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Xenocyon Daemonicus

Incubus Expeditus

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Inhaltsverzeichnis

Titel

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Impressum neobooks

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Begriffserklärungen:

Wiedergeburt: In der Religionsgeschichte ist dies die Bezeichnung für den Glauben an eine Wanderung der Seele nach dem Tod in einen neuen lebenden Körper.

Seelenwanderung: Die Seele wird dem Glauben nach in einem anderen Leib wiedergeboren, was meist als Läuterungsweg der Seele gedacht ist.

Incubus: Ein nächtlicher Dämon, der in manchen Dämonenglaubensrichtungen als ein Buhldämon für Hexen bezeichnet wird.

[Wikipedia.de]

1

Zwischen „Gewiss“ und „Jawohl“;

was ist da für ein Unterschied?

Zwischen „Gut“ und „Böse“;

was ist da für ein Unterschied?

Was die Menschen ehren, muss man ehren.

O Einsamkeit, wie lange dauerst du?

Alle Menschen sind so strahlend,

als ginge es zum großen Opfer,

als stiegen sie im Frühling auf die Türme,

nur ich bin so zögernd, mir ward noch kein Zeichen,

wie ein Säugling, der noch nicht lachen kann,

unruhig, umgetrieben, als hätte ich keine Heimat.

Alle Menschen haben Überfluss;

nur ich bin vergessen.

Ich habe das Herz eines Toren, so wirr und dunkel.

Die Weltmenschen sind so hell, ach so hell;

nur ich bin so trübe.

Die Weltmenschen sind so klug, ach so klug;

nur ich bin wie verschlossen in mir,

unruhig, ach, als wie das Meer,

wirbelnd, ach, ohn’ Unterlass.

Alle Menschen haben ihre Zwecke;

nur ich bin müßig wie ein Bettler.

Ich allein bin anders als die Menschen:

doch ich halte es wert,

Nahrung zu suchen bei der Mutter.

Von Lao Tse aus „Tsao Te King“, 20. „Abseits der Menge“

Wo bin ich?

Wer bin ich?

Was ist mit mir los?

Mir ist kalt!

Mama!

Da ist Licht!

Da ist es warm!

Da will ich hin...

Da tut es nicht weh...

Keine Erinnerungen...

Keine Trauer, Schmerz, Angst mehr...

Da kann ich so sein, wie ich bin, immer sein wollte...

„Schluss, aus!“

„Was willst du Würstchen überhaupt?!“

„Versager!“

„Schlappschwanz!“

„Ach! Stell dich nicht so an, du Mimose!“

„Wer will dich schon haben, du Spast?“

„Was schaust du mich so an? Willst du ’n paar aufs Maul?“

Ich will das nicht mehr!

Sie sagen schlechte Dinge zu mir. Über mich.

Sie mögen mich nicht.

Was hab ich ihnen getan?

Keiner will mein Freund sein.

Ich verstehe die anderen nicht, sie mich auch nicht.

Alles geht nur schief. Warum das Ganze? Was soll ich noch hier?

„Kai!“

Wer ruft mich? Lasst mich doch alle in Ruhe! Ich will schlafen...

„Kai!“

Endlich schlafen und weit weg sein...

„Kai!!!“

… „KAI!!!“

2

Der Himmel glänzte in irisiertem Lila und Orange. Wenn man hier überhaupt von „Himmel“ sprechen konnte. Denn Oben und Unten waren hier relativ, genauso wie Schwerkraft, Entfernungen, Form und Farbe, Hell und Dunkel.

Der Boden hatte eine leuchtend gelbe Färbung, so wie das Gras, welches von sich selbst aus zu leuchten schien. Verschiedene fremdartige Geräusche umgaben die Gestalt, die sich manifestierte.

Lang und schlacksig, mit drahtigem Körperbau und durchaus definierten Muskeln, von blasser Hautfarbe, die in ein sehr helles Grün oder Blau hineinspielte, stand er da: ein Dämon.

Er hatte auf der Stirn gekrümmte, relativ kurze, ziegenartige Hörner, fast weiße lange Haare, lange, spitze Ohren und eine blaue Iris mit senkrecht geschlitzter Pupille.

Die Augenfarbe veränderte sich aufgrund seiner Stimmung in mehreren Übergängen zu einem Rot und wieder zurück. Denn er wunderte sich schon, wo er hier war und was mit ihm los war.

Er dachte eigentlich, dass er ein Junge sei und gerade eben gestorben. In dem Punkt war er aber unsicher. Erst recht als er sich seiner Gestalt bewusst wurde.

Diese erinnerte an seine Zeichnungen, die er in seinem Leben angefertigt hatte. An seine Träume. Nur die Farbe war anders. Nicht schwarz, sondern grünlich.

Ich seh aus... wie Shynn! Irgendwie jedenfalls. Wie kann das...

Er sammelte seine Gedanken und überlegte.

Ich bin doch eigentlich ich, oder bin ich er? Sind wir denn etwa eins? Schließlich dachte ich mein ganzes Leben lang, dass ich das nur träumte. Oder doch nicht? Wieso weiß ich das überhaupt? Verliert man nach dem Tod nicht normalerweise die Erinnerungen an sein Vorleben?

Was, verflucht nochmal, ist da schiefgelaufen?

Wieso fühle ich mich so unvollständig?

Soviel begriff er seltsamerweise sofort: Er schien ein relativ alter Geist zu sein und dementsprechend mächtig. In dieser Welt verfügte er erst recht über das vollständige Ausmaß seiner Fähigkeiten.

Aber komischerweise nicht über die Erinnerungen seines jetzigen Ichs, maximal über Bruchstücke davon. Nur die seines Alter Egos Kai waren abrufbar. Was ihn eher wunderte.

Er folgte einer spontanen Eingebung und rief zugleich mit Stimme und Gedanken seinen Namen: „Kai!“

Keine Antwort. Schon komisch, sich selbst zu rufen...

„Kai!“

Der Dämon wurde stutzig, seine Ohren zuckten und seine Pupillen verengten sich. War da nicht was zu spüren? Er rief noch einmal:

„Kai!!!“

Keine Antwort. Vielleicht hab ich mich doch getäuscht, dachte er. Trotzdem rief er noch mal wesentlich lauter:

„KAI!!!“

Immer noch keine Antwort.

Halbtot

Die Maschinen, welche die Vitalfunktionen überwachten, piepsten. Das angeschlossene Sauerstoffgerät zischte. Die Sonde, die mit einer Kanüle in seinem Arm steckte und ihn mit Nährstoffen versorgte, tropfte.

So lag der schmächtige dunkelblonde Junge im Bett. Im weißen Zimmer. Im Krankenhaus. An den Wänden eine eintönige Raufasertapete, weiß gestrichen. Eine Steckdosenleiste mit verschiedenen Anschlüssen für Strom oder andere Geräte medizinischer Art und ein Anschluss für Sauerstoff hing über dem Kopf des Patienten.

Der Raum war recht spartanisch eingerichtet: Neben dem Bett befanden sich ein Schrank, diverse Geräte, der Tropf, das EEG, das EKG und das Gerät für die künstliche Beatmung.

Auf der Fensterbank des Raumes stand ein langsam verwelkender Strauß Blumen und eine Genesungskarte, die von den Mitschülern des Jugendlichen – allerdings recht halbherzig – unterschrieben worden war.

Und nicht mal alle hatten sich darauf verewigt. Eigentlich schon eine Sauerei, mochte man denken.

Als man ihn fand, ihn mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus brachte, ihn künstlich ins Koma versetzte, erinnerte er sich...

An sein Leben...

An alles...

3

21. April 1982, Geburt

Eine mittelgroße kräftige Frau von etwa 30 Jahren mit kurzen, mittelbraunen lockigen Haaren, einer runden Nase, lag in den Wehen. Ihre hellbraunen Augen kniff sie jetzt allerdings sehr zusammen, denn ihr Leib krümmte sich unter den Kontraktionen der Geburt des bald zur Welt kommenden Lebens.

Auf dem Rücken liegend mit gespreizten Beinen lag sie im Krankenhauskittel auf dem Geburtsbett, während die Hebamme zwischen ihre Schenkeln schaute, ob der Muttermund schon offen stand.

Die nächste Wehe war im Anmarsch.

„Pressen, Frau Neumann!“, wurde sie angewiesen.

Die Frau verzog vor Anstrengung und Schmerzen das Gesicht, während sich in ihr der kleine Körper aus dem Geburtskanal wand.

„Na los, pressen Sie!“

Ich presse doch, du dumme Kuh!, dachte die werdende Mutter sichtlich gereizt.

Sie presste und bäumte sich dabei auf. Schließlich spritzte das Fruchtwasser aus ihr heraus.

„Ja, Sie haben’s gleich geschafft!“

Die Gebärende atmete durch und der nächste Schub kam.

„Los, noch einmal pressen!“

Sie konzentrierte sich und presste. Etwas Größeres drang aus ihrem Körper nach außen, erst der Kopf, dann die Schultern und dann der Rumpf, geschafft.

„Rabäääääh!“, machte der neue Erdenbürger, der noch schleimig und glitschig in den Armen der Hebamme zappelte. „Gratuliere, Sie haben einen Sohn!“, sagte diese.

Die Nabelschnur wurde durchtrennt und abgebunden. Und die Nachgeburt, der überflüssige, etwas klumpige Quasizwilling des Neugeborenen, auch Plazenta genannt, machte sich bereit, abgeworfen und entsorgt zu werden, was recht prompt geschah.

Die Schwester untersuchte, wusch und wog ihn, wickelte ihn behutsam in Stoffwindeln und zog ihm einen blauen Strampler an, um ihn seiner Mama zu überreichen. So konnte diese ihn endlich zum ersten Mal im Arm halten und stillen.

Nun kam der bürokratische Teil. Sie schrieb in eine Karteikarte aus grobem roten Karton schon einmal den Zeitpunkt und das Datum der Geburt. Die Größe des Kindes und sein Gewicht.

Dann wandte sie sich zur Mutter des Babys, welches nun an deren Brust saugte, und fragte: „Wie soll der kleine Mann denn heißen, Frau Neumann?“

„Kai“, antwortete diese, sichtlich von der Geburt erschöpft.

Auch das wurde notiert und der Mutterpass ausgestellt.

Die Mutter nebst Baby brachte man bald darauf in ihr Wochenbettzimmer, wo sechs weitere Frauen lagen, von denen einige bereits ihre Kinder geboren hatten – bei einer waren es sogar zwei – und andere hochschwanger auf ihre Entbindung warteten.

Der Kleine schrie und schrie, er litt stark unter Koliken und entwickelte sich nicht so prächtig, wie sein Geschrei vermuten ließ. Er war sonst nicht sehr munter, außer wenn er schrie, wobei sein Gesichtchen oft puterrot anlief. Auch – oder gerade – wenn sie engen Körperkontakt zu ihm hatte.

Frau Neumann war am Verzweifeln, da sie nie wusste, was ihr neugeborener Spross eigentlich wollte, obwohl sie doch alle nötigen Handgriffe ahnte und diese routiniert ausführte. Ihre ältere Schwester hatte nämlich schon zwei Kinder, welche die frisch gebackene Mutter ab und an vom Säuglingsalter an versorgt hatte, wenn das Schwesterherz ihren Männergeschichten nachging.

Die Windel wurde regelmäßig gewechselt, damit er sauber und trocken war. Er wurde zum Stillen angelegt, bis er von alleine von der Brust abließ.

Nichts schien richtig: Egal, was sie tat, trotzdem hörte er nicht auf zu schreien.

Die anderen Frauen waren zwar verständnisvoll – da auch sie wussten, wie das war – aber auch genervt, weil der kleine Schreihals ihre Kinder ebenfalls nicht zur Ruhe kommen ließ.

Die Woche im Krankenhaus verging mehr oder weniger schnell und der Vater, der ja Brötchenverdiener war, und deswegen seine Frau und seinen neugeborenen Sohn kaum besuchen konnte, kam, um die beiden nach Hause zu holen.

Er war ein großer, kräftiger Mann mit Muskeln, die etwa denen der alten griechischen Olympioniken glichen. Er hatte kurze, stachelige, dunkelbraune Haare, himmelblaue Augen, einen Schnurrbart unter einer ziemlichen Hakennase.

Er trug eine abgetragene Jeans, ein weißes Poloshirt und darüber eine alte hellbraune Lederjacke. In der einen Hand hielt er eine braune Schlenkertasche, die seine Autoschlüssel und seine Papiere beinhaltete und in der anderen eine Babyschale für den Transport des Familienzuwachses im Auto.

Der Mann hatte seinen hellgrauen Wagen direkt in der Nähe des Krankenhauses geparkt und strebte auf den Eingang zu.

Drinnen meldete er sich am Empfang, wo er sofort mit: „Guten Tag, Herr Neumann. Sie sind bestimmt hier, um Ihre Frau und Ihr Kind abzuholen?“ begrüßt wurde. „Ich nehme an, sie kennen jetzt den Weg“, setzte sie schalkhaft fort. Dabei spielte sie auf die Tatsache an, dass er sich beinahe verlaufen hatte, als er seine Frau einen Tag nach der Geburt besucht hatte.

Mit einem leichten Grinsen antwortete er: „Ja. Noch einmal passiert mir das nicht, aber der Hausmeister hat mir ja geholfen!“

Die Empfangsschwester grinste zurück und konterte: „Sehen Sie, Sie haben hier schon Bekanntschaften geschlossen!“, was er mit einem Lacher quittierte.

Seine Frau wartete schon auf ihn, weil noch die Abschlussuntersuchung stattfand und er auch alles mithören sollte, was der Arzt über den Zustand des gemeinsamen Kindes zu sagen hatte.

Sie brauchten auch nicht lange warten, da sie heute die einzigen waren, welche die Geburtsklinik verlassen wollten.

„Familie Neumann, bitte!“

Eine junge Ärztin hielt die Tür des Arztzimmers auf und wartete auf die Familie.

Sie hatte mittellange dunkelbraune Haare, die zu einem Mittelscheitel gekämmt waren, ein längliches Gesicht mit ebenso langer Nase und graue Augen. Um den Hals trug sie ein Stethoskop, unter ihrem weißen Arztkittel eine schmucklose blaue dünne Bluse und einen grauen Rock aus derbem Stoff.

Sie begrüßte die Familie: „Guten Tag, ich bin Dr. Lehmann“, während sie beiden Eltern die Hand schüttelte. „Bitte setzen Sie sich“, sagte sie weiterhin und wies auf die Stühle, die ihrem braunen Ledersessel gegenüberstanden.

„Ihr Sohn Kai ist zwar so weit gesund“, setzte Dr. Lehmann ohne Umschweife fort. „Er entwickelt sich auch... Aber nicht so, wie er es eigentlich sollte. Er nimmt zu, aber langsamer als andere Kinder. Er wiegt so viel, dass er gerade den unteren Normalbereich schneidet. Er trinkt mehr als ausreichend, aber irgendwie ist es verwunderlich, dass er weniger zunimmt. Ansonsten ist er gesund, er hat alles am Körper, was dran sein muss. Also machen Sie sich mal keine Sorgen, das wird schon. Für die Koliken kann ich Ihnen Kümmelöl empfehlen, welches Sie in diesem Fall auf Kais Bauch reiben.“

Im Mutterpass wurden die relevanten Daten eingetragen und die frisch gebackenen Eltern wieder aus dem Sprechzimmer hinauskomplimentiert.

Erste Zeit

Kais erste Jahre setzten sich so fort wie sie begannen: Er wuchs etwas langsamer als gleichaltrige Kinder und hinkte diesen mit den Entwicklungsschritten ebenfalls ein bisschen hinterher, sodass er seine Zähne erst nach einem Jahr bekam und mit anderthalb lernte zu laufen.

Die Koliken überwand er zwar schnell, essen tat er auch mehr als genug, aber er war tollpatschig und konnte sich nicht so koordinieren, wie es gleichaltrige Kinder bereits taten. Ständig stieß er an und verletzte sich. Und er war häufig krank.

Er schrie, und das immer noch oft und laut. Obwohl seine Eltern sehr geduldig waren, stießen sie mit ihm an ihre Grenzen. Vor allem, wenn ihm was nicht passte, er mit dem Kopf gegen die Wand schlug oder kratzte und biss.

Sie konnten die Bemerkungen der Leute, von wegen „Der braucht mal eins hinter die Ohren!“ schon nicht mehr hören. Denen zu sagen, dass sie sich gefälligst um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern sollten, hatten sie schon lange aufgegeben.

Keiner kam darauf, dass er auf äußere Reize teilweise sehr sensibel reagierte.

Also Augen zu und durch. Kann ja nur besser werden.

In der Kinderkrippe fiel der Junge nicht sonderlich auf, weil Kinder mit zwei, drei Jahren zwar den Kontakt zu ihresgleichen suchen, aber im Normalfall noch nicht gemeinsam spielen, eher nebeneinander.

In dieser Zeit gestalteten sich seine seltenen Kontaktversuche so: Er lief zu den anderen Kindern, sie liefen vor ihm davon. Er hielt es für ein lustiges Spiel. Warum nicht?

Erst als Kai in den Kindergarten wechselte, kristallisierte es sich heraus, dass er Kontakt zu den anderen wollte. Sehr sogar. Entweder war er laut den Betreuern zu unbeholfen oder die Kinder ließen ihn nicht in ihre Nähe.

Er war ein durchaus aufgeweckter und neugieriger Junge, aber im Umgang mit anderen mehr als unsicher. Auf seine Weise eben. Besonders.

Meistens lachten sie über ihn. Er redete kaum. Nicht selten waren es komische Laute. Oder seine Sätze wurden zu komplex. Seine Stimme war meist leise und monoton.

Oder er blieb irgendwo hängen, stieß sich mehr als die anderen Kinder, denn seine Bewegungen schienen unkoordiniert.

Manchmal bewegte er seine Arme blitzschnell, wenn er diese in die Haltung riss, die er eigentlich einnehmen wollte und dabei häufig über sein Ziel hinausschoss.

Es kam auch vor, dass er jemanden erschreckte, wenn er plötzlich neben oder hinter demjenigen stand.

Unterm Strich: Er war den meisten Menschen auf irgendeine Weise unheimlich. Entweder gingen sie ihm aus dem Weg, oder sie fuhren ihn aus heiterem Himmel wegen nichts an.

Bestenfalls wirkte er auf die meisten Menschen schüchtern und in sich gekehrt.

Auch seinen Eltern erging es so. Sie waren deswegen stark im Zwiespalt, denn einerseits liebten sie ihn, es war ihr Kind, andererseits konnten sie ihm keine Nähe geben. Irgendetwas hielt sie zurück.

Zum Teil wünschten sich beide einen Jungen, der sich normal entwickelte, auch wenn es ihnen nur darum ging, ihn auf diese Welt gut vorzubereiten.

Sie puschten ihn, wenn es um Fähigkeiten ging, die er ihrer Ansicht nach, in einem bestimmten Alter haben müsste. Das tat ihm nicht gut, weil er auf irgendeine Art spürte, dass er irgendwie... unzureichend war. Einerseits wollte er vieles alleine rauskriegen, andererseits brauchte er für dies oder das sein eigenes Tempo.

Er klagte mehrmals bei seiner Mutter über Unwohlsein oder diffuse Kopfschmerzen, weswegen er öfter in die Kinderklinik musste. Allerdings fand man dort keine Ursache dafür.

Mit vier Jahren fiel er einmal vom Klettergerüst, wobei er sich den Kopf stieß. Das gab eine ordentliche Gehirnerschütterung, aufgrund derer er zwei Tage im Kinderkrankenhaus verbringen musste.

Danach musste er zu Hause acht Tage lang Bettruhe halten, was ihm sehr schwer fiel, denn ihn zog es aus unerfindlichen Gründen hinaus, in die Natur.

Die allgemeinen Gesundheitsuntersuchungen, welche im Kindergarten jährlich von den Ärzten vorgenommen wurden, ergaben nur, dass er schlecht sah und deswegen eine Brille brauchte.

Dass die anderen Kinder so gar nichts mit ihm anfangen konnten, fand Kai ziemlich doof. Er zog sich mehr und mehr zurück, obgleich es von seiner Seite her Versuche gab, auf die anderen Kinder zuzugehen.

Sie verstanden ihn nicht. Konnten sie auch nicht. Vor allem, wenn der kleine Junge jemanden mit seinen tiefblauen, durchdringenden Augen ansah. Die wenigsten konnten das aushalten. Sie wandten meist den Blick ab, weil ihnen das unangenehm war.

Auch vielen der Erzieherinnen war dieser Junge zum Großteil in einer tiefen Ebene unangenehm. Sie konnten für diese Wahrnehmung genauso wenig, wie er an sich was hätte ändern können. Er verstand das ja nicht. Wie auch?

Weil er mit der Situation irgendwie umgehen musste, lief er oft über die Wiesen oder in Sträuchern herum, wenn er welche fand, um kleine Tiere zu beobachten.

Jedes noch so kleine Fleckchen Grün wurde von ihm genauestens unter die Lupe genommen. Er liebte die Pflanzen, die Tiere und die Natur insgesamt einfach.

Er erfand sogar einen Fantasiefreund. Einen kleinen gehörnten Teufel, von dem er öfter träumte. Vor allem sah er ihn fliegen, irgendwo hochklettern, springen oder rennen.

Der war schwarz, hatte rote Haare und rote Augen und Krallen wie ein Hund oder eine Katze an Händen und Füßen.

Das imaginäre Wesen hatte etwas Wildes an sich. So wie Kai manchmal, vor allem, wenn er doch einmal wütend wurde.

Oft stellte sich der Junge vor, wie es wäre, gemeinsam mit dem für andere unsichtbaren Geschöpf, herumzutoben oder zu lachen.

Er brauchte ja auch wenigstens einen Freund, der ihn verstand. Ganz alleine für sich. Deswegen redete der Kleine viel mit sich selbst, meist in einer eigentümlichen Sprache.

Irgendwann versuchte er den erfundenen Freund zu malen. Er bekam aber nur den Kopf hin, denn menschliche Körper gelangen ihm in dieser Zeit noch nicht.

Er gab ihm auch einen Namen, den er mit den Buchstaben schrieb, die er bereits kannte: Shynn.

4

Der Dämon hielt immer noch Ausschau nach dem, was ihm fehlte, was Kai repräsentierte oder sein Vorleben, während er sich von dem leuchtenden Gras erhob.

Bei jeder seiner Berührungen oder jedem Druck, den er ausübte, schien es einen kurzen Moment heller zu leuchten.

Als er sich genauer umsah, nahm er auch zugleich seine Umgebung mit Gehör, Geruchssinn und allen erweiterten Möglichkeiten wahr, die er in seiner jetzigen Erscheinungsform hatte. Dabei dachte er sich: Na ja, hier bin ich, ich versteh zwar nicht, was ich schon hier soll, aber was soll’s, kann’s jetzt nicht ändern.

Er sah auf die lila-violetten Berge, die, je länger er diese betrachtete, sich in Form und Farbe zu verändern schienen. Auf der anderen Seite erblickte er, als eine der wenigen Konstanten dieser Welt, die Wurzeln eines mächtigen Gewächses, dessen Ursprung nicht auszumachen war.

Die Auren, Geräusche und Gerüche verschiedener Pflanzen und tierähnlicher Geschöpfe durchzogen die Luft, die immer in Bewegung zu sein schien und auch in den verschiedensten Farbnuancen schimmerte.

Eine Herde von auf der Erde lange ausgestorbener Paarhufer rannte an ihm vorbei. Rehen in der Gestalt ähnlich, mit gegabelten hornartigen Strukturen auf der Schnauze und einem Paar Hörnern auf der Stirn, sprangen sie in meterhohen Sprüngen von Wurzel zu Wurzel.

Etwas schien sie erschreckt zu haben. Auch wenn dies grundlos war, da an diesem Ort die normalen Gesetze der Natur keine Rolle zu spielen schienen, die Überlebensinstinkte der Tiere waren immer noch vorhanden und ließen sich nicht ausschalten.

Im Hintergrund bewegte sich ein immens großes reptilienartiges Geschöpf stampfend umher, sodass der Boden durch die Erschütterungen erzitterte.

Es war durch die hohen wabernden Bäume kaum auszumachen, bis es auf einmal seine Form veränderte und in Schlangenlinien, Loopings und Kurven davonflog.

„Nichts ist hier wie es scheint“, sagte er zu sich selbst. Mit einem Mal fiel ihm wieder ein, dass er nackt war, auch wenn er sich bisher nicht drum gekümmert hatte, wenn er sich in dieser Form gezeigt hatte. Während er eigentlich bis vor seiner Ankunft in dieser Gegend ein menschliches Wesen war, nahm er sein jetziges Äußeres im vollem Umfang seiner uralten Macht sehr ernst.

Er konzentrierte sich, um sich zumindest ein paar Anziehsachen vorzustellen, weil er sich ohne doch doof vorkam und nicht so edel, wie er es vielleicht gerne wäre.

An seinem Körper erschienen weite olivgrüne Pluderhosen, dazu ein brauner Gürtel, dessen golden glänzende Schnalle mit sich immer wieder neu verschlingenden keltisch wirkenden Knoten verziert war.

Außerdem für jeden Arm braune Armstulpen, die Drachensymbole hatten und einen langen schwarzen Umhang mit – zur Gürtelschnalle passend – goldener Fibel.

Schuhe wollte er keine, denn er war stolz auf seine langen, raubtierhaften Krallen, die sowohl Hände als auch Füße zierten.

Er besah sich von oben bis unten und schien zufrieden mit seiner Erscheinung.

So ausgestattet, verließ er diese Gegend.

Während er das tat, dachte er daran, wie er das erste Mal manifestiert wurde, und was die Auslöser waren, und warum er überhaupt wissen konnte, dass er nicht nur als ein Junge wiedergeboren war, sondern auch IN einem Jungen.

Er war ein Junge, aber doch wieder nicht, ebendies galt, wenn er sich als Dämon betrachtete. Sie waren eins und doch wiederum nicht. Sehr seltsam, das!

Stimmt nicht. Ihm fiel ein, dass er als Kai unbewusst ein Stück seines Namens kannte, den er selber in dieser Wiedergeburt vergessen hatte: Shynn.

Das ist zwar nicht die ganze Wahrheit, aber immerhin besser als gar nichts, so nannte er sich eben fürs erste wieder Shynn.

Nicht, weil er seine Dämonengestalt im Leben so bezeichnete, sondern weil es richtig war, zumindest zu einem Teil oder ein bisschen.

Wie auch immer. War ja nicht das erste Mal.

Und immer, wenn er sich materialisierte, träumte Kai von ihm. Oder er verließ nur seinen Körper, um als Shynn zu handeln und dachte sein Leben lang, dass es nur ein Traum war. Auch wenn er dran zweifelte.

Bis es bittere Realität wurde...

Alles sehr merkwürdig... Allerdings... Das konnte er sich alles nicht erklären, so dachte er weiter nach...

5

Juni 1986, Kinderquerelen

„Brillenschlange!“, „Brillenschlange!“, „Brillenschlange!“, riefen die anderen Kinder seiner Gruppe in einem entnervenden Singsang. Yvonne, Maik, Christopher und die anderen. Eigentlich fast alle.

Dem Rest war es egal und die Erzieherinnen kümmerten sich nicht drum. Sie hielten es für normale Gruppendynamik und schritten in der Regel nur ein, wenn es jemand meldete.

Aber das machte für gewöhnlich keiner, denn niemand der anderen Kinder wollte als „Petzeliese“ bezeichnet werden.

Sie fuhren fort, Kai auf der Spielwiese – hinter den Büschen bei der Sandkiste – zu drangsalieren, wo er kurz zuvor einen schwarz-lila schillernden großen Käfer entdeckt hatte, den er sich genauer ansehen wollte.

In diesem Moment erschrak er sich, als ein Mädchen „Iiiiiiiiih!“ schrie, den Krabbler zertrat und Kai wegschubste, wo er sie gerade sichtlich erbost fragen wollte, was der Kerf ihr getan hatte. Es war Yvonne, eine schwarzhaarige kleine Göre in einem rosa Kleidchen.

Sie schaute ihn aus großen Augen an und sagte: „Na und? Du siehst schon selber fast wie ein Käfer aus, du Brillenschlange!“

Als sie das sagte, kamen gerade die anderen vorbei und stiegen gleich auf kindlich-grausame Weise in das Geschehen ein.

Sie schubsten Kai auf den Boden, zeigten mit dem Finger demonstrativ auf ihn, lachten und riefen immerzu dasselbe, während er das überhaupt nicht witzig fand.

Einfach so ein Insekt zertreten, das eigentlich recht hübsch war, als es noch ganz war. Es sah doch so faszinierend aus, wie das Tierchen versetzt zueinander immer drei Beine gleichzeitig vorwärts bewegte und mit seinen Fühlern wackelte.

Und was kann er schon für seine Brille? Ohne die sah er nicht einmal die nähere Umgebung scharf. Es nervte ihn, der einzige in der Gruppe zu sein, der eine Brille tragen musste.

Auch sonst konnte er mit den Kinderspielen der anderen wenig anfangen. Wenn er doch oft versucht hatte, sich den anderen anzuschließen, es wollte ihm nicht gelingen, sich Freunde zu machen, oder bei ihren Spielen mitzuhalten.

Aus seinen blauen Augen flossen die Tränen, was die anderen Kinder noch mehr zum Lachen brachte.

Kein Wunder, dass er lieber alleine spielte -

„Kinder! Reinkommen zum Mittagessen!“, riss die altbekannte Stimme der Erzieherin Frau Meyer mit der dunkelbraunen kurzen Dauerwellenfrisur die Kinder aus ihrem Unterfangen. Alle rannten über die Wiese zur gläsernen Eingangstür.

Alle außer Kai, der stattdessen missmutig und wesentlich langsamer hinterhertrottete und sich seine Tränen trocknete.

„Kai, du Bummelletzter, muss man denn immer auf dich warten? Die anderen sind schon da und du? Trödelst nur herum!“, versuchte sie ihn zur Eile anzutreiben, was die Kinder seiner Gruppe wieder zum Lachen brachte.

Er schaute sie nur mit einem leeren, dennoch gereizten, uralten Blick an, der doch irgendwie auszudrücken schien, dass er ihr am liebsten den Kopf abreißen würde, auch wenn das sicher nicht in der Absicht und jenseits der Art des viel zu ruhigen, schüchternen Kindes lag.

Sie wandte den Blick von ihm ab. Er war ihr unheimlich.

Es gab Bratwurst, Sauerkraut und Kartoffeln. Etwas, was Kai schon beim Gedanken zum Würgen brachte, weil sowohl in der Wurst als auch im Kraut die Kümmelkörner nur so wimmelten. Schon von dem Geruch wurde ihm anders... Zu viel Kümmelöl als Baby. Bäh.

Kai zwang sich so gut es ging das Zeug rein und verschwand nach dem Essen ganz schnell auf der Toilette, um zu brechen.

Er verzichtete gern auf den Pudding. Sein Appetit war nach dem Angriff, den Beleidigungen seiner Geschmacksnerven und des Kotzreizes ohnehin im Orkus der Kloschüssel gelandet.

Er spülte noch eben ab und wusch sich das Gesicht, denn er musste – wie alle anderen auch – Mittagsschlaf machen.

Den Nachmittag verbrachte er nach dem Ganzen lieber alleine und auf der Schaukel schwingend, während die anderen sich auf der Wiese einem Ballspiel hingaben.

Zumindest waren sie jetzt abgelenkt und ließen ihn für den Rest dieses echt beschissenen Tages in Ruhe. Bis seine Mama ihn endlich aus dieser Irrenanstalt – für heute – erlöste.

Sie bemerkte bereits seine schlechte Laune und fragte ihn, was wieder vorgefallen ist. Er erzählte ihr: „Das Essen schmeckte nicht, Bratwurst, Wäks! Und die haben mich wieder alle geärgert.“

Sie ging nicht weiter drauf ein, schwieg und dachte nur bei sich: Immer wieder dasselbe... Er wunderte sich, dass sie ihn nicht tröstete oder so.

Der Abend verlief ziemlich ereignislos. Es gab Graubrot mit Leberwurst und seine Lieblingslimonade. Danach kam der Sandmann, wo heute ein Märchen von einer Meerjungfrau gezeigt wurde.

Danach musste Kai schon ins Bett, wo er von seinen Eltern kurz – für seinen Geschmack zu kurz – gedrückt wurde, und bald darauf war er weggedämmert.

Nachtwandler

Als er eingeschlafen war und begann, in die erste Traumphase überzugehen, geschah etwas Merkwürdiges: Eine dunkle, von sich selbst aus in unheiligem Licht leuchtende, wabernde Masse verließ seinen Körper und schwebte über dem Bett, bis sie langsam die Form eines Kindes, Kai in Größe und Gestalt ähnelnd, annahm.

Unterschiedlich waren seine Hautfarbe, die eher fast schwarz war, seine Augen, die rot glühten und geschlitzte Pupillen, wie die einer Katze, aufwiesen.

Außerdem hatte das Wesen spitze, lange Ohren und zwei kleine Ansätze von Hörnern auf seiner Stirn. Im Gegensatz zu Kai hatte es keinen Topfschnitt, sondern seine roten Haare standen wie die Stacheln eines Igels zu Berge.

Die Zähne waren spitz, und die Finger- und Fußnägel glichen gekrümmten Krallen. Umgeben war das Geschöpf von einer flammenähnlichen, wabernden, rot schimmernden Schicht, einer Art Aura, die immer in Bewegung und Veränderung zu sein schien.

Es schaute sich im Zimmer um, während es noch immer über Kais Kopf schwebte, um sich zu orientieren.

Das Zimmer hatte ein Fenster, durch dessen dunkelblaue Vorhänge der abnehmende Mond schien, eine blau gestrichene Spielzeugkiste aus Holz mit darauf abgebildeten gelben und roten Blumen, einen großen, hellbraunen Kleiderschrank, eine ebenso gefärbte Kommode und einem metallenen Bett, das am Kopf- und Fußende Längsgitter hatte. Außerdem hing genau über dem Kopfende ein Blatt Papier mit einer Zeichnung.

Diese hatte er doch vor Kurzem erst angefertigt. Darauf war ein Gesicht abgebildet. Sein jetziges Gesicht. Das eines kleinen, schwarzen gehörnten Teufels mit roter Stachelfrisur.

Sogar ein Name stand da. Wahrscheinlich der, den er sich ausgedacht hatte, mit krakeligen Kinderbuchstaben, die er erstaunlicherweise schon mit seinen viereinhalb Jahren beherrschte: Shynn.

„Ich seh ja aus, wie auf dem Bild! Woher wusste ich denn, wie ich jetzt aussehe? Heiße ich jetzt so? Wie komme ich hierher und was mach ich jetzt?“, fragte sich der Kleine, während er auf sein menschliches Alter Ego schaute und sich wunderte, wie er gleichzeitig im Bett liegen und darüber schweben konnte.

Zuerst irritiert, versuchte er dennoch auszutesten, was er außer Schweben noch konnte. Er driftete im ganzen Zimmer herum und versuchte, Dinge zu greifen, was ihm auch gelang.

Er stellte auch fest, dass er jetzt ohne Licht alles erkennen konnte, wie sonst am Tag. Farben, die sich sonst nur im Hellen unterscheiden ließen und sogar was darüber hinaus ging, konnte er problemlos sehen. Und das zu allem Überfluss gestochen scharf, ohne Brille.

Als er weiter durch die Luft glitt, stellte er fest, dass er plötzlich nicht mehr im Kinderzimmer war, sondern in der Wohnstube.

Diese schien er durch die Wand betreten, beziehungsweise beschwebt, zu haben. Shynn drehte sich um, damit er zurück in sein Zimmer kam. Auch das gelang problemlos.

Dass er nicht nur schweben, sondern auch fliegen konnte, hatte er damit auch raus. Er überlegte, was er nun mit sich anfangen sollte, da er das erste Mal außerhalb seines Körpers agierte.

Ihm kam der vergangene Tag und was ihm passiert war wieder in den Sinn: Der Spott der anderen und der arme, totgetretene Käfer.

„Nun wird zurückgeärgert!“, nahm er sich vor.

Etwas anderes fiel seinem noch kindlichen Gemüt anscheinend nicht ein. Es trieb ihn sogar regelrecht dazu. Schließlich sah er jetzt aus wie ein Teufel, also konnte er sich auch wie einer benehmen.

Er verließ das Zimmer direkt durch die Außenwand und flog in die klare, wolkenlose Nacht hinein. Draußen schaute er sich erneut um und betrachtete sein Wohnhaus genauer.

Eine schmucklose beige Fassade in einer großen Plattenbausiedlung. Der zweite Stock links am Eckhaus.

Gegenüber war ein Parkplatz, dem eine Wiese folgte. Danach kam eine Hauptstraße. Auf der anderen Straßenseite war eine Einfamilienhaussiedlung und eine modern gebaute Kirche.

Außer den realen Eindrücken von Mondlicht und orangenem Schein der Straßenlaternen, spürte Shynn noch etwas anderes: Anwesenheiten von Lebewesen, lange bevor er sie sehen konnte.

Und er hörte die Geräusche nachts umherstreifender Wesen. Katzen vorrangig, die sich balgten, Hunde die bei jedem Geräusch kläfften, Marder, die unter den Autos gern die Kabel benagten, Nachtinsekten mit ihrem leisen Summen, während sie von Lichtern angezogen wurden oder zu unergründlichen Zielen hinflogen.

Zudem auch fremdartige Auren, die seiner eigenen ähnelten – andere Nachtgespenster wie ihn – denen er lieber aus dem Weg gehen wollte, da er sie nicht kannte.

Er versuchte, die Kinder aus seiner Gruppe ausfindig zu machen, weil er ihre Wohnorte nicht kannte. Er war schließlich noch nie bei einem von ihnen gewesen. Als ob sie ihn je eingeladen hätten...

Er versuchte sich auf sie zu konzentrieren, intensiv an sie zu denken...

Da! Da waren sie! Alle nicht sehr weit von ihm entfernt. Leicht rosa, die Aura von Yvonne. Grün, die von Maik. Auch das helle Blau von Christopher bemerkte er. Und die der anderen.

Prima!, dachte er nur und rieb sich diebisch grinsend die Hände. Als er damit fertig war, machte er sich auf den Weg zum Nächstbesten, Patrick, der wohnte nicht weit von hier.

Dämonenbengel

Immer der Präsenz folgend, schwebte Shynn durch die betreffende Wand in Patricks Zimmer, welches gut aufgeräumt war.

Er wusste, dass der Junge im Kindergarten immer penibel angezogen und ziemlich eingebildet war. Nun wusste er, was er hier zu tun hatte.

Er nahm die Kleiderkommode auseinander, indem er die ganzen Klamotten herauswühlte. Die besten Sachen zerriss er in tausend Fetzen. Die schlechteren bemalte er mit Filzstiften.

Von den Socken und Handschuhen machte er immer einen Teil eines Paares kaputt, und den anderen sortierte er wieder in die Schubladen ein.

Die Schnürsenkel fummelte er aus den Schuhen heraus und ließ diese verschwinden.

Zufrieden mit seinem Werk verschwand er aus Patricks Zimmer, bedauernd, dass er den Ärger, den dieser morgen von seinen Eltern bekommen würde, nicht mitverfolgen konnte.

Dafür sah er ihn im Kindergarten... wenn der sich noch hin traute. Er kicherte in sich hinein.

Enrico machte er auch sogleich seine Aufwartung. Der wohnte gleich nebenan. Ihm verdarb er mit Hilfe von viel Salz und Pfeffer sein Lieblingsmüsli in der Schachtel. Zudem füllte Shynn noch etwas davon in die Trinkflasche des Kindes, die schon für den kommenden Tag bereit stand, mit Saft gefüllt zu werden.

Auch hier würde er das angeekelte Gesicht nicht sehen können, bei dem er sich so schon totgelacht hatte, wenn er es im Kindergarten auf diese Weise verzog.

Dessen runde Nase hatte dann unglaublich lustige Falten. Na ja, Enrico sah einfach mit jeder Grimasse komisch aus. Darüber lachten sich die meisten der Kinder krumm.

Maik, einer der Schlimmsten von allen, besuchte er als Nächsten. In dessen Zimmer sah es anders aus. Der rothaarige Junge mit den Sommersprossen schlief nämlich immer umringt von seinen Kuscheltieren, die er scheinbar dringend zum Schlafen brauchte.

Das war einfach: Er riss Bärchen und Häschen und allen anderen Plüschtierchen die Nähte auf, kehrte das Innerste nach außen und verteilte alles im ganzen Zimmer.

Seiner zwei Jahre älteren, ebenso rothaarigen Schwester, die genau wie Maik auch immer auf ihm herumhackte und im Nachbarzimmer schlief, köpfte er die ganzen Puppen, welche sie, ähnlich ihrem Bruder, im Bett um sich herum zu drapieren pflegte.

Ihre beiden Lieblingspuppen – die blonden Barbies aus den Westpaketen, andere Anziehpuppen und Babypuppen, die meisten waren nach der Aktion etwas… kopflos. Manche wurden auch arm- oder beinlos. Oder alles los. Egal. Das Ergebnis zählte.

Der dunkelblonde Christopher, der im Sommer sehr gebräunt war, wohnte ein paar Straßen weiter weg. Auch dort sah er sofort, was er tun konnte: Chris liebte Ballspiele, er forderte die anderen immer dazu auf.

Er hatte verschiedene Bälle. Sein liebster jedoch war ein einfacher Fußball mit sämtlichen Originalunterschriften der Spieler seines Lieblingsvereins.

Shynn schwebte in die Küche und nahm sich ein scharfes Messer und versuchte damit durch die Wand ins Kinderzimmer zu kommen.

Dies gelang ihm nicht. Anscheinend konnte er keine festen Gegenstände mit durch Wände nehmen. Na ja, dann eben nicht. Leise öffnete er stattdessen die Tür.

Der Kleine suchte den Raum ab. In einem Korb in der Ecke lagen die Bälle, welche Chris besaß. Das Messer kurz weglegend nahm er die Bälle alle aus dem Korb.

Dann griff er die Klinge wieder auf und stach auf jeden einzelnen Ball ein. Zischhhhhhhhhhh machte es, als die Luft aus ihnen entwich.

Zufrieden war er noch nicht, da ja noch das Wichtigste fehlte: Chris’ Lieblingsball. Der sollte auch mal wissen, wie sich Verlust anfühlte, schließlich hat der Kacker letztens sein (Kais) Lieblingsbilderbuch zerrissen und in den Dreck geworfen.

Endlich fand er ihn. Unter dem Bett sorgsam verwahrt, das Geschenk seines großen Bruders zu seinem letzten Geburtstag.

Der spielte ja in dem Verein in der C-Jugend und hatte sogar ein paarmal Kontakt zu den Spielern der ersten Liga, die ihm eben alle den Ball unterschrieben hatten. Shynn nahm den Ball in die Hand und stach erneut mit dem Messer auf das Lieblingsteil ein. Mehrmals.

Er zerschnitt die Nähte und stach richtiggehend in die Namen ein. Als er damit fertig war, legte er das Messer auf den Spieltisch.

Jetzt war er zufrieden. Familiendrama vorprogrammiert.

Eine fehlte noch. Die konnte sich auch auf etwas gefasst machen. Yvonne! Das Mädchen wohnte noch ein Stück weiter in völlig anderer Richtung. In der Siedlung.

Den Weg zu ihr fand er spielend. Er musste nur dieser eklig-zuckersüßen rosa Spur folgen, bei der es ihn schauerte. Kleine verwöhnte Prinzessin!

Natürlich hatte sie ein riesiges Zimmer in einem eigenen Haus, welches sie mit ihrer Familie bewohnte. Rosa Tapete, rosa Gardinen, rosa Bettwäsche... Scheußlich! Er rümpfte die Nase.

Hier waren es ihre Stifte, die ihm ins Auge fielen. Er überlegte, was er Schönes malen sollte und dachte daran, sich an den Kritzeleien zu orientieren, die er unterwegs gesehen hatte. Solche, wie sie die Jugendlichen an manchen verborgenen Ecken anbrachten.

Er nahm sich einen Stift und machte sich an die Arbeit. Auch selbstgezeichnete Bilder des Mädchens nahm er sich vor und versah sie mit ziemlich schweinischem Zusatzmaterial.

Die besseren Motive hatte er sich jedoch für die Wände aufgehoben: Bestimmte Körperteile oder Menschen bei der Notdurft brachte er an, aber auch Paare – in verschiedenen Stellungen zugange – krakelte er in einem Kinderstil an die Tapete.

Schreiben tat er lieber nicht. Denn das konnte die dumme Trine nicht. Er war der einzige, soweit er das wusste, der das in dem Alter schon halbwegs zustande brachte.

Wenn das morgen keinen Ärger gab. Die werden sich freuen. Hihihi! Auch hier hatte er ganze Arbeit geleistet.

Er stellte aber fest, dass die Nacht bald vorbei war und das Schwarz des Himmels sich langsam bläute. So machte er sich davon, gespannt, ob er die Ergebnisse seiner Untaten mitbekommen würde.

Kaum zu Hause, schwebte er durch die Wand in sein Kinderzimmer und hin zu seinem Körper, während er anfing, sich allmählich in Luft aufzulösen.

Er wurde etwas durchsichtig, wie er an seinen Händen feststellte. Immer transparenter wurde er, bis er nur ein fast nicht vorhandener Schemen war, der schlussendlich komplett verschwand...

Alles nur ein Traum?

Bald darauf wachte Kai auf. Ihm war schlecht. Seine Träume hatten ihn verwirrt. Er hatte von einem kleinen schwarzen Teufel geträumt, den er schon in früheren Nachtgesichtern sah. Den er sogar einmal gemalt und ihm auch einen Namen gegeben hatte: Shynn.

Dieser Teufel schwebte über seinem Kopf, in seinem eigenen Zimmer.

Wie kann das sein???

Und was der da alles angestellt hatte. Mit wem? Die sahen alle aus, wie die aus meiner Gruppe. Unmöglich!

Autsch! Der Kopf schmerzte etwas. So ein leichtes Drücken im vorderen Schläfenbereich. Appetit hatte er auch kaum.

„Mama! Ich mag nicht in den Kindergarten gehen. Kann ich heut zu Hause bleiben?“

Diese war noch ziemlich verschlafen. Ihr war das gar nicht recht, weil sie heute nämlich Haushaltstag hatte und sie sagte: „Hab dich nicht so! Sei froh, dass du dahin gehen kannst! Andere Kinder kriegen das auch hin! Man kann’s auch übertreiben. Sei doch mal etwas härter, du kleines Sensibelchen!“

Kai mochte es nicht, wenn sie ihn so nannte, und wenn sie seine Sorgen und Nöte nicht ernst nahm. In seinem Kopf sah er den kleinen schwarzen Teufel, der genauso wütend schaute wie er selber, mit demselben Gesichtsausdruck wie sein eigener.

So musste er doch wieder in den Kindergarten. Schon als sich alle die Jacken auszogen, bemerkte er die komische Stimmung. Einige Eltern waren missmutig, wenn nicht ziemlich verärgert.

Ihre dazugehörigen Kinder waren kleinlaut, unsicher oder ebenfalls sauer. Alle sahen zudem auch aus, als verstünden sie die Welt nicht mehr. Oder ihre kleinen Welten wurden ziemlich in Mitleidenschaft gezogen.

Bei Yvonne, Christopher und Maik hing nämlich der Haussegen schief. Was da wohl passiert ist?, fragte sich Kai ziemlich ahnungslos.

Und was war mit Patrick los? Den hätte Kai fast nicht erkannt. Er lief in alten abgetragenen Klamotten herum, zwei verschiedene Socken hatte er auch an und einen Gesichtsausdruck, als sei ihm das echt peinlich und unangenehm.

Genau den gleichen wie dessen Mama aufsetzte; auch ihr war es peinlich, mit Patrick so in der Öffentlichkeit herumlaufen zu müssen.

Er konnte es kaum fassen, aber Patricks Klamotten und wie er aussah, das erinnerte ihn an seinen Traum. Der schwarze Teufel hatte sich ja darin an Kindersachen ausgelassen und diese futschisiert.

Christopher, Yvonne, Maik und Patrick fingen unabhängig voneinander zu heulen an, weil sie genau wussten, dass der Ärger heute Nachmittag zu Hause noch für sie weiterging.

Obwohl sie nicht mal verstanden, wer ihre Sachen zerstört hatte und auch nicht einsehen wollten, beziehungsweise konnten, dass außer ihnen kein anderer dafür infrage kam. Sie selber hatten doch gar nichts gemacht. So dachten sie und beharrten auch darauf.

Kai nahm sich vor, seine Ohren zu spitzen, um mitzukriegen, was bei denen passiert war.

Enrico hingegen benahm sich fast normal. Aber dem dunkelhaarigen Jungen schien sein Frühstück nicht gemundet zu haben. Er rieb sich immer mit der Hand über die Zunge, wie als hätte etwas ganz furchtbar geschmeckt. Er schaute etwas weniger missmutiger als die anderen.

Beim Frühvesper passierte es: Enrico holte sich seine Trinkflasche und hob an, einen Schluck zu sich zu nehmen, als er plötzlich ausspuckte und die Flasche fallen ließ, deren Inhalt sich über den PVC-Boden ergoss.

Sein Gesicht, zur Faust geballt, sah fast so aus, als bestünde es nur noch aus einer einzigen Falte, die quer von einem Ohr zum anderen ging. „BÄÄÄÄÄH!“, machte er. „Eeeeeklig! Der Saft schmeckt ja widerlich!“

Alle Kinder, die das mitbekamen, lachten sich über das Schauspiel halb tot. Sie fanden Enricos Gesichtsfasching auch immer wieder lustig, gingen sie doch davon aus, dass das eben nur Spaß war.

Kai lachte auch, aber er ahnte, dass das mit seinem Traum zusammenhing. Er lachte mehr, weil er wusste was darin mit der Trinkflasche, oder vielmehr dem Inhalt, geschehen war.

„Was ist hier los??“, meckerte Frau Meyer. „Enrico! Was soll die Sauerei? Musst du dich schon wieder zum Clown machen? Hol sofort den Lappen und mach das weg! Oder denkst du, ich habe Lust hinter dir herzuwischen? Du bist schon fast fünf, also sei den anderen Kindern ein Vorbild. Danach darfst du den Vormittag in der Ecke verbringen!“

Damit war der Tag also auch für Enrico gelaufen, und das endgültig. Er fiel ebenfalls in das Heulkonzert der anderen ein.

Kai konnte das nicht glauben.

Als sich die Lage gegen Mittag etwas beruhigt hatte, saßen sie alle beieinander und unterhielten sich. Kai tat, als malte er irgendwas und belauschte die anderen. Er stellte nämlich fest, dass er sie auf einmal aus dieser Entfernung klar und deutlich hören konnte.

„... meine Kuscheltiere sind alle kaputtgemacht worden. Bei meiner Schwester sind die Puppen auch auseinander“, berichtete Maik den anderen sichtlich aufgebracht.

„Bei mir waren’s meine schönen Bälle. Und *schnief* mein Lieblingsfußball... Das verzeiht mir mein Bruder nie... *heul* Hat mir vorhin eine gehauen“, schluchzte Christopher.

„Meine Wände sind bemalt. Und meine Bilder sind auch alle kaputt. Auch bemalt! Mit Pullermännern und so was. Eklig!“, sagte Yvonne. Auch sie war sichtlich wütend und irritiert.

„Meine Anziehsachen sind auch kaputtgemacht worden. Meine Lieblingssachen. Und Socken fehlen. Nun muss ich immer unterschiedliche anhaben. Wie ein Clown im Zirkus“, flennte Patrick bittere Tränen.

„Und wer war das?“, fragte der eine oder andere.

„Wisst ihr es auch nicht?“

„Äh-äh!“, machten alle.

„Meine Eltern glauben mir nicht, dass ich das nicht war.“

„Meine auch nicht.“

„Meine auch nicht.“

Maik antwortete: „Unsere auch nicht. Meine Schwester hat auch gesagt, dass sie das nicht war, weder meine Kuscheltiere noch ihre Puppen.“

„Mein Vati sagte, dass ich eine Weile Stubenarrest bekomme.“

„Ja, Ärger krieg ich auch.“

„Und ich erst. Hab richtig Angst.“

Der festen Überzeugung, das alles nur geträumt zu haben, wunderte sich Kai über das Gesagte immer mehr.

Oder doch nicht? Kann das sein?

Ihm wurde klar, dass er den Ärger abbekam, wenn er das jemandem erzählte. Außerdem würde ihm das niemand glauben, dass sein Traum von anderen die Sachen kaputtmacht...

Ihm tat das auf der einen Seite leid. Andererseits haben sie ihn gestern auch ziemlich geärgert. Sie waren sich anscheinend keiner Schuld bewusst. Woher auch?

Vielleicht ließen sie ihn heute in Ruhe. Und das taten sie, denn sie hatten andere Dinge im Kopf, denn zum Teil hatten sie schon ihre Strafe.

Den Rest machten später ihre Eltern. Vielleicht hörten sie dann endlich auf, so gemein zu sein, hoffte er.

Die anderen Kinder hörten nicht auf. Aber sie waren nicht mehr so schlimm wie an diesem Tag. Es schien so, als ob in ihnen etwas zerstört wurde. Sie hatten schließlich Erfahrungen gemacht, die ihre Welt gründlich durcheinander brachten.

Der hellblonde und sehr bleiche Patrick war nicht mehr so schnöselig und ging niemandem mehr mit seinen Klamotten auf die Nerven: er bekam diese nur noch fast ausschließlich gebraucht.

Maik hielt sich oft nur noch abseits, ebenso seine Schwester.

Christopher und sein Bruder sprachen kaum noch miteinander, und die Lust an Ballspielen war ihm auch abhanden gekommen. Er durfte auch nicht mehr zu den Spielen seines Bruders.

Und Yvonne? Die hatte wochenlang Stubenarrest und wurde von da an nicht mehr so verwöhnt wie früher.

Die kleine „Ärgere-Kai-Bande“ löste sich mehr oder weniger auf.

6

Shynn rannte, sprang und kletterte die Gegenden entlang, die teilweise frei schwebten, vielfältiger und weiträumiger waren, als es sich ein Mensch vorstellen konnte. Diese Welt vereinte mehr Lebensräume als die Erde je hatte.

Er kam in einen Wald voller fremdartiger, dunkler, blau-violetter Bäume, die höher waren und anders aussahen als die irdischen. Selbst die Geräusche und Gerüche dieses Gebietes waren fremdartig und mit nichts auf der Erde zu vergleichen.

Zwischen ihnen wuchsen ebenso ungewöhnliche Pflanzenderivate von ähnlichen Farben. Viele von denen hatten Blüten, die zu pulsieren schienen.

Pilzähnliches Geflecht kroch hier schneckenartig herum, türmte sich zu Fruchtkörpern auf, pulsierte erneut, löste sich auf und floss weiter.

Viele vogelähnliche Kreaturen von verschiedenen Größen, Formen und Farben flatterten zwischen ihnen hin und her.

Im Hintergrund sah er sogar ein Geschöpf, welches einem riesigen Wolf glich. Wenn dieser in seiner Nähe wäre, könnte er nicht einmal eins der Beine umfassen.

Er erschrak kurz, blickte zu dem weit entfernten Wesen, dessen silbriges Fell leuchtete und sich gleich einer Aura bewegte. Seine grünlich-gelben strahlenden Augen schienen Shynn ebenfalls zu fixieren.

Er spürte, dass er nichts vor dem Tier zu befürchten hatte, denn es strahlte eine Ruhe und Weisheit aus, wie sie nur die ältesten Geister haben konnten.

Die Wolfskreatur wandte sich von ihm ab und trottete davon.

Leuchtende Schmetterlinge umflatterten ihn, berührten und kitzelten ihn, fingen an, ihn zu kratzen. Kratzen?

Verdammter Mist! Diese Viecher haben mir gerade noch gefehlt. Eins ist schon schlimm genug, aber gleich ’ne ganze Meute... Dämliche Waldfeen!

Er verfolgte deren Flugbahnen und versuchte, eine davon im Flug zu erwischen.

Die Flatterwesen waren flink und wendig. Sie summten und pfiffen leise und schienen ihn zu verspotten. Er wurde sichtlich gereizt, was sich fast sofort auf seine Umgebung übertrug: Sie erschien ihm auf einmal feindseliger, dunkler. Die Lebensformen im Wald wirkten aggressiver.

Äste, Ranken, Wurzeln und Blüten fingen an, nach ihm zu schnappen.

Als er bemerkte, dass er es jetzt nicht nur mit Feen, sondern mit allen möglichen Kreaturen zu tun bekam, zählte er eins und eins zusammen und dachte sich, dass das veränderte Aussehen und Verhalten der Umgebung im Zusammenhang mit seinem gesteigerten Zorn stand.

Er atmete mehrmals tief ein und aus und zwang sich zur Ruhe. Er schloss die Augen, dachte an eine x-beliebige Farbe und zählte kurz bis drei.

Die Gegend und alles, was damit in Verbindung stand, entspannte sich ebenfalls.

Er hörte ein leises Flügelschlagen aus nächster Nähe, etwas rechts von ihm. Blitzschnell fuhren seine Hände in Richtung der Geräuschquelle und schnappten zu.

Er hatte es!

Mit der linken Hand fasste er sanft, aber bestimmt, die Flügel und besah sich das Wesen: Es war so lang etwa wie sein Finger, von androgyner, menschenähnlicher Gestalt und hatte einen Schopf von lila Haaren.

Die Farbe des Geschöpfes war bleicher als ein Mensch des Nordens, fast weiß. Die Augen waren dunkel und es hatte kleine, spitze Ohren und auf der Stirn ragten zwei zarte Fühler, die denen von Schnecken glichen. Die Flügel schillerten in allen möglichen Farben.

Aber sie fingen an, sich dunkel zu verfärben. Scheinbar war die kleine Fee gerade nicht sehr zufrieden mit ihrer Lage, denn sie wurde ärgerlich und fing mit ihrer piepsigen Stimme schrecklich an zu schimpfen, genau wie ihre Kameraden, die es aber vorzogen, auf einem gewissen Abstand zu bleiben.

Die Umgebung begann erneut, sich etwas zu verändern, aber nicht so stark, wie sie es bei Shynn tat. „Halt du bloß deinen Rand!“, sagte er barsch.

Dabei wurde er sich bewusst, dass er nicht in seiner bisher gewohnten menschlichen Sprache sprach, sondern in der Ursprache der Seelen, die unendlich viele Wörter zu haben schien. So wie er wusste, dass es sich bei den Wesen um Waldfeen handelte. Er grübelte darüber kurz: Woher weiß ich das? Ist vielleicht normal hier, oder Relikte von meinen Erinnerungen?

Er sprach sie, als beherrschte er sie schon immer. So, wie jede andere Kreatur hier, verstand er diese auch. „Bist selber schuld, wenn du und deine Mischpoke mir auf den Sack gehen wollen. Was sollte der Scheiß?“

Die Fee war nun etwas beleidigt. „Es sollte doch nur ein kleiner Spaß werden.“

„Toller Spaß! Seid ihr noch Kleinkinder? Hat euch noch keiner beigebracht, wann ein Spaß denn vorbei ist? Zu deiner Information: Das ist frühestens der Fall, wenn das Objekt eures Scherzes nicht lacht und spätestens dann, wenn es sauer wird! Also wunder dich nicht, wenn dir auch mal die Grenzen gezeigt werden, du Schmettergake!“

Das kleine Wesen wimmerte: „Entschuldigung, das haben wir im Übermut nicht mitbe-“

„Ja, das ist immer so, das kriegt keiner mit!“, schnitt er ihr das Wort ab. „Na ja, es wurde ja niemand verletzt. Nur dein Stolz hat etwas gelitten, das ist zu verschmerzen. Sei froh, dass ich dir deine Flügelchen nicht ausgerissen oder dich zerklatscht habe“, setzte er mit einem gespielt-gehässigen Unterton fort und beruhigte sich langsam wieder.

Mit einem ironischen, dreckigen Grinsen im Gesicht stellte er zufrieden fest, dass er nun seinerseits dem Geschöpfchen einen gehörigen Schrecken eingejagt hatte.

Er setzte es bedacht auf seine freie Hand und ließ die Flügel los. Auch die Sippschaft der Waldfee entspannte sich und kam wieder näher.

Shynn ließ sich auf einem moosbewachsenen Stein nieder. Die Wesen verteilten sich alle auf die nächstliegenden Äste und fingen an, sich zu unterhalten.

Die ehemals gefangene Fee machte sich zum Sprecher ihrer Gruppe, um zu verhindern, dass er sich auf zu viele piepsige und leise Sprecher konzentrieren musste.

„Wer bist du? Und wo willst du denn hin?“, fragte sie.

Er rieb sich die Nase und antwortete: „Genaues weiß ich auch noch nicht. Im Moment nenn ich mich Shynn, bis mir mein richtiger Name wieder einfällt und ich mein komplettes Gedächtnis wiederhabe. Ich weiß, dass mir – seit ich hier bin – ein Teil dessen fehlt, und ich auch im Grunde nicht hier sein sollte...“

„Augenblick mal! Wo du hier bist, weißt du?“ kam es von einer anderen Feenkreatur.

„Ja, soviel ist mir klar, dass ich von hier komme. Aber eigentlich hatte ich ja ein völlig anderes Leben.“

„Du bist seltsam, weil du so aussiehst, als gehörst du eher hierher, und nicht in die andere Welt.“

„Ihr kennt euch anscheinend etwas aus.“

Die kleine Fee lächelte geheimnisvoll. „Ja, denn wir sind schon sehr alte Geschöpfe...“

Er war wegen diesen Worten sichtlich erleichtert und fragte: „Könnt ihr mir dann sagen, warum ich nur zum Teil hier bin? Seit ich vor nicht allzu langer Zeit hier aufgetaucht bin, fiel mir auf, dass der Ort mir nicht neu ist. Mein Name kam mir auch in den Sinn. Außerdem verfüge ich über die Erinnerungen meines Vorlebens, aber alles von weiter vorher ist mir fast vollständig entfallen. Ich verstehe und spreche die hiesige Sprache. Einiges ist noch da, aber wie ihr bemerkt habt, bin ich scheinbar auch sehr alt. Doch ich wurde als Mensch wiedergeboren, also müsste der Teil von diesem Leben auch noch hier sein, bei mir oder in mir, oder versteh ich das falsch?“

Die Wesen hörten dieser Aussage aufmerksam zu, aber konnten das Gesagte nicht wirklich erfassen, denn es war zu absurd. Das war etwas noch nie Dagewesenes. Zumindest nicht so weit sie sich auskannten.

Wie aus einem Mund kam es von ihnen: „Wie? Was? Das kann doch nicht sein! Wie ist das möglich?“ Was bei der Heftigkeit des Erstaunens auch wieder die ganze Umgebung in helle Aufregung versetzte.

Der Wind wehte heftiger, Vögel flatterten kreischend auf, Niederwild rannte umher, aber alles beruhigte sich rasch.

Shynn sagte: „Alles gut, ich kann euch nur sagen, was ich weiß. Ich war schon vor dem letzten Leben alt, in dieser Zeitspanne sind sicher Dinge vorgefallen, über die ich noch nicht bereit bin, zu reden. Auch das sollte eigentlich nicht sein, weil jede Seele vor einer Wiedergeburt – laut Theorie – automatisch gereinigt wird. Bei mir war das anscheinend nicht passiert. Und dass meine Seele anscheinend geteilt wurde, kann ich mir auch nicht erklären.“

Die Feen fragten neugierig: „Was kannst du uns über dein letztes Leben erzählen?“

„Alles, was ihr wissen wollt“, erwiderte er...

7

Samstag, der 30. August 1988, ABC-Schütze

Kai ging es seit den letzten Sommerferien wesentlich besser, die er mit den Eltern im Urlaub an der Ostsee verbrachte und dann bei der Heimreise das Betriebsferienlager vom Kombinat des Vaters besucht hatte, wo er voraussichtlich nächstes Jahr hingehen würde.

Während des zweiwöchigen Urlaubs in einer Bungalowsiedlung auf der Insel Rügen, kam er zu seinem Glück nur mit wenigen Kindern in Kontakt und konnte für sich viele Freiräume finden.

Er nutzte die Zeit, um auf den Wiesen zu wandern und sich die Insekten und anderen kleine Tiere, die es dort zu entdecken gab, genauer anzusehen, den Geruch des Grases und der Blüten zu riechen und dem Gezwitscher der Vögel zu lauschen.

Er rannte viel, kletterte und sprang wie ein junger Hase durch die Gegend. Er blühte sichtlich auf, weil er sich frei fühlte. Ohne dass er gezwungen war, sich mit anderen Kindern zu messen.

Der Sommer, der recht warm war, ging schnell zu Ende und für Kai sollte bald die Schule beginnen. Heute – zum Samstag – war die Schulanfangsfeier.

Da der Papa auf Geschäftsreise war, konnte er leider nicht dabei sein, so blieben nur die Oma und die Mama. Und ein Bekannter der Eltern hatte sich bereit erklärt, das Ereignis für die Familie mit einem Fotoapparat festzuhalten.

„Kai, aufstehen! Heute ist dein großer Tag! Wir müssen uns fertig machen!“ flötete seine Mama, während sie übertrieben fröhlich in sein Zimmer stürmte und die Vorhänge vor dem Fenster aufriss und wieder durch die Tür verschwand.

Es war so weit: Nun kam das, was die Großen als den „Ernst des Lebens“ bezeichneten. Die Schule. Er hatte schon eine Vorstellung, dass er nun Lesen, Schreiben, Rechnen und viele andere Dinge lernen sollte.

„Kai, los jetzt! Geh dich waschen. Deine Sachen leg ich dir hin“, drängte ihn seine Mutter mit vibrierendem Unterton durch mehrere Räume zur Eile. Kai rieb sich noch recht schlaftrunken die Augen und ging sich waschen. Er putzte sich die Zähne und fing an, Wasser für die morgendliche Katzenwäsche ins Waschbecken laufen zu lassen.

Nachdem er das erledigt und sich abgetrocknet hatte, ging er in sein Zimmer zurück und fand auf seinem Bett die Sachen vor, die er anziehen sollte, obwohl er manches davon eigentlich überhaupt nicht mochte: ein weißes, kurzärmeliges Hemd, eine hellbraune Hose, ein Unterhemd, eine Unterhose und ein paar weiße Socken mit roten Streifen am Rand.

Er verzog das Gesicht bei dem Gedanken, damit den ganzen Tag herumlaufen zu müssen, wo ihm Hemden sowieso schon zu einengend waren.

Der Gedanke, dass ihm die ganzen Verwandten und Bekannten in die Wangen kneifen und ständig auf ihn einreden würden, gruselte ihn ein wenig.

Er sah aber auch den Vorteil, dass es ein paar kleinere Geschenke gab, Zuckertüte und Co. Und noch das eine oder andere Glückwunschkärtchen oder doch noch etwas extra an Süßigkeiten.

Er seufzte und zog sich den verhassten Kaftan an. Danach kämmte er sich so gut es ging seine Haare zu einem Scheitel.

In der Küche wartete schon die Mutti – fertig angezogen – in einem langärmeligem Kleid, welches er sehr mochte. Das mit dem hübschen, blau-lila-roten Muster. Toll!

Sie frühstückten zügig. Aus Zeitgründen hatte Mama die Brötchen schon mit Nuss-Nougatkrem belegt und einen Pfefferminztee für Kai eingegossen. Sie selbst trank Kaffee und aß ein Brötchen mit Honig.

Es klingelte an der Tür, und die Mama stand auf um zu öffnen. Dort wartete Kais Oma – ihre Mutter – mit einem Strauß gelber Rosen.

Sie trug eine hellbeige dünne Jacke, einen Rock mit einem Muster in braun und grau. Sie war dünner als ihre Tochter und die Haare waren schon fast weiß. Kai liebte seine Oma. Sie war viel ruhiger und gelassener als Mama und Papa. Zudem machte sie auch immer lustige Fratzen.

Sie hatte ihm auch einst geholfen, sein Lispeln und die Aussprache der Zischlaute zu verbessern, sodass er sich besser ausdrücken konnte.

Er hatte ja erst mit fast vier Jahren überhaupt etwas gesagt, was Ärzte und Eltern vor Rätsel stellte. Und vor dieser Zeit brachte die Situation die Eltern zur Verzweiflung.

Sie gingen los. Der Bekannte, Onkel Holger, erwartete sie erst bei der Schule. Auf den freute Kai sich gar nicht. Denn dieser war Offizier und immer so streng. Außerdem guckte der immer so böse durch seine stechenden eiskalten Augen.

Der Weg führte ihn durch die Plattenbauten, vorbei an seinem eigenen Innenhof mit dem Klettergerüst, dann über eine Straße an einem Haus vorbei, was ihm aufgrund seines einen Traumes bekannt vorkam. Nach einem sehr langen Block wurde ein freies Gelände sichtbar.

Auf diesem stand ein Umspannhäuschen, welches von außen mit lustigen und seltsamen Figuren bemalt war.

Dahinter stand schon die Schule, besser gesagt die Schulen. Zwei typische Einheitsbauten lagen direkt nebeneinander und noch einmal zwei davon versetzt davon.

Dazwischen befanden sich die Schulhöfe, gepflastert mit denselben quadratischen weißen Steinen. An manchen dafür ausgelegten Stellen wuchsen Bäume und Büsche, welche relativ sorgsam gepflegt wurden.

Vor der Schule warteten schon andere Eltern nebst ihrem nun schulpflichtigen Nachwuchs, deren Gespräche sich mit den Umgebungsgeräuschen, wie fahrenden Autos oder Straßenbahnen mischten.

Da kam auch schon Onkel Holger ums Eck. Er war etwas untersetzt von der Statur, hatte schwarze, langsam grau werdende Haare, einen Bart, eine relativ große dicke Nase und eine Brille. Kai sah ihn und verleierte schon die Augen, als er sicher war, dass es keiner bemerkte.

„Holger! Hier sind wir!“, kreischte die Mutter, um sich bemerkbar zu machen und winkte dabei kräftig.

Er kam näher und sagte an Kai gerichtet: „Na, ist es endlich bei dir auch so weit? Der Tobias ist ja schon in der zweiten Klasse. Und hoffentlich wirst du auch so ein guter Schüler wie er.“

Er tätschelte den Kopf des Jungen, dem das gar nicht gefiel. Aber er ließ es es über sich ergehen und schwieg sich zu dem Gesagten aus.

Dann überreichte Holger ihm die Zuckertüte, die er schon vom Papa des Schulanfängers in Verwahrung bekommen hatte und mit bunten Autos bedruckt war. Oben ragte der Kopf eines Stoffaffen heraus.

„Die wird aber erst später aufgemacht!“, mahnte er.

Kai war mal wieder von dem zackig-scharfen Tonfall des Onkels überrumpelt, so dass er gerade so ein leise genuscheltes „Danke“ herausbrachte, was Holger mit einem leichten Kopfschütteln quittierte. Dann fiel ihm ja noch ein, weswegen er hier war.

„Aufstellung! Wir wollen doch Fotos machen!“, ordnete er im zackigen Tonfall an. Also stellten sich alle drei vor dem hellblau gestrichenen Zaun auf, der das Schulgelände umschloss.

Kai in der Mitte, die Oma links von ihm und die Mama rechts. Beide Frauen hielten noch ihre Blumensträuße in den Händen und Kai seine Zuckertüte.

Die Mutter zischte ihm, während sie ein Lächeln aufsetzte, zu: „Los, lächel doch mal!“, was dem Jungen wegen seiner Nervosität schon nicht gelang – auf Kommando erst recht nicht.

Räumlich versetzt taten andere Familien das Gleiche. Kind(er), Mutter, Vater, Oma, Opa, Rauhaardackel und sonstiger Anhang mussten auf die eine oder andere Weise für die obligatorischen Fotos herhalten.

Und Kai erschien es, als würden alle anderen das mit dem Lächeln viel besser hinkriegen.

Onkel Holger verabschiedete sich fürs Erste, da er ja nur kurz Zeit hatte, weil sein eigener jüngerer Sohn an dessen Schule an der Aufführung für die Erstklässler teilnahm.

Drinnen war ebenfalls eine Willkommensveranstaltung geplant. Die größeren Kinder sangen und tanzten den Erstklässlern etwas vor. Es gab sogar ein kleines Theaterstück. Kai wurde es langweilig. Er war nicht wirklich der beste Stillsitzer, aber er schaute tapfer zu, weil die älteren Kinder sich solche Mühe dabei gaben.

Es wurde gefragt, wer von den Erstklässlern schon schreiben könne. Nur wenige konnten es, und Kai durfte, unter Beifall aller Anwesenden, seinen vollständigen Namen auf ein Blatt Papier, welches die Schuldirektorin ihm gab, aufschreiben.

Deren eigener Sohn kam ebenfalls in Kais Klasse.

Nach der Veranstaltung kamen die Kinder in ihre Unterrichtsräume. Und Kai stellte fest, dass von den drei Kindern aus seinem Wohnhaus, kein einziges bei ihm eingeteilt worden war.

Aber die Annika aus dem Block von gegenüber, die auch bei ihm im Kindergarten war. Na ja, es gab Schlimmeres.

Von der ehemaligen kleinen Bande, die ihn so auf den Kieker hatte, war zum Glück niemand an diese Schule gekommen.

Die ABC-Schützen wurden nun im neuen Klassenzimmer platziert. Tische und Stühle standen in drei Reihen hintereinander.

Einunddreißig aufgeregt lärmende Kinder waren es, die nun darin Platz nehmen sollten. Das Zimmer war recht groß. An beiden Seiten gab es Fenster. Die zum Hof ausgerichteten waren zudem bemalt. An einer der Glasscheiben prangte eine große gelbe Mondfratze. Oder sollte das eine Sonne sein?, fragte sich Kai, der auch registrierte, dass die Farben des Regenbogens am Nachbarfenster nicht die richtige Reihenfolge hatten.

Hinter den Tischen standen Schränke und Regale. Vorne war die Tafel, die man auch verschieben konnte, sodass mehr Platz zum Schreiben zur Verfügung stand.

Natürlich gab es noch den Lehrertisch gegenüber der Tischreihen.

Die Klassenlehrerin hieß Frau Schmidt. Sie war schon etwa dreißig oder vierzig Jahre alt, mittelblond und schlank. Sie trug einen grünen lockeren Rollkragenpullover, dazu dunkelblaue Jeanshosen und ein paar schwarze Schuhe mit einem Absatz.

Kai fand, dass Frauen mit Absatzschuhen beim Laufen aussahen wie Ziegen oder Störche. Bei dem Gedanken kicherte er sich ins Fäustchen.

Sie roch außerdem nach einem Parfüm mit Veilchennote. So starke Gerüche mochte der Junge nicht sonderlich.

Schulalltag

So verstrichen ein paar Monate, und Kai lernte recht schnell besser lesen und schreiben. Er konnte sogar die russischen Buchstaben, da sein Vater ihm diese bereits beigebracht hatte.

Ein Unterrichtsfach, welches er sehr mochte, war Zeichnen. Darin war er spitze. Vor allem, wenn es um Tiere ging. Die bekam er am besten hin. Mathe war auch so weit okay, aber das mochte er nicht sonderlich.

Musik lag ihm nicht im Blut. Schon im Kindergarten sang oder musizierte er nicht wirklich gern. Der Lehrer war schon alt und streng, konnte aber die Kinder immer schnell zum Lachen bringen. Vor allem, als er am ersten Tag seine Violine mitbrachte, so dass jeder darauf herumfiedeln konnte.

Kai war der erste, der durfte. Die Geräusche, die er erzeugte, klangen schlimmer als Katzenjammer, wie er an den verzogenen Gesichtern seiner Klassenkameraden bemerkte.

Er erkannte, dass die Mitschüler sich nicht besser als er anstellten, als sie an der Reihe waren. So, dass auch er öfter sein Gesicht verziehen und sich die Ohren zuhalten musste.

Sein Hassfach war Sport. Der Lehrer schien von der Armee ausgebüxt zu sein. Zumindest die Art war wie die von Onkel Holger, fast noch schlimmer.

Es machte ihm einfach keinen Spaß. Vor allem Mannschafts- oder Ballspiele. Er konnte nämlich nicht gut fangen, zielen und werfen. Dem Rennen und Klettern konnte er eher was abgewinnen.

Bei der Mannschaftsstaffel sollten die Gruppen im Vierfüßergang laufen. Gemeint war auf Händen und Knien, doch Kai dachte sich, So ein Quatsch! So laufen Tiere doch gar nicht... Ich mach das wie Hunde und Katzen, wenn die rennen.

Damit war er zwar schneller als die anderen, aber kaum galoppierte er los, hagelte es Protest, er wurde zurückbeordert und der Lauf wurde wiederholt. Er musste nun so wie alle anderen herumrutschen, was der Junge für sehr unlogisch und ineffektiv hielt.

Auch in der ersten Klasse wurde er von den anderen aufgezogen, weil er kleiner als die meisten anderen Jungen war, weil er so ruhig war und seinen eigenen Gedanken nachhing.

Seine Kontaktversuche wurden, genauso wie damals und aus ähnlichen Gründen, nicht erwidert. Er passte nicht wirklich dazu. Er schaffte es nicht, bei ihren Spielen mitzuhalten. Oft wollten sie ihn auch nicht dabei haben.

Der Lärm und das Gewusel auf dem Schulhof in der großen Pause verdarb ihm die Laune fürs Spielen erst recht. Mit der Lautstärke konnte er sich nicht besonders arrangieren. Sie bereitete ihm oftmals sogar Schmerzen.

Eines Tages fiel der Lehrerin auf, dass Kai oft alleine war und zeichnete, dass er nicht viel am Pionierleben teilnahm, und auch trotz guter Noten nicht im Gruppenrat war.

Bei den Pionier-, den Gruppennachmittagen oder im Hort saß er meist am Rand und wirkte mehr als abwesend. An den Vorträgen über die Sowjetunion, dem Singen und dem Tanzen zeigte er kein großes Interesse, obwohl er schon einige Worte in Russisch schreiben konnte. Maximal das Basteln oder die Aktionstage über Natur und Tierwelt vermochten ihn aus seiner geheimen Welt zu locken.

Vor allem entdeckte sie oft Zeichnungen von ihm, wo ein kleiner schwarzer Teufel mit Hörnern, roten Augen und roten stacheligen Haaren zu sehen war.

Sie konnte sich keinen Reim darauf machen und beschloss die Eltern des Buben beim nächsten Elternabend daraufhin anzusprechen.

Auch, weil ihn die anderen Kinder deswegen oft als Teufelsjungen bezeichneten. Was die Frau aber für eine normale Reaktion hielt. Sie dachte eben, das würde schon irgendwann aufhören.

Auffälligkeiten

Gesagt, getan, der Elternabend kam. Alle Eltern – beziehungsweise die Elternteile – die Zeit hatten, waren anwesend und alles Wichtige und Organisatorische wurde besprochen.

Und das Ehepaar Neumann wurde – nachdem der Abend beendet war – gebeten, etwas länger zu bleiben. Frau Schmidt zeigte dem Paar Kais Zeichnungen, die nebenbei von ihm gemacht wurden.

Sie verdrehten beide synchron die Augen und dachten: Nicht hier auch noch, zu Hause hängen schon genug Bilder von dem Vieh...

Die Lehrerin sagte: „Ihr Junge ist zwar ein guter Schüler, aber er träumt zu viel, spielt nicht mit den anderen Kindern und sie mögen ihn auch nicht. Doch am auffälligsten sind diese schwarzen Teufel. Ich glaube, er hat zu viel Fantasie und da müssten Sie mit strengerer Hand entgegenwirken, damit er sich endlich in das Klassenkollektiv einfügt.“

Darauf meinten die Eltern nur etwas entnervt: „Das ist uns klar, und wir geben bereits unser Bestes. Mehr können wir auch nicht tun.“

Sie verließen den Klassenraum und bald darauf auch das Schulgelände. Mit entsprechender Laune kamen sie nach Hause, während sie sich unterwegs eine Weile lang darüber gestritten hatten, was sie nun machen sollten.

Kai saß unterdessen in seinem Zimmer und las ein Buch. Darin ging es um ein Mädchen, welches mit einem kleinen schwarzen Hund, einer sprechenden Vogelscheuche, einem Eisenmann und einem Löwen durch ein Wunderland zog, um einen Zauberer zu treffen.

Er schrak hoch, als die Tür aufgeschlossen wurde und nach einigen Augenblicken seine Eltern in seinem Zimmer standen, sich vor ihm aufbauten und mit lauter Stimme meckerten: „Kai! Frau Schmidt hat uns erzählt, dass du viel träumst und zu viel Fantasie hast. Was sollen diese Teufel, die du immer malst? Hör endlich auf damit! Kannst du nichts anderes zeichnen? Das liegt doch nur dran, weil du nicht mit den anderen Kindern spielst. Brauchst dich nicht wundern, wenn dich keiner mag.“

„D-Das weiß ich n-“

„Keinen Mucks will ich hören!“, schnappte seine Mutter, um das Thema zu beenden.

Völlig überfordert von dem Anranzer igelte er sich ein, zog seine Beine zum Kinn, weinte leise und sagte nichts mehr dazu.

Die Eltern, völlig verzweifelt und voller Sorgen, verließen das Zimmer, nachdem sie bemerkt hatten, dass ihr lautes Geschrei alles nur schlimmer machte.

Ihr Sohn, der nun endlich wieder seine Ruhe hatte, schaute noch mit Tränen in den Augen in Richtung der Tür. Er wurde, nachdem er erst einmal erfasst hatte, was da gerade abging, sichtlich wütend auf sie.

Eine Aura des Zorns schien sich um ihn zu bilden, die mit ruhig lodernden Flammen seinen Körper umgab.

Mit dieser sah er selber fast wie der kleine Teufel aus, der ihn schon so lange beschäftigte. Erst recht, weil sie über seinem Kopf zwei kleinen Hörnern ähnelte. Er dachte: Würdet ihr mir wenigstens einmal richtig zuhören! Aber mich ausschimpfen, das könnt ihr!

Er verzichtete auf das Abendbrot, zog sich gleich den Schlafanzug an, wickelte sich in seine Bettdecke, ringelte sich zusammen, um sich in den Schlaf zu weinen.

In der Nacht davongemacht

Als das Kind träumte, erschien abermals nach langer Zeit Shynn wieder über seinem Kopf. Wie damals fing es mit einem dunkel leuchtenden Ball an, der sich zu einer Gestalt materialisierte, die der Kais sehr ähnelte.

Die Gestalt des Teufelchens ist seit dessen letzten Erscheinen wesentlich größer, älter und reifer geworden. Die Haare etwas länger, aber immer noch stachelig wie bei einem Igel, die Hörner um einen halben Zentimeter größer, die Aura etwas stärker, schaute er sich im Zimmer um. Alles wie gewohnt. Keine maßgebliche Veränderung.

Die Kleinkinderspielzeuge sind weg, ebenso die bunte Truhe. Ein hellbraunes großes Regal voller Kinderbücher, einem Kinderlexikon und diversen Bausteinen nahmen ihren Platz ein. Und es hingen mehr Bilder als beim letzten Mal an der Wand über seinem Bett.

Das erste Bild war noch da, einige neue und zeichnerisch etwas bessere sind hinzugekommen. Unter anderem eins, dass ihn zeigte, wie er sich gerade manifestierte. Was ihn durchaus erstaunte war, wie gut er diesen Augenblick einfangen konnte.

Im Gegensatz zum vorigen Mal, brauchte er nicht lange überlegen, was er machen sollte, wenn er schon wieder gleichzeitig schlafend im Bett lag und in dieser Gestalt über seinem menschlichen Selbst schwebte.

Daran gewöhnte er sich nun langsam. Er verstand auch, dass sein Erscheinen mit Ärger, den er kürzlich mit oder wegen jemandem hatte, im Zusammenhang stand. Er dachte an das Gemecker vom Vorabend und an Frau Schmidt, die doofe Kuh. Was ging die das überhaupt an, was er zeichnete?

Er verließ die Wohnung wieder durch die Wand. Orientieren brauchte er sich jetzt nicht mehr, denn er kannte sich bestens in der Gegend aus.

Und er konnte nun die Präsenzen wesentlich besser sortieren. Die Geräusche der Nacht fand er faszinierend.

Dort! Unter dem Müllplatz! Eine komplette Rattensippe, die sich mit glühenden rot reflektierenden Augen auf Nahrungssuche begab. Unter einer Ligusterhecke duckte sich ein Rotfuchs, der seinerseits die Ratten beäugte, in der Hoffnung, ein unvorsichtiges Exemplar der Sippe zu erwischen.

Shynn konzentrierte sich und brauchte eine Weile, bis er die Lehrerin aufspürte. Sie schien sehr weit weg zu wohnen, jedenfalls nicht unmittelbar in dieser Gegend.

Er merkte auch, dass es kälter wurde, auch wenn er es auf seinem Körper nicht wirklich spürte. Die Bäume waren kahl, es waren wesentlich weniger Tiere unterwegs.

Gefroren schienen die Pfützen auf den Böden und Wegen auch zu sein. Laub lag noch immer in Wehen verteilt auf den Grünflächen und unter Sträuchern herum.

Blumen blühten jetzt auch keine mehr. Es waren nur vereinzelt Menschen auf den Gehwegen und wer sich um diese Zeit draußen aufhielt, nahm ihn nicht wahr.

Sie schauten sowieso nicht hin, die unterschiedlichen Schwarztöne konnten sie nicht unterscheiden. Außerdem waren sie alles andere als nachtsichtig.

Überall schien die Straßenbeleuchtung mit einem unheimlichen gelb-orangenem Licht.

Sie waren nicht wie er. Er bekam mit, dass die Nächte in dieser Jahreszeit dunkler und länger waren. Auch der Mond war diesmal nicht zu sehen. Es waren zwar Wolken am Himmel, aber es war nicht vollständig bedeckt.

So wie es aussah, war es gerade Neumond. Aber das focht ihn ja nicht an, als er die Strecke bis zur Lehrerin zurücklegte.

Spuk bei der Lehrerin

Sie wohnte auch in einem Plattenbaublock. Der sah aber anders aus: ein oder zwei Stockwerke mehr und von außen mit stilisierten Schmetterlingen bemalt.

Wie er sich erinnerte, war er hier mit Mama oder Papa öfter vorbeigefahren und hatte die Umgebung schon immer genau beobachtet. Natürlich wusste er bis jetzt nicht, dass er hier seine Lehrerin finden würde.

Er nahm sich die Zeit und schwebte noch wesentlich höher als sowieso schon, um sich das ganze Gebiet einmal anzusehen. Somit überblickte er auch, wie riesig diese eine Plattenbausiedlung war. Sie bestand aus acht oder neun verschiedenen Bezirken, Wohnkomplexe wurden sie genannt, wie er sich erinnerte.

Er wohnte im vierten Bezirk. Als er noch viel höher schwebte, sah er die Stadt im Ganzen. Sie war wirklich riesig, zumindest für seine Kinderaugen. Auch wenn es Dämonenkinderaugen waren. Die sahen schließlich mehr.

Wieder unten wurde die Aura der Frau deutlicher. Er fand ihre Wohnung und drang durch die Wand ein.

Drinnen machte er sich den Jux und schwebte nicht durch die Wohnung, sondern ging zu Fuß. Und das nicht nur auf dem Fußboden, sondern er fing an, auf allen Vieren die Wände und Decke entlangzukrabbeln. Es machte ihm sogar Spaß, weil er sich so wie ein Insekt fortbewegen konnte.

Im Flur sah er auf einer dunkelbraunen Kommode neben ihrem olivgrünen Telefon, welches noch eine Wählscheibe hatte, ihre Handtasche. Die Graue, die sie immer in der Schule dabei hatte.

Ihm fiel auch ein, dass sie darin einen goldenen Handspiegel hatte, dessen Rückseite mit bunten, fassettierten schillernden Steinen umrahmt und mit einem größeren durchsichtigen in der Mitte besetzt war. Wie Glas wirkte der, das bei hellem Licht in allen Regenbogenfarben glitzern würde, wenn welches vorhanden wäre.

Anscheinend hing sie an dem Ding. Er fand es eigentlich auch sehr hübsch, denn er mochte glitzernde Dinge und funkelnde, geschliffene Edelsteine durch die ganzen Märchenfilme. Vor allem der tschechischen Serie wegen, die mit dem Zauberring.

Kopfüber hing er über der Anrichte und durchwühlte die Tasche mit der linken Hand, während er sich mit den Füßen, Beinen und der rechten Hand an der Wand hielt.

Schließlich fand er den Spiegel und betrachtete ihn genauer. Im Dunkeln, fand er, glänzten die Steine in einem völlig anderen, besonderen Licht, so wie er es im normalen Fall niemals sah. Aber er lachte, als er dran dachte, dass es für ein Kind nicht gewöhnlich so war, dass es nachts beim Schlafen seinen Körper verließ, um anderswo sein Unwesen zu treiben wie ein Geist. Als ein Geist, verbesserte er seinen Gedanken.

Glitzer-Blitzer!, dachte er und besah sich im Spiegel. Er überlegte kurz, ob er „Bu hu huuu!“ rufen sollte, aber er entschied sich dagegen. Shynn wusste nicht, ob man ihn vielleicht hören könnte, denn das wollte er nicht.

Und wie bei dem Buch mit dem Mädchen, welches sich mithilfe eines ähnlichen Spiegels in einen Geist und wieder zurück verwandelte, wollte er nicht riskieren, dass es ihn ebenso erging. Nicht, dass er gerade hier – in einer fremden Wohnung – seine eigentliche Gestalt wieder annahm.

Er glaubte eigentlich nicht an Märchen, fand aber aufgrund seines jetzigen Erscheinungsbildes, dass Zweifel über Fantasie und Realität durchaus berechtigt waren.

Denn sein nächtliches Auftauchen in der Wohnung der Klassenlehrerin könnte er ihr nicht erklären und Meckerei, ein Anruf bei seinen Eltern und noch mehr Schimpfe, wären vorprogrammiert.

Wennschon, dann war er ja in dieser Form unterwegs, um anderen Ärger zu verursachen. Nicht, um selber welchen zu bekommen.

Mit ein wenig Bedauern und einem Schulterzucken, warf er schließlich den Spiegel doch zu Boden, wo die Glasscheibe mit einem lauten Klirren zerbrach.

Shynn ließ sich ebenfalls fallen, drehte sich in der Luft, um mit den Füßen – ähnlich einer Katze – den Boden zu berühren und trat noch einmal kräftig darauf, um dem bereits geborstenen Glas den Rest zu geben.

Er erschrak, weil er am Rascheln von Bettzeug, das Knarzen des Bettes selbst vom Aufstehen, durch Schritte und dem Klicken eines Lichtschalters mitbekam, dass die Lehrerin von dem Scheppern und Klirren wach geworden war, und machte sich schleunigst aus dem Staub.

Auf direktem Wege flog er in Richtung seiner elterlichen Wohnung und verschwand wieder in seinem Körper.

Ein echter Kotztag

Als Kai am nächsten Morgen aufwachte, hatte er wieder leichte Kopfschmerzen. Seine Mutter betrat das Zimmer so stürmisch so wie es ihre Art war, um ihn zu wecken.

So bekam sie auf die Schnelle nicht mit, dass er bereits wach war und sagte: „Aufstehen! Du musst zur Schule!“

Kai ningelte: „Ich hab Kopfweh und mir ist schlecht...“

Daraufhin wurde Frau Neumann ungehalten. „Papperlapapp, stell dich wegen der anderen nicht so an! Du willst doch nicht wegen solchen Kleinigkeiten fehlen. Los! Raus! Waschen, anziehen und das hopp!“

Nicht gerade begeistert, tat er wie geheißen: Er wackelte ins Bad, musste sich aber stellenweise an Wand oder Möbeln festhalten, damit er nicht umfiel.

Der Junge wusch sich diesmal mit kaltem Wasser, was zumindest seine Kopfschmerzen milderte. Ganz weg waren sie nicht.

Er nahm seinen Schulranzen nebst Brotbüchse und verließ ohne Abschied die Wohnung, denn er war wegen der Aktion von gestern und der von gerade eben ziemlich sauer auf seine Mutter.

Der Kopf zwickte noch etwas, als er zur Schule schlich. Aber die Luft dieses trockenen, aber schon kalten Morgens tat erstaunlicherweise gut.

Den Schultag brachte er mit Ach und Krach hinter sich, auch wenn ihm auffiel, dass die Lehrerin heute eine ziemliche Brummfresse zog und auch nicht, wie sonst im den kleinen Pausen, ihren Spiegel draußen hatte, um sich darin zu begaffen. Womöglich hatte sie ihn gar nicht dabei? Schien so.

Nicht, dass er doch kaputt ist? Wäre schade drum.

Die Klingel erlöste ihn endlich vom Unterricht; er ließ, wie alle anderen auch, seine Schulsachen im Ranzen verschwinden, ging zur Garderobe, um seine Jacke zu holen und um endlich das Gebäude zu verlassen. Zum Glück war jetzt Wochenende.

Draußen geschah das, was bis dahin noch mehr schlecht als recht verhindert werden konnte. Auf dem Weg zum Schultor übergab sich Kai mit einem lauten „Uäääärks!“, welches einem Erwachsenen Ehre gemacht hätte, der eine krasse Zechtour hinter sich hatte.

Alles, was er am Tag zu sich genommen hatte, verließ mit entsprechend lautem Geplatsche seinen Körper und er hatte das Gefühl, als würden seine inneren Organe gleich hinterherkommen. Und das ausgerechnet jetzt, als ein Teil seiner Klasse und ein paar aus den beiden Parallelklassen, ebenfalls den Heimweg antraten.

Natürlich war das ein gefundenes Fressen für die anderen Kinder. Sie fingen lauthals an zu lachen, weil sie so was in derartiger Größenordnung noch nie gesehen hatten.

Manche der Anwesenden schrien: „Iiiiih!“, „Wie eeekelig!“, „Igittigitt!“ und so weiter. René mit den schwarzen lockigen Haaren und der hellen Haut baute sich hinter ihm auf und maulte: „Was fällt dir ein, du altes Schwein!“, bevor er Kai zu Boden schubste.

Nun lag er da, neben seinem eigenen Erbrochenen, umringt von einigen der anderen. René, Katja, Mandy, Annette, Christoph, Manuel und weiß der Teufel wer noch, die ihn alle im Chor „Kotzjunge! Kotzjunge!“ riefen und anfingen, Jungen wie Mädchen, auf ihn einzutreten, während ihm nichts übrig blieb, als sich auf dem Boden zusammenzukauern, damit sie ihn nicht zu schwer verletzten.

Endlich ließen sie von ihm ab und machten sich davon. Kai rappelte sich auf, um sich zu untersuchen. Vorteil: Die Kopfschmerzen und der Brechreiz waren weg. Nachteil: Er war vollkommen zerschrammt, hatte stattdessen nun diffuse Schmerzen am ganzen restlichen Körper, die Hose hatte eine Dreiangel und die Haare waren total zerzaust.

Zum Glück war die Brille noch heil, denn das hätte erst recht Ärger gegeben.

Mit einer Stinkwut auf alles und jeden im Bauch, mit gesenktem Kopf und das Gesicht und die Hände zu Fäusten geballt, machte sich der Junge ebenfalls auf den Heimweg.

Im Gedanken, aber auch laut, gab er alle Flüche von sich, die er kannte, und er dachte sich sogar welche in einer anderen Sprache aus, die außer ihm kein anderer sprach und verstand.

Als er zu Hause ankam, immer noch zornig, durchquerte er den Flur, um ungesehen einfach den Rest dieses Kacktages in seinem Zimmer zu verbringen.

Was ihm nicht gelang, weil seine Mutter die Geräusche der Wohnungstür gehört und gemutmaßt hatte, durch die Uhrzeit, dass es nur ihr Filius sein konnte, der da nach Hause kam.

Sie ging ihm entgegen, blickte ihm fest in die Augen und schnappte: „Na, auch schon zu Hause?“, auf das ungewöhnlich späte Eintreffen anspielend. Als nicht sofort eine Antwort erfolgte, setzte sie schnippisch nach: „Sag wenigstens Hallo!“

Mit dem echt laut gebrüllten: „IST DOCH ALLES SCHEIßE!!!“, also der geballten Wut die sich entlud, als wäre sie ein Gewitter oder ein Orkan, der völligen Verzerrung seines Gesichtes, so dass es einer dämonischen Fratze glich, die sie sich einzubilden schien und der daraufhin von innen zugeschlagenen Zimmertür, hatte sie jedenfalls nicht gerechnet.

Perplex stand sie da, der Kiefer weit nach unten geklappt und mit ziemlichen kugelrunden großen Augen starrte sie auf die Stelle, auf der sich vor einem Sekundenbruchteil noch Kai befunden hatte. So besehen sah sie fast wie ein Fisch aus, der nach Luft schnappte.

Kai durfte sich gleich am Abend noch eine weitere Schimpfkanonade seiner Eltern anhören, die ihn ohne Abendbrot ins Bett schickten und ihm am Wochenende verboten, die Wohnung zu verlassen – was ihm ganz recht war, denn er hatte gerade gar keine Lust mehr auf andere Menschen. Auch nicht wirklich auf seine Eltern. Verständlich.

Als er endlich einschlief, träumte er wieder einmal von dem kleinen schwarzen Teufel. Dieser erschien, wie die Nacht zuvor, aus der Angst und Wut des Jungen geboren.

Rachedurst

Shynn hatte eine lange Liste abzufrühstücken: René, Katja, Annette, Mandy, Christoph, Manuel und die anderen, die ihn halb zu Klump getreten hatten, nur weil ihm furchtbar schlecht war.

Arschlöcher, alle miteinander!, dachte der kleine Dämon noch sehr wütend.

Die Nacht war kälter als die zuvor. Auch bewölkter mit Schneegraupel. Die Autos auf dem Parkplatz waren mit Raureif überzogen, genau wie das Gras und die Äste der Büsche und Bäume.

Wie zuvor machte sich der kleine schwarze Teufel auf den Weg, seine Peiniger zu bestrafen. Zuerst war Annette dran, die wohnte ja gleich zwei Eingänge weiter.

Eine gute Schülerin war sie, die ihre Hausaufgaben gewissenhaft erledigte und ansonsten eine saubere Heftführung hatte.

Shynn/Kai war auf das strohblonde, gleichgroße Mädchen neidisch. Er konnte zwar schon lange schreiben, aber seine Handschrift war eben etwas fahrig und krakelig, ab und an unleserlich und der Hefter war oft mit kleinen Zeichnungen und Kritzeleien an den Rändern verziert.

Er wusste natürlich sofort, was er zu tun hatte. Mit einem fiesen Grinsen schwebte er zu ihrem Schreibtisch und stöberte in ihren Schulheften herum.

Er ging davon aus, dass sie nicht mehr nachschaute, nachdem sie die Hausaufgaben erledigt hatte. Er nahm einen Tintenblitz und den Korrekturstift und suchte in dem nächstliegenden Heft die Schularbeiten für Mathematik, die ja Dienstag fertig sein sollten.

Da waren sie. Wie immer fein säuberlich gemacht. Plus und Minus mit Kettenaufgaben waren dran. Sie hatte alles richtig gerechnet. Bis jetzt.

Er berichtigte die Ergebnisse, indem er die richtigen Lösungen durch andere, falsche Zahlen ersetzte und achtete dabei darauf, ihre Handschrift so gut er konnte, nachzuahmen. Um den Verdacht zu minimieren, korrigierte er auch frühere Aufgaben, aber ohne die Ergebnisse zu ändern.

Den Schreibhefter nahm er sich als nächstes vor, wo er – statt die Aufgaben nachzubessern – einfach die Tintenpatrone aus dem Füller nahm, sie direkt auf der Seite mit der Hausaufgabe ausleerte und dort auf allen Blättern einen schönen Fleck hinterließ.

Alle Hefte verzierte er in schönster Handschrift mit Sprüchen. Wie „DDR – Deutsche Dackel-Rennbahn“ oder „Alle Pioniere1 stinken! Schlimmer als ein faules Ei! Hast du davon zwei, stinken sie für drei!“ Zu den Fächern passend, versah er sie an den Rändern mit Beleidigungen an die jeweiligen Lehrer. Schließlich hatte sie als Erstes auf ihn eingetreten und das auch noch schmerzhafter als einige der Jungs...

Bei René im Haus war es schwieriger. Seine Lieblinge waren die Hamster. Aber Shynn wollte ja nicht Tiere für sein Leid verantwortlich machen. Die konnten ja nichts für ihre Herrchen und Frauchen. Außerdem mochte er Tiere jeglicher Art.

Aus diesen Gründen wollte er ihnen nichts zuleide tun. Darum machte er nur die Käfige auf, sodass die Tierchen das Zimmer mal eben auf eigene Faust erkunden konnten.

Aber das reichte ihm nicht... Schließlich hatte der Mistkerl ja angefangen mit der ganzen Aktion, um ihm noch eins reinzuwürgen, nachdem er ja bereits sein Mittagessen wieder von sich gegeben hatte.

Ihm fiel nur eins ein: Tomatenmark. Schade drum, aber der Zweck heiligte für ihn eben die Mittel. Er ging in die Küche der Familie und kramte in den Vorratsschränken herum, darauf achtend, keine unnötigen Geräusche zu verursachen.

Nun begann er, das Zeug schön an den Tapeten zu verreiben, und zwar auf einer Höhe, die der wesentlich größere René auch erreichen konnte. Das Sofa beschmierte er ebenfalls.

Eine ziemliche Schweinerei hatte er da hinterlassen. Bäh! Zum Glück brauchte er sich als eigentlich materieloses Wesen nicht ums Händewaschen zu kümmern. Die Tube mit dem kläglichen Rest legte er René einfach in die Hand, die gerade aus der Bettdecke herausguckte.

Das war mal ein Schlamassel – ein Schlachtfeld, blutig, eines echten Dämonen würdig.

Er hatte noch viel vor in dieser Nacht...

Katja, Mandy, Christoph, Manuel und die anderen Beteiligten... Langsam gingen ihm die Ideen aus. Oje!

Die Nacht ist noch jung, irgendwas findet sich, kicherte er in sich hinein.

Dieses Gefühl, alles machen zu können und mal keine Konsequenzen spüren zu müssen, fand er zur Abwechslung seines normalen Alltags echt amüsant.

Selten hatte er so kichern müssen. Und er hatte ihnen mit dieser Gabe auch einiges voraus. Welches Kind außer ihm konnte denn des Nachts umhergeistern, fliegen und durch Wände gehen und wer weiß, was sonst noch?

Keins, soweit er wusste. Er fing an auf dem Weg zu Mandy, seinem nächsten Opfer, Loopings zu drehen und lachte schaurig dabei.

Zwei sind einer zu viel

Shynn gelangte in die Wohnung.

Aber er merkte an seiner Anspannung, dass hier schon jetzt etwas nicht stimmte. Mist, hier war schon jemand!

Die Aura hätte er längst bemerken müssen. Er war aber so im Übermut, dass ihm diese nicht wirklich auffiel.

Ein Schatten bewegte sich, schaute ihn mit ebenfalls glühenden Augen an und verschwand im Schlafzimmer der Eltern der sehr dünnen, großen, brünetten Schülerin mit den Sommersprossen.

Die Konkurrenz hatte wie er eine quasi menschliche Gestalt, war aber wesentlich dunkler und unsteter. Er konnte, im Gegensatz zum kleinen Teufelsjungen, seine Form nicht stabil halten.

Shynn glaubte, dass sich dieser nächtliche Bewohner schon lange bei der Familie heimisch fühlte und wahrscheinlich schon seit Jahren hier sein Wesen trieb. Das erklärte, warum das Mädchen so aggressiv war.

Der fremde Geist schwebte über den Köpfen der Eltern, sorgte bei ihnen für schlechte Träume und flüsterte ihnen eine Menge Hirngespinste in die Ohren.

Dem Vater trichterte er Versagensängste in der Arbeit und eine Unzufriedenheit mit seinem Leben ein. Der Mutter vermittelte er, dass ihr Mann mit ihrer Schwester, der besten Freundin und wer weiß mit wem, fremdging. Shynn sah dem Gespenst dabei fasziniert zu.

Der Alb spürte die Anwesenheit des kleinen Kerls, der sein Refugium störte, noch immer und knurrte in der Geistersprache: „Was willst du hier, Zwergnase? Du störst!“ Dies unterstrich er, indem er seine mehr als dunkle Aura noch stärker wabern ließ und diese verdichtete.

Shynn schaute ihn mit großen Augen an, wie es ein Kind in seinem Alter eben so machte. Und feixte nur. „Hey, super, da brauch ich mich hier nicht einmal anstrengen. Du sorgst ja schon ganz gut für meine Rache. Hihi! Lass dich nicht von mir stören. Mach weiter so! Und vergiss Mandy nebenan nicht!“

Er setzte das schiefe Grinsen eines Bengels auf, der gerade etwas ausgefressen hatte, und flog davon.

Der andere Dämon schaute dem kleinen Störenfried perplex hinterher. Er hatte nicht mit einem Weiteren aus seiner eigenen Zunft gerechnet und ebenso wenig mit dessen Reaktion.

Ihm war seltsam zumute. Er kam sich vor wie das Werkzeug des Kleinen. Der offensichtlich wirklich nur ein Kind war.

Weil er aber sich gerade von der negativen Energie dieser Familie ernährte, kratzte ihn das nicht weiter und er setzte sein Unterfangen fort.

Shynn hingegen war ebenfalls verblüfft. Er hatte bisher noch kein Wesen seiner Art gesehen, wenn er unterwegs war. Er hatte sie zwar gespürt, aber jetzt sah er seine Ahnungen bestätigt, dass es sie gab und es unter Umständen wirklich besser war, sich gegenseitig aus dem Weg zu gehen. Gerade hier in einer Welt, wo sie eigentlich nichts verloren hatten.

Er dachte an die Tierdokus, die er ab und an gesehen hatte, trotz des spärlichen Fernsehprogramms. Wie bei Wolfsrudeln, welche die Grenzen des Nachbarreviers respektieren mussten, nahm er sich vor, in Zukunft besser auf solche Auren zu achten und Wesen seiner Art zu meiden. Gerade weil er noch so winzig war und seine eigenen Kräfte doch begrenzt waren.

Er hatte immer noch nicht rausbekommen, was er noch alles konnte und es noch nicht geschafft, Materie zu tragen und sie durch Wände hindurch mitzunehmen.

Dies nahm er gleich in Angriff. Aber mit mehr Bedacht und weniger Übermut. Er flitzte ganz schnell kerzengerade nach oben, bis er die Krümmung des Planeten sah.

Allerdings musste er an der oberen Stratosphäre stoppen. Er kam nicht weiter, denn anscheinend war er auf irgendeine Weise immer noch an den Planeten gebunden.

Er ließ sich wieder nach unten fallen und fand somit heraus, dass ihn die Erdbeschleunigung nicht betraf.

Dabei schrie er so laut er konnte, was ein Flugzeug, welches in dieser Stunde seine Bahn kreuzte, kurz absacken ließ.

Der Pilot glaubte sicher, dass ein Luftloch dafür verantwortlich sei, stabilisierte die Maschine und flog weiter.

Ups! dachte der kleine Teufel. Auf der Höhe der Plattenbausiedlung bremste er seinen Fall so stark, dass es ihn verformte und er kurze Zeit wie ein Eierkuchen aussah.

Das war lustig, vor allem weil er keine Millisekunde später wieder in seine ursprüngliche Geistergestalt zurückploppte. Er hatte jedoch nicht mehr viel Zeit, diese spaßige Erfahrung zu wiederholen. Die Nacht war schon halb herum.

Shynn bringt euch Ärger

Sein nächstes Ziel war die brünette, etwas größere Katja. Die wohnte auch nicht weit weg. Bei ihr war die Sache etwas einfacher: ihr Vater war irgendein hohes Tier in einem Kombinat2. Und seine Brigade war die Patenbrigade3 der Klasse.

Dort angekommen nahm er Stifte des Mädchens zur Hand, nahm sich die Aktentasche ihres Herrn Papas vor und begann, darin alles durcheinanderzubringen. Einige sehr wichtig erscheinende Dokumente zerriss er einfach und warf sie in die Toilette.

Einiges von dem Rest bemalte er mit Mandys Blumen- und Häschen-Zeugs. Da sie eh ein Papakind war, reichte das schon, um hier etwas Unfrieden zu stiften.

Bei Christoph, mit dem dunklen Igelschnitt, der aber sehr bleiche Haut hatte, war es auch nicht anders. Der hatte beim letzten Urlaub in Ungarn über elterliche Beziehungen einen Computer bekommen, mit dem er oft angab und für den er schon viele verschiedene Spiele hatte. Kai/Shynn hatte er noch nie zu sich eingeladen, um mit ihm zu spielen.

Andere zu treten macht ja anscheinend so viel mehr Spaß. Die Lust wollte Shynn ihm verleiden.

Er nahm aus dieser Wohnung keine fremden Präsenzen wahr und sah bald das gute Stück: einen Commodore 64. Sogar mit Originalspielen. Kein Wunder, dass er dafür von den anderen Kindern hofiert wurde. Das wird nicht lange so bleiben, dachte sich Shynn.

Ein Computer war eine hochkomplexe Maschine, selbst zu dieser Zeit. Er versuchte mal etwas Neues: in das Gerät hineinzuschlüpfen und zu sehen, was er dort so alles anrichten konnte. Es gelang sogar.

So konnte er nur Schaden in der Elektronik anrichten – das wäre zu leicht, denn das ließe sich ja wieder reparieren.

Also versuchte er es von innen heraus einzuschalten. Er schaffte es auch, irgendwie in die gespeicherten Spiele einzudringen, und etwas an dem Programm zu wursteln.

Von außen betrachtet sähe es sicher witzig aus, eine Pixelvariante von Shynn dabei zu beobachten, wie er sich im Gerät verhielt, wie die Echse, der Werwolf und der Gorilla aus dem Häuser-Kaputt-Mach-Spiel „Rampage“. Aber das Ganze halt auf alle Spiele bezogen.

Einige wichtige Gegenstände und Spielfiguren von zwei Nimm-und-Gib-Spielen namens „Maniac Mansion“ und „Zak McCracken“ ließ er einfach verschwinden.

Bei den Spring-Spielen und anderen ähnlichen Spielen baute er Endlosschleifen ein, die dafür sorgten, dass Chris diese Spiele nie würde beenden können.

Die Autorennen veränderte er so, dass die Gegner immer schneller als er waren und jedes Fahrzeug, welches er auch immer auswählen würde, stattdessen herumkroch wie eine lahme Ente.

Nicht nur das: Er sorgte auch dafür, dass sich immer wieder zufällig die Steuerungsbefehle umkehrten oder widersprachen.

Das bedeutete: Frust pur. Würde ihn nicht wundern, wenn Chris, so jähzornig wie er war, das Gerät umschmiss.

Nur so aus Spaß änderte er die Texte vieler Spiele, sodass sie anstelle ihres eigentlichen Inhaltes, Christoph oder seine Freunde verspotteten und beleidigten.

Die Spiele wollte er zwar auch mit Löchern versehen, aber ohne die Teile konnte der Mitschüler ja nicht spielen. Stattdessen entsorgte der kleine Teufel die Spielanleitungen und die diversen Kodes.

Auch Dämonen haben Mitgefühl

Bei dem weißblonden Manuel war es anders: Als er die Wohnung betreten hatte, stellte er auch hier eine Anwesenheit fest, aber die war anders als bei Mandy.

Diese hatte er immerhin bemerkt, aber hier hielt sich die spürbare Kreatur gut verborgen. Zu gut. Weil sie ihn erst einmal nicht behelligte, störte er sich nicht daran, sondern schaute sich trotz seiner vorigen Bedenken erst einmal um.

Er fand bei dem Jungen auch kaum Angriffsflächen. Er hatte nur sehr wenig Spielzeug, einige kaputte Matchboxautos und eine Sammlung Mosaikhefte, bei der die meisten Exemplare allerdings schon ziemlich zerfleddert waren.

Auch die Möbel waren in der ganzen Wohnung ramponiert. Er konnte es sich nicht erklären. In der Küche standen überall Bier- und Kognakflaschen herum, billiges Zeug. Stammte sicher vom Vater.

Er kannte den Mann vom Sehen, er hatte immer Angst vor ihm gehabt: Er war groß, kräftig, verfügte über einen Bierbauch, hatte kurz geschnittenes Haar, fast so ähnlich wie das von Manuel, eine im Sommer vor allem sehr rote Hautfarbe. Und echt gruselige, kalte, stechende, eisblaue Augen.

Ein Geräusch drang aus dem Kinderzimmer. Manuel drehte sich im Schlaf, er schlief generell unruhig. Er murmelte etwas, das hörte sich an, wie: „Nein Papa! Lass das! Du tust mir weh! Aua!“, „Mama, warum hilfst du mir nicht? Er tut dir auch weh! Mama! Mamaaa!“

Ein Arm fiel aus dem Bett: blaue Flecken waren darauf zu sehen. Shynn dachte bei sich, dass der Junge sicher kein anderes Ventil hatte, als andere zu drangsalieren.

Das machte Manuel mit jedem, der ihm in die Quere kam. Hätte der Blödmann doch mal den Lehrern was gesagt. Trottel! Und er schrieb auch meist nur Vieren und Fünfen. Arme Sau.

Im Schlafzimmer hörte er etwas anderes, rhythmisches Knarzen und stoßweise Geräusche wie Atmen und Grunzen. Er war neugierig, was das bedeuten sollte – aber aufgrund der Erfahrung mit dem Nachtalb zuvor – auch vorsichtig.

Er ging an die Wand, um mit ihr und den Schatten, die an sie geworfen wurden, zu verschmelzen. Er bewegte sich auf diese Weise an den Wänden entlang in Richtung des Schlafzimmers.

Ein interessantes Gefühl, das hatte er auch noch nicht probiert. Die Tür war einen Spalt weit offen, so konnte er problemlos eindringen.

Was er sah, konnte er aufgrund seiner eigenen Kindheit und Naivität nicht begreifen. Im Bett lagen die Eltern Manuels: Die Mutter, eine schmale, sehr zierliche Blondine im Nachthemd lag auf dem Rücken und auf ihr, beziehungsweise zwischen ihren gespreizten und angewinkelten Beinen, lag der Vater.

Er stützte sich mit den Armen ab und zog mit einer Hand an ihrem dünnen, strohblonden Haar. Die gestreifte lange Schlafanzughose.

Shynn hatte also einen guten Ausblick auf den Teil des Körpers, wo die Sonne nie hinscheinen würde, und sich dieser im Takt des Atmens und des knarzenden Bettes auf und ab bewegte.

Zusätzlich waren auf den frei sichtbaren Flächen des Männerkörpers schlecht gestochene Tätowierungen zu sehen.

Der kleine Dämon dachte sich: Bilder auf der Haut. Onkel Holger sagte dazu, dass das welche haben, die im Gefängnis waren.

Die Frau wies ähnliche blaue Flecke wie Manuel auf, sogar einen am Auge, welcher aber schon am Abschwellen war.

Noch etwas sah er: Die Aura, die ihn so irritiert hatte, ging nicht von einem weiteren Wesen hier in der Wohnung aus, sondern von dem Mann! Kann man das? Einen Menschen... besetzen? Mit seinem kindlichen Gemüt, schreckte er davor zurück, es zu versuchen.

Der Vater des Mitschülers grunzte und hielt inne. Er schaute sich im Zimmer um, sodass Shynn jetzt die Augen des angsteinflößenden Mannes sah. Sie glühten aus der Dunkelheit des Zimmers durchgängig rot!

Die Frau unter ihm wimmerte. Er richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf sie und lallte: „Hassu noch nich’ jenuch, du Schlambe?“, während er sich anschickte, seine Lust an ihr weiter zu befriedigen.

Der ungebetene Besucher, der das ganze Treiben lang genug beobachtet hatte, nutzte den Augenblick, um diesen Schweinestall schnellstens zu verlassen.

Genauso roch es hier für seine nun empfindlichere Nase durch die verströmten Hormone und Körperflüssigkeiten, die einen muffigen und beißenden Geruch verströmten, der an das Raubtier- oder Affenhaus im Zoo erinnerte.

Auch hier hatte er nichts zu tun. Manuel war schon gestraft genug. Nun musste er besonders aufpassen. Dieser andere Dämon war wesentlich mächtiger und sicher auch bösartiger als er, wenn er sich schon in einem Menschen einnisten konnte.

Zum Glück hatte ihn der Vater, oder besser gesagt das Böse in ihm, nicht entdeckt. Wer weiß, was der mit ihm gemacht hätte...

Shynn mutmaßte, dass es in der Gegend noch mächtigere Wesen gab als diese Erscheinung. Er wusste jedoch auf einer sehr tiefen Ebene, dass der ihm auf irgendeine Weise ähnelte. Aber wodurch? Und woher wusste er das?

Scheint doch häufiger vorzukommen, dass Geister hier wandeln, dachte er bei sich. Aber er hatte anderes im Kopf. Es warteten noch einige Hanseln auf ihn.

Dem Rest den Rest geben

Bei allen restlichen Kindern war die Luft so weit rein, als er sie einen nach dem anderen besuchte. Und auch bei ihnen stiftete er diversen Unfrieden, wie zuvor. Die Hausaufgaben verschwinden lassen, zum Beispiel.

Bei einem der Jungen versuchte er es auch erst mit Einflüsterungen, so wie der Nachtalb bei seiner Mitschülerin. Das überforderte ihn jedoch mental, also ließ er das fürs Erste bleiben. Stattdessen warf er Teile von dessen geliebter Minifigurensammlung weg und vergriff sich zusätzlich an dessen Schallplatten und Klamotten.

Gerade die Sachen aus den Westpaketen richtete er besonders übel zu.

Einem Mädchen schleppte er Spirtuosen aus dem Bestand ihrer Eltern ins Kinderzimmer. Einen Teil des Inhaltes kippte er über die erreichbaren Lebensmittel. Das wird lustig morgen.

War ja auch fast immer das Gleiche: Finde raus, was denjenigen am meisten trifft und schon hast du ihn.

Machten sie das nicht auch immer so mit ihm?

Beim letzten Bengel, der ihm so schön den Nachmittag versaut hatte, öffnete er die Kaninchenbuchten, die er schon von weitem riechen konnte und verbog das Maschendrahtgitter des Grundstückszaunes an einer versteckten Stelle zu einem großen Loch.

Er wollte den Tieren ja nichts tun, sondern überließ es ihnen bloß, ob sie stiften gehen oder hier bleiben wollten.

Lange würden sie es sicher nicht machen, dachte er, denn es war fast Winter und es waren Rassekaninchen, die zu Ausstellungszwecken gezüchtet wurden und somit zum Großteil für das Leben in der Wildnis nichts taugten. Außer zur Nahrung für den Fuchs oder andere Raubtiere.

Ihm kam es hier nur auf den Ärger an, den er dem hier wohnenden Kind dadurch verursachte, denn es war mitverantwortlich für die Fütterung der Mümmelmänner. Es gab sicher Zoff, wenn die Boxen offen gelassen wurden und die preisgekrönten Tiere ausbüxten.

Shynn machte sich auf dem Heimweg, denn es wurde langsam Zeit. Denn er durfte nicht aufwachen, wenn er nicht drinnen war. Er wusste nicht, was dann mit seinem Körper geschähe, wenn das passierte.

Das Kopfweh, unter denen er nach solchen Nächten litt, hing sicher damit zusammen, dass er den Leib überhaupt verlassen konnte.

Gedankenkreisel

So kam es auch schließlich, Kai hatte schlimme Kopfschmerzen, schlimmer als am Tag zuvor. Er würde zwar die Wohnung heute eh nicht verlassen. Dafür konnte er relativ unbehelligt im Zimmer bleiben und seinen Lieblingsbeschäftigungen nachgehen.

Währenddessen berieten sich die Eltern, die doch langsam in Sorge waren.

„Lisa, mit dem Jungen stimmt was nicht. Gestern angeblich Kopfschmerzen. Heute schon wieder? Was machen wir nur? Das macht mich wahnsinnig. Wie kommen wir an ihn ran?“

Die Mutter antwortete nur: „Jochen, Montag ist die Schule wegen Behördentag geschlossen. Dann werde ich mal mit ihm zum Kinderarzt gehen. Wie du sagst, der Sache mit den Kopfschmerzen sollten wir mal nachgehen. Bis jetzt hielt ich die für Übertreibungen. Und da sollten wir auch gleich einmal prüfen lassen, warum er in der Schule mit den anderen Kindern so Probleme hat. Lassen wir ihn in Ruhe.“

So berieten sie sich und einigten sich auf den Ablauf von nächster Woche. Kai hatte seine Lauscher auf Empfang und hörte sehr genau, was die beiden da redeten.

Er verzog das Gesicht, denn er hasste Ärzte und Krankenhäuser. Der Junge musste diese früher oft aufsuchen. Oder zur irgendeiner Untersuchung gehen, das ging ihm schon auf den Keks.

Andererseits nervte ihm das mit dem Kopf schon. Was war also schlimmer?

Nach dem Frühstück stand er wortlos auf und ging in sein Zimmer zurück, denn er war seinen Eltern immer noch böse, dass sie ihn gestern gleich so ausgemeckert hatten und ihn nicht einmal zu Wort kommen ließen.

Er dachte, als der Kopf nicht mehr wehtat, über seine Träume und die Zusammenhänge mit den Ereignissen, die darin geschahen, nach.

 Erstens: Er träumte früher schon von dem Teufelchen, Shynn nannte er ihn. Aber so detailreich waren die Träume nur dann, wenn er richtig schlimm geärgert wurde.

 Zweitens: Solche Träume finden nicht bei jeder Sache, die ihm durch andere widerfuhr, statt. Es musste vorher richtig wehtun.

 Drittens: Was hatte dieses Wesen mit ihm zu tun? Wo war die Verbindung zu ihm selbst? Er malte ihn ja auch immer in Kindergestalt, etwa seiner eigenen entsprechend. Darauf konnte er sich keinen Reim machen. Außer, dass er keine Sportskanone war, klein und schmächtig und ohne Brille schlecht sah, fiel ihm auf, dass das Fantasiegeschöpf keine Brille hatte und fliegen konnte und so durch Wände gehen. Wollte er so sein wie Shynn?

 Viertens: Als ganz kleiner Junge hatte er so etwas wie einen unsichtbaren Freund, den er nur undeutlich in Erinnerung hatte. War das nicht ebenfalls Shynn? Möglich. Dass dieser alles das war, was er selber nicht war? Dieser Gedanke verfestigte sich noch einmal.

 Fünftens: Die Träume sind so echt, zu echt, nicht wie Träume sein sollten. Er träumte schließlich auch andere Sachen. Aber im Unterschied dazu, beobachtete er in normalen Träumen mehr und konnte dort keinen Einfluss nehmen. Hier schien es so seinen tiefsten Wünschen zu entsprechen, was da geschah. Außerdem bekam er hinterher immer raus, dass das in den Träumen auch wirklich passierte. Wie kann das sein? War er etwa doch dafür verantwortlich?

Wo war der Zusammenhang zwischen ihm, Shynn, den Träumen, seinen Peinigern und den fiesen Streichen, die diese Traumgestalt denen spielte, dem Druck auf dem Kopf, der ihn nach solchen Träumen überkam?

Je mehr er überlegte, umso mehr wurde er in seinen Gedankengängen blockiert. Nichts passte richtig ins Bild. Auch wenn er ein recht heller Kopf war, überstieg dies alles seinen Horizont. Es war wie in einem Märchen. Auch wenn er diese nach wie vor mochte: Nur Kleinkinder glauben an so etwas.

Er schüttelte diese Gedanken ab und beschloss, zu niemandem auch nur ein Sterbenswörtchen über diese rätselhaften Geschehnisse zu verlieren.

Das war sein kleines-großes Geheimnis. So!

Der Rest des Wochenendes verlief relativ ereignislos, aber erholsam und der Montag – auf den er wenig Lust verspürte und den er am liebsten anders verbracht hätte, wenn die Schule schon ausfällt – war im Anmarsch.

Ärztebesuch

Also machten sich Kai und seine Mutter nach dem Frühstück fertig, um in die Poliklinik zu fahren, die drei Straßenbahnhaltestellen weit entfernt lag.

Es war ein dreistöckiger, relativ großer, weitläufiger Bau, um möglichst viele verschiedene Fachärzte und deren Untersuchungsräume unterzubringen.

Kai kannte das Haus gut genug. Überall roch es darin durchdringend nach verschiedener Arznei, alkoholischen Desinfektionsmitteln und vielen Menschen.

Die Kinderärztin und der Zahnarzt waren darin untergebracht. Auch der Hausarzt seiner Eltern sowie diverse andere. Zuerst war die Kinderärztin dran. Sie setzten sich zu den anderen Eltern mit ihren Kindern in den Warteraum.

Kleinkinder brabbelten und krabbelten herum. Einige davon versuchten, sich etwas von dem Spielzeug, welches ihnen die Wartezeit verkürzen sollte, in den Mund zu stecken. Die Mütter nahmen ihnen die Dinge aus der Hand oder dem Mund, was meist zu Gequengel und genervtem Geschimpfe führte. Ein Baby schrie wegen seinem hohen Fieber und den Schmerzen aus Leibeskräften.

Sie mussten zwanzig qualvolle Minuten warten, während einige dieser Minipatienten mit der Sprechstunde fertig wurden, wieder ihrer Wege gingen und andere neu hinzu kamen.

In einer Tour hoben sich die Köpfe, wenn wieder jemand eintrat. „Guten Tag!“ und „Auf Wiedersehen!“ wurde mehrmals wiederholt, beziehungsweise ausgetauscht.

Kai kam im Gedanken auf drei „Guten Tags“ sowohl fünf Erwiderungen und auf zwei „Auf Wiedersehens“ und vier Entgegnungen. Das kam ihm vor, als wären die Leute Papageien, die einfach alles nachplapperten.

Endlich wurden sie aufgerufen und betraten das Sprechzimmer. Die bekannte Ärztin öffnete. Sie hatte sich seit dem letzten Mal kaum verändert. Sie war immer noch eine relativ junge Frau, schlank und attraktiv.

Lange, glatte Haare waren zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Unter dem üblichen Arztkittel trug sie enge schwarze Kordhosen und darüber noch einen hellgrünen Pullover. Außerdem hatte sie eine Kette mit einem Anhänger um den Hals, den ein schwarzer Stein zierte.

Sie bat Kai, sich bis auf die Unterhose auszuziehen, was er sehr ungern tat. Er genierte sich, gerade vor Mädchen und Frauen.

Er mochte es auch nicht sehr, wenn mit ihm ausschließlich Mädchen oder Frauen im Raum waren. Irgendwie war ihm das unangenehm.

Die Ärztin untersuchte ihn gründlich. Wegen dem kalten Stethoskop zuckte er öfter zusammen und der ekligen Holzspatel, den sie auf die Zunge legte, löste bei ihm wie immer einen Würgereiz aus.

Er musste auch einige Anweisungen ausführen, die ihm die Ärztin gab. Gleichgewichtsübungen, einige einfache sportliche Übungen, die er so gut er konnte ausführte.

Sie vermaß und wog ihn außerdem. Da er anscheinend auf den ersten Blick gesund war, ordnete sie weitere Untersuchungen beim Neurologen an, wo ein EEG auf ihn wartete.

Also mussten sie erneut in einem weiteren Wartebereich ein Stockwerk höher Platz nehmen, wo der Mann praktizierte.

Nach gefühlt zwei Stunden (Kai wurde es langsam langweilig und er hatte Angst, dass er eventuell wieder ins Krankenhaus musste) wurden sie aufgerufen.

Der Arzt war Kai ebenfalls bekannt. Der Junge war in der Kindergartenzeit bereits von dem Mann untersucht worden, als der Kleine einmal kopfüber vom Klettergerüst gefallen war und sich am Sockel den Kopf gestoßen hatte. Das hatte damals ja die Gehirnerschütterung zur Folge.

Er kannte die Prozedur: Er musste sich auf einen großen Sessel setzen, bekam ein großes Handtuch über den Körper gestülpt, der Kopf wurde mit einer kalten schmierigen Pampe eingekleistert und die Kontakte des EEGs wurden so dicht an der Kopfhaut angebracht, wie es wegen der Haare eben ging. Die Hirnströme Kais wurden so auf Papier gebracht und ausgewertet.

Sie mussten noch einmal eine halbe Stunde warten, bis die Auswertung fertig war. Der Arzt kratzte sich an seinem oben kahl werdenden Kopf und sagte: „Das EEG ist, soweit ich es beurteilen kann, normal. Keine Auffälligkeiten. Für die Kopfschmerzen gebe ich Ihnen ein Rezept mit. Die Tabletten bitte nach Bedarf nehmen.“

Als er das hörte, verzog Kai sein Gesicht vor Ekel und streckte die Zunge raus. Gedanklich stellte er sich vor, dass Shynn zeitgleich dasselbe tat.

Sie traten die Heimfahrt an und Mutter wie Sohn waren erleichtert, dass dieser stressige Tag endlich hinter ihnen lag. Den Rest des Tages blieb er in seinem Zimmer und spielte.

Auswirkungen

Am Folgetag gingen alle endlich wieder zur Schule. An seine Träume denkend, versuchte Kai darauf zu achten, wie die betreffenden Kinder so drauf waren und was sie einander erzählten.

Die Gelegenheit dazu war in den kleinen Pausen günstiger. Annette, Mandy, Katja, René und Christoph schauten sehr betreten drein.

Manuel fehlte heute. Aber bei dem, dachte Kai bei sich, hat es am Wochenende bestimmt wieder Kloppe von seinem versoffenen Vater gegeben.

So viel Verstand schien der Mann noch zu besitzen, den Jungen nicht grün und blau geprügelt in die Schule zu schicken.

Auch die an der Schikane beteiligten Schüler aus den Parallelklassen sahen immer noch so aus, als wäre ihnen das verlängerte Wochenende etwas versaut worden..

Ihm war wegen einem Anfall von schlechtem Gewissen komisch zumute, andererseits war er ihnen noch böse. Er versuchte jetzt, sich für die anderen unsichtbar zu machen, so wie Shynn es in seinen Träumen tat. Hauptsache sie ließen ihn endlich in Frieden.

In der zweiten Stunde hatten sie Mathe und die Hausaufgaben sollten abgegeben werden. Alle taten es, aber Frau Schmidt bemerkte, dass Annette vergessen hatte, ihr Heft abzugeben.

Sie erinnerte die Musterschülerin daran, woraufhin diese das Heft auspackte, um es – von sich so sehr überzeugt, dass alles richtig war und sie wieder ein Fleißbienchen dafür bekommen würde – der heißgeliebten Lehrerin zu übergeben.

Die Frau fing auch gleich mit diesem Heft an und überflog es. Sie staunte nicht schlecht, weil sie darin Beleidigungen, den Arbeiter- und Bauernstaat betreffend, vorfand.

Nicht nur das: Auch sie selbst wurde nicht verschont, sondern als alte Ziege bezeichnet. Andere Schimpfwörter, den ganzen Zoo, bestimmter Berufsgruppen oder Körperteile betreffend, tauchten zu allem Überfluss darin auf.

Der Lehrerin fielen fast die Augen aus. Und die Hausaufgaben... Annette, das Matheass, hatte fast alles falsch? Und diese Ausdrücke! Wie kann das sein?, dachte sie.

Sie wurde sichtlich wütend und brüllte: „Annette! Ich spreche dir hiermit den Klassenleitertadel aus! Für die Schularbeiten bekommst du eine Fünf! Und die darfst du auch noch einmal machen, die Gleichungen sind so gut wie alle falsch. Ich bin zutiefst enttäuscht von dir! Was ist los, Mädchen? Wieso beleidigst du mich in den Heften? Bisher sind wir doch gut ausgekommen, oder nicht? Du bekommst auf jeden Fall einen Brief an deine Eltern mit.“

Sie gab dem Mädchen das Heft mit der aktuellen Hausaufgabe und zeigte darauf. Die Ärmste war völlig fassungslos. Frau Schmidt dachte trotz allem bekümmert: Wie konnte das sein? Sie machte doch sonst alles so gewissenhaft...

Die Augen der Klasse waren ausnahmslos auf sie gerichtet und die Schülerin fing an zu weinen: „Das... war ich gar... nicht-“

„Ruhe! Und lüg mich nicht an! Das ist doch dein Heft und deine Schrift hier, oder nicht?“, kam es von Frau Schmidt. „Mach, dass du raus kommst, den Rest der Stunde darfst du vor der Tür verbringen!“

Unter lang andauerndem, lautstarkem Protest und bitteren Tränen verließ die bisherige Lieblingsschülerin schließlich doch das Klassenzimmer, drehte sich aus Trotz noch einmal um, um der Lehrerin und der Klasse die Zunge raus zu strecken, bevor sie die Tür zuknallte.

Drinnen tobte die Lehrerin die nächsten fünf Minuten, bis sie sich endlich beruhigte, um die völlig verdutzte Klasse weiter zu unterrichten.

Die Stunde war endlich zu Ende, denn weit kam die Frau, des aufkommenden Tumultes wegen, nicht mehr. Annette durfte zur Pause wieder reinkommen und die Klasse unterhielt sich über das Ereignis.

„Was war denn los?“, „Was ist passiert?“, wurde sie von vielen bestürmt. Das Mädchen zog sich in sich zurück und sagte kein Wort mehr. Tröstungsversuche ihrer Freundinnen wies sie zurück.

Mandy war schon die ganze Stunde über total unruhig und schaute sich überall um. Nach dem Auftritt Frau Schmidts war sie noch verstörter. Irgendwas musste dem Kind eine Heidenangst gemacht haben...

Christoph und seine Freunde machten auch nicht wie sonst Blödsinn. Er schien sich von ihnen abgesondert haben, beziehungsweise sie sich von ihm.

Sie machten sich noch immer über ihn lustig und über seinen Schrottcomputer, der sie immerzu beleidigt hatte. Und die Spiele waren auch scheiße, weil sie immer verloren, lästerten sie.

Er war enttäuscht, weil er am Sonnabend mit ihnen zocken und eine Übernachtungsparty machen wollte.

Und kaum lief der Rechner, ging alles schief. Sie lachten lauthals, als die Spielfigur ihn als Oberarschloch oder als Riesenvolltrottel bezeichnete.

Und er war sauer, als er die Spiele, die er ansonsten problemlos schaffte, vergeigte. Selbst Toni, der gegen ihn immer verlor, war ihm überlegen.

Er wurde immer wütender, sie lachten immer mehr über die Schimpfwörter auf dem Bildschirm. Als auch sie vom Commodore beleidigt wurden, hörte der Spaß auf.

Sie stritten sich, bis Christophs Eltern genug hatten und die ganze Bande schon am späten Nachmittag aus der Wohnung warf. Der Junge und Spielekönig war am Boden zerstört.

Kai erfasste bald nur noch einen Teil von der Auswertung der anderen Jungs dieses verpatzten Wochenendes, da er sich nun auf Katja und René konzentrierte.

Das Mädchen schien nicht gerade gute Tage hinter sich zu haben. Sie schaute so drein wie René.

Bei ihm war es genauso: Er hatte seine Eltern noch nie so schimpfen hören. Was für ein Ferkel er war und was ihn dazu veranlasste hatte, die Wohnung so zu behandeln. Er bekam Stubenarrest und einige seiner Spielzeuge kamen unter Verschluss.

Eigentlich wollten sie ja am Samstag in den Zoo, aber das war nach der Sauerei erledigt, denn Wohnung schrubben und waschen war angesagt. René wurde kräftig mit eingespannt, denn er war ja der vermeintliche Verursacher.

Sein kleiner Bruder fand das Ganze total lustig, war aber zugleich sauer auf ihn, da ja für den Kleinen der Zoo auch ins Wasser fiel.

Er konnte sich auch nicht erklären, wie die Tube in seine Hand gelangt ist; geschweige denn seinen erbosten Eltern. Und wegen der Flecken würden sie die Wohnung komplett neu tapezieren müssen.

Außerdem mussten sie die Hamster wieder einfangen, die frei im Kinderzimmer zugange waren. Hat der verantwortungslose Bengel vergessen, den Käfig zu schließen? So dachten sie, als sie die Tür öffneten, um den Jungen zu wecken, als schon einer der Nager zwischen, beziehungsweise unter ihren Füßen hindurchhuschte.

Da sie ja ohnehin die Möbel verrücken mussten, spielte das auch keine Rolle mehr. Das hatte auch ewig gedauert, die Viecher wieder einzufangen. Die hatten sich unter die kleinsten Ritzen verkrochen, waren blitzschnell und wollten sich auch nicht gern einfangen lassen. Sie quittierten die Versuche, sie festzuhalten, mit schmerzhaften Bissen.

Abgesehen davon, dass die Tierchen sich schon nagenderweise an Wohnungseinrichtung, Kissen, Schuhen und deren Schnürsenkel verlustiert hatten.

So durfte René diese auch nicht mehr behalten. Die Wohnung glich, genau wie das Wochenende der Familie Albrecht, einem Katastrophengebiet.

Katjas Vater war auch sauer auf seine Tochter, bekam Kai aus den Unterhaltungen mit. Er bestrafte sie ebenfalls mit Stubenarrest und Fernsehverbot.

Und ihre Spartakiade4 im Frühling, beziehungsweise das Training dafür, konnte sie auch vergessen, da sie wichtige Unterlagen von ihrem Papa vernichtet hatte und er deswegen garantiert von seinem Chef Ärger bekam.

Eigentlich sollte er oberster Abteilungsleiter werden, aber damit war es nun Essig. Nix mit mehr Geld und eventuell einem Dienstwagen. Bedauerlich.

… nicht wirklich.

Kai dachte sich seinen Teil. Es tat ihm einerseits sehr leid für die anderen, andererseits empfand er es ein bisschen als ausgleichende Gerechtigkeit.

Für die bedauernswerte Einserschülerin hatte der Alptraum noch kein Ende. Ganz im Gegenteil: In Deutsch konnte sie außer einem Tintenfleck und weiteren Beleidigungen des Staates, seiner Kinderorganisation und der Lehrerin nichts vorweisen.

Und bekam auch hier einen Tadel, eine schlechte Zensur und noch einen Brief an die Eltern angedroht. Sie wurde im Laufe des Tages immer unsicherer und holte die anderen Hefte heraus, die sie mit sich führte.

Alle waren mit Kritzeleien und verbalem Unflat besudelt, dessen Herkunft sie sich nicht erklären konnte.

Völlig verstört rannte sie aus dem Zimmer und verkroch sich den Rest des Tages auf dem Mädchenklo, wo sie bitterlich weinte. Ihre Eltern würden ihr wohl heute ein gewaltiges Donnerwetter bereiten. Alles schien sich gegen sie verschworen zu haben.

Die richtig miesen Attacken gegen Kai ließen im Lauf der Zeit nach, da er es langsam schaffte, unauffällig in der Masse der Schüler zu verschwinden. Sie nahmen ihn meistens nicht einmal wahr, denn einige Kinder der Klasse verhielten sich ohnehin seit dem Herbst merkwürdig.

Sorgen einer Direktorin

Die mittelalte, dunkelblonde, nicht mehr ganz schlanke Direktorin wunderte sich über die Häufung seltsamer Vorfälle:

Der Klassenbesten der 1a war ein Schulleitertadel fast sicher. Es ist nicht zu erklären, warum sie solche Reden in die Hefte schrieb.

Die Eltern waren eingeladen worden und waren über den Inhalt der Hefte fassungslos. Sie konnten ihr glaubhaft versichern, dass sie damit nichts zu tun hatten.

Das völlig entsetzte Mädchen war nur durch viel gutes Zureden dazu zu bewegen gewesen, die Toilettenkabine, in der sie sich verbarrikadiert hatte, zu verlassen.

Die Klassenlehrerin berichtete ihr auch, dass das Klassenkollektiv sich in seinem Gefüge stark veränderte. Und das war echt schlimm. Waren nicht alle Jungpioniere, die sie ja erst geworden waren, Freunde? Na ja, sie wusste, dass es in dieser Klasse einen gab, der ständig Ärger machte, aber der fehlte diesen Tag.

Ihr eigener Sohn hatte ihr zu Hause auch gesagt, dass sein einer Freund doof ist. Er wurde ja von diesem für das Wochenende zum Übernachten eingeladen, aber dann von der Familie, wie auch die anderen Freunde vor die Tür gesetzt, wo sie ihn am selben Abend abholen musste.

Die Patenbrigade dieser Klasse kam auch nicht mehr und wollte diese Klasse nicht mehr begleiten.

In den Parallelklassen war auch so Merkwürdiges passiert. In allen Klassen gab es Kinder, die sich aus heiterem Himmel mehr oder minder merkwürdig verhielten.

In der b kam ein Mädchen alkoholisiert zur Schule – unerklärlich, wie das passieren konnte. Und in der c waren einige total verstört und auch dort waren bei einem Schüler die Hausaufgaben nicht mehr aufzufinden.

Bei den meisten hing seit Kurzem der Haussegen gewaltig schief. Entweder war das erst seit kurzer Zeit so oder in den Familien lag schon lange etwas im Argen. Sehr seltsam, dachte sich die Frau.

Kai bekam von den persönlichen Gedanken, die sich die Frau Direktor da machte natürlich nichts mit. Er verbrachte den Rest des Schuljahres etwas ruhiger.

Was vom Schuljahr übrig blieb

Annette musste die Schule wechseln und war leistungstechnisch nie wieder so gut wie bisher.

Mandy musste das Jahr wiederholen, denn ihre Eltern hatten sich nach einem monatelangen Rosenkrieg scheiden lassen, worunter das Mädchen doch ganz schön litt. Auch hatte sie zunehmend Schwierigkeiten, dem Stoff zu folgen und wurde immer fahriger.

Manuel wechselte ebenfalls die Schule und kam wegen häuslichen Vorkommnissen in eine Pflegefamilie.

Katjas Vater behandelte seine Tochter etwas kühler als sonst, worunter die Leistungen der Schülerin auch etwas litten. Sie wurde sehr still und zurückgezogen.

Christoph durfte vorerst keine Freunde mehr einladen. Es kamen auch keine mehr, solange dieser verhexte Computer da war. Also wurde dieser abgeschafft, als seine Eltern sahen, was auf dem Gerät los war.

René wurde etwas seltsamer, weil er ja eine ganze Weile lang kaum aus der Wohnung durfte, außer zur Schule. Seine Eltern verziehen ihm die Schweinerei nicht so schnell. Sie mussten alles neu tapezieren und streichen, was ihre Ersparnisse sehr schröpfte.

Bei einigen von Kais Peinigern aus anderen Klassen lag aus dem gleichen Grund etwas im Argen, denn Shynn hatte denen ebenso Besuche abgestattet.

Bis auf einige Verbalattacken passierte ihm von Seiten der Gleichaltrigen die nächsten Jahre nichts. Bei den höheren Klassen war das was anderes, da die meist ein Opfer suchten, und was ist leichter, als sich an die kleineren Klassen zu halten. In diesem Fall an Kai.

So viel zum Thema FDJ5 oder Pioniere sind alle Freunde. Sein Alter Ego kam natürlich auch des Nachts zu denen, um dort etwas Unfrieden zu stiften.

Kai wollte einfach nur noch seine Ruhe haben, mehr war es ja nicht, er hatte eigentlich auch keine Lust, zu den Gruppennachmittagen zu gehen oder in den Hort. Aber dort musste er nicht häufig hin.

Als das Schuljahr im Sommer zu Ende ging und Kai sein sehr gutes Zeugnis bekam, fuhr er die ersten Wochen ins Ferienlager, was er eigentlich nicht so gerne tat, denn dort hatte er es natürlich mit fremden Kindern zu tun, wo er wieder vom Regen in die Traufe geriet.

Die Jungen gingen noch, die ließen ihn in Frieden, weil er ja auch einer war und ebenfalls, wie sie selbst, gern baute oder Insekten sammelte. Sie waren sich alle in einem Punkt einig: Sie fanden Mädchen in ihrem Alter einfach nur doof.

Erst recht, wenn die Gruppen an den heißen Tagen am Wasser waren und die Jungs beim Umziehen wegen bestimmter männlicher Körperteile ausgelacht wurden, oder gesagt wurde: „Ihr stinkt!“

An den Reaktionen der Jungs beteiligte er sich nicht. Das war nicht seine Art, auch wenn sie mehr oder weniger zusammenhielten.

In der Lagerleitung wunderte man sich allerdings darüber, dass Sachen einzelner Kinder, vor allem der Mädchen, nachts unbemerkt auf den Wipfeln der hohen Bäume gelandet sind.

Erst dachten sie an Dummejungenstreiche, aber niemand von den Kindern oder Jugendlichen hatte Zugang zum Werkzeugschuppen, beziehungsweise einer so hohen Leiter.

Auch die Post nach Hause einiger Kinder war oft nicht mit dem Originaltext zu ihren Bestimmungsorten geschickt worden, was natürlich auch bedeutete, dass Taschengelder gestrichen wurden, oder manch einer vor Ort von erbosten Eltern an den Löffeln gezogen, abgeholt und nach Hause verfrachtet wurde.

Auch manche der Gruppenleiter wurden nicht verschont. (Das waren die, die aus welchen Gründen auch immer fies zu Kai waren. Oder ein Problem in ihm sahen.)

Der Lagerleiter dachte öfter einmal, dass es spukte, denn es gab manchmal nachts Geräusche, obwohl niemand da war, der sie verursachte. Zumal strenge Nachtwachen eingeteilt wurden, die darauf achten sollten, dass niemand das Bett verlässt.

Der ältere Mann stellte fest, dass einem der Kinder ständig schlecht war; der kleine Stille mit der Brille klagte oft über Kopf- und Bauchschmerzen. Der irgendwie eigenartige Junge war sehr unsportlich und war auch nicht wirklich für die Lagerspiele zu begeistern.

Außer für das Geländespiel, wo der Kleine seine Gruppe, die auf Abwegen geriet, durch seinen Orientierungssinn aus dem Wald führen konnte und mit ihnen trotzdem den dritten Platz gewann.

Nach dem Ferienlager verlief die warme Jahreszeit für Kai friedlicher.

Zeiten-Wende

Der Herbst 1989 kam und damit die Montagsdemonstrationen, von denen Kai relativ wenig mitbekam.

Die Wende ließ im November auch nicht lange auf sich warten; Tschüss DDR und Hallo BRD hieß es jetzt.

Das bedeutete auch: Macht’s gut, Planwirtschaft, Kombinate, Volkseigene Betriebe, NVA, Stasi, SED, Pioniere und FDJ, relative Sicherheit, ein sehr gutes soziales Netz und Gesundheitssystem und so weiter und so weiter.

Und zudem: Grüßt euch, Kohl, freie Wahlen und damit viele Parteien wie CDU, SPD, FDP, Bündnis 90, Grüne, PDS, REP und sonstige. Ebenso D-Mark, Konsum, Treuhand, Fernreisen, Meinungsfreiheit, Arbeitslosigkeit, Neue Bundesländer et cetera.

Jugendcliquen verschiedenster Gesinnung fingen an, überall ihr Unwesen zu treiben. Diese lungerten vermehrt auf Spielplätzen herum und terrorisierten Kleinere oder Schwächere. Oder sie knackten Autos oder fingen an zu sprayen oder Sachen wie Müllcontainer zu demolieren, weil die Polizei in der Zeit noch so gut wie nicht mehr vorhanden war.

Auch Betrüger und Ganoven, wie zum Beispiel Hütchenspieler, trieben sich die erste Zeit in der Stadt herum. Genauso Vertreter für Versicherungen, Staubsauger und dergleichen.

Ebenso Missionare für alle möglichen Religionen oder Sekten. Alle dieses Gelichter klingelte bei den – auf so etwas völlig unvorbereiteten – Leuten im Minuten- oder Stundentakt Sturm.

Die Briefkästen füllten sich mit Werbung sowohl politischer als auch religiöser Art, Reiseprospekten für Kaffeefahrten oder Busreisen, die nie stattfanden, Katalogen oder ähnlichem Scheiß. Manch einer bekam unfreiwillig stapelweise Wahlplakate im Paket zur Verteilung zugeschickt.

Ganz schön viel auf einmal für die Einwohner dieses kleinen Landes, welches so eben mal eingemeindet wurde von dem größeren Land, dessen Teil es aber eigentlich früher mal war.

Das war etwa so wie bei zwei siamesischen Zwillingen, die getrennt wurden, von denen der Größere den Kleineren mal eben auffraß, nachdem der Kleinere lange Zeit das Gegenteil des Größeren gemacht hatte.

Zwei Teile wurde so wieder eins. Nur eben nicht so, dass von beiden Seiten das Beste genommen wurde, um etwas Neues zu schaffen. Tja, Chance vertan.

Auch Kais Eltern zitterten um ihre Jobs, aber sie waren zum Glück jung genug und hatten die richtigen Ausbildung – die eine als Sachbearbeiter, der andere als Verwalter – gehabt, sodass sie direkt von den neuen Arbeitgebern übernommen wurden.

Bis auf den Systemwechsel von Sozialismus zur freien Marktwirtschaft, änderte sich wenig für Kai, außer, dass er seine Freizeit noch öfter so verbringen konnte, wie er wollte, ohne den Zwang einer Jugendorganisation, deren Mitgliedschaft inoffiziell Pflicht war.

Und dass es Dinge zu kaufen gab, die es so vorher nicht gab, wie Spielkonsolen zum Beispiel. Oder Comics verschiedener Art. Oder Musik von Gruppen, die vorher kaum Zutritt in diesem Land hatten oder sogar verboten waren. Eine Tatsache, die vor allem die Jugend oder die Junggebliebenen ansprach.

Weihnachten 1990 bekam er einen Gameboy, den ihm im Frühjahr ein älteres Mädchen aus der achten Klasse, welches so einer Art Clique angehörte, wegnahm.

Shynn klaute den jedoch wieder zurück und demolierte der Diebin zusätzlich einen Teil ihrer Zimmereinrichtung, was ihr auch ziemlichen Ärger gebracht hatte.

Zusätzlich zeigte er ihren Eltern, dass die Tochter anderen Kindern Sachen oder Geld abgezogen hatte.

Das Übliche eben. Genau wie die Kopfschmerzen, die ihm nach seinen nächtlichen Eskapaden immer wieder blühten.

In der fünften Klasse kam Kai auf das Gymnasium und musste die Schule dafür wechseln. Der Schulweg war länger. Aber die Gegend war trotzdem noch die Gleiche. Immer noch beschissen, oder noch schlimmer. Willkommen in der neuen Zeit.

Auf der neuen Schule hatte Kai die ersten beiden Jahre weniger Probleme gehabt, denn er schien langsam zu begreifen, wie die anderen Kinder tickten.

Wenn, gingen die meisten Schwierigkeiten von einem Jungen aus der Parallelklasse namens Silvio aus, der zwar klug war und dessen Eltern wohlhabend waren. Der trat allerdings so blasiert auf, dass die anderen Kinder den Jungen weniger leiden konnten als Kai und diesen deshalb in Ruhe ließen.

Außerdem war Kai der einzige, der mit den beiden Sitzenbleibern redete. Der eine hieß Kevin, sah nicht wirklich außergewöhnlich aus und war nur ein Jahr älter.

Der andere hieß Sebastian, hatte schon seine zweite Ehrenrunde in dieser Klasse, hatte einen brünetten Irokesenschnitt, eine mit Aufnähern versehene Jeansweste, abgerissene Hosen und schwarze Stiefel und er rebellierte gegen alles und jeden.

Kai hatte anfangs auch Angst vor ihm, aber in der ersten Zeichenstunde sollten sie ein riesiges Bild in Gruppen zeichnen und mit den beiden wollte niemand was zu tun haben, so blieb ihm nichts übrig, als sich zu ihnen zu setzen.

Der Große konnte besser zeichnen als manch anderer und so malten sie mit Kais neuen Stiften um die Wette.

Es entstand ein Gemeinschaftsbild von einer Welt mit schwebenden Inseln in den krassesten Farben. Und die drei Jungs bekamen dafür eine gute Zwei. Die Angst relativierte sich.

Leider hielt das den brünetten, nicht sehr ansehnlichen Silvio nicht davon ab, andere anzustacheln, Kai zu ärgern, da er selber kleiner war als dieser.

Aber einmal rief Sebastian seine Kumpels aus seiner früheren Klasse, die den Schnösel aus der Parallelklasse packten und ihm ein neues Zuhause in der Mülltonne vor der Turnhalle bescherten. Die ganze Klasse hatte sich kaputtgelacht.

Die ruhige Zeit währte nicht allzu lange, denn der Nachwuchspunk musste vom Gymnasium, weil seine Noten zu schlecht waren, als das ihm die Nachhilfe noch etwas nutzte und dessen Versetzung erneut gefährdet war. So verlor Kai eine Art Beschützer.

Das war abzusehen, denn der Stoff war mehr und intensiver, das schaffte der ältere Junge nicht und musste in die Mittelstufe wechseln. Auch Kevin wechselte aus demselben Grund, wie der andere Sitzenbleiber, so dass der Klasse nur noch vier Jungen blieben.

Silvio hingegen fand in der Zeit einen Freund namens Michael, groß, dick und kräftig mit schwarzen Haaren. Dieser trug meist ein Sweatshirt, aber wie Kai war er Brillenträger.

Micha wurde oft genug von seinem Freund angestachelt, Kai zu piesacken und ihn verbal zu attackieren, da Silvio ihm die Mülltonnenaktion übel nahm, trotz dessen, dass Kai die älteren Jungs nicht dazu aufgefordert hatte.

Diese Hänseleien waren allerdings nicht extrem genug, als dass sie Shynn auf den Plan riefen.

Ab der siebten Klasse stellte Kai wieder einmal fest, dass er in seiner Entwicklung mit den anderen nicht Schritt halten konnte. Aus seiner Sicht fingen die Mitschüler an, sich merkwürdig zu verhalten.

Sie spielten nicht mehr miteinander, sondern bildeten Grüppchen, standen nur irgendwo herum, redeten dummes Zeug und lachten darüber. Er hingegen konnte dieses Verhalten nicht nachvollziehen, geschweige denn, mit ihnen gleichziehen.

Er stellte zudem fest, dass er eine einzige Gemeinsamkeit mit den meisten anderen Jungs hatte: Er fing – neben seinen bisherigen kindlichen Interessen für Insekten und andere Tiere, lesen, zeichnen, zocken und mit Modellbausteinen zu bauen – an, sich auf einmal für Mädchen zu interessieren.

Zumindest rein äußerlich veränderten sich diese mehr als die Jungen. Hüften wurden breiter und rundeten sich, sie bekamen einen Busen und auch die Sachen, die sie trugen, saßen anders als früher, reizvoller, interessanter, man konnte eben nicht wegschauen.

Er hatte zwar schon seit zwei, drei Jahren einmal Regungen in der Hose, die sich nicht kontrollieren ließen, sie wurden jetzt noch schlimmer, intensiver und ergaben irgendwo auch mehr Sinn.

Allerdings ergaben sich so auch andere Probleme, viel tiefgreifender, mehr als er sich bisher erahnen konnte...

1DIE Jugendorganisation in der DDR. Klassenfahrten, Ferienlager und außerschulische Aktivitäten wurden organisiert. Sie waren ähnlich einer Armee gegliedert (ähnelten Pfadfindern). Jungpioniere: 1. bis 4. Klasse: weißes Hemd mit dem Logo „JP“, blaues Käppi, blaues Halstuch. Thälmannpioniere: 4. bis 7. Klasse: ebenfalls weißes Hemd mit demselben Logo, blaues Käppi, aber rotes Halstuch.

2Ein Kombinat war eine Firma würde man heute sagen. Alle waren unter sogenannten Volkseigenen Betrieben (VEB) organisiert. Es gab Lederkombinate oder Elektronikkombinate und so weiter.

3Eine Brigade war so etwas wie eine Abteilung in einem Kombinat. Jede Schulklasse hatte eine Patenbrigade, meist von einem Elternteil, die auch ab und an Veranstaltungen organisiert.

4Eine Spartakiade ist ein sportlicher Wettkampf in verschiedenen Disziplinen, vergleichbar mit einer Jugendolympiade, aber eben mit Schülern aus verschiedenen Schulen der ganzen DDR.

5 Die nächsthöhere Jugendorganisation. Von der 7 bis zur 10. Klasse. Alle trugen blaue Hemden mit dem Logo „FDJ“ und ein rotes Halstuch.

8

Als der Dämon seine Erzählung beendet hatte, waren die kleinen Feen zuerst etwas betrübt über diese Vorfälle. Sie überlegten kurz und fingen an, sich untereinander zu beraten.

„Es gibt also doch Wesen wie uns, außerhalb von hier! Bisher hielten manche von uns sie für ein Gerücht“, begriff eine.

„Sind die dort alle so böse?“, fragte eine andere.

„Und die Menschen? Wieso sind die so?“, wollte noch jemand wissen.

„Was ist mit Shynn? Weiß einer von euch, ob so etwas schon früher einmal geschehen ist, dass ein Mensch auf diese Art und Weise handelt? Ich wüsste nicht“, sagte eine weitere Wesenheit.

Niemand konnte dazu etwas sagen.

Weil Shynn sich nicht ganz selber aus der Unterhaltung ausschließen wollte, warf er ein: „Hab den Körper ja immer dann verlassen, wenn mich tiefe Verzweiflung dazu getrieben hatte. Irgendwie ein doofes Gefühl, als Mensch so machtlos zu sein. Meine natürlichen Fähigkeiten konnte ich als Kai ja nicht ausspielen.“

Sie diskutierten noch eine ganze Weile erregt, während die Umgebung öfter einmal die Farbe, das Verhalten und somit auch die Gefühlslage wechselte, was stellenweise in einem Tempo geschah, welches manche Geschöpfe darin überforderte, sodass sie die Gegend fluchtartig verließen.

Andere wiederum, die zudem älter und/oder weiser waren, waren neugierig und schlossen sich sogar der Runde an.

Eine Dryade befand sich auch unter den Neuankömmlingen. Sie hatte borkig strukturierte Haut, und der Kopf war von grünem, laubähnlichem Haar umgeben. Die Beine dieser Baumkreatur waren wie dünne Baumstämme, deren Füße wie Wurzeln erschienen. Die Arme sahen wie Äste aus, die in langen, holzigen Zweigen endeten.

Sie meinte sogar: „Das sind schon komische und zwiespältige Geschöpfe, aber es gibt auch welche von unserer Art, die noch schlimmer sind. Manche von denen sind in ihrer Gefühlswelt wohl extremer und unbändiger als diese.“

„Woher kennst du denn die Menschen, Baumgeist?“, fragte Shynn.

„Ich war schon öfter dort, denn als Baum sieht man sie ja kommen und gehen, wenn sie einen nicht fällen, um Kleinholz aus einem zu machen. Man sieht sie handeln und hat dann eine Menge Zeit, sich seinen Teil zu denken.

Deine Wut war der Schlüssel, dich von deinem Körper zu lösen, wenn auch nur in der Nacht und dann auch nur kurz. Sie ist vielleicht auch der Grund, warum du hier die Erinnerungen von deinem Leben als Mensch hast, die Erinnerungen an dein eigentliches Selbst vergessen oder verdrängt hast.

Deine Triebe müssen schon davor stark gewesen sein, vielleicht solltest du doch mit Wesen reden, die umtriebiger sind als wir. Mir fallen da nur Wassernymphen oder Windgeister ein.“

„Deine Erinnerungen scheinen ja noch irgendwie vorhanden zu sein, denn sonst würdest du wesentlich orientierungsloser hier herumlaufen und wüsstest gar nichts. Dir wäre nicht bewusst, dass du ein Geist bist und du hättest diese Gestalt nicht, sondern wärst nur ein kleines Leuchten“, meinte eine der verbliebenen Waldfeen dazu.

„Ja, stimmt! Er wusste, was wir sind, als er uns begegnet ist!“, riefen andere dazwischen.

Alle waren sich langsam einig, dass Shynn andere Orte suchen sollte, um einerseits andere Ansichten zu bekommen, andere Kreaturen zu befragen und vielleicht auch den Teil von sich wiederzufinden, der ihm fehlte. Vielleicht waren es auch mehrere davon, oder auch nur Erinnerungen.

Er wusste zwar jetzt nicht wirklich, wer oder was er war, aber immerhin war er auf dem richtigen Weg. Besser als nichts.

Er spielte aus Dank für die offenen Ohren noch eine ganze Weile mit den Waldkreaturen, die ihn beraten hatten und bedankte sich bei allen noch einmal.

Die Feen nahmen wieder ihre leuchtende Schmetterlingsgestalten an und verschwanden langsam im Wald. Ebenso die Dryaden, die mit den Bäumen verschmolzen oder selbst zu welchen wurden. Auch alle anderen Wesen zogen sich auf die ihnen angemessen erscheinende Weise zurück.

Shynn blickte ihnen nach und wandte sich ab. Seine Gedanken kreisten noch lange über das Gespräch, während er diesen Wald verließ, um seiner Wege zu ziehen.

Nach einer geraumen Zeit und Strecke nahm er ein Plätschern wahr. Er folgte diesem Geräusch, zu dem sich auch Gelächter gesellte. Bald sah er aus der Ferne zwischen roten schilfartigen Pflanzen Gestalten hin und her huschen. Außerdem glitzerte es dort, als würde Licht am Boden reflektieren. Wie... Wasser.

Er konnte es fast schon riechen. Wasser!

Er lief schneller. Bis er tatsächlich an einen Fluss kam.

Ihm fiel ein, dass er die Geschöpfe dort nicht kannte oder diese ebensowenig einschätzen konnte und er besser erst einmal beobachtete, wie die so drauf waren. So suchte er sich ein Versteck, von dem aus er sie besser sehen konnte.

Nicht sofort fand er einen geeigneten Beobachtungsposten. Dort, die drei Steine fielen aus, zu flach. Und dort drüben war das Schilf zu spärlich, da hätte er sich ja gleich offen hinstellen können oder brüllen können: „Hier bin ich!“

„Pst!“ machte es aus einer anderen Richtung. In der Nähe stand ein einzelner Baum, der ihn zu sich heran winkte. Shynn wunderte sich und der Baum flüsterte: „Los, komm her, wenn du nicht gleich entdeckt werden möchtest.“ Nun gut, dachte er sich und folgte der Aufforderung.

Das Gewächs war ebenfalls eine Dryade, stellte er fest, aber eine andere als die aus dem Wald bei den Feen. Diese hier sah einer Trauerweide ähnlicher, mit sehr langen Ästen mit viel Laub, das ihr haargleich vom Kopf hing. Der Baumgeist hatte recht. Ein gutes Versteck.

„Du bist Shynn, oder? Ein Lüftchen hat mir eine Botschaft gesandt. Man hat mir gesagt, dass du auf einer Suche bist. Und dass dich einer meiner Artgenossen an die Nymphen verwiesen hatte. Ich sage dir, die sind mit Vorsicht zu genießen, wenn man sich ihnen zu auffällig und zu forsch nähert. Das mögen sie gar nicht. Wasser kann sanft sein, aber auch unberechenbar und außer Kontrolle. Kletter am besten an mir hoch und beobachte sie von dort.“

Das Weidengeschöpf war ziemlich groß und anscheinend auch älter als sein Artgenosse aus dem Wald, also sprang Shynn aus dem Stand nach oben, wo er sich unter den Haaren des Wesens so drapierte, dass er fast völlig von ihnen verdeckt wurde und das Treiben noch gut im Blick hatte.

Der Fluss sah von oben breiter aus und schlängelte sich leise rauschend und plätschernd durch eine hügelige Landschaft mit Wiesen, Büschen und vereinzelten Bäumen, von denen die größten in Wassernähe standen. Er wirkte sehr lebendig, fast wie eine Schlange, nur dass man weder den Kopf noch den Schwanz sehen konnte.

Manchmal schien es, als änderte er immer wieder ein wenig seinen Lauf. Deswegen wuchs das hohe Schilf auch weiter von den Ufern weg. Überall roch es nach feuchter Erde und an manchen Stellen leicht sumpfig und nach vermodernden Pflanzen.

In der Nähe seines Verstecks hörte er etwas plätschern und immer wieder jemanden kichern, bis er sie sogar sah: nackte Gestalten, Menschen recht ähnlich.

Sie hatten fischartige Schuppen mit individuellen Farben und Mustern, langes, wallendes, meist algengrünes Haar, Schwimmhäute zwischen Fingern und den langen Zehen, Kiemen und Flossensäume auf dem Rücken.

Bei genauerer Betrachtung sah er, dass sie ausnahmslos weiblich waren, mit Busen und Rundungen, wie bei menschlichen Frauen. Ihre Gesichter waren ebenso geformt.

Die Ohren waren anders, sie sahen aus wie Flossen oder Kiemen und waren sicher auch welche. Auch die Augen unterschieden sich, sie waren größer, glänzender und schienen sich je nach Stimmung zu verändern. Ab und zu schob sich eine Nickhaut darüber.

Sie spielten und tollten im und am Fluss. Manche wandelten ihren Unterkörper in einen Fischschwanz um, wenn sie schwammen, andere paddelten mit zwei Beinen umher. Andere liefen ganz ausgelassen mit viel Geplatsche und Gelächter hintereinander her.

Die Umgebung wurde unruhiger, was die Wassergeister nicht zu bemerken schienen. Das Schilf wedelte wie wild hin und her, selbst Shynn und die Dryade veränderten sich.

Er wurde unruhiger und blickte sich mit nun roten Augen suchend um, ohne zu wissen wonach. Der Baum raschelte und peitschte mit den Ästen. Er verlor dabei einen beträchtlichen Teil seines Laubes. Vogelähnliche Wesen flatterten auf. Insektenartige sprangen durcheinander herum und zirpten wie wahnsinnig.

Eine andersartige Kreatur sprang sehr plötzlich aus dem Schilf fast mitten unter die Nymphen.

Dieses Geisterwesen hatte Hörner, gewunden wie Shynns, genau wie dieser besaß es lange spitze Ohren. Es, besser gesagt er, war wie die Wasserwesen nackt. Der Unterkörper mitsamt den Beinen sah aus wie bei einer Ziege oder einem Wildschaf. Braunes Fell kleidete die unteren Regionen.

Die Beine glichen denen eines Zehengängers, genauer gesagt eines Paarhufers. Rötliche Haare, die flammenartig zu Berge standen und ein ebenso gefärbter Spitzbart zierten seinen Kinn.

Ein Faun. Kein Zweifel.

Dieser versuchte die Undinen zu fangen, zumindest eine von ihnen. Er war fest entschlossen, schien es. So wie die Nixen es waren, ihm zu entkommen. Er wurde immer wütender, als ihm wieder eine durch die Finger schlüpfte.

Und auch den Wasserfrauen reichte es. Die Umgebung wurde schon sehr dunkel und auch der Fluss selber fing an, hohe Wellen zu schlagen, um den Störenfried loszuwerden.

Die Flussgeister veränderten ihre schöne Gestalt, die Gesichter wurden immer fischähnlicher, die Flossensäume auf den Rücken der Wesen richteten sich auf und wurden stacheliger, gezackter und sie entblößten scharfe, spitze Zähne und fuhren ebensolche Krallen aus. Sie griffen an.

Shynn sah ziemlich aufgeregt zu, aber er befand sich im Zwiespalt. Einerseits dachte er, dass er froh war, dass er nicht die geballten Emotionen dieser Kreaturen zu spüren kriegte und hier nicht ins Kreuzfeuer geriet. Außerdem hatte er auch irgendwie Mitleid mit dem Ziegenwesen, weil dieses anscheinend nur einem tiefen Instinkt folgte. Andererseits sah er irgendwie auch eine Chance, ein Gespräch anzufangen. Bestenfalls mit beiden Spezies. Denn er könnte von allen Beteiligten Nützliches erfahren. Aber wie?

Die Rage der Nymphen hatte sich schon so gesteigert, dass der Bock nach verzweifelter Gegenwehr die Flucht ergreifen musste. Die Gelegenheit zum Handeln bot sich, als das Gerangel sich fast unter dem Baumgeist verlagerte, unter dessen Blätterdach sich der Dämon versteckte.

Er sprang herunter, mitten zwischen die kämpfende Meute. Seine Aura entlud sich explosionsartig, um die Kontrahenten voneinander zu trennen. „Schluss damit!“, brüllte er.

Beide Seiten schauten recht erstaunt aus der Wäsche, und sahen nun allesamt wie glotzäugige Fische aus. Sie hatten alle miteinander nicht mit einem Dritten gerechnet.

Zu dem Satyr gewandt grollte er mit ernstem Blick: „Was soll das? Ist dir langweilig? So zwischen die zu fahren?“, während er auf die Wasserwesen zeigte.

An die Nymphen gerichtet, mit ebensolcher Miene, sagte er: „Und ihr reißt euch jetzt auch erst einmal zusammen! Ihr versetzt die Gegend in Aufruhr!“

„Der ist doch schuld!“, entgegneten diese.

„Blaaa blaa blaa“, blökte der Bocksbeinige.

„Schnauze halten! Und zwar alle Spezies!“, knurrte Shynn nun ziemlich angefressen. Er wandte sich erneut dem Faun zu: „Was ist dein Problem, Mann?“

„Blöde Frage, ausgerechnet von einem ebenfalls Gehörnten. Ich wollte die Schicksen etwas aufmischen. Das liegt nun mal in meiner Natur! Ist das bei dir nicht genauso? Schließlich bist du doch wie ich?!“

„Mach mal die Augen auf, seh ich wie ein Paarhufer oder ein Wiederkäuer aus?“, wies er auf seine menschenähnlichen Füße hin und bewegte alle zehn Zehen.

„Trotzdem sind welche wie du immer hinter weiblichen Geschöpfen her“, hing sich eine der Flussnymphen rein, die das Schuppenmuster einer Regenbogenforelle aufwies.

„Woran machst du das fest?“, wollte Shynn, die Angesprochene anfunkelnd, wissen.

Stumm zeigte sie auf seine Hörner.

Der Ziegenmann blökte dazu: „Siehste, bist doch wie ich!“, woraufhin Shynn sich an den Kopf griff und sagte: „Bin ich nicht, bin ja keine halbe Ziege.“

„Ziegenbock!“

„Mir doch egal, schmeißt mich nicht mit dem Typen in einen Topf. Ich wollte hier jedenfalls nicht rumwüten oder irgendwem von euch an die Schuppen. Ich steh weder sonderlich auf Fische noch auf Ziegen. Sondern wollte nur was wissen...“

Beide Seiten schauten etwas verdattert über das lose Mundwerk des Fremden und wollten schon losschimpfen, ob er was gegen sie hätte. Eine etwas vernünftigere Wasserfrau hielt inne und kam schließlich auf ihn zu mit der Absicht, ihn sanft an der Schulter zu berühren. Shynn wich von ihr zurück und motzte: „Lass das!“

„Oh, er ziert sich“, lachten andere. Und er schaute sie streng und ziemlich erbost an, sodass sie zurückzuckten.

Er murrte: „Wenn ihr wüsstet, was ich im Leben durch hatte, dann würdet ihr mich besser verstehen, warum ich auf weibliche Wesen nicht gut zu sprechen bin.“

Der Faun wollte die Ablenkung nutzen, um sich nach seinem Auftritt von vorhin auf schleichende Weise aus der Affäre zu ziehen, doch Shynn bemerkte dies, sprang zu ihm hin, um ihn in die Runde zurückzuholen.

Er zischte ihm zu: „Das lässt du erst mal sein und hörst mit zu, vielleicht ist in deinem dicken Schädel auch ein nützlicher Gedanke versteckt. Außerdem ist die Sache zwischen dir und den Fischweibern da noch nicht vom Tisch.“

„Ja, ja. Schon gut, ich bleibe hier“, fügte sich dieser.

„Wie heißt du denn überhaupt?“, fragten die Nymphen, als sie sich langsam wieder beruhigten.

„Shynn. Aber als ich noch ein Mensch war, hieß ich Kai.“

„Und du, Satyr?“, fragten sie, um ihn trotz seines Fehlverhaltens nicht ganz außen vor zu lassen.

„Ossath.“

„Du warst ein Mensch? So siehst du aber gar nicht aus, eher wie ein vollwertiger Dämon, ein mächtiger noch dazu“, richtete eine andere der Wasserfrauen das Wort an Shynn.

„Glaubt mir oder lasst es. Und genau da liegt der Punkt. Ich bin ein Dämon, hab auch die Kräfte von einem, aber statt meiner Erinnerung als solcher, hab ich die Erinnerungen nur von meinem menschlichen Leben. Ich möchte herausfinden, was genau ich bin? Wo meine Erinnerungen sind. Und wo der Teil von mir hin ist, der eigentlich diese Erinnerungen haben müsste“, antwortete dieser.

„Wie war dein Leben als Mensch so?“, bohrte sie weiter.

„Was das Zugehörigkeitsgefühl angeht: Beschissen. Und euer Szenario gerade führte mir wieder vor Augen, was mich daran genervt hatte. Also das hatte ab einem Punkt meines Daseins mit dem weiblichen Geschlecht zu tun. Hört zu, das war so...“

9

Anfang der siebten Klasse

Es war noch relativ warm an diesem Schultag. Die Klasse 7b saß noch beim Mathematikunterricht. Frau Altmann, die blonde, schon etwas ältere Fachlehrerin schrieb etwas an die Tafel, während sie dazu langatmige Erklärungen abgab. Gleichungen mit x und y. Die Klasse stöhnte auf und konnte das Klingeln zur großen Pause nicht mehr erwarten.

„Aufgepasst, wenn ihr den Term hier hinüberzieht, müsst ihr an den Rand die entgegengesetzte Rechenoperation hinschreiben, auf der einen Seite des Gleichheitszeichens müsst ihr ihn abziehen und unter Verwendung des Minuszeichens statt des Pluszeichens auf der anderen Seite wieder hinschreiben.

Schreibt euch den Rechenweg bitte auf und löst bis nächste Woche die Aufgaben im Buch auf Seite 17 zu Hause.“

Das Stöhnen und Murren der Schüler wurde lauter.

Es klingelte zur Pause, die Teenies packten ihre Siebensachen zusammen und verließen das Zimmer, um auf den Schulhof zu gehen.

Kai ließ sich Zeit. Er wäre normalerweise als einer der Ersten weg gewesen, wenn es nach ihm gegangen wäre, aber zu oft wurde er in der Tür von dem einen oder dem anderen Mitschüler mal eben angerempelt, um dann mit Worten, wie: „Pass auf, wo du hinläufst, du Blödmann!“ belegt zu werden.

Darüber wunderte er sich schon: sie rempeln ihn an, und das mit Absicht, um ihm dann die Schuld dafür zu geben. Oft ärgerte er sich noch zu Hause innerlich über eine solche Situation.

So verließ er den Raum als Letzter, als er sah, dass er allein war.

Auf dem Schulhof war das Getümmel groß. Alle Schüler waren draußen. Die Älteren standen an den Bänken oder den Bäumen herum, sie aßen, redeten, lachten oder machten alles zugleich.

Das hatte erneute Lachsalven zufolge, vor allem bei den Jungs. Manche rangelten. Die Jüngeren rannten überall herum, spielten noch Fangen oder kabbelten ebenfalls. Manche zockten Videospiele.

Kai stand wie jeden Tag um diese Zeit vor dem selben Dilemma. Er suchte Anschluss, nur bei wem? Er passte nicht zu den Gleichaltrigen, zu den Jüngeren aber auch nicht, obwohl er diese mittlerweile besser verstand und sich so eher zu ihnen hingezogen fühlte.

Anfangs hatte er probiert, bei denen Anschluss zu finden, da er durch sein verzögertes Wachstum eher aussah, als wäre er einer von ihnen.

Das bekamen einige seiner Altersgenossen und Klassenkameraden mit, sodass er in ihren Augen zur Witzfigur wurde.

Also verbrachte er die Hofpausen in der Regel alleine, wo er seine Ruhe hatte vor dem Lärm und den Blicken und den anderen. Wenn sie ihn ließen...

Da waren sie wieder, die zweieiigen Zwillingsschwestern. Marie und Louise aus seiner Klasse. Mein Gott, haben die nichts Besseres zu tun?

Nach dem zweiten Mal während seiner Zeit an dieser Schule, sagte er auch zu ihnen, dass sie ihn in Frieden lassen sollen, was sie eher zum Lachen brachte und noch mehr anstachelte, ihm die Pause zu verderben, indem sie ihm nachstellten, wenn sie ihn sahen.

Kai verzog sich und sie liefen ihm nach. Das machte so echt keinen Spaß.

Auch Silvio, der Arsch und sein dämlicher Kumpel Micha machten ihm öfter das Leben schwer, seit Sebastian an der Mittelschule war.

Aber heute nicht, da waren’s nur die beiden Zimtzicken. Das reichte auch schon. Sie wurden durch einige andere Kinder abgelenkt, so dass er sich wieder ins Schulgebäude zurückziehen konnte. Dort hing er seinen Gedanken nach.

Er würde auch gerne zocken, aber das ließ er hier lieber bleiben, denn er wollte nicht, dass ihm wieder jemand seinen Handheld klaute. Das war vor zwei Jahren schon einmal passiert.

Die Diebin wurde von der Schule geschmissen, als rauskam, dass sie auch andere Kinder abgezogen hatte. Gehörigen Anschiss bekam sie deswegen auch. Ebenso wurden ihr Sozialstunden aufgebrummt.

Kai war schon verwundert, als seine Konsole am nächsten Tag, nachdem sie ihm weggenommen wurde, wieder auf seinem Schreibtisch auftauchte.

Er ahnte schon lange, dass seine Träume, beziehungsweise der Teufel, von dem er in ähnlichen Situationen träumte, dafür verantwortlich gewesen sein könnte.

Das dumme Gesicht der fiesen Kuh hätte er an nächsten Morgen gern gesehen, als ihre Eltern das Diebesgut, was das Wesen bei ihnen schön auf den Präsentierteller gelegt hatte, entdeckten. Das hatte sicher zum Totlachen ausgesehen.

Shynn hatte somit mal etwas getan, was nicht nur Kai zugute kam.

Die Pause ging zu Ende und alle mussten wieder ihre Unterrichtsräume aufsuchen.

Geschichte stand auf dem Plan. Was in den ersten beiden Jahren aufgrund der Themen noch für Kai interessant war, wurde jetzt mit all den Jahreszahlen und Ereignissen, wo ein Krieg den nächsten jagte, zur langweiligen Wiederholung altbekannten Zeugs.

Der Lehrer war ein großer Mann Mitte vierzig, der den Stoff zwar strukturiert vermittelte, aber wenig interessante Hintergrundinformation lieferte.

Außerdem war der Stoff durch dessen monotone Stimme stinklangweilig. Im Moment ging es um das Mittelalter und die Völkerwanderung.

Mädchenspielchen

In der Pause sorgten Tina und Cindy für Ärger bei Kai. Er schaute aus dem Fenster, bis er sich erschrak, weil ihm Tina einfach so in den Hintern kniff.

Er drehte sich verärgert um, löste bei den um die beiden stehenden Mädchen nur Lacher aus. Gewissensbisse machten sich breit bei ihm, denn er überlegte sich nämlich, was wäre, wenn er das bei einer von ihnen gemacht hätte? Dann wäre eine Ohrfeige vorprogrammiert. Aber ein Mädchen schlagen? Das würde doch nur dazu führen, dass er als Gewalttäter hingestellt werden würde, obwohl so eine Reaktion auf so einen Übergriff durchaus auch als Affekthandlung möglich wäre. Wenn er ein Mädchen wäre, das von einem Jungen so behandelt worden wäre... Was aber in diesem Fall?

Für welches Übel entscheidet man sich? Wie so oft stellte sich diese Frage. Also setzte er sich wieder hin und sagte kein Wort mehr, auch in der nächsten Stunde nicht.

Die sind doch so was von bescheuert!, dachte er sich wütend.

Als nächstes war Deutsch dran, bei der Klassenlehrerin, Frau Dippolt, einer kleinen schlanken Frau mittleren Alters mit roten schulterlangen Haaren, die meist Kleidungstücke trug, die von den Mustern her, denen aus den Siebzigern ähnelte. Sie benutzte zu Kais Glück nur dezentere Parfüms.

An sich war sie nett und in Ordnung, aber was die Mädchen anging, die in dieser Klasse weit in der Überzahl waren, betriebsblind.

Sie war gerecht, wenn sie mitbekam, dass etwas im Argen war. Leider kontrollierte sie die wenigen Jungen mehr als die vielen Mädchen.

Achtundzwanzig Kinder waren es in der 7b davon vier Jungs und der Rest waren Mädchen. An Diverse hatte in dieser Zeit noch niemand gedacht.

„Kai, lies bitte den Absatz aus der Geschichte von Seite 43 bis 44 vor“, forderte sie ihn auf.

„...“ Kai schwieg, da seine Gedanken immer noch um Jungen und Mädchen, deren Gemeinsamkeiten und Unterschiede und um gerechte und gleiche Behandlung beider Geschlechter kreisten. Ihm fiel das ja auch im Sportunterricht auf, dass die Benotung höchst ungleichartig ist, denn manche Mädchen waren kräftiger und manche Jungen eben nicht. Er für seinen Teil konnte jedenfalls keine drei Kilogramm schwere Kugel sehr weit werfen...

„Kai!“

„W-wie?“, stammelte er.

„Ach, weilst du auch wieder hier?“, wurde sie etwas pikiert. Einige aus der Klasse fingen schon an zu kichern.

„Wo waren wir?“ fragte er.

Sie überging ihn und fragte ein Mädchen, welches mit einer ähnlichen Frisur wie Kai herumlief und oft mit einem Holzfällerhemd und einer Jeanshose bekleidet war. „Jana, bitte lies du vor.“

Die Aufgeforderte setzte sich ihre Brille auf und las mit näselnder Stimme.

Kai versuchte noch den ersten Sätzen zu folgen, versank aber bald wieder in seinem Leck(t)-mich-am-Arsch-Land. Er hatte die Nase voll.

Zum Glück war dies die letzte Stunde für heute.

Seltsames Verhalten

Nach Schulschluss sah er zu, dass er sich schleunigst davonmachte. Er hatte sich aufgrund der vielen Jugendcliquen angewöhnt, jeden Tag seinen Nachhauseweg zu wechseln.

Er wusste mittlerweile schon, wem er am besten aus dem Weg ging: David Winkler, der zwar ein oder zwei Jahre jünger war als er und in die Mittelschule ging, bedrohte oft andere Kinder, der kleine Tyrann. Um nur einen zu nennen.

Von den vielen älteren Jugendlichen, da fiel ihm nur Béla ein. Von diesem Psychopathen hatte er bisher nur gehört, war ihm aber bisher nicht aufgefallen. Beziehungsweise wusste er nicht, wie dieser aussah und wo er sich herumtrieb.

Diesmal war er nicht alleine: Tina hatte sich in den Kopf gesetzt, mit ihm zusammen nach Hause zu gehen. Sie wohnten von der Luftlinie aus gesehen, nicht weit auseinander.

Sie fing an zu erzählen. Kai erwiderte immer etwas, wenn er etwas darüber wusste. Bei sich dachte er schon, dass sie eigentlich ganz nett wäre, wenn sie so etwas wie vorhin nicht gemacht hätte.

Er traute sich aber nicht, sie darauf anzusprechen. Er hatte schon das letzte halbe Jahr das Gefühl, als wechselte die Mitschülerin ihr Verhalten immer nach dem Wind.

Sie war recht hübsch mit ihrem runden Gesicht, ihrem im Gegensatz dazu schlanken Körper und ihren langen, braunen, lockigen Haaren. Aber er wurde aus ihr nicht schlau.

Sie bog in Richtung ihrer Straße ab und er lief weiter.

Zu Hause ging er in sein Zimmer und warf seinen Fernseher an, um sich seine nachmittägliche Dröhnung Zeichentrickserien zu geben, bevor er seine Hausaufgaben in Angriff nahm.

Manches davon war Kinderkram, aber als eine seiner liebsten Serien sah er die mit den vier Weltraumpolizisten, die wegen bionischer Implantate Superkräfte hatten. Die war aber auch gut gezeichnet und er sah in fast jeder Folge einfallsreiche außerirdische Kreaturen.

Die mit den Kindern, die durch eine Geisterbahn in eine fremde, mittelalterliche Fantasiewelt gezogen wurden, um dort mittels magischer Gegenstände gegen den fünfköpfigen Drachen oder dem Finsterling mit dem Horn und dem schwarzen Umhang zu kämpfen, mochte er auch sehr.

Oder die, wo eine Familie in einer riesigen Höhle landete, wo sie es neben Urzeittieren aller möglichen Zeitepochen auch mit Höhlenmenschen zu tun hatten. Lauter Zeug, um die Zeit tot zu schlagen. Aber genau seine Welt, wenn die echte für ihn scheinbar nichts Gescheites zu bieten hatte.

Als diese Serien vorbei waren, setzte Kai sich an die Hausaufgaben, die er lieber so schnell es ging erledigte, als sie tagelang aufzuschieben, was ihm mehr Chaos im Kopf verursachen würde, als es wert wäre.

Der Tag verging...

Weihnachts(f)eierei

Die Woche verging...

Ebenso die Monate danach, wo er eher verwirrt über das jetzt wieder merkwürdige Verhalten seiner Altersgenossen war, vor allem der Mädchen, von denen einige ihm oft mit Sticheleien, blöden Sprüchen und anderen Aktionen auf den Nerv gingen.

Die Weihnachtszeit stand bald vor der Tür und in der Klasse fand vor den Ferien ein Unihoc-Turnier statt und danach eine Weihnachtsfeier mit Wichtelgeschenken.

Kai hatte Katharinas Namen gezogen. Die dunkelhaarige Zicke nervte auch oft und er kannte sie nicht gut genug. Ihm fiel nichts ein, was er ihr schenken sollte.

Ihm behagte es nicht, für eine fiese Göre Geld auszugeben, die oft gegen ihn stichelte. Irgendwann hatte er für fünf Mark eine kleine Porzellankatze gefunden, die er von seiner Mutter einpacken ließ, da ihm dazu das Talent fehlte.

Wer seinen Namen gezogen hatte, wusste er selbstverständlich nicht. Aber er hörte, dass Louise ihn angeblich gezogen hatte und ihm nichts schenken wollte und sie tauschte mit jemandem anders.

Die Mitschülerinnen schienen den Zettel mit seinem Namen herumzureichen, wie als wäre es die Karte mit dem schwarzen Peter. Das versaute ihm schon die Vorfreude.

Also hieß es am Vormittag des letzten Schultages vor den Ferien in die Turnhalle zu gehen. Da aber die Klassen in Jungen- und Mädchenmannschaften unterteilt worden und diese Klasse nur vier Jungen vorweisen konnte, wussten diese nicht, was sie nun machen sollten.

Durch die drei anderen war das Problem erledigt: Sie verließen die Umkleide einfach nicht und Dennis packte seinen Gameboy aus, um zu spielen.

Der schwarzhaarige Brillenträger mit der dickeren Nase hatte ein Spiel, in dem die Figur mit einer Peitsche in einem Vampirschloss scheußliche Kreaturen vernichtete.

Ralf mit den braunen Haaren und der Brille las seine Lieblingszeitschrift über Basketball, welches er gern spielte, er war auch der größte unter den Jungen.

Jörg, der mit Kai gleichgroß war und zudem blond, schaute dem Monsterkiller beim Spielen zu. Kai, unentschlossen, was er sonst tun sollte, gesellte sich dazu.

Was sollte er auch draußen? Selbst wenn er Mannschaftssport gemocht hätte, machte es ohne eine Mannschaft, die mitspielte keinen Sinn, eine ungeschickte Ein-Mann-Armee anderen Klassen im Wettkampf entgegenzuschicken.

Der Nachmittag rückte heran. Jörg heiterte die beiden anderen Jungs mit Witzen und blöden Sprüchen auf. Kai hörte mit zu.

Denn auf diese Weise konnte er nicht mithalten, obwohl er viele Zoten gehört und sich gemerkt hatte und diese auch wortgetreu wiedergab. In dieser Klasse lachten sie nicht darüber, wenn er sie abließ, obwohl die gleichen Sachen bei anderen Menschen, denen er sie erzählte, die erhoffte Wirkung hatten.

Lieber guter Nikolaus. Willst du einmal richtig kacken,

leg die Hände in den Nacken,

die Ellenbogen auf die Knie,

dann kannst du kacken wie noch nie!

Das war ein Beispiel von Jörgs Sprüchen, mit denen er schallendes Gelächter bei den anderen dreien auslöste. Bei Kai sogar so stark, dass er sich eine ganze Weile nicht mehr einkriegte, was die anderen Jungs dann wieder nur nervte. Er stellte sich das im Kopf durchaus bildlich vor, wie das aussehen würde.

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9783752933703
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