Читать книгу: «Insel der verlorenen Erinnerung»

Yoko Ogawa
Insel
der verlorenen
Erinnerung
Roman
Aus dem Japanischen
von Sabine Mangold
Die Originalausgabe erschien 1994 unter dem Titel
»Hisoyaka na Kesshô« bei Kodansha in Tokio.
© Yoko Ogawa 1994
© Verlagsbuchhandlung Liebeskind 2020
Alle Rechte vorbehalten
Yoko Ogawa wird durch das Japan Foreign-Rights Centre vertreten
Umschlagmotiv: Taxi / Getty Images
Umschlaggestaltung: Tyler Comrie, New York
eISBN 978-3-95438-123-4
Inhalt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
1
Manchmal frage ich mich, was auf der Insel zuerst verschwand.
»Lange bevor du auf die Welt kamst, gab es so vieles hier: durchsichtige und angenehm duftende Dinge, flirrende, schimmernde, wundersame Dinge, von denen du keine Vorstellung hast.«
Als ich ein Kind war, erzählte meine Mutter mir diese Geschichten.
»Es ist wirklich ein Jammer, dass die Inselbewohner nicht imstande sind, all das im Gedächtnis zu bewahren. Aber so ist es hier nun mal, nach und nach geht alles verloren. Bald schon wirst du zum ersten Mal erleben, wie etwas für immer verschwindet.«
»Ist das nicht furchtbar?«, fragte ich ängstlich.
»Nein. Hab keine Angst! Es tut nicht weh und macht auch nicht traurig. Du wirst es kaum wahrnehmen. Eines Morgens wachst du auf, und dann ist es auch schon geschehen. Während du mit geschlossenen Augen lauschst, um die Morgenstimmung einzufangen, wirst du merken, etwas ist anders. Dann weißt du, dass etwas fehlt, dass etwas nicht mehr existiert.«
Meine Mutter redete nur darüber, wenn wir uns in ihrem Atelier aufhielten, das im Keller lag. Es war ein großer, staubiger Raum mit unebenem Boden. Die Nordseite lag in der Nähe des Flusses, man konnte das Rauschen des Wassers hören. Ich saß auf meinem kleinen Schemel, und sie erzählte mit leiser Stimme, während sie einen Stein glatt feilte oder ihren Meißel schliff. Meine Mutter war Bildhauerin.
»Wenn etwas verschwindet, herrscht auf der Insel ein ziemlicher Tumult. Alle Einwohner versammeln sich auf den Straßen und tauschen Erinnerungen aus über das, was verloren gegangen ist. Wehmütig trauert man den Dingen hinterher und spendet einander Trost. Wenn es sich um konkrete Gegenstände handelt, die abhandengekommen sind, lesen wir deren Überreste auf, um sie zu verbrennen, zu vergraben oder in den Fluss zu werfen. Nach ein paar Tagen hat sich die Aufregung schon wieder gelegt. Man geht zur Tagesordnung über, als wäre nichts geschehen. Hinterher weiß man nicht einmal mehr, was eigentlich verschwunden ist.«
Dann unterbrach sie ihre Arbeit und führte mich hinter die Treppe zu einer alten Kommode mit zierlichen Schubladen.
»Komm, such dir eine aus und schau hinein.«
Ich war jedes Mal unschlüssig und betrachtete eine Weile die rostigen Griffe.
Ich zögerte, weil ich wusste, dass sich in den Kästchen wundersame Dinge befanden. Es war das geheime Versteck meiner Mutter. Dort bewahrte sie Gegenstände auf, die von der Insel verschwunden waren.
Wenn ich dann endlich meine Wahl getroffen hatte und eine Schublade aufzog, legte sie lächelnd den Inhalt auf meine Handfläche, die ich ihr entgegenhielt.
»Dieses Stück Stoff heißt ›Band‹. Es verschwand, als ich selbst noch ein Kind war. Man konnte damit seine Haare zusammenbinden oder es zur Zierde an Kleidungsstücke nähen.«
»Das hier ist ein ›Glöckchen‹. Du kannst es hin- und herschwingen. Hör nur, wie schön sein Klang ist.«
»Oh, heute hast du dir eine besondere Schublade ausgesucht. Das ist ein ›Smaragd‹. Es ist das Kostbarste in meiner Sammlung, ein Andenken an meine Großmutter. Einst war es der wertvollste Stein auf der ganzen Insel. Aber leider haben alle vergessen, wie schön er ist.«
»Das hier ist zwar klein, war aber von großer Bedeutung. Wenn man jemandem etwas mitteilen wollte, schrieb man es auf ein Blatt Papier und klebte dann diese ›Briefmarke‹ auf den Umschlag. Damit konnte das Schriftstück überallhin geschickt werden. Aber das ist schon lange vorbei.«
Band, Glocke, Smaragd, Briefmarke … Die Worte aus dem Mund meiner Mutter ließen mich wohlig erschaudern, wie es sonst nur Mädchennamen aus fernen Ländern oder exotische Pflanzenarten vermochten. Wenn ich ihren Geschichten lauschte, stellte ich mir vor, wie all die Dinge auf unserer Insel einst ihren Platz hatten.
Das war gar nicht so einfach. Denn die Gegenstände blieben reglos auf meiner Handfläche liegen, ohne ein Lebenszeichen. Sie verharrten wie kleine Tiere, die Winterschlaf halten. Ich fühlte mich dann unsicher, so als müsste ich aus Knetmasse Wolken formen. Während ich vor den geheimnisvollen Schubladen stand, fühlte ich, dass ich meine volle Aufmerksamkeit auf jedes Wort richten musste, das meine Mutter aussprach.
Meine Lieblingsgeschichte war die über das »Parfum«. Es handelte sich dabei um eine klare Flüssigkeit in einem Glasflakon. Als meine Mutter mir zum ersten Mal einen solchen Flakon überreichte, hielt ich den Inhalt für Zuckerwasser und hätte fast daraus getrunken.
»Nein, das ist doch nicht zum Trinken!« Meine Mutter hielt mich lachend zurück.
»Davon darfst du nur ein Tröpfchen hinters Ohr tun.«
Sie tupfte behutsam eines auf die entsprechende Stelle.
»Aber wozu soll das gut sein?«, fragte ich erstaunt.
»Parfum ist zwar unsichtbar, aber trotzdem lässt es sich in solch einen Flakon sperren.«
Ich musterte neugierig den Inhalt.
»Wenn man Parfum aufträgt, dann duftet es. Damit kannst du jemanden verzaubern. Als ich jung war, haben alle Mädchen vor einem Rendezvous Parfum aufgetragen. Um einem Jungen, für den man schwärmte, zu gefallen, war die Wahl des Dufts genauso wichtig wie die passende Kleidung. Das hier ist das Parfum, das ich getragen habe, wenn ich mit deinem Vater verabredet war. Wir trafen uns meistens im Rosengarten, der am Fuße des Hügels im Süden der Stadt liegt, und ich hatte Mühe, einen Duft zu finden, der es mit den Blumen aufnehmen konnte. Wenn der Wind durch mein Haar strich, musterte ich ihn verstohlen von der Seite, weil ich wissen wollte, ob er mein Parfum wahrnahm.«
Meine Mutter war immer sehr aufgeregt, wenn sie davon erzählte.
»Damals kannte jeder solche duftenden Essenzen. Und alle fanden Gefallen daran. Aber jetzt sind sie fort. Nirgendwo wird mehr Parfum verkauft, und niemand verlangt mehr danach. Es verschwand im Herbst desselben Jahres, als dein Vater und ich heirateten. Alle versammelten sich daraufhin am Fluss, jeder brachte seinen Lieblingsduft mit. Die Flakons wurden geöffnet und der Inhalt ins Wasser geschüttet. Am Ende rochen einige mit wehmütigem Bedauern an ihren leeren Flakons, aber niemand konnte sich mehr an den Duft erinnern. Damit war Parfum bedeutungslos geworden. Es hatte sich im Wasser aufgelöst und spielte keine Rolle mehr. Noch einige Tage später raubte einem der Geruch am Fluss fast den Atem, und viele Fische starben. Aber das fiel niemandem mehr auf. Das Parfum war bereits aus den Herzen der Menschen verschwunden.«
Als sie zum Ende kam, blickte meine Mutter traurig vor sich hin. Dann nahm sie mich auf ihren Schoß und ließ mich an ihrem Hals riechen.
»Und?«, fragte sie.
Ich wusste nicht recht, was ich antworten sollte. Ein gewisser Duft schwebte in der Luft, jedoch nicht so wie getoastetes Brot oder der Chlorgeruch im Schwimmbad. Sosehr ich mich auch anstrengte, mir fiel nichts dazu ein.
Sie wartete, und als ich keine Antwort gab, stieß sie einen Seufzer aus.
»Es ist nicht schlimm. Für dich sind das eben nur ein paar Tropfen Flüssigkeit, daran ist nichts zu ändern. Man kann sich unmöglich an alle Dinge erinnern, die von unserer Insel verschwunden sind.«
Mit diesen Worten legte sie den Flakon wieder in die entsprechende Schublade.
Als die Wanduhr neun schlug, musste ich hoch auf mein Zimmer. Meine Mutter nahm Hammer und Meißel und machte sich wieder an die Arbeit.
Später, als sie mir einen Gutenachtkuss gab, wagte ich endlich die Frage zu stellen, die mir schon lange auf der Seele brannte.
»Sag, wieso erinnerst du dich an all die verschwundenen Dinge? Warum kannst du den Duft eines Parfums riechen, den alle anderen längst vergessen haben?«
Meine Mutter blickte durch mein Fenster hoch zum Mond, bevor sie sich den Staub von der Schürze strich.
»Es liegt wohl daran, dass ich ständig daran denke.«
Ihre Stimme klang belegt.
»Das verstehe ich nicht. Wie kommt es, dass du nie etwas vergessen hast? Erinnerst du dich immer an alles? Bis in alle Ewigkeit?«
Meine Mutter schlug die Augen nieder, als würde es sich um eine traurige Angelegenheit handeln. Ich gab ihr einen Kuss, um sie zu trösten.
2
Meine Mutter starb zuerst, dann mein Vater. Seitdem wohne ich allein in diesem Haus. Vor zwei Jahren erlag auch die Kinderfrau, die sich, seit ich klein war, um mich gekümmert hatte, einem Herzinfarkt.
Angeblich gibt es noch einige Cousins und Cousinen, die hinter den Bergen im Norden leben sollen, in einem abgelegenen Dorf nahe der Flussquelle, aber ich bin ihnen noch nie begegnet. Wegen der dornenreichen Vegetation in den Bergen, deren Gipfel ständig nebelverhangen sind, kommt es niemandem in den Sinn, sie zu überqueren. Außerdem existiert keine Landkarte – vermutlich waren sie schon vor langer Zeit verschwunden –, sodass niemand weiß, wie die Insel beschaffen ist oder was genau sich hinter den Bergen befindet.
Mein Vater war Ornithologe. Er forschte in einer Vogelwarte auf dem Hügel im Süden der Stadt. Jedes Jahr verbrachte er vier Monate dort, um Daten zu sammeln, Fotos zu machen und die Brut zu beaufsichtigen. Ich besuchte ihn so oft wie möglich, immer unter dem Vorwand, ihm sein Mittagessen bringen zu müssen. Seine jungen Kollegen waren sehr freundlich zu mir und verwöhnten mich mit Keksen und heißer Schokolade.
Ich durfte dann auf den Schoß meines Vaters klettern und durch sein Fernglas schauen. Die Schnabelform, die Färbung der Augenringe, die Art und Weise, wie die Vögel ihr Gefieder spreizten – ihm entging nicht das geringste Detail, wenn es um die Bestimmung der jeweiligen Vogelart ging.
Das Fernglas war eigentlich zu schwer für ein kleines Kind wie mich, und meine Arme wurden schnell müde. Dann half mir mein Vater, indem er sie mit einer Hand abstützte.
Wenn wir so Wange an Wange die Vögel beobachteten, war ich immer versucht, meinen Vater zu fragen, ob er wisse, was sich in den Schubladen der alten Kommode unten im Atelier befindet.
Aber sobald ich die Worte aussprechen wollte, hatte ich das Gesicht meiner Mutter vor Augen, wie sie durchs Fenster die Mondsichel betrachtete, und ich brachte es nicht übers Herz. Stattdessen begnügte ich mich damit, ihm auszurichten, er solle sein Mittagessen zu sich nehmen, solange es frisch sei.
Auf dem Rückweg begleitete er mich bis zum Bus. Immer wenn wir am Futterhaus der Vögel vorbeikamen, zerbröselte ich einen der Kekse.
»Wann kommst du wieder nach Hause?«, fragte ich.
»Samstagabend, wahrscheinlich …«, erwiderte er dann ausweichend. »Grüß deine Mutter von mir!«
Er winkte so heftig, dass beinahe die Utensilien aus seiner Brusttasche herausfielen – Rotstift, Textmarker, Lineal, Kompass und Pinzette.
Ich hielt es für eine glückliche Fügung, dass die Vögel erst nach dem Tod meines Vaters von der Insel verschwanden. Die meisten Bewohner finden schnell eine neue Arbeit, wenn Dinge verschwinden und sie dadurch arbeitslos werden, aber für meinen Vater wäre das unmöglich gewesen. Seine einzige Begabung bestand darin, Vögel zu bestimmen. Unser Nachbar von gegenüber, der von Beruf eigentlich Hutmacher ist, fertigt nun Regenschirme. Der Mann meiner Kinderfrau, ehemals Mechaniker auf der Fähre, arbeitet als Wachmann in einem Lagerhaus. Die ältere Schwester einer Mitschülerin war nicht mehr als Kosmetikerin tätig, sondern als Hebamme. Keiner von ihnen hatte je protestiert. Selbst wenn ihre neue Arbeit nicht so gut bezahlt wurde, trauerte niemand der Vergangenheit hinterher. Es wäre auch viel zu gefährlich gewesen, sich dagegen zu sträuben, denn dann würde vermutlich die Erinnerungspolizei auf sie aufmerksam werden.
Es fällt tatsächlich allen leicht, die Dinge um sich herum zu vergessen, mich eingeschlossen. So als könnte diese Insel gar nicht anders existieren, als auf einem weiten, leeren Meer dahinzutreiben.
Die Vögel verschwanden eines Morgens, ganz plötzlich, wie alles andere auch. Als ich im Bett die Augen aufschlug, spürte ich eine gewisse Spannung in der Luft. Es war ein untrügliches Zeichen dafür, dass etwas passiert war. In meine Wolldecke gehüllt, schaute ich mich aufmerksam im Zimmer um. Die Schminksachen auf der Frisierkommode, die auf dem Schreibtisch verstreuten Büroklammern, der Notizblock, die Spitzenvorhänge, das Regal mit den CDs … es hätte alles sein können. Man musste Geduld aufbringen und sich konzentrieren, um feststellen zu können, was genau verschwunden war.
Ich stand auf, zog mir eine Strickjacke über und ging hinaus in den Garten.
Die Leute aus der Nachbarschaft standen bereits draußen und inspizierten mit besorgten Mienen die Umgebung. Der Hund von nebenan knurrte leise.
Da entdeckte ich einen Vogel, der hoch am Himmel flog. Er war klein und rund und hatte ein braunes Gefieder mit weißem Bauch.
Just in dem Moment, als ich mich fragte, ob er nicht einer von den Vögeln war, die ich zusammen mit meinem Vater auf der Warte beobachtet hatte, merkte ich, dass alles, was mit ihnen zu tun hatte, in mir verblasste. Das Wort »Vogel«, meine Gefühle für diese Tiere, die Erinnerungen an sie – alles war weg.
»Diesmal sind es die Vögel«, sagte mein Nachbar, der ehemalige Hutmacher. »Meinetwegen gern! Auf die kann man verzichten. Sie fliegen sowieso bloß nutzlos in der Gegend rum.«
Er nieste und zog sich den Schal fester um den Hals. Dann fiel sein Blick auf mich. Ihm war wohl eingefallen, dass mein Vater Ornithologe gewesen war, denn sein Mund verzog sich zu einem verkniffenen Lächeln, bevor er hastig an seine Arbeit zurückkehrte. Jetzt, wo alle wussten, was gerade im Begriff war zu verschwinden, wirkten sie erleichtert. Ein jeder kümmerte sich wieder um seine Angelegenheiten. Nur ich blieb stehen und starrte weiterhin in den Himmel.
Nachdem der kleine braune Vogel einen großen Kreis gezogen hatte, flog er in Richtung Norden davon. Ich konnte nicht sagen, zu welcher Art er gehörte. Wäre ich damals nur aufmerksamer gewesen und hätte mir die Vogelnamen gemerkt, als ich gemeinsam mit meinem Vater durch das Fernglas geschaut hatte! Zumindest seinen Flügelschlag, den Klang seines Zwitscherns und die Farbe des Gefieders wollte ich mir einprägen, aber es war sinnlos. Der Vogel, der eigentlich mit der Erinnerung an meinen Vater verwoben sein sollte, weckte keine Gefühle mehr in mir. Er war bloß noch eine Kreatur, die sich durch das Auf und Ab seiner Flügel durch den Himmel bewegte.
Als ich am Nachmittag auf dem Markt einkaufen ging, traf ich Menschen, die Vogelkäfige mit sich trugen, in denen Sittiche, Javafinken und Kanarienvögel aufgeregt umherflatterten. Vermutlich spürten sie, was ihnen bevorstand. Ihre Besitzer waren verstummt und wirkten leicht benommen, als hätten sie sich noch nicht an die neue Situation gewöhnt.
Jeder versuchte auf seine Weise, sich von seinem Vogel zu verabschieden. Manche flüsterten ihren Namen, andere rieben die Wange an ihnen oder boten ihnen mit den Lippen Futter an. Nach dieser kleinen Zeremonie öffneten sie die Käfigtüren. Verwirrt flatterten die Vögel eine Weile um ihre Besitzer herum, doch bald waren sie nicht mehr zu sehen. Es schien, als hätte die Weite des Himmels sie aufgesogen.
Als alle Vögel davongeflogen waren, herrschte Totenstille, sogar der Luft stockte der Atem. Die Menschen nahmen ihre leeren Käfige und gingen nach Hause.
Damit war das Verschwinden der Vögel besiegelt.
Am nächsten Tag geschah etwas Unerwartetes. Ich saß beim Frühstück und hatte gerade den Fernseher eingeschaltet, als es an der Tür klingelte. Dem aggressiven Schellen nach ahnte ich bereits, dass sich etwas Unheilvolles anbahnte.
»Führen Sie uns zum Büro Ihres Vaters!«
Im Eingangsbereich stand ein Spezialkommando, insgesamt fünf Männer. Sie trugen grüne Uniformen, breite Pistolenhalfter, aus denen ihre Waffen herausragten, schwarze Stiefel und Lederhandschuhe. Die Beamten sahen alle gleich aus und waren nur über verschiedene Abzeichen am Kragen auseinanderzuhalten. Aber mir blieb sowieso keine Zeit, sie genau anzusehen.
»Führen Sie uns zum Büro Ihres Vaters!«, wiederholte ein zweiter Beamter, im gleichen Tonfall wie der erste. Er hatte drei Abzeichen – Raute, Bohne, Parallelogramm.
»Mein Vater ist seit fünf Jahren tot.«
Ich sprach ganz langsam und versuchte, Ruhe zu bewahren.
»Das wissen wir«, sagte ein weiterer Mann. Seine Abzeichen hatten die Form eines Keils, eines Sechsecks und eines Ts. Wie auf ein Signal hin drangen die Männer ins Haus. Das Trampeln von fünf Paar Stiefeln und das Klirren der Waffen hallten den Flur entlang.
»Ich habe gerade erst den Teppich gereinigt. Ziehen Sie doch bitte Ihre Stiefel aus!«
Ich wusste selbst, dass ich energischer hätte reagieren sollen, aber mir fielen nur diese törichten Worte ein. Es war auch nicht von Bedeutung, denn sie stürmten bereits die Treppe hinauf, ohne mich weiter zu beachten.
Sie schienen die Anordnung der Zimmer im Haus genau zu kennen. Zielstrebig gingen sie ins Arbeitszimmer meines Vaters, wo sie sich sogleich mit einer bemerkenswerten Routine an die Arbeit machten.
Zunächst riss einer von ihnen sämtliche Fenster auf, die seit dem Tod meines Vaters nicht mehr geöffnet worden waren. Ein anderer benutzte ein längliches, skalpellartiges Werkzeug, um die Schubladen des Sekretärs und des Schreibtischs aufzubrechen, während die übrigen Beamten die Wände nach Geheimfächern abtasteten. Danach durchwühlten sie gemeinsam die Papiere meines Vaters: Dokumente, Notizen, Fotoalben und Briefe. Sobald sie auf etwas Verdächtiges stießen – wozu lediglich das Wort »Vogel« vorkommen musste –, warfen sie das Schriftstück achtlos auf den Boden. Ich lehnte am Türrahmen und fingerte nervös am Knauf herum, während ich ihrem Treiben zuschaute.
Ich hatte bereits davon gehört, wie gut ausgebildet sie waren. Ihren Einsatz erledigten sie gründlich und mit großer Effizienz. Sie arbeiteten schweigend und fokussiert, es gab keine überflüssige Geste. Allein das Rascheln der Papiere erinnerte an Vogelflattern.
Auf dem Fußboden türmte sich im Nu ein großer Papierberg. Es gab praktisch nichts in diesem Raum, was nicht mit Vögeln zu tun hatte. Fotos, die mein Vater während der Tage und Nächte im Observatorium aufgenommen hatte, Schriftstücke mit seiner vertrauten, leicht nach rechts geneigten Handschrift, alles flog wild durch die Gegend.
Sie richteten ein riesiges Chaos an, gingen dabei aber so präzise vor, dass es den Eindruck einer sorgfältig geplanten Aktion erweckte. Ich wollte sie daran hindern, aber mein Herz klopfte so heftig, dass ich nicht wusste, was ich tun sollte.
»Bitte geben Sie acht!«
Mein zaghafter Versuch zeigte keinerlei Wirkung.
»Das sind die einzigen Andenken an meinen Vater.«
Die Männer ignorierten mich. Meine Stimme wurde von dem riesigen Haufen aus Erinnerungsstücken förmlich verschluckt.
Dann zog einer von ihnen die unterste Schublade des Schreibtischs auf.
»Da ist nichts drin, was mit Vögeln zu tun hat.« Ich versuchte noch, ihn daran zu hindern.
Ich wusste, dass mein Vater dort Familienfotos und Briefe aufbewahrt hatte. Der Beamte mit den Abzeichen Doppelkreis, Rechteck und Tropfenform ließ sich nicht davon abhalten, auch diese Schublade zu durchwühlen. Lediglich ein Foto wurde aussortiert: eine Aufnahme, die meine Eltern und mich mit einem seltenen, bunt schillernden Vogel zeigte, der im Institut geschlüpft war und an dessen Namen ich mich schon nicht mehr erinnern konnte. Der Beamte stapelte die restlichen Fotos und Briefe ordentlich auf dem Tisch und verstaute sie dann wieder in der Schublade. Dies war die einzige respektvolle Geste des Säuberungskommandos an jenem Tag.
Als sie mit dem Aussortieren fertig waren, zogen sie große schwarze Plastikbeutel aus ihren Jackentaschen, um alles vom Boden aufzusammeln. Dabei gingen sie so rücksichtslos vor, dass mir klar wurde, alles würde vernichtet werden. Sie suchten nichts Bestimmtes, sondern beseitigten lediglich alle Spuren, die auf Vögel hindeuteten. Die Erinnerungspolizei hatte zu gewährleisten, dass ein Verschwinden endgültig und allumfassend war.
Ich dachte, dass diese Aktion weitaus einfacher durchzuführen war als jene, bei der ein Spezialkommando meine Mutter verschleppt hatte. Da die Männer nun alles, was ihnen verdächtig vorgekommen war, in die Plastiksäcke gestopft hatten, würden sie wohl nicht wiederkommen. Durch den Tod meines Vaters wäre die im Haus schwebende Erinnerung an die Vögel ohnehin nach und nach verblasst.
Die ganze Aktion hatte nur eine Stunde gedauert und zehn volle Plastiksäcke ergeben. Die Morgensonne schien ins Büro und hatte den Raum merklich aufgeheizt. Am Kragen der Männer funkelten die blank polierten Abzeichen, aber kein Einziger von ihnen geriet außer Atem oder vergoss einen Tropfen Schweiß.
Jeder warf sich mühelos zwei Säcke über die Schulter und brachte sie zu einem Lastwagen, den sie draußen vor dem Haus geparkt hatten.
Nach nur einer Stunde hatte sich das Zimmer völlig verändert. Die Spuren meines Vaters, die ich so sorgsam zu bewahren versucht hatte, waren wie ausgelöscht. Stattdessen herrschte eine Leere, die nicht mehr auszufüllen war. Und inmitten dieser Leere stand ich. Sie war wie ein tiefer Abgrund, der mich zu verschlingen drohte.
3
Meinen Lebensunterhalt verdiene ich mit Schreiben. Bisher habe ich drei Bücher veröffentlicht. Mein erster Roman handelt von einem Klavierstimmer, der durch Musikalienhandlungen und Konzertsäle irrt, um nach seiner verschwundenen Geliebten, einer Pianistin, zu suchen, wobei er sich allein auf die von ihr gespielten Töne verlässt, die noch in seinen Ohren klingen. Das zweite Buch dreht sich um eine Ballerina, die bei einem Verkehrsunfall ein Bein verliert und dann gemeinsam mit einem Botaniker in einem Treibhaus lebt. Die Protagonistin meines dritten Romans pflegt ihren jüngeren Bruder, der an einer seltenen Krankheit leidet und bei dem sich nach und nach alle Körperzellen auflösen.
Es sind alles Geschichten, in denen etwas verschwindet. So etwas mögen die Leute.
Auf unserer Insel ist die Schriftstellerei eine Tätigkeit, die nicht besonders hoch angesehen ist. Man kann nicht behaupten, dass es hier von Büchern nur so wimmelt. Die Bibliothek neben dem Rosengarten ist eine schäbige Holzbaracke, wo es allenfalls eine Handvoll Besucher gibt. Die vermoderten Bücher kauern in den Regalen, aus lauter Angst, sich in Staub aufzulösen, sobald jemand sie aufschlägt, geschweige denn liest. Die alten Bände werden nicht restauriert, sondern irgendwann entsorgt. Deshalb wird der Bestand in dieser Bibliothek auch niemals wachsen. Aber keiner beklagt sich darüber.
Mit der Buchhandlung ist es das Gleiche. Im Einkaufsviertel gibt es keinen Laden, der so gespenstisch leer ist. Mit fahlem Teint hockt der Buchhändler mürrisch hinter Stapeln von unverkauften Büchern mit vergilbten Schutzumschlägen.
Hier leben nur wenige Menschen, die Romane lesen wollen. Meistens arbeite ich von vierzehn Uhr bis Mitternacht an meinem Manuskript. In dieser Zeit schaffe ich etwa fünf Seiten. Ich genieße es, die Kästchen auf dem Papier sorgfältig mit Zeichen auszufüllen. Es gibt schließlich keinen Grund zur Eile. Ich lasse mir sehr viel Zeit, das passende Schriftzeichen für das jeweilige Kästchen zu finden.
Mein Arbeitsplatz ist das ehemalige Büro meines Vaters. Anders als zu seiner Zeit ist heute alles viel ordentlicher. Denn für meine Romane brauche ich weder Notizen noch irgendwelche Nachschlagewerke. Auf dem Schreibtisch liegen nur ein Stapel Papier, ein Bleistift, eine Klinge zum Anspitzen sowie ein Radiergummi. Aber sosehr ich mich auch anstrenge, es gelingt mir nicht, die Leere zu füllen, die die Erinnerungspolizei hinterlassen hat.
Gegen Abend mache ich einen einstündigen Spaziergang. Dabei laufe ich an der Küste entlang zum Fähranleger, während ich auf dem Rückweg den Pfad über den Hügel nehme, der an der Vogelwarte vorbeiführt.
Die Fähre, die bereits seit langer Zeit vertäut im Hafen liegt, ist völlig verrostet. Niemand besteigt sie mehr, um irgendwo hinzufahren. Auch sie gehört zu den Dingen, die von der Insel verschwunden sind.
Eigentlich sollte der Schiffsname auf dem Bug zu erkennen sein, aber durch die Salzluft ist die Farbe abgeblättert und der Schriftzug nicht mehr lesbar. Die Bullaugen sind blind, der Rumpf, die Ankerkette und die Schiffsschraube von Muscheln und Algen überzogen. Das Schiff sieht aus wie der Kadaver eines riesigen Seeungeheuers, das langsam versteinert.
Der Mann meiner Kinderfrau hat früher als Mechaniker hier gearbeitet. Als der Fährbetrieb eingestellt wurde, war er eine Zeit lang als Wachmann in einem Lagerhaus am Hafen beschäftigt, heute lebt er an Bord des Schiffs, allein und zurückgezogen. Auf meinem täglichen Spaziergang schaue ich regelmäßig vorbei, um mit ihm zu plaudern.
»Wie geht es Ihnen?«, fragt der alte Mann und bietet mir einen Stuhl an. »Kommen Sie mit dem Schreiben voran?«
Auf der alten Fähre gibt es viele verschiedene Sitzgelegenheiten, sodass wir uns je nach Witterung und Laune auf einer Bank an Deck niederlassen oder es uns im Salon auf einem Sofa gemütlich machen.
»Nun ja, es braucht seine Zeit«, antworte ich dann.
»Passen Sie gut auf sich auf!«, sagt er jedes Mal. »Nicht jeder kann den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen und sich komplizierte Sachen ausdenken. Wenn Ihre Eltern noch am Leben wären, wären sie bestimmt sehr stolz.«
Er nickt, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen.
»Einen Roman zu schreiben ist keine großartige Angelegenheit. Ich denke, es ist viel schwieriger, einen Schiffsmotor zu zerlegen, einzelne Teile auszutauschen und ihn dann wieder zusammenzubauen.«
»Ach, woher! Da die Schiffe verschwunden sind, gibt es ja sowieso nichts mehr für mich zu tun.«
Für einen Moment herrscht Schweigen.
»Übrigens, heute habe ich ein paar erstklassige Pfirsiche bekommen. Ich werde sie für uns aufschneiden.«
Der Alte verschwindet in der Kombüse neben dem Maschinenraum. Die Pfirsichscheiben serviert er auf einem mit Eis gekühlten und mit Minzblättern dekorierten Teller. Dazu hat er eine Kanne schwarzen Tee gebrüht. Er ist nicht nur sehr geschickt im Umgang mit Maschinen, sondern auch mit Speisen und Pflanzen.
Er ist immer der Erste, dem ich ein gedrucktes Exemplar meiner Bücher überreiche. »Ah, sieh an, das ist also Ihr neuer Roman«, sagt er dann, wobei er das Wort »Roman« voller Ehrfurcht ausspricht. Sobald er das Buch in Händen hält, verbeugt er sich. Er behandelt es, als wäre es eine Reliquie.
»Vielen Dank, haben Sie vielen Dank.«
Seine Stimme klingt belegt, als wäre er den Tränen nah, was wiederum mich verlegen macht. Leider hat er nie eine Seite meiner Romane gelesen.
Einmal habe ich ihn gefragt, wie ihm meine Bücher gefallen. Er gab mir eine verblüffende Antwort.
»Ich kann es nicht sagen. Das wäre sehr unvernünftig. Wenn ich ein Buch lesen würde, wäre ja die Geschichte aus und vorbei. Was für eine Verschwendung! Ich verwahre das Buch lieber und halte es in Ehren.«
Dann legte er es auf den Altar, der sich in der Kapitänskajüte befand und der den Göttern des Meeres gewidmet war, und faltete die Hände zum Gebet.
Beim Essen unterhalten wir uns über alles Mögliche, oft schwelgen wir einfach nur in Erinnerungen. Wir sprechen über meinen Vater, meine Mutter, über seine Frau, die sich um mich gekümmert hatte, über die Vogelwarte, über die Skulpturen meiner Mutter, über die alten Tage, als man noch mit der Fähre zu anderen Orten fahren konnte … Aber unsere Erinnerungen daran verblassen von Tag zu Tag, denn wenn Dinge verschwinden, gehen auch unsere Gedanken daran verloren. Wir teilen uns die Pfirsiche und lassen sie uns auf der Zunge zergehen, so wie die alten Geschichten, die wir uns immer wieder erzählen.
Wenn die Abendsonne im Meer versinkt, gehe ich von Bord. Obwohl die Gangway nicht sehr steil ist, geleitet mich der alte Mann stets an Land. Er behandelt mich immer noch wie das kleine Mädchen, das ich einst war.
»Passen Sie gut auf sich auf und kommen Sie heil nach Hause!«
»Ja, bis morgen dann.«
Er schaut mir so lange nach, bis ich außer Sichtweite bin.
Nach meinem Besuch im Hafen klettere ich für gewöhnlich den Hügel hinauf zur Vogelwarte. Aber dort halte ich es nie lange aus. Beim Anblick des Meeres hole ich ein paar Mal tief Luft, dann steige ich wieder hinab. Auch hier haben die Erinnerungspolizisten ganze Arbeit geleistet und eine Ruine hinterlassen. Nichts erinnert mehr an die Vogelwarte, die wissenschaftlichen Mitarbeiter haben sich in alle Winde zerstreut.
Wenn ich vor dem Fenster stehe, aus dem ich zusammen mit meinem Vater durch das Fernrohr blickte, kommen auch heute noch Vögel angeflattert, aber sie führen mir vor Augen, dass sie für mich keine Bedeutung mehr haben.
Wenn ich unten angekommen bin und die Stadt durchquere, ist die Sonne bereits untergegangen. Abends wird es ruhig auf der Insel. Nach Dienstschluss verlassen die Menschen ihren Arbeitsplatz, die Kinder laufen nach Hause, Lieferwagen, die Waren zum Markt gebracht haben, rumpeln leer und mit knatterndem Motor vorbei. Und dann kehrt Stille ein. Als würde sich die ganze Insel darauf vorbereiten, dass morgen wieder etwas verschwindet.
So bricht die Nacht über uns herein.
4
Als ich am Mittwochnachmittag mein Manuskript in den Verlag brachte, begegnete ich unterwegs einem Spähtrupp. Es war das dritte Mal in diesem Monat.
Sie wurden zusehends rücksichtsloser und gewalttätiger. Seit fünfzehn Jahren schon trieben sie ihr Unwesen, denn so lange war es her, dass meine Mutter verschleppt wurde.
Damals gab es außer ihr noch andere unbeugsame Menschen, die ihre Erinnerungen an Verlorenes nicht aufgeben wollten. Einer nach dem anderen wurde von der Erinnerungspolizei aufgespürt und weggeschafft. Niemand wusste, wohin man sie brachte.
Ich war gerade aus dem Bus gestiegen und wartete auf das Signal zum Überqueren der Straße, als drei grüne Armeelastwagen sich der Kreuzung näherten. Die anderen Fahrzeuge verlangsamten ihr Tempo und fuhren an die Seite, um sie vorbeizulassen. Die Lastwagen hielten vor einem Gebäude, in dem sich eine Zahnarztpraxis befand, eine Versicherungsgesellschaft sowie ein Tanzstudio. Etwa zehn bewaffnete Männer sprangen heraus und stürmten ins Haus. Den Leuten auf der Straße stockte der Atem. Einige versteckten sich ängstlich in Seitenstraßen. Alle schienen inständig zu hoffen, dass das, was sich vor ihren Augen abspielte, möglichst bald vorbei sei, ohne dass sie selbst in die Sache hineingezogen wurden. Eine gespenstische Stille umgab die Lastwagen, die ganze Umgebung war wie erstarrt.
Ich selbst stand stocksteif hinter einem Laternenpfahl, den Umschlag mit dem Manuskript an die Brust gedrückt. Die Ampel sprang derweil von Grün auf Gelb, dann auf Rot und wieder auf Grün. Niemand überquerte den Fußgängerüberweg. Die Fahrgäste in der Straßenbahn blickten zu uns nach draußen. Der Umschlag an meiner Brust war mittlerweile ganz zerknittert.
Kurz darauf hörte man Schritte. Es waren energische, rhythmische Schritte von Armeestiefeln, begleitet von Schritten, die eher schleppend waren, zögerlich. Verschiedene Leute traten aus dem Gebäude, einer nach dem anderen. Zwei ältere Herren, eine etwa dreißigjährige Frau mit rotbraun gebleichtem Haar, ein mageres Mädchen von etwa zwölf Jahren. Obwohl die kalte Jahreszeit noch nicht angebrochen war, trugen sie mehrere Hemden und Blusen unter ihren Mänteln und hatten mehrere Tücher um den Hals geschlungen. Außerdem hatten sie prall gefüllte Reisetaschen und Koffer bei sich. Anscheinend wollten sie so viele nützliche Sachen wie möglich mitnehmen. Ihr Anblick – die hastig übergeworfenen Kleidungsstücke, die schlecht geschlossenen Taschen, aus denen der Inhalt herausquoll, die offenen Schnürsenkel –, alles deutete darauf hin, dass sie völlig unvorbereitet und auf die Schnelle hatten packen müssen. Mit der Waffe im Rücken wurden sie aus dem Haus getrieben. Dennoch wirkten die vier keineswegs verzweifelt. Ruhig schweifte ihr Blick in die Ferne. Darin lagen Erinnerungen verborgen, von denen wir nichts wussten.
Wie üblich erledigten die Uniformierten mit den blitzenden Abzeichen am Revers ihre Arbeit, ohne auch nur eine Sekunde zu verschwenden. Vier Beamte schritten an uns vorbei. Der stechende Geruch von Desinfektionsmittel stieg mir in die Nase. Vielleicht hatte man jemanden aus der Zahnarztpraxis festgenommen.
Die Verhafteten wurden einer nach dem anderen auf die mit Planen verhängte Ladefläche des Lastwagens gestoßen. Die Waffen waren die ganze Zeit auf sie gerichtet. Als Letzte war das Mädchen dran, das seine orangefarbene, mit einem Teddybär bestickte Tasche auf die Ladefläche warf, um dann selbst hochzusteigen, aber der Tritt war offensichtlich für die Kleine zu hoch und sie rutschte ab.
Mir entfuhr ein Schrei, und der Umschlag fiel zu Boden. Manuskriptblätter flatterten über den Bürgersteig. Die anderen Passanten drehten sich ruckartig um und warfen mir missbilligende Blicke zu. Sie alle fürchteten, es könnte Ärger geben, wenn man die Aufmerksamkeit der Beamten auf sich zog.
Ein Junge, der in der Nähe stand, half mir beim Aufsammeln der Manuskriptblätter. Einige waren in Pfützen gelandet und durchnässt, ein paar zertrampelt, aber wir rafften sie hastig zusammen.
»Haben Sie alles?«, flüsterte der Junge mir ins Ohr.
Ich nickte und blickte ihn dankbar an.
Der durch mich verursachte Zwischenfall hatte keinerlei Auswirkungen auf das Vorgehen der Polizei. Keiner der Männer blickte in meine Richtung.
Einer der Beamten, der schon auf die Ladefläche geklettert war, reichte dem Mädchen die Hand und half ihm hinauf. Seine spitzen Knie, die unter dem Rock hervorschauten, wirkten noch ganz kindlich.
Man ließ die Planen herunter, der Motor wurde gestartet.
Es dauerte eine ganze Weile, bis die Zeit wieder ihren normalen Gang nahm. Als die Motorengeräusche verklungen und die Lastwagen außer Sicht waren, fuhr die Straßenbahn wieder an. Erst da war ich mir sicher, dass der Einsatz vorbei und ich unbeschadet davongekommen war. Die Passanten zerstreuten sich und gingen wieder ihren Geschäften nach. Der Junge überquerte den Fußgängerüberweg.
Beim Anblick der nun verschlossenen Tür des Gebäudes fragte ich mich, wie sich der Griff des Polizisten für das Mädchen angefühlt haben musste.
»Unterwegs habe ich eine schreckliche Szene erlebt«, erzählte ich meinem Lektor R in der Lobby des Verlags.
»Etwa die Erinnerungspolizei …?«
R zündete sich eine Zigarette an.
»Ja. Es ist wieder schlimmer geworden.«
»Daran wird man nichts ändern können.«
Er stieß langsam den Rauch aus.
»Aber heute sind sie anders vorgegangen als sonst. Gegen Mittag haben sie auf einen Schlag vier Personen aus einem Gebäude in der Innenstadt geführt. Bislang habe ich nur erlebt, dass in einem abgelegenen Wohnviertel ein einzelnes Familienmitglied verhaftet wurde.«
»Vielleicht hatten die vier sich dort in einem geheimen Unterschlupf versteckt.«
»Einem Unterschlupf?«
Kaum hatte ich das unbekannte Wort ausgesprochen, biss ich mir auf die Lippen. Es hieß, man solle in der Öffentlichkeit tunlichst vermeiden, über heikle Themen zu sprechen. Man müsse immer damit rechnen, dass in der Nähe ein Zivilbeamter lauert. Über die Erinnerungspolizei kursierten allerhand Gerüchte.
Doch in der Lobby herrschte kaum Betrieb. Außer drei Männern in Anzügen, die über einen Aktenstapel gebeugt miteinander diskutierten, saß bloß noch die Empfangsdame an der Rezeption und schaute gelangweilt drein.
»Ich schätze, sie haben einen Raum im Gebäude als Unterschlupf genutzt. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht, um sich zu verstecken. Angeblich soll ein großes, verdeckt operierendes Netzwerk existieren, das diese Leute unterstützt. Man nutzt Verbindungen, um ihnen eine sichere Unterkunft, Geld und Verpflegung bereitzustellen. Aber wenn die Polizei nun auch schon solche Verstecke ausfindig macht, dann gibt es keinen sicheren Zufluchtsort mehr.«
R schien noch etwas hinzufügen zu wollen, griff jedoch stattdessen nach seiner Kaffeetasse und ließ den Blick schweigend über den Innenhof schweifen.
Dort stand ein kleiner Brunnen aus Ziegelsteinen. Es war ein einfaches Modell, ohne spezielle Vorrichtungen. Seit wir schwiegen, konnte man durch die Glasscheibe hindurch leise das Wasser plätschern hören. Es war ein zarter Klang. So als spielte jemand in der Ferne auf einer Harfe.
»Ich habe mich schon immer gewundert«, sagte ich und schaute ihn von der Seite an, »wie gelingt es der Polizei, die Leute aufzuspüren? Ich meine diejenigen, die keine Auswirkungen spüren, wenn etwas verschwindet. Äußerlich unterscheiden sie sich doch kein bisschen von anderen Menschen. Es sind Männer und Frauen, aus allen Altersgruppen, aus unterschiedlichen Familien. Wenn sie also auf der Hut sind und sich unauffällig unter die Leute mischen, dürfte ihnen doch nichts anzumerken sein. Es kann doch nicht so schwer sein, so zu tun, als würde auch ihr Bewusstsein beeinträchtigt werden, wenn etwas verschwindet.«
»Ich glaube nicht …« R dachte einen Moment lang nach und fuhr dann fort: »Es ist nicht so einfach, wie Sie sich das vorstellen. Unser Bewusstsein ist schließlich in ein weitaus umfangreicheres Unbewusstes eingebettet. Deshalb ist es nicht leicht, etwas vorzutäuschen. Die Betroffenen können sich ja nicht ausmalen, wie sich das Verschwinden von Dingen auf ihr Gedächtnis auswirkt. Sonst würden sie wohl nicht untertauchen.«
»Das ist richtig.«
»Es ist zwar nur ein Gerücht, aber angeblich lässt sich durch das Entschlüsseln der Gene bestimmen, wer von Geburt an über einen besonderen Bewusstseinszustand verfügt. Sogenannte Gen-Ingenieure sollen heimlich in Universitätslaboren ausgebildet werden.«
»Das Entschlüsseln von Genen?«
»Genau. Rein äußerlich mag es bei Personen keine Identifikationsmerkmale geben, aber wenn man sie auf der genetischen Ebene analysiert, lassen sich Gemeinsamkeiten finden. Wenn man bedenkt, wie rücksichtslos die Erinnerungspolizei neuerdings vorgeht, müssen die Forschungen ziemlich fortgeschritten sein.«
»Aber wie kommen die an unser Genmaterial?«, fragte ich.
»Sie haben doch gerade aus der Tasse getrunken, nicht wahr?«
R drückte seine Zigarette aus und hielt mir meine Tasse dicht vor die Nase. Seine Finger waren so nah, dass ich sie hätte anhauchen können. Aber ich kniff die Lippen zusammen und nickte.
»Es ist so einfach. Man braucht nur eine Tasse, und schon kann man mithilfe einer Speichelanalyse Ihren Genabdruck ermitteln. Die Erinnerungspolizei ist überall. Sogar in der Teeküche hier im Verlag. Ehe man sichs versieht, haben sie die genetischen Profile aller Inselbewohner entschlüsselt und in Datenbanken gespeichert. Dabei lässt sich unmöglich abschätzen, wie viel sie bereits archiviert haben. Egal, wie sehr wir achtgeben, ständig hinterlassen wir irgendwelche Partikel von uns. Haare, Schweiß, Fingernägel, Tränen … all das kann getestet werden. Es lässt sich nicht verhindern.«
Er stellte seine halb volle Tasse vorsichtig auf die Untertasse zurück und warf einen Blick hinein.
Wir hatten nicht bemerkt, dass die Männer ihre Besprechung beendet und die Lobby verlassen hatten. Ihre drei Kaffeetassen standen noch auf dem Tisch. Die Empfangsdame räumte sie mit ausdrucksloser Miene ab.
Ich wartete, bis sie außer Sichtweite war.
»Aber warum verhaften sie diese Leute? Sie haben sich doch nichts zuschulden kommen lassen …«
»Anscheinend soll auf dieser Insel alles nach und nach verschwinden. Insofern ist das, was bestehen bleibt, unangemessen und irrational.«
»Glauben Sie, meine Mutter wurde umgebracht?«
Dieser Satz war mir unversehens herausgerutscht. Ich wusste, es war sinnlos, R danach zu fragen.
»Auf jeden Fall wird man sie verhört und medizinisch untersucht haben.«
R wählte seine Worte mit Bedacht.
Wir verstummten. Nur das Plätschern des Brunnens drang an meine Ohren. Zwischen uns lag unangetastet der zerknitterte Umschlag.
R nahm ihn und zog das Manuskript heraus.
»Es ist schon merkwürdig, dass wir auf einer Insel, wo früher oder später alles verschwinden soll, mit Worten etwas erschaffen können.«
Fast zärtlich strich er den Schmutz von den Blättern.
Es kam mir vor, als wären in diesem Moment unsere Gedanken eins. Jetzt, von Angesicht zu Angesicht, konnte ich die Angst spüren, die sich vor langer Zeit in unseren Herzen eingenistet hat. In den Tropfen des Springbrunnens brach sich das Licht und fiel auf seine Gesichtszüge.
Ich fragte mich, was wäre, wenn eines Tages die Wörter verschwinden würden. Aber nur im Stillen. Weil etwas wahr werden kann, sobald man es laut ausspricht.
5
Der Herbst ging schnell vorüber. Die Wellen brandeten kalt und unnachgiebig gegen die Küste, und von den Bergen her wehte ein schneidender Wind, der Winterwolken vor sich hertrieb.
Der alte Mann stattete mir einen Besuch ab, um mir bei den Wintervorbereitungen behilflich zu sein. Wir brachten die Heizung in Gang, dämmten Wasserrohre ab und rechten das Laub im Garten zusammen.
»Diesen Winter soll es nach zehn Jahren zum ersten Mal wieder schneien«, sagte der Alte, während er im Lagerraum, der auf den Hinterhof hinausging, an der Decke Zwiebeln aufhängte.
»Es schneit nämlich immer dann, wenn die Schalen der im Sommer geernteten Zwiebeln diesen schönen Bernsteinton haben und zart wie Schmetterlingsflügel sind.«
Er zog eine Schicht der Zwiebelhaut ab und zerrieb sie zwischen den Fingern, was angenehm knisterte.
»Es wäre erst das dritte Mal in meinem Leben. Das würde mich sehr freuen. Wie viele weiße Winter haben Sie schon erlebt?«
»Ich habe nie gezählt. Als ich mit der Fähre auf dem Nordmeer gefahren bin, hatte ich von dem endlosen Schneegestöber schnell die Nase voll. Aber das war lange, lange vor Ihrer Geburt«, erwiderte der Alte und machte sich wieder daran, die Zwiebelbunde aufzuhängen.
Als wir mit den Vorbereitungen fertig waren, machten wir im Ofen Feuer und aßen in der Küche Waffeln. Der frisch gereinigte Ofen zog nicht sogleich und bullerte laut vor sich hin. Draußen am Himmel hinterließ ein Flugzeug einen Kondensstreifen. Im Garten schlängelte sich aus der Asche des verbrannten Laubhaufens eine zarte Rauchsäule empor.
»Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Hilfe. Wenn der Winter naht, macht es mir immer ein wenig Angst, auf mich allein gestellt zu sein. Übrigens, ich habe Ihnen einen Pullover gestrickt. Probieren Sie doch mal, ob er passt.«
Nachdem ich meine Waffel verspeist hatte, holte ich den grauen Wollpullover, der ein aufwendiges Strickmuster hatte, hervor und überreichte ihn dem alten Mann. Geräuschvoll schluckte er seinen Tee hinunter und nahm das Geschenk andächtig entgegen.
»Ich freue mich, wenn ich helfen kann. Aber das ist nicht der Rede wert. So ein wertvolles Geschenk kann ich nicht annehmen …«
Er legte seine schäbige Weste ab und verstaute sie, zusammengeknüllt wie ein gebrauchtes Handtuch, in seiner Tasche, bevor er vorsichtig in die Ärmel des Pullovers schlüpfte, als wäre er ein zartes Gespinst, das gleich auseinanderreißen würde.
»Oh, er ist schön warm! Und so leicht, als könnte man damit durch die Luft schweben.«
Die Ärmel waren ein wenig zu lang geraten und der Halsausschnitt war zu eng, aber der alte Mann scherte sich nicht darum. Er aß eine zweite Waffel und war so angetan von dem neuen Pullover, dass er es gar nicht merkte, als ein bisschen von der Cremefüllung an seinem Kinn hängen blieb.
Nachdem er seine Utensilien – Zange, Schraubenzieher, Sandpapier, Ölkännchen – im Werkzeugkasten auf dem Gepäckträger seines Fahrrads verstaut hatte, radelte er zur Fähre zurück.
Am nächsten Tag kam der erwartete Wintereinbruch. Ohne Mantel konnte man nicht mehr nach draußen gehen. In dem kleinen Fluss hinter dem Haus trieben Eisstücke, und auf dem Markt gab es viel weniger Auswahl an Gemüse.
Ich blieb zu Hause und arbeitete an meinem vierten Roman. Die Hauptfigur war diesmal eine Stenotypistin, die ihre Stimme verloren hatte. Zusammen mit ihrem Geliebten, einem Dozenten an einer Schreibmaschinenschule, setzt sie alles daran, sie wiederzuerlangen. Sie holt sich Rat bei einem Logopäden. Der Geliebte massiert ihr die Kehle, wärmt ihre Zunge mit seinen Lippen und spielt ihr Lieder vor, die sie beide vor langer Zeit aufgenommen haben. Aber ihre Stimme kehrt nicht zurück. Sie teilt ihre Gefühle mit ihm, indem sie Texte auf der Schreibmaschine tippt. Das mechanische Klacken der Tasten schwingt zwischen den beiden, als wäre es Musik …
Ich wusste noch nicht, wie die Geschichte weitergehen sollte. Bisher verlief alles unkompliziert und friedlich, aber die Geschichte konnte genauso gut eine bedrohliche Wendung nehmen.
Nach Mitternacht, als ich immer noch an meinem Roman arbeitete, hörte ich ein Geräusch. Es war, als klopfte jemand gegen eine Glasscheibe. Ich hielt inne und horchte genau hin, aber draußen rauschte nur der Wind. Nachdem ich eine weitere Zeile geschrieben hatte, klopfte es abermals. Klack, klack, klack … Es war ein regelmäßiges, aber zögerliches Klopfen.
Ich zog den Vorhang auf und schaute nach draußen. Die umliegenden Häuser waren allesamt dunkel, die Straße menschenleer. Ich schloss die Augen und horchte aufmerksam hin, um herauszufinden, woher das Klopfen kam, bis mir klar wurde, dass es aus dem Keller nach oben drang.
Nach dem Tod meiner Mutter war ich nur selten in ihrem Atelier gewesen. Die Tür war stets verschlossen. Weil ich den Schlüssel fast nie brauchte, dauerte es eine Weile, bis ich ihn fand. Es schepperte mächtig, als ich in einer Schublade nach der Metalldose mit dem Schlüsselbund kramte. Ich wusste, es wäre besser gewesen, ruhig und behutsam vorzugehen, aber das gleichmäßige Klopfen war so beharrlich, dass es mich zur Eile trieb.
Schließlich öffnete ich die Kellertür und stieg die Treppe hinab. Als ich die Taschenlampe anknipste, sah ich durch die Glastür, die zum Waschplatz am Flussufer führte, menschliche Gestalten.
Der Waschplatz diente seit dem Tod meiner Großmutter nicht mehr zum Wäschewaschen, hatte seinen Namen jedoch beibehalten. Meine Mutter hatte dort manchmal ihre Werkzeuge gereinigt, aber das war nun auch schon fünfzehn Jahre her. Die in die Uferböschung eingelassene und mit Ziegelsteinen befestigte Stelle war etwa zwei Meter breit. Man gelangte durch die Glastür im Keller dorthin. Über den lediglich drei Meter breiten Wasserlauf führte ein Holzsteg, den mein Großvater einst errichtet hatte, der nun aber völlig morsch war.
Was hatten diese Leute dort zu suchen?
Ich überlegte, was ich tun sollte.
Waren es Einbrecher? Nein, Einbrecher würden nicht anklopfen. Irgendwelche Sittenstrolche? Nein, dann wären sie nicht so zurückhaltend.
Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und rief: »Wer ist da?«
»Entschuldigen Sie vielmals die späte Störung. Wir sind’s, die Inuis.«
Als ich die Tür öffnete, stand dort die Familie von Professor Inui. Die Eheleute waren alte Freunde meiner Eltern gewesen. Er arbeitete als Professor für Dermatologie im Universitätskrankenhaus.
»Was ist passiert?«, fragte ich erschrocken und bat sie sogleich ins Haus.
Das Rauschen des Flusses machte die hereinströmende Kälte noch durchdringender.
»Verzeihen Sie bitte. Mir ist vollauf bewusst, dass wir ungelegen kommen …«
Der Professor entschuldigte sich mehrmals, während sie eintraten. Seine Frau war ungeschminkt, ihre Wangen wirkten durchsichtig und die Augen feucht, entweder von der Kälte oder ihren Tränen. Die fünfzehnjährige Tochter stand mit verkniffenem Mund da, während ihr achtjähriger Bruder sich neugierig umschaute. Die vier klammerten sich förmlich aneinander. Das Ehepaar hatte sich untergehakt, wobei der Professor einen Arm um die Schultern seiner Tochter gelegt hatte. Die Geschwister hielten sich an der Hand, und der Kleine hing am Mantelsaum seiner Mutter.
»Sie brauchen sich doch nicht zu entschuldigen. Wie haben Sie es nur geschafft, heil über den Steg zu kommen? Hatten Sie keine Angst? Das Holz ist vollkommen morsch. Wieso haben Sie denn nicht an der Haustür geklingelt? Kommen Sie mit nach oben ins Wohnzimmer, dort ist es schön warm.«
»Das ist sehr freundlich von Ihnen. Aber ich fürchte, uns bleibt keine Zeit. Wir dürfen kein Aufsehen erregen.«
Der Professor stieß einen Seufzer aus. Wie auf Kommando rückte die Familie noch enger zusammen. Alle vier trugen edle Kaschmirmäntel, Hals und Hände waren in warme Stricksachen gehüllt. Außerdem hatte jeder eine Tasche dabei, die seiner Körpergröße entsprach. Das Gepäck schien sehr schwer zu sein.
Ich räumte rasch den Arbeitstisch meiner Mutter frei und holte ein paar Stühle, damit sie sich setzen konnten. Sie stellten die Taschen unter den Tisch. Ich konnte kaum erwarten, zu erfahren, was vorgefallen war.
»Nun hat es auch uns getroffen«, begann der Professor. Er verschränkte die Finger und formte mit seinen Händen einen Hohlraum, als wollte er darin seine Stimme verbergen.
»Was ist passiert?«, bedrängte ich ihn, als er stockte. Ich wartete gespannt auf eine Antwort.
»Eine Vorladung von der Behörde.«
Der Professor sprach ruhig und sachlich.
»Aber … wieso?«
»Sie haben uns ins Institut für Genentschlüsselung bestellt. Morgen … nein, es ist ja schon heute. Ich soll mich dort einfinden. Sie haben mich von meinen Funktionen entbunden. Wir mussten sofort meine Dienstwohnung verlassen. Der Befehl lautet, dass ich mit meiner ganzen Familie in das Forschungszentrum ziehen soll.«
»Und wo befindet sich das?«
»Ich habe keine Ahnung. Niemand weiß, wo genau es liegt und wie es aussieht. Aber ich ahne, was dort vor sich geht. Offiziell gibt das Institut vor, als medizinische Forschungseinrichtung zu dienen, aber tatsächlich steckt es mit der Erinnerungspolizei unter einer Decke … Ich vermute, dass sie meine Forschungsergebnisse nutzen wollen, um Personen aufzuspüren, die ihre Erinnerungen bewahren können.«
Mir fiel ein, was R mir neulich in der Lobby des Verlags erzählt hatte. Es war also doch kein Gerücht gewesen. Und nun waren Menschen betroffen, die mir nahestanden.
»Die Anweisung kam vor drei Tagen. Uns blieb keine Zeit, die Angelegenheit in Ruhe zu überdenken. Ich soll das Dreifache verdienen. Es gibt auch Bildungseinrichtungen für die Kinder. Steuererleichterungen, kostenfreie Krankenversicherung, Dienstwohnung, Dienstwagen. Die Bedingungen sind so vorteilhaft, dass es einem fast schon Angst macht.«
»Es war der gleiche Umschlag wie vor fünfzehn Jahren.«
Zum ersten Mal ergriff seine Frau das Wort. Ihre Stimme war tränenerstickt. Die Tochter hörte schweigend zu, während sie den Kopf zwischen dem jeweils Sprechenden hin- und herdrehte. Ihr kleiner Bruder hatte seine Handschuhe anbehalten und nahm die Werkzeuge auf dem Tisch in Augenschein.
Ich erinnerte mich an jenen Tag vor fünfzehn Jahren, als meine Mutter verhaftet wurde. Damals hatten Herr und Frau Inui sich um mich gekümmert. Ich selbst war noch ein kleines Mädchen, und ihre Tochter war gerade auf die Welt gekommen.
Die Vorladung steckte in einem lilafarbenen Umschlag aus rauem Papier. Damals wusste niemand etwas von der Erinnerungspolizei, und weder meine Eltern noch die Inuis machten sich Sorgen. Sie waren nur verwundert darüber, dass man meine Mutter einbestellte, und niemand konnte sagen, wie lange die Untersuchung dauern sollte, ob es sich um Stunden oder Tage handeln würde.
Ich ahnte bereits, dass die Angelegenheit mit den Schubladen unten im Atelier zu tun hatte. Während die Erwachsenen über die Vorladung diskutierten, dachte ich an das Flüstern meiner Mutter, wenn sie mir von den geheimen Dingen erzählte, und an ihre leidvolle Miene, als ich sie fragte, wieso sie nicht wie alle anderen Menschen vergessen konnte.
Alle waren ratlos. Es gab aber keinen Grund, sich der Anordnung zu widersetzen.
»Keine Sorge, so schlimm wird es nicht werden«, sagte der Professor.
»Wir hüten derweil das Haus und passen auf das Kind auf«, bekräftigte Frau Inui.
Die Limousine, die meine Mutter am nächsten Morgen abholte, war erstaunlich luxuriös. Ein schwarzer Wagen, auf Hochglanz poliert, fast so groß wie ein Einfamilienhaus. Türgriffe, Radkappen und das Emblem der Behörde auf der Motorhaube funkelten im Licht der Morgensonne. Die Sitze waren aus weichem Leder. Am liebsten wäre ich eingestiegen und hätte mich dort hingesetzt.
Ein Chauffeur mit weißen Handschuhen öffnete meiner Mutter die Wagentür. Sie gab den Inuis und meiner Kinderfrau letzte Instruktionen, dann umarmte sie meinen Vater und nahm schließlich lächelnd mein Gesicht in beide Hände.
Angesichts des prunkvollen Autos und der feinen Manieren des Chauffeurs waren wir alle sehr erleichtert. Wenn man sie derart hofierte, brauchte man sich wohl keine Sorgen zu machen, dachten wir.
Meine Mutter sank in die weichen Lederpolster. Wir winkten ihr zum Abschied zu, als würde sie zur Preisverleihung bei einer Kunstausstellung fahren.
Es war das letzte Mal, dass wir sie lebend sahen. Ihr Leichnam wurde uns eine Woche später zugestellt, zusammen mit dem Totenschein.
Es hieß, sie sei an einem Herzinfarkt gestorben. Eine anschließende Autopsie wurde in Professor Inuis Klinik durchgeführt, aber es konnte nichts Auffälliges festgestellt werden.
Sie erlag einer bisher unbekannten Krankheit, während sie uns bei unseren Forschungen zu Diensten war. Wir möchten Ihnen unser aufrichtiges Beileid aussprechen.
Mein Vater las mir das Begleitschreiben der Behörde laut vor. Aber ich begriff den Sinn der Worte nicht. Es war, als handelte es sich um eine Zauberformel in einer fremden Sprache. Ich stand bloß da und starrte stumm auf die Tränen, die aus den Augen meines Vaters auf den lilafarbenen Umschlag tropften.
»Die Qualität des Papiers, die Schrift und das Wasserzeichen, alles ist genauso wie damals bei Ihrer Mutter«, sagte Frau Inui.
Sie hatte einen Wollschal doppelt um den Hals geschlungen und fest verknotet.
Ihre Wimpern flatterten bei jedem Wort.
»Können Sie sich nicht einfach weigern?«, fragte ich.
»Dann würden sie uns mit Gewalt holen«, erwiderte Professor Inui prompt. »Wenn man nicht kooperiert, wird man gejagt. Dann trifft es die gesamte Familie. Keiner weiß, was geschieht, wenn sie einen fassen. Gefängnis? Zwangsarbeit? Das Schafott? Aber an der Art und Weise, wie sie die Menschen verschleppen, kann man erkennen, dass man an keinen angenehmen Ort gebracht wird.«
»Soll das heißen, Sie begeben sich in dieses Forschungszentrum?«
»Nein!«
Die Eheleute schüttelten gleichzeitig den Kopf.
»Wir suchen uns einen Unterschlupf.«
»Einen Unterschlupf …?« Ich flüsterte das Wort, das ich nun schon zum zweiten Mal hörte, leise vor mich hin.
»Glücklicherweise haben wir Kontakt zu einer Organisation, die uns an einen sicheren Ort bringen wird.«
»Aber dadurch verlieren Sie doch alles. Ihre Arbeit, Ihr geregeltes Leben. Auch wenn Sie sich dagegen sträuben, wäre es nicht sicherer, der Vorladung zu folgen? Auch wegen der Kinder …«
»Von Sicherheit kann keine Rede sein, wenn man erst mal in diesem Forschungszentrum eingesperrt ist. Schließlich hat man es mit der Erinnerungspolizei zu tun. Denen darf man nicht trauen. Wenn ich nicht mehr von Nutzen bin, werden sie keine Skrupel haben, alles dafür zu tun, die Sache geheim zu halten.«
Um die Kinder nicht zu verängstigen, beließ er es bei diesen Andeutungen.
Die beiden waren sehr artig. Der Kleine untersuchte einen gewöhnlichen Steinsplitter mit dem gleichen Eifer, als würde es sich um eine Spieluhr mit einem versteckten Mechanismus handeln. Seine hellblauen Handschuhe waren offenbar handgestrickt. Sie waren mit einer Kordel verbunden, damit keiner verloren ging. Ich erinnerte mich daran, dass ich auch einmal solche Fäustlinge hatte. In dieser bedrückenden Situation strahlten nur die Handschuhe etwas Friedliches aus.
»Außerdem sind wir nicht gewillt, der Erinnerungspolizei auch noch zu helfen«, fügte Frau Inui hinzu.
»Aber wenn Sie untertauchen, was wird dann aus Ihnen werden? Ich meine Geld, Lebensmittel, Schule … alles, was zum täglichen Leben gehört? Und nicht nur das. Ihre gesamte Existenz steht auf dem Spiel. Was, wenn jemand krank wird?«
Es gab so viel, das ich nicht verstand. Gene, Entschlüsselung, Forschungsinstitut, Organisation, Unterschlupf – all diese Begriffe, die ich noch nicht richtig einordnen konnte, schwirrten mir durch den Kopf.
»Das wissen wir selbst noch nicht.«
Als Frau Inui ihren Satz beendet hatte, stiegen ihr wieder Tränen in die Augen. Aber sie weinte nicht. Merkwürdig, dachte ich, sie war so traurig, dass sie nicht mal mehr weinen konnte. Die Trauer staute sich in ihren Augen.
»Es kam alles so plötzlich, uns blieb gar keine Zeit, irgendwelche Vorbereitungen zu treffen. Ich wusste gar nicht, wo mir der Kopf stand. Welche Dinge sollten wir mitnehmen, welche zurücklassen? Wir haben doch keine Ahnung, was uns erwartet. Es war schier unmöglich, eine Entscheidung zu treffen. Sollen wir unser Scheckbuch mitnehmen oder besser Bargeld abheben? Wie viel Kleidung können wir mitnehmen? Brauchen wir Verpflegung? Sollten wir unsere Katze Mizore zurücklassen?«
Leise Tränen liefen ihr nun die Wangen herunter. Ihre Tochter kramte ein Taschentuch hervor und reichte es ihr.
»Wir mussten auch entscheiden, was mit den Skulpturen geschehen soll, die wir von Ihrer Mutter geschenkt bekommen haben«, fügte der Professor hinzu.
»Nachdem wir untergetaucht sind, wird die Polizei vermutlich unser Haus durchsuchen, um Anhaltspunkte über unseren Verbleib zu finden. Sicher werden sie alles verwüsten. Deshalb wollten wir etwas retten, was uns sehr am Herzen liegt. Aber es wäre zu riskant, sie einfach jemandem anzuvertrauen. Unser Versteck könnte dadurch auffliegen. Wir müssen die Anzahl an Personen, die davon wissen, auf ein Minimum reduzieren, verstehen Sie?«
Ich nickte.
»Wir muten Ihnen vielleicht einiges zu, aber wären Sie bereit, einige Werke Ihrer Mutter aufzubewahren, bis wir uns eines Tages wiedersehen?«
Nach den Worten des Professors griff seine Tochter wie auf ein Signal hin in den Sportbeutel, der zu ihren Füßen stand, und holte fünf Skulpturen heraus, die sie nebeneinander auf den Tisch stellte.
»Das hier ist eine Tapir-Figur, ein Baku, den wir von ihr als Hochzeitsgeschenk bekommen haben. Und das hier hat sie uns zur Geburt unserer Tochter verehrt. Die anderen drei Skulpturen hat sie uns am Tag, bevor sie abgeholt wurde, anvertraut.«
Obwohl meine Mutter niemals einen Baku zu Gesicht bekommen hatte, liebte sie es, dieses Wesen nachzuformen. Die Skulptur, die sie anlässlich der Geburt angefertigt hatte, war eine Puppe, mit großen Augen und aus Eichenholz geschnitzt. Ich selbst besaß auch eine. Die drei anderen Objekte waren eher abstrakt, aus Holz und Metall gefertigt, und glichen Puzzleteilen. Das Ensemble war nur handtellergroß, die Oberfläche der Teile war ungeschliffen und nicht lackiert. Es sah aus, als bildeten die Teile zusammengesetzt eine Form, zugleich aber schienen sie völlig autark zu sein.
»Ich hatte keine Ahnung, dass meine Mutter Ihnen vor ihrer Abreise diese Sachen gebracht hat.«
»Wir hätten nie gedacht, dass dies hier ein Andenken an Ihre Mutter sein würde. Aber vielleicht hatte sie etwas geahnt. Zu dieser Zeit hatte sie sich in ihr Atelier zurückgezogen und wie eine Besessene gearbeitet. Wahrscheinlich spürte sie, dass sie dazu nie wieder Gelegenheit haben würde. Als sie uns die Skulpturen brachte, meinte sie, es sei sinnlos, sie im Atelier zurückzulassen.«
»Und nun wollen wir sie Ihnen übergeben«, erklärte Frau Inui, während sie ihr Taschentuch zusammenfaltete.
»Ja, natürlich können Sie die Sachen hierlassen. Es freut mich sehr, dass Sie die Werke meiner Mutter in Ehren gehalten haben. Haben Sie vielen Dank!«
»Gerne. So fallen die Skulpturen wenigstens nicht diesen Männern in die Hände.«
Der Professor lächelte erleichtert.
Mir war klar, dass sie noch vor Tagesanbruch aufbrechen mussten, aber ich wollte ihnen vorher noch nützlich sein. Mir fiel allerdings nicht ein, wie.
Zumindest konnte ich oben in der Küche für jeden eine Tasse warme Milch zubereiten, die ich ihnen ins Atelier brachte. Wir prosteten uns geräuschlos zu und tranken schweigend. Von Zeit zu Zeit hob jemand die Augen, als wollte er etwas sagen, aber die Worte blieben aus und wir nippten weiter an der Milch.
Die Glühlampe war mit Staub bedeckt, und das matt schimmernde Licht ließ die Szenerie im Atelier wie ein Aquarell erscheinen. Ein paar verwaiste Dinge schlummerten in den Ecken: eine unvollendete Skulptur, ein vergilbter Skizzenblock, ein völlig vertrockneter Wetzstein, eine kaputte Kamera, eine Schachtel mit Pastellkreiden. Bei der geringsten Bewegung knarrten die Stühle. Draußen war es stockdunkel, der Mond war nirgends zu sehen.
»Mmh, lecker«, sagte der Kleine und schaute in die Runde, offenbar verwundert darüber, dass keiner von uns ein Wort sprach. Er hatte einen Milchbart.
»Ja, das schmeckt gut.«
Wir alle nickten ihm zu.
Ich hatte keine Ahnung, was ihnen bevorstand, aber zumindest konnten sie sich jetzt in diesem Augenblick an der warmen Milch erfreuen.
»Wo ist denn Ihr Unterschlupf?«
Die Frage brannte mir auf der Seele.
»Vielleicht kann ich Ihnen behilflich sein. Ich könnte Ihnen Sachen zukommen lassen, die Sie brauchen, und Nachrichten übermitteln.«
Die Eheleute schauten sich kurz an und senkten dann gleichzeitig den Blick. Nach einer Pause betretenen Schweigens sagte der Professor: »Es ist sehr freundlich, dass Sie sich um uns sorgen. Ich denke jedoch, es ist besser, wenn Sie nichts über unser Versteck wissen. Das soll nicht heißen, dass wir befürchten, Sie könnten unser Geheimnis verraten. Sonst wären wir kaum gekommen, um Ihnen die Skulpturen zu bringen. Aber wir möchten Sie nicht in Schwierigkeiten bringen. Je mehr Sie involviert sind, desto gefährlicher wird es für Sie. Angenommen, die Polizei würde Sie verhören. Dann können sie nur so viel aus Ihnen herausbekommen, wie Sie tatsächlich wissen. Aber wenn die Männer den Verdacht hegen, dass Sie mehr wissen, als Sie zugeben, dann werden sie keine Rücksicht nehmen. Fragen Sie also bitte nicht weiter nach unserem Verbleib.«
»Das verstehe ich. Auch ohne Ihren Aufenthaltsort zu kennen, werde ich für Ihr Wohlergehen beten. Gibt es noch etwas, was ich für Sie tun kann?«
»Ja, können Sie mir vielleicht eine Nagelschere bringen? Seine Fingernägel sind so lang geworden«, sagte Frau Inui leicht verlegen und griff nach der Hand ihres Sohnes.
»Aber natürlich.« Ich suchte in einer der Schubladen nach der Schere. Dann zog ich ihm die himmelblauen Handschuhe aus. »Halt still, es ist gleich vorbei.«
Seine Finger waren zierlich und makellos. Ich kniete mich vor ihm hin und nahm vorsichtig seine Hand. Der Junge schenkte mir ein schüchternes Lächeln und baumelte mit den Beinen.
Mit dem kleinen Finger der linken Hand beginnend, schnitt ich ihm behutsam die Nägel. Es ging ganz leicht, die durchsichtigen Halbmonde fielen wie Blütenblätter zu Boden. Wir alle lauschten still dem leisen Knipsen. Es waren zarte Töne, die in tiefster Nacht diesen Augenblick besiegelten.
Die hellblauen Fäustlinge warteten geduldig auf dem Tisch, bis die Prozedur beendet war.
Dann verschwand die Familie Inui.
6
Ich stieg die Treppe hinauf. Sie war so schmal, dass man fürchten musste, nicht aneinander vorbeizukommen, falls jemand zur gleichen Zeit nach unten wollte. Die Stufen bestehen lediglich aus unbehandelten Holzdielen, ohne Läufer und Geländer.
Jedes Mal wenn ich die Stufen erklimme, habe ich das Gefühl, in einem Leuchtturm zu sein. Ich bin nur zweimal in meinem Leben auf einem Leuchtturm gewesen, aber irgendwie waren der Klang meiner Schritte und der Geruch hier ähnlich. Der dumpfe Laut, wenn man auf einen Spalt zwischen den Dielen trat, und der Geruch von Maschinenöl.
Der Leuchtturm aus meiner Kindheit sandte schon lange kein Licht mehr aus. Kein Erwachsener wagte es, ihn aufzusuchen. Die Landspitze, auf der er stand, war dicht mit Schilf bewachsen, so trocken und spitz, dass man sich die Beine aufschnitt.
Ich war damals mit meinem älteren Cousin zum Leuchtturm gewandert. Er hat jede meiner Wunden abgeleckt.
Neben der Treppe befand sich eine kleine Kammer, der Ruheraum für den Leuchtturmwärter. Darin ein Klapptisch mit zwei Stühlen. Der Tisch war ordentlich gedeckt mit einer Teekanne, einer Zuckerdose, Servietten, zwei Tassen und Kuchentellern mit kleinen Gabeln daneben.
Der Abstand zwischen dem Geschirr, die Ausrichtung der Tassen, der Glanz der Gabeln – alles hatte eine Perfektion, die mir kalte Schauer über den Rücken jagte. Aber zugleich versuchte ich mir auszumalen, was für ein herrlicher Kuchen einst auf den blitzblanken Tellern serviert wurde.
Der Wärter hatte vor vielen Jahren schon den Turm verlassen, und das Leuchtfeuer, das früher über das Meer streifte, war kalt und verstaubt, aber hier in der Kammer hatte man das Gefühl, gleich würde sich jemand zum Tee an den Tisch setzen.
Als ich auf das Gedeck starrte, kam es mir vor, als würde ich heißen Dampf aus den Tassen aufsteigen sehen.
Nachdem wir einen Blick in die Kammer geworfen hatten, stiegen wir weiter die Treppe hinauf. Ich zuerst, mein Cousin dahinter. Die düstere Wendeltreppe wollte kein Ende nehmen, und wir fragten uns schon, wann wir endlich oben ankommen würden.
Ich war damals etwa sieben oder acht Jahre alt. Ich trug einen Rock mit rosafarbenen Trägern, den meine Mutter mir genäht hatte. Er war entschieden zu kurz, da half auch kein Verlängern der Träger. Ich hatte Sorge, dass mein Cousin hinter mir unter meinen Rock sehen konnte.
Aus welchem Grund waren wir damals den Leuchtturm hochgestiegen? So genau kann ich mich gar nicht mehr daran erinnern.
Als wir schon ganz außer Atem waren, wurde plötzlich die Brandung lauter und es roch immer stärker nach Maschinenöl. Natürlich konnte ich damals den Geruch noch nicht einordnen. Zunächst hatte ich Angst, es wäre eine giftige Substanz, die uns körperlichen Schaden zufügen würde. Ich legte schützend die Hand vor den Mund und hielt die Luft an, was die Sache nur noch schlimmer machte. Mir wurde furchtbar schwindlig. Unten schepperte es laut, und ich bildete mir ein, Schritte zu hören. Nachdem der Leuchtturmwärter das letzte köstliche Stück Kuchen auf die Gabel gespießt und verspeist hatte, folgte er uns nun den Turm hoch, mit Biskuitkrümeln in den Mundwinkeln.
Ich wollte mich Hilfe suchend zu meinem Cousin umblicken, traute mich aber nicht. Was, wenn nicht er, sondern der Leuchtturmwärter hinter mir war? Schließlich hockte ich mich auf die Treppe, da ich gar nicht mehr wissen wollte, was mich dort oben erwartete.
Ich weiß nicht, wie lange ich dort saß. Rings um mich herum herrschte Totenstille. Sogar die Brandung war nicht mehr zu hören. Ich lauschte angestrengt, vernahm aber kein einziges Geräusch. Da war nur diese bedrückende Stille, die den ganzen Turm erfüllte. Ich fasste mir ein Herz und drehte mich vorsichtig um.
Weder der Leuchtturmwärter noch mein Cousin stand hinter mir.
Es ist merkwürdig, dass diese Treppe mich immer an den Leuchtturm erinnert, schließlich bin ich gekommen, um meinen Geliebten zu treffen. Eigentlich hätte ich die Treppe hochfliegen müssen, stattdessen erklimme ich langsam Stufe für Stufe und lausche auf den Klang meiner eigenen Schritte.
Ich bin oben, im Turmzimmer der Kirche. Das Glockenspiel erklingt zweimal täglich: um elf Uhr morgens und dann wieder um fünf Uhr am Nachmittag. Unten im Erdgeschoss gibt es einen kleinen Raum, wo die Werkzeuge zum Justieren des Uhrwerks aufbewahrt werden. Er hat etwa die gleiche Größe wie damals die Kammer im Leuchtturm. Das Uhrwerk selbst befindet sich natürlich ganz oben im Turm, aber so weit bin ich nie hochgestiegen. Mein Geliebter erwartet mich im mittleren Stockwerk, im Lehrraum, wo der Schreibmaschinenkurs abgehalten wird.
Nachdem ich viele Stufen erklommen habe, kann ich die Schreibmaschinen hören. Zögerliches Tastenklacken vermischt sich mit flüssigem Rattern. Wahrscheinlich sitzen die Anfänger zwischen den Fortgeschrittenen, die kurz vor ihrer Abschlussprüfung stehen.
Ob er gerade neben einer neuen Schülerin steht und ihr auf die Finger schaut, wenn sie verängstigt die Tasten anschlägt? Wenn sie sich vertippt, nimmt er dann den jeweiligen Finger und führt ihn sanft zur richtigen Taste? Genauso, wie er es früher mit mir gemacht hat?
Als ich bis hierhin geschrieben hatte, legte ich den Bleistift beiseite. Mit meinem neuen Roman kam ich nicht so recht voran. Immer wieder geriet ich in eine Sackgasse, ich steckte fest und drehte mich im Kreis, ging zurück und verhedderte mich aufs Neue, ohne eine Ahnung zu haben, worauf das Ganze hinauslaufen sollte. Aber ich verzweifelte nicht, denn solche Probleme waren mir vertraut.
»Wie geht es Ihnen?«
Wenn ich mit R zusammentraf, war ich mir nie sicher, ob er wissen wollte, wie es mir ging oder wie ich mit der Arbeit vorankam.
»Nun ja, es geht so«, antwortete ich dann ebenso vage.
Er aber meinte stets den Roman.
»Man soll nicht mit dem Kopf schreiben, verlassen Sie sich auf Ihre Hände!«
Normalerweise gebrauchte er selten derartige Phrasen. Ich nickte stumm, streckte ihm die rechte Hand entgegen und spreizte die Finger.
»Genau. Daraus entspinnt sich letztendlich die Geschichte.«
Er schaute verlegen weg, als hätte er die intimste Stelle meines Körpers entdeckt.
Aber für heute reichte es mir, ich war erschöpft. Meine Finger waren müde und fühlten sich steif an. Ich legte Bleistift und Radiergummi ins Schreibetui, ordnete die Seiten zu einem Stapel und legte einen gläsernen Briefbeschwerer darauf.
Als ich im Bett lag, musste ich an die Inuis denken. Seit jener Nacht war ich mehrmals am Universitätsgebäude vorbeigelaufen, auf den ersten Blick hatte sich dort nichts verändert. Studenten saßen entspannt auf dem Rasen, und in dem Häuschen neben dem Tor hockte der alte Portier, der nichts weiter zu tun hatte, als in einem Bonsai-Buch zu lesen. Auf dem hinteren Campusgelände, dort wo die Dienstwohnungen der Fakultätsmitglieder waren, lagen Futons zum Lüften auf den Balkons. Ich suchte Block E und zählte die Fenster ab, um Apartment 119 zu finden, das die Inuis bewohnt hatten. Der Balkon war leer. Ich warf auch einen Blick in das Wartezimmer der Dermatologie, aber auf der Tafel für die Sprechstunden stand anstelle von Professor Inuis Namen jetzt der eines Assistenzarztes. Krankenschwestern liefen mit Medikamenten, Verbandstoffen und Karteikarten herum, während Patienten ihre Kleidungsstücke hochrafften, um die erkrankte Hautpartie zu zeigen. Niemand schien sich über die Abwesenheit des Professors zu wundern.
Die Familie Inui war spurlos verschwunden.
Ich war sicher die Einzige, die sich Gedanken machte, ob sie in annehmbaren Verhältnissen lebten, in bequemen Betten schliefen und nicht von Albträumen geplagt wurden. Konnten sie ihre Mahlzeiten zusammen an einem ordentlich gedeckten Tisch einnehmen? Ich hatte gar nicht nachgefragt, wo sie ihre Katze gelassen hatten. Ich hätte mich um das Tier kümmern müssen, nicht nur um die Skulpturen. Aber wenn man Mizore bei mir zu Hause gesehen hätte, wäre ich vermutlich selbst unter Verdacht geraten. Der Erinnerungspolizei war zuzutrauen, dass sie jedes Tier einem Besitzer zuordnen konnte.
Ich bemühte mich zu schlafen, aber all diese Sorgen stiegen wie Luftblasen in mir auf. Sie machten sich in meinem Herzen breit, ohne irgendwann zu zerplatzen. Konnten die Inuis ihren Helfern wirklich vertrauen? Der Professor hatte ja keine Einzelheiten preisgegeben. Hauptsache, die Kinder blieben gesund. In den hellblauen Handschuhen mussten die Fingernägel des kleinen Jungen inzwischen nachgewachsen sein …
Als ich am nächsten Morgen die Augen aufschlug, war wieder etwas verschwunden. Es war kälter geworden und der Garten war mit Reif bedeckt. Meine Pantoffeln, der Wasserhahn, die Heizung, die Milchbrötchen im Brotkasten – alle Dinge im Haus waren eiskalt. Der Sturm von gestern Abend hatte sich über Nacht gelegt. Ich stellte das Ragout vom Vortag auf die Herdplatte und legte die in Alufolie gewickelten Brötchen rundherum. Als das Wasser im Kessel kochte, brühte ich Tee auf, den ich mit etwas Honig trank. An diesem Morgen musste ich unbedingt etwas Warmes zu mir nehmen.
Da mir das Geschirrspülen lästig war, löffelte ich das Gericht direkt aus dem Topf, den ich auf dem Herd stehen ließ. Als mir der Duft von geröstetem Brot in die Nase stieg, wickelte ich die Brötchen aus der Folie und beträufelte sie mit Honig.
Während ich kaute, versuchte ich zu erraten, was diesmal verschwunden war. Sicher waren es nicht Eintopf, Milchbrötchen oder Honig. Sie schmeckten noch genauso gut wie gestern.
Es war immer ein Jammer, wenn Nahrungsmittel verschwanden. Früher war der Lieferwagen des Lebensmittelhändlers immer vollgepackt gewesen, während heute große Lücken in seinem Warensortiment klaffen. Das Leibgericht meiner Kindheit war ein Salat aus Brechbohnen. Dazu Kartoffeln, gekochte Eier und Tomaten, angemacht mit feiner Mayonnaise und mit Petersilie garniert. Meine Mutter hatte den Gemüsehändler immer gefragt: »Gibt es heute frische Bohnen? Sie müssen schön knackig sein.« Diesen Salat habe ich seit ewigen Zeiten nicht mehr gegessen. Ich kann mich weder an das Aussehen von Brechbohnen erinnern noch an ihren Geschmack.
Als der Topf leer gegessen war, stellte ich ihn in die Spüle und schaltete den Herd aus. Die zweite Tasse Tee trank ich ungesüßt. Von dem Honig waren meine Finger ganz klebrig.
Trotz der Kälte in der Nacht hatte der Fluss keine Eisdecke, denn ich vernahm ein sanftes Plätschern. Dann hörte ich eilige Schritte in der Gasse hinter dem Haus. Der Hund des Nachbarn bellte. Es war die übliche Aufregung, wenn etwas dabei war zu verschwinden.
Als ich die aufgebackenen Milchbrötchen verspeist hatte, öffnete ich, aufgeschreckt durch die hastigen Schritte, das Fenster zur Nordseite. Alle hatten sich versammelt: der ehemalige Hutmacher, das griesgrämige Ehepaar von nebenan, der braun gescheckte Hund und ein paar Kinder mit Schulranzen auf dem Rücken. Sie starrten schweigend aufs Wasser.
Der Anblick war einfach überwältigend. Dies war kein normaler Fluss mehr, in dem man manchmal den Rücken eines Karpfens aufblitzen sah.
Ich lehnte mich weit aus dem Fenster und kniff die Augen zusammen. Auf der Wasseroberfläche trieben unzählige Teilchen von einem undefinierbaren Farbton, der zwischen Rot, Rosa und Weiß changierte, so dicht, dass man das Wasser nicht mehr sehen konnte. Von oben betrachtet wirkten die Teilchen weich, sie schmiegten sich geradezu aneinander. Sanft glitten sie auf dem sonst so schnell strömenden Wasser dahin.
Ich lief rasch hinunter in den Keller und trat auf den Waschplatz hinaus, wo ich die Inuis empfangen hatte. Von hier hatte ich die beste Sicht auf den Fluss.
Der Boden war kalt und rau, zwischen den Steinen am Rand wuchs Klee. Direkt zu meinen Füßen floss der erstaunliche Wasserstrom vorbei. Ich kniete nieder und hielt meine Hände hinein. Als ich sie herauszog, klebten Rosenblätter daran.
»Das ist unglaublich«, rief der ehemalige Hutmacher.
»In der Tat«, stimmten ihm die anderen nickend zu.
Die Kinder rannten mit ihren klappernden Schulranzen am Ufer entlang. »Trödelt nicht herum, sondern lauft zur Schule!«, rief ihnen der Alte hinterher.
Keines der unzähligen Rosenblätter war verwelkt. Ganz im Gegenteil, sie schimmerten und wirkten frischer als jede Blütenknospe, was vielleicht am eiskalten Wasser lag. Ihr Duft, der den vom Fluss aufsteigenden Morgennebel durchdrang, war betörend.
Wo man auch hinsah, überall schwammen Rosenblätter. Kaum hatte man eine Handvoll geschöpft und sah darunter das Wasser schimmern, drängten schon wieder neue heran. Als hätte sie jemand hypnotisiert, trieben sie unaufhaltsam in Richtung Meer.
Immer und immer wieder tauchte ich meine Hand ins Wasser, wo die unterschiedlichsten Blütenblätter herumtanzten. Manche hatten gekräuselte Ränder wie Rüschen, es gab blasse Farbtöne und satte, und einige hingen sogar noch am Kelch. Diejenigen, die an der Mauerkante des Waschplatzes klebten, wurden irgendwann vom Wasser mitgerissen und verschmolzen mit der Masse der übrigen Blütenblätter.
Ich wusch mir das Gesicht, trug etwas Creme auf, kein Make-up, und zog mir einen Mantel über, bevor ich nach draußen ging. Ich wollte stromaufwärts den Hang hoch zum Rosengarten.
An den Ufern des Flusses standen überall Schaulustige und bewunderten das bizarre Schauspiel. Es waren mehr Beamte zugegen als sonst. Mit der Waffe im Halfter standen sie mit ausdrucksloser Miene herum.
Die Kinder langweilten sich, sie warfen Steine ins Wasser oder stocherten mit Stöcken, die sie irgendwo aufgelesen hatten, darin herum. Aber der Fluss ließ sich dadurch nicht stören, sondern strömte unbeirrt weiter. Hin und wieder gab es ein Hindernis in Form einer Sandbank oder eines Pfahls, doch angesichts der gewaltigen Menge von Blütenblättern stellten auch sie kein Hindernis dar. Läge man auf dem Wasser, würden die Rosen einen umhüllen wie eine weiche Decke.
»Wer hätte das gedacht?«
»Wie beeindruckend! So etwas haben wir noch nie erlebt, wenn etwas verschwunden ist.«
»Sollte man es nicht fotografieren?«
»Besser nicht. Was nützen Aufnahmen von etwas, das es nicht mehr gibt.«
»Stimmt, das macht keinen Sinn.«
Die Leute tuschelten leise miteinander, um nicht die Aufmerksamkeit der Polizisten zu erregen.
Außer der Bäckerei war noch keines der Geschäfte geöffnet. Ich wollte nachschauen, was mit den Rosen im Blumenladen geschehen war, aber die Fensterläden waren geschlossen. In den Bussen und Straßenbahnen saßen keine Fahrgäste. Der Himmel riss auf und die Sonne löste den Morgennebel zusehends auf, der intensive Geruch aber blieb.
Wie zu erwarten, war im Rosengarten keine einzige Blüte mehr übrig. Wie knochige Skelette ragten die leeren Stängel, die nur noch Blätter und Dornen trugen, in die Luft. Hin und wieder kam ein Windstoß vom Hügel herunter und wehte die letzten Blütenblätter vom Boden in Richtung Fluss.
Keine Menschenseele war zu sehen – weder die auffällig geschminkte Frau, die sonst an der Kasse saß, noch die Gärtner und natürlich auch keine Besucher. Ich überlegte kurz, ob ich trotzdem Eintritt zahlen sollte, aber dann schlüpfte ich unter dem Drehkreuz hindurch und folgte dem sich dahinschlängelnden Weg, auf dem Schilder den Rundgang markierten.
Einige Pflanzen hatten überlebt, Glockenblumen, Enzian und stachelige Kakteen. Aber sie blühten eher im Verborgenen, als schämten sie sich ihrer Anwesenheit. Der Wind schien es nur auf die Rosen abgesehen zu haben, deren Blütenblätter er unermüdlich mit sich forttrug.
Ein Rosarium ohne Rosen war ein trostloser Ort, der seine Bedeutung verloren hatte. Umso trauriger war der Anblick all der Spaliere und Bewässerungsanlagen, die zur Pflege der Rosen errichtet worden waren. Der wohlgenährte Boden schmatzte weich, während ich voranschritt. Das Rauschen des Flusses war hier oben nicht zu hören. Die Hände in den Jackentaschen vergraben, marschierte ich herum, als irrte ich über einen Friedhof voll anonymer Gräber.
Doch wie eindringlich ich die Dornen, all die Blätter und Stängel auch betrachtete, wie genau ich die Beschreibungen der jeweiligen Arten auf den Schildchen daneben studierte, meine Erinnerung an das Aussehen einer Rose war bereits verblasst.
7
Es dauerte drei Tage, bis der Fluss sein ursprüngliches Erscheinungsbild zurückgewann. Auch die Karpfen – wo hatten sie sich die ganze Zeit über versteckt? – zogen wieder ihre Kreise im Wasser.
Am zweiten Tag kamen alle, die in ihren Gärten Rosen gezüchtet hatten, um die Blütenblätter den Fluten zu übergeben.
Am Steg nahe dem Waschplatz stand eine elegant gekleidete Dame.
»Sie sind wunderschön«, lobte ich ihre Blumen.
Obwohl alles, was mit Rosen zu tun hatte, keine Gefühle mehr in mir auslöste, wollte ich der Frau, die ihre Prachtstücke auf so innige Weise zu verabschieden schien, etwas Freundliches sagen. Das war das Einzige, was mir dazu einfiel.
»Vielen Dank. Sie haben letztes Jahr auf der Blumenschau eine Goldmedaille gewonnen.«
Meine Worte schienen ihr geschmeichelt zu haben.
»Sie waren eine Erinnerung an meinen verstorbenen Vater.«
In ihrer Stimme schwang jedoch kein Bedauern mit, als sie die Rosenblätter abpflückte und ins Wasser fallen ließ. Nur die Fingernägel hatte sie im passenden Farbton lackiert.
Als sie das Ritual beendet hatte, ging sie mit einem vornehmen Kopfnicken ihrer Wege, ohne noch einmal einen Blick auf den Fluss zu werfen, auf dem die Blütenblätter ins ferne Meer trieben. Auch wenn der Fluss von ihnen fast vollkommen bedeckt gewesen war, würden sie sich bald schon in den Weiten des Ozeans verlieren.
Ich schaute mir das Schauspiel zusammen mit dem alten Mann auf dem Deck der Fähre an.
»Merkwürdig, dass der Wind die Rosenblätter von allen anderen unterscheiden konnte«, sagte ich und rieb mit dem Daumen über eine rostige Stelle auf der Reling.
»Dafür gibt es keine vernünftige Erklärung. Wir wissen nur, dass die Rosen verschwunden sind.«
Der alte Mann trug über der Arbeitshose, die noch aus seiner Zeit als Mechaniker stammte, den Pullover, den ich für ihn gestrickt hatte.
»Aber was wird nun aus dem Rosengarten?«
»Zerbrechen Sie sich darüber nicht den Kopf. Entweder es werden andere Blumen wachsen, oder man pflanzt dort Obstbäume an. Das Terrain kann auch als Friedhof genutzt werden. Wer weiß das schon? Die Zeit heilt alle Wunden. Sie verstreicht unaufhaltsam und lässt sich von niemandem beeinflussen.«
»Jetzt, wo nach der Vogelwarte auch der Rosengarten betroffen ist, kommt mir hier oben auf dem Hügel alles sehr traurig vor. Es gibt nur noch die alte Bibliothek.«
»Da haben Sie recht. Als Ihr Vater noch am Leben war, hat er mich oft in die Vogelwarte eingeladen. Wenn ein seltener Vogel vorüberzog, habe ich mir von ihm das Fernglas geborgt. Zum Dank habe ich sanitäre Anlagen oder elektrische Leitungen repariert. Im Rosengarten kannte ich den zuständigen Gärtner, und wenn eine neue Art anfing zu blühen, durfte ich sie mir gleich anschauen. Deshalb bin ich immer gerne den Hügel hochgewandert. Aber für jemanden wie mich ist die Bibliothek nutzlos. Außer wenn ein Buch von Ihnen erscheint. Dann bin ich sofort hingegangen, um zu prüfen, ob es dort auch im Regal steht.«
»Wirklich? Sie haben sich meinetwegen solche Umstände gemacht?«
»Aber natürlich. Ich hätte mich sofort beschwert, wenn ich Ihr neues Buch nicht gefunden hätte. Das war zum Glück nie der Fall.«
»Aber es gibt doch kaum Leute, die meine Romane lesen.«
»Das stimmt nicht. Zwei Personen haben mit Sicherheit Ihre Bücher ausgeliehen: ein Schulmädchen und ein Büroangestellter. Das habe ich auf der Ausleihkarte gesehen.«
Der alte Mann war ganz aufgeregt. Von der eiskalten Meeresbrise war seine Nasenspitze rot angelaufen.
An der Schiffsschraube hatten sich Blütenblätter gesammelt. Nach der langen Reise den Fluss hinunter trieben sie nun im Meerwasser und waren sichtlich ausgelaugt. Sie hatten an Frische und Glanz verloren und sich mit Algen, toten Fischen und Abfall vermengt. Ihr intensiver Duft hatte sich verflüchtigt.
Wenn eine größere Welle gegen den Rumpf schlug, geriet das Schiff ins Wanken. Es knarrte dann überall. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne trafen den Leuchtturm auf der gegenüberliegenden Landspitze.
»Aber was wird nun aus Ihrem Freund, dem Gärtner?«, fragte ich.
»Er ist bereits im Ruhestand. In seinem Alter braucht er auch keine Angst mehr vor der Erinnerungspolizei zu haben. Er mag wahrscheinlich vergessen haben, wie man Rosen züchtet, aber er kann sich ja um andere Sachen kümmern. Seinen Enkeln die Ohren sauber machen oder seine Katzen von Flöhen befreien. Es gibt immer genug zu tun.«
Der alte Mann tippte mit der Schuhspitze auf das Deck. Es waren ausgetretene, aber sehr robuste Schuhe. Sie waren so alt, dass man meinte, sie seien ein Teil von ihm.
»Manchmal bekomme ich es schon mit der Angst zu tun«, sagte ich, ohne aufzuschauen. »Es werden immer mehr Dinge verschwinden. Was soll nur aus der Insel werden?«
Der alte Mann griff sich an sein stoppeliges Kinn. Es schien, als würde er den Sinn meiner Frage nicht verstehen.
»Wie meinen Sie das …?«
»Es verschwindet mehr, als dass Neues entsteht. Ist es nicht so?«
Der alte Mann zog die Stirn in Falten, als hätte er Kopfschmerzen.
»Was können die Inselbewohner schon Großartiges hervorbringen?«, fuhr ich fort. »Einige Gemüsesorten, Autos, die ständig kaputtgehen, einfältige Theaterstücke, sperrige Öfen, ein paar ausgemergelte Nutztiere, ölige Schminke, Babys, Romane, die kein Mensch liest … Nur unscheinbares Zeug, auf das kein Verlass ist. Jedenfalls nichts, was es mit den verschwundenen Dingen aufnehmen könnte. Dabei darf man den damit verbundenen Energieverlust nicht vergessen. Es geschieht nicht gewaltsam, aber tief greifend und unaufhaltsam. Wir müssen aufpassen. Ich fürchte, wenn wir die entstandenen Löcher nicht füllen können, wird die Insel bald ausgehöhlt sein, porös, bis sie sich eines Tages ganz in Luft auflöst. Haben Sie nie darüber nachgedacht?«
»Nun ja, was soll ich sagen …« Der alte Mann fühlte sich augenscheinlich sehr unwohl, denn er schob die Ärmel seines Pullovers nervös hoch und herunter. »Es liegt vielleicht daran, dass Sie Romane schreiben, wenn Sie sich – wie soll ich sagen? – solch wundersame Dinge ausmalen. Man erfindet doch allerhand Geschichten, wenn man Romane schreibt, oder?«
»Nun ja …«, stotterte ich. »Aber das hier hat nichts mit einem Roman zu tun. Das sind Ängste, die sehr real sind.«
»Sie sollten sich nicht solche Sorgen machen!«, entgegnete er resolut. »Ich lebe schon dreimal so lange wie Sie auf dieser Insel. Also habe ich mindestens dreimal so viele Dinge verloren. Aber das hat mir niemals Angst eingejagt, und vermisst habe ich die Dinge auch nicht. Nicht mal, als ich die Fähre verloren habe. Man konnte dann zwar nicht mehr übers Meer fahren und drüben zum Einkaufen oder ins Kino gehen. Und ich hatte nicht mehr das Vergnügen, mit ölverschmierten Fingern an den Maschinen zu arbeiten. Und Geld bekam ich auch nicht mehr. Aber das fand ich nicht schlimm. Ich habe auch ohne die Fähre mein Leben gemeistert. Nachdem ich eingearbeitet war und die Lagerhallen bewacht habe, hat mir das ebenfalls Freude gemacht. Und nun darf ich sogar an meinem ehemaligen Arbeitsplatz meinen Lebensabend verbringen. Es fehlt mir also an nichts.«
»Aber Sie haben doch bestimmt keine Erinnerung mehr an die Fähre. Heute ist sie doch nicht mehr als ein riesiger Haufen altes Eisen, der auf dem Meer dahindümpelt. Ist das nicht schmerzhaft?«
Seine Lippen zuckten, während er nach Worten suchte.
»Es mag stimmen, dass heutzutage vieles auf der Insel fehlt. Als ich ein Kind war, schien sie mir – wie soll ich sagen? – irgendwie gehaltvoller, solider zu sein. Aber seitdem die Luft grobmaschiger ist, sind auch unsere Seelen transparenter. Dadurch hat sich ein Gleichgewicht ergeben. Es ist wie beim Gesetz des osmotischen Drucks. Selbst wenn das Gleichgewicht gestört wird, erreicht man nie den Nullpunkt. Deshalb haben wir auch nichts zu befürchten.«
Der alte Mann nickte zur Bekräftigung. Es erinnerte mich an meine Kindheit, als sich sein Gesicht in Falten legte, wenn ich ihn mit meinen Fragen löcherte. Weshalb bekommen Leute gelbe Finger, wenn sie Mandarinen essen? Wohin werden Magen und Darm geschoben, wenn im Bauch einer Frau ein Baby heranwächst?
»Wahrscheinlich haben Sie recht. Es wird irgendwie gehen.«
»Da bin ich mir sicher. Es ist nicht tragisch, wenn etwas in Vergessenheit gerät oder spurlos verschwindet. Nur diejenigen, die nicht loslassen können, müssen damit rechnen, in die Fänge der Erinnerungspolizei zu geraten.«
Die Abenddämmerung senkte sich über das Meer. Egal, wie sehr ich die Augen auch zusammenkniff, ich konnte kein einziges Rosenblatt mehr entdecken.
8
Es ist fast drei Monate her, dass ich meine Stimme verloren habe. Seitdem passiert zwischen uns nichts mehr ohne die Schreibmaschine. Selbst wenn wir uns lieben, steht sie still neben dem Bett parat. Sobald ich ihm etwas mitteilen möchte, kann ich es dann schnell auf der Maschine tippen. Ich schreibe mittlerweile sogar schneller mit der Maschine als mit der Hand.
Zu Beginn meiner Aphasie versuchte ich noch alles Erdenkliche, um zu sprechen. Ich rollte die Zunge in meinen Rachen und hielt die Luft an, bis ich fast platzte, oder ich verzog meinen Mund krampfhaft in alle Richtungen. Aber als ich begriff, dass all diese Versuche zwecklos waren, verließ ich mich auf die Schreibmaschine. Immerhin ist mein Geliebter ja Lehrer in einer Schreibmaschinenschule, und ich arbeite als Stenotypistin.
»Was wünschen Sie sich zum Geburtstag?«
Als er mich das eines Tages fragte, senkte ich wie immer den Blick auf die Schreibmaschine, die auf meinem Schoß stand.
Klack … klack … klack …
ICH WÜNSCHE MIR FARBBÄNDER.
Er hielt den Kopf schräg, legte seinen rechten Arm um meine Schulter und las die frisch getippten Buchstaben.
»Ein Farbband? Das ist nicht gerade romantisch.«
Er musste lächeln.
Klack …klack …klack ….
ICH FÜRCHTE, DASS DIE FARBBÄNDER IRGENDWANN VERSCHWINDEN. DANN KANN ICH NICHT MEHR MIT IHNEN SPRECHEN.
Wenn wir zusammen sind, bin ich sehr glücklich, seine Körperwärme an meiner Schulter zu spüren. Dabei vergesse ich sogar den Verlust meiner Stimme.
»Gut. Dann gehe ich in den Schreibwarenladen und kaufe sämtliche Farbbänder auf, die sie auf Lager haben.«
Klack … klack…
DANKE.
Meine Worte hatten in der Form von Buchstaben einen ganz anderen Charakter als beim Sprechen. Die zarten Abdrücke der Typen auf dem Papier. Die manchmal unsaubere Schrift. Das leicht geneigte J, das hintenüberzufallen drohte. Das unvollständige M, dessen mittlerer Zacken fehlte. M und J mussten bald ausgetauscht werden.
Ich weiß noch genau, wie er mirim Unterricht beigebracht hat, ein Farbband zu wechseln. Es war noch ganz am Anfang, als ich lediglich es, es, es und dies, dies, dies auf ein Blatt Papier tippte.
»Bis zum Ende der heutigen Unterrichtsstunde werden Sie gelernt haben, wie man ein neues Farbband einlegt«, hatte er damals gesagt.
»Es ist zunächst ein wenig verzwickt, aber wenn man es einmal verstanden hat, ist es kinderleicht. Also schauen Sie gut hin!«
Er versammelte die Schülerinnen um einen Tisch herum. Zuerst öffnete er mit einem leisen Klick die Abdeckung der Maschine. Ihr Innenleben sah viel interessanter aus, als ich mir vorgestellt hatte. Die Typenhebel, die Spulen, die verschiedenförmigen Stifte, die vom Öl geschwärzte Metallstange – das alles bildete ein hochkomplexes System.
»So entfernen wir nun das verbrauchte Farbband.«
Er löste das alte Farbband von der rechten Spule. Das heraushängende Ende glitt sanft durch die einzelnen mechanischen Teile hindurch.
»So, aufgepasst! Hier haben wir das neue Farbband. Die glatte Vorderseite enthält die Farbe und muss nach oben zeigen, wenn das Band in die linke Spule eingehakt wird. Halten Sie mit der rechten Hand das Ende des Farbbandes gut fest. Nicht loslassen! Sie müssen sich unbedingt die Richtung und die Reihenfolge der einzelnen Schritte merken, also von wo aus und wie genau das Band durch das Führungsprofil läuft. Das ist das Wichtigste. So wie das Einsetzen einer Garnrolle bei einer Nähmaschine. Zuerst gilt es, das Band durch diese Drahthalterung zu führen, dann über das Rädchen und hinter dem Stift entlang und von da aus wieder zurück …«
Es war in der Tat ein kompliziertes Verfahren. Man konnte sich das unmöglich gleich beim ersten Mal merken. Die anderen Schülerinnen blickten ebenso verzagt drein wie ich. Seine Finger hingegen bewegten sich geschickt und präzise.
»So, das war’s auch schon!«
Als sich das Farbband endlich von einer Rolle zur anderen durch das Innere der Maschine schlängelte, seufzten wir erleichtert auf.
»Haben Sie alle das verstanden?«
Er stemmte die Hände in die Hüften und blickte in die Runde. Seine Finger waren wie immer makellos, von Öl- oder Farbflecken keine Spur.
Mir gelang es damals nie. Entweder verhedderte sich das Band beim Einlegen, oder es gab keine Farbe ab, wenn ich die Tasten anschlug. Ich schwebte in ständiger Angst, das Band könnte noch während der Unterrichtsstunde aufgebraucht sein.
Inzwischen habe ich kein Problem mehr damit. Ich stelle mich mittlerweile sogar geschickter an als er. Seitdem die Schreibmaschine meine Stimme ersetzt, verbrauche ich ein Farbband in drei Tagen. Ich werfe die alten Bänder aber nicht mehr weg, sondern bewahre sie sorgsam auf, weil ich mir einbilde, dass meine Stimme vielleicht eines Tages wiederkehrt, wenn ich die eingestanzte Buchstabenreihe auf dem Seidenband betrachte oder mit dem Finger nachzeichne …
Ich zeigte R, was ich bislang geschrieben hatte. Da das Manuskript auf einen beträchtlichen Umfang angewachsen war, besuchte er mich zu Hause, weil er mir nicht zumuten wollte, den schweren Stapel in sein Büro zu tragen.
Wir nahmen uns Zeit, um jede einzelne Zeile durchzusprechen. Wir diskutierten, ob dieser oder jener Satz wirklich nötig sei, tauschten einzelne Wörter aus, beispielsweise »Kalender« für »Notizbuch« oder »Aussicht« statt »Blick«, fügten Passagen hinzu oder strichen andere.
R saß auf dem Sofa und blätterte ruhig eine Seite nach der anderen um, wobei er jede Seite behutsam mit den Fingerspitzen anhob.
Er behandelte meine Manuskripte stets mit größter Sorgfalt. Aber mich befiel immer eine gewisse Unruhe, wenn ich ihm zusah, denn ich fragte mich, ob mein Roman überhaupt eine solche Wertschätzung verdiente.
»So, für heute ist es genug.«
Wenn unser Arbeitspensum erledigt war, holte er Zigaretten und ein Feuerzeug aus der Innentasche seines Jacketts, während ich den Papierstapel mit einem Clip zusammenheftete.
»Darf ich Ihnen noch eine Tasse Tee bringen?«
»Sehr gern. Stark bitte, wenn es Ihnen nichts ausmacht!«
»Selbstverständlich.«
Ich schnitt uns ein Stück Kuchen ab, brühte den Tee auf und trug das Tablett dann ins Wohnzimmer.
»Ist das Ihre Mutter?«
Er zeigte auf das Foto.
»Ja.«
»Eine sehr schöne Frau. Sie sehen ihr ähnlich.«
»Nein, mein Vater sagte immer, das Einzige, was ich von ihr geerbt habe, seien meine guten Zähne.«
»Schöne Zähne sind doch wichtig.«
»In ihrem Atelier hatte meine Mutter immer in Zeitungspapier gewickelte Trockensardinen liegen, auf denen sie während der Arbeit herumkaute. Wenn ich als Baby nebenan im Laufstall zu laut schrie, hat sie mir eine davon in den Mund gestopft, damit ich Ruhe gab. Ich kann mich jetzt noch an den merkwürdigen Geschmack erinnern, und auch an diesen Geruch von Gips und Sägemehl. Ein ekliges Zeug.«
R fasste sich an die Brille und lächelte, nachdem er den Kopf gesenkt hatte.
Dann aßen wir schweigend den Kuchen. Es war oft so, dass wir nach unserem Arbeitsgespräch nicht so recht wussten, über was wir uns sonst noch unterhalten sollten. Es war aber keine beklemmende Stille, denn seine ruhigen Atemzüge hatten eine angenehme Wirkung auf mich. Außerdem kannte ich R eben nur als Lektor, der meine Manuskripte las. Ansonsten wusste ich nichts über ihn – weder über seine Herkunft noch über seine Familie. Ich wusste nicht, wie er seine freien Tage verbrachte, welchen Typ Frau er mochte oder welches sein Lieblingsteam beim Baseball war. Bei unseren Zusammentreffen war er immer nur derjenige, der meine Romane las.
»Gibt es hier noch viele Werke Ihrer Mutter?«
»Nein, nur die wenigen, die sie meinem Vater und mir zu Lebzeiten geschenkt hat.«
Ich betrachtete erneut das Foto von ihr. Sie trug ein luftiges Sommerkleid und lächelte schüchtern, während ich auf ihrem Schoß saß. Ihre bemerkenswert sehnigen Hände, die sonst nur mit schweren Werkzeugen wie Meißeln und Hämmern hantierten, streichelten meine zarten Babybeine.
»Ich glaube nicht, dass sie ihre Arbeiten auf Dauer behalten wollte. Aber ich erinnere mich, dass früher viel mehr Skulpturen im Atelier herumstanden. Vermutlich hat sie das meiste überstürzt beiseitegeschafft, als sie die Vorladung erhielt. Sie ahnte offenbar, dass ihr etwas Schlimmes bevorstand. Ich war ja damals noch ein Kind und kann mich nicht mehr genau an die Situation erinnern.«
»Wo war denn ihre Werkstatt?«
»Hier im Keller. Ich glaube, es gab auch noch eine Hütte, wo sie gelegentlich gearbeitet hatte, in einem Dorf flussaufwärts, aber nach meiner Geburt war sie nur noch hier unten im Atelier tätig.«
Ich tippte mit der Pantoffelspitze auf den Boden.
»Ich wusste gar nicht, dass es hier im Haus einen Keller gibt.«
»Es ist eigentlich kein richtiger Keller. Der Haupteingang auf der Südseite befindet sich an der Straße, aber nach Norden hin liegt das Haus direkt am Fluss. Im Wasser wurde ein Steinfundament angelegt, auf dem das Gebäude steht. Insofern liegt das Atelier auf Höhe des Flussbetts.«
»Das ist ziemlich ungewöhnlich, oder?«
»Meine Mutter liebte das Geräusch von Wasser. Keine wilde Brandung, sondern ein sanftes Plätschern. Zum Arbeiten brauchte sie lediglich drei Dinge: das Rauschen von Wasser, einen Laufstall und getrocknete Sardinen.«
»Das ist eine merkwürdige Kombination.«
Er drehte das Feuerzeug in der Hand und zündete sich eine Zigarette an.
Er zögerte, bevor er die nächste Frage stellte: »Würde es Ihnen etwas ausmachen, mir das Atelier zu zeigen?«
»Das mache ich gerne«, erwiderte ich prompt.
Er stieß langsam den Rauch aus, als wäre er erleichtert, endlich eine Frage gestellt zu haben, die ihm schon lange auf der Seele lag.
»Der Boden ist hier viel kühler.«
»Ich mache gleich den Ofen an. Es ist ein uraltes Modell, deshalb dauert es immer eine Weile, bis der Raum warm ist. Es tut mir leid.«
»Aber nein, ich meine die Kälte, die vom Fluss her kommt. Ich finde sie nicht unangenehm. Machen Sie sich bitte keine Umstände!«
Wir stiegen die enge Treppe zum Atelier hinab. Er tastete sich ängstlich durch das Halbdunkel und hielt sich zaghaft an meinem rechten Arm fest.
»Oh … es ist größer, als ich dachte.«
Er schaute sich verwundert um.
»Nach dem Tod meiner Mutter hat mein Vater vor lauter Kummer diesen Raum nie wieder betreten. Deshalb sieht es hier auch so verwahrlost aus.«
Ich war das letzte Mal mit den Inuis hier unten gewesen.
»Sie können sich gerne umschauen.«
Er nahm alle Gegenstände in Augenschein, die im Atelier zurückgeblieben waren: das Regal mit den verschiedenen Werkzeugen, wo auch die fünf Skulpturen standen, die mir die Inuis anvertraut hatten; die Glastür, die zum Waschplatz führte; die Holzstühle. Obwohl es eigentlich nichts Besonderes zu sehen gab, inspizierte er jeden Winkel des Raums, als wollte er den Zauber alter Zeiten atmen.
»Sie können gerne die Schubladen aufziehen und sich die Skizzenbücher und Notizblätter anschauen.«
Als er sich die Papiere ansah, behandelte er sie ebenso achtsam wie mein Manuskript. Jede seiner Bewegungen wirbelte sachte den herumliegenden Staub auf. Durch das Oberlicht war ein Stück des klaren blauen Himmels zu erkennen. Hin und wieder hörte man das Platschen eines aus dem Wasser springenden Karpfens.
»Und was ist das?«
Zum Schluss hatte er die Kommode hinter der Treppe entdeckt.
»In diesen Schubladen hat meine Mutter früher geheime Dinge aufbewahrt.«
»Geheime Dinge?«
»Ja. Wie soll ich es beschreiben? Unbekannte Gegenstände, alle möglichen Sachen …«
Ich stockte, weil mir die passenden Worte fehlten.
Er zog die Schubladen auf. Sie waren alle leer.
»Es ist nichts mehr da.«
»Als ich Kind war, lag in jeder Schublade ein bestimmter Gegenstand. Meine Mutter zeigte mir manchmal ein paar davon, wenn sie eine Pause machte. Und dann erzählte sie etwas darüber. Es waren wundersame Geschichten, die in keinem meiner Kinderbücher vorkamen.«
»Aber warum sind sie jetzt leer?«
»Ich weiß es nicht. Mir ist erst später aufgefallen, dass keiner der Gegenstände mehr da ist. Ich glaube, sie verschwanden in dem Durcheinander, als meine Mutter weggebracht wurde.«
»Hat die Polizei die Sachen beschlagnahmt?«
»Nein. Die Männer waren niemals hier unten im Atelier. Eigentlich dürften nur meine Mutter und ich von den geheimen Dingen gewusst haben. Sogar mein Vater war nicht eingeweiht. Ich nehme an, meiner Mutter war es in den Tagen, bevor sie abgeholt wurde, gelungen, sie fortzuschaffen. Ich war damals erst zehn Jahre und hatte keine Ahnung von der Bedeutung der Gegenstände, sie selbst muss jedoch geahnt haben, dass es bei ihrer Vorladung genau darum ging. Aber ich denke nicht, dass sie irgendjemandem anvertraut hat, ob sie die Dinge zerstört oder irgendwo versteckt hat.«
»Aha …«
R stand unter der Treppe und duckte sich, um sich nicht den Kopf zu stoßen. Er zog an einem der Griffe. Ich hatte Sorge, dass er sich an dem rostigen Metall die Finger schmutzig machen würde.
»Können Sie sich daran erinnern, was in dieser Schublade gewesen ist?«
Er schaute mich an.
Die Sonnenstrahlen, die durch das Oberlicht fielen, spiegelten sich in seinen Brillengläsern.
»Ich wünschte, ich könnte mich daran erinnern, denn es waren die kostbarsten Momente, die ich zusammen mit meiner Mutter verbracht habe. Aber es hat keinen Zweck, mein Gedächtnis ist zu lückenhaft. Ich sehe zwar ihr Gesicht vor mir, ich höre den Tonfall ihrer Stimme und spüre die Atmosphäre, die damals hier im Atelier herrschte, aber an die Dinge in den Schubladen habe ich bloß noch verschwommene Erinnerungen. Es ist, als hätten sich in meinem Gedächtnis ihre Konturen aufgelöst.«
»Jede noch so vage Erinnerung ist wichtig. Erzählen Sie von jedem Detail, das Ihnen einfällt, egal, wie banal es Ihnen erscheinen mag.«
»Hm …«
Ich betrachtete die Kommode. Früher war es zweifellos ein edles Möbelstück gewesen, aber nun war sie in einem erbärmlichen Zustand: völlig eingestaubt, die Griffe verrostet, der Lack blätterte ab. Hier und da waren Spuren von Aufklebern zu erkennen, die ich als Kind zum Spaß dort angebracht hatte.
»Ihr liebster Gegenstand …«, begann ich, nachdem ich eine Weile nachgedacht hatte, »befand sich in der zweiten Reihe. Es war ein Andenken an ihre Mutter. Ein kleiner grüner Stein. Er war so klein wie ein Milchzahn und ganz hart. Der Vergleich fällt mir deshalb ein, weil mir damals gerade die Milchzähne ausfielen.«
»Sah er schön aus?«, fragte R.
»Ich glaube schon. Meine Mutter hielt ihn oft ins Mondlicht und bewunderte seinen Schimmer. An mehr kann ich mich leider nicht erinnern. Ob er wertvoll war, ob ich ihn haben wollte. Nur die Kälte des Steins, als sie ihn mir auf die Handfläche legte, habe ich im Gedächtnis bewahrt. Wenn ich hier vor der Kommode stehe, fühlt sich mein Herz wie eine Seidenraupe, die in ihrem Kokon schlummert.«
»Dagegen kann man nichts ausrichten. Das geht jedem so, wenn er etwas verloren hat.«
Er schob seine Brille zurecht.
»Könnte es ein Smaragd gewesen sein?«
Zunächst löste das Wort in mir nichts aus.
»Sma-ragd?«
Ich sprach die Silben mehrmals leise vor mich hin.
Tief in meinem Innern meldete sich ein leises Echo.
»Ja, stimmt. So hieß der Stein.«
Ich nickte.
»Aber woher wissen Sie das?«
Er schwieg. Anstatt mir zu antworten, öffnete er eine Schublade nach der anderen. Die Griffe klapperten. Nachdem er die linke Schublade in der vierten Reihe aufgezogen hatte, hielt er inne und drehte sich zu mir um.
»Hier wurde ein Parfum aufbewahrt, nicht wahr?«
»Woher …«, wollte ich wieder fragen, verschluckte aber meine Worte.
»Der Duft ist geblieben.«
Er schob mich sanft in Richtung Schublade.
»Riechen Sie es?«
Ich blickte in die Öffnung der leeren Schublade und sog den Duft ein. Ich erinnerte mich, wie meine Mutter es mir vorgemacht hatte, damit ich ihn voll und ganz in mir aufnehmen konnte. Doch das, was jetzt meine Brust erfüllte, war nur kalte, abgestandene Luft. Das Gefühl von seiner Hand auf meinem Rücken war lebendiger als die Erinnerung an das Parfum.
»Es tut mir leid.«
Seufzend schüttelte ich den Kopf.
»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Es ist ja ausgesprochen schwierig, sich an verschwundene Dinge zu erinnern.«
Er schob die Schublade zu und senkte den Blick.
»Ich kenne die Schönheit eines Smaragds und auch den Duft von Parfum. Aus meinem Herzen verschwindet niemals etwas.«
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