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Über die Autorin

Die Autorin schreibt als Getroffene von chronischer Traumatisierung und deren Folgen. Sie schreibt mit Erfahrungs- und Fachwissen, um eine Transferleistung von klinisch steriler Theorie in alltäglich verständliche Sprache und wenig sterile Praxis zu versuchen. Diese Texte entstanden mit dem Anliegen, ihre Privilegien des Wissens und der zu Teilen (wieder)gefundenen Sprache (mit)teilen zu dürfen.

Zora Kauz

Traumafolge(störung) DISsoziation

Aufschriebe, um teilend Verständnis

zu versuchen

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2021

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

Copyright (2021) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte bei der Autorin

Titelbild © Zora Kauz

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Intro

1 Trauma

1.1 Begriffs(er)klärung

1.2 Unser Nervensystem im Trauma

1.3 Okay. – Und jetzt?

2 Differentialdiagnosen

3 Ein Einstieg zu uns

3.1 Wofür Anteile?

3.2 Anteile durch Traumatisierung

Exkurs: Erklärung von Introjektion zum Verständnis der Täterintrojekte

„Bewusste“ Theorie und Praxis

4 (K)eine Diagnose (nur für Titel-Interessierte)

5 Dissoziation

5.1 „Alltags-Dissoziation“

5.2 Dissoziation im Trauma

5.3 Erinnerungen und Trigger

6 Therapie – Bisschen reden und so

6.1 Akkuschrauber, Bits und Schraubenköpfe

6.2 Die Theopraxis der drei Phasen

6.3 Wir in der Therapie

7 Ausdruck

7.1 Worte bis Alles

7.2 Musik

8 C16H13CLN2O

9 Über das Leben reden reicht nicht, um zu überleben

9.1 Die Vita der Suizidalität

9.2 Gibt es Hoffnung(slosigkeit)?

9.3 Wer beim Sterben dabei war, „hilft“ später gefährlich

10 Warum wir nicht gestört sind

Erstens: Grundsätzlich

Zweites Erstens: Lernen

Zweitens: Alte Schmerzen sind keine Einbildung

11 Ent-wicklung einer Wohnkommunikation

12 Wieder wie ein Kind – Oder auch nicht

13 Versteckspiel

13.1 Kontrollverlust

13.2 Soziale Versuche

13.3 Quanten(psychologie), Quarks und Schuld

13.4 Versteckte Einsamkeit

14 Schreiendes Schweigen

14.1 Keine Stimme

14.2 Wir schweigen nicht grundlos

14.3 Tödliche Scham

15 Schamvolle Hochleistung

15.1 (Be-) Schämende Rudeltiere

15.2 Etiketten sind für Dosen

15.3 Zum Leben-Lernen

16 Unser Leben ist mehr als Traumatisierung

17 Atmen

17.1 Kleine Schönheiten

17.2 Sympathische Power

17.3 Hirn- und Körperbewusstsein

17.4 Energy-Yoga

18 Tägliches Chaos

19 Häufig gestellte Fragen oder eher: Häufig getroffene Aussagen

19.1 „Du machst mir Angst.“

19.2 „Wenn du Panik hast, schlägst du dann wild um dich?“

19.3 „Ich mag dein anderes Ich viel lieber.“

19.4 „Richtig interessiert hat es dich wohl nicht, sonst hättest du besser zugehört.“

19.5 „Lüge doch nicht. Natürlich hast du das (nicht) getan.“

19.6 „Was denn, du hast auch körperliche Symptome?“

19.7 „Ach, du, das kenne ich auch. Mach doch einfach dies und das.“

19.8 „Aber du kannst das ja immer noch machen.“

19.9 „Kannst du es nicht einfach hinter dir lassen, damit abschließen und nach vorne blicken?“

19.10 „…?“

19.11 „Nimm doch nicht immer alles so ernst.“

20 Wird schon

20.1 Keine Pause

20.2 Realitäten

20.3 Wut hilft gegen Selbstzerstörung

20.4 Wissen, um zu denken, handeln, um zu sein

Glossar

Literatur

Intro

Es sollte mal „etwas Großes“ werden, ich hatte die Vorstellung, etwas gut Zugängliches zu schreiben, das Wissen, die Erfahrungen, die Aufklärung, Sensibilisierung in etwas Ganzes zu verpacken. Denn es ist so die Annahme, dass es überschaubar und leicht verpackt sein muss. In einer fortlaufenden Geschichte, sodass es einfach und vor allem gut und gerne zu lesen ist. Aber das ist nun mal nicht unsere Realität. Unser Alltag ist meist keine fortlaufende Geschichte. Sehr viele Erinnerungen, (noch) keine sinnstiftenden Erzählungen, und einige werden es nie sein.

Es mag variieren von eher fachlichem Ausdruck zu erlebensnaher Sprache, doch hoffe ich, so manches verständlich machen zu können, was im Fachlatein doch abschreckend kompliziert aussieht und auch oft wenig mit der Praxis zu tun hat, allein schon, weil unsere Perspektive dort meist nicht vorkommt. Es sind Gedanken, „Raus-schriebe“, Bitten, Wissensteilungen, um Verständnis, oder zumindest etwas in dieser Richtung, zu schaffen. Wichtig an dieser Stelle hinzuzufügen ist mir, dass auch, wenn wir nicht (nur) von uns als System, also einem Menschen, schreiben, sondern andere mit einbeziehen möchten, wir unmöglich „Wahrheiten“ beschreiben können. Jedes Erleben und jede Lebensrealität ist unterschiedlich und wer wirklich auf konkrete Fragen Antworten will, muss immer den Mensch selbst fragen. Ob es dann eine (verständliche) Antwort gibt, ist natürlich nicht garantiert. Andere mit einbeziehen bedeutet nicht, für andere schreiben zu können! Es bedeutet lediglich, dass wissenschaftliche Grundlagen, der Fakt, dass Gewalt kein Einzelfall ist, und dass immer individuell geschaut werden muss, allgemein gelten. Ich will vermeiden, dass sich Menschen von diesen Aufschrieben distanzieren müssen, weil ihnen unterstellt wird, mit dieser oder jener Diagnose so oder so sein zu müssen. (Eine Diagnose sagt nichts über individuelle Fähigkeiten, Interessen, Möglichkeiten, nichts Konkretes über die Geschichte oder Einstellung dazu aus, und etwas, das gerne unbeachtet bleibt – Diagnosen, auch die, die mit komplexer Traumatisierung in Verbindung stehen, erzählen allein nichts über die Intelligenz eines Menschen, ob emotionale, körperliche, soziale oder kognitive) Es sind (Mit-)Teilungen, um teilzuhaben und teilhaben zu lassen.

Wir schreiben manches mehr als Vision, als dass wir es schon verinnerlicht hätten, doch wollen wir diese teilen. Tatsächlich verstehe ich sehr viel nur theoretisch, mit Distanz, und kann oft noch keinen Bezug zu uns herstellen. Dann weiß ich Dinge schon, jedoch begreife ich sie erst Monate oder Jahre später. Auch schreiben wir von scheinbaren Überzeugungen, von denen ich wahrlich für andere Menschen überzeugt bin, nur für uns selbst noch nicht. Ich glaube, Schützendes für andere zu formulieren, ist ein Schritt, um es irgendwann auch für uns selbst zu können. Ich schreibe in den Momenten, in denen ich dazu in der Lage bin, weil sie kostbar und nicht immer verfügbar sind. Vielleicht ist es verschwendete Energie, weil es für andere nicht das sein kann, was ich mir wünschen würde, dann wäre es „nur“ für uns wertvoll. Das Schreiben ist unser „sicherer Ort“, hier darf Ausdruck sein, hier schaffen wir es, Verbote zu umgehen, hier sind Auseinandersetzungen, ohne Einfluss von außen, möglich und dadurch ist es sehr wahrhaftig. Und wenn ein Mensch davon liest und sich in Teilen wiederfinden kann oder es ihm_ihr vielleicht einen Moment der Hoffnung bringt, weil es spürbar macht, nicht ganz alleine zu sein, oder es ein Mensch liest und in einer Begegnung mit einer betroffenen Person daran denkt und vielleicht dadurch weitere Verletzungen vermeiden oder gar Unterstützung bieten kann, dann reicht mir das. Dann weiß ich: Dafür hat es sich gelohnt. Denn wir schreiben auch für all die Male, in denen wir erneut geschwiegen haben, in denen wir wieder schweigen, in denen wir schweigen werden, in denen die Stimme versagt und niemand das schreiende Schweigen hört und noch viel weniger hören will. Nach einer Besprechung der Hilfeplanung, in der wir nur zustimmend genickt haben, weil der Versuch aufzuklären zu kraftintensiv und zu wenig erfolgversprechend gewesen wäre: Ich bin mal wieder halb erstickt am Schreien, im Innen, weil Selbstvertretung nicht geht, wenn du nicht weißt, wer oder was mit „selbst“ gemeint sein könnte. Für uns eine Tortur mit Folgen, für die anderen nur ein Termin im Arbeitskalender. Für die anderen eine Akte, für uns ist es das, was wir Leben nennen. Es ist so viel einfacher hier, alleine Dinge zu formulieren, ohne die Präsenz eines anderen Menschen. Ich weiß, dass wir es dann (noch) nicht können. Aber so kann ich es, und auch das war ein Weg.

Es sind verschiedene Aufschriebe, die Wirkungskraft der Texte kann deutlich umschwingen, denn nicht jedes Ich, das hier schreibt, ist ein und dasselbe Ich, ist nicht das, was von außen als du bezeichnet wird. Alle Fachbegriffe oder sonstigen Bezeichnungen finden entweder direkt oder im Glossar ihre Erklärung, bei ihrer Erstnennung sind sie fett markiert.

Die Scham der Beschämung will auch hier schon gehört werden: „Wer bildest du dir ein zu sein? Du bist es nicht wert, gehört zu werden. Wie kannst du es wagen, das zu schreiben?“ Aber ich weiß, dass ein leiserer Teil der Scham mit ähnlichen, nicht ganz so vehement formulierten Aussagen uns eigentlich nur vor Zurückweisung, erniedrigenden Kommentaren oder harter Kritik schützen will. Sie wird uns begleiten. Immer wieder. Manchmal direkt, oft zwischen den Zeilen. Ich weiß, wir nehmen all das, wovor die Scham warnt, in Kauf für den Fall, dass dies nicht nur auf einem USB-Stick gesichert und dann vergessen wird. Einer der Hauptgründe, weshalb die Verwirklichung von diesem Schreibprojekt sehr oft gefährdet ist, ist nämlich tatsächlich die Scham. Aber in einer anderen Form. In einer Weise, in der sie ihre giftigen Fasern um uns schlingt und uns zu ersticken droht. In ihrer existenziellen Macht, mit welcher sie uns unsere Daseinsberechtigung nimmt. In ihrer Zusammenarbeit mit der Schuld, weil wir eigentlich unter keinen Umständen wollen, dass irgendwer irgendetwas weiß. Wie bescheuert ist es denn, sich tagtäglich zu verstecken, Symptome mit aller Kraft zu vertuschen, Ausreden zu finden und dann über all das, was wir verheimlichen, zu schreiben und es andere lesen zu lassen? So denke ich oft, dass wir es nicht schaffen, dass ich es gar nicht schaffen will, aber dann treffen wir auf Vorurteile, Unverständnis, Ausgrenzung, Entwertung, auf Verletzungen aus Unsicherheit und schaffen es nicht, etwas zu sagen, und wissen, dass wir damit nicht alleine sind, auch wenn es sich so anfühlt. Darum denke ich, dass es, darauf bezogen, total egal ist, was die Scham sagt, weil es nicht um uns, sondern um viele viele geht, weil viel zu viel schreiendes Schweigen nicht gehört wird, weil ich weiß, dass wir Privilegien haben, mit denen wir den Versuch wagen können, kleine Verständnis-Bereiche zu erschaffen.

Wir schreiben das hier nicht aus Freude am Thema. Ich würde gerne andere Dinge schreiben. Wir sind nicht stolz darauf, gleichzeitig fühle ich uns sehr privilegiert, das hier überhaupt schreiben zu können. Ich empfinde es als großes Privileg, überhaupt Worte gefunden zu haben und mich über die Theorie soweit von mir entfernen zu können (als Mechanismus, den ich absichtlich wähle und durch den ich bei Bewusstsein bleibe!), damit ich es ertragen kann, das hier zu schreiben. Manchmal ist es entweder Theorie oder eigene Betroffenheit, weil beides gleichzeitig nicht immer auszuhalten ist. Ohne Meta-Distanz wäre es uns nicht möglich, Fachliteratur zu lesen, was durch die dort verwendete Sprache erleichtert wird. Aus Vorausgegangenem erschließen sich auch die Grenzen der Themen, die wir beschreiben. Es sind keine Erlebnisberichte von traumatischem Geschehen und wir beschreiben auch die Prozesse der Anteilsbildung/Entstehung der dissoziativen Struktur nicht konkret persönlich, sondern ihren prinzipiellen und wissenschaftlichen Hintergrund. So auch primär nur das (konditionierte) Lernen im Bereich der Erfahrungskonditionierung. Es ist nichts, was wir zum Friede-Freude-Zeitvertreib tun, aber ich finde jeden Versuch, etwas zu teilen, um Verständnis überhaupt möglich machen zu können, wichtig. Und alle, die es versuchen können/wollen, kann ich nur bestätigen und ihren Mut anerkennen. Es ist unglaublich anstrengend, ständig Dinge erklären oder rechtfertigen zu müssen, und all das, von dem wir glauben, dass es ohnehin nie verstanden werden kann, zu vertuschen. So kann es auch eine Art Selbstbestrafung sein, einfach immer zu nicken, wie gelernt, uns als das zu sehen, was uns von außen gesagt wird, mit allen Konsequenzen, die das, auch im Hilfesystem, haben kann. Nicht mehr versuchen, verstanden zu werden, bedeutet auch erneute oder anhaltende Abkapselung und das ist früher oder später tödlich. Verstehen bedeutet hier eigentlich zunächst mal nur wissen, also unser Erleben, unserer Realität „nur“ geistig aufnehmen. Wenn wir dann tatsächlich damit angenommen werden, es also wahrgenommen und assoziiert werden kann, dann entsteht vielleicht nachvollziehende Erkenntnis. Das impliziert nicht unbedingt Empathie auf emotionaler Ebene. Die Aufklärung im Bereich der Dissoziativen Störungen oder allgemein komplexen Traumafolgen hat glücklicher Weise ja Fortschritte gemacht hat, ist aber wahrlich noch ausbaubar und bislang nur dort vertreten, wo Menschen sich dazu entscheiden aktiv etwas für die eigene Aufklärung oder Weiterbildung zu tun.

Wir möchten schreiben, damit sich vielleicht hier oder da ein Mensch nicht zusätzliche Schuld für die eigene Fehlerhaftigkeit und Schwäche aufbürden muss, sondern lernen darf, für sich zu sorgen, weil sehr viel sehr viel Sinn ergibt. Denn wir sind nicht krass krank und völlig kaputt. Wir haben einfach nur überlebt und müssen mit den Nachfolgen lernen umzugehen. Aufklärung, damit wir uns der eigenen Leistungsfähigkeit bewusst werden können, weil unser Organismus für unser Überleben sorgte in Situationen, in denen dieses ernsthaft bedroht war. Um mit dem Glauben an die eigene Kraft zu stolpern, zu fallen, durchzuhalten, auszuhalten und zu (er)tragen lernen, um leben zu dürfen und zu können. Das ist es, worum es in diesen Texten geht. Wir sind nicht gestört, schwach oder krank, weil wir unter den Folgen von traumatischen Ereignissen leiden. Wir sind nur Menschen, die Traumatisierung erfahren mussten. Das ist etwas, das uns passiert ist, das ist nicht alles, was wir sind, auch wenn es für immer zu uns gehören wird. Eben weil ein Trauma Narben hinterlässt, die nie vergehen werden, ist es so wichtig zu verstehen, was mit uns passiert bzw. passiert ist. Zunächst, um die Unterstützung zu bekommen, die wir brauchen, aber auch, um uns selbst verstehen und annehmen zu können.

„Wissen Sie, Wissen ist Macht“, sagte eine Ärztin in einer Klinik damals und überreichte uns mit diesen Worten ein Buch zu Sozialen Phobien, mit dem Zusatz, dass sie keine klassische Soziale Phobie diagnostizieren möchte, aber dass ich etwas zur Scham lesen könnte. Soziale Phobien standen zu Beginn unserer Klinik-Diagnosen-Karriere auf den Diagnoseachsen, später hat man sich aber wieder dagegen entschieden, dass extra zu diagnostizieren. Tatsächlich las ich nicht viel in diesem Buch, da ich zu dem Zeitpunkt eine Konzentrationsspanne von etwa 12 Sekunden hatte. Aber bis dahin hätte ich nie gedacht, dass ich mich schäme. Auch wenn alles andere zusammengestürzt war, diesbezüglich war alles, wie es immer gewesen war. Das gehörte zu mir, dieses Gefühl, etwas zu sein, das es selbst nicht gibt, das nur mit einem Du existieren kann, die Überzeugung, bei Aufmerksamkeit verschwinden zu müssen und falsch zu sein. Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, dass ich mich schäme, geschweige denn, dass das dann ja etwas mit anderen zu tun haben muss, weil es ein soziales Gefühl ist, somit also mindestens einen anderen Menschen braucht, um dieses Gefühl entstehen zu lassen. Am allerwenigsten wäre ich auf die Idee gekommen, dass diese Scham nicht nur natürlich, sondern auch aus aktiver Beschämung entstand, also mit Gewalt auferlegt wurde und nur sehr wenig mit eigener Fehlerhaftigkeit zu tun hat.

Aber es stimmt. Wissen ist bekanntlich Macht. Wissen löst keine Angst, kann aber die Angst vor der Angst lindern. Wissen widerlegt das Argument, völlig gestört zu sein, Wissen macht Hoffnung, weil unser Gehirn so unfassbar flexibel ist und verdammt viel überstehen kann. Ganz oft nimmt uns Wissen Erfahrungen, weil Menschen sich gerne einbilden, etwas schon zu kennen, darüber Bescheid zu wissen, dann ist der Super-effiziente-Denk-Kopf an, aber die Sinneserfahrung aus. Jetzt ist es aber genau andersrum, wenn wir ein daueralarmiertes Alarmsystem haben, das uns alle Gefahr anzeigt, wir in keinster Weise wissen, woher all diese Emotionen, Wahrnehmungen, Stimmen, Zeitverluste kommen, und uns ständig in eine Überforderung und dadurch Dissoziation treiben. Dann läuft das andersherum. Jedenfalls gab mir Wissen zunächst Halt. Dinge ergaben Sinn. Erstaunlich viel sogar. Zunächst nur die Symptomatik, Erlebnisse, die traumatisch genannt wurden, noch lange nicht. Das dauert noch ein paar Ewigkeiten. Aber als ich so ganz Grundlegendes verstand, konnten wir uns auf vieles Hilfreiche einlassen. Ich lernte den gravierenden Unterschied zwischen erdender Achtsamkeit und überreizter Wachsamkeit. Wissen gab uns den Startschubser, um glauben zu können, dass Traumatherapie vielleicht etwas bewirken kann, Wissen ist sympathischer als Vertrauen. Irgendwann hilft uns auch Wissen nicht mehr weiter, weil wir durch Erfahrung lernen müssen. Doch war es ein Grund, auf dem wir bauen konnten. Irgendwann konnten wir dann beginnen, das mit dem Zutrauen zu versuchen. Manchmal gibt es Momente, da glaube ich, dass es sogar vertrauensvoll ist, bei uns, in der Therapie. Denn wir genießen das Privileg von einer Therapeutin begleitet zu werden, die ihre eigenen Ängste kennt, die sich nicht scheut, ihre Wut oder Ohnmacht kennenzulernen, die weiß, wie es sich anfühlt in ihr selbst. Empathie kann Scham übertragen. Und genauso auch Mitgefühl. Im Idealfall haben wir in der Therapie ein Vorbild, das uns zeigt, was Mitgefühl ist, um uns, die Empathie als Überträgerin nutzend, anstecken zu lassen. Damit wir im Prozess, immer wieder ein Stückchen mehr, diese Nachsicht und Akzeptanz, für uns selbst entwickeln können.

„Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.“ F. Nietzsche

Chaos haben wir genug. Diese (Mit-)Teilungen hier sind kein wunderschönes Himmelsbild, keine Besonderheit und auch kein erleuchtender Sternzeichenführer. Aber vielleicht können sie ein kleiner, unscheinbar tanzender Stern in einem Himmel voller Sterne sein, deren innenliegende Erfahrungsweisheit gemeinsam scheinend tatsächlich Wege erleuchten und Möglichkeiten aufzeigen kann. Denn Wissen und Erfahrungswerte, also wirklich Gelerntes, können erst für kollektive Entwicklungschancen wirksam werden, wenn sie geteilt werden.

1 Trauma
1.1 Begriffs(er)klärung

Das Wort „Trauma“ wird oft sehr ungenau und sowohl umgangssprachlich als auch in den Medien seiner Definition entfremdet und leider ziemlich inflationär benutzt. Ich habe ewig gebraucht, bis ich akzeptieren konnte, traumatisiert zu sein, was auch nur der Verleugnung diente, aber die großzügige Verwendung dieses Wortes macht es nicht leichter. Denn wenn jemand von der wiederholten Tatsache, im Regen draußen ohne Regenschirm zu sein, „traumatisiert“ ist, warum leide ich dann so sehr, wenn es das ist, was mir zugeschrieben wird? (Es gibt ernsthaftere Beispiele, dieses kommt aus einem Sachbeitrag, in dem sich drei Fachleute zum Thema posttraumatische Belastungsstörung äußern und über psychische Krankheiten aufklären … Ja, genau. Wir können den Kopf darüber schütteln, dass diese Menschen wohl etwas nicht verstanden haben – schade. Aber es ist nicht einfach „nur“ schade. Es ist viel schlimmer, weil ein riesiger Schaden angerichtet wird, den Traumatisierte, mit wesentlich eingeschränkterer oder gar keiner Stimm-Reichweite aushalten müssen. Wir müssen aushalten, wenn Menschen mit geradlinigerem Lebenslauf und bester Bildung darüber bestimmen, wie uns begegnet wird, wie wir behandelt werden, welche Vorurteile über uns verbreitet werden. Ebenso schlimm, dass sie es vielleicht gar nicht böse meinen und mit ihrem verfälschten Bericht darum sehr seriös und glaubhaft wirken/auftreten. Es wäre zwar immer noch wenig aufgeklärt, aber wohl menschlich, wenn sie im Dienstzimmer so reden oder privat sich unbedacht äußern, und mir dann auch egal, weil es dann keine so direkte Auswirkung hätte. Aber wenn Menschen mit angeblicher Fachkenntnis öffentlich behaupten, dissoziative Amnesien seien „praktisch, um sich vor Gericht zu ent-schuldigen“, dann ist das ein gewaltiger Schlag ins Gesicht, und ich weiß, wovon ich spreche. Mit dieser Aussage klingt die Dissoziative Identitätsstörung wie eine vorteilhafte Einbildung/Erfindung. Damit wird die Traumatisierung geleugnet, all das Leid, welches weiterhin durch die Folgen entsteht, so klingt es nach bewussten, manipulativen Entscheidungen. Dabei geht es um chronische Kontrolllosigkeit und Ohnmacht jeglicher Entscheidung gegenüber. Es lähmt, so etwas hören zu müssen. Und wenn ich neben dieser verletzenden emotionalen Falschheit die Fakten mit einbeziehe, ist es eben nicht so, dass eine Diagnose vor Gericht schützt und Freiheit sicherstellen würde. Denn wenn ein Mensch eine Straftat begeht, der bspw. unter schweren akuten psychotischen Symptomen leidet und/oder eine Intoxikation vorliegt, er somit vermindert oder gar nicht schuldfähig ist, geht er_sie statt ins Gefängnis, in die Forensik – den Maßregelvollzug zur Besserung und Sicherung – was ja bei tatsächlicher Gefährdung auch richtig so ist.)

Aber auch in ernsthaften Beispielen finde ich es schade, dass alles krankhaft gemacht werden muss, damit es eine Berechtigung hat, schwer zu sein. Trauer wird als Störung diagnostiziert, wenn sie einen bestimmten Zeitraum anhält bzw. diese Zeit den Grenzwert für die Diagnose überschreitet. Es ist aber so, dass Trauer keine Zeitangaben kennt. Trauer wird immer da sein, auch wenn sie sich verändern kann und vielleicht weniger überflutend wird. Es ist schlimm, dass gesunde Menschen Krankheitsmodelle auf das Leben, mit seinen Krisen, Schicksalsschlägen, Triumphen und Höhen, überschreiben und mehr Leid entstehen lassen als eigentlich da ist. Denn wie der Tod, gehören auch Schmerz, Leid und Trauer zum Leben dazu. Auch für traumatische Ereignisse sind wir evolutionsbedingt ausgelegt, um sie zu überstehen. Wenn wir diese Mechanismen chronisch nutzen müssen, um zu überleben, dann wird es destruktiv oder „krankhaft“. Zudem, dass sich Zustände verschlimmern können, weil sie ja als krankhaft bezeichnet sind und dadurch die Kompetenz abgesprochen wird, sie zu überstehen, werden tatsächliche psychische Erkrankungen weniger ernst genommen. Wenn jede Verstimmung eine Depression ist, eine schützende Angstreaktion, nach einem Unfall beispielsweise, eine Angststörung, die Trauer um ein verlorenes Kind eine Trauerstörung, dann bedeutet das, dass es ein gesundes Leben gar nicht gibt, dass jede Art der Bewältigung irgendwie krankhaft ist. Gleichzeitig sind psychische Erkrankungen gar nicht ernst zu nehmen, weil ja jede Krise eine solche ist.

Im ursprünglichen Sinne bedeutet Trauma (griechisch traũma) Wunde, Verletzung und wird erst seit Ende des 19. Jahrhunderts auch in der Psychologie für Schock oder seelische Erschütterung verwendet. In verschiedenen medizinischen Bereichen beschreibt das Wort den Schweregrad einer Verletzung oder genauer deren Folgen. Wir hatten ein Frontzahntrauma infolge eines der psychologischen Traumata, was einfach nur heißt, dass ein Schneidezahn zerbrochen und die Wurzel verletzt war. So ist auch ein Geschehen an sich kein Trauma. Vielleicht gibt es Menschen mit stabileren Zähnen, die vorher noch nie angebrochen waren, oder die ohnehin eine Zahnlücke haben, diese hätten in derselben Situation kein Frontzahntrauma erlitten. Genauso kann es auch mit den seelischen Verwundungen sein.

Verschiedene Ereignisse können potentiell traumatisch sein. Die Intensität und Unberechenbarkeit des Geschehens spielen eine Rolle sowie die Unkontrollierbarkeit durch unmittelbare Gewalt eines anderen Menschen, einer Naturkatastrophe oder eines Verkehrsunfalls. Für mich die Quelle des Leides ist, von den Flutwellen immer wieder eingeholt und erneut von den tödlichen Wassermassen verspult zu werden, was definitionsgemäß einem Trauma zugrunde liegt, das Ausgeliefertsein in Momenten der Todesangst.

Traumata können vor und mit der Geburt entstehen, und je jünger wir sind, umso wahrscheinlicher ist es, dass uns für bestimmte Situationen die Fähigkeiten fehlen, um auf schlaue Säugetier-Art damit umgehen und somit das Erleben integrieren zu können. Die Auswirkungen von vorgeburtlichen Traumata und frühkindlichen Belastungen, die auch durch problematische oder kontroverse Bindungserfahrungen entstehen, sind schon länger bekannt, allerdings nur selten offensichtlich, da zu solch frühen Erlebnissen schließlich auch ohne dissoziative Amnesie oft die bewussten Erinnerungen fehlen. Solche Erfahrungen manifestieren sich im Erwachsenenalter aber nicht unbedingt in Traumafolgestörungen, sondern sind oft auch Ursache von anderen psychischen oder körperlichen Krankheiten wie allgemeine Immunschwächen. Somit können auch Vernachlässigung oder Beziehungsabbrüche, besonders von wichtigen Bindungspersonen im Kindesalter, welche nicht direkt lebensbedrohlich sind, durch die entstehende Todesangst traumatisch werden. Als deutliches Beispiel das Bild eines Säuglings, welcher vor Angst/Unruhe oder Hunger schreit und nicht erhört wird, wodurch eine lebensgefährliche Situation für das Wesen entsteht, denn ein Säugling hat keine andere Möglichkeit, sich Hilfe zu holen, Nahrung zu erlangen, und auch keine Fähigkeiten, um sich selbst zu beruhigen, Zustände allein zu regulieren. Wenn in dieser Stresssituation keine Beruhigung oder Befriedigung des Bedürfnisses erfolgt, ist der Säugling der Situation ausgeliefert und kann sie lediglich überstehen (oder auch nicht, s. unten), denn er hat keine andere Chance, um den Stress zu bewältigen. Genauso kann Vernachlässigung durch Menschen, die eigentlich die Verantwortung für ein Kind tragen und in anderen Momenten doch Zuneigung zeigen, das Verständnis und die Bewältigungsmöglichkeiten überschreiten.

„Ein Trauma ist ein vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, welches mit dem Gefühl von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt.“ (Fischer und Riedesser)

Das ist nun ein bisschen verrückt von unserer Alltagssprache, beschreibt aber den grundlegenden Faktor des schutzlosen Ausgeliefertseins und die Todesangst, um die es beim Trauma geht, da unser Verstand und Rationalität einfach nichts mehr zu melden haben. Das „Diskrepanzerlebnis“ besagt, dass wir keine Möglichkeiten mehr haben, die Gefahr im Säugetier-Modus bewältigen zu können.

Was mich immer wieder verunsichert hat, ist diese „Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis“. Fast überall, wo Traumata besprochen oder beschrieben werden, wird diese „Erschütterung“ genannt. Das verunsicherte mich, weil ich nicht erschüttert war. Ich kann mich an kein Ereignis erinnern, dass zu einer Erschütterung von meinem Selbst- oder Weltbild geführt hat, und ich glaube, dass das nicht nur an den Amnesien liegt. Es ist vielmehr so, dass, wenn wir chronisch (und früh) traumatische Erfahrungen machen müssen, sich unser Selbst- und Weltverständnis an diese Erschütterungen anpasst, damit wir die wiederkehrende Gefahr überstehen können und nicht jedes Mal wieder erschüttert werden. Das bedeutet, dass das, was andere erschüttert, unsere Richtigkeit, unsere Realität wird, die in sich dann wieder logisch ist. Auch die Frage von therapeutischer Seite, ob „ich“ noch wüsste, wie es vorher war (damals wusste noch niemand, dass sehr viel mehr Lücken in unserer Biografie sind), konnte ich nicht beantworten. Es gibt kein Vorher und kein Nachher, wenn da für manche nichts war und dieses Selbst- und Weltverständnis schon immer so besteht, denn da, wo ich angefangen habe, haben wir schon so funktioniert. Das, was mein Selbst- und Weltbild erschüttert, ist die Therapie. Denn sie greift genau dieses Schema an, in dem all die Gewalt richtig ist.

Ähnlich verunsichernd wie die „Erschütterung“ war es mit der Fachbeschreibung von Flashbacks. Dies sei „ein filmhaftes Wiedererleben traumatischer Situationen“ oder ähnliches. Hatte ich aber nie. Das war für mich auch der Beweis, nicht traumatisiert sein zu können, weil Flashbacks anfangs für mich lediglich körperlich auftraten; es waren nur Schmerzen und Übelkeit, später auch Gerüche und Geräusche, aber das war ja alles echt für mich. Ich konnte all das nicht als Flashback einordnen (noch heute sind bestimmte Empfindungen eine große Herausforderung oder es ist mir in manchen Situationen auch gar nicht möglich zu differenzieren, ob etwas tatsächlich Hier-und-Jetzt einen Reizauslöser hat oder „alt“ ist), weil ich dachte, „echte“ Flashbacks sind so hundertprozentig mit Allem zurück, und Bildern und Szenen und all so was. Ist halt nicht unbedingt so. Und es ist auch kein Wieder, wenn es doch für uns neu ist. Inzwischen gibt es Bilder, aber das sind mehr Schnipsel, keine Szenen. Mal sind bestimmte Schmerzen da, ein anderes Mal ein Geruch, ob oder was und wie das zusammengehört, müssen wir noch herausfinden. Aber das scheinbare Fehlen von so „richtig echten“ Flaschbacks war eine von mehreren Theorien, die ich ordentlich ausarbeitete, um zu „beweisen“, dass das mit dem Trauma eigentlich nicht sein kann. Unsere Therapeutin hat meist einige Belege widerlegt. Aber ja, Vermeidung und Verleugnung können sehr zeit- und energieaufwändige Beschäftigungen sein. In der Therapie wird unsere Schuld, ebenso wie die Selbstzerstörung, infrage gestellt, jedoch nicht, ohne ihre Wichtigkeit zu Zeiten der Gewalt anzuerkennen. Die Scham wird eingeladen, ausgehalten und ihre Überzeugungen hinterfragt, unsere Daseinsberechtigung und unser Wert als Mensch wird einfach so als Fakt dargestellt. Das ist Erschütterung! Immer wieder. Denn was über lange Zeit und Wiederholung ausgebildet, gelernt oder auch antrainiert wurde, braucht auch Zeit und Wiederholung, um umgelernt zu werden.

1.2 Unser Nervensystem im Trauma

Die erste Gefahren-Abwehr-Stufe, die bei Bedrohung betreten wird, ist fightflight (kämpfen oder flüchten), für das wir alle ausgelegt sind. Das ist ein aktives Tun, welches aber ohne Überlegung, sondern automatisiert im Bruchteil einer Sekunde von sich geht und uns aus einer Situation retten kann. Allerdings können wir, wenn wir zwar aus Geschwindigkeitsersparnis die Rationalität umgehen, auch umgekehrt nicht überlegt handeln, sondern nur impulsiv. Dabei stellt unser Körper uns für den Überlebenskampf oder eben die Flucht eine enorme Energie zur Verfügung. Dann kann es sein, dass z. B. ein Unfall, dessen Folgen ein Mensch durch die „Alarm-Energie“ und reflexartiges Handeln verhindern kann, immer noch sehr belastend ist, aber da daraus gelernt wurde, wie und vor allem dass solch eine Situation gut überstanden werden kann, schenkt das Gehirn sogar ein Hochgefühl durch körpereigene Glücksgefühle. Essentiell ist hierbei, dass diese Reaktion stattfinden konnte und der Körper die restliche Energie wieder „runter fahren“ darf, nachdem er sie sinnvoll gebraucht hat. Dass also nicht im Alarmzustand haften geblieben wird. Wenn wir aber mit aktivem Tun nichts ändern können, wir also hilflos sind, um dem Tod zu entgehen, dann kommt es zu dem weiteren Überlebensreflex bzw. dem nächsten Mechanismus in der Überlebens-Kettenreaktion: Freeze and Fragment (einfrieren und fragmentieren): Wir erstarren im Schockzustand, sind handlungsunfähig und gelähmt, wobei wir innerlich zunächst noch in einem sehr hohen Erregungszustand sind, da alle Energie für einen möglichen Kampf oder die Flucht bereits bereitgestellt wurde. Wir sind also wie erfroren, meist auch tatsächlich kalt, atmen sehr flach, aber schnell, sind innerlich für alles bereit. Die durch die Todesangst übermäßig produzierten Stresshormone blockieren die normale Integration dessen, was wir wahrnehmen. Wir sind also nicht bei vollem Bewusstsein, wenn wir Bewusstsein als integrativen Prozess betrachten. Die Informationen, die sonst eine beschreibbare Erinnerung bilden, zerbrechen in Einzelteile und bleiben ohne Beschriftung im limbischen System als akute Empfindung hängen, weil, vereinfacht geschrieben, der Austausch zwischen Amygdala und Hippocampus blockiert ist. So erreichen die einzelnen Wahrnehmungsaspekte keine passenden Orte in der Großhirnrinde, wo sie als Erinnerung erkennbar wären. Wenn die Bedrohung weiter da ist, schaltet sich der Parasympathikus zunehmend ein und wir fallen gänzlich in die Selbstaufgabe und Unterwerfung – submit. Wir werden unfähig, uns zu bewegen, weil die Angst uns lähmt, wobei manche ohnmächtig werden. Es gibt diesen Punkt, da schaltet der Körper ab. Dann ist alles tot. Dann ist da nur noch Kälte. Sonst nichts. Ich kann nichts mehr spüren, aber auch nichts bewegen. Abgesehen vom Ausgeliefertsein, durch die Lähmung, ist es aber kein schlimmer Zustand. Dieses Erleben ist für mich etwas, das in der standardisierten Aufreihung von „fight-flight-freeze“ vergessen wird. Darum schreiben wir auch immer von fight-flight-freeze-submit (siehe Grafik unten). Weil es etwas gibt, dass viel kälter ist, als das freeze. Es mag von außen sehr ähnlich aussehen; wir sind unbewegt und eher kalt und ggf. mit starrendem Blick. Aber das Erleben ist ein gänzlich anderes. Im freeze ist noch Todesangst da. Da ist es noch schrecklich angespannt und das Nervensystem in der Bereitschaft in flight umzuschalten, falls möglich. Das ist ein extrem leidvolles Erleben der Todesangst. Die Lähmung „danach“, ist nicht leidvoll. Es ist der vermutlich traurigste Zustand, den ich kenne, aber nicht im Moment selbst, sondern nur, wenn ich ihn danach beschreibe. Traurig, weil hier alles schon aufgegeben ist. Auch die letzte Hoffnung auf Bindung zur Welt, zum Leben, zu uns selbst, ist vergangen. Dieser Zustand ist total okay, denn wenn wir dann sterben, dann ist es wenigstens vorbei. Dann hört der Schmerz auf. Dann geht die Kälte weg. Dann ist es endlich vorbei. Der Tod ist in seinem Kommen akzeptiert, mit jedem Ausatmen ist es mehr okay, dass wir gerade Sterben. Danach ist es schlimm. Es ist ertränkend traurig. Es ist wie richtiges Trauern, um das Sterben. Ich bin mir noch nicht sicher, ob Trauern um das, was verstorben ist/scheint oder darum, dass das Sterben aufhörte und wir zurück auf die Erde gekracht sind. Traurig ist es auf jeden Fall. Aber in diesen relativ ganzheitlichen Lähmungszuständen ist der Angst-Terror nicht da. Leider ist dieses „Ja, es ist ok jetzt zu sterben.“ nicht kognitiv durch Mantras willentlich herzustellen. Also für mich zumindest nicht. Wenn, dann kommt das vom Körper bzw. von ganz tief innen.

Die sogenannte tonische Immobilität, also eine Unfähigkeit, sich zu bewegen, wirkt nicht unbedingt traumatisch. Sie begründet das Trauma aber, wenn sie mit Angst und Hilflosigkeit oder Bedrohung verknüpft ist. So ist auch die Lähmung an sich nicht traumatisierend, da sie aber mit der Todesangst verbunden ist, bleiben wir in dem Wissen, dass wir Angst nicht überleben können. Und schon das Herzrasen lässt uns später instinktiv dissoziieren, weil das die Technik ist, mit der wir es doch überlebt haben. Dissoziation ist ein Phänomen, welches vitale Funktionen hat, auch wenn es später nicht mehr so scheint, doch würde es ohne diese Wichtigkeit nicht biologisch garantiert werden.

Ein Trauma ist also nicht einfach etwas Schlimmes, was uns zustößt, oder eine chronische Abfolge von schrecklichen Erlebnissen. Es ist etwas, das grundlegend unsere neuronalen und biologischen Abläufe in Stresssituationen und körperlichen Empfindungen bzw. deren Verarbeitungsprozesse und Erinnerungsspeicherung beeinflusst und verändert. Von außen kann nicht entschieden werden, ob etwas traumatisch ist oder nicht, jedoch findet der Begriff alltäglich veränderte Verwendung, weil jeder Schrecken und aller Stress als Trauma bezeichnet wird. Auch nicht all das, was traumatisch wirkt, ist unbedingt traumatisierend, weil es ggf. abgefangen werden kann, weil es danach kein „allein bleiben“ gibt oder weil es zwar zu Bedrohung und Angst, aber nicht zu Todesangst kommt. So vermittelt die inflationäre Verwendung des Begriffs ein falsches Bild, weil dadurch Dinge kleingeredet bzw. fehlerhaft verglichen werden. Ob Trauma oder nicht, Leid lässt sich nicht objektiv vergleichen. Ohnehin ist jedes Trauma individuell, auch wenn Verletzungen verschiedener Menschen in derselben Situation entstanden. Chronische Traumatisierungen in der Kindheit formen die Ent- oder auch Ver-wicklung unseres Gehirns. Gedanken, Gefühle, Verhalten, Empfindungen, Wahrnehmungen werden nicht verknüpft gespeichert, Informationen anders organisiert. Die Traumata malten verzerrte Weltbilder und wir haben viele verschiedene davon auf einmal in uns, weil wir, als einzelne „Anteile“, voneinander getrennt und jede_r für sich, uns an unser jeweiliges Weltverständnis anpassten. So zerstört oder verhindert es auch unser Selbstbewusstsein, im wörtlichen Sinn, denn es gibt lange kein Bewusstsein darüber, wer wir sein könnten. Es wird gesagt, dass Zeit für alle Wunden Heilung bringt. Doch Traumata sind Verwundungen, die die Zeit von allein nicht heilt.

Wir glauben, Nichts zu sein. Die tote Kälte lebt in uns, weil wir nicht (von allein) in einen Normalzustand kommen und uns innerlich verstorben scheinen.

Nichts – und wenn doch etwas, dann schwach und erbärmlich, denn als es um unser Überleben ging, konnten wir uns kein Stückchen bewegen, kein kleines bisschen, es war uns nicht möglich, weil wir von der Angst gelähmt waren. Wir müssen also mit einer Grundstabilität an dieses Gefühl der Lähmung ganz langsam, Schritt für Schritt herantreten, um nicht von den verknüpften Gefühlen überfordert zu werden und zu dissoziieren. Deshalb funktioniert auch das: „Mach das doch einfach“ oder „Jetzt stell dich nicht so an“ nicht. Wir stellen uns nicht einfach an, und zu schnelle oder heftige, besonders unerwartete Konfrontationen führen, wenn wir nicht bereit sind, zur erprobten Dissoziation oder zu einer Retraumatisierung. Das Tempo ist nicht von außen zu steuern. Leider, denn es braucht so unfassbar viel Ausdauer, „all das“ langsam, stückweise auszubuddeln, aber anders wäre es nur wieder überwältigend. Zum Glück, denn es soll ja um das Erfahren eigener Handlungsfähigkeit und Entscheidungsfreiheit gehen.

„Boah, bist du ein Tier.“ – Diese Aussage kann wohl bedeuten, dass eine sportliche Leistung erbracht wurde. So sagen manche Menschen statt: „Hast du aber eine Ausdauer“, oder: „Du bist ja richtig stark“, eben: „Boah, bist du ein Tier.“

Und das sind wir alle. Ein bisschen zumindest. Oder ziemlich sogar (wenn wir all die schönen entwicklungsgeschichtlich neuen Hirnareale mal weglassen). Unser peripheres Nervensystem ist nämlich sehr tierisch. So auch zentral der Hirnstamm (in der Psychotraumatologie oft als Reptilien-Hirn bezeichnet), etwas in dem Organ, weswegen wir glauben, so ganz anders, „die Krone der Schöpfung“ zu sein. (Ich glaub ja nicht, dass wir damit zu krönen sind.) Menschen haben sich nur so weit von instinktiven Wurzeln entfernt, dass sie diese nicht nur nicht spüren, sondern oft sogar verleugnen. Aber wir sind nun mal Säugetiere.

Unser Nervensystem wird einerseits nach Form und Struktur gegliedert: Es gibt das zentrale Nervensystem; Gehirn und Rückenmark. Und das periphere Nervensystem, das ist quasi der ganze Rest, alles was sonst an Nerven im ganzen Körper verteilt ist und uns glücklicherweise „nervt“.

Funktionell wird es ebenfalls in zwei große Kategorien unterteilt: einerseits das somatisch/animalisch/willkürliche Nervensystem, für, wie der Name verrät, willkürliche Muskelkontraktionen oder bewusstes Wahrnehmen, und das autonome/vegetative/unwillkürliche Nervensystem, welches wir nicht willentlich bzw. nur indirekt beeinflussen können.

Letzteres wird wiederum in drei Bereiche unterschieden, von denen uns hier zwei besonders interessieren: das sympathische und das parasympathische Nervensystem. Der Sympathikus ist der aktivierende Teil, der Parasympathikus hemmend. Jeweils geht es ohne das andere nicht. Aktivierung ohne Bremse ist nicht lange funktionell und Bremse ohne Aktivierung ist wenig lebendig. Der Begriff Autonomes Nervensystem, geprägt vom britischen Physiologen J. Langley, hat schon Sinn. Wir können nämlich nicht mitentscheiden, ob unser Sympathikus die reaktive fight-flight-Energie aufbringt oder nicht. Das ist auch ganz gut so, weil wir im Falle des Falles dafür zu viel Zeit bräuchten. Gefahr bedeutet physiologische Reaktion und unüberlegtes Kampf- oder Fluchtverhalten.

Der größte Nerv des Parasympathikus ist auch noch einmal aufgeteilt. (Damit sind wir hier jetzt auf der letzten Differenzierungs-Stufe angelangt.) Das ist der Vagusnerv. Er ist der einzige der zwölf Hirnnerven, die zumeist dem Hirnstamm entspringen, welcher über den Hals hinaus in die inneren Organe des Körpers verläuft und in seiner Größe mit der Wirbelsäule zu vergleichen ist. Ist also ein sehr großes, ziemlich bedeutendes Ding. Charles Darwin hat schon Ende des 19. Jahrhunderts, lange vor der Zeit der psychosomatischen Medizin, die wechselwirkende Verbindung vom Körper zum Gehirn erkannt. Er schrieb vom heutigen Vagus als „pneumo-gastric nerve“. Der Vagus besteht aus dem ventralen (vorderen) Vagus System, das sind Fasern des Nervs mit einer Biomembran als Sensibilitäts- und Beschleunigungs-Isolierung, und dem dorsalen (hinteren) Vagusnerv, welcher primitiver ist und ohne Markscheide. Das Dorosal Vagal System besaßen schon primitive knochenlose Fischen vor 500 Millionen Jahren. Es sorgt laut Stephen Porges für den „shutdown“, für Immobilität in der Unterwerfung, für Dissoziation. Nach Porges’ Aufarbeitung reagieren Menschen bei Angst auf Bedrohung zunächst mit einer hochentwickelteren Säugetier-Taktik. Wir nutzten das Ventral Vagal System, welches für soziale Einbeziehung und die Kommunikation von Emotionen (viel über Mimik) zuständig ist. Dieser Teil des Nervs ist relativ neu (ca. 80 Millionen Jahre alt) und kommt nur in Säugetieren vor. Wir suchen mit dem Social engagement system (SES) des Ventral Vagal Systems nach Kontakt und Schutz oder Besänftigung durch andere. Was auch erklärt, warum schon die Präsenz eines wohlwollenden Mitmenschens und Erdung durch akustische oder taktile Signale das Alarmsystem herunterfahren und in einen ruhigeren Zustand bringen kann. Wenn das nicht klappt oder niemand da ist, der Schutz bieten kann, schaltet sich der Sympathikus ein. Der Sympathikus stellt die Kampf- oder Fluchtenergie in unseren Gliedern bereit. Sind wir ernsthaft bedroht, brauchen wir alle Kraft, die möglich ist, um kämpfen oder fliehen zu können. Wenn auch das unmöglich ist, frieren wir ein, denn tote Beute ist für die meisten Raubtiere uninteressant. Doch zunächst sind wir innerlich hocherregt, im potentiellen Flutchtmodus. Wir sind zwar unbeweglich, aber auf der Suche nach Möglichkeiten, der Situation zu entkommen, und somit extrem wachsam. Wenn wir wirklich oder jedenfalls für unsere Wahrnehmung keine Möglichkeit mehr zur Flucht haben und die Todesangst weiter besteht, wird das Dorsal Vagal System ausgelöst. Dieses wird ausschließlich bei Todesangst aktiviert. Wir verlieren alle Energie, unser Organismus schaltet auf stand-by, oder, im schlimmsten Fall, ganz aus; Es gibt das Phänomen des Voodoo-Todes. Hier führt die Todesangst zum Tod, obwohl keine lebensbedrohlichen Verletzungen vorliegen, weil der primitive Teil des Vagusnervs den Organismus bis zum Herzstillstand und oder Atemdepression herunterfährt. Bei Tieren wurde dies beobachtet und aufgezeichnet, von erwachsenen Menschen ist es selten beschrieben, aber nicht unbekannt, bei Säuglingen im Bezug auf Vernachlässigung wurde es aufgewiesen; sie können neben dem „klassischen“ Freeze-Voodoo-Tod auch durch fehlende Pflege, Fürsorge und Bindung „verhungern“, da sie noch nicht in der Lage sind, ihre physiologischen Sub-Systeme zu koordinieren, Affekte selbst zu regulieren.

Wir tragen die Überlebens-Kettenreaktion in uns, weil Traumata an sich vorkommen, weil lebensbedrohliche Situationen und Todesangst in unserer gesamten Evolution vorkamen und logischerweise von einem Leben mit Tod am Ende nicht wegzudenken sind. Wir brauchen diese Funktion, um zu überleben. Es ist total genial, dass sich unser Organismus so schützen kann vor Situationen, die wir nicht überleben würden, wenn wir unsere neuen komplexen Hirnareale dafür benützten. Es sollte allerdings keine Dauerlösung sein. Denn auch wenn Lebensgefahr zum Leben dazugehört, so ist chronisch traumatisierende Gewalt nichts, was einfach so zum Leben dazugehören sollte. Überlebens-Mechanismen sind nicht dafür ausgelegt chronisch genutzt zu werden. Denn dann sitzen wir in der Therapie und bemerken, dass wir unserem Hirn 420 Millionen Jahre Evolutionsnachhilfe geben müssen (500 Mio. minus 80 Mio.), weil wir mit dissoziativen Störungen im primitiven Fischstatus festhängen, weil wir dauerhaft abspalten.


Es fühlt sich zumindest manchmal nach so viel Arbeit an. 420 Millionen Jahre.

Wenn wir z. B. zu Beginn der Stunde in der Psychotherapie-Praxis umkippen, weil das Nervensystem sagt: Anders kommen wir hier nicht raus. Wobei die Gefahr nur ein Trigger war und das Umkippen keine den Umständen angepasste Taktik ist, um sich einer Gefahrensituation zu entziehen. Wir brauchen also Nachhilfe und müssen mit vielem tatsächlich von vorne anfangen. Wir brauchen das Erregungsniveau unseres Nervensystems in einem funktionellen Mittelfeld, denn nur dann kann unser Gehirn Orientierung und Integration koordinieren. Funktionelles Mittelfeld heißt, dass wir nicht in lähmender Todesangst und Untererregung feststecken und uns auch in keiner impulsiven Übererregung befinden. Erst dann können wir den neueren Teil des Vagus aktivieren und damit irgendwann die Abkapselung verändern und uns als Teil dieser Welt empfinden. Weil wir erst dann sozialen Kontakt herstellen können, ohne von der Scham isoliert und der Erfrierung abgehalten zu werden.

Etwa 80 Prozent der Fasern des Vagus, die Körper und Gehirn verbinden, sind sensorisch, also vom Körper zum Hirn kommunizierend. Die anderen 20 Prozent motorisch und kommunizieren vom Hirn zum Körper. Im Verhältnis 8:2 steht also, was der Vagus dem Hirn vom Körper erzählt, was er so empfindet, zu dem, was er dem Körper vom Gehirn erzählt, was der machen soll. Jetzt sag mir eine_r: „Das ist nur in deinem Kopf.“ Nein. Traumatisierungen sind sehr körperlich verankert. Auch all das, was unser Kopf abspalten konnte. Das erklärt, warum Traumata nicht ausschließlich mittels „Drüber-reden“ oder kognitiver Analyse zu „heilen“ sind, weil wir nichts analysieren können, wofür wir keine Worte oder Gedanken haben. Wir müssen grundlegend lernen, Empfindungen wahrzunehmen, diese auszuhalten und unserem Körper zuzuhören. Unser Kopf herrscht nicht über unseren Körper, vielmehr forschen und untersuchen unsere Gedanken unsere Empfindungen, sind somit oft ihre unbewussten Folgen, nicht Auslöser.

Der primitive Teil des Vagusnervs stellt auch eine kommunikative Verbindung zwischen den meisten unserer inneren Organe und dem Gehirn dar. Wir erleben Gefahr somit nicht nur von außen; Lähmungen, Übelkeit, Anspannung, Schmerzen können auch von innen Angst auslösen. Angespannte, rennbereite Beine und eine harte Mimik können dem Hirn z. B. Fluchtbereitschaft signalisieren, wodurch wir dann denken, dass es auch eine externe Gefahr geben muss. Prinzipiell ist der Fakt, dass unser Körper schneller auf Bedrohung reagiert als unser Kopf, natürlich sinnvoll. Um Reize richtig wahrnehmen zu können und zu sortieren und an ihren richtigen Speicherplatz zu verwiesen, ist in akuter Gefahr einfach keine Zeit. Es ist also eigentlich ziemlich gut, dass wir völlig „hirnlos“ (bzw. nach Anweisungen des Hirnstamms) reagieren können. Und wie Anspannung Gefahr signalisieren kann, genauso können entspannte Muskeln und tiefe Bauchatmung Sicherheit oder gar Wohlbehagen ans Hirn melden. Leider funktioniert das selten sofort, weil bestimmte Anteile ja genau dafür ausgebildet sind und diese Automatismen nicht einfach verschwinden, nur weil irgendwer sagt, dass die Gefahr vorbei ist. Wir müssen das üben und trainieren und üben und trainieren und dann noch ein bisschen üben, weil unser Gehirn nun mal dazugelernt hat und uns nicht einfach glaubt, sondern Erfahrungen braucht, um sich um-vernetzen zu können. Tatsächlich bilden sich Nervenfortsätze und Verbindungen aus, wodurch Kurzschluss-Lösungen neuroanatomisch stärker vertreten sind. Erdung bedeutet dann auch keine Heilung, aber sie führt dazu, Schritte dahin zu ermöglichen. Da durch den chronischen Überschuss an Stresshormonen die Aktivität des Hippocampus gehemmt wird, bauen sich dort auf Dauer Neuronen ab. Allerdings kann er auch wieder wachsen, wenn der chronische Stress weniger geworden ist. Wir wissen inzwischen, dass auch im Gehirn Nervenzellen nachwachsen und der hippocampale Neuronenwachstum ist am breitesten nachgewiesen. Außerdem können bestimmte Synapsen im Hippocampus bereits durch das Erkunden von fremden Orten verstärkt werden. Das bedeutet, der Mut, Neues zu wagen oder/und zu reisen, ist, neben anderen Ebenen, auch für unsere neuronale Regeneration unterstützend.

1.3 Okay. – Und jetzt?

Wir sind uns selbst das fremdeste Wesen, welches ich mir nur vorstellen konnte/kann. Ganz einfach, weil ich mir über „das Selbst“ nicht im Geringsten bewusst sein konnte und das, was jetzt stückchenweise ins Bewusstsein tröpfelt, alles andere als einfach annehmbar, bekannt oder vertraut ist. Der Körper gehört(e) nicht zu uns. Aber alles ist fremd, wenn wir uns selbst nicht kennen, weil wir dann gar nicht wissen, was uns eigentlich bekannt ist. Manche Art der Musterbildung und Koppelungen ist von Persönlichkeitssystemen auf äußere Systeme übertragbar, so wie manche Netzwerkeigenschaften des Gehirns auf soziale Netzwerke übertragbar sind: Wenn wir unsere eigene Unsicherheit annehmen können, unsere (zumindest großen, stark beeinflussenden) Themen kennen, dann können wir dem Unwissen mit Zutrauen begegnen. Dann können wir uns dem, was möglich ist, zutrauen, weil wir wissen, dass Handlungsspielräume unmöglich vor ihrer Entfaltung und Entdeckung zu bemessen sind. Nur wenn wir uns selbst als subjektives, mit Würde geborenes Wesen anerkennen (das ist ein ganz sachlicher Fakt), dann können wir anderen auch so begegnen.

Wenn wir uns im Mitgefühl üben, dann geht uns alles Leid etwas an, dann gibt es kein Leben, welches weniger wert ist als ein anderes. Dann müssen wir nicht kategorisieren und uns gegenseitig Etiketten aufdrucken, weil wir einfach zusammenlebende Wesen sein können. Und wenn du dich als Mensch siehst (wir müssen das noch üben, aber die Intention ist da), dann werden Fremde auf einmal auch nur noch Menschen. Auch nur welche mit einem Hirnstamm und Krone außen herum. Auch nur welche, die Grundbedürfnisse haben und sich, als Rudeltiere, nach Gemeinschaft in irgendeiner Art und Weise sehnen. Wenn wir Integration zulassen und unterstützen, dann bemerken wir, dass die Todesgrenzen und nicht „die Fremden“ das Problem sind. Wenn wir respektvolle Toleranz und würdevolles Begegnen wirklich ernst nehmen, wird deutlich, dass die Abspaltung und der auf konditionierte oder vorgegebene Haltungen basierende Hass das Problem ist, nicht die Existenz von Unterschieden. Wenn es um Leben und Tod geht und weder Kampf noch Flucht möglich ist, sind wir alle nur primitive knochenlose Fische ohne irgendeinen schützenden Sonderstatus. Ja, mit ein bisschen limbischem System und Cortex außen herum, aber die sind in dem Moment zweitrangig.

Konkrete Zusammenhänge und Mechanismen bzw. die genauen molekularen Wege der Epigenetik und deren Einfluss auf psychische Krankheiten sind noch nicht ausreichend belegt, da die Krankheiten zu komplex und die Forschung in diesem Bereich zu jung ist, jedoch gibt es im Kleinen Fortschritte und Erkenntnisse, auch wenn noch viele Unsicherheiten, Fragezeichen und Streitpunkte, auch das Folgende betreffend, bestehen.

Frühe und heftige Umwelteinflüsse können zu epigenetischen Veränderungen führen, unsere Stressreaktionen werden geprägt. Grenzverletzungen in der Kindheit können ein Gen hemmen, seine Aktivität herabsetzen, das für die Produktion eines Faktors verantwortlich ist, welcher hilft, Cortisol zu neutralisieren. Umgekehrt bedeutet dies, dass genetische Dispositionen kein unumkehrbares Schicksal sind, weil die Gene für psychische Erkrankungen, mal sehr gewichtig, mal weniger, jedoch immer nur ein Faktor sind. So sind im Gegensatz zur Erbinformation selbst deren epigenetische Prozesse, dadurch Aktivierung bzw. Ablesbarkeit mit Dynamik verbunden, also beeinfluss- und veränderbar. Wohl ist eine Gravur der Epigenome nie wieder so gut/leicht zu setzten wie während der Schwangerschaft, in den ersten drei Lebensjahren und teilweise auch noch mal im Umbaualter der Pubertät, trotzdem ist unser Organismus nicht statisch, da ist immer Bewegung, Lernen, Regeneration, Evolution. Doch auch wenn vieles davon immer und ganz ohne unser Wissen stattfindet, ist große Bewegung, entfaltende Entwicklung, horizontweitendes Lernen und heilsame Flexibilität nichts, was einfach so von allein passiert. Das mag uns (emotional) sehr fern scheinen, doch ist es für uns – und hoffentlich für viele – auch hoffnungsvoll, denn es bedeutet, dass vieles möglich ist. Es bedeutet, dass wir, wohl nicht grenzenlos und einiges betreffend bestimmten, schwer einschränkenden Erfahrungen leider unterlegen, aber in vielen Bereichen mehr Möglichkeiten zur Entwicklung haben, als wir vielleicht glauben können. Manche Gegebenheiten, primär früh und oder heftig prägende Erfahrungen, setzten hier eben leider Grenzen, weil frühe, tiefe Spuren nicht zu löschen sind. Immer schwieriger wird es bei chronischen und gezielt gesetzten Prägungen, aber was innerhalb der Grenzen möglich ist, ist meist mehr, als wir es wagen würden, uns vorzustellen. Und wenn wir uns trauen (wollen/können), diese Grenzen kennenzulernen, dann können wir auch unseren Möglichkeitsraum entdecken und uns in darin ein Leben wachsen lassen. Wir brauchen Menschen, die uns ermutigen (nicht überreden!), neue Erfahrungen zu machen, und uns offen einladen, Begeisterung und Interesse zu entwickeln, denn dann können neuroplastische Botenstoffe für eine nachhaltigere Koppelung und dadurch Verinnerlichung des Neu-gelernten sorgen. Ich glaube, dass bei den meisten psychischen und oder auch neurologischen Krankheiten, ebenso wie bei Ausgrenzung, Diskriminierung und anderer Gewalt, das Wissen um Neurodiversität und -plastizität sehr hilfreich ist, um sich davon wegbewegen oder andere Lösungen finden zu können. Sich dessen gewahr zu sein, dass andere anders wahrnehmen und anders von der Umwelt beeinflusst werden, hilft manchmal, Unverständnis und impulsive Abwertung zu hinterfragen oder ganz ruhen zu lassen. Bei psychischen Krankheiten kommt es zu Störungen bestimmter Kommunikationssysteme und oft auch dadurch zu einer Hemmung der Neuroplastizität, bzw. ist es so, dass funktionelle Verbindungen weniger oder instabiler modulübergreifend vernetzt sind, natürlich in verschiedenen Bereichen bzw. verschiedene Kommunikationswege schwerer oder geringer betreffend. Das Wachstum neuer Nervenzellen, das im Gehirn ständig passiert, sowie das Entstehen neuer Synapsen und eine Veränderung der Myelin-Beschleunigungs-Isolierung sind neuronale Regeneration. Und damit auch psychobiologisch heilsam, weil z. B. neue Wege der Stressbewältigung erlernt/angewandt, schneller (auch langfristig adaptive) Lösungen gefunden und Zufriedenheit und Aufmerksamkeit gesteigert werden können. Ferner ist unser Neurotransmitter-Haushalt mehr im Gleichgewicht, wodurch wiederum die Hemmungen der Plastizität sinken. Wenn wir das wirklich wollen und es eben innerhalb unserer Möglichkeits-Grenzen liegt, können wir die Plastizität unseres Gehirns aktiv nutzen, um festgefahrenen Muster verändern (oder schädigend konditionierte zumindest hemmen) und – im Rahmen mancher Gegebenheiten – Krankheiten1 mildern oder heilen zu können. Alles, was neuronale Plastizität stimuliert, macht flexibel, ist heilsam.

1 Gemeint ist bspw. die akute PTBS-Symptomatik oder eine Komorbidität bzw. Erkrankungen im Allgemeinen, nicht Traumatisierungen und unsere dissoziative Identitätsstruktur als solche.

2 Differentialdiagnosen

Eine Frau erzählte mir, sie habe etwas an ihrem Fahrrad kaputt gemacht. Beim Putzen. Seit dem klickere es. Im Tretlager. Da stimme etwas ganz und gar nicht. So könne sie damit nicht fahren. Es fühle sich unsicher an. Da sei irgendwie was lose. Ich sagte ihr, dass ich leider keine passende Nuss als Kurbelabzieher hätte und auch kein Tretlagerschlüssel.

Hoffnungslos.

Sie musste es wohl in eine Werkstatt bringen, die das richten würden.

Aber sie hatte Glück, denn ich erklärte mich bereit, es mir vorher nochmals anzuschauen. Vielleicht gab es ja eine andere Erklärung für das Problem. Ein solches Geräusch kann auch andere Ursachen haben. Vielleicht. Vielleicht wären dann nämlich andere Lösungswege möglich. Vielleicht.

Es war nicht das Tretlager. Und es war genau genommen auch kein Klickern, sondern ein Streifen. Es streifte unregelmäßig und darum schien es wie ein Klickern. Da war nichts lose. Da war was fest. Da war was fest, was nicht fest sein sollte. Es war Dreck zwischen ihrer Scheibenbremse und den Bremsbelägen, zudem lief die Scheibe nicht parallel durch. Ich baute das Vorderrad aus, nahm die Bremsbeläge raus, machte weg, was nicht da sein sollte, baute es wieder ein und stellte den Bremssattel richtig ein. Kein Klickern mehr.

War doch nicht hoffnungslos.

Uns ist etwas Ähnliches passiert. Uns wurde gesagt, dass etwas ziemlich kaputt sei. Da stimme was nicht. So könnten wir auf jeden Fall nicht rumlaufen. „’ne Schraube locker.“ Zu uns sagten sie: schizophren. Es sei sehr unsicher und kritisch. Sie sähen keine Möglichkeit, uns zu helfen.

Hoffnungslos.

Wir müssten wohl in eine andere Klinik, die das dann richten würden.

Aber wir hatten dort kein Glück. Niemand war bereit, sich das noch mal anzuschauen. Schade, denn die Symptome konnten auch für etwas anderes sprechen. Wir bekamen Medikamente zum Stilllegen einer akuten Psychose. Wir lagen auf einem Bett mit Fixiergurten. Natürlich nur zu unserer Sicherheit. Erniedrigung und Ausgeliefertsein, das kannten einige ja schon. Wir wurden für unzurechnungsfähig erklärt. Die wenigen Worte, die noch gesprochen werden konnten, lächelnd abgenickt. Zudem wirkte ich meist auch noch antriebslos und depressiv. Seltsam eigentlich bei solch hemmenden Medikamenten, wenn ich davon irgendwie „hier gehalten“ wurde. Vielleicht hätte es eine andere Erklärung gegeben. Vielleicht war das Problem gar nicht das Problem. Vielleicht war das Problem ein Zeichen von Prozess. Vielleicht wären andere Lösungswege möglich gewesen.

Vielleicht.

Es war keine Schizophrenie. Und genau genommen war es sogar auch keine Psychose. Es war Dissoziation und Trauma. Und das ist manchmal komplex und scheint wie eine Psychose. Aber da ist nichts Psychotisches. Da ist was Traumatisches. Es sind amnestische Barrieren zwischen einigen von uns. Und da läuft nicht alles ganz parallel in der Spur.

Und auch wenn es mir oft so erscheint, es ist nicht hoffnungslos.

3 Ein Einstieg zu uns

Wenn ich Dinge lese, um ein Grundwissen zu erlangen, um mich und unser Nervensystem besser kennenzulernen zu können, denke ich manchmal, ich habe es verstanden. Ich lese und denke darüber nach und schreibe die Ergebnisse sogar auf und bilde mir also wirklich ein, es verstanden zu haben. Aber zur Wissensaufnahme fähig, also kognitiv nicht völlig hängengeblieben zu sein, hat überhaupt nichts mit (geistiger und oder kognitiver) Flexibilität, also Anpassungsfähigkeit, im Bezug auf das eigene Leben zu tun. Wissen aneignen bedeutet nicht, Dinge begreifen zu können. Und um mich nachhaltig anders zu ver-halten, muss ich be-geifen, was ich da halte.

Es ist wie mit unserer Biografie. Irgendwie sind wir so durch die Jahre gekommen und dann blicken wir irgendwann zurück und fragen uns, wie es möglich war, so viel abzuspalten, ohne es zu bemerken. Wie es möglich war, so viel nicht zu verstehen, Dinge nicht zu sehen, zwischen den Welten verloren zu gehen, um sich ja nicht im Tempo der Erde zu drehen, damit wir unserer Realität nicht gegenüberstehen.

Ich versuche hier, einen Teil dieser Theorien zu beschreiben, weil Wissen doch Halt geben kann, was ich so vielen von uns wünsche. Trotzdem ist es nun mal so, dass sich Menschen nicht völlig in einer Theorie beschreiben lassen und Diagnosen, die die Persönlichkeitsstruktur betiteln, nur begrenzt etwas über ein Individuum aussagen. Grundlegend sind die Theorien gut, um manches nachvollziehen zu können, aber in weniger fachlich theoretischen Text(abschnitt)en wird deutlich, dass sich an der Theorie nur festhalten kann, wer nichts mit der Praxis zu tun hat.

3.1 Wofür Anteile?

Was manche Menschen zu der Annahme verleitet, dass alle Menschen ein bisschen multipel seinen, ist der Fakt, dass jegliche Persönlichkeit eine Zusammensetzung von verschiedenen psychobiologischen Sub-Systemen ist. Ohne dissoziative Störungsbilder ergeben diese eine ganze, kongruente (Ambivalenzen und Vielschichtigkeit impliziert!) Persönlichkeit und funktionieren fließend zusammen. Verschiedene Anteile machen es auch erst möglich, in verschiedenen Kontexten effektiv und angepasst zu handeln. Diese Anteile haben dann aber keinen eigenen Sinn von „Ich“ und sind integriert, es liegen keine neuronalen, strukturellen und funktionellen Separationen vor, sodass es ein Gefühl von Zusammengehörigkeit als eine ganze Person gibt. So oder so ähnlich, ich kann das nicht genau sagen, vermute aber, dass Menschen selten umherlaufen und denken: „Ja, ich bin eine normativ integrierte Persönlichkeit und fühle mich sehr wohlig ganz“, eben weil es so ein als selbstverständlich angenommenes Einheitsgrundgefühl gibt und dadurch vermutlich gar nicht darüber nachgedacht werden muss. Hier denken/handeln/fühlen alle Anteile in einem Namen, obwohl jeder Mensch natürlich Ambivalenzen in sich trägt, also Aktionssysteme mit verschiedenen Motiven und Motivationen. Meist wird umgangssprachlich von „Seiten“ gesprochen. So kann eine mehr integrierte Persönlichkeit abwägen und Prioritäten setzen, was wir (lange Zeit zumindest) nicht können, weil wir von den Zielen der anderen im Innen gar nichts wissen. Als integrations-typischer Mensch sind Anteile im Groben bekannt, auch wenn nicht alle gleich annehmbar sind oder sich eben nicht ständig mit ihnen befasst wird, sie also auch nicht immer unbedingt präsent oder klar zu benennen sind. Aber es ist anscheinend so, dass wenn in sich gespürt wird, sich verschiedene Perspektiven/Motivationen etc. bewusst erkunden lassen, um diese dann als Anteile zu beschreiben. Und, was wir eben nicht können, ist, dass du entscheiden kannst, welcher Anteil gerade Vorfahrt hat – und trotzdem kannst du gleichzeitig auf das Wissen und die Fähigkeiten anderer zurückgreifen. Dein Ich kennt alle deine Erinnerungen, das ist bei uns nicht so.

Zunächst haben alle Menschen, auch als Kinder schon, verschiedene Rollen. Es gibt Rollen und Aufgabenfelder, die alle Personen haben. Einzelne Anteile können für eine Rolle zuständig sein, es können aber auch mehrere Anteile für eine Rolle benötigt werden sowie auch ein Anteil mehrere Rollen erfüllen kann. Das heißt, dass ein Anteil nicht das Gleiche wie eine Rolle ist. Die Rollen entsprechen den Aufgaben, Verhaltensregel, -mustern und Erwartungen, die an einen Mensch, der diese einnimmt, gestellt sind. Eine Rolle besteht also im Außen, auch ohne den jeweiligen Menschen. Anteile hingegen sind Subsysteme in uns, über die viele vielleicht nicht als Anteil wissen, weil sie eben Teil eines Ganzen sind und auch nur als solches wahrgenommen werden. Bei Kindern spielen diese noch nicht ganz so als integrierte, gefestigte Persönlichkeit zusammen. Dies macht es wahrscheinlicher, dass sich einzelne Elemente aus Anteilen separieren und traumatisch bedingt abspalten. Zudem sind wir als Kinder von Vornherein viel hilfloser und können allein nicht auf Bewältigungsstrategien zurückgreifen, die Integration möglich machen würden. Eine Amnesie bedeutet einen Erinnerungsverlust. Wenn diese Barrieren in der Kindheit entstanden und es so möglich war, das Leben weiterzuführen, bleibt das Unwissen übereinander meist viele Jahre bestehen. Wir verwickeln uns also mit voneinander getrennten physiopsychologischen Einheiten, neuronalen Teams oder eben dissoziierten Anteilen. Und weil unser Gehirn schlau ist und energieeffizient arbeitet, wird eine Taktik, die funktionierte, natürlich weiterverwendet und ggf. ausgebaut. So reagiert unser Gehirn auf weitere Traumata oder Erlebnisse, die unser Gehirn mit unseren Traumatisierungen verknüpft, mit derselben Strategie – der Dissoziation. Die Dissoziation ist ein biologisch garantiertes Phänomen, da unsere ganze Physiologie mit einbezogen ist. Bei späteren Traumata können schon bestehende Netzwerke neu belastet werden oder sich neue bilden. Pierre Janet schrieb, dass Dissoziation eine Teilung zwischen „Systemen mit Ideen und Funktionen, die die Persönlichkeit bilden“ (Janet 1907), einschließt.

Ich will ein Bild vorwegnehmen, damit all das Folgende vielleicht richtiger verstanden werden kann: Bisher noch mit Multipler Persönlichkeits(störung) benannt, aber eigentlich nur strukturell dissoziiert, sind wir keine „viele Menschen in einem Körper“. Wir sind nicht das Vielfache einer Persönlichkeit und wir haben auch keine schön, klar erkennbar abgepackten Traumapäckchen in anderen verstaut, was dann alles passend zusammen gerechnet uns als ganzen Menschen ergäbe. Beim Zerbröseln sind Lücken entstanden, es sind Dinge so fragmentiert, dass sie für den Verstand verloren gegangen sind, da haben sich Brüche in ihrer Beschaffenheit verändert und es lässt sich nicht einfach alles sauber zusammenkleben. Viele zu sein bedeutet nicht, multiple, in sich funktionierende, alle Lebensbereiche erfüllende, dynamische Persönlichkeiten in einem Körper zu haben. Es bedeutet multiple, voneinander dissoziierte Teilidentitäten zu sein. Natürliche (er)leben wir uns oft als separierte, eigenständige Leute, aber wir haben dieses eine-Persönlichkeits-Ding, so ein wohliges Zusammengehörigkeits-Lebens-Gefühl nicht mehrfach, sondern gar nicht. Ich schreibe nicht, dass wir völlig kaputte Opfer sind. Ich schreibe, dass wir Menschen sind, die eine dissoziative Identitätsstruktur haben. Wir sind durchaus funktionell und lebensfähig zerbröselt. Aber halt zerbröselt, nicht vervielfacht. Sowohl das Modell der Strukturellen Dissoziation, als auch die Neurowissenschaften bestätigen ja, dass es um Abspaltungen, Trennungen, Separationen, Entfremdungen, undurchsichtige Membranen, nicht um Vervielfachung, geht.

Der Grund, aus dem Persönlichkeitsanteile abgespalten werden, ist der Überlebenswille des Organismus, da wir evolutionsbedingt so angelegt sind, dass Reflexe/automatisierte Reaktionen das Überleben sichern, auch in Situationen, in denen der Verstand das nicht (mehr) kann.2 Sogenannte dissoziative

Störungen sind eigentlich eine Überlebensstrategie, um überwältigende Erfahrungen zu überstehen. Ab einer gewissen Komplexität lässt sich sagen, dass es eine Überlebensstrategie von Kindern ist, die wiederholter Traumatisierung ausgesetzt sind, da chronische und komplexe Dissoziation mit frühen und anhaltenden traumatischen Erlebnissen verbunden wird. Mit Anteilen beziehen wir uns auf etwas, das in der klinischen Literatur unterschiedliche Namen trägt und wir meinen hier damit dissoziierte Persönlichkeitsanteile oder Teilpersönlichkeiten oder neurophysiologische Sub-Systeme, allerdings schreibe ich meist, auch der Einfachheit wegen, von Anteilen. Der Begriff „Anteil“ ist wenigstens mathematisch nicht falsch. Definitiv für uns stimmiger als Ego-State (Ich-Zustand), was in mancher Literatur nicht differenziert wird, wobei wir darunter integrierte, die Grenzen willentlich beschriebene, wechselnde Zustände eines jeden Selbst verstehen, auch wenn wir tatsächlich ja auch nur ein Mensch sind (zur Erklärung dieser Unterscheidung s. unten und Kap. 13). Einige Viele werden vermutlich mit diesem Begriff für sich nicht klarkommen oder andere Bezeichnungen brauchen, was absolut in Ordnung ist. Wir haben für diese Texte meist Anteile gewählt, da es eine Bezeichnung aus dem Vokabular der Fachliteratur ist und somit wiedererkannt werden kann. Für uns im Alltag bzw. untereinander ist der Begriff zwar nicht nutzbar, da ich glaube, dass es dafür eine Wahrnehmung des Ganzen bräuchte. Denn damit etwas ein Anteil von etwas sein kann, braucht es das große Ganze, welches alle solche Anteile umfasst, und da uns diese Wahrnehmung fehlt, kann der Begriff gar nicht stimmig sein. Mathematisch ist es aber anzunehmen.

3.2 Anteile durch Traumatisierung

Wenn sich Anteile abspalten, hat es immer einen wichtigen Grund, aus dem sie da sind. Wir teilen uns (lange) kein Bewusstsein. Wenn sich Anteile „melden“ oder wir die Widersprüchlichkeit mancher Entscheidungen oder die Amnesien bemerken, ist es das, was von einigen Betroffenen als breakdown beschrieben wird. Von außen sind es die – oft als psychotisch fehlgedeuteten – Symptome, wie das Stimmen hören (was für mich nichts Neues war, nur wusste ich vorher nicht, dass das „nicht normal“ ist; auch haben die Stimmen für mich keine konkret akustische Qualität wie eine tatsächlich von außen kommende Stimme, jedoch klingen sie anders als meine und drücken sich auch anders aus, als ich es tue), das Wahrnehmen von Dingen, die „nicht da“ sind (für unseren Körper und Gehirn schon), die Flashbacks, und (erkennbaren) Switches.

Es gibt verschiedene Grade der Abspaltung und somit auch Unterschiede, wie komplex wir, also Persönlichkeitsanteile und -Subsysteme, ausgebildet sind. Ob wir weitestgehend eigenständig handeln können, klar zu trennen sind, ob wir amnestisch zueinander stehen. Wir werden auch wegen unserer „Aufgabenbereiche“ und der Fähigkeit, komplex oder sinnvoll geplant zu handeln, nach dem Modell der strukturellen Dissoziation in zwei Hauptkategorien unterschieden: Anscheinend Normale Persönlichkeitsanteile (ANP) und Emotionale Persönlichkeitsanteile (EP) (Van der Hart et al.). Unter anderem ist die Komplexität und Schwere der Abspaltung abhängig von der individuellen Fähigkeit zu dissoziieren, den Voraussetzungen und Fähigkeiten, um vehemente und schwer ertragbare Emotionen zu regulieren und auszuhalten. Ferner spielen das Alter, in dem die Traumatisierungen erfahren werden, die Bedeutung, die wir dem Ereignis zuschreiben, die Heftigkeit, Unberechenbarkeit und andauernde Wiederholung eines Traumas eine Rolle. So haben wir, wenn die Dissoziationen nicht nur akute Abwehr sind – wie etwa durch Abspaltung das Schmerzempfinden ausschalten oder ein einzelnes Trauma tragen, in dem sie gefroren sind –, sondern als chronisch verwendeter Überlebensmechanismus grundlegend unsere Persönlichkeitsstruktur formen, eigene Aufgaben, Wahrnehmung und Sensibilität, Werte, Bedürfnisse, Eigenschaften und Fähigkeiten, unterschiedliches Körper- und Schmerzempfinden, Alter, Geschlecht, Symptomatiken und Stimmungen (können uns in diesen manifestieren – manche von uns haben eine Essstörung oder Anfälligkeit für Migräne ect., andere nicht). Kein Anteil kann umgebracht oder vernichtet werden, und es geht nicht darum, andere zu kontrollieren, sondern uns durch (Kennen)Lernen und Zusammenarbeit zu ent-wickeln. Es geht um mehr Integration, damit wir wissen wie und vor was wir uns schützen müssen, sogenannte internen Kommunikation, damit der aktuelle Kontext klar ist, wichtige Informationen verteilt werden und wir Menschen wiedererkennen und ihre Rolle, in der sie zu uns stehen. Wir haben uns so verwickelt, um Extremsituationen zu meistern. An sich ist genau das passiert, was hätte passieren sollen – unser Gehirn hat für Überleben gesorgt. Unsere Anpassungen waren also im Moment des Traumas lebensnotwendig, sind aber langfristig gesehen meist dysfunktional oder schädigend.

Dadurch, dass wir alle eigene Erfahrungen, unterschiedliche Erinnerungen an bzw. durch die polaren Sichtweisen, verschiedene Auffassungen von der Autobiografie haben und auch unsere Stärken wie Schwächen verschieden verteilt sind, haben wir alle auch unterschiedliche Trigger, Auslöser. Sie können entweder Wechsel oder Flashbacks, Intrusionen, Panikattacken auslösen, was genaugenommen auch eine Form von interner Kommunikation ist. So gibt es manche Themenbereiche für die einzelne/einige Anteile zuständig sind, die dann auch nur diese Erinnerungen daran tragen. Das heißt, dass manche Anteile in bestimmten traumatischen Erfahrungen entstanden und festgehalten sind, wodurch sie, wenn sie getriggert werden, immer noch so fühlen und handeln wie damals, wohingegen sich der Rest des Systems nicht, oder einzelne vielleicht aus anderer Perspektive, daran erinnern kann, bzw. gar nichts von ihrer Existenz weiß.

Manche sind auch nur für bestimmte Verteidigungsstrategien zuständig, welche sie, wenn sie getriggert werden, ausführen, egal ob sie heute noch angemessen sind oder nicht. Teilweise sind diese Strategien relativ primitiv und entsprechen eben nicht den aktuellen Zuständen. Das können entweder die traumatisch bedingten, „tierischen“ Strategien zum Überleben sein (Kämpfen-Flüchten-Erfrieren-Unterwerfen). Oder es sind Möglichkeiten, das Trauma und alles, was dazugehört, außerhalb des Bewusstseins zu halten, jegliche potenziellen Trigger zu vermeiden, was dann uns „ANPs“ (im Folgenden „Alltagsionäre“) zugeschrieben wird. In den Zeiten der Gewalt war es überlebensnotwendig, dass wir Wahrnehmungen der Welt geschaffen haben, durch die manche Anteile in der Illusion leben konnten, dass alles in Ordnung sei. Teilweise wurden diese Illusionen auch einzelnen Anteilen absichtlich auferlegt, damit wir nach außen verlässlich diese „heile Ordnung“ wiedergaben. Es kann Kinderanteile geben, die als sehr unauffällige, zufrieden scheinende Kinder auftreten, weil sie, wortwörtlich, in ihrer eigenen Watte-Welt leben, oder welche, die sich stets ins Spielen vertiefen, um den Rest der Welt auszuschalten. Sie scheinen eher zurückhaltend, ängstlich oder auch „zu sensibel“ (weil unbewusst ja Angst-Terror herrschte), aber sonst leise, glücklich und zufrieden. Das ist, wenn wir die Zeit betrachten, in der wir uns täglich in Gefahr befanden, keine verwerfliche Art, es irgendwie zu überstehen, und macht deutlich, warum es funktionierte, ohne aufzufallen.

So sind oft einzelne Anteile für einen gewissen Bereich im Alltag zuständig, den sonst niemand übernehmen oder zumindest nicht so gut erfüllen kann.

Erfahrungen prägen uns, wir lernen aus ihnen. Das ist bei allen Lebewesen so. Und wenn wir, aufgrund unserer jeweiligen Trigger, immer in bestimmten Situationen an die Front gerufen werden, formen wir uns natürlich dementsprechend, und im Falle chronischer Traumatisierung verändert sich auch das ganze System. So werden wir bereits vor ersten bewussten Kontakten mit anderen dissoziierten Anteilen, obwohl wir nichts Konkretes von ihnen wissen, beeinflusst oder entwickeln uns auf bestimmte Art in bestimmten Bereichen. Weil nämlich manche Bereiche von bestimmten Anteilen besetzt und diese für andere dadurch verhindert werden. So kann es sein, dass wir z. B. keine enge Beziehung eingehen, weil bestimmte Anteile uns davon abhalten oder Versuche, Bindung herzustellen bzw. zu halten, zum Scheitern gebracht werden, da Beziehung und das sich Öffnen für sie immer Missbrauch oder Verlust bedeutet hat. Das passiert jahrelang, ohne dass wir wissen, wer wie und warum mitmischt, wodurch sich das Gefühl falsch zu sein und die Überzeugung, diese echten sozialen Interaktionen „nicht zu können“, sehr stark halten. Doch es ist auch so, dass manche von uns tatsächlich eine andere Sprache sprechen (wörtlich und metaphorisch) und sich in neuen Kontexten, die nicht von Machtgefällen geprägt sind, nicht zurechtfinden. Prinzipiell gibt es keine Regeln oder Richtigkeit für dissoziative Persönlichkeitssysteme, ebenso, wie es keine Regeln oder Richtigkeit für integrations-typische Menschen und ihre Fähigkeiten/Erfahrungen/Anteile gibt. Es gibt so viele verschiedene Konstellationen wie es eben verschiedene Menschen gibt. Und doch sind natürlich Parallelen zu finden. Ähnlichkeiten zwischen uns innerhalb und auch zwischen Systemen. Es kann schließlich maximal zwei Pole geben, sobald ein drittes Element in einem System ist, gibt es Gleichheiten.

Es ist immer so, dass Überlebensstrategien nur dann und nur so vor sich gehen, wie sie sinnvoll für das Überleben sind, alles andere würde im Sinne der Evolution nicht als Automatismus in uns verankert sein. Wenn ein schützender Anteil entsteht, ist manchmal die Hauptsache, dass dieser weitmöglichst anders ist, als wir uns in diesem Moment empfinden. Oder dass wir uns mit Eigenschaften wahrnehmen, mit welchen wir nicht in diese Situation kommen würden oder zumindest nicht ausgeliefert wären. Auch ist es sehr sinnvoll, dass wir bei wiederholter physischer Gewalt manche ein relativ stumpfes oder kein Schmerzempfinden haben bzw. – exakter formuliert – dass diese Anteile verlässlich ihr Schmerzempfinden abspalten können, denn einfach weg sind die Schmerzen ja nicht. Sonst würden sie in Flashbacks nicht wiederkommen können. Es können auch Anteile entstehen, die fiktiv, was hier nicht menschlich bedeutet, sind. Wenn wir so unmenschlich behandelt werden oder auch absichtlich, gezielt als Unwesen betitelt, kann es passieren, dass wir diese Prägung in uns aufnehmen, weil alles andere unerträglich wäre. Alle im System haben einen Sinn, wenn auch nur verständlich für die bedrohte Seele, die so versucht, in ihrer Not das Trauma zu überleben. Wenn wir als Kinder z. B. regelmäßig gefesselt werden, wäre es logischer, eine Schlange zu sein, die sowieso keine Beine und Arme hat. Logischer und auch angenehmer, als die unerträgliche Idee in Betracht zu ziehen, von einer Person, der wir womöglich sonst auch noch vertrauen, misshandelt zu werden auf eine Weise, in der sie uns unsere Fähigkeit zu laufen nimmt. Wenn wir nach außen nicht fliehen können und als Kinder sowieso kaum eine andere Möglichkeit haben, müssen wir nach innen fliehen, wir können nicht anders, als in uns und zwischen den Welten zu verschwinden.

Später, in eigentlich sicheren Lebensumständen können sich manche dieser Strategien sehr dysfunktional zeigen, was in folgenden Kapiteln deutlich wird. Wir verlieren ohne, zu (zumindest partieller) Integration führender therapeutischer Arbeit, und damit auch ohne unsere Zuwendung und (An)erkennung unserer Traumata, die daraus entstandenen Überzeugungen nicht, was zu unserer hohen Anfälligkeit für erneuten Missbrauch, auch von anderen Täter_innen führt. Auch ist es äußerst einschränkend, wenn uns, durch ein Trigger ausgelöst, plötzlich die Fähigkeit verlässt, Arme und Beine zu bewegen, weil unser übertrainiertes Alarmsystem im Gehirn Fessel-Gefahr meldet. Denn diese besteht im Hier-und-Jetzt gar nicht – was aber eine zu zeitintensive Überlegung wäre –, und der Schlangen-Anteil zum Schutz aktiviert wird. Allerdings ist es unwahrscheinlich, dass dies von anderen Menschen als solches wahrgenommen wird. Eine Person, die uns nicht kennt, wird kaum erkennen, ob ihr ein Wesen gegenübersitzt, welches überzeugt ist, eine Schlange zu sein, oder ob deren Anteile rein physiologischen temporären Lähmungen verfolgender Freeze-Response unterliegen oder einer anderen Form der Dissoziation, bei welcher diese Anteile einfach ganz „aus dem Körper raus sind“ und ihn nicht willentlich bewegen können, oder die Person einen fokalen epileptischen Anfall erleidet, welcher sich in tonischer Immobilität zeigt, oder einfach in einem allen Menschen bekannten „Weg-dösen“ und dem damit verbundenen „unbewegt sein“. Oft fällt ein Wechsel gar nicht auf, weil wir beispielsweise gerade an einem Tisch sitzen und niemand erwartet, dass wir uns bewegen. Ohnehin fällt Menschen, die uns nicht näher kennen und uns nicht so genau beobachten, wie es Therapeut_innen (leider/zum Glück) tun, nicht unbedingt auf, dass unsere Körpersprache oder verbale Ausdrucksform sich verändert. Denn nicht alle Anteile können völlige Extreme sein, da wie bereits erwähnt, gibt es maximal zwei Pole. Unsere Schmerzen bleiben sowieso meist versteckt, und solange nicht danach gefragt wird oder es anders auffällt, werden auch Erinnerungslücken nicht zwangsläufig bemerkt.

Primitive Abwehrmechanismen – so nennt sich das. Unüberlegte, keine mit höherem Verstand weiterentwickelten Handlungen, die von reflektierten Gedankengängen oder Vorausdenken zeugen. Sondern eher hirnlose, weil Todesangst die Rationalität hemmt. So sind also manche Anteile im Abwehrmodus, Kampf oder Flucht, und wenn das nicht ging, Erfrieren und Unterwerfen, steckengeblieben. Daraus entstehende, einfache Handlungsabläufe nennen sich primitiv. Schmerzhaft und beschämend fühlt es sich an, wenn mir davon erzählt wird oder ich die Folgen körperlich spüre. Wenn Anteile sich zum Schutz versuchen, die Hände abzusägen. Wenn welche zum Schutz den Kopf gegen die Wand oder den Boden schlagen. Oder zum Schutz die letzte Person, bei der Vertrauen möglich ist, versuchen loszuwerden. Es ergibt dann Sinn, wenn wir ihre Lösungsstrategie entsprechend ihrer Situation verstehen. So ist es in sich logisch, dass Vertrauen immer Gefahr birgt, oder wir, falls es doch ohne böse Hintergedanken geschieht, es nicht verdient hätten oder uns unter keinen Umständen zumuten dürften. Somit müssen Menschen, die dieses Vertrauen geben und empfangen wollen, abgeschreckt oder auch verletzt werden, damit sie auf Distanz bleiben.

Niemand im Innen hat sich die Aufgabe, die er oder sie zu erfüllen versucht, aus Spaß an der Freude herausgesucht. Es sind neurobiologische Vorgänge, um Extremsituationen zu überstehen. Und die physiologische Kettenreaktion, die bei Todesangst (auch wenn sie später getriggert wird) ausgelöst wird, ist schon seit Evolutionsbeginn erprobt und erfolgt viel zu schnell, um vom Verstand gesteuert zu werden. Nichts davon wird willentlich gesteuert. Es ist kein Theaterspiel. Die Abspaltungen sind ein echter Überlebensmechanismus und Flashbacks und Intrusionen wirkliche Reproduktionen, um die Verarbeitung möglich zu machen.

Wenn Menschen aus Erfahrungen lernen wollen, müssen sie seelisch und neuronal bereit sein, sie verarbeiten und integrieren zu können. Und weil diese Bereitschaft dem akuten Erleben manchmal hinterherhumpelt, passiert dies oft durch symbolische Wiederholung: im Gespräch, durch (Tag-)Träume, Spiel oder Kunst. Das ist bei einzelnen von uns auch so, aber aufgrund der Komplexität bzw. Vehemenz und Manifestierung dieser Erlebnisse, kommt es auch zu realen „Wiederholungen“ ähnlichen Erlebens, einzelne Elemente betreffend. Das führt aber zu keiner Verarbeitung, sondern zu neuen Verletzungen. Diese Reinszenierungen müssen jedoch für die, die sie herstellen, weniger schrecklich als das ursprünglich Erlebte sein, weil sie sie ja selbst wählen. Für uns als Gesamt-System ist es aber schrecklich, mitunter auch folgenschwer, denn sie wählen lediglich das, was und wie bzw. die daraus folgende konkrete Konsequenz ist dann meist nicht mehr wählbar. Es geht viel darum, sich die eigene Schrecklichkeit zu bestätigen. Diese Reinszenierungen sind also auch eine Art Vermeidung, weil neue Verletzungen die Integration des ursprünglichen Traumas und ein Kontextualisieren, also das Einordnen, verhindern. Manchmal ist es wohl auch ein Versuch zu verstehen, der unbedacht aber zu keinem Verständnis, sondern zu wiederkehrender Hilflosigkeit führt. „Ähnliches mit Ähnlichem heilen“ erweist sich bei Traumatisierungen als nicht wirksam. Wirklich gar nicht. Es bewirkt das totale Gegenteil. Auch in homöopathischer Dosis ist es nicht förderlich für eine Entwicklung hin zu mehr Stabilität, Akzeptanz und Integration. Wir alle können und sollten irgendwann andere Wege finden, um uns zu schützen, wir können das, wenn wir zumindest einen Teil der Erlebnisse integriert haben und wir uns im neuen Lebenskontext zurechtfinden bzw. zumindest wissen, dass es eine andere Basis gibt und sich welche um diese kümmern.

Tätersprache, -impulse, -werte, -perspektiven und all das Innen. All das in uns. Und ich bin etwas von diesem wir. Das bin auch ich? Scheiße. Bedürfnisse, Wünsche, Trauer, kleine Hilflosigkeit und all das Innen. All das in uns. Und ich bin etwas von diesem wir. Das bin auch ich? Mindestens genauso brutal scheiße. Darum auch die Angst, dass unsere Therapeutin mit dieser Bösartigkeit, Brutalität und Ekelhaftigkeit in Berührung kommt. Was, wenn ihr das etwas antut? Allein nur die Vorstellung, dass sie dem begegnet, ist furchtbar schrecklich beängstigend.

Ich sitze so da und versuche, geradeaus zu denken, was enorm schwer ist, wenn eine Therapeutin gegenübersitzt und der Großteil ihrer Aufmerksamkeit auf uns liegt. Das ist so aaahhh; Können Sie sich nicht kurz mal ablenken, damit ich den Satz fertig formulieren und dann auch aussprechen kann? Bitte. Sage ich natürlich nicht. Denke ich nur, während innen unglaubliches Chaos ist und ich nicht mehr weiß, ob ich meine eigenen Gedanken je wiederfinde unter all dem, was da gerade so draufgeschmissen wurde. Und wir werden immer noch beobachtet. Jedenfalls versuche ich dann, meine Sorgen zu kommunizieren. Nämlich dass ihre ungeplante Auszeit zu sehr viel mehr Turbulenzen geführt hat, als ich das zugeben möchte, mehr als ich mir das eingestehen kann, und sehr sicher noch mehr, als ich wirklich begreifen kann. Dass da neben einsam gefrusteter Enttäuschung auch viel Zerstörungswucht ist. Und zudem ganz ha(e)ssliche Wut. Ich komme mir etwas doof dabei vor, aber meine Sorge ist sehr real. Sie ist berechtigt. Denn es gibt widerliche Sprache in uns, grausame Bilder und brutale Wünsche, Impulse – wann sind es Handlungen? Am Körper sehe ich manche Zeugnisse solcher Handlungen und ich weiß aber, dass auch im Hier-und-Jetzt innen welche sind, die genau das gelernt haben. Ich weiß, dass ihre Drohungen keine leeren Worte sind, und wenn ich auf der Intensivstation aufwache, kann ich nur erahnen, dass irgendwer ihren Aufforderungen gefolgt sein muss. Also ist meine Sorge real. Ob kleine bedürftige Zuwendungswünsche den Kontakt beschmutzen oder aus ihrer Enttäuschung heraus zu zerstören versuchen, oder eklige Gewaltverherrlichende unserer Therapeutin wirklich etwas antun – ich finde alles furchtbar und weiß nicht, was davon tatsächlich passieren könnte. Wir wurden schon als unzurechnungsfähig betitelt, und ich weiß manchmal nicht, was ich diesem Adjektiv entgegensetzen kann, ohne das Gefühl zu haben, mich selbst zu belügen. Denn ich fürchte mich ja auch vor der Ungewissheit. Und dann stammele ich so daher oder um diesen Konflikt außen herum, glaube, es relativ gut angedeutet zu haben, und unsere Therapeutin meint nur so, dass alle willkommen seien. Ah. Okay. Was? Nein! – Auch die, die so vehement sein müssen, seien doch verzweifelt und voller Angst – sie dürfen also gerne kommen. Ah. Okay. Was? Nein! Innen wird es laut, dass das doch jetzt der Beweis wäre, dass sie mich kein bisschen ernst nimmt, dass sie mir nicht glaubt und alles kleinredet, dass sie gar nicht versucht, meine Angst zu verstehen. Wenn sie nur wüsste, wie viel Schrecklichkeit da ist. – Ich sei eine erbärmliche Heulsuse und solle endlich einsehen, dass sie mich hier verarscht. – Es erscheint leicht, dem zu glauben. Zu gehen und nicht wiederzukommen. Doch irgendwo, irgendwie, in einer mir noch nicht ganz klaren Form, glaube ich auch, dass sie das nicht sagt, um mich als lächerlich darzustellen, sondern dass sie diese Haltung tatsächlich hat und diese ganzen blöden Theorien damit bestätigt. Nämlich, dass die Angst, Verzweiflung und Ohnmacht, die zu solcher Vehemenz führen, aus überwältigenden Erfahrungen kommen, und die, die sie jetzt zeigen, sich einfach nicht anders zu helfen wissen, weil sie es wirklich (noch) nicht anders können oder es meinen, nicht anders zu dürfen, leider teilweise auch überzeugt sind, es nicht anders zu wollen. Und weil sie all das viel leichter annehmen kann, viel eher schon anerkennen kann als wir Alltagsionäre, welch gewaltvolle Erfahrungen solche Prägungen verursachten, weil sie ja nicht so direkt mit drin steckt, will ich versuchen, den Brücken, die sie baut, das zuzutrauen. Will versuchen, mich darin zu üben, das immer mehr/immer mal wieder auch als Vorbild zu sehen, um anzunehmen, dass auch die, die meine Toleranzgrenzen sprengen, eine Geschichte, einen Namen und eine Daseinsberechtigung haben. Denn auch wenn wir das im Alltag noch nicht immer richtig greifen können, ist es wohl so, dass wenn sich um die Introjekte gekümmert und ihr Schmerz ernst genommen wird, sie nicht mehr mit einer solchen Vehemenz wüten müssen, dass sie diese gar nicht mehr brauchen. Wenn wir ihnen zuhören, ihre Entstehung und Überlebensleistung begreifen, die sie im Moment der Gefahr erbrachten, kann uns vielleicht/hoffentlich deutlich werden, wie verletzt sie eigentlich sind.

Exkurs: Erklärung von Introjektion 3 zum Verständnis der Täterintrojekte

Ich möchte hier der Annahme, dass Menschen mit bisher sogenannten multiplen Persönlichkeiten immer auch psychopathische Mörder sind, begegnen. Wir haben selbst Angst vor uns. Ich weiß nicht, ob es vielen Vielen so geht, aber bei uns ist das ein Thema. Angst vor dem, was passiert, wenn wir, also unser ich, „nicht da“ sind, und besonders vor dem, was passierte, als wir nicht da waren. Es ist eine brutal einschränkende Angst und eine hassende Abwertung, wenn Erinnerungen, Emotionen und erlernte Ansichten ins Bewusstsein gelangen. Darstellungen in Medien, die Menschen mit dissoziativen Störungen verteufeln oder als psychopathisch unzurechnungsfähig zeigen, richten großen Schaden an. In uns, für uns; für uns wegen der daraus entstehenden Vorurteile und dem Unglauben, und in begleitenden oder uns unterstützenden Menschen durch provozierte Angst. Es finden in jedem Entwicklungsprozess Identifikation und Introjektion statt, welche, in der Pubertät meist radikal, revidiert und verändert werden können. Normalerweise ist Identifikation auch eine Möglichkeit, um Rollen auszutesten, Eigenes zu entdecken und spielerisch auszuleben. Schon kleine Kinder imitieren, etwa um den rein kognitiven Faktor zum Spracherwerb zu ergänzen. An verschiedene Kontexte angepasstes Verhalten, Rollenlernen und Identifikation ist also Teil gesunder Differenzierung und Bildung von Selbstanteilen, für die Entwicklung einer eigenen Identität.

Vielleicht erklärt es die Beschreibung der Introjektion als Gegenstück zur Projektion. Etwas, das auch allen passiert und immer wieder sehr konfliktreich wirken kann, wenn wir uns dessen nicht gewahr werden. Die Projektion beschreibt das nach außen legen oder werfen der eigenen Emotionen, Wünsche, Interpretationen, Werte usw. auf andere. Oft grenzt die Empathie daran, wobei wir dann zunächst herausfinden müssen, was wir vom anderen Menschen spüren und was unser Eigenes ist, von dem wir denken, es ist im anderen.

Ebenso ist die Erhaltung von „inneren Kindern“ ein ganz normales Empfinden, welches die allermeisten Menschen haben, insofern sie es zulassen bzw. spüren. Dieses „innere Kind“ ist aber nicht mit kindlichen dissoziierten Anteilen gleichzusetzen, die in ihrem Sein erstarrt sind und z. B., bevor sie aufgeklärt und in das Selbst-System eingeführt werden, nicht wissen, dass sie in einem erwachsenen Körper leben. Jedoch können sowohl „dissoziierte Kinderanteile“ als auch „innere Kinder“ ein Stück weit abgrenzbare Anteile sein. Es gibt jedoch bedeutende Unterschiede zwischen dem, an was sich einzelne von uns erinnern können, als Kind gewesen zu sein, dem „inneren Kind“ und den „kleinen, kindgebliebenen, dissoziierten“ Anteilen. An deren Erfahrungen tragen nämlich auch die, die mit dem Körper gewachsen sind, keine Erinnerung. Kinderanteile haben für sich selbst ein „Ich“, haben keinen Zugang zur Erwachsenenperspektive, können also manches einfach nicht verstehen, weil sie sich nicht weiterentwickelt haben, sie fühlen sich oft (noch) nicht als Teil von uns an, sie sind mir in ihrer Wahrnehmung, in ihrem Verhalten, in ihren Ängsten völlig fremd.

Grundlegend ist zu sagen, dass Täterintrojekte auch als Überlebensmechanismus dienen, da sie uns aus der Machtlosigkeit lösen, weil wir, wenn wir Teil der Tat sind und auch Schuld tragen, nicht hilflos sind. Überleben meine ich total konkret, da uns unser Parasympathikus im Shutdown bis zum Herzstillstand oder einer Atemdepression herunterfahren kann. Zudem hilft es, die Sicht der Täter_innen auf uns zu übernehmen, um der Tat einen Sinn zu verleihen. Wenn wir dann die Täter_innen auch noch verstehen können, ihre Wünsche und Absichten kennen, entsteht sogar eine geglaubte Kontrolle, da wir die Gewalt vorhersehen können bzw. wir zumindest nicht von ihr überrascht oder geschockt werden.

Die Bildung der Täterintrojekte läuft auf mehreren Ebenen ab; sie sind sowohl ein psychologischer Abwehrmechanismus als auch eine neurobiologische Reaktion, u. a. durch die Spiegelneuronen. Allerdings sind diese nicht hauptverantwortlich, legen aber einen Grundstein. So können Spiegelneuronen eine fremde Aktion zwar erkennen und in uns neurologisch dieselbe Aktivierung auslösen, als würden wir es selbst tun, sodass Dinge nachvollziehbar werden, jedoch können sie das Verhalten nicht verstehen oder Emotionen mitempfinden. Dafür haben wir weitaus komplexere Systeme, funktionell zusammengefasst als Theory-of-Mind-Netzwerk4. Die Vehemenz und Brutalität der Täterintrojekte uns selbst gegenüber liegt also an ihrem Ursprung, da sie dieselbe gewaltsame Macht haben wie die Täter_innen damals. Introjektion bedeutet in der Praxis, dass Anteile dafür sorgen, dass wir uns weiterhin bedroht fühlen oder auch sind, und dass wir durch die Schuld, das alles verdient zu haben, anfällig sind für Unterwerfung. Die Wertevorstellungen leben also in uns, sodass wir der auferlegten Rolle treu bleiben (Introjektion) und nicht die äußere Rolle einnehmen (Identifikation), auch wenn es täteridentifizierte Introjekte gibt, die allerdings ihre Gewaltabsichten gegen uns selbst ausleben.

Wie das Allermeiste sind auch unsere beiden Gehirnhälften asymmetrisch aufgebaut. Sie sehen gleich aus, unterscheiden sich aber, da funktionelle Zentren verschieden verteilt sind. Allerdings lassen sich Aufgaben nicht einfach oder absolut zuordnen, denn auch wenn jede Hälfte u. a. durch spezielle Areale auf bestimmte Funktionen spezialisiert ist, sind die Vernetzungen zu komplex und Areale eben nicht bei allen Menschen gleich verteilt. Die linke Gehirnhälfte ist bei den meisten Rechtshändern die sogenannte „dominante“ Hirnhälfte, was bedeutet, dass sie hauptverantwortlich für die Sprachverarbeitung ist. Doch dies ist vielleicht eher Folge, als Ursache der Händigkeit. Auch bei der Mehrzahl der Linkshänder liegen Sprachzentren links. Allerdings ist beim Schreiben jeweils die zur Hand entgegengesetzte Hirnhälfte federführend, da die Körperseiten überkreuzt mit den motorischen und sensorischen Zentren der Gehirnhälften verknüpft sind. So ist die rechte Hirnhälfte für die Verarbeitung von Emotionen sehr bedeutend. Sie entwickelt sich im Kindesalter auch zuerst, aber sie ist nicht völlig isoliert dafür zuständig. Gleichermaßen finden die meisten Sprachvorgänge links statt, aber eben nicht alle. Der Hirnforscher Richard Davidson beschreibt eine Aktivität im linken präfrontalen Cortex (PFC) als bedeutsam für die Dimension der Resilienz, da dieser die Aktivierung der Amygdala mindern kann. Doch ist bspw. in Momenten der kreativen Schöpfung die linke Gehirnhälfte nicht völlig ausgeschaltet. Ebenso sind die Empathie betreffende – obwohl wir viel einfach nicht wissen (können/sollen), weil sich nicht alles an zwischenmenschlichen Energien messen lässt – unterschiedliche Hirnareale aktiv und von Bedeutung5.

Die Intrusionen, also das Einmischen mancher in das Alltagsbewusstsein, kann erst Jahre später kommen, und auch dann lange noch nur als einzelne Zeichen aus dem Vorbewusstsein durch Fantasien, Träume und fremde Gedanken oder Handlungsimpulse. Diese Introjekte sind aber, wie alle Anteile, nicht nur das, womit sie betitelt werden: „Täterintrojekt“. Und auch nicht universell vergleichbar. Sie haben vielleicht einen begrenzten Handlungsbereich und Fähigkeiten, aber sie sind nicht einfach nur ihr Job. Denn wie erwähnt, bedeutet zerbröseln nicht steriles Abpacken und nachher wieder zusammensetzen. Sie entstehen aus gutem Grund und unterscheiden sich in ihren Überzeugungen, ihrem Handeln, auch je nachdem, wie z. B. und von wem die Gewalt ausging. Sie werden von verschiedensten Autor_innen „innere Verfolger“, „Zerstörer“ oder „Bösewichte“ genannt. (Bösewicht finde ich eine hier sehr unpassende Verniedlichung, denn niedlich ist da nichts.) Und wenn ein Anteil, so ein „innerer Verfolger“, als Täterintrojekt eine Unmenge an schrecklichsten und widerwärtigsten Erfahrungen machen musste, sie tragen muss, damit das Selbst-System überleben konnte, ist es in keinster Weise anerkennend, ihn_sie so zu nennen. Obgleich sich ihre_seine Taten und Stimmen so anfühlen/anhören, als wären sie da, um uns zu zerstören, weil das schließlich ihre Aufgabe ist, um uns vor der Auslieferung zu schützen. Sie brauchen ihre brutale Art, um ihre Ängste zu verstecken und um sich „unverletzlich“ zu machen.

Täterintrojekte sind Anteile im System wie alle anderen auch, und obwohl ihre Werte und ihr verwendetes Vokabular verletzend und abstoßend ist und absolut unvereinbar scheint, brauchen sie Akzeptanz und Zuwendung von uns, um als Teil des Systems andere Ansichten kennenlernen zu können, um später vielleicht sogar neue Wege zu finden, wie sie helfen können und nicht als Fremdkörper im Hass leben müssen. „Vielleicht ist alles Schreckliche im Grunde das Hilflose, das von uns Hilfe will“ (R. M. Rilke).

Falls es doch Impulse gibt, Erfahrenes „zurück in die Welt zu geben“, schützt Empathie vor Gewalttätigkeit. Denn die Wahrnehmung einer eingeschüchterten oder bereits leidenden Person hemmt unsere Aggression instinktiv, zumindest wenn keine sadistischen Normen antrainiert wurden, denn dann wäre genau das das Ziel. Aber diese Anteile kommen nicht versehentlich „nach draußen“ und sind somit nicht als generell gefährlich zu werten, denn sie funktionieren dort, wo es ihnen abverlangt wird und nicht aus eigenem Willen. So wissen wir natürlich von transgenerativer Traumatisierung. Dass also die Gewalt, die Kinder z. B. von ihren Eltern erlebten, sie an ihre Kinder „weitergeben“, weil die Identifikation mit dem Aggressor Teil einer sadistischen Abwehr zum Selbstschutz ist und ein „nach außen Werfen“ des Schmerzes und des Missbrauchs mit sich bringen kann. (Ich werde dieses Thema nicht vertiefen, obwohl mir dessen Komplexität und Bedeutung durchaus bewusst ist und ich diese Wichtigkeit hier anerkennen möchte.) Es können verschiedene Faktoren weichenstellend sein, aber eben nicht zwingend prophezeiend. In diesen Familien herrscht meist seit Generationen eine starke Hierarchie, die Überlegener-Diener-Konstellationen dienen von klein auf als Orientierung, wie die Welt funktioniert. Das bestätigt erneut, dass das Ausgeliefertsein gelernt wird und solchen Realitäten als Unterlegene gelebt wird, nicht andersherum. Gleichermaßen wie die Gewalt können nämlich auch die Traumafolgen, das entstandene Leid, die Veranlagung zur Dissoziation an die nachfolgende Generation weitergegeben werden. Ganz allgemein besteht die Möglichkeit einer Weitergabe von Affektverarbeitungsmustern. Es ist bislang umstritten, ob es sich um epigenetische Vererbungen oder generationsübergreifende epigenetische Effekte oder neu entstehende epigenetische Gravuren durch elterliche (unbewusste) Ängste, Verhalten und wirkendes Sein handelt. Sicher aber ist, dass die veränderten Ladungen6 an der DNS sowohl unmittelbares „Erbe“ aus unseren eigenen Traumatisierungen als Erfahrungen während der Schwangerschaft oder frühen Kindheit sein können als auch tatsächliche Weitergaben aus der Generation vorher (ob als Erbe, Effekt oder durch Verhalten neu entstanden). Diese Energien bestimmen über unsere biologischen Prozesse und automatisierten Reaktionen. Wir werden sie nicht mehr los, wir tragen Prägungen (unsere und die unserer Eltern, insofern sie nicht umgelenkt wurden) in all unseren Zellen. Dennoch können wir lernen, unterschiedlich damit umzugehen, nicht zuletzt, weil Energie Bewegung ist.

„Bewusste“ Theorie und Praxis

Ich versuche, etwas zu erklären, das in manchen Bereichen der Theorie nachvollziehbar ist, auch wenn wir es praktisch nicht richtig fassen können. Zumindest passt das Erleben der Praxis oft nicht in die Beschreibung der Theorie. Ein Beispiel: Wenn von traumatisierten „EPs“ geschrieben wird, werden oft Persönlichkeitsanteile beschrieben, die in Fight-Flight-Freeze-Submit, festhängen und durch deren Aktivierung sich unser Nervensystem in die jeweilige Reaktion versetzt. Das stimmt für einige, weil unter Bedrohung bereitgestellte Sympathikus-Energie kaum zu lenken ist, sondern nur in eine Richtung geht, aber insgesamt ist es viel komplexer als einfach nur diese vorgefertigten Reaktionsmuster. Wer auch immer vorne ist, übernimmt den ganzen Organismus. Das bezieht sich auf Empfindungen, die Sensibilität, körperliche Kraft und Ausdauer, (Körper-)Sprache, Stimme, Vokabular, Schmerztoleranz. Auch Wahrnehmungseinschränkungen wie Kurz-/Weitsichtigkeit können bei manchen auftreten, bei anderen nicht, was sich als „offizielle Nichtbrillenträgerin“ (so steht es im Ausweis) als problematisch erweist, zumindest wenn er_sie mit Sehschwäche eine augenärztliche Untersuchung nicht aushalten könnte. Bei Nüchternheit nach hoch- und eigen-dosiertem Medikamenten- oder Drogengebrauch geht es uns so, dass mache Entzugssymptome zeigen, von denen andere nichts mitbekommen bzw. es nicht selbst spüren können. Wenn er_sie „nach innen geht“, werden auch die körperlichen Symptome gehemmt und scheinen sich aufzulösen oder jedenfalls zu mildern. Es gibt einen Mythos, der nur teilweise einer ist, aber dessen oberflächliche Präsentation lässt uns sehr unglaubhaft erscheinen: Wir reagieren unterschiedlich auf Medikamente bzw. fällt deren Wirkung je nach „aktivem Anteil“ (also wer im Körper ist) unterschiedlich aus. Präsentiert wird das oft flapsig: Wenn ein Kind da ist, wirken Substanzen natürlich stärker, denn es hat einen kleinen Körper. Aber auch die Kinder leben in einem erwachsenen Körper (auch wenn sie ihn nicht so wahrnehmen, es ist halt doch so). Für uns hat es jedenfalls mehr mit dem Erregungsniveau zu tun, an den wir gewisser Maßen gekoppelt sind. Wenn also ein Kind im Unterwerfungs-Hypoarousal zwei Milligramm Lorazepam einnimmt, haut das richtig rein, obwohl zehn Minuten später (falls wir trotz Dämpfung noch wechseln können) jemand anderes im Hyperarousal diese Dosierung ohne ersichtliche Wirkung verpuffen lässt. Das liegt nicht am Alter oder Aussehen, sondern am physiologischen und biochemischen Zustand, in dem wir uns befinden, der jeweils einem bestimmten Anteil entspricht. Die meisten Kleinen aktivieren nun mal weniger Stoffwechsel als Große. Jedoch kann eben auch ein_e Erwachsene_r, der_die den Körper als groß wahrnimmt (ggf. sogar größer als er ist), aber wenig mit Essen und Trinken und lebendigem Energiehaushalt zu tun hat, mit geringer Dosierung neblig, matschig „festgeklebt“ werden. Das ist weit entfernt von einer Theorie, die das nicht völlig greifen kann.

Wie auch, wenn wir Bewusstsein gar nicht definieren können, oder vielleicht nie eine interdisziplinäre Definition davon anerkannt wird bzw. Forschende sich gar nicht einig sind, ob es „das Bewusstsein“ überhaupt gibt, oder es sich entweder nur um eine Illusion handelt, die für ein Ich-Empfinden sorgt, oder es einfach zwingend zu allem dazugehört, wir es also wie Tiere auch einfach zu Aktivitäten des Körpers und Gehirns als „Begleiterscheinung“ tragen. Vermutlich liegt es an uns selbst, uns eine Meinung/Überzeugung zu diesem Bewusstsein zu bilden, mit der wir leben können. Ich meine auf jeden Fall, dass verschiedene Anteile nicht mit dem Unterbewusstsein gleichzusetzen sind. Wir sind kein Plural des „Es“. Vielleicht müssen wir uns hier ein bisschen vom prinzipiellen Über-Ich, Ich und Es trennen. Zumindest neurowissenschaftlich werden Freuds Theorien sehr angefochten oder ein bisschen auf den Kopf gestellt. Es ist nach wie vor ein großes Forschungs- und Denkfeld, wie genau und durch was sich be- und unbewusste Prozesse neurophysiologisch unterscheiden bzw. wie sie verflochten sind. Bewusstes Denken, Lernen und Erinnern wird zwar teilweise schon gut verstanden, wie (daraus) subjektives Bewusstsein entsteht, jedoch kaum. (In anderen Texten und oben ist die umgangssprachlich akzeptierte Bedeutung von „Bewusstsein“ gemeint.7) Aber vielleicht können wir neuronale Netzwerke, wenn wir eigene Instanzen wurden, gar nicht ganz dem Unbewussten oder dem Bewussten zuschreiben, weil wir jeweils das Bewusstsein „übernehmen“, wenn wir nach vorne treten oder auch von hinten mitwirken. Denn ich glaube, dass wir alle, wenn wir agieren, nicht „nur“ reagieren, beides haben, auch wenn sich unser Bewusstsein, oder unsere Bewusstseinsbereiche, lange nicht mit denen von anderen Anteilen überschneiden, sie also für die anderen in deren Unbewusstsein liegen. Es ist gut möglich, dass Fachmenschen, die sich mit Dissoziation auseinandergesetzt haben, jetzt entschieden den Kopf schütteln, und wenn wir Bewusstsein als integrativen Prozess definieren, ist meine vorangegangene Aussage auch falsch. Dann ist es vermutlich nur ein Versuch, den Zeitverlusten ein bisschen das Gefühl von Kontrollverlust zu nehmen.

Wir sind aber auf keinen Fall zwangsläufig „bewusstlos“, wenn wir nicht im Körper sind. Manche stecken zwar teilweise fest in ihrer Erfahrung oder in ihrem Erfahrungsbereich und erleben alles immer und immer wieder, ohne „bewusst“ die Gegenwart zu erkennen, aber es kann auch Interaktion und Prozess stattfinden, während wir „innen“ sind. Ganz allgemein sind alle Menschen immer bewusst und unbewusst gleichzeitig, denn das sind keine getrennten oder gegeneinander laufende Prozesse, und falls eines von beiden mal weniger da ist oder ausfällt, ist es unser bewusstes Sein (weil ich glaube, dass es das gibt: ein gegenwärtiges, sinnlich bewusstes Erleben, auch wenn sich dieses Erleben immer nach Erfahrung richtet und Subjekt und Objekt nicht zu trennen sind. Ein bewusstes Sein, welches aber nicht an einem bestimmten Ort im Organismus zu lokalisieren ist, denn auch wenn das Gehirn notwendig dafür ist, ist es nicht allein dazu fähig, da der ganze Körper und meist auch dessen Beziehung zur Umwelt dafür eine Rolle spielt.). Denn egal wie viel wir uns auf unser großes, super-schlaues Denken (was es ja sein mag) einbilden – wirkliche Heldentaten tun Hirnareale und unser Körper, ohne dass wir willentlich mitwirken. Hätte unser Verstand so viel Einfluss auf unser Handeln wie unbewusst ablaufende Mechanismen und Prozesse, wären wir längst ausgestorben.

Was aus der Flut an Eindrücken aussortiert wird, wie wir es im ersten Moment deuten, was Aufmerksamkeit erregt, wie wir wahrnehmen, was eine bewusste Erinnerung wird und bleibt oder als irrelevant gewertet und somit gehemmt abgelegt wird, wie und wann wir auf Gefahr reagieren und fürs Überleben sorgen, all das geht automatisch vor sich. Dann scheint unser „bewusster Verstand“ die Führung und einen Überblick zu haben, aber was er zu führen bekommt und welchen Teil er überblicken kann, das wird unbewusst entschieden.

2 Ich beziehe mich hier primär auf Grundlegendes; Automatismen im evolutionären Sinne, die nicht willentlich beeinflussbar sind, aber unbewusst vom System für das System ablaufen. Hier konditioniert uns die Erfahrung an sich. Die resultierenden Eigenschaften und Strukturen sind nicht immer auf Anteile übertragbar, die durch gezielte Konditionierung entgegen den ursprünglichen Strategien des Organismus gelernt haben. Wobei es nicht leicht ist, den Ursprung zu erkennen, da auch Anteile, die durch die Erfahrung selbst konditioniert wurden, total entgegen den natürlichen Instinkten handeln können, weil die Extremerfahrung die biologische Notwendigkeit von bestimmten Reaktionen völlig verzerrt hat.

3 Introjektion: Unbewusstes Einbeziehen fremder Anschauungen, Motive o. Ä. in das eigene Ich.

4 Hierbei wird zwischen ToM und Empathie noch mal unterschieden, da das Verstehen nicht dem Mitfühlen gleicht. Allerdings wir in vielen Publikationen affektive ToM mit kognitiver Empathie gleichgesetzt, was dann das Verstehen von Emotionen beschreibt.

5 U. a. die Inselrinde – wo Schmerzverarbeitung stattfindet und Empfindungen verarbeitet werden und der temporo-parietale Übergang; hier schreibt Neurowissenschaftlerin Rebecca Saxe dem rechten mehr Bedeutung für die Interpretation des Verhaltens anderer zu (Richardson & Saxe 2019).

6 Gemeint sind: chemische Anhängsel, wobei die Methylierung, angehängte Methylreste, am besten untersucht ist und eine Hypomethylierung eines bestimmten Gens bei Angststörungen bedeutend sein soll, wobei dieses hypo, also „zu wenig“, von Methylierung evtl. durch Psychotherapie wieder in ein gesundes Methylierungsmuster gebracht werden kann (Ziegler et al. 2016), jedoch ist der molekulare Weg (noch) nicht klar und die Belege zu gering, um von breitgültigen Fakten sprechen zu können.

7 Bewusstsein als das, worauf Hirnleistungen aufbauen, also primäre Prozesse der Empfindung und deren Verarbeitung, zum Objekt kognitiver Prozesse werden und die Ergebnisse aus dieser Metaanalyse repräsentiert werden und wir uns also unserer Empfindungen, Wahrnehmungen, allgemein unserer Existenz wahr sind.

4 (K)eine Diagnose (nur für Titel-Interessierte)

Diagnosen sind Worte auf Papier.

Diagnosen sind dann gut und richtig und wichtig, wenn sie ihren Job erfüllen. Und den erfüllen sie in dem Kontext, in dem sie eine Begrifflichkeit sind, um Behandlungsindikationen anzuzeigen. Dafür sind sie da. Hier werden sie gebraucht (wenn sich auch außerhalb der Allgemeinmedizin wieder über die Bürokratisierung von menschlichem Leid gestritten werden könnte). Aber davon abgesehen werden sie eben oft ihrem Job entfremdet. Darum schreiben wir auch nicht ständig von uns mit dieser und jener Diagnose, sondern von uns als Mensch mit diesen und jenen Wahrnehmungen, Erfahrungen, Themen, Problematiken und Behinderungen. Diagnosen sollen ein Wegweiser sein, in welche Behandlungsrichtung es gehen sollte. Im psychiatrischen Bereich können sie als Einsicht dienen, um Dingen eine Erklärung zu geben, oder als Indikator für medikamentöse Einstellungen. Eine Diagnose ist für Betroffene wichtig, um Krankheitsbilder kennen und verstehen zu können, auch wenn eine Diagnose uns nicht uns selbst erklärt, aber manche Symptome eben. Ohne einen Begriff, um den es geht, ist Psychoedukation unmöglich, und diese kann von großer Bedeutung sein. Diagnosen geben „all dem“ einen Namen. Symptome können zugeordnet und durch Sprache greifbar werden. Zudem haben sie dann einen Grund und meist auch einen Sinn. Diagnosen können Sicherheit geben, weil alles eben nicht nur schrecklich und unkontrollierbar ist – was es schon noch ist –, aber eben nicht grundlos. Zudem können diese Titel zu Kontakt (direkten, schriftlichen oder über das Lesen von Texten Anderer) verhelfen, zu Menschen, die auch so betitelt wurden, was unglaublich wertvoll sein kann, wenn wir spüren, entgegen so manchen Glaubenssätzen, nicht mit allem ganz allein zu sein. Ich kann davon nur sehr begrenzt bzw. für einzelne Elemente im Bezug auf Bücher berichten, da außerhalb von Kliniken solche Dinge heutzutage primär online stattfinden, wir aber flimmernde Bildschirme nicht lange, bei hohem Schlafmangel gar nicht, ertragen können, ohne einen epileptischen Anfall zu provozieren. (Es besteht eine hohe visuelle Empfindlichkeit, sodass ich bspw. beim Abtippen von Texten, die immer auf Papier entstehen, den Bildschirm oft auch ausschalte oder nicht direkt darauf schaue.) Zudem bin ich irgendwie vor der Digitalisierung von Zwischenmenschlichkeit stehengeblieben, da ich auch heute noch immer eher und lieber einen Brief, als Textnachrichten per SMS verschicke. (Und ja, ich weiß, auch das ist schon wieder altmodisch.) Wir sind also nicht so viel im Austausch, wie es andere vielleicht über Foren oder Blogs sind, was manchmal schmerzt, aber weiß ich auch, dass diese Kontaktform nicht nur Entlastung bringt. So ist auch über einseitige Kommunikation von Menschen zumindest zu lesen, von denen ich das Gefühl habe, in Manchem verstanden zu werden, weil sie Dinge schreiben, die ich auch schon gedacht habe, unglaublich wertvoll, so traurig diese Momente auch sein mögen. Obwohl ich finde, dass Etiketten für Dosen und nicht für Menschen sind, können Diagnosen Halt geben, denn auch wenn wir mehr sind als solch ein Titel, ist es wichtig, damit anerkannt zu werden, weil wir eben auch das sind. Es ist, je nachdem, ein Teil von uns, oder sogar bedeutender eine Beschreibung von dem, wie unsere Informationsverarbeitung und Wahrnehmungsprozesse funktionieren, auch wenn sich das wandelt.

Doch kein Bericht, keine Diagnose und keine Akte kann vorhersagen, welche Erfahrungen, Schwierigkeiten und Talente ein Mensch letzten Endes mitbringt. Manchmal braucht es ein Loslassen von theoretischen Schablonen und festen „Heilungsplänen“, besonders wenn eine Fehldiagnose gestellt wird und trotz Antipsychotika noch Halluzinationen da sind. Eine ausführliche Diagnostik wäre auch eine Idee. Dies ist sicherlich nicht leicht, wenn eine Diagnose-Karriere vorliegt, die primär aussagt, dass sehr viel kaputt ist, und alle eine andere Meinung haben und auch Komorbidität besteht, aber es ist nicht unmöglich, wenn gründlich hinterfragt wird.

Laut der ISSTD, einer internationalen Gesellschaft für Traumaforschung und Dissoziation, verbringen Menschen mit einer Dissoziativen Identitätsstörung fünf bis zwölf Jahre in irgendeiner/verschiedener Behandlung, bis sie eine korrekte Diagnose erhalten. Das liegt auch an der „multiplen Symptomatik“, da Einzelsymptomatiken oder auch ausreichende Diagnosekriterien für eine zusätzliche Diagnose u. a. folgender Krankheitsbilder vorliegen können: Depressionen, Ängste, Somatisierungsstörungen, Essstörungen oder Sucht sind oft ein Teil. Dabei entsprechen ab einer gewissen Komplexität der dissoziativen Struktur aber nur einzelne Anteile zusätzlichen Krankheitsbildern, andere nicht, oder sie weisen eine andere Problematik auf. Da wir oft nur sehr wenig wissen und es auch an Aufklärung im Bereich der komplexen Dissoziativen Störungen mangelt, dauert es mitunter sehr lange, bis erkannt wird, was hier vorliegt. Es handelt sich nun mal um eine individuelle Überlebensstrategie, die u. a. von den Fähigkeiten/Voraussetzungen der Person, der Umweltkonstellation, den traumatischen Ereignissen, ihrer Schwere und Wiederholungen wie auch der Beziehung zu Täter_innen abhängig ist. Das erfordert differenziertes Hinschauen und es muss generell die Möglichkeit von Dissoziation überhaupt in Betracht gezogen werden. Ich kann auch nicht beurteilen, wie wir von außen aussehen/wirken/erscheinen und konnte es schon gar nicht zu Beginn unserer ersten psychiatrischen Kontakte. Sicherlich gibt es Überschneidungen in den Kriterien von traumaassoziierten Störungen, was zu unklaren oder schwer zu treffenden Differentialdiagnosen führen kann. So gibt es beispielsweise Menschen mit einer Borderline Diagnose, die auch eine dissoziative Symptomatik zeigen (bspw. Emotionen von der Bedeutung spalten), deren Anteile aber keinen – oder zumindest einen weniger festen – eigenen Selbstsinn haben. Auch liegen hier meist keine amnestischen Zeitlücken oder völlige Entfremdung vor. Jedoch können deutliche und scheinbar unkontrollierbare Wechsel zwischen Anteilen mit internalisiertem Hass oder auch Verteidigungswut und anderen mit verzweifelter Sehnsucht nach Zuneigung auftreten.

Dissoziative Störungen/Symptomatiken sind in den Diagnose-Werken kategorisiert und aufgeteilt, wobei in der DSM (Diagnostic ans Statistical Manual of Mental Disorders), für den englischsprachigen Raum, anders differenziert wird als in der ICD (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems). Jeder dissoziativen Störung im Bereich der Strukturellen Dissoziation liegen ein oder mehrere Traumata zugrunde. Die dissoziativen Störungen im Bereich der Tertiären Strukturellen Dissoziation werden in verschiedener klinischer Literatur als die komplexesten Formen einer Posttraumtischen Belastungsstörung, PTBS, beschrieben. Ich verstehe das prinzipiell, empfinde aber die PTSB als akute Symptomatik (von deren Hauptsymptomen auch nicht alle im System etwas spüren). Etwas, das akut sehr viel Leidensdruck und Beeinträchtigung verursacht. Und die DIS als etwas, das alle im System betrifft, auch wenn nicht alle es wissen oder als solches benennen können. Unsere Persönlichkeitsstruktur als etwas, das, auch wenn sich die Kommunikation verbessern soll und ein Zusammengehörigkeitsgefühl angestrebt wird, im Grunde bleibt/bleiben kann (weil Anteile nicht verschwinden, sondern sich bzw. ihre Strategien verändern und gleichermaßen unsere Zusammenarbeit, unser Zusammensein), worunter wir dann an sich ja auch nicht (mehr) leiden, nur an dem, was dadurch (noch) entsteht, bzw. an dem, woraus sich das entwickelte. Das, was künftig im ICD als Komplexe Posttraumatischen Belastungsstörung klassifiziert werden soll, beinhaltet verschiedene Formen von Dissoziationen oder Stufen der Strukturellen Dissoziation sowie Affektregulationsstörungen, negative Selbstwahrnehmung und Beziehungsstörungen. Nicht des Titels wegen ist es wichtig die Komplexität zu verstehen, sondern um Entstehungskontexte und Möglichkeiten der Zusammenarbeit erkennen zu können, also um Wege zu mehr Integration und weniger Leid gestaltbar zu machen.

Schizophrenie ist eine wohl nicht seltene Fehldiagnose, die Menschen mit dissoziativer (in dem Fall dann meist Identitäts-) Störung erhalten. Vermutlich ist die wörtliche Übersetzung von Schizophrenie, gespaltene Seele, ein Grund dafür, dass es weiterhin den Vergleich/die Verwechslung gibt. Zumindest in der Alltagssprache, wird „schizophren“ als Synonym für „gespalten“ oder „höchst ambivalent“ verwendet. Allerdings liegen grundlegend andere neurobiologische und psychologische Prozesse vor. Die Schizophrenie ist eine deutlich seltenere Krankheit als dissoziative Störungen, die keine Seltenheit sind, jedoch entspricht die Gewichtung der wissenschaftlichen Betrachtung offensichtlich anderen Interessen. „Sie finden [in PubMed, Suchmaschine für wissenschaftliche Studien] 264 Studien zur Dissoziativen Identitätsstörung und 90 251 über Schizophrenie. Wenn Sie jetzt noch die Anzahl der Studien mit bildgebenden Verfahren vergleichen zwischen DIS und Schizophrenie, dann zeigt sich dieselbe Schieflage innerhalb von Sekunden: 18 für DIS und 940 für Schizophrenie. Ist diese fehlende Betrachtung gerechtfertigt?“, fragt Traumaforscher, Therapeut und Autor Ellert R. S. Nijenhuis.

Nach Kurt Schneider kann eine Schizophrenie mit hoher Wahrscheinlichkeit durch Auftreten der Symptome ersten Ranges diagnostiziert werden, wenn andere Ursachen, wie körperliche Erkrankungen oder Drogeneinnahmen, ausgeschlossen sind. Diese Symptome treten jedoch anscheinend im Falle einer dissoziativen Identitätsstörung häufiger auf als bei Schizophreniekranken. Also sollte Dissoziation in diesen Fällen definitiv in Betracht gezogen werden. Zudem wirken bei uns Medikamente sehr unterschiedlich, je nach Erregungszustand, und machen Symptome nicht weg, wenn sie dissoziativer Natur sind. Sowohl bei Schizophrenie als auch DIS kommt es also z. B. zum Hören von Stimmen, Bedroht- und/oder Aufgefordertwerden, zu Wahrnehmungen, deren Auslöser nicht im Hier-und-Jetzt für Außenstehende erkennbar ist, zu Empfindungen, für die es keine direkte Ursache gibt, Gedankenabbrüche oder -eingebungen sowie (scheinbare) Willensbeeinflussung. Und schließlich und nicht unwichtig: Beide Krankheiten leiden unter Stigma und sind nicht heilbar mit Äußerungen wie: „Du weißt, es ist nicht echt“ oder „Es ist doch schon vorbei“, oder einfach durch die Zeit.

Falls eine ungeordnete, sprunghafte (auf Themen bezogen) Ausdrucksweise, gestörte, also nichtlineare, Gedankengänge oder unkontrollierte Bewegungen vorkommen, ist dies bei uns nicht psychotisch bedingt, sondern kann vereinzelt auftreten, weil wir dissoziieren. Es ist unmöglich – für mich zumindest nicht vorstellbar, vielleicht auch abhängig davon, wer geht und wer kommt, aber dann ggf. eben fast unmöglich –, einen Satz in oder nach einem Switch zu Ende zu führen, weil ein anderer Anteil das Bewusstsein übernimmt oder sich in das unsere einmischt. Manchmal fühlt es sich auch so an, als würden andere ihre Gedanken über meine „darüberschütten“ oder mir die ihren hinwerfen, mit denen ich dann etwas anfangen muss, auch wenn es nicht meine Gedanken sind. Es ist anstrengend, beim Thema zu bleiben, wenn sich verschiedene Stimmen einmischen, weil sie uns nicht zustimmen oder Gedanken darum wegbrechen. Ein unterbrochener Satz oder abrupter Themenwechsel ist manchmal einfach nicht zu vermeiden. Dissoziierte Persönlichkeitsanteile sind keine Halluzinationen, sondern wirklich Teile der Persönlichkeit, und alle zusammen ein Mensch. Innen-Stimmen z. B. sind „positive“ dissoziative Symptome. Positiv im Sinne von Addition, weil sich etwas, das abgespalten ist, hinzufügt. Viele davon sind nicht nur sich wiederholende Verfolgungs-Mantras. Zwar kann es sein, dass Anteile teilweise das wiederholen, was (uns) während einer traumatischen Situation gesagt oder gelehrt wurde, aber dann hat es dort seinen Ursprung und eine Bedeutung und ist kein Wahn. In jedem Fall sind wir viele, mehr als nur Stimmen. Wir existieren tatsächlich. Die meisten von uns können (wenn sie dürfen/in der Situation können) in Kontakt treten, Gespräche führen, wir alle fühlen, wenn auch sehr unterschiedlich, oder teilweise nicht, wir hoffen, verzweifeln und je nachdem, wie komplex bzw. autonom jemand ist, handeln und denken wir, wie es Menschen eben können oder nicht. Nur eben je nachdem in einem begrenzten oder eingeschränkten Bereich. Intrusionen sind welche dieser positiven dissoziativen Symptome, es sind Empfindungen oder Wahrnehmungen, für die es objektiv nicht unbedingt einen passenden äußeren Reiz als Auslöser gibt. Jedoch passt der Trigger immer, auch wenn das von außen nicht unbedingt als schlüssig zu erkennen ist, weil es um nicht integrierte Originale geht. Original bedeutet nicht objektiver, juristischer Fakt, sondern original das, was wir damals wahrgenommen haben. Sie sind also nicht psychotisch bedingt, sondern weil sich eine Amnesie auflöst bzw. einzelne Aspekte das Bewusstsein erlangen, als Gegenstück zur Dissoziation quasi. Unser Nervensystem reproduziert die Bilder, Geräusche, Gerüche, Geschmäcker, Empfindungen, die wir abgespalten haben. Sie sind also auch echte innere Wahrnehmungen, die durch triggernde Reize erneut ausgelöst werden. Falsche Überzeugungen, veränderte Wahrnehmungen von realen Sachverhalten oder verzerrte Weltanschauungen: „Illusionen“ sind im Falle einer dissoziativen Störung entweder auch Erinnerungen, die aktuell erscheinen, oder Lernerfahrungen bzw. introjizierte Meinungen der Täter_innen oder auch eine antrainierte Alarmbereitschaft, die aus gutem Grund entstand. Diese Weltbilder können psychotisch scheinen, da sie mitunter sehr extrem sind oder ihr Entstehen nicht verstanden wird, doch sind sie keine Einbildung, sondern Ansichten, die durch die Traumata geprägt und gefärbt sind. Welche allerdings noch irrealer scheinen, indem verschiedene Anteile polare Weltanschauungen oder Werte haben (können). Es kommt also zu massiven Unterschieden.

Ich weiß, meistens, dass wir nur diesen einen Körper haben und dieser objektiv ziemlich anders ist, als die meisten von uns ihn wahrnehmen. Ich wusste von Anfang an, dass die Stimmen im Kopf sind und nicht von außen kommen, weil es, auch wenn es sehr laut sein kann, anders klingt als Sprache, die von außen kommt. So sind die aktuellen Bedrohungen etwas, das innen lebt, auch wenn ich lange nicht wusste, wo es herkommt oder warum es da ist. Das Gefühl, von außen verfolgt zu werden, ist auch „nur“ eine Erinnerung bzw. aufgrund unseres feststeckenden Nervensystems so echt, und die Macht dieser ständigen Angst so vehement, weil sie aus Todesangst geboren wurde. Unser Kontextlernen ist gestört, da der Hippocampus durch den chronischen Stress kleiner ist und die Bedrohung nicht sortiert und orientiert hat. Wir wissen lange nicht, was sicher ist, weil es viel Training braucht, um die Unsicherheit verlernen zu können. Die Angst verlässt uns nicht, weil einzelne Reize nicht in ihre Umgebung integriert sind. Es ist also kein psychotischer Verfolgungswahn, sondern neurobiologische Veränderungen, die uns im Gefahren-Modus festhalten.

Aber genau deshalb, weil es in uns ist und immer wieder die Macht über den Organismus übernimmt, fühlen wir uns so machtlos. Ja, wir sind verfolgt vom Trauma, weil ständig hier und da etwas hochkommt und uns überschwemmt und umreist. Was wir zunächst dissoziieren, weil unser Gehirn weiter auf Gefahrenmodus steht und Dissoziation unsere vorrangige Bewältigungsstrategie ist. Die scheinbar aktuelle Bedrohung, die manche empfinden, bringt auch Hypervigilanz mit sich, was durchaus wie Verfolgungswahn scheinen kann, nur dass diese Alarmbereitschaft absolut total viel Sinn hat(te) und einen realen Ursprung.

Wir sind echt, gültig und entstanden, damit wir überleben. Wir bilden zusammen unsere Persönlichkeit (oder so etwas Ähnliches). Die Strukturen und Ebenen der Abspaltung sind unmöglich gleich zu erkennen, wie auch wie selbstständig Anteile sind und wie viele amnestisch, welche mit Co-Bewusstsein ausgestattet, welche nicht, weil wir voneinander dissoziiert und für andere unerreichbar sind und sich auch viele nach außen nicht direkt, wenn überhaupt, zeigen. Denn es gibt Anteile, die intern eine große Rolle spielen, viel aktiv sind und großen Einfluss auf das System haben, aber extern kaum oder gar nicht „erscheinen“. Die Entstehungsgründe sind bei bestimmten Anteilen ähnlich, auch gibt es z. B. kindliche Anteile oder Introjekte mit vergleichbaren Handlungsimpulsen (vergleichbar insofern, als dass in verschiedenen Menschen Anteile für bestimmte Aufgabenfelder oder mit ähnlichen traumatischen Erlebnissen auch Parallelen in ihrem Verhalten/Auftreten /Wünschen/Bedürfnissen zeigen). So geht es vielmehr darum, warum wer wie da ist, was wer wie warum für Aufgaben hat, welche Ressourcen nutzbar sind und was wer wie warum braucht bzw. warum wir wen wie abspalten mussten, als darum, das Auftreten zu begutachten oder sich nach dramatischen Switchs umzuschauen. Es ist ein Mythos, dass alle Menschen, die eine Multiple Persönlichkeit(störung) haben, offensichtlich und dramatisch ständig wechseln und sich in unterschiedlichsten Facetten zeigen und so auftreten oder sich Anteile nach einem Wechsel zu erkennen geben und sich je mit ihrem Namen vorstellen. Der fehlgeschlagene Titel einer „multiplen Persönlichkeit“ soll auch international künftig nicht mehr verwendet werden, sondern DIS. Denn weder, die offensichtlichen Symptome, an die Menschen bei einer multiplen Persönlichkeit denken, sind das worum es geht, noch bedeutet strukturell dissoziiert zu sein eine multiple Persönlichkeit zu haben. Wir haben nicht das, was integrations-typische Menschen sind, vervielfacht und in einen Körper gepackt. Wir sind viel eher dividiert, als multipliziert.

Welche Diagnose am Ende auch steht, das Empfinden und Erscheinen kann sehr ähnlich sein, auch wenn es einen anderen Titel trägt. Gleichzeitig können Menschen, die dieselbe Diagnose bekommen, sehr unterschiedlich empfinden. Es sind eben Worte auf Papier. Definitiv ist es aber keine Freak-Show. Die Wechsel und unsere Unterschiedlichkeit oder orientierungsloses Auftreten sind keine Unterhaltungsshow und es ist nicht (!) angebracht zu fragen, ob Wechsel gefilmt werden dürfen, weil es so „krank krass“ sei (wir mussten bitter enttäuschen). Ob als private oder professionell begleitende, unterstützende Person oder Betroffene – wer sich informieren will, soll das gerne tun, aber mit Vorsicht bzw. der Bereitschaft, bei Video-Medien zu hinterfragen. Filme und angeblich aufklärende You-Tube-Beiträge sind ein Grund dafür, dass es das Stigma gibt, bzw. dafür, dass es so weit verbreitet ist, weil es so „voll cool und aufregend“ sei, zu dissoziieren. Nein. Nein, ist es nicht. Ich kann und will mir nicht herausnehmen zu beurteilen, ob ein Video dies einfach als Entertainment übertrieben darstellt oder sich ein Mensch zeigen will, um aufzuklären. Das vermag und will ich nicht beurteilen. Zudem sind dies so überhaupt gar nicht meine Kanäle, um Einsichten oder Wissen zu erlangen, wodurch ich auch kaum Vergleichswerte habe und hier keine Bewertung setzen will. Sicher ist aber, dass etwas, das enormen, zerstörenden Leidensdruck verursacht und unseren Alltag bestimmt und alle Lebensbereiche einschränkt, kein Trend sein kann. Ganz besonders dann nicht, wenn wir die Entstehungsgründe betrachten. Allein die Vorstellung, dass Menschen das absichtlich übertrieben und oder verfälscht darstellen könnten, um mehr Klicks oder Likes zu bekommen, tut mir so weh, für alle, die darunter leiden müssen, weil damit großer Schaden anrichtet wird. Es mag sein, dass es gute, lehrreiche, ehrliche Videos dazu gibt, aber wer über Dissoziation aufklären will, und „Switching caught on camera“ postet, hat definitiv etwas falsch verstanden. Es ist kein Entertainment. Wer eine dissoziative Persönlichkeitsstruktur gebildet hat, hat etwas erlebt, was unmöglich zu ertragen war, was sie_er nicht aushalten konnte, weshalb ihre_seine Wahrnehmung von einem „Ich“ zerbrochen ist bzw. gar nicht entwickelt wurde, das „Selbst“ in Fragmente geteilt, damit sie_er es überstehen konnte. Es ist eine Überlebensstrategie, kein Spaß. War es nicht und ist es auch Jahre später im Alltag nicht geworden. Warum gibt es nicht „Depression caught on camera“? Ja klar, ist nicht so unterhaltsam. Wenn Menschen das sehen, halten sie es entweder für wahr oder sie sind dann überzeugt, dass es Dissoziation nicht wirklich gibt. Beides richtet Schaden an. Wenn sich eine Person bei dir sicher fühlt, mutiges Vertrauen zu dir hat und dir erzählt, eine dissoziative Störung zu haben, und du sagst oder denkst dann: „Oh, nein, hast du nicht. Das gibt es nicht in echt“, leugnest du nicht nur die Symptomatik. Dann leugnest du ihre gesamte Lebensrealität. Allen Schmerz, alles Leid, das sie zu ertragen hat lernen müssen, das ja lange abgespalten war oder (in Teilen) noch ist, alles wird dadurch kleingeredet. Es andererseits zwar als Realität anzunehmen, aber zu sagen, die Person sei völlig krank gestört, ist ebenso schmerzhaft. Wir werten uns selbst schon genug dafür ab. So oft verurteile ich mich für all die scheinbaren Unfähigkeiten, für die Lücken, das Nicht-Wissen, das Sich-aus-Fragen-mit-Halbaussagen-Winden. So oft bin ich davon überzeugt, die Kontrolllosigkeit, die Amnesien, die Schmerzen, die Unsicherheit und ständige Angst nicht mehr aushalten zu können. Dann zu hören oder die Gedanken zu spüren, krank und gestört zu sein, trifft zerstörend zielgenau in wunde Punkte. Es bestätigt die Selbstabwertung und hat auch den Beigeschmack von Schuldzuweisung, weil wir ja kaputt und gestört sind, weil das ja alles unsere Schuld ist, weil wir das Problem sind.

Persönlichkeitsanteile zu dissoziieren, ist grundlegend für Dissoziative Störungen, aber es geht nicht darum, wie deutlich unterscheidbar wir sind oder wie dramatisch die Switches aussehen. Es geht darum, das Prinzip der strukturellen Dissoziation zu verstehen, um sie als Überlebensstrategie anerkennen zu können. Für den Prozess der Integration ist nicht entscheidend, wie viele und wie drastisch unterschiedlich wir sind, sondern welche Bedürfnisse wir haben, warum wir entstanden, warum wir wie sind, warum wir was aus unserem Bewusstsein abspalten mussten bzw. warum wer dieses nie erreicht hat. Die Dissoziative Identitätsstörung (die der tertiären Dissoziation entspricht) ist bei nur sechs Prozent, derer, die sie diagnostiziert haben, andauernd offensichtlich ausgebildet. Also (können) 94 Prozent versteckt bleiben. Das ist keine Wertung. Nur entspricht das Leben in dissoziativen Selbst-Strukturen, das suggeriert wird, nur selten dem tatsächlichen, wenn solche scheinbare Multiplizität für Entertainment verwendet wird. Denn wie dramatisch die Switchs auch sein mögen, sind sie trotzdem nur die Spitze des Eisbergs, nur das, was Aufmerksamkeit erregt, wovon gedacht wird, es sei das Problem. Doch ist die Gewalt das Problem. Das Alleinsein im und nach dem wiederkehrenden Ausgeliefertsein ist das Problem, die Dissoziation ist die Überlebens-Lösung gewesen.

5 Dissoziation

Dissoziation ist in der Chemie der Zerfall einer chemischen Verbindung in frei bewegliche Ionen, elektrisch geladene Teilchen, da Elektronen abgegeben oder aufgenommen werden. Ein Stoff dissoziiert unter Energiezufuhr oder wegen der Wirkung von Wasser. So ähnlich ist das bei uns auch. Bei uns zerfällt aber die Integration des Selbst und unser Erleben bzw. dessen Verarbeitung im Gehirn, wobei tatsächlich auch Ionen beteiligt sind. Dies geschieht ebenfalls durch extreme Energiezufuhr, da bei Todesangst massive Kräfte entstehen. Und gleichermaßen wie verschiedene Stoffe leichter bzw. vollständiger dissoziieren, gibt es auch Menschen, die eine größere Fähigkeit/(epi)genetische Veranlagungen dazu haben. Und wenn wir diese Fähigkeit schon früh viel nutzen müssen, entwickelt sich unser Gehirn so, dass die Dissoziation eine unbewusst automatisch gewählte Art der Stressbewältigung wird, weil wir keine anderen Wege erlernt haben, mit bedrohlichen Situationen umzugehen. Leider ist das eine Systematik, die sehr schwer zu verändern ist, weil wir, solange wir immer mit Dissoziation reagieren, auch keine anderen Bewältigungsstrategien erlernen können.

Nun können wir die Welt abspalten, bestimmte Erfahrungen oder alle Erfahrungen in einem bestimmten Kontext abspalten oder einzelne Emotionen abspalten oder auch gespalten sein oder in so einen Spalt hineinrutschen – und all dies auf verschiedene Art und in unterschiedlicher Komplexität. So ist Dissoziation ein Überbegriff für verschiedene Phänomene und wird oft auch sehr weitläufig oder unklar definiert verwendet. Dissoziation ist zunächst einfach mal das Gegenteil von Assoziation. Es wird also nicht Bekanntes mit Unbekanntem verknüpft, sondern voneinander getrennt bzw. erst gar nicht einander angenähert.

Grundlegend ist Dissoziation, sowohl in der Chemie als auch (neuro)biologisch und psychologisch, ein Vorgang in einem Spektrum. Die Psychologie betreffend gibt es Modelle verschiedener Spektren, die je als Dissoziation bezeichnet werden, aber unterschiedlicher Natur sind. Allerdings kommen meist mehrere bei Traumatisierung vor, jedoch das der strukturellen Dissoziation ausschließlich als Folge von Traumata.

5.1 „Alltags-Dissoziation“

In Spektren gibt es immer zwei Extreme, die nicht unbedingt klar definiert sein müssen, und ganz viel zwischendrin, ohne dass es immer klar zu trennen ist. Es gibt verschiedenste Formen, deren verschiedenes Auftreten ich unten ausführe. An einem Ende des ersten Spektrums gibt es „normale“ bzw. „nicht pathologische“ Formen der Dissoziation, die in allen Menschen ablaufen. Doch auch in diesem Spektrum gibt es Bereiche, die wir als „krankhaft“ bezeichnen, am anderen Ende eben.

Nicht pathologisch sind z. B. intensive Tagträume oder andere Verluste der Aufmerksamkeit, während derer alles per „Autopilot“ abläuft und du danach nicht weißt, was und wie du konkret gehandelt hast. So auch das „Versinken im Moment“, beispielsweise im Spiel, wie es Kinder so gut können, und den Rest der Welt „vergessen“ bzw. abspalten. Von außen wirkst du zwar nicht verändert, du befindest dich nur in einem anderen Bewusstseinszustand: Du bist nicht bewusstlos oder hast auch nicht unbedingt die Augen geschlossen, als wärst du eingeschlafen. Vielleicht kennst du dies von Wegen, die du regelmäßig gehst oder fährst. Auf einmal bist du zu Hause und hast gar nicht wahrgenommen, dass du weitergegangen oder -gefahren bist, weil du in Gedanken versunken warst, wobei diese Gedanken nach dem „Aufwachen“ im Hier-und-Jetzt meist auch nicht mehr klar greifbar sind. Ein Kind, das sorglos im Spiel versunken war, fragt dann: „Waas? Ist es schon vorbei? Neeein. Ich habe doch gerade erst angefangen.“ – Genau so fühlt es sich an, weil die Zeit „zwischendrin“ quasi nicht zählt. Ähnlich ist es auch, wenn du beispielsweise eine monotone Aufgabe verrichten musst oder einer Vorlesung zuhörst, für die dir das Interesse oder die Konzentration oder auch beides fehlt. Es passiert, ohne dass du es bemerkst, dann erwachst du aus deiner Langeweile-Müdigkeits-Trance und wunderst dich, dass die Vorlesung schon vorbei ist. Oder du hast morgens in die Luft gestarrt, warst noch nicht ganz im Tag angekommen, und erschrickst heftig, wenn du die Uhr siehst, weil es plötzlich so spät geworden ist. – Genau wie die Kinder verlässt auch dich, als erwachsene Person, in solchen Zuständen das Zeitgefühl. Das ist eine gute Art, um zwischendurch abzuschalten, und auch, um sich auf Wesentliches konzentrieren zu können, also Unwichtiges zu dissoziieren, damit die Energie für das, was wir benötigen, genutzt wird. Ein entscheidender Unterschied zur Dissoziation als Reaktion auf ein Trauma ist hier, dass dabei der Parasympathikus kein Hypoaraousal, welches den Organismus auf den Tod vorbereitet, herstellen muss. Sondern, aus einem grundlegend bestehenden Sicherheitsgefühl heraus, das Erregungsniveau sehr niedrig ist. Du befindest dich hierbei eben nicht in einer Gefahrensituation, sondern eher gegenteilig in einem fokussierten, auf der Schwelle zum Unterbewusstsein, oder entspannten, meditativen oder auch „dösigen“ Zustand.

Auch das Gefühl, in einer unechten Welt zu leben, in Irrealität, dass alles, was wir empfinden, nicht stimmt, dass es uns in dieser Welt eigentlich gar nicht gibt, ist ein Abspalten des Hier-und-Jetzt, weil es nicht auszuhalten ist, da zu sein. Das ist die sogenannte Derealisation. Für mich war das eine Zeitlang, oder ist es in Überforderungssituationen immer noch, „normal“, während „echte“ und sehr intensive Empfindungen eher außergewöhnlich sind.

Was in der Theorie gerne vergessen wird, ist, das die praktischen Auswirkungen für uns mehr sind, als Nebel und Fremdgefühl. Für uns kommt es durch die empfundene Distanz und den nebligen Schwindel auch zu Fehlwahrnehmung, diesbezüglich in Form von Fehleinschätzungen. Wir wissen also nicht, wie schwer etwas ist, und heben es dann entweder mit zu viel Schwung an oder brauchen einen zweiten Versuch mit mehr Kraft. Ähnlich ist es mit Abständen, bspw. dem zwischen Bein und Tischkante, oder die Höhe von Treppenstufen, was zu einem Vor-sich-hin-Stolpern führen kann. Ich weiß, dass manche von uns eine Zeitlang nicht einschätzen konnten, wie hoch sie die Füße ziehen müssen, damit diese beim Laufen nicht über den Boden schlurfen. Das Schlurfen haben wir aber auch nicht mitbekommen, sodass ein Lehrer damals immer wieder raunte: „Jetzt heb doch mal deine Füße richtig an.“ – Was? Meine Füße? Das sind nicht meine. Das sieht nur so aus. Wenn wir also im Außen kaum etwas wahrnehmen, oder das wenige als surreal, oder auch im Tunnelblick auf etwas schauen, und es nichts mehr gibt, alles irgendwie ganz weit weg ist, dann ist das das andere Ende des Spektrums. Denn es ist vielleicht noch mit Humor zu nehmen, wenn eine Person aus Müdigkeit Löcher in die Luft starrt, ohne mitzubekommen, dass Witze über sie gemacht werden. Es kann aber „pathologisch“ werden, wenn dies mehrere Stunden am Tag und über längere Zeit der Fall ist oder, wie in unserem Fall, ein solcher Zustand nicht einfach so „aufgelöst“ werden kann. Wenn wir nicht mit: „Hey, guten Morgen“ rausgeholt werden können, aber auch nicht mit Eispackungen oder einfacher Ansprache, und am wenigsten von allein. Derealisation oder Depersonalisierung sind Phänomene, die neben den Traumafolgen in verschiedenen Krankheitsbildern (u. a. Angststörungen, Depressionen, Suchterkrankungen) auftreten und nicht zwangsläufig mit einem Trauma zu tun haben. Auch können sich dissoziative Symptome körperlich äußern bspw. in Bewegungsstörungen und Krampfanfällen, die von außen einem Grand mal gleichen. So ist zunächst nicht leicht zu unterscheiden, ob sie traumabedingter dissoziativer Natur sind oder nicht. Im Falle von dissoziierten Persönlichkeitsanteilen, also einer komplexen/ausgeprägten dissoziativen Störung, nicht „nur“ einzelnen dissoziativen Symptomen, leiden dann aber nur einzelne Anteile, wenn sie draußen sind, unter dieser Symptomatik, andere nicht.

5.2 Dissoziation im Trauma

Auch in einer traumatischen Situation ist Dissoziation eine normale Reaktion unseres Organismus, der tut, was er tun soll, um Unerträgliches zu ertragen. Die Aktivierung des Parasympathikus hat auch biologisch praktische Folgen, wenn bspw. bei einer Verletzung der Blutverlust reduziert wird, indem Blutdruck und Puls sinken. Es gibt verschiedene (Arbeits-)Modelle, um Strukturen und Komplexität von Dissoziation zu unterscheiden. Das wohl bekannteste ist das der Strukturellen Dissoziation auf Grundlage oder in Kombination mit der „Janetian psychology of action“: Das Abspalten von „action systems“, also Persönlichkeitsanteilen, in drei Stufen (primäre, sekundäre, tertiäre Dissoziation). Dieses Modell beschreibt quasi unsere Zerbröselung als Persönlichkeits-System, welche in Kap. 3 mehr beschrieben ist.

Zunächst zu den verschiedenen Möglichkeiten, Elemente zu trennen. Wenn wir uns an Dinge „erinnern“ (die Anführungszeichen, weil es für mich kein Erinnern ist, da mir die Inhalte ja zunächst neu sind, obwohl Flashbacks meist „Wiedererinnern“ genannt werden), kann es geschehen, dass wir zwar brutale Bilder sehen, wir aber keinerlei Gefühle dazu empfinden. Wenn also solche Bilder ins Bewusstsein kommen und es einfach noch keine Verbindung zwischen diesen Elementen gibt, ist die Emotion noch weiter/tiefer/stärker dissoziiert. Die Emotion wird von einem anderen Anteil getragen, der uns zunächst nicht oder eben nicht automatisch gleichzeitig zugänglich ist. Möglich, dass dieser Anteil nur Empfindung trägt und ein anderer die sachliche Erinnerung dazu, oder dass dieses Material einfach nur Schritt für Schritt integriert werden kann. Beobachtbares ist also vom Gefühlsleben getrennt, wodurch die Erinnerungen so fremd oder surreal sind. Ebenso können körperliche Schmerzen von Beobachtung abgespalten sein oder Gefühle von ihrer Bewertung.

Diese Abspaltungen finden nur statt, weil ein Erlebnis zu überwältigend ist, als dass wir ausreichende andere Bewältigungsmöglichkeiten hätten, um damit umzugehen. Eine Fragmentierung (siehe unten) ist, weil die erfolgreiche Integration ja blockiert ist, für das Überleben aber sehr sinnvoll. Wenn uns nämlich schon kleine Teile reichen, um Lebensgefahr zu erkennen, können wir umso schneller reagieren. Und wenn wir bei Wiederholungen einzelne Instanzen bilden, die jeweils für eine Alarmreaktion ausgebildet werden, können wir extrem schnell und effektiv handeln – was alles unbewusst passiert. Das Ausbilden von Mustern passiert immer und bei allen, auch auf anderen Ebenen wie der des komplexen Verhaltens. Auch scheinbar einfache Bewegungsabläufe, wie bspw. das Anheben und zum Mund führen von Besteck, sind ein hochkomplexer Prozess, der unglaublich viele Muskulaturzellen und noch mehr Synapsen beansprucht. Eine Anstrengung, die wir nur als Kleinkinder spüren (in der Zeit verbraucht unser Gehirn unglaubliche 60 Prozent des Energiehaushaltes, bei Erwachsenen sind es ca. 20 Prozent), da sich durch die Wiederholung Muster ausbilden, damit dies als Gesamtablauf und nicht in Einzelelementen vonstattengeht. Die Energieeffizienz und Automatisierung ist für die auf Überleben gerichtete Evolution sehr logisch und richtig (gewesen). Dadurch passieren solche Dinge, aber auch mit fehlender Achtsamkeit (es sei denn, wir richten diese gezielt und willentlich darauf zurück), denn die Repräsentation von automatisierten kognitiven Aufgaben findet in einem Areal statt, welches unterhalb der Großhirnrinde liegt. Somit ist der präfrontale Cortex entlastet und beschäftigt sich mit anderen Dingen.

Ein weiterer Grund dafür, dass Integration nicht nur nicht stattfinden kann, sondern auch in Zeiten der wiederkehrenden Gefahr nicht stattfinden soll, ist der, dass durch Integration narrative Erinnerungen entstehen, die sich mit der Zeit und unserer Entwicklung verändern. Wenn Reize, die Überlebens-Kettenreaktionen auslösen, sich aber durch Integration und Verblassung verzerren würden, wären sie für das Überleben nicht mehr nützlich. Darum müssen sie akut bleiben, darum können wir es nicht einfach glauben, wenn es heißt: „Es ist schon vorbei“, weil das ein aktiver Lernvorgang ist, den einzelne Instanzen/Anteile durchlaufen müssen. Dies braucht gewisse Voraussetzungen, denn wir lernen durch Erfahrung, und um diese möglich zu machen, braucht es unglaublich viel Mut, weil wir uns und unserem Leben eine Chance geben, Interesse, weil wir sonst ja nichts Neues erfahren können, und irgendeine Art von Anliegen im Leben, um all diese Kräfte, entgegen der evolutionären Energieersparnis-Impulse, aktivieren zu können.

Etwas zu lernen, bedeutet im Allgemeinen, dass unser Nervensystem Informationen aus einer Erfahrung speichert, die beim nächsten Mal unser Verhalten beeinflussen. Dank unserer Neuroplastizität können sich Synapsen an ihre Beanspruchung anpassen. Die Axone viel beanspruchter Verknüpfungen breiten ihre Endköpfchen aus und verbessern ihre Übertragungsstärke. Sie wachsen sozusagen und werden sensibler, damit Informationen einfacher/effizienter übertragen werden können. Des Weiteren lernen wir auch mit der/durch die weiße Substanz, durch welche das Gehirn quasi seine Nervenleitgeschwindigkeit an Lernerfahrung anpasst. Daraus schließt sich, dass Lerninhalte durch Wiederholung gefestigt werden und zudem die Synapsen sensibler werden, also schon bei kleineren Aktivierungen Informationen übertragen.

Die oben beschriebene Bewusstseinsverminderung, der Tunnelblick oder das Verlorengehen im eigenen Kopf, wenn alles zu viel und anstrengend ist, ist oft auch ein Teil von traumaassoziierter Dissoziation. Hier werden Wahrnehmungen allerdings gar nicht erst richtig aufgenommen bzw. so gespeichert, dass sie nie für den Verstand zu entziffern sein werden. Das macht Amnesien für diese Momente auf kognitiver Ebene unauflöslich, weil das Geschehen gar nicht tatsächlich wahrgenommen wurde. Es war wer da, der_die die Sinneswahrnehmung so eingeschränkt hat, dass gar nichts aufgenommen wurde, was hätte abgespalten werden müssen. Passiert ist es trotzdem und es ist auch da, die Empfindungen sind irgendwo im Körper, jedoch nicht beschreibbar. Ein grundlegender Unterschied zwischen diesen beiden Spektren ist also der Zustand unseres Nervensystems im Moment der Dissoziation: Handelt es sich primär um Energieersparnisse oder um eine ganz akute Überlebensstrategie.


5.3 Erinnerungen und Trigger

Laut Brauns BASK-Modell findet das Erleben von Menschen in nicht dissoziativem Zustand, außerhalb einer traumatischen Situation auf vier Dimensionen statt:

Behaviour (Verhalten): Wie verhält sich wer, und was passiert?

Affects (Affekt): Welche Erregung findet statt, wie ist mein seelischer Zustand?

Sensations (Körperempfindungen): Was sehe, höre, rieche, schmecke, fühle ich? Habe ich Gleichgewicht, vibriert etwas, was spüre ich, wie ist die Temperatur?

Knowledge (Wissen): Was denke ich über die Umweltkonstellation, mich und andere Personen?

(Es gibt Erweiterungen davon bzw. Modelle, welche genauer differenzieren, aber grundlegend geht es immer um diese Bereiche.)

Ein Mensch erinnert sich also an verschiedene Ebenen, wenn er_sie etwas erzählt, weil alle Hirnareale, in denen verschiedene Teile dieser Erinnerung abgespeichert sind, zusammenarbeiten bzw. verknüpft sind. Denn verschiedene Aspekte einer integrierten und dadurch zusammengehörigen, Erinnerung sind in verschiedenen Hirnarealen gespeichert. Eine Erinnerung liegt nicht als ein Bündel an einem Platz im Gedächtnis. Was aber kein Problem ist, solange der Hippocampus den Überblick bei der Sortierung behält. Das sogenannte „Seepferdchen“ (es lässt sich darüber streiten, wie sehr dieses eingerollte Stück Cortex einem Seepferdchen ähnelt) spielt nämlich das Ordnungsamt, wenn es um die Archivierung von Gedächtnisinhalten im Langzeitspeicher geht. Dann weißt du, dass es (dir) passiert ist, und kannst parallel abrufen, was passiert ist, in welchem Kontext, was du gedacht/gefühlt hast, vor allem kannst du selbst daran denken und Dinge gezielt abrufen. Das sind narrative Erinnerungen, die sich verändern und angepasst werden (können), was ohnehin immer mehr oder weniger bewusst passiert, je nachdem, wie es die geht, in welcher Lebensphase du daran denkst, mit wem du Erinnerungen teilst. Narrative Erinnerungen verändern sich mit uns, denn sie werden beim Abrufen rekonstruiert.

Das funktioniert bei dissoziierten Traumaerinnerungen nicht ganz so. Sie werden aktuell, jedes Mal, wenn sie getriggert werden und durch ihre Gegenwärtigkeit verändern sie sich nicht, solange sie nicht integriert sind. Traumatische Erinnerungen bilden durch die Fragmentierung kein Narrativ, sondern bleiben in einzelne Aspekte getrennt. Durch die fehlende Integration und die Hemmung des Hippocampus haben traumatische Erinnerungen keinen Erinnerungscharakter. Wir nehmen sie als akute Empfindung wahr. Tatsächlich reproduziert unser Nervensystem die Reize, wodurch die physischen Empfindungen echt sind. Das, was als Körpergedächtnis bezeichnet wird. Ausgelöst werden solche Intrusionen oder Flashbacks durch Trigger, welche konditionierte Reize darstellen. Jedoch unterscheidet unsere Großhirnrinde, wie in der Konsolidierung von Gedächtnisinhalten, nicht zwischen „echt“ und „reproduziert“. Das erklärt vielleicht auch, weshalb wir, wenn sich Anteile melden/Erinnerungsschnipsel auftauchen, wir nicht direkt in Sympathie zu ihnen stehen, auch wenn es alles für den Weg in Richtung Integration und mehr Halt ist. Auch weil es erst einmal noch weniger Kontrolle ist, weil wir uns der Kontrollverluste gewahr werden, was ein sehr verunsicherndes Chaos schafft, welches sich nicht anfühlt, als wären wir dabei, Selbstbestimmung für unser Leben zu erstreben. Keine Sympathie, weil sie uns schreckliche/eklige/verbotene Emotionen und Schmerzen „(wieder)bringen“, für die es zunächst keinen Grund oder Auslöser gibt. Das sind dann „positive“ dissoziative Symptome, weil etwas addiert wird. Diese Additionen sind die Intrusionen, die Zeichen, die sie uns schicken. Einzelne Aspekte, die Anteile durch die Mauer der Amnesie lassen und sie so ins Bewusstsein kommen. Es war also schon da, nur nicht zugänglich, Intrusionen sind nichts, was nur durch „Fehlmeldungen“ im Gehirn aus dem Nichts halluziniert wird.

Die vier Dimensionen sind also voneinander getrennt. Der Hippocampus war aufgrund der zu hohen Stressbelastung nicht mehr gefragt und Erinnerungen wurden nicht passend beschriftet. So sind Anteile, die in der traumatischen Situation aus Angst entstanden, oft im Moment bzw. Kontext erfroren. Sie sind voller Schmerz oder Gefühl, sind in dem Kontext steckengeblieben. Sie hängen in Dauerschleife dort fest und mit der Integration ist es unsere Aufgabe, sie davon zu entlasten, indem wir verstehen können, was wir all die Jahre nicht wussten. Die dissoziativen Amnesien sind ein Teil dessen, was uns andauernd Kontrolle nimmt. Jedenfalls denke ich oft, auf dem Weg zu erlebter Selbstwirksamkeit alles zu verlieren, weil ich jetzt die Zeitverluste bemerke, was ich früher nicht tat, und nie mit Sicherheit sagen kann, was wir getan haben oder was in den nächsten Minuten mit uns passieren wird. Ebenso verunsichernd ist der Verlust von dem, was ich dachte, es sei unsere Geschichte. Das Bemerken von all diesen Lücken, von den verzerrten Erinnerungen. Unsere Biografie ist ein Buch, in dem unzählige Seiten verändert, überklebt oder herausgerissen wurden, von deren Verlust wir jedoch nie wussten. Wir haben das Vergessen vergessen, damit der Schutz des Vergessens funktionieren kann. Wobei vergessen bedeutet, das Wissen mit einem anderen Anteil als Träger_in der Erinnerung abzuspalten, also ist „vergessen“ hier eigentlich nicht das richtige Wort. Um etwas zu vergessen, müssten wir es schon mal gewusst haben. Solange es kein Co-Bewusstsein und kein Mehr an Integration anderer Persönlichkeitsanteile gibt, liegen auch heute die Zeiten zwischen den Switches, wenn andere Anteile „draußen“ sind, hinter amnestischen Barrieren. So gänzlich vergessen, als dass es „nie passiert“ ist, können wir jedoch gar nicht, oder zumindest nur kognitiv. Dafür ist unser Körper viel zu schlau, denn auch all das, was unseren Kopf überlasten würde, bleibt in der Peripherie gespeichert. Wir lernen mit jeder Erfahrung, auch wenn unser Verstand das nie begreifen kann.

Wenn wir auch Stück für Stück mehr wissen, ist es lange keine wirkliche „Geschichte“, die wir erzählen können, da wir nur einzelne Aspekte, einzelne Teile von verschiedenen Ebenen kennen. Das, was zurückkommt, ist oft erst mal kein beschreibbares Bild, sondern einzelne Empfindungen oder kleine Teile eines Bildes, wie ein Blick in ein Kaleidoskop. Es dauert eine Ewigkeit, in der einzelne Fetzen in unser Bewusstsein gelangen und wir endlich so etwas wie klare Momente oder Zusammenhänge erkennen. Zudem ist alles nur selten absichtlich hervorzurufen, sondern kommt halt, wenn es getriggert wird, und Trigger fragen nicht, ob es gerade passt.

Wenn ich Dinge nicht weiß, mir Informationen fehlen oder ich mich frage, wie wir dies und das auf die Reihe bekommen haben, warum jenes (doch) geklappt hat, dann komme ich meist relativ schnell auf die Lösung, dass das am Viele-Sein liegt. Dissoziation kenne ich, wage ich sogar zu behaupten, einen Teil davon verstanden zu haben. Aber wenn ich jetzt plötzlich Dinge weiß, die ich eigentlich nicht wissen kann, wenn ich nicht weiß wohin, nicht wo wir sind, nicht wo oben und unten ist und mir plötzlich wer eine Karte hinhält und Orientierung gibt, die ich eigentlich nicht habe, dann ist das oft noch verunsichernd. Für mich. Ich weiß, dass es anderen anders geht. Denn die Lösung des Rätsels ist dieselbe. Jedoch ist das Bewusstsein dafür, dass wir sehr wohl zusammen funktionieren, dass wir, auch dann, wenn wir es nicht wissen, zusammen handeln, fühlen, denken, dass wir immer mitbeeinflusst werden, von den anderen, dass wir zusammen sind, nur zusammen existieren, sehr viel neuer und scheint undurchsichtiger und fragiler, als die bekannte, schwarze Fremde.

Trotz des vielem dichten Nebel, zeigen sich die gegenwärtig essentiellen Themen. Sie strecken ihre Pranken nach mir, zeigen sich in Schmerzen und anderen plötzlichen, „unerklärlichen“ Körperempfindungen, sie verfolgen mich mit kreischenden Albträumen, um mir Zeichen zu schicken. Erst pickst mich eine einzelne Krallenspitze, wenn ich diese kennenlerne und mich ihr zuwende, kann ich ihre Kratzer spüren. Nachts erwache ich aus panischem Schmerz und es zeigen sich ganze Risse. Dann bekommt sie mehr und mehr Kraft und auf einmal greift die ganze Kralle nach mir. Sie zerfetzt mich in der Luft, Wunden reißen auf, von denen ich nichts wusste, für deren Entstehung ich keinerlei Erklärung habe, weil ich mich an die Verletzungen nicht erinnere.

Trigger sind Zeichen für das, was sich hinter dissoziativen Barrieren befindet. Für Dinge, die jetzt dran sind, angeschaut und verarbeitet zu werden, Altlasten, die integriert werden wollen. Eigentlich zeigen sie nur eine Bedrohung an, sind Auslöse-Reize und wollen uns nicht quälen, indem sie uns zurück in den Schrecken des Dort-und-Dann katapultieren, noch bevor wir überhaupt einen rationalen Gedanken fassen können. Aber das ist nun mal ein Teil des Weges zu mehr Integration. Wenn wir welche kennenlernen, vermeiden wir sie zunächst meistens. Koste es, was es wolle. Wir halten das nicht aus, wir wollen nicht völlig verstört sein, Hauptsache unser Organismus wird nicht zum panischen Ekelpaket. Wir vermeiden sie lieber, weil sie uns in Zustände bringen, die wir uns nicht ausgesucht haben, die wir abscheulich finden, und wenn wir auf ihre Zeichen hören, nehmen sie uns am Ende noch alle Argumente zur Verleugnung. So sind viele Reize überfordernd, die andere gar nicht wahrnehmen, auch wenn bei uns (Außen)Wahrnehmung manchmal sehr eingeschränkt oder nur auf einen bestimmten Fokus gerichtet ist. Viele Reize sind für mich in ihrer Masse einfach „zu viel“, überlasten unser Nervensystem, aktivieren Überforderung und dann traumatische Ohnmacht, und dann ist es völlig vorbei. Und viele Reize, einzelne, die ganz subtil sein können, für Außenstehende kaum oder nicht wahrnehmbar, sind für uns Trigger, können Flashbacks, Wechsel, Panik auslösen.

Ich frage mich manchmal, wie wir eigentlich alles andere noch hinbekommen, wenn wir ständig und unaufhörlich vom Angst-Terror verfolgt und beeinträchtigt werden. (Damit es doch funktioniert, sind wir eben viele.) Aber niemand, wirklich niemand kann an unserem hochaktiven limbischen System etwas ändern, wenn wir es nicht versuchen. Es ist schrecklich, wenn jemand mitbekommt, dass wir getriggert wurden, weil wir uns schämen. Hier ist sie wieder. Die Scham. Weil wir so „übertrieben schreckhaft“ sind. Aber da ist nichts übertrieben, das ergibt alles viel Sinn, bleibt aktuell, weil es noch nicht bearbeitet und richtig einsortiert ist. „Sobald man sich in Gefahr befindet, reagiert man schon. Die Evolution denkt für dich“ (Joseph LeDoux).

Ja, danke Evolution. Kannst jetzt wieder aufhören. Die Amygdala, ist durch eine Nervenverbindung u. a. auch am motorischen System angeschlossen. Super, wenn wir bedroht werden. Blöd, weil die Evolution keinen Kalender dabei hat, um zu bemerken, dass die Angstreaktion ein bisschen spät kommt bzw. langsam Feierabend hat. Wir schämen uns, weil das doch kein Trigger sein kann. Weil wir uns nicht „zusammenreißen“ können, weil wir Anteile abstoßen und nicht haben wollen. Ich fasse mal kurz zusammen, was ein potentieller Trigger ist:

Alles.

Es gibt keinen lächerlichen Trigger. Ein Geruch, ein Wort, ein Geräusch, eine bestimmte Bewegung, die wir sehen, oder auch das Gefühl davon, bestimmte Berührungen, eine Umweltkonstellation, bestimmte Orte, Gegenstände, spezielle Klamotten, Farben – alles. Alles, weil die Dimensionen und Ebenen der Erinnerungen zerfetzt sind und es nur einen kleinen Teil geben muss, um auszulösen. Es geht nicht um den Auslöser, es geht um das, was ausgelöst wird. Unser Gehirn greift sich nur etwas, dass es greifen kann, da reicht ein kleiner Fetzen aus dem Puzzle, der aus dem Nebel ragt und mit dem Trauma assoziiert ist. Das, was schlimm ist, ist das, was von uns als Hier-und-Jetzt erlebt wird. An einer Pistole ist auch nicht der Auslöser, Englisch: Trigger, das Problem. Das ist nur ein Metall- oder Plastikstück. Das Schreckliche ist, was durch das Auslösen passiert.

Heutzutage steht oft irgendwo „Trigger-Warnung“. Ich bin dann immer ganz gespannt, was nun kommt, weil diese „Warnung“ suggeriert, dass gewusst wird, was triggert. Das finde ich schon mal interessant. Natürlich mag es „große Trigger-Situationen“ geben, die auch Außenstehende als solche identifizieren können, weil sie vermutlich sehr viele von uns triggern. Aber es ist und bleibt individuell. Natürlich gibt es Inhalte und Worte, die belasten können, aber ich unterscheide die allgemein verwendete Bedeutung von Triggern, die sich meist auf belastende Erinnerungen beziehen, von der des „echtes Zurückwerfens/Auslösens“.

Triggern bedeutet eben auslösen. Ausgelöst werden kann neben belastendem Material auch die körperliche Kettenreaktion bei Todesangst, daran gekoppelte Wechsel oder einzelne somatische Symptome. Es gibt oft zahlreiche Trigger, die wir (lange) gar nicht kennen können, da im Falle von chronischer Traumatisierung sich die Anzahl von verschiedenen Reizsituationen multipliziert. (Tageszeit, Ort, Klamotten/Geruch/Zustand der Täter_innen, weitere äußere und innere Faktoren und was sonst ein Trigger sein kann, siehe oben). Wenn schon eine gewisse Nuance in einem Geruch oder auch eine Form, die z. B. als Muster auf der Kleidung war, ein Trigger sein kann, ist offensichtlich, wie endlos viele es sein könnten, auch welche, die wir nie bewusst benennen werden können. Was diese „Warnungen“ meinen, sind meist Gewaltthemen, auch wenn Definitionen von Gewalt sehr unterschiedlich ausfallen. Es geht darum, dass Missbrauch besprochen oder Vernachlässigung diskutiert wird. Themen, die allgemein vermutlich schwer auszuhalten sind, die zudem oft als Tabu gelten, wodurch sich nichts an der Problematik oder der Belastung bessert. Diesen Warnungen ermöglichen die Entscheidung, ob wir weiterlesen oder -hören oder nicht. Das ist natürlich kein Fehler, denn belastende Erinnerungen können Scham und Machtlosigkeit hochholen und uns in einen Schmerz-Strudel ziehen. Zumindest, wenn die dissoziative Symptomatik nicht ganz so komplex ist. Denn dann ist der Bezug zu uns selbst und oder eine allgemein schmerzhafte emotionale Berührtheit meist dissoziiert. Es gibt immer welche, die auf eine solche Thematik relativ unberührt reagieren, abgesehen davon, was währenddessen innen passiert. Einerseits wenig erschüttert, weil diese Themen zu unserem Alltag gehören, in der Praxis hoffentlich gehörten. Doch sie sind eben Teil unserer Geschichte und durch die Folgen immer noch präsent. So ist vieles, was andere in ihrer Heile-Welt-Blase zutiefst schockiert, einfach unsere Lebensrealität. Andererseits „ist mir ja nie etwas passiert“ (nur irgendwelchen Anteilen, die mir fremd sind, deren Erfahrungen ich nicht teile und sie darum nichts mit mit zu tun haben) und uns durch diese Vermeidung/Unwissen der ganze Themenbereich emotional wenig angreift, weil Gefühle dazu von anderen getragen werden. Wenn schon was integriert ist, dann ist es trotzdem „nur“ eine belastende Erinnerung, unser Front-Denker-Hirn bleibt aktiv und wir können die Rationalität nutzen, um nicht dissoziieren zu müssen, und sind dann auch in einer Verfassung, in der wir wissen, dass wir unsere Emotionen überleben können. Allerdings gibt es eben einen Großteil an Triggern, die wir nicht kennen und die wirklich auslösen, auslösen im Bruchteil einer Sekunde. Sie schlagen einen und wirken ganz außerhalb unserer bewussten Wahrnehmung, wir können sie nicht benennen. Sie aktivieren die physiologische Kettenreaktion von fight-flight-freeze-submit, unser Sympathikus fährt hoch oder der primitive Vagus schaltet uns aus. Die entsprechend gebildeten neuronalen Netzwerke, also Anteile, werden aktiviert, auch wenn sie nicht gleich „nach vorne“ treten. Wir können nichts tun, außer es zu bemerken und danach unser Nervensystem wieder zu beruhigen bzw. wieder auf der Erde zu landen.

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Дата выхода на Литрес:
23 декабря 2023
Объем:
484 стр. 7 иллюстраций
ISBN:
9783969405482
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