Читать книгу: «Der Einzige u.a.»
Wilhelm Wiesebach
Der Einzige u.a.
und andere Erzählungen
Saga
Der Einzige u.a.Copyright © 1915, 2019 Wilhelm Wiesebach und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711592793
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach
Absprache mit SAGA Egmont gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com
Der Einzige.
Vom Maschinenhause der Tuchfabrik Halm u. Co. heulte die Dampfsirene. Mittag. Die Herren auf dem Bureau klappten ihre Bücher zu und tauchten aus dem Reich der Zahlen in die Wirklichkeit empor.
« Verdammte Hitze heute,» schnarrte der junge Schaller mit dem schneidigen, blonden Schnurrbart und der frühen Glatze, und hielt seine Pulse unter die Wasserleitung. Latting, der Stift, nestelte an seinem Selbstbinder und schielte durch die offenstehende Tür ins Nebenzimmer, wo eben das Klappern einer Schreibmaschine abbrach und eine weisse Bluse hin und her schwebte.
Die anderen Herren tupften mit dem Taschentuch die Stirne und streiften die Manschetten, die bis jetzt auf den breiten Pulten gestanden hatten, über die Hände.
Herr Sassen, der als Prokurist am ersten Pult, dicht vor der Tür des Privatkontors des Fabrikherrn stand, trocknete bedächtig seine Feder am Tintenwischer und schmunzelte vergnügt den kleinen porzellanenen Hemdenmatz an, der mit ausgestreckten Beinchen auf der breiten, runden Fläche des obersten Tintenwischerläppchens sass. Sein Nachbar, ein langgeschossener, magerer Herr mit glattrassiertem, rotem Weingesicht, prüfte seine Fingernägel und den feingebügelten, hellgrauen Anzug.
« Na, Herr Sassen, Sie können schon lachen. Während unsereins sich in der Julihitze abschinden muss, machen Sie den Nachmittag frei. Das hat man davon, wenn man geplagter Junggeselle ist.»
« Ei, Donnerwetter ja, Herr Sassen, verzeihen gütigst; habe ganz vergessen zu gratulieren,» kam Schaller kratzfüssig an, « welche Nummer ist’s denn eigentlich?»
« Nummer acht!» antwortete der ganze fünfstimmige Chor, indem Herr Schaller Herrn Sassen die Hand bot.
« Besten Dank für die Glückwünsche. Aber wer hat mir denn da den kleinen Kerl aufs Pult gesetzt? Das ist sicher wieder Herr Malten gewesen?»
« Ich, ich?» pustete ein kleiner, kugelrunder Herr mit speckiger Stimme.
« Na, nu leugnen Sie man nicht! Das Kerlchen macht mir übrigens grossen Spass.»
« Na ja, was kann alles Lügen helfen! Ich darf Ihnen doch einen porzellanenen Buben schenken; denn Sie haben ja doch nie genug von der Sorte.»
« Gott sei Dank, dass es so ist, Herr Malten,» und Herrn Sassens Augen blickten ernst unter den schwarzen Brauen hervor.
« Na, Sie müssten meine Frau haben,» quakte der Dicke entgegen.
Herr Sassen tat, als hätte er die Frechheit nicht gehört. « Meine Herren, ich gebe mir die Ehre, Sie für morgen abend zu einem kleinen Trunk in die « Altdeutsche Bierstube» einzuladen. Da wollen wir das Kleine gehörig begiessen.»
« Angenommen, bravo! Was ist’s denn, ein Junge oder Mädel?»
« Natürlich ein Bub. Mädel habe ich jetzt genug.»
Der Stift machte sich noch immer angelegentlich am Wasserkranen mit Händewaschen zu tun. Herr Sassen merkte, dass er neugierig lauschte.
« Karl, mach, dass du nach Hause kommst. — Meine Herren, Sie entschuldigen, ich muss eben noch zu Herrn Halm hinein.»
« So, so! Gehaltszulage?»
« Herr Malten, ich verbitte mir das.»
Der Prokurist strich seinen schwarzen Spitzbart zurecht und schritt auf die Tür des Chefs zu. Kaum war er drinnen verschwunden, als ein zynisches Kichern unter den Fünfen anhub.
« Der Sassen ist glatt verrückt. Der kommt noch mal total zur Plebs hinunter.»
« Wie lange trägt er nun schon den braunen Anzug? Menschenkind, das kann ja einer allein gar nicht mal zusammenrechnen.»
« Na, und dabei sind ihm schon drei kleine Affen gestorben.»
« Die ganze Erklärung ist die: der Kerl ist bigott, und seine Alte auch.»
« Ja, aber die Bischöfe und ihr gemeinsamer Hirtenbrief?»
« Was geht das uns an? Lass sie sagen und schreiben, was sie wollen . . . ich meine, ein gebildeter Mensch heutzutage . . .»
« Na, kurz und gut, Sassen ist ein Schaf erster Grösse. Wenn ich jemals heiraten sollte, wovor mich das Geschick bewahre, Kinder — nee — brr. Meine Herren, darauf muss ich meinen Mund mit einem guten Pilsener ausspülen.»
Die Herren griffen zu ihren Hüten und verliessen das Büro. — —
Der Prokurist kam aus dem Zimmer des Chefs, rieb sich vergnügt die Hände und summte einen Marsch vor sich hin. Seine Bewegungen, wie er noch einige ordnende Griffe auf seinem Pulte tat und mit Hut und Stock das Zimmer verliess, waren frisch und geschmeidig. Heute sah er vor eitel Freude wenigstens um zehn Jahre jünger aus. Das würde ein schönes Taufessen geben. So ganz in der Familie, nur den Chef mit Gemahlin als fremde Gäste. Jetzt aber im Sturmschritt nach Hause, zu seiner lieben Frau und dem kleinen Heiden! Schon so oft hatte er diese jubelnde Freude erlebt, doch immer wieder war sie ihm neu. Man hätte hinter der sonst so ernsten Miene des pflichttreuen Mannes nie ein so natürliches, frisches Glücksgefühl vermutet.
Vor einigen grösseren Zigarrengeschäften und Schreibwarenhandlungen drängten sich Arbeiter und Ladenmädchen, Soldaten und Schreiber vor ausgelegten Telegrammen. Doch was kümmerten ihn heute die aufregendsten Neuigkeiten. In der Politik sah es seit dem Mord von Sarajewo gefährlich aus. Aber es wird wohl auch diesmal, wie schon so oft, wieder glücklich vorübergehen. Heute treibt man keine Politik, heute lebt man dem Kinde.
Herr Sassen steckte den Schlüssel in die Haustüre und stürmte die Treppe zum ersten Stock hinauf ins Zimmer seiner Frau. Da war heute seine ganze Welt, sein ganzes Sinnen und sein Glück.
« Gertrud, du erlaubst? Frau Halm möchte dich ein Weilchen besuchen. — Bitte, gnädige Frau!»
Damit liess Herr Sassen die Gemahlin seines Chefs ins Zimmer seiner Frau eintreten und zog sich selbst zurück.
Ein freudiges Erröten huschte über das nervösbleiche Gesicht der hochgewachsenen, stolzen Frau, als sie die kleine Blondine in den blühweissen Kissen liegen sah. Alles licht und weiss um sie her, und ein schwellender Strauss weisser Rosen auf dem Toilettentisch.
Frau Sassen streckte der Eintretenden ihre schmale weisse, von Spitzen umrahmte Hand entgegen und erhob sich lächelnd ein wenig. « Herzlichen Dank, gnädige Frau, für ihre Liebenswürdigkeit.»
« Verzeihen Sie meine Zudringlichkeit! Ich will nicht lange stören. Ich wollte Sie eben nur einmal begrüssen und den kleinen Buben sehen.»
« Da ist unser Richard,» und sie wies auf ein kleines Himmelbettchen am Fussende ihres Bettes.
Frau Halm näherte sich auf den Fussspitzen dem spitzenumblühten Nestchen und schob den Vorhang etwas zur Seite. Da lag ein kleines, puppenhaftes Wesen mit rotem Gesichtchen und roten Händchen und schlief unbeweglich wie ein Christkindchen aus Wachs.
« Ein allerliebstes Kindchen! Die Härchen hat es halb von Ihnen, Frau Sassen, und halb von Ihrem Herrn Gemahl, halb blond, halb schwarz; und wie lang sind sie schon!»
« Das haben alle unsere Kleinen so gehabt.»
« Und wieviel sind deren schon?»
« Das ist das Elfte. Drei sind schon Engel im Himmel, klein gestorben.»
« Also acht am Leben!»
« Ja, eine wahre Freude für eine Mutter. — Aber nehmen Sie, bitte, Platz, gnädige Frau.»
Die Besucherin setzte sich auf einen Stuhl neben dem Bett. Da sah Frau Sassen erst, wie gross sie war; sie musste immer noch zu der Dame aufschauen.
« Es kommt ganz darauf an, liebe Frau Sassen, wie man das Leben nimmt.»
« Wie verstehen Sie das? Ich meine, es gibt für eine Frau nichts Schöneres, als Mutter, recht oft Mutter zu sein.»
« Wenn man keine anderen Verpflichtungen hat.»
« Mag sein, aber ich war immer glücklich mit den Verpflichtungen, die mir meine Kinder brachten.»
« Ach, auf mir lasteten schon Verpflichtungen, ehe ich unseren Einzigen, den Robert zur Welt brachte; gesellschaftliche Verpflichtungen dringendster Art.» Die Sprecherin nestelte mit der rechten Hand an der Kante des Federbettes. Hier und da schien sie sich der Ungehörigkeit bewusst zu werden und zog die Hand zurück. Dann vergass sie sich aber wieder und nahm das Spiel wieder auf. « Was will man als junge Frau machen? Man muss doch ins Theater gehen, auch einmal einer Balleinladung zusagen. Und dann sehen Sie: Im Anfang ging unser Geschäft auch noch nicht so glänzend. Da musste ich aus Liebe zu meinem Mann auch gegenüber manchem einflussreichen Kunden Rücksicht nehmen. Wollte ich mich da oft zu preziös machen, so schädigte ich schliesslich unsere Existenzsicherheit selbst! Hatten wir Gewissheit, Brot für viele Kinder zu finden?»
« Ach, gnädige Frau, was liegt schliesslich am Brot? Wo der liebe Gott ein Häschen schafft, da schafft er auch ein Gräschen.»
Die Dame musste lächeln ob der verblüffenden Philosophie der einfachen, kindlichen Frau. Aber sie liess sich in ihrem überhastenden Redeschwall nicht stören.
« Und dann wissen Sie, bei Robert habe ich schon so viel gelitten. Der Arzt sagte mir ernst, wenn es noch einmal so weit käme, könne er für nichts einstehen.»
« Das hat er mir auch schon einmal gesagt. Aber, wie Sie sehen, lebe ich heute noch und bin gesünder denn je. Glauben Sie mir, gnädige Frau, wenn der liebe Gott mich hätte von meinem Mann und den Kindern wegholen wollen, dann brauchte er mir kein Kindchen zu geben. Eine Lungenentzündung oder eine ähnliche gefährliche Krankheit hätte mir auch den Tod bringen können. Dem lieben Gott kann man doch nicht entwischen, wenn er einen haben will.»
« O, Sie haben gut reden. Sie finden in Ihrem häuslichen Kreis Ihre Befriedigung. Sie verlangen nach nichts mehr. Aber unsereins! Der gesellschaftliche Verkehr! Sie müssten einmal die spitzen Bemerkungen unserer Damen hören, wenn einmal eine aus unserem Kreis sich zu sehr mit Kindern beschwert und schon in frühen Jahren verblüht.»
« Nein, gnädige Frau, was Sie da sagen! Schauen Sie mich einmal an; bin ich denn verblüht? Ich bin doch noch leidlich hübsch mit meinen achtunddreissig Jahren.» Sie lachte schelmisch. « Und dann, was Sie von den Stichelreden der Damen der Gesellschaft sagen: Ich weiss von meinem Mann recht gut, wie die Herren reden. Die Nadeln, mit denen die Damen stechen, müssen, soviel ich darüber urteilen kann, allerdings noch viel spitzer sein.»
« Allerdings, meine Liebe, die sind entsetzlich spitz, und dazu noch vergiftet.»
« Aber die Liebe zu Mann und Kind nimmt ihnen die Spitze und das Gift. Ich bin dazu noch stolz auf meine Kinder. Ich sasse die Stichelreden, wenn ich einmal etwas davon höre, nur als Ausbruch des blassen Neides auf. Die Damen haben ein schlechtes Gewissen und können deshalb auch andere nicht in Ruhe lassen. Sie müssen sich selbst auf irgend eine Weise ins Recht setzen und deshalb die andern ins Unrecht.»
Die kleine Mutter hatte sich in Eifer hineingeredet, und die andere fühlte ihre geistige Überlegenheit, die aus dem reinen, echt weiblichen und mütterlichen Herzen heraus mit ungekünstelten Gedanken scharfe Schläge führte.
« Apropos, Frau Sassen, was will denn Ihr Ältester studieren? Wenn ich nicht irre, ist er mit unserm Robert auf der Oberprima und macht Ostern das Abitür.»
« Er will, soviel ich weiss, Medizin studieren. Aber das kann sich bei so jungen Leuten ja noch ändern.»
« Denken Sie, das will unser Robert auch. Vater hätte so gerne, wenn er erst Jura studierte und dann in die Fabrik einträte. Sehen Sie, wer soll denn später das Geschäft übernehmen? Aber der Junge hat es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, Arzt zu werden. Wenn ihm nun da etwas passierte! Die jungen Leute müssen ja an den Leichen herumschneiden. Hu, ich habe schon einen Ekel davor. Aber wenn er sich nun dabei einmal in den Finger schnitte, und es ihm ginge wie Direktor Schillings Eduard, der in vierundzwanzig Stunden tot war. Ich mag nicht daran denken.»
Die grosse Frau schlug sich die Hände vor’s Gesicht und schluchzte nervös auf.
« Man muss auch nicht immer gleich das Schlimmste denken, gnädige Frau. Wieviele haben schon Medizin studiert und es ist ihnen nichts zugestossen.»
« Ja, aber die vielen ansteckenden Krankheiten, mit denen er als Arzt in Berührung kommt.»
« Welcher Beruf ist heute ohne Gefahr? Wenn Ihr Sohn einmal den Beruf hat . . . ich sage unserm Otto gar nichts, er soll sich seinen Beruf frei wählen.»
« Sie haben gut reden; aber wenn man nur ein Kind zu verlieren hat!»
« Ein Kind bleibt für die Mutter nun einmal ein Kind, ob es eins unter achten oder ob es das einzige ist.»
Es klopfte, und ein etwa sechzehnjähriges Mädchen mit frischgeröteten Wangen und leuchtenden Augen trat ein.
« Ach, Fräulein Maria!» Frau Halm erhob sich und streckte der Tochter des Hauses die Hand entgegen.
« Gnädige Frau, Papa lässt bitten.»
« O, verzeihen Sie, Frau Sassen, dass ich Sie so lange ermüdet habe.»
« Maria muss in der Haushaltung helfen und mich heute in der Küche vertreten. — Herzlichen Dank für Ihren freundlichen Besuch. Das Plauderstündchen hat mir wohl getan.»
« Bitte, das Vergnügen war ganz auf meiner Seite. Hoffentlich sprechen Sie später einmal mit Ihrem kleinen Richard bei mir vor.»
Die Frauen gaben sich die Hand, und Maria führte die Besucherin hinaus und die Treppe hinunter.
Von dem ersten Treppenabsatz führten drei Stufen zum Seitenbau hinauf. Eine Tür stand offen, und aus dem Zimmer schallte ein fröhliches Lärmen von drei Jungen und zwei Mädchen, die in buntem Gewusel mit einer Eisenbahn spielten.
« Kinder, Kinder! Wollt ihr nun durchaus das Brüderchen nicht schlafen lassen?»
Sofort war auf die Stimme der älteren Schwester hin das Rufen und Lachen verstummt.
« Kommt mal her und sagt der gnädigen Frau guten Tag.»
Da kamen sie alle der Reihe nach die Stufen herunter. Die Buben verneigten sich stramm und gaben der Dame leicht die Hand, die beiden kleinen Mädchen machten ihr Knixchen und schauten gleich wieder stolz auf ihre Puppen, die sie im Arm trugen.
Frau Halm legte, ohne ein Wort zu sagen, nur ihre Hand auf den Scheitel der Mädchen. Ihre Augen wurden ein wenig feucht. Wie die Kinder alle schönen Züge von Vater und Mutter in sich vereinten! Sollte sich ihr Lebensinhalt doch nicht reicher gestaltet haben, wenn sie und ihr Mann Gott nicht in die Arme gegriffen hätten? Welches Lebensziel hatte sie jetzt eigentlich? Ihr Sohn entwuchs allmählich ihren Händen und ihrer Kraft. Mutter und Sohn hatten so ganz andere Gedanken und Strebungen. Hätte sie doch wenigstens noch ein Mädchen, in dem sie sich selbst wiedergebildet fände!
Die Kinder schauten die eigentümlich schweigende Frau verwundert an. Die grösseren Jungen standen noch immer stramm. Die kleinen Mädchen wiegten ihre Puppen in den Armen. — Wie der Mutterdrang doch schon in den kleinen Dingern steckte!
« Nun spielt weiter, liebe Kinder! Lebt wohl!»
Da wagte sich der grösste Junge heraus: « Die Eisenbahn hat uns das Brüderchen mitgebracht.»
« Ja, und mir und Martha die Puppen.»
« Ist das aber ein liebes Brüderchen, nicht wahr? Habt ihr es auch gern?»
« Ja, sehr lieb haben wir es, aber es ist noch zu klein, man kann noch nicht recht mit ihm spielen.»
« Da müsst ihr halt noch ein bisschen warten. Wenn ihr recht ruhig seid, kann es gut schlafen, und dann wächst es auch schnell. Darum macht auch hübsch die Türe zu, wenn ihr weiterspielt. Lebt wohl, Kinder.»
« Auf Wiedersehen, gnädige Frau.» Das war Franz, der älteste unter den Kleinen, der schon etwas auf sich und feine Manieren hielt.
Als Frau Halm mit Maria in den Salon im Erdgeschoss eintrat, stand der Hausherr mit Herrn Halm, seinem Bruder Richard, dem Paten des heutigen Täuflings, und seinem Sohn Otto in engem Kreis zusammen. Die Unterhaltung zwischen den älteren Herren war sehr eregt. Otto, an einen Stuhl gelehnt, hörte nur aufmerksam und bescheiden zu. Tante Leni, die Patin, hatte ihre Hand auf seine Schulter gelegt und schaute etwas verängstigt drein.
« Nun, Alterchen, seid ihr wieder in Geschäften?»
Alle wandten sich zur Sprecherin um.
« Nein und ja, meine Liebe. Es gibt wirklich Krieg.»
« Ja, gnädige Frau, darf ich bitten?» — und der Hausherr wies ihr den Ehrenplatz an — « ja, der Kriegszustand ist erklärt, und die Mobilmachung steht bevor.»
« Gott sei Dank, Erich, dass du nicht mehr mit musst und Robert noch zu jung ist.»
Man hatte Platz genommen, und die Pasteten wurden aufgetragen. Aber alle festliche Stimmung war wie im Keime erstickt. Die Herren schauten ernst drein, und die Damen besorgt.
« Lass da kommen, was kommen mag! Wir werden uns durchhauen. Ein Unterliegen gibt es für uns nicht. Unsere Volkskraft wird sich wieder siegreich aufraffen. Die deutschen Mütter werden siegen. Das durch eigene Schuld entvölkerte Frankreich wird von Gott für seine Sünde gestraft, und das halbzivilisierte Russland von unserem überlegenen Geist geschlagen.»
« Wirtschaftlich werden wir auch durchhalten; ich hoffe sogar, an Tuchlieferungen für das Heer recht gut zu verdienen. Aber Krieg bleibt doch immer Krieg, eine entsetzliche Geissel.»
« Nun, Erich, wenn du für das Geschäft nichts fürchtest, dann bleibt doch diese Geissel recht weit von uns selbst entfernt.»
« Wir Frauen haben dann um so mehr Gelegenheit, christliche Liebe zu üben,» meinte Herrn Sassens Schwägerin, « der Krieg wird nicht nur Hass, sondern noch viel mehr Liebe entbrennen lassen.»
« Und wir jungen Leute werden uns mit Begeisterung als Freiwillige melden. Man munkelt sogar, wir bekämen ein Kriegsabitür, wenn es wirklich jetzt losginge.»
Otto sprach es mit leuchtenden Augen und mutiger Stimme. Maria schaute mit zager Bewunderung zu ihrem Bruder hinüber.
« Gott bewahre, Herr Sassen! Was würde denn Ihr Herr Vater sagen, wenn Sie, sein Altester und sein Stolz, ins Feld ziehen und sich erschiessen lassen wollten? Ich würde das von unserm Robert nie zugeben.»
« Ich denke so, gnädige Frau: Wenn mein Junge mitgehen will, dann soll er es tun. Tausende armer Eltern und Gattinnen müssen im Kriege ihr Liebstes und ihren Ernährer opfern fürs Vaterland und für uns, die wir schön zu Hause bleiben dürfen. Sollen wir denn da so ganz opferlos ausgehen? Ich käme mir, offen gestanden, erbärmlich vor, wenn ich Otto nicht ziehen liesse.»
« O Herr Sassen, Sie haben gut reden. Ich habe eben schon zu ihrer Frau Gemahlin gesagt, dass ein gewaltiger Unterschied ist, ob man nur ein Kind oder deren acht hat.»
Maria schaute erstaunt von der Seite auf die Dame; ein leises Mitleid sprach aus ihren Zügen.
« Ich meine» , ertönte der tiefe Bass des Fabrikherrn, « man sollte von vornherein bei einer Mobilmachung auf die jungen Leute Rücksicht nehmen, die einzige Söhne ihrer Eltern sind. Man sollte sie entweder gar nicht einziehen oder sie in der Heimat mit Postenstehen und in der Heeresverwaltung verwenden; denn gerade in den besseren Kreisen der Bildung und in der Finanz findet man oft nur einen Sohn. Wer soll denn nach dem Krieg die grosskapitalistischen Unternehmungen und die höhere Bildung weiter führen?»
« Jungdeutschland, das jetzt heranwächst.»
« Ja gewiss, Jungdeutschland! — Ich trinke auf das Wohl des allerjüngsten Deutschland. Wie heisst er denn noch? Ja richtig, Richard Löwenherz! Sie gestatten, mein lieber Herr Sassen!»
Und man trank auf den Täufling und vergass allmählich den drohenden Krieg; wenigstens die Herren fanden bald einen anderen Gesprächsstoff. Nur Frau Halm hatte die Stimmung verloren. Ihre Gedanken waren bei ihrem Sohn Robert. Wenn der Junge nur nicht auch auf den Einfall kam, sich im Falle einer Mobilmachung freiwillig zu melden. In dem jungen Sassen spukten ja schon solche Ideen. Die Männer verstanden nie und nimmer das Gefühl einer Mutter. Wie jetzt Otto da sass mit träumendem Blick und an dem Stiel seines Weinglases fingerte. Der dachte gewiss schon an frisches Stürmen gegen den Feind, ans Eiserne Kreuz und siegreiche Heimfahrt.
Einige Tage später. Die Mobilmachung ist in vollem Gange. Eine schwarzgekleidete Dame schellt bei Sassens.
« Ist Frau Sassen schon zu sprechen?»
« Ich will einmal nachsehen. Bitte, treten Sie ein,» erhielt sie zur Antwort.
Frau Halm liess sich im kleinen Nebenraum des Salons, der als Sprechzimmer diente, nieder und streifte ihren Schleier über die Stirne hinauf, entnahm ihrem Ledertäschchen das Taschentuch und wischte sich die Augen. Frau Sassen trat ein.
« Gnädige Frau, was verschafft mir die Ehre?»
« O, denken Sie sich, die ganze Oberprima des Wilhelmgymnasiums will das Kriegsabitür machen, und alle wollen sich als Freiwillige für das Heer melden. Die jungen Leute müssen ja die Einwilligung ihrer Eltern haben, und ich kann und darf sie meinem Robert nicht geben. So ist der gute Junge aber vor dem ganzen Gymnasium, in der ganzen Stadt blamiert, wenn er der einzige ist, der sich nicht meldet.»
« Machen Sie sich darum keine Sorge, gnädige Frau! Das wird man in dieser aufgeregten Zeit bald vergessen. Und man wird auch Ihre Bedenken verstehen.»
« Aber mein Junge wird mir keine Ruhe lassen. Er ist sehr ehrgeizig. Jetzt fängt er schon an zu trotzen. Ich bitte Sie, liebe Frau Sassen, helfen Sie mir. Bringen Sie Ihren Otto dazu, dass er sich nicht meldet; dann hat mein Sohn wenigstens einen Genossen, und lässt sich vielleicht eher durch meine Bitten umstimmen. ES wäre mein Tod, wenn ich den Jungen verlöre.»
« Gnädige Frau, ich verstehe Ihren Mutterschmerz sehr wohl; aber mein Mann und ich, wir haben den Grundsatz, unseren Kindern in ihre Lebenspläne, solange sie gut und edel sind und sich ausführen lassen, nicht hineinzureden. Ich für meinen Teil habe meinen Ältesten lieb, wie jede Mutter ihre Kinder liebt, aber ich bin auch stolz auf ihn, wenn er ritterlich ist, selbst wenn es Opfer kostet.»
« Frau Sassen, Sie sind grausam gegen Ihr Kind und mich. Ihr Otto ist noch nicht so alt, dass er sich selbst leiten könnte, ebensowenig wie mein Robert; da sollten Sie die Zügel in die Hand nehmen. Aber ich will nicht hart werden. Ich bitte Sie flehentlich, um Ihrer Mutterliebe willen, helfen Sie mir in meiner Not.»
« Gut, ich will alles tun, was ich vor meinem Gewissen verantworten kann. Ich will mit Otto reden. Aber ich versichere Sie, es wird nichts fruchten.»
« Ich danke Ihnen recht sehr für Ihr gutes Wort.» Frau Halm erhob sich und fasste der Hausherrin Rechte mit beiden Händen. Die Tränen rannen ihr aus den Augen über die bleichen Wangen herab. « Denken Sie, liebe Frau Sassen, denken Sie an meinen Einzigen!»
« Machen Sie sich keinen Kummer vor der Zeit, gnädige Frau! Gott wird alles zum Guten lenken.»
An der Haustüre wandte sich die Besucherin noch einmal zurück.
« O, Verzeihung, Frau Sassen! Ich habe über meinem Leid ganz vergessen, mich nach Ihrem und des lieben Kindchens Befinden zu erkundigen.»
Die Mutter lächelte still vor sich hin. Ein hartes Wort wollte ihr auf die Lippen kommen. Aber sie unterdrückte es. Sie fühlte sich in diesem Augenblick so innerlich erhaben über die geknickte Mutter ihres Einzigen. Doch sie rang auch den Stolz nieder und wehrte bescheiden ab.
« Danke, danke, gnädige Frau! Ich verstehe als Mutter Ihr Vergessen sehr gut. Mir geht’s ausgezeichnet, wie Sie sehen, und Klein-Richard ebenso.»
« Also vergessen Sie meinen Robert nicht!»
« Nein, gnädige Frau! Ich werde Ihnen heute nachmittag gleich berichten.»
« Nochmals heissen Dank! Leben Sie wohl!»
« Ebenfalls, ich danke für den freundlichen Besuch.»
Um Spätnachmittage sass Frau Halm in ihrem Zimmer und schaute träumend auf das Bild eines heranwachsenden Jünglings, das in goldenem Rahmen vor ihr auf dem Schreibtische stand. Er war ganz ihr Ebenbild mit seinem schwarzen, glattgescheitelten Haar, den schwarzen Augen und der kleinen Nase über einem üppigen, etwas spöttischen Mund. Überall im Zimmer, auf allen Möbeln und allen Wänden kehrte dasselbe Bild wieder, in Photographien aller Art, als kleiner, nackter Bub auf üppigem Eisbärfell, bis hinauf zum schmucken Primaner mit der weissen Mütze. Immer wieder Robert, und nichts als Robert.
Da schlug die Standuhr auf der Konsole halb. Frau Halm erschrak und wandte sich um.
« Schon halb sechs, und noch keine Nachricht!» Sie stand auf und ging im Zimmer auf und ab. Da endlich Schritte. Das Mädchen kam und überreichte ihr einen kleinen Brief. Sie nahm ihn an, setzte sich wieder an den Schreibtisch und griff nach dem Briefmesser. Langsam schnitt sie den Umschlag auf, klopfenden Herzens. Und sie las.
« Verehrte, gnädige Frau!»
Nach Rücksprache mit meinem Sohn Otto muss ich Ihnen leider mitteilen, dass er an seinem Entschluss festhält, als Freiwilliger bei dem hiesigen Infanterieregiment einzutreten, wenn die Militärbehörde ihn annimmt. Auch mir wird das Opfer schwer, aber ich bringe es mit Gott fürs Vaterland.
In aller Verehrung
Ihre ergebene
Gertrud Sassen.»
Wütend warf Frau Halm den Brief auf den Tisch.
« Die eklige Person! — Warte, das sollst du bereuen! Ich werde noch einmal vor dir kriechen und winseln! Und meinen Jungen geb’ ich doch nicht her.»
Sie schluchzte laut auf vor Wut und Schmerz und warf sich auf das Liegesofa und barg ihr Gesicht in den Seidenkissen. Sie wusste nicht, was sie dachte. Alles ging ihr im Kopf durcheinander. Sie sah die vermeintliche Schuldige ihres Elends, und dann wieder ihren Robert, wie er, von einer Kugel getroffen, zusammensank; und dann stieg eine dunkle Wolke in ihrer Phantasie auf, aus der eine strafende Stimme klang: « Du hast es nicht anders gewollt!»
Von Angst gequält sprang sie auf. Hinaus aus dem Salon. Weinend trat sie in das dem ihrigen gegenüber liegende Studierzimmer ihres Sohnes. Der sass lang hingedehnt in einem Klubsessel und las eine illustrierte Zeitung, eine Zigarette im Mundwinkel.
« Robert, mein Junge, wie kannst du nur so gleichgültig sein? Weisst du denn nicht, was Papa und ich leiden?»
Der Junge liess die Zeitung auf die Knie herabsinken und schaute die Mutter gross an.
« Was ist dir, Mama? du weinst ja.»
« Das solltest du doch wissen, was mir ist. Kannst du dich denn gar nicht in den Schmerz deiner Mutter hineindenken?» — Sie liess sich auf den Schreibsessel am Tisch nieder und wischte ihre Augen mit dem Batisttüchlein. « Du willst fort, willst in den Krieg ziehen, wo du es doch gar nicht brauchst. Wenn du nun nicht mehr wiederkommst? Robert, Kind, denk an deine arme Mutter!»
« Ich will ja nicht, Mama, aber die anderen wollen, und da kann ich doch nicht zurückstehen. Ich würde mich ja vor der ganzen Stadt blamieren.»
« Komm her, mein Kind» — und Robert stand auf und trat neben seine Mutter — « was kümmern dich die andern, wenn du deiner Mutter durch diese Rücksicht auf sie den grössten Schmerz bereitest?»
Sie hatte ihren Arm um seinen Rücken gelegt und ihn halb auf ihren Schoss gezogen.
« Sieh, mein Kind, so hab’ ich dich oft gehalten und dich lieb gehabt, als du noch klein warst. Du bist ja mein Einziger, und wenn du stirbst, dann sterbe auch ich.» Und sie brach wieder in Tränen aus. « Soll ich dich denn in Schmerzen geboren haben, um dich jetzt von einer verlaufenen Kugel wie ein Tier niederschiessen zu lassen?»
« Sprich nicht so, Mama, ich kann nun einmal nicht anders. Da verstehst du uns junge Leute nicht. Das Soldatenleben hat auch viel Schönes, und du kannst stolz auf mich sein.»
« Du redest wieder so, wie ihr Männer immer redet. Wo hast du das gelernt? Doch nicht von mir und auch nicht von Papa. Bleibe hier. Wir lassen dir vom Hausarzt ein Attest schreiben, dass du zu schwach bist, jetzt schon als Freiwilliger mitzugehen. Papa geht dann zum Herrn Direktor und erwirkt dir schon, dass du jetzt mit den andern das Abitür machen kannst, damit du nicht als Einziger zurückstehst.»
« Das hast du gut ausgedacht, Mama, aber das gibt es nicht. Die Verordnung der Regierung ist sehr streng; nur wer sich als Freiwilliger zum Heere meldet, bekommt das Kriegsabitür. Wir haben deswegen schon angefragt, aber eine abschlägige Antwort bekommen.»
« Aber wenn Papa selbst geht . . .»
« Fruchtet auch nichts. Ich muss halt in den sauren Apfel beissen, und du musst dich darein ergeben. Ich werde noch ganz andere Sachen mitmachen müssen als du.»
« Kind, das verstehst du nicht. Über Mutterschmerz geht kein anderer Schmerz. Aber ich weiss noch einen anderen Weg, dass wir dich nicht verlieren, und dass du dich nicht blamierst. Ich will heute abend einmal mit Papa sprechen. — Komm, gib mir einen Kuss; ich weiss nicht, wie lange ich dich noch hab’!»
Sie zog ihren Einzigen vollends an sich und küsste ihn weinend auf Wange und Mund. Der Junge sträubte sich halb, aber liess es doch errötend geschehen.
« So, Mama, jetzt lass mich noch ein bisschen arbeiten. Ich habe noch ein lateinisches Pensum zu machen, und heute abend haben wir noch eine Zusammenkunft über das Kriegsabitür.»
« Schon wieder das hässliche Wort! Ich mag es gar nicht mehr hören. Aber all euer Gerede nützt nichts. Die Mutterliebe wird doch siegen.»
Sie erhob sich und ging mit einem kleinen, zuversichtlichen Lächeln unter Tränen hinaus.
Am andern Mittag kam Herr Halm eine halbe Stunde früher nach Hause. Er zog sich schnell um und ging im Besuchsanzug wieder aus. Nach einigen Strassen links und rechts schellte er an einer Tür, die auf weissem Emailschild die Aufschrift trug: Dr. Alexander Ewalds, Stabsarzt.
« Der Herr-Doktor ist leider noch nicht zu Hause. Wenn Sie sich aber einen Augenblick gedulden wollen . . . . Wen darf ich melden?»
Бесплатный фрагмент закончился.
