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YANIS VAROUFAKIS
DIE GANZE
GESCHICHTE
Meine Auseinandersetzung
mit Europas Establishment
Aus dem Englischen von
Anne Emmert, Ursel Schäfer
und Claus Varrelmann
Verlag Antje Kunstmann
Zum Buch
Als griechischer Finanzminister löste Yanis Varoufakis eine der spektakulärsten und kontroversesten Auseinandersetzungen der jüngsten politischen Geschichte aus, als er versuchte, die Beziehung seines Landes mit der EU neu zu verhandeln. Trotz der massenhaften Unterstützung seitens der griechischen Bevölkerung und der bestechend einfachen Logik seiner Argumente – dass die gigantischen Kredite und die damit verbundene Sparpolitik eine zerstörerische Wirkung haben – hatte Varoufakis nur in einem Erfolg: Europas politisches und mediales Establishment in Rage zu versetzen. Aber die wahre Geschichte der damaligen Geschehnisse ist beinahe unbekannt, weil so vieles in der EU hinter verschlossenen Türen stattfindet.
In diesem couragierten Bericht deckt Varoufakis alles auf und erzählt die ganze Geschichte von waghalsiger Politik, von Heuchelei, Betrug und Verrat, die das Establishment in den Grundfesten erschüttern wird. Dieses Buch ist ein Weckruf, die europäische Demokratie zu erneuern, bevor es zu spät ist.
»Eine der besten politischen Erinnerungen überhaupt. So eine präzise, detaillierte Beschreibung moderner Macht hat man noch nicht gelesen.«
The Guardian
»Ein wichtiges und erschreckendes Buch, das gelesen werden muss. Besonders, weil es schonungslos offenlegt, wie die Mächtigen in der EU handeln … Varoufakis verkörpert die größten aller politischen Tugenden – Mut und Ehrlichkeit.«
The Times
»Einer meiner wenigen Helden. Solange es Leute wie Varoufakis gibt, gibt es noch Hoffnung.«
Slavoj Žižek
Über den Autor
Yanis Varoufakis, geboren 1961, wurde 2015 Europas bekanntester Finanzminister, als er sich weigerte, für das bankrotte Griechenland neue Schulden aufzunehmen. Seit seinem Rücktritt wurde er zur Galionsfigur einer neuen Bewegung für eine Reform der Eurozone. Der international renommierte Wirtschaftswissenschaftler lehrte an Universitäten in England, Australien und den USA und an der Universität Athen. Im Verlag Antje Kunstmann erschienen Der globale Minotaurus (2012), Bescheidener Vorschlag zur Lösung der Eurokrise (mit J. Galbraith und S. Holland, 2015) und Das Euro-Paradox (2016).
Für alle, die intensiv nach Kompromissen suchen, aber lieber untergehen, als sich kompromittieren lassen
INHALT
Eine Anmerkung zu wörtlichen Zitaten
Vorwort
Teil Eins. Winter unseres Missvergnügens
1. Einführung
2. Bailoutistan
3. Von Zungen und Bogen
4. Wassertreten
5. Im Sterbelicht sei doppelt zornentfacht
Teil Zwei. Unbesiegbarer Frühling
6. Es beginnt …
7. Verheißungsvoller Februar
8. Hektik vor dem Sturm
9. Weißer Rauch: ein kurzer Moment der Freude
10. Desmaskiert
11. Unseren Frühling beschneiden
12. In Merkels Bann
13. Das Richtige wird vereitelt
14. Der grausamste Monat
Teil Drei. Endspiel
15. Countdown zum Untergang
16. Reden wie Erwachsene
17. Löwen, von Eseln geführt
Epilog
Danksagung
Anhänge
Anmerkungen
Register
Eine Anmerkung zu wörtlichen Zitaten
In einem Buch wie diesem, bei dem so viel davon abhängt, wer was zu wem gesagt hat, habe ich mir alle Mühe gegeben, zitierte Äußerungen genau wiederzugeben. Dabei konnte ich auf Mitschnitte mit meinem Mobiltelefon zurückgreifen und auf Notizen, die ich nach vielen offiziellen Treffen und Unterredungen niedergeschrieben habe. Wenn ich keine eigenen Aufzeichnungen oder Notizen hatte, verließ ich mich auf mein Gedächtnis und, wo immer möglich, auf die Bestätigung durch andere Augenzeugen.
Dem Leser sollte bewusst sein, dass ein großer Teil der in dem Buch zitierten Diskussionen auf Griechisch stattfand. Das betrifft alle Gespräche mit meinen Mitarbeitern im Finanzministerium, im Parlament, auf den Straßen Athens, mit dem Ministerpräsidenten, im Kabinett sowie die Unterredungen zwischen meiner Partnerin Danae und mir. Alle diese Gespräche habe ich ins Englische übersetzt.
Die einzigen Unterredungen, die weder auf Griechisch noch auf Englisch geführt wurden, waren die mit dem französischen Finanzminister Michel Sapin. Er weigerte sich als einziges Mitglied der Eurogruppe, bei Sitzungen Englisch zu sprechen. Wir unterhielten uns entweder mit Dolmetschern, oder, was ziemlich oft vorkam, er sprach Französisch mit mir, und ich antwortete auf Englisch, unsere Kenntnis der jeweiligen Sprache reichte dafür aus.
In jedem Fall beschränke ich meinen Bericht strikt auf Gespräche, die für die Öffentlichkeit interessant sind: Gespräche über Ereignisse, die das Leben von Millionen Menschen beeinflusst haben.
VORWORT
Mein voriges Buch, Das Euro-Paradox, bot eine historische Erklärung, warum Europa nun, Jahrzehnte nach seiner Gründung, dabei ist, seine Integrität zu verlieren und seine Seele zu verwirken. Als ich an den letzten Seiten arbeitete, im Januar 2015, wurde ich Finanzminister von Griechenland und fand mich im Innersten jenes Ungeheuers wieder, über das ich eben noch geschrieben hatte. Als Finanzminister eines chronisch verschuldeten europäischen Mitgliedstaats, der sich zu dem Zeitpunkt in einer heftigen Auseinandersetzung mit seinen Gläubigern – Europas mächtigsten Staaten und Institutionen – befand, lernte ich unmittelbar die besonderen Umstände und Gründe kennen, warum unser Kontinent in einem Morast versank, aus dem er womöglich lange nicht mehr herauskommen wird.
Das vorliegende Buch erzählt diese Geschichte. Man könnte es als die Geschichte eines Wissenschaftlers lesen, der eine Weile Minister war und dann zum Whistleblower wurde. Oder als persönlichen Enthüllungsbericht, in dem berühmte Personen wie Angela Merkel, Mario Draghi, Wolfgang Schäuble, Christine Lagarde, Emmanuel Macron, George Osborne und Barack Obama figurieren. Oder als die Geschichte eines kleinen, bankrotten Landes, das es mit den europäischen Goliaths aufnimmt, um aus dem Schuldgefängnis herauszukommen, und dann eine krachende, wenn auch einigermaßen ehrenhafte Niederlage erleidet. Aber keine dieser Beschreibungen spiegelt meine wahre Motivation wider, dieses Buch zu schreiben.
Kurz nach der gnadenlosen Niederschlagung der griechischen Rebellion von 2015, auch bekannt als griechischer Frühling oder Athener Frühling, verlor in Spanien die linke Partei Podemos an Schwung; zweifellos fürchteten viele potenzielle Wähler, eine wütende EU könnte ihnen ein ähnliches Schicksal bereiten wie uns. Viele Anhänger der Labour Party in Großbritannien stimmten unter dem Eindruck der kaltschnäuzigen Missachtung der Demokratie, die die EU gegenüber Griechenland an den Tag gelegt hatte, für den Brexit. Der Brexit wiederum gab Donald Trump Auftrieb. Sein Triumph lenkte frischen Wind in die Segel fremdenfeindlicher Nationalisten in ganz Europa und der Welt. Wladimir Putin dürfte sich angesichts des Schauspiels der sagenhaften Selbstdemontage des Westens ungläubig die Augen reiben.
Die Geschichte in diesem Buch steht nicht nur symbolisch für den Weg, den Europa, Großbritannien und die Vereinigten Staaten eingeschlagen haben; sie bietet auch reale Einsichten, wie und warum unsere Staatswesen und sozialen Ordnungen zerbrochen sind. Während das sogenannte liberale Establishment gegen die Fake News der rebellierenden »alternativen Rechten« protestiert, ist es heilsam, sich daran zu erinnern, dass 2015 eben dieses Establishment eine schrecklich effiziente Verleumdungs- und Rufmordkampagne gegen die proeuropäische, demokratisch gewählte Regierung eines kleines Landes in Europa startete.
Ich hoffe zwar, dass derartige Einsichten nützlich sind, doch mein Antrieb, dieses Buch zu schreiben, hat noch tiefere Gründe. Hinter den einzelnen Ereignissen, deren Zeuge ich wurde, erkannte ich eine universelle Geschichte – die Geschichte, was passiert, wenn Menschen sich grausamen Umständen ausgeliefert sehen, die ein inhumanes, überwiegend unsichtbares Netzwerk von Machtbeziehungen hervorgebracht hat. Deshalb gibt es in diesem Buch nicht »die Guten« und »die Bösen«. Vielmehr ist es von Menschen bevölkert, die ihr Bestes tun – oder das, was sie dafür halten – unter Bedingungen, die sie sich nicht ausgesucht haben. Jede einzelne Person, die ich getroffen habe und über die ich hier schreibe, glaubte, sie würde sachgerecht handeln, aber gemeinsam brachten sie mit ihrem Tun Unglück über einen ganzen Kontinent. Ist das nicht Stoff für eine echte Tragödie? Haben nicht genau darum die Tragödien von Sophokles und Shakespeare uns heute noch etwas zu sagen, viele hundert Jahre nach den Ereignissen, auf die sie sich beziehen?
Irgendwann bemerkte Christine Lagarde, die geschäftsführende Direktorin des Internationalen Währungsfonds, im Zustand der Verzweiflung, um das Drama zu lösen, bräuchten wir »Erwachsene im Raum«. Sie hatte recht. In vielen der Räume, in denen sich dieses Drama entfaltete, fehlte es an Erwachsenen. Dem Charakter nach fielen die Beteiligten in zwei Kategorien: die Unbedeutenden und die Faszinierenden. Die Unbedeutenden liefen herum und kreuzten Kästchen auf den Blättern mit den Anweisungen an, die sie von ihren Herren und Meistern bekommen hatten. In vielen Fällen waren ihre Meister – Politiker wie Wolfgang Schäuble und Funktionäre wie Christine Lagarde und Mario Draghi – anders. Sie besaßen die Fähigkeit, über sich selbst und ihre Rolle in dem Drama zu reflektieren, und weil sie in der Lage waren, einen Dialog mit sich selbst zu führen, gingen sie so faszinierend leicht in die Falle sich selbst erfüllender Prophezeiungen.
Griechenlands Gläubiger am Werk zu beobachten war tatsächlich so, als würde man zusehen, wie sich im Land des Ödipus eine Version von Macbeth entfaltet. Genau wie Ödipus’ Vater, König Laios von Theben, unwissentlich seine Ermordung selbst herbeiführt, weil er an die Prophezeiung glaubt, dass sein Sohn ihn umbringen werde, führten die klügsten und mächtigsten Akteure in diesem Drama ihren eigenen Untergang aus Angst vor der Prophezeiung herbei, die ihn vorausgesagt hatte. Griechenlands Gläubiger waren sich sehr genau bewusst, wie leicht ihnen die Macht entgleiten konnte, und wurden oft von Unsicherheit geradezu überwältigt. Weil sie fürchteten, Griechenlands unausgesprochener Bankrott könnte zur Folge haben, dass sie die politische Kontrolle über Europa verloren, zwangen sie dem Land Maßnahmen auf, die nach und nach ihre politische Kontrolle nicht nur über Griechenland, sondern über Europa aushöhlten.
An einem bestimmten Punkt, als sie wie Macbeth spürten, dass ihre Macht sich in unerträgliche Machtlosigkeit verwandelte, fühlten sie sich gedrängt, auf schlimmstmögliche Weise zu handeln. In solchen Augenblicken hörte ich sie beinahe sagen:
Ich stieg ins Blut
So tief, daß mir, wollt ich nicht mehr drin baden,
Rückkehrn so schwer wär wie hindurchzuwaten.
Hab Seltsames im Kopf, was drängt zur Hand,
Und muß getan sein, eh’s recht Prüfung fand.
Macbeth, Dritter Akt, 4. Szene
Wenn einer der Beteiligten über ein mörderisches Drama wie dieses berichtet, können Parteilichkeit und der Wunsch nach Rechtfertigung nicht ausbleiben. Ich bemühe mich, so fair und unparteilich wie möglich zu sein, ihre Handlungsweise und meine mit den Augen einer Person aus einer echten alten griechischen oder shakespeareschen Tragödie zu sehen, in der die Charaktere weder gut noch böse sind, sondern von den unbeabsichtigten Folgen ihrer Vorstellung, was sie tun sollten, überwältigt werden. Ich vermute, dass ich bei Menschen, die ich faszinierend fand, damit erfolgreicher war als bei solchen, deren Bedeutungslosigkeit meine Sinne abstumpfte. Es fällt mir schwer, mich dafür zu entschuldigen, nicht zuletzt, weil es der Genauigkeit dieses Berichts Abbruch tun würde, wenn ich sie anders darstellen würde.
TEIL EINS
KAPITEL 1
Einführung
Den einzigen Farbklecks in der schummrigen Hotelbar lieferte die bernsteinfarbene Flüssigkeit, die in dem Glas vor ihm schimmerte. Als ich näher trat, hob er den Blick und begrüßte mich mit einem Kopfnicken, bevor er sich wieder seinem Whiskyglas zuwandte. Erschöpft ließ ich mich auf das dick gepolsterte Sofa fallen. Wie aufs Stichwort erklang imponierend düster seine vertraute Stimme:
»Yanis, du hast einen schweren Fehler gemacht.«
Spät in einer Frühlingsnacht legt sich eine Sanftmut über Washington D.C., die tagsüber unvorstellbar ist. Wenn die Politiker, die Lobbyisten und die Hofschranzen verschwunden sind, verfliegt alle Spannung. In den Bars verlieren sich die wenigen Menschen, die nicht schon wieder früh am Morgen auf den Beinen sein müssen, und die noch weniger zahlreichen, die ihre Probleme nicht schlafen lassen. In dieser Nacht wie in den einundachtzig Nächten davor und tatsächlich auch den einundachtzig Nächten danach gehörte ich zu Letzteren.
In die Dunkelheit gehüllt, war ich eine Viertelstunde von Nr. 700 19th Street N.W., dem Sitz des Internationalen Währungsfonds, zu der Hotelbar gegangen, wo ich ihn treffen sollte. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass ein so kurzer Spaziergang, noch dazu im gesichtslosen Washington, so erfrischend sein konnte. Die Aussicht auf die Begegnung mit dem großen Mann trug zu meiner Erleichterung bei: Nach fünfzehn Stunden an einem Tisch mit lauter mächtigen Leuten, die entweder zu unbedeutend oder zu eingeschüchtert waren, um offen zu sprechen, würde ich nun jemanden treffen, der in Washington und darüber hinaus großen Einfluss hatte, einen Mann, dem niemand Bedeutungslosigkeit oder Kleinmut vorwerfen konnte.
Meine Stimmung änderte sich schlagartig bei seiner bissigen Begrüßung, die in dem dämmrigen Licht und mit den huschenden Schatten noch bedrohlicher wirkte.
Ich versuchte, unbeeindruckt zu klingen. »Und was für ein Fehler war das, Larry?«
»Du hast die Wahl gewonnen!«
Es war am 16. April 2015, genau in der Mitte meiner kurzen Amtszeit als griechischer Finanzminister. Nicht einmal sechs Monate zuvor hatte ich das Leben eines Wissenschaftlers geführt, der an der Lyndon B. Johnson School of Public Affairs an der Universität im texanischen Austin lehrte, während er von der Universität Athen beurlaubt war. Aber im Januar 2015 hatte sich mein Leben über Nacht verändert, als ich als Abgeordneter ins griechische Parlament gewählt wurde. Ich hatte nur ein einziges Wahlversprechen abgegeben: dass ich alles in meiner Macht Stehende tun würde, um mein Land aus der Schuldknechtschaft und der erdrückenden Sparpolitik zu befreien, die seine europäischen Nachbarn und der IWF ihm auferlegt hatten. Dieses Versprechen hatte mich nach Washington gebracht und – mit der Hilfe meiner engen Mitarbeiterin Elena Panaritis, die das Treffen vereinbart hatte und mich an dem Abend begleitete – in diese Bar.
Ich versteckte meine Beklemmung hinter einem Lächeln über seinen trockenen Humor. Dabei schoss mir ein Gedanke durch den Kopf: Wollte er so meine Entschlossenheit gegenüber einem Meer von Feinden stärken? Ich tröstete mich mit der Erinnerung, dass der einundsiebzigste Finanzminister der Vereinigten Staaten und siebenundzwanzigste Präsident der Universität Harvard nicht für seinen konzilianten Umgangston bekannt war.
Um das ernste Gespräch, das uns bevorstand, noch ein paar Augenblicke hinauszuschieben, signalisierte ich dem Barkeeper, dass er mir auch einen Whisky bringen sollte. »Bevor du mir erklärst, Larry, was für einen ›Fehler‹ ich gemacht habe, möchte ich dir sagen, wie wichtig deine unterstützenden Worte und dein Rat für mich in den letzten Wochen waren. Ich bin dir wirklich sehr dankbar. Besonders, weil ich dich seit Jahren als Fürst der Finsternis bezeichne.«
Larry Summers erwiderte ungerührt: »Immerhin hast du mich als Fürst bezeichnet. Ich habe schon anderes gehört.«
In den nächsten beiden Stunden unterhielten wir uns ernsthaft. Wir sprachen über technische Dinge: Gläubigerbeteiligung, Fiskalpolitik, Reform der Finanzmärkte, Bad Banks. In politischer Hinsicht warnte er mich, dass ich dabei sei, den Propagandakrieg zu verlieren, und dass »die Europäer«, wie er die amtierenden europäischen Politiker nannte, mich kleinkriegen wollten. Er meinte, und da stimmte ich zu, dass eine neue Vereinbarung für mein leidgeprüftes Land so aussehen müsse, dass die deutsche Kanzlerin sie ihren Wählern als ihre Idee präsentieren könne, als ihr persönliches Vermächtnis.
Unser Gespräch lief besser, als ich gehofft hatte, wir stimmten in allen wichtigen Punkten überein. Es war ein großer Erfolg, dass ich mir im Kampf gegen mächtige Institutionen, Regierungen und Medienkonglomerate, die alle die Kapitulation meiner Regierung und meinen Kopf auf einem Silbertablett forderten, die Unterstützung des Respekt einflößenden Larry Summers gesichert hatte. Nachdem wir uns über die nächsten Schritte verständigt hatten und bevor die Müdigkeit und der Alkohol uns zwangen, den Abend zu beschließen, schaute Summers mich eindringlich an und stellte mir eine Frage, die so gut vorbereitet klang, dass ich vermutete, er habe vor mir schon andere damit getestet.1
»Es gibt zwei Arten von Politikern«, begann er. »Insider und Outsider. Die Outsider legen Wert darauf, dass sie ihre Version der Wahrheit frei aussprechen können. Der Preis dafür ist, dass sie von den Insidern ignoriert werden, die die wichtigen Entscheidungen treffen. Die Insider wiederum folgen einer heiligen Regel: Sag nie etwas gegen andere Insider und sprich niemals mit Outsidern über das, was Insider sagen und tun. Welche Belohnung bekommen sie dafür? Zugang zu Insiderinformationen und die Chance, allerdings nicht die Garantie, wichtige Menschen und Ergebnisse zu beeinflussen.« Und damit kam Summers zu seiner Frage: »Also, Yanis, welche Art von Politiker bist du?«
Mein Bauchgefühl riet mir, mit einem einzigen Wort zu antworten. Stattdessen holte ich weiter aus.
»Von meinem Charakter her bin ich der geborene Outsider. Aber«, fügte ich gleich hinzu, »ich bin bereit, meinen Charakter zu unterdrücken, wenn es hilft, eine neue Vereinbarung für Griechenland abzuschließen, die unser Volk aus dem Schuldgefängnis befreit. Du kannst mir glauben, Larry: Ich werde mich so lange wie ein geborener Insider benehmen, wie es nötig ist, damit eine praktikable Übereinkunft auf den Tisch kommt – für Griechenland und für Europa. Aber wenn die Insider, mit denen ich verhandle, nicht bereit sind, Griechenland aus der ewigen Schuldknechtschaft zu entlassen, dann werde ich ohne Zögern den Whistleblower spielen – wieder nach draußen zurückkehren, was sowieso mein natürlicher Lebensraum ist.«
Nach einer langen, versonnenen Pause erwiderte er: »Das ist nur fair.«
Wir erhoben uns beide zum Gehen. Als wir aus der Hotellobby traten, merkten wir, dass der Himmel während unseres Gesprächs seine Schleusen geöffnet hatte. Ich wartete, bis er in sein Taxi gestiegen war, und wurde in meiner leichten Frühjahrsjacke nass bis auf die Haut. Nachdem sein Taxi davongebraust war, registrierte ich, dass ich einen wilden Traum verwirklichen konnte, der mich in den endlosen Sitzungen der letzten Tage und Wochen immer wieder verfolgt hatte: Ich konnte allein, unbemerkt, im Regen spazieren gehen.
Während ich ganz allein durch die Nässe marschierte, rekapitulierte ich unsere Begegnung. Summers war ein Verbündeter, wenn auch ein widerstrebender. Mit der linken Politik meiner Regierung konnte er nichts anfangen. Aber er hatte begriffen, dass unser Untergang nicht im Interesse Amerikas lag. Er wusste, dass die Wirtschaftspolitik Europas nicht nur grausam für Griechenland war, sondern schrecklich für Europa und damit auch für Amerika. Und er wusste, dass Griechenland nur das Labor war, in dem diese verfehlte Politik ausprobiert und weiterentwickelt wurde, bevor man sie in ganz Europa einsetzte. Deshalb hatte er mir eine helfende Hand gereicht. Obwohl wir unterschiedliche politische Überzeugungen hegten, sprachen wir ökonomisch die gleiche Sprache und hatten kein Problem, rasch zu einer Einigung zu gelangen, welche Ziele wir verfolgen und welche Taktik wir anwenden wollten. Trotzdem hatte meine Antwort ihn offensichtlich beunruhigt, auch wenn er das nicht zeigte. Meinem Eindruck nach wäre er viel zufriedener in sein Taxi gestiegen, wenn ich wenigstens halbwegs Interesse bekundet hätte, ein Insider werden zu wollen. Doch wie die Veröffentlichung dieses Buchs zeigt, war das nie meine Absicht.
Zurück im Hotel trocknete ich mich erst einmal ab. Zwei Stunden bevor der Wecker läuten und mich zurück an die Front rufen würde, wälzte ich eine große Sorge hin und her: Wie würden meine Kameraden zu Hause, wie würde der innere Kreis der Regierung Summers’ Frage beantworten? In der Nacht war ich entschlossen zu glauben, dass ihre Antworten genauso ausfallen würden, wie meine Antwort ausgefallen war.
Nicht einmal zwei Wochen später kamen mir die ersten echten Zweifel.
Super Black Boxes
Giorgos Chatzis verschwand am 29. August 2012. Er wurde zuletzt im Büro der Rentenversicherung in der kleinen Stadt Siatista in Nordgriechenland gesehen. Dort sagte man ihm, dass seine monatliche Erwerbsunfähigkeitsrente von 280 Euro nicht mehr ausbezahlt werde. Augenzeugen berichteten, er habe sich nicht mit einem einzigen Wort beklagt. »Er wirkte geschockt und schwieg«, hieß es in einer Zeitung. Wenig später rief er auf seinem Mobiltelefon ein letztes Mal seine Frau an. Weil niemand zu Hause war, hinterließ er eine Nachricht: »Ich fühle mich nutzlos. Ich kann dir nichts mehr bieten. Kümmere dich um die Kinder.« Wenige Tage später wurde in einem abgelegenen Waldstück seine Leiche gefunden. Er hatte sich an einem Felsvorsprung erhängt, neben ihm auf dem Boden lag sein Mobiltelefon.
Ein paar Monate später erregte die Welle von Selbstmorden infolge der schweren Wirtschaftskrise in Griechenland die Aufmerksamkeit der internationalen Presse. Damals hatte sich Dimitris Christoulas, ein siebenundsiebzigjähriger Apotheker im Ruhestand, neben einem Baum auf dem Syntagma-Platz mitten in Athen erschossen. Er hinterließ ein herzzerreißendes Manifest gegen die Sparpolitik. Früher hätte die stille, würdige Trauer der Angehörigen von Christoulas und Chatzis noch den härtesten Schergen voller Scham verstummen lassen – aber nicht so in Bailoutistan, wie ich Griechenland nach 2010 sarkastisch genannt habe. Unsere Schergen halten sich von ihren Opfern fern, verbarrikadieren sich in Fünfsternehotels, brausen mit ihren Autokolonnen durch die Straßen und beruhigen ihre gelegentlich flatternden Nerven mit haltlosen Zahlen, die wirtschaftliche Erholung verheißen.
In jenem Jahr 2012, drei lange Jahre bevor Larry Summers mir den Unterschied zwischen Insidern und Outsidern erklärte, zeigte meine Lebensgefährtin Danae Stratou in einer Galerie im Zentrum von Athen eine Kunstinstallation unter dem Titel: Es ist Zeit, die Black Boxes zu öffnen! Das Werk bestand aus hundert Metallkisten, die in geometrischer Anordnung auf dem Boden verteilt waren. Jede Kiste enthielt ein Wort, ausgewählt aus Tausenden von Vorschlägen, mit denen die Athener in den sozialen Medien Danaes Frage beantwortet hatten: »Sagen Sie in einem Wort: Wovor haben Sie am meisten Angst, oder was möchten Sie unbedingt bewahren?«
Danaes Idee war, dass diese Kisten anders als etwa die Black Box eines im Meer versunkenen Flugzeugs geöffnet werden sollten, bevor es zu spät war. Das Wort, das die Athener am häufigsten genannt hatten, war nicht Arbeitsplatz, Rente oder Ersparnisse. Der Verlust, den sie am meisten fürchteten, war der Verlust von Würde. Auf der Insel Kreta, deren Bewohner für ihren Stolz berühmt sind, hatte es seit Ausbruch der Krise die meisten Selbstmorde gegeben. Wenn eine Wirtschaftskrise sich zuspitzt und die Früchte des Zorns »schwer und reif zur Ernte« werden, stürzt uns der Verlust der Würde in die tiefste Verzweiflung.
In meinem Beitrag für den Ausstellungskatalog zog ich den Vergleich zu einer anderen Art von Black Box. Technisch gesehen, so führte ich aus, sei eine Black Box ein Gegenstand oder ein System, dessen Funktionsweise undurchsichtig bleibt. Wir verstehen aber, dass die Black Box in der Lage ist, Input in Output zu verwandeln, und nutzen sie ganz selbstverständlich. Ein Mobiltelefon beispielsweise verwandelt die Bewegungen unserer Finger mühelos in ein Gespräch oder die Bestellung eines Taxis, obwohl es für die meisten von uns, wenn auch nicht für versierte Elektroingenieure, ein Rätsel bleibt, was im Inneren des Mobiltelefons passiert. Wie Philosophen gesagt haben, sind die Köpfe anderer Menschen der Inbegriff von Black Boxes: Wir können nicht wissen, was genau im Kopf eines anderen Menschen vorgeht. (Während der einhundertzweiundsechzig Tage, von denen dieses Buch handelt, habe ich mich oft bei dem Wunsch ertappt, die Menschen um mich herum, insbesondere meine Waffenbrüder, würden in diesem Sinn etwas weniger Black Boxes ähneln.)
Aber dann gibt es noch die »Super Black Boxes«, wie ich sie nenne, die Black Boxes, die so groß und so wichtig sind, dass selbst diejenigen, die sie geschaffen haben und kontrollieren, nicht vollständig verstehen, wie sie im Inneren funktionieren: zum Beispiel die Finanzderivate, deren Wirkungen nicht einmal die Finanzjongleure durchschauen, die sie ersonnen haben; globale Banken und multinationale Konzerne, deren Aktivitäten oft nicht einmal ihre Chefs ganz begreifen; und natürlich Regierungen und supranationale Institutionen wie der Internationale Währungsfonds mit Politikern und einflussreichen Bürokraten an der Spitze, die Ämter bekleiden, aber selten die Macht innehaben. Auch sie verwandeln Input – Geld, Schulden, Steuern, Wählerstimmen – in Output – Gewinn, noch kompliziertere Formen von Schulden, Kürzungen bei Sozialleistungen, in der Gesundheits- und Bildungspolitik. Der Unterschied zwischen diesen Super Black Boxes und dem bescheidenen Smartphone – oder auch anderen Menschen – ist, dass die meisten von uns keine Kontrolle über den Input haben, ihr Output jedoch unser aller Leben bestimmt.
Der Unterschied steckt in einem einzigen Wort: Macht. Nicht die Art von Macht, die mit der Gewalt von Meereswellen verbunden wird, sondern eine subtilere, unheilvollere Macht: die Macht der »Insider«, wie Larry Summers sie nennen würde, denen ich mich, wie er fürchtete, nicht anschließen würde, die Macht der geheimen Informationen.
Während und nach meiner Zeit als Minister wurde ich immer wieder gefragt: »Was wollte der IWF von Griechenland? Handelten diejenigen, die Schuldenerleichterungen ablehnten, so, weil sie eine rechtswidrige geheime Agenda hatten? Waren sie Handlanger von Konzernen, die Griechenlands Infrastruktur plündern wollten – seine Flughäfen, Hotelanlagen am Meer, Telefongesellschaften und so weiter?« Wenn die Dinge doch nur so einfach wären.
Wenn eine große Krise zuschlägt, ist es verlockend, eine Verschwörung der Mächtigen dafür verantwortlich zu machen. Sofort haben wir Bilder im Kopf von rauchgeschwängerten Räumen, in denen gerissene Männer (und ab und zu eine Frau) ausbaldowern, wie sie auf Kosten der Schwachen und des Allgemeinwohls Profit machen können. Das sind natürlich Hirngespinste. Wenn unsere bejammerswerte Lage auf eine Verschwörung zurückgeführt werden kann, dann eine solche, bei der die Verschwörer noch nicht einmal wissen, dass sie daran beteiligt sind. Was sich für viele wie eine Verschwörung der Mächtigen anfühlt, ist einfach etwas, das bei jedem Netzwerk von Super Black Boxes spontan entsteht.
Der Schlüssel zu solchen Netzwerken ist Exklusion und Intransparenz. Erinnert sei nur an das Motto »Gier ist geil«, das vor dem großen Knall 2008 an der Wall Street und in der City of London herrschte. Viele anständige Bankangestellte waren krank vor Sorge über das, was sie da beobachteten und taten. Aber wenn sie Beweise oder Informationen vor sich liegen hatten, die schreckliche Entwicklungen ahnen ließen, sahen sie sich Summers’ Dilemma gegenüber: Sie konnten sie an Outsider weitergeben und in der Bedeutungslosigkeit versinken, sie für sich behalten und Komplizen werden, oder ihre Macht ausüben und ihre Informationen gegen die von jemand anderem tauschen und damit eine improvisierte Zwei-Personen-Allianz schmieden, die beiden Beteiligten innerhalb des größeren Insidernetzwerks schlagartig mehr Macht verleihen würde. Wenn weitere heikle Informationen ausgetauscht werden, schmiedet diese Zwei-Personen-Allianz Verbindungen mit anderen ähnlichen Allianzen. Das Ergebnis ist eine Machtstruktur innerhalb anderer Strukturen, die Beteiligten konspirieren de facto, ohne bewusst Verschwörer zu sein.
Wenn ein Politiker, der etwas weiß, einem Journalisten ein Exklusivinterview gibt und im Gegenzug eine Berichterstattung bekommt, die in seinem Interesse liegt, wird der Journalist, wenn auch unwissentlich, in ein Netz von Insidern einbezogen. Wenn der Journalist sich weigert, die Geschichte im Sinne des Politikers darzustellen, riskiert er, eine wertvolle Quelle zu verlieren und von dem Netz ausgeschlossen zu werden. Auf diese Weise kontrollieren Netze der Mächtigen den Informationsfluss: Sie kooptieren Outsider und schließen alle aus, die sich nicht an die Spielregeln halten. Solche Netze entwickeln sich organisch und werden von einer Eigendynamik angetrieben, die kein Einzelner kontrollieren kann, nicht einmal der Präsident der Vereinigten Staaten, der CEO von Barclays und all jene, die Schlüsselpositionen im IWF oder in einer nationalen Regierung innehaben.
Wenn man erst einmal in diesem Netz gefangen ist, braucht es Heldenmut, um zum Whistleblower zu werden, besonders wenn man in der Kakofonie, in der es immer um Geldverdienen geht, seine eigene Stimme nicht mehr hört. Und wer aus der Reihe tanzt, endet wie eine Sternschnuppe: schnell verglüht und vergessen von einer zerstreuten Welt.
Faszinierenderweise übersehen viele Insider eines solchen Netzes, besonders wenn sie nur lose damit verbunden sind, dass da ein Netz ist, das sie verstärken, weil sie nur relativ wenig Kontakt damit haben. In ähnlicher Weise sind die Insider im Herzen des Netzes oft viel zu tief darin versunken, um zu bemerken, dass es noch eine Welt draußen gibt. Selten ist jemand so scharfsichtig, dass er erkennt, wenn er in einer Black Box lebt und arbeitet. Larry Summers ist ein solcher seltener Insider. Seine Frage war tatsächlich ein Appell, den Verlockungen der Außenwelt zu widerstehen. Seiner Haltung lag die Überzeugung zugrunde, dass die Welt nur aus dem Inneren der Black Box zum Besseren verändert werden kann.
Damit lag er meiner Meinung nach gründlich falsch.
Theseus vor dem Labyrinth
Vor 2008, als die Super Black Boxes noch reibungslos funktionierten, lebten wir in einer scheinbar ausbalancierten und sich stets regenerierenden Welt. Damals feierte der britische Schatzkanzler Gordon Brown das Ende des wirtschaftlichen Auf und Ab, und der künftige Vorsitzende der amerikanischen Notenbank, Ben Bernanke, pries die »große Mäßigung«. Natürlich war das eine Illusion, erzeugt von Super Black Boxes, deren Funktionsweise niemand verstand, vor allem nicht die Insider, die damit hantierten. Und dann stürzte 2008 alles krachend zusammen und bescherte unserer Generation eine Weltwirtschaftskrise wie 1929, vom Zusammenbruch des kleinen Griechenland ganz zu schweigen.
Ich bin der Ansicht, dass die Finanzkrise des Jahres 2008, die uns heute, fast ein Jahrzehnt später, immer noch beschäftigt, mit dem endgültigen Zusammenbruch der Super Black Boxes der Welt zusammenhängt – den Netzwerken der Macht, den Verschwörungen ohne Verschwörer, die unser Leben bestimmen. Summers’ blindes Vertrauen, dass die Mittel zur Überwindung der Krise aus eben diesen kaputten Super Black Boxes kommen würden, dank normaler Operationen von Insidern, erschien mir schon damals rührend naiv. Vielleicht ist das nicht überraschend. Schließlich hatte ich drei Jahre zuvor für Danaes Ausstellungskatalog geschrieben, »diese Super Black Boxes zu öffnen ist inzwischen eine Vorbedingung für das Überleben von Anstand, von ganzen Gruppen unserer Mitmenschen, sogar für das Überleben unseres Planeten. Einfach ausgedrückt: Uns sind die Entschuldigungen ausgegangen. Deshalb ist es Zeit, die Black Boxes zu öffnen!« Aber was bedeutet das konkret?
Erstens müssen wir bereit sein anzuerkennen, dass wir, dass jeder von uns ein Knoten in dem Netz ist, unwissentlich de facto ein Verschwörer. Zweitens, und das ist das Geniale an Wikileaks, wenn wir in das Netzwerk hineingelangen können wie Theseus in das Labyrinth und den Informationsfluss unterbrechen, wenn wir die Köpfe von möglichst vielen in dem Netz mit der Angst erfüllen können, dass unkontrollierbar Information abfließt, dann werden die nicht rechenschaftspflichtigen, schlecht funktionierenden Netze der Macht unter ihrem eigenen Gewicht und ihrer Bedeutungslosigkeit zusammenbrechen. Drittens müssen wir der Versuchung widerstehen, alte geschlossene Netzwerke durch neue zu ersetzen.
Als ich drei Jahre später die Bar in Washington betrat, war ich abgeklärter. Es ging mir nicht in erster Linie darum, Informationen an Outsider weiterzugeben, sondern alles Erforderliche zu tun, um Griechenland aus dem Schuldgefängnis herauszuholen. Wenn das bedeutete, mich so zu verhalten, als wäre ich ein Insider, dann musste es eben sein. Aber sobald der Preis für den Zugang zum Kreis der Insider darin bestehen würde, dass ich Griechenlands dauerhaften Verbleib im Schuldgefängnis akzeptierte, würde ich gehen. Nach meiner Überzeugung ist es eine Bedingung für die Würde, auf der das Glück des griechischen Volks beruht, dass man einen Ariadnefaden in das Labyrinth der Insider legt und bereit ist, zum richtigen Zeitpunkt dem Faden bis zum Ausgang zu folgen.
Am Tag nach meinem Gespräch mit Larry Summers traf ich mich mit Jack Lew, dem designierten amerikanischen Finanzminister. Der Mitarbeiter, der mich danach zum Ausgang des Ministeriums führte, verblüffte mich mit einer beiläufigen Bemerkung: »Herr Minister, ich möchte Sie warnen, dass Sie binnen einer Woche eine Rufmordkampagne erleben werden, die von Brüssel ausgeht.« Larrys aufmunternde Worte, wie wichtig es sei, nichts nach außen dringen zu lassen, und seine Warnung, dass wir dabei waren, den Medienkrieg zu verlieren, bekamen auf einmal eine ganz neue Bedeutung.
Natürlich war das alles keine große Überraschung. Insider, so hatte ich 2012 geschrieben, reagieren aggressiv auf jeden, der es wagt, Outsider einen Blick in ihre Super Black Boxes werfen zu lassen: »Nichts davon wird leicht sein. Die Netzwerke werden heftig reagieren, so wie sie es bereits tun. Sie werden noch autoritärer werden, noch abgeschotteter, noch fragmentierter. Sie werden unglaublich auf ihre ›Sicherheit‹ und ihr Informationsmonopol bedacht sein und dem gemeinen Volk noch weniger vertrauen.«2
Die folgenden Kapitel erzählen von ihrer gewaltsamen Reaktion auf meine hartnäckige Weigerung, die Befreiung Griechenlands gegen einen privilegierten Platz in einer ihrer Black Boxes einzutauschen.
Hier unterschreiben!
Es lief alles auf einen kleinen Kringel auf einem Blatt Papier hinaus – ob ich bereit war, auf der gepunkteten Linie einer neuen Rettungsvereinbarung zu unterschreiben, die Griechenland tiefer in den labyrinthischen Schuldenkerker stoßen würde.
Meine Unterschrift war deshalb so wichtig, weil kurioserweise nicht Präsidenten oder Ministerpräsidenten gefallener Länder solche Vereinbarungen über Rettungskredite mit dem IWF oder der Europäischen Union unterzeichnen. Dieses vergiftete Privileg fällt dem unglückseligen Finanzminister zu. Deshalb war es für Griechenlands Gläubiger entscheidend wichtig, mich gefügig zu machen, mich zu kooptieren oder, falls das nicht gelingen sollte, mich zu zerschmettern und durch einen willigeren Nachfolger zu ersetzen. Hätte ich unterschrieben, wäre ein weiterer Outsider zum Insider geworden, und alle hätten mich mit Lob überschüttet. Die Flut von Schimpfwörtern, die die internationale Presse gerade zum passenden Zeitpunkt nur wenig mehr als eine Woche nach dem Besuch in Washington über mich ergoss, genau wie der Mitarbeiter des US-Finanzministeriums es mir angekündigt hatte, hätte es nicht gegeben. Ich wäre »verantwortungsbewusst« gewesen, ein »vertrauenswürdiger Partner«, »bekehrter Rebell«, der die Interessen seines Landes über seinen »Narzissmus« stellte.
Nach Larry Summers’ Gesichtsausdruck zu urteilen, als wir das Hotel verließen und in den strömenden Regen traten, war ihm das klar. Er wusste, dass den »Europäern« nicht an einer ehrenhaften Vereinbarung mit mir oder meiner Regierung gelegen war. Er wusste, dass man mich letzten Endes massiv unter Druck setzen würde, eine Kapitulationsurkunde zu unterschreiben als Preis dafür, dass ich ein Insider wurde, dem man vertrauen konnte. Er wusste, dass ich dazu nicht bereit war. Und er fand das schade, zumindest für mich.
Ich für meinen Teil wusste, dass er mir helfen wollte, zu einer praktikablen Vereinbarung zu kommen. Ich wusste auch, dass er tun würde, was er konnte, um uns zu helfen, sofern es nicht gegen die goldene Insiderregel verstieß: Wende dich nie gegen andere Insider und sprich nie zu Outsidern über das, was Insider tun oder sagen. Nicht sicher war ich mir, ob er verstehen konnte, warum ich auf gar keinen Fall eine nicht praktikable, unehrenhafte Vereinbarung über einen weiteren Rettungskredit unterschreiben würde. Es hätte zu lange gedauert, meine Gründe zu erklären, aber ich fürchte, selbst wenn wir Zeit dafür gehabt hätten, hätte ihm meine Erklärung nicht eingeleuchtet, weil unsere Ausgangspunkte zu unterschiedlich waren.
Meine Erklärung hätte ich in Form von ein oder zwei Geschichten präsentieren können. Die erste hätte wahrscheinlich in einer Athener Polizeistation im Herbst 1946 begonnen, als Griechenland am Rand eines kommunistischen Aufstands und in der zweiten Phase des schrecklichen Bürgerkriegs steckte. Die Geheimpolizei hatte einen zwanzigjährigen Chemiestudenten der Universität Athen mit Namen Giorgos festgenommen, zusammengeschlagen und mehrere Stunden in einer kalten Zelle liegen gelassen, bis ihn ein Beamter höheren Rangs in sein Büro holte, scheinbar, um sich zu entschuldigen: »Es tut mir leid, dass du so hart angepackt wurdest. Du bist ein guter Junge und hast das nicht verdient. Aber weißt du, es sind verräterische Zeiten, und meine Männer sind am Ende. Vergib ihnen. Unterschreib einfach hier, und dann kannst du gehen. Entschuldigung noch einmal.«
Der Beamte wirkte ehrlich, und Giorgos war erleichtert, dass die Hölle, die er in der Gewalt der Schläger durchlitten hatte, vorbei war. Aber dann begann er das Schriftstück zu lesen, das er unterschreiben sollte, und es lief ihm kalt den Rücken herunter. Auf dem maschinengeschriebenen Blatt hieß es: »Hiermit verurteile ich wahrhaftig und in aller Ehrlichkeit den Kommunismus, alle, die den Kommunismus verbreiten, und ihre verschiedenen Gefolgsleute.«
Zitternd vor Angst legte er den Stift hin, nahm alle Freundlichkeit zusammen, die seine großzügige Mutter Anna ihm im Lauf der Jahre mitgegeben hatte, und sagte: »Herr Polizist, ich bin kein Buddhist, aber ich würde nie eine Erklärung unterschreiben, dass ich den Buddhismus verurteile. Ich bin kein Muslim, aber ich denke nicht, dass der Staat das Recht hat, von mir zu verlangen, dass ich den Islam verurteile. Ich bin auch kein Kommunist und sehe nicht ein, warum man von mir verlangt, den Kommunismus zu verdammen.«
Giorgos’ Verweis auf die Meinungsfreiheit half nichts. Entweder unterschreiben oder systematische Folter und Haft von unbegrenzter Dauer. »Du hast die Wahl!«, schleuderte der aufgebrachte Beamte ihm entgegen. Er hatte durchaus Grund gehabt, etwas anderes zu erwarten. Giorgos besaß alle Eigenschaften eines guten Jungen – ein geborener Insider. Er war im ägyptischen Kairo geboren und aufgewachsen, in einer Mittelschichtfamilie innerhalb einer großen griechischen Gemeinschaft, die selbst in einer kosmopolitischen europäischen Enklave mit Franzosen, Italienern und Briten lebte, Seite an Seite mit gebildeten Armeniern, Juden und Arabern. Zu Hause sprachen sie dank seiner Mutter Französisch, in der Schule Griechisch, bei der Arbeit Englisch, auf der Straße Arabisch und in der Oper Italienisch.
Mit zwanzig wollte Giorgos zu seinen griechischen Wurzeln zurückkehren. Er gab seinen komfortablen Posten in einer Kairoer Bank auf und zog nach Griechenland, um Chemie zu studieren. Im Januar 1945 traf er an Bord der Corinthia in Athen ein, gerade einen Monat nach Ende der ersten Phase des griechischen Bürgerkriegs, der ersten Episode des Kalten Kriegs. Eine fragile Entspannung lag in der Luft, und Giorgos erschien es vernünftig, als studentische Aktivisten der Linken wie der Rechten ihn als Kompromisskandidaten für den Vorsitz der Studentenschaft seiner Fakultät auswählten.
Kurz nach seiner Ernennung erhöhte die Universitätsleitung jedoch die Studiengebühren, zu einer Zeit, als die Studenten in absoluter Armut vegetierten. Giorgos stattete dem Dekan einen Besuch ab und brachte alle erdenklichen Argumente gegen die Erhöhung vor. Beim Hinausgehen überwältigte ihn ein Geheimpolizist auf der Marmortreppe der Fakultät und zerrte ihn in einen wartenden Lieferwagen. Und dann wurde er vor eine Wahl gestellt, gegen die Summers’ Dilemma wie ein Spaziergang im Park wirkt.
Da der junge Mann aus gutbürgerlichen Verhältnissen stammte, hatte der Polizeibeamte erwartet, dass er entweder freudig unterschreiben oder unter der Folter rasch zusammenbrechen würde. Doch je mehr er geschlagen wurde und je länger die Folter dauerte, desto weniger frei fühlte sich Giorgos, zu tun, was er am liebsten getan hätte: zu unterschreiben, die Qual zu beenden und nach Hause zu gehen. Und so kam er schließlich in verschiedene Zellen und Gefangenenlager, denen er jederzeit hätte entgehen können, wenn er nur seine Unterschrift unter ein einziges Blatt Papier gesetzt hätte. Vier Jahre später kehrte Giorgos, nur noch ein Schatten seiner selbst, aus dem Gefangenenlager in eine trostlose Gesellschaft zurück, die von seinem speziellen Dilemma weder etwas wusste noch sich wirklich dafür interessierte.
Unterdessen, während Giorgos in Haft gewesen war, wurde eine junge Frau, vier Jahre jünger als Giorgos, als erste weibliche Studierende zum Studium der Chemie an der Universität Athen zugelassen, obwohl die Hochschule alle Hebel in Bewegung gesetzt hatte, das zu verhindern. Eleni, so ihr Name, begann das Studium als rebellische Feministin, bevor der Begriff überhaupt existierte. Trotzdem hegte sie eine heftige Abneigung gegen die Linken: Während der nationalsozialistischen Besatzung war sie als sehr junges Mädchen von linken Partisanen entführt worden, die sie für die Verwandte eines NS-Kollaborateurs gehalten hatten. Nach ihrer Einschreibung an der Universität warb eine faschistische Organisation namens X sie an, weil sie so entschieden antikommunistisch eingestellt war. Ihr erster – und wie sich herausstellte, auch ihr letzter – Auftrag lautete, auf Schritt und Tritt einem Kommilitonen zu folgen, der ebenfalls Chemie studierte und gerade erst aus dem Lager entlassen worden war.
Das ist, kurz zusammengefasst, die Geschichte meiner Entstehung. Denn Giorgos ist mein Vater und Eleni, die in den 1970er-Jahren eine wichtige Rolle in der Frauenbewegung spielte, war meine Mutter. Mit dieser Geschichte im Gepäck war es für mich ausgeschlossen, auf der gepunkteten Linie zu unterschreiben als Gegenleistung für die Gnade, die Insidern gewährt wird. Hätte Larry Summers das verstanden? Ich glaube nicht.
Nicht mit mir
Die zweite Geschichte geht so: Ich lernte Lambros in dem Apartment kennen, das Danae und ich in Athen bewohnen, ungefähr eine Woche bevor die Wahl im Januar 2015 mich ins Amt des Finanzministers brachte. Es war ein milder Wintertag, der Wahlkampf voll im Gang, und ich hatte mich bereit erklärt, einer spanischen Journalistin namens Irene ein Interview zu geben. Sie kam zu uns zusammen mit einem Fotografen und mit Lambros, einem Dolmetscher für Spanisch, der in Athen wohnte. Wie sich herausstellte, waren seine Dienste nicht nötig, denn Irene und ich sprachen auf Englisch miteinander. Aber er blieb da, sah sich um und hörte vor allem zu.
Nach dem Interview, als Irene und der Fotograf ihre Sachen zusammenpackten und auf die Tür zusteuerten, trat Lambros zu mir. Er schüttelte mir die Hand und wollte sie gar nicht mehr loslassen, während er mit der Konzentration eines Mannes, dessen Leben davon abhängt, dass er seine Botschaft überbringt, zu mir sagte: »Ich hoffe, Sie haben es mir nicht angesehen. Ich bemühe mich sehr, niemanden etwas merken zu lassen, aber ich bin obdachlos.« Und dann erzählte er mir sehr knapp seine Geschichte.
Lambros war Lehrer für Fremdsprachen gewesen, er hatte eine Wohnung gehabt und eine Familie. 2010, als die griechische Wirtschaft zusammenbrach, verlor er seine Arbeit, und als sie aus ihrer Wohnung geworfen wurden, verlor er auch seine Familie. Das letzte Jahr hatte er auf der Straße gelebt. Seine einzige Einkommensquelle waren Dolmetscherdienste für ausländische Journalisten, die nach Athen kamen, um von der neuesten Demonstration auf dem Syntagma-Platz zu berichten, die aus dem Ruder gelaufen war und es deshalb in die Nachrichten geschafft hatte. Seine Gedanken kreisten darum, wie er ein paar Euro zusammenkratzen konnte, um sein billiges Mobiltelefon aufzuladen, damit ausländische Nachrichtencrews Kontakt zu ihm aufnehmen konnten, wenn sie in der Stadt waren.
Er fühlte, dass er mit seinem Monolog zum Ende kommen musste, und brachte an, was er von mir wollte:
Ich bitte Sie inständig, mir etwas zu versprechen. Ich weiß, dass Sie die Wahl gewinnen werden. Ich rede mit den Menschen auf der Straße und habe daran keinen Zweifel. Bitte, wenn Sie gewinnen und im Amt sind, denken Sie an diese Menschen. Tun Sie etwas für sie. Nicht für mich! Ich bin am Ende. Wen die Krise zu Fall gebracht hat, der steht nicht mehr auf. Für uns ist es zu spät. Aber bitte, bitte tun Sie etwas für die, die noch am Rand stehen. Die sich noch mit den Fingernägeln festkrallen. Die noch nicht abgestürzt sind. Lassen Sie sie nicht fallen. Drehen Sie ihnen nicht den Rücken zu. Unterschreiben Sie nicht alles, was man Ihnen vorlegt, so wie es Ihre Vorgänger getan haben. Schwören Sie, dass Sie es nicht tun werden. Schwören Sie?
Meine Antwort bestand nur aus zwei Worten: »Ich schwöre.«
Eine Woche später legte ich den Amtseid als Finanzminister meines Landes ab. Wenn in den nächsten Monaten meine Entschlossenheit einmal wankte, musste ich mir nur diesen Augenblick ins Gedächtnis zurückrufen. Lambros wird nie erfahren, welchen Einfluss er in den düstersten Stunden meiner einhundertzweiundsechzigtägigen Amtszeit hatte.
KAPITEL 2
Bailoutistan
Anfang 2010, rund fünf Jahre bevor ich Finanzminister wurde, ging der griechische Staat bankrott. Wenige Monate später organisierten die Europäische Union, der Internationale Währungsfonds und die griechische Regierung die größte Bankrottverschleierung der Welt. Wie verschleiert man einen Bankrott? Indem man dem schlechten Geld gutes Geld hinterherwirft. Und wer finanzierte das Verschleierungsmanöver? Ganz gewöhnliche Menschen, »Outsider«, aus der ganzen Welt.
Die Griechenlandrettung, wie das Verschleierungsmanöver euphemistisch hieß, wurde Anfang Mai 2010 beschlossen und besiegelt. Die Europäische Union und der Internationale Währungsfonds gaben dem bankrotten Griechenland rund 110 Milliarden Euro, den größten Kredit in der Geschichte.1 Gleichzeitig entsandten sie Gerichtsvollzieher nach Athen – die Troika, so genannt, weil sie die drei beteiligten Institutionen repräsentiert: die Europäische Kommission (EK), die Exekutive der EU, die Europäische Zentralbank (EZB) und den Internationalen Währungsfonds (IWF). Die Beamten sollten Maßnahmen durchsetzen, die unter Garantie das griechische Volkseinkommen reduzieren und den größten Teil der Schuldenlast den schwächsten Griechen aufbürden würden. Ein cleverer Achtjähriger hätte begriffen, dass das nicht gut ausgehen konnte.
Jemandem, der bankrott ist, neue Kredite aufzuzwingen unter der Bedingung, dass er sein Einkommen reduziert, ist eine grausame und ungewöhnliche Bestrafung. Griechenland wurde niemals gerettet. Mit ihren »Rettungs«-krediten und der Troika ihrer Schergen, die voller Begeisterung Einkommen vernichteten, verwandelten die EU und der IWF Griechenland de facto in die moderne Version eines Schuldgefängnisses aus einem Roman von Charles Dickens, und dann warfen sie den Schlüssel weg.
Schuldgefängnisse wurden abgeschafft, weil sie trotz ihrer Grausamkeit die Menschen nicht davon abhielten, neue, nicht tragfähige Schulden anzuhäufen, noch den Gläubigern halfen, ihr Geld zurückzubekommen. Damit der Kapitalismus Ende des 19. Jahrhunderts richtig durchstarten konnte, musste man die absurde Vorstellung aufgeben, dass alle Schulden heilig sind, und sie durch das Konzept der begrenzten Haftung ersetzen. Warum sollten Kreditgeber verantwortungsvoll Kredite vergeben, wenn alle Schulden garantiert sind? Und warum sollten manche Schulden höher verzinst werden als andere, was das höhere Ausfallrisiko widerspiegelt? Bankrott und die Abschreibung von Schulden wurden für den Kapitalismus das, was in der christlichen Lehre seit jeher die Hölle ist: unangenehm, aber notwendig. Doch seltsamerweise flüchtete man sich im 21. Jahrhundert beim Umgang mit der Insolvenz des griechischen Staats wieder in die Verleugnung des Bankrotts. Warum? Erkannten die EU und der IWF nicht, was sie da taten?
Im Gegenteil, sie wussten genau, was sie taten. Obwohl sie in ihrer peniblen Propaganda immer behaupteten, sie wollten Griechenland »retten«, dem griechischen Volk eine zweite Chance geben, Griechenlands chronisch korrupten Staat reformieren helfen und so weiter, gaben sich die mächtigsten Institutionen und Staaten keinen Illusionen hin. Sie wussten, dass man eher Blut aus einem Stein pressen kann, als ein bankrottes Gebilde dazu bringen, dass es seine Kredite zurückzahlt, indem man ihm noch mehr Geld leiht, besonders wenn man als Teil des Handels auch noch sein Einkommen reduziert. Sie sahen, dass die Troika daran scheitern würde, das Geld der Steuerzahler, mit dem man Griechenlands Staatsschulden refinanziert hatte, wieder hereinzuholen, selbst wenn es ihnen gelingen sollte, das Tafelsilber des gestürzten Staates zu konfiszieren. Sie wussten, dass die berühmten »Rettungs«- oder »Bailout«-Pakete nichts anderes waren als Fahrscheine für die einfache Fahrt ins Schuldgefängnis, ohne Rückfahrt.
Woher weiß ich, dass sie es wussten? Weil sie es mir gesagt haben.
Gefangene ihrer eigenen Machenschaften
Fünf Jahre später, als Finanzminister, erfuhr ich es direkt von der Quelle. Spitzenbeamte des IWF, der deutsche Finanzminister, führende Mitarbeiter der EZB und der Europäischen Kommission – alle gaben zu, jeder auf seine oder ihre spezielle Weise, dass es stimmte: Sie hatten mit Griechenland einen unmöglichen Handel abgeschlossen. Aber nun führte aus ihrer Sicht kein Weg mehr zurück.
Nicht einmal einen Monat nach meiner Wahl, am 11. Februar 2015, saß ich in einem jener bedrückenden fensterlosen, von Neonlicht erleuchteten Besprechungsräume, von denen die EU-Gebäude in Brüssel voll sind, der IWF-Präsidentin Christine Lagarde gegenüber, einer ehemaligen französischen Finanzministerin und hochkarätigen Anwältin in Washington. Früher an dem Tag war sie in das Gebäude geschwebt, gekleidet in eine elegante Lederjacke, die sogar meine blass und unauffällig erscheinen ließ. Da dies unsere erste Begegnung war, plauderten wir erst einmal freundlich auf dem Flur, bevor wir zu den ernsthaften Gesprächen in den Besprechungsraum gingen.
Hinter verschlossenen Türen, rechts und links eingerahmt von jeweils zwei Mitarbeitern, verlief unsere Unterredung ernst, aber immer noch genauso freundlich. Sie ließ mich meine Analyse von Ursache und Natur der griechischen Situation darlegen und meine Vorschläge für den Umgang mit der Krise unterbreiten und nickte die meiste Zeit zu meinen Worten. Ich hatte den Eindruck, dass wir eine gemeinsame Sprache sprachen und beide ein gutes Verhältnis wollten. Am Schluss, auf dem Weg zur Tür, gab es noch ein kurzes, entspanntes, aber vielsagendes Tête-à-Tête. Christine griff meine Argumente auf und stimmte meinen Plädoyers für Schuldenerleichterungen und niedrige Steuersätze als Vorbedingungen für die wirtschaftliche Erholung Griechenlands zu. Und dann setzte sie mich ganz ruhig und offen schachmatt: »Du hast natürlich recht, Yanis. Die Ziele, auf denen sie beharren, können nicht funktionieren. Aber du musst verstehen, dass sie schon zu viel in dieses Programm investiert haben. Sie können nicht mehr zurück. Deine Glaubwürdigkeit hängt davon ab, dass du dieses Programm akzeptierst und dich daran hältst.«2
Da hatte ich es: Die Präsidentin des IWF sagte dem Finanzminister eines bankrotten Landes, dass die Politik, auf die man sein Land verpflichtet hatte, nicht funktionieren konnte. Nicht, dass es schwierig sein würde, sie umzusetzen. Nicht, dass die Wahrscheinlichkeit, dass sie funktionierte, gering war. Nein, sie gab rundheraus zu, dass sie nicht funktionieren konnte, komme, was da wolle.
Mit jedem Treffen, insbesondere mit den klügeren und nicht ganz so unsicheren Beamten der Troika, verfestigte sich bei mir der Eindruck, dass es hier nicht einfach um wir gegen sie ging, um gut gegen böse. Vielmehr bahnte sich ein echtes Drama an, das an ein Theaterstück von Aischylos oder Shakespeare erinnerte, in dem mächtige Verschwörer am Ende in ihre eigene Falle tappen. In dem realen Drama, dessen Zeuge ich wurde, kam in dem Augenblick, als sie ihre Ohnmacht erkannten, Summers’ heilige Insiderregel ins Spiel. Die Luken gingen zu, offiziell wurde alles abgestritten, und die Folgen des tragischen Dilemmas, das sie geschaffen hatten, entfalteten sich auf Autopilot. Dabei verstrickten sie sich immer mehr in eine Situation, die sie hassten, weil sie ihre Kontrolle über den Gang der Ereignisse immer weiter schwächte.
Aber weil sie – die Spitzen von IWF, EU, der deutschen und der französischen Regierung – unglaublich viel politisches Kapital in ein Programm investiert hatten, das Griechenland immer tiefer in den Bankrott trieb, unfassbare Not über uns brachte und unsere jungen Leute scharenweise in die Emigration trieb, gab es keine Alternative: Das griechische Volk würde einfach weiter leiden müssen. Für mich, den Neuling auf der politischen Bühne, hing die Glaubwürdigkeit davon ab, dass ich eine Politik akzeptierte, von der die Insider wussten, dass sie scheitern würde, und dass ich ihnen half, sie den Outsidern zu verkaufen, die mich gerade deswegen gewählt hatten, weil ich versprochen hatte, eben dieser gescheiterten Politik ein Ende zu machen.
Es ist schwer zu erklären, aber ich empfand von Anfang an keine Feindseligkeit gegenüber Christine Lagarde. Ich erlebte sie als intelligent, herzlich, respektvoll. Mein Weltbild geriete nicht ins Wanken, wenn bewiesen würde, dass sie tatsächlich eine humane Übereinkunft mit den Griechen wollte. Aber das spielt keine Rolle. Für sie als wichtiger Insider hatte es höchste Priorität, das politische Kapital der Insider zu schützen und jede Bedrohung ihrer kollektiven Autorität abzuwehren.
Doch mit der Glaubwürdigkeit verhält es sich wie mit den Ausgaben: Man muss Kompromisse machen. Jeder Kauf bedeutet den Verzicht auf eine Alternative. Mein Verhältnis zu Christine Lagarde und anderen Mächtigen zu verbessern, bedeutete, meine Glaubwürdigkeit in den Augen von Lambros zu schmälern, dem obdachlosen Dolmetscher, der mich beschworen hatte, die Interessen all der Menschen zu vertreten, die noch nicht wie er von dem Sturm des Bankrotts erfasst worden waren, der über unser Land hinwegfegte. Dieses persönliche Dilemma stellte sich für mich nicht. Die amtierenden Machthaber erkannten das früh, deshalb war es für sie wichtig, mich von der Bühne zu vertreiben.
Knapp ein Jahr später reiste ich im Vorfeld des britischen EU-Referendums vom 23. Juni 2016 durch Großbritannien und hielt Reden zur Unterstützung der Kräfte, die für einen Verbleib in der EU kämpften. Sie argumentierten, Großbritannien müsse in der EU bleiben, um Widerstand von innen zu leisten, um die EU zu reformieren und vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Es war schwierig. Die britischen Outsider zu überzeugen, für den Verbleib zu stimmen, erwies sich als Sisyphusarbeit, besonders im Norden von England, weil selbst meine britischen Unterstützer – Männer und Frauen, die in ihrer Denkweise und Haltung Lambros näherstanden als Christine – mir sagten, sie verspürten den Drang, dem globalen Establishment eine Tracht Prügel zu verpassen. Eines Abends hörte ich in der BBC, dass Christine Lagarde sich mit den Leitern der anderen Top-Institutionen der Welt (der Weltbank, der OECD, der EZB, der Bank of England und so weiter) zusammengetan hatte, um die britischen Outsider vor den Verlockungen des Brexit zu warnen. Sofort schickte ich aus Leeds, wo ich an dem Tag sprechen sollte, eine SMS an Danae: »Wer braucht noch Kämpfer für den Brexit, wenn er solche Verbündete hat?«
Der Brexit hat gewonnen, weil die Insider den Bogen überspannt haben. Nach Jahrzehnten, in denen sie die Glaubwürdigkeit von Menschen wie mir daran maßen, ob wir bereit waren, die Outsider zu betrügen, die für uns gestimmt hatten, merkten sie nicht einmal, dass die Outsider sich nicht im Mindesten um ihre Meinung scherten. Ob in Amerika oder Großbritannien, in Frankreich oder Deutschland, überall spüren die Insider, dass ihnen die Felle davonschwimmen. Weil sie Gefangene ihrer eigenen Machenschaften sind, Sklaven von Summers’ Dilemma, sind sie wie Macbeth dazu verdammt, Irrtum auf Irrtum zu häufen, bis sie begreifen, dass ihre Krone nicht mehr die Macht symbolisiert, die sie innehaben, sondern die Macht, die ihnen entglitten ist. In den wenigen Monaten, die ich mit ihnen zu tun hatte, bekam ich einen Eindruck von dieser tragischen Erkenntnis.
Es waren die (französischen und deutschen) Banken, Dummkopf!
Freunde und Journalisten fragen mich oft, was bei meinen Verhandlungen mit Griechenlands Gläubigern das Schlimmste gewesen sei. Dass ich nicht laut verkünden durfte, was die Mächtigen mir privat sagten, war sicherlich frustrierend, aber schlimmer war es, mit Gläubigern zu verhandeln, die ihr Geld nicht wirklich zurückhaben wollten. Mit ihnen zu verhandeln, zu versuchen, Argumente anzubringen, war ungefähr so, als würde man mit Generälen über einen Friedensvertrag sprechen, die wild entschlossen sind, ihren Krieg fortzusetzen, in dem sicheren Wissen, dass ihren Söhnen und Töchtern nichts passieren kann.
Um was für einen Krieg handelte es sich? Warum verhielten sich Griechenlands Gläubiger, als wollten sie ihr Geld nicht zurück? Was veranlasste sie, die Falle aufzustellen, in der sie nun selbst steckten? Das Rätsel lässt sich im Handumdrehen lösen, wenn man sich ansieht, in welchem Zustand sich die französischen und die deutschen Banken nach 2008 befanden.
Griechenlands endemische Unterentwicklung, Korruption und Missmanagement erklären seine chronische wirtschaftliche Schwäche. Aber die Insolvenz hängt mit fundamentalen Fehlern in der Konstruktion der EU und ihrer Währungsunion, dem Euro, zusammen. Die EU begann als ein Kartell großer Unternehmen, das den Wettbewerb in der mitteleuropäischen Schwerindustrie begrenzen und ihr in peripheren Ländern wie Italien und Griechenland Absatzmärkte sichern sollte. Die Defizite von Ländern wie Griechenland waren das Pendant zu den Überschüssen von Ländern wie Deutschland. Solange die Regierung die Drachme abwerten konnte, hielten sich die Defizite in Grenzen. Aber als die Drachme durch den Euro ersetzt wurde, trieben die Kredite von deutschen und französischen Banken das griechische Defizit in die Stratosphäre.
Die Kreditklemme von 2008, die auf den Kollaps der Wall Street folgte, schickte Europas Banken in den Bankrott; 2009 stellten sie die Kreditvergabe ein. Weil Griechenland seine Schulden nicht mehr prolongieren konnte, stürzte es später im Jahr in die Insolvenz. Auf einmal standen drei französische Banken vor Verlusten aus Krediten an die Peripherie, deren Volumen doppelt so groß war wie das französische BIP. Zahlen von der Bank of International Settlement zeigen ein wirklich furchterregendes Bild: Für jeweils 30 Euro Risiko stand nur ein Euro Deckung zur Verfügung. Das bedeutete, wenn nur 3 Prozent der riskanten Kredite ausfielen – wenn 106 Milliarden Euro aus Krediten, die sie Staaten, Unternehmen und Haushalten der Peripherie gewährt hatten, nicht zurückgezahlt werden konnten –, mussten die drei wichtigsten französischen Banken vom Staat gerettet werden.
Allein die Kredite eben dieser drei Banken an Italien, Spanien und Portugal summierten sich auf 34 Prozent des gesamten französischen BIP – 627 Milliarden Euro, um präzise zu sein. Außerdem hatten diese Banken in den zurückliegenden Jahren auch noch dem griechischen Staat bis zu 102 Milliarden Euro geliehen. Wenn Griechenland seine Raten nicht begleichen konnte, würden Finanzleute weltweit Angst bekommen und Portugal kein Geld mehr geben, möglicherweise auch Italien und Spanien nicht mehr, weil sie fürchteten, dass sie als Nächste in Rückstand geraten könnten. Wenn Italien, Spanien und Portugal ihre zusammengenommen 1,76 Billionen Euro Schulden nicht mehr zu akzeptablen Zinssätzen refinanzieren konnten, würden sie massiv bedrängt werden, die Kredite der drei führenden französischen Banken zu bedienen, was tiefe schwarze Löcher in ihre Bilanzen reißen würde. Über Nacht würden Frankreichs größte Banken 19 Prozent ihrer »Aktiva« verlieren, wobei schon ein Verlust in Höhe von 3 Prozent sie insolvent machen würde.
Um das Loch zu stopfen, würde der französische Staat über Nacht schlappe 562 Milliarden Euro aufbringen müssen. Aber während die Bundesregierung der Vereinigten Staaten solche Verluste auf ihre Zentralbank (die Federal Reserve) abschieben kann, hatte Frankreich seine Zentralbank im Jahr 2000, als es der gemeinsamen Währung beigetreten war, abgeschafft. Seitdem war das Land auf den guten Willen der gemeinsamen Zentralbank Europas angewiesen, der EZB. Leider hatte man der EZB ein ausdrückliches Verbot in die Wiege gelegt: Schulden der Südländer, private wie staatliche, dürfen nicht in die Bücher der EZB verschoben werden. Punkt. Nur unter dieser Bedingung hatte Deutschland seine geliebte D-Mark mit dem Pöbel Europas geteilt, unter dem neuen Namen Euro.
Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, welche Panik Frankreichs Präsident Sarkozy und seine Finanzministerin Christine Lagarde erfasste, als sie erkannten, dass sie womöglich bis zu 562 Milliarden Euro aus dem Hut zaubern mussten. Und es ist nicht schwer, sich die Angst eines Vorgängers von Christine Lagarde auszumalen, des berüchtigten Dominique Strauss-Kahn, der zu der Zeit an der Spitze des IWF stand und entschlossen war, aus dieser Position seinen Wahlkampf für die nächste französische Präsidentschaftswahl zwei Jahre später zu führen. Frankreichs Spitzenbeamte wussten, dass ein Bankrott Griechenlands den französischen Staat zwingen würde, sich sechs Mal so viel Geld zu leihen, wie er jährlich an Steuern einnahm, nur um sie diesen idiotischen drei Banken hinzuwerfen.
Es war einfach unmöglich. Hätten die Märkte Wind davon bekommen, was da drohte, wären die Zinsen für die französischen Staatsschulden in die Stratosphäre geschossen, und innerhalb von Sekunden wären 1,29 Billionen Euro französische Staatsschulden ausgefallen. In einem Land, das keine Notenpresse mehr hatte – die letzte verbleibende Möglichkeit, um aus dem Nichts Geld zu schöpfen –, würde das Not und Elend bedeuten, und das würde wiederum die gesamte Europäische Union zu Fall bringen, die gemeinsame Währung, einfach alles.
Die deutsche Kanzlerin steckte unterdessen nicht weniger in der Zwickmühle. 2008, als die Banken der Wall Street und der City of London wankten, pflegte Angela Merkel noch immer ihr Image als knausrige, finanziell sehr vorsichtige eiserne Kanzlerin. Auf die verschwenderischen Banker der Anglosphäre zeigte sie moralisierend mit dem Finger, und sie machte Schlagzeilen mit einer Rede in Stuttgart, in der sie sagte, die amerikanischen Banker hätten sich bei einer schwäbischen Hausfrau Rat holen sollen, sie hätte ihnen einiges über den Umgang mit Geld erzählen können. Man stelle sich ihr Entsetzen vor, als sie wenig später lauter aufgeregte Telefonanrufe von ihrem Finanzminister, ihrer Zentralbank und ihren Wirtschaftsberatern erhielt, alle mit der gleichen unfassbaren Botschaft: »Frau Bundeskanzlerin, auch unsere Banken sind bankrott! Damit ihre Geldautomaten weiter Geld ausspucken, brauchen wir eine Geldspritze in Höhe von 406 Milliarden Euro von den schwäbischen Hausfrauen – möglichst gestern!«
Das war der Inbegriff von politischem Gift. Wie konnte sie vor dieselben Abgeordneten treten, denen sie jahrelang Vorträge über die Tugend des Sparens gehalten hatte, wenn es um Krankenhäuser, Schulen, Infrastruktur, soziale Sicherheit, die Umwelt gegangen war, und sie nun inständig bitten, einen derart gewaltigen Scheck für Banker zu unterschreiben, die noch Sekunden zuvor in Geld geschwommen waren? Aber Not kennt nun einmal kein Gebot, und so atmete Kanzlerin Merkel tief durch, ging in den nach einem Entwurf von Norman Foster umgebauten Reichstag mit der berühmten Kuppel, überbrachte den sprachlosen Parlamentariern die schlechte Nachricht und verließ das Gebäude wieder mit dem erbetenen Scheck in der Hand. Geschafft, dürfte sie gedacht haben. Nur dass es nicht geschafft war. Wenige Monate später glühten die Telefone wieder: Dieselben Banken brauchten noch einmal die gleiche Summe.
Warum brauchten die Deutsche Bank, die Commerzbank und andere Türme der finanziellen Inkompetenz mit Sitz in Frankfurt mehr Geld? Weil der Scheck über 406 Milliarden Euro, den sie 2009 von Frau Merkel bekommen hatten, kaum ausreichte, um ihre Geschäfte mit toxischen amerikanischen Derivaten zu decken. Und ganz gewiss reichte er nicht aus für all das Geld, das sie den Regierungen von Italien, Irland, Portugal, Spanien und Griechenland geliehen hatten – insgesamt 477 Milliarden Euro, von denen happige 102 Milliarden nach Athen geflossen waren. Wenn Griechenland seinen Rückzahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen könnte,3 standen die deutschen Banken vor einem weiteren Verlust, der einen neuen Scheck von Frau Merkel in einer Höhe zwischen 340 und 406 Milliarden Euro erforderlich machen würde. Als erfahrene Politikerin wusste sie, dass es politischer Selbstmord wäre, vom Bundestag noch einmal eine solche Summe zu verlangen.
Für die politisch Verantwortlichen von Frankreich und Deutschland ging es um eine Billion Euro. Sie durften der griechischen Regierung nicht erlauben, die Wahrheit zu sagen, nämlich zuzugeben, dass Griechenland bankrott war. Und sie mussten weiterhin einen Weg finden, um ihre Banken ein zweites Mal zu retten, ohne ihren Parlamenten zu sagen, dass sie genau das taten. Wie Jean-Claude Juncker, damals Premierminister von Luxemburg und später Präsident der Europäischen Kommission, es einmal formuliert hat: »Wenn es ernst wird, müssen Sie lügen.«4
Nach wenigen Wochen stand ihre Flunkergeschichte: Sie würden die zweite Rettung ihrer Banken als Akt der Solidarität mit den verschwenderischen und faulen Griechen hinstellen, die zwar unwürdig und unerträglich waren, aber trotz allem Mitglieder der europäischen Familie, weshalb man sie retten musste. Passenderweise hieß Rettung in dem Fall, sie mit einem weiteren gigantischen Kredit zu versorgen, damit sie ihre französischen und deutschen Gläubiger, die strauchelnden Banken, bezahlen konnten. Die Sache hatte nur einen Haken, für den man erst eine Lösung finden musste: Der Gründungsvertrag der Eurozone verbot die Finanzierung von Staatsschulden durch die EU. Wie konnte die EU diese Klausel umgehen? Das Rätsel wurde mit einem typischen Brüsseler Kuhhandel gelöst, etwas, das die Europäer, insbesondere die Briten, hassen gelernt haben.
Erstens sollten die neuen Kredite nicht europäische Kredite sein, sondern internationale, indem der IWF in den Deal eingebunden würde. Dafür musste der IWF gegen seine heiligste Regel verstoßen: Leihe nie einer bankrotten Regierung Geld, bevor es einen »Haircut« für ihre Schulden gegeben hat, einen Schuldenschnitt. Aber der damalige IWF-Direktor Dominique Strauss-Kahn wollte um jeden Preis die Banken des Landes retten, das er zwei Jahre später zu führen gedachte. Er war bereit, die interne Bürokratie des IWF zu zwingen, ein Auge zuzudrücken. Wenn der IWF mit an Bord war, konnte man den Europäern erzählen, die internationale Gemeinschaft leihe den Griechen Geld, nicht nur die EU, zu dem höheren Zweck, das Weltfinanzsystem zu stützen. Kein Gedanke, dass das eine EU-Rettung für ein EU-Mitglied war und schon gar nicht eine Rettungsaktion für deutsche und französische Banken!
Zweitens würde der größte Teil des Geldes, das Europa aufbringen sollte, nicht von der EU direkt kommen. Die Kredite würden in eine Reihe bilateraler Darlehen verpackt werden – das heißt von Deutschland an Griechenland, von Irland an Griechenland, von Slowenien an Griechenland und so weiter –, und dabei würde jeder bilaterale Kredit die relative wirtschaftliche Stärke des Kreditgebers widerspiegeln, eine seltsame Anwendung von Karl Marx’ Maxime, »jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen«. Von jeweils 1000 Euro, die Athen bekommen würde, um sie an die französischen und deutschen Banken weiterzureichen, würde Deutschland für 270 Euro haften, Frankreich für 200 Euro und die kleineren, ärmeren Länder für die restlichen 530 Euro.5 Das war das Schöne an der Griechenlandrettung, zumindest für Frankreich und Deutschland: Sie verteilte den größten Teil der Last, die französischen und deutschen Banken zu retten, auf die Steuerzahler von Ländern, die noch ärmer waren als Griechenland, wie etwa Portugal und die Slowakei. Zusammen mit den ahnungslosen Steuerzahlern der Länder, die den IWF mit finanzierten wie Brasilien und Indonesien, würden sie gezwungen sein, Geld an die Banken in Paris und Frankfurt zu überweisen.
Die Slowaken und die Finnen wussten genauso wenig wie die Deutschen und die Franzosen, dass sie tatsächlich für die Fehler französischer und deutscher Banker bezahlen sollten. Ihnen missfiel der Gedanke sehr, für die Schulden eines anderen Landes geradezustehen. Deshalb säte die französisch-deutsche Achse im Namen der Solidarität mit den unausstehlichen Griechen die Saat der Zwietracht zwischen stolze Völker.
Von der Operation Befreiungsschlag zur Bankrottokratie
Sobald die Rettungskredite in das griechische Finanzministerium hereinschwappten, begann die »Operation Befreiungsschlag«: Das Geld wurde umgehend an die französischen und deutschen Banken zurückgeleitet. Im Oktober 2011 war das Risiko deutscher Banken durch griechische Staatsschulden schon um ordentliche 27,8 Milliarden Euro geringer geworden und betrug nur noch 91,4 Milliarden. Fünf Monate später, im März 2012, lag es bei unter 795 Millionen Euro. Die französischen Banken wurden ihre Risiken noch schneller los: Im September hatten sie sich von griechischen Staatsanleihen im Wert von 63,6 Milliarden Euro befreit, und im Dezember 2012 standen gar keine mehr in ihren Büchern. Die Operation Befreiungsschlag war somit in weniger als zwei Jahren abgeschlossen. Nichts anderes sollte mit der Griechenlandrettung erreicht werden.
Waren Christine Lagarde, Nicolas Sarkozy und Angela Merkel tatsächlich so naiv zu glauben, dass der bankrotte griechische Staat dieses Geld mit Zinsen zurückzahlen würde? Natürlich nicht. Sie sahen die Sache genau als das an, was sie war: ein zynischer Transfer von Verlusten aus den Büchern der französisch-deutschen Banken auf die Schultern der schwächsten Steuerzahler Europas. Und genau das ist der Punkt: Die europäischen Gläubiger, mit denen ich verhandelt habe, legten keinen besonderen Wert darauf, ihr Geld zurückzubekommen, weil es gar nicht ihr Geld war.6
Margaret Thatcher sagte gern, Sozialisten würden unweigerlich ein finanzielles Chaos anrichten, weil ihnen irgendwann das Geld anderer Leute ausgehe.7 Was hätte die Eiserne Lady gedacht, wenn sie gewusst hätte, dass ihr Bonmot so gut auf ihre selbst ernannten Schüler zutreffen würde, die neoliberalen Apparatschiks, die Griechenlands Bankrott managten? Lief deren Griechenlandrettung auf etwas anderes hinaus als darauf, die Verluste der französischen und deutschen Banken zu sozialisieren, sie mit dem Geld anderer Leute zu bezahlen?
In meinem Buch Der globale Minotaurus, das ich 2010 schrieb, während Griechenland implodierte, habe ich argumentiert, dass die kapitalistische Ideologie vom freien Markt 2008 kollabierte, siebzehn Jahre nach dem Ende des Kommunismus. Bis 2008 stellten die begeisterten Anhänger des freien Markts den Kapitalismus als darwinistischen Dschungel dar, der unter heldenhaften Unternehmern die erfolgreichsten auswählte. Aber nach dem finanziellen Kollaps von 2008 stand der darwinistische Ausleseprozess auf einmal kopf: Je insolventer eine Bank war, besonders in Europa, desto besser waren ihre Aussichten, sich große Teile vom Einkommen anderer Menschen unter den Nagel zu reißen: von den hart Arbeitenden, den Innovativen, von den Armen und natürlich von allen, die keine politische Macht hatten. Für dieses neue System prägte ich die Bezeichnung Bankrottokratie.
Die meisten Europäer denken gerne, die amerikanische Bankrottokratie sei wegen der Macht der Wall Street und der berüchtigten Drehtür zwischen den amerikanischen Banken und der amerikanischen Regierung schlimmer als ihr europäisches Pendant. Wie unrecht sie doch haben. Die europäischen Banken wurden in den Jahren vor 2008 so grauenhaft schlecht geführt, dass die hirnlosen Banker der Wall Street dagegen geradezu gut aussehen. Als die Krise zuschlug, standen die französischen, deutschen, niederländischen und britischen Banken mit über 30 Billionen Dollar im Risiko, mehr als das Doppelte des BIP der Vereinigten Staaten, mehr als das Achtfache des BIP von Deutschland und beinahe dreimal so viel wie das Sozialprodukt von Großbritannien, Deutschland, Frankreich und Holland zusammen.8 Ein Bankrott Griechenlands 2010 hätte eine sofortige Bankenrettung durch Deutschland, Frankreich, die Niederlande und Großbritannien erforderlich gemacht, die jedes Kind, jede Frau und jeden Mann in diesen vier EU-Ländern ungefähr 10.000 Dollar gekostet hätte. Im Vergleich: Ein ähnliches Problem an der Wall Street hätte vergleichsweise geringe Kosten von nicht mehr als 258 Dollar pro US-Bürger verursacht. Wenn der Zorn der amerikanischen Öffentlichkeit die Wall Street auch zu Recht traf, die europäischen Banken hätten das 38,8-Fache dieses Zorns verdient gehabt.
Und das ist noch nicht alles. Washington konnte die toxischen Papiere der Wall Street bei der Federal Reserve parken und dort lassen, bis sie entweder wieder Gewinn bringen würden oder schließlich vergessen wären und der Entdeckung durch künftige Archäologen harrten. Einfach ausgedrückt: Die Amerikaner müssten nicht einmal die vergleichsweise harmlosen 258 Dollar pro Kopf aus ihren Steuern bezahlen. Aber in Europa, wo Länder wie Frankreich und Griechenland im Jahr 2000 ihre Zentralbanken abgeschafft hatten und die EZB keine uneinbringlichen Forderungen übernehmen durfte, musste das Geld für die Bankenrettung bei den Staatsbürgern eingetrieben werden. Wenn Sie sich jemals gefragt haben, warum das europäische Establishment so viel mehr Wert auf Austeritätspolitik legte als das amerikanische oder japanische, dann haben Sie hier den Grund. Weil die EZB die Sünden der Banken nicht in ihren Büchern verstecken darf, müssen die Regierungen ihre Staatsbürger zwingen, die Bankenrettung durch Einschnitte bei Sozialleistungen und Steuererhöhungen zu finanzieren.
War die schändliche Behandlung Griechenlands eine Verschwörung? Wenn ja, war es eine Verschwörung ohne bewusste Verschwörer, zumindest am Anfang. Christine Lagarde und die ihr Gleichgesinnten hatten nie vor, Europas Bankrottokratie zu begründen. Aber was für eine Wahl hatten sie, die französische Finanzministerin, ihre europäischen Pendants und der IWF, als alles zur Rettung der französischen Banken zu tun, die dem sicheren Tod ins Auge blickten – selbst wenn das bedeutete, neunzehn europäische Parlamente auf einmal hinsichtlich der Kredite für Griechenland zu belügen? Aber nachdem sie einmal eine so gewaltige Lüge präsentiert hatten, blieb ihnen nichts anderes übrig, als ihre Lüge immer weiter zu vergrößern und sich hinter immer neuen Ausflüchten zu verstecken. Hätten sie die Wahrheit gesagt, wären sie ihre Ämter los gewesen. Bevor sie sich versahen, hatte die Bankrottokratie auch sie erfasst, genau wie sie Europas Outsider erfasst hatte.
Das teilte mir Christine Lagarde mit, als sie mir anvertraute, »sie« hätten zu viel in das gescheiterte Griechenland-Programm investiert, um jetzt davon abzurücken. Sie hätte auch die elegantere Formulierung von Lady Macbeth verwenden können: »Getan wird nie mehr ungetan.«
»Vaterlandsverräter« – Die Ursprünge eines kuriosen Vorwurfs
Meine Karriere als »Vaterlandsverräter« begann im Dezember 2006. Damals wurde ich gebeten, in einer öffentlichen Debatte, die der Thinktank eines ehemaligen Ministerpräsidenten organisiert hatte, etwas zum griechischen Haushalt des Jahres 2007 zu sagen. Nach einem Blick auf die Zahlen musste ich einfach das jämmerliche Beschönigungsmanöver beim Namen nennen:
Heute … bedrohen uns die Blasen auf dem amerikanischen Häusermarkt und auf dem Derivatemarkt … Wenn diese Blasen platzen, und sie werden mit Sicherheit platzen, wird es keine Zinssenkung mehr schaffen, die Investitionen in diesem Land so wiederzubeleben, dass die Wirtschaft sich wieder fängt, und diese ganzen Haushaltszahlen sind hinfällig … Die Frage ist nicht, ob das passiert, sondern wie schnell sich daraus unsere nächste große Wirtschaftskrise entwickelt.
Die anderen, die mit mir auf dem Podium saßen, darunter zwei ehemalige Finanzminister, schauten mich an, als hätte ich den Verstand verloren und sei hier fehl am Platz.9 In den nächsten zwei Jahren begegnete mir dieser Blick immer wieder. Selbst nachdem Lehman Brothers geplatzt, die Wall Street kollabiert und der Westen in der großen Rezession versunken war, lebten Griechenlands Eliten weiter in einer rosigen Wolke der Selbsttäuschung. Ob bei Dinnerpartys, in Seminaren an der Universität oder in Kunstgalerien, überall schwärmten sie, dass Griechenland gegen die »angelsächsische Krankheit« immun sei, in der sicheren Überzeugung, unsere Banken seien ausreichend konservativ und die griechische Volkswirtschaft bestens gerüstet, um den Sturm abzuwettern. Wenn ich darauf hinwies, dass nichts weiter von der Wahrheit entfernt sein konnte, wirkten meine Worte als schrille Dissonanz. Doch es wurde noch schlimmer.
Tatsächlich zahlen Staaten niemals ihre Schulden zurück. Sie prolongieren sie, das heißt, sie schieben die Tilgung unbegrenzt hinaus und bezahlen nur die Zinsen. Solange sie das können, sind sie solvent.10 Man kann sich Staatsschulden am besten wie ein tiefes Loch im Boden vorstellen neben einem Berg, der für das Volkseinkommen des Landes steht. Tag für Tag wird das Loch tiefer, selbst wenn der Staat keine neuen Schulden macht, weil sich Zinsen zu den Schulden summieren. Aber in den guten Zeiten, wenn die Wirtschaft wächst, wird auch der Einkommensberg immer höher. Solange der Berg schneller wächst als das Loch, kann man das zusätzliche Einkommen in das Loch schaufeln und so seine Tiefe stabil und den Staat solvent halten. Insolvenz droht, wenn die Wirtschaft nicht mehr wächst oder sogar schrumpft: Dann nagt die Rezession am Einkommensberg des Landes, und das Tempo, mit dem das Schuldenloch tiefer wird, lässt sich nicht mehr bremsen. Alarmierte Finanzleute, die dieses besorgniserregende Szenario beobachten, werden höhere Zinsen für ihre Kredite fordern als Preis dafür, dass sie den Staat weiter refinanzieren, doch höhere Zinsen wirken wie übereifrige Bagger, die noch schneller graben und das Loch noch tiefer machen.
Vor der Krise von 2008 hatte Griechenland innerhalb der Europäischen Union das tiefste Schuldenloch im Verhältnis zu seinem Einkommensberg. Aber wenigstens wuchs der Berg schneller, als das Loch tiefer wurde, was einen Anschein von Nachhaltigkeit erzeugte.11 All das änderte sich bedrohlich Anfang 2009, als die französischen und deutschen Banken ins Wanken gerieten, weil sie sich die Taschen mit toxischen amerikanischen Derivaten vollgestopft hatten, die nach dem Einbruch der Wall Street wertlos waren. Das doppelte Unglück für Griechenland bestand darin, dass das Wachstum bisher durch immer neue Schulden angetrieben worden war – Kredite, die Unternehmen (oft auf dem Weg über den griechischen Staat) von eben den französischen und deutschen Banken bekommen hatten, die auch dem Staat Geld liehen.12 In dem Augenblick, in dem die Banken in Panik gerieten und dem privaten und dem öffentlichen Sektor in Griechenland gleichzeitig den Geldhahn zudrehen würden, wäre das Spiel aus: Griechenlands Einkommensberg würde kollabieren und das Schuldenloch zu einem Abgrund werden.13 Mit diesen düsteren Überlegungen versuchte ich, alle, die es hören wollten, vor der drohenden Katastrophe zu warnen.
Im Herbst 2009 wurde eine neue griechische Regierung gewählt, die mit dem Versprechen angetreten war, durch Mehrausgaben die Wirtschaft wieder auf die Beine zu bringen. Der neue Ministerpräsident und sein Finanzminister, beide von der sozialdemokratischen PASOK, begriffen es einfach nicht. Unser Staat war schon längst rettungslos bankrott, als sie vereidigt wurden. Die weltweite Kreditklemme, die nichts mit Griechenland zu tun hatte, sorgte dafür, dass die europäischen Banken uns kein Geld mehr gaben. Griechenland war ein Land mit schuldengetriebenem Wachstum – Schulden hauptsächlich in fremden Währungen, während Griechenland auf die Geldpolitik im Euroraum keinen Einfluss hatte –, umringt von europäischen Volkswirtschaften, die tief in der Rezession steckten, und konnte nicht abwerten. Deshalb musste der Einkommensberg zwangsläufig so rasch schwinden, dass das ganze Land im Schuldenloch versinken würde.
Im Januar 2010 warnte ich in einem Radiointerview den Ministerpräsidenten, den ich persönlich kannte und mit dem ich mich gut verstand: »Was immer Sie tun, bitten Sie nicht unsere europäischen Partner um Geld in dem vergeblichen Versuch, unseren Bankrott abzuwenden.« Damals unternahm der griechische Staat natürlich eine übermenschliche Anstrengung, um genau das zu tun. Umgehend brandmarkten mich Regierungsquellen als Verräter – ein Dummkopf, der einfach nicht verstand, dass solche Prognosen selbsterfüllend waren, denn man musste doch das Vertrauen der Märkte in die finanzielle Gesundheit des Staates erhalten, weil nur dann weitere Kredite kamen. Weil ich überzeugt war, dass wir dem Bankrott nicht entgehen konnten, egal, welche beruhigenden Töne wir von uns gaben, machte ich weiter. Die BBC und andere ausländische Medien fanden heraus, dass ich früher Reden für Ministerpräsident Papandreou geschrieben hatte. Es tauchten Schlagzeilen auf wie »Ehemaliger Berater des griechischen Ministerpräsidenten sagt, Griechenland sei bankrott«, die meinen Ruf zementierten, der schlimmste Feind des griechischen Establishments zu sein.
Upton Sinclair hat einmal gesagt: »Es ist schwierig, jemanden dazu zu bringen, dass er etwas versteht, wenn sein Gehalt davon abhängt, dass er es nicht versteht.« In dem Fall hingen Einkommen und Reichtum der herrschenden Klasse in Griechenland davon ab, dass sie nicht von Griechenlands Bankrott überzeugt waren. Wenn jeder Mann, jede Frau und jedes Kind in dieser und der nächsten Generation die faulen Kredite tragen mussten, damit das Verhältnis der griechischen Oligarchen zu den ausländischen Bankern und Regierungen ungetrübt blieb, dann war es eben so. Kein Hinweis auf die Interessen der restlichen 99 Prozent der Griechen und ihrer Nachkommen hätte sie zu einem Gesinnungswandel bewegen können. Aber je mehr sie ihre Ohren gegenüber Fakten verschlossen, die nicht zu ihren Annahmen passten, desto stärker spürte ich die Pflicht, unser Volk zu warnen: dass die Kredite, die das Establishment in seinem Namen aufnahm und die den Bankrott angeblich verhindern sollten, ihn tatsächlich nur noch schlimmer machen und alle Griechen ins Schuldgefängnis bringen würden. Freunde und Kollegen sagten mir, ich hätte wohl recht, aber es sei politisch unklug, von Bankrott zu reden. Ich bin kein geborener Politiker und antwortete ihnen mit einem Zitat von John Kenneth Galbraith: »Es gibt Zeiten in der Politik, da muss man auf der richtigen Seite stehen und verlieren.« Damals wusste ich nicht, wie prophetisch diese Worte waren.
Und so führte ich meinen einsamen Kampf weiter, um mein Land zu überzeugen, dass es sich bankrott erklären sollte, und um zu verhindern, dass ihm andernfalls das Armenhaus drohte. Im Februar 2010 sagte ich im staatlichen Fernsehen, das Problem mit den immer neuen Krediten sei, dass wie bei der Reise nach Jerusalem die Musik irgendwann aufhören werde. In unserem Fall würden dann die schwächsten Europäer, deren Steuern und Sozialleistungen die Kredite finanzierten, »Genug!« rufen. Wir würden viel ärmer, viel höher verschuldet und bei unseren europäischen Partnern verhasst sein. Im April 2010, einen Monat vor dem Rettungspaket, veröffentlichte ich rasch hintereinander drei Artikel. In dem ersten vom 9. April mit der Überschrift »Sind wir bankrott?« schrieb ich, wenn der Staat weiter so tue, als sei er nicht bankrott, indem er immer neue Kredite aufnahn, drohe uns »der schlimmste Bankrott von Privathaushalten und Unternehmen in unserer Nachkriegsgeschichte«. Aber wenn der Staat den Bankrott eingestehe und sofort in Verhandlungen mit seinen Gläubigern eintrete, könnte man einen Großteil der Last mit denen teilen, die für die Schulden verantwortlich seien: den Banken, die vor 2008 rücksichtslos Kredite vergeben hätten.
Die Antwort des Establishments fiel kurz und unmissverständlich aus: Wenn unsere Regierung um eine Umschuldung bitten sollte, würde Europa uns aus der Eurozone werfen. Meine Erwiderung war ebenso kurz und unmissverständlich: In dem Fall würden das französische und das deutsche Bankensystem explodieren und mit ihnen die ganze Eurozone. Sie würden uns nicht rauswerfen. Und selbst wenn sie es doch täten – was nützte es, in einer Währungsunion zu sein, die die Volkswirtschaften ihrer Mitglieder zerstört? Anders als die Eurogegner, die die Krise als Chance betrachteten, auf den Grexit zu drängen, argumentierte ich, der einzige Weg, nachhaltig in der Eurozone zu bleiben, sei es, die Anweisungen der Institutionen nicht zu befolgen.
Nicht einmal zehn Tage bevor die Rettungsvereinbarung unterschrieben wurde, feuerte ich zwei weitere Schüsse in Richtung der Regierung ab. Am 26. April verglich ich in einem Artikel mit der Überschrift »Europas letzter Tango« die Bemühungen unserer Regierung um eine Rettung mit denen mehrerer aufeinanderfolgender argentinischer Regierungen, die versucht hatten, durch hohe Dollarkredite des IWF die 1:1-Bindung des Peso an den US-Dollar so lange zu erhalten, dass die Reichen und die Unternehmen ihren Besitz in Argentinien liquidieren, die Erlöse in Dollar eintauschen und dann an die Wall Street transferieren konnten – bevor Wirtschaft und Währung kollabierten und die angehäuften Dollarschulden die hilflosen Argentinier unter sich begruben. Zwei Tage später ging ich mit einem weiteren Artikel aufs Ganze. Die Überschrift lautete »Die schönen Seiten des Bankrotts«.
Fünf Tage später wurde der Rettungskredit vereinbart. Der Ministerpräsident wählte eine idyllische griechische Insel als Hintergrund für seine Ansprache an die Nation, pries den Kredit als Griechenlands zweite Chance, Beweis der europäischen Solidarität, Grundlage unserer wirtschaftlichen Erholung, blablabla. Er war sein politisches Ende und unser direkter Weg ins Armenhaus.
Meister der Sparpolitik
Im September 2015, nach dem Ende meiner Amtszeit als Minister, meldete ich mich zum ersten Mal wieder öffentlich zu Wort, in der Sendung Question Time der BBC, die vor Live-Publikum in Cambridge aufgezeichnet wurde. Der Moderator David Dimbleby stellte mich als Europas Vorkämpfer gegen die Sparpolitik vor. Das war eine Einladung an einen Macho aus dem Publikum, mich mit seinen Ideen über den Nutzen der Sparpolitik zu konfrontieren: »Wirtschaft geht eigentlich ganz einfach. Ich habe zehn Pfund in der Tasche. Wenn ich drei Pint Bier in Cambridge kaufe, muss ich mir wahrscheinlich Geld leihen. Wenn ich so weitermache, habe ich irgendwann kein Geld mehr und bin bankrott. Es ist gar nicht schwierig.«
Zu den größten Rätseln des Lebens, zumindest meines Lebens, gehört, wie leicht vernünftige Leute auf diese schreckliche Logik hereinfallen. Die persönlichen Finanzen sind eine absolut ungeeignete Grundlage, um die öffentlichen Finanzen zu verstehen. Das versuchte ich in meiner Antwort zu erklären: »In Ihrem Leben sind Ihre Ausgaben und Ihr Einkommen wunderbar unabhängig voneinander. Wenn Sie Ihre Ausgaben reduzieren, reduziert sich Ihr Einkommen nicht auch. Aber wenn ein Land massiv spart, reduziert sich auch sein Einkommen.«
Der Grund dafür ist, dass auf nationaler Ebene Gesamtausgaben und Gesamteinnahmen genau gleich sind, denn was jemand einnimmt, hat jemand anderer ausgegeben. Wenn jede Einzelperson und jedes Unternehmen in einem Land spart, darf der Staat auf keinen Fall ebenfalls sparen. Würde er auch sparen, würde der abrupte Einbruch bei den Gesamtausgaben zu einem ebenso abrupten Einbruch beim Volkseinkommen führen, was wiederum geringere Steuereinnahmen zur Folge hätte und zu dem spektakulären Ziel der Austeritätspolitik führen würde: einem immer weiter schrumpfenden Volkseinkommen, weshalb die vorhandenen Schulden nicht mehr bedient werden könnten. Deshalb ist Austerität genau die falsche Lösung.
Wenn es eines Beweises bedurft hätte, hat Griechenland ihn geliefert. Das Rettungspaket aus dem Jahr 2010 ruhte auf zwei Säulen: Die eine Säule waren gigantische Kredite zur Finanzierung der französischen und deutschen Banken, die andere Säule war ein kolossales Sparprogramm. Um einen Eindruck davon zu vermitteln: In den zwei Jahren nach der »Rettung« von Griechenland geriet Spanien, ein weiteres Land der Eurozone, in denselben Schlamassel und wurde gleichfalls mit Austerität behandelt, was in dem Fall eine Reduzierung der Staatsausgaben um 3,5 Prozent bedeutete. Im selben Zweijahreszeitraum von 2010 bis 2012 gingen die griechischen Staatsausgaben um sage und schreibe 15 Prozent zurück. Mit welchem Effekt? Spaniens Volkseinkommen sank um 6,4 Prozent, das griechische hingegen um 16 Prozent. Unterdessen plädierte in Großbritannien der frisch ernannte Schatzkanzler George Osborne für einen maßvollen Sparkurs, um sein Traumziel zu erreichen: einen ausgeglichenen Haushalt bis 2010.14 Osborne war einer der ersten Finanzminister, die ich nach meiner Wahl traf. Das Erstaunlichste bei unserer Begegnung – erstaunlich zumindest für die Pressevertreter, die ein frostiges oder scharfes Zusammentreffen erwartet hatten – war, dass wir keine nennenswerten Differenzen hatten. In den ersten Minuten unseres Gesprächs meinte ich: »Wir sind vielleicht über die Vorzüge der Sparpolitik uneins, aber Sie sparen nicht wirklich sehr, habe ich recht, George?«15
Er stimmte lächelnd zu. Was hätte er auch sonst tun sollen? Wenn es eine Spar-Olympiade gegeben hätte, wäre Griechenland auf dem ersten Platz gelandet und Osbornes Großbritannien irgendwo ziemlich weit unten. Osborne schien auch dankbar für die Hilfe, die er von der Bank of England erhielt. Seit die Londoner City 2008 von schweren Turbulenzen auf dem Kreditmarkt getroffen worden war, hatte die Bank of England Milliarden Pfund gedruckt, um die Banken solvent und die Wirtschaft »liquide« zu halten. Osborne bezeichnete das als »expansive Kontraktion«: Großzügigkeit seitens der Bank of England kombiniert mit Ausgabenkürzungen des Staates.
»Sie stehen immer hinter mir«, sagte er, offensichtlich erleichtert, nicht in meiner Situation zu sein: Geisel einer Europäischen Zentralbank, die genau das Gegenteil tat.
»Ich beneide Sie, George«, klagte ich. »Im Gegensatz zu Ihnen habe ich eine Zentralbank, die mir bei jedem Schritt in den Rücken fällt. Können Sie sich vorstellen, wie es hier in Großbritannien aussehen würde, wenn Sie, statt ›expansive Kontraktion‹ zu betreiben, wie ich zu ›kontraktorischer Kontraktion‹ gezwungen wären?«
Er nickte lächelnd und signalisierte mir, dass ich wenn schon nicht seine Solidarität, so wenigstens sein Mitgefühl hatte.
Dass die Begegnung zwischen einem Schatzkanzler der Torys und einem Finanzminister, der die radikale Linke Griechenlands vertrat, so glatt lief, ist tatsächlich nicht so verwunderlich, wie es die Presse darstellte. Drei Jahre zuvor, auf dem Höhepunkt der Eurokrise, hatte ein Verband vereidigter Wirtschaftsprüfer mit Sitz in Australien beschlossen, die Teilnehmer ihrer jährlichen Konferenz mit einer Debatte zwischen einem Linken und einem Rechten aus Europa zu erfreuen. Und so luden sie Lord (Norman) Lamont, ehemals Schatzkanzler im Kabinett von John Major, und mich zu einer Debatte ein in der Erwartung, dass es gehörig krachen würde. Nur leider hatten sie das falsche Thema ausgewählt: die Krise in der Eurozone. Als wir uns auf dem Podium niedergelassen hatten vor lauter Zuschauern, die mit einem Hahnenkampf rechneten, stellten wir rasch fest, dass wir in nahezu allen Punkten übereinstimmten.
Die Diskussion verlief tatsächlich so freundschaftlich, dass wir uns nachher mit Danae trafen und zu dritt zum Abendessen in ein Restaurant am Wasser gingen. Im strahlenden Sonnenlicht blühte unsere Freundschaft auf – mit Unterstützung des köstlichen australischen Weins, wie Norman mich immer wieder erinnert. Danach blieben wir in Verbindung und tauschten weiterhin unsere Ansichten aus in einer Weise, die mich davon überzeugte, dass wir mehr gemeinsam hatten, als ich mir vorgestellt hätte. Im Dezember 2014 schockierte ich Norman mit der unerwarteten Nachricht, dass ich in einem Monat das griechische Finanzministerium übernehmen würde. Seit diesem Tag und während meiner turbulenten Amtszeit, aber auch danach noch, erwies sich Norman als ein Fels in der Brandung, ein treuer Freund und zuverlässiger Unterstützer. Bevor ich 2015 Downing Street Nr. 11, den Amtssitz von George Osborne, betrat, hatte Norman ihn angerufen und unsere Begegnung mit einigen warmen Worten über mich vorbereitet.
Während meine Freundschaft mit Lord Lamont vielen merkwürdig vorkam, vor allem meinen linken Genossen in der Regierung, passte sie sehr gut in ein größeres Muster. In den trostlosen Jahren von 2010 bis heute war ich immer wieder verblüfft, dass ich, der stolze Linke, Unterstützung von allen möglichen Rechten erhielt: von Bankern der Wall Street und der City of London, von rechten deutschen Ökonomen, sogar von amerikanischen Libertären. Um nur ein Beispiel zu geben, wie seltsam die Dinge laufen können: An einem einzigen Tag Ende 2011 sprach ich vor drei ziemlich unterschiedlichen Versammlungen in New York City – einmal vor Occupy Wall Street, einmal bei der New Yorker Federal Reserve und dann noch vor Hedgefonds-Managern und Bankenvertretern. Allen erzählte ich das Gleiche über die Krise Europas, und aus allen drei Lagern eingeschworener Feinde erhielt ich die gleiche Zustimmung.
Was den echten Libertären, den sich langsam erholenden Bankern der Wall Street und den angelsächsischen Rechten an meinen ansonsten linken Positionen gefiel, war genau das, was das griechische und das europäische Establishment verabscheuten: meine klare Ablehnung immer neuer, nicht nachhaltiger Kredite, die einen Bankrott als Liquiditätsproblem verschleierten. In der Wolle gefärbte Marktwirtschaftler sind allergisch gegen Wohltaten, die die Steuerzahler finanzieren. Sie lehnen aus ganzem Herzen meine Ansichten ab, wie wichtig in Phasen einer Rezession substanzielle öffentliche Investitionen sind und zu jeder Zeit Besteuerungsgrundlagen, die für mehr Einkommensgerechtigkeit sorgen. Aber wir stimmen darin überein, dass es eine entsetzliche Verschwendung von Ressourcen und der sichere Weg ins Massenelend ist, durch vom Steuerzahler finanzierte Kredite einen Bankrott immer weiter zu verschleppen. Vor allem anderen verstehen Libertäre, was Schulden bedeuten. Deshalb durchschauten wir übereinstimmend die menschenverachtende Täuschung hinter dem Griechenland-Programm, zu dem Christine Lagarde mich vier Jahre später drängte.
Der offiziellen Erklärung, wie das Programm des Establishments Griechenland im Jahr 2015 wieder auf die Beine helfen sollte, könnte man die Überschrift geben: »Operation Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit«. Die grundlegende Idee war folgende: Griechenland hat den Euro und kann deshalb nicht durch die Abwertung seiner Währung Investitionen von außen anlocken, das heißt die übliche Strategie anwenden, um international wieder wettbewerbsfähig zu werden. Aber es kann das gleiche Ergebnis durch eine innere Abwertung als Folge einer strikten Sparpolitik erreichen. Wie soll das gehen? Drastische Kürzungen bei den Staatsausgaben werden Preise und Löhne sinken lassen. Griechisches Olivenöl, Hotels auf Mykonos und die Frachtgebühren griechischer Schiffe werden für deutsche, französische und chinesische Kunden sehr viel billiger werden. Wenn Griechenlands Wettbewerbsfähigkeit auf diese Weise wiederhergestellt ist, werden die Exporte und der Tourismus anziehen. Die Investoren beobachten diese wundersame Verwandlung, strömen herbei und stabilisieren so die Wirtschaft. Bald kehrt das Wachstum zurück, und die Einkommen steigen. Mission erfüllt.
Das hätte eine überzeugende Argumentation sein können, hätte sie nicht das Offensichtliche geleugnet, wie die Libertären wohl wussten: Kein Investor, der bei Verstand ist, wird in einem Land investieren, dessen Staat, Banken, Unternehmen und Haushalte allesamt insolvent sind. Während die Preise, Löhne und Einkommen zurückgehen, werden die Schulden, die der Insolvenz zugrunde liegen, nicht sinken, sondern weiter steigen. Das Einkommen zu reduzieren und neue Schulden zu machen, beschleunigt den Prozess noch. Genau das passierte in Griechenland ab 2010.
Im Jahr 2010 schuldete der griechische Staat für je 100 Euro Pro-Kopf-Einkommen ausländischen Banken 146 Euro. Ein Jahr später, 2011, war das Pro-Kopf-Einkommen gegenüber 2010 auf 91 Euro gesunken und 2012 auf 79 Euro. Unterdessen flossen die offiziellen Kredite der europäischen Steuerzahler herein, bevor sie an die französischen und deutschen Banken weitergeleitet wurden, und dadurch stieg die Staatsverschuldung von 146 Euro pro Kopf im Jahr 2010 auf 156 Euro pro Kopf in 2011. Selbst wenn sämtliche griechischen Steuersünder sich über Nacht bekehrt und wir alle uns in eine Nation sparsamer presbyterianischer Schotten verwandelt hätten, wären unsere Einkommen zu gering und unsere Schulden zu hoch gewesen, um den Bankrott abzuwenden. Die Investoren durchschauten das und wollten griechische Investitionsprojekte nicht einmal mit der Kneifzange anfassen. Der Nebeneffekt war eine humanitäre Krise, die schließlich Menschen wie mich in die Regierung brachte.
Als ich dort war, erwiesen sich amerikanische Libertäre und britische Marktwirtschaftler angesichts der Dauerkrise der internationalen Linken als meine effizientesten Unterstützer. Interessanterweise trieb sie ihre ideologisch begründete, quasi darwinistische Verpflichtung, Verlierer am Markt untergehen zu lassen, auf meine Seite. Sie wussten um die Gefahren von zu viel Kredit und wiederholten ihr Mantra: »Jedem verantwortungslosen Kreditnehmer steht ein verantwortungsloser Kreditgeber gegenüber.« Das brachte sie zu der Schlussfolgerung, dass faule Kredite das Problem der unverantwortlichen Kreditgeber sein sollten, nicht der Steuerzahler. Die unverantwortlichen Kreditnehmer sollten auch einen Preis für ihre Verantwortungslosigkeit zahlen, und der sollte hauptsächlich darin bestehen, dass sie so lange keinen Kredit mehr bekommen würden, bis sie ihre Vertrauenswürdigkeit wieder bewiesen hätten.
Auf der schwarzen Liste
In den Jahren 2010 und 2011 hatte es den Anschein, als wäre ich jeden zweiten Tag im Radio oder Fernsehen und würde die Regierung beschwören, der Realität ins Auge zu blicken und die düstere Tatsache zu akzeptieren, dass unsere Staatsschulden restrukturiert werden mussten. Dieser Vorschlag war nicht radikal oder sonderlich links. Banken schulden jeden Tag die Schulden von Unternehmen um, die in Schwierigkeiten geraten sind, nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern aus wohlverstandenem Eigeninteresse. Aber das Problem war, dass wir es nicht mehr mit Banken zu tun hatten, seit wir das Rettungsprogramm von EU und IWF akzeptiert hatten. Wir hatten es mit Politikern aus ganz Europa zu tun, die ihre Parlamente angelogen hatten, um sie dazu zu bringen, dass sie den Banken die griechischen Schulden abnahmen. Bei einer Umschuldung müssten sie erneut vor ihre Parlamente treten und ihre frühere Sünde bekennen, und das würden sie aus Angst vor den Folgen niemals tun. Der einzige Ausweg bestand darin, mit der Täuschung weiterzumachen und dem griechischen Staat einen weiteren Haufen Geld zu geben, damit er so tun konnte, als würde er seinen Zahlungsverpflichtungen gegenüber der EU und dem IWF nachkommen: ein zweites Rettungspaket.
Ich war entschlossen, ihnen dieses Spiel zu verderben: Von jedem Dach, das ich erklimmen konnte, wollte ich verkünden, dass es unsere schlimmste Option war, weitere Kredite anzunehmen. Ich probierte verschiedene Metaphern aus. »Es ist, als würden Sie eine Kreditkarte nehmen«, sagte ich einmal im Fernsehen, »um Raten für eine Hypothek zu bezahlen, die Sie nicht bezahlen können, weil Ihr Lohn gesunken ist. Es ist ein Verbrechen gegen die Logik. Sagen Sie einfach Nein. Die Zwangsversteigerung des Hauses ist schrecklich, aber ewige Schuldknechtschaft ist noch viel schrecklicher.«
Eines Abends, als ich von einem weiteren Auftritt bei ERT, der öffentlich-rechtlichen Radio- und Fernsehanstalt Griechenlands, in unsere Wohnung zurückkehrte, klingelte das Telefon. Ich nahm den Hörer ab, und es meldete sich eine vertraute Stimme. Sie gehörte Antonis Samaras, damals Vorsitzender der konservativen Nea Dimokratia, der griechischen Oppositionspartei, der Mann, an dessen Niederlage bei der Wahl vier Jahre später, im Januar 2015, ich mitwirkte.
»Wir sind uns noch nicht begegnet, Herr Varoufakis«, sagte er, »aber ich habe Sie gerade auf ERT gesehen und musste Sie einfach anrufen. Ich kann mich nicht erinnern, wann mich etwas, das jemand im Fernsehen gesagt hat, so bewegt hat. Danke für Ihre Haltung.«
Antonis Samaras war nicht das einzige Mitglied des griechischen Establishments, das sich an mich wandte. In meinem Wahlkampf führte ich viele geheime Gespräche mit sozialistischen Ministern, konservativen Abgeordneten der Opposition, Gewerkschaftsvorsitzenden und anderen, die fanden, dass ich einer großen Sache auf der Spur war. Wenn ich die Grundzüge meiner Analyse dargelegt hatte, bestritt sie niemand. Die Sozialisten argumentierten wie verschüchterte Offiziere, die wissen, dass das Schiff auf die Felsen zusteuert, aber Angst haben, den Kapitän, der sich in Sicherheit wiegt, darüber aufzuklären. Die Konservativen waren zumindest bis November 2011 in einer besseren Position: Ihr Vorsitzender Antonis Samaras lehnte die Sparpolitik und die Rettungspakete ab, deshalb konnten sie meinen Gedankengängen eher etwas abgewinnen.
Wenige Tage später bereitete ich mich in einem Studio von ERT auf einen weiteren Auftritt in der Hauptnachrichtensendung vor. Der Chef der Sendeanstalt hatte mir kurz zuvor ein verlockendes Angebot unterbreitet: eine kurze Sendung fast jeden Tag direkt nach den Hauptnachrichten, in der ich das laufende Wirtschaftsdrama kommentieren würde. »Der Regierung wird es nicht gefallen, aber Ihre Ansichten sind wichtig und verdienen es, gesendet zu werden«, hatte er entschieden erklärt. Geschmeichelt und auch erfreut, dass der Leiter des staatlichen Fernsehens ein solches Bekenntnis zum Pluralismus ablegte, obwohl die Regierung meine Kommentare strikt ablehnte, hatte ich eingewilligt, darüber nachzudenken.
An dem Abend rief mich der Leiter zehn Minuten vor Beginn der Sendung zu einem kurzen Plausch in sein Büro. Ihm gegenüber saß die wichtigste Nachrichtenmoderatorin, eine Journalistin, die seit zwei Jahrzehnten der Liebling des PASOK-Establishments war, bekannt für ihr blondierten Haare, ihre blauen Augen, die betörende Stimme und ihre Flirts mit Gesprächspartnern. Der Leiter erinnerte mich daran, dass er mich gerne regelmäßig im Fernsehen haben wollte, die Journalistin stimmte begeistert zu. Kurz bevor wir uns auf den Weg zum Studio machten, brachte sie unter seinen wachsamen Augen noch eine Warnung an: »Ich weiß, dass Ihnen das am Herzen liegt, aber bitte erwähnen Sie heute Abend das Wort Umschuldung nicht. Dann wäre es schwer, Sie auf Sendung zu halten. Die Regierung rastet aus, wenn Sie das Wort hört.«
Ich lächelte und ging weiter. Im Studio las sie die Schlagzeilen vor und wandte sich dann in ihrer üblichen direkten Art mir zu: »Herr Varoufakis, die Regierung sagt uns, das Programm werde Erfolg haben. Aber wir hören auch andere Meinungen. Was sagen Sie dazu?«
»Ohne Umschuldung hat kein Programm Aussicht auf Erfolg, nicht nur dieses.« Unter ihrem dicken Make-up glaubte ich ein ganz leichtes Zucken wahrzunehmen.
Nach der Sendung ging ich direkt zum Parkplatz, setzte mich auf mein Motorrad und fuhr nach Hause, in der sicheren Überzeugung, dass ich nie wieder in eine Sendung der staatlichen Rundfunkanstalt eingeladen werden würde. Tatsächlich wurde ich auf Anweisung des Presseministers (allein dieser Titel erfüllt das Herz jedes Liberalen mit Unbehagen) inoffiziell auf eine schwarze Liste gesetzt.16 Vier Jahre später führte die gleiche Sünde – dass ich auf einer Umschuldung beharrte – dazu, dass die politischen Spitzen Europas meine Absetzung als griechischer Finanzminister und Mitglied der Eurogruppe verlangten. Wer sagt, dass das europäische Establishment nicht in sich konsistent ist?
Meine Verbannung von ERT im Jahr 2011 war meine erste Begegnung mit dem inkompetenten autoritären Gebaren, mit dem die Europäische Union auf die Krise der Eurozone reagierte. Denn auf die Krise reagierten sie in erster Linie moralisierend. Austerität ist eine schreckliche Wirtschaftspolitik und, wie ich weiter oben erklärt habe, in schwierigen Zeiten zum Scheitern verurteilt. Tatsächlich ist Austerität gar keine richtige Wirtschaftspolitik. Austerität ist ein Spiel mit Moral, das dazu dient, in Zeiten der Krise zynische Transfers von den Habenichtsen zu den Vermögenden zu legitimieren. In diesem Spiel sind die Schuldner Sünder, die für ihre Missetaten bezahlen müssen. Die Troika gab sich nicht damit zufrieden, dass die Griechen, die Spanier und ihre eigenen Leute sich ihrer Autorität unterwarfen, nein, sie verlangte auch noch, dass die europäischen Schwächlinge, darunter auch viele Deutsche, die gegen die Armut kämpften, die Schuld und die Verantwortung für die Krise auf sich nehmen sollten.
Der deutsche Finanzminister Dr. Wolfgang Schäuble sagte einmal zu mir, mit meiner Ablehnung der Sparpolitik gehöre ich zu einer Minderheit in Europa, und dann zitierte er Meinungsumfragen, in denen sich eine Mehrheit für Einschnitte bei den Staatsausgaben ausgesprochen hatte. Ich erwiderte, selbst wenn das stimmen sollte, könne sich eine Mehrheit in Europa über die Ursachen ihrer misslichen Lage täuschen. Als im 14. Jahrhundert die Pest wütete, hätten viele Europäer geglaubt, sie werde durch einen sündigen Lebenswandel verursacht und könne durch Aderlässe und Selbstgeißelung geheilt werden. Und als Aderlass und Selbstgeißelung nicht funktionierten, habe man das als Beweis genommen, dass die Menschen ihre Sünden nicht wirklich ehrlich bereuten, dass noch nicht genug Blut geflossen, die Selbstgeißelung nicht enthusiastisch genug ausgeführt worden sei – genau wie heute das katastrophale Scheitern der Austerität als Beweis angesehen werde, dass sie zu halbherzig praktiziert worden sei.
Falls Wolfgang Schäuble amüsiert war, ließ er es sich nicht anmerken. Aber das ist der entscheidende Punkt: Ohne die moralische Einkleidung zeigt sich die Austerität als das, was sie ist: eine gescheiterte Wirtschaftspolitik, die auf unethischem Moralisieren gründet. Das Establishment fand mich empörend, weil ich einigen Erfolg damit hatte, das Problem mit kalter Logik anzugehen und so die Moral aus der Debatte über die griechischen Schulden herauszunehmen – indem ich Argumente einsetzte, die die Kluft zwischen der Linken und der Rechten überwanden und Teile von beiden überzeugten.
Deshalb hätten sie mich am liebsten, wenn sie es gekonnt hätten, nicht nur bei ERT auf die schwarze Liste gesetzt, sondern von jedem öffentlichen Podium auf dem ganzen Kontinent verbannt.
Platz der Hoffnung
Während das griechische Staatsfernsehen mich ächtete, weil ich weiter für eine Umschuldung kämpfte, arbeitete der IWF genau darauf hin. Die deutsche Regierung wollte davon nichts wissen, aber der IWF war immer verärgerter über den Schlamassel, in den die Europäer ihn hineingezogen hatten, und drängte auf eine Umschuldung. Um den IWF bei Laune zu halten, konsultierte der damalige griechische Finanzminister halbherzig Umschuldungsexperten in Washington, obwohl er entschlossen war, sich Berlins Wünschen zu fügen.17 Unterdessen gelangten Berlin und Paris zu dem Schluss, dass Griechenland einen neuen Rettungskredit, einen Schuldenschnitt und eine neue Regierung brauchte.
Ihr Gedankengang war ganz einfach: Der erste Rettungskredit war fast vollständig dafür draufgegangen, die französischen und deutschen Banken zu stützen. Der griechische Staat würde bald mehr Geld brauchen – viel mehr Geld –, um weiter den Anschein zu wahren, solvent zu sein. Aber so wie Sie Ihre Gesamtverschuldung erhöhen, wenn Sie die Hypothekenraten mit Ihrer Kreditkarte bezahlen, hätte die bereits schäumenden Parlamentarier in Europa angesichts der Gesamtsumme, die im Rahmen des zweiten Rettungspakets 2012 an Athen fließen sollte, kollektiv der Schlag getroffen, wäre damit nicht irgendeine Form von Schuldenschnitt verbunden worden. Der französische Staatspräsident Sarkozy und Bundeskanzlerin Merkel akzeptierten einen Schuldenschnitt für Griechenland unter der Bedingung, dass er nur die Gläubiger treffen würde, die ihnen nicht wirklich schaden konnten. Im Sommer 2011 war es entschieden: Der Haircut würde hauptsächlich die griechischen Pensionsfonds treffen, halb öffentliche griechische Institutionen und die griechischen Sparer, die Staatsanleihen gekauft hatten. Die Kredite hingegen, die der IWF und die europäischen Institutionen 2010 vergeben hatten, würden selbstverständlich unangetastet bleiben.18
Dass dies das Ende der jämmerlichen Regierung Papandreou bedeuten würde, die das erste Rettungspaket durch das Parlament gebracht hatte, galt als akzeptabler Preis. Schließlich hatten Ministerpräsident Papandreou, sein Finanzminister und das ganze griechische Establishment den Segen des Parlaments für das erste Rettungspaket nur bekommen, indem sie wiederholt beteuerten, es werde den griechischen Karren aus dem Dreck ziehen, eine Umschuldung sei weder nötig noch erwünscht, und jeder, der etwas anderes behaupte, verdiene es, geteert und gefedert zu werden – oder zumindest nach der Sitte des alten Athen in einem Scherbengericht geächtet zu werden. Wie hätte dieselbe Regierung nicht einmal zwei Jahre später eine Umschuldung plus einen noch größeren Kredit als den ersten durch das erschöpfte und gedemütigte Parlament peitschen können? Ihr Ende war besiegelt.
Die Machtlosigkeit der Regierung Papandreou war nicht nur im Parlament offensichtlich, sondern noch mehr davor, auf dem Syntagma-Platz. Syntagma heißt »Verfassung«, der Name des Platzes geht zurück auf eine Erhebung gegen den in Bayern geborenen König Otto im Jahr 1843. Damals trotzten die Rebellen ihrem ausländischen Herrscher eine geschriebene Verfassung ab. Der Platz liegt zwischen dem Parlamentsgebäude auf der einen Seite, dem ehemaligen Palast von König Otto, und einem hässlichen Betonblock aus den 1970er-Jahren auf der anderen Seite, der das Finanzministerium beherbergt. Von manchen Stellen des Platzes aus kann man die Akropolis sehen, eine Erinnerung an vergangenen Glanz und an die Idee, dass es auf den demos (das Volk) ankommt. Seit 1843, als König Otto in die Knie gezwungen wurde, begannen fast alle Demonstrationszüge und Kundgebungen auf dem Syntagma-Platz, direkt vor dem Parlament. Dort schloss ich mich Anfang der 1970er-Jahre wie Millionen andere Griechen meiner Generation den ersten Demonstrationen an, lernte Tränengas kennen und machte meine ersten politischen Erfahrungen.
Im Frühjahr 2011, als das Land bereits tief in der Rezession steckte, begann die spontane Besetzung des Syntagma-Platzes – wahrscheinlich in Anlehnung an ähnliche Besetzungen öffentlicher Plätze in Spanien durch die sogenannten indignados, die »Empörten«, die gegen die Sparpolitik protestierten und ihre Würde zurückforderten. Zuerst versammelten sich nach Einbruch der Dunkelheit tausend bis zweitausend Menschen. Sie kamen jeden Abend wieder, und jeden Abend waren es einige Tausend mehr als in der Nacht zuvor. Das ging so drei Monate lang. Auf dem Höhepunkt waren es hunderttausend Menschen. Obwohl gelegentlich Gewalttätigkeiten von Faschisten, der Bereitschaftspolizei und vermummten Anarchisten aufflackerten, waren die perfekt strukturierten Debatten das Besondere an diesen Versammlungen. Niemand durfte länger als drei Minuten sprechen, die Redner wurden ausgelost, und alle paar Stunden wechselte das Diskussionsthema. (Ich weiß noch, dass ich dachte, wie wunderbar es wäre, wenn man solche geordneten Diskussionen an unseren Universitäten einführen könnte.) Es war zwar nicht praktizierte Demokratie, denn es konnten keine bindenden Beschlüsse gefasst werden, aber zumindest war der Platz eine große Agora, die von Möglichkeiten vibrierte. Ganz anders ging es direkt daneben im Parlament zu, der Stätte unserer nationalen Demütigung und Unterwerfung unter eine große Wirtschaftskrise.
Danae und ich unternahmen oft den zehnminütigen Spaziergang von unserer Wohnung zum Syntagma-Platz, um den Sauerstoff der Hoffnung einzuatmen. Zweimal wurde ich gebeten, zu der Menge zu sprechen. Auf dem Weg zu dem improvisierten Podium erinnerte ich mich daran, dass ich das letzte Mal in Nottinghamshire bei einer Demonstration gesprochen hatte, beim Bergarbeiterstreik 1984 an einer Streikpostenkette. Zumindest war es auf dem Syntagma-Platz warm, die Menschenmenge war viel größer, und ich war nicht länger ein junger »Ausländer, der sich einmischte«, wie mich ein britischer Polizist damals genannt hatte. Aber das Hochgefühl war das gleiche. Als ich sichtlich freudig vom Podium herunterkam, flüsterte mir Danae ins Ohr: »Bist du sicher, dass du nicht für das Parlament kandidieren willst?« Ich sagte, ich sei sicher. Wie immer meine persönlichen Gefühle sein mochten, der beste Beitrag, den ich zu der Sache leisten könne, bestehe darin, die Kontakte zu erhalten, die ich zu Politikern aus unterschiedlichen Parteien geknüpft hätte, und zu versuchen, über Parteigrenzen hinweg etwas zu bewirken. Aber tief im Inneren fragte ich mich, wie lange das noch möglich sein würde. Der Nebel der Zwietracht wurde dicker.
Im Juni 2011 zwang die Troika die dahinsiechende Regierung, ein zerstörerisches Gesetz nach dem anderen durch das Parlament zu bringen, darunter auch eines, das praktisch alle Rechte der Gewerkschaften aushebelte. Das waren die Rituale ihres Endes, die letzte Demütigung, bevor Papandreou schließlich durch das zweite Rettungspaket der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Die Menschenmassen auf dem Syntagma-Platz spürten die Krise; es kamen immer mehr, sie waren immer aufgebrachter, und bald besetzten sie den Platz rund um die Uhr. Unheil verheißende Differenzen traten zutage. Auf dem oberen Platz zeigten Nationalisten und Faschisten hässlich Präsenz mit Slogans, die ihren Hass auf alle Politiker, ja sogar auf die parlamentarische Demokratie widerspiegelten – ein deutliches Zeichen für den Aufstieg der Partei Goldene Morgenröte. Auf dem unteren Platz versammelten sich die deutlich zahlreicheren Progressiven und bemühten sich, sowohl dem Establishment wie der plumpen Agitation gegen das Establishment, die auf dem oberen Platz betrieben wurde, die Stirn zu bieten, indem sie die Tradition pluralistischer, gut organisierter Debatten pflegten.
Abgeordnete, insbesondere von der regierenden sozialistischen Partei, sagten mir am Telefon oder verbittert bei einer Tasse Kaffee hinter verschlossenen Türen, dass sie es nicht mehr aushielten. Auf dem Weg ins Parlament an den schreienden, wütenden, gedemütigten Menschen vorbeizugehen, um drinnen für Gesetze zu stimmen, die sie verabscheuten, belastete sie sehr. Immer wieder sagten sie mir, sie stünden kurz davor, gegen die von der Troika diktierten Gesetzesvorschläge ihrer eigenen Regierung zu stimmen, aber immer wieder wurden sie, mit höchstens ein oder zwei Ausnahmen, auf die Regierungslinie zurückgebracht. Innerhalb eines Jahres fiel die sozialistische Partei, die drei Jahrzehnte lang stets um 40 Prozent der Wählerstimmen gewonnen hatte, auf klägliche 5 Prozent zurück.
Eines Tages gegen Ende Juni umstellten fünftausend Polizisten den Syntagma-Platz, um die Besatzer zu vertreiben. Sie setzten mehr Tränengas ein, als man es in einem relativ engen städtischen Raum jemals erlebt hatte, dazu noch Blend- und Rauchgranaten, Wasserwerfer und ganz altmodische Polizeigewalt und verwandelten den Platz und die Umgebung in eine Wüste. Kriegsreporter aus meinem Bekanntenkreis, die schon vieles erlebt hatten, sagten mir, sie hätten sich niemals vorgestellt, derartige Gewalt in einer Stadt wie Athen zu erleben. Häuserwände und das Pflaster waren schwarz vom Rauch, in der ganzen Stadt roch es noch wochenlang nach Chemikalien. An diesem Tag hatte die Regierung den letzten Rest ihrer Glaubwürdigkeit verloren, regelrecht ausgelöscht.
Bailoutistan 2.0
Die technischen Details, wie Ministerpräsident Papandreou abgesetzt wurde, sind zu traurig, um sie hier zu erzählen. Es genügt zu sagen, dass es wie in jedem guten Drama ablief: Die Troika brachte ihn durch politische Machenschaften zu Fall, mit Beteiligung der Höflinge, die seinen wackligen Thron umgaben. Es war typisch für die grausame Gleichgültigkeit der Troika gegenüber Menschen, die ihr loyal dienten, dass sie Giorgos Papandreou eine letzte Schmach zufügte, bevor sie ihn abservierte: Im Oktober 2011 musste er noch einmal nach Brüssel reisen, um seine Unterschrift unter den Entwurf für die zweite Rettungsvereinbarung und die Umschuldung zu setzen, die er im Namen der Troika so lange als »unnötig und nicht wünschenswert« abgelehnt hatte.
Eine Nachfolgeregierung zu finden, die die zweite Rettungsvereinbarung durch das Parlament bringen würde, war nicht einfach. Papandreous Rücktritt und die zunehmende Erschöpfung der regierenden Sozialisten sprachen für Neuwahlen. Aber was an den Urnen geschieht, ist unvorhersehbar, und die Organisation von Wahlen dauert mindestens einen Monat, zu lange aus Sicht der EU, des IWF und der griechischen Elite. Stattdessen bildeten sie eine Übergangsregierung aus mehreren Parteien, und erst nachdem sie das zweite Rettungspaket verabschiedet haben würde, sollten im Frühjahr 2012 Neuwahlen riskiert werden. Für die Bildung dieser großen Koalition musste Antonis Samaras, der Vorsitzende der oppositionellen konservativen Partei, für die Logik der Rettungspakete gewonnen werden, die er bislang abgelehnt hatte.
Eine Begegnung genügte – am 23. Juni 2011 in Berlin mit Kanzlerin Merkel –, um Antonis Samaras von seiner Zustimmung zu meiner ablehnenden Position abzubringen, die er in unserem Telefongespräch nach meinem Auftritt im staatlichen Fernsehen geäußert hatte. Die Aussicht, in die Villa Maximos einzuziehen, den Amtssitz des griechischen Regierungschefs, erwies sich als unwiderstehlich. Er war nicht der letzte Politiker, der die prinzipielle Gegnerschaft zu Rettungspaketen für dieses Amt opferte. Der Plan sah folgendermaßen aus: Nach Papandreous Rücktritt sollte ein »technokratischer« Ministerpräsident eingesetzt werden, die linke Mitte (PASOK) und die rechte Mitte (Nea Dimokratia) würden Minister in seiner Regierung stellen und für die nötige Unterstützung im Parlament sorgen. Sobald diese Regierung das zweite Rettungspaket durch das Parlament gebracht hätte, würde sie Neuwahlen ansetzen. Nach der Implosion der PASOK – die die moralischen und politischen Kosten des ersten Rettungspakets getragen hatte – würde die Nea Dimokratia von Antonis Samaras die Wahlen unweigerlich gewinnen. Sofern es Antonis Samaras mit seinem Gewissen vereinbaren konnte, seine ablehnende Haltung zu Rettungspaketen über Bord zu werfen, sich für das zweite Paket auszusprechen und die Interimsregierung hinter den Kulissen zu unterstützen, musste er nur sechs bis acht Monate warten, um Ministerpräsident zu werden. Und genau so kam es dann auch.19
Als Gipfel des Zynismus wählten die Herren als Anführer der großen Koalition niemand anderen als den kurz zuvor zurückgetretenen Vizepräsidenten der Europäischen Zentralbank. Loukas Papadimos, ehemaliger Wirtschaftsprofessor in meiner Fakultät an der Universität Athen, würde einige unglückliche Äußerungen vergessen müssen, bevor er in die Villa Maximos einziehen konnte. Drei Tage bevor er seinen Amtseid ablegte, plapperte er immer noch die offizielle Linie der Troika nach, dass eine Restrukturierung der griechischen Schulden »weder nötig noch wünschenswert« sei. Aber als er auf der Schwelle der Villa stand, umringt von Journalisten, die auf seine ersten offiziellen Worte lauerten, verkündete er mit vollkommen unbewegter Miene, seine wichtigste Pflicht als Ministerpräsident werde es sein, sich um die Restrukturierung der griechischen Schulden zu kümmern.
Und damit kommen wir zu einem köstlichen Augenblick in unserer Geschichte: Ausgerechnet die Menschen, die bisher alle Befürworter einer Umschuldung als Narren und Verräter bezeichnet hatten, fanden sich auf einmal in der Rolle derjenigen wieder, die nach dem Willen der Troika die Umschuldung durchführen sollten. Für sich genommen wäre das eine amüsante Fußnote gewesen, wenn es bei der Umschuldung tatsächlich darum gegangen wäre, Griechenland wieder zahlungsfähig zu machen. Aber das war nie die Absicht.
Gegenüber Gläubigern zahlungsunfähig zu sein und sich formell bankrott zu erklären, ist eine furchtbare Sache. Aber es hat ein Gutes: Die Schulden schrumpfen, man bekommt eine Chance, sich durch harte Arbeit selbst aus dem Sumpf zu ziehen und das Vertrauen potenzieller Investoren wiederzuerlangen. Auf diese Weise erholte sich beispielsweise General Motors nach 2009 und die Deutschen kehrten in den 1950er-Jahren unter die Lebenden zurück: durch deutliche Schuldenerleichterungen. Aber für Griechenland kam das nicht infrage, es sollte Geschichte schreiben. Nach den Bedingungen der zweiten Rettungsvereinbarung würde die Regierung den größten Zahlungsausfall in der Weltgeschichte erklären und dank des größten Kredits in der Weltgeschichte trotzdem weiter im Schuldgefängnis bleiben.
Der Schuldenschnitt in Höhe der Rekordsumme von 100 Milliarden Euro traf Griechenlands wehrlose Rentner, seine Berufsverbände und kleinen Anleihebesitzer – sie mussten sich von dem Geld verabschieden, das sie dem Staat geliehen hatten –, während der Nation ein Rekordkredit über 130 Milliarden Euro in den Rachen gestopft wurde, von dem so gut wie nichts beim griechischen Staat ankommen würde. Ein großer Teil der Gelder ging stattdessen an griechische Banker (eine mehr als ausreichende Entschädigung für die Verluste, die sie durch den Schuldenschnitt bei den Anleihen erlitten hatte), ein weiterer Teil an Griechenlands private ausländische Geldgeber (als Anreiz, dass sie den Schuldenschnitt akzeptierten), und ein dritter Teil wurde dazu verwendet, die Kredite aus der ersten Rettungsvereinbarung mit der EU und dem IWF zu bedienen.20
Bailoutistan 2.0 brachte drei neue Institutionen, die dieses Regime noch schlimmer machten als die Vorläuferversion. Diese drei Institutionen umgingen das Parlament und höhlten damit die demokratische Souveränität des Landes aus. Es waren ein neuer Mechanismus zur Rettung der Banker, eine neue Form der Verwaltung von Staatseinnahmen und Zöllen und eine Abteilung, die im Interesse der Geldgeber das Tafelsilber verschleuderte – mit anderen Worten Privatisierungen nach den Regeln des Griechenland-Programms der Troika durchführte. Ein rascher Blick auf die drei ist eine nützliche Einführung in das System Bailoutistan 2.0.
Die wohl hässlichste der drei Institutionen war die erste, der Mechanismus zur Rettung der Banker. Wenn in eine private Firma Geld gepumpt wird, erhält der Geldgeber Anteile an der Firma im Verhältnis zu dem, was er zur Verfügung stellt, und einen entsprechenden Einfluss auf die Führung des Unternehmens. Nach der zweiten Rettungsvereinbarung sollten die Banker 41 bis 50 Milliarden Euro erhalten, neue Staatsschulden, die die Staatsbürger belasteten. Aber statt im Gegenzug irgendeine Form der öffentlichen Kontrolle über die bankrotten Banken zu gewährleisten, wurde ein raffinierter Weg ersonnen, um solche Kontrollen komplett zu umgehen. Ein neuer Fonds wurde eingerichtet, der sich ganz im Besitz des griechischen Staats befand, der Griechische Stabilitätsfonds (Hellenic Financial Stability Fund, HFSF). 50 Milliarden Euro der insgesamt 130 Milliarden des zweiten Rettungspakets flossen an den HFSF mit der Anweisung, sie umgehend an die privaten Banken weiterzureichen. Rechtlich gesehen sollten die Banker Anteile im Wert von 80 Prozent ihres Eigenkapitals an den HFSF übertragen, aber zwei Vorkehrungen sorgten dafür, dass das Parlament trotzdem keine Mitsprache bei der Führung der Banken haben würde: Erstens stimmte das Parlament zu, dass die Anteile, die der HFSF bekommen würde, stimmrechtslos wären. Zweitens sollte der Verwaltungsrat des HFSF aus ausländischen Direktoren bestehen, die direkt von der Troika ernannt würden, und von griechischen Staatsbürgern (der Geschäftsführer und der Vorsitzende des Verwaltungsrats), die nur mit Zustimmung der Troika ernannt werden konnten. Wenn die Regierung oder das Parlament ein Verwaltungsratsmitglied entlassen wollte, musste die Troika ebenfalls zustimmen. Die Verabschiedung dieses Gesetzes bedeutete, dass das Parlament die Kontrolle über die Banken aufgab, die nur dank der Verschuldung der Bürger am Leben gehalten wurden.
Auch was die Abteilung Steuern und Zölle anbetraf, schluckte das Parlament eine ungeheuerliche Kröte: Der Leiter der Abteilung konnte nur mit Zustimmung der Troika ernannt und entlassen werden. In vielen Ländern ist die Steuerverwaltung (HMRC in Großbritannien, IRS in den Vereinigten Staaten) unabhängig vom Finanzministerium oder Schatzamt und untersteht direkt der Legislative. In Bailoutistan 2.0 sollte das Amt für Steuern und Zölle weder dem einen noch der anderen verantwortlich sein.21
Als dritter Affront wurden die Privatisierungen einer unabhängigen Behörde übertragen, an deren Spitze wiederum eine von der Troika unterstützte Person stehen sollte. Das Motto dieser Behörde lautete: »Alles muss raus!« Hochglanzprospekte mit Bildern von Häfen und Eisenbahnstrecken bis hin zu herrlichen Stränden und kleinen Inseln luden Kaufinteressenten ein, ihre Angebote zu unterbreiten. Das Familiensilber stand zum Verkauf, die Erlöse ließen Griechenlands ausländische Geldgeber durch lokale Stellvertreter einsammeln.22 Die Frustration und der Ärger der Menschen waren am Ausdruck ihrer Gesichter abzulesen, wenn sie die Broschüren durchblätterten.
Wie brachte man die Parlamentarier dazu, für Gesetze zu stimmen, die ihnen die Kontrolle über drei so wesentliche Säulen des Regierungshandelns entzogen? Sie wurden mit der Drohung erpresst, Griechenland aus der Eurozone auszuschließen. Kein rechtsstaatliches System hätte eine solche Abstimmung zulassen dürfen, nur ein tödlich erschöpftes Parlament konnte zu so etwas bereit sein.
Wer muss ich denn noch sein?
»Sie haben kein Recht dazu. Stimmen Sie mit Nein!«
Diese Worte rief eine junge Frau einem Abgeordneten zu, als er sich durch die Besetzer des Syntagma-Platzes einen Weg zum Parlament bahnte, um für ein Gesetz des Pakets Bailoutistan 2.0 zu stimmen.
»Wer sind Sie, dass Sie mir sagen, wofür oder wogegen ich stimmen soll?«, blaffte er zurück, während er sich schweißüberströmt mit den Ellbogen vorwärtskämpfte.
Ihre vernichtende Antwort kam umgehend: »Wer muss ich denn noch sein?«
Bailoutistan ist ein hässliches Wort, aber es spiegelt eine abstoßende Realität wider: dass Griechenland im Auftrag der nordeuropäischen Banken in ein Schuldgefängnis verwandelt wurde. Die Nächte auf dem Syntagma-Platz begleiteten die weitere Umwandlung von einem Schuldgefängnis in eine institutionalisierte Schuldnerkolonie. Aber sie markierten auch Europas Legitimitätsproblem nach der Kreditklemme. Dass ein europäisches Land, Teil des großen Experiments des Kontinents mit einer gemeinsamen Währung, am Ende wie eine Bananenrepublik herumgestoßen wurde, ist eine Anklage gegen eine Gemeinschaft, die angeblich auf dem Versprechen gemeinsamen Wohlstands und gegenseitigen Respekts gegründet wurde.
Natürlich hatte das europäische Establishment nichts davon gewollt. Vor 2008 hatten die Eliten in Berlin, Brüssel, Paris und Frankfurt genau wie die in den Vereinigten Staaten und in der City of London ihren eigenen Reden geglaubt: Der Kapitalismus hatten angeblich eine »große Mäßigung« gebracht, Zyklen von Aufschwung und Rezession gehörten der Vergangenheit an, die Banken hatte einen magischen Weg gefunden, um »risikoloses Risiko« zu produzieren, und auf wundersame Weise regulierten sie sich selbst. Einflussreiche Männer und Frauen glaubten aus tiefstem Herzen, das Ende der Geschichte wäre erreicht und ihre Aufgabe bestünde nur noch in Mikromanagement, darin, durch kleine Korrekturen dafür zu sorgen, dass ein großartiges, sich selbst lenkendes und sich selbst verwaltendes System eine im Wesentlichen vorbestimmte, rationale Richtung beibehielt.
Aber als das europäische Finanzsystem infolge der Selbstzerstörung der Wall Street auf Grund lief, gerieten Europas Eliten in Panik. Als sie zusehen mussten, wie französische und deutsche Banken einfach so untergingen, griffen sie in den Abfalleimer der Geschichte, holten den Geist der Kanonenbootdiplomatie wieder hervor und die untaugliche Ökonomie gleich mit. Griechenland wurde zufällig zu dem Schauplatz, an dem man beides wieder praktizierte, und das Ergebnis war Bailoutistan.
Wenn eine schlecht konstruierte Brücke zu stark belastet wird, bricht zuerst der schwächste Pfeiler. Griechenland war dieser Pfeiler. Der Grund dafür hatte nichts mit der Europäischen Union zu tun, sondern lag in der traurigen Geschichte des neuzeitlichen griechischen Staats und der traditionell herrschenden Oligarchie, aber der Auslöser für die Katastrophe war die wackelige Konstruktion der Brücke. Sie wäre auch eingestürzt, wenn Griechenland, der schwächste Pfeiler, entfernt und durch einen anderen Pfeiler ersetzt worden wäre.
Es stimmt, dass 2010 der öffentliche und der private Sektor in Griechenland inkompetent, korrupt, aufgebläht und verschuldet waren. Deshalb begann die Eurokrise dort. Tatsächlich hatten wir Griechen es geschafft, noch vor der formellen Gründung unseres Staats 1827 nicht tragfähige Schulden aufzuhäufen, und seit damals ist Steuerflucht halb olympische Sportart und halb patriotische Pflicht. Wir Progressiven, die wir in den 1960er- und 1970er-Jahren unsere ersten politischen Schritte unternahmen, schimpften über dieses schändliche Verhalten und die quälende Unfähigkeit der griechischen Oligarchie, die oft zu despotischem Verhalten führte. Wir demonstrierten auf den Straßen und insbesondere auf dem Syntagma-Platz. Und doch erklärt all das nicht, warum Griechenland nach 2010 so tief in die Krise geriet und warum danach Bailoutistan geschaffen wurde, eine traurige Schuldnerkolonie am Mittelmeer.
Was wäre passiert, wenn Griechenland im Jahr 2000 den Euro nicht bekommen hätte? In den ersten acht Jahren der gemeinsamen Währung hätten sich unser Staat und Privatleute kleinere Summen bei französischen und deutschen Banken geliehen, die zurückhaltend gewesen wären, einem verschuldeten Land, dessen Währung permanent an Wert verlor, größere Summen zu geben. Griechenland wäre zwischen 2000 und 2008 im Schneckentempo gewachsen und nicht explosionsartig wie bei dem schuldengetriebenen Boom, den wir erlebt haben. Und als 2008 die Kreditklemme kam, hätte Griechenland eine kleine, kurze, unbedeutende Rezession erlebt ähnlich wie Rumänien oder Bulgarien. Korrupt und ineffizient wie eh und je wäre Griechenland einfach weitergetrottet wie in den 1950er- und 1960er-Jahren, ohne die humanitäre Krise, in der es jetzt steckt. Die Progressiven, erschöpft von den Missständen in unserem Land und ihrer überdrüssig, würden weiter auf dem Syntagma-Platz demonstrieren, ohne dass der Rest der Menschheit davon Notiz nehmen würde, und es gäbe keine Schlagzeilen wie »Neue griechische Tragödie«, »Griechenland bedroht das Weltfinanzsystem« und ähnliche. Und natürlich wäre auch dieses Buch nie geschrieben worden.
Irren ist menschlich, wie man so schön sagt, aber für spektakuläre Fehler mit unfassbaren menschlichen Kosten brauchten wir anscheinend erst Europas größtes wirtschaftliches Projekt, den Euro. Griechenland war der Kanarienvogel in der europäischen Kohlemine, dessen Hinscheiden vor den tödlichen finanziellen Gasen hätte warnen sollen, die durch Europas Währungssystem waberten. Stattdessen wurde 2010 das kleine, zerbrechliche, verschwenderische Griechenland zum Sündenbock für Europa und seine Banken. Nicht genug damit, dass die Griechen unvorstellbare Kredite der französischen und deutschen Banken schultern mussten, dass sie zu einem Leben in einem postmodernen Armenhaus verdammt wurden, damit die ausländischen Parlamente weiterhin getäuscht werden konnten, man erwartete auch noch, dass die Griechen die Schuld dafür auf sich nehmen würden. Doch in den langen, großartigen Nächten auf dem Syntagma-Platz verlor die europäische Elite die Kontrolle über das Schwarzer-Peter-Spiel. Die junge Frau, die aufrecht dort stand und ihr Recht in Anspruch nahm, mit dem wunderbaren Satz »Wer muss ich denn noch sein?« die Autorität infrage zu stellen, symbolisierte den Wendepunkt. Ja, in unserer Gesellschaft gab es viel Schlechtes, doch nein, unsere grausame und unübliche Bestrafung war nicht gerechtfertigt. Und wir würden sie nicht einfach so hinnehmen.
Katharina die Große hat einmal gesagt, wer kein gutes Beispiel sein könne, müsse eben eine schreckliche Warnung sein. Griechenlands Warnung an alle, die in Europa hinterherhinkten, war in der Tat furchtbar: Wer gegen die Finanzregeln verstieß, deren Einhaltung die Krise unmöglich machte, den erwartete ein eiserner Käfig aus Schulden und Austerität. Doch die junge Frau auf dem Syntagma-Platz, der obdachlose Dolmetscher Lambros und Millionen andere, die freudig bereit waren, Opfer zu bringen, aber nicht erleben wollten, in den bodenlosen Abgrund der griechischen Schulden geworfen zu werden, schienen entschlossen, dem Rest Europas zu zeigen, dass es humane Alternativen gab, dass Europas Notlage zwar schlimm war, aber nicht tragisch sein musste, dass unser Schicksal immer noch in unserer Hand lag.
Nach der brutalen Vertreibung der Besetzer des Syntagma-Platzes forderte die griechische Sommerhitze ihren Tribut: Die Besetzer kehrten nicht zurück. Stattdessen sickerten sie in die griechische Gesellschaft ein, wo sie ihre Botschaft verbreiteten, während sie auf die nächste Zuspitzung der Krise warteten. Dann sollte der Geist des Syntagma-Platzes zu einer unaufhaltsamen politischen Bewegung werden, die über die Wahlurne eine neue Regierung installierte. Deren einzige Aufgabe war es, die Wände des Schuldgefängnisses einzureißen und Bailoutistan zu stürzen. Aber um dorthin zu gelangen, waren erst vier Jahre mühsamer Vorarbeiten nötig.
KAPITEL 3
Von Zungen und Bogen
Er kam früh am Sonntagmorgen zurück. Danae und ich waren müde gewesen und schon zu Bett gegangen, hatten aber erst einschlafen können, als wir das beruhigende Klacken der Tür hörten, die ins Schloss fiel. Danaes siebzehnjähriger Sohn war gerade flügge geworden und tat, was jeder Athener Teenager an einem Samstagabend tut: Er ging mit Freunden aus, gemeinsam diskutierten sie bis spät in die Nacht über alles und jedes, meistens in Cafés in Psirri, einem Stadtviertel einen Steinwurf von der antiken Agora entfernt. Athen ist eine sehr sichere Stadt, und Psirri ist besonders sicher, aber wie alle Eltern lauschten wir auf das Klacken der Wohnungstür.
In jener Nacht läutete das Telefon, kaum dass ich eingeschlafen war. Weil Anrufe nach Mitternacht in der Regel bedeuten, dass jemand in der Familie krank geworden ist, sprang ich aus dem Bett und lief ins Wohnzimmer zum Telefon.
Eine auf unheimliche Weise sanft klingende männliche Stimme fragte: »Herr Varoufakis?«
Schlaftrunken antwortete ich: »Ja, wer spricht da?«
»Wir freuen uns sehr, dass Ihr Junge gut nach Hause gekommen ist. Er scheint einen großartigen Abend in Psirri verbracht zu haben. Dann ist er über die Metropolis-Straße nach Hause gegangen mit einem Umweg durch die Hadrian-Straße und über die Byron-Straße.«
Mir lief ein Schauer den Rücken herunter. Ich schrie ins Telefon: »Wer zum Teufel sind Sie? Was wollen Sie?«
Seine Antwort war eiskalt: »Herr Varoufakis, es war ein Fehler, dass Sie bestimmte Banken ins Visier genommen und in Ihren Artikeln erwähnt haben. Wenn Sie wollen, dass Ihr Junge auch in Zukunft jeden Tag, jeden Samstag gut nach Hause kommt, müssen Sie damit aufhören. Es gibt bessere Themen, mit denen Sie sich beschäftigen können. Schöne Träume noch.«
Was ich am meisten gefürchtet hatte, war eingetreten.
Es war November 2011, und das zweite Rettungspaket zeigte bereits Wirkung. Die erste Rettungsvereinbarung hatte dazu gedient, die schwächeren Europäer (hauptsächlich griechische Rentner und Arbeiter mit kleinen Einkommen) für ausländische Banken (hauptsächlich französische und deutsche) bezahlen zu lassen. Das zweite Rettungspaket zielte auf die griechischen Banken: Während der Haircut sie bis zu 32,8 Milliarden Euro kostete, würden sie über 41 Milliarden als Entschädigung bekommen, die sich die griechischen Steuerzahler bei den übrigen Steuerzahlern Europas liehen. Die griechischen Banker hatten allergrößtes Interesse, dass dieses spezielle Geschäft zustande kam.
Sie hatten zwei Befürchtungen. Erstens war das Parlament so erniedrigt, und die Abgeordneten waren so demoralisiert, dass die Banker fürchteten, der politische Prozess könnte ins Stocken geraten, bevor sie ihr Geld erhielten. Zweitens hatte die Europäische Zentralbank langsam genug von den Faxen der Banker und wollte demonstrieren, dass sie bereit war, hart durchzugreifen. Deshalb forderte sie, bevor die Banken mehr Geld aus öffentlichen Kassen bekamen, sollten sie erst einmal selbst Geld auftreiben. Aber woher sollten die griechischen Banken neues Kapital nehmen, da sie wie der Staat schlichtweg bankrott waren? Kein vernünftiger Investor würde einer Bank, die tief im Schlamassel steckte, Geld geben.
Zwei Männer und ein Whiskeyfass
Um eine Vorstellung zu bekommen, wie clever zwei griechische Banker dieses Problem lösten, hilft ein Witz, den ich in einem Pub in Dublin gehört habe. Es geht darin um zwei einfallsreiche Trunkenbolde.
Art und Conn haben beschlossen, dass sie etwas unternehmen müssen, um aus der Armut herauszukommen. Sie überreden Olcán, den Wirt im Ort, ihnen ein Fass Whiskey zu leihen. Ihr Plan ist, das Fass auf der Straße in den nächsten Ort zu rollen, wo ein Fest stattfindet. Dort wollen sie den Whiskey glasweise verkaufen. Sie rollen das Fass die Straße entlang und machen unter einer großen Eiche eine Pause. Während sie unter dem Baum sitzen, findet Art einen Schilling in seiner Tasche. Er freut sich und fragt: »He, Conn, kriege ich ein Glas Whiskey, wenn ich dir einen Schilling gebe?«
»Na klar«, erwidert Conn und steckt den Schilling ein.
Eine Minute später wird Conn klar, dass nun er einen Schilling hat. Er sagt zu seinem Kompagnon: »Art, was meinst du? Kriege ich auch ein Glas, wenn ich dir einen Schilling gebe?«
»Aber sicher, Conn.« Art nimmt seinen Schilling wieder.
Und so geht es weiter, der Schilling wechselt noch viele Male den Besitzer, bis Stunden später Art und Conn selig lächelnd und tief schlafend unter dem Baum liegen, neben ihnen das leere Whiskeyfass.
Ich weiß nicht, ob dieser Witz jemals griechischen Bankern zu Ohren gekommen ist, aber ihre Lösung, um Kapital für ihre Banken aufzutreiben, glich verblüffend dem Verhalten von Art und Conn, mit dem Unterschied, dass nicht sie am nächsten Tag einen Kater hatten. Und so machten es unsere beiden Banker, nennen wir sie Aris und Zorba:
Aris’ Familie gründete Offshore-Gesellschaften. Zorba erklärte sich heimlich bereit, den Gesellschaften ohne Sicherheiten und Bürgschaften die Millionen zu leihen, die Aris’ Bank brauchte. Warum so viel Großzügigkeit gegenüber einem Mitbewerber? Weil Zorba und Aris unter demselben sprichwörtlichen Baum saßen. Zorba brauchte verzweifelt Geld für seine eigene Bank und stimmte dem Kredit unter der Bedingung zu, dass Aris’ Bank den Offshore-Gesellschaften seiner, Zorbas, Familie entsprechende Summen leihen würde. Als alles geklärt war, kauften die Familien von Aris und Zorba mit dem Geld auf ihren Offshore-Konten neue Anteile an ihren eigenen Banken. Auf diese Weise erfüllten sie die Vorgaben der Regulierer, dass neues Kapital beschafft werden müsse, und zugleich auch die Bedingungen, damit echtes Geld fließen konnte, das der arme Steuerzahler sich bei der Troika lieh.
Der Kater von Art und Conn wurde noch dadurch verschlimmert, dass sie an ihre Schulden bei Olcán dachten. Aris und Zorba waren in dem Punkt besser dran: Sie schafften es nämlich, am Schluss niemandem etwas zu schulden. Beide Kredite – der von Zorbas Bank an die Offshore-Gesellschaften von Aris’ Familie und der von Aris’ Bank an die Offshore-Gesellschaften von Zorbas Familie – wurden von den Banken kurz nach der Vergabe abgeschrieben und auf die lange Liste der notleidenden Kredite gesetzt.1
Natürlich hatten nicht Aris und Zorba eine besonders clevere Idee gehabt. Sie hatten sich vielmehr von größeren Gaunern inspirieren lassen wie den Verantwortlichen des Savings-and-Loan-Schwindels in den 1980er-Jahren in Amerika, deren Tricks sie kopiert hatten. Als einzigartig in der Geschichte des Kapitalismus erwiesen sich Aris und Zorba insofern, als sie ihren Schwindel mit der aktiven Hilfe von drei der renommiertesten globalen Finanzinstitutionen durchziehen konnten: dem Internationalen Währungsfonds, der Kommission der Europäischen Union und der Europäischen Zentralbank. Diese gewichtigen Institutionen begingen die folgenden drei Sünden: Erstens zwangen sie die bankrotten griechischen Steuerzahler, sich Geld bei anderen europäischen Ländern zu leihen, das sie niemals zurückzahlen konnten, um es Aris und Zorba in Form von »Rekapitalisierungen« auszuhändigen. Zweitens beraubten sie die griechischen Steuerzahler jeglicher Kontrolle über die Banken, die sie nun rechtmäßig besaßen (denn sie hatten ja die Mehrheit der Anteile), und sorgten dafür, dass Aris und Zorba weiter das Sagen hatten. Und schließlich verurteilten sie die griechischen Steuerzahler zu einem Bankensystem, dass trotz der staatlichen Gelder, die hereinströmten, absolut bankrott blieb, weil die Banker so viele mittlerweile notleidende Kredite vergeben hatten.
Das ganze Jahr 2011 über hatte ich meinen persönlichen Kreuzzug geführt, um gemeinsam mit zwei investigativen Journalisten die Verbindungen zwischen den Rettungskrediten für Griechenland, den internationalen Institutionen, die sie vergeben hatten, den bemerkenswerten »Innovationen« unserer Banker und dem griechischen politischen System aufzudecken. Offensichtlich konnte diese Art der Einmischung interessante Telefonanrufe früh am Morgen provozieren.
Von Zungen und Bogen
Wenn ausländische Journalisten mich interviewen, wollen sie mich in der Regel dazu bringen, dass ich Griechenlands endemische Korruption einräume und zugebe, dass ich den Anteil der EU, des IWF und ihrer Troika an unserer Misere übertreibe. Seltsamerweise scheinen sie nie daran interessiert, die zentrale Rolle der Medien bei diesen Vorgängen zu diskutieren.
In einem der vielen Fernsehinterviews, die ich während meiner Zeit als Finanzminister gegeben habe, kam es zu einem bemerkenswerten Geständnis. Es war ein langes Interview, bei dem fast alle denkbaren Themen angesprochen wurden. Zunächst hatte der Interviewer schwere Geschütze aufgefahren, jede Frage mit bösartigen Unterstellungen garniert und mir für meine Antworten höchstens vier oder fünf Wörter gelassen, bevor er mich mit der nächsten Frage bombardierte. In der Werbepause flüsterte er mir ins Ohr: »Herr Minister, es tut mir sehr leid, aber Sie wissen, wie schwierig unsere Lage ist. Aris’ Bank ist die einzige, die noch Werbezeit bei uns einkauft.« Ich antwortete, dass ich ihn verstünde. Danach ging das Interview entspannter weiter, und ich hatte eine Chance, meinen Standpunkt zu formulieren. Mir schien, dass zumindest bei der Gelegenheit genug getan worden war, um dem Sender sein täglich Brot zu sichern.
Gerechterweise konnte man das nur erwarten. Die griechischen Fernsehsender hatten schon vor 2008 in der Krise gesteckt. Tatsächlich hatte kein Fernsehsender jemals Gewinn gemacht, ebenso wenig wie die griechischen Zeitungen und Radiosender. Wären es selbstständige Unternehmen gewesen, hätten sie schon vor langer Zeit Bankrott anmelden müssen. In den Jahren des nicht nachhaltigen, schuldengetriebenen Wachstums waren die griechischen Medien ein wichtiger Hebel für die Bauunternehmer gewesen, die sie besaßen: Minister der Regierung konnten ihre Besitzer entweder bei lukrativen staatlichen Aufträgen berücksichtigen oder mussten damit rechnen, dass die Sender und Printmedien sie in der Luft zerrissen. Das ist einer von vielen Gründen, warum Griechenland Autobahnen bekam, die dreimal so viel kosteten, wie sie in Deutschland gekostet hätten, dass die Medikamente in Krankenhäusern überteuert waren, dass U-Boote sich wie der schiefe Turm von Pisa neigten, sobald sie zu Wasser gelassen wurden, dass sich Berge von Geld auf Offshore-Konten sammelten und Medienkonzerne stetig Verluste schrieben, aber niemals geschlossen wurden.
Der Silberstreif bei unserem Staatsbankrott 2010 war, dass der Trog, aus dem die Bauunternehmer gefüttert wurden, sich leerte und ihre Sprachrohre auf einmal für sich selbst sorgen mussten, eine unmögliche Aufgabe, weil die Erlöse aus Werbung schwanden und ein nicht tragfähiges Geschäftsmodell unterging. Trotzdem schloss in dem Krisenjahr nur ein Sender, der Rest machte weiter, obwohl sich die Verluste auftürmten. Wie war das möglich? Aris und ein oder zwei andere Banker liefern die Antwort.
Ganz einfach: Die Banker übernahmen die Finanzierung der Medien, um die öffentliche Meinung zu manipulieren und so das politische Spiel zu beeinflussen, das ihnen die Kontrolle über ihre bankrotten Banken sicherte. Aber im Gegensatz zu den Bauunternehmern waren die Banker so clever, dass sie es vermieden, Eigentümer der insolventen Fernsehsender und Zeitungen zu werden. Stattdessen hielten sie die Medien am Leben, indem sie ihnen lächerliche Summen dafür bezahlten, dass sie Werbung für ihre Banken machten, und, noch wichtiger, indem sie ihnen immer wieder verlängerte große Kredite gewährten, genau wie die Kredite, die sie sich gegenseitig gaben, und wie die Kredite von EU und IWF an unseren Staat.
Damit war das sündige Dreieck komplett: Die insolventen Medien wurden von Zombie-Banken in einem Zombie-Zustand erhalten, die Zombie-Banken wurden von einer bankrotten Regierung in ihrem untoten Zustand erhalten, und die Regierung wurde von den Rettungskrediten der EU und des IWF im Zustand des permanenten Bankrotts gehalten. Ist es da ein Wunder, dass die Medien von Bailoutistan die Vorzüge der Rettung besangen und die Banker als Opfer eines unzuverlässigen Staats darstellten, während sie zugleich jeden dämonisierten, der zu sagen wagte, was wirklich vor sich ging?
Während ich mitten in meinem Kampf steckte, brachte mich Bill Black, ein amerikanischer Kollege, der eine führende Rolle bei der Aufdeckung des Savings-and-Loan-Schwindels in den 1980er- und 1990er- Jahren in Amerika gespielt hatte, eines Tages mit einer E-Mail zum Lachen. Sie enthielt nur ein kurzes Zitat, das ich als Botschaft der Solidarität interpretierte: »Sie machen ihre Zunge zu einem gespannten Bogen; Lüge, nicht Wahrhaftigkeit herrscht im Land. Ja, sie schreiten von Verbrechen zu Verbrechen.« (Jeremia 9,2)
Der junge Prinz
Psirri, das Stadtviertel, in dem abends junge Leute in Feierlaune unterwegs sind, ist tagsüber ganz anders. Kleine Werkstätten, die Schrauben, Muttern, Schalter, Werkzeuge und anderes herstellen, kämpfen ums Überleben, weil ihre Waren in unserer globalisierten Wirtschaft wertlos geworden sind. Die Luft ist erfüllt von einer Kakofonie geschäftiger Geräusche und den köstlichen Gerüchen, die Bäckereien verströmen und hin und wieder ein Jasminstrauch. Dazwischen ertönen die melancholischen Lieder von Roma-Musikern, die mit ihren Akkordeons, Hörnern und Violinen durch die Straßen wandern und von nostalgischen Passanten die eine oder andere Münze bekommen.
Ich kenne Psirri gut, weil mein einstiges Büro an der Universität nur ein paar Hundert Meter entfernt war und Danaes Studio mitten in dem Viertel liegt. Ganz in der Nähe, am Rand von Psirri, befindet sich der heruntergekommene Sitz der Koalition der Radikalen Linken, allgemein bekannt unter dem Namen Syriza. Deshalb war es absolut einleuchtend, dass Nikos Pappas, der engste Mitarbeiter des jungen Parteivorsitzenden, bei seinem Anruf Anfang 2011 ein Treffen in Psirri vorschlug.
Wir trafen uns in einem diskreten Boutique-Hotel, einer jener Investitionen in dem Viertel, die jetzt vom trügerischen Beginn der Gentrifizierung zeugen, der 2010 abrupt endete. Das Hotel wurde zu unserem regelmäßigen Treffpunkt; in seinen pastellfarben getünchten Wänden führten wir unsere Gespräche, die an jenem Tag in gemächlichem, geradezu akademischem Tempo begannen, aber Anfang 2012 gewichtig und zielgerichtet wurden. Doch an jenem ersten Tag und noch einige Zeit danach hatte ich keinen Grund anzunehmen, dass unser Treffen sich wiederholen würde.
Alexis Tsipras hatte ich zum ersten Mal auf den Plakaten gesehen, mit denen er für seine Kandidatur für das Amt des Bürgermeisters bei den Kommunalwahlen 2008 geworben hatte. Danae, die diese spezielle Richtung der griechischen Linken seit Langem unterstützte, war begeistert, dass ein Vierunddreißigjähriger sich um ein Amt bewarb, das in der Regel viel ältere, langweilige Politiker innehatten, weil es als Sprungbrett in die Villa Maximos galt.2 Bei der Wahl verdoppelte Alexis den Stimmenanteil von Syriza in Athen Zentrum, und kurz darauf fegte die alte Garde der Partei in einem internen Putsch den Mann weg, der Alexis als seinen Nachfolger aufgebaut hatte, und machte ihn zum Vorsitzenden. Bei den Parlamentswahlen ein Jahr später, als Alexis zum ersten Mal als Parteivorsitzender antrat, beherrschte jedoch der große Aufschwung von Giorgos Papandreous unglückseligen Sozialisten die Schlagzeilen. Syriza3 erreichte mit miserablen 4,6 Prozent der Wählerstimmen – ein halber Prozentpunkt weniger als 2007 – gerade einmal Platz fünf.
Alexis und Pappas saßen schon an einem Tisch, als ich das Hotel betrat, und bestellten etwas zu essen. Alexis’ Stimme war warm, sein Lächeln offen, sein Händedruck freundschaftlich. Pappas hatte einen brennenden Blick und eine hohe Stimme. Er machte pausenlos Witze, egal, ob das Thema lustig war oder traurig, und bemühte sich, Autorität auszustrahlen, während er sich gleichzeitig kumpelhaft gab. Von Anfang an war klar, dass Pappas das Ohr des jungen Prinzen besaß, ihn lenkte, bremste oder antrieb, und dieser erste Eindruck blieb auch in den nachfolgenden turbulenten Zeiten bestehen: Diese beiden jungen Männer, von ähnlichem Alter, aber unterschiedlichem Temperament, dachten und handelten wie eine Person.
»Ich verfolge Ihre Arbeit seit Jahren – seit ich die Grundlagen gelesen habe«, begann Pappas und brach das Eis zwischen uns mit dem Hinweis auf ein Lehrbuch, das ich 1998 veröffentlicht hatte.4 Offenbar war er als Doktorand in Schottland auf das Buch gestoßen und hatte danach auch den Bescheidenen Vorschlag zur Lösung der Eurokrise gelesen, den ich zusammen mit dem ehemaligen britischen Labour-Abgeordneten und Professor für Volkswirtschaft an der Universität Sussex, Stuart Holland, verfasst hatte. Stuart und ich hatten seit 2005 an dem Bescheidenen Vorschlag gearbeitet, motiviert durch die Überzeugung, dass der Euro eine gewaltige Krise auslösen könnte, die Europa womöglich nicht überleben würde.5 Nachdem die Krise dann tatsächlich ausgebrochen war, taten wir unser Bestes, um den Bescheidenen Vorschlag weiter auszuarbeiten und zu verbreiten, weil wir fest daran glaubten, dass das Europas beste Chance war, den Niedergang aufzuhalten. »Sagen Sie Alexis, was Sie im Bescheidenen Vorschlag geschrieben haben«, forderte mich Pappas auf.
Ich skizzierte die grundlegenden Gedanken, und dann wandte sich das Gespräch der allgemeinen Bewertung der wirtschaftlichen Lage von Bailoutistan zu und der Frage, was progressive Kräfte unternehmen konnten, um dem Land einen Ausweg aus dem Schuldgefängnis zu zeigen.
Schon bald war klar, dass Alexis aus politischen Gründen bei einem zentralen Thema schwankte: ob Griechenland im Euro bleiben sollte oder nicht. Bereits 2011 war Syriza gespalten, ob die Partei den Grexit (den Austritt aus der Eurozone, aber nicht unbedingt aus der EU) zu ihrer offiziellen politischen Linie erklären sollte. Während wir uns unterhielten, erschien mir Alexis’ Haltung zu lässig und unausgegoren. Er konzentrierte sich mehr darauf, die zerstrittenen Flügel seiner Partei zusammenzuhalten, als für sich zu klären, was die richtige Politik war. Nach den bedeutungsvollen Blicken zu urteilen, die von Pappas kamen, dachte er genauso und hoffte, ich würde es schaffen, seinen Parteiführer davon abzubringen, mit dem Grexit zu liebäugeln.
In dem weiteren Gespräch, das etwa eine Stunde dauerte, tat ich mein Bestes, um Alexis zu vermitteln, dass es ein genauso großer Fehler wäre, den Grexit als Ziel ins Auge zu fassen, wie sich nicht darauf vorzubereiten. Ich warf seiner Partei vor, dass sie dumme Versprechungen mache, etwa dass sie nach einem Wahlsieg die Rettungsvereinbarung mit der EU und dem IWF einseitig kündigen werde.
»Warum können wir nicht zu ihnen sagen, dass wir den Euro verlassen, wenn sie nicht akzeptieren, dass wir ihr Programm ablehnen?«, fragte Alexis.
Ich erklärte, dass bei einer Konfrontation mit der Troika drei Ergebnisse denkbar waren. Der beste Ausgang wäre eine neue Vereinbarung mit Griechenland – eine ernsthafte Umschuldung, das Ende der selbstmörderischen Austerität und eine Reihe von Reformen, die auf die Oligarchie zielen würden –, bei der wir im Euro bleiben würden. Der schlimmste Ausgang wäre es, unter unveränderten Bedingungen im Euro zu bleiben: im Schuldgefängnis mit sinkenden Einkommen, Aussichten und Hoffnungen. Der Grexit würde zwischen den beiden Szenarien liegen: sehr viel schlimmer als ein gangbarer Weg innerhalb der Eurozone, aber mittel- und langfristig besser als die Fortsetzung des verhängnisvollen Kreislaufs von Rettung, Austerität und Krise für weitere fünf oder noch mehr Jahre.
Ich sagte ihm, dass Berlin, Frankfurt, Brüssel und der IWF unter keinen Umständen ein Ultimatum von ihm akzeptieren würden, sie würden nicht darauf eingehen. Ein solches Ultimatum auszusprechen wäre darum eine Garantie für das dritte Ergebnis – den Ausschluss aus der Eurozone – und würde die Chance auf die erste Option verspielen. Um die Tür für das bestmögliche Ergebnis offen zu halten, musste er Verhandlungen erzwingen. Deshalb durfte er den Grexit nicht als Drohung (und schon gar nicht als Ziel) verwenden und musste zudem der Welt signalisieren, dass ihn nicht der erzwungene Grexit am meisten erschreckte, sondern die Fortsetzung der gegenwärtigen Situation. Ich war mir allerdings nicht sicher, inwieweit er sich für die Feinheiten dieser Argumentation interessierte.
»Aber Yanis, viele Leute, auch Paul Krugman, sagen, wir wären ohne den Euro besser dran«, erwiderte Alexis.
Ich stimmte zu, dass es uns besser gehen würde, wenn wir niemals in die Eurozone eingetreten wären. Aber ich beeilte mich hinzuzufügen, dass es eine Sache war, von Anfang an nicht dabei gewesen zu sein, und eine andere, den Euro jetzt zu verlassen. Ein Austritt würde uns nicht dorthin bringen, wo wir sein könnten, wenn wir niemals eingetreten wären!
Um ihn aufzurütteln, schilderte ich, was in dem Augenblick passieren würde, in dem der Grexit verkündet würde. Anders als Argentinien, das die Verbindungen seiner Währung zum Dollar gekappt hatte, hatte Griechenland keine eigenen Geldscheine und Münzen. Der Grexit wäre also mehr, als einfach nur den Wechselkurs zwischen der Drachme und dem Euro aufzuheben. Argentinien hatte von der Lösung der Verbindung zum Dollar durch eine drastische Abwertung seiner Währung profitiert, die zu einem starken Anstieg der Exporte führte. Dadurch sank das Außenhandelsdefizit des Landes enorm, und die wirtschaftliche Erholung rückte in greifbare Nähe. Im Unterschied zu Argentinien würde Griechenland aber erst eine neue Drachme schaffen müssen, bevor es sie vom Euro lösen konnte.6 Eine neue Währung zu schaffen dauert Monate. Mit anderen Worten: Der Grexit wäre so, als würde man eine Abwertung ankündigen, Monate bevor sie eintritt, ein Schritt mit schwerwiegenden Konsequenzen: Die Euros würden abfließen, und es gäbe keine lokale Währung für die alltäglichen Transaktionen.
Wäre er bereit, fragte ich Alexis, im Wahlkampf vor die Wähler zu treten und ihnen zu sagen, dass er das wolle? Dass das Plan A sein würde? Oder wäre es nicht besser, den Wählern Folgendes zu sagen: Wir werden Neuverhandlungen verlangen, an deren Ende eine neue Vereinbarung für Griechenland steht, die unseren Sozialstaat innerhalb der Eurozone stabilisiert. Aber wenn die EU und der IWF sich weigern, ernsthaft zu verhandeln, dann werden wir keine Kredite mehr von den europäischen Steuerzahlern annehmen. Und wenn sie dann Vergeltung üben wollen, indem sie uns aus dem Euro werfen, was mit enormen Kosten für sie und für uns verbunden wäre, dann sollen sie es eben tun.
Pappas nickte begeistert, aber Alexis schien mit seinen Gedanken woanders zu sein. Als ich ihn drängte, sein Schweigen zu erklären, bestätigte seine Antwort, dass ihn die Vorgänge innerhalb der Partei sehr viel mehr beschäftigten als das Thema, über das wir hier sprachen. Ich ließ mich davon nicht beeindrucken. Auf die Gefahr hin, herablassend zu klingen, gab ich ihm gegen Ende unseres Gesprächs noch einen gut gemeinten, wenn auch unerbetenen Rat in einer anderen Sache, den er vielleicht beleidigend fand: »Alexis, wenn du Ministerpräsident werden willst, musst du Englisch lernen. Nimm dir einen privaten Sprachlehrer, es ist absolut nötig.«
Zu Hause fragte mich Danae, wie die Begegnung verlaufen war. »Er ist ein sehr angenehmer Mensch, aber ich glaube nicht, dass er das Zeug dazu hat«, erwiderte ich.
Diese ersten Begegnungen mit Alexis und Pappas erwiesen sich in mehr als einer Hinsicht als Wendepunkt. In den vorangegangenen zwei Jahren hatte ich mich daran gewöhnt, besorgte Politiker aus allen Lagern zu treffen – mit Ausnahme von Vertretern der Kommunistischen Partei, die in einer Blase permanenter Selbstbestätigung leben. Aber als das Jahr 2011 zu Ende ging und das zweite Rettungspaket näher rückte, gab es weniger Gelegenheiten für echte Gespräche mit Vertretern der politischen Mitte, seien es Sozialisten von der schrumpfenden PASOK, von denen sich viele einfach in ein privates Fegefeuer zurückgezogen hatten, oder Konservative von der Nea Dimokratia, von denen viele meine Vorahnungen geteilt, aber inzwischen ein Bündnis mit den Versprengten von der PASOK geschlossen hatten, um das zweite Rettungspaket durchzubringen und gleichzeitig ihrer Partei zur Macht zu verhelfen. Auf einmal hatten sich die Chancen für Gespräche über Parteigrenzen hinweg verflüchtigt wie eine rasch abebbende Flut. Im Parlament kämpfte nur Syriza gegen Bailoutistan 2.0. Deshalb zögerte ich nicht, als Pappas wieder anrief, nachdem das zweite Rettungspaket auf die Tagesordnung gesetzt worden war: Trotz meiner Vorbehalte nahm ich seine Einladung zu einem Gespräch an.
Bei unserer zweiten Begegnung und bei allen weiteren, die noch folgten, war ich angenehm überrascht: Alexis wirkte verändert. Seine Lethargie, die Fixierung auf die internen Konflikt von Syriza und die lässige Einstellung gegenüber dem Grexit waren verschwunden. Er hatte eindeutig seine Hausaufgaben gemacht, sogar im Hinblick auf den Bescheidenen Vorschlag.7 Stolz erzählte er mir außerdem, dass er einen privaten Englischlehrer engagiert habe und gute Fortschritte mache. (Einige Jahre später hörte ich als Minister in seinem ersten Kabinett eine Telefonkonferenz zwischen ihm, Kanzlerin Merkel und dem französischen Staatspräsidenten Hollande mit an und erinnerte mich an diesen Augenblick: Alexis sprach von den dreien am besten Englisch.)
Das Beste an unseren Treffen war, dass sich nach und nach Klarheit und Einigkeit über das Ziel einstellte. Ich investierte viel Energie, Alexis und Pappas klarzumachen, dass bei Verhandlungen mit der EU und dem IWF Alexis’ Erfolg vor allem davon abhängen würde, dass es ihm gelang, die griechischen Banken zu kontrollieren. Inzwischen schien er meine Empfehlung, eine dreigleisige Politik des konstruktiven Ungehorsams zu verfolgen, ganz und gar zu akzeptieren. Diese Politik bestand darin, erstens weitere Kredite und die damit verbundene Austerität abzulehnen, zweitens maßvolle Vorschläge für eine Umschuldung, niedrigere Steuersätze und auf das sündige Dreieck gerichtete Reformen vorzulegen und drittens im Kopf zu behalten, dass Berlin ihm irgendwann mit Ausschluss aus der Eurozone drohen würde in dem verzweifelten Versuch, Forderungen nach einer Umschuldung abzuweisen und zu verhindern, dass Frau Merkel ihren Abgeordneten die Wahrheit darüber erzählen musste, was sie 2010 getan hatte.
Der archimedische Punkt
Ich zögerte, Danae von dem Telefonanruf mit der Drohung gegen ihren Sohn zu erzählen. Bevor ich sie unnötig beunruhigte, wollte ich erst das Risiko einschätzen. Sicher war es nur eine leere Drohung, die mich zum Schweigen bringen sollte? Aber ich begriff, dass ich kein Recht hatte, das allein zu entscheiden. Als das zweite Rettungspaket näher rückte, bereiteten sich die Medien, die Banken und die Regierung fieberhaft auf ein letztes Gefecht vor. Es war schwer kalkulierbar, wozu sie fähig waren. So nahm ich meinen Mut zusammen und erzählte ihr davon.
Danae schaute mich vorwurfsvoll an und stellte ein lakonisches, nüchternes Ultimatum: »Entweder du gehst in die Politik, um uns zu schützen, oder wir verlassen das Land.«
Meine Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: »Dann gehen wir.«
Ein paar Tage später sollte ich eine Reise durch Amerika antreten, um Werbung für mein neues Buch über die weltweite Krise zu machen.8 In Amerika tauchten zufällig zwei Jobangebote auf, die mir erlaubten, meinen Handel mit Danae zu erfüllen. Anfang 2012 war unser Umzug nach Amerika im Gang.9
An dem Tag, als wir ins Flugzeug stiegen, brachte Bloomberg-TV weltweit zwei Finanzschlagzeilen aus der Eurozone. Die erste lautete: »Merkel offen für Kompromiss bei Vergemeinschaftung der Schulden. Monti sieht Weg, sie zu überzeugen.«10 Die zweite Schlagzeile betraf uns unmittelbar: »Griechen treiben Universitätsprofessor aus dem Land, weil er die Wahrheit über die Wirtschaftslage sagt.« Wenn nur die erste Schlagzeile richtig gewesen wäre – sie war es nicht –, vielleicht wäre dann die zweite falsch gewesen!
Und so kamen Danae und ich nach Seattle, wo ich einige Monate als Gastökonom bei der Valve Corporation11 arbeitete, bevor es weiterging nach Austin, wo mein enger Freund und Kollege Jamie Galbraith arrangiert hatte, dass ich an der Lyndon B. Johnson School of Public Affairs der Universität Texas lehren konnte, unter anderem gab ich einen Kurs über Europas Finanzkrise. Jamie besitzt zwar eine enorme Gabe zur Voraussicht, dennoch bezweifle ich, dass er ahnte, in was er hineingeraten sollte, als er mir den Job verschafft hatte: Drei Jahre später kam Jamie zu mir ins Finanzministerium und leitete dort ein entscheidend wichtiges, hoch geheimes Projekt.
Über zwei Jahre war Austin ein archimedischer Aussichtspunkt: der ideale Platz, um zu beobachten, aber auch, um zu handeln. Während es mir fast das Herz brach, aus der Ferne mit anzusehen, wie die Troika und ihre Lakaien vor Ort Griechenland formell in Bailoutistan 2.0 verwandelten, bot der Blick aus Austin immerhin Klarheit.
Austin war auch eine Gelegenheit, eine Brücke zwischen Washington und meinen neuen Freunden von Syriza zu bauen, nicht gerade natürliche Verbündete. Es war zu erwarten, dass eine künftige Syriza-Regierung in einen gewaltigen Konflikt mit der deutschen Regierung, der Europäischen Kommission und der Europäischen Zentralbank geraten würde. Eine feindselige Administration in Amerika war das Letzte, was Alexis und Pappas dabei gebrauchen konnten. Und so tat ich von 2012 bis 2015 mit der Hilfe und den Verbindungen von Jamie Galbraith alles in meiner Macht Stehende, um amerikanischen Meinungsführern und der Regierung Obama zu erklären, dass die Vereinigten Staaten von einer Syriza-Regierung nichts zu befürchten hatten, deren oberste Priorität es sein würde, Griechenland von seinen erdrückenden Schulden zu befreien.
Austin ist auf eine sehr charmante Weise seltsam: ein Paradies für Fans von Livemusik und ein hervorragender Ort, um die Kümmernisse der restlichen Welt zu vergessen. Aber weder das eine noch das andere konnte ich genießen. Tagsüber, während Griechenland noch schlief, arbeitete ich an meinen Vorträgen und an einem Buch über die tieferen Ursachen der »hirnverbrannten Art und Weise, wie Europa mit der unvermeidlichen Eurokrise umging«.12 Abends nutzte ich den Zeitunterschied und meldete mich über Skype im griechischen Fernsehen zu Wort, verfolgte die laufenden Debatten und setzte mit Artikeln meine Kampagne fort.
Im Winter und Frühjahr 2012 herrschten in Griechenland stumme Angst und unterdrückter Zorn. Der Syntagma-Platz war ruhig im Vergleich zu den Massenkundgebungen von 2011. Als die Rezession schlimmer wurde, zogen sich die Menschen mit ihrem Kummer in ihren privaten Bereich zurück, sie blieben zu Hause, leckten ihre Wunden und kümmerten sich um notleidende Angehörige. Die große Koalition der Technokraten, die die Troika installiert hatte, angeführt vom ehemaligen Vizepräsidenten der Europäischen Zentralbank und unterstützt von PASOK und Nea Dimokratia, vollendete Bailoutistan 2.0.13 Schnell rückte der Zeitpunkt näher, an dem die Regierung ihre Arbeit getan haben und Antonis Samaras, der Vorsitzende der Nea Dimokratia, Neuwahlen ansetzen würde in der Hoffnung, sie zu gewinnen und im Triumphzug in die Villa Maximos einzuziehen. Tatsächlich fanden die Wahlen im Mai 2012 statt.
Vor der Wahl hatte ich nur wenig Kontakt zu Alexis und Pappas und immer in großen Abständen. Während die Sozialisten von Papandreous PASOK so taten, als hätten sie mit den Ereignissen nichts zu tun, waren die Hauptprotagonisten nun Samaras’ Nea Dimokratia und Tsipras’ Syriza. Aber ich konnte mir genauso wenig wie sie vorstellen, dass eine Partei, die bei der letzten Wahl nur 4,6 Prozent der Stimmen errungen hatte, eine realistische Chance haben könnte, die Regierung zu bilden, selbst wenn sich die politischen Kräfteverhältnisse massiv änderten.
Mir war es wichtig, dass Syriza den Wählern ein nicht populistisches, logisch kohärentes Grundsatzprogramm mit progressiver und proeuropäischer Stoßrichtung vorlegte. So würde sie das Bild einer glaubwürdigen künftigen Regierung vermitteln, die in der Lage wäre, den Rettungsplan für das Land mit der EU und dem IWF auszuhandeln. Alexis und Pappas neigten einem anderen politischen Programm zu, einem, das (aus meiner Sicht) langfristige Kohärenz kurzfristigen Stimmengewinnen opferte. Der wirtschaftspolitische Teil von Syrizas Wahlprogramm für 2012 missfiel mir so sehr, dass ich nach ein paar Seiten nicht mehr weiterlas. Am nächsten Tag bat mich ein Reporter des griechischen Fernsehens um einen Kommentar zu dem Programm. Ich sagte, ich neigte dazu, Syriza zu unterstützen, aber meine Wahlentscheidung hänge davon ab, ob es mir gelingen würde, der Lektüre ihres Wirtschaftsprogramms zu widerstehen.
Die Wahlen im Mai brachten ein Patt im Parlament. Die politische Mitte, bestehend aus PASOK und Nea Dimokratia, die bisher zusammen über 80 Prozent der Wählerstimmen verfügten, hatten mehr als die Hälfte ihrer Anhänger verloren. Das war der Preis, den die beiden Parteien des Establishments dafür zahlten, dass sie Bailoutistan über uns gebracht hatten.14 Von einem politischen Erdbeben zu sprechen, wäre noch eine Untertreibung. Wie es oft geschieht, wenn Deflation infolge von Schulden dazu führt, dass die politische Mitte wegbricht, erhob der Nationalsozialismus sein hässliches Gesicht in Gestalt der Goldenen Morgenröte, die 7 Prozent der Stimmen bekam und damit zur viertstärkten Partei wurde. Syriza, bisher eine Splitterpartei, hatte ihr Ergebnis vervierfacht und lag nur 2 Prozentpunkt hinter der Nea Dimokratia von Antonis Samaras. Zum ersten Mal seit 1958 erreichte die Linke den Rang einer offiziellen Opposition. Alexis und Pappas hatten Grund, sich bestätigt zu fühlen, und ignorierten meine Kritik am Wirtschaftsprogramm von Syriza.
Aber ein Parlament, in dem die größte Partei weniger als 19 Prozent der Stimmen auf sich vereint hat, bringt keine funktionsfähige Regierung hervor. Die unvermeidliche Auflösung bereitete den Weg für Neuwahlen einen Monat später, im Juni 2012. Es sollte ein interessanter Monat werden. Da es weder eine Regierung noch ein funktionierendes Parlament gab, mussten die EU und der IWF einige atemberaubende Tricks aus dem Ärmel zaubern, um die Illusion aufrechtzuerhalten, dass der griechische Staat weiter seine Schulden bediente. Die beiden einzigen Parteien, die im Wahlkampf Zulauf bekamen, waren Syriza und die Nea Dimokratia, wobei Syriza stärker zulegte, allerdings von einem niedrigeren Niveau aus. Wenn die Trends der vorangegangenen Wochen sich fortsetzten, hatte Alexis gute Chancen, die nächste Regierung zu bilden. Diese Erkenntnis traf die Oligarchie, die Troika, das politische Establishment in Deutschland wie ein Schock und nicht zuletzt auch Alexis und Pappas, die verständlicherweise in Panik gerieten angesichts der Aussicht, dass die grausamen Götter sich womöglich verschwören und ihnen ihren größten Wunsch erfüllen könnten.
Alarm
Ich war zur Stimmabgabe bei der Wahl im Mai nach Athen zurückgekehrt, als Pappas mich anrief, um ein Gespräch zu vereinbaren. Tsipras, er und ich trafen uns wieder in demselben Hotel in Psirri, diesmal ziemlich aufgeregt: Sie standen nicht länger am Rand des politischen Spiels, sondern ritten auf einer Welle breiter Unterstützung, die innerhalb von Wochen, nicht Jahren, einen echten Wandel bringen konnte. Bei diesem Treffen schrillte eine Alarmglocke in meinem Kopf.
»Ist dir klar, dass du die Verhandlungen mit der EU und dem IWF führen wirst, wenn wir gewinnen?«, fragte mich Pappas mit seinem typischen aufgesetzten Lächeln.
Mein Magen krampfte sich zusammen. Pappas schien in seinem Eifer, mich in die Verhandlungen mit der EU und dem IWF einzubinden, zu vergessen, dass die Wirtschaftspolitik von Syriza die Domäne von Giannis Dragasakis war, dem Schattenfinanzminister der Partei, einem Veteranen der Linken, der bei Alexis’ Aufstieg an die Spitze und schon bei der Gründung des Wahlbündnisses Syriza eine zentrale Rolle gespielt hatte. Obwohl Alexis und Pappas offensichtlich nicht in Erwägung zogen, Dragasakis in den Kampf mit der EU und dem IWF zu schicken, war es doch seine Aufgabe, die wirtschaftspolitische Agenda der Partei zu formulieren; er war ein politisches Schwergewicht, dem sie nicht ohne Weiteres auf die Zehen treten würden. Ich folgerte, dass ihr verständliches Zögern, eben dies zu tun, hinter dem schlecht durchdachten Vorschlag steckte, die Rollen des Chefverhandlers und des Finanzministers zu trennen.
Ich musste erst einmal schlucken, bevor ich auf Pappas’ Frage antworten konnte. Die Augen fest auf Alexis gerichtet, sagte ich, dass ich mich durch ihr Angebot geehrt fühlte, aber nicht wisse, wie die Aufspaltung der Rollen funktioniere solle. Alle Verhandlungen würden innerhalb der Eurogruppe geführt werden, wo jedes Land durch seinen Finanzminister vertreten sei: Um Glaubwürdigkeit und Verhandlungsmacht zu besitzen, brauche der Minister den vollkommenen Rückhalt nicht nur des Regierungschefs, sondern auch des Parlaments und der Wähler. Einen nicht gewählten Technokraten zu Griechenlands Gläubigern zu schicken, um mit ihnen über die wirtschaftliche Befreiung des Landes zu verhandeln, wäre eine vorprogrammierte Katastrophe.
Alexis stimmte mir zu. Daraufhin versuchte Pappas das Gespräch mit der Bitte zu retten, ich solle in einem Papier die optimale Verhandlungsposition skizzieren für den Fall, dass Syriza die Wahl am 14. Juni, gerade einmal drei Wochen später, gewinnen würde. An dem Abend schrieb ich die erste von sehr vielen Versionen dieses Strategiepapiers nieder.
Im Kern formulierte ich zwei Vorschläge zum Umgang mit den griechischen Schulden für die EU und den IWF. Erstens sollten der Staatsbankrott und die Staatsschulden vom Bankrott der Banken und deren privaten Verlusten getrennt werden. Dann könnte der bankrotte Staat nicht für das Geld der europäischen Steuerzahler haftbar gemacht werden, das er nie bekommen hatte. Und wichtiger noch: Die Wiederbelebung der Banken würde nicht durch die Staatsverschuldung behindert. Denn wie sollte der griechische Staat die Banken unterstützen, wenn er doch bankrott war? Ohne diese Entkoppelung würden der Staat und die in Griechenland operierenden Banken weiter in einer Umklammerung stecken wie zwei schlechte Schwimmer in stürmischen Gewässern, die sich aneinander festhalten, während sie gemeinsam auf den Meeresgrund sinken. Wie konnte die Entkoppelung erreicht werden? Indem man Europas Steuerzahler zu den neuen Eigentümern der griechischen Banken machte, damit de facto nicht länger der griechische Staat für die Banken verantwortlich sein würde, sondern das Volk Europas, und die Institutionen der EU würden sie im Namen des Volkes leiten.15 Das wäre der einzige Weg, um das Vertrauen in die Banken wiederherzustellen.
Zweitens sollten jegliche Rückzahlungen der griechischen Staatsschulden aus den beiden Rettungspaketen an die EU und den IWF an die Bedingung geknüpft werden, dass die wirtschaftliche Erholung des Landes erst eine gewisse Dynamik erreicht hätte.16 Nur so hatte die Wirtschaft eine Chance, wieder Tritt zu fassen.
Zusammengenommen würden diese beiden Vorschläge zur Restrukturierung der griechischen Staatsschulden eine neue Ära einläuten: Die EU und der IWF würden sich nicht länger wie Ebenezer Scrooge aus Dickens’ Weihnachtsgeschichte verhalten, sondern vielmehr Partner Griechenlands bei der Förderung seiner wirtschaftlichen Erholung werden. Denn ohne wirtschaftliche Erholung würden sie einen erheblichen Teil ihrer Rettungskredite abschreiben müssen.
Mein Strategiepapier, das nur für die Augen von Alexis und Pappas bestimmt war, endete mit einem Abschnitt, welche Reaktion von den Heinzelmännchen bei der EU und dem IWF zu erwarten war sowie von unserer heimischen Oligarchie: erbitterte Ablehnung. Die beiden Vorschläge waren zwar ideal geeignet, Griechenland wirtschaftlich wieder auf die Beine zu bringen und einen großen Teil seiner ansonsten uneinbringlichen Schulden zurückzuzahlen, aber politisch waren sie Gift für unsere Gegner innerhalb wie außerhalb Griechenlands. Ich riet Folgendes:
Was sollte Athen tun, wenn die europäischen Politiker die beiden Vorschläge rundweg ablehnen und stattdessen auf weiteren Krediten beharren?
Wenn eine Syriza-Regierung nicht darauf vorbereitet ist, jegliche neue Kredite abzulehnen, solange die griechischen Schulden nicht restrukturiert sind, ist ein Wahlsieg sinnlos. Ein Nein zu neuen Krediten wird natürlich seinen Preis haben. Die Troika wird damit drohen, die Banken zu schließen, und der Staat wird die Gehälter im öffentlichen Dienst und die Renten aus seinen Steuereinnahmen bezahlen müssen. Das bedeutet, dass eure Regierung sich für eine harte Verhandlungsphase wappnen muss, in der der Staat ganz konsequent nur von dem lebt, was er hat (und notfalls die höchsten Gehälter und Pensionen kürzt, bis das Primärdefizit beseitigt ist). Transaktionen mit Papiergeld werden durch Debitkarten, Onlinebanking und eine Form von Schuldscheinen, die der Staat ausgibt, ersetzt. Das ist nicht schön, aber ein außergewöhnlicher Kampf um die Wiedererlangung der Souveränität erfordert außergewöhnliche Maßnahmen. Und hier kommt die gute Nachricht: Wenn ihr bereit seid, maßvolle, vernünftige Forderungen zu stellen und gleichzeitig Nein zu sagen zu neuen Krediten (und bei dem Nein zu bleiben!), dann werden die EU und der IWF ziemlich sicher an den Verhandlungstisch kommen – finanziell und politisch hätten sie zu viel zu verlieren.
Ich wusste sehr wohl, dass seit 2010 die Reaktion der Troika auf jeden Vorschlag zu einer Restrukturierung der Schulden grausam gewesen war, denn eine Restrukturierung hätte bedeutet, dass Kanzlerin Merkel die Wahrheit über ihre eigentlichen Gründe für die Griechenlandrettung hätte sagen müssen. Die gleiche Reaktion wäre bei uns zu Hause, in Griechenland, zu erwarten. Für die launischen griechischen Banker lief meine Kampagne für eine Restrukturierung der Schulden darauf hinaus, dass ich ihre Liquidierung betrieb, weil die Kontrolle über ihre Banken auf die Institutionen der Europäischen Union und die Eigentümerschaft auf die europäischen Steuerzahler übertragen werden sollte. Überdies stand hinter den Banken eine ganze politische Klasse, die daran gewöhnt war, ohne Sicherheiten, Garantien und echte Prüfung gewaltige Kreditsummen von ihren Banker-Kumpeln zu bekommen. Ich erinnere mich nicht mehr, inwieweit Alexis die ganze Tragweite dieser Strategie begriff, aber ich weiß noch, dass ich ihm sehr genau erklärte, worauf er sich gefasst machen musste, wenn er meine Empfehlung befolgte: nichts weniger als Krieg. Kein Wunder, dass er zögerte, sich auf meinen Vorschlag einzulassen.
»Rätst du mir, dass ich dazu aufrufe, die griechischen Banken an Ausländer zu geben? Wie soll ich Syriza davon überzeugen?«, fragte mich Alexis später bei einem Treffen im Hauptquartier von Syriza.
»Ja, genau das musst du tun«, erwiderte ich.
Wenn er eine Vereinbarung haben wolle, bei der Griechenland in der Eurozone bleiben würde, dann müsse er eine grundlegende Wahrheit akzeptieren: Der griechische Staat hatte nicht das nötige Geld, um die griechischen Banken wieder flottzumachen. Ergo blieb als einzige Alternative zum Grexit, der immer noch möglich war, oder zur dauerhaften Schuldknechtschaft, dem schlimmsten denkbaren Szenario, die Übertragung der Banken in europäischen Besitz. Tatsächlich, sagte ich, müsse das sowieso passieren: Genau wie es Unsinn sei, innerhalb der Dollarzone von einem kalifornischen oder texanischen Bankensystem zu sprechen, sei es lächerlich sich vorzustellen, wir könnten innerhalb der Eurozone getrennte nationale Bankensysteme haben.
Das leuchtete Alexis ein. Aber es gefiel ihm nicht, besonders da das Zentralkomitee von Syriza natürlich die Verstaatlichung der Banken favorisierte. Während die griechischen Medien aufschreien würden: »Alexis gibt unsere Banken an Ausländer!«, würden die linken Kräfte von Syriza ihn kritisieren, dass er ihren langjährigen Feldzug beendete, das Finanzwesen unter staatliche Kontrolle zu bringen. Ich spürte seinen Schrecken angesichts der unvermeidlichen Gegenreaktion und warnte ihn, er werde sich mit der Befreiung Griechenlands mächtige Feinde machen, nicht nur all jene, deren politischer Auftrag lautete, uns im Zustand einer Schuldenkolonie zu erhalten, sondern auch bei den Syriza-Mitgliedern, die von ihm erwarteten, innerhalb der Eurozone ein sozialistisches Paradies zu errichten. Aber das war sowieso unmöglich. Als einzige Möglichkeit innerhalb der Eurozone blieb, Griechenland aus dem Schuldgefängnis herauszuholen. Um das zu erreichen, musste er eine Mehrheit der Deutschen dazu bringen, sich als Partner bei unserer Erholung zu betrachten und nicht länger als diejenigen, die immer mehr Geld in unser schwarzes Loch warfen. Sie sollten ihr Geld in die griechischen Banken stecken, darum musste er ihnen Anteile an diesen Banken anbieten. Nur dann würden sie den Eindruck haben, dass die Erholung Griechenlands auch für sie wichtig war. Mit diesem einen Hieb würde er das sündige Dreieck zerschlagen.
Alexis lächelte. Er habe kein Problem damit, den Bankern die Stirn zu bieten, sagte er. Aber ohne jeglichen Einfluss auf die in Griechenland tätigen Geschäftsbanken wäre es unmöglich, eine stringente Industriepolitik zu verfolgen oder einen Plan für Entwicklung und Wiederaufbau. Er könne sich einfach nicht vorstellen, dass Syrizas Zentralkomitee das akzeptieren werde. Das war ein Argument.
Ich schlug ihm vor, es auf folgende Weise zu versuchen: Als echte Internationalisten und fortschrittliche Europaanhänger würden wir korrupten griechischen Privatleuten ihre bankrotten Banken wegnehmen und sie dem Volk Europas übertragen, eben jenen europäischen Staatsbürgern, die jetzt schon ihr Geld in diese Banken pumpten. Gegenwärtig könnten die Banken das erforderliche Investitionskapital nicht aufbringen, um Griechenlands Erholung und Wachstum zu finanzieren, deswegen könnten wir durch die Übertragung der Banken und ihrer Verbindlichkeiten an die Europäer nur gewinnen. Unterdessen könnten wir von Grund auf eine neue öffentliche Entwicklungsbank errichten und die verbliebenen Vermögenswerte des griechischen Staats bei ihr deponieren. Sie könnten dann als Sicherheit für neue Investitionen zur Finanzierung von Entwicklungsprojekten dienen, möglichst in Kooperation mit der Europäischen Investitionsbank.
Alexis gefiel die internationalistische, progressive Stoßrichtung, aber gefiel sie ihm so gut, dass er sie dem Zentralkomitee von Syriza vortragen und Dragasakis davon überzeugen würde? Das Dilemma des jungen Parteichefs war geprägt von all den Missständen, die schließlich im Frühjahr 2015 unseren Schlachtplan aushöhlten. An jenem Nachmittag im Hauptquartier von Syriza konnte ich es ihm ansehen. Auf der einen Seite war ihm klar, dass mein Vorschlag der einzig gangbare Weg war, wenn Griechenland in der Eurozone bleiben wollte. Aber zugleich brachte er es nicht über sich, mit dem Establishment von Syriza zu brechen.
Ich für mein Teil war davon überzeugt, dass meine Vorschläge abgelehnt werden würden, und betrachtete das als perfekte Entschuldigung, um Syriza gegenüber Distanz zu wahren. Solange Alexis ein Gefangener von Syrizas Illusionen war, würde ich an der Seitenlinie bleiben, kritischen Rat geben, falls und wann immer ich danach gefragt würde, aber ansonsten erleichtert sein, dass ich nichts mit alldem zu tun hatte. Drei Tage später, am 24. Mai, wuchs meine Erleichterung noch, als ich Alexis’ Rede las, in der er Syrizas wirtschaftspolitische Vorstellungen darlegte. Die Kluft zwischen dem, was sie vorhatten, und was in der Eurozone tatsächlich erreicht werden konnte, war abgrundtief. Innerhalb einer Stunde schickte ich eine lange, vernichtende E-Mail an Alexis und an Pappas. Ich benannte die zahlreichen logischen Fehler in ihren Wahlversprechen und teilte ihnen mit, wie ich über Dragasakis’ Fähigkeiten dachte, ein überzeugendes Wirtschaftsprogramm zusammenzustellen.17
Alexis’ verwirrende öffentliche Äußerungen, die hysterische Ablehnung der Oligarchie gegenüber Syriza und dazu die unverhohlenen Drohungen von Kanzlerin Merkel gegen eine griechische Regierung unter der Führung von Syriza bescherten uns ein Wahlergebnis, das dafür sorgte, dass Alexis in der Opposition blieb.18 Ich war erleichtert und traurig zugleich: erleichtert, dass er eine weitere Legislaturperiode Zeit haben würde, seine Vorstellungen zu ordnen, und traurig, weil die zu erwartende neue Koalitionsregierung, die brav nach der Pfeife der Troika tanzte, nun vermutlich Bailoutistan 2.0 in Stein meißeln würde.19
Die letzten Zuckungen einer Freundschaft
Yannis Stournaras und ich wurden Freunde, bald nachdem ich von Australien zurück nach Griechenland gezogen war. Im Jahr 2000 verließ ich die Universität Sydney und wechselte auf einen Lehrstuhl an der Universität Athen, wo Stournaras bereits Professor für Wirtschaftswissenschaften war.20 Zusammen mit Giorgos Krimpas, einem emeritierten Professor für Wirtschaftswissenschaften, und Nicholas Theocarakis, einem erstaunlichen Wissenschaftler und engen Freund, bildeten wir ein informelles Quartett von Ökonomen. Stournaras und Theocarakis hatten bei Krimpas studiert, ich war der Neuling in der Runde. Ich folgte Krimpas als Leiter der volkswirtschaftlichen Fakultät nach, der wir alle vier angehörten.
Stournaras lehrte nur wenige Stunden, weil er noch für die sozialistische PASOK-Regierung arbeitete, die Griechenland in die Eurozone führte. Während der Beitrittsverhandlungen in den 1990er-Jahren, als Berlin darauf aus war, Griechenland draußen zu halten, leitete Stournaras den Wirtschaftsbeirat, ein wichtiges Organ des Finanzministeriums, das er geschickt nutzte, um Berlin und Brüssel dazu zu bewegen, dass sie Griechenland am Euro teilnehmen ließen.21 Sobald Griechenland dazugehörte, belohnte der Ministerpräsident der PASOK Stournaras im Jahr 2000 mit der Leitung der griechischen Handelsbank.22 In dieser letzten Phase seiner Karriere lernten wir uns kennen.
Trotz seines gedrängten Terminkalenders erfüllte Stournaras stets mit Freude und Engagement seine Lehrverpflichtungen. Unsere wirtschaftlichen wie auch unsere politischen Vorstellungen gingen weit auseinander, aber seine Hingabe an die Universität und ein gutes persönliches Verhältnis gaben die Grundlage für eine Freundschaft ab. Stournaras unterstützte mich, als ich ein internationales Doktorandenprogramm auf die Beine stellte, er freute sich, dass wir damit ein anderes Kaliber von Studenten anzogen. Weitere Verbesserungen des Lehrplans folgten, die den Unmut korrupter Studentenpolitiker und heftige Feindseligkeit aufseiten der Kollegen erregten, die ihre Interessen bedroht wähnten.23 Aber unser Quartett hielt fest zusammen und bekam die Unterstützung vieler anderer Kollegen. Bald trafen wir uns auch außerhalb der Arbeit und verbrachten sogar das eine oder andere Wochenende zusammen.
Am Abend der Parlamentswahl vom September 2009, die Giorgos Papandreou ins Amt des Ministerpräsidenten führte, schauten Danae und ich uns in Stournaras’ Wohnung im Norden Athens zusammen mit Giannis Dragasakis, seiner Frau und einem weiteren Ehepaar im Fernsehen die Berichterstattung über die Auszählung der Stimmen an. Von den acht Personen im Raum hatten nur Stournaras und ich nicht für die PASOK gestimmt – vielleicht weil es war wie bei Würsten: Wir wussten nie, was drin ist.24 Wenige Monate später war Griechenland bankrott und das erste Rettungspaket auf dem Weg.
In jenem bewegten Jahr für Griechenland, 2010, machte Stournaras einen verblüffenden Karrieresprung: Er wurde Leiter eines wirtschaftlichen Thinktanks, den ursprünglich der griechische Industrieverband gegründet hatte, die größte und am besten etablierte Vereinigung von Unternehmenschefs im Land, die traditionell den Konservativen der Nea Dimokratia nahestand. Bald nach der Übernahme dieses Amts begann Stournaras, konventionelle marktwirtschaftliche Lösungen zu unterstützen anstelle der sozialdemokratischen Prinzipien, die er unter der PASOK-Regierung mitgetragen hatte. Aber diese Wende war weniger eine Abkehr von den Sozialisten der PASOK, seinen früheren Freunden, sondern eher ein Hinweis auf das, was kommen würde, sobald ein zweites Rettungspaket die Regierung einer großen Koalition erforderlich machte. Stournaras war ein Pionier der Verbindung von Mitte-Links und Mitte-Rechts zu einer einheitlichen, unteilbaren, dem Establishment zugewandten, der Troika freundlich gesinnten Regierung – einer Regierung, die nach der Wahl im Juni 2012 Gestalt annehmen sollte.
Einen Monat vor der Wahl im Mai 2012 machte ich auf dem Rückflug von Berlin, wo ich einen Vortrag zur Eurokrise gehalten hatte, in die Vereinigten Staaten in Athen Zwischenstation. Gleich nach der Ankunft rief ich Stournaras an. Am nächsten Tag trafen wir uns im Café eines Hotels am Fuß der Akropolis. Bei der Begrüßung umarmten und küssten wir uns und tauschten Neuigkeiten über unsere Töchter und Partnerinnen aus. Dann kamen wir zum politischen Teil. Ich berichtete ihm von Gesprächen in Berlin mit Vertretern der Europäischen Zentralbank und der deutschen Regierung, mit Finanzjournalisten und anderen. Dabei erwähnte ich auch ein Gespräch mit dem Investor George Soros. Ich sagte Stournaras, Soros teile meine Einschätzung der griechischen Situation und den Kern meiner Vorschläge für die Wirtschaftspolitik von Europa insgesamt.
Anschließend diskutierten wir über das Programm der Troika für Griechenland. Es war klar, dass Griechenlands Bankrott eine Kluft zwischen uns geschaffen hatte; aus früheren Meinungsverschiedenheiten war eine tiefe theoretische, empirische und politische Spaltung geworden. Stournaras beharrte darauf, dass das Programm der Troika funktionieren konnte, wenn es konsequent umgesetzt wurde. Ich bat ihn, das zu erklären, was er mit seinem üblichen Überschwang tat.
»Es ist ganz einfach«, sagte er. »Es geht mit dem Prinzip dreimal vier: 4 Prozent Wirtschaftswachstum, 4 Prozent Primärüberschuss im Haushalt und 4 Prozent Zinsen auf unsere Rettungskredite.«25
»Ja, das wäre die Lösung«, erwiderte ich. »Nur dass es ausgeschlossen ist, dass die griechische Wirtschaft um 4 Prozent wächst und gleichzeitig ein Primärüberschuss von 4 Prozent erreicht wird.« Wenn die Regierung ihre Absicht mitteile, einen Primärüberschuss von 4 Prozent zu schaffen, würde jeder Investor folgern, dass das höhere Steuern bedeute, und das würde die Investoren abschrecken.
Wir fanden keinen gemeinsamen Nenner. Aber ich dachte immer noch, dass unsere Freundschaft, eine der wenigen verbliebenen Brücken zwischen gegensätzlichen Lagern, ein Pfund war, das dem großen Ganzen nutzen konnte. Kurz bevor wir uns trennten, sagte ich, wir hätten die Verpflichtung, Freunde zu bleiben. Er mache den Eindruck, als strebe er einen hohen Posten in der Regierung an, während meine Gedanken in die entgegengesetzte Richtung gingen, zur Opposition. Aber vor allem dürften wir nicht zulassen, dass wir auf menschlicher Ebene zu Gegnern würden. Stournaras nickte zustimmend, und wir verabschiedeten uns mit einer Umarmung, die mir rückblickend halbherzig erscheint.
Zwei Monate später, kurz vor der Wahl im Juni 2012, prüfte die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Universität Athen meinen Antrag auf unbezahlten Urlaub, damit ich nach Austin zurückkehren und dort weiter lehren könnte. Ein solcher Antrag war vollkommen normal und die Zustimmung der Fakultät eine reine Formsache, aber diesmal gab es eine hitzige Debatte. Der Grund war, dass Stournaras der Fakultät folgende Frage vorgelegt hatte: Warum sollte die Universität Athen mich in die Vereinigten Staaten zurückkehren lassen, da es doch meine Absicht sei, zusammen mit George Soros gegen griechische Staatsanleihen zu spekulieren?
Gegen Staatsanleihen zu spekulieren bedeutet, darauf zu wetten, dass ihr Wert fallen wird; es läuft auf die Spekulation hinaus, dass die Staatsschulden des Landes für Investoren unattraktiv werden. Wenn genug Menschen genug Geld ausgeben, um bei einer Staatsanleihe auf fallende Kurse zu setzen, sinkt das Vertrauen in die Staatsanleihe, sie verliert an Wert, und die Spekulation wird zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Stournaras’ bizarrer Vorwurf lautete, ich würde zusammen mit George Soros auf den New Yorker Finanzmärkten spekulieren, um von einer Herabstufung der Kreditwürdigkeit des griechischen Staates zu profitieren.
Derartige Behauptungen – dass ich ein selbstsüchtiger Opportunist sei, der eifrig auf den Bankrott unseres Staates hinarbeite – brachten meine Gegner gern vor. Antisemitische rechte Verschwörungstheoretiker hatten Soros vorgeworfen, er als Jude führe eine Kampagne an, das christlich-orthodoxe Griechenland zu Fall zu bringen. Ab 2010, als ich immer wiederholte, der griechische Staat sei bankrott und müsse das öffentlich anerkennen, unterstellten diese Kreise und sagten es bald auch ganz offen, ich sei Soros’ Handlanger. Als ich das 2011 zum ersten Mal hörte, amüsierte es mich noch. Jetzt hatte Stournaras den lächerlichen Anklagen einen ganz neuen Dreh gegeben, vermutlich weil ich ihm von meinem Gespräch mit Soros in Berlin erzählt hatte.
Die schlichte Tatsache ist, dass ich in meinem Leben nie eine Staatsanleihe oder eine Aktie gekauft und verkauft, geschweige denn auf einen Kursrückgang spekuliert habe. Und ich hatte mich vor der gemeinsamen Podiumsdiskussion mit Soros in Berlin im Frühjahr 2012 nie zuvor mit ihm getroffen oder auf andere Weise Kontakt gehabt.
Nachdem ich Stournaras’ ungeheuerliche Behauptung gehört hatte, griff ich wutschäumend zum Telefon. So ruhig, wie ich konnte, bat ich ihn, mir zu erklären, warum er das getan hatte. Er entschuldigte sich sofort, verwies auf »Stress« und den »schlechten Einfluss« von Medienberichten, ich würde für Soros arbeiten. Ich sagte, dass ich seine Entschuldigung akzeptierte, aber tief im Inneren wusste ich, dass Stournaras den Rubikon überschritten hatte und in ein Gebiet gelangt war, von wo es keine Brücke mehr zwischen uns geben konnte.
Wenige Tage später, nachdem die Wahl im Juni 2012 Antonis Samaras mit einer Koalitionsregierung ins Amt gespült hatte, hörte ich in den Nachrichten, dass Stournaras der nächste technokratische – nicht gewählte – Finanzminister des Landes sein sollte. Er blieb zwei Jahre im Amt und nutzte die Zeit, um die Bedingungen des zweiten Rettungspakets so treu umzusetzen, wie er konnte – tatsächlich so, dass die gnadenlose Austerität in aufeinanderfolgenden Wellen von Einschnitten und Steuererhöhungen die Rezession beschleunigte und schließlich die Regierung Samaras destabilisierte. Nicht einmal zwei Jahre nach seinem Wahlsieg, bei der Wahl des Europäischen Parlaments im Mai 2014, erhielt Samaras’ Nea Dimokratia weniger Stimmen als Syriza, und danach fiel sie in den Umfragen immer weiter zurück. Einen Monat später lief die Amtszeit des Gouverneurs der griechischen Zentralbank aus, und Samaras nutzte die Gelegenheit, um Stournaras zu ernennen. Sollten die Parteien des Establishments die nächste Wahl verlieren, hatten sie wenigstens jemanden in der Zentralbank, der willens und in der Lage war, einer künftigen Syriza-Regierung Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Und genau das tat Stournaras dann auch.
Wie sich herausstellte, war in dem Hotelcafé, in dem wir uns im April 2012 getroffen hatten, unsere Freundschaft zu Ende gegangen.
Erfolgsgeschichte
Während Stournaras sich im heißen Sommer des Jahres 2012 im Finanzministerium einrichtete, versuchten die EU und der IWF, selbst ein schwieriges Problem zu lösen. Die Auszahlung der Kredite im Rahmen des zweiten Rettungspakets hatte sich wegen der beiden Wahlen in Griechenland verzögert und konnte nicht vor Herbst beginnen. Leider musste Athen bis zum 20. August knapp 3,5 Milliarden Euro an die EZB überweisen, eine von vielen Schuldentilgungen, die es nicht leisten konnte. Wie sollte das gehen, wenn die Tresore leer waren?
Wenn die Troika etwas will, findet sie auch einen Weg. Und das war der Trick, mit dem sie die notwendige Illusion erzeugte; ich schildere ihn in Zeitlupe, damit die Leser die magischen Schritte gut nachvollziehen können:
• Die EZB gewährte Griechenlands bankrotten Banken das Recht, neue Schuldverschreibungen mit einem Nominalwert von 5,2 Milliarden Euro auszugeben – wertloses Papier, da die Tresore der Banken leer waren.
• Weil kein vernünftiger Mensch diese Schuldverschreibungen kaufen würde, trugen die Banker sie zu Finanzminister Stournaras, der das Kupfersiegel des bankrotten Staates als Garantie daraufdrückte – tatsächlich eine nutzlose Geste, da ein bankrottes Gebilde (der Staat) nicht ernsthaft für die Schuldverschreibung eines anderen bankrotten Gebildes (die Banken) geradestehen kann.
• Die Banker trugen ihre wertlosen Schuldverschreibungen danach zur Zentralbank von Griechenland, die natürlich ein Ableger der EZB ist, und hinterlegten sie als Sicherheit für neue Kredite.
• Die Eurogruppe gab daraufhin der EZB grünes Licht, der griechischen Zentralbank zu erlauben, dass sie die Schuldverschreibungen als Sicherheiten akzeptierte und im Gegenzug den Banken echtes Geld aushändigte, in Höhe von 70 Prozent des Nominalwerts der Schuldverschreibungen (das heißt etwas mehr als 3,5 Milliarden Euro).
• Unterdessen gaben die EZB und die Eurogruppe Stournaras’ Finanzministerium grünes Licht für die Ausgabe neuer Staatsanleihen mit einem Nominalwert von 3,5 Milliarden Euro – das heißt für Schuldverschreibungen des Staates, die in Anbetracht der leeren Staatskassen natürlich kein Investor, der bei Sinnen war, anfassen würde.
• Die Banker gaben die 3,5 Milliarden, die sie von der griechischen Zentralbank erhalten hatten – de facto von der EZB selbst –, wieder aus, als sie ihre eigenen wertlosen Schuldverschreibungen verpfändeten, um die ebenfalls wertlosen Schuldverschreibungen des Staates zu kaufen.
• Und zuletzt nahm der griechische Staat diese 3,5 Milliarden und bezahlte damit … die EZB!
Solche einfallsreichen Volten trieben die Logik von Art und Conn zu neuen Höhenflügen. Dahinter verblassen die Gaunereien, die Bankern von der Wall Street weltweite Verachtung eintrugen. Und Walter Scotts berühmter Ausspruch bekommt eine ganz neue Dimension: »Oh, welch verworren Netz wir weben / wenn wir nach Trug und Täuschung streben!« Wie hätte man der Welt ohne ein solches verworrenes Netz vorgaukeln können, dass Griechenland solvent und nun auf dem Weg der Besserung war, nachdem die Griechen die richtige Regierung ins Amt gewählt hatten? Aber kaum war das eine Netz fertig, brauchte man schon ein weiteres.
Während all das passierte, setzten IWF-Mitglieder außerhalb Europas – Länder wie Brasilien, Indien, Japan und Malaysia – Christine Lagarde unter Druck, die Scharade zu beenden und insbesondere Berlin zu sagen, dass der IWF ohne eine Umschuldung Griechenlands nicht mehr mitmachen würde. Im Herbst 2012, als das zweite Rettungspaket beschlossen wurde, enthüllte Lagarde in einem bemerkenswerten Schritt, wie stark der Druck geworden war: Sie schlug Stournaras vor, gemeinsam in die Eurogruppe zu gehen und vom deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble einen drastischen Schuldenschnitt für Griechenland zu verlangen.
Doch statt diese einzigartige Gelegenheit zu ergreifen und ein Bündnis mit dem IWF zu schmieden, informierte Stournaras Schäuble von Lagardes Vorschlag, gemeinsame Sache zu machen, und bat um seine Erlaubnis, zustimmen zu dürfen. Natürlich sagte Schäuble zu Stournaras, er solle »es vergessen«. Und genau das tat Stournaras dann auch.26
Zu der Zeit nahm ich zufällig an einer Bankenkonferenz in den Vereinigten Staaten teil. Dort lief ich einem hohen Tier vom IWF über den Weg. »Was hat er [Stournaras] sich bloß gedacht?«, fragte mich der IWF-Mitarbeiter wütend. »Haben diese Burschen eine bessere Idee, wie man das regeln kann? Gibt es einen Plan? Ich verstehe es einfach nicht.«
Sie hätten einen Plan, teilte ich ihm mit. Nur sah der Plan vor, in der Regierung zu bleiben unter dem Vorwand, das Land befinde sich auf dem Weg der Besserung. Der Codename für den Plan lautete (so stelle ich es mir jedenfalls vor): Griechische Erfolgsgeschichte.
Die Griechische Erfolgsgeschichte bestand aus vier Akten: dem Merkel-Boom, der spekulativen Blase, der EZB-Verkaufsoption und der angeblichen Umschuldung. Der erste Teil, der Merkel-Boom, war bereits im Gang. Im September 2012 hatte Kanzlerin Merkel auf Anregung des EZB-Präsidenten Mario Draghi und wahrscheinlich auch von Beijing auf dem Weg von China nach Berlin einen Stopp in Athen eingelegt.27 In den wenigen Stunden ihres Aufenthalts klopfte sie Ministerpräsident Samaras auf die Schulter und signalisierte damit den internationalen Medien, dass der Grexit vom Tisch war und dass Griechenland, nachdem es die richtige Regierung gewählt hatte, in der Eurozone bleiben durfte.
Das kurze Theaterstück reichte aus, um eine Minirally bei den griechischen Immobilienpreisen zu erzeugen, die im Mai und Juni 2012 abgestürzt waren, als alle Welt angesichts des Aufstiegs von Syriza und des Patts im Parlament über den Grexit spekuliert hatte. Wie bereits erklärt, wären nach einem Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone alle Preise in Drachmen neu festgesetzt worden, die Drachme wäre sofort eingebrochen, und dadurch hätten Aktien, Villen und Jachten erheblich an Wert verloren. Aber die Märkte haben eine Tendenz zur Überreaktion. Wenn sie fallen, fallen sie übermäßig stark, und bei guten Nachrichten schießen sie unvernünftig in die Höhe. Der Merkel-Boom war ein Beispiel dafür: Ein Markt, der fast schon tot war, erlebte auf einmal in irrationalem Überschwang einen Höhenflug.
Der zweite Punkt des Plans, natürlich ebenfalls abgesegnet von der Troika, sah vor, den Überschwang mittels einer Spekulationsblase rund um die griechischen Banken richtig anzuheizen. Die Idee dahinter war einfach. Weil die Investoren dank des Merkel-Booms Griechenland für ein unterbewertetes Investment hielten, würde die Regierung ihnen ein Angebot machen, das sie nicht ablehnen konnten: Wenn sie jetzt Anteile an Griechenlands bankrotten Banken kauften, würden sie in der Zukunft, wenn deren Preise weiter gestiegen wären, weitere Anteile zum ursprünglichen niedrigen Preis bekommen, und wenn die Preise fallen sollten, würden die griechischen Steuerzahler großzügig die Verluste tragen. Welcher Investor kann da schon widerstehen?
Auf diese Weise wollte man einen Strom von spekulativem Geld in Griechenlands marodes Bankensystem lenken, das dann als Beleg für die wirtschaftliche Erholung präsentieren und damit weitere Spekulanten in den Immobiliensektor locken, den natürlichen Verbündeten jeder Blase auf den Finanzmärkten. Wenn Athen der deutschen Regierung und der EZB bewiesen hätte, dass die neue, von der Troika gelenkte Regierung das angeschlagene Schiff wieder flottgemacht hatte, würden die Griechen mit einer Bitte an die EZB herausrücken: Bürgt für unsere Schulden, so wie ihr für die von Irland, Portugal, Spanien und Italien gebürgt habt.28 Wenn Ministerpräsident Samaras und Finanzminister Stournaras erst einmal diese Zusage hatten, würde sie nichts mehr davon abhalten, privaten Investoren neue griechische Schulden zu verkaufen: Selbst wenn Griechenland weiter im Treibsand versinken sollte, wären die Bonds der Investoren durch die EZB garantiert. Dann könnte man den griechischen Wählern sagen, dass die internationalen Investoren dem Land wieder vertrauten und es folglich nicht bankrott war. Das war der dritte Teil ihres Plans: die EZB-Verkaufsoption.
Das vierte und letzte Element war eine vollkommen inadäquate, aber symbolisch wichtige Umschuldung. Bei einer Sitzung der Eurogruppe im November 2012, um die Zeit, als Stournaras Christine Lagarde abblitzen ließ, belohnte Schäuble Stournaras mit dem Versprechen einer möglichen, wenngleich nur oberflächlichen Umschuldung Ende Dezember 2014 unter der Bedingung, dass Athen sich an das Programm der Troika halten, es wie vereinbart erfüllen und einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen würde.29
Man hoffte, diese vier Akte der Griechischen Erfolgsgeschichte würden den Eindruck erzeugen, dass die Erholung im Gang war, und ihn bis Ende 2014 erhalten, gerade rechtzeitig für Neuwahlen Anfang 2015.30 Doch nach einem vielversprechenden Start, bei dem die finanziellen Kennzahlen einen robusten Merkel-Boom und eine vielversprechende Spekulationsblase signalisierten, gerieten die Pläne der Regierung im Sumpf der gnadenlosen Realität ins Stocken. Denn zwar gingen die Kennzahlen nach oben, die für die Spekulanten an der Wall Street zählen – wie den berüchtigten John Paulson, der genau rechtzeitig auftauchte, um Profit aus der Blase rund um die griechischen Banken zu schlagen –, aber die Zahlen, die das Alltagsleben der durchschnittlichen Griechen betrafen, wurden immer unerträglicher.
Die Regierung rührte ab Anfang 2013 die Trommel für ihre große Erfolgsgeschichte. In dem Jahr schrumpfte das griechische Volkseinkommen um über 5,6 Prozent, eine herzzerreißende Zahl, die in Ländern wie Großbritannien, Deutschland und den Vereinigten Staaten einen Aufstand ausgelöst hätte. In Griechenland war es der fünfte massive Rückgang in Folge. Doch nicht nur die Armen glaubten nicht an die Erfolgsgeschichte. Um den Primärüberschuss zu erzielen, den die Regierung Schäuble als Gegenleistung für die Umschuldung im folgenden Jahr versprochen hatte, führte sie eine Bodensteuer ein und verlor dadurch auch noch die Unterstützung der oberen Mittelschicht, die vielleicht noch reich an Besitz war, aber infolge der Rezession arm an Einkommen wie alle anderen. Ein neuer Witz machte die Runde: Eltern drohen ihren Kindern, dass sie ihnen ihre Immobilien hinterlassen, wenn sie sich nicht anständig benehmen.
Die Regierung muss erkannt haben, dass die Erfolgsgeschichte auf taube Ohren stieß, denn um diese Zeit herum traten einflussreiche Konservative aus Ministerpräsident Samaras’ innerem Kreis an die Nationalsozialisten von der Goldenen Morgenröte heran, um zu sondieren, ob sie sie unterstützen, womöglich sogar unter einem neuen Namen ein Wahlbündnis eingehen würden.
Im April 2014, als die Meinungsumfragen sehr schlecht aussahen und die Europawahlen näher rückten, brachte die Regierung Samaras die EZB-Verkaufsoption auf den Weg. Mithilfe der EZB, die hinter den Kulissen signalisierte, dass sie bereit sei, für die neuen Staatsanleihen zu bürgen, feierte das Finanzministerium seine Rückkehr an die privaten Kreditmärkte und das Ende des Bankrotts und sammelte ein paar Milliarden von institutionellen Investoren ein, die sich vorab bereit erklärt hatten, bei der Scharade mitzuspielen. Niemand fiel darauf herein. Investoren und Wähler sahen, dass die Einkommen weiter schrumpften und die Schulden wuchsen. Bei den Wahlen zum Europaparlament einen Monat später trug Syriza den Sieg davon. Zum ersten Mal hatte die griechische Linke eine landesweite Wahl gewonnen, zwar eine europäische, aber eine, die den Weg für den richtig großen Sieg Anfang 2015 bereitete.
In einer meiner Unterredungen mit dem deutschen Finanzminister nach dem Zusammenbruch der Griechischen Erfolgsgeschichte im Januar 2015, als Syriza an der Macht war, fragte ich ihn aus reiner Neugier, ohne eine Antwort zu erwarten: »Wolfgang, wann hast du beschlossen, [die Regierung] Samaras nicht mehr zu unterstützen?«
Ohne Zögern und entwaffnend ehrlich antwortete er: »Im Juni 2014.«
Das leuchtete ein. Samaras hatte die Europawahlen im Mai 2014 trotz der Unterstützung durch die im April von der EZB vermittelten Anleiheverkäufe verloren. In Schäubles Augen war Samaras eine lahme Ente. Er muss es gründlich sattgehabt haben, bei jedem Gesetzesvorschlag, der ins griechische Parlament eingebracht wurde, damit rechnen zu müssen, dass sich Samaras’ hauchdünne Mehrheit verflüchtigen könnte. Nach der Niederlage bei der Europawahl hatte überdies Samaras’ Eifer nachgelassen, und er setzte die Anweisungen der Troika nur zögernd um. Schäuble dürfte das ziemlich geärgert haben. Kein Wunder, dass er Samaras’ Regierung in dem Monat fallen ließ.
Es war kein Zufall, dass ebenfalls im Juni 2014 Stournaras vom Finanzministerium auf den frei gewordenen Platz an der Spitze der griechischen Zentralbank wechselte. Auch er verließ das sinkende Schiff.
Eine Fünf-Punkte-Strategie
Das Jahr 2013 hindurch tat ich von meinem Zufluchtsort in Austin aus alles, was ich konnte, um Alexis bei der Entwicklung einer überzeugenden Strategie zu helfen, und hielt mich dabei von Syrizas inneren Kämpfen fern. Anfang des Jahres bot sich eine Gelegenheit, Alexis dabei zu unterstützen, Freunde in Washington D. C. zu gewinnen, wo er eine Rede vor dem angesehenen Brookings-Institut halten sollte. Pappas bat mich, die Rede zu schreiben, was ich gerne tat. Ich wollte die politischen Strategen in Amerika von zwei mittlerweile vertrauten, aber fundamental wichtigen Punkten überzeugen. Erstens, dass Syriza eine proeuropäische Partei war, die alles in ihrer Macht Stehende tun würde, um Griechenland in der Eurozone zu halten, was aber nicht bedeutete, eine verfehlte, selbstzerstörerische Politik zu verfolgen. Um in der Eurozone zu bleiben, um überhaupt das Überleben der Eurozone zu sichern, war ein neues Programm nötig, das die Umschuldung an die erste Stelle setzte und dann Reformen vorsah, die die Wirtschaft aus dem Würgegriff der griechischen Oligarchie befreien würden.31 Zweitens mussten wir den Vereinigten Staaten klarmachen, dass sie von der Wirtschafts- und Außenpolitik einer Syriza-Regierung nichts zu befürchten hatten, ein Punkt, den ich später in einer Kolumne in der New York Times vertiefte, die ich zusammen mit Jamie Galbraith schrieb.32 Wie bereits erwähnt, war meine Überlegung, dass wir keine zweite Front mit Washington eröffnen sollten, wenn wir drauf und dran waren, uns gegen Brüssel, Frankfurt, Berlin und Paris zu stellen. Aber natürlich ergriffen viele in Griechenland und bei Syriza die Gelegenheit, mich als Handlanger Amerikas darzustellen.
Zwei Monate später, im März 2013, hörte ich Nachrichten aus Zypern, die mich aufschreckten. Sofort setzte ich mich hin und schrieb eine lange, eindringliche E-Mail an Pappas, die sich an ihn und Alexis richtete. »Ich beschwöre euch, nehmt ernst, was in Zypern passiert. Stellt es euch wie eine Generalprobe für das vor, was die Troika mit euch machen wird, wenn ihr die Wahlen gewonnen habt.« Zypern hatte soeben eine neue Regierung gewählt. Am Tag darauf schloss die Troika alle Banken auf der Insel und diktierte dem neuen Präsidenten die Bedingungen, unter denen sie wieder geöffnet werden sollten. Der neue Präsident war fassungslos, aber unvorbereitet, und unterschrieb auf der gepunkteten Linie.
»In Nikosia probieren sie ihre Taktik aus«, erklärte ich, »nicht weil Zypern so wichtig wäre, sondern eher weil es relativ unbedeutend ist und deshalb den perfekten Schießplatz abgibt, auf dem sie ihre neue Bazooka testen können, bevor sie sie auf euch richten, auf unsere Kameraden in Spanien, Italien und so weiter. Ihnen geht es um den Demonstrationseffekt, ihr sollt wissen, dass die Troika entschlossen und in der Lage ist, die Banken eines Landes zu schließen und der Regierung ihren Willen aufzuzwingen – besonders einer neu gewählten Regierung, die Souveränitätsrechte zurückverlangt. Seht euch das an und lernt daraus!«
Am nächsten Tag sprachen Alexis und ich am Telefon miteinander. Er klang angemessen angstvoll.
»Kann man sie irgendwie aufhalten?«, fragte er.
»Ja, aber dafür brauchst du die richtige Abschreckungsstrategie und ein Team, das fest zusammenhält, für die praktische Durchsetzung«, erwiderte ich.
»Schick mir einen Vorschlag.«
Ich versprach, dass ich ihm meinen Vorschlag persönlich überbringen würde.
Im Mai traf ich in Athen in Alexis’ großzügigem Büro im Parlamentsgebäude erstmals mit seinem Wirtschaftsteam zusammen. Neben Pappas und Dragasakis, dem Schattenfinanzminister, gehörten ihm noch zwei Syriza-Mitglieder an, die ich kannte und mochte: Euklid Tsakalotos, ein geschätzter Kollege von der Universität Athen, und Giorgos Stathakis, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität von Kreta. Bei dem Treffen legte ich den Vorschlag vor, um den Alexis gebeten hatte, eine erweiterte Version des Strategiepapiers, das ich im Juni 2012 ausgearbeitet hatte: Eine Fünf-Punkte-Strategie für ein nachhaltiges Griechenland in einer nachhaltigen Eurozone.
Die Stimmung im Raum war begeistert und bestätigte, dass meine früheren Bemühungen, Alexis vom Grexit als Ziel wie als Drohung abzubringen, nicht umsonst gewesen waren. Während ich auf der Linken insgesamt und bei Syriza viele Freunde verloren hatte, die mir meinen Anteil daran, den Grexit aus dem politischen Programm von Syriza zu streichen, nicht vergaben, wollte Alexis’ innerer wirtschaftlicher Beraterkreis offensichtlich unbedingt eine praktikable Lösung innerhalb der Eurozone finden. Mein Paper sollte sie überzeugen, dass das nicht nur wünschenswert war, sondern auch machbar, dass ein Coup wie in Zypern vermieden werden konnte, und ich schlug ihnen einen Weg vor, wie das gelingen konnte. Erst kam die Abschreckung:
1. Die EZB auf Distanz und die Banken offen halten
Ab Ende 2012 schaffte es Mario Draghi, der clevere Präsident der EZB, den bröckelnden Euro zusammenzuhalten, indem er versprach, den strauchelnden europäischen Volkswirtschaften – Italien, Spanien, Irland und dem Rest – Berge von Schulden in Form von Staatsanleihen abzunehmen.33 Draghi sicherte sich zwar grünes Licht von Angela Merkel für seine Pläne, trotzdem war sein größter Feind die deutsche Zentralbank, die Bundesbank, deren Präsident Draghis Recht und Befugnis infrage stellte, ausfallgefährdete griechisch-römische Schulden zu kaufen – tatsächlich war das ein Verstoß gegen die Satzung der EZB, und Draghi musste sich ein paar Tricks einfallen lassen, um sie zu umgehen. Die Bundesbank verklagte Draghi deswegen.34 Sollte Draghis Versprechen sich angesichts dieser beträchtlichen juristischen Herausforderung in Luft auflösen, dann war die einzige Möglichkeit, den Euro weiter am Leben zu erhalten, weg. Die Bundesbank argumentierte, Draghi sei rechtlich nicht befugt, Verluste aus Aufkäufen von Staatsanleihen zu übernehmen. Das gab der griechischen Regierung erheblichen Spielraum, denn in den Büchern der EZB standen noch Tausende Milliarden griechischer Staatsanleihen, die die EZB zwischen 2010 und 2011 unter ihrem vorigen Präsidenten im Rahmen des Securities Markets Programme (SMP) gekauft hatte. Mein Rat an Syriza lautete, wenn die EZB mit der Schließung der griechischen Banken drohen sollte, sollte ihre Regierung einen einseitigen Haircut bei den sogenannten SMP-Anleihen vornehmen. Damit würde sie die Position der Bundesbank in ihrem Kampf gegen Draghis Plan stärken, die Eurozone durch den Ankauf französischer, italienischer, spanischer, irischer und portugiesischer Staatsanleihen zu retten. Diese Absicht sollten sie klar und deutlich ankündigen. Dann würde Draghi mit Sicherheit zögern, mit Griechenland so umzuspringen, wie er mit Zypern umgesprungen war.
2. Die bankrotten Banker unschädlich machen
Wie Pappas, Alexis und ich schon früher diskutiert hatten, bedeutete die Zerschlagung von Bailoutistan 2.0 die Übergabe der Banken an ihre neuen Besitzer, die Steuerzahler Europas, und die Herauslösung ihrer Verluste aus den griechischen Staatsschulden. Eine Syriza-Regierung sollte deshalb mit der Troika darüber verhandeln, die Anteile an den Banken und ihre Leitung auf europäische Institutionen zu übertragen, deren Aufgabe es dann wäre, sie im Namen aller Europäer wieder aufzupäppeln. Dafür musste Syriza die linken Kräfte, die an die Sozialisierung von Banken glauben, mit den Liberalen vereinen, denen der Gedanke missfällt, bankrotte Banker mit Kapital zu unterstützen, das von machtlosen Steuerzahlern stammt.
3. Eine vernünftige Haushaltspolitik und Vorschläge für eine Umschuldung
Syriza sollte laut und deutlich verkünden, ihre Regierung werde dafür sorgen, dass der Staat nicht über seine Verhältnisse lebte, in guten wie in schlechten Zeiten. Technisch bedeutete das, einen kleinen Primärüberschuss anzustreben, nicht mehr als 1,5 Prozent des BIP – nicht genug, um die nicht tragfähigen Staatsschulden zurückzuzahlen, aber genug, um den Staat flüssig zu halten, während der private Sektor eine Chance haben würde, wieder Luft zu holen. Als Vorbedingung dafür musste Syriza eine so umfassende Umschuldung vorschlagen, dass künftig Rückzahlungen mit einem Primärüberschuss von 1,5 Prozent möglich sein würden. Während der Verhandlungen mit der Eurogruppe und ihrer Troika über diesen letzten Punkt musste sich eine Syriza-Regierung darauf einstellen, die höchsten Gehälter und besonders großzügige Renten zu kürzen, um so viel Geld einzusparen, wie nötig wäre, um über die Runden zu kommen.
4. Ein Notfallplan zur Bekämpfung der humanitären Krise
Unterdessen sollte eine Syriza-Regierung unverzüglich Vorkehrungen treffen, die vielen Hunderttausend Familien, die am meisten litten, mit Nahrungsmitteln, Energie und Wohnraum zu versorgen. Lambros und all jene, die wie er vollkommen abzustürzen drohten, sollten bei der Regierung oberste Priorität haben. Die Ausweise sollten kostengünstig durch eine Smartcard mit Zahlungsfunktion ersetzt werden. Die Funktion würde für Familien unterhalb der absoluten Armutsgrenze aktiviert werden, damit sie in Supermärkten damit bezahlen, ihre Stromrechnung und Wohnkosten begleichen konnten.
5. Ein bescheidener Vorschlag, um die Eurozone funktionsfähig zu machen
Als progressive proeuropäische Kraft sollte die Syriza-Regierung nicht nur für die Griechen verhandeln, sondern mit umfassenden Vorschlägen für den Umgang mit Europas Staatsschulden und Banken, für die Investitionspolitik und die Bekämpfung der Armut nach Brüssel gehen – Vorschläge, ohne die die Eurozone nicht nachhaltig ist. Meine Empfehlung an das Wirtschaftsteam von Syriza lautete deshalb, den Bescheidenen Vorschlag zur Lösung der Eurokrise zu übernehmen, an dem Stuart Holland, Jamie Galbraith und ich über Jahre gearbeitet hatten.
Um diese Ziele zu erreichen, sagte ich den Anwesenden, müssten sie mit einem umfassenden Programm nach Brüssel reisen, das nicht nur für Griechenland gut wäre, sondern auch für alle anderen europäischen Länder. Sie müssten ein klares Signal setzen, dass Athen sich nicht länger durch Einschüchterung dazu bringen lassen würde, immer neue Kredite zu akzeptieren. Die Verantwortlichen in der EU und beim IWF müssten begreifen, dass Syriza mit dem Ziel angetreten sei, Griechenland in der Eurozone zu halten und Kompromisse zu finden. Aber ihnen müsste auch klargemacht werden, dass Syriza notfalls bereit wäre, die Verhandlungen zu verlassen, ungeachtet ihrer Drohungen. Wenn sie nicht dazu bereit wären, sei es von vornherein sinnlos, überhaupt in Verhandlungen einzutreten.
Alexis und Pappas wirkten zufrieden. Euklid und Stathakis signalisierten ebenfalls grundsätzliche Zustimmung. Dragasakis stellte die entscheidende Frage: »Wie können wir die Eurogruppe, die EZB und die Troika davon überzeugen, dass wir nicht bluffen?« Die Frage traf tatsächlich ins Schwarze, das war der Dreh- und Angelpunkt der ganzen Strategie.
Ich erwiderte, Syrizas Wünsche und Prioritäten müssten allgemein bekannt gemacht werden. Alle müssten wissen, dass eine von Syriza geführte Regierung vor allem eine praktikable Vereinbarung innerhalb der Eurozone wolle, aber eher den Grexit akzeptieren werde, ein schreckliches Ergebnis, als eine Kapitulation, das schlimmstmögliche Ergebnis. Wenn diese Reihenfolge der Prioritäten allgemein bekannt wäre, würde die Verantwortung für den Grexit mit all seinen Kosten und den juristischen Problemen, die er nach sich ziehen würde, unweigerlich bei der EU und dem IWF liegen. Es wäre ganz allein ihre Verantwortung, und das würden sie auch wissen.
Aber auch wenn Syrizas wahre Präferenzen bekannt wären, würden die Verantwortlichen von EU und IWF ganz sicher Alexis’ Entschlossenheit auf eine denkbar harte Probe stellen. Es war auch möglich, dass die EU und der IWF letztlich doch Griechenland lieber aus dem Euro werfen würden, als sich mit einer Syriza-Regierung zu einigen, oder dass sie Alexis so unter Druck setzen würden, dass der Grexit quasi aus Versehen passierte. Auf meine Ausführungen folgte eine lange, konstruktive Diskussion, in der wir diese Szenarien durchspielten. Aber mein zentrales Argument war folgendes: Alles hing davon ab, die Eurogruppe, die EZB und die Troika davon zu überzeugen, dass sie es mit ihren Präferenzen ernst meinten; wenn ihnen das nicht gelang, war alles umsonst. Darüber müssten sie sich klar werden, schärfte ich ihnen ein:
Glaubt ihr wirklich ganz fest, tief in eurem Inneren, dass es schlimmer ist, »den Samaras zu machen«, wie er vor der Troika zu kapitulieren, als aus dem Euro geworfen zu werden? Wenn ihr nicht sicher seid, lasst ihr besser Samaras in der Villa Maximos bleiben. Denn was nützt es, die Macht für eine Konfrontation mit den Gläubigern zu erringen, um dann vor der Troika einzuknicken und die Schuld für ihre Unmenschlichkeit auf sich zu nehmen? Gewinnt die Macht nur, wenn ihr fest entschlossen seid, nicht zu bluffen, weil ihr wisst, dass eine Kapitulation noch schlimmer ist als ein furchtbarer Grexit. Nur dann wird Griechenland eine Chance haben, nachhaltig in der Eurozone zu bleiben und den Grexit ein für alle Mal hinter sich zu lassen.
Auf dem Weg zur Tür legte Pappas mir den Arm um die Schulter und sagte: »Das war brillant. Von jetzt an wird das unsere Linie sein.«
Wachsende Skrupel
Am Abend des 11. Juni 2013, eine Stunde vor Mitternacht, froren die Fernsehbildschirme ein. Zwei Stunden lang zeigten die Sender nur einen Moderator, dem man mitten im Satz das Wort abgeschnitten hatte, als er gerade erklären wollte, dass die Regierung beschlossen hatte, die drei staatlichen Fernsehsender zu schließen, alle regionalen und nationalen Radiosender und die Satellitenstation, die die griechische Diaspora mit Nachrichten aus Griechenland versorgte. Es war etwa so, als wären schlagartig alle BBC-Sender ausgefallen und alle Radiostationen der BBC verstummt.
Ich traute meinen Augen nicht. Meine Erinnerung raste zurück in die Zeit von Griechenlands faschistischen Diktatoren, deren erste Maßnahme bei ihrem Putsch darin bestanden hatte, die Fernsehsender zu übernehmen. Sie hatten sich wenigstens die Mühe gemacht, ein Bild der griechischen Flagge zu senden, allerdings mit Militärmusik unterlegt. In Bailoutistan fror die der Troika ergebene Regierung einfach für zwei Stunden das Bild ein. Dann wurden die griechischen Bildschirme schwarz – das beste Symbol, dass die neue Regierung auf einen autoritären Kurs eingeschwenkt war, nachdem das katastrophale Scheitern ihrer Erfolgsgeschichte offenbar geworden war.
Minuten nach dem Blackout drangen Demonstranten in das Gebäude des Fernsehsenders ERT ein, aus dem man mich 2011 verbannt hatte. Das war der Beginn einer monatelangen Besetzung, die den Geist der Proteste auf dem Syntagma-Platz wiederaufleben ließ. Am nächsten Morgen flogen Danae, Jamie Galbraith und ich nach Thessaloniki, um den Mitarbeitern von ERT unsere Unterstützung anzubieten. Dort hielt erst ich eine Rede, und nach mir sprachen Jamie und Alexis vor einem brechend vollen Saal. Meine Rückkehr zu ERT als einer von Tausenden Demonstranten und Gast in dem inoffiziellen Programm, das die Mitarbeiter über das Internet sendeten, hätte nicht freudiger und trauriger zugleich sein können.
Unter dem Eindruck dieser Ereignisse und meiner Treffen mit dem Wirtschaftsteam von Syriza nahm im Lauf des Sommers so etwas wie eine kohärente Agenda langsam Gestalt an. Im November 2013 organisierten Jamie und ich eine zweitägige Konferenz an der Universität Texas zu dem Thema »Ist die Eurozone zu retten?«, an der Alexis, Pappas und Stathakis teilnahmen und Vorträge hielten, die gut ankamen. Der Gedanke dabei war, die drei führenden Syriza-Politiker Vertretern des Establishments aus Europa und den Vereinigten Staaten vorzustellen, Gewerkschaftlern, Wissenschaftlern und Journalisten.
Es war auch eine hervorragende Gelegenheit, um Alexis’ Entschlossenheit zu testen, sich an die Logik der Fünf-Punkte-Strategie zu halten. Während der Konferenz erlebten er und Pappas eine hitzige Diskussion zwischen mir und Heiner Flassbeck, einem linken deutschen Ökonomen, in der Regierung Schröder Staatssekretär im Finanzministerium. Flassbeck behauptete, innerhalb der Eurozone sei Griechenlands Befreiung aus dem Schuldgefängnis unmöglich. Er hielt daran fest, der Grexit sei das richtige Ziel für eine Syriza-Regierung oder zumindest die beste Drohung, die man gegen Griechenlands Gläubiger einsetzen konnte – die gleiche Position vertrat die Linke Plattform, eine offizielle Fraktion innerhalb von Syriza, die ein Drittel der Mitglieder des Zentralkomitees zu ihren Gefolgsleuten zählte.35 In Austin gelangte ich zu der Erkenntnis, dass Alexis diese Position ablehnte und überzeugt war, wenn jemand mit dem Grexit drohe, dann müsse das die Troika sein und nicht Syriza.
Der Winter ging vorüber. Samaras’ Regierung bemühte sich weiter, ihre »Erfolgsgeschichte« zu verkaufen, und die griechische Gesellschaft versank weiter im wirtschaftlichen Sumpf. Im April 2014 konnte die Regierung einen letzten Erfolg verkünden, als Stournaras mit stillschweigender Unterstützung der EZB Staatsanleihen an Investoren verkaufte. Doch im Mai siegte Syriza bei den Wahlen zum Europaparlament, und ihr Sieg zeigte, dass sich die Wähler nicht täuschen ließen. Einen Monat später gab Wolfgang Schäuble die Regierung Samaras auf. Veränderung lag in der Luft.
Für den Sommer war ich wieder nach Griechenland zurückgekehrt. Im Juni traf ich mich mit Alexis und seinem Wirtschaftsteam, um sie vor einer neuen Gefahr zu warnen. Im Kleingedruckten einer ansonsten harmlosen Pressemitteilung der EZB hatte gestanden, dass sie in nächster Zukunft Schuldverschreibungen, die von den Banken geretteter Länder ausgegeben wurden und für die deren Regierungen bürgten, nicht mehr als Sicherheit für Kredite akzeptieren werde. Mit anderen Worten: Ein wichtiger Teil des Verschleierungsmanövers, mit dem die vier größten griechischen Banken ihre tägliche Liquidität gesichert hatten, drohte zu verschwinden. Das Datum, an dem die Neuregelung in Kraft treten sollte, ließ alle Alarmglocken in meinem Kopf schrillen: März 2015 – der Monat, in dem die Amtszeit des griechischen Staatspräsidenten endete, in dem mutmaßlich Neuwahlen stattfinden würden und aller Wahrscheinlichkeit nach Syriza eine Regierung bilden würde.
»Begreift ihr, was sie damit bezwecken?«, fragte ich Alexis, Pappas, Dragasakis, Euklid und Stathakis, nachdem ich ihnen die Bombe der EZB gezeigt hatte. Am Tag nach der Regierungsübernahme von Syriza würde Mario Draghi ihnen mitteilen, dass die EZB wie angekündigt den griechischen Banken praktisch sofort den Zugang zu Liquidität sperren müsse. Damit schuf die EZB die Bedingungen, um ohne Vorwarnung oder Grund sofort nach der Regierungsübernahme von Syriza die Banken zu schließen.
Dragasakis schaute mich fassungslos an. »Und was passiert dann?«
Ich setzte ihm auseinander, die Banken könnten dann nur noch weiter funktionieren, wenn die griechische Zentralbank mitspielte. Sie könnte ihnen über die sogenannte Notfall-Liquiditätshilfe (ELA) Geld leihen. Die griechische Zentralbank ist de facto ein Ableger der EZB, deshalb würde auch dann das Geld von der EZB kommen, allerdings indirekt und zu einem höheren Zinssatz, und die EZB könnte den Geldhahn auch zudrehen.36 Aber bevor all das passieren würde, wäre noch ein anderes Hindernis zu überwinden.
»Ist es Zufall, dass in drei Tagen Ministerpräsident Samaras Stournaras aus dem Finanzministerium entlassen und an der Spitze der Zentralbank installieren wird?«, fragte ich. »Offensichtlich ist es ein Schachzug, der euren Wahlsieg vorwegnimmt.«
An dem Punkt wurde Alexis ärgerlich. »Als Ministerpräsident werde ich als Erstes den Rücktritt von Stournaras verlangen. Notfalls werde ich ihn persönlich aus der Zentralbank herausprügeln.« Pappas hatte einige noch drastischere Lösungsvorschläge für dieses Problem.
Ich wies darauf hin, dass es eigentlich keine Rolle spielte, wer im Büro des Zentralbankchefs saß; für eine Syriza-Regierung musste es oberste Priorität haben, Draghi an der Schließung der Banken zu hindern. Die Fünf-Punkte-Strategie, die ich im Jahr zuvor formuliert hatte, sah als Erstes vor, Draghi klarzumachen, dass die Schließung von Banken durch die EZB eine Reaktion Athens auslösen würde, die womöglich die gesamte Eurozone zu Fall bringen könnte. Die Frage war: Standen sie wirklich hinter der Strategie, und würden sie sich mit allen anlegen, die wie Draghi dachten, nicht nur Stournaras, sondern auch griechische Banker wie Aris und Zorba?
Alexis und Pappas reagierten enthusiastisch: Sie würden ohne Zögern so handeln. Euklid, angeblich derjenige im Team, der am weitesten links stand, stimmte zu. Stathakis nickte. Dragasakis hingegen drückte sich in einer Weise aus, die ich als typisch für ihn kennenlernte: »Machen wir auf der Grundlage des positiven Szenarios weiter. Wenn nötig, werden wir reagieren.«
Eine Woche später präsentierten Alexis und ich in dem herrlichen Garten des Athener Museums für Byzantinische und Christliche Kunst wieder vor einem großen Publikum die griechische Übersetzung des Bescheidenen Vorschlags zur Lösung der Eurokrise. Alexis’ Team war vollzählig anwesend, Dragasakis saß in der ersten Reihe – eine eindrucksvolle Demonstration, dass sie diese Strategie unterstützten.
Zwei Wochen später traf ich mich wieder mit Alexis und Pappas.
»Ist dir klar«, fragte Pappas, »dass niemand anderer als du die Umsetzung der Strategie leiten kann, die du empfohlen hast? Bist du bereit dazu?«
Ich erwiderte, dass ich bereit sei zu kämpfen, dass ich aber nicht viel davon hielte, wenn Technokraten in die Politik katapultiert würden. Tatsächlich hatte ich große Bedenken. Um im Namen eines Landes zu verhandeln, braucht man ein demokratisches Mandat. Der Bescheidene Vorschlag brachte meine persönlichen Überzeugungen zum Ausdruck, und ich hatte nicht vor, die Entpolitisierung der Wirtschaftspolitik, einer durch und durch politischen Domäne, zu legitimieren. Überdies waren es Dragasakis, Euklid und Stathakis gewesen, die Syriza über Jahrzehnte hinweg aufgebaut hatten. Dafür gebührte ihnen der Respekt der Partei. Ich hingegen könnte immer nur ein Stellvertreter für sie sein, und deshalb wäre ich nicht in der Lage, die Verhandlungen mit der erforderlichen Autorität zu führen. Schließlich waren auch meine Zweifel, ob sich die internen Prioritäten von Syriza tatsächlich mit einer glaubwürdigen Regierungsagenda vereinbaren ließen, nicht geschwunden.
Eine Woche später bestätigte Wassily Kafouros, ein Freund aus meinen Studienjahren in England, meine Befürchtungen. Er fragte mich, ob ich als Einziger nicht wisse, dass Dragasakis sehr enge Verbindungen zu den Bankern habe. Ich erwiderte, dass ich das nicht glaube. »Was für Beweise hast du, Wassily?«
»Beweise habe ich nicht«, räumte er ein, »aber es ist allgemein bekannt, dass ihm schon immer daran gelegen war, sogar schon in seinen kommunistischen Zeiten, ein enges Verhältnis zu den Bankern zu haben.«
Ich vermutete, dass der Vorwurf falsch war, und obwohl mir noch immer Zweifel im Kopf herumgingen wie ruhelose Schlangen, beschloss ich, dass es keinen Zweck hatte, wenn ich mir über Probleme Sorgen machte, die ich nicht lösen konnte. Die Wahlsieger mussten die Bogen weglegen. Ich konnte nur auf die Fallstricke hinweisen und Vorschläge machen, wie man sie vermeiden konnte.
KAPITEL 4
Wassertreten
Segler nennen sie das steinerne Schiff oder kurz Steinschiff: drei große Felsen, die im Saronischen Golf weit ins Meer ragen. Von einem Boot, das sich ihnen bis auf eine Seemeile nähert, sehen sie tatsächlich wie ein Geisterschiff aus, das langsam auf Kap Sounion mit dem zauberhaften Poseidon-Tempel zusteuert. Es hat einen ganz besonderen Reiz, unweit der Fahrrinne im Schatten des Steinschiffs in dem unglaublich blauen Wasser zu schwimmen.
Im August 2014 traten Alexis und ich etwa fünfzig Meter von dem Steinschiff entfernt Wasser, so weit weg wie möglich von neugierigen Ohren. Unser Gespräch drehte sich um Vertrauen. Vertraute Alexis seinem Team so weit, dass es sich mit Bankern wie Aris und Zorba anlegen würde? Vertraute er ihnen, dass sie ohne Furcht vor – und ohne den Wunsch nach – dem Grexit mit der Troika verhandeln würden? Würden sie es mit der Troika aufnehmen, die willens und bereit war, sie mittels der Banken zu ersticken, während Griechenlands Oligarchen Amok liefen?
Alexis wich geschickt aus und schlug konsequent einen optimistischen Ton an. Ich hielt an mich, um ihn nicht mit meinen Zweifeln zu überschütten, musste ihm aber die Frage stellen, die mir auf den Nägeln brannte, seit Wassily sie aufgeworfen hatte:
»Alexis«, begann ich so beiläufig wie möglich. »Ich habe gehört, Dragasakis stehe den Bankern sehr nahe. Und ganz allgemein, dass er nach außen unseren Rettungsplan vertritt, während er in Wahrheit daran arbeitet, den Status quo zu erhalten.«
Alexis antwortete nicht gleich. Stattdessen blickte er erst einmal in die Ferne in Richtung des Peloponnes, bevor er sich mir zuwandte. »Nein, das glaube ich nicht. Er ist okay.«
Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte, dass er so kurz angebunden war. Hatte er ebenfalls Zweifel, die aber vom Vertrauen in die Integrität seines älteren Gefährten aufgewogen wurden, oder wies er meine Frage ab? Bis heute weiß ich es nicht. Ich weiß nur, dass er darauf beharrte, dass ich keine Wahl hätte: Wenn der Augenblick gekommen sei, müsse ich bei den Verhandlungen eine führende Rolle übernehmen.
Weil ich keine Lust hatte, meine Bedenken noch einmal aufzuzählen, erwiderte ich spontan: »In Ordnung, Alexis, du kannst mit mir rechnen. Aber nur unter einer Bedingung.«
»Welche?«, fragte er lächelnd.
»Dass ich Syrizas Wirtschaftsprogramm für die Wahl mit formulieren kann. Es darf nicht wieder so sein wie 2012.«
Alexis versprach mir, dafür zu sorgen, dass Pappas mich auf dem Laufenden halten und sich mit mir abstimmen würde, bevor er sich zu wirtschaftspolitischen Fragen äußerte. Mittlerweile war es Zeit, dass wir zu unseren Partnerinnen Betty und Danae zurückschwammen, die in einem kleinen Schlauchboot auf uns warteten.
Blut, Schweiß und Tränen
Einen Monat später war ich wieder in Austin. Dort hörte ich in den Nachrichten, dass Alexis eine große Rede in Thessaloniki gehalten hatte, in der er Syrizas Wirtschaftsprogramm skizzierte. Ich war sprachlos und besorgte mir umgehend den Text. Eine Welle von Übelkeit und Ärger überrollte mich. Ich ging sofort an die Arbeit. Den Artikel, der innerhalb von weniger als einer halben Stunde entstand, nutzte Ministerpräsident Samaras kurz nach seiner Veröffentlichung, um Syriza im Parlament fertigzumachen: »Selbst Varoufakis, euer Guru in Wirtschaftsfragen, sagt, dass eure Versprechen nichts wert sind.« Und so war es auch.
Das Programm von Thessaloniki, wie Alexis’ Rede getauft wurde, war gut gemeint, aber konfus und hatte definitiv nichts mit der Fünf-Punkte-Strategie zu tun, die Alexis und Pappas angeblich unterstützten. Das Programm versprach Lohnerhöhungen, Subventionen, Sozialleistungen und Investitionen, das Geld dafür sollte aus Quellen kommen, die entweder nicht existierten oder illegal waren. Es enthielt auch Versprechen, die wir besser nicht erfüllen sollten. Vor allem aber war es unvereinbar mit jeder vernünftigen Verhandlungsstrategie, um Griechenland in der Eurozone zu halten, obwohl es ausdrücklich behauptete, Griechenland solle in der Eurozone bleiben. Tatsächlich war es so dilettantisch zusammengeschustert, dass ich mir nicht einmal die Mühe machte, es Punkt für Punkt zu kritisieren. Stattdessen schrieb ich:
Wie sehr hätte ich mir gewünscht, eine andere Rede von Alexis Tsipras zu hören, eine Rede, die mit der Frage begonnen hätte »Warum soll man uns wählen?«, und sie dann beantwortet hätte: »Weil wir euch nur drei Dinge versprechen, Blut, Schweiß und Tränen!«
Blut, Schweiß und Tränen, was Winston Churchill bei seiner Amtsübernahme 1940 dem britischen Volk versprach, als Lohn für seinen Anteil am Sieg.
Blut, Schweiß und Tränen, die allen Europäern, nicht nur uns Griechen, das Recht eintragen werden, auf ein Ende des heimlichen, aber rücksichtslosen Kriegs gegen Würde und Wahrheit zu hoffen.
Wir müssen bereit sein, Blut, Schweiß und Tränen zu vergießen, um das Land wieder auf den richtigen Weg zu bringen, was unmöglich ist, wenn wir uns weiter wie Mustergefangene verhalten, die auf vorzeitige Entlassung aus dem Schuldgefängnis hoffen, und wenn wir uns weiter Geld leihen, während zugleich unsere Einnahmen sinken, aus denen wir unsere Rückzahlungen leisten müssen.
Wenn ihr für uns stimmen wollt, dann dürft ihr das nur tun, wenn ihr zu Blut, Schweiß und Tränen bereit seid, die wir euch als fairen Preis dafür versprechen, dass ihr aus dem Mund der Regierungsmitglieder die Wahrheit hört und in Europa Vertreter haben werdet, die weder betteln noch bluffen, sondern eine Strategie verfolgen, die bisher noch keine Regierung verfolgt hat, und die Strategie lautet:
Den Mächtigen die Wahrheit zu sagen.
Unseren Partnern die Wahrheit zu sagen.
Den Bürgern Europas die Wahrheit zu sagen.
Über den beklagenswerten Zustand unserer Banken die Wahrheit zu sagen.
Über unsere »Überschüsse« die Wahrheit zu sagen.
Über die nicht vorhandenen Investitionen die Wahrheit zu sagen.
Und schließlich und besonders schmerzlich: Die Wahrheit zu sagen, dass es keine Aussicht auf Rettung gibt, solange die tödliche Umarmung zwischen einem bankrotten Staat, bankrotten Banken, bankrotten Unternehmen und bankrotten Institutionen fortbesteht.
Noch ein letzter Punkt: Bevor ihr für uns stimmt, sollt ihr wissen, dass wir einen Wahlsieg mehr fürchten als eine Niederlage, dass wir starr vor Angst sind bei dem Gedanken, wir könnten die Wahl gewinnen. Aber wenn ihr euch entscheidet, für uns zu stimmen, damit wir euch wie versprochen Blut, Schweiß und Tränen bringen als Gegenleistung für Wahrheit und Würde, wenn ihr eure Furcht überwindet, dann versprechen wir, dass wir unsere Furcht davor überwinden, dieses Land zu regieren und aus der Hoffnungslosigkeit zu befreien.1
Freunde und Feinde glaubten nach der Veröffentlichung dieses Artikels übereinstimmend, dass dies das Ende meiner kurzen Liaison mit der Führung von Syriza sein würde. Ich glaubte das auch, bis Pappas mich einige Tage später anrief. Er war kurz angebunden und klang so, als wäre nichts geschehen. Ich überließ es ihm zu entscheiden, ob mein Artikel alles verändert hatte oder nicht.
»Er verändert nichts«, erwiderte er unbekümmert. »Du wirst das richtige Wirtschaftsprogramm formulieren. Das Programm von Thessaloniki war ein Kampfaufruf an unsere Truppen. Das ist alles.«
Entnervt sagte ich ihm, was ich dachte: Die Unterstützung unserer Truppen war entscheidend wichtig, und sie anzulügen war bestimmt nicht der richtige Weg, ihre Unterstützung zu bekommen. Unbeeindruckt beruhigte er mich mit ominösen Worten. »Parteipolitik ist das eine, und Regierungspolitik ist das andere. Du kümmerst dich um die Regierungspolitik und überlässt uns die Parteipolitik.«
Ich fragte, wer hinter dem Programm von Thessaloniki stehe. Pappas sagte, Dragasakis habe es mit Unterstützung von Euklid formuliert. Dass Dragasakis im Spiel war, überraschte mich nicht, aber Euklids Beteiligung war eine Enttäuschung. Ich hätte mehr von meinem Freund erwartet. »Wer immer diese Monstrosität geschrieben hat«, sagte ich, »das torpediert jede vernünftige Verhandlungsstrategie.«
Als ich den Telefonhörer auflegte, war mein Mund so trocken und bitter, dass ich mehrere Gläser Wasser trinken musste, bevor ich mit Danae über das Telefonat sprechen konnte. Die Führung von Syriza erzählte untereinander eine Geschichte und den Parteianhängern eine ganz andere. Es war der sichere Weg zu Konfusion, Spaltung und Niederlage gegenüber Gegnern, die einig, mächtig und entschlossen waren. Das, was wir unserem Volk sagten, und das, was wir den Vertretern der Troika, der EU und des IWF, Berlin und Washington, der internationalen Presse und den Finanzmärkten erzählten, sollte eine einheitliche, glaubwürdige Botschaft sein, an der nicht zu rütteln war. Danaes Reaktion auf meine Einschätzung, die Taktik von Pappas und Alexis werde unweigerlich alle künftigen Verhandlungen unterminieren, fiel eindeutig aus: »Du darfst dabei nicht mitmachen.«
Ich stimmte ihr zu.
Die Entscheidung, auf Abstand zu bleiben, brachte sofortige Erleichterung. Doch mein Seelenfrieden währte nur zwei Monate. Ende November 2014 ereilte mich der Ruf erneut, als ich mich auf eine Reise nach Florenz vorbereitete, wo ich einen Vortrag halten sollte. Pappas war am Telefon. Als er hörte, dass ich auf dem Weg nach Italien war, beschwor er mich, vor der Rückkehr nach Austin einen Abstecher nach Athen zu machen. »Du musst unbedingt kommen.« Widerstrebend buchte ich um.
In Florenz sprach ich vor einem Auditorium besorgter italienischer Beamter, Banker und Wissenschaftler. Ich stellte eine neuere Version des Bescheidenen Vorschlags vor, eine Reihe politischer Strategien, die im Rahmen der bestehenden europäischen Regeln umgesetzt werden konnten mit dem Ziel, die Eurokrise überall zu beenden, nicht nur in Italien und Griechenland.2 Am nächsten Morgen nahm ich den Zug nach Rom und von dort ein Flugzeug nach Athen. Auf dem kurzen Flug überlegte ich, was Alexis und Pappas wohl von mir wollten. Die Zeitungen am Flughafen waren voller Gerüchte über baldige Wahlen. Hatten meine Freunde bei Syriza die Botschaft meines Artikels aufgenommen?
Das Taxi setzte mich vor unserer leeren Wohnung ab. Ich stellte meinen Koffer ab und war freudig überrascht, dass mein Motorrad nach drei Monaten Herumstehen sofort ansprang. Eine Viertelstunde später hielt ich bei Alexis’ Wohnblock, wo mich noch unten auf der Straße zwei Wachposten empfingen. Mit dem Aufzug fuhr ich ganz nach oben, zur Wohnung von Alexis, Betty und ihren beiden wunderbaren kleinen Söhnen. Pappas und Dragasakis waren schon da. Es war früher Abend.
Ich verließ die Wohnung erst wieder früh am Morgen des nächsten Tages, fuhr zu unserer Wohnung zurück, wo ich meinen Koffer holte und mir ein Taxi zum Flughafen rief. Dann ging es zurück nach Austin.
»Was ist passiert?«, fragte Danae am Telefon.
»Das sage ich dir, wenn ich bei dir bin.« Zum ersten Mal hütete ich am Telefon meine Zunge aus Angst, dass jemand mithören könnte.
Ein offener Austausch
Die Stimmung bei Alexis und Betty war aufgekratzt gewesen. Samaras’ Regierung hatte in den Meinungsumfragen massiv an Rückhalt verloren, Neuwahlen waren demnächst zu erwarten. Sie wollten eine Strategie für den mittlerweile wahrscheinlichen Fall diskutierten, dass Syriza die Wahl gewinnen würde.
Mir war nicht danach, ihre freudige Aufregung zu teilen. Das Programm von Thessaloniki hatte meine Befürchtungen verstärkt, Alexis könnte drauf und dran sein, die womöglich letzte Chance unserer Generation zu verspielen, Griechenland aus dem Schuldgefängnis zu befreien. Deshalb betonte ich sehr, welche Durststrecke und welche Risiken vor uns lagen, und wiederholte die Argumente, die ich ihnen bei unserem Treffen im Juni hatte nahebringen wollen. Es war schön und gut, für das »positive Szenario« zu beten, das Dragasakis so gerne beschwor, aber wir mussten uns auf der Stelle für ein wahrscheinlicheres, sehr viel weniger schönes Szenario vorbereiten.
»Ich will euch sagen, was euch meiner Meinung nach erwarten wird, sobald ihr die Regierungsverantwortung habt«, begann ich, als wir alle im Wohnzimmer Platz genommen hatten. »Ihr könnt damit rechnen, dass am Montag nach eurer Wahl ein Bankensturm einsetzt.«3
Gerüchte, die EZB könnte die Banken schließen, würden Anleger veranlassen, ihre Euros abzuheben und entweder unter die Matratze zu stecken oder ins Ausland zu transferieren. Genau das sei 2012 passiert und im Jahr darauf in Zypern. Vertreter von EU und IWF würden es nicht eilig haben, mit einer Regierung zu verhandeln, die sie destabilisieren wollten. Sie würden erst mal nichts tun und abwarten, bis Alexis und sein Team vor der ersten von vielen unmöglichen Rückzahlungen an den IWF und die EZB stehen würden, die ab März 2015 fällig wären.4 Wie wir im Juni besprochen hatten, musste eine Syriza-Regierung deshalb darauf vorbereitet sein, vom ersten Tag an zu signalisieren, dass sie diese Zahlungen schlichtweg nicht leisten würde, wenn EU und IWF nicht bereit wären, mit gutem Willen zu verhandeln. Wenn dieser Fall eintrat, würden die EU und der IWF zweifellos antworten, die EZB sei nicht länger in der Lage, den griechischen Banken Liquidität zur Verfügung zu stellen, weil hinter deren Schuldverschreibungen ein insolventer Staat stehe. Diese Drohung lief darauf hinaus, dass die EZB ihre Notfall-Liquiditätshilfe einstellen und damit die Banken praktisch schließen würde.
Die Stimmung war nun nicht mehr so heiter.
»Ich hoffe, nichts davon tritt ein. Vielleicht kommt es nicht so. Aber es wäre dumm, sich nicht darauf vorzubereiten«, sagte ich. »Wenn sie sich für den Kriegspfad entscheiden, werden sie euch auf die Probe stellen, um zu sehen, ob ihr blufft und was eure wirklichen Prioritäten sind.«
»Was, denkst du, will Merkel?«, fragte Alexis. »Ich kann einfach nicht glauben, dass sie meint, es läge in ihrem Interesse, eine weitere Krise heraufzubeschwören.«
»Berlin wird es nicht wagen, die Märkte zu verärgern, indem es die griechischen Banken schließt«, warf Pappas ein. »Griechenland ist nicht Zypern. So können sie mit uns nicht umspringen, das hätte Konsequenzen.«
Ich war anderer Meinung. Nach meiner Ansicht hatten Merkel und Schäuble nicht die Absicht, zu ihrem Parlament zu gehen und um Schuldenerleichterungen für Griechenland zu bitten. Damit würden sie eingestehen, dass die ersten beiden Rettungspakete unter falschen Voraussetzungen gewährt worden waren. Ein solches Eingeständnis konnte Berlin nur vermeiden, wenn es einen dritten Rettungskredit organisierte und damit Griechenland weiter im Schuldgefängnis hielt, aber offiziell nicht für bankrott erklärte. Doch da für jedes Rettungspaket ein griechischer Ministerpräsident geopfert werden musste (Papandreou beim ersten, Samaras beim zweiten) und eine neue Regierung es durch das Parlament bringen musste, würden sie entweder versuchen, Alexis auf ihre Seite zu ziehen oder für ein solches Chaos zu sorgen, dass seine Regierung stürzte. Dann könnte man sie durch eine fügsame technokratische Administration ersetzen, genau wie sie es 2012 getan hatten.
Alexis schaute düster drein. »Aber was ist mit Pappas’ Argument? Haben sie nicht Angst vor Aufruhr an den Märkten?«
»Haben sie«, bestätigte ich. »Aber in dem Augenblick, in dem du in die Villa Maximos einziehst, wird die EZB alle Schleusen öffnen, um die Eurozone mit viel Geld zu stabilisieren.« Ein solches Programm der »quantitativen Lockerung« beinhaltet den massenhaften Ankauf von Staatsanleihen mithilfe der digitalen Notenpresse der EZB. Dadurch würden die Zinsen in Schlüsselländern wie Italien, Spanien und Frankreich sinken. Die EZB plante das seit zwei Jahren, es war Mario Draghis Strategie, um Zeit für den Euro zu kaufen.
»Es wäre dumm, das als Zufall anzusehen«, fuhr ich fort. »Merkel wird denken, dass in dem Augenblick, in dem die Märkte mit EZB-Geld geflutet werden, eine von der EZB erzwungene Schließung der griechischen Banken für sie selbst und für Europas Investoren halbwegs glimpflich über die Bühne gehen dürfte.«
»Wie können wir ihren Plan durchkreuzen?«, fragte Alexis.
»Indem wir ihnen eine einigermaßen anständige Vereinbarung abtrotzen«, erwiderte ich. »Du musst der EZB einen guten Grund geben, dass sie zögert, bevor sie die Banken zumacht.«
Das wichtigste Abschreckungsargument: die verbleibenden griechischen Schulden bei der EZB
Die Strategie, um die EZB von einer Bankenschließung abzuhalten, die wir im Juni diskutiert hatten – basierend auf den fünf Punkten, die ich bei der ersten Begegnung mit Alexis’ Wirtschaftsteam im Mai 2013 vorgelegt hatte und die wiederum auf einem Paper aus dem Juni 2012 basierten –, stand und fiel mit der juristischen Schlacht, die sich Mario Draghi von der EZB und die Bundesbank unter Jens Weidmann lieferten. Draghi hatte versprochen, große Mengen von Staatsanleihen von Europas Wackelkandidaten aufzukaufen, um die Eurozone zu stützen. Die Bundesbank hatte gegen das Anleihekaufprogramm geklagt mit der Begründung, es verstoße gegen die Satzung der EZB. Im Februar 2014 hatten die deutschen Gerichte den Fall an den Europäischen Gerichtshof verwiesen. Die europäischen Richter entschieden zugunsten von Draghi, aber mit einigen gewichtigen Einschränkungen – und diese Einschränkungen gaben nach meiner Analyse einer künftigen Syriza-Regierung beträchtlichen Spielraum. Ich interpretierte das Urteil so, dass Draghi sein Ankaufprogramm nur fortsetzen konnte, wenn die EZB davor geschützt war, die Staatsschulden abschreiben zu müssen, die sie bereits besaß. Das betraf auch die sogenannten SMP-Anleihen: griechische Staatsanleihen, die die EZB von privaten Investoren im Rahmen des Securities Markets Programme gekauft hatte.
Die Summe, die der griechische Staat der EZB in Form dieser ausstehenden Anleihen noch schuldete, belief sich auf 29 Milliarden Euro. Aus Griechenlands Sicht war das eine Menge Geld, zumal im Juli und August 2015 Rückzahlungen von insgesamt 6,6 Milliarden anstanden. Aber aus der Sicht der EZB waren es Peanuts im Vergleich zu der einen Billion Euro und noch mehr, die sie auszuschütten gedachte. Trotzdem waren diese wenigen Milliarden griechische Schulden für die EZB juristisch bedeutsam: Ein Haircut bei diesen Schulden oder eine Verzögerung bei der Rückzahlung würde Draghi und die EZB durch die Bundesbank und das deutsche Verfassungsgericht angreifbar machen, würde die Glaubwürdigkeit seines gesamten Programms zum Aufkauf von Schulden untergraben und einen Konflikt mit Kanzlerin Merkel heraufbeschwören, denn sie würde sich niemals mit der Bundesbank und dem Verfassungsgericht gleichzeitig anlegen. Angesichts dieser mächtigen Gegner musste Draghi damit rechnen, dass seine Freiheit drastisch beschnitten werden würde; das wiederum würde das Vertrauen der Märkte in sein bislang magisches Versprechen, »alles zu tun, was nötig ist«, um den Euro zu retten, aushöhlen – und dieses Versprechen war das Einzige, was den Kollaps der Währung noch verhinderte.
»Mario Draghi wird im März 2015 ein großes Programm zum Aufkauf von Schulden starten, ohne das Programm ist es mit dem Euro vorbei«, sagte ich. »Er kann nichts gebrauchen, was das verhindert.«5 Eine Syriza-Regierung musste deshalb Draghi signalisieren, dass sie einen für beide Seiten vorteilhaften Deal mit der EU, der EZB und dem IWF wollte und dafür zu Kompromissen bereit war. Aber sie musste auch signalisieren, diskret, aber entschlossen, dass sie es als Casus Belli betrachten würde, wenn Draghi als Reaktion auf einen Sieg von Syriza die griechischen Banken schließen sollte. Sie würde dann umgehend die nötigen Gesetze erlassen, um die Rückzahlung der griechischen Staatsanleihen im Besitz der EZB um, sagen wir, zwei Jahrzehnte hinauszuschieben. Ich hatte keinen Zweifel, dass die EZB die griechischen Banken nicht schließen würde, wenn eine Syriza-Regierung früh ihre Absicht kundtat, sich auf diese Weise mit einem Haircut bei den griechischen SMP-Anleihen im Besitz der EZB zu wehren.
»Draghi ist ein zu kluger Zentralbanker, um das zu riskieren, nur damit Berlin euch plattmachen kann«, sagte ich zu Alexis. »Wenn ihr es allerdings nicht schafft, ihn zu überzeugen, dass ihr es mit dem Schnitt bei den SMP-Anleihen ernst meint, hat er keinen Grund mehr, die deutsche Regierung zu verärgern, indem er ihre Forderung zurückweist, euch mit einer Schließung der Banken in die Knie zu zwingen.«
Wie schon 2012 gab ich mir auch an diesem Abend in Alexis’ Wohnung die allergrößte Mühe, eine schlichte Tatsache zu betonen: Bei diesem und jedem anderen Aspekt der Verhandlungen, die Syriza führen würde, durften sie auf keinen Fall bluffen. Selbst wenn Draghi die Banken schließen sollte, musste Alexis’ Regierung gerüstet sein, die Wirtschaft einige Wochen am Laufen zu halten. Aber wenn er sich behauptete – Berlin und Frankfurt zeigte, dass seine Regierung zwar eine ehrenhafte Übereinkunft wollte, notfalls aber dennoch einen kostspieligen, ungeliebten Grexit dem Albtraum von Kapitulation und Schuldknechtschaft vorziehen würde –, dann konnten echte Verhandlungen beginnen.
Waren sie bereit, diese Schlacht bis zum Ende zu führen?
Pappas schien verärgert, dass ich die Frage stellte. Alexis war reservierter und antwortete eher resigniert: »Wir haben keine Wahl.« Dragasakis sagte nichts.
Sie brauchten unbedingt einen Plan, um in dem Augenblick, in dem die Banken schließen würden, Zeit zu kaufen: einen Weg, um mehrere Wochen durchzuhalten, damit sie nicht sofort, wenn die Geldautomaten kein Geld mehr ausspuckten, zwischen Grexit und Kapitulation wählen müssten. Wenn klar war, dass Syriza es ernst meinte, hätten auch Merkel und Draghi die Chance, vor dem endgültigen Bruch noch einmal innezuhalten. Dafür brauchten sie ein Zahlungssystem, das in dem Augenblick aktiviert werden konnte, in dem die Banken schlossen.
Ein paralleles Zahlungssystem
Der von mir skizzierte Plan, den ich im Juni erwähnte und in der Fünf-Punkte-Strategie im Mai 2013 aufgriff, basierte auf früherer theoretischer Arbeit zu der Frage, wie die unter fiskalpolitischem Druck stehenden Regierungen der Eurozone durch einen neuartigen Einsatz der Websites ihrer Finanzämter etwas Spielraum gewinnen könnten. Es war ganz einfach.
Nehmen wir einmal an, ein Staat schuldet Unternehmen A eine Million Euro, zögert die Zahlung aber hinaus, weil er finanziell klamm ist. Nehmen wir weiter an, Unternehmen A schuldet seiner Angestellten Jill 30.000 Euro und einem Lieferanten, Unternehmen B, noch einmal 500.000 Euro. Gleichzeitig schuldet Jill dem Staat 10.000 Euro an Steuern, und Unternehmen B schuldet ihm 200.000 Euro. Stellen wir uns vor, das Finanzamt würde für jeden Steuerzahler (um präzise zu sein: für jede Steuernummer) ein Reservekonto einrichten, auch für die Unternehmen A und B und für Jill. Dann könnte der Staat einfach eine Million Euro auf das Reservekonto von Unternehmen A »einzahlen«, indem er die Zahl eintippt und jedem Steuerzahler eine PIN gibt, um »Geld« von einem Reservekonto auf ein anderes zu transferieren. Unternehmen A könnte so 30.000 Euro auf Jills Reservekonto transferieren und 500.000 auf das Reservekonto von Unternehmen B. Jill und Unternehmen B könnten mit dem Geld ihre jeweiligen Steuerschulden in Höhe von 10.000 Euro beziehungsweise 200.000 Euro an den Staat bezahlen. Damit ließen sich schlagartig viele Zahlungsrückstände ausgleichen.
Ein solches System wäre schon in guten Zeiten eine großartige Sache für Portugal, Italien, auch für Frankreich. Für Griechenland wäre es in dem Notfall, dass die EZB die Banken schließen würde, überlebenswichtig, weil alle möglichen Transaktionen weitergehen könnten, nicht nur Transaktionen mit dem Staat. Zum Beispiel könnten Renten teilweise auf Reservekonten gezahlt werden, und eine Rentnerin könnte einen Teil der Summe dann auf das Konto etwa ihrer Vermieterin transferieren, die ebenfalls Steuern bezahlen muss. Diese Kredite könnten zwar nicht in bar aus dem System herausgenommen werden, aber es würde funktionieren, solange der Staat sie weiter anstelle von Steuern akzeptieren würde. Und es würde sehr gut funktionieren, wenn man es in zweierlei Hinsicht weiterentwickelte.
Jeder griechische Staatsbürger hat einen Ausweis. Stellen wir uns vor, es würden neue Ausweise ausgegeben in Form einer Smartcard mit einem Chip, wie ihn moderne Giro- und Kreditkarten heute schon haben. Die Ausweise von Rentnern, Staatsbediensteten, Sozialhilfeempfängern, Lieferanten des Staates – alle, die Geschäfte mit dem Staat abwickeln – könnten mit ihren Reservekonten bei der Finanzverwaltung verknüpft und dann dafür eingesetzt werden, um in Supermärkten, an Tankstellen und ähnlichen Einrichtungen für Waren und Dienstleistungen zu bezahlen. Mit anderen Worten: Selbst wenn die Banken geschlossen würden, selbst wenn der Staat illiquide wäre, könnte die Regierung weiterhin ihren Verpflichtungen nachkommen, indem sie die Ausweise ihrer Bürger einfach in Kreditkarten verwandeln würde – natürlich nur so lange, wie der Gesamtwert der Kredite den Staat nicht in ein Haushaltsdefizit treiben würde.
Zweitens könnte sich der Staat mit diesem System bei griechischen Bürgern Geld leihen und so die Geschäftsbanken umgehen, die feindseligen und misstrauischen Finanzmärkte und natürlich die Troika. Die Bürger könnten Steuerkredite vom Staat erhalten und darüber hinaus die Option, online Kredit beim Finanzamt zu erwerben, wenn sie Onlinebanking in Verbindung mit ihren normalen Bankkonten nutzen würden. Warum sollten sie das wollen? Weil der Staat ihnen einen Abschlag von, sagen wir, 10 Prozent anbieten würde, sofern sie später, sagen wir in einem Jahr, den Kredit dafür verwenden würden, ihre Steuern zu bezahlen. De facto würde sich der Staat auf diese Weise zu einem Zinssatz von 10 Prozent, den kein Europäer heute bei einer Bank bekommt, Geld bei seinen Bürgern leihen. Solange das Gesamtvolumen der Steuerkredite der Regierung nach oben begrenzt und vollkommen transparent wäre, wäre das Ergebnis eine fiskalisch verantwortungsvolle Erhöhung der staatlichen Liquidität, mehr Freiheit gegenüber der Troika und damit eine Abkürzung auf dem Weg zu dem Endziel einer vernünftigen neuen Vereinbarung mit der EU und dem IWF.
Dragasakis schien beeindruckt. Er bat mich, das alles schriftlich zu formulieren. Alexis und Pappas schienen beruhigt durch den Gedanken, dass ein solches Vorgehen ihnen nach dem Bruch mit den Gläubigern wertvolle Zeit kaufen würde. Achtundvierzig Stunden nach meiner Rückkehr nach Austin schickte ich einen zehnseitigen Entwurf an Pappas, den er an Alexis und Dragasakis weitergeben sollte.
Spulen wir jetzt vier Monate vor, in den März 2015, zu einer Kabinettssitzung der Syriza-Regierung, die Alexis als Ministerpräsident leitete. Nach der Einschätzung, dass die Konfrontation mit der Troika mit einem Rachemanöver an Tag eins begonnen hatte, genau wie ich vorausgesagt hatte, erläuterte ich einen Gesetzentwurf zur Bekämpfung der humanitären Krise, den mein Ministerium im Parlament eingebracht hatte: An dreihunderttausend Familien, die unterhalb der Armutsgrenze lebten, sollten Debitkarten ausgegeben werden mit einer Kreditlinie von einigen Hundert Euro im Monat zur Deckung ihrer Grundbedürfnisse.
»Aber diese Karten sind erst der Anfang«, erklärte ich. »Bald könnten sie die Personalausweise ersetzen und die Grundlage für ein Zahlungssystem abgeben, das parallel zu den Banken existiert.«
Ich erläuterte, wie das System funktionieren würde, und skizzierte dann seine vielen Vorteile: Es würde der Regierung mehr fiskalischen Spielraum geben, die Armen zu unterstützen, ohne sie durch die Verteilung von Lebensmittelcoupons zu stigmatisieren, und vor allem würde es der Troika signalisieren, dass Griechenland ein Zahlungssystem besaß, das unsere Wirtschaft weiter am Laufen halten würde, wenn sie unsere Banken schließen sollte. Und dann war da noch ein letzter Punkt: Sollte die Troika Griechenland aus der Eurozone werfen, was sich der deutsche Finanzminister seit Jahren wünschte,6 könnte dieses Zahlungssystem mit einem Knopfdruck in eine neue Währung umfunktioniert werden.
Als die Kabinettssitzung vertagt wurde, kamen die meisten Minister zu mir und sagten mir, wie begeistert sie von dem Vorschlag seien. Einige klopften mir auf den Rücken, andere umarmten mich, eine Ministerin versicherte, sie sei bewegt und inspiriert.
Fünf Monate später, nach meinem Rücktritt, kritisierte mich die Presse, weil ich ohne einen Plan B in harte Verhandlungen gegangen sei. Tagelang machten sich Politiker nicht nur der Opposition, sondern auch viele Syriza-Abgeordnete in den Medien über mich lustig, weil ich angeblich in die Höhle des Löwen marschiert sei, ohne einen Plan zu haben für den Fall, dass die Banken geschlossen würden. Ich wartete darauf, dass Alexis oder jemand anderes aus dem Kabinett aufstehen und die Sache klarstellen würde. Aber keiner tat das. In einer Telefonkonferenz unter der Leitung von David March vom Official Monetary and Financial Institutions Forum machte ich daher in meiner Antwort auf die Frage, was bei den Verhandlungen der griechischen Regierung mit der EU und dem IWF schiefgegangen war, meine Pläne für ein paralleles Zahlungssystem öffentlich.
Die Diskussion wurde vermeintlich nach der Chatham-House-Regel geführt: Danach dürfen Teilnehmer zitieren, was gesagt wurde, aber ohne den jeweiligen Sprecher zu identifizieren. Doch diese Regel wurde missachtet. Umgehend wurden Aufzeichnungen meiner gesamten Präsentation publik. Und sofort warfen mir dieselben Journalisten und Politiker, die mich lächerlich gemacht hatten, weil ich angeblich keinen Plan B hatte, das genaue Gegenteil vor: »Varourakis’ geheimer Grexitplan« war eine typische Schlagzeile, die suggerierte, ich hätte hinter dem Rücken von Alexis einen teuflischen Plan ausgeheckt, um Griechenland aus dem Euro zu führen. Rufe, mich anzuklagen und vor Gericht zu stellen, wurden lauter. Während ich diese Zeilen schreibe, schwebt tatsächlich eine Anklage wegen Hochverrats im griechischen Parlament über mir, weil ich angeblich Ministerpräsident Tsipras mit einer »Verschwörung« in den Rücken gefallen sei.
Es ist für mich eine Quelle des Stolzes und der Freude, dass glühende Anhänger der Troika in Griechenland jede Gelegenheit nutzen, um mich fertigzumachen. Ich betrachte ihre Angriffe als einen Orden, der mir dafür verliehen wurde, dass ich es gewagt hatte, ihre Forderungen in der Eurogruppe abzulehnen. Aber es erfüllt mich mit Traurigkeit, dass einstige Kabinettskollegen, Menschen, die zu mir kamen, um meinen Vorschlag für ein Zahlungssystem zu loben, entweder so tun, als hätten sie nie davon gehört, oder in solche Verleumdungen mit einstimmen.
Das Angebot
Das Angebot traf mich vollkommen unerwartet. Gegen Mitternacht verlagerte sich die Diskussion in Alexis’ Wohnung von Abschreckung und parallelen Zahlungssystemen zur praktischen Politik. Alexis informierte mich, dass Neuwahlen sehr wahrscheinlich seien. Die Amtszeit der Regierung lief noch über zwei Jahre, aber es war zweifelhaft, ob sie den März 2015 überstehen würde, den Monat, in dem die fünfjährige Amtszeit des Präsidenten der Republik endete. Sofern es Ministerpräsident Samaras nicht gelang, rund um seinen Präsidentschaftskandidaten eine gestärkte parlamentarische Mehrheit zu mobilisieren, würde das Parlament automatisch aufgelöst, und Neuwahlen würden anberaumt werden.7 Und dann trug Alexis unter den wachsamen Augen von Dragasakis ganz beiläufig sein Angebot vor.
»Wenn wir gewinnen, und daran besteht kein Zweifel, möchten wir, dass du unser Finanzminister wirst.«
Während meiner Reise von Austin nach Athen hatte ich immer wieder die Worte vor mich hin gesagt, mit denen ich sein Angebot ablehnen würde – nur dass ich mit einem ganz anderen Angebot gerechnet hatte, dem des Chefunterhändlers unter Finanzminister Dragasakis. Aber nun schlug Alexis mir vor, die beiden Rollen zu vereinen und mir zu übertragen.
Um Zeit zu gewinnen und ehrlich verwirrt wandte ich mich an Dragasakis: »Aber ich dachte, du würdest das Finanzministerium übernehmen?«
Alexis schaltete sich ein: »Dragasakis wird als stellvertretender Ministerpräsident die drei Wirtschaftsressorts kontrollieren.« Damit meinte er das Finanzministerium, das Wirtschaftsministerium und ein neues Ministerium für Produktiven Wiederaufbau.8
Das veränderte alles. Die vorgeschlagene Kabinettsstruktur war vernünftig. Der einzige Grund, Alexis’ Angebot jetzt abzulehnen, wären Zweifel an den wahren Absichten von ihm und Dragasakis, an ihrem Format und Charakter. Es wäre, gelinde gesagt, merkwürdig gewesen, derart fundamentale Bedenken direkt vorzubringen. Stattdessen sprach ich eine andere prinzipielle Frage an.
»Wie du weißt, habe ich erhebliche Vorbehalte gegen das Programm von Thessaloniki. Tatsächlich kann ich ihm kaum etwas abgewinnen, und da ihr es dem griechischen Volk als euer wirtschaftliches Versprechen präsentiert habt, sehe ich beim besten Willen nicht, wie ich als Finanzminister die Verantwortung für seine Umsetzung übernehmen könnte.«
Erwartungsgemäß schaltete sich Pappas an der Stelle ein und wiederholte, das Programm von Thessaloniki sei für mich nicht bindend. »Du bist nicht einmal Mitglied von Syriza.«
»Aber wird man nicht erwarten, dass ich als Finanzminister Mitglied werde?«
Alexis hatte die Antwort offensichtlich schon vorbereitet: »Nein, auf keinen Fall. Ich will nicht, dass du Mitglied von Syriza wirst. Du sollst unbelastet von den verworrenen kollektiven Entscheidungsprozessen in unserer Partei bleiben.«
In meinem Kopf schrillten mehrere Alarmglocken. Alexis’ Argument war vernünftig, barg aber enorme Risiken. Auf der einen Seite würde es mir wertvolle Freiheit verschaffen, wenn ich halbwegs unabhängig von Syriza agieren konnte, einer Partei, deren mehr als dünne wirtschaftspolitische Strategie ich seit Jahren kritisierte. Alexis konnte dann bei all meinen Entscheidungen, die der Parteilinie zuwiderliefen, auf die Tatsache verweisen, dass ich nicht an die Parteilinie gebunden war. Aber das konnte jederzeit als Vorwurf auf mich zurückfallen, und dann hätte ich die Partei gegen mich, deren Unterstützung ich im Kampf gegen die Troika und die griechische Oligarchie doch dringend brauchen würde. Auch diese Sorge konnte ich nicht mit ihnen teilen.
Der Druck, mich zu entscheiden, wuchs, doch ich musste sicher sein: Waren wir uns über Ziele und Mittel wirklich einig? Wenn nicht, wäre mein Leben herrlich unkompliziert geblieben.
»Schauen wir, ob wir uns über Grundlegendes einigen können, bevor wir über meine Rolle in einer Syriza-Regierung sprechen«, schlug ich vor.
Ich beabsichtigte, ihnen eine aktualisierte, feste, klar umrissene Version der Fünf-Punkte-Strategie vorzulegen, die ich Alexis 2012 präsentiert hatte und die dann so schmählich abgelehnt worden war.9
Der Pakt
Ganz oben auf der Agenda müsse eine echte Umschuldung stehen.10 Wir müssten darin übereinstimmen, dass dies das A und O einer Syriza-Regierung sein würde. Griechenland aus dem Schuldgefängnis herauszuholen sei sehr viel wichtiger, als Privatisierungen zu verhindern und andere Ziele auf der Agenda von Syriza. Sie stimmten zu.
Mit einer Umschuldung könnten wir endlich die Spirale aus Austerität und Deflation durchbrechen und einen kleinen Haushaltsüberschuss anstreben – ich nannte als Zielmarke höchstens 1,5 Prozent der Wirtschaftsleistung. Das würde massive Kürzungen bei der Mehrwertsteuer und der Körperschaftssteuer bedeuten, um den privaten Sektor umzustrukturieren.
»Warum sollten Unternehmen weniger bezahlen?«, protestierte Alexis.
Ich erklärte, dass meiner Ansicht nach der private Sektor insgesamt mehr Steuern zahlen sollte, dass sich das aber in einer Zeit, in der die Unternehmen praktisch keine Umsätze machten und die bankrotten Banken selbst profitablen Firmen keinen Kredit geben konnten, nur durch eine Senkung der Körperschaftssteuer erreichen ließ. Dragasakis meldete sich und sagte, er stimme mir zu. Offensichtlich wollte er Alexis und Pappas beruhigen.
Beim Thema Privatisierungen, fuhr ich fort, müssten wir Zugeständnisse machen, wenn wir eine Einigung mit der EU und dem IWF anstrebten. Statt Privatisierungen prinzipiell abzulehnen, müsse Syriza dazu übergehen, jeden Fall einzeln zu prüfen. Überstürzte Verkäufe von öffentlichem Eigentum müssten aufhören, aber einige Vermögenswerte wie Häfen und Eisenbahnstrecken sollten wir zum Verkauf stellen unter der Bedingung, dass ein Minimum an Investitionen getätigt wurde, dass der Käufer sich bereit erklärte, den Beschäftigten anständige Verträge zu geben, und ihnen das Recht auf gewerkschaftliche Vertretung zugestand. Außerdem sollte der Staat weiterhin einen Minderheitsanteil halten, aber einen erheblichen, und die daraus fließenden Dividenden sollten für die Stützung von Pensionsfonds verwendet werden. Die Vermögenswerte, die in Staatsbesitz bleiben würden, sollten auf eine neue staatliche Entwicklungsbank übertragen werden, die sie dann als Sicherheiten verwenden könnte, um Geld für Investitionen in eben diese Vermögenswerte aufzutreiben und so ihren Wert zu steigern, Arbeitsplätze zu schaffen und künftige Einnahmen zu generieren. Sie stimmten auch diesem Punkt zu.
Als Nächstes kam das heikle Thema von Aris, Zorba und ihren Bankerkollegen. Ich erinnerte mich an das unangenehme Gespräch mit Alexis im Schatten des Steinschiffs und wählte in Gegenwart von Dragasakis meine Worte vorsichtig. Ich fragte sie, inwieweit sie bereit wären, sich mit Bankern vom Schlag von Aris und Zorba anzulegen und sie zu zwingen, dass sie die Kontrolle über ihre Banken abgaben, die im Wesentlichen Eigentum der Steuerzahler waren. Ich erinnerte sie an die seltsame Allianz zwischen unseren Bankern und der Europäischen Zentralbank, die ihre Banken durch Schuldverschreibungen, für die Staaten bürgten, am Leben erhielt. Sowohl die einen wie die andere konnten einer Syriza-Regierung die Luft zum Atmen nehmen.
Pappas platzte förmlich vor revolutionärem Eifer und forderte, alle Banker müssten ihre Koffer packen. Alexis war vorsichtiger, stimmte aber prinzipiell zu und betonte, deshalb sei es so wichtig, dass jemand in der Position des stellvertretenden Regierungschefs – gemeint war Dragasakis – die Banker kontrollierte.
Waren sie auch bereit, fragte ich, meinen Vorschlag zu übernehmen, dass die bankrotten Banken in den Besitz der EU überführt und ihrer Kontrolle unterstellt würden? Ich wusste, dass das für eine linke Partei, die unbedingt den Bankensektor verstaatlichen wollte, eine außerordentliche Herausforderung war. Es folgte bedrohliche Stille.
Schließlich brach Alexis das Schweigen mit der unvermeidlichen Frage: »Aber warum können nicht wir die Banken verstaatlichen? Der Staat besitzt sowieso schon die Mehrheit der Anteile. Können wir nicht ein Gesetz verabschieden, das aus unseren stimmrechtslosen Anteilen stimmberechtigte Anteile macht?«
Ich erwiderte, wenn wir nicht bereit seien, die Banken auf die Europäische Union zu übertragen, würden wir den griechischen Staat nicht von den Lasten befreien können, die mit ihrer trügerischen Rekapitalisierung verbunden seien. Die Verstaatlichung der Banken wäre nur bei einem Grexit sinnvoll. »Aber wir haben uns doch darauf verständigt, dass wir den Grexit nicht wollen, richtig?«
»Richtig«, erwiderte Alexis wie aus der Pistole geschossen.
»Können wir uns in dem Fall auf folgende Verhandlungsposition bei den Banken einigen: Die Anteile der Banken sowie die Verbindlichkeiten aus ihrer Rekapitalisierung sollen auf die Europäische Union übertragen werden, sie sollen neue Verwaltungsräte bekommen, die nicht mehr von griechischen Bankern beherrscht werden?«
Alexis und Pappas stimmten zu, aber ich bemerkte, dass Dragasakis sich lieber nicht direkt äußerte. Er sagte lediglich, es sei wichtig, innerhalb der Grenzen der Legalität zu bleiben – eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Dass er dieser Frage auswich, bestätigte meinen Verdacht. Bis zu diesem Punkt schienen alle drei mit der Agenda zufrieden zu sein. Trotzdem fand ich, ich sollte noch einmal rekapitulieren, auf welche Ziele wir uns geeinigt hatten.
»Die Umschuldung ist das Wichtigste. Zweitens, ein Primärüberschuss von nicht mehr als 1,5 Prozent der Wirtschaftsleistung und keine neuen Austeritätsmaßnahmen. Drittens, eine erhebliche Senkung von Umsatz- und Körperschaftssteuer. Viertens, strategische Privatisierungen unter Bedingungen, die die Rechte der Arbeitnehmer schützen und Investitionen fördern. Fünftens, die Errichtung einer Entwicklungsbank, die die verbliebenen staatlichen Vermögenswerte als Sicherheit nutzt, um heimische Investitionen zu generieren; die Dividenden fließen in staatliche Pensionsfonds. Sechstens, die Übertragung von Besitzanteilen und Verwaltung der Banken auf die Europäische Union, während eine staatliche ›Bad Bank‹ sich um die notleidenden Kredite der Banken kümmert. So werden Zwangsräumungen und die massenhafte Enteignung kleiner Unternehmen durch Heuschrecken verhindert.«
Wieder stimmten sie zu, und diesmal klang es überzeugender.
Aber ich war noch nicht fertig. Sie mussten auch der von mir vorgeschlagenen Verhandlungsstrategie zustimmen inklusive dem zentralen Argument zur Abschreckung: der Drohung mit einem Schuldenschnitt bei den SMP-Anleihen und der Einrichtung eines parallelen Zahlungssystems, das uns Zeit kaufen würde, falls die Banken geschlossen werden sollten. Ich ging auch diese Punkte durch, und sie stimmten ebenfalls zu.
Dann kam mein letzter, dringlichster Punkt. »Wir werden nur dann eine anständige Vereinbarung bekommen, wenn wir uns einig sind, dass wir gegenüber der Troika nicht bluffen. Sind wir da einer Meinung?«
Dragasakis fragte, was ich meine. War das eine echte Frage oder taktische Amnesie? Egal, ich freute mich, dass ich den entscheidenden Punkt noch einmal wiederholen konnte, den Punkt, auf den ich seit unserer allerersten Begegnung Wert legte: »Es ist kein Bluff, eine Absichtserklärung abzugeben, wenn man die Absicht hat, sich daran zu halten, unabhängig davon, was die andere Seite tut.«
Alexis begriff: »Wir haben es verstanden. Du willst damit sagen, dass wir nicht unterschreiben, selbst wenn sie uns mit dem Grexit drohen. Richtig?«
Ich bestätigte, dass das genau mein Punkt sei: Es hatte keinen Sinn, in harte Verhandlungen mit den mächtigsten Kreditgebern der Welt zu gehen, wenn wir nicht eine tragfähige Vereinbarung innerhalb des Euro wollten, nichts taten, was eine solche Vereinbarung gefährden konnte, aber auch immer ganz klar vor Augen hatten, dass wir uns für den Grexit entscheiden würden, wenn wir nur die Wahl zwischen Unterwerfung unter eine verlängerte Bestrafung mit dem Schuldgefängnis und dem Grexit haben sollten.
»Sind wir uns in diesem Punkt einig?«, wiederholte ich meine Frage noch einmal.
»Das versteht sich von selbst«, erwiderte Alexis. Pappas stimmte enthusiastisch zu, Dragasakis sagte demonstrativ nichts, lächelte nur freundlich und müde. Wir hatten praktisch einen Pakt geschlossen.
Nun musste ich eine Entscheidung treffen.
Ja oder nein?
Die Stunde der Wahrheit war gekommen. Vor mir lag ein Angebot, das ich ablehnen konnte. Die Risiken, wenn ich es annahm, waren klar und gewaltig. Ich mochte Alexis und wollte an ihn glauben, aber die Ereignisse des Jahres 2012 und, aktueller, seine beiläufige Missachtung unserer Steinschiff-Vereinbarung, mich in die Formulierung von Syrizas Programm von Thessaloniki einzubinden, hatten mir mehr als ausreichend Grund für Skepsis geliefert. Und wie Danae nach meiner Rückkehr nach Austin sagte: Sie konnten mich ausnutzen, weil ich entbehrlich war. »Wenn du einen anständigen Deal aushandelst, werden sie den Erfolg für sich reklamieren. Wenn nicht, werden sie dir die Schuld geben.«
Ich war ein Outsider, sowohl im Verhältnis zu Syriza wie gegenüber dem Establishment, und damit ein ideales Ziel für die Geschosse und Pfeile der Troika, des heimischen Establishments, der Anhänger und Parteimitglieder von Syriza. Sie würden mich treffen statt Alexis und seinen engsten Kreis. Es machte mir nichts aus, die Zielscheibe zu spielen, Finanzminister tun das in der Regel für ihre Ministerpräsidenten und Kabinette. Es wäre die Sache wert, aber nur so lange, wie unser Pakt galt und allen klar war, dass dieser Kampf sich nur lohnte, wenn wir bereit waren, ihn bis zum Letzten auszufechten. Ich war dazu bereit. Waren sie es auch? Ich hatte nicht genug Anhaltspunkte, um diese Frage zu beantworten.
Gleichzeitig stand ich vor einem moralischen Dilemma. Hatte ich das Recht, Alexis’ Angebot abzulehnen? Der künftige Ministerpräsident bot mir eine Gelegenheit, meinen Worten Taten folgen zu lassen: die Verhandlungsstrategie und das Reformprogramm umzusetzen, für die ich von der Seitenlinie aus immer plädiert hatte, seit Griechenland in diesem speziellen Gefängnis steckte. Sokrates hat gesagt, ein gutes Leben heiße, dass man auf dem Sterbebett nichts zu bereuen habe. Wie würde ich mich später, im Alter, fühlen, wenn ich an den Augenblick zurückdachte, in dem ich diese Gelegenheit ausgeschlagen hatte?
Wenn ich nur mit Danae darüber sprechen könnte, dachte ich. Aber da uns Tausende Kilometer trennten und nachdem wir so lange in Alexis’ Wohnung beraten hatten, musste nun eine Entscheidung fallen. Und so traf ich eine Entscheidung. Aber bevor ich zusagte, hatte ich eine letzte Bedingung: dass ich ins Parlament gewählt wurde. Ich war nicht bereit, ein weiterer Finanzminister ohne Abgeordnetenmandat zu werden wie Stournaras und sein Nachfolger.11
»Aber Yanis, du hast noch nie bei einer Wahl kandidiert«, wandte Alexis ein. »Du hast nicht die Infrastruktur vor Ort, du lebst in Texas, und die Wahl wird bald stattfinden!«
Pappas schaltete sich mit einem Kompromissvorschlag ein: Ich könnte auf der Liste für einen der Parlamentssitze stehen, die der Parteiführer verteilt.12 Alexis schlug dann vor, mir weit unten auf der Liste einen »Ehrenplatz« zu geben. Damit würde ich keinen Parlamentssitz erringen, aber es wäre ein Signal, wie hoch ich bei Syriza geschätzt war.
Ich blieb hart. »Das reicht nicht. Entweder bekomme ich ein Direktmandat von den Wählern, ohne Einmischung der Führung, oder ich bin raus.« Es war keine Frage der Ehre. »Wenn ich Wolfgang Schäuble in der Eurogruppe gegenübertreten soll, einem erfahrenen Politiker, der seit Jahrzehnten die Unterstützung seines Volks besitzt, dann brauche ich Tausende von Wählerstimmen, die mich unterstützen. Ansonsten würde mir die nötige Legitimität fehlen.«
»Aber was passiert, wenn du nicht gewählt wirst?«, beharrte Alexis.
»Dann hat das Volk gesagt, dass es nicht von mir in der Eurogruppe vertreten werden will. Ganz einfach! Die Vorstellung, dass Technokraten im Namen der unwissenden Massen Wirtschaftsverträge aushandeln, ist aus meiner Sicht abstoßend und gehört in den Papierkorb.«
»In welchem Wahlkreis willst du antreten?«, fragte Dragasakis.
»Ich habe mein ganzes Leben im Großraum Athen gewählt, deshalb soll es der Großraum Athen sein.« Mir schien das auf der Hand zu liegen.
»Der Großraum Athen ist brutal, Yanis«, erwiderte Alexis. »Bist du sicher?«
»Ich bin sicher.«
Die meisten Wahlkreise in Griechenland wählen jeweils mehr als ein Mitglied des Parlaments. Der Großraum Athen ist der größte Wahlkreis im Land, mit mehr als 1,5 Millionen registrierten Wählern, die 44 Prozent der dreihundert Abgeordneten wählen. Ich war mir absolut bewusst, dass es auch der Wahlkreis von Pappas und Dragasakis war.13
Pappas, der merkte, dass es mir ernst war, versicherte: »Er wird problemlos gewählt werden.« Damit beendete er die Diskussion, aber nicht mein Unbehagen.
Dass sie mich nicht als Mitglied von Syriza wollten, war einleuchtend. Beunruhigender war es, wenn sie meine Wahl ins Parlament ablehnten, weil es sehr dafür sprach, dass mein Nutzen für Alexis sich umgekehrt proportional zu meiner eigenen politischen Legitimität verhielt. Aber es konnte genauso gut sein, dass Alexis einfach besorgt war, ich könnte bei den Wählern nicht gut genug ankommen. Dieser Gedanke plus der Pakt, den wir soeben geschlossen hatten, machte es unmöglich, das Angebot abzulehnen, obwohl ich in einem Meer aus Zweifeln schwamm.
Auf dem Weg zur Tür sagte Alexis nachdenklich zu mir: »Du wirst ein Team zusammenstellen müssen für den Fall, dass sie uns aus der Eurozone werfen. Fang bald damit an.«
»Das mache ich, Alexis«, erwiderte ich. Das war die Geburtsstunde dessen, was als Plan X bekannt wurde – der nur aktiviert werden sollte, wenn und nachdem Berlin und die EZB ihren Plan Z aktivierten, um Griechenland über die Grexit-Klippe zu stoßen.14 »Aber eines sollst du wissen, Alexis«, fügte ich noch hinzu. »Der beste und einzige Weg, uns langfristig in der Eurozone zu behaupten, ist, unsere Gläubiger mit Zeichen der Mäßigung zu überschütten und ihnen gleichzeitig zu signalisieren, dass wir unerschütterlich entschlossen sind, unsere Abschreckungsstrategie zu aktivieren, sollten sie versuchen, uns zu zerschmettern.«
Alexis nickte zustimmend. Dragasakis, der sehr müde aussah, lächelte schwach und bat mich, ihn auf dem Laufenden zu halten. Ich versprach es.
Chronik eines angekündigten Hinterhalts
Nach jenem Tag spät im November 2014 legte die Zeit den Schnellgang ein. Danae und ich begannen sofort mit der Planung unseres Umzugs zurück nach Athen Ende Januar, rechtzeitig für einen möglichen Wahltermin im März. Doch Ministerpräsident Samaras hatte einen anderen Plan.
Am 8. Dezember kündigte er an, dass er die Präsidentschaftswahl vorziehen werde. Der erste – rein formale – Wahlgang sollte neun Tage später stattfinden, am 17. Dezember, der zweite, ebenfalls formale, Wahlgang am 22. Dezember und der dritte – entscheidende – am 27. Dezember.15 Als ich die Nachrichten hörte, dachte ich, er müsse einen Weg gefunden haben, um zwei weitere Jahre an der Regierung bleiben zu können. Warum sonst sollte er eine Wahl vorziehen, die seine Amtszeit um zwei ganze Monate verkürzen konnte?
Am nächsten Tag überprüfte ich meine Theorie. Am 9. Dezember beantragte der griechische Finanzminister bei der Eurogruppe eine Verlängerung der zweiten Rettungsvereinbarung, die am 31. Dezember 2014 auslaufen sollte, um zwei Monate. Warum nur zwei Monate, während die Troika doch eine Verlängerung um sechs Monate vorgeschlagen hatte? Wenn Samaras damit rechnete, weitere zwei Jahre im Amt zu bleiben, hätte er sicher mindestens sechs Monate haben wollen, bevor er dem Parlament einen dritten Rettungskredit vorlegte, den die Politik der Troika erforderlich machen würde. Warum verkürzte er die Zeit so sehr? Mir fiel nur eine Erklärung ein: Er verkürzte die Zeit nicht für sich, sondern für uns.
Ich rief aus Austin Pappas und Alexis an und erzählte ihnen, was ich vermutete. Samaras wusste, dass er sich nicht halten konnte, er hatte sich damit abgefunden, dass Ende Januar Wahlen stattfinden würden, die er verlieren würde, aber er rechnete damit, dass die Troika mit dem Auslaufen der Rettungsvereinbarung, nach der Verlängerung am 28. Februar 2015, die griechischen Banken schließen würde. Das wäre dann das Ende der gerade seit vier Wochen amtierenden Syriza-Regierung. Und damit wäre der Weg frei, dass eine technokratische Administration wie die von 2012 eine dritte Rettungsvereinbarung schließen und er selbst im Triumphzug in die Villa Maximos zurückkehren könnte. Unter uns bezeichneten wir das als Samaras’ Plan für ein »linkes Zwischenspiel«.
Zwei Entwicklungen bestätigten unsere Theorie. Erstens verbreiteten Samaras und seine Minister in Reaktion auf die Meinungsumfragen, die einen Sieg von Syriza voraussagten, dass am Morgen nach dem Sieg die Banken geschlossen würden. Damit rief die amtierende Regierung praktisch zu einem Bankensturm auf. Am 15. Dezember sagte Stournaras, bis Juni Samaras’ Finanzminister, inzwischen Leiter der Zentralbank des Landes, in einer offiziellen Rede folgenden Satz, der in der Geschichte der Zentralbanken einmalig ist:
Im Rahmen meiner Pflichten als Gouverneur der Bank von Griechenland und in meiner Eigenschaft als Mitglied des Rats der Europäischen Zentralbank muss ich feststellen, dass sich die Krise der letzten Tage zuspitzt, dass die Liquidität auf den Märkten rasch abnimmt und nicht nur das Risiko besteht, dass das kürzlich begonnene Wirtschaftswachstum wieder zurückgeht, sondern auch, dass die griechische Volkswirtschaft insgesamt irreparabel Schaden nimmt.16
Nie zuvor hatte ein Zentralbanker so eklatant sein Mandat verletzt, für finanzielle Stabilität zu sorgen. Die Zentralbanken wurden geschaffen, um in Zeiten schrumpfender Liquidität einen Bankensturm zu verhindern, indem sie den Märkten versicherten, dass ausreichend Liquidität vorhanden sein würde. Mit diesem Satz hatte Stournaras das Gegenteil getan: Er hatte den von der amtierenden Regierung ausgelösten Bankensturm beschleunigt, um eine künftige Syriza-Regierung zu destabilisieren.
Am 20. Dezember brachte die Regierung Samaras die zweimonatige Verlängerung der Vereinbarung über das zweite Rettungspaket durch das Parlament und meißelte damit den 28. Februar als den Tag in Stein, an dem die Banken schließen würden, wenn keine neue Vereinbarung mit EU und IWF zustande kommen sollte. Eine Woche später scheiterte der Präsidentschaftskandidat von Ministerpräsident Samaras. Für den 25. Januar 2015 wurden Neuwahlen angesetzt. Die Würfel waren gefallen. Ich musste schnellstmöglich nach Athen zurückkehren, um den ersten Wahlkampf meines Lebens zu führen in einem Land, in dem ich seit drei Jahren nicht mehr lebte.
Während ich all das von Austin aus beobachtete, erkannte ich ganz klar den Hinterhalt, der mich erwartete. Es war keine Überraschung. Und doch gibt es Zeiten im Leben, da erfüllt es das Herz mit Traurigkeit, wenn eine Boshaftigkeit, obgleich erwartet, tatsächlich eintritt. Ein alter Witz fiel mir ein: Zwei Golfer erzählen sich ihre Lebensgeschichten, während sie von einem Loch zum nächsten wandern. Der erste gesteht, dass er sein Vermögen gemacht hat, als seine Fabrik abbrannte und er die Versicherungssumme kassierte. Der zweite Golfer bekennt, dass er zu seinem Geld kam, als eine Flutwelle sein Unternehmen vernichtete und er einen hübschen Scheck von der Versicherung erhielt. Der erste Golfer schaut ihn verblüfft an: »Aber wie hast du das mit der Flut gemacht?«
Ministerpräsident Samaras und Zentralbankchef Stournaras hatten bei uns zu Hause Feuer gelegt in Form eines Bankensturms, und wir würden das Feuer löschen müssen, während wir gleichzeitig mit mächtigen ausländischen Gläubigern verhandeln mussten, die ihr Geld eigentlich gar nicht zurückhaben wollten. Unterdessen würden unsere Zentralbank, die Europäische Zentralbank, die griechische Oligarchie und die Medien Öl ins Feuer gießen. Unser einziger Verbündeter gegen eine solche Allianz würde ein geschlagener, deprimierter, aber hoffentlich entschlossener demos sein.
Wahrheit ohne Angst
Seit Griechenland in dem Käfig der nicht rückzahlbaren Schulden steckte, hatte man mich als Narr hingestellt. Das Establishment nannte mich so, weil ich mich weigerte anzuerkennen, dass ein Nein zu ihren Rettungspaketen den Ausschluss aus dem Euro bedeutete. In einer Demonstration von anrührender Überparteilichkeit bezeichneten mich viele Linke aus exakt dem gleichen Grund ebenfalls als Narr: Für sie war mein Ziel, Griechenland innerhalb der Eurozone zu emanzipieren, ein Hirngespinst.
Dieser unwahrscheinliche Konsens über Parteigrenzen hinweg signalisierte den Griechen, dass sie vor einer einfachen Wahl standen: entweder weiter schweigend im Schuldgefängnis leiden, um die letzten Euros zu behalten, die sie noch in der Tasche hatten, oder die Eurozone verlassen, möglicherweise auch die Europäische Union. Die Troika und ihre Anhänger in Griechenland, die griechische Kommunistische Partei und die Mitglieder der Linken Plattform von Syriza waren sich zwar uneins, welche der beiden Optionen vorzuziehen war, aber in einem Punkt stimmten sie überein: Varoufakis ist bestenfalls ein nützlicher Idiot, der Griechenlands rebellische Volksmassen in eine schreckliche Niederlage führen wird (die beharrliche Behauptung der Linken), und schlimmstenfalls ein gefährlicher Narzisst, möglicherweise ein Agent satanischer Kräfte, der zusammen mit George Soros und anderen amerikanisch-jüdischen Feinden des Euro Europa destabilisieren möchte (die Behauptung des Establishments). Diese beiden Denkschulen schafften das Unmögliche: ein und dieselbe Person zugleich als Feind von Griechenlands Platz in Europa und als Handlanger Brüssels hinzustellen.
Weil ich mir der realen Gefahren bewusst war, die dieser mächtige Konsens heraufbeschwor, schrieb ich Anfang 2014 ein Buch mit dem Titel Die Entstehung von Bailout-Griechenland, das nur auf Griechisch erschien. Darin formulierte ich noch einmal das Argument, das ich seit Jahren wiederholte: Griechenland durfte nicht den Grexit anstreben, sondern sollte sich um eine praktikable Vereinbarung bemühen, die seinen Verbleib in der Eurozone sicherte. Eine solche Vereinbarung war möglich, aber keinesfalls sicher, sofern wir uns nicht durch die Drohung mit einem erzwungenen Grexit einschüchtern ließen.
Eine Woche vor der Parlamentswahl am 25. Januar 2015 präsentierte ich das Buch im Megaro Musikis, der Athener Musikhalle, vor Hunderten Menschen vor Ort und weiteren zweihunderttausend, die die Veranstaltung per Videostream im Internet verfolgten. Das sollte meine einzige Wahlkampfveranstaltung sein, deshalb nutzte ich sie, um den Wählern meine Verhandlungsziele und meine Strategie darzulegen, genau wie ich es bei Alexis, Pappas und Dragasakis getan hatte. Ich schloss mit folgenden Worten:
Wir können nur eine Schlussfolgerung ziehen: dass es sinnlos ist, mit der EU und dem IWF zu verhandeln, wenn wir die Kapitulation nicht mehr verabscheuen als den Grexit. Wenn Syriza tief im Innersten glaubt, dass der Grexit schlimmer ist als eine weitere Rettungsvereinbarung, dann sollte sie gleich am Anfang kapitulieren – oder am besten die Wahl gar nicht erst gewinnen. Das bedeutet nicht, dass wir den Grexit wollen oder darauf hinarbeiten sollen. Es bedeutet, dass der einzige Weg zu einer tragfähigen Vereinbarung innerhalb der Eurozone darin besteht, unseren Gläubigern maßvolle Vorschläge für eine neue Vereinbarung zu unterbreiten, während wir zugleich entschlossen sind, nicht vor der Drohung mit dem Grexit zu kapitulieren.
Wenn ich mir überlege, was unsere Gläubiger vermutlich wollen, glaube ich wirklich, dass der Grexit eine leere Drohung ist, denn er wird die EU rund eine Billion Euro an staatlichen und privaten Schulden kosten, die sie abschreiben müssen, und in Europas Finanzlabyrinth wird es zu einer Kettenreaktion von Insolvenzen kommen. 2010 wurde ich kritisiert, weil ich auszusprechen wagte, dass die Regierung Papandreou Nein zu Berlin und Brüssel hätte sagen können, weil ein Grexit 2010 die französischen und deutschen Banken hätte explodieren lassen. Heute, fünf Jahre später, schelten mich dieselben Leute, weil ich eine Strategie vorschlage, die 2010 hätte funktionieren können. Nun, ich habe Nachrichten für sie: Ich hatte damals recht, wie sie heute selbst einräumen, und ich dürfte ziemlich sicher heute recht haben. Der Grexit wird sie immer noch teuer zu stehen kommen, trotz allem, was sie getan haben, um sich gegen seine Schockwellen abzuschirmen – und deshalb glaube ich, dass er eine leere Drohung ist.
Natürlich kann es sein, dass ich mich irre. Vielleicht fürchten sie einen Kompromiss mit uns mehr als den Grexit. Aber selbst wenn ich mich irre, stellt euch die Frage: Trotz der zweifellos hohen Kosten eines Grexit – ist die weitere Mitgliedschaft im Euro in dauerhafter Schuldknechtschaft und ewiger Rezession die bessere Lösung?
Meine Damen und Herren, genau wie ein friedliebendes Volk den Krieg nicht will, aber seine Freiheit nicht aufgeben wird, wenn es mit Krieg bedroht wird, ist es absolut rational, den Grexit abzulehnen, wie ich es tue, und trotzdem nicht bereit zu sein, in einem Staat mit einer dauerhaften Wirtschaftskrise zu leben, nur weil man uns mit dem Grexit droht.17
Weil die Wahlen näher rückten und das Gerücht die Runde machte, ich werde der nächste Finanzminister sein, balancierte ich auf einem Drahtseil. Finanzminister gehen traditionell sparsam mit der Wahrheit um. Es wird sogar als ihre Pflicht angesehen, geplante Veränderungen abzustreiten wie Änderungen bei Zinssätzen oder Wechselkursen, selbst wenn sie so etwas bereits vorbereiten. Das soll schädliche vorweggenommene Reaktionen der Märkte verhindern, die den gewünschten Effekt der Veränderung zunichtemachen könnten. In meinem Fall musste ich dem griechischen Volk die Wahrheit über die bevorstehende finanzielle Aggression unserer Gläubiger sagen, ohne den Bankensturm auszulösen, der mich daran hindern würde, im Namen des Volkes einen anständigen Deal mit den Gläubigern auszuhandeln.
Ich wählte die Strategie, zu sagen, wie die Dinge standen, mit einem Schuss Optimismus, dass alles gut ausgehen würde, wenn wir bei unserem Pakt blieben. In einem Interview im Privatfernsehen sagte ich an jenem Morgen: »Wenn Syriza nicht entschlossen ist, Mario Draghis Drohungen, die Banken zu schließen und die Geldautomaten zu sperren, mit der Erinnerung zu kontern, dass so eine Aggression den Geist und die Verträge der Europäischen Union verletzt, und dann den Hörer aufzulegen, hat es keinen Sinn, dass wir gewählt werden. Unser Volk muss auf solche Drohungen der EZB gefasst sein, die genau das mit den Iren und den Zyprioten gemacht hat.«
Das waren nicht eben tröstende Worte von jemandem, der ins Finanzministerium strebte, aber weil das Volk unser einziger Verbündeter war, konnte ich es mir nicht leisten, es im Dunkeln zu lassen. Es musste auf den schlimmsten Fall vorbereitet sein. Gleichzeitig musste ich ihm Mut machen. Auf die Frage in einem weiteren Fernsehinterview, ob die EZB unsere Banken schließen würde, antwortete ich taktisch: »Wenn wir unsere Karten richtig ausspielen, ist die Chance, dass das passiert, genauso groß wie die Aussicht, dass die Sonne am nächsten Tag nicht wieder aufgehen wird.«
In einem Artikel, den ich einen Tag nach diesem Fernsehinterview veröffentlichte, war ich freimütiger. Ich warnte, dass während unserer Verhandlungen die Aktienkurse und alle finanziellen Kennzahlen in schwere Turbulenzen geraten würden. Gleichzeitig versuchte ich, Optimismus zu verbreiten: »Während die Verhandlungen laufen, werden die Märkte und die Spekulanten kurz vor einem Schlaganfall stehen. Aber wenn sie abgeschlossen sind und Griechenland als zahlungsfähiges Land wiederaufersteht, dann werden die Märkte harmonisch nach unserer Melodie tanzen.«18
Die richtige Balance zu finden – wie informiert man, ohne zu alarmieren, wie warnt man, ohne Angst zu verbreiten – war ein schreckliches Dilemma.
Einige andere Dilemmata waren sehr viel einfacher zu lösen.
Die Waffen des Feindes ablehnen
Viele meiner Freunde in der ökonomischen Zunft – die mutmaßten, dass ich drauf und dran war, den schlimmsten Job im Universum zu ergattern – versicherten mich per E-Mail oder per Telefon ihrer Unterstützung. Einige schlugen vor, ich sollte an meinem ersten Tag im Amt Kapitalverkehrskontrollen einführen. Das heißt, statt zu warten, dass die EZB unsere Banken schließen und unsere Geldautomaten sperren würde unter dem Vorwand, den Bankensturm aufzuhalten, den sie gerade ausgelöst hatte, könnten wir ihnen zuvorkommen und Restriktionen verhängen, wie viel Bargeld Konteninhaber abheben und ins Ausland überweisen konnten. Die Idee dahinter war, dass wir, wenn wir den Bankensturm abschwächten, mehr Zeit gewinnen könnten, bevor die Banken geschlossen wurden, Zeit, um unter ruhigeren Umständen zu verhandeln. Gegen diesen Vorschlag sprachen drei Überlegungen.
Erstens wäre die Verhängung von Kapitalverkehrskontrollen der offensichtliche erste Schritt, der anzeigte, dass die Partei beabsichtigte, zu einer nationalen Währung zurückzukehren, um sie dann abzuwerten und damit wieder wettbewerbsfähig zu werden: In dem Fall würden Kapitalverkehrskontrollen verhindern, dass Geld abfloss, weil die Menschen eine Abwertung erwarteten. Mit anderen Worten: Die Einführung von Kapitalverkehrskontrollen wäre nur dann der richtige Schritt, wenn wir vorhätten, die Eurozone zu verlassen – wenn wir den Grexit wollten –, und würde deshalb sowohl meinen Verhandlungszielen widersprechen wie meiner Strategie, zu vermitteln, dass wir es mit unseren Zielen ernst meinten. Selbst wenn wir es schaffen sollten, Brüssel davon zu überzeugen, dass wir den ernsthaften Wunsch hatten, im Euro zu bleiben, würden Kapitalverkehrskontrollen signalisieren, dass wir bereit waren, innerhalb der Eurozone zu Bürgern zweiter Klasse zu werden, zu Nachzüglern, die zwar Euros hatten, aber damit nicht tun konnten, was sie tun wollten. Und ich wollte genau das gegenteilige Signal aussenden.
Zweitens wurde die Zeit, die für Verhandlungen zur Verfügung stand, durch unseren Terminplan für die Schuldenrückzahlungen bestimmt, deshalb konnten wir mit Kapitalverkehrskontrollen nicht wirklich Zeit kaufen. Die Rückzahlungen sollten im April 2015 beginnen und bis August weitergehen, darum brauchten wir allerspätestens im Juni 2015 eine neue Vereinbarung. Selbst wenn ich einen Zauberstab hätte, um den Bankensturm zu stoppen, müssten die Verhandlungen trotzdem innerhalb von höchstens vier bis fünf Monaten abgeschlossen sein. Kapitalverkehrskontrollen würden daran nicht das Geringste ändern.
Drittens passten Kapitalverkehrskontrollen nicht zu einer Währungsunion, sie verstießen gegen ihren Geist und gegen ihre Realität. Das Argument für die Eurozone oder einen anderen gemeinsamen Währungsraum ist gerade, dass das Geld ungehindert zirkulieren kann. Würde ich am ersten Tag unserer Regierungszeit Kapitalverkehrskontrollen einführen, wie könnte ich dann die EZB dafür kritisieren, dass sie uns eben damit drohte? Würde ich das tun, wären alle Vorwürfe gegen mich und die Syriza-Regierung – dass wir antieuropäisch seien, dass wir Griechenland auf den Grexit vorbereiteten, dass wir die Einheit der Eurozone untergruben – gerechtfertigt. Mehr noch, unser eigenes Volk wäre verwirrt: Warum hindert uns eine Regierung, die für eine gute Vereinbarung in einem gemeinsamen Währungsraum kämpft, daran, dass wir unser Geld von unseren Bankkonten holen und in andere Länder desselben Währungsraums überweisen? Wir hätten das Schwarze-Peter-Spiel verloren, bevor die Verhandlungen überhaupt begonnen hätten.
Einen weiteren Vorschlag, wie man einer Syriza-Regierung helfen könnte, während der Verhandlungen Zeit zu kaufen, brachte unter anderem Thomas Mayer vor, der ehemalige Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Er hatte die Idee, in Griechenland eine zweite Währung parallel zum Euro einzuführen, um mehr Liquidität und für uns mehr Handlungsspielraum zu schaffen. Die Idee war interessant, aber ich hatte sie schon 2010 als Lösung für die Eurokrise geprüft und verworfen.19 Im Kern bedeutete sie, dass Lohnerhöhungen, die die Austerität beenden sollten, in einer neuen Währung gezahlt werden sollten, die durch Staatsschulden gedeckt wäre. Die neue Währung würde natürlich sofort gegenüber dem Euro an Wert verlieren. Während also die Löhne und Renten der griechischen Arbeitnehmer ein bisschen steigen würden, würden die griechischen Stundenlöhne in Euro im Verhältnis zu deutschen, französischen und portugiesischen sinken, wodurch Griechenland an Wettbewerbsfähigkeit gewinnen würde.
Ich nannte Thomas Mayer zwei Gründe, warum ich eine Parallelwährung nicht unterstützte. Erstens: »Parteien und Interessen, die gegen uns sind, erzeugen bereits ein Klima des Terrors, indem sie behaupten, wir hätten eine heimliche Agenda, Griechenland aus dem Euro zu führen, die Ersparnisse des Volks zu plündern und Griechenland zu einem zweiten Argentinien zu machen. Der Propagandawert Ihres Vorschlags für unsere Gegner wäre unermesslich.« Zweitens bestand keine Notwendigkeit dafür, weil das parallele Zahlungssystem, an dem ich arbeitete, uns die nötige Flexibilität bringen würde.
Monate später ging mir auf, dass Deutschlands Finanzminister Dr. Wolfgang Schäuble die beiden Vorschläge – Kapitalverkehrskontrollen und eine Parallelwährung – gegen mich verwenden würde. Die rasche Entscheidung, die Waffen des Feindes abzulehnen, war also richtig gewesen. Trotzdem wurde mir bald nach meinem Rücktritt als Finanzminister im Juli 2015 vorgeworfen, ich hätte teuflische Pläne geschmiedet, beides einzuführen!
So ist das Leben in Bailoutistan.
Maßvolle Sturheit
Als der Wahltag näher rückte, mussten wir unbedingt zwei Signale an Mario Draghi und die übrigen Verantwortlichen von EU und IWF aussenden, ein Zeichen der Mäßigung und ein Zeichen, dass wir es ernst meinten: Ihr könnt mir glauben, dass ich eine Umschuldung vorschlage, die substanziell ist und klug zugleich, die Griechenland eine Chance gibt, aber nicht gegen die Regeln der EZB verstößt und, ganz wichtig, die Angela Merkel nervösen Bundestagsabgeordneten als ihre eigene wunderbare Idee präsentieren kann. Aber täuscht euch nicht: Selbst wenn ihr Griechenlands Banken zusperrt, wird uns das nicht zurück in unser Gefängnis treiben.
Am 17. Januar 2015, eine Woche vor der Wahl, gab ich in meiner offiziellen Eigenschaft als Abgeordnetenkandidat für den Großraum Athen eine Presseerklärung heraus, in der ich meine Vorschläge für eine Umstrukturierung der griechischen Schulden skizzierte. Zuerst sollten wir sie in vier große Tranchen aufteilen:
1. Geld, das Griechenland der EZB in Form der 2010/2011 erworbenen Anleihen schuldete (die sogenannten SMP-Anleihen, die 2012 einen Haircut um 90 Prozent erlitten hätten, wenn die EZB sie nicht aufgekauft hätte);20
2. die größte Tranche (60 Prozent der Gesamtsumme), die wir dem Rest Europas aus den beiden Rettungspaketen schuldeten;
3. eine kleinere Tranche, die wir dem IWF schuldeten (rund 10 Prozent des Schuldenbergs);
4. Geld, das wir nach dem Haircut von 2012 immer noch privaten Investoren schuldeten (rund 15 Prozent der Gesamtsumme).
Und Folgendes schlug ich für die vier Tranchen vor: Unsere Schulden gegenüber dem IWF (3) und gegenüber privaten Investoren (4) sollten vollständig beglichen werden. Letztere waren zu gering, als dass es sich lohnen würde, Hedgefonds gegen uns aufzubringen; das könnte sich zu einem internationalen Konflikt ähnlich wie in Argentinien auswachsen, mit nur geringem potenziellen Nutzen. Abgesehen davon hatten sie einen Schuldenschnitt von 90 Prozent der Summe, die wir ihnen 2012 schuldeten, bereits geschluckt. Der IWF hatte Brüssel und Berlin geholfen, Griechenland in die Schuldknechtschaft zu zwingen, indem er wissentlich falsche Vorhersagen verbreitete. Trotzdem wollten wir die Vereinigten Staaten nicht auch noch verärgern (die den IWF als ihr Eigentum ansehen), wo wir es schon mit Berlin zu tun hatten. Außerdem würde ein Haircut bei den Krediten des IWF auch nicht-europäische Länder wie Malaysia und Japan treffen, die mit Europas internen Querelen nichts zu tun hatten und vielleicht unserer Regierung ein offenes Ohr schenken würden.
Das Geld, das wir der EZB schuldeten (1), das Trichet-Vermächtnis, wie ich es nach dem damaligen Präsidenten der EZB nannte, der die SMP-Anleihen gekauft hatte, war eine absurde Schuld. Wir schuldeten es nur, weil die EZB den Fehler gemacht hatte, nach Griechenlands Insolvenz griechische Staatsanleihen zu rund 70 Prozent ihres Nennwerts zu kaufen, während ihr Marktwert bei nicht viel mehr als 10 Prozent gelegen hatte. Seit damals waren wir in dem jämmerlichen Ritual gefangen, das in Kapitel 3 ausführlich beschrieben wurde (siehe »Erfolgsgeschichte«), dass wir uns von der EZB Geld liehen, um damit der EZB diese Anleihen zurückzuzahlen, und gleichzeitig behaupteten, das nicht zu tun. Dieser Schwindel musste aufhören.
In einem rationalen Europa wäre diese absurde Schuld einfach abgeschrieben worden. Doch leider erlaubt die Satzung der EZB das nicht. Um der Satzung Genüge zu tun, orientierte ich mich am Vorbild des britischen Schatzamts. Die britische Regierung praktizierte schon lange das Verfahren, unbefristete oder ewige Anleihen auszugeben. Sie bringen Zinsen, aber die Regierung kann entscheiden, wann sie die Kreditsumme zurückzahlt und ob sie sie überhaupt zurückzahlt. Ewige Anleihen, die während der Südseeblase in den 1720er-Jahren ausgegeben wurden oder später von Neville Chamberlain und Winston Churchill während und kurz nach dem Ersten Weltkrieg, hat das britische Schatzamt erst Ende 2014 und Anfang 2015 zurückgezahlt. Ich schlug vor, dass unsere Regierung neue ewige Anleihen ausgeben sollte mit dem gleichen Nennwert wie die Anleihen im Besitz der EZB; sie sollten geringe Zinsen abwerfen, aber kein Fälligkeitsdatum besitzen. Diese Anleihen könnten gegen die Anleihen der EZB getauscht werden und würden dann sauber und ordentlich für alle Zeiten in den Büchern der EZB stehen und ein wenig Zinsen abwerfen. Mario Draghi könnte so seine Satzung einhalten, denn die griechischen Schulden würden nie komplett oder auch nur teilweise abgeschrieben werden.
Schließlich schlug ich für die größte Tranche der Schulden (2), die aus den zwei Rettungspaketen stammten und deren Gläubiger Europas Steuerzahler waren, eine andere Art von Tauschgeschäft vor. Bestehende Schulden gegenüber dem europäischen Rettungsfonds sollten gegen neue griechische Staatsanleihen mit dreißigjähriger Laufzeit eingetauscht werden, die ebenfalls den gleichen Nominalwert haben würden (deshalb handelte es sich formell nicht um einen Haircut), aber mit zwei Bedingungen verbunden wären: Erstens würden die jährlichen Zahlungen so lange ausgesetzt bleiben, bis die Wirtschaftsleistung sich über einen bestimmten Schwellenwert erholt hätte. Zweitens sollte der Zinssatz an die Wachstumsrate der griechischen Volkswirtschaft gekoppelt werden. Auf diese Weise würden unsere Gläubiger Partner bei der Erholung Griechenlands werden und hätten ein Interesse daran, dass der Kuchen, aus dem sie ihr Geld zurückerhalten würden, größer wurde.
Diese Vorschläge für einen Schuldentausch, die ich vor den Wahlen vorlegte, sollten die Grundlage meines Verhandlungsangebots an Griechenlands Gläubiger sein, wenn ich im Amt wäre. Sie waren maßvoll und für die Gläubiger politisch verlockend, weil sie keinen richtigen Schuldenschnitt beinhalteten. Sie signalisierten der Öffentlichkeit und potenziellen Investoren, dass die EU eine neue Rolle annahm: Sie war nicht länger der unnachgiebige Gläubiger eines insolventen Staates, sondern würde ein Partner bei Griechenlands Wachstum werden, weil ihre Renditen proportional zu Griechenlands BIP steigen würden. Die Vorschläge würden einen Strom neuer Investitionen nach Griechenland lenken, wo die Investitionen beinahe versiegt waren. Sie würden die griechische Rezession beenden, und dabei würde es nur Gewinner geben, mit Ausnahme der Kakerlaken, die sich in dem Schmutz tummelten, den das lange Elend verursacht hatte.
Kein Vertreter von EU oder IWF formulierte jemals Kritik an der Logik dieser Vorschläge. Wie hätten sie das auch können? Der CEO einer der größten amerikanischen Investmentbanken kommentierte sie so: »Sie bieten ihnen einen Deal an, der von einem auf Insolvenzrecht spezialisierten Anwalt von der Wall Street hätte kommen können.« Ganz genau. Es musste erst eine radikal linke Regierung in Griechenland gewählt werden, damit Athen in Brüssel, Frankfurt und Berlin maßvolle Schuldenvorschläge vorlegte – ein Indiz für den organisierten Wahnsinn, in den die Europäische Union nach Beginn der Eurokrise versunken war.
Doch damals, im Januar 2015, glaubte ich keinen Augenblick, dass die unbestreitbare Logik und offensichtliche Mäßigung meiner Vorschläge die Gläubiger überzeugen würde. Wie ich Alexis seit 2012 immer wieder sagte, würde jeder Vorschlag von uns, der dem Programm der Troika für Griechenland widersprach, mit offener Aggression und der Drohung beantwortet werden, die Banken zu schließen. Auf Logik kam es nicht an. Die wechselseitigen wirtschaftlichen Vorteile spielten keine Rolle. Die Gläubiger wollten ihr Geld nicht zurück. Für sie war ihre Autorität wichtig, und die wurde infrage gestellt, wenn eine linke Regierung mit der Aushandlung einer neuen Vereinbarung für ihr Land Erfolg haben sollte. Für die Gläubiger war das der größte Albtraum, denn andere Europäer, die unter der gleichen Krise und den gleichen irrationalen politischen Maßnahmen litten, könnten dadurch auf neue Ideen kommen.
Maßvolle, vernünftige, technisch durchdachte Vorschläge für einen Schuldentausch waren wichtig, aber nicht ausreichend. Bevor ich die Schwelle zum Finanzministerium überschritt, musste ich ein Signal an die andere Seite aussenden, dass sie einen Preis für ihre Aggression würde zahlen müssen, dass ich in dem Augenblick, in dem sie unsere Banken schließen würden, unsere wichtigste Abschreckung, das parallele Zahlungssystem, aktivieren würde, wie in meinem informellen Pakt mit Syriza vereinbart. Ich sandte mein Signal im Rahmen eines BBC-Interviews im Januar 2015.
Mein Rat an den nächsten Finanzminister [von Griechenland] ist: Wenn die EZB damit droht, die Banken des Landes zu schließen, sollte er umgehend mit einem Schuldenschnitt der griechischen Staatsanleihen im Besitz der EZB reagieren. Für sie gilt immer noch griechisches Recht, deshalb müsste die EZB Griechenland vor griechischen Gerichten verklagen und nicht in London oder Luxemburg. Gleichzeitig sollte er oder sie ein Zahlungssystem installieren, das parallel zu den Banken funktionieren kann, um damit eine in Euro lautende, einheimische Liquidität zu schaffen und vor allem dafür zu sorgen, dass die Wirtschaft weiter läuft, wenn die EZB sich entschließt, die Banken zuzumachen.
Wie ich später feststellte, kam die Botschaft an. Die Frontlinien waren gezogen.21
KAPITEL 5
Im Sterbelicht sei doppelt zornentfacht
Während der Wahltag näher rückte, überkam mich eine merkwürdige Mischung aus Gemeinschaftsgefühl und Einsamkeit. Auf den Straßen, bei öffentlichen Versammlungen, in Taxis und im Syriza-Hauptquartier, wo ich mich mit Alexis und seinem Team traf, begegneten mir Solidarität, Freundlichkeit, Sympathie und enorme Unterstützung. Doch tief im Innersten wusste ich, dass ich institutionell isoliert, ressourcenarm und völlig auf mich gestellt war. Da ich nicht im Parlament saß, nicht einmal der Partei angehörte und die vorangegangenen drei Jahre auch noch in Austin verbracht hatte, fehlte mir, wie Alexis bereits bemerkt hatte, ein Netzwerk aus Unterstützern.
Meine Kandidaten-Kollegen verfügten über Assistenten, Fahrer, Büroräume, wichtige Beziehungen. Ich hatte Danaes moralische Unterstützung, mein Motorrad und unsere Wohnung am Fuße der Akropolis, in der ich Interviews gab, Besprechungen abhielt, meine Blog-Einträge verfasste und alles erledigte, was rund um den Wahlkampf anfiel. Aus dem Syriza-Hauptquartier erhielt ich die telefonische Auskunft, dass ein Parlamentskandidat gesetzlich verpflichtet sei, ein gesondertes Bankkonto zu eröffnen, auf das er alle Wahlkampfspenden einzahlte und von dem er alle wahlkampfrelevanten Ausgaben bezahlte. Da es obligatorisch war, eröffnete ich ein Konto, zahlte aber nie etwas ein, da ich Spenden weder einwarb noch erhielt, keine Angestellten hatte und keinen einzigen Euro für Werbematerial ausgab. Mein einziges Wahlkampfinstrument war der Blog in griechischer Sprache, den ich zusätzlich zu meinem bereits bestehenden englischsprachigen Blog auf einer kostenlosen Plattform einrichtete. Das war’s.
Nun konnte ich zwar auf die konventionellen Instrumente des politischen Wahlkampfs verzichten, doch mir machte Sorge, dass ich womöglich ohne eigenes Team ins Finanzministerium einziehen und auf Gedeih und Verderb von den Beamten abhängig sein würde, die bis dahin treue Diener von Bailoutistan gewesen waren, zuzüglich einiger Angestellter, die Dragasakis und das Syriza-Hauptquartier zur Verfügung stellen wollten. Daher nutzte ich die wenigen Wochen vor der Wahl dafür, das denkbar beste Team um mich zu versammeln.
Um einen stellvertretenden Finanzminister für die Schlüsselposition der Aufsicht über die Staatskasse zu finden, traf ich mich zum Kaffee mit Alekos Papadopoulos, der in den 1990er-Jahren Finanzminister der PASOK gewesen war und den ich seit vielen Jahren kannte. Er galt als integer und hatte als einziger Finanzminister in seiner Amtszeit die Staatsfinanzen anständig kontrolliert. Alekos war zwar Syriza-Gegner, sicherte mir aber seine persönliche Unterstützung zu und versprach, mir jemanden zu empfehlen. Noch am selben Abend nannte er mir per SMS Dimitris Mardas, von dem ich noch nie gehört hatte, den mein erfahrener Freund aber als überaus fähig und rechtschaffen schilderte. Am nächsten Morgen rief ich Mardas an und machte ihm ein Angebot, mit dem er sicher nicht gerechnet hatte.1
Noch wichtiger war es, einen Präsidenten für den Wirtschaftsbeirat zu finden. Die Regierungschefs sind in der Eurozone auf die Loyalität und Kooperation ihrer Finanzminister angewiesen. Entsprechend hängt der Erfolg des Finanzministers davon ab, dass er eine ähnlich enge Beziehung zum Präsidenten des Wirtschaftsbeirates in seinem Ministerium hat, der ihn wiederum in der sogenannten »Arbeitsgruppe Eurogruppe« vertritt. In dieser Arbeitsgruppe werden vorgeblich die Eurogruppen-Sitzungen vorbereitet, doch in Wahrheit schmiedet die Troika dort hinter den Kulissen ihre Pläne und Maßnahmen.
Diesen Posten hatte Dragasakis allerdings bereits in meinem Namen vergeben, ehe ich überhaupt einen Fuß auf griechischen Boden gesetzt hatte. Dragasakis hatte Giorgos Chouliarakis ausgesucht, einen knapp über dreißig Jahre alten Ökonomen, der nach seiner Lehrtätigkeit an der Manchester University zur griechischen Zentralbank gewechselt war. »Er ist ein guter Kerl und räumt uns dank seiner informellen Zusammenarbeit mit Leuten aus dem Wirtschaftsbeirat schon mal Steine aus dem Weg«, erklärte mir Dragasakis, als wir uns nach meiner Ankunft in Griechenland ein paar Wochen vor der Wahl zum ersten Mal trafen. Während mein guter Freund Wassily entsetzt war, weil er Dragasakis’ Absichten und Entscheidungen stets skeptisch gegenüberstand, freute ich mich, dass vor Ort schon jemand alles vorbereitete.
Als ich Chouliarakis dann kennenlernte, mochte ich ihn auf Anhieb, obwohl vieles darauf hindeutete, dass er nur eine eingeschränkte Kooperationsfähigkeit besaß und sich ungern in die Karten schauen ließ. Meine Befürchtungen wurden zerstreut, als er mir erzählte, dass er als Student an der Universität Athen zwei progressive und kluge Wirtschaftsprofessoren als Lehrer gehabt hatte, die ich sehr schätzte; einer war mein Freund und Kollege Nikos Theocarakis, neben Stournaras Mitglied des akademischen Quartetts, das sich kurz nach meiner Ankunft an der Universität im Jahr 2000 gegründet hatte.2 Diese Mitteilung bestärkte mich auch in meinem Vorhaben, Nikos zum Staatssekretär für Fiskalpolitik zu ernennen.
Bei der Zusammenstellung meines Teams beunruhigte mich der Gedanke, dass uns jegliche Erfahrung im Umgang mit der Troika fehlte, mit den Technokraten also, die regelmäßig im Namen der EU, der EZB und des IWF nach Athen kamen, in den Ministerien die Minister befragten und ihnen wie Knechten ihren Willen aufzwangen. Das verstand sich natürlich von selbst, da wir Bailoutistan nie gedient hatten und von den Beamten und den Troika-Vertretern wie Todfeinde behandelt wurden. Zum Glück lief ich eines Tages Elena Panaritis über den Weg, die die Sprache und Vorgehensweise der Troika kannte.
Elena hatte jahrelang in Washington gearbeitet, vor allem für die Weltbank; dort hatte sie beste Beziehungen zu einflussreichen Leuten geknüpft, die mit den Institutionen des sogenannten Washington-Konsenses in Beziehung standen (dem Reformpaket, das die USA krisengebeutelten Volkswirtschaften verschrieb), unter anderen dem ehemaligen US-Finanzminister Larry Summers, mit dem sie mich später bekannt machte (siehe Kapitel 1), und David Lipton, dem stellvertretenden geschäftsführenden Direktor des IWF. Wegen ihrer Arbeit in Peru im Auftrag der Weltbank und in Zusammenarbeit mit dem Willkürregime Präsident Fujimoris war sie in Griechenland und anderswo eine Hassfigur der Linken. Zu ihrer Verteidigung führte sie an, dass die Arbeit, egal für wen oder mit wem sie stattfand, wichtig und progressiv war, weil die Menschen in den Elendsvierteln der Städte zu Besitzern ihrer Hütten wurden und damit die Möglichkeit erhielten, in ihre Behausungen zu investieren, dort in Frieden zu leben und mit ihrer Immobilie auch am offiziellen Markt teilzuhaben.
Nachdem Elena unter Giorgos Papandreou über die Parteiliste ins griechische Parlament gelangt war, hatte sie das erste Rettungspaket mit abgesegnet, jedoch nie die Lüge geschluckt, dass die Rettungsaktion finanziell gelingen und Griechenland schon bald über den Berg sein würde. Wie sie mir damals erklärte, hatte sie aufgrund des immensen psychologischen Drucks von Papandreou und seinen Leuten für das Paket gestimmt. Und man muss Elena zugutehalten, dass sie sich anschließend zu einer der schärfsten Kritikerinnen des Rettungspakets entwickelte. Es war ein denkwürdiger Moment parlamentarischen Theaterdonners, als sie sich 2011 in einer wichtigen Ausschusssitzung erhob und in ihrem eigentümlichen Griechisch – das nicht ihre Muttersprache ist – mit bewegter Stimme ihre eigenen Minister verriss, weil sie die Umwandlung Griechenlands in eine Schuldnerkolonie zuließen.3 Als ich Elena ein paar Tage vor der Wahl wiedertraf, zögerte ich daher keine Sekunde, sie zu fragen, ob sie in mein Team kommen wolle, denn niemand kann besser gegen den Teufel kämpfen als jemand, der ihm schon gedient hat und durch diese Erfahrung sein erklärter Feind geworden ist.
Dasselbe galt für Natasha Arvaniti, ehemals Teilnehmerin an dem Doktorandenprogramm, das Nikos Theocarakis und ich 2003 an der Universität von Athen eingerichtet hatten. Natasha war danach in den öffentlichen Dienst eingetreten, ehe sie nach Brüssel wechselte, wo sie für die Troika arbeitete. Als Technokratin der Europäischen Kommission war sie nach Nikosia entsandt worden, um das Rettungspaket für Zypern durchzusetzen. Da Natasha aus eigener Erfahrung wusste, welche Zerstörung die Troika an ihren Wirkungsstätten hinterlässt, war sie in meinem Team hochwillkommen. Menschen wie sie und Elena halfen mir dabei, Stimmungen und Signale der Troika zu entschlüsseln und unsere Verhandlungstaktik entsprechend zu planen.
Solche Neuzugänge hatten den Nachteil, dass sie bei Syriza und in Alexis’ engerem Zirkel denen, die mir gern den Teppich unter den Füßen wegziehen wollten, jede Menge Munition lieferten für ihre Behauptung, ich plante unsere Kapitulation.
»Wir werden Probleme in der Partei bekommen, Yanis«, warnte mich Alexis eines Tages. »Brauchst du wirklich Leute wie Elena und Natasha? Man verknüpft sie mit den Rettungspaketen, und dadurch sind sie kompromittiert. Unsere Leute sind geladen.«
»Alexis«, erwiderte ich, »ist dir eigentlich klar, wie brutal unsere Konfrontation mit der Troika sein wird? Die machen keine Gefangenen. Ich brauche in meinem Team Leute, die die Troika kennen, die wissen, was sie in der Trickkiste hat, und die von ihr als würdige Gegner anerkannt werden.« Es gebe auch noch einen anderen Grund, erklärte ich: Ich vertraute Elena und Natasha, weil sie, anders als unsere Leute, ein schlechtes Gewissen hätten. Sie hatten das erniedrigende Tun der Troika selbst erlebt. Das hatte sie abgehärtet, und genau deshalb war ich mir sicher, dass sie sich nicht so leicht von ihren Gegnern vereinnahmen lassen würden wie einige unserer unerfahrenen Recken im Kampf gegen die Troika.
Unbeeindruckt von Alexis’ Unbehagen sicherte ich mir die Unterstützung weiterer Troika-Abtrünniger, einige aus dem Ausland. Einer von ihnen war Glenn Kim, der auf Empfehlung eines Verbündeten in den Medien zu uns stieß. Glenn war als Banker an vielen großen Anleihengeschäften zwischen Griechenland, der Eurozone und Deutschland beteiligt gewesen und arbeitete mittlerweile als selbstständiger Dienstleister für verschiedene europäische Regierungen. Wie man mir sagte, war er ein »ziemlicher Experte« für BIP-indexierte Anleihen, die ich als Teil eines Schuldentauschs für Griechenland vorschlagen wollte. Ich setzte mich gleich mit Glenn in Verbindung.
Ein paar Tage später, zehn Tage vor der Wahl, nippten Glenn und ich in einem Café ganz in der Nähe von Stournaras’ Bank von Griechenland an unserem Kaffee. Er machte sofort reinen Tisch und räumte ein, nicht nur bei der Ausarbeitung des griechischen Rettungspakets eine führende Rolle gespielt, sondern für die Eurozone auch die Institutionen für die Finanzierung des Rettungspakets mit entwickelt zu haben, und zwar im Auftrag unter anderem des deutschen Finanzministeriums.4
»Es war entsetzlich, was wir Griechenland 2011 und 2012 angetan haben«, gab er zu.
Ich fragte ihn, was er derzeit so treibe. Er erklärte, er arbeite für die isländische Regierung, helfe ihr bei der Umschuldung und wirke darauf hin, dass die nach dem Finanzkollaps 2008 verhängten Kapitalverkehrskontrollen wieder aufgehoben würden.
»Deine Idee von den BIP-indexierten Anleihen ist gut«, sagte er, »und ich glaube, ich kann dir bei der Ausarbeitung helfen. Es wäre meine Art, den langfristigen Schaden wiedergutzumachen, den ich und meinesgleichen in Griechenland angerichtet haben.«
Da ich einem geschenkten Gaul noch nie ins Maul geschaut hatte, willigte ich ein und fragte ihn, ob er nach einem Wahlsieg am 26. Januar nach Athen kommen könne.
Ein Zyniker würde vielleicht sagen, Fachleute wie Glenn hätten sich uns wegen des Geldes und ihrer eigenen Karriereziele angeschlossen. Kann sein. Aber wenn ich Leute auf meiner Seite hatte, die wussten, wo die Leichen im Keller versteckt waren, konnte ich das gar nicht hoch genug einschätzen. (Als die Apparatschiks der Troika Glenn in meinem Team sahen, bekamen sie fast einen Herzinfarkt.) Doch ich vermutete auch, dass ich mich in Glenns Fall nicht nur auf seine Professionalität verlassen konnte, sondern dass mehr als aufgeklärter Egoismus im Spiel war. Zwei Tage vor der Wahl bestätigte er mir das in einer E-Mail: »Yanis, wenn alles nach Plan geht, hat das gute Volk von Griechenland (und sogar von ganz Europa) einen neuen Kurs für die Zukunft eingeschlagen… Beim Gedanken an dieses Wochenende fallen mir Homers Worte ein: ›Ει ς οίωνός ἂριστος, άμύνεσθαι περί πάτρης.‹« Das Zitat stammt aus Homers Ilias und heißt übersetzt: »Ein Wahrzeichen nur gilt: das Vaterland zu erretten!«5
Auch ein anderes Machtzentrum im Ausland bot unserer Sache seine Dienste an: die französische Investmentbank Lazard unter Leitung von Daniel Cohen und Matthieu Pigasse. Wie Glenn hatte die Bank als Berater und Vermittler für das zweite Rettungspaket dem ums Überleben kämpfenden griechischen Staat viele Millionen Euro für ihre Dienste in Rechnung gestellt. Als Daniel und Matthieu mich um einen Termin baten, war ich daher überrascht, vorsichtig und skeptisch. Doch mit ihrem ehrlichen Bericht über ihre Mittäterschaft und ihrer genauso ehrlichen Entschuldigung sowie dem Angebot, Griechenland wieder auf die Beine zu helfen, indem sie ihre umfänglichen Dienste kostenlos leisteten, konnten sie mich überzeugen.
Mit diesen illustren Überläufern gewannen wir unendlich viel Sachverstand. Bei Syriza oder im Umfeld der Partei konnte niemand solche Kompetenz vorweisen. Das sollten meine schwersten Geschütze sein. Natürlich wurde meine Beziehung zu ihnen auch dazu genutzt, mir allerlei Schweinereien vorzuwerfen. Nicht zufällig stellte an eben dem Tag, an dem Glenn die Troika in Brüssel mit seiner Anwesenheit schockte, ein Oppositionsabgeordneter im Parlament die Frage, warum die griechische Regierung einen »Koreaner« in ihrem Team habe und in welcher Beziehung er zu mir stehe; er deutete damit finstere Beziehungen zu amerikanischen, asiatischen oder anderen dunklen Mächten an.6 Unterdessen warnten Syriza-Leute, oft mit guten Absichten und geleitet von ernsthaften Bedenken, ihre Partei vor einem Teufelspakt, den ich mit der Troika vorbereite.
Elena, Natasha, Glenn und die wohlmeinenden Leute von Lazard boten der Troika auch weiter die Stirn, nachdem die jungen Enthusiasten von Syriza eingeknickt waren. Gemeinsam mit ehemaligen Studenten und Absolventen des Doktorandenprogramms an der Universität von Athen dienten diese Troika-Überläufer uneigennützig unserer Sache, entwickelten hervorragende Wirtschaftsmodelle, leisteten unermüdlich Zuarbeit für die Verhandlungen und gaben mir enorme moralische Unterstützung, wenn wieder mal ein Treffen mit der Eurogruppe in der Villa Maximos oder in anderen Räumen anstand, bei dem erwachsene Menschen ein furchtbar schlechtes Benehmen an den Tag legten.
Während ich ein Expertenteam zusammenstellte, bat ich auch Freunde und potenzielle Verbündete außerhalb Griechenlands um Beistand. Eine solche Bitte richtete ich an Lord (Norman) Lamont. »Lieber Norman«, hieß es in meinem Schreiben:
Wie Du sicher den Presseberichten entnommen hast, gehen die Griechen am kommenden Sonntag zur Wahl. Was auch immer herauskommen mag: Ich kandidiere für einen Sitz im Wahlkreis Großraum Athen, und den Umfragen zufolge bin ich wohl dazu »verdammt«, ihn auch zu erobern. Schlimmer noch: Wenn meine Partei die Regierung bildet (was durchaus wahrscheinlich ist), erbe ich das Finanzministerium – das voll ist mit leeren Truhen und aus Brüssel und Frankfurt enormen Druck bekommt. Kann ich in den vor uns liegenden turbulenten Zeiten wohl auf Dich als künftigen Berater zählen?
In der Hoffnung, dass es Dir gut geht,
Yanis
Norman antwortete umgehend. Ja, er sei willens und bereit, mir beratend zur Seite zu stehen. Als ich erwiderte, die Problematik übersteige das Thema Schulden und Anleihen bei Weitem, denn es gehe auch um die Souveränität des Parlaments, und die Frage aufwarf, ob die Demokratie ein Luxus sei, der den Bürgerinnen und Bürgern eines verschuldeten Staates verweigert werden dürfe, antwortete er:
Ich stimme selbstverständlich völlig mit dem überein, was Du über die Demokratie und die Souveränität des Parlaments sagst. Ich versuche Cameron und Osborne ständig in Erinnerung zu rufen, dass es in der gewünschten Neuverhandlung unserer Beziehung zur EU um die Wiederherstellung der Souveränität und nicht nur um Wirtschaft und Wettbewerbsfähigkeit geht. Wir beide sind uns da einig. Ich stimme Dir auch zu, dass in der Eurozone zu viel Wert auf Austerität als einziges Mittel gelegt worden ist … Vorausgesetzt, dass Du Finanzminister wirst, werde ich alles mir Mögliche tun, um Dir zu helfen … Ich habe da ein paar Ideen. Viel Glück Dir persönlich. Mit den besten Grüßen
Norman
Meine Freundschaft mit dem Erz-Tory und Euroskeptiker Lord Lamont of Lerwick, der als Schatzkanzler dafür gesorgt hatte, dass Großbritannien aus dem Europäischen Währungssystem ausstieg und das Vereinigte Königreich somit nicht dem Euro beitreten konnte, biss sich mit meinem Image als nicht ganz zurechnungsfähiger linker Extremist. Für manche lieferte sie einen Beweis dafür, dass ich, geleitet und angestachelt von Lamont, darauf aus war, Griechenland aus dem Euro zu holen.
Natürlich war genau das Gegenteil richtig. Als sich die Krise ein paar Monate später zuspitzte und Wolfgang Schäuble uns zum Grexit drängte, lautete Normans Ratschlag, mir das wirklich gründlich zu überlegen angesichts der Kosten und Gefahren, die eine Rückkehr zur nationalen Währung mit sich brächte. In meinen einhundertzweiundsechzig Tagen als Minister erwies sich Norman als Fels in der Brandung und gab mir Ratschläge zum letzten Entwurf für die Vorschläge zu Reformen, Schulden und Finanzpolitik, die ich EU und IWF unterbreitete. Wenn mehr linke Politiker so klare Kante gezeigt hätten, so hätten wir vielleicht ein völlig anderes Ergebnis erzielt.
Zu meinen ausländischen Unterstützern zählten neben Norman der Ökonom der Columbia University Jeff Sachs, der eine wichtige Rolle als Berater und Fürsprecher spielte, der bereits erwähnte Thomas Mayer von der Deutschen Bank, Larry Summers und Jamie Galbraith. Jamie hatte jahrelang an der Ausarbeitung des Buches Bescheidener Vorschlag zur Lösung der Eurokrise mitgewirkt; er bemühte sich in Washington, die Abneigung gegen Alexis und Syriza zu mildern, schrieb Reden für Alexis und stellte Konferenzen auf die Beine, um die Anglosphäre auf die neue Syriza-Regierung vorzubereiten.
Am 20. November schrieb ich Jamie eine gut gelaunte E-Mail:
Jamie,
gestern erzählte mir Alexis, er habe einen Anruf von einem bekannten Banker erhalten, der damit drohte, dass er am Tag nach unserem Wahlsieg die Geldautomaten seiner Bank ausschalten würde, sollte Alexis mich zum Finanzminister ernennen. Alexis fragte ihn daraufhin, wie alt er sei. Der Banker erwiderte: fünfundsechzig. Darauf sagte Alexis: Wenn Sie mich stürzen, bin ich jung genug, um wieder hochzukommen. Sie nicht!
Das war so ein Moment, in dem mich einfach nur Stolz erfüllte auf meine Freunde, alte wie neue, und Glück, mir so fiese Feinde gemacht zu haben.
Das wüste Land
Man bräuchte schon die poetischen Fähigkeiten eines T. S. Eliot oder eines John Steinbeck, um das volle Ausmaß der Verwüstung zu schildern, das im Januar 2015 in Griechenland herrschte. Hier werden wir uns mit einem Zahlenvergleich zufriedenstellen müssen.
Großbritannien wurde Anfang der 1980er-Jahre von einer Vervierfachung der Arbeitslosigkeit erschüttert. Ursache war eine Rezession, die 1980 bis 1981 nur ein Jahr andauerte und in der das Bruttoinlandsprodukt um 1,26 Prozent sank. Die nächste Rezession traf Großbritannien ein Jahrzehnt später und dauerte ebenfalls nur ein einziges Jahr (1990 bis 1991); das Bruttoinlandsprodukt fiel um 1,78 Prozent. Erst kürzlich, nach der Kreditkrise, brachte eine weitere einjährige Rezession (2008 bis 2009) das Land ins Taumeln, und das Bruttoinlandsprodukt sank um immerhin 5,15 Prozent. Vergleichen wir diese drei traumatischen Krisen mit dem Unglück, das die Griechen befiel.
Im Jahr 2010, dem Jahr des ersten Rettungspakets, hatte das Bruttoinlandsprodukt gegenüber dem Vorjahr um sage und schreibe 7,5 Prozent abgenommen. Verbesserte sich durch die Rettungsaktion etwas? Im Gegenteil: Von 2010 bis 2011 fiel es um weitere 8,9 Prozent. Das Jahr 2011 bis 2012 war ein vergleichsweise gutes Jahr, denn die Wirtschaft schrumpfte lediglich um 1,1 Prozent. Welchem Umstand hatten wir diese Ruhepause zu verdanken? Ironischerweise der von der Wirtschaftskrise ausgelösten politischen Krise, die dazu führte, dass wir entweder gar keine Regierung hatten oder eine, die zu schwach war, um weitere Sparmaßnahmen zu beschließen!
Doch sobald Ministerpräsident Samaras im Juni 2012 mit einer kleinen, aber soliden parlamentarischen Mehrheit ins Amt kam, sorgte die Troika dafür, dass er die verlorene Zeit wettmachte, indem er die Sparmaschine mit voller Kraft wieder anwarf. Das Ergebnis? Das bis dahin grausamste Jahr: Das Bruttoinlandsprodukt ging bis Ende 2013 um weitere 14 Prozent und im Jahr 2014 noch einmal um 3,3 Prozent zurück.
Wenn britische Freunde mitleidig anmerken, Griechenland stehe heute da, wo Großbritannien in der Großen Depression gestanden habe, bedanke ich mich für den freundlich gemeinten Vergleich, muss sie aber gleichzeitig korrigieren. Zwischen 1929 und 1932 schrumpfte die britische Wirtschaft um 4,9 Prozent, und die Arbeitslosigkeit stieg von 8 auf 17 Prozent. (An dieser Stelle erscheint vor meinem geistigen Auge eine griechische Version der von John Cleese verkörperten Figur in Monty Pythons’ Sketch »Four Yorkshiremen«, die ruft: »Ihr hattet Glück! Luxus!«) Griechenland dagegen erlebte sechs Rezessionsjahre in Folge, den Verlust von 28 Prozent seines Bruttoinlandsproduktes, den Verlust eines Fünftels seiner Arbeitsplätze und eine Arbeitslosenrate, die von 7 auf 27 Prozent hochschnellte, mit einer Jugendarbeitslosigkeit von mehr als 65 Prozent.
Und dennoch glauben manche noch heute, da ich diese Zeilen schreibe, dass Ende 2014 die griechische Wirtschaft auf dem Weg der Besserung war und bis Ende 2015 über den Berg gewesen wäre, wenn diese idiotischen griechischen Wähler nicht die wirtschaftliche Erholung aufs Spiel gesetzt hätten, indem sie am 25. Januar 2015 für Leute wie mich stimmten. Wie unartige Kinder, die auf dem Rücksitz mit ihrem ständigen »Wann sind wir endlich da?« den Fahrer ablenken, habe die griechische Wählerschaft ihr Land just in dem Moment vom Weg der Erholung abgebracht, als es auf die Zielgerade einbog. Und ohne den unerträglichen Finanzminister der populistischen Regierung, die die Griechen wählten, wäre ein drittes Rettungspaket niemals nötig gewesen. Ist da vielleicht doch etwas dran?
Die gezackte graue Linie in Schaubild 1 zeigt das Inlandsprodukt Griechenlands, unverfälscht durch statistische Tricks und angegeben in Euro (siehe auch Anhang 1). Die darübergelegte schwarze Linie gibt den Viermonatsdurchschnitt wieder, der die Gesamtentwicklung klarer abbildet. Das eingefärbte Oval hebt die Zeitspanne im Jahr 2014 heraus, als die angebliche Erholung einsetzte. Können Sie sie sehen? Die griechischen Wähler sahen sie jedenfalls nicht.

Das unbereinigte BIP Griechenlands (vierteljährlich) 2007 bis 2014, darüber der jeweilige Viermonatsdurchschnitt.
Als sich abzeichnete, dass ich in diesem wirtschaftlichen Umfeld griechischer Finanzminister werden könnte, hielt ich eine Rede vor Mitgliedern des Europaparlaments, Journalisten und anderen sogenannten Meinungsmachern. Auf die Frage, ob eine neue Regierung die »jüngste Erholung« gefährden könnte, blieb mir nichts anderes übrig, als meinen Zuhörern die miserablen Fakten darzulegen, die so gut wie nie in der Presse erschienen.
In Griechenland leben 10 Millionen Griechen (wegen Auswanderung sinkt die Zahl rapide), die sich auf etwa 2,8 Millionen Haushalte mit einer »Beziehung« zu den Steuerbehörden verteilen.
Von diesen 2,8 Millionen Haushalten haben 2,3 Millionen (mit 3.5 Millionen Steuernummern) Schulden beim Finanzamt, die sie nicht bedienen können.
Da eine Million Haushalte ihre Stromrechnung nicht vollständig bezahlen können, gibt das Stromunternehmen immer weiter Kredit und tut so, als könnten die Schulden noch bezahlt werden, was dazu führt, dass eine Million Haushalte nächtliche Dunkelheit und das Stromunternehmen die Insolvenz befürchten müssen. Und tatsächlich schaltet die Staatliche Stromgesellschaft monatlich etwa 30.000 Haushalten und Firmen wegen unbezahlter Rechnungen den Strom ab.
Für 48,6 Prozent der Familien sind Renten ihre Haupteinkommensquelle. Unterdessen fordert die Troika eine weitere Rentenkürzung. Die einst 700 Euro Altersrente wurden seit 2010 bereits um 25 Prozent gekürzt und sollen in den nächsten Jahren halbiert werden.
Das Mindesteinkommen ist (auf Anweisung der Troika) um 40 Prozent gesunken.
Andere Sozialleistungen wurden um mehr als 18 Prozent gekürzt.
Etwa 40 Prozent der Bevölkerung werden nach eigener Aussage in diesem Jahr ihren finanziellen Verpflichtungen nicht nachkommen können.
Die Arbeitslosigkeit ist um 160 Prozent gestiegen, sodass heute 3,5 Millionen Beschäftigte 4,7 Millionen arbeitslose oder nicht arbeitende Griechen unterstützen.
Von 3 Millionen erwerbsfähigen Personen sind 1,4 Millionen arbeitslos.
Von den 1,4 Millionen Arbeitslosen erhalten nur 10 Prozent Sozialleistungen und nur 15 Prozent überhaupt irgendeine Unterstützung. Die Übrigen müssen sich allein durchschlagen.
Von den Beschäftigten im privaten Sektor bekommen 500.000 schon seit mehr als drei Monaten kein Gehalt.
Firmen, die für den Staat tätig sind, werden erst bis zu vierundzwanzig Monate nachdem sie ihre Arbeit verrichtet und die Umsatzsteuer an die Steuerbehörde abgeführt haben, bezahlt.
Zwischen 2008 und 2014 reduzierten kleine und mittlere Unternehmen ihre Belegschaft um 29,3 Prozent, und ihre Produktion (gemessen an der Wertschöpfung) sank um 40,2 Prozent.
Die Hälfte der im gesamten Land noch tätigen Firmen ist mit den Beiträgen zur Renten- und Sozialversicherung ihrer Angestellten erheblich im Zahlungsrückstand.
Im Jahr 2013 waren 36 Prozent der Bevölkerung offiziell von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Dieser Prozentsatz steigt.
Das verfügbare Haushaltseinkommen ist seit 2010 um 30 Prozent gesunken.
Allein die Gesundheitsausgaben wurden zwischen 2009 und 2011 um 11,1 Prozent gekürzt; in der Folge stieg die Zahl von HIV-Infektionen, Tuberkuloseerkrankungen und Totgeburten deutlich an.
Konnte man diese düsteren Zahlen, die den Umbau unserer Nation in ein wüstes Land dokumentierten, wirklich als Zeichen der Besserung sehen? Oder erklären sie vielmehr, warum die griechischen Wählerinnen und Wähler die angebliche wirtschaftliche Erholung ihres Landes nicht zu erkennen vermochten?
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