach:

»Auf Wiedersehen, mein Kind; ich hoffe, daß wir uns nicht verlassen werden; denn wenn ich reise, nun! so werde ich es diesmal so einrichten, daß du mit mir kommst.«

»War meine Mutter schön?« fragte der Knabe.

»Oh! ja, sehr schön,« antwortete der Doktor mit erstickter Stimme.

»Und sie liebte Sie eben so sehr, als ich Sie liebe?«

Sebastian! Sebastian! sprich nimmer von deiner Mutter, rief der Doktor.

Und er drückte seine Lippen zum letztenmal auf die Stirne des Knaben und eilte dann aus dem Garten weg.

Statt ihm zu folgen, sank der Knabe düster und niedergeschlagen auf seine Bank zurück.

Im Hofe fand Gilbert Billot und Pitou wieder, die sich vollkommen gestärkt hatten und dem Abbé Berardier die einzelnen Umstände von der Einnahme der Bastille erzählten.

Nachdem er dem Vorsteher aufs neue Sorgfalt in der Behandlung von Sebastian empfohlen, stieg er mit seinen zwei Gefährten wieder in den Fiaker.

XXI.
Frau von Staël

Als Gilbert im Fiaker seinen Platz neben Billot und Pitou gegenüber wieder eingenommen hatte, war er bleich, und ein Schweißtropfen perlte an der Wurzel von jedem seiner Haare.

Doch es lag nicht im Charakter dieses Mannes, unter der Macht irgend einer Gemütsbewegung gebeugt zu bleiben. Er warf sich in die Ecke des Wagens zurück, drückte seine beiden Hände an seine Stirne, als hätte er die Gedanken darin zusammenpressen wollen, ließ, nachdem er einen Augenblick unbeweglich gewesen, die Hände wieder fallen und zeigte, statt eines verstörten Gesichtes, eine vollkommen ruhige Physiognomie.

»Sie sagten also,« sprach er dann, »Sie sagten, mein lieber Herr Billot, der König habe dem Herrn Baron von Necker seinen Abschied gegeben?«

»Ja, Herr Doktor.«

»Und die Unruhen in Paris rühren von dieser Ungnade her?«

»Viel.«

»Sie fügten bei, Herr von Necker habe sogleich Paris verlassen?«

»Er erhielt sein Entlassungsdekret, als er eben zu Mittag speiste; eine Stunde nachher war er unterwegs nach Brüssel.«

»Brüssel?

»Wo er jetzt ist.

»Wo er sein soll  . . . Hörten Sie nicht sagen, er habe unterwegs angehalten?«

»Doch, in Saint-Quen, um von seiner Tochter, Frau von Staël, Abschied zu nehmen.«

»Ist Frau von Staël mit ihm abgereist?«

»Wie ich sagen hörte, ist er mit seiner Frau allein abgereist.«

»Kutscher,« rief Gilbert, »halten Sie bei dem ersten besten Schneider an.«

»Wollen Sie die Kleider wechseln?« fragte Billot.

»Jawohl. Dieser Rock hat sich ein wenig zu stark an den Mauern der Bastille abgerieben, und in solchem Anzug macht man keinen Besuch bei der Tochter eines in Ungnade gefallenen Ministers. Suchen Sie in Ihren Taschen und sehen Sie, ob Sie nicht ein paar Louis d'or darin finden.«

»Ho! ho!« sagte der Pächter, »es scheint, Sie haben Ihre Börse in der Bastille gelassen.«

»So verlangt es die Vorschrift des Gefängnisses,« erwiderte Gilbert lächelnd; »jeder Gegenstand von Wert wird in der Kanzlei niedergelegt.«

»Und bleibt dort,« sprach der Pächter.

Und er öffnete seine große Hand, die etwa zwanzig Louis d'or enthielt, und setzte hinzu:

»Nehmen Sie, Doktor.«

Gilbert nahm zehn Louis d'or. Einige Minuten nachher hielt der Fiaker vor dem Laden eines Trödlers an. Das war damals noch der Gebrauch. Gilbert vertauschte seinen alten gegen einen neuen schwarzen Rock, wie ihn die Herren vom dritten Stand in der Nationalversammlung trugen,

Ein Friseur in seiner Bude, ein Savoyard auf seinem Stühlchen vollendeten die Toilette des Doktors.

Der Kutscher führte Gilbert über die äußeren Boulevards nach Saint-Quen, und er stieg vor dem Hause des Herrn von Necker in dem Augenblick ab, als es sieben Uhr auf der Dagoberts-Kathedrale schlug.

Um dieses Haus, wo es kurz zuvor noch von eifrigen Besuchen wimmelte, herrschte eine tiefe Stille, die nur die Ankunft des Fiakers von Gilbert unterbrach; und dennoch war es nicht jene Melancholie der verlassenen Schlösser, jene grämliche Traurigkeit der von der Ungnade getroffenen Häuser.

Die geschlossenen Gitter, die verödeten Blumenbeete verkündigten wohl den Abgang der Gebieter; doch keine Spur von Schmerz oder allzu großer Eile.

Überdies hatte ein ganzer Teil des Schlosses, der östliche Flügel, die Sommerläden offen behalten, und als Gilbert sich nach dieser Seite wandte, kam ein Lakai in der Livree des Herrn von Necker dem Besuch entgegen.

Durch das Gitter entspann sich nun folgendes Gespräch:

»Mein Freund, befindet sich Herr von Necker nicht mehr im Schlosse?«

»Nein, der Herr Baron ist mit der Frau Baronin vergangenen Sonnabend nach Brüssel abgereist.«

»Aber Frau von Staël?«

»Madame ist hier geblieben. Doch ich weiß nicht, ob Madame empfangen kann; es ist die Zeit ihrer Promenade.«

»Ich bitte, erkundigen Sie sich, wo sie ist, und melden Sie ihr den Doktor Gilbert.«

»Ich will mich erkundigen, ob Madame in ihren Zimmern ist. Ohne Zweifel wird sie den Herrn empfangen. Geht sie aber spazieren, so habe ich den Befehl, sie nicht in ihrer Promenade zu stören.«

Der Lakai öffnete das Gitter; Gilbert trat ein.

Während der Lakai das Gitter wieder schloß, warf er einen forschenden Blick auf den Wagen, der den Doktor gebracht hatte, und auf die seltsamen Gestalten seiner zwei Reisegefährten.

Dann entfernte er sich, den Kopf schüttelnd wie ein Mensch, bei dem der Verstand nicht ausreicht; der aber jeden andern Verstand herauszufordern scheint, da klar zu sehen, wo der seinige in der Finsternis geblieben ist.

Gilbert blieb zurück und wartete allein.

Nach fünf Minuten kam der Lakai zurück.

»Die Frau Baronin geht spazieren,« sagte er.

Und er verbeugte sich, um Gilbert den Abschied zu geben.

Der Doktor aber hielt sich nicht für geschlagen und erwiderte:

»Mein Freund, ich bitte, wollen Sie Ihr Verbot ein wenig übertreten, mich der Frau Baronin melden und ihr sagen, ich sei der Freund des Herrn Marquis von Lafayette.«

Ein in die Hand des Lakais gedrückter Louisd'or besiegte die Bedenklichkeiten, die der vom Doktor ausgesprochene Name schon halb gehoben hatte.

»Treten Sie ein, mein Herr,« sagte der Lakai.

Gilbert folgte ihm. Doch statt ihn in das Haus eintreten zu lassen, führte er den Doktor in den Park.

Hier ist die Lieblingsseite der Frau Baronin, sagte der Lakai, Gilbert den Eingang zu einer Art von Labyrinth bezeichnend. Wollen Sie einen Augenblick hier warten.

Zehn Minuten nachher vernahm man ein Geräusch im Blätterwerk, und eine große Frau von dreiundzwanzig bis vierundzwanzig Jahren, von mehr edlen, als anmutigen Formen, erschien vor den Augen von Gilbert.

Sie schien erstaunt, als sie einen noch so jungen Mann gewahrte, wo sie ohne Zweifel einen Menschen von schon ziemlich reifem Alter erwartet hatte.

Gilbert war in seinem Äußeren in der That merkwürdig genug, um bei einer Beobachterin von der Schärfe der Frau von Staël schon beim ersten Anblick Eindruck zu machen.

Wenige Männer besaßen ein aus so reinen Linien gebildetes Gesicht, und diese Linien hatten durch die Übung eines gewaltigen Willens den Charakter außerordentlicher Unbeugsamkeit angenommen. Seine schönen schwarzen, immer so seelenvollen Augen hatten durch Arbeit und Leiden eine milde Festigkeit angenommen, und dadurch jene Unruhe verloren, die einer von den Reizen der Jugend ist.

Eine tiefe und zugleich anmutige Falte höhlte am Winkel seiner Lippen jene geheimnisvolle Vertiefung aus, in welche die Physiognomiker den Sitz der Bedachtsamkeit legen. Es schien, als ob bloß die Zeit und ein frühzeitiges Alter Gilbert diese Eigenschaft gegeben hätten, die er von Natur aus nicht besaß.

Seine breite, wohlgerundete Stirne mit einer leichten Flucht, die seine schönen schwarzen Haare dämmten, verriet zugleich den streng wissenschaftlichen Geist und die Macht der Phantasie. Bei Gilbert, wie bei seinem Lehrer Rousseau, warf das Vorstehen der Augenbrauen einen dichten Schatten auf die Augen, und aus diesem Schatten sprang der leuchtende Punkt hervor, der das geistige Leben offenbarte.

Trotz seines bescheidenen Anzugs erschien also Gilbert vor den Augen der zukünftigen Verfasserin von Corinna unter einem merkwürdig schönen und ausgezeichneten Anblick, dessen Gesamtwesen sich noch durch seine langen, weißen Hände und durch seine schmalen, an ein feines, muskulöses Bein sich wohl anschließenden Füße vervollständigte.

Frau von Staël verlor einige Augenblicke damit, daß sie Gilbert prüfend betrachtete.

Diese Zeit verwendete Gilbert seinerseits zu einem steifen Gruß, der einigermaßen an die bescheidene Höflichkeit der Quäker in Amerika erinnerte, die der Frau, statt des lächelnden Respektes, nur die brüderliche Höflichkeit zugestehen.

Dann analysierte er mit einem raschen Blick die ganze Person der schon berühmten jungen Frau, deren verständigen und ausdrucksvollen Zügen es durchaus an Reiz gebrach; denn es war eher der Kopf eines unbedeutenden und trivialen jungen Mannes, als ein Frauenkopf auf einem Leibe voll wollüstiger Üppigkeit.

Sie hielt den Zweig eines Granatbaumes in der Hand, und aß in der Zerstreuung von dessen Blüten.

»Mein Herr, Sie sind der Doktor Gilbert?« fragte die Baronin.

»Ja, Madame, der bin ich.«

»Noch so jung, haben Sie sich bereits einen sehr großen Ruf erworben; oder sollte vielleicht dieser Ruf Ihrem Vater, oder irgend einem älteren Verwandten von Ihnen gelten?«

»Madame, außer mir kenne ich keinen Gilbert, und wenn wirklich, wie Sie sagen, ein wenig Ruf mit meinem Namen verknüpft ist, so habe ich alles Recht, ihn in Anspruch zu nehmen.«

»Mein Herr, Sie haben sich des Namens des Marquis von Lafayette bedient, um zu mir zu gelangen, und der Marquis hat uns in der That von Ihrer unerschöpflichen Wissenschaft gesprochen.«

Gilbert verbeugte sich.

»Eine Wissenschaft, die um so merkwürdiger, um so interessanter, fuhr die Baronin fort, als Sie, wie es scheint, kein gewöhnlicher Chemiker, kein Praktiker, wie die andern, sind und alle Geheimnisse der Wissenschaft des Lebens ergründet haben.«

»Ich sehe wohl, Madame,« erwiderte Gilbert lächelnd, »der Herr Marquis von Lafayette wird Ihnen gesagt haben, ich sei ein wenig Zauberer; und wenn er Ihnen das gesagt hat, so weiß ich, daß er Geist genug hat, um Ihnen, sobald dies seine Absicht war, auch den Beweis hierfür nicht schuldig zu bleiben.«

»In der That, mein Herr, er hat uns von wunderbaren Kuren gesprochen, die Sie, sei es auf dem Schlachtfelde, sei es in den amerikanischen Hospitälern an verzweifelten Subjekten machten; Sie versenkten dieselben, wie uns der General gesagt hat, in einen scheinbaren Tod, der dem wirklichen so ähnlich war, daß dieser selbst sich darin täuschte.«

»Dieser scheinbare Tod, Madame, ist das Resultat einer beinahe unbekannten, heute nur den Händen von einigen Eingeweihten anvertrauten Wissenschaft, die am Ende allgemein werden wird.«

»Mesmerismus, nicht wahr?« fragte Frau von Staël lächelnd.

»Mesmerismus, ja, so ist es.«

»Sollten Sie Lektionen bei dem Meister selbst genommen haben?«

Ach! Madame, Mesmer selbst war nur der Schüler. Der Mesmerismus oder vielmehr der Magnetismus war eine schon den Ägyptern und Griechen bekannte Wissenschaft. Sie verlor sich im Ozean des Mittelalters. Shakespeare errät sie im Macbeth. Urbain Grandier findet sie wieder auf und stirbt dafür, daß er sie aufgefunden hat. Doch der Großmeister, mein Meister, ist der Graf von Cagliostro.

»Dieser Charlatan?« rief Frau von Staël.

»Madame! Madame! hüten Sie sich davor, mit den Zeitgenossen zu urteilen, statt mit der Nachwelt. Diesem Charlatan verdanke ich mein Wissen, und die Welt wird ihm vielleicht die Freiheit zu verdanken haben.«

»Es mag sein,« versetzte lächelnd Frau von Staël. »Ich spreche, ohne die Sache zu kennen, und Sie sprechen mit Kenntnis davon. Es ist wahrscheinlich, daß Sie recht haben und daß ich unrecht habe  . . . Doch kommen wir auf Sie zurück. Warum haben Sie sich solange von Frankreich entfernt gehalten? Warum sind Sie nicht zurückgekehrt, um Ihren Platz unter den Lavoisier, den Cabanis, den Condorcet, den Bailly und den Louis einzunehmen?«

Bei diesem letzten Namen errötete Gilbert unmerklich.

»Madame, ich habe zu viel zu studieren gehabt, um mich sogleich unter die Meister einzureihen.«

»Nun sind Sie endlich hier, doch in einem für uns schlimmen Augenblick. Mein Vater, der sich, ich bin es fest überzeugt, glücklich geschätzt hätte, Ihnen nützlich sein zu können, ist in Ungnade gefallen und vor drei Tagen abgereist.«

Gilbert lächelte.

»Frau Baronin,« sprach er, leicht sich verbeugend, »vor sechs Tagen bin ich auf Befehl des Herrn Barons von Necker in die Bastille gesteckt worden.«

Frau von Staël errötete ebenfalls.

»Wahrhaftig, mein Herr, Sie sagen mir da etwas, was mich ungemein in Erstaunen setzt. Sie in der Bastille? Was hatten Sie denn gethan?«

»Diejenigen, welche mich haben einsperren lassen, könnten es mir allein sagen.«

»Aber Sie sind wieder herausgekommen?«

»Ja, Madame, weil es keine Bastille mehr giebt.«

»Wie, keine Bastille mehr?« rief Frau von Staël mit scheinbarem Erstaunen.

»Haben Sie die Kanonen nicht gehört?«

»Ja, doch Kanonen, das sind nur Kanonen.«

»O! erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen: es ist unmöglich, daß Frau von Staël, die Tochter des Herrn von Necker, zu dieser Stunde nicht weiß, daß die Bastille vom Volke genommen worden ist.«

»Ich versichere Ihnen, mein Herr,« erwiderte verlegen die Baronin, »allen Ereignissen seit dem Abgange meines Vaters fremd, beschäftige ich mich nur damit, daß ich über seine Abwesenheit weine.«

»Madame! Madame!« versetzte Gilbert, den Kopf schüttelnd, »die Staatskuriere sind zu sehr an den Weg gewöhnt, der nach dem Schlosse Saint-Quen führt, als daß nicht wenigstens einer in den vier Stunden, seitdem die Bastille kapituliert hat, gekommen sein sollte.«

Die Baronin sah, daß es ihr unmöglich war, zu antworten, ohne entschieden zu lügen. Die Lüge widerstrebte ihr, und sie veränderte das Gespräch.

»Und welchem Umstande verdanke ich die Ehre Ihres Besuches?« fragte sie.

»Ich wünschte die Ehre zu haben, Herrn von Necker zu sprechen, Madame.«

»Aber Sie wissen, daß er nicht mehr in Frankreich ist?«

»Madame, es schien mir so außerordentlich, daß Herr von Necker sich entfernt haben, so unpolitisch, daß er die Ereignisse nicht überwacht haben sollte, daß ich, ich gestehe es, darauf zählte, Sie würden mir den Ort angeben, wo ich ihn finden könnte.«

»Sie werden ihn in Brüssel finden, mein Herr.«

Gilbert heftete seinen forschenden Blick auf die Baronin.

»Ich danke, Madame,« sagte er, sich verbeugend, »ich werde also nach Brüssel abreisen, da ich ihm Dinge von der höchsten Wichtigkeit mitzuteilen habe.«

Frau von Staël machte eine Bewegung des Zögerns, dann erwiderte sie:

»Zum Glück kenne ich Sie, mein Herr, und ich weiß, daß Sie ein ernster Mann sind; denn diese so wichtigen Dinge könnten wohl an ihrem Werte verlieren, wenn sie durch einen andern Mund gingen  . . . Was kann es aber nach der Ungnade, nach dem Vorgefallenen, noch wichtiges für meinen Vater geben?«

»Es giebt die Zukunft, Madame, und ich soll vielleicht nicht ganz ohne Einfluß auf die Zukunft sein. Doch dies alles ist unnütz. Wissen Sie, was zwanzig Stunden in Revolutionszeiten sind, und wie viele Dinge in zwanzig Stunden vorfallen können? Oh! welche Unklugheit hat Herr von Necker begangen, daß er zwanzig Stunden zwischen sich und die Ereignisse, zwischen seine Hand und das Ziel gelegt hat.«

»Wahrhaftig, mein Herr, Sie erschrecken mich,« sagte Frau von Staël, »und ich fange in der That an zu glauben, daß mein Vater eine Unklugheit begangen hat.«

»Was wollen Sie, Madame? nicht wahr, die Dinge sind nun einmal so? Ich habe mich nur noch der Störung wegen, die ich Ihnen verursacht, auf das demütigste zu entschuldigen. Leben Sie wohl, Madame.«

Doch die Baronin hielt ihn zurück und sprach:

»Ich sage Ihnen, mein Herr, daß Sie mich erschrecken, Sie sind mir über dies alles, was mich so sehr beunruhigt, eine Erklärung schuldig.«

»Ah! Madame, ich habe in diesem Augenblick so viele persönliche Interessen zu überwachen, daß es mir durchaus unmöglich ist, an die der andren zu denken; es handelt sich um mein Leben und um meine Ehre, wie es sich um das Leben und die Ehre des Herrn von Necker handeln würde, wenn er sogleich hätte die Worte hören können, die ich ihm nun erst in zwanzig Stunden sagen werde.«

»Mein Herr, erlauben Sie mir, mich eines Umstandes zu erinnern, den ich zu lange vergessen habe: daß nämlich solche Fragen nicht unter dem freiem Himmel, in einem Parke, im Bereiche der Ohren aller verhandelt werden sollen.«

»Madame, ich nehme mir die Freiheit, Ihnen zu erwidern, daß ich mich bei Ihnen befinde, und daß es folglich bei Ihnen stand, den Ort unseres Zusammenseins zu bestimmen. Was wünschen Sie? Ich bin zu Ihren Befehlen.«

»Sie sollen mir den Gefallen thun, dieses Gespräch in meinem Kabinett zu beendigen.«

»Ah! ah!« sagte Gilbert zu sich selbst, »wenn ich sie nicht in Verlegenheit zu bringen befürchtete, würde ich sie fragen, ob ihr Kabinett in Brüssel sei.«

Doch er fragte nichts und beschränkte sich darauf, daß er der Baronin folgte, die nun sehr rasch auf das Schloß zuging.

Vor der Fassade fand man denselben Lakai, der Gilbert empfangen hatte. Frau von Staël machte ihm ein Zeichen, öffnete selbst die Thüren und führte Gilbert in ihr Kabinett, ein reizendes Gemach, doch mehr männlichen als weiblichen Geschmack verratend, dessen zweite Thüre und zwei Fenster auf eine nicht nur für fremde Personen, sondern auch für fremde Ohren unzugängliches Gärtchen gingen.

Hier angelangt, schloß Frau von Staël die Thüre wieder, wandte sich gegen Gilbert um und sagte:

»Mein Herr, im Namen der Menschlichkeit fordere ich Sie auf mir zu sagen, worin das Geheimnis besteht, das Sie nach Saint-Quen geführt hat, und dessen Mitteilung meinem Vater ersprießlich sein kann.«

»Madame,« erwiderte Gilbert, »wenn Ihr Herr Vater mich hier hören könnte, wenn er wissen könnte, daß ich der Mann bin, der dem König die geheime Denkschrift, betitelt: Ideen über die Lage Europas und den Fortschritt der Freiheit, überschickt hat, – ich bin fest überzeugt, der Herr Baron von Necker würde auf der Stelle erscheinen und zu mir sagen: »»Doktor Gilbert, was wollen Sie von mir? sprechen Sie, ich höre Sie.««

Gilbert hatte diese Worte noch nicht vollendet, als eine in einer Füllung, unter einem Gemälde von Banloo verdeckt, verborgene Thüre geräuschlos sich öffnete, und der Baron von Necker lächelnd auf der Schwelle einer kleinen Wendeltreppe erschien, von deren Höhe herab man das Licht einer Lampe fallen sah.

Nachdem die Baronin von Staël Herrn Gilbert gegrüßt und ihren Vater auf die Stirne geküßt hatte, schlug sie den Weg ein, auf dem er gekommen war, stieg die Treppe hinauf, schloß die Füllung und verschwand.

Necker war auf Gilbert zugegangen, reichte ihm die Hand und sprach:

»Hier bin ich, Herr Gilbert; was wollen Sie von mir? Ich höre Sie.«

Beide nahmen Stühle.

»Herr Baron,« sagte Gilbert, »Sie haben ein Geheimnis vernommen, das Ihnen alle meine Ideen offenbart. Ich bin es, der vor vier Jahren dem Könige eine Denkschrift über die allgemeine Lage Europas hat zukommen lassen; ich bin es, der ihm seit dieser Zeit aus den Vereinigten Staaten die verschiedenen Denkschriften über alle Fragen innerer Vereinbarung und Verwaltung, die sich in Frankreich erhoben, überschickt hat.«

»Denkschriften,« fügte Necker bei, »von denen Seine Majestät mit mir nie ohne eine tiefe Bewunderung und einen ebenso tiefen Schrecken sprach.«

»Ja, weil sie die Wahrheit sagten. Weil die Wahrheit damals furchtbar zu hören war. Nachdem aber heute die Wahrheit zur Thatsache geworden, ist sie noch viel furchtbarer zu sehen, nicht so?«

»Das ist unbestreitbar, mein Herr,« erwiderte Necker.

»Diese Denkschriften,« fragte Gilbert, »hat sie Ihnen der König mitgeteilt?«

»Nicht alle, mein Herr, nur zwei: eine über die Finanzen. Abgesehen von einigen Verschiedenheiten, sprachen Sie darin meine eigne Ansicht aus, und ich fühlte mich dadurch sehr geehrt.«

»Das ist nicht alles, es war eine dabei, in der ich ihm alle die materiellen Ereignisse, die in Erfüllung gegangen sind, vorausgesagt.«

»Ich bitte, welche, mein Herr?«

»Unter anderen waren es zwei besonders: das eine, daß er sich genötigt sehen würde, in Rücksicht der von ihm eingegangenen Verbindlichkeiten Sie zu entlassen.«

»Sie haben ihm meine Entlassung vorhergesagt?«

»Vollkommen.«

»Das ist das erste Ereignis; welches war das zweite?«

»Die Einnahme der Bastille.«

»Sie haben die Einnahme der Bastille vorhergesagt?«

»Herr Baron, die Bastille war mehr als das Gefängnis des Königtums, sie war das Symbol der Tyrannei. Die Freiheit hat damit angefangen, das Symbol zu vernichten, die Revolution wird das übrige thun.«

»Haben Sie das Gewicht der eben gesprochenen Worte auch berechnet, mein Herr?«

»Allerdings.«

»Fürchten Sie sich nicht, eine solche Theorie ganz laut auszusprechen?«

»Fürchten, wovor?«

»Daß Ihnen Unglück widerfahre.«

»Herr von Necker,« erwiderte Gilbert lächelnd, »wenn man aus der Bastille kommt, hat man vor nichts Furcht.«

»Sie kommen aus der Bastille? Und warum waren Sie in der Bastille?«

»Das frage ich Sie.«

»Und warum mich?«

»Weil Sie mich haben hineinbringen lassen.«

»Ich habe Sie in die Bastille bringen lassen?«

»Vor sechs Tagen; das Datum ist, wie Sie sehen, nicht sehr alt, und Sie müßten sich erinnern.«

»Das ist unmöglich.«

»Erkennen Sie Ihre Unterschrift?« sprach Gilbert.

Und er zeigte dem Exminister das Gefangenenregister der Bastille und den geheimen Verhaftsbefehl, der sich demselben beigefügt fand.

»Ja, allerdings,« sagte Necker, »hier ist der Verhaftsbefehl. Sie wissen, daß ich so wenig als möglich unterzeichnete, und dieses Wenige belief sich dennoch auf viertausend Unterschriften jährlich. Überdies habe ich im Augenblick meiner Abreise bemerkt, daß man mich einige Verhaftsbefehle, bei denen der Platz für den Namen noch weiß war, hatte unterzeichnen lassen. Der Ihrige, mein Herr, wird zu meinem großen Bedauern einer von diesen gewesen sein.«

»Damit sagen Sie mir, mein Herr, daß ich in keiner Weise meine Einkerkerung Ihnen zuzuschreiben habe?«

»Nein, gewiß nicht.«

»Aber, Herr Baron,« versetzte Gilbert lächelnd. »Sie begreifen meine Neugierde; ich muß wissen, wem ich für meine Gefangenschaft zu Dank verpflichtet bin. Haben Sie also die Güte, es mir zu sagen.«

»Oh! nichts kann leichter sein. Ich habe aus Vorsicht meine Briefe nie im Ministerium gelassen, sondern sie jeden Abend hierher gebracht. Die von diesem Monat sind in der Schublade B. dieses Schrankes. Suchen wir in dem Bunde den Buchstaben G.«

Necker öffnete die Schublade und durchblätterte einen ungeheuren Bund, der fünf- bis sechshundert Briefe enthalten konnte.

»Ich behalte nur die Briefe, die ihrer Natur nach meine Verantwortlichkeit zu sichern imstande sind. Eine Verhaftung, die ich vornehmen lasse, ist ein Feind, den ich mir mache. Ich muß also den Streich pariert haben. Das Gegenteil würde mich sehr in Erstaunen setzen. Sehen wir G  . . . G  . . . das ist es. Ja, Gilbert. Das kommt Ihnen vom Hause der Königin zu, mein lieber Herr.«

»Ah! ah! vom Hause der Königin!«

»Ja, Begehren eines Verhaftsbefehls gegen einen Namens Gilbert. Kein Gewerbe. Schwarze Haare, schwarze Augen. Folgt das Signalement. Begiebt sich von Havre nach Paris, das ist das Ganze. Dieser Gilbert waren also Sie?«

»Das war ich. Können Sie mir den Brief also anvertrauen?«

»Nein, doch ich kann Ihnen sagen, von wem er unterzeichnet ist, von Gräfin von Charny.«

»Gräfin von Charny?« wiederholte Gilbert; ich kenne sie nicht, ich habe ihr nichts gethan.

Und er erhob sachte den Kopf, als wollte er in seinen Erinnerungen suchen.

»Dabei findet sich eine kleine Randbemerkung, die nicht unterzeichnet ist, aber von einer mir bekannten Handschrift. Sehen Sie.«

Gilbert neigte sich und las am Rande des Briefes:

»Ohne Verzug zu thun, was die Gräfin von Charny verlangt.«

»Das ist seltsam, sagte Gilbert, die Königin, das begreife ich noch, es war von ihr und den Polignac in meiner Denkschrift die Rede. Doch diese Frau von Charny  . . .«

»Sie kennen Sie nicht?«

»Das muß ein Name sein, den man nur dazu hergegeben hat. Übrigens darf man sich nicht darüber wundern, daß mir die Notabilitäten von Versailles unbekannt sind. Seit fünfzehn Jahren bin ich von Frankreich abwesend; ich habe es nur zweimal wiedergesehen, und das zweite Mal vor bald vier Jahren verlassen. Wer ist die Gräfin von Charny, wenn ich fragen darf?«

»Die Freundin, die Vertraute der Königin, die sehr angebetete Frau des Grafen von Charny, eine Schönheit und eine Tugend zugleich, kurz ein Wunder.«

»Nun, ich kenne dieses Wunder nicht.«

»Wenn dem so ist, mein lieber Doktor, so bleiben Sie dabei stehen, daß Sie das Spielzeug einer politischen Intrigue sind. Sie haben vom Grafen Cagliostro gesprochen?«

»Ja, er ist mein Freund gewesen, mehr als mein Freund, mein Lehrer, mehr als mein Lehrer, mein Retter.

»Wohl! Österreich oder der heilige Stuhl werden Ihre Einkerkerung verlangt haben. Sie haben Broschüren geschrieben?«

»Ach! ja.«

»Alle diese kleinen Rachgieren wenden sich der Königin zu, wie die Kompaßnadel dem Nordpol, wie das Eisen dem Magnet. Man hat gegen Sie komplottiert; man hat Sie von Leuten bespähen lassen. Die Königin hat Frau von Charny beauftragt, den Brief zu unterzeichnen, um den Verdacht zu entfernen, und damit ist das Geheimnis aufgeklärt.«

Gilbert dachte einen Augenblick nach.

Dieser Augenblick des Nachdenkens rief das bei Billot in Pisseleux gestohlene Kistchen in sein Gedächtnis zurück, mit dem weder die Königin, noch Österreich, noch der heilige Stuhl etwas zu thun hätten, und diese Erinnerung brachte ihn wieder auf den rechten Weg.

»Nein, sagte er, das ist es nicht, das kann es nicht sein; doch gleichviel, gehen wir zu etwas anderm, zu Ihnen über.«

»Zu mir? was haben Sie mir von mir zu sagen?«

»Was Sie so gut wissen, als irgend jemand: daß Sie binnen drei Tagen wieder in ihre Funktionen eingesetzt sind, und daß Sie dann Frankreich so despotisch regieren werden, als Sir wollen.«

»Sie glauben?« versetzte Necker lächelnd.

»Und Sie auch, da Sie nicht in Brüssel sind.«

»Nun wohl! das Resultat? denn zum Resultat müssen wir kommen.«

»Vernehmen Sie es. Sie sind bei den Franzosen beliebt. Sir werden von ihnen angebetet sein. Die Königin war es schon lange müde. Sie geliebt zu sehen, der König wird es müde werden. Sie angebetet zu sehen; beide werden Popularität auf Ihre Kosten treiben, und Sie werden es nicht leiden. Dann werden Sie beim Volke unbeliebt. Das Volk, mein lieber Herr Necker, ist ein hungriger Löwe, der nur die fütternde Hand liebt, welche Hand dies auch sein mag. Hernach fallen Sie wieder in Vergessenheit zurück.«

»Ich, in die Vergessenheit? Und was würde mich vergessen machen?«

Die Ereignisse.

»Bei meinem Ehrenwort, Sie sprechen als Prophet.«

»Ich habe das Unglück, es ein wenig zu sein.«

»Lassen Sie hören, was wird geschehen?«

»Oh! was geschehen wird, ist nicht schwer vorherzusagen, denn was geschehen wird, steckt im Keime in der Nationalversammlung. Eine Partei wird sich erhellen, die in diesem Augenblick schläft, oder vielmehr, die wacht, aber sich verbirgt. Diese Partei hat zum Haupte ein Prinzip, zur Waffe eine Idee.«

»Ich begreife. Sie sprechen von der orleanistischen Partei?«

»Nein. Von dieser hätte ich gesagt, sie habe zum Haupte einen Mann, zur Waffe die Volksbeliebtheit. Ich spreche von einer Partei, deren Name nicht einmal genannt worden ist: von der republikanischen Partei.«

»Von der republikanischen Partei? Ah! was denken Sie?«

»Sie glauben nicht daran?«

»Chimäre.«

»Ja, Chimäre mit dem feurigen Rachen, der euch alle verschlingen wird.«

»Wohl! ich werde Republikaner, ich bin es schon.«

»Republikaner von Genf, ganz richtig.«

»Mir scheint, ein Republikaner ist ein Republikaner.«

»Das ist der Irrtum, Herr Baron; unsre Republikaner werden durchaus nicht den Republikanern andrer Länder gleichen; unsere Republikaner werden zuerst die Vorrechte, dann den Adel, dann das Königtum verschlingen. Ihr andern werdet mit unsern Republikanern abgehen, aber sie werden ohne euch ankommen, denn Ihr werdet nicht dahin gehen wollen, wohin sie gehen. Nein, Herr Baron von Necker, Sie täuschen sich. Sie sind kein Republikaner.«

»Oh! wenn Sie es so verstehen, nein; ich liebe den König.«

»Und ich auch, und alle Welt liebt ihn in diesem Augenblick, wie wir. Wenn ich das, was ich sage, einem minder erhabenen Geiste sagte, als Ihnen, so würde man mich auszischen und ausschelten; doch dürfen Sie sicher daran glauben, Herr von Necker!«

Das würde ich in der That auch thun, wenn die Sache irgend eine Wahrscheinlichkeit hätte; aber  . . .

»Kennen Sie die geheimen Gesellschaften?«

»Ich habe viel davon sprechen hören.«

»Glauben Sie daran?«

»Ich glaube an ihre Existenz, aber nicht an ihre Allgemeinheit.«

»Sind Sie Mitglied von einer?«

»Nein.«

»Wohl, Herr Minister, ich bin es, und nicht bloß von einer, sondern von allen. Herr Minister, geben Sie wohl acht, das ist ein ungeheures Netz, das alle Throne umschlingt. Es ist ein unsichtbarer Dolch, der alle Monarchien bedroht. Wir sind ungefähr drei Millionen Brüder, in allen Ländern verbreitet, in allen Klassen der Gesellschaft zerstreut. Wir haben Freunde im Volke, im Bürgerstand, im Adel, bei den Prinzen, unter den regierenden Fürsten sogar. Nehmen Sie sich in acht, Herr von Necker, der Prinz, vor dem Sie sich vielleicht als Gegner der geheimen Gesellschaften zu erkennen geben, ist möglicherweise ein Affiliierter derselben – nehmen Sie sich in acht! Der Bediente, der sich vor Ihnen verbeugt, ist vielleicht ein Affiliierter. Ihr Leben gehört ihnen. Ihr Vermögen gehört Ihnen, sogar ihre Ehre gehört ihnen. Dies alles gehört einer unsichtbaren Macht, gegen die Sie nicht zu kämpfen imstande sind, denn Sie kennen sie nicht, während dieselbe Sie zu verderben vermag, weil Sie ihr bekannt sind. Wohl denn! diese drei Millionen Menschen, sehen Sie, die bereits die amerikanische Republik gemacht haben, versuchen es nunmehr, auch eine französische, und später eine europäische Republik zu machen.«

»Aber Ihre Republik der Vereinigten Staaten erschreckt mich nicht zu sehr, und gern nehme ich dieses Programm an.«

»Ja, doch zwischen Amerika und uns ist eine Kluft, Amerika, ein neues Land, ohne Vorurteile, ohne Privilegien, ohne Königtum, ein nährender Boden, fruchtbare Ländereien, jungfräuliche Wälder, Amerika liegt zwischen dem Meere und dem Urwald, wovon jenes einen Ausweg für seinen Handel, dieser eine Hilfsquelle für seine Bevölkerung bietet, während Frankreich!  . . . sehen Sie doch, was man in Frankreich zu zerstören hat, ehe Frankreich Amerika gleicht.«

»Oh! wohin wollen Sie denn kommen?«

»Ich will dahin kommen, wohin wir unglücklicherweise gehen. Doch ich will danach trachten, daß wir ohne gewaltsame Erschütterung dahin kommen, indem ich den König an die Spitze der Bewegung stelle, als einen Schild.«

»Einen Schild?« versetzte Necker lächelnd. »Sie kennen den König nicht, wenn Sie ihn eine solche Rolle wollen spielen lassen.«

»Doch, ich kenne ihn. Ei! mein Gott, ich weiß es wohl, er ist ein Mann, wie ich tausend an der Spitze kleiner Bezirke von Amerika gesehen habe, ein braver Mann, ohne Majestät, ohne Widerstand, ohne urheberische Kraft – doch was wollen Sie? Und wäre es nur durch den geheiligten Titel, den er führt, so ist er doch immerhin ein Wall gegen die Menschen, von denen ich soeben sprach; und so schwach auch ein Wall sein mag, man hat ihn doch lieber als nichts.«

»Ich erinnere mich, in unsern Kriegen mit den wilden Stämmen im Norden Amerikas ganze Nächte hinter ein paar Schilfrohren zugebracht zu haben; der Feind war auf der andern Seite des Flusses und schoß nach uns. Ein Rohr ist wenig, nicht wahr? und dennoch gestehe ich Ihnen, Herr Baron, daß mein Herz behaglicher hinter diesen großen, grünen Rohren schlug, die eine Kugel wie Fäden durchschneiden konnte, als wenn ich auf freiem Felde gewesen wäre. Nun wohl, der König ist mein Rohr. Er erlaubt mir den Feind zu sehen, und verhindert den Feind, daß er mich sieht. Darum bin ich Republikaner in New-York oder Philadelphia, Royalist in Frankreich. Dort hieß unser Diktator Washington. Hier weiß Gott, wie er heißen wird: Dolch oder Schafott.«

»Sie sehen die Dinge blutfarbig an, Doktor.«

»Herr Baron, wenn Sie heute auf der Grève gewesen waren, so würden Sie die Dinge ebenso ansehen, wie ich.«

»Ja, das ist wahr; es soll dort, wie ich höre, eine Metzelei stattgefunden haben.«

»Es ist eine schöne Sache um das Volk  . . . wenn es schön ist!  . . .. O menschliche Stürme! rief Gilbert aus, wie weit, wie weit laßt ihr die Stürme des Himmels hinter euch zurück!«

Necker wurde nachdenkend.

»Wie schade, daß ich Sie nicht bei mir habe, Doktor,« sagte er. »Sie wären für mich, wenn es Not thäte, ein strenger Ratgeber.«

»Bei Ihnen, Herr Baron, wäre ich Ihnen nicht so dienlich, und besonders Frankreich nicht so nützlich, wie da, wohin ich zu gehen Lust habe.«

»Und wohin wollen Sie gehen?«

»Hören Sie, mein Herr; es ist beim Throne selbst ein großer Feind des Throns, beim König selbst ein großer Feind des Königs: das ist die Königin. Die arme Frau vergißt, daß sie die Tochter von Maria Theresia ist, oder sie erinnert sich dessen nur aus dem Gesichtspunkte des Stolzes: sie glaubt den König zu retten, und sie schadet mehr, als der König: sie richtet das Königtum zu Grunde. Wohl denn! wir, die wir den König lieben, wir, die mir Frankreich lieben, wir müssen miteinander übereinkommen, um diese Macht zu neutralisieren, um diesen Einfluß zu vernichten.«

»Nun, so thun Sie, was ich Ihnen gesagt habe; bleiben Sie bei mir, helfen Sie mir.«

»Wenn ich bei Ihnen bleibe, werden wir nur ein einziges Thätigkeitsmittel haben: Sie werden ich sein, ich werde Sie sein. Wir werden uns trennen, mein Herr, und dann haben wir ein doppeltes Gewicht.«

»Und wohin werden wir es mit dem allen bringen?«

»Dahin, daß wir die Katastrophe vielleicht verzögern, aber sicherlich nicht verhindern, obschon ich Ihnen für einen mächtigen Unterstützer bürge, für den Marquis von Lafayette.«

»Lafayette ist ein Republikaner.«

»Wie ein Lafayette ein Republikaner sein kann. Müssen wir durchaus unter dem Niveau der Gleichheit passieren, so lassen Sie uns, glauben Sie mir, das der vornehmen Herren wählen. Ich liebe die Gleichheit, welche erhebt, und nicht die, welche erniedrigt.«

»Und Sie stehen uns für Lafayette?«

»Solange man nur Ehre, Mut, Aufopferung von ihm verlangen wird, ja.«

Nun, so reden Sie also, was wünschen Sie?

»Einen Einführungsbrief zu Seiner Majestät dem König Ludwig XVI.«

»Ein Mann von Ihrem Verdienst bedarf keines Einführungsbriefes; er stellt sich selbst vor.«

»Nein, es sagt mir zu, Ihr Geschöpf zu sein; es entspricht meinen Plänen, von Ihnen vorgestellt zu werden.«

»Und wonach trachten Sie?«

»Einer der Quartal-Aerzte des Königs zu werden.«

»Oh! nichts kann leichter sein. Doch die Königin?«

»Bin ich einmal beim König, so ist das meine Sache.«

»Doch wenn Sie die Königin verfolgt?«

»Dann werde ich machen, daß der König einen Willen hat.«

»Der König einen Willen? Sie werden mehr als ein Mensch sein, wenn Sie das vermögen.«

»Derjenige, welcher den Leib lenkt, müßte ein großer Tölpel sein, wenn es ihm eines Tages nicht gelänge, auch den Geist zu lenken.«

»Glauben Sie aber nicht, daß es, um Arzt des Königs zu werden, eine schlechte Empfehlung ist, in der Bastille eingesperrt gewesen zu sein.«

»Bin ich nicht Ihrer Ansicht nach wegen des Verbrechens der Philosophie verfolgt worden?«

»Das befürchte ich.«

»Dann stellt der König seine Ehre wieder her, der König macht sich beim Volke beliebt, indem er zum Arzte einen Zögling von Rousseau, einen Parteigänger der neuen Lehren, einen Gefangenen nimmt, der gerade aus der Bastille kommt. Gleich das erste Mal, sobald Sie den König sehen werden, machen Sie dies bei ihm geltend.«

»Sie haben immer recht; doch kann ich auf Sie zählen, wenn Sie einmal beim König sind?«

»Ganz und gar, solange ich Sie in der politischen Linie bleiben, die wir annehmen werden.«

»Was versprechen Sie mir?«

»Sie genau von der Stunde zu unterrichten, wann Sie sich zurückzuziehen haben.«

Necker schaute einen Augenblick Gilbert an; dann sprach er mit verdüstertem Tone:

»In der That, das ist der größte Dienst, den ein ergebener Freund einem Minister leisten kann, denn es ist der letzte.«

Und er setzte sich an den Tisch, um an den König zu schreiben.

Mittlerweile las Gilbert den Brief noch einmal und sagte zu sich selbst:

»Gräfin von Charny, wer kann das sein?«

»Hier, mein Herr,« sprach Necker nach ein paar Minuten, indem er Gilbert den Brief reichte, den er geschrieben hatte.

Gilbert nahm den Brief und las.

Er enthielt was folgt:

»Sire,

»Eure Majestät ist eines sichern Mannes benötigt, mit dem sie von ihren Angelegenheiten sprechen kann. Mein letztes Geschenk, mein letzter Dienst, indem ich den König verlasse, ist das Geschenk, das ich ihm mit dem Doktor Gilbert mache. Ich sage Eurer Majestät genug, wenn ich ihr bemerke, daß der Doktor Gilbert nicht nur einer der ausgezeichnetsten Aerzte ist, die in der Welt existieren, sondern auch der Verfasser der Denkschriften über Administration und Politik, die einen so lebhaften Eindruck auf den König hervorgebracht haben. Zu den Füßen Eurer Majestät

Baron von Necker.

Necker datierte seinen Brief nicht, und übergab ihn dem Doktor nur einfach gesiegelt.

»Und nun,« fügte er bei, »nun bin ich in Brüssel nicht wahr?«

» Ja, gewiß, und mehr als je. Morgen früh werden Sie indessen Nachricht von mir erhalten.«

Der Baron klopfte auf eine gewisse Weise an die Füllung, Frau von Staël erschien wieder, nur hielt sie diesmal außer ihrem Granatzweige die Broschüre des Doktors Gilbert in der Hand. Sie zeigte ihm den Titel davon mit einer Art von schmeichelhafter Koketterie.

Gilbert nahm Abschied von Herrn von Necker und küßte der Baronin, die ihn bis zum Ausgang des Kabinetts begleitete, die Hand.

Und er kehrte zu dem Fiaker zurück, wo Billot und Pitou auf dem Vordersitze schliefen, wo der Kutscher auf seinem Bocke schlief, und wo die Pferde auf ihnen wankenden Beinen gleichfalls schliefen.

XXII.
König Ludwig XVI

Das Zusammensein von Gilbert, Frau von Staël und Herrn von Necker hatte ungefähr anderthalb Stunden gedauert. Gilbert kam ein Viertel nach neun Uhr nach Paris zurück, ließ sich unmittelbar nach der Post fahren, nahm Wagen und Pferde, und wahrend Billot und Pitou in einem kleinen Gasthause der Rue Thiroux, wo Billot, wenn er nach Paris kam, abzusteigen pflegte, von ihren Strapazen ausruhten, fuhr Gilbert im Galopp nach Versailles.

Es war spät; doch daran lag Gilbert wenig. Bei Männern seines Schlages ist Thätigkeit Bedürfnis. Seine Fahrt konnte möglicherweise ohne Erfolg sein; doch war ihm eine vergebliche Fahrt noch lieber, als auf der Stelle zu bleiben. Für nervöse Organisationen ist die Ungewißheit eine schlimmere Folter, als die erschrecklichste Wirklichkeit.

Er kam nach Versailles um halb elf Uhr; in gewöhnlicher Zeit wäre alle Welt zu Bette gegangen und in den tiefsten Schlaf versunken gewesen. Doch an diesem Abend schlief niemand in Versailles. Man hatte hier den Gegenschlag der Erschütterung empfangen, unter der Paris noch zitterte.

Die französischen Garden, die Gardes-du-corps, die Schweizer, rottenweise aufgestellt, an allen Ausgängen der Hauptstraßen gruppiert, unterhielten sich untereinander oder mit den Bürgern, deren royalistischen Gesinnungen ihnen Vertrauen einflößte.

Ganz Versailles trieb sich also in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 1789, in bunter Verwirrung umher und wollte erfahren, wie der König die seiner Krone zugefügte Beleidigung, den seiner Macht versetzten Schlag aufnehmen werde.

Durch die Antwort, die Mirabeau Herrn von Dreux-Breze gegeben, hatte er das Königtum ins Gesicht geschlagen. Durch die Einnahme der Bastille war es vom Volk ins Herz getroffen.

Für die beschränkten Köpfe, für die Kurzsichtigen war indessen die Frage rasch gelöst. In den Augen der Militärs besonders, die im Resultat der Ereignisse nur den Sieg oder die Niederlage der rohen Gewalt zu sehen gewohnt waren, handelte es sich ganz einfach um einen Marsch nach Paris. Dreißigtausend Mann und zwanzig Kanonen würden bald diesen Stolz und diese Siegeswut der Pariser vernichten.

Noch nie hatte das Königtum so viele Räte gehabt; jeder gab seine Ansicht ganz laut und öffentlich zum besten.

Die Mäßigsten sagten:

»Das ist ganz einfach. Man erwirke zuerst von der Nationalversammlung eine Gutheißung, die sie nicht verweigern wird; ihre Haltung ist seit einiger Zeit beruhigend für jedermann, sie will ebensowenig von unten ausgehende Gewaltthätigkeiten, als von oben herabkommende Mißbräuche.«

»Die Nationalversammlung wird ganz unumwunden erklären, der Aufruhr sei ein Verbrechen; Bürger, die Abgeordnete haben, um ihre Beschwerden dem König auseinanderzusetzen, und einen König, um ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, begehen ein Unrecht, wenn sie ihre Zuflucht zu den Waffen nehmen und Blut vergießen.«

»Mit dieser Erklärung ausgerüstet, die man sicherlich von der Nationalversammlung erlangen wird, kann der König nicht umhin, Paris als guter Vater, das heißt streng, zu züchtigen.«

»So wird der Sturm zum Schweigen gebracht, das Königtum tritt in sein erstes Recht wieder ein. Die Völker kehren zu ihrer Pflicht zurück, die der Gehorsam ist, und alles verfolgt seinen gewohnten Weg.«

So ordnete man im allgemeinen die Angelegenheiten auf dem Cours13 und auf den Boulevards.

Doch vor dem Paradeplatz und in der Umgegend der Kasernen führte man eine andre Sprache.

Hier sah man unbekannte ortsfremde Menschen, Menschen mit verständigem Gesicht und verschleiertem Auge, bei jedem Anlaß geheimnisvolle Ratschläge austeilen, die schon sehr ernsten Nachrichten übertreiben und beinahe öffentlich Propaganda mit den meuterischen Ideen treiben, die seit zwei Monaten Paris in Bewegung setzten und die Vorstädte aufwiegelten.

Um diese Menschen bildeten sich düstere, feindselige, belebte Gruppen, die man an ihr Elend, an ihre Leiden, an die brutale Menschenverachtung erinnerte, deren sich das Königtum schuldig gemacht.

»Was hat das Volk in den acht Jahrhunderten, die es kämpft, erlangt? Nichts. Keine sozialen Rechte; keine politischen Rechte: das der Kuh des Pächters, der man ihr Kalb nimmt, um es auf die Schlachtbank zu bringen; ihre Milch, um sie auf dem Markt zu verkaufen, ihr Fleisch, um es in die Metzig zu führen, ihre Haut, um sie in der Gerberei zu trocknen. Durch die Noth gedrängt, hat die Monarchie endlich nachgegeben und einen Aufruf an die Reichsstände ergehen lassen; heute aber, da die Stände versammelt sind, was thut die Monarchie? seit dem Tage ihrer Zusammenberufung lastet sie auf ihnen. Hat sich die Nationalversammlung gebildet, so ist es gegen den Willen der Regierung geschehen. Nun denn! da unsere Brüder in Paris uns einen so furchtbaren Handstreich gegeben haben, treiben wir die Nationalversammlung vorwärts. Jeder Schritt, den sie auf politischen Boden thut, wo sich der Kampf entsponnen hat, ist ein Sieg für uns: es ist die Vergrößerung unseres Feldes, es ist die Vermehrung unseres Vermögens, es ist die Einweihung unserer Recht. Vorwärts! vorwärts! Bürger. Die Bastille ist nur das Vorwerk der Tyrannei! Die Bastille ist genommen, es bleibt noch die Festung selbst.«

An den dunkelsten Orten bildeten sich andre Versammlungen, wurden andre Worte gesprochen. Diejenigen, welche sie aussprachen, waren Männer, die offenbar einer höheren Klasse angehörten und von der Volkstracht eine Verkleidung geborgt hatten, in der sie aber verraten wurden durch ihre weißen Hände und ihre feingebildete Sprache.

»Volk!« sagten diese Männer, »man beirrt dich in der That von zwei Seiten: die einen fordern dich auf, zurückzukehren, die andern treiben dich vorwärts. Man spricht dir von politischen Rechten, von sozialen Rechten; bist du glücklicher, seitdem man dir erlaubt hat, durch das Organ deiner Abgeordneten zu stimmen? Bist du reicher, seitdem du vertreten wirst? Hast du weniger Hunger, seitdem die Nationalversammlung Dekrete macht? Nein, nein, überlaß die Politik und ihre Theorieen den Leuten, die zu lesen verstehen. Was dir Not thut, ist nicht eine Redensart oder eine geschriebene Maßregel.

»Es ist Brot, und dann wieder Brot; es ist der Wohlstand deiner Kinder, die süße Ruhe deiner Frau. Wer wird dir dies alles geben? Ein König von festem Charakter, von jugendlichem Geist, von edlem Herzen. Dieser König ist nicht Ludwig XVI., der unter seiner Frau regiert, unter der Österreicherin mit dem ehernen Herzen; es ist . . . suche wohl um den Thron; suche dort denjenigen, welcher Frankreich wieder glücklich machen kann, und den die Königin mit Recht haßt, weil er Schatten auf das Gemälde wirft, weil er die Franzosen liebt und von ihnen geliebt wird.«

So gab sich die Meinung in Versailles kund, so entfachte man überall den Bürgerkrieg.

Gilbert zog bei einigen von diesen Gruppen Erkundigungen ein; als er sodann den Zustand der Geister erkannt hatte, ging er gerade auf das Schloß zu, das zahlreiche Posten bewachten.

Trotz aller dieser Posten durchschritt Gilbert ohne alle Schwierigkeit die ersten Höfe und gelangte bis zu den Vorzimmern, ohne daß irgend jemand ihn fragte.

Als er in den Saal des Oeil-de-Boeuf kam, hielt ihn ein Gardes-du-corps an. Gilbert zog aus seiner Tasche den Brief des Herrn von Necker und zeigte die Unterschrift. Der Edelmann warf einen Blick darauf. Das Verbot war streng, und da die strengsten Verbote gerade diejenigen sind, welche am meisten der Erläuterung bedürfen, so sagte der Gardes-du-corps zu Gilbert:

»Mein Herr, der Befehl, niemand zum König einzulassen, ist förmlich; da man aber offenbar den Fall eines Abgesandten des Herrn von Necker nicht vorgesehen hat, da Sie aller Wahrscheinlichkeit nach Seiner Majestät einen wichtigen Rat bringen, so gehen Sie hinein, ich nehme die Übertretung auf mich.«

Gilbert trat ein.

Der König war nicht in seinen Gemächern, sondern im Beratungssaal; er empfing hier eine Deputation der Nationalgarde, die von ihm die Entfernung der Truppen, die Bildung einer Bürgergarde, und seine Gegenwart in Paris verlangt hatte.

Ludwig hatte kalt angehört, und dann geantwortet: die Lage der Dinge bedürfe der Aufhellung, und er werde diese Lage mit seinem Rate in Überlegung ziehen.

Während dieser Zeit warteten die Abgeordneten in der Gallerie und sahen durch die mattgeschliffenen Gläser der Thüren das Spiel der wachsenden Schatten der königlichen Räte und ihre drohenden Bewegungen.

Durch das Studium dieser Art von Phantasmagorie konnten sie erraten, die Antwort werde schlecht sein.

Der König beschränkte sich in der That darauf, daß er antwortete, er werde die Chefs für die Bürgermiliz ernennen und den Truppen vom Marsfelde Befehl geben, sich zurückzuziehen.

Was seine Gegenwart in Paris betraf, so wollte er der aufrührerischen Stadt diese Gunst nicht eher gewähren, als bis sie sich völlig unterworfen hätte.

Die Deputation bat, flehte, beschwor. Der König erwiderte, sein Herz sei zerrissen, aber er vermöge nicht mehr.

Und zufrieden mit diesem augenblicklichen Triumphe, mit dieser Kundgebung einer Gewalt, die er schon nicht mehr besaß, kehrte der König in seine Gemächer zurück.

Hier fand er Gilbert. Der Gardes-du-corps war bei ihm.

»Was will man von mir?« fragte der König.

Der Gardes-du-corps näherte sich ihm, und während er sich bei Ludwig XVI. entschuldigte, daß er gegen das Verbot gefehlt, betrachtete Gilbert, der seit langen Jahren den König nicht mehr gesehen, stillschweigend diesen Mann, den Frankreich im Augenblick des heftigsten Sturms, den es je erlitten, von Gott zum Lotsen erhalten hatte.

Dieser dicke und kurze Leib, ohne Federkraft und Majestät, dieser in seinen Formen weiche und im Ausdruck unfruchtbare Kopf, diese mit einem frühzeitigen Alter streitende Jugend, dieser ungleiche Kampf einer mächtigen Materie gegen eine mittelmäßige Intelligenz, welcher der Rangstolz allein einen zeitweisen Wert gab: dies alles bedeutete für den Physiognomiker, der mit Lavater studiert, für den Magnetiseur, der mit Balsamo in der Zukunft gelesen, für den Philosophen, der mit Jean-Jacques geträumt, für den Reisenden, der alle menschlichen Rassen an sich hatte vorübergehen lassen, dies alles bedeutete: Ausartung, Verschlechterung, Ohnmacht, Untergang.

Gilbert war also wie betäubt, nicht durch die Ehrfurcht, sondern durch den Schmerz, indem er dieses traurige Schauspiel betrachtete.

Der König ging auf ihn zu und sagte:

»Sie sind es, der mir einen Brief von Herrn von Necker bringt?«

»Ja, Sire.«

»Ah!« rief er, als ob er gezweifelt hätte, »kommen Sie geschwinde.«

Gilbert reichte den Brief dem König. Ludwig las ihn hastig und sagte dann zu dem Gardes-du-corps mit einer Gebärde, der es nicht ganz an einem gewissen Adel des Befehlens gebrach:

»Lassen Sie uns allein, Herr von Varicourt.«

Gilbert blieb mit dem König allein.

Das Zimmer war nur durch eine einzige Lampe erleuchtet; man hätte glauben sollen, der König habe das Licht gemäßigt, damit man auf seiner mehr verdrießlichen, als sorgenvollen Stirne alle die Gedanken, die sich in ihm drängten, nicht lesen könne.

»Mein Herr,« sagte er, auf Gilbert einen Blick heftend, der klarer und schärfer war, als sich dieser wohl gedacht hatte, »mein Herr, ist es wahr, daß Sie der Verfasser der Denkschriften sind, die mich so in Erstaunen gesetzt haben?«

»Ja, Sire.«

»Wie alt sind Sie?«

»Zweiunddreißig Jahre, Sire; doch das Studium und das Unglück verdoppeln das Alter. Behandeln Sie mich als einen Greis.«

»Warum haben Sie so lange gewartet, um vor mir zu erscheinen?«

»Sire, weil ich kein Bedürfnis hatte, Eurer Majestät das mündlich zu sagen, was ich freier und leichter schrieb.«

Ludwig XVI. dachte nach.

»Sie haben keine andern Gründe?« sagte er argwöhnisch. »Aber wenn ich mich nicht täusche, müssen Sie gewisse Umstände von meiner wohlwollenden Gesinnung für Sie unterrichtet haben.«

»Eure Majestät meint vielleicht jene Art von Rendezvous, das ich dem König zu geben die Verwegenheit hatte, als ich ihn nach meiner ersten Denkschrift vor fünf Jahren bat, abends um 8 Uhr ein Licht an sein Fenster zu stellen, um mir zu bezeichnen, er habe meine Arbeit gelesen.«

»Und  . . .« sagte der König befriedigt.

»Und am bestimmten Tage und zur bestimmten Stunde wurde das Licht in der That dahin gestellt, wohin es zu stellen ich Sie ersucht hatte, Sire. Hernach sah ich es dreimal sich erheben und wieder senken. Sodann las ich folgende Worte in der Gazette: Derjenige, welchen das Licht dreimal gerufen, kann sich bei demjenigen einfinden, welcher es dreimal emporgehoben hat, er wird belohnt werden.«

»Das sind in der That die eigenen Worte der Anzeige,« sagte der König.

»Und hier ist die Anzeige selbst,« sprach Gilbert, indem er aus seiner Tasche die Zeitung zog, in die fünf Jahre vorher die Anzeige, an die er erinnert hatte, eingerückt worden war.

»Gut, sehr gut, sprach der König, ich habe lange auf Sie gehofft. Sie erscheinen in dem Augenblick, wo ich Sie zu erwarten aufgehört hatte. Seien Sie willkommen, denn Sie erscheinen wie die guten Soldaten, im Augenblick des Kampfes.«

Dann schaute er Gilbert noch aufmerksamer an und fügte bei:

»Wissen Sie, mein Herr, daß es für einen König etwas Außerordentliches ist, einen Menschen nicht erscheinen zu sehen, zu dem man gesagt hat: Kommen Sie, um eine Belohnung zu empfangen?«

Gilbert lächelte.

»Lassen Sie hören,« sprach Ludwig XVI., »warum sind Sie nicht gekommen?«

»Weil ich keine Belohnung verdiente, Sire. Ein geborener Franzose, mein Vaterland liebend, eifersüchtig auf seine Wohlfahrt, meine Individualität mit der von dreißig Millionen Menschen, meinen Mitbürgern, verschmelzend, arbeitete ich für mich, indem ich für sie arbeitete. Sire, man ist nicht immer einer Belohnung würdig, weil man selbstsüchtig ist.«

»Paradox, mein Herr; Sie hatten einen andern Grund.«

Gilbert erwiderte nichts.

»Sprechen Sie, mein Herr, ich wünsche es.«

»Sie haben vielleicht richtig erraten, Sire.«

»Ist es nicht dieser Grund, fragte der König ängstlich: Sie fanden die Lage ernst, und behielten sich vor  . . .?«

»Für eine noch viel ernstere; ja, Sire, Eure Majestät hat richtig erraten.«

»Ich liebe die Offenherzigkeit,« sagte der König, der seine Unruhe nicht verbergen konnte, denn er war von einer schüchternen Natur und errötete leicht.

Ludwig XVI. fuhr fort:

»Sie sagten dem König den Ruin vorher, und haben zu nahe bei den Trümmern gestellt zu sein befürchtet.«

»Nein, Sire, denn ich komme gerade in dem Augenblick, wo der Ruin bald bevorsteht, um mich der Gefahr zu nähern.«

»Ja, ja, Sie verlassen soeben Necker und sprechen wie er. Die Gefahr, allerdings; es ist in diesem Augenblick gefährlich, sich mir zu nähern. Und wo ist Necker?«

»Ich glaube, ganz bereit, sich den Befehlen Eurer Majestät zu fügen.«

»Desto besser, ich werde seiner bedürfen, sprach der König mit einem Seufzer. In der Politik soll man nicht halsstarrig sein. Man glaubt gut zu thun und thut schlecht; man thut sogar gut, und das launenhafte Ereignis stört die Resultate; die Pläne waren nichtsdestoweniger gut, und doch gilt man dafür, daß man sich getäuscht habe.«

Der König seufzte abermals; Gilbert kam ihm zu Hilfe.

»Sire, sagte er. Eure Majestät urteilt und schließt bewunderungswürdig; was aber zu dieser Stunde zu thun sich geziemt, ist, daß man klarer in der Zukunft zu sehen sucht, als man dies bis jetzt gethan hat.«

Der König erhob das Haupt, und man konnte seine ausdrucksvolle Stirne sich leicht falten sehen.

»Sire, verzeihen Sie mir,« sagte Gilbert, »ich bin Arzt. Ist das Übel groß, so bin ich kurz.«

»Sie legen also ein großes Gewicht auf den heutigen Aufstand?«

»Sire, das ist kein Aufstand, das ist eine Revolution.«

»Und Sie wollen, daß ich mich mit diesen Rebellen, mit diesen Mördern vertrage? Denn sie haben die Bastille mit Gewalt genommen:, das ist ein Akt des Aufruhrs; sie haben Herrn de Launay, Herrn von Losme und Herrn von Flesselles getötet: das ist Mord.«

»Ich will, daß Sie die einen von den andern trennen, Sire; diejenigen, welche die Bastille genommen, sind Helden; diejenigen, welche die Herren von Flesselles, von Losme und de Launay getötet haben, sind Mörder.«

Der König errötete leicht; doch beinahe in demselben Augenblick verschwand diese Röte wieder, seine Lippen erbleichten, und ein paar Schweißtropfen perlten auf seiner Stirne.

»Sie haben recht, mein Herr. Sie sind Arzt, oder vielmehr Wundarzt, denn Sie schneiden in das lebendige Fleisch ein. Doch kommen wir auf Sie zurück. Sie heißen Doktor Gilbert, nicht wahr? oder mit diesem Namen sind wenigstens Ihre Denkschriften unterzeichnet.«

»Sire, es ist eine große Ehre für mich, daß Eure Majestät sich so gut erinnert, obschon ich im ganzen unrecht habe, so stolz zu sein.«

»Warum?«

»Mein Name mußte in der That unlängst vor Eurer Majestät ausgesprochen worden sein.«

»Ich begreife nicht  . . .«

»Vor sechs Tagen bin ich verhaftet und in die Bastille gebracht worden. Ich habe aber sagen hören, es finde keine Verhaftung von einer Wichtigkeit statt, ohne daß es der König wisse.«

»Sie in der Bastille?« rief der König, die Augen weit aufreißend.

»Hier ist mein Gefängnisschein, Sire. Vor sechs Tagen, wie ich Eurer Majestät zu sagen die Ehre gehabt habe, auf Befehl des Königs in die Bastille gebracht, bin ich heute um drei Uhr durch die Gnade des Volks daraus befreit worden.«

»Heute?«

»Ja, Sire; hat Eure Majestät den Kanonendonner nicht gehört?«

»Allerdings.«

»Nun wohl! das Feuer der Kanonen öffnete mir die Pforten.«

»Ah!« murmelte der König, »ich möchte gern sagen, ich freue mich darüber, hätte man heute morgen nicht auf die Bastille und auf das Königtum zugleich gefeuert.«

»Oh! Sire, machen Sie aus einem Gefängnis nicht das Symbol eines Prinzips. Sagen Sie im Gegenteil, Sire, Sie seien glücklich, daß die Bastille genommen worden ist, denn man wird nicht mehr im Namen des Königs, der nichts davon weiß, eine Ungerechtigkeit wie die begehen, deren Opfer ich gewesen bin.«

»Aber Ihre Verhaftung hat doch eine Ursache, mein Herr?«

»Keine, die ich wüßte, Sire; man hat mich bei meiner Rückkehr nach Frankreich verhaftet und eingekerkert, das ist das Ganze.«

»In der That, mein Herr,« sagte Ludwig mit sanftem Tone, »ist es nicht einigermaßen Egoismus von Ihrer Seite, daß Sie mir von Ihnen sprechen, während ich es bedarf, daß man mir von mir spricht?«

»Sire, es ist für mich notwendig, daß mir Eure Majestät eine einzige Frage beantwortet.«

»Welche?«

»Ja oder nein, hat eure Majestät einen Anteil an meiner Verhaftung?«

»Ich wußte nichts von Ihrer Rückkehr nach Frankreich.«

»Diese Antwort beglückt mich, Sire; ich kann nun laut erklären. Eure Majestät werde in dem, was sie Übles thut, beinahe immer mißbraucht, und werde denjenigen, welche zweifeln sollten, mich als Beispiel anführen.«

Der König lächelte.

»Als Arzt, sagte er, gießen Sie den Balsam in die Wunde.«

Oh! Sire, ich werde ihn mit vollen Händen eingießen, und wenn Sie wollen, diese Wunde heilen, dafür stehe ich Ihnen.«

»Ob ich es will? gewiß.«

»Aber Sie müssen es sehr fest wollen, Sire. Ehe Sie sich weiter verbindlich machen, Sire, lesen Sie diese an den Rand meines Gefängnisregisters geschriebene Zeile.«

»Welche Zeile?« fragte der König unruhig.

»Sehen Sie.«

Gilbert reichte das Blatt dem König. Ludwig las:

»Auf das Verlangen der Königin.«

Er faltete die Stirne.

»Der Königin!« sagte er; »sollten Sie sich die Ungnade der Königin zugezogen haben?«

»Sire, ich bin fest überzeugt, daß mich Ihre Majestät noch weniger kennt, als Eure Majestät mich kannte.«

»Aber Sie hatten sich irgend ein Vergehen zu Schulden kommen lassen, denn man geht nicht umsonst in die Bastille.«

»Es scheint doch, da ich daraus komme.«

»Herr von Necker schickt Sie mir, und der geheime Verhaftsbrief war von ihm unterzeichnet.«

»Allerdings.«

»Dann erklären Sie sich besser. Durchgehen Sie Ihr Leben und sehen Sie, ob Sie nicht irgend einen Umstand darin finden, den Sie vergessen haben.«

»Mein Leben durchgehen! Ja, Sire, ich werde es thun, und zwar laut; seien Sie unbesorgt, es wird nicht lange dauern. Ich habe seit dem Alter von sechzehn Jahren ohne Unterlaß gearbeitet; ein Zögling von Jean-Jacques, eine Gefährte von Balsamo, ein Freund von Lafayette und Washington, habe ich mir seit dem Tage, wo ich Frankreich verlassen, nie ein Vergehen oder auch nur ein Unrecht vorzuwerfen gehabt. Als die erlangte Wissenschaft mir die Verwundeten oder Kranken zu behandeln erlaubte, dachte ich immer, ich sei von jeder meiner Ideen, von jeder meiner Handlungen Rechenschaft schuldig vor Gott. Da mir Gott Geschöpfe anvertraut hatte, so vergoß ich als Wundarzt das Blut aus Menschlichkeit, bereit, das meinige hinzugeben, um meinem Kranken Linderung zu verschaffen oder ihn zu retten; als Arzt war ich immer Tröster, zuweilen Wohlthäter. So sind fünfzehn Jahre vergangen. Ich habe die Mehrzahl der Leidenden zum Leben zurückkehren sehen; sie küßten mir die Hände. Nein, ich sage Ihnen, Sire, seit dem Tage, wo ich Frankreich verlassen, und das sind fünfzehn Jahre, habe ich mir nichts vorzuwerfen.«

»Sie pflogen in Amerika Umgang mit den Neuerern, und durch Ihre Schriften sind deren Grundsätze verbreitet worden.«

»Ja, Sire, und ich vergaß dieses Recht, das ich mir auf die Dankbarkeit der Könige und der Menschen erworben habe.«

Der König schwieg.

»Sire,« fuhr Gilbert fort, »nun ist Ihnen mein Leben bekannt; ich habe niemand beleidigt oder verwundet, ebensowenig einen Bettler, als eine Königin, und ich frage Eure Majestät, warum man mich bestraft hat.«

»Ich werde mit der Königin sprechen, Herr Gilbert; doch glauben Sie, daß der Geheimbrief unmittelbar von der Königin kommt?«

»Ich sage das nicht, Sire, ich glaube sogar, daß die Königin nur die Randbemerkung gemacht hat.«

»Ah! Sie sehen wohl,« rief der König ganz freudig.

»Ja; doch Sie wissen, Sire, daß eine Königin befiehlt, wenn sie eine Randbemerkung macht.«

»Und von wem ist der Brief mit der Randbemerkung? Lassen Sie sehen!«

»Ja, Sire, sehen Sie,« sagte Gilbert.

Und er reichte ihm das Blatt aus dem Gefängnisregister.

»Gräfin von Charny!« rief der König; »wie, sie hat Sie verhaften lassen! aber was haben Sie denn dieser armen Charny gethan?«

»Ich kannte heute morgen diese Dame nicht einmal dem Namen nach, Sire.«

Ludwig fuhr mit der Hand über seine Stirne. »Charny, murmelte er, Charny, die Sanftmut, die Tugend die Keuschheit selbst!«

»Sie werden sehen, Sire,« sprach Gilbert lachend, »ich bin auf Verlangen von drei göttlichen Tugenden in die Bastille gesteckt worden.«

»Oh! ich muß hierüber im klaren sein,« sagte der König.

Und er zog an einer Klingelschnur.

Ein Thürhüter trat ein.

»Man sehe nach, ob die Gräfin von Charny bei der Königin ist, befahl Ludwig.«

»Sire, antwortete der Thürhüter, ich habe die Gräfin soeben durch die Gallerie gehen sehen; sie ist im Begriff, in den Wagen zu steigen.«

»Laufen Sie ihr nach und bitten Sie sie, in einer wichtigen Angelegenheit in mein Kabinett zu kommen.«

Dann wandte er sich gegen Gilbert um und fragte:

»Ist es das, was Sie wünschten, mein Herr?«

»Ja, Sire,« antwortete Gilbert, »und ich danke Eurer Majestät tausendmal.«

XXIII.
Die Gräfin von Charny

Bei dem Befehl, die Gräfin von Charny kommen zu lassen, zog sich Gilbert in eine Fenstervertiefung zurück.

Der König ging in dem Saal des Oeil-de-Boeuf auf und ab, in seinem Innern bald mit den öffentlichen Angelegenheiten, bald mit dem Zudrängen von Gilbert beschäftigt, dessen seltsamem Einfluß er in diesem Augenblick unterlag, wo ihn außer den Nachrichten von Paris nichts hätte interessieren sollen.

Plötzlich wurde die Thüre des Kabinetts geöffnet; der Thürhüter meldete die Frau Gräfin von Charny, und Gilbert konnte durch die nahe zusammengezogenen Vorhänge eine Frau erschauen, deren weite seidene Gewänder den Thürflügel streiften.

Diese Frau trug nach der Mode der Zeit ein Nachtkleid von grauer Seide, einen ähnlichen Rock, eine Art von Shawl, der, hinter der Taille zusammengeknüpft war und ganz außerordentlich die Vorzüge einer reichen, schön gebauten Brust zeigte.

Ein kleiner, zierlich auf dem Ende einer hohen Frisur befestigter Hut, Pantoffeln mit hohen Absätzen, welche die Feinheit eines bewunderungswürdigen Knöchels hervorhoben, ein an den Spitzen der Finger einer zarten, langen, vollkommen aristokratischen Hand spielendes Stöckchen, das war die von Gilbert so lebhaft erwartete Person.

Der König machte einen Schritt ihr entgegen.

Sie waren im Begriff, wegzufahren. Gräfin, wie man mir gesagt hat?

In der That, Sire, ich wollte eben in den Wagen steigen, als mir der Befehl Eurer Majestät zukam. Bei dieser Stimme mit dem festen Klang füllten sich die Ohren von Gilbert mit einem gräßlichen Geräusch. Das Blut floß plötzlich nach seinen Schläfen, tausend Schauer durchliefen seinen ganzen Leib.

Unwillkürlich machte er einen Schritt aus dem Obdach der Vorhänge, hinter denen er verborgen war.

»Sie,« murmelte er,  . . . »sie  . . . Andrée.«

»Madame,« fuhr der König fort, der ebensowenig als die Gräfin etwas von der Bewegung des im Schatten verborgenen Gilbert wahrgenommen hatte, »ich habe Sie gebeten, zu mir zu kommen, um eine Auskunft zu erlangen.«

»Ich bin bereit, Eurer Majestät zu entsprechen.«

Der König neigte sich auf die Seite von Gilbert, als wollte er ihm einen Wink geben.

Dieser begriff, der Augenblick, sich zu zeigen, sei noch nicht gekommen, und zog sich allmählich wieder hinter seinen Vorhang zurück.

»Madame,« sagte der König, »es ist vor ungefähr acht bis zehn Tagen Herrn von Necker das Gesuch um einen geheimen Verhaftsbefehl zugestellt worden.«

Gilbert heftete durch die beinahe unbemerkbare Öffnung der Vorhänge seinen Blick auf Andrée. Die junge Frau war bleich, fieberhaft, unruhig und wie gebeugt unter der Last einer geheimen Bedrückung.

»Sie hören mich, nicht wahr, Gräfin?« fragte Ludwig XVI., als er sah, daß Frau von Charny zu antworten zögerte.

»Ja, Sire.«

»Nun wohl! wissen Sie, was ich sagen will, und können Sie auf meine Frage antworten?«

»Ich suche mich zu erinnern,« erwiderte Andrée.

»Erlauben Sie mir, Ihr Gedächtnis zu unterstützen. Der Verhaftsbefehl ist von Ihnen verlangt worden, und das Gesuch war mit einer Randbemerkung der Königin begleitet.«

Statt zu antworten, überließ sich die Gräfin immer mehr der fieberhaften Zerstreuung, die sie aus den Grenzen des wirklichen Lebens hinauszuziehen schien.

»Antworten Sie mir doch, Madame!« sagte der König, der ungeduldig zu werden anfing.

»Es ist wahr,« erwiderte sie bebend, »es ist wahr, ich habe den Brief geschrieben, und Ihre Majestät hat auf dem Rande etwas beigesetzt.«

»So nennen Sie mir das Verbrechen, das derjenige begangen, gegen den man diese Maßregel forderte?« fragte Ludwig XVI.

»Sire,« sprach Andrée, »ich kann nicht sagen, welches Verbrechen er begangen hatte, das aber kann ich Ihnen sagen, daß das Verbrechen groß war.«

»Ah! Sie können mir das nicht sagen?«

»Nein, Sire.«

»Dem König?«

»Nein  . . . Eure Majestät entschuldige mich, doch ich kann nicht.«

»So werden Sie es ihm selbst sagen, Madame, sprach der König; denn was Sie dem König Ludwig XVI. abschlagen, können Sie dem Doktor Gilbert nicht verweigern.«

»Dem Doktor Gilbert!« rief Andrée, »großer Gott! wo ist er denn?«

Der König trat auf die Seite, um den Platz Gilbert zu überlassen; die Vorhänge öffneten sich, und der Doktor erschien, beinahe ebenso bleich als Andrée.

»Hier ist er, Madame,« sagte der König.

Als sie Gilbert erblickte, wankte die Gräfin. Ihre Beine zitterten unter ihr. Sie warf sich rückwärts, wie eine Frau, die in Ohnmacht sinkt, und blieb nur stehen mit Hilfe eines Lehnstuhls, auf den sie sich stützte, in einer düstern, unempfindlichen, beinahe verstandlosen Haltung.

»Madame,« sagte Gilbert, indem er sich mit demütiger Höflichkeit verbeugte, »erlauben Sie mir, die Frage zu wiederholen, welche Seine Majestät an Sie gerichtet hat?«

Die Lippen von Andrée bewegten sich, – doch kein Ton kam aus ihrem Munde.

»Was habe ich Ihnen gethan, Madame, daß man mich auf einen von Ihnen herrührenden Befehl in ein abscheuliches Gefängnis geworfen hat?«

Bei dieser Stimme fuhr Andrée auf, als ob sie einen Riß im Gewebe ihres Herzens gefühlt hätte.

Dann senkte sie plötzlich einen eisigen Schlangenblick auf Gilbert und sprach: »Mein Herr, ich kenne Sie nicht.«

Doch während sie diese Worte sprach, hatte sie Gilbert seinerseits mit einer solchen Hartnäckigkeit angeschaut, er hatte den Blitz seiner Augen mit so viel unbesiegbarer Kühnheit geladen, daß die Gräfin ihre Augen völlig niederschlug und ihr Blick unter dem seinigen erlosch.

»Gräfin, sagte der König mit einem sanften Vorwurf, sehen Sie, wohin dieser Mißbrauch der Unterschriften führt? Hier steht dieser Herr, den Sie nicht kennen, – Sie gestehen es selbst, – dieser Herr, der ein großer Praktiker ist, ein gelehrter Arzt, ein Mann, dem Sie nichts vorzuwerfen haben . . .«

Andrée erhob das Haupt, um Gilbert mit einer königlichen Verachtung niederzuschmettern.

Er blieb ruhig und stolz.

»Ich sage also, fuhr der König fort: da Sie nichts gegen Herrn Gilbert haben, da Sie in ihm einen andern verfolgten, so ist die Strafe auf einen Unschuldigen gefallen. Gräfin, das ist schlimm.«

»Sire  . . .« versetzte Andrée.

»Oh!« unterbrach sie der König, der schon Angst hatte, der Günstlingin seiner Frau unverbindlich begegnet zu sein, »ich weiß wohl, daß Ihr Herz nicht schlecht ist, und daß, wenn Sie jemand mit Ihrem Hasse verfolgten, es verdient hat; doch Sie begreifen, in Zukunft dürfte ein solcher Mißgriff sich nicht erneuern.«

Dann wandte er sich gegen Gilbert um und sprach:

»Was wollen Sie, Doktor? das ist mehr die Schuld der Zeiten, als die der Menschen. Wir sind in der Verderbnis geboren, und wir werden darin sterben; doch wollen wenigstens wir danach trachten, die Zukunft für die Nachwelt zu verbessern, und Sie, Doktor Gilbert, werden mich, wie ich hoffe, bei diesem Werke unterstützen.«

Nach diesen Worten hielt Ludwig inne; er glaubte genug gesagt zu haben, um beide Parteien zu befriedigen.

Der arme König! hätte er eine solche Redensart in der Nationalversammlung vorgebracht, diese würde ihm nicht nur Beifall geklatscht haben, sondern er hätte sie auch am andern Tage in allen Zeitungen des Hofes wiederholt gefunden.

Doch das Auditorium von zwei erbitterten Feinden fand wenig Geschmack an seiner versöhnenden Philosophie.

»Mit der Erlaubnis Eurer Majestät,« sprach Gilbert, werde ich Madame bitten, »zu wiederholen, was sie schon gesagt hat, nämlich, daß sie mich nicht kenne.«

»Gräfin,« sagte der König, »wollen Sie thun, was der Doktor verlangt?«

»Ich kenne den Doktor Gilbert nicht,« wiederholte Andrée mit fester Stimme.

»Aber Sie kennen einen andern Gilbert, meinen Namensbruder, dessen Verbrechen auf mir lastet?«

»Ja,« erwiderte Andrée, »ich kenne ihn und halte diesen für einen Schändlichen.«

»Sire, es ist nicht an mir, die Gräfin zu befragen,« sagte Gilbert; »doch wollen Sie die Gnade haben, sie zu fragen, was dieser schändliche Mensch gethan hat.«

»Gräfin, Sie können einem so gerechten Verlangen keine Weigerung entgegensetzen.«

»Was er gethan hat?»« versetzte Andrée. »Ohne Zweifel wußte es die Königin, da sie den Brief, in dem ich die Verhaftung verlangte, eigenhändig gutgeheißen hat.«

»Aber es ist durchaus nicht genug, daß die Königin überzeugt ist; es wäre gut, wenn ich auch überzeugt würde. Die Königin ist die Königin, doch ich, ich bin der König.«

»Wohl, Sire, der Gilbert des Verhaftsbefehles ist ein Mensch, der vor sechszehn Jahren ein gräßliches Verbrechen begangen hat.«

»Eure Majestät wolle die Frau Gräfin fragen, welches Alter heute dieser Mensch hat.«

Der König wiederholte die Frage.

»Dreißig bis zweiunddreißig Jahre,« erwiderte Andrée.

»Sire,« sprach Gilbert, »wenn das Verbrechen vor sechzehn Jahren begangen worden ist, so ist es nicht von einem Mann, sondern von einem Kinde begangen worden, und wenn seit sechzehn Jahren der Mann das Verbrechen des Unmündigen beweint hat, würde dieser Mann nicht einige Nachsicht verdienen?«

»Aber, mein Herr,« fragte der König, »Sie kennen also den Gilbert, von dem die Rede ist?«

»Ich kenne ihn, Sire,« erwiderte Gilbert.

»Er hat also keinen andern Fehler begangen, als einen Jugendfehler?«

»Ich wüßte nicht, Sire, daß ihm von der Zeit an, wo er – ich sage nicht diesen Fehler, sondern weniger nachsichtig als Sie – dieses Verbrechen beging, irgend jemand in der Welt etwas vorwerfen könnte.«

»Nein, wenn nicht das Verbrechen,« bemerkte Andrée, »daß er seine Feder in Gift getaucht und sehr ärgerliche Schmähschriften verfaßt hat.«

»Sire,« sprach Gilbert, »fragen Sie die Frau Gräfin, ob die wahre Ursache der Verhaftung von diesem Gilbert nicht die war, daß man seinen Feinden, oder vielmehr seiner Feindin jede Bequemlichkeit geben wollte, sich eines gewissen Kistchens zu bemächtigen, das gewisse Papiere enthielt, die eine vornehme Dame, eine Dame vom Hofe gefährden können.«

Andrée schauerte vom Scheitel bis zu den Zehen.

»Mein Herr,« murmelte sie.

»Gräfin, wie ist es mit diesem Kistchen?« fragte der König, dem die Blässe und das Zittern der Gräfin nicht entgehen konnten.

»Oh! Madame!« rief Gilbert, »der fühlte, daß er die Lage beherrschte, keine Ausflüchte, keine Umschweife  . . . genug der Lügen von der einen und der andern Seite. Ich bin der Gilbert des Verbrechens; ich bin der Gilbert der Schmähschriften; ich bin der Gilbert des Kistchens. Sie, Sie sind die vornehme Dame, die Dame vom Hofe. Ich wähle den König zum Richter, nehmen Sie ihn an, und wir wollen diesem Richter, dem König, alles sagen, was zwischen uns vorgefallen ist, und der König wird entscheiden.«

»Sagen Sie, was Sie wollen, mein Herr,« erwiderte die Gräfin, »doch ich kann nichts sagen, denn ich kenne Sie nicht.«

»Und Sie kennen dieses Kistchen auch nicht?«

Die Gräfin zog die Fäuste krampfhaft zusammen und biß sich bis aufs Blut in ihre Lippen.

»Nein, ebensowenig,« sagte sie.

Doch die Anstrengung, die sie machte, um diese Worte auszusprechen, war so groß, daß sie auf ihren Beinen schwankte, gleich einer Bildsäule, deren Grundfläche ein Erdbeben erschüttert.

»Madame,« rief Gilbert, »nehmen Sie sich in acht, ich bin, wenn Sie nicht vergessen haben, der Schüler eines Mannes, den man Josef Balsamo nannte; die Macht, die er über Sie besaß, hat er mir übertragen; zum letzten mal also, wollen Sie auf die Frage, die ich an Sie richte, antworten?«

»Nein,« erwiderte die Gräfin, »von einer unbeschreiblichen Verwirrung ergriffen, indem sie eine Bewegung machte, um aus dem Zimmer zu stürzen. Nein, nein, nein!«

»Nun denn!« sprach Gilbert, »ebenfalls erbleichend, und seinen mit Drohungen beladenen Arm erhebend, nun denn! stählerne Natur, ehernes Herz, biege dich, zerspringe unter dem unwiderstehlichen Druck meines Willens. Du willst nicht sprechen, Andrée?«

»Nein, nein!« rief die Gräfin ganz betäubt. »Zu Hilfe, Sire, zu Hilfe!«

»Du wirst sprechen,« sagte Gilbert, »und niemand, wäre es der König, wäre es Gott, wird dich meiner Macht entziehen! Du wirst sprechen, du wirst deine ganze Seele dem erhabenen Zeugen dieser Szene öffnen, und alles, was in den Falten deines Gewissens ist, alles, was Gott allein in der Finsternis tiefer Seelen lesen kann, Sire! das werden Sie durch diese hier erfahren, die sich weigert, es zu offenbaren. Schlafen Sie, Frau Gräfin von Charny, schlafen Sie und sprechen Sie, ich will es.«

Kaum waren diese Worte gesprochen, als die Gräfin mitten in einem angefangenen Schrei plötzlich inne hielt, die Arme ausstreckte, einen Stützpunkt für ihre wankenden Beine suchte und wie in einen Zufluchtsort zwischen die Arme des Königs fiel, der, selbst zitternd, sie in einen Lehnstuhl setzte.

»Oh!« sagte Ludwig XVI., »ich habe hiervon sprechen hören, doch nie habe ich etwas dergleichen gesehen. Nicht wahr, mein Herr, sie ist dem magnetischen Schlaf verfallen?«

»Ja, Sire: nehmen Sie nun die Hand der Gräfin und fragen Sie sie, warum sie mich habe verhaften lassen,« antwortete Gilbert, als ob ihm allein das Recht des Befehlens zukäme.

Ganz betäubt von dieser wunderbaren Szene, machte Ludwig XVI. zwei Schritte rückwärts, um sich zu überzeugen, daß er nicht selbst schlafe, und daß das, was unter seinen Augen vorging, nicht ein Traum sei; interessiert wie ein Mathematiker bei der Entdeckung einer neuen Lösung, näherte er sich sodann der Gräfin, nahm ihre Hand und sagte:

»Sprechen Sie, Gräfin, Sie haben also den Doktor Gilbert verhaften lassen?«

Doch obgleich eingeschlafen, machte die Gräfin einen letzten Versuch, riß ihre Hand aus der Hand des Königs, raffte alle ihre Kräfte zusammen und erwiderte:

»Nein, ich werde nicht sprechen.«

Der König schaute Gilbert an, als wollte er ihn fragen, wer von beiden, sein Wille oder der von Andrée, den Sieg davon tragen werde.

Gilbert lächelte.

»Sie werden nicht sprechen?« sagte er.

Und die Augen auf die eingeschlafene Andrée gerichtet, machte er einen Schritt gegen den Lehnstuhl.

Andrée bebte.

»Sie werden nicht sprechen?« fügte er bei, indem er einen zweiten Schritt machte, der den Zwischenraum zwischen ihm und ihr noch mehr verminderte.

Andrée stemmte ihren ganzen Körper in einer äußersten Gegenstrebung an.

»Ah! Sie werden nicht sprechen?« sagte er. Und er machte einen dritten Schritt und stand nun unmittelbar neben Andrée, über deren Haupt er seine Hand ausgestreckt hielt; »ah! Sie werden nicht sprechen?«

Andrée krümmte sich in heftigen Konvulsionen.

»Nehmen Sie sich in acht!« rief Ludwig XVI., »nehmen Sie sich in acht. Sie werden sie töten!«

»Seien Sie unbesorgt, Sire, es ist die Seele, mit der ich es zu thun habe; die Seele kämpft, doch sie wird nachgeben.«

Dann senkte er die Hand und wiederholte:

»Sprechen Sie.«

Andrée streckte die Arme aus und machte eine Bewegung, um zu atmen, als wäre sie unter dem Drucke einer Luftpumpe gewesen.

»Sprechen Sie,« wiederholte Gilbert, abermals seine Hand senkend.

Alle Muskeln der jungen Frau schienen dem Zerreißen nahe. Eine Schaumfranse trat auf ihre Lippen, und ein Anfang von Epilepsie erschütterte sie vom Kopf bis zu den Füßen.

»Doktor,« wiederholte der König, nehmen Sie sich in acht.

Doch ohne auf ihn zu hören, senkte Gilbert zum dritten Mal die Hand, berührte mit ihrer Fläche oben den Kopf der Gräfin und sagte:

»Sprechen Sie, ich will es.«

Andrée stieß bei der Berührung dieser Hand einen Seufzer aus, ihre Arme fielen an ihrer Seite herab; ihr zurückgeworfener Kopf senkte sich sachte vorwärts auf ihre Brust, und reichliche Thränen sickerten durch ihre geschlossenen Augenlider.

»Mein Gott, mein Gott, mein Gott,« murmelte sie.

»Rufen Sie Gott an, gut; derjenige, welcher im Namen Gottes wirkt, fürchtet Gott nicht.«

»Oh,« sagte die Gräfin, »wie hasse ich Sie!«

»Hassen Sie mich, gut; doch sprechen Sie.«

»Sire, Sire,« rief Andrée, »sagen Sie ihm, er versenge mich, er verzehre mich, er töte mich.«

»Sprechen Sie,« sagte Gilbert.

Dann bedeutete er dem König durch ein Zeichen, er könne sie nun befragen.

»Gräfin,« sagte der König, »derjenige, welchen Sie verhaften ließen, ist also wirklich der Doktor?«

»Ja.«

»Und es waltete kein Irrtum, kein Mißgriff ob?«

»Nein.«

»Und dieses Kistchen?«

»Nun!« versetzte dumpf die Gräfin, »sollte ich denn dieses Kistchen in seinen Händen lassen?«

Gilbert und der König wechselten einen Blick.

»Und Sie haben es genommen?« fragte Ludwig XVI.

»Ich habe es nehmen lassen.«

»Ho! ho! erzählen Sie mir das, Gräfin,« rief der König, »indem er, alle Würde vergessend, vor Andrée niederkniete; Sie haben es nehmen lassen? Wo und wie?«

»Ich erfuhr, dieser Gilbert, der seit sechzehn Jahren schon zwei Reisen nach Frankreich gemacht hatte, werde eine dritte machen, und diesmal um sich hier niederzulassen.«

»Aber das Kistchen?« fragte der König.

»Ich habe durch den Polizeileutnant, Herrn von Crosne, erfahren, daß Gilbert während einer dieser Reisen Güter in der Gegend von Villers-Cotterets gekauft; daß der Pächter, der ihm diese Güter verwalte, sein ganzes Vertrauen genieße, und so vermutete ich, das Kistchen befinde sich bei diesem.«

»Wie haben Sie das vermutet?«

»Ich bin bei Mesmer gewesen, habe mich einschläfern lassen und es gesehen.

»Es war?«

»In einem großen Schranke im Erdgeschoß, unter Weißzeug verborgen.«

»Das ist wunderbar!« sagte der König. »Weiter, weiter!«

»Ich kehrte zu Herrn von Crosne zurück, und dieser gab mir auf Empfehlung der Königin einen seiner gewandtesten Agenten.«

»Der Name dieses Agenten?« fragte Gilbert.

Andrée bebte, als hätte sie ein glühendes Eisen berührt.

»Ich frage Sie nach seinem Namen,« wiederholte Gilbert.

Andrée versuchte es zu widerstehen.

»Seinen Namen, ich will ihn wissen,« sagte der Doktor.

»Pas-de-Loup,« antwortete sie.

»Hernach?« fragte der König.

»Gestern morgen hat sich dieser Mann des Kistchens bemächtigt. Das ist das Ganze.«

»Nein, das ist nicht das Ganze,« entgegnete Gilbert; »es handelt sich nun darum, dem König zu sagen, wo das Kistchen ist.«

»Oh!« versetzte Ludwig XVI., »Sie fragen zu viel.«

»Nein, Sire.«

»Aber durch diesen Pas-de-Loup, durch Herrn von Crosne könnte man erfahren  . . .«

»Oh! man wird alles viel besser und viel schneller durch die Gräfin erfahren.«

»Mit einer krampfhaften Bewegung, die sichtbar darauf abzweckte, den andringenden Worten die Lippen zu verschließen, preßte Andrée die Zähne zum Zerbrechen aneinander.«

Der König machte den Doktor auf diese nervöse Konvulsion aufmerksam.

Gilbert lächelte.

Er berührte mit dem Daumen und dem Zeigefinger den unteren Teil des Gesichtes von Andrée, und ihre Muskeln spannten sich in demselben Augenblicke ab.

»Madame, sagen Sie vor allem dem König, daß dieses Kistchen dem Doktor Gilbert gehörte.«

»Ja, ja, es gehört ihm,« erwiderte die Schläferin voll Wut.

»Und wo befindet es sich in diesem Augenblick?« fragte Gilbert; geschwinde, beeilen Sie sich, der König hat keine Zeit zu warten.

Andrée zögerte einen Augenblick.

Gilbert entging dieses Zögern nicht, so unbemerklich es war.

»Sie lügen!« rief er, »oder vielmehr Sie versuchen es, zu lügen. Wo ist das Kistchen? Ich will es wissen.«

»Bei mir in Versailles,« antwortete Andrée, in Thränen zerfließend und mit einem nervösen Zittern, das ihren ganzen Körper schüttelte. »Bei mir, wo Pas-de-Loup, wie dies verabredet war, mich heute Abend um elf Uhr erwartet.«

Es schlug Mitternacht.

»Und er wartet noch?«

»Ja.«

»In welchem Zimmer ist er?«

»Man hat ihn in den Salon eintreten lassen.«

»Welchen Platz nimmt er in dem Salon ein?«

»Er steht an den Kamin angelehnt.«

»Und das Kistchen?«

»Auf einem Tisch vor ihm. Oh!«

»Was?«

»Beeilen wir uns, ihn herausgehen zu lassen. Herr von Charny, der erst morgen zurückkommen sollte, wird heute nacht kommen  . . . wegen der Ereignisse. Ich sehe es, er ist in Sèvres  . . . Lassen Sie ihn weggehen, daß ihn der Graf nicht im Hause findet.«

»Eure Majestät hört es. Wo wohnt in Versailles Frau von Charny?«

»Wo wohnen Sie, Gräfin?«

»Auf dem Boulevard de la Reine, Sire.«

»Gut.«

»Sire, Eure Majestät hat es gehört, dieses Kistchen gehört mir. Befiehlt der König, daß es mir zurückgegeben werden soll?«

»Auf der Stelle, mein Herr.«

Der König umstellte Frau von Charny mit einem Windschirm, damit man sie nicht sehen konnte, rief den Offizier vom Dienste und gab ihm leise einen Befehl.

XXIV.
Königliche Philosophie

Diese seltsame Beschäftigung eines Königs, dem seine Unterthanen den Thron untergruben; diese Neugierde des Gelehrten, auf eine physische Erscheinung angewendet, während sich in ihrem ganzen Ernste die wichtigste politische Erscheinung entwickelt, die je in Frankreich stattgefunden hatte, nämlich die Verwandlung einer Monarchie in eine Demokratie, – dieses Schauspiel, sagen wir, eines Königs, der sich unter den heftigsten Stürmen selbst vergaß, hätte sicherlich die großen Geister der Zeit, die seit drei Monaten über der Lösung ihres Problems brüteten, lächeln gemacht.

Während der Aufruhr außen tobte, vertiefte sich Ludwig, die furchtbaren Ereignisse des Tages, die Einnahme der Bastille, die Ermordung von Flesselles, de Launay und Losme, die Nationalversammlung, die sich gegen ihren König zu empören geneigt war, vergessend, – in dieser völligen Privatbeobachtung, und die Enthüllung dieser unbekannten Szene nahm ihn ebensosehr in Anspruch, als die höchsten Interessen seiner Regierung.

Sobald er seinem Kapitän der Garden den erwähnten Befehl gegeben, kehrte er auch zu Gilbert zurück, der nun von der Gräfin den Ueberschuß des Fluidums, mit dem er sie beladen, entfernte, um ihr statt dieses konvulsivischen Somnambulismus einen ruhigen Schlaf zu geben.

Nach einem Augenblick war auch das Atmen der Gräfin ruhig und gleichmäßig, wie das eines Kindes. Mit einer einzigen Geberde der Hand öffnete ihr Gilbert die Augen wieder und versetzte sie in Ekstase.

Nun konnte man in ihrem ganzen Glänze die wunderbare Schönheit von Andrée sehen. Völlig befreit von jeder irdischen Beimischung, floß das Blut, das einen Augenblick bis zu ihrem Gesicht emporgestiegen war und vorübergehend ihre Wangen gefärbt hatte, wieder in Herz zurück, dessen Schläge sofort ihren gemäßigten Lauf annahmen. Das Gesicht war bleich geworden, doch in jener schönen matten Blässe der Frauen des Orients. Die ein wenig über das gewöhnliche Maß geöffneten Augen waren zum Himmel aufgeschlagen und ließen unten den Stern in der perlmutterartigen Weiße des Augapfels schwimmen; leicht erweitert, schien die Nase eine reinere Atmosphäre einzuatmen. Die Lippen, die ihre ganze frischrote Farbe beibehalten hatten, enthüllten, leicht geöffnet, eine Reihe von Perlen, deren lieblicher Glanz noch erhöht wurde durch ihre Feuchtigkeit.

Der Kopf war mit einer unaussprechlichen, beinahe engelhaften Anmut etwas zurückgeworfen.

Der König blieb wie geblendet; Gilbert wandte seufzend den Kopf ab; er hatte dem Wunsche, Andrée diesen Grad übermenschlicher Schönheit zu geben, nicht widerstehen können. Er machte eine Bewegung, ohne nur den Kopf gegen Andrée umzuwenden, und ihre Augen schlossen sich.

Der König wollte sich durch Gilbert diesen wunderbaren Zustand erklären lassen, bei dem sich die Seele vom Körper löst und frei, glücklich, über den menschlichen Erbärmlichkeiten schwebt.

Gilbert vermochte, wie alle wirklich erhabenen Menschen, das Wort auszuspechen, das der Mittelmäßigkeit so schwer fällt: Ich weiß es nicht. Er bekannte dem König seine Unwissenheit; er brachte eine Erscheinung hervor, die er nicht definieren konnte; die Thatsache bestand, die Erklärung der Thatsache fehlte.

»Doktor,« sagte der König bei diesem Bekenntnis Gilberts, das ist abermals eines von den Geheimnissen, das die Natur für die Gelehrten einer späteren Generation aufbewahrt, und das, wie so viele andre Mysterien, die man für unauflösbar hielt, ergründet werden wird. Wir nennen sie Mysterien, unsre Väter hätten sie Zaubereien oder Hexereien genannt.

»Ja, Sire,« erwiderte Gilbert lächelnd, »und ich hätte die Ehre gehabt, auf der Grève zur Verherrlichung einer Religion, die man nicht begriff, durch Gelehrte ohne Wissen und durch Priester ohne Glauben verbrannt zu werden.«

»Und unter wem haben Sie diese Wissenschaft studiert? unter Mesmer?«

»Oh! Sire,« antwortete Gilbert lächelnd, »ich habe bereits zehn Jahre früher, ehe der Name Mesmer in Frankreich nur genannt ward, die erstaunlichsten Phänomene dieser Wissenschaft gesehen.«

»Sagen Sie mir, war dieser Mesmer, der ganz Paris in Aufregung versetzte, Ihrer Ansicht nach ein Charlatan, ja oder nein? Mir scheint, Sie gehen viel einfacher zu Werke. Ich habe seine Experimente erzählen hören, sowie die von Deslon, die von Puysegur. Sie wissen, was man alles über diesen Gegenstand gesagt hat, Hirngespinste oder Wahrheiten.«

»Ja, Sire, ich habe die ganze Debatte verfolgt.«

»Nun, was denken Sie von der berühmten Kufe?«

»Eure Majestät wolle mich entschuldigen, wenn ich auf alles, was sie mich über die magnetische Kraft fragt, durch den Zweifel antworte. Der Magnetismus ist noch keine Kunst. Er ist nur eine Macht, eine furchtbare Macht, indem er den freien Willen vernichtet, die Seele vom Leibe trennt, den Leib der Somnambule den Händen des Magnetiseurs übergiebt, ohne daß jene die Kraft oder nur auch den Willen, sich zu verteidigen, behält. Ich, was mich betrifft, habe seltsame Phänomene bewerkstelligen sehen. Ich habe selbst bewerkstelligt, und dennoch zweifle ich.«

»Wie, Sie zweifeln? Sie bewirken Wunder, und Sie zweifeln!«

»Nein, ich zweifle nicht, ich zweifle nicht. In diesem Moment habe ich den Beweis einer unerhörten und unbekannten Macht vor meinen Augen. Ist aber dieser sichtbare Beweis verschwunden, bin ich allein in meinem Zimmer, meiner Bibliothek gegenüber, dem gegenüber, was die menschliche Wissenschaft seit dreitausend Jahren geschrieben hat; sagt mir die Wissenschaft nein; sagt mir der Geist nein; sagt mir die Vernunft nein: dann zweifle ich.«

»Und Ihr Meister zweifelte auch, Doktor?«

»Vielleicht, doch weniger offenherzig, als ich; er sagte es nicht.«

War es Deslon, war es Puysegur?

»Nein, Sire, nein. Mein Meister war ein Mann, der sehr hoch über den Männern stand, die Sie genannt haben. Ich habe ihn, besonders in Bezug auf Verwundungen, wunderbare Dinge verrichten sehen; keine Wissenschaft war ihm unbekannt. Er hatte sich die ägyptischen Theorien angeeignet. Er hatte die Geheimmittel der alten assyrischen Zivilisation erforscht. Er war ein tiefer Gelehrter, ein gewaltiger Philosoph, denn er besaß die Erfahrung des Lebens, verbunden mit der Beharrlichkeit des Willens.«

»Habe ich ihn gekannt? fragte der König.«

Gilbert zögerte einen Augenblick und sagte: »Ja, Sire.«

»Er heißt?«

»Sire,« antwortete Gilbert, »nenne ich diesen Namen vor dem König, so setze ich mich vielleicht seinem Mißfallen aus. In diesem Augenblick aber besonders, wo die Mehrzahl der Franzosen mit der königlichen Majestät ein Spiel treibt, möchte ich nicht gern einen Schatten auf die Ehrfurcht werfen, die wir alle der Majestät schuldig sind.«

»Nennen Sie kühn diesen Namen, Doktor Gilbert, und seien Sie überzeugt, daß ich auch meine Philosophie habe: eine Philosophie, die genug gestählt ist, um über alle Beleidigungen der Gegenwart und alle Drohungen der Zukunft zu lächeln.«

Trotz dieser Ermutigung zögerte Gilbert noch.

Der König näherte sich ihm.

»Mein Herr,« sagte er lächelnd, »nennen Sie mir Satan, wenn Sie wollen, ich werde gegen Satan einen Panzer finden, den, welchen Ihre Irrlehrer nicht haben, den, welchen sie nie haben werden, den, welchen ich vielleicht allein in meinem Jahrhundert besitze und ohne mich zu schämen anlege: die Religion!«

»Es ist wahr. Eure Majestät glaubt wie der heilige Ludwig,« sagte Gilbert.

»Und eben darin, Doktor – ich gestehe es – liegt meine Stärke; ich liebe die Wissenschaft, ich achte die Resultate des Materialismus; ich bin Mathematiker, wie Ihnen bekannt ist; Sie wissen, eine Additionssumme, eine algebraische Formel erfüllen mich mit Freude. Doch im Gegensatz gegen die Leute, welche die Algebra bis zum Atheismus treiben, habe ich in Reserve meinen tiefen, unerschöpflichen, ewigen Glauben, meinen Glauben, der mich um einen Grad über sie und unter sie stellt: über sie im Guten, unter sie im Bösen. Sie sehen, Doktor, ich bin ein Mann, dem man alles sagen kann, ein König, der alles hören kann.«

»Sire,« sprach Gilbert mit einer Art von Bewunderung, »ich danke Eurer Majestät für das, was sie mir gesagt hat; denn es ist beinahe das Geständnis eines Freundes, womit sie mich beehrt.«

»Oh! ich wünschte,« fügte der schüchterne Ludwig XVI. bei, »ich wünschte, ganz Europa könnte mich so sprechen hören. Wenn die Franzosen in meinem Herzen alle Stärke und alle Zärtlichkeit, die es enthält, lesen könnten, ich glaube, sie würden mir weniger widerstehen.«

Der letzte Teil des Satzes, der auf die bestrittenen königlichen Vorrechte hindeutete, schadete Ludwig XVI. im Geiste von Gilbert.

Er sagte auch rasch und ohne alle Schonung: »Sire, da Sie es wollen, mein Meister war der Graf von Cagliostro.«

»Oh! rief Ludwig errötend, dieser Empiriker!«14

»Dieser Empiriker  . . .. ja, Sire, sagte Gilbert. Eure Majestät weiß wohl, daß das Wort, dessen sie sich bedient hat, eines der edelsten ist, die man in der Wissenschaft gebraucht. Empiriker will besagen: der Mensch, der versucht. Immer versuchen, Sire, heißt für einen Denker, für einen Praktiker, für einen Menschen endlich, soviel als thun, was Gott den Sterblichen Größtes und Schönstes zu thun erlaubt hat. Der Mensch versuche sein ganzes Leben hindurch, und sein Leben ist ausgefüllt.«

»Ah! mein Herr, dieser Cagliostro, den Sie verteidigen, war ein großer Feind der Könige,« versetzte Ludwig XVI.

Gilbert erinnerte sich der Halsband-Geschichte.

»Will Eure Majestät nicht vielmehr sagen: der Königinnen?«

Ludwig zuckte unter dem Stachel.

»Ja,« sagte er, »er hat sich bei der ganzen Angelegenheit des Prinzen Louis von Rohan mehr als zweideutig benommen.«

»Sire, hier wie anderswo erfüllte Cagliostro die menschliche Sendung: er versuchte für sich. In der Wissenschaft, in der Moral, in der Politik giebt es weder Gutes noch Schlimmes, es giebt nur die bestätigten Erscheinungen, die erlangten Thatsachen. Ich gebe ihn nichtsdestoweniger Ihnen preis, Sire. Der Mensch, ich wiederhole es, kann oft den Tadel verdient haben; vielleicht wird dieser Tadel selbst eines Tages ein Lob für ihn sein; die Nachwelt durchsieht die Urteile der Menschen; doch ich habe nicht unter dem Menschen studiert, Sire, sondern unter dem Philosophen, unter dem Gelehrten.«

»Gut,« sagte der König, der noch die doppelte Wunde seines Stolzes und seines Herzens bluten fühlte, »gut, wir vergessen die Frau Gräfin, und sie leidet vielleicht.«

»Ich werde sie aufwecken, Sire, wenn es Eure Majestät haben will; doch ich hätte gewünscht, das Kistchen wäre während ihres Schlafes hieher gebracht worden.«

»Warum?«

»Um ihr eine zu harte Lektion zu ersparen.«

»Man kommt gerade,« sagte der König; »warten Sie.«

Der Befehl des Königs war pünktlich vollzogen worden; das in dem Palais von Charny in den Händen des Polizeiagenten Pas de loup gefundene Kistchen erschien in dem königlichen Kabinett unter den Augen der Gräfin, ohne daß sie es bemerkte.

»Nun!« sagte Ludwig XVI.

»Sire, das ist das Kistchen, das man mir gestohlen hatte.«

»Oeffnen Sie es.«

»Sire, wenn Eure Majestät es wünscht, soll es geschehen. Ich muß Eure Majestät nur auf eines aufmerksam machen. Dieses Kistchen enthält, wie ich Eurer Majestät gesagt habe, Papiere, die sehr leicht zu lesen, zu nehmen sind, während die Ehre einer Frau davon abhängt.«

»Und diese Frau ist die Gräfin?«

»Ja, Sire; die Ehre wird aber darum nicht Gefahr laufen, daß sie dem Gewissen Eurer Majestät anheimgegeben worden ist. Oeffnen Sie, Sire,« sprach Gilbert, indem er sich dem Kistchen näherte und den Schlüssel dem König reichte.

»Mein Herr,« erwiderte Ludwig XVI. kalt, »nehmen Sie dieses Kistchen mit, es ist Ihr Eigentum.«

»Ich danke, Sire. Was werden wir mit der Gräfin machen?«

»Oh! wecken Sie sie hier nicht auf. Ich will das Erstaunen, die Schmerzen vermeiden.«

»Sire,« sprach Gilbert, »die Frau Gräfin soll nur dort aufwachen, wohin Eure Majestät es für passend hält sie tragen zu lassen.«

»Gut, bei der Königin also.«

Ludwig klingelte. Ein Offizier trat ein.

»Herr Kapitän,« sagte er, »die Frau Gräfin ist hier, als sie die Nachrichten von Paris vernahm, ohnmächtig geworden. Lassen Sie sie zu der Königin tragen.«

»Wieviel Zeit braucht man, um sie in die Gemächer Ihrer Majestät zu bringen?« fragte Gilbert den König.

»Ungefähr 10 Minuten,« antwortete dieser.

Gilbert streckte die Hand über der Gräfin aus.

»In einer Viertelstunde wird sie aufwachen,« sagte er.

Auf Befehl des Offiziers traten zwei Soldaten ein und trugen die Gräfin in zwei Lehnstühlen fort.

»Herr Gilbert, was wünschen Sie nun noch?« fragte der König.

»Sire, eine Gunst, die mich in die Nähe Eurer Majestät bringt und mir zugleich die Gelegenheit verschafft, ihr nützlich zu sein.«

Der König harrte.

»Erklären Sie sich,« sagte er.

»Ich möchte gern Quartal-Arzt des Königs sein,« erwiderte Gilbert; »ich werde niemand Eintrag thun: das ist ein Ehrenposten, der jedoch mehr auf dem Vertrauen beruht, als Glanz verschafft.«

»Bewilligt,« sprach der König. »Adieu, Herr Gilbert . . . Ah! sagen Sie Necker alles Freundliche. Adieu.«

Dann im Weggehen rief er: »Mein Abendbrot!«

Denn, kein Ereignis konnte ihn sein Abendbrod vergessen machen.

XXV.
Bei der Königin

Während der König philosophisch die Revolution bekämpfen lernte, indem er einen Kursus in den verborgenen Wissenschaften machte, hatte die Königin, ein viel festerer und tieferer Philosoph, alle ihre Getreuen in ihrem Kabinett um sich versammelt; ohne Zweifel, weil noch keiner von ihnen Gelegenheit gehabt, seine Treue zu beweisen oder zu versuchen.

Auch bei der Königen war der furchtbare Tag in allen seinen Einzelheiten erzählt worden.

Man sah Generale, Höflinge, Priester und Frauen um die Königin versammelt. Hier waren junge Offiziere voll Mut und Eifer, die in allen diesen Empörungen eine lange erwartete Gelegenheit sahen, sich, wie bei einem Turnier, vor den Damen im Waffenspiele auszuzeichnen.

Alle vertrauten und der Monarchie ergebenen Diener hatten mit Aufmerksamkeit die Nachrichten angehört, die Herr von Lambescq erzählte, der, nachdem er den Ereignissen beigewohnt, mit seinem noch ganz vom Sande der Tuilerien bestaubten Regimente nach Versailles geeilt war, um den erschrockenen Leuten die Wirklichkeit als Trost zu geben, weil einige, so groß das Unglück war, es noch übertrieben hatten.

Die Königin saß an einem Tische.

Es war nicht mehr die sanfte, schöne Braut, der Schutzengel Frankreichs. Es war nicht einmal mehr jene schöne, anmutige Fürstin, die wir eines Abends mit der Prinzessin von Lamballe in die geheimnisvolle Wohnung von Mesmer eintreten und sich lachend und ungläubig zu der symbolischen Kufe setzen sahen, von der sie eine Offenbarung der Zukunft verlangte.

Nein! es war die stolze, hoffärtige Königin mit der gerunzelten Stirne, mit der geringschätzigen Lippe; es war die Frau, deren Herz einen Teil seiner Liebe hatte entschlüpfen lassen, um an der Stelle dieses sanften und belebenden Gefühles die ersten Tropfen Galle aufzunehmen, die nun ohne Unterlaß ins Blut gehen sollten.

Es war endlich die Frau des dritten Porträts der Gallerie von Versailles, das heißt, nicht mehr Marie Antoinette, nicht mehr die Königin von Frankreich, sondern diejenige, welche man nur noch mit dem Namen »die Österreicherin« zu bezeichnen anfing.

Hinter ihr war, halb im Schatten liegend, eine unbewegliche junge Frau, den Kopf auf das Kissen eines Sophas zurückgeworfen und die Stirne auf ihre Hand gestützt.

Das war Frau von Polignac.

Als die Königin Herrn von Lambescq erblickte, machte sie eine Gebärde verzweifelter Freude, die besagen wollte: Endlich werden wir alles erfahren.

Herr von Lambescq hatte sich mit einem Zeichen verbeugt, das zugleich wegen seiner beschmutzten Stiefel, wegen seines bestaubten Rockes und seines verdrehten Säbels, den er nicht mehr ganz in die Scheide hatte bringen können, um Verzeihung bat.

»Nun, Herr von Lambescq,« sagte die Königin, »Sie kommen von Paris? Was macht das Volk?«

»Es mordet und brennt.«

»Aus Schwindel oder aus Haß?«

»Nein, aus Grausamkeit.«

Die Königin dachte nach, als ob sie geneigt gewesen wäre, seine Ansicht über das Volk zu teilen. Dann schüttelte sie den Kopf und entgegnete:

»Nein, Prinz, das Volk ist nicht grausam, wenigstens nicht ohne Grund; verbergen Sie mir also nichts. Ist es Wahnwitz? Ist es Haß?«

»Ich glaube, daß es ein bis zum Wahnwitz getriebener Haß ist.«

»Haß, gegen wen? Ah, Prinz! Sie zögern abermals. Nehmen Sie sich in acht, wenn Sie so erzählen, so werde ich statt mich an Sie zu wenden, wie ich es thue, einen von meinen Piqueurs nach Paris schicken. Er braucht eine Stunde, um dahin zu kommen, eine Stunde, um sich zu erkundigen, eine Stunde, um zurückzukehren, und in drei Stunden wird er mir die Ereignisse ganz einfach erzählen können.«

Herr von Dreux-Breze trat mit einem Lächeln auf den Lippen vor und sagte:

»Aber, Madame, was ist Ihnen am Hasse des Volkes gelegen? das muß Sie durchaus nichts kümmern, das Volk kann alles hassen, nur Sie nicht.«

Die Königin ließ diese Schmeichelei völlig unbeachtet.

»Rasch, Prinz,« sagte sie, »sprechen Sie.«

»Wohl denn, ja, Madame, das Volk handelt im Hasse.«

»Gegen wen?«

»Gegen alles, was es beherrscht.«

»Ah! gut! das ist die Wahrheit! das fühlt sich!« versetzte entschlossen die Königin.

»Ich bin Soldat, Eure Majestät,« erwiderte der Prinz.

»Gut, gut, sprechen Sie als Soldat. Lassen Sie hören, was ist zu thun?«

»Nichts, Madame.«

»Wie! Nichts?« rief die Königin, das Gemurmel benützend, das sich bei diesen Worten unter den gestickten Röcken und goldenen Degen ihrer Gesellschaft erhoben hatte. »Nichts! Sie, ein lothringischer Prinz, kommen und sagen dies der Königin von Frankreich in dem Augenblick, wo das Volk, nach Ihrem eigenen Geständnisse, mordet und brennt; Sie sagen, es sei nichts zu thun?«

Ein neues Gemurmel, doch diesmal ein beifälliges, empfing die Worte der Königin.

Sie wandte sich um, umfaßte mit einem Blick den Kreis, der sie umgab, und suchte unter allen diesen flammenden Augen diejenigen, welche am meisten flammten, im guten Glauben, darin am meisten Treue zu lesen.

»Nichts!« wiederholte der Prinz, »denn wenn man den Pariser sich besänftigen läßt, so wird er sich auch besänftigen; er ist nur kriegerisch, wenn man ihn aufs äußerste treibt Warum ihm die Ehre eines Streites erweisen, warum die Wechselfälle eines Kampfes wagen? Verhalten wir uns ruhig, und in drei Tagen wird von nichts mehr in Paris die Rede sein.«

»Aber die Bastille, mein Herr?«

»Die Bastille! man verschließt ihre Thore, und diejenigen, welche sie eingenommen haben, werden gefangen sein.«

Es wurde etwas wie ein zitterndes Lachen unter der schweigsamen Gruppe hörbar.

Die Königin sprach:

»Nehmen Sie sich in acht, Prinz, nun beruhigen Sie mich zu sehr.« Und nachdenkend, das Kinn auf ihre flache Hand gestützt, suchte sie mit dem Blick Frau von Polignac, die blaß und traurig, in sich selbst versunken zu sein schien.

Die Gräfin hatte alle diese Nachrichten mit einem sichtbaren Schrecken angehört; sie lächelte nur, als die Königin bei ihr anhielt und ihr zulächelte, und dieses Lächeln war noch matt und entfärbt, wie eine sterbende Blume.

»Nun! Gräfin,« fragte die Königin, »was sagen Sie zu alledem?«

»Ach! nichts,« erwiderte sie. Und sie schüttelte den Kopf mit einem Ausdruck unsäglicher Entmutigung.

»Ei! ei!« sprach leise die Königin, indem sie sich ans Ohr der Gräfin neigte, die Freundin Diana ist eine Furchtsame.

Dann sagte sie laut:

»Aber wo ist denn Frau von Charny, die Unerschrockene! Wie mir scheint, bedürfen wir ihrer, um uns zu beruhigen.«

»Die Gräfin wollte eben wegfahren, als man sie zum König rief,« antwortete Frau von Misery.

»Ah! zum König,« versetzte zerstreut Marie Antoinette.

Nun erst bemerkte sie das seltsame Stillschweigen, das sich um sie her gelagert hatte.

Die unerhörten, unglaublichen Ereignisse, von denen die Nachrichten nach und nach wie verdoppelte Schläge nach Versailles gelangt waren, hatten die festesten Herzen vielleicht mehr noch durch das Erstaunen, als durch die Furcht entmutigt.

Die Königin sah die Notwendigkeit ein, alle diese niedergeschlagenen Geister wieder aufzurichten.

»Niemand giebt mir einen Rat?« sagte sie. »Gut! so werde ich mich bei mir selbst Rats erholen.«

Alle traten näher zu Marie Antoinette.

»Das Volk,« sprach sie, »ist nicht böse, es ist nur irregeführt. Es haßt uns, weil es uns nicht kennt. Nähern wir uns ihm.«

»Um es dann zu bestrafen, denn es hat an seinen Gebietern gezweifelt, und das ist ein Verbrechen.«

Die Königin sah nach der Seite, woher die Stimme kam, und erkannte Herrn von Bezenval.

»Oh! Sie sind es, Herr Baron; wollen Sie uns einen guten Rat geben?«

»Der Rat ist gegeben,« sagte er sich verbeugend.

»Es sei; der König wird bestrafen, doch als ein guter Vater.«

»Wer gut liebt, züchtigt gut,« versetzte der Baron.

Dann wandte er sich gegen Herrn von Lambescq um und sagte zu ihm:

»Sind Sie nicht meiner Ansicht, Prinz? Das Volk hat Morde begangen.«

»Die es leider Repressalien nennt,« versetzte halblaut eine sanfte, frische Stimme, bei deren Ton sich die Königin umwandte.

»Sie haben recht, Prinzessin, gerade darin, meine liebe Lamballe, besteht ein Irrtum; wir werden auch nachsichtig sein.«

»Doch,« versetzte die Prinzessin mit ihrer schüchternen Stimme, »doch ehe man sich fragt, ob man bestrafen soll, müßte man, glaube ich, vorerst fragen, ob man werde siegen können.«

Ein allgemeiner Schrei brach los, ein Schrei der Protestation gegen die Wahrheit, die aus diesem edeln Munde gekommen.

»Siegen! Und die Schweizer?« sagte der eine.

»Und die Deutschen?« sagte der andre.

»Und die Gardes-du-corps?« sagte der dritte.

»Man zweifelt am Heer und am Adel!« rief ein junger Mann, der die Uniform eines Leutnants der Husaren von Berchigny trug. »Haben wir diese Schmach verdient? Bedenken Sie, Madame, daß der König schon morgen, wenn er will, vierzigtausend Mann aufstellen, nach Paris werfen, und Paris zerstören kann. Bedenken Sie, daß vierzigtausend Mann ergebene Truppen so viel wert sind, als eine halbe Million empörte Pariser.«

Der junge Mann, der so gesprochen, hatte ohne Zweifel noch eine gute Anzahl ähnlicher Gründe vorzubringen; doch hielt er plötzlich inne, als er sah, daß die Königin ihre Augen auf ihn heftete. Er hatte aus der Mitte einer Gruppe von Offizieren gesprochen und war durch seinen Eifer weiter fortgerissen worden, als sein Grad und die Schicklichkeit es erlaubten.

Er hielt also, wie gesagt, plötzlich inne, beschämt über die Wirkung, die er hervorgebracht.

Doch es war zu spät. Die Königin hatte bereits seine Worte gleichsam im Fluge aufgefangen.

»Kennen Sie die Lage, mein Herr?« fragte sie mit freundlichem Tone.

»Ja, Eure Majestät,« antwortete der junge Mann errötend, »ich war auf den Champs-Elysees.«

»Dann kommen Sie, mein Herr, und sprechen Sie ohne Scheu.«

Der junge Mann trat ganz errötend aus den Reihen, die sich öffneten, vor und näherte sich der Königin.

Gleichzeitig wichen der Prinz von Lambescq und Herr von Bezenval zurück, als hätten sie es unter ihrer Würde erachtet, dieser Art von Rat beizuwohnen.

Die Königin merkte nicht auf ihren Rückzug.

»Sie sagen, mein Herr, der König habe vierzigtausend Mann?«

»Ja, Eure Majestät. In Saint-Denis, in Saint-Mande, in Montmartre und in Grenelle.«

»Ich erbitte mir Näheres und Genaueres darüber, mein Herr!« rief die Königin.

»Madame, die Herren von Lambescq und von Bezenval werden es Ihnen unendlich viel besser sagen als ich.«

»Fahren Sie fort, mein Herr. Ich höre gern die Einzelheiten aus Ihrem Munde. Unter wessen Befehl stehen diese vierzigtausend Mann?«

»Vor allem unter den Befehlen der Herren von Bezenval und Lambescq, sodann unter denen des Prinzen von Condé, des Herrn von Narbonne-Fritzlar und des Herrn von Salkenaym.«

»Ist das wahr, Prinz?« fragte die Königin, sich gegen Herrn von Lambescq umwendend.

»Ja, Eure Majestät,« sprach der Prinz, sich verbeugend.

»Auf Montmartre,« fuhr der junge Mann fort, »befindet sich ein Artilleriepark, in sechs Stunden kann das ganze Quartier, das von Montmartre aus beherrscht wird, in Asche verwandelt sein. Montmartre gebe das Signal zum feuern; Vincennes antworte ihm; zehntausend Mann rücken durch die Champs-Elysees an, zehntausend weitere durch die Barrière d'Enfer, zehntausend durch die Rue Saint-Martin, und zehntausend durch die Bastille; Paris höre das Gewehrfeuer an den vier Hauptpunkten, und es wird sich nicht vierundzwanzig Stunden halten.«

»Ah! das ist einer, der sich offenherzig erklärt,« sprach die Königin; »das ist ein genauer Plan. Was sagen Sie dazu, Herr von Lambescq?«

»Ich sage, daß der Herr Husarenleutnant ein vollkommener General ist,« antwortete mit geringschätzender Miene der Prinz.

»Wenigstens ist er ein Soldat, der nicht verzweifelt,« versetzte die Königin, die den jungen Offizier vor Zorn erbleichen sah.

»Meinen Dank, Madame,« sprach der junge Offizier, sich verbeugend. »Ich weiß nicht, was Ihre Majestät beschließen wird; doch ich flehe sie an, mich zu denjenigen zu zählen, welche bereit sind, für sie zu sterben, und ich thue damit bloß – das bitte ich sie zu glauben – was vierzigtausend Soldaten, abgesehen von unsern Führern, auch zu thun bereit sind.«

Bei diesen letzten Worten grüßte der junge Mann den Prinzen höflich, während ihn dieser beinahe beleidigt hatte.

Diese Höflichkeit fiel der Königin noch mehr auf, als die Ergebenheitsbeteuerung, die ihr vorangegangen.

»Wie heißen Sie, mein Herr?« fragte sie.

»Baron von Charny, Madame,« erwiderte er, indem er sich verbeugte.

»Von Charny!« rief Marie Antoinette, unwillkürlich errötend; »sind Sie ein Verwandter des Grafen von Charny?«

»Ich bin sein Bruder, Madame,« sagte der junge Mann. Und er verbeugte sich anmutig noch tiefer, als er es zuvor gethan.

»Ich hätte,« sagte die Königin, ihre Unruhe überwältigend, indem sie mit sicherem Blick umherschaute, »ich hätte bei Ihren ersten Worten einen meiner treusten Diener erkennen müssen. Meinen Dank, Baron. Wie kommt es, daß ich Sie zum ersten Male bei Hofe sehe?«

»Madame, mein ältester Bruder, der unsern Vater ersetzt, hat mir befohlen, bei meinem Regimente zu bleiben, und in den sieben Jahren, die ich in den Heeren des Königs zu dienen die Ehre habe, bin ich nur zweimal nach Versailles gekommen.«

Die Königin heftete einen langen Blick auf das Gesicht des jungen Mannes und sagte dann zu ihm:

»Sie gleichen Ihrem Bruder. Ich werde Ihren Bruder schelten, daß er gewartet hat, bis Sie sich selbst bei Hofe einfanden.«

Und sie wandte sich gegen die Gräfin, ihre Freundin um, die sich durch den ganzen Auftritt in ihrer Unbeweglichkeit nicht hatte stören lassen.

Doch völlig anders verhielt sich die übrige Versammlung. Elektrisiert durch den Empfang, den die Königin dem jungen Mann hatte zu teil werden lassen, übertrieben die Offiziere aus Leibeskräften den Enthusiasmus für die königliche Sache, und man hörte in jeder Gruppe Ausdrücke von einem Heldenmut erschallen, der ganz Frankreich zu bändigen imstande gewesen wäre. Marie Antoinette benützte diese Stimmung, die offenbar ihren geheimen Gedanken schmeichelte.

Sie hatte mehr Neigung zum Kampf, als zur Geduld, zum Widerstreben, statt zum Nachgeben. Von den ersten Nachrichten an, die ihr von Paris zugekommen, war sie auch zu einem hartnäckigen Widerstand gegen diesen Geist der Rebellion entschlossen, der alle Vorrechte der französischen Gesellschaft zu verschlingen drohte.

Auf die paar Worte, die der Graf von Charny gesprochen, auf das von den Anwesenden ausgesprochene Hurrah der Begeisterung sah sich Marie Antoinette im trügerischen Hoffnungsschein an der Spitze einer mächtigen Armee; sie hörte in der Einbildung ihre ungefährlichen Kanonen rollen und ergötzte sich an dem Schrecken, den sie den Parisern einflößen müßten, wie an einem entscheidenden Sieg.

Trunken von Jugend, Vertrauen und Liebe, zählten Männer und Frauen um sie her die glänzenden Husaren, die schweren Dragoner, die furchtbaren Schweizer, die geräuschvollen Kanoniere auf, und lachten über die plumpen Piken mit den rohen hölzernen Stielen, ohne daran zu denken, daß am Ende dieser gemeinen Waffen die edelsten Köpfe Frankreichs sich erheben sollten.

»Ich,« murmelte die Prinzessin von Lamballe, »ich habe mehr Angst vor einer Pike, als vor einer Flinte.«

»Weil das häßlicher ist, meine liebe Therese,« erwiderte lachend die Königin; »doch in jedem Fall beruhige dich. Unsre Pariser Pikeniere sind nicht so viel wert, als die Schweizer Pikeniere von Morat, und die Schweizer von heute haben mehr als Piken: sie haben gute Musketen, mit denen sie vortrefflich zielen.«

»Oh! was das betrifft, dafür stehe ich,« sagte Herr von Bezenval.

Die Königin wandte sich abermals gegen Frau von Polignac, um zu sehen, ob ihr alle diese Versicherungen ihre Ruhe nicht wiedergeben würden; doch die Gräfin schien trauriger als je.

Die Königin, die in ihrer unendlichen Zärtlichkeit dieser Freundin die königliche Würde zum Opfer brachte, flehte vergebens um ein lachenderes Gesicht.

Die junge Frau blieb düster und schien in die schmerzlichsten Gedanken versunken.

Diese Entmutigung hatte aber keinen andern Einfluß auf die Königin, als den, sie zu betrüben. Die Begeisterung unter den jungen Offizieren erhielt sich auf derselben Höhe, und alle entwarfen, um ihren Kameraden, den Grafen von Charny, versammelt, den Schlachtplan.

Mitten unter dieser fieberhaften Belebtheit trat der König allein, ohne Diener, ohne Befehle und lächelnd ein.

Ganz glühend von den Gemütsbewegungen, die sie um sich her angefacht hatte, eilte die Königin ihm entgegen.

Als man den König erblickte, stockte jedes Gespräch, und bald herrschte das tiefste Stillschweigen; jeder wartete auf ein Wort des Herrn, auf eines jener Worte, die elektrisieren und unterjochen.

Man horchte, man bebte, man zog mit dem Atem die ersten Worte ein, die aus dem königlichen Munde kommen sollten.

»Madame,« sagte Ludwig XVI., »unter allen diesen Ereignissen hat man vergessen, mir mein Abendbrot in meinem Zimmer aufzutragen; machen Sie mir das Vergnügen, mir hier das Abendbrot zu geben.«

»Hier?« rief die Königin erstaunt.

»Wenn Sie die Güte haben wollen!«

»Aber  . . .. Sire  . . .«

»Es ist wahr, Sie plauderten  . . .. Nun, während ich zu Nacht speise, werde ich auch plaudern.«

Das einfache Wort »Abendbrot« hatte jeglichen Enthusiasmus in Eis verwandelt. Doch bei den letzten Worten: während ich zu Nacht speise, werden wir plaudern, konnte die Königin selbst nicht glauben, daß so viel Ruhe nicht ein wenig Heldenmut verberge.

Ohne Zweifel hatte der König die Absicht, durch seine Ruhe allen vorübergehenden Schrecken niederzuschlagen.

Oh! ja. Die Tochter von Maria Theresia konnte nicht glauben, der Sohn des heiligen Ludwig bleibe in einem solchen Augenblick den materiellen Bedürfnissen des gewöhnlichen Lebens unterworfen.

Marie Antoinette täuschte sich. Der König hatte Hunger.

XXVI.
Wie der König am 14. Juli 1789 zu Abend speiste

Auf ein Wort von Marie Antoinette wurde dem König auf einem kleinen Tische im Kabinett der Königin aufgetragen. Aber es geschah dann ganz das Gegenteil von dem, was die Königin gehofft hatte. Ludwig XVI. ließ Stillschweigen gebieten, doch nur, um in seinem Abendbrot nicht gestört zu werden.

Während Marie Antoinette sich alle Mühe gab, um den Enthusiasmus anzufachen, verschlang der König.

Die Offiziere fanden diese gastronomische Sitzung nicht würdig eines Abkömmlings vom heiligen Ludwig und bildeten Gruppen, deren Gedanken durchaus nicht so ehrerbietig waren, als die Umstände es heischten.

Die Königin errötete, ihre Ungeduld offenbarte sich in allen ihren Bewegungen. Diese feine, aristokratische, nervöse Natur konnte eine solche Herrschaft der Materie über den Geist nicht begreifen. Sie näherte sich dem König, um diejenigen, welche sich vom Tische entfernten, dahin zurückzuführen.

»Sire,« sagte sie, »haben Sie keine Befehle zu geben?«

»Ah! ah!« erwiderte der König mit vollem Munde, »was für Befehle, Madame? Werden Sie in diesem Augenblick unsre Egeria sein?«

Und während er diese Worte sprach, nahm er mutig ein junges Feldhuhn mit Trüffeln in Angriff.

»Sire,« sagte die Königin, »Numa war ein friedlicher König. Heute aber denkt man allgemein, wir brauchen einen kriegerischen König, und wenn sich Eure Majestät das Altertum zum Muster nehmen soll, so muß sie, da sie nicht Tarquinius sein kann, Romulus sein.«

Der König lächelte mit einer Ruhe, die an Glückseligkeit grenzte.

»Sind diese Herren auch kriegerisch?« fragte er.

Und er wandte sich gegen die Offiziere um, und sein von der Hitze des Mahles belebtes Auge kam den Anwesenden von Mut glänzend vor.

»Ja, Sire!« riefen alle einstimmig, »den Krieg! wir verlangen nur den Krieg!«

»Meine Herren, meine Herren,« sprach der König, »Sie machen mir in der That das größte Vergnügen, indem Sie mir beweisen, daß ich bei Gelegenheit auf Sie zählen kann. Aber ich habe für den Augenblick einen Rat und einen Magen: der erste wird mir raten, was ich thun soll, der zweite rät mir, was ich thue.«

Und er lachte und reichte demjenigen, welcher ihn bediente, seinen Teller voll von Überresten, um einen frischen zu nehmen.

Ein Gemurmel des Erstaunens und des Zorns durchlief wie ein Schauer diese Menge von Edelleuten, die auf ein Zeichen des Königs all ihr Blut vergossen hätten.

Die Königin wandte sich ab und stampfte mit dem Fuß. Der Prinz von Lambescq ging auf sie zu und sagte zu ihr:

»Sie sehen, Madame, Seine Majestät denkt ohne Zweifel wie ich, es sei besser, zu warten. Das ist Klugheit, und obgleich es nicht die meinige ist, so ist die Klugheit doch leider eine in unsern Zeitläuften notwendige Tugend.«

»Ja, mein Herr, ja, sie ist eine sehr notwendige Tugend,« erwiderte die Königin, indem sie sich auf die Lippen biß.

Und traurig zum Tod, lehnte sie sich an den Kamin an, das Auge in der Nacht verloren, die Seele in Verzweiflung versenkt.

Diese zwiespältige Stimmung des Königs und der Königin fiel aller Welt auf. Die Königin hielt nur mit Mühe ihre Thränen zurück. Der König aß mit jenem sprichwörtlichen Appetit der Familie Bourbon fort.

Nach und nach entstand auch eine Leere im Saal. Die Gruppen schmolzen, wie in den Sonnenstrahlen der Schnee in den Gärten schmilzt, der Schnee, unter dem sodann stellenweise die schwarze, trostlose Erde erscheint.

Als die Königin die kriegerische Gruppe verschwinden sah, auf die sie so sehr gerechnet hatte, glaubte sie ihre ganze Macht verschwinden zu sehen. Aus dieser Erstarrung wurde sie durch die sanfte Stimme der Gräfin Jules aufgeweckt, die sich ihr mit Frau Diana von Polignac, ihrer Schwägerin, näherte.

Beim Tone dieser Stimme erschien die süße Zukunft, mit ihren Blumen und ihren Palmen, wieder im Herzen dieser stolzen Frau; eine aufrichtige und wahrhaft ergebene Freundin war mehr wert, als zehn Königreiche.

»Oh! du, du,« murmelte sie, die Gräfin Jules in ihre Arme schließend, »es bleibt mir also eine Freundin?«

Und lange zurückgehalten, entschlüpften die Thränen ihren Augenlidern, rollten an ihren Wangen herab und übergossen ihre Brust; doch statt bitter zu sein, waren diese Thränen süß, statt zu bedrücken, erleichterten sie ihr Herz.

Während eines kurzen Stillschweigens, das nun eintrat, hielt Marie Antoinette die Gräfin beständig in ihren Armen.

Die Herzogin, ihre Schwägerin an der Hand haltend, brach das Stillschweigen.

»Madame,« sagte sie mit einer so schüchternen Stimme, daß sie beinahe beschämt klang, »ich glaube nicht, daß Eure Majestät den Plan tadelt, den ich ihrem Urteil unterwerfen will.«

»Welchen Plan?« fragte die Königin aufmerksam; »sprechen Sie, Herzogin, sprechen Sie!«

Und während sie sich anschickte, auf die Herzogin Diana zu hören, lehnte sich die Königin auf die Schulter der Gräfin.

»Madame,« fuhr die Herzogin fort, »die Meinung, die ich aussprechen will, kommt von einer Person, deren Autorität Eurer Majestät nicht verdächtig sein wird, sie kommt von Ihrer Königlichen Hoheit Madame Adelaide, der Tante des Königs.«

»Welche Umschweife, liebe Herzogin,« sagte die Königin heiter, zur Sache.

»Madame, die Umstände sind traurig. Man hat die Gunst, der sich unsre Familie bei Eurer Majestät erfreut, sehr übertrieben. Die Verleumdung befleckt die erhabene Freundschaft, die Sie uns im Austausch für unsre ehrfurchtsvolle Ergebenheit huldreich bewilligen.«

»Nun!« versetzte die Königin mit einem Anfang von Erstaunen, »finden Sie nicht, daß ich herzhaft genug gewesen bin? Habe ich nicht gegen die öffentliche Meinung, gegen den Hof, gegen das Volk, selbst gegen den König meine Freundschaften aufrecht erhalten?«

»Oh! Madame, im Gegenteil, Eure Majestät hat ihre Freunde so edelmütig in Schutz genommen, daß sie ihre Brust allen Streichen entgegengesetzt, so daß heute, da die Gefahr groß, sogar furchtbar ist, die von Eurer Majestät so edel verteidigten Freunde feige und schlechte Diener wären, wenn sie nicht ihrer Königin Gleiches mit Gleichem vergelten würden.«

»Oh! das ist gut, das ist schön,« sagte Marie Antoinette, indem sie die Gräfin, die sie immer noch an ihre Brust gepreßt hielt, voll Begeisterung küßte und Frau von Polignac die Hand drückte.

Aber statt das Haupt unter dieser Liebkosung ihrer Königin stolz zu erheben, sah man beide erbleichen.

Madame Jules Polignac machte eine Bewegung, um sich von den Armen der Königin loszuwinden, doch diese hielt sie gegen ihren Willen an ihrem Herzen zurück.

»Aber,« stammelte Diana von Polignac, »Eure Majestät begreift wohl nicht recht, was wir ihr anzukündigen die Ehre haben, um die Schläge abzuwenden, die ihren Thron, ihre Person, vielleicht wegen der Freundschaft, mit der sie uns beehrt hat, bedrohen. Es ist ein schmerzliches Mittel, ein für unsre Herzen bitteres Opfer, wir müssen uns jedoch demselben unterziehen, denn es ist uns von der Notwendigkeit geboten.«

Bei diesen Worten war die Reihe, zu erbleichen, an der Königin. Denn sie fühlte nicht mehr die mutige und treue Freundschaft, sondern die Furcht; aus dieser Einleitung sprach die Furcht, unter dem Schleier dieser schüchternen Zurückhaltung war die Angst versteckt.

»Lassen Sie hören, Herzogin,« sagte sie, »sprechen Sie, was für ein Opfer ist das?«

»Oh! es ist durchaus nur ein Opfer für uns, Madame,« antwortete die Herzogin. »Wir sind, Gott weiß warum, in Frankreich verhaßt. Indem wir Ihren Thron von unsrer Last befreien, werden wir ihm den Glanz, die ganze Wärme der Liebe des Volkes wiedergeben, eine Liebe, die durch unsre Gegenwart erstickt oder zurückgedrängt worden ist.«

»Sie sollen sich entfernen,« rief die Königin betroffen aus, »wer hat das gesagt? wer hat das verlangt?«

Und sie schaute die Gräfin, die den Kopf senkte, voll Bestürzung an, und schob sie sanft mit der Hand von sich.

»Ich nicht, erwiderte die Gräfin Jules. Ich verlange im Gegenteil zu bleiben.«

Doch diese Worte wurden mit einem Ton gesprochen, der besagen wollte: Befehlen Sie mir zu reisen, Madame, und ich werde reisen.

O heilige Freundschaft, heilige Kette, die aus einer Königin und einer Dienerin zwei unauflöslich verbundene Herzen machen kann! O heilige Freundschaft, welche Heroismus übt, als die Liebe, als der Ehrgeiz, diese edlen Krankheiten des menschlichen Herzens! Diese Königin zerbrach plötzlich den goldenen Altar, den sie dir in ihrem Herzen errichtet hatte: sie bedurfte nur eines Blickes, eines einzigen um zu sehen, was sie seit zehn Jahren nicht wahrgenommen hatte: Kälte und Berechnung, entschuldbar, zu rechtfertigen, legitim vielleicht, aber entschuldigt, rechtfertigt, legitimiert etwas das Verlassen in den Augen desjenigen von zwei Wesen, welche noch liebt, während das andere zu lieben aufhört?

Marie rächte sich für den Schmerz, den sie empfand, nur durch den eiskalten Blick, mit dem sie ihre Freundin umhüllte.

»Ah! Herzogin Diana, das ist Ihre Ansicht?« sagte sie, während sie ihre Brust mit ihrer fieberhaften Hand zusammenpreßte.

»Ach! Madame,« erwiderte diese, »es ist nicht meine Wahl, es ist nicht mein Wille, der mir diktiert, was ich zu thun habe, es ist das Gebot des Geschicks.«

»Ja, Herzogin,« sprach Marie Antoinette. Und sich zur Gräfin Jules umwendend: »Und Sie, Gräfin, was sagen Sie?«

Die Gräfin antwortete durch eine Thräne, so brennend wie ein Gewissensbiß, doch ihre ganze Kraft hatte sich in der Anstrengung, die sie gemacht, erschöpft.

»Gut,« sagte die Königin, »gut; es ist mir süß, zu sehen, wie sehr ich geliebt bin. Ich danke, meine Gräfin, ja, Sie sind hier Gefahren preisgegeben, ja, die Wut dieses Volkes kennt keinen Zügel; ja, Sie haben recht, und ich allein war wahnsinnig. Sie verlangen, zu bleiben, das ist Aufopferung, aber ich nehme diese Aufopferung nicht an!«

Die Gräfin Jules schlug die Augen zur Königin auf. Doch statt die Ergebenheit der Freundin darin zu lesen, las die Königin nur die Schwäche des Weibes.

»Herzogin,« sagte Marie Antoinette, »Sie sind also entschlossen, abzureisen?«

Und sie legte einen besondern Nachdruck auf das Wort Sie.

»Ja, Eure Majestät.«

»Ohne Zweifel auf eines Ihrer Güter  . . . auf ein entferntes  . . . sehr entferntes.«

»Madame, um zu reisen, um Sie zu verlassen, sind fünfzig Meilen ebenso schmerzlich, als fünfhundert.«

»Sie gehen also ins Ausland?«

»Ach! ja, Madame.«

Ein Seufzer zerriß das Herz der Königin, kam aber nicht über ihre Lippen.

»Und wohin gehen Sie?«

»An den Rhein, Madame.«

»Gut. Sie sprechen deutsch, Herzogin,« sagte die Königin mit einem unbeschreiblich traurigen Lächeln, »und ich habe es Sie gelehrt. Die Freundschaft Ihrer Königin wird Ihnen wenigstens zu etwas genützt haben, und das macht mich glücklich.«

Dann wandte sie sich an die Gräfin Jules und sprach:

»Ich will Sie nicht trennen, meine liebe Gräfin. Sie wünschen zu bleiben, und ich schätze diesen Wunsch. Aber ich, die ich für Sie fürchte, will, daß Sie reisen, ich befehle Ihnen zu reisen.«

Und sie hielt an dieser Stelle inne, erstickt durch Gemütsbewegungen, die sie, trotz ihres Heldenmutes, vielleicht nicht die Kraft gehabt hätte zu bewältigen, wäre nicht plötzlich die Stimme des Königs an ihr Ohr gedrungen, der an allem, was wir hier erzählten, keinen Anteil genommen.

Seine Majestät war beim Nachtisch.

»Madame,« sagte der König, »es ist jemand bei Ihnen; man macht Sie darauf aufmerksam.«

»Aber, Sire,« rief die Königin, jedes andre Gefühl, als das der königlichen Würde, abschwörend, vor allem haben Sie Befehle zu geben. »Sehen Sie, es sind nur drei Personen hier geblieben, doch das sind diejenigen, mit welchen Sie zu thun haben: Herr von Lambescq, Herr von Bezenval und Herr von Broglie. Befehle, Sire, Befehle!«

Mit schwerfällig zögerndem Auge schaute der König auf.

»Herr von Broglie,« sagte er, »was denken Sie von alledem?«

»Sire,« antwortete der alte Marschall, »wenn Sie Ihre Armee aus der Nähe der Stadt Paris entfernen, so wird man sagen, die Pariser haben Sie geschlagen. Lassen Sie aber dieselbe in Ihrer Nähe, so muß Ihre Armee die Pariser schlagen.«

»Gut gesprochen!« rief die Königin, dem Marschall die Hand drückend.

»Gut gesprochen!« wiederholte Herr von Bezenval.

Der Prinz von Lambescq allein schüttelte stillschweigend den Kopf.

»Nun! und hernach?« sagte der König.

»Befehlen Sie: Marsch!« erwiderte der alte Marschall.

»Ja  . . . Marsch!« rief die Königin.

»Gut! da Sie es alle wollen: Marsch!« versetzte der König.

In diesem Augenblick übergab man der Königin ein Billet folgenden Inhalts:

»Um Gottes willen! keine Übereilung, Madame! Ich erwarte eine Audienz von Eurer Majestät.«

»Seine Handschrift!« murmelte die Königin.

Dann wandte sie sich um und fragte:

»Ist Herr von Charny bei mir?«

»Er kommt soeben ganz staubig und, ich glaube sogar, ganz blutig an,« antwortete die Vertraute.

»Einen Augenblick Geduld, meine Herren,« sagte die Königin zu Herrn von Bezenval und Herrn von Broglie; »erwarten Sie mich hier, ich kehre bald zurück.«

Und sie ging in größter Eile in ihr Boudoir.

XXVII.
Olivier von Charny

Als die Königin in ihr Boudoir eintrat, fand sie daselbst denjenigen, welcher das von der Kammerfrau überbrachte Billet geschrieben hatte.

Es war ein Mann von fünfunddreißig Jahren, von hoher Gestalt, mit einem Kraft und Entschlossenheit bezeichnenden Gesicht. Sein graublaues, lebhaftes Auge, so durchdringend wie das eines Adlers, seine gerade Nase, sein scharf ausgeprägtes Kinn gaben seiner Physiognomie einen martialischen Charakter, erhöht durch die Eleganz, mit der er das Kleid des Leutnants bei den Gardes-du-corps trug.

Seine Hände zitterten noch unter seinen zerrissenen und zerknitterten Battistmanschetten. Sein Degen war verbogen und fügte sich nicht mehr gut in die Scheide.

Bei der Ankunft der Königin ging er mit hastigen Schritten von tausend fieberhaften Gedanken bewegt, im Zimmer auf und ab.

Marie Antoinette trat gerade auf ihn zu.

»Herr von Charny!« rief sie, »Herr von Charny, Sie hier?«

Und als sie sah, daß er sich der Etikette gemäß ehrfurchtsvoll verbeugte, winkte sie einer Kammerfrau; diese entfernte sich und schloß die Thüre.

Die Königin ließ der Thüre kaum Zeit sich zu schließen, nahm Herrn von Charny kräftig bei der Hand und rief:

»Graf, warum sind Sie hier?«

»Weil ich glaubte, es sei meine Pflicht, zu kommen, Madame,« erwiderte der Graf.

»Nein; Ihre Pflicht war, Versailles zu meiden, zu thun, was beschlossen war, mir zu gehorchen, es zu machen, wie es alle meine Freunde machen, – die Angst vor meinem Glück haben . . . Ihre Pflicht ist, nichts meinem Geschick zu opfern; Ihre Pflicht ist, sich von mir zu entfernen, mich zu fliehen.«

»Sie zu fliehen! Und wer flieht Sie denn, Madame?«

»Diejenigen, welche vernünftig sind.«

»Ich glaube sehr vernünftig zu sein, und darum bin ich nach Versailles gekommen.«

»Und woher kommen Sie?«

»Von Paris, vom kochenden, trunkenen, mit Blut besudelten Paris.«

Die Königin drückte ihre beiden Hände an ihr Gesicht.

»Oh!« sagte sie, »nicht einer, nicht einmal Sie kommen, um mir eine gute Nachricht zu bringen!«

»Madame, unter den Umständen, in denen wir uns befinden, verlangen Sie von Ihren Boten, daß sie Ihnen nur eines verkündigen: die Wahrheit.«

»Wollen Sie mir die Wahrheit sagen?«

»Wie immer, Madame.«

»Sie sind eine ehrliche Seele, ein wackres Herz.«

»Ich bin ein treuer Unterthan, Madame, nichts andres.«

»Nun denn! ich bitte für den Augenblick, mein Freund, sagen Sie mir nicht ein Wort. Sie kommen zu einer Stunde, wo mein Herz bricht; meine Freunde erdrücken mich heute zum ersten mal mit der Wahrheit, die Sie mir immer gesagt haben. Oh! Graf, es war unmöglich, mir diese Wahrheit länger zu verschweigen, sie bricht in allem hervor: am Himmel, der rot ist, in der Luft, die sich mit dumpfen Geräuschen erfüllt, in der Physiognomie der Höflinge, die bleich und ernst sind. Nein! nein! Graf, zum ersten mal in Ihrem Leben sagen Sie mir nicht die Wahrheit.«

Der Graf schaute die Königin an.

»Ja, ja,« sagte sie, »nicht wahr. Sie, der Sie mich als mutig kennen. Sie erstaunen? Oh! Sie sind mit Ihrem Erstaunen noch nicht zu Ende!«

Herr von Charny machte eine fragende Gebärde.

»Sie werden sogleich sehen,« sagte die Königin mit einem nervösen Lachen.

»Eure Majestät leidet?« fragte der Graf.

»Nein, mein Herr, setzen Sie sich zu mir, und nicht ein Wort mehr über diese abscheuliche Politik  . . . Machen Sie, daß ich vergesse.«

Der Graf gehorchte mit einem traurigen Lächeln.

Marie Antoinette legte ihre Hand auf seine Stirne.

»Ihre Stirne glüht,« sagte sie.

»Ja, ich habe einen Vulkan im Kopfe.«

Ihre Hand ist eiskalt.

Und sie drückte die Hand des Grafen in ihren Händen.

»Mein Herz ist von der Kälte des Todes berührt,« sagte er.

»Armer Olivier, ich sagte es ihnen wohl, vergessen wir.Ich bin nicht mehr die Königin; ich bin nicht mehr bedroht; ich bin nicht mehr gehaßt! Nein, ich bin nicht mehr Königin! ich bin Weib. Was ist das Weltall für mich? Ein Herz, das mich liebt, das würde mir genügen.«

Der Graf kniete vor der Königin nieder und küßte ihr die Füße mit jener Ehrfurcht, welche die Ägypter für die Göttin Isis hegten.

»Oh! Graf, mein einziger Freund,« sprach die Königin, »während sie ihn aufzuheben suchte, wissen Sie, was mir die Herzogin Diana that?«

»Sie wandert aus,« antwortete Charny, ohne zu zögern.

»Er hat es erraten,« rief Marie Antoinette; »er hat es erraten! Ach! Man konnte das also erraten?«

»Oh! mein Gott, ja Madame,« erwiderte der Graf, »alles läßt sich in diesem Augenblick denken.«

»Aber Sie und die Ihrigen,« rief die Königin, »warum wandern Sie nicht ebenfalls aus, da das eine so natürliche Sache ist?«

»Ich, vor allem, Madame, thue es nicht, weil ich Eurer Majestät tief ergeben bin, und weil ich mir gelobt habe, nicht ihr, sondern mir selbst, sie nicht einen Augenblick während des Sturmes, der heranzieht, zu verlassen. Meine Brüder werden nicht auswandern, weil mein Benehmen das Beispiel sein wird, nach dem sie das ihrige richten; Frau von Charny endlich wird nicht auswandern, weil sie Eure Majestät – wenigstens glaube ich das – aufrichtig liebt.«

»Ja, Andrée ist ein sehr edles Herz,« sprach die Königin mit einer sichtbaren Kälte.

»Darum wird sie Versailles nicht verlassen,« fügte Herr von Charny bei.

»Somit werde ich sie immer bei mir haben,« sagte die Königin mit demselben eiskalten Ton, der schattiert war, um nur ihre Eifersucht oder ihre Verachtung fühlen zu lassen.

»Eure Majestät hat mir die Ehre erwiesen, mich zum Leutnant der Garden zu ernennen,« sagte der Graf von Charny, »mein Posten ist in Versailles, ich würde meinen Posten nicht verlassen haben, hätte mir Eure Majestät nicht die Bewachung der Tuilerien übertragen. Das ist eine notwendige Verbannung, hat mir die Königin gesagt, und ich bin in diese Verbannung abgegangen. Bei alledem, Eure Majestät weiß das, hat mich die Gräfin von Charny ebenso wenig getadelt, als sie um Rat gefragt worden ist.«

»Das ist wahr,« erwiderte die Königin, immer eisig.

»Heute,« fuhr der Graf unerschrocken fort, »heute glaube ich, daß mein Posten nicht mehr in den Tuilerien, sondern in Versailles ist. Wohl denn! möge es der Königin nicht mißfallen, ich habe mein Gebot verletzt, meinen Dienst selbst gewählt, und hier bin ich. Mag Frau von Charny vor den Ereignissen bange haben oder nicht, mag sie auswandern wollen oder nicht, ich bleibe bei der Königin  . . . wenn nicht etwa die Königin meinen Degen zerbricht. Wäre das der Fall, sollte ich nicht mehr das Recht haben, für sie im Gemach hier in Versailles zu kämpfen, zu sterben, so bleibt mir immerhin noch das Recht, mich vor der Thüre, auf dem Pflaster töten zu lassen.«

Der junge Mann sprach so mutig, so bieder diese einfachen aus dem Herzen gekommenen Worte, daß die Königin von ihrem Stolze herabfiel, hinter den sie sich zurückgezogen hatte, um mehr ein menschliches als königliches Gefühl zu verbergen.

»Graf,« erwiderte sie, »sprechen Sie nie wieder dieses Wort aus, sagen Sie nicht, Sie werden für mich sterben, denn wahrhaftig, ich weiß, daß Sie es thun werden, wie Sie es sagen.«

»Oh! ich werde es im Gegenteil immer sagen, rief Herr von Charny. Ich werde es allen und überall sagen; ich werde es sagen, wie ich es thun werde, weil, ich befürchte es, die Zeit gekommen ist, wo alle diejenigen sterben müssen, welche die Könige der Erde geliebt haben.«

»Graf! Graf! was giebt Ihnen denn diese unseligen Ahnungen ein?«

»Ach! Madame,« erwiderte Charny, den Kopf schüttelnd, »zur Zeit des leidigen amerikanischen Kriegs bin ich auch von dem Unabhängigkeitsfieber befallen gewesen, das die ganze Gesellschaft durchlaufen hat. Ich wollte auch einen thätigen Anteil an der Emancipation der Sklaven nehmen, wie man zu jener Zeit sagte, und ließ mich als Maurer aufnehmen. Ich schloß mich mit den Lafayette, mit den Lameth einer geheimen Gesellschaft an. Wissen Sie, Madame, was der Zweck dieser Gesellschaft war? Die Zerstörung der Throne. Wissen Sie, was der Wahlspruch der drei Buchstaben: L.P.D. war? Lilia pedibus destrue Tritt die Lilien mit Füßen.«

»Was haben Sie dann gethan?«

»Ich habe mich mit Ehren zurückgezogen; doch für einen, der sich zurückzog, ließen sich zwanzig aufnehmen. Was nun heute geschieht, Madame, ist der Prolog des großen Dramas, das sich in der Stille und in der Nacht, seit zwanzig Jahren, im Kopfe der Menschen vorbereitet hat, die gegenwärtig Paris in Bewegung setzen, das Stadthaus regieren, im Besitze des Palais-Royal sind und die Bastille genommen haben. Ich habe die Gesichter meiner alten Bundesbrüder erkannt. Täuschen Sie sich nicht, Madame, alle Ereignisse der jüngsten Zeit sind keine Ereignisse des Zufalls, es sind seit langer Zeit vorbereitete Aufstände.«

»Oh! Sie glauben! Sie glauben, mein Freund!« rief die Königin, in Thränen zerfließend.

»Weinen Sie nicht, Madame, begreifen Sie!« sagte der Graf.

»Ich soll begreifen! ich soll begreifen!« fuhr Marie Antoinette fort; »ich, die geborene Gebieterin von fünfundzwanzig Millionen Menschen, soll es begreifen, wenn diese fünfundzwanzig Millionen Unterthanen, die bloß da sind, um mir zu gehorchen, sich empören und meine Freunde töten! Nein, ich werde das nie begreifen.«

»Sie müssen es aber begreifen; denn von diesen Unterthanen, die Ihnen gehorchen sollen, sind Sie, sobald dieser Gehorsam ihnen zur Last wird, eine Feindin geworden; und bis diese widerwillig Gehorchenden die Macht besitzen, Eure Majestät zu verschlingen – wozu sie bereits ihre hungrigen Zähne wetzen – verschlingen sie Ihre Freunde, die noch mehr verhaßt sind als sie.«

»Und finden Sie vielleicht, daß die Leute recht haben, Herr Philosoph?« rief gebieterisch die Königin, das Auge weit aufgerissen, die Nasenflügel bebend.

»Ach! ja, Madame, sie haben recht,« antwortete der Graf mit seinem sanften, liebevollen Ton, »denn wenn ich mit meinen schönen englischen Pferden, mit meinem goldenen Rock und mit meinen Leuten, deren silberne Tressen mehr kosten, als man brauchte, um drei Familien zu ernähren, auf den Boulevards spazieren fahre, so fragt sich Ihr Volk, das heißt, es fragen sich diese fünfundzwanzig Millionen ausgehungerte Menschen, wozu ich ihnen diene, ich, der ich nur ihresgleichen sei.«

»Sie dienen ihnen mit diesem, Olivier,« rief die Königin, indem sie den Degen des Grafen am Griff faßte, »Sie dienen ihnen mit diesem Degen, den Ihr Vater als Held bei Fontenoy gehandhabt hat; den Ihr Großvater bei Steenkerke, Ihr Urgroßvater bei Lens und Rocroi, Ihre Ahnen bei Ivry, bei Marignan, bei Aziencourt geführt haben. Der Adel dient dem französischen Volk durch den Krieg, er hat das Gold, das seine Röcke verbrämt, das Silber, das seine Livreen bedeckt, durch den Krieg um den Preis seines Blutes gewonnen. Fragen Sie sich also nicht mehr, Olivier, wozu Sie dem Volke dienen, Sie, der Sie ebenfalls als Braver diesen Degen führen, den Ihnen Ihre Väter vermacht haben!«

»Madame, Madame, sprechen Sie nicht so viel vom Blute des Adels! das Volk hat auch Blut in den Adern; sehen Sie die vor der Bastille fließenden Bäche; zählen Sie seine auf dem geröteten Pflaster ausgestreckten Toten und erfahren Sie, daß deren Herz, das nicht mehr schlägt, an dem Tage, wo Ihre Kanonen gegen dieselben donnerten, so edel geschlagen hat, als das eines Ritters; an dem Tage, wo das Volk, eine für seine Hand unbekannte Waffe schwingend, mitten unter dem Kartätschenhagel Lieder anstimmte, was unsre braven Grenadiere nicht immer thun. Ei! Madame, ei! meine Königin, ich bitte Sie inständig, schauen Sie mich nicht mit diesen zornigen Augen an. Was ist ein Grenadier? Es ist ein blauer verbrämter Rock auf dem Herzen des Volks, von dem ich soeben sprach. Was ist der Kugel, die durchbohrt und tötet, daran gelegen, ob das Herz mit blauem Tuch oder mit einem Fetzen Zwillich bedeckt ist? Was liegt dem Herzen, das bricht, daran, ob die Hülle, die es beschützte, von Drillich oder von Tuch war? Die Zeit ist gekommen, an alles das zu denken, Madame; Sie haben nicht mehr fünfundzwanzig Millionen Sklaven in Frankreich; Sie haben nicht mehr fünfundzwanzig Millionen Unterthanen, Sie haben sogar nicht mehr fünfundzwanzig Millionen Menschen, Sie haben fünfundzwanzig Millionen Soldaten.«

»Die gegen mich kämpfen werden, Graf?«

»Ja, gegen Sie, denn sie kämpfen für die Freiheit, und Eure Majestät steht zwischen ihnen und der Freiheit.«

Ein langes Stillschweigen folgte auf diese Worte des Grafen. Die Königin brach es zuerst.

»Nun,« sprach sie, »die Wahrheit, die ich Sie mir nicht zu sagen bat, Sie haben Sie mir also gesagt?«

»Ach! Madame,« antwortete Charny, »unter welcher Form sie meine Ergebenheit auch verbirgt, unter welchem Schleier sie auch meine Ehrfurcht erstickt, wider meinen Willen, wider Ihren Willen, schauen Sie, hören Sie, fühlen Sie, betasten Sie, denken Sie, träumen Sie: die Wahrheit ist da, Madame, ewig da, und Sie werden nicht mehr imstande sein, sie von Ihnen zu verbannen, wie sehr Sie sich auch anstrengen mögen! Schlummern Sie, schlafen Sie, um zu vergessen, und sie wird sich zu Ihren Häupten setzen, und sie wird das Gespenst Ihrer Träume, die Wirklichkeit Ihres Erwachens sein.«

»Oh! Graf,« sagte die Königin stolz, »ich kenne einen Schlaf, den sie nicht stören wird.«

»Diesen, Madame, fürchte ich so wenig, als Eure Majestät, und ich wünsche ihn vielleicht ebensosehr, als sie.«

»Oh!« sprach die Königin mit Verzweiflung, »Ihrer Ansicht nach ist dies also unsre einzige Zuflucht?«

»Ja, – doch übereilen wir nichts, Madame! gehen wir nicht schneller, als unsre Feinde, und wir gehen eben durch die Beschwerlichkeiten, die uns so viele Tage des Sturms bereiten, geradeswegs zu dem Schlaf.«

Und ein neues Stillschweigen, noch düsterer, als das erste, lastete auf Marie Antoinette und Olivier von Charny. Sie saßen, er bei ihr, sie bei ihm. Sie berührten sich, und dennoch war eine unermeßliche Kluft zwischen ihnen! Es war der Zwiespalt ihrer Geister, die getrennt auf den Wogen der Zukunft schwebten.

Die Königin kam zuerst auf den Gegenstand des Gesprächs zurück, doch auf einem Umweg. Sie schaute den Grafen starr an und sprach:

»Mein Herr, ein letztes Wort über uns; – und  . . . Sie werden mir alles sagen, alles, alles, alles, hören Sie wohl!«

»Ich höre, Madame.«

»Sie schwören mir, daß Sie nur meinetwegen gekommen sind?«

»Oh! Sie zweifeln daran?«

»Sie schwören mir, daß Ihnen Frau von Charny nicht geschrieben hat? Hören Sie: Ich weiß, daß sie ausgehen wollte; ich weiß, daß sie eine Idee im Kopfe hatte  . . . Schwören Sie mir, Graf, daß Sie nicht ihr zu Liebe zurückgekommen sind.«

In diesem Augenblicke klopfte man an die Thüre.

»Herein!« sagte die Königin.

Die Kammerfrau erschien wieder.

»Madame,« sagte sie, der König hat zu Abend gespeist.

Der Graf schaute Marie Antoinette mit Erstaunen an.

»Nun,« sagte sie, die Achseln zuckend, was ist dabei so Erstaunliches? Muß der König nicht zu Abend speisen?«

Olivier faltete die Stirne.

»Sagen Sie dem König,« antwortete die Königin, ohne sich stören zu lassen, »ich erhalte Nachrichten von Paris, und ich werde sie ihm mitteilen, sobald ich sie vernommen habe.«

Dann wandte sie sich gegen Charny um und sprach:

»Fahren wir fort; da nun der König zu Abend gespeist hat, ist es billig, daß er verdaut.«

1.Wulfstritt.
2.Polizeispione.
3.Wir kopieren diese Namen genau nach dem Original, ohne entfernt für die Richtigkeit zu bürgen, D. Uebers.
4.In jener Zeit Benennung der Stutzer, deren Lieblingsparfüm Bisam (muse) war.
5.Bei den Orientalen eine Art von Dämon, ein weiblicher Dämon, der die Friedhöfe heimsucht und sich mit Leichen füttert. D. Übers
6.So heißt es im Original, aber entweder ist die Summe von drei Millionen ein Druckfehler, denn die Vergnügungen von Ludwig XV. kosteten bedeutend mehr, oder hatte es heißen sollen XVI. D. Uebers.
7.Loque, Fetzen, Chiffe ein dünnes, schlechtes Zeug, Graille, Krähe.
8.Die drei Portraits sind in Versailles.
9.Lettres de cachet.
10.Tarasque oder Terasque, der Name, den man in Taraseon der Darstellung eines Ungeheuers gibt, das die heilige Martha mit ihrem Strumpfband erwürgt haben soll, und das in Procession in dieser Stadt umhergetragen wird. Der Uebersetzer.
11.Später machte Lafayette die Bemerkung, blau und rot seien auch die Farbe des Hauses Orleans, und fügte die weiße Farbe bei, indem er zu denen, welche sie annahmen, sagte: Ich gebe euch eine Kokarde, welche die Reise um die Welt machen wird.
12.Billot, Block; Hache, Beil.
13.Cours, Corso. ein Spazierplatz in Versailles.
14.L'empirique, der Empiriker, wird sehr häufig von den Franzosen in der Bedeutung von Charlatan gebraucht.
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Дата выхода на Литрес:
06 декабря 2019
Объем:
754 стр. 7 иллюстраций
Правообладатель:
Public Domain

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