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Parzival

Inhaltsverzeichnis

Parzival

I. Belakane.

II. Herzeleide.

III. Gurnemans.

IV. Kondwiramur.

V. Anfortas.

VI. Artus.

VII. Obilot.

VIII. Antikonie.

IX. Trevrezent.

X. Orgeluse.

XI. Arnive.

XII. Cidegast.

XIII. Klinschor.

XIV. Gramoflanz.

XV. Feirefiss.

XVI. Loherangrin.

Titurel

I. Sigune und Schionatulander.

II. Gardevias.

Einleitung.

§1. Wolframs Heimat.

§2. Stand.

§3. Vermögen.

§4. Wolfram und Walther.

§5. Wolframs Nachbarschaft.

§6. Eheliches Leben.

§7. Wolframs Werke.

§8. Wolfram und Gottfried.

§9. Kiot.

§10. Flegetanis.

§11. Mythus vom Gral.

§12. Deutung des Gralsmythus.

§13. Anklänge an deutsche Mythen.

§14. Die Chronik von Anjou.

§15. Parzivals Jugendgeschichte.

§16. Parzival als Peredur.

§17. Kritik des Mabinogi.

§18. Ursprung und Fortbildung.

§19. Templerorden.

§20. Loherangrin.

§21. Klinschor.

§22. Priester Johannes.

§23. Verchristlichung der Sage.

§24. Der jüngere Titurel.

§25. Albrecht und Kiot.

Fußnoten.

I.
Belakane.

Inhalt

In der Einleitung wird die Treue gegen Gott und Menschen der Untreue und dem Zweifel entgegengesetzt; dann gewarnt vor dem Vertrauen zu dem Unstäten. Auch die Frauen sollten ihre Gunst nur dem Getreuen zuwenden, sie selbst nur durch ihre Treue, nicht durch äußere Schönheit des Lobs der Männer theilhaftig werden. So bricht der Dichter seine Betrachtungen ab, verspricht seinen Zuhörern ein mannigfaltiges Gedicht von großem Umfange und geht nach dem Lobe seines noch ungeborenen Helden zu der Geschichte seines Vaters über. Gahmuret, der jüngere Sohn Gandeins, Königs von Anschau (Anjou), daher er auch Anschewein (Anjevin) heißt, will nach dem Tode seines Vaters nicht Ingesinde seines Bruders Galoes sein, dem nach dem Erstgeburtsrecht die Krone zugefallen war. Entschloßen, keinem andern zu dienen als der auf Erden die höchste Macht besäße, begiebt er sich, von der Mutter, dem Bruder und einer Freundin stattlich ausgerüstet, nur von edeln Kinden (Pagen), Knappen und Hausgesinde begleitet, in den Dienst des Baruchs (Kalifen) von Baldag (Bagdad), der mit zweien babylonischen Brüdern, Pompejus und Ipomidon, im Kriege begriffen ist. Seines Vaters Wappen, den Panther, hat er mit dem Anker vertauscht. Nachdem er sich hier und in vielen andern Ländern versucht, verschlägt ihn der Sturm in den Hafen von Patelamunt, wo Belakane, die Königin von Zaßamank im Mohrenlande, der Ermordung Eisenharts beschuldigt, von zweien Heeren, einem christlichen und einem heidnischen, belagert wird. Der Mohrenkönig Eisenhart von Aßagog hatte im Minnedienst Belakanens auf ihren Befehl und zum Beweise seiner Ergebenheit und Kühnheit die Rüstung weggegeben. Als er nun bloß auf Abenteuer ausritt, ward er von seinem Nebenbuhler Prothißilas, einem Fürsten Belakanens, in der Tjost, dem ritterlichen Zweikampf, erschlagen, und Belakanen traf der Verdacht, ihn verrathen zu haben. Der Schottenkönig Friedebrand, dessen Oheim Tankanis des Erschlagenen Vater war, zog, seinen Mord zu rächen, mit vier Genoßen über Meer, und bestürmte Patelamunt vor acht Thoren, während die andern acht der Mohr Raßalig von Aßagog, ein Vasall Eisenharts, bedrängte. Friedebrand selber war mit Morholden, der aus Gottfried von Straßburgs Tristan bekannt ist, wieder heimgezogen, um sein eigen Land gegen die Verwandten Hernants, den er Herlindens wegen erschlagen hatte, zu schirmen; sein Heer aber bedroht noch Patelamunt. Die Belagerer führen einen durchstochenen Ritter in der Fahne, die Belagerten das Bild ihrer Königin, welche zwei Finger der rechten Hand zum Eide ausgestreckt hält, daß sie an Eisenharts Tode unschuldig sei. Sich zur Rache anzuspornen, haben die Belagerer die gebalsamte Leiche Eisenharts nebst dessen kostbarer Rüstung unter einem prächtigen Gezelte vor der Stadt aufgestellt. So stehen die Dinge, als Gahmuret anlangt und der Königin, die ihm trotz ihrer Schwärze gefällt, seine Dienste widmet. Am Morgen reitet er zuerst in das Christenheer, besiegt und fängt dessen Anführer, die Herzoge Heuteger von Schottland und Gaschier von Normandie, entweicht aber vor Kaileten, den er an dem Strauß auf dem Helm und dem Sarapandratest (Tête de serpent) am Schilde als seinen Muhmensohn erkennt. Doch will auch dieser nicht mit ihm streiten, als er von Heuteger seinen Namen erfährt. Von da reitet er zu den Mohren, deren Fürsten Raßalig er gleichfalls gefangen nimmt. Da hiemit der Krieg entschieden ist, kehrt er in die Stadt zurück, wo ihn die Königin entwappnet, und sogleich in ihr Schlafgemach führt. So wird er König der Mohrenreiche Zaßamank und Aßagog. Gahmuret giebt seine Gefangenen und seinen Neffen Killirjakak von Champagne, den die Städter früher gefangen hatten, frei, belehnt seine Fürsten, und schenkt seinem Wirthe das von Prothißilas hinterlaßene Herzogtum. Eisenharts Leiche wird zur Erde bestattet, sein prächtiges Gezelt erhält Gahmuret, und die kostbare Rüstung, welche Raßalig, um sie dem Lande zu erhalten, seinem neuen Könige gleichfalls erbeten hatte, verspricht Heuteger von seinem Herren Friedebrand zu erwerben und ins Mohrenland zurückzuschicken. Die christlichen Fürsten fahren heim, Gahmuret bleibt zurück, sehnt sich aber bald, zumal er keine Ritterschaft findet, wieder nach der Christenheit. Heimlich schifft er sich ein und hinterläßt der Königin einen Brief, der ihr den Grund seiner Flucht meldet und für das Kind, das sie von ihm trägt, sein Geschlechtsregister ausführlich mittheilt. Jenes kommt wie eine Elster schwarz und weiß gescheckt zur Welt und wird Feirefiss Anschewein genannt. Gahmuret begegnet unterwegs noch dem Schiffe, das Eisenharts kostbare Rüstung zurückbringt. Er läßt sie sich aushändigen und fährt gen Sevilla.

[1]Wem Zweifel an dem Herzen nagt,1

Dem ist der Seele Ruh versagt.

Geziert ist und zugleich entstellt,

Wo Unlautres sich gesellt

5Zu des kühnen Mannes Preis

Wie bei der Elster Schwarz zu Weiß.

Doch oft gelangt er noch zum Heil,

Denn beide haben an ihm Theil,

Der Himmel und der Hölle Schlund.

10Wer Untreu hegt in Herzensgrund,

Wird schwarzer Farbe ganz und gar

Und trägt sich nach der finstern Schar;

Doch fest hält an der blanken

Der mit stätigen Gedanken.

15Dieses flüchtge Gleichniss,

Den Blöden ists zu schnell gewiss,

Sie faßen nicht der Lehre Sinn.

Es huscht im Saus vor ihnen hin

Wie ein brünstiger Hase.

20Zinn verlöthet hinterm Glase

Täuscht wie des Blinden Traumgesicht.

Sie weigern flüchtgen Anblick nicht;

Doch beständig kann nicht sein

Dieser trübe, leichte Schein,

25Seine Freud ist kurz fürwahr.

Wer rauft mich, wo mir niemals Haar

Wuchs, in hohler Hand so bloß?

Der hat zu nahe Griffe los.

Schrei ich doch auf vor solcher Noth,

So ist mein Verstand wohl unbedroht.

[2]Wie werd ich Treue finden,

Wo sie sicher muß verschwinden

Wie das Feuer in dem Bronnen,

Wie der Thau vor der Sonnen?

5Auch kannt ich nie so weisen Mann,

Der nicht gern Kunde hätt empfahn,

Wie hienach zu leben frommt

Und was daraus für Lehre kommt.

So beschieden wird er nie verzagen

10Bald zu fliehen, bald zu jagen,

Nun zu weichen, nun zu kehren,

Jetzt zu tadeln, jetzt zu ehren.

Wer mit dem allen umgehen kann,

An dem hat Weisheit wohlgethan,

15Der sich nicht versitzet noch vergeht

Und sonst auch wohl Bescheid versteht.

Des wandelbaren Freundes Sinn

Führt zum Höllenfeuer hin,

Verhagelt hoher Ehren Glanz.

20Seine Treue war so kurz von Schwanz,

Daß sie kaum den dritten Stich vergalt,

Wenn sie von Bremsen litt im Wald.

Aber nicht allein den Mann

Gehn alle diese Lehren an;

25Dieß Ziel steck ich den Frauen:

Die meinem Rath will trauen,

Die wisse wohl, wohin sie kehre

Ihren Preis und ihre Ehre

Und welchem Mann sie sei bereit

Ihrer Lieb und Würdigkeit,

[3]Auf daß sie nicht gereue

Ihrer Keuschheit, ihrer Treue.

Von Gott erfleh ich gutem Weibe,

Daß sie dem Maß getreu verbleibe.

5Aus Scham fließt alle gute Sitte:

Dieß Heil ists, das ich ihr erbitte;

Die Falsche lohnt nur falscher Preis.

Wie lange währt ein dünnes Eis,

Wenn des Augustmonds Sonne schien?

10So fährt auch bald ihr Lob dahin.

Viel Schöne preist die weite Welt;

Ist deren Herz nicht wohlbestellt,

Die lob ich, wie ich loben wollt

Ein blaues Glas, gefaßt in Gold.

15Des Missgriff auch ist nicht gering,

Der in den schlechten Messing

Verwirkt den köstlichen Rubin,

All seines Glückes Vollgewinn:

Dem gleich ich rechten Frauenmuth.

20Die weiblich denkt und weiblich thut,

Nach deren Aussehn frag ich nicht,

Noch ob ihr Herzensdach besticht:

Ist sie innerhalb der Brust bewahrt,

Bleibt volles Lob ihr ungespart.

25Sollt ich euch nun Weib und Mann

So gründlich schildern als ichs kann,

So würd uns Zeit und Weile theuer;

Hört lieber dieses Abenteuer.

Es weiß von Lieb und Leide

Und lehrt sie kennen beide;

[4]Freud und Angst sind auch dabei.

Und wären hier statt meiner drei,

Deren Jeder Kunst besäße,

Daß man meiner Kunst vergäße,

5Es brauchte doch manch seltnen Fund,

Thäten euch die dreie kund,

Was ich euch künden will allein;

Ihre Mühe sollte sauer sein.

Die Märe, die ich erneue,

10Meldet von großer Treue,

Von Weibes rechter Weiblichkeit,

Von echten Mannes Mannheit,

Die nie vor hartem Stein sich bog.

Sein Herz ihn nie darum betrog,

15Er Stahl! wo er zum Streite kam,

Daß seine Hand nicht siegreich nahm

Manchen rühmlichen Preis.

Er kühner Mann, versucht und weis

(Der Held ists, den ich grüße),

20In der Frauen Augen süße,

Und doch der Frauenherzen Sucht,

Im Unglück sichre Zuflucht!

Den ich hiezu mir auserkoren,

Im Gedicht ist er noch ungeboren,

25Den diese Aventüre meint

Und was von Wunder drin erscheint.

Noch pflegt man, wie man sonst gepflegt,

Wo man welsch Gerichte hegt;

So hälts wohl auch bei uns ein Strich,

Ihr werdets wißen ohne mich.

[5]Wer je da herscht' im Lande,

Der gebot wohl ohne Schande,

Es ist die Wahrheit sonder Wahn,

Der ältre Bruder sollt empfahn

5Des Vaters Erbschaft allzumal.

Das schuf den jüngern Söhnen Qual,

Denn ihnen nahm des Vaters Tod

Die Rechte, die sein Leben bot.

Das Land war allen sonst gemein;

10Der ältre hat es jetzt allein.

Das rieth jedoch ein weiser Mann,

Daß Alter Gut sollt empfahn.

Jugend hat viel Würdigkeit,

Das Alter Seufzen nur und Leid.

15Es ist wohl nichts so trübgemuth

Als Alter bei der Armut.

Könge, Grafen, Herzogen,

Das sag ich euch für ungelogen,

Daß die des Guts enterbet sind

20Bis auf das älteste Kind,

Das ist gar ein seltsam Ding.

Der fromme, kühne Jüngling,

Gachmuret der Weigand

Verlor so Burgen auch und Land,

25Wo sein Vater einst mit Fug

Scepter und Krone trug

In königlicher Herlichkeit,

Bis ihn dahin nahm Ritterstreit.

Sie klagten ihn im Lande sehr.

Ohne Makel Treu und Ehr

[6]Bracht er bis auf seinen Tod.

Alsbald der ältre Sohn entbot

Des Landes Fürsten her zu sich.

Sie kamen alle ritterlich,

5Denn große Lehen sonder Wahn

Sollten sie von ihm empfahn.

Da sie zu Hof gekommen,

Eines Jeden Recht vernommen

War, daß sie die Lehn empfingen,

10Nun höret, was sie da begingen.

Wie ihre Treue rieth den Biedern,

Das Volk zumal, die Hoh'n und Niedern,

Bescheiden haben sie gebeten,

Daß der König Gahmureten

15Die Brudertreu bewährte

Und sich selber damit ehrte,

Daß er ihn nicht ganz verstieße

Und ihm in seinem Lande ließe

Einen Edelsitz, nur daß er hätte2

20Seiner Freiheit eine Stätte,

Darauf sein Name möchte ruhn.

Der König wollt es gerne thun:

»Ihr wißt mit Maßen zu begehren,

Ich will euch das und mehr gewähren.

25Was nennt ihr nicht den Bruder mein

Gachmuret Anschewein?

Anschau heißet dieß mein Land:

Wir beide sein davon genannt.«

Also sprach der König hehr.

»Mein Bruder wiße, daß er mehr

[7]Stäter Hülfe bei mir finde,

Als ich sagen könnte so geschwinde.

Er soll mein Ingesinde sein.

Ich laß euch nicht im Zweifel sein,

5Ob uns dieselbe Mutter trug.

Er hat wenig, ich genug:

Drum soll ihm spenden meine Hand,

Daß nicht mein Heil dafür zu Pfand

Steh vor dem, der nimmt und giebt,

10Beides ganz wie ihm geliebt.«

Als die Fürsten all umher

Vernahmen, daß der König hehr

Dem Bruder ganzer Treue pflag,

Das war den Herrn ein lieber Tag;

15Auch dankt' es ihm ein Jeder sehr.

Da säumte Gahmuret nicht mehr

Zu reden, wie das Herz ihm sann.

Zum König hub er gütlich an:

»Herr und lieber Bruder mein,

20Wollt ich Ingesinde sein

Eines Mannes auf der Welt,

So wärs hier wohl um mich bestellt.

Nun meßet daran meinen Preis,

Seid ihr doch getreu und weis,

25Und rathet nach der Dinge Stand;

Darnach geht hülfreich mir zur Hand.

Ein Harnisch nur gehört mir an;

Hätt ich mehr darin gethan,

Das in der Ferne Lob mir brächte,

So hofft ich, daß man mein gedächte.«

[8]Gachmuret sprach weiter: »Noch

Sechszehn Knappen hab ich doch,

Davon ich sechs geharnischt finde.

Gebt ihr mir dazu vier Kinde

5Von guter Zucht, von hoher Art,

So wird an ihnen nichts gespart,

Das ich erwerben mag mit Händen.

Ich will mich in die Fremde wenden.

Ich hab auch früher Land durchfahren.

10Wenn das Glück mich will bewahren,

So erwerb ich guten Weibes Gruß.

Wenn ich dafür ihr dienen muß

Und ich dessen würdig bin,

So räth mir Herz und bester Sinn,

15Daß ich der rechten Treue pflege.

Gott leite mich des Heiles Wege!

Wir fuhren einst gesellt umher

(Damals trug die Krone hehr

Noch unser Vater Gandein),

20Wir litten Kummer viel und Pein

Manchmal um ein liebes Lieb.

Ihr wart ein Ritter und ein Dieb,

Ihr konntet dienen, konntet hehlen;

Ach, könnt auch ich nun Minne stehlen;

25Weh mir, hätt ich Eure Kunst

Und bei der Schönen wahre Gunst!«

Mit Seufzen sprach der König da:

»O weh, daß ich dich jemals sah,

Da du so mit leichtem Scherz

Mir zerschnitten hast das Herz

[9]Und zerschneiden wirst im Scheiden.

Mein Vater hat uns beiden

Hinterlaßen Gut genug:

Dir sei daran der gleiche Fug.

5Ich bin dir von Herzen hold:

Licht Gesteine, rothes Gold,

Rosse, Waffen, Volk, Gewand,

Des nimm so viel von meiner Hand,

Daß du nach deinem Willen fährst

10Und deine milde Hand bewährst.

Deine Tapferkeit ist auserkoren:

Wärst du von Gilstram geboren

Oder kämst von Rankulat3 daher,

Lieber könnt ich nimmermehr

15Dich haben, als ich dich gewann:

Du bist mein Bruder sonder Wahn.«

»Herr, mich zu loben ist euch noth,

Da eure Zucht es euch gebot.

Nun sollt ihr mir auch Hülfe leihn.

20Wollt Ihr und auch die Mutter mein

Mir geben eures fahrenden Gutes,

So steig ich aufwärts frohes Muthes.

Empor ist meines Herzens Streben:

Warum hat es dieses Leben,

25Daß so mir schwillt die linke Brust?

Wohin, ach, jagt mich ihr Gelust?

Ich wills erfahren, wenn ich kann;

Nun naht der Abschied mir heran.«

Der König Alles ihm gewährte,

Er gab ihm mehr als er begehrte:

[10]Fünf Rosse schön und auserkannt,

Die Besten in des Königs Land,

Stark, kühn und rasch von Feuer;

Viel Goldgefäße theuer

5Und manchen Kloß von Golde schwer.

So milde war der König hehr,

Er füllt' ihm des vier Reiseschreine;

Darein auch muste viel Gesteine.

Da sie gefüllet lagen,

10Knappen, die des pflagen,

Waren wohl bekleidet und beritten.

Sie weinten laut mit Jammerssitten,

Als er vor seine Mutter ging,

Und sie herzend ihn umfing.

15»Fils dü Roi Gandein,

Willst du nicht länger bei mir sein?«

Sprach das weibliche Weib.

»O weh, es trug dich doch mein Leib!

Du bist auch König Gandeins Kind.

20Ist Gott, daß er mir hülfe, blind

Oder ließ sein Ohr ertauben,

Daß er mir nicht will glauben?

Soll ich noch neuen Kummer haben?

Meines Herzens Lust hab ich begraben

25Und die Süße meiner Augen:

Will er noch mehr mir rauben?

Der doch stäts gerecht gerichtet,

So ist das all erdichtet

Was sie von seiner Hülse sagen,

Da er so gar mich läßt verzagen.«

[11]»Frau,« sprach der junge Anschewein,

»Gott tröst euch um den Vater mein:

Wir beide sollen um ihn klagen.

Laßt euch von mir Niemanden sagen,

5Was euch Sorge schüf und Leid.

Ich fahr um höhre Würdigkeit

Nach Ritterschaft in fremdes Land:

So ist es, Frau, um mich bewandt.«

Da sprach zu ihm die Königin:

10»Hast du Dienst und Herz und Sinn

Gewandt auf hoher Minne Lohn,

So verschmähe, lieber Sohn.

Nicht mein Gut zu dieser Reise.

Deine Kämmerlinge weise

15Her, daß sie empfahn von mir

Schwerer Reiseschreine vier,

Breite Zeuge drin von Seiden,

Ganze, die noch zu verschneiden,

Und theuern Samt zu manchem Kleid.

20Süßer Mann, laß mich die Zeit

Wißen, wann du wiederkehrst,

Daß du meine Freuden mehrst.«

»Frau, das ist mir unbekannt;

Ich weiß auch nicht voraus das Land.

25Doch wo ich sei zu jeder Zeit,

Ihr habt nach eurer Würdigkeit

Rittersehre mir bezeigt.

Auch der König war mir so geneigt,

Daß ich viel Dank ihm schuldig bin.

Ich weiß, daß Ihr ihn, Königin,

[12]Darum noch mehr in Zukunft liebt,

Was immer sich mit mir begiebt.«

Wie uns die Aventüre sagt,

So ward dem Degen unverzagt

5Von Liebeswegen zugesandt,

Und weil er edeln Fraun bekannt,

Ein Kleinod tausend Marken werth.

Wenn heut ein Jude Pfand begehrt,

Er würd es gern dafür empfangen

10Und weitre Bürgschaft nicht verlangen.

Das sandt ihm eine Freundin.

Ihm brachte stäts sein Dienst Gewinn,

Der Frauen Gruß und ihre Minne;

Er ward doch selten Trostes inne.

15Urlaub nahm der Weigand.

Mutter, Bruder, beider Land

Sein Auge nimmer wiedersah;

Daran doch Manchem Leid geschah.

Die ihm je gefällig waren,

20Bis er heute sollte fahren,

Und wars mit noch so kleinen Dingen,

Groß war der Dank, den sie empfingen;

Mehr als genug gedaucht' es sie.

Sich merken ließ der Höfische nie,

25Daß sie ihm nur sein Recht gegeben;

Sein Sinn war ebner noch als eben.

Wer selber sagt, wie werth er sei,

Da steht Unglaube Jedem frei:

Zuschauer solltens melden

Und die gesehn den Helden,

[13]Wenn er in der Fremde wäre,

So fände Glauben wohl die Märe.

Gachmuret ohn Unterlaß

Blickte nach dem rechten Maß

5Unverlockt von anderm Ziel;

Seines Rühmens war nicht viel.

Große Ehre must er leidend leiden,

Uebermuth wollt er meiden.

Doch wähnte der Gefüge,

10Daß Niemand Krone trüge,

Wärs König, Kaiser, Kaiserin,

In dessen Dienst er dürfe ziehn,

Er hätte denn die höchste Macht,

Die je auf Erden ward erdacht:

15Der Will in seinem Herzen lag.

Ihm ward gesagt, zu Baldag

Wär ein so gewaltger Mann,

Daß ihm des Erdreichs unterthan

Zwei Drittel wären oder mehr.

20Er war im Heidentum so hehr,

Daß er des Baruchs Namen trug.

Seine Herschaft nahm so hohen Flug,

Mancher König war sein Mann,

Mit gekröntem Leib ihm unterthan.

25Des Baruchs Amt besteht noch heut:

Wie man Christenrecht uns beut

Zu Rom, die wir die Tauf empfingen,

Die Heiden so nach Baldag gingen,

Ihr Pabstrecht nahmen und gedachten

Schier unfehlbar sei's zu achten.

[14]Der Baruch pflegt der Sünden

Ihnen Ablaß zu verkünden.

Brüdern zwen von Babylon,4

Pompejus und Ipomidon,

5Denen nahm der Baruch Ninive,

Das ihrer Vordern war von je:

Sie thaten starken Widerstand.

Da kam der Anschewein ins Land:

Dem wurde bald der Baruch hold.

10Für Dienste nahm von ihm den Sold

Gachmuret der werthe Mann.

Nun verzeiht ihm, daß er dort gewann

Ander Wappen, als Gandein

Ihm einst verliehn, der Vater sein.

15Der Herr trug mit bescheidnen Sitten

Auf seine Kouvertür geschnitten

Anker von lichtem Härmelin:5

Diesen ähnlich führt' er ihn

Auf dem Schild und all der Tracht.

20Grüner noch als ein Smaragd

War sein Reitzeug und Gewand,

Das ganz aus Achmardi bestand:

So heißt ein Zeug von Seiden,

Daraus der Held ließ schneiden

25Korsett und Wappenrock6 gesamt,

Denn es ist beßer als der Samt;

Anker von Harm daraus genäht,

Viel goldne Fäden drum gedreht.

Seine Anker hatten niemals Land

Gefaßt an eines Ufers Rand,

[15]Sie wurden nie in Grund geschlagen.

Der Degen mußte weiter tragen

In manches Land, der werthe Gast,

Diese wappenliche Last

5Und die ankergleichen Zeichen,

Weil es nirgend in den Reichen

Ihn nur zu kurzer Ruh gelitten.

Wieviel er Länder durchritten

Und in Schiffen hab umfahren?

10Sollt ich schwörend mich verwahren,

So sagt' ich euch auf meinen Eid

Und ritterliche Sicherheit,

Nur was die Aventüre spricht,

Denn weitre Zeugen hab ich nicht.

15Sie sagt, daß seiner Mannheit Kraft

Den Preis nahm in der Heidenschaft,

In Persien und in Marokko.

Seine Hand erwarb auch anderswo,

In Aleppo und Damaskus auch,

20Und wo nur Ritterspiel Gebrauch,

In Arabien und rings umher,

Daß im Turniere Niemand mehr

Mit ihm zu streiten mocht heran:

So war der Ruf, den er gewann.

25Sein Herz rang nach dem höchsten Lob:

Aller Andern That zerstob,

Vor seiner ganz vernichtet.

So wurde stäts berichtet,

Wer gegen ihn zu streiten kam.

Zu Baldag man es auch vernahm.

[16]Aufwärts strebt' er sonder Wank.

Von dannen gegen Zaßamank

Fuhr er, in das Königreich.

Da klagte Freund und Feind zugleich

5Eisenharten, der das Leben

Einem Weibe dienend hingegeben.

Dazu zwang ihn Belakane,

Die reine, wohlgethane.

Weil sie ihm niemals Minne bot,

10Lag er um ihre Minne todt.

Da rächten ihn die Freunde bald

Offen und im Hinterhalt:

Die Frau bedrängt' ihr mächtig Heer.

Sie stellte kräftig sich zur Wehr,

15Als Gahmuret kam in ihr Land,

Das der Schotte Friedebrand

Von den Schiffen aus verbrannte,

Eh er hinweg sich wandte.

Nun hört von unsers Ritters Fahrt.

20Vom Sturm er her verschlagen ward;

Er büßt' es mit dem Leben fast.

Vor der Königin Palast

Kam er gesegelt in den Hafen,

Wo ihn viel Gafferblicke trafen.

25Nun sah er um sich: dort im Feld

War aufgeschlagen manch Gezelt

Rings um die Stadt bis zu dem Meere:

Da lagen zwei gewaltge Heere.

Er fragte nach der Märe,

Wem Burg und Herschaft wäre;

[17]Vernommen hatt ers nie bis heute,

Noch Einer seiner Schiffleute.

Sie thaten seinen Boten kund,

Es wäre Patelamunt.

5Das entboten sie ihm minniglich,

Bei ihren Göttern flehentlich

Um Hülf ihn bittend: die wär Noth:

Sie rängen nur noch um den Tod.

Als der junge Anschewein

10Vernahm von ihres Kummers Pein,

Da bot er seinen Dienst um Gut,

Wie es oft ein Ritter thut,

Daß er wißen möcht um was

Er dulden sollte Feindeshaß.

15Da sprach aus Einem Munde

Der Sieche, der Gesunde,

Es sollt ihm unverweigert sein,

All ihr Gold und ihr Gestein:

Darüber möcht er schalten

20Und froh bei ihnen alten.

Doch bedurft er nicht des Soldes:

Arabischen Goldes

Hat er manchen Knollen mitgebracht.

Leute finster wie die Nacht

Waren die von Zaßamank:

25Bei denen ward die Zeit ihm lang.

Doch ließ er Herberg nehmen:

Da müsten sie sich schämen,

Wenn sie ihm nicht die beste gaben.

Noch immer in den Fenstern lagen

[18]Mägdelein und Frauen:

Sie musten Alles schauen,

Seine Knappen, sein Gewaffen

Wie das bestellt war und beschaffen.

5Sie sahn, es trug der Degen mild

Auf einem hermelinen Schild

Wer weiß wie manchen Zobelbalg.

Das Wappenbild dem Marschalk

Der Königin ein Anker schien.

10Gar unverdroßen blickt' er hin:

Da musten ihm die Augen sagen,

Er habe schon gesehn vor Tagen

Diesen Ritter oder seinen Schein.

Zu Alexandrien must es sein,

15Als der Baruch lag davor:

Da that es Niemand ihm zuvor.

So fuhr der Hochgemuthe

In die Stadt mit Volk und Gute;

Zehn Säumer ließ ers faßen;

20Die keuchten durch die Gaßen,

Und zwanzig Knappen ritten nach.

Sein Volk voraus zu reiten pflag:

Lakaien, Köche, Küchenjungen,

Die kamen vorn einher gesprungen.

25Stolz war sein Ingesinde:

Zwölf hochgeborner Kinde

Hinter seinen Knappen ritten

Mit guter Zucht und süßen Sitten:

Darunter waren Sarazenen.

Acht Rosse zog man hinter denen

[19]An den Zäumen, allzumal

Verdeckt mit gutem Zindal;

Das neunte seinen Sattel trug.

Seinen Schild, der euch bekannt genug,

5Führt' ein muntrer Knapp herbei.

Nach diesem ritten in der Reih

Posauner, die man auch bedarf.

Ein Tambour schritt und schlug und warf

Seine Trommel hoch empor.

10Dem Herren kam es spärlich vor,

Ritten Flötenspieler nicht dabei

Und der guten Fiedler drei.

Sie eilten alle nicht zu sehr.

Er selbst ritt hinter ihnen her.

15Den Schiffmann zu der linken Hand,

Den weisen, weithin wohlbekannt.

Soviel Volks auch war darinnen,

Mohren und Möhrinnen

Waren beide, Weib und Mann.

20Auch sah der Degen wohlgethan

Viel Schilde da zerbrochen

Und von Speren ganz durchstochen.

Man sah sie aufgehangen

An Wand und Thüren prangen.

25Sie hatten Angst und Jammer da.

In die Fenster, kühlen Lüften nah,

War gebettet manchem Wunden:

Hätt er den Arzt gefunden,

So konnt er doch nicht mehr genesen.

Die waren vor dem Feind gewesen.

[20]So ergeht es uns, die ungern fliehn.

Sich entgegen sah er Rosse ziehn

Durchstochen und zerhauen;

Auch viel dunkelfarbge Frauen

5Zu beiden Seiten neben sich:

Ihr Schein der Rabenschwärze glich.

Gar freundlich nahm ihn auf sein Wirth,

Der bald noch mehr sich freuen wird.

Er war ein kraftreicher Mann:

10Mit seiner Hand hatt er gethan

Manchen Stich und manchen Schlag,

Da er einer Pforte hütend pflag.

Viel Ritter, die er bei ihm fand,

Hängten die Hände in ein Band,

15Die Häupter voller Schrunden.

So stands mit ihren Wunden,

Sie übten dennoch Ritterschaft;

Unverkürzt war ihre Kraft.

Sein Wirth, der Burggraf der Stadt,

20Den Gast mit holden Worten bat,

Sich für daheim zu halten

Und nach freier Lust zu schalten

Ueber sein Gut und über ihn.

Er führt' ihn seinem Weibe hin,

25Die Gachmureten küsste,

Wars auch nicht sein Gelüste.

Dann ging es in den Speisesaal.

Als sie gegeßen allzumal,

Da ging der Marschall hin zuhand,

Wo er die Königstochter fand

[21]Und heischte großes Botenbrot.

Er sprach: »Herrin, unsre Noth

Ist mit Freuden nun zergangen.

Der hier gastlich ward empfangen,

5Der Ritter ist so kühn im Streit,

Wir müßen danken allezeit

Den Göttern, die ihn hergebracht,

Daß sie uns Rettung zugedacht.«

»Nun sag mir bei der Treue dein,

10Wer der Ritter möge sein?«

»Frau, es ist ein stolzer Degen,

Dem einst der Baruch Gold ließ wägen,

Ein Anschewein von hoher Art.

Avoi! wie wenig er sich spart,

15Wenn er daher sprengt zu dem Streit!

Wie behende kann er jederzeit

Weichen und vorwärts dringen

Und Feinden Schaden bringen.

Ich sah ihn kämpfen gar verwegen,

20Als von Babylon die Degen

Alexandrien entsetzen sollten

Und den Baruch treiben wollten

Mit Gewalt aus dem Feld.

Wie Manchen hat er da gefällt

25Bei des Heeres Niederlage!

Wohl beging an diesem Tage

Der edle Held so kühne That,

Sie musten fliehn, es blieb kein Rath.

Auch rühmten Alle so den Mann,

Man erkannte leicht daran,

[22]Daß ihm ob manchen Landen

Der Preis wird zugestanden.«

»So sieh mir zu und säume nicht,

Daß er herkommt und mich spricht.

5Wir haben Frieden diesen Tag,

Daß er herauf wohl reiten mag

Zu mir; oder soll ich hin?

Er ist andrer Farbe denn ich bin:

O weh, verdrießt ihn das auch nicht?

10Hätt ich darüber nur Bericht!

Wenn mirs die Meinen riethen,

Wollt ich ihm Ehre bieten.

Geruht er, mir zu nahen,

Wie soll ich ihn empfahen?

15Ist er so wohl geboren,

Daß mein Kuss nicht sei verloren?«

»Er ist von königlichem Blut,

Ich bürg euch, Frau, mit Leib und Gut.

Frau, euern Fürsten will ich sagen,

20Daß sie reiche Kleider tragen

Und vor euch stehn nach Hofessitten,

Wenn wir kommen hergeritten;

Das sagt auch euern Fraun zumal.

Nun eil ich wieder hin zu Thal

25Und bring euch her den Degen werth;

Keiner süßen Tugend er entbehrt.«

Das Alles fiel auf guten Grund:

Der Marschall that behend ihm kund

Wes die Herrin ihn gebeten.

Schnell wurden Gachmureten

[23]Reiche Kleider hingetragen:

Die zog er an; ich hörte sagen,

Daß sie gar köstlich wären;

Seine Anker drauf, die schweren,

5Aus arabschem Golde fein:

Also wollt er, sollt es sein.

Da bestieg der Minne süßer Lohn

Ein Ross, darauf vor Babylon

Ein Ritter ihn bestand im Streit:

10Er stach ihn ab, das war dem leid.

Ob sein Wirth auch mit ihm war?

Er und seiner Ritter Schar:

Ja gewiss, des sind sie froh.

Sie ritten miteinander so

15Und stiegen ab vor dem Saal.

Da war der Ritter große Zahl:

Die musten wohlgekleidet sein.

Seine Kinde liefen mit ihm ein

Und gaben sich je zwei die Hand.

20Ihr Herr auch manche Frau da fand,

Die wonniglich gekleidet ging.

Die reiche Königin empfing

Durch ihre Augen hohe Pein,

Als sie ersah den Anschewein.

25Sein Antlitz war so minniglich:

Ihr Herz erschloß er völlig sich,

Ob es ihr lieb war oder leid;

Sonst schloß es ihre Weiblichkeit.

Ein wenig trat sie ihm entgegen

Und ließ sich küssen von dem Degen.

[24]Sie nahm ihn selber bei der Hand.

Sie setzten sich zum Feind gewandt

In eines Fensters Ecke

Aus gesteppter Sammetdecke,

5Die über weichen Kissen lag.

Ist etwas lichter, denn der Tag,

Dem glich nicht viel die Königin.

Sie hatte weiblichen Sinn;

Sonst war die tadellose

10Ungleich der thau'gen Rose:

Schwarze Farbe von ihr schien,

Die Kron ein lichter Rubin,

Daß man ihr Haupt durchscheinen sah.

Zum Gaste sprach die Wirthin da,

15Er war ihr sehr willkommen.

»Viel hab ich, Herr, vernommen,

Wie ritterlich und kühn ihr seid.

Bei eurer Zucht, sei euch nicht leid,

Daß ich euch den Kummer klage,

20Den ich nah am Herzen trage.«

»Meine Hülfe bleibt euch unversagt.

Frau, was euch kümmert oder plagt,

Mag das wenden meine Hand,

Sei sie zu euerm Dienst verwandt.

25Ich bin nur der Eine Mann:

Wird euch was zu leid gethan,

So halt ich meinen Schild entgegen;

Doch macht den Feind das nicht verlegen.

Da hub ein Fürst mit Züchten an:

»Fehlt' uns nicht ein Hauptmann,

[25]So wollten wir den Feind nicht sparen.

Denn Friedebrand ist heimgefahren,

Er befreit nun dort sein eigen Land:

Ein König Namens Hernant,

5Den er Herlindens halb erschlug,

Des Freunde thun ihm Leid genug;

Sie wollen es ihm nicht erlaßen:

Doch hat er Helden hier gelaßen:

Den Herzogen Heuteger,

10Des kühne That schon viel Beschwer

Uns schuf, und seine Ritterschaft:

Ihr Streit hat Kunst genug und Kraft.

So hat auch manchen Söldner hier

Der Normanne Gaschier,

15Der versuchte Degen hehr.

Noch hat hier der Ritter mehr

Kailet von Hoskurast,

Manchen zornigen Gast.

Die alle bracht in dieses Land

20Der Schottenkönig Friedebrand

Und die vier Genoßen sein;

Mancher Söldner zog mit ihnen ein.

Gegen Westen dort am Meer

Lagert Eisenhartens Heer:

25Ihre Augen trocknen nimmer sich.

Nicht geheim noch öffentlich

Hat man sie anders je gesehn

Als jämmerlich in Klage stehn.

Ihr Herz zerströmt sich so in Güßen,

Weil ihr Herr im Zweikampf enden müßen.«

[26]Da sprach zu seiner Wirthin

Der Gast mit höflichem Sinn:

»Geruhet doch und sagt mir an,

Wie dieser Haß sich entspann.

5Was ziehn sie euch mit Macht entgegen?

Ihr habt so manchen kühnen Degen:

Mich jammert, sind sie so beladen

Mit Feindeshaß zu ihrem Schaden.«

»Vernehmt es, Herr, da ihrs begehrt.

10Mir dient' ein Ritter, der war werth,

Aller Tugend blühend Reis.

Mannhaft war der Held und weis,

Der Treue wohlgediehne Frucht,

Seine Zucht ging über alle Zucht.

15Er war noch keuscher als ein Weib,

Kraft und Kühnheit trug sein Leib.

Kein Ritter über allem Land

War auch noch je so milder Hand

(Wer weiß, was nach uns soll geschehn?

20Da mögen andre Leute spähn).

Er war zu falscher That ein Thor,

Gleich mir von schwarzer Farb ein Mohr.

Sein Vater hieß Tankaneis:

Der König trug auch hohen Preis;

25Mein Freund hieß selber Eisenhart.

Meine Weibheit war nicht wohlbewahrt,

Mir dient' er doch um Minnelohn,

Daß er den Wunsch nicht trug davon:

Das muß ich ewig nun beklagen.

Ich ließ ihn, wähnen sie, erschlagen.

[27]Verrathes bin ich unerfahren,

Wie mich des zeihen seine Scharen.

Mehr als sie selber liebt ich ihn,

Des ich nicht ohne Zeugen bin:

5Damit bewähr ich es wohl noch.

Die rechte Wahrheit wißen doch

Meine Götter und die seinen.

Wie mußt ich um ihn weinen!

So zog ich mit verschämter Strenge

10Seinen Lohn, mein Leid auch, in die Länge.

»Mein Dienst erwarb im Rittertum

Dem Helden oftmals hohen Ruhm.

Ich versucht' ihn, ob er Freund zu sein

Verstünde: bald wohl sah ichs ein.

15Er gab um mich den Harnisch hin,

Der unter jenem Baldachin7

Nun steht (das herliche Gezelt

Brachten Schotten auf dieß Feld).

Als des der Degen ledig ward,

20Da hat er sich nicht viel gespart,

Weil ihn des Lebens schier verdroß:

Manch Abenteuer sucht' er bloß.

Da es also mit uns stand,

Ein Fürst, Prothißilas genannt,

25Mein Höfling und mein Unterthan,

Der unerschrockenste Mann,

Ritt auf Abenteuer aus

Und fand des Schadens viel im Strauß.

Dort im Wald von Aßagog

Eine Tjost ihn nicht um Tod betrog,8

[28]Die er that auf einen kühnen Mann,

Der auch sein Ende da gewann.

Das war mein Freund Eisenhart.

Mit einem Sper durchstochen ward

5Jedweder durch Schild und Leib.

Das klag ich noch, ich armes Weib:

Der beiden Tod mich ewig müht,

Auf meiner Treue Jammer blüht.

»Ich vermählte nie mich einem Mann.«

10Gachmuret erwog und sann,

Obwohl sie eine Heidin wär,

Weiblichen Sinnes sei doch mehr

Nie in ein Frauenherz gekommen.

Statt Taufe müß ihr Keusche frommen,

15Der Regen auch, der sie begoß,

Von ihren Augen strömt' und floß

Ihr auf den Zobel, auf die Brust.

Trauern nur war ihr Gelust,

Dazu jammerhaftes Klagen.

20Da hub sie wieder an zu sagen:

»Nun kam mich suchen über Meer

Der Schottenkönig und sein Heer:

Der war seines Oheims Sohn.

Sie konnten mir nichts Schlimmres drohn,

25Als mir schon geschehen war

An Eisenharten, glaubt fürwahr.«

Viel Seufzer sie entschickte,

Zwischen Thränen manchmal blickte

Sie beschämt und scheu hinan

Zu Gachmureten: da begann

[29]Ihr Aug dem Herzen zu vertraun,

Der Degen wäre schön zu schaun.

Sie war auch eine Kennerin

Lichter Farbe: früherhin

5Sah sie schon viel lichte Heiden.

Da erwuchs zwischen beiden

Getreuer Minne mehr und mehr:

Sie blickte hin, er blickte her.

Schenken hieß sie nun den Wein;

10Dürfte sie, sie ließ' es sein.

Gern säh sie, wenn es unterblieb,

Weil es die Ritter stäts vertrieb,

Die gerne sprachen mit den Fraun.

Doch wars sein Leben, sie zu schaun;

15Auch hatt er ihr den Sinn gegeben,

Sein Leben war der Frauen Leben.

Da erhob er sich und sprach:

»Frau, ich schaff euch Ungemach.

Zu lange hab ich hier geseßen;

20Da war ich klugen Sinns vergeßen.

Ich dien euch gern; doch ist mir leid,

Daß eure Noth so groß und breit.

Frau, gebietet über mich:

Wohin ihr wollt, dahin will ich.

25Ich dien euch immer, wo ich kann.«

»Ich seh euch,« sprach sie, »dafür an.«

Alles thut der Burggraf nun,

Sein Wirth, was er vermag zu thun,

Ihm zu kürzen Zeit und Stunde.

Er frug mit höfschem Munde:

[30]Ob er spazieren wolle reiten?

»So seht ihr auch, wo wir streiten

Und wie die Pforten stehn in Hut.«

Gahmuret der Degen gut

5Sprach, er wünsche wohl zu sehn,

Wo ihr Kampfspiel war geschehn.

Hinunter mit ihm ritten

Viel Degen edler Sitten,

Hier der Junge, dort der Greise.

10Sie führten ihn im Kreise

Wohl vor sechszehn Pforten,

Und beschieden ihn mit Worten,

Daß keine je verschloßen ward,

»Seit sie rächten Eisenhart

15An uns mit Zorn. Mit gleicher Macht

Stritten wir fast Tag und Nacht:

Sie blieben offen all die Zeit.

Vor acht Pforten giebt uns Streit

Des getreuen Eisenhartens Bann:

20Sie haben Schadens viel gethan.

Wie sie nach Rache dürsten,

Diese wohlgebornen Fürsten

In des Königs Bann von Aßagog!«

Vor jeglicher Pforte flog

25Eine lichte Fahn ob kühner Schar,

Drauf ein durchstochner Ritter war,

Weil Eisenhart so zu sterben kam,

Den nun sein Volk zum Wappen nahm.

»Wir haben andern Brauch dagegen,

Womit wir sie zu trösten pflegen:

[31]Unsre Fahne wird daran erkannt,

Daß zwei Finger ihrer Hand

Die Fürstin bietet zu dem Eid,

Ihr sei noch nie geschehn so leid,

5Als durch Eisenhartens Tod;

Der schuf ihr bittre Herzensnoth.

So von des Krieges Anbeginn

Belakane stand die Königin

In einem weißen Sammetfeld

10In schwarzen Farben ausgestellt,

Seit wir des Feinds Panier erschaut

(Ihre Treue wird im Jammer laut):

So steht sie ob den Thürmen hoch.

Von den andern acht bedrängt uns noch

15Friedebrands des Schotten Heer,

Die Getauften von über Meer.

»Ein Fürst behütet jedes Thor;

Oftmals zieht er auch davor

In den Streit mit dem Panier.

20Gaschier, dem Normann, nahmen wir

Einen Grafen ab im Feld:

Der bietet hohes Lösegeld.

Ein Schwestersohn ists von Kailet:

Was uns der nun Böses thät,

25Muste dieser stäts entgelten.

Doch solch Glück kommt uns selten.

Grünes Angers wenig, Sandes

Wohl an dreißig Ritte Landes

Ist zu den Zelten von dem Graben:

Da sieht man sie zum Kampfspiel traben.

[32]So gab sein Wirth ihm Bericht:

»Ein Ritter unterläßt das nicht,

Er kommt hervor und tiostiert.

Wenn der seinen Dienst verliert

5Bei jener, die ihn hergeschickt,

Was hilft ihm dann, wie frech er blickt?

Das ist der stolze Heuteger.

Ich darf wohl sagen, seit das Heer

Uns der Feinde hält umseßen,

10Daß der Held vermeßen

Allmorgentlich bereit erschien

Vor der Pforte bei dem Baldachin;

Auch weiß ich, daß der kühne Mann

Manches Kleinod hat verthan,9

15Wenn er uns durch die Schilde stach,

Das man für kostbar ansprach,

Wenn es die Knappen ausgebrochen;

Er hat uns Manchen abgestochen.

Der Held läßt sich gerne schauen;

20Ihn loben auch unsre Frauen.

Wen Frauen loben, wird bekannt,

Er hat den Ruhm an der Hand

Und seines Herzens Wonne.«

Nun hatte müd die Sonne

25Eingestellt den Strahlenschein:

Des Lustritts must ein Ende sein.

Der Gast ritt heim mit seinem Wirth;

Das Mal bereit er finden wird.

Ich muß von ihrer Speise sagen:

Die ward mit Anstand aufgetragen:

[33]Man diente ihnen ritterlich.

Mit Gefolge kam und stellte sich

Die Königin vor seinen Tisch:

Hier stand der Reiher, dort der Fisch.

5Sie war herabgefahren,

Um selber zu gewahren,

Ob man fleißig pfläge sein.

Mit Jungfraun kam sie, nicht allein.

Sie kniete nieder (ihm wars leid):

10Mit eigner Hand zerschnitt die Maid

Dem Ritter seine Speise so.

Die Frau war ihres Gastes froh.

Da bot sie ihm sein Trinken dar

Und pflag sein gut; wohl nahm er wahr

15Ihr Geberden wie ihr Wort.

Unten an dem Tische dort

Saß ihm mancher Spielmann

Und gegenüber sein Kaplan.

Beschämt empor zur Herrin sah

20Der Degen: schüchtern sprach er da:

»So hofft ichs nicht zu finden hier,

Wie Ihr es, Frau, erbietet mir,

Mit also hohen Ehren:

Wenn ich euch dürfte lehren,

25So hätt ich nur von euch begehrt

Eine Pflege, der ich wäre werth:

Dann kamt ihr nicht herabgeritten.

Darf ich, Königin, euch bitten,

So laßt mich in der Maße leben:

Zu viel Ehre habt ihr mir gegeben.«

[34]Sie wollt auch das nicht laßen,

Seine Kinde, die dort saßen,

Bat sie freundlich: »Eßet doch.«

So ehrte sie den Fremdling noch.

5Die Herrlein alle, wie es schien,

Waren hold der Königin.

Noch eins die Herrin nicht vergaß:

Sie ging auch, wo der Wirth saß

Und sein Weib die Burggräfin.

10Den Becher hob die Königin

Und sprach: »Laß dir befohlen sein

Unsern Gast: die Ehr ist dein.

Ich bitt euch beide höchlich drum.«

So nahm sie Urlaub, wiederum,

15Ging sie hin zu ihrem Gast.

Schon trug sein Herz der Minne Last;

Ein Gleiches ihr von ihm geschah,

Ihr Herz, ihr Auge sagt' es ja:

Die mustens mit ihr eingestehn.

20Mit Züchten sprach die Herrin schön:

»Gebietet, Herr: was ihr begehrt,

Das schaff ich, denn ihr seid es werth;

Und laßt mich Urlaub haben:

Wenn sie euch fleißig laben,

25So bin ich ihnen herzlich hold.«

Ihre Leuchter waren Gold:

Vier Kerzen trug man drauf entbrannt.

Hin ritt sie, wo sie Ruhe fand.

Sie saßen auch nicht länger so;

Der Held war traurig und doch froh.

[35]Ihn freute, daß man Ehr ihm bot;

Doch zwang ihn wieder andre Noth:

Das war die strenge Minne,

Die da neiget hohe Sinne.

5Die Wirthin kam zu ihrer Ruh;

Viel Zeit gehörte nicht dazu.

Man bettete dem kühnen Mann;

Das ward mit allem Fleiß gethan.

Der Wirth sprach zu seinem Gast:

10»Schlafet nun in guter Rast

Und ruht die Nacht: das ist euch Noth.«

Den Platz zu räumen gebot

Der Wirth dem Ingesinde.

Des Gastes edle Kinde,

15Ihr Bett rings um das seine lag,

Ihr Haupt daran, wie er es pflag.

Da standen Kerzen schön und groß

Und brannten hell. Den Held verdroß,

Daß so lang war die Nacht.

20Ihn bracht oft in Ohnmacht

Diese schwarze Möhrin,

Des Mohrenlandes Königin.

Er wand sich oft wie Weidenholz;

Da erkrachten ihm die Glieder stolz.

25Minn und Kampf war sein Begehren;

Nun wünscht, man mög es ihm gewähren.

Sein Herz von lauten Stößen scholl,

Weil es nach Ritterthaten schwoll.

Das begann dem kühnen Recken

Beide Brüste weit zu strecken

[36]Wie die Sehne streckt die Armbrust;

Zu heftig war da sein Gelust.

Der Herr ohn alles Schlafen lag,

Bis er grauen sah den Tag.

5Der gab noch keinen lichten Schein,

Da stellte sein Kaplan sich ein

Zur Messe nach des Herrn Gebot:

Er sang sie ihm zugleich und Gott.

Den Harnisch trug man ihm zuhand:

10Hin ritt er, wo er Tjoste fand.

Der Degen säumte sich nicht lang:

Das Ross, darauf er schnell sich schwang,

Das konnte ruckweis springen

Und geschwinde vorwärts dringen,

15Bekehrig wenn mans rückwärts zog.

Seinen Anker auf dem Helme hoch

Man zum Thore führen sah.

Weib und Mann gestand ihm da,

Kein schönrer sei in allen Reichen:

20Ihm sollten ihre Götter gleichen.

Man trug ihm manchen starken Sper;

Wie der Held gerüstet wär?

Von Eisen trug sein Ross ein Dach,

Das gab vor Schlägen ihm Gemach.

25Eine andre Decke überzog

Es leicht, weil sie nur wenig wog;

Die war ganz von grünem Samt.

Korsett und Wappenrock gesamt

War auch ein grüner Achmardi;

In Arabien wirkt man die.

[37]Lug will mir nicht geziemen;

Seine Schildriemen

Waren unverblichne Borten

Mit Gestein aller Orten

5Besetzt, das war theuer.

Geläutert in Feuer

War sein Schild von rothem Gold.

Sein Dienst erwarb der Minne Sold,

Weil scharfer Streit nur Spiel ihm schien.

10Am Fenster lag die Königin;

Der Frauen saßen da noch mehr.

Nun seht, da hielt auch Heuteger,

Der hier oft den Preis genommen.

Als der den Herrn sah kommen

15Galoppierend auf sich an,

Gedacht er: »Wie oder wann

Kam der Franzos in dieses Land?

Wer hat den Stolzen hergesandt?

Schiene der mir ein Mohr,

20So wär mein bester Sinn ein Thor.«

Die das Springen doch nicht ließen,

Mit Sporen sie die Rosse stießen

Aus dem Galopp in die Rabbin.10

Voll Ritterkraft Jedweder schien,

25Als sie der Tjost sich nicht entzogen.

Die Splitter in die Lüfte flogen

Vom Sper des stolzen Heuteger;

Auch fällt' ihn seines Gegners Wehr

Auf das Gras hinters Ross,

Was ihn als ungewohnt verdroß.

[38]Er ritt auf ihn und trat ihn nieder;

Zwar erholt' er oft sich wieder

Und zeigte sich zu wehren Lust;

Doch steckt' im Arm, ihm unbewust,

5Schon ihm Gachmuretens Lanze:

Der erheischte da Fianze.11

Seinen Meister hatt er funden.

»Wer hat mich überwunden?«

Also sprach der kühne Mann.

10Alsbald hub der Sieger an:

»Ich bin Gachmuret Anschewein.«

Er sprach: »Meine Sicherheit sei dein.«12

Er nahm sie an und sandt ihn ein.13

Da must er hochgepriesen sein

15Von den Fraun, die es gesehen haben.

Von dort begann heranzutraben

Der Normanne Gaschier,

Der starke Degen stolz und zier,

Der versuchte Lanzenbrecher.

20Gachmuret der Unbillsrächer

Hielt schon zur zweiten Tjost bereit.

Seinem Spere war das Eisen breit,

Der Schaft stark und feste.

Da wägten diese Gäste

25Ungleich Gewicht einander zu.

Darnieder lag Gaschier im Nu,

Mit dem Pferde gefallen

Und den Gewaffen allen.

Gezwungen gab er Sicherheit,

Ob es ihm lieb war oder leid.

[39]Gachmuret der Weigand

Sprach: »Mir sichert eure Hand;

Doch that sie mannliche Wehr.

Nun reitet zu der Schotten Heer

5Und bittet, daß sie uns mit Streit

Verschonen: sind sie des bereit,

So kommt mir nach in die Stadt.«

Was er gebot oder bat,

Das war allzumal vollbracht:

10Vom Streite ließ der Schotten Macht.

Da kam geritten Kailet.

Vor dem entwich Gachmuret,

Denn er war seiner Muhme Sohn:

Er spart' ihm gerne Spott und Hohn.

15Der Spanier rief ihm nach genug.

Einen Strauß er auf dem Helme trug;

Gekleidet war derselbe Mann,

Soviel ich euch berichten kann,

In Pfellelseide weit und lang.

20Das Gefilde von dem Helden klang:

Seine Schellen gaben Töne.

Diese Blum an Mannesschöne!

Er behielt den Preis der Schönheit,

Nur nicht vor zwein nach seiner Zeit:

25Beaukorps, Lotens Kind,

Und Parzival, die hier nicht sind:

Sie waren jetzt noch ungeboren

Und wurden dann für schön erkoren.

Gaschier ihn mit dem Zaume nahm:

»Eure Wildheit wird wohl zahm,

[40]Das sag ich bei der Treue mein,

Besteht ihr dort den Anschewein,

Der meine Sicherheit schon hat:

Merket, Herr, meinen Rath

5Und thut, wie ich gebeten.

Ich verhieß Gachmureten,

Ihn Kampfs mit euch zu überheben;

Drauf hab ich ihm die Hand gegeben.

Nun laßt den Ehrgeiz mir zu lieb:

10Er zeigt euch Kraft in Stich und Hieb.«

Da sprach der König Kailet:

»Ist das mein Vetter Gachmuret,

Fils dü Roi Gandein?

Mit dem laß ich mein Streiten sein.

15Laßt mir den Zaum.« »Es soll geschehn,

Hat mein Aug erst ersehn

Euer unbedecktes Haupt;

Meins hat er schier Gehörs beraubt.«

Den Helm er gleich sich niederband;

20Gachmuret doch Streit noch fand.

Es war schier halber Morgen.

Den Städtern schwanden Sorgen,

Da sie diesen Kampf gesehn.

Ruhig konnten sie nun gehn

25Hinter ihrer Mauer Zinnen.

Er war ein Netz für sie da innen:

Was drunter kam, das war beschlagen.

Ein ander Ross, hört ich sagen,

Bestieg alsbald der werthe Held:

Das flog und rührte das Feld

[41]Kunstrecht nach jeder Seite,

Kühn, wo es galt im Streite,

Geschickt und besonnen.

Was er darauf begonnen?

5Das rechn ich ihm für Großthat an.

Hin ritt er, wo ihn Mohren sahn.

Die lagen dort mit ihrem Heer

Gegen Westen bei dem Meer.

Ein Fürst war Raßalig genannt,

10Der jeden Tag sich unterstand,

Von Aßagog der reichste Held

(Sein Geschlecht das nicht in Frage stellt:

Das war von königlicher Art),

Er hob sich immer auf die Fahrt

15Und tiostierte vor der Stadt.

Jetzt machte seine Kräfte matt

Unser Held von Anschau.

Das beklagte eine schwarze Frau

(Die hatt ihn dahin gesandt),

20Daß ihn da Jemand überwand.

Ein Knapp bot ungebeten

Seinem Herren, Gachmureten,

Einen Sper mit einem Schaft von Rohr:

Damit stach er den Mohr

25Hinters Ross auf den Grieß,

Wo er ihn nur liegen ließ,

Bis ihm gesichert war der Frieden.

Hiemit war der Krieg entschieden,

Und ihm erworben großer Preis.

Acht Fahnen sah der Degen weis

[42]Feindlich fliegen nach der Stadt,

Die er zurück zu senden bat

Den kühnen sieglosen Mann.

Er gebot ihm alsdann

5Ihm zu folgen, ritt' er ein;

Das that er, denn es muste sein.

Gaschier auch säumte nicht zu kommen.

Als von dem der Wirth vernommen,

Sein Gast sei weiter noch hinaus –

10Daß er nicht Eisen wie ein Strauß

Verschlang und Kieselsteine,

Das macht', er fand da keine.

Sein Zorn erhob Gebrülle

Wie der Löw aus Zornesfülle.

15Er riß sich aus die Haare:

»Nun hab ich meine Jahre

Zu eitel Thorheit verwandt.

Die Götter hatten mir gesandt

Einen kühnen werthen Gast:

20Ueberlädt sich der mit Streites Last,

So werd ich Werthen nie mehr werth.

Was taugt mir Schild nun und Schwert?

Ein Schimpf ists, mahnt man mich daran.«

Von den Seinen stob er da hindann

25Zum Thor mit Spornschlägen.

Ihm kam ein Knapp entgegen,

Der trug einen gemalten Schild,

Ein durchstochner Mann im Wappenbild,

Gewirkt in Eisenhartens Land.

Einen Helm auch trug er in der Hand

[43]Und ein Schwert, das Raßalig,

Der kühne, bracht in diesen Krieg;

Nun must er von ihm scheiden,

Dieser kühne Fürst der Heiden,

5Der sich weites Lob erworben.

Ist er ungetauft gestorben

So erbarme sein sich bald,

Der aller Wunder hat Gewalt.

Da der Burggraf das ersah,

10Nie freut' er sich wohl mehr als da.

Als er die Wappen hatt erkannt,

Kam er vor das Thor gerannt:

Seinen Gast sah er da halten,

Den jungen, noch nicht alten,

15Als harrt' er einer weitern Tjost.

Da nahm ihn Lachfilirost,

Sein Wirth, und griff ihm nach dem Zügel;

Er stach heut keinen mehr vom Bügel.

Lachfilirost Schachtelakunt

20Sprach: »Lieber Herr, macht mir kund,

Ward besiegt von eurer Hand

Raßalig? So ist dieß Land

Vor Kampf gesichert immerdar:

Ihm folgt der Mohren ganze Schar

25Im Lehn des treuen Eisenhart,

Davon so viel uns Schade ward:

Zu End ist unsre Noth und Pein.

Ein zornger Gott gab ihnen ein

Uns heimzusuchen mit dem Heer:

Darnieder liegt nun ihre Wehr.«

[44]Er führt' ihn wider Willen mit.

Die Königin ihm entgegen ritt:

Seinen Zaum ergriff sie mit der Hand

Und entstrickt' ihm des Visieres Band.

5Der Wirth must ihn ihr laßen;

Seine Knappen nicht vergaßen,

Sie ritten ihrem Herren nach.

Da führte durch die Stadt gemach

Ihren Gast die weise Königin,

10Dem erstritten war des Siegs Gewinn.

Ab saß sie, da sie dauchte Zeit:

»Weh, wie getreu ihr Knappen seid!

Ihr sorgt wohl, ihr verlört den Mann:

Ihm wird schon ohn euch Dienst gethan.

15Nehmt sein Ross und führt es hin:

Sein Geselle ich hier bin.«

Viel Fraun er auf dem Saale fand;

Entwappnet mit schwarzer Hand

Ward er von der Königin.

20Von dem besten Zobel schien

Die Decke und das Bette weich:

Da erwies sie ihm sogleich

Eine heimliche Ehre.

Zeugen waren da nicht mehre.

25Die Jungfraun gingen vor die Thür

Und schoben Riegel dafür.

Da nahm des Landes Königin

Süßer Minne Hochgewinn,

Und Gachmuret ihr Herzenstraut;

Sie waren ungleich doch von Haut.

[45]Den Göttern opferten zumal

Die von der Stadt. Was befahl

Der Held dem kühnen Raßalig,

Eh er schied aus dem Krieg?

5Das leistet' er in Treue;

Doch wuchs sein Leid aufs Neue

Um seinen Herren Eisenhart.

Als des der Burggraf inne ward,

Kam er herbei. Da hob sich Schall:

10Die Fürsten nahten allzumal

Aus der Königin Land von Zaßamank

Und sagten ihm des Preises Dank,

Den er erworben hatt im Feld.

Vierundzwanzig gefällt

15Hatt er hier vom Sattelbogen,

Der Meisten Rosse fortgezogen;

Gefangener Fürsten waren drei:

Viel Ritter ritten auch herbei

Mit ihnen vor den Königssaal.

20Geruhet und gespeist zumal

Und wonniglich herausstaffiert,

Mit Kleidern herlich geziert,

War des höchsten Wirthes Leib.

Einst hieß sie Magd, nun war sie Weib.

25Die ihn nun vorführt' an der Hand

Und sprach: »Mein Leben und mein Land

Sind diesem Ritter unterthan,

Gönnt Feindeshaß ihm Theil daran.«

Nun folgten Alle Gachmureten;

Sie thaten gern was er gebeten.

[46]»Herr Raßalig, nun kommt heran,

Meines Weibes Kuss sollt ihr empfahn.

Thut Ihr ein Gleiches, Herr Gaschier.«

Auch Heutegern den Schotten zier

5Bat er sie küssen an den Mund;

Der war von seiner Tjost noch wund.

Sich zu setzen, bat er Jeden;

Er stand zu sinnigen Reden.

»Ich säh auch gern den Neffen mein,

10Könnt es mit dessen Hulden sein,

Der ihn hier gefangen hat.

Die Sippe giebt mir keinen Rath

Als schnell ihn frei zu machen.«

Belakanen sah man lachen:

15Sie befahl ihn herzubringen.

Dort eilte vorzudringen

Der minnigliche beau Comte,

Von Ritterschaft nicht unverschont;

Er hatt im Streite viel gethan.

20Gaschier der Normann

Bracht ihn: gar höfisch that er;

Ein Franzose war sein Vater,

Er selbst Kailetens Schwestersohn;

Seine Fahrt geschah um Minnelohn.

25Er hieß Killirjakag;

Schön war er wie ein Mann nur mag.

Kaum hatt ihn Gachmuret erkannt

(In ihrem Antlitz Sippe stand,

Sie sahen sehr einander gleich),

Er bat die Königin sogleich,

[47]Daß sie ihn küsse und umarme;

»Nun komm auch her in meine Arme.«

Da küsste selber ihn der Wirth.

Das Wiedersehn sie freuen wird.

5Gachmuret hub wieder an:

»Weh, du junger süßer Mann,

Was sollte hier dein schwacher Leib?

Sag an, gebot dir das ein Weib?«

»Herr, die gebieten wenig mir.

10Mich hat mein Vetter Gaschier

Hergebracht, er weiß wohl wie.

Ich halt ihm tausend Ritter hie,

Denn ich steh ihm gerne dienstlich bei.

Gen Rouen in der Normandei

15Kam ich zur Versammlung.

Ich brachte manchen Helden jung

Aus der Champagne mit mir hin.

Nun hat der Schade Kunst und Sinn

Verwandt, ihn zu beschweren;

20Ihr wollt euch selbst denn ehren:

Um meinetwillen gebt ihn frei,

Daß seine Pein gesänftet sei.«

»Den Rath behalte nur bei dir.

Geh du hin und Herr Gaschier

25Und bringet mir Kaileten her.«

Sie erfüllten gerne sein Begehr

Und brachten ihn wie er gebeten.

Da ward auch er von Gahmureten

Minniglich empfangen

Und zu öfterm Mal umfangen

[48]Von der reichen Königin;

Sie küsst' ihn auch mit holdem Sinn.

Mit Ehren durfte sie das schon:

Er war ihres Mannes Muhmensohn

5Und von Geschlecht ein König hehr.

Lachend sprach der Wirth noch mehr:

»Gott weiß, Herr Kailet,

Nähm ich euch nun ab Toled

Und euer Land zu Spanien

10Für den König von Gaskanien,

Der oft euch drängt mit Zornbegier,

Untreue wäre das von mir,

Denn Ihr seid meiner Muhme Kind.

Die besten Helden mit euch sind,

15In Ritterschaft erfahren:

Wer zwang euch her zu fahren?«

Da sprach der stolze Degen jung:

»Mir entbot mein Vetter Schiltung,

Weil Friedbrand seine Tochter hat,

20Ich sollt ihm dienen, wär sein Rath.

Seines Weibes wegen hat der hier

Nur alleine von mir

Sechstausend Ritter auserkannt;

Wehrlich ist der Degen Hand.

25Noch bracht ich ihm der Ritter mehr;

Ein Theil fuhr wieder über Meer.

Hier stritten für die Schotten

Viel wehrlicher Rotten.

Ihm kamen von Grünlanden14

Helden, die im Streite standen,

[49]Zwei Könige mit großer Kraft:

Eine Flut der Ritterschaft

Brachten sie auf manchem Kiel;

Ihre Rotte mir gar wohl gefiel.

5Hier war auch Morhold für ihn;

Dessen Kampf hat Kunst und Sinn.

»Diese sind nun heimgekehrt.

Wie jetzt die Königin begehrt,

So thu ich mit den Meinen.

10Ihrem Dienst will ich mich einen;

Des Dienstes danktest Du mir nicht,

Denn schon aus Sippe wär er Pflicht.

Die verwognen Helden sind nun deine:

Wären sie getauft wie meine

15Und ihnen an der Haut auch gleich,

Kein gekrönter König wär so reich,

Dem sie nicht drohten Streits genug.

Mich wundert was dich her verschlug

Und wie's geschah: das sage mir.«

20»Ich kam gestern, heute bin ich hier

Herr geworden übers Land.

Mich fing die Königin bei der Hand;

Da wehrt' ich mich mit Minne:

So riethen mir die Sinne.«

25»Wohl hat dir deine süße Wehr

Bezwungen hier und dort das Heer.«

»Du meinst wohl, weil ich dir entrann?

Du riefst mich ja so heftig an:

Was wolltest Du von mir erzwingen?

Laß mich also mit dir dingen.«

[50]»Ich erkannte nicht den Anker dein:

Meiner Muhme Mann Gandein

Führt' ihn niemals mit sich aus.«

»Doch ich erkannte deinen Strauß,

5Im Schild ein Sarapandratest;15

Dein Strauß stand hoch und ohne Nest.

»Ich sah gar wohl an Mann und Ross,

Daß dich die Sicherheit verdroß,

Die zwei Helden mir gelobt:

10Die hatten erst sich wohl erprobt.«

»Wie ihnen wär auch mir geschehn.

Dem Teufel selbst müst ich gestehn,

Werd ich auch seiner nimmer froh:

Hätt er den Preis erworben so,

15Wie du an freveln Händen, traun,

Für Zucker äßen ihn die Fraun.«

»Dein Mund des Lobs zuviel mir spricht.«

»Nicht doch, schmeicheln kann ich nicht;

Nimm anders meiner Hülfe wahr.«

20Sie riefen Raßaligen dar.

Mit Züchten sprach da Kailet:

»Euch hat mein Vetter Gachmuret

Mit seiner Hand gefangen.«

»Ja Herr, so ists ergangen.

25Ich hab ihn wohl dafür erkannt,

Daß nun Aßagog das Land

Treu in seinem Dienst verharrt,

Da unser König Eisenhart

Dort nicht sollte Krone tragen.

Er ward in ihrem Dienst erschlagen,

[51]Die sich euerm Vetter hat ergeben:

Ihre Minne kostet' ihm das Leben;

Die Rache hat mein Kuss verschworen.

Ich habe Herrn und Freund verloren.

5Will nun eurer Muhme Kind

Thun was Ritterpflichten sind,

Daß er uns will entschädgen sein,

So falt ich ihm die Hände mein.

So hat er Reichtum und Preis

10Und was sich nur von Tankaneis

Auf Eisenhart vererbet hat,

Der gebalsamt steht an jener Statt.

Seine Wunden sah ich jeden Tag,

Seit dieser Sper sein Herz zerbrach.«

15Den zog er aus dem Busen sein

Hervor an seidner Schnur so fein,

Und wieder sahen ihn die Degen

Ihn an bloße Brust sich legen.

»Es ist jetzt frühe noch am Tag:

20Will mein Herr Killirjakag

Im Heere meine Botschaft melden,

So folgen ihm hieher die Helden.«

Ein Ringlein schickt' er seinen Scharen,

Die nach der Hölle farbig waren:

25Die Fürsten kamen allzumal

Durch die Stadt in den Saal.

Da lieh mit Fahnen seine Hand

Den Fürsten Aßagog das Land.

Jeglichen freute wohl sein Stück;

Der beste Theil blieb doch zurück

[52]Ihrem Herren, Gachmureten.

Die Ersten waren abgetreten:

Nun kamen die von Zaßamank

Mit Gepränge zum Empfang:

5Sie erhielten nach der Frau Beschluß

Von ihm ihr Land und des Genuß,

Ein Jeglicher sein Gebiet.

Die Armut ihren Herren mied.

Nun hatte Prothißilas,

10Der auch einst Fürstenrang besaß,

Hinterlaßen ein Herzogtum:

Das lieh er dem, der hohen Ruhm

Oft mit seiner Hand erjagt

(Nie war er vor dem Streit verzagt):

15Lachfilirost Schachtelakunt

Nahm es mit Fahnen gleich zur Stund.

Von Aßagog die Fürsten hehr

Nahmen den Schotten Heuteger

Und Gaschiern den Normann

20Und traten vor den Herrn heran:

Der gab sie frei wie sie gebeten;

Das dankten alle Gachmureten.

Heutegern, den Schotten,

Baten sie sonder Spotten:

25»Laßt unserm Herrn das Prachtgezelt

Seiner Kühnheit zum Vergelt.

Es raubt uns Eisenhartens Leben,

Daß unsres Landes Zier gegeben,

Sein Harnisch, wurde Friedebrand.

Seine Freude stand zu Pfand;

[53]Er selber leider liegt hier todt;

Unvergoltner Dienst schuf ihm die Noth.«

Die Welt nicht beßre Wehr besaß:

Der Helm war von Adamas,

5Dicht und großer Härte,

Der beste Streitgefährte.

Da gelobte Heuteger,

Wenn er daheim in Schottland war,

Wollt ers erbitten von dem Herrn

10Und wiedersenden dann von fern.16

Das verhieß er frei und ohne Zwang.

Zum König Urlaub bittend drang

Nun der edeln Fürsten Zahl:

Also räumten sie den Saal.

15Wie verwüstet war sein Land,

Doch konnte Gachmuretens Hand

Schwenken solcher Gabe Sold,

Als trügen alle Bäume Gold.

Große Gabe ward vertheilt.

20Freund' und Mannen unverweilt

Nahmen hin des Helden Gut;

Da war der Köngin wohl zu Muth.

Zu Stande kam die Hochzeit

Nun nach manchem harten Streit.

25Doch ward er so geschlichtet,

Ich hab es nicht erdichtet:

Man sagte mir, daß Eisenhart

Königlich bestattet ward

Von Freund und Mannen insgemein.

Der Zins, den sein Land ihm ein

[54]Trug in einem Jahre,

Ward erlegt bei seiner Bahre;

Das thaten sie aus freiem Muth.

Gachmuret das große Gut

5Seine Holden ließ behalten;

Sie mochten drüber schalten.

Am Morgen vor der Veste

Schieden aus dem Land die Gäste.

Sich trennten, die da waren,

10Und führten viel der Bahren.

Der Herbergen stand das Feld

Entblößt bis auf des Königs Zelt;

Das hieß er auch zu Schiffe tragen.

Seinem Volke ließ er sagen,

15Er brächt es nur gen Aßagog:

Mit der Red er sie betrog.

Diesen kühnen stolzen Mann

Fiel nun bald das Heimweh an.

Seine Freude war der Sorgen Pfand,

20Als er nicht mehr zu kämpfen fand.

Jedoch war ihm das schwarze Weib

Lieber als sein eigner Leib.

Nie war ein Weib so rein wie sie:

Vergeßen mocht ihr Herz es nie:

25Keuschheit und zarte Weiblichkeit

War ihr das wertheste Geleit.

Aus Sevilla der Stadt

War geboren, den er bat,

Daß er mit ihm enteile.

Er hatt ihn manche Meile

[55]Gefahren schon, ihn auch zuvor

Hieher gebracht; er war kein Mohr.

Der Steurer sprach, der weise:

»Hehlt es vor ihnen leise,

5Die so schwarze Haut hier tragen.

Meine Schiffe können jagen:

Nimmer holen sie uns ein,

Wir wollen bald von dannen sein.«

Er ließ sein Gold zu Schiffe tragen.

10Nun muß ich euch von Scheiden sagen.

Bei Nacht fuhr ab der werthe Mann;

Das ward verstohlen gethan.

Als er entrann vom Weibe,

Trug sie schon im Mutterleibe

15Ein zwölf Wochen altes Kind.

Ihn entführte rasch der Wind.

Die Frau in ihrem Beutel fand

Einen Brief von ihres Mannes Hand.

Auf Französisch, das sie konnte,

20Zu sagen ihr die Schrift begonnte:

»Hier entbeut ein Lieb dem andern Lieb:

Wohl bin ich dieser Fahrt ein Dieb;

Ich muß sie Jammer fürchtend stehlen.

Ich kann dir, Frau, nicht verhehlen,

25Wär dein Glaube gleich dem meinen,

Immer müst' ich um dich weinen;

Und hab schon immer nach dir Pein.

Wird unser beider Kindelein

Von Anblick einem Manne gleich,

Fürwahr, so wird er tugendreich.

[56]Er ist von Anschau geboren;

Minn ist ihm zur Frau erkoren.

Er wird ein Blitz in Streit und Fahr,

Dem Feind ein übler Nachbar.

5Wißen soll der Sohn mein,

Sein Ahnherr war genannt Gandein

Und fand im Ritterstreit den Tod.

Des Vater litt die gleiche Noth;

Er war geheißen Addanz;

10Sein Schild verblieb gar selten ganz.

Addanz war ein Breton;

Er und Utepandragon

Waren zweier Brüder Kind,

Die beide hier geschrieben sind:

15Der Eine war Laßaließ;

Brikus der Andre hieß,

Und beider Vater Maßadan.

Ihn führt' eine Fee gen Fehmorgan,17

Die Terre de la joie hieß,

20Und ganz ihr Herz ihm überließ.

Mein Geschlecht entsprang von diesen zwein,

Und immer giebt es lichten Schein.

Jeglicher noch die Krone trug

Und hatte Würdigkeit genug.

25Herrin, läßt du taufen dich,

Wohl noch erwerben magst du mich.«

Seinem Glauben trug sie keinen Haß:

»O wie bald geschähe das!

Käm er gleich zurückgeeilt,

Ich vollbrächt' es unverweilt.

[57]Wem hat hier seine edle Zucht

Gelaßen seiner Minne Frucht?

Weh liebliche Genoßenschaft!

Soll mir nun der Trauer Kraft

5Immer zwingen Seel und Leib?

Seinem Gott zu Ehren,« sprach das Weib,

»Ich gern mich taufen wollte

Und leben wie ich sollte.«

Ihr gab dieß Leid manch harten Streich;

10Ihre Treue fand den dürren Zweig,

Wie noch die Turteltaube thut;

Die hatte stäts den gleichen Muth:

Trug sie um Minne Kummers Last,

Ihre Treue kor den dürren Ast.

15Die Frau zu rechter Zeit gebar

Einen Sohn, der zweier Farben war.

Ein Wunder legte Gott an ihn;

Weiß und schwarzer Farb er schien.

Die Königin küsst ihn tausend Male

20Alsbald auf seine blanken Male.

Die Mutter hieß ihr Kindelein

Feirefiss Anschewein.

Der ward ein Waldschwende,18

Da die Tjoste seiner Hände

25Manches Speres Schaft zerbrachen,

Der Schilde viel durchstachen.

Wie die Elster ganz und gar19

Trug ihm Farbe Haut und Haar.

Nun war es über Jahres Ziel,

Seit Gahmureten man so viel

[58]Gepriesen dort in Zaßamank,

Wo seine Hand den Sieg errang.

Noch immer schwebt' er auf der See:

Ihm thaten schnelle Winde weh.

5Ein seiden Segel sah er fern:

Das trug ein Schiff und auch die Herrn,

Die als Boten Friedebrand

Frau Belakanen zugesandt.

Er bat sie, daß sie ihm verzeihe,

10Wie auch sein Freund erschlagen seie,

Daß sein Heer je ihre Stadt umsaß.

Da brachten sie den Adamas,

Halsberg, Schwert und Hosenpaar.

Ein großes Wunder wars fürwahr,

15Daß ihm das Schiff entgegenfuhr,

Wie mir die Aventüre schwur.

Sie gabens ihm: er gab sein Wort,

Daß er ihre Botschaft dort

Vermelde, kam er heim zu ihr.

20Sie schieden sich; man sagte mir,

Daß ihm das Meer den Hafen gab;

In Sevilla stieg er ab.

Mit Gold der Degen wohlgethan

Lohnte seinem Steuermann

25Reichlich seine Arbeit.

Sie schieden sich; das war dem leid.

II.
Herzeleide.

Inhalt

Da sein Vetter, König Kailet, den er zu Sevilla vergebens aufsucht, gen Kanvoleis zum Turnier gezogen ist, so macht auch er mit hundert neuen Speren sich dahin auf. Dieß Turnier hatte die Königin Herzeleide, die jungfräuliche Wittwe, ausgeschrieben, und dem Sieger ihre Hand und beide Königreiche, Waleis und Norgals mit den Hauptstädten Kanvoleis und Kingrivalis, verheißen. Gachmuret läßt sein vor Patelamund erworbenes Prachtgezelt aufschlagen und hält einen glänzenden Einzug in Kanvoleis: durch beides erregt er die Bewunderung der Königin, deren stralende Schönheit auch ihn durchzuckt. Hier findet er Kailet, Killirjakag und Gaschier wieder. Kailet bittet ihn, ihm im Turnier gegen Hardeiß, König von Gaskon, beizustehen, der ihn haßt, weil er seine Schwester Aleiß verschmäht hat, welche jetzt dem gleichfalls gegenwärtigen Herzog Lämbekein von Brabant vermählt ist. Die zum Turnier anwesenden Ritter haben sich in ein inneres und äußeres Heer getheilt, je nachdem sie in der Stadt oder draußen auf dem Felde liegen. Zum inneren Heere, dem sich Gachmuret beigesellt, halten sich, außer dessen schon genannten Freunden, der alte Britenkönig Utepandragon, dessen Sohn Artus schon drei Jahre seiner von dem Zauberer Klinschor entführten Mutter nachzieht, ferner König Lot von Norwegen, mit seinem unmündigen, hier zuerst erwähnten Sohne Gawan, die Könige von Patrigalt und Portugall, die Provenzalen und Waleisen u. s. w. Zum äußern gehören, außer König Hardeiß von Gaskon und seinem Schwager, dem Herzog Lämbekein von Brabant, noch die Könige Brandelidelein von Punturtois und Schaffilor von Arragon, dann König Lähelein und der König von Askalon, ferner Morhold von Irland, Cidegast von Logrois, Poitewin von Prienlaskros u. s. w. Als Theilnehmer am Turnier werden ferner erwähnt Schiolarz de Poitou, Gurnemans de Graharz und Riwalin, König von Lohneis, der Vater Tristans. Schon am Vorabend beginnt der Kampf mit einem Vesperspiel (Vorturnier). Gachmuret, in Eisenharts Rüstung, besiegt und fängt unter Andern die Könige Hardeiß von Gaskon, Brandelidelein von Punturtois, Schaffilor von Arragon und Lähelein; Kailet sticht den Herzog von Brabant nieder, wird aber selbst von den Punturteisen gefangen, wie Killirjakag, der zuvor den König Lach niedergerannt hat, von Morholden. Doch bleibt der Sieg den Innern, vornämlich durch Gachmurets Tapferkeit. Traurig empfängt er gleichwohl die Königin Herzeleide, die ihn am Abend in seinem Zelte besucht. Ihn foltern die widersprechendsten Gefühle; denn während des Kampfs hatte ihm seine Jugendgeliebte, die Königin Anflise von Frankreich, deren Gemahl gestorben ist, ihre Hand antragen laßen; auch verdüstert seinen Sinn die Ahnung von dem Tode seines Bruders Galoes; denn ein Fürst des Landes Anschau hatte dessen Wappenschild umgekehrt, mit emporgerichteter Spitze, getragen. Dazu peinigen ihn Gewißensbiße über seine treulose Flucht von Zaßamank, dessen schwarze Königin er immer noch liebt, da ihn doch auch Herzeleidens Schönheit nicht unempfindlich läßt. Kailet und Killirjakag, von den Aeußern zur Auswechselung gegen König Brandelidelein hereingeschickt, kommen hinzu und erklären Gachmuret für Sieger im Turnier, da die Aeußern, deren Stärke Gachmuret gefangen genommen hat, es bei dem Vesperspiel bewenden laßen wollen. Da hienach Herzeleide, dem Gesetze des Turniers gemäß, seine Hand anspricht, und zugleich Anflisens Boten deren Rechte verwahren, gelobt Gachmuret, Kanvoleis nicht zu verlaßen, bis über Herzeleidens Sache entschieden sei. Als sie sich entfernt, erfährt Gachmuret durch Kailet die Bestätigung seiner Ahnung von dem Tode seines Bruders und zugleich die Nachricht, daß auch seine Mutter Schoiette gestorben ist. Er zieht sich in sein Zelt zurück und bringt die Nacht mit Jammer hin. Am andern Morgen finden Schiedsrichter, seiner Einrede, daß gar kein Turnier Statt gefunden, ungeachtet, das Urtheil, Gachmuret, als Sieger im Ritterspiel, dürfe Herzeleidens Hand nicht ausschlagen. Er unterwirft sich dem Spruch, worauf Anflisens Boten unwillig hinwegreiten. Da ihm nun mit der Hand Herzeleidens zwei Königreiche und als Erben seines Bruders auch die Krone von Anschau zugefallen, entschließt er sich als Volksherrscher zur Freude, vertauscht den Anker mit seines Vaters Wappen, dem Panther, und begeht, nachdem er Hardeißen mit Kailet versöhnt hat, eine glänzende Hochzeit. Von Herzeleiden hatte er sich monatlich ein Turnier ausbedungen: darin trägt er das seidene Hemde seiner Frauen über dem Harnische, welches sie dann, durchstochen und zerhauen, wieder anlegt. Dieß war achtzehnmal geschehen, als er wieder über Meer fährt, um dem Baruch, der von jenen babylonischen Brüdern abermals überfallen ist, beizustehen. Herzeleide, die schwanger zurückgeblieben ist, wird eines Tages von einem Traume geängstigt, der ihr den Tod des Gemahls und zugleich ihres Kindes Schicksale vorbedeutet. Als sie erwacht, bringt Tampaneis, Gachmurets Meisterknappe, die Trauerbotschaft von dessen Tod durch den Verrath Ipomidons. Vierzehn Tage später gebiert sie die Blüte aller Ritterschaft: Parzival.

Dort zu Spanien in dem Land

War ihm der König wohlbekannt;

Das war sein Vetter Kailet;

Zu diesem eilt er gen Toled.

[59]Der war nach Ritterschaft gefahren,

Wo es galt den Schild nicht sparen.

Da läßt auch er bereiten sich

(So lehrt die Aventüre mich)

5Mit Speren, die von Buntheit stralen

Und mit grünen Zindalen:

Denn jeder hatte sein Panier,

Härmeline Anker drauf so zier,

Daß man sie köstlich pries und reich;

10Sie waren lang und breit zugleich

Und reichten nieder auf die Hand.

Wenn man sie zur Spitze band

Oder tiefer eine Spanne.

Deren ward dem kühnen Manne

15Einhundert da zurecht gemacht

Und durch die Lande nachgebracht

Von seines Vetters Hausgetreuen.

Ehren und mit Dienst erfreuen

Konnten sie ihn nach Würdigkeit;

20Das war auch ihrem Herrn nicht leid.

Er strich ihm nach wer weiß wie lang,

Bis er Herberg sich errang

In dem Lande Waleis.

Geschlagen war vor Kanvoleis

25Mancher Pavillon auf einen Plan.

Ich sag es nicht nach eitelm Wahn;

Gebietet ihr, so ist es wahr.

Halten ließ da seine Schar

Der Herr und sandte vor ihm ein

Den klugen Meisterknappen sein:

[60]Er sollte, wie sein Herr ihn bat,

Herberge nehmen in der Stadt.

Der eilte sich, er war kein Träumer;

Man zog ihm hinterdrein die Säumer.

5Kein Haus mocht er gewahren,

Des Dach nicht Schilde waren;

Auch die Wände sah er all behangen

Und mit Speren rings umfangen.

Die Königin von Waleis

10Hat angesagt zu Kanvoleis

Ein Turnier von solcher Strenge,

Manchem Zagen wird es enge

Ums Herz, wo er dergleichen sieht;

Auf sein Gebot es nicht geschieht.

15Eine Jungfrau war sie, nicht ein Weib,

Zwei Länder und den eignen Leib

Bot sie dem, der Sieger wäre.

Manchen fällte diese Märe

Hinters Ross auf den Sand.

20Wer ein solch Gefalle fand,

Viel Glück ward dem nicht nachgesagt.

Des pflagen Helden unverzagt,

Sie zeigten Muth zur Ritterschaft:

Mit hurtiglicher Schenkel Kraft

25Ward da manches Ross ersprengt

Und der Schwerter viel erklängt.

Ueber einen Fluß geschlagen

Eine Brücke sah man ragen,

Mit einem Thor beschloßen,

Das ein Knappe unverdroßen

[61]Aufthat, wenn man ihm befahl.

Darüber stand der Königssaal.

Auch saß des Landes Königin

In den Fenstern darin

5Mit Mägdelein und Frauen,

Die sah man spähn und schauen,

Was die Knappen drüben thaten.

Sie hatten sich berathen

Und schlugen ein Gezelt hier auf.

10Zu ungewährter Minne Kauf

Ward des einst ein König ledig,

Dem Belakane war ungnädig.

Mit Mühen ward aufgeschlagen,

Das dreißig Säumer musten tragen,

15Ein Zelt von höchster Kostbarkeit.

Auch war der Plan wohl so breit,

Daß sich die Schnüre streckten dran.

Gachmuret der werthe Mann

Nahm im Freien erst den Imbiß,

20Darauf mit Fleiß er sich befliß,

Wie er höfisch käm geritten.

Verzug ward nicht gelitten;

Die Knappen hatten ihm zumal

Gebunden seiner Spere Zahl,

25Jedweder fünf mit Einem Band;

Den sechsten führt' er in der Hand

Mit dem Anker im Paniere:

So zog heran der Ziere.

Vor der Königin ward vernommen,

Daß ein Fremdling kommen

[62]Sollt aus einem fernen Land,

Der hier Niemand wär bekannt.

»Höfisch ist sein Volk, aus beiden

Gemischt, Franzosen und Heiden;

5Mancher mag ein Anschewein

Wohl nach seiner Sprache sein.

Ihr Muth ist stolz, ihr Gewand ist klar,

Wohl geschnitten auch fürwahr.

Seiner Knappen sprach ich einen;

10Die werden nicht um Mangel weinen.

Sie sagen, wer um Habe flehe,

Wenn er zu ihrem Herren gehe,

So scheid er ihn von Kummers Schwere.

Bei ihnen fragt' ich nach der Märe:

15Da sagten sie mir sonder Wank,

Der König wärs von Zaßamank.«

Die Kunde bracht ihr ein Garzon.

»Avoi! welch ein Pavillon!20

Eure Krone stünd und euer Land

20Wohl nicht halb dafür zu Pfand.«

»So sehr zu loben brauchst du's nicht.

Mein Mund dir das nicht widerspricht,

Es gehört wohl einem reichen Mann,

Der wenig Armut je gewann.«

25Also sprach die Königin hehr.

»Weh, was kommt er selbst nicht her?«

Das zu erfragen bat sie ihn.

Durch die Stadt höfisch ziehn

Sah man nun diesen Kecken

Und die Schlafenden wecken.

[63]Viel Schilde fand er hangen.

Posaunen schmetternd klangen

Voraus auf seinen Wegen:

Mit Wurf, mit mächtgen Schlägen

5Zwei Trommeln gaben lauten Schall:

Ueber all die Stadt erscholl der Hall.

Es war jedoch der Ton gemischt,

Mit Flötenstimmen süß erfrischt.

Es war ein Marsch, den sie bliesen.

10Vergeßen wir nicht über diesen,

Wie ihr Herr gekommen sei;

Dem ritten Fiedelspieler bei.

Da legte der Degen werth

Ein Bein vor sich übers Pferd,

15Zwei Stiefel an den bloßen Beinen.

Den Mund sah man ihm röthlich scheinen

Wie ein glühender Rubin;

Die Lippen dick und nicht zu dünn.

Sein Leib war allenthalben klar,

20Schön gelockt das lichte Haar

So weit es sehen ließ der Hut;

Köstlich war auch der und gut.

Grün samten war der Mantel sein;

Der Pelz davor gab schwarzen Schein

25Auf einem Hemde fein und blank.

Von Gaffern war da großer Drang.

Die Frage viel vernommen ward,

Wer der Ritter wäre sonder Bart,

Der solchen Reichtum möge zeigen?

Sie brauchtens Niemand zu verschweigen:

[64]Man sagt' es ihnen ohne Trug.

Nach der Brücke nahm den Zug

Ander Volk und auch das seine.

Von dem lichten Scheine,

5Der ausging von der Königin,

Bis in das Bein durchzuckt' es ihn.

Aus richtet sich der Degen werth

Wie ein Federspiel, das gehrt.

Die Herberge daucht ihn gut;

10Also stand des Helden Muth.

Sie empfand auch wohl, die Wirthin,

Von Waleis die Königin.

Der König Spaniens erfuhr,

Es stünd auf der Löwenflur

15Ein Gezelt, das Gachmureten

Von Raßalig erbeten

Einst wurde vor Patelamunt:

Das that ihm ein Ritter kund.

Auf sprang er hurtig wie der Wind;

20Er war der Freuden Ingesind.

Noch sprach derselbe Ritter da:

»Eurer Muhme Sohn ich sah

Kommen in alter Ziere:

Es sind hundert Paniere

25Bei einem Schild ins grüne Feld

Gestoßen vor sein Prachtgezelt;

Die Fähnlein alle grüne.

Endlich hat der Kühne

Von Harm drei Anker licht und schön

Auf jeglichem Zindal stehn.«

[65]»Ist er unterm Helme hie?

Avoi! so soll man schauen, wie

Er die Scharen weiß zu mengen

Und im Sturm einher zu sprengen!

5Der stolze König Hardeiß

Hat mit Zorn seinen Fleiß

Nun lang genug auf mich gewandt;

Den soll hier Gachmuretens Hand

Mit seinen Tjosten neigen.

10Nun will mein Glück sich zeigen!«

Seine Boten sandt er gleich hindann,

Wo Gaschier der Normann

Mit großem Ingesinde lag,

Und der lichte Killirjakag:

15Die waren da, von ihm erbeten.

Zum Pavillone mit Kaileten

Gingen die zwei Helden gut.

Da empfingen sie mit frohem Muth

Den werthen König von Zaßamank.

20Die Weile dauchte sie zu lang,

Bis sie ihn wiedersahen:

Das gestanden sie beim Nahen.

Da fragte sie der Held um Märe,

Wer zum Turnier zugegen wäre.

25Da sprach seiner Muhme Kind:

»Aus fernem Land gekommen sind

Ritter, die die Minne jagt,

Viel kühner Helden unverzagt.

Hier hat manchen Breton21

Roi Utepandragon.

[66]Diesen sticht es wie ein Dorn,

Daß er sein Weib hat verlorn,

Die Artusen ihm gebar.

Ein Pfaffe, der ein Zaubrer war,

5Hat die Frau ihm entwandt;

Dem ist Artus nachgerannt.

Es geht ins dritte Jahr nun schon,

Daß er Weib vermisst und Sohn.

Hier ist auch seiner Tochter Mann,

10Der Waffenspiel wohl spielen kann,

Lot von Norwäge,

Zu falscher That der träge,

Geschwind jedoch zum Preise,

Der kühne Degen weise.

15Hier ist auch sein Sohn Gawan,

So schwach noch, daß er nie gethan

Ritterschaft im Ehrenfeld.

Er war bei mir, der kleine Held:

Er sagte, könnt er einen Schaft

20Zerbrechen, fehlt' ihm nicht die Kraft,

So thät' er gerne Rittersthat.

Wie es früh sein Muth begonnen hat!

Auch der König hat von Patrigalt

Von Speren einen ganzen Wald;

25Doch heißt noch nichts ihr Wesen all

Gegen die von Portugal.

Die nennen wir die Frechen,

Die durch Schilde wollen stechen.

Hier laßen Provenzalen

Schilde von Helle stralen.

[67]Hier sind endlich die Waleise,

Die da reiten ihre Kreise

Durch die Haufen nach Gelüsten,

Mit ihres Landes Kraft sich brüsten.

5Noch Viel sind hier um Weibesgruß,

Deren Namen ich verschweigen muß.

Von denen ich sie kund gethan,

Wir alle liegen sonder Wahn

Mit großem Aufwand in der Stadt,

10Wie die Königin geboten hat.

»Nun hör auch, wer im Felde liegt

Und unsre Stärke leicht besiegt.

Der werthe König Askalons

Und der stolze König Arragons,

15Cidegast von Logrois

Und der König auch von Punturtois;

Der heißt Brandelidelein;

Da ist auch der kühne Lähelein;

Da ist Morhold von Irland:

20Der raubt uns hier gar manches Pfand.

Drüben liegen auf dem Plane

Auch die stolzen Allemane:

Der Herzog von Brabant

Kam gefahren in dieß Land

25Für den König Hardeiß.

Seine Schwester Aleiß

Gab ihm der König von Gaskon:

Sein Dienst empfing voraus den Lohn.

»Die stehn mit Zorn entgegen mir;

Jedoch vertrauen will ich dir.

[68]Gedenke nun der Sippe dein;

Bei Lieb und Treue, warte mein.«

Da sprach der Held von Zaßamank:

»Von dir begehr ich keinen Dank,

5Was dir mein Dienst zu Ehren thut:

Wir haben billig Einen Muth.

Steht dein Strauß noch sonder Nest?

Du sollst dein Sarapandratest

Wider seinen halben Greifen tragen.

10Mein Anker wird in Grund geschlagen

Bei seines Antritts schnellstem Hurt:

Er selber suche die Furt

Hinterm Ross auf dem Grieße.

Wenn man uns zusammen ließe,

15Ich fällt' ihn, oder er mich,

Bei meiner Treu versichr ich dich.«

Heim ritt da Kailet erfreut;

Bei seiner Freude war kein Leid.

Jetzt erhob sich Kampfgeschrei

20Von erlauchter Helden zwei:

Von Poitou Schiolarz

Und Gurnemans de Graharz,

Die tiostierten auf dem Plan.

Da hob das Vesperspiel sich an:

25Hier ritten sechse, dorten drei;

Da gesellten leicht sich Haufen bei.

Sie begannen rechte Rittersthat;

Es gab nun auch nicht andern Rath.

Noch war es um den mitten Tag;

Der Held in seinem Zelte lag:

[69]Da erfuhr der König von Zaßamank,

Die Ritte wären weit und lang

Auf dem Feld geworden

Nach rechtem Rittersorden.

5Da fuhr auch hin der Kühne

Mit manchem Banner grüne.

Noch sollte nichts von ihm geschehn:

Er wollte nur in Muße sehn,

Wie es stünd auf beiden Seiten.

10Seinen Teppich ließ er spreiten,

Wo die Haufen sich verwirrten,

Und gestochne Rosse kirrten.

Von Knappen war umher ein Ring,

Dazu von Schwertern Klinge Kling.

15Wie nach Preis die Helden rangen,

Deren Klingen also klangen!

Die Spere krachten auch wohl so,

Man brauchte nicht zu fragen wo?

Geschwader waren statt der Wände;

20Da wirkten Wunder Rittershände.

Dieses Kampfspiel war so nah,

Von dem Saal hernieder sah

Manche Frau der Helden Streit.

Doch wars der Königin leid,

25Daß von Zaßamank der König hehr

Sich nicht drängte mit der Andern Heer.

»Weh, wohin ist er gekommen,

Von dem ich Wunder viel vernommen?«

Nun war auch Roi de Franze todt,

Des Weib ihn oft in große Noth

[70]Gebracht mit minniglichem Sinn.

Die erlauchte Königin

Hatte Boten ausgesandt,

Ob er nicht wieder wär ins Land

5Gekommen aus der Heidenschaft:

Sie zwang dazu der Liebe Kraft.

Da ward im Streite viel gethan

Von manchem kühnen armen Mann;

Doch jagten die dem Ziel nicht nach,

10Das die Königin versprach:

Ihre Hand und beide Länder;

Sie begehrten andrer Pfänder.

Nun war auch Gachmuretens Leib

In jener Rüstung, die sein Weib

15Einst der Sühne hatt ermahnt,

Der sie der Schotte Friedebrand

Zur Gabe schickte für den Schaden,

Womit sein Streit sie überladen.

Die Erde Beßres nicht besaß.

20Da schaut' er nun den Adamas,

Den Helm. Darüber man ihm band

Einen Anker, der bestand

Aus verbundnen Edelsteinen,

Großen, nicht zu kleinen;

25Das war doch eine schwere Last:

So gehelmziert war der Gast.

Wie der Schild geschmückt ihm war?

Aus arabschem Golde klar,

Eine theure Buckel drauf geschlagen,

Schwer von Gewicht, die must er tragen.

[71]Sie gab von Röthe solchen Glanz,

Drin spiegeln mochte man sich ganz.

Ein Anker stand von Zobel drauf.

Ich lüde gern mir selber auf,

5Womit der Held sich hat beschwert,

Denn manche Mark war es werth.

Sein Wappenrock war räumig weit,

Ich wette, daß man in den Streit

So guten selten führte,

10Der lang den Teppich rührte.

Er glänzte, wenn ichs kenne,

Wohl so, als ob da brenne

Bei der Nacht ein queckes Feuer;

Verblichne Farbe war da theuer.

15Sein Schimmer mied die Blicke nicht,

Doch mied ihn gern ein schwach Gesicht.

Er war von Gold gebildet, das

Am Gebirge Kaukasas

Greifenklauen aus dem harten

20Felsen zerrten und bewahrten,

Und noch bewahren heute.

Aus Arabien kommen Leute,

Die erwerben es mit List

(Beßres nicht zu finden ist)

25Und bringens heim gen Arabie,

Wo man die guten Achmardi22

Wirket und die Pfellel reich:

Kein Gewand kommt diesem gleich.

Den Schild der Held zu Halse nahm.

Da stand ein Ross gar lobesam,

[72]Gewappnet schier bis an den Huf;

Dabei von Knappen Ruf auf Ruf.

Er sprang hinauf, als er es fand.

Da verschwendete des Helden Hand

5Manch starken Schaft im Lanzenspiel,

Der Haufen auch zertrennt' er viel,

Immer durch, und jenseits wieder aus;

Dem Anker folgte nach der Strauß.

Gachmuret stach hinters Ross

10Poitewin de Prienlaskros

Und sonst noch manchen werthen Mann,

Von dem er Sicherheit gewann.

Wenn er bekreuzte Ritter sah,

Die genoßen seiner Stärke da:23

15Die erkämpften Rosse gab er ihnen;

Sie mochten viel an ihm verdienen.

Gleicher Paniere

Ihm entgegen fuhren viere

(Darunter sah man Rotten reiten;

20Auch wuste wohl ihr Herr zu streiten):

Auf jedem eines Greifen Schweif.

Zahllosen Rittern war vom Greif

Dieser Schwanz ein Wappenbild;

Den vordern Theil auf seinem Schild

25Der König von Gaskone trug,

Den halben Greif, ein Ritter klug.

Gerüstet war der Held zu schauen,

Daß er wohl gefiel den Frauen.

Er hob sich vor den Andern aus,

Als er auf dem Helm ersah den Strauß;

[73]Doch kam der Anker erst an ihn.

Da stach ihn hinters Ross dahin

Der werthe Fürst von Zaßamank

Und fing ihn. Groß war da der Drang:

5Furchen wurden glatt getrennt,

Mit Schwertern wirres Haar gekämmt;

Da ward verschwendet der Wald,

Daß zur Erde Mancher niederprallt.

Die wandten sich (so hört ich sagen)

10Nach hinten, wo da stehn die Zagen.

Das Kampfgetümmel war so nah,

Die Frauen sahen wohl, wer da

Sich erwarb des Ruhms Gewinn.

Vom Sper des minnenden Riwalin

15Von Splittern schneit' ein neues Gleis;

Das war der König von Lohneis;24

Laut krachte seiner Stöße Schall.

Einen Ritter ihnen Morhold stahl,

Den er aus dem Sattel zu sich hub:

20Das war ein ungefüger Schub.

Der Ritter hieß Killirjakag.

Von dem hatte König Lach

Zuvor empfangen solchen Sold,

Den man fallend an der Erde holt;

25Auch hatt er sonst noch viel gethan.

Da gelüstete den starken Mann,

Ihn zu bezwingen ohne Schwert:

Also fing er den Degen werth.

Zu Boden stach Kailetens Hand

Den Herzogen von Brabant,

[74]Der hieß mit Namen Lämbekein.

Was thaten da die Degen sein?

Sie beschirmten ihn mit Schwerten,

Die eitel Kampf begehrten.

5Der König stach von Arragon

Den alten Utepandragon

Hinters Ross auf den Plan,

Diesen König von Bretan.

Es stunden Blumen viel um ihn.

10Seht, wie höflich ich doch bin,

Daß ich den werthen Britaneis

Bette so schön vor Kanvoleis,

Wohin nie eines Bauern Fuß25

(Wie ich in Wahrheit sagen muß)

15Noch trat, vielleicht auch nimmer tritt –

Da er doch einmal niederglitt

Von dem Ross, drauf er geseßen.

Doch ward sein länger nicht vergeßen:

Ihn beschirmten, die da um ihn stritten.

20Da wurde mancher Stoß erlitten.

Nun der König kam von Punturteis,

Der ward allhier vor Kanvoleis

Auf seines Rosses Spur gefällt,

Daß er dahinter lag im Feld.

25Das that der stolze Gachmuret.

Tret ihn nieder, trete, tret!

Im Streite fanden sie zu treten.

Seiner Muhme Sohn, Kaileten,

Fingen die Punturteise:

Da wurde rauh die Reise.

[75]Als man ihnen Brandelideleinen,

Ihren König nahm, die Seinen

Einen andern König für ihn fingen.

Hin und wieder liefen, gingen

5Helden viel in Eisenschienen.

Mich dünkt, da ward der Braten ihnen

Zermürbt mit Schlegeln und mit Keulen;

Ihre Haut trug schwarze Beulen.

Von Quetschung mochten melden

10Die wohlgethanen Helden.

Lautre Wahrheit bleibt mir Pflicht:

Ruhe liebte man hier nicht.

Die Werthen führte Lieb ins Feld,

Manchen Schild von Kunst erhellt

15Und manch hochgekrönten Helm:

Hier lagen sie in Staub und Melm.

Im Felde sah man Blumen blühn

Und kurzes Gras so saftig grün:

Darauf fiel mancher werthe Mann,

20Dem solche Ehre ward gethan.

Mein Ehrgeiz ward bescheidner längst:

Ich sitze lieber auf dem Hengst.

Hin ritt der Held von Zaßamank

Aus des Kampfgetümmels Drang,

25Wo ein geruhtes Ross ihm stand.

Man band ihm ab den Diamant,

Daß Wind ihn kühle vor der Hitze,

Sonst aus keinem Aberwitze.

Man streift' ihm ab sein Härsenier;26

Ihm war der Mund so roth und zier.

[76]Ein Weib, die ich genannt vorher,

Hier kam nun ihr Kaplan daher

Und kleiner Jungherren drei,

Nebst starken Knappen, welche zwei

5Säumer führten an der Hand.

Die Boten hatte hergesandt

Anflise, Frankreichs Königin.

Der Kaplan mit klugem Sinn,

Alsbald erkannt er seinen Mann

10Und sprach ihn auf französisch an:

»Bien soi venü, beau Sir,

Meiner Frauen so wie mir.

Es ist die Reine de Franze:

Die traf deiner Minne Lanze.«

15Einen Brief ihm gab er in die Hand,

Darin der Degen Grüße fand

Und ein kleines Ringelein:

Das sollt ein Wahrzeichen sein;

Empfangen hatt es seine Frau

20Einst von dem Helden von Anschau.

Er neigt. als er die Schrift ersieht:

Nun höret, wie ihn die beschied.

»Dir entbietet Minn und holden Gruß

Mein Herz, das immer trauern muß,

25Seit es deine Minn empfand.

Deine Minn ist Schloß und Band

Vor meines Herzens Herzenslust,

Deine Minn erstickt mir die Brust.

Bleibt mir deine Minne fern,

So glänzt mir nie der Minne Stern.

[77]Komm her und nimm von meiner Hand

Krone, Scepter und ein Land:

Da sie mir sind anerstorben,

Hat sie deine Minn erworben.

5Auch nimm zum Soldimente

Die reichen Präsente

In den vier Saumschreinen.

Als mein Ritter sollst du auch erscheinen

In dem Lande zu Waleis

10Vor der Hauptstadt Kanvoleis.

Sieht es auch die Königin:

Das bringt mir wenig Ungewinn.

Schöner, reicher bin ich sicher,

Dazu kann ich minniglicher

15Minn empfahn und Minne geben.

Willst du nach werther Minne streben,

So nimm meine Krone

Deiner Minne zu Lohne.«

Das wars, was in dem Briefe stand.

20Das Härsenier des Knappen Hand

Wieder ihm zu Häupten zieht.

Gachmureten Kummer mied.

Man setzt' ihm auf den Adamas,

Der dick und hart war ohne Maß.

25Da wollt er wieder streiten.

Die Boten ließ er leiten

Sich auszuruhn in sein Gezelt.

Wo Gedränge war, das schied der Held.

Dieser verlor und der gewann.

Nachholen mochte wohl ein Mann,

[78]Was er versäumt an kühner That;

Hier war dazu genugsam Rath.

Die Einen sah man tiostieren,

Die Andern rottenweis punieren.

5Sie begaben sich der Schliche,

Die man nennet Freundesstiche;

Trauliche Gevatterschaft

Ward zunicht vor Zorneskraft.

So wird die Krümme selten schlicht.

10Man saß nicht lange zu Gericht:

Wer was gewann behielt sich das

Sorglos um des Andern Haß.

Aus manchen Landen stammten sie,

Die mit Rittershänden hie

15Schildesamtespflichten übten,

Sich um Schaden nicht betrübten.

Da geschah von Gachmureten,

Was Anflise sich erbeten,

Daß er ihr Ritter wäre;

20In dem Brieflein stand die Märe.

Avoi! nun ließ er erst sich los!

Thats Minne oder Kühnheit bloß?

Große Lieb und starke Treu

Schuf ihm seine Kräfte neu.

25Nun sah er wie der König Lot,

Den Schild dem Sturm entgegenbot;

Schier hätt er sich zur Flucht gewandt;

Das wehrte Gachmuretens Hand.

Die Haufen er im Anritt brach

Und Arragoniens König stach

[79]Hinters Ross mit einem Rohr;

Der König hieß Schaffilor.

Der Sper hatte kein Panier,

Mit dem er stach den Degen zier;

5Er bracht ihn aus der Heidenschaft.

Die Seinen wehrten ihn mit Kraft;

Er fing jedoch den Degen hehr.

Vom innern ward das äußre Heer

Zurück geschlagen tief ins Feld.

10Ihr Vesperspiel war wohl bestellt;

Wohl dürft es heißen ein Turnei,

Denn mancher Schaft lag hier entzwei.

Da begann zu zürnen Lähelein:

»Sollen wir so entehret sein?

15Das schuldet, der den Anker trägt.

Unser Einer heut noch legt

Den andern, wo er unsanft liegt:

Schier haben sie uns schon besiegt.«

Raumes schuf ihr Anlauf viel:

20Da ging es über Kinderspiel.

Ihre Hände schufen bald,

Daß verschwendet ward der Wald.

Sie trugen beid ein gleich Begehr:

»Spere her, her neuen Sper!«

25Doch muste dulden Lähelein

Eine schmähliche Pein:

Ihn stach der Held von Zaßamank

Hinters Ross, des Speres lang,

Der in das Rohr geschäftet saß.

Seine Sicherheit er an sich las;

[80]Doch läs' ich lieber süße Birn,

Wie die Ritter vor ihm niederschwirr'n.

Von Vielen ward der Ruf erhoben,

Die vor seiner Tjost entstoben:

5»Hier kommt der Anker, flieh, o flieh!«

Entgegen ritt dem Helden hie

Ein Fürst des Landes Anschau

(Trauer trug er jetzt zur Schau),

Des Schildes Spitz empor gekehrt:

10Das hatt ihn Jammersnoth gelehrt.

Der Held die Wappen bald erkannte:

Warum er sich da von ihm wandte?

Wollt ihr, ich bescheid euch des:

Dieß Wappen gab ihm Galoes.

15Fils dü Roi Gandein,

Der vielgetreue Bruder sein,

Eh Minne dem das Looß erwarb,

Daß er von einer Tjost erstarb.

Da band er nieder seinen Helm.

20Weder Gras noch Staubesmelm

Sein Kampf noch eben bahnte,

Weil ihn großer Jammer mahnte.

Mit sich selber lag sein Sinn im Streit,

Warum ers nicht erfragt zur Zeit

25Von seiner Muhme Sohn Kailet,

Was sein Bruder doch wohl thät,

Daß er nicht turnierte hie.

Leider wust er noch nicht, wie

Der vor Montorie gestorben.

Viel Leid hatt er erworben:

[81]Einer reichen Königin

Minne zwang ihm Herz und Sinn.

Die kam darauf um ihn in Noth:

Ihr gab der Treue Schmerz den Tod.

5Wie Gachmuret nun stand in Klage,

Doch hatt er an dem halben Tage

So manchen Sper verstochen,

Wär des Turniers Tag angebrochen,

Verschwendet würd ein Wald zumal.

10Hundert war der farbgen Zahl,

Die verthan hatt' dieser Ziere.

Seine schimmernden Paniere

Waren den Krieurs geworden;

Wohl gefiel das ihrem Orden.

15Da ritt er nach dem Pavillon;

Der Waleisin Garzon

Folgte ihm dahin in Eil,

Wo der theure Wappenrock zu Theil

Ihm ward, durchstochen und zerhauen;

20Den trug er hin zu seiner Frauen.

Er war von Gold und noch so gut,

Er glänzte wie in glühnder Glut.

Man sah daran, wie reich er war.

Da sprach die Königin: »Fürwahr,

25Dich hat ein werthes Weib gesandt

Mit diesem Ritter in dies Land.

Nun muß ichs klug zum Ziele lenken,

Die Andern alle nicht zu kränken,

Die Aventüre hergebracht;

Glück hätt ich Jedem zugedacht,

[82]Denn mir sind Alle Sippe,

Die entstammen Adams Rippe.

Doch ist es Gachmuretens That,

Die den Preis erworben hat.«

5Die Andern übten Ritterschaft

Noch mit solchen Zornes Kraft,

Daß sie walkten bis zur Nacht.

Die Aeußern stießen der Innern Macht

Zurück bis an ihr Pavillon;

10War nicht der Fürst von Askalon

Und Morholt von Irland,

Man war ihnen durch die Schnur gerannt.

Da war gewonnen und verloren:

Die Einen hatten Schmach erkoren,

15Die Andern Preis und Ehre.

Nun ist Zeit, daß man sie kehre

Von einander: Niemand sieht hier mehr.

Der Pfandner giebt kein Licht mehr her.27

Wer trieb' im Dunkeln gern das Spiel?

20Den Müden wird es so zuviel.

Leicht der Finsterniss vergaß

Man dort, wo Gachmuret nun saß,

Als wär es Tag. Das war es nicht;

Doch leuchtend schien manch großes Licht

25Von kleiner Kerzen großer Zahl.

Auf Oelbaumlaub sah man im Saal

Zum bequemen Sitz für Viele

Reiche Polster auf der Diele

Und breite Teppiche davor.

An die Schnüre ritt die Königin vor

[83]Mit Mägdelein und Frauen:

Sie wollten gerne schauen

Den werthen König von Zaßamank;

Ihre Ritter Müdigkeit bezwang.

5Das Tischtuch war schon abgenommen,

Eh sie zu dem Zelt gekommen.

Der Wirth erhob sich gleich vor ihr

Mit gefangener Könge vier;

Etliche Fürsten sah man auch.

10So empfing er sie nach höfschem Brauch.

Er gefiel ihr wohl, als sie ihn sah.

Die Waleisin sprach mit Freuden da:

»Ihr seid hier Wirth, wo ich euch fand,

Und ich bin Wirthin hier im Land:

15Wollt ihr, daß ich euch küssen soll,

So geschiehts mit meinem Willen wohl.«

Da sprach er: »Euer Kuss sei mein.

Wollt ihr diesen Herrn ihn auch verleihn:

Soll Fürst und König des entbehren,

20So darf auch ich es nicht begehren.«

»Wohl habt ihr Recht; es soll geschehn;

Die Herren hab ich nie gesehn.

Sie küsste, die es waren werth:

Das hatte Gachmuret begehrt.

25Nun lud er sie zu sitzen ein.

Der König Brandelidelein

Ihr höfisch dort zur Seite saß.

Grüne Binsen, thauig naß,

Dünn auf den Teppich ausgestreut,

Da saß er drauf, des hier sich freut

[84]Der Waleisen Königin.

Seine Minne zwang ihr doch den Sinn.

So nahe saß er wohl bei ihr,

Sie hob ihn auf und zog ihn hier

5Zur Seite neben sich genau.

Eine Jungfrau war sie, keine Frau,

Die ihn so nahe sitzen ließ.

Wollt ihr nun hören, wie sie hieß?

Die Köngin Herzeleide.

10Ihre Base hieß Rischeide,

Vermählt dem König Kailet,

Dem Muhmensohn von Gachmuret.

Frau Herzeleid gab solchen Schein,

Erlöschen all die Kerzen sein,

15Es war doch hell von ihr genug.

Wenn seiner Freude hohen Flug

Nicht hemmte bittres Herzenleid,

Seine Minne war ihr wohl bereit.

Sie sprachen manches höfsche Wort.

20Nun traten Schenken ein von dort,

Und Gezier von Aßagog,

Dran großer Reichtum Niemand trog,

Das trugen Jungherren ein.

Theure Näpfe mustens sein

25Vom edelsten Gesteine,

Weite, nicht zu kleine;

Sie waren allzumal von Gold,

Einst erworben von des Landes Sold,

Das Eisenhart so manchmal bot

Belakanen in der Minne Noth.

[85]So reichte man das Trinken dar

In manchem Steine hell und klar.

Smaragden und Sardinen;

Darunter auch Rubinen.

5Zu seinem Zelte ritten dort

Zwei Ritter auf ihr Ehrenwort.

Die Aeußern hatten sie gefangen.

Hier kamen sie hereingegangen;

Der Eine war Herr Kailet.

10Der sah, wie König Gachmuret

Da saß, als wär er unfroh.

Da sprach er: »Wie gebahrst du so?

Dein Preis ist doch dafür erkannt,

Frau Herzeleiden und ihr Land

15Hast du dir errungen,

So gestehn hier alle Zungen:

Es sei Breton, sei Irischmann,

Oder wer hier welsche Sprache kann,

Aus Brabant oder Frankreich,

20Einhellig sagen Alle gleich,

Es komme dir bei solchem Spiel

Voraus kein Andrer an das Ziel.

Des les ich hier den wahren Brief,

Da deine Kraft fürwahr nicht schlief,

25Als sie diese Herren bracht in Noth,

Deren Hand nie Sicherheit entbot:

Der König Brandelidelein

Und der kühne Lähelein,

Hardeiß und Schaffilor.

O weh, Raßalig der Mohr,

[86]Der dir vor Patelamunt

Auch einst that Fianze kund!

So bedarf dein Preis im Streite

Der Höhe wie der Breite.«

5»Die Köngin denkt gewiss, du tobst,

Daß du also mich belobst.

Verkaufen wirst du doch mich nicht:

Leicht sieht der Käufer, wo's gebricht.

Du hast den Mund zu voll genommen.

10Doch wie bist du hieher gekommen?«

»Das werthe Volk von Punturtois

Hat mich und diesen Champanois

Freigeben dieses Mal.

Morholt, der meinen Neffen stahl,

15Von dem soll er entledigt sein,

Wenn Herr Brandelidelein

Ledig wird von deiner Hand.

Wir stehn noch beide sonst zu Pfand,

Ich und meiner Schwester Sohn:

20Du lösest uns, das weiß ich schon.

Ein Vesperspiel nur gab es hier;

Es kommt nun gar nicht zum Turnier

Diesesmal vor Kanvoleis,

Wenn ich die rechte Märe weiß.

25Der Aeußern Stärke sitzet hie:

So sage selbst, wie könnten sie

Vor uns das Feld noch halten?

Großen Preises magst du walten.«

Da wandte sich die Königin

Zu Gachmureten bittend hin:

[87]»Was mein Recht nun an euch sei,

Ich flehe, laßet mich dabei:

Gern wär ich eurer Huld auch werth.

Könnte, wenn ihr dieß gewährt,

5Euer Preis zu Schaden kommen,

So würde mir Entsagung frommen.«

Anflise, der Königin,

Der weisen mit bescheidnem Sinn,

Auf sprang ihr Kapellan alsbald.

10Er sprach: »Nicht doch, sein hat Gewalt

Meine Frau, die in dieß Land

Um seine Minne mich gesandt.

Schon lang verzehrt sie sich um ihn:

Ihrer Minne hat er sich verliehn,

15Sie soll ihn auch behalten, traun:

Denn sie liebt ihn über alle Fraun.

Ihre Boten sind hier Fürsten drei,

Kinder alles Tadels frei.

Der eine heißet Lanzidant

20Von hoher Art aus Grünland:

Der ist gen Kärlingen gekommen

Und hat die Sprache angenommen;

Der andre heißet Liadarz,

Fils dü Comte Schiolarz.«

25Wer denn nun der dritte wäre,

Davon vernehmet auch die Märe.

Seine Mutter hieß Belleflur

Und sein Vater Pansamur:

Die waren von der Feien Art;

Das Kind hieß Liachturteltart.

[88]Die liefen alle drei vor ihn

Und sprachen: »Herr, hast du nun Sinn

(Dir zollt la Reine de France

Der werthen Minne Schanze),

5So magst du spielen sonder Pfand,

Deine Freud ist Kummers frei zuhand.«28

Als diese Botschaft ward vernommen,

Kailet, der näher war gekommen,

Sprach heimlich mit der Königin;

10Da wandte sie das Wort an ihn:

»Sag an, ist dir noch mehr geschehn?

Ich habe Blut an dir gesehn.«

Da begriff sie ihm zur Stunden

Seine Quetschungen und Wunden

15Mit ihren linden Händen weiß,

Auf die verwandt war Gottes Fleiß.

Da hatt er manchen Schaden,

War mit Schrunden überladen

An Hüfte, Kinn und an der Nase.

20Vermählt war ihm der Königin Base,

Die ihm diese Ehr erzeigte,

Sich so nahe zu ihm neigte.

Da sprach sie, wie die Zucht sie hieß,

Zu Gachmureten nur noch dieß:

25»Der Franzosen Königin

Entbeut euch minniglichen Sinn.

Nun ehrt an mir die Frauen all

Und bringet nicht mein Recht zu Fall.

Bleibt hier, bis ich mein Recht genommen;

Ihr laßt mich sonst zu Schaden kommen.«

[89]Das versprach der werthe Mann;

Mit Urlaub schied sie da hindann.

Sie hob Kailet, der Degen werth,

Ohne Schemel auf ihr Pferd.

5Wieder trat er dann herein,

Wo er fand die Freunde sein.

Er sprach zu König Hardeiß:

»Eure Schwester Aleiß

Bot mir einst Minne, die ich nahm.

10Da nun ein Andrer sie bekam

Und ein Beßerer als ich,

So erlaßt doch eures Zornes mich.

Sie hat den Fürsten Lämbekein;

Soll sie auch nicht gekrönet sein,

15Sie herscht doch als gewaltge Frau.

Brabant und Hennegau

Dient ihr, und mancher Ritter gut.

Grüßt mich nun wieder frohgemuth,

Laßt mich in euern Hulden stehn:

20So soll mein Dienst euch nicht entgehn.«

Gaskoniens König sprach dagegen

Ernstlich, wie Männer pflegen:

»Eure Rede stäts war süße:

Wenn ich euch wieder grüße,

25Dem ihr so manche Schmach gethan,

So scheint es, Furcht war Schuld daran.

Mich fing hier eurer Muhme Sohn;

Der wägt zwar Niemand übeln Lohn.«

»Euch giebt wohl ledig Gachmuret:

Das sei zuerst von ihm erfleht.

[90]Wenn ihr dann ungezwungen seid,

So erlebt mein Dienst wohl noch die Zeit,

Daß ihr mich zum Freunde nehmt;

Ihr habt euch nun genug geschämt.

5Was mir auch von euch geschicht,

Eure Schwester schlüge mich doch nicht.«

Der Rede lachten sie zumal;

Bald ward getrübt der Freude Schall:

Versunken saß aufs Neue,

10Der Wirth in Leid und Reue,

Denn Jammer ist ein scharfes Reis.

Sie sahen Alle rings im Kreiß,

Wie er schwer mit Kummer rang

Und seine Freude Leid bezwang.

15Seiner Muhme Sohn hub zürnend an

Und sprach: »Du thust nicht wohl daran.«

»Nein, ich weiß, warum ich traurig bin:

Aus Sehnsucht nach der Königin.

Ich ließ zu Patelamunt,

20Um die mir noch das Herz ist wund,

Von reiner Art ein süßes Weib.

Ihre Reinheit legt mir Seel und Leib

In des Minnekummers Band.

Sie gab mir Leute, gab mir Land.

25Mannliche Freuden meinem Sinn

Belakane raubt die Königin:

Scham geziemt dem Mann doch gut

Um der Minne Wankelmuth.

Da mich ihre Zärtlichkeit

Hütete vor Kampf und Streit,

[91]Da wähnt ich, daß mir Ritterschaft

Sänftete des Unmuths Kraft;

Hier hab ich doch genug gethan.

Wohl denkt manch unverständger Mann,

5Daß ihre Schwärze mich vertrieb:

Die war mir wie die Sonne lieb.

Mir schafft der Werthen Preis dies Leid:

Sie hat die höchste Würdigkeit.

»Ich muß das Ein und Andre klagen:

10Meines Bruders Wappen sah ich tragen

Mit emporgekehrtem Ende.«

Weh diesem Elende!

Wie laut der Jammer da erscholl!

Die Augen wurden Waßers voll

15Auch dem kühnen Spaniole:

»O weh, Königin Fole,29

Um deine Minne starb den Tod

Galoes: das ist die Noth,

Die treulich klagen sollten

20Alle Frauen, wenn sie wollten,

Daß es ihrer Sitte brächte

Ruhm, wo man des gedächte.

Ja, Averrens Königin,

Rührt es dir auch nicht den Sinn,

25Den Freund verlor ich doch durch dich,

Dem das Ende ritterlich

Gab eine Tjost, die ihn erschlug,

Als er deine Farben trug.

Nun wollen Fürsten, die ihm waren

Genoßen, keine Klage sparen.

[92]Sie haben ihres Schildes Breite,

Als zum Trauergeleite,

Zu der Erden gekehrt,

Wie sie großer Kummer lehrt.

5Also thun sie Ritterschaft.

Sie überwältigt Jammers Kraft,

Da Galoes, meiner Muhme Sohn,

Nicht Dienst mehr thut um Minnelohn.«

Als er vernahm des Bruders Tod,

10Das schuf ihm neue Herzensnoth.

Da sprach der Degen jammerhaft:

»Wie hat nun meines Ankers Haft

Grund erfaßt bei einem Grab!«

Da legt' er dieses Wappen ab.

15Das Herz ihm schier vor Jammer brach.

Der Held aus wahrer Treue sprach:

»Von Anschau Galoes!

Wohl versichert sind wir des:

Nie wurde so mannliche Zucht

20Geboren; wahrer Milde Frucht

Dir aus dem Herzen blühte:

Nun erbarmt mich deine Güte.«

Da begann er zu Kailetten:

»Wie ergeht es nun Schoietten,

25Der Mutter mein, der Freudenarmen?«

»So daß Gott es mag erbarmen:

Da ihr erstorben war Gandein,

Und Galoes, der Bruder dein,

Und sie auch dich nicht bei sich sah,

Im Tode brach das Herz ihr da.«

[93]Da sprach der König Hardeiß:

»Nun kehrt auf Mannheit euern Fleiß.

Wenn ihr Mannheit wißt zu tragen,

Sollt ihr das Leid mit Maßen klagen.«

5Sein Kummer leider war zu groß:

Ein Guß ihm von den Augen floß.

Er schuf den Rittern gute Ruh;

Er selbst ging seiner Kammer zu,

Ein kleines Zelt von Samt: die Nacht

10Ward mit Jammer zugebracht.

Als der andre Tag erschien,

Vereinten Alle sich dahin,

Das innre wie das äußre Heer:

Wer zum Streit zugegen wär,

15Sei er alt oder jung,

Sei er schwach, sei stark genung,

Sie tiostierten heute nicht.

Da schien der mitte Morgen licht.

Sie waren auch so aufgerieben,

20Die Pferde schon so abgetrieben,

Daß die Ritter kühn im Streit

Doch übernahm die Müdigkeit.

Selber ritt die Königin

Zu Felde nach den Werthen hin

25Und nahm sie mit sich in die Stadt,

Wo sie die Allerbesten bat,

Daß sie zum Löwenplane ritten.

Da geschah nach ihren Bitten:

Sie kamen, als man Messe sang

Dem traurgen König von Zaßamank.

[94]Da nun gegeben ward der Segen,

Frau Herzeleide war zugegen.

Nun sprach sie Gachmureten an:

Ihr Recht erkannte Jedermann.

5Da sprach er: »Frau, ich hab ein Weib,

Die ist mir lieber als der Leib.

Wenn ich der ledig wäre,

Wüst ich noch andre Märe,

Damit entging' ich euch fürwahr,

10Nähm Jemand meines Rechtes wahr.«

Sie sprach: »Die Möhrin laßet

Und nach meiner Minne faßet;

Die Taufe hat viel beßre Kraft.

Begebet euch der Heidenschaft,

15Nach unserm Glauben mich zu minnen;

Eure Minne liegt mir in den Sinnen.

Oder bringt mir Ungewinn

Der Franzosen Königin?

Ihre Boten haben süß gesprochen,

20Und nie habt ihr sie unterbrochen.«

»Ja, Die ist mir Gebieterin!

In Anschau schuf ihr Rath Gewinn

Mir an Zucht und sittgem Muthe;

Ihre Hülse kommt mir noch zu Gute:

25Sie bildete mich erst zum Mann,

Denn sie floh, was Fraun entstellen kann.

Wir waren Kinder beide noch,

Und sahn wir uns, es freut' uns doch.

Anflise hat, die Königin,

An allem Frauenpreis Gewinn.

[95]Was ihr steuern mocht ihr Land,

Gab sie mir mit milder Hand

(Ich war da noch ein armer Mann):

Das nahm ich Alles willig an.

5Zählt mich jetzt noch zu den Armen.

Ihr solltet, Frau, euch mein erbarmen;

Mir ist mein werther Bruder todt:

Erlaßt mir gnädig andre Noth.

Kehrt Minne hin, wo Freude wohnt;

10Mein Herz hat Jammer nicht verschont.«

»Soll ich noch länger mich verzehren?

Sagt, womit wollt ihr euch wehren?«

»Vernehmt Bescheid der Frage:

Ein Turnier sollt an dem Tage

15Hier sein: es hatt nicht Statt gefunden;

Das können Zeugen viel bekunden.«

»Ein Vesperspiel hat das erlähmt;

Die Kühnsten sind schon jetzt gezähmt:

Davon verdarb das Turnier.«

20»Eure Stadt nur wehrt' ich hier

Mit Andern, Siegern in der Fehde.

Erlaßt mir weitre Gegenrede;

Hier thaten Viele mehr als ich.

Ihr seht, ihr habt kein Recht an mich;

25Nur euer Gruß geziemt mir wohl,

Wenn ich den noch haben soll.«

Wie mir die Aventüre sagt,

Da nahm der Ritter und die Magd

Schiedsrichter über ihre Klage;

Es nahte schon dem mitten Tage.

[96]Man sprach dieß Urtheil zuhand:

»Wer hier den Helm sich überband,

Wenn zum Turnier er war gekommen,

Hat er den höchsten Preis genommen,

5Dem vermähle sich die Königin.«

Die Folge ward dem Spruch verliehn.30

Da sprach sie: »Herr, nun seid ihr mein.

Ich will euch Huld und Dienst verleihn,

Geb euch an Freuden solchen Theil,

10Daß ihr vom Jammer werdet heil.«

Er hatte doch von Jammer Pein.

Nun war schon des Aprilen Schein

Zergangen, und das ganze Feld

Von kurzem grünen Gras geschwellt.

15Man sah es überall ergrünen.

Das mag ein blödes Herz erkühnen

Und verleihen Hochgemüthe.

Man sah die Bäum in Blüte

Von der süßen Luft des Maien.

20Vom Geschlecht war er der Feien:

Das muß minnen oder Minne gehren;

Seine Freundin wollt ihm die gewähren.

Frau Herzeleiden blickt' er an,

Mit Zucht sein süßer Mund begann:

25»Frau, soll ich bei euch gedeihn,

So müßt ihr nicht mein Hüter sein.

Läßt ab von mir des Jammers Kraft,

So thät ich gerne Ritterschaft.

Laßt ihr nicht turnieren mich,

So kann ich noch den alten Schlich,

[97]Womit ich meinem Weib entrann,

Die ich auch mit Ritterschaft gewann:

Weil sie Streitens mich entband,

Ließ ich ihr Volk und ließ ihr Land.«

5Sie sprach: »Herr, nehmt euch selbst ein Ziel;

Ich laß euch eures Willens viel.«

»Viel Spere brech ich noch entzwei.

Alle Monat ein Turnei:

Wenn ich die besuchen will,

10Darüber, Herrin, schweiget still.«

Sie versprachs, ward mir gesagt:

Er empfing die Länder und die Magd.

Anflisens kleine Junker drei

Stunden wohl so nah dabei,

15Und der Königin Kaplan,

Da Folg und Urtheil ward gethan,

Daß er wohl Alles hört' und sah,

Zu dem König sprach er heimlich da:

»Meiner Herrin wurde kund,

20Ihr hättet vor Patelamunt

Den höchsten Preis erhalten,

Dürftet zweier Kronen walten.

Sie hat auch Land und solchen Muth,

Daß sie euch Leben giebt und Gut.«

25»Seit sie mir gab die Ritterschaft,

Must ich nach des Ordens Kraft,

Und wie des Schildes Amt mir sagt,

Dabei mich halten unverzagt.

Durch sie hab ich den Schild gewonnen;

Ich hätt es sonst wohl nie begonnen.

[98]Es sei mein Schade, sei mein Glück,

Mich hält hier Ritters Spruch zurück.

Nun sagt ihr meinen Gruß daheim,

Ich woll ihr Ritter dennoch sein.

5Wären alle Kronen mir bereit,

Nach ihr hab ich mein höchstes Leid.«

Da bot er ihnen große Gabe;

Doch sie verschmähten seine Habe.

Die Botschaft fuhr zu Lande

10Ohn ihrer Frauen Schande.

Um Urlaub hielten sie nicht an,

Wie es im Zorn wohl wird gethan.

Den Fürsten sah man, diesen Kinden,

Die Augen schier vor Leid erblinden.

15Die im Feld den Schild verkehrt getragen,

Hörten ihre Freunde sagen:

»Frau Herzeleid die Königin

Ist des Anscheweins Gewinn.«

»Wer war von Anschau hier am Ort?

20Mein Herr ist leider längst schon fort

Um Rittersehre zu den Heiden:

Das ist hier unser gröstes Leiden.«

»Der hier den Preis erwarb im Feld,

Der so manchen Ritter hat gefällt,

25Derselbe, der so stach und schlug,

Und der den theuern Anker trug

Auf dem Helme lichtgesteinet,

Der ist es, den man meinet.

Mir sagt der König Kailet,

Der Anschewein war Gachmuret.

[99]Dem ist hier wohl gelungen.«

Zu den Rossen ward gesprungen.

Ihr Kleid ward von den Augen naß,

Als sie hinkamen wo er saß.

5Sie empfingen ihn, er empfing auch sie:

Freud und Jammer sah man hie.

Da küsst' er die Getreuen all:

»Ihr sollt euch meines Bruders Fall

Nicht allzusehr zu Herzen ziehn:

10Ich hoffe, ich ersetz euch ihn.

Kehrt auf den Schild nach alter Art,

Nach der Freude Brauch gebahrt.

Meines Vaters Wappen will ich tragen:

Mein Anker hat sein Land beschlagen.

15Der Anker sei ein freies Ziel:

Den nehm und trage, wer da will.

Ich muß nun wie ein Lebemann

Gebahren, da ich Gut gewann.

Ich soll des Volkes Herscher sein:

20Dem schüfe leicht mein Jammer Pein.

Frau Herzeleide, helfet mir,

Daß wir bitten, ich und ihr,

Könge und Fürsten insgemein,

Daß sie mir zu Willen sei'n

25Und bleiben, bis Ihr mir gewährt

Was Lieb vom süßen Lieb begehrt.«

Die Bitte bat da beider Mund:

Da versprachens jene gleich zur Stund.

Ein Jeder fuhr zu seiner Ruh.

Die Köngin raunt dem Freunde zu:

[100]»Verlaßt euch nur auf meine Pflege.«31

Da wies sie ihn geheime Wege.

Der Gäste ward doch wahr genommen,

Wohin der Wirth auch sei gekommen.

5Beider Ingesinde ward gemein;

Den König sah man ganz allein,

Nur mit zweien Jungherrn, ziehn.

Jungfrauen und die Königin

Ihn führten, wo er Freude fand,

10Und all sein Kummer gar verschwand.

Seine Trauer lag darnieder,

Hochgemüthe kam ihm wieder:

Das hat die Liebe stäts verliehn.

Frau Herzeleid die Königin

15Ihres Magdtums ohne ward.

Die Munde blieben ungespart,

Mit Küssen wurden die verzehrt,

Und dem Leid mit hoher Lust gewehrt.

Ein höfsche Zucht ward da begangen:

20Er gab sie frei, die er gefangen.

Hardeißen und Kailet,

Seht, die versöhnte Gachmuret.

Da erging eine solche Hochzeit,

Wer Gleiches schuf nach seiner Zeit,

25Wohl hatt er Reichtum und Gewalt.

Gachmuret entschloß sich bald,

Seiner Habe ward nicht viel gespart.

Arabisch Gold gespendet ward

Dürftgen Rittern insgemein;

Den Köngen manchen Edelstein

[101]Schenkte Gachmuretens Hand

Und allen Fürsten, die er fand.

Da ward das fahrende Volk ihm hold,

Sie empfingen reicher Gaben Sold.

5Nun laßt die Gäste reiten heim

Mit Urlaub von dem Anschewein.

Den Panther, den sein Vater trug,

Auf den Schild man ihn von Zobel schlug.

Von weißer Seide lind und fein

10Der Königin ein Hemdelein,32

Das ihr berührt den bloßen Leib,

Die nun geworden war sein Weib,

Das deckte seinen Halsberg da.

Ihrer achtzehn man durchstochen sah

15Und mit Schwertern ganz zerhauen,

Eh er schied von der Frauen.

Sie legt' es auf die bloße Haut,

Wenn aus dem Streite kam ihr Traut,

Wo er zerbrochen manchen Schild.

20Ihre Minne war der Treue Bild.

Er hatte Würdigkeit genug,

Als ihn seine Mannheit trug

Zum andern Mal über Meer.

Mich jammert diese Reise sehr.

25Ihm kam gewisse Botschaft,

Der Baruch wär mit Heereskraft

Ueberfallen vor Babylon.

Der Eine war Ipomidon,

Pompejus der andre hieß;

Die Aventüre meldet dieß.

[102]Das war ein stolzer, werther Mann

(Nicht jener, der von Rom entrann

Julius Cäsarn hiebevor);

Der König Nachbuchdonosor,

5Seiner Mutter Bruder war,

Der in verlognen Büchern gar

Las, er wäre selber Gott:

Das wäre nun der Leute Spott.

Sie schonten weder Leib noch Gut.

10Edel war der Brüder Blut:

Von Ninus, der der Herschaft pflag,

Eh gestiftet wurde Baldag;

Er stiftete auch Ninive.

Ihnen that ein Schimpf, ein Schade weh:

15Der Baruch sprach sie an für eigen;

Drum muste sinken Glück und steigen

Im Krieg zu beiden Seiten:

Man sah die Helden streiten.

Nun schuft' er wieder über Meer

20Und mehrte seines Herren Wehr.

Mit Freuden er empfangen ward,

Wie mich auch jammert seiner Fahrt.

Was da geschah, wie's da ergeh,

Wie es um Gewinn, Verlust da steh:

25Das weiß Frau Herzeleide nicht.

Sie war als wie die Sonne licht

Und hatte minniglichen Leib.

Jugend und Gut besaß das Weib

Und Freuden mehr noch als zuviel:

Sie überflog der Wünsche Ziel.

[103]Ihr Herz sann nur auf gute Kunst:

Das erwarb ihr aller Leute Gunst.

Frau Herzeleid die Königin

Erwarb durch Sitte Lobs Gewinn;

5Ihre Reinheit ward mit Preis erkannt.

Drei Lande dienten ihrer Hand:

Waleis und Anschau,

Die beherschte sie als mächtge Frau:

Auch trug sie Krone zu Norgals

10In der Hauptstadt Kingrivals.

Ihr war auch wohl so lieb ihr Mann,

Wenn nimmer eine Frau gewann

So werthen Freund, was that ihr das?

Dawider trug sie keinen Haß.

15Als er außen blieb ein halbes Jahr,

Seines Kommens harrte sie: es war

Ihr Wunsch, der Leben bringe.33

Doch ihrer Freuden Klinge

Brach mitten in dem Heft entzwei.

20Weh o weh und heia hei!

Daß Güte solchen Kummer trägt

Und immer Treue Jammer regt!

Seht das Looß der Menschheit!

Heute Freude, morgen Leid.

25Die Frau um einen mitten Tag

In ängstlichem Schlafe lag.

Plötzlich schreckte sie empor,

Als ob ein Blitz, so kams ihr vor,

In die Lüfte sie entführte,

Wo sie mit Schlägen rührte

[104]Mancher feurge Donnerstral.

Ringsher flogen sie zumal

Nach ihr: mit Knistern sengte Glut

Ihres langen Haares Flut.

5Der Donner mit Gekrach erscholl,

Sein Guß von heißen Zähren schwoll.

Als sie Besinnung wieder fand,

Griff ihr ein Greif die rechte Hand.

Das Bild mit Eins verwandelt sich,

10Da sah sie Dinge wunderlich:

Wie sie mit einem Wurme kreiße,

Der ihr den Mutterschooß zerreiße,

Ihr ein Drach die Brüste söge,

Und dann plötzlich von ihr flöge,

15Daß sie ihn nimmer wiedersah.

Das Herz im Leibe brach ihr da

Der Schrecken, den sie muste sehn.

Wohl nie ist einer Frau geschehn

Im Schlaf ein Unheil diesem gleich.

20Bis dahin war sie freudenreich;

Ach leider, das verkehrt sich gar,

Sie hat nun Jammer immerdar.

Ihr Schade wird noch lang und breit,

Ihr droht ein nahend Herzeleid.

25Die edle Frau begonnte,

Was sie bisher nicht konnte,

Im Schlaf die Glieder zu rühren,

Ein laut Geschrei zu verführen.

Vier Jungfrauen saßen hie,

Die sprangen hin und weckten sie.

[105]Da kam geritten Tampaneis,

Ihres Mannes Meisterknappe weis,

Und kleiner Jungherren viel.

Ihre Botschaft gab der Freud ein Ziel:

5Sie klagten ihres Herren Tod.

Da kam Frau Herzeleid in Noth,

Sie sank besinnungslos dahin.

Die Ritter sprachen: »Den Gewinn

Nahm unser Herr im Harnischkleid?

10Er ritt doch wohlverwahrt zum Streit.«

Wie den Knappen Jammer plagte,

Die Helden sah er an und sagte:

»Kein langes Leben Gott ihm gab.

Er zog das Härsenier sich ab;

15Die Hitze zwang ihn zu der Frist.

Verfluchte heidnische List

Hat uns geraubt den Ritter gut.

Ein Ritter hatte Bocksblut34

Genommen in ein langes Glas;

20Das schlug er auf den Adamas:

Da ward er weicher denn ein Schwamm.

Den man oft gebildet als ein Lamm

Und ihm ein Kreuz zu tragen gab,

Den erbarme was sich da begab.

25»Als die Scharen auf einander ritten,

Avoi! wie wurde da gestritten!

Des Baruches Ritterschaft

Wehrte sich mit Muth und Kraft.

Vor Baldag auf dem Gefilde

Durchstochen wurden viel der Schilde,

[106]Da sie sich treffen mochten.

Wie die Haufen sich verflochten,

Panier sich wirrte mit Panier!

Da fielen viel der Helden zier.

5Hier wirkte meines Herren Hand,

Daß aller Andern Preis verschwand.

Da fuhr heran Ipomidon:

Mit Tod er meinem Herren Lohn

Gab; er stach ihn nieder da,

10Daß es manch Tausend Ritter sah.

»Vor Alexandrien der Stadt

Hatt er ohne falschen Rath

Sich dem König zugekehrt,

Des Tjost ihn Sterben hat gelehrt.

15Der Speer durchschnitt ihm Helm und Stirn,

Das Eisen fuhr durch Haupt und Hirn,

Daß man den Splitter drinne fand.

Noch saß zu Ross der Weigand;

Sterbend ritt er aus dem Streit

20Auf einen Plan, der war breit.

Ueber ihn da kam sein Kapellan.

Er hob mit kurzen Worten an

Zu beichten und sandte her

Dieß Hemde und denselben Sper,

25Der ihn von uns geschieden hat.

Er starb ohn alle Missethat.

Euch, Frau Königin, befahl

Er Kind' und Knappen allzumal.

»Zu Baldag ward der Held besargt.

Da hat der Baruch nicht gekargt:

[107]Mit Golde ward das Grab geschmückt,

Des Reichtums Siegel drauf gedrückt;

Auch glühn viel edle Steine,

Wo bestattet ist der Reine.

5Gebalsamt ward sein junger Leib.

Jammer faßte Mann und Weib.

Es deckt ein köstlicher Rubin

Sein Grab: durchscheinend sieht man ihn.

Nach Christensitte ließ man auch

10Ein Kreuz ihm, nach der Marter Brauch,

Durch die uns Christi Tod erlöste,

Daß es seine Seele tröste

Und schirme, bilden auf sein Grab.

Der Baruch gern die Kosten gab.

15Es ist von köstlichem Smaragd.

Ohne der Heiden Rath ward dieß vollbracht,

Die nicht das Kreuz zu ehren pflegen,

Daran Christ uns sterbend ließ den Segen.

Ihn selber beten sonder Spott

20Die Heiden an als ihren Gott,

Zwar nicht dem Kreuz zur Ehre,

Noch nach der Taufe Lehre,

Die uns einst am jüngsten Tag

Von Höllenstricken lösen mag.

25Die ritterliche Treue sein

Giebt ihm im Himmel lichten Schein

Und seine reuge Beichte,

Den Falschheit nie erreichte.

»In seinen Helm, den Diamant,

Ein Epitaph geschrieben stand,

[108]Das man ins Kreuz versenken ließ.

Die Buchstaben melden dieß:

»Eine Tjost durch diesen Helm erschlug

Den Werthen, der Mannheit trug.

5Gachmuret war er genannt;

Drei Reiche dienten seiner Hand.

Sein Haupt trug dreier Kronen Zier,

Und reiche Fürsten folgten ihr.

Er war von Anschau geboren

10Und hat vor Baldag verloren

Das Leben für den Baruch.

Seine Tugend nahm so hohen Flug,

Kein Anderer erreicht das Ziel,

Man prüfe Ritter noch so viel.

15Von der Mutter ist noch ungeboren,

Dem er als Dienstmann Treu geschworen,

Uebt' er anders Schildesamt.

Doch lieh er Hülf und Rath gesamt

Mit Stätigkeit den Freunden sein.

20Von Fraun erlitt er scharfe Pein.

Er war getauft nach Christenbrauch;

Der Sarazene klagt ihn auch:

Das ist ohne Lüge wahr.

Seit er bei vollen Sinnen war,

25Hat seine Kraft nach Preis geworben,

Bis er mit Ritterpreis gestorben.

Der Falschheit hat er obgesiegt.

So wünscht ihm Heil denn, der hier liegt.«

Also sprach der Knappe da;

Der Waleisen viel man weinen sah.

[109]Die hatten Grund zu klagen.

Schon hatt ein Kind getragen

Die Frau, das ihr im Leibe stieß,

Die man hier hülflos liegen ließ.

5Schon lebt' es achtzehn Wochen lang,

Des Mutter mit dem Tode rang,

Frau Herzeleid die Königin.

Die Andern hatten Thorensinn,

Daß man nicht half dem Weibe:

10Denn sie trug in ihrem Leibe

Der aller Ritter Blume wird,

Wenn ihn der Tod daran nicht irrt.

Da kam ein altgreiser Mann

Klagend zu der Frau heran,

15Die da mit dem Tode rang:

Ihre Zähn er von einander zwang,

Man goß ihr Waßer in den Mund:

Alsbald ward ihr Besinnung kund.

»O weh, wo ist mein Herzenstraut?«

20Sie beklagt' ihn überlaut.

»Vor Freude ward das Herz mir weit

Ueber Gachmuretens Würdigkeit.

Sein Hochsinn ließ ihn mir nicht mehr.

Ich war viel jünger als er

25Und bin ihm Mutter doch und Weib:

Trag ich hier nicht seinen Leib

Und von seinem Fleisch den Samen?

Wir gaben ihn und nahmen

Durch unser beider Minne.

Hat nun Treue Gott im Sinne,

[110]Laß er ihn mir zu Reife kommen.

Zuviel Schaden hab ich schon genommen

An meinem stolzen werthen Mann.

Wie hat der Tod an mir gethan!

5Ward je ihm eines Weibes Minne,

Ihre Freuden freuten seine Sinne,

Ihr Leid sein Herz betrübte,

Weil er immer Treue übte,

Denn alles Falsches war er leer.«

10Nun vernehmet andre Mär,

Was die edle Frau beging:

Kind und Mutterschooß umfing

Sie mit Armen und mit Händen.

Sie sprach: »Gott soll mir senden

15Die werthe Frucht von Gachmuret:

Das erfleht mein herzliches Gebet.

Gott wahre mich vor dummer Noth:

Das wär Gachmuretens andrer Tod,

Wenn ich mich selber schlüge,

20Dieweil ich bei mir trüge,

Was ich von seiner Minn empfing,

Der immer Treu an mir beging.«

Unbekümmert, wer es sah,

Das Hemd vom Busen riß sie da,

25Ihr Brüstlein lind und weiß

Pflegte sie mit Mutterfleiß

Und hob sie an den rothen Mund:

Weiblich Gehaben thät sie kund.

Also sprach die weise:

»Du wirst meines Kindes Speise:

[111]Die hat es sich voraus gesandt,

Seit ichs im Leibe lebend fand!«

Es schuf der Frau kein Ungemach,

Daß ihr überm Herzen lag

5Die Milch in ihrem Tüttelein:

Die drückte draus die Köngin rein.

Sie sprach: »Du kommst von Treue her.

Wär ich noch ungetauft bisher,

Mit dir ich gern mich taufen ließe;

10Ich weiß, daß ich mich oft begieße

Mit dir und mit den Augen mein

Oeffentlich und insgeheim:

Denn Gachmureten will ich klagen.«

Sie ließ ein Hemd zur Stelle tragen,

15Das von Blut geröthet war,

Darinnen vor des Baruchs Schar

Das Leben Gachmuret verlor,

Der ein herlich Ende kor

Mit rechter mannhafter Wehr.

20Da fragte sie auch nach dem Sper,

Der Gachmureten schuf das Weh:

Ipomidon von Ninive

Gab also wehrlichen Lohn,

Der stolze Held von Babylon;

25In Fetzen hing das Hemd von Schlägen.

Die Herrin wollt es an sich legen,

Wie sie sonst auch wohl gethan,

Wenn vom Turnieren kam ihr Mann:

Sie nahmen ihr es aus der Hand.

Die Fürstin allzumal im Land

[112]Begruben Speer und auch das Blut

Im Münster, wie man Todten thut.

Da ward in Gachmuretens Land

Abwärts Jammer bekannt.

5Darauf am vierzehnten Tag

Ein Kindlein bei der Frauen lag,

Ein Sohn, der hatte solche Glieder,

Kaum erholte sie sich wieder.

Hier beginnt der Aventüre Spiel:

10Wir stehn an ihres Anfangs Ziel;

Nun ist er erst geboren,

Dem die Märe ward erkoren.

Seines Vaters Freud und Noth,

Sein Leben und zumal sein Tod,

15Davon vernahmet ihr bisher.

So habt ihr Kunde denn, woher

Dieser Märe Held entsprang,

Und wie man ihn bewahrte lang:

Man barg ihn vor Ritterschaft,

20Bis er erwuchs zu Sinn und Kraft.

Als die Köngin zu sich kam

Und ihr Kindlein wieder nahm,

Mit den dienenden Frauen

Begann sie nachzuschauen,

25Was es zwischen den Beinen trug.

Geliebkost ward ihm genug,

Als er männlich war von Glieden.

Mit Schwertern lernt' er schmieden:

Den Helmen Feuers viel entschlug,

Des Herze Kraft und Mannheit trug.

[113]Die Königin kannte kein Gelüste,

Als daß sie ihn fleißig küsste.

Sie sprach viel tausendmal gewiss:

»Bon Fils, scher Fils, beau Fils.«

5Die Köngin ohne lange Wahl

Nahm das rothbraune Mal,

Ihres Brüstleins Zutscherchen

Und schob es in sein Lutscherchen.

Selber wollt ihm Amme sein,

10Die ihn trug im keuschen Schrein:

Sie erzog ihn an der Brust,

Der aller Falsch war unbewust.

Sie daucht', als war ihr Gachmuret

In ihren Arm zurück erfleht.

15Sie legte sich auf keinen Trug;

Demuth hatte sie genug.

Frau Herzeleide sprach mit Sinn:

»Die allerhöchste Königin

Jesu ihre Brüste bot,

20Der für uns den scharfen Tod

Am Kreuze menschlich empfing

Und seine Treu an uns beging.

Der eignen Seele Schaden bringt,

Wer ihn nun zum Zorne zwingt,

25Wie verständig sonst er wäre:

Des weiß ich sichre Märe.«

Sich begoß des Landes Frau

Mit ihres Herzens Jammerthau.

Ihre Augen regneten auf das Kind;

Getreuer war kein Weib gesinnt.

[114]Seufzen, Lachen konnt' ihr Mund

Beides wohl in Einer Stund.

Des Sohns Geburt erfreut' ihr Herz;

In der Klage Furt ertrank ihr Scherz.

III.
Gurnemans.

Das Vorwort, nicht das Vorwort des ganzen Gedichts, denn die zwei ersten Bücher scheinen später hinzugedichtet (s. Anm. zu 744, 19), enthält einen beschönigenden Widerruf dessen, was der Dichter in der Erbitterung wider Eine von den Frauen überhaupt zu Anfange dieses Abschnittes gesagt hatte: es lebe nun kein Weib mehr, die wie Herzeleide die weltlichen Freuden um der himmlischen willen hingeben würde. Herzeleide hat sich, ihren Kronen entsagend, mit wenigen Leuten in die Wüste von Soltane zurückgezogen, wo sie ihren Knaben in bäurischer Einfalt erzieht und ihn sorgfältig vor aller Kunde des Rittertums zu bewahren sucht. Doch schnitzt er sich Bogen und Bolzen und schießt nach den Vögeln, deren Tod er gleichwohl beweint, weil ihr Gesang ihm die Brust schwellt. Da will die Mutter alle Vögel fangen und tödten laßen; er aber bittet für sie, und sie gedenkt, daß es auch Gottes Geschöpfe sind. Er fragt sie nach Gott, und sie beschreibt ihn lichter als der Tag, und er sollte ihn anflehen, dagegen den schwarzen Höllenwirth so wie den Zweifel meiden. Er übt sich auch mit dem Wurfspieß und erlegt viel Wild. Einst begegnen ihm auf seiner Jagd vier Ritter in glänzenden Rüstungen, welche den Jungfernräuber Meljakanz (vgl. 343, 25 ff.) verfolgen. Er hält sie für Engel; sie bescheiden ihn aber, daß sie nur Ritter seien, und weisen ihn, da er auch Ritter zu werden verlangt, zu König Artus. Seinem Verlangen dahin kann die Mutter nicht widerstehen; sie giebt ihm aber Thorenkleider und Lehren auf den Weg, die er allzuwörtlich befolgt. Sein Abschied bringt ihr den Tod. Im Walde Briziljan kommt er zu Orilus prächtigem Gezelte, dessen Gemahlin Jeschute er, nach der Mutter Rath, Fingerring und Fürspann (Halsschmuck) raubt. Er findet Sigunen mit dem eben von Orilus (von dem auch Galoes gefallen ist) erschlagenen Schionatulander. Sie sagt ihm seinen Namen und weist ihn gen Bretagne. Ein Fischer, dem er den Fürspann schenkt, geleitet ihn bis in die Nähe von Nantes, der Hauptstadt des Artus. Hier begegnet ihm Ither, der rothe Ritter, der auf Artus Krone Anspruch erhebt und mit seinen Rittern zu kämpfen draußen hält. Mit dessen Aufträgen kommt er an den Hof, wo sein Aufzug wie seine Schönheit Alles in Verwunderung setzt. Kunneware, des Orilus Schwester, die nicht eher lachen wollte, bis sie den Ritter des höchsten Preises ersähe, lacht, und Antanor, der nicht eher reden wollte, bis sie lachte, bricht sein Schweigen. Beide werden von Keien gezüchtigt, welche Misshandlung Parzival zu rächen gedenkt. Mit dem Wurfspieß erschlägt er Itheren und bemächtigt sich seiner Rüstung, die ihm Artus auf seine Bitte geschenkt hatte. So kommt er zu Gurnemans, dem Hauptmann der wahren Zucht (feinen höfischen Sitte), wo er seine kindische Einfalt ablegt. Gurnemans wünscht ihm seine Tochter zu vermählen und entläßt ihn so ungern, als verlöre er in ihm den vierten seiner Söhne.

5Wer nun von Frauen beßer spricht,

Fürwahr, ich haß ihn darum nicht;

Ich vernehme gern, was sie erfreut.

Nur Einer bin ich unbereit

Hinfort zu dienstlicher Treu,

10Ihr ist mein Zorn immer neu;

Ihr Fehltritt schafft mir Ungemach.

Ich bin Wolfram von Eschenbach,

Nicht unerfahren im Gesange,

Und halte fest wie eine Zange

15Meinen Zorn wider ein Weib,

Denn sie hat mir Seel und Leib

Betrübt durch solche Missethat,

Sie zu haßen, anders ist kein Rath.

Trifft mich darum der Andern Haß,

20O weh, warum denn thun sie das?

Sei mir auch ihr Haßen leid,

Es beweist doch ihre Weiblichkeit,

Da sich mein Mund versprochen hat

Und mir selber Schaden that;

25Es geschieht auch wohl so leicht nicht mehr.

Doch mögen sie sich nicht zu sehr

Beeilen, mir das Haus zu stürmen:

Ich weiß mich wehrlich zu schirmen.

Auch hab ichs nicht vergeßen,

Ich kann noch wohl ermeßen,

[115]Wie ihre Zucht und Sitte sei:

Wohnt einem Weibe Reinheit bei,

Deren Kämpe will ich sein,

Mich jammert herzlich ihre Pein.

5An der Krücke hinkt sein Ruhm,

Der das ganze Frauentum

Schmäht um seiner Frauen Schmach.

Die mich recht beachten mag,

Zugleich mit Schaun und Hören,

10Die werd ich nicht bethören.

Zum Schildesamt bin ich geboren:

Sind Kraft und Muth an mir verloren

Die mich um Sang will minnen,

Dünkt mich nicht kluger Sinnen.

15Trag ich edler Frau Begehr,

Mag ich nicht mit Schild und Sper

Erwerben ihrer Minne Sold,

So sei sie mir mit Nichten hold.

Es ist doch hoch genug gespielt,

20Wer mit Ritterschaft nach Minne zielt.

Schiens Schmeicheln nicht den Frauen,

Ich ließ euch ferner schauen

An dieser Märe Neues viel

Bis an der Aventüre Ziel.

25Wer deren Kunde will empfahn,

Der rechn es für kein Buch mir an:

Ich kenne keinen Buchstaben.

An Büchern mag, wer will sich laben:

Diesen Abenteuern

Sollen Bücher nicht steuern.

[116]Eh man sie hielte für ein Buch,

Lieber wär ich ohne Tuch35

Nackt, wenn ich im Bade säße,

Des Büschels freilich nicht vergäße.

———

5Es betrübt mir Seel und Leib,36

Daß so Manche heißet Weib.

Die Stimme lautet Allen hell,

Doch Viele sind zum Falle schnell,

Andre frei von falschem Wandel:

10So theilt sich dieser Handel.

Daß die mit gleichem Namen prangen,

Das hat mein Herz mit Scham befangen.

Weibheit, dein ordentlicher Brauch,

Treue hielt und hält der auch.

15Viele sprechen, Armut

Sei zu keinem Dinge gut;

Wer sie um Treu will leiden,

Mag doch die Hölle meiden.

Die trug ein Weib um Treue.

20Da ward ihr stäts aufs Neue

Im Himmelreich gegeben.

Nun werden Wenge leben,

Die jung der Erde Reichtum

Ließen um des Himmels Ruhm.

25Ich kenne keinen, der das will,

Mann und Weib sind mir gleichviel,

Sie gleichen Alle sich darin.

Frau Herzeleid die Königin

Floh ihren dreien Landen fern:

Sie trug der Freuden Mangel gern.

[117]Aller Fehl so ganz an ihr verschwand,

Daß ihn nicht Ohr noch Auge fand.

Ein Nebel war ihr die Sonne;

Sie mied die weltliche Wonne.

5Auch war die Nacht ihr wie der Tag,

Ihr Herz nur stäten Jammers pflag.

Sie zog sich vor des Grams Gewalt

Aus ihrem Land in einen Wald

In der Wildniss von Soltane:

10Nicht um Blumen auf dem Plane:

Ihr Herz erfüllte Leid so ganz,

Sie kehrte sich an keinen Kranz,

Ob er roth war oder fahl.

Sie flüchtete dahin zumal

15Des werthen Gachmuretes Kind.

Leute, die da bei ihr sind,

Müßen reuten und pflügen.

Ihre Pflege konnte wohl genügen

Dem Sohn. Eh der Verstand gewann,

20Rief sie ihr Volk zu sich heran,

Wo sie Mann und Weib zumal

Bei Leib und Leben anbefahl,

Daß von Rittern schwieg' ihr Mund:

»Denn würd es meinem Herzlieb kund,

25Was ritterliches Leben wär,

So hätt ich Kummer und Beschwer.

Nun legt die Zunge klug in Haft

Und hehlt ihm alle Ritterschaft.«

Das schuf den Leuten Sorgen.

Der Knabe ward verborgen

[118]In der Wüste von Soltan erzogen,

Um königlichen Brauch betrogen

Außer in dem Einen Spiel:

Bogen und Bolzen viel

5Schnitt er sich mit eigner Hand

Und schoß die Vögel, die er fand.

Wenn er jedoch das Vöglein schoß,

Dem erst Gesang so hold entfloß,

So weint' er laut und strafte gar

10Mit Raufen sein unschuldig Haar.

Sein Leib war klar und helle:

Aus dem Plan an der Quelle

Wusch er sich alle Morgen.

Ihm schuf nichts anders Sorgen

15Als über ihm der Vöglein Sang,

Der ihm das Herz so süß durchdrang:

Das dehnt' ihm seine Brüstlein aus.

Mit Weinen lief er in das Haus.

Die Köngin sprach: Wer that dirs an?

20Du warst ja draußen auf dem Plan.«

Da wust er ihr kein Wort zu sagen.

So gehts Kindern noch in unsern Tagen.

Das macht' ihr viel zu schaffen.

Da sah sie einst ihn gaffen

25Nach einem Baum, von dem es scholl.

Sie ward wohl inne, wie ihm schwoll

Von dem Gesang die junge Brust;

In seiner Art lag solch Gelust.

Frau Herzleid trug den Vögeln Haß

Seitdem, sie wuste nicht um was:

[119]Sie sandte Knecht und Enken

Ihr Singen zu beschränken,

Vöglein mit Netz und Stangen

Zu würgen und zu fangen.

5Die Vöglein waren gut beritten,

Daß sie den Tod nicht all' erlitten:

Etliche blieben wohl am Leben,

Die hört man neuen Sang erheben.

Der Knabe sprach: »Bei eurer Huld,

10Was giebt man doch den Vöglein Schuld?«

Er erbat ihnen Frieden gleich zur Stund.

Seine Mutter küsst' ihn auf den Mund.

Sie sprach: »Was brech ich sein Gebot,

Der doch ist der höchste Gott?

15Sollen Vöglein trauern meinethalb?«

Der Knappe sprach zur Mutter bald:

»Höre Mutter, was ist Gott?«

»Das sag ich, Sohn, dir ohne Spott:

Er ist noch lichter denn der Tag,

20Der einst Angesichtes pflag

Nach der Menschen Angesicht.

Sohn, vergiß der Lehre nicht

Und fleh ihn an in deiner Noth,

Dessen Treu uns immer Hülfe bot.

25Ein Andrer heißt der Hölle Wirth,

Der schwarz Untreu nicht meiden wird:

Von dem kehr die Gedanken

Und auch von Zweifels Wanken.«

Seine Mutter unterschied ihm gar,

Was finster ist, was licht und klar.

[120]Dann eilt' er wohl waldein zu springen,

Das Gabilot37 auch lernt' er schwingen,

Womit er manchen Hirsch erschoß,

Davon der Mutter Volk genoß.

5Ob man Grund sah oder Schnee,

Dem Wilde thät sein Schießen weh.

Hört aber fremde Märe:

Wenn er erschoß das schwere,

Einem Maulthier wär die Last genug,

10Die er unzerlegt nach Hause trug.

Er kam auf seinem Waidegang

Eines Tages einer Hald entlang

Und brach zum Blatten manchen Zweig.

In seiner Nähe ging ein Steig:

15Da vernahm er Schall von Hufschlägen:

Er begann sein Gabilot zu wägen.

»Was hab ich da vernommen?

Daß nun der Teufel kommen

Wollte grimm und zorniglich!

20Ich bestünd ihn sicherlich.

Meine Mutter Schrecken von ihm sagt;

Mich dünkt, sie ist auch zu verzagt.«

So stand er da in Streits Begehr.

Seht, da traben dortenher

25Drei Ritter in der Rüstung Glanz

Von Haupt zu Fuß gewappnet ganz.

Der Knappe wähnte sonder Spott,

Jeglicher wär ein Herregott.

Wohl stand er auch nicht länger hie,

Er warf sich in den Pfad aufs Knie;

[121]Mit lauter Stimme rief er gleich:

»Hilf Gott, Du bist wohl hilfereich!«

Der Vordre zürnte drum und sprach,

Als ihm der Knapp im Wege lag:

5»Dieser täppische Waleise

Wehrt uns schnelle Weiterreise.«

Ein Lob, das wir Baiern tragen,

Muß ich von Waleisen sagen:

Sie sind täppischer als Bairisch Heer

10Und leisten doch gleich tapfre Wehr.

Wen dieser Länder Eins gebar,

Wird der gefüg, ists wunderbar.

Da kam einher galoppiert,

An Helm und Harnisch wohl geziert

15Ein Ritter, welchem Zeit gebrach:

Streitgierig ritt er jenen nach,

Die ihm schon voraus gekommen.

Zwei Ritter hatten ihm genommen

Eine Frau aus seinem Lande:

20Das dauchte diesen Schande.

Der Jungfrau Leid betrübt' ihn schwer,

Die erbärmlich ritt vor ihnen her.

Die Dreie sind ihm unterthan.

Er ritt ein schönes Kastilian;

25An seinem Schild war wenig ganz.

Er hieß Karnachkarnanz,

Le Comte Ulterleg.38

Er sprach: »Wer sperrt uns hier den Weg?«

So fuhr er diesen Knappen an;

Dem schien er wie ein Gott gethan:

[122]Er sah noch niemals lichtre Schau.

Sein Wappenrock benahm den Thau.

Mit goldrothen Schellen klein

Waren an jedwedem Bein

5Ihm die Stegereif' in Klang gebracht

Und zu rechtem Maße lang gemacht.

Sein rechter Arm von Schellen klang,

Wenn er ihn rührt' oder schwang;

Er war von Schwertschlägen hell.

10Der Degen war zur Kühnheit schnell.

Also diesen Wald durchstrich

Der Fürst gerüstet wonniglich.

Aller Mannesschöne Blumenkranz,

Den fragte da Karnachkarnanz:

15»Knapp, saht ihr hier vorüberfahren

Zwei Ritter, die nicht können wahren

Das Gesetz der Rittergilde?

Sie tragen Raub im Schilde

Und sind an Würdigkeit verzagt:

20Sie entführten eine Magd.«

Was er auch sprach, doch hielt ihn noch

Der Knapp für Gott: so malt' ihn doch

Die Königin Frau Herzeleid,

Die vom lichten Schein ihm gab Bescheid.

25Da rief er laut sonder Spott:

»Nun hilf mir, hilfreicher Gott.«

Niederwarf sich zum Gebet

Le Fils dü Roi Gachmuret.

Da sprach der Fürst: »Ich bin nicht Gott;

Doch leist ich gerne sein Gebot.

[123]Vier Ritter möchtest du hier sehn,

Wenn du beßer könntest spähn.«

Der Knappe fragte fürbaß:

»Du nennest Ritter: was ist das?

5Hast du selbst nicht Gotteskraft,

So sage, wer giebt Ritterschaft?«

»Die theilt der König Artus aus.

Junker, kommt ihr in sein Haus,

So mögt ihr Ritters Namen nehmen,

10Daß ihrs euch nimmer habt zu schämen.

Ihr seid wohl ritterlicher Art.«

Von den Helden er beschauet ward:

Da sahn sie Gottes Kunst und Fleiß.

Von der Aventür ich weiß,

15Die mich mit Wahrheit des beschied,

Daß Mannesantlitz nie gerieth

So schön wie seins von Adams Zeit:

Drum lobten Fraun ihn weit und breit.

Da hub der Knappe wieder an,

20Daß sein zu lachen der begann:

»Ei Ritter gut, was soll dies sein?

Du hast so manches Ringelein

An den Leib gebunden dir,

Dort oben und auch unten hier.«

25Der Knapp befühlte mit der Hand,

Was er eisern an dem Fürsten fand.

»Laßt mich den Panzer schauen:

Meiner Mutter Jungfrauen

Wohl an Schnüren Ringlein tragen,

Die nicht so aneinander ragen.«

[124]Noch sprach der Knappe wohlgemuth

Zum Fürsten: »Wozu ist dieß gut,

Was sich so wohl will schicken?

Kanns nicht herunterzwicken.«

5Da wies der Fürst ihm sein Schwert:

»Nun sieh, wer Streit mit mir begehrt,

Des erwehr ich mich mit Schlägen;

Gegen seine muß ichs an mich legen:

Dieß und der Schild behütet mich

10Vor dem Schuß und vor dem Stich.«

Wieder sprach der Knappe schnell:

Trügen die Hirsche solches Fell,

Sie versehrte nicht mein Gabilot;

So fällt doch mancher vor mir todt.«

15Die Ritter zürnten, daß er sprach

Mit dem Knappen, welchem Sinn gebrach.

Da sprach der Fürst: »Gott hüte dein!

O wäre deine Schönheit mein!

Dir hätte Gott genug gegeben,

20Besäßest du Verstand daneben;

Nun halte Gott dir Kummer fern.«

Da ritt er weiter mit den Herrn.

Sie gelangten alle bald

Zu einem Feld im tiefen Wald.

25Da fand er an der Pflugschar

Frau Herzeleidens Bauernschar.

Dem Volke nie so leid geschah.

Die man künftig ernten sah,

Sie mußten sän und egen,

Starken Ochsen dräun mit Schlägen.

[125]Der Fürst ihnen guten Morgen bot

Und frug sie: »Sahet ihr nicht Noth

Eine Jungfrau leiden?«

Da konnten sie's nicht meiden,

5Sie sagten ihm, was er gefragt:

»Zwei Ritter und eine Magd

Sahn wir reiten heute Morgen.

Das Fräulein schien in Sorgen.

Kräftig mit den Sporen rührte

10Die Pferde, der die Jungfrau führte.«

Es war Meliakanz,39

Dem nachritt Karnachkarnanz

Und ihm im Kampf die Jungfrau nahm:

Sie war an aller Freude lahm.

15Sie hieß Imäne

Von der Bellefontäne.

Die Bauern waren sehr verzagt,

Da diese Helden sie befragt.

Sie sprachen: »Wie ist uns geschehn!

20Hat unser Junker ersehn

An diesen Rittern schartges Eisen,

So dürfen wir das Glück nicht preisen.

Uns trifft darum mit Recht fürwahr

Der Zorn der Königin immerdar,

25Weil er mit uns zu Walde lief

Heute früh, da sie noch schlief.«

Gleich galts dem Knappen, wer nun schoß

Im Wald die Hirsche klein und groß;

Heim zur Mutter lief er wieder

Und sagt' es ihr. Da fiel sie nieder,

[126]Seiner Worte sie so sehr erschrak,

Daß sie bewußtlos vor ihm lag.

Als darauf die Königin

Bewußtsein wieder fand und Sinn,

5Wie sie zuvor auch war verzagt,

Doch sprach sie: »Sohn, wer hat gesagt

Dir von ritterlichem Orden?

Wie bist dus inne geworden?«

»Mutter, ich sah vier Männer licht,

10Lichter ist Gott selber nicht:

Die sagten mir von Ritterschaft.

Artusens königliche Kraft

Soll nach ritterlichen Ehren

Mich Schildespflichten lehren.«

15Das war ihr neuen Leids Beginn.

Die Königin sann her und hin,

Wie sie eine List erdächte

Und ihn von solchem Willen brächte.

Der einfältge Knappe werth

20Bat die Mutter um ein Pferd.

Das begann sie heimlich zu beklagen.

Sie gedacht: »Ich will ihm nichts versagen;

Aber grundschlecht muß es sein.

Es giebt noch Leute,« fiel ihr ein,

25»Die gar lose Spötter sind.

Thorenkleider soll mein Kind

An seinem lichten Leibe tragen:

Wird er gerauft und geschlagen,

So kehrt er wohl in kurzer Frist.«

O weh der jammervollen List!

[127]Sie wählt' ein grobes Sacktuch aus

Und schuf ihm Hemd und Hosen draus,

Aus Einem Stück geschnitten

Zu des blanken Beines Mitten;

5Eine Kappe dran für Haupt und Ohren:

So trugen damals sich die Thoren.

Zwei Ribbalein statt Strümpfen auch

Aus Kalbshäuten frisch und rauch

Maß man seinen Beinen an.

10Da weinten Alle, die es sahn.

Die Königin mit Wohlbedacht

Bat ihn zu bleiben noch die Nacht:

»Du darfst dich nicht von hinnen heben,

Ich muß dir erst noch Lehren geben:

15Du sollst auf ungebahnten Straßen

Dich nicht auf dunkle Furt verlaßen;

Ist sie aber seicht und klar,

So hat der Durchritt nicht Gefahr.

Du sollst auch Sitte pflegen,

20Jeden grüßen auf den Wegen.

Will dich ein grauweiser Mann

Zucht lehren, wie ein Solcher kann,

So folg ihm gerne mit der That

Und zürn ihm nicht, das ist mein Rath.

25Eins laß dir, Sohn, befohlen sein:

Wo du guter Frauen Ringelein

Erwerben mögest und ihr Grüßen,

Da nimms: es kann dir Leid versüßen.

Magst du ihren Kuss erlangen

Und herzend ihren Leib umfangen,

[128]Das giebt dir Glück und hohen Muth,

Wenn sie keusch ist und gut.

»Deinen Fürsten, wiße, Sohn mein,

Hat der stolze kühne Lähelein

5Zwei Länder abgefochten,

Die dir sonst nun zinsen mochten:

Waleis und Norgals.

Deiner Fürsten Einer, Turkentals,

Den Tod von seiner Hand empfing:

10All dein Volk er schlug und fing.«

»Das räch ich Mutter, will es Gott,

Ihn verwundet noch mein Gabilot.«

Da Morgens schien des Tages Licht,

Der stolze Knappe säumte nicht:

15Artus ihm im Sinne lag.

Sie küsst' ihn oft und lief ihm nach.

Der gröste Jammer da geschah,

Als sie den Sohn nicht länger sah.

Der ritt hinweg: wen mag das freun?

20Da fiel die Fraue Falsches rein

Zur Erde, wo sie Jammer schnitt,

Bis sie den Tod davon erlitt.

Ihr getreulicher Tod

Bewahrt sie vor der Hölle Noth.

25O wohl ihr, daß sie Mutter ward!

So fuhr die lohnergiebge Fahrt

Diese Wurzel aller Güte,

Aus der das Reis der Demuth blühte.

Weh uns, daß uns nicht verblieb

Ihre Sippe bis zum eilften Glied!

[129]Drum muß man so viel Falschheit schaun.

Doch sollten die getreuen Fraun

Heil erwünschen diesem Knaben,

Den sie hier sehen von ihr traben.

5Da fuhr der Knappe wohlgethan

In den Wald von Briziljan.

Er kam an einen Bach geritten,

Den ein Hahn hätt überschritten.

Da stunden Blumen hell und klar;

10Doch weil sein Fluß so dunkel war,

Fiel seiner Mutter Rath ihm bei:

Er ritt tagüber dran vorbei,

Wie es ihm denn im Haupt nicht sonnte.

Die Nacht verbracht er wie er konnte;

15Doch als der lichte Tag erschien,

Hub er zu einer Furt sich hin,

Die lauter war und wohlgethan.

Auf jener Seite war der Plan

Mit herlichem Gezelt geschmückt;

20Viel Reichtum ward daran erblickt.

Das Zelt war hoch und weit dabei,

Der Samt von Farben dreierlei;

Auf den Näten lagen Borten gut.

Von Leder hing dabei ein Hut,

25Den man drüber ziehen sollte,

Immer wenn es regnen wollte.

Dük Orilus de Lalander,

Des Weib darunter fand er

Wonniglich ruhen, wie es schien,

Eine reiche Herzogin,

[130]Ihres Ritters liebstes Pfand;

Jeschute war sie genannt.

Entschlafen ward die Fürstin werth.

Sie trug der Minne schärfstes Schwert:

5Einen Mund durchleuchtig roth,

Verliebten Ritters Herzensnoth.

Während die Schöne schlief,

Der Mund ihr von einander lief:

Das schuf der Minne Glut und Feuer.

10So lag das schönste Abenteuer.

Schneeweiß, wie von Elfenbein,

Zusammen dicht gefügt und klein,

So standen ihr die lichten Zähne.

Mich gewöhnt man nicht, ich wähne,

15An so hochgelobten Mund;

Solch Küssen wird mir selten kund.

Von Zobel eine Decke fein

Sollt ihr verhüllen Hüft und Bein,

Die sie vor Hitze von sich stieß,

20Wenn sie der Wirth alleine ließ.

Sie war geschmückt nach Hofes Art,

An ihr ward keine Kunst gespart:

Gott selber schuf den süßen Leib.

Es trug das minnigliche Weib

25Langen Arm und blanke Hand.

Ein Ringlein dran der Knappe fand,

Das ihn nach dem Bette zwang,

Wo er mit der Fürstin rang.

Ihm rieth ja die Mutter sein

Zu der Frauen Ringelein.

[131]Schnell sprang der Knappe wohlgethan

Von dem Teppich an das Bett heran.

Das reine Weib unsanft erschrak,

Da der Knapp ihr in den Armen lag:

5Sie muste wohl erwachen.

Beschämt und sonder Lachen

Sprach, die man keusche Zucht gelehrt:

»Wer ist es, der mich so entehrt?

Jungherr, es ist euch allzuviel:

10Wählt euch doch ein ander Ziel.«

Wie laut sie sich beklagte,

Er frug nicht, was sie sagte,

Ihren Mund er an den seinen zwang.

Auch bedacht er sich nicht lang,

15Er drückt' an sich die Herzogin,

Ihr ein Ringlein abzuziehn;

Eine Spange sah er ihr am Hemd:

Die brach er nieder ungehemmt.

Die Frau war nur ein Weib zur Wehr,

20Seine Kraft war ihr ein ganzes Heer;

Sie wandt ihn doch mit Ringen ab.

Seinen Hunger klagte jetzt der Knapp:

Da war sie frei der schweren Pflicht.

Sie sprach: »Mich eßen sollt ihr nicht.

25Wärt ihr ein wenig weise,

Ihr nähmt euch andre Speise.

Dahinten steht Brod und Wein

Und zwei Rebhühner obenein,

Die eine Jungfrau brachte,

Nicht euch sie zugedachte.«

[132]Er frug nicht, wo die Wirthin saß:

Einen guten Kropf er aß.

Darnach er schwere Trünke trank.

Die Frau bedauchte gar zu lang

5Sein Weilen in dem Pavillon.

Sie wähnt', er wär ein Garzon,

Dem Verstand und Sinn entkam.

Der Angstschweiß brach ihr aus vor Scham.

Doch sprach zu ihm die Fürstin rein:

10»Jungherr, ihr sollt mein Ringelein

Hier laßen und den Fürspann.

Hebt euch hinweg: denn kommt mein Mann,

So müßt ihr Zorn erleiden,

Den ihr lieber möchtet meiden.«

15Da sprach der Knappe wohlgeborn:

»Was fürcht ich eures Mannes Zorn?

Doch kränkts euch an den Ehren,

So will ich hinnen kehren.«

Da schritt er zu dem Bett heran:

20Ein andrer Kuss war da gethan;

Gar leid war das der Herzogin.

So ritt er ohne Urlaub hin;

Er sprach jedoch: »Gott hüte dein,

Denn also rieth die Mutter mein.«

25Der Knappe war des Raubes froh;

Eine gute Weile ritt er so,

Nicht fehlt' ihm an der Meile viel:

Da kam, von dem ich sprechen will.

Bald erspürt' er an dem Thau

Den Besuch bei seiner Frau;

[133]Der Schnüre hatt ein Theil gelitten:

Da war der Knapp durchs Gras geschritten.

Der werthe Herzog auserkannt

Sein Weib im Zelte traurig fand.

5Da sprach der stolze Orilus:

»Wie hab ich, Frau, um euern Kuss

Meine Dienste schlecht verwendet;

Gelästert und geschändet

Ist all mein ritterlicher Preis:

10Einen Buhlen habt ihr: ich weiß.«

Sie schwur, was mocht ihrs taugen?

Mit waßerreichen Augen

Daß sie unschuldig wäre:

Denn er glaubte nicht der Märe.

15Sie sprach jedoch mit Angst und Pein:

»Es kam ein Thor zu mir herein:

Was jemals meine Augen sahn,

Nie erblickt ich schönern jungen Mann.

Mein Ringlein und den Fürspann hier

20Nahm er wider Willen mir.«

»Ei, wie er euch so wohl gefällt:

Gewiss, ihr habt euch ihm gesellt.«

Da sprach sie: »Das verhüte Gott!

Seine Ribbalein, sein Gabilot

25Sind mir schon zu nah gekommen.

Wie mag die Red euch frommen?

Es missstünde Königinnen,

So niedrig zu minnen.«

Der Herzog wieder begann:

»Frau, nähmt ihr guten Rath nur an,

[134]So ließt ihr Eine Sitte fahren:

Statt der Köngin Namen zu bewahren,

Hießt ihr nach mir nun Herzogin.

Mir bringt der Handel Ungewinn.

5Meine Mannheit ist doch wohl so keck,

Daß euer Bruder Ereck,40

Mein Schwager, Fils dü Roi Lak,41

Euch wohl deswegen haßen mag.

Auch erkennt der Degen weis,

10Wohl ist mein ritterlicher Preis

Von jedem andern Flecken rein,

Als daß er mich vor Prurein

Im Tjoste hat bezwungen.

Doch hab ich an ihm errungen

15Hohen Preis vor Karnant.

In rechter Tjost stach meine Hand

Ihn vom Ross und heischte Fianze.

Durch den Schild hat meine Lanze42

Ihm euer Kleinod gebracht.

20Eure Huld, hätt ich da nicht gedacht,

Käm' Andern je zu Gute,

Meine Herrin Jeschute.

»Ueberzeugt auch seid ihr des,

Frau, daß der stolze Galoes,

25Fils dü Roi Gandein,

Im Tod erlag der Tjoste mein.

Ihr selber hieltet nah dabei,

Wo mir Plihopliherei

Entgegen tiostierend ritt

Und mich im Streite da bestritt.

[135]Hinters Ross mein Sper ihn zückte,

Daß kein Sattel mehr ihn drückte.

So hab ich manchen Preis errungen,

Viel Ritter hinters Ross geschwungen.

5Das kam mir nicht zu Gute hier:

Die höchste Schande wehrt' es mir.

»Sie haßen mich mit Grunde,

Die von der Tafelrunde.

Ihrer achte stach ich nieder da,

10Wo es manche Jungfrau sah,

Bei dem Sperber dort zu Kanedig.43

Ich behielt euch Preis und mir den Sieg,

Wie ihr bei Artus wohl ersaht,

Der meine Schwester bei sich hat,

15Die Süße, Kunnewaren.

Ihr Mund kann nicht gebahren

Mit Lachen, eh sie den ersehn,

Dem den höchsten Preis sie zugestehn.

Ach käm mir doch derselbe Mann!

20So würd ein Streiten hier gethan,

Wie heute Morgen, da ich kämpfte

Und eines Fürsten Hochmuth dämpfte,

Der mir sein Tiostieren bot:

Da gab ihm meine Tjost den Tod.«

25»Ich will von solchem Zorn nichts sagen,

Daß mancher hat sein Weib geschlagen

Um geringere Schuld.

Sollt ich euch verliebte Huld

Im Ritterdienst noch bieten,

So gewännt ihr nur die Nieten.

[136]Ich will nicht mehr erwarmen

In euern blanken Armen,

Wo ich wohl sonst in Minne lag

Manchen wonniglichen Tag.

5Ich mach euch bleich den rothen Mund,

Euern Augen thu ich Röthe kund;

Eurer Freude will ich wehren,

Euer Herze Seufzer lehren.«

Die Fürstin sah den Fürsten an,

10Ihr Mund da jämmerlich begann:

»Nun ehrt an mir die Ritter all.

Weis und getreu seid ihr zumal

Und wohl auch so gewaltig mein,

Ihr könnt mir schaffen hohe Pein;

15Nur geht erst weislich zu Gericht.

Bei allen Fraun, versäumt es nicht!

Verdien ichs, trag ich gern die Noth.

Fänd ich von andrer Hand den Tod,

Daß es euch nicht Schmach erwürbe,

20Wie gern ich dann erstürbe!

Das wär mir eine süße Zeit,

Da ihr mir doch erzürnet seid.«

Wieder brach der Zornge los:

»Frau, euer Hochmuth wird zu groß,

25Dem sei ein Maß beschieden.

Gesellschaft wird vermieden

Mit Trinken und mit Eßen,

Beilagers gar vergeßen.

Euch wird kein anderes Gewand

Als dieß, worin ich heut euch fand.

[137]Sei euer Zaum ein Seil von Bast,

Der Hunger lad eur Pferd zu Gast;

Allen seinen Schmuck verliert

Euer Sattel wohlgeziert.«

5Hurtig zerrt' und riß er da

Den Samt herab. Als das geschah,

Und der Sattel brach, den sie geritten

(Ihre keuschen reinen Sitten

Hatten seinen Haß erfochten):

10Mit dem Strick, von Bast geflochten,

Richtet' er ihn wieder zu;

Sein Haß benahm ihr gar die Ruh.

Der Herzog sprach nach solchem Thun:

»Herrin, laßt uns reiten nun.

15Wie wär ich froh, erreicht ich ihn,

Der eure Minne nahm dahin.

Ich bestünd das Abenteuer,

Gäb auch sein Athem Feuer

Wie eines wilden Drachen.«

20Mit Weinen sonder Lachen

Schied aus dem Zelte trauriglich

Die edle Frau und härmte sich.

Sie hing dem eignen Leid nicht nach,

Nur ihres Mannes Ungemach.

25Sein Trauern schuf ihr solche Noth,

Ihr wäre lieber wohl der Tod.

Nun sollt ihr treulich sie beklagen,

Sie muß nun hohen Kummer tragen.

Wär mir aller Frauen Haß bereit,

Mich härmte doch Jeschutens Leid.

[138]So ritten sie auf seiner Fährte.

Der Knapp sein Ross auch Eile lehrte;

Nur wuste nicht der Unverzagte

Daß man hinterdrein ihm jagte;

5Doch wen sein Auge wahr nahm,

Sobald er ihm so nahe kam,

Der gute Knappe grüßt' ihn fein

Und sprach: »So rieth die Mutter mein.«

Also ritt der täppsche Knab

10Einen Berghang hinab.

Als er vor den Felsen kam,

Eines Weibes Stimm er dort vernahm.

Vor Jammer schrie sie manchen Schrei;

Ihr war die Freude gar entzwei.

15Der Knappe ritt ihr eilends nah:

Nun hört, was that die Jungfrau da?

In ihres Herzleides Drang

Riß die braunen Zöpfe lang

Sigune jammernd aus der Haut.

20Als der Knapp sich umgeschaut,

Schionatulander

In der Tjost erschlagen fand er

Liegen in der Jungfrau Schooß,

Die aller Freuden nun verdroß.

25»Mag er traurig oder fröhlich sein,

Ihn grüßen hieß die Mutter mein:

Gott wahr euch,« sprach des Knappen Mund.

»Ich habe jämmerlichen Fund

In euerm Schooß gefunden;

Wer schlug ihm solche Wunden?«

[139]Der Knapp sprach unverdroßen

Noch: »Wer hat ihn erschoßen?

Geschahs mit einem Gabilot?

Mich dünket, Frau, er liege todt.

5Wollt ihr mir davon nicht sagen

Wer euch den Ritter hat erschlagen?

Kann ich ihn noch erreiten,

Ich will gerne mit ihm streiten.«

Da nahm der preiswerte Knab

10Einen Köcher herab,

Drin er scharfe Gabilote fand.

Er trug auch noch in seiner Hand,

Was er Frau Jeschuten nahm,

Zu der er in der Einfalt kam.

15Wär seines Vaters Brauch ihm kund,

Der doch sein angebornes Pfund,

Er hätte wohl den Schild geschwenkt,

Doch nicht die Herzogin gekränkt,

Die er von aller Freude schied.

20Mehr denn ein ganzes Jahr vermied

Sie mit Gruß und Kuss der Mann;

Unrecht ward der Frau gethan.

Nun hört auch von Sigunen sagen:

Die konnt ihr Leid mit Jammer klagen.

25Sie sprach zum Knappen: »Du hast Tugend;

Geehrt sei deine süße Jugend

Und dein Antlitz minniglich:

Fürwahr, das Glück erwartet dich.

Diesen Ritter mied das Gabilot,

Er empfing von einer Tjost den Tod.

[140]Dir wurzelt Treu im Herzen,

Daß er dich so kann schmerzen.«

Eh die Beiden Abschied nahmen,

Frug sie ihn nach dem Namen

5Und gestand, daß Gott sich an ihm fliß.

»Bon Fils, scher Fils, beau Fils,

Also hat mich stäts genannt,

Der ich daheim bin bekannt.«

Da gesprochen war das Wort,

10Ihn erkannte sie sofort.

Nun hört ihn endlich nennen,

Daß ihr hinfort mögt kennen

Dieser Aventüre Held,

Der dort noch bei der Jungfrau hält.

15Da sprach ihr rother Mund zumal:

»Fürwahr du heißest Parzival.44

Der Name sagt: Inmitten durch.

Die Liebe schnitt wohl solche Furch

In deiner Mutter treues Herz;

20Dein Vater hinterließ ihr Schmerz.

Nicht sag ichs mir zum Ruhme:

Deine Mutter ist mir Muhme.

Vernimm auch ohne falsche List

Die rechte Wahrheit, wer du bist.

25Dein Vater war ein Anschewein;

Ein Waleis von der Mutter dein

Bist du geboren zu Kanvoleiß,

Wie ich mit ganzer Wahrheit weiß.

Du bist auch König zu Norgals:

In der Hauptstadt Kingrivals

[141]Soll dein Haupt die Krone tragen.

Für dich ward dieser Fürst erschlagen,

Der stäts dein Land dir wehrte,

Seine Treue nie versehrte.

5Junger schöner süßer Mann,

Zwei Brüder thaten Leid dir an.

Zwei Länder nahm dir Lähelein;

Diesen Ritter hier, den Oheim dein,

Schlug Orilus im Einzelstreit;

10Der ließ auch mich in diesem Leid.

Mir dient' ohn alle Schande

Dieser Fürst von deinem Lande,

Wo deine Mutter mich erzog.

Lieber Vetter, höre doch,

15Wie ihm solch Ende ward zu Theil;

Ihm schuf solch Leid ein Brackenseil.45

In unsern Diensten46 hat den Tod

Der Held erjagt und Sehnsuchtsnoth

Mir nach seiner Minne.

20Wohl hatt ich kranke Sinne,

Daß ich ihm Minne nicht geschenkt:

Drum hat, der Alles schafft und lenkt,

Jede Freude mir verboten:

Nun minn ich so den Todten.«

25Da sprach er: »Base, mir ist leid

Meine Schande wie dein Herzeleid.

Mag ich das künftig rächen,

Will ich michs nicht entbrechen.«

Da wollt er schon zum Streit hinweg;

Doch wies sie ihn den falschen Weg,

[142]Daß er das Leben nicht verlöre

Und sie noch größern Schaden köre.

Er gerieth auf eine Schneise,

Die führt' ins Land der Bretaneise;

5Sie war gar breit und wohlgebahnt.

Wen er zu Fuß und Ross da fand,

Ritter oder Kaufmann,

Die sprach er alle grüßend an:

Denn das wär seiner Mutter Rath;

10Die gab ihn auch ohn Uebelthat.

Da die Dämmerung begann,

Große Müde fiel ihn an.

Da sah der Einfalt Spielgenoß

Ein Haus, das war nicht eben groß:

15Darinnen saß ein karger Wirth,

Wie der Bauer selten höfisch wird.

Dieser war ein Fischersmann,

Der auf keine Güte sann.

Den Knappen Hunger lehrte,

20Daß er bei ihm einkehrte

Und klagte seines Hungers Noth.

Der sprach: »Ich gäb ein halbes Brot

Euch noch nicht in dreißig Jahren.

Wer meine Milde zu erfahren

25Harren will, wie säumt der sich!

Ich sorg um Niemand als um mich,

Demnächst um meine Kindelein:

Hier kommt ihr heute nicht herein.

Hättet ihr Pfennig oder Pfand,

Ich behielt' euch gleich zu Hand.«

[143]Was bot der Knappe da ihm an?

Frau Jeschutens Fürspann.

Wie der Bauer das ersah,

Lachendes Mundes sprach er da:

5»Willst du bleiben, süßes Kind,

Dich ehren alle, die hier sind.« –

»Kannst du heut Nacht mich speisen,

Den Weg mir morgen weisen

Zu Artus (dem bin ich hold),

10So mag verbleiben dir das Gold.«

»Das thu ich,« sprach der Villan.

»Ich sah nie Kind so wohlgethan:

Ich bring dich als ein Wunder

Vor des Königs Tafelrunder.«

15Die Nacht verblieb der Knappe dort:

Frühmorgens zog er wieder fort.

Er hatte kaum des Tags erharrt;

Der Wirth auch balde fertig ward

Und lief voraus; der Junggesell

20Ritt nach: sie waren beide schnell.

Mein Herr Hartmann von Aue,47

Ginover eurer Fraue

Und Artus euerm König hehr,

Ihnen kommt von mir ein Gast daher.

25Seht, daß man sein nicht spotte.

Er ist Geige nicht noch Rotte,

Laßt sie ein ander Spiel sich nehmen:

So muß sich ihre Zucht nicht schämen.

Sonst wird eure Frau Enide

Und ihre Mutter Karsnafide

[144]Durch die Stampfmühl auch gezückt,

Mit Hohn ihr Lob all überbrückt.

Sollt ich den Mund mit Spott verschleißen,

Meinen Freund wollt ich dem Spott entreißen.

5Da kam mit dem Fischersmann

Unser Knappe wohlgethan

Des Landes Hauptstadt so nah,

Daß man Nantes wohl ersah.

Da sprach er: »Kind, Gott hüte dein.

10Nun sieh, dort must du reiten ein.«

Der Knappe guten Sinnes bar

Sprach: »Weise mich noch näher dar.«

»Das laß ich bleiben, liebes Kind:

So stolz ist all das Hofgesind,

15Käm ihm ein Villan zu nah,

Der fände übeln Lohn allda.«

Da ritt der Knapp allein voran

Auf einen nicht zu breiten Plan

Von bunten Blumen überzogen.

20Kein Kurvenal hatt ihn erzogen.48

Er wuste nichts von Kurtoisie:

Der Ungereiste weiß das nie.

Von Bast geflochten war sein Zaum,

Sein armes Rösslein trug ihn kaum,

25Strauchend thät es manchen Fall.

Auch war sein Sattel überall

Von neuem Leder unbeschlagen.

Von Härmelin und samtnen Kragen

Trug er kein zu schwer Gewicht;

Mantelschnüre braucht er nicht:

[145]Für Sukni und für Sürkot49

Hatt er nur sein Gabilot.

Der nie der reinsten Zucht vergaß,

Sein Vater einst geschmückter saß

5Auf dem Teppich dort vor Kanvoleis.

Dem Furcht nie machte kalt noch heiß,

Einem Ritter, der da kam geritten,

Bot er Gruß nach seinen Sitten:

»Gott wahr euch, rieth die Mutter mir.«

10»Gott lohne, Junker, euch und ihr,«

Sprach Artusens Basensohn,

Den erzogen Utepandragon;

Auch sprach derselbe Weigand

Als Erbtheil an der Britten Land.

15Es war Ither von Gahevieß,

Den man den rothen Ritter hieß.

All seine Rüstung war so roth,

Daß sie den Augen Röthe bot.

Sein Ross war roth aber schnell.

20Allroth war sein Gügerel,50

Seine Kovertür von rothem Samt,

Sein Schild ein Feuer roth entflammt,

Roth sein Korsett, laßt euch melden,

Und wohlgeschnitten an dem Helden,

25Roth war sein Schaft, roth war sein Sper;

Roth auch hatt auf sein Begehr

Sein Schwert der Schmied geröthet,

Doch die Schärfe nicht verlöthet.

Der König von Kukumerland,

Roth von Gold in seiner Hand

[146]Stand ein Becher reich geziert,

Den er der Tafelrund entführt.

Mit blanker Haut, mit rothem Haar

Zum Knappen sprach er, freundlich zwar:

5»Gesegnet sei dein süßer Leib,

Dich trug im Schooß ein reines Weib.

Der Mutter Heil, die dich gebar!

Niemand war je so schön und klar.

Du wirst der Minne Brand und Krieg,

10Ihre Niederlage wie ihr Sieg.

Du wirst der Frauen Wunsch und Lust,

Du wirst ihr Jammer, ihr Verlust.

Lieber Freund, willst du zur Stadt,

So grüße doch, wie ich dich bat,

15Den König Artus und die Seinen

Und sag: nicht flüchtig zu erscheinen

Woll ich hier warten und beschaun,

Wer sich zum Kampfe wird getraun.

»Es nimmt, hoff ich, all nicht Wunder.

20Ich ritt hin vor die Tafelrunder

Und machte Anspruch auf mein Land.51

Diesen Kopf mit ungefüger Hand

Erhob ich, daß der Wein entfloß

Frau Ginoveren in den Schooß.

25Das that ich, Anspruch zu erheben;

Verbrannten Strohwisch übergeben,

Davon wird russig leicht die Haut:

Drum mied ichs,« sprach der Degen laut.

»Auch um Raub bin ich nicht hergefahren,

Meine Krone kann mir das ersparen.

[147]Nun sage, Freund, der Köngin an,

Nicht ihr hab ichs zur Schmach gethan,

Nur den Werthen, die da saßen

Und der rechten Wehr vergaßen.

5Seins Könge, seiens Fürsten,

Soll dort ihr Wirth verdürsten?

Holen sie seinen Goldnapf nicht,

Ihr hoher Preis wird all zunicht.«

Der Knapp sprach: »Ich besteh dir,

10Was du gesprochen hast zu mir.«

Er ritt von ihm zu Nantes ein.

Ihm folgten viel der Junkerlein

Auf den Hof vor den Saal:

Da war ein Leben, war ein Schall!

15Bald entstand Gedräng um ihn

Iwanet sprang zu ihm hin:52

Dieser Knappe Falsches frei

Bot ihm seine Kompanei.

Der Knappe sprach: »Gott wahre dich;

20Meine Mutter lehrte mich,

Eh ich von ihr schied, den Gruß.

Hier seh ich manchen Artus:

Welcher soll mich Ritter machen?«

Iwanet begann zu lachen;

25»Du hast den rechten nicht gesehn;

Doch es soll sogleich geschehn.«

Da trat er mit ihm in den Saal

Zu den Tafelrundern allzumal.

So viel vermocht er in dem Schall,

Er sprach: »Bewahre Gott euch all,

[148]Zumal den König und sein Weib.

Meine Mutter rieth, daß ich beileib

Die begrüßte gleich zur Stunde,

Und wer hier an der Tafelrunde

5Mit Ehren Sitz erworben hat,

Die alle sie mich grüßen bat.

An Einer Kunst mir noch gebricht:

Wer hier der Wirth ist, weiß ich nicht:

Ein Ritter ihm durch mich entbot

10(Den sah ich allenthalben roth),

Er harre seiner vor dem Thor;

Mich dünkt, er soll zum Kampf hervor.

Ihm ist auch leid, daß er den Wein

Verschüttet auf die Köngin rein.

15O hätt ich doch sein Streitgewand

Empfangen von des Königs Hand!

Aller Freuden rühmt' ich mich,

Denn es steht so ritterlich!«

Unser Jungherr unbezwungen

20War von Leuten so umrungen,

Ihn trieb bald hin bald her die Schar.

Sie nahmen seines Aussehns wahr.

Da war es leicht zu schauen:

An Herren noch an Frauen

25Sah man nie holder Angesicht.

In übler Laune war es nicht,

Daß Gott Parzivaln erdachte,

Dem kein Schrecken Schrecken brachte.

So stellte sich Artusen vor,

Den Gott zu einem Wunder kor.

[149]Haßen konnte Niemand ihn.

Da beschaut' ihn auch die Königin,

Eh sie aus dem Saale schied,

Wo ihr Gewand der Wein nicht mied.

5Artus sah den Knappen an;

Zu seiner Einfalt sprach er dann:

»Habt, Junker, eures Grußes Dank;

Ich vergelt ihn gerne lebenslang

Mit Herzen und mit Gute:

10Traun, so ist mir zu Muthe.«

»Wollte Gott, das würde wahr!

Bis dahin dünkt mich wohl ein Jahr.

Daß ich nicht Ritter werden soll,

Das thut mir übler viel als wohl;

15Nun haltet mich nicht länger hin:

Sei Rittersehre mein Gewinn.«

Der Wirth sprach: »Ich bin gern bereit,

Gebricht mir selbst nicht Würdigkeit.

Du bist so edel wohl von Art,

20Mit vollen Händen ungespart

Will ich dir meine Gabe schenken;

Fürwahr, ich darf mich nicht bedenken.

Gedulde dich bis Morgen,

So will ich für dich sorgen.«

25Der wohlgeborne Knappe

Stand gaggernd wie ein Trappe.

Er sprach: »Ich will nicht mehr erbitten:

Der mir entgegen kam geritten,

Kann ich nicht dessen Rüstung haben,

So frag ich nichts nach Königsgaben.

[150]Mir giebt wohl noch die Mutter mein;

Die soll doch eine Köngin sein.«

Artus hub zum Knappen an:

»Die Rüstung trägt ein solcher Mann,

5Ich wag es nicht, sie dir zu geben.

Ich selber muß in Kummer schweben

Sonder alle meine Schuld,

Weil ich darbe seiner Huld.

Es ist Ither von Gahevieß,

10Der Leid mir durch die Freude stieß.«

»Ihr wärt unmilde, König hehr,

Schien euch solch Geschenk zu schwer.

Gebts ihm immer,« sprach Herr Keie,

»Und laßt ihn zu ihm ins Freie.

15Wollt ihr zurück den goldnen Kopf,

Hier ist die Geisel, dort der Topf:53

Gönnts dem Kind, ihn umzutreiben;

Man wird es Fraun mit Ruhm beschreiben.

Er muß noch manchen Stoß ertragen,

20Noch manche Ruthe wird ihn schlagen.

Ich sorg um ihrer Keines Leben:

Man soll Hund' um Eberköpfe geben.«

»Ungern wollt ich ihm versagen,

Ich fürchte nur, er wird erschlagen,

25Den ich zum Ritter machen soll,«

Sprach Artus aller Treue voll.

Der Knapp empfing die Gabe doch.

Wie nahe ging das Manchem noch!

Der Jüngling eilends aufbrach;

Alt und Jung drang ihm nach.

[151]Iwanet zog ihn an der Hand

Vor einer Schaulaube Rand.

Sein Auge vor und rückwärts flog:

Auch war die Laube nicht zu hoch,

5Daß er gar wohl darauf vernahm,

Was bald ihm Kummer schuf und Gram.

Da wollte selbst die Königin

An das Laubenfenster hin

Mit Rittern und mit Frauen.

10Sie wolltens Alle schauen.

Da saß auch Kunneware,54

Die stolze und die klare:

Die lachte weder laut noch leis,

Bis der kam, der den höchsten Preis

15Erworben oder sollt erwerben;

Lieber wollte sie ersterben.

Alles Lachens blieb sie frei;

Doch als der Knappe ritt vorbei,

Da erlacht ihr minniglicher Mund:

20Dafür ward ihr der Rücken wund.

Da faßte Kei der Seneschant

Frau Kunnewaren de Lalant

Bei ihrem lockigen Haar.

Ihre langen Zöpfe klar

25Wand er sich um seine Hand:

Er spängte sie ohne Spängelband.

Ihrem Rücken ward kein Eid gestabt;

Doch ward ein Stab so dran gehabt,

Bis sein Sausen ganz verklang,

Daß es Kleid und Haut durchdrang.

[152]So sprach der Unweise:

»Ihr habt nun euerm Preise

Mit Schmach den Abschied gegeben:

Ich fing ihn im Vorüberschweben

5Und will ihn wieder in euch schmieden,

Daß ihrs empfindet in den Glieden.

Mich dünkt, dem König Artus wär

Zu Haus und Hofe schon bisher

Geritten mancher werthe Mann;

10Doch ihr lachtet ihn nicht an,

Und lacht um jenen Mann so laut,

Der Rittersitte nie geschaut.«

Was auch im Zorn geschehen mag,

Das Reich hätt ihm doch keinen Schlag

15Zuerkannt auf diese Magd,

Die sehr von Freunden ward beklagt.

Dürfte sie den Schildrand tragen,

Sein Unfug würd ihm heim geschlagen.

Ihr fürstlich Blut ist recht und rein:

20Orilus und Lähelein,

Ihre Brüder, hättens die gesehn,

Mancher Schlag wär nicht geschehn.

Der verschwiegne Antanor,55

Der um sein Schweigen daucht ein Thor,

25An gleichen Schicksalsfäden

Hing ihr Lachen und sein Reden:

Er wollte nie ein Wörtlein sagen,

Bis sie gelacht, die Kei geschlagen.

Als ihr Lachen nun geschah,

Sein Mund sprach zu Keien da:

[153]»Gott weiß, Herr Seneschant,

Daß Kunneware de Laland

Um den Knappen ward misshandelt,

Freud in Leid wird euch verwandelt

5Noch dafür von seiner Hand,

Wenn erst sich Zeit und Stunde fand.«

»Da euer erstes Wort mir dräut,

So sorg ich, daß es euch nicht freut.«

Zermürbt ward ihm der Braten,

10Zugeflüstert und gerathen

Viel dem sinnbegabten Thoren

Mit Faustschlägen um die Ohren.

Das that Herr Keie vor dem Saal,

Daß der junge Parzival

15Die Beschimpfung mochte schauen

Antanors wie der Frauen.

Leid war ihm herzlich ihre Noth;

Er griff wohl oft zum Gabilot:

Vor der Königin war solcher Drang,

20Daß er es darum nicht schwang.

Urlaub nahm da Iwanet

Vom Fils dü Roi Gachmuret.

Alleine hub sich Der sodann

Hinaus zu Ithern auf den Plan.

25Dem bracht er dort die Märe,

Daß in Nantes Niemand wäre,

Der Lust mit ihm zu streiten habe.

»Mich gewährte Artus einer Gabe.

Ich sagt' ihm, wie dein Auftrag war,

Daß es dein Wille ganz und gar

[154]Nicht war, die Köngin zu begießen:

Dich werde Unfug stäts verdrießen.

Sie gelüstet nicht des Streites.

Das Ross gieb, drauf du reitest,

5Und deine Rüstung allzumal:

Ich empfing sie auf dem Saal,

Weil ich drin Ritter werden muß.

Versagt sei dir mein Gruß,

Wenn du mir es ungern giebst:

10Nun gieb mir, wenn du Klugheit liebst.«

Der König von Kukumerland

Sprach: »Hat dir Artusens Hand

Meine Rüstung gegeben?

Er gäbe dir mein Leben,

15Könntest du mirs abgewinnen:

So kann er Freunde minnen.

War er dir schon früher hold?

Dein Dienst erwarb so schnell den Sold.«

»Ich mag erwerben was ich will.

20Wohl ist es wahr, er gab mir viel.

Gieb her und laß dein Landrecht:56

Ich will nicht länger sein ein Knecht,

Ich soll nun Schildesamt bekommen.«

Schon hatt er ihn beim Zaum genommen:

25»Am Ende bist du Lähelein,

Von dem mir klagt die Mutter mein.«

Der Ritter wandte seinen Schaft

Und stieß den Knappen so mit Kraft,

Daß er mit seinem armen Ross

Nieder auf die Blumen schoß.

[155]Ihn schlug der Zornerhitzte,

Daß ihm vom Schafte spritzte

Aus der Haut sein rothes Blut.

Parzival der Knappe gut

5Stand hier zornig auf dem Feld.

Sein Gabilot ergriff der Held:

Wo der Helm und das Visier

Sich scheiden ob dem Härsenier,57

Traf ihn durchs Aug das Gabilot

10Und durch den Nacken, daß er todt

Hinfiel, der Falschheit Gegensatz.

Seufzern, Klagen machte Platz

Ithers Tod von Gahevieß,

Der Frauen naße Augen ließ.

15Die seine Minne je empfand,

Der war die Freude fern gebannt,

Der war verscherzt der heitre Scherz,

Verwandelt in der Trauer Schmerz.

Parzival war noch so dumm,

20Er kehrt' ihn hin und wieder um,

Ihm die Rüstung abzustreifen;

Doch konnt ers nicht begreifen.

Das Helmband und manch Schinnelier58

Mit seinen blanken Händen zier

25Wust er nicht auszustricken,

Noch sonst herab zu zwicken;

Jedoch versucht ers oft genug,

Der weder weise war noch klug.

Das Streitross und das Pferdelein

Huben an zu wiehern und zu schrein.

[156]Da vernimmt es Iwanet,

Der vor der Stadt am Graben steht,

Vetter und Knapp der Königin:

Da er hörte, wie die Pferde schrien,

5Und da er Niemand drauf ersah,

Der Liebe Willen that ers da,

Die er zu Parzivalen trug,

Daß zu ihm lief der Knappe klug.

Da fand er Itheren todt

10Und Parzival in Dümmlingsnoth;

Wie bald er ihm zu Hülfe sprang!

Da sagt' er Parzivalen Dank,

Daß den Preis erworben seine Hand

An dem von Kukumerland.

15»Gott lohns. Doch rathe was ich thu.

Ich kann hier gar nicht recht dazu:

Wie brings ich von ihm und an mich?«

»Sei nur getrost, ich lehr es dich,«

Sprach der stolze Iwanet

20Zum Fils dü Roi Gachmuret.

Entwappnet ward der todte Mann

Da vor Nantes auf dem Plan,

Das Kleid dem Sieger angelegt,

Der noch der Einfalt Zeichen trägt.

25Iwanet sprach: »Die Ribbalein

Dürfen nicht unterm Eisen sein:

Du sollst nun tragen Ritterskleid.«

Das Wort war Parzivalen leid.

Da begann der gute Knab:

»Was mir meine Mutter gab,

[157]Das soll nicht von mir kommen,

Mag es schaden oder frommen.«

Das dauchte wunderlich genug

Iwaneten (der war klug);

5Dennoch folgt' er ihm getrost,

Und war ihm nicht darum erbost.

Er schuht' ihm über die Ribbalein

Zwei Eisenhosen licht von Schein;

Mit edeln Borten ohne Leder

10(Sie gehörten zu jedweder)

Fügt' er ihm Sporen goldesroth.

Eh er ihm den Halsberg bot,

Band er ihm um manch Schinnelier.

Nicht lange mehr, so sah man hier

15Von Haupt zu Fuß in blankem Stahl

Den ungeduldgen Parzival.

Gern hätt der Knappe wohlgethan

Seinen Köcher umgethan.

»Ich reiche dir kein Gabilot,

20Weil dieß die Ritterschaft verbot,«

Sprach Iwanet der Knappe werth;

Er schnallt' ihm um ein scharfes Schwert:

Das lehrt' er ihn vom Leder ziehn

Und widerrieth ihm zages Fliehn.

25Näher zog er dann heran

Des todten Mannes Kastilian;

Es war von Beinen hoch und lang.

Der gewappnet in den Sattel sprang,

Stegreife braucht' er nicht,

Von dessen Raschheit man noch spricht.

[158]Noch ließ Iwanet nicht nach,

Er lehrt' ihn unter Schildesdach

Nach Kunstgebrauch gebahren

Und des Feindes Brust nicht sparen.

5Er gab ihm in die Hand den Sper.

Darnach verlangte den nicht sehr;

Doch fragt' er: »Wozu soll das frommen?«

»Die gegen dich tjostierend kommen,

Auf die sollst du ihn brechen,

10Durch ihren Schild verstechen.

Wer das recht zu treiben weiß,

Der hat vor den Frauen Preis.«

Die Aventüre giebt Bericht,

Nicht zu Köln noch Mastricht

15Könnt ihn ein Maler schöner malen,

Als man ihn sah vom Pferde stralen.

Zu Iwaneten hub er an:

»Lieber Freund und Kumpan,

Ich hab erworben, was ich bat:

20Meinen Dienst nun magst du in der Stadt

Dem König Artus sagen

Und ihm meine Schande klagen.

Bring ihm zurück den Goldnapf hier.

Ein Ritter brach die Zucht an mir,

25Daß er die Jungfrau schlug so sehr,

Die mein gelacht von Ohngefähr.

Mir liegt ihr Jammer stäts im Sinn,

Es rührt mein Herz nicht obenhin:

Wohl muß inmitten drinne sein

Der Jungfrau unverdiente Pein.

[159]Nun thus, weil wir uns gerne sehn,

Und laß den Schimpf dir nahe gehn.

Gott hüte dein; ich will nun fahren:

Der mag uns Beide wohl bewahren.«

5Jämmerlich da liegen ließ

Der Held Ithern von Gahevieß.

Der war im Tod noch minniglich,

Im Leben lebt' er seliglich.

Hätt ihn getödtet Ritterschaft,

10Ein Sperstoß ihn dahingerafft,

Wer klagte dann so seltne Noth?

Er starb von einem Gabilot.

Viel lichte Blumen ihm zum Dach

Iwanet darnieder brach.

15Er stieß des Gabilotes Stiel

In die Erde, wo er fiel;

Dann in Kreuzesform ein Holz

Stach der sinnge Knappe stolz

Durch des Gabilotes Schneide.

20Daß er dieß auch nicht vermeide,

Er macht' es in der Stadt bekannt,

Wo manche Frau verzagend stand,

Und mancher Ritter weinte,

Seine Treue so bescheinte.

25Da ward der Jammer allgemein.

Man holte schön den Todten ein:

Die Königin ritt aus dem Thor;

Man trug das Heiligtum ihr vor.

Ob dem König von Kukumerland,

Gefällt von Parzivalens Hand,

[160]Frau Ginover die Königin

Sprach jammervoller Worte Sinn:

»Weh, o weh und heia hei!

Artusens Würdigkeit entzwei

5Muß brechen dieses Wunder:

Der aller Tafelrunder

Höchsten Preis sollte tragen,

Wo der vor Nantes liegt erschlagen.

Sein Erbtheil nur begehrte,

10Den man hier sterben lehrte.

Er war doch lange Ingesind

Allhier, daß weder Mann noch Kind

Uebles je von ihm vernahm.

Aller Falschheit war er gram,

15Ueber allen Trug erhaben.

Nun muß ich allzufrüh begraben

Des höchsten Preises Siegel.

Sein Herz, der Tugend Spiegel.

Der Treue Grundfeste,

20Rieth immer ihm das Beste,

Wo man nach Frauenminne

Mit festem Muth und Sinne

Sollt erweisen Mannestreu.

Den Frauen wuchert immer neu

25Des hier gesäten Leides Kraut,

Aus deiner Wunde Jammer thaut.

Dir war doch wohl so roth dein Haar,

Daß dein Blut die Blumen klar

Nicht röther konnte machen.

Du verbietest weiblich Lachen.«

[161]Ither der lobesreiche Held

Ward königlich der Gruft gesellt.

Sein Tod die Frauen seufzen lehrte,

Als ihm die Rüstung den bescherte:

5Das Ende gab ihm ja nach ihr

Des blöden Parzivals Begier;

Als er mehr Verstand gewann,

Da hätt ers lieber nicht gethan.

Dieser Sitte pflag das Ross,

10Daß keine Arbeit es verdroß:

Ob es kalt war oder heiß,

Es gerieth vom Laufen nie in Schweiß,

Obs über Stein und Wurzeln ging.

Das Gürten war an ihm gering:

15 Ein Loch schnallt' es nur hinauf,

Wer zwei Tage saß darauf.

Gewappnet ritts der kindsche Mann

Den Tag so weit, ein Kluger kann

Es nicht in zweien reiten,

20Stünd er auch auf bei Zeiten.

Er ließ es rennen, selten traben

Und wust ihm wenig anzuhaben.

Da der Abend anbrach,

Gewahrt' er eines Thurmes Dach.

25Da wähnt' in seinem Sinn der Thor,

Der Thürme wüchsen mehr hervor;

Ihrer stunden viel auf Einem Haus.

Er dachte, Artus säe sie aus.

Das schrieb er ihm für Wunder an

Und dacht, er wär ein heilger Mann.

[162]Also sprach der blöde Held:

»Meiner Mutter Volk baut schlecht ihr Feld:

So hoch ja wächst ihr nie die Saat,

Die sie in dem Walde hat,

5Wo es doch selten trocken wird.«

Gurnemans de Graharz59 hieß der Wirth

In der fern erschauten Veste.

Eine Linde wiegte breite Aeste

Davor auf grüner Wiese.

10Zu breit noch lang war diese,

Nur in dem rechten Maße.

Da trug ihn Ross und Straße

Dahin, wo er ihn sitzen fand,

Dem die Burg war und das Land.

15Ermüdung war es, die ihn zwang,

Daß er den Schild nicht richtig schwang,

Zu sehr vor, zu sehr zurück,

Und nimmer nach der Sitte Schick,

Die da galt für rechtes Maß.

20Fürst Gurnemans alleine saß.

Die Linde gab mit Wonne

Schatten vor der Sonne

Dem Hauptmann aller wahren Zucht.

Des Sitte Tadel zwang zur Flucht,

25Der empfing den Gast: so war es recht;

Nicht Ritter war bei ihm noch Knecht.

Parzival alsbald begann,

In seiner Einfalt hub er an:

»Meine Mutter hieß mich dessen Rath

Erflehn, der graue Locken hat.

[163]Dafür will ich euch dankbar sein,

Da so mir rieth die Mutter mein.«

»Kommt ihr guten Rath zu hören

Hieher, so müßt ihr es verschwören

5Mir zu zürnen um den Rath

Und immer thun, wie ich euch bat.«

Da warf der edle Fürst zuhand

Einen jährgen Sperber von der Hand,

Der gleich sich in die Veste schwang,

10Daß seine goldne Schelle klang.

Das war ein Bote: Jungherrn gleich

Kamen in Kleidern schön und reich.

Die bat er: »Führt hinein den Gast

15Und entledigt ihn der Eisenlast.«

Der sprach: »Meine Mutter sprach wohl wahr,

Altmannes Wort bringt nicht Gefahr.«

Da führten sie ihn ein zuhand,

Wo er viel werthe Ritter fand.

Auf dem Hof war eine Statt,

20Wo man ihn abzusteigen bat.

Der warf in seiner Thorheit ein:

»Mich hieß ein König Ritter sein;

Was mir darauf auch widerfährt,

Ich komme nicht von diesem Pferd.

25Euch zu grüßen rieth die Mutter mir.«

Sie dankten beiden, ihm und ihr.

Da so das Grüßen war gethan

(Das Ross war müd und auch der Mann),

Manches Grundes sie gedachten,

Eh sie vom Ross ihn brachten

[164]Zu einer Kemenaten.

Da hört' er Alle rathen:

»Laßt den Harnisch von euch thun,

Daß sich die müden Glieder ruhn.«

5Sie entwappneten ihn insgemein.

Als sie die rauhen Ribbalein

Und die Thorenkleider sahen,

Da erschraken, die sein pflagen.

Mit Scheu ward es am Hof gesagt;

10Der Wirth war schier vor Scham verzagt.

Ein Ritter sprach mit höfscher Zucht:

»Gleichwohl, so edle Frucht

Ersah nie meiner Augen Licht;

Er hat, was Glück und Heil verspricht,

15In reiner hoher süßer Art.

Wie ist so der Minne Stolz bewahrt?

Mich jammert immer, daß ich fand

An der Lust der Welt so schlecht Gewand.

Wohl doch der Mutter, die ihn trug,

20Der aller Gaben hat genug.

Sein Helmschmuck ist wohlgethan,

Die Rüstung stand ihm herlich an,

Eh wir sie niederbanden,

Und von Quetschungen fanden

25Manche Schramme roth von Blut,

Die an sich trug der Knappe gut.«

Zu dem Ritter sprach der Wirth: »Gieb Acht,

Ein Weib gebot ihm diese Tracht.«

»Nein Herr, er hat noch solche Sitten,

Er wüste wohl kein Weib zu bitten,

[165]Ihn zum Diener zu erwählen;

Sonst möcht ihm nichts zur Minne fehlen.«

Der Wirth sprach: »Laßt uns zu ihm gehn,

Und seine fremde Tracht besehn.«

5Die Herren gingen hin zu Stund

Und fanden Parzivalen wund

Von einem Sper; der blieb doch ganz.

Sein unterwand sich Gurnemans.

Der war solch ein Unterwinder,

10Daß ein Vater seine Kinder,

An Treue Theil zu haben,

Nicht beßer könnte laben.

Seine Wunden wusch und band

Ihm der Wirth mit eigner Hand.

15Nun war auch aufgelegt das Brot.

Des war dem jungen Gaste Noth:

Hungrig war er überaus.

Nüchtern war er Morgens aus

Geritten von dem Fischersmann.

20Die er vor Nantes dann gewann,

Die Wunde, und der Harnisch schwer,

Macht' ihn müd und hungrig noch viel mehr,

Dazu die weite Tagereise

Von Artus dem Bretaneise,

25Wo man ihn allwärts fasten ließ.

Der Wirth ihn mit sich eßen hieß;

Da mocht erlaben sich der Gast:

In den Gaumen schob er solche Last,

Viel Speise ward zu nicht gemacht.

Des hatte doch der Wirth nicht Acht:

[166]Ihn ermahnte stäts aufs Neue

Gurnemans der Vielgetreue,

Daß er wacker äße

Und der Müdigkeit vergäße.

5Man hob den Tisch hinweg zur Zeit.

»Ich wette, daß ihr schläfrig seid;

Ihr wart früh auf am Morgen doch.«

»Meine Mutter, Gott weiß, schlief wohl noch,

Sie pflegt nicht früh zu wachen.«

10Der Wirth begann zu lachen

Und führt' ihn zu der Schlafstatt hin:

Da bat er ihn sich auszuziehn;

Er thats nicht gern, doch must es sein.

Von Härmelin ein Laken fein

15Bedeckte seinen bloßen Leib;

Nie gebar so werthe Frucht ein Weib.

Wie ihn Schlaf und Müde lehrte,

Auf die andre Seite kehrte

Sich der Held nicht manches Mal;

20So lag er bis zum Morgenstral.

Der edle Fürst gebot bei Zeit,

Daß ein Bad ihm wär bereit

Vor dem Teppich, wo er lag,

Eh höher stiege der Tag.

25Also must es Morgens sein;

Viel Rosen warf man ihm hinein.

Ob Niemand ihn bei Namen rief,

Der Gast erwachte, der da schlief:

Der werthe, süße Jüngling

In die Kufe sitzen ging.

[167]Ich weiß nicht, wer sie darum bat:

Jungfraun in reichem Staat

Und von Ansehn minniglich

Kamen zu ihm sittsamlich:

5Die wuschen ihm und strichen sanft

Seiner Quetschungen Ranft

Mit blanken linden Händen.

Das durft ihn nicht befremden,

Dem Witz noch wenig Hülfe bot.

10Also trug er Freud und Noth

Und entgalt der Einfalt nicht bei ihnen,

Da ihn mit holden Mienen

Jungfrauen so hantierten.

Wovon sie parlierten,

15Zu Allem schwieg er stille fein,

Es dürft ihm doch zu früh nicht sein:

Denn sie schienen wie ein zweiter Tag.

Als so ihr Schein im Wettstreit lag,

Da löscht' er selbst das Doppellicht:

20Versäumt an Weiße war er nicht.

Sie boten ihm ein Laken dar;

Doch nahm er des mit Nichten wahr.

So konnt er sich vor Frauen schämen:

Er wollt es nicht vor ihnen nehmen.

25Die Jungfrauen musten gehn,

Sie durften da nicht länger stehn.

Sie hätten gern vielleicht gesehn,

Ob tiefer ihm was wär geschehn.

So getreu ist Weiblichkeit,

Des Freundes Schaden ist ihr leid.

[168]Da schritt der Gast ans Bett und fand

Für sich bereit schön weiß Gewand.

Von Gold und edler Seide fein

Einen Hosengürtel zog man drein.

5Auch gab man roth scharlachne Hosen

Dem nimmer Kraft- noch Muthlosen.

Avoi! wie seine Beine standen!

Da war der rechte Schick vorhanden.

Scharlachbraun von schönem Schnitte

10Und wohlgefüttert nach der Sitte

Waren Rock und Mantel lang,

Von Härmelin inwendig blank.

Schwarz- und grauer Zobel stand

Als Besatz vor jedem Rand;

15Die warf er über sogleich.

Mit einem Gürtel schön und reich

Must er den Leib verzieren,

Und dazu sich affischieren

Einen theuern Fürspann;

20Sein Mund dabei vor Röthe brann.

Da kam der treue Wirth daher,

Ihm folgten Ritter stolz und hehr.

Der empfing den Gast. Als das geschehn,

Die Ritter musten all gestehn,

25Sie sahen niemals schönern Leib.

Getreulich priesen sie das Weib,

Die solche Frucht der Welt gebar.

Aus höfscher Zucht, und weil es wahr,

Sprachen sie: »Ihm wird gewährt,

Wohin um Huld den Dienst er kehrt.

[169]Minn und Gruß sind ihm bereit,

Ergehts nach seiner Würdigkeit.«

Das gestanden Alle da

Und Jeder, der ihn künftig sah.

5Der Wirth ergriff ihn bei der Hand

Und führt' ihn mit sich unverwandt.

Unterwegs fragt' ihn der,

Wie seine Ruhe wär

Bei ihm gewesen diese Nacht?

10»Herr, lebend wär ich nicht erwacht!

Ein Glück, daß mir die Mutter rieth,

Euch zu besuchen, als ich schied.«

»Nun Gott lohn es euch und ihr;

Herr, zu gütig seid ihr mir.«

15Hin ging der Held, an Witz noch krank,

Wo man dem Wirth und Gotte sang.

Der Wirth ihn bei der Messe lehrte,

Was der Seele Heil ihm mehrte:

Opfern, und segnen sich

20Und rüsten vor des Teufels Schlich.

Sie gingen wieder auf den Saal:

Da stand der Tisch gedeckt zum Mal.

Der Wirth bei seinem Gaste saß,

Der ungeschmäht die Speisen aß.

25Da sprach der Wirth mit Höflichkeit:

»Wär euch die Frage, Herr, nicht leid,

So hätt ich gern vernommen,

Wannen ihr wärt gekommen?«

Er sagt' ihm Alles ungelogen,

Wie er von der Mutter war gezogen,

[170]Vom Ringlein und vom Fürspann,

Und wie er Harnisch gewann.

Der Wirth erkannte den Ritter roth:

Er seufzte: denn es schuf ihm Noth.

5Dem Gast er nun den Namen ließ

Und ihn den rothen Ritter hieß.

Da man hinweg die Tafel nahm,

Da wurde wilde Sitte zahm.

Der Wirth sprach zu dem Gaste sein:

10»Ihr redet wie die Kindelein:

Was geschweigt ihr eurer Mutter nicht

Und gebt uns anderlei Bericht?

Haltet euch an meinen Rath,

Der scheidet euch von falschem Pfad.

15»So heb ich an: »Legt nimmer hin

Die Scham, die aller Zucht Beginn.

Schamloser Mann, wie taugte Der?

Als ob er in der Mauße wär,

So rieselt von ihm Würdigkeit

20Und weist ihn zu der Hölle Leid.

»Ihr tragt so edeln Schickes Schein,

Wohl mögt ihr Volkes Herre sein.

Ist hoch und höht sich eure Art,

Seht, daß ihr stäts im Herzen wahrt

25Erbarmung gegen dürftgen Mann;

Wider dessen Kummer kämpfet an

Mit Gut und milden Gaben:

Solche Demuth sollt ihr haben.

Der kummervolle werthe Mann,

Der vor Scham nicht betteln kann

[171](Das ist ein unsüßes Leid),

Dem seid zu helfen gern bereit.

Wenn ihr dessen Kummer stillt,

Das ist zu lohnen Gott gewillt.

5Er ist übler dran, als der da geht

Zur Thüre, wo das Fenster steht.

»Ihr sollt verständig überein

Wißen arm und reich zu sein.

Denn wo der Herr zu viel verthut,

10Das ist nicht herlicher Muth,

Und will er Schatz nur mehren,

Das mag ihn auch nicht ehren.

»Das rechte Maß sei euer Orden.

Ich bin wohl inne geworden,

15Daß ihr rathbedürftig seid:

Nun meidet Unfug jederzeit.

»Ihr sollt so viel nicht fragen;

Doch dürft ihr nicht versagen

Bedachte Antwort, die gemeßen

20Ziemet auf die Frage dessen,

Der euch mit Worten will erspähn.

Ihr möget hören, möget sehn,

Erwittern, kosten, merken:

Das wird den Sinn euch stärken.

25»Laßt Erbarmung bei der Kühnheit sein:

Dem Rathe sollt ihr Folge leihn.

Wer im Kampf euch bietet Sicherheit,

That er euch nicht solches Leid,

Das Herzleid müste geben,

Nehmt sie und laßt ihn leben.

[172]»Ihr legt oft Harnisch an euch:

Legt ihr ihn ab, so reinigt gleich

Euch an Händen und Gesicht

Vom Rost des Eisens, das ist Pflicht.

5So schaut ihr wieder hell und klar:

Des nehmen Frauenaugen wahr.

»Seid mannlich und wohlgemuth,

Das ist zu werthem Preise gut.

Die Frauen haltet lieb und werth:

10So wird ein junger Mann geehrt.

Gebt keinem Wankelmuth euch hin:

Das ist rechter Mannessinn.

Wenn ihr sie thören wollt mit Lügen,

Wohl mögt ihr ihrer viel betrügen:

15Lohnt treuer Minne falsche List,

Das bringt euch Lob gar kurze Frist.

Da wird des Schleichers Klage

Das dürre Holz im Hage,

Denn es knistert und kracht,

20Daß der Wächter erwacht.

Strauchweg und verbotner Schlich

Führen übeln Streit mit sich.

Dieß meßet gegen wahre Minne.

Die werthe hat auch kluge Sinne

25Wider Falschheit und Betrug.

Haßte sie euch je mit Fug,

So müstet ihr geschändet sein

Und immer dulden Scham und Pein.

»Dieß sollt ihr nah dem Herzen tragen:

Ich will euch mehr von Frauen sagen.

[173]Mann und Weib, die sind geeint

Wie die Sonne, die heut scheint,

Und der heut genannte Tag,

Die beide Niemand scheiden mag.

5Sie blühn hervor aus Einem Kern:

Das merket und erwäget gern.«

Dem Wirthe dankt' er für das Wort.

Der Mutter schwieg er hinfort

Mit Reden, doch im Herzen nicht;

10Das ist getreuen Mannes Pflicht.

Der Wirth sprach, was ihm Ehre schuf:

»Lernt auch Kunst, euch ists Beruf,

An ritterlichen Sitten.

Wie kamt ihr her geritten!

15Glaubt mir, ich sah schon manche Wand,

Wo der Schild an seinem Band

Beßer hing als euch am Hals.

Es ist wohl Zeit noch allenfalls:

Laßt uns hinaus zu Felde,

20Daß ich von Kunst euch melde.

Bringt sein Ross und mir das meine

Und jedem Ritter das seine.

Auch sollen Junker mit zuhand:

Ein jeder führ' an seiner Hand

25Einen starken Schaft und neu durchaus;

Den bring er uns aufs Feld hinaus.«

So kam der Fürst auf den Plan:

Da ward mit Reiten Kunst gethan.

Er unterwies seinen Gast

Wie er das Ross in voller Hast

[174]Mit des Sporengrußes Pein,

Bei fliegender Schenkel Schein

Auf den Gegner sollte schwenken,

Den Schaft gehörig senken

5Und den Schild tjostierend vor sich halten:

»So müßt ihr Schildesamt verwalten.«

So trieb er Ungeschick ihm aus,

Wie ein schwankes Reis im Saus

Unartgen Kindern gerbt das Fell.

10Dann ließ er kommen Ritter schnell,

Daß er mit ihnen tiostierte.

Seinen Gast er selber führte

Ihnen entgegen in den Ring.

Da brachte dieser Jüngling

15Seinen ersten Tjost durch einen Schild,

Daß es wohl für ein Wunder gilt,

Und daß er hinters Ross verschwang

Einen starken Ritter groß und lang.

Ein andrer Gegner war gekommen.

20Da hatt auch Parzival genommen

Einen starken neuen Schaft.

Seiner Jugend blühte Muth und Kraft.

Den jungen süßen sonder Bart

Lehrte Gachmuretens Art

25Und angeborne Mannheit:

Das Ross ersprengt' er wohl zum Streit

In gestrecktem Laufe, wie man soll,

Und zielt' auf die vier Nägel60 wohl:

Des Wirthes Ritter hielt nicht Bügel,

So daß er fallend maß den Hügel.

[175]Viel kleiner Stücklein wohl zerschellt

Von Splittern sah man auf dem Feld.

Also stach er fünfe nieder.

Da nahm der Wirth ihn zu sich wieder;

5Erhalten hatt er hier den Preis;

Er ward im Streit noch klug und weis.

Die sein Reiten hier gesehn,

Die Kundgen musten all gestehn,

Es wohne Kunst und Kraft ihm bei.

10»Mein Herr wird seines Jammers frei.

Nun verjüngt sich wohl sein Leben.

Er soll zum Weib ihm geben

Seine Tochter, unsre Frauen.

Ist er klug, ihr sollt es schauen,

15So lischt ihm seines Kummers Noth.

Für der dreien Söhne Tod

Ritt ihm nun Ersatz ins Haus:

Nun endlich blieb sein Heil nicht aus.«

So kam der Fürst am Abend heim:

20Gedeckt die Tafel muste sein.

Seine Tochter ließ er kommen

Zu Tisch, so hab ich es vernommen.

Da das Mägdlein kam heran,

Nun höret wie der Wirth begann

25Zu der schönen Liaßen:

»Du sollst dich küssen laßen

Diesen Ritter, biet ihm Ehre;

Ihn beräth des Heiles Lehre.

Euch aber macht ichs zum Beding,

Daß ihr der Magd den Fingerring

[176]Ließet, wenn sie einen hätte;

Sie hat ihn nicht, noch Spang und Kette.

Wer schenkt' ihr einen Fürspann

Wie der Frauen dort im Tann?

5Die hatte Einen, der ihr gab,

Was ihr der Schönen nahmet ab.

Liaßen könnt ihr wenig nehmen!«

Der Gast begann sich des zu schämen;

Er küsste sie doch auf den Mund:

10Dem war wohl Feuerfarbe kund.

Liaße war gar minniglich,

Voll wahrer Keusche sicherlich.

Der Tisch war nieder und lang;

Man sah an ihm nicht großen Drang.

15Am Ende saß der Wirth allein;

Den Gast setzt' er mitten ein

Zwischen sich und sein Kind.

Ihre blanken Hände lind

Musten schneiden, wie der Wirth gebot,

20Den man hieß den Ritter roth,

Was der zu eßen trug Begehren.

Niemand wird es ihnen wehren,

Blickten sie sich heimlich an.

Das züchtige Mädchen wohlgethan

25That gern des Vaters Gebot.

Sie und der Fremdling blühten roth.

Bald ging das Mägdlein hinaus.

So pflegte man den Gast im Haus

Bis an den vierzehnten Tag.

In seinem Herzen Kummer lag,

[177]Um anders nicht, als weil ihm schien,

Ihm müß erst Ruhm im Streite blühn,

Eh er daran würde warm,

Was man da heißet Frauenarm.

5Ihn dauchte, werthe Brautschaft

Sei ein Glück von hoher Kraft

Für dieses Leben wie für dort.

Ungelogen ist das Wort.

Eines Morgens er um Urlaub bat:

10Da räumt er Graharz die Stadt.

Der Wirth gab ihm ins Feld Geleit:

Da hob sich neues Herzeleid.

Da sprach der Fürst aus Treu erkoren:

»Mir geht der vierte Sohn verloren,

15Da ich mich entschädigt glaubte

Dreier, die der Tod mir raubte.

Nur dreifach war bisher mein Schmerz;

Wer mir aber jetzt das Herz

Mit der Hand in Viere schlüge,

20Jedes Stück von dannen trüge,

Das dauchte mich ein Hochgewinn.

Eins für euch (ihr reitet hin);

Für meine Söhne drei, die lieben,

Die muthig sind im Kampf geblieben.

25Doch solchen Lohn giebt Ritterschaft;

Ihr End umstrickt mit Jammers Haft.

»Mir lähmt ein Tod die Freude gar,

Meines Sohnes, der so blühend war;

Er hieß mit Namen Schenteflur.

Da Kondwiramur

[178]Leib und Leben nicht wollt ergeben,

Verlor ihr Helfer, er das Leben

Von Klamide und von Kingraun.

Mir ist durchlöchert wie ein Zaun

5Das Herz von Jammersschnitten.

Nun zu früh seid ihr geritten

Von mir trostlosem Mann.

O weh, daß ich nicht sterben kann,

Da Liaße die schöne Magd

10Und mein Land euch nicht behagt.

»Mein andrer Sohn hieß Komte Laskoit:61

Den hat mir Ider Fils de Noit

Erschlagen eines Sperbers halb:

Davon ist meine Freude falb.

15Mein dritter Sohn hieß Gurzgri,

Dem Mahaute verlieh

Ihren blühenden Leib:

Denn es gab sie ihm zum Weib

Ihr stolzer Bruder Eckunat.

20Gen Brandigan der Hauptstadt

Kam er um Schoidelakurt geritten;

Da hat auch er den Tod erlitten:

Ihn erschlug Mabonagrein.

Mahaute ließ den lichten Schein.

25Seine Mutter auch, mein Weib, ist todt

Vor Leid um ihn und Sehnsuchtsnoth.«

Wohl sah der Gast des Wirthes Qual;

Der unterschied sie ihm zumal.

Da sprach er: »Herr, ich bin nicht weise;

Doch komm ich je zu Ritters Preise,

[179]Daß ich wohl Minne mag begehren,

Liaßen sollt ihr mir gewähren,

Eure Tochter, die schöne Magd.

Ihr habt mir allzuviel geklagt:

5Kann ich des Jammers euch entschlagen.

Des laß ich euch so viel nicht tragen.«

Urlaub nahm der junge Mann

Von dem getreuen Fürsten dann

Und von dem Ingesind zumal.

10Die Dreizahl in des Fürsten Qual

Stieg traurig nun zur Vierzahl auf.

Die vierte Einbuß ist sein Kauf.

IV.
Kondwiramur.

Inhalt

In Gedanken an die schöne Liaße überläßt sich Parzival seinem Pferde, das ihn in einem Tage von Graharz in das Königreich Brobarz trägt, dessen Hauptstadt Pelrapär von einem feindlichen Heere belagert und ausgehungert wird. Da er seine Dienste anbietet, wird er eingelaßen und der Königin Kondwiramur, der Tochter Tampentärs, vorgestellt, welcher er, nach Gurnemans Rath, unnützes Fragen zu meiden, stumm gegenüber sitzt, bis sie selber das Schweigen bricht. Ihre Oheime, Kiot und Manfilot, die nach Schoisianens Tod sich des Schwerts begeben haben und als Einsiedler befriedet im Gebirge wohnen, versprechen ihr einige Lebensmittel zu schicken. In der Nacht schleicht sich die Königin an Parzivals Bette, weckt ihn mit ihren Thränen und klagt ihm, wie Klamide, König von Brandigan und Iserterre, und sein Seneschall Kingron ihr Land verheert, ihr Volk erschlagen hätten, sie aber lieber sterben wolle als sein Weib werden, zumal Klamide auch Schenteflur, ihren Verlobten, Liaßens Bruder, getödtet habe. Am Morgen besiegt Parzival den Seneschall und nöthigt ihm das Versprechen ab, sich Kunnewaren, jener an Artusens Hof seinethalb von Keie gemisshandelten Jungfrau, als Gefangener zu gestellen. Der Sieger wird von den Belagerten, denen der Sturm nun auch Lebensmittel in den Hafen verschlägt, der Königin zugeführt, die ihn umarmt, und keines Andern Weib zu werden gelobt. Das Beilager wird vollzogen, er läßt sie aber Magd, obgleich sie sich sein Weib wähnt. Erst in der dritten Nacht gedenkt er der Lehren seiner Mutter und des alten Gurnemans und umfängt sie minniglich. Klamide vernimmt seines Seneschalls Besiegung und versucht, während Jener den König Artus in seinem Jagdhause Karminal antrifft, die Stadt mit Sturm zu nehmen. Die Bürger wehren sich mit niederstampfenden Baumstämmen und zerstören sein Belagerungswerkzeug durch griechisches Feuer. Als auch die Hoffnung verschwindet, Pelrapär durch Hunger zu zwingen, fordert Klamide den Gemahl der Königin zum Zweikampf, in welchem auch er gezwungen wird, sich als Kunnewarens Gefangener zu Artus zu begeben, den er zu Dianasdron beim Pfingstfeste findet. Nach einiger Zeit nimmt Parzival Urlaub von Kondwiramur, um nach seiner Mutter zu sehen, wohl auch um Abenteuer aufzusuchen.

So schied von dannen Parzival,

Der mit Freuden nun zumal

15Ritters Kleid und Sitte führte,

O weh, nur daß ihn rührte

Manche unsüße Strenge.

Ihm war die Weite zu enge,

Und auch die Breite gar zu schmal,

20Alle Grüne daucht ihn fahl,

Sein rother Harnisch daucht ihn blant:

So thät sein Herz den Augen Zwang.

Seit er der Einfalt ledig ward,

Da wollt ihn Gachmuretens Art

25Sehnens nicht erlaßen

Nach der schönen Liaßen,

Dieser tugendreichen Maid,

Die ihm mit Geselligkeit

Ehre geboten ohne Minne.

Wohin sein Ross zu laufen sinne,

[180]Er kann den Zügel nicht gehaben

Vor Leid, mags springen oder traben.

Kreuzen und umhegter Flur,

Tiefer Wagengleise Spur

5Blieb sein Waldweg ungesellt:

Er ritt auf ungebahntem Feld,

Wo wenig Wegerich stand.

Ihm war nicht Berg noch Thal bekannt.

Man hört den Spruch in Weit und Breite:

10Wer irre geh oder reite,

Da wohl den Schlegel find er.

Schlegel fänd ein Blinder

In solchem Wald nicht selten,

Wenn für Schlegel Knorren gelten.62

15Dennoch ritt er wenig um.

Auf geradem Weg, nicht krumm,

Kam er des Tages von Graharz

In das Königreich Brobarz

Durch das Gebirge wild und hoch.

20Da schon der Tag zum Abend bog,

Kam er an ein Waßer schnell

Und von Geplätscher laut und hell:

Die Felsen schickten es einander.

Er ritt daran herab. Da fand er

25Die Stadt zu Pelrapäre,

Die König Tampentäre

Vererbt hatte seinem Kind,

Bei der viel Leute traurig sind.

Schnell fuhr das Waßer wie ein Bolz,

Der wohlgeschnitten ist von Holz,

[181]Wenn ihn gespannter Sehne Drang

Gefiedert von der Armbrust schwang.

Eine Brücke drüber hing,

An die einst mancher Holzstoß ging;

5Darunter floß der Strom ins Meer.

Pelrapär stand wohl zur Wehr.

Wie Kinder schaukelnd sich vergnügen,

Die sich auf Schaukeln dürfen wiegen,

So fuhr die Brück hinauf, hinunter;

10Vor Jugend war sie nicht so munter.

Auf jener Seite stunden,

Die Helme aufgebunden,

Dreißig Ritter oder mehr.

Sie riefen: »Wags und komm hieher!«

15Mit aufgehobnen Schwerten

Die Schwachen Kampf begehrten.

Sie wähnten, es wär Klamide,

Den sie oft gesehen eh,

Als so königlich der Held

20Zur Brücke ritt auf breitem Feld.

Da sie so den jungen Mann

Mit lauten Stimmen riefen an,

Ob der dem Ross die Sporen gab,

Die Brücke scheut aus Furcht sein Trab.

25Den Verzagtheit immer floh,

Der sprang herab und führte so

Sein Ross hin auf die Brücke schwank.

Eines Zagen Muth wär allzukrank,

Um in solche Fahr zu gehn;

Auch galt es wohl sich vorzusehn:

[182]Er fürchtete des Rosses Fall.

Nun schwieg auch jenseits der Schall.

Die Ritter trugen wieder ein

Helm und Schild, der Schwerter Schein;

5Auch verschloßen sie ihr Thor

Besorgt, es zög ein Heer davor.

So zog hinüber unser Held

Und kam geritten an ein Feld,

Wo Mancher seinen Tod erkor,

10Der um Ruhm den Leib verlor,

Vor der Pforte bei dem Saal,

Der hoch und prächtig war zumal.

Einen Ring er an der Pforte fand,

Den rührt' er kräftig mit der Hand.

15Seines Rufens nahm doch Niemand wahr

Als eine Jungfrau schön und klar:

Aus einem Fenster sah die Magd

Den Ritter halten unverzagt.

Da sprach das züchtge Mägdlein gut:

20»Seid ihr mit feindlichem Muth

Gekommen, Herr, des ist nicht Noth,

Da uns Haß genug schon bot

Ohne euch zu Land und Meer

Ein ergrimmtes starkes Heer.«

25Da sprach er: »Frau, hier hält ein Mann,

Der euch dient, wofern er kann.

Euer Gruß nur sei mein Sold;

Ich bin euch dienstbereit und hold.«

Da ging die Magd mit klugem Sinn

Hin vor ihre Königin

[183]Und schuf, daß sie ihn ließen ein,

Der ihnen wandte hohe Pein.

So war er eingelaßen.

Rechts und links der Straßen

5Stand das Volk in dichter Schar,

Das zur Wehr gekommen war:

Schleudrer und Fußsoldaten,

Die in langem Zuge nahten,

Wurfschützen auch in großer Zahl.

10Bei ihnen sah er zumal

Viel verwegener Sarjande,

Der Besten aus dem Lande,

Mit langen starken Lanzen,

Geschliffenen und ganzen.

15Da war auch, hat mir kund gethan

Die Märe, mancher Kaufmann

Mit Aexten und mit Gabilot,

Wie ihre Herrin gebot.

Das Volk war schlaff und schmächtig all.

20Der Königstochter Marschall

Führt' ihn durch die dichte Schar

Auf den Hof, was mühsam war.

Der war zur Wehr berathen:

Thürm über Kemenaten,

25Wichhäuser, Thürme, Erker auch

Waren da so viel im Brauch,

Er sah im Leben wohl nicht mehr.

Da kamen allwärts Ritter her,

Die ihn begrüßten und empfingen;

Einige ritten, andre gingen.

[184]Auch war die jämmerliche Schar

All wie Asche grau fürwahr

Oder wie ein falber Leim.

Mein Herr, der Graf von Wertheim,63

5War ungern Landsknecht da gewesen:

Wie möcht er bei dem Sold genesen?

Ihnen schuf der Mangel Hungersnoth.

Sie hatten Käse, Fleisch noch Brot:

Sie ließen Zähnstochern sein;

10Sie schmalzten wohl auch selten Wein

Mit dem Munde, wenn sie tranken.

Die Wänste ihnen niedersanken;

Hochschlanke Hüften hatte Jeder;

Eingeschrumpft wie ungrisch Leder

15Auf ihren Rippen lag die Haut;

Der Hunger hatt ihr Fleisch verdaut.

Dem Mangel waren sie befohlen,

Ihnen troff es selten in die Kohlen.

Sie zwang hiezu ein werther Mann,

20Der stolze König von Brandigan,

Weil vergebens Klamide geworben.

Nicht oft verschüttet noch verdorben

War der Meth hier in der Kanne.

Keine Truhendinger Pfanne64

25Mit Krapfen hörte man erschrein,

Ihnen schuf der Misslaut selten Pein.

Wollt ich ihnen des verdenken,

Das hieße wohl mich selber kränken:

Denn wo ich oft bin eingekehrt

Und wo man mich als Herren ehrt,

[185]Daheim in meinem eignen Haus

Freut auch sich selten eine Maus.

Die Maus muß ihre Speise stehlen;

Die braucht man nicht vor mir zu hehlen,

5Ich finde keine offen.

Zu oft hat da betroffen

Mich Wolfram von Eschenbach,

Zu erdulden solch Gemach.

Meiner Klage ward genug vernommen;

10Nun mag die Märe wieder kommen,

Wie Pelrapär stand Jammers voll:

Da gab das Volk von Freuden Zoll.

Die der Treue sich ergeben,

Die Helden musten spärlich leben.

15Doch Mannheit wars, die das gebot.

Erbarmen sollt euch ihre Noth:

Denn ihr Leben steht zu Pfand,

Sie löse denn die höchste Hand.

Hört mehr noch von den Armen:

20Sie sollten euch erbarmen.

Sie empfingen roth vor Scham

Den edeln Gast, der ihnen kam.

Sie sahn, er war so reich und werth:

Aus Nothdurft nicht hatt er begehrt

25Herberge hier zu solcher Zeit:

Er kannte nicht ihr tiefes Leid.

Ein Teppich ward gespreitet,

Wo gestützt war und geleitet

Eine schattenreiche Linde.

Da entwappnete ihn das Gesinde.

[186]Andre Farb er bald als sie gewann,

Da er des Eisens Rost hindann

Sich wusch mit klarem Bronnen.

Schier hätt er da der Sonnen

5Ueberstralt den lichten Glast;

Drum daucht er sie ein werther Gast.

Man bot ihm einen Mantel gleich,

Geschnitten aus demselben Zeuch

Wie der Rock, den er zuvor getragen.

10Wildneu roch der Pelz am Kragen.

Sie sprachen: »Wollt ihr schauen

Die Köngin, unsre Frauen?«

Da sprach der Ritter zu den Herrn,

Ja, er sähe sie wohl gern.

15Sie gingen zu des Saales Thor

(Es führten Stufen viel empor),

Daß ihn ein lieblich Antlitz grüße,

Künftig seiner Augen Süße.

Von der Königstochter ging

20Ein Lichtglanz, eh sie ihn empfing.

Von Katelangen Kiot65

Und der werthe Manfilot

(Die beide Herzoge sind)

Brachten ihres Bruders Kind,

25Dieses Landes Königin;

Sie hatten Gott zu Liebe hin

Gegeben Harnisch, Schild und Schwert.

Da gingen die Fürsten werth,

Blühend, ob von Haaren grau,

Und brachten ihm des Landes Frau

[187]Mit Zucht bis an die Thür entgegen.

Da küsste sie der werthe Degen;

Die Munde waren beide roth.

Die Königin die Hand ihm bot:

5Ein führte sie Herrn Parzival:

Sie setzten nieder sich zumal.

Die Frauen und die Ritterschaft

Hatten alle schwache Kraft,

Die da saßen oder stunden.

10Die Freude war verschwunden

Dem Gesinde wie der Wirthin.

Kondwiramur die Königin

Hat zwar ihr Liebreiz ausgeschieden:

Denn Jeschuten und Eniden

15Und Kunnewaren de Lalant

Und die man je preiswürdig fand,

Wo es Frauenschöne galt,

Die überschien sie mit Gewalt

Und der Isolden Lob, der beiden.66

20Ja, ihr muß man den Preis bescheiden.

Ihr, Kondwiramor:

Die trug den wahren beau korps;

Das heißt im Deutschen: schöner Leib.

Jedwede war ein nutzes Weib,

25Die uns die Zwei gebaren,

Die hier beisammen waren.

Da thaten Alle, Weib und Mann,

Nichts als daß sie spähend sahn

Auf die Zwei beieinander.

Viel guter Freunde fand er.

[188]Der Gast gedachte, höret wie:

»Liaße dort, Liaße hie.

Will Gott der Sorgen mich entbinden?

Soll ich Liaßen wiederfinden,

5Das Kind des werthen Gurnemans?«

Doch war Liaßens Schönheitsglanz

Nichts gegen sie, die vor ihm saß,

An der Gott keinen Wunsch vergaß.

Also saß des Landes Frau,

10Wie erquickt von süßem Thau

Die Ros aus zarter Hülle

Hebt frischen Schimmers Fülle,

Der zumal ist weiß und roth;

Das schuf dem Gaste große Noth.

15Inne hatt er Zucht so ganz,

Seit der werthe Gurnemans

Ihn von seiner Einfalt schied

Und ihm Fragen widerrieth,

Außer wo es nöthig wär.

20Bei der Königin hehr

Saß er stumm und ohne Wort

Und saß doch nah, nicht ferne dort.

Doch sieht man Manchen Rede sparen,

Der mehr zu Frauen ist gefahren.

25Da sprach die Königin bei sich:

»Dieser Mann verschmähet mich,

Ich bin ihm nicht mehr schön genug.

Nein, er thut daran wohl klug.

Er ist Gast, ich Wirthin hier:

Die erste Rede ziemet mir.

[189]Er hat mich gütlich angeschaut,

Seit wir hier sitzen ohne Laut,

Und seine Zucht wohl offenbart.

Meine Red ist all zu lang gespart:

5Hier soll nicht mehr geschwiegen sein.«

Zu dem Gaste sprach das Mägdelein:

»Weil ich als Wirthin reden muß –

Mir erwarb ein Kuss, Herr, euern Gruß:

Auch habt ihr Dienst mir angetragen,

10So hört ich eine Jungfrau sagen:

Das that uns selten noch ein Gast;

Drum trägt mein Herz der Sorge Last.

Herr, ich hätte gern vernommen,

Von wannen ihr hieher gekommen?«

15»Frau, ich ritt am frühen Tage

Von einem Mann, den ich in Klage

Ließ; der trägt der Treue Kranz;

Des Fürsten Nam ist Gurnemans:

Von Graharz ist er genannt.

20Von dort heut ritt ich in dieß Land.«

Dawider sprach die werthe Magd:

»Herr, hätt es anders wer gesagt,

Ich würd ihm schwerlich zugestehn,

Es sei in Einem Tag geschehn.

25Mein schnellster Bote mochte jagen,

Doch ritt ers nicht in zweien Tagen.

Seine Schwester war die Mutter mein,

Eures Wirthes. Seiner Tochter Schein

Bleicht sich wohl auch vor Ungemach.

Wir haben manchen sauern Tag

[190]Mit naßen Augen verklagt,

Ich und Liaße die Magd.

Schenkt ihr euerm Wirthe Huld,

So nehmt vorlieb hier in Geduld,

5Wie wir hier lange, Weib und Mann:

Ihr dienet ihm zugleich daran.

Ich will euch unsern Kummer klagen:

Wir müßen bittern Mangel tragen.«

Da sprach ihr Oheim Kiot:

10»Frau, ich send euch zwölf Laib Brot,

Schultern und Schinken drei;

Acht Käse liegen auch dabei

Und zwei Legel mit Wein.

So soll euch auch der Bruder mein

15Heute steuern; wohl ists Noth.«

Da sprach der Herzog Manfilot:

»Ich send euch, Frau, wie er gesagt.«

Da saß in Freuden da die Magd:

Sie dankte, die so viel gelitten.

20Sie nahmen Urlaub und ritten

Zu ihrem Jägerhause.

In der Wildniss lag die Klause,

Wo die Alten saßen ohne Wehr;

Sie hatten Frieden vor dem Heer.

25Ihr Bote kam zurück getrabt:

Da ward das schwache Volk gelabt.

Verzehrt war all der Bürger Kost:

Nur diese Speise war ihr Trost.

Doch lag vor Hunger mancher todt,

Eh ihm ward von diesem Brot.

[191]Das vertheilte nun das Mägdelein,

Dazu die Käse, Fleisch und Wein,

An ihr Volk, das hungersmatte,

Wie Parzival gerathen hatte.

5Kaum ein Schnittchen blieb den Zwein

Sie theilten ohne Zank sich drein.

Der Vorrath war bald verzehrt

Und Manchem Tod damit gewehrt,

Den noch der Hunger leben ließ.

10Dem Gaste man nun betten hieß

Sanft, wie ich wohl glauben will.

Wären die Bürger Federspiel,

So überkröpfte man es nicht:

Wohl bezeugts ihr Tischgericht.

15Sie waren all von Hunger fahl

Bis auf den jungen Parzival.

Zum Schlafgang nahm er Urlaub.

Waren seine Kerzen Schaub?67

Nein, beßer wars damit bestellt.

20Da ging der junge blühnde Held

An ein Bette schön und reich,

Einem königlichen gleich,

Nicht nach der Armut Brauch bereitet;

Ein Teppich lag davor gespreitet.

25Er bat die Ritter heimzugehn

Und ließ sie da nicht lange stehn.

Ihn entschuhten Kinde, er entschlief,

Bis ihn der wahre Jammer rief

Und lichter Augen Herzensregen:

Die weckten bald den werthen Degen.

[192]Das kam wie ich euch sagen will;

Es brach nicht der Weibheit Ziel.

Stäte Keuschheit trug die Magd,

Von der hier Manches wird gesagt.

5Ihr zwang des langen Krieges Noth

Und der lieben Helfer Tod

Das Herz in solches Ungemach,

Daß ihre Augen blieben wach.

Da ging die reiche Königin

10(Nicht zu solcher Lust Gewinn,

Die aus Mädchen Frauen macht

Unversehens in einer Nacht),

Sie suchte Hülf und Freundes Rath.

Sie trug auch wehrlichen Staat:

15Ein Hemd von weißer Seide fein.

Wie könnte streitbarer sein,

Wenn sie zum Manne geht, ein Weib?

Auch schwang die Frau um ihren Leib

Von Sammet einen Mantel lang:

20Sie ging, wie sie der Kummer zwang.

Jungfrauen und Geleiterinnen,

So viele bei ihr lagen drinnen,

Die ließ sie schlafen allzumal.

Da schlich sie leis, ohn allen Schall,

25Zu einer Kemenaten.

Der Köngin war verrathen,

Daß Parzival alleine lag.

Von Kerzen hell wie der Tag

War es vor seiner Schlafstatt.

Zu seinem Bette geht ihr Pfad,

[193]Auf den Teppich kniet sie sich.

Sie hatten beide sicherlich,

Er und auch die Königin,

Verbuhlte Minne nicht im Sinn.

5Anders ward hier geworben:

An Freuden verdorben

War die Magd; sie zwang der Gram.

Ob er sie nicht zu sich nahm?

Leider das versteht er nicht:

10Doch geschahs zuletzt nach Vorbericht

Und mit so bedungnem Frieden,

Daß sie im Bett geschieden,

Die Glieder nicht zusammen brachten;

Des sie auch wenig gedachten.

15Der Jungfrau Jammer war so groß,

Daß manche Zähre niederfloß

Auf den jungen Parzival.

Der hörte ihres Schluchzens Schall:

Da wacht' er auf: als er sie sah,

20Lieb und Leid geschah ihm da.

Sich erhob der junge Mann,

Der zu der Königin begann:

»Herrin, bin ich euer Spott?

Knieen sollt ihr nur vor Gott.

25Geruht, und setzt euch zu mir her

(Das war sein Bitten und Begehr)

Oder legt euch hieher, wo ich lag,

Und laßt mich bleiben, wo ich mag.«

Sie sprach: »Wollt ihr euch ehren,

Mir solche Zucht bewähren

[194]Nicht zu rühren meine Glieder,

Leg ich mich zu euch nieder.«

Den Frieden gab er feierlich:

Da barg sie in das Bette sich.

5War es gleich schon späte,

Da war kein Hahn, der krähte.

Die Hahnenbalken standen ledig.

Keinem Huhne war der Mangel gnädig.

Das Fräulein unter Jammerslast

10Frug mit Zucht den werthen Gast:

»Wollt ihr hören meine Klage?

Ich fürchte, wenn ichs sage,

Euch flieht der Schlaf: es thut euch weh.

Mir hat der König Klamide

15Und Kingron sein Seneschant

Verwüstet Burgen und Land

Bis gen Pelrapäre.

Mein Vater Tampentäre

Ließ mich arme Wais im Tod

20In einer schrecklichen Noth.

Vettern, Fürsten, mancher Mann,

Reich und Arm, mir unterthan

War ein kräftiges Heer:

Die sind erstorben in der Wehr

25Halb, wo nicht die gröste Zahl.

Wes tröst ich Arme mich einmal?

Ich bin gekommen an das Ziel,

Daß ich mich selber tödten will,

Eh ich Magdtum und Leib

Ergebe und Klamides Weib

[195]Werde: seine Hand erschlug

Mir Schentefluren, der da trug

Im Herzen ritterlichen Preis.

Der Mannesschön' ein blühend Reis,

5Alle Falschheit mied er gar,

Der Liaßens Bruder war.«

Da Liaße ward genannt,

Neuer Kummer war gesandt

Dem dienstbereiten Parzival.

10Sein hoher Muth fiel in ein Thal;

Liaße gab ihm den Gewinn.

Da sprach er zu der Königin:

»Sagt, Frau, wie man euch tröste.«

»Herr, wenn man mich erlöste

15Von Kingron dem Seneschant.

Er fällte mir mit seiner Hand

In der Tjost viel Ritter nieder.

Nun kommt er morgen wieder

Und wähnt, sein Herr solle warm

20Liegen in meinem Arm.

Ihr habt wohl meinen Saal geschaut:

Wie hoch der ist empor gebaut,

Lieber spräng ich in den Graben,

Eh Klamide sollt haben

25Mit Gewalt mein Magdtum:

So wollt ich wehren seinem Ruhm.«

Da sprach er: »Herrin, sei Kingron

Franzose oder Breton,

Mir gilt gleichviel aus welchem Land,

Wehren soll euch meine Hand,

[196]So gut ich es vollbringen mag.«

Die Nacht war hin, nun kam der Tag.

Auf stand die Königin mit Neigen;

Sie wollt ihm nicht den Dank verschweigen.

5Hin schlich sie wieder leise.

Da war Niemand so weise,

Der ihres Gehens ward gewahr

Als Parzival der Degen klar.

Der schlief nicht länger mehr darnach.

10Die Sonne klomm zur Höhe jach:

Ihr Schimmer durch die Wolken drang.

Da lud zum Münster Glockenklang,

Wo sich mit Gott das Volk berieth,

Das Klamide von Freude schied.

15Da erhob sich auch der junge Mann.

Der Königstochter Kappelan

Sang Gott und seiner Frauen.

Da durft ihr Gast sie schauen,

Bis gegeben ward der Segen.

20Nach seiner Rüstung frug der Degen:

Darin er bald gewappnet stund.

Wohl that er Ritterstärke kund

Mit rechter mannlicher Wehr.

Da kam Klamides Heer

25Mit manchem Banner gezogen.

Kingron war voran geflogen

All dem übrigen Heer

Auf einem Ross von Iserterre;

So hab ich vernommen.

Vors Thor war auch gekommen

[197]Fils dü Roi Gachmuret;

Mit ihm der Bürger Gebet.

Dieß war sein erster Ritterstreit.

Er nahm den Anlauf wohl so weit,

5Daß von seiner Tjoste Stoß

Beide Rosse wurden gürtellos.

Die Riemen brachen, nicht die Flechsen;

Die Rosse saßen auf den Hächsen.

Da durften, die darauf geseßen,

10Ihrer Schwerter nicht vergeßen;

In den Scheiden wurden die gefunden.

Kingron trug schon Wunden

Durch den Arm und in der Brust.

Gelehrt hatt ihn die Tjost Verlust

15Alles Preises, des er durfte pflegen,

Bis seine Hoffahrt schwand vor diesem Degen.

Hoch pries man seine Streitergaben:

Sechs sollt er abgeworfen haben,

Die zu ihm ritten auf ein Feld;

20Doch so bezahlt' ihn unser Held

Mit seiner kraftreichen Hand,

Daß Kingron dem Seneschant

Zu Muthe ward in seinem Sinn,

Als ob ein Schleuderwerkzeug ihn

25Mit schweren Würfen erreichte.

Ein andrer Streit wars, der ihn neigte:

Ein Schwert ihm durch den Helm erklang.

Parzival ihn niederzwang;

Er setzt' ihm auf die Brust ein Knie:

Da bot er ihm, was er noch nie

[198]Einem Mann geboten, Sicherheit.

Die wollte nicht sein Herr im Streit:

Er gebot, daß er Fianze

Brächte Gurnemanze.

5»Nein, Herr, gieb lieber mir zum Lohn

Den Tod. Ich schlug ihm seinen Sohn,

Schenteflurn nahm ich das Leben.

Viele Ehre hat dir Gott gegeben,

Wenn man künftig sagt von dir,

10Wie du Kraft erwiesen hast an mir.

Da du mich hast bezwungen,

So ist dir wohl gelungen.«

Da sprach der junge Parzival:

»Ich will dir laßen andre Wahl:

15Bring der Köngin Sicherheit,

Der dein Herr so großes Leid

Hat gethan in seinem Zorn.«

»So wär ich sicherlich verlorn:

Mit Schwertern schnitten sie mich klein

20Den Stäubchen gleich im Sonnenschein:

Solch Herzeleid hab ich gethan

Da drinnen manchem kühnen Mann.«

»So bringe denn von diesem Plan

Mit dir in das Land Bretan

25Deine ritterliche Sicherheit

Einer Magd, die meinethalben Leid

Erlitt, das sie nicht hätt erlitten,

Wenn Kei bescheiden war von Sitten.

Sag ihr, was mir geschehe,

Daß sie mich nicht fröhlich sehe,

[199]Bis ich ihm den Schild durchsteche

Und ihre Unbill räche.

Artus und seinem Ehgemahl

Melde meinen Dienst zumal

5Und der ganzen Tafelrunde:

Nicht käm ich vor der Stunde,

Da ich der Schmach mich entschlage,

Die ich gesellig trage

Mit Jener, die mir Lachen bot;

10Sie kam dadurch in große Noth.

Sag ihr, ich sei ihr Dienstmann,

Mit Dienst ihr dienstlich unterthan.«

Der Andre sprach zu Allem ja;

Die Helden man sich scheiden sah.

15Zu Fuß kam heimgegangen,

Da sein Ross war gefangen,

Der Bürger Trost im Streite,

Die er bald ganz befreite.

Muthlos war das äußre Heer,

20Weil Kingron trotz seiner Wehr

So gekommen war zu Fall.

Die Innern führten Parzival

Zu ihrer jungen Königin.

Die empfing umarmend ihn:

25Sie drückt ihn fest sich an den Leib

Und sprach: »Ich werde nimmer Weib

Eines Mannes auf der Welt,

Als den mein Arm umfangen hält.«

Sie half, daß er entwappnet ward:

Ihr Dienst blieb nicht dabei gespart.

[200]Nach seiner großen Arbeit

War wenig Labung bereit.

Ihm war so hold die Bürgerschaft,

Sie schwor ihm Treu aus Herzenskraft,

5Er müß ihr Herr und König sein.

Die Köngin willigte darein

Ihn zum Amis zu haben,

Da er so hohe Gaben

An Kingron bewiesen.

10Zwei braune Segel fließen

Sah man von der Mauer Thurm.

Die verschlug in ihren Hafen Sturm.

Um der Kiele Ladung stand es so,

Daß all die Bürger wurden froh:

15Sie führten nichts als Speise;

So fügt' es Gott der weise.

Sie stoben von den Zinnen

Die Beute zu gewinnen

Den Kielen zu, ein hungrig Heer.

20Am Fleische trugen sie nicht schwer:

Wie die Läuber mochten fliegen,

Die magern, und sich biegen,

Nicht bauchsatt strotzend bis zum Kinn.

Der Marschall der Königin

25Ließ den Schiffen Frieden geben:

Er gebot bei Leib und Leben,

Niemand solle sie berühren.

Die Verkäufer hieß er führen

In die Stadt vor seinen Herrn.

Der bezahlte doppelt gern

[201]Den Werth all ihrer Habe:

Ihnen schien das große Gabe.

Sie ließen ihre Waare theuer:

Den Bürgern troff es nun ins Feuer.

5Jetzt wär ich gerne Söldner hier;

Denn da trinkt nun Niemand Bier,

Sie haben Wein und Speise viel.

Da that, wie ich euch sagen will,

Der edle Ritter Parzival.

10Zuerst in Bißen klein und schmal

Theilt' er die Kost mit eigner Hand,

Zumal den Besten all im Land:

Er wollte speisentwöhnte Magen

Nicht Ueberfülle laßen tragen.

15Sein Maß erhielt ein Jeder so;

Sie wurden seines Rathes froh.

Zu Nacht beschied er ihnen mehr,

Der nicht zu lose war noch hehr.

Ums Beilager frug man da:

20Er und die Köngin sprachen Ja.

So mäßig hielt er sich die Nacht,

Es würd ihm sicherlich verdacht

Bei mancher Frau in unsrer Zeit.

Daß sie so an Lüsternheit

25Sitt und Zucht verlieren

Und doch sich gerne zieren!

Sie zeigen Gästen keusche Sitte;

Doch wohnt in ihres Herzens Mitte

Das Widerspiel der Geberde.

Dem Freunde heimliche Beschwerde

[202]Schafft ihre Zärtlichkeit.

Sich selbst bezwingt zu jeder Zeit

Ein getreuer stäter Mann,

Der auch der Frauen schonen kann.

5Er denkt wohl, und es ist auch wahr:

»Um Minne sah mich manches Jahr

Diesem holden Weibe dienen;

Nun ist der Tag erschienen,

Da sie mir lohnt: nun lieg ich hier.

10Genügt auf ewig hätt es mir,

Wenn ich mit meiner bloßen Hand

Rühren durft an ihr Gewand.

Ließ' ich nun von edler Scheu,

So schien ich selbst mir ungetreu.

15Soll ich im Schlaf sie stören

Und uns beide so entehren?

Holde Kunde vor dem Schlaf

Vernimmt, wer Frauenkeusche traf.«

So lag auch der Waleise,

20Der sich fürchtet keiner Weise.

Den man den rothen Ritter hieß

Der Königin ihr Magdtum ließ;

Sie wähnte doch, sein Weib zu sein:

Ihr Haupt trug bei des Morgens Schein

25Seiner Minne halb ein Band.

Da gab ihm Burgen und Land

Die Frau mit magdlichem Sinn;

Längst war ihr Herz schon sein Gewinn.

Sie waren bei einander so

In unschuldger Liebe froh

[203]Zwei Tage bis zur dritten Nacht.

Ans Umfangen hat er oft gedacht,

Zumal es seine Mutter rieth;

Gurnemans ihn auch beschied,

5Daß Mann und Frau untrennbar sein:

Sie verflochten Arm und Bein.

Wenn ich euch berichten soll,

Ihm gefiel die Nähe wohl:

Den alten immer neuen Brauch

10Uebten da die beiden auch.

Wohl war ihnen, war nicht weh.

Nun höret auch, wie Klamide,

Da er die Heerfahrt begann,

Unfrohe Botschaft gewann.

15Einen Knappen hört' er sagen,

Des Rösslein Sporen wund geschlagen,

Daß auf dem Plan vor Pelrapär

Ritterschaft geschehen wär,

Scharf genug, von Heldenhand:

20»Bezwungen ist der Seneschant;

Des Heeres Führer Kingron

Fährt zu Artus dem Breton.

Das Kriegsheer liegt noch vor der Stadt,

Wie scheidend er befohlen hat.

25Euch und euerm Doppelheer

Steht noch Pelrapär zur Wehr.

Die Stadt verficht ein Ritter werth,

Der anders nichts als Streit begehrt.

Von euern Söldnern hört ich Kunde.

Zu Hülfe von der Tafelrunde

[204]Sei der Königin gesandt

Ither von Kukumerland.

Des Wappen zog für sie zu Feld,

Und ohne Tadel trugs der Held.«

5Der König warf dem Knappen ein:

»Kondwiramur begehrt ja mein,

Und ich will sie und auch ihr Land.

Kingron mein Seneschant

Mir mit Wahrheit entbot,

10Die Stadt bezwinge Hungersnoth;

Mir aber werde zum Gewinn

Die Huld der werthen Königin.«

Der Knapp erwarb da nichts als Haß;

Mit dem Heer der König zog fürbaß.

15Ein Ritter ihm entgegen ritt,

Der auch sein Ross mit Sporen schnitt.

Der sagt' ihm gleiche Kunde.

Klamide gewann zur Stunde

Einen unmuthschweren Sinn:

20Es daucht ihn großer Ungewinn.

Ein Fürst sprach in des Königs Bann:

Was Kingron auch hat gethan,

Uns vertrat er nicht im Streit,

Nur seine eigne Mannheit.

25Sollen, wär er erschlagen,

Zwei Heere drum verzagen,

Dieß und jenes vor der Stadt?

Den Herrn er Muth zu fassen bat:

»Versuchen wir es noch einmal;

Und wehrt sich ihre Minderzahl,

[205]Sie werden so von uns bekriegt,

Daß ihre Freude bald erliegt.

Freund' und Mannen sollt ihr mahnen,

Die Stadt bedrohn mit zweien Fahnen.

5Wir mögen hier im Weiten

Wohl zu Ross mit ihnen streiten;

Zu Fuße nahen wir den Thoren:

So ist ihr Gegenstreit verloren.«

Den Rath gab Galogandres,

10Der Herzog von Gippones:

Die Bürger brachte Der in Noth;

Er fand auch vor der Stadt den Tod.

Mit ihm auch der Graf Narant;

Er war ein Fürst aus Uckerland;

15Und von den Söldnern mancher Mann,

Den man erschlagen trug hindann.

Nun höret andre Märe,

Wie die Bürger vor dem Heere

Schützten des Walles Räume.

20Sie nahmen lange Bäume

Und stießen starke Stecken drein:

Das schuf den Stürmenden Pein,

Wenn die Stämme niedergingen

An Seilen, die in Rädern hingen.

25Das wurde Alles fertig, eh

Zum Sturm heranzog Klamide

Nach des Marschalls übelm Abenteuer.

Sie hatten griechisches Feuer

(Mit der Speise kam es in das Land):

Der Feinde Rüstzeug ward verbrannt,

[206]Ihre Ebenhöhn und Mangen,

Was auf Rädern kam gegangen,

Igel, Katzen und dergleichen,

Die musten vor dem Feuer weichen.

5Kingron indes, der Seneschant,

Kam zu Bretagne in das Land

Und traf den König Artus an

Im Jägerhaus in Briziljan;

Das hieß mit Namen Karminal.

10Da thät er, wie ihn Parzival

Geheißen, der ihn hin gesandt;

Kunnewaren de Lalant

Bracht er seine Sicherheit.

Das Fräulein war hoch erfreut,

15Daß so getreulich ihre Noth

Zu Herzen nahm der Ritter roth.

Die Mär ward allwärts bald vernommen.

Als vor den König war gekommen

Der bezwungne werthe Mann,

20Ihm und den Seinen sagt' er an,

Was Parzival durch ihn entbot.

Kei erschrak und wurde roth.

»Bist du es,« sprach er, »Kingron?

Avoi, wie manchen Breton

25Hat überwunden deine Hand,

Du Klamides Seneschant!

Mag mirs dein Sieger nie verzeihn,

Dein Amt soll dir Empfehlung sein.

Der Keßel ist uns unterthan,

Mir hier und dir zu Brandigan.

[207]Hilf mir. daß Kunnewar die Maid

Um breite Krapfen mir verzeiht.«

Er bot kein ander Schmerzengeld.

Wollt ihr nun hören, was im Feld

5Vor Pelrapär geschehen sei?

Mit dem Heer zog Klamide herbei.

Da wurde bald zum Kampf geschritten:

Die Innern mit den Aeußern stritten.

Sie hatten Trost und frische Kraft,

10Man fand die Helden wehrhaft:

So behielten sie das Feld.

Ihr Landesherr, der junge Held,

Stritt den Seinen weit vorauf;

Da standen alle Pforten auf.

15Wenn er die Arme fechtend schwang,

Sein Schwert durch harte Helme klang,

Die Ritter, die er niederschlug,

Die fanden Marter genug:

Man stach mit Schwerterspitzen

20Sie durch des Halsbergs Schlitzen.

Die Bürger thaten Rachsucht kund

An Manchem, der schon fährlich wund:

Drum wollt es Parzival nicht leiden;

Er schalt: da musten sie es meiden.

25Zwanzig sie lebend fingen,

Eh aus dem Streit sie gingen.

Parzival ward wohl gewahr,

Daß Klamide mit seiner Schar

Nicht kämpfte vor den Pforten,

Vielmehr an andern Orten.

[208]Da ritt der junge kühne Held

Hinaus auf ungebahntem Feld.

Das Heer umreitend kam er da

Des Königs Kriegsfahne nah.

5Da wurden erst mit großem Schaden

Die in des Königs Dienst beladen.

So kühn die Bürger stunden,

Daß ihnen bald verschwunden

Die Schilde waren vor der Hand;

10Auch Parzivals Schild verschwand

Von Schüßen und von Schwerterschlägen.

Frommt' es wenig gleich die Degen,

Die Feinde musten doch gestehn,

Daß sie nie kühnern Mann gesehn.

15Galogandres die Fahne trug,

Das Heer ermahnt' er wohl genug;

An des Königs Seite lag er todt.

Klamide kam selbst in Noth;

Ihm und den Seinen wurde weh:

20Den Kampf verbot da Klamide.

Da hatte muthig sich verschafft

Des Sieges Preis die Bürgerschaft.

Parzival der werthe Degen

Ließ die Gefangnen wohl verpflegen

25Bis an den dritten Morgen.

Das äußre Heer war in Sorgen.

Da ließ der junge Wirth bei Zeit

Die Gefangnen frei auf ihren Eid.

»Sobald ich Botschaft schicke,

Lieben Freunde, kehrt zurücke.«

[209]Man behielt nur ihre Eisenwehr;

Entwappnet kehrten sie ins Heer.

Die Aeußern sprachen, ob sie roth

Von Trünken waren; »Hungersnoth

5Trugt ihr dort, ihr Armen.« –

»Nein, sparet das Erbarmen,«

Sprachen die gefangnen Helden:

»Sie haben Speise, laßt euch melden,

Lägt ihr hier noch ein volles Jahr,

10Für sich und euch genug fürwahr.

Die Köngin hat den schönsten Mann,

Der jemals Schildesamt gewann.

Er ist gewiss von hoher Art,

Der aller Ritter Ehre wahrt.«

15Da dieß erhörte Klamide,

Da that ihm erst sein Kummer weh.

Da schickt' er Boten in die Stadt

Und ließ entbieten: »Wen sich hat

Die Königin zum Mann genommen,

20Wagt es der zum Kampf zu kommen,

Und hat sie ihn dafür erkannt,

Daß er sie selber und ihr Land

Mir im Kampfe dürfe wehren,

So biet ich Frieden beiden Heeren.«

25Als das Parzival vernahm,

Und ihm solche Botschaft kam,

Daß ein Zweikampf sollt entscheiden,

Der Unverzagte sprach mit Freuden:

»Meine Treue steh zu Pfand:

Im innern Heer rührt keine Hand

[210]Sich um meinethalben mehr.«

Zwischen dem Graben und dem äußern Heer

Ward geschloßen dieser Friede.

Da bewehrten sich die Kampfesschmiede.

5Da bestieg der König von Brandigan

Ein gewappnet Kastilian,

Das hieß mit Namen Guverjorz;

Von seinem Neffen Grigorz,

Dem König von Ipotente,

10Mit manchem reichen Präsente

Hatt es erhalten Klamide

Von Norden übern Uckersee.

Ihm bracht es Graf Narant daher

Und tausend Söldner in der Wehr;

15Nur den Schild nehm ich aus.

Ihnen war die Löhnung auch voraus

Gesichert bis ins vierte Jahr,

Spricht die Aventüre wahr.

Grigorz ihm sandte Ritter klug,

20Fünfhundert: jeglicher trug

Den Helm aufs Haupt gebunden,

Die im Kampfe furchtlos stunden.

Da hatte Klamides Heer

Pelrapär zu Land und Meer

25So umseßen und umlegen,

Die Bürger musten Kummer hegen.

Hinaus ritt Parzival der Held

Auf das entscheidende Feld,

Wo Gott bezeigen sollte,

Ob er ihm laßen wollte

[211]Das Kind des Königs Tampentär.

Stolzlich fuhr er einher,

Eh aus dem Galopp entschloß

Zum vollsten Rennen sich das Ross.

5Gewappnet wars für alle Noth;

Von Sammet eine Decke roth

Auf der eisernen lag.

An sich selber zeigt' er diesen Tag

Rothen Schild und rothes Kleid.

10Klamide begann den Streit.

Einen kurzen unbeschabten Sper

Bracht er zur Tiost daher,

Und nahm damit den Anlauf lang.

Guverjorz gewaltig sprang.

15Wohl getiostieret ward

Von den beiden jungen ohne Bart

Und sonder Falieren.

Von Leuten noch von Thieren

Geschah wohl nie so harter Kampf;

20Von den müden Rossen stieg der Dampf.

Sie hatten so gefochten,

Daß die Rosse nicht mehr mochten:

Die stürzten von der Arbeit,

Zumal, nicht zu verschiedner Zeit.

25Da begannen beide mit Behagen

Den Helmen Feuer zu entschlagen;

Sie durften sich nicht lange ruhn:

Hier war vollauf für sie zu thun.

Die Schilde splitterten so sehr,

Als ob mit Federbällen wer

[212]Spielend würfe in den Wind.

Doch spürte Gachmuretens Kind

Müdigkeit an keinem Gliede.

Da wähnte Klamide, der Friede

5Würd ihm gebrochen von der Stadt.

Seinen Kampfgenoßen bat

Der Held, daß er sich selber ehrte

Und den Mangenwürfen wehrte:

Denn Schläge gingen auf ihn schwer,

10Wie ein Mangenstein gewesen wär.

Ihm ward von Parzival entgegnet:

»Nicht Steine sind es, was hier regnet,

Dafür ist meine Treue Pfand.

Gäbe dir Frieden meine Hand,

15Dir bräche nicht der Mangen Schwenkel

Haupt und Brust, dazu den Schenkel.«

Klamiden zwang Müdigkeit;

Die kam ihm noch zur Unzeit.

Wer Sieg verloren, Sieg gewonnen,

20Das bringt der Kampf nun an die Sonnen.

Doch brachte Niederlage

Hier Klamide in Klage.

Zu Boden lag er gezückt,

Von Parzivals Hand gedrückt,

25Daß Blut ihm schoß aus Ohr und Nasen;

Das färbte roth den grünen Rasen.

Das Haupt entblößt' ihm Jener hier

Vom Helm und von dem Härsenier.

Entgegen sah dem Todesschlag

Der bezwungne Mann. Der Sieger sprach:

[213]»Nun bleibt mein Weib wohl von dir frei:

Lerne jetzt was Sterben sei.«

»Nicht doch, kühner Degen werth.

Dir ist jetzo gemehrt

5Der Preis schon dreißigfaltig,

Da du meiner bist gewaltig

Wie kann der Ruhm dich höher tragen?

Nun mag Kondwiramur wohl sagen,

Daß ich der Unselge bin,

10Und du erwarbst des Glücks Gewinn.

Du hast dein Land nun erlöst,

Wie der sein Schiff vom Riffe stößt:

Von hinnen trägts die Welle flott.

Meine Macht wird zu Spott;

15Mannesstolz und hoher Sinn

Weicht von mir und fährt dahin.

Was hülfe dir mein Sterben?

Ich muß Schande doch vererben

Auf alle Nachkommen.

20Du hast Preis und Frommen:

Thust du mir mehr, das ist nicht Noth.

Ich trage den lebendgen Tod,

Da ich von ihr geschieden bin,

Die das Herz mir und den Sinn

25Mit Gewalt gefangen nahm,

Ob es mir nie zu Gute kam.

Nun muß dir sieglos meine Hand

Sie überlaßen und ihr Land.«

Da gedachte, dem Gott Sieg beschied,

Wie einst Gurnemans ihm rieth,

[214]Daß zu kühner Mannheit

Gezieme Barmherzigkeit.

Diesem Rathe folgt' er nach;

Zu Klamide der Degen sprach:

5»Dem Vater von Liaßen,

Ich will dirs nicht erlaßen,

Dem bringe deine Sicherheit.«

»Nein, Herr: dem hab ich Herzeleid

Gethan: ich schlug ihm seinen Sohn:

10Da wägtest du mir übeln Lohn.

Wegen Kondwiramur

Focht mit mir Schenteflur;

Auch wär ich todt von seiner Hand,

Half mir nicht mein Seneschant.

15Es hatt ihn in das Land Brobarz

Gurnemans de Graharz

Gesandt mit starken Heeres Kraft.

Da thaten gute Ritterschaft

Neunhundert Ritter, die wohl stritten

20Und geschiente Rosse ritten:

Fünfzehnhundert Söldner auch,

Gewappnet all nach Kriegsgebrauch,

Nur den Schild nehm ich aus:

Bloß der Same kam davon nach Haus.

25So vernichtet' ich sein Heer;

Du nahmst mir jetzt der Helden mehr.

Ich muß Ehr und Freud entbehren:

Was willst du noch begehren?

»Ich will dich sanftre Wege weisen:

Fahre zu den Bretaneisen

[215](Kingron ist vor dir hingeritten)

Zu König Artus dem Britten.

Dem sollst du Grüße von mir sagen.

Bitt ihn, daß er mir helfe klagen

5Eine Schande, die ich dort gewann.

Mich lachte eine Jungfrau an:

Daß man die deshalb zerbleute,

Das reut mich, wie mich nichts noch reute.

Sag ihr, es sei mir leid;

10Bring ihr deine Sicherheit

Und leiste willig ihr Gebot

Oder nimm von mir den Tod.«

»Soll dieses Urtheil gelten,

Ich will es nicht beschelten,«68

15Der König sprachs von Brandigan:

»Diese Fahrt wird gethan.«

Das gelobt' ihm, eh er schied,

Den seine Hochfahrt verrieth.

Parzival der Weigand

20Sein müdes Ross wiederfand.

Er hob den Fuß darnach nicht auf,

Ohne Stegreif sprang er drauf,

Daß umwirbelten mit Schall

Des zerhaunen Schildes Scherben all.

25Die Bürger hatten frohe Zeit,

Die Aeußern nichts als Herzeleid

Und in allen Gliedern Weh.

Man brachte König Klamide

Hin, wo seine Helfer waren.

Die Todten ließ er aufbahren

[216]Und bringen zu des Grabes Rast.

Das Land räumte mancher Gast.

Der werthe König Klamide

Ritt gen Löver an die See.

5Die von der Tafelrunde

Waren zu der Stunde

Versammelt in Dianasdron

Mit König Artus dem Breton.

Sag ich euch keine Lüge dran,

10Zu Dianasdron der Plan

Muste Zeltstangen tragen

Mehr als im Spessart Stämme ragen.

So zahlreich war das Hofgelag,

Womit Artus den Pfingstentag

15Beging und all die Frauen.

Da waren auch zu schauen

Paniere viel und mancher Schild,

Jeder mit eignem Wappenbild,

Vor manchem schön geschmückten Zelt.

20Es nähme Wunder jetzt die Welt:

Wer könnte all die Zeltlachen

Solchem Heer von Frauen machen?

Da wähnt' auch jede Frau fürwahr,

Sie verlör den Preis der Schönheit gar,

25Wenn sie nicht ihren Ritter hätte.

Käm ich selbst an solche Stätte

(Da waren so viel junge Herrn),

So brächt ich doch mein Weib nicht gern

In ein so groß Gemenge!

Ich scheue Volksgedränge.

[217]Vielleicht, daß Einer zu ihr spräche,

Daß ihn ihre Minne stäche,

Er könne nie gesunden:

Wenn sie heile seine Wunden,

5Er woll ihr dienen ewiglich.

Mit ihr von dannen höb ich mich.

Genug gesprochen ist von mir:

Nun hört, wie König Artus hier

Sein Zelt mit Schnüren hatt umzogen.

10Davor mit Freuden ungelogen

Aß mit ihm das Ingesind,

Manch werther Mann zu Falschheit blind

Und manche stolze Fürstin,

Die nichts als Tjoste trug im Sinn.

15Sie schoß den Freund dem Feind entgegen:

Kam zu Schaden da der Degen,

So zart war ihr Gemüthe,

Daß sie's vergalt mit Güte.

Klamide der Jüngling

20Ritt mitten in den Zeltbering.

Verdecktes Ross, umstählten Leib

Sah an ihm Artusens Weib,

Doch Helm und Schild verhauen.

Das sahen all die Frauen,

25Wie er zu Hofe war gekommen;

Ihr habt zuvor wohl schon vernommen,

Wer zu solcher Fahrt ihn zwang.

Nun stieg er ab. Durch groß Gedrang

Must er, eh er sitzen fand

Frau Kunnewaren de Lalant.

[218]Da sprach er: »Herrin, seid ihrs wohl,

Der ich willig dienen soll?

Zum Theile zwingt mich zwar die Noth.

Euch entbietet Dienst der Ritter roth:

5Eur Schimpf soll euch nicht grämen,

Er will ihn auf sich nehmen;

Auch hofft er, Artus wirds beklagen.

Ihr wurdet seinethalb geschlagen.

Frau, ich bring euch Sicherheit,

10So gebot der Sieger mir im Streit.

Gern leist ichs, wenn es euch gefällt.

Mein Leben war dem Tod verfällt.«

Kunneware de Lalant

Führt' ihn an der Eisenhand

15Hin wo Frau Ginover saß,

Die ohne den König mit ihr aß.

Keie von dem Tisch erstund,

Da ihm die Märe wurde kund:

Sie kam ihm schrecklich ungelegen;

20Kunnewaren freute sie dagegen.

Da sprach er: »Frau, daß dieser Mann

Die Reise hat hieher gethan,

Dazu hat ihn die Noth bewogen;

Doch wähn ich, hat man ihn betrogen.

25Ich war mit jener Prügeltracht

Euch zu beßern bedacht:

Zum Lohne wird mir euer Groll.

Jedoch, wenn ich euch rathen soll,

Gönnt dem Ritter abzulegen;

Zu stehn verdrießt den Degen.«

[219]Ihm ließ die Jungfraue zier

Lösen Helm und Härsenier.

Als man die von ihm streift' und band,

Klamide ward bald erkannt.

5Auch sein Seneschant Kingron

Erkannt' ihn und erschrak davon.

Er sah den Herren überwunden:

Seine Hände wurden gewunden,

Sie huben an zu krachen

10Wie die dürren Spachen.

Den Tisch zurücke stieß zuhand

Klamides Seneschant.

Er frug den Herrn um neue Mär

Und fand ihn aller Freuden leer.

15Er sprach: »Ich bin zu Schaden geboren:

Mir ging solch herlich Heer verloren:

Nimmer sog der Mutter Brust,

Der erlitten schmerzlichern Verlust.

Doch schmerzt mich meiner Leute Tod

20Noch minder: Minnemangelsnoth

Lästet auf mich solche Last,

Mir ist Freude fremd und Frohsinn Gast.

Kondwiramur macht mich greis.

Pontius Pilatus weiß

25Nicht von solcher Höllenqual,

Der arme Judas nicht einmal,

Der unsern Heiland Jesus

Verrieth mit treulosem Kuss.

Wie das ihr Schöpfer rächte,

Die Noth ich tragen möchte,

[220]War von Brobarz die Königin

Und ihre Huld mein Gewinn,

Daß ich sie sanft umfinge,

Wie es mir dann auch ginge.

5Ihre Minne leider hofft nicht mehr

Der König von Iserterre.

Land und Volk von Brandigan

Mag stätes Leid davon empfahn.

Meines Oheims Sohn Mabonagrein69

10Litt auch dort zu lange Pein.

Nun bin ich, Artus, König hehr,

Geritten in dein Land hieher,

Bezwungen von Ritters Hand.

Du weist, daß dir in meinem Land

15Viel zu Leide ward gethan.

Das vergiß nun, werther Mann,

Dieweil ich hier gefangen bin,

Und gieb dich solchem Haß nicht hin.

Kunneware, hoff ich, werde

20Mich bewahren vor Gefährde,

Die meine Sicherheit empfing,

Als ich gefangen vor sie ging.«

Artus verzieh ihm seine Schuld,

Der Vielgetreue schenkt' ihm Huld.

25Da erfuhr Weib und Mann,

Der König von Brandigan

Sei geritten vor das Zelt.

Da gabs ein Drängen auf dem Feld!

Es erscholl die Märe weit und breit.

Höflich um Geselligkeit

[221]Bat der freudenlose Mann:

»Ihr solltet, Frau, mich Herrn Gawan

Empfehlen, bin ichs anders werth;

Ich weiß wohl, daß ers selbst begehrt.

5Euch ehrt er und den Ritter roth,

Wenn er leistet eur Gebot.«

Artus bat seiner Schwester Sohn

(Ohne das geschäh es schon),

Sich dem König freundlich zu erweisen.

10Willkommen wurde da geheißen

Von der Tafelrunder Reihe

Der bezwungne Falschesfreie.

Zu Klamide sprach Kingron:

»Weh, daß dich jemals ein Breton

15Sah in seinem Haus bezwungen!

Mehr Reichtum, als Artus errungen,

Und mehr der Helfer hattest du,

Und deine Jugend dazu!

Muß Artus Preis dadurch empfangen,

20Daß Kei im Zorn sich hat vergangen

An einer edeln Fürstin,

Die aus unschuldigem Sinn

Sich den mit Lachen hat erwählt,

Den man wahrlich ungefehlt

25Mag krönen mit dem höchsten Preise!

Wohl wähnen jetzt die Bretaneise

Ueber allen andern hoch zu stehn;

Doch ohn ihr Zuthun ists geschehn,

Daß in den Tod hier ward gesandt

Der König von Kukumerland,

[222]Und daß mein Herr den Sieg ihm ließ,

Der schon jenen niederstieß.

Der Selbige bezwang auch mich

Ohne verhohlnen Schlich:

5Man sah aus Helmen Feuer wehn,

In den Händen sich die Schwerter drehn.«

Da sprach die Tafelrunde,

Reich und arm aus Einem Munde,

Unrecht habe Kei gethan.

10Begnügen wir uns jetzt hieran

Und gehn zurück auf unsrer Spur.

Das wüste Land ward blühnde Flur,

Wo Parzival die Krone trug;

Da war auch Freud und Lust genug.

15Gelaßen hatt aus Pelrapär

Ihm sein Schwäher Tampentär

Licht Gestein und rothes Gold.

Das vertheilt' er so, daß man ihm hold

Ward um seine Milde.

20Paniere, neue Schilde

Sah man sein Land verzieren

Und fleißiglich turnieren

Ihn und all die Seinen.

Oft ließ die Kraft erscheinen

25An seines Landes Grenzmark

Der junge Degen kühn und stark.

Da priesen für die beste

Stäts seine That die Gäste.

Nun hört auch von der Königin:

Wie käm ihr größerer Gewinn?

[223]Die junge süße Werthe

Hatte, was ihr Herz begehrte.

Ihre Minne blühte wonniglich,

Nicht Wank noch Wandel zeigte sich.

5Sie hat des Mannes Werth erkannt;

Jedweder an dem andern fand:

Er war ihr lieb, sie ihm noch mehr.

Wenn nun melden soll die Mär,

Daß sie sich musten scheiden,

10So wächst Leid den beiden.

Auch dauert mich das werthe Weib:

Ihr Volk, ihr Land, ja Seel und Leib

Schied seine Hand von großer Noth;

Dagegen sie ihm Minne bot.

15Eines Morgens sprach der Werthe,

Daß es mancher Retter hörte:

»Mags euch gefallen, Fraue,

So erlaubt mir, daß ich schaue

Wie's um meine Mutter steh.

20Ob ihr wohl sei oder weh,

Das ist mir völlig unbekannt.

Ich treffe, reit ich in ihr Land.

Wohl auch Abenteuer an.

Wenn ich darin euch dienen kann,

25So bleib ich eurer Minne werth.«

So hatt er Urlaub begehrt.

Er war ihr lieb, die Märe sprichts,

Darum versagte sie ihm nichts.

Von allen seinen Mannen

Schied er allein von dannen.

V.
Anfortas.

Inhalt

Mit schnellem, ziellosem Ritt gelangt Parzival Abends an einen See, wo er Fischer nach Herberge fragt. Der Eine, reichgekleidet, doch traurig, bescheidet ihn zu einer nahen Burg, wo er selber Wirth sein werde. Er reitet dahin. Ein Knappe läßt, als er hört, daß ihn der Fischer gesandt habe, die Zugbrücke nieder. Im Burghofe wächst Gras, ein Zeichen, daß hier fröhliche Ritterspiele selten begangen werden. Er wird gut empfangen und mit dem Mantel der Königin, Repanse de Schoie, bekleidet. Ein Mann ruft ihn gebieterisch zum Könige. ergrimmt ballt Parzival die Faust, wird aber beruhigt, weil es dieses Mannes Amt sei, ihre Traurigkeit durch Scherze zu erheitern. Im Saale findet er hundert Kronleuchter und eben so viel Ruhebetten, auf jedem vier Ritter. Auf drei marmornen Feuerheerden brennt Aloeholz. Der Wirth, der in Pelzwerk gehüllt bei der mittlern Feuerstatt auf einem Spannbette (Feldbette) ruht, läßt Parzival neben sich Platz nehmen. Ein Knappe trägt eine bluttriefende Lanze durch den Saal, bei deren Anblick Alles in Jammer ausbricht. Nun beginnt der Dienst, d. i. die Bewirthung. Durch eine Stahlthüre treten zwei Jungfrauen ein, auf goldnen Leuchtern brennende Kerzen tragend; die eine ist Klarischanze, Gräfin von Tenabrock, die andere Garschiloie von Grünland. Ihnen folgen zwei Herzoginnen, jedwede setzt zwei Helfenbeinstollen vor den König hin. Diese vier tragen braunen Scharlach, die folgenden acht sind in grünen Samt von Aßagog gekleidet. Viere davon tragen Lichter voraus, die vier andern ein Tischblatt aus durchsichtigem Granatjachant, das sie auf die Stollen legen. Zwei Gräfinnen, Florie von Nonel und Anflise von Reil, bringen scharfe silberne Meßer; bei ihnen sind vier Jungfrauen mit Lichtern. Sechs andere wie die vorigen in getheilten Röcken, halb Plialt, halb Seide von Ninive, begleiten, in Gläsern brennenden Balsam tragend, die in arabischen Pfellel gekleidete jungfräuliche Königin, Repanse de Schoie, von welcher der Gral, ihrer Reinheit willen, sich tragen zu laßen würdigte. Diesen setzt sie auf einem grünen Achmardizeuge vor den König, tritt dann zurück und steht mit der Krone in der Mitte der vier und zwanzig Jungfrauen. Darauf werden hundert Tische, je Einer für vier Ritter, hereingetragen und gedeckt; an jedem reicht ein Kämmerer in goldenem Becken das Handwaßer und ein Junker eine weiße Zwickel zum Abtrocknen; dem Wirth und Parzival bietet sie ein Grafensohn knieend. Bei jeder Tafel schneiden zwei Knappen knieend vor, zwei andere tragen Trank und Speise zu. Vier Wagen mit goldenen Trinkgeschirren fahren im Saale umher, vier Ritter setzen sie auf die Tische, ein Schaffner hebt sie hernach wieder ab. Hundert Knappen nehmen vor dem Gral Brot in weiße Tücher und vertheilen es auf die Tische. Von dem Gral kommt auch sonst Trank und Speise, was und so viel nur ein Jeder zu eßen und zu trinken begehrt. Wohl bemerkt Parzival dieß Wunder, des Königs Schmerz und die allgemeine Trauer bei solchem Reichtum, aber der Lehre Gurnemans eingedenk, fragt er nicht, auch dann nicht, als ihm der König ein kostbares Schwert schenkt und dabei seiner schweren Verwundung erwähnt. Als das Mal zu Ende geht, wird das Geräth wieder in gleicher Ordnung hinausgeschafft und die Königin und ihre Jungfrauen entfernen sich, wie sie gekommen waren. Parzival blickt ihnen nach und sieht durch die offene Thüre einen schönen schneeweißen Greis (Titurel) auf einem Spannbette ruhen. Vom Wirth entlaßen, bringen ihn Ritter in ein kerzenhelles Schlafgemach mit prächtigem Bette, wo er von Edelknaben entkleidet und noch im Bette von Jungfrauen mit Obst und Getränke gelabt wird. In der Nacht quälen ihn ängstliche Träume, am Morgen erwacht er, vermisst die Dienerschaft und entschläft wieder. Spät erwacht, sieht er seine Rüstung und zwei Schwerter vor dem Bette liegen. Er wappnet sich und geht hinaus; sein Ross ist vor der Stiege angebunden, Schwert und Schild lehnt dabei. Vergebens ruft er und sucht nach den Leuten. Niemand zeigt sich; nur Spuren in Gras und Thau. Er reitet hinaus: gleich zieht ein Knappe die Brücke auf, schilt ihn eine Gans, daß er den Wirth nicht gefragt habe und schlägt das Thor vor ihm zu. Einer klagenden Frauenstimme folgend, findet er Sigune auf einer Linde den gebalsamten Leichnam des Geliebten in den Armen haltend. Von ihr erfährt er, daß er zu Monialväsche gewesen ist, wohin man nur unfreiwillig gelangen kann, und welche Bewandtniss es mit dem geschenkten Schwerte hat. Sie preist ihn über Alles glücklich, wenn er gefragt habe; als sie aber hört, daß die Frage unterblieben ist, schilt sie ihn aufs Heftigste und will nichts mehr von ihm hören. Traurig reitet Parzival weiter und begegnet Jeschuten, welcher er die seinethalb eingebüßte Huld des Gemahls wieder erwirbt, indem er ihn besiegt und zu Kunnewaren schickt, darnach aber ihre Unschuld freiwillig beschwört. Orilus findet Artus am Plimizöl.

[224]Der nun will hören, wo er bleibt,

Den Aventür von Haus vertreibt,

Der mag großer Wunder viel

Vernehmen, eh er kommt ans Ziel.

5Laßt reiten Gachmuretens Kind.

Wo nun getreue Leute sind,

Die wünschen Heil ihm und Gedeihn:

Er muß nun leiden hohe Pein;

Dazwischen Freud und Ehre.

10Eins schuf ihm Herzensschwere:

Er mied ein Weib, die er besaß,

So edel, daß kein Mund je las

Oder meldete die Märe,

Daß Eine schöner, beßer wäre.

15Gedanken an die Königin

Trübten ihm den frohen Sinn:

Er hätt ihn längst schon ganz verloren,

Wär er nicht herzhaft geboren.

Selbst trug das Ross den Zaum empor

20Ueber Blöcke, Sumpf und Moor;

Nicht führt' es seines Reiters Hand.

Uns macht die Aventür bekannt,

Er ritt denselben Tag so weit,

Ein Vogel hätte Arbeit,

25Wollt ers auf einmal überfliegen.

Will mich die Märe nicht betriegen,

So glich sein Ritt kaum so dem Flug

Des Tages, da er Ithern schlug,

Und später, als er von Graharz

Ritt in das Königreich Brobarz.

[225]Hört nun, wo er Herberg nahm.

An einen See er Abends kam,

Fischer ankerten daran;

Ihnen war das Waßer unterthan.

5Wohl hören mochten sie sein Fragen:

Unfern vom Gestade lagen

Sie noch, da sie ihn reiten sahn.

Einen sah er in dem Kahn

In so herlichem Gewande,

10Dienten ihm alle Lande,

Es wäre schwerlich noch so gut.

Von Pfauenfedern war sein Hut.

An diesen Fischer wandt' er sich

Und ermahnt' ihn bittendlich,

15Daß er ihm riethe, Gott zu Ehren

Und seine Zucht zu bewähren,

Wo er träfe Herberg an.

Zur Antwort gab der traurge Mann.

Er sprach: »Herr, nicht bekannt ist mir,

20Daß dreißig Meilen weit von hier

Das Land bewohnt und urbar sei.

Ein Haus nur kenn ich nahebei;

Zur Herberg darf ich es empfehlen;

Ihr könnt kein andres heute wählen.

25Dort, wo die Felsen enden,

Müßt ihr zu Rechten wenden.

Kommt ihr dahin, der Graben

Läßt euch nicht weiter traben.

So heißt die Brücke senken,

Wollt ihr zum Burghof lenken.«

[226]Er that, wie ihm der Fischer rieth;

Mit Urlaub er von dannen schied.

Der sprach: »Wenn ihr euch nicht verirrt,

So bin ich selber euer Wirth;

5So danket, wie wir euch verpflegen.

Nur hütet euch vor falschen Wegen:

Ihr könntet bei der Halde

Irr reiten leicht im Walde;

Unlieb geschäh mir doch daran.«

10Da hub sich Parzival hindann

Und fand mit wackerm Traben

Den Weg bis an den Graben.

Da war die Zugbrück aufgezogen,

Die Burg um Feste nicht betrogen,

15Wie auf der Drechselbank gedreht.

Beschwingt nur oder windgeweht

Dränge man hinein mit Sturm.

Mancher Saal und mancher Thurm

Stand da in wunderbarer Wehr:

20Und zögen alle Völker her,

Sie gäben drin um solche Noth

In dreißig Jahren noch kein Brot.

Ein Knappe hatt ihn wahrgenommen,

Und frug ihn, wo er hergekommen,

25Und was er suche vor dem Wall?

»Der Fischer,« sprach da Parzival,

»Hat mich zu euch hergesandt.

Ich neigte dankend seiner Hand,

Da sie mir Herberg hier geschenkt.

Er will, daß ihr die Brücke senkt,

[227]Daß ich reite zu euch ein.«

»Herr, ihr sollt willkommen sein.

Da der Fischer es versprach,

Man beut euch Ehr und Gemach,

5Ihm, der euch sandte, zu Gefallen.«

Sprach der Knapp und ließ die Brücke fallen.

In die Burg ritt der Kühne,

Auf weiten Angers Grüne

Unzerstampft im Ritterspiel;

10Kurzen Grases stand da viel.

Da ward nicht oft turniert, gestritten,

Mit Panieren hin und her geritten,

Wie auf dem Anger zu Abenberg.70

Selten war solch fröhlich Werk

15Da geschehn in langer Zeit:

Sie hatten Noth und Herzeleid.

Der Gast jedoch des nicht entgalt:

Ihn empfingen Ritter jung und alt;

Kleine Junker volle Zahl

20Sprang ihm nach dem Zaum zumal;

Ein Jeder thäte gern das Beste.

Sie hielten ihm den Stegreif feste,

Dieweil er abstieg von dem Ross.

Ritter führten ihn ins Schloß,

25Wo sie ihm schufen gut Gemach.

Unlange währt' es darnach

Bis er mit Zucht entwappnet ward.

Da sie den Jungen ohne Bart

Ersahen also minniglich,

Glücklich pries ihn Männiglich.

[228]Um Waßer bat der junge Mann:

Da er den Rost sich hindann

Gewaschen von Gesicht und Händen,

Da schien er Jung und Alt zu blenden

5Wie eines zweiten Tages Helle:

So saß der wonnige Geselle.

Ein Mantel ward ihm hingebracht,

Aus arabschem Stoff gemacht

Und alles Tadels ledig gar:

10Den legt er an, der Degen klar.

Die Schnur blieb unverbunden dran:

Da gefiel er Allen, die ihn sahn.

Da sprach der Kammerwärter klug:

»Repans de Schoi wars, die ihn trug,

15Meine Frau, die Königin.

Er sei euch von ihr geliehn,

Denn euch ist noch kein Kleid geschnitten.

Wohl mocht ich sie's mit Ehren bitten;

Denn ihr seid ein werther Mann,

20Wenn ichs recht ermeßen kann.«

»Gott lohn euch, Herr, daß ihr mir traut.

Wenn ihr recht mich beschaut,

So war das Glück mir immer hold:

Gottes Kraft giebt solchen Sold.«

25Man schenkt' ihm ein und pflegt' ihn so,

Die Traurgen waren mit ihm froh;

Ein Jeder bot ihm Lieb und Ehr.

Auch war da aller Fülle mehr,

Als er zu Pelrapäre fand,

Das von Kummer schied des Helden Hand.

[229]Sein Rüstzeug war beiseit getragen:

Das wollt er jetzo schier beklagen,

Da er Scherzes hier sich nicht versah.

Allzu vorlaut mahnte da

5Ein immer wortreicher Mann

Den edeln Fremdling wohlgethan

Zum Wirth, als spräch er es im Zorn.

Das Leben hätt er schier verlorn

Von dem jungen Parzival.

10Da er sein Schwert von lichtem Stahl

Nicht mehr bei sich liegen fand,

Da zwang er so zur Faust die Hand,

Daß den Nägeln Blut entschoß

Und ihm den Aermel übergoß.71

15»Nicht doch, Herr,« sprach die Ritterschaft,

»Dieser Mann uns gern zu lachen schafft,

Wie traurig wir auch anders sei'n;

So mögt ihr wohl ihm freundlich sein.

Ihr habt nichts andres vernommen,

20Als der Fischer sei gekommen.

Geht hin, ihr seid sein werther Gast;

Schüttet ab des Zornes Last.«

Hundert Kronen niederhingen

In dem Saal, zu dem sie gingen,

25Mit vielen Kerzen besteckt;

So war auch rings überdeckt

Mit kleinen Kerzen die Wand.

Hundert Ruhbetten fand

Man an den Seiten aufgeschlagen,

Darauf hundert Kissen lagen.

[230]Je vier Gesellen trug ein Sitz;

Die Plätze unterschied ein Schlitz.

Davor ein Teppich bilderhell:

Le Fils du Roi Frimutel

5Besaß doch Reichtum unermeßen.

Eines Dings war nicht vergeßen,

Sie hatte nicht das Gold gedauert:

Von Marmor waren aufgemauert

Drei viereckge Feuerrahmen.

10Da brannt ein Holz, das man mit Namen

Nannte lignum aloe.

Wer hat so große Feuer je

Hier gesehn zu Wildenberg?72

Es war fürwahr ein kostbar Werk.

15Der kranke Wirth selber hat

Vor der mittlern Feuerstatt

Auf einem Spannbett Platz genommen.

Zum Bruche wars gekommen

Zwischen ihm und der Freude;

20Sein Leben war ein morsch Gebäude.

In den Saal gegangen

Ward da gar wohl empfangen

Von dem, der ihn dahin gesandt,

Parzival der Weigand.

25Ihn ließ der Wirth nicht lange stehn,

Er bat ihn, nah heran zu gehn

Und zu sitzen: »hier an meine Seite:

Wies' ich euch in größre Weite,

Das hieß' euch allzu fremd gethan.«

So sprach der jammersreiche Mann.

[231]Des Wirthes Siechtum heischte leider

Große Feur und warme Kleider,

Weit und lang, von Zobel fein.

So muste aus und innen sein

5Der Mantel und der Pelz darauf.

Der geringste Balg war theur zu Kauf.

Schwarz- und Grauwerk fand man da.

Um das Haupt des Wirthes sah

Man die gestreifte Mütze gehn,

10Von Zobel, theuer zu erstehn.

Arabsche Borten gingen

Oben in goldnen Ringen,

Und von der Spitze nieder schien

Als Knopf ein leuchtender Rubin.

15Ritter saßen da genug,

Als man Jammer vor sie trug.

Herein zur Thür ein Knappe sprang,

Eine Lanze trug er, die war lang,

(Die Sitte war zur Trauer gut);

20Die Schneide nieder tropfte Blut

Und lief am Schaft bis auf die Hand,

Wo es am Aermel verschwand.

Da ward geweint überall

Und geschrien in dem Saal,

25Daß dazu mit Kehl und Augen

Kaum dreißig Völker möchten taugen.

Also trug er den Sper

An den vier Wänden umher

Bis wieder zu des Saales Thür,

Wo der Knappe sprang hinfür.

[232]Da war des Volkes Noth gestillt,

Das erst von Jammer stand erfüllt,

Da es die Lanze hatt erkannt,

Die der Knappe trug in seiner Hand.

5Mag es euch nicht verdrießen,

Will ich die Mär erschließen,

Daß ihr vernehmet und erfahrt,

Wie herlich da gedienet ward.

Zu Ende an dem langen Saal

10Auf ging eine Thür von Stahl:

Zwei werthe Kinder traten ein;

Vernehmt, wie die geschaffen sei'n:

Daß sie wohl gäben Minnesold,

Wem sie um Dienste würden hold.

15Das waren Jungfrauen klar,

Kränzlein über bloßem Haar:

Die Blumen hielt ein lichtes Band.

Jedwede trug in der Hand

Einen Leuchter von Gold.

20Ihr Haar in blonden Locken rollt.

Auf jedem Leuchter brennt ein Licht.

Vergeßen wollen wir nicht

Von der Jungfrauen Kleid zu sagen,

Das sie vor den Rittern tragen.

25Die Gräfin von Tenabrock,

Von braunem Scharlach war ihr Rock;

So war auch ihr Gespiel geziert.

Das weite Kleid war affischiert

Mit zweien Gürteln, da wo schlank

Die Frauen sind und schmal und schwank.

[233]Hinzu tritt eine Herzogin

Und ihr Gespiel. Sie trugen hin

Kleiner Stollen zween von Helfenbein.

Ihr Mund gab feuerrothen Schein.

5Alle Viere neigten sich;

Nun setzten zwo behendiglich

Vor den Wirth die Stollen hin;

Das war ihr Dienst, wie es schien.

Dann traten sie gepaart zurück

10Und waren klar und hell von Blick.

Die Viere trugen gleiches Kleid.

Nun versäumen nicht die Zeit

Andrer Frauen zweimal vier.

Was hatten die zu schaffen hier?

15Vier musten große Kerzen tragen;

Die andern durftens nicht versagen,

Sie trugen einen theuern Stein,

Die Sonne warf hindurch den Schein.

Sein Namen ist uns wohl bekannt:

20Es war ein Granatjachant,

Lang und breit und leicht: das litt,

Daß so dünn ihn zerschnitt,

Der zum Tischblatt ihn zersägte,

An dem der Wirth zu eßen pflegte.

25Die Jungfraun traten alle acht

Vor den Wirth, indem sie sacht

Wie zum Gruß ihr Haupt bewegten.

Die Viere dann die Tafel legten

Auf der Stollen schneeweiß Helfenbein,

Das zuvor getragen war herein.

[234]Man sah sie züchtig wieder gehn

Und bei den ersten vieren stehn.

Röcke grün wie Gras zu schauen

Trugen diese acht Frauen

5Aus edelm Samt von Aßagauch,

Lang und weit, so wars Gebrauch.

Ein theurer Gürtel, schmal und lang,

In der Mitte sie zusammen zwang.

Dieser acht Jungfrauen klug

10Auf dem Haupt Jegliche trug

Ein Blumenkränzlein wohlgethan.

Von Nonel der Graf Iwan

Und Jernis, der Herr von Reile,73

Ihre Töchter über manche Meile

15Hatte der Gral in Dienst genommen.

Man sah die Jungfrauen kommen

In gar wonniglichem Staat.

Zwei Meßer, schneidig wie ein Grat,

Trugen die Jungfrauen hehr

20Auf zwo Zwickeln daher.

Von Silber ist die Kling und weiß

Und nicht versäumt von Künstlerfleiß,

Geschärft, gewetzt zu solcher Glätte,

Daß es wohl Stahl geschnitten hätte.

25Vor dem Silber trugen Frauen werth,

Die auch der Gral zum Dienst begehrt,

Lichter, daß es heller sei,

Vier Kinder alles Tadels frei.

So gingen diese Sechse nun:

Höret, was sie sollen thun.

[235]Sie grüßten. Zwei Jungfräulein

Trugen auf der Tafel Schein

Das Silber, legten es da nieder.

Dann gingen sie mit Züchten wieder

5Zu den ersten Zwölfen hin.

Wenn ich recht berichtet bin,

Hier sollen achtzehn Frauen stehn.

Nun sieht man neue sechse gehn

In Kleidern, die man schwer bezahlt;

10Es war zur Hälfte Plialt,

Zur Hälfte Pfell von Ninive.

Sie und die Sechse, der ich eh

Erwähnt, getheilt war ihre Tracht,

Jeder Theil aus anderm Stoff gemacht.

15Nach diesem kam die Königin.

Ein Glanz von ihrem Antlitz schien,

Sie wähnten all, es wolle tagen.

Ein Kleid sah man die Jungfrau tragen

Von Pfellel aus der Arabie.

20Auf grünseidnem Achmardi

Trug sie des Paradieses Fülle,

So den Kern wie die Hülle.

Das war ein Ding, das hieß der Gral,

Irdschen Segens vollster Stral.

25Repanse de Schoie hieß,

Von der der Gral sich tragen ließ.

Der Gral war von solcher Art:

Sie hat das Herz sich rein bewahrt,

Der man gönnt des Grals zu pflegen:

Sie durfte keine Falschheit hegen.

[236]Lichter kamen vor dem Gral:

Die waren schön und reich zumal.

Sechs lange Gläser hell und klar,

Drin brannte Balsam wunderbar.

5Da sie gemeßnen Schritts herfür

Zur Tafel kamen von der Thür,

Die Königin verneigte sich

Und jede Jungfrau züchtiglich,

Die da Balsamgläser trug.

10Die Köngin ohne Falsch und Trug

Setzte vor den Wirth den Gral.

Die Märe spricht, daß Parzival

Sie hab andächtig lang beschaut,

Der der Gral war anvertraut;

15Er hatt auch ihren Mantel an.

Die Sieben gingen sacht hindann

Zu den achtzehn Ersten.

Sie nahmen all die Hehrste

Zwischen sich: Zwölf standen ihr

20Zu beiden Seiten, sagt man mir.

Da stand die Magd die Krone tragend

Schön aus den Gespielen ragend.

All den Rittern zumal,

Die da saßen in dem Saal,

25Ließ man von den Kämmerlingen

In goldnen Becken Waßer bringen.

Je vier bediente Einer

Und ein Junker, ein kleiner,

Der eine weiße Zwickel trug.

Man sah da Reichtum genug.

[237]Der Tafeln musten hundert sein,

Die man zur Thüre trug herein.

Man setzte jegliche hier

Vor der werthen Ritter vier:

5Tischlachen blendend weiß

Legte man darauf mit Fleiß.

Der Wirth nun selber Waßer nahm;

Er war an frohem Muthe lahm.

Da wusch sich Parzival zugleich.

10Eine seidne Zwickel bilderreich

Hielt ein Grafensohn ihm hin;

Den sah man hurtig niederknien.

Wo eine Tafel war gestellt,

Vier Knappen sah man da gesellt,

15Daß sie zu dienen nicht vergäßen

Denen, die an ihr säßen.

Zweene mußten knieend schneiden;

Die andern durftens nicht vermeiden,

Sie trugen Speis und Trank herbei

20Und dienten ihnen nach der Reih.

Hört mehr von Reichtum sagen.

Vier Karossen musten tragen

Manchen Becher goldenklar

Jedem Ritter, der zugegen war.

25Die wurden rings umher gerollt;

Von vier Rittern ward das Gold

Auf die Tafeln hingesetzt.

Ein Schaffner folgte zuletzt;

Dem war es aufgetragen,

Alles wieder in den Wagen

[238]Zu setzen, wenn gedienet wäre.

Nun vernehmet andre Märe.

Hundert Knappen man gebot,

Daß sie in weiße Zwickeln Brot

5Knieend nähmen vor dem Gral.

Zurück dann traten sie zumal

Und vertheilten vor die Tafeln sich.

Man sagte mir, so sag auch ich

Auf euern eigenen Eid:

10Vor dem Grale war bereit

(Sollt ich damit betrügen,

So helfet ihr mir lügen)

Wonach einer bot die Hand,

Daß er alles stehen fand,

15Speise warm, Speise kalt,

Speise neu und wieder alt,

Fisch und Fleisch, Wild und Zahm.

Es ist kein wahres Wort daran,

Hör ich Manchen sprechen;

20Der will sich viel erfrechen:

Denn der Gral war alles Segens Born,

Weltlicher Süße volles Horn:

Es that es dem beinahe gleich,

Was man erzählt vom Himmelreich.

25In kleine Goldgefäße kam,

Was man zu jeder Speise nahm,

Pfeffer, Salz und Agraß.

Der Genügsame, der Fraß,

Alle fänden da genug;

Höflich man es vor sie trug.

[239]Moraß, Wein, Sinopel roth,74

Wonach den Napf ein Jeder bot,

Was er Trinkens mochte nennen,

Das konnt er drin erkennen,

5Alles durch des Grales Kraft.

Die herliche Genoßenschaft

Ward bewirthet von dem Gral.

Wohl bemerkte Parzival

Den Reichtum und das große Wunder;

10Doch nicht zu fragen unterstund er.

Er gedachte: »Treulich rieth

Mir Gurnemans, bevor ich schied,

Viel zu fragen sollt ich meiden;

Man wird mich hier wohl auch bescheiden,

15Wie es dort bei ihm geschah.

So hör ich ohne Frage ja,

Wie es um diese Leute steht.«

Wie er so dachte, sieh, da geht

Ein Knappe her und bringt ein Schwert,

20Die Scheide tausend Marken werth;

Das Gehilz war ein Rubin;

Auch war die Klinge, wie es schien,

Großer Wunder Thäterin.

Seinem Gaste gab der Wirth es hin

25Und sprach: »Es half mir in der Noth

Manchesmal, bevor mich Gott

So schwer am Leibe hat verletzt.

Ich hoffe, daß es euch ersetzt,

Was hier fehlt an eurer Pflege;

Führt es künftig allewege:

[240]Ihr seid, erkennt ihr seine Art,

Im Streite wohl damit verwahrt.«

Weh, daß er da vermied zu fragen!

Das muß ich noch für ihn beklagen.

5Denn da das Schwert ihm ward gegeben,

Das mahnt' ihn, Frage zu erheben.

Auch jammert mich sein edler Wirth,

Daß er der Qual nicht ledig wird,

Der ihn enthoben hätte Fragen.

10Nun war hier sattsam aufgetragen.

Die's anging, griffens wieder an

Und trugen das Geschirr hindann.

Die vier Karossen lud man da;

Jedes Fräulein seinen Dienst versah,

15Erst die letzten, dann die ersten.

Sie traten alle mit der Hehrsten

Wieder hin zu dem Gral.

Vor dem Wirth und Parzival

Verneigte sich die Königin

20Und all die Jungfraun wie vorhin

Und trugen wieder aus der Thür,

Was sie mit Zucht gebracht herfür.

Parzival blickt ihnen nach:

Da sieht er in dem Vorgemach,

25Eh sie die Thüre zuthun,

Auf einem Spannbette ruhn

Den allerschönsten alten Mann,

Des er Kunde je gewann.

Ich greif es traun nicht aus der Luft,

Er war noch grauer als der Duft.

[241]Wer der Greis gewesen,

Das hört ihr künftig lesen,

Dazu der Wirth, die Burg, das Land,

Die werden euch von mir genannt

5Künftig, wenn es an der Zeit,

Bescheidentlich, ohn allen Streit,

Und sogleich, unverzogen.

Die Sehne sag ich sonder Bogen.

Die Sehne dient zum Gleichniss hier.

10Behende scheint der Bogen dir,

Doch ist schneller, was die Sehne jagt.

Hab ichs nicht unbedacht gesagt,

So gleicht die Sehne schlichten Mären,

Womit wir gern zufrieden wären;

15Denn wer die Krümme wandelt viel,

Der führt uns allzuspät ans Ziel.

Wenn ihr den Bogen spannen saht,

Erst war die Sehne schlicht und grad;

Sie muß sich dehnen, muß sich biegen,

20Soll der Schuß zum Ziele fliegen.

Doch wer die Märe schießt dem Thoren,

Der hat sein Dehnen auch verloren:

Sie findet nirgend eine Statt

Und gar geräumigen Pfad

25Zu einem Ohr ein, zum andern aus.

Lieber bleib ich zu Haus,

Als daß ich den mit Mären dränge:

Denn ich sagte oder sänge

Beßer wahrlich einem Bock

Oder einem morschen Stock.

[242]Ich will euch ferner doch bedeuten

Von den jammerhaften Leuten,

Die hier besucht hat Parzival.

Man vernahm da selten Freudenschall,

5Weder Tanz noch Ritterspiel.

Ihrer Trübsal war so viel,

Sie dachten auf Erholung nicht.

Oft wohnt die Volkszahl minder dicht,

Doch thut ihr manchmal Freude wohl;

10Hier waren alle Winkel voll

Und auch der Hof, wo man sie sah.

Der Wirth sprach zu dem Gaste da:

»Nun ist eur Bette wohl bereit,

Drum rath ich, wenn ihr müde seid,

15Euch zur Ruhe zu begeben.«

Nun sollt ich Zeterschrei erheben

Um ihr so gethanes Scheiden!

Hier wächst Unheil ihnen beiden.

Vor des Wirthes Bette trat

20Auf den Teppich hin und bat

Um den Urlaub Parzival;

Gute Nacht ihm bot der Wirth zumal.

Auf sprang die Ritterschaft in Eil;

Ihn zu geleiten kam ein Theil.

25Da führten sie den jungen Mann

In ein Schlafgemach hindann:

Das war also ausstaffiert,

Mit einem Bette geziert,

Daß mich die Armut schmerzlich müht,

Da der Erde solcher Reichtum blüht.

[243]Dem Bett war Armut theuer;

Als glüht' er im Feuer,

Gab drauf ein Pfellel lichten Stral.

Die Ritter bat da Parzival,

5Sie möchten auch zur Ruhe gehn;

Denn Ein Bett sah er hier nur stehn.

Mit Urlaub gingen sie hindann.

Hier hebt ein andrer Dienst sich an.

Vier Kerzen und sein klar Gesicht

10Wetteifernd gaben helles Licht:

Wie möchte heller sein der Tag?

Vor seinem Bett ein andres lag,

Ein Polster drauf; da setzt' er sich.

Jungherren gar behendiglich

15Entschuhn ihm Beine, die sind blank:

Mancher ihm zu Hülfe sprang;

Auch zog ihm seine Kleider ab

Mancher wohlgeborne Knab:

Es waren schmucke Herrlein.

20Zur Thüre traten jetzt herein

Vier klare Jungfrauen,

Die man gesandt zu schauen,

Ob man ihn wohl verpfläge,

Und ob er sanft gebettet läge.

25Die Märe meldet sonder Trug,

Eine helle Kerze trug

Ein Knappe Jeglicher voran.

Parzival der schnelle Mann

Sprang unters Decklachen.

Sie sprachen: »Ihr sollt wachen

[244]Uns zu Lieb noch eine Weile.«

Verborgen in der Eile

Hatt er unterm Bett sich ganz;

Nur seines Antlitzes Glanz

5Gab ihren Augen Hochgenuß,

Eh sie empfingen seinen Gruß.

Ihnen schufen auch Gedanken Noth,

Daß sein Mund ihm war so roth,

Und daß vor Jugend Niemand wahr

10Da nahm auch nur ein halbes Haar.

Diese vier Jungfrauen klug,

Hört was Jegliche trug:

Moraß, Wein und Lautertrank75

Trugen drei auf Händen blank;

15Die vierte Jungfraue weis

Trug Aepfel aus dem Paradeis

Auf blanker Zwickel hin vor ihn.

Diese sah man niederknien.

Er hieß das Mägdlein sitzen:

20Sie sprach: »Laßt mich bei Witzen;

Ich könnt euch sitzend nicht bedienen,

Und darum sind wir hier erschienen.«

Süßer Red er nicht vergaß;

Der Herr trank, einen Theil er aß,

25Dann gingen sie mit Urlaub wieder.

Da legte Parzival sich nieder.

Die Junker setzten vor ihn

Die Kerzen auf den Teppich hin,

Da sie ihn entschlafen sahn:

Also eilten sie hindann.

[245]Parzival lag nicht allein:

Gesellt bis zu des Morgens Schein

War ihm strenges Herzeleid.

Alles künftige Leid

5Hat Boten ihm vorausgesandt,

Daß Schreck den Blühnden übermannt;

Seine Mutter bracht einst so in Noth

Der Traum von Gachmuretens Tod.

So verbrämt war ihm der Traum,

10Mit Schwertschlägen um den Saum,

Mit Tjosten oben reich gestickt:

Von Lanzen auf sein Herz gezückt

Litt er im Schlafe manchmal Noth.

Lieber zwanzigmal den Tod

15Hätt er dulden mögen wach:

So gab den Sold ihm Ungemach.

Der Aengstigungen Strenge

Must ihn wecken auf die Länge.

Ihm schwitzten Adern und Gebein.

20Auch drang der Tag durchs Fenster ein.

Da sprach er: »Weh, wo sind die Kinde,

Daß ich sie nicht vor mir finde?

Wer soll mir reichen mein Gewand?«

So erharrte sie der Weigand,

25Bis er abermals entschlief.

Niemand sprach, Niemand rief,

Sie blieben all verborgen.

Wieder zu Mitte Morgen

War erwacht der junge Mann;

Vom Bette sprang er schnell hindann.

[246]Auf dem Teppich sah der Werthe

Seine Rüstung liegen und zwei Schwerte:

Eins, das der Wirth ihm geben ließ,

Das andre war von Gahevieß.

5Da hub er zu sich selber an:

»Weh, wer hat mir dieß gethan?

Gewiss, ich soll mich wappnen drein.

Ich litt im Schlafe solche Pein;

Wachend ist mir Arbeit

10Heute sicher auch bereit.

Wenn diesen Wirth ein Feind bedroht,

So leist ich gerne sein Gebot

Und ihr Gebot mit Treuen,

Die den Mantel, diesen neuen,

15Mir geliehen hat aus Güte.

Stünd also ihr Gemüthe,

Daß sie Dienst von mir begehrte,

Wie gern ich den gewährte!

Doch nicht um Minnelohns Gewinn:

20Denn mein Weib die Königin

Ist von Antlitz wohl so klar

Wie sie und klarer, das ist wahr.«

Er hilft sich selber, weil er muß,

Wappnet sich von Haupt zu Fuß,

25Daß er fertig sei zum Streite;

Zwei Schwerter schnallt er an die Seite.

Der werthe Degen ging hinaus;

Da war sein Roß vor dem Haus

Angebunden, Schild und Sper

Stand dabei; das freut' ihn sehr.

[247]Eh Parzival der Weigand

Sich des Rosses unterwand,

Der Held in manche Kammer lief,

Wo er nach den Leuten rief.

5Niemand hörte, sah er da,

Daran ihm großes Leid geschah.

Der Degen kam in übeln Zorn.

Da lief er in den Burghof vorn,

Wo er gestern stieg vom Pferde.

10Da war Gras und Erde

Von manchem Hufschlag berührt,

Und der Thau hinweggeführt.

Der junge Mann mit lautem Rufen

Kehrte zu des Hauses Stufen.

15Mit manchem Scheltworte

Sprang er zu Ross. Die Pforte

Fand er weit offen stehn

Und große Stapfen aus ihr gehn.

Die Brücke war hinab gelaßen:

20Hinüber ritt er seiner Straßen.

Ein verborgner Knappe zog das Seil:

Der Schlagbrücke Vordertheil

Brachte schier sein Ross zu Fall.

Das Haupt wandte Parzival:

25Da wollt er gerne sich befragen:

»Der Sonne Haß sollt ihr tragen,«

Sprach der Knapp. »Ihr seid 'ne Gans.

Hättet ihr gerührt den Flans

Und hättet den Wirth gefragt!

Nun bleibt euch großer Preis versagt.«

[248]Der Gast rief um Erklärung:

Da ward ihm nicht Gewährung.

Wie viel er bat, wie lang' er rief,

Der Knappe that, als ob er schlief',

5Und schlug die Pforte vor ihm zu.

Allzu früh für seine Ruh

Schied da hinweg, der nun mit Leid

Entgalt seiner frohen Zeit:

Die blieb ihm jetzt verborgen.

10Er hatt um schwere Sorgen

Gedoppelt, als den Gral er fand,

Mit seinen Augen, ohne Hand

Und ohne Würfel zumal.

Weckt ihn Kummer nun und Qual,

15Des war er früher ungewohnt;

Ihn hatte Trübsal noch verschont.

Parzival verfolgte da

Die Hufspur, die er vor sich sah.

»Die vor mir,« dacht er, »reiten,

20Die werden mannlich streiten

Heut um des Wirthes Ehre.

Sie verschmähns, sonst wäre

Ihre Schar mit mir auch nicht geschwächt:

Ich wollt in keinem Gefecht

25Von ihnen weichen in der Noth,

Daß ich verdiente mein Brot

Und dieß wonnigliche Schwert,

Das ihr Herr mir hat verehrt,

Und das ich unverdient noch trage.

Sie wähnen wohl, ich wär ein Zage.«

[249]Der aller Falschheit that entgegen,

Hielt sich an den Hufschlägen.

Daß er so scheidet, jammert mich;

Nun erst aventürt es sich.

5Die Fährt allmählich ihm zerrann:

Hier schieden, die ihm sind voran.

Die Spur ward schmal, erst war sie breit,

Er verlor sie ganz: das war ihm leid.

Da erst erfuhr der junge Mann,

10Davon er Herzeleid gewann.

Der kühne Degen ohne Zagen

Hört' eine Frauenstimme klagen.

Naß von Thau noch war das Gras.

Vor ihm auf einer Linde saß

15Ein Weib, die Treu gebracht in Noth.

Gebalsamt lag ein Ritter todt

Ihr zwischen beiden Armen.

Wollt es Einen nicht erbarmen,

Der sie so säh in Schmerzen,

20Das geschah aus falschem Herzen.

Sein Ross da zu ihr wandte,

Der sie noch nicht erkannte:

Sie war doch seiner Muhme Kind.

Was irdsche Treue nur ersinnt,

25Das ward vor ihrer Treu zunicht.

Nun grüßt sie Parzival und spricht:

»Herrin, mir ist herzlich leid,

Daß ihr so bekümmert seid.

Könnt euch mein Dienst davon befrein,

Zu euerm Dienste wollt ich sein.«

[250]Sie dankt' ihm mit des Jammers Sitten

Und frug: »Wo kommt ihr hergeritten?«

Sie sprach: »Es folgte schlimmem Rath,

Wer noch je die Reise that

5Her in diesen öden Wald.

Unkundem Gaste mag da bald

Großen Schadens viel geschehn;

Gehört oft hab ich und gesehn

Von Leuten, die den Tod hier nahmen

10Und wehrlich doch zu sterben kamen.

Flieht, wenn ihr das Leben liebt!

Nur sagt, wo diese Nacht ihr bliebt?«

»Eine Meile nur von hier, nicht mehr,

Steht eine Burg, wie keine hehr

15Durch alle Pracht und Herlichkeit:

Die ließ ich erst vor kurzer Zeit.«

Sie sprach: »Der euch Vertraun will schenken,

Den sollt ihr nicht mit Lügen kränken.

Eur Schild muß euch als fremd bekunden;

20Ihr hättet Wald zuviel gefunden

Von gebautem Lande hergeritten.

Dreißig Meilen weit ward nie verschnitten

Zu einem Hause Holz noch Stein.

Nur eine Burg steht dort allein,

25Reich an Allem was die Erde preis't.

Wer die zu suchen sich befleißt,

Der kann sie leider niemals finden:

Doch sind Viele, die sichs unterwinden.

Es muß unwißend geschehn,

Soll Jemand die Burg ersehn.

[251]Die ist euch, Herr, wohl nicht bekannt.

Monsalväsch ist sie genannt.

Terre de Salväsch geheißen wird

Das Reich, wo Krone trägt der Wirth.

5Vererbt einst hat es Titurel

Seinem Sohn, dem König Frimutel:

So hieß der werthe Weigand;

Den Preis erwarb oft seine Hand.

Auch gab ihm eine Tjost den Tod,

10Den ihm die Minne gebot.

Vier werthe Kinder ließ er nach:

Drei haben Gut, doch Ungemach;

Der vierte wählte Armut:

So büßt er seinen sündgen Muth;

15Er heißt mit Namen Trevrezent.

Anfortas sein Bruder lehnt,

Denn sitzen kann er nicht noch gehn,

Auch weder liegen noch stehn,

Der auf Monsalväsche wohnt;

20Groß Unheil hat ihn nicht verschont.«

Sie sprach: »Wenn ihr gekommen wärt

Zu der Schar, die Gram beschwert,

Vielleicht wär nun der Wirth befreit

Von seinem lang getragnen Leid.«

25Zu der Jungfrau sprach der Waleis laut:

»Groß Wunder hab ich da geschaut

Und viel Frauen wohlgethan.«

An der Stimm erkannte sie den Mann.

Da sprach sie: »Du bist Parzival.

Nun sage, sahest du den Gral

[252]Und den Wirth, den Freudeleeren?

Laß liebe Kunde hören.

Ist sein Jammer noch zu stillen,

Wohl dir, der selgen Reise willen!

5So weit die Lüfte Land umfangen,

So weit soll deine Hoheit langen.

Dir dienet Alles, Zahm und Wild,

Aller Erdenwunsch ist dir gestillt.«

Parzival der Weigand

10Sprach: »Woran habt ihr mich erkannt?«

Da sprach sie: »Sieh, ich bins, die Magd,

Die dir ihr Leid schon hat geklagt,

Dir deinen Namen nannte.

Verschmäh nicht die Verwandte:

15Deine Mutter ist mir Muhme,

Aller Erdenreinheit Blume,

Ob lautern Thau sie nie empfing.

Gott lohns, daß dir so nahe ging

Mein Freund, den eine Tjost mir schlug.

20Hier hab ich ihn. Noth genug

Hat mir Gott an ihm gegeben,

Daß er nicht länger sollte leben.

Er war reich an Mannesgüte:

Aus seinem Tod mein Leid erblühte;

25Auch hat sich mir von Tag zu Tage

Schmerzlich um ihn erneut die Klage.«

»O weh, wo blieb dein rother Mund!

Bist dus, Sigune, die mir kund

That so getreulich, wer ich war?

Dein lockig langes braunes Haar,

[253]Das ist von deinem Haupt geschwunden.

Da ich dich in Briziljan gefunden,

Da warst du noch so minniglich,

Obwohl schon Jammer warb um dich.

5Jetzt verlorst du Farb und Kraft.

Dieser traurigen Gesellschaft

Verdröße mich, sollt ich sie haben:

Laß diesen Todten uns begraben.«

Die Augen näßten ihr das Kleid.

10Auch hätt ihr wohl zu keiner Zeit

Lunete solchen Rath gegeben.

Die rieth der Herrin: »Laßt am Leben

Diesen Mann, der euern schlug:

Er giebt euch wohl Ersatz genug.«76

15Sigune wollte kein Ersetzen

Wie Fraun, die Wechsel mag ergetzen,

Die mir zu nennen nicht behagen.

Hört mehr von Siguns Treue sagen.

Die sprach: »Soll mir noch Freude werden,

20Die wird mir, wenn ihn die Beschwerden

Laßen, den unselgen Mann.

Sollt er von dir Hülf empfahn,

Fürwahr, so bist du Preises werth;

Du trägst am Gürtel auch sein Schwert.

25Kennst du denn des Schwertes Gaben?

Du magst zum Kampf wohl furchtlos traben.

Ihm liegen seine Schärfen recht.

Ein Schmied von edelm Geschlecht,

Trebüschet, schufs mit eigner Hand.

Einen Brunnen steht bei Karnant;

[254]Drum heißt des Landes König Lach.

Das Schwert besteht den ersten Schlag,

Doch von dem andern brichts entzwei.

Bringst du's zum Brunnen, wieder neu

5Wird es von des Waßers Guß.

Doch von der Quelle nimm den Fluß,

Am Fels, eh ihn beschien der Tag.

Der Brunnen heißt auch selber Lach.

Wenn nicht versplittert sind die Stücken,

10Man muß sie recht zusammendrücken,

Indem der Brunnen sie benetzt;

Ganz und noch viel schärfer jetzt

Wird gleich ihm Falz und Schneide sein,

Und jedes Mal behält den Schein.

15Doch das Schwert bedarf ein Segenswort:77

Das fürcht ich, ließest du dort.

Hats jedoch dein Mund gelernt,

So gedeiht und wächst und kernt

Des Heiles Fülle stäts bei dir.

20Lieber Vetter, glaube mir,

So dienet immer deiner Hand,

Was Wunders dort dein Auge fand;

So muß dir die Krone

Des höchsten Heils zum Lohne

25Ob allen Würdgen werden;

Was man wünschen mag auf Erden,

Wird dir völlig gegeben:

So reich mag Niemand leben,

Der sich dir vergleichen kann,

Hast du der Frag ihr Recht gethan.«

[255]»Keine Fraget sprach er, »that ich da.«

»O weh, daß euch mein Auge sah,«

Sprach die jammersreiche Magd,

»Da ihr zu fragen habt gezagt!

5So große Wunder, wie ihr saht,

Daß eur Mund da keine Frage that!

Ihr saht doch den hehren Gral,

Saht edler Frauen reiche Zahl,

Die werthe Garschiloie

10Und Repans de Schoie,

Schneidendes Silber, blutgen Sper.

O weh, was kommt ihr zu mir her?

Unseliger, verfluchter Mann!

Ihr tragt des giftgen Wolfes Zahn,

15An dem die Galle bei der Treue

So früh sich zeigt zu später Reue.

Euch hätt eur Wirth erbarmen sollen,

An dem Gott Wunder wirken wollen:

So fragtet ihr nach seiner Noth.

20Ihr lebt und seid am Heile todt.«

Da sprach er: »Liebe Base, zeigt

Beßer, daß ihr mir geneigt.

Ich büß es, wenn ich was verbrach.«

»Das sei euch erlaßen,« sprach

25Sigune. »Mir ist wohl bekannt,

In Monsalväsch an euch verschwand

Ehr und ritterlicher Preis.

Ihr findet nun in keiner Weis

Antwort fernerhin bei mir.«

So schied Parzival von ihr.

[256]Daß er zu fragen war so laß,

Als er bei dem traurgen Wirthe saß,

Das muste da in Treuen

Den kühnen Degen reuen.

5Seine Noth war groß, der Tag war heiß,

Er begann zu triefen von Schweiß.

Den Helm, sich zu lüften, band

Er ab und trug ihn in der Hand;

Auch entstrickt' er die Vinteilen78 sein;

10Durch Eisenrost war licht sein Schein.

Er kam auf eine frische Spur:

Vor ihm, wenig Schritte nur,

Ging ein Ross gar wohl beschlagen,

Und ein barfuß Pferd, das sah man tragen

15Eine Frau, die vor ihm ritt

In einem hinkenden Schritt.

Von Mangel schien das Pferd gequält,

Man hätt ihm durch die Haut gezählt

Seine Rippen allzumal:

20Wie ein Härmlein war es fahl.

Eine Halfter trugs von Bast,

Zu den Hufen fiel die Mähne fast,

Die Augen tief, die Gruben weit.

Der Gaul war von langem Leid

25Abgequält und abgehetzt;

Oft weckt' ihn Nachts der Hunger jetzt.

Er war dürr wie Zunder;

Sein Gehn war ein Wunder,

Zumal die Werthe, die er trägt,

Wohl selten noch ein Pferd gepflegt.

[257]Das Reitgeräthe allzumal

War ohn alle Breite schmal,

Schellen, Sattelbogen

Zerstückt und verbogen.

5Sie hatt an Ueppigkeit nicht Theil;

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