Читать книгу: «Anders - Die tote Stadt (Anders, Bd. 1)»

Über das Buch
Als ihre kleine Cessna in einem abgelegenen Tal notlanden muss, geraten Anders und Jannik in eine unheimliche Ruinenstadt ohne jede Spur von Leben. Statt einer Rettungsmannschaft tauchen Männer in schwarzen Schutzanzügen auf. Ohne Vorwarnung eröffnen sie das Feuer. Auf der Flucht vor ihnen läuft Anders direkt in die Arme der rätselhaften Katt. Sie bringt ihn zu den Tiermenschen auf der anderen Seite der Stadt. Doch die sind nicht gerade erfreut einen Menschen zu sehen …
Inhalt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
1
Anders war – abgesehen davon, dass er jeden Scherz, jedes Wortspiel und jeden noch so schlechten Kalauer, den man sich mit seinem Namen erlauben konnte, schon mindestens hundertmal gehört hatte und mittlerweile nichts mehr davon auch nur im Entferntesten komisch fand – tatsächlich schon immer ein wenig anders gewesen als die meisten anderen; sowohl was seine Mitschüler anging als auch den ihm bekannten Rest der menschlichen Spezies außerhalb des Internats. Es hatte damit begonnen, dass er bereits im Alter von neun Jahren hierher gekommen war (nahezu zwei Jahre eher als gewöhnlich), und um das Schulsystem vollends zum Zusammenbruch zu bringen, gleich eine Klasse übersprungen hatte. Mithilfe etlicher Privatstunden (und einer großzügigen Spende seines Vaters an das Internat) war ihm das gelungen, und seither war das Internat von Drachenthal nicht nur zu seiner zweiten, sondern eigentlich zu seiner einzigen Heimat geworden.
Anders verbrachte praktisch seine gesamte Zeit in dem altehrwürdigen Schloss, hinter dessen bewusst schlicht gehaltener Fassade sich eines der exklusivsten und teuersten Internate des Landes verbarg. Die Schulstunden sowieso – Anders war stolz darauf, in seinem ganzen Leben noch nicht eine einzige Stunde geschwänzt zu haben, was zwar der Wahrheit entsprach, jedoch schon ausreichte, um ihn zu einem Außenseiter unter seinen Mitschülern zu machen –, aber auch den allergrößten Teil seiner Freizeit, was die Wochenenden und sogar die kürzeren Ferien mit einbezog.
Selbstverständlich hatte Anders Freunde unter den anderen Internatszöglingen, allerdings nicht viele, und wenn er ganz ehrlich zu sich selbst war (was nicht besonders oft vorkam), dann musste er zugeben: auch keine besonders guten. Das lag natürlich zum Teil daran, dass Anders der war, der er nun einmal war, nämlich der einzige Sohn von Ottmar Beron, dem Besitzer eines der größten Firmenimperien des Landes, und nebenbei auch noch hochbegabt. Sein IQ schwankte – abhängig von der Methode, mit der man ihn maß – zwischen hundertfünfundvierzig und hundertsechzig. Weder das eine noch das andere war etwas so Außergewöhnliches auf Schloss Drachenthal. Das exorbitante Schulgeld, das die Eltern bezahlen mussten, sorgte für eine gewisse natürliche Auslese, und selbst die Eltern, die sich eine so gewaltige Summe leisten konnten, um ihre Kinder zu fördern (oder sie los zu sein, je nachdem), taten das in den seltensten Fällen, wenn ihre Sprösslinge dumm waren.
Reich zu sein war auf Drachenthal nichts Besonderes.
Einigermaßen intelligent zu sein auch nicht.
Aber stinkreich und hochbegabt in einer Person, das hatte Anders rasch herausgefunden, war eine Kombination, die sich sehr schnell zu einem Fluch entwickeln konnte, den man nie wieder loswurde. Statt wirklicher Freunde hatte er hier jede Menge Neider, die nur darauf warteten, dass ihm ein Missgeschick passierte, ihm ein Unglück widerfuhr oder das Schicksal sich irgendeinen anderen üblen Scherz mit ihm erlaubte, was sie dann vollmundig als höhere Gerechtigkeit verkaufen konnten. So war es kein Wunder, dass Anders schon früh damit begonnen hatte, sich von den anderen abzusondern und seine Freizeit mehr oder weniger allein zu verbringen, entweder mit seinen Büchern, seiner Musik und seinen DVDs, oder mit langen Spaziergängen in den dichten Wäldern, die Schloss Drachenthal umgaben. Wenn die anderen die freien Nachmittage im gut zwanzig Kilometer entfernten Dorf verbrachten, sah er sich lieber einen Film an oder las ein Buch, und an den Wochenenden unternahm er manchmal stundenlange Wandertouren oder auch schon einmal die eine oder andere (verbotene) Kletterpartie im nahe gelegenen Gebirge.
Es machte Anders nichts aus, alleine zu sein. Früher einmal, vor Jahren, hatte er die anderen mitunter beobachtet und eine Mischung aus Bedauern und Neid empfunden, wenn er sah, wie sie zusammen spielten und lachten – der lebendige Ausdruck ihrer Freundschaft –, doch das war lange her. Damals war er ein Kind gewesen. Heute war er noch nicht wirklich erwachsen, aber auch schon lange kein Kind mehr, und warum sollte er sich nach etwas sehnen, das er erstens niemals kennen gelernt hatte und zweitens niemals bekommen würde?
Darüber hinaus stimmte das nicht ganz. Es gab zumindest einen Menschen, den er durchaus als so etwas wie einen Freund betrachtete, und das Piepsen seines Handys erinnerte Anders genau in diesem Moment daran, dass dieser Mensch sich nicht nur gerade auf dem Weg hierher befand, sondern manchmal auch ziemlich ungeduldig sein konnte. Rasch grub er das Handy aus seinem Rucksack, warf einen Blick auf das Display und stellte fest, dass es eine SMS von Jannik war, genau wie er erwartet hatte. Und sie war, wie er ebenfalls erwartet hatte, äußerst knapp gehalten und bestand nur aus drei Worten: Bin gleich da.
Anders grinste. Das war typisch für Jannik. Auch wenn er es niemals zugegeben hätte, begegnete Jannik jedweder Technik mit einem tief verwurzelten natürlichen Misstrauen und hasste geradezu jedes Gerät, das mehr als einen Knopf hatte und dessen Funktionsweise er nicht wirklich ergründen konnte – was nicht etwa bedeutete, dass er damit nicht umzugehen verstand. Aber Anders hatte fast ein Jahr gebraucht, um Jannik dazu zu bringen, sein Handy nicht nur im absoluten Notfall zu benutzen, und ungefähr ebenso lange, etwas so Simples wie eine SMS abzuschicken.
Ein Grund mehr, ihn nicht warten zu lassen. Wenn Jannik eine Nachricht, wie Bin gleich da, abschickte, bedeutete das mit einiger Wahrscheinlichkeit, dass er den Wagen bereits die gewundene Zufahrt zum Tor heraufsteuerte. Und zumindest heute war Anders genauso begierig darauf, das Schloss zu verlassen, wie es die Mehrzahl seiner Mitschüler das ganze Jahr über war. In drei Tagen begannen die Sommerferien, und das bedeutete für Anders, dass sie heute begannen. Manchmal, dachte er nicht ohne eine gewisse hämische Schadenfreude, hatte es eben doch gewisse Vorteile, stinkreich und hochbegabt auf einmal zu sein. Die Internatsleitung würde es niemals wagen, seinem Vater einen Wunsch abzuschlagen, und seinen Notendurchschnitt konnten drei Fehltage nicht wirklich beeinträchtigen. Mehr als eine Eins in allen Fächern konnte er schließlich nicht bekommen.
Fast wahllos stopfte er noch ein paar Sachen in seinen Rucksack – alles, was er brauchte, würde er ohnehin auf der Yacht seines Vaters vorfinden, sodass die einzig wirklich wichtigen Dinge sein MP3-Player voll Musik und das Buch waren, in dem er gerade las und auf dessen Ende er nicht zwei Wochen warten wollte –, warf ihn sich über die Schulter und lief mit raschen Schritten aus dem Zimmer. Er machte sich nicht die Mühe, abzuschließen. Es war später Nachmittag und draußen herrschte schon seit Wochen ein wahres Bilderbuchwetter, was bedeutete, dass das Schloss so gut wie ausgestorben war. Und bevor die anderen zurückkamen, würde der Hausmeister seine Runde machen, hier ein wenig aufräumen und hinter sich sorgfältig abschließen. Wie gesagt: Manchmal hatte es gewisse Vorteile …
So schnell, wie er gerade noch konnte, ohne wirklich zu rennen, stürmte er den langen, mit dunklem Holz vertäfelten Flur entlang und lief die Treppe hinunter. Auch die gewaltige Eingangshalle war leer. Vor Jahren, als er das erste Mal hierher gekommen war, hatte ihn der riesige Saal mit dem in strengem Schachbrettmuster gefliesten Boden, den holzvertäfelten Wänden und der von mannsdicken Pfeilern getragenen und ebenfalls mit fast schwarzem Holz verkleideten Decke so beeindruckt, dass das Wort eingeschüchtert schon eher gepasst hätte; und zweifellos war dieser Effekt auch ganz genau der Grund, aus dem man sie so und nicht anders gebaut hatte. Heute verfehlte die Halle diese Wirkung total. Ganz im Gegenteil stieg Anders’ Laune mit jedem einzelnen federnden Schritt, den er sich der Tür näherte. Vor ihm lagen zwei Wochen Mittelmeer und eine Dreißig-Meter-Yacht. Adieu, Penne, willkommen, Abenteuer!
Anders war so in seine Vorfreude vertieft, dass er um ein Haar mit einem Mann zusammengestoßen wäre, der gerade einen Arm voll Pakete aus einem Lieferwagen hob, der unmittelbar vor der offen stehenden Tür abgestellt war. Allerdings war der andere auch nicht ganz unschuldig an dem Beinahezusammenstoß: Er drehte sich just in dem Moment um, in dem Anders mit schwungvollen Schritten aus der Tür trat; er musste entweder vollkommen in Gedanken versunken sein oder er hatte jemand komplett anderen erwartet. Als er Anders sah, fuhr er so heftig zusammen, dass er die Hälfte seiner Pakete fallen ließ, und auf seinem Gesicht erschien ein Ausdruck, den Anders mit blankem Entsetzen beschrieben hätte, wäre ihm auch nur der geringste Grund dafür eingefallen. Auch die restlichen drei Pakete entglitten seinen Händen und polterten zu Boden (so leicht, wie sie davonrollten, schienen sie kaum etwas zu wiegen), und Anders konnte gerade noch einen ebenso hastigen wie ungeschickten Schritt machen, um nicht darüber zu stolpern und womöglich der Länge nach hinzuschlagen.
»Entschuldigung«, murmelte er. Mit einem zweiten, noch ungeschickteren Schritt und mehr Glück als Können fand er seine Balance wieder und drehte sich zu dem Mann im blauen Overall um. Der Dunkelhaarige hatte sich mittlerweile nach seinen Paketen gebückt und sammelte sie in aller Hast zusammen. Anders fiel auf, dass seine linke Hand schrecklich vernarbt war und er anscheinend Mühe hatte, die Finger richtig zu benutzen.
»Das tut mir wirklich Leid«, sagte er. »Kann ich Ihnen helfen?«
Der Dunkelhaarige sah hoch und durchbohrte ihn mit einem Blick, als hätte er ihn auf frischer Tat bei einem furchtbaren Verbrechen ertappt. Er schien etwas sagen zu wollen, aber dann verlagerte sich sein Blick auf einen Punkt irgendwo hinter Anders. Für eine Sekunde wurde er noch wütender, doch dann drehte er mit einem Ruck den Kopf und fuhr fort seine Pakete zusammenzuraffen. Als sich Anders trotzdem nach einem Päckchen bücken wollte, scheuchte ihn der Mann mit der Narbenhand mit einer wütenden Bewegung davon. »Lass das«, knurrte er. »Ich komme schon klar.«
Um ein Haar hätte Anders ihm die Antwort gegeben, die ihm seiner Meinung nach zustand – schließlich hatte er das kleine Missgeschick mindestens im gleichen Maße verschuldet wie er selbst! –, beließ es dann aber bei einem wortlosen Schulterzucken und wandte sich wieder um. Dabei fiel sein Blick auf den Lieferwagen, der mit weit offen stehenden Hecktüren vor der Treppe stand. Abgesehen von den Paketen, die der Dunkelhaarige gerade fluchend zusammenlas, war er fast vollkommen leer. In dem überraschend großen Laderaum befanden sich nur noch ein paar zerknüllte Decken und eine Rolle Klebeband. Hinter dem schmalen Fenster zur Fahrerkabine konnte Anders die Umrisse eines zweiten Mannes erkennen. Der Fahrer war nicht allein gekommen.
»Na, heute schon irgendwelche Gespenster gesehen?«
Anders schloss für eine Sekunde die Augen, zählte in Gedanken bis drei und drehte sich dann langsam um, als er die Stimme hinter sich hörte. Direkt vor ihm stand ein breitschultriger Hüne mit Lederjacke, streichholzkurz geschnittenem, blond gefärbtem Haar und einem Schweinegesicht, der ihn aus hämisch funkelnden Augen musterte. Nur einen Schritt daneben stand eine zweite Gestalt, die sich alle Mühe gegeben zu haben schien, zu einer Kopie von Schweinegesicht zu werden; allerdings einer billigen. Nick, der Stolz des Internats, und einer der beiden Hirnamputierten, die ihn auf Schritt und Tritt begleiteten.
»Nö«, antwortete Anders mit einiger Verspätung. »Nur zwei Arschlöcher.« Er registrierte eine Bewegung aus den Augenwinkeln, wandte kurz den Kopf und verbesserte sich: »Drei.«
Nick wurde kreidebleich, und aus dem höhnischen Glitzern in seinen Augen wurde etwas, das aus Anders’ Verdacht, dass diese Worte vielleicht nicht besonders klug gewählt gewesen waren, fast so etwas wie Überzeugung machte. Aber schließlich hatte man ihm ja immer wieder beigebracht nicht zu lügen, oder?
»Hast wohl heute deinen witzigen Tag, wie?«, fragte Nick. Er kam mit wiegenden Schritten näher und das tückische Funkeln in seinen Augen verstärkte sich noch. Anders blieb seelenruhig stehen und es gelang ihm sogar, Nicks Blick irgendwie standzuhalten, aber in seinem Inneren sah es anders aus. Die drei Stooges waren die berüchtigtsten Rüpel des Internats und selbstredend hatten sie es auf ihn ganz besonders abgesehen. Meistens gelang es ihm, ihnen irgendwie aus dem Weg zu gehen, und solange sie einzeln auftauchten, musste Anders sie auch nicht fürchten. Unglücklicherweise waren sie jedoch nicht einzeln gekommen, und das immer bedrohlicher werdende Funkeln in Nicks Augen machte Anders klar, dass er es nicht bei ein paar Beleidigungen und Drohgebärden zu belassen gedachte.
»Hat’s dir auch noch die Sprache verschlagen?«, fragte Nick, als Anders auf die einzige Art antwortete, die nicht vollkommen selbstmörderisch war: gar nicht.
Anders schwieg noch immer. Seine Gedanken überschlugen sich. Nick stand jetzt nur anderthalb Schritte vor ihm, und die beiden anderen hatten sich so aufgestellt, dass sie zusammen mit Schweinegesicht Nick ein Dreieck bildeten, in dessen genauem Zentrum er sich befand. Oder anders ausgedrückt: Sie hatten ihn eingekreist. Keine Chance, zu entkommen.
»Anscheinend.« Nick beantwortete seine eigene Frage mit einem Nicken und einem breiten, aber nicht besonders humorvoll wirkenden Grinsen. »Na ja, ich an deiner Stelle hätte auch die Hosen voll.« Er machte eine Kopfbewegung auf den Rucksack, den Anders mit nur einem Riemen locker über die Schulter geworfen hatte. »Wo soll’s denn hingehen, Spinner?«
»Das ist eigentlich egal«, antwortete Anders. »Nur möglichst weit weg von dir.« Zugleich fragte er sich selbst hysterisch, ob er eigentlich noch ganz normal sei. Vielleicht bestand ja tatsächlich eine astronomisch geringe Chance, dass er ohne Knochenbrüche und allzu schwere innere Verletzungen aus dieser Geschichte herauskam – aber nur, wenn er auf der Stelle die Klappe hielt.
Auch noch die allerletzte Spur von Nicks Lächeln erlosch und in seinen Augen funkelte nun die pure Mordlust. »Du hast deinen witzigen Tag«, stellte er grimmig fest. Gleichzeitig ballte er die rechte Hand genüsslich zur Faust. Anders konnte seine Knöchel knacken hören. Seltsamerweise fixierte er dabei nicht direkt Anders. Sein Blick wanderte immer wieder zu einem Punkt hinter ihm. Dann begriff Anders. Er sah weder ihn noch seine beiden Kumpane an, sondern den Fahrer des Lieferwagens. Möglicherweise versuchte er abzuschätzen, ob sich der Mann einmischen würde, wenn er und seine Kumpane sich auf ihn stürzten.
Anders’ Gedanken überschlugen sich mittlerweile geradezu. Ein nicht kleiner Teil von ihm schien sich gerade auf einem Selbstvernichtungstrip zu befinden, und dieser Versuch könnte durchaus von Erfolg gekrönt sein.
»Also gut, du hast Recht«, sagte er, wobei er sich alle Mühe gab, den Zerknirschten zu spielen; und auch ein genau bemessenes Maß an Angst durchschimmern zu lassen. »Es tut mir Leid. Du könntest ja großzügig sein und ausnahmsweise einmal ein Auge zudrücken.«
Nick wirkte vollkommen verblüfft. Diese Reaktion war anscheinend so ziemlich das Allerletzte, womit er gerechnet hatte. Danach breitete sich ein hässliches Grinsen auf seinem Gesicht aus.
»Tja, warum eigentlich nicht?«, fragte er. Dann hob er die Hand, reckte den Daumen nach oben und betrachtete ihn nachdenklich. »Und welches soll es sein?«
Und tatsächlich versuchte er, Anders den Daumen ins rechte Auge zu drücken.
Die Attacke war so absurd und kam so plötzlich, dass es ihm um ein Haar sogar gelungen wäre. Erst im buchstäblich allerletzten Moment duckte sich Anders zur Seite weg, packte gleichzeitig Nicks Handgelenk und riss mit aller Kraft daran, und ebenso gleichzeitig drehte er sich noch weiter, sodass Nick regelrecht über seine plötzlich abgeknickte Hüfte flog und den Boden unter den Füßen verlor.
Noch während Nick einen wenig anmutigen, aber rasanten Salto in der Luft schlug und dann mit einem Geräusch auf den Boden prallte, als hätte ein Zementlaster seine Ladung verloren, begriff Anders, dass er gerade seinen dritten und verhängnisvollsten Fehler gemacht hatte. Aus einem reinen Reflex heraus sprang er zurück, duckte sich und streckte zugleich das rechte Bein aus, sodass nicht nur einer von Nicks Deppen darüber fiel, sondern seinen Kameraden freundlicherweise gleich mit sich von den Füßen riss. Aber Anders machte sich nichts vor. Jannik hatte ihm den einen oder anderen Trick gezeigt, und er hatte auch zwei Jahre lang Judo trainiert, bevor es angefangen hatte, ihn zu langweilen, sodass er ganz gut in der Lage war, sich seiner Haut zu wehren. Aber die Burschen waren zu dritt und jeder allein war stärker als er. Alles Kampfsporttraining der Welt konnte dieses Ungleichgewicht nicht ausgleichen. Drei brutale Schläger gegen einen Judoka, das funktionierte vielleicht im Kino, aber niemals in der Wirklichkeit.
Rasch wich er noch zwei weitere Schritte zurück, suchte mit leicht gespreizten Beinen nach festem Stand und hob die Fäuste, während sich die drei mehr verblüfft als wirklich beeindruckt wieder aufrichteten. Hinter ihm fiel eine Wagentür ins Schloss, und Anders hörte, wie der Motor gestartet wurde. Der Lieferwagenfahrer und sein Begleiter hatten sich offensichtlich entschlossen, nicht in den ungleichen Kampf einzugreifen. Er war erledigt. Schweinchen Dick und seine Freunde würden ihn ungespitzt in den Boden rammen und dann so lange auf ihm herumtrampeln, bis sie Wadenkrämpfe bekamen. Aber Anders war zumindest entschlossen, sich so teuer wie möglich zu verkaufen.
Das Schicksal hatte ein Einsehen mit ihm. Gerade als sich Nick ganz hochgestemmt hatte und seine gut achtzig Kilo schnaufend in seine Richtung in Bewegung setzte, erklang ein lautstarkes Hupen, und ein sandfarben lackierter, riesiger Hummer-Jeep schoss mit röhrendem Motor durch das Burgtor. Die grobstolligen Reifen quietschten hörbar auf dem uralten Kopfsteinpflaster, als der wuchtige Wagen in einer engen Kurve herumschlitterte und dann – ganz bestimmt nicht durch Zufall – genau zwischen Nick und Anders zum Stehen kam. Die nur halbhohe Tür flog auf und Jannik stieg aus, wie immer mit legeren Jeans und schwarzem Rollkragenpullover bekleidet und wie fast immer mit Sonnenbrille. Heute war sie der Witterung sogar angemessen, aber er trug das Ding auch bei strömendem Regen und manchmal sogar nachts.
Jannik machte sich nicht die Mühe, den Schlüssel abzuziehen oder auch nur den Motor auszuschalten – von Dingen wie Umweltschutz oder Energieeinsparung hatte er noch nie etwas gehalten –, sondern wandte sich mit einem knappen Nicken an Anders und drehte sich dann gelassen zu Nick herum.
Der stiernackige Junge zögerte, und Anders konnte regelrecht sehen, wie es hinter seiner Stirn zu arbeiten begann. Nick war genauso groß wie Jannik, beinahe ebenso schwer und bestand fast nur aus Muskeln; und im Moment aus nichts anderem als schierer Wut. Und auch seine beiden Kumpel waren alles andere als Schwächlinge. Dennoch atmete Anders innerlich auf, denn er wusste genau, was geschehen würde, noch bevor die Wut aus Nick entwich wie die Luft aus einem angestochenen Luftballon.
Es war nicht das erste Mal, dass er so etwas erlebte. Jannik sah auch nicht ganz harmlos aus – ein kräftig gebauter Mann mit Drei-Tage-Bart und kurz geschnittenem schwarzem Haar, der im Grunde nichts Spektakuläres oder gar Bedrohliches an sich hatte. Und doch hatte Anders schon erlebt, wie viel stärkere Männer als Nick zuerst bleich geworden und dann zitternd davongeschlichen waren, wenn Jannik sie einfach nur ansah.
Es funktionierte auch diesmal. Nick starrte ihn noch eine Sekunde lang trotzig an, dann drehte er sich um und schlich wie ein geprügelter Hund davon, und Anders musste sich nicht umsehen um zu wissen, dass sich auch seine beiden Kumpane trollten.
Jannik wandte sich lächelnd wieder Anders zu. »Freunde von dir?«
»Die besten«, antwortete Anders. »Du bist zu früh gekommen. Wir wollten uns gerade in aller Form verabschieden.«
»Ich kann noch einmal gehen und irgendwo einen Kaffee trinken«, schlug Jannik vor.
Anders tat so, als würde er eine Sekunde darüber nachdenken, aber schließlich zuckte er nur mit den Schultern. »Ach lass mal. So wichtig war es nun auch wieder nicht.«
Jannik lachte und wurde dann für eine Sekunde sehr ernst. »Soll ich mich einmal mit den drei Blödmännern unterhalten?«
Diesmal dachte Anders tatsächlich eine Sekunde lang über diesen Vorschlag nach. Es war verlockend. Er konnte sich lebhaft vorstellen, wie diese Unterhaltung aussehen würde, und er gönnte den drei Hirnis einen kleinen Schrecken, aber natürlich schüttelte er schließlich doch den Kopf.
»Lieber nicht«, sagte er. »Ich muss noch eine Weile mit ihnen verbringen, weißt du?« Er lachte. »Aber nicht die nächsten zwei Wochen. Also fahren Sie bitte den Wagen vor, Gustav. Mein Flugzeug wartet.«
»Ganz wie Sie befehlen, Euer Merkwürden«, grinste Jannik. Anders ließ den Rucksack von der Schulter gleiten und hielt ihn ihm hin, aber Jannik ignorierte die Geste und stieg wieder in den Hummer.
Anders setzte eine übertrieben drohende Grimasse auf, ging um den Wagen herum und kletterte auf den unbequemen Beifahrersitz, ohne die Tür geöffnet zu haben.
»Das gibt einen Eintrag in deine Personalakte, das ist dir doch klar?«
»Vollkommen«, sagte Jannik. »Aber auf einen mehr kommt es jetzt auch nicht mehr an. Schnall dich an.«
Anders gehorchte, und Jannik legte den Gang ein und fuhr los, ohne sich seinerseits angeschnallt zu haben. Er fuhr auch nur ein paar Meter, dann trat er wieder auf die Bremse und sah plötzlich sehr konzentriert in den Spiegel.
»Was?«, fragte Anders.
»Dieser Lieferwagen«, begann Jannik mit einer entsprechenden Kopfbewegung in den Spiegel. »Weißt du, wer das ist? Ich meine, kennst du die Männer und weißt du, was sie anliefern?«
»Auf welche Frage soll ich zuerst antworten?«, meinte Anders. Jannik sah ihn kurz, aber so scharf an, dass Anders sich beeilte hinzuzufügen: »Nein. Keine Ahnung, wer das ist oder was sie bringen. Was soll es schon sein? Irgendwelches Material für die Schule.«
»Der Schulbetrieb ist in drei Tagen vorbei«, gab Jannik zu bedenken.
»Vielleicht brauchen sie bis dahin aber trotzdem noch Klopapier oder Servietten oder Bleistifte«, sagte Anders spöttisch.
Jannik blieb ernst. Er starrte den Wagen noch einen Atemzug lang weiter im Rückspiegel an, dann zog er einen Filzstift aus der Tasche und notierte sich das Nummernschild; in Ermangelung von Papier kurzerhand auf dem Handrücken.
»Was soll das?«, fragte Anders.
Jannik legte den Gang ein und fuhr los. »Ich überprüfe das Nummernschild später«, sagte er. »Man kann nie wissen.«
Fast gegen seinen Willen sah auch Anders noch einmal in den Rückspiegel und unterzog den Lieferwagen einer zweiten, etwas kritischeren Musterung, die allerdings ebenso ergebnislos verlief wie die erste. Ein älterer, schon etwas schäbig gewordener Lieferwagen ohne Aufschrift, das war alles.
»Hat dir schon jemand gesagt, dass du unter fortgeschrittener Paranoia leidest, Jannik?«, fragte er.
»Dein Vater zum Beispiel.« Jannik nickte. »Das war die Bedingung, unter der er mich eingestellt hat«, behauptete er.
Anders seufzte. Sie hatten das mit einem nur halb hochgezogenen Fallgatter gesicherte Burgtor erreicht, und Anders zog instinktiv den Kopf ein, als sie mit halsbrecherischem Tempo hindurchrasten. Unter den beiden Reifen des Jeeps spritzten Erdbrocken und Kies hoch, als sie die steile Auffahrt hinunterrasten, wobei sich meistens nur zwei Räder auf der Straße und die beiden anderen auf dem Randstreifen befanden. Obwohl er angeschnallt war, klammerte sich Anders mit beiden Händen am Sitz fest und ließ erst los, als sie auf die Straße hinausgeschlittert waren. Jeder andere Wagen außer dem Hummer hätte sich auf den letzten hundert Metern mindestens dreimal überschlagen, da war er sicher.
Jannik, dem seine plötzliche Nervosität natürlich nicht entgangen war, grinste breit. »Du hast doch nicht etwa Angst?«
»Wovor denn?«, gab Anders zurück. »Aber eine Frage habe ich: Du bist sicher, dass mein Vater dich dafür bezahlt, auf mich aufzupassen? Nicht, mich umzubringen?«
Jannik lachte. Er sagte nichts, doch er blickte noch einmal in den Rückspiegel und er fuhr noch immer viel zu schnell. Auch Anders drehte sich kurz im Sitz um und sah nach hinten. Das Schloss war schon fast außer Sicht gekommen. Er konnte gerade noch erkennen, wie der weiße Lieferwagen unter dem Tor auftauchte und den schmalen Serpentinenweg nach unten in Angriff nahm, aber natürlich sehr viel langsamer, als Jannik es getan hatte. Seufzend drehte er sich wieder nach vorne. »Du bist verrückt.«
»Nur vorsichtig«, verbesserte ihn Jannik.
»Du glaubst doch nicht wirklich, dass das mehr waren als harmlose Lieferanten!«
»Ich glaube gar nichts«, antwortete Jannik ernst. »Ich versuche zu wissen.«
»Aus welchem Esoterikbuch stammt denn das jetzt wieder?«, fragte Anders grinsend, aber Jannik blieb ernst.
»Du bist nicht irgendwer, Anders«, sagte er. »Dein Vater bezahlt mich dafür, dass ich auf dich Acht gebe.«
»Das bedeutet doch nicht, dass du hinter jedem Busch einen gedungenen Killer oder einen Möchtegern-Entführer sehen musst«, sagte Anders.
»Du weißt anscheinend immer noch nicht genau, wer dein Vater ist«, erwiderte Jannik. Anders wollte antworten, aber Jannik fuhr – nach einem weiteren raschen Blick in den Spiegel und mit leicht erhobener Stimme – fort: »Und damit auch du. Dein Vater ist ein sehr vermögender Mann.«
»Ach?«, meinte Anders spöttisch.
»Es geht nicht nur um Geld«, beharrte Jannik. »Mächtige Männer haben manchmal auch mächtige Feinde. Es ist einfach besser, wenn man vorsichtig ist.« Er lächelte. »Aber in diesem speziellen Fall hast du wahrscheinlich sogar Recht. Wahrscheinlich waren es wirklich nur harmlose Lieferanten.«
Anders deutete auf das Kennzeichen, das Jannik sich auf dem Handrücken notiert hatte. »Dann kannst du das ja auch wegwischen.«
»Nö«, antwortete Jannik grinsend. Er sah wieder in den Rückspiegel und er fuhr immer noch viel zu schnell. Erst als sie gute fünf oder sechs Kilometer vom Schloss entfernt waren, nahm er den Fuß ein wenig vom Gas. Aber wirklich nur ein wenig.
»Bist du schon aufgeregt?«, fragte er.
»Weil du am Steuer sitzt?«, fragte Anders zurück. »Sicher.«
»Immerhin sitzt du in einer Stunde im Flugzeug, und ein paar Stunden später geht es ab in Richtung Ägäis. Ich an deiner Stelle wäre aufgeregt.« Er hob die Schultern. »Außerdem siehst du deinen Vater wieder. Er freut sich jedenfalls schon sehr darauf, die nächsten Wochen mit dir zu verbringen.«
»Hat er denn so viel Zeit?«, fragte Anders. Die Worte taten ihm schon Leid, bevor er sie überhaupt ganz ausgesprochen hatte. Sie klangen viel bitterer, als sie gemeint gewesen waren. Jedenfalls redete er sich das ein.
»Eigentlich nicht«, antwortete Jannik achselzuckend. »Aber er nimmt sie sich eben für dich.« Er sah Anders rasch aus den Augenwinkeln an und vermutlich glaubte er sogar, dass dieser es nicht bemerkte. »Er freut sich wirklich darauf.«
»Ja, ich mich auch«, antwortete Anders, und auch das war ehrlich gemeint. Seltsam war nur, dass sogar ihm selbst der bittere Unterton in seiner Stimme auffiel. »Ich würde mich vielleicht noch mehr freuen, wenn es nicht nur zwei Wochen im Jahr wären.«
Jannik seufzte. »Ich dachte immer, es gefällt dir im Internat.«
»Das tut es auch«, antwortete Anders fast hastig. Er hätte sich selbst ohrfeigen können. Warum hatte er damit überhaupt angefangen?
»Ich bin oft mit deinem Vater zusammen«, meinte Jannik. »Eigentlich immer, wenn ich nicht bei dir bin. Ich sage das jetzt nicht, um deinen Vater in Schutz zu nehmen, aber glaub mir, du wärst nicht glücklicher, wenn du bei ihm leben würdest. Die Wochen, die ihr jetzt zusammen verbringt, sind seine gesamte Freizeit. Er ist sehr viel unterwegs und es vergeht kaum ein Tag, an dem er nicht erst nach Mitternacht nach Hause kommt.«
»Um noch ein paar Millionen zu verdienen?«, fragte Anders.
»Unsinn!«, widersprach Jannik mit einer Heftigkeit, die ihn selbst zu überraschen schien. Nach einer spürbaren Pause und in deutlich beherrschterem Ton fuhr er fort: »Es geht wirklich nicht um Geld. Dein Vater nimmt seine Arbeit sehr ernst. Sie ist wichtig, glaub mir. Und er hat eine Menge Verantwortung.«
»Wieso?«
»Zum Beispiel für die vielen Menschen, die für ihn arbeiten. Und auch noch für sehr viele andere.« Wieder zögerte er einen Moment und er wechselte abermals die Tonart, bevor er weitersprach. »Ist es wegen der drei Typen von gerade?«
Es dauerte einen Moment, bis Anders überhaupt verstand, wovon er sprach, aber dann schüttelte er überzeugt den Kopf. »Schweinchen Dick und seine Freunde? Nein.«
»Schweinchen Dick?« Jannik lachte.
»Eigentlich heißt er Nick, aber Schweinchen Dick passt irgendwie besser, finde ich.« Anders schüttelte abermals den Kopf. »Es hat nichts mit ihnen zu tun. Die drei sind der Schrecken der ganzen Schule. Sie legen sich mit jedem an. Bis die Ferien vorbei sind, haben sie die Sache längst vergessen. So weit reicht ihr Gedächtnis nicht. Ich verstehe bloß nicht, wieso sie nicht schon längst von der Schule geflogen sind.«
»Vielleicht weil ihre Eltern glauben, dass sie doch noch einmal die Kurve kriegen«, antwortete Jannik. »Und der eine oder andere Lehrer möglicherweise auch.«
»Die und die Kurve kriegen?« Anders ächzte.
»Gib ihnen eine Chance«, sagte Jannik gutmütig. »Sie sind jung. Für manche gehört es zum Erwachsenwerden, eine Weile über die Stränge zu schlagen.«
»Damit willst du mir durch die Blume mitteilen, dass ich noch nicht erwachsen bin«, vermutete Anders.
»Nein, bist du nicht«, antwortete Jannik ernst. »Und du solltest froh darüber sein.« Er tippte vorsichtig auf die Bremse, betätigte den Blinker und bog dann mit kreischenden Reifen von der Hauptstraße ab. Anders klammerte sich instinktiv wieder an seinem Sitz fest, obwohl Jannik nicht mehr halb so halsbrecherisch fuhr wie vorhin. Er hätte vielleicht sogar geantwortet, aber da der Wagen kaum gefedert war, wurde er so heftig hin und her geworfen, dass er gar nichts sagen konnte ohne Gefahr zu laufen, sich selbst die Zunge abzubeißen. Doch irgendwie war er zugleich auch fast froh über den miserablen Zustand der Straße. Es war ein guter Anlass, das Thema zu beenden, das ihm zunehmend unangenehmer geworden war.
Für gute fünf Minuten blieb die Straße so schlecht, dann wurde sie besser, aber Anders’ Erleichterung währte nicht lange. Jannik fuhr nur noch ein paar hundert Meter weit, dann bog er plötzlich in einen schmalen Waldweg ein, der nach wenigen Schritten vor einer massiven Metallschranke endete. Jannik stieg aus, zog einen Schlüsselbund aus der Tasche und öffnete das schwere Vorhängeschloss, mit dem die Barriere gesichert war. Noch immer ohne ein Wort der Erklärung stieg er wieder ein, fuhr fünf Meter weit und wiederholte die Prozedur dann in umgekehrter Reihenfolge.
»Aha«, sagte Anders, als sie weiterfuhren.
»Wir sind spät dran«, erklärte Jannik unaufgefordert. »Wenn wir durch den Wald fahren, sparen wir gute fünf Kilometer.«
»O ja, und es geht auch so schnell«, sagte Anders spöttisch. »Und ganz zufällig hält die Schranke jeden Verfolger auf. Sogar einen weißen Lieferwagen.«
»Unsinn«, widersprach Jannik. »Diese Strecke hier ist viel schöner. Ich dachte, du liebst die Natur.«
Anders resignierte. Wenn Jannik nicht über etwas reden wollte, dann tat er es nicht, basta. Aber dass er ihm etwas verschwieg, war klar. Vielleicht würde er ja später mit ihm reden, wenn sie sicher im Flugzeug saßen und auf dem Weg nach Genua waren.
Dennoch war ein spürbarer Missklang zwischen ihnen entstanden. Gute zehn Minuten lang fuhren sie in unbehaglichem Schweigen dahin. Der Wagen sprang wie ein bockendes Wildpferd aus Metall durch jedes einzelne Schlagloch, nach denen Jannik regelrecht zu suchen schien, und ein paarmal wurde der Weg so schmal, dass Anders nicht mehr sicher war, ob sie es überhaupt schaffen würden. Dann aber rumpelten sie über eine Kuppe, und der Wald wurde nicht nur lichter, sondern der Weg auch viel breiter. Nach guten hundert Metern war die Straße sogar geteert.
»Das Schlimmste ist überstanden«, sagte Jannik. »Von hier ab bleibt die Straße so gut.«
»Dann können wir ja auch die Plätze tauschen«, schlug Anders vor.
Jannik sah ihn – scheinbar – verständnislos an, aber darauf fiel Anders nicht herein. »Komm schon. Es ist schließlich nicht das erste Mal, dass du mich fahren lässt. Du weißt, ich kann es.«
Selbstverständlich wusste Jannik das. Schließlich hatte er es ihm selbst beigebracht. Trotzdem schüttelte er nach kurzem Überlegen den Kopf. »Das war etwas anderes«, behauptete er. »Auf einer abgesperrten Straße.«
»Ach, und was ist das hier?«, fragte Anders. »Gib deinem Herzen einen Stoß. Nimm es als vorgezogenes Geburtstagsgeschenk.«
»Du hast in vier Monaten Geburtstag«, erinnerte Jannik.
»Deshalb sage ich ja auch vorgezogen«, beharrte Anders.
»Das kann ich nicht machen«, sagte Jannik. »Dein Vater bringt mich um, wenn er erfährt, dass ich dich ans Steuer gelassen habe.«
»Das erzähle ich ihm sowieso«, erwiderte Anders. »Es sei denn, du lässt mich fahren. Nur hier im Wald, wo es niemand sieht.«
»Das ist Erpressung!«, beschwerte sich Jannik.
»Stimmt«, sagte Anders. »Aber ich bekomme mildernde Umstände. Erstens lässt du mir keine Wahl und zweitens bin ich ein verwöhnter, reicher Bengel, der es gewohnt ist, alles zu bekommen, was er will.«
Jannik hatte sichtlich Mühe, weiter ernst zu bleiben, aber er spielte perfekt noch ein paar Sekunden lang den Beleidigten, ehe er schließlich mit grimmigem Gesichtsausdruck anhielt und ausstieg.
Während er mit raschen Schritten um den Wagen herumging, rutschte Anders auf den Fahrersitz und legte die Hände auf das riesige Steuer. Natürlich wusste Jannik, dass sein kleiner Erpressungsversuch nicht ernst gemeint gewesen war. Aber solche Spielchen gehörten einfach dazu. Jannik wäre wahrscheinlich enttäuscht gewesen, hätte Anders ihn einfach nur gebeten ihn ans Steuer zu lassen.
Er wartete, bis Jannik auf der anderen Seite eingestiegen war und sich angeschnallt hatte, griff nach seinem eigenen Sicherheitsgurt, ließ den Verschluss einrasten und trat dann vorsichtig die Kupplung durch. Das Getriebe knirschte hörbar, als er den Gang einlegte, und Jannik verzog das Gesicht, als hätte er Zahnschmerzen.
»Sei bitte vorsichtig«, sagte er. »Dieser Wagen ist ziemlich teuer.«
»Ich habe das Fahren darauf gelernt«, erinnerte Anders.
»Hast du nicht«, behauptete Jannik. »Ich habe jedes Mal heimlich einen neuen gekauft, nachdem du damit gefahren warst.«
Anders zog eine Grimasse, enthielt sich aber vorsichtshalber jeden Kommentars. Tatsächlich hatte er den Hummer in den Graben gefahren, als Jannik ihn das allererste Mal ans Steuer gelassen hatte, und dabei einen ziemlichen Schaden verursacht. Jannik hatte die Schuld damals auf sich genommen, und soweit Anders wusste, hatte sein Vater niemals die Wahrheit erfahren. Trotzdem war es besser, wenn das nicht zu einer schlechten Angewohnheit wurde. Anders’ Vater war schließlich nicht dumm. Falls Jannik jedes Mal ausgerechnet dann einen Unfall baute, wenn er mit ihm zusammen war, würde er früher oder später eins und eins zusammenzählen und zu einem Ergebnis kommen, das Jannik eine Menge Ärger einbringen konnte.
Anders vertrieb die unerfreulichen Gedanken und konzentrierte sich lieber darauf, den Wagen allmählich zu beschleunigen und dabei nach Möglichkeit auf der Straße zu bleiben. Es war ein halbes Jahr her, seit Jannik ihn das letzte Mal ans Steuer gelassen hatte, und der Hummer war alles andere als ein gutmütiges Fahrzeug. Außerdem waren sie bisher tatsächlich nur auf abgesperrten und gut ausgebauten Straßen gefahren, nicht auf einem holperigen, abschüssigen Waldweg, der noch dazu in zahllosen Serpentinen abwärts führte. Es dauerte eine Zeit, bis er ein Gefühl für das Steuer und vor allem die komplizierte Schaltung des Allradantriebes bekam – aber als er es einmal hatte, fuhr er so sicher, dass Jannik ihn verblüfft ansah und Anders seine Gedanken regelrecht auf seiner Stirn ablesen konnte.
»Du bist ganz sicher, dass es außer mir niemanden gibt, der dich ab und zu fahren lässt?«, fragte er.
»Bestimmt nicht«, sagte Anders. Das war die Wahrheit. Anders war beinahe selbst ein wenig erstaunt, wie leicht es ihm fiel, den Wagen zu fahren. Aber er hatte schon immer eine schnelle Auffassungsgabe gehabt und ein natürliches Verständnis für alles, was mit Technik zusammenhing, das fast so groß war wie Janniks Abneigung gegen dieselbe.
Aber auch darüber konnte er später noch nachdenken. Im Augenblick konzentrierte er sich lieber darauf, die Fahrt zu genießen; und das tat er auch in vollen Zügen. Bald hatte er den Wagen so gut in der Gewalt, dass Jannik ihn ein paarmal auffordern musste, es nicht zu übertreiben und langsamer zu fahren.
Viel zu schnell war es vorbei. Nach weiteren zwei oder drei Kilometern wurde der Weg wieder schmaler, und schließlich tauchte eine zweite gleichartige Schranke vor ihnen auf, wie die, die Jannik geöffnet hatte, damit sie in den Waldweg einbiegen konnten.
Während Jannik ausstieg um die Schranke zu öffnen, rutschte Anders wieder auf den Beifahrersitz hinüber. Er war enttäuscht, dass es vorbei war, aber zugleich auch von einem Hochgefühl beseelt, das er schon lange nicht mehr in dieser Intensität verspürt hatte.
»Das war wirklich nicht schlecht«, lobte Jannik, als sie weiterfuhren. Anders registrierte beiläufig, dass er sich diesmal die Mühe ersparte, die Schranke hinter ihnen wieder abzuschließen. »Wenn du erst einmal alt genug bist um den Führerschein zu machen, wird dein Vater eine Menge Geld für Fahrstunden sparen.«
»Ihm wird ein Stein vom Herzen fallen«, bestätigte Anders. »Danke.«
»Nichts zu danken«, antwortete Jannik mit gespieltem Zorn. »Schließlich hast du mich aufs Übelste erpresst.« Er wurde übergangslos wieder ernst. »Dein Pass ist in Ordnung?«
»Als ich das letzte Mal nachgesehen habe, war er es noch«, antwortete Anders. »Heute Morgen, um genau zu sein. Aber ich sehe gerne noch einmal nach, wenn du darauf bestehst.«
»Tu das«, sagte Jannik.
Anders verdrehte zwar die Augen, angelte jedoch gehorsam nach seinem Rucksack und nahm den Pass heraus, um ihn Jannik unter die Nase zu halten. Jannik warf einen kurzen, aber sehr aufmerksamen Blick darauf und folgte seiner Bewegung, als er den Pass in den Rucksack zurückwarf.
»Gutes Buch?«, fragte er.
Anders sah ihn eine Sekunde lang verständnislos an, dann senkte er den Blick und begriff erst jetzt, dass Jannik den umfangreichen Wälzer meinte, den er in seinem Rucksack entdeckt hatte. »Die Wahrträumer, von Bernhard Hennen«, sagte er. »Ganz nett, wenn auch ein bisschen schräg. Aber es liest sich gut.«
»Du liest also immer noch dieses komische Zeug?«, fragte Jannik. Anders konnte sich täuschen, aber er hatte das Gefühl, dass es ihm schwer fiel, ein abfälliges Lächeln zu unterdrücken.
»Fantasy?«, fragte er betont. »Ja, sicher. Und es ist kein komisches Zeug. Es sind sehr fantasievolle Geschichten.«
Seine Stimme war schärfer gewesen, als er selbst beabsichtigt hatte, und Jannik zog fast erschrocken den Kopf zwischen die Schultern.
»Ich wollte dir nicht zu nahe treten«, sagte er fast hastig. »Ich verstehe es nur nicht. Ich habe versucht ein paar dieser Bücher zu lesen, aber ich kann nichts daran finden.«
»Dann hast du vielleicht die falschen Bücher erwischt.«
Jannik schüttelte erneut den Kopf. »Nein, nein – sie waren schon gut geschrieben und sogar ziemlich spannend.«
»Aber?«
»Ich finde sie einfach überflüssig.« Jannik zögerte einen winzigen Moment, bevor er weitersprach. »Die Wirklichkeit ist so spannend und die Welt so gewaltig und aufregend, weißt du? Es ist absolut nicht nötig, sich irgendwelche fremden Welten auszudenken. Alle Wunder, die sich die Autoren in deinen Fantasy-Romanen ausdenken, gibt es in der Wirklichkeit schon. Es ist vollkommen überflüssig, sich noch neue auszudenken.«
Anders schluckte alles hinunter, was ihm dazu auf der Zunge lag. Es war nicht das erste Mal, dass sie dieses Gespräch führten, aber nach dem, was vorhin mit Nick und seinen beiden Freunden passiert war, reagierte er vielleicht ein bisschen dünnfellig. Vielleicht weil Jannik und Schweinchen Nick und seine Freunde eben nicht die Einzigen waren, die so reagierten.
Selbstredend war Fantasy-Literatur jeder Couleur auch unter den Schülern von Drachenthal das angesagte Lesefutter (unter einigen Lehrern auch, aber das hätten diese nie zugegeben), und Anders war weiß Gott nicht der Einzige, der Romane von Tad Williams, Tolkien, Lovecraft und Koontz verschlang. Aber es gab einen Unterschied: Sowohl bei seinen Mitschülern als auch bei fast allen anderen Menschen, die Anders kannte, war es Sitte, Romane über Elfen, Trolle, Feen und Kobolde zwar zu verschlingen, zugleich aber keine Gelegenheit auszulassen, um lautstark zu versichern, dass man natürlich nichts von all diesem Unsinn glaubte.
Bei Anders war das (haha!) anders. Natürlich glaubte er nicht, dass es irgendwo Hobbits gab – oder jemals gegeben hatte – oder Trolle, Minotauren oder sprechende Tiere. Aber er glaubte fest daran, dass es irgendwo etwas gab, woraus all diese Geschichten entstanden waren, eine verborgene Welt hinter den Dingen, in der es eben doch Elfen und Halblinge und Feen gab, und noch zahllose andere, noch viel fantastischere Dinge. Und er hatte niemals einen Hehl aus dieser Überzeugung gemacht.
Was ihm natürlich erst recht einen Ruf als Sonderling und Spinner eingebracht hatte.
Eingedenk dessen, was vor weniger als einer halben Stunde im Internat passiert war, zog es Anders allerdings vor, dieses Thema nicht zu vertiefen. »Wie lange brauchen wir noch?«, fragte er stattdessen.
Jannik sah ihn irritiert von der Seite an. Anders kannte den Weg so gut wie er. Aber dann wurde ihm wohl klar, dass es Anders nur darum ging, das Thema zu wechseln.
»Zehn Minuten«, sagte er, blickte auf den Tachometer, dann auf die Uhr im Armaturenbrett und trat das Gaspedal mit einem so harten Ruck durch, dass Anders in den Sitz gepresst wurde und japsend nach Luft rang.
»Sechs«, verbesserte er sich.
Anders ersparte sich auch dazu jeden Kommentar, aber eines war ihm trotzdem vollkommen klar: Jannik verschwieg ihm etwas.
2
Sie brauchten keine sechs, sondern nicht einmal fünf Minuten, um den abseits gelegenen Sportflughafen zu erreichen. Streng genommen verdiente er diesen Namen nicht einmal. Die unsauber asphaltierte Piste war wenig mehr als ein Feldweg, auf dem Anders allerhöchstens einen Drachen hätte steigen lassen, ganz bestimmt kein Flugzeug und das Gebilde, das sich Tower schimpfte, sah aus wie eine Bretterbude auf Stelzen. In dem einzigen Hangar (einer rostigen Wellblechhütte) hatte Anders noch niemals ein anderes Flugzeug gesehen als die viersitzige Cessna, die der Firma seines Vaters gehörte; und wenn er es recht bedachte, dann hatte er eigentlich auf dem gesamten Flughafen noch niemals ein anderes Flugzeug gesehen. Ein- oder zweimal hatte er sogar schon geargwöhnt, dass der gesamte Flughafen seinem Vater gehörte und keine andere Daseinsberechtigung hatte als die ein oder zwei Starts und Landungen im Jahr, wenn Jannik ihn in die Ferien flog und zurückbrachte.
Aber da er Janniks Art kannte, auf Fragen zu antworten, die er nicht beantworten wollte, hatte er gleich darauf verzichtet, sie überhaupt zu stellen …
Der rot-weiß gestreifte Schlagbaum, der die Zufahrt zum Flugplatz begrenzte, ging hoch, und anders als sonst steuerte Jannik nicht zuerst den Tower an, um die notwendigen Formalitäten zu erledigen, sondern lenkte den Jeep direkt in den Hangar, in dem die blau-weiß lackierte Cessna mit dem Firmenemblem der Beron Industries auf sie wartete. Anders wollte aussteigen, aber Jannik bedeutete ihm mit einer raschen befehlenden Geste, sitzen zu bleiben, war mit einem Satz aus dem Wagen und griff unter seinen Pullover. Anders’ Augen wurden groß, als er die verchromte Pistole sah, die plötzlich in seiner Hand erschien.
Rasch, aber sehr gründlich durchsuchte Jannik den gesamten Hangar. Er wirkte erleichtert, als er zurückkam und Anders mit einer Geste aufforderte, nun ebenfalls auszusteigen, aber nicht so erleichtert, wie es Anders lieb gewesen wäre.
»So viel zu deiner Behauptung, dass alles wie immer ist, wie?«, fragte Anders spöttisch.
Jannik machte eine ärgerliche Geste. »Komm jetzt.«
Anders rührte sich nicht, sondern schwang nur seinen Rucksack über die Schulter. »Meinst du nicht, dass es Zeit wäre, mir reinen Wein einzuschenken?«, fragte er. »Was ist hier los?«
»Später«, antwortete Jannik. Sein Blick wanderte unstet durch den Raum. Wäre die Vorstellung nicht einfach grotesk gewesen, hätte Anders geschworen, dass er Angst hatte. »Es gab … ein paar Drohungen. Ich erzähle dir alles, sobald wir auf dreitausend Fuß Höhe sind, aber jetzt steig bitte in die Maschine.«
Irgendetwas war in seiner Stimme, das Anders klar machte, wie ernst die Situation war. Er warf noch einen raschen, nun ebenfalls nervösen Blick in die Runde, doch dann beeilte er sich, die viersitzige Sportmaschine anzusteuern und die Tür auf der rechten Seite zu öffnen. Er warf seinen Rucksack schwungvoll auf die hintere Sitzbank und kletterte aus der gleichen Bewegung heraus auf den Sitz des Copiloten, und als er hinterher über diesen Augenblick nachdachte (was er unzählige Male tat), da wurde ihm klar, dass er es durchaus hätte merken können. Genau genommen merkte er es sogar, denn das Geräusch, mit dem seine Habseligkeiten auf dem vermeintlich leeren Rücksitz aufprallten, klang eindeutig wie ein halb schmerzerfülltes, halb ärgerliches Grunzen; nicht wie der Laut, mit dem ein mit Kleidern und Büchern voll gepackter Rucksack auf einem Sitz aufprallt.
Trotzdem – als wäre er einfach nicht fähig, die einmal angefangene Bewegung noch zu stoppen – kletterte er weiter, ließ sich in den Sitz fallen und begriff erst wirklich, dass hier etwas nicht in Ordnung war, als sich ein starker Arm von hinten um seinen Hals schlang und seinen Kopf zurückriss. Und er begriff erst, das etwas ganz und gar nicht in Ordnung war, als eine vernarbte Hand vor seinem Gesicht auftauchte und die rasiermesserscharfe Klinge eines Messers an seine Kehle setzte.
»Ein einziger Mucks und du bist tot«, flüsterte eine Stimme an seinem rechten Ohr. »Hast du das verstanden?«
Selbst wenn Anders hätte antworten wollen, hätte er es gar nicht gekonnt. Der Arm schnürte ihm so gründlich den Atem ab, dass er keinen Laut herausbekam, und auch zu nicken erschien ihm wenig ratsam, denn die Messerklinge drückte schon jetzt so fest gegen seine Kehle, dass sie eine dünne brennende Linie über seine Haut zog. Vorsichtshalber reagierte er gar nicht.
Sein Schweigen schien dem Mann mit der Narbenhand jedoch Antwort genug zu sein, denn nach einem weiteren kurzen Moment lockerte er seinen Griff wenigstens weit genug, dass Anders wieder atmen konnte, und auch die Messerklinge zog sich um eine Winzigkeit zurück. Der brennende Schmerz wurde jedoch eher noch schlimmer und er spürte, wie ein einzelner warmer Blutstropfen an seinem Hals hinablief.
»Gut«, fuhr die zischelnde Stimme an seinem Ohr fort. »Und jetzt lächelst du deinem Freund da draußen nett zu und bittest ihn herzukommen, ist das klar?«
Diesmal deutete Anders ein Nicken zumindest an. Ein winziger Teil seines Denkens wollte ihm klar machen, dass die Worte der Narbenhand nichts als eine leere Drohung waren: Wenn der Kerl ihn entführen wollte, um ein Lösegeld oder was auch immer von seinem Vater zu erpressen, dann würde er den Teufel tun und ihm die Kehle durchschneiden. Was nutzte die wertvollste Geisel, wenn sie tot war?
Aber das war nur die Stimme seiner Logik. Sie mochte Recht haben (sie hatte Recht!), das spielte jedoch keine Rolle. Anders hatte einfach nur Angst. Das, was er so oft in seinen geliebten Fantasy-Romanen gelesen hatte, das spürte er nun am eigenen Leib: nackte Todesangst.
Und es war ganz und gar nicht lustig.
Unendlich behutsam, schon um sich nicht aus Versehen selbst die Kehle durchzuschneiden, wandte er den Kopf und hielt nach Jannik Ausschau. Sein Leibwächter, Chauffeur und Fahrlehrer hatte eine zweite Runde durch den Hangar gemacht und kam nun langsam auf die Cessna zu. Sein Blick wanderte unstet durch den großen, fast leeren Hangar, und das Blitzen der verchromten Pistole in seiner Hand erschien Anders in diesem Moment wie der pure Hohn. Jannik sah nur ganz kurz in seine Richtung und fuhr dann fort, den Hangar nach einer Gefahr abzusuchen, die längst hier drinnen auf ihn wartete.
»Komm bloß nicht auf die Idee, den Helden zu spielen«, zischte die Stimme an seinem Ohr. »Ich meine es ernst.«
Daran zweifelte Anders keine Sekunde. Er wagte es nicht, auch nur die geringste Bewegung zu machen, geschweige denn sich umzudrehen, aber er glaubte zu hören, dass sich noch ein zweiter Mann auf der Sitzbank hinter ihm befand. Der Mann mit der Narbenhand war ja auch im Lieferwagen nicht allein gewesen. Jannik hatte also doch den richtigen Riecher gehabt. Allerdings war Anders alles andere als begeistert darüber.
Jannik kam quälend langsam näher, streckte die Hand nach der Cockpittür aus – und erstarrte mitten in der Bewegung. Seine Augen wurden groß und Anders konnte sehen, wie sich seine Kiefermuskeln anspannten. Seine Pistole kam mit einer unglaublich schnellen Bewegung hoch und richtete sich auf den Mann hinter Anders.
»Das würde ich an deiner Stelle nicht versuchen«, sagte Narbenhand; jetzt so laut, dass Anders die Ohren klingelten. »Ich glaube dir gern, dass du triffst, aber ich könnte immer noch zustoßen.«
Um seinen Worten noch ein bisschen mehr Nachdruck zu verleihen, verstärkte er den Druck auf Anders’ Kehle wieder, und zu dem einzelnen Blutstropfen, der an seinem Hals hinabgelaufen war, gesellte sich ein weiterer. Anders biss die Zähne zusammen, um einen Schmerzenslaut zu unterdrücken.
Jannik blieb stocksteif stehen. Anders konnte regelrecht sehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. Jannik war zweifellos ein ausgezeichneter Schütze, und Anders traute ihm durchaus zu, den Burschen hinter ihm zu erwischen, bevor dieser auch nur auf die Idee kam, sein Messer zu benutzen und ihm die Kehle durchzuschneiden. Vielleicht hätte er es sogar riskiert, aber die Kidnapper waren zu zweit, und Jannik konnte von seiner Position aus unmöglich sehen, ob der zweite Mann auch nur mit einem Messer bewaffnet war oder vielleicht mit einer Pistole.
»Komm schon, steig ein!«, zischte Narbenhand gehässig. »Wir müssen unseren Flugplan einhalten.«
Jannik zögerte noch eine endlose Sekunde, doch dann ließ er die Waffe sinken und streckte die andere Hand nach der Tür aus. Kaum war er eingestiegen, beugte sich der Mann hinter ihm vor und riss ihm die Pistole aus der Hand. In Janniks Augen blitzte es auf, aber auf seinem Gesicht zeigte sich nicht die mindeste Regung.
»So gefällt mir das schon besser«, sagte Narbenhand. »Und jetzt mach die Tür zu und starte die Kiste. Wir haben nicht alle Zeit der Welt!«
Jannik gehorchte – zumindest was die Tür anging. Er rührte allerdings keinen Finger, um den Motor zu starten. »Ihr glaubt doch nicht im Ernst, dass ihr damit durchkommt«, sagte er. »Wenn ich einfach so starte, dauert es keine fünf Minuten, bis wir einen Polizeihubschrauber am Hals haben.«
»Dann wirst du eben nicht einfach so starten, sondern dem Tower das vereinbarte Kennwort durchgeben«, erwiderte Narbenhand.
»Ich denke ja gar nicht daran!«
»Mach dich nicht lächerlich«, höhnte Narbenhand. »Wenn du so cool wärst, wärst du gar nicht erst eingestiegen und ich jetzt schon tot.«
»Was nicht ist, kann ja noch werden«, antwortete Jannik böse.
Narbenhand seufzte – und machte eine blitzartige Bewegung mit seinem Messer. Diesmal konnte Anders einen Schmerzenslaut nicht mehr ganz unterdrücken.
Jannik streckte den Arm aus und drückte den Anlasser. Der Motor rülpste zweimal und der Propeller machte eine halbe Drehung und blieb dann wieder stehen.
»Keine Tricks!«, sagte Narbenhand. »Was immer du tust, tut deinem Freund hier mehr weh als dir.«
Zu Anders’ Erleichterung verzichtete er darauf, weiter an seinem Hals herumzuschnitzen, um seiner Forderung mehr Nachdruck zu verleihen, aber Jannik schien auch so verstanden zu haben. Sofort legte er den Daumen wieder auf den Anlasserknopf, drückte ihn allerdings noch nicht. Stattdessen leitete er die erste Gegenmaßnahme ein. Er drehte sich halb, sagte hastig: »Das war keine Absicht« und brachte sein Knie in Nähe des Notschalters des Funkgeräts, dessen spezielle Funktion er Anders in den letzten Ferien erklärt hatte. »Ich bin nervös und habe einen Fehler gemacht«, fuhr er fort. »Tut mir Leid.«
»Er meint es ehrlich«, sagte Anders in einem fast verzweifelten Ton, von dem er bis zu diesem Moment gar nicht gewusst hatte, dass er ihn hervorbringen konnte.
Narbenhands Blick wanderte zu Anders. »Halt deine Schnauze«, meinte er grob.
Anders zuckte zusammen, als wäre er geschlagen worden. »Ja«, antwortete er, wobei er sich Mühe gab, möglichst kleinlaut und zerknirscht zu wirken. Sein kleines Ablenkungsmanöver schien Erfolg gehabt zu haben. Obwohl er vermied in die Richtung von Janniks Knie zu blicken, erkannte er aus den Augenwinkeln, der unauffällige graue Notfalltaster war eingedrückt, und das bedeutete nichts anders, als dass der direkte Funkkanal zur Polizei geöffnet war. Wenn das stimmte, was Jannik ihm im letzten Sommer erklärt hatte, würden bereits jetzt ein paar sehr aufmerksame Beamte das Gespräch mitverfolgen, um zu entscheiden, ob es sich um einen Fehlalarm handelte, den sie mit einer raschen Rückfrage zu den Akten legen konnten – oder sie tatsächlich eingreifen mussten.
Narbenhands Aufmerksamkeit konzentrierte sich wieder auf Jannik. »Dir sollten besser nicht noch mehr Fehler unterlaufen«, drohte er. »Starte endlich!«
»Ich muss einen Moment warten«, antwortete Jannik nervös. »Wenn ich gleich noch einmal zu starten versuche, säuft der Motor ab, und dann dauert es eine halbe Stunde oder ich muss den Vergaser auseinander nehmen.«
Die Worte klangen ehrlich, vielleicht gerade weil Janniks Stimme vor lauter Nervosität zitterte, und anscheinend schien auch Narbenhand zu der gleichen Überzeugung gelangt zu sein, denn er geduldete sich, bis Jannik den Anlasser abermals betätigte. Auch jetzt bewegte sich der Propeller nur widerwillig, und im allerersten Moment gab der Motor ein Geräusch von sich, das Anders gar nicht gefiel. Dann aber sprang er mit einem plötzlichen Dröhnen an und der Propeller wurde zu einem verschwommenen Schatten vor dem Bug der Maschine und schien dann ganz zu verschwinden. Jannik griff mit beiden Händen nach dem Steuerknüppel und ließ die Cessna langsam anrollen.
»Ich muss mich beim Tower melden«, sagte er. »Wenn ich es nicht tue, alarmieren sie sofort die Polizei.«
»Wir wollen doch nicht unnötig Steuergelder verschwenden«, sagte Narbenhand gehässig. »Also mach deine Meldung – und vergiss das Kennwort nicht. Wenn wir einmal in der Luft sind, haben wir nichts mehr zu verlieren.«
Jannik schenkte ihm einen bösen Blick, lenkte die Cessna aber nur wortlos aus dem Hangar und ans Ende der Startbahn und hielt dann an, um nach dem Funkgerät zu greifen.
»Hier Delta Charlie Sieben Sieben«, meldete er sich. »Erbitte Startfreigabe.«
Es verging nicht einmal eine Sekunde, bevor eine leicht verzerrte Stimme aus dem Funkgerät antwortete: »Delta Charlie Sieben Sieben, Sie haben Startfreigabe. Einen guten Flug.«
»Wenn das Wetter mitspielt«, antwortete Jannik. »Delta Charlie Sieben Sieben, over and out.«
»Und das Kennwort?«, fragte Narbenhand.
»Die Bemerkung mit dem Wetter«, sagte Jannik. »Oder haben Sie gedacht, ich sage laut und deutlich: Und jetzt noch das vereinbarte Kennwort?«
Er wartete einen Moment lang vergeblich auf eine Antwort, zuckte schließlich nur mit den Schultern und griff wieder mit beiden Händen nach dem Steuerknüppel. Das Motorengeräusch wurde lauter und die Cessna rollte an und nahm rasch Fahrt auf. Der Mann mit der Narbenhand lockerte seinen Griff ein wenig und Anders nutzte die Gelegenheit, um vorsichtig den Kopf zu drehen und einen Blick in das Gesicht des Burschen hinter Jannik zu werfen. Er war vielleicht dreißig Jahre alt und hatte ein so typisches Verbrechergesicht, dass es schon fast lächerlich wirkte. Mit diesem Aussehen hatte er wahrscheinlich gar keine andere Wahl gehabt, als seinen Lebensunterhalt als Berufsganove zu verdienen. Außerdem hatte er Angst.
Der Mann schien seinen Blick zu spüren, denn er wandte mit einem Ruck den Kopf und funkelte Anders an. »Ist was?«, fauchte er. Seine Finger spielten nervös mit der Pistole, die er Jannik abgenommen hatte.
»Ist euch eigentlich klar, mit wem ihr euch da gerade anlegt?«, fragte Jannik, hastig und wahrscheinlich aus keinem anderen Grund als dem, den Blickkontakt zwischen Anders und dem Kerl mit der Verbrechervisage zu unterbrechen. Als er keine Antwort bekam, fuhr er fort: »Der Vater des Jungen hat nicht nur Geld. Er ist auch ein verdammt einflussreicher Mann. Ein sehr mächtiger Mann. Ich hätte nicht den Mut, ihn so wütend zu machen.«
»Lass das mal unsere Sorge sein«, meinte Narbenhand.
»Du hast ja keine Ahnung, was für eine Sorge«, sagte Jannik kalt. »Wenn ihr dem Jungen auch nur ein Haar krümmt, dann werdet ihr euch bald wünschen tot zu sein.«
Die Cessna wurde immer schneller, näherte sich in rasendem Tempo dem Ende der lächerlich kurzen Rollbahn und hob im buchstäblich allerletzten Moment ab. Anders hatte dieses Manöver schon oft genug erlebt, um sich keine Sorgen mehr zu machen, und darüber hinaus wusste er natürlich, dass Jannik ein ausgezeichneter Pilot war. Dennoch klammerte er sich ganz instinktiv an seinem Sitz fest, als die Maschine abhob und so dicht über die Grasnarbe hinter der Rollbahn hinwegschoss, dass die Räder den Löwenzahn köpften. Die Männer hinter ihnen sogen erschrocken die Luft zwischen den Zähnen ein und Jannik setzte noch einen drauf, indem er die Maschine jäh in die Höhe zog und zugleich in eine scharfe Rechtskurve legte.
»Mach bloß keine Dummheiten«, warnte Narbenhand. »Ich könnte sonst nervös werden.«
»Ich muss so steil hochziehen«, antwortete Jannik. »Die Thermik hier ist mörderisch.«
Anders konnte sich gerade noch einen erstaunten Blick verkneifen. Das gute Dutzend Mal, das sie zuvor von diesem Flugplatz aus gestartet waren, hatte Jannik die Cessna so sanft ansteigen lassen, dass man es praktisch nicht spürte. Und was er über die Thermik erzählte, war einfach Unsinn. Der Flugplatz war viel zu weit von den Bergen entfernt, um in den Bereich der warmen Aufwinde zu gelangen, die in unmittelbarer Nähe der Bergflanken aufstiegen.
Dann begriff er: Jannik machte dieses ungewöhnliche Flugmanöver gerade deswegen, weil er unauffällig darüber reden konnte – und die Polizei auf der anderen Seite des Funkkanals mithörte, was auch immer er an Richtungsangaben in seine Worte mit einbauen konnte. Ganz nebenbei gaben die beiden Kidnapper dabei preis, ob sie etwas vom Fliegen verstanden oder nicht.
Allzu viel war es offensichtlich nicht, denn der Mann mit der Narbenhand beließ es dabei. Nur sein Kamerad entblödete sich nicht, drohend mit der erbeuteten Pistole herumzufuchteln. »Mach keinen Blödsinn!«, knurrte er.
»Oder was?«, fragte Jannik verächtlich. »Erschießt du mich sonst?«
»Nein«, antwortete Narbenhand anstelle seines Kameraden. »Aber ich könnte deinem kleinen Freund ein Ohr abschneiden. Schließlich hat er ja zwei davon.«
Jannik schenkte ihm einen fast hasserfüllten Blick, antwortete jedoch nicht, sondern konzentrierte sich darauf, die Maschine in engen Kurven in die Höhe zu schrauben, bis sie ungefähr auf tausend Meter angelangt waren.
»Jetzt wäre es ganz praktisch, wenn ich wüsste, wohin ich fliegen soll«, sagte er dann.
»Einfach nach Süden«, antwortete Narbenhand.
»Gute Idee.« Jannik nickte und richtete den fast unsichtbaren Propellerkreis vor der Nase der Cessna gehorsam in die angegebene Richtung aus. »Und gegen welchen Berg soll ich fliegen?«
Die Frage entbehrte nicht einer gewissen Berechtigung. Auf direktem Kurs vor ihnen war nichts als eine scheinbar unüberwindliche Mauer aus massivem grauem Fels. Die meisten dieser Berge, das wusste Anders, waren tatsächlich zu hoch, als dass die kleine Cessna darüber hinwegfliegen konnte.
»Halt die Fresse«, zischte Narbenhand wütend. »Flieg einfach geradeaus. Ich sag dir dann schon, wo es langgeht.« Seine Stimme erzählte eine andere Geschichte. Er war nicht nur nervös, Anders war auch ziemlich sicher, dass er nicht die geringste Ahnung hatte, wohin sie eigentlich flogen.
Jannik fasste in Worte, was Anders gedacht hatte: »Du hast noch nie in einem Flugzeug gesessen, wie?«, fragte er. »Es gibt hier oben Luftstraßen. Wenn wir davon abweichen, haben wir schneller die Polizei am Hals, als du dir vorstellen kannst.«
Fast zu Anders’ Überraschung reagierte Narbengesicht nicht wütend, sondern schien einen Moment ernsthaft über diese Worte nachzudenken. »Wir müssen auf die andere Seite der Berge«, sagte er schließlich. Dann machte er eine Kopfbewegung nach links. »Da lang.«
Anders’ Blick folgte der Geste. Nicht allzu weit vor ihnen klaffte tatsächlich eine schmale Lücke in der ansonsten schier unüberwindlichen Mauer. Von hier aus betrachtet wirkte sie nur wie ein kaum fingerbreiter Riss, aber sie waren auch noch ein gutes Stück entfernt. Jannik rührte keinen Finger, um die Maschine in die entsprechende Richtung zu drehen.
»Hast du was an den Ohren?«, fragte Narbenhand.
»Vollkommen unmöglich«, sagte Jannik. »Das ist eine Flugverbotszone.«
»Wen interessiert das?«, erwiderte Narbenhand. »Tu, was ich dir sage.« Er schnitt Anders wieder in den Hals. Nicht sehr tief, aber es tat weh und blutete auch wieder. Jannik legte die Cessna hastig in eine Linkskurve, um Kurs auf die gewaltige Klamm zu nehmen, und sah Narbenhand eisig an.
»Wenn du Anders noch einmal anrührst, bringe ich dich um«, sagte er ruhig.
»Quatsch nicht«, fauchte Narbenhand. Aber völlig kalt schien ihn Janniks Drohung trotzdem nicht gelassen zu haben, denn er zog das Messer rasch ein Stück zurück.
»Wir bekommen wirklich Ärger«, beharrte Jannik. »Die ganze Gegend da vorne ist militärisches Sperrgebiet. Außerdem ist diese Schlucht ein Wetterloch. Die Thermik reißt uns in Stücke.«
»Du bist doch ein guter Pilot, oder?«, fragte Narbenhand. »Das schaffst du schon.«
Jannik verzichtete auf eine Antwort. Aber Anders glaubte zu spüren, dass seine Nervosität echt war. Narbenhand hatte Recht: Jannik war ein ausgezeichneter Pilot, doch diese Schlucht dort vorne machte ihm eindeutig Angst. Was wiederum ihm Angst machte. Anders war bisher davon ausgegangen, dass Jannik die Geschichte mit der Flugverbotszone nur erzählt hatte, um einem Polizeihubschrauber Zeit zum Aufholen zu geben, aber mit einem Mal war er sich dessen gar nicht mehr so sicher.
»Was habt ihr eigentlich vor, wenn ich fragen darf?«, fragte Jannik nach einer Weile.
»Darfst du nicht«, antwortete Narbenhand.
Wovon sich Jannik selbstverständlich nicht abhalten ließ und fortfuhr: »Mich interessiert nur, ob ihr auf eigene Rechnung arbeitet oder einen Auftraggeber habt.«
»Macht das einen Unterschied?«
»Und ob«, behauptete Jannik. »Es gibt zwei Möglichkeiten. Wenn ihr wirklich auf eigene Rechnung arbeitet, seid ihr entweder völlig wahnsinnig oder ihr habt wirklich nicht den blassesten Schimmer, mit wem ihr euch da gerade anlegt. In diesem Fall schlage ich vor, wir landen hier irgendwo und ihr zwei Spaßvögel macht möglichst rasch, dass ihr wegkommt. Ich verspreche euch, niemand wird etwas von der Sache erfahren.«
»Und die andere?«, erkundigte sich Narbenhand.
»Solltet ihr einen Auftraggeber haben, nennt ihr mir euren Preis und den Namen. Ich garantiere, dass euch nichts passiert.«
»Klar doch«, sagte Narbenhand spöttisch.
»Ich meine es ernst«, beharrte Jannik. »Anders’ Vater dürfte sich brennend dafür interessieren, wer hinter der Sache steckt. Ich bin sogar sicher, dass er sich für entsprechende Informationen sehr erkenntlich zeigen wird.«
»Hör auf zu quatschen«, sagte Narbenhand. Doch er klang ein bisschen nervös, fand Anders. Vielleicht auch nachdenklich.
Aber das galt auch für ihn. Sein Verdacht war nicht ganz unbegründet gewesen. Janniks scheinbar völlig überzogenes Verhalten während der Fahrt hierher erschien ihm plötzlich in einem vollkommen anderen Licht; ebenso wie die schon fast lächerliche Art, mit der er in James-Bond-Manier den Hangar durchsucht hatte. Vielleicht galt die Nervosität in seinen Augen ja gar nicht der Schlucht und dem vermeintlichen Sperrgebiet, sondern etwas vollkommen anderem.
Natürlich nicht zum ersten Mal, aber doch auf eine völlig neue Art fragte sich Anders, wer sein Vater überhaupt war. Das kurze Gespräch, das Jannik und er vorhin im Wagen geführt hatten, hatte im Grunde schon fast alles enthalten, was er über seinen Vater wusste. Anders war ja praktisch auf Schloss Drachenthal aufgewachsen und die Zeit davor, die er tatsächlich zu Hause verbracht hatte, begann in seiner Erinnerung allmählich zu verblassen, nicht nur weil die Jahre der frühesten Kindheit im Allgemeinen die Tendenz hatten, unverhältnismäßig schnell aus der Erinnerung zu verschwinden, sondern vor allem weil sie so gut wie ereignislos gewesen waren. Anders hatte seine Mutter nicht kennen gelernt. Früher, als er noch ein wirklich kleines Kind gewesen war, hatte er niemals nach ihr gefragt, denn wie sollte er etwas vermissen, das es nie in seinem Leben gegeben hatte?
Nach ein paar Jahren hatte er ein paarmal nach seiner Mutter gefragt, aber entweder gar keine oder nur eine ausweichende Antwort bekommen und es auch sehr rasch wieder aufgegeben, entsprechende Fragen überhaupt zu stellen. Mit dem instinktiven Gespür, das nur kleinen Kindern zu eigen ist, hatte er begriffen, dass die Frage nach dem Verbleib seiner Mutter das einzige, aber auch absolute Tabuthema im Hause seines Vaters war. Eine Zeit lang hatte er sich damit getröstet, dass sie vermutlich bei oder kurz nach seiner Geburt gestorben war und sein Vater nicht über sie reden wollte, weil ihm die Erinnerung einfach zu viele Schmerzen bereitete; das stellte zwar die bequemste Erklärung dar, aber tief in sich hatte er stets gespürt, dass das ganz und gar nicht der Wahrheit entsprach.
Abhängig von seinem Alter und den Büchern, die er gerade las, hatte er die unterschiedlichsten und zum Teil haarsträubendsten Theorien entwickelt, angefangen damit, dass sie von Mafia-Killern entführt und niemals zurückgekommen war, bis hin zu der festen Überzeugung, seine Mutter war in Wahrheit eine Elfenprinzessin gewesen, die in ihr geheimes Reich zurückkehrte, nachdem sie seinem Vater ein Kind geschenkt hatte. Aber irgendwann war ihm natürlich klar geworden, dass die Wahrheit viel einfacher und zugleich grausamer war. Wahrscheinlich hatte seine Mutter seinen Vater schlichtweg verlassen, kurz nachdem er auf die Welt gekommen war, und er wollte nicht über sie sprechen, weil er diesen Verlust – oder vielleicht auch die Kränkung, die das für einen so stolzen Mann wie ihn bedeuten musste – bis heute nicht verwunden hatte. Und seit er ins Internat gekommen und dort ein neues Zuhause gefunden hatte, hatte er praktisch gar nicht mehr an seine Mutter gedacht.
Jetzt aber, während er dasaß und versuchte den Kopf so zu halten, dass ihm Narbenhand nicht ganz aus Versehen die Kehle durchschnitt, sollten sie in ein Luftloch geraten oder Jannik eine unvorsichtige Bewegung am Steuerknüppel machen, wurde ihm plötzlich klar, er wusste über seinen Vater im Grunde kaum etwas. Es war genauso, wie Jannik gesagt hatte: Anders war in der Obhut ungewöhnlich oft wechselnder, aber ausnahmslos netter Kindermädchen aufgewachsen, und seinen Vater hatte er manchmal wochenlang überhaupt nicht zu Gesicht bekommen. Seine Erinnerungen an das Haus seiner Kindheit waren die an ein großes, düsteres Gebäude mit langen Korridoren und gewaltigen Zimmern mit hohen Decken, die mit schweren antiken Möbeln eingerichtet waren. Und an seinen Vater erinnerte er sich als einen großen, schweigsamen Mann, der schon in jungen Jahren weißes Haar gehabt hatte und selbst in einem Designeranzug eigentlich immer mehr wie ein mittelalterlicher König oder ein Magier wirkte. Tatsächlich wusste er nicht einmal wirklich, was er eigentlich tat. Er herrschte über ein mittlerweile gewaltiges Firmenimperium, aber das war auch schon beinahe alles. Sein Vater sprach in den wenigen kostbaren Stunden, die sie zusammen verbrachten, niemals über das Geschäft, und Anders hatte sich auch niemals ernsthaft dafür interessiert.
Vielleicht hätte er es besser tun sollen. Janniks Bemerkung von vorhin machte ihm zunehmend mehr zu schaffen; ebenso wie das, was Jannik danach zu Narbenhand gesagt hatte. Vielleicht ging es hier ja gar nicht um Geld. Was, wenn sein Vater nicht nur ein mächtiger Mann war, sondern auch ebenso mächtige Feinde hatte?
Anders brach den Gedanken mit Gewalt ab und rief sich selbst zur Ordnung. Er musste aufpassen, dass seine Fantasie nicht mit ihm durchging. Es brachte wenig ein, wenn er am Ende so weit war, seinen Vater als eine Art Mafia-Paten zu sehen und Narbenhand und die Verbrechervisage als moderne Robin Hoods, die ihn nur entführt hatten, um gegen die Zerstörung der Umwelt zu protestieren oder eine vom Aussterben bedrohte Untergattung der Gänseblümchen zu schützen, auf deren letztem verbliebenem Ausbreitungsgebiet die Firma seines Vaters ein neues Werk errichten wollte. Wahrscheinlich hatte Jannik Recht und die beiden waren einfach Idioten, die nicht die geringste Ahnung hatten, mit wem sie sich da gerade anlegten.
Das machte sie allerdings nicht weniger gefährlich.
Die Berge kamen allmählich näher. Anders warf einen verstohlenen Blick auf das Funkgerät. Er hoffte nur, dass wirklich stimmte, was Jannik ihm erzählt hatte, und er mit dem per Knie zu erreichenden Schalter den direkten Funkkanal zur Polizei geöffnet hatte. Es wurde Zeit, dass etwas passierte, bevor sie aus der Reichweite der zuständigen Behörden waren. Der Riss im Felsmassiv war bereits viel größer geworden und Anders sah jetzt, dass es alles andere als eine schmale Klamm war, wie es von weitem den Anschein gehabt hatte, sondern eine gewaltige Schlucht mit nahezu senkrecht aufstrebenden Wänden. Die Luft darüber war deutlich dunkler als anderswo. Zumindest was das Wetterloch anging schien Jannik wohl die Wahrheit gesagt zu haben.
Das Funkgerät meldete sich. Jannik wollte nach dem Mikro greifen, aber Narbenhand schüttelte rasch den Kopf und Jannik zog die Hand mit einem angedeuteten Achselzucken wieder zurück. »Wenn ich mich nicht melde, wird es gleich ungemütlich werden«, sagte er.
Weitere fünf oder sechs Minuten vergingen. Das Felsmassiv kam unerbittlich näher und auch die brodelnde Dunkelheit über der Schlucht nahm zu. Anders war nicht mehr ganz sicher, ob es sich tatsächlich um eine Gewitterwolke handelte. Es sah eher aus, als hätte sich dort oben tatsächlich reine Dunkelheit zusammengeballt, als wäre dort oben etwas, das die Anwesenheit von Licht einfach nicht zuließ.
Was für eine unsinnige Vorstellung!
»Gleich geht der Tanz los«, verkündete Jannik unvermittelt. Narbenhand sah ihn verständnislos an und Jannik machte eine Kopfbewegung zum Spiegel hin. Als Anders’ Blick der Bewegung folgte, sah er einen winzigen grün-weiß leuchtenden Punkt, der rasch näher kam.
»Mist!«, sagte Narbenhand inbrünstig. »Wo kommen die denn so schnell her?«
Jannik deutete auf das Funkgerät, an dem noch immer ein rotes Lämpchen flackerte. »Die mögen das gar nicht gerne, wenn man nicht auf ihre Funksprüche reagiert.«
»Spar dir deine klugscheißerischen Sprüche«, zischte Narbenhand. »Gib lieber Gas und häng sie ab.«
»Du hast wirklich keine Ahnung«, seufzte Jannik. »Das hier ist kein Düsenjäger. Dieser Polizeihubschrauber ist viel schneller als wir.«
Anders unterdrückte den Impuls, Narbenhand mit ein paar deutlichen Worten klar zu machen, dass die Polizei bereits die ganze Zeit über per Liveschaltung Zeuge der Entführung geworden war. Es war besser, wenn er sich so lange zurückhielt, bis sich die Situation tatsächlich zu ihren Gunsten änderte – falls sie es denn wirklich tat.
Immerhin kam der Helikopter rasch näher. Nach kaum einer Minute war aus dem blitzenden Punkt im Spiegel ein eleganter, stromlinienförmiger Umriss geworden, der tatsächlich so aussah, als könne er es spielend mit der Cessna aufnehmen, selbst wenn Jannik alles aus der Maschine herausholte.
»Verdammt!«, murmelte Narbenhand. Das Messer an Anders’ Hals zitterte leicht.
Jannik grinste kalt. »Ich schätze, jetzt habt ihr ein Problem, Freunde. Ihr hättet mein Angebot annehmen sollen.«
»Irrtum«, antwortete Narbenhand. »Du hast ein Problem. Lass dir was einfallen, um die Bullen abzuhängen, oder dein Freund hier bekommt ein neues Gesicht.«
Der Hubschrauber holte jetzt rasch auf und das rote Flackern des Funkgerätes schien hektischer zu werden. Jannik ignorierte es und der Polizeihubschrauber machte einen überraschenden Satz und war plötzlich neben ihnen und höchstens noch zwanzig Meter entfernt. Der Pilot gestikulierte heftig und wedelte mit dem Mikrofon seines Funkgerätes, das er in der rechten Hand hielt.
Jannik sah ihn demonstrativ an und schüttelte dann zweimal übertrieben langsam den Kopf. Offensichtlich wollte er dem Piloten klar machen, dass er nicht antworten durfte.
Falls dieser es glaubte, so nutzte es jedenfalls nicht viel. Der Helikopter kam im Gegenteil noch ein gutes Stück näher, und dann hörten sie eine dröhnend verstärkte Lautsprecherstimme, die selbst das Geräusch der Motoren spielend überbrüllte. »Achtung! Delta Charlie Sieben Sieben, Sie befinden sich in einer Flugverbotszone! Drehen Sie augenblicklich bei und folgen Sie uns!«
Jannik schüttelte den Kopf.
Der Helikopterpilot wiederholte seine Durchsage noch zweimal, dann änderte er seine Taktik. Die Maschine beschleunigte, setzte sich in vielleicht fünfzig Metern Entfernung vor die Cessna und verringerte dann allmählich ihre Geschwindigkeit.
»Werd bloß nicht langsamer«, drohte Narbenhand.
Jannik hielt die Geschwindigkeit gehorsam bei, doch der Hubschrauber wurde nun deutlich langsamer, sodass der Abstand zwischen ihnen rasend schnell zusammenschmolz. Jannik hielt den Steuerknüppel mit stoischer Ruhe fest, und nicht nur Anders begann allmählich nervös zu werden. Sie waren jetzt vielleicht noch dreißig Meter vom Heck des Polizeihubschraubers entfernt, dann zwanzig, zehn … Der Pilot der Maschine hätte jetzt wieder Gas geben müssen, um weder ihn als Entführungsopfer noch sich selbst zu gefährden, aber er dachte offensichtlich gar nicht daran. Stur blieb er bei gedrosselter Geschwindigkeit auf Kurs.
Im buchstäblich allerletzten Moment legte Jannik die Maschine in eine scharfe Linkskurve und tauchte zugleich unter dem Helikopter weg. Als sie unter ihm hindurchschossen, konnte Anders sehen, dass auch der Hubschrauber einen fast erschrocken wirkenden Schlenker zur Seite machte. Für einen Augenblick fiel die Maschine zurück, dann holte sie auf und nahm ihren Platz neben der Cessna wieder ein. Selbst über die große Entfernung hinweg konnte Anders sehen, wie wütend der Pilot war.
Einen Moment lang winkte er Jannik noch ärgerlich zu, dann stieg die Maschine wieder, setzte sich über die Cessna und sank so plötzlich wieder herab, dass Anders ernsthaft damit rechnete, das Glas des Kanzeldaches unter den Kufen zersplittern zu sehen. Im letzten Augenblick drückte Jannik den Steuerknüppel nach vorne und ging in einen kurzen, aber rasenden Sturzflug über. Das Messer ritzte Anders’ Hals und wieder lief Blut an seiner Kehle hinab.
»Verdammt noch mal, tu das Messer weg!«, fauchte Jannik, nachdem er die Maschine wieder abgefangen hatte und in Horizontalflug übergegangen war. »Oder willst du ihn ganz aus Versehen umbringen?«
Narbenhand zögerte noch einen Moment, aber dann zog er das Messer tatsächlich zurück – wenn auch nicht, ohne die Klinge an Anders’ Hemd sauber gewischt zu haben. Der Kerl war wirklich ein Idiot.
Sein Kumpan fuchtelte drohend mit der Pistole herum. »Mach nur keinen Unsinn!«
»Weil du mich sonst erschießt, ich weiß«, sagte Jannik.
Anders tastete mit der Hand über seinen Hals und spürte klebriges Blut, aber nicht annähernd so viel, wie er erwartet hatte. Erleichtert drehte er den Kopf und hielt nach dem Helikopter Ausschau. Die Maschine war ein Stück zurückgefallen, holte jedoch schon wieder auf, wenn auch nicht mehr ganz so rasant wie zuvor. Jannik flog nun ebenfalls spürbar schneller, aber Anders war trotzdem sicher, dass sie keine Chance hatten, dem Helikopter zu entkommen.
Als hätte der Pilot seine Gedanken gelesen und sie bestätigen wollen, holte er plötzlich mit fast spielerischer Leichtigkeit auf und wiederholte sein Manöver von gerade, sodass Jannik erneut zu einem haarsträubenden Sturzflug gezwungen wurde. Anders fragte sich immer verzweifelter, was hier eigentlich los war. Bei Entführungen setzten die zuständigen Stellen normalerweise auf Deeskalation, statt wie durchgeknallte Rambos einen Privatkrieg gegen die Entführer anzuzetteln. Anders wusste nicht, was ihr aggressives Verhalten zu bedeuten hatte, er wusste nur eines: Hier lief etwas schrecklich schief.
»Verdammt noch mal, häng ihn endlich ab!«, schrie Narbenhand.
»Umgekehrt«, antwortete Jannik gepresst. »Noch ein paar solcher Scherze und er zwingt uns zur Landung.«
»Dann tu was dagegen!«, brüllte Narbenhand.
»Ach, und was?«, fragte Jannik. »Soll ich ihn vielleicht rammen?«
Der Bursche hinter ihm hob seine Pistole und machte Anstalten, das Fenster zu öffnen. »Wenn er das nächste Mal vorbeikommt, knalle ich ihn ab«, drohte er. »Halt die Kiste still.«
»Eine hervorragende Idee«, sagte Jannik. »Dann schicken sie als Nächstes eine Militärmaschine und die schießt uns gleich ab. Ich wundere mich sowieso, dass sie das Feuer noch nicht eröffnet haben. Wir sind tief in militärischem Sperrgebiet.« Er brach ab, als der Helikopter erneut wie ein angreifender Raubvogel auf seine Beute herabstieß und ihn zu einem weiteren Sturzflug zwang. Sie waren mittlerweile nur noch halb so hoch wie am Anfang. Jannik versuchte zwar, sofort wieder an Höhe zu gewinnen, aber der Polizeihubschrauber bedrängte sie weiterhin.
»Da hinein!« Narbenhand deutete auf die Schlucht. »Flieg in das Gewitter!«
»Bist du verrückt?«, entfuhr es Jannik.
»Kein bisschen«, antwortete Narbenhand. »Das hier ist ein Flugzeug. Wir werden viel eher mit einem Sturm fertig als ein Hubschrauber. Der folgt uns nicht in ein Gewitter.«
Damit hatte er vermutlich sogar Recht, dachte Anders. Aber er war immer weniger sicher, dass es sich bei dieser sonderbar dräuenden Dunkelheit wirklich um ein Gewitter handelte. Es schien vielmehr etwas zu sein, vor dem das Licht floh.
Jannik setzte zu einer Antwort an, aber Narbenhand nahm ihm die Mühe ab, indem er sein Messer hob und drohend damit vor Anders’ Gesicht herumfuchtelte. Jannik schenkte ihm noch einen wütenden Blick, doch dann lenkte er die Maschine gehorsam in die befohlene Richtung. Der Helikopter holte wieder auf, stieß aber diesmal nicht auf sie herab, sondern setzte sich an ihre Seite.
3
»Um Gottes willen, Mann, sind Sie wahnsinnig?«, brüllte die Lautsprecherstimme aus dem Polizeihubschrauber. »Drehen Sie sofort ab oder Sie begeben sich in extreme Lebensgefahr!«
»Was du nicht sagst«, knurrte Narbenhand. Er deutete auf die Schwärze. »Gib Gas!«
»Das ist die allerletzte Warnung!«, schrie die Lautsprecherstimme. »Drehen Sie ab!«
Jannik wollte etwas sagen, doch in diesem Moment ging ein harter Schlag durch die Cessna, wie durch ein Automobil, das unversehens durch ein Schlagloch gefahren war, und fast in der gleichen Sekunde zerplatzte der erste schwere Regentropfen auf der Windschutzscheibe.
Was folgte, war das Gespenstischste, was Anders bis zu diesem Moment jemals erlebt hatte. Das Unwetter … begann nicht. Es war von einem Sekundenbruchteil zum nächsten einfach da. Es war, als wären sie über eine unsichtbare Grenze geflogen, die die eine Welt von der anderen trennte. Gerade waren sie noch durch strahlenden Sonnenschein und nahezu unbewegte Luft geflogen und im nächsten Sekundenbruchteil schlug eine Hölle aus brüllenden Luftwirbeln, Blitzen und Hagelkörnern und faustgroßen Regentropfen über ihnen zusammen. Die Cessna bäumte sich auf wie ein angeschossenes Tier, kippte auf die Seite und begann zu trudeln. Narbenhand schrie vor Schreck und hätte um ein Haar das Messer fallen gelassen, und sein Kamerad ließ seine Pistole tatsächlich fallen und bückte sich hastig unter den Sitz, um sie wieder aufzuheben. Unter normalen Umständen wäre das der Zeitpunkt für Jannik gewesen, die Initiative zu ergreifen und die beiden Möchtegern-Kidnapper zu überwältigen, aber unglücklicherweise hatte er im Moment alle Hände voll damit zu tun, das Flugzeug wieder in seine Gewalt zu bringen.
Auch Anders war nach vorne geschleudert worden, und da er bei all der Aufregung nicht einmal daran gedacht hatte, sich anzuschnallen, konnte er gerade noch die Hände ausstrecken und seinen Sturz am Armaturenbrett abfangen, bevor er sich an dem harten Metall den Schädel einschlug. Das Ergebnis war ein heftiger Schmerz, der durch seine Handgelenke schoss und ihm die Tränen in die Augen trieb.
Das Flugzeug schaukelte so heftig, dass es Anders kaum gelang, sich wieder aufzurichten. Halb benommen und mit nahezu tauben Fingern tastete er nach dem Sicherheitsgurt und ließ ihn mit einiger Mühe einschnappen. Erst dann wagte er es, den Kopf zu heben und nach draußen zu sehen.
Er bedauerte fast sofort, es getan zu haben. Rings um die Cessna tobte die Hölle. Anders nahm alles zurück, was ihm zu der unheimlichen Dunkelheit über der Klamm durch den Kopf geschossen war. Es war ein Gewitter, und zwar das mit Abstand schlimmste, das er jemals erlebt hatte. Der Himmel über ihnen war völlig schwarz, aber Anders war nicht einmal sicher, ob es wirklich der Himmel war. Die Cessna hüpfte so wild hin und her, dass er nicht mehr sagen konnte, wo oben oder unten war, rechts oder links. Jannik schrie irgendetwas, das er nicht verstand, und der Kerl hinter ihm hatte die Pistole wieder aufgehoben und fuchtelte panisch und vollkommen sinnlos damit herum. Ab und zu zerrissen gleißende Blitze die schreckliche Dunkelheit, und in diesen Augenblicken konnte Anders das Gemisch aus kinderfaustgroßen Hagelkörnern und kaum weniger großen Regentropfen erkennen, das aus allen Richtungen zugleich auf die kleine Maschine eintrommelte.
Die Kanzel dröhnte, als würde sie von unsichtbaren Riesen mit Fäusten bearbeitet, und die meisten Instrumente auf dem Armaturenbrett schienen entweder ausgefallen zu sein oder spielten verrückt.
»Verdammt noch mal, was ist da los?!«, brüllte Narbenhand. »Bring die Kiste unter Kontrolle!«
»Ich schaffe es, keine Angst«, antwortete Jannik. »Behaltet die Nerven.«
Es dauerte noch eine Weile – vielleicht nur Sekunden, die Anders wie eine Aneinanderreihung schierer Ewigkeiten vorkamen –, doch dann erkämpfte er sich die Gewalt über das bockende Flugzeug tatsächlich Stück für Stück zurück. Die Cessna torkelte immer noch hin und her wie ein kleines Boot, das in einen Orkan geraten war, und der Höllenlärm machte es weiterhin unmöglich, sich anders als schreiend zu verständigen, aber zumindest war Anders jetzt sicher, dass sie nicht mehr auf dem Rücken flogen. Wenigstens fast.
»Was zum Teufel geht hier vor?«, schrie Narbenhand. »Davon war keine Rede. Wenn das ein Trick ist, wirst du es bereuen!«
»Kein Trick«, antwortete Jannik. »Die Instrumente spielen völlig verrückt! Ich muss tiefer gehen um mich zu orientieren.«
Diesmal gab es keinen Zweifel daran, dass die Angst in seiner Stimme echt war. Auf seiner Stirn perlte Schweiß, obwohl die Temperaturen in der Kanzel mit jedem Augenblick weiter fielen, und er hielt den Steuerknüppel so fest, als versuchte er ihn zu zerbrechen.
»Wie hoch sind wir?«, schrie Narbenhand.
»Keine Ahnung!«, brüllte Jannik zurück. »Aber ich gehe tiefer! Wir müssen uns orientieren!«
Narbenhand widersprach nicht, und so senkte Jannik die Nase der bockenden Maschine ein wenig. Anders spürte, dass sie an Höhe verloren. Sehen konnte er es nicht. Die Schwärze, die die Maschine umgab, war noch immer total. Die grellen Blitze, die in unregelmäßigen Abständen aufzuckten, trugen nicht im Geringsten zu seiner Orientierung bei, sondern schienen seinen Gleichgewichtssinn im Gegenteil nur noch mehr zu verwirren.
Dann, ganz kurz, sah er doch etwas. Ein ganz besonders greller, tausendfach verästelter Blitz spaltete den Himmel in zwei asymmetrische Hälften, und in seinem bleichen Widerschein erkannte Anders, dass sie sich dem Boden schon bedrohlich weit genähert hatten. Die Cessna flog allerhöchstens noch achtzig oder hundert Meter hoch und auch diese Distanz schmolz rasend schnell zusammen. Nicht nur Anders schrie in reiner Todesangst auf, sondern auch alle anderen; aber das Geräusch ihrer Stimmen ging im Brüllen des Sturmes und dem protestierenden Heulen des Motors unter, als Jannik die Maschine in einer verzweifelten Bewegung nach oben riss. Trotzdem schien ihnen der Boden noch weiter entgegenzuspringen. Langsam, unendlich und quälend langsam kippte die Cessna in die Waagerechte und begann dann endlich wieder zu steigen. Anders hatte das grässliche Gefühl, dass sie dem Boden dabei nahe genug kamen, um ihn mit der ausgestreckten Hand mühelos zu erreichen.
Aber er bemerkte auch noch etwas: Ganz kurz, bevor das gleißende Flackern des Blitzes erlosch und sie wieder in die brodelnde Wolkenmasse eintauchten, glaubte er zu erkennen, wieso die bizarr geformten Felszacken und -grate, die wie steinerne Reißzähne nach dem Bauch der Cessna schnappten, so sonderbar symmetrisch aussahen. Es waren keine Felsen. Es waren Ruinen. Unter ihnen lagen die brandgeschwärzten, ausgeglühten Ruinen einer gewaltigen Stadt.
Das flackernde Licht erlosch endgültig und die unheimliche Dunkelheit schloss sich wie ein gewaltiges Leichentuch um die Cessna.
Anders blinzelte. Als er die Augen wieder öffnete, war die Schwärze unter ihnen wieder genauso absolut wie die über ihnen. Und er musste sich getäuscht haben. Eine Stadt, so weit oben im Gebirge? Unmöglich.
Die Cessna schüttelte sich immer heftiger, kippte von einer Seite auf die andere und wieder zurück und drohte komplett abzuschmieren, bevor Jannik die Kontrolle über das Steuer zurückerlangte.
Plötzlich leuchteten auf dem Instrumentenbrett vor Jannik gleich drei rechteckige rote Warnleuchten auf und unmittelbar danach eine vierte, heftig flackernde grüne Taste. Jannik streckte die Hand aus um sie zu drücken. Eine der drei roten Lampen erlosch – und dann die zweite. Anders wusste zwar nicht wieso, aber er hatte plötzlich das schreckliche Gefühl, einem gnadenlosen Countdown zuzusehen, an dessen Ende etwas Furchtbares geschehen würde.
Jannik brauchte weitere entsetzliche Sekunden, um die Cessna wieder weit genug zu stabilisieren, dass er es wagen konnte, eine Hand vom Steuerknüppel zu lösen und nach der immer hektischer flackernden grünen Taste auszustrecken.
Ein peitschender Knall erscholl und eine handlange orangerote Feuerzunge leckte an Janniks Schulter vorbei und stanzte ein rauchendes Loch in das Instrumentenpult, genau dort, wo sich das flackernde grüne Licht befunden hatte.
Jannik schrie so gellend auf, als hätte der Pistolenschuss ihn getroffen und nicht die Instrumententafel, und stieß dem Schützen den Ellbogen mit solcher Wucht ins Gesicht, dass dieser die Waffe fallen ließ und sich wimmernd in seinem Sitz krümmte. Heulend schlug er die Hände vors Gesicht.
»Du bist doch verrückt!«, wimmerte er. »Dafür bringe ich dich um, du Hund!«
»Das ist gar nicht mehr nötig«, sagte Jannik. »Du hast uns gerade alle umgebracht, du Idiot.«
Er riss so abrupt am Steuerknüppel, dass Anders schon wieder gegen das Instrumentenpult geschleudert worden wäre, hätte er sich nicht angeschnallt, und zwang die Cessna in eine steil nach unten führende Pirouette, die sie einen Großteil der gerade so mühsam gewonnenen Höhe kostete.
»Was tust du da?«, brüllte Narbenhand.
»Ich versuche unser Leben zu retten!«, antwortete Jannik. »Wir müssen hier raus!«
Wieder zuckte ein Blitz auf. Irgendetwas daran war anders, aber Anders kam nicht dazu, den Gedanken weiterzuverfolgen, denn Jannik riss am Steuerknüppel und flog eine komplette Rolle, die ihn schon wieder in die Sicherheitsgurte schleuderte und den Kopf des Kidnappers hinter ihm unsanft mit dem Kanzeldach kollidieren ließ. Es folgte ein jäher Schlenker nach links und dann ein abermaliger rasender Sturzflug. Anders klammerte sich mit verzweifelter Kraft an seinem Sitz fest und auch die beiden Kerle hinter ihm, die nicht das Glück gehabt hatten, sich anzuschnallen, hatten etwas anderes zu tun, als etwas gegen Janniks wahnwitzige Flugmanöver zu unternehmen. Sie schrien irgendetwas, was Anders nicht verstand und vermutlich auch gar keinen Sinn hatte, und Jannik kämpfte immer verbissener mit dem Steuerknüppel und zwang die Cessna zu wilden Flugmanövern, die die zerbrechliche Maschine bis an die Grenzen belasteten. Er benahm sich wie ein Kampfpilot, der verzweifelt versuchte feindlichem Feuer auszuweichen.
Und es endete auch so. Jannik ließ die Cessna einen weiteren abrupten Hüpfer nach rechts machen, und es war ein reiner Zufall, dass Anders genau in diesem Moment den Kopf wandte und aus dem Fenster sah.
Es dauerte weniger als eine Sekunde. Etwas in Anders glaubte es nicht einmal in dem Augenblick, in dem er es sah: Eine ganze Salve bleistiftdünner, grellblauer Lichtbolzen raste aus der Dunkelheit herauf, stanzte eine perfekte Linie glühender runder Löcher in die Tragfläche und war wieder verschwunden, noch bevor Anders’ Augen sie überhaupt richtig erfassen konnten. Für einen kurzen Moment schlugen Flammen aus der Tragfläche und erloschen sofort wieder, als der rasende Fahrtwind sie ausblies, aber Anders sah voll maßlosem Entsetzen, dass die Tragfläche im wahrsten Sinne des Wortes perforiert war. Selbst wenn die Cessna nur ganz einfach geradeaus geflogen wäre, hätte das die angeschlagene Tragfläche wohl kaum länger als ein paar Augenblicke mitgemacht. Der mörderischen Belastung durch Janniks wildes Flugmanöver hielt sie genau …
bis jetzt stand.
Anders beobachtete aus ungläubig aufgerissen Augen, wie die Tragfläche wie in einer bizarren Zeitlupenaufnahme nach oben wegknickte, noch eine halbe Sekunde wie ein absurder Wimpel im Fahrtwind flatterte und dann endgültig abgerissen wurde.
Die Cessna kippte über die beschädigte Tragfläche weg und begann in hoppelnden Spiralen in die Tiefe zu stürzen. Anders schrie in purer Todesangst auf und klammerte sich an seinem Sitz fest, obwohl er wusste, wie vollkommen sinnlos das war. Auch die beiden Kidnapper hinter ihm schrien, während Jannik immer noch verbissen mit dem Steuerknüppel kämpfte, der mittlerweile regelrecht nach seinen Händen zu schlagen schien.
Draußen zuckte wieder eine ganze Salve blauweißer Blitze auf, in deren flackerndem Licht Anders erkennen konnte, wie rasend schnell ihnen der Boden entgegensprang. Er sah auch, dass er sich nicht getäuscht hatte: Es waren Ruinen, die den Boden bedeckten.
Das Licht erlosch und aus dem rasenden Trudeln der Maschine wurde ein weiterer kompletter Überschlag – und dann brachte Jannik das unmögliche Wunder zustande, die Cessna nicht nur abzufangen, sondern aus ihrem unkontrollierten Sturz ein rasendes Gleiten zu machen.
Für zwei oder drei Sekunden. Dann traf etwas das Leitwerk der Maschine und riss es ab. Das Brüllen des Sturms steigerte sich zu einem trommelfellzerreißenden Crescendo, als der Fahrtwind plötzlich ungehindert durch die Kabine heulte. Nicht nur das Leitwerk war weg, sondern auch der Bursche, der auf Jannik geschossen hatte, während sich Narbenhand noch irgendwie festklammerte.
Die rasende Fahrt ging weiter. Ein neuer Blitz zerriss die Dunkelheit und zeigte Anders eine gewaltige Ziegelsteinmauer, die im Bruchteil eines Atemzugs zur Höhe des Mount Everest anzuwachsen schien, während das Flugzeug ihr entgegenraste.
Jannik riss am Steuerknüppel, und obwohl sie nur noch eine Tragfläche und kein Leitwerk mehr hatte, reagierte die Cessna darauf; wie ein sterbendes Schlachtross, das sich noch im Tode bemühte, seinen Reiter in Sicherheit zu bringen.
Vielleicht war es auch nur Zufall.
Statt in die Ziegelsteinmauer zu krachen, prallte die waidwunde Cessna dicht davor auf die Straße, sprang noch einmal in die Höhe wie ein flach über das Wasser geworfener Stein und schlitterte Funken sprühend in eine mit Trümmern und Schutt übersäte Straße unmittelbar daneben.
Sie war zu schmal, selbst für die schon kastrierte Maschine. Auch die zweite Tragfläche brach ab und der gewaltige Schlag verwandelte das Flugzeugwrack in einen sich rasend schnell drehenden Kreisel, der Trümmerstücke in alle Richtungen schleuderte. Anders wurde nach vorne in die Gurte und wieder zurückgeworfen, irgendetwas traf ihn so hart am Kopf, dass er Übelkeit in sich aufsteigen fühlte. Glas splitterte. Er schmeckte Blut und spürte, wie etwas tief im Rumpf der Cessna zersplitterte. Die rasende Fahrt ging noch zwei oder drei Atemzüge weiter und endete dann mit einem letzten Schlag, der heftig genug war, um ihn abermals mit so grausamer Wucht in die Gurte zu schleudern, dass er fast das Bewusstsein verlor.
Sekundenlang saß er einfach schlaff in seinem Sitz, nur von seinen Gurten daran gehindert, endgültig zu Boden zu sinken, und kämpfte mit aller Macht darum, nicht in Ohnmacht zu fallen. Flackerndes rotes Licht drang durch seine geschlossenen Lider und sein Mund füllte sich beängstigend rasch mit seinem eigenen Blut. Er hatte sich auf die Zunge gebissen – jedenfalls hoffte er, dass es nichts Schlimmeres war – und auch an seinem Gesicht lief warmes Blut hinab. Das flackernde rote Licht bedeutete Feuer und er saß im Wrack eines abgestürzten Flugzeuges. Wenn er nicht bald hier herauskam, würde er bei lebendigem Leib verbrennen.
Es war dieser Gedanke, der Anders die Kraft gab, die Schwärze wieder aus seinem Kopf zu drängen und die Augen zu öffnen. Im ersten Moment sah er trotzdem kaum etwas. Zuckendes rotes Licht verwandelte die Welt außerhalb des zerborstenen Cockpits in ein höllisches Kaleidoskop aus zusammenhanglosen Bildern und purem Schmerz, und außerdem war ihm sein eigenes Blut in die Augen gelaufen. Anders blinzelte, machte es dadurch aber eher noch schlimmer und hob mühsam die Hand um das Blut wegzuwischen.
Neben ihm kam Jannik stöhnend zu sich. Er war ebenso angeschnallt gewesen wie Anders, schien aber trotzdem mit der Stirn auf den Steuerknüppel aufgeschlagen zu sein, denn seine Sonnenbrille war zerbrochen und sein Gesicht blutüberströmt. Mühsam und mit benommen wirkenden, leicht unsicheren Bewegungen richtete er sich auf, nahm die zerbrochene Sonnenbrille aus seinem Schoß und starrte sie eine Sekunde lang verständnislos an. Dann hob er mit einem Ruck den Kopf und fuhr zu Anders herum.
»Bist du verletzt?«, fragte er erschrocken.
»Keine Ahnung«, nuschelte Anders. Er bewegte sich vorsichtig und lauschte dabei aufmerksam in sich hinein. Es gab nicht besonders viele Stellen an ihm, die nicht wehtaten, aber zumindest schien er sich nichts gebrochen zu haben. »Ich glaube nicht«, verbesserte er sich. Er musste schlucken, um das Blut loszuwerden, das sich in seinem Mund angesammelt hatte. Obwohl er selbst wusste, wie absurd es in einer Situation wie dieser war, wäre es ihm peinlich gewesen, vor Jannik auszuspucken.
Jannik hob die Hand, um sich das Blut aus dem Gesicht zu wischen. Er wirkte noch immer leicht benommen, wie ein Mann, der gerade aus einem tiefen Traum erwacht war und sich noch nicht vollkommen in der Wirklichkeit zurechtfand.
»Wir müssen hier raus«, sagte er. »Kannst du gehen?«
»Ich denke schon«, antwortete Anders. Welche andere Wahl hatte er schon? Jannik wirkte nicht überzeugt. Anders löste rasch seinen Sicherheitsgurt und streckte die Hand aus um die Tür zu öffnen. Sie nahm ihm die Arbeit ab, indem sie herausfiel und scheppernd zu Boden stürzte.
»Sei vorsichtig«, sagte Jannik. Anders hörte, wie er auf der anderen Seite aus der Maschine stieg, drehte sich aber nicht zu ihm um, sondern konzentrierte sich lieber darauf, selbst einigermaßen unbeschadet aus dem Cockpit zu klettern – was ihm im Übrigen sehr viel mehr Mühe bereitete, als er gehofft hatte. Er hatte überall Schmerzen und vor allem sein linkes Knie weigerte sich beharrlich, ihm mit gewohnter Präzision zu gehorchen.
Was er sah, als er umständlich aus dem Wrack der Cessna kletterte, war auch nicht unbedingt dazu angetan, ihm Mut zu machen.
Die rasende Karussellfahrt hatte in der Mitte eines großen, unsauber mit Kopfsteinen gepflasterten Platzes geendet, der an allen Seiten von mehrstöckigen Ziegelsteingebäuden gesäumt wurde. Was er im flackernden Schein des Feuers erkennen konnte, das waren ausnahmslos Ruinen, brandgeschwärzte Hüllen aus verkohltem Ziegelstein und ausgeglühten und verdrehten Stahlträgern, deren leere Fensterhöhlen ihn blicklos anzustarren schienen. Überall lagen Schutt und Trümmer, aber nirgends zeigte sich auch nur die geringste Spur von Leben.
Anders drehte sich herum. Der Anblick auf der anderen Seite unterschied sich nicht von dem hier. Das Flugzeug hatte eine unregelmäßige Spur brennender Trümmerteile zurückgelassen, aber der zerfetzte Rumpf hatte wie durch ein Wunder noch nicht Feuer gefangen. Anders verspürte ein eiskaltes Schaudern, als ihm klar wurde, wie groß das Wunder war, dem sie ihr Überleben verdankten: Der letzte Aufschlag hatte den Treibstofftank abgerissen, der in zehn oder zwölf Metern Abstand wie eine aufgebrochene Blüte aus Metall dalag und Feuer und weiße Glut in alle Richtungen versprühte. Im flackernden Feuerschein erkannte Anders eine verkrümmte Gestalt, die reglos auf dem Kopfsteinpflaster lag. Narbenhand, der es schließlich doch nicht geschafft hatte.
Er hörte, wie Jannik auf der anderen Seite im Wrack der Cessna rumorte und humpelte zu ihm hin, so schnell es sein geprelltes Knie zuließ. Gerade als er die Maschine umrundet hatte, kam Jannik heraus und schob etwas unter seinen Gürtel: die verchromte Pistole, die der ebenso untalentierte wie glücklose Kidnapper fallen gelassen hatte.
»Komm jetzt«, rief Jannik. »Wir müssen weg!«
Anders nahm an, dass er immer noch Angst hatte, das Wrack der Cessna könne Feuer fangen oder einfach wie eine Bombe explodieren – eine Furcht, die nicht gänzlich unbegründet war. Der abgerissene Tank lag zwar in relativ sicherer Entfernung da, aber Anders verstand nicht genug von Flugzeugen um sicher sein zu können, dass es wirklich der einzige Tank der Cessna war; außerdem gab es im Wrack des Flugzeuges noch mehr als genug brennbares Material.
Trotzdem blieb er stehen, wo er war, und deutete zu Narbenhand zurück. »Wir müssen uns um ihn kümmern.«
Jannik tat etwas sehr Seltsames: Er legte den Kopf in den Nacken und suchte rasch, aber sehr aufmerksam den Himmel ab, bevor er antwortete. »Er ist tot«, sagte er dann. »Das kann er nicht überlebt haben.«
»Und wenn doch?«
»Würde er uns nur aufhalten«, antwortete Jannik. Er wedelte ungeduldig mit der Hand. »Komm jetzt. Wir haben keine Zeit!«
Anders war so schockiert, er reagierte gar nicht, sondern starrte Jannik nur aus großen Augen an, sodass dieser ihn kurzerhand beim Arm ergriff und mit sich zerrte. Nach ein paar Schritten verringerte er sein Tempo ein wenig, als ihm klar wurde, dass Anders mit seinem verletzten Knie nicht mit ihm Schritt halten konnte. Aber sehr viel Rücksicht nahm er auch dann nicht auf ihn, ganz im Gegenteil trieb er ihn ziemlich grob vorwärts. Nach wenigen Augenblicken erreichten sie eines der ausgebrannten Gebäude und traten ein. Jannik zog ihn noch ein gutes Stück mit sich und weg vom Eingang, ehe er endlich seinen Arm losließ.
Anders war noch immer viel zu perplex, um irgendetwas anderes tun zu können als Jannik einfach fassungslos anzustarren. Das war doch nicht der Jannik, den er kannte! Auch er hatte Narbenhand nicht gerade ins Herz geschlossen, aber den Mann einfach liegen zu lassen, ohne sich auch nur davon zu überzeugen, ob er noch lebte oder vielleicht Hilfe brauchte, das sah ihm nun wirklich nicht ähnlich.
»Was soll denn das?«, murmelte er benommen. »Was geht hier vor?«
»Nicht jetzt«, zischte Jannik. Er unterstrich seine Worte durch eine entsprechende, fast befehlende Geste, blickte sich hektisch um und huschte dann mit zwei, drei schnellen Schritten zu einem der glaslosen Fenster und ließ sich davor in die Hocke sinken, um gebannt nach draußen zu sehen. Anders blieb noch ein paar Momente wie betäubt stehen, ehe er die Kraft fand, ihm zu folgen. Jannik bedeutete ihm mit einem hastigen Wink, sich ebenfalls zu ducken, und Anders gehorchte ganz automatisch.
»Jannik, was bedeutet das?«, murmelte er wieder verstört. »Wo sind wir hier? Was ist das für eine seltsame Stadt? Du weißt es doch, oder?«
Im ersten Moment war er fast sicher, dass Jannik gar nicht antworten würde, und tatsächlich verstrichen endlose Sekunden, bevor er schließlich fast widerwillig meinte: »Ja.«
»Und?«, fragte Anders. »Ist das alles, was du dazu zu sagen hast?«
»Ja«, entgegnete Jannik abermals, fuhr jedoch nach einem Augenblick und in zögerndem Ton fort: »Je weniger du weißt, desto besser ist es für dich, glaub mir.«
»Sehr komisch«, sagte Anders. »Du glaubst doch nicht, dass du damit durchkommst.«
»Doch, das glaube ich«, antwortete Jannik. »Mach dir keine Sorgen. Ich bringe dich hier schon raus. Noch einmal versage ich nicht«, fügte er leiser und hörbar bitter hinzu.
»Noch einmal?« Anders schüttelte den Kopf. »Spinnst du? Diese Landung hätte nicht einmal Captain Picard besser hingekriegt.«
»Aber der hätte sich bestimmt nicht so übertölpeln lassen. Das hätte nicht passieren dürfen.«
»Was?«
»Was? Fragtest du wirklich was?« Jannik schüttelte ärgerlich den Kopf. »Es hätte nie zu diesem Schuss kommen dürfen. Ich habe einfach nicht vorausgesehen, dass einer dieser beiden Idioten wegen des Unwetters durchdrehen könnte. Das ist doch verrückt! Wenn der Typ nicht das Cockpit zusammengeschossen hätte, hätte ich die Maschine in einem Stück runtergebracht.«
»Ich fand dein Flugmanöver auch so schon beeindruckend«, erklärte Anders. »Immerhin leben wir noch. Und außerdem bist du ja kein ausgebildetes Hijacker-Opfer, oder?«
Jannik blieb ernst. »Es hätte einfach nicht passieren dürfen«, beharrte er. »Nicht mir.«
»Du konntest schließlich nicht ahnen, dass die beiden Typen vor uns da sind«, sagte Anders nun in ebenfalls ernstem Ton. »Ich verstehe sowieso nicht, wie sie das geschafft haben, mit dieser Schrottkarre von Lieferwagen.«
Darauf erwiderte Jannik nichts, aber er sah Anders auf eine ganz spezielle Art an, die ihm klar machte, dass er es sehr wohl verstand.
Dann begriff auch er es: Es war seine Schuld. Die beiden Möchtegernganoven hätten nicht die Spur einer Chance gehabt, sie einzuholen, wenn sie ihren Vorsprung nicht freiwillig verschenkt hätten, indem er den Hummer gefahren hatte. Es war ganz eindeutig seine Schuld. Aber er sparte sich jede entsprechende Bemerkung. Er glaubte Janniks Antwort darauf regelrecht zu hören: Schließlich war es meine Entscheidung, dich fahren zu lassen.
Stattdessen deutete er wieder nach draußen. »Und das?«
Vielleicht hätte Jannik in diesem Moment tatsächlich geantwortet, denn Anders spürte, dass er plötzlich nicht mehr annähernd so entschlossen war wie noch vor ein paar Augenblicken. Doch jetzt war er es, dem das Schicksal zu Hilfe kam: Gerade als Jannik zu einer Erklärung ansetzen wollte, begann sich die verkrümmte Gestalt draußen auf dem Kopfsteinpflaster zu bewegen. Narbenhand lebte.
Anders wollte aufspringen, doch Jannik legte ihm rasch die Hand auf den Unterarm und drückte so fest zu, dass ihm um ein Haar ein Schmerzenslaut entschlüpft wäre. Gleichzeitig deutete er mit der anderen Hand nach oben, in den Himmel hinauf.
Anders hob den Blick und für einen Moment stockte ihm fast der Atem.
Ohne dass es ihm bisher aufgefallen war, hatte das Unwetter ebenso schlagartig aufgehört, wie es begonnen hatte. Der Himmel jedoch war nicht leer. Zwei grelle Lichtpunkte näherten sich in rasendem Tempo, und beinahe im gleichen Moment hörte Anders ein dumpfes, rasch näher kommendes Geräusch, das er nach einem weiteren Augenblick als das typische Rotorengeräusch eines Hubschraubers erkannte.
»Na, das ging aber schnell!«, sagte er überrascht und auch unendlich erleichtert. Abermals wollte er aufspringen, und wieder legte Jannik ihm die Hand auf den Arm und hielt ihn zurück, wenn auch nicht auf so schmerzhafte Art wie gerade. Er schüttelte nur den Kopf.
»Was ist denn los?«, fragte Anders verwirrt.
»Still!«, zischte Jannik. »Und rühr dich nicht!«
Anders war so perplex, dass er sich tatsächlich nicht rührte – doch er blieb nicht still. »Aber wieso denn?«, wunderte er sich. »Das ist doch die Polizei, oder? Ich meine: Sie sind bestimmt gekommen, um …« uns zu retten? Die drei letzten Worte sprach er nicht mehr aus, als er den Ausdruck auf Janniks Gesicht sah. Wenn er jemals Angst in seinen Augen gesehen hatte, dann jetzt. Das da oben war weder die Polizei noch sonst jemand, der gekommen war um sie zu retten.
Mit klopfendem Herzen sah er wieder zum Himmel. Die beiden Lichtpunkte kamen rasch näher und sie bewegten sich unabhängig voneinander, was bedeutete, dass es tatsächlich zwei Helikopter waren, nicht eine Maschine mit zwei Scheinwerfern. Das war seltsam. Fast so seltsam wie die Tatsache, dass die vermeintlichen Rettungskräfte jetzt schon hier sein sollten – auch wenn es ihm nach all den hektischen und turbulenten Ereignissen viel länger vorkam, so waren seit ihrer Begegnung mit dem Polizeihubschrauber doch allerhöchstens zehn Minuten vergangen; und wahrscheinlich eher weniger. Eigentlich war es unmöglich, dass sie so schnell auftauchten.
»Was ist hier los?«, fragte er wieder.
Jannik schüttelte abgehackt den Kopf. »Nicht jetzt.« In seiner Stimme war fast so etwas wie Panik. Anders sah, wie seine Hand an seinem Pullover hinunterwanderte und nach der Waffe griff, die er unter den Gürtel geschoben hatte, sich dann aber im letzten Moment wieder zurückzog.
Er blickte erneut nach oben. Die beiden grellen Lichtkreise waren mittlerweile so nahe gekommen, es war ihm kaum noch möglich, sie anzusehen, ohne dass die gleißende Helligkeit ihm die Tränen in die Augen trieb. Irgendetwas stimmte nicht mit dem Motorengeräusch. Er konnte nicht genau sagen was, aber es klang nicht wirklich wie das normale Motorengeräusch eines Helikopters. Das sonderbar gedämpfte Flappen nahm weiter an Lautstärke zu, dann wurde aus einem der beiden Lichtpunkte plötzlich der grelle Strahl eines Suchscheinwerfers, der wie eine Pfütze aus grellweißem Licht über die Straße tastete, einen Moment am Wrack der Cessna hängen blieb und dann weiterglitt.
Auch Narbenhand hatte das Licht natürlich bemerkt und richtete sich mühsam auf. Seine Bewegungen wirkten schwach und sonderbar unkoordiniert. Anders nahm an, dass er weniger Glück gehabt hatte als Jannik und er und ziemlich schwer verletzt war. Es grenzte ohnehin an ein Wunder, dass er überhaupt noch lebte.
Die beiden Lichtkreise teilten sich endgültig. Der Scheinwerferstrahl blieb unverrückbar auf Narbenhand gerichtet, der mittlerweile vollends aufgestanden war und die linke Hand über das Gesicht gehoben hatte, um seine Augen vor dem grellen Licht zu schützen. Der zweite Lichtpunkt erlosch plötzlich, und nur einen Moment später senkte sich der sonderbarste Hubschrauber auf den Platz herab, den Anders jemals gesehen hatte.
Die Maschine war riesig, stromlinienförmig und aggressiv geformt wie ein Hai und von einem so tiefen Schwarz, dass sie das Licht regelrecht aufzusaugen schien. Sie war außerdem sehr leise. Das Geräusch, das Anders gehört hatte, war nur das Zischen der Luft, die die bizarr geformten Rotorblätter durchschnitten. Die Turbine selbst schien vollkommen lautlos zu arbeiten.
Doch wenn er den Helikopter schon sonderbar fand, dann fehlten ihm für die drei Gestalten, die nach einem Moment aus dem fliegenden Raubfisch ausstiegen, beinahe die Worte.
Es waren zweifellos Menschen. Aber das war auch so ziemlich alles, was er auf Anhieb sagen konnte. Die drei Männer (wenn es Männer waren) trugen einteilige, glänzende schwarze Anzüge, die nahtlos in Handschuhe und wuchtige schwarze Helme übergingen. Ihre Gesichter verbargen sich hinter schwarz verspiegelten Scheiben und sie trugen klobige Gewehre mit plumpen Läufen in den Händen.
»Wer ist das?«, fragte Anders. Jannik brachte ihn mit einer fast erschrockenen Geste zum Schweigen und Anders wandte sich mit klopfendem Herzen wieder dem Geschehen auf dem Platz zu.
Narbenhand stand nach wie vor im Zentrum des Suchscheinwerfers, den der zweite Hubschrauber auf ihn richtete. Er hatte sich halb umgedreht, um sich dem gelandeten Helikopter zuzuwenden. Die linke Hand hatte er noch immer schützend über die Augen erhoben, mit der anderen winkte er den Männern zu, die aus dem gelandeten Hubschrauber gestiegen waren.
»Dieser Dummkopf«, flüsterte Jannik.
Anders kam nicht einmal dazu, ihn zu fragen, wie diese Worte gemeint waren.
Er sah es.
Narbenhand machte einen Schritt auf die Männer in den unheimlichen schwarzen Schutzanzügen zu und winkte noch einmal, und einer der Männer hob seine Waffe und drückte ab, ohne länger als einen Sekundenbruchteil gezielt zu haben.
4
Er war ein ausgezeichneter Schütze. Der blaue Lichtbolzen, den seine Waffe ausstieß, durchbohrte Narbenhands Brust, brach in einer Wolke aus Blut und zerfetztem Gewebe aus seinem Rücken wieder hervor und verbrauchte den Rest seiner Energie, indem er ein fast metergroßes Loch in die Ziegelsteinmauer hinter dem Mann schlug. Narbenhand warf die Arme in die Höhe, taumelte einen Schritt zurück und brach dann wie vom Blitz getroffen zusammen. Anders konnte nur deshalb im letzten Moment einen entsetzen Schrei unterdrücken, weil ihn das Grauen erregende Geschehen gleichzeitig lähmte.
Und es war noch nicht vorbei. Der Mann, der Narbenhand niedergeschossen hatte, ging mit schnellen Schritten zu ihm hin und beugte sich über ihn um ihn zu untersuchen, und der Hubschrauber, der noch immer reglos über dem Platz schwebte, schaltete einen zweiten Scheinwerfer ein, der wie eine suchende Hand über den Platz und die umliegenden Gebäude tastete.
Jannik duckte sich hastig unter die Fensterbrüstung, als sich der Lichtkreis in ihre Richtung bewegte, und Anders ahmte die Bewegung instinktiv nach. Nicht einmal eine Sekunde darauf fiel der Scheinwerferstrahl durch das Fenster über ihren Köpfen und riss eine gespenstische Szenerie aus Trümmern und harten Schatten aus der Dunkelheit. Anders’ Augen hatten nicht genug Zeit, sich an die veränderten Lichtverhältnisse zu gewöhnen, aber selbst die Fragmente, die er sah, reichten aus, um ihm einen eisigen Schauer über den Rücken zu jagen. Sie befanden sich in einem Totenhaus.
Der Lichtstrahl wanderte weiter und die Dunkelheit schien mit doppelter Wucht über ihnen zusammenzuschlagen. Anders schloss die Augen und zählte in Gedanken langsam bis fünf, ehe er die Lider wieder hob. Dennoch sah er Janniks Gesicht im ersten Moment nur als verschwommenen bleichen Fleck vor sich, der nur nach und nach wieder Konturen und Tiefe bekam.
Immerhin konnte er gut genug sehen, um Janniks heftiges Gestikulieren zur Kenntnis zu nehmen; und auch seine Bedeutung zu verstehen. Statt irgendetwas zu sagen oder eine Frage zu stellen, richtete er sich behutsam wieder auf und spähte aus dem Fenster.
Weitere Männer waren aus dem Hubschrauber gestiegen, und Anders’ Herz machte einen erschrockenen Sprung in seiner Brust, als er sah, dass sich zwei oder drei ziemlich genau in ihre Richtung bewegten.
Jannik berührte ihn am Arm und gab ihm gleichzeitig mit einem warnenden Wink zu verstehen, still zu sein – als ob das noch nötig gewesen wäre. Anders deutete nur ein Nicken an und Jannik machte eine Kopfbewegung in die Dunkelheit hinter sich hinein. Anders war alles andere als begeistert von dem Gedanken, ihm dorthin zu folgen, aber er hatte auch nicht vergessen, was Narbenhand passiert war. Vielleicht würde er es nie wieder vergessen können.
So lautlos, wie es ihm nur möglich war, richtete er sich auf und folgte Jannik. Ganz automatisch nahm er sogar dieselbe Haltung ein: geduckt und so weit vornübergebeugt, dass seine Hände über den Boden geschleift wären, hätte er die Arme nicht halb erhoben.
Wenigstens hatten sich seine Augen wieder halbwegs an die Dunkelheit gewöhnt, sodass er seine Umgebung zumindest schemenhaft erkennen konnte. Nicht dass es viel zu sehen gegeben hätte. Sie befanden sich in einem großen, nahezu leeren Raum, der mit Schutt und Trümmern übersät war. Aber irgendetwas fehlte.
Anders konnte nicht sagen was. Aber es fehlte.
Jannik deutete – wie Anders annahm, ziemlich wahllos – nach vorne und beschleunigte seine Schritte noch, und Anders beeilte sich um nicht den Anschluss zu verlieren. Er dachte gar nicht darüber nach, wie Jannik hier die Orientierung behielt – oder ob überhaupt. Das so ziemlich Schlimmste, was er sich im Moment vorstellen konnte, war, hier allein zurückzubleiben. Er bemühte sich den pochenden Schmerz in seinem linken Knie zu ignorieren, biss die Zähne zusammen und schloss humpelnd zu Jannik auf.
Draußen erscholl ein dumpfes, sonderbar lang anhaltendes Poltern. Anders fuhr erschrocken zusammen und duckte sich ganz instinktiv, und möglicherweise rettete ihm diese Bewegung das Leben, denn plötzlich griff ein zweiter, noch viel gleißenderer Lichtfinger durch das Fenster herein und verfehlte ihn nur um Zentimeter. Anders warf sich instinktiv in die entgegengesetzte Richtung und erblickte einen niedrigen, sonderbar kantigen Umriss. So schnell er konnte, humpelte er darauf zu. Das Licht folgte ihm wie der tastende Finger eines Raubtiers, das die Witterung seiner Beute aufgenommen hatte, aber noch nicht ganz genau wusste, wo es zu suchen hatte, brach plötzlich ab, als es den Bereich des Fensters verließ, und flammte dann näher und scheinbar doppelt so grell wieder auf, als es durch die daneben liegende Fensteröffnung drang. Im allerletzten Moment erreichte Anders den Schutthaufen, setzte mit einem verzweifelten Sprung darüber hinweg und duckte sich. Sein ohnehin lädiertes Knie bedankte sich mit einer wütenden Schmerzattacke für die grobe Behandlung. Das Bein knickte unter ihm weg. Er fiel, und noch während er stürzte, glitt der bleiche Knochenfinger aus Licht dort über ihm entlang, wo er sich vor einem Sekundenbruchteil noch befunden hatte.
Die anderthalb Jahre widerwilligen Judotrainings zahlten sich nun aus, denn Anders fing seinen Sturz nicht nur ganz instinktiv mit einer Rolle ab, sondern glitt dabei auch endgültig in die Deckung des mehr als meterhohen Schutthaufens. Der Lichtfinger wanderte weiter, erfuhr eine neuerliche Unterbrechung, als er den Bereich des Fensters verließ – und kehrte zurück! Anders presste sich mit angehaltenem Atem gegen den Boden, und sein Herz begann noch heftiger zu schlagen, als er sah, wie sich ein zweiter Lichtstrahl hinzugesellte, der zielstrebig nach seinem Versteck tastete. Sie hatten ihn gesehen!
Für einen Moment drohte ihn Panik zu übermannen. Es hätte nicht viel gefehlt und er wäre einfach losgerannt, obwohl ihn der Lichtstrahl dann ganz bestimmt erfasst hätte. Nur mit allerletzter Kraft gelang es ihm, die Angst zurückzudrängen und liegen zu bleiben.
Immerhin verschafften ihm die in regelmäßigen Abständen aufflammenden und wieder erlöschenden Lichtstrahlen einen etwas genaueren Überblick über seine Umgebung. Der Raum, in den sie geflohen waren, hatte die Abmessungen einer kleinen Kathedrale und schien früher einmal als Fabrikhalle gedient zu haben, bevor ihn irgendeine schreckliche Katastrophe heimgesucht hatte; zusammen mit dem Rest der Stadt. Ein Großteil der Decke war eingebrochen, überall lagen Schutthaufen und gewaltige Betonbrocken, aus denen die zerfetzten Enden rostiger Moniereisen ragten. Trotzdem konnte Anders noch die wuchtigen Betonsockel erkennen, auf denen früher einmal gewaltige Maschinen gestanden haben mochten. Der vollkommen schwarze Boden war mit der typischen Schicht bedeckt, die aus eingetrocknetem Öl, Schmiere und dem Schuhsohlenschmutz eines halben Jahrhunderts bestand und selbst dem verheerenden Feuersturm getrotzt hatte ohne ihre Klebrigkeit einzubüßen. Als der Scheinwerferstrahl über die rückwärtige Wand strich, erblickte Anders eine rostige Feuerschutztür, die eine halbe Tonne wiegen musste, trotzdem aber eingebeult und zerknüllt war wie eine Coladose, die jemand mit Fäusten bearbeitet hatte.
Jannik hockte geduckt hinter einem fast mannsgroßen Bruchstück der Decke und winkte ihm aufgeregt zu. Hinter ihm sah Anders etwas, das ihn an einen Haufen verkohlter schwarzer Spaghetti erinnerte, bevor er es als die Überreste einer ausgeglühten, steil in die Höhe führenden Metalltreppe identifizierte.
Anders beantwortete Janniks Winken mit einem knappen Nicken und wandte sich dann wieder den Lichtstrahlen zu. Mit einer Art sonderbar erschöpftem Entsetzen registrierte er, dass es mittlerweile drei geworden waren. Nun gab es keinen Zweifel mehr. Obwohl er hundertprozentig sicher war, dass ihn der Suchscheinwerfer nicht erfasst hatte, wussten sie, er war hier. Und Anders hatte auch die drei schwarz vermummten Gestalten nicht vergessen, die sich auf dem Weg hierher befanden.
Ein Grund mehr, sich zu beeilen. Er versuchte einen Moment lang vergeblich, irgendein Muster in dem hektischen Hin und Her und Aufflammen und Erlöschen der Lichtbalken zu erkennen, vielleicht ein Loch in dem Netz aus Licht, das sich unbarmherzig enger und enger um ihn zusammenzog. Es gab keines. Er musste das Risiko eingehen und auf sein Glück vertrauen. Behutsam stemmte er sich in die Höhe und betastete probehalber sein linkes Knie um sicherzugehen, dass es sein Körpergewicht auch tragen konnte und ihm nicht etwa im ungünstigsten aller Momente den Dienst quittierte. Es tat weh, aber es ging. Anders verschwendete eine weitere kostbare halbe Sekunde damit, nach einer Lücke in dem hektisch flackernden Lichtgitter zu suchen, von der er wusste, dass es sie nicht gab – und hätte um ein Haar erschrocken aufgeschrien. Für den Bruchteil einer Sekunde riss der Lichtstrahl ein Gesicht aus der Dunkelheit, das hinter einem Trümmerberg hervorlugte. Aber dieses Gesicht war …
Nein. Anders schüttelte den Gedanken ab. Seine Nerven begannen ihm allmählich wirklich üble Streiche zu spielen. Was ja auch kein Wunder war. Er atmete noch einmal tief ein, nahm all seinen Mut zusammen und spurtete los.
Jeder einzelne Schritt war die Hölle. Glühende Messerklingen stachen in sein Knie und fraßen sich brutal bis in seinen Oberschenkel und die Hüfte hinauf. Anders wimmerte vor Schmerz. Tränen schossen ihm in die Augen und verschlechterten seine Sicht noch mehr, und schon nach den ersten Schritten rannte er nicht, sondern humpelte in einem taumelnden Zickzackkurs in die ungefähre Richtung, in der er Jannik vermutete. Er konnte nicht sagen, ob ihn einer der Suchscheinwerfer erfasste oder nicht oder wie lange es dauerte. Irgendwann griff plötzlich eine Hand nach ihm und riss ihn mit einem so harten Ruck herum, dass er fast in Janniks Arme fiel, als er sich hinter den Betonbrocken duckte. Wimmernd brach er vollends zusammen und schlang die Arme um sein schmerzendes Knie. Eine Armee winziger Ratten mit rot glühenden Zähnen fraß sich beharrlich weiter in seinem Bein nach oben.
»Was ist los?«, fragte Jannik. Trotz der an Panik grenzenden Sorge in seiner Stimme hatte er sie zu einem Flüstern gesenkt. Er beugte sich über ihn und streckte die Hände aus, wagte es aber dann nicht, ihn zu berühren.
»Mein Knie«, presste Anders zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Er hatte Mühe, nicht zu schluchzen. »Irgendetwas darin … ist kaputt.«
»Kannst du laufen?«, fragte Jannik.
Anders wälzte sich mühsam herum, stand mit dem rechten Bein auf und belastete dann vorsichtig das andere. Im ersten Moment fühlte es sich an, als würde es einfach zerbrechen, aber dann erlosch der Schmerz so übergangslos, als hätte ihn jemand abgeschaltet, und es blieb nur ein dumpfes, wummerndes Pochen zurück.
»Ich denke schon«, sagte er. Wenn ich vorsichtig bin und nichts wirklich Leichtsinniges tue, fügte er in Gedanken hinzu. Zum Beispiel gehen.
Jannik betrachtete ihn noch einen Moment lang mit unverhohlenem Zweifel, dann sah er kurz zu den tastenden Lichtfingern hoch und deutete schließlich auf das ausgeglühte Treppenskelett. Schon der bloße Gedanke, sich mit seinem verletzten Knie dort hinaufzuquälen, jagte Anders einen kalten Schauer über den Rücken, aber Jannik hatte natürlich Recht. Sie konnten nicht bleiben. Es grenzte ohnehin schon an ein Wunder, dass die Männer in den schwarzen Anzügen noch nicht hier waren.
Jannik wies ihn mit einer knappen Geste an, vorauszugehen. Die bleichen Lichtstrahlen schienen die Bewegung nachzuvollziehen und glitten zitternd die Metalltreppe hinauf, wie um ihn zu verhöhnen und ihm die Aussichtslosigkeit seines Vorhabens vor Augen zu führen. In dem kurzen Moment schattenloser Helligkeit sah Anders jedoch auch, dass die Treppe zwar in einem schlimmen Zustand, aber begehbar war. Das Geländer wirkte nicht so, als wäre es ratsam, es auch nur mit einem Bruchteil seines Körpergewichts zu belasten, und einige Stufen fehlten, doch es war zu schaffen. Die Treppe führte zu einer Art Galerie hinauf, die zum Großteil weggebrochen war, aber in dem Sekundenbruchteil, bevor der Lichtstrahl weiterwanderte und die Galerie wieder in vollkommener Schwärze versank, erkannte Anders die Umrisse mehrerer Türen, die dort oben tiefer in das Gebäude hineinführten.
Es ging los. Die Treppe ächzte hörbar unter seinem Gewicht, und als Jannik hinter ihm auf die Stufen trat, schien sie eine Sekunde lang zu wanken, als wolle sie kurzerhand zusammenbrechen. Anders verscheuchte die Bilder von einstürzenden Treppen und von Metallspießen durchbohrten Gliedmaßen, mit denen ihn seine Fantasie quälen wollte, und humpelte die verzogenen Stufen hinauf, so schnell er konnte.
Auf dem oberen Drittel wäre er fast gestürzt. Den fehlenden Stufen wich er müheloser aus, als er es selbst für möglich gehalten hätte, aber eines der ausgeglühten Gitterroste gab ohne Vorwarnung unter seinem Gewicht nach und donnerte mit einem gewaltigen Scheppern in die Tiefe. Hätte Anders es mit seinem gesunden Bein belastet, wäre er wahrscheinlich zusammen mit ihm hinuntergekracht. So jedoch gelang es ihm, einen hastigen Schritt auf die nächste Stufe hinaufzumachen und sich in Sicherheit zu bringen.
Leise zu sein war jetzt ohnehin sinnlos geworden. Anders stürmte rücksichtslos weiter, erreichte mit wenigen hastigen Schritten die Galerie und trat zur Seite um Jannik Platz zu machen. Ein bleicher Lichtstrahl glitt einen halben Meter an ihm vorbei, betastete neugierig das verbogene Metallgeländer der Galerie und erlosch wieder.
Jannik stürmte hinter ihm die Treppe herauf und steuerte anscheinend wahllos die erste Tür an. Sie war verschlossen. Jannik fluchte, rüttelte im Herumdrehen noch einmal vergeblich an der Klinke und wandte sich der nächsten Tür zu.
Diesmal hatte er mehr Glück. Er musste sich mit der Schulter dagegen stemmen und mit aller Kraft drücken, doch dann bewegte sich die verzogene Metallplatte mit einem Kreischen, das noch auf der anderen Seite des Platzes zu vernehmen sein musste. Jannik verzog das Gesicht, als wären es seine eigenen Gelenke, die er zerbrechen hörte, verstärkte seine Anstrengungen aber noch, bis er den Spalt genug erweitert hatte um sich hindurchzuquetschen.
Doch er setzte nur dazu an und erstarrte dann mitten in der Bewegung.
Unter ihnen wurden Schritte laut. Anders drehte sich erschrocken um und erstarrte dann ebenfalls, als er die drei in glänzende schwarze Overalls gehüllten Menschen erkannte, die die Halle betreten hatten. In dem stroboskopischen Lichtgewitter, das immer noch tobte, schienen sie nur manchmal Gestalt anzunehmen und immer wieder zu verschwinden, um ein Stück entfernt und in anderer Haltung wieder aufzutauchen, was sie noch unheimlicher und bizarrer erscheinen ließ.
Trotz des flackerndes Lichts konnte Anders sie nun besser erkennen als gerade draußen auf dem Platz. Sah man von ihren Waffen ab, die nicht nur wirkten wie aus der Requisitenkammer eines Science-Fiction-Films, sondern auch einen ebenso Grauen erregenden Effekt hatten, war ihr Anblick doch nicht ganz so fremdartig, wie es im ersten Moment den Anschein gehabt hatte. Die schwarzen Monturen, die jeden Quadratzentimeter ihres Körpers bedeckten, waren offensichtlich aus einem einzigen Stück gegossen, und aus der Nähe erkannte Anders jetzt, dass sie flache Tornister auf den Rücken trugen, die über dünne gerippte Schläuche mit ihren Helmen verbunden waren. Ihre Gesichter verbargen sich hinter verspiegelten Scheiben. Aber so unheimlich dieser Aufzug auch wirkte, war Anders doch klar, dass es sich um nichts Außergewöhnlicheres als simple ABC-Schutzanzüge handelte, wie sie die Feuerwehr oder auch das Militär benutzten.
Abgesehen von den Star-Trek-Waffen natürlich.
Er wollte sich umdrehen, fing aber im letzten Moment einen fast entsetzten Blick aus Janniks Augen auf und blieb vollkommen reglos stehen.
Die drei Gestalten begannen sich in der Halle zu verteilen, wobei sie sich langsam um sich selbst drehten und ihre Waffen beständig von links nach rechts und wieder zurück schwenkten. Sie suchten nach ihnen, und Anders hatte das sichere Gefühl, dass sie nicht auf das Licht der Suchscheinwerfer angewiesen waren, um die Dunkelheit zu durchdringen.
Jannik wartete zur sprichwörtlichen Salzsäule erstarrt, bis alle drei in eine andere Richtung sahen, dann huschte er mit einer blitzartigen Bewegung durch den Türspalt und Anders folgte ihm. Kaum war er durch die Tür, riss Jannik ihn zur Seite und atmete hörbar auf.
»Bewegungssensoren«, flüsterte er. »Aber ich glaube, sie haben uns nicht bemerkt.«
Ein grellblauer Lichtblitz stanzte ein faustgroßes Loch in die Metalltür zwischen Jannik und Anders, raste den Gang hinab und zertrümmerte praktisch im gleichen Sekundenbruchteil die Rückwand.
Jannik fluchte, ergriff Anders am Handgelenk und stürmte los. Hinter ihnen rammte ein zweiter Lichtblitz die Tür endgültig aus den Angeln und zerschmetterte einen Teil der Decke. Im Widerschein der herabregnenden Funken sah Anders, dass sie sich in einem schmalen Gang befanden, von dem zahlreiche Türen abzweigten. Jannik stürmte wahllos auf die nächste davon zu, machte im letzten Moment kehrt und rannte weiter, wobei er Anders ohne die geringste Rücksicht auf sein verletztes Knie hinter sich herzerrte.
Er wiederholte dieses scheinbar sinnlose Manöver noch drei- oder viermal, bis endlich eine der Türen seine Gnade fand und er hindurchstürmte. Erst jetzt wurde Anders klar, warum: Hinter der Tür lag eine Treppe, die sowohl nach oben als auch nach unten führte. Jannik stürmte die nach oben führenden Stufen hinauf, hielt auf dem ersten Absatz an und versetzte Anders einen Stoß, der ihn noch zwei, drei Stufen weiterstolpern ließ, bevor er ungeschickt auf ein Knie herabfiel – selbstverständlich auf das verletzte.
Rote Blitze aus Schmerz explodierten vor Anders’ Augen. Während er sich hastig zur Seite rollte, um sein Knie zu entlasten, fiel Jannik ebenfalls auf ein Knie herab und riss gleichzeitig die Pistole aus dem Hosenbund. Unter ihm zerbarst die Tür in einem flackernden blauen Lichtgewitter und eine Gestalt in einem schwarzen ABC-Anzug stürmte hindurch.
Jannik und der Angreifer schossen gleichzeitig. Der Lichtblitz verfehlte Jannik um Haaresbreite und schlug ein metergroßes Loch in die brüchige Ziegelsteinmauer hinter ihm; doch noch während er sich unter dem Hagel von Trümmerbrocken und Staub duckte, traf seine eigene Kugel den Mann in die Brust und schleuderte ihn zurück.
Jannik wartete nicht ab, was weiter geschehen würde, sondern sprang hastig auf und riss auch Anders in die Höhe. So schnell es sein geprelltes Knie zuließ, stolperten sie weiter.
In dem blassen Licht, das durch das gewaltsam geschaffene Loch in der Mauer hereinströmte, konnte er das Treppenhaus ein wenig genauer erkennen. Die Wände bestanden aus dem obligaten Ziegelstein, der auch hier fast überall brandgeschwärzt war, und es gab zahllose rechteckige Öffnungen, aus denen abgerissene Leitungen und zerschmolzene Kabelenden ragten. Auch die Lampen, die einmal unter der Decke gehangen hatten, waren verschwunden, aber hier und da entdeckte er an ihrer Stelle geschmolzenes Glas, das sich in die Decke eingebrannt hatte. Anders beschlich plötzlich das unheimliche Gefühl, zu wissen, was hier passiert war. Doch er gestattete auch diesem Gedanken nicht, Gestalt anzunehmen.
Die Treppe führte weiter in die Höhe, aber Jannik stürmte durch die Tür, die es auf dem nächsten Absatz gab, schob Anders – diesmal sehr viel sanfter – ein Stück zur Seite und ging dann wieder in Combat-Stellung, die Pistole mit beiden Händen auf den Treppenabsatz unter sich gerichtet. Während er darauf wartete, dass ein weiterer Verfolger auftauchte, sah sich Anders mit klopfendem Herzen um. Sie befanden sich nicht in einem weiteren Gang, sondern in einer weitläufigen Halle, die fast das gesamte Stockwerk einzunehmen schien. Die gegenüberliegende Wand war einmal ein großes Fabrikfenster gewesen, aber sämtliches Glas war verschwunden, sodass es nur noch ein asymmetrisches Gitter aus ausgeglühten Metallstreben gab, durch das blassgraues Licht hereinströmte.
Der größte Teil der Halle war leer; nur ganz auf der anderen Seite ragten die zusammengestauchten Reste großer Metallregale in die Höhe, die nichts mehr enthielten als eine Schicht aus verbranntem Lack und Staub. Ein Stück davon entfernt erhob sich eine Konstruktion, die sich in einem etwas besseren Zustand zu befinden schien: eine rechteckige Plattform, die auf vier schlanken Pfeilern stand. Ihr Zweck war Anders nicht völlig klar, doch er schenkte ihr auch keine wirkliche Beachtung, sondern warf einen unsicheren Blick zu Jannik hin, der noch immer auf ein Knie gestützt dahockte und auf ein Ziel wartete, das wahrscheinlich nicht mehr kommen würde. Dann wandte er sich um und durchquerte humpelnd die Halle um ans Fenster zu treten.
Draußen war es nicht wirklich hell geworden, aber der Gewittersturm hatte sich endgültig verzogen, und in der dunkelgrauen Dämmerung, die er zurückgelassen hatte, konnte er gleich mehrere Straßenzüge der verbrannten Stadt überschauen, ehe sein Blick von einem höheren Gebäude aufgehalten wurde. Was er sah, machte aus seinem schrecklichen Verdacht keine Gewissheit – das war er längst –, machte es ihm aber unmöglich, sie weiter zu verleugnen.
Die Häuser, auf die er hinabblickte, waren ausnahmslos zu schwarzen, ausgehöhlten Skeletten verkohlt. Es gab kein Fenster mehr, in dem sich noch Glas befunden hätte, und die wenigen Türen, die er entdeckte, schienen allesamt aus Metall zu sein. Die Straßen waren mit Schutt und Trümmerbergen übersät, und wenn man genau hinsah, konnte man fast so etwas wie eine symmetrische Verteilung darin entdecken, ein Muster, das sich auch in den Häusern fortsetzte. Die gesamte Stadt sah aus, als wäre sie um eine Winzigkeit nach links gerückt worden; nicht weit genug, um die Gebäude vollends zum Einsturz zu bringen, aber doch zu weit, um die Störung der strengen geometrischen Linien zu übersehen. Er hörte Janniks Schritte hinter sich, wandte sich aber nicht zu ihm um, sondern sah weiter aus fast blicklosen Augen auf die Szenerie unvorstellbarer Verheerung hinab, die sich unter ihm ausbreitete.
»Du solltest vom Fenster weggehen«, sagte Jannik. »Wenn sie dich von der Straße aus sehen …«
»Was ist hier passiert?«, flüsterte Anders. Diese wenigen Worte auszusprechen kostete ihn fast seine ganze Kraft. In seinem Hals war plötzlich ein bitterer, harter Kloß, der sich einfach nicht hinunterschlucken ließ, ganz gleich wie oft er es auch versuchte.
»Ich glaube, das weißt du schon«, antwortete Jannik leise.
»Und?« Anders lachte bitter. »Hat es überhaupt noch Sinn, wegzulaufen, oder sind wir schon verstrahlt?«
»Nein«, erwiderte Jannik. »Keine Angst. Es waren saubere Bomben.«
Anders starrte noch einen Atemzug lang in die Tiefe, dann fuhr er plötzlich herum und schrie Jannik an: »Was ist hier passiert?«
»Nicht das, was du glaubst«, meinte Jannik leise. »Jedenfalls nicht aus dem Grund, den du dir vermutlich vorstellst.«
»Ich will eine Antwort und keine Sprüche aus einem chinesischen Glückkeks!«, zischte Anders. »Was ist hier passiert? Wer hat das getan? Und warum?«
»Ich kann es dir nicht sagen, Anders. Ich darf es nicht und ich will es auch nicht. Du hättest das alles hier niemals sehen sollen. Und jetzt sollten wir gehen. Ich habe ihnen einen ziemlichen Schrecken eingejagt, aber der wird bestimmt nicht lange anhalten. Sie kommen wieder.«
Anders schüttelte heftig den Kopf. »Ich rühre mich erst von der Stelle, wenn du mir gesagt hast, was hier passiert ist.«
»Dann töten sie dich«, antwortete Jannik ernst. »Und mich. Willst du das?«
Der zweite Teil seiner Frage war glatte Erpressung und Jannik wusste das – aber sie funktionierte. Anders sah ihn noch eine Sekunde lang trotzig an, doch dann wandte er sich gehorsam endgültig vom Fenster ab und folgte Jannik, der mit schnellen Schritten das gegenüberliegende Ende der Halle ansteuerte.
»Wir müssen aus diesem Gebäude raus«, warnte Jannik. »Wenn ihnen klar wird, dass sie uns nicht fangen können, sprengen sie es vermutlich einfach in die Luft.«
Anders zweifelte nicht daran, dass die Männer in den schwarzen ABC-Anzügen gerade in diesem Moment dabei waren, genau das vorzubereiten. Alles andere wäre ziemlich dumm gewesen. Ihr Verhalten ließ keine Zweifel daran, dass sie nicht die Absicht hatten, Jannik und ihn lebend einzufangen, und Jannik hatte ihnen gerade auf recht drastische Weise demonstriert, wie hoch der Preis werden konnte, ihrer auf klassische Weise habhaft zu werden. Warum sollten sie das Risiko eingehen, einen weiteren Mann zu verlieren? Jannik hatte Recht.
Trotzdem verlangsamte er seine Schritte, als sie sich der sonderbaren Plattform näherten, und blieb schließlich ganz stehen. Irgendetwas an dieser stelzbeinigen Konstruktion erweckte seine Aufmerksamkeit, vielleicht beunruhigte sie ihn auch. Dabei war bei näherer Betrachtung eigentlich nichts Außergewöhnliches daran. Es handelte sich um eine vielleicht zwei mal zwei Meter messende Plattform, die offensichtlich aus Teilen unterschiedlicher Herkunft, die nicht so recht zueinander passen wollten, grob zusammengefügt worden war. Die Beine waren zwar gleich hoch, jedoch von unterschiedlicher Stärke und Gestalt. Eine bizarr verformte Skulptur, die nur noch vage Ähnlichkeit mit der simplen Haushaltsleiter hatte, die sie einmal gewesen war, führte die zwei Meter zur Plattform hinauf.
Und plötzlich wurde Anders klar, was Jannik an diesem seltsamen Riesentisch so beunruhigt hatte, dass er trotz seiner eigenen Warnung, sich zu beeilen, stehen geblieben war um ihn eingehend zu betrachten. Die sonderbare Konstruktion war nicht nur mit wenig Gefühl für Ästhetik, sondern auch äußerst primitiv zusammengeschustert. Es gab keine Schweißnähte oder Schrauben. Sämtliche Verbindungen waren entweder gesteckt oder irgendwie verkeilt oder grob mit Draht zusammengebunden. Das Ganze sah aus, als wäre es von einem Kind mit wenig Geschick und keinerlei Erfahrung, dafür aber umso größerer Begeisterung zusammengebastelt worden. Es passte nicht hierher. Wer immer es gebaut hatte, hatte es getan, nachdem die Katastrophe jegliches Leben aus dieser Stadt herausgebrannt hatte. Während dieser Gedanke Anders nur irritierte, schien der Riesentisch Jannik deutlich mehr als nur zu beunruhigen.
Er trat wieder einen Schritt zurück und legte den Kopf in den Nacken um zur Plattform hinaufzusehen, dann musterte er kurz und nachdenklich die verformte Aluminiumleiter, als überlege er, ob sie stabil genug war sein Gewicht zu tragen. Anders fand den Gedanken, dass er dort hinaufsteigen könnte, äußerst beunruhigend.
Jannik stieg jedoch nicht die Leiter hinauf, sondern ließ sich stattdessen in die Hocke sinken. Anders sah erst jetzt, dass die Leiter – ebenso wie die Beine des Riesentisches – nicht direkt auf dem Betonboden der Halle stand, sondern in einer verbeulten Zinkwanne, die ein paar Finger hoch mit einer klaren Flüssigkeit gefüllt war. Ein scharfer Geruch ging davon aus, der Anders vage bekannt vorkam, ohne dass er ihn gleich einordnen konnte. Jannik tauchte behutsam einen Finger in die Flüssigkeit und roch dann daran.
»Benzin?«, fragte Anders.
Jannik schüttelte den Kopf und stand auf. »Petroleum«, antwortete er. »Ungefähr wenigstens.« Er trat zwei weitere Schritte zurück und legte abermals den Kopf in den Nacken, um die bizarre Konstruktion noch einmal und sehr viel aufmerksamer zu mustern. Aus der Sorge in seinem Gesicht wurde etwas anderes.
»Was ist daran so schlimm?«, fragte Anders geradeheraus.
Jannik versuchte nicht zu leugnen. »Es dürfte nicht hier sein«, murmelte er.
Ein plötzlicher Windzug fuhr durch das glaslose Fenster herein. Anders hob den Blick und auch Jannik fuhr wie von der Tarantel gestochen herum, aber es war zu spät.
Ein fliegender schwarzer Hai war vor dem Fenster aufgetaucht, und genau in dem Moment, in dem Jannik herumwirbelte, schaltete der Pilot die beiden riesigen Scheinwerfer ein. Das Licht war so unerträglich gleißend, dass Anders mit einem Schrei die Arme vors Gesicht riss.
Der Helikopter feuerte. Die beiden grellblauen Lichtblitze – keine bleistiftdünnen, eleganten Geschosse wie die, die die Männer in den schwarzen Anzügen abfeuerten, sondern armdicke, brüllende Ungetüme aus purer Zerstörungskraft, die rot glühende Bahnen ionisierter Luft hinter sich her zogen – verfehlten ihr Ziel und ließen die Wand hinter ihnen fast auf voller Länge in Flammen aufgehen. Dabei wurde jedoch eines der Beine der Plattform gekappt, und das war genug, um die gesamte Konstruktion zum Zusammenbrechen zu bringen. Gleichzeitig fielen Tropfen rot glühenden Metalls in die mit Petroleum gefüllte Wanne und setzten sie mit einem gewaltigen Krachen in Brand. Das alles dauerte nicht einmal den Bruchteil einer Sekunde, aber es gab Jannik die Gelegenheit, ihm ein weiteres Mal das Leben zu retten.
Noch während die Plattform knirschend zur Seite kippte und sich noch auf ihrem Weg nach unten in ihre Einzelteile aufzulösen begann, riss Jannik ihn herum und rannte im Zickzack los. Zu Anders’ maßlosem Entsetzen steuerte er direkt auf die lichterloh brennende Wand zu.
Der Helikopter schwenkte träge herum. Der Pilot hatte die Scheinwerfer ausgeschaltet, vermutlich um sich nicht selbst unnötig zu blenden, aber er verfügte zweifellos über andere Möglichkeiten, sein Ziel zu erfassen.
Trotzdem gingen auch die beiden nächsten Schüsse fehl. Die Walze aus entfesselter Energie ließ den Großteil der Metallregale in einem Regen aus glühendem Schrott zusammenbrechen, und was danach an Zerstörungskraft noch übrig war, reichte aus, um die brennende Wand vor ihnen endgültig einstürzen zu lassen.
Jannik schlug einen Haken, zerrte ihn weiter rücksichtslos mit sich und wechselte dann abermals die Richtung, um die Tür wieder anzusteuern, durch die sie hereingekommen waren. Anders drehte im Laufen den Kopf. Die komplette linke Seite der Halle stand in Flammen. Der Zusammenbruch der Mauer musste die Statik des gesamten Gebäudes nachhaltig beeinträchtigt haben, denn ein Teil der Decke hatte sich herabgesenkt und Anders glaubte zu spüren, wie sich der Fußboden unter ihnen so träge bewegte wie eine gigantische Eisscholle, die allmählich in eine andere Strömung geriet. Der Helikopter hatte sich wieder ein kleines Stück vom Fenster entfernt und war gleichzeitig weiter herumgeschwenkt, um in eine bessere Schussposition zu gelangen. Aber der Pilot feuerte nicht.
»Wieso schießen sie nicht?«, schrie Anders.
Jannik stürmte vor ihm durch die Tür, und der Hagel nadeldünner blauer Blitze, der ihnen aus der Tiefe entgegenschlug, beantwortete Anders’ Frage. Jannik feuerte ohne zu zögern zurück. Diesmal verfehlte er sein Ziel, aber die dunkel gekleidete Gestalt am unteren Ende der Treppe zog sich hastig zurück, und Jannik stürmte die Treppe weiter hinauf und zerrte ihn wieder hinter sich her. Einen Moment später verwandelte eine ganze Salve blauer Blitze die Tür, durch die sie gerade gekommen waren, in glühenden Schrott.
Sie erreichten den nächsten Absatz, aber die Tür war verschlossen und ihre Verfolger ließen ihnen keine Zeit, sie gewaltsam zu öffnen. Ein Schauer blauer Blitze hämmerte Löcher in die Wände des Treppenhauses, die in Sprüngen näher kamen. Ihre Verfolger hüteten sich in Janniks Schussfeld zu geraten, aber das hatten sie mit ihren überlegenen Waffen auch gar nicht nötig. Anders schätzte, dass sie mindestens zu dritt waren, und sie feuerten, was ihre Waffen hergaben. Früher oder später mussten sie Jannik oder ihn einfach durch Zufall treffen, falls das gesamte Gebäude nicht vorher zusammenbrach und sie unter sich begrub.
»Sie treiben uns aufs Dach!«, keuchte Jannik.
Und damit hatte er vermutlich Recht. Über ihnen lag jetzt nur noch ein Treppenabsatz. Wenn diese Tür ebenfalls verschlossen war, blieb ihnen nur noch das Dach, wo garantiert schon der Hubschrauber auf sie wartete.
Die Tür war verschlossen. Diesmal war das Schicksal gegen sie. Ihnen blieb keine andere Wahl, als weiter nach oben zu rennen und schließlich auf das Dach hinauszustürmen. Anders’ allerschlimmste Befürchtungen bewahrheiteten sich nicht; über ihnen schwebte kein stählerner Hai, um seinen brennenden Atem nach ihnen zu schleudern, und es gab auch keine Männer in schwarzen ABC-Anzügen.
Dennoch war das Dach eine Sackgasse. Das Gebäude stand allein und es gab keinen anderen Weg vom Dach hinunter. Auf der gegenüberliegenden Seite ragte ein kleiner Wald von Lüftungsschächten und kugelförmigen Ventilatoren in die Höhe, die wie durch ein Wunder nahezu unbeschädigt geblieben waren, aber das Dach des benachbarten Gebäudes war mindestens zwanzig Meter entfernt. Sie saßen in der Falle. Und als wäre das alles noch nicht genug, leckten orangerote Flammen hinter ihnen über die Dachkante, und Anders war jetzt sicher, ein noch leichtes, aber Unheil verkündendes Vibrieren unter den Füßen zu spüren.
Jannik deutete zur anderen Dachseite. »Komm! Vielleicht gibt es eine Feuerleiter!«
Sie eilten los. Anders rechnete jeden Augenblick damit, die Tür hinter sich auffliegen zu hören, falls der kleine Dachaufbau nicht gleich in einer feurigen Wolke auseinander barst, um Männer in schwarzen Gummianzügen und mit furchtbaren Waffen zu erbrechen.
Nichts davon geschah. Sie näherten sich unbehelligt der Dachkante und Anders’ Herz machte einen ungläubigen Sprung in der Brust, als er das Ende der altmodischen eisernen Feuerleiter sah, das unmittelbar vor ihnen über die kaum kniehohe Brüstung ragte. Er griff schneller aus, und als sie noch zwei Schritte von der Leiter entfernt waren, tauchte ein schwarzer Koloss mit glühenden Augen aus der Tiefe auf. Ein Geräusch wie Schwertklingen, die durch die Luft schnitten, erscholl, und ein eisiger Sturmwind peitschte ihnen in die Gesichter.
Jannik schrie auf, riss seine Pistole in die Höhe und gab rasch hintereinander drei Schüsse ab. Die Kugeln prallten Funken sprühend vom Panzerglas der Pilotenkanzel ab und heulten als Querschläger davon, und der Helikopter glitt nahezu lautlos ein Stück rückwärts durch die Luft und schwenkte um eine Winzigkeit herum. Dann feuerte er. Die Pistole verschwand zusammen mit Janniks linker Hand und dem größten Teil seines Unterarmes und auf der anderen Seite des Platzes ging ein kleineres Gebäude in Flammen auf.
5
Jannik gab keinen Laut von sich. Eine geschlagene Sekunde lang stand er einfach reglos da, dann hob er langsam den Arm und betrachtete scheinbar vollkommen ungläubig den rauchenden Stumpf, der sich dicht unter dem Ellbogen befand. Er machte einen taumelnden Schritt, drehte sich halb um seine Achse und kippte dann lautlos über die Brüstung in die Tiefe.
Anders stand da wie gelähmt. Er empfand … nichts. Keinen Schrecken, keinen Schock, nicht einmal Schmerz oder Furcht. Er hatte gesehen, was passiert war, und ein Teil seines Verstandes machte ihm mit gnadenloser Sicherheit klar, dass Jannik tot war – aber irgendwie drang diese Erkenntnis nicht wirklich in sein Bewusstsein vor. Jannik war tot und nun würde auch er sterben; aber das alles schien plötzlich keine Rolle mehr zu spielen, als wäre es etwas, das gar nicht ihn selbst betraf, sondern jemanden, dessen Schicksal er aus sicherer Entfernung verfolgte.
Ganz langsam hob er den Kopf und sah den Helikopter an. Die gewaltige Maschine war wieder näher gekommen und der an ein Haifischmaul erinnernde Bug schwenkte genau in diesem Moment wieder herum, als der Pilot eine letzte winzige Korrektur vornahm, um ihn in eine perfekte Schussposition zu zwingen.
Anders war dem Helikopter jetzt nahe genug, um die beiden Piloten in der nur matt erleuchteten Kabine zu erkennen. Er konnte sehen, wie der Pilot die Hand ausstreckte, und wappnete sich gegen den schrecklichen, aber sicher kurzen Schmerz, mit dem ihn der blaue Lichtblitz treffen würde. Doch in diesem Moment geschah etwas sehr Sonderbares: Der zweite Mann in der Kanzel machte eine rasche Bewegung, mit der er den Piloten zurückhielt, dann deutete er mit der anderen Hand auf Anders. Auch diese beiden trugen schwarze ABC-Anzüge mit verspiegelten Helmscheiben, aber Anders glaubte ihre durchdringenden Blicke fast körperlich zu spüren.
Plötzlich kippte der Helikopter lautlos zur Seite und verschwand.
Eine Sekunde später geschah zweierlei: Die Tür des Dachaufbaus flog mit einem Knall aus den Angeln und die Lähmung fiel endlich von Anders ab. Mit fürchterlicher Gewalt begriff er, was gerade geschehen war, dass sie Jannik vor seinen Augen umgebracht hatten, und der Schmerz sprang ihn warnungslos an und grub sich mit glühenden Klauen in seine Seele. Aber er sah auch zugleich die drei schwarz vermummten Gestalten durch die aufgebrochene Tür stürmen und in seine Richtung rennen, und sein Überlebensinstinkt erwies sich zumindest in diesem Moment stärker als Wut und Trauer. Er fuhr auf dem Absatz herum und rannte davon, so schnell er konnte.
Die Auswahl an Verstecken war nicht sonderlich groß. Ein gutes Viertel des Daches wurde bereits von Flammen gesäumt. Anders konnte zwar nicht mehr sagen, ob der Boden unter seinen Füßen tatsächlich noch vibrierte, dafür aber spürte er umso deutlicher, dass er heiß wurde. Das gesamte Gebäude würde ein Raub der Flammen werden, und das wahrscheinlich innerhalb weniger Minuten.
Ein blauer Blitz raste an ihm vorbei und ließ einen Teil der Brüstung verdampfen. Anders schlug einen schnellen Haken nach links und steuerte den Wald aus Lüftungsschächten und Ventilatoren an, ein mehr als erbärmliches Versteck – streng genommen gar keines –, aber das einzige, das sich ihm anbot. Zumindest würde es für seine Verfolger ein bisschen schwerer werden, ihn zu treffen, und vielleicht gab es dort drüben ja eine zweite Feuerleiter, die in die Tiefe führte.
Zwei weitere blaue Blitze schlugen präzise je einen Meter rechts und links von ihm in den Boden, und Anders’ vorsichtige Erleichterung wich dumpfer Wut. Vielleicht war das Wunder, dem er seine Rettung verdankte, doch nicht ganz so groß und von weitaus bösartigerer Natur, als er bisher angenommen hatte. Möglicherweise wollten die Kerle einfach noch ein bisschen mit ihm spielen, um sich für den Tod ihres Kameraden zu rächen.
Er rannte trotzdem schneller, humpelte im Zickzack zwischen den Ventilationsschächten umher und verzog das Gesicht, als eines der Metallrohre in einem blauen Blitz auseinander flog und geschmolzenes Metall auf ihn herabregnete. Einen Moment später erreichte er die Brüstung und hätte vor Enttäuschung beinahe laut aufgeschrien. Es gab eine zweite Feuerleiter, aber sie bestand nur noch aus drei Sprossen, die im Nichts endeten.
Verzweifelt drehte Anders sich um und hielt nach irgendeinem anderen Fluchtweg Ausschau. Es gab keinen. Die drei Männer waren vielleicht noch zwanzig Schritte von ihm entfernt und kamen langsam näher. Sie hatten nicht nur aufgehört zu schießen, sondern ihre Waffen auch gesenkt; einer hatte sein Gewehr sogar über die Schulter gehängt. Wahrscheinlich, dachte Anders, hatten sie vor, ihn einfach über das Dach zu stoßen; oder ihm die Beine zu brechen, damit er sich nicht mehr bewegen konnte und bei lebendigem Leib verbrannte.
Etwas klapperte. Kaum einen Meter neben ihm fiel der Verschluss einer Lüftungsklappe zu Boden und in der quadratischen Öffnung dahinter erschien eine schmale Hand, die ihm hektisch zuwinkte.
Anders überlegte nicht mehr – dafür blieb ihm keine Zeit –, er handelte. Mit einem einzigen Schritt war er bei der Klappe und zwängte sich hindurch. Etwas bewegte sich vor ihm in der Dunkelheit und er hörte eine Folge polternder Laute, die sich als leiser werdendes Echo in der Tiefe fortsetzten. Aber er hörte auch noch andere Geräusche: Stampfende, schwere Schritte, die plötzlich sehr schnell näher kamen.
Er schob auch noch die letzten Zweifel beiseite und kroch auf Händen und Knien hinter dem Schatten her, der ihn in den Schacht gelockt hatte. Es war fast vollkommen dunkel hier drin, sodass er nur ein Huschen vor sich wahrnahm; doch wer immer es war, er bewegte sich mit erstaunlicher Schnelligkeit und Geschick. Selbst ohne sein verletztes Knie hätte Anders keine Chance gehabt, ihn einzuholen.
Hinter ihm erklang das Kreischen von Metall, das mit brutaler Gewalt auseinander gerissen wurde. Anders hielt nicht im Kriechen inne, sondern versuchte im Gegenteil noch mehr Tempo zu machen, drehte aber den Kopf und erkannte entsetzt, dass die Verfolger bereits da waren. Einer der Männer hatte das Ende des Luftschachtes auseinander gezerrt und starrte zu ihm herein. Das war jetzt wohl unwiderruflich das Ende. Der Schacht war entschieden zu klein, als dass der Mann in seinem klobigen Schutzanzug ihm folgen konnte, aber er war auch zu klein, um ihn zu verfehlen. Er musste nur seine Waffe heben und in seine ungefähre Richtung zielen und konnte gar nicht danebenschießen.
Doch er tat es auch diesmal nicht. Er stand einfach nur da und starrte Anders durch seine verspiegelte Helmscheibe an.
Anders wandte sich wieder nach vorne. Sein Führer war plötzlich verschwunden, und noch bevor er auch nur Gelegenheit fand, wirklich zu erschrecken, galt dasselbe auch für den Boden unter seinen Händen. Anders keuchte vor Schrecken und griff blindlings Halt suchend um sich, doch es war zu spät. Er kippte nach vorne und schlitterte kopfüber in die Tiefe.
Gottlob knickte der Gang nicht senkrecht ab und die rasende Schlitterpartie dauerte auch nicht lange. Anders vollführte eine unfreiwillige Achterbahnfahrt und schlug sechs oder sieben Meter tiefer auf; mit einem Dröhnen, als wollte das gesamte Gebäude rings um ihn herum zusammenbrechen, aber ohne sich wirklich wehzutun. Er blieb einen Moment benommen liegen, dann richtete er sich mit einem Ruck auf und schlug sich prompt den Kopf an der niedrigen Decke des Lüftungsschachts an.
Ein leises Lachen erscholl. Anders blinzelte, richtete sich ein zweites Mal und entsprechend vorsichtiger auf und wandte den Kopf in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Es war fast vollkommen dunkel hier drinnen, sodass er auch jetzt nur einen Schatten sah, aber die Stimme hatte sehr hell geklungen; und sehr jung.
»Hast du dir wehgetan?«
»Nicht besonders«, antwortete Anders. »Wer bist du?«
»Später.« Der Schatten bewegte sich raschelnd. »Komm jetzt. Wir müssen weg.«
Seine erste Einschätzung schien richtig gewesen zu sein. Die Stimme eines Kindes, vielleicht auch eines Jugendlichen, der nur unwesentlich jünger war als er selbst.
Auf jeden Fall die Stimme von jemanden, der Recht hatte. Sie mussten weg hier, und das so schnell wie möglich. Die Luft roch verbrannt und es war spürbar wärmer hier drinnen, als es sein sollte. Das Haus brannte. Und da waren immer noch seine Verfolger. Auch wenn sie ihm nicht hierher gefolgt waren, konnten sie ihn und diese ganze Bruchbude mit dem Hubschrauber in Stücke schießen, wann immer sie wollten.
»Pass auf!«, erscholl die Stimme seines Retters vor ihm. »Es geht wieder nach unten.«
Die Warnung machte es nicht viel besser. Er erschrak nicht mehr, aber die Rutschpartie wurde kein bisschen weniger unangenehm und sie dauerte auch deutlich länger als die erste. Der Aufprall war entsprechend härter und das lang nachhallende Scheppern und Dröhnen musste im ganzen Gebäude zu hören sein.
Anders richtete sich hastig auf und sah etwas, das ihn nun wirklich erschreckte: Die Dunkelheit war einem unheimlichen düsterroten Licht gewichen, das vom unteren Ende des Schachtes kam. Es war noch wärmer geworden.
»Das Haus brennt«, sagte er. »Kommen wir da durch?«
»Dort oder überhaupt nicht«, antwortete sein Retter. »Und wenn wir noch lange warten, ganz bestimmt nicht. Kannst du noch weiter?«
Anders nickte. Er konnte sein Gegenüber immer noch nicht richtig erkennen, nur dass es sehr schlank und klein zu sein schien; und sehr blass. Ohne eine weitere Antwort abzuwarten, wandte die Gestalt sich um und kroch erstaunlich flink weiter. Der Gang führte ungefähr fünfzehn oder zwanzig Meter geradeaus und ging dann wieder in eine jähe Schräge über, und als Anders anhielt und in die Tiefe blickte, stockte ihm der Atem.
Unter ihnen tobte die Hölle. Ein Teil der Seitenwand war weggerissen und roter Feuerschein und Flammen züngelten in den Schacht hinein. Anders konnte nicht sagen, ob das Metall dort unten wirklich glühte oder es nur der rote Widerschein der Flammen war, den er sah. Die Hitze berührte sein Gesicht wie eine warme, unangenehm trockene Hand, und der Brandgeruch war so stark geworden, er hatte fast Mühe, zu atmen.
»Los jetzt!«
Anders fiel zu spät ein, dass das Licht ihm auch die Gelegenheit bieten konnte, sich seinen geheimnisvollen Retter genauer anzusehen. Dieser zögerte nur einen Sekundenbruchteil, bevor er sich abstieß und mit schützend vor das Gesicht geschlagenen Händen geradewegs in die Flammen hinabschlitterte. Anders bekam nur einen flüchtigen Eindruck von zerschlissenen braunen Stoffhosen, nackten Füßen und wehendem langem Haar von undefinierbarer Farbe, dann raffte auch er all seinen Mut zusammen und stieß sich ebenfalls ab.
Es dauerte nur Sekunden, aber es war die Hölle. Anders schloss die Augen und hielt instinktiv den Atem an und er folgte im buchstäblich allerletzten Moment dem Beispiel seines Retters und riss die Hände vors Gesicht.
Er hatte das Gefühl, über eine glühende Herdplatte zu rutschen. Es war eindeutig nicht nur der Widerschein der Flammen gewesen, den er gesehen hatte. Trotz der schützend vor das Gesicht geschlagenen Hände glaubte er zu fühlen, wie ihm die Flammen das Fleisch vom Gesicht saugten; und er schrie nur deshalb nicht vor Schmerz und Angst auf, weil er fürchtete, dass die glühende Luft seine Lungen versengen würde.
Endlich war es vorbei. Er prallte – diesmal mit grausamer Wucht – auf, schlitterte noch fünf oder sechs Meter weiter und spürte die Gefahr instinktiv. Ohne genau zu wissen warum, riss er die Arme in die Höhe und hielt sich an dem Erstbesten fest, was er zu fassen bekam. Einen Sekundenbruchteil später pendelten seine Beine frei über einem Abgrund, der ebenso gut einen, aber auch hundert Meter tief sein konnte.
Ein brutaler Ruck ging durch seine Handgelenke und setzte sich als Welle kleiner, rasend schnell aufeinander folgender Schmerzexplosionen bis in seine Schultern fort. Anders keuchte, klammerte sich aber trotzdem mit verzweifelter Kraft fest und strampelte vollkommen sinnlos mit den Beinen, als würde er Wasser treten.
»Spring!«, drang eine Stimme von unten zu ihm empor. »Lass los! Es ist nicht tief!«
Anders war so in Panik, dass er es nicht einmal wagte, nach unten zu sehen, aber er hatte auch gar keine andere Wahl, als dem Rat seines Retters zu folgen. Seine Kraft reichte nicht mehr, ihn zu halten. Er sprang.
Nicht tief bedeutete in diesem Fall einen Sprung von guten vier oder fünf Metern. Er prallte auf und rollte sich ganz instinktiv über die Schulter ab. Es gelang ihm nicht annähernd so gut, wie er gehofft hatte, und sein Sturz wurde ziemlich unsanft von etwas ebenso Hartem wie Scharfkantigem gebremst. Er blieb einen Moment lang liegen, wartete vergeblich darauf, dass das Pochen in seinem Knie nachließ, und sah ein schmales, von strähnigem Haar eingerahmtes Gesicht über sich, als er die Augen öffnete.
»Alles in Ordnung?«
»Nein«, stöhnte Anders. »Aber ich lebe immerhin noch. Danke.«
Vorsichtig stemmte er sich hoch und sah sich um. Es war beinahe schon grotesk: Sie waren wieder in der Halle, in der Janniks und seine Flucht begonnen hatte. Direkt über ihm – mindestens fünf oder sechs Meter über ihm! – zog sich ein zerborstener Luftschacht aus ausgeglühtem Metall unter der Decke entlang. Nicht tief? Es war ein Wunder, dass er sich beim Sturz aus dieser Höhe nicht alle Knochen im Leib gebrochen hatte!
Anders erlebte ein zweites Wunder, als er aufzustehen versuchte. Es ging. Sein Bein tat weh und er konnte nicht gerade stehen, sondern war zu einer absurd schrägen Haltung gezwungen wie ein alter Seemann, der sich ein Leben lang gegen den Wind gestemmt hatte, der immer aus derselben Richtung kam. Aber er konnte stehen, und wenn er es nicht übertrieb, wahrscheinlich sogar laufen.
Zum ersten Mal konnte er seinen Retter nun genauer erkennen. In mindestens einem Punkt hatte er sich getäuscht: Es war kein Retter, sondern eine Retter in; ein dunkelhaariges Mädchen, das ungefähr in seinem Alter, aber einen guten Kopf kleiner war als er und bestimmt hübsch gewesen wäre, hätte es zwanzig Kilo mehr gewogen; oder auch dreißig. Ihre eingefallenen Wangen, die tief in den Höhlen liegenden Augen und ihre knochigen Hände jedoch zerstörten diesen Eindruck gründlich. Das Mädchen war halb verhungert, und seine schmutzstarrende Kleidung, die fast nur aus Lumpen zu bestehen schien, unterstrich diesen Eindruck noch. Anders schluckte jedoch alles hinunter, was ihm dazu auf der Zunge lag, und zwang sich zu einem verunglückten Lächeln.
»Mein Name ist Anders«, sagte er. »Ich schätze, du hast mir das Leben gerettet. Danke.«
»Katt«, sagte das Mädchen.
»Katt?« Anders blinzelte verständnislos.
»Mein Name«, erklärte sie. »Ich heiße Katt. Und wenn du noch ein bisschen länger am Leben bleiben willst, dann sollten wir von hier verschwinden.«
Ein seltsamer Name, fand Anders, aber Katt war ja auch ein ziemlich seltsames Mädchen. Und außerdem hatte sie Recht – sie mussten machen, dass sie hier wegkamen. Das Gebäude über ihren Köpfen brannte immer noch und es war auch hier unten schon spürbar wärmer geworden. Nach dem Feuersturm, der das Gebäude gründlich genug heimgesucht hatte, um selbst Glas zu schmelzen, konnte sich Anders eigentlich nicht vorstellen, was hier überhaupt noch brennen sollte. Aber offensichtlich fanden die Flammen noch genug Nahrung. Vielleicht lag es an den unheimlichen Waffen, mit denen der Hai den Brand entfacht hatte.
Er nickte. Katt wollte sich umdrehen und losmarschieren, doch in diesem Moment flammte ein grelles Licht auf, das die Halle in schon fast schmerzhafte Helligkeit tauchte. Anders riss schützend die Hände vors Gesicht, und auch das Mädchen mit dem sonderbaren Namen presste die Augen zusammen und zog instinktiv den Kopf ein.
Diesmal war es kein einzelner Scheinwerferstrahl, der durch das Fenster hereintastete. Sämtliche Fenster und auch die offen stehende Tür waren von gleißendem weißem Licht erfüllt, das so grell war, dass sich das halbe Dutzend schwarz verhüllte Gestalten, das auf das Haus zugestürmt kam, darin aufzulösen schien wie dunkle Eiswürfel in der Glut eines Heizstrahlers.
Katt schrie auf und wirbelte herum und auch Anders folgte ihr ganz instinktiv. Wenn es jemanden gab, der den Weg hier herausfand, dann war es das Mädchen.
Sie rannten fast bis zum anderen Ende der Halle und dann war Katt plötzlich verschwunden. Anders stolperte noch ein paar Schritte weiter und wäre um ein Haar schon wieder gestürzt; denn dort, wo er festen Boden vermutet hatte, gähnte plötzlich ein steil in die Tiefe führender Treppenschacht. Katt war nur noch ein verschwommener Schatten irgendwo an seinem unteren Ende.
Anders griff hastig nach dem verbogenen Treppengeländer und nutzte seinen eigenen Schwung, um die ersten Stufen in die Tiefe zu stürmen. Bevor er unter dem Bodenniveau der Halle verschwand, sah er noch einmal zum Eingang zurück. Seine unheimlichen Verfolger stürzten genau in diesem Moment hintereinander durch die Tür in die Halle. Keiner von ihnen hatte seine Waffe in der Hand, aber das hatten sie auch gar nicht nötig. Trotz ihres plump erscheinenden Äußeren bewegten sie sich mit einer Schnelligkeit, mit der Anders vermutlich nicht einmal dann hätte mithalten können, wenn er ausgeruht und unversehrt gewesen wäre – und er war keines von beidem.
Katt hatte am unteren Ende der Treppe angehalten und wartete auf ihn. In dem herrschenden Zwielicht war ihr Gesicht wieder zu einem bleichen Fleck ohne scharfe Konturen geworden, aber er konnte ihre Nervosität überdeutlich spüren. Sie wedelte ungeduldig mit der Hand und fuhr herum, kaum dass er neben ihr angelangt war.
Anders war vollkommen außer Atem, doch Katt machte keine Anstalten, ihr Tempo zu verringern, sondern eilte ganz im Gegenteil immer wieder ein paar Schritte voraus und blieb dann erneut stehen, um ungeduldig zu ihm zurückzusehen. Auch Anders blickte ein paarmal hastig über die Schulter zurück, jeden Moment darauf gefasst, Männer in schwarzen Schutzanzügen und mit schrecklichen Waffen hinter sich auftauchen zu sehen, aber das geschah sonderbarerweise nicht. Dabei hätte die Zeit für ihre Verfolger mehr als gereicht, sie einzuholen.
»Keine Angst«, sagte Katt plötzlich. Sie hatte seinen Blick richtig gedeutet. »Sie kommen niemals hier herunter.«
»So?«, fragte Anders atemlos. »Und warum rennen wir dann so?«
»Weil wir auch nicht hier sein sollten«, antwortete Katt in leicht verwundertem Ton; so als hätte er die dümmste aller nur vorstellbaren Fragen gestellt. »Es ist schon viel zu spät. Beeil dich.«
Anders versuchte es, doch sein Knie machte mittlerweile so sehr zu schaffen, dass sein Tempo immer langsamer wurde. Seine ausgemergelte Führerin reagierte mit sichtlicher Ungeduld darauf, enthielt sich aber jedes weiteren Kommentars. Anscheinend hatte sie eingesehen, dass er einfach nicht mehr schneller konnte.
Während er erfolglos versuchte wenigstens mit seiner rätselhaften Retterin Schritt zu halten, sah er sich zum ersten Mal wirklich aufmerksam um; allerdings mit kaum größerem Erfolg. Es war so dunkel, dass er selbst Katt nur noch als verschwommenen Schemen erkennen konnte, obwohl sie kaum drei Schritte vor ihm ging. Und selbst wenn das Licht besser gewesen wäre, hätte es wahrscheinlich gar nicht viel zu sehen gegeben – sie befanden sich in einem kahlen Gang aus nacktem Beton. Verrostete Rohrleitungen zogen sich unter der Decke entlang und auch hier entdeckte er in unregelmäßigen Abständen offen stehende Klappen in den Wänden, aus denen zerfetzte Kabelstränge hingen. Dennoch gab es einen Unterschied zwischen diesem Tunnel und dem Treppenhaus oben: Die zerborstenen Lampen, die in regelmäßigen Abständen unter der Decke hingen, waren nicht geschmolzen, und die Wände waren zwar ebenfalls geschwärzt, aber nicht zu Schlacke verbrannt. Die Hitze war hier unten nicht ganz so verheerend gewesen.
»Ich habe mich noch gar nicht richtig bei dir bedankt«, sagte er nach einer Weile.
»Doch, hast du«, antwortete Katt.
»Dann tue ich es eben noch einmal«, beharrte Anders. »Warum hast du es getan?«
Katt drehte den Kopf und sah zu ihm zurück. Anders konnte ihr Gesicht jetzt noch viel weniger erkennen als vorhin, aber er glaubte ihre Verwirrung regelrecht zu spüren. Sie antwortete auch erst mit einiger Verzögerung und in dem fast flapsigen Ton, in dem man eine bewusst dumme Antwort auf eine ganz besonders dumme Frage gibt. »Mir war gerade danach.«
»Du hast dich selbst in Lebensgefahr gebracht.« Anders blieb ernst.
»Kaum«, antwortete Katt. »Sie haben mich schon oft gejagt, aber noch nie bekommen. Sonst wäre ich kaum hier, um dir den Hals zu retten.« Ihre Stimme wurde leiser. »Sie haben deinen Freund umgebracht.«
»Ja«, meinte Anders. Plötzlich hatte er Mühe, die Tränen zurückzuhalten. Natürlich hatte er Jannik nicht vergessen, aber Katts Worte hatten den Schmerz aus dem Gefängnis befreit, in das er ihn bisher in seinem Bewusstsein eingesperrt hatte. Ohne dass er etwas dagegen tun konnte, spulte sich die ganze furchtbare Szene noch einmal vor seinem geistigen Auge ab, im Bruchteil einer Sekunde und dennoch mit einer grässlichen Präzision, die ihm nicht die kleinste Kleinigkeit ersparte. Den Ausdruck in Janniks Augen, als er sich umdrehte und in die Tiefe stürzte, würde er nie wieder vergessen.
»Ja«, sagte er noch einmal. »Aber vorher hat er auch einen von ihnen erledigt.«
Katt blieb abrupt stehen, er konnte nicht schnell genug reagieren und prallte gegen sie, sodass sie beide taumelten. Mit einem Ruck drehte sie sich zu ihm um und starrte ihn an. »Was?«
»Er hat einen von ihnen erschossen«, wiederholte Anders. »Oder zumindest schwer verletzt. Und er hätte noch mehr von ihnen erwischt, wenn sie ihm einen fairen Kampf geliefert hätten. Jannik war …«, er musste schlucken um die Tränen niederzukämpfen, »… ein guter Mann.«
Anders war selbst fast ein wenig erstaunt, mit welcher Kälte er über den Tod eines Menschen sprach. Und es war nicht nur so dahingesagt. Er wünschte sich in diesem Moment, dass Jannik noch mehr von den Männern in den schwarzen Schutzanzügen erschossen hätte; wenn es möglich gewesen wäre, am besten alle. Auch ihnen war ein Menschenleben nichts wert. Sie hatten Narbenhand kaltblütig ermordet und sie hätten auch Jannik und ihm ohne zu zögern in den Rücken geschossen, wenn sie gekonnt hätten. Sie hatten es schließlich oft genug versucht.
»Das war jetzt nicht dein Ernst«, meinte Katt. »Das sagst du nur um mich zu beeindrucken.«
»Was? Dass er einen von ihnen erschossen hat?« Anders schüttelte den Kopf. »Mir tut nur Leid, dass es nicht mehr gewesen sind.«
Katt starrte ihn durchdringend an. Sie versuchte in seinem Gesicht zu lesen und herauszufinden, ob er log, schien aber zu keinem eindeutigen Ergebnis zu gelangen. Schließlich trat sie kopfschüttelnd zurück. »Wenn das stimmt, wundert es mich nicht mehr, dass sie so wütend sind.«
»Was sind das überhaupt für Kerle?«, fragte Anders. »Du scheinst sie ja ganz gut zu kennen.«
Diesmal ließ Katts Blick keine Zweifel daran aufkommen, dass sie an seinem Verstand zweifelte. »Du bist wirklich ein komischer Bursche, Anders«, sagte sie. »Woher kommst du?«
»Von … weither.« Anders wusste selbst nicht warum, doch er hatte plötzlich das sehr sichere Gefühl, dass es besser war, wenn er ihr noch nicht die ganze Wahrheit sagte.
»Das scheint mir auch so«, entgegnete Katt grimmig. »Aber wenn du mich auf den Arm nehmen willst, dann musst du dir schon was Besseres einfallen lassen.« Und damit drehte sie sich mit einem Ruck um und stürmte mit so weit ausgreifenden Schritten weiter, dass Anders zurückfiel und sie schon nach einem Moment aus den Augen verlor.
6
Allein in der Dunkelheit zurückgelassen zu werden, inmitten einer fremden, fast völlig zerstörten Stadt, die ihm nicht Zuflucht und Schutz nach der Entführung und dem Flugzeugabsturz geboten hatte, sondern ihn von einer Sekunde auf die andere zum Gejagten gemacht hatte, war fast mehr, als Anders ertragen konnte. Fast sofort flammte Panik in ihm hoch. Es war nicht vollkommen dunkel hier unten, aber die Sicht reichte trotzdem nur zwei oder drei Schritte weit. Wenn er das Mädchen verlor, hatte er wahrscheinlich keine Chance, jemals wieder den Rückweg zu finden.
Katt hatte jedoch ein Einsehen mit ihm. Sie wartete auf ihn, nachdem er zehn oder fünfzehn vorsichtige Schritte durch die Finsternis gestolpert war. Anders rechnete damit, dass sie eine weitere Frage stellen würde, aber sie wedelte nur ungeduldig mit der Hand und ging weiter vor ihm her, diesmal jedoch in so geringem Abstand, dass er sie nicht aus den Augen verlor. Sie legten vielleicht noch fünfzig oder sechzig Schritte zurück, dann endete der Gang vor einer massiven Betonwand. Erst als Anders sie fast erreicht hatte, sah er das knapp halbmeterhohe Loch, das in Kniehöhe darin gähnte.
»Schnell!« Katt deutete mit einer unwilligen Geste auf das Loch in der Wand. »Es ist nicht mehr weit.«
Anders sah sie noch einen Moment zweifelnd an, aber dann ließ er sich gehorsam auf Hände und Knie herabsinken und kroch los. Das Loch in der Wand entpuppte sich als der Eingang eines höchstens fünfzig Zentimeter durchmessenden Tunnels, der durch bröseliges Erdreich, zum Teil aber auch massiven Fels zu führen schien. Anders war allerdings nur auf Vermutungen angewiesen, denn schon nach den ersten Metern blieb das Licht endgültig hinter ihm zurück, sodass er durch vollkommene Dunkelheit kroch. Er konnte nicht sagen, wie lang der Stollen war; für sein subjektives Empfinden jedenfalls schien er kein Ende zu nehmen. Anders hatte nie an Klaustrophobie gelitten, aber in diesem engen Loch begann ihm seine Fantasie bald die übelsten Streiche zu spielen. Was, wenn dieser Gang einfach im Nichts endete oder sich vor ihm so verengte, dass er vielleicht für die viel schlankere Katt groß genug war, aber nicht mehr für ihn? Anders glaubte nicht, dass seine Kraft reichte, um das ganze Stück rückwärts kriechend zurückzulegen. Und was, wenn der Gang plötzlich zusammenbrach und er unter hundert Tonnen Erdreich und Fels zerquetscht oder – schlimmer noch – lebendig begraben wurde, bis er nach drei oder vier Tagen qualvoll verdurstete?
Gerade als seine Fantasie zu einem noch härteren Schlag ausholte, um ihn mit noch grauenvolleren Schreckensvisionen zu quälen, wurde es vor ihm wieder hell – auch wenn er den blassgrauen Schimmer unter normalen Umständen nicht einmal zur Kenntnis genommen hätte. Er versuchte instinktiv schneller zu kriechen.
»Dort vorne wird es ein bisschen eng«, rief Katt hinter ihm.
Anders verdrehte mit einem lautlosen Seufzen die Augen und verkniff sich jeden Kommentar. Hätte er den nötigen Platz dazu gehabt, hätte er sich den Schweiß von der Stirn gewischt. So verwandte er das bisschen Kraft, das er noch hatte, lieber darauf, mit zusammengebissenen Zähnen weiterzukriechen. Er gestattete sich nicht darüber nachzudenken, was Katt unter ein bisschen eng verstehen mochte.
Aber es wurde eng. Die Decke senkte sich so weit herab, dass er nicht mehr auf Händen und Knien robben konnte wie bisher, sondern sich flach auf dem Bauch liegend und mit seitwärts gedrehtem Kopf über den Boden ziehen musste und der harte Stein trotzdem schmerzhaft über sein Gesicht und seinen Rücken schrammte. Die Platzangst schlug nun mit aller Macht zu. Sein Herz jagte und er zitterte am ganzen Leib und war in Schweiß gebadet. Er geriet nur deshalb nicht endgültig in Panik, weil es ihm irgendwie gelang, seine Furcht auf den noch viel schrecklicheren Gedanken zu fokussieren, was geschehen würde, wenn er anhielt, und sich auf diese Weise immer wieder selbst anzutreiben.
Alles in allem waren es nicht einmal fünf Meter, die er so zurücklegte, aber es waren die längsten fünf Meter seines Lebens. Dann griffen seine Hände plötzlich ins Leere. Anders verlor den Halt, stürzte und schlug gute anderthalb Meter tiefer auf grausam hartem Stein auf. Nicht zum ersten Mal an diesem Tag explodierten rote Schmerzblitze vor seinen Augen, als seine Stirn mit dem Boden kollidierte. Der Schmerz war so schlimm, dass ihm übel wurde.
Trotzdem verspürte er im ersten Moment nichts anderes als eine unendlich tiefe Erleichterung. Er konnte sich nicht erinnern, jemals solche Angst gehabt zu haben wie in den letzten Minuten; nicht einmal vorhin, als er zusammen mit Jannik vor den blauen Blitzen geflohen war. Anders lag einfach da, atmete in tiefen, fast gierigen Zügen ein und aus und genoss das unbeschreiblich süße Gefühl, die faulig riechende Luft in die Lungen saugen zu können, ohne bei jedem Atemzug das Gefühl haben zu müssen, in einen Schraubstock eingespannt zu sein, der sich unbarmherzig weiter zusammenzog. Sein Kopf tat furchtbar weh (von seinem Knie ganz zu schweigen) und die Übelkeit, die in seinen Eingeweiden wühlte, wollte einfach nicht nachlassen, aber das spielte keine Rolle.
Katt ließ sich mit einer geschmeidigen Bewegung neben ihm zu Boden gleiten und drehte ihn auf den Rücken. Wenn man bedachte, dass sie allerhöchstens achtzig Pfund wog und nur aus Haut und Knochen zu bestehen schien, war sie erstaunlich stark.
»Das war gar nicht schlecht«, sagte sie. »Ehrlich gesagt war ich nicht ganz sicher, ob du …«
Sie verstummte, als ihr Blick in sein Gesicht fiel. Anders sah, wie sich ihre dunklen, leicht schräg stehenden Augen weiteten. Sah er so schlimm aus?
Ja, wie ihre nächsten Worte bestätigten. »Was ist mir dir?«
»Nichts«, presste Anders zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, womit er sich vermutlich nicht nur endgültig lächerlich machte, sondern auch die Übelkeit in seinem Magen noch weiter anfachte. Er atmete tief und gezwungen langsam ein und wieder aus und hatte plötzlich alle Mühe, einen Brechreiz zu unterdrücken.
Trotzdem ließ er nur noch eine Sekunde verstreichen, ehe er die Ellbogen gegen den harten Stein presste und sich langsam in die Höhe stemmte. Alles drehte sich um ihn und der pochende Schmerz hinter seiner Stirn wurde schlimmer, nicht besser. Zitternd hob er die linke Hand und betastete sein Gesicht. Zumindest blutete er nicht aus den Ohren, was immerhin darauf hinwies, dass er sich keinen Schädelbruch zugezogen hatte.
»Kannst du aufstehen?«, fragte Katt.
Angesichts des immer noch latent vorhandenen Brechreizes verzichtete Anders vorsichtshalber auf eine Antwort und versuchte stattdessen Katts Aufforderung schweigend nachzukommen. Es ging, aber zu allem Überfluss wurde ihm nun auch noch so massiv schwindelig, dass er rasch die Hand ausstrecken musste um sich an Katts Schulter festzuhalten. Aber immerhin konnte er stehen.
Katt sagte irgendetwas, doch er hatte plötzlich Mühe, dem Klang ihrer Stimme einen Sinn abzugewinnen. Alles drehte sich um ihn und das Gesicht des Mädchens begann vor seinen Augen zu zerfließen. Er spürte, wie seine Knie weich wurden. Die Übelkeit wurde schlimmer …
… und erlosch ebenso plötzlich, wie sie gekommen war. Aus dem unerträglichen Schmerz hinter seiner Stirn wurde ein immer noch schlimmes, nun aber erträgliches Pochen, und auch sein Blick klärte sich. Mit einem erleichterten Aufatmen hob er den Kopf und sah Katt an. »Was hast du gesagt?«
»Nichts«, antwortete das Mädchen. Sein Blick strafte diese Behauptung Lügen, doch Anders beließ es dabei und schaute sich stattdessen neugierig um. Es gab auch hier nicht viel zu sehen, denn das Licht war womöglich noch schlechter als in dem Kellergang, durch den sie das brennende Gebäude verlassen hatten. Dennoch reichten schon die wenigen Meter, die er überblicken konnte, aus, um ihn erkennen zu lassen, dass sie sich in einem alten Kanalisationsschacht befanden; einer Kanalisation ohne einen einzigen Tropfen Wasser allerdings.
Anders sah noch einmal zu dem Loch hin, durch das sie hereingekommen waren. Es kam ihm selbst beinahe unglaublich vor, dass er sich durch diese winzige Öffnung gequetscht haben sollte. Zumindest ihre unheimlichen Verfolger hatten sie nun ganz sicher abgeschüttelt.
»Gehen wir weiter?«, schlug er vor.
Katt sah ihn noch einen Moment lang auf dieselbe fast unheimliche Art an, dann nickte sie nur wortlos und wandte sich ab um zu gehen.
Sie bewegte sich auch jetzt schnell, legte aber kein ganz so mörderisches Tempo vor wie eben, wofür Anders ihr sehr dankbar war. Sowohl seine Kopfschmerzen als auch die Übelkeit waren auf ein erträgliches Maß zurückgesunken und selbst sein geprelltes Knie schien eingesehen zu haben, dass es ihn nicht stoppen konnte, und begnügte sich damit, nur noch wie ein heftiger Muskelkater zu schmollen. Aber er hatte in den letzten Stunden mehr ertragen als in den Jahren zuvor, und er spürte, wie unter all den Schmerzen und kleineren und größeren Blessuren eine andere, gefährlichere Art von Erschöpfung heranwuchs, der er nichts mehr entgegenzusetzen hatte. Sein Körper lief bereits auf Reserve. War sie aufgebraucht, hatte er nichts mehr, worauf er noch zurückgreifen konnte. Wahrscheinlich hielten ihn sowieso nur noch die Anspannung und das Adrenalin in seinem Kreislauf auf den Beinen. Wohin auch immer Katt ihn bringen wollte – es war besser, sie erreichten ihr Ziel schnell.
Katt bewegte sich nun zwar etwas langsamer durch die Dunkelheit vor ihm, dennoch aber mit einer traumwandlerischen Sicherheit, die Anders nicht nur nicht verstand, sondern die ihm fast schon unheimlich war. Man hätte beinahe geglaubt, sie könne im Dunkeln sehen. Doch wahrscheinlich war sie diesen Weg einfach nur schon so oft gegangen, dass sie ihn selbst mit verbundenen Augen gefunden hätte.
»Wohin gehen wir?«, fragte er nach einer Weile.
»Zum nächsten Sicherplatz«, antwortete Katt. »Es ist nicht mehr weit.«
Sicherplatz, dachte Anders. Aha. Was immer das sein mochte. Er schwieg.
Katts Auffassung von nicht mehr weit musste sich wohl noch gründlicher von seiner Definition dieses Begriffs unterscheiden, als er ohnehin schon befürchtet hatte, denn sie marschierten bestimmt noch eine Viertelstunde durch den trockenen Kanal. Anders stellte keine weiteren Fragen – die Antworten hätten ihn wahrscheinlich nur noch mehr deprimiert –, sondern verwandte das bisschen Energie, das ihm noch blieb, nachdem er die schwere Aufgabe bewältigt hatte, einen Fuß vor den anderen zu setzen, darauf, sich den Kanal so aufmerksam wie möglich anzusehen. Abgesehen davon, dass er vollkommen ausgetrocknet war und es viele Jahre her sein musste, als hier unten auch nur ein Tropfen Wasser geflossen war, erschien er ihm völlig normal. Dann und wann mündete ein Zufluss oder auch ein anderer Kanal in den Stollen, der manchmal mit einem rostzerfressenen Gitter verschlossen war. Der Stein war mit dem Schmutz von Jahrzehnten verkrustet, aber nicht verbrannt. Hier unten hatte das Feuer nicht getobt.
Doch da war etwas anderes. Es fiel Anders schon vorhin auf, als er zusammen mit Jannik in die Fabrikhalle gekommen war, und obwohl er das Gefühl nicht in Worte hatte kleiden können, war es doch die ganze Zeit über da gewesen. Etwas … fehlte.
Und dann wurde ihm klar, was.
Rings um ihn herum waren nur Stein und totes Metall. An einem Ort wie diesem hätte es Schimmel geben müssen, Moder und brodelnde Fäulnis, Ungeziefer und Spinnweben, irgendetwas eben. Aber es gab nichts von alledem. Der Gang – und auch die gesamte Stadt hoch über ihren Köpfen – war vollkommen tot. Hier gab es nicht einmal mehr eine Spur von Leben. Der Gedanke war so unheimlich, dass er Anders erneut einen eisigen Schauer über den Rücken jagte. Und er weckte eine nagende Furcht in ihm. Er hatte Jannik geglaubt (Es waren saubere Bomben), aber wenn das stimmte, dann hätte das Leben längst an diesen verbrannten Ort zurückkehren müssen. Vielleicht hatte Jannik sich ja geirrt oder er hatte ihm bewusst nicht die Wahrheit gesagt, um ihn nicht zu beunruhigen. Irgendetwas hatte diese Stadt nicht nur verbrannt, sondern regelrecht sterilisiert, und vielleicht war dieses Etwas ja noch da. Katt hatte nicht wirklich erklärt, warum sie es so eilig hatte. Und möglicherweise trugen die Männer aus den schwarzen Hubschraubern die ABC-Anzüge ja nicht nur, weil sie sie so kleidsam fanden.
Anders brach auch diesen Gedanken mit einer fast gewaltsamen Anstrengung ab. Es war, wie es war, basta. Er gewann nichts, wenn er sich selbst verrückt machte.
Endlich blieb Katt wieder stehen. Vor ihnen befand sich jedoch keine Treppe oder ein anderer Ausstieg aus der Kanalisation, sondern ein weiteres, wenn auch deutlich größeres Loch, das jemand gewaltsam in die Mauer gebrochen hatte.
»O nein, nicht schon wieder!«, stöhnte Anders.
»Diesmal ist es nicht so anstrengend«, versprach Katt. »Nur noch ein paar Schritte. Glaubst du, dass du es schaffst?«
Anders lauschte vergebens auf einen Unterton von Spott oder gar Häme in ihrer Stimme. Er fand nichts dergleichen. Ihre Sorge um ihn war echt.
Dennoch bedachte er Katt nur mit einem beleidigten Blick und marschierte (na ja: humpelte) stolz erhobenen Hauptes an ihr vorbei. »Natürlich«, knurrte er. »Ich bin doch …« Er schluckte den Rest des Satzes vorsichtshalber hinunter. Beinahe hätte er gesagt: Ich bin doch kein Mädchen. Aber das wäre nicht besonders klug gewesen. Immerhin hatte dieses Mädchen ihm nicht nur das Leben gerettet, sondern sich bisher auch als weitaus zäher erwiesen als er. Aber wahrscheinlich musste man das sein, um in einer Umgebung wie dieser länger als ein paar Stunden am Leben zu bleiben.
Er ließ Katt an sich vorbei, duckte sich hinter ihr durch die Maueröffnung und sah, dass sie Recht hatte: Der Weg war tatsächlich nicht mehr weit, aber er führte in eine andere Richtung als erwartet. Hinter dem Mauerdurchbruch lag eine vielleicht fünf Meter hohe Kammer, deren Decke eingebrochen war. Eine geradezu abenteuerlich zusammengebundene Leiter führte zu dem gezackten Loch in der Decke hinauf, über dem Anders etwas erblickte, das wieder zu sehen er kaum noch zu hoffen gewagt hatte: Licht.
Es war kein Tageslicht. Es war nicht einmal besonders hell, sondern nur ein mattgrauer Schimmer, den er noch vor ein paar Stunden als Dunkelheit bezeichnet hätte. Jetzt aber entlockte ihm dieses graue Zwielicht einen halblauten Freudenschrei. Er griff nach den mit Draht festgebundenen Leitersprossen und begann sie hastig hinaufzusteigen, ohne auch nur einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden, ob diese haarsträubende Konstruktion sein Gewicht überhaupt tragen konnte. Nach wenigen Augenblicken erreichte er das Ende der Leiter und zog sich durch das gezackte Loch in der mindestens fünfzig Zentimeter starken Betondecke.
Der Anblick traf ihn wie ein Schlag. Anders erstarrte mitten in der Bewegung. Er registrierte nicht einmal, dass Katt hinter ihm die Leiter heraufkam und durch sein plötzliches Innehalten gezwungen wurde, sich in einer komplizierten, schlängelnden Bewegung an ihm vorbeizuschieben, um ganz aus dem Loch hinauszuklettern.
»Du solltest dich nicht so anstrengen«, sagte sie. »Das ist für dich wirklich nicht …« Sie brach mitten im Wort ab. »Anders? Alles in Ordnung?«
Anders hörte die Frage nicht einmal wirklich. Er stand immer noch wie gelähmt da, einen Fuß auf der letzten Sprosse der improvisierten Leiter und einen auf dem Boden, und versuchte den Anblick zu verarbeiten, der sich ihm bot.
Die Kammerdecke war gleichzeitig der Boden einer so gewaltigen unterirdischen Halle, dass ihre Decke in regelmäßigen Abständen von viereckigen Betonsäulen gestützt werden musste. Das Licht, das er gesehen hatte, strömte durch ein breites, weit offen stehendes Tor herein, hinter dem eine betonierte Rampe in sanftem Winkel weiter nach oben führte. Auch hier lag alles voller Schutt und Trümmer. Links von Katt und ihm stand eine unregelmäßige Doppelreihe uralter Automobile. Die Halle war nichts anderes als eine ganz gewöhnliche Tiefgarage, wie er sie schon zu Dutzenden gesehen hatte.
Und trotzdem erschütterte ihn ihr Anblick mehr und tiefer als alles andere zuvor. Vielleicht gerade weil sie so banal war. So normal.
Bisher hatte er in dieser verbrannten Stadt nichts anderes als Gebäude gesehen, Häuser in mehr oder weniger fortgeschrittenen Stadien der Zerstörung, die fast vollkommen leer waren. Aber nun sah er zum ersten Mal etwas, das den Bewohnern dieser verbrannten Stadt gehört hatte. Etwas, das sie geschaffen und gebaut hatten. Die rostigen, von Steinen und heruntergefallenen Teilen der Decke zertrümmerten Autowracks machten aus der weitläufigen Halle etwas, das die leeren Gebäude über ihren Köpfen mit Erfolg verheimlicht hatten: ein Grab.
»Anders?«, fragte Katt noch einmal. »Ist alles in Ordnung?«
Anders antwortete auch jetzt noch nicht, doch er überwand seine Erstarrung zumindest weit genug, um vollends von der Leiter wegzutreten. Sein Herz klopfte immer rascher und nun wurde ihm auch wieder ein wenig schwindelig, aber das schrieb er dem Schock zu, den ihm der plötzliche Anblick versetzt hatte. Einen Moment lang blieb er noch stehen, dann wandte er sich ganz um und ging langsam auf die Automobile zu.
Katt hielt ihn am Arm zurück und deutete mit der anderen Hand in die entgegengesetzte Richtung. »Da geht es lang.«
»Nur einen Moment.« Anders versuchte sich mit sanfter Gewalt loszumachen und nach einem Moment gelang es ihm auch; aber nur weil Katt es zuließ.
Langsam, mit immer heftiger klopfendem Herzen näherte er sich dem ersten Wagen. Er war zertrümmert und unter einer so dicken Schicht aus betonhart eingetrocknetem Schmutz begraben, dass seine ursprüngliche Farbe nicht einmal mehr zu erraten war. Aber Anders erkannte immerhin das Modell, auch wenn er kein Spezialist für antike Automobile war. Der Wagen war mindestens dreißig oder vierzig Jahre alt und dasselbe galt für sämtliche Autos hier.
»Großer Gott, was … was ist hier passiert?«, murmelte er.
»Das weiß niemand«, sagte Katt. Sie folgte ihm, hielt jedoch einen größeren Abstand, als notwendig gewesen wäre. »Das war schon immer hier. Niemand weiß, wozu es gut ist.« Sie schwieg einen Moment, dann fügte sie in seltsam verändertem Ton hinzu. »Weißt du es etwa?«
Anders antwortete nicht. Er ging, immer langsamer werdend, weiter und streckte schließlich die Hand nach dem Türgriff aus. Er rechnete nicht ernsthaft damit, die Tür aufzubekommen; sicher war sie verzogen oder nach so langer Zeit einfach festgerostet. Aber sie schwang ganz im Gegenteil nicht nur leicht, sondern auch nahezu lautlos auf und gewährte ihm einen Blick in das Wageninnere, das fast noch erschreckender aussah als sein Äußeres. Auch hier herrschten uralter eingetrockneter Staub und Schmutz vor, nur diesmal sah Anders es sofort: Was für die gesamte Stadt galt, das hatte auch diesen Wagen heimgesucht. Er war vollkommen leer. Alles, was Anders noch erblickte, waren die nackten Metallteile der Karosserie und die Stahlrohrgestelle der Sitze. Alles, was nicht aus widerstandsfähigem Metall bestanden hatte, war verschwunden; selbst das Lenkrad.
Anders trat wieder einen Schritt zurück und unterzog das Äußere des Wagens einer zweiten, etwas kritischeren Musterung. Auch die Reifen waren verschwunden, genauso wie die Gummidichtungen der Fenster. Und irgendetwas sagte Anders, dass sie nicht verbrannt waren. Er ging zum nächsten Wagen, untersuchte auch ihn und kam zu demselben beunruhigenden Ergebnis. Alles, was nicht aus Metall oder Glas bestanden hatte, war verschwunden. Obwohl er wusste, was er finden würde, untersuchte er noch drei weitere Fahrzeuge. Es war überall dasselbe. Die Wagen waren ausnahmslos uralt und zu etwas wie eisernen Skeletten geworden.
»Brauchst du noch lange?«, fragte Katt. »Was auch immer du da tust.« Sie war in zehn oder zwölf Schritten Entfernung stehen geblieben und beäugte ihn misstrauisch, fast als hätte sie plötzlich Angst, sich ihm zu nähern. Aber sie hob nach einem weiteren Moment den Arm und deutete in die gleiche Richtung wie vorhin. »Wir müssen uns beeilen.«
Anders blickte nach hinten und gewahrte eine schmale Tür, die anscheinend in einen benachbarten Raum führte. Er hatte ganz automatisch angenommen, dass sie die Tiefgarage durch das einladend offen stehende Tor verlassen würden.
»Wieso gehen wir nicht einfach da lang?«, fragte er.
Katt starrte ihn an. »Du hast wirklich keine Ahnung, wie?« Ihre Stimme klang noch immer ein wenig ungläubig, obwohl Anders ihr ansah, dass sie zugleich an seinen Worten zweifelte.
»Nein«, sagte er. »Warum erklärst du es mir nicht?«
Katt schüttelte seufzend den Kopf und wandte sich der Auffahrt zu und ihre Augen weiteten sich. Hastig drehte sich Anders in dieselbe Richtung – und fuhr fast entsetzt zusammen.
Die vier Gestalten, die die Auffahrt heruntermarschiert kamen, zeichneten sich als scharf umrissene schwarze Schatten vor einem nur wenig helleren Hintergrund ab, aber Anders wusste trotzdem sofort, mit wem sie es zu tun hatten. Wie zum Teufel hatten sie sie hier gefunden?
»Hast du nicht gesagt, sie kämen niemals hier herunter?«, fragte er.
»Das haben sie auch noch nie getan«, antwortete Katt. Dann schrie sie: »Lauf!«
Sie spurtete los und Anders begriff schon nach ihren ersten Schritten, wie sehr er sie trotz allem unterschätzt hatte. Katt schien in dem ohnehin schwachen Licht der Tiefgarage nahezu unsichtbar zu werden und sie bewegte sich nicht nur so lautlos, sondern auch so schnell wie eine flüchtende Raubkatze.
Einer der Männer feuerte auf sie. Der hellblaue Lichtblitz verfehlte sie um mehrere Meter und schlug eine Stichflamme aus der Wand, und Katt begann Haken zu schlagen und sich auf fast noch unmöglichere Weise zu bewegen. Der nächste Schuss verfehlte sie noch mehr, aber nun eröffneten auch die anderen Männer das Feuer, und Anders hatte ja bereits gesehen, was für ausgezeichnete Schützen sie waren. Ein wahres Gewitter grellblauer Lichtpfeile regnete auf das flüchtende Mädchen herab. Die Wand, auf die sie zuhielt, stand bereits in hellen Flammen und an einem Dutzend Stellen hatten sich lodernde Vulkane im Boden aufgetan, die Flammen und geschmolzenen Beton spien. Früher oder später mussten sie sie einfach treffen, ganz gleich wie schnell sie sich auch bewegte.
Anders fasste einen verzweifelten Entschluss. Er tat es nicht bewusst – zum Nachdenken blieb ihm keine Zeit, und wäre sie ausreichend gewesen, so hätte er es ganz bestimmt nicht getan –, sondern ganz instinktiv, aber er spürte einfach, dass es richtig war. Statt in direkter Linie hinter Katt herzulaufen, schwenkte er ein wenig nach links und rannte so schnell, wie es sein pochendes Knie zuließ. Und direkt in die Schussbahn der Verfolger hinein. Drei, vier, fünf blendend helle Blitze zischten vor ihm durch die Luft und dann hörte das Feuer ebenso plötzlich auf, wie es begonnen hatte.
Anders schwenkte nach rechts, mobilisierte jedes bisschen Kraft, das er noch in sich fand, und rannte jetzt hinter Katt her. Noch ein halbes Dutzend Schritte und sie hatte die Tür erreicht und stürmte hindurch; allerdings nur um sofort stehen zu bleiben und hektisch in seine Richtung zu winken.
»Lauf!«, schrie sie. »Sie kommen!«
Anders hätte am liebsten laut aufgelacht. Hielt sie ihn vielleicht für blind oder was dachte sie, vor wem er davonrannte? Er versuchte trotzdem noch schneller zu rennen, aber es ging einfach nicht mehr. Er wurde im Gegenteil allmählich wieder langsamer.
Sofort wurde ihm eine neue Gefahr bewusst. Auch wenn die Männer nicht auf ihn schießen würden, so konnten sie einfach schneller laufen als er. Sollten ihn seine Kräfte nicht verlassen, würden sie ihn trotzdem einholen, noch bevor er die Tür erreicht hatte.
Plötzlich loderte es hinter ihm wieder grellblau und flackernd auf. Anders biss in der Erwartung die Zähne zusammen, getroffen zu werden, aber die Geschosse aus Licht und Hitze waren nicht einmal in seine Richtung gezielt. Worauf immer diese Männer auch schossen – er war es jedenfalls nicht. Anders stürmte weiter, taumelte mit letzter Kraft durch die Tür und ließ sich schwer atmend neben Katt gegen die Wand sinken. Erst dann drehte er sich um und sah zu den Männern zurück.
Ihre Verfolger feuerten immer noch, sogar hektischer und schneller als zuvor. Aber sie schossen immer noch nicht in ihre Richtung, sondern konzentrierten ihr Feuer auf die Ausfahrt hinter den offen stehenden Toren! Blitz auf Blitz schlug in den verbrannten Beton ein und überall sprühten Flammen und Funken, die jedoch erstaunlich schnell wieder erloschen.
Aber war es überhaupt Beton, auf den sie schossen? Anders war sich nicht sicher. Das Licht war zu schlecht um Einzelheiten zu erkennen, und der hektisch flackernde Feuerschein machte es auch nicht einfacher – doch es kam ihm mehr und mehr so vor, als wäre die gesamte Auffahrt in eine schwerfällige Bewegung geraten und begänne auf ganzer Breite nach unten zu rutschen.
Oder als kröche irgendetwas darüber heran …
»Hoffentlich fressen sie sie auf«, zischte Katt. Sie sah ihn an. »Kannst du noch?«
Anders nickte, aber die Bewegung erfolgte eher automatisch und nicht, weil sie seiner Überzeugung entsprach. Sein Kopf schmerzte immer heftiger und auch die Übelkeit kehrte allmählich zurück. Sein Knie pochte.
»Dann komm. Ich glaube nicht, dass sie sie lange aufhalten können.«
Anders nickte auch jetzt nur wortlos, aber er ließ noch ein paar Sekunden verstreichen, in denen er entsetzt in die Tiefgarage hinausstarrte, ehe er sich von der Wand abstieß und mühsam hinter Katt herschlurfte. Die Männer hatten sich enger zusammengeschlossen und konzentrierten ihr Feuer weiterhin auf die glitzernde Schwärze, die lautlos die Rampe heruntergekrochen kam. Doch obwohl ihre Waffen das Feuer der Hölle zu entfesseln schienen, war die wimmelnde Masse ein sichtbares Stück näher gekommen. Anders glaubte zu erkennen, dass sie mittlerweile versuchten, so etwas wie eine Gasse in die brodelnde Decke zu schießen, doch die glühenden Brandnester erloschen beinahe schneller als sie entstanden.
»Danke«, sagte Katt, nachdem sie eine Weile schweigend vor ihm hergelaufen war und nur manchmal einen Blick über die Schulter zurückgeworden hatte, um sich davon zu überzeugen, dass er noch mitkam – ein Kunststück, das ihm mit jedem Schritt schwerer fiel. Er hatte den Punkt absoluter Erschöpfung fast erreicht.
»Wofür?«, fragte er kurzatmig.
»Du hast mir das Leben gerettet«, antwortete Katt. Anders spürte, wie schwer es ihr über die Lippen kam. Sie gehörte ganz offensichtlich nicht zu den Menschen, die es gewohnt waren, sich zu bedanken. Trotzdem fuhr sie nach einem Moment fort: »Das war das Tapferste, was ich jemals erlebt habe. Warum hast du es getan?«
»Weil mir gerade danach war«, erwiderte Anders, ganz bewusst im gleichen Ton und mit denselben Worten, mit denen sie vorhin auf seine Frage geantwortet hatte. »Außerdem war es nicht ganz so tapfer, wie du vielleicht glaubst.«
»Wieso?«
»Sie hatten schon zweimal die Gelegenheit, auf mich zu schießen, und haben es nicht getan. Ich habe einfach gehofft, dass es auch noch ein drittes Mal funktioniert.«
Katt sah ihn ungläubig an. »Und wenn du dich getäuscht hättest?«
Anders hob die Schultern. »Dann wäre ich der Erste, der es gemerkt hätte.« Er hörte sogar selbst, wie dumm das klang – aber was sollte er sagen? Dass er gar nicht darüber nachgedacht, sondern es einfach getan hatte? Oder dass er sein Leben nicht nur aufs Spiel gesetzt hatte, um die Dame seines Herzens zu beschützen, sondern weil er ohne sie sowieso keine Chance mehr hatte, hier herauszukommen? Beides wäre die Wahrheit gewesen, aber es erschien ihm wenig angeraten, es offen auszusprechen.
Außerdem war ihm entsetzlich übel und seine Kopfschmerzen waren mittlerweile so schlimm geworden, dass er Sehstörungen bekam.
Hinter ihnen erscholl ein ungeheures Dröhnen und Krachen. Der Gang wankte so heftig, dass sie gegen die Wände geschleudert wurden und Anders hilflos daran herunterglitt, und der Widerschein eines ungeheuerlichen blau gleißenden Blitzes flutete über sie hinweg und schien ihre grotesk verzerrten Schatten in den Betonboden einzubrennen. Ein Geräusch erklang, als bräche das gesamte Haus über ihren Köpfen zusammen, und ein zweiter, noch gleißenderer Blitz erhellte den Gang und Anders verlor das Bewusstsein.
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