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Wilhelm König

Der Sonderling

Saga

Der SonderlingCopyright © 1986, 2019 Wilhelm König und SAGA EgmontAll rights reservedISBN: 9788711731390

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

Drei Hirten berieten sich, denn die Herden waren ihnen in weite, dunkle Täler geflüchtet.

Da kamen am Abend drei Wanderer des Weges: Der Weise, der Narr und der Starke.

Der eine lobte den Himmel, der andere pries sein Fressen, und der letzte prahlte mit seinen Muskeln.

Als die Hirten sie fragten, was sie tun sollten, flüsterte der Weise: »Locke sie mit Salz herbei!« Der Narr rief: »Hetze ihnen die Hunde nach! Mach ein Geschrei!« Der Starke schrie: »Schlage das eine tot; dann folgen dir die andern willig!«

Nun, was taten sie? Welche Worte haben die drei Hirten wirklich gehört?

Gefundene-erfundene Fabel aus den »Notizen« des Karl Simpel

»Wir stecken seit einigen Tagen in feuchtem Herbstnebel. Wenn ich in der Früh in Königstein zum Omnibus gehe, ist um mich her ein Trippeln von lauter Vogelfußen. Es sind die fallenden Blätter. Manchmal schaue ich mich um, weil ich meine, jemanden hinter mir gehört zu haben. Es ist dann aber niemand da.«

Peter Suhrkamp, aus: Hermann Hesse / Peter Suhrkamp, »Briefwechsel«

Vorwort des Herausgebers

Als Schriftsteller und als Großneffe des verstorbenen Kriminalhauptkommissars Rudolf Maier mit der Verwaltung seines literarischen Nachlasses betraut, stieß ich bei der Sichtung seiner Unterlagen zum »Fall Karl Simpel« auf ein Manuskript, das uns in den weiteren Lebensweg jenes bemerkenswerten, inzwischen verschollenen schwäbischen Dorfdackels namens Karl Simpel führt, der 1948, im Alter von 14 Jahren, zwei ehemalige Nazis, den Bürgermeister und den Ortsgruppenleiter der NSDAP seines Heimatdorfes am Fuße der Schwäbischen Alb, erschossen hat und dann in eine Heil- und Pflegeanstalt (Zwiefalten auf der Schwäbischen Alb) eingewiesen wurde.

Der Verfasser des nachfolgenden Berichts ist Karl Simpel selbst. Er hat in Zwiefalten und später im Gefängnis lesen und schreiben gelernt. Das Manuskript ist durch Simpels Mutter in unsere Hände gelangt. Sie schickte alles, zusammen mit einem verteidigenden Begleitbrief – »zu Händen Herrn Kommissars Maier, hier« – an die Stuttgarter Kriminalpolizei, bei der Maier zuletzt tätig war und wo er den behinderten Buben verhörte. Die Polizei leitete das Päckchen schließlich an Herrn Maier weiter, der es aber nicht mehr beachtete.

Simpels Bericht umfaßt in etwa den Zeitraum von 1948 bis 1955, also die Zeit von seiner Einweisung nach Zwiefalten, über seine Flucht von dort durch die ganze Bundesrepublik bis zu seiner vorläufigen Heimkehr in das Dorf im Februar 1955. Dazwischen liegen weitere Fluchten und Aufenthalte auf Bauernhöfen, in Gefängnissen und Heimen.

Mit dem Niederschreiben seiner Erlebnisse geschieht auch Verarbeitung, Bewußtwerdung. Simpel zeichnet seine Entwicklung vom unzurechnungsfähigen geistig Behinderten zu einer bewußten Person nach, doch zugleich wird auch seine Auseinandersetzung mit Deutschland, mit dem Deutschland der fünfziger Jahre, mit dem Nachkrieg und der unbewältigt verdrängten Vergangenheit deutlich. Das macht dieses Buch wichtig für uns: Aufarbeitung des Nachkriegs, der Jahre, die unsere ganze Existenz als Bundesrepublik Deutschland (und als DDR) entscheidend prägten, tut uns allemal not. Hier sehen wir die heute oft nostalgisch verklärten und modisch vermarkteten fünfziger Jahre aus einem völlig anderen Blickwinkel. Es geht hier nicht um Wiederaufbau und Wirtschaftswunder, um Rock’n Roll und Petticoats, um Nylonhemden und Bikinis: Simpels Geschichte spielt sich gewissermaßen auf dem Hinterhof Deutschlands ab, in den Bereichen des Lebens, die die Mehrzahl der Nachkriegsdeutschen verdrängt hat. Er lebt auf der Schattenseite, ein Behinderter und Sonderling unter Aufstrebenden, Erfolgreichen; einer, der sich der Wahrheit stellen muß, wo andere vergessen wollen.

Das letzte Heim im Allgäu, in das er vom Gefängnis aus »zur Bewährung« eingewiesen wird, und aus dem er sich vorzeitig absetzt, stellt ein Panoptikum geschundener, verwaister und verkrüppelter Menschen aus dem ganzen großen, zerbrochenen Deutschen Reich dar. Hier treffen sie sich alle: Versehrte, Arm- und Beinamputierte; Epileptiker – im günstigsten Fall kommen sie zur Umschulung in einen neuen Beruf, weil der alte Beruf, eben aus gesundheitlichen Gründen, nicht mehr ausgeübt werden kann.

So wie zuvor schon in den verschiedenen Verwahranstalten findet Karl in dem Heim alle möglichen Muster früheren oder künftigen Lebens. Paul zum Beispiel, Kriegsteilnehmer wie die meisten, armamputiert, Heimat Ostpreußen, abgebrochenes Studium; die Familie bis auf Reste verschollen oder versprengt.

Oder der Doktor: Bürgermeister einer Gemeinde in Thüringen; im Krieg verschüttet, danach wieder ganz »Kind« – ein weiterer Sonderling!

Doch gerade diese beiden werden Simpels wichtigste Gesprächspartner, und es ist besonders Paul, der durch alle Wirren hindurch eine gewisse Haltung – wenn auch nicht gerade verbindlich – bewahrt hat, die Karl nicht entwickeln konnte und die er nun braucht. Doch die Annahme dieses Vorbilds, dieser Vorbilder – positiv wie negative –, geschieht nicht ohne Widerspruch.

Genauso anwesend und lebendig in Karl Simpels Bericht sind – wie in seinem bisherigen Leben – die Namen Maier und Hofer. Der letztere ist ein ehemaliger Lehrer in dem Dorf, der zuerst Berufsverbot erhielt, dann vermutlich von den Nazis beseitigt wurde — wie so viele Freunde, Lehrer und Vorbilder während der Naziherrschaft.

Zum »Fall Karl Simpel« habe ich nichts Neues beizutragen. Die Tat, der Mord an den beiden Nazis in einem Tal des württembergisch-schwäbischen Voralblands, wurde zwar nicht restlos aufgeklärt, ist aber abgeschlossen. Meiner Ansicht nach kann der Fall nie restlos aufgeklärt werden. Das liegt an der Person oder an der Persönlichkeit des Mörders – nehmen wir weiterhin an, daß es Simpel allein war. Er ist selber ein Opfer: ein Opfer der Zeit und der Umstände; ein Opfer aber auch der Unfähigkeit anderer, »normaler« Menschen, mit der Zeit, mit den wirklichen Massenmördern und ihren Helfershelfern abzurechnen – in Stadt und Land, Hauptstadt und schwäbischem Land.

Da wird diesem Kind eines Tages ein Gewehr in die Hand gedrückt — von irgendwoher. Von einem andern – von der Eingebung; von der Vorsehung; vom Schicksal! Wie friedlich hätte er doch dahinleben können; hätte seine harmlosen Streiche und Dummheiten weiter treiben können, und die Umwelt, die Dorfgemeinschaft hätte ihn gewähren lassen. Sie hätte seine Narreteien, seine nutzlosen und im Grunde niemand schadenden Spiele gebraucht als Gegenstück zu ihren, tatsächlich viel gefährlicheren, Normalitäten – zu ihrem wirklich nutzlosen Ernst.

Zum Dackel ist Karl Simpel durch einen Schlittenunfall geworden, der ihn für die Volksschule untauglich machte. So mußte er nicht gerade zum Feldschütz in die Schule gehen, aber beim Zufall. Und ist dieses neue Leben als Schreibender nicht irgendwie ebenfalls Unfall und Zufall? Karl Simpel muß anders als wir frei werden von seiner Vergangenheit. Doch oft hat man den Eindruck, als befände er sich weiterhin in der Kanalisationsröhre, von der er Maier erzählt. Er ist damals zwar selber hineingestiegen in seiner Dummheit — oder in einem Moment geistiger Klarheit, die ihn andern, normalen Kindern imponieren hieß? Und er kriecht immer weiter in der dunklen Höhle voran, bis es heller wird. Er steht unter einem Schacht. Aber darüber warten schon die Kinder, lachen und verspotten ihn – »scheißen und saichen« auf ihn herab, wie Karl berichtet.

Sein Schreiben ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg von der Dunkelheit und Dumpfheit – ist es nicht die Dunkelheit und Dumpfheit seiner Umwelt, die an ihm offenbar geworden ist? – zur wachsenden Bewußtwerdung. Auch Karls Sprache wird zunehmend klarer und politischer. Sein Schreiben ist ein Innehalten vor dem nächsten großen Schritt – einem Schritt hinaus aus der Heimat, einer politischen und geographischen Grenzüberschreitung.

I

Träume oder Der Blick zurück

Seit ich wieder zu Hause bin, seit Frühjahr 1955, träume ich sehr viel, und ich kann oft gar nicht genau unterscheiden zwischen dem, was ich wirklich erlebt habe und dem, was ich nur träume. Jedenfalls ist das meiste vergangen, was ich hier erzähle. Ich blicke zurück – blicke zurück auf Wahres und Geträumtes. Alles kommt nun von sehr weit hinten auf mich zu wie eine große Welle, und ich weiß, daß sie mich verschlingen könnte. Und die Welle rollt auf mich zu, reitet über das Meer, über die See, schwillt immer mehr an: kurz vor meinen Füßen bricht sie zusammen. Das hilft mir aber nicht viel. Die Welle kommt immer wieder, und ich stehe dieselbe Angst immer wieder von neuem aus. Es ist die Angst vor mir selber: die Angst vor meinem Leben, jetzt und zuvor; in Zwiefalten und nach Zwiefalten. Wie in dieser Angst bestehen, gar weiterleben und womöglich ohne Angst? Vielleicht durch Schreiben? Im Augenblick sehe ich keine andere Möglichkeit. Zu sehr bin ich auf mich allein gestellt.

Wenn ich das äußere Bild meines Schreibens beschreiben sollte, so würde ich sagen: Rückwärts gehend und gebückt komme ich aus meiner Geschichte heraus. Dabei schreibe ich auf den Boden, male Zeichen, die die Gespenster – die Geister, die Hexen – nicht überschreiten können.

Tragen oder ertragen muß ich schon wieder viel. Nicht daß man mich verspottet; daß mir die Kinder nachlaufen oder nachschreien – schwätzen werden sie über mich, vor allem die Erwachsenen. Aber das meine ich nicht mit Ertragen. Ich meine das Ganze – das Dorf an sich; die Zeit. Alles geht weiter, als ob nichts geschehen wäre. Keiner hat etwas gesehen und gehört – und etwas Unrechtes getan oder geduldet hat gleich gar keiner von denen. Und am wenigsten hatten unsere Gefangenen, die jetzt nach Hause kommen, mit den Nazis etwas zu tun. Das will ich ja noch glauben. Sie wurden in der Hauptsache eingezogen, und wenn sie da, im Ausland oder fern im Reich etwas Böses angestellt hätten, dann hätten sie die Russen oder Amerikaner noch länger behalten. Also, was will man?

Und die, die den Krieg in der Heimat verbracht haben? Auch nichts! Da hat keiner eine Uniform getragen, eine Fahne geschwenkt oder Heil Hitler gebrüllt – alle nur »Grüß Gott«, »Grüß Gott«: »Jo, wennen sieh«, soviel hat einer allenfalls noch riskiert.

Überhaupt: wo sind die vielen Uniformen und Fahnen alle hingekommen? Zerschnitten, umgearbeitet zu bunten Sommerkleidern und Säcken – so muß ich mir das vorstellen. Und ich muß mir weiter vorstellen, daß ich mit meiner »Tat« 1948 zwischen allen Stühlen sitze und zwischen allen Lagern stehe: zwischen denen, die vergessen wollen und denen, die nicht vergessen können sowie zwischen denen, die vergessen haben und denen, die sich wieder erinnern wollen. Ich will mich ja auch wieder erinnern – doch zugleich möchte ich vergessen, freilich möchte ich erst dann vergessen, wenn ich verstanden habe. Bei allen andern kommt das zum Leben oder zum Glück dazu: bei mir ist es aber das Leben – und das Glück!

Wörter oder Schreiben und lesen können

Ob das Schreiben-und-lesen-Können nun ein Fluch oder ein Segen ist, das wird sich weisen, hätte mein Ahne, der Vater meiner Mutter in dem kleinen Dorf über dem Tal gesagt – und das sage ich jetzt auch! Auch Xaver, der in der Hütte bei Zwiefalten wohnte und vielleicht noch wohnt, von dem ich viel gelernt habe, war dieser Meinung. Xaver hat mir vor allem viel erzählt: von der Welt draußen, vom Krieg und von Abenteuern. Xaver sagte: »Es hat Kulturen gegeben in der Menschheitsgeschichte, die haben keine Schrift gekannt – die Indianer zum Beispiel, und es hat hohe Kulturen gegeben, die haben eine sehr hochentwickelte und komplizierte Schrift gehabt – die Azteken und andere: Alle sind sie untergegangen oder können jederzeit untergehen.«

»Auch Deutschland?« fragte ich dann. »Deutschland?« fragte er zurück. »Das ist doch schon untergegangen; es schwimmt nur noch über Wasser. Und an diesem Untergang sind wir selber schuld. Wir hätten uns niemals mit den Italienern und so Feiglingen einlassen dürfen, dann wäre der Krieg anders ausgegangen!« Xaver war Soldat, und er hat damals den Duce, den Führer der Italiener, zusammen mit anderen aus seiner Gefangenschaft befreit. Das waren schon starke Stücke, die konnte nicht jeder vorweisen in Zwiefalten. »Aber egal, ob Deutschland untergegangen ist oder nicht«, fuhr er fort: »Solange du noch etwas von ihm auf dem Wasser schwimmen siehst, ist es besser, du lernst lesen und schreiben – damit du vom Untergang auch etwas mitbekommst.«

»So ist das?«

»Was?«

»Ha, das: Schreiben und lesen lernt man hauptsächlich, daß man vom Untergang der Welt –«

»– vom Untergang Deutschlands!«

»Daß man vom Untergang Deutschlands etwas mitbekommt?«

»So ist es!«

»Das werde ich mir merken.«

»Hoffentlich!«

Xaver hatte im ganzen zwei Bücher, mit denen er mich traktierte, sobald er gemerkt hatte, daß ich noch nicht lesen und schreiben konnte und damit in der Anstalt, wo sie es mir auch mit Gewalt beibringen wollten, nicht genügend Fortschritte machte. Das erste Buch hieß: »Die Geschäftspraxis in Handel und Gewerbe« und hatte ein Kapitel über Schönschreiben und Rechtschreibung und eine große Zinstabelle am Schluß. Das zweite Buch hieß: »Württembergisches Realienbuch. Große Ausgabe. Bearbeitet auf Grund des Lehrplans für die württembergischen Volksschulen, Stuttgart 1912.« Ich habe ihn nie gefragt, woher er die Bücher hatte. Er hatte sie halt, und mehr brauchte er scheints auch nicht.

Daß er ein Buch von Württemberg hatte, das wunderte mich schon: Denn er war ja nicht aus Württemberg, sondern von Bayern. Das sagte schon der Name Xaver. Xaver – so hat mein Ähne immer von einem gesagt, den er nicht leiden konnte oder der nicht gerade viel vorstellte in der Gesellschaft. Und dann war er sowieso katholisch – bei dem Namen kein Wunder!

Zwiefalten – ich bin ja da nicht in einem »grauen Omnibus« hingekommen, also in einem jener Fahrzeuge, in denen während des Krieges die Dackel und Geisteskranken dort eintrafen. Sondern im gleichen schwarzen Auto – oder auch nur in einem ähnlichen, ich kann das heute nicht mehr so genau sagen –, in dem ich mit dem Kommissar und seinen Polizisten zum Ortstermin in das Dorf fuhr.

Daran erinnere ich mich seltsamerweise heute noch genau. Wir fuhren durch ein großes Tor. Wir stiegen aus und kamen in ein großes Haus. Dort wurde ich von Männern und Frauen in weißen Kitteln in Empfang genommen. Sie waren alle sehr freundlich. Einer der weißbekittelten Männer zeigte mir mein Bett in dem Zimmer, in dem noch andere Better standen, und dann sagte er, ich solle mich ausziehen. Ich müßte oder dürfte zum Baden. Au ja, sagte ich: gegen das Baden hatte ich nichts. Ich hatte Wasser, warmes Wasser, gern. Vorher würden mir noch die Haare geschnitten, sagte der Mann; ich brauchte keine Angst zu haben. Nein, nein; ich hätte keine Angst, sagte ich. Und auch der Frisör war sehr freundlich; er fragte mich, woher ich komme und wie ich heiße. Und ich erzählte ihm alles, und der Frisör lachte und sagte immer nur ja, ja – ja, ja! Und ich sagte zuletzt auch nur ja, ja – ja, ja! In diesen Worten steckte viel und nichts.

Und man sagte mir noch, ich brauche keine Angst zu haben; meine Mutter wüßte, wo ich sei, und sie würde mich auch bald besuchen. Das beruhigte mich wirklich. Und so schlief ich auch sehr tief in dieser Nacht.

Am anderen Morgen wurde ich früh geweckt und in das Zimmer eines ebenfalls weißbekittelten Mannes gebracht. Aber der mußte etwas Höheres sein; denn die anderen verhielten sich ihm gegenüber sehr ehrerbietig. Auch dieser Mann war freundlich zu mir; fragte mich, wie es mir gehe und wie ich mir die Zukunft vorstelle.

»Ha?« fragte ich.

»Na, ja!« Der Mann wurde verlegen: »Ich meine, hast du schon mal einen Wunsch gehabt?«

»Ein Fliegerabzeichen«, rief ich.

»Nein, das meine ich nicht. Hast du dir schon mal einen Beruf gewünscht?«

»Schreiner!«

»Schreiner? Na bitte; das ist doch schon etwas. Und möchtest du alles lernen – rechnen, lesen, schreiben?«

»Alles!« schrie ich.

»Das ist fein. Dann werden wir dich in die Schreinerei geben und anschließend und zwischendurch kommst du immer wieder in die Schule.«

»Zu Herrn Hofer?« fragte ich.

»Wer ist Herr Hofer?«

»Ein Lehrer.«

»Nein, wir haben hier keinen Lehrer Hofer. Aber wir haben andere Lehrer, die dir das Nötige beibringen werden.«

»Fein; kann ich gleich hin?« erkundigte ich mich.

»Sofort«, rief der Mann. »Herr Schneider?«

Ein weiterer Weißbekittelter stürzte herein: »Bringen Sie den Buben zu Meister Kranz. Er soll ihn sich ansehen und sagen, ob er ihn in der Schreinerei gebrauchen kann.«

»Jawoll«, sagte der andere.

»Also, mein lieber Simpel ... ich hoffe, es gefallt dir hier?«

»Ja, das hoffe ich auch, Herr Professor.«

»Direktor bitte! Aber wenn du willst – auch Professor!«

»Jawoll, Herr Führer!«

»Führer?« Der Direktor drohte mir mit dem Finger – »ich habe deine Geschichte gelesen: komme mir nicht auf diese Tour!«

Der Meister Kranz war ebenfalls nicht ohne. Er war bis jetzt der einzige, der keinen weißen Kittel trug – vielmehr eine blaue Schürze, so wie es sich für einen Schreiner gehörte. Er fragte nicht viel, schaute mich nur an, wies auf eine Hobelbank und sagte: »Da!«

»Ha?« fragte ich wieder.

»Nimm den Hobel in die Hand.«

»Was für einen Hobel?«

»Der da über dir in dem Kasten hängt.«

»Aber da hängen mehrere ...«

»Dann nimm einen – Simpel!«

»Gut! Und jetzt?« fragte ich, sah mich auch um, wer mich da noch beobachtete.

»Nimm das Brett, spanne es ein und hoble.«

»Sie verlangen aber Sachen, Herr Kranz.«

»Willst du Schreiner werden oder nicht?«

»Ich will!«

»Na also! Dann spann ein und hoble.«

Einspannen – und hobeln! Au – Ich rutschte mit dem Hobel ab. Das Brett stürzte zu Boden. Herr Kranz und der andere lachten.

»Komm«, hatte der Meister schließlich Mitleid, »ich will dir das Brett einspannen. Aber hobeln und den Hobel halten mußt du allein.«

»So«, sagte der Meister wieder: »Und jetzt komm da rüber.«

»Was ist da?« fragte ich.

»Maul halten, ich erkläre es dir sofort! Das ist der Leimofen. Da sind die Leimhäfen und darunter hängen die Zylinder, die mußt du jeden Morgen mit Hobelspänen vollstopfen.«

»Mache ich glatt!« sagte ich.

»Und jetzt da rüber«, zog mich der Meister fort. Der andere folgte, als sei er an mich angebunden. Wir standen vor einer Maschine: »Was steht da?« fragte der Meister.

»Wo?« grinste ich.

Herr Kranz schaute den anderen an, antwortete dann, nachdem dieser mit den Schultern zuckte, sich selber: »Ach so, kann nicht lesen. Das gehört natürlich dazu, Herr Menk. Das ist Ihre Aufgabe. Schreiben natürlich auch.«

Herr Menk, so hieß er also, der andere, nickte eifrig mit dem Kopf. Der Meister fuhr fort: »Du mußt über alles einen Bericht führen: das ist Pflicht – für die Prüfung!«

»Pflicht? Prüfung?« fragte ich und schaute von einem zum andern.

»Das wär’s ja wohl für das erste«, erklärte Herr Kranz und drehte sich einfach weg. Ich war mit Herrn Menk allein. Er führte mich wieder in den Hof und sagte: »Geh ein wenig spazieren; um zwölf wird gegessen.«

»Jawoll«, sagte ich. War er mir nun böse? Was hatte ich gemacht? Ich wollte doch Schreiner werden. Und ich wollte alles lernen – lesen und schreiben.

Ich wurde dann auch untersucht, vorn und hinten abgeklopft, kam unter eine Maschine, die meine inneren Bewegungen registrierte, und ich traf nur auf zufriedene Gesichter. Ich war gesund, hieß es; das dauerte nur einige Jahre, bis ich völlig gesund war, war damit gemeint.

Dieser Meister Kranz kostete mich dann schon Kraft. Er war ein Dickkopf. Und ich auch. Wir waren nicht die einzigen in der Schreinerei. Außer uns waren noch andere von der Anstalt und Gesellen von draußen da.

Aber alle bleiben blaß. Bis auf den Meister. Er dirigierte mich an den Leimofen, wies mir die Hobelbank an und hieß mich zinken. Und ich zinkte zunächst ohne Sinn, dann aber Schubladen. Und er schaute sie sich an – zufällig vor dem Leimofen – und schüttelte den Kopf.

»Was ist das?« fragte er.

»Was?« fragte ich zurück.

»Das soll halten?« sagte er.

»Das hält«, sagte ich.

»Das hält nicht«, schrie der Meister, warf die Schublade, die ich einige Tage lang mühsam zusammengezinkt hatte, zu Boden und rannte weg.

Im gleichen Augenblick – Gesellen und andere Lehrlinge schauten zu – stürzte ich mich auf die Schublade, ergriff sie und warf sie dem Meister hintendrein. Dazu noch eine Schraubzwinge, die gerade daneben lag. Nichts traf. Zum Glück, sage ich heute. Trotzdem wurde ich von Wärtern ergriffen und in eine Zelle gebracht. »Es ist nichts«, wehrte ich mich.

»Es ist nichts«, sagte auch der Direktor. Ich wollte es nie mehr tun, versprach ich. Und das war mir ernst. So schnell wie möglich lernen, sagte ich mir; so schnell wie möglich gesund werden – und so schnell wie möglich raus, egal wie! Das hier war nicht meine Welt; vielleicht hatte ich mal dazugehört – nun aber nicht mehr. Nun wollte ich auch nicht mehr.

Und im Laufe der Zeit sind immer mehr Leute von draußen gekommen, und ich habe gelernt, zu unterscheiden zwischen Leuten von draußen und drinnen, und ich wollte raus, ich wollte aber auch von drinnen so viel wie möglich mit herausnehmen. Da kamen Leute zu Besuch, zur Besichtigung, starrten uns an, nahmen die Parade ab, und ich wurde immer ärgerlich. Warum bin ich hier? Warum starren die mich so an? Was habe ich getan? Warum wirft man mir das immer noch vor? Und ich wurde befragt und weiterhin abgetastet, und ich gab Auskunft und schwieg. Und ich lernte, das war es vor allem: ich suchte nach Leuten, die mir helfen konnten. Und weil ich mich so gut benahm, nicht auffiel, nicht störte, durfte ich raus – hatte freien Auslauf wie ein Schaf, wie eine Kuh, wie ein Pferd. Und ich wollte das nicht ausnützen – oder doch ausnützen: ich wollte zeigen, daß ich es verdiente.

Dann bekam ich auch Besuch von meiner Mutter. Sie hatte mir zu essen mitgebracht, gerauchte Schinkenwurst und Brot; Äpfel und Schokolade –

»Kriegst du auch genug zu essen, Bua«, fragte sie.

»Jo, Mamma«, anwortete ich.

»Läßt man dich auch raus?«

»Jo! Jeda Daag.«

»Ond wo gohscht noo?«

»Ich gang spaziera. Oder bsuach da Xaver.«

»Wen?«

»Xaver! Des ischt a Einsiedler em Wald. Der verzehlt mir sehr viel.«

»Glaub et älles, waanr sait, Bua. Du woischtjo, wia se schwätzet, dia verzehlat so viel: aber wenn de nooguggescht, no ischt ällas verstonka ond verloga.«

»Der hot a Hütte em Wald.«

»Wissat des dia Herra en dr Anstalt?«

»Dia wissat des.«

»Ond duldats?«

»Ond duldats – sagat sogar, des ischt guat.«

»No willi ao niggs saaga. Do, i hao dr äbbes mitbroocht. Des mogscht doch: grauchta Schenkawurscht ...«

»Ha jo! Nadierlich moge des. Danke, Mamma!«

501,85 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
05 мая 2025
Объем:
420 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9788711731390
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
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