Читать книгу: «Zusammen aufwachen»

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Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:

Gewidmet allen Menschen von Lotos-Vihara,

in Dankbarkeit und Verbundenheit

Inhalt

Vorbemerkung

1. Die große Sehnsucht

2. Die Beziehung zu dir selbst

3. In Kontakt kommen

4. Wie Beziehungen gelingen können

5. Miteinander reden

6. Blockaden erkennen und auflösen

7. Lust und Last der Sexualität

8. Eifersucht durchschauen

9. Mit Schuldgefühlen umgehen

10. Die befreiende Kraft des Verzeihens

11. Auseinander gehen

12. Was Treue bedeutet

13. Hingabe – ein Schlüssel zu glücklichen Beziehungen

Silas für Paare

Danksagung

Über den Autor

Das Lotos-Vihara-Meditationszentrum

Vorbemerkung

Liebe Leserin, lieber Leser, in diesem Buch spreche ich dich persönlich an. Ich habe dafür die »Du«-Form gewählt, denn ich empfinde sie als direkt und herzlich. Das »Sie« schafft leicht eine Distanz, die nicht gut zur spirituellen Praxis passt. Auch in meinen Vorträgen spreche ich meine Zuhörerinnen und Zuhörer mit »du« an und habe damit gute Erfahrungen gemacht.

Bei der Bearbeitung der Vortragstexte, die diesem Buch zugrunde liegen, habe ich großen Wert darauf gelegt, dass sie möglichst leicht verständlich sind – auch für Menschen, die mit dem Buddhismus bisher nicht vertraut sind. Mit Fachwörtern und manchen buddhistischen Ausdrücken bin ich sparsam und vorsichtig umgegangen. Wenn sie Verwendung finden, dann werden sie im Text erklärt.

Für einige Begriffe aus alten indischen Sprachen gibt es keine deutsche Übersetzung, die dem ursprünglichen Wort genau entsprechen würde. Diese Begriffe haben deswegen Eingang in den allgemeinen buddhistischen Wortschatz gefunden. Die meisten von ihnen stammen aus dem Pali, der Sprache, in der vor mehr als 2000 Jahren die Lehrreden des Buddha niedergeschrieben wurden, und der indischen Gelehrtensprache Sanskrit. Die beiden Sprachen sind einander sehr ähnlich. Folgende Wörter finden in diesem Buch Verwendung:

Dukkha ist ein zentraler Begriff im Buddhismus. Das Wort bedeutet Leiden in einem sehr umfassenden Sinne. Dazu gehört jede Form unangenehmer Geisteszustände, also zum Beispiel auch Unerfülltheit, Nervosität oder Angst. Dukkha erfahren wir in jedem Moment, in dem wir nicht vollkommen zufrieden und erfüllt sind.

Sila bezeichnet Tugendregeln oder ethische Richtlinien. Tugendhaft handeln bedeutet, dass wir alles vermeiden, was Verletzung und Schädigung von uns selbst oder anderen nach sich zieht, und dass wir uns stattdessen darum bemühen, Harmonie, Verständnis und Freude zu fördern. Auf Seite 193 findest du die Silas für Paare, wie wir sie im Lotos-Vihara-Meditationszentrum verwenden.

Dhamma ist der traditionelle Pali-Begriff für die Lehre des Buddha und entspricht dem Sanskrit-Wort Dharma.

Mit Sangha ist hier die Gemeinschaft buddhistisch Praktizierender gemeint.

1. Die große Sehnsucht

Wahrscheinlich kennst du das Gefühl, verliebt zu sein. Du lernst einen Menschen kennen und plötzlich verändert sich alles. Du sehnst dich nach ihm und seiner Nähe. Du fühlst dich lebendig. Große Hoffnungen prägen dein Erleben. Das so lang ersehnte Glück scheint endlich zum Greifen nah. Zugleich kommt vielleicht Angst auf. Was, wenn der oder die Angebetete die Liebe nicht erwidert?

Stoßen deine Gefühle auf Gegenliebe, könnte das Leben nicht schöner sein. Du schwebst wie auf Wolken, alles fühlt sich richtig, leicht und beschwingt an. Endlich bist du angekommen in einem Zustand, nach dem du lange gesucht hast. Du hast das Glück gefunden, und es scheint, als hätte nur dieser andere Mensch gefehlt.

Doch dann, nach ein paar Wochen, Monaten oder Jahren verändert sich etwas. Nach der ersten Begeisterung verliert sich der Überschwang, und es treten erste Schwierigkeiten auf. Der andere widerspricht dir vielleicht plötzlich, schenkt dir nicht genügend Aufmerksamkeit, verhält sich anders, als du es dir wünschst. Die rosarote Brille kommt dir abhanden, und du siehst den anderen nun als ganz normalen Menschen, Schwächen und Marotten inklusive.

An diesen Punkt gelangen fast alle Liebesbeziehungen irgendwann. Auch andere Beziehungen – etwa zu neuen Freundinnen oder dem spirituellen Lehrer – können nach diesem Muster verlaufen. Der Begeisterung folgt Ernüchterung.

Ernüchterung ist im Prinzip nichts Negatives. Wir befinden uns nicht mehr im Rausch der Gefühle und können wieder klar sehen. Sehnsucht kann Beziehungen zerstören oder dir helfen, über dich hinauszuwachsen. Du hast die Wahl. Weil aber das so schöne Gefühl, dass alles stimmt, in diesem Moment verflogen ist, löst du dich jetzt vielleicht aus der Beziehung, in die du eben noch alle Hoffnung gesetzt hast. Möglicherweise beginnst du aber auch, gemeinsam mit deiner Partnerin oder deinem Partner an der Beziehung zu arbeiten, und die Verliebtheit reift zur Liebe. Auch dann bleibt allerdings vielleicht unterschwellig das Gefühl, etwas verloren zu haben. Das Glück, du hattest es doch endlich gefunden – und jetzt ist es dir wieder entglitten, musste dem Alltag mit seinen Schwierigkeiten weichen. Und die Stimme der Sehnsucht wird in dir laut: die Suche nach Erfüllung und Geborgenheit.

Diese Sehnsucht hat die Kraft, Beziehungen zu zerstören, wenn du daraus folgerst, die Beziehung müsse für immer bleiben wie in den ersten Tagen. Sie kann aber auch zum Segen werden und dir helfen, über dich hinauszuwachsen.

Die Stimme der Sehnsucht

Wonach genau sehnen wir uns eigentlich, wenn wir eine Beziehung eingehen? Und warum lassen wir uns immer wieder auf die Herausforderungen ein, die mit Beziehungen verbunden sind?

Die Sehnsucht nach Vereinigung mit einem geliebten Menschen speist sich aus einer noch sehr viel tieferen Sehnsucht, die alle Menschen teilen, wenn auch oft nicht bewusst. Es ist die Sehnsucht nach Überwindung der Vereinzelung, nach Aufhebung von Einsamkeit und Angst.

Psychologen sprechen von einem Urtrauma, das alle Menschen erlebt haben. Vor unserer Geburt waren wir geborgen im Bauch unserer Mutter, wo wir uns vermutlich sicher und behaglich gefühlt haben. Wir befanden uns an einem warmen und geschützten Ort, Geräusche von außen nahmen wir nur gedämpft wahr. Wir hatten keinen Hunger und vermutlich auch keine Angst. Dann kamen wir auf die Welt. Mit der Geburt erlebten wir zum ersten Mal Trennung: Eben noch in unserer Mutter geborgen und versorgt, unter ihrem Herzen, waren wir nun von ihr getrennt. Wenn es gut ging, war die Mutter nah, aber dennoch war sie Nicht-Ich, also anders. Vielleicht kamen Gefühle von Hunger und Kälte hinzu.

Du hast diese Gefühle damals nicht bewusst wahrnehmenMit dir wurde deine Sehnsucht nach Verbindung geboren. und verstehen können. Aber mit diesem plötzlichen Erleben von Trennung kam die Sehnsucht nach Nähe, Wärme und Geborgenheit in dein Leben. Mit dir wurde deine Sehnsucht nach Verbindung geboren.

Aus deiner ursprünglichen Erfahrung von Trennung entwickelte sich dann mit der Zeit dein Erleben von dem, was du Ich nennst: Auf der einen Seite bist du, auf der anderen Seite die Welt. Du stehst zwar in der Welt und bist mit ihr in Kontakt, aber du empfindest dich als eigenständiges Wesen. Zwischen dir und dem Außen verläuft eine Grenze, und du bist auf das Außen angewiesen. Deswegen fühlst du dich immer auch begrenzt, bedürftig und bedroht. Das Gefühl der Trennung bringt Mangel hervor – und damit Dukkha (siehe Seite 10).

Abhilfe erhoffst du dir von anderen Menschen. Anders formuliert: Aus dem Gefühl der Trennung entsteht dein Begehren. Du sehnst dich nach dem, Begehren entsteht aus dem Erleben von Trennung: Was dir fehlt, suchst du draußen in der Welt.was dir fehlt beziehungsweise zu fehlen scheint, und suchst es draußen in der Welt. Mit Begehren ist dabei nicht nur sexuelles Begehren gemeint, sondern alles, wonach wir ein Verlangen empfinden. Dazu zählt auch die Nähe zu anderen Menschen.

Begehren ist etwas ganz Natürliches

Begehren ist also etwas ganz Natürliches. Es ist wichtig, das festzuhalten, denn in spirituellen Kreisen wird Begehren oft als etwas Negatives gesehen. Der Kern der buddhistischen Lehre wird vielfach verkürzt so wiedergegeben: Weil wir begehren, leiden wir. Geben wir das Begehren auf, endet auch das Leiden.

Es wäre aber ganz und gar nicht im Sinne der Lehre, das Begehren zu verteufeln. Der Buddha lehrt: Was wir ablehnen, können wir nicht verstehen und transformieren. Wenn du das Begehren als etwas Schlechtes betrachtest, wirst du in dieser Bewertung steckenbleiben. Dein Widerstand wird es nicht zum Verschwinden bringen, sondern eher noch steigern. Oft verstärken wir das, wogegen wir kämpfen.

Das Begehren abzulehnen wird also dazu führen, dass du noch mehr unter dem Mangelgefühl leidest. Du wirst weiterhin versuchen, dein Verlangen zu befriedigen, oder du wirst es verdrängen. Wahrscheinlich entwickelst du zusätzlich Schuldgefühle. Deswegen ist es so wichtig zu erkennen, dass Begehren eine natürliche Folge unseres Erlebens von Trennung und Unvollkommenheit ist. Es ist weder schlecht noch gut.

Warum Menschen Beziehungen eingehen

Schon sehr früh im Leben haben wir die Erfahrung gemacht: Die Befriedigung unserer Bedürfnisse kommt von außen. Wenn wir als Baby Hunger hatten, wurden wir von der Mutter gestillt. Wenn uns kalt war, hat sie uns mit ihrem Körper gewärmt, wir bekamen ein warmes Bettchen und Kleidung. Dieses Modell haben wir auf unser ganzes Leben übertragen und in der modernen Konsumgesellschaft auf die Spitze getrieben: Wir haben Durst, also kaufen wir uns ein Getränk. Uns ist langweilig, also schalten wir den Fernseher ein. Wir wollen große Emotionen erleben, also gehen wir ins Kino.

Nähe und Geborgenheit suchen wir bei einem anderen Menschen aus dem tief greifenden Gefühl des Mangels. Wir haben ein Bedürfnis nach liebevoller Bestätigung, Verbindung und Sicherheit. Wir sehnen uns nach Geborgenheit, Erfüllung, einem Leben frei von Angst. Wir streben einen Zustand an, in dem es uns an nichts mehr mangelt und in dem wir keine Angst mehr haben müssen.

Die Kraft der Verliebtheit – in dir!

Ohne Zweifel, wenn du verliebt bist, wird eine große Kraft freigesetzt. Wird die Liebe erwidert, schäumst du geradezu über vor Inspiration und Freude und würdest am liebsten die ganze Welt umarmen. Begegnen dir Herausforderungen, krempelst du die Ärmel hoch und alles geht dir leicht von der Hand. Auf sehr direkte und positive Weise spürst du dich dabei selbst: Ich fühle, also bin ich. In diesen Momenten sind Gefühle der Unvollkommenheit, Begrenztheit und Angst oft wie weggeblasen.

Wenn der Rausch der Verliebtheit abklingt, kommst du zurück auf den Boden. Eben noch bist du davon ausgegangen, der geliebte Mensch sei die Ursache dafür, dass du dich auf einmal so kraftvoll, lebendig und bewusst spüren konntest. »Du machst mich glücklich!« – so sprechen Verliebte zueinander. Doch sobald du den anderen als normalen Menschen mit Stärken und Schwächen wahrnimmst, fragst du dich vielleicht, ob ein anderer Partner deine Bedürfnisse nicht besser stillen könnte.

Es ist wichtig zu verstehen: Kein Mensch kann die Bedürfnisse eines anderen dauerhaft und vollkommen erfüllen. Wenn wir das von einer Beziehung erwarten, verlangen wir etwas Unmögliches und überfordern den Kein Mensch kann die Bedürfnisse eines anderen vollkommen erfüllen.geliebten Menschen. So entsteht Frust und daraus werden gegenseitige Angriffe geboren. Wahrscheinlich wirst du versuchen, den Partner oder die Partnerin zu verändern. Dabei kann eine Menge Druck entstehen, zum Beispiel durch die unterschwellige Botschaft, der Partner, die Partnerin sei unzureichend. Oder du trennst dich, weil du glaubst, dieser Mensch sei wohl doch nicht der Richtige, und du machst dich auf die Suche nach einem anderen. Mit dem das Spiel dann von vorne beginnt.

Mit anderen Worten: Wenn du glaubst, eine Beziehung werde dich glücklich machen, legst du die Grundlage für Schwierigkeiten. Glücklich können wir nach der Lehre des Buddha nur werden, indem wir uns entwickeln, an den Herausforderungen des Lebens wachsen und erkennen: Die Stillung unserer Sehnsucht über die Sinne im Außen ist nicht möglich.

In Wirklichkeit liegt die Kraft der Liebe nicht im anderen – sondern in dir selbst. Durch die Begegnung mit dem Partner wurde sie kurzfristig aktiviert und deutlich spürbar. Er oder sie war der Türöffner, aber nicht die Ursache deines energiegeladenen Höhenflugs voller Zuversicht. Wenn du glaubst, dass solche Momente an einen anderen Menschen gebunden sind – einen Partner oder eine Partnerin mit einem bestimmten Alter, Aussehen und Fähigkeiten –, dann verpasst du eine große Chance! Die Tür zu deinen inneren Ressourcen wird sich wieder schließen, das Gefühl von Nähe und Einheit wird immer wieder verloren gehen.

Bewusst werden durch Beziehungen

Löse dich also von der Vorstellung, dass der geliebte Mensch für dein Glück verantwortlich sei. Betrachte deine Beziehung stattdessen als eine Chance, deine inneren Ressourcen zu entdecken. Darin liegt ihr wahrer Wert: Sie ist eine hervorragende Gelegenheit, Liebe zu verschenken, bewusster zu werden und begrenzende Vorstellungen von sich und anderen aufzulösen.

Eine lebendige Beziehung zu führen bedeutet, sich zu öffnen. Neben sehr positiven Energien werden in der Nähe zum anderen Menschen unweigerlich auch alte Verletzungen wieder aufbrechen. Schwächen und Ängste lassen sich nicht länger verdrängen, sondern treten an die Oberfläche. Gerade in diesen schmerzhaften Prozessen liegt eine große Chance. Deine Beziehung ist eine Chance, Bewusstheit und Liebe zu entwickeln.Du kannst dir deiner Gefühle und deiner emotionalen Muster bewusst werden, bekommst also Zugang zu dem, was dich bewegt und steuert. Betrachte deine Beziehungen als Gelegenheit, diese Muster nicht als Mangel zu begreifen, sondern mit all dem bewusst und liebevoll umzugehen und dich zu entwickeln. Nimm sie als Übungsfeld, dich auch gegenüber anderen Menschen nicht zu verhärten, nicht aggressiv zu werden oder wegzulaufen, wenn sie sich anders verhalten, als du es möchtest.

Kurz: Nimm die Beziehung als Chance, zu lieben, statt zu kämpfen.

Glücklich kannst du nur werden, indem du die Bedürftigkeit hinter dir lässt. Und das kannst du tun, indem du deren Ursache verstehst – das Gefühl der Trennung. Indem dir klar wird, Glück in der Liebe finden wir, indem wir Liebe nicht fordern, sondern verschenken.dass du in Wirklichkeit nicht vom Rest der Welt getrennt bist, und du die Liebe in dir entfaltest. »Das Einzige, was bedeutsam ist, ist die Liebesfähigkeit des Herzens so zu entwickeln, das es nichts anderes mehr empfinden kann«, hat meine Lehrerin Ayya Khema gesagt. Dein Partner, deine Partnerin kann dir nicht abnehmen, diesen Weg zu gehen, aber deine Beziehung kann dir sehr dabei helfen, dich auf den Weg zu machen.

Die Stimme der Sehnsucht wird dir helfen, in deinen Beziehungen über dich hinauszuwachsen. Ich betrachte die Sehnsucht als treue Freundin. Sie will dich zu Erfüllung und wahrer Freiheit führen. Das ist die große Chance, die in Beziehungen liegt.

2. Die Beziehung zu dir selbst

Es gibt einen Menschen, mit dem du ganz sicher dein ganzes Leben lang zusammen bist. Dein Verhältnis zu ihm prägt alle deine anderen Beziehungen. Dieser Mensch bist du selbst. Indem du die Beziehung zu dir selbst pflegst, gibst du Beziehungen zu anderen eine Chance. Der Weg zum inneren Frieden führt über Akzeptanz und Verständnis.Im Umgang mit dir kannst du Bewusstheit, Liebe und Vertrauen hervorbringen – die wichtigsten Voraussetzungen gelungener Beziehungen. Andere Menschen wirst du dank der Auseinandersetzung mit deinen eigenen Gefühlen und Gedanken besser verstehen, so dass du in schwierigen Situationen auf heilsame Weise reagieren kannst. Dir selbst viel Aufmerksamkeit zu schenken ist also keineswegs egozentrisch. Im Gegenteil: Es kommt allen Menschen zugute, mit denen du zu tun hast.

Die große Sehnsucht und das Ego

Im Wesentlichen wird die Beziehung zu dir selbst von zwei Kräften geprägt. Zum einen gibt es tief in dir die Sehnsucht, dich heil und aufgehoben zu fühlen. Zugleich versucht aber ein anderer Teil von dir ständig, dir einzureden, die Erfüllung dieser Sehnsucht sei im Außen zu finden. Diese Auffassung ist nach der Lehre des Buddha der Grund für viele unserer Schwierigkeiten im Leben.

Die Ursache dafür liegt, wie bereits erwähnt, in der Wahrnehmung, vom Rest der Welt getrennt zu sein, und der daraus entstehenden Bedürftigkeit. In den ersten Jahren nach deiner Geburt hast du die Welt immer mehr aufgeteilt: auf der einen Seite du selbst, auf der anderen Seite der Rest, Ich und Nicht-Ich. Die Mutter war dir zwar nah, aber sie war nicht du, sondern da draußen, und du warst auf sie angewiesen. Du allein konntest dich nicht in Sicherheit fühlen, hast dir selbst nicht genügt. Dementsprechend blieb ein Gefühl von Unvollkommenheit und Begrenztheit. Damit entstand das Erleben von Bedürftigkeit, daraus wiederum dein Verlangen.

Schon nach wenigen Wochen beginnen Babys, die Objekte in ihrer Umgebung zu fixieren, unterscheiden also Dinge voneinander und erkennen sie wieder. Das geschieht zunächst durch Sehen, Hören, Schmecken, Riechen und Fühlen. Später kommen die Gedanken hinzu. Die Gedanken benennen, was wir erleben, und setzen es mit Wissen und Erfahrungen in Beziehung.

Auf diese Weise entwickelt sich dein Verstand. Dieser ordnet das Wahrgenommene nicht nur, sondern bewertet es auch. Ist uns nützlich und angenehm, was wir erleben? Glauben wir, dass es unsere Bedürfnisse befriedigt? In diesem Fall werden Menschen, Objekte und Vorgänge positiv bewertet, und wir wollen mehr davon. Oder halten wir sie für unangenehm, bedrohlich? Dann wenden wir uns dagegen. So entstehen Urteile, die sich mit der Zeit zu komplexen Auffassungen und Meinungen erweitern.

Der Verstand hat dabei die starke Neigung, sich zu identifizieren. Das Wort »identifizieren« stammt vom lateinischen Begriff idem facere, was zum Gleichen machen bedeutet. Sich identifizieren heißt also, sich mit etwas gleichzusetzen.

Unsere stärkste Identifikation ist die mit unserem Körper. Unser Körper, das sind wir selbst. Unser Geschlecht, unser Gesundheitszustand, unser Aussehen, unsere körperlichen Fähigkeiten betreffen uns unmittelbar. Darüber hinaus identifizieren wir uns mit unseren Gefühlen, Wahrnehmungen, Meinungen, unseren Reaktionen und Handlungsimpulsen sowie mit unserem Bewusstsein. Auch in unserer Sprache kommen diese Identifikationen zum Ausdruck: Wir sind Mann oder Frau, wir sind fröhlich oder wütend, wir sind einer Meinung. Identifikation bedeutet Selbstbegrenzung.Mit der Identifikation reduzieren wir uns auf Teileaspekte unserer selbst und unserer Wahrnehmung und reduzieren damit unsere Möglichkeiten drastisch.

Das Ego drängt auf Erfüllung

Das Ego ist die Summe aller dieser Identifikationen, die wir als unsere Persönlichkeit betrachten. Es entspringt letztlich dem Verlangen, unsere Bedürftigkeit zu überwinden, deswegen ist seine Mission, für Befriedigung zu sorgen – zum Beispiel durch einen geeigneten Partner, von dem wir annehmen, dass er uns glücklich machen könnte.

Da unsere Bedürftigkeit nie ganz gestillt wird, glauben wir ständig, dass unser Leben sich ändern müsse. Wir sehnen uns zum Beispiel nach einer anderen Partnerin oder mehr Sex, wollen schmerzhafte Gefühle möglichst schnell beseitigen oder glauben, dass wir selbst uns verändern müssen. Auf jeder Ebene gilt: Unangenehmes soll verschwinden, Angenehmes soll her – und zwar so schnell wie möglich. Zufriedenheit lässt sich aber auf diese Weise nicht herstellen, weil Unangenehmes zwangsläufig zum Leben gehört und Angenehmes vergänglich ist. Wir geraten in Widerspruch zur Realität.

Indem wir dagegen ankämpfen oder zu entfliehen versuchen, machen wir alles nur noch schlimmer. In unseren Beziehungen äußert sich der Kampf zum Beispiel durch Forderungen gegenüber dem Partner oder subtilen Druck, etwa indem wir demonstrativ leiden. Für die Flucht nutzen wir viele Möglichkeiten – vom Fernseher über Alkohol bis hin zur Trennung. Manche Paare leben auch viele Jahre distanziert nebeneinander her. Nichts von alledem ist geeignet, die Harmonie und Nähe herzustellen, nach der du dich sehnst.

Sich selbst nicht als Feind sehen

Du trägst beide Seiten in dir: das Potenzial für absolute Klarheit und vollkommene Liebe ebenso wie die Neigung, dir und anderen das Leben immer wieder schwer zu machen. Wie kannst du nun dir selbst näher kommen und dich entwickeln?

Die wichtigste Voraussetzung ist ein ehrliches Interesse an dir. Es äußert sich zunächst in der Bereitschaft, dich dir selbst liebevoll zuzuwenden.

Bisher geht es dir vermutlich wie den meisten Menschen: Du beurteilst dich häufig. Immer wieder glaubst du, dass du etwas nicht gut genug machst oder, schlimmer noch, dass du nicht gut genug bist: Wieder einmal bist du zu spät aufgestanden, deine Wohnung sieht unmöglich aus, du vernachlässigst deinen Partner und meditierst zu selten. Mit einer solchen Salve an Urteilen kannst du dir im Handumdrehen den Tag verderben. Und kommst vielleicht zu dem Schluss: Ich werde es nie lernen. Ich bin einfach nicht gut genug. Mit mir stimmt etwas nicht.

Beurteilungen blockieren Entwicklung.Überlass solchen Gedanken und selbstschädigenden Einflüsterungen nicht das Feld! Bewertungen blockieren liebevolles Verständnis – die Voraussetzung für Entwicklung.

Der Schlüssel, so formuliert es der kalifornische Psychologe John Welwood1, liegt darin, dass wir unsere Persönlichkeitsstruktur nicht als Problem oder Feind sehen. Das ist ein sehr wichtiger Gedanke: Du musst deine Persönlichkeit nicht beurteilen, reparieren oder sogar auslöschen.

Versuch dir stattdessen mit einer Haltung von Interesse, Aufmerksamkeit und Mitgefühl zu begegnen. »Schwächen« sind in Wirklichkeit keine Schwächen. Wenn du deinen augenblicklichen Entwicklungszustand als »Schwäche«, »Unfähigkeit« oder »Versagen« bezeichnest, nimmst du eine Wertung vor und wertest deine eigene Bedürftigkeit ab. Damit machst du dir das Leben noch schwerer. Wäre es nicht sehr erleichternd anzuerkennen, dass dir bestimmte Sachen einfach (noch) nicht möglich sind und dass du auch überhaupt nicht perfekt sein musst? Bestimmte Dinge nicht zu können ist etwas vollkommen Natürliches!

Gelegentlich bin ich mit meiner Großnichte Amalia im Auto unterwegs. Sie ist noch ein kleines Kind und dementsprechend sitzt sie hinten auf der Rückbank in ihrem Kindersitz. Stell dir vor, nun würde jemand sagen: »Lass doch die Amalia auch mal fahren!« Würdest du das für eine gute Idee halten? Angenommen, dieser Jemand würde auf seinem Vorschlag beharren: »Wie, das kann sie nicht? Was für ein unbegabtes Kind!« Würdest du dem zustimmen?

Wir sind uns vermutlich einig: Amalia muss noch nicht Auto fahren können, denn sie ist noch ein Kind. Eines Tages wird sie Auto fahren (und lesen, schreiben und rechnen) können, aber zurzeit braucht sie noch besonders viel Unterstützung und muss zum Beispiel in den Kindergarten gefahren werden. Ihre Bedürftigkeit betrachten wir nicht als Makel, sondern als ihrem Alter angemessen.

Wenn du deine »Unvollkommenheit« und Bedürftigkeit genau so gütig betrachten kannst wie die eines Kindes auf der Rückbank im Auto, wird das sehr befreiend wirken. Mehr noch: So wird Entwicklung erst möglich.

Im nächsten Schritt kannst du dann auch die » Schwächen« deines Partners oder deiner Partnerin auf diese Weise betrachten.

Achtsamkeit entwickeln

Achtsamkeit ist eine unverzichtbare Grundlage, um zu mehr Verständnis und Klarheit zu gelangen. Man kann sogar sagen: Der buddhistische Weg zu Verständnis und zu Klarheit ist Achtsamkeit.

Die Achtsamkeitspraxis beginnt bei dir selbst und besteht nach meinem Verständnis aus drei wesentlichen Aspekten. Du übst sie am besten zunächst nacheinander, um sie dann allmählich miteinander zu verbinden.

•Akzeptierende Selbstbeobachtung

•Liebevolle Selbsteinfühlung

•Bewusster Verzicht auf sofortige Einordnung und Deutung

Achtsam zu sein bedeutet, sehr aufmerksam und offen wahrzunehmen, was im Moment gerade geschieht, ohne es zu bewerten oder beeinflussen zu wollen. Wenn es etwas Angenehmes ist, Achtsamkeit beinhaltet sowohl Selbstbeobachtung als auch Selbsteinfühlung.nimmst du dies wahr, versuchst aber, es nicht festzuhalten, wenn es wieder verschwinden will. Wenn es etwas Unangenehmes ist, versuchst du, dich nicht dagegen zu wehren, sondern es einfach nur wahrzunehmen.

Indem du achtsam bist, legst du die Grundlage für Verständnis und Mitgefühl dir selbst und anderen gegenüber – und damit für heilsames Handeln. Denn was du akzeptierst, kannst du klar sehen und verstehen. Und was du verstehst, kannst du auf heilsame Weise verändern. Auf diese Weise löst du die Fesseln, die die Identifikation mit Gefühlen und Gedanken dir anlegt.

Verlange nicht von dir, dass es dir auf einen Schlag gelingt, permanent völlig achtsam zu sein. Es wird dir zunächst sicher nicht leicht fallen, dir selbst ohne Bewertung zu begegnen. Das macht nichts, auch diese Praxis darf sich langsam entwickeln.

Übe dich als Erstes darin, dir selbst liebevolles Interesse entgegenzubringen. Wende dich dazu bewusst deiner Lebenssituation und den damit verbundenen Gedanken und Gefühlen zu. Nimm dir dafür ausreichend Zeit und Ruhe. Wenn du bemerkst, dass dir die Achtsamkeit abhanden gekommen ist, bist du schon wieder dabei, sie zurückzugewinnen. Wende dich dir einfach erneut liebevoll zu. Je länger du übst, desto besser wird es dir gelingen, achtsam zu bleiben, so wie ein Muskel immer stärker wird, wenn du ihn regelmäßig trainierst.

Wege der Achtsamkeit

Achtsamkeit umfasst sowohl die Wahrnehmung deiner Innenwelt als auch der Außenwelt. Sie grenzt nichts aus und bewertet nichts. Es ist allerdings nicht möglich, alles gleichzeitig achtsam wahrzunehmen, sondern du nimmst zu verschiedenen Zeiten verschiedene Dinge in den Fokus deiner Aufmerksamkeit. Bei der sogenannten » Panorama Bewusstheit« (Chögyam Trungpa) schaust du wie mit einem Weitwinkelobjektiv auf die Welt, begegnest also der gesamten Umgebung achtsam, kannst dafür aber Feinheiten nicht so intensiv wahrnehmen.

Achtsamkeit eröffnet dir verschiedene Zugänge zu dir selbst. Du kannst sie auf deinen Körper, deine Emotionen, deine Gedanken, deine Absichten und auch auf dein Bewusstsein selbst richten. Mit fortschreitender Praxis wirst du bemerken, wie eng all dies zusammenhängt. Gedanken rufen zum Beispiel Emotionen hervor, und jede Emotion hängt eng mit körperlichen Gefühlen zusammen. Dies alles nimmst du mit deinem Bewusstsein wahr.

Ein guter Einstieg in die Achtsamkeitspraxis ist immer wieder das bewusste Vergegenwärtigen deiner Erlebnisse. Eine Übung kann dich dabei unterstützen: Beim »Tagesrückblick« lässt du abends im Bett den Tag noch einmal Revue passieren und machst dir bewusst, wie du dich in verschiedenen Situationen verhalten hast und welche Auswirkungen dieses Verhalten auf dich und andere hatte.

Zunächst werde dir dabei deiner inneren Atmosphäre bewusst. Was fühlst du? Vielleicht nimmst du Anspannung wahr. Frage dich nun, was davor geschehen ist. Nehmen wir an, du hast mit deinem Partner zu Abend gegessen. Wie hat sich das angefühlt? Angespannt. Du hältst dies einfach nur fest.

Bewege dich auf diese Weise rückwärts durch die Abschnitte des Tages. Es geht ausdrücklich nicht darum, zu deuten oder zu bewerten. Mach dir einfach überblickartig bewusst, wie die aufeinander folgenden Situationen sich angefühlt haben und wie sie zusammenhingen. Du kannst dir dabei vorstellen, wie du mit einem Fahrstuhl aufwärts oder abwärts fährst und Einblick in die verschiedenen Etagen – die Situationen des Tages – erhältst, ohne irgendwo anzuhalten oder auszusteigen. Die Frage lautet einfach immer nur: Und was war davor? Wenn es dir lieber ist, kannst du auch mit dem Morgen beginnen und den Tag vorwärts durchgehen.

Die Macht der Gedanken

Wenn du im Alltag deine Gedanken achtsam verfolgst, kannst du feststellen, dass dir bestimmte Gedanken über dich immer wieder Schwierigkeiten bereiten. Du setzt dich zum Beispiel selbst unter Druck (»Ich muss«), wertest dich ab (»Ich bin nicht gut genug«) oder stempelst dich ab (»Ich bin nun mal ungeschickt«). Diese Gedankenmuster blockieren dich, führen in die Grübelei, rufen belastende Emotionen hervor und rücken Glück, Freude und Zufriedenheit in weite Ferne. Weil du dich mit diesen Gedanken identifizierst, kannst du andere Aspekte deiner Persönlichkeit nicht mehr wahrnehmen. Um etwas zu verändern, musst du es zuvor akzeptieren.Die Schwäche, die du dir unterstellst, erzeugst du mit diesen Mustern erst oder erhältst sie am Leben.2 Wenn du sie bewusst wahrnimmst, bist du nicht mehr so stark an sie gebunden. Mit der Zeit kannst du sie völlig entmachten.

Verstand ist nicht alles!

Du hast zwei Möglichkeiten, zwei Bewusstseinsarten, um mit dir und anderen zu kommunizieren. Der tibetische Meister Tarab Tulku und seine Schülerin Lene Handberg sprechen vom Verstandesbewusstsein und vom fühlenden Bewusstsein oder Spürbewusstsein.3 Keine dieser beiden Bewusstseinsformen ist besser oder schlechter als die andere. Du brauchst beide Zugänge, um dich in der Tiefe verstehen zu können. Zugang zu deiner eigenen Stärke findest du, indem du sie beide unterscheiden und für dich nutzbar machen lernst.

Im Verstandesbewusstsein erfährst du dich und die Welt denkend, benennend, beurteilend. Immer wenn Denken und Sprache im Spiel sind, ist das Verstandesbewusstsein aktiv. Während das fühlende Bewusstsein immer mit dem gegenwärtigen Moment verbunden ist, bezieht sich das Verstandesbewusstsein auch auf Vergangenheit und Zukunft.

Das Verstandesbewusstsein mit seinen Begriffen fixiert und trennt. Du denkst nach über dich und bist damit in einer gewissen Distanz zu dir. Im Verstandesbewusstsein entsteht oft eine Kluft: Auf der einen Seite erlebst du, was und wo du gerade bist, auf der anderen, was und wo du gerne wärest. Aus diesem Mangelgefühl entsteht Begehren. Somit ist das Verstandesbewusstsein meist unterwegs mit einem offenen oder versteckten Plan.

Das Spürbewusstsein verwendet keine Sprache, du erfährst dich über das direkte Spüren. Über die Einfühlung führt dich das Spürbewusstsein in die frische Wahrnehmung und Verbindung.

Achtsamkeit auf den Körper lenken

Indem du die Achtsamkeit auf den Körper lenkst, aktivierst du das Spürbewusstsein. Spüre deinen Körper, während du ein gutes Essen genießt, wenn du tanzt, Sport treibst, in der Sauna schwitzt oder dich bei einer Massage entspannst. Spüre möglichst genau: die kleinen geschmacklichen »Sensationen« in deinem Mund (Sinneseindruck heißt auf Englisch nicht zufällig sensation!), die Bewegung deines Körpers im Rhythmus der Musik, der beschleunigte Herzschlag, der Schweiß, der deinen Rücken hinabrinnt, die kraftvollen Hände des Masseurs.

Beim nächsten Schritt konzentrierst du dich nicht auf die Sinneseindrücke, die von der Außenwelt hervorgerufen werden, sondern du versuchst, deinen Körper von innen zu fühlen. Am besten beginnst du an einem Ort in deinem Körper, den du besonders gut spüren kannst, zum Beispiel der Bereich des Sonnengeflechts in der Magengegend oder die Herzgegend. Es kann auch ein völlig anderer Ort sein: der Kopf, die Wirbelsäule, die Arme, die Füße, das bleibt ganz dir überlassen. Deinen persönlichen »Wohlfühlort« im Körper kannst du mit einer Übung ausfindig machen.4

Auch wenn du über diesen Wohlfühlort Kontakt zu dir selbst aufnimmst, werden Gedanken auftreten. Lass sie einfach kommen und gehen. Statt ihnen zu folgen, lenke deine Achtsamkeit zurück auf das Empfinden an deinem Wohlfühlort.

Mit wachsender Achtsamkeit kannst du dann auch andere körperlichen Empfindungen wahrnehmen. Du wirst feststellen, dass jede Emotion mit körperlichen Empfindungen einhergeht. Wenn du verliebt bist, schlägt dein Herz schneller, es kribbelt im Bauch, du hast feuchte Hände, einen trockenen Mund. Wenn du dich nach einem Streit mit deinem Partner verletzt und hilflos fühlst, spürst du vielleicht einen Kloß im Hals. Wenn du merkst, dass deine Partnerin ärgerlich wird, und infolgedessen Angst bei dir aufkommt, verspannen sich deine Schultern. Wenn du auf den Ärger deiner Partnerin mit Wut reagierst, macht diese sich durch Spannung im Sonnengeflecht bemerkbar.

Meist sind Emotionen zunächst über Körperempfindungen wahrnehmbar. Mit etwas Übung wird der Körper für dich zu einer Art Wünschelrute: Er zeigt dir an, dass bestimmte Gefühle aufkommen. Dein Körper führt dich wie eine Wünschelrute zu deinen Gefühlen.Wenn du sie rechtzeitig bemerkst, kannst du ihnen deine volle Aufmerksamkeit schenken und entscheiden, wie du mit ihnen umgehen möchtest, bevor sie die Kontrolle übernehmen. So bist du zum Beispiel in der Lage, in einem Streit nicht aus Wut zu reagieren und damit alles noch schwieriger zu machen. Versuche stattdessen innezuhalten, dich vielleicht sogar zurückzuziehen, bis deine Emotionen nicht mehr so stark sind.

Wichtig ist, dass du deine körperlichen Empfindungen und Emotionen nicht bewertest. Bleib einfach in Verbindung mit ihnen und gib ihnen Raum. Wenn die Situation es zulässt, interessiere dich für sie und taste dich mit dem Spürbewusstsein förmlich in sie hinein. Es ist nicht wichtig, was du spürst, sondern dass du spürst. Auf Benennungen und Erklärungen versuche zu verzichten.

Wenn du deine Gefühle interessiert und wohlwollend erforschst, bringst du ihnen keinen Widerstand mehr entgegen. Du löst dich aus der Identifikation mit ihnen. Sie fesseln dich nicht weiter, sondern du beobachtest, wie sie kommen und gehen – und bist im selben Moment frei. Du stellst fest: Das Gefühl an sich ist nichts Bedrohliches, es ist wie eine Wolke, durch die du unbeschadet hindurchzugehen vermagst.

Zugleich kommst du in Kontakt zu einer tieferen Schicht in dir, die von Mitgefühl und Akzeptanz geprägt ist und eine liebevolle Kraft freisetzt.

Verzichte darauf, verstehen zu wollen

Wenn du dich ganz dem Spürbewusstsein hingibst, verzichtest du zunächst darauf, etwas verstehen zu wollen – und ermöglichst damit letztlich ein tieferes Verständnis.

Eine meiner Schülerinnen hat dies auf sehr beeindruckende Weise erlebt. Sie praktiziert schon sehr lange und gibt selbst Meditationskurse. Vor einiger Zeit hatte sie große Probleme mit ihrem Partner, und obwohl sie schon viele Methoden ausprobiert hatte, fand sie keinen angemessenen Umgang damit. Folgender Rat hat ihr schließlich geholfen, den Teufelskreis des Verstandesbewusstseins und der damit verknüpften Muster und Prägungen zu durchbrechen:

Wenn du das nächste Mal in einer schwierigen Situation mit ihm bist, konzentriere dich nicht auf ihn und die Situation, sondern spüre in dich hinein. Verzichte bewusst darauf zu verstehen, was geschieht. Verzichte auch darauf, dem Geschehen irgendeine Bedeutung beizumessen; es ist weder bedeutungsvoll noch bedeutungslos. Ordne nichts ein, lass es einfach nur sein. Bleibe wach und zeige Präsenz im direkten Kontakt mit dem Leben. Wenn es dir gelingt, werden die Spannungen sich lösen. Du musst dann nichts mehr überwinden, nichts erreichen. Du gelangst in einen Zustand, in dem es dir an nichts mangelt.

Sicher, in Beziehungen gibt es immer wieder viel zu besprechen. Jeder hat Bedürfnisse und Wünsche, die es zu achten gilt. Schwierigkeiten verlangen oft danach, verbal geklärt zu werden. Auch Kritik am Partner, der Partnerin muss möglich sein. Der Schlüssel zum Glück ist direktes Erleben.In den folgenden Kapiteln biete ich dir Hilfestellungen für den Beziehungsalltag an. Der wichtigste Schlüssel zum Glück jedoch ist direktes Erleben. Es ermöglicht dir, mit dir selbst und anderen Menschen verständnisvoll und gütig umzugehen – auch in schwierigen Situationen. Das Spüren ermöglicht dir eine kraftvolle Gelassenheit, die dir in der Beziehung zu dir selbst und anderen sehr helfen wird.

3. In Kontakt kommen

In einer buddhistischen Zeitschrift las ich einmal folgende Kontaktanzeige: »Junger, gut gebauter, dunkelhaariger Buddhist sucht: sich selbst.«

Zuerst ging ich davon aus, dass es sich nur um einen Scherz handelte. Aber je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass der Mann auf der richtigen Fährte war. Er wusste offenbar: Wer Einsamkeit hinter sich lassen will, muss nicht unbedingt den Partner fürs Leben kennenlernen, sondern vor allem sich selbst.

Im Kontakt mit der eigenen inneren Fülle fällt es dann leichter, mit anderen Menschen in Verbindung zu treten – sei es auf der Suche nach dem Traumpartner oder in der Beziehung, in der man bereits lebt.

Die Sehnsucht nach Verbindung

Von meinen Einsätzen als Notarzt kenne ich schon lange einen Mann, der immer wieder anruft, besonders häufig in der dunklen Jahreszeit und an Feiertagen, wenn andere bei ihren Familien oder mit Freunden zusammen sind. Meistens gibt er Herzschmerzen als Grund für seinen Anruf an. Doch es ist nicht sein körperliches Herz, das schmerzt. Seine Wohnung ist voller Plüsch-Teddybären: In jeder Größe und Farbe, in allen Zimmern, insgesamt sind es über 600. Er möchte keine Behandlung im üblichen Sinn. Er möchte nur, dass ich bei ihm sitze – etwa 10 bis 15 Minuten, entsprechend der Dauer eines gewöhnlichen Hausbesuchs, denn er ist bescheiden. Manchmal möchte er, dass wir zusammen schweigen, hin und wieder erzählt er ein wenig aus seinem Leben: Von einem als lieblos empfundenen Elternhaus, zwei gescheiterten Ehen ohne Kinder. Seit Jahren lebt er allein und vermeidet, unter Menschen zu gehen, denn dann fühlt er sich noch einsamer. Gleichzeitig sehnt er sich nach einem Ausweg aus diesem Gefängnis.

Einsamkeit ist weit verbreitet

An Weihnachten verdoppeln wir im ärztlichen Notdienst die Einsatzkräfte. Zwar nimmt die Einsamkeit selten so drastische Formen an wie bei dem Mann mit den 600 Teddybären, aber unter Einsamkeit leiden heute sehr viele Menschen, und zwar unabhängig von ihrem Alter und der sozialen Stellung.

Wahrscheinlich kennst du ebenfalls Phasen oder Momente der Einsamkeit in deinem Leben. Auch Menschen, die Freunde haben und in einer Beziehung leben, können sich einsam fühlen. In manchen Beziehungen haben die Partner schon lange die Verbindung zueinander verloren.

»Er sitzt nur noch vor seinem Computer«, berichtete mir einmal eine Kursteilnehmerin. Seit über 30 Jahren war sie mit ihrem Mann verheiratet. »Für mich interessiert er sich nicht mehr und ich darf ihn nicht mehr berühren.«

Eine andere Frau verließ ihren Mann nach vielen Jahren der Einsamkeit in der Ehe und schloss sich einer spirituellen Wohn- und Lebensgemeinschaft an. Nach einem halben Jahr sprang sie von einer Brücke. Sie hinterließ einen Zettel: »Bei euch habe ich erfahren, was möglich ist. Doch für mich ist der Weg dorthin mittlerweile zu weit und zu schwierig.«

Das Gefühl getrennt zu sein

Einsamkeit geht stets einher mit dem Erleben, getrennt zu sein. Du sehnst dich nach Zugehörigkeit, nach Liebe und menschlicher Wärme und gleichzeitig erlebst du dich als ausgegrenzt, wie umzäunt. Jedes Erleben von Trennung ist mit Leiden verbunden.

Einsame Menschen tragen oft tiefe Blockaden in sich, die sie hindern, sich auf andere einzulassen. Der Grund dafür können schmerzhafte Erfahrungen in vorherigen Bindungen sein, sei es mit den Eltern oder in Liebesbeziehungen. Die Angst, dass sich die schmerzhaften Erlebnisse wiederholen könnten, ist dann übermächtig.

Auch die Angst vor Ablehnung kann eine Rolle spielen. In milderer Form kennen wir solche Blockaden als Schüchternheit. Aus Angst vor negativen Reaktionen fällt es uns schwer, Kontakt aufzunehmen. Obwohl wir nach Nähe suchen, weichen wir aus oder ziehen uns zurück. Dann leiden wir unter dem Gefühl, keine Verbindung herstellen zu können, nicht dazuzugehören.

Von außen ist das oft kaum wahrnehmbar. Manche Menschen leben ein scheinbar geselliges Leben, fühlen sich aber einsam. Mir selbst ging es oft bei geselligen Anlässen mit verordneter Fröhlichkeit so, zum Beispiel an Silvester.

Fluchtmanöver und Ersatzbefriedigungen

Wenn du dich einsam erlebst, entwickelst du eventuell bestimmte Strategien, um deine Einsamkeit nicht zu spüren, kleine oder große Fluchten oder Ersatzbefriedigungen.

Manche Menschen versuchen, ihrer Einsamkeit durch Konsum zu entfliehen. Der Mechanismus wird in der Werbung sogar bewusst eingesetzt: Kauf das Produkt, und du erlebst Verbindung! Werbung für Alkohol zeichnet oft Bilder von Menschen, die gemeinsam fröhlich sind. Und eine Versicherung wirbt damit, »eine starke Gemeinschaft« zu sein.

Eine alleinerziehende Mutter erzählte mir von ihrer Essstörung: Den ganzen Tag über kann sie sich sehr zurückhalten, aber abends gibt es dann plötzlich kein Halten mehr, da stopft sie sich mit Chips und Süßigkeiten voll. Sie beginnt damit immer genau dann, wenn ihre Tochter ins Bett gegangen ist und sie alleine im Wohnzimmer sitzt. »Dann ist es immer so still in der Wohnung«, sagte sie.

Nicht wenige Menschen versuchen, ihre Einsamkeit zu übertünchen, indem sie sich viel Arbeit aufbürden. Effizient sein und Leistung bringen als Strategie, sich nicht selbst zu spüren. Im Urlaub suchen sich solche Menschen dann spektakuläre Ziele und atemberaubende Aktivitäten. Sie halten ihre Abenteuerreisen für erfüllend und merken gar nicht, dass sie damit vor allem ihre Einsamkeit erträglich machen wollen.

Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen: Alkohol, Medikamente und Drogen, laute Musik, abends immer verabredet, an jedem Wochenende unterwegs, immer auf der Suche nach sexuellen Erlebnissen, rastloses Hoffen auf die nächste SMS oder »Gefällt mir«-Klicks bei Facebook.

Doch die innere Bedürftigkeit, die innere Leere, Innere Leere lässt sich nicht mit äußeren Dingen füllen.lässt sich nie mit äußeren Dingen füllen. Die Sehnsucht nach Verbindung befriedigst du nicht durch oberflächliche Kontakte. Und Betäubung hilft dir, wenn überhaupt, nur kurz.

Einsamkeit bewusst erleben

Der Buddha rät uns, schwierigen Gefühlen nicht auszuweichen, sondern sie bewusst zu spüren und zu akzeptieren. Nur so können wir einen heilsamen Umgang damit finden und uns weiterentwickeln.

Normalerweise gehen wir davon aus, etwas tun zu müssen, um unsere Situation möglichst schnell zu verbessern. Diese Überzeugung ist uns in Fleisch und Blut übergegangen. Also ergreifen wir eine Maßnahme nach der anderen gegen die Situation, wie sie jetzt gerade ist. Ich nenne diesen Geisteszustand den Tunmodus. Er entspringt dem Verstandesbewusstsein.

Der Tunmodus alleine vermag das Problem aber nicht zu lösen. Nur wenn du deine Aufmerksamkeit nach innen richtest, kannst du klar sehen, was in dir vorgeht und wonach du dich eigentlich sehnst. Schalte also um vom Tunmodus in den Seinsmodus.

Achtsamkeit entwickeln

Es ist wichtig, Gedanken und Gefühle der Einsamkeit so früh wie möglich wahrzunehmen und zu beobachten, damit sie dich nicht vereinnahmen können. Einsamkeit kann wie ein Sog wirken, die Lage erscheint dir dann immer aussichtsloser.

Ein guter Anfang kann sein, Tagebuch zu führen. Damit wendest du dich in liebevoller Absicht dir selbst zu, bringst dein Innerstes nach außen und lernst, in dir selbst gewissermaßen zu lesen wie in einem Buch. Das hilft dir, dich nicht in deinen Gefühlen zu verstricken, dich nicht mit ihnen zu »identifizieren«, sondern sie als ein vergängliches Geschehen zu betrachten, auf das du nicht festgelegt bist.

Denkmuster identifizieren

Selbstbeobachtung hilft dir, Denkmuster zu identifizieren, die dich blockieren. Viele Menschen sind fixiert auf ein Selbstbild, das sie in der Einsamkeit festhält und glauben lässt, an ihrer Situation nichts verändern zu können. Es bringt ständig negative Gedanken hervor: »Ich bin nicht liebenswert«, »Für mich wird sich nie jemand interessieren.« Oder: »Wenn ich einen Menschen an mich heranlasse, wird es wieder so schmerzhaft werden wie beim letzten Mal.« Vielleicht stempelst du dich ab, indem du denkst: »Ich bin kein geselliger Mensch.« Vielleicht verurteilst du dich: »Warum sollte auch jemand an einem Menschen wie mir Interesse haben?« Vorsicht ist immer auch bei Gedanken geboten, die mit »Ich sollte« oder »Ich müsste« beginnen (»Ich sollte längst jemanden gefunden haben.«) Damit setzt du dich selbst unter Druck.

Solche Muster des Denkens und Empfindens sind durch frühere Erfahrungen entstanden. Schenkst du den Gedanken Glauben, werden sie leicht zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung, denn du verschanzt dich dann in deiner Haltung des Mangels, die von Angst geprägt ist und auf andere Menschen wenig anziehend wirkt. Negative Gedankenmuster sind nie hilfreich, sondern blockieren deine Fähigkeit, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten – eine Fähigkeit, die in jedem Menschen als Potenzial vorhanden ist!

Trügerisch sind auch Gedanken, die nach dem Schema »Alles oder nichts« funktionieren. »Diese Frau oder keine!« – »Heute oder nie!« – »Niemand will mit mir tanzen.« Wie könnte man Hoffnungslosigkeit wirkungsvoller vorprogrammieren? Alles-oder-nichts-Gedanken postulieren einen Idealzustand, den es nicht gibt, oder sie geben alles verloren. Sie entwerten alle Möglichkeiten, die du ohne diese Gedanken hättest.

»Warum hast du nie geheiratet?«, wurde Mullah Nasruddin, eine Art Eulenspiegel der türkischen Volksliteratur, von einem Freund gefragt. »Oh, ich habe es mir sehr gewünscht«, antwortete Mullah Nasruddin. »Deswegen habe ich mich auf die Suche nach der perfekten Frau gemacht. In Damaskus fand ich eine schöne Frau, die gütig und spirituell war, aber sonst wenig wusste. In Isfahan traf ich eine Frau, die spirituell wie weltlich sehr gebildet war, aber wir verstanden uns nicht. In Kairo schließlich fand ich nach langer Suche eine perfekte Frau. Sie war spirituell, anmutig und wunderschön!« – »Warum hast du sie dann nicht geheiratet?«, fragte der Freund. »Sie suchte den perfekten Mann.«

Erwartungshaltungen entschärfen

Erwartungshaltungen verhindern Verbindung. »Mach mich glücklich!«, »Sei mein Ein und Alles!«, »Erlöse mich von meinem Leid!« – mit Erwartungen blockieren Verbindung. solchen Forderungen setzt du dich und potenzielle Partner unter Druck, schlägst sie geradezu in die Flucht. Kommt trotzdem eine Verbindung zustande, bewertest du jede Situation nach diesem überzogenen Maßstab – im Alltag, im Urlaub, im Bett. Damit überforderst du den anderen und blockierst die Bindung, bevor sie überhaupt wachsen kann.

Zugleich wirst du vermutlich an der Beziehung zweifeln, wenn der andere Mensch deinen Bedürfnissen nicht zu hundert Prozent genügt – was ganz sicher irgendwann der Fall sein wird. Früher oder später lassen dich überhöhte Erwartungen dann den Glauben an Beziehungen verlieren. Sie sind ein Grundstein der Einsamkeit.

Dich selbst befragen

Wenn es dir schwerfällt, mit anderen in Kontakt zu treten, kann dir eine Methode aus der Gewaltfreien Kommunikation des amerikanischen Psychologen Marshall Rosenberg helfen, den Gründen auf die Schliche zu kommen: der Selbstdialog.5

Nimm an, du befindest dich auf einer Party, aber du fühlst dich nicht wohl. Vielleicht hast du den Eindruck, dass du nicht richtig dazu gehörst, und fragst dich, was die anderen wohl von dir halten. Dies ist der Zeitpunkt, um mit dir in Dialog zu treten! Wende dich dem Teil deiner Persönlichkeit zu, der gerade dein Verhalten steuert, und frage ihn: »Was tust du gerade?« Die Antwort könnte lauten: »Ich habe mich in eine Ecke zurückgezogen.« Oder: »Ich rede laut und viel.« Oder: »Ich reiße die ganze Zeit Witze.« – »Ich halte mich an meinem Glas fest.« – »Ich rauche schon wieder so viel.« Und so weiter.

Nun kannst du diese Fragen stellen: »Was möchtest du mir zeigen?« – »Auf was möchtest du mich hinweisen?« – »Was möchtest du verbergen?« – »Was möchtest du beschützen?«

Vielleicht lautet die Antwort: »Ich bin unsicher.« Oder: »Ich möchte jemandem gefallen.« Oder: »Ich habe Angst davor, dass die anderen Gäste mich nicht mögen könnten.« Oder: »Ich muss aufpassen, dass niemand bemerkt, wie ungebildet ich bin.« Möglicherweise weisen dich die Antworten auch auf bestimmte bewertende Gedankenmuster hin: »Ich bin langweilig.« – »Die anderen sind geistreicher als ich.«– »Ich bin unfähig, in die Offensive zu gehen.« Die nächste Fragen lautet: »Welche tiefere Sehnsucht liegt all dem zugrunde?« Wenn du genau in dich hineinhorchst, wirst du feststellen: Es ist immer die Sehnsucht nach Verbindung. Sie äußert sich im Wunsch nach Akzeptanz, nach Aufmerksamkeit, Dazugehören. Nun fragst du den in dir aktiven Teil: »Führt dein Verhalten wirklich zu diesem Ziel?«

Einen solchen Selbstdialog kannst du immer führen, wenn dich etwas blockiert. Er wird dir helfen, dich nicht in kontraproduktives Verhalten zu verstricken. Vor allem aber führt er dich zu den Bedürfnissen hinter deinem Verhalten.

Bestehe am Ende aber nicht darauf, dass deine Wünsche und Bedürfnisse erfüllt werden. Bedürfnisse müssen nicht erfüllt werden, aber wollen gehört werden.Je mehr du dich gegen deine Situation wehrst, desto schmerzhafter wird sie. Manchmal kommt es einfach darauf an zu akzeptieren, dass Bedürfnisse gerade unerfüllt bleiben.

Die Bedürfnisse hinter den Wünschen

In anderen Fällen gibt es Möglichkeiten, Abhilfe zu schaffen – aber auf andere Weise als zunächst gedacht. Vielleicht sehnst du dich nach einer Beziehung und erkennst: Das Bedürfnis dahinter ist das nach Nähe und Fürsorge. Zurzeit bleibt es unbefriedigt. Wenn du dies akzeptiert und verstanden hast, kannst du im nächsten Schritt schauen, ob sich dieses Bedürfnis vielleicht auch auf andere Weise befriedigen lässt, zum Beispiel indem du dich intensiver um bereits bestehende Freundschaften kümmerst.

Mit diesem Vorgehen durchbrichst du das gedankliche Muster, nach dem du Glück nur erleben kannst, wenn du deinen Traummann oder deine Traumfrau findest.

Schüchternheit

Der Selbstdialog dient allein dem liebevollen Verständnis deiner selbst. Er darf nicht verwechselt werden mit der abwertenden Form von Selbstbeobachtung, zu der zum Beispiel schüchterne Menschen neigen. Ständig nehmen sie ihre vermeintlichen oder realen Schwächen in den Blick. Dahinter steckt die Angst, von anderen nicht gemocht zu werden, dahinter wiederum Selbstzweifel. Um negative Reaktionen zu vermeiden, verhalten sich schüchterne Menschen zurückhaltend. Sie trauen sich nicht, etwas zu sagen oder zu tun. Sie vermeiden Augenkontakt, und wenn man sie anspricht, erröten sie und verspannen sich.

Schüchternheit ist schmerzhaft und anstrengend, blockiert Verbindung, den Zugang zu positiven Ressourcen sowie Einfühlung dir selbst gegenüber.

Das wirksamste Gegenmittel ist die Metta-Meditation.6 Metta wird in »Auch du gehörst dazu.«der Regel mit »Liebende Güte« übersetzt. Treffender wäre aus meiner Sicht »tatkräftige Liebe«. In der Metta-Meditation geht es darum, Gefühle der Wertschätzung, Wärme und Nähe hervorzubringen, und zwar ausdrücklich auch dir selbst gegenüber. Was immer du in dir wahrnimmst, verurteilst du nicht, sondern nimmst es mit einer annehmenden Haltung an. Mein Lieblingsslogan für diese Umgangsweise lautet: »Auch du gehörst dazu.«

Wenn Metta in dir aktiv ist, gibt es keine besseren oder schlechteren Menschen. Deine Negativ-Urteile über dich selbst verlieren ihre zerstörerische Kraft, lösen sich auf in der Energie der Liebe.

Spüren eröffnet eine andere Dimension

Und wieder ist es das direkte Spüren, das dir den Quantensprung in eine andere Dimension des Erlebens ermöglicht. Einen guten Einstieg bieten dir auch die Körperempfindungen. Wenn Gefühle der Einsamkeit aufkommen, erspüre, wie sie sich im Körper äußern, zum Beispiel in Verspannungen, einem Kloß im Hals oder in Kopfschmerzen. Dies bewusst zu spüren wird die Einsamkeit nicht auflösen, doch ihre Intensität wird sich verändern. Das akzeptierende Spüren verschafft dir unmittelbar Linderung. Und dann kann der Wandel seinen Lauf nehmen.

Allein statt einsam

Ich bin als Mitglied einer Großfamilie auf einem Bauernhof aufgewachsen. Ab meinem 12. Lebensjahr starb jedes Jahr ein Mitglied der Familie, zuletzt meine Mutter. Ich erinnere mich an einen Sonntagmorgen, als ich als Siebzehnjähriger ganz allein auf dem Hof war. Mein Vater hatte eine Arbeitsstelle angenommen, und ich kümmerte mich um die Tiere. Es regnete, und ich fühlte mich zutiefst einsam.

Ich begann zu weinen. Viele Situationen der letzten Jahre wurden in mir lebendig, in denen ich mich einsam und ausgegrenzt gefühlt hatte, und ich beweinte auch diese Situationen ausgiebig. Ich weinte wohl eine Stunde. Und im Laufe dieser Stunde veränderte sich in mir etwas grundlegend. Indem ich mich fühlend dem gegenwärtigen Moment hingab, lockerte sich das feste Ich meiner persönlichen Identität. Ich erlebte eine Verbundenheit nach innen wie nach außen, zu den Tieren im Stall, zu jeder Kreatur.

Ich war immer noch der einzige Mensch auf dem Hof, Aus Einsamkeit kann Alleinsein werden.aber aus der Einsamkeit war Alleinsein geworden.

Einsamkeit und Alleinsein sind völlig verschiedene Zustände. Der Psychoanalytiker Rolf Haubl hat das sinngemäß so auf den Punkt gebracht: Einsamkeit heißt außer sich sein. Alleinsein hingegen bedeutet bei sich sein.

In der Einsamkeit hast du die Verbindung zur Welt verloren, kreist hilflos um dich selbst, bist gefesselt von Gedanken, deinem Widerstand gegen die Situation, deinem Begehren. Im Alleinsein hingegen ist die Welt in Ordnung. Die negativen Gefühle gehören zu dir, aber du reduzierst dich nicht darauf. Du weißt, dass du sehr viel mehr bist, spürst dich selbst sehr deutlich und fühlst dich in Verbindung mit deiner Umgebung.

In besonders kostbaren Momenten, wie ich einen solchen auf dem Hof erlebte, ermöglicht Alleinsein so etwas wie »mit dem All-eins-Sein«. Du bist in diesen Augenblicken vollkommen bei dir und mit dir, Alleinsein ermöglicht All-eins-Sein.erlebst gleichzeitig innere und äußere Vielgestaltigkeit und dabei dich selbst als Teil von etwas Großem, das alles in sich vereinigt. Und du erlebst Frieden.

In der Lehre des Buddha – wie in vielen spirituellen Traditionen – spielt das Alleinsein eine große Rolle. Sariputta, einer der bedeutendsten Schüler des Buddha, bezeichnete physische Abgeschiedenheit als wichtige Voraussetzung für das Entstehen geistiger Abgeschiedenheit. Die geistige Abgeschiedenheit wiederum ist notwendig, um geistige Trübung hinter sich zu lassen – und dies ist eine notwendige Bedingung für Verbundenheit, Frieden und Glück.

Vermutlich hast du selbst schon erlebt: Bist du über längere Zeit pausenlos in Gesellschaft, physisch zusammen mit anderen Menschen, zum Beispiel mit deinem Partner oder deiner Partnerin oder deinen Kindern, dann wird es früher oder später eng und schwierig. Leicht reagiert ihr überempfindlich aufeinander und verstrickt euch in Konflikten. Achtsame Selbstbeobachtung und -Einfühlung sind in Gesellschaft sehr viel schwieriger, oft kaum möglich. Ohne Phasen des Alleinseins kommt dir der achtsame Zugang zu dir selbst abhanden.

Es braucht Phasen des Alleinseins, um die vielfältige innere Landschaft deiner Bedürfnisse, deiner Wahrnehmungs- und Gewohnheitsmuster kennenzulernen.

Auch Widersprüchliches darf sich äußern, wächst im Raum der Akzeptanz zu einer Einheit zusammen. Du nimmst eine liebevolle Verbindung zu dir selbst auf.

Allein leben heißt nicht einsam sein

Zeitweilig allein zu sein in diesem Sinne ist also ein wichtiger Schlüssel zum inneren Wachstum. Du musst deswegen nicht zölibatär leben wie Mönche und Nonnen. Aber du kannst dich durchaus entscheiden, ohne Partnerschaft zu leben, und dich gleichzeitig ausbalanciert, zufrieden und verbunden fühlen, sei es nun phasenweise oder dauerhaft. Bewusstes Erleben kann Einsamkeit vollkommen in Klarheit und Verbundenheit verwandeln.

Um sich den Wert des Alleinseins zu erschließen, ist natürlich mehr als bloß physische Abgeschiedenheit notwendig. Sich wirklich auf sich selbst einzulassen, das sind die meisten Menschen nicht gewöhnt. Ohne Gesellschaft bekommen sie schnell Angst oder fühlen sich leer. Deswegen übertünchen sie diese wunderbare Gelegenheit, sich zu spüren, mit Geschäftigkeit, rufen so schnell wie möglich jemanden an oder schalten den Fernseher ein.

Es braucht Mut, sich zu spüren, und die Unterstützung durch Metta-Praxis, um den Zugang zur inneren Fülle zu erschließen.

Auf andere zugehen

Metta ist in jedem Menschen vorhanden, aber wir verlieren oft die Verbindung dazu. Wir können diese Liebe in uns allen mit entsprechenden Übungen wachküssen wie Dornröschen.

In Metta bist du allein und gleichzeitig verbunden mit anderen. Du erlebst dich nicht mehr getrennt, nicht mehr einsam. Mit Metta stößt du die Tür auf zu innerem Reichtum. Es mag eine Zeit dauern, bis deine Praxis dich zu diesem Erleben führt, aber wenn du Metta praktizierst, wird es ganz sicher geschehen.

Aus dem Erleben der Fülle, der Liebe in dir, kannst du dich besser auf andere Menschen zubewegen. Du suchst nicht mehr aus dem Gefühl der Bedürftigkeit und Begrenztheit nach Kontakt zu anderen, sondern gehst mit einem Gefühl innerer Stärke auf sie zu. Du stellst keine Forderungen auf, sondern hast etwas zu verschenken.

Keine schlechten Kompromisse

Wenn neue Partnerschaften oder Freundschaften entstehen, schau zunächst genau hin, wie der Mensch, der da gerade in dein Leben tritt, auf dich wirkt. Der Buddha rät dir eindringlich, in dieser Hinsicht keine Kompromisse einzugehen. Er sagt: Halte dich fern von Menschen, die dich zum Bruch der Tugendregeln veranlassen wollen. Nimm dich auch in acht vor Menschen, die gar nicht wirklich mit dir zusammen sein möchten, sondern die nur die Nähe eines anderen Menschen suchen, weil sie nicht alleine sein können. Und meide den Kontakt zu Menschen, denen es mehr um Zerstreuung als um Verbindung geht. Kurz: Mit Menschen, die deiner Entwicklung nicht gut tun, gehe keine engen Bindungen ein. In der Lehrrede vom Nashorn7 sagt der Buddha:

Wenn einen weisen Freund man findet,

Als Weg-Gefährten, edel lebend, kraftvoll,

Jedwede Widrigkeiten überwindend,

Mag wandern man mit ihm, beglückt und achtsam.

Wenn keinen weisen Freund man findet,

Als Weg-Gefährten, edel lebend, kraftvoll,

Gleich einem König, der besiegtes Land verlässt,

Allein mag wandern man, dem Nashorn gleich.

Wenn du dich nach einer Liebesbeziehung sehnst, mach dir bewusst, wie wertvoll auch die Freundschaften sind, die du vielleicht bereits pflegst. Der Buddha hat den Wert der Freundschaft sehr betont. Freundschaften sind nicht per se weniger bedeutsam als Liebesbeziehungen.

Wenn du wie ein Nashorn allein unterwegs bist, betrachte diese Zeit nicht als verlorene Zeit, sondern nutze sie zur Entwicklung. Lass nicht zu, dass bittere Gedanken dich beherrschen und sich verfestigen. Statt »warum?«, frage lieber »wozu?« Welche sinnvollen Schritte könntest du von hier aus gehen?

4. Wie Beziehungen gelingen können

Eine Freundin und ihr Mann stehen kurz vor der Silberhochzeit. Die beiden pflegen ein gemeinsames Ritual: Jeden Morgen trinken sie im Bett einen Cappuccino zusammen. Eines Morgens hat sie beim gemeinsamen Cappuccino ihren Mann gefragt: »Wenn du mal zurückdenkst an damals, als wir uns kennengelernt haben: Hast du dir unsere Beziehung damals so vorgestellt, wie sie jetzt geworden ist?« – »Nein«, antwortete er. Und nach einer kurzen Pause: »Ich habe sie mir damals nicht so schön vorgestellt.«

Das ist es, was möglich ist. Es gibt solche Paare, die uns wie ein Leuchtturm zeigen, wohin uns eine erfüllte Beziehung führen kann. Auch meine Großeltern lebten in dieser Weise 60 Jahre miteinander, bevor sie schließlich kurz nacheinander starben. Mein Großvater Eduard wurde 91, meine Großmutter Mathilde 90. In den letzten Jahren sprachen sie nicht mehr viel. »Ede, du sagst ja gar nichts«, sagte sie zu ihm manchmal. Nach einer Weile sagte er dann: »Ich hab doch schon alles gesagt.« In diesem Moment war für den kleinen Jungen, der ich damals war, eine tiefe Verbindung der beiden zueinander spürbar. Die Erinnerung daran hat mich durch meine Beziehungen in meinem Leben getragen und mir in schwierigen Momenten geholfen. Das Wissen: Es ist möglich! Worauf beruht eine glückliche Beziehung? Besonders wichtige Säulen sind: Bewusstheit, Einfühlung und Wertschätzung.

Die meisten Menschen versuchen, durch Beziehungen ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Der Partner soll unsere Wünsche erfüllen und uns Bewusstheit, Einfühlung und Wertschätzung sind tragende Säulen einer Beziehung.Erleichterung verschaffen, wenn es uns nicht gut geht. Das ist etwas ganz Natürliches. Problematisch wird es immer dann, wenn wir darauf bestehen, dass der andere unsere Bedürfnisse befriedigt. Allzu oft betrachten wir unseren Partner als Goldesel für unser Wohlbefinden.

Treten Probleme auf, wollen wir schnelle Lösungen. Treten Wünsche auf, wollen wir schnelle Erfüllung. Ist dies nicht möglich, werden wir ungeduldig und fordernd. Den hinter dieser Haltung verborgenen Widerstand gegen das, was jetzt ist, erkennen wir nicht. Vielmehr nähren wir auf diese Weise unsere Unzufriedenheit und oftmals setzen wir zusätzlich unsere Partner unter Druck.

Die drei Säulen glücklicher Beziehungen – Bewusstheit, Einfühlung und Wertschätzung – sind nicht auf Lösungen und schnelle Veränderungen ausgerichtet, sondern auf Beistand und Offenheit. Sie helfen uns, einfach mit anderen zusammen zu sein, statt sie oder auch die Beziehung verändern zu wollen. Sie erschließen Beziehungen als ein Feld der Entwicklung. Dabei ist es nicht erforderlich, dass sich zwei Menschen in die gleiche Richtung oder sogar im Gleichschritt entwickeln. Es kann wunderbar und sehr hilfreich sein, wenn man gemeinsam mit der Partnerin oder dem Partner einen spirituellen Weg geht, aber das ist eine Seltenheit und es ist keine notwendige Bedingung für eine gelungene Beziehung.

Es geht nicht darum, Dissonanzen und Meinungsverschiedenheiten um jeden Preis zu vermeiden. Damit eine Bindung lange bestehen bleibt und immer tiefer wird, ist es wichtig, dass wir den anderen auch dann respektieren, wenn er sich anders verhält oder entwickelt, als wir es uns wünschen.

Entscheidend ist, wie du reagierst, wenn Schwierigkeiten aufkommen, etwa wenn ein Streit beginnt. Nimmst du die Dissonanz bewusst wahr? Oder verlierst du die Bewusstheit, überlässt dich den Gefühlen, wirst zu ihrem Spielball – und trägst damit zur Eskalation bei? Erinnere dich in schwierigen Momenten zunächst an die erste tragfähige Säule von Beziehungen: Bewusstheit.

Schwierigkeiten können für dich mit der Zeit die gleiche Funktion bekommen wie eine Klangschale im Meditationszentrum: Sie erinnern dich daran, dass eine Übungssituation beginnt. Mit problematischen Situationen und Gefühlen bewusst umzugehen ist ein unverzichtbarer Teil buddhistischer Praxis. Was du im Beziehungsleben erlebst und üben kannst, ist sehr wertvoll; es lässt sich durch die Praxis auf dem Meditationskissen nicht ersetzen. Liebesbeziehungen intensivieren viele Gefühle enorm, die angenehmen wie die schmerzhaften. Sie wirken gewissermaßen wie ein Mikroskop für Emotionen und geben dir damit auch die Chance, besonders genau hinzuschauen, besser gesagt: hinzuspüren.

Wenn hier von Bewusstheit die Rede ist, dann ist achtsames Bewusstsein gemeint: Achtsamkeit auf dich selbst, deinen Körper, die Gefühle und die Gedanken. Nimm aber auch deinen Partner sehr achtsam wahr: Wie verhält er sich? Wie fühlt er sich gerade? Welche Bedürfnisse hat er? Betrachte ihn also nicht nur durch die Brille deiner eigenen Wünsche und Bedürfnisse, sondern übe dich in Empathie, der Einfühlung in seine Situation.

Beschränke dich dabei nicht auf die schwierigen Momente, sondern gönne dir auch, die glücklichen Momente bewusst wahrzunehmen und bis in die letzte Faser deines Körpers zu spüren. Lass Bewusstheit in alles fließen, was du denkst, sagst und tust.Tränke deinen ganzen Alltag immer mehr mit Bewusstheit. Es wird dir mit der Zeit immer leichter fallen. Egal was passiert, bevor du reagierst, tauche spürend ein in die jeweilige Situation und die damit verbundenen Gefühle, zunächst ohne etwas verändern oder auch nur verstehen zu wollen.

Zwischen dir und deinem Partner bahnt sich ein Streit an? Du hast Angst davor? Bist wütend? Versuche nicht, diese Situation mit den damit verbundenen unangenehmen Gefühlen wegzuschieben oder möglichst schnell zu beenden. Handle vor allem nicht aus Gefühlen von Ärger und Wut heraus – das würde das Problem nur verschärfen. Mach dir stattdessen bewusst: Das ist jetzt die Realität. Und spüre mutig, was geschieht. Schon allein die Akzeptanz, die im Spüren liegt, entspannt die Situation. Und je intensiver du spürst, desto mehr kommt in der Tiefe etwas in Bewegung. Du fühlst dich verbunden und es wird eine Kraft in dir aktiviert, die dir beim heilsamen Umgang mit der Situation eine große Hilfe ist. Bewusstes Beobachten und bewusste Einfühlung in das, was in dir geschieht, lösen dich aus der Identifikation mit deinen Gedanken und Gefühlen. Bewusstheit wirkt befreiend.Diese werden erkannt als das, was sie sind: menschliche Gefühle und Gedanken. Auf diese Weise können sie weiterhin bestehen – werden also nicht verdrängt –, aber sie verlieren die Macht, dich zu vereinnahmen und dein Verhalten zu steuern.

Erinnere dich immer wieder: Agiert der Verstand allein, speist er sich aus dem Gefühl von Trennung und Mangel, erlebst du dich als unvollkommen. Demzufolge versuchst du, Menschen und Situationen zu manipulieren, kontrollieren und in Besitz zu nehmen. Das bringt Schwierigkeiten und Dukkha hervor. Das Verstandesbewusstsein braucht darum immer die Verbindung mit dem Spürbewusstsein, das Akzeptanz und eine liebende Kraft in dir freisetzt. Ohne diese Verbindung können Beziehungen immer nur ein Abglanz ihrer Möglichkeiten sein.

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9783942085335
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