Читать книгу: «Weck den Buddha in dir»

Шрифт:


Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:

Gewidmet allen Menschen von Lotos-Vihara,

in Dankbarkeit und Verbundenheit

Inhalt

Vorbemerkung

Weck den Buddha in dir!

Sich auf die Freude ausrichten

Mitgefühl mit sich selbst entwickeln

Sein lassen

Wege aus der Angst

Selbstvertrauen statt Selbstzweifel

Verzeihen

Geduld üben

Das Spürbewusstsein entdecken

Nachwort

Anhang

Sila – die Tugendregeln

Metta-Sutta

Meditationsanleitungen

Metta-Meditation: Bach

Metta-Meditation: Wünsche und Bedürfnisse

Übung: Wohlfühlort

Achtsamkeitsmeditation

Danksagung

Über den Autor

Das Lotos-Vihara-Meditationszentrum

Vorbemerkung

Liebe Leserin, lieber Leser, in diesem Buch spreche ich dich persönlich an. Ich habe dafür die »Du«-Form gewählt, denn ich empfinde sie als direkt und herzlich. Das »Sie« schafft leicht eine Distanz, die nicht gut zur spirituellen Praxis passt. Auch in meinen Vorträgen spreche ich meine Zuhörerinnen und Zuhörer mit »du« an und habe damit gute Erfahrungen gemacht.

Bei der Bearbeitung der Vortragstexte, die diesem Buch zugrunde liegen, habe ich großen Wert darauf gelegt, dass sie möglichst leicht verständlich sind – auch für Menschen, die mit dem Buddhismus bisher nicht vertraut sind. Mit Fachwörtern und manchen buddhistischen Ausdrücken bin ich sparsam und vorsichtig umgegangen. Wenn sie Verwendung finden, dann werden sie im Text erklärt.

Für einige Begriffe aus alten indischen Sprachen gibt es keine deutsche Übersetzung, die dem ursprünglichen Wort genau entsprechen würde. Diese Begriffe haben deswegen Eingang in den allgemeinen buddhistischen Wortschatz gefunden. Die meisten von ihnen stammen aus dem Pali, der Sprache, in der vor mehr als 2000 Jahren die Lehrreden des Buddha niedergeschrieben wurden, und der indischen Gelehrtensprache Sanskrit. Die beiden Sprachen sind ein ander sehr ähnlich. Folgende Wörter finden in diesem Buch Verwendung:

Dukkha ist ein zentraler Begriff im Buddhismus. Das Wort bedeutet Leiden in einem sehr umfassenden Sinne. Dazu gehört jede Form unangenehmer Geisteszustände, also zum Beispiel auch Unerfülltheit, Nervosität oder Angst. Dukkha erfahren wir in jedem Moment, in dem wir nicht vollkommen zufrieden und erfüllt sind.

Dana bedeutet Freigebigkeit, und zwar ebenfalls in einem sehr umfassenden Sinn. Das Wort steht für die Praxis, Menschen und andere Lebewesen zu unterstützen, wann immer wir können. Das kann durch materielle Gaben geschehen, aber ebenso, indem wir ihnen Zeit und Aufmerksamkeit schenken.

Sila bedeutet Tugend. Das Wort steht für das Bemühen, alles zu unterlassen, was uns selbst und anderen schadet, und stattdessen zu tun, was ihnen und uns selbst nachhaltig gut tut. (Zu Sila finden sich im Anhang weitere Erläuterungen.)

Dhamma ist der traditionelle Pali-Begriff für die Lehre des Buddha und entspricht dem Sanskrit-Wort Dharma.

Mit Sangha ist hier die Gemeinschaft buddhistisch Praktizierender gemeint.

Nicht zuletzt findet in diesem Buch auch der »bürgerliche Name« des Buddha Verwendung. In Pali lautet er Siddhatta Gotama. Ich verwende aber die geläufigere Sanskrit-Variante Siddhartha Gautama.

Weck den Buddha in dir!

Vermutlich gibt es auch in deinem Leben Zeiten, da geht alles ganz leicht. Die Menschen mögen dich, du erlebst Wertschätzung, du hast Erfolg. Selbst wenn etwas schief geht, wirft dich das nicht aus der Bahn. Du kannst es lächelnd wegstecken und weitergehen. Du bist in Einklang mit dir und deinem Leben. In solchen Zeiten denkst du: »Jetzt endlich hab ich’s!«

Aber dann, wie durch eine geheimnisvolle Kraft, erlebst du wieder das genaue Gegenteil. Alles scheint sich gegen dich verschworen zu haben. Du fühlst dich beschwert und kraftlos, ächzt unter deinem vollen Terminkalender und der Hausarbeit, die nie aufhört.

Vielleicht fällst du durch eine Prüfung oder wirst an deinem Arbeitsplatz kritisiert. Dauernd scheint jemand etwas an dir auszusetzen zu haben. Du fühlst dich von den Menschen um dich herum nicht ernst genommen und erlebst häufig Verletzungen.

Du kannst dein eigenes Leben nicht mehr richtig leiden und lehnst dich dagegen auf. Und die Angst ist wieder da. Die Angst vor der Zukunft, vor dem Verlust des Arbeitsplatzes oder eines lieben Menschen. Kurz: Du erlebst wieder Zeiten, in denen du dich nicht erfüllt fühlst und deine innere Stimme sagt: »So habe ich mir mein Leben nicht vorgestellt.«

Meistens meinen wir genau zu wissen, was uns Schwierigkeiten macht: Natürlich ist der Chef schuld. Der Partner, der sich nicht um uns kümmert. Die beste Freundin, die nicht zuhört. Und dann sind da noch die Raten für das neue Auto. Wie sollen wir da glücklich sein? Woher die Leichtigkeit nehmen?

Der Buddha hat von den »acht weltlichen Winden« gesprochen, denen wir ausgesetzt sind wie dem Wetter. Es handelt sich um vier Gegensatzpaare, vier der Winde sind angenehm, die anderen vier unangenehm: Wir können uns über (materiellen) Gewinn freuen oder haben Verluste zu beklagen. Wir machen angenehme oder schmerzhafte Sinneserfahrungen. Wir werden beachtet – oder wir werden ignoriert. Und schließlich bekommen wir Lob und Anerkennung – oder wir werden kritisiert oder schlecht gemacht.

Jeden Menschen treffen diese Aufwinde und Abwinde zu verschiedenen Zeiten, aus verschiedenen Richtungen Oft kontrolliert die Außenwelt unsere Innenwelt.und mit verschiedener Stärke. Bis zu einem gewissen Grad können wir sie beeinflussen, aber wir werden sie nie kontrollieren können. Viel eher kontrollieren sie uns. Wenn wir mit Schwierigkeiten zu tun haben, klagen wir über die Last, die uns das Leben auferlegt, oder versuchen die Situation zu verändern. Irgendwann widerfährt uns dann plötzlich Gutes. Wir bekommen den begehrten Job, werden befördert, verlieben uns oder … setze ein, was immer du dir vielleicht gerade wünschst. Plötzlich geht es uns gut. Die Welt ist wieder in Ordnung.

Mit anderen Worten: Wir leben ein Leben wie auf einer Wippe – mal hoch, mal runter. Unsere Stimmungen und Gefühle sind dabei abhängig vom äußeren Geschehen und unserem Körper. Wir lassen zu, dass die Außenwelt unsere Innenwelt bestimmt, und glauben, dass wir im Außen Erfüllung finden könnten.

Die Wurzeln dieser Außenorientierung reichen zurück in die frühe Kindheit. Als du ein Baby warst, wurden deine körperlichen Bedürfnisse von deiner Mutter gestillt. War sie ein liebevoller Mensch, ging es dir gut. Gelernt hast du dabei: Erfüllung kommt von außen. Dabei hatte das Außen schon damals nur Vergängliches zu bieten.

Trotzdem versuchst du weiterhin, deine Bedürfnisse über die Sinne in der Außenwelt zu stillen. Dauerhafte Erfüllung ist nicht im Vergänglichen zu finden.Die Bedürfnisse sind mittlerweile feiner und verzweigter, und du erlebst täglich vielerlei Sinneskontakte. Sie alle sind von verschiedenen Bedingungen abhängig und vergänglich. So machst du bei dem Versuch, deine Sehnsucht zu stillen, immer wieder die Erfahrung von Verlust und Enttäuschung. Doch deine Sehnsucht ruft nach dauerhafter Befriedung. Du strebst nach Erfüllung bis zu deinem letzten Tag.

Bei meiner Arbeit als Frauenarzt in Berlin-Kreuzberg erlebe ich häufig, wie Patientinnen plötzlich in große Schwierigkeiten geraten. Manchen muss ich mitteilen, dass ihr Kind in ihrem Bauch gestorben ist oder dass es behindert sein wird. Andere erfahren von mir, dass sie an Krebs erkrankt sind. Und wieder andere erzählen mir, dass der Vater ihres ungeborenen Kindes das Weite gesucht hat und sie nun alleine dastehen.

Es gibt – vereinfacht gesagt – zwei Arten von Reaktionen auf solche Hiobsbotschaften. Die einen Menschen geraten ins Wanken, erleben große Angst und fühlen sich ihrer Situation hilflos ausgeliefert. Die anderen kommen nach einer kurzen Phase der Irritation schnell wieder ins Gleichgewicht. Sie erleben sehr bewusst, was ihnen geschieht, können es akzeptieren und besonnen darauf reagieren.

Vor dem Hintergrund dieser verschiedenen Reaktionen habe ich mich gefragt: »Was zeichnet Menschen aus, die auch in schwierigen Situationen nicht den Halt verlieren? Was trägt, Eine Kraftquelle hilft, Schwierigkeiten standzuhalten. Sie sollte unabhängig sein von äußeren Bedingungen.wenn’s drauf ankommt?« Ich fand heraus, dass solche Menschen über Kraftquellen verfügen. Bei den meisten haben diese mit spiritueller Praxis zu tun: »Ich bin gläubig«, antworteten sie mir auf meine Nachfrage, »Im Gebet komme ich zur Ruhe.« Oder: »Ich meditiere.« Auch die Verbindung mit der Natur ist für manche eine wertvolle Hilfe.

Was zeichnet eine Kraftquelle aus? Das Wichtigste: Sie muss möglichst jederzeit zugänglich sein und sollte möglichst wenig von äußeren Faktoren abhängen. Eine Urlaubsreise kann mir zwar helfen, Kraft zu schöpfen – aber wenn ich schwer erkranke oder finanziellen Ruin erlebe, bleibt mir bestenfalls die angenehme Erinnerung. Wenn ich meine Kraft aus der Gartenarbeit schöpfe, dann aber plötzlich auf einer Intensivstation liege, ist mir der Zugang zur Kraftquelle nicht möglich. Für manche Menschen ist auch der Körper eine Kraftquelle, sie trainieren ihn im Fitnessstudio und sind stolz auf ihn. Aber der Körper wird mit der Zeit zwangsläufig seine Kraft verlieren, er wird altern und krank werden. Sehr viele Menschen sagen mir: Meine Familie ist meine Kraftquelle. Es ist natürlich schön, aus dem Familienleben Kraft zu schöpfen, aber was ist, wenn die Familie bei einem Unfall ums Leben kommt? Dann ist im selben Moment die Kraftquelle gestorben, die ich jetzt so dringend bräuchte.

Meine Patientinnen, die in ihren Krisen gut zurechtkamen, hatten ihre Kraftquellen schon vorher gefunden. Die Kraftquellen gehörten ganz selbstverständlich zu ihrem Leben. Nur deswegen hatten sie Zugriff darauf, als es hart auf hart kam. Wir alle tun gut daran, die leichteren Zeiten im Leben zu nutzen, um unsere Kraftquellen zu erschließen und den Weg dorthin zu ebnen, damit sie stets gut erreichbar sind.

Der Weg nach innen beginnt damit, dass wir im Alltag häufiger innehalten. »Wer innehält, erhält innen Halt«, heißt es im Tao Te King, dem Weisheitsbuch des Taoismus. Anders formuliert: Innehalten ermöglicht dir, dich aus äußeren Aktivitäten zurückzuziehen und zu verstehen, was in dir geschieht. So kannst du Gefühle rechtzeitig erkennen, Verhaltensmuster durchschauen und die Stärke entwickeln, die in dir liegt.

Ich selbst habe eine schwere Krankheit erlebt und kenne finanzielle Sorgen aus eigener Erfahrung. »Wer innehält, erhält innen Halt.«Familiäre Konflikte sind mir nicht unbekannt und auch in unserer buddhistischen Gemeinschaft in Berlin erlebe ich manchmal Unverständnis und persönliche Enttäuschung. All diese Situationen begreife ich als wichtige Momente der Praxis. Ich finde meine Kraft beim Buddha und seiner Lehre.

Der Buddha bedeutet für mich vollkommene Klarheit, grenzenlose Liebe und annehmende Gelassenheit. Die Anlagen zu diesen Qualitäten finden sich in jedem Menschen. Die Lehre des Buddha bietet eine unvergleichliche Anleitung, sie zu entwickeln – zeitlos und für jeden praktikabel. Auch du kannst den Buddha in dir wecken!

Aus meinen Erfahrungen entstand im Lotos-Vihara- Meditationszentrum ein Vortragszyklus zum Thema Kraftquellen. Schülerinnen und Schüler haben die darin geschilderten Anregungen als hilfreich empfunden. So haben wir uns schließlich entschieden, aus diesen Vorträgen ein Buch zu machen. Dieses Buch hältst du nun in den Händen. Möge es dir dabei helfen, die unerschöpfliche Kraft in dir selbst zu erschließen.

Sich auf die Freude ausrichten

Im Buddhismus ist oft von Freude die Rede. Freude ist ein Zustand, in dem Leid kaum oder gar nicht spürbar ist. Freude können wir dementsprechend erleben, wenn wir das Leiden auflösen. Darauf zielt die Lehre des Buddha. Er hat es ganz klar formuliert: »Ich lehre nur eines, früher wie heute: das Leiden und das Ende des Leidens.«1

Jeder von uns hat schon Freude erlebt und sie wieder verloren. Vielleicht gehörst du zu den vielen Menschen, die glauben, Freude habe mit bestimmten Umständen zu tun, mit Ereignissen und Erlebnissen. Möglicherweise hast du aber auch von spirituellen Lehrern gehört, die versichern: »Freude ist möglich, ohne dass etwas Erfreuliches geschieht. Einfach nur, weil wir die Freude bereits in der Tiefe in uns tragen.« Dieses Potenzial zu entdecken bedeutet nicht nur große Erleichterung, sondern wir erschließen uns so auch eine wichtige Kraftquelle. Freude macht uns stark und unternehmungslustig. Der Buddha empfiehlt uns sehr, uns um Freude zu bemühen, denn sie ist eine wichtige Grundlage unserer spirituellen Entwicklung.

Leider fällt es uns immer wieder schwer, dieses Potenzial auszuschöpfen. Ein durch und durch freudvolles Leben ist für die meisten Menschen schwer vorstellbar. Wir sehen auf unsere vielfältigen Schwierigkeiten und kämpfen dagegen an, so gut wir können. Vielleicht empfinden wir sie als Pech oder als Strafe oder wir glauben, sie durch Ungeschicklichkeit selbst verschuldet zu haben. Schwierigkeiten können uns lähmen und bedrücken. Doch sie können uns auch bewusster werden lassen und eine ganz neue Perspektive ermöglichen.

Schwierigkeiten als Signal nehmen

Siddhartha, der später zum Buddha, zum Erwachten, wurde, machte sich auf den Weg, weil er erkannt hatte, dass er wie alle Menschen altern, krank werden und sterben würde. Alter, Krankheit und Tod sind Götterboten.Ohne diese schmerzhafte Erkenntnis hätte er nicht begonnen zu praktizieren und wäre nicht erleuchtet worden. Nachdem er zum Buddha geworden war, hat er deshalb Krankheit, Alter und Tod als Götterboten bezeichnet, die uns eine wichtige Botschaft überbringen.

In unserem Zentrum in Berlin gibt es eine Meditationsgruppe von Menschen mit Krebserfahrung. Bei manchen von ihnen liegt die Krankheit bereits etwas zurück, sie haben Therapien abgeschlossen und es geht ihnen gesundheitlich wieder viel besser.

Sie alle berichten, dass sie die Erfahrungen, die sie aufgrund ihrer Krankheit gemacht haben, nicht mehr missen wollen. Sie haben sie als Bereicherung erlebt. Diese Menschen haben erkannt, dass ihr Krebs ihnen etwas sagen wollte – dass sie etwas lernen konnten, was ihr Leben zum Positiven verändert hat. In der Krankheit lag ein Sinn, den sie in der Situation selbst vielleicht noch nicht erkennen konnten.

Krankheiten als Botschaften zu sehen ist ein radikaler Wechsel der Perspektive, denn normalerweise betrachten wir sie als Störenfriede, als Strafe, Fluch oder Unglück. Sie kommen über uns, und wir versuchen, sie möglichst schnell wieder loszuwerden. Wie begegnest du aber einem Götterboten? Mit Wut, Abwehr oder Ignoranz? Ein Bote kommt zu uns, um eine wichtige Nachricht zu überbringen. Wir tun gut daran, ihn einzulassen und zu hören, was er zu sagen hat.

Wenn wir schwere Krankheiten erleben, werden wir uns möglicherweise unserer Verletzlichkeit und Vergänglichkeit bewusst und setzen uns mit dem Tod auseinander. Der Götterbote führt uns zu einem tieferen Verständnis vom Wesen des Körpers und des Geistes. Er erinnert uns daran, dass dauerhaftes Glück nicht über sinnliche Freude zu erreichen ist, unter anderem weil uns ein intakter Körper und seine Sinne nur begrenzte Zeit zur Verfügung stehen.

Wir beginnen uns zu fragen: »Wenn das Leben begrenzt ist – was möchte ich damit anfangen?« So führt uns die Krankheit zu der Frage, ob wir in unserem Leben die richtigen Prioritäten setzen. Was hat für uns wirklich einen Wert? Wer oder was trägt uns, jetzt, da wir Halt so dringend benötigen? Wie sieht es in unserem Leben aus mit Liebe, Wärme, Zufriedenheit? Haben wir uns bisher genug darum gekümmert?

Wie Krankheiten lassen sich auch andere Schwierigkeiten als Götterboten betrachten. Statt dich mit Händen und Füßen gegen sie zu wehren, kannst du dich fragen: »Was kann ich lernen aus dieser Trennung, diesem Verlust, dieser Enttäuschung?« Versuch einmal, nicht unmittelbar mit Kampf und Krampf zu reagieren, sondern akzeptiere die gegenwärtige Situation – wenigstens für einen Moment.

Akzeptanz ist der Schlüssel zum Verständnis. Was du nicht akzeptierst, kannst du nicht verstehen – das ist ein Naturgesetz. Die gegenwärtige Situation anzunehmen ist außerdem immer unmittelbar mit Erleichterung verbunden. Statt dich in inneren Kämpfen zu verzehren, richte dich aus auf das, was dich tragen und dir Kraft geben kann.

Lob der Freude

Die Vorzüge der Freude sind offenkundig: Freudige Menschen sind freundlicher, aufgeschlossener, hilfsbereiter – weniger mit sich selbst beschäftigt. Wenn du dich also um mehr Freude kümmerst, bedeutet das nicht, dass du dich auf einen Egotrip begibst, sondern es kommt allen zugute, mit denen du zu tun hast.

Freude öffnet, verbindet, steckt an. Und sie ermöglicht dir und anderen Entwicklung. Es ist darum wichtig, sich in allen Lebenssituationen auf Freude auszurichten – auch in Zeiten, in denen Schwierigkeiten dominieren. Die Freude ist schon von vielen klugen und bekannten Menschen gepriesen worden:

• »Freude ist Nahrung für den Geist«, sagt der thailändische Meditationsmeister Buddhadasa.

• »Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium«, heißt es in Friedrich Schillers Ode An die Freude. Ludwig van Beethoven hat sie in seiner 9. Sinfonie erklingen lassen. Elysium kommt aus der griechischen Mythologie und bedeutet: Insel der Seeligen, Heiligen, Todlosen.

• »Freude ist so wichtig wie die Tränke für die Kuhherde«, sagt der Buddha. Mit anderen Worten: Freude ist unverzichtbar.

Viele medizinischen Studien zeigen: Freude und Humor sind gesund. Keine einzige Studie belegt: Freude ist ungesund oder schadet. Wenn Freude aufkommt, geht die Einengung durch das Ego zurück. Wir sind offener, erleben uns als stimmig, ausgeglichen und voller Selbstvertrauen. Dies trägt auf einfache Weise zu Gesundheit und Wohlbefinden bei und stärkt die Selbstheilungskräfte.

Vor nicht allzu langer Zeit starb die älteste Frau der Welt, eine Holländerin, mit 117 Jahren. Zum 116. Geburtstag fragte sie jemand, wie sie das mache, so alt zu werden. Ihre Antwort: »Es ist eigentlich ganz einfach. Man darf nur nicht aufhören zu atmen.«

Blockaden erkennen und lösen

Auch du kannst mehr Freude in dein Leben bringen, indem du dich entschließt, dich aktiv darum zu kümmern. Um mehr Freude zu erleben, gilt es zunächst darauf zu achten, womit du Freude in dir blockierst.

Manche Menschen glauben, angesichts des vielen Leidens in ihrem Umfeld oder in der Welt dürften und könnten sie sich nicht freuen. Hinter dieser Haltung steckt nach Einschätzung von Psychologen oft subtile Selbstablehnung. Wenn es dir auch so geht, frage dich einmal, wie du anderen Menschen eher helfen kannst: Indem du ihnen mitleidig, traurig und jammernd entgegentrittst? Oder eher, wenn du ihnen zuversichtlich, in deiner Kraft, mit einem freudigen Gesichtsausdruck begegnest?

Manche Menschen neigen dazu, Anlässe zur Freude zu verkleinern oder zu entwerten. Damit blockieren sie ebenfalls die Freude, und zwar in sich selbst wie in anderen.

Auch die Neigung, sich zu vergleichen, reduziert Freude. Da die meisten Menschen sich vorrangig Vergleichen dämpft Freude.mit solchen Menschen vergleichen, die mehr zu haben scheinen – zum Beispiel mehr Geld, Ansehen, Beliebtheit oder Glück – schaffen sie selbst die Bedingungen für ihre Unzufriedenheit. Vergleichendes Konkurrieren lässt keinen Raum für Freude, ebenso wenig kann Freude entstehen, wenn man andere abwertet, um selbst besser dazustehen.

Wenn du die Strukturen durchschaust, mit denen du Freude blockierst, kannst du dich wieder der Ausgangsfrage zuwenden: »Wie kann ich mehr Freude in mein Leben bringen?«

Freude lässt sich nicht verordnen. Es hilft nichts, sich zur Freude zwingen zu wollen, zum Beispiel mit Gedanken wie »Ich sollte mich mehr freuen«. Ein erster Schritt zu mehr Freude kann stattdessen sein, öfter innezuhalten und die innere Atmosphäre zu spüren. Annehmendes Spüren entzieht negativen Gedanken die Macht.

Sicher, wenn ein lieber Mensch gegangen oder eine schwere Krankheit in dein Leben getreten ist, kannst du dich nicht freuen. Jetzt gilt es, schmerzhafte Gefühle bewusst zu spüren, sie anzunehmen und ihnen Raum zu geben. Dies führt zu Erleichterung – eine gute Voraussetzung für Freude, die dann zu einem späteren Zeitpunkt eintreten kann. (Wie du dabei genau vorgehen kannst, wird in den folgenden Kapiteln noch ausführlich beschrieben.)

Sich auf das Gute ausrichten

Wir alle neigen dazu, den Schwierigkeiten in unserem Leben zu viel Gewicht beizumessen und uns von ihnen besetzen zu lassen. Schwierigkeiten messen wir oft zu viel Gewicht bei und übersehen dabei das Gute.Das Gute übersehen wir dabei oft. In einem Lied der Band Element of Crime heißt es: »Liebling, sag mir morgen früh noch mal, dass wir glücklich sind. Wer zu lange in die Sonne sieht, wird blind.« Statt das Glück zu würdigen, das uns bereits zuteil wird, denken wir ständig darüber nach, was uns noch fehlt, was uns stört und wie sich unser Leben verbessern ließe. Würden wir doch nur ein bisschen mehr Geld verdienen, dann wäre der Alltag so viel leichter! Hätten wir doch nur ein Haus am Stadtrand statt der Wohnung mit den lauten Nachbarn, dann könnten wir endlich in Ruhe meditieren! Und wäre doch unser Partner ein wenig spiritueller, dann könnten wir mit ihm praktizieren und wären der Erleuchtung schon einen großen Schritt näher. Hätten wir doch nur … Setz ein, was du möchtest.

Auch bei der Arbeit drehen sich Besprechungen und Flurfunk sehr häufig um Schwierigkeiten, nur selten um die angenehmen Erfahrungen, die genauso zum Arbeitstag gehören. Wenn wir am Abend nach Hause kommen, erzählen wir von Komplikationen bei einem schwierigen Projekt und von Reibereien mit dem Chef oder Kollegen, nicht von dem verlässlichen Menschen, mit dem wir ein Büro teilen, oder der freundlichen Kundin vom Vormittag. Und danach schauen wir uns die Probleme der Welt in den Nachrichten an.

Während wir unseren Mangel kultivieren, übersehen wir, was wir schon alles haben: Etwas zu essen, ein Dach über dem Kopf, Kleidung und Medizin – mehr materielle Dinge benötigt der Mensch nicht, hat der Buddha gelehrt. Wir haben also bereits mehr, als wir brauchen.

Wechseln wir einmal die Perspektive, sehen wir vieles, wofür wir dankbar sein können. Wir sehen die Möglichkeiten, die unser Körper uns bietet, auch wenn er vielleicht nicht frei von Unpässlichkeiten oder Krankheiten ist. Wir sehen die Menschen, die uns nah sind und auf die wir uns verlassen können. Wir sehen, dass wir die Chance haben, das Dhamma zu praktizieren. Wie viele Menschen auf der Erde haben diese Möglichkeit nicht, weil sie täglich ums Überleben kämpfen müssen! Du tust dir selbst einen großen Gefallen, wenn du für all das Gute in deinem Leben mehr Wertschätzung entwickelst.

Ich selbst war einmal aufgrund einer schweren Krankheit für kurze Zeit völlig auf fremde Hilfe angewiesen. Geblieben ist ein Grundgefühl der Wertschätzung für alle jetzt wieder intakten Funktionen meines Körpers. Ich erlebe sie seit jener Zeit bewusster und nehme sie nicht mehr als Selbstverständlichkeit wahr, sondern als ein großes Geschenk.

Die erste Ebene der Freude: Sinnesfreuden

Deine Lieblingsmusik, ein Ausflug mit deiner Familie oder Freunden, ein Stück Kuchen: Die sinnlichen Freuden des Alltags werden deine Probleme zwar nicht lösen, aber Freuden sind sie dennoch. Auch sinnliche Freuden sind Freuden.Sie können dir durchaus helfen, mehr Leichtigkeit in dein Leben und deine spirituelle Praxis zu bringen, dich aus dem Diktat der Gedanken zu lösen und dich angesichts der alltäglichen Herausforderungen auszubalancieren. Dies wird umso nachhaltiger möglich sein, je feiner die Sinnesfreuden sind: Blumen und Kerzen in der dunklen Jahreszeit, Spaziergänge in der Natur und klassische Musik können zum Beispiel sehr wohltuend sein.

Sinnesfreuden sind allerdings immer abhängig von äußeren Umständen und körperlichen Bedingungen. Sie sind außerdem meist rasch vergänglich und können deinen Geist fesseln: Du möchtest dann nicht mehr von ihnen lassen und richtest dich ganz auf die Sinnesfreuden aus. So bindest du dich an vergängliche Formen und schaffst damit Dukkha.

Die zweite Ebene: Gebefreude, Mitfreude, Tugendfreude

Sofern sie dich beruhigen und dich für andere Dimensionen des Erlebens öffnen, können Sinnesfreuden dir den Zugang zu feineren Ebenen der Freude erleichtern. Das gilt insbesondere, wenn du sie mit anderen teilst.

Gebefreude, Mitfreude, Freude an der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft und an tugendhaftem Verhalten – alle diese Formen der Freude beruhen auf Interesse für andere und verbinden dich mit ihnen. Gebefreude und Mitfreude verbinden dich mit anderen.Gebefreude löst aus dem Kreisen um sich selbst und führt gleichzeitig zu mehr Einklang auf tieferen Ebenen. Mitfreude wurzelt in Wertschätzung und Anerkennung und führt zu Leichtigkeit und Unbeschwertheit. Zudem inspiriert sie alle Beteiligten dazu, weiter Gutes zu tun.

Tugendhaftes Verhalten führt zu Freude, unter anderem weil du dich mit anderen verbindest, ohne dich dabei zu verwickeln.

Auch die Entdeckung eines für dich gangbaren spirituellen Weges kann Freude hervorrufen. In unserem Meditationszentrum sehe ich viele Menschen, die ernsthaft und inspiriert das Dhamma praktizieren. Ich sehe, wie sich solche Menschen entwickeln und wie sie wachsen, und empfinde Freude darüber. Ich erlebe Mitfreude mit denen, die sich nun leichter ausbalancieren können, Mitfreude mit denen, die eine Zuflucht gefunden haben, und Mitfreude mit mir selbst, weil ich erleben darf, dass der Same meines Wirkens langsam aufgeht.

Die dritte Ebene: Freude in der Meditation

Ein offenes, freudiges Herz ist bereit für die Meditation. Jetzt ist es dem Geist möglich, sich zu sammeln. Ein gesammelter Geist hat die Kraft, in eine völlig neue Dimension der Wahrnehmung einzutreten. Möglicherweise erlebst du schrittweise die meditativen Vertiefungen (Pali: jhana): Entzücken, Freude, Zufriedenheit und Erfülltheit. So erkennst du, welche Freude in dir liegt. Um sie zu empfinden musst du nichts weiter tun, als deinen Geist zu sammeln und dich dem Atem hinzugeben. Dein Erleben der Freude ist nun weniger von äußeren Faktoren abhängig. Dieses Erleben wird dich inspirieren und große Kräfte in dir freisetzen.

Die vierte Ebene: Freude der Einsicht

Ein Geist, der durch Meditation gestärkt und stabilisiert wurde, kann Erfahrungen in ihrer ganzen Tiefe erfassen und bis in die feinsten Feinheiten durchschauen. Auf dieser Ebene beobachtest du körperliche und geistige Prozesse, siehst, wie sie entstehen und vergehen. Du erlebst Begrenztes und Vergängliches und erahnst Größeres. Vergängliches zu durchschauen ermöglicht, Unvergängliches zu erkennen. Unvergängliches zu erkennen bedeutet höchste Freude.

Fassen wir zusammen: Am Anfang, wenn du dich für Freude zu interessieren beginnst, suchst du nach etwas, das dir Freude bereiten kann. Mehr und mehr vermagst du Freude zu erleben, die unabhängig ist von den Bedingungen der Außenwelt. Zu erkennen, wer du wirklich bist, ist die höchste Freude.Du lernst, die Identifikation mit dem Körper und mit geistigen Erscheinungen zu durchschauen und aufzugeben. Jedes Auflösen von Identifikation ist verbunden mit einem Zuwachs an Weite, Erfüllung und Freude. Du verstehst immer besser, wer du wirklich bist.

Mitgefühl mit sich selbst entwickeln

Dich auf Freude auszurichten bedeutet nicht, Schwierigkeiten aus dem Blick zu verlieren. Ganz im Gegenteil: Die Freude wird Kräfte in dir freisetzen. Auf diese Weise gestärkt, kannst du dich deinen Verletzungen und deiner Verletzlichkeit liebevoll zuwenden.

Damit eröffnest du dir einen Zugang zu einer weiteren unerschöpflichen Kraftquelle: dem Mitgefühl mit dir selbst. Manchen Menschen fällt es relativ leicht, sich auf andere einzulassen und fürsorglich mit ihnen umzugehen. Mütter sorgen für ihre Kinder, Partner kümmern sich umeinander, Kollegen unterstützen sich gegenseitig am Arbeitsplatz. Wenn dir eine Freundin am Telefon von ihren Problemen in ihrer Beziehung, mit ihren Kindern oder bei der Arbeit berichtet, fällt es dir nicht schwer, ihr eine Stunde lang aufmerksam zuzuhören und ganz für sie da zu sein. Aber kannst du dir selbst genauso liebevoll zuhören?

Sich berühren lassen

Für viele Menschen ist es schwer, sich selbst nahe zu sein. Geduldig mit sich umzugehen, das eigene Weinen und die eigenen Unzulänglichkeiten auszuhalten. Sich keine Vorwürfe zu machen und sich von ganzem Herzen Gutes zu Mitleid ist eine Haltung der Schwäche, Mitgefühl ist eine Haltung der Stärke.wünschen und einen guten Rat zu geben. Manche buddhistischen Schriften bezeichnen Mitgefühl als »Zärtlichkeit des Herzens im Angesicht des Leidens«. Dabei darf Mitgefühl nicht mit Mitleid verwechselt werden. In dem Wort Mitleid verbirgt sich das Wort Leiden: Wir leiden mit, das heißt am Ende leiden zwei Menschen. Niemandem ist damit gedient, wenn zum Schluss am Telefon beide weinen. Das mag zwischendurch Vorkommen, aber es ist wichtig, nicht dabei stehen zu bleiben. Mitgefühl ist etwas völlig anderes als Mitleid: Es ist eine kraftvolle, fürsorgliche Haltung. Mitgefühl richtet sich aus an der Frage: »Was wird gebraucht, was kann ich tun?«

Im Umgang mit dir selbst ist es genauso: Es nutzt dir nichts, wenn du über deine eigenen Schwierigkeiten immer nur jammerst. Selbstmitleid führt dich in die Schwermut, möglicherweise sogar in eine Depression. Mitgefühl mit dir selbst tut dir gut und bringt dich in Verbindung mit deiner Stärke. Es hilft dir, heilsam zu handeln, statt dich von deinen Schwierigkeiten und negativen Gefühlen beherrschen zu lassen.

In Verbindung gehen

Im ersten Moment hört sich das vielleicht trotzdem seltsam an: Mitgefühl und Fürsorglichkeit für sich selbst. Drehen wir uns damit nicht vielleicht zu sehr um uns selbst? Nähren wir damit eine egoistische Haltung? Wir alle kennen vermutlich Menschen, die sich vor allem um sich selbst kümmern, andere und deren Bedürfnisse kaum wahrnehmen – und dabei stehen bleiben. Dieses egoistische Verhalten ist aber etwas völlig anderes als Mitgefühl mit sich selbst.

Egoismus stärkt immer Abgrenzung und Distanz. Ein egoistischer Mensch stellt sich selbst in den Mittelpunkt und teilt die Welt auf: Hier bin ich – dort sind die anderen. Dies sind meine Freunde – das sind meine Feinde. Wenn der Egoismus hohe Wellen schlägt, entstehen sehr unangenehme Situationen. Das Ego sucht ständig Reibung, bewertet andere und sich selbst. Es missachtet andere und will sich über sie erheben. Und weil es uns so in die Trennung manövriert, entsteht Dukkha.

Mitgefühl ist das genaue Gegenteil: Es ist nie auf Distanz ausgerichtet, Das Ego führt uns ins Unglück, Mitgefühl ins Glück.sondern auf Verbindung, und es ist nie verletzend. Es bleibt unberührt vom Ego und führt darum nicht zu Dukkha. Stattdessen löst es Dukkha auf. Das Ego führt uns ins Unglück, Mitgefühl ins Glück.

Mitgefühl bedeutet, sich berühren lassen von Leid und von Schwierigkeiten, ohne darin zu ertrinken. Es lässt uns Anteil nehmen, und wir sind dabei innerlich aktiv und in Verbindung mit unserer Kraft: »Was wird gebraucht, was kann ich tun?« Diese Frage des Mitgefühls können wir in so vielen Situationen stellen: »Was braucht die Freundin am Telefon, der Arbeitskollege, der genervte Busfahrer? Was brauchen die Menschen in dieser Stadt, in ärmeren Ländern, in Krisengebieten?« Aber eben auch: »Was brauche ich in diesem Moment? Wie kann ich mir helfen im Stress, den mir mein übervoller Terminkalender bereitet? Was kann ich für mich tun angesichts meiner Angst oder meiner Einsamkeit?«

Alte Muster durchschauen

Unser Ziel ist, unsere Schwierigkeiten zu verstehen und aufzulösen. Das ist nur möglich, wenn wir die Ursachen dieser Schwierigkeiten erkennen. Das wiederum können wir nur, indem wir in uns hineinschauen, ohne unsere Fehler und unangenehmen Gefühle auszublenden oder zu verurteilen. Mitgefühl ermöglicht uns diesen offenen Blick nach innen.

Am Anfang wird uns der Blick in unsere Abgründe nicht leichtfallen. Wir weichen ihnen häufig aus und fügen uns zugleich selbst neuen Schmerz zu. Wie oft gehen wir hart mit uns ins Gericht und empfinden nur wenig Selbstwertgefühl! Wir denken: »Mit mir stimmt etwas nicht.« Vielleicht geht es dir auch so: Du hast von bestimmten Meditationserlebnissen gehört, den meditativen Vertiefungen, aber du hast sie noch nie erlebt, obwohl du schon lange meditierst. Und du denkst: »Das ist meine Schuld, die anderen können das alle.« Oder du siehst Menschen, die anscheinend voller Güte und Mitgefühl durchs Leben gehen, und hast fälschlicherweise den Eindruck, dass du dazu nie in der Lage sein wirst. Die anderen, denkst du, haben eben mehr Talent. Und schon wieder fällst du in ein tiefes Loch.

Wenn du als Kind wenig Fürsorge erlebt hast, können sich solche Muster tief eingebrannt haben. Dieses Gefühl »Mit mir stimmt etwas nicht« oder »Ich bin nicht gut genug« kann dich dein ganzes Leben lang begleiten und besetzt halten, ohne dass es dir bewusst ist. Dann wirst du vielleicht enorm viel Kraft in deinen Job investieren, Karriere machen und Geld verdienen. Oder du versuchst ständig, es anderen recht zu machen, ein »liebes Mädchen« oder ein »lieber Junge« zu sein. Wo du auch bist, du fragst dich unbewusst: »Was sind hier die erwünschten Verhaltensweisen?« Und du versuchst, dich ihnen anzupassen.

Vielleicht opferst du dich auf für andere, übst einen helfenden Beruf aus. Du arbeitest Tag und Nacht und schreibst deine Überstunden nicht auf. Andere Menschen mögen dich und schätzen dich. Aber wirst du satt? Wenn du genau hinschaust, wirst du feststellen: Du strengst dich ungeheuer an, aber der Hunger nach Anerkennung ist auf diesem Weg nie zu stillen.

Vielleicht hast du aber auch einen anderen Weg gewählt: Du verbirgst dich hinter einer Maske der Coolness, die du mit Stärke verwechselst. Du gehst scheinbar souverän durchs Leben. Nichts kann dir etwas anhaben, auch deine Missgeschicke nicht – da stehst du drüber. Aber hinter der Coolness stecken Unsicherheit und die Angst, andere könnten hinter die Maske schauen. Vielleicht darfst du auch selbst nicht dahinter schauen? Wenn du den Weg der Coolness gehst, fühlst du dich möglicherweise zu kühlen, abweisenden Menschen hingezogen, die nicht erlauben, dass du sie berührst. Und wieder hast du das vertraute Gefühl: »Ich bin nicht wert, dass man mich berührt.«

Viele Menschen erinnern sich an Momente ihres Lebens, die zu bestätigen scheinen, dass sie weniger wert sind als andere. Immer wieder erzählen wir uns innerlich Geschichten von Situationen, in denen wir Fehler gemacht und anderen Menschen Schwierigkeiten bereitet haben. Es sind Geschichten von egoistischen Taten und verpatzten Gelegenheiten, von missglückten Trennungen und vergessenen Geburtstagen.

Ich selbst habe zum Beispiel seit vielen Jahren die Stimme meiner Tochter im Ohr. Die Geschichte ist lange her; meine Tochter ist längst erwachsen und arbeitet als Ärztin in einer Klinik. Damals, als sie klein war, war ich ein junger Arzt. Ich verbrachte sehr viel Zeit in der Klinik und meiner Praxis – und viel zu wenig Zeit zu Hause bei meiner Familie. Und irgendwann einmal sagte meine Tochter traurig: »Bei Papa muss man krank sein oder schwanger – sonst hat er keine Zeit.« Dieser Satz hat sich mir tief eingebrannt. Damit verbunden ist das Gefühl: »Ich bin ein schlechter Vater.«

Wir erinnern uns also, wie wir Dukkha geschaffen haben, und daraus ist ein inneres Muster entstanden, Reduziere dich nicht auf deine Fehler und Schwächen.das uns immer wieder sagt: »Ich bin kein liebenswerter Mensch. Ich bin es nicht wert, dass ich Freude empfinde.« Stattdessen beschimpfen wir uns und entwickeln Schuldgefühle. Solche Muster laufen Tag für Tag in uns ab, ohne dass sie uns bewusst sind. Diese Muster kann man auch Konditionierung nennen, von lateinisch conditio, das bedeutet Bedingung. Mit anderen Worten: In der Vergangenheit sind Bedingungen geschaffen worden für unser Bild von uns selbst. Wir reduzieren uns auf unsere Fehler und Schwächen.

Mitgefühl entkräftet diese destruktiven Muster. Es schafft den Raum, sie bewusst zu erleben, und erzeugt die innere Wärme, die wir dafür benötigen. So können wir die innere Stimme durchschauen, die uns sagt: »Du bist ein schlechter Mensch.« Und endlich glauben wir ihr nicht mehr.

Als mein Vater starb, habe ich das sehr deutlich erfahren können. Ich befand mich gerade in einem Meditationsretreat. Ich wusste, dass es meinem Vater nicht gut ging, aber ich wusste nicht, dass er in diesen Tagen sterben würde. Und dann erhielt ich die Nachricht. Es war genau so gekommen, wie mein Vater und die Familie es nicht gewollt hatten. Wir hatten festgelegt: Keine Wiederbelebung, er soll so friedlich wie möglich sterben. Als Arzt weiß ich, welch gewaltsamer Akt der Versuch einer Wiederbelegung sein kann. Und was taten sie im Krankenhaus? Sie zerrten den 87-jährigen Menschen aus dem Bett und reanimierten ihn. Und ich war nicht da.

Dann kamen die Vorwürfe an mich selbst: »Wärst du dagewesen, wäre es nicht geschehen.« Und die innere Stimme, die mir sagte: »Du bist ein schlechter Sohn.« Solche Stimmen sind nicht unsere Freunde. Mitgefühl hilft, Konditionierungen zu erkennen.Mitgefühl mit uns selbst lässt uns in solchen Momenten durchschauen, was abläuft. Es stimmt zwar, wenn ich dabei gewesen wäre, dann hätten sie meinen Vater vermutlich nicht zu reanimieren versucht. Aber die innere Stimme, die mich beschimpfte, stammte aus einer anderen Quelle. Solche Stimmen entstehen aus alten Mustern, und es ist nicht hilfreich, ihnen zu glauben.

Mitgefühl hilft dir zu erkennen, wo Konditionierungen deinen Blick verengen und dich blockieren. Du siehst: Was du für die Wahrheit gehalten hast, ist nur eine Vorstellung im Geist. Du musst ihr nicht glauben. Endlich kannst du dir selbst liebevoll begegnen, dir nahe sein.

Zugang zum Mitgefühl

Um Mitgefühl zu entfalten, kannst du dir grundsätzliche Gemeinsamkeiten aller Menschen bewusst machen: Alle Menschen sind Alter, Krankheit und Tod unterworfen. Wir alle empfinden Angst vor Schmerz und Tod. Wir alle wünschen uns Sicherheit, Geborgenheit und ein erfülltes Leben und sehnen uns nach Nähe.

Versuche, deine Sehnsucht so häufig wie möglich zu spüren, und gib ihr Raum in dir. Sie ist ein wichtiger Zugang zum Mitgefühl mit dir selbst. Um ihn zu nutzen, braucht es einen Entschluss, der immer wieder erneuert werden muss. Wende dich dir selbst bewusst zu und sage dir: »Ich möchte mich um mich kümmern.«

Dein Körper kann dir dabei eine große Hilfe sein. Du kannst zum Beispiel beginnen, indem du deine Hand auf Herz oder Bauch legst. Ich selbst erlebe große Teile meines Tages mit meiner Hand auf meinem Bauch. Sie liegt dort fast immer – das ist ihr Platz. Wenn ich die Hand auf dem Bauch spüre, spüre ich auch alles andere besser.

Das Spüren beginnt mit dem Körper und kann sich von dort aus weiter vortasten zu den Emotionen. Ich spüre mich zärtlich, liebevoll. Der Bauch darf sein, wie er ist, auch wenn ich ihn vielleicht in anderen Momenten zu dick finde. Alles darf sein.

Eine andere Möglichkeit besteht darin, sich im Bewusstsein mit einem persönlichen Wohlfühlort im Körper zu verbinden. Der Wohlfühlort ist ein Bereich deines Körpers, den du leicht und gerne spürst. Das kann in der Herzgegend sein oder im Bauch, in den Armen oder Beinen oder vielleicht in der Wirbelsäule. In schwierigen Situationen kannst du dich in deinem Wohlfühlort innerlich verankern. Das wird dich beruhigen und dir Sicherheit geben, sodass du besonnen handeln kannst.

Am besten machst du dich auf die Suche nach deinem Wohlfühlort, wenn es dir gut geht. So kannst du dich in Ruhe mit ihm vertraut machen und üben, mit ihm Verbindung aufzunehmen. In schwierigen Zeiten weißt du dann sofort, was du tun kannst. (Eine Anleitung, wie du deinen Wohlfühlort erspüren kannst, findest du auf Seite 186 ff.)

Körper und Emotionen sind eng miteinander verbunden. Häufig zeigen sich bestimmte Emotionen schneller als körperliche Empfindungen denn als bewusst wahrgenommene Emotionen. Das Herz rast, Der erste Schritt zum Mitgefühl: sich Dukkha bewusst zuwenden.die Hände sind kalt oder feucht, deine Schultern verspannen sich. Erst im nächsten Schritt erkennst du, dass ein unangenehmes Gefühl dahinter steckt. Versuche jetzt, es genauer zu spüren! Auf diese Weise wirst du vertraut mit deinen Gefühlen. Um dich zu spüren, musst du dich verlangsamen. Nimm dir Zeit und gönne dir Pausen. Und dann versuch, dir deiner Gefühle bewusst zu werden und sie für einen Moment einfach mal so sein zu lassen, wie sie gerade sind. Du wirst sofort spüren, dass dir das gut tut.

So bist du mit der Zeit auch gewappnet, immer schwierigere Gefühle zuzulassen. Mitgefühl bedeutet, dem Dukkha nicht auszuweichen. Mitgefühl für dich selbst beginnt also damit, dass du nicht ausweichst, wenn es weh tut. Auch dazu musst du dich immer wieder aktiv entschließen: »Wenn es das nächste Mal weh tut, dann lasse ich es zu.«

Die Versuchung auszuweichen ist groß. Unsere schnelllebige Zeit bietet uns viele Möglichkeiten, einfach zum nächsten Tagesordnungspunkt überzugehen oder uns abzulenken. Schon spürst du das Dukkha nicht mehr und glaubst, es sei weg. Das ist es natürlich nicht! Es ist nur nicht mehr offenkundig und strahlt stattdessen im Verborgenen seine negative Kraft aus. Unbemerkt vergiftet es deine Lebensfreude und deine Klarheit.

Die Aufgabe besteht also darin, nicht so schnell auf das Dukkha verzichten zu wollen. Diese Formulierung mag provozierend wirken: auf Dukkha nicht verzichten wollen. Ist es nicht natürlich, dass wir Leid so schnell wie möglich hinter uns lassen möchten? Darauf nicht verzichten wollen – ist das nicht Masochismus?

Nein, es ist das genaue Gegenteil. Es ist der Zugang zum Mitgefühl. Ich sage nicht: »Lasst uns das Dukkha verstärken oder willentlich herbeiführen.« Ich sage: »Nicht vorschnell auf das vorhandene Dukkha verzichten wollen.« Indem du es spürst, annimmst und verstehst, kannst du es verwandeln und hinter dir lassen. Das ist das Feuer der Alchimisten, das Feuer, in dem Schrott zu Gold wird.

Die Bedürfnisse hinter den Gefühlen

Je klarer du dich selbst wahrnehmen kannst, umso leichter wird Mitgefühl sich entfalten. Das liegt daran, dass Mitgefühl Teil deines tiefsten Wesens ist. Du musst es nicht lernen; es ist in dir bereits vorhanden. Zugang bekommst du über das bewusste Erspüren deiner Gefühle. Der nächste Schritt ist dann herauszufinden, welche Bedürfnisse sich hinter diesen Gefühlen verbergen. Denn hinter jedem Gefühl steht ein Bedürfnis.

Sich vom Gefühl zum Bedürfnis gewissermaßen durchzufragen – das ist ein Vorgehen, das der US-amerikanische Psychologe Marshall Rosenberg in seinem Modell der Gewaltfreien Kommunikation2 formuliert hat. Diese Methode ist eine große Hilfe, denn sie lässt Klarheit entstehen: »Da sind bestimmte Gefühle in mir, dahinter stecken bestimmte ungestillte Bedürfnisse.« Oder: »Da sind freudige Gefühle in mir, dahinter stecken bestimmte gestillte Bedürfnisse.«

Bist du dir im Klaren über die jeweils ungestillten Bedürfnisse, hast du die Wahl: Du kannst dich um ihre Erfüllung kümmern oder sie ruhen lassen. Du kannst aus dem Erleben deiner Bedürfnisse Wünsche formulieren. Auf die Erfüllung unerfüllter Bedürfnisse zu bestehen würde aber Mitgefühl blockieren und damit Schwierigkeiten vermehren. Viele Bedürfnisse müssen nicht erfüllt werden – aber alle wollen gehört werden.

Im nächsten Schritt kannst du auch im Umgang mit anderen Menschen so vorgehen. Wie du handeln auch sie aufgrund bestimmter Bedürfnisse. Mit Einfühlung kannst du versuchen herauszufinden, Wenn du darauf bestehst, dass deine Bedürfnisse erfüllt werden, blockierst du Mitgefühl.welche Bedürfnisse sie sich dir gegenüber erfüllen wollten. Du kannst erkennen, was geschieht, wenn Menschen auf der Befriedigung ihrer Bedürfnisse beharren und wenn sie untaugliche Strategien wählen. Aber du behältst weiter die Gemeinsamkeiten im Blick, verwechselst den Menschen nicht mit seinen Handlungen und kannst mitfühlend statt wütend reagieren.

Manchmal werfen mir in meiner Arztpraxis Patientinnen vor, etwas falsch gemacht zu haben: Falsche Diagnose, falsche Therapie, zu spät gehandelt, zu früh gehandelt – da gibt es viele Möglichkeiten. Natürlich lassen mich Vorwürfe nicht unberührt. In solchen Momenten frage ich mich: »Was steckt hinter den Vorwürfen?« Vermutlich das Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit. Das kann ich verstehen, und ich brauche meinerseits nicht abweisend zu reagieren, um mich zu schützen.

Genau so können wir mit uns selbst umgehen, wenn wir gerade mal wieder kein gutes Haar an uns lassen. Erinnere dich an dieses Vorgehen, wenn du das nächste Mal Wut empfindest oder Angst hast: »Was brauche ich? Was ist mein Bedürfnis?« Vielleicht Sicherheit, vielleicht Ehrlichkeit, vielleicht Nähe. »Und was ist mein Wunsch?« Schon bist du in Kontakt mit dir. Es bedeutet nicht automatisch, dass dir dein Wunsch erfüllt werden kann. Aber du erkennst jetzt, dass du die Wahl hast, ob und wie du reagieren willst. Auf diese Weise verlieren die Emotionen ihre Macht über dich, und du wirst nicht so schnell etwas tun, was du hinterher vielleicht bereuen würdest.

Deine Kellerkinder kennenlernen

Ohne Einfühlung in die Innenwelt werden die alten Muster in dir aktiv bleiben und neue Wege verstellen. Du wirst weiter deine Sicherheit in Aktivitäten suchen, versuchen Anerkennung für Leistung zu bekommen. Du wirst dann nicht erkennen können, dass es noch andere Möglichkeiten gibt. Die spirituelle Praxis ist wie eine Entdeckungsreise und zugleich ein schöpferischer Prozess: Ich entdecke, erforsche und gestalte.

Vielleicht gibt es in dir ein Muster von Selbstmisstrauen. Wenn dann andere ein Urteil über dich fällen, übernimmst du es: »Ja, du hast Recht, ich bin unmöglich. Ich bin ein schlechter Vater / eine schlechte Mutter / eine schlechte Partnerin / eine schlechte Arbeitskraft.« Und dann strengst du dich an, um ihrem Bild zu entsprechen und gut beurteilt zu werden. Und wie fühlst du dich dabei? Du spürst vermut lich den Druck des Urteils und die innere Leere. Vielleicht beginnst du nun sogar noch, dich selbst zu beschimpfen, weil du schon wieder deinem alten Muster gefolgt bist.

Das ist genau die Situation, in der es gilt, Mitgefühl mit dir zu entwickeln! Indem du nicht ausweichst, sondern das alles aushältst: die Leere, den Ärger und die Angst – und deine Bedürfnisse nach Akzeptanz und Wertschätzung. So entziehst du den alten Strukturen die Nahrung. Schon wird diese gnadenlose innere Stimme leiser. Und du bemerkst, dass du auch ganz anders reagieren könntest.

Auf diese Weise kommst du in Verbindung mit deinen Kellerkindern. Das sind die Teile deiner Persönlichkeit, die in den Keller gesperrt worden sind. Du hast sie bisher nicht wieder herausgelassen. Lange Zeit mussten sie im Dunkeln leben. Und wie heißen diese Kellerkinder? Sie heißen vielleicht »die Ängstliche« oder »der Scheue«, »die Unsichere« oder »der Kindliche«, »die Sinnliche« oder »der Traurige«. Die Kellerkinder nehmen Einfluss auf dein Verhalten, steuern deinen Alltag mit, aber lange durften sie sich nicht zeigen.

Jetzt – in der Wärme des Mitgefühls – trauen sie sich langsam ans Licht, ins Licht des Bewusstseins. Sie kommen in ihrem eigenen Tempo die Treppe herauf, langsam und vorsichtig, Schritt für Schritt. Nur wenn du geduldig auf sie wartest, zeigen sie sich mehr und mehr. Wenn du sie ins Licht des Bewusstseins zwingen willst, dann werden sie sofort wie scheue Tiere wieder verschwinden.

Alles nicht so einfach

Sicherlich, sich dem Dukkha zu stellen ist nicht leicht. Zweifel, Unsicherheit und Mutlosigkeit können aufkommen. Sie werden genährt vom Verstand, von den Gedanken, von dieser inneren Stimme, Wer nur sieht, was er nicht hat, übersieht, was er hat.die dich dauernd beurteilt – und häufig so hart! Diese vielen verneinenden und bewertenden Gedanken, dieses Sich-Vergleichen mit anderen. Gib dem Verstand nicht so viel Energie! Überlass ihm nicht so viel Macht! Versuche stattdessen, der unerschöpflichen Kraftquelle des Mitgefühls mehr und mehr Raum zu geben.

Auch die ständige Suche nach Besserem blockiert immer wieder den Zugang zum Mitgefühl: »Ich brauche einen besseren Partner / bessere Freundinnen / einen besseren Lehrer / eine bessere spirituelle Gemeinschaft.« Solange du dich immer wieder ausrichtest auf das, was du nicht hast, übersiehst du leicht, was du hast. Getrieben von Gedanken, auf der Suche im Außen wirst du nie zu der Kraft in dir selbst vorstoßen.

Auch Schuldgefühle schwächen das Mitgefühl. Schuldgefühle werden durch entsprechende Gedanken genährt. Wenn jemand krank wird oder etwas schief läuft, wenn Fehler geschehen, wird häufig sofort nach Schuldigen gesucht. Wir versprechen uns emotionale Erleichterung davon, wenn wir jemand anderem die Schuld zuweisen können.

Manchmal geben wir uns aber auch selbst die Schuld. Dahinter stecken selbstzerstörerische Muster. Viel hilfreicher ist, die Ursachen und Bedingungen zu erkunden, die zu den entsprechenden Schwierigkeiten geführt haben. Nur so lassen sie sich auflösen beziehungsweise in der Zukunft vermeiden. Schuldgefühle verursachen oft Blockaden. Ursachen und Bedingungen zu erkunden führen hingegen zu Verständnis und Kreativität – und sind damit Ausdruck von Mitgefühl.

Vermeide auch »Warum-Fragen«: »Warum fürchte ich mich im Dunkeln?«, »Warum bin ich vom Pech verfolgt?«, »Warum kann nicht einmal alles glatt gehen?« Diese Fragen helfen dir nicht weiter. Sie katapultieren dich aus dem Fühlen heraus und ins Denken hinein. Sie sichern die Dominanz der alten Muster.

Mit diesen Fragen verbietest du dir zu empfinden, wie du nun einmal empfindest. Du verleugnest deine eigenen Gefühle. Ein Beispiel: Du stehst allein auf einer Party. Und du fragst dich: »Warum fällt es anderen Menschen so viel leichter als mir, ins Gespräch zu kommen?« Und der nächste Gedanke: »Da sieht man’s mal wieder, ich bin unmöglich. Alle amüsieren sich auf dieser Party, nur ich kann das nicht.« So überdeckst du Gefühle und Bedürfnisse mit Selbstbeschuldigungen, statt sie bewusst wahrzunehmen.

Ebenfalls sehr hinderlich sind alle Formulierungen der inneren Stimme, die mit »Ich sollte …« beginnen: »Ich sollte kontaktfreudiger und fröhlicher sein.« Wirst du so kontaktfreudiger? Wohl kaum. »Ich sollte …« bedeutet immer Kampf mit dem, was gerade ist. Wenn du kämpfst, erlebst du Dukkha. Und wenn du gegen dich selbst kämpfst, erlebst du großes Dukkha. Du kommst dir selbst abhanden.

Weitere Zugänge zu Mitgefühl

Zwei Zugänge zum Mitgefühl wurden bisher beschrieben: Die Sehnsucht nach Nähe zu dir und das Spüren deines Körpers. Es gibt weitere: Vielleicht fällt es dir leichter, dich zuerst auf die Schwierigkeiten anderer Menschen auszurichten und Mitgefühl für sie zu entwickeln – und es dann auf dich selbst auszuweiten.

Ein weiterer Zugang zum Mitgefühl für dich selbst kann die Zufluchtnahme zum Buddha sein. Wenn ich Dukkha erlebe, verbeuge ich mich vor dem Buddha und übergebe ihm meine Last. »Wenn du Angst hast, lege deinen Kopf in Buddhas Schoß«, rät der Dalai Lama. Ich stelle mir geradezu bildlich vor, wie ich Dukkha abgebe und der Buddha es aufnimmt. Für mich ist diese Praxis wohltuend und stimmig.

Mir gefällt auch diese kleine Geschichte: Ein christlicher Pater nimmt die Hand eines Menschen, der gerade großes Leid erfahren hat, und zeichnet in die Hand hinein einen Kreis. Und er sagt: »Das ist der Ort, an dem du lebst, und dort ist großer Schmerz, und du kannst diesem Ort nicht ausweichen. Also nimm ihn an!« Und dann bedeckt er mit seiner Hand die Hand dieses Menschen und sagt: »Und es gibt immer noch etwas Größeres – eine Ganzheit, einen Raum der Liebe, in dem sich Leben entfalten kann, immer neu.« Und dann berührt er wieder den Kreis und sagt: »Dieser Schmerz – er kann immer ruhen in der Liebe dieser Hand. Und wenn du beides kennst – den Kreis mit seinem Schmerz und das so viel Größere, was dies alles umfassen kann –, dann kannst du dich selbst heilen.«

Auch im Gebet liegt eine große Kraft und ein direkter Zugang zum Mitgefühl. Wir lösen uns von der Dominanz unserer Muster und kommen, je nach unserer Hingabefähigkeit, in Kontakt mit etwas, das viel größer ist als alle unsere gedanklichen Vorstellungen fassen können. (Mehr zum Thema Beten steht im Kapitel »Das Spürbewusstsein entdecken« auf Seite 151 ff.)

Sich Zeit lassen

Welchen Zugang zum Mitgefühl du auch wählst: Du wirst Mut und Geduld brauchen. Erwarte nicht, dass alles sofort funktioniert. Halte aus, dass sich alte Strukturen nicht Resignierende Gedanken sind auch nur Gedanken. Du kannst ihnen ihre Macht entziehen.von jetzt auf gleich auflösen. Vielleicht tut sich lange Zeit scheinbar nichts. Du hast vielleicht schon viele Vorträge gehört, an Retreats teilgenommen und etliche Bücher gelesen, doch sobald jemand im Alltag bestimmte Knöpfe bei dir drückte, hast du auf die gewohnte Weise reagiert. Resigniere in solchen Momenten nicht, sondern erinnere dich: Resignierende Gedanken sind auch nur Gedanken, denen du ihre Macht entziehen kannst.

Mitgefühl will entwickelt werden. Es geht nicht darum, Mitgefühl zu lernen wie eine Fremdsprache. Vielmehr ist Mitgefühl bereits in dir vorhanden und wird spürbar, wenn du dich aus deinen gedanklichen Verwicklungen entwickelst. Vergiss nicht, dass auch Schwierigkeiten, die du dir selbst eingebrockt hast, nur mit Mitgefühl aufgelöst werden können. Beginne mit Einfühlung in dich selbst: Welche Gefühle waren aktiv, aus welchen Bedürfnissen hast du gehandelt? Erkenne an, dass die Bedürfnisse vermutlich ganz menschlicher Natur waren, du aber einen falschen Weg eingeschlagen hast, mit ihnen umzugehen. Werde dir bewusst, dass es normal ist, Fehler zu machen. Denke aber nicht, dass du falsch bist, weil du falsche Handlungsstrategien gewählt hast. Beschimpfe dich nicht.

Hat sich schon einmal jemand geändert, weil er beschimpft wurde? Ich kenne niemanden. Vielleicht kann man Menschen so dazu bringen, vorübergehend ein wohlfeiles Verhalten an den Tag zu legen. Aber grundlegend ändern wird sich auf diesem Weg niemand.

Du trägst natürlich trotzdem weiterhin Verantwortung für dein Handeln. Doch Verantwortung kannst du nur übernehmen, nachdem dir die Wahlmöglichkeit in der jeweiligen Situation bewusst geworden ist. Um die Wahlmöglichkeit zu sehen, braucht es Verständnis. Und Verständnis erwächst aus Einfühlung und Akzeptanz.

Wenn du so praktizierst, wird das Mitgefühl dich befreien: von deinen Konditionierungen, deiner Härte dir selbst gegenüber, den Stimmen in dir, die dich immer wieder beeinflussen wollen. Es erlöst dich von den vielen subtilen Aversionen dir selbst gegenüber, und es führt dich dazu, dich zu erleben, wie du wirklich bist – fernab von den Mustern und Trugbildern, von denen du bisher glaubtest, du seist mit ihnen identisch. Dieses Erleben wird dich allmählich zu einer Selbstliebe führen, die nichts mit Egoismus und Eigensucht zu tun hat, sondern alle anderen einschließt.

Sein lassen

Um den Bedürfnissen meines Körpers gerecht zu werden, treibe ich gerne Sport. Im Umkleideraum meines Fitness-Studios gibt es Stahlschränke mit Nummern. Wenn ich reinkomme, frage ich mich immer: »Wie alt fühle ich mich heute?« – und dann nehme ich den Schrank mit der entsprechenden Nummer. Manchmal muss ich feststellen: Heute ist es die 85. Nach dem Sport geht es mir zum Glück meistens besser.

Auch du erlebst wahrscheinlich Zeiten, in denen du dich kraftlos fühlst. Krankheiten, Schmerzen oder Verlusterfahrungen gehen oft mit Zuständen von Hilflosigkeit und Mutlosigkeit einher. Du erlebst dich verletzlich und zugleich vielleicht abgetrennt von der Welt und anderen Menschen. Etwas in dir rebelliert. Du sagst Nein zu dem, was du erlebst.

»Mein Leben sollte anders sein!«, denkst du. Oder konkreter: »Diese Krankheit habe ich nicht verdient«, »Es ist nicht in Ordnung, dass man mir gekündigt hat«, »Es darf nicht wahr sein, dass meine Beziehung auseinanderbricht.« Solche Haltungen werden als Widerstand bezeichnet. Widerstand blockiert das Verständnis der Situation und nimmt dir damit die Möglichkeit, etwas daran zu ändern. Widerstand kostet viel Kraft und hält dich davon ab, Zufriedenheit und Harmonie zu erleben. Um Zugang zu deiner inneren Stärke zu finden, ist es darum unerlässlich, bewussten Umgang mit dem Widerstand zu üben und herauszufinden, wie er sich auflösen lässt.

Widerstand hat viele Gesichter

Innerer Widerstand kann viele verschiedene Formen annehmen. Vielleicht äußert sich dein Nein als Kritik oder Empörung gegenüber der Außenwelt. Du schimpfst auf die Regierung, die Hausverwaltung oder einen Menschen, der sich in deinen Augen daneben benommen hat. Gereiztheit, Nervosität und Anspannung sind Formen des Widerstands.Dabei wirst du wahrscheinlich das Gefühl haben, im Recht zu sein, und möglicherweise ist deine Kritik in der Sache ja sogar berechtigt. In deiner Wut empfindest du dich vielleicht als souverän und kraftvoll. Aber der Schein trügt. Alles in dir lehnt sich auf: So sollte es nicht sein! Die Innenwelt rebelliert gegen die Außenwelt. Tieferes Verständnis ist nicht im Spiel. Auf diese Weise schaffst du nicht Souveränität, sondern Dukkha.

Nicht immer ist der Widerstand so klar erkennbar wie in der Wut. Manchmal äußert er sich milder, zum Beispiel als Gereiztheit oder als Nervosität. Du stehst zum Beispiel vor einem Fahrstuhl, und der will und will nicht kommen. In dir steigt Ungeduld auf; wieder und wieder drückst du auf den Knopf, als käme der Fahrstuhl dadurch schneller. Oder du erwartest einen wichtigen Anruf und fängst an, nervös mit dem Fuß zu wippen. Schließlich trommelst du vor lauter Anspannung mit den Fingern auf die Tischplatte. Wann klingelt endlich das Telefon? Du lehnst den gegenwärtigen Moment ab, weil du einen anderen herbeisehnst. Die Folge dieses Widerstands ist Dukkha, hier in Form von Unruhe.

Ärztlicher Notfalldienst in Berlin. Ich stehe mitten in der Nacht in einem Mietshaus. Einsatz im 8. Stock. Der Aufzug ist mal wieder kaputt. Ich bin müde und weiß: Ich muss jetzt da hochgehen. »Ich habe schon seit zwei Wochen nicht mehr gut geschlafen«, höre ich dann oben. Der Patient ist 22 Jahre alt und hätte ohne Probleme am nächsten Tag zu seinem Hausarzt gehen können, aber den Notarzt zu rufen war bequemer.

Was geschieht in dir in solchen Momenten? Wie reagierst du, wenn jemand achtlos mit dir umgeht? Wirst du wütend? Lässt du eine sarkastische Bemerkung fallen und machst dich unzufrieden auf den Rückweg? Nimmst du alles klaglos hin und frisst deinen Frust in dich hinein?

Vielleicht hat sich dein Widerstand mit der Zeit zu Niedergeschlagenheit verdichtet, ohne dass dir klar ist, warum du dich so kraftlos fühlst. Du bist halt gerade nicht so gut drauf, denkst du. Und wenn dich jemand fragt, wie es dir geht, dann sagst du: »Es geht so … « oder sogar »Muss ja.« Vielleicht erlebst du auch, wie Gedanken unkontrolliert durch dein Bewusstsein jagen und dich nicht zur Ruhe kommen lassen. Ständig spürst du Spannung in dir und empfindest dich als sprunghaft, fahrig und nervös. Durch diese Gefühle können zusätzlich Angst oder Resignation aufkommen: »Wie soll das nur alles weitergehen?«

Chance statt Bedrängnis

Die Verdichtung von Frust und Widerstand ist nach meiner Beobachtung typisch für die westliche Kultur: Wir erleben es als Bedrängnis, wenn etwas anders läuft als geplant oder die Dinge durcheinander gewirbelt werden, wenn sich Widersprüche auftun und es nicht mehr weitergeht wie bisher. In größeren Krisen empfinden wir uns als zerrissen. Wir haben keine klare Vorstellung mehr von unserem Leben und wissen nicht, was zu tun ist – und darunter leiden wir.

In der östlichen Kultur werden solche Zeiten eher als Chancen gesehen. Etwas Altes bricht zusammen, die gewohnten Konzepte taugen in diesem Moment nichts mehr und machen Platz für neue.

Auch du kannst dich für neue Erfahrungen und Lösungen öffnen, statt mit Widerstand auf Veränderung zu reagieren. Voraussetzung dafür ist, dass du Unklarheit und Unangenehmes zunächst aushältst und bewusst spürst, möglichst ohne dich dagegen aufzulehnen.

Die Negativität ist wie eine Sackgasse. Du fährst immer tiefer in sie hinein, findest keinen Platz mehr zum Wenden und sabotierst dich damit selbst. Konstruktive Lösungen werden unmöglich und deine Wahrnehmung verengt sich mehr und mehr. Du siehst keine anderen Wege, alles erscheint dir durch und durch negativ. Du empfindest die Welt nur noch als übermächtig und bedrohlich.

Der Widerstand vergiftet deine Lebensatmosphäre in Form von Ungeduld, Ärger und Wut. Er raubt dir die Kraft, Widerstand verhindert, was du dir wünschst, und stärkt, was du auflösen willst.indem er dich aussaugt wie ein Vampir. In deiner Widerstandshaltung verhinderst du genau das, was du dir doch so sehr wünschst: Frieden und Harmonie mit dir selbst und anderen. Lass also nicht zu, dass du in deinem Widerstand stecken bleibst!

Bewusstsein schulen

Wie lässt sich das verhindern? Zunächst einmal müssen wir den Widerstand überhaupt erkennen. Widerstand steckt hinter vielen Gefühlen und Gedanken. Sehr häufig ist uns nicht bewusst, dass wir uns gerade im Widerstand befinden. Wir denken in diesen Momenten: »Das hätte jetzt wirklich anders laufen sollen.« Oder eine Nummer größer: »Mein Leben sollte eigentlich anders verlaufen …«, »Ich sollte längst verheiratet sein, Kinder haben und finanziell auf eigenen Füßen stehen«, »Ich sollte souveräner und gelassener sein«, »Ich sollte häufiger meditieren.« Ich sollte, sollte, sollte … Du kannst eine endlose Liste zusammentragen mit solchen Forderungen an dich selbst. Es sollte anders sein, als es ist – diese Haltung ruft unweigerlich innere Spannung und damit Schmerz hervor. Immer wenn du in Widerstand gehst, schaffst du einen Konflikt zwischen Ist-Zustand und Soll-Zustand. Du schaffst damit innere Spannung.

Die Außenwelt oder deine Innenwelt entspricht nicht deinen Erwartungen, also kämpfst du gegen die Form, die dein Leben gerade angenommen hat – und damit gegen dich selbst. Das tut weh und stärkt die Negativität immer mehr. Jede Form von Trennung zwischen dir und dem Rest Wenn du Trennung nährst, nährst du Dukkha.der Welt erzeugt Dukkha. Auch wenn du dich von Teilen deiner selbst getrennt fühlst, entsteht Dukkha. Es ist gut, sich das zu merken wie einen Slogan: Wenn du Trennung nährst, nährst du Dukkha. Umgekehrt gilt: In jedem Moment, in dem du die Gegenwart annimmst, herrscht Frieden. Der große indische Weise Ramana Maharshi3 hat sinngemäß immer wieder erklärt: »Alles, was ich erlebe, nehme ich so, als hätte ich es mir selbst ausgesucht. So mache ich jeden Moment zu meinem Freund – nicht zu meinem Feind.«

Indem du dir die Form, die dein Leben gerade annimmt, zur Freundin machst, wächst du über diese Form hinaus. Du bist nicht länger gefangen in den Umständen und erlebst Zufriedenheit und Erleichterung. Du lässt in diesen Momenten Ansprüche fallen. Das bedeutet nicht, dass du nicht mehr versuchst, das Gute in der Welt zu stärken und Missstände zu bekämpfen. Es bedeutet auch nicht, dass du dich selbst nicht mehr verändern kannst. Wie wir sehen werden, ist das genaue Gegenteil der Fall: Du legst die Grundlage dafür, dich selbst und die Welt zu verändern. Wirkliche Veränderung beruht immer auf Verständnis. Der Beginn der Veränderung besteht immer darin, sich nicht mehr zu wehren, sondern anzunehmen, was gerade geschieht.

Бесплатный фрагмент закончился.

1 440,66 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Объем:
162 стр. 4 иллюстрации
ISBN:
9783942085328
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги