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Will Berthold

Adams Letzte

Saga Egmont

Adams Letzte

Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

Copyright © 2017 by Will Berthold Nachlass,

represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de).

Originally published 1988 by Lübbe Verlag, Germany.

All rights reserved

ISBN: 9788711726976

1. Ebook-Auflage, 2018

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach

Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

Teil 1

1

Sie saß beim Fünf-Uhr-Tee in der Halle des berühmten Hotels und ignorierte das Aufsehen, das sie auslöste. Mit übereinandergeschlagenen Beinen, leicht in den tiefen Polstersessel zurückgelehnt, erschien sie den Umsitzenden wie eine unbändige Versuchung; dabei tat sie nichts dazu. Die schöne Unbekannte war höchstens dreißig, vermutlich ein paar Jahre jünger. Ihr ovales Gesicht mit der glatten Haut sah unverbraucht aus. Und unbeschrieben. Ihre Augen waren von einem leuchtenden Braun. Sie trug keinen Schmuck, auch keinen Ehering. Ihre Aufmachung unterschlug nicht ihre körperlichen Reize, doch präsentierte sie das Sehenswerte auch nicht im Schaufenster.

Schon auf den ersten Blick bemerkte man, daß die Dunkelhaarige keine sterile Plakatschönheit war. Sie saß schon über eine halbe Stunde allein am Tisch in dem großen Raum mit dem Fluidum gediegener Vergangenheit und anhaltenden Wohlstands, doch sah es nicht aus, als sei sie versetzt worden und erwarte noch immer ihren Begleiter. Die Blicke Neugieriger liefen von ihr ab wie Rinnsale von einem aufgespannten Regenschirm.

Alleinreisende Damen ihres Alters waren in Thailands renommiertestem Hotel äußerst selten — sie mußten reiche Erbinnen, frühe Witwen, austauschbare Begleiterinnen eines Ölmoguls oder schlichtweg Hochstaplerinnen sein. Die Gäste lösten das Rätsel nicht, aber sie ergriffen Partei — meistens zugunsten der unbekannten Schönen. Nichts deutete darauf hin, daß diese attraktive Provokation schon in nächster Zukunft zum Schicksal einiger Anbeter werden würde, die ihr hier und heute zufällig begegneten. Vermutlich hätte sie in Bangkoks Hotel »Oriental« weniger Furore gemacht, wäre dieser Jet-set-Tummelplatz am späten Nachmittag nicht vorwiegend von Herren besetzt gewesen, und solche sind in erster Linie schließlich Männer. Ab heute bot sich in allen Luxusherbergen der südostasiatischen Metropole das gleiche Bild: Eine Spätausgabe von Adams Geschlecht, gewissermaßen auf Hochglanzpapier und in goldenen Lettern, zeigte sich in absoluter Überzahl.

Rotary-international, eine exquisite Männervereinigung, war zu einem Weltkongreß zusammengetreten, um alte Bekanntschaften zu pflegen, neue Beziehungen zu knüpfen und hochherzige Spenden abzuliefern.

Die Eröffnungsveranstaltung heute morgen hatte den Teilnehmern einen schweren Schock versetzt, als vom Tagespräsidenten mit kippender Stimme ein Telegramm verlesen worden war: Zu den vierzehn Mordopfern des Bombenanschlags vom letzten Freitag in der Schalterhalle der »Banca Nazionale dell’Agricultura« in Milano gehörte auch einer der bekanntesten Rotarier; sein Referat über die derzeitige Lage der italienischen Industrie stand als zweite Veranstaltung im ausgedruckten Programm.

Die Delegierten waren erschüttert und verstört, nicht nur, weil sie den Ermordeten gekannt und geschätzt hatten, sondern weil diese neue Dimension wahnwitzigen Terrors von Rechts- und Linksextremisten letztlich jeden bedrohte, der eine bedeutende Position innehatte.

Rotarier standen, in welchem Beruf auch immer, stets an der Spitze. Die letzten Headlines eines Jahres, in dem der frühere US-Präsident Eisenhower und der Vietkong-Chef Ho Chi Minh gestorben waren, verbreiteten Horror. Das Jahr 1969 lief aus wie ein faules Ei.

Wegen des Rotariertreffens waren in dieser Vorweihnachtswoche die Nobelquartiere Bangkoks schon seit Monaten ausgebucht. Man hatte diesen ungewöhnlichen Termin gewählt, damit die Teilnehmer eventuell in einem anschließenden Urlaub die Festtage mit ihren Frauen, Familien oder sonstigem Anhang in exotischen Paradiesen verbringen konnten.

Gäste drängten von draußen in die Hotelhalle, verschwitzt und abgekämpft, auf der Flucht vor Hitze — Advent bei fünfunddreißig Grad im Schatten —, Staub und Lärm. Das »Venedig des Ostens« war ein strapazierender, wenn auch großartiger Schauplatz, so chaotisch wie exotisch. Ein frommes Babylon mit stillen Oasen der Besinnung gleich neben den plärrenden Aufreißschuppen. Eine wildwuchernde Steinwüste voller Pretiosen. Orchideen im Schlamm. »Krung Thep« nennen die Thailänder die Fünf-Millionen-Stadt, die unter ihrem westlichen Pseudonym Bangkok weit bekannter ist. Der einheimische Name der Mammutmetropole lautet in wörtlicher Übersetzung: »Die Stadt der Engel«. Wenn man damit die gefallenen meinte, gab es laut Expertenschätzung weit über 500 000. Sie gingen in Tanzschuppen und Massagesalons ihrem Gewerbe nach und konnten nach Bezahlung der Lady-off-Taxe an ihre Manager von ihren Kunden gleich mitgenommen werden wie frische Ware in einem Supermarkt, zum alsbaldigen Gebrauch bestimmt.

Weitere Versprengte der Sightseeing-Tour betraten die Hotelhalle, gefolgt von einem hochgewachsenen, eleganten Einzelgänger, der am Eingang stehenblieb wie der Hauptdarsteller beim Betreten der Bühne, auf Ovationen wartend: Cecil Casagrande, der Schriftsteller.

Er sah sich in der gutbesetzten Halle nach einem Platz um und ließ sich dabei Zeit, um von den Anwesenden erkannt zu werden. Casagrande hatte einen Panoramablick. Keine Einzelheit entging ihm, schon gar nicht die dunkelhaaarige Attraktion in der Ecke, die kurz von der »New York Times« aufsah, vermutlich lange genug, um zu wissen, wer er war. Für ein paar Sekunden gelang es Casagrande, der faszinierenden Lady die Schau zu stehlen, doch im nächsten Moment siegte sie wieder spielend über drei, vier Bestseller.

Der Protagonist überlegte, ob er sich zu ihr setzen sollte — ein Mann wie Casagrande wäre wohl an jedem Tisch willkommen. Er ging in ihre Richtung, doch kurz vor dem Ziel fing ihn George Bannister, sein amerikanischer Verleger, ab.

»Das ist ja eine VIP-Galerie«, schmeichelte der Autor der Tischrunde und verbeugte sich vor den gesetzten Herren, die am Revers das Zahnrad auf blauem Grund, das Abzeichen der Rotarier, trugen. Zu seinem Leidwesen war Casagrande noch immer nur Gast, nicht Mitglied dieses exklusiven Zirkels. Der gebürtige Elsässer sollte am letzten Tag in nichtoffizieller Sitzung aus seinem neuesten Roman »Der Biß der Jahre« lesen.

»Sie haben sich ja eine entzückende Nachbarschaft ausgesucht«, stellte er mit einem offenen Blick zum Nebentisch fest und fragte dann mit gedämpfter Stimme: »Kennt jemand diese reizende Dame?«

Zwischen Odermatt, dem Gnom aus Zürich, und dem deutschamerikanischen Industriellen Laimer war für den Autor noch ein Sessel frei — für einen Mann wie ihn rückte man gerne zusammen. »Leider nein«, erwiderte der Schweizer.

»Aber Sie würden sie vielleicht gerne kennenlernen«, konstatierte der Erfolgsautor mit einem gewissen Lächeln. Er konnte mit dem Bankier durchaus in dieser Weise sprechen. Der Mann verwaltete sein schweizerisches Konto.

»Lieber Freund«, erwiderte der Untersetzte, der seine Figur durch Bodybuilding trimmte und seine Körpergröße durch Spezialschuhe im Stehen um sieben Zentimeter vergrößerte. »Ich bin bereits zum dritten Mal verheiratet …«

»Sie Anfänger«, versetzte Casagrande launig und brachte seine Zuhörer zum Lachen; sie schätzten seinen frivolen Witz und seinen unbestreitbaren Charme. Selbst wenn er giftig wurde und maßlos überzog, war der Romanschriftsteller noch immer unterhaltsam. »Exhausted?« fragte der New Yorker Publisher seinen Starschreiber.

Der Elegant schüttelte den Kopf; er war auch nicht erschöpft. »Du kasteist dich doch immer so, George«, sagte er zu Bannister. »Ich soll dich vom goldenen Buddha im Wat Trimitr grüßen«, spöttelte er. »Er wiegt fünfeinhalb Tonnen in Edelmetall — er ist richtig stolz auf sein Gewicht.«

Die Umsitzenden begriffen die Anspielung; sie wußten, daß der hagere Amerikaner einen seltsamen Kampf gegen die Kalorien führte: Sowie er über die Stränge schlug, nahm er zu, aber nur im Gesicht und im Nacken.

Der Literat hatte sich bereits geduscht und umgezogen: er tat es mindestens viermal täglich. Er war immer eine Nuance zu gut gekleidet. Selbst wenn er sich am Morgen an seinen Schreibtisch setzte, trug er Anzug und Krawatte, als wollte er das leere Blatt Papier freien. Er war vor knapp sechzig Jahren — zweiundfünfzig gab er zu — in Straßburg als Clemens Großhaus zur Welt gekommen. Nach den ersten Bucherfolgen hatte er seinen deutschen Namen des Wohlklangs wegen in das Italienische übersetzt, und damit es nicht zu südländisch klang, das englische »Cecil« als Vornamen gewählt. Böse Zungen behaupteten, er hätte das Pseudonym Casagrande gewählt, weil es phonetisch an Casanova erinnere. Tatsächlich war der einstige Starreporter des »Paris Match« ein Frauenfreund, wenn man damit reifere Damen meinte, wie sie wohl auch das Gros seiner Leserinnen darstellten. Er war ein Modeautor, doch modern war er nicht und wollte er auch nicht sein. Sein literarisches Reservoir war meistens die Vergangenheit, ein Hauch von fin de siècle — ein wenig schwermütiger Glanz — und seine Dialoge waren Florett mit der Zunge. Die Gegenwart war ihm zu unromantisch. In zwanzig Sprachen übersetzt, erreichten seine Bücher Millionenauflagen. Bei der Verlegung seines Wohnsitzes nach Monte Carlo war der Patriotismus für seine Wahlheimat die Steuerersparnis gewesen.

Casagrande stellte belustigt fest, daß nicht nur sein Blick immer wieder den Weg zu der schönen Unbekannten von nebenan suchte. Die perfekte Lady, schlicht und teuer angezogen, trug ein mäßig ausgeschnittenes Kleid aus grüner Thaiseide, in der Taille gestrafft und im Rock weit ausschwingend. Ihre Nähe machte offensichtlich den Herren am Tisch zu schaffen.

Die meisten der Seh-Löwen standen schon aus Altersgründen dem Verzicht näher als dem Verlangen, doch die Gesichter ließen erkennen, daß dieser herrliche Blickfang die Phantasie beflügelt haben mußte, diese Grauzone zwischen Traum und Wirklichkeit. Die gewichtigen Herren in den allerbesten Jahren waren sicher, gegen späte Anfechtungen und schleichende Versuchungen gefeit zu sein, doch selbst der alte Whitehead empfing mit seinen dreiundachtzig Jahren noch die Morsezeichen der Sinnlichkeit, wiewohl er seine Antenne schon seit vielen Jahren eingezogen haben mußte.

Nur Laimer, der Großindustrielle, übersah die schöne Unbekannte geflissentlich; den gut erhaltenen Sechziger mit den grauen Schläfen und den auffallend buschigen Augenbrauen, einen Selfmademan, der es vom kleinen Ingenieur bis zum Alleinherrscher über einen weltweiten Elektronikkonzern gebracht hatte, interessierte wohl außer seinem Fach nichts auf der Welt. »Das Wirtschaftswunder in Deutschland hat jetzt wohl den höchsten Gipfel erreicht, wenn nicht bereits überschritten«, analysierte er. »Wie Sie wissen, meine Herren, produziere und lebe ich abwechselnd in den USA und in der Bundesrepublik — ich kenne die Situation also aus eigener Erfahrung. Amerika hat zur Zeit doppelt so viele Arbeitslose wie Westdeutschland Gastarbeiter: drei Millionen gegenüber eineinhalb Millionen.«

»Unsere rätselhafte Prinzessin ist nicht nur bildhübsch, sondern offensichtlich auch gebildet.« Der zeitgemäße Poet mit dem Rundumblick lenkte das Gespräch in eine momentan interessantere Richtung. »Sie liest in mehreren Sprachen. Sie hat Rasse, Klasse und Finesse.«

»Wirklich ein ganz außergewöhnliches Geschöpf«, bestätigte Ponsardin, der Neurologieprofessor aus Paris: »Schick, selbstsicher, jung und doch so damenhaft.« Es sah aus, als tränke er seinen Pernod auf ihr Wohl. »Daß es so etwas bei dieser zeitüblichen Vermassung noch gibt«, setzte er kopfschüttelnd hinzu. »Das ist beruhigend und aufregend zugleich.«

»Bravo, Professor.« Der Autor applaudierte. »Sie haben dieses unterschwellige Fluidum genau erfaßt, die Signale an das Unterbewußtsein …«

Odermatt sah, daß Martin Laimer über die Unterbrechung seines Themas ungehalten war. »Nun vergessen Sie doch mal einen Moment lang ihre überzeugenden Prognosen«, forderte er ihn auf und setzte burschikos hinzu: »Vielleicht diagnostizieren Sie dafür unsere schöne Tischnachbarin.«

»Wen meinen Sie eigentlich?« fragte der Industrielle offensichtlich desorientiert.

»Bitte heben Sie den Kopf«, befahl der Züricher Gnom, »und sehen Sie schnurgeradeaus.«

Laimer folgte wie ferngesteuert, aber sein Gesicht blieb ausdruckslos. Ein Thai-Boy brachte der dunklen Sphinx weitere Zeitungen und Journale. Einen Moment lang sah sie von der »Washington Post« auf und quittierte seine Dienstleistung mit einem freundlichen Lächeln. Selbst von einem ungünstigen Platz aus konnte man ihr feines Profil und die elegante Nackenlinie sehen. Sie war kaum geschminkt und wirkte, trotz ihres mondänen Flairs, durchaus natürlich.

Casagrande war ein bewundernder, doch auch ein scharfer Beobachter und verfügte als ehemaliger Journalist über eine gute Menschenkenntnis. Die dunkelhaarige Attraktion hatte Geschmack, ihre Aufmachung war genau auf Typ, Ort und Stunde abgestimmt. Sie mußte das Interesse der Umsitzenden nicht nur bemerkt, sondern auch Gesprächsfetzen aufgefangen haben. Ihre kühle, selbstsichere Reserve wirkte nicht aufgesetzt, sie war angeboren oder anerzogen.

»In der Tat ein erfreulicher Anblick«, bestätigte Martin Laimer lau.

»Keine Versuchung?«

»Nun hören Sie mal, Mr. Casagrande«, entgegnete der Industrielle. »Ich habe meinen Beruf und mein Alter.« Er lächelte knapp. »Alles zu seiner Zeit. Und Traumfrauen begegnet man im Leben doch immer erst dann, wenn es bereits zu spät ist.«

»Leider wahr«, resignierte Odermatt. Das zerknitterte Gesicht des alten Whitehead zeigte ein Faunslächeln. Der Verleger aus New York trommelte unwillig mit den Fingern auf die Tischplatte.

»Aber ich bitte Sie, Mr. Laimer«, widersprach der Autor mit Nachdruck. »Wer wird denn aufstecken und die Flinte vorzeitig ins Korn werfen?«

»Wenn ich Sie recht verstehe«, gab der Selfmademan zurück, »dann feuert Ihre Flinte also noch …«

Diesmal lachten sie auf Casagrandes Kosten. Jede Antwort darauf wäre falsch gewesen. Stimmte er zu, hielte man ihn für einen Angeber; verneinte er, emeritierte er aus seinem Geschlecht.

»Man bleibt Mann«, zog sich Casagrande mit einem Schlagwort aus der Zwickmühle.

Auch wenn diese Rotarier momentan gelockert wirkten und sie ihm ohnedies eine gewisse Narrenfreiheit einräumten, blieb es doch angeraten, in ihrer Gesellschaft nicht als Sexualprotz aufzutreten. Um in diese Gemeinschaft aufgenommen zu werden, wonach er gierte, brauchte er die Zustimmung aller Mitglieder. Um eine Mitgliedschaft konnte man sich nicht bewerben, in diesen elitären Zirkel wurde man berufen.

Im Distrikt Monte Carlo war als einziger ein Achtzigjähriger, ehemaliger Richter, gegen Casagrandes Beitritt; er ließ sich auch nicht durch die Drohung des populären Autors, er würde sich der Konkurrenz, dem Lions-Club, anschließen, umstimmen. Für einen Rotarier sind die Löwen ohnedies nur zweite Wahl. Rotary, so will es die Club-Fama, bevorzuge den Geist, Lions das Geld, eine Anmaßung, gegen die die Lions wie die Löwen kämpften. Wiewohl der Präsident und die anderen Mitglieder auf den kränkelnden Richter einwirkten, der Aufnahme Casagrandes endlich zuzustimmen, bestand der pensionierte Jurist auf seiner Ablehnung. Unter diesen Umständen blieb dem Autor nichts anderes übrig, als in einem anderen Rotary-Distrikt sein Glück zu versuchen — wodurch er wieder steuerpflichtig würde — oder abzuwarten, bis sein dahinsiechendes Veto gestorben wäre.

Kurz vor dem Abflug nach Bangkok hatten seine Freunde in Monte Carlo noch einen Anlauf zu seinen Gunsten unternommen, aber der böse Alte wies auf den verworrenen Lebenswandel Casagrandes hin, auf die vielen Prozesse und den lautstarken Streit, den er mit nahezu allen Rezensenten in der Öffentlichkeit austrug. Er erinnerte daran, daß der Erfolgsautor in einer TV-Sendung festgestellt hatte: »Zwischen einem Eunuchen und einem Kritiker gibt es keinen Unterschied — beide wissen, wie es geht.«

»Ist das die Ausdrucksweise eines Rotariers?« hatte der Alte gewettert und hinzugesetzt: »Nein. Entweder wir bleiben, was wir sind, oder wir geben uns auf.«

Der Direktor des »Oriental« ging mit raschen Schritten durch die Halle, sich nach links und rechts verneigend. Als er Casagrande sah, blieb er einen Moment stehen und demonstrierte eine Art »standing ovation«, wie sie der Auflagenartist schätzte, wenn sie ihm galt.

»Es war natürlich vorhin nur ein Scherz, Mr. Laimer«, wandte sich der Mann aus Monte Carlo dann an den Industriellen. »Ich hoffe, daß ich dabei nicht zu weit gegangen bin.«

»Seien Sie unbesorgt, Mr. Casagrande«, erwiderte der Angesprochene. »Ich würde mich schon entsprechend wehren.«

»Davon bin ich überzeugt. Wissen Sie«, sekundierte Bannister seinem Lieblingsschriftsteller: »Ein Autor lebt immer in seiner Romanwelt, und ›Der Biß der Jahre‹ — sein letztes Buch hat den Kampf gegen das Alter zum Thema.«

»Wie ich Mr. Casagrande einschätze, hat er ihn auch gewonnen«, erwiderte der Mann, der sich aus dem Nichts heraus durchgesetzt hatte, trocken. »Auf dem Papier«, setzte Laimer mit galliger Freundlichkeit hinzu.

Casagrande quittierte den Volltreffer mit einem Lächeln. »Nicht nur auf dem Papier«, schnappte er sich sein Thema. »Die Wissenschaft hat gesiegt. Das biologische Alter hat das kalendarische gewaltig überflügelt. Die moderne Medizin macht es möglich. Ich weiß nicht, wie bibelfest Sie sind, Mr. Laimer, aber König David hatte sich ganz junge Mädchen in das Bett gelegt, weil er hoffte, ihr Atem würde ihn verjüngen — aber es war leichter, Goliath zu töten, als einen Jungbrunnen zu erschließen. Well, die Wissenschaft hat zunächst auch nur mit der Steinschleuder gekämpft, aber nach Jahrtausenden ihren Kampf gegen die Jahre endgültig gewonnen.« Er holte Luft und fuhr fort: »Früher war ein Fünfzigjähriger ein alter Mann, heute jedoch läßt sich ohne Übertreibung sagen: Das Leben beginnt mit Sechzig.«

»Na, wenn das so ist«, versetzte Laimer, »werde ich unverzüglich Ihr Buch kaufen.«

»Das brauchen Sie nicht«, erwiderte der Autor, »Ich schenke es Ihnen.«

»Vielleicht sind Sie eine biologische Ausnahme, Monsieur Casagrande«, griff Ponsardin das Thema wieder auf. »So etwas gibt es, Ihr Berufskollege Goethe, zum Beispiel, hat mit vierundsiebzig noch einer Neunzehnjährigen einen Heiratsantrag gemacht. Ich wünsche Ihnen, daß Sie in seine Fußstapfen treten, nicht nur literarisch, sondern auch biologisch.«

»Jedenfalls ist es erstaunlich«, sagte Odermatt, der Genießertyp, »wie diese geheimnisvolle Sphinx unser Gespräch belebt.« Er stellte fest, daß sie »Newsweek« beiseite legte und nach dem »Spiegel« griff. Die Ereignisse in aller Welt waren ihr offensichtlich interessanter als Neugier und Huldigung eines internationalen Hotelpublikums.

Die Journale brachten bereits Rückblicke auf das sterbende Jahr: Der brasilianische Fußballstar Pelé hatte bei einem Nationalspiel sein tausendstes Tor geschossen. Die Strumpfhose war endgültig auf dem Siegesmarsch und das Überschallflugzeug »Concorde« auf erfolgreichem Jungfernflug. Über dem Atlantik brummten die ersten Jumbo-Jets und machten nunmehr auch den Ferntourismus zum Massenartikel.

»Die Faszination dieser Frau«, kommentierte der Autor, »die suggestive Wirkung, die von ihr ausgeht, kommt natürlich auch daher, daß keiner von uns weiß, wer sie ist. Entschlüsselt wäre sie vielleicht auch entzaubert, und …«

»Aber immer noch eine wunderschöne Frau …«, unterbrach ihn Ponsardin.

»Fraglos.« Der Erfolgsautor suchte den Blick der schönen Unbekannten; es war ein aussichtsloses Unterfangen. »Aber wüßten wir zum Beispiel, daß sie die Tochter eines Corned-beef-Königs oder die Frau eines Waschmittelfabrikanten ist, nach Verlust ihres Geheimnisses also, wäre sie nur noch eine gewöhnliche Jet-setterin —«

»Wie ich dich kenne«, stellte Bannister fest, »wirst du das Rätsel in deinem nächsten Roman lösen …«

»Menschen meiner Umgebung sind nun einmal der Stoff, aus dem ich die Handlung konstruiere.«

»Dann sind wir also Ihre Modelle auf dem Laufsteg?« fragte Laimer.

»Gewissermaßen«, gestand Casagrande. »Aber ich sichere Ihnen von vornherein volle Diskretion zu.«

Whitehead, der halbtaube und extrem kurzsichtige Nestor am Tisch, kaute an Worten; sein Gesicht wirkte konzentriert. Die vielen Falten und Runzeln waren angespannt. »Ich denke, ich bin der jungen Lady schon einmal begegnet«, überraschte er dann die Herrenrunde.

In der Manier der Schwerhörigen sprach er zu laut.

»Slow down, please«, stoppte ihn Bannister.

»Wo? Wann?« insistierte Casagrande.

»Ich bin mir nicht ganz sicher, daß es keine Verwechslung ist«, tastete sich Whitehead weiter. »Es ist schon eine Weile her.« Er sah noch einmal zum Nebentisch. In seiner Vorstellung trug die Unbekannte auf einmal ein schwarzes Kleid. »Es muß auf einer Beerdigung gewesen sein« — der Alte tippte sich an die Stirn — »es liegt schon länger zurück …«

»Gehen Sie denn so oft zu Bestattungsfeiern auf den Friedhof?«

»For goodness’ sake!« rief Whitehead. »Am liebsten würde ich meine eigene schwänzen. Es war in Brooklyn, wenn ich mich nicht täusche«, fuhr er dann fort. »Bei der Beisetzung von Phil Palance, Sie wissen doch, Gentlemen, der Mann, der mit Verpackungsmaterial ein ungeheueres Vermögen gemacht hatte …«

»Jeder kannte Phil Palance«, konstatierte der Gnom aus Zürich. »Ich hatte auch geschäftlich mit ihm zu tun — mit seiner Holding in Genf …«

»Sein Tod hat großes Aufsehen erregt. Phil ist ganz plötzlich gestorben, Gehirnschlag oder Kreislaufkollaps. Ein Athlet, nicht nur im Geschäftsleben — völlig unerwartet, gefällt wie eine Eiche mit einem einzigen Schlag.« Whitehead sprach zwar etwas leiser, doch noch immer zu laut. »Phil stammte aus dem Slumviertel von Brooklyn. Es war sein ausdrücklicher Wunsch, auf dem dortigen Friedhof beigesetzt zu werden, und so pilgerte Wallstreet fast geschlossen auf den Armenfriedhof von Brooklyn …«

Alle folgten gespannt seiner Erzählung; selbst dem bedächtigen Laimer war die Phil-Palance-Story auf einmal wichtiger als seine Computer.

»Es herrschte ein ungeheures Gedränge«, erinnerte sich Whitehead. »Achtundsechzig war Phil geworden. Das ist noch kein Alter für den Tod.« Nach Art der Kurzsichtigen kniff er die Augen zusammen. »Doch vielleicht auch kein Alter — für die Liebe.«

»Liebe?« fragte Casagrande mit zu hoher Stimme; er unterschätzte den Alten nicht. Er wußte, daß Whitehead bei Börsengeschäften auch heute noch ein gespitztes Gehör und einen scharfen Blick hatte und noch immer als einer der Großen von Wallstreet galt. »Die Presse hat damals nichts gebracht, die Familie hat es wohl verhindert. Ich muß etwas weiter ausholen: Phil war in seiner Firma zwar kein rauher Despot, aber doch ein ungeduldiger Dynamiker. Seit Jahren verwitwet und voll im Streß. Ein vitaler Draufgänger. War ihm nach einer Frau zumute, dann menagierte er eben à la carte. Alles andere war für ihn nur Zeitverschwendung. Aus erster Ehe hatte er drei Söhne, aus zweiter eine Tochter. Die Söhne haben nicht sein Format, seine Umsicht und schon gar nicht sein Ungestüm. Phil stellte sie kalt, beschäftigte sie nur formal in der Firma, damit sie nicht als reine Playboys herumliefen. Anders war es mit Laura, seiner zwanzigjährigen Tochter. Das Nesthäkchen arbeitete als seine Privatsekretärin, Reisebegleiterin und als Verwalterin bestimmter Vertrauenskonten. Sie war Tag und Nacht um Phil — bis das Unglaubliche eintrat: Ein paar Monate vor seinem Tod übergab er seine Firma von einer Stunde auf die andere einem Bevollmächtigten, zog sich aus allen Geschäften zurück und reiste nur noch als Privatmann durch die Welt. Nun nicht mehr mit Töchterchen Laura — die in der Firma blieb —, sondern mit einer nur ein paar Jahre älteren Dame. Ich hatte seinerzeit das Gemunkel ignoriert«, fuhr Whitehead fort, »aber das Getuschel auf der Beerdigung war nicht mehr zu überhören: Pikante Trauer, unterhaltsam durch Enthüllungen. Etwas abseits von den Angehörigen stand eine junge, ungemein schöne Frau. Man sagte, sie sei Phils Begleiterin der letzten Monate. In ihrem schwarzen Kostüm wirkte sie schmal, blaß, beherrscht und todtraurig. Wenn sie nicht eine glänzende Schauspielerin war, dann hatte sie Phils Tod weit mehr getroffen als zum Beispiel seine Söhne. Sicher ist es nicht schwer, einen guterhaltenen, vielfachen Millionär zu mögen, aber sie hat ihn geliebt, das sah sogar ich mit meinen kaputten Augen. Die Söhne schnitten sie brutal bei der Trauerzeremonie. Doch dann, als der Sarg hinabgelassen wurde, geschah etwas Erstaunliches: Laura ging auf die Trauernde zu, legte, zum Entsetzen der übrigen Mischpoke, den Arm um ihre Schultern. Die beiden traten weinend an das offene Grab und schaufelten gemeinsam den Sand hinab …«

»Und das war unsere Lady von vis à vis?« fragte Casagrande.

»Ich habe Ihnen doch schon gesagt, daß ich nicht ganz sicher bin«, schränkte Whitehead abermals ein, »aber die Ähnlichkeit ist wirklich frappant.«

»Was für ein Thema!« rief Casagrande überschwenglich. »Welch’ einmalige Story! Ein Mann schreitet Arm in Arm mit seiner größten und letzten Liebe durch die Paradiese dieser Erde — Bali, Tahiti, Hawaii, Mauritius, Bora-Bora …« Er steigerte sich förmlich in einen Trockenrausch hinein. »Alle Frauen seines Lebens werden zu einer einzigen, der letzten, der endgültigen, der er vielleicht gerade noch rechtzeitig begegnet ist. Und die ungleichen Liebenden halten zusammen, trotz des gewaltigen Altersunterschieds, trotz aller Zweifel. Jeden Morgen geht für sie die Sonne auf und erhebt sie turmhoch über Gesellschaftstratsch, Familienquerelen, den beträchtlichen Altersunterschied mit seinen Problemen und die eigenen Ängste.« Seine Augen glänzten, er hatte rote Flecken im Gesicht und sprach wie im Fieber weiter: »Das werde ich schreiben, George. Das muß ich einfach! So eine Geschichte, großartig und tragisch, voller Glanz und Elend …«

»Und dann geht die goldene Abendsonne im Meer unter«, brachte ihn der Gnom aus Zürich wieder auf die Erde zurück, und die anderen mußten ihr Lachen unterdrücken.

»Was meinst du, George?« fragte Casagrande unbeirrt.

»Laß dich nicht aufhalten«, erwiderte Bannister.

»Einen Titel hätte ich auch schon«, fuhr der Mann aus Monte Carlo fort. »Adams Letzte«, stellte er bedeutungsvoll fest. »Wie findest zu ihn?«

»Auf Anhieb gut«, erwiderte der Amerikaner. Er klopfte dem Autor auf die Schulter. »Aber beginn’ bitte nicht jetzt in der Hotelhalle mit dem Schreiben. Laß uns heute abend in Ruhe darüber sprechen. Immer, wenn es dich so gepackt hat, ist es ein ganz großer Wurf geworden.«

»Ich bitte die Herren, mich für ein paar Minuten zu entschuldigen.«

Casagrande erhob sich und nickte der Runde höflich zu.

»Er ist ja mächtig in Fahrt«, stellte Odermatt fest.

»Als Verleger kann ich mir nur die Hände reiben«, versetzte Bannister. »Offensichtlich hat mein Starautor die Heldin seines nächsten Romans bereits gefunden.«

»Hoffentlich schreibt er ihn nur und erlebt ihn nicht auch noch«, bemerkte Ponsardin anzüglich.

»Warum eigentlich nicht?« fragte der Gnom aus Zürich.

»Malen Sie den Teufel nicht an die Wand«, erwiderte der Verleger. »Cecils Leben ist schon chaotisch genug. Nichts könnte er weniger gebrauchen als eine weitere Scheidung. Sechs Ehen«, stellte er fest, was ohnedies jeder wußte. »Aber mit seiner jetzigen Frau ist er schon zum zweiten Mal verheiratet«, versuchte Bannister den Leumund seines Hausautors zu verbessern. »Sie hat das Zeug dazu, seine letzte zu sein — und zu bleiben.«

An den umliegenden Tischen mußte man das Gespräch mitgehört haben, aber die Auslöserin des Ganzen wirkte weiterhin so uninteressiert und unbeteiligt, als wolle sie damit demonstrieren, daß sie ein kurzsichtiger, schwerhöriger Greis verwechselt haben mußte.

2

Der Dezember war keine ideale Ferienzeit für die Algarve, den Garten Portugals, aber Lulu Casagrande, die dritte und sechste Frau des bekannten Romanciers, hatte bei ihrem Kurzurlaub mit dem Wetter Glück gehabt — wieder einmal war der Aberglaube der Einheimischen, in ihrem gesegneten Land überwintere die Sonne, gerechtfertigt worden.

Die mittelgroße Blondine auf Zeit hatte überraschend ihre Freundin Milena, die gerade ihr neues Ferienhaus an der Algarve einrichtete, angerufen und sich für ein paar Tage angesagt. Auch wenn die Freundinnen jeden Tag Zeit für eine Partie Golf fanden, hatte die Gastgeberin von vornherein angenommen, daß Lulu nicht nur wegen des königlichen Spiels in Europas südwestlichste Ecke geflogen war. Gelegentlich wirkte die Besucherin wie auf der Flucht vor sich selbst.

Milena wartete darauf, daß die gebürtige Wienerin ihr Problem offenbaren würde, aber entgegen ihrer offen-burschikosen Art schwieg sich Lulu aus, wobei allerdings auffiel, daß sie Cecil nicht ein einziges Mal erwähnte, wiewohl sie sonst beständig über ihren Mann sprach. Längst hatte sie einen Teil seiner Egozentrik angenommen.

Morgen würden sie von Faro aus zurückfliegen. Die Koffer waren bereits gepackt. Sie nahmen den Lunch in Albufeira ein, in einem kleinen Lokal im maurischen Stil — eine Imitation natürlich —, um dann nach kurzer Rast zum Abschiedsmatch nach Vale do Lobo zu fahren, in die Wolfsschlucht. Die Sonne hatte sich durch den Schönwetterdunst gekämpft und feierte ihren Durchbruch.

Die Freundinnen hatten spät gefrühstückt und wollten nur eine Kleinigkeit zu sich nehmen, aber aus der Küche kam der betörende Duft der Amêijoas na cataplana, einer algarvischen Spezialität aus Muscheln, Schinkenspeck, Wurst, Paprika, Knoblauch, Zwiebeln und Chilisoße, raffiniert aufeinander abgeschmeckt. Sie gaben der Versuchung nach und nahmen sich auch noch die Zeit zu einer Flasche Vinho Verde, an dem Milena nur nippte.

Am Steuer wirkte sie heute gelassener als sonst. Die Mittdreißigerin galt als streng, verschlossen, sehr ordentlich und ein wenig humorlos. Irgendwie war sie das genaue Gegenteil ihrer um elf Jahre älteren Begleiterin, die sich gerne salopp und frivol gab: Sie war offensichtlich auch hier bei ihrem Mann in die Schule gegangen. Man sah ihr an, daß sie — wie ein tödliches Kompliment lautet — einmal eine sehr attraktive Frau gewesen sein mußte. Wenn die Sechsuhdvierzigjährige, deren Sprechweise ihre österreichische Herkunft verriet, am Abend zurechtgemacht war und das Kunstlicht ihr schmeichelte, brillierte sie noch immer als Nachtschönheit. Mit ihrem Charme und Witz schlug sie gelegentlich auch jüngere Rivalinnen aus dem Feld. Sie konnte sich verspielt und verträumt geben wie eine Rokoko-Dame, um sich im nächsten Moment wie ein ordinäres Marktsweib zu gerieren. Bei feinen Leuten wurde sie gerne vulgär, bei einfacheren kehrte sie gelegentlich die »grande dame« heraus. Lulu sah nicht aus, als hätte sie in ihrem Leben viel ausgelassen. Sie war überall zu Hause, wenn man damit in erster Linie die Golfplätze, Bridge-Clubs, Pferderennbahnen, Theater- und Buchpremieren meinte. Man sagte ihr nach, daß sie keine Hemmungen hätte, zu vorgerückter Stunde einen Jungen anzumachen und ihn als Bettgefährten dann eine Nacht lang ordentlich durchzuwalken. Ob es nun stimmte oder nicht, man traute es Lulu jedenfalls zu, und das belustigte sie mehr, als es sie erzürnte. Auch ein schlechter Ruf verpflichtet.

Der weiße SL passierte ausgedehnte, nahtlos ineinander übergehende Mandelhaine. Die Landschaft sah aus wie gemalt, von einem einfallsreichen Künstler. »Was meinst du«, schwärmte Milena, »wie das in sechs Wochen blühen wird: Wohin du siehst, ein einziger weißer Teppich.« Sie stellte fest, daß ihre Begleiterin zerstreut wirkte. »Könntest du nicht im Februar wiederkommen?« fragte sie. »Glaub’ mir, es ist ein einmaliges Erlebnis, und du weißt, Lulu, wie sehr du mir jederzeit willkommen bist. Ich bin hier ja ganz allein, Hans-Egon ist in Düsseldorf geschäftlich unabkömmlich und meine Tochter wieder in ihrem Schweizer Internat.«

»Wenn es sich machen läßt, herzlich gerne, meine Liebe«, entgegnete die Golfpartnerin. »Aber ich fürchte, daß mir keine sehr angenehme Zeit bevorsteht.«

»Sorgen?«

»Probleme«, antwortete Lulu. »Es heißt — ja, eigentlich nur ein Problem, aber immer dasselbe —«

»Cecil?«

Sie nickte.

»Du hast Ärger mit ihm?« fragte Milena behutsam.

»Mit einem Mann wie Cecil hat man doch immer Ärger.«

»Aber doch wohl auch Freude?«

Die Frau des Schriftstellers schwieg, zündete sich eine Zigarette an und musterte ausgiebig die Orangenplantage, die sie gerade passierten, und betrachtete dann auch die riesigen Schirmpinien im Hintergrund. »Einmal mußt du es ja erfahren«, begann sie dann. »Ich bin Cecil auf ein paar schlimme Sachen gekommen; seitdem leben wir getrennt.«

Sie waren höchst ungleiche Freundinnen; jede eigentlich das Gegenteil der anderen. Wo sie sich auch zeigten, fragte man sich, warum diese beiden sich so eng aneinander angeschlossen hätten. Milena Deutler, einzige Tochter eines Großindustriellen und Frau eines Managers, war gepflegt, doch reizlos. Man konnte der Mittdreißigerin mit der mehr hageren als schlanken Figur, dem Haarknoten und den ein wenig hektischen Bewegungen kaum das berüchtigte Kompliment machen. Ihr Anblick überforderte die Vorstellung, sie könnte einmal jung, hübsch und lebenslustig gewesen sein.

Milena lebte wie in freiwilliger Quarantäne, in einem Getto des Wohlstandes, uninteressiert an Affären und Skandalen. Bei ihr war alles geregelt. Sie war eine Fetischistin der Ordnung, dabei zufrieden, denn ihrer Meinung nach hatte sie alles, was zum Leben gehörte: Einen unterwürfigen Ehemann, eine gehorsame Tochter, einen überaus erfolgreichen Vater. Ehe, Erziehung und Familie waren für sie selbstverständliche Pflichtübungen. Sie war wohl ihrer Mutter nachgeraten, von der sie auch den Vornamen geerbt und an ihre Tochter, Milena III, weitergegeben hatte. Für Lulu und auch ihren Mann zeigte sie eine unbegreifliche Schwäche, eine für sie untypische Toleranz; sie billigte den Casagrandes zu, daß sie nicht wie die Deutlers lebten.

Manchmal kamen Milena Zweifel über ihr monotones Leben, und sie fragte sich, ob ihr Mann nicht doch nur ein Schlappschwanz und Mitgiftjäger, ihre Ehe ein Zustand zwischen Frost und Frust, ihre Tochter nicht gehorsam, sondern nur farblos sei und sie selbst womöglich eine unterkühlte Frau.

Mit Martin Laimer, dem Tycoon eines Elektrokonzerns, eher in der Welt anzutreffen als zu Hause, verband Milena eine sachliche Beziehung; vielleicht konnte man zu so einem Berserker der Tüchtigkeit und Übervater gar kein herzliches Verhältnis haben. Auch zu ihrer vor zwei Jahren verstorbenen Mutter hatte Milena keine besonders enge Bindung unterhalten, was sie sich bereits zu ihren Lebzeiten manchmal vorgeworfen hatte: Und jetzt stellte sie fest, auch ihre fünfzehnjährige Tochter schien sich genauso zu entwickeln.

»Ihr werdet also Weihnachten nicht zusammen sein?«

»Kaum.«

»Willst du nicht die Festtage bei uns in Düsseldorf verbringen?« fragte die Gastgeberin.

»Nein, Milena, vielen Dank. Ich werde bei meinem Anwalt in Frankfurt die Scheidung einreichen — ich fürchte, das muß über das US-Generalkonsulat gehen, da wir beide ja Papier-Amerikaner sind — und dann nach Wien weiterfliegen.«

»Ich weiß ja nicht, was vorgefallen ist«, erwiderte die Freundin, »aber du wirst schon nicht zu voreilig sein, Lulu.«

»Diesmal ist der Bruch irreparabel«, entgegnete Lulu zornig. »Ich hab’ Cecil gründlich satt. Ich bin am Ende.«

»Aber er ist wirklich ein gefragter Autor —«

»Schreiben kann er, das stimmt«, räumte Lulu ein. »Das ist aber auch alles.« Sie steigerte sich in den Zorn hinein. »Ich mag eine alte Kokotte sein, wie er mir schon vorgeworfen hat, aber er ist ein Schwein — und Schweine müssen bluten. Und das heißt blechen in seinem Fall.« Sie bemerkte Milenas angewiderten Gesichtsausdruck. »Sei nicht so zimperlich. Einmal muß es heraus, sonst ersticke ich noch daran. Die Welt ist nicht so heil, wie du dir einbildest — du hast ja keine Ahnung vom Leben, Milena«, setzte die Blondine angriffslustig hinzu. »Ich kann ihn wirklich nicht mehr ausstehen. Alle drei, vier Monate eine neue Affäre, eine schlimmer als die andere.« Ihr Gesicht war gerötet. »Und kostspieliger; Cecil ruiniert sich noch total, nur um den späten Casanova zu spielen.«

»So schlimm ist es doch wohl nicht«, schränkte die Frau am Steuer ein. »Vielleicht nur eine gewisse Image-Pflege.«

»Schön wär’s — nimm seine letzte, diese abgetakelte Operetten-Soubrette, vier Jahre älter als ich, eine richtige Sacharin-Göschen. Versteh’ mich, Milena. Sicher wäre es nicht angenehmer, wenn er hinter jungen Mädchen herlaufen würde, aber wenigstens natürlicher. Männer sind nun mal so; aber diese gottverdammten alten Schicksen, mit denen er sich herumtreibt und denen er Altäre baut, machen ihn nur lächerlich. Und Lächerlichkeit tötet. Jungen Frauen geht Cecil geflissentlich aus dem Weg«, setzte sie hinzu. »Warum wohl?«

Die brünette Fahrerin schüttelte den Kopf.

»Ich kann’s dir sagen: Entweder kommt sein Schmäh bei den Jüngeren nicht an — oder er hat Angst, sich bei ihnen zu blamieren.«

»Mein Gott«, erwiderte die Freundin, »du solltest Cecil gekannt haben. Du bist doch schon zum zweiten Mal mit ihm verheiratet —«

»Und zum letzten Mal«, versetzte Lulu voller Ingrimm. »Damals, als ich mich von ihm noch mal überreden ließ, war ich gerade ziemlich parterre und auch noch jünger und vital genug, seine ständigen Eskapaden durchzustehen — und dann die Trümmer seiner Hausaltäre beiseite zu räumen. Aus. Vorbei. Mir geht es jetzt nur noch darum, daß er büßen muß, was er mir angetan hat.«

»Ich bedaure das sehr«, erwiderte Milena. »Ich finde es schrecklich und hoffe, daß das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.«

Die Frau am Steuer war froh, als sie zur prächtigen Golfanlage von Vale do Lobo einbog und die Ankunft das unangenehme Gespräch beendete. Die Parkplätze waren dicht besetzt, aber sie hatte sich telefonisch eine Startzeit reservieren lassen. Milena wurde mit großer Aufmerksamkeit behandelt; diesmal galt die Reverenz nicht ihrem gesellschaftlichen Rang, sondern ihrem Status als vorjährige Clubmeisterin. Sie hatte ein einstelliges Handikap, das auch noch in der unteren Hälfte, und das zählte unter Golfern mehr als die wirtschaftliche Potenz ihres Vaters.

»So, Lulu«, ermunterte Milena am Abschlag Nummer eins ihren Gast. »Nun beruhig’ dich bitte und konzentriere dich auf unser Abschiedsspiel.« Sie hatte noch nie ein Match gegen die Freundin verloren, nicht einmal an einem schlechten Tag.

Vor ihnen war ein Flight mit vier Engländern. Die Briten ließen sich sehr viel Zeit, vor allem beim Putten auf dem Grün. Als die Gentlemen merkten, daß sie die beiden Damen aufhielten, ließen sie die Clubmeisterin und ihre Mitbewerberin passieren.

Sie kamen jetzt zügig voran, auf dem am Meer gelegenen Golfplatz mit seinen welligen Hügeln, errichtet vom besten Golfplatz-Architekten, den es gibt, der Natur. Wiewohl Emotionen bei diesem Sport immer schädlich sind, verschaffte der ausklingende Grimm Lulus Schlägen größere Längen als sonst.

Sie erreichten den berühmtesten und meistfotografierten Abschlag der Welt, das Hole sieben, unter Golfern so bekannt wie das Straßburger Münster unter Touristen: Man mußte den Ball durch eine Lücke zwischen zwei Felsen im Atlantik schlagen und die Mitte eines Hintergrunds anvisieren, an dem sich das endlose Blau des Himmels unter dem beifälligen Gluckern der Wellen mit dem weiten Grün vereinigte. Die Wienerin spielte heute mit mehr Glück als Disziplin. Milena war perfekt; vielleicht betrachtete sie Golf ebenfalls als eine Pflichtübung. Sie würde wieder gewinnen, aber heute knapper als sonst.

Am nächsten Dreier-Hole schlug die Düsseldorferin den Ball ein paar Meter zu kurz. Ihre Partnerin setzte den Drive zu weit links an, aber der Wind vom Atlantik trieb den Ball genau in die Mitte; er prallte gegen die Fahne und fiel ins Loch. Zum ersten und vermutlich auch zum letzten Mal hatte Lulu in ihrer Golferinnen-Laufbahn ein As geschossen, das größte Erfolgserlebnis eines Golfers auf dem grünen Parcours.

Milena applaudierte stürmisch.

Auch die Engländer hinter ihnen eilten herbei und teilten die Begeisterung.

Nach dem Spiel hatten alle Gäste des Clubhauses die Pflicht, der »Hole-in-one«-Schützin zu gratulieren und das Recht, auf ihre Kosten reichlich Champagner zu trinken. Die Herren, bereits umgezogen, trugen einheitlich dunkelblaue Blazer mit ihren heimatlichen Clubabzeichen; ihre Begleiterinnen waren in zwangloser Aufmachung. Das Gespräch brodelte mehrsprachig durcheinander. Wetter-Flüchtlinge aus ganz Europa — Briten, Skandinavier, Franzosen, Schweizer, Österreicher, Deutsche — bildeten nach den Kelten, Römern, Mauren, Kreuzfahrern, Franzosen und den portugiesischen Flüchtlingen aus Angola und Moçambique die letzte und willkommenste Invasion der herrlichen Küstenland-Schaft.

Ein Golfer kennt das Handikap seines Partners so gut wie eine Filmdiva die Liebhaber ihrer Rivalinnen. Je niedriger es ist, desto höher steht der Spieler in der Rangliste und um so mehr Schläge muß er einem weniger Angesehenen vorgeben; gelegentlich kommt es dabei am Abschlag eins zu Rechenfehlern. Ein Golf-Crack erzielt natürlich leichter ein As als ein Durchschnittsspieler, aber ein Zufallscoup wird ganz besonders zelebriert. Wer den Haupttreffer in der Lotterie gewinnt, braucht schließlich auch kein Mathematiker zu sein.

Lulu schöpfte ihren Triumph voll aus; es war ein Lastenausgleich für zahllose Niederlagen. Sie stand an der Bar, von durstigen Bewunderern umringt, und mußte bereits zum vierten Mal berichten, wie sie es geschafft hatte, den kleinen Ball mit einem Schlag in ein nur etwas größeres Loch zu befördern.

»Wie ich höre, sind Sie die Gattin des berühmten Schriftstellers, gnä’ Frau«, wandte sich ein höflicher Hamburger an Lulu.

»Er ist die Sonne, ich bin der Mond«, erwiderte sie ironisch.

Ihre Stimme ließ erkennen, daß sie nicht länger mondsüchtig bleiben wolle. Milena warf ihr einen warnenden Blick zu, aber die Freundin beherrschte die Kunst der verschlüsselten Indiskretion.

»Your husband is a very famous author«, bemerkte ein sommersprossiger Engländer und provozierte Lulu zu der gereizten Frage, ob Cecil Casagrande das As geschossen hätte oder sie.

»Ihr Gatte ist kein Golfer?« fragte ein Schweizer.

Die Wienerin verneinte.

»Das ist aber wirklich schade«, bemerkte er mit dem Bedauern eines Missionars gegenüber einem Andersgläubigen. »Können Sie ihn denn nicht überreden?«

»Gott bewahre«, versetzte Lulu lachend. »Hoffnungslos, Cecil wird sich in keinem Fach versuchen, in dem er nicht glänzen kann.«

»Aber das könnte sich doch ändern —«

Sie strich sich die kurzgeschnittenen blonden Haare aus dem Gesicht. »Golf erzieht zur Demut«, stellte sie fest. »Aber mein Mann muß immer gleich im Mittelpunkt stehen«, behauptete sie. »Meinen Sie, daß sich das vereinbaren läßt?«

Es wurde ein kostspieliger Spätnachmittag. Der Ober brachte bereits die elfte Flasche. Immer mehr Spieler kamen jetzt von der Runde zurück, ein Ende war noch nicht abzusehen — aber einem Golfer ist sein größter Parcourstag viel wert. Der Club würde der Organisatorin, einer bekannten Spirituosenfabrik, das Ereignis mitteilen, und Lulu wäre dann die Empfängerin einer wertvollen Flasche und — weit wichtiger für sie — einer Pergamenturkunde über die Aufnahme in den „Hole-in-one-Club«. Asse sind höchst selten — bei großen internationalen Pro-Turnieren setzen Automobilfabriken häufig Nobelfahrzeuge für diesen Coup aus — sie brauchen sie nur selten zu übergeben.

Die ersten Golferfreunde gingen, neue kamen hinzu, unter ihnen Sissy Keil, die alterslose, löwenmähnige Frau eines Bankiers und Milenas Angstgegnerin bei Turnieren.

»Großartig.« Sie umarmte Lulu. »Wie haben Sie das nur geschafft?«

»Der Wind, der Wind, das himmlische Kind«, alberte die Blondine. »Aber sagen Sie es nicht weiter, Sissy.«

»Warum nicht?« erwiderte die andere. »Gute Resultate leben doch meistens von Bahnzufällen.«

Die Umstehenden lachten gequält und schoben der Düsseldorfer Bankiersgattin einen Hocker zu. »Mein Mann ist auch hier«, sagte sie dann, als wolle sie die Schützenkönigin auf ihn aufmerksam machen, beugte sich zu Lulu und raunte ihr zu: »Bitte sprechen Sie mit ihm.« Sie hatte das Gesicht einer Verschwörerin. »Es ist — ist wirklich enorm wichtig.«

Die reife Blondine betrachtete sie verständnislos.

»Wegen Milena«, setzte Sissy Keil hinzu; sie erfaßte Lulus ungestellte Frage. »Sicher weiß ich, um was es geht«, gab diese zurück. »Aber es ist besser, wenn Sie mit meinem Mann sprechen, er kennt die Aspekte im Hintergrund besser als ich.«

Lulu nickte der Frau mit der Löwenmähne zu; sie hatte sie nicht verstanden, aber begriffen, und sie suchte den Bankier mit den Augen.

Er stand ein wenig abseits.

Sie schob sich an ihn heran. »Sie trinken keinen Schampus, Herr Keil?« sprach sie den Bankier an.

»Ich darf doch nicht, gnä’ Frau«, erwiderte er. »Mein Zuckerspiegel — und der Bluthochdruck —« Der Finanzfachmann brauchte keine weiteren Erklärungen abzugeben. Jeder wußte, daß er ein Hypochonder war.

Die beiden gingen unauffällig nach draußen und entfernten sich ein wenig vom Clubhaus, als wollten sie frische Luft schnappen und dem Trubel entgehen.

»Es tut mir leid, Sie bemühen zu müssen«, begann der kleine Mann mit den schütteren Haaren. »Ich weiß gar nicht, ob es richtig ist, aber diesmal folge ich einer Idee meiner Frau.«

»Der Gedanke ist sicher richtig«, ermunterte ihn seine Gesprächspartnerin. »Sissy ist eine patente Person.«

»Sie werden sich wundern, daß ich nicht mit Frau Deutler selbst spreche«, fuhr Keil fort, »aber es wäre mir einfach zu peinlich. Ich hatte gehofft, andere würden es tun, aber es hat ihnen wohl der Mut gefehlt —«

»Sie sind also mutiger als — als weitere Mitwisser?«

Der Bankier überging Lulus Spott.

»Mein Geldinstitut ist seit vielen Jahren die Hausbank der ›Martin Laimer Companie,‹« berichtete er. »Und aus der Zusammenarbeit hat sich auch ein gewisses freundschaftliches Verhältnis entwickelt. So etwas verpflichtet auch privat, selbst wenn es nicht in den Verträgen steht.«

»Ich muß Ihnen gleich sagen, Herr Keil«, unterbrach ihn die Frau des Schriftstellers, »daß ich von wirtschaftlichen Dingen kaum etwas verstehe.«

»Es handelt sich auch — zunächst wenigstens — nicht um eine wirtschaftliche Geschichte. Wissen Sie«, erklärte er, »es gibt im Leben Probleme, die man einfach nicht frontal angehen kann. Man muß versuchen, sie zu umgehen »Sie also von hinten knacken«, versetzte Lulu burschikos.

»Sissy ist der Meinung, daß Frauen besser geeignet sind, solcherlei Dinge an die Frau zu bringen«, erklärte der Bankier mit einem verunglückten Lächeln. »Außerdem ist es eine alte Gepflogenheit, sich zuerst an den Schutzpatron zu wenden, bevor man gleich zum lieben Gott läuft.«

»Besten Dank«, entgegnete Lulu Casagrande; sie hatte ein wenig gegen ihren Schwips anzukämpfen, und so wurde sie jetzt neugierig — und besorgt. Sie verstand sich auf Männer und wußte, daß der Bankier Keil weder ein Wichtigtuer noch ein Panikmacher war.

Als er jetzt zur Sache kam, erfaßte Lulu sofort das Ausmaß des Unheils, das der Freundin, deren Mann, Tochter und Vater drohte; sie wurde auf einen Schlag wieder nüchtern.

3

Cecil Casagrande war nach Verlassen der Hotelhalle in sein Apartment hochgefahren und hatte dem unerschöpflichen Fundus seiner Roman-Belegstücke — von der »Lufthansa« war ihm deswegen Überfracht berechnet worden — zwei Exemplare seines Romans »Der Biß der Jahre« entnommen. In eines schrieb er eine Widmung für den Direktor des »Oriental«, Paul Sarrasin, einen urbanen Westschweizer; für das zweite plante er einen besonderen Versuch.

»Oh, Mr. Casagrande«, sagte der Manager in seinem Office und erhob sich beflissen. »Was kann ich für Sie tun?«

»Ich stör’ Sie doch nicht?« fragte der Besucher höflich.

»Aber ich bitte Sie, Mr. Casagrande. Unser Haus pflegt, wie Sie wissen, berühmte Autoren in ganz besonderer Weise.«

»Ich weiß«, bestätigte der hochgewachsene Schriftsteller mit der vorspringenden Nase und den sich andeutenden Tränensäcken. »Somerset Maugham, Josef Conrad —«

»— und natürlich Cecil Casagrande«, ergänzte sein erfahrener Gesprächspartner. Ein Hotelmanager, der beim plumpesten Kompliment auch nur mit der Wimper zuckte, war seiner Meinung nach eine Fehlbesetzung: »Ich bedauere sehr, daß Ihre Gattin Sie diesmal nicht begleitet.«

»Das bedauere ich auch«, behauptete der Autor. »Aber Sie wissen ja, Sarrasin, die Weihnachtsvorbereitungen und so —«

»Es ist uns jedesmal eine große Freude, Sie wieder bei uns zu haben.« Der Majordomus des »Oriental« dämpfte ein wenig die Stimme und beschleunigte die Sprechweise: »Sie erhalten selbstverständlich wieder den Prominenten-Rabatt, den wir nur ganz wenigen, ausgesuchten Gästen gewähren. Sie wissen, wir haben es nicht nötig und —«

»Ich hätte es auch nicht nötig, mein Guter«, erwiderte der Mann aus Monaco launig. »Doch ich akzeptiere mit Dank.«

Der Direktor, ein alerter, wendiger Mann — fünf Sprachen, zwanzig Jahre Erfahrung in den besten Hotels der Welt — kannte viele Autoren so gut, daß er manche von ihnen für Hofnarren der Gesellschaft hielt. Casagrande schnitt dabei nicht schlecht ab. Er fand ihn als Hotelgast wie als Romanschreiber angenehm. Jedenfalls war der Auflagen-Millionär kein Langweiler; er hielt immer Hof, das brachte Gäste, und Gäste brachten Gewinn.

»Hier, das habe ich Ihnen mitgebracht«, sagte der Besucher und überreichte Paul Sarrasin mit großer Geste sein letztes Buch.

»Oh, verbindlichen Dank, Monsieur Casagrande, ich bin Ihr ständiger Bewunderer. Es gibt kein Werk aus Ihrer Feder, das ich nicht gelesen hätte.« Er lächelte hintergründig. »Ich würde Ihre Romane sogar dann konsumieren, wenn Sie in anderen Hotels von Bangkok wohnten.« Der Manager schlug den Einband um und stellte fest, daß der Autor sein Geschenk bereits mit einer Widmung versehen hatte.

»Das ist für mich sehr interessant«, erwiderte Casagrande — er ließ den Ausdruck »konsumieren« ungerügt passieren — »Wissen Sie, mein Bester, Leser sind die einzigen Kritiker, die ich anerkenne.«

Sein anschließendes Schweigen forderte Sarrasin stumm zu weiterer Rezension auf.

»Ich weiß, wie schwer es ist, ein breites Publikum zu fesseln«, fuhr der Manager fort: »Die Art, wie Sie Ihre Leser in Spannung versetzen, amüsieren, düpieren, verzaubern, verärgern und am Schluß wieder einsammeln — ich beneide Sie um diese geniale Fähigkeit.« Er sah, daß sein VIP-Gast zufrieden war, fürs erste wenigstens — jedenfalls war es leichter gegangen als bei anderen Autoren, die sich am liebsten nächtelang Elogen angehört hätten.

Ein Dichter aus Nürnberg, der Stadt des Hans Sachs, des Schusters und Poeten zugleich, hatte sich zum Beispiel mündlich und schriftlich zu der Feststellung verstiegen: »Der liebe Gott und ich, wir haben den gleichen Beruf — beide erfinden wir Schicksale.« Ein anderer Autor war im Hochsommer als Weihnachtsmann verkleidet mit einem Fallschirm auf Sylt abgesprungen, ein seltsamer Reklame-Gag, mit dem er den offensichtlich eingesparten Werbeetat seines Verlages ersetzen wollte. Und ein Bestseller-Autor, in einem »Playboy«-Interview auf seine Wirkung auf Frauen angesprochen, hatte begeistert festgestellt: »Deppert vögeln könntest du dich in diesem Beruf.«

»Er kann überhaupt nicht vögeln«, hatte seine eben verlassene und offensichtlich humorlose Ehefrau anderenorts gekontert.

Paul Sarrasin glättete den Buchumschlag mit den Händen, verbeugte sich noch einmal dankend. »Ich hoffe nur, daß ich Ihnen auch einmal einen Stein in den Garten werfen kann«, sagte er dann.

»Ich zeige Ihnen gleich den Gartenzaun«, drohte ihm der Gast aus Monte Carlo lachend. »Es handelt sich um eine Wette, die ich vorhin eingegangen bin.«

»Ich stehe zur Verfügung.«

»Sie sind vor ein paar Minuten durch die Hotelhalle gegangen«, begann Casagrande. »An unserem Nebentisch saß eine Dame allein, eine wirkliche Schönheit —«

Der Manager nickte und lächelte. »Sie sind bereits der dritte, der mich auf sie anspricht«, antwortete er. »Die junge Lady macht Furore.«

»Mit Recht«, bestätigte der vielgereiste Autor. »Sie ist zum ersten Mal in Ihrem Haus?«

»In dieser Saison«, erklärte Sarrasin. »In der vorigen hat sie uns an ein paar aufeinanderfolgenden Tagen die Ehre gegeben — aber auch nur als Passantin.«

Er sah, daß Casagrande weitere Aufschlüsse wünschte und fuhr fort: »Sie ist immer um die gleiche Zeit gekommen, gegen siebzehn Uhr, saß in der Halle, trank Tee, las Zeitungen, immer an demselben Platz — sofern er frei war — und immer allein. Sie wartete auf niemanden; sie ließ sich nicht ansprechen, weder von Herren noch von Damen. Nach etwa einer Stunde verlangte sie jedesmal ein Taxi und verschwand wie Aschenbrödel im Märchen.«

»Aus dem Königsschloß«, hofierte Casagrande den Mann, den er brauchte. »Sie hat auch nicht telefoniert?«

»Nein.«

»Und sie wurde auch nicht angerufen?«

»Einmal«, erinnerte sich der »Oriental«-Manager. »Von auswärts.« Sarrasin dachte angestrengt nach. Er hatte das fotografische Gedächtnis, über das man in seiner Branche verfügen muß. »Wie gesagt, ein Anruf von draußen. Ein Mann; er beschrieb uns die Dame, und wir schickten einen Hotelboy mit der Tafel los, um sie in der Halle zu suchen.«

»Dabei muß doch ihr Name gefallen sein?«

»Jetzt überfordern Sie mich aber, Monsieur Casagrande«, entgegnete der Manager. »Aber irgendwie ist mir im Gedächtnis haften geblieben, daß es ein Dutzendname war: Müller oder Miller oder so ähnlich. Es fällt mir deshalb ein, weil ich mich damals wunderte, daß eine so ungewöhnliche Frau so einen Durchschnittsnamen hat.« Er schüttelte den Kopf. »Diese Verwunderung war natürlich idiotisch«, wies er sich selbst zurecht.

»Sagen Sie, Meister, Sie sind doch vom Fach: Hoteliers sind schließlich wahre Psychologen. Was halten Sie von dieser Vielbeachteten?«

»Schwer zu sagen —«

»Versuchen Sie’s.«

Sarrasin schüttelte den Kopf. Er wollte sich nicht durch eine Fehleinschätzung blamieren.

»Was ist sie?« fragte Casagrande. »Amerikanerin, Deutsche, Italienerin?«

»Sie könnte auch Französin sein, sogar Südamerikanerin.«

»Auf was würden Sie tippen?« pirschte Casagrande sich von der anderen Seite an. »Gehört sie zur Creme de la creme? Ist sie Halbseide oder sogar Halbwelt?«

»Ich nehme nicht an, daß eine dieser drei Möglichkeiten auf sie zutrifft«, entgegnete der Manager. »Aber das ist reine Gefühlssache.«

»Was könnte sie sein?«

»Eigentlich alles«, spielte Sarrasin das Orakel von Delphi. »Aber wie ich Sie einschätze, Monsieur Casagrande, werden Sie die Nuß vermutlich bald geknackt haben.« Er lächelte gewinnend. »Ist das Ihre Wette?«

»So ungefähr«, antwortete der Weltenbummler. »Ich halte am Freitag im Rahmen der Rotary-Veranstaltung eine Lesung. Ich würde die schöne Unbekannte gerne dazu einladen — ganz ohne Hintergedanken übrigens —«

»Natürlich«, erwiderte der Direktor beflissen. Hotelmanager sind Gentleman-Kuppler.

»Die Veranstaltung findet ja ausnahmsweise mit Damen statt. Es könnte nicht schaden, ein solches Schmuckstück im Vordergrund zu plazieren. Sie wissen ja, mein Lieber, Kunst braucht, Reklame; deshalb wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie der Dame meinen Roman mit einer Empfehlung von mir überreichen lassen würden.« Casagrande übergab ihm seinen literarischen Beitrag zur Bekämpfung der Alterungsvorgänge zwecks Erlangung langwährender Jugend.

»Wird umgehend erledigt«, versprach der Hotelmanager, und sein Gesicht wirkte viel zu ausdruckslos, um seine Gedanken ganz zu verbergen.

»Vielen Dank«, verabschiedete sich der Autor.

»Ich komm’ gleich mit«, sagte Sarrasin und erhob sich. »Ich werde meine Leute noch einmal befragen. So ich fündig werden sollte — Sie sind ja noch eine Weile in der Halle?«

Der Hotelgast nickte bestätigend und ging neben ihm in den Vorraum mit der Rezeption.

Es war wie geprobt: Während die beiden Herren noch ein paar höfliche Worte wechselten, erhob sich Aschenbrödel und zeigte den Gästen in der Halle bislang Verborgenes. Die Dunkelhaarige war etwa einen Meter siebzig groß, sie hatte schmale Hüften, makellos geformte Beine und einen melodischen Gang.

»Lupus in fabula«, machte der Manager seinen Begleiter auf die ihnen Entgegenkommende aufmerksam.

Sarrasin schaltete sofort, seine Position als Hoteldirektor nutzend. »Pardon, Madame«, sprach er die Unbekannte an. »Monsieur Casagrande, der berühmte Schriftsteller, hat unser Haus beauftragt, Ihnen sein neuestes Buch zu überreichen.«

»Mir?« fragte sie mit heller, angenehmer Stimme. »Warum?«

»Ich nehme an, daß er es Ihnen am besten selbst erklären kann«, gab Sarrasin den Schwarzen Peter weiter. »Darf ich verstellen: Mr. Cecil Casagrande.«

Der Literat verbeugte sich höflich und verfolgte, wie sie unschlüssig das Buch übernahm, einen Blick auf den Umschlag warf, der einen älteren, jedoch nicht alten Elegant mit einer jüngeren, jedoch nicht zu jungen Dame bei offensichtlicher Annäherung zeigte. Dann betrachtete sie den ergebenen Romancier. Es war der kritische Moment für ihn, und Casagrande hatte vor allem bei jüngeren Damen schon erlebt, daß sie nach der Präsentation sagten: »Sie sind Schriftsteller, interessant — was schreiben Sie eigentlich?«

»Ich hab’ Sie schon gelesen, Monsieur Casagrande«, sagte die Schöne in Englisch mit einem kaum hörbaren deutschen Akzent. »Ich bedanke mich sehr für Ihre Aufmerksamkeit.«

Sie sah ihn voll an mit ihren leuchtend braunen Augen, und es war dem Romancier, als versprühten sie Funken; er müßte aufpassen, das sie bei ihm nicht in ein Pulverfaß fielen. Sie nickte ihm lächelnd zu. Ein Hauch von Herbheit ging von ihr aus, von Frühlingsfrische, von unverbrauchtem Leben.

Sie wollte weitergehen, zögerte noch einmal.

»Pflegen Sie Ihre Bücher eigentlich immer zu verschenken?« fragte sie.

»Nur an Prinzessinnen«, erwiderte er. Komplimente liefen ihm flüssig über die Lippen wie edler Wein, Spätlese.

»Da schätzen Sie mich allerdings entschieden zu hoch ein, Mr. Casagrande«, entgegnete sie mit einem Lächeln, das ihr Gesicht von innen heraus erhellte.

»Es ist nicht wichtig, was man ist, sondern wie man von seinen Mitmenschen eingeschätzt wird, Madame«, erwiderte der Autor. »Natürlich hatte ich — wie sagten Sie — bei meiner Aufmerksamkeit einen Hintergedanken.« Er merkte, wie sie sich in Erwartung eines Angriffes versteifte. »Davon abgesehen, daß es meiner Eitelkeit guttut, habe ich ein Attentat auf Sie vor —« Casagrande brachte seine Einladung zur Lesung an, und die Schöne entspannte sich.

»Am Freitag?« überlegte sie laut. »Vielleicht — wenn es sich ermöglichen läßt«, setzte sie unverbindlich hinzu.

»Ich würde in der ersten Reihe einen Ehrenplatz reservieren lassen«, entgegnete Casagrande rasch. »Darf ich fragen auf welchen Namen?«

Ihr Lächeln war eine höfliche Absage.

»Soll ich den Stuhl für Mrs. Sphinx belegen lassen?« startete er einen zweiten Anlauf. »Wir alle zerbrechen uns den Kopf, wer Sie sein könnten —«

»Besten Dank für Ihr Interesse«, ließ sie ihn wieder abblitzen. »Verraten Sie mir wenigstens, was Sie sind — Amerikanerin, Deutsche —«

»Well«, erwiderte sie. »Meine Mutter war Ungarin, mein leiblicher Vater Deutscher, mein Adoptivvater Amerikaner. Meine Kindheit verbrachte ich in Deutschland, in den Staaten und auch eine Weile in der Schweiz; dann zog ich nach Paris und später nach Rom.« Sie nickte ihm noch einmal zu. »So, jetzt können Sie ausrechnen, was ich bin«, sagte die junge Frau. »Und wenn Sie die Lösung gefunden haben, sagen Sie mir bitte Bescheid — ich wüßte es selbst sehr gern.«

Sie ging zum Hotelausgang. Gäste blieben stehen; sie mußte zwischen ihnen hindurch, aber sie lief nicht Spießruten, sondern schritt durch eine Allee der Bewunderung; es war der Abgang einer Primadonna assoluta.

»Erstaunlich, was?« sagte der Hotelmanager. »So langsam macht die Dame auch mich noch neugierig.«

»Eine höchst interessante Person«, erwiderte Casagrande. »Vielen Dank noch für Ihre Hilfestellung«, verabschiedete er sich, um an seinen Tisch in der Hotelhalle zurückzugehen.

»Leider ist unsere schöne Nachbarin gerade gegangen«, empfing ihn Odermatt.

»Ich hab’ die Dame soeben getroffen und zu meiner Lesung eingeladen«, entgegnete der Starschreiber mit großartiger Beiläufigkeit. »Und sie hat zugesagt?« fragte Martin Laimer.

»Nicht direkt«, räumte Casagrande ein. »Aber welche Lady würde denn auf Anhieb ja sagen?« Er sah auf die Uhr. »Was könnten wir mit dem heutigen Abend anfangen?«

»Ich muß mich noch vom Flug erholen«, antwortete Ponsardin. »Ich bitte mich ebenfalls zu entschuldigen«, kam von dem Industriellen Laimer eine zweite Absage. »Ich treffe mich mit einem wichtigen Thai-Geschäftsfreund. Wir wollen unsere Niederlassung in Bangkok ausbauen.«

»Und Sie, Mr. Whitehead?« fragte Casagrande.

»Ich bin zu alt für solcherlei Exkursionen«, erwiderte der Börsen-Jobber. »Ich überlasse sie lieber jungen Hüpfern wie Ihnen, Gentlemen.«

Ein paar Stunden später zogen sie los, zu dritt: Casagrande, der Bangkok-Kenner, war der Lotse, sein Verleger Bannister der Aufpasser und Odermatt der Voyeur des Sündenparadieses. Sie gingen zunächst zu Fuß durch die lange Silom-Road in Richtung Lumpini-Park. Hier liegen die Geldpaläste der Banken, die diplomatischen Vertretungen und die Büros der Fluglinien. Tagsüber ist dieser Stadtteil ein strebsames Viertel, aber wenn es dunkelt, gehört es zu den noch weit strebsameren Nachtschattengewächsen.

Obwohl sich die Tageshitze etwas abgekühlt hatte, kochte Menam-Babylon Bangkok by night: Autos jagten Fußgänger, Fußgänger waren hinter sexotischen Geschöpfen her. Die Gehsteige quollen über; lustige Thaiboys nebst hübschen Begleiterinnen mit geschlitzten Augen und geschlitzten Röcken, niedliche Teepuppen, doch grazil und springlebendig, promenierten in einem pausenlosen Strom. Ein bißchen sahen sie aus wie die junge Königin Sirikit. Wenn auch mehr schnellebig als blaublütig, machten sie deutlich, daß zwei Drittel aller Bewohner der Metropole jünger als zwanzig Jahre sind.

Amors Abenteuerer und Amors Sehmänner pflügten sich durch das Gedränge, vorbei an Schleppern und Neppern und an den Straßenküchen, deren Duft vom Benzingestank überlagert wurde. »Mein Gott, diese Speisen müssen doch von Bakterien verseucht sein«, sorgte sich Odermatt.

»Die kochen so scharf, daß die Bakterien kaputtgehen«, erwiderte Casagrande lachend.

»Gilt das auch für die Mädchen?« fragte der Schweizer. »Sind die auch so scharf?«

»Die machen sie mit Cayennepfeffer an«, behauptete der Globetrotter. »Das sind Tausenfüßlerinnen der Erotik.«

Odermatts Zunge fuhr über die Lippen bei der Vorstellung, daß diese zierlichen Goldblumen tausend Beine haben könnten. »Das ist schon etwas anderes wie Zürich-Niederndorf«, sagte er, »Außerdem kennt einen hier kein Mensch.«

Sicherheitshalber drehte er sich um.

»Bis auf ein paar Tausend Rotarier«, versetzte Casagrande lachend. »Aber die treiben sich nicht hier herum —«

»Wenigstens nicht alle«, ergänzte er boshaft.

Die Luft war wie warmes Spülwasser, sie legte sich auf den Brustkasten, machte das Atmen schwer. Das Hemd klebte schweißnaß auf der Haut. Rundum plärrte Musik und blinzelten die Neonlichter nervös. In den Massagesalons warteten zahllose Mädchen mit Orchideen im Haar darauf, gepflückt zu werden und dabei den Farangs, den Fremden mit der weißen Haut, eine Gänsehaut zu machen.

Die drei vom »Oriental« hatten jetzt das tiefste Pat Pong erreicht, das größte Lotterviertel der Stadt. »Wollen wir einen kleinen Umweg machen?« schlug Casagrande vor. »Ganz schnell und unverbindlich?«

Bannister brummelte etwas Unverständliches, aber Odermatt war voll bei der Sache. Sie stiegen die Treppe hoch, erreichten den Vorraum der Erwartung: Mädchen hinter einer Glaswand, nebeneinander aufgereiht, zwitscherten wie Vögel in einer Voliere. Sie hatten winzige Bikinis an oder pompöse Abendkleider, hautenge Shorts oder selbstentworfene Phantasiekostüme. Sie waren Nummern-Girls und trugen ihre Zahl sichtbar, bereit, unverzüglich Bestellungen à la carte auszuführen — Appetithäppchen oder große Menüs, wobei jeder Bahtschein zum Handgriff würde.

»Und die Damen nebenan«, erklärte Casagrande, dem es Freude machte, Odermatt und vielleicht auch seinen Verleger in Versuchung zu führen, »die tragen nur ein Kleid aus Wind und Himmel —«

»Was ist das?« fragte der Bankmann kurzatmig.

»So nennt man in der Stadt der Engel das Evaskostüm«, erläuterte der Cicerone des Lotterviertels.

Seine Begleiter nahmen mit den Augen Maß: Bannister noch immer distanziert. Odermatt traf eine theoretische Wahl, und er konnte sich nicht entscheiden, das Angebot überforderte ihn. Das Verlangen gärte in seinem Gesicht. Es lief auf, schwoll an, ließ seine Augen kleiner wirken; sie sahen aus wie Rosinen im Hefeteig.

»Weiter, Freunde«, trieb sie Casagrande hinaus.

»Aber nicht mehr zu Fuß«, stöhnte Bannister. »Ich denke, es reicht jetzt.« Sie winkten ein Taxi heran. Der Wagen hielt mit kreischenden Bremsen. Wie verabredet fuhren die drei zur Sukhumvit Road zu dem großen Fisch-Supermarkt-Restaurant mit dem Slogan: If it swims we have it, und es gab hier tatsächlich alles, was schwamm: Jede Art von Fischen, Krebsen, Hummern, tagesfrisch auf Eis gelegt; Kenner kauften mit dem Zeigefinger, dazu frisches Gemüse, Salate, Gewürze und die Getränke.

Sie zahlten an der Kasse, schoben den Wagen in den Garten, suchten einen Platz und erklärten dann dem Kellner, wie sie die Fische zubereitet haben wollten. Der Mann brachte den Einkauf zu den Köchen, die vor allen Augen in großen Kupferkesseln die Meeresfrüchte brutzeln ließen.

Die Freiluft-Köche waren Meister ihres Fachs und das Restaurant nicht nur pittoresk, sondern auch ein Gourmet-Treffpunkt. Bangkok-Besucher erhielten die Adresse als Geheimtip, der offensichtlich doch zirkulierte, denn das originelle Gartenrestaurant mit der Fisch-Folklore war ständig gut besetzt.

»Zubereitung im Preis inbegriffen«, erläuterte Casagrande, der Weitgereiste, »Nur das Trinkgeld geht noch extra.«

Odermatt war noch immer ein wenig durcheinander. »Vielen Dank für die Pat-Pong-Führung«, sagte er. »Daß es so etwas gibt — ich war schon mal auf der Hamburger Reeperbahn — auf der Ginza in Tokio und im Kopenhagener Tivoli — von Amsterdam gar nicht zu reden —, aber Bangkok schlägt wirklich alles —«

»Gut, daß Sie Ihr Rotary-Abzeichen zu Hause gelassen haben«, spöttelte Casagrande.

»Das ist Zufall«, behauptete der Gnom aus Zürich. »Ich hab’s beim Umziehen vergessen —« Er schenkte sich Wein nach. »Außerdem bin ich kein Knopfloch-Mensch.«

»Zwei Ausreden sind immer schlechter als eine«, belehrte ihn der Autor. »Aber wir glauben Ihnen ja«, besänftigte er gleich wieder, »daß Sie kein Liederjan sind.«

Überraschend schnell servierte der Kellner das Dinner, genau nach Wunsch. Bannister, der beim Einkauf noch die Nase gerümpft hatte, ging noch einmal in den Supermarkt zurück, um einen Lobster zu erstehen, den er sich dann grillen ließ. Odermatt holte zwei Flaschen des hervorragenden Chablis und lud seine Begleiter dazu ein. »In Paris bekomm’ ich ihn nicht besser.«

Leise Thai-Musik hatte es schwer, sich gegen das Stimmengewirr durchzusetzen. Die Gäste waren frohgelaunt; teilweise herrschte Biergarten-Atmosphäre. Die menschliche Annäherung war nicht schwierig, denn die leicht im Wind schaukelnden Lampions spendeten nur schummeriges Licht.

Odermatt saß Bannister und seinem Hausautor gegenüber, genoß den Hummer, den Abend und die Vorstellung, daß er morgen abend allein durch Pat Pong streifen würde. Er wunderte sich, daß ein solches Viertel so nahe bei einem Nobelhotel liegen konnte, aber in der Stadt der Kontraste steht alles auf engstem Raum: Buddha-Tempel und Stundenhotels, fromme Bettelmönche und brutale Heroinhändler, Armut und Verschwendung, Geld und Liebe.

Casagrande sah, daß Odermatts Blick plötzlich starr wurde. Die Augen im teigigen Gesicht weiteten sich vor Überraschung.

»Nicht umdrehen«, sagte der Mann aus Zürich. »Sitzen Sie gut auf Ihrem Stuhl, Casagrande? Am besten halten Sie sich auch noch am Tisch fest. So, und jetzt wenden Sie den Kopf, ganz vorsichtig nach links«, wies er ihn an. »In Richtung des gelben Lampions — übernächster Tisch.«

Der Mann aus Monte Carlo folgte der Anweisung, mechanisch wie eine schnurgelenkte Puppe, mehr höflich als interessiert.

»Dear me«, sagte Bannister, der der Blickrichtung gefolgt war. »Really unbelieveable.«

»Wirklich nicht zu fassen«, stimmte ihm Casagrande zu, als er sich von seiner Verblüffung erholt hatte.

Martin Laimer saß neben der schönen Unbekannten mit der ungarischen Mutter, dem deutschen Vater, dem US-Adoptiv-Daddy und der Jugendzeit in vielen Ländern der Erde. Im spärlichen Licht wirkten die beiden wie ein Liebespaar; sie machten auch keine großen Umstände zu verbergen, daß sie einander nahestanden.

»Alle Achtung«, stellte der Geldmann fest. »Dieser Laimer hat uns ja ganz schön geleimt —«

»Richtig schlitzäugig, seine Besprechung mit dem Thai-Geschäftsfreunds bemerkte Bannister und lächelte schief. »Seht euch diesen Narren des Glücks an —«

»Der Kerl wirft glatt das Konzept meines neuen Romans um«, grollte Casagrande. »Der bringt meine ganze Dramaturgie durcheinander«, setzte er aufgebracht hinzu.

»Vielleicht hat Mr. Laimer ausnahmsweise einmal mehr Phantasie gehabt als du«, versetzte ihm Bannister einen Seitenhieb.

Sie drehten sich alle drei noch einmal und sahen zum gelben Lampion hin, wie um sich zu überzeugen, daß sie richtig gesehen hatten.

Daran konnte es keinen Zweifel geben.

4

Die improvisierte »Hole-in-one«-Feier im Clubhaus hatte sich in die Länge gezogen, denn die Gäste waren zu Gegeneinladungen übergegangen, um die Heldin des Tages zu feiern. Endlich gelang es den beiden Golferinnen, sich nach einem kleinen Imbiß loszureißen; schließlich würden sie morgen mittag abfliegen.

Es begann bereits zu dunkeln, als sie in Vale do Lobo wegfuhren. Die Nacht warf ihre Schatten voraus, doch ein zunehmender Mond zog am Himmel auf, bereit, die wunderbare Landschaft zu versilbern. »Dieses As war ein herrlicher Abschluß deiner Algarve-Tage«, stellte Milena fest.

»Herrlich schon«, erwiderte Lulu lachend, »aber mit fünfzehn Flaschen Schampus auch ziemlich kostspielig.«

Sie erreichten den Feriensitz der Deutlers. Nach dem Trubel im Clubhaus genossen die beiden nunmehr die Stille; sie war trügerisch — die Ruhe vor dem Sturm, den Lulus Enthüllungen bei ihrer Freundin auslösen müßten. Sie rauchte schweigend, suchte einen Einstieg in ein Gespräch, das sie dem Düsseldorfer Bankier Keil abnehmen sollte.

Der Abend war kühl, aber nicht kalt. Die beiden Frauen saßen auf der Terrasse, hoch über der Steilküste, und sahen auf das Meer hinaus. Ein säuselnder Wind streichelte die Wellen des Atlantiks, sie schrubbten den Strand und gluckerten dabei vor Zufriedenheit. Die Positionslampen der Fischerboote leuchteten wie Glühwürmchen.

»Ganz bestimmt werde ich zur Zeit der Mandelblüte wieder hier sein«, gab sich Milena selbst das Versprechen. »Diese Pracht kann man sich einfach nicht entgehen lassen.«

Lulu Casagrande nickte, wiewohl sie ihre Zweifel hatte. Wenn ihre Freundin nicht sofort handelte, würde sich Milenas Vater — und dadurch auch sein Konzern — in einen beispiellosen Schlamassel hineinmanövrieren. Die Wienerin kannte ihn nur flüchtig; flüchtig schien ihr das richtige Wort zu sein, denn bei allen Ereignissen, die nichts mit seiner Firma zu tun hatten, wirkte der Industrielle wie auf der Flucht. Gesellschaftliche Verpflichtungen, soweit sie Martin Laimer überhaupt anerkannte, absolvierte er gewissermaßen im Laufschritt. Wohl fühlte sich der Unternehmer offensichtlich nur im Kreise seiner Entwicklungs-Ingenieure; er hatte vermutlich nur Bits und Chips im Kopf, was immer das sein mochte.

»Hat sich dein Vater eigentlich nach dem Tod deiner Mutter sehr verändert?« fragte Lulu behutsam.

»Überhaupt nicht«, erwiderte Milena. »Er ist ein Mann, der sich nie ändert; er ist offensichtlich schon fertig auf die Welt gekommen.« Sie sprach ohne Eifer und Zorn. »Ohnedies ist er in letzter Zeit meistens in Amerika. Wir führten von jeher alles andere als ein normales Familienleben.« Ihr Lächeln war zweckentfremdet. »Manchmal habe ich mir überlegt, ob wir überhaupt eine Familie sind.« Milena wickelte sich fröstelnd in ihre Stola. »Vielleicht bin ich auch nur undankbar. Mein Vater hat immer bestens für meine Mutter, für mich und für meine Tochter gesorgt, und letztlich auch für das berufliche Fortkommen meines Mannes. Nie hat er einen Geburtstag überfahren oder sonst ein Familienereignis. Nie blieb ein auch nur angedeuteter Wunsch unerfüllt. Wir bekamen, was wir wollten, stets in allerbester Ausführung. Aber diese Geschenke schienen irgendwie vom Fließband zu kommen. Verstehst du mich, Lulu?«

»Nicht ganz.«

»Alle Aufmerksamkeiten meines Vaters wirkten seltsam unpersönlich, wie fernbestellt, nach dem Terminkalender. Immer großzügig, und doch schien stets etwas zu fehlen.«

»Die persönliche Zutat«, stellte Lulu fest.

»Das ist es wohl«, erwiderte die Freundin.

»Aber das soll kein Vorwurf sein, vielleicht ist es mit den Präsenten, die ich ihm mache, genauso. Vermutlich begehe ich den gleichen Fehler. Wir sind — wir waren — von jeher — eine ziemlich kühle Familie. Auf unseren Beziehungen lag immer so etwas wie Rauhreif.« Milena lächelte gezwungen. »Keine Auseinandersetzungen. Keine Probleme. So gut wie nie Streit. Natürlich auch keine Affären.«

»Wie alt ist dein Vater jetzt?«

»Er wird einundsechzig«, antwortete Milena. »Aber das siehst du ihm nicht an.«

»Macht er sich jung?« fragte Lulu.

»Nein. Er war eigentlich niemals richtig jung, und so wirkt er jetzt auch nicht wirklich alt.«

»Keine modischen Anzüge, keine bunten Krawatten?«

»Wie kommst du darauf?« fragte die Hausherrin verständnislos.

»Nun ja, Martin Laimer ist jetzt ins gefährliche Alter gekommen —«

»Da kennst du ihn aber schlecht. Er hat sich nicht einmal eine Midlife-Crisis geleistet.«

»Er macht sich nicht viel aus Frauen?« fragte die Frau des Romanciers direkt.

»So würde ich es nicht formulieren«, erwiderte Milena nach kurzem Nachdenken. »Mein Vater ist vermutlich im Umgang mit Frauen ein ganz normaler Mann, nur —«

»Nur —?« ermunterte Lulu die Freundin zum Weitersprechen.

»— hat er keinen diesbezüglichen Umgang«, behauptete die Tochter. »Er stellt alles zurück, was ihn auch nur eine Stunde von seinen Firmengeschäften abhalten könnte, Du mußt das verstehen, Lulu. Er kam aus kleinen Verhältnissen und wollte ganz hoch nach oben. Das hat Martin Laimer geschafft, in verblüffend kurzer Zeit, mit seiner exemplarischen Tüchtigkeit. Er ist ein Besessener. Sein Konzern ist sein Lebenswerk, seine Familie, seine Frau, seine Geliebte, die Summe seiner Wünsche und Träume.«

»Keine menschliche Schwäche?« hakte Lulu nach.

»Schwäche nicht«, antwortete die Freundin. »Vielleicht eine Marotte. Er hat sich konstant geweigert, meiner Mutter, mir oder meiner Tochter Firmenanteile zu übertragen.«

»Habt ihr das verlangt?«

»Niemals. Aber der Syndikus und unsere Finanzberater haben es vorgeschlagen, um die Steuerlast durch Besitzverteilung zu verringern. Davon wollte Vater nichts wissen, er antwortete da mit so einem dummen Spruch: ›Sein Hemd behält man bis zuletzt an und liefert es erst am Grab ab‹. Wenn du von ihrem Schmuck — Geschenke meines Vaters — absiehst, ist meine Mutter eigentlich als unbemittelte Frau gestorben.«

»Du hast von ihr die Juwelen geerbt?«

»Allerdings; sie sind übrigens von beträchtlichem Wert.«

Milena hatte nie über diese Dinge gesprochen, aber vielleicht machten sie zwei Glas Champagner heute gesprächiger. »Es war uns auch gleichgültig, denn mein Vater ist immer generös zu uns gewesen. Wir wissen, daß er nicht aus Geiz oder Mißtrauen so handelte, er wollte einfach den Konzern zusammenhalten und den Gewinn wieder investieren. Dadurch hat er sich aber auch eine beispiellose Tretmühle geschaffen; der Erfolg ist die Peitsche, mit der er sich selbst hetzt. Schade«, setzte sie hinzu. »Meinst du, daß es für einen Mann in einer solchen Situation übliche Versuchungen gibt, Fehltritte, andere Frauen?«

»Gerade für einen solchen Mann«, erwiderte Lulu, die Erfahrene. »Absurd«, gab Milena zurück. »Und welche Frau von einiger Qualität würde einen Mann solcher Lebensart überhaupt ei tragen?«

»Oh, da kenne ich viele«, entgegnete die Freundin. »Es ist gewiß ein Allgemeinplatz, aber der Erfolg eines Mannes ist nun einmal sein Sex-Appeal.«

»Du mußt es ja wissen.« Die Gastgeberin wurde anzüglich.

»Natürlich muß ich es wissen«, versetzte Casagrandes dritte und sechste Ehefrau. »Ich bin weder eine Heilige noch eine Heuchlerin, und ich war auch einmal jung und habe Erfahrungen gesammelt mit den Herren in den besten Jahren. Eigentlich gar keine so schlechten. Diese grauschläfigen Gentlemen sind meistens betucht, erfahren und großzügig, pflegeleicht und keine Langweiler. Sie setzen zwar zu großen Sprüngen an und legen dann mitunter Bauchlandungen aufs Parkett, aber im Gegensatz zu ihren jungen Geschlechtsgenossen wissen sie, was sie wollen — und wollen nicht unentwegt wie die Kaninchen. Und man kann sie auch mal allein lassen, ohne daß sie gleich einer anderen hinterherhecheln —«

»Interessant«, antwortete Milena gähnend. »Da hab’ ich ja wohl einiges versäumt in meinem Leben.«

»Wenn du mich fragst, hast du viel versäumt«, bestätigte die Freundin, »aber nicht unbedingt alternde Liebhaber. Sie machen nicht nur Freude.« Lulu schöpfte aus dem Schatz ihrer Erfahrung. »Der Haken ist der, daß die alten Schwerenöter immer älter werden, und ab einer bestimmten Epoche zählen die Jahre doppelt und dreifach. Stets mußt du ihnen bestätigen, wie jung sie eigentlich sind, und das wird, wenn du fünfundzwanzig Jahre und noch weit mehr ausgleichen sollst, mit der Zeit ermüdend. Ich will nicht pietätlos werden, aber diese Schwierigkeiten wären leichter zu ertragen, wenn man wüßte, wann der verliebte Methusalem den Löffel abgeben wird. Man würde dann weniger Gefahr laufen, seine besten Jahre zu vertrödeln — um dann wieder allein dazustehen —, und die Gefahr wäre gebannt, daß du eines Tages nicht mehr die Geliebte sein wirst, sondern nur noch eine Krankenpflegerin oder Nurse, die dem Alternden rechtzeitig seine Medizin verabreicht.« Sie sah, daß ihre Freundin die Stirn runzelte. »Ja, ja«, setzte Lulu hinzu, »Medizin ist bitter.«

»Wie kann man nur so zynisch sein«, rügte Milena. »Du sprichst doch wohl nicht im Ernst?«

»Und ob«, antwortete die Freundin. »Und für das erste Stadium gilt: ›Wenn alte Scheunen einmal in Brand geraten, brennen sie lichterloh‹.«

»Sprichst du jetzt von Cecil Casagrande — oder von Martin Laimer?« attackierte die Gastgeberin ihre Freundin. »Entschuldige, Lulu«, schwächte sie den Angriff gleich wieder ab. »Ich war taktlos — wie kommen wir eigentlich auf dieses Thema?«

»Nicht ganz zufällig«, erwiderte die Zynikerin und drückte ihre Zigarette aus. »Es tut mir leid, aber du mußt dir jetzt eine Geschichte anhören.«

»Wenn du meinst«, entgegnete Milena. »Ich höre.« Sie versteifte sich unbewußt.

»Die Phil-Palance-Story spielte in New York. Der Mann war Industrieller, ein Aufsteiger, ein Gigant des Erfolgs, ein bißchen älter als dein Vater, dem er in vielem ähnelte, zum Beispiel im Fanatismus für seine Firma und —«

»Du brauchts mir den Mann nicht weiter zu schildern«, unterbrach Milena. »Er war bereits Gast in unserem Düsseldorfer Haus — als Geschäftspartner unseres Konzerns.«

»Dann weißt du ja Bescheid. Mit Frauen hielt es Mr. Palance übrigens anders als dein Vater. Für sie hatte er immer eine Stunde übrig, aber die austauschbaren Gespielinnen kosteten ihn keine Minute Zeit darüber hinaus. Übrigens war er seit Jahren Witwer und wollte wohl auch seine männliche Aktivität beweisen. Plötzlich kam dann eine radikale Umkehr: Phil Palance war der Frau begegnet, von der viele Männer insgeheim träumen, zumindest, wenn sie in die Jahre kommen. Angeblich eine Halb-Ungarin, Mitte bis Ende Zwanzig, bildhübsch, anpassungsfähig wie keine andere, offensichtlich eine Spezialistin für gewisse Herren. Der Eintritt in ihren Club hat seine Bedingungen: Der Kandidat muß fortgeschrittenen Alters — sagen wir mal mindestens sechzig —, Millionär und noch gut erhalten sein. Phil Palance zum Beispiel, ein Hüne von einem Mann, angeblich kerngesund, war schon weit über Mitte Sechzig. Ein Autokrat in seinem Konzern, der keinen anderen ans Ruder ließ, schon gar nicht seine unfähigen Söhne. Zunächst wußte niemand von seiner Romanze mit einer jungen Frau, deren Vorleben übrigens auch jetzt noch völlig im Dunkel liegt.«

»Vielleicht ist sie eine Frau ohne Vergangenheit«, spottete Milena.

»Die schöne Unbekannte lebte zurückgezogen. Sie scheute Lärm, Aufsehen, Schwierigkeiten und Schlagzeilen. Sie haßte Skandale, Kunststück, schließlich lebte sie von der Diskretion.« Lulu überzeugte sich, daß die Freundin, wenn auch nur mäßig interessiert, noch zuhörte. »Sie ist offensichtlich auf Herren eines bestimmten Alters abonniert und —«

»Das kann aber auch ein handfester Vaterkomplex sein«, unterbrach Milena.

»Gewiß«, erwiderte die Freundin, »aber genausogut Berechnung. Stell dir vor: Wenn du genau weißt, was du willst, gibt es großartige Gelegenheiten für eine hübsche Spätzwanzigerin. Zum Beispiel ein Rotarier-Treffen, ideal für diesen Zweck, nicht? Die Herren sind meistens unbegleitet — Rotarierinnen gibt es ja nicht —, sind nicht mehr die Jüngsten, mit Sicherheit nicht arm und auch nicht unsolide — das ist doch wie Angeln in einem überfüllten Bassin.«

»Man merkt, daß du die Frau eines Romanciers bist«, sagte die Gastgeberin mit einem Anflug von Ironie. »Seine Phantasie hat sich wohl auf dich übertragen?«

»Zurück zu Phil Palance«, fuhr Lulu fort. »Es war für Wallstreet unvorstellbar, daß der Industrielle über Nacht von seinen Geschäften zurücktrat und — seine Söhne übergehend — einen Bevollmächtigten einsetzte, um künftig auf Privatreisen zu gehen, Auf einmal hieß es in Finanzkreisen: ›Cherchez la femme‹. Und die Dame wurde schließlich aufgespürt — als ständige Begleiterin von Phil Palance, der auf einmal noch etwas vom Leben haben wollte und bereit war, für seine Traumgeliebte alles aufzugeben.«

»Was für eine Schnulze«, sagte Milena. »Woher hast du eigentlich diesen Liebesroman?«

»Direkt aus New York. Philip Palance jr., der älteste Sohn des Verstorbenen, hat in der letzten Woche Bankier Keil — der in Deutschland seine Interessen vertritt — aufgesucht, um ihn zu warnen. Er läßt die Dame nach dem Tode seines Vaters überwachen.«

»Ziemlich unfein, was?«

»Schließlich hat der alte Palance mit diesem semi-ungarischen Wunderwesen den letzten Teil seines Lebens verbracht. Er war ihr völlig hörig und hat ihr in seinem Testament ein größeres Aktienpaket hinterlassen. Sein Konzern ist übrigens heute in einem traurigen Zustand —«

»Weil die Nachfolger nichts taugen«, versetzte Milena. »Woher stammen eigentlich deine Enthüllungen?«

»Von Bankier Keil.«

»Kaum zu glauben.« Milena schüttelte den Kopf. »Ich hätte ihn wirklich nicht für so eine Klatschbase gehalten.«

»Es handelt sich nicht um den üblichen Tratsch, sondern um eine wichtige Information«, entgegnete die blonde Wienerin. »Die geheimnisvolle Dame ist Miterbin eines Mannes, der unter reichlich dubiosen Umständen ganz plötzlich gestorben ist: Gehirnschlag oder Kreislaufkollaps — übrigens am Strand von Copacabana in Rio de Janeiro. Jedenfalls haben die brasilianischen Ärzte die Todesursache ziemlich unpräzise diagnostiziert, deshalb bemühen sich die Palance-Söhne bei den Behörden darum, die Leiche ihres Vaters exhumieren und untersuchen zu lassen. Sie haben den Verdacht, daß die Geliebte ihres Vaters bei seinem plötzlichen Ende etwas — etwas nachgeholfen haben könnte.«

»Du meinst, Phil Palance wurde von ihr vergiftet?«

»Ich meine gar nichts — die Söhne äußern diesen Verdacht.«

»Und so sie ihn begründen könnten, würde das der Dame vererbte Aktienpaket an sie fallen.«

»Anzunehmen.«

»Das wäre also ein Kampf der Erbschleicher gegen eine Erbgewinnlerin«, stellte die Düsseldorferin fest. »Wirklich mehr ein Thema für Cecil, deinen Mann. Unser Hausbankier muß ein Glas zuviel getrunken haben.«

»Er ist Diabetiker und trinkt nie Alkohol«, konstatierte Lulu. »Er wollte mit dir sprechen, aber er meinte, ich als deine Freundin könnte das vielleicht besser erledigen. Er hält sich übrigens morgen früh für ein Gespräch mit dir vor unserem Abflug bereit und erwartet dich in seinem Ferienhaus. Es ist ja nur ein kleiner Umweg auf der Fahrt nach Faro.«

»Kommt nicht in Frage«, erwiderte Milena.

»Die Idee, mit dir zu sprechen, stammt übrigens von Sissy, seiner Frau.«

»Aber was hab’ ich denn mit dieser Phil-Palance-Geschichte zu tun?«

»Mehr als du ahnst«, erwiderte die gutaussehende Blondine, die auch schon mit blauschwarzen und sanftroten Haaren aufgetreten war. »Du zwingst mich, meine Liebe, dir nichts zu ersparen. Weißt du, wo sich dein Vater zur Zeit aufhält?«

»In New York.«

»Nein. Er ist in Bangkok als Teilnehmer eines Rotarier-Treffens. Begleitet von einer Dame mit dem romantischen Namen Ilka, der Exgeliebten des verstorbenen Mr. Palance.«

»Ausgeschlossen«, behauptete die Gastgeberin ebenso verärgert wie verstört.

»Ruf deinen Mann an«, riet Lulu. »Er muß die derzeitige Adresse deines Vaters kennen.«

»Wenn du meinst«, erwiderte die Clubmeisterin nach kurzem Zögern.

Die Freundin wollte taktvoll den Raum verlassen, aber Milena forderte sie auf, dazubleiben. Die Verbindung kam sofort zustande. Die Anruferin hielt sich nicht mit Freundlichkeiten auf; auch auf den Beziehungen zu ihrem Mann schien Rauhreif zu liegen.

»Soweit ist alles in Ordnung, Hans-Georg«, sagte sie hastig statt eines Grußes. »Ich komme morgen wie vereinbart zurück.«

Nach einer kurzen Pause fragte sie: »Vater ist doch zur Zeit in den USA?«

»Nein«, erwiderte der Frühstücksdirektor des Martin-Laimer-Konzerns. »Er ist, ziemlich überraschend für uns alle, zu einem Rotarier-Treffen nach Bangkok geflogen und wird, wie es scheint, nicht so bald zurückkommen.«

»Rotarier?Treffen?« wiederholte Milena mit ein wenig schriller Stimme. »In Bangkok? Sag mal, Hans-Georg, hat er sich in letzter Zeit verändert?«

»Irgendwie schon —« antwortete ihr Mann. »Er kümmert sich nicht mehr um alles in der Firma, Erstmals delegiert er bestimmte Aufgaben und dann baut er mehr und mehr diesen schrecklichen Mike Nadler als seinen Thronfolger auf —«

»Und warum hast du mich das nicht wissen lassen?«

»Wann hätten wir je miteinander über deinen Vater gesprochen?« versetzte der Schwiegersohn des Industriellen.

»Also — bis morgen«, beendete Milena das Gespräch, legte mit klammen Fingern auf und starrte einen Moment lang ins Leere. »Sorry, Milena«, sagte die Freundin. »Ich wollte dich wirklich nicht quälen, aber du mußt sofort etwas unternehmen, um Martin Laimer von dieser Frau zu befreien. Sie versteht es meisterlich, mit älteren Herren umzugehen — bis zu deren Ende.«

»Das halte ich für Unsinn«, konterte Milena. »Aber es ist auch so schon schlimm genug. Verstehst du, Lulu, ich habe mir immer gewünscht, daß sich Vater etwas Zeit nimmt — aber für uns und nicht für eine andere.«

Die Freundin legte den Arm um Milenas Schultern. »Wenn du nicht sofort das Feuer austrittst«, drängte sie, »bekommst du eine fast zehn Jahre jüngere Stiefmutter, der dein mehr als doppelt so alter Vater mindestens die Hälfte seines Vermögens vererben wird.«

»Aber was soll ich tun?«

»Sprich zunächst mal mit dem Bankier Keil«, riet die Wienerin. »Du solltest ihm wirklich für seine Warnung dankbar sein.« Milenas Widerstand war gebrochen; sie erklärte sich bereit, vor dem Abflug Sissys Mann zu treffen.

5

Die Begleiterin Martin Laimers hatte in dem Spezialitäten-Restaurant für Meeresfrüchte an der Sukhumvit-Road noch vor dem Industriellen erkannt, daß ihr verliebtes Zusammensein beobachtet worden war. Ganz in der Nähe saßen Cecil Casagrande, der Autor, und zwei Herren aus der Rotarier-Runde, die sich heute nachmittag in der Halle des »Oriental« am Nebentisch ausgiebig über sie unterhalten hatten. Natürlich war es jetzt zu spät, nach dem Tête-à-tête auf optische Distanz zu ihrem Begleiter zu gehen, aber sie folgte einem mechanischen Impuls und zog ihre Hand von Laimers Arm zurück, rückte mit dem Stuhl ein wenig von ihm ab.

Der Mann auf Verjüngungskur vermißte ihre Zärtlichkeit sofort. »Was hast du denn?« fragte er, folgte ihrem Blick und erkannte die lästigen Zaungäste, die zu beflissen in eine andere Richtung sahen, um ihn darüber hinwegtäuschen zu können, daß sie ihn längst erkannt hatten.

»Da haben wir die Bescherung«, sagte die dunkle Schönheit mit dem unbeschriebenen Gesicht. »Wir hätten uns wirklich nicht so kindisch benehmen dürfen, Martin. Jedenfalls sitzen wir jetzt in der Falle.«

»Wir werden sie sprengen.«

Der Unternehmer war bereit, die Flucht nach vorne anzutreten. »Bitte sei nicht voreilig«, warnte ihn seine Begleiterin. »Ich könnte mich unauffällig davonmachen, und —«

»Nein«, unterbrach sie der Mann im hellen Anzug. »Schluß mit dieser Heimlichtuerei! Es ist für mich wie eine Erlösung.« Er erhob sich, um frontal die Voyeure seines Glücks anzugehen. »Guten Abend, Gentlemen«, begrüßte er sie. »Welch hübscher Zufall, daß wir uns hier begegnen«, behauptete er mit einem Gesichtsausdruck, der seine Worte Lügen strafte, »Ich fürchte, daß ich Ihnen eine Erklärung schulde.«

»Sie schulden uns gar nichts, Mr. Laimer«, erwiderte Cecil Casagrande großmütig; er spielte auf das Gespräch vom Nachmittag an. »Es freut uns, daß Sie Ihre Geschäftsbesprechung rasch genug hinter sich bringen konnten, um uns vorzuführen, daß Sie Ihre Flinte noch nicht vorzeitig ins Korn geworfen haben.«

»Ich flunkere wirklich selten«, behauptete Laimer ohne jede Verlegenheit, »weniger aus Wahrheitsliebe, sondern weil ich immer ertappt worden bin — das war schon in der Schule so.« Er lächelte knapp. »Ich hätte Sie natürlich Mrs. Bauer vorstellen müssen«, bezichtigte er sich der Unterlassung. »Aber Ihr Verhalten — verzeihen Sie —, das Ratespiel — das Sie veranstalteten — hat mich so amüsiert, daß ich es einfach nicht fertig brachte.« Spott überzog sein Gesicht wie ein Firnis. »Wenn man so in den Sielen steht wie ich, erlebt man ja privat wenig Unterhaltung und Abwechslung.«

»Reden Sie nicht darum herum«, erwiderte Odermatt. »Sie haben uns ganz schön hereingelegt. Jedenfalls sind wir die Blamierten.«

»Ich bitte um Entschuldigung und stelle mich der Wiedergutmachung«, entgegnete der Alleinherrscher eines Konzerns und lud das Herren-Trio an seinen Tisch ein.

Die drei Entdecker folgten ihm bereitwillig, mit viel Neugier und auch ein wenig Eifersucht.

»Mr. Casagrande kennst du ja schon, Ilonka«, konstatierte der Mann mit den buschigen Augenbrauen. »Ich möchte dir Herrn Odermatt, einen Bankier aus Zürich, vorstellen, und Mr. Bannister, den bekannten New Yorker Verleger.« Während sich die Herren artig verbeugten, setzte Laimer mit Spott und Stolz hinzu: »Und jetzt decouvriere ich Ihre Nachmittags-Sphinx: Ilka Bauer aus Rom, oder sage ich besser New York. Oder Paris.«

»Sie haben einen hübschen Vornamen, Madame«, stellte Casagrande fest.

»Ilka ist die Abkürzung von Ilonka«, antwortete die Umworbene. »Und das ist der ungarische Name für Helene.«

»Ilka oder Ilonka oder Helen — es handelt sich um die Dame, um deren Gunst ich mich seit einiger Zeit bemühe«, gestand Laimer, als seine Gäste Platz genommen hatten.

»Offensichtlich mit Erfolg?« bemerkte der Mann aus dem Steuerparadies Monte Carlo lachend.

»Aber ich bitte Sie, Mr. Casagrande«, entgegnete die entschlüsselte Schöne an Laimers Stelle. »In Ihren Romanen formulieren Sie solche Fragen weit eleganter.«

Die Herren lachten befreit.

Der Romancier entschuldigte sich für seine Plumpheit und setzte launig hinzu: »Für Ihre liebenswürdige Mitteilung, daß Sie meine Romane lesen, beziehe ich gerne eine Ohrfeige vor aller Augen.«

»Wie ich feststellte, haben Sie auch ›Chablis Grand crus‹ getrunken«, sagte Laimer.

»Ja«, bestätigte Casagrande. »Wir haben offensichtlich den gleichen Geschmack.« Mit einem anzüglich-feurigen Blick auf Ilonka lobte er: »Sehr feines Bukett, elegant im Körper, von delikater Frische.« Ein Ober brachte die Gläser an den Tisch und schenkte Wein ein. Martin Laimer hob das Glas und prostete den Gästen zu. »Sie sind die ersten, die erfahren, daß meine Begleiterin und ich einander nahestehen«, erklärte er.

»Das wird auch unter uns bleiben«, beteuerte Odermatt, als handele es sich um ein verschwiegenes Bankgeschäft.

»Nicht nötig«, wies der Einundsechzigjährige das Angebot zurück. »Sowie Ilonka damit einverstanden ist, werden wir unser Zusammensein legalisieren«, kündigte er an und setzte hinzu: »Wie es sich für einen Rotarier auch gehört.«

Diese Wendung des Gesprächs war der jungen Frau offensichtlich unangenehm. Sie erhob sich. »Ich muß mir unbedingt die Beine etwas vertreten«, erklärte sie und konnte nicht verhindern, daß sich ihr der Züricher Bankier als Beschützer anschloß.

An der Seite einer so schönen Frau wuchs Odermatt noch einmal ein Stück über seine Körpergröße und die raffiniert erhöhenden Schuhabsätze hinaus.

Casagrande sah den beiden nach. »Meinen Glückwunsch, Herr Laimer«, sagte er. »Die Laudatio für Ihre Dame haben wir ja schon heute nachmittag gehalten, bevor wir wußten, daß Sie zu ihr gehören. Sie hat wirklich alles, was einen Mann entzücken muß. Ich gratuliere Ihnen zu Ihrem Geschmack, Entschuldigen Sie bitte, aber ich kann meine Neugier einfach nicht zügeln: Wo und wie lernt man ein solches Ereignis von Frau kennen?«

»Durch Zufall«, erwiderte der Unternehmer. »Wenn man Glück hat, auf dem Flug von New York nach Frankfurt.« Strahlend ergänzte er: »Ich hatte Glück.«

»Ich muß doch immer in der falschen Maschine sitzen«, klagte der Literat, und Bannister und Laimer lachten lauthals.

»Ehrlich gesagt, ich habe mich benommen wie ein Trottel«, gestand der Unternehmer. »Ich verdiene Ilka eigentlich gar nicht. Sie ist mir zugefallen wie der Haupttreffer einer Lotterie.«

»Beneidenswert«, versetzte der Verleger.

»Ich hatte und habe große Hemmungen zu überwinden«, fuhr Laimer fort.

»Das verstehe ich nun wirklich nicht«, meinte Casagrande. »Ilonka ist zu schade für eine befristete Romanze«, erklärte der Industrielle. »Gegen eine dauernde Beziehung aber sprechen mehr als drei Jahrzehnte Altersunterschied. Genau einunddreißig Jahre.«

»Das ist doch nur eine Zahl«, spielte Casagrande die Differenz herab, und auch Bannister stimmte durch lebhaftes Kopfnicken zu, wiewohl er wußte, daß Zahlen die Grundsubstanz von Rechenfehlern sind.

Odermatt und Ilonka kamen zurück mit drei Flaschen Wein, und Laimer schätzte besorgt ab, wie lange ihm heute noch der Weg in das vierarmige Paradies versperrt bliebe — aber das ungleiche Paar würde noch viel Zeit miteinander haben; die beiden wollten über Weihnachten und Neujahr in Fernost bleiben. Auf einmal spürte der Unternehmer, wieviel Freude es ihm bereitete, seinen neiderfüllten Geschlechtsgenossen die junge Geliebte vorzuführen, die so sauber, so liebevoll, so begehrenswert wie unbegehrlich war, kurzum, die Frau, der man nur einmal im Leben begegnet. Sehr spät, gewiß — aber vielleicht gerade doch noch rechtzeitig.

Als der Abend auszuufern drohte, bewies seine Begleiterin einmal mehr, wie sehr sie auf ihn einging. »Ich bin müde«, sagte Ilonka. »Bringst du mich ins Hotel, Martin?«

Er erhob sich sofort.

Casagrande drückte sein lebhaftes Bedauern über ihren Entschluß aufzubrechen aus. »Aber Sie kommen doch in meine Lesung am Freitag, Mrs. Bauer?« fragte er.

»Ilonka«, verbesserte sie. »Ehrensache«, versprach die Schöne, nickte allen dreien zu, als sei ihr jeder von ihnen der Liebste, bevor sie mit ihrem Begleiter verschwand.

Die Zurückbleibendlen sahen ihr überwältigt nach.

»Was macht die Dramaturgie für dein nächstes Buch, Cecil?« spottete Bannister.

»Ach, weißt du, George, es gibt Romane, die man schreibt, und solche, die man erlebt«, erwiderte der Starautor.

»Und von welcher Version sprichst du momentan?«

»Du weißt, das geschriebene Wort geht mir über alles —«

»Außer Chablis«, alberte Odermatt leicht beschwipst und schenkte seinen Begleitern nach, während die Liebenden von Bangkok ein Taxi erreichten.

»Hotel ›Dusit Thani‹«, rief Laimer dem Fahrer zu.

Sie saßen im Fond, eng umschlungen, stumm, voll Freude aneinander, überwältigt von der Erwartung aufeinander. Die letzten Monate hatten das Leben eines Mannes umgekrempelt, dessen Ziel und Befähigung es immer gewesen war, Umsätze zu steigern, Innovationen vor der Konkurrenz herauszubringen, Gewinne zu erhöhen und durch Investitionen seinen Konzern in eine fortgesetzte Expansion zu treiben. So hatte es Martin Laimer immer gehalten, von kleinen Anfängen bis in eine unerwartet schwindelnde Höhe — aber seit er Ilonka kannte, wertete der Unternehmer die Erfolge von gestern und heute — sein Lebenswerk — nur noch als einbringliche Ersatzbefriedigung — wie vor ihm Phil Palance, dem Laimer als Geschäftsfreund verbunden war und der ihm, so absurd es auch schien, den Weg zu Ilka geebnet hatte.

Es war vor knapp sechs Monaten gewesen. Die 747 befand sich auf einem ihrer ersten Atlantikflüge. Die Touristenkabine war fast ganz ausgebucht, im First-Class-Abteil vorne klafften einige Lücken. Martin Laimer, dem Pendler zwischen den Kontinenten, war — wie allen anderen Passagieren — die junge, alleinreisende Frau bereits aufgefallen, bevor sie von der Stewardeß zu einem der bequemen Sessel in seiner unmittelbaren Nachbarschaft eingewiesen wurde. Er grüßte die Mitreisende mit einem höflichen Kopfnicken und einem knappen Lächeln. Laimer begegnete ihr so wie allen Menschen seiner Umgebung: höflich, doch distanziert. Er empfand es als angenehm, daß sie nichts dazu tat, diesen unpersönlichen Status zu ändern. Der Spitzenmann der elektronischen Industrie haßte es, von Menschen, die er nicht kannte, in Gespräche verwickelt zu werden, die ihn nicht interessierten. Später amüsierte ihn, wie die junge Frau die mehr oder weniger geschickten Annäherungsversuche männlicher Mitpassagiere ins Leere laufen ließ; sie wirkte dabei weder arrogant noch schnippisch — sie zeigte Haltung, Reserve, Individualität.

Das konnten auch andere Damen vorweisen, aber wenige im Alter dieser jungen Frau im anthrazitfarbenen Reisekostüm. Diese Beobachtungen machte der Unternehmer mehr aus Gewohnheit, denn aus Neugier. Erst viel später kam ihm der Verdacht, daß ihn die ungewöhnliche Passagierin neben ihm vom ersten Moment an beschäftigt haben könnte.

Wenn es der Fall war, hatte Martin Laimer jedenfalls nichts dazu getan, weder stumm mit den Augen und schon gar nicht mit Worten. Der Mann aus New York und Düsseldorf, zu Hause in aller Welt, flog zum erstenmal mit einem Jumbo-Jet und begann die Annehmlichkeiten des Riesenvogels zu genießen. Das Düsengeräusch war gedämpft, Windböen konnten dem Großraumflugzeug weit weniger anhaben als anderen Maschinen, und oben, über eine Wendeltreppe erreichbar und gleich hinter dem Cockpit, erwartete die Erste-Klasse-Passagiere eine kleine Cocktailbar. Der Vielbeschäftigte empfand es als angenehm, nicht, weil er sich aus Trinken viel gemacht hätte, sondern weil er nicht stundenlang im Sessel sitzen, sondern sich während des Fluges an Bord ein wenig bewegen konnte.

Seine schöne Nachbarin las das »Time«-Magazin; er empfand es wohltuend, daß sie nicht rauchte und auch den von der Stewardeß angebotenen Sekt zurückwies, wiewohl er ihr kaum so nahe kommen würde, daß ihn Nikotinatem und Alkoholgeruch stören könnten. Sie las interessiert und intensiv und wirkte dabei intelligent, doch durchaus nicht intellektuell.

Sie griff nach der nächsten Zeitschrift: »Fortune«, das bekannte US-Wirtschaftsmagazin.

Sie sah auf das Titelblatt — und stutzte, betrachtete den Mann auf dem Cover mit den buschigen Augenbrauen und den vollen, leicht gewellten Haaren.

»Sind Sie das?« fragte sie und hob die Zeitschrift so, daß der Mitreisende sich wie in einem Spiegel sehen konnte.

»Ganz recht«, bestätigte er, offensichtlich erstmals mit der »Fortune«-Titelstory konfrontiert. »Aber sagen Sie es bitte nicht weiter.« Seine Nachbarin nickte ihm zu. »Ich hab’ dieses Exemplar druckfeucht am Airport erworben«, erklärte sie. »Sorry — aber jetzt werde ich mich mit Ihrem Steckbrief befassen.«

Martin Laimer hatte natürlich gewußt, daß die Zeitschrift demnächst einen Artikel über ihn bringen würde, aber er war ein Mann, der nicht selbst las, sondern lesen ließ — dafür hatte er eine Presseabteilung. Erst wenn sie ihn darauf aufmerksam machte, daß eine Veröffentlichung wichtig sei, befaßte er sich mit ihr.

Fünf Monate lang haben wir uns um ein Gespräch mit dem Außenseiter, Aufsteiger und Tycoon der elektronischen Branche bemüht Fast erschien es uns leichter, an den US-Präsidenten in Washington oder an den Papst in Rom heranzukommen als an Mr. Laimer in New York. Schließlich stellte er sich diesem Gespräch unter der Auflage, daß es nicht länger als dreißig Minuten dauere. Daß es dann doch siebenundvierzig wurden, verdanken wir ausschließlich der Tatsache, daß einer unserer Reporter als ausgesprochener Computer-Freak auftreten konnte.

Der einundsechzigjährige Alleinherrscher eines erstaunlichen Konzerns wirkt zehn Jahre jünger, hat graue Augen und trägt grundsätzlich nur blaue Anzüge, als litte er an einer Art Matrosen-Sehnsucht. Sicher würde er auch als Seemann auf der Kommandobrücke stehen.

Im Gespräch erweist sich Mr. Laimer als abwartend, konzentriert, wie auf dem Sprung. Er reist mit einem US-Paß oder mit deutschen Personalpapieren; er ist ein deutscher Amerikaner oder ein amerikanischer Deutscher, vermutlich weiß er das selbst nicht genau, weil ihm die Zeit fehlt, darüber nachzudenken. Der Unternehmer, eine repräsentative Erscheinung, wirkt durchaus unauffällig.

Vor zwanzig Jahren hatte ›Siemens‹, der mächtigste deutsche Elektro-Trust, versucht, die Einzelfirma Laimer aufzukaufen und ihn als Berater auf Lebenszeit zu gewinnen. Der Alleinherrscher rang erbittert um seine Selbständigkeit und setzte sich schließlich durch.

Vor zehn Jahren wollte der US-Riese IBM Mr. Laimers Lebenswerk schlucken, aber da war der Brocken bereits zu groß geworden. Tatsächlich hat der Mann aus Germany, der in seinen Anfängen von den Fachleuten nicht ernst genommen worden war, inzwischen seiner Konkurrenz das Fürchten beigebracht. Im Krokodilsteich dieser Branche braucht Mr. Laimer sich heute nicht mehr zu ängstigen, aufgefressen zu werden; eher beißt schon er selbst einem anderen Reptil ein Bein ab …

Die Leserin mit den sanftbraunen Augen und den halblangen Haaren blätterte um.

»Schlimm?« fragte der Passagier neben ihr.

»Keineswegs«, erwiderte sie. »Durchaus schmeichelhaft — bis jetzt«, entgegnete sie und las weiter:

Mr. Laimer macht Riesengewinne, aber Geld hat für ihn nur den Zweck, seinen Konzern immer weiter zu vergrößern. Seine schon manische Arbeitswut erlaubt ihm kein Privatleben. Er kommt so wenig zum medizinischen Check-up wie zum süßen Leben. Über den Tycoon, seit zwei Jahren Witwer, gibt es nicht einmal Gerüchte, Affären betreffend. Er ist, wieman in seiner Heimat sagt, ein Dickschädel, der sich ungern in seine Geschäfte hineinreden läßt, aber dabei auch nicht der unnahbare Boß. Er hat sich eine Crew erstklassiger Entwicklungs-lngenieure herangebildet. Er verwöhnt — zum Ärger anderer Firmen — seine Mitarbeiter durch einzigartige Sozialleistungen, nicht nur pekuniär, sondern auch psychologisch; so steht er zum Beispiel jeden Tag beim Lunch in Reih und Glied am Eßbüfett und weigert sich, bevorzugt bedient zu werden.

Privatleben, wie gesagt: Fehlanzeige. Die einzige Tochter des Unternehmers und sein Enkelkind leben in Deutschland — es besteht Grund zur Annahme, daß er seine Entwicklung-Ingenieure und Direktoren häufiger sieht als seine nächsten Angehörigen …

»Hier«, sagte die Mitreisende und schob Laimer die »Fortune«-Ausgabe mit dem Datum von heute zu. »Sie sind ja fast schon eine Legende, Mr. Laimer.«

Eine halbe Stunde später saßen der Mann und die Schöne nebeneinander an der Cocktailbar und tranken Kaffee. Sie führten ein Gespräch, das zunächst vorwiegend aus Pausen bestand. Der erfolgreiche Unternehmer hatte wenig Erfahrung im Umgang mit Frauen, aber er war ein ausgezeichneter Menschenkenner; schon bald fiel ihm bei dieser Endzwanzigerin eine Ausstrahlung von Schwermut und Einsamkeit auf.

»Pardon, Mr. Laimer«, sagte sie, als hätte sie seine Gedanken erraten. »Ich bin ziemlich ungesellig. Ich war früher nicht so, aber —« Sie wollte abbrechen, doch ihr Begleiter ermunterte sie zum Weitersprechen. »Ich habe vor einem Jahr einen Freund verloren — eigentlich war er für mich viel mehr als ein Freund — und ich komme über den Verlust einfach nicht hinweg.«

»Es tut mir leid«, erwiderte der Mann im blauen Anzug und ärgerte sich, daß es ihm nicht gegeben war, eine herzlichere Teilnahme zu bekunden.

»Übrigens war der Mann, um den ich trauere, ein Geschäftsfreund von Ihnen«, erklärte die junge Frau mit einem wehmütigen Lächeln. »Entschuldigen Sie, daß ich Sie mit meinem Privatleben belästige — ich spreche nie darüber, ich hab’ auch keinen Menschen, an den ich mich wenden könnte —«

»Sie sagten, ein Geschäftsfreund von mir?«

»Ja«, erwiderte sie und setzte mit einem traurigen Lächeln hinzu: »Mr. Palance hat gelegentlich über Sie gesprochen.«

»Palance?« Laimer fixierte seine Gesprächspartnerin, als sähe er sie zum ersten Mal. »Dann sind Sie —«

»— die Frau, derentwegen Phil das Ruder seiner Firma aus der Hand gegeben hatte. Ich heiße Ilonka Bauer und mache mir große Vorwürfe, daß ich ihn nicht davon zurückgehalten habe.«

»Unnötig«, entgegnete der frühere Geschäftsfreund. »Phil war alt genug, um zu wissen, was er tat. Und Sie sind noch so jung und —« Erstmals ohne Absicht legte er seine Hand auf ihren Arm, sie zog ihn nicht zurück. »Wenn sich Phil noch äußern könnte«, setzte er nachdenklich hinzu, »meinen Sie, er würde die letzte Zeit mit Ihnen gegen sein vorheriges Leben eintauschen wollen?«

»Nein, das glaube ich nicht«, antwortete Ilonka mit glänzenden Augen. »Trotzdem — vielleicht würde er — andernfalls noch leben —«

Laimer hatte bei der Palance-Beerdigung gefehlt, weil er zu dieser Zeit von Geschäftsgesprächen in Peking festgehalten wurde. Als er aus dem Reich der Mitte zurückkehrte — selbstverständlich mit drei neuen Verträgen — war er ungehalten über das unverschuldete Versäumnis. Zum Erstaunen seiner Mitarbeiter fuhr er noch vor der angesetzten Konferenz mit Blumen auf den Armenfriedhof von Brooklyn. Und jetzt saß Martin Laimer der jungen Frau gegenüber, die Phils letzte Liebe gewesen war, seine größte — seine endgültige.

»Ja, Mrs. Bauer«, bestätigte er. »Phil war einer unserer wichtigsten Zulieferanten, aber darüber hinaus wurden wir mit der Zeit auch so etwas wie Freunde.«

»Vielleicht eine Art Wahlverwandtschaft«, versetzte Ilonka.

»Sie sind ja ein verteufelt kluges Kind«, entgegnete er.

»Ist man mit neunundzwanzig noch ein Kind?«

»Sorry«, entschuldigte er sich. »Sicher nicht.«

Laimer hatte morgen eine wichtige Geschäftsbesprechung in Frankfurt. Um den Zeitunterschied zu verkraften, flog er in solchen Fällen einen halben Tag früher als unbedingt nötig. Statt sich, wie sonst, auszuruhen, lud er Phils letzte Liebe zum Abendessen ein.

»Ich hoffe, Sie mißversteher mich nicht«, legte er die Grenzen fest. »Ich habe es immer als bedrückend empfunden, daß ich von Phil keinen Abschied genommen hatte — und Sie brauchen vielleicht einen Menschen, mit dem Sie über ihn sprechen können.«

»Ich verstehe Sie sehr wohl, Mr. Laimer«, entgegnete Ilonka. »Und ich möchte Ihnen herzlich danken.«

Von da ab begann für beide eine seltsame Zeit. Sie näherten sich einander auf großen Umwegen, voller Hemmungen. Zwar verabredeten sie sich immer wieder, aber dabei schienen sie sich irgendwie aus dem Weg zu gehen. Laimer sah, wie die junge Frau noch immer unter dem plötzlichen Tod eines Unersetzlichen litt, und es beeindruckte ihn ungemein. Takt und Pietät schlossen eine bestimmte Art von Annäherung an Ilonka aus.

Der Himmelsstürmer war in seinem Leben nicht immer der absolute Mönch gewesen, als den man ihn schilderte — auch Mönche können sündigen, wenn auch selten und unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Laimer spürte zunehmend Verliebtheit und Mißtrauen gegen eine so früh Perfekte, vor allem aber Mißtrauen gegen sich selbst, weil er an Ilonka keine Fehler entdeckte.

Er hatte sie nie beim Lügen oder auch nur beim Flunkern ertappt. Was immer sie tat oder sagte, war überlegt, mitunter sogar überlegen. Immer mehr entsprach sie dem Traumbild einer Frau. Aber hatte er sich denn jemals ein weibliches Idol zurechtgelegt? Wenn der Mensch sich seinen Gott schnitzt, wird es ein Götze. Huldigte der Selfmademan bereits einer Art Heidenkult? Oder Hexenkult? Oder Liebeskult? Martin Laimer begann zu rechnen; er brauchte keines seiner Produkte, um auf den genauen Altersunterschied zu kommen, Er fühlte sich jung und gesund, doch nun hingen auf einmal die Jahre an ihm wie Trimmgewichte.

Sie kam, sah und siegte — über seine Zweifel und Befürchtungen.

Ihr Wunsch, sich diskret zu treffen, kam ihm entgegen. Und Ilonka wurde immer reizvoller, unwiderstehlicher und bei aller Anpassung dominanter. Die Gegenwart geriet zum Duell mit seiner Vergangenheit. Der Traum vom neuen Leben vergriff sich an seinem bisherigen Lebenswerk. Da Laimer keinen Weg sah, der zu Ilonka führen könnte, trug er den berühmten Kampf mit den Windmühlenflügeln aus: Don Quichotte mußte ihn verlieren, aber er spürte, daß er ihn eines Tages gewinnen könnte — auch wenn es ein Pyrrhus-Sieg würde.

Inzwischen waren die beiden echte Freunde geworden, die mit der Zeit mehr über sich sprachen als über den toten Phil Palance. Einer der albernsten Gemeinplätze ist zugleich einer der zutreffendsten: Das Leben geht weiter. Und so avancierte Laimer vom Tröster zu einem Kandidaten.

Ilka mußte es längst bemerkt haben, aber sie tat nichts dagegen. Schlag um Schlag zertrümmerte Martin Laimer die Tabus seines Lebens: Er liebte, wohl zum erstenMal stand er zwischen himmelhoch jauchzend — zu Tode betrübt. Im Gegensatz zur Anfangszeit ihrer Bekanntschaft machte er jetzt zwei Schritte vor und nur einen zurück — und der scheinbar an der Torheit gestorbene Phil Palance klopfte ihm dabei wie ein Komplize auf die Schulter.

Martins Körper putschte gegen seine Zurückhaltung. Wenn er die junge Frau ansah, spürte er eine Gänsehaut auf dem Rücken. Nachts begann er von ihr zu träumen, aber schlimmer wurde es, als er bei wichtigen Besprechungen ins Leere blickte, ihre Nähe spürte und die Freundin gewaltsam aus dem Paradies verschwommener Träume vertreiben mußte. Der Einundsechzigjährige konnte Jahre addieren und abziehen wie er wollte, der Trieb rechnete nicht nach Adam Riese.

Bisher hatte Ilka, um — wie sie sagte — ihre Selbständigkeit zu wahren, keine Geschenke außer Kleinigkeiten und Blumen akzeptiert; ihr Aufwand ließ erkennen, daß sie auf Alimentation auch nicht angewiesen war. Trotzdem fand der beherrschte Bewerber ihre extreme Zurückhaltung lächerlich und verkrampft. Er ging zu »Tiffany«, New Yorks berühmten Juwelier in New Yorks berühmtester Straße, der Fifth Avenue, und erstand ein besonders hübsch und kostspielig gearbeitetes Brillantkollier, das er geduldig unter den Kreationen, des Hauses selbst aussuchte. Auch die persönliche Zutat, ein paar herzliche Zeilen, fehlte nicht. Er ließ das fürstliche Präsent auf den Boden einer Orchideenschachtel verpacken.

Er war einer der letzten Kunden dieses Tages gewesen und fuhr mit dem Taxi an die Ostseite des Central Parks, wo Phils morganatische Witwe ein herrliches Penthouse-Apartment bewohnte. Nach Osten und Süden hatte sie einen faszinierenden Ausblick auf Manhattans wilde Häuserschluchten und verwegene Wolkerlkratzer. Auf der Westseite wohnte sie weit über der Gipfelhöhe der Bäume, ganz im Grünen.

»Du verwöhnst mich schrecklich, Martin«, empfing sie den Freund mit ihrem betörenden Grübchen-Lächeln. »Herzlichen Dank«, setzte sie hinzu und küßte ihn auf die Wange. Sie stellte das Blumengebinde auf eine Vitrine. »Das hast du nun von deiner Verschwendungssucht«, fügte sie mit zärtlichem Tadel hinzu. »Ich muß erst eine Orchideenvase freimachen.« Mit ihrem Einfuhr lungsvermögen erfaßte Ilonka, daß der Besucher in Eile war. »Du kannst dich heute abend nicht freimachen?«

»Leider nicht«, erwiderte er. »Aber wenn du willst, könnten wir morgen nach dem Lunch Zusammensein.«

»Und ob ich das möchte«, entgegnete sie. »Hier. Ich will dir auch einmal eine Kleinigkeit schenken.« Sie überreichte Martin ihren Hausschlüssel. »Du kannst künftig kommen, wann du willst. Wenn ich nicht da bin, überlasse ich dir auf einem Zettel, wo du mich triffst.«

Es war eine Schlacht mit verkehrten Fronten. Der Unternehmer zog als Beschenkter ab, zunächst ein wenig enttäuscht, daß Ilonka das schöne Stück aus Tiffänys Kollektion nicht gleich entdeckt hatte. Aber vielleicht war es besser so, denn sie könnte zunächst zornig werden. Ilonka war sehr ordentlich; sicher würde sie die exotischen Blumen gleich ins Wasser stellen und dabei seinen Brief und sein Präsent entdecken. Er hielt ihren Hausschlüssel noch immer in der Hand, mit dem er nunmehr jederzeit ein Paradies aufschließen konnte, das er sich bislang selbst verwehrt hatte.

Bei ihrer nächsten Begegnung würde Ilonka sein Kollier tragen, und wenn man einen Menschen über die Maßen mag — Martin Laimer unterdrückte noch immer die Erkenntnis, daß er längst Phils Hinterbliebene liebte —, brennen auch die kleinen Momente des Lebens wie Freudenfeuer.

In diesem Spätsommer erlebte New York eine Schönwetterperiode. Ein Tag war schöner als der andere. Laimer flüchtete förmlich auf dem Weg vom Taxi zu Ilonkas Hauseingang. Er ließ sich mit dem Lift hochkatapultieren, klingelte stürmisch, aber nichts rührte sich, bis ihm einfiel, daß er nunmehr ja einen Schlüssel besaß.

Er sperrte auf und fand die Freundin auf ihrer Terrasse beim Sonnenbaden — und wenn man einen Bikini anhat, trägt man keinen Schmuck. Der Besucher stellte es nur flüchtig fest. Er betrachtete den geschmeidigen Körper mit der gebräunten Haut, Das Verlangen überflutete ihn wie ein Sturzbach.

»Warum starrst du mich so an?« fragte Ilonka lachend.

»Wie — wie seh’ ich denn aus?«

»Verwirrt und bedrängt«, entgegnete sie.

»Das bin ich auch«, gestand der Mann mit rauher Stimme; er atmete schwer. Sein Blick konnte sich nicht von dem herrlich gewachsenen Körper lösen. Die Selbstbeherrschung, die Übung seines Lebens, trieb Schindluder mit ihm. Er kannte Ilonkas Körper schon, bevor ihn seine Hände erschlossen hatten, jetzt aber spürte er die Sehnsucht auf seiner Haut wie einen Flächenbrand. »Du siehst ja zum Fürchten aus«, sagte sie neckend, »aber sei unbesorgt, ich fürchte mich nicht.«

»Du bringst mich völlig durcheinander —«

Sie gab sich kokett. »Es wäre doch wohl auch ziemlich traurig, wenn ich das nicht täte. Oder meinst du nicht?« Übergangslos setzte sie hinzu:»Aber ich muß mit dir sprechen. Es ist wichtig.« Sie erhob sich, eilte in den Wohnraum, um etwas zu holen. Als sie an ihm vorbeiging, roch er den Duft ihrer Haut. Er mußte an sich halten, um sie nicht an sich zu reißen.

Sie kam sofort zurück, überreichte dem Verständnislosen die Quittung einer gemeinnützigen Gesellschaft zur Bekämpfung der Kinderlähmung, ausgestellt auf eine Summe von rund zehntausend Dollar. »Wie du am Datum siehst, habe ich das heute einbezahlt.«

»Bist du denn so reich?« fragte er unkonzentriert.

»Zehntausend Dollar sind genau neunzig Prozent des Betrags, den du gestern bei ›Tiffany‹ für dieses herrliche Brillantkollier bezahlt hast. Zehn Prozent Verkaufsprovision hat der Juwelierladen einbehalten. Für die anderen neunzig Prozent danke ich dir herzlich — im Namen der an Polio erkrankten Kinder, denen mit dem Betrag geholfen werden soll.« Ilonka beobachtete ihn sorgfältig;, sah, daß er zunächst überrumpelt, dann verärgert und zuletzt beeindruckt war. »Ich weiß, daß du ein vielfacher Millionär bist — oder vielleicht sogar noch mehr. Abgesehen davon, daß ich den armen Kleinen wirklich helfen will, mußte ich dir ein für allemal im Interesse unserer — unserer Beziehung eine Lektion erteilen.«

»Ich versteh’ dich nicht ganz«, entgegnete Laimer ich gebe dir einen Blankoscheck für kranke Kinder oder sonst einen guten Zweck, und du kannst von mir aus die zehnfache Summe oder auch mehr einsetzen.«

»Die Wohltätigkeit war letztlich doch nur mein zweites Motiv —« Der Unternehmer schüttelte den Kopf.

»Ich möchte dir etwas sagen«, fuhr sie fort. »Du kannst mich haben, wann immer du willst, wo du willst und wie du willst. Aber —« Ilonka spuckte das Wort aus wie ein Sandkorn. »Gratis!«Sie provozierte Martin Laimer. »Du brauchst nicht verlegen zu werden. Du solltest mir nur eine Antwort geben. Also«, sagte sie und ging aggressiv auf ihn zu:»Willst du mich haben — oder nicht?«

»So diabolisch kann man doch nicht fragen.«

»Also nein.«

Er schüttelte den Kopf. »Also ja?«

»Ich bin kein junger Spring-ins-Feld mehr. Eine Entscheidung von solcher — solcher Gewichtigkeit will überlegt sein — in deinem Interesse, Ilonka«, entgegnete er.

»Wie lange überlegen wir schon?«

»Ziemliche Zeit«, entgegnete Laimer.

»Ich möchte heute dir gegen dich selbst beistehen: Entweder du verführst mich«, attackierte sie ihn. »Oder ich dich. Ich will dich haben, ohne Wenn und ohne Aber, und zwar sofort, auf der Stelle.«

»Du — du bist großartig«, stöhnte er.

»Weil ich dich liebe«, antwortete sie.

Sein Widerstand war am Ende; er war entschlossen, sich auf das Hochseil ohne Netz zu schwingen — er war nicht schwindelfrei —, aber auf der anderen Seite stand Eva, stand Aphrodite, stand Ilonka.

Sie hatte ihn aus seiner Erstarrung gebrochen.

Er hob sie auf die Arme, trug sie in das Schlafzimmer und legte sie behutsam auf das Bett. Ihre Augen und ihre Hände hielten sich im Clinch fest. Sie überstürzten nichts. Wie bestellt strömte aus dem Radio eine zärtliche Melodie in den Raum: As time goes by, das Leitmotiv des berühmten Kultfilms »Casablanca«.

Wie auch die Zeit vergeht —

you must remember this — du mußt daran denken —

a kiss is still a kiss — ein Kuß bleiht ein Kuß —

a sigh is still a sigh — ein Seufzer bleiht ein Seufzer —

the fundamental things apply — die wesentlichen Dinge blei-

ben — as time goes by — auch wenn die Zeit vergeht —

»Unser Lied«, sagte Ilonka und sah ihn immer noch unverwandt an, auch als er in sie eindrang und sie, sich an den Händen haltend, abstürzten und einzogen in die irdische Glückseligkeit — in New York, vor dreieinhalb Monaten.

»Turn up!« forderte der Fahrgast jetzt in Bangkok den Taxi-Fahrer auf, das Radio lauter zu drehen. Der Wagen hatte soeben die Einfahrt zum ›Dusit Thani‹-Hotel erreicht.

As time goes by, tönte es aus dem Äther, und der Mann am Steuer, gewohnt, alle Wünsche der Farangs auszuführen, ohne lange darüber nachzudenken, drehte die Musik lauter auf: When two lovers woo — they still say I love you, brodelte es in den Fond, als der Wagen vor dem Hotel hielt. ›And that you can rely, no matter what the future brings — time goes by‹, summte Ilonka mit. »Unser Lied«, sagte Martin, als sei es für sie beide gespielt worden. Sowie der Evergreen gespielt wurde, ihre September-Melpdy, wurden sie die Liebenden von Casablanca, wiewohl der Mann nicht aussah wie Humphrey Bogart und die junge Frau nicht wie Ingrid Bergman. Sie blieben noch im Taxi sitzen, bis ihr Leitlied von einem anderen Song abgelöst wurde.

Der Fahrer bezog ein fürstliches Trinkgeld, aber er wunderte sich längst nicht mehr über die Fremden. Der Portier grüßte ehrerbietig. Die beiden fuhren zu ihren Apartments mit der geöffneten Verbindungstür hoch.

»Zu mir oder zu dir?« fragte Ilonka.

»Das ist egal«, erwiderte Laimer, »Hauptsache, wir schlafen zusammen.«

»Du machst Fortschritte«, entgegnete sie. »Solche Worte wären dir vor neunundachtzig Tagen noch nicht über die Lippen gekommen.«

»Da glaubte ich ja auch noch, ich sei zu alt für dich«, erklärte er.

»Unsinn«, konstatierte Ilonka. »Du bist der jüngste Mann, den ich kenne —«

»Kennst du viele?« fragte er und spürte die Eifersucht wie eine Stichflamme.

»Einige«, entgegnete sie. »Ich bin bald dreißig — müßte ich noch Jungfrau sein?«

»So habe ich das doch nicht gemeint.«

»Selbst auf die Gefahr hin, daß du eingebildet wirst, muß ich dir etwas gestehen, Martin«, sagte Ilonka. »Ich habe noch bei keinem Mann so etwas empfunden wie bei dir — nicht annähernd so umwerfend, so überwältigend —«

»Und du hast ausreichende Vergleichsmöglichkeiten?« bohrte er, wiewohl ihn ihre Eröffnung beglückte.

»Laß doch diese überflüssigen Fragen«, konterte sie. »Was war, zählt nicht, allein zählt unsere Gegenwart.«

»Und unsere Zukunft«, bestätigte Laimer. »Ich hab’ dich lieb, Ilka. Und jetzt muß ich dir auch etwas gestehen: Das hab’ ich noch niemals zu einer anderen gesagt.«

»Auch nicht zu deiner Frau?«

»Zu keiner Frau«, behauptete der Unternehmer, und es war ihm anzusehen, daß er nicht log.

Dann schwieg er, an Worten kauend.

»Woran denkst du?« fragte Ilonka.

»An uns«, erwiderte er.

»Meinst du nicht, daß du heute abend vor deinen Freunden —«

»— vor meinen Bekannten«, verbesserte er sie.

»— mit deinen Zukunftsplänen ein wenig zu weit gegangen bist?Jedenfalls warst du ziemlich voreilig.«

»Ich möchte, daß du meine Frau wirst, Ilka, und daß es alle Welt so rasch wie möglich erfährt.«

»Aber warum denn?« versetzte sie. »Du hast mich doch.«

»Sicher«, erwiderte er unsicher. »Ich begreife nur nicht, was du gegen eine amtliche Bestätigung haben könntest.«

»Vielleicht möchte ich nicht zweimal den gleichen Fehler begehen«, erklärte die Frau seines Lebens. »Ich habe viel Lehrgeld dafür bezahlt. Ich denke nicht daran, dich aus deiner Firma und aus deiner Familie zu reißen —«

»In meinem Unternehmen habe ich vorgesorgt«, erklärte Laimer. »Du hast den ›Fortune‹-Artikel gelesen. Ich kann den Konzern ja auch am langen Zügel leiten.«

»Und deine Tochter?Dein Enkelkind?« »Das wird sich regeln lassen«, versetzte er.

»Dich hat’s mindestens genauso erwischt wie mich«, stellte Ilka fest, »Du bist ja richtig verliebt. Komm, laß uns etwas daraus machen —«

»Du sagst also nicht grundsätzlich nein?« drängte er.

»Ich sag’ auch nicht grundsätzlich ja«, erwiderte Ilonka; sie ging in das Badezimmer und rief durch die offene Tür:»Ich will dich, mit Haut und Haaren — und nicht auf dem Papier.«

Er sah ihr nach, verzaubert, überwältigt.

Seit er Ilka liebte, lebte er. Immer wieder schlugen die Wellen des Glücks über ihm zusammen, und immer wieder tauchte er danach auf wie neugeboren.

Martin Laimer wußte, daß das Glück seinen Preis hatte, und er war bereit, ihn zu entrichten.

6

Ungeduldig erwartete am Mittwochabend Milena Deutler in ihrer Düsseldorfer Villa den Anruf des Reisebüros, das die Buchungen für den Konzern besorgte. Vermutlich waren die Bangkok-Flüge.ausverkauft, aber die Leute hatten schon öfter bewiesen, daß sie notfalls zaubern konnten, auch wenn sie über Brüssel, Paris oder London abfliegen müßte.

Um achtzehn Uhr — in Bangkok war es bereits Mitternacht — meldete sich der Inhaber des Reisebüros persönlich. »Schlechte Nachricht, gnä’ Frau«, bedauerte er. »Ich hab’ alles versucht und sogar Kollegen von der Konkurrenz eingeschaltet, aber für morgen ist kein Ticket für einen Linienflug nach Bangkok mehr zu bekommen. Sie könnten aber am Freitag gleich mit der ersten Maschine fliegen.«

»Das ist mir zu spät«, erwiderte Milena enttäuscht. »Ich möchte bereits morgen in Bangkok sein.«

»Es gäbe nur einen Auswege, antwortete der Reisemanager zögernd, »aber der wäre eine ziemliche Zumutung.«

»Und?« fragte Milena. Für sie hatte die Zeit der Zumutungen begonnen, seit ihre Freundin Lulu und Bankier Keil sie mit Hiobsnachrichten traktierten.

»Wenn Sie wirklich sofort abfliegen müssen, bekäme ich durch besondere Beziehungen noch ein Ticket für die LTU-Chartermaschiney Ein Nachtflug. Start heute abend um zwanzig Uhr dreißig, Ankunft gegen sechzehn Uhr Ortszeit in Bangkok, allerdings nach kurzen Zwischenlandungen in München und Bahrain.«

»Ist das die Zumutung?« fragte Milena.

»Nicht allein —«, versetzte der Anrufer, »Sicherheitsmäßig hat die Fluglinie einen ausgezeichneten Ruf, und auch ihr Bordservice kann sich mit Linienflügen durchaus messen —«

»Was ist denn dann so furchtbar?«

»Es gibt keine Erste Klasse — Sie hätten auf dem Flug hautnah ziemlich viel — viel Volksgemeinschaft«, erklärte er und setzte schnell hinzu:»Aber ich könnte dafür sorgen, daß Sie nach VIP-Maßstäben betreut würden.«

»Mir bleibt gar keine andere Wahl«, erwiderte Milena, gab Auftrag, den Flug zu buchen, und legte auf.

Sie drehte sich nach ihrem Mann um, einem Beau von zweiundvierzig mit einem leeren Gesicht, das bereits ein wenig schwammig geworden war.

»Mit einem Liebesbomber willst du nach Bangkok fliegen?« sagte Hans-Georg Deutler mit einem schiefen Lächeln. »Das würde ich — mir an deiner Stelle noch einmal gründlich überlegen.«

»Wieso Liebesbomber?« fragte Milena.

»So spotten die Besatzungen«, erklärte ihr Mann. »Weil die meisten Jets mit Bums-Touristeh besetzt sind.«

»Könntest du dich vielleicht gewählter ausdrücken?« entgegnete Milena gereizt.

Einen Moment lang flambierte der Zorn über die Zurechtweisung das blasse Gesicht ihres Mannes, aber dann würgte er ihn wie immer hinunter. »Warum eigentlich diese Eile?« fragte er. »Unsere Tochter kommt doch erst nächste Woche aus dem Internat in die Weihnachtsferien —«

»Ich sagte dir doch schon, daß ich mit Vater sprechen muß, und zwar sofort.«

»Ich möchte wenigstens wissen, ob es privat oder geschäftlich ist.« Hans-Georg Deutler hatte seine Frau bereits bei ihrer Ankunft aus Faro mit Fragen insistiert, die von ihr nur ausweichend beaniwortet worden waren.

»Da gibt es kaum einen Unterschied«, erklärte sie.

»Ist es wegen mir?« fragte er und wich ihrem Blick aus.

»Da überschätzt du dich aber einigermaßen, mein Lieber«, versetzte Milena süffisant Sie betrachtete ihn aufmerksam. »Wieso fragst du?Hast du Schwierigkeiten in der Firma?«

»Natürlich nicht«, behauptete ihr Mann. »Aber gestern ist dieser schreckliche Nadler aus New York eingetroffen. Unangemeldet Überraschend und eigentlich auch völlig unnötig. Er stößt unsere Leute herum, als hätte er die Nachfolge deines Vaters bereits angetreten.«

»Dich auch?« fragte Milena, mehr belustigt als besorgt.

»Genau wie alle anderen«, erwiderte Hans-Georg Deutler. »Als wäre ich nicht der Schwiegersohn des Hauses.«

»Vielleicht ist Mike tüchtiger als du«, gab seine Frau gnadenlos zurück.

»Er ist nicht tüchtiger«, konterte der Direktor für repräsentative Aufgaben. »Mike Nadler versteht es nur besser, deinem Vater um den Bart zu gehen. Und wenn dieser Angeber aus New York hier weiter hantiert wie die Axt im Walde, dann werden diese Gerüchte nur immer lauter.«

»Welche Gerüchte?« fragte ihn Milena scharf.

»Daß dein Vater gesundheitlich nicht mehr auf dem Damm ist«, antwortete er und zündete sich eine Zigarette an.

»Da kann ich dich beruhigen«, entgegnete sie. »Ganzdas Gegenteil ist der Fall.«

»Für heute abend hat Nadler eine Besprechung angesetzt-. Ich kann dich deshalb leider nicht nach Lohausen fahren.«

»Grüß Mike von mir«, versetzte Milena. »Sag ihm aber auf keinen Fall, daß ich nach Bangkok unterwegs bin. Ich kann mich doch darauf verlassen?«

Sie hielt ihrem Mann die rechte Wange hin. »Du kannst dich gleich jetzt verabschieden, Hans-Georg«, sagte sie geschäftsmäßig. »Unser Fahrer bringt mich dann zum Flugplatz.«

»Ich weiß nicht recht«, meinte er zögernd, »Ich hab’ kein so gutes Gefühl bei deiner Reise —«

»Ich auch nicht«, schnitt Milena weitere Erörterungen ab.

Sie brauchte nur einen kleinen Koffer zu packen, aber es fiel ihr schwer. Seitdem sie völlig unerwartet von den Problemen um ihren Vater erfahren hatte, war Milena Deutler aus dem Gleichgewicht. Das Gespräch mit dem kleinen, nervösen Bankier Keil, kurz vor dem Abflug von der Algarve, hatte sie dann gänzlich verwirrt. Nach vielen Entschuldigungen war der Mann zu dem Fazit gekommen:»Im harmlosesten Fall droht Ihrem Vater ein gesellschaftlicher Skandal, den er allerdings spielend überstehen würde. Schlimmer wäre schon, daß Ihre Tochter und Sie in eine Art schleichende Enterbung geraten könnten und —«

»Entschuldigung — aber das kann ich einfach nicht glauben«, war Milena dem Bankier ins Wort gefallen. »Mein Vater ist viel zu korrekt, um mich als Erbinzu übergehen.«

»Ganz könnte er es auch gar nicht«, hatte Keil erwidert, »Ich muß Ihnen das einmal genau auseinandersetzen: Leider hat Herr Laimer bisher unsere Vorschläge über eine Änderung der Gesellschaftsform seines Konzerns abgelehnt. Er ist also nach wie vor der Alleinbesitzer. Meines Wissens existiert auch keine testamentarische Verfügung. Bei seinem Ableben würde automatisch die gesetzliche Erbfolge eintreten. Beim Stand von heute wären dadurch Sie und Ihre Tochter die Alleinbegünstigten. Aber wenn Ihr Herr Vater wieder heiraten sollte, würde sich die Situation grundsätzlich ändern. Im Falle seines Todes müßte dann die Witwe die Hinterlassenschaft mit Ihnen teilen. Ihr Herr Vater wäre durchaus in der Lage, noch Kinder zu zeugen, das würde eine weitere und äußerst einschneidende Schmälerung Ihrer Erbansprüche bedeuten.« Keil hatte die Zeichen ihrer Ungeduld übersehen und die Besucherin gezwungen, sich den Everitual-Konsequenzen zu stellen. »Die Witwe erhielte die eine Hälfte, und alle Kinder zusammen — Sie eingeschlossen, Frau Milena — die anderen fünfzig Prozent. Nehmen wir einmal an, aus einer zweiten Laimer-Ehe gingen zwei Kinder hervor, dann fiele Ihnen ein Drittel des halbierten Gesamtvermögens zu —«

»Und das wäre ja wohl noch immer genug, um meine Tochter und mich ausreichend zu versorgen«, hatte die Besucherin verärgert eingeworfen.

»Mein Gott, so kann man es doch nicht sehen Es geht um den Fortbestand eines blühenden Unternehmens, um das Lebenswerk Ihres Herrn Vaters.«

»Lassen wir einmal finanzielle Gesichtspunkte beiseite.« Milena hatte versucht, zum Ende des Gesprächs zu kommen.

»— dann sehen wir uns dem schlimmsten Fall gegenüber, der eintreten könnte«, war die Antwort des Bankiers gewesen. »Ihr Herr Vater ist zur Zeit in arger Bedrängnis, um nicht zu sagen — in großer Gefahr. Vielleicht sogar in Lebensgefahr.« Laimers Hausbankier war als ziemlicher Hypochonder bekannt, aber in allem, was mit Geld und Vermögensanlagen zusammenhing, sagte man Keil Gehör und Schläue eines Revierfuchses nach. »Wissen Sie, Frau Milena, ich möchte diese Dinge nicht dramatisieren. Ich gebe auch zu, daß der New Yorker Informant, Philip Palance jr., nicht unbedingt ein sympathischer Mensch ist. Auch erscheint mir der Verdacht, den er äußert und von dem er die US-Polizei jetzt überzeugen will, reichlich abenteuerlich, aber das müssen die US-Behörden entscheiden. Dieser Palance jr. spricht auch noch von weiteren Enthüllungen über das Vorleben der bewußten Dame. Wie dem auch sei, Sie müssen das Ihrem Herrn Vater sagen, so unangenehm es auch ist. Was er mit der Information dann anfängt, ist seine Sache, aber warnen müssen wir ihn in jedem Fall.«

Am Flugplatz stellte Milena jetzt fest, daß der Manager des Reisebüros nicht zuviel versprochen hatte. Sie brauchte sich nicht schon eineinhalb Stunden vor Abflug am Schalter zu melden. Ihr Koffer wurde eingecheckt, ohne daß sie Schlangestehen mußte. Milena erhielt einen Fensterplatz in der ersten Reihe. Die beiden Sitze neben ihr würden, durch Reservierungsschilder gesperrt, unbesetzt bleiben, so daß die Reisende sie während des Dreizehn-Stunden-Flugs als Schlafgelegenheit nutzen könnte. Die Stewardessen ließen erkennen, daß sie dieser Passagierin jeden Wunsch von den Augen ablesen würden, und die Mitreisenden hielten sich zunächst auch noch mit Schilderungen ihrer Love-Exkursionen in Bangkok-Babylon zurück.

Die Passagiere, in der Überzahl Männer, waren gemischt wie ihr Reisegepäck:Modische Schalenkoffer neben verschnürten Pappkartons, Akademiker neben Proleten, junges Gemüse neben unternehmungslustigen Frührentnern. Der entsetzliche Vietnam-Krieg hatte Thailand, Muang-Thai, das Land der Freien, auch in ein Land der Freier verwandelt, in den Reiseprospekten charmanter als die »Region des Lächelns und der Liebe« bezeichnet.

Das südostasiatische Königreich war zur Etappe der US-Army in Indochina geworden. In Sündenparadiesen wie zum Beispiel Pattaya, zwei Autostunden von der Hauptstadt entfernt, hatten exotische Mädchen, grinsende Zuhälter und abgefeimte Rauschgift-Dealer den Gls ein befristetes Lotterleben ermöglicht, bevor sie wieder zum Sterben in die Dschungelhölle zurück mußten.

Zu den Nachfolgern der olivgrünen Soldaten waren zunehmend Touristen aus den westlichen Landern, doch auch aus Japan, Australien und dem arabischen Raum geworden, die gespartes Geld und gestaute Manneskraft in das Treibhaus der Träume und Triebe exportierten.

Milena reiste nicht ganz unvorbereitet in dieser geschlossenen Gesellschaft der offenen Wünsche;sie war eine interessierte Zeitgenossin — aber es macht einen Unterschied, ob man den west-östlichen Liebeswahn aus Zeitungen und Büchern kennt, oder man in einer dichtbesetzten 707 mit ihm konfrontiert wird.

Kurz nach dem Start schilderte ein offensichtlicher Stammbesucher einem staunenden Neuling die Vorzüge mandeläugiger Liebesdienerinnen:»Diese Siamkatzen sind sauber, immer lustig und gut gelaunt, zu allem aufgelegt, und sie strahlen dich an, auch wenn du ihnen noch so sehr auf den Wecker fällst. Sie sind immer für dich da, wenn du willst für eine Stunde, für deine ganze Ferienzeit oder auch fürs Leben.«

»Das ist wohl ein bißchen zu lange für eine Nutte«, versetzte der Mitreisende.

»Nutten kann man die nicht nennen.«

»Aber sie nehmen doch Geld.«

»Ja — schon, aber bei ihnen ist eben alles ganz anders. Das mußt du selbst erleben, ich kann dir das nicht weiter beschreiben. Ich sag’ dir nur, die lachen dich an, und dein Lümmel im Hosensack reckt sich und macht Freudensprünge, Emil. Und dafür kannst du schon mal ein paar Baht-Scheine opfern.« Der Liebes-Bahtisan lachte. »Die können’s wirklich gebrauchen — sie ernähren oft eine große Familie —, und beim Friseur gibst du ja auch ein Trinkgeld.«

Milena drehte sich nach dem Wohltäter der Wollust um, fixierte ihn kurz. Der Mann schwieg fortan zweihundert Flugkilometer lang. Eigentlich hätte die ungewöhnliche Charter-Passagierin für die Ablenkung dankbar sein müssen. Sie fürchtete sich vor dem ersten Intimgespräch, das sie mit ihrem Vater führen würde — aber Männer in Masse waren für Milena wie Rüden im Rudel, schnuppernd, hechelnd, bellend, triebbesessen.

Vorübergehend lebten die Vorurteile wieder auf, mit denen ihre Mutter die Heranwachsende traktiert hatte, eine Frau, die fast alle Männer für Ungetüme hielt, die nur Schmutziges und Sündhaftes im Sinn hätten. Laimers strenge Ehefrau hatte Sex nur gelten lassen, wenn er in der Dunkelkammer ausschließlich der Fortpflan zung diente. Die fanatische Puritanerin bewunderte einige Tierarten, bei denen das Weibchen das Männchen gleich nach dem Begattungsakt umbringt — bei Menschen wäre es freilich absurd, schon weil hier die Drohnen häufig auch die Ernährer sind. Milenas Mutter hatte Vater das Leben nicht leicht gemacht; es war eigentlich ganz logisch, daß er in die Arbeit geflüchtet und allen anderen Frauen ausgewichen war.

Sie spürte Müdigkeit und Erschöpfung und nutzte die beiden freien Sitze, um sich auf die Seite zu legen; so fand sie ein paar Stunden Schlaf. Erst nach der Zwischenlandung in Bahrain erwachte Milena wieder. Es war bereits hell, und die 707 schien direkt in den Sonnenball zu fliegen.

Sie jagten dem Tag entgegen, und das belebte die Märchenerzähler aus 1001-Bangkok-Nacht wieder. »Die Thai-Mädchen lächeln zwar bei allen«, erinnerte sich Otto, der sich schon drei Liebesreisen nach Bangkok zusammengespart hatte. »Europäer, vor allem aber ›Neckelmännel‹ — so nennen sie die Deutschen — sind ihnen am liebsten. Am schlimmsten sind für sie Araber, diese Wüstenbrüder sind doch fast alle pervers.«

»Wo kommen diese Mädchen eigentlich her?« fragte Emil.

»Meistens aus dem armen Norden des Landes. Sie werden ihren Eltern abgekauft und waggonweise zum Hualampong-Bahnhof in Bangkok verfrachtet. Nach der Ankunft werden sie dann in die umliegenden Geschäfte getrieben und auf ihre Jungfräulichkeit untersucht.«

»Aber wozu denn das?« wollte Emil, der Neuling, wissen.

»Wegen der Chinesen; das sind meistens die Reichsten im Land. Sie zahlen für eine Entjungferung umgerechnet an die fünfhundert Mark.«

»Das sind vielleicht Sitten —«

»Hast du noch keine Peking-Ente gegessen?Das ist typisch für Chinesen: Sie verspeisen nur die Haut, alles andere lassen sie abservieren.« Otto lachte. »Diesen Feinschmeckern kommt es wohl überall nur auf die Haut an.«

Milena hatte genug; sie erhob sich und ging in den WC-Raum, um eine Art Morgenwäsche hinter sich zu bringen. Sie sah auf ihre Armbanduhr und stellte sie sechs Stunden vor. Die »Boeing« war schon im Sinkflug über der Menam-Ebene, die von den Thailändern »die Reisschale« genannt wird.

»Bitte bringen Sie Ihre Sitze wieder in senkrechte Position, schnallen Sie sich an und stellen Sie das Rauchen ein«, meldete sich der Flugkapitän im Cockpit über die Bordlautsprecher. »Wir landen in wenigen Minuten auf dem Don-Muang-Flugplatz in Bangkok.« Der Riesenvogel glitt im Tiefflug über einen Golfplatz, setzte dann pünktlich und sicher auf der Zementpiste auf, rollte aus. Es herrschte Hochbetrieb:Starts und Landungen in ganz kurzen Abständen, Maschinen aus aller Welt flogen die Drehscheibe Südostasiens an. Aus ihren gedrungenen Rümpfen quollen Männerschwärme, Legionäre der Lebenslust betraten ungeduldig den Schauplatz käuflicher Wonnen;sie machten Bongkoks Airport, zum Loveport.

Die Hitze empfing Milena wie ein Faustschlag. Feuchte, verpestete Luft machte das Atmen schwer. Im Innern des Gebäudes wurde es noch schlimmer; die Klimaanlage war wieder einmal ausgefallen. Aber nach einer Viertelstunde hatte sie die Zollabfertigung hinter sich und stieg in ein Taxi, das sie zum »Dusit Thani« — Hotel brachte.

Nur selten durchdrang die Sonne die giftigen Benzinwolken, Die Straßen waren verstopft, aber der Mann am Steuer fuhr wie ein Selbstmörder. Milena forderte ihn auf, weniger landesüblich zu fahren, doch der Fahrer mißverstand ihr Englisch und setzte zu noch verwegeneren Manövern an. Nichts zu machen, eine Taxifahrt wird in »Krung Thep«, in der Stadt der Engel, zur Mutprobe.

Das Häusermeer hatte die Hitze gespeichert wie ein Backofen. Die Menam-Metropole, war eine Hölle von Lärm, Staub und Hitze. Es glich einem Wunder, daß das Taxi nach einer knappen Stunde das »Dusit Thani«-Hotel erreichte.

Der Portier hielt den Wagenschlag. Ein Hausboy übernahm den Koffer. Dann betrat Milena die kühle Oase für Betuchte. Sie folgte dem Gepäckträger zur Rezeption, vorbei an einem zierlichen Mädchen, das in einer Nische Blumen zu kleinen Sträußen band, die sie den Hotelgästen schenkte. Ihr liebliches Gesicht, das still in sich gekehrte Lächeln brachten dem europäischen Gast bei, daß man kein Wüstling sein mußte, um von diesen exotischen Geschöpfen fasziniert zu werden.

Milenas Apartment — telefonisch vorbestellt — war für sie reserviert, und der Mann am Empfang sprach ein verständliches Englisch.

»Können Sie mir sagen, ob Mr. Laimer im Hause ist?« fragte sie ihn.

Der Hotelbedienstete sah auf das Schlüsselbrett. »Ja«, bestätigte er dann. »Ich kann Mr. Laimer anläuten.«

Im ersten Moment wollte Milena einem sofortigen Gespräch aus — weichen, dann aber nickte sie mit einem Gefühl der Beklemmung. »Sorry«, sagte der Hotelbedienstete. »Mr. Laimer ist nicht in seinem Apartment. Vielleicht erfrischt er sich am Swimmingpool. Soll ich ihn ausrufen lassen, Madame?«

»Danke, nicht nötig«, erwiderte Milena, froh über einen letzten Aufschub; dabei war sie in Zeitnot, aber sie wollte sich doch erst etwas frischmachen und sich dabei die Worte für die explosive Begegnung noch einmal zurechtlegen.

Es war jetzt siebzehn Uhr Ortszeit. Milena folgte dem Boy; sie mußten sich durch das Gewühl pflügen. Die Halle ging in eine offene Bar über, und hier nahmen, zu dieser ungewöhnlichen Stunde bereits in Abendgarderobe, elegante Damen und wohlgelaunte Herren einen Drink, offensichtlich Mitglieder einer geschlossenen Gesellschaft.

Milena betrachtete sie im Vorbeigehen: Eine junge Frau, deren weißes Cocktailkleid prächtig zu ihrem dunklen Haar und den leuchtend braunen Augen kontrastierte, fiel ihr sofort in der Runde auf. Mechanisch sah die Besucherin aus Düsseldorf zu ihrem Begleiter hin, einem Mann mit einem straffen Gesicht, einer hohen Stirn, buschigen Augenbrauen und dichten, leicht gewellten Haaren.

Im ersten Moment erkannte Milena den eigenen Vater nicht, wohl weil sie ihn zeitlebens nur in blauen Anzügen gesehen hatte; jetzt trug er ein weißes Dinner-Jackett, Er wirkte verjüngt und frisch, wirklich ein Mann in den besten Jahren. Als Milena sah, daß er zu dieser Attraktion von Frau in Weiß gehörte, fürchtete sie, daß ihre Mission scheitern müßte, und sie gegen ein so apartes, ungewöhnlich schönes Geschöpf keine Chance hätte. Diese selbstsichere junge Frau würde wohl — für wie lange auch immer — Vaters Zweite werden.

Sie blieb stehen und betrachtete ihn noch immer.

In diesem Moment erkannte auch Martin Laimer seine Tochter. Er beugte sich zu seiner Begleiterin, entschuldigte sich und ging dann auf die Neuangekommene zu.

»Milena?« sagte der Industrielle, mehr erstaunt als erschrocken. »Du — »hier in Bangkok?«

»Wie du siehst, Vater«, entgegnete sie.

»Zufällig?«

»Absichtlich«, antwortete Milena. »Ich muß mit dir sprechen, Vater.«

»Jetzt?Hier?« fragte er leicht ungehalten und betrachtete sie voll, »Bist du gerade angekommen?«

»Ja. Und ich muß morgen wieder zurückfliegen. Könntest du — bitte — eine Stunde nur —«

»Ich bin auf dem Weg zum Rotarier-Abschiedsbankett«, erklärte Martin Laimer. »Übrigens hält Cecil Casagrande, der Mann deiner Freundin, zuvor eine Lesung aus seinem neuesten Roman.«

Er lächelte hintergründig. »Die ließe sich ja schwänzen. Sicher willst du dich erst noch frischmachen. Ich erwarte dich also in zwanzig Minuten im Apartment siebenhundertneun — ja?« »Vielen Dank, Vater«, entgegnete Milena verwirrt und folgte dem Liftboy.

Martin Laimer ging zu seiner Begleiterin zurück. »Entschuldige, Ilonka — meine Tochter ist überraschend eingetroffen.«

»Hab’ ich mir schon gedacht«, erwiderte sie.

»Sie will mit mir sprechen.«

»Das hab’ ich mir auch gedacht«, versetzte Ilka lächelnd.

»Würde es dir etwas ausmachen, allein zu Casagrandes Dichterlesung zu gehen?Ich komm’ dann so rasch wie möglich nach.«

»Es macht mir nichts aus«, versicherte Ilonka. »Aber bitte tu’ mir einen Gefallen. Sei nett zu deiner Tochter, mach’ ihr alles nicht noch schwerer.«.

»Ja — aber —«

»Kein Aber«, erwiderte Ilonka. »Bitte versprich es mir.«

Der Industrielle brachte seine Begleiterin an die Tür, winkte ein Taxi herbei und stellte dann fest, daß er nicht der einzige war, der Ilka nachsah.

7

Cecil Casagrande stand vor einem der Auftritte, die er über alles schätzte. Am Eingang des großen Saales im Siam-Center begrüßte er die Herren mit artigen Verbeugungen und die Damen mit Handkuß. Für jede hatte er ein Kompliment und ein paar schmeichelnde Worte bereit, und die eine oder andere kannte er besser, als es vor allem in Rotarier-Kreisen erlaubt gewesen wäre.

Die verbotenen Beziehungen waren fast immer nach ein paar Monaten wieder erkaltet, die Geliebte aber — so behauptete jedenfalls die Fama — hatte dann ihre Auferstehung als Romanheldin im jeweils nächsten Casagrande-Buch erlebt. Seine Romane lebten auch von einer pikanten Flüsterdiskussion über Wahrheit und Dichtung, vor allem im intimen Bereich. Der Romancier stritt jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen und Ereignissen ab — er sei ein Troubadour und kein Denunziant —, aber ein gewisses Lächeln, das er dabei zeigte, ließ die Frage offen, ob mit der liebestollen Bier-Baronin zum Beispiel, die im Schlafzimmer nur in schwarzen Dessous und bei Kerzenlicht herumtollte, tatsächlich die einst gefeierte Operetten-Soubrette Mizzi Holzinger gemeint war, und die Prinzessin, die hinterher immer Kopfschmerzen bekam, aus dem Hause Hohenzollern oder Wittelsbach stammte.

Cecil Casagrande war in seinem Element, und in Aktion erwies er sich immer als ein Selbstdarsteller von Rang; wie ein Turm in der Redeschlacht andere überragend, schon weil er meistens einen halben Kopf größer war als die anderen;ein Dandy, in einem erstklassigen Seidenanzug mit ein paar verwegenen, selbst entworfenen Extras. Er liebte es, für die jeweiligen Szenen sich mit kleinen historischen Anspielungen zu kostümieren, vor allem für seine Auftritte in den Gerichtssälen. Der Millionen-Autor führte eine Unzahl von Prozessen mit unterschiedlichem Erfolg, und wenn es nicht gerade um Geld ging, erschien ihm die imperative Pose oft wichtiger als der Ausgang des Beleidigungsverfahrens.

Casagrande bereitete sich gewissenhaft auf seine forensischen Duelle vor, und je nach Thema der Verhandlung erschien er im Mäßanzug neuesten Schnitts mit einer Anspielung auf Richard Löwenherz, August den Starken, den Verführer Don Juan oder auch auf Robespierre, den Revolutionär. Sein früherer Anwalt hatte ihn durch einen günstigen Vergleich um diesen Höhepunkt gebracht, darauf hatte ihn der Romancier gewechselt und dafür den tüchtigen Dr. Frank Robeller, Bannisters Rechtsvertreter, genommen. Casagrande war heute so mit ihm befreundet, daß der gerissene Jurist mit der Doppelpraxis in New York und Frankfurt ihn vor den schlimmsten Provokationen — nebst ihren Folgen — bewahren konnte.

Neue Gäste drängten in den Saal. Schon jetzt stand fest, daß die Teilnehmer des Weltkongresses fast geschlossen zur Huldigung erscheinen würden, vorwiegend Herren, denn Rotarierinnen gab es nicht. Auch noch so bedeutenden Frauen blieb die Mitgliedschaft in der Weltelite versagt. Sie waren nur am Rande bei gesellschaftlichen Veranstaltungen geduldet. Diese Satzung sollte keine Feindlichkeit gegenüber dem schönen Geschlecht ausdrücken;sie erschien den Herren mit dem Zahnrad im Knopfloch so selbstverständlich wie die geschlechtsgebundene Mitgliedschaft in einem Londoner Herren-Club.

Diese Haltung war nicht nach Casagrandes Geschmack; hier stimmte er ausnahmsweise einmal mit US-Feministinnen überein, die dagegen Sturm liefen. Öffentlich aber schwieg er, denn er mußte erst selbst sehen, wie er in den exklusiven Zirkel aufgenommen würde. Er verehrte Frauen;Frauen stellten den Stamm seiner Leser, sie waren sein Experimentierfeld, seine Claque und seine Spielwiese. Er machte sich zu ihrem Herold, zu ihrem Bänkelsänger und nicht selten auch zu ihrem Raubritter. Bei erfahrenen Damen kam er blendend an;bei jüngeren hielt er sich zurück — aber als jetzt Ilonka am Eingang erschien, ging er ihr entgegen und machte ihr in besonders auszeichnender Weise den Hof.

»Die Sonne geht auf«, begrüßte er sie. »Mein Gott, wie Sie aussehen!Liz Taylor und die Lollobrigida müßten sich kratzen.« Er ließ ihre Hand nicht los. »Sie kommen allein?«

»Mr. Laimer wurde aufgehalten, aber er wird nachkommen«, erwiderte Ilonka.

»Mr. Laimer hat Mut«, versetzte der Gastpoet. »Sie schutzlos diesem männlichen Ansturm auszusetzen.«

»Rotarier sind doch Gentlemen«, entgegnete sie.

Casagrande konnte ihr nicht widersprechen. »Wirklich schade, daß Mr. Laimer nicht hier sein kann, aber ich bin glücklich, Sie hier zu haben und hoffe sehr, daß Ihr Begleiter noch nachkommt. Wissen Sie, daß Sie ihm guttun, Schönste?« Er lachte kurz. »Es gibt ein französisches Sprichwort, das sagt:»Nichts hält einen Mann rüstiger als eine junge Frau und alte Feinde‹.« Einen Moment lang vergaß der Ehrengast seine Honneurs an der Tür und geleitete Ilonka in den Saal, »Ich finde es bemerkenswert, daß Sie genug Gesehmack und Verstand aufbringen, sich einen Mann von Erfahrung und Erfolg auszusuchen —«

»Wenn Sie auf Mr. Laimers Alter anspielen sollten«, entgegnete sie lächelnd, »dann kann ich Ihnen sagen, daß mir junge Männer von jeher ein Greuel waren.«

»Köstlich!« erwiderte Casagrande. »Sie sind ebenso klug wie schön.«

»Ich will zu einem Mann nicht nur aufsehen«, erklärte sie. »Ich will mich auch an ihn anlehnen und von ihm anregen lassen.« »Großartig«, schwärmte der Autor und übergab die Frau in Weiß Odermatt und Bannister, denen es offensichtlich Freude machte, als Paladine dieser Schönen aufzutreten, noch dazu in der vordersten Reihe.

»Wenn ich nicht durchfalle, stoßen wir anschließend in der Bar nebenan mit Champagner darauf an«, bemerkte der Ehrengast. »Und ich darf Sie, Frau Ilonka und Mr. Laimer schon jetzt dazu bitten.«

»Danke«, erwiderte die junge Frau. »Ich denke, man braucht um Sie nicht zu bangen, Mr. Casagrande.«

Er gab sich in seiner anmaßenden Art bescheiden. »Hoffen wir es.« Casagrande ging wieder zum Saaleingang zurück.

Weitere Herren der Nobel-Gilde strömten herein. Delegierte aus fast hundert Ländern der westlichen und auch der Dritten Welt — einflußreiche Finanziers, gefragte Ärzte, Spitzenmanager, Immobilienmakler, Notare, Baulöwen, Politiker und Bankiers unter sie gemischt wie Primeln auf einer Frühlingswiese ein paar arrivierte Maler, gefragte Schriftsteller und erfolgreiche Komponisten. Obwohl sie heute Damen begleiten durften, blieben die Herren, die in der Menam-Metropole eine Woche lang Männerfreundschaft, Geselligkeit, Geschäft, Wohlanstand und Wohltätigkeit auf das Angenehmste miteinander verbunden hatten, noch immer in absoluter Mehrheit.

Der Tagungspräsident, ein amerikanischer Bankier, trat an das Redherpult. »Ladies and Gentlemen«, begann er. »Es entspricht unserer Gepflogenheit, zum Abschluß einer internationalen Tagung einen Künstler zu Wort kommen zu lassen. In diesem Jahr ist unsere Wahl auf den berühmten Schriftsteller Cecil Casagrande gefallen.« Beifall und Ovationen erzwangen eine Pause.

»Wie ich sehe«, fuhr der Amerikaner launig fort, »brauche ich Ihnen diesen internationalen Bestseller-Autor nicht näher vorzustellen. Bevor ich unserem Ehrengast das Wort erteile, möchte ich noch bemerken, daß er voll hinter den Rotary-Idealen steht. In diesem Sinne hat er das ganze Honorar dieser Dichterlesung unserem karitativen Fonds zukommen lassen.«

Wieder flammte Applaus auf, gegen den sich der Gefeierte mit den Händen wehrte — und ihn dabei genoß wie eine Droge.

»Meine sehr verehrten Damen, Gentlemen«, setzte er dann an. »Sie bringen mich mit Ihren liebenswürdigen Vorschußlorbeeren in eine schwierige Lage. Der Herr Tagungspräsident« — Casagrande verbeugte sich vor ihm — »hat mir eine knappe Stunde für die Lesung aus meinem fast Fünfhundert-Seiten-Roman ›Der Biß der Jahre‹ zugebilligt, und Ihr lang anhaltender Applaus, der mich natürlich ungemein erfreut, geht leider von dieser Zeit ab.« Die Zuhörer lachten und klatschten. »Ich habe drei Szenen ausgesucht«, fuhr der Ehrengast fort, »die Sie, wiewohl aus dem Zusammenhang gerissen, verstehen können. Ich beginne mit dem Kapitel, in dem sich der Held und die Heldin meines Romans kennenlernen.«

Er las langsam, in gut verständlichem Englisch, ein Profi-Schreiber wurde zum Amateur-Schauspieler. Wie immer hatte er — im Gegensatz zu vielen Kollegen — genau die richtigen Stellen seines Werkes ausgewählt. Viele Autoren schreiben, wie man in der Branche sagt, »aus dem Bauch heraus«. Wenn sie ihr Manuskript dann mit dem Kopf bewerten, kommen sie nicht selten zu einer anderen Einstellung und halten dann weniger interessierende Passagen für die wichtigeren. Das passierte dem Mann aus Monte Carlo nie, wie er auch — je nach Szene nie in ein zu schnelles oder zu langsames Tempo verfiel. Vielleicht war das Geschriebene nicht perfekt, lesen jedenfalls konnte man es nicht besser.

Casagrande wußte, um was es ging. Er wollte die Aufnahme in den VIP-Club erzwingen, die für ihn nicht nur eine ideeller, sondern auch ein profitabler Gewinn wäre. Wenn ein Rotarier ein Grundstück erwirbt, wird er zu einem Notar gehen, der dieser Elite angehört. Wo immer es sich machen läßt, ist ein Mitglied des Nobelclubs Geschäftspartner, Klient oder Kunde eines anderen. Für einen Schriftsteller aber wäre eine offizielle Förderung durch Rotary nach Rechnung Casagrandes von nicht überbietbarem Wert; Die Auflagen der Bücher würden noch weiter steigen;sein persönliches Ansehen sich mehren;durch bedeutende Zeitungs — und Buchverleger könnte auch noch ein Schutzwall gegen kritische Verrisse, Indiskretionen und Pöbeleien der Sensationspresse entstehen.

Die endlosen Beifallsstürme am Ende seiner Vorlesung deuteten darauf hin, daß er es geschafft hatte. Offensichtlich waren alle Anwesenden von seinem Vortrag angetan, und viele schienen sogar begeistert.

In der Bar nebenan wurde Champagner in Mengen getrunken, und immer wieder prosteten Literatur-Enthusiasten auf sein Wohl. Casagrande badete in Wonnen. Die Gäste ließen ihn nicht nur hochleben, sie nahmen ihn, nur ein klein wenig der Tatsache vorauseilend, bereits in ihre elitäre Gemeinschaft auf, hefteten ihm — noch unsichtbar — das Zahnrad, diesen Passepartout für die Größen dieser Welt, an das Revers.

Manche hielten sich wacker an das Glas und würden sicher beim anschließenden Festbankett sehr heiterer Stimmung sein. Erst als der Mann im Mittelpunkt die Bier-Baronin am Arm ihres rotge — sichtigen Gatten sah, trübte sich seine Laune etwas. Er hätte von Mizzi mehr Zurückhaltung erwartet, vor allem nach der Trennung, und auch wiewohl er wußte, daß sie gerne trank, freilich Hochprozentigeres als Gerstensaft.

Sie pflügte sich zielstrebig an ihn heran, und er war darauf vorbereitet, daß sie einen Affront zünden wollte. »Ich hab’ eine Frage, Mr. Casagrande«, begann Mizzi mit viel zu lauter Stimme:»Man sagt:›Ein Kavalier schweigt und genießt‹. Ist es aber in Wirklichkeit nicht so, daß ein Romancier genießt und schreibt?«

»Aber ich bitte Sie, gnädigste Baronin«, erwiderte der Angerempelte und legte die freie Hand aufs Herz, »Ein Autor, der etwas taugt, lebt doch von seiner schöpferischen Phantasie — ‹‹

Der Kreis um Casagrande wurde dichter;Bewunderer, die den Ehrengast gerade noch gefeiert, hatten, wollten auch einen womöglichen Ausrutscher aus nächster Nähe erleben — schließlich hatte er in einem seiner Erfolgsprodukte festgestellt, daß in der menschlichen Wertskala die Schadenfreude gleich nach der Liebe und dem Essen kommt.

»Also nicht von eigenen Bett-Reminiszenzen und Schlafzimmergeschichten?« schlug die Fünfzigjährige bissig zurück.

»Auch da muß ich Sie verbessern, Gnädigste«, entgegnete Casagrande und sah sich hilfesuchend nach Bannister um. »Für einen ordentlichen Liebhaber wird die Erinnerung immer grünen.« Er schob sich in Richtung Ilonka weiter: diesmal war es keine Annäherung, sondern eine Flucht. »Ich schreibe doch keine Schlüsselromane«, sagte er laut genug, daß Mizzi es hören konnte. »Wer sich in meinen Werken zu erkennen glaubt, ist selbst daran schuld« Die Umstehenden lachten. Die Situation war entschärft, und ihr rotgesichtiger Gatte fing die unbotmäßige Bier-Baronin wieder ein.

»Sie sind wieder einmal der Sieger, Mr. Casagrande«, bemerkte Ilonka.

Er betrachtete sie wie verklärt dieses Gesicht mit der samtweichen Haut, die glänzenden Augen, die blauschwarzen Haare, die sich zärtlich um den Kopf schmiegten, diesen mit äußerster Akkuratesse berechneten Busenansatz, der gleichermaßen Dezenz wie Präsenz unterstrich.

»Mein Gott, Sie sehen mich ja an wie der Wolf die sieben Geißleih.«

»Man wird doch einen Blick in fremde Gärten werfen dürfen, vor allem, wenn dort die Blumen so herrlich blühen —«

»Sie sind ein Poet.« Ilonka lachte ihn an. »Wissen Sie, daß ich auch ein bißchen schreibe?«

»Nein. Das müssen Sie mir zeigen.«

»Nichts Bedeutendes — nur so für den Hausgebrauch —«

»Bringen Sie es mir und ich werde Sie beraten.« Casagrandes Miene deutete an, was er nicht aussprach:Daß er unter diesen Umständen für sie vermutlich besser geeignet wäre als ein Computer-Spezialist.

Er bemerkte, daß ihm Bannister verstohlen Zeichen machte, aber momentan war ihm diese junge Göttin wichtiger als sein steinreicher Verleger.

George ließ nicht locker.

Der Autor mußte sich zu ihm durchzwängen.

»Warum?« fragte er.

»Shit«, zischte Bannister. »Ruf sofort Frank Robeller in Frankfurtan.«

»Was ist denn los, George?«

»Frag’ ihn selbst«, versetzte Bannister grimmig.

Die Telefonverbindung von Thailand nach Deutschland funktionierte ausgezeichnet. Drei Minuten später war der Angerufene in der Leitung.

»Die Scheiße ist am Dampfen«, sagte der sonst so feine Dr. Robeller statt einer Begrüßung. »Lulu hat dein Privatarchiv erschlossen, und das ist, als wäre eine verstopfte Scheißhausröhre geplatzt.« »Mußt du dich so ordinär ausdrücken?« erwiderte der Mann, der aus den Wolken gefallen war.

»Es stinkt. Es stinkt ganz gewaltig«, erklärte sein Anwalt. »Bringst du ihn eigentlich nur noch hoch, wenn du gleich zwei oder drei Helferinnen hast?Mußt du dich in dieser Schweinepyramide oben und unten und mittendrin suhlen?Nur mit einem Ehering bekleidet?Wenn du deine Bocksprünge schon fotografieren läßt, warum schmeißt du die Bilder dann nicht weg — oder sind das Reliquien deiner späten Brunft?«

»Von was sprichst du eigentlich?« fragte Casagrande matt.

»Von den Pornofotos, die mir Lulu heute präsentiert hat, und die sie weiterreichen wird, zusammen mit einer Sammlung schwülstiger Liebesbriefe, wenn du nicht auf ihre Bedingungen eingehst. Ich sag’ dir gleich: Lulu ist außer sich — so kenn’ ich sie gar nicht.«

»Aber das ist doch wohl Erpressung —«

»Fraglos«, bestätigte der gerissene Anwalt. »Aber wenn du nicht darauf eingehst, bist du erledigt«, stellte er nun ruhigeren Tones fest. »Dann kannst du, der konservativ-progressive Autor, der Freund abendländischer Zucht und Sitte, nur noch dreckige Pornos schreiben, die dann unter dem Ladentisch verhökert werden.«

»Was verlangt Lulu?« fragte Casagrande kleinlaut.

»Das erfahre ich heute abend — ich rufe dich anschließend an. Ich wollte dir und George nur einstweilen mitteilen, was auf euch zukommt — macht euch inzwischen reisefertig.«

Casagrande legte den von seinen Händen schweißnassen Hörer auf und ging langsam in die Bar zurück. Am Eingang lauerte ihm die Bier-Baronin auf, angetrunken, gekränkt und eifersüch-

»Du Scheißkerl!« fuhr sie ihn an, und nichts in ihrer Stimme erinnerte an die sanfte Soubrette von einst. »Weißt du denn nicht, daß du bei jüngeren Damen auf die Fresse fliegst?«

Ein paar Samariter des gesellschaftlichen Zusammenseins zogen Mizzi weg, aber der Ehrengast dieses Abends war so verstört, daß er die Anspielung auf Ilonka nicht begriff;er hatte andere Sorgen.

8

»Ich hasse es, irgendwo unangemeldet zu erscheinen«, hatte Milena das Wortgefecht im Apartment ihres Vaters eröffnet. »Ausnahmsweise hat mich die Eile dazu gezwungen, und auch ein wenig die Befürchtung, du könntest mir in dieser Situation ausweichen, Vater.«

»Du meinst, das wäre meine Art?« erwiderte er.

»Nein«, bestätigte Milena. »Du siehst übrigens prächtig aus, das muß ich dir sagen, und deine — deine Begleiterin ist eine attraktive Person — wie sagt man da: Sie ist atemberaubend schön.«

»Danke«, erwiderte Martin Laimer. »Ilonka ist auch intelligent, und —«

»Daran zweifle ich nicht«, unterbrach ihn seine Tochter mit einer gewissen Betonung. »Die Frage ist nur, wie gut du sie kennst — und wie lange schon.«

»Fast neun Monate. Ich habe sie zufällig kennengelernt und mich einer — einer intimen Annäherung an sie beinahe gewaltsam widersetzt.«

»Und sie?«

»Ilonka und ich — wir sind uns monatelang ausgewichen«, behauptete Martin Laimer. »Wir haben es uns wirklich nicht leicht gemacht, und wir hatten beide unsere Gründe dafür.«

»Wie alt ist deine derzeitige Begleiterin?«

»Um die dreißig.«

»Also ist sie zweiunddreißig Jahre jünger als du.«

»Einunddreißigeinhalb«, korrigierte der Industrielle seine Tochter, als mache das einen erheblichen Unterschied.

»Jedenfalls aber sechs Jahre jünger als ich«, stellte sie fest. »Hast du darüber auch schon einmal nachgedacht?«

»Nein«, antwortete er. »Ich war hinreichend genug mit dem eigenen Altersunterschied beschäftigt.«

»Und du hast ihn überwunden?« entgegnete Milena mit gefiltertem Sarkasmus.

»Sagen wir einmal — ich sehe ihn nicht mehr als entscheidendes Hindernis zu Ilonka an.«

Milena nickte. Trotz der Spannung verhielten sich die Kontrahenten zurückhaltend, wie Boxer im Ring, die einander erst abtasteten, bevor sie hart zuschlagen würden. Die Tür zum Nachbar-Apartment stand offen; es schien die Besucherin zu irritieren.

»Wenn dich das Nachbarzimmer stört«, sagte Laimer, der ihrem Blick gefolgt war, »kann ich die Tür ja schließen.«

»Es verwirrt mich tatsächlich einigermaßen, aber ich bin nicht kindisch«, erwiderte die Tochter. »Ich möchte mich wirklich nicht mehr in dein Privatleben einmischen, als es mir unbedingt nötig erscheint, selbst dann nicht, wenn ich davon betroffen würde. Allenfalls fühle ich mich verpflichtet, dich einige Bedenken wissen zu lassen.« Es klang, als versuche sie der Kollision durch manierierte Sprechweise die Schärfe zu nehmen.

Laimer betrachtete seine Tochter aufmerksam. Durch Ilonkas Schönheit verwöhnt, empfand er sie heute noch weniger attraktiv als sonst. Milena war nicht häßlich, aber ziemlich reizlos. Ein besseres Make-up, eine vollere Figur, femininer geschnittene Haare, eine Ausstrahlung von Wärme und Zufriedenheit, eine geschmackvoller auf sie abgestimmte Garderobe hätten viel vermocht, aber nunmehr stellte ein frustrierter Vater fest, daß seine Einzige eigentlich nur die grauen Augen von ihm hatte.

Das mütterliche Erbteil überwog optisch und vielleicht auch charakterlich. Vermutlich hatte er sich deswegen so wenig um Milena gekümmert. Ihre Mutter hatte er geheiratet, ohne sie zu lieben — sie war von ihm einfach aus der kleinen Radio-Reparaturwerk — stätte ihres Vaters übernommen worden wie die Einrichtung und das Werkzeug. Das einzige Kind, das dieser Mesalliance entsprungen war, hatte er kampflos der Mutter überlassen und seine Tochter dadurch ihrer Kälte und Unduldsamkeit ausgesetzt. Das bedeutete: kein Lippenstift, kein Make-up, keine Freunde nach Wahl, keine Tanzstunde, kein unkontrollierter Ausgang — mit dem Ergebnis, daß dieser widerliche und untüchtige Hans-Georg Deutler dann Milenas Mann — und die Ehe entsprechend wurde.

»Du kannst mir alles sagen«, ermunterte der Unternehmer seine Angreiferin.

»Das weiß ich«, antwortete sie. »Ich überlege mir nur, wie ich es dir beibringe.«

»Dann fang’ mit dem Altersunterschied an«, kam er Milena zuvor. »Ein Mann, der ihn ausgleichen muß, ist ständig in Gefahr, sich zu übernehmen. Nicht wahr?Er treibt zwangsläufig Raubbau an seiner Gesundheit, wie ein Motor, der immer auf Vollgas läuft und sich dadurch verschleißt.«

Sie betrachtete ihn überrascht.

»Das wolltest du mir doch sagen?« stellte er fest.

»Unter anderem«, erwiderte Milena. »Und die Dame deiner späten Wahl konstatiert täglich, wie phantastisch jung du noch bist — im Gegensatz zu deinen Jahren, die du spielender überwindest als ein Stabhochspringer die Latte.«

»Ziemlich richtig«, bestätigte Martin Laimer leicht gereizt. »Es mag eine subjektive Feststellung sein, aber ich fühle mich wirklich jung. Ich habe ja auch nie gelebt — und was Frauen betrifft, blicke ich auf brachliegende Zeit zurück.«

»Nachholbedarf?« spottete Milena. »Im Moment geht alles gut«, sagte sie. »Du bist im siebten Himmel. Deine Partnerin ist entzückend. Sie sagt und tut immer das Richtige, ist sanft und großzügig. Okay, das glaub’ ich dir alles. Ich unterstelle sogar, daß es echt sein kann und die Dame dich tatsächlich mag. Aber«, fuhr sie fort und schoß die Frage wie einen Pfeil ab, »wie lange wird das anhalten?Fünf Jahre?Acht, zehn oder sogar noch etwas länger?« »Wie lange halten heutzutage viele Ehen junger Gleichaltriger?« feuerte Martin Laimer zurück. »Ein Jahr?Zweieinhalb, oder sogar vier Jahre?«

Milena schwieg betroffen.

»Man sollte wirklich nicht immer auf Baisse spekulieren«, sprach er weiter. »Optimismus wäre bei unseren problematischen Lebensverhältnissen durchaus angebracht.«

»Aber nicht so viel«, entgegnete Milena zögernd, »daß du alles, für das du bisher gelebt hast, auf einmal in Frage stellst.«

»Davon kann keine Rede sein«, versicherte Laimer, ohne seine Tochter dadurch beruhigen zu können. »Ich muß dir noch etwas Furchtbares sagen«, fuhr er fort. »Die Zeit ist relativ, das Glück jedoch absolut. So betrachtet zählen ein Jahr, ein Monat, ein Tag, eine Stunde, vielleicht sogar nur ein großartiger Augenblick mehr als die vierunddreißig Jahre Ehe, die deine Mutter und ich hinter uns gebracht haben.«

»Das — das ist sehr hart, Vater —«

»Aber die Wahrheit«, versetzte er. »Ich will jetzt nicht lange um die Dinge herumreden, Milena, Wenn Ilonka damit einverstanden ist, werden wir heiraten.«

»Sie wird einverstanden sein«, meinte Milena mit dem Gesicht der Kassandra und überlegte, wo sie den, Hebel ansetzen könnte. »Deine Dame wirkt tatsächlich noch sehr unverbraucht, aber eine Dreißigjährige muß doch schon einiges hinter sich haben und wer in der Vergangenheit gräbt, arbeitet wohl kaum in einem Goldbergwerk.«

»Da hast du ganz recht«, stimmte Laimer ihr zu. »Aber Ilonkas Vorleben ist mir bekannt.«

»In allen Einzelheiten?«

»In groben Zügen. Es gibt nichts, über das Ilonka und ich nicht miteinander sprechen würden«, entgegnete er. »Sie hat eine dramatische Jugend hinter sich. Sie ist weit reifer, als ihr Aussehen erkennen läßt.«

»Das mag sein«, räumte Milena ein, »aber ich fürchte, daß ich bei dem Lebenslauf deiner Herzensdame vielleicht doch noch Ergänzungen anbringen muß.«

»Tu’ das!« fuhr sie der Konzernchef an. »Seit wann weißt du eigentlich, daß Ilonka und ich zusammen sind?«

»Seit drei Tagen.«

»Von wem?«

»Von deinem deutschen Hausbankier«, antwortete die aufmüpfige Tochter.

»Keil?« fragte Martin Laimer ungläubig.

»Er ist der Meinung, daß du unbedingt einiges erfahren müßtest. Um es gleich vorwegzunehmen: Keil sieht natürlich die Dinge von Berufs wegen immer unter finanziellen Gesichtspunkten. Diese Optik liegt mir fern. Du bist mir jedenfalls wichtiger als Geld.«

»Ich weiß, daß du nicht gierig bist«, erklärte Martin Laimer und sah seine Tochter an. »Woher bezieht dieser Keil seine Weisheiten?«

»Von Philip Palance jr.«, entgegnete Milena. »Er hat ihn in Düsseldorf aufgesucht, um ihn zu warnen. Die Dame, die du heiraten willst, ist nämlich die Geliebte seines Vaters gewesen,«

»Na und?«

»Du weißt es?«

»Ilonka hat es mir gesagt — in der ersten Stunde unserer Bekanntschaft.«

»Und weißt du auch, daß die Dame nach Phils plötzlichem Tod ein großes Aktienpaket geerbt hat?«

»Zehn Prozent. Ist es nicht natürlich, eine Frau, die man liebt, in seinem Testament zu bedenken?« antwortete Martin Laimer, »Übrigens ist Ilka finanziell unabhängig und in diesen Dingen besonders empfindlich.«

Die Angreiferin schluckte eine Entgegnung hinunter und gab ihrem Vater Zeit, die nächstliegende Frage zu stellen, »Wie kommt eigentlich der junge Palance auf mich?«

»Ganz einfach«, antwortete Milena. »Seit der Testamentseröffnung läßt er die unerwünschte Miterbin überwachen.« »Überwachen!« brüllte Laimer. »Dieser Taugenichts.«

»Es gibt einige Unklarheiten«, versetzte Milena, betont ruhig. »Im Vorleben der Miterbin, das der Junior gerade überprüfen läßt. Nachdem dein Name gefallen war, befürchtete er, daß sich die Unerwünschte systematisch an Herren einer bestimmten Kategorie heranmache.« Milena zögerte einen Moment. »Ich möchte nicht, daß wir uns mißverstehen, Vater«, sagte sie dann. »Es ist nicht meine Meinung, sondern der Verdacht der Palance-Söhne, die Dame Ilonka könnte beim plötzlichen Ende des Alten nachgeholfen haben. Jedenfalls stellten sie in einer Zusammenstellung für die US-Behörden fest, daß der Tod ihres Vaters ungeklärt sei und die Diagnose der brasilianischen Arzte ungenau.« Schnell fügte Milena hinzu:»Sie haben damit den Antrag bei der New Yorker Gerichtsbehörde begründet, die Leiche ihres Vaters zu exhumieren.« Sie sah besorgt in das Gesicht ihres Vaters. An den Schläfen traten die Adern so stark hervor, daß man seinen Herzschlag ablesen konnte, »Um sie auf eventuelle Giftspuren untersuchen zu lassen«, setzte sie unbarmherzig hinzu.

Martin Laimer schoß wütend hoch.

»Das Ergebnis der gerichtsmedizinischen Untersuchung würde ich in jedem Fall noch abwarten«, riet Milena gelassen.

»Das ist ja unglaublich!« rief der verärgerte Unternehmer mit verzerrtem Gesicht. »Auf einen solchen Schauerroman eines Drei-Groschen-Strolchs fällst du herein.« Er wollte sich zur Ruhe zwingen, aber der Zorn galoppierte mit ihm davon. »Alles weißt du«, stieß er hervor. »Daß ich ein alter Narr bin, der sich von einer jungen Circe verhexen läßt. Daß ich meinen Konzern zerstöre und im Jugendlichkeitswahn meine Gesundheit ruiniere. Daß es dunkle Punkte in Ilonkas Vorleben gibt, daß ich meine potentielle Mörderin liebe und vermutlich Phil Palance schleunigst in die Gruft nachfolgen werde — alles weißt du!« griff er seine Tochter an, während die letzte Sicherung durchbrannte. »Nur daß Hans-Georg, dein Mann, seit drei Jahren mit seiner Sekretärin schläft, das weißt du nicht.«

Milena sah aus, als sei sie mißhandelt worden. Ihre Wangen zeigten große rote Flecke. Sie hatte die Augen eines Tieres in der Falle. Sie wußte, daß ihr Vater eine solche Anschuldigung nicht erfundenhätte.

»Und warum sagst du mir das erst jetzt?«

»Weil — weil ich dich schonen wollte«, erklärte Laimer.

»Und du meinst, du hättest mich damit geschont?« fragte Milena. »Oder hast du mich dadurch zum Gespött im Betrieb gemacht?«

»Niemand außer mir weiß es«, versicherte er. »Und dein Mann ist auf Abwegen sehr diskret.«

»Wie anständig von ihm«, versetzte sie.

Wiewohl Milena ihn durch ihre Attacken gereizt hatte, erfaßte Martin Laimer, was er seiner Tochter angetan hatte. Sie tat ihm leid, doch er konnte die Indiskretion nicht mehr zurückholen.

Er setzte sich neben sie und legte den Arm um Milena, die erste väterliche Geste seit langem.

Sie sah fast erschrocken zu ihm auf, sie hatte nasse Augen, nicht wegen Hans-Georgs Untreue, sondern weil sie auf einmal einen Vater hatte, dessen Nähe und Mitempfinden sie spürte. Die beiden saßen lange nebeneinander, schweigend, voller Selbstvorwürfe, daß sie nicht längst zueinandergefunden hatten, wo es doch so einfach war, vor allem nach dem Sturm.

»Hör’ mal zu, mein Kind«, sagte Martin Laimer, als er sich von Milena löste. »Ich habe Fehler gemacht. Ich hätte dich nicht deiner Mutter überlassen dürfen. Es war eine Hölle ohne Feuer. Sicher hätte ich dir früher sagen sollen, was mit deinem Mann los ist, aber ich habe nie verborgen, daß ich ihn für einen Versager halte.«

»Und du meinst, ich könnte jetzt noch mit ihm zusammenleben?« »Das ist deine Entscheidung, Milena«, antwortete er. »Wie sie auch ausfällt, ich stehe hinter dir und trage sie mit.«

»Ich werde mich von Hans-Georg trennen. Unverzüglich«, entschied sie. »Und ich werde auch meine Tochter seinem Einfluß entziehen.«

»Gut«, entgegnete der Industrielle. »Und was Ilka betrifft, möchte ich noch einmal feststellen: Es gibt keine Möglichkeit, die ich nicht hundertmal durchgespielt hätte. Diese Frau ist für mich eine Herausforderung und ein Abenteuer, aber ich gehe es nicht unüberlegt ein. Was dich dabei anbelangt, wirst du abgesichert sein. Ich habe Mike Nadler von New York nach Düsseldorf geholt, um die Vorbereitungen zu treffen. Ich folge — mit einiger Verspätung — dem Rat meiner Juristen und Finanzberater, die Gesellschaftsform meines Unternehmens zu ändern. Wenn mir etwas zustoßen sollte, würde meine Firma nicht den Weg meines Geschäftsfreundes Palance gehen. Mein Unternehmen würde in jedem Fall weiter bestehen und damit wäre wohl auch unser besorgter Hausbankier Keil beruhigt.«

»Er meinte es gut, Vater«, verteidigte ihn Milena. »Weißt du überhaupt, wie schwer es mir gefallen ist, nach Bangkok zu fliegen?« »Es ist mir klar, Milena, daß du nicht aus selbstsüchtigen Gründen gehandelt hast«, bestätigte er. »Kommst du mit zum Rotary-Abschiedsbankett?«

»Ich bin wirklich zu erschöpft«, versetzte sie.

Martin Laimer sah das ein. »Dann laß uns morgen zusammen frühstücken.«

»Wenn es sich irgendwie einrichten läßt«, wich Milena aus.

»Um neun Uhr — oben im Summit.«

Als seine Tochter gegangen war, verlangte Martin Laimer eine Verbindung mit Düsseldorf.

»Gut, daß ich dich erreiche, Mike«, begrüßte er seinen Vertreter.

»Hör’ zu: Es handelt sich um die Phil-Palance-Company.«

»Die ist ziemlich am Ende«, erwiderte Nadler sofort.

»Weiß ich«, antwortete Laimer. »Stell’ das bitte genau zusammen. Und nun sag’ ich dir, was du für mich sofort unternehmen mußt.

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9788711726976
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