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DIE VIELVERSPRECHENDEN

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN: 978-3-9818048-0-5
Textarchitektur: Dorothee Köhler
Storytelling: Jörg Achim Zoll
Fehlerbeseitigung: Ines Balcik
Umschlaggestaltung & Satz: Gábor Vakulya
Gestaltungsidee: Komitee für gereiften Menschengeschmack
Illustrationen: MachDuPikto
Coverbild: © Vitaliy Melnik, 78200306 / Fotolia
Copyright © 2019 by Christoph Zulehner
Herstellung und Verlag:
ORIOL Verlag, eine Marke der Focus One Consult GmbH, Varel E-Mail: info@oriol-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags oder des Autors.
www.christophzulehner.com www.oriol-verlag.de
INHALTSVERZEICHNIS
Prolog
1 Der Uhrmacher
2 Der Ballsportler
3 Die Modeschöpferin
4 Der Autoverkäufer
5 Der Komponist
6 Der Perlenhändler
7 Die Reporterin
8 Die Taschenmacher
9 Der Softwarehändler
10 Der Importeur
11 Die Kleidermacherin
12 Der Vermieter
13 Der Gitarrist
14 Der Ausstatter
15 Der Straßenkünstler
16 Die Sterndeuterin
17 Der Unternehmer
18 Der Verleger
Epilog
Quellenhinweise
PROLOG
Skandal! Bereits beim Erscheinen meines Buchs „Make the Fake. Warum Erfolg die Täuschung braucht“ wurden Stimmen laut, die „skandalös“, „unethisch“ und „verlogen“ schrien. Es sahen sich sogar selbsternannte Retter der Moral bemüßigt, in diesen Chor einzustimmen, obwohl sie das Buch nie in Händen gehalten, geschweige denn gelesen oder das Audio-Book gehört hatten. Erstaunlich!
Das Wort „Fake“ hatte also bei den wenigsten einen ersten guten Eindruck hinterlassen. Dieser Effekt ist möglicherweise auch dem Umstand zuzuschreiben, dass zur selben Zeit ein amerikanischer Präsident begann, mit dem Begriff „Fake News“ eine Twitter-Lawine loszutreten.
Was aber ist das ach so Skandalöse an einem Fake? Ist ein Fake wirklich so verwerflich? Oder sind es vielleicht nur Scheinheiligkeiten, die sich hinter dem Aufschrei verbergen? Und was sagt eigentlich die Wissenschaft zum Fake? Gibt es Belege, die meinen Ansatz und die Sichtweisen vieler Leserinnen und Leser untermauern?
Ja, es gibt sie, diese wissenschaftlichen Belege. Auf einige, die mir selbst noch unbekannt waren, haben mich Leserinnen und Leser in vielen positiven Reaktionen hingewiesen. Es waren Beiträge aus den Bereichen der Philosophie, der Psychologie und der Kognitionswissenschaften. Ein Leser beispielsweise sandte mir einen Gastbeitrag des amerikanischen Psychologen Adam Grant zu, der 2016 in der New York Times erschien: „Unless You’re Oprah, ‚Be Yourself ‘ Is Terrible Advice“. Darin beschreibt Grant sehr eindrucksvoll jene Mechanismen, auf die auch ich mich beziehe. Grant weist darauf hin, dass es weder ratsam noch klug ist, immer authentisch zu sein, und unterscheidet „High Self-Monitors“ von „Low Self-Monitors“. Die „High Self-Monitors“ beschreibt er als Menschen, die Situationen „scannen“ und ganz besonders auf zwischenmenschliche Signale („Social Cues“) achten, um dann rasch darauf reagieren zu können. Es ist die soziale Unbeholfenheit, die den „High Self-Monitors“ ein Gräuel ist, so Grant.
Brian R. Little, Autor des Buchs „Me, Myself And Us”, zitiert eine faszinierende Studie, in der beobachtet wurde, wie Menschen ihre Steaks würzen. Dabei stellte sich heraus, dass „High Self-Monitors“ zuerst kosten und dann salzen, während „Low Self-Monitors” ihr Fleisch sofort nachwürzen, ohne es vorher zu probieren. Little resümiert mit dem Wortspiel, dass „Low Self-Monitors“ offensichtlich ihre versalzene Persönlichkeit gut kennen.
Ein anderer Leser wies mich auf den deutschen Philosophen und Kant-Forscher Hans Vaihinger (1852–1933) hin. In seinem Hauptwerk „Die Philosophie des Als Ob“ schreibt er gegen die zu seiner Zeit vorherrschende Meinung an, dass Wahrheit als Entsprechung zwischen Erkenntnis und Wirklichkeit zu verstehen sei. Die Ausgangsfrage seiner Philosophie ist, wie sich erfolgreiches Handeln und Problemlösen mit falschen Annahmen erreichen lässt. Sein Ergebnis: Nützliche Fiktionen erhalten ihre Legitimation durch ihren lebenspraktischen Zweck. Auf dem Umweg des „Als Ob“ werden neue Modelle der Wirklichkeit gefunden. Das über 800 Seite starke Werk Vaihingers erschien 1928 in zehn Auflagen und wurde in zwölf Sprachen übersetzt. Als besonderer Witz soll hier noch erwähnt sein, dass unter anderem eine gekürzte Volksausgabe und eine Schulausgabe für Gymnasien aufgelegt wurden.
Nun, ich hege nicht die Erwartung, dass mein Buch „Make the Fake“ in zwölf Sprachen übersetzt wird. Auch eine Volksausgabe erwarte ich nicht, verstehen sich doch Sachbücher generell als solche.
Meine Erwartungshaltung ist eine ganz simple: den Fake als das zu sehen, was er im Grunde genommen ist – eine Kulturtechnik und ein Versprechen. Ein Versprechen an den Markt und ein Versprechen an sich selbst.
Ist es nicht verblüffend, was Sprache auszulösen vermag? Sprechen wir vom „Fake“, dann zeigen sich viele empört und wenden sich entrüstet ab. Sprechen wir aber davon, dass etwas „vielversprechend“ ist, dann horchen dieselben Menschen auf und sind bisweilen gar verzückt, wenn es heißt: „Das ist ein vielversprechender junger Mensch“ oder „Das ist ein vielversprechendes Produkt“ oder „Es handelt sich hier um eine vielversprechende Methode“.
Dabei sagt die Bezeichnung „vielversprechend“ nichts anderes, als dass es sich dabei um „viel Versprechen“ handelt. Die Zusicherung als schöpferische Kraft.
Wir wachsen nicht mit unseren Aufgaben. Wir wachsen vielmehr mit unseren Versprechen, weil wir gefordert sind, sie einzulösen. Wir wachsen somit auch mit unseren Fakes.
Alle Geschichten in diesem Buch erzählen von vielversprechenden Menschen. Auf ihre Art und Weise. Von Menschen, die Erfolg haben, auf ihre Art und Weise. Bestimmt würden manche von ihnen ihren Erfolg nicht einem Fake zuschreiben. Möglicherweise wäre die eine oder der andere auch nicht damit einverstanden, den jeweiligen Erfolg als „Fake“ zu bezeichnen. Trotzdem: In meinem positiven Verständnis des Wortes waren es „Fakes“. Ganz hervorragende noch dazu. Aber lesen Sie am besten selbst. Vorhang auf!


1 | DER UHRMACHER
George Clooney trägt Omega. Ellen DeGeneres trägt Patek Philippe. Justin Timberlake trägt Rolex. Kevin Costner trägt Jacques Lemans. Das edle Chronometer ist Pflichtprogramm in der Welt der Hollywoodstars. Schließlich kultiviert das Film-, Musik- und Showbusiness an Amerikas Westküste eine Ästhetik, die gern mit dem leicht boulevardesken Begriff „Glamour“ charakterisiert wird. Letztlich ist dieser berühmte Hollywood-Glamour ein schillerndes Mosaik aus den passenden Zutaten: Elegante Colliers gehören dazu, die zwischen rotem Teppich und kalifornischer Sonne so schön funkeln. Luxuslimousinen, XXL-SUVs und Sportwagen natürlich, vorzugsweise deutscher, englischer oder italienischer Provenienz. Dazu Swimming-Pools so blau wie auf den Gemälden von David Hockney und größer als so manches Nichtschwimmer-Becken europäischer Freibäder. Dann vielleicht noch Schuhschränke mit hunderten von Paaren, so wie sie die jugendlichen Spaß-Einbrecher in Sophia Coppolas Film „The Bling Ring“ im Haus von Paris Hilton vorfinden. Doch einer der allerwichtigsten Mosaiksteine ist zweifellos der Zeitmesser – nur ein kleines Accessoire und doch ein ganz großes Statement: Glamour to go. Bling-Bling fürs Handgelenk.
Zu den angenehmen Seiten eines Arbeitslebens als Hollywoodstar zählt bekanntlich ein Salär, das europäische Konzernlenker wie Durchschnittsverdiener dastehen lässt. Insofern erscheint die Anschaffung einer sündhaft teuren Armbanduhr für Clooney & Co. keine allzu große Sache. Doch sie haben es noch besser, die Stars: In den Villen von Bel Air oder Malibu müssen viele schöne Dinge des Lebens gar nicht auf eigene Rechnung angeschafft werden – Promi-Marketing sei Dank. Während der gemeine Besserverdienende für eine Luxusuhr zwar vielleicht nicht eisern sparen, aber doch sein Tagesgeldkonto plündern muss, erhält sie der Hollywoodstar kostenlos direkt ab Werk. Der Produzent legt noch mindestens das Jahresgehalt seines CEO obendrauf, damit der prominente Konsument sich mit den Uhren der jeweiligen Marke wirkungsvoll öffentlich zeigt. Das Handgelenk als Werbeträger. Noch mehr Honorar winkt, sobald der Hollywoodstar dem Marketing der Uhrenmanufaktur regelmäßig für Fotos und Bewegtbilder zur Verfügung steht. Selbstverständlich sind nach der Unterschrift unter einen Werbevertrag die Uhren anderer Hersteller öffentlich tabu. Sie dürfen höchstens noch im heimischen Safe gehortet werden.
Dermaßen vertraglich an einen bestimmten Hersteller gebunden, werden die Stars zu sogenannten Markenbotschaftern für die Uhren an ihren Handgelenken. Während Ellen DeGeneres nach eigener Aussage nur deshalb Patek Philippe trägt, weil sie als Uhrenfan eine Leidenschaft für die Produkte dieser Schweizer Manufaktur hegt, dürfte „George Clooney’s choice“ weit weniger vom privaten Geschmack getrieben sein. Der Filmstar und Frauenschwarm ist nämlich „Ambassador“ – Botschafter – der Marke Omega und damit per Unterschrift an den Hersteller von Luxusuhren aus dem schweizerischen Biel gebunden. Ob Justin Timberlake seine favorisierte Rolex aus eigener Tasche bezahlt hat, ist nicht bekannt. Sein Musiker-Kollege Michael Bublé jedenfalls ist schon seit mehr als zehn Jahren offizieller „Testimonee“ für Rolex und wird von der Schweizer Luxusmanufaktur sicher entsprechend generös mit ihren Produkten ausstaffiert. Den Begriff „Testimonee“ (analog „Coachee“ oder „Trainee“) im Sinne von „Referenzgeber“ scheint das Rolex-Marketing übrigens eigens für seine prominenten Uhrenträger erfunden zu haben. Ebenso wie beim „Testimonial“ (= bezahltes Lob) ist die Wurzel das lateinische testari („Zeugnis geben“, „bezeugen“, „schwören“). Michael Bublé schwört also buchstäblich auf seine Uhr.
AM WÖRTHERSEE SPRICHT MAN NICHT FRANZÖSISCH
Zurück zu George Clooney, Ellen DeGeneres, Justin Timberlake, Kevin Costner und ihren Uhren von Omega, Patek Philippe, Rolex und Jacques Lemans. Den Kennern unter Ihnen wird bei diesem Namedropping schon im ersten Durchgang etwas aufgefallen sein: Einer der Stars passt hier nicht so recht zu den übrigen. Sie glauben, ich meine Ellen DeGeneres? Weil die einzige Frau in dieser Aufzählung „nur“ ein Fernsehstar ist und außerdem zu Hollywoods wenigen bekennenden Nicht-Heteros zählt? Nun, das alles ist richtig, spielt aber beim Thema Uhren keine Rolle. Mit ihrer Patek Philippe bewegt sich die Talkshow-Moderatorin und mehrfache Emmy-Preisträgerin auf Augenhöhe mit den Herren Clooney und Timberlake, die ebenfalls einige der exklusivsten und teuersten Schweizer Zeitmesser tragen. Nein, die Uhrenkenner unter Ihnen sind ganz bestimmt über Kevin Costner und seine Jacques Lemans gestolpert. Jacques Lemans? Gibt es solch eine Uhr nicht schon für 100 Euro bei Amazon?
Tatsächlich sind Uhren der Marke Jacques Lemans im mittleren Preissegment angesiedelt. Zwar kommen aus diesem Haus auch einige mechanische Uhren, für die 1.000 oder 1.500 Euro hingelegt werden müssen. Aber eben nicht jene 10.000 oder 15.000 Euro, für die es bei Patek Philippe oder Rolex erst interessant wird. Wer eine Uhr in der Preisklasse jenseits von 100.000 Euro will, der muss bei den Schweizer Manufakturen nicht lange suchen. Eine Rolex mit den entsprechenden Klunkern kann mehr als das Hundertfache der teuersten Jacques Lemans kosten. Kenner wissen das. Doch wenn Sie einmal nur die Werbeanzeigen von George Clooney für Omega mit denen von Kevin Costner für Jacques Lemans vergleichen, dann werden Sie da nicht unbedingt einen großen Unterschied feststellen. Oscar-Preisträger Kevin Costner hält seine Jacques Lemans nicht einen Deut weniger selbstbewusst in die Kamera des Werbefotografen als Kollege Clooney seine Omega oder Schmusesänger Bublé seine Rolex. Sollte Costner seine Ticktack nicht ehrlicherweise etwas bescheidener präsentieren?
Nein, denn wir sind hier auf den Spuren eines der erfolgreichsten Fakes in der schillernden Welt des Luxuskonsums. Nehmen wir allein den Namen von Kevin Costners Armbanduhr: Jacques Lemans! Wer denkt da nicht an Lac Léman? So heißt der Genfer See bekanntlich auf Französisch. Und in der französischen Schweiz sitzen … na? Richtig: einige der berühmtesten Manufakturen für Luxusuhren. Patek Philippe und Rolex stammen sogar direkt aus Genf. Genève au Lac Léman, wie der Einheimische sagt. Wenn also ausgerechnet eine österreichische Uhrenmarke Jacques Lemans heißt, muss eine Absicht dahinter-stecken. Denn genau das ist Jacques Lemans: eine österreichische Marke, gegründet 1975 in der kleinen Kärntner Gemeinde Sankt Veit an der Glan. Dabei verbinden die meisten Nichtösterreicher mit Kärnten wahrscheinlich als Erstes den Wörthersee. Trotzdem nannte Firmengründer Alfred Riedl seine Uhrenmarke nicht etwa Jakob Wörtherseer, sondern eben Jacques Lemans. Er wird sich etwas dabei gedacht haben. Und wahrscheinlich nicht, dass der biblische Jakob (französisch: Jacques) im 1. Buch Mose ein Betrüger ist und der Wortstamm dieses Namens im Hebräischen auch „betrügen“ heißen kann.
KEVIN COSTNER UND DER HANDSCHLAG VON SCHLADMING
Alfred Riedl würde sich selbst wohl niemals als einen Faker bezeichnen. Nach meiner Definition ist er es inzwischen auch längst nicht mehr. Doch seine Karriere ist in meinen Augen ein Paradebeispiel für den Aufstieg eines Fakers. Riedl hat das Grundprinzip Fake it until you make it – erst Schein, dann Sein – bei seiner Marke Jacques Lemans angewendet wie kaum ein Zweiter in der Welt des Geltungskonsums. Der Kärntner und gelernte Elektrotechniker hatte in den 1970er-Jahren die Idee, mechanische Armbanduhren von hoher Qualität für eine breite Käuferschicht erschwinglich zu machen. Er setzte auf japanische Uhrwerke und ließ seine Uhren in Hongkong produzieren. Riedl, der einst als Vertriebler für die Marke Corona in die Uhrenbranche einstieg, arbeitete viele Jahre hart für seinen Erfolg. Heute ist sein Unternehmen Jacques Lemans in 125 Ländern der Erde am Markt und hat weltweit rund 9.500 Verkaufsstandorte. Nicht zu vergessen, dass Jacques Lemans den Hollywoodstar Kevin Costner als Markenbotschafter gewonnen hat – angesichts der Markenhistorie so etwas wie ein Ritterschlag.
Die Marketingabteilung des Riedlschen Uhrenimperiums verbreitet hierzu via Homepage die Geschichte einer folgenreichen Begegnung zwischen dem Unternehmer-Ehepaar und dem Hollywoodstar. Schauplatz ist der bekannte steirische Skiort Schladming. Bei der dortigen Ski-WM im Jahr 2012 sollen Alfred und Andrea Riedl dem Herrn Costner eher zufällig begegnet sein. Nach dem Konzert einer amerikanischen Band sei man ins Gespräch gekommen, sich auf Anhieb sympathisch gewesen und habe sich dann gleich für den nächsten Morgen zum Frühstück verabredet. Bei diesem déjeuner à trois mit den Eignern von Jacques Lemans in Chladmé – pardon: Schladming – habe sich „Kevin“ (so der Werbetext jovial) dann als echter Uhrenliebhaber geoutet und sei anschließend sofort einverstanden gewesen, künftig als Markenbotschafter für die Uhren von Jacques Lemans aufzutreten. Tout de suite per Handschlag war es also besiegelt zwischen dem Riedl Alfred und dem Costner Kevin.
Egal, ob es sich nun tatsächlich so zugetragen hat oder in Wirklichkeit ein wenig anders: Wir erleben hier einen Faker nach dem höchst erfolgreichen Ende seines Fakes. Alfred Riedl ist 2012 ein gemachter Mann – Inhaber einer Weltfirma, Schöpfer einer globalen Marke. Völlig zu Recht bewegt er sich auf Augenhöhe mit internationalen Stars. Dass seine Uhrenmarke eine eher populäre und keine elitäre ist, sollte dabei nicht als Makel angesehen werden. Denn: „Beste Qualität und Verarbeitung zu einem erschwinglichen Preis“ – das war und ist die Unternehmensmission von Jacques Lemans. Mission erfüllt. Und zwar auf der ganzen Linie: Der Fake hat sich längst erledigt.
Heute hat die Marke den sprachlichen Anklang an den Genfer See und die Assoziation mit den Schweizer Manufakturen gar nicht mehr nötig. Jacques Lemans hat ausreichend eigenes Markenkapital aufgebaut. Das lässt sich auch daran ersehen, dass im Marketing nun ganz offensiv von einer „österreichischen Uhrenmarke“ die Rede ist. Und in den Markenstorys kommen Orte wie Schladming vor. Die Storyteller mussten die oben skizzierte Szene also nicht etwa nach Chamonix verlegen. Ich habe Alfred Riedl aufgrund dieser Costner-Story sogar zunächst für einen Steirer und nicht für einen Kärntner gehalten. In Kärnten übrigens wird auch weiterhin nicht Französisch gesprochen, doch die Adresse des Firmensitzes von Jacques Lemans lautet mittlerweile: Jacques-Lemans-Straße 1, 9300 St. Veit an der Glan.
AUF EINEN GRAND CRU IN DIE BOUTIQUE
Der Faker gibt ein Versprechen an sich selbst und den Markt. Anders als der Hochstapler will er das, was er zunächst vortäuscht, irgendwann tatsächlich sein. Die Sprache ist dabei stets ein wesentliches Hilfsmittel. Der junge Arzt, der zwar noch keine Erfahrung als Operateur besitzt, aber bereits das Arztdeutsch beherrscht, darf mit einem Vertrauensbonus kalkulieren. Ebenso der junge Anwalt, der so perfekt Juristendeutsch parliert, als sei er zweisprachig aufgewachsen. Sprache verspricht. Das gilt besonders für die Welt des gehobenen Konsums. Der „Geltungskonsum“ (englisch: „Conspicuous Consumption“) lebt von demonstrativer Verschwendung – so zumindest nach der klassischen Definition von Thorstein Veblen in seiner „Theorie der feinen Leute“ von 1899. Wer es sich leisten kann, der macht das Übermaß zu seinem Markenzeichen. Das Nutzlose, das Übertriebene und das Überkandidelte werden hergezeigt und ausgestellt, um sozialen Status zu markieren. Kein Mensch braucht 740 PS, um durch dichten Berufsverkehr zum Shoppen in Richtung Maximilianstraße, Bond Street oder Rodeo Drive zu rollen. Der Lamborghini Aventador hat sie trotzdem.
Wer in der Welt des Geltungskonsums eine Marke oder ein Produkt etablieren will, sollte die Sprache dieser Welt beherrschen. So gehen Kunden der Marke Nespresso nicht etwa in ein Kaffeegeschäft, sondern statten der „Nespresso Boutique“ einen Besuch ab. Dort bietet der Nestlé-Konzern ihnen keine Kaffeesorten an, sondern „Grands Crus“. Ganz so, als handele es sich um edelste Weine aus den besten Lagen. Wer länger als zehn Jahre Nespresso-Kunde ist, wird von den Schweizern (die dem gemeinen Volk die unsägliche Brühe „Nescafé“ verkaufen) neuerdings zum „Ambassador“ der Marke ernannt. Bei der Lufthansa und ihren Töchtern Austrian und Swiss werden Sie durch fleißiges Fliegen erst zum „Senator“ und schließlich zum „Hon Circle Member“ geadelt. Der BMW-Fahrer mit „Connected Drive“ erreicht per Knopfdruck im Auto nicht etwa ein Callcenter, das ihm in allen Lebenslagen assistieren kann, sondern den „Concierge-Service“. Ich will mit alledem sagen: Eine Kärntner Uhrenmarke Jacques Lemans zu nennen, ist auch nicht peinlicher oder depperter als das, was in der Welt des gehobenen Konsums alle machen. Und es war und ist auch nicht weniger erfolgreich.
Interessant ist in diesem Zusammenhang das Phänomen der Gewöhnung an eine ursprünglich auffällige Sprache. „Adresse“, „Dekoration“ oder „Expertise“ zum Beispiel nimmt heute praktisch niemand mehr als Lehnwörter aus dem Französischen, geschweige denn als gehobene Ausdrucksweise wahr. Als für Deutschlands Arbeitslose die „Jobcenter“ geschaffen wurden, galt das nicht wenigen als Ausdruck sprachlicher Idiotie. Heute wird das Wort „Jobcenter“ in Deutschland mit großer Selbstverständlichkeit verwendet und kaum noch hinterfragt. Obwohl es im Jobcenter eigentlich kaum Jobs gibt, sondern meist Sozialhilfe. Die „Boutique“ wiederum ist, ebenfalls durch Gewöhnung, in der Wahrnehmung längst nicht mehr so exklusiv wie in den Anfangstagen dieser Entlehnung aus dem Französischen. Im Grunde war die „Boutique“ bereits gesunkenes Kulturgut, als Loriot seinen „Lottogewinner“ in dem gleichnamigen Sketch die Eröffnung einer Herrenboutique in Wuppertal (sehr deutsch und sehr falsch „Buttikke“ ausgesprochen) ankündigen ließ. Und kaum noch jemand weiß, dass die ur-amerikanische Automarke Cadillac eigentlich französisch ausgesprochen werden müsste. Also das „ll“ wie ein „j“. Schließlich ist sie benannt nach dem Franzosen Antoine Laumet de La Mothe, Sieur de Cadillac, der 1701 die Stadt Detroit (damals gesprochen wie de troit) gründete. Insofern braucht es einem nicht unbedingt als etwas Besonderes aufzufallen, dass eine Kärnter Uhrenmarke Jacques Lemans heißt. Die meisten Kunden in Villach, Dubai oder Shanghai dürften sich längst daran gewöhnt haben.
24 STUNDEN IM KREIS MIT STEVE MCQUEEN
Bleiben wir trotzdem noch ein wenig bei der Sprache des Fakes im Allgemeinen und den Assoziationen, die der Markenname Jacques Lemans hervorruft, im Besonderen. Meine erste Assoziation bei Jacques Lemans war sicherlich der Lac Léman. Doch gleich darauf dachte ich an die französische Stadt Le Mans. Diese hat durchaus etwas mit teuren Armbanduhren zu tun. Wahrscheinlich haben auch diejenigen unter Ihnen, die sich nicht für Motorsport interessieren, schon einmal von dem 24-Stunden-Rennen von Le Mans gehört. Es wird seit 1923 jährlich am zweiten Juniwochenende ausgetragen. Die „24 Stunden von Le Mans“, wie das Rennen auch kurz genannt wird, sollten den Automobilherstellern ursprünglich Gelegenheit geben, die Zuverlässigkeit ihrer Fahrzeuge unter Beweis zu stellen. Dieser Aspekt spielte nach dem Zweiten Weltkrieg kaum noch eine Rolle. Dafür wurde das Rennen immer mehr zur Legende – wegen der Strapazen für Mensch und Maschine und nicht zuletzt auch wegen vieler tragischer Zwischenfälle.
1970 waren die „24 Heures du Mans“ längst legendär. In diesem Jahr inszenierte der Regisseur Lee Katzin den amerikanischen Spielfilm „Le Mans“ mit Steve McQueen in der Hauptrolle. Hollywoodstar McQueen hatte selbst die Idee zu dem Film gehabt und fungierte auch als Co-Produzent. Der Film hat teilweise dokumentarischen Charakter – es werden echte Szenen des Rennens verwendet. Im Mittelpunkt steht das Duell zwischen dem US-amerikanischen Rennfahrer Michael Delaney, gespielt von Steve McQueen, und seinem deutschen Rivalen Erich Stahler, dargestellt von Siegfried Rauch. Das Handlungsgerüst ist eher dünn, denn es ging vor allem darum, das Publikum mit noch nie gesehenen Aufnahmen eines Autorennens zu fesseln. Es dauert ganze 38 Filmminuten, bis die Schauspieler überhaupt das erste Wort sprechen. Der eigentliche Hauptdarsteller ist also das Rennen. Und der vielleicht auffälligste Nebendarsteller ist eine Uhr. In dem Film trägt Steve McQueen nämlich stets eine TAG Heuer. Und das ist kein Zufall.
Die Luxusuhr von Steve McQueen in dem Film „Le Mans“ gilt als eines der frühesten Beispiele für Produktplatzierung bei Hollywoodstars. 20 Jahre später war Product Placement dann nichts Besonderes mehr. Die James-Bond-Filme der Neunziger wirken teilweise, als seien sie von einem Homeshopping-Kanal produziert worden. Doch 1970 war die auffällige Platzierung eines Luxusprodukts in einem Film revolutionär. McQueen trug eine Heuer „Monaco“ mit quadratischem Zifferblatt. Zusätzlich prangte das TAG-Heuer-Logo auf seinem Rennanzug. Das Rennen „gegen die Uhr“, der Härtetest für das Material, die faszinierenden Fahrzeuge von Porsche und Ferrari, mit denen die Rivalen gegeneinander antraten – alles das passte perfekt zum Image des Schweizer Uhrenherstellers und seiner luxuriösen Produkte. Diese Urszene schwingt heute noch mit, wenn Hollywoodstars sich mit Armbanduhren präsentieren. Egal, ob George Clooney mit einer Omega – oder Kevin Costner mit einer Lemans. Gesprochen klingt das übrigens genauso wie „Le Mans“.
FROM RAGS TO RICHES TO RUINS
Erst habe er die Welt mit einem französischen Namen für seine Uhrenfirma genarrt, schrieb die überregionale Tageszeitung „Die Presse“ über Alfred Riedl, nun könne er es sich leisten, für 25 Mio. Euro eine Ruine zu renovieren. Die Ruine ist die Burg Taggenbrunn in Kärnten, unweit der Firmenzentrale von Jacques Lemans in Sankt Veit an der Glan. Alfred Riedl erwarb sie mitsamt umliegenden Weinbergen im Jahr 2011. Seitdem ist der bodenständige Unternehmer, der einst sein erstes Geld bei einem Energieversorger verdiente, zum Burgherrn avanciert. Im 14. und 15. Jahrhundert wurde einmal ganz Kärnten von Taggenbrunn aus regiert. Doch was heißt das schon im Vergleich zu Riedls internationalem Geschäftserfolg? Nach einer aktuellen Marktstudie ist Jacques Lemans die meistverkaufte Uhrenmarke in Österreich und Deutschland im Preissegment bis 200 Euro. Die Schweizer? Sollen sie doch weiter eine Swatch kaufen, wenn sie sich eine Patek Philippe oder eine Rolex nicht leisten können. Dem Burgherrn kann es wurscht sein. Er freut sich lieber darüber, dass sich die Zahl seiner Verkaufsstellen in Vietnam binnen kurzer Zeit von 30 auf 100 mehr als verdreifacht hat. 1,2 Millionen Uhren pro Jahr setzt Jacques Lemans heute weltweit ab.
Alfred Riedl ist mir rundum sympathisch. Nicht obwohl, sondern weil er sich als großer Faker gezeigt hat. In meinen Augen ist der Fake eine unerlässliche Kulturtechnik und ich bewundere all jene Menschen aufrichtig, die sie exzellent beherrschen. Der Fake ist eine positive Strategie der Selbstbehauptung und eine Eintrittskarte ins Establishment. Alfred Riedl hat diese Eintrittskarte gelöst. Dabei ist er durch und durch ehrlicher Kaufmann geblieben, so wie es sich für einen Faker im Business gehört. Mehr noch, in mehr als vier Jahrzehnten Unternehmertum habe er noch nie einen Kredit benötigt, betont Alfred Riedl. Das unterscheidet ihn von Blendern wie Donald Trump, der sich immer wieder durch fadenscheinige Insolvenzen seiner Schulden entledigte. Ein Faker betrügt nicht, sondern er gibt ein Versprechen, das er dann auch einlöst. Wären Alfred Riedls Uhren keine Qualitätsprodukte, dann hätte Jacques Lemans wohl kaum diesen lang anhaltenden internationalen Erfolg. Ein guter Faker weiß, was er sich und dem Markt schuldet. Er liefert.
Die kleine Schummelei mit dem französischen Namen ist in Alfred Riedls Imperium heute längst kein Thema mehr. Der Name Kevin Costner ist dafür ein umso größeres. In dem Film „Black or White“ aus dem Jahr 2014 schaute Hauptdarsteller Costner immer wieder auffällig auf die Jacques Lemans an seinem Handgelenk. Sie ist Teil einer „Kevin-Costner-Kollektion“, die der Hollywoodstar angeblich mitgestaltet hat. Doch es ist längst nicht bei einem Werbevertag zwischen Riedl und Costner geblieben. Anders als einst Steve McQueen oder heute George Clooney wurde Kevin Costner nämlich sogar zum Geschäftspartner seines Uhrenausstatters. Nach Angaben des Kärntner Herstellers hat sich Costner mit 15 Prozent an der US-Vertriebsfirma von Jacques Lemans beteiligt. Wenn die Marketingkampagne mit Kevin Costner für den einstigen Faker Alfred Riedl so etwas wie ein Ritterschlag war, dann kommt dieser geschäftliche Einstieg eines Hollywoodstars der Kaiserkrönung gleich.


2 | DER BALLSPORTLER
Sie ist Bestandteil so ziemlich jeden Sportfilms, den Hollywood je gedreht hat: die „Locker Room Scene“. Mindestens eine dieser Szenen im Umkleideraum gehört einfach dazu, sobald es in einem amerikanischen Streifen um Sport geht. Ganz gleich, ob um Profisport oder Collegesport. Das Klischee ist dermaßen etabliert, dass es auf YouTube mittlerweile sogar Playlisten der 10 besten oder witzigsten „Locker Room Scenes“ gibt. Den besonderen Reiz dieser Art von Szene versteht man als Europäer wahrscheinlich nur, wenn man sich Amerikas puritanische Doppelmoral vor Augen hält: Einerseits gilt kinematografische Nacktheit jenseits des Atlantiks als Teufelszeug. Deshalb achtet Hollywood strengstens darauf, dass die Kamera den entblößten männlichen Körper in einer „Locker Room Scene“ niemals zur Gänze zeigt. Entweder endet also der Bildausschnitt in Höhe des Bauchnabels oder man sieht ein um die Hüften geschwungenes Handtuch. Andererseits gehören verbale Anzüglichkeiten und zweideutige Bemerkungen so fest zu einer Szene im Umkleideraum wie Pompons zu tanzenden Cheerleadern. Manchmal ist das lustig. Meistens ist es – zumindest für Nichtpuritaner aus der Alten Welt – nur platt und peinlich.
Eine der schönsten – und gleichzeitig folgenreichsten – „Locker Room Scenes“ aller Zeiten schrieb allerdings nicht Hollywood, sondern das Leben. Diese reale Begebenheit ist frei von jeder Schlüpfrigkeit. Dafür zeigt sie einen geradezu meisterhaften Fake. Schauplatz ist ein Umkleideraum der Football-Mannschaft Minnesota Vikings in der zweiten Hälfte der Achtzigerjahre. Die Minnesota Vikings aus Minneapolis gehören seit 1961 ununterbrochen zur amerikanischen National Football League (NFL) und damit zur höchsten Spielklasse im American Football. Unzählige junge Männer zwischen New York und San Francisco träumen bis heute davon, in dieser oder einer anderen NFL-Mannschaft spielen zu dürfen. Doch nur wenige von ihnen haben die Chance auf eine Berufung in die Teams der ersten Liga. Junge Spieler aus den Mannschaften der Colleges werden nämlich von Scouts für die NFL-Teams ausgewählt und dann berufen.
Auch John, ein schwarzer Teenager aus dem ländlichen Texas, träumte bisher vergeblich von einer solchen Berufung, einem „Draft“. Immerhin hat er es jetzt schon einmal ins Frühjahrs-Trainingslager der Minnesota Vikings und in den dortigen Umkleideraum geschafft. Die kurzen, meist nur dreitägigen Trainingslager im Frühjahr, in der NFL „Mini-Camps“ genannt, dienen hauptsächlich dazu, neu berufene Spieler in die jeweilige Mannschaft zu integrieren. Ab und zu sehen sich die Trainer bei dieser Gelegenheit auch junge Talente an, bei denen sie noch nicht sicher sind, ob es für einen „Draft“ reicht. So ist es auch bei John.
Der schüchterne, nicht besonders groß gewachsene, aber muskulöse Jugendliche steht also im Umkleideraum seines persönlichen Dream Teams, der Minnesota Vikings. Nichts erinnert an die „Locker Room Scenes“ aus den Hollywoodfilmen: keine Mannschaftskameraden mit Handtüchern um den Hüften, keine Schwaden von Wasserdampf aus den Duschen, keine schlüpfrigen Witze. John ist allein im Umkleideraum. Als er sich komplett ausgezogen hat, greift er in seine Sporttasche. Er holt eine fast drei Kilogramm schwere, verchromte Eisenkette und ein Vorhängeschloss hervor. Beides hat er am Tag zuvor bei einem örtlichen Eisenwarenhändler erstanden. John legt sich die schwere Kette um die Hüften und zieht sie so fest wie möglich zu. Dann fixiert er die Kette mit dem Vorhängeschloss. Anschließend zieht er seine Unterhose und seine Trikothose darüber. Ein banger Kontrollblick vor dem Spiegel: Sieht man etwas? Nein, man sieht nichts. John kann sich auf den Weg zur Waage machen.
GEWOGEN UND FÜR ZU LEICHT BEFUNDEN
John Randle – denn von niemand Geringerem berichte ich hier – war in den Neunzigerjahren einer der Superstars der National Football League. Als Jugendlicher musste er sich immer dasselbe anhören: „Für einen Football-Verteidiger bist du zu klein und zu leicht“, meinten die Trainer. „Vergiss es, Junge!“ Nur den guten Beziehungen seines älteren Bruders Ervin, der es bereits zum NFL-Profi gebracht hatte, verdankte es John, dass sich die Spitzenvereine überhaupt mit ihm beschäftigten. Doch das Urteil lautete zunächst immer gleich: zu leichtgewichtig für einen Verteidiger auf der angestrebten Position. Weil Johns großer Bruder aber unbeirrbar an das Talent des jüngeren Bruders glaubte, nutzte er stets aufs Neue seine Kontakte innerhalb der NFL. So kam John Randle schließlich in Kontakt mit Floyd Peters, der zwischen 1986 und 1990 Co-Trainer und „Defensiv-Koordinator“ der Minnesota Vikings war. Die Vikings standen damals in dem Ruf, die schwächste Defensive der NFL zu besitzen. Sie brauchten dringend neue Verteidiger. Peters, ein Football-Urgestein, blieb trotzdem wählerisch. Was nützten ihm auch irgendwelche Verteidiger? Er brauchte die besten, damit eine sichere Defensive die Basis für den erneuten Erfolg der Mannschaft sein konnte.
Als John Randle zum ersten Mal nach Minneapolis reiste und Floyd Peters vorgestellt wurde, wog er 245 amerikanische Pfund. Das sind immerhin 111 Kilogramm, ein stolzes Gewicht für einen Jugendlichen. Zumal, wenn er, wie in diesem Fall, kaum ein Gramm Fett mit sich herumschleppt und es die Muckis sind, welche die Waage nach unten drücken. Doch Floyd Peters hatte für den dunkelhäutigen Jugendlichen nur ein mitleidiges Lächeln übrig. 245 Pfund? Ein Witz! American Football ist schließlich nicht so eine Warmduscher-Sportart wie Fußball. Hier laufen Kleiderschränke von Männern frontal aufeinander zu und versuchen, den Gegner einfach umzurennen. Und das ist vollkommen regelkonform!
„Komm in einem Monat wieder“, sagte Peters. „Wenn du dann 250 Pfund wiegst, bekommst du eine Chance, dich zu bewähren.“
Vier Wochen später war der junge John Randle zurück in Minneapolis und den Tränen nahe. Trotz aller Anstrengungen, noch mehr Muskelmasse aufzubauen, wog er unverändert 245 Pfund. Da kam er am Tag vor dem entscheidenden Training an einem Eisenwarengeschäft vorbei und hatte die Idee mit der Kette.
Zurück zur „Locker Room Scene“: John hat den Bereich mit den Spinden verlassen und steht nun auf der Waage. Er atmet flach. Seine Nerven sind aufs Äußerste angespannt, kleine Schweißperlen treten ihm auf die Stirn. Der für das Wiegen zuständige Assistent des Trainerstabs kennt so etwas. Etliche junge Männer bekommen hier nur eine einzige Chance – und sind vorher fast immer so nervös, dass sie sich fast in die Hosen machen. Dass John ein Faker ist, der gerade panische Angst vor seiner Entlarvung hat, ahnt der Assistenztrainer nicht. Der amerikanische Puritanismus spielt John jetzt übrigens in die Karten: Denn man wiegt sich nicht etwa textilfrei, um das exakte Körpergewicht zu ermitteln. Nein, die Hosen bleiben an, damit niemand sündigen Gedanken verfällt. Unter der locker sitzenden Trikothose übersieht der Assistenztrainer die schwere Kette um Johns Hüften.
Nach dem Wiegen geht John zurück zu seinem Spind, nimmt die Kette wieder ab – gefühlt sicher um weit mehr als drei Kilo erleichtert – und zieht sein Trikot komplett an. Dann geht er hinaus auf den Rasen. Floyd Peters hat ihn sofort im Auge.
„Wie viel wiegt er?“, ruft Peters grantig in Richtung des Assistenztrainers, der John gerade gewogen hat.
Der Assistent lakonisch: „251.“
Floyd Peters geht zu dem jungen John Randle und schaut ihm in die Augen. Der Blick des Defensiv-Trainers ist immer noch voller Misstrauen.
„Okay“, grummelt Peters schließlich, alles andere als begeistert. „Du bekommst eine Chance, dich zu bewähren.“
Noch bevor John grinsen kann, fügt der Trainer hinzu: „Los, ab zum Warmlaufen!“
DIE KORREKTUR DES SCHICKSALS
Im Französischen gibt es die schöne Redewendung corriger la fortune. Sie lässt sich mit der deutschen Entsprechung „dem Glück auf die Sprünge helfen“ nur unzureichend übersetzen. Denn im Deutschen fehlt das Element der „Korrektur“ – und das ist in meinen Augen das entscheidende. Corriger la fortune taucht als Wendung zum ersten Mal in einer Satire des französischen Schriftstellers Nicolas Boileau aus dem Jahr 1665 auf. Es geht darin um einen heruntergekommenen Adeligen, der heimlich die Porträts seiner Ahnen verhökert, damit man ihm den finanziellen Niedergang nicht anmerkt. Berühmt gemacht hat den Ausdruck dann Gotthold Ephraim Lessing in seinem Lustspiel „Minna von Barnhelm“. Auch hier geht es um eine finanziell abgebrannte Existenz, die ihr scheinbar schon besiegeltes Schicksal mit Minnas Hilfe noch einmal zu „korrigieren“ versucht. Für die kleine Täuschung, die John Randle in seiner Jugend begangen hat, um Defensivspieler in der National Football League werden zu können, finde ich den Ausdruck „das Schicksal korrigieren“ sogar noch treffender als angesichts eines drohenden finanziellen Ruins. Solch eine kleine „Korrektur“ bei den Voraussetzungen für eine Karriere vorzunehmen, die einem geradezu schicksalhaft vorbestimmt erscheint, ist auch das prototypische Verhalten eines Fakers.
Der jugendliche John Randle wusste, dass er das Zeug zu einem Spitzenverteidiger hatte. Mehr noch: dass er nur auf einer ganz bestimmten Position – „Defensive Tackle“ genannt – sein größtes Leistungspotenzial abrufen konnte. Ein ungeschriebenes Gesetz des American Football wollte es aber, dass diese Position ausschließlich mit hünenhaften Muskelpaketen besetzt wurde. John Randle war zwar kräftig, aber eher klein und brachte entsprechend weniger Gewicht auf die Waage. Eine andere Position kam für den jungen Mann aus Texas jedoch nicht infrage. Wie alle meisterhaften Faker war er zutiefst von seinem Potenzial überzeugt. Er wusste auch genau, wo er es am besten einbringen konnte. So war der Jugendliche zu seinem Fake geradezu gezwungen. Der Fake eröffnete ihm einen Weg, eine aus seiner Perspektive unsinnige Regel zu umgehen, damit Wirklichkeit werden konnte, was seine Bestimmung schien. An dieser Stelle wird noch einmal deutlich, was den Faker vom Betrüger und vom Hochstapler unterscheidet: Auf den ersten Blick wirkt die Sache mit der Kette wie ein Betrug. Doch auf den zweiten Blick zeigt sich: Der Faker räumt lediglich ein Hindernis aus dem Weg, das ihn davon abhält, sein Können unter Beweis zu stellen. Im Gegensatz zum Betrüger und zum Hochstapler strebt der Faker etwas an, das ihm moralisch zusteht.
Wie alle Faker gab auch der jugendliche John Randle ein Versprechen an sich selbst und an den Markt ab. Nachdem er sich seine Chance erschummelt hatte, musste er liefern, und zwar schnell. Wörtlich sagte sein Trainer Floyd Peters zu ihm: „We’ll give you a shot.“ Diese amerikanische Redewendung bedeutet nicht, dass man es geschafft hat. Sondern dass man eine – kleine – Chance bekommt, sich zu bewähren. Man hat „einen Schuss frei“. Was tat Randle, um diese Chance zu nutzen und sein Versprechen möglichst bald einlösen zu können? Er suchte sich als Erstes einen Mentor. Vor Selbstsicherheit strotzend klopfte der Jugendliche an die Tür von John Teerlinck, einem weiteren Co-Trainer der Minnesota Vikings. Randle stellte sich vor den erfahrenen Coach und sagte: „Ich will ein richtig guter Spieler werden. Können Sie mir dabei helfen, ein richtig guter Spieler zu werden?“ Beeindruckt von so viel Ambition und Selbstvertrauen bei einem eher klein gewachsenen Jugendlichen schlug John Teerlinck ein. Er wurde und blieb Randles Mentor. Randle lernte schnell. Schon nach kurzer Zeit zweifelte bei den Minnesota Vikings niemand mehr daran, dass dieses kleine Kraftpaket auf der Position des „Defensive Tackle“ genau richtig war.
DER UNERFÜLLTE TRAUM VON DER MÜLLABFUHR
Der Traumberuf des jungen John war ursprünglich Müllmann. Das ist kein Scherz, sondern im Gegenteil bitterer Ernst. John Randles Eltern aus dem Flecken Mumford in Texas waren so arm, dass dem zweiten von drei Kindern ein Job bei der Müllabfuhr wie die Verheißung einer gesicherten Existenz vorkam. John war schon als Teenager körperlich kräftig und überdurchschnittlich belastbar. Somit fühlte er sich der harten Arbeit auf den im Sommer glutheißen texanischen Straßen gewachsen. Er glaubte auch, als Müllmann einen positiven Beitrag für die Gemeinschaft leisten zu können – das entsprach dem guten Charakter des Jungen. Außerdem hätte er jeden Tag schon am frühen Nachmittag frei gehabt und anschließend Sport machen können. Doch als John die Highschool vorzeitig verlassen und sich bei der Müllabfuhr bewerben wollte, sprach seine Mutter – der Vater war meist abwesend – ein Machtwort: „Du bleibst auf der Schule. Und du bleibst in der Football-Mannschaft.“ Nachdem John Randle 2010 in die „Hall of Fame“ der National Football League aufgenommen worden war, dankte er in seiner Rede der Mutter für dieses Machtwort.
Der Staat Texas meinte es mit seinen dunkelhäutigen Mitbürgern noch nie besonders gut. Zwar wurde 1964, drei Jahre vor John Randles Geburt, die Rassentrennung im amerikanischen Süden offiziell abgeschafft. Doch von Chancengleichheit für die schwarze Bevölkerungsgruppe konnte deshalb noch lange keine Rede sein. Und das gilt wahrscheinlich bis heute. Mutter Randle wusste, dass es für ihre Jungen vor allem zwei Chancen gab: Bildung und Sport. Beides hängt in den USA eng miteinander zusammen. Talentierte junge Sportler erhalten Stipendien für den Besuch eines Colleges, wenn sich deren Eltern die – zumeist horrenden – Studiengebühren nicht leisten können. Die Sportmannschaften sind Aushängeschilder und Statussymbole der Hochschulen. Colleges sorgen auf diese Weise dafür, dass ihnen kein begabter junger Spieler entgeht. Die Mannschaften der Profiligen, sei es Football oder Baseball, rekrutieren ihren Nachwuchs dann wiederum aus den Teams der Colleges.
So bekam auch der junge John Randle, aufgewachsen in einer Holzhütte ohne WC und im Winter ohne Heizung, schließlich ein Stipendium der staatlichen Texas A&I University. Vorher hatte sein älterer Bruder Ervin bereits ein Stipendium der Baylor University in Waco erhalten. Für Ervin war es die Eintrittskarte in den Profisport gewesen, übrigens ganz ohne Fake. Ervin Randle spielte von 1985 bis 1992 als „Linebacker“ für die NFL-Mannschaften Tampa Bay Buccaneers und Kansas City Chiefs. Er bestritt 105 Spiele, erreichte aber nie die spätere Berühmtheit seines jüngeren Bruders. Dass es gerade American Football war, der den beiden dunkelhäutigen Brüdern einen Weg aus bitterster Armut ebnete, birgt insofern eine gewisse Ironie, als in dieser Sportart noch wenige Jahrzehnte zuvor ein unverhohlener Rassismus herrschte: Anfang der 1930er-Jahre hatten die mächtigen Eigentümer der Erstliga-Teams das berüchtigte „Gentlemen’s Agreement“ geschlossen. Damit wurde Schwarzen unter der Hand die Aufnahme in die Mannschaften verwehrt. So fand sich – ausgerechnet – zwischen 1933 und 1945 kein einziger Schwarzer in der höchsten Spielklasse des American Football. Zwar wurde das „Gentlemen’s Agreement“ nach dem Zweiten Weltkrieg gelockert und spielte nach Gründung der modernen NFL im Jahr 1970 keine Rolle mehr. Doch wer glaubt, der Rassismus sei über Nacht verschwunden, der kennt Amerika schlecht. Es ist also nur wenig Spekulation im Spiel, wenn man davon ausgeht, dass John Randle in der NFL nicht gerade der rote Teppich ausgerollt wurde. Als Schwarzer aus ärmsten Verhältnissen, ehemaliger Student eines staatlichen Colleges, zudem für einen Football-Spieler eigentlich zu klein, traf er in der Kabine und auf dem Spielfeld auf hellhäutige Hünen aus reichen Elternhäusern, die von den privaten Elite-Unis kamen. Wenn Randle also vielleicht der Rolle eines Außenseiters kaum entkommen konnte, so fand er immerhin seinen eigenen Weg, damit umzugehen.
„DER VERRÜCKTESTE SPIELER IN DER GESCHICHTE DER NFL“
Bis heute haften dem Hall-of-Fame-Spieler John Randle zwei Etiketten an. In beiden Fällen handelt es sich um Superlative. Auf dem ersten Etikett steht: „Bestbezahlter Defensivspieler aller Zeiten.“ Auf dem zweiten: „Verrücktester Spieler in der Geschichte der NFL.“ Das erste Etikett will schon etwas heißen in der umsatzstärksten und zahlungskräftigsten Sportliga der Welt. Das zweite lohnt einen genaueren Blick: Wie konnte der gutmütige, stets freundliche, ursprünglich eher schüchterne Junge aus Texas auf dem Rasen zum „Verrückten“ werden? Mannschaftskameraden, Gegner, Schiedsrichter, Zuschauer und Kommentatoren konnten bei seinen Auftritten immer wieder nur den Kopf schütteln. Wie kam das? Möglicherweise war John Randle wirklich durchgeknallt. Oder dieses Auftreten war nur ein Trick, ähnlich wie einst die Kette auf der Waage. Vielleicht hatte das irritierende Benehmen auf dem Spielfeld, für das John Randle so berühmt wurde, ja am Ende sogar etwas mit der Einlösung des Versprechens eines Fakers zu tun.
Unbestreitbar ist, dass es in der NFL vor Randle und auch nach ihm keinen anderen Spieler gab, der auf dem Rasen dermaßen die Sau raus-gelassen hätte. In den Nahaufnahmen seiner Aktionen, die im amerikanischen Fernsehen gezeigt wurden, hört man fast öfter einen „Beep“ als seine Stimme. Mit solchen „Beeps“ löscht das Fernsehen im puritanischen Amerika bekanntlich „Four-Letter-Words“ von der Tonspur. Randle schrie auf dem Rasen wohl öfter „Fuck you!“ (in europäischen Büchern dürfen wir so etwas ja Gott sei Dank schreiben), als seine Mannschaft Bälle eroberte. Auch vor Schiedsrichtern zeigte er wenig Respekt. Einmal drohte ein Schiedsrichter Randle: „Ich schreibe Sie gleich in mein Notizbuch.“ (Das ungefähre Pendant zur gelben Karte im Fußball.) Darauf Randle: „Und ich schreibe Sie auf meine Weihnachtsliste – wie finden Sie das?“ Als so richtig „crazy“ empfanden die Zuschauer und Mitspieler aber erst Randles nonverbale Äußerungen: Er imitierte epileptische Anfälle auf dem Rasen, gurgelte auf der Bank laut mit Wasser, verdrehte die Augen, grunzte, schnaubte, spuckte, lallte wie besessen und führte alle Varianten von irren Tänzen auf. Mitspieler, Gegner und Schiedsrichter schauten dabei meist nur fassungslos zu. Hinzu kam sein Spielstil, der von Experten einhellig als „wild“ charakterisiert wird. Randle tobte auf dem Spielfeld wie ein aus dem Käfig gelassenes Raubtier.
„Er war nicht verrückt“, ist sich Randles Mentor John Teerlinck sicher. „Der Wahnsinn hatte Methode.“ Randles gespielte Verrücktheit war eine Strategie der Selbstbehauptung. Durch einen Fake hatte er sich Zutritt zu einer Mannschaft verschafft, in der er zunächst nicht erwünscht war. Den Makel, für seine Position eigentlich zu klein zu sein, konnte er zwar nicht beseitigen, aber kompensieren. Randle entschied sich, maximal zu irritieren, um sich durchsetzen zu können. Er sagte dazu selbst: „Ich sah mich als den kleinen Hund in der Gruppe.“ Kleine Hunde müssen lauter bellen als große. Mit seinem losen Mundwerk schüchterte er seine Gegner ein und verschaffte sich Respekt in den eigenen Reihen. Nicht zuletzt mit dieser Strategie löste er sein Faker-Versprechen ein. Hinzu kam selbstverständlich eine überragende sportliche Leistung. Ausgerechnet der „kleine“ Randle räumte Gegenspieler ab, die als unbezwingbare Berserker galten. Möglicherweise kam ihm dabei zugute, dass die Gegner den „kleinen Verrückten“ regelmäßig unterschätzten. Berühmt wurde Randle aber nicht allein wegen seiner Verrücktheiten, sondern auch wegen seiner fantastischen Spieltechnik. Eine von ihm entwickelte schnelle Körperdrehung, als „The Spin“ legendär geworden, vergleicht Randles Mentor Teerlinck mit einem Tornado.
Im Leistungssport wird einem nichts geschenkt, so heißt es. John Randle wurde bereits während seiner Kindheit und Jugend nichts geschenkt. Doch er war zutiefst von sich selbst und seinem Potenzial überzeugt. Erst dieses Selbstbewusstsein ermöglicht dem Faker den Fake. Andernfalls wäre seine Schummelei ein Betrug, der schnell auffliegt und offenbart, dass da einer in einer höheren Liga nichts zu suchen hat. Wer sein Schicksal korrigieren will, der muss sich der korrigierten Version innerlich gewachsen fühlen. Bei John Randle war das ohne jeden Zweifel der Fall. Nach seinem Karriereende und der Aufnahme in die Hall of Fame des American Football lebt er heute mit seiner Familie in einem kleinen Ort mit 5.000 Einwohnern. In Medina, Minnesota, vor den Toren von Minneapolis, erinnert ihn jedoch nichts an das ärmliche Mumford, Texas, in dem er aufgewachsen ist. Das durchschnittliche Haushaltseinkommen beträgt hier 97.000 US-Dollar. Randles Eigenheim ist zwar nicht vergleichbar mit den Stuckpalästen der Hollywoodstars, doch mehr als komfortabel. Von Randles schwieriger Jugend und dem einstigen Zwang zum Fake ist nichts geblieben. Das heißt, fast nichts: Am rechten Handgelenk trägt Randle heute eine grobgliedrige Kette, die fast so aussieht wie jene, die er sich einst mit einem Vorhängeschloss um die Hüften legte, um mehr als 250 Pfund auf die Waage zu bringen.


3 | DIE MODESCHÖPFERIN
Paris in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Zwischen den beiden Weltkriegen war die französische Metropole die unangefochtene Kulturhauptstadt der Welt. Bildende Kunst, Literatur und Theater, Musik und Tanz, Architektur, Mode und Design – das alles stand in höchster Blüte. Eine Explosion der Kreativität, gleichermaßen begierig konsumiert wie mäzenatisch gefördert von einer Bourgeoisie, die sich auf ausschweifenden Partys allabendlich selbst feierte. „Les Années Folles“ nannte sich diese Zeit bald selbst, die verrückt-frivolen Jahre. Es herrschte ein Verlangen nach Freiheit und Lebendigkeit, ein Streben nach Kultiviertheit und intellektuellem Austausch und eine geradezu unverschämte Lust auf Luxus. „Le soleil de l’art alors brillait seulement sur Paris“, schrieb Marc Chagall: Nirgendwo scheint die Sonne der Kunst heller als über Paris. Amerikanische Expatriierte bildeten hier eine eigene Szene, zu der die Literaten F. Scott Fitzgerald, Gertrude Stein, Henry Miller und Ernest Hemingway zählten. Der Soundtrack dazu: „Ein Amerikaner in Paris“ von George Gershwin. Josephine Baker wurde für ihren Tanz frenetisch gefeiert. Modigliani und Chagall schufen einige ihrer berühmtesten Gemälde. Selbstverständlich residierten in Paris auch die bedeutendsten Kunsthändler der Welt.
Die Olympischen Spiele von 1924 brachten der Stadt die Aufmerksamkeit breiter Schichten. Kubismus, Dadaismus und Surrealismus waren dagegen Produkte einer flirrenden, skandalträchtigen Gegenkultur. Man Ray, Marcel Duchamp oder Salvador Dalí verstörten das Bürgertum nicht allein mit ihrer Kunst, sondern auch mit ihrem exzentrischen Lebensstil. Nicht zuletzt festigte Paris in diesem Jahrzehnt seinen Status als Modestadt Nummer eins. Gabrielle „Coco“ Chanel dominierte die Laufstege zunächst unangefochten. Sie stand für schlichte Eleganz, kombiniert mit hoher Handwerkskunst. 1921 brachte sie das Parfüm Chanel Nº 5 auf den Markt, ein ebenso revolutionärer wie luxuriöser Duft, die olfaktorische Signatur des anbrechenden Jahrzehnts und ein Produkt wie für die Ewigkeit.
Als die 32-jährige Elsa Schiaparelli 1922 nach Paris kam, um sich dort niederzulassen, war sie ein Niemand. Doch die geschiedene und nun alleinerziehende Mutter einer Tochter wollte hier und nirgends sonst Furore machen. Sie sah sich als Künstlerpersönlichkeit, obwohl sie keine Kunsthochschule von innen gesehen hatte. Sie sollte sich anschicken, mit ihrer Mode keiner geringeren als Coco Chanel Konkurrenz zu machen, obwohl sie nie eine Schneiderlehre absolviert hatte. Elsa Schiaparelli entwickelte eine Vision, von der sie hundertprozentig überzeugt war: Sie wollte die Ästhetik der künstlerischen Avantgarde in die Welt der Mode überführen. Der alles beherrschende Stil des Hauses Chanel galt ihr als spießig und langweilig. Die Italienerin träumte von einer Mode, die so irritierend, so bunt, provokativ und gleichzeitig verspielt war wie die Kunstaktionen der Surrealisten. Die Provokation war gleichzeitig ihre vielleicht einzige Chance auf Sichtbarkeit. Trotz – oder gerade wegen – nur 1,50 Meter Körpergröße musste sie sich selbstbewusst als neue Größe der Modewelt präsentieren: Erst Schein, dann Sein. Doch woher kam diese Frau überhaupt?
GEFAKTE OHNMACHT VOR DEM ALTAR
Elsa Schiaparelli hatte ein Elternhaus, um das sie viele beneiden durften: Die Mutter entstammte altem neapolitanischen Adel, der Vater war ein angesehener und wohlhabender Professor für Orientalistik, der Onkel ein bekannter Astronom. Man lebte in einem römischen Palazzo. Der Bildungsbürgertochter mit Geld im Rücken hätten sich Türen geöffnet, die für Arbeiterkinder noch auf Jahrzehnte fest verschlossen blieben. Doch sie hatte schon als Kind nichts als Verachtung für ihr konservativ-katholisches Elternhaus übrig. Wo sie nur konnte, brüskierte sie ihre Eltern. Mit acht Jahren, bei ihrer Erstkommunion, trat sie vor den Priester und stöhnte theatralisch: „Ich habe Unzucht getrieben!“ Anschließend fakte sie eine Ohnmacht und sank graziös zu Boden. Sogar ihr Vorname war ihr zu spießig, weshalb sie sich lieber „Schiap“ nannte. Den Eltern reichte es, als sie bei ihrer vorpubertären Tochter hoch-erotische Gedichte fanden, die sie auch noch selbst verfasst hatte. Elsa kam in ein strenges Schweizer Internat. Sie trat so lange in den Hungerstreik, bis sie zu ihren Eltern zurückgeschickt wurde. Dort sprang sie mit einem Regenschirm als Fallschirm aus dem Fenster, übrigens ein gängiges Motiv zeitgenössischer Karikaturen. Damit brachte sie sich beinahe um, denn ihre Fantasie herrschte keineswegs über die Materie. Endlich volljährig zog Schiaparelli nach London und entging so der Ehe mit einem reichen Russen, den ihre Eltern für sie erwählt hatten. Sie arbeitete als Kindermädchen in vornehmen Haushalten und hielt sich damit über Wasser. Eines Abends besuchte sie den Vortrag eines Hochstaplers und Selbstdarstellers, der als Willem de Wendt auftrat, bei anderer Gelegenheit aber auch die Pseudonyme Willie Wendt oder Wilhelm de Kerlor verwendete, wenn er sich nicht gerade als den „weltberühmten Dr. W. de Kerlor“ ankündigte. Die 23-Jährige war schock-verliebt und verlobte sich bereits am nächsten Tag. Kurze Zeit später fand die Hochzeit statt. Schiaparelli unterstützte ihren Ehemann, der als Prophet und Wahrsager auftrat, bis die Behörden ihn wegen illegaler Geschäftspraktiken anklagten. Das Paar floh zunächst an die Côte d’Azur und im Frühjahr 1916 schließlich nach New York. Zwischenzeitlich hatte es Elsa Schiaparelli hinbekommen, dass ihre Eltern ihr regelmäßig finanziell unter die Arme griffen. Ob aus Liebe, aus Mitleid oder um Schlimmeres zu verhindern, ist nicht bekannt.
In New York eröffnete William de Kerlor – oder wie auch immer sein richtiger Name lautete – ein „Büro“ für Parapsychologie und übersinnliche Beratung. Prompt wurde er vom FBI beobachtet. Unmittelbar nach der Geburt der gemeinsamen Tochter Maria Luisa ließ de Kerlor seine Frau sitzen und brannte mit einer Tänzerin durch. Die gedemütigte Schiaparelli freundete sich mit Gabrielle Picabia an, der Frau des Dadaisten und Surrealisten Francis Picabia. So fand sie nicht nur eine emotionale Stütze, sondern auch Zugang zu Kreisen der künstlerischen Avantgarde. Sie lernte Man Ray, Marcel Duchamps und Alfred Stieglitz kennen. Nach ihrer Scheidung und einer kurzen, unglücklichen Affäre übersiedelte sie schließlich 1922 nach Paris.
Mit dem Geld ihrer Mutter bezog Elsa Schiaparelli eine großzügige Wohnung in einem angesagten Viertel, inklusive Diener, Koch und Hausmädchen. Als geschiedene Gattin eines Hochstaplers wusste sie eben, wie man Menschen beeindruckt – auch wenn nichts dahinter ist. Noch nichts dahinter ist, muss in ihrem Fall ergänzt werden. Denn noch war sie auf der Suche nach etwas, womit sie berühmt werden konnte. Sie war offensichtlich überzeugt davon, bald fündig zu werden. Kurze Zeit half sie Man Ray bei der Herausgabe einer erfolglosen Kunstzeitschrift. Aber die bildende Kunst – nein, die war es einfach nicht. Als sie den Modeschöpfer Paul Poiret kennenlernte, passierte es dann: Ihre Leidenschaft für die Mode entflammte – und es war alles andere als ein Strohfeuer. Mit Mitte 30 wusste Schiaparelli nun endlich, was sie werden wollte: Modeschöpferin. Dieser Plan war ungefähr so erfolgversprechend, wie mit einem Regenschirm als Fallschirm der Schwerkraft trotzen zu wollen. Doch immerhin wurde Paul Poiret für die nächsten Jahre ihr Mentor.
DER SCHWARZE PULLOVER MIT DER WEISSEN SCHLEIFE
Irgendwann hatte Elsa Schiaparelli eine kleine Kollektion. Doch wen interessierte das? Frauen, die Kleider nähten oder Pullover strickten und ihre Freundinnen damit beglückten, gab es viele. Keine davon war berühmt. Modeschöpfer? Das war, wer Filmdiven und Fürstinnen mit seinen Roben ausstattete und seine aktuelle Kollektion in der Zeitschrift „Vogue“ abgebildet sah. Elsa Schiaparellis Bekanntenkreis mag illustrer gewesen sein als der einer strickenden Oma. Schließlich bewegte sie sich in der Pariser Avantgarde. Doch für einen Durchbruch als Modeschöpferin brauchte es mehr als eine Gabrielle Picabia in einem von Sciaparelli gestrickten Schal. Die „Vogue“ entschied, wer dazugehörte und wer nicht. Schiaparelli zeigte sich in ihren Kreationen regelmäßig am Rande von Modenschauen. Doch niemand tat ihr dort den Gefallen, sie zu entdecken. In ihrer großbürgerlichen Wohnung hätte sie nur zu gern die Damen der Gesellschaft empfangen. Doch keine erschien. Da schmiedete sie im November 1927 einen verwegenen Plan. Sie beabsichtigte, dort einen krachenden Auftritt hinzulegen, wo die Meinungsmacher der Modewelt samt einiger der besten Kundinnen der großen Modehäuser versammelt waren: beim legendären Diner des Chefredakteurs der „Vogue“. Wie sie an die Einladung gekommen ist oder ob sie überhaupt eine hatte, ist nicht überliefert.
Elsa Schiaparelli kam jedenfalls absichtlich zu spät. Die Herrschaften saßen bereits an der festlich gedeckten Tafel und speisten. Plötzlich flog die Tür auf. Mit entschuldigender Miene blickte ein Diener noch kurz in Richtung des Gastgebers. Da betrat Elsa Schiaparelli auch schon den Raum. Nein, sie betrat eine Bühne. Doch nicht sie war die Hauptdarstellerin, sondern ihr Pullover. Es war ein schwarzer Pullover mit einer eingestrickten weißen Schleife. So einen Pullover hatte Paris noch nicht gesehen: Er war frech und doch elegant. Ein Blickfang und gleichzeitig ein Augenschmeichler. Vor allem aber ließ er einen Stil erkennen, der sich von der gepflegten Langeweile der Coco Chanel mehr als deutlich unterschied. Ich gebe zu: Bei den Details dieser Szene spekuliere ich ein wenig. Ich war natürlich nicht dabei und es gibt auch keine Bild- oder Tondokumente. Wenn wir uns allerdings vor Augen führen, dass allein dieser Auftritt für die Schiaparelli den Durchbruch zur zweiten maßgeblichen Größe der damaligen Modewelt bedeutete, dann kann es nur ein gigantischer Fake gewesen sein. Elsa Schiaparelli muss mit einem Selbstbewusstsein in die Dinnerparty geplatzt sein, als sei sie bereits ein Star der Schneiderkunst.
Anders sind die Folgen dieses Abends jedenfalls kaum erklärbar. Die anwesenden Damen waren nämlich derart enthusiasmiert, dass fast alle so schnell wie möglich einen dieser Pullover haben wollten. In den nächsten Tagen telefonierten sie aufgeregt mit ihren Freundinnen und Bekannten, um von dem Pullover zu berichten. Es war die amerikanische Schriftstellerin und Drehbuchautorin Anita Loos, die schließlich Hollywoods Filmdiven zu Schiaparelli schickte. Loos war der Szene expatriierter amerikanischer Schriftsteller eng verbunden und pendelte regelmäßig zwischen Los Angeles und Paris. Auf ihre Empfehlung ließen sich unter anderem Greta Garbo, Joan Crawford, Gloria Swanson und Mae West von Schiaparelli einkleiden. Selbstverständlich befeuerte auch die „Vogue“ den Hype. Elsa Schiaparellis geschäftlicher Erfolg war sensationell. Nur drei Wochen nach ihrem Auftritt bei der Dinnerparty konnte sie ein eigenes Atelier eröffnen – in bester Lage und mit riesigen, opulent ausstaffierten Räumen. Um 1932 besaß das Haus Schiaparelli neben diesem Flaggschiff bereits zehn weitere Ateliers. Eine Dependance befand sich in London, jener Stadt also, aus der Schiaparelli einst mit ihrem Mann fliehen musste, um einer Verurteilung wegen illegaler Geschäfte zu entgehen.
EIN ROSA SCHOCK FÜRS LEBEN
Die Kunst der Pariser Avantgarde, insbesondere der Surrealismus, brachte Elsa Schiaparelli auf die verrücktesten Ideen für ihre Mode. Als besonders fruchtbar erwies sich dabei ihre Freundschaft zu Salvador Dalí. Im Jahr 1936 schuf Dalí für einen englischen Kunstsammler sein berühmtes „Hummertelefon“. Es besteht aus einem funktionsfähigen Telefon mit Wählscheibe aus dem zeittypischen schwarzen Bakelit, wobei der Hörer die naturgetreue Form und Farbe eines Hummers besitzt. Schiaparelli war so begeistert von dem Objekt, dass sie gemeinsam mit Dalí das „Hummerkleid“ entwarf. Es war ein im Grunde klassisch-elegantes Kleid mit nur einem einzigen bewussten Stilbruch, nämlich einem riesigen Hummer als Dekor auf der Vorderseite. Dalís Vorschlag, bei der Präsentation des Kleids echte Mayonnaise darauf zu verteilen, lehnte Schiaparelli allerdings ab. Das Kleid war auch so schon provokativ genug, schließlich befinden wir uns Jahrzehnte vor dem Siegeszug schrill-bunter T-Shirts und anderer bedruckter Klamotten mit allen möglichen und unmöglichen Motiven. Wer trug ein solches surrealistisches Kleid? Beispielsweise Wallis Simpson kurz vor ihrer Hochzeit mit dem Duke of Windsor, zu dem Zeitpunkt britischer Thronfolger. (Er verzichtete später lieber auf die Königskrone.) Ein Foto der angehenden Duchess of Windsor in diesem Kleid, veröffentlicht in der amerikanischen „Vogue“, löste in England einen ordentlichen Skandal aus.
Elsa Schiaparelli konnten Skandale nur recht sein. Der Motor ihres Geschäftserfolgs waren Methoden, die erst Jahrzehnte später – genauer gesagt ab den Sechziger- und Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts – zu festen Bestandteilen der Modeszene werden sollten: bewusste Inszenierung von Stilbrüchen, demonstrative Abkehr von Traditionen (oder im Gegenteil ironisches Spiel damit) und nicht zuletzt erbitterter Kampf um Aufmerksamkeit. Letzteres inklusive Provokation und Skandal als Teil des Kalküls. Zu Schiaparellis Signatur wurden jedoch weder Dalís Hummermotive noch die nicht minder irritierenden „Skelettkleider“ und „Skelettpullover“, die ihre Trägerinnen wie wandelnde Röntgenbilder aussehen ließen. Es wurden auch nicht die aberwitzigen „Spiralbrillen“, die Man Ray für Schiaparellis Modenschauen schuf. Nein, emblematisch für das Haus Schiaparelli wurde eine einzige Farbe: „Shocking Pink“. Dieses kreischende Rosa, hart an der Grenze zum Rot, beschrieb Schiaparelli selbst einmal als „so lebensspendend, als ob alles Licht und alle Vögel und alle Fische der Welt sich darin vereinigt hätten.“
Der kritische Betrachter könnte es auch so ausdrücken: Diese Farbe tut weh. Doch so wollte es Elsa Schiaparelli. Genau das war ihr Erfolgsrezept: Exzess und Provokation bis zur Schmerzgrenze. „Sie ohrfeigte Paris, sie peitschte, sie folterte es – und Paris liebte sie dafür“, schrieb Yves Saint Laurent 1986 in seinem Vorwort zu einer Biografie über Schiaparelli. Die naheliegende Frage, wo bei Schiaparelli die Leidenschaft für die Kunst aufhörte und wo das Kalkül begann – oder umgekehrt – muss wohl unbeantwortet bleiben. Ohne jeden Zweifel war sie eine geniale Geschäftsfrau. Es beginnt bereits bei der Marktlücke, die sie für sich erkannte: Die „Années Folles“ mit ihrer subversiven Gegenkultur des Dadaismus und Surrealismus fanden in der Mode zunächst überhaupt keinen Widerhall, was rückblickend durchaus erstaunlich ist. Stattdessen galt das minimalistische „kleine Schwarze“ der Coco Chanel als Inbegriff des modischen Stils dieser Zeit. Wenn es Schiaparelli nicht gewesen wäre, die der Mode den surrealen Zeitgeist jener Jahre eingehaucht hätte, dann wäre wahrscheinlich jemand anderes gekommen.
Doch eine Marktlücke zu sehen und zu besetzen ist nur das eine. Das andere ist konsequente Markenbildung. Hier agierte Schiaparelli wie aus dem Lehrbuch des „Branding“, lange vor der Erfindung dieses Begriffs. In der Markenführung war sie ihrer Zeit weit voraus. So erkannte sie glasklar die Bedeutung einer Farbe als Markensignatur. „Shocking Pink“ war alles andere als ein Zufall – Schiaparelli war gezielt auf der Suche nach einer solchen „Signature Colour“ gewesen und hatte vorher unter anderem mit einem intensiven Blauton experimentiert. Noch moderner war die Art, wie sie die Markenidentität des Hauses Schiaparelli auf ein breites Portefeuille von Produkten übertrug. Bestes Beispiel ist ein Parfum mit dem Namen „Shocking“, welches das Haus Schiaparelli 1937 auf den Markt brachte. Der Karton war – selbstverständlich – in „Shocking Pink“ gehalten. Der Flakon hatte die Form eines weiblichen Torsos. Eine Sensation! Als Jean-Paul Gaultier in den 1990er-Jahren diese Art von Flakon für seine Parfüms kopierte, konnte er sich dies nur erlauben, weil Schiaparelli da schon vollständig in Vergessenheit geraten war.
ERFOLGREICHER FAKE HEISST NICHT ERFOLG AUF DAUER
Die hochbetagte Elsa Schiaparelli soll jeden Abend in ihrem Pariser Appartement voll geschminkt und im Tigerpyjama vor dem Fernseher gesessen haben. Doch bei ihrem Ableben im November 1973 kannte schon fast niemand mehr den Namen der einst so berühmten Italienerin. Im Gegensatz zu Chanel, dem Markennamen ihrer früheren Erzrivalin. Ganz zu schweigen von den Modeschöpfern, die seit dem Zweiten Weltkrieg mit ihrer „Haute Couture“ (wie die tonangebende Schneiderkunst nun hieß) Furore gemacht hatten: Christian Dior, Yves Saint Laurent und Pierre Cardin vor allem – interessanterweise ausschließlich Männer, so wie auch Stars der nächsten Generation: Armani, Versace, Lagerfeld. Dabei hatten einst zwei Frauen die Welt der Mode für die oberen Zehntausend allein beherrscht: eben Coco Chanel und Elsa Schiaparelli. Sicher, der Zweite Weltkrieg und die deutsche Besatzung weiter Teile Frankreichs, einschließlich Paris, beendeten die „Années Folles“ endgültig. Doch der Krieg, nicht ohne Grund „der große Gleichmacher“ genannt, warf immerhin alle gleich weit zurück. Und wurde abgelöst von einer Nachkriegszeit, in der dann alle wieder mehr oder weniger bei null anfangen mussten.
Kurz nachdem Paris am 14. Juni 1940 gefallen und von der Wehrmacht besetzt worden war, reiste Schiaparelli nach New York und verbrachte dort – abgesehen von ein paar Monaten an der Seine im Jahr 1941 – die Zeit bis Kriegsende. Als sie zurückkehrte, hatte Christian Dior bereits seinen „New Look“ auf den Laufsteg gebracht, der sich von allem abgrenzte, was die Mode der Vorkriegszeit ausgemacht hatte. Im Jahr 1954 feierte Coco Chanel die Wiedereröffnung ihres Modehauses. Chanel sollte es gelingen, das Etikett des Gestrigen abzustreifen und ihre Mode als klassisch und zeitlos zu präsentieren. Elsa Schiaparelli fand keine stimmige Marktpositionierung mehr. Im Dezember desselben Jahres musste sie die Tore ihres Hauses endgültig schließen. Zu seinen besten Zeiten hatte es allein in Paris mehr als 4.000 Mitarbeiter beschäftigt. Nun war Schluss.
Über die Ursachen für dieses Aus lässt sich nur spekulieren. Zwei Gedanken drängen sich mir jedoch geradezu auf. Der erste: Ein gelungener Fake ist noch lange keine Garantie für dauerhaften Erfolg. Und der zweite: Wer seine Persönlichkeit zur Marke macht, der muss irgendwann lernen, über seinen Schatten zu springen. Elsa Schiaparelli hatte sich mit geschickter Selbstinszenierung und kalkulierter Provokation selbst in den Olymp der Mode katapultiert. Dabei hatte sie durchaus etwas zu bieten. Über ihre Bedeutung in der Geschichte der Mode gibt es keine zwei Meinungen. Mittlerweile haben einige der berühmtesten Museen der Welt ihrem Schaffen umfangreiche Retrospektiven gewidmet.
Doch Schiaparelli hat selbst einmal gesagt: „Sobald ein Kleid geboren ist, ist es auch schon Teil der Vergangenheit.“ Mode ist per Definition ephemeral – sie entsteht für den Augenblick und ist im nächsten Moment vergangen. Das heißt für Modeschöpfer: Es muss immer weitergehen, der Fluss der Ideen darf nie abreißen. Und bei allen von genialen Individuen gegründeten Marken in sämtlichen Branchen entsteht Konstanz eigentlich nur, wenn man irgendwann ein Team bildet. Um den Erfolg zu sichern, muss man bereit sein, ihn zu teilen; man muss delegieren, Dinge abgeben, viele andere einbinden. Gut möglich, dass einer Exzentrikerin und Egozentrikerin wie Elsa Schiaparelli dieser Schritt nie gelungen ist.
So machte es sich schließlich eine viel jüngere Generation zur Aufgabe, die Marke Schiaparelli am Leben zu erhalten. Im Jahr 2006 erwarb der italienische Unternehmer Diego Della Valle die Rechte. Sechs Jahre später begann Della Valle, der bereits die Marken Tod’s, Hogan und Fay aufgebaut hatte, mit dem Relaunch. 2015 wurde Bertrand Guyon zum Design Director ernannt, ein Mann Anfang 50 mit Halbglatze, gepflegtem Vollbart und zurückhaltendem Auftreten. Er arbeitet im selben Haus, in dem sich einst das Modehaus Schiaparelli befand. Und zwar in einem Studio, in dem „Shocking Pink“ und ähnlich indiskrete Farben um die Wette leuchten wie auf einem Rummelplatz. Seine Modenschauen inszeniert er gern in den prunkvollen Gängen der Opéra Garnier, die dafür in grellrosa Licht getaucht werden. Ob all dieses Rosarot wirklich reicht, um die Legende aufleben zu lassen, bleibt abzuwarten. Schockiert von der Signaturfarbe der Schiaparelli dürfte heute jedenfalls niemand mehr sein.


4 | DER AUTOVERKÄUFER
Wie viele Existenzgründer scheute auch ich zu Beginn meiner Selbstständigkeit das Risiko. Schließlich verfolgt Gründer eine Horrorstatistik in den ohnehin schlechten Schlaf, nach der zwei Drittel der Neugründungen nach drei Jahren wieder vom Markt verschwunden sein sollen. Ich lebte also bescheiden und hielt meine Kosten so gering wie möglich. Ein eigenes Büro sparte ich mir und arbeitete lieber von zu Hause aus. Mein erster Geschäftswagen war ein Kia: nicht schön, nicht repräsentativ, nicht einmal komfortabel auf langen Strecken, dafür aber günstig sowohl in der Anschaffung als auch im Unterhalt. Außerdem seitens des Herstellers mit ebenso umfassenden wie beruhigenden Garantieversprechen gesegnet. Deutsche Hersteller hatten solche Garantien nicht nötig, da ihnen die geneigte Kundschaft die Autos ohnehin aus den Händen riss. Die Fahrer eines Audi, BMW, Mercedes oder Volkswagen nahmen – und nehmen bis heute – sogar halbjährige Lieferfristen stoisch und ohne zu murren in Kauf.
Beim Koreaner kaufte man dagegen direkt vom Hof des Händlers. Dorthin hatten einen neben den erwähnten Garantien meist noch satte Rabatte oder nahezu zinsfreie Finanzierungsangebote gelockt. In der Ausstattung unterschieden sich die Modelle auf dem Hof ohnehin kaum. Die Lackfarben waren alle ähnlich fad. Kurzum: Wer mit Autos emotional eher wenig anfangen konnte und günstig mobil sein wollte, ohne ein großes Risiko einzugehen, der war hier genau richtig. Bei mir war das jedoch anders. Ich bin eigentlich ein ziemlicher Autofan, der zudem deutsche Ingenieurskunst in höchstem Maße zu schätzen weiß. Der „Reiskocher“ war eher eine Notlösung. Bei Kundenbesuchen wollte ich denn auch am liebsten nicht beim Ein- oder Aussteigen gesehen werden. Krankenhäuser als meine primären Beratungskunden waren insofern günstig, als ich mein Auto dort unauffällig auf den meist gut gefüllten Patienten- und Besucherparkplätzen abstellen konnte.
Mit meiner Selbstständigkeit war ich von Anbeginn erfolgreich. Doch dauerte es eine Weile, bis ich das selbst wirklich glauben konnte. Und es verstrich dann nochmals einige Zeit, bis ich Vertrauen in den dauerhaften Erfolg hatte und entsprechende Entscheidungen traf. Endlich war es dann aber so weit: Ich sah mich als erfolgreichen Selbstständigen und wollte das auch nach außen darstellen. Sie mögen mich nun als konventionell und angepasst schelten oder mir altmodisches Prestigedenken vorwerfen, doch zum Unternehmertum gehörte für mich unbedingt ein deutsches Qualitätsfahrzeug als Geschäftswagen. Also plante ich einen Besuch in einem Autohaus für Volkswagen und Audi in meiner Heimatstadt. Für Selbstständige sind solche Termine außer der Reihe meist schwierig im Kalender unterzubringen. Während einer Woche in den Sommerferien benötigten meine Projekte dann ausnahmsweise einmal etwas weniger Aufmerksamkeit. Also betrat ich eines Tages um die Mittagszeit – nicht frei von Stolz und mit einer gewissen Vorfreude, jedoch ohne vorab vereinbarten Termin – besagtes Autohaus.
Ein Auto ist für die meisten Konsumenten der teuerste Gebrauchsgegenstand, den sie anschaffen. Bedient zu werden, ist dennoch kaum irgendwo im Handel so sehr Glücksache wie bei einem Autohändler. Schauen Sie sich nur einmal die Kundenbewertungen auf Google zu beliebigen Autohändlern in Ihrer Umgebung an. Da wimmelt es nur so von Ein-Sterne-Rezensionen mit Kommentaren wie: „Wir wollten einen Neuwagen bestellen, aber niemand hat uns beachtet. Deshalb sind wir wieder gegangen.“ Wenn Sie eine Parfümerie betreten, werden Sie vom Verkaufspersonal geradezu bestürmt. Wenn Sie dagegen in ein Autohaus kommen, können Sie nie sicher sein, ob jemand Notiz von Ihnen nimmt. Dabei sind 100 Euro für ein Parfüm ja nichts gegen die 100.000 Euro für ein Auto, denen Sie sich heute schon in der oberen Mittelklasse zügig nähern, sofern Sie bei Motorisierung und Ausstattung aus dem Vollen schöpfen. So gesehen hatte ich mir das richtige Autohaus ausgesucht: Keine halbe Minute betrachtete ich interessiert eines der ausgestellten Fahrzeuge, da machte sich bereits ein junger Mann auf den Weg zu mir.
HÖFLICH, SOUVERÄN, ENTSPANNT, FAKER
Nachdem der junge Mann mich ausgesprochen höflich begrüßt hatte, fragte er: „Kann ich etwas für Sie tun?“ Ich kam direkt zum Punkt und erklärte ihm, dass ich mir einen neuen Geschäftswagen kaufen wollte und das Modell, vor dem wir gerade standen, schon einmal grundsätzlich infrage kam. Erst jetzt, als ich den jungen Mann aus der Nähe sah, fiel mir auf, wie jung er wirklich war. Sehr jung. Vom Gesicht her wirkte er wie ein Schulbub. Doch wie er auftrat und mich nach meinen Wünschen fragte, schien er hier tatsächlich einer der Verkäufer zu sein. Er trug lediglich nicht den für Autoverkäufer typischen dunklen Anzug mit Krawatte, sondern Smart Casual: dunkle Jeans, akkurates Hemd, Pullover mit V-Ausschnitt. Auf einem silbernen Namensschild mit VW- und Audi-Logo, das er angesteckt hatte, stand in schwarzen Lettern: „Herr Stangl“. Kein Zweifel, der Herr Stangl war dazu da, mir alles über die Autos dieses Händlers und mögliche Konditionen zu erklären. Er würde meine Fragen beantworten und mich im Idealfall zur Unterschrift unter einen Kaufvertrag bewegen.
Vor meinem Besuch im Autohaus hatte ich mir bereits eigene Gedanken gemacht: Das neue Auto sollte alltagstauglich sein, ein komfortabler Reisewagen und auch vom Design her ansprechend. Daneben gab es die speziellen steuerlichen Regelungen für Firmenwagen zu bedenken. Ich hatte gehört, dass sich bestimmte Fahrzeuge für Selbstständige rechneten, während andere leicht zur Kostenfalle werden konnten. Herr Stangl gab mir das Gefühl, meine Bedürfnisse auf Anhieb zu verstehen. Ich fühlte mich abgeholt. Zwar merkte ich schnell, dass seine Leidenschaft mehr der Technik galt als den Preisen und den Prozenten. Doch erstens sah ich ihm das nach. Und zweitens hatte ich bei den Fahrzeugen, die in die engere Wahl kamen, noch durchaus Fragen zu technischen Details: Ab welcher Motorleistung war man kein Verkehrshindernis mehr? Welcher Verbrauch war in der Praxis realistisch? Was für eine Rad- und Reifenkombination bot den besten Kompromiss aus Handling und Komfort? Diese und weitere Fragen beantwortete Herr Stangl souverän. Er zog alle Register, sprudelte nur so vor Fachwissen und hatte immer eine eigene Meinung.
Die ganze Szene im Verkaufsraum erinnerte mich an eine typische Situation in der Schule. Vielleicht erinnern Sie sich auch daran? Ich meine jene Schüler, die ausnahmsweise einmal richtig gut vorbereitet zu einer Stunde kamen und dann unbedingt drankommen wollten. So wirkte auch Herr Stangl auf mich: richtig gut vorbereitet und glücklich, dass er heute drankam und so viel erzählen durfte. Dabei trat der junge Mann zu keinem Zeitpunkt besserwisserisch oder gar arrogant auf. Sehr entspannt, lässig und nahbar kam er mir vor. Später, viel später erst gestand mir Herr Stangl, er sei bei diesem Gespräch so nervös gewesen, dass er sich fast in die Hose gemacht hätte. Doch noch erkannte ich ihn nicht als Faker. Vielmehr wollte ich langsam den Sack zumachen und ein Auto bestellen. Zunächst setzte sich Herr Stangl mit mir an einen Tisch mit Computer. Dort spielte er verschiedene Konfigurationen durch.
Am Ende waren nur noch die finanziellen Konditionen und die steuerlichen Fragen offen. Zum ersten Mal wirkte Herr Stangl jetzt ein klein wenig unsicher. Es war nur eine minimale Veränderung seiner Ausstrahlung, aber doch spürbar. Fast im selben Moment ging die Eingangstür auf und eine kleine Gruppe von Männern in dunklen Anzügen kam herein. Offensichtlich kamen da Mitarbeiter aus der Mittagspause zurück.
Fast ein wenig erleichtert sagte Herr Stangl: „Da kommen unsere Verkäufer. Ein Kollege übernimmt gleich bei Ihnen. Mit ihm besprechen Sie dann auch die kaufmännischen Konditionen.“
Mir passte das ganz und gar nicht. Selbstverständlich wollte ich den Ansprechpartner, der mich so überzeugt hatte, jetzt auch behalten.
Also sagte ich: „Herr Stangl, das können wir doch miteinander besprechen.“
„Das darf ich leider nicht“, entgegnete er. „Ich bin noch in der Ausbildung.“
Selten war ich so überrascht. Beinahe hatte ich schon beschlossen, bei diesem kompetenten Verkäufer zukünftig alle meine Autos zu kaufen. Und dann entpuppte er sich als Lehrling. Herr Stangl hatte das Verkaufsgespräch nur geführt, weil die wirklichen Verkäufer zu Tisch waren. Was für ein cooler Faker!
BELLA FIGURA MIT SCHLOTTERNDEN KNIEN
Seit der Spätphase der Industriegesellschaft spielen Spezialisierung und Expertentum eine so zunehmend große Rolle, dass an der Kulturtechnik des Fakes kaum noch jemand vorbeikommt. Es gibt nur noch wenige Wirtschaftszweige, in denen Einsteiger Fuß fassen könnten, ohne zumindest ein wenig zu faken. Im Kundenkontakt ist der Fake ohnehin längst Pflicht. Der Kunde erwartet überall den Experten, den Profi, den kompetenten Berater. Je unübersichtlicher das Angebot, desto mehr zählt Beratung zur Kernleistung. Mehr noch: Die Kombination aus Dienstleistung und tangiblem Produkt wird zum Standardfall. Doch wer kann mit 18 oder 20 Jahren schon ein mit allen Wassern gewaschener Branchenguru sein? Zumal, wenn das Wissen in fast jeder Branche immer schneller veraltet und das in der Ausbildung Gelernte bereits nach wenigen Jahren wertlos ist? Der Markt verlangt heute von den Repräsentanten eines jeden Unternehmens, dass sie gegenüber dem Kunden Bella Figura machen – und sei es mit schlotternden Knien.
Vielleicht hatten Sie ja nach der Lektüre der ersten drei Faker-Geschichten in diesem Buch den Eindruck, dass der Fake das Erfolgsgeheimnis einer Clique der Supererfolgreichen ist: der Weltunternehmer, der Sportstars, der Paradiesvögel der High Society. Das ist der Fake ganz sicher auch. Doch längst ist er eine unerlässliche Kernkompetenz für alle, die in einer sich immer schneller wandelnden Arbeitswelt überhaupt einen Job haben und produktiv sein wollen. Für einen Johannes Stangl, seinerzeit Lehrling in einem Autohaus in Oberösterreich, gelten genau die gleichen Erfolgsprinzipien wie für einen Elon Musk, den Gründer von Tesla Motors, der wie aus dem Nichts mit Elektroautos reüssierte und damit eine ganze Branche das Fürchten lehrte.
In meinem früheren Buch „Make the Fake: Warum Erfolg die Täuschung braucht“ erkläre ich diese Zusammenhänge ausführlich. Darin erzähle ich auch die Geschichte, wie der 17-jährige Krankenpflegeschüler Christoph Zulehner einst zum Faker wurde: Während meiner ersten Nachtwache im Krankenhaus, bei der ich allein für 35 Patienten zuständig war, kollabierte prompt eine Patientin – und mir blieb nichts anderes übrig als der Fake. Ich tat so, als ob Reanimation für mich eine tägliche Routine sei. Ähnlich wie Butter aufs Brot streichen oder Kamillentee in Schnabeltassen gießen. Ich gebe zu, dass meine Sympathie für den Lehrling Johannes Stangl auch etwas mit dieser biografischen Parallele zu tun haben könnte. Allerdings gibt es einen Unterschied zwischen den jugendlichen Fakern Stangl und Zulehner: So etwas wie meine damalige Aktion bezeichne ich heute als einen „unbewussten Fake“. Stangl war hingegen schon sehr viel näher am „bewussten Fake“.
Ein unbewusster Faker hat Vertrauen in sich selbst; ein bewusster Faker gibt zusätzlich ein Versprechen an sich selbst ab. Als während meiner ersten Nachtwache eine sehr nette ältere Dame beschloss, ihre Herztätigkeit einzustellen, rutschte mir nicht nur das Herz in die Hose, sondern mir blieb auch kaum eine andere Wahl, als beherzt zu handeln. Ich traute mir das zu und tat etwas, das ich als Lehrling eigentlich noch nicht durfte. Das war bei Johannes Stangl genauso. Mit dem Unterschied, dass er leichter hätte kneifen können. Er hätte zum Beispiel das tun können, was in vielen Autohäusern ohnehin geschieht: den potenziellen Kunden, der da ohne Termin hereinschneit und um die ausgestellten Fahrzeuge schleicht, einfach ignorieren. Selbst wenn ich ihn angesprochen hätte, wäre es ihm ein Leichtes gewesen, den Fake zu vermeiden. Er hätte sagen können, dass die Verkäufer zu Tisch seien und ich mich bitte gedulden solle, bis sie zurück sind. Selbst wenn er mir eine Tasse Kaffee angeboten und mir ein paar Prospekte gereicht hätte, wäre er auf dem sicheren Boden dessen geblieben, was er als Auszubildender sollte und durfte. Aber Herr Stangl wollte es wissen. Sein Versprechen an sich selbst lautete: Ich zeige dem Kunden jetzt schon, was ich einmal können möchte. So gut es geht. Obwohl ich es noch nicht darf. Nicht um den Kunden zu täuschen, sondern weil ich es sonst vielleicht nie lerne.
„ICH LERNE NOCH“ – WER EIGENTLICH NICHT?
Es hätte nur ein winziges Detail am Outfit von Johannes Stangl anders sein müssen und sein mutiger Fake wäre ihm unmöglich gewesen. Ahnen Sie, was ich meine? Bestimmt sind Sie als Kunde irgendwo schon einmal von einem jungen Menschen bedient worden, der einen Anstecker mit dieser Aufschrift trug: „Ich lerne noch.“ Was macht ein solcher Anstecker mit Ihnen als Kunde? Keine Frage: Er schraubt Ihre Erwartungen auf die Höhe der Auslegeware herunter. Sie glauben sofort zu wissen: Der kann noch nichts – und der wird deshalb auch nichts für mich tun können. Vielleicht geben Sie dem Lehrling dennoch eine kleine Chance, einfach weil Sie ein fairer, höflicher und geduldiger Mensch sind. Aber selbst dann wünschen Sie sich insgeheim, dass Ihr Ansprechpartner bald von einem erfahrenen Kollegen abgelöst wird.
Johannes Stangl konnte unerkannt faken, weil er ein Namensschild trug wie alle anderen Mitarbeiter. Darauf stand lediglich: „Herr Stangl“. Er fakte insofern bewusst, als er sich zu Beginn des Verkaufsgesprächs noch nicht als Lehrling zu erkennen gab. Sicher, er sah sehr jung aus. Doch die Lebenserfahrung lehrt: Es gibt 16-Jährige, die aussehen wie 26 – und 26-Jährige, die aussehen wie 16. Ich jedenfalls zweifelte keine Sekunde an Herrn Stangl. Weder an seiner Fachkompetenz noch an seiner Berechtigung, mir ein Auto zu verkaufen. Am Ende kaufte ich nicht nur einen neuen Geschäftswagen, sondern wurde Stammkunde in diesem Autohaus. Das bin ich übrigens bis heute. Die Grundlage dafür hat Herr Stangl gelegt. Getreu dem Motto: Es gibt keine zweite Chance für einen ersten Eindruck. Ob ich einem Lehrling mit dem Anstecker „Ich lerne noch“ einen Satz wie „Rechnen Sie in der Praxis mit etwa 7,5 Litern Verbrauch“ geglaubt hätte, ist dagegen sehr fraglich. Selbst das zartest aufkeimende Flämmchen fachlicher Autorität erstickt dieser Anstecker doch sofort wieder.
Trotzdem habe ich den Eindruck, dass solche Buttons bei Arbeitgebern gerade immer beliebter werden. In meinen Augen ist das ein Unding. Und dies nicht allein wegen des Paradoxons, dass in Zeiten immer kürzerer Halbwertzeiten des Wissens so gut wie alle arbeitenden Menschen noch, wieder oder jetzt erst recht lernen. „Ich lerne noch“ – wer eigentlich nicht? Schlimmer noch als dieser Denkfehler ist, dass der Kunde durch den Kennzeichnungsirrsinn um einen Gesprächspartner auf Augenhöhe betrogen werden soll. Der informierte, zumindest jedoch der vorinformierte Kunde ist im Internetzeitalter nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel. Auch ich wusste, bevor ich Herrn Stangl begegnete, schon einiges über die Modelle von VW und Audi. Der Konfigurator, den ein Autoverkäufer nutzt, unterscheidet sich ja nicht einmal von dem, der auch dem Kunden online zur Verfügung steht. Ich wäre maßlos enttäuscht gewesen, keinem echten Fachmann zu begegnen, der mein Vorwissen vertieft und ergänzt.
Wenn ich einen Anstecker mit der Aufschrift „Ich lerne noch“ sehe, dann denke ich mir: Na ja, da kenne ich mich dann wahrscheinlich besser aus als der. Manchmal stimmt das ja tatsächlich. Wer als Vielreisender ständig Autos mietet, der dürfte die einzelnen Schritte des Anmietvorgangs und die Optionen – wie Versicherungsschutz, Winterreifen und so weiter – besser kennen als ein Lehrling in der Autovermietung an seinem ersten Tag. Bei einem gekennzeichneten Auszubildenden denke ich nur: Hoffentlich hält der mich jetzt nicht zu lange auf! Und der Lehrling? Der kann, gekennzeichnet wie tropisches Obst, eigentlich gar nicht anders, als befangen zu sein: Ich lerne noch, ich kann noch nichts, alle sehen es – also ist es auch so. Eine klassische sich selbst erfüllende Prophezeiung. Im besten Fall wird der Lehrling hoffen, dass der Kunde besonders nett zu ihm ist. Im schlechtesten Fall wird er sich sagen: Ich habe das Recht, keine Ahnung zu haben – es sieht ja eh jeder, also soll sich auch keiner beschweren. Eine Chance, sich zu beweisen, bekommt er so oder so nicht.
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