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Pflanzen der Kelten

Wolf-Dieter Storl

Pflanzen der Kelten

Heilkunde

Pflanzenzauber

Baumkalender


AT Verlag

7. Auflage, 2014

© 2000

AT Verlag, Aarau, Schweiz

Umschlagabbildung: Martin Tiefenthaler, Maira Lanzendorf

Lithos: AT Verlag, Aarau

ISBN (ebook) 978-3-03800-130-0

www.at-verlag.ch

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

DANKSAGUNG

Dank dem Kometen Hyakutake, der nach zwanzigtausend Jahren Umlaufzeit, aus ewigen Sternenregionen wiederkommend, im Frühjahr 1996 den Nachthimmel erleuchtete, sein Licht auf die Wurzelgründe warf und mir den mächtigen Mammutelefanten in Erinnerung rief, der mir einst im Schneegestöber gegenübergestanden war.

Dank an Arthur Hermes, der wie ein alter Druide im Einklang mit dem Wald lebte und mich mit seiner Naturweisheit aus dem Elfenbeinturm lockte. Dank an den Cheyenne-Medizinmann Tallbull, von dem ich lernte, dass der Mensch nicht nur über, sondern auch mit den Pflanzen reden kann. Dank an »Trash«, den Berserker Jeff Dahl aus Wyoming, der durch ein Zeitloch ins 20./21. Jahrhundert herabgestürzt ist und hier sein Pferd für eine Harley eintauschen musste: Von ihm lernte ich viel über die keltische Seele. Dank an Eugen Jung und János von Morzsinay, die mich überzeugten, dass es wert ist, ein Buch zu diesem Thema zu schreiben. Dank schließlich dem inspirierten Verleger Urs Hunziker und Dank auch der Lektorin Monika Schmidhofer für ihre Sorgfalt, ebenso Adrian Pabst, Martin Tiefentaler, den Berserkern der »Akademie der Neuen Berserker« und den Kelten von Gug- gisberg. Dank allen, denen Dank gebührt.


INHALTSVERZEICHNIS

Auch wir waren einmal Indianer

Einführende Worte von Großvater Goethe

Die Quellen

Schrifttum der Antike

Archäologisches Material

Irische und andere britische Überlieferungen aus dem Mittelalter

Europäische Folklore: Brauchtum, Volksmedizin, Märchen, Bauernrätsel, Bauernregeln

Das morphogenetische Feld: Die Sprache des Landes, des Waldes, der Flüsse und Berge

Waldbauern und Steppenkrieger

Die Wandlung: Geburt der europäischen Bauernkultur

Keltische Landschaft

Materielle Kultur der Kelten

Gesellschaftliche Organisation

Tänze

Bauernregeln, Rätsel und Sprüche

Märchen, Sagen, Legenden

Germanen

Keltisches Erbe heute

Keltische Heilkunde

Die Waldweisen

Druidische Sammelrituale

Die richtige Zeit

Das Ritual

Opfergaben

Feuer und Wasser

Der Kessel der Heilung

Erbe des Heilkessels: Kräutertees und Bäder

Kräuterbäder

Der gute spell der Kräuter

Signaturen

Signaturen einheimischer Pflanzen

Ursprungsmythe der Meddygion Myddfai

Hirtenweisheit

Kräuterkunde als weibliches Wissen

Die ätherische Welt der Elfen

Übergänge und Zwischenräume

Die klaren Sinne

Rezepte der Myddfai-Heiler

Diod Anfarwoldeb

Physig Cryd Cymalau

Bedydd Ceridwen

Wasser der Großzügigkeit

Der keltische Jahreskreis und Baumkalender

Die keltische Geistesart

Das achtspeichige Rad

Allerheiligen, Halloween, Samain

Wintersonnenwende, Alban Arthuan

Lichtmess, Imbolc, L’fheill Brighde

Frühlingstagundnachtgleiche, Alban Eilir

Maifest, Walpurgis, Beltane, Lá Bealtaine (Feuer des Bel)

Mittsommer, Sommersonnenwende, Johanniszeit, Alban Hevin

Augustfeuer, Lugnasad, Lammas

Herbsttagundnachtgleiche, Alban Elved

Das Medizinrad der Europäer

Das Medizinrad des Sun Bear

Wahre und falsche keltische Baumkalender

Die Häuplingsbäume

Weißdorn, Hagedorn

Schlafdorn

Der Wanderstab

Botanik und Heilkraft des Weißdorns

Haselnuss

Kontakt mit Elementargeistern: Die Kräfte der Erde

Die Wünschelrute

Der Haselwurm

Kontakt mit den Toten: Kräfte der Fruchtbarkeit

Kontakt mit den Gottheiten: Kräfte der Weisheit

Rutenzauber und Heilkunde

Holunder

Baum des Todes

Baum des Lebens

Holunder im keltischen Jahreskreis

Des Bauern Apotheke

Botanik und verwandte Pflanzen

Attich

Hirschholunder

Weide, Felber

Hexenbaum

Zauberpfeifen

Tod und Trauer

Die kalte Medizin

Eiche

Thingbaum

Orakelbaum, Opferbaum

Die Mistel

Heldenbaum

Baum der göttlichen Sau

Heilige Schweine

Heilkunde

Jeder Baum eine Gottheit

Der Apfelbaum

Die Buche

Eberesche oder Vogelbeere

Die Eibe

Die Erle

Die Esche

Die Kiefer

Die Linde

Die Pappel

Schlehe oder Schwarzdorn

Stechpalme oder Hülsen

Die Blütenfrau

Schlüsselblume, Himmelsschlüssel, Primel, Maginte

Besenginster, Basom

Mädesüß, Geißbart, Spierblume

Kornrade, Rade, rote Kornblume

Brennnessel

Klee

Sauerklee, Kuckucksbrot, Hasenbrot

Kuckuck und Hase

Keridwens Kessel der Transformation

Efeu

Nieswurz, Christrose

Bärlapp

Bachbunge, Bachehrenpreis

Bilsenkraut

Eisenkraut

Ein kurzes Nachwort

Bibliografie

»Wie Merlin

Möcht’ ich durch die Wälder ziehn;

Was die Stürme wehen,

Was die Donner rollen,

Und die Blitze wollen,

Was die Bäume sprechen,

Wenn sie brechen,

möcht’ ich wie Merlin verstehen.«

NIKOLAUS LENAU, Wanderlieder


AUCH WIR WAREN EINMAL INDIANER

Die in ein sauberes, aber zu enges Dirndl geschnürte Wirtin der kleinen bayrischen Pension servierte Brötchen, Marmelade und Kaffee. Manitonquat, der Hüter der Überlieferungen des Stammes der Wam- panoag1, ein hagerer, hoch gewachsener Indianer mit langem schneeweißem Haar, saß mir am Frühstückstisch gegenüber. Wir waren beide zu dem Medizinradtreffen des »Bärenstammes« in den Schwangau eingeladen worden. Der alte Indianer blickte mich entgeistert an und schüttelte den Kopf.

»Das hält man doch nicht für möglich! Diese Weißen wissen nichts, aber auch gar nichts! Sie kennen weder die alte Großmutter, die tief unter der Erde die Geister der Tiere und Pflanzen hütet, noch die Kraft des heiligen Beifußes. Sie können sich kaum nach den vier Himmelsrichtungen orientieren; mit den Tieren und Geistern können sie nicht reden. Wie haben sie überhaupt überlebt?«

Nun, diese Frage hatte ich mir auch schon gestellt, vor Jahren schon. So wie es meine Lehrer in der Highschool und im College dargestellt hatten, sind wir, wie aus dem Ei gepellt, praktisch schon als Zivilisierte auf der Bühne der Menschheitsgeschichte aufgetreten. Vor rund 10000 Jahren hatten »wir« irgendwo im Nahen Osten die Wildheit abgelegt, wurden sesshaft, errichteten die ersten Städte, bauten Bewässerungskanäle, erfanden die Schrift. Damals offenbarte sich uns auch der wahre monotheistische Gott und etablierte einen ethischen Sittenkodex. Triebe wurden gezügelt, sublimiert; die Triebenergie diente nun dem zivilisatorischen Fortschritt. Die griechischen »Väter« der Wissenschaften ragen als Lichtpersönlichkeiten heraus. Hippokrates erfand die vernünftige Heilkunde, die sich in der Antike weiterentwickelte, später von christlichen Mönchen als kostbares Gut gehütet wurde und nun in der Neuzeit wahre Triumphe feiert. Den Griechen und Römern verdanken wir das kritische, rationale Denken, das nach langem Kampf mit dem Aberglauben in der Aufklärung dann voll erblühte und uns die Früchte einer beispiellosen technologischen Revolution, einer objektiven Wissenschaft und einer zunehmend demokratischen Gesellschaftsordnung bescherte.

Die Wilden, die Primitiven, die Zurückgebliebenen, die in Aberglauben, Mythos und Irrationalität Verfangenen, das waren immer die anderen: Indianer, Neger, Zigeuner und die letzten Stammesgesellschaften im eigenen Land, mit denen sich Sozialwissenschaftler und unverbesserliche Romantiker beschäftigen und die es zu »entwickeln«, zu schulen, zu zivilisieren und zu akkulturieren galt.

Dass auch das eine Mythologie – unser eigener Mythos von Fortschritt und Vernunft – ist, wird allmählich vielen klar. Auch dämmert die Erkenntnis, dass Mythologien keine belanglosen, unverbindlichen, blassen, subjektiven Fantasien sind, sondern Träger schicksalsträchtiger Ideen, die das Werden ganzer Zeitepochen und Gesellschaften bestimmen. Jede kulturtragende Mythologie hat ihre ganz reellen Auswirkungen – auf die Menschen, auf die Natur, auf das Klima, auf alles, was »zeucht und fleucht« unter dem Himmel. Die Mythologie des Fortschritts, der totalen Rationalität, der Objektivität, der technologischen Machbarkeit hat ebenfalls ihre Konsequenzen. Zum Teil berauschende: Wir können Auto fahren, im Internet surfen, Herzen verpflanzen, Schafe klonen, Zähne plombieren, gegen Grippe impfen und so weiter. Zum Teil aber auch erschreckende: wieder mal eine Ölpest, Castor- Transporte, unaufhaltsames Artensterben, Ozonlöcher, kränkelnde Baumplantagen, die Wälder genannt werden, Verarmung und überbevölkerte Slums, elektrisch grell erhellte Nächte, das allgegenwärtige Rauschen, Summen und Brummen zahlloser Geräte und Automaten, Klimaveränderung durch das Verbrennen von Abermillionen Tonnen des schwarzen Bluts der Erde und all die virtuellen Realitäten, in denen sich so mancher verirrt. Ja, es hat einen Sinn, die Medizinleute und Schamanen jener Völker zu befragen, die seit Urgedenken harmonisch mit der sie umgebenden Natur zusammenlebten; es hat einen Sinn, zu den eigenen Wurzeln zurückzublicken, als das auch bei uns noch einigermaßen der Fall war.

Ich konnte Manitonquat beruhigen: »Die Weißen sind keine von irgendeinem Plastikstern hereingebeamten, außerirdischen Zombies. Auch sie lebten einst in Stammesgemeinschaften, eingebettet in ihrer natürlichen Mitwelt; auch sie konnten mit den Tieren und Geistern reden. Sie haben es nur vergessen oder es ist ihnen ausgetrieben worden. Frag doch mal Deine Zuhörer, ob sie Frau Holle kennen, denn so hieß die Großmutter einst bei uns!«

Als ich Manitonquat am Abend wieder sah, strahlte er. Ja, die Frau Holle kannten sie. Ja, es gibt Hoffnung. »Indianer könnt ihr Europäer nicht werden, denn die Schildkröteninsel, die ihr Amerika nennt, hat ihre eigene ›Medizin‹ (Kräfte) und diese hat uns geprägt. Wie Ameisen aus ihrem Bau sind unsere Vorfahren dort aus der Erde hervorgegangen. Aber ihr könnt euch hier wieder mit der Erdmutter verbinden und euch mit den geschundenen Bäumen, Kräutern, Steinen, mit den Tieren und den Ahnengeistern versöhnen, so dass ihr wieder Wurzeln bekommt und stark werdet.«

Ich war dem Indianer dankbar und erkannte, dass Frau Holle – die noch immer in unserem Unterbewusstsein lebt – ihre Kinder nicht im Stich lassen wird. Sie ruft uns zurück, zurück zu den heilenden Quellen, zu den Kräutern und Bäumen, die hier überall, einige Schritte vor unserer Haustür, im Wald, am Flussufer, im Park, auf den Wiesen wachsen. Sie ruft uns zu den lebenden Wurzeln. Auch wenn in diesem Weltenwinter alles erstarrt und erfroren zu sein scheint, leben diese Wurzeln noch immer und werden im bevorstehenden Weltenfrühling neu austreiben. Und bei dem Gedanken bewegen wir uns schon im keltischen Mythos, in dem die Zeit einem sich drehenden Rad gleicht, in dem die Vergangenheit zur Zukunft wird und ebenso die Zukunft zur Vergangenheit. Das keltische Wort für Rad ist dasselbe wie das für das Jahr (ELIADE 1980: 128). Es ist das vierspeichige Rad (= die vier Jahreszeiten) des himmlischen Herrschers der Gezeiten, Tanaris (irisch Dagda). Es ist zugleich das Spinnrad der dreifachen Göttin, die, unter den Wurzeln des Weltenbaumes, am Urquell sitzend, das Schicksal der Götter und Menschen hervorspinnt. Wer die Zukunft, das auf uns Zukommende, wer den Schicksalsgrund erkennen will, der schaue tief, ganz tief dorthin, wo im großen Kreis des Seins das Gewordene sich wieder in Werdendes verwandelt.


Motiv des Rades in den früheuropäischen, bronzezeitlichen Kulturen.


Motiv des heiligen Rades auf einer hallstattzeitlichen Schwertscheide.

Die Kelten waren fast tausend Jahre lang das führende Kulturvolk in Europa. Dieses Volk, aufgesplittert in fast hundert größere und kleinere Stämme, ist aus der Vermählung der Erdgöttin der früheuropäischen Bauern und des Himmelsgottes der aus den westasiatischen Steppen kommenden Hirten- und Reiternomaden entsprossen. Das Kernland der Kelten erstreckte sich zur Hallstattzeit, vor knapp 3000 Jahren, von Ungarn und Böhmen über den gesamten Alpenraum bis nach Ostfrankreich. In einer zweiten Blüte (ab 450 v. u. Z.), während der so genannten La-Tène-Zeit, stießen die Kelten bis nach Griechenland und Kleinasien vor – es sind die im Paulusbrief des Neuen Testaments erwähnten Galater. Im Westen dringen sie bis nach Spanien und um 200 v. u. Z. bis zu den Britischen Inseln vor. Mit dem Eroberungszug der Römer in Gallien erlosch allmählich ihr Stern. Der Sieg Julius Caesars und seiner gut ausgebildeten Berufssoldaten über die tollkühnen, aber undisziplinierten keltischen Krieger, die sich unter dem Gallierhäuptling Vercingetorix zu einem losen Kriegsbund zusammengeschlossen hatten, markiert das Ende einer Epoche. »Vercingetorix trug seine besten Waffen und hatte sein Pferd geschmückt (…) Er beschrieb einen Kreis um Caesar, sprang vom Pferd und warf seine Waffe auf den Boden« (CAESAR, De bello gallico, 27). Dieser rituelle Akt der Unterwerfung, wie ihn Plutarch beschreibt, symbolisiert zugleich das bevorstehende Ende naturverbundener Stammeskulturen in Europa. Nur in Britannien, vor allem in Wales und Irland, lebte die La-Tène-Kultur unter christlich-feudalem Vorzeichen noch bis ins Mittelalter fort.

Warum sollten die Kelten für uns interessant sein? Nicht nur haben sie die Grundzüge der europäischen Bauern- und Volkskultur geprägt, sie haben vor allem im lebendigen Einklang mit der hiesigen natürlichen Umwelt, mit dem Wald, gelebt. Sie erlebten die Natur nicht nur voller magischer, ätherischer Kräfte, sondern beseelt und mit Bewusstsein erfüllt. Bäume, Steine, Quellen, der Wind und alle Geschöpfe waren für sie ansprechbar. Diese Sichtweise, dieses Eingebettetsein in unserer unmittelbaren natürlichen Mitwelt, haben wir weitgehend verloren. Unsere Hellsichtigkeit ist erloschen. Unsere Verbundenheit, unser Geborgensein in einer vom ständigen Werden, Vergehen und von neuem Werden geprägten natürlichen Welt ist uns abhanden gekommen. In diesem Buch wollen wir versuchen, etwas von dem verlorenen Terrain wiederzuerlangen.

Einführende Worte von Großvater Goethe

Dass Pflanzen eine Geistseele haben, die sich der Vision des Schamanen offenbaren kann, das hat mich der Medizinmann Bill Tallbull gelehrt. Diese Geistseelen, die er Maiyun nannte, kommunizieren mit dem Menschen – ob er sich dessen bewusst ist oder nicht – auf telepathische Art und Weise. Sie können im Menschen Gefühle erwecken, ihm in den Träumen erscheinen oder ihm hohe Inspirationen zukommen lassen. So prägt die Vegetation einer Region die Menschen und ihre Kultur. Die Eingeborenen und die Pflanzen, die um sie herum wachsen, bilden eine Einheit. Auch die Kultur der Kelten und anderer indigener europäischer Völker wurde von der Flora der Länder, in denen diese Völker siedelten, geprägt.

Goethe, der ein großer Pflanzenkenner war, wusste davon. Einmal stellte der Dichter einen blühenden Lorbeer und eine japanische Pflanze auf den Tisch. Johann Peter Eckermann, der Freund und Sekretär Goethes, bemerkte, dass von den beiden Pflanzen unterschiedliche Stimmungen ausgingen. Er sagte, dass der Anblick des Lorbeers ihn heiter, leicht und milde mache, die japanische Pflanze ihn dagegen melancholisch stimme.

»Sie haben nicht unrecht«, sagte Goethe, »und daher kommt es denn auch, dass man der Pflanzenwelt eines Landes einen Einfluss auf die Gemütsart seiner Bewohner zugestanden hat. Und gewiss! Wer sein Leben lang von hohen ernsten Eichen umgeben wäre, müsste ein anderer Mensch werden, als wer täglich unter luftigen Birken sich erginge. Nur muss man bedenken, dass die Menschen im Allgemeinen nicht so sensibler Natur sind als wir anderen und dass sie im Ganzen kräftig vor sich hinleben, ohne den äußeren Eindrücken so viele Gewalt einzuräumen. Aber so viel ist gewiss, dass außer dem Angeborenen der Rasse sowohl Boden und Klima als Nahrung und Beschäftigung einwirkt, um den Charakter eines Volkes zu vollenden. Auch ist zu bedenken, dass die frühesten Stämme meistenteils von einem Boden Besitz nahmen, wo es ihnen gefiel und wo also die Gegend mit dem angeborenen Charakter der Menschen bereits in Harmonie stand« (ECKERMANN 1999: 333).

Die Kräuter, Büsche und Bäume selbst sind es, die mir am meisten über die Kelten erzählt haben. Die anderen Quellen seien im Folgenden kurz beschrieben.

Auf Odins Platz:

»Ich fragte ihn nach der alten Religion.

Nichts übrig geblieben, sagte er,

und ein Wind kam auf.«2

Die Quellen

Was wissen wir eigentlich über die Kelten, die so lange das gesellschaftliche und kulturelle Leben Europas gestalteten und prägten? Was können wir insbesondere über ihre Heilkunde und Pflanzenkenntnisse in Erfahrung bringen?

Schrifttum der Antike

Für die Schreibstubengelehrten fließen die Quellen bezüglich der Kelten und insbesondere ihrer Pflanzen- und Heilkunde recht spärlich. Diese Völker haben keine Schriften hinterlassen. Caesar berichtet, dass die Druiden, die Weisen der Kelten, zwar schreiben konnten und dass sie ihre alltägliche, geschäftliche Korrespondenz in griechischer Schrift verfassten. Was aber ihre Lehre betraf, weigerten sie sich, diese schriftlich festzulegen. Um die zwanzig Jahre verbrachten die Druidenanwärter in abgelegenen Waldschulen, wo sie – ähnlich den indischen Brahmanen – die Weisheiten und Erkenntnisse in Form von abertausend Versen auswendig, »mit ihrem Herzen« (by heart) lernten. Wissen, das nicht im Herzen getragen wird, sagten die Druiden, sei kein echtes Wissen.

Mitunter hört man, meist von überzeugten Keltomanen, den Einwand, dass die Kelten sehr wohl ihre eigene Geheimschrift, die Ogam-Schrift, hatten. Das gesamte druidische Wissen sei von geheimen Druidenorden in Schottland in dieser Schrift festgehalten worden und sei den Ordensmitgliedern – gegen genügende Bezahlung – zugänglich. Nun, in Wirklichkeit sind diese geheimen Orden erst im 18. oder 19. Jahrundert entstanden und haben wenig mit den alten Druiden zu tun. Die echten Ogam-Schriftzeichen bestehen aus waagrechten und senkrechten Strichen, die in die Kanten von Stein- oder Holzpfeilern geritzt oder geschnitzt wurden. Die Ogam-Zeichen entstanden in Irland im frühen Mittelalter und wurden – ähnlich den in Baumrinde geritzten Runen der Germanen – nicht zum Festhalten von Ideen, sondern magisch, als Schutzzauber, zur Beherrschung der Geister oder in Erinnerung an die Toten oder an große Taten verwendet. Eine irische Geschichte erzählt von einem Druiden, der Ogam-Zeichen in Eibenstäbe schnitzte, um eine entführte Königin wiederzufinden, die von den Andersweltlichen in ein Síd, ein Hühnengrab, entführt worden war (LE ROUX/GUYONVARC’H 1996: 184). Die Ogam-Schrift ist für unsere Zwecke nicht uninteressant, denn jedes der zwanzig Zeichen symbolisiert einen Baum. Jeder Buchstabe vermittelte im Bewusstsein des keltischen Betrachters die Macht oder die Energieschwingung des jeweiligen Baumes.


Julius Caesar: Bezwinger der Kelten.


Die magische Ogom-Schrift wurde in Steinpfeiler gekerbt.

Was wir an schriftlichen Quellen über die alten Kelten besitzen, stammt ausschließlich aus griechischen und römischen Berichten. Wie wir sehen werden, schrieb der römische Gelehrte Plinius der Ältere Aufschlussreiches über die Rituale, welche die Druiden beim Sammeln der Eichenmistel, des Bärlapps (Selago), des Samolus’ (Ehrenpreis?) und des Eisenkrauts vollzogen. Die ergiebigste antike Quelle bezüglich der Heilpflanzen stammt aus der Feder des aus dem gallischen Aquitanien gebürtigen Römers Marcellus Empiricus. In dem um 395 n. u. Z. geschriebenen Buch Liber de Medicamentis übernimmt Marcellus das meiste zwar aus den antiken Werken der Griechen und Römer, erwähnt aber dennoch nicht nur einige gallo-keltische Pflanzennamen, sondern auch die volksmedizinische Verwendung der Pflanzen in Aquitanien zu dieser Zeit (HÖFLER 1911: 4). Ansonsten werden auch bei Dioskurides, Plinius und Apuleius von Madaura einige gallo-keltische Pflanzennamen überliefert, die für uns aufschlussreich sind.

Archäologisches Material

Ausgrabungen in großen Teilen Europas ermöglichen weitere wertvolle Einsichten in die Welt der Kelten. Grabbeigaben wie Bierkessel, Trinkhörner, Prunkwagen, Knochen geopferter Tiere, Reste von Totenspeisen und Textilien, auch Pollenanalysen des Bodens helfen uns, das rätselhafte Volk der Kelten besser zu verstehen. Das Grab des »Fürsten von Hochdorf«, ein glücklicherweise ungeplündertes Grab aus der späten Hallstattzeit in der Nähe von Stuttgart, enthielt zum Beispiel Stoffreste aus Hanfbast und Lein. Der tote keltische Häuptling war auf Haselzweige, Kräuter und Blumen gebettet und trug einen konischen Birkenrindenhut3. Ein Weidenkörbchen und ein Haselrutenstab waren auch mit dabei (KÖRBER-GROHNE/KÜSTER 1985: 145).

Irische und andere britische Überlieferungen aus dem Mittelalter

Im 9. Jahrhundert, also mindestens ein halbes Jahrtausend nach der Bekehrung, begannen christliche Mönche in Irland die Geschichten der mündlichen Überlieferung aufzuschreiben. Die Aufzeichnungen sind selbstverständlich durch einen christlichen Filter gegangen und dementsprechend entstellt, dennoch enthalten sie Aufschlussreiches über keltisches Brauchtum und keltische Heilkunde (SHARKEY 1982: 17). Im größten Epos der Iren etwa, dem Táin Bó Cuailnge (Der Rinderraub von Cooley), erscheint der mächtige Sonnengott Lug, um den schwer verwundeten Helden zu heilen. Er schläfert den aus vielen Wunden blutenden Cúchulainn durch »Männersummen« (ferdord) ein, untersucht die Wunden, besingt sie und legt Heilkräuter darauf. Nach drei Tagen Tiefschlaf ist der Held wieder hergestellt (BOTHEROYD 1995: 202).

Als weitere Quelle kommt die kymrische – in walisischer Sprache verfasste – mittelalterliche Literatur, die Märchen und Sagen, die Heldenepen und Gedichte der großen Barden, in Betracht.

Europäische Folklore: Brauchtum, Volksmedizin, Volkskunde, Märchen, Bauernrätsel und Bauernregeln

Mit der Eroberung Galliens und anderer keltischer Länder durch das Imperium Romanum, dem Missionierungsdruck der römischen Kirche, auch durch den Einfall der slawischen Völker aus dem Osten und der Germanen aus dem Norden, etwa der Angelsachsen in Britannien, wurde die keltische Kultur gleichsam »enthauptet«. Das Drui- dentum, Träger der keltischen Hochkultur, und der Kriegeradel wurden praktisch ausgelöscht. Mit ihnen schwanden die keltischen Hochgötter, die großen Opferrituale und die druidische Hochmagie. Aber das einfache Volk, nun allmählich zum Christentum bekehrt und anderen Herren untertan, lebte weiterhin in strohgedeckten Einzelhöfen, aß weiterhin Brei und Mus, trank weiterhin Gerstenbier, glaubte weiter an die lokalen Geister, an all die Heinzelmännchen, Elfen, Wasser- und Waldgeister, und opferte diesen. Man säte, pflanzte, erntete, schlug Holz und versorgte das Vieh weiterhin im Einklang mit den Jahreszeiten. Man heilte mit denselben Kräutern und unter Zuhilfenahme ähnlicher Heilsprüche wie bisher. An die Stelle der heidnischen Gottheiten, die die verschiedenen Jahreszeiten beherrschten, traten einfach die passenden christlichen Heiligen, an die Stelle der Göttin Maria. Ebenso wie die christlichen Kirchen und Kapellen nun auf alten heidnischen Heiligtümern standen, wurden die christlichen Feiertage in den traditionellen Kalender mit eingebaut: Christi Geburt wurde auf die Wintersonnenwende festgelegt, Maria Lichtmess auf das Fest der Lichtgöttin Brigit, Ostern und Pfingsten auf die herkömmlichen heidnischen Frühlingsfeste, Johanni auf das Fest des Sonnengottes und so weiter. Das sakrale Jahr wurde also »keltifiziert« oder das keltische Jahr christianisiert. Anders gesagt, in der Kultur des kleinen Mannes – der little tradition, wie der Kulturanthropologe Robert Redfield diese im Gegensatz zur big tradition der Hochkultur definierte – ist praktisch die ungebrochene Kontinuität keltischer Bräuche gewährleistet (REDFIELD 1941). Und das nicht nur in Irland oder Wales, sondern auch anderswo in Mittel- und Westeuropa, insbesondere in den Rückzugsgebieten des Alpenraums. Vor allem auf diese noch immer nicht versiegte Quelle wollen wir uns in Bezug auf die Heil- und Zauberpflanzen in diesem Buch berufen. Ehe wir zur Sache gehen, wollen wir im folgenden ersten Kapitel einen kurzen Blick auf das kulturelle und historische Umfeld werfen, in welchem die keltische Heil- und Pflanzenkunde eingebettet war. Das sind wir einer ganzheitlichen Betrachtungsweise schuldig.


Maria tritt an die Stelle der keltischen Göttin.

Das »morphogenetische Feld«: Die Sprache des Landes, des Waldes, der Flüsse und Berge

Dass die Bäume, Kräuter, Steine und die Tiere, in deren Mitte wir leben, unsere besten Lehrer sind, das hatte mir Bill Tallbull, Medizinmann der Tsististas-Indianer, schon öfter erklärt (Storl 1997: 75). Man müsse sich aber auf die Natur einstimmen. Man müsse das ständige Geplapper der ach so klugen Gedanken in unserem Kopf zum Schweigen bringen und ganz still werden. Man müsse die Uhr ablegen, das Radio ausschalten, die gelehrten Bücher vergessen und in die Stille lauschen. Dann würden sie anfangen zu sprechen.

Heutzutage sind die meisten von uns überzeugt, dass die Natur eigentlich gar nicht »sprechen« kann. Phänomene wie Pflanzenwachstum, Tierverhalten, Planetenbewegungen oder der Wandel des Wetters lassen sich wissenschaftlich erklären. Da braucht man keine animisti- sche Hypothese von »sprechenden Naturwesen«. Wenn man seine zentralgeheizte Wohnung am Wochenende einmal verlässt und sich einen »Trip« reinzieht, dann kann es durchaus vorkommen, dass Käfer, Erdmännlein, Elfen oder was auch immer einem erscheinen oder einem gar etwas zuraunen. Nur wissen wir, das ist subjektives Empfinden, das hat mit Hirnchemie, mit Neurotransmittern und Synapsen zu tun. Es ist halt ein »Trip«, eine Einbildung, ein Ausflug in Traum und Illusion; die Wirklichkeit holt einen wieder zurück!

Bill Tallbull hatte aber etwas anderes im Sinn, als er vom »Sprechen« der Natur sprach. Was er eigentlich meinte, das habe ich in den vielen Jahren, in denen ich auf diesem Berg im Allgäu lebe, immer besser verstanden. Oft dauert es Jahre, bis man die Sprache des Genius Loci, des Geistes eines Ortes, versteht. Man lebt sich ein in das morphogenetische Feld, in die formgebenden Energien und die unsichtbaren und dennoch wirksamen »Erinnerungen« an vergangene Zustände, die an dem Ort haften. So will ich mir erlauben, etwas von diesem Ort, diesem Berg, zu erzählen, der mir so viel über die Kelten, die so lange hier wohnten, erzählt hat.

Menschliche Nachbarn gibt es keine hier oben. Füchse, Dachse, Rehe, gelegentlich eine Wildsau, Hirsche und Gämsen sind die Nachbarn. Sie sind scheu und gehen dem Menschen lieber aus dem Weg. Der Hof war einst Teil eines Benediktinerklosters. Das Wohnhaus, von einem Appenzeller Pächter im Dreißigjährigen Krieg wieder aufgebaut, besteht aus dicken Holzbalken, auf einem Untergeschoss aus Bruchstein. Im Keller sprudelt eine Quelle. Oft haben die Benediktiner ihre Gebäude auf Quellen gebaut – Inspirationen aus den Tiefen der Erde, nicht nur mineralreiches H2O sprudelt da hervor.

Mit Barrieren aus Beton, Glas und Plastik schirmt sich der heutige Städter von den Belastungen und Einstrahlungen seiner Umwelt ab. Meistens ist dies auch angebracht. Hier aber strömen die Energien durch die Balken und durch die von Hand gefertigten Biberschwanzziegel, mit denen das spitze Dach gedeckt ist. Schläft man dazu noch auf Stroh, dann spürt man diese Energieströme noch mehr, sagen doch die Bauern hier: »Wer auf Stroh schläft, zu dem kommt der Teufel!« Oder sind es die Naturgeister? Man ist an einem Ort wie diesem den unsichtbaren Energien geradezu ausgesetzt. Die Jahreszeiten reißen einen mit in ihrer unerbittlichen Macht. Wie auf einem Riesenrad trägt es einen hinauf in die Höhe des Sommers und dann wieder hinab in die dunklen, kalten Tage des Winters. Jedes Jahr dasselbe und doch jedes Jahr anders, und das seit Tausenden von Jahren. Irgendwann im März kommen die Frösche über den alten Schnee gehüpft und feiern im Tümpel ihre Hochzeitsorgien; in den blühenden Salweiden summen die Bienen, bald blühen die Dotterblumen im Sumpf und das Scharbockskraut auf den Wiesen. Wie eine Göttin zieht der Vorfrühling übers Land und rüttelt es wach. Nun ist es an der Zeit, mit den frischen Kressen und Brennnesseln eine Blutreinigungskur zu machen und die Winterträgheit abzuschütteln.

Bald kehren die Zugvögel zurück; die Wiesen sind grün und stehen in voller Blüte, die Tage werden lichter und wärmer, Wald und Matten schmücken sich wie eine Braut. Hochzeitsstimmung. Nicht schwer, sich vorzustellen, dass nun die Pflanzengöttin den strahlenden Sonnenhelden minnt. Der Kuckuck ruft. Lieder von Reigen unter Linden kommen einem in den Sinn. Gelegentlich kommen Wanderer vorbei, ältere Leute im Ruhestand, Einheimische, trinken ein Bier für den Durst und plaudern: »Ja, mei, war das schön damals«, erzählen sie in ihrer für mich schwer verständlichen Westallgäuer Mundart. »In der Mainacht kam die Dorfkapelle hoch; die ganze Nacht hindurch haben wir hier oben getanzt!« Aber auch von schweren Zeiten wissen sie zu erzählen.

Nun ist kein Halten mehr. Die Arbeit in der Stube hört endgültig auf. Wehe, wenn mein Buch noch nicht fertig geschrieben ist! Nun ist es höchste Zeit, die Gartenbeete umzugraben, zu rechen und mit Kompost zu düngen, zu säen und zu pflanzen. Wenn man die günstige Stunde verpasst, dann fehlt es einem an Kartoffeln oder Gemüse im kommenden Winter.

Gegen Ende Mai bringen die Bauern aus dem Tal ihre »Tschumpe« (Jungvieh) herauf; auch Pferde machen hier Sommerurlaub, bis das Gras bis auf dem Rasen abgefressen ist. Erdbeerzeit, Himbeerzeit, Brombeer- und Holunderbeerenzeit – so heißen die eigentlichen Monatsnamen hier oben. Überhaupt erlebt man die Monate hier anders: Sie verändern sich mit dem Mond, von Neumond zum Vollmond und wieder zum Neumond. Nach diesen natürlichen Mondrhythmen leben die Pflanzen und Tiere und, obwohl wir es vergessen haben, auch unsere Seele. Der offizielle Kalender mit seinen Zahlen und abstrakten Namen ist nur für die »Welt« da unten, für Behörden, Schule, Termine. Wenn man es zulässt, dann ist jeder Vollmond Kraftzeit. In den milden sommerlichen Vollmondnächten liegt nichts näher, als ein Feuer unter freiem Himmel zu entfachen und die ganze Nacht aufzubleiben. Und manchmal tanzen einem die Waldgeister dabei durch den Körper.

In den Hundstagen im August leuchtet Sirius, der Hundsstern, am südöstlichen Himmel. Es ist heiß. Kräutersammelzeit. Badezeit.

Bald aber wird es kühler; bald ziehen Nebel aus den Schluchten herauf. »Die Hasenmutter kocht!«, sagen die kleinen Kinder. Die Rinder und Pferde ziehen wieder ins Tal. Holz für den Winter muss aus dem Wald geholt, gesägt und aufgeschichtet werden. Nun kommen die Jäger; die Hunde bellen die vorbeifahrenden Geländewagen an. Der Garten will abgeerntet werden. Der Wald schenkt Pfifferlinge, und wenn er es besonders gut meint, dicke Steinpilze.

Es wird grau, neblig, ungemütlich. Totenzeit. Nun bedarf es nicht viel, die Geister zu sehen oder der Schwermut zu verfallen. In diesen Tagen feierten einst die Kelten ihr Totenfest Samain. Es ist Zeit, Lichter anzuzünden. Bald kommt der Weihnachtsbaum ins Haus.

Nach der Wintersonnenwende sinken die Nebel ins Tal hinab. Kristalle bilden sich auf den Zweigen der Tannen und Buchen. Der Berg steht da wie eine Insel im Nebelmeer und schickt Grüße hinüber zu den anderen Gipfeln. Der Säntis, schneeweiß und majestätisch, ein heiliger Berg schon für die Neandertaler, rückt in der klaren Winterluft näher.

Im Jahresrad erlebten die Kelten einst das Wirken der Götter. Sie teilten das Jahr in natürliche Zeiträume ein. Jeder Zeitraum galt als das Reich einer Gottheit oder genauer eines Götterpaares. Die Feiertage, die Sonnenwenden, die Tagnachtgleichen und die dazwischen liegenden Vollmondfeste wurden als Übergänge von einem Götterreich zum anderen aufgefasst. Jeder dieser Zeiträume hat seine ganz bestimmten Eigenschaften und Qualitäten. Dies hat mich der Berg gelehrt. Auch die Götter in ihren jahreszeitlichen Offenbarungen hat er mir nahe gebracht, nicht als intellektuelle Abstraktion, so wie man von ihnen im Buch liest, sondern ganz wirklich, ganz sinnlich. Man fühlt die Wesenheiten bis ins Blut, bis in die Knochen, man kann sie im Garten, auf der Weide und im Wald spüren, hören, sehen, riechen. Das Heilige ist nicht etwas, was man nur von religiösen Funktionären oder Priestern als Katechismus oder Glaubensinhalte vermittelt erhält, sondern es ist ureigene Erfahrung. Diese Erfahrung machte es mir möglich, die Kelten zu verstehen.

Im Winter liegt der Schnee tief. Schon gegen Mitte Oktober deckt Frau Holle die grünen Matten und den dunklen Wald mit einer weißen, weichen Decke zu; erst gegen Ende April kommt die Erde wieder zum Vorschein. Auf der verschneiten winterlichen Niederalp, auf der sich der Hof befindet, ist kein Kraftfahrzeuglärm zu hören – außer gelegentlich ein Flugzeug. Kein Glockengeläut zerteilt die Stille. Das Holz für den Herd ist unter Dach, die Erdäpfel, Äpfel und Gemüse aus dem Garten sind im Keller.

In dieser Stille, besonders am späten Abend, wandert der Geist in die tiefen, unsichtbaren Bereiche und wird empfänglich für Eingebungen. Das Feuer im Herd zischt, spuckt und knattert. Jedes Holz – Buchenscheite, Fichte, Ulme, Esche – brennt anders, jedes hat seine eigene Wärme, seinen eigenen Duft und seine eigene Geschichte vom Sommer zu erzählen. Vor hundert Jahren war das hier noch ein Wirtshaus, Sennen und Bauern gingen ein und aus. Vom Jahre 1188 an bis zur Zeit Napoleons saßen Benediktinermönche, hagere Schwarzkutten, hier oben auf dem Berg und fristeten ein freudloses Leben nach dem Motto »Ora et labora« (Bete und arbeite). Ihre Frustationen, ihre Trunksucht – man spürt sie noch heute in den stillen Winternächten. Davor alemannische Ritter, die auf der Höhe eine Festung unterhielten, bis der Ritter Swigger von den eigenen Mannen erschlagen wurde und der Berg von den Schwarzkutten in Besitz genommen wurde. Vor den Rittern waren Römer da, und davor die Kelten …

Von den Kelten und ihren Pflanzen habe ich nicht viel gewusst, ehe ich mitsamt meiner Familie hierher zog. Aber über die Jahre hinweg hat mir der Berg dieses und jenes von ihnen zugeraunt. Hier war keltisches Kernland. Nahezu tausend Jahre waren sie hier. Irgendwie sind sie noch immer anwesend. Unten im Tal sind Keltenschanzen. Auf dem Gipfel des vorgelagerten »Heidenkapfs« brannten die jahreszeitlichen Notfeuer der keltischen Heiden. Ein großes hölzernes Kruzifix markiert nun den Kraftplatz, von dem man bis in die Bodenseesenke und auf die Voralberger und Glarner Alpen schauen kann.

An einer Stelle, ganz in der Nähe des Heidenkapfs und direkt auf der kontinentalen Wasserscheide, stoßen drei Wege aufeinander. Die Wegscheide ist ein Quellgebiet; auf der einen Seite fließt das Wasser hinab in die Bodenseesenke und zur Nordsee, auf der anderen ins Donautal und dann zum Schwarzen Meer. Und gerade hier befindet sich ein weiteres altes Heiligtum. Hier stand lange eine Kapelle. Hierher pilgerte das Landvolk noch bis in die Achtzigerjahre, um Heilung gegen Hautkrankheiten aller Art – in der Mundart »Eissen« genannt – zu finden. Weggabelungen und Orte des Übergangs wie hier, mitten auf einer Wasserscheide, sind typische heilige Orte der Kelten. Nicht willkürlich wurden sie ausgewählt. Sensitive spüren da noch heute starke Energien und den Wünschelrutengängern schlagen die Ruten aus. Die drei alten Weißtannen, die sich hier angesiedelt haben, unterstreichen das Numi- nose des Orts. Das Göttliche offenbarte sich bei den Kelten oft in dreifacher Gestalt.

Die Kapelle ist dem Pestheiligen Rochus geweiht und wurde wahrscheinlich irgendwann im 15. Jahrhundert, als der schwarze Tod das Land heimsuchte, errichtet. Ein lebensgroßer barocker Heiland, ein arg geschundener und aus vielen Schürf- und Stichwunden blutender Schmerzensmann, dominiert den Altar der Kapelle – ein Nachklang blutiger Opferrituale keltischer und vorkeltischer Agrargesellschaften, die einen schaudern machen könnten.

Die Kapelle ist eine so genannte Besenkapelle. Der Gläubige, der für sich selbst oder jemanden in seiner Familie Heilung sucht, muss einen von einem Nachbarn geborgten Besen aus Birkenreisig mitbringen und als Opfergabe hinterlassen. Er muss reinen Herzens hierher kommen, am besten an einem gesegneten Tag, dann kann er den Ausschlag, die Geschwüre, Beulen oder Abschürfungen, auch Schmerzen des Beines und der Knie dem gemarterten Gottessohn überlassen. Man kann sie sozusagen abstreifen und auf ihn übertragen. So haben es schon seine keltisch-germanischen Vorfahren an Bäumen und Sträuchern – vor allem Fichten und Holunderbüschen –, die an ähnlichen Orten wuchsen, getan.

Der Birkenbesen ist ein alter heidnischer Ritualgegenstand. Die Birke symbolisierte auch bei den Kelten Reinigung und Neuanfang. Mit Birkenbesen wurden unreine Geister aus Heiligtümern gefegt. Schläge mit Birkenbesen vertrieben solche Geister auch aus dem Leib. Noch Mitte des 20. Jahrhunderts lagen die Reisigbesen stapelweise in der Kapelle; die russischen Kriegsgefangenen, die in der Landwirtschaft halfen, brauchten damals keine Besen zum Auskehren des Stalls zu binden, und die Bäuerin hatte genügend Reisig für Herd und Backofen.

Mitte der Achtzigerjahre wurden mehrere abgelegene Wald- und Bergkapellen ausgeraubt und ihrer Statuen und Kunstschätze entledigt. Deshalb suchte man für diese Rochuskapelle einen sichereren Ort. 1987 wurde die Kapelle näher zum Hof versetzt. Seither hat die Kapelle an Bedeutung verloren. In keltischer Tradition ist es der Ort, der Genius Loci, der die heilende Kraft ausstrahlt, nicht das Gebäude und die Statuen, die darauf stehen. So auch in diesem Fall. Außerdem wurde die Kapelle falsch hingestellt, mit dem Altar nach Westen orientiert, wobei doch jeder weiß, dass die Heilkraft aus dem Osten kommt, aus der Richtung des Sonnenaufgangs. Nur selten noch bringt ein Einheimischer einen Besen; und der alte knorrige Holunder, der neben der Kapelle steht, geht allmählich ein. An die ursprüngliche Stelle der Kapelle hat der einheimische Förster inzwischen eine Linde gepflanzt, um den heiligen Ort erneut zu kennzeichnen.

Hinter der Gestalt des heiligen Rochus steht – wie bei so vielen populären Heiligen – wahrscheinlich eine alte keltische Gottheit. Rochus soll um 1295 in Montpellier, im ehemaligen gallischen Südfrankreich, geboren worden sein. Montpellier war der von den Galliern verehrte Heilkräuterberg Mons pessulanus. Der Legende nach sammelten hier einst die Druiden das Zauberkraut »Selago«; hier wuchsen die stärksten Pestkräuter, hier gründeten die Benediktiner eine berühmte medizinische Fakultät (HÖFLER 1911: 254). Die Ikone stellt Rochus mit Schlapphut und Wanderstab dar. Sein Mantel ist aufgeschlagen, auf seinem Schenkel ist eine Pestbeule zu sehen, die ein Hund leckt. Beim Anblick denkt man unwillkürlich an einen Druiden – oder an den germanischen Zaubergott Wotan. Als Rochus von der Pest angesteckt wurde, verzog er sich in den Wald; ein Engel erschien ihm und ein Hund versorgte ihn, leckte seine Wunden und brachte ihm Brot, bis er genesen war. Hunde waren bei den Kelten heilige Tiere; keine keltische Gottheit, die nicht einen Hund als Begleiter hatte (BOTHEROYD 1995: 167). In Frankreich glaubte man, dass tollwütige Hunde denjenigen nicht anfallen und beißen, der ein Bild des Rochus bei sich trägt.

Der Tag des heiligen Rochus ist der 16. August. Traditionell hat man an diesem Tag die Rochuskräuter, die Pestkräuter, gesammelt. Meistens sind es Kräuter, die in der keltischen Heilkunde und im Kult eine große Rolle spielten: Baldrian, Bibernelle, Blutwurz, Eberwurz, Einbeere, Meisterwurz, Sanikel, Wacholder. Bis auf den Wacholder wachsen alle diese Pflanzen wild auf diesem Berg.

Der Tag davor, der 15. August, ist Maria Himmelfahrt. Einst wurden sämtliche Kräuter, deren Heil- oder Zauberkräfte man über das Jahr hinweg im Haus oder im Stall benötigte, am Himmelfahrtstag der Gottesmutter in den Kirchen geweiht. Unten im Tal, im Dorf, lassen die Frauen noch immer einen »Kräuterwisch« in der Kirche weihen und wetteifern miteinander, wer den schönsten Strauß hat. Diese Mariakräuterweihe ist inzwischen jedoch eher dekadent geworden, ein leeres Ritual, denn heute geht man bei Bedarf in die Apotheke, zum Tierarzt oder zum Arzt, der die Anweisungen der Pharmaindustrie befolgt. Auch haben die Frauen vergessen, dass die Kräuter nicht mit einem Messer geschnitten, sondern nur mit der Hand gepflückt werden dürfen. Das Fest der Heilkräuter und ihrer Weihe ist älter als das Christentum, die Kelten kannten es schon. Es war Teil der Zeit des Augustfeuers, Teil der allgemeinen Erntezeit, die unter der Obhut des geschickten, heilkundigen Gottes Lugus (Lug) und der göttlichen Matrone stattfand.

Die Kirche, in der die Kräuter geweiht werden, ist uralt. Sie ist die erste christliche Kirche der Gegend, eine Missionskirche und zugleich eine der »Wanderkirchen«. Die Missionare, die vom Kloster St. Gallen ausgezogen waren, um die heidnischen Alemannen zu bekehren, wollten das Gotteshaus mitten im Tal errichten. Jede Nacht aber verschwanden das Baumaterial, das Holz, die Werkzeuge und sogar der Eckstein und wurden am Fuß des heiligen Berges, unterhalb des Heidenkapfs, wieder aufgefunden. Keine Schleifspuren, kein Fahrgleis waren zu sehen. Man wusste nicht, ob es Engel oder Wichteln waren oder ob gar der Teufel mit im Spiel war. Nachdem das drei Mal geschehen war, beließen es die Missionare und bauten die Kirche gerade da, am Anfang des Weges, der durch eine Waldschlucht – heute Kirchtobel genannt – direkt zum Berg hinaufführt.

Manchmal kommt mir der Berg wie ein schlafender siebenköpfiger Drache vor. Die Ausläufer, von den Einheimischen als Kapf bezeichnet, sind seine Köpfe. Quellen, die hier und da hervorsprudeln, und die Waldkapellen, die sich da und dort entlang des Grats befinden, könnten seine Leibes-Chakren sein. Vor einiger Zeit erfuhr ich vom Dorfschulmeister, dass hier tatsächlich ein Drache gehaust haben soll. Der heilige Magnus, der Apostel des Allgäus, soll durch den Urwald, gerade durch den Kirchtobel den Berg hinaufgestiegen sein, um den Drachen zu erlegen. Der Heilige trug ein großes Kreuz auf der Brust, einen Stab in der einen Hand und einen Pechkranz in der anderen. Als er das gefürchtete Untier antraf, schleuderte er ihm unter Anrufung Gottes den Pechkranz in den Rachen. Der Lindwurm schluckte und wand sich, bis er schließlich vor den Füßen des Heiligen zerbarst, worauf sich alles übrige Ungetier, die Schlangen, Bären, Wölfe und die anderen gottlosen Geschöpfe, aus dem Staube machten (HELBER 1990: U3).

Der heilige Magnus, im Volksmund St. Mang genannt, war Schüler und Gefährte der iro-schottischen Missionare Gallus und Columban – allesamt aus druidisch-königlichem, keltischem Geschlecht –, die das Bodenseegebiet missionierten und in Bregenz die Götzenbilder und Bierkessel der Heiden zerstörten (STORL 1992: 134). Viel Keltisches haftet an St. Mang. Überall haben keltische Heilige Drachen getötet oder, wie der heilige Patrick in Irland, Schlangen vertrieben. Abergläubische Bauern im Allgäu riefen St. Mang noch lange gegen Ungeziefer an, gegen Mäuse, Raupen und Engerlinge. Am Mangtag steckt man drei Haselruten mit dem eingeschittenen Buchstaben M in drei Ecken des Feldes, um Würmer zu vertreiben. Auch dieser Brauch hat eindeutig keltische Wurzeln. Der Stab des Missionars, der noch in Füssen aufbewahrt wird, wird in Prozessionen um die Felder getragen – auch das ein Überbleibsel keltisch-germanischen Feldzaubers (BÄCHTOLD- STÄUBLI V 1987: 1482).

Nicht alle wilden Kreaturen hat St. Mang vom Berg vertreiben können. Machmal treffen Wanderer, die sich ihres Weges nicht ganz sicher sind, auf ein altes Weib mit wirrem Haar und großen Zähnen. Man könnte sie leicht für eine Bergbäuerin halten, die da Holz oder Kräuter sammelt. Manchmal kommt sie auch als junge Frau daher, manchmal in Begleitung von Gemsen. Sie führt die Wanderer, die sich verlaufen haben, immer im Kreis herum, durch steile Tobel und dichte Fichten- und Buchenwälder, bis sie völlig verwirrt und entmutigt sind. Jedesmal, wenn die Bundeswehr hier oben ihre Manöver hält, verirren sich einige Soldaten. Es dauert mitunter ein bis zwei Tage, bis sie alle wieder eingesammelt sind. Sogar ich habe mich öfter verlaufen, bin nach Süden gelaufen, wo ich doch nach Norden wollte, doch die Frau selbst habe ich nicht gesehen.

Vielleicht ist sie eine Caillech, eine alte Bergmutter, wie man sie in Irland oder im schottischen Hochland oft findet; vielleicht aber ist sie der Drache, den St. Mang angeblich »tötete« und der sich, wie es bei den chtonischen Schlangen der Fall ist, einfach häutete und erneuerte. Dass sich die Wanderer hier so leicht verirren und plötzlich völlig orientierungslos sind, hat – so haben es mir Rädiästheten gesagt – mit wirren erdmagnetischen Strömungen zu tun. Die vielen Quellen und Wasseradern entlang des ganzen Grats der Wasserscheide lassen ja nicht nur das Wasser in entgegengesetzte Richtungen fließen, sondern ziehen ätherische Kräfteströmungen nach sich, so dass sich sensible oder labile Menschen – insbesondere an Vollmondtagen – auf dem Berg nicht mehr zurechtfinden, Visionen haben oder Halluzinationen erlei- den.4 Derartige dynamische geomantische Störungen und Erdenergien wurden von den Kelten, ebenso wie von den Chinesen, als Drachen imaginiert. Drachen sind Geschöpfe der primordialen Erdmutter, dem Chaos nahe, energiegeladen, aber auch voller Weisheit. Wie bei den Chinesen wurde bei den Kelten diesen Drachen große Aufmerksamkeit geschenkt. Die Weisen der Kelten, die Druiden, konnten die Drachenlinien und Energiemuster (heute Feng Shui genannt) aufspüren. Vom Erzdruiden Merlin wird berichtet, wie er schon als Junge dem König Vortigern erklären konnte, warum die Grundmauern seiner Burg immer wieder wankten: Zwei Drachen seien es, ein weißer und ein roter, die unter der Burg miteinander kämpften. Die Drachen mit ihrer urge- waltigen Energie können gefährlich sein, sie können Menschen und Tiere töten. Vielleicht ist der Drache dieses Berges dafür verantwortlich, dass jeden Sommer – egal welche Vorkehrungen der Hirt unternimmt – mindestens ein Stück Vieh auf der Alpweide verendet. An Drachenorten haben schon die vorkeltischen Bauern ihre Riten – Initiationsriten, Riten der Großen Göttin – zelebriert, haben Menhire oder Steinkreise aufgestellt oder sind dort auf Visionssuche gegangen. Diese Orte wurden dann von den keltischen Indogermanen besetzt und als Heiligtümer weitergeführt.5


Drachen.


Engel, Heilige und Druiden als Beherrscher der Drachenenergie.

Eine der Aufgaben der Druiden war es, die Drachenenergien der Natur zu führen und zu zähmen. Dazu benutzten sie unter anderem Stäbe aus Haselruten. (Mehr darüber später, bei der Diskussion der Haselstaude, Seite 193ff.) Die vielen christlichen Heiligen, die wie St. Mang als Drachentöter in die Legende eingegangen sind, haben wahrscheinlich diese Aufgabe übernommen. In einem Seitental, am Nordende des Berges, wohnt ein bekannter »Volksheiler«, der mit Pendel und Kräutern Aids- und Krebspatienten behandelt. Manchmal behandelt er auch die Erde, indem er an bestimmten »Strahlungsstellen« Eisenstäbe in den Boden rammt – er nennt es »Erdakupunktierung« –, um die geomantischen Energieströme zu lenken. Seither, behauptet er, haben die verheerenden Hagelstürme, die jeden Sommer niederfuhren, aufgehört.

Es gäbe noch viel über den Berg zu erzählen: Da war der alte, verwitwete Bergbauer, der Fehnlihans, ein »Original«, der, bis er starb, leichtfüßig wie ein Hirsch über die Höhen und durch die Schluchten, weitab von den Wegen, wanderte. Immer wusste er, wo sich die Hirsche befinden, wusste, wo sich die Schwämme (Pilze) verstecken und wo die seltene Arnika wuchs. Am Hut trug er jeden Tag andere Federn, Blumen und Kräuter, etwa Bärlapp, wenn er mit Behörden oder anderen »Herren« zu tun hat. Bärlapp – das heilige Kraut Selago der Druiden – schützt vor bösen Gedanken und schlechten Wünschen. Der Herrgottswinkel in seinem Bergbauernhäuschen bestand aus riesigen Hirschgeweihen, dahinter ein Bild des heiligen Hubertus, wie er vor einem Hirsch kniet, zwischen dessen Geweih das Christuslicht wie eine Sonne hervorleuchtet. Der Hirsch galt bei den Kelten und der vorkeltischen Bevölkerung Europas als eine Erscheinung des Sonnengottes, der in die dunkle Tiefe hinabsteigt und dort als Cernunnos, als Herr der Tiere und des Wachstums, herrscht. Der Jäger Hubertus, der da vor dem Hirsch kniet, war einst selbst eine keltische Gottheit. Er stellt die Gottheit der Dunkelheit und des Winters dar, den die Inselkelten Samain nannten und der als Jäger im November, der Totenzeit, den Sonnenhirsch jagt. Auch wenn es ihm selbst nicht unbedingt bewusst war, bei diesem Bergbauern haben wir es mit kaum verhohlenem naturnahem keltischem Heidentum zu tun, das sich bis in die heutige Zeit erhalten hat.

Wir werden bei der Diskussion der Wegwarte noch mehr von dem Hirsch als Sonnengott erfahren. Aber nun ist es an der Zeit, uns ein Bild zu machen, wer die Kelten wirklich waren.

1 Die Wampanoag sind einer der Algonkin-Stämme Neuenglands (Rhode Island). Sie waren die Ersten, die mit den puritanischen Pilgervätern Kontakt hatten. Sie halfen den ersten Siedlern mit Nahrungsmitteln über den Winter und zeigten ihnen, wie man Mais anbaut. Die Siedler, die bald mehr Land wollten und in den Indianern »Kinder Satans« sahen, versuchten die Wampanoag mit allen Mitteln auszumerzen. Es gab Prämien für getötete Indianer und viele wurden in die Sklaverei verkauft. Einige wenige überlebten.

2 James Koller, Dezember 1987 in Uppsala, Schweden, zit. nach: »Raise the Stakes«, in: The Planet Drum Review, Nr. 16/1990 (Zeitschrift der bio-regionalen Bewegung der USA).

3 Das schlichte konische Birkenhütchen des ansonsten so prunkvoll ausgestatteten Fürsten von Hochdorf gibt den Archäologen ein Rätsel auf. Es entspricht der Kopfbedeckung des »Kriegers von Hirschlanden«, jener fast lebensgroßen steinernen Statue eines Kelten der Hallstattzeit, die bei Ditzingen-Hirschlanden in Baden-Württemberg am Fuße eines Grabhügels gefunden wurde (Botheroyd 1995: 32). Die Toten als Träger der Birkenhüte stehen vermutlich unter dem Schutz der Birkengöttin, Brigid, die auch die Göttin der Wiedergeburt ist. Die spitze Form der Hüte ähnelt jenen der britischen Zauberer, Hexen oder auch der Zwerge – alles Wesen, die mit der Anderswelt in Verbindung stehen. Eine alte schottische Ballade könnte bezüglich des Totenkultes der Kelten einen Hinweis geben. Das Lied erzählt von den verstorbenen Söhnen, die ihrer Mutter mit konischen Birkenhüten auf dem Kopf erscheinen. Die Hüte gelten als Zeichen, dass sie keine gemeinen Gespenster sind, sondern nach ihrem Besuch bald wieder in den Himmel zurückkehren werden (Müller-Ebeling/Rätsch/Storl 1998: 18).

4 Dass Menschen an solchen Drachenbergen, Kraftorten und anderen Orten mit geomagnetischen Störungen geheilt oder krank werden können oder paranormale Bewusstseinszustände erleben, wurde durch eine Gruppe von Wissenschaftlern, Rutengängern und Anthropologen durch das in England 1977 ins Leben gerufene Projekt des Dragon Project Trust eindeutig belegt (Devereux 1992: 35).

5 Einer der berühmtesten Erddrachen der Antike war Python, der Bewacher des Traumorakels der mächtigen Erdgöttin Gaia, am Mysterienort Delphi in Griechenland. Hier, über einem Erdspalt saß die Pythia, die Priesterin der Göttin, auf einem Dreifuß und verkündete »rasenden Mundes« in dunklen Worten den Willen der Götter. Die Mythe besagt, dass Apollo, der hyperboräische (keltische) Sonnengott, den Drachen tötete. Die Pythia musste dann in seinem Namen das Orakel sprechen. Die Kunde von diesem Ort des Sonnengottes lockte um 280 vor unserer Zeitrechnung die Kelten unter Führung des Kriegers Brennus nach Delphi. Dabei verwüsteten die Kelten weite Teile Griechenlands.

WALDBAUERN UND STEPPENKRIEGER

Gegen Ende der Bronzezeit, um anderthalbtausend Jahre vor unserer Zeitrechnung, drangen viehzüchtende Reiterkrieger auf der Suche nach Weidegründen aus den westasiatischen Steppen nach Westen vor. Sie stießen dabei auf eine archaische Kultur von Brandrodern und Wanderfeldbauern, die in gerodeten Lichtungen des schier endlosen europäischen Urwaldes mit ihren primitiven Hackpflügen Weizen, Gerste, Hirse und einige Leguminosen anbauten, Schweine, Schafe, Ziegen und Rinder züchteten, sakrale Steine (Megalithen) aufstellten, ihre Toten in Hügelgräbern bestatteten und einer Fruchtbarkeit bringenden Erdgöttin opferten. Die wilden Eindringlinge waren dank ihrer Pferde beweglicher als diese Bauern, und sie hatten die besseren Waffen. So gelang es den Indoeuropäisch (früher »Indogermanisch«) sprechenden Scharen, überall die bronzezeitlichen und megalithischen Bauern zu überrumpeln und zu unterjochen: Dorische Krieger legten die minoisch-mykenische Kultur in Schutt und Asche; latinische Stämme besetzten Italien und machten den »Rinderberg« (Capitolinum in Rom) zu ihrem Kultzentrum, andere wiederum eroberten Kleinasien, und die Protokelten (Urnenfeld-Kulturen) nisteten sich in Böhmen und Mitteleuropa ein. Auch die rückständigen Megalithvölker Skandinaviens, die Urgermanen, bekommen das neue Zeitalter zu spüren.

Wie sesshafte Pflanzervölker und Hackbauernkulturen anderswo in der Welt waren auch die vorindoeuropäischen Kulturen eher mutterrechtlich organisiert. Das bebaute Land wurde von den matrilinearen Clans betreut und bearbeitet. Die Erde selbst galt als heilig, als identisch mit der Großen Göttin. Miteinander blutsverwandte Frauen – Schwestern, Basen, Mütter, Töchter – bestellten in gemeinsamer Arbeit die Gärten und Äcker. Die Männer – das lassen ethnologische Studien von Stämmen auf vergleichbarer Organisationsstufe vermuten – kümmerten sich hauptsächlich um Krieg, Jagd und den Verkehr mit den Geistern und Götter. Sie faulenzten in Männerhäusern und gaben sich psychedelischen Träumereien hin. Nach der Initiation verlassen die Männer das Dorf ihrer Mütter und Schwestern und ziehen in das Dorf ihrer Frau. Für die an den Erdboden gebundenen Gärtner- und Hack- bauernvölker ist das die einfachste und ökonomischste Art und Weise, ihr Leben zu organisieren.


Der Hirsch, das Attribut von St. Hubertus und St. Eustachius. (W. AUERS, Heiligen-Legende, 1980).


Frühkeltische Reiterkrieger, dargestellt auf einer Schwertscheide aus dem Hallstätter Gräberfeld.

Hirtenvölker wie die Urkelten und ihre indoeuropäischen Verwandten sind dagegen fast durchwegs vaterrechtlich organisiert. Die Erbfolge geht durch die männliche Linie, Frauen ziehen ins Lager ihrer Ehegatten. Das hat nichts mit einer fiesen phallokratischen Verschwörung zu tun, wie Bachofen, Marx oder einige verbissene Feministinnen glauben, sondern ist eine ökologische Anpassung an die Bedürfnisse der Tierherden: Neue Weidegründe müssen ausgekundschaftet, erobert oder auch verteidigt werden. Rinderdiebstahl muss gerächt werden. Eine bewegliche, kampffähige Männergruppe, zusammengeschweißt durch patrilineare Blutsbande, kann diesen Erfordernissen am besten entsprechen.6

Die indoeuropäischen Reiterkrieger waren, wie Krieger fast überall, arrogant und eitel. Als die »Edlen«, »Aristokraten« (skr. aria, ir. aire; die Iraner, die Iren) oder »Helden« bezeichneten sie sich selbst. Das Wort Kelte bedeutet nichts anderes als »Held« (von altkelt. *kel, »treiben, antreiben«; verwandt mit altind. kaláyati, »Hirt, der sich gegen menschliche und tierische Räuber bewähren muss«). Wie ihre Verwandten, die wilden Skythen der südwestasiatischen Steppe, tätowierten die keltischen Krieger noch lange ihre Körper mit magisch-mythologischen Motiven, trugen Gold- und Silberschmuck, ließen sich buschige Schnurrbärte7 wachsen und stärkten ihren hellen Haarschopf mit Gipslauge, bis die Haare hart und strähnig waren und wie Hahnenkämme oder stachelige Pferdemähnen emporragten. Sie hielten – wie wir auch in den irischen Heldensagen nachlesen können – prahlerische Streit- und Reizreden und stritten sich bei Festmählern um das Recht auf die »Heldenportion« des Wildschweinbratens. Wer aber lauthals angab, musste seinen Worten auch Taten folgen lassen. Manches Saufgelage nahm ein blutiges Ende.

In der Schlacht packte diese Krieger oft die göttliche Wut, die kämpferische Ekstase, so dass sie sich die Kleider vom Leibe rissen und sich in Todesverachtung splitternackt auf ihre Feinde stürzten. Wie die Skythen waren die Kelten ebenfalls Kopfjäger. Voller Entsetzen schildert der Grieche Diodor Siculus den barbarischen Brauch: »Köpfe der gefallenen Feinde hauen sie ab und binden sie ihren Pferden um den Hals; die blutige Rüstung geben sie ihren Dienern und lassen sie unter Jubelgeschrei und Siegesliedern zur Schau tragen. Zuhause nageln sie diese Ehrenzeichen an die Wand, gerade als hätten sie auf der Jagd ein Wild erlegt.« Köpfe von vornehmen Feinden wurden in Zedern- oder Wacholderöl eingelegt und bei Bedarf Gästen vorgezeigt. Auch wurden Schädel in Gold gefasst und als Trinkbecher benutzt.

Für die Pflanzervölker ist die Sonne oft – aber nicht unbedingt – eine Frau, ein mütterliches Wesen. Für die Hirtenvölker dagegen ist die Sonne ein Krieger, für die Indoeuropäer ein strahlender Held, der auf seinem von vier edlen, weißen Rossen gezogenen Kampfwagen den Himmelsraum siegreich durchmisst. Für den Indoeuropäer war das Pferd, dem er seine Siege und Eroberungen zu verdanken hatte, das heiligste aller Tiere. Das war auch bei den Urkelten der Fall. Krieger und Pferd verbindet ein inniges Verhältnis. Das Pferd führt den Reiter in neue Länder, zu frischen grünen Weiden und nach dem Tod auch hinüber in die jenseitige Welt. Pferdeschädel, ganze Skelette oder auch nur Teile davon sowie Pferdegeschirr und -wagen sind überall im Keltengebiet als Opfer und Grabbeigaben bezeugt (BOTHEROYD 1995: 270). In den heiligen Hainen der Kelten und Germanen weissagten Pferde durch ihr Wiehern und das Scharren ihrer Hufe. Die Schädel geopferter Pferde konnten – wie wir auch im Märchen der Gänsemagd erfahren – von unsichtbaren Dingen Kunde geben. Bekannt sind die aufwendigen Pferdeopfer indisch-arischer Könige (STORL 1988: 159). Beim Antritt seiner Herrschaft verkehrte der irische König sexuell mit einer weißen Stute. Das Tier symbolisierte die Göttin des Landes, von deren Gnade seine Herrschaft abhängig sein würde. Die Schimmelstute wurde anschließend geopfert, im großen Kessel des Häuptlings gekocht und als totemische Mahlzeit verzehrt. In beiden Fällen symbolisiert das sakrale Pferdeopfer den legitimen Herrschaftsanspruch der Könige oder Häuptlinge. (Papst Gregor III. musste im 8. Jahrhundert den Kelten ausdrücklich den Verzehr von Pferdefleisch verbieten.)


Kelten waren Kopfjäger: Schädelnische aus Südgallien.


Keltische Krieger, prahlend und um die »Heldenportion« streitend.

Die ersten Kelten in Europa trugen noch Schwerter und Rüstungen aus Bronze. Nachdem dann aber die Hethiter, ein indoeuropäisches Hirtenvolk am Schwarzen Meer, die Verhüttung des Eisenerzes entdeckt hatten, dauerte es nicht lange, bis sich auch die keltischen Stämme in Mitteleuropa mit Eisen wappneten. Über die Welt der bronzezeitlichen, matriarchal organisierten Nachbarn der Kelten brach ein neues, härteres Zeitalter, das Eisenzeitalter, herein. Die neuen Eisenwaffen (Langschwerter) und -werkzeuge trugen im 7./8. Jahrhundert v. u. Z. zur Vormachtstellung der Urkelten in Mitteleuropa bei. Es kommt in dieser Zeit zur ersten Blüte der keltischen Kultur in Mitteleuropa, der so genannten Hallstattzeit.8 Das Wort Eisen geht auf das keltische *isaron zurück (verwandt mit sanskr. isira, »hart, stark«. Die Isar ist der »Eisenfluss«).

Für die Kelten ist Eisen absolut heilig. Es vertreibt Feinde und feindlichen Zauber. Auf den Britischen Inseln wird gelegentlich noch immer zum Schutz gegen Feen eine Eisenschere über der Wiege eines Neugeborenen aufgehängt (BOTHEROYD 1995: 95); in den Türpfosten geschlagene Eisennägel vertreiben Widergänger (ruhelose Tote). Ein Hufeisen, über die Tür gehängt, fängt das Glück auf oder schüttet es herab. Eisen vertreibt auch die Pflanzengeister – Heilpflanzen wurden deswegen sine ferrum (ohne Eisenwerkzeuge) gesammelt.


Epona-Relief aus Bregenz (Vorarlberg).

Die wandernden Schmiede und Knappen galten als Zauberer, als Magier, die es wagten die Eingeweide der Erde aufzureißen, die metallenen Embryonen aus dem Mutterschoß zu rauben und mit »Blitz und Donner« in der Schmiede zu bearbeiten. Sie mussten zaubern können, um die Wut der Erdmutter und der die Schätze hütenden Drachen abzuwenden. Auch mit den Gnomen und Kobolden im Gestein mussten sie zurecht kommen können. Es ist bemerkenswert, dass man sich noch immer überall im ehemals keltischen Europa die Heinzelmännchen in die Tracht der keltischen Knappen gekleidet, mit Kapuzen und Bauernkitteln, vorstellt.9

Auch der König galt bei den Kelten als mächtiger Magier, er war für das Gedeihen und die Fruchtbarkeit des Landes verantwortlich. Den wahren Thronanwärter – wie etwa den jungen Artus in der britischen Sage – erkannte man daran, dass er ähnlich dem Schmied als Einziger Eisen – das Eisenschwert – aus einem Stein herausziehen kann.


Keltische Langschwerter (La Tène/Schweiz).

Die urkeltische Gesellschaft war wie andere indoeuropäische Völker dreigeteilt, in den so genannten Lehr-, den Wehr- und den Nährstand. Die später als Druiden bezeichneten Opferpriester, Magier und Barden hüteten die heiligen Überlieferungen des Stammes und regelten das Verhältnis zu den Göttern, den Ahnen und dem Übersinnlichen. Der Kriegeradel trug die politischen Institutionen, stellte Könige und Richter. Das »Volk« (ir. bó-aire, »die Kuhbesitzer«), die Hirten und Bauern, die Handwerker und Händler, stellte den dritten Stand dar.

Für diese Indoeuropäer war Besitz von Vieh gleichbedeutend mit Reichtum. Rinderdiebstal war eines der größten Verbrechen, schwerwiegender noch als Totschlag und – wie auch aus den irischen Sagen hervorgeht – Anlass zu den meisten kriegerischen Auseinandersetzungen. Das Wort »Schatz« bedeutete ursprünglich Vieh. Das schlug sich auch in der Sprache nieder: Das englische Wort für Rinder, cattle, ist vom lateinischen capitale entlehnt, in der Bedeutung »Kopfzahl (capita) der Rinder« – ein Kapitalist ist also ein Rinderbesitzer. Das deutsche Wort »Vieh« ist im Englischen als fee (Gebühr, Bezahlung) vorhanden. Mit der Vergabe von Rindern ließen sich Friedensverträge besiegeln, die Götter günstig stimmen und als Wergeld sogar Mord und Totschlag sühnen (HUTTERER 1987: 81).

Die Wandlung: Geburt der europäischen Bauernkultur

Das mittlere und westliche Europa, in dem sich die indoeuropäischen Reiterkrieger niederließen, war größtenteils undurchdringlicher Urwald – Eichenwald, Buchenwald, sumpfiger Erlen- und Weidenbruch. Die dort ansässige Urbevölkerung, die Hackbauern und Megalithleute, bewohnten geschwendete (brandgerodete) Waldlichtungen. Sie lebten im Einklang mit dem Rhythmus des Waldes, eingebunden in den Wandel der Jahreszeiten. Diese grüne Welt, in der die große Göttin der Fruchtbarkeit, des Lebens und des Todes mit ihrem Gefährten, dem Begatter, dem Hirsch-, dem Eber- und dem Bärengott herrschte, war nicht wie das Grasland und die Steppe leicht zu erobern und zu besetzen. Der Wald und seine Götter ließen sich nicht unterjochen. Er »schluckte« die Eindringlinge, nahm sie und ihre Seelen allmählich in Besitz.


Schmiede, Magier der indoeuropäischen Kultur.


Heinzelmännchen tragen noch immer keltische Tracht.

Die Priester und spirituellen Führer der ehemaligen Steppenvölker besetzten die Kraftorte, die Megalithheiligtümer, die henges (wie etwa Stonehenge), die heiligen Quellen und Höhlen der Ureinwohner, aber die Kraft dieser Orte bemächtigte sich der neuen Herren und verwandelte sie in »Wald-Weisen«, in Druiden. Diese zogen sich dann selbst in die dichten Wälder zurück und schöpften aus der Weisheit des Waldes. Sie trugen Hirschleder, huldigten dem Hirschgott Cernunnos, dem Herrn der Tiere, und deuteten ihn als eine Erscheinung ihres Sonnengottes in seiner unterirdischen Gestalt.

Auch ist nicht anzunehmen, dass die kühnen Reiterkrieger die Ureinwohner restlos auslöschten oder vertrieben. Wie die Aryas in Indien oder die Dorer in Griechenland unterjochten sie die Ureinwohner, machten sie zu Mägden und Knechten, waren aber dennoch auf ihren Rat und ihr Wissen angewiesen. Wie viele Märchen und Sagen der indoeuropäischen Völker andeuten, erlagen sie dem Charme der Eingeborenenfrauen, vermählten sich und zeugten Kinder mit ihnen. Die Eingeborenenfrauen kannten die Geheimnisse des Waldes und dessen Jahreszeiten; sie wussten um die Brunnen mit heilendem Wasser, um die Wildpflanzen und Heilkräuter. Auch kannten sie noch die ortsgebundenen Naturgeister, die Drachen, Erdmännlein und Lichtelfen, und wussten, wie man sie ruft, wie man sie um Hilfe bittet, wie man sie freundlich stimmt. Sie blieben die geheimen Herrinnen das Landes.

Nicht nur vermählten sich zwei Kulturen, auch die Gottheiten der Steppenhirten verbanden sich mit denen des Waldes und des Feldes. In aufwendigem Ritual vermählte sich der keltische König bei Amtsantritt mit der Göttin des Landes.10 Er musste gesund und potent sein, sonst würde das Land unfruchtbar werden, sein Volk müsste ihn dann töten und die Territorialgöttin würde sich einen anderen nehmen (FRAZER 1991: 386). Die ehemaligen Steppenkrieger begannen auch immer öfter ihre Toten wie Saatkorn in den Schoß der Erdenmutter zu betten, anstatt sie im Lichtglanz und Rauch des Scheiterhaufens zu den Himmelsgöttern emporzuschicken. Die Verstorbenen wurden in Grabhügeln, den Síde, bestattet. Die Fürstengräber der Kelten wurden immer prunkvoller.

Auf diese Weise entstand allmählich im Laufe der frühen Eisenzeit – der Hallstattzeit zwischen 800 und 500 v. u. Z. – in Mitteleuropa und dann später im Balkan, in Frankreich, Nordspanien, Norditalien und Britannien jene Bauernkultur, die mehr oder weniger bis in die Neuzeit, bis zur industriellen Revolution, das Gesicht unserer Landschaft prägte. Erst von der Hallstattzeit an kann man von wirklichen Kelten sprechen. Erst durch die Synthese der matrifokalen Ureinwohner und der Indoeuropäer entsteht die ländliche europäische Volkskultur mit ihren unverkennbaren Zügen. Diese indigene keltische Bauernkultur wollen wir hier nun kurz skizzieren.

Keltische Landschaft

Typisch für die keltische Landschaft sind der Flickenteppich aus Wald, Wiese, Weide und Ackerland. Die Kelten lebten mit ihren patrilinearen Großfamilien auf Einzelhöfen oder in kleinen Weilern. Mit ihnen unter demselben Dach lebten die Haustiere – Rinder, Schafe, Ziegen, Pferde, Schweine, Geflügel. Die Gebäude waren zumeist rechteckig, gelegentlich rund. Wie in den Alpenländern noch heute befand sich der Stall oft an der kühleren Nordseite, derweil die menschlichen Bewohner, durch eine geflochtene Wand davon abgetrennt, die freundlichere Südseite des Hauses bewohnten. Die Häuser waren meist mit Stroh gedeckte Fachwerkbauten auf einem Bruchsteinfundament. Die Wände bestanden aus Weidenflechtwerk, das mit Lehm verschmiert und dann mit Kalk weiß verputzt wurde. Die Arbeit des Zimmerns wurde durch keltische Erfindungen – Holzbögen, in die Sägeblätter eingespannt wurden, Holzschrauben, metallene Feilen, Hobel und so weiter – erleichtert. Die Feuerstelle war das Herz des Hauses. Der Rauchfang galt als Ein- und Ausgang der Geister. Im Hof befand sich, oft beim Brunnen, eine Linde oder eine Eiche, in welcher der Sippengeist wohnte.


Vieh: Inbegriff des Reichtums bei den indoeuropäischen Völkern.


Die Grabhügel (Side) und Steinmonumente der Jungsteinzeit, galten den Kelten als Wohnorte der Götter und Geister.

Neben den Einzelhöfen gab es, meist auf Anhöhen, befestigte Fliehoder Wehrburgen (oppida), die ihren Zweck während kriegerischer Unruhen erfüllten.

Die keltische Landwirtschaft bestand aus einer ausgewogenen Mischung von Viehzucht und Ackerbau. Sie war dermaßen effizient, dass die gallischen Kelten Getreide und Vieh in größerem Ausmaß nach Rom exportieren konnten und dabei reich wurden. Die Römer bezahlten die wertvollen Güter aber auch mit einer überteuerten Droge, nach der die Gallier süchtig wurden – dem Wein.11 Der landwirtschaftliche Reichtum Galliens und Britanniens übte eine große Anziehungskraft auf die Römer aus (JAMES 1996: 124). Julius Caesar konnte seine Schulden bezahlen und die zerrütteten Staatsfinanzen Roms sanieren, nachdem er Gallien erobert und ausgeplündert hatte.


Der bis ins 20. Jahrhundert benutzte Räderpflug und die mit Eisen beschlagene Pflugschar sind keltische Erfindungen.

Materielle Kultur der Kelten

Die landwirtschaftliche Überlegenheit der Kelten basierte auf einer Reihe von Erfindungen, wie dem Wende- und Räderpflug (kelt. Carruaca; franz. charrue) mit einer eisenbeschlagenen Pflugschar und der eisernen Egge. Damit konnten die schweren, aber fruchtbaren Talböden beackert werden. Die überschüssige Feuchtigkeit der Böden – das atlantische Klima Europas ist regenreich – konnte durch die tiefen, gerade gezogenen Furchen besser abfließen. Die Praxis der Brandrodung hörte auf. Durch die neue Art des Pflügens entstanden die langen Parzellen (Zelgen), die wir noch heute kennen. Vor diesen keltischen Erneuerungen kannte man nur die hölzernen Hackenpflüge, die von Menschen oder Rindern gezogen wurden. Diese ritzten den Boden kreuz und quer, so dass in den brandgerodeten Flächen quadratförmige Äcker entstanden.

Auch stellten die Kelten strapazierfähigere Wagen mit Speichenrädern und Eisenfelgen her.12 Sie erfanden sogar das Kugellager, das aber nach der römischen Invasion wieder verloren ging. Dank des ledernen Pferdegeschirrs und Zaumzeugs, welche sie von den Skythen übernommen hatten, konnten sie mühelos ihre Pferde vor den Pflug oder den Wagen spannen. Die Ureinwohner hatten zwar schon zwei- und vierrädrige Fahrzeuge, die von Ochsen, Kühen oder gar sakralen Hirschen gezogen wurden. Aber diese Karren waren schwerfällig und fuhren auf Rädern, die aus Scheiben abgesägter Baumstämme bestanden. Die Wagen der Ureinwohner hatten weniger eine praktische als vielmehr eine sakrale Funktion: An den großen Feiertagen verließen die Erdgöttin und ihr Gefährte die »Anderswelt« (den großen Grabhügel) und fuhren in ihrem Kultwagen auf dem mit Reisigbesen sauber gefegten Sakralweg zum Dorfplatz. Die Toten wurden auf demselben Weg in der entgegengesetzten Richtung zu ihrer Bestattung gefahren. Der Wegerich war die einzige Pflanze, die auf den getrampelten, sorgfältig gekehrten Wegen Fuß fassen konnte. So wurde er zur heiligen Pflanze jener Großen Göttin, die später bei den Galliern Nantosvelta und bei den Römern Proserpina hieß und die in ihrem unterirdischen Reich die Totenseelen und die schlafenden Samen hütet. Noch im Mittelalter hieß die Pflanze »Kraut der Proserpina«. Später wurde sei zum »König des Weges« (Wegerich von kelt. rix, reiks = König) (STORL 2000: 105).

Die kleinen Felder der Brandroder erhielten keine Düngung außer der Asche der gefällten, verbrannten Bäume. Nach einigen Jahren nimmt die Fruchtbarkeit solcher Felder schnell ab, Unkräuter überwuchern die Äcker und die Bauern ziehen weiter. Die Kelten dagegen entwickelten neuartige Düngemethoden. Sie kalkten und mergelten den Boden. Sie legten Miststöcke an und brachten den kompostierten Mist auf den Böden aus. Sie beachteten die Fruchtfolge und legten Brachen ein.

Angebaut wurden Erbsen, Linsen, Mohn, Hafer, Dinkel, Emmer, Brotweizen, Gerste, Hirse, Wicken, weißer Gänsefuß, Butterraps und später kam noch der von den Slawen übernommene Roggen hinzu. Lein und Hanf zur Herstellung von Stoffen wurde ebenso angebaut wie die Färberpflanzen Waid und Wau. Gemüse zogen sie in eingezäunten Gärten und Obst, vor allem Äpfel, in Obstgärten. Schlehen, Vogelbeeren, Traubenkirschen, Brombeeren, Himbeeren und Holunderbeeren wurden zusätzlich in den Hecken, die die Höfe umgaben, gesammelt. Das Geerntete wurde in Erdmieten gelagert, das Getreide in Getreidesilos. Das Fleisch wurde im Rauchfang geräuchert oder in Salz eingepökelt. Die Milch ließ man zu Dickmilch gerinnen, die dann zu Käse verarbeitet wurde. Im Butterfass wurde gebuttert und die Butterkugeln anschließend in die großen kühlenden Blätter der Pestwurz oder des großen Ampfers (alem. blagge) gewickelt. In den Gebirgsregionen trieben die Kelten im Sommer ihre Rinder auf die Hochweide: Alp oder Alm sind ursprünglich keltische Worte, wie auch das Wort für den Melker, den Senn. Gejodelt haben die keltischen Sennen höchstwahrscheinlich auch schon – ihre Stammesgenossen, die keltischen (iroschottischen) Siedler im Appalachengebirge, kennen diese montane Ausdrucksweise ebenfalls. Gejodelt wird auch noch im Harz, an der nördlichen Grenze des keltischen Siedlungsgebiets. Der – ursprünglich keltischen – Sage nach jodeln und juchzen selbst die Bergmännlein und Wildfrauen und die Gespenster der Wilden Jagd.


Auch die Sense verdanken wir den Kelten.

Unter dem Hammer und Amboss keltischer Schmiede entstanden Sensen, mit denen effizienter geerntet werden konnte als mit der Sichel, mit der die Frauen der Ureinwohner ihre Felder einst abgeerntet hatten. Dank der Sense konnte man auch Heu machen und für die Stallfütterung im Winter sorgen, so dass die Kühe mehr und reichlicher Milch gaben.

Dreschflegel und Worfeln wurden entwickelt, um das Getreide auf einem Bretterboden, der Tenne, auszudreschen und um den Weizen von der Spreu zu trennen.

Die Kelten benutzten echte Mühlen mit Mühlrädern. Zuvor kannte man vor allem den Reibestein. Es gab Brotöfen, in denen echtes Brot gebacken werden konnte. Meist aber wurde das Getreide mit Milch als Brei verzehrt. Schweinefleisch und Bier waren die Lieblingsspeisen der Kelten. Sogar ihre Götter ernährten sich vornehmlich davon. Die Kelten sind auch die Erfinder von Bierfässern, sie perfektionierten die Imkerei und flochten Bienenkörbe. Der kostbare Honig galt als Medizin oder wurde zu Met (Honigbier) verarbeitet.

Die aus Lein, Hanf, Nessel oder Wolle gewobenen Stoffe färbten sie mit angebauten oder wilden Färbepflanzen, Rinden und Flechten. Das trug dazu bei, dass die Kleidung in jeder Gegend ihre eigenen Farben, Muster und Qualitäten hatte – so dass man schon an der Kleidung erkennen konnte, aus welcher Gegend jemand kam. Die Männer trugen gewöhnlich Zipfelmützen und, wenn es regnete, Galoschen (lat. gallicula = gallische Schuhe). Strapazierfähige, grobfädige, karierte Wollgewebe (Tartans, Tweeds) waren als Mantelstoffe beliebt. Als Erbe ihrer Vergangenheit als Reitervolk trugen die keltischen Männer Hosen (kelt. bracae, engl. breeches), die Frauen wadenlange Röcke – ein Brauch, der sich bis ins 20. Jahrhundert fortgesetzt hat. Die Frauen schmückten sich gerne mit Fibeln, Arm- und Knöchelreifen, Haarspangen und Halsketten; die Haare trugen sie lang und in Zöpfen (JAMES 1998: 68).


Gallische Erntemaschine.

Man schlief auf einem Strohlager, deckte sich mit Federbetten und Wolldecken zu.

Gesellschaftliche Organisation

Die keltische Gesellschaft war auf der Grundlage miteinander verwandter Sippen oder Klans (von kelt. clan = Kinder, Nachwuchs) innerhalb eines größeren Stammesverbandes organisiert. Die Klans waren zwar patrilinear, aber die Erblinie der Mütter spielte eine bedeutende Rolle. So verließen die Söhne meist das Elternhaus und wurden auf dem Gehöft des Mutterbruders, des »Oheims«, großgezogen. Die enge Verbindung zur Familie des Oheims (= altes Heim) blieb zeitlebens bestehen.

Die keltische Arbeitsteilung hat sich bis in die Neuzeit erhalten. Die Männer arbeiteten mit dem Pflug und dem Großvieh, verrichteten Metallarbeiten, betrieben Handel oder Krieg; die Frauen waren für Garten, Kleingetier, Kochen, Spinnen, Weben und Heilkunde zuständig. Diese Rollen waren aber nicht starr fixiert. Die antiken Schriftsteller bezeugen, dass die Frauen sehr wohl aktiv ins Schlachtengetümmel eingreifen konnten (ZINGSEM 1999: 274).

Die Römer und Griechen gaben sich immer wieder erstaunt darüber, dass bei den Kelten (und Germanen) die Frauen einen praktisch gleichberechtigten Status innehatten, dass ihre Ratschläge ernst genommen wurden.13 Bei wichtigen Stammesangelegenheiten und -entscheidungen suchte man den Rat hellsichtiger Frauen. Diese Seherinnen, eigentlich Schamaninnen, lebten oft abgelegen und weissagten von einem Turm aus. Der runde Turm der Zauberer und Zauberinnen lebte weiter in den keltischen Märchen. Veleda (Weleda), die Seherin des Stammes der Brukterer am Niederrhein, die Plinius ausdrücklich erwähnt, ist die bekannteste unter ihnen. Sie genoss hohes Ansehen, da sie beim Aufstand gegen die Kolonialherren die Vernichtung der römischen Legionen geweissagt hatte. Nur mit größter Anstrengung gelang es den Römern, den so genannten Bataver-Aufstand niederzuschlagen und die berühmte Seherin in Ketten nach Rom zu bringen. Auch wenn die Brukterer Germanen waren, ist doch die Bezeichnung Veleda rein keltisch und bedeutet Seherin (walis./breton. gweled = sehen, Sicht). Veleto oder file (Mehrzahl filid) ist der druidische Seher und Dichter, der unter dem Schutz der Schwanengöttin Brigit steht und die schamanischen Techniken beherrscht, mit der Anderswelt in Kontakt zu treten (LEROUX/GUYONVARC’H 1996: 588).

Im Gegensatz zur biblischen Schöpfungsgeschichte treten Mann und Frau gleichzeitig und gleichrangig aus dem Stamm des Weltenbaums hervor. Diese grundsätzliche Gleichheit zeigt sich auch darin, dass beide, Mann und Frau, eine Mitgift in die Ehe einbrachten. Auch wurden die Töchter nicht verkuppelt, sondern hatten das Recht, den eigenen Ehemann zu wählen. »Sollte ein Mädchen heiraten, so organisierte man ein großes Fest, zu welchem alle jungen Männer geladen wurden. Das Mädchen traf seine persönliche Wahl, indem es dem Erwählten Wasser zum Händewaschen reichte« (FULGENTIUS, Buch II, in: MARKALE 1972: 34). In Appalachien, bei den iro-schottischen »Hillbillies« gibt es im November noch immer den »Sadie-Hawkins Day«, an dem unverheiratete Frauen den Mann, den sie haben wollen, »jagen« und nach dem Motto »get your man« zu fangen versuchen.

Tänze

Den Kelten verdanken wir die traditionellen Bauerntänze und Reigen. Der griechische Geograf Strabo staunte, dass bei diesem Barbarenvolk Frauen und Männer sich an den Händen halten und zusammen tanzen. In der klassischen Antike nämlich tanzten Männer und Frauen getrennt. Die Notfeuer – Mittsommerfeuer, Frühlingsfeuer, Augustfeuer, Erntefeuer – wurden in kreisförmigem Reigen ebenso umtanzt wie heilige Bäume. Die Tänze drehten sich dem Sonnenlauf entsprechend, drei Schritte vorwärts und einen zurück oder fünf Schritte vorwärts und drei zurück. Beim Sommersonnwendfeuer versuchte man die anderen so nahe wie möglich an die Flammen heranzuziehen, denn die Lohe galt als heilkräftig. Überhaupt glaubten die Kelten an die Heilkraft des Tanzes. Der Glaube ist noch nicht ganz ausgestorben: Noch immer tanzen Heilung suchende Epileptiker aus ganz Europa während der Pfingstwallfahrt einen Reigen am Grab des heiligen Wilibrord (in Echternach, Luxemburg).


Reigentänze.

Ringelreihen, Ringtänze, die die Kinder noch im 20. Jahrhundert Hände haltend um den Holunderbusch tanzten, sind die letzten Überreste alter heidnisch-keltischer Rituale, Rituale, die mit der Göttin Holle verbinden. Die holde Göttin ist, wie aus dem Märchen hervorgeht, diejenige, die die Kinder in die Welt schickt. Das folgende altüberlieferte Ringelreihenlied spricht vom Mündigwerden eines Mädchens und den Frauengeheimnissen:

»Petersilie, Suppenkraut

wächst in meinem Garten.

[Mädchenname] ist die Braut,

soll nicht länger warten.

Hinter einem Holderbusch

gab sie ihrem Schatz ’nen Kuss.

Roter Wein, weißer Wein

morgen soll die Hochzeit sein.«

Petersilie ist bekanntlich ein Periodenmittel, das ebenfalls gegen Unfruchtbarkeit bei Frauen, aber auch als Abtreibungsmittel verwendet wurde. Roter und weißer Wein stehen symbolisch für die Monatsblutung und den Samenerguss.

Getanzt und gefestet wurde an fast allen Feiertagen, bei der Ernte, bei Hochzeiten wie auch bei Beerdigungen. Auch nach der Bekehrung zum Christentum umtanzte das Landvolk mit seinen Reigen nicht nur Bäume – den Maibaum, die Dorflinde, alte Eichen, den Kirmesbaum – ‚ sondern auch die Gräber der Verstorbenen, heilige Kapellen und Wallfahrtsorte. »Die alten Begräbnisbräuche waren immer laut und heiter, mit viel Tanz, Gesang und bis ins einzelne nachgeahmten phallischen Ritualen« (SHARKEY 1982: 14). Letztere Praktiken wurden von Verordnungen wie den Statua Bonifacii unter Strafe gestellt. Immer wieder musste die Kirche Verbote erlassen. Zuletzt aber gab es dennoch den »Tänzer unserer Lieben Frau«, den heiligen Sankt Veit, der zum Patron allen Tanzens erkoren wurde und für die sich im Mittelalter verbreitende »Tanzkrankheit« zuständig war. Auch der heilige Johannes wurde schließlich zum Schutzheiligen des Tanzes am Johannisfeuer.

Bei den Winter- und Frühlingstänzen versuchten die Frauen mit kräftigen Sprüngen so hoch wie möglich zu springen, damit der Flachs oder Hanf ebenfalls hoch wachse.

In den Morriskentänzen (Morris dance), die in England zur Maifeier getanzt werden, ist das keltische Element nicht zu übersehen: Maskierte Tänzer stellen den im tiefen Wald lebenden, in Hirschleder gekleideten Wegelagerer Robin Hood, die schöne Maid Marian, Drachen, Narren und andere vogelfreie Waldbewohner dar. Hinter dem spendablen, frei lebenden Robin Hood und seiner Braut verbirgt sich die Reminiszenz an Cernunnos, den Geweih tragenden Hirschgott, und die Große Göttin. Dieser englische Fruchtbarkeitstanz ist ein Überbleibsel ähnlicher Tanzfeste, die überall in Europa im Mai im Wald, auf abgelegenen Hügeln und in der Einöde zu Ehren des gehörnten Waldgottes und der Göttin getanzt wurden. Behörde und Kirche verteufelten das Treiben. Sie sprachen von einem »Hexensabbat« oder gar von einer »Satansmesse«, bei der geile Hexen und Hexer einen Reigen um den stinkenden Teufel in Ziegenbockgestalt tanzten (MÜLLER-EBELING/ RÄTSCH/STORL 1999: 57).14

Bauernregeln, Rätsel und Sprüche

Das jahreszeitliche bäuerliche Brauchtum, die ländliche Spruchweisheit und die Rätsel haben vor allem keltische Wurzeln.15 Bei den Kalenderheiligen, die in den Bauernregeln erwähnt werden, handelt es sich oft um alte Keltengottheiten in neuem Gewand. Die den Jahreskreis begleitenden Merkregeln haben mit Wettervorhersage, mit günstigen Zeitpunkten für Saat, Düngen, Pflanzen- und Tierzucht, mit dem Mondeinfluss, dem Stand der Sonne und des Mondes im Tierkreis sowie mit den Kräften und Aspekten der Kalenderheiligen zu tun.

Die Namenstage der Heiligen dienten nicht nur zur Zeitbestimmung, die Heiligen selbst bringen das Wetter. Im Baselland heißt es zum Beispiel:

»Jörk [St. Georg, 23. April] und Marx [St. Markus, 25. April] bringen öppis Args;

Und Philipp, Jakobi [1. Mai]

sy au no zwe grobi.«

Am Tag des Traubenheiligen Urban, am 25. Mai, bekränzt man die Sankt-Urbans-Brunnen; in Sargans tauchen die Weinbauern eine Statue des Heiligen in einen Brunnen. Die Merkregel dabei lautet:

»Das Wetter, das Sant Urban hat, findet auch in der Lese statt.«

Viele Regeln sind nur regional anwendbar. In der Innerschweiz, um den Pilatus, und analog auch in anderen Gegenden der Schweiz heißt es in Bezug auf das Heueinbringen: »Hat Pilatus einen Hut, so ist das Wetter gut.« Im Allgäu gibt der Apostel der Allgäuer, der heilige Magnus (6. September), die beste Zeit zur Aussaat des Wintergetreides an: »Sankt Mang säet den ersten Strang.«

Viele Regeln beziehen sich auf gute Naturbeobachtungen, die wertvolle praktische Hinweise für den Bauern geben. Hier einige bewährte Beispiele:

»Grünt die Eiche vor der Esche,

bringt der Sommer große Wäsche;

grünt die Esche vor der Eiche,

bringt der Sommer große Bleiche.«

»Gibt’s der Eichenblüten viel,

füllt sich auch des Kornes Stiel.«

Zu den Eisheiligen, die Mitte Mai erscheinen, heißt es:

»Pankrazi, Servazi, Bonifazi

sind drei frostige Bazi

und zum Schluss fehlt nie

die kalte Sophie.«

»Bienenschwarm im Mai

ist wert ein Fuder Heu;

aber ein Schwarm im Juni,

der lohnt kaum die Müh.«

»Regnet es Johanni sehr,

sind die Haselnüsse leer.«

Eine bewährte Holzschlagregel besagt:

»Wer sein Holz um Christmett fällt,

den sein Haus wohl zehnfach hält.«

Unzählige Regeln dieser Art sind im ganzen ehemaligen keltischen Europa in vergleichbarer Fassung überliefert. Wenn es sich nur um dummen Aberglauben handeln würde, dann wären diese Regeln sicherlich nicht von Generation zu Generation in den Familien mündlich weitergegeben worden. Es ist absurd anzunehmen, dass diese Regeln, obwohl sie sich auf christliche Heilige beziehen, erst im christlichen Mittelalter entstanden. Die Sprache dieser Sprüche ist formelhaft, manchmal recht archaisch. Sie prägen sich leicht ins Gedächtnis ein, da sie meist in zweizeiligen Reimen gefasst sind. Auf ähnliche Weise gaben die Druiden in ihren Waldschulen ihr Wissen weiter.

Aus Märchen, Legenden und den Gesängen der Barden wissen wir, dass die Druiden einander oder ihren Schülern Rätsel aufgaben. Es gab Frage-und-Antwort-Kämpfe unter den Barden. Naturgeister und Heinzelmännchen geben dem Menschen Rätsel auf, die sie lösen müssen, um dem Verderben zu entgehen. Selbst die Götter veranstalten Rätselduelle, wie wir in der skandinavischen Sage von Odin und dem Riesen Wafthrudnir erfahren. Die keltisch-germanische Lust am Rätselfragespiel hat sich ebenfalls in der Bauernkultur erhalten. Der alte Bergbauer aus dem Waadtländer Jura, Arthur Hermes, der selbst so etwas wie ein Druide war, pflegte noch die Kultur des Rätselratens. Manchmal trug man die Rätsel, die er aufgab, tagelang mit sich herum, bis einem plötzlich die einzig mögliche, einzig richtige Antwort einfiel. Das war bestes Trainig für das Denken und das genaue Beobachten. Eines der Lieblingsrätsel des Bauernphilosophen Hermes ist zugleich eines der ältesten überlieferten Rätsel:

»Flog ein Vogel federlos

auf den Baum blattlos,

kam die Jungfrau mundlos,

fraß den Vogel federlos.«16

Und: »Was brennt ums Haus, zündet’s aber nicht an?«17

Märchen, Sagen, Legenden

Im ländlichen Europa wurden jeden Tag Märchen erzählt. Nicht nur Kinder lauschten den Alten, den Großmüttern und Großvätern, die Meister der Erzählkunst waren, sondern jeder und jede, die sich am Abend beim Feuer niederließen. Diese echten Volksmärchen haben – ebenso wenig wie die echten Volkslieder – nichts mit Fantasterei zu tun, »niemals sind sie bloßes Farbenspiel gehaltloser Phantasie«, schreiben die Gebrüder Grimm. Das Wort Märchen kommt von dem althochdeutschen márí oder máre und bedeutet »Nachricht« oder »Kunde«. Märchen sind Kunde oder Botschaften aus übersinnlichen Bereichen, aus der Anderswelt, von den Göttern und Geistern, den Naturwesen und den Ahnen. Märchen zeugen von realen, in der inneren wie auch in der äußeren Natur vorhandenen ätherischen und astralen Kräften und Wesenheiten und kleiden diese in die bunten Bilder der Imagination, in die Sprache der Seele. Sie sind keine willkürlichen Erfindungen wie die moralisierenden Kunstmärchen. Auch mit Pädagogik, Psychologie oder Psychoanalyse im herkömmlichen Sinn haben sie nichts zu tun. Sie sind Wegweiser für Reisen in die Anderswelt, an der auch wir – im Rausch, in der Verliebtheit, im Traum, in Krankheit, im Tod – teilhaben. Sie sind Nahrung für die Seele, Nahrung für das ewige, göttliche Kind in uns. Nicht jeder kann Märchen erzählen. Bei den meisten Völkern sind es nur die Lebenserfahrenen, die Alten, die Weisen, die Hellsichtigen, die das können. Wenn sie erzählen, dann weiß jeder, dass das Erzählte stimmt.18


Die Volksmärchen, von Grossmüttern und anderen Märchenerzählern und -erzählerinnen über Generationen hinweg weitergegeben, haben keltische Wurzeln (Zeichnung Ludwig Richter).

In die alten europäischen Märchen sind die spirituellen Schätze der keltischen Geistesschau hineingeheimnisst worden. Keltisches Seelenleben, keltische Wahrträume und Erfahrungen mit der ganz realen, wenn auch unsichtbaren Anderswelt sind darin enthalten.19 Die Kelten, so schreibt der Märchenforscher Rudolf Meyer, haben, auch wenn sie in ihrer nationalen Kraft durch das Römertum gebrochen wurden, ihr Wesen auf geheimnisvolle Art und Weise in alle Kulturen des Abendlandes hineingebracht und diese mit spirituellen und künstlerischen Impulsen befruchtet. »Gerade die Fähigkeit zu bildhaftem Welterleben, wie es in den Märchen, Sagen und Legenden seinen Ausdruck findet, ist von dieser Strömung ausgegangen und hat damit für lange Zeit der Seelenverarmung entgegenwirken können, die unserer Zivilisation von der einseitigen Herrschaft einer intellektuellen Kultur immer gedroht hat und durch eine in Dogmen erstarrende Religion nicht aufgehalten werden konnte« (MEYER 1985: 268).

Alle Völker kennen Märchen. Die keltischen aber, die uns geprägt haben, besitzen einen besonderen Klang und Geschmack. Da kommen Schwäne und Schwanenjungfrauen vor, Weisheitsbrunnen, edle Ritter und Jungfrauen, Feuer speiende Drachen und Schätze, dankbare Tote, magische Hirsche, Bären, Raben, weiße Schlangen, Zwerge und Riesen, scheinbare, vom Schulwissen unbelastete Toren, die eigentlich Helden sind, Gänsemädchen, in denen sich die Göttin verbirgt. Es geht um Entrückungen ins Elfenreich, um Verzauberung und Erlösung. Kurz, das Innenreich der Seele tritt nach außen.

Auch Pflanzen kommen in den Märchen vor. Wir erfahren viel über die Heilpflanzen, Giftgewächse und Zauberkräuter der Kelten. Die Elfen im Land der ewigen Jugend tragen Fingerhutblüten als »Elfenkäppchen«; Äpfel des Lebens und giftige Äpfel des Todes gibt es, Wacholder, ein altes magisches Räucherkraut, Haselnüsse und -ruten, die mit den Toten in Verbindung stehen, blühende Weiß- und Rotdornzweige, mit denen sich die göttliche Braut des Königssohns schmückt. Märchen sind auch die Sprache der Seele der Natur. Waldtiere kommen da vor und naturnahe Menschen – Bauern und Bäuerinnen, Fischer, Gärtner, Hirten, Holzfäller, Jäger.

Germanen

Kelten und Germanen werden immer wieder miteinander verwechselt. Nationalistisch verbrämte Ideologien in ganz Westeuropa haben immer wieder die einen oder anderen propagandistisch in den Dienst ihrer nationalen Egoismen eingespannt, so dass es für den Laien recht schwierig ist, sie auseinander zu halten. Dieses Problem ist nicht neu. Die Römer und Griechen haben diese Völker ebenfalls kaum unterscheiden können.

Die »Germanen« tauchten erst um das Jahr 100 v. u. Z. auf und zwar, als die Kimbern und Teutonen, die in der Hoffnung, gutes Ackerland zu finden, die Alpen überquerten und in Norditalien einfielen. Die Römer reagierten auf die Bitte der Barbaren mit militärischer Gewalt. Die Stärke und Wildheit dieser Krieger – auf ihren Rundschilden schlitterten sie die Schneehänge hinab und kämpften nackt, »mit wildem, grässlichem Geschrei« – jagte den Legionen Angst und Schrecken ein. Es gelang der besser ausgerüsteten, disziplinierten römischen Armee jedoch, die Eindringlinge regelrecht abzuschlachten. Ob es sich bei diesem Furor teutonicus wirklich um »Germanen« und nicht um Kelten gehandelt hat, ist jedoch fraglich. Es kann sein, dass die Kimbern ein keltoskythischer Stamm (Kimmerier) war, den es irgendwann einmal nach Norden verschlagen hatte. Auf jeden Fall trug ihr Häuptling Boiorix einen typisch keltischen Namen (Bojor = Name eines keltischen Stammes, nach dem Böhmen und später Bayern benannt wurde; rix = König); der Name der Teutonen (von teut, ir. tuath), ist rein keltisch und bedeutet schlicht »Volk«. Mit den Kimbern und Teutonen zogen auch drei helvetische Stämme, darunter die Tiguriner – die Stadt Zürich (Turicum) ist nach ihnen benannt (NACK 1977: 58).

Der Name »Germanen« ist keine Eigenbezeichnung dieser Stämme – ebenso wenig wie »Aboriginee« oder »Indianer« Eigenbezeichnungen der australischen oder amerikanischen Ureinwohner sind –, sondern wurde von Caesar erfunden.20 Aus politischem Kalkül heraus schilderte er sie als bedrohliche Macht und begründete damit seinen Anspruch auf militärische Ressourcen und Rüstungsgelder. Vor ihm hatte niemand von den Germanen gesprochen (DÖBLER 1975: 89).

Der Geograf Strabo (64 v. u. Z) fand auch kaum einen Unterschied zwischen den Kelten und Germanen, außer, dass die Germanen östlich des Rheins leben und »noch größer, noch wilder und noch blonder« seien als die Kelten westlich des Rheins. »Die in Gallien lebenden Römer nennen sie deswegen Germanen, weil sie damit ausdrücken wollen, dass sie die genuinen, die ›echten‹ (lat. germani), die originalen Kelten sind« (STRABO). Diese vereinfachende Einteilung – linksrheinische Kelten und rechtsrheinische Germanen –, die dem Machtstreben Caesars diente, blieb, obwohl völlig unbegründet, bis heute in den Köpfen bestehen.

Wer waren nun die Germanen, die im Aussehen und in ihren seelischen Anlagen den Kelten so nahe standen? Es handelt sich um nordeuropäische Ureinwohner, um matrifokale Sippen von Megalithbauern, die ihre Toten in Hünengräbern begruben, Hackpflug- bau und Fischerei betrieben. Südschweden, Jütland und Schleswig-Holstein ist ihr Kerngebiet. Steinzeitliche und bronzezeitliche Felszeichnungen in Schweden zeigen schon viele Motive, die bei den Nordgermanen auch später noch charakteristisch sind: Schiffe mit Drachenköpfen und Sonnensymbolen, Krieger mit Rundschilden, Skiläufer, Rinderpflüge, Hirsche, ein gehörnter Mann mit großem Hammer, der wahrscheinlich ein Prototyp des Fruchtbarkeit spendenden Himmelsgottes Donar-Thor ist.


Germanenzug.

Einstmals glaubten die Vorgeschichtler, dass die indoeuropäischen Invasoren die indigenen Megalithbauern ausgerottet oder verdrängt hätten. Diese Annahme ist aus mehreren Gründen kaum mehr haltbar:

1. Skelette von neolithischen Skandinaviern zeigen »keine größeren Abweichungen von den Schweden unserer Zeit«, sondern vielmehr »ausgeprägte nordische Rassekennzeichen« (STRÖM 1975: 22).

2. Die extreme Hellhäutigkeit und andere vererbte physische Merkmale deuten – im Sinne der darwinistischen Theorie – auf eine langfristige biologische Anpassung an ein lichtarmes Klima. Tatsächlich gehört Nordwesteuropa zu den Gebieten der Erde mit größter Bewölkungsdichte und, vor allem in den kurzen Wintertagen, kaum Sonne. Helle Haut ist da kein Nachteil. Im Gegenteil, extrem helle Haut gewährt einen Überlebensvorteil, sie absorbiert ein Maximum an ultravioletter Strahlung, was wiederum die körpereigene Synthese von Vitamin D begünstigt. (Vitamin D ist wichtig für den Kalziumstoffwechsel.)21 Die klimabedingte natürliche Auslese in Richtung heller Haut, blonder Haare und blauer Augen nimmt Hunderte von Generationen in Anspruch. Sie muss also vor mehreren Jahrtausenden eingesetzt haben (HARRIS 1996: 111) und spricht für die kontinuierliche Ansässigkeit der Bevölkerung des Nordens.

In anderen Worten, außer von kleineren Verbänden gab es vermutlich keine massive Einwanderung und Besiedlung von Indoeuropäern, wie es um 1000 v. u. Z. weiter im Süden der Fall war. Die »Germanen« sind vor allem Nachfahren bodenständiger skandinavischer Ureinwohner. Ein reger Handel mit ihren südlicheren Nachbarn – sie tauschten Bernstein und Felle gegen Bronze – brachte sie in Kontakt mit mancher neuen Idee. Der Kulturwandel von der Steinzeit hin zur Bronzezeit fand vor allem durch Akkulturation statt – so der Fachausdruck für die Übernahme fremder Kulturgüter und Lebensweise. Auch die Sprache wurde allmählich »indogermanisiert« – dennoch ist ein Drittel des germanischen Wortschatzes nicht indoeuropäischen (indogermanischen) Ursprungs. Das betrifft vor allem Worte, die mit Schifffahrt zu tun haben. Viele Pflanzen- und Tiernamen, Wörter wie See, Segel, Strand, trinken, laufen, Bein, Weib usw. haben keine indoeuropäischen Entsprechungen – lauten also im Sanskrit, in den lateinischen, keltischen, slawischen und anderen indogermanischen Sprachen ganz anders (HUTTERER 1975: 44).

Schon während der Bronzezeit rücken diese brandrodenden Urgermanen nach Süden, Osten und Westen vor, wo sie vor allem auf Kelten treffen. Die Kelten werden zu den Lehrmeistern dieser primitiven Völker (NACK 1977: 40). Von den Kelten übernehmen sie Eisentechniken, samt der Mythologie des magischen Schmieds (Wieland, engl. Wayland); sie lernen mit Pferden umzugehen und eignen sich die landwirtschaftlichen Techniken der Kelten an; sie lernen die rotierende Getreidemühle und die Töpferscheibe kennen. Keltischer Einfluss macht sich auch in der Sprache bemerkbar. Auffallend groß ist die Zahl keltischer Lehnwörter aus gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Bereichen. Darunter befinden sich Amt und Beamter (von kelt. ambactos = Bote, Diener), Deutsch (kelt. teut, altir. tuath), Eid, Erbe, Geisel, Reich (kelt. rigiom; dazu rigs, rix = Herrscher, König; vgl. Alberich = König der Alben, Dieterich = Herrscher des Volkes, Wegerich = König des Weges, Vercingetorix = Herr der Krieger, Asterix usw.), Schalk (altkelt. für Sklave, Unfreier) und Zaun (kelt. dun, gall. dunum = ein mit Palisadenzaun befestigter Ort, eine Burg; daher das englische Wort town = Ortschaft; dazu Lugdunum = Burg des Lug, Lyon). Heer, Sieg, Beute und einige andere Begriffe, die einem einfacheren Naturvolk Eindruck machen, sind wahrscheinlich ebenfalls von den Kelten übernommen worden (HOPE 1999: 19). Hinzu kommen noch einige Worte, die mit Metallurgie (Eisen, Lot = Blei) und mit Pferden zu tun haben, etwa Zelter, Hengst oder Mähre (ein Marschall wäre ursprünglich ein »Pferdeknecht«).


Bronzezeitliche Felszeichnungen aus Skandinavien.

In der späteren Eisenzeit, der La-Tène-Zeit, verlief die südliche Grenze der germanischen Stämme entlang der Linie Holland-Leipzig-Breslau. Der kulturelle Austausch und die Kontakte intensivierten sich. Märchen, Mythen und Göttervorstellungen überquerten Stammesgrenzen. Der Kult der Mistel gelangte zu den Germanen, ebenso wie der Kult des Sonnengottes Belenos und des ihm geweihten psychedelischen Nachtschattengewächses, des Bilsenkrauts. Belenos und seine Braut, die Blütengöttin, erscheint bei den Nordstämmen als Baldur und Nanna. Lugus oder Lug, der clevere, feurige Gott, der alles zur Vollendung bringt, erscheint in Loki, dem kosmischen Terminator. Den filigranen, verschnörkelten, surrealistischen Kunststil, den »Tier- und den Pflanzenstil«, den die La-Tène-Kelten nach skythischem Vorbild weiterentwickelten, charakterisierte auch bald die Kunst der Germanen. Wie eng die Verbindung und wie rege der Austausch war, zeigt sich darin, dass der berühmte keltische Silberkessel aus Gundestrup oder der Bronzekessel aus Rynje- by in dänischen Mooren, weit außerhalb des eigentlich keltischen Siedlungsgebiets, als Opfergabe versenkt wurden.

Die Kelten waren aber nicht einseitig die Geber-Kultur (doner culture). Zur Zeit Caesars und der gallischen Kriege hatten sich keltische Gruppen auch den Germanen, etwa den Sueben, angeschlossen. Caesar selbst erkannte, dass bei zahlreichen nordost- und ostgallischen Stämmen germanische Herkunft hohes Prestige besaß (WOLFRAM 1995: 54). Es kam zur »Germanisierung« etlicher keltischer Stämme, so dass die beiden Gruppen tatsächlich schwer auseinander zu halten sind.

Mit dem Zusammenbruch des römischen Imperiums kam es zur Völkerwanderung. Die Germanen, die ihrerseits dem Druck wandernder slawischer Völkerschaften ausgesetzt waren, drängten weiter nach Süden und überlagerten die romanisierten keltischen Restvölker. Die germanischen Franken übernahmen die Herrschaft in Gallien (es wurde zum Frankenreich); die Markomannen, die sich selbst Bayern (nach dem keltischen Stamm der Boier) nannten, besiedelten von Böhmen aus den bayrisch-österreichischen Raum; die Langobarden schufen ihr Königreich in der Lombardei, im ehemals keltischen Cisalpina; die Burgunder ließen sich an der Rhone nieder; der mächtige Stamm der Alemannen besiedelte die Schweiz, das Elsass und Baden und gliederte die keltische Restbevölkerung in ihre Verbände ein; Angeln und Sachsen setzten auf die Britischen Inseln über und schufen das Land der Angeln (England); Goten, ursprünglich aus Südschweden stammend, zogen bis nach Andalusien und ans Schwarze Meer – und dann kamen die iro-schottischen Mönche, Erben der keltischen Druiden, und machten sich daran, diese wilden, germanischen Heiden zu einem Christentum zu bekehren, das noch viele keltische Züge trug und dann das ganze Mittelalter prägte.

Die Wikinger aus Norwegen und anderen skandinavischen Ländern, die zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert das christliche Europa verunsicherten, stellen die letzte Welle der germanischen Ausdehnung dar. Die Drachenschiffe dieser Seeräuber, Händler und Siedler erreichten im Westen Nordamerika und im Osten die Wolga und das Schwarze Meer.22 Sie besiedelten Island, welches sich um 1000 n. u. Z. zum Christentum bekehrte. Zweihundert Jahre später schrieb der isländische Politiker und Staatsbeamte Snorri Sturlson (1179–1241) die Edda, eine Sammlung von Heldenliedern und Mythologie aus spätheidnischen Zeiten. Die Edda ein unterhaltsames, wunderbares literarisches Werk, ist aber nicht, wie einige Ideologen es auf den Schild hoben, »die Bibel« der Germanen. Das Werk gehört der big tradition, der Kultur der Fürsten und höfischen Barden (Skalden) einer Gesellschaft am Rande des germanischen Siedlungsgebiets, an. Die Edda gibt also kaum Einsichten in den alltäglichen Glauben und den Kultus der Germanen, schon gar nicht der südlicheren keltisch-germanischen Stämme aus der Zeit des Caesar oder Tacitus, tausend Jahre zuvor (DOBLER 1975: 101).

Das heutige Europa kennt keine sauber getrennten Völker oder Rassen, wie es einigen Gelehrten im 19. und zu Anfang des 20. Jahrhunderts im Bann der sozialdarwinistisch gefärbten Rassenlehre und der überzogenen Nationalismen vorschwebte. Man kann nur grob sagen, gegen Norden nimmt das germanische Element zu, gegen Osten das slawische und baltische, gegen Westen das keltische und gegen Süden das romanische.

Keltisches Erbe heute

Wir sehen, die Kelten haben sich nicht einfach in Luft aufgelöst, noch sind sie ausgestorben. Sie sind noch lebendig, als »allgegenwärtige Unterströmung des abendländischen Geisteslebens« (RUDOLF MEYER). Sie lebten weiter in der ritterlichen, romantischen Kultur der Minnesänger mit ihrer geheimen Blumensprache – noch immer »sagen wir es mit Blumen«. Sie lebten weiter im Gralskult, in den echten Volksliedern und -tänzen, in den Dichtungen des Wolfram von Eschenbach und anderer Troubadouren, zuletzt in den Werken eines Richard Wagner.

Country-Music, Hillbillie-Musik und Bluegrass, die von den Nachfahren iro-schottischer Einwanderer, die sich im Appalachengebirge niederließen, gesungen und gespielt wird, ist rein keltisch in ihrem Rhythmus und ihrer Melodie. Es ist die typische Musik der Barden, die in einer analphabetischen Gesellschaft Nachrichten in Form von Balladen von Ort zu Ort weitertragen und eine Liebe zum Wortspiel und zur Erzählkunst aufweisen.

Auch in der Literatur, in den Fantasy-Erzählungen eines John R. R. Tolkien, und in Filmen wie »Avalon«, »König Artus«, »Highlander«, »Camelot«, »Excalibur« oder »Monty Python« lebt keltisches Kulturgut munter weiter. Im amerikanischen Western reitet der Cowboy noch immer, wie der keltische Held, zum Schluss allein auf seinem treuen Pferd in den Sonnenuntergang, in die Anderswelt. Keltisch anmutende Krieger mit Fantasiewaffen und Tätowierungen geistern durch die virtuelle Realität der Computerspiele.


Von den La-Tène-Kelten übernommener germanischer Kunststil: Eingangspforte einer aus germanischer Tempelbaukunst hervorgegangenen Stabkirche.

Keltischen Ursprungs sind aber auch alltägliche Gepflogenheiten, Vorlieben beim Essen, wie der morgendliche Haferbrei oder in Amerika der Schinken (bacon) zum Frühstück, das Biertrinken am Stammtisch, das Bild vom »röhrenden Hirsch« an der Wohnzimmerwand – in unbewusster Erinnerung an Cernunnos, den Waldgott –, der quasi sakrale Status von Hund und Pferd und vieles mehr.

Und jetzt, wo wir uns in einer Zeit ökologischer und gesellschaftlicher Unausgeglichenheiten befinden, wo wir uns gefährlichen, kaum beherrschbaren Technologien ausgeliefert haben und wieder Sinn und Halt suchen, da tritt aus den verborgenen Quellen des kollektiven Unterbewusstseins unverhofft hier und da die unterschwellige keltische Strömung wieder an die Oberfläche. Und zwar in folgenden Bereichen:

1. Ökologie: Es wird zunehmend versucht, die Natur als einen ganzheitlichen, lebendigen Organismus zu verstehen (Gaia-Hypothese), nicht nur als belebt, sondern auch als beseelt. Man spricht wieder von den Rechten der Tiere. Man erkennt, dass Bäume und Wälder heilig und lebenstragend und nicht nur als auszubeutende, wenn auch nachwachsende Rohstoffreserven zu betrachten sind. Man erkennt, dass sie nicht nur zum Wirtschaftswachstum beitragen, sondern auch unsere Seele nähren und gesund halten. In der Landwirtschaft werden vor allem in der biologisch-dynamischen Methode, wie es einst die Kelten taten, feinstofflich-ätherische, energetische und astronomische Gesichtspunke mit berücksichtigt.


Keltisch-germanischer Krieger – mit typischem Langschwert und Hosentracht.


Beliebtes Motiv seit keltischen Zeiten: röhrender Hirsch.

2. Spiritualität: Eine neue Spiritualität stellt sich zunehmend gegen die lebens- und naturfeindlichen Dogmen – »macht Euch die Erde untertan«, Entmündigung der animistischen Völker durch Missionierung – einer versteinerten Kirche und ebenso gegen ein gefühlstotes Wissenschaftsestablishment, das im Namen der Humanität sadistische Tierversuche und nicht rückgängig zu machende Erbgutmanipulationen vornimmt. Die Götter und Elementarwesen erwachen in den Imaginationen vieler Menschen. Man öffnet sich wieder dem Wunder, man erlebt wieder die Engel und Gottheiten, man spricht von der Wiederverkörperung und der Tatenvergeltung (Karma) über den Tod hinaus. Keltisches Schamanentum zeigt, dass man keine unbezahlbar teure Raketentechnologie braucht, um in andere Welten zu reisen.23

3. Autonomiestreben: Das Dorf von Asterix, Obelix und Miraculix steht für Dezentralisation, freie Entwicklung jeder menschlichen Individualität und Gemeinschaft, für Eigenständigkeit der organisch gewachsenen Regionen, für eine lebensbejahende Anarchie. Es steht gegen die kollektiven Zwänge zugunsten ferner Machtinteressen, gegen Bevormundung durch einen allmächtigen Staat, sei es das imperiale Rom, Berlin, Brüssel oder Washington.

4. Frauenbewegung: Allmählich wird wieder anerkannt, dass die Frau als Geliebte, Mutter und lebenserfahrene alte Weise die Erhalterin des Lebens ist. Sie ist es auch, die den Männern die Macht delegiert. Das geschieht aber nicht aus Machtsucht oder Geltungsbedürfnis, sondern als Trägerin des archetypischen Weiblichen, als Verkörperung der Göttin. Der keltische Ritter oder Barde hatte seine Dame, der er seine Abenteuer, Siege oder Lieder widmete. Manchmal war diese weibliche Gefährtin keine sterbliche Frau, sondern eine Holde, eine Schwanenjungfrau oder andere Andersweltliche. Auch die Götter der Heiden hatten ihre weiblichen Begleiter, die ihnen an Rang nicht nachstanden. Oftmals waren die Götter, ähnlich dem Shiva der südasiatischen Mythe, ohne die weibliche Energie (Shakti) völlig machtlos und ohne Leben.

5. Heilkunde: Immer mehr Menschen erkennen, dass die Schulmedizin unbezahlbar geworden und mit Risiken behaftet ist – allein in den USA sterben nach offiziellen Schätzungen (LEMONIK 1999: 38) jährlich 100000 Menschen aufgrund ärztlichen Versagens oder falsch verschriebener Pharmazeutika. Bei weiteren 2,5 Millionen kommt es zu Gesundheitsschäden und zum Teil bleibenden Beeinträchtigungen (ARNDT 1999: 56). Die schärfste Waffe unter den pharmazeutischen Produkten, die Antibiotika, verlieren nicht nur zunehmend an Wirksamkeit, sondern haben echte Killerstämme unter den Bakterien erzeugt. Da bietet sich die aus keltischen Wurzeln stammende Heilkräuter- und Bäderkunde als sanfte, aber wirksame Alternative an. Ihr liegt die Erfahrung von vielen tausend Jahren zugrunde.

Im Gegensatz zur Psychoanalyse und Psychotherapie erweist sich die traditionelle schamanische Heilweise, die metaphysische Aspekte mit einbezieht, als viel effektiver. Der Schamane reist in die Anderswelt und weiß mit den Krankheit bringenden transsinnlichen Wesenheiten umzugehen, er behandelt nicht nur die materiellen, organischen Schäden, die diese Wesenheiten bewirken. Auch verlorene Seelen kann der Schamane oder die Schamanin in der jenseitigen Welt wiederfinden oder als »Sterbehilfe« die fortgehenden Seelen ein Stück in den Himmel begleiten. Auch die Kraft der Erdstrahlen und Wasseradern, mit denen die Kelten bewusst umgingen, findet wieder zunehmend Berücksichtigung, ebenso wie auch die kosmisch-astronomischen Einflüsse. Aus all dem ergibt sich eine neue Heilkunde, neben welcher der Medizinapparat mit seiner materiell-reduktionistischen Arbeitsweise einen recht armseligen Eindruck macht.

6 In der heutigen Zeit, in der wir weder als primitive Bauern noch als Hirtennomaden leben, befindet sich das Geschlechterverhalten im Wandel und die Geschlechterrollen werden selbstverständlich ganz anders definiert. Rapider sozioökonomischer Wandel, Konsumkultur und Informationsgesellschaft haben zu Unsicherheiten bezüglich traditioneller Geschlechterrollen geführt.

7 Diodor schreibt über diese Seehundschnauzbärte: »Wenn sie trinken, fließt das Bier gleichsam durch eine Reuse« (Pörtner 1997: 293).

8 Die Hallstattkultur wurde nach Hallstatt im oberösterreichischen Salzkammergut benannt, wo sich eines der ältesten Salzbergwerke der Welt befindet. Das keltische Wort hall (breton. holen, kymr. hal) bedeutet »Salz«. Salz war einer der wichtigsten Bodenschätze in einer Zeit, als es noch keine Kühltechnik gab. Hallstatt war ein wichtiger Handelsort der damaligen Zeit.

9 Die Sage von Wieland, dem Schmied, steckt voller archaischer keltischer Motive. Er ist ein Zauberer ersten Ranges; er ist mit einer Andersweltlichen, einer Schwanenjungfrau vermählt und fliegt mit selbst konstruierten Schwanenflügeln. Aus den Schädeln der Kinder des Königs, der ihn gedemütigt hat, schmiedet er goldene Trinkgefäße.

10 Die frühmittelalterliche Sage von dem Ritter Wolfdieterich, der die Raue Ilse, ein wildes Waldweib, minnen muss und dann entdeckt, dass sie die schönste aller Frauen und Königin des Landes ist, geht auf diesen keltischen Brauch zurück.

11 Diodorus Siculus, der griechische Historiker aus dem 1. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, schreibt über die Rauschsucht der Kelten: »Die Gallier lieben den Wein ausserordentlich; sie gießen den Wein, der von den Kaufleuten eingeführt wird, unvermischt hinunter und nehmen das Getränk, dem sie so ergeben sind, im Übermaß zu sich, bis sie berauscht im Schlaf versinken oder in einen Zustand des Wahnsinns geraten. Viele italische Kaufleute benutzen daher (…) die Trinksucht der Gallier zu ihrem Vorteil. Sie führen ihnen Wein zu, sowohl zu Wasser auf den schiffbaren Flüssen als zu Lande auf Wagen, und gewinnen durch diesen Handel unglaubliche Summen. Denn für ein Fässchen Wein erhalten sie einen Sklaven.« Feuerwasser für die Indianer, Opium für die Chinesen! Drogen als machtpolitischer Faktor – schon damals!

12 Die Wagenbreite bzw. die Entfernung zwischen den Rädern bei den typischen keltischen Wagen betrug vier Fuß und achteinhalb Zoll. Interessanterweise wurde dieses Maß auch zur Standardbreitspur der amerikanischen Eisenbahnen. Ist das nun Zufall oder so etwas wie die Aktivierung einer unbewussten kollektiven Erinnerung, eines »morphischen Feldes«?

13 Tacitus schreibt über die kelto-germanischen Stämme: »Die Germanen glauben sogar, den Frauen wohne etwas Heiliges und Seherisches inne, deshalb achten sie auf ihren Rat und hören auf ihren Bescheid. Wir haben ja zur Zeit des [verewigten] Vespasian erlebt, wie Veleda lange Zeit bei vielen als göttliches Wesen galt. Doch schon vor Zeiten haben sie Albruna und mehrere andere Frauen verehrt, aber nicht aus Unterwürfigkeit und als ob sie erst Göttinnen aus ihnen machen müssten.«

14 Altkeltisch oder gar vorkeltisch ist ebenfalls der Horntanz, den die Einwohner von Abbot’s Bromley im englischen Staffordshire am ersten Montag nach dem 4. September auffuhren. Die zwölf männlichen Tänzer verkleiden sich als Reiter, Maid, Narr, Schütze; sechs der Tänzer tragen echte Rentiergeweihe.

15 Einige Gelehrte nehmen irrtümlich an, dass die Bauernregeln aus Babylonien oder aus der klassischen Antike stammen und von den Römern oder von Mönchen später nach Mitteleuropa gebracht wurden (Hauser 1973: 22). Diese These lässt sich ebenso wenig halten wie diejenige, die das Aufstellen von Menhiren und anderen Megalithsteinen auf ägyptische Einflüsse zurückführen will.

16 Antwort: Schneeflocke, Winterbaum, Sonne.

17 Die Brennnesseln.

18 Als die Kulturfunktionäre im stalinistischen Osteuropa die Märchen umschreiben wollten und aus Prinzen klassenbewusste, heldenhafte Traktoristen, aus Rittern Rotarmisten, aus Drachen Kapitalistenbonzen und aus Prinzessinnen Heldinnen der Arbeit machen wollten, fand niemand Freude daran. Die alten »klassenfeindlichen«, feudalistischen Märchen wurden im Volk, wie überliefert, weitererzählt.

19 »Gemeinsam allen Märchen sind die Überreste eines in die älteste Zeit hinaufreichenden Glaubens, der sich in bildlicher Auffassung übersinnlicher Dinge ausspricht« (WILHELM GRIMM).

20 Viele der heutigen Sprachforscher glauben, dass Germane die Bezeichnung eines bestimmten keltischen Stammes sein könnte. Die im 19. Jahrhundert popularisierte Annahme, dass das Wort »Speermänner« – von ger = Speer und man = Mann – bedeuten könnte, lässt sich nicht halten.

21 Anthropologen konstatieren derartige vererbbare Anpassungen an geografische Gegebenheiten überall auf der Erde. So etwa haben die Eskimo, als Anpassung an die extreme Kälte, über Jahrtausende hinweg durch eine positive natürliche Auslese dieser Merkmale einen besonders kompakten Körperbau und einen effizienteren Kohlehydratstoffwechsel entwickelt. Die dunkle Hautfarbe vieler tropischer Völker ist eine Anpassung zum Schutz gegen hohe ultraviolette Einstrahlung; sie entwickeln weit weniger häufig Hautkrebs als hellhäutige Europäer. Die langen, dünnen Nasen der Araber weisen auf eine biologische Anpassung an ein extrem trockenes Klima hin (JOHNSTON/SELBY 1978: 250). Die Quechua-Indianer, die seit Jahrtausenden die hohen Anden besiedeln, und ebenfalls die Tibeter im Himalaya konnten sich durch allmähliche Ausbildung einer vergrößerten Lungenkapazität an die Höhenlagen gewöhnen, in denen der Sauerstoffgehalt der Luft sehr niedrig ist (NICKELS/HUNTER/WITTEN 1979: 358). Auch dass Indoeuropäer und Ostafrikaner Kuhmilch gut verwerten können, während Ostasiaten und andere Populationen davon Magen-Darm-Krämpfe bekommen, ist biologische Anpassung, die durch die Symbiose Kuh-Mensch während mehrerer tausend Jahre zustande kam.

22 Die Wikinger oder Waräger traten im Osten als Raubhändler und Sklavenjäger auf und gründeten das Reich der Rus (Russen). Die Kosaken rühmen sich, Nachkommen der Wikinger zu sein. Unser Wort Sklave geht eindeutig auf die Slawen zurück, die die Wikinger im Westen verkauften.

23 Arthur Hermes, der »Druide« des Waadtlands, sagte es treffend: Die Astronauten sind mit ihrer Raumfähre Apollo 11 nicht auf dem »Mond« gelandet, sondern im Bereich der Materie, also der »Erde«, geblieben. Zum Mond und zu den Mondkreaturen kommt man nur mit einem »geistig-ätherischen Raumschiff«.

KELTISCHE HEILKUNDE

Die Heilkunde der Kelten wurde nicht nur von der »hohen Kultur« (der »great traditon«) der Druiden und Priesterschaft getragen, sondern auch von der des einfachen Volkes, von den Hirten, die das Vieh versorgten, und vor allen von den Müttern und Großmüttern, die sich um die Gesundheit der zwei- und vierbeinigen Bewohner von Haus und Stall kümmerten. Beides, das überlieferte Wissen der Druiden und die praktische Erfahrung des einfachen Volkes, der tuata, ergänzten und befruchteten einander. Als Erstes wollen wir uns mit den Druiden befassen und sehen, welche Impulse, die noch immer in unserer Heilkräuterkunde lebendig sind, sie in Gang setzten.

Die Waldweisen

Die Druiden – die Magier, Wahrsager, Ärzte und Hüter der Weisheit der Kelten – lebten »wie Hirsche« in den Wäldern. In heiligen Hainen (Nemetona), in der freien Natur, übten sie Askese, opferten und vollzogen ihre Rituale. Merlin, der große Zauberer der Artussage, lebte verborgen im schwer zugänglichen Urwald, »neben einem Quell, umstanden von Haselsträuchern und anderem Gesträuch«. Kräuter und Wurzeln waren seine Speise, der Wolf und der Eber waren seine besten Gefährten; gelegentlich ritt er einen Hirsch (TOLSTOY 1989: 107). Dieser Merlin ist wahrscheinlich ebenso wenig eine historische Persönlichkeit wie König Artus; er ist aber auch nicht bloß eine Sagenfigur, sondern der Archetypus des keltischen Druiden, des »Waldweisen«. Der Geist des Waldes selbst, der Geweih tragende archaische Gott (Cernunnos) und die Waldgöttin, die schon die Urzeitjäger kannten, inspirierte ihn und lehrte seine Seele.24

Zwanzig Jahre – so schreibt Caesar – dauerte die Ausbildung zum Druiden. Diese langen Jahre verbrachten die jungen Anwärter in der Abgeschiedenheit des Waldes. Von weltlichen Sorgen und Belangen, von Steuern und Kriegsdienst waren sie befreit. In den ersten sieben Jahren lernten sie die in Reime gefassten Überlieferungen auswendig und wurden Sänger, Barden und Geschichtenerzähler. In den nächsten sieben Jahren vervollkommneten sie ihre Sehergabe, sie wurden Seher (vates), sie weissagten und konnten mit den Göttern sprechen. Aber erst sieben Jahre später wurden sie zu vollamtlichen Druiden, zu Trägern der Gesellschaft.


Im Gegensatz zu Troubadix in dem modernen Comic (links) waren Barden und Sänger in der keltischen Stammesgesellschaft hochverehrte Persönlichkeiten (rechts irische Barden). In einer vorschriftlichen Gesellschaft waren sie unverzichtbare Vermittler von Neuigkeiten aus dieser und der anderen Welt.

Plinius der Ältere, ein schreibwütiger, pensionierter römischer Admiral, berichtet in seiner Historia Naturalis (XVI, 249): »Die Druiden halten nichts für heiliger als die Mistel und den Baum, auf dem sie wächst, wenn es nur eine Eiche ist. Sie wählen an sich schon die Eichenhaine und verrichten kein Opfer ohne das Laub dieses Baumes, so dass sie ihren Namen ›Druiden‹ nach dem griechischen Wort (drys = Eiche) erhalten haben könnten.« Diese Wortdeutung, welche die Druiden zu »Eichen-Weisen« macht, wird heute von übervorsichtigen Sprachwissenschaftlern zu Unrecht in Frage gestellt. Das altkeltische Wort für Druide ist Druwides, was sich ohne Schwierigkeiten in zwei Segmente zerlegen lässt: in dru und wid (MARKALE 1985: 20). Die Vorsilbe entstammt der indogermanischen Wurzel *dru, mit der Bedeutung »Treue« (englisch true), sowie »Festigkeit« oder »Baum« (englisch tree), womit in den meisten indogermanischen Sprachen die Eiche (gall. dervo, ir. daur, walis. derw) gemeint war.

*Wid ist die sprachliche Wurzel von Wörtern wie »Wissen«, »weise«, »Vision« (von lat. videre = sehen), auch die Sanskrit-Veden (das von Sehern in ekstatischer Vision geschaute göttliche Wissen), der römische Vates und der altirische Fáith (Weissager, Seher) gehören dazu.

*Wid bedeutet auch Wald (urkelt. vidu, germ. widhu, gäl. fiodh, engl. woods). Im rauschenden Urwald sind die Götter zuhause. Tacitus, römischer Sachverständiger in Sachen Barbaren, berichtet über den Baumkult der stark keltisch geprägten Südgermanen: »Übrigens finden sie es unvereinbar mit der Erhabenheit der Himmlischen, die Götter in Wände einzuschließen und sie den Zügen des Menschenantlitzes irgendwie nachzubilden (…) ihre Wälder halten sie heilig, und mit Götternamen rufen sie jenes ferne, unschaubare Wesen, das nur ihr frommer Schauer sieht.« Aus dem heiligen Wald, aus den Bäumen sind – nach keltischer Auffassung – die ersten Menschen entstanden, der Mann aus der Eberesche, die Frau aus der Erle (bei den Nordgermanen waren sie aus der Esche und der Ulme hervorgegangen).

* Wid ist verwandt mit dem deutschen »Wut«, im Sinne von »geistig angeregt, ekstatisch«. Es ist die Wut der Verzückung, der Raserei, die entsteht, wenn der sterbliche Mensch vom Numinösen berührt oder von der Gottheit besessen wird. Der germanische Archetypus der »heiligen Wut«, der Begeisterung, der inspirierten Weisheit und der Vision ist Wotan, der Schamanengott, der am Weltenbaum hängend die Weisheitsrunen aus den Urtiefen emporhob.


Druide mit Eichenlaub (HENRY ROWLAND, 18. Jh.).

Der Name des walisischen Zaubergottes Gwydion (von gwydd = wissen und wydd = Wald) entstammt ebenfalls dieser Wurzel. Gwydion, der einst als Hirsch, Wildsau und Wolf die Wälder durchstreifte, ist Träger und Vermittler der Naturweisheit. Er ist eigentlich ein göttlicher Druide wie Merlin. Seine Mutter ist Don, die Große Göttin, Herrin der strömenden, himmlischen Gewässer – die Donau, der Don, die Dnjepr und andere Flüsse wurden nach ihr benannt. Sie verkörpert den Fluss der Inspiration. Die Sage erzählt, dass Gwydion die Kräfte der Pflanzenwelt meisterhaft handhabt. Aus Büschen und Bäumen zaubert er Krieger, aus Pilzen prächtige Schilde, aus Seetang Schiffe. Taliesin, der größte Barde der Waliser, besingt, wie ihn dieser Gwydion aus den ätherischen Kräften des Waldes erschuf:

»Nicht von Mutter noch Vater

War, als ich gemacht,

Mein Blut oder Körper;

Aus neun Arten von Eigenschaften,

Aus Früchten von Obstbäumen,

Aus Obstbäumen hat Gott mich geschaffen,

Aus der Blüte der Bergprimel,

Aus den Knospen der Bäume und Büsche.

Aus der Erde von irdischer Art.

Als ich gemacht ward

Aus den Blüten der Nessel,

Aus dem Wasser der neunten Welle … «

(Cad Goddeu, 13. Jh.)

Das Gedicht deutet an, dass ein Druide wie Taliesin nicht nur Kind der Gesellschaft, der leiblichen Eltern ist, sondern – wie der indische Brahmane – ein Zweimalgeborener. Der Wald, symbolisiert durch den Waldgott Gwydion, ist des Druiden geistiger Mentor. Die Inspiration des Waldes ist ihm bis in das Mark der Knochen gedrungen, hat ihn geformt und zu dem gemacht, was er ist.

Anderswo wird beschrieben, wie Gwydion für den jungen Sonnenhelden Lleu – er ist kein anderer als der pankeltische Sonnengott Lug – eine wunderschöne Jungfrau aus den Blüten und Blütenknospen der Eiche, des gelben Ginsters, des Mädesüß und anderen Pflanzen hervorzauberte. Lleu war nämlich von seiner Mutter verflucht worden, er solle niemals eine Frau haben »von jener Art, wie sie jetzt die Erde bevölkert«. Blodeuedd, das Blütenmädchen, ist keine andere als die Vegetationsgöttin, die mit dem Sonnenhelden lustwandelnd durch das Jahr zieht, ihn aber dann im Spätherbst, in den düsteren Novembertagen, betrügt und zu ihrem neuen Liebhaber, dem düsteren Gott der Unterwelt, zieht.

Der Wald ist also Vater und Mutter der Druiden und ihrer Weisheit. In der walisischen Sprache kommt diese Verbindung von Wald und Inspiration deutlich zum Ausdruck. Wydd heißt Holz oder Wald: arwdd ist ein Zeichen; cyafarwydd ist Auskunft oder Information; cywydd ist eine Offenbarung; ein gwyddon ist ein Weiser und ein derwydd ist ein Druide (PENNICK 1997: 56).

Die Druiden brauchten keine Bücher. Der Wald selbst war das Buch. Jedes Kraut, jeder Baum, jeder Vogel, jeder Käfer, jedes Steinchen, jeder Tümpel war voller Zeichen, voller Information, voller Offenbarungen. Diese Fülle konnte man nicht – man kann es auch heute nicht – schwarz auf weiß auf Buchstaben reduzieren und auf Papier bannen. Geschriebene Weisheit war für die Druiden minderwertig. Daher verzichteten sie auf das Schreiben und ließen die Blätter lieber an den Bäumen. Im Herzen trugen sie die in Geistesklarheit geschaute Weisheit.

Nach drei mal sieben Jahren im Wald waren ihre Sinne dermaßen offen, dass für sie die Wirklichkeit der Elfen, Baumfeen und Waldgötter keine Glaubensfrage war, sondern Erfahrungstatsache. Jede Pflanze, mit der sie sich befassten, konnte ihnen Auskunft geben, konnte ihnen Heilgeheimnisse und Zauberkräfte offenbaren. Das ist für uns heutzutage, die wir in unsichtbare elektronische Fesseln gebunden sind, abgelenkt durch ständige Medieninformation und Unterhaltungslawinen, abgeschlossen von der Umwelt in Betongebäuden, Glaskäfigen, hermetisch versiegelten Kraftfahrzeugen, nicht leicht nachvollziehbar. Doch Pflanzen können sehr wohl zu unserer Seele sprechen, wir müssen uns ihnen gegenüber bloß öffnen. Das ist an sich nichts Besonderes – jedes Tier kann das. Überall finden die Tiere die Kräuter, Wurzeln und Blätter, die sie zur Ernährung und zur Heilung ihrer Wunden, Magenverstimmungen und anderer Leiden brauchen (STORL 1996: 34). Jeder, der sich vom Alltag und dessen Trubel lösen kann und sich in einer offenen, meditativen Stimmung neben einen Baum oder ein Kräutlein setzt, wird erfahren, dass ihm die Pflanze Informationen und Einsichten vermittelt, die in keinem Buch nachzulesen sind.25


Die Göttin Ardoinna, auf einem Eber reitend.

Der Wald in seiner Majestät und Magie erschien den Druiden als göttlich. So wurden die heiligen Wälder nach den Göttinnen benannt, die dort herrschten. Dea Abnoba hieß die Göttin des Schwarzwalds, Dea Ardoinna jene des Ardennenwaldes – sie wurde auf einem galoppierenden Eber reitend dargestellt (DUERR 1978: 188); die Göttin Nematona beherrschte den Pfälzerwald. Nicht nur der Wald als Ganzes, auch die einzelnen Bäume waren von Feen und Elfen bewohnt. In den Alpen gibt es noch immer die Saligen, die freundlichen Baumfeen. Sie bewohnen alte Lärchen und Tannen. Gelegentlich erscheinen sie dem einsamen Wanderer oder dem Sennen. Köhlerinnen und armen Bergbäuerinnen sollen sie in Geburtsnöten zu Hilfe gekommen sein (SCHEFFER/STORL 1995: 148). An solchen verehrten Bäumen ließen die Frommen später oft Marienbilder anbringen, die Dorfpfaffen ließen aus ihrem Holz Marienkapellen zimmern.

Um die Macht der gallischen Druiden zu brechen, befahl der kluge Taktiker Julius Caesar seinen Legionen, die heiligen Bäume in einem Wald bei Marseille zu fällen. Die Soldaten, eingeschüchtert von der majestätischen Erhabenheit der Wälder, weigerten sich. Da ergriff Caesar selbst die Axt und tat den ersten Schlag, um ihnen zu zeigen, dass sie keine göttliche Rache zu fürchten hätten. Einige Jahrhunderte später ließ der heilige Martin nicht weit von Autun an einem der alten Religion geweihten Ort eine Kiefer schlagen. Diese beiden Gesten – schreibt Maurice Magre – stehen symbolisch für die zweifache Zerstörung des Druidentums durch Rom und die römische Kirche (MAGRE 1986: 50). Noch lange führten die christlichen Missionare einen erbitterten Kampf gegen die Heidenbäume, »gegen den inneren und äußeren Urwald«. Ähnlich wie die US-Regierung die Büffelherden der weiten Prärie vernichten ließ, um der indianischen Urbevölkerung die physische und spirituelle Lebensgrundlage zu nehmen, so zerstörten die römischen Imperialisten und später die kirchlichen Glaubensfanatiker den Wald als Träger der keltischen Spiritualität. An die Stelle des lebendigen Waldes setzten sie als Ideal das Bild der »heiligen Stadt«, einer von festen Mauern umringten steinernen Zitadelle (LAUDERT 1998: 38). An die Stelle des Baumes setzten sie eine Statue als Fetisch (port. feitiço, von lat. facticius = nachgemacht, dem Natürlichen entgegengesetzt). Es ist dieses von der lebendigen Erde losgelöste Bild, welches uns in die gegenwärtige ökologische und seelische Notlage gebracht hat.


Mönch beim Fällen einer Eiche. Französische Buchmalerei, ca. 1220.

Druidische Sammelrituale

Für die Kelten waren die Pflanzen keine unbeseelten Gebilde aus Bioplasma, die der Mensch nach Belieben nehmen, verbrauchen oder ausbeuten kann. Was sich dem physischen Auge bietet, ist nach keltischer Auffassung lediglich der »Körper« der Pflanze. Darüber hinaus hatten die Pflanzen für sie eine kräftemäßige Ausstrahlung, deshalb wirken sie auch, wenn man sie als Amulett trägt oder auflegt. Die irische Sage erzählt, wie Cúchulainn, der tapferste Held, durch das Auflegen von Heilkräutern von seinen Wunden geheilt wurde. Diese Tradition hielt sich noch lange. Von Bruder Niklaus von Flüe (1417–1487), dem berühmten Schweizer Einsiedler und Heiligen, wird berichtet, er habe »zur Aufrechterhaltung seines Lebens etliche Kräuter und Wurzeln auf seinen Magen und von außen auf sein Herzgrübchen« gelegt. Wenn diese Pflanzen welkten, dann legte er andere, frische darauf (GOLOWIN 1993: 22).

Jenseits der Kräfteausstrahlung (Energiekörper, Ätherleib) der Heilpflanze oder des Baumes gewahrten die Kelten auch den Geist (Geistseele, Deva) der Pflanze oder die Gottheit, die sich in der Pflanze offenbarte. Dieser Geist – und nicht irgendwelche molekularen Wirkstoffe, wie wir heute glauben – ist es, der Heilung, Linderung oder Trost gewähren kann. Er muss jedoch richtig angegangen werden. Der Druide war derjenige, der die magischen Techniken, die Rituale und Zauberworte beherrschte, um den Geist der Pflanze anzusprechen oder um Hilfe zu bitten. Der Waldweise war Botschafter und Vermittler der pflanzlichen Mysterien.

Rituale dienen dazu, die (menschliche) Psyche auf die transsinnliche Dimension einzustimmen, damit sie sich dem Geist der Pflanze oder einer Gottheit nähern kann. Von antiken Schriftstellern, vor allem von Plinius, erfahren wir Bruchstückhaftes über solche Rituale, die bei den Druiden zum Sammeln und Ausgraben von Heilpflanzen gehörten. Am bekanntesten ist sein Bericht über die Mistelernte:

»Man findet aber die Mistel in Gallien sehr selten; und hat man sie gefunden, so wird sie mit großer Ehrfurcht abgenommen, vor allem am sechsten Tag des Mondes, der bei ihnen den Anfang der Monate und Jahre und nach 30 Jahren einen neuen Zeitabschnitt bildet, ein Tag, an dem der Mond schon genügend Kräfte hat und noch nicht halbvoll ist. Sie nennen die Mistel in ihrer Sprache ›die alles Heilende‹. Sie bereiten nach ihrer Sitte das Opfer und das Mahl unter dem Baum und führen zwei große Stiere herbei, deren Hörner da zum ersten Mal umwunden werden. Der Priester, bekleidet mit einem weißen Gewand, besteigt den Baum und schneidet die Mistel mit einem goldenen Messer ab: Sie wird mit einem weißen Tuch aufgefangen. Dann schlachten sie die Opfertiere und bitten den Gott, er wolle sein Geschenk denen, welchen er es gegeben hat, zum Glück gereichen lassen. Sie meinen, dass die Mistel, in einem Getränk genommen, jedem unfruchtbaren Tier Fruchtbarkeit verleihe und ein Heilmittel gegen alles Gift sei. So groß ist die Ehrfurcht der Völker meistenteils in ganz unbedeutenden Sachen« (Historia naturalis XXIV, 103–104).

Auf die Mistel und ihren Gebrauch bei den Kelten werden wir später noch zu sprechen kommen. Selbstverständlich handelt es sich hier um ein Ritual der »hohen Kultur« der Druiden und nicht der Volkskultur des einfachen Volkes. Keine Kräuterfrau, kein Bauer würde beim Sammeln von Heilpflanzen Stiere opfern. Stieropfer wurden sonst nur bei Thronbesteigungs- und Königswahlritualen vollzogen. Auch in diesem Fall muss es sich um ein königliches Ritual gehandelt haben, denn eine der wichtigsten Aufgaben des Herrschers war es, die Fruchtbarkeit der Herden und den Schutz vor Seuchen in seinem Reich zu gewährleisten (LE ROUX/GUYONVARC’H 1996: 175). Zudem ist die Eiche der Baum des Königs, unter dem er bei wichtigsten Stammesangelegenheiten und Ratsversammlungen seinen Sitz nahm, so dass die Götter durch ihn reden konnten. Es ist auch nicht anzunehmen, dass die Bauern und Kräuterfrauen beim Sammeln von Heilpflanzen weiße Zeremonialgewänder trugen. Wahrscheinlicher ist, dass sie – wie der keltische Krieger in die Schlacht – im Zustand »heiliger Nacktheit«, »mit den vier Winden bekleidet« zu den Pflanzen gingen.

Neben der Mistelernte beschreibt Plinius auch die Ernte des Bärlapps, Selago genannt. Auch auf diese Pflanze – im Volksmund noch immer als Drudenkraut bekannt – werden wir später eingehen.

»Dem Sadebaum ähnlich ist die Pflanze, die man Selago nennt. Man sammelt sie ohne eisernes Gerät, indem man sie mit der rechten Hand durch die Tunika hindurch, auf der Seite, wo die linke Hand ist, herausreißt, als wolle man sie stehlen; dabei solle man eine weiße Kleidung tragen, rein gewaschene Füße haben und vor dem Sammeln ein Opfer mit Brot und Wein darbringen; man trägt sie in einem neuen Tuch« (Hist. nat. XXIV, 103).

Im nächsten Absatz schreibt er weiter von einer an feuchten Stellen wachsenden Pflanze, die die Druiden Samulos nannten: »Derjenige, der sie pflückt, darf nicht zurückschauen und muss die gepflückte Pflanze dort niederlegen, wo man die Getränke niederlegt; vor allem aber muss er sein Werk mit der linken Hand ausführen« (Hist. nat. XXIV, 104).

Zum Eisenkraut (Verbena) schreibt der römische Gelehrte, dass die keltischen Druiden es zum Losen und Wahrsagen verwendeten und »allerlei abergläubischen Unfug damit trieben«:

»Wenn man sich damit salbe, erlange man alles, was man wolle. Die Pflanze vertreibe Fieber, stifte Freundschaft und heile alle Krankheiten. Man müsse sie beim Aufgang des Hundssterns (Sirius) sammeln, wenn weder Sonne noch Mond scheine, zuvor aber die Erde mit Wachs- und Honigopfer versehen. Mit Eisen müsse man einen Kreis um die Pflanze ziehen und sie dann mit der linken Hand herausgraben« (Hist. nat. XXV, 105).

Diese spärlichen Zeugnisse sind dennoch aufschlussreich, besonders wenn man sie mit dem Heilpflanzensammelbrauchtum in den ehemals keltischen Ländern vergleicht. Folgendes ist wichtig: Die richtige Zeit, das korrekte Ritual und eine Opfergabe. Diese wollen wir nun etwas genauer betrachten.

Die richtige Zeit

Die Druiden waren Meister der Zeit. In der Abgeschiedenheit ihrer Waldheiligtümer konnten sie genau den Wandel der Jahres- und Tageszeiten, den Lauf der Sonne, des Mondes und der Planeten beobachten. Das entging auch dem Imperator Caesar nicht: »Viel disputieren sie über die Gestirne und deren Bewegung« (CAESAR, De Bello Gallico VI, 13). Auch andere Quellen bestätigen das: »Die Druiden geben vor, von der Größe und Gestalt der Welt, den Bewegungen des Himmels und der Gestirne sowie vom Willen der Götter Kenntnis zu haben« (POMPONIUS MELA, De Chorographia III, 2).

Ihre Naturnähe gab den Druiden Kenntnisse über die gestaltenden Kräfte, die ätherischen Energien, die vom Himmel herabströmen. Wie aufmerksame Gärtner noch heute nahmen sie die Übereinstimmungen zwischen den himmlischen Erscheinungen und der Entfaltung der Vegetation wahr. Sie sahen, dass der jeweilige Stand der Sonne, des Mondes und der Wandelsterne (Planeten) am Fixsternhimmel beziehungsweise im Tierkreis einen offensichtlichen Einfluss auf die Qualität der Heil- oder Sakralpflanzen hat. Diesen Erkenntnissen nähern sich inzwischen auch unsere Forscher. Der Stoffwechsel einer Pflanze ist am Morgen anders als am Abend; der Vollmond hat eine andere Wirkung als der Neumond; die Wandelsterne – ihre Konjunktionen, Oppositionen, Aspekte sowie ihre Stellung am Himmel – lassen sich ebenfalls mit den Erscheinungen der Pflanzen- und Tierwelt korrelieren.

Pflanzen, die heilend oder magisch wirken sollten, wurden während der »magischen Zeiten« gesammelt. Diese besonderen Zeiten waren »Zeiten dazwischen«: In der taufrischen Dämmerung des frühen Morgens, wenn die Nacht noch nicht ganz verflogen, der Tag noch nicht voll angebrochen ist, wenn die Vögel beginnen, die aufgehende Sonne mit ihrem fröhlichen Gezwitscher zu begrüßen, dann ist die beste Zeit, Leben bringende Heilkräuter zu pflücken. Lüppekräuter – Giftkräuter, die dem Feind Tod und Verderben bringen sollten – wurden am besten am Abend gepflückt, wenn die Fledermäuse ausschwärmen, wenn die Sonne wie ein blutender, tödlich verwundeter Held in die Tiefe der Nacht versinkt. Andere magische Zeiten, die auch in Betracht kommen konnten, waren die »Geisterstunden« zu Mitternacht oder Mittag.

Die Phasen des Mondes, der in Ebbe und Flut die Gewässer bewegt, wurden auch beachtet. Wie wir sahen, wurde die Mistel am sechsten Tag des Mondzyklus – am achten Tag vor dem Vollmond – geerntet. Der keltische Monat basierte nicht auf einem abstrakten Kalender, sondern auf dem beobachtbaren Phänomen. Der Monat ging vom Neumond zum Vollmond und wieder zum Neumond. Auch der jeweilige Standort des Mondes im Tierkreis, ob er sich in den hohen Sommerzeichen oder in den horizontnahen Winterzeichen bewegte, floss in diese differenzierte Kräutersammelweise ein.

Noch immer hält sich die Volksheilkunde und die traditionelle Kräuterkunde an diese Regeln. So etwa der große Kräuterkundige Maurice Mességué, Erbe einer Kräutersammlertradition, die sich bis auf die keltischen Gallier zurückverfolgen lässt. Kurz nach Neumond, wenn die Mondsichel noch ganz klein ist, niemals aber bei Vollmond, sammelten er und sein Vater die Heilkräuter. »Das Mondlicht nimmt den Pflanzen jegliche Kraft; sie brauchen viel Sonne und wenig Mond« (MESSÉGUÉ 1988: 11). Die dünne Mondsichel ist sozusagen ein himmlisches Zeichen, dass die Kräuter geschnitten werden können. Heilkräuter wurden keinesfalls bei Vollmond gesammelt, wie jüngst einige Erfolgsautoren behaupteten. Für die Kelten enthält der dunkle Mond die ganze angesammelte, aufgestaute potenzielle Mondkraft; mit dem zunehmenden Licht des wachsenden Mondes verausgabt er diese Kraft (Loux 1980: 43). Die Kräuter haben an diesem Rhythmus teil. Auch das wusste früher jeder: Bei Vollmond nimmt die wägbare Masse, die Wässrigkeit, der Pflanzen zu; um die Neumondtage aber sind die imponderablen Qualitäten – Haltbarkeit, Festigkeit, Heilkraft – stärker (STORL 1992: 205).26


Der Coligny-Kalender.


Apoll, der hyperboräische Sonnengott.

Im süddeutschen und vor allem im alemannischen Raum achteten die Kräutersammler auch darauf, ob der Mond absteigend (nidsi gend) oder aufsteigend (obsi gend) ist, das heißt, ob er sich vom Schützen in Richtung der hohen Tierkreiszeichen (der Sommerzeichen wie die Zwillinge) bewegt, oder ob er sich auf dem Weg hinab in die niederen Zeichen befindet. Der aufsteigende Mond – egal in welcher Phase – zieht die Lebenskräfte hinauf in den oberen Blatt- und Blütenbereich; der absteigende Mond bringt sie in die Wurzeln (STORL 1992: 211). Die Beachtung dieses so genannten tropischen Mondes ist wahrscheinlich ebenfalls keltisches Erbe.

Die Druiden teilten die Tage in »günstige« und »ungünstige« ein. Das geht auch aus dem Kalender hervor, der 1897 in Coligny in Burgund gefunden wurde. Diese »Tagewählerei«, inzwischen zum krassen Aberglauben herabgesunken, wurde vom einfachen Volks beibehalten. Die Bauern machten sich Merkregeln, an welchen Wochentagen, Namenstagen der Heiligen und Feiertagen – Karfreitag, St. Georg, Johanni, Michaelis usw. – dieses oder jenes Kraut gesammelt, diese oder jene Wurzel gegraben werden sollte.

Selbstverständlich war auch die Jahreszeit von größter Bedeutung. Jeder naturverbundene Mensch, jeder Gärtner oder Bauer weiß, dass die Frühjahrssonne eine andere ist als die Herbstsonne, die Sommersonne eine andere als die Wintersonne. Folglich hatten die Kelten auch nicht einen einzigen Sonnengott wie etwa die Römer. Auch war die Sonne nicht unbedingt männlich oder weiblich, sie war beides, war »unser Vater und unsere Mutter« (CLARUS 1997: 51). Die Gallier sprachen mal von Granno, dem Sonnengott, mal von Grannas, der Sonnengöttin.27

Im Frühling, in der Maienzeit, vermählte sich der goldhaarige Sonnenheld mit der schönen, blütengeschmückten Vegetationsgöttin. In diesem seinem jugendlichen Aspekt wurde die Sonne als Bel, Belenos (auch A-Bel, verwandt mit Apoll), »der Helle«, »der Glänzende«, verehrt. In der Zeit um die Frühlingstagundnachtgleiche bis hin zum Maifest sammelten die Frauen die frischen grünen Frühlingskräuter, die »Verjüngungskräuter«, die blutreinigenden, stoffwechselanregenden, entschlackenden Kräuter, die dem Leib die Winterträgheit nehmen, die Frühjahrsmüdigkeit vertreiben und den Schaffensdrang und die Lust wecken konnten. Diese saftigen Kraftpflanzen – junge Brennnesseln, Bärlauch, Scharbockskraut, Kresse, Löwenzahnblätter, Vogelmiere und die ganze »grüne Neune« – wurden als Kultspeise als »grüne Suppe« gegessen oder zu Kräuterwecken gebacken (STORL 2000: 15).

Im Mittsommer, wenn die Natur mit Licht getränkt ist, die Gräser und Kräuter in voller Blüte stehen und die Glühwürmchen (Leuchtkäfer) die kurzen Nächte mit ihrem Leuchten erhellen, sammelte das Landvolk die »Sonnwendblumen«, jene Kräuter, die viel Licht und Hitze vermitteln können: das dem Belenos (germanisch Baldur) geweihte Hartenau, Teufelsflucht oder Blutkraut, das wir Johanniskraut nennen und das so viel Licht in sich aufnimmt, dass es, zum Räuchern verwendet oder als Tee genossen, dunkle Depressionen und schwarze Gedanken aus der Seele zu verbannen vermag; die Holunderblüten, die so viel Sommerhitze enthalten, dass sie, als Aufguss getrunken, den Körper in Schweiß baden und jedem Krankheitsdämon, der sich einnisten will, die Hölle heiß machen; die ebenfalls schweißtreibenden Lindenblüten, der wärmende, würzige Dost, der Wiesenkümmel, der Quendel (Thymian) und viele andere mit ätherischen Ölen und Lichtkräften gesättigten Kräuter, die dann bei winterlichen Erkältungskrankheiten wertvolle Dienste leisten. Mit der Sommersonnenwende, wenn die Sonne die höchste Stelle des Tierkreises erreicht, fängt erst die richtige Heilkräutersammelzeit an. Beim Landvolk gilt noch immer der Johannistag als einer der besten Tage zum Kräutersammeln.

Während der zwölf Mittsommertage – die magische »Zwischenzeit«, die das Jahr in zwei Hälften klüftet – kamen die Andersweltlichen, die Elfen, die Naturgeister und Götter, den Menschen sehr nahe; zugleich unternahmen die Menschen Ausflüge in die magische Welt des Transsinnlichen. An ungewöhnlichen, unheimlichen Orten, an Weggabelungen, auf Hügeln und Hünengräbern, auf dem Friedhof fanden sie während der Geisterstunden, am Mittag oder um Mitternacht, manch ein Zauberkräutlein: Farnwedel mit »Blüten«, die unsichtbar machen; Schafgarben und andere Liebeskräuter, die den zukünftigen Geliebten offenbaren; Machtkräuter wie das Bilsenkraut; Schießkräuter, die den Schuss von Pfeil und Bogen unfehlbar machen; Springkräuter, die Türen und Schlösser – und auch den Schoß der Geliebten – aufspringen lassen; Kräuter, mit deren Hilfe man Diebe erkennen oder die Sprache der Vögel verstehen kann; das Christofskraut, das hilft, verborgene Schätze aufzuspüren. Auch musste man sich während dieser Zeit hüten, nicht auf ein Irrkraut zu treten, denn dann könne man sich hoffnungslos im Wald verirren oder gar ins Reich der Feen stolpern – und wer einmal dort ist, kommt nicht so leicht wieder heraus.

Etwas später, im August, trat Lugus (Lug) als Gott der brennenden Erntesonne seine Herrschaft an. Er vermählte sich mit der dreifachen Göttin, die nun die garbengeschmückte Erntegöttin war, die Matrone mit dem Füllhorn. Lug, der die Kraft der heißen, sengenden Hochsommersonne verkörpert, sättigt die Kräuter mit würzigen Düften und stärksten Heilkräften. Im August sind tatsächlich die aromatischen, ätherischen Öle und Harze, die Glykoside und Alkaloide, in den Pflanzen am vollkommensten ausgebildet. In diesen heißen Tagen, den Hundstagen, die mit dem Frühaufgang des Hundssterns (Sirius) beginnen und mit dem Frühaufgang des Bärenhüters (Arcturus) enden, pflückten die Frauen ihr Heilkräuterbüschel, die Hausapotheke für Mensch und Vieh, und ließen dieses durch die segensreichen Worte der Druiden weihen. Noch immer sind die Hochsommertage die wichtigste Sammelzeit für Heil- und Zauberpflanzen, Kräuter für das glückliche »Ehewerk«, Kräuter gegen Hagel und Blitzschlag, Kräuter, die »böse Hexen« und Vampire – umherschweifende Astralleiber der Zauberer – fernhalten. Vielerorts wird noch immer Mitte August, zu Maria Himmelfahrt, der »Würzeltag«, »Kräutertag«, »Würzbüscheltag« oder »Maria Wurzweihtag« gefeiert.

Anfang November ist die Zeit zum Kräutersammeln vorbei. Mit dem Ahnen- und Totenfest, das heutzutage noch als Allerseelen, Allerheiligen oder Halloween weiterlebt, hörte für die Kelten das Jahr auf. Das letzte Kraut, das noch gesammelt werden durfte, war der graue Beifuß, mit dem die Opfergans und der Gänsebraten gewürzt wurden. Nun begann die dunkle Jahreshälfte, nun wurde die Sonne schwach und die Gewässer froren zu. Der Sonnengott verzog sich wie ein Bär zum Winterschlaf unter die Erde. Ohne Sonne und ohne Wasser haben die Pflanzen keine Kraft. Was noch auf dem Acker oder am Waldsaum steht, gehört nun allein den Andersweltlichen, den zankenden, neckenden Kobolden, den Pucks. Alle Pflanzen draußen sind nun puca, das heißt tabu.28 Niemand, der bei rechtem Sinn ist, würde nun noch irgendwelche Pflanzen pflücken; sie würden Krankheiten erzeugen, anstatt Gesundheit herzustellen. Einzig die Mistel, dieses ungewöhnliche, magische Gewächs, das aus dem solaren Jahresrhythmus ausschert – sie blüht unscheinbar gelblich-grün im späten Winter und ihre Beeren sind zur Wintersonnenwende reif –, kann noch gesammelt werden.

Das Ritual

Zum Ritual des Heil- und Zauberkräutersammelns gehört der richtige Angang. Der keltische Kräutersammler ging – wie es auch bei den meisten anderen Völkern der Brauch ist – früh am Morgen, nüchternen Magens, ohne zu sprechen, ohne zurückzublicken, auf den Weg. Wahrscheinlich achtete er auf die Träume, die er in der Nacht zuvor gehabt hatte, und auf die Zeichen – ungewöhnliches Verhalten von Tieren, Vogelflug, Begegnungen, Wolkenbildungen –, die Teil des ganzheitlichen Geschehens sind und ihm als Vorzeichen dienten. Der Sammler ging von Westen her auf die Pflanze zu, mit dem Gesicht nach Osten gerichtet. Dass die Kelten viele Pflanzen mit der linken Hand pflückten ist – wie Jean Markal schreibt – nicht schwer zu entschlüsseln: »Bei den Kelten war die rechte Seite die Lichtseite, die linke dagegen die Schattenseite, die Seite des Mysteriums. Sie lag gegen Norden, denn die Kelten orientierten sich mit dem Gesicht nach Sonnenaufgang. Die Ernte des Bärlapps bedeutete also eine Aneignung der dunklen, geheimnisvollen Kräfte« (MARKALE 1985a: 139).


Nach dem Totenfest Samain gehören alle Wildfrüchte und Kräuter den Pucken, den Andersweltlichen.

Wie jeder Kräuterschamane oder Heiler bei traditionellen Völkern versetzte sich auch der keltische Sammler, wenn er zur angemessenen Zeit zu den Heilpflanzen ging, in einen sakralen, »andersweltlichen« Zustand. Um dem Geist oder der Fee der Pflanze zu begegnen, musste er selbst Geist werden. Er musste sein alltägliches Bewusstsein ablegen. Aus diesem Grund gehen die Sammler überall auf der Welt entweder so nackt und ungewaschen, wie sie geboren wurden, oder sie verkleiden und bemalen sich, so dass sie von den Geistwesen selbst als Geister erkannt werden. Sie nehmen sozusagen den von kulturellen Prägungen unberührten, vorgeburtlichen Seinsmodus an und nähern sich dabei dem transsinnlichen Reich der Toten und Ungeborenen, jener Dimension, in der sich ebenfalls die Pflanzengeister befinden. Die Druiden gaben sich den Geistern als Berufene, als Priester, zu erkennen, gekleidet in das weiße Gewand – Farbe der Reinheit, der Andersweltlichkeit. Die Erde wagten sie nur barfuß, mit gewaschenen Füßen zu berühren.

Zum Ritual gehörten auch die Zauberworte, der Spruch, die Erklärung, warum man gekommen war und weshalb man das Kraut nehmen will. Die Kraftworte sind, wie die indischen Mantras, Schlüssel zu den Bereichen der Anderswelt. Es sind uns eine Anzahl von Sprüchen bekannt, die über das Mittelalter hinaus bis in die Neuzeit tradiert wurden und wahrscheinlich auf keltisches Pflanzenbrauchtum zurückgehen. Man erklärte etwa der Pflanze: »Wir pflücken die Blätter, um sie auf die Wunden des Heilands (des Menschensohns) zu legen.« Zum Gundermann sprach man im Zauberton:

»Gundelreben Ger

Ich brech Dich in unser lieben Frauen Ehr

Und in der Ehr unseres lieben Herrn Jesu Christ.«

Zum Wacholder oder Kranewittbaum ging man, wenn ein Dieb einem etwas entwendet hatte. Man ging vor Sonnenaufgang, bog einen Ast mit der linken Hand nach Osten und sprach:

»Wacholderbusch, ich tu dich bücken und drücken,

Bis der Dieb sein gestohlenes Gut wieder

an seinen Ort getan hat.«

Dann legte man einen Stein auf den umgebogenen Ast und nahm ihn erst weg, wenn das Gestohlene wieder da war. Das ist natürlich unverkennbar keltische Zauberei der »kleinen Tradition«.

Als Grabwerkzeug oder Schneidewerkzeug verwendeten die Druiden Hirschgeweih, Feuersteinklingen oder Gold. Wie überall auf der Welt wurden eiserne Werkzeuge nie verwendet. Die Kelten glaubten, dass Eisen die Andersweltlichen – Elfen, Pflanzengeister, Tote – vertreibe. Nur beim Eisenkraut, das, wie wir sehen werden, bei archaischen Schmiederitualen eine Rolle spielte, wird eine Ausnahme gemacht. Da wird mit einem eisernen Schwert ein Kreis um die Pflanze gezogen.

Opfergaben

Das keltische Weltbild war vom Gedanken des Gleichgewichts geprägt. Winter/Sommer, Tag/Nacht, Feuer/Wasser, Mann/Frau, Jugend/Alter, Leben/Tod mussten einander die Balance halten, damit das Universum nicht aus den Fugen gerät. Als Illustration dieses Gedankens dient die Vision, die Peredur – ein walisischer Vorläufer des Gralsritters Parzifal – hatte, als er einmal durch ein Tal ritt, dessen Wiesen durch einen Fluss getrennt waren. Auf der einen Seite des Flusses weideten schwarze Schafe, auf der anderen weiße. Wann immer ein weißes Schaf blökte, kam ein schwarzes Schaf über den Strom geschwommen und nahm selbst weiße Farbe an. Und umgekehrt kam, wenn eines der schwarzen Schafe blökte, ein weißes hinüber, wechselte die Farbe und wurde Teil der schwarzen Herde. Die beiden Herden diesseits und jenseits des fliessenden Stromes stellen die Lebenden und die Toten dar. Das Gleichgewicht zwischen der hiesigen und der anderen Welt muss beibehalten werden.

So sind überhaupt die keltischen Opferpraktiken zu verstehen. Gute Ernten, siegreiche Schlachten oder Vermehrung der Rinder durch die Gunst der Götter müssen durch Opfer ausgeglichen werden. Bei besonders wichtigen Angelegenheiten, bei Seuchen und Krieg, war sogar das Menschenopfer angebracht. Zum Heil der Gemeinschaft gaben sich Menschen sogar freiwillig als Opfer hin.29

Wenn man von den Pflanzengöttern Heilung erhoffte, war eine ausgleichende Gegenleistung ebenfalls angebracht – manchmal war es Blut, oft Met, aus kostbarem Honig gebraut, Brot oder der teure Wein, der von den Galliern aus Rom importiert wurde. Potenten Zauberpflanzen, wie Tollkirsche oder Bilsenkraut, opferte man eine schwarze Henne oder einen schwarzen Hahn – der in der Anderswelt gleich wieder lebendig wurde – oder auch einen Hund (STORL 2000 b: 60).

Feuer und Wasser

Die Naturphilosophie der Druiden kannte zwei Urelemente: Feuer und Wasser. Strabo, dem berühmten Geografen des Altertums, erzählten Druiden, dass »sowohl die Welt als auch die Seele des Menschen unvergänglich seien, dass aber eines Tages nur noch Feuer und Wasser herrschen werden«. Wie die Germanen waren die Kelten überzeugt, dass das Leben und die ganze Schöpfung aus dem Zusammenwirken dieser beiden Urelemente entstanden ist – bei den Germanen bestand das Wasser allerdings in Form von Eis.

Das Feuer und Wasser der Kelten bezieht sich weniger auf physikalische Zustände – wie es bei den vier Elementen der alten Griechen, Erde, Wasser, Luft und Feuer, eher der Fall war –, sondern es handelt sich um schöpferische und zerstörerische Urprinzipien, analog dem Yin/Yang der Ostasiaten und dem Shiva/Shakti der Inder.

Das Feuer ist die kosmische Licht- und Wärmeenergie. Es ist die Sonnenkraft, die sich in die irdische Materie hineinopfert. Sie wirkt transformierend: lebenserzeugend, heilend, lebenserhaltend, kann aber auch Leben zerstören. Das Feuer war Teil praktisch jeder heiligen Handlung ebenso wie die Notfeuer der großen Jahreszeitfeste, der Sonnenwenden, des Lichtmess-, Mai-, August- und Halloweenfests.

Ein Notfeuer hat nichts mit »Not« zu tun, sondern war (als *hnot fiur von hniudan = »reiben«, »zwingen«, »nötigen«) ein Zeremonialfeuer, das wie in der mystischen Urzeit (der alten Steinzeit) mit einem Stock (Feuerbohrer) hervorgequirlt, -gerieben oder -gebohrt wurde. Für das bildhafte Denken der alten Europäer stellte das Reiben der Hölzer einen Koitus, eine geschlechtliche Zeugung dar. Der als männlich gedachte Quirlstab, bestehend aus einer »maskulinen« Holzart – vor allem Esche, aber auch Eiche oder Buche –, wurde auf einer Unterlage aus weicheren, »weiblichen« Hölzern – vor allem Birke, auch Pappel und Weide – gequirlt. So wurde das Dämonen vertreibende, heilkräftige »Feuerkind« gezeugt. Ein flammendes »Sonnenkind« sprang aus dem trockenen Holz hervor, ähnlich wie einst das erste Menschenpaar aus Baumstämmen hervorgetreten war. Das Wort »Kind« und »zünden« (engl. kindle) haben denselben Ursprung.

Damit alle Krankheiten und parasitischen »Würmer« von den Haustieren abfallen, trieb man das Vieh im Mai zwischen zwei Feuerstößen des Notfeuers hindurch. Diese kalten, schleimigen Kriecher und Blutsauger können die Glut nicht überleben. Auch Menschen sprangen über solche Feuer, vor allem das Mittsommerfeuer.30

Das andere Urelement, das Wasser, das aus der Erde sprudelnde, dampfende oder von den Wolken herabregnende Geschenk der Erdgöttin, ist ebenfalls heilig. Wie bei den Indern das Gangeswasser flüssige Shakti ist, so war das Wasser bei den Kelten nicht das physikalische H2O unserer Physiker, sondern eine reinigende, fruchtbar machende, göttliche Energie. Es lässt die Geschöpfe wachsen und gedeihen, kann sie aber auch zerstören. Die Kelten unterhielten einen ausgeprägten Kult der heiligen Gewässer. Sie unterschieden Heilwirkungen verschiedener Brunnen und Quellen. In keltischen Märchen genügt oft nur ein Schluck Wasser, um einen Helden zu heilen oder vor dem Tode zu erretten oder um eine Unfruchtbare zu schwängern. Zu bestimmten Jahreszeiten, etwa im Mai, besitzt das Wasser besonders heilende Kräfte. Da steigen göttliche Wesenheiten selbst in die Gewässer. Wie ihre keltisch-germanischen Vorfahren schöpfen Bauern noch immer das »Osterwasser«. Stillschweigend, vor Sonnenaufgang, mit Blick gegen die Morgensonne wird es geholt. Osterwasser verdirbt das ganze Jahr nicht und hat, wenn man es trinkt oder sich damit wäscht, immer eine günstige Wirkung (BÄCHTOLD-STÄUBLI VI 1987: 360).

Das Feuer vermittelt die Form schaffenden, ordnenden Lichtkräfte der Sonne und des Kosmos – das griechische Wort Kósmos bedeutet »Ordnung«. Auch das haben inzwischen unsere Physiker bestätigt: Der Nobelpreisträger Erwin Schrödiger vermutete schon um 1933, dass das Sonnenlicht die geordneten Strukturen des organischen Lebens hervorruft oder überhaupt möglich macht (BISCHOF 1995: 181). Und der Rektor des Max-Planck-Instituts für Physik und Astrophysik in München, Hans-Peter Dürr, sagte kürzlich in einem Interview: »Ich nenne die Sonne ›die ordnende Hand des Lebendigen«« (Spiegel Spezial, Interview, Juli 1999). Das Wasser, dieses »sensible Chaos«, empfängt die vom kosmischen Licht vermittelten Bildekräfte, wird davon geprägt, geformt, geschwängert. So erst ist die Schöpfung möglich.

Die keltische Auffassung vom notwendigen Gleichgewicht in der Natur verlangte, dass die Urelemente, die zusammen belebend und heilend wirken, genauso den Tod herbeiführen können.31 Keltische Helden wie Diarmed, König von Tara, sterben einen »dreifachen« Tod. Druiden hatten ihm geweissagt, dass er durch die Klinge, durch Feuer und Wasser ums Leben kommen würde. Die Mythe erzählt, wie er, von einer Lanze getroffen, in der brennenden Halle seines Gastgebers in ein Bierfass flüchtet und darin seine Seele aushaucht. Ein »dreifacher Tod« scheint auch Teil der druidischen Opferrituale gewesen zu sein.32 Der freiwillig sich Opfernde, der sich für die anderen hingibt, wurde anscheinend erstochen oder erdrosselt und dann den Urelementen, dem Feuer und dem Wasser, zurückgegeben. (In der keltischen Stammesgesellschaft stand der »dreifache Tod« des Geweihten der »dreifachen Geburt« des Vollinitiierten – physische Geburt, Jugendweihe, schamanische Initiation – gleichgewichtig gegenüber.)

In der Thermalquelle sind die Urelemente inniglich vereinigt. Der Sonnengott (gall. Grannos) taucht während der Nacht tief in die Gewässer der Erde ein und bringt sie zum Brodeln. In dieser Form ist der Sonnengott der »Kocher« (Boro, Bormo, Boromanus, Borvo – nach ihm ist übrigens auch der Bourbon-Whiskey33 benannt). Grannos wurde unter anderem auch in Aquae Granni, dem heutigen Aachen verehrt. Manchmal war das sprudelnde Wasser auch kalt, wie in kohlesäurehaltigen Quellen, aber auch in diesen erfuhren Kranke und Geschwächte Heilung.

In der alteuropäischen, präkeltischen Weltauffassung galten alle Quellen, Seen und Gewässer als Gebärmütter der Göttin. Wenn sich der Sonnenstrahl mit seinem Licht und seiner Wärme mit dem kühlen Wasser vereint, entsteht Heil, Fruchtbarkeit und Gesundheit. Es ist die große Hierogamos, die heilige Hochzeit der Natur.

Dieses keltische Urbild der Vereinigung des Lichtstrahls und des Wassers wurde mit der Gralslegende ins christliche Mittelalter hinübergerettet. Wenn der mit Christus, dem »Licht der Welt«, verbundene Speer den heiligen Kelch berührt, dann ergrünt das wüste, verdorrte, unfruchtbare Land wieder. Der keltische König – repräsentiert durch den Archetypus des Artus – ist Hüter der Fruchtbarkeit des Landes, ebenso wie der Sonnengott (Bel, Apollo) Hüter der heilenden Quellen ist.

Heilige Quellen, wie die rote (eisenhaltige) und die weiße (kalkhaltige) Quelle der Göttin in Glastonbury, sprudeln noch heute und ziehen noch immer Pilgerscharen an. Heilige keltische Quellen fließen wie von jeher unter den Kirchen und Kathedralen – in Canterbury, York, Aachen, Echternach, Chartres, Würzburg und anderswo –, lassen Visionen aufsteigen und strahlen Heilkräfte aus. Noch immer gibt es auf den Britischen Inseln – aber auch wieder in Mitteleuropa – den Brauch des »well dressing«, des Schmückens von Quellen und Brunnen mit Blumen und farbigen Bändern. Sogar die Yuppies (Young Urban Professionals) haben die Kräfte der verschiedenen Mineralwasser und Sprudel aus Naturquellen wiederentdeckt.

Der Kessel der Heilung

In der späten Bronzezeit und der frühen Eisenzeit wurden metallene Kochkessel zum Kultgegenstand. Sie symbolisierten Leben und Erneuerung. Jeder Häuptling besaß mehrere Kultkessel, in denen Schweinefleisch gekocht oder psychedelisches, mit Bilsenkraut versetztes Starkbier gebraut wurde. Damit konnte er seine Gefolgschaft von Kriegern bei bester Laune halten und sie zugleich verpflichten, ihm zu folgen. Diese Fürstenkessel waren zugleich Symbol der rechtmäßigen Herrschaft.

Auch die Götter hatten ihre Kessel. Der Raben- und Schlachtengott Bran oder Brennus – nach ihm benannten sich übrigens viele keltische Kriegsführer34 – hatte einen Kessel der Wiederbelebung. Gefallene Krieger wurden am Abend in den Kessel getan und am nächsten Morgen waren sie – sofern sie nicht geköpft worden waren – wieder lebendig und kampfbereit.

Die Göttin Kerridwen hatte einen Kessel der Inspiration und Initiation. Wer darin badete, wurde entweder als weiser Barde oder als Druide wiedergeboren. Die mittelalterliche walisische Geschichte macht die Heidengöttin zu einer Zauberin, die zwei Kinder gebärt: den hässlichsten Knaben, der je das Licht der Welt erblickte, und das allerschönste aller Mädchen. Sie wusste, wie sie ihrem Sohn trotz seines garstigen Aussehens Rang, Würde und gesellschaftliches Ansehen verschaffen konnte. Sie würde ihm durch den Kessel der Inspiration die Weisheit der Welt zukommen lassen. Also ließ sie ein Gefäß mit dem klarsten Quellwasser füllen und stellte einen blinden, alten Druiden an, das Feuer zu schüren, und einen dummen Jungen namens Gwion Bach, der das Gebräu rühren sollte. Ein Tag und ein Jahr, also dreizehn keltische Monate musste das Zaubergebräu sieden. Die Zauberin zog Tag für Tag noch vor Sonnenaufgang und auch in mondlosen Nächten aus, um die geeigneten Wildkräuter, Blüten und Wurzeln zu sammeln, die sie dann zu günstigen Planetenstunden, Zaubersprüche murmelnd, in die brodelnde Brühe warf.


Brunnen und Quellen sind heilig, sie gehören den Göttern und werden von dem Sonnengott (Bel, Apoll) beschützt.

Kurz vor der Vollendung des Werkes jedoch spritzten dem Jungen beim Rühren drei heiße Tropfen auf die Hand, die er unwillkürlich ableckte. In dem Augenblick traf ihn ein weißes Licht, plötzlich konnte er die Zukunft wie auch die ferne Vergangenheit erkennen. Das Gefäß zerbarst und die Flüssigkeit, giftig und ätzend, versickerte im Boden. Als kreischende Furie setzte die Zauberin dem Jungen nach, der sich dank der neu erworbenen Zauberkraft in einen Hasen verwandelte und davonrannte. Sie aber jagte ihm in der Gestalt eines Windhundes nach. In höchster Not schlug er einen Haken, sprang in einen Fluss und schwamm als Fisch davon; sie aber jagte ihn als Otter. Gerade als der Otter ihn schnappen wollte, flatterte er als Vogel in die Luft empor. Im Nu verwandelte sich die Zauberin in einen Falken. Gerade als sie ihn mit ihren scharfen Krallen greifen wollte, gewahrte er eine Dreschtenne unter sich, wo die Bauern Getreide droschen. Als Weizenkörnchen ließ er sich fallen. In der Gestalt einer schwarzen Henne mit feuerrotem Kamm scharrte sie so lange im Spreu, bis sie ihn fand und aufpickte. So wurde sie schwanger. Als sich nach neun Monaten seine Geburt näherte, brachte sie es nicht übers Herz, das schöne Kind zu töten. Stattdessen legte sie ihn gefesselt in einen Lederbeutel, warf ihn ins Meer und überließ ihn seinem Schicksal. Am ersten Mai, dem Tag, an dem der Sonnengott Belenos die finstere Jahreshälfte beendet, wurde er von einem Angler an Land gezogen. Der Angler nannte ihn Taliesin, »leuchtendes Antlitz«. Er wurde zum größten Dichter und Barden des walisischen Volkes.35

Die Geschichte des Kessels der Kerridwen ist äußerst aufschlussreich. Es ist ein Kessel der Metamorphose, der Transformation. Die Botschaft ist, dass alles Hässliche, Unfertige oder Kranke im Kessel der Göttin verwandelt werden kann. Die Einnahme des Elixiers setzt bei dem »dummen Jungen« einen Prozess in Gang, der mit seiner Erleuchtung endet. Als Hase (Tier der Erde), Fisch (Wasser), Vogel (Luft) und als Getreidekorn, das von der schwarzen Henne mit rotem Kamm (Feuer) verschlungen wird, durchwandert seine Seele die vier elementaren Zustände sowie die vier Jahreszeiten: Das Erdtier symbolisiert den Winter, der Fisch den Frühling, der die Gewässer erneut zum Fließen bringt, der Vogel den Sommer und das Getreidekorn den heißen, feurigen Erntemonat, die Zeit des Lugus. Danach ist er der Zweimalgeborene beziehungsweise der Dreimalgeborene.36

Zum Heilkessel gehören die Urelemente Feuer und Wasser. Aber das ist nicht genug. Dazu gehören die Kräuter des ganzen Jahreskreises, allesamt zur richtigen Zeit – Sternenstunde, Sonnen- und Mondstand – gesammelt und mit Zaubersprüchen bedacht. In diesem Fall ging es darum, dem Leiden des Hässlichseins beziehungsweise der Dummheit und Unreife Abhilfe zu schaffen. Drei Tropfen der Essenz genügten. Die Zahl war für die Kelten magisch. Ihre Götter erschienen in dreifacher Gestalt. Das Universum war in Dreiheiten aufgeteilt. Gegensätze wurden immer durch ein Drittes verbunden: Hell-Zwielicht-Dunkel, heiß-lau-kalt, Jugend-Reife-Alter, Mann-Kind-Frau, Druiden-Krieger-Bauern (BOTHEROYD 1995: 89). In unseren Volksmärchen, die größtenteils auf keltische Überlieferungen zurückgehen, werden Zaubersprüche dreimal gesprochen. Überall im keltischen Raum war der Klee wegen seiner drei Blätter eine heilige Pflanze; zauberisch, Glück bringend oder hellsichtig machend wird der Klee aber erst, wenn er vierblättrig ist.


Der berühmte Kessel von Gundestrup (Jütland, Dänemark).

Der Kessel steht wie die Schwitzhütte bei den Indianern und anderen Naturvölkern für den universalen Mutterschoß, der alles Verbrauchte, Missratene und Kranke wieder aufnimmt, es heilt und erneuert (STORL 1996: 118). Der Kessel – es kann auch ein See, ein Brunnen oder ein Trinkhorn sein –, mit Heilpflanzen gefüllt, wurde bei den keltischen Völkern zum Symbol der Heilung überhaupt. So wird zum Beispiel in der irischen Erzählung »Die Reise von Máel Dúins Boot« (Immram curaig Máele Dúin) eine Insel mit einem kleinen See beschrieben, an welchem der Held Máel und seine Gefährten eines Tages drei mächtige Adler beobachteten. Einer der Vögel war krank, sein Gefieder räudig und voller Milben, Läuse und Flöhe. Die Greifvögel brachten Zweige mit großen roten Beeren herbei. Sie fraßen einige der Beeren, derweil sie das Gefieder des alten Adlers glätteten und das Ungeziefer herauspickten. Gegen Mittag rissen sie die Beeren vom Ast, zerdrückten sie mit ihren Schnäbeln gegen die Felsen und warfen sie in den See, so dass sein Schaum ganz rot wurde. Der kranke, alte Adler schwang sich daraufhin in den See und badete darin, bis es Abend wurde. Am dritten Tag flog er gesund und verjüngt mit starken Schwingen wieder davon. Diuran, einer der Gefährten Máel Dúins, sagte: »Komm, gehen wir in den See und sehen wir, ob er uns auch verjüngen kann.« – »Nein«, sagten die anderen, »der Vogel hat sein Gift darin gelassen.« Da ging Diuran allein zum See, tauchte seine Lippen ins Wasser und trank davon, dann badete er darin. Seitdem waren seine Augen sein ganzes Leben lang völlig gesund, er verlor keinen einzigen Zahn und auch kein Haar und kannte weder Schwäche noch Krankheit (LE ROUX/GUYONVARC’H 1996: 183).

Der große irische Heilgott Diancecht besaß ebenfalls einen riesigen Kessel – »See der Heilpflanzen« genannt –, den er mit sämtlichen Heilkräutern die auf der Grünen Insel wuchsen, füllte. Das Eintauchen in dieses Kräuterbad konnte jeden Kranken oder Verwundeten wieder gesund machen, ja sogar Gestorbene wieder ins Leben rufen. Nur wer seinen Kopf verloren hatte, wer also geköpft worden war, dem konnte dieser Kessel nicht helfen. (Wir erinnern uns, die Kelten waren Kopfjäger!)

Erbe des Heilkessels: Kräutertees und Bäder

Auch wenn die Druiden mit ihren Kesseln, Zauber- und Heilgebräuen längst der Sage – oder im Fall von Miraculix, den Comics – angehören, so steht der keltische Heilkessel noch immer im Mittelpunkt der europäischen Volksmedizin. Für viele von uns ist es selbstverständlich, Heilkräuter in eine Tasse oder Schale zu tun, mit kochendem Wasser zu überbrühen und drei Mal am Tag, morgens, mittags und abends – zu den magischen Übergangszeiten der Kelten – zu trinken. Das traditionelle Maß pro Tasse ist eine Prise – die Menge, die man mit den ersten drei Fingern aufnehmen kann. Sehr alt ist auch der »drei Mal überbrühte Tee« – drei Mal überbrüht, weil er Wurzeln und Rinden enthält, deren Wirkstoffe nicht so leicht löslich sind.37 Der überbrühte Tee, der Aufguss oder gegebenenfalls die Abkochung ist in der indigenen europäischen Heilkunde die bekannteste und gebräuchlichste Form der Anwendung von Heilmitteln. Erst seit dem letzten Jahrhundert hat das Einnehmen von Pillen oder die subkutane Einspritzung diese Applikationsform verdrängt.

Auch das Kräuterbad ist Erbe des heilenden Kessels der Kelten. Kräuterbäder waren, lange bevor es die bürgerliche Badewanne oder die warme Dusche im gekachelten Badezimmer gab, ein wichtiger Teil der Heilkunde. Baden war eine gesellige, keine autistische Angelegenheit, der man mutterseelenallein nachging. Noch lange hielt man sich an Baderegeln, die schon die Kelten kannten. So heißt es in der Mainauer Naturlehre aus dem 13. Jahrhundert, die auf einer Handschrift aus Montpellier basiert, dass es am besten sei, bei abnehmendem Mond ein Bad zu nehmen, und wenn er sich in den »kühlen Zeichen« – Skorpion, Fische, Krebs – befindet.

Allgemein hielt sich lange der Glaube an die besonders wohltuende Wirkung von Kräuterbädern während des Frühlings. Das Maienbad galt als Verjüngungsbad. Blumen und entspannende aphrodisische Kräuter, wie Baldrianwurzeln und Knabenkräuter (Orchis, deren Knollen die Signatur von »Knabenhoden« haben), Bibernelle und Thymian, Waldmeister, Liebstöckl und andere einst der Liebesgöttin geweihte Pflanzen, kamen mit ins Badewasser. Die Bäder wurden mit Liebelei und Schmauserei verbunden. Georgstag, Ostern und Himmelfahrt galten als gute Badetage. Noch Paracelsus lobt das heilkräftige Bad in der Johannisnacht. In Baden und Schwaben hieß es, das Kräuterbad während dieser Nacht wirke so viel wie neun Bäder zu anderen Zeiten. Es wurde in Quellen gebadet, aber auch in der Stube, im hölzernen Zuber, dessen Wasser eine Abkochung von »neunerlei Kräutern und neunerlei Hölzern beigemengt war«.

Als ungünstige Badezeiten galten der Winter, die Fastenzeit und die heißen Hundstage. Letzteres, weil das einst das Feuerfest des Lugus war, welches dem Fest des fließenden Wassers der jungfräulichen Göttin Brigit im Jahreskreis diametral entgegengesetzt war. Im Emmental und im Schwabenland glaubte man, dass während den Hundstagen das Wasser im See, in der Quelle oder im Teich »giftig« sei, weil »der Hirsch ins Wasser pisst« oder weil »die Schlangen da ihr Gift ins Wasser lassen« (BÄCHTOLD-STÄUBLI I 1987: 825).

Wie fast alle alten Völker, auf welche die Konstellation des Großen Bären herableuchtet, kannten auch die Kelten, insbesondere aber die Germanen das Dampf- oder Schwitzbad. Das Wort Stube (ahd. stuba, verwandt mit dem englischen stove = Ofen) bedeutete ursprünglich genau das, nämlich ein »geheiztes Badezimmer«. Wie bei den indianischen Schwitzhütten wurden heilende, aromatische Kräuter zum Verdampfen mit auf die glühenden Steine gelegt, gelegentlich auch Bilsenkraut, wodurch das Baden zu einem wilden psychedelisch-erotischen Heidenspaß wurde. Nordgermanische Krieger nahmen ein Schwitzbad als Teil ihrer Reinigung oder Vorbereitung auf Auseinandersetzungen und peitschten dabei die Haut mit den Kraft spendenden Birkenruten.


Kräutertee und Kräuterbad.

Ein ganz besonderes Kräuterbad war das Bad mit Berufskräutern. Unter Berufen verstand man einen Schadenzauber, der durch »Verschreien«, »Verfluchen«, »Vermeinen«, »Bereden« entsteht. Die keltischen Druiden, die wandernden Fili, waren Meister des Wort- oder Gesangzaubers – in Irland glam dicinn genannt –, der gegen Feinde sowie gegen unwürdige, ungastliche oder ungerechte Könige angewendet wurde. Der Fluch wurde gesteigert, indem der Druide mit einem Bein, einer Hand und einem Auge in der Anderswelt stand und die Worte in einem einzigen Atemzug aussprach.38»… wer so berufen wurde, bekam, wenn er nicht gleich starb, vergiftete Furunkel im Gesicht, so dass er von allen erkannt werden konnte und in persönlicher Schmach stand. Doch bekam der Poet die Pusteln selbst und starb auf der Stelle, wenn derjenige, den er satirisiert hatte, ohne Fehl war.« So entnehmen wir einer Lobrede an den heiligen Columban aus dem 12. Jahrhundert (LE ROUX/GUYONVARC’H 1996: 217). Das ist natürlich ein Ritual der »great tradition« des Adels und der Druidenschaft. Aber auch das einfache Volk kannte Berufungen, die aus Neid, Eifersucht oder anderer Boshaftigkeit ausgesprochen wurden und vor allem Brautsleuten, Kindern oder auch den Haustieren, etwa bellenden Hunden, galten. Berufene Kinder wurden blass, schwach, skrofulös und bekamen Rotznasen; berufene Brautsleute wurden siech und impotent; berufene Erwachsene bekamen Hexenschuss; berufenes Vieh wurde räudig und mager, hatte keinen Appetit oder die Milch versiegte. Dagegen halfen die Berufskräuter: das »Berufskraut«, die Dürrwurz (Erigeron), der gelb blühende Frauenflachs (Linaria vulgaris), Christofskraut (Actaea spicata), die Sumpfgarbe (Achillaea ptarmica), das gemeine Kreuzkraut (Senecio vulgaris), der Wundklee (Anthyllis vulneraria), der Ziest (Stachys recta) und andere, vor allem gelblich oder violett – in den Farben des Neids – blühende Blütenpflanzen. Der Betroffene wurde in einem Absud dieser Pflanzen gebadet; das Badewasser wurde anschließend samt der Berufung weggeschüttet.

Kräuterbäder

Kräuterbäder wurden vor allem durch Sebastian Kneipp (1821–1897) und Kräuterpfarrer Johann Künzle (1857–1945) wieder bekannt gemacht. Beide, äußerst verbunden mit dem einfachen Landvolk, schöpften, ohne es zu wissen, aus altkeltischer Tradition.

Zu den Bädern, mit denen Vater Kneipp beste Erfolge erzielte, gehören folgende:

1. Heublumenbad: Unter Heublumen versteht man die trockenen Blütenköpfe, Stängel und Blattreste, die sich auf dem Boden des Heuschobers anhäufen und die übrig bleiben, wenn das Heu verfüttert ist. Diese aromatisch riechende Mischung aus den Blüten der Gräser und Sommerwiesenblumen, den Köpfchen von Klee oder Disteln, wird aufgekehrt und bei Bedarf wird ein halbes bis zu einem Pfund davon aufgekocht und dem (35° bis 37°C) heißen Bad beigegeben. Kneipp verordnete Heubäder bei Rheuma, Gicht, Skrofulose, Nieren-, Blasen- und Unterleibsleiden sowie nervösen Störungen.

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9783038001300
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