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YANARA FRIEDLAND
UNCOUNTRY
Eine Mythologie
Aus dem amerikanischen Englisch
von Maria Meinel

Für meine Vorfahren
Inhalt
GESCHICHTE DER ASCHE
Prolog
I. Lilith
Schwarzes Meer
Exil
Wildnis
GESCHICHTE DES ATEMS
Prolog
I. Abraham
Umherziehen
Von
Glaube
II. Isaak
Stille
Verrat
GESCHICHTE DES HUNGERS
Prolog
I. Sarah
Unfruchtbar
Territorial
II. Hagar
Geliebte
Fortgehen
Engel
Fallen
GESCHICHTE DER ZUKUNFT
Prolog
I. Ismael
Volk
Bogenschütze
II. Esther
Erwachen
Allein
Fahne
Anmerkung
Zitatnachweise
Meine Kunst beruht auf dem Glauben an eine universelle Energie, die alles durchströmt: vom Insekt bis zum Menschen, vom Menschen bis zum Schemen, vom Schemen bis zur Pflanze, von der Pflanze bis zur Galaxie. Meine Arbeiten sind die Bewässerungsadern dieser universellen Flüssigkeit. Durch sie hindurch steigen die Lebenskraft der Ahnen, der Urglaube, die urzeitlichen Ablagerungen, die unbewussten Gedanken auf, die die Welt beleben. Es gibt keine Urvergangenheit zu erlösen: Da ist diese Abwesenheit, die Verwaistheit, die ungetaufte Erde des Anfangs, die Zeit, die uns aus dem Erdinnern heraus betrachtet. Vor allem ist da die Suche nach Herkunft.
Ana Mendieta
GESCHICHTE DER ASCHE

Prolog
Ihr Mann verstarb, darüber weinten sie. Die Gerste war zur Reife gekommen, jedes Haus wurde geputzt, die Schwellen gewienert. Die Frauen kochten Rosmarin-Huhn. Sie stahl Beeren vom Markt und stellte die Uhren im Hause um. Drei Nächte und vier Monate lang stand sie vor Tagesanbruch auf, lavendelte ihr Haar und grub Löcher im Garten. Nachts verscharrte sie dort ihre Kleidung, lagerte Schinken darin und Geschenke. Dann tötete sie auf der Straße eine alte Frau, trank aus ihren Milchkrügen und nahm ihre Schuhe. Bewach die Äcker, horte Korn und hefte dich an seine Fersen. Sie verließ das Dorf mit geschwärztem Gesicht und durchschwamm den Fluss. Ihr wollenes Kleid sog sich schwer, und die Sterne raunten. Sie sangen oder prangten nicht, schienen nur von fern herab. Ihre Füße schleppten sich tagelang über Felder und durch Wälder. Ein schmutziges Stachelschwein hinkte hinterdrein, eine verwirrte Eule flog ihr gegen die Schulter. Wo hast du heute gelesen, du könntest verletzt sein, geh fort, aber bleib bis zum Morgen hier ruhen. Sie lauschte, die Eule und das Stachelschwein zu ihren Seiten; die Sterne, ohne Duft und Belang, verloren derweil ihr Licht. Sie versuchte, sich an das Dorf ihres Vaters zu erinnern, und vermochte es nicht. Sie versuchte, sich an das Dorf ihrer Mutter zu erinnern, war sich dann aber nicht sicher, ob sie eine Mutter hatte. Hungrig beschloss sie, die Schnitter und Schnitterinnen auf den Feldern anzusprechen. Doch am nächsten Tag brach der Winter ein und spielte sein Madrigal. Sie lief sich die Füße wund über Weizenstoppeln. Ein boshaftes Lachen entstieg dem Acker und die Sonne verschwand sofort, doch das war ihr recht. Bald brach der Boden auf und barst. Pflanzen stürzten in die Herzgefäße der Erde. Dann fielen Aale und Hausstände hinab in das vormals Feste. Laute wurden von Lehmwänden geschluckt. Ein Schwarzwald der Träume war das nicht, nicht irgendein höllisches Danach. Hier war sie nun, das Haar entflochten, blutverkrustet, mit zitternden Knien. Hier war sie nun, ein von Ödnis geschöpftes, beherztes Requisit, und dachte nicht an ihr Witwensein, Begräbnisse und Morde. Die Zeugen schwanden. Sie wartete, bis alles vorbei war, die Menschen aus ihren Nestern kamen und Vögel sich in den Baumgerippen niederließen. Ein Mann an einem kleinen Feuer lächelte sie an, und sie fragte sich, ob er der Löser sei, ob sie ihm ihre Sandale darbringen solle, damit er sie nehme. Sie legte sich ihm zu Füßen; ihm fehlten ein paar Zehen. Sie rollte sich zur Schnecke und wartete auf seine Hand auf ihrem Haar. Aber der Mann blickte ins Feuer und sprach in einer nie zuvor gehörten Sprache. Tatsächlich sprach er gar nicht durch seine Zunge, sondern gab frei, was das Beben von seinem gorge geschluckt. Er reichte ihr einen Feuerfarn, und obwohl sie es besser wusste, ergriff sie ihn. Die Flamme ballte sich in ihrer Faust, und sie wartete gespannt darauf, was er ihr antun würde. Er nahm ihr Haar zwischen seine Hände und rieb die Strähnen, als sei ihnen kalt. Noch bebte die Welt vom Bersten, und sie nahmen herumwirbelnde und zerfallene Dinge, um einander Geschenke zu machen. Am nächsten Tag hatten sie Berge von Hundebeinen, Kirschvögeln, Töpfen, heißen Kartoffeln, Knochen und eine Sammlung von Zungen, Augen und anderen Körperteilen beisammen. Und obschon sie nie herausfand, wer dieser Mann am Feuer war, warum er sich so freundlich um sie kümmerte mit seinem poltrigen Tun und den eifrigen, von all den falschen Stellen geliebten Händen (er verbrachte Stunden damit, ihre Lider zu streicheln, ihre Nägel zu massieren, ihre Achseln zu beschirmen), und obwohl sie nicht ganz sicher war, warum er nicht in sie eindringen wollte, wie alle anderen Männer zur rechten Zeit, warum er sich überhaupt nicht für ihre Brüste, ihre Lippen und all das Bedeutende zwischen ihren Beinen interessierte, blieb sie ihm nah und schlief vor seinen Füßen und fehlenden Zehen. Und obwohl sie einander ihre Gedanken nicht mitteilen konnten, verwirrten sie einander Herz und Verstand. Sie versuchte, ihn für ihre Nacktheit zu gewinnen, und er lockte sie mit gesammelten Flammen, reichte ihr manchmal eine seltene Leblosigkeit oder sagte ihr einfach in seinem Kuddelmuddel von Sprache, wohin er seine Hand gern legen mochte, und tat es dann. Im Laufe der Zeit brach der Himmel wieder hervor mit seinem Sternenvolk und Mond und Sonne. Die Jahreszeiten kehrten zurück, und die Laute wurden wieder an ihre wahren Erzeuger zurückverwiesen; Vögel zwitscherten und Schatten blieben stumm. Sie brachte ihm das Kauen und das Schlucken bei, und er ließ es sich von ihr zeigen. Wohin sie gingen oder was aus ihnen geworden ist, weiß niemand. Manche meinen, sie seien die Letzten gewesen, die auf dieser Erde gesehen wurden, andere glauben, die Allerersten.
I. Lilith
Eine Frau ist eine dunkle Kammer/ Eine Frau ist ein Meer/ Eine Frau ist ungehorsam/ Eine Frau ist verdammt/ Eine Frau wohnt unter Dämonen und bringt Totgeborene zur Welt/ Eine Frau hat keine Milch in ihren Brüsten/ Eine Frau hat Eulenfüße/ Eine Frau bricht den Hausfrieden/ Eine Frau lauert unter Türschwellen, in Brunnen und Latrinen/ Eine Frau führt Männer in die Irre/ Eine Frau wird zum makabren Klischee/ Eine Frau wird aus dem Buch gestrichen/ Eine Frau findet keinen Ort für Rast
Schwarzes Meer
Katharina die Große schreibt gern. Jeden Morgen steht sie um sechs Uhr auf und geht für drei Stunden ihrer literarischen Arbeit nach, bevor sich ihre Diener die müden Augen reiben. Zuerst wäscht sie sich Gesicht und Ohren mit Eis. Dann trinkt sie fünf Tassen vom stärksten Kaffee, setzt sich mit dem Federkiel vor die Kerze und verfasst in großer, fließender Schrift Instruktionen, Korrespondenzen, Memoiren, Fabeln, Geschichten und Komödien. Ihre Produktion ist gewaltig. Sie beendet ein Stück nicht erst, bevor sie ein nächstes anfängt; das erste bleibt für immer unvollendet.

Das schwärzeste aller Meere schickt die Pest nach Europa. Schwarz: Ein aschbleiches Blau, das alles Menschengemachte, alles Menschenzerstörte gesehen hat.
Der Kornhandel entgleitet zu anderen Seehäfen; einzig die Bäume, die der Duc zu Zeiten des Opernhauses und der bestickten Tücher gepflanzt und gegossen, wiegen sich fort in den Augustnächten.
Zar Nikolaus II. rekrutiert rechte Truppen, bekannt als die Schwarzen Hundert, die jeden töten, der nicht russisch ist, zaristisch oder orthodox. 1905 erleiden die Juden von Odessa das blutigste aller Pogrome.
Katharina die Große steht auf ihrer Säule, während – weiter oben noch – das V der ziehenden Vögel zum Meer hin pfeilt.
Puschkins Büste auf Granit, mit feschen Fischen und der Inschrift »von den Odessiten«; so weiß man, von wessen Geldern sie errichtet wurde. Das Opernhaus vor und nach dem »Großen« Brand. Die Uspenski-Kathedrale mit himmlischen Glocken, überfallen, dann saniert. Der Woronzow-Leuchtturm wurde nach seiner Zerstörung zylindrisch wiedererrichtet. Der Bahnhof: klassizistisch, die erste Klasse zur Puschkinska hin, die dritte zum Alten Heuplatz, zerstört. Neu errichtet im alten Stil. Und die Stufen zum Meer, 192, sind ein paar weniger jetzt.
An der Potemkin’schen Treppe steht ein Hochstaplerpaar und schnürt einen wilden Adler, eine Eule und einen Fasan auf ein Kreuz aus Metall. Kinder fächern dem Fasan die Federn. Für ein paar Münzen kann man den Vögeln über die weichen Schädel streichen oder sich die Eule auf die Schulter setzen lassen. Die Eule hatte das Paar bei Nacht gefangen, in der Nähe der Katakomben, wo sie jenen Gaunern und Verfolgten als Glücksbringer galt, die zu spät kamen, um die Stadt noch auf dem Seeweg zu verlassen.
Exil
An einem heißen Julimorgen reist Mimi mit ihren Eltern ab. Ihr schmächtiger Körper lehnt an der Reling der Jekaterina, Kurs nach Kanada. Vom Hafen winken die Brüder. Mimi denkt nicht an das, was sie nicht wiedersehen wird.
Ihr Vater verweigert das Essen an Bord, weil es nicht koscher ist. Rinderbraten, Dörrpflaumenkompott und Baked Beans. Ein Mädchen auf dem Schiff erkrankt an Masern. Mimi ist vier Wochen krank und wird nach der Ankunft in Montreal in eine Klinik verbracht. Frauen mit schwarzen Schleiern scheinen von Käfern bedeckt. Bis ins hohe Alter noch würde Mimi den Geschmack von Dörrpflaumenkompott im Mund haben, bevor sie erkrankte.
Sie entkommen dem Schnaufen, dem Wind eines lichtlosen Tags.
Das Ritual aus Stille, Hunger und Orientierungslosigkeit zeugt Wolfsmütter.
Erst. Mal. Gibt. Es. Schmale. Kost.
Maurer $7.00, Dreher $6.00, Klempner $6.00, Klempnergehilfen $2.50, Estrichleger $5.00, Steinmetze $4.75, Tischler $4.00, Handlanger $4.00, Hufschmiede $4.00, Schmiede $4.00, Fliesenleger $4.00, Glaser $4.00, Schildner $4.00, Verputzer $4.00, Schindler $4.00, Maschinisten $3.75, Möbelschreiner $3.50, Walzwerker $3.50, Ungelernte Arbeiter $2.00 bis $2.50.
Mimis Vater, Torah-Lehrer im Osten, wird im Westen Hausierer.
Einmal verirrt er sich in einer Wohngegend und steht plötzlich vor einem jiddischen Theater, wo eine Gruppe von Schauspielern eine Übertragung von Shakespeares Der Sturm probt. Eine Weile lauscht er den gedämpften Gesprächen, den flüsternden Stimmen. Caliban ist ein großer ungarischer Jude mit einem Lispeln. Miranda fragt in die Runde: »Fun wonen is a Jid?«
Mimi lädt Fremde zu sich nach Haus, hat einen stattlichen Busen, entsinnt sich nie ihrer Kindheit. Sie erinnert an Marie-Antoinette oder Madame Bovary. Das Herrische in einer Frau kommt schnell zu Fall.
»Sie war so beliebt, dass sie ohne Freunde starb«, wird man später sagen.
Mimi hat eine Krankheit. Die Krankheit ist ein Kreischen, ein katzenfreundliches. Sie kann für ein paar Tage verschwinden, ausbrechen, und wieder verschwinden. Es ist wie beim Feuer in Neros Rom; niemand weiß, ob Mimi die Krankheit selbst gelegt hat.
Manchmal poliert sie die ganze Nacht lang das Silber. Oder brüllt ein Kirchenhaus an: »Ich spreche kein Erzengelisch!«. Dann kauft sie sich von Vaters Ersparnissen Kleider und Schmuck und zündet, die Rubine im BH versteckt, am Abend vor Schabbat feierlich die Kerzen.
Sie treffen sich bei einer Hochzeit an der Küste. Sanftlila Sonnenschirme und ein Wandelgang zum Meer. Mimi tritt zum Schrei der Möwen aus einem weißen Zelt. Sie geht aufs Wasser zu und trifft ihn am Pier. Ihr Blick durchbohrt die Ferne.
»Wie die Sonne glitzert«, beginnt er.
»Sie glitzert immer«, zischt sie.
Die Stille wird vom Rhythmus der Wellen erfasst, und ohne ihn eines Blickes zu würdigen ruft sie unvermittelt: Ho, Europa, und winkt mit ihrer Handschuhhand.
Und er, mit Buster-Keaton-Miene, polierten Schuhen und rauchiger Stimme, ist so bezaubert von ihren Purpurlippen, den hohen, blassen Wangenknochen, dem Lachen, das aus ihrer Brust geflügelte Lettern entlässt. Er ist so hin und weg von ihrem Geplauder über die Donau, ihre unglücklichen Vorfahren, den Aktienmarkt und all das Gold, das sie finden wird, dass er einen Kredit aufnimmt und ihr einen Ring an den kalten, weichen Finger steckt.
Das Winterland mit seinen blattlosen Bäumen sieht aus wie ein Stoppelgesicht. Mimi schreitet in einem Satinmantel auf und ab. »Der Atlantik«, seufzt sie, »macht mir Alpträume.« Die Türklingel geht schon früh am Morgen. Ist ihr Mann im Geschäft, empfängt Mimi den ganzen Tag Besucher. Sie serviert Kuchen, kandierte Früchte und russische Sprichwörter. Endlich hat sie eine Straße. Farwell Avenue. In Milwaukee.
Falken zeichnen sich ab vor dunklem Ackerland. Im Herbst scheinen die Himmel zu sinken. Sie hat einen schönen Namen, aber hierzulande wird sie von allen nur Mimi genannt. Ihr Lachen lässt Fenster zersplittern. In der Kälte draußen wächst es heran und betrauert das Haus. Sie trägt Kleider, Federkleider. In Amerika und für Amerika.
Mimi nennt ihre Kinder »kleine Gesichter« und schreibt jedem an die Wiege: Geh, denn du hast weder Anteil noch Erbe hier. Damit Sukkuben und verstoßene Geister ihre Babys nicht erwürgen. Sie erzählt ihrem Lieblingskind von den »Nestern« und streicht ihm dabei über die Locken. Die Nester, sagt sie, machen Gesetze. Sie kommen aus den niederen Regionen. Ihre langen Finger zwirbeln.
Sie ist keine gebildete Frau, hat Bücher nur zur Dekoration. Posthume Jackie-O.-Biografien neben Jiddischen Liedersammlungen.
Manchmal zeigt sie ein Bild von Odessa, vom Primorskij Boulevard mit seinen Akazien, und beklagt den Verlust der griechischen und türkischen Cafés, der deutschen Bäckereien und französischen Friseure.
Die sonntägliche Purpursuppe reicht die ganze Woche.
Ihre Lieblingsgeschichte ist Tod. Wenn du stirbst, gehst du an einer Wand aus Steinen entlang, die aus der Erde ragen wie lange Gebeine. Wenn du stirbst, fällst du in einen Brunnen hinab und bringst Blut zum Spiegelbild des Monds. Wenn du stirbst, trägt dich die vogeltötende Halluxkralle zum Orionbogen hinauf. Wenn du stirbst, kehrst du zurück zu Lehm und Nebel. Wenn du stirbst, wimmern die Golems. Wenn du stirbst, verschwindet die Welt. Wenn du stirbst, werde ich sterben.
Mimis Sohn, der miesgeborene, wird herausgezogen wie Wasser aus einem Brunnen. Große Zangen haben den Nacken fest im Griff. Taumeln der Laute, er drängt zurück. Seine Arme: Ruder. Die Drosselvene pocht. Auf dem Dach sind Eichhörnchen. Mimis Worte krächzen die Kehle herauf und fallen aus ihrem Mund wie unreife Beeren. Es braucht mehrere Schwestern, um Mimi zu halten. Sie brüllt. Frau der tausend Köpfe auf allen vieren; die Zange steckt noch irgendwo fest. Das Eibrot erbrochen auf weißen Laken. Das Baby ist plötzlich von taubem Fleisch umgeben, sein Kopf in der trägen Strömung eines dunklen Weihers.
Die seltsamsten Augenblicke sind immer von Lächeln bevölkert.
Wenn Kinder im Schlaf lächeln, sagt Mimi, dann spiele Lilith mit ihren weichen Gliedern, bevor sie ihnen das Mark aus den Knochen saugt.
Mimi warnt vor dem Winter. Keine Verträge, keine Reisen. Keine Geburten, keine nächtlichen Einfälle. Seit Jahren spendet sie dem Krankenhaus Geschenke. Bis ihr Sohn mies geboren wird. Mimi behauptet, dass die Hände des Arztes zittrig und die Augen blutunterlaufen gewesen seien. Der Gerichtsprozess macht Mimi im ganzen Ort bekannt. Sogar die Zeitung schreibt über sie.
Eine Nachbarin, die die Zukunft sehen kann und oft mit Tieren spricht, wird beim Abendessen blass. Sie lässt ihren Löffel in die Suppe fallen und blickt zu Mimi hin. »Da sitzt eine Krähe auf deinem Kopf«, sagt sie. Mimi bröselt Brot auf ihren beinschwarzen Haarkranz und fragt: »Frisst sie?«
Vögel nisten sich in den Schränken ein, Mäuse hinterm Kühlschrank. Mimis Muttermal auf der Wange sieht aus wie ein zerkautes Stück Fleisch, das dörrt auf der Haut. Sie zupft sich jeden Morgen vier Wimpern aus und gibt sie ihren Kindern. Die pusten ihre Wünsche über den Frühstückstisch.
Mimi züchtet Männer. Es geht das Gerücht, Mimi kümmere sich, nachdem sich ihr Ehemann in seinen frühen Tod ergeben, auf außergewöhnliche Weise um ihren miesgeborenen Sohn. »Ich bin die einzige Frau, die das für ihn tun würde«, gesteht sie später.
Ihr letzter Sohn wird kein Holzfäller und kein Doktor sein. Er wird nicht heiraten, wird keine Kinder haben. Er lebt mit ihr, bis er dreiundvierzig Jahre alt ist, dann fällt er die Treppe hinunter und blutet sich lautlos aus der Welt.
Danach spielt Mimi Gameshows mit ihren Nerven und schaut Tennisspiele in der Anstalt. Ihr Zimmer ist steril. Auf der Fensterbank stehen sechs Matrjoschkas.
In der Anstalt erzählt Mimi die Geschichte vom Holzschnitzer, mit dem sie einst in einem Haus aus Nussbaum- und Apfelholz lebte. Sie schnitzten Schwäne, tanzende Figurinen und Früchte. Niemand kennt die Geschichte genau oder versteht wirklich, wo und wann was geschah; in einigen Versionen heißt es, der Bildhauer oder Holzschnitzer habe eine Frau gehabt, die mit drei Kindern unten im Tal in einem Bauernhaus lebte und Brieffreundin von Theodore Dreiser war.
Bei anderen Gelegenheiten erzählt sie von ihren Kinderjahren in einem namenlosen ukrainischen Dorf. »Wishniak ist ein rubinroter Kirschlikör. Wir haben die Liköre im Herbst selbst hergestellt. Dann kamen Männer ins Dorf und schmissen mit diesen Likörflaschen unsere Fenster ein. Die Teppiche wurden rot. Die Kirschen pflückten Mutter und ich von den Bäumen hinterm Haus. Wir hatten ein paar Pferde.«
Es bleibt ungeklärt, ob sie in diesem Dorf oder in Odessa aufwuchs, wie sie auf einem Schiff den Hafen von Odessa in Richtung Atlantik verließ oder einen Freund von Dreiser kennenlernte.
Als Mimi in der Anstalt lebt, wird ihr Haar dünner. Sie hat viel zu tun. Sie gehe am Morgen segeln mit einem Millionär, sagt sie, und zeige ihm die Statue von Katharina der Großen hoch oben über den Pflasterstraßen ihrer Stadt. Sie passieren die Adlergrenze und meiden die Straßen, die alten Katakomben und das schwärzeste aller Meere, das alles vom Menschen Gemachte und alles vom Menschen Zerstörte gesehen hat. Hunderte Vögel fluten vom Himmel. Gegen Ende zeichnet Mimi Seekarten und stellt sie neben die Matrjoschkas auf die Fensterbank. Sie sagt, sie müsse das Licht zerteilen, bevor sie stirbt.
Wildnis
Im Zimmer ebben die Geräusche ab, das hohle Bellen des Hundes hohlt nicht mehr. Der Himmel tönt, und auch der leere Waschraum in der Schule; Frauen schauen sie an oder sich selbst. Wie lange dauert es, bis der Tee in einem Glas erkaltet? Oder der Fluss, die Kirche, die Glocken, der Rauch, der aus der Nase glitt? Es gibt eine Form von Gedächtnisschwund, die lässt sich nicht klinisch belegen. Ein Aufweichen von klaren Grenzlinien bis hin zur Auflösung aller Himmelsrichtungen, wie unter Wasser. Meine liebe Frau ---------, das Brot ist ausverkauft. Ist noch Krieg? Immer noch Krieg? Im Handgelenk, da gibt es noch ein Klingen, und im Kupferklirren des Beckenbodens. Jeder Teil des Hauses hat eine Bedeutung. Und der stattliche Mann, der sich in der Küche über ihre Backwaren beugt, hat einen Namen. Sag das noch mal. Brombeer und Rhabarber. Der Verlust sitzt tiefer noch. Ihre eigene Haut fühlt sich weit an und fremd. Chicago, Beloit, Detroit Lakes. Sie sind irgendwo. Die Sonne fehlt, und so zeichnen sie sie mit den Fingern: Was macht die Sonne jeden Nachmittag? Sie bewegt sich so.
Es gibt eine Form von Gedächtnisschwund, die fängt mit Wörtern an, die lose von Zahndamm zu Zahndamm zittern. Äpfel haben ein Eigenleben; schneidet man sie, dann springen sie gern hinter Möbelstücke. Sie wiegt die Luft in ihren Händen, die sprachlos war; warum sollte man sie sich auch anders vorstellen? Man hat genug abstrakte Areale durchschifft: Stunden, Anfänge, Jahreszeiten, Lebensalter, Treppen, Wochenenden, Denkmäler. Sie sitzt auf ihren zwei Knochen und zieht das Fleisch darunter hervor. Hast du dich jemals an einen Türrahmen gelehnt, mit rotem Kleid, eisigen, eisblauen Augen? Sie lacht. Die Nachbarn lieben Süßes. Aber sie hört auf, Ratschläge zu geben, als ihr erster Zahn in den Devil’s punch fällt. Ein Kind nach dem anderen schneit ihr ins Haus; ihre Taille ist nie wieder wie einst. Und doch gleicht sie immer noch den Hollywood-Diven aus den Fünfzigern, mit kessen Brüsten und molligem Grinsen. Das Rauschen des Wasserturms schläfert sie ein. Und dann? Wo geht man hin nach all diesen Jahrzehnten des Zählens und Vorbereitens? Es gibt eine Form von Gedächtnisschwund, die betrifft das gesamte System, nur die Augen nicht. Sie hebt ihren Becher, ihr einziger Diamant funkelt. Der Mann in der Küche, ihr Kleid im Türrahmen. Sie erinnert sich an die meisten Dinge, die danach passiert sind, und an fast nichts davor. Es gibt eine Form von Gedächtnisschwund, die lässt sich nicht klinisch belegen; sie hält Vorzeitliches und Künftiges auf gleicher Distanz. Und Sprache selbst mahlt nur den Klang. Sie steht still da; für einen Augenblick von zittrigem Nichts umfangen. Ihre Hände treiben im Spülwasser. Sie kann ihren Schweiß im Nacken und in den Achseln riechen. Ihre Hände schlagen Wellen. Ein Tropfen fällt vom Hahn, und der abgeplatzte Lack ihrer Nägel sinkt mit eingeweichten Pfannen. Es ist einfach, immer wieder die gleiche Geschichte zu erzählen. Zu essen, bis die Welt verschwindet. Welchen Zweck hat der Kühlschrank all die Jahre? Der Mann lehnt sich an den Türrahmen, seine Lippen sind schief und seine Hände klein. Dass sie jemandem ähnlich sieht. Und sein Lachen berührt ihre Haut. Dass sie den Krieg überlebte, auf der sicheren Seite. Der Seite, die keine Schüsse vernahm, nur zwischen den Zeilen des Gebets. Es gibt eine Form von Gedächtnisschwund, die beginnt mit Genuss, mit zu viel Schlaf oder dem Reiben der Füße gegeneinander. Die Frauen sprechen oft davon, dass ab einem bestimmten Alter das Haar nicht mehr über die Schultern wächst, ohne ungesund zu wirken. Brombeer und Rhabarber. Seine Schuhe quietschen auf dem Linoleum. In der Ecke liegen ein paar Murmeln, die die Kinder hinterließen. Worte pendeln zwischen Körpern und ziehen wieder fort, um die Peripherien der Schulhöfe zu bereisen, Ränder des Lichts. Es ist einfach, immer wieder die gleiche Geschichte zu erzählen, als hisse man die Flagge für ein unbekanntes Land, das das eigene ist. Es gibt eine Form von Gedächtnisschwund, die nur für Scham sprechen kann. Das Kleid ist fort. Sie steht auf der Veranda, auf dem Rasen, vor dem Haus, neben dem Briefkasten. Sie schmirgelt sich durch Schichten und flickt die Oberfläche mit farbig glasierten Tafeln. All ihre Brüder, ein Zweig von fünf Söhnen, nahmen andere Nachnamen an, um der russischen Armee zu entgehen. Sie steckt ihre Finger in die Rose hinein. Alles wird erloschen sein, selbst die Feuerstellen. Und die Maulbeerfeige und die Ermordeten unter der Erde. Die Zeit wird aussterben. Sie streichelt die Rose, und die Rose streichelt sie. Ihre Finger sind in der roten Kuppel gefangen. Sie schaut nicht auf, der Himmel erschöpft sie. Es gibt eine Form von Gedächtnisschwund, die lässt sich nicht klinisch belegen, beginnt jedoch mit dem Kneten einer knospenden Mädchenbrust und einem Lebensabend in Florida. Ihre Enkelinnen werden schließlich je eine eigene »Heimat« bestimmen. Die eine geht nach Deutschland, die andere in den tiefen Süden, die dritte kommt zu Geld. Sie lauscht der Schwalbe, oder ist es ein Wanderfalke? Und schüttelt dann ihr Handgelenk über einem Teppichmuster aus.

Im Garten ein Schuppen. Und in diesem Schuppen schlief ich einst und wachte mehrmals auf des Nachts, und Kälte saß mir in den Füßen, den Hüften. Der Schuppen stand weitab vom Haus. Geschütztes Gerät. Harken, die ich im Herbst hielt und mich schund für all das Laub, das herunterkam und zum Hügel gerecht werden musste. Und in dem Schuppen Laubsäcke; die nasse Fäulnis beduftet die Dunkelheit. Der Schuppen birgt Gläser und Dosen mit sauren Schoten, Roten Beeten von unzähligen Sommern. Ich war hungrig, jedes Glas verschlossen. Ich ließ eins nach dem anderen fallen. Lief über die Scherben, näherte mich dem Boden mit dem Mund, tauchte Lippen und Zähne in Glas, in die versprengten roten Herzen.
Im Schuppen zu schlafen war so kalt wie auf dem Hügel am Holunder.
Immer kurz vorm Krankwerden. Immer kurz vorm Schnürsenkelkauen.
Im Schuppen war ein Mädchen, das mich zu verfolgen begann, nachdem ich die Gläser zerschlagen hatte. Die langen Zähne brachen ihr aus dem Mund, die düsteren Totenaugen, die Glasknochen klingeln.
Sie schoss herab wie ein Falke. Schrie raus, raus. Zog meine Füße am helllichten Tage über die Felder zum See. In den See.
Das Mädchen nuschelte wie die Bäuerin, die einmal die Woche Milch brachte. Bei so vielen fehlenden Zähnen. Das Mädchen mochte keine Milch, weil es wusste, dass die Bäuerin sie berührt hatte.
Ich dachte, wenn ich mich lange genug in Kuhlen, Kerben, Kammern kauerte, fiele es dem Mädchen schwerer, mich zu finden. Aber es tauchte am Esstisch auf, floss aus der Leitung und flutete Toiletten.
Das Mädchen auf Schritt und Tritt.
Falken des Nordens, stieß sie hervor. Ich hieß sie schweigen und querte die Klippen.
Die Tage waren gewaltige Körper, die sich zu Wäldern bogen.
Aus ihrer Kehle wuchs Gestrüpp und krabbelndes Getier. Ich wollte sagen, ich bin durstig, aber die Worte glitten zurück.
Das Mädchen lauerte, lungerte, tänzelte nachts, bis wir beide einschliefen im Lied des anderen. Sie zeigte mir kreisrunde Drachen. Draußen in den Rosenbeeten. In den Auen.
Komm zu den Auen.
Im Jahr, als der Garten überfallen wurde, tanzte das Mädchen um mein Vertrauen. Sie schwor im Flüsterton. Spielte Geige für mich. Wenn wir blieben, könnten wir einen Vater und eine Mutter, ein Land und ein Stück Himmel haben.
Wer zuerst spricht, würde seine Welt verlieren.
Und so nahm ich die Herzklappe und aß sie. Ich nahm das Schienbein und bläute es. Ich übte schwere Tage, kurze Tage, ungeduldige Tage. Als ich endlich krabbeln konnte, fragte ich meinen Gott, warum er mich elend gemacht.
Schütze das Herz wie eine Blockhütte vor Sturm. Puste hundert Mal. Laubblätter stieben in alle vier Winde. Senfgelbe Erde. Ich wusste, dass die Namen der Farben immer an den wahren Farben versagen würden.
Ich nannte sie Cold Ribbons. Sie nannte mich Lamenta.
Im Januar fuhren wir in die Berge. Mutter, Vater, ihre Freunde, deren Kinder. Wir fuhren zusammen Ski. Ich wusste nicht, wohin ich meine Hände legen sollte, wenn ich nicht Ski fuhr. Wir tranken heiße Schokolade. Cold Ribbons schrieb Postkarten. Die anderen Kinder spielten außer Sichtweite. Einmal traf ein Schneeball das Fenster, hinter dem ich saß. Ich schwitzte in meinem Schneeanzug. Ein Junge mochte ein Mädchen. Ich hatte eine schlechte Haltung und kurzes Haar. Nachts hielt Cold Ribbons meine Hand.
Jede Nacht pfiff sie und erzählte mir Geistergeschichten, die ich nie hören wollte.
Ich wollte Cold Ribbons den Fluss hinuntertreiben sehen und rufen hören: »Zieh deine Stiefel aus, Lamenta, und schwimm!«
Manchmal spielten wir zusammen; es gab keine anderen Kinder. Sie erfand Spiele, die Tage dauerten. Eines Morgens saß ich an einem Baum und sang vor mich hin. Cold Ribbons schwang sich von einem Ast herab und fing an, ein großes Marmeladenbrot zu essen. Als sie den letzten Bissen hinunterschluckte, fragte sie mich, ob ich Hunger hätte. Ich schüttelte heftig den Kopf. Sie lächelte und leckte sich die Finger.
Es gab einen Wind, der sich um mich kümmerte, mich an diese Orte brachte. Cold Ribbons musste man endlich loswerden.
Also schloss ich einen Pakt im Schuppen. Cold Ribbons zitterte in der tiefsten dunklen Ecke. Ich bellte in die Kälte hinein, schlug ein paar Gurken aus dem Regal. Draußen fuhr ein Auto vorbei; das war unwichtig, aber ich nahm es trotzdem wahr.
Immer waren wir auf der Suche nach Fisch, Zucker und kostbaren Steinen. Manchmal hatte ich Worte, manchmal hatte ich keine. Einmal gab es einen zeitlosen Schacht, ein Tal der heimatlosen Klagen. Wo soll man anfangen, wenn man die Geschichte nicht kennt?
Mimi las die Bücher rückwärts. »Fang mit dem Ende an«, befahl sie mir.
In jenem Herbst fand ich zuerst ein Taubenbein und später einen Flügel.
Luft zog mir um die Lenden. Ich ging dahin, wo ich nicht hingehen sollte. Die Laubblätter taumelten gen Himmel. Über unseren Köpfen braune Karussells.
Eines Nachts, das Haus lag im tiefsten Schlaf, weckte mich eine Hand, zerzauste mein Haar. Ich wusste, dass es Mimi war, bevor ich die Augen aufschlug.
Sie sagte, die Eiszapfen an den Bergwänden seien zu Engeln geworden.
Sie sagte, sie könne das Mädchen loswerden.
Mimi schrie: »Feuer!« Das Mädchen versteckte sich, und ich traute mich. Sie heulte, und die Wölfe hielten staunend inne. Ihre Pulsschläge trommelten durch die Bretterwand, die Gläser bebten.
Taktvoll sprach ich durch das dunkle Zepter, eine Blende des erlöschenden Blicks.
Das Mädchen umklammert die Harke. Sie bettelte; zu spät, zu spät. Ich hätschelte ihr Herz. Durch dünne Kleidung.
Fütterte Glas, fütterte Gestirne, fütterte Mimi mit Zukunft.
Die Liebesgeste war vorbei, Cold Ribbons und ich sahen uns nie wieder.
Kaum war das Mädchen weg, sagte Mimi, ich könne jetzt gehen, wohin ich wolle. »Da draußen vergeht die Freiheit über dem Atlantik und für den Atlantik«, sagte sie. »Du kennst das Leben erst, wenn du es aus seinem heimatlosen Körper getrieben hast.«
Es schneite. Im Garten streunten entlaufene Katzen. Es gab keinen Grund mehr, beim Schuppen, bei den Äckern und den Laubblättern zu bleiben.
Sie pflückte drei Feuer, durchbohrte die Ferne mit stoischem Blick und schrie: Ho Wüste, nun wirst du keine Namen mehr haben da draußen!

Bring die verwaisten Welten zu Atem.
Wir singen Asche Asche. Ash Ash.
GESCHICHTE DES ATEMS

Prolog
Die Lehmstadt liegt östlich vom Lehmgebirge. Die Arbeiter der Lehmstadt gewinnen dort den Lehm. Hanni baut lange Lehmgabeln und Schuppen für Lehmgabeln zum Schutz vor Schlamm. Er schlägt oft hin, mit dem Gesicht nach unten, und wird über den Tag zu einer lebenden Skulptur. Hanni ist schlecht gebaut, und die Lehmstadt ignoriert sein tönendes Manövern, seine Momente hysterischen Lachens, die endlosen Reihen von Gabeln in kollabierenden Gefügen am Lehmberg. Ein Laubsturm hat einen gelben Teppich über die Lehmstadt gelegt. Als die Laubblätter anwirbelten, hielt Hanni mit dem Selbstlauten inne und starrte – das erste Mal in seinem Leben – zur Krähenstunde in den kecken Himmel. Die Krähen gafften vom blauen Saum des munteren Himmels; schwarze Schallsprenkel, die sich zu Gebilden formierten, die Hanni Schwolken nannte. Mit seinen Lehmgabeln versuchte er, die Schwolken zu zerstieben, konnte sie aber nicht erreichen, fiel rückwärts in einen Graben. Schlief ein. Als Hanni erwachte, spürte er ein Klatsch Klatsch am Kopf; er konnt sich nicht erheben, konnt nichts sehen. Er schrie, aber es fielen nicht Selbstlaute aus dem Mund, er schluckte vielmehr eine Menge Schlamm. Es war finster, aber Hanni war in der Finsternis nie wach gewesen und wusste nicht, was das war, schrie also abermals. Mehr Schlamm quoll den Rachen herab. Hanni wollte schreien, aber der Schlamm in seinen Augen lag in trockenen Schichten, und so rollten die Tränen in seinem Kopf. »Hanni, gehst du heute zum Berg?« Hanni weiß nicht, warum er die Stimme seiner Mutter vernimmt. Hier ist sie nicht, unter all dem nassen Knarz. Er kennt diesen kalten Klump, weiß, wie er glitscht und härtet, unter den Fingernägeln bleibt und sie dunkelt. Er hört gedämpfte Stimmen, spürt dann ein Gewicht auf dem Gesicht. Der Knarz drückt ihm in Poren und Nasenlöcher. Er kann nicht atmen, schluckt noch mehr davon. Das Gewicht ist weg. Klatsch klatsch, vernimmt er von oben. Hanni sorgt sich um seine Lehmgabeln. Im Laubsturm war er zum Berg gelaufen; seine Gabeln müssen oft angefasst werden, sonst werden sie hart oder weggeblasen oder wieder zu Knarz. Hanni denkt nie, aber es scheint, dass das jetzt schon lange so geht, unmöglich, grt grt. Mehr Tritte, Hanni, hört, oh, Hahnemann, oh Diester, oh oh, Hanni krümmt sich, schluckt noch einen Mundvoll, den Rachen runter, er wimmert uuli uuli uuli. Das ist alles, was ihm bleibt, schlucken, was ihn bedeckt, sich zur Welt hinschlucken.
I. Abraham
Ein Mann zieht umher/ Ein Mann gehört nicht dazu/ Ein Mann ist staatenlos/ Ein Mann sucht Land/ Ein Mann spricht mit sich selbst/ Ein Mann kennt einen Gott/ Einem Mann wird verheißen/ Ein Mann braucht einen Erben/ Ein Mann verstößt seinen Sohn/ Ein Mann folgt einem Befehl/ Ein Mann steigt auf einen Berg/ Ein Mann opfert/ Ein Mann glaubt/ Ein Mann ist absurd/ Ein Mann wird ein Stamm/ Ein Mann ist der Anfang/ Ein Mann bringt einen Widder dar stattdessen/ Ein Mann wird berufen
Umherziehen
Sein Gesicht entwuchs einem Hals. Stummgewaschenes Feuer. Der Harz, das dichteste und höchste Gebirge im Norden Deutschlands, ein Herz, durch das man fährt von Ost nach West. Niemand schlug in diesen letzten Monaten eine andere Richtung ein. Seine Uniform, seine Stiefel im März 1945. Sein hageres Gesicht über Waldschneisen; nach dem Krieg würde er Jäger werden. Deutschland gleicht zu diesem Zeitpunkt einem Kessel, oder einem See, einem leeren Magen. Landkarten kollidieren, küssen Wangen und brennen dann an den Ohren.
Der Harz Ende März. Krokusse umstehen das Immergrün. Die Frontlinien verlaufen jetzt auf deutschem Boden. Kübelwagen, VW Typ 82, können auch langsame 4 km/h fahren, im Schritttempo marschierender Soldaten. Hitler rief zum Volkssturm auf, sein Vorbild der preußische Landsturm. Ein anhaltendes Tauen legt die Felder frei. Er soll sich in Neustadt seiner Einheit anschließen. Der Zweifel starrt ihn an, vermutlich in einer Scheune. Er stiehlt sich über Hügel hinweg in den Wald. Der Bauer wird ihm schon eine Jacke geben und einen Liter Milch. Er konzentriert sich ganz auf den unebenen Boden, die Sträucher, Wurzeln, Baumgerippe. Kein Tier fiept oder flötet. Der Winter, einer der strengsten Deutschlands in jenem Jahrzehnt, hatte alles verstummen oder verhungern lassen.
Auf einer Lichtung zieht er sich aus; die Orden pendeln, und kurz flackert Licht über seinen Strichmund, die Lippen dünn vom wochenlangen Schweigen. Ins Gras fallen Panzerjacke, Feldbluse, Stahlhelm und Lederhandschuhe. Das Kleinkaliber wirft er in den Rucksack. Ein schmaler Mond, schmal wie ein Eiszapfen, wandert zwischen spitzwinkligen Fichtenkronen. In diesen letzten Monaten des Krieges, oder in diesen letzten Monaten der Bedrohung, oder in diesen letzten Monaten der Wachsamkeit.
Er verscharrte seine Uniform oder er verbrannte seine Uniform. Er verbrennt seine Uniform im Wald und macht sich auf seinen langen Weg. Später würde er sich weigern, zu Fuß irgendwohin zu gehen, würde sagen, er sei genug marschiert, das reiche für ein ganzes Volk. Später würde er nicht viel sprechen über diese drei Wochen durchs Land. Fahnenfluechtig. Infanterist. Sturmgeschuetzfahrer. Er behält nur seine Stiefel.
In Harzungen trifft er eine Frau mit einem Koffer und fragt sie nach dem Weg gen Westen. Sie lässt den Koffer fallen und sagt: »Den kannst du tragen.« Sie hat eine Straßenkarte der Region, aber er sagt ihr, dass er Straßen meiden, stattdessen querfeldein laufen oder Chausseen nehmen wird. Später wird betont werden, dass ihre Beziehung nicht amourös war, nicht intim. Dass er über die nächsten paar Jahrzehnte ihren Namen vergessen würde. Zunächst aber war bekannt, dass er mit einer Frau namens Vera Hagel über Land zog.
Er trägt ihren Koffer. Sie sagen, sie hätten am sechsten Tag des Juni 1944 im Thueringer Wald geheiratet. Sie läuft ein paar Meter hinter ihm. Er weiß, dass er mit ihr an seiner Seite weniger verdächtig wirkt. Der Koffer ist schwer, bald wirft er ihn in einen Graben, ohne Blick zurück.
Eine Pfütze zittert an den Rändern. Moor und Heide. Dicker Morast und ein wortloses Geräusch der Sohlen, die versinken und sich heben. Sie brechen früh auf, mit dem Nebel. Zartdunstig drückt er sich am Boden entlang.
In den ersten Nächten schlafen sie in Fichtenwäldern, reich an Moosen, mit spärlichem Licht. Vera Hagel stellt nicht viele Fragen, und man wundert sich, dass sie einem Mann vertraute, dessen Mund oft mit dem Maul einer gähnenden Wildkatze verglichen wurde. Sie gehen mindestens 25 km am Tag durch das Bodetal. Vera Hagel beschließt, an Türen zu klopfen. Er hat Glück mit Fröschen und schafft es einmal fast, einen Schwarzstorch zu erlegen. Aber die Kugel trifft nur den großen gefingerten Flügel, und der im Tiefflug über die Ufer gleitende Storch stürzt ab, wird zügig vom Fluss fortgetragen.
Azur-Astern, Rotfichten, Torfmoose. Sonne flittert. Seen sterben. Geh. Beschreibe einen Gewitterguss. Grau kommt von einer zweiten Sonne. Es wird Regen geben, und Nordwestwind.
Kaum willens. Trost finden im Wasser. Das Wasser waescht die Magerkeiten. Irgendwie schafft er es, Briefmarken gegen Rüben einzutauschen. Denk an seinen Atem.
Gustav Mahler, Das Lied von der Erde. Deine höchste Angst und deine tiefste. Ein Hohlraum öffnet sich, und Fluten kehren ins Meer zurück. Du wirst auf ein Leben des Fremdseins blicken.
Er mochte es, still in einer Landschaft aus Kissen und Strömung zu liegen. Oder in Badewannen, mit einem Kriminalroman. Im Ehebett. Sich aus einer dunkleren Zeit ins Blumenmuster zu fliehen.
Sein Knie lässt ihn im Stich, als sie an die Helme kommen, Vera Hagel hat Fieberbläschen am Mund. Die Sonne ein Schmerz. Lebe mit gleißender Qual. Lebe mit ihrer Rückkehr. Die Helme ist ein Fluss, der die Zorge und die Thyra aufnimmt, an Nordhausen vorbeiführt, nahe dem damaligen Konzentrationslager Dora. Stromab wird die Helme durch die Talsperre Kelbra gestaut und fließt von dort südöstlich an Nikolausrieth vorbei, bis sich ihre Wasser in die Unstrut ergießen, einen Fluss, der das Weinbaugebiet Saale-Unstrut prägt. Heute ist es bekannt für den Rotkäppchensekt, hergestellt in den Kellern von Freyburg.
In einem Traum: seine Füße. Ein Zehennagel fehlt, ein anderer ist blau, dann dicke Adern über dem Berg, dann fort.
In Walkenried beschließen sie, die bergigere Südstraße zu nehmen, um Bad Sachsa zu umgehen, eine Hochburg der NSDAP-Führungskräfte. Die Kinder des Hitler-Attentäters Claus Schenk Graf von Stauffenberg sind hier im Borntal verwahrt, unter dem falschen Nachnamen Meister. Jahrzehnte später zog meine schwangere Mutter in eine Wohnung in der Stauffenbergstraße, im damaligen Westberlin. Die Wohnung befand sich im Bendlerblock, mit Blick auf jenen Innenhof, in dem Stauffenberg und drei weitere Hitlergegner kurz nach Anbruch des 21. Juli 1944 erschossen worden waren.
Es existiert. Vielleicht. Es existiere, sagtest du.
Die Südstraße führt nach Wieda hinauf, und sie müssen über 750 Meter klettern, bevor sie die Waldsiedlung erreichen. Kinder laufen ihnen hinterher auf den leeren Straßen; ein von zwei Pferden gezogener Wagen voller Soldaten fährt vorbei.
»Der erste tote Soldat, den ich sah, lag mit ausgestreckter Hand im Gras, das Gold des Eherings funkelte in der Sonne. Um seinen Mund herum Fliegen. Papiere wirbelten herum.«
Ein paar Briefwechsel im Januar und Februar. Er fragt nach Schnürsenkeln, bestätigt die Ankunft der Lebensmittelkarten, trauert um den Verlust eines Taschenmessers. Es besteht kein Zweifel: Er ging an eingestürzten Brücken vorbei, an Häusern ohne Dach, an Frauen, die den Bürgersteig fegten.
»Russische Soldaten öffneten Kondensmilchdosen mit ihren NR-40-Messern.«
Gewisse Dokumente sind nicht zu finden.
Sie erwachen von einem Geräusch, einem Knall wie aus einer Pistole, abgefeuert aus einem Aloe-Blütenstand, auf dessen Spitze eine prächtige Blume thront. Er schaut in die Blüte und sieht Ähren aus Gold, sieht die Geburt von Duft.
Oberharz. Unterharz.
Wir wollen ihnen ungemein gefallen, unseren unbekannten Toten.
Ich habe Angst vor ihm, so bezaubert er mich.
Drei Fakten: Viermal kam er raus aus dem Panzer, lebendig. Bakterielle Ruhr rettete ihn vor der russischen Front. Das ist viele Väter her.
Wer geht, wird wieder zum verlorenen Sohn. Ausziehen, versündigen, zurücklassen. Rückgewinnung des Abstands. Der Ankunft.
Marschland, Basalt, nistende Schwäne, Wäscheleinen. Millionen Deutsche werden im Januar 45 aus den Ostgebieten gen Westen getrieben. Jeder Treck ein Todesmarsch. Im Sommer vertreiben Tschechen die deutsche Minderheit aus dem Sudetenland nach Österreich, bekannt als der »Brünner Todesmarsch«. Noch später im Jahr ziehen viele Tausend zivile Flüchtlinge aus der russischen Besatzungszone fort.
Es scheint, als sei im Jahr 1945 eine der größten Fluchtbewegungen der europäischen Geschichte zu Fuß zu Tode gekommen.
Im Frühjahr Bomben, Spannung in geschlossenen Blüten, prall mit Spuren von Purpur. Fleckige Veilchen gehen auf; die kleinen »Stiefmütter« unter ihnen wirken immer giftig. Seine Lieblingsblumen, so stellt man sich vor und glaubt es dann, sind Felder von Margeriten.
Im Graben: Schlamm, himmelblaue Federn (oder etwas Himmelblaues), eine Langston-Hughes-Zeile (von all den möglichen Zeilen): »Can you love an eagle tame or wild?« In der Ferne ein Zittern, hartleibiges Lachen, das Geräusch von tieffliegenden Drohnen.
1944 begannen die Arbeiten an der Helmetalbahn, einer Bahnlinie zwischen Nordhausen und Walkenried. Von den Bauern war der nötige Grundbesitz beschlagnahmt worden. Für die Dammschüttungen und Rodungen erhielten die Häftlinge des Außenlagers Dora Schubkarren und Schaufeln.
Als sie Walkenried passieren, war das Projekt Helmetalbahn schon aufgegeben worden. Die meisten Häftlinge hatte man aus dem Lager Dora weg auf Todesmärsche geschickt.
Fachwerkhäuser brechen aus den sanften Hügeln hervor. Stundenlang sitzt er auf einem Stapel frisch geschlagener Hölzer; sein linkes Knie pocht heftiger als sein Herz. Ein trockener Husten hallt gegen den Bergrücken. Ein Augenblick Nichts. Was nun?
Der Brief ist in einem Umschlag verwahrt und dieser mehrfach gefaltet.
Noch Krieg hier
Warum ist er stark, wo nimmt er das her, was wird er damit machen?
Über dem nie entfachten Kamin sein Gesicht aus der Kriegszeit. Volle Uniform, Beine übereinandergeschlagen, Gesicht im Halbprofil vor einer Fensterfront. Auf dem Tisch neben ihm eine Pflanze, eine Untertasse und ein gebeugter Bronzeengel.
Der Monat April gähnt beim Erwachen. Frühjahrsmüdigkeit, so heißt es im Deutschen. Er überlebte im Frühjahr. Hatte Vera Hagel dunkles Haar?
Ein Mann in der Ecke. Rauch in der Ecke. Putzt eure Ecken.
Er sah fern, als es schließlich geschah, Sport und Filme mit Ava Gardner.
Was später als rapider Verfall seiner Gesundheit bezeichnet werden wird, war zunächst ein rascher Fortschritt im Überleben. Vera Hagel findet die Flusstemperaturen für die Morgenwäsche genau richtig, und er gibt ihr, was von seiner Kernseife übrig ist. Der Frauen am Fluss erinnert man sich lebhaft. Die Wasser um Berlin wurden zu Grabstätten während des Einmarschs. Hatte er sich seinen Bart wachsen lassen, um die Soldatensilhouette zu kaschieren?
Am 17. April trifft die 1ere Armée in Freudenstadt ein. Vera Hagel verschwindet zwischen zerbombten Gemäuern.
Er mochte Bitterschokolade und Dinge von dunkelblauer Farbe. Sein Frauengeschmack apart. Ich erinnere mich, dass sie hautfarbene Strumpfhosen über ihre geäderten Beine zog. An der Schlafzimmerwand eine Bleistiftskizze von seinem Gesicht als kleiner Junge.
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