Читать книгу: «Die Revoluzzer»
Werner Ryser
Die Revoluzzer
Roman
Cosmos Verlag
Für Heidi und Ursula
Alle Rechte vorbehalten
© 2017 by Cosmos Verlag AG, Muri bei Bern
Lektorat: René Karlen
Umschlag: Stephan Bundi, Boll
Satz und Druck: Merkur Druck AG, Langenthal
Einband: Schumacher AG, Schmitten
ISBN 978-3-305-00476-8
eISBN 978-3-305-00496-6
Das Bundesamt für Kultur unterstützt
den Cosmos Verlag mit einem Strukturbeitrag
für die Jahre 2016–2020
www.cosmosverlag.ch
Inhalt
Die Leibeigenen 1775–1796
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Die Patrioten 1796–1798
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Franzosenzeit 1798–1813
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Herrenjahre 1813–1816
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Freiheit und Gerechtigkeit? 1816–1852
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nachwort
Werner Ryser: Das Ketzerweib Roman. 224 Seiten. Cosmos Verlag
Die Leibeigenen
1
Am Sonntag, dem 16. Juli 1775, wollte Mathis Jacob, dessen Vater Pächter auf dem Sennhof Sankt Wendelin am Oberen Hauenstein war, mit der achtzehnjährigen Barbara Strub vor den Traualtar treten. Die Zeit drängte, denn die Braut war bereits im vierten Monat schwanger, und ihr Zustand würde sich nicht mehr lange verbergen lassen. Was noch fehlte, war der Eheschein, der in der Kanzlei des Schlosses ausgestellt wurde und für den eine Gebühr von zwei Pfund zu entrichten war. Gleichzeitig wurden Uniform und Waffen inspiziert, welche sich die Wehrmänner der Landmiliz, der Mathis wie jeder Baselbieter angehörte, auf eigene Kosten anschaffen mussten. Mathis hatte sein Steinschlossgewehr und das Bajonett gereinigt, und jetzt, vier Tage vor der Hochzeit, war er in der blauroten Montur, die seine Mutter am Vorabend ausgebürstet hatte, unterwegs Richtung Schlossberg.
Seit bald sechs Jahrhunderten beherrschte die hochmittelalterliche Veste, die wie ein Adlerhorst auf einer zerklüfteten Fluh über dem Städtchen Waldenburg thronte, die Strasse über den Oberen Hauenstein. Sie diente seit bald vierhundert Jahren den Gnädigen Herren der Stadt Basel als Sitz für die Landvögte, die in ihrem Auftrag über ihre leibeigenen Baselbieter Untertanen regierten. Die Anlage war durch eine Ringmauer und steil abfallende Felswände geschützt und bestand aus einer Hauptburg, einem Bergfried, Wohngebäuden sowie dem alten und dem neuen Schloss, einem mehrstöckigen Palas.
Gegen neun Uhr stieg Mathis die schier unendlichen Treppenstufen hinauf und durchquerte den Zwinger der Vorburg. Eine Wache, die am inneren Tor stand, wies ihm den Weg in den Empfangsraum, wo ihm ein zweiter Soldat bedeutete, Platz zu nehmen. Rund ein Dutzend Bauern und Handwerker warteten bereits. Sie waren entweder vorgeladen worden oder hatten, wie er, ein Anliegen an die Obrigkeit.
Die städtischen Landvögte in den sieben Ämtern des Kantons überwachten die von ihnen als Gemeindevorsteher ernannten Meier oder Untervögte und die dörflichen Niedergerichte. Darüber hinaus zogen sie die Steuern ein und machten, zusammen mit den Pfarrherren, die Erlasse des städtischen Rats bekannt und kontrollierten deren Einhaltung. Neben ihrem Gehalt und den Einkünften aus dem von einem Pächter geführten Bauerngut, dem Schlosshof, standen ihnen die Gebühren für die von ihrer Kanzlei ausgestellten Urkunden zu. Ausserdem erhielten sie einen Anteil der von ihnen verhängten Bussen.
Während der Schlossschreiber, Koni Schäublin, die Vorgeladenen, einen nach dem anderen, in die Kanzlei rief, unterhielten sich die Wartenden. Man erzählte sich, weshalb man hier war. Einer war verklagt worden, weil er nach seiner Hochzeit den Gästen zum Tanz hatte aufspielen lassen, ein Vergnügen, das die sittenstrengen Gnädigen Herren partout nicht dulden mochten. Zumindest nicht unter den Landleuten. Ein anderer erwartete eine Geldstrafe, weil er seine Verwandten im fricktalischen Rheinfelden besucht, also verbotenerweise fremdes, vorderösterreichisches Territorium betreten hatte. Die Rede kam auf die Willkür der Landvögte, auf die Gier, mit der sie Bussen und Gebühren eintrieben, um so ihre Amtszeit, die sie dem Losglück verdankten, möglichst ertragreich zu gestalten. Franz Brodbeck, der zurzeit das Amt Waldenburg verwaltete, hatte den Ruf, ein launischer Herr zu sein, der seine Entscheidungen ganz nach eigenem Gusto traf.
Staunend folgte Mathis Jacob der Unterhaltung. Bis heute hatte sich der zweiundzwanzigjährige Jungbauer wenig Gedanken über Fragen von Macht und Herrschaft gemacht. Wenn es im Schloss etwas zu regeln gegeben hatte, war das von seinem Vater Johannes erledigt worden. Aber die Kräfte des Alten liessen nach, und Mathis würde wohl bald den Hof und damit auch den Verkehr mit der Landvogtei übernehmen müssen.
Gegen Mittag trat der etwa dreissigjährige Schreiber in die Tür der Kanzlei und sagte, der Herr Landvogt habe die Geschäfte mit den Vorgeladenen erledigt. Jetzt sei er ausgeritten. Jene, die ein Anliegen an ihn hätten, müssten sich bis zu seiner Rückkehr gedulden.
Mathis wurde unruhig. Er hatte damit gerechnet, zum Mittagessen zu Hause zu sein. Er fragte einen älteren Mann, der ebenfalls etwas vom Landvogt wollte, wie lange es wohl dauern werde, bis der Gnädige Herr zurück sei.
Der andere zuckte mit den Schultern: «Wenn wir Glück haben, vielleicht drei Stunden. Es kann aber auch sein, dass wir morgen früh wiederkommen müssen.»
«Aber ich brauche den Eheschein! Er kann uns doch nicht einfach hängen lassen!»
«Er kann», sagte der Mann. «Glaub mir, er kann.»
Die Gespräche verstummten. Die meisten dösten auf den harten Bänken an der Wand. Mathis wanderte unruhig hin und her. Er hatte Hunger. Die Zeit zog sich in die Länge. Man hörte den Glockenschlag der Schlossuhr. Er verkündete die erste, die zweite und dann die dritte Stunde des Nachmittags.
Um vier Uhr wurde die Tür zur Kanzlei wieder geöffnet, und der Erste der Wartenden durfte sein Anliegen vortragen. Er schien seine Sache schlecht zu vertreten. Bis in den Empfangsraum hörte man die Stimme des Landvogts, der den Bittsteller lautstark massregelte. Mit betretenem Gesicht kam der Mann heraus. Wortlos verliess er den Ort seiner Niederlage. Auch den beiden Nächsten, die vorgelassen wurden, ging es nicht besser. Der Lärm, der aus der Kanzlei drang, machte deutlich, dass sich die Laune des Gnädigen Herrn zusehends verschlechterte.
Dann war Mathis an der Reihe. Er trat über die Schwelle. Franz Brodbeck lag halb in seinem grossen, geschnitzten Sessel, die Hände über dem Bauch gefaltet. Koni Schäublin beugte sich hinter seinem kleinen Pult über irgendwelche Akten.
«Nimm Stellung an!», bellte der Landvogt. Und während Mathis Jacob steif und starr dastand, sein Gewehr vorschriftsgemäss mit der Linken am Lauf umklammerte und gegen Hüfte und Ferse presste, erhob sich der Herr, umkreiste ihn lauernd und musterte ihn aus zusammengekniffenen Augen. Mathis kam sich vor wie ein Stück Vieh, das auf dem Markt vom Händler begutachtet wurde.
«Wenigstens einer, der nicht aussieht wie ein vollgeschissener Strumpf», knurrte Brodbeck schliesslich. «Rühr dich! Was willst du?»
Er bitte untertänigst um einen Eheschein, sagte der junge Mann.
«Das kostet zwei Pfund. Hast du das Geld?»
Mathis holte seinen Beutel aus der Tasche. Schäublin fragte nach seinem Namen und dem seiner Braut. Alles wurde notiert. Und während der Hochzeiter umständlich die geforderten vierzig Schillinge, die ihm der Vater gegeben hatte, auf den Tisch zählte, wollte der Vogt wissen, wann die Trauung sei.
«Am Sonntag, Gnädiger Herr.»
«Was?», schrie Brodbeck. «Seid ihr schon verkündet?»
«Ja, Gnädiger Herr.»
«Der Pfaffe weiss, dass er niemanden verkünden darf, bevor ich nicht die Einwilligung gegeben habe. Ich will ihn lehren, sich an Recht und Ordnung zu halten. Sag ihm, dass ich ihn beim wohlweisen Herrn Bürgermeister verklagen werde. Und nun verschwinde!» Er wandte sich an den Schreiber: «Ihr werdet dem Bauern keinen Schein ausstellen.»
«Aber Gnädiger Herr …», begann Mathis, der an seine schwangere Braut und an das bereits bestellte Hochzeitsessen im Wirtshaus dachte.
«Schweig», brüllte Brodbeck, «oder ich lasse dich ins Verlies sperren, wo du Zeit hast, darüber nachzudenken, wie man sich gegenüber seiner Obrigkeit benimmt!»
Mathis spürte, wie der Zorn in ihm hochkroch. Was konnte er dafür, dass sich Pfarrer Werthemann nicht an die Regeln gehalten hatte. «So gebt mir wenigstens mein Geld zurück …»
Weiter kam er nicht. Der Landvogt hieb mit der flachen Hand auf den Tisch. «Der Kerl kommt für fünf Tage bei Wasser und Brot ins Loch!», schrie er. «Das wird ihn lehren, wie sich ein Bauernlümmel gegen seine Herrschaft zu benehmen hat. Schaff ihn hinaus.»
Schäublin stand auf und drängte Mathis aus dem Zimmer. «Komm», flüsterte er dem sich Sträubenden ins Ohr, «mach dich nicht unglücklich. Fünf Tage sind keine Zeit.»
Draussen im Empfangsraum wies er die Wache an, Mathis in den Kerker zu bringen.
Es war ein finsteres Loch, in das man Mathis Jacob eingesperrt hatte. Aus einer schmalen Luke fiel nur wenig Licht in den engen Raum mit vier feuchten Mauern aus rohen Quadersteinen und einem gestampften Lehmboden. Seine Notdurft würde er in einer Ecke verrichten müssen. Er setzte sich auf eine aus ungehobelten Brettern gefügte Pritsche. Noch immer war er voller Zorn über die Willkür des Landvogts. Zu Hause wartete man auf ihn. Auch seine Braut würde gegen Abend von Waldenburg, wo sie lebte, nach Sankt Wendelin hinaufsteigen, um mit ihm noch dieses und jenes im Zusammenhang mit der Hochzeit zu besprechen, die nun gar nicht stattfand, jedenfalls nicht am nächsten Sonntag. Hoffentlich erzählte ihr der Schlossschreiber, der auch im Städtchen wohnte, was geschehen war.
Seiner misslichen Lage zum Trotz lächelte Mathis, als er sich vorstellte, wie Barbara zetern würde, wenn sie von seinem Missgeschick erfuhr. Sie war ein temperamentvolles Ding und würde ihn dafür verantwortlich machen, dass sie nun mit dickem Bauch vor den Altar treten musste und man sich im ganzen Tal das Maul über das hitzige junge Paar zerreissen würde, das nicht hatte warten können und es bereits vor der Hochzeitsnacht miteinander getrieben hatte.
Mathis hatte seit dem Frühstück nichts mehr gegessen. Wasser und Brot, hatte der Landvogt gesagt. Ob er bereits heute etwas bekommen würde? Er glaubte es nicht. Der Hunger, die Dunkelheit, das Nichtstun – ihm standen wohl die fünf längsten Tage seines bisherigen Lebens bevor.
Während er so dasass, den Kopf in die Hände gestützt, fiel ihm ein, dass er nicht der erste Jacob war, den man ins Verlies geworfen hatte. Seine Vorfahren waren im letzten Jahrhundert im Emmental als Täufer verfolgt worden. Den Urgrossvater, Ueli Jacob, hatten die Gnädigen Herren von Bern seines Glaubens wegen zu einer Galeerenstrafe verurteilt. Auf einer Ruderbank angeschmiedet, war er elend zugrunde gegangen. Seine Frau Anna, die sich gegen die Obrigkeit aufgelehnt hatte, war im Schloss Trachselwald eingekerkert und dann aus ihrer Heimat verbannt worden. Mit ihren drei Jüngsten war sie auf den Sonnenberg im Fürstbistum Basel gezogen, wo man mit Erfolg eine Käserei geführt hatte. Ihr Enkel Johannes, der Vater von Mathis, hatte keinerlei Aussicht, den Betrieb übernehmen zu können, denn dieser wurde nach bernischer Tradition an den jüngsten Sohn vererbt. So wanderte er in den Baselbieter Jura aus. Am Oberen Hauenstein, auf halber Höhe zwischen dem Städtchen Waldenburg und Langenbruck, fanden er und seine Familie ein Auskommen als Pächter von Sankt Wendelin, einem Sennhof, der dem reichen Basler Seidenfabrikanten Remigius Preiswerk gehörte. Der Bändelherr hatte ihn vor zwei Jahren, als seine Tochter Dorothea den Obristen Staehelin heiratete, der jungen Frau als Mitgift überschrieben.
Mathis legte sich auf die harte Pritsche und starrte in die Dunkelheit. Was wohl die Leute auf Sankt Wendelin machten?
Zur selben Stunde sassen dort Elisabeth Preiswerk, eine geborene Debary, und ihre Tochter Dorothea vor dem Hof an ihren Staffeleien und bemühten sich, den rot flammenden Abendhimmel über den bewaldeten Hügeln im Westen auf die Leinwand zu bannen. Remigius Preiswerk stand hinter ihnen. Er unterbrach seine wenig kunstsinnigen Bemerkungen, mit denen er das Schaffen der beiden Frauenzimmer kommentierte, und starrte stirnrunzelnd auf seinen Pächter, der vergeblich versuchte, die hemmungslos weinende Braut seines Sohnes zu trösten. Sie war soeben auf Sankt Wendelin eingetroffen.
«Was hat denn die Dirne so zu heulen», knurrte Preiswerk schliesslich. «Geh, frag sie», befahl er Dorothea.
Die junge Frau gehorchte widerwillig. Es widerstrebte ihr, sich in die Angelegenheiten der Jacobs zu mischen.
Schluchzend erzählte Barbara Strub, sie habe vor einer Stunde vom Schlossschreiber Schäublin erfahren, dass der Landvogt ihren Mathis für fünf Tage ins Loch gesteckt habe und dass nun am Sonntag nichts aus der Hochzeit werden könne.
Der Seidenbandfabrikant, der zu ihnen getreten war, hörte zu. «Soso», bemerkte er spöttisch. «Und den Pfarrer Werthemann will er beim wohlweisen Herrn Bürgermeister verklagen.» Dann wandte er sich barsch an die weinende Barbara: «Hör auf zu flennen, das bringt jetzt auch nichts! Ich werde morgen ins Schloss reiten und die Sache regeln.»
Als Remigius Preiswerk am nächsten Tag von seinem Ausritt zurückkam, übergab er Dorothea den Eheschein. «Bring ihn zu Johannes und sag ihm, sein Sohn könne heiraten, sobald er seine Strafe abgesessen habe.» Er war gut gelaunt. Auf ihre Frage, wie er das Kunststück fertiggebracht habe, den Landvogt umzustimmen, erklärte er: «Ich habe dem Parvenü mit seinem wohlweisen Herrn Bürgermeister gedroht.»
Dorothea begriff. Für den reichen und angesehenen Fabrikanten und Handelsherrn, der als Dreizehnerrat dem wichtigsten Kollegium der Basler Obrigkeit angehörte, waren Zeitgenossen wie Brodbeck Nonvaleurs. Selbst wenn sie ein gewisses Vermögen besassen, stammten sie nur aus Handwerkerkreisen. Für solche Leute war das Amt eines Landvogts, das sie nur dank Losglück erhielten, bereits die höchste Stufe, die sie erreichen konnten. Brodbeck gehörte eben nicht zu jenen alteingesessenen Familien wie die Burckhardts, die Vischers, die Staehelins, die Preiswerks, die Iselins oder die Werthemanns, die über die Verhältnisse im Kanton Basel bestimmten. Als Mitglied des Kleinen Rats war der Vater letztlich Vorgesetzter des Landvogts. Ausserdem war er nicht nur mit dem Pfarrer von Waldenburg, sondern über seine Frau auch mit dem Bürgermeister Johannes Debary verwandt. Dass Brodbeck damit gedroht hatte, Werthemann beim Staatsoberhaupt zu verklagen, war für ihn unfassbar. Er hatte den Wichtigtuer auf den ihm gebührenden Platz verwiesen.
«Und wann kommt Mathis zurück?», wollte Dorothea wissen.
«Der wird seine Strafe abhocken müssen», knurrte Preiswerk. «Ich habe ihm übrigens noch fünf weitere Tage aufgebrummt. Es ist höchste Zeit, dass der Kerl lernt, was ein Herr und was ein Knecht ist.» Er wandte ihr den Rücken zu und stolzierte über den Hof. Am Sonntag würden er und seine Frau nach Basel fahren.
Dorothea sah ihrem Vater nach. Sie hasste ihn. Er war ein machtbesessener, auf seine Würde bedachter städtischer Patrizier, der das Glück seiner Mitmenschen bedenkenlos mit Füssen trat, wenn es um seine eigenen Interessen ging. Manchmal geschah dies gar aus einer blossen Laune heraus. Nicht nur Mathis, auch sie selbst war ein Opfer der väterlichen Willkür.
Mathis war zwei Jahre älter als sie. In ihrer Jugend waren sie unzertrennlich gewesen. Sie begleitete ihn auf die Weide und in den Wald. An seiner Seite half sie bei der Heuernte mit. Er brachte ihr das Melken bei. Einmal durfte sie dabei sein, als eine Kuh kalbte. Dorothe nannte er sie – bis zu jenem Tag vor vier Jahren, als ihr Vater zwischen seinen Geschäften in der Stadt wieder einmal für zwei oder drei Tage nach Sankt Wendelin kam. Preiswerk machte dem damals Achtzehnjährigen unmissverständlich klar, dass er als Sohn des Pächters seine Tochter als Jungfer Dorothea anzusprechen habe. Er hatte ihn unterm Kinn gefasst und gezwungen, ihm in die kalten Augen zu schauen. «Jungfer und Dorothea. Dorothea, nicht Dorothe. Sie ist schliesslich keine Bauerndirne. Hast du das verstanden?» Und als der junge Mann eingeschüchtert schwieg, lauter: «Hast du das verstanden?»
«Ja, Herr», presste Mathis zwischen den Zähnen hervor.
«Na also, es geht doch.» Remigius Preiswerk wandte sich an Mathis’ Vater, der schweigend danebenstand. «Wenn du auf dem Hof Pächter bleiben willst, Johann», knurrte er, «dann sorg dafür, dass die Ordnung der Dinge gewahrt bleibt.»
Später, beim Nachtessen, oben in der Wohnung, begehrte sie gegen den Alten auf. Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen: «Ich bin nicht die Jungfer Dorothea!», schrie sie. «Nicht für Mathis.»
Er zog die Brauen zusammen. «Jungfer Dorothea und später Madame und der Name des Mannes, den ich für dich aussuchen werde.»
«Nein.» Sie ballte die Fäuste.
«Nein?» Remigius Preiswerk packte sie, legte sie übers Knie und verprügelte sie mit seinem Stock. «Wer bist du?», brüllte er, immer wieder. «Wer bist du?» Er liess erst von ihr ab, als sie ihm schluchzend bestätigte, sie sei die Jungfer Dorothea.
Am andern Tag, als sie sich vor dem Hof begegneten, schauten sich die beiden Jungen verstört an. «Grüss dich, Mathis», sagte sie schliesslich.
«Grüss Euch.» Er schaute sie kurz an und lief dann in Richtung Wald davon.
Damals war etwas in ihr zerbrochen. Zwei Jahre später wurde Dorothea, ohne dass man sie nach ihrer Meinung gefragt hätte, standesgemäss mit dem mehr als doppelt so alten Christoph Staehelin verheiratet. Nachdem dieser während Jahren als Offizier in einer der vier Basler Kompanien in Frankreich gedient hatte, wurde er Oberst bei der Landmiliz. Die Ehe war nicht glücklich. Trotz Dorotheas Bitten und Drängen weigerte sich Staehelin, ein ausgesprochener Libertin, sein Verhältnis mit einer Dame von zweifelhaftem Ruf aufzugeben.
Dass sie zur Heirat den Hof Sankt Wendelin als Brautgabe erhalten hatte, war für sie ein Trost. Staehelin war kurz nach der Hochzeit einmal dort gewesen. Aber das Landleben behagte ihm nicht. Dorothea hingegen verbrachte die Zeit zwischen Johanni und Michaelis meist auf dem Hof.
Mathis schloss, vom ungewohnten Licht geblendet, die Augen. Die Tür zu seinem Kerker war endlich aufgeschlossen worden, und eine Laterne erleuchtete das Verlies. Gestern hätte seine Hochzeit stattfinden sollen. Jetzt würde man ihn laufenlassen.
«Das stinkt ja wie in einem Schweinestall», sagte Brodbeck angewidert und trat einen Schritt zurück. Der Landvogt hatte sich persönlich zu ihm in die Unterwelt bemüht. Eine Wache begleitete ihn. «Ich hoffe, du hast deine Lektion gelernt», knurrte er.
«Ja, Gnädiger Herr», sagte Mathis, gewillt, den Zorn zu bezähmen, der ihm geholfen hatte, die vergangenen Tage zu überstehen.
«Nun, der Ratsherr Preiswerk war der Meinung, die fünf Tage, zu denen ich dich verurteilt habe, seien für einen Flegel wie dich zu wenig, um ihn zur Besinnung zu bringen. Wir werden dich deshalb bis Ende Woche hierbehalten.» Brodbeck sah seinen Gefangenen lauernd an.
Mathis biss sich auf die Unterlippe
«Du hast nichts dazu zu sagen?»
«Nein, Herr», sagte er gepresst.
«Weiterhin Wasser und Brot!», befahl der Landvogt der Wache. «Und nun sperr die Türe wieder zu!»
Wie betäubt liess sich Mathis auf die Pritsche fallen. Seit Remigius Preiswerk ihm zu verstehen gegeben hatte, dass er keinerlei freundschaftlichen Verkehr zwischen ihm und Dorothea dulde, hatte er den Sohn seines Pächters mit Misstrauen beobachtet. Mathis wusste, dass der Tyrann an jenem Abend seine Tochter gezüchtigt hatte. Er war damals im Hof unter dem offenen Fenster gestanden, ohnmächtig, mit geballten Fäusten.
Mathis hatte sich geschämt, dass er unfähig war, sie vor ihrem Vater zu schützen. Er war überzeugt, ihrer nicht wert zu sein. Seither hatte er sich von Dorothe – für ihn war sie Dorothe geblieben – ferngehalten. Und er hatte auch stets darauf geachtet, dem Alten nicht in die Quere zu kommen. Weshalb hatte Remigius Preiswerk trotzdem seine Kerkerhaft verlängert? Aus schierer Boshaftigkeit? Ging es ihm darum, seine Macht zu demonstrieren und ihn, den leibeigenen Untertanen, klein zu halten?
Mathis spürte, wie sich zum Zorn der vergangenen Tage der Hass gesellte, ein kalter, abgrundtiefer Hass: auf den Landvogt, auf Remigius Preiswerk, auf die Gnädigen Herren von Basel. Und er fühlte, dass dieser Hass ihn künftig begleiten würde.
Am 22. Juli blieb Dorothea Staehelin in ihrer Wohnung. Sie wusste, dass Mathis heute im Verlauf des Tages aus seiner Haft entlassen würde. Das niederträchtige Handeln ihres Vaters erfüllte sie mit Scham, und die Vorstellung, dass Mathis glauben könnte, sie sei damit einverstanden gewesen, quälte sie. Was sollte sie tun oder sagen, wenn sie ihm draussen vor dem Haus gegenüberstehen und er an ihr vorbeigehen würde, ohne sie zu beachten?
Sie hatte sich mit einer Stickerei ans Fenster gesetzt, aber sie mochte nicht arbeiten. Sie dachte an das schwärmerische junge Mädchen, das sie einst gewesen war. Ihr Herz war weit geworden, wenn sie das Geläut der Herden und den morgendlichen Gesang der Vögel gehört hatte. So hatte sie es jedenfalls in einem Brief an ihre Freundin, Anna Sarasin, formuliert. Was sie ihr aber nicht geschrieben hatte: In Mathis Jacob, dem Sohn des Pächters, sah sie das lebende Vorbild für den allerliebsten Schäfer in seinem Rokokokostüm, das in der Manufaktur von Meissen hergestellt worden war und im elterlichen Haus zum Goldenen Falken am Nadelberg die Kredenz zierte.
Vom Vorhang halb verborgen, schaute sie immer wieder aus dem Fenster. Endlich, um die Vesperzeit, sah sie, wie Mathis vom Wald her auf den Hof zuschritt: ein Soldat der Landmiliz, das Gewehr an einem Riemen über die Schulter gehängt. Ihr Herz klopfte wie wild, und sie spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Seine Uniform war verschmutzt, sein Gesicht ausgezehrt vom zehntägigen Fasten, sein schwarzes, struppiges Haar fiel ungekämmt über die Ohren, und seine unrasierten Wangen und das Kinn schimmerten bläulich. Das war nicht mehr der romantische Schäfer ihrer Jungmädchenträume, das war ein Krieger, der stattlichste Mann, dem Dorothea je begegnet war.
Mathis schaute zum Fenster hoch. Ihre Blicke kreuzten sich. Zaghaft hob sie die rechte Hand. Huschte ein Lächeln über sein Gesicht? Sie glaubte, es gesehen zu haben. Sie wollte es gesehen haben.
2
Dorothea liebte das Land am Oberen Hauenstein mit seinen steilen Hügeln, den schroffen Kalksteinfelsen, dem lichten Mischwald und den Waldweiden. Sie liebte den weiten Blick nach Norden über die Hochebenen des Tafeljuras bis zum fernen Schwarzwald. Sie liebte Sankt Wendelin, ihren Hof, mit seinen aus hellem Jurakalk gefügten Bruchsteinmauern und dem mit Ziegeln bedeckten Satteldach. Es beschirmte den grossen Stall, das Tenn und die beiden Wohnungen, von denen sie jene im ersten Stockwerk für sich bestimmt hatte. Sie oben, die Jacobs unten. Besitzer und Pächter, städtische Herrschaft und ländliche Untertanen, oben und unten – wie es im Baselbiet Brauch war.
Fünfzehn Jahre waren vergangen, seit Mathis aus seiner Haft entlassen worden war. Remigius Preiswerk, der reiche Handelsherr, und Johannes Jacob, sein Pächter auf Sankt Wendelin, hatten längst das Zeitliche gesegnet, und auch ihre Ehefrauen waren den beiden ins Grab gefolgt.
Im Dezember 1775 hatte Barbara Jacob das von Mathis in vorehelicher Lust gezeugte Kind zur Welt gebracht. Auf Martha folgte ein Jahr später Peter, der erste Sohn. 1778 schrie der zweite, Paul, in seiner Wiege. Zwölf Monate darauf gab es noch einmal ein Mädchen, Hanna. Nach einer unfruchtbaren Zeit stillte Barbara die kleine Klara, der aber lediglich drei Wochen auf dieser Welt beschieden waren. 1786 schliesslich, sieben Jahre nach Hanna, kam Samuel zur Welt. Er blieb der Jüngste der Familie Jacob.
Nach dem Tod seines Vaters wurde Mathis Pächter von Dorothea Staehelin. Auch sie war inzwischen Mutter geworden. Ihre 1784 geborene Tochter Salome wuchs vaterlos auf, denn Dorothea hatte im Jahr ihrer Geburt den Obristen Christoph Staehelin, der sie immer wieder mit losen Weibern betrogen hatte, wegen Ehebruchs vor Gericht zitiert.
Die Familie des treulosen Gatten hatte mit allen Mitteln versucht, eine Scheidung, die als schimpflich galt, zu verhindern. Als Dorothea den alten Elias Staehelin auf dessen Landgut in Münchenstein aufsuchte, um über die bevorstehende Trennung zu sprechen, verjagte der Wüterich seine Schwiegertochter mit Steinwürfen und drohte, sie zu erschiessen, falls sie von ihren Plänen nicht Abstand nehme. Sie liess sich nicht einschüchtern, und nach langwierigen Verhandlungen gelang es ihr, mithilfe eines Anwalts, die Scheidung durchzusetzen und das Sorgerecht für Salome zu erstreiten. Zum Vormund des Mädchens bestellte der Kleine Rat ihren älteren Bruder, Benedikt Preiswerk, der die väterliche Seidenbandfabrik übernommen hatte und Mutter und Tochter im elterlichen Haus zum Goldenen Falken am Nadelberg in Basel aufnahm.
Als geschiedene und alleinerziehende Frau erlitt Dorothea Staehelins gesellschaftliche Reputation Schaden. Ob sie darunter litt, liess sie sich nicht anmerken. Eines aber war unübersehbar: Die vordergründig stolze und kalte Frau blühte auf, wenn sie die Sommermonate, zusammen mit ihrer Tochter, fern der Stadt, auf Sankt Wendelin verbrachte.
Ihr Verhältnis zu Mathis blieb allerdings seltsam distanziert. Zwar sprachen sie unbefangen über Dinge, die den Betrieb betrafen, über Neuanschaffungen etwa oder Viehzucht, manchmal auch über Allgemeines, aber was sie als Kinder und Jugendliche verbunden hatte, schien zerstört. Sie nannte ihn «Ihr» und «Mathis». Er selber blieb beim nackten «Ihr». Die «Madame Staehelin» wollte ihm so wenig über die Lippen wie seinerzeit die «Jungfer Dorothea». Gleichwohl entging ihr nicht, wie er sie in Augenblicken, in denen er sich unbeobachtet fühlte, betrachtete. Sie schalt sich ein närrisches Wesen, wenn sie merkte, wie unsinnig sie sich darüber freute.
Sie liebte es, ihn bei der Arbeit zu beobachten. Mithilfe seiner beiden heranwachsenden Söhne Peter und Paul verarbeitete Mathis die Milch seiner drei Dutzend Kühe zu Butter und Käse, die er auf den Märkten in Waldenburg und Liestal verkaufte. Daneben betrieb er eine Schweinemast. Die Tiere fütterte er mit der Molke, die aus der Käseherstellung übrigblieb. Ausserdem besass er Schafe, ein Hühnervolk und zwei Pferde, die er gegen Entgelt seinem Schwiegervater, dem Fuhrunternehmer Emil Strub, auslieh, als zusätzlichen Vorspann für die schweren Deichselwagen, mit denen dieser Waren über den Oberen Hauenstein transportierte.
Jedes Jahr legte Mathis auf seinem Weideland einen neuen Acker an, auf dem er Dinkel, Hafer und Roggen ansäte. Das alte Feld überliess er dem Graswuchs. Im Gemüsegarten vor dem Haus pflanzte Barbara Bohnen, Lattich, Kresse, Spinat, Kabis, Kohl und Zwiebeln. An den Obstbäumen im Bungert wuchsen Kirschen, Äpfel, Birnen und Zwetschgen. Und aus dem nahen Wald holte man Pilze, Beeren und Nüsse. In den Abendstunden arbeiteten Barbara und ihre Töchter an den beiden Webstühlen, die in der Spinnstube standen, und verdienten so ein Zubrot für die Familie.
Im Frühsommer 1790 wurde die Wohnung im oberen Stockwerk von Barbara Jacob, Martha und Hanna gründlich gereinigt. Die Tücher, die das Mobiliar vor Staub geschützt hatten, wurden entfernt, denn Anfang Juni traf Madame Staehelin mit Salome auf Sankt Wendelin ein, zweispännig kutschiert von einem Bediensteten ihres Bruders Benedikt. Wie jedes Jahr standen die Jacobs – Vater, Mutter und die sechs Kinder – vor dem Haus und erwiesen der Besitzerin des Hofs, die in den nächsten Monaten mit ihnen unter demselben Dach leben würde, die Reverenz. Und wie jedes Jahr hatte diese Geschenke mitgebracht, dieselben wie immer: Tabak für Mathis, einen Likör für seine Frau Barbara und Süssigkeiten für die Kinder.
Madame Staehelin trug, dem sommerlich warmen Wetter entsprechend, eine Robe à la Chemise, ein hemdartiges, knöchellanges Kleid aus federleichtem, weissem Musselin. Ihr Gurt, ein aufwendig gewobenes, mit farbigen Mustern durchsetztes Seidenband aus der Fabrikation ihres Bruders, das sie im Rücken zu einer grossen Schleife gebunden hatte, betonte ihre schlanke Taille. Ihr dunkles, gewelltes Haar war bedeckt von einer weichen, ebenfalls mit einem Seidenband geschmückten Haube mit breiter Krempe, die ihr Gesicht halb verdeckte. Die sechsjährige Salome war ähnlich gekleidet wie ihre Mutter. Die beiden folgten Mathis, der dem Kutscher half, die Bagage in den ersten Stock zu tragen.
Samuel, der vor kurzem vier Jahre alt geworden war, schaute ihnen staunend nach. Sie sahen ganz anders aus als seine Mutter und seine Schwestern mit ihren dunklen Röcken und den mit Ärmeln versehenen Schnürmiedern, über denen sie Schürzen trugen. Obwohl man ihm gesagt hatte, dass Madame Staehelin und ihre Tochter schon im vergangenen Jahr hier gewesen waren, erinnerte er sich nicht mehr an sie.
Am nächsten Tag hatten Madame Staehelin und Salome die Musselinkleider gegen ähnliche Trachten ausgetauscht, wie sie Barbara und ihre Töchter trugen.
«Wir sind jetzt auf dem Land», bemerkte Dorothea, «und wollen uns nicht herausputzen.»
Salome, die entdeckt hatte, dass Hanna und Samuel keine Hüte tragen mussten und barfuss gingen, quengelte so lange, bis auch sie die Haube ablegen und ihre Schnürstiefelchen und Strümpfe ausziehen durfte. Die kleine Mamsell nahm den um zwei Jahre jüngeren Samuel, der sich ihr bereitwillig unterordnete, unter ihre Fittiche.
«Mir will scheinen», sagte Dorothea zu ihrem Pächter, der über den Hof schritt, «meine Tochter habe einen neuen Galan gefunden. Manchmal frage ich mich», fuhr sie fort, «ob Ihr Euch noch erinnert, dass wir als Kinder auch miteinander gespielt haben?» Sie sah ihm forschend ins Gesicht.
Er strählte mit den Fingern durch den schwarzen Bart. Ihre Frage war ihm unangenehm. «Ich habe in der Käserei zu tun», brummte er.
Sie sah ihm betroffen nach. Ob er ihr nicht verzieh, dass sie durch den Zufall ihrer Geburt zu jener Schicht gehörte, die Menschen wie ihn zum Stand der Leibeigenschaft verurteilte? Sie seufzte.
Dorothea glaubte, selber von ständischem Denken frei zu sein. Sie bestand darauf, auf Sankt Wendelin dasselbe zu essen wie die Jacobs: Das dunkle, von Barbara gebackene Brot, dazu Käse, ferner Gemüse aus dem Pflanzgarten, manchmal auch Fleisch und zur Nachspeise Beeren. Nach dem Vorbild von Jean-Jacques Rousseaus Émile sollte Salome ein Stück jener Natürlichkeit erfahren, die Dorothea, im Vergleich zum Leben im Stadtpalais ihres Bruders, als die wahrhaftigere Form des Daseins erschien.
Nicht ganz dazu passen wollte, dass ihr die inzwischen elfjährige Hanna auf Sankt Wendelin als Magd dienen musste. Das Mädchen hatte am Morgen als Erstes die Nachttöpfe von Madame und Salome zu leeren. Später war sie bei der Morgentoilette behilflich. Mit geschickten Händen flocht sie den dunkelbraunen Zopf, den Dorothea anschliessend à la Pompadour auf ihrem Scheitel feststeckte. Täglich fegte Hanna den Boden, denn man hielt im oberen Stockwerk auf Reinlichkeit. Ausserdem hatte sie Botengänge zu erledigen. Zu Dorotheas Vetter etwa, Pfarrer Theophil Grynäus, nach Waldenburg. Mit ihm tauschte Madame Bücher aus: Goethe, Schiller und Lessing, auch Diderot, Voltaire und eben – Rousseau. Letztere im Originaltext. Dorothea Staehelin sprach fliessend Französisch. Vetter und Base trafen sich regelmässig, um sich über ihre Lektüre zu unterhalten.
Wenn sie nicht las, unternahm sie ausgedehnte Spaziergänge, manchmal zusammen mit ihrer Tochter und dem kleinen Samuel. Meistens aber streifte sie, ausgestattet mit einer Botanisiertrommel, allein durch die Wälder am Nordhang des Oberen Hauensteins. In ihnen wuchsen neben den belaubten Buchen, Eichen, Sommerlinden und Mehlbeerbäumen auch Fichten, Eiben, Föhren und Edeltannen. Wo die Sonne durchs Geäst brach, fand sie, je nach Bodenbeschaffenheit, den leuchtend roten Pyramiden-Hundswurz, das violette Knabenkraut, den Berg-Seidelbast und die Alpenhagrose. Sie pflückte einzelne Blumen, die sie zu Hause presste. Auf einem Herbarbogen, der ihre lateinische Bezeichnung und Angaben über den Fundort enthielt, wurden sie später in ihre Sammlung aufgenommen. Daneben malte sie mit Wasserfarben Pflanzen, die ihr besonders gefielen.
Dorothea genoss die ländliche Idylle, während jenseits der Grenzen des Freistaats Basel ein Sturm aufzog. Wenn er sich ausbreitete, konnte er die Weltordnung auf den Kopf stellen. Als vor einem Jahr, im Juli 1789, die aufständische Bevölkerung von Paris die Bastille erstürmte, etwas später die französischen Standesprivilegien abgeschafft wurden und die Nationalversammlung eine Art Volksherrschaft erzwungen hatte, waren adelige Emigranten auf ihrer Flucht durch Basel gekommen. Man hatte sich wochenlang über die Sundgauer Bauern erregt, die Schlösser in Flammen aufgehen liessen und die Bezahlung von Zinsen und Zehnten verweigerten. Dorotheas Bruder Benedikt, der Besitzungen im Elsass hatte, hatte Verluste erlitten. Ob die Baselbieter Bauern auch zu solchen Aufständen fähig wären? Mathis Jacob? Sie wusste, dass er einen tiefen Groll gegen die Obrigkeit hegte. Aber sie wagte nicht, ihn zu fragen. Er selber äusserte sich nicht zu den Vorgängen in Frankreich.
Jener Teil der städtischen Oberschicht, der sich in den Reformgesellschaften traf und das Gedankengut der Aufklärung diskutierte, war überzeugt, dass man handeln müsse. Der Ratsherr Abel Merian, der mit den neuen Ideen sympathisierte, hatte mit vor Pathos bebender Stimme gefordert, die Barbarey des Mittelalters zu beenden und die Leibeigenschaft der Untertanen draussen in der Landschaft aufzuheben. Das war vor bald neun Monaten gewesen. Aber noch immer hatte man im Grossen Rat nicht über den Antrag entschieden.
3
Sankt Peter, die einzige Kirche der Talschaft, lag flussabwärts, unterhalb von Oberdorf. Am Sonntag nach ihrer Ankunft begleitete Dorothea Staehelin Barbara Jacob und deren drei älteste Kinder in den Gottesdienst. Heute war Anwesenheit Pflicht, denn die Männer des Amtes Waldenburg hatten vor dem neuen Landvogt Hans Jakob Müller den Huldigungseid abzulegen. Mathis war allerdings nicht mitgekommen. Er habe sich nachts mehrmals übergeben müssen, berichtete seine Frau. Ausserdem quälten ihn heftige Kopfschmerzen. Auch Salome und Samuel waren, unter der Obhut von Hanna, zu Hause geblieben.
Amüsiert beobachtete Dorothea, wie Müller, ein kleiner, gedrungener Mensch, hoch aufgerichtet auf dem für ihn reservierten Stuhl im Chor der Kirche sass. Er war Meister der Zunft zu Metzgern in Basel. Durch einen Losentscheid war ihm für acht Jahre die Herrschaft über das Amt Waldenburg in den Schoss gefallen. Er trug einen schwarzen Mantel, schwarze Kniehosen und schwarze, seidene Strümpfe. Den Ratsherrenhut hielt er auf den Knien. Das Kinn in die gefältelte spanische Halskrause gedrückt, betrachtete er misstrauisch seine Untertanen. Dorothea wusste, dass bei der Besetzung von einträglichen Stellen im Freistaat Basel in der Vergangenheit ein unschöner Ämterschacher üblich gewesen war. Neuerdings liess man sich bei der Vergabe von Landvogteien vom Zufall leiten – nach dem Grundsatz, wonach Gott jenen, denen er ein Amt gibt, auch den notwendigen Verstand schenkt.
Ihr Vetter, der Pfarrer, hatte an diesem Tag auf Anordnung des Antistes einen Text aus dem Römerbrief auszulegen: Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet. Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Ordnung; die aber widerstreben, werden über sich ein Urteil empfangen.
Während er predigte, fragte sich Dorothea, ob es Theophil Grynäus, mit dem sie zuweilen geistreiche Gespräche über Freiheit und Menschenrechte führte, nicht genierlich war, von seiner Gemeinde bedingungslosen Gehorsam gegenüber dem Bürgermeister, dem Oberstzunftmeister und dem Landvogt zu verlangen.
Nachdem er endlich zum Schluss gekommen war, sprach er den Männern der Talschaft, die sich erhoben hatten, den Treueeid vor, den sie Wort für Wort dumpf nachbeteten.
Hans Jakob Müller stand vor dem Altartisch und schien in den verschlossenen Gesichtern seiner Untertanen nach Widerborstigkeiten zu suchen. Die Hand auf dem Zierdegen an seiner Rechten war er bereit, sie im Keim zu ersticken. Ein kleiner, kampfbereiter Mann. Was für ein aufgeblasener Frosch, dachte Dorothea halb belustigt, halb ärgerlich. Sie war froh, dass Mathis nicht an diesem Ritual der Unterwerfung hatte teilnehmen müssen.
Theophil Grynäus war wie so viele zweit- und drittgeborene Söhne von Basler Handelsherren, denen es nicht vergönnt war, das väterliche Geschäft zu übernehmen, vor die Wahl gestellt worden, Offizier in fremden Diensten oder Geistlicher zu werden. Der durch und durch unkriegerisch gesinnte Mensch hatte sich für Gott entschieden und war nach seinem Theologiestudium vom Rat als Pfarrer in Waldenburg eingesetzt worden. Er hätte es schlechter treffen können. Wie seine Amtsvorgänger lebte er im Schönthaler Hof, dem «Steinernen Haus», wie man es im Ort nannte. Es lag in der Nordwestecke der Stadtbefestigung. Ein mächtiger, zweigeschossiger Bau, der durch einen Toreingang über den Hof zugänglich war. Ursprünglich hatte das Haus, das zu den ältesten im Städtchen gehörte, wohl als Adelssitz gedient. Er war verwitwet. Eine Magd besorgte ihm den Haushalt und kümmerte sich um seine vier Kinder. Für die kleine pfarrherrliche Landwirtschaft war ein Knecht zuständig.
Wie von jedem Pfarrer in der Landschaft erwartete die städtische Obrigkeit auch von ihm, dass er sie regelmässig über mögliche Unruhestifter in seiner Herde informierte. Da jetzt zu befürchten war, die Baselbieter könnten sich die aufrührerischen Sundgauer Bauern zum Vorbild nehmen, war das Misstrauen der Gnädigen Herren besonders gross. Grynäus richtete seine akkurat verfassten Schreiben an den Münsterpfarrer, der als Antistes Vorgesetzter aller Geistlichen im Kanton war. Die Berichte wurden an die Staatskanzlei weitergeleitet, wo man entsprechende Massnahmen gegen unbotmässige Untertanen ergriff.
Schon vor ein paar Tagen hatte Theophil Grynäus seine Base eingeladen, nach dem sonntäglichen Gottesdienst das Mittagessen mit ihm im Schönthaler Hof einzunehmen. Jetzt sass man bei Tisch in der Halle unter der Balkendecke, die mit Blumen, Granatäpfeln, Trauben und einem Hirsch bemalt war. Die Haushälterin hatte einen Braten zubereitet. Dazu gab es Kartoffeln und Apfelschnitze.
Nach dem Essen schickte der Pfarrer seine Jungmannschaft in den Hof zum Spielen und bat Dorothea zu einem Gespräch unter vier Augen in seine Studierstube. «Es geht um deinen Pächter», sagte er, als sie Platz genommen hatte. «Im Schloss oben verdächtigt man ihn der Ketzerei.»
Dorothea lachte. «Das kann nicht sein. Mathis ist ein braver Mann, der jeden Sonntag in die Kirche geht. Er hat alle seine Kinder taufen lassen und schickt sie auch in die Kinderlehre.»
«Ich weiss», seufzte der Pfarrer. «Gleichwohl hat mich der Landvogt beauftragt, der Sache nachzugehen. Er hat sogar gedroht, andernfalls selber die Obrigkeit zu orientieren.» Er schaute seine Base an. «Ich frage dich nun ganz direkt: Ist Mathis ein Täufer, wie sein Vater Johannes einer war? Und bevor du jetzt etwas sagst», schob er eilig nach, «musst du wissen, dass er sich regelmässig mit ein paar anderen Bauern in einem Hauskreis trifft, wo man die Bibel liest und das Wort Gottes auslegt.»
Davon wusste Dorothea nichts. «Wer hat dir das erzählt?»
«Heinrich Bidert, der Schuhmacher, der in Bärenwil bei Langenbruck lebt. Er nimmt in meinem Auftrag an diesen Konventikeln teil und berichtet mir darüber.»
«Du lässt die Mitglieder deiner Gemeinde heimlich überwachen?» Dorothea schaute ihn ungläubig an.
«Das gehört zu meinem Hirtenamt.» Grynäus zitierte aus dem Lukasevangelium: «Welcher von euch, wenn er hundert Schafe hat, und verliert eines von ihnen, lässt nicht die neunundneunzig in der Wüste, und gehet dem verlorenen nach, bis er es findet?»
Dorothea stellte sich den kleinen, rundlichen Vetter als Hirten vor und ihren Pächter, der ein stattliches Mannsbild war, als verlorenes Schaf. Nur mit Mühe konnte sie ein Lächeln unterdrücken. Natürlich wusste sie um den täuferischen Hintergrund der Jacobs. Tatsächlich gab es viele reiche Basler, die, wie ihr Vater, ihre Sennhöfe in der Landschaft am liebsten an Mennoniten verpachteten. Diese standen im Ruf, zuverlässig und fleissig zu sein. Ihr Glaube störte nicht, solange sie ihre Zinsen pünktlich bezahlten. Es erschien ihr als Anachronismus, jemanden als Ketzer zu bezeichnen, nur weil er einem etwas abweichenden Glauben anhing. «Aber Theophil», tadelte sie den Cousin, «denk an unsere Diskussionen über die Dichter und Denker, die in deinem Bücherregal stehen. Ich kann nicht glauben, dass du dich dafür hergeben magst, deine Schäfchen auszuspionieren.»
«Der Herr Landvogt und der Herr Antistes in Basel …» Grynäus, der wenig mutig und überdies obrigkeitsgläubig war, rang die Hände. Das Gespräch war ihm peinlich. «Mathis Jacob war heute nicht in der Kirche, als die Treue zur Stadt beschworen wurde. Der Herr Landvogt hat von mir verlangt, eine Liste jener Männer zu erstellen, die an der Zeremonie fehlten. Während des Gemeindegesangs habe ich seinen Auftrag erledigt. Mathis Jacob war nicht da!» Grynäus schaute seine Base herausfordernd an.
«Du wirst ihn von deiner Liste streichen! Er ist krank.»
«Ob das der Landvogt glauben wird?»
«Da gibt es nichts zu glauben. Er steht nicht auf deiner Liste, sonst sind wir geschiedene Leute.»
Grynäus blieb hartnäckig: «Immerhin hat dein Pächter den Ruf, wider den Stachel zu löcken. Du weisst: Man hat ihn auch schon einmal mit Kerkerhaft bestrafen müssen.»
«Mach dich nicht lächerlich.» Wie immer, wenn sie sich ärgerte, vertieften sich die zwei Falten über Dorotheas Nasenwurzel. «Erstens liegt die Sache fünfzehn Jahre zurück, und zweitens war das eine Schikane, an der mein Vater, Gott möge ihm verzeihen, ein gerütteltes Mass an Mitschuld trägt. Wie kommt der hochwohlgeborene Metzgermeister überhaupt dazu, von diesen Dingen zu wissen?»
«Das Schlossarchiv hat ein langes Gedächtnis. Nach seiner Ankunft in Waldenburg hat er sich alle Akten, die Strafsachen betreffen, vorlegen lassen. Wenn sich jetzt noch herausstellen sollte, dass er ein Ketzer ist, gerät er in Schwierigkeiten. Ich habe gehofft, dass du mir bestätigst, dass Mathis Jacob kein Täufer ist. Dann könnte ich mich in meinem Bericht auf dich berufen. Am Wort einer geborenen Preiswerk wird der Landvogt nicht zu zweifeln wagen.»
«Das würde dir so passen, die Verantwortung auf ein Frauenzimmer abzuschieben.» Wieder war eine gewisse Schärfe in ihrer Stimme. Und mit leisem Spott fuhr sie fort: «Wie du richtig gesagt hast: Du bist sein Hirte, also wirst du selber auch Zeugnis für seine brave Gesinnung ablegen. Lass deinen Knecht die Chaise anspannen, und fahr mit mir nach Sankt Wendelin. Dann kannst du ihn gleich selber fragen.»
Eine Stunde später sassen sie in der Stube von Sankt Wendelin: Mathis Jacob, der offenbar wieder munter war, seine Frau Barbara, Dorothea Staehelin und Pfarrer Grynäus. Martha, Peter und Paul hatten noch im Städtchen bleiben dürfen und würden später heimkehren. Hanna war angewiesen worden, im oberen Stockwerk auf Salome und Samuel aufzupassen. «Macht keinen Lärm!», hatte ihnen Madame eingeschärft. «Wir haben hier wichtige Dinge zu besprechen.»
Mathis war Theophil Grynäus unheimlich. Er war grösser und kräftiger als der Geistliche, und mit seinem vollen, dunklen Haarschopf und dem Bart, die sein markantes Gesicht umrahmten, schien er ihm bedrohlich. Jetzt schwieg er und wartete darauf, was Grynäus zu sagen hatte.
Der schaute um Hilfe heischend zu seiner Base. Ein spöttisches Lächeln spielte um ihre Lippen.
Der Pfarrer gab sich einen Ruck. «Ich will nicht drum herumreden, Mathis. Es geht das Gerücht, dass du zu den Täufern gehörst.»
«Unsinn!» Der Bauer sah Grynäus durchdringend an.
«Unsinn? Das musst du mir genauer erklären.» Und hastig: «Der Herr Landvogt hat mir den Auftrag gegeben, über dich einen Bericht zu schreiben.»
«Ihr wisst genau, dass ich getauft bin und dass Ihr selber meine Kinder getauft habt. Ich und die Meinen kommen Sonntag für Sonntag zur Kirche. Mein Vater war ein Taufgesinnter. Ich bin es nicht.»
«Der Herr Landvogt scheint dir nicht zu glauben.»
«So, er glaubt mir nicht?» Mathis erhob sich und trat ans Fenster.
Grynäus duckte sich, als er an ihm vorbeiging. Von dem Mann ging eine versteckte Gewalttätigkeit aus, die ihn ängstigte.
«Wenn er meinem Wort nicht vertraut», sagte der Bauer und schaute hinaus auf die Weide, «kann man nichts machen. Was wollt Ihr?» Er kehrte sich um und schaute den Pfarrer an. «Möchtet Ihr, dass ich einen heiligen Eid schwöre? Oder geht es Euch gar nicht darum? Möchtet Ihr und Euer Landvogt mich und meine Familie vom Hof vertreiben, wie es die Gnädigen Herren von Bern mit meinen Vorfahren getan haben?»
«Mathis, bitte», versuchte ihn seine Frau zu beschwichtigen.
Er wischte ihren Einwand mit einer Handbewegung weg. «Wie lange noch glaubt Ihr und Euresgleichen, über unser Gewissen bestimmen zu können?» Er schaute Grynäus feindselig an. «Selbst wenn ich Täufer wäre, so wäre das eine Sache, die ich allein vor Gott zu verantworten hätte. Die Menschen werden frei und gleich an Rechten geboren und bleiben es. Das schliesst unserer Meinung nach auch das Recht auf den freien Glauben ein.»
Dorothea Staehelin hob den Kopf. Sie besass ein Exemplar der Droits de l’Homme et du Citoyen. Mathis hatte von «uns» gesprochen. Dass auch die Untertanen in der Basler Landschaft die Menschenrechte lasen und sogar daraus zitierten, verblüffte sie.
Der Pfarrer war schockiert. «Woher hast du das?»
«Glaubt Ihr, wir wüssten nicht, was in Frankreich geschieht?»
Grynäus verschlug es die Sprache. War man schon so weit? Musste man bei den eigenen Untertanen mit Gewalt und Rebellion rechnen? Der Pfarrer stand auf. Auf seiner Stirn standen Schweisstropfen. «Ich sehe schon, du bist kein Täufer, du bist ein Revoluzzer. Ich werde dies dem Herrn Landvogt mitteilen müssen.»
«Nichts wirst du!», zischte Dorothea. Und dann fuhr sie auf Französisch fort: «Was Mathis sagt, ist genau das, was auch du mir gesagt hast, als wir das letzte Mal über die Menschenrechte und die verknöcherte Herrschaft in Basel diskutiert haben. Wenn ein Wort über dieses Gespräch nach aussen dringt, wenn du es wagen solltest, Mathis Jacob zu denunzieren, wenn du erwähnst, dass er heute beim Huldigungseid nicht anwesend war, werde ich deine Vorgesetzten über deine Lektüre und deine aufrührerischen Reden ins Bild setzen, und dann wird es mit deiner Pfarrherrenherrlichkeit im schönen Waldenburg ein rasches Ende nehmen.»
«Dorothea!» Er schaute seine Base entsetzt an.
«Mathis Jacob ist mein Pächter», sagte sie jetzt wieder im Dialekt, «und ich lasse nicht zu, dass ihm ein Leid geschieht.»
Noch während sie dem Vetter zornig in die Augen starrte, hörte man einen Schrei, dann wurde die Tür zur Stube aufgerissen.
«Sämi», stammelte Hanna. Sie war kreidebleich.
Hinter ihr stand Salome. Auch ihr war der Schrecken ins Gesicht geschrieben. «Er ist tot.» Sie stürzte zu ihrer Mutter und vergrub schluchzend den Kopf an ihrer Brust.
4
So schnell sie konnte, lief Hanna über den Waldweg zur Chlusweid hinauf. Tränen flossen über ihre Wangen. Einmal stolperte sie über eine der knorrigen Flachwurzeln und fiel hin. Sie rappelte sich hoch, ohne auf die blutig geschürften Ellenbogen zu achten. Sie lief weiter, immer weiter. Nur einmal blieb sie kurz stehen und rang nach Atem, dann rannte sie wieder. In der Hand hielt sie das Papier mit der Nachricht von Madame Staehelin, die sie Doktor Alioth übergeben sollte.
«Sag ihm, er soll sich beeilen, vielleicht kann er Samuel retten», hatte sie gesagt. «Und nun lauf. Es geht um Leben und Tod!»
Hanna hatte im oberen Stockwerk die Kinder hüten müssen. «Seid leise», hatte sie gesagt, immer wieder: «Seid leise, wir dürfen die Erwachsenen nicht stören.» Aber Salome und Sämi hatten ihr nicht gehorcht. Sie waren übermütig gewesen, hatten begonnen, Fangen zu spielen und sich gegenseitig durch die Wohnung gejagt. Hanna war ihnen nachgerannt, hatte sie beschworen ruhig zu sein, aufzuhören, hatte gefleht und gedroht. «Sämi!», hatte sie gerufen und «Mamsell Salome!» Vergeblich. Für die beiden war ihre Aufregung ein zusätzlicher Anreiz, Teil des Spiels. Dann endlich hatte sie den kleinen Bruder am Arm erwischt. Sie standen am oberen Ende der Treppe. Sie hielt ihn fest, aber er konnte sich losreissen – und stürzte kopfvoran die Treppe hinunter. Zweimal überschlug er sich. Dann blieb er am Fuss der Treppe liegen. Bewegungslos. Aus seinem Mund und den Ohren floss Blut. Hanna hatte laut geschrien.
Starr vor Schreck waren Vater und Mutter vor dem kleinen, regungslosen Körper gestanden. Der Pfarrer hatte sich im Hintergrund gehalten. Madame Staehelin aber hatte sich von der weinenden Salome gelöst und war neben Sämi auf den Boden gekniet. Sie hatte ihr Ohr an seine Brust gelegt, hatte seinen Puls gefühlt und schliesslich gesagt: «Er lebt noch». Dann hatte sie Anweisungen erteilt: «Ihr, Barbara, müsst das Bett in der leeren Kammer in meiner Wohnung frisch beziehen. Sobald das getan ist, werdet Ihr, Mathis, Euer Kind ganz vorsichtig hinauftragen. Ich denke, dass sein Kopf nicht bewegt werden darf. Und du», sie hatte sich an Hanna gewandt, «wirst nach Langenbruck laufen, zu Doktor Alioth. Du bittest ihn, so rasch wie möglich hierher zu kommen. Ich gebe dir ein paar Zeilen mit. Wenn er fragt, wie es Samuel geht, so sagst du ihm, er sei die Treppe hinuntergefallen. Er habe die Besinnung verloren und blute aus dem Mund und den Ohren.»
«Er lebt noch», hatte sie gesagt. Hanna klammerte sich an dieses «noch». Inzwischen hatte sie das ehemalige Kloster Schönthal erreicht, das vor vielen hundert Jahren, mitten in der bewaldeten Hügellandschaft am Oberen Hauenstein, erbaut worden war. Abermals blieb sie stehen, um Atem zu schöpfen. Ihr Blick fiel auf die Fassade der Kirche. Über dem Torbogen war ein Lamm zu erkennen, das auf seinen Schultern ein Kreuz trug. Links davon war eine Muttergottes samt Jesuskind in den gelben Sandstein gehauen.
Hanna wusste, dass sich die Katholiken drüben im Solothurnischen an die Jungfrau Maria wandten, wenn sie ein Herzensanliegen hatten. Pfarrer Grynäus hatte in der Kinderlehre erklärt, das sei eine Art Götzendienst. Wer den wahren, reformierten Glauben habe, könne sich direkt Gott oder Jesus anvertrauen. Ergriffen von der Innigkeit, mit der Maria das Kindlein in ihrem Schoss betrachtete, schickte Hanna aber auch zu ihr ein Stossgebet. «Lass lieber mich sterben als ihn», flüsterte sie.
Doktor Alioth und seine Frau sassen bei einer Tasse heisser Schokolade und einem Stück Kuchen unter dem grossen Apfelbaum vor ihrem Haus und genossen den Frühsommernachmittag. Karl Alioth war gegen fünfzig Jahre alt. Seine ehemals blonde, inzwischen silbergraue Lockenpracht hatte sich an der Stirn ziemlich gelichtet. Aus seinem runden Gesicht blickten, umrahmt von unzähligen Lachfältchen, zwei kluge blassblaue Augen. Sie weiteten sich erstaunt, als Hanna Jacob durch seinen Garten stürmte und mit hochrotem Kopf, schwitzend und verheult, vor ihm stehen blieb. Vor elf Jahren war er wegen ihr geholt worden, da ihre Geburt mit Komplikationen verbunden gewesen war. Seither hatte er sich ab und zu nach ihrer Entwicklung erkundigt.
«Du bist ja ganz ausser dir, Kind», sagte seine Frau. «Was ist denn geschehen?»
«Sämi!», stiess Hanna hervor, und dann wurde sie von einem Weinkrampf geschüttelt.
Der Doktor strich ihr beruhigend übers schweissnasse Haar. «Nun sag schon, was mit dem Brüderchen ist.»
«Er stirbt», schluchzte Hanna. Sie reichte ihm das zerknüllte Blatt, das ihr Madame Staehelin mitgegeben hatte.
Karl Alioth las die Zeilen. «Er ist also die Treppe hinuntergestürzt?»
«Er ist ohne Besinnung und blutet aus den Ohren und dem Mund und der Nase, soll ich Euch ausrichten», stammelte das Mädchen.
Der Doktor nickte. «Sag dem Knecht, er soll das Pferd satteln», bat er seine Frau. «Ich werde inzwischen die Tasche mit den Medikamenten holen. Und dich nehme ich zu mir aufs Pferd», sagte er zu Hanna. «Unterwegs kannst du mir dann nochmals genau erzählen, was passiert ist.»
Die nächsten Tage wurden für Hanna zu einem einzigen Albtraum. Sämi lag in einer verdunkelten Kammer in Madame Staehelins Wohnung. Der Doktor hatte einen Schädelbruch diagnostiziert und verschiedene Anordnungen getroffen. Er hatte Madame ein Fläschchen mit einer Opiumtinktur gegeben und sie angewiesen, Samuel alle paar Stunden davon fünf Tropfen einzuträufeln. Es gehe darum, ihn stillzulegen, er dürfe sich so wenig wie möglich bewegen. Nur sie dürfe zu ihm. Vielleicht noch ab und zu die Mutter, sonst aber niemand. Samuel brauche Ruhe, absolute Ruhe, ausserdem höchstens Dämmerlicht. Er dürfe auch keine feste Nahrung bekommen. Fleisch- und Gemüsebrühe, das schon, und vor allem Schafgarbentee, den man auch Blutstilltee nenne oder, wie das seine Mutter getan habe, «Heil der Welt». Man müsse ihn mit Honig süssen, denn er schmecke bitter. Aber die zarten, weissen Blüten, die man auf jeder Wiese finde, würden das Blut reinigen und den Kreislauf anregen, hatte er erklärt. Im Übrigen müsse man der Natur ihren Lauf lassen. Wie sich die Sache entwickle, liege in Gottes Hand. Samuel könne sterben oder genesen. Aber auch dann müsse man abwarten, ob keine Schädigung des Hirns zurückbleibe. «Aber davon sagt Ihr den Eltern besser nichts», hatte er Madame Staehelin geraten. «Falls das Schlimmste eintrifft, werden sie es noch früh genug erfahren.» Er selber werde regelmässig vorbeikommen, um nach dem Kleinen zu sehen.
Die Eltern kam es hart an, ihren Jüngsten in der Obhut und Pflege von Madame Staehelin zu belassen, aber sie wagten nicht, gegen die Anweisungen des Doktors aufzubegehren. Beim Abendbrot schöpfte die Mutter schweigend den Haferbrei aus der Schüssel. Alle erhielten ihre Portion. Nur Samuels Teller, den Barbara aufgetischt hatte, blieb leer. Sie mochte sich einreden, solange man auch für den Jüngsten den Tisch decke, bleibe er am Leben. Für Hanna allerdings war dieser leere Teller ein stummer Vorwurf. Niemand sprach mit ihr. Niemand beachtete sie, als Tränen auf ihren Brei tropften. Sie würgte ihr Essen hinunter. In der Nacht weinte sie sich in den Schlaf. Sie biss ins Kissen, um Martha, die mit ihr die Kammer teilte, nicht aufzuwecken. «Hättest du nicht besser aufpassen können?», hatte die grosse Schwester gefragt.
«Hättest du nicht besser aufpassen können?», wollten am nächsten Morgen die beiden Brüder, Peter und Paul, wissen.
Der Vater sagte nichts. Er schaute sie nur an. Vorwurfsvoll? Hanna war überzeugt, dass er ihr die Schuld an Sämis Unfall gab. Sie täuschte sich. Mathis Jacob, dessen heimlicher Liebling sie war, ahnte, wie es in seiner Tochter aussah. Er hätte es aber weder ausdrücken können, noch hatte er je gelernt, dass man anderen mit einem guten Wort wenigstens einen Teil der Last, die jetzt seine eigene Tochter zu erdrücken drohte, von der Seele nehmen konnte.
Auch die Mutter sprach nicht mit ihr. Sie behandelte sie wie Luft. «Sag ihr», wies sie Martha an, «sie soll hinaufgehen und ihre Arbeit machen.»
Hanna schlich mit hängendem Kopf davon. Am Fuss der Treppe waren noch Blutflecken. Sie holte draussen am Brunnen einen Kessel Wasser und schrubbte den Boden, bis nichts mehr zu sehen war.
Madame Staehelin stand oben und schaute ihr zu. Dann befahl sie ihr, die Nachttöpfe zu leeren und die Wohnung zu putzen. «Später gehst du mit Salome nach draussen und pflückst mit ihr einen Strauss Schafgarben. Ich brauche die Blüten für Samuel.» Ihre Stimme klang wie immer, gleichgültig, so, wie man eben mit einer Magd sprach.
«Wie geht es ihm?», wagte Hanna zu fragen.
«Er hat die Nacht überstanden. Geh jetzt an deine Arbeit.» Die Frau verschwand in der Kammer, in der Sämi lag.
Hanna quälte sich mit Vorwürfen. Hätte sie den Kleinen doch nicht am Arm festgehalten, dann hätte er sich nicht losreissen müssen und wäre nicht die Treppe hinuntergestürzt. Wenn sie nach Waldenburg hinuntergeschickt wurde, um bei Pfarrer Grynäus die von Madame Staehelin gelesenen Bücher zurückzugeben und neue mitzunehmen, so drückte sie sich mit gesenktem Kopf den Häusern entlang durch die Strassen. Sie war überzeugt, gezeichnet zu sein, so wie Kain, der seinen Bruder Abel erschlagen hatte, von Gott gezeichnet worden war. Sie glaubte, jedermann könne erkennen, dass sie schuldig war.
Nachts schreckten sie Träume aus dem Schlaf, der sie nur für kurze Zeit erlöste. Immer wieder überschlug sich Sämi vor ihren Augen auf der Treppe und blieb regungslos liegen. Manchmal schrie sie auf. «Sei still!», fauchte dann Martha, die schlafen wollte. Hanna mochte kaum mehr essen. Niemand kümmerte sich darum.
Einmal, als er auf Krankenvisite kam, bemerkte der Doktor das Mädchen, das im Hof stand und ihn mit grossen Augen verzweifelt ansah. «Was ist denn mit dir, Hanna?», fragte er, erschreckt über ihr blasses Aussehen. «Du wirst doch nicht etwa auch krank sein?»
Es war seit Tagen das erste Mal, dass jemand ein Wort an sie richtete, in dem eine gewisse Wärme lag. Sie schlug die Hände vors Gesicht und begann zu weinen.
«Na, na», brummte der Arzt. Er legte den Arm um ihre schmalen Schultern, führte sie zur Bank vor dem Haus und liess sie neben sich ausweinen. «Willst du mir nicht sagen», fragte er endlich, «was dir so grossen Kummer macht?»
«Ich bin schuld, wenn Sämi stirbt!», brach es aus ihr heraus, und schniefend erklärte sie dem Doktor, dass sie doch nicht gewollt habe, dass der Bruder die Treppe hinunterfalle. Sie habe doch versucht, ihn zurückzuhalten.
Der Arzt, der ein einfühlsamer Mensch war und wusste, wie sehr sich eine Kinderseele quälen konnte, zog Hanna näher an sich und strich ihr über den Kopf. «Du bist nicht schuld.» Er betonte jedes einzelne Wort. «Du bist nicht schuld.»
Er blieb noch eine Weile neben ihr sitzen. «Ich muss jetzt zu deinem kleinen Bruder», sagte er schliesslich. «Er wird den Schädelbruch überleben, aber ich weiss noch nicht, ob er sich völlig erholt.» Dann fasste er Hanna unter dem Kinn und zwang sie, ihn anzuschauen. «Aber denk immer daran: Du bist nicht schuld.» Er strich ihr nochmals über den Kopf und stand dann auf.
Eine halbe Stunde später beobachtete Hanna, wie der Doktor unter der Haustüre mit den Eltern und Madame Staehelin sprach. Sie sahen immer wieder zu ihr hinüber. Als er ging, winkte er ihr zu.
Von da an redete die Mutter wieder mit ihr. Sie tat, als sei nichts geschehen. Auch der Vater strich ihr jetzt wieder ab und zu über die Wangen, so verlegen wie vor dem Unglück, denn er hatte seine Gefühle nie zeigen können. Hanna lächelte verstohlen. Zum ersten Mal seit langem.
Und dann, vier Wochen nach dem schrecklichen Unfall, kam jener Tag, an dem Madame Staehelin die Tür zu Samuels Kammer öffnete und Hanna zu sich rief. «Der kleine Mann scheint jetzt wieder hergestellt zu sein. Jedenfalls hat er mich erkannt und dann nach dir verlangt. ‹Wo ist Hanna›, hat er als Erstes gefragt. Er will dich sehen, nicht die Mutter, nicht den Vater, nur dich.»
5
Zu Silvester 1790 lag das Land am Oberen Hauenstein unter einer dicken Schneedecke. Auf den Waldweiden waren Spuren von Wildtieren zu erkennen, die sich nachts, getrieben von der Hoffnung auf etwas Essbares, in die Nähe des Hofs wagten. Die bizarren Felsformationen auf der Gerstelfluh trugen weisse Kappen. Auch auf den Ästen der Bäume lag Schnee.
Tags zuvor war überraschend Dorothea Staehelin mit Salome eingetroffen. Die Kutsche ihres Bruders hatte in Waldenburg umkehren müssen. Die Passstrasse war vereist und nicht befahrbar. So waren sie, in Begleitung des Knechts von Pfarrer Grynäus, der ihr Gepäck trug, zu Fuss nach Sankt Wendelin hinaufgestiegen. Sie wolle das alte Jahr auf ihrem Hof ausklingen lassen und hier auch die ersten Tage des neuen verbringen, hatte sie gesagt.
Mathis befahl Hanna, den Kachelofen in der oberen Wohnung einzuheizen. Einstweilen wärmten sich Mutter und Tochter in der Stube der Jacobs auf. Während Barbara Glühwein und Gebäck auftischte, kramte Madame Staehelin die üblichen Geschenke aus ihrer grossen Reisetasche: Tabak, Likör und Süssigkeiten. Für Samuel aber hatte sie etwas Besonderes mitgebracht: eine für seine Grösse passende Uniform der Basler Landmiliz mit dunkelblauen Hosen und einem dunkelblauen Frack mit scharlachroten Auf- und Überschlägen. Dazu einen schwarzen Dreispitz, Gamaschen, ein weisses Bandelier sowie Flinte und Säbel aus Holz. Sie half Samuel, die Sachen anzuziehen. «Ist er nicht ein süsser Soldat, mein kleiner Goldschatz?», wandte sie sich an die Eltern. «Er wird gewiss einmal ein schmucker Offizier.»
Mein kleiner Goldschatz. Mein! Barbara Jacob hob die Brauen. Dorothea bemerkte es nicht. Sie liess den kleinen Burschen in der Stube auf und ab marschieren. «Links – links – links!», kommandierte sie lachend. Salome klatschte in die Hände.
«Das sollte jetzt reichen. Er wird das Exerzieren noch früh genug verfluchen», sagte schliesslich Mathis. «Und Offizier wird er auch nicht, höchstens Sergeant.» Er wusste, wovon er sprach. Es gehörte zu den Pflichten der leibeigenen Baselbieter, im Krieg ihre Haut für die Obrigkeit zu Markte zu tragen. Jeder Mann zwischen dem sechzehnten und sechzigsten Altersjahr hatte in einem der beiden Regimenter der Landmiliz Dienst zu leisten. An bestimmten Sonntagen wurden sie nach der Predigt auf dem Gemeindeanger gedrillt. Die Offizierslaufbahn war ausschliesslich Stadtbürgern vorbehalten.
Mit Ausnahme von Salome und Samuel, die man in der Obhut von Hanna zurückliess, nahmen die Leute von Sankt Wendelin in der Silvesternacht den weiten Weg zur Kirche unter die Füsse.
Pfarrer Grynäus legte seiner Predigt Vers acht aus dem siebten Kapitel des Matthäusevangeliums zugrunde: Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Er zitierte aus dem Bittbrief, den die Liestaler Bürgerschaft im Juli des vergangenen Jahres an die Basler Obrigkeit gesandt hatte, in dem sie den vor Monaten eingereichten und immer noch nicht behandelten Antrag des Ratsherrn Abel Merian unterstützten und unsere Gnädigen Herren demüthigst gebeten hatten, Hochdieselben möchten dero Unterthanen die Leibes Freÿheit und mit Verbundenes in Gnaden schenken.
«Denn wer da bittet, der empfängt», wiederholte Theophil Grynäus den Predigttext, um dann mit bewegter Stimme zu erklären, der Rat der Stadt Basel habe vor vier Tagen, am 27. Dezember 1790, beschlossen, dass die Leibeigenschaft, mit welcher die Landleute der Stadt zugethan sind, aufgehoben und zernichtet sey und sie nebst ihren Nachkommen auf immer leibsfreye Unterthanen erklärt seyn.
Grynäus hielt inne und liess den Blick über seine Gemeinde schweifen. Erwartete er Beifallskundgebungen? Auch der Landvogt musterte neugierig die Gesichter der Leute, in denen weder Freude noch Ablehnung erkennbar waren.
Dorothea Staehelin war berührt. Ihr schien, die Obrigkeit habe mit der Abschaffung der Leibeigenschaft die Zeichen der Zeit erkannt und das wichtigste Postulat der Menschenrechte erfüllt. Sie suchte unter den Gläubigen, drüben auf der Männerseite, ihren Pächter, dem sie die neue Freiheit von Herzen gönnte. Aber Mathis Jacob hatte die Arme vor der Brust verschränkt und starrte finster zum Pfarrer hinauf. Und als dieser zögernd hinzufügte, dass alle bisherigen Verpflichtungen der Landleute gegenüber der Stadt auch in Zukunft zu erfüllen seien, lächelte er spöttisch.
Als Mathis am Neujahrsmorgen 1791 mit zwei grossen Kesseln Milch aus dem Stall trat, wo er mithilfe von Peter und Paul seine drei Dutzend Kühe gemolken hatte, sah er, wie Sämi in seiner neuen Uniform mit geschultertem Holzgewehr hinter Salome über den Hof marschierte. Mathis schüttelte den Kopf und wandte sich dem Abgang zum Käsekeller zu, aber Dorothea Staehelin vertrat ihm den Weg.
«Vielleicht wird er jetzt, wo die Baselbieter die Freiheit erlangt haben, doch einmal Offizier, was meint Ihr?»
«Freiheit?!» Er lachte unfroh. Dann stellte er die beiden Kessel auf den Boden. Man wisse schon seit zwei Tagen vom Erlass des städtischen Rats. Ein Wort habe man gestrichen, ein einziges Wort, mehr nicht. Alles andere sei geblieben. Er zählte auf: «Die Bodenzinsen, den Zehnten, die Taxen für jeden Wisch, den der Landvogt schreibt, die Ehesteuer, die Waldgebühren, selbst das Fasnachtshuhn. Auch den Frondienst gibt es noch. Wenn es Strassen und Brücken zu reparieren gilt oder wenn etwas im Schloss in Ordnung gebracht werden muss, dann interessiert es die Obrigkeit einen Dreck, ob wir mitten in der Ernte sind oder nicht. Wir bleiben Untertanen. Wir haben zu schweigen und zu gehorchen. Auch die politischen Rechte will man uns nicht gewähren.»
«Politische Rechte?» Dorothea war schockiert. Es war für sie unvorstellbar, dass ungebildete Bauern im Rat mitreden und mitbestimmen wollten.
«Das Gesetz ist der Ausdruck des allgemeinen Willens», zitierte Mathis Artikel sechs der Menschenrechte. «Alle Bürger haben das Recht, persönlich oder durch ihre Vertreter an seiner Gestaltung mitzuwirken. Glaubt Ihr, man habe das in Basel begriffen?», fragte er.
Erneut stellte Dorothea fest, dass man die Menschenrechte auf der Landschaft wohl besser kannte, als manchem Ratsherrn lieb sein mochte. «Man kann nicht alles auf einmal haben», sagte sie. Und als ob sie spürte, dass das ein ungeschicktes Argument war, fügte sie hinzu: «Immerhin kann der Landvogt Eure Söhne, wenn sie sich einmal verehelichen wollen, nicht mehr so schikanieren, wie Euch Franz Brodbeck vor Eurer Heirat schikaniert hat.»
Mathis’ Gesicht verfinsterte sich. Die Erinnerung an jenen demütigenden Vorfall im Schloss war eine offene Wunde, die nicht verheilen wollte. Er bückte sich und nahm seine beiden Milchkessel wieder in die Hände. «Freiheit», sagte er. Es klang, als ob er ein Lachen unterdrücke. Dann stieg er die Treppe zum Käsekeller hinunter.
Sie sah ihm nach. Nicht zum ersten Mal zog sie den Vergleich zwischen diesem stattlichen, ernsthaften Mann, der sich über so vieles Gedanken machte, und ihrem ehemaligen Gatten, der als vermögender Schürzenjäger ein Lotterleben führte. Sie seufzte. Hatte Barbara Jacob, diese Landpomeranze, das bessere Los gezogen als sie, die reiche Fabrikantentochter?
Am frühen Morgen des sechsten Januars wurde Dorothea von hellen Kinderstimmen geweckt, die ein Lied sangen:
Die Heiligen Drei Könige mit ihrigem Stern,
sie sueched den Heiland und hätten ihn gern.
Sie ritten zusammen das Rainele us,
sie kamen vor König Herodesse Hus.
Sie stieg aus dem Bett und trat im Hemd ans Fenster ihrer Kammer. Mit ihren warmen Händen taute sie die Eisblumen auf, die sich in der Nacht am Glas gebildet hatten. Am Himmel leuchtete hell und klar der Morgenstern.
Vier Kinder standen vor dem Haus. Ein etwa fünf oder sechs Jahre altes Mädchen hielt einen Stecken, an dem ein Stern aus Karton befestigt war. Hinter ihm standen ein etwas älterer Knabe und zwei halbwüchsige Mädchen, von denen eines eine Fackel trug. Die drei Grösseren hatten farbige Tücher um ihre Schultern gelegt und trugen gelb bemalte Kronen auf dem Kopf. Das Gesicht des Jungen war geschwärzt.
«Warum singen die Kinder?» Auch Salome war erwacht und drängte sich jetzt an die Mutter.
«Das sind die Heiligen Drei Könige», erklärte Dorothea. «Sie bitten um eine milde Gabe für arme Kinder oder für sich und ihre Familien. Aber sei jetzt still, hör lieber zu.»
Herodes schaute zum Fenster hinaus:
Ihr Herren Gesellen wo wöllet ihr hin?
Nach Bethlehem führt uns unser Stern,
wir wollen Maria und s Chindeli sehn.
Drüben im Wohnzimmer rumorte Hanna, die den Ofen einheizte.
«Komm herüber, Mädchen», rief Madame Staehelin. Als Hanna unter der Türe stand, fragte sie: «Wer sind die kleinen Sternsinger da unten?»
«Das sind dem Schuh-Heini seine. Sie kommen jedes Jahr hierher.»
Dorothea wusste, dass mit dem Schuh-Heini Heinrich Bidert, der Schuhmacher in Bärenwil, einem Weiler südlich von Langenbruck, gemeint war. Sein Einkommen war schmal, und er musste sich, um seine vier Kinder durchzufüttern, als Tagelöhner ein Zubrot verdienen. Das Dreikönigssingen war für die Familie wohl ein hochwillkommener Brauch.
Jetzt trat der kleine Samuel Jacob aus der Türe. Er schleppte einen grossen Korb mit sich, dessen Inhalt mit einem weissen Tuch zugedeckt war. Er stellte ihn vor die Sternenträgerin.
«Was mag da drin sein?» Dorothea verfolgte die Szene, die sich vor ihren Augen abspielte, aufmerksam.
«Eine halbe Speckseite, Würste, ein Käse, Butter, Birnen- und Apfelschnitze hat die Mutter gestern Abend hineingetan», zählte Hanna auf. «Und der Vater hat für den Schuh-Heini Tabak und eine Flasche Likör dazugelegt. Er solle auch einmal eine Freude haben, hat er gesagt.»
«So, so, Tabak und Likör», murmelte Madame Staehelin. Dann gab sie sich einen Ruck. Sie ging zur Truhe und holte einen Louis d’or heraus. Die Bidert-Kinder wandten sich mit ihrem Korb bereits zum Gehen. Dorothea drückte Hanna die Goldmünze in die Hand. «Lauf, Mädchen, und gib das dem Buben! Seine Eltern werden es brauchen können.»
Sie beobachtete, wie Hanna dem Mohren das Geldstück, das gegen vierzehn Pfund wert war, übergab.
Der Junge rief seine drei Schwestern zurück und zeigte ihnen, was er erhalten hatte. Und während das Goldstück von Hand zu Hand wanderte, sprachen alle aufgeregt auf Hanna ein, die mit der Hand zum Fenster wies, hinter dem Dorothea Staehelin und Salome standen. Sie winkten der vornehmen Dame und ihrer Tochter und zogen mit ihren Schätzen weiter.
Da Dorothea an diesem Dreikönigstag in die Stadt zurückfahren wollte, bat sie ihren Pächter, sie und Salome nach dem Frühstück nach Waldenburg zu bringen. Der Kutscher ihres Bruders sei noch immer nicht in der Lage, mit seiner Chaise den Weg über die vereiste Hauensteinstrasse zu bewältigen. Sie habe ihm deshalb ausrichten lassen, um elf beim Pfarrhaus auf sie zu warten.
Mathis spannte eines seiner beiden kräftigen Pferde vor den Schlitten, auf dem er zuvor das Gepäck von Mutter und Tochter verstaut hatte. Gegen zehn Uhr war er so weit. Madame Staehelin und Salome verabschiedeten sich von Barbara und den Kindern. Dorothea hob Samuel, der sich seit Silvester nicht mehr von seiner Uniform hatte trennen wollen, hoch: «Auf Wiedersehen, bis im Sommer, mein kleiner Soldat.» Sie küsste ihn auf beide Wangen.
Es war kalt. Seit dem frühen Morgen waren Wolken aufgezogen, und nun fielen die ersten Schneeflocken. Eine Decke über den Knien, in warme Mäntel gehüllt, Fäustlinge an den Händen und Pelzmützen auf dem Kopf, sassen Mutter und Tochter eng aneinandergedrängt hinter Mathis Jacob im Schlitten. Man schwieg. Dorothea betrachtete die breiten Schultern des Bauern. Ihr wurde bewusst, dass sie seit der Scheidung nie mehr etwas mit einem Mann gehabt hatte. Errötend schob sie den Gedanken beiseite. «Ich möchte wissen», sagte sie schliesslich, «was in Eurem Kopf vorgeht?»
Er nahm sich Zeit mit der Antwort. «Ich frage mich, was Heinrich Bidert wohl sagen mag, wenn ihm seine Kinder einen Louis d’or vom Sternensingen nach Hause bringen.»
«Er wird sich freuen, hoffe ich.»
«Seid Ihr sicher?»
Dorothea glaubte, einen leisen Tadel zu hören. «Ist es etwa nicht recht, wenn man die Bedürftigen unterstützt?»
«Am Dreikönigstag gibt man Esswaren: Brot, Fleisch, Käse …»
«… oder Likör und Tabak», fügte sie spitz hinzu.
Mathis stutzte. Dann drehte er sich um. Unter seinem Bart schien er zu lächeln. «Oder Likör und Tabak.» Dann wieder ernst: «Aber Geld gibt man nicht. Schon gar nicht so viel. Ein Louis d’or entspricht dem, was Heinrich in einem Monat verdient. Mit einem solchen Almosen nimmt man einem Mann, der tagein, tagaus arbeitet, seine Würde. Glaubt mir, er wird sich wie ein Bettler vorkommen. Es sollte mich nicht wundern, wenn er das Geld in die Armenkasse spendet.»
Dorothea schwieg verstimmt. Man hörte die Schellen am Zaumzeug des Pferds. Landschäftler, dachte sie erbittert. Nichts konnte man ihnen recht machen, weder im Kleinen noch im Grossen: Geschenke gaben sie weiter, und selbst die Abschaffung der Leibeigenschaft genügte ihnen nicht. Nein, sie wollten auch von den Abgaben und Zinsen befreit werden und forderten sogar die politische Mitbestimmung. Sie reckte das Kinn in die Höhe: «Ihr glaubt also, Euer Schuh-Heini habe eine Würde, die er verlieren könnte?»
«Sicher glaube ich das.»
Sie sah, wie sich der Rücken ihres Pächters straffte. «Wenn Ihr Euch da nur nicht täuscht.» Und dann verriet sie ihm, dass ihr Pfarrer Grynäus erzählt hatte, Heinrich Bidert berichte ihm regelmässig über das, was in den Hauskreisen, an denen auch er teilnehme, gesprochen werde.
Mathis entspannte sich. Er wandte sich um und lächelte wie vorhin in seinen Bart. «Kann ich Euch vertrauen?»
«Du weisst, dass ich dich nie verraten würde.» Sie hatte, ohne sich dessen bewusst zu sein, zum vertraulichen Du gewechselt, so wie damals in der Jugendzeit, als sie ihre Geheimnisse miteinander geteilt hatten.
«Wir sprechen vorher miteinander ab, was Heinrich Bidert dem geistlichen Herrn erzählen soll. Schliesslich schreibt der Pfarrer regelmässig Berichte über uns an seine Vorgesetzten in der Stadt.»
«Heisst das, dass ihr in euren Konventikeln …» Dorothea Staehelin stockte. War es möglich, dass Mathis Jacob und seine Freunde bei ihren Versammlungen nicht die Bibel, sondern ganz andere Schriften, vielleicht gar rebellische aus Frankreich lasen und darüber diskutierten?
«Vielleicht heisst es das», sagte Mathis, der ihre Gedanken erriet. «Aber fragt nicht weiter.»
«Maman, was ist ein Konventikel?», wollte Salome wissen, die der Unterhaltung der beiden Erwachsenen staunend gefolgt war, ohne zu verstehen, worüber sie gesprochen hatten.
«Ein Konventikel, Kind, ist ein Kreis, in dem sich fromme Menschen im Namen des Herrn Jesu zusammenfinden.» Sie kämpfte gegen einen Lachreiz. «Meistens wenigstens.» Ihr Blick blieb erneut an Mathis’ Schultern haften.
Sie hatten inzwischen Waldenburg erreicht, und der Wächter am oberen Tor winkte sie durch. Der Bauer lenkte den Schlitten durchs Städtchen zum Pfarrhaus, wo tatsächlich der Preiswerksche Kutscher auf Dorothea und Salome wartete.
Theophil Grynäus trat auf den Hof hinaus, um seine Base zu begrüssen und gleichzeitig von ihr Abschied zu nehmen. Er konnte ihr seltsames Lächeln nicht deuten. Ihm schien, sie amüsiere sich auf seine Kosten, aber er mochte sich täuschen.
Dorothea wandte sich an ihren Pächter: «Ihr wisst, Mathis, dass nichts von dem, was Ihr mir anvertraut, weitergeht.» Sie schaute ihm in die Augen und reichte ihm die Hand. Dem Pfarrer schien, sie halte sie unschicklich lang.
6
Im Winter, wenn es auf dem Hof weniger zu tun gab, sassen Barbara Jacob oder ihre Tochter Martha bis spät in die Nacht beim schwachen Licht einer Öllampe am Webstuhl. Sie verwoben das Garn, das Hilfsarbeiterinnen in der Fabrik in Basel durch die Zwirnmühle gedreht hatten, zu Bändern. Barbaras Vater, Emil Strub, der als Fuhrmann zweimal wöchentlich Waren zwischen Waldenburg und Basel hin und her transportierte, brachte den Faden auf den Hof. Wie die meisten Baselbieter Bandweber bezahlten auch die Jacobs Miete für den Webstuhl, in ihrem Fall an Benedikt Preiswerk, den Bruder von Madame Staehelin. Wie alle städtischen Fabrikanten hatte dieser damit jeden Produktionsschritt, von der Anschaffung des Garns bis zum Verkauf des fertigen Bandes, unter seiner Kontrolle.
Seidenbändel, mit denen man Kleider, Hüte und manchmal sogar Schuhe schmückte, waren beliebt. Aber während die Fabrikbesitzer in Basel reich wurden, waren die Posamenter draussen in der Landschaft schlecht bezahlt. In den Landvogteien des Oberen Baselbiets standen Hunderte von Webstühlen. Man war auf den Zusatzverdienst angewiesen und konkurrierte sich gegenseitig. Das drückte auf die Löhne.
Mit den einfachen Trittwebstühlen, wie sie in den meisten Haushalten standen, konnten im Gegensatz zu den Bändelmühlen, die man in der Fabrik in Basel verwendete, nur einfarbige Bänder produziert werden, die als Massenware in den Verkauf kamen.
Bevor Barbara oder Martha ihre Arbeit aufnehmen konnten, musste das Garn auf Spulen übertragen und die Kettenfäden, den Massen der bestellten Bänder entsprechend, hergerichtet werden. Diese Aufgabe, die viel Zeit in Anspruch nahm, gehörte zu Hannas Pflichten. Anschliessend bereitete die Mutter oder die Schwester den Stuhl vor. Erst zwei bis drei Tage nachdem Emil Strub das Garn geliefert hatte, konnten sie mit dem Weben beginnen.
Wenn sie auf die Pedale ihres Stuhls trat und sich die geraden und ungeraden Kettenfäden gleichzeitig hoben beziehungsweise senkten, sodass sie das Schiffchen von Hand hindurchführen konnte, hatte Barbara Musse, ihre Gedanken schweifen zu lassen. Ihr war bewusst, dass ihr der Bändelherr die Arbeit und damit einen wichtigen Teil des familiären Einkommens jederzeit entziehen konnte. Insofern waren die Jacobs nicht nur als Pächter, sondern auch als Posamenter auf das Wohlwollen von Dorothea Staehelin und deren Bruder angewiesen.
Seit Samuels Unfall wartete Barbara jeweils darauf, dass das städtische Frauenzimmer mit ihrer Tochter wieder nach Basel zurückkehrte. Meinen Goldschatz nannte Madame neuerdings ihren Jüngsten, dem sie eine Montur geschenkt hatte, von der er sich nicht mehr trennen mochte. Barbara biss sich auf die Unterlippe.
In der Nähe dieser vornehmen, stets gepflegten und schlanken Frau mit dem schmalen Patriziergesicht fühlte sie sich klein und hässlich. Sechs Geburten hatten Barbara in den Hüften breit werden lassen. Ihre abgearbeiteten, kräftigen Hände waren rot und voller Risse, und neben Dorotheas kunstvoller Frisur kam sie sich mit ihrem eigenen aschblonden, strähnigen Haar unansehnlich vor. Madame Staehelin war nicht nur schön, sondern auch noch klug, sprach Französisch und Latein, konnte malen und schrieb seitenlange Briefe. Dazu kam, dass sie und ihr Mann in der Jugendzeit einen vertrauten Umgang gehabt hatten. Barbara hatte Mathis im Verdacht, dass er noch heute mehr an die Frau dachte, als ihm guttat.
Bis zu ihrer Heirat hatte Barbara stets im elterlichen Haushalt mitgearbeitet. Sie hatte eine Magd ersetzt, und daran hatte sich bis heute, abgesehen von den zusätzlichen Pflichten als Ehefrau und Mutter, wenig geändert. Sie beklagte sich nicht. Sie wusste, in welchen Stand sie geboren war. Dass sich jedoch die reiche Dorothea Staehelin in ihre Familie drängte, ihrem Mann schöne Augen machte und versuchte, ihr den Kleinen abspenstig zu machen, das schien ihr nicht richtig.
Wenn sich Sämi aber auf sein Schemelchen neben den Webstuhl setzte und darum bettelte, sie möge ihm das Märchen vom gräulichen Landhund mit den feurigen Augen erzählen oder von den Erdweiblein und Hexen, die in den Wäldern am Hauenstein ihr Unwesen trieben, dann verschwanden die bitteren Gedanken, und Barbara wusste wieder, dass er ihr gehörte, ihr und niemand anderem.
Am liebsten hörte Samuel die Geschichte vom steinernen Ritter. Und so berichtete die Mutter zum tausendunderstenmal vom bösen Hans von Waldenburg, der einen armen Bauern in den tiefsten Kerker des Schlosses werfen liess, weil er die Fronarbeit verweigert hatte. Die Frau des armen Mannes warf sich dem Zwingherrn, als der auf seinem Ross dahergeritten kam, mit ihren Kindern in den Weg und flehte um Gnade. Doch dieser gab ihr hohnlachend einen Feldstein und meinte: «Da habt ihr etwas Brot, ihr Hungerleider». Die Frau aber verfluchte den Unmenschen und wünschte, er möge selber zu Stein werden. Und tatsächlich: Im selben Augenblick wurde der Tyrann zur grässlichen Bildsäule. Die Waldenburger aber brachen ins Schloss ein und befreiten den Gefangenen.
Für Samuel hatte der steinerne Ritter das Gesicht des Landvogts. Wenn er Hanna auf einem ihrer Botengänge ins Städtchen begleiten durfte, kam es manchmal vor, dass sie Hans Jakob Müller begegneten, der hoch zu Ross, von Knechten, seiner Familie oder irgendwelchen vornehmen Damen und Herren begleitet, zum Schloss hinaufritt. Die Schwester nahm Sämi dann jeweils an der Hand und zog ihn an den Wegrand. «Zieh deine Kappe ab!», zischte sie, während sie selber einen ungeschickten Knicks machte. Der gnädige Herr schien die beiden Bauernkinder zu übersehen, aber einmal, als Samuel staunend dastand und vergessen hatte, die Mütze abzunehmen, zügelte Müller sein Pferd und zeichnete ihm mit der Reitpeitsche die nackten Beine. «Das soll dich lehren, Bauernlümmel, das nächste Mal anständig zu grüssen!», hatte er geschrien.
«Dabei ist er nur ein Metzger», hatte sich die Mutter empört, als ihr die Kinder weinend von der Begegnung erzählten. Der Vater hatte sich die Striemen auf Samuels Beinen angeschaut. Er war bleich geworden und hatte schweigend die Stube verlassen.
Sein Hass auf den Landvogt und die Obrigkeit war grenzenlos. Er sog die Berichte über die Ereignisse in Frankreich auf wie ein Schwamm. Sein Schwiegervater brachte neben Garn und Dingen des täglichen Gebrauchs auch Zeitungen, Flugblätter und Pamphlete aus Basel ins verschlafene Waldenburgertal und gehörte selber zu jenen Männern, die sich regelmässig trafen, um über die neuesten Nachrichten aus dem Nachbarland zu diskutieren. Denn während Pfarrer Grynäus glaubte, die Bauern würden in frommen Konventikeln die Bibel auslegen, lasen sie in den dunkeln Stuben die Aufrufe, in denen sich die französische Revolutionsregierung als Schutzmacht aller Geknechteten und Benachteiligten anpries. Im ganzen Tal kursierten Abschriften von solchen Blättern, und an den Mauern von Kirchen und Gemeindehäusern wurden nachts heimlich Imprimés aus Frankreich angeschlagen, welche die politische Gleichberechtigung der Landleute forderten. Die Gnädigen Herren, die 1790 mit grossen Worten die Leibeigenschaft aufgehoben hatten, ohne den Baselbietern die Gleichberechtigung zu gewähren und ohne sie von ihren drückenden Abgaben wenigstens teilweise zu befreien, hofften vergebens, ihre Untertanen mit dieser letztlich folgenlosen Massnahme beruhigt zu haben.
Dass Mathis so empfänglich war für die frohe Botschaft aus Frankreich, war nicht allein die Folge mancher Demütigungen, die ihm Vertreter der städtischen Herrschaft zugefügt hatten. Für die Leute im Tal war er der Sohn eines Zugewanderten, der Nachkomme eines jener Anabaptisten, die regelmässig an den heimlichen Täuferversammlungen teilnahmen. Er selber hatte sich vom Glauben seiner Vorfahren zwar abgewandt, nicht zuletzt, weil sein Vater ein arger Frömmler gewesen war. Doch auch in der Basler Staatskirche, zu der er sich mehr aus Pflicht denn aus Bedürfnis bekannte, fühlte sich Mathis nicht heimisch. So brachten die Ereignisse in Frankreich in ihm den Keim der Rebellion zum Wachsen.
Zugleich galt seine Sorge auch ganz anderem Wachstum. Sobald im Frühling der Schnee am Oberen Hauenstein bis auf wenige Reste im Schatten der felsigen Gerstelfluh dahingeschmolzen war, brach Mathis Jacob mit dem Pflug ein Stück Weideland um und zerkleinerte die braunen Schollen mit der Egge, um der Erde Roggen, Gerste und Hafer anzuvertrauen, die in wenigen Monaten als Brot oder Brei auf den Tisch kommen würden.
Auch Barbara und ihre beiden Töchter bearbeiteten mit der Hacke den Pflanzgarten und düngten ihn mit den eigenen Fäkalien, der Hüsligülle, die sie aus dem Abort hinter dem Hof schöpften, damit Bohnen, Kraut, Rüben und Kartoffeln kräftig und nahrhaft wurden.
Peter trieb die Kühe auf die Weide, wo sie ihre Freude, dem dunklen Stall entronnen zu sein, mit närrischen Sprüngen zum Ausdruck brachten. Und Paul, sein jüngerer Bruder, hütete die Schafe, die man nicht unbewacht grasen lassen durfte, denn in den Wäldern hausten Wolf und Luchs.
Daneben wurde täglich Milch zu Käse und Butter verarbeitet und alle vierzehn Tage in Liestal auf dem Markt verkauft, damit genügend Geld vorhanden war, die Pacht und die Abgaben zu bezahlen, die eine nimmersatte Obrigkeit gebieterisch forderte.
Während das Leben auf Sankt Wendelin seinen gewohnten Gang ging, verfolgten die Menschen in der Stadt und Landschaft Basel die Ereignisse im letzten Jahrzehnt des achtzehnten Jahrhunderts mit leidenschaftlicher Anteilnahme. Das neue Frankreich hatte den europäischen Monarchien, die unter der Führung Österreichs und Preussens das Rad der Zeit zurückdrehen wollten, den Krieg erklärt. Im Juni 1792 marschierten eidgenössische Truppen über den Hauenstein. Die Tagsatzung hatte sich Sorgen um die Stadt Basel gemacht, denn diese lag genau zwischen den kriegführenden Mächten: Die Österreicher waren im Nordosten stationiert, im Fricktal und im Breisgau, während im Südwesten, im Fürstbistum, im Laufental und im Birseck, die Franzosen standen. Es bestand die Gefahr, dass eine der beiden Armeen einen Angriff über Basler Gebiet plante und die Eidgenossenschaft in einen Krieg verwickeln würde. Durch die Grenzbesetzung mit tausenddreihundert Mann wollte man dies vermeiden. Als im September etwa hundertfünfzig Franzosen auf der Flucht vor den Österreichern auf Basler Gebiet gelangten, wurden sie von den Eidgenossen gefangengenommen und entwaffnet, anschliessend aber wieder in die französische Festung Huningue zurückgeschickt.
Ein Jahr später kam es dort zum Gefecht, und die Bewohner der Stadt Basel hatten das zweifelhafte Vergnügen, von der Rheinbrücke aus die Bahn der feurigen Kanonenkugeln zu beobachten, die etwas weiter nördlich zwischen den Franzosen und Österreichern über den Strom hin und her flogen.
7
Im Sommer gab es auf Sankt Wendelin viel zu tun. Man stand mit der Sonne auf und ging mit ihr ins Bett, und bis zum Beginn des Winters würde sich das nicht mehr ändern. Ausgerechnet in dieser Jahreszeit bot der Landvogt die Untertanen zur Fron auf. An der Strasse über den Hauenstein mussten Winterschäden ausgebessert werden. Peter, der die Schwelle zur Mannbarkeit überschritten hatte, vertrat den Vater. Während Tagen klopfte er Stein um Stein. Man vermisste ihn sehr, denn die Leute von Sankt Wendelin mussten das erste Heu einbringen. Alle halfen mit.
Auch der inzwischen siebenjährige Samuel wurde eingespannt. Er hatte die letzten Grasresten aus der geschnittenen Wiese zu rechen. Am Vormittag allerdings waren er und Hanna von der Arbeit befreit, denn Dorothea Staehelin erwartete, dass ihr das Mädchen den Haushalt in Ordnung brachte. Ausserdem hatte sie es sich in den Kopf gesetzt, den Jüngsten des Pächters zusammen mit ihrer Tochter Salome zu unterrichten. «Mir scheint, Euer Samuel sei ein aufgewecktes Bürschchen», hatte sie zu Mathis gesagt. «Ihr wisst selber, dass die Schule im Städtchen unten zu nichts taugt.»
Das war in der Tat so. Ein Schneider verdiente sich als Dorflehrer ein Zubrot, indem er den Kindern des Tals, so gut er es eben konnte, zwischen Spätsommer und Frühjahr während vier Stunden am Tag lesen und schreiben beibrachte. Ausserdem mussten sie das Vaterunser auswendig lernen, die Zehn Gebote, die zwölf Glaubensartikel sowie die Einsetzungsworte der Taufe und des Abendmahls. Am Samstag leierte man Busspsalmen und Reimgebete herunter und übte Kirchenlieder ein. Bevor der Mann seine Schützlinge nach Hause schickte, ermahnte er sie zum Besuch der Betstunde am Abend und der sonntäglichen Predigt mit anschliessender Kinderlehre. Wenn sich der Pfarrer beim jährlichen Examen überzeugt hatte, dass ein Kind halbwegs lesen und schreiben und das Nachtmahlbüchlein aus dem Kopf aufsagen konnte, entliess er es aus der Schulpflicht. Das war nach drei, bei den Begriffsstutzigeren nach vier und bei ausgemachten Dummköpfen nach fünf Jahren der Fall.
Mathis hatte Dorothea eher widerwillig seine Zustimmung erteilt. Er zweifelte nicht am Nutzen des Unterrichts. Sein Zögern hatte vielmehr mit den Widerständen seiner Frau zu tun, die prophezeite, Madame werde ihr Samuel vollends entfremden.
Auch wenn es Barbara Jacob nicht gerne sah, lernte Samuel bei Dorothea Staehelin schnell, Buchstaben zu entziffern und zu schreiben. Schon bald war er in der Lage, Salomes Fibeln zu lesen und einfache Sätze selber zu Papier zu bringen. Und eifrig las er den Eltern und Geschwistern laut vor, was immer ihm an Gedrucktem in die Hände kam. Magisterlein nannten sie ihn mit gutmütigem Spott.
Als man Samuel Jacob im September 1793 dem Schulmeister in Waldenburg anvertraute, war nicht zu übersehen, dass er weit grössere Kenntnisse hatte und gewitzter war als seine Mitschüler. Das war kein Wunder, denn während der langen Sommermonate hatte Dorothea Staehelin ihren Schützling so gefördert, dass er in vielen Belangen sogar Salome überflügelte, die mit anderen Töchtern reicher Familien zwischen Herbst und Frühjahr in Basel von Madame Gazin unterrichtet wurde, einer französischen Emigrantin, die vor dem revolutionären Furor in ihrer Heimat geflohen war.
Als Pfarrer Grynäus zwei Jahre später in Anwesenheit des Landvogts und des Gemeindevorstehers die Schulinspektion durchführte, wies der Lehrer darauf hin, dass er dem kleinen Jacob nichts mehr beibringen könne. Der Neunjährige wisse über manche Dinge besser Bescheid als er selber, meinte er errötend, er könne sogar rechnen, eine Kunst, die bis heute keiner seiner Schüler je beherrscht habe und von der auch er kaum etwas verstehe.
Theophil Grynäus, der Samuel aus der Religionsstunde und der Kinderlehre kannte, examinierte ihn eingehend über Themen, die weit über den vorgeschriebenen Schulstoff hinausgingen. Der Junge beantwortete alle seine Fragen richtig. Er schien zu ahnen, dass davon seine Zukunft abhing. Schliesslich wandte sich der Pfarrer an den Landvogt: «Ihr seht selbst, es gibt hier für dieses Kind nichts mehr zu lernen. Ich muss es daher bereits nach zwei Jahren aus der Schule entlassen, und ich denke, dass es der Obrigkeit gut anstehen würde, es durch eine höhere Schulbildung zu fördern.»
«Es gibt schon genug Federfuchser im Land, man muss nicht noch mehr von ihnen pflanzen», entgegnete Hans Jakob Müller ungnädig.
Der Gemeindevorsteher, den der Landvogt in sein Amt als Untervogt eingesetzt hatte, pflichtete ihm beflissen bei: «Wir brauchen im Tal keine Tagediebe, die ihre Nase lieber in Bücher stecken, statt ihren Lebensunterhalt am Bandstuhl zu verdienen.»
Am Abend dieses Tages sassen Mathis Jacob, Heinrich Bidert, Emil Strub und drei weitere Gesinnungsgenossen in der Stube von Sankt Wendelin. Vor ihnen auf dem Tisch lag eine Ausgabe der Strassburger Zeitung. Das war ein Akt des Ungehorsams gegen die Obrigkeit, denn der Kleine Rat hatte die Verbreitung dieses als Revoluzzerblatt verschrienen Journals im Gebiet von Stadt und Landschaft Basel verboten. Als einer der Männer durchs Fenster sah, dass sich Pfarrer Grynäus dem Haus näherte, liess man die Zeitung schnell verschwinden und legte stattdessen die grosse Hausbibel der Jacobs auf den Tisch. Kurz darauf klopfte es an der Tür, und Barbara Jacob komplimentierte den Gast in die Stube.
«Ah», sagte Grynäus, «ein Hauskreis, das ist brav.» Und lächelnd fügte er hinzu: «Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen. Störe ich etwa?»
Mathis klappte die Heilige Schrift zu. «Ihr stört nicht. Wir sind ohnehin fertig.»
Die anderen standen auf und verabschiedeten sich.
«Ich habe mit dir über Samuel zu reden», sagte der Geistliche, «mit dir und deiner Frau.»
Die Eheleute sahen sich an. Als Sämi heute von der Schule nach Hause gekommen war, hatte er ihnen empört mitgeteilt, der Landvogt wolle nicht, dass aus ihm etwas Rechtes werde. Sie hatten nur begriffen, dass der Kleine, offenbar zum Missfallen des hohen Herrn, die Abschlussprüfung mit Glanz bestanden hatte.
«Ihr wisst wohl, dass euer Jüngster ein begabtes Kind ist, das in der Gemeindeschule nichts mehr zu lernen hat», fuhr Grynäus fort. «Vermutlich weiss er bereits mehr als sein Lehrer. Ich habe den Herrn Landvogt heute vergeblich gebeten, dem Kind eine weitere Ausbildung zu ermöglichen. Ich möchte nicht, dass die Gaben, die der liebe Gott Samuel geschenkt hat, verkümmern, nur weil er ein Bauernkind ist.»
Mathis Jacob runzelte die Stirn. «Worauf wollt Ihr hinaus?»
Der Pfarrherr nahm einen Schluck aus dem Becher, den Barbara vor ihn auf den Tisch gestellt hatte. Einheimischer Wein. Er verzog unmerklich das Gesicht und dachte an den Burgunder, der in seinem Keller lagerte. «Nun», nahm er das Gespräch wieder auf, «ich lasse meine eigenen Kinder von einem Hauslehrer schulen. Er heisst Sebastian Hoffmann und ist Kandidat der Theologie. Er lebt bei mir im Pfarrhaus. Samuel könnte am Unterricht teilnehmen und später, wer weiss, ans Pädagogium nach Basel gehen und dann an der Universität studieren.» Er machte eine Pause. Dann fügte er hinzu: «Ihr müsstet allerdings für das Schulgeld aufkommen.»
Erneut wechselten die Eheleute einen Blick. «Ich habe immer gehofft, an ihm bald einmal eine Stütze zu haben», sagte Mathis schliesslich. «Er ist gelehrig und würde gewiss ein guter Arbeiter.»
Barbara presste die Lippen zusammen. «Pädagogium, Universität. Ihr wollt ihn uns entfremden!», stiess sie schliesslich hervor.
«Hör auf!», fuhr Mathis sie an. «Wenn das Kind etwas Besseres werden kann als Posamenter, Pächter oder Tauner, so dürfen wir ihm nicht vor seinem Glück stehen.» Und zum Pfarrer: «Ihr wisst, dass wir wenig Geld haben. Was wir hier erwirtschaften und nicht dem Landvogt abgeben müssen, reicht gerade für die Pacht und den Unterhalt der Familie. Ich bin nicht in der Lage, eine Ausbildung, wie sie Euch für Samuel vorschwebt, zu bezahlen.»
«Aber ihr seid nicht grundsätzlich dagegen?» Grynäus schaute den Bauern fragend an. «Wie ist es, wenn es mir gelingt, das Schulgeld aufzutreiben? Seid ihr dann einverstanden, dass der Junge in meinem Haus unterrichtet wird?»
«Nur, wenn er jeden Abend nach Hause kommt.» Barbara hatte begriffen, dass Sämi mit dieser Lösung dem Einflussbereich von Dorothea Staehelin entzogen würde. Jetzt erschien ihr der Vorschlag plötzlich verlockend.
«Wenn du meinst …», Mathis verstand nicht, woher der Sinneswandel seiner Frau kam. «Wenn der Pfarrer jemanden findet, der das Ganze bezahlt», sagte er schliesslich, «so soll es mich freuen, wenn aus dem Kleinen einmal etwas wird.»
Natürlich war es Dorothea Staehelin, die die Kosten für Samuels Unterricht im Pfarrhaus übernahm. Sie wisse selber, dass der Jüngste ihres Pächters ein aufgewecktes Kind sei, schrieb sie in der Antwort auf den Brief ihres Vetters, ein ungeschliffener Diamant, wenn sie sich diese Bemerkung erlauben dürfe. Sie wolle im Juni, wenn sie wieder nach Sankt Wendelin komme, mit dem Kandidaten Hoffmann reden, um sich zu vergewissern, ob der junge Mann fähig sei, Samuel jenes Wissen zu vermitteln, das ihm den Zugang zu einer höheren Bildung öffne. In einem Postscriptum teilte sie Theophil schliesslich mit, sie lebe nicht mehr im Haus ihres Bruders. Sie bat darum, seine Korrespondenz künftig an ihre neue Adresse, dem Haus zem Crüz in der Basler Sankt-Johanns-Vorstadt zu schicken. Eine im vergangenen Winter verstorbene Tante habe ihr dort eine Liegenschaft vermacht, in die sie mit ihrer Tochter Salome eingezogen sei.
Der Pfarrer las den Brief mehrmals. Er fand es schön, dass seine Base bereit war, den Unterricht von Samuel zu finanzieren. Dass sie aber den Hauslehrer seiner Kinder examinieren wollte, ging etwas weit. Eigentlich sollte es ihr genügen, dass er für den Mann bürgte. Er seufzte. Sie war schon immer ein resolutes Frauenzimmer gewesen. Sie hatte stets gewusst, was sie wollte.
Auch Barbara Jacob hatte geahnt, dass es Madame Staehelin sein würde, die Sämi eine Ausbildung ermöglichte, wie sie sonst keinem Kind im ganzen Tal zuteilwurde. Ihr Bub würde der reichen Frau wohl ein Leben lang zu Dank verpflichtet sein. Dunkel ahnte die Mutter, dass sie ihren Jüngsten auch in Zukunft mit der Besitzerin von Sankt Wendelin würde teilen müssen.
8
Im Mai 1795 begann für Samuel ein neues Leben. Wie schon in den vergangenen zwei Jahren ging er täglich eine halbe Stunde zu Fuss hinunter nach Waldenburg. Mit einem Gefühl der Erleichterung liess er am ersten Tag die in den Sommermonaten geschlossene Gemeindeschule links liegen und klopfte ans Portal des Schönthaler Hofs. Die Pfarrmagd liess ihn ein.
Der Unterricht fand in einem eigens dafür bestimmten Raum statt. Der Kandidat Hoffmann verlangte von den drei Grynäus-Kindern (der Älteste war bei Verwandten in Basel untergebracht und besuchte bereits das Pädagogium), einen Aufsatz über die Anfangsworte des Gedichts Das Göttliche des deutschen Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe zu schreiben. An der Wandtafel stand: «Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!» Und während die Federn von Johanna, Amalie und August Grynäus leise über das Papier kratzten, prüfte er Samuel, um sich einen Überblick über dessen Wissensstand zu verschaffen.
Sebastian Hoffmann war ein ernsthafter, hagerer Mensch mit dünnem, aus der Stirn gekämmtem Haar. Er war einundzwanzig Jahre alt und stammte aus einer nicht unvermögenden Basler Familie. Auf Wunsch des Vaters hatte er Theologie studiert. Nach fünf Semestern hatte er sein Studium aber unterbrochen und eine Stelle als Hauslehrer angenommen. Wohl aufgrund der Lektüre aufklärerischer Literatur zweifelte er an der Existenz eines Gottes, wie ihn sich die christliche Lehre vorstellte. Darüber sprach er freilich mit niemandem.
Seinem Stand entsprechend war er schwarz gekleidet. Selbst das sorgfältig geknüpfte Halstuch zwischen dem bis zu den Ohren reichenden Kragen seines Rocks war schwarz. Anders als sein Dienstherr, der altfränkische Kniebundhosen und Seidenstrümpfe trug, zog er lange enge Beinkleider vor, die der revolutionären Mode entsprachen. Er sei eben ein Sansculotte, pflegte er zu sagen, wenn man ihn darauf ansprach.
Als Hoffmann die Befragung Samuels abgeschlossen hatte, erklärte er ihm, dass er noch viel zu lernen habe, wenn er einmal, wie das der Pfarrer hoffe, ins Pädagogium eintreten wolle. Flüssiges Lesen und fehlerfreies Schreiben gehörten, ebenso wie die vier Grundoperationen des Rechnens, lediglich zur Basis einer gepflegten Bildung. Es werde nun darum gehen, ihn auch ins Bruchrechnen und in weitere Geheimnisse der Mathematik, insbesondere auch in die Geometrie einzuführen. Ob er überhaupt wisse, wer Pythagoras und wer Euklid gewesen seien? Und ohne eine Antwort abzuwarten, stellte der Kandidat fest, dass Geschichte, Geographie und mindestens die einfachsten Kenntnisse von Biologie, Physik und Chemie zum unverzichtbaren Bestandteil seines Unterrichts gehörten. Und natürlich die Sprachen. Zuallererst Französisch. Denn nur wer Französisch beherrsche, könne sich in der heutigen Zeit guten Gewissens als Mitglied einer Gesellschaft bezeichnen, welche die Vernunft und den Fortschritt auf ihre Fahne geschrieben habe. Dann natürlich Latein. Griechisch und Hebräisch würden auf dem Pädagogium folgen.
Bis dahin hatte Hoffmann ohne Punkt und Komma gesprochen. Ob er sich klar genug ausgedrückt habe, wollte er jetzt wissen. Streng blickte er durch seine Brillengläser auf den völlig verdatterten Samuel, der von diesem Vortrag kaum etwas begriffen hatte.
Um die schmalen Lippen des Hauslehrers spielte ein Lächeln. Nun, man werde sehen, meinte er versöhnlich.
In der Pause nahm der um ein Jahr ältere August Grynäus Samuel beiseite. «Du musst keine Angst haben vor Hoffmann», beruhigte er ihn. «Er spielt sich gerne auf, aber im Grunde ist er ein patenter Kerl.»
Tatsächlich erwies sich Sebastian Hoffmann als idealer Lehrer. Er forderte viel, blieb aber stets geduldig und verstand es, seine Schüler zu begeistern. Pfarrer Grynäus hatte dafür gesorgt, dass Samuel an den Schultagen Kleider trug, aus denen sein Sohn August herausgewachsen war. Es liege ihm daran, erklärte er dem Kandidaten, dass er den Schützling von Madame Staehelin, der aus einfachen Verhältnissen stamme, genau gleich behandle wie seine eigenen Kinder.
Der Hinweis wäre nicht nötig gewesen, meinte Hoffmann. Selbstverständlich beurteile er seine Schüler allein nach dem Mass ihres Fleisses und ihrer Leistungen. «Auch im Freistaat Basel», fuhr er fort, «wird man lernen müssen, dass gesellschaftliche Unterschiede nur im allgemeinen Nutzen begründet sein dürfen.»
Theophil Grynäus hüstelte. Es war nicht das erste Mal, dass ihm der Kandidat mit den Menschenrechten kam, die er durchaus kannte und im Prinzip für richtig hielt. Im Prinzip.
Ab und zu unternahm Sebastian Hoffmann mit seinen Schülern einen Ausflug in die Umgebung. Es liege ihm daran, erklärte er dem Pfarrer, der ihn nach dem Sinn seiner Exkursionen befragte, den Kindern eine Vorstellung vom Wirken der Natur zu vermitteln, davon, dass in dieser Welt alles mit allem zusammenhänge.
«Vom göttlichen Wirken», fühlte sich Theophil Grynäus bemüssigt zu bemerken.
«Selbstverständlich ist das Wirken der Natur ein Gesetz des Être suprême», bestätigte Hoffmann.
Der Pfarrer schwieg verstimmt. Bei aller Sympathie für die Aufklärung und den Fortschritt hielt er den «Kult des höchsten Wesens», den der im vergangenen Jahr hingerichtete Robespierre eingeführt hatte, für blasphemisch. Nicht zum ersten Mal fragte er sich, ob der junge Mann, bei all seiner Gelehrtheit, den Seelen der ihm anvertrauten Kinder nicht Schaden zufüge.
An einem Juliabend des Jahres 1795 sassen die Leute von Sankt Wendelin am grossen Tisch in der niedrigen Stube beim Abendbrot, das Hanna zubereitet hatte. Alle, auch Madame Staehelin und Salome, waren todmüde, denn die beiden städtischen Frauenzimmer hatten es sich nicht nehmen lassen mitzuhelfen, als es darum ging, an diesem heissen Hochsommertag das Heu einzubringen. Ein paar Tage zuvor hatten Mathis und seine beiden älteren Söhne, zum zweiten Mal in diesem Jahr, das Gras geschnitten und gezettet. Seither war es mehrmals gewendet worden, damit es an der Luft trocknete. Bei Tagesanbruch hatte man es zu Schwaden zusammengerecht und auf den Wagen geladen, dem die beiden Pferde vorgespannt waren. Fuhre um Fuhre war es zur Scheune gebracht worden. Mit Rechen und Gabel waren Salome und Samuel daneben hergelaufen und hatten das Heu, das hinunterfiel, wieder auf den Wagen gepackt. Jetzt lag es auf dem Boden des Tenns. Für den dritten Schnitt, der, wenn das Wetter günstig war, im Frühherbst anstand, blieb nur noch wenig Raum. Mathis Jacob war zufrieden. Im kommenden Winter würde sein Vieh nicht unter Futtermangel leiden müssen.
Hanna brachte aus der Küche eine weitere Schüssel Kraut, auf dem ein grosses Stück Speck lag. Vor dem offenen Fenster blieb sie kurz stehen. «Schaut euch den schönen Sonnenuntergang an!», rief sie.
Die anderen hoben die Köpfe.
«Die Sonne geht nicht unter», behauptete Samuel. «Die Erde dreht sich von ihr weg.»
«Wer erzählt solchen Unsinn, Sämi?», wollte die Mutter wissen.
«Das ist kein Unsinn.» Der Junge war beleidigt. «Herr Hoffmann hat uns erklärt, dass die Erde eine Kugel ist, die in einem Jahr die Sonne umkreist und sich täglich um sich selbst dreht. Deshalb wird es bei uns Nacht, und jene, die auf der anderen Seite der Welt leben, haben Tag.»
«Und weshalb fallen wir nicht in den Himmel hinauf, ich meine hinunter, wenn die Erde eine Kugel ist und sich dreht?», fragte Martha. «Kannst du mir das erklären, Magisterlein?»
Die Geschwister lachten.
«Das weiss ich nicht.» Samuel liess sich nicht beirren. «Aber ich werde Herrn Hoffmann fragen.»
«Iss jetzt», sagte die Mutter streng, «und hör auf mit deinen albernen Geschichten!»
«Das ist keine alberne Geschichte», bemerkte Dorothe Staehelin. «Der kleine Bursche hat recht. Dass die Erde die Sonne umkreist und sich jeden Tag um die eigene Achse dreht, hat vor bald dreihundert Jahren Nikolaus Kopernikus entdeckt, ein grosser Gelehrter. Ihr solltet stolz sein auf Euren Jüngsten …» Sie verstummte, als sie realisierte, dass Barbara Jacob die Lippen zusammenkniff und ihr einen feindseligen Blick zuwarf.
Barbara stand auf. «Ich habe in der Küche zu tun.» Abrupt drehte sie sich um und verliess die Stube.
Mathis Jacob konnte in dieser Nacht nicht einschlafen. Barbara hatte ihm im Bett den Rücken zugekehrt und beleidigt geschwiegen. Offenbar nahm sie es ihm übel, dass er bei Tisch nicht für sie Partei ergriffen hatte. Sicher fand sie, dass Dorothea sie belehrt hatte, um deutlich zu machen, dass sie nur eine dumme Bauernfrau sei. Als er glaubte, sie schlafe, verliess er leise die Kammer und ging in die Stube.
Dort sass er jetzt, den Kopf in die Hände gestützt, am Stubentisch und grübelte beim Schein einer Kerze über einem Buch, das ihm Dorothea Staehelin vor ein paar Tagen ausgeliehen hatte. Die Wirthschaft eines philosophischen Bauern, hiess es. Ein Arzt, Hans Caspar Hirzel, hatte es verfasst. Er beschrieb darin Hans Jakob Gujer, bekannt als Kleinjogg, der im zürcherischen Rümlang einen Musterbetrieb geführt hatte. Der Mann hatte unter anderem Klee anstelle von Gras angebaut und konnte damit mehr Kühe füttern. Dadurch fiel mehr Mist und Gülle für die Düngung an, die er mit Kompost und Torfasche anreicherte. Und dies wirkte sich positiv auf die Ernte aus.
Mathis seufzte. Es gab sie immer wieder, diese hellen Köpfe, die zwar nicht an Schulen gebildet worden waren, die aber durch Beobachtung und Experimentierlust neuen, nutzbringenden Ideen zum Durchbruch verhalfen.
Er selber war kein Gujer. Wie seine Frau hatte auch er in der Gemeindeschule nicht viel mehr gelernt, als notdürftig zu lesen und zu schreiben und natürlich jene frommen Sprüche herzusagen, deren Kenntnis der Pfarrer für das Seelenheil seiner Schäfchen für unverzichtbar hielt. Aber anders als Barbara hatte er, wohl dank seines taufgesinnten Vaters, der darauf bestanden hatte, dass er täglich die Bibel zur Hand nahm, Freude an Gedrucktem bekommen. Es bereitete ihm keinerlei Schwierigkeiten, die Pamphlete und Zeitungen zu lesen, die sein Schwiegervater aus Basel mitbrachte. Aber der Gedanke an Kleinjogg, der sich aus eigener Kraft ein Wissen angeeignet hatte, das ihm selber verschlossen blieb, quälte ihn. Er konnte sich des Gefühls nicht erwehren, in all den Jahren, die hinter ihm lagen, aus seinem Verstand zu wenig gemacht zu haben. Das Gespräch beim Abendessen hatte es einmal mehr bestätigt: Nicht einmal, dass sich die Erde um die Sonne dreht, hatte er gewusst. Das musste er von seinem neunjährigen Sohn erfahren.
Er stand auf und trat ans Fenster. Am samtschwarzen Nachthimmel leuchteten die Sterne. Was wusste er von ihnen? So gut wie nichts. Den Grossen Wagen kannte er und den hellen Polarstern. Auch den Morgen- und Abendstern konnte er am Himmel ausmachen. Ob sie aber in Wahrheit ein und derselbe Himmelskörper waren, wie er einmal gehört hatte, wusste er nicht mit Sicherheit. Vielleicht könnte ihm das Dorothe (heimlich nannte er sie noch immer so) sagen. Aber sie würde er nicht fragen. Um keinen Preis der Welt.
Wie immer, wenn er intensiv über etwas nachdachte, strählte Mathis sich mit den Fingern der Rechten den Bart. Dann fasste er einen Entschluss. «Ich will von Sämi lernen», sagte er halblaut. «Er soll mir alles beibringen, was er von seinem Lehrer erfährt.»
Und so sassen vom nächsten Tag an Mathis Jacob und sein Jüngster nach dem Essen zusammen am grossen Tisch. Abend für Abend. Der kleine, blonde Bursche als Schulmeister seines grossen, dunklen Vaters, dessen Sehnsucht nach Bildung ihn die ungewohnte Rolle – recht eigentlich eine Umkehrung der Verhältnisse – annehmen liess. Samuel hielt sich genau an das Vorbild von Sebastian Hoffmann. Beim Bruchrechnen etwa zerschnitt er einen Apfel in zwei Hälften, dann machte er aus ihnen vier Viertel und schliesslich acht Achtel. Er brachte dem Vater bei, einen Bruch mit zwei Zahlen zu schreiben, die durch einen Strich getrennt sind, und erklärte ihm, dass unter dem Strich der Nenner anzeigt, in wie viele Teile das Ganze dividiert wird, während über dem Strich der Zähler deutlich macht, wie viele Teile des Ganzen gemeint sind. Ein paar Tage später liess er ihn wissen, dass man Brüche erweitern und kürzen konnte. Samuel führte Mathis nicht nur in die ersten Geheimnisse der Mathematik ein, er liess ihn auch an seinem neu erworbenen Wissen über Heimat- und Naturkunde, Geschichte und Geometrie teilhaben. Das Kind lehrte ihn, dass eine Gerade die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist. Auch von Pythagoras erzählte er, der rund fünfhundert Jahre vor Christi Geburt gelebt hatte. Gemeinsam konstruierten Vater und Sohn rechtwinklige Dreiecke. Auf das Erlernen französischer und lateinischer Vokabeln allerdings verzichtete Mathis. Dafür sei er zu alt, meinte er. Es falle ihm schon schwer genug zu verstehen, was ihm sein Jüngster in der Muttersprache beibringe.
Die Kenntnisse, die er sich aneignete, entsprachen lediglich jenem Basiswissen, das man Söhnen reicher Basler Stadtbürger vermittelte, um sie für den Eintritt ins Pädagogium vorzubereiten. Gleichwohl eröffnete der abendliche Unterricht bei seinem Sohn dem einfachen Mann eine neue Welt. Wenn er jetzt am Morgen oder abends im Stall seine Kühe molk, hörte er kaum mehr zu, wenn Peter und Paul einander von der kleinen Welt in Waldenburg berichteten. Mathis überdachte, was er gelernt hatte und grübelte über den praktischen Nutzen seines neuen Wissens nach. Er las jetzt auch den Hinkenden Boten aufmerksamer, jenen Volkskalender, der einmal jährlich im Spätherbst ausgeliefert wurde und dessen Titelblatt ein Kriegsinvalider mit einem Holzbein zierte. Bis dahin hatte er sich vor allem für die im Almanach publizierten Daten der regionalen Vieh- und Wochenmärkte interessiert. Nun nahm er sich auch die zahlreichen Artikel vor, welche die Leserschaft über Ereignisse des vergangenen Jahrs, diesseits und jenseits der Eidgenossenschaft, unterrichtete. Dazu kamen verschiedene Bücher, die ihm Dorothea Staehelin auslieh. Ihr war sein Lerneifer, der sie faszinierte und rührte, nicht entgangen.
Seine Frau Barbara reagierte mit gemischten Gefühlen auf die abendlichen Unterrichtsstunden. Einerseits erfüllte es sie mit Stolz, dass ihr Jüngster seinem Vater Dinge beibringen konnte, die sie selber nicht verstand und auch gar nicht verstehen wollte. Andererseits ärgerte sie sich im Stillen darüber, dass Madame Staehelin ihrem Mann Bücher zusteckte. Sie befürchtete, das Wissen, das sich Mathis aneignete, trage dazu bei, dass er sich, zusammen mit Sämi, immer mehr von ihr und den vier Grossen entferne. «Wir sind doch nur kleine Leute und Untertanen», hatte sie einmal, bedrängt von ihren Ängsten, die Familie könne auseinanderfallen, zu ihm gesagt. «Was willst du dich über deinen Stand erheben?»
Mathis hatte sie lange angeschaut. Dann hatte er die Stirn in Falten gezogen und sich von ihr abgewandt.
9
«Auf ein Wort, Bürger Jacob!»
Mathis, der sich nach dem sonntäglichen Gottesdienst im August 1795 mitten unter den Gläubigen vor der Peterskirche mit seinem Schwiegervater Emil Strub unterhielt, wandte sich erstaunt um. Bürger Jacob hatte ihn noch nie jemand genannt. Vor ihm stand Sebastian Hoffmann. Ihm musste die helle fordernde Männerstimme gehören. Er kannte den seltsamen Menschen, der stets enge, lange Hosen trug, nur vom Sehen. «Meint Ihr mich?»
Der Kandidat nickte. «Euer Jüngster, notabene ein überaus begabter Schüler, hat mir viel von Euch erzählt. Es ist mir ein Bedürfnis, einem Mann die Hand zu drücken, der sich nicht zu schade ist, von einem Kind zu lernen, einem Menschen, der willens ist, sich aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit zu befreien.»
Mathis starrte den eifrigen jungen Mann, dessen Wangen sich gerötet hatten und dessen Augen ihn hinter blitzenden Brillengläsern musterten, verwundert an. «Wovon will ich mich befreien?»
«Aus Eurer selbst verschuldeten Unmündigkeit», wiederholte der Kandidat. Das Wort stamme nicht von ihm, sondern von Immanuel Kant, einem deutschen Denker. Die Menschen müssten lernen, erläuterte er, sich ihres Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. «Ihr, Bürger Jacob, gehört zu jenen, die bereits einen ersten Schritt getan haben.» Er streckte ihm seine Hand entgegen.
Zögernd schlug Mathis ein. «Und weshalb nennt Ihr mich Bürger Jacob?»
«Das ist eine Frage des Prinzips der Gleichheit, das wir Patrioten hochhalten.»
«Aha. Und Ihr seid demnach der Bürger Hoffmann?»
«Genau.»
«Bürger Hoffmann», wiederholte Mathis. Er wusste aus den verschiedenen Pamphleten, die er mit seinen Freunden im Hauskreis diskutierte, dass sich in Frankreich alle, ob hoch oder niedrig, als Bürger ansprachen. Selbst der König war, bevor man ihn um einen Kopf kürzer gemacht hatte, nur noch der Bürger Capet gewesen. Gleichwohl erschien ihm die Anrede seltsam. Sie war ihm sogar etwas genierlich – umso mehr, als er aus den Augenwinkeln wahrnahm, dass sich sein Schwiegervater über den Kandidaten mokierte. «Und wie ist das nun mit der Erde?», fragte er deshalb, um das Thema zu wechseln. «Dreht sie sich tatsächlich um die eigene Achse und einmal im Jahr um die Sonne?»
Sebastian Hoffmann schaute ihn überrascht an. Dann huschte ein Lächeln über sein Gesicht. «Hat Euch das Samuel erzählt? Ja, ja, da hat er recht. Und nicht nur die Erde, auch die Planeten kreisen um die Sonne. Sie ist unser Zentralgestirn.»
Mathis fasste sich ein Herz und stellte die Frage, die ihn schon lange beschäftigte: «Drehen sich auch der Abend- und der Morgenstern um die Sonne?»
«Das sind nicht zwei Planeten, das ist nur einer: die Venus.»
«Und da seid Ihr sicher?»
«Natürlich. Ihr seht sie nur zu unterschiedlichen Zeiten, weil da oben», Hoffmann deutete zum Himmel, «alles in Bewegung ist. Ich sehe schon», sagte er nach einer kurzen Gedankenpause, «Ihr seid einer, der als Bauer fest auf der Erde steht und gleichzeitig die Arme zu den Sternen streckt. Bemerkenswert.» Er hüstelte. «Aber jetzt muss ich mich verabschieden. Pfarrer Grynäus hat seine Base, die Bürgerin Staehelin, zum Mittagessen eingeladen, und er erwartet, dass ich ihr die Honneurs mache. Es war mir eine Freude, Euch kennenzulernen.» Nochmals griff er nach Mathis’ Hand und schüttelte sie überschwänglich.
Die beiden Männer sahen ihm nach. «Da geht er, der Bürger Hoffmann, und lässt den Bürger Jacob einfach stehen», frotzelte Emil Strub.
Einen grossen Teil der folgenden Nacht verbrachte Mathis Jacob im Freien. Bereits am Nachmittag hatte er bemerkt, dass eine seiner Kühe, die trächtig war, im Verlauf der nächsten Stunden kalben würde. Sie sonderte einen zähen Schleim ab, war unruhig, legte sich hin und stand auf. Immer wieder. Er würde bei ihr bleiben, um Geburtshilfe zu leisten. Dorothea Staehelin hatte ihn gebeten, mit Salome dabei sein zu dürfen. Das Mädchen solle sehen, wie neues Leben auf die Welt komme. Mit elf Jahren sei sie alt genug zu erfahren, was jedes Bauernkind wisse. So begleiteten Mutter und Tochter den Bauern, als er nach dem Nachtessen hinaus auf die Weide ging. Barbara und ihre Kinder blieben zurück.
Es war einer jener schier unerträglich klaren Spätsommerabende, an denen die Luft, lange nachdem die Sonne hinter dem Horizont verschwunden ist, noch schwer und süss über dem Land hängt. Die drei sassen schweigend um ein Feuer, das Mathis angezündet hatte, um die Mücken fernzuhalten. Die Kuh hielt sich in ihrer Nähe, wandte ihnen den Kopf zu und betrachtete sie aus ihren grossen, sanften Augen. Fast unmerklich wurde es dunkel. Die Konturen der Hügel waren vor dem schwarzen Himmel nur noch zu erahnen. Aus dem nahen Wald drangen die Geräusche der Nacht. Salome lehnte ihren Blondschopf an die Schulter der Mutter und verfiel in einen leichten Schlummer.
Sie erwachte, als Mathis eine Fackel entzündete, die er mitgenommen hatte. Er trat hinter das Tier, dessen Flanken arbeiteten, und zeigte dem Mädchen die Fruchtblase, die aus der Schamspalte hervordrängte. Die Wehen hatten eingesetzt. Die Kuh brüllte mehrmals. Dorothea Staehelin legte den Arm um ihre Tochter, die zum ersten Mal das Mysterium einer Geburt miterlebte. Mit gestreckten Gliedmassen lag das Tier jetzt schwer atmend auf der Seite.
«Da», sagte Mathis endlich. Er stand auf und warf einen Armvoll Holz ins Feuer. Im Schein der flackernden Flammen wurden die Vorderbeine des Kälbleins sichtbar. Eine Viertelstunde später platzte die Fruchtblase, ein Schwall Flüssigkeit ergoss sich ins Gras und Salome sah das Maul und kurz darauf den Kopf aus dem Leib des Muttertiers hervorgucken. Jetzt ging es plötzlich sehr rasch. Das Kalb wurde der Länge nach ausgestossen, und die Nabelschnur zerriss. Die Kuhmutter stand schwerfällig auf und begann ihr Neugeborenes abzulecken.
Während sie auf die Nachgeburt warteten, wollte Salome, sichtlich bemüht, das Erlebte zu verarbeiten, von ihrer Mutter wissen, ob auch sie einmal in ihrem Bauch gewesen und ob es bei ihrer eigenen Geburt ähnlich zugegangen sei. Dorothea nickte und zog sie an sich.
Gegen Mitternacht kehrten sie zum Hof zurück. Dorothea schickte Salome, der die Augen zuzufallen drohten, ins Bett. Sie selber trat zu Mathis, der, den Kopf im Nacken, in den nächtlichen Himmel starrte. Er warf ihr einen Seitenblick zu. «Da oben ist alles in Bewegung», sagte er schliesslich.
Die Frau schwieg. Ihr Pächter sei ein Mann, der mit den Füssen auf der Erde stehe und die Arme zu den Sternen strecke, hatte Sebastian Hoffmann beim Mittagessen im Pfarrhaus gesagt. Das ist ein poetisches Bild, hatte Dorothea gedacht. Der Hauslehrer des Pfarrers hatte ausserdem von den Fragen des Bauern nach den Planeten berichtet. Sie nahm an, dass Mathis jetzt versuchte, das Gehörte zu verstehen und in sein Weltbild einzufügen. «Ihr scheint einen grossen Eindruck auf den Kandidaten Hoffmann gemacht zu haben», bemerkte sie.
«So?» Wieder ein Seitenblick. «Er ist ein seltsamer Mensch. Er nannte mich Bürger Jacob.»
Sie unterdrückte ein Lächeln. «Er ist ein Schwärmer», meinte sie dann, «einer von jenen, die davon überzeugt sind, dass mit der Revolution in Frankreich auch die hohen Ideen der Aufklärung in den Köpfen der Menschen Einzug halten werden. Aber Ihr könnt ihm trauen. Er ist einer von uns.»
Einer von uns. Mathis dachte darüber nach, wer mit diesem «uns» wohl gemeint war.
«Er gehört zu den Patrioten», beantwortete Dorothea Staehelin die Frage, die er nicht gestellt hatte.
«Das hat er mir gesagt.» Mathis wusste, dass sich eine Gruppe von Basler Bürgern so nannte. Sie unterstützten den Stadtschreiber Ochs und dessen Schwager, den Ratsherrn Peter Vischer, im Kampf für die politischen Rechte der Landbevölkerung. Den Patrioten standen die Aristokraten gegenüber, die von Bürgermeister Debary angeführt wurden. Für ihresgleichen sollte die Landschaft für Zeit und Ewigkeit Untertanengebiet bleiben. Aber Ochs, frankophil und der Aufklärung verpflichtet, galt als der kommende Mann. Im Auftrag seiner Vaterstadt hatte er verschiedentlich mit den Mächtigen in Paris verhandelt. Er hatte eine wichtige Vermittlerrolle gespielt, als im letzten April ein Frieden zwischen Frankreich und Preussen und im Juli zwischen Frankreich und Spanien geschlossen wurde. Für die Gespräche hatte er sein Haus, den herrschaftlichen Holsteinerhof in Basel zur Verfügung gestellt. Peter Ochs, dachte Mathis, gehörte zu den reichen städtischen Patriziern. Auch wenn er sich für die Landleute einsetzte, war er in seinem ganzen Wesen wohl ein Gnädiger Herr. Ob er es schätzen würde, wenn ein einfacher Bauer, wie er es war, ihn als Bürger Ochs anspräche?
«Ihr sagt ‹uns›.» Mathis vermied es, sie anzusehen. «Gehört Ihr dazu?»
«Ja.» Das tönte beinahe leidenschaftlich. Sie fasste ihn am Oberarm. «Und ich hoffe, dass auch Ihr uns anschliesst, so wie der Uhrmacher Wilhelm Hoch und der Orismüller aus Liestal, zwei Landleute, die, wie Ihr, fähig sind, über ihren Stand hinauszudenken.»
Sein Körper versteifte sich. Ihre Berührung erschreckte ihn. Doch dann legte er seine Hand auf die ihre. Sie sahen sich an. Schweigend.
«Dorothe», sagte er leise und küsste sie auf die Stirn.
Sie senkte den Kopf. «Es darf nicht sein», flüsterte sie. «Du bist verheiratet.»
Am Fenster ihrer Kammer, hinter dem Vorhang verborgen, stand Barbara Jacob. Sie hatte nicht einschlafen können. Erst um Mitternacht war Mathis mit Madame und der kleinen Mamsell zurückgekehrt. Sie hatte gehört, wie Dorothea Staehelin ihre Tochter hinaufschickte. Aber ihr Mann war nicht gekommen. Schliesslich hatte sie das Bett verlassen, auf den Hof hinausgespäht und beobachtet, wie Mathis die vornehme Frau küsste. Barbara schien, sie habe sich nicht mehr von ihm lösen wollen.
Als er später die Schlafkammer betrat und zu ihr ins Ehebett stieg, kehrte sie ihm den Rücken zu und stellte sich schlafend. Er realisierte nicht, dass ihre Schultern bebten.
Бесплатный фрагмент закончился.
