Читать книгу: «Maschinenraum»

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Walter Gröbchen

Verleger, Journalist und Kurator in Wien. Gemeinsam mit Partnern betreibt er die Musik- und Kommunikationsagentur monkey und den Platten-/Hifi-Store Schallter Audio & Records. Als Autor war und ist Gröbchen, zuvor lange Jahre Redakteur, Beitragsgestalter und Moderator bei Ö3 und Ö1 (»Musicbox«, »Nachtexpress«, »Diagonal« u. a.), für Die Zeit, Die Weltwoche, Financial Times, Rolling Stone, profil, Trend, Falter, Wiener u. a. tätig. Derzeitige Arbeitsschwerpunkte: die zeitgenössische Musiksammlung (»Poparchiv«) der Wienbibliothek im Rathaus, eine TV-Doku zum 50-Jahre-Austropop-Jubiläum 2020 und die Projektierung eines DAB-Radiosenders für den Großraum Wien. Die Kolumne »Maschinenraum« erscheint in der Wiener Zeitung.

WALTER GRÖBCHEN

MASCHINENRAUM

GEBRAUCHSANLETITUNG FÜR DEN MODERNEN ALL TAG


»Am liebsten erinnere ich mich an die Zukunft.«

Salvador Dalí

INHALT

(KEIN) VORWORT

GEGENWART

RAUM, ZEIT, TEXT (2019)

WELTWEITES AUFFANGNETZ (2020)

DAS HOFFNUNGSVOLLE LEUCHTEN DES BILDSCHIRMS (2020)

ENTSCHEIDUNGSFRAGEN (2020)

HANDSHAKE MIT DEM GROSSEN BRUDER? (2020)

WELTMASCHINE, HALT! (2020)

ALLTAG

CAT CONTENT (2010)

KURSZIEL SKLAVENFABRIK (2010)

KÜHLE ENTSCHEIDUNG (2011)

WEISSER HASE, SCHWARZER STECKEN (2012)

FITNESS HIJACKING (2014)

SPAGHETTI MIT PESTIZID (2015)

EINBRECHER, BITTE MELDEN! (2015)

UNGEHEUER MASCHINENSTEUER? (2016)

STAUBSAUGER MIT SYMBOLWERT (2017)

DIE KRYPTIK DER KRYPTOWÄHRUNGEN (2018)

DIE BANK-REVOLUTION (2019)

PUTZIGE KERLCHEN (2019)

DER IKARUS-APPARAT (2020)

MEDIEN & INTERNET

GESCHICHTEN AUS DEM GESICHTSBUCH (2009)

CLOSED SPACE (2011)

DIE FEHLENDE DIMENSION (2011)

DAS GROSSE VERGESSEN (2014)

SCHLECHTWETTERLAGE (2014)

DAVID VERSUS GOLIATH (2015)

GESICHTSLOS (2018)

OH WEH, WEH, WEH! (2019)

BILDERBUCH FÜR HALB-ERWACHSENE (2019)

WENIGER = MEHR (2019)

MOBILITÄT

DIE NEUERFINDUNG DES RADS (2009)

ARMBRUSTSCHWACH (2009)

PORSCHE IM GEDANKENSTAU (2010)

HUMMER-LOS (2012)

PORSCHE ZAFIRA (2012)

TRIUMPHE & TRAGÖDIEN (2012)

DAS ELEKTRO-WAFFENRAD (2012)

MEIN-KAMPF-RADLER! (2016)

UBERDRUBER (2017)

DAS ENDE DER SEHNSUCHT (2018)

SAND IM GETRIEBE (2019)

MUSIK

PUNKTLANDUNG (2009)

EIN GLAS AUF LEO FENDER (2010)

DIE DUNKLERE SEITE DES MONDES (2011)

GOLDENE SCHALLPLATTE (2013)

HIGHEST FIDELITY (2014)

OHNE SCHLITZ (2016)

STRAHLENDE DUNKELHEIT (2016)

BLUE, BLUE, ELECTRIC BLUE (2017)

HÖR’ DOCH MAL, OPA! (2018)

DRAHTLOSES UNGLÜCK (2019)

KLINGKLANG IM DESIGN-WOHNZIMMER (2019)

POLITIK

EUROFIGHTER AUF EBAY! (2010)

BÜRGERKRIEG 2.0 (2010)

CAMERON, FRANKLIN & WIR (2011)

DIE REPUBLIK DER PECHVÖGEL (2012)

NEHMEN WIR EINMAL AN (2013)

FREIHEIT IST SKLAVEREI (2013)

GEWÖHNUNGSEFFEKT (2015)

CHINESISCHE VERHÄLTNISSE (2015)

HOFFNUNGS-LOS (2016)

DENKWERK ZUKUNFTSREICH (2019)

DIE IBIZA-CONNECTION (2019)

VERGANGENHEIT

REDEN UND SCHWEIGEN (2011)

AUSGESCHOSSEN (2009)

TECHNISCHES PRIVATMUSEUM (2010)

PHÖNIX IN DER ASCHE (2011)

DAS JAHR DER STILLEN SONNE (2011)

MEMENTO MORI (2012)

DER FAKTOR FORM (2013)

RAUM UND ZEIT (2015)

SINUS, COSINUS, TANGENS (2016)

NUR FLIEGEN WAR SCHÖNER (2017)

ZUKUNFT

ZUKUNFTSFORSCHUNG (2014)

KOHLENSTOFFFIEBER (2014)

AUS-ZEIT (2015)

KÜNSTLICHE SONNE (2015)

2001: ODYSSEE IM ALLTAG (2018)

JENSEITS DES HORIZONTS (2018)

GENERATIONENKONFLIKT (2019)

MANN IM MOND (2019)

UTOPIA: EINE ÖKO-DIKTATUR (2019)

ZUKUNFTSAHNUNG (2019)

(K)EIN VORWORT

Es ist ein Tag der Arbeit, und dabei schreiben wir noch gar nicht den 1. Mai. Ich sitze an diesem Text, einem Vorwort, weil ich meine, dass ein Buch ein Vorwort braucht. Tatsächlich ist das Vorhaben, ausgewählte Kolumnen aus über zehn Jahren zu versammeln und neu auszubreiten, nicht selbsterklärend. Zumal im Feld des Technischen und in Zeiten wie diesen, wo sich viele Einschätzungen von anno dazumal relativieren oder längst ins Gegenteil verkehrt haben. Wer möchte heute noch dem menschlichen, eventuell aber auch nur männlichen Drang, in einem schicken Sportflitzer mit Verbrennungsmotor unbekümmert durch die Landschaft zu brausen, das Wort reden? Oder sich spontan in ein Flugzeug gen Afrika oder Asien verfrachten lassen, wenn gerade die größten Fluglinien der Welt zur Disposition stehen?

Es sind seltsame Tage, in denen dieses Buch entsteht. Sie werden an vorderster Stelle eine Kolumne finden, die als Botschaft an einen Freund gedacht war – Peter Glaser. Es war der mehr oder minder charmante Versuch, dem österreichischen Autor, der seit Jahren in Berlin lebt und arbeitet, ein Vorwort abzuringen. Er hat auch gleich zugesagt, zu meiner Freude, denn ein paar definitiv kundige einleitende Worte zu diesem Kompendium hoffentlich halbwegs kundiger Texte sind mehr als bloßes Beiwerk. Sie adeln das Buch, den Verlag und den Autor. Allein: Ich erreiche Peter seit Wochen nicht, und die letzte Botschaft, die mich via Personal Message auf Facebook erreichte, klang gar nicht gut. Was mit den Umständen zu tun hat, mit Corona, der Bürokratie, der Ratlosigkeit, der körperlichen und seelischen Verfasstheit in Phasen wie diesen. Die vielen Fragezeichen und alles Gute wünschenden Buchstaben meiner immer dringlicheren Depeschen an den erhofften Verfasser dieses Einleitungstextes blieben ab Mitte März unbeantwortet. Ich hoffe dennoch, Peter Glaser baldigst ein »Maschinenraum«-Exemplar überreichen zu können. Persönlich, mit Freude, Dank und Erleichterung.

So liest sich dieses Buch auch ein wenig mehr wie ein persönliches Logbuch als ursprünglich gedacht. Tagesaktuell war das Gros der Kolumnen nie, aber es kam zu den geplanten Kapiteln über die Vergangenheit und die Zukunft – ohne die wohl kein halbwegs unterhaltsames Werk zum Thema Technik im weitesten Sinn auskommen kann – noch eine Abteilung zur Gegenwart dazu. Dass sie uns morgen (und das kann dann schon der Tag sein, an dem Sie diese Zeilen erstmals lesen) hoffnungslos veraltet, schräg und falsch beurteilt vorkommt und wir das C-Wort nicht mehr annähernd riechen können (oder wollen), mag sein. Aber die Lachhaftigkeit vieler Konzepte, Konstruktionspläne und Visionen von einst ergibt sich schon bei der Lektüre ein paar Jahre oder gar Jahrzehnte alter Wirtschafts- und Technikmagazine. »Life is what happens while you’re busy making plans«, wusste schon John Lennon. Wir sollten die vergilbten Ideen von gestern dennoch studieren, weil sie uns auch jede Menge über die aktuelle Situation erzählen. Und den Weg dahin.

Was will dieses Buch, was will die ihr zugrunde liegende Kolumne (die erstmals 2009 in der Presse erschien, wofür es Christian Ultsch und Rainer Nowak zu danken gilt, und die seit 2017 in der Wiener Zeitung abgedruckt wird, hier geht der Dank an Christina Böck, Bernhard Baumgartner und Ex-Chefredakteur Reinhard Göweil)? Kurz gesagt: ein Begreifen ermöglichen. Jede hinreichend fortschrittliche Technologie sei von Magie nicht zu unterscheiden, hat der britische Autor Arthur C. Clarke einst postuliert. Hier aber geht es um Entzauberung. Der gemeinsame Abstieg in den »Maschinenraum« ist der Versuch einer lustvollen, nicht mit Fachsprache, Hard Facts und technischen Details überfrachteten Expedition in den Alltag eines Durchschnitts-Users. Das ist wesentlich: Alle Beobachtungen, Anmerkungen und Einschätzungen erfolgen aus der Sicht eines kritischen Konsumenten, nicht eines Experten.

Wie für jeden Autor, für jede Autorin gilt auch für mich: Wir schreiben gegen das Sterben an, gegen das Vergessenwerden, gegen den Lauf der Dinge. Wie lange wird der Laptop, in dessen Tastatur ich gerade klopfe, noch klaglos laufen? Was kann uns Neo-Virologe Bill Gates über die Vergänglichkeit erzählen, welches Smartphone nutzt der Papst (und schaltet er es während eines Gesprächs mit Gott aus)? Wird die Zukunft mehr Technik, mehr Verstehen, mehr Lösungen bringen oder weniger? Und kann Fortschritt gegebenenfalls das Überleben der Menschheit sichern? Fragen über Fragen. Ich beginne abzuschweifen. Zeit, umzublättern.

GEGENWART

»Es ist dies das Zeitalter der Angst, weil die elektrische Implosion uns ohne Rücksicht auf ›Standpunkte‹ zum Engagement und zur sozialen Teilnahme zwingt.«

Marshall McLuhan

»Der Fortgang der wissenschaftlichen Entwicklung ist im Endeffekt eine ständige Flucht vor dem Staunen.«

Albert Einstein

»Was man heute als Science-Fiction beginnt, wird man morgen vielleicht als Reportage zu Ende schreiben müssen.«

Norman Mailer

RAUM, ZEIT, TEXT

Schreiben über Technik? Selten im Radar des Literatur-Nobelpreis-Komitees. Leider.

Ich habe das ehrenwerte Angebot bekommen, eine Auswahl der hier erscheinenden Kolumnen als Buch zu veröffentlichen. Ob sie es wert sind, weiß ich nicht. Aber das soll das Publikum entscheiden, das ja im Kosmos der Konsumprodukte eine faktisch brutale, nicht selten finale Abstimmung vornimmt – an der Kassa des Buchladens, via »Buy«-Click im Internet. Oder auch nicht. Noch gilt das Prinzip Hoffnung: Die pure Existenz des Werks wird Ihnen nach diesem Vorab-Hinweis und seinem Erscheinen noch oft genug untergejubelt werden. Eventuell hilft es, die Absatzzahlen zu steigern, wenn ich nicht extra auf den Umstand verweise, dass sich die Mehrzahl der Texte online leicht auffinden und gratis studieren lässt.

Aber ein Buch macht halt deutlich mehr her! Erst recht für den Autor. Es ist ein Konzentrat jahrelanger flüchtiger Beobachtungen, launiger Anmerkungen, bisweilen auch dauerhafterer Gedanken und Erkenntnisse. Abseits profaner Tagesarbeit, die hilft, die Miete zu bezahlen, rückt allein das jahrtausendealte, auch im 21. Jahrhundert konkurrenzlos sinnliche Medium Papier jeden Beistrich in die Nähe ernsthafter Literatur, und man muss nicht von Tolstoi, Homer und Handke kommen, um sich geadelt zu fühlen. Eventuell reicht auch Hobby – das Magazin der Technik. Kennen Sie nicht? Im Feld des strikt linearen technologischen Fortschritts, der kein Zurück kennt und selten Nostalgie, freilich kein Mirakel. Entschuldigen Sie das Pathos! Mir ist gerade danach.

Ich habe Peter Glaser ein Mail geschickt, ob er ein kurzes Vorwort für das Büchlein verfassen möchte. Kennen Sie ebenfalls nicht? Der Mann ist der beste Technik-Kolumnist des deutschsprachigen Raums (auch wenn ihm Sascha Lobo hart auf den Fersen ist). »Geboren als Bleistift in Graz« in den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrtausends, wie seine Web-Biografie festhält. Heute lebt Glaser in Berlin. Eigentlich aber im Cyberspace. Wie geht so einer, wage ich zu fragen, mit der Flüchtigkeit seiner schriftstellerischen Existenz um, der Rasanz der Zeit, der Explosion der im Idealfall vollständig und penibel zu kommentierenden Möglichkeiten, Perspektiven, Entwicklungen? Erst recht im Kontrast zur – vermeintlichen? tatsächlichen? – Gefangenheit des Menschen in sich selbst. Apropos: Peter Glaser sitzt, wenn er nicht seinen Intellekt um den Globus streifen lässt, im Rollstuhl. Nicht die übelste Erfindung in der Geschichte der Menschheit.

Ich halte gerade eines seiner Bücher in Händen. Der Autor – Bachmann-Preisträger! – ist mir weit voraus, was bedrucktes Papier betrifft. Das Werk (»24 Stunden im 21. Jahrhundert«, Erscheinungsjahr 1995) ist, oberflächlich betrachtet, vergilbt, aber es strotzt vor zeitlos aktueller Gedankenfülle. Und zutiefst humanem Humor. Ich empfehle dringend: googlen, abonnieren, lesen Sie Glaser! Technik und Alltag, Introspektion und Extrapolation, Poesie, Gegenwart und Zukunft so elegant zu verzahnen ist kein Lercherlschas. Zumal sich die ernste Literatur selten Alexa, Greta und das nimbusumflorte Nobelpreis-Komitee in den Elfenbeinturm einlädt; eine ihrer größten Schwächen. Jetzt bin ich mal gespannt, was mir vergleichsweise der Grazer Titan, Freund und Kolumnistenkollege zurückschreibt.

WELTWEITES AUFFANGNETZ

Aufklärung oder Verschwörungstheorie? Das World Wide Web transportiert beides.

Ich schreibe dies zwei Tage nach der Zeitenwende im Jahr des Herrn 2020, und wenn diese Zeilen nach einem Logbuch-Eintrag klingen, dann durchaus beabsichtigt. Es ist gerade mal zwei Wochen her, dass ich an dieser Stelle das »hoffnungsvolle Leuchten des Bildschirms« imaginierte, als eine Art Signalfeuer im Meer der Unwägbarkeiten. Damals – es erscheint seltsam fern – begann Italien ob der Covid-19-Pandemie mit der Abriegelung erster Provinzen, mittlerweile hat sich das ganze Land selbst unter Quarantäne gestellt. Aber alles hat längst die Grenze passiert: das Virus, die Angst, die Maßnahmen, der Kampf gegen einen unsichtbaren Feind. Europa, nein, die Welt befindet sich im Kriegszustand.

Zu viel Lärm um eine Krankheit, die bis zuletzt noch als »harmloser als eine Grippe« galt? Ich meine: nein. Es sind die leuchtkräftigen Bilder, die uns den Weg weisen im Sprühnebel der Desinfektionsmittel. Auch da kann sich jeder heimische Politiker eine Scheibe von der Methodik (nicht der Moral!) der chinesischen Behörden abschneiden: Zeig’ entschieden, wo’s langgeht, erklären kann man es später immer noch – verstehen könnten es locker zwei Drittel der Bevölkerung, aber wirklich verinnerlichen will es aktuell vielleicht ein Bruchteil davon, wenn überhaupt.

Man konnte selbst respektierte Journalisten, Meinungsbildner und Landärzte lange nicht vom Wesen dieses Wettlaufs mit dem Tod überzeugen. Man kann es partiell immer noch nicht – sei es mit Schautafeln, Videos, mathematischen Formeln, akkuraten Statistik-Kurven oder dramatischen Augenzeugenberichten aus Spitälern in Krisen-Hotspots. Mit fatalen Folgen.

Bezeichnenderweise hat in diesem Kontext der potenziell hochklassige, weil weltumspannende, quellendiverse und mit Abstand rasanteste Kommunikationsträger – das Internet – mit seiner eigenen Übermacht zu kämpfen. Jeder nutzt es, keiner traut ihm. Weil der Großteil seiner User zu träge ist, Fakten zu checken, Informationen abzuwägen und ein Sensorium gerade für unangenehme Wahrheiten zu entwickeln, glaubt man nur, was man vorher schon an »Meinung« in der warmen Jackentasche mit sich herumtrug.

So kam, was kommen musste: Man wird – inmitten eines Tsunamis! – Teil einer Fraktion in einer fraktionierten Welt. Pro? Contra? Egal? Mir jedenfalls egal, bei manchen Zeitgenossen als Mitbefeuerer einer »weltweiten social-media-gesteuerten Massenhysterie« (O-Ton in einem Facebook-Thread) zu gelten. Time will tell. Aber den Ärzten läuft die Zeit und die Bettenkapazität davon. Es wäre mehr als schmerzlich, recht zu behalten.

Homeoffice now! Das hoffungsvolle Leuchten des Bildschirms … Warum setzen wir weiterhin auf die vielgeschmähten, nachgerade verdammten, an ihre Kapazitätsgrenzen geratenden Neuen Medien? Weil die elektronischen Kanäle ein Eckpfeiler eines würdigen Weitermachens, ja Weiterlebens sind. Erst recht bei geschlossenen Grenzen und Türen. Weil wir uns noch viel zu sagen haben werden in den nächsten Wochen, Monaten. One-to-one. One-to-many. Viral. Jeder Mensch für sich. Allein in und aus seinem Quarantäne-Raum, seinem Ego-Bunker, seinem Familiennest, seinem Chefbüro, seinem Krankenbett, seiner Polit-Schaltzentrale, seiner Steinzeithöhle des 21. Jahrhunderts.

DAS HOFFNUNGSVOLLE LEUCHTEN DES BILDSCHIRMS

Die wirksamste Abwehr von Covid-19: der eigene, hoffentlich gesunde Menschenverstand.

In diesen Tagen sind gute Nachrichten doppelt willkommen. Hier ist eine: Die Neuen Medien funktionieren als Live-Ticker, Informationsquelle und persönliches Nachrichten-Netzwerk im Fall einer unklaren Bedrohungslage durchaus. Jedenfalls besser als erwartet. Sie zeigen dabei die ganze Bandbreite der Reaktionen auf das Corona-Virus (offiziell: Covid-19) – von epidemischer Angst über sterile Sachlichkeit bis zu demonstrativer Gelassenheit. Letztere nicht selten verbunden mit einer gesunden Portion Ironie. »Ich habe weniger Angst vor dem Virus als davor, was passiert, wenn plötzlich alle zuhause bleiben und den ganzen Tag hier auf Twitter verbringen«, warf ein forscher Politikberater – der sich selbst »Agent Provocateur« nennt – in die Runde.

Tatsächlich ist das Szenario nicht ganz unvorstellbar. Wer nach China blickt oder, weit näher, Italien, für den sind Abriegelungen ganzer Wohnblocks, ja Städte und Provinzen, inzwischen das Denkmodell der Stunde. Trautes Heim, Glück allein (regelmäßiges Händewaschen nicht vergessen)! Österreichs Entscheidungsträgern wird dito nichts anderes einfallen, so entschlossen sie auch in die TV-Kameras blicken. Allein: Zurück bleibt der Eindruck, dass derlei das Virus nicht stoppt. Und es eine beunruhigende Kluft gibt zwischen der gebetsmühlenartig wiederholten Botschaft, Covid-19 sei »harmloser als eine Grippe« und medizinischem Fachpersonal, das in Schutzanzügen durch die Gegend stapft wie in einem Endzeit-Thriller.

Ein weiteres Twitter-Fundstück – ein Video des britischen Daily Telegraph – macht erst recht betroffen: Es zeigt den Gesundheitsminister des Iran, stark schwitzend, bei der Verkündung der offiziellen Botschaft, man hätte »alles im Griff«. Am nächsten Tag bekam der Mann sein persönliches medizinisches Testergebnis: positiv.

Zu Tode gefürchtet ist aber auch gestorben. Die Technik – und ihr Funktionieren – sind in solchen Situationen die Voraussetzung für eine systematische, erfolgversprechende Abwehrreaktion. Stephen Hawking, der britische Astrophysiker, warnte 2017 vor den größten Bedrohungen der Menschheit: Klimawandel, Atomkrieg, genetisch veränderte Viren, Künstliche Intelligenz. Aber grundsätzlicher Pessimismus war Hawking nicht eigen: »Nachdem wir die Nutzung des Feuers entdeckt hatten, haben wir uns ein paar Mal dumm angestellt. Und dann den Feuerlöscher erfunden.« Die größte Gefahr für sich selbst und diesen Planeten sei der Mensch. Aggression als Wesenszug der humanoiden Spezies. Einzig wirksames Gegenrezept: Empathie.

Es ist ein wohl kein Zufall, dass Medien alter und neuer Bauart dieses Aggressionspotenzial – das Angst (oft irrationaler Natur) als Nährboden hat – widerspiegeln, verstärken und potenzieren. Insofern erlaube ich mir, in diesen Tagen Selbstdisziplin anzuraten: Man überlege sich doppelt und dreifach, wie eine Botschaft auf Seite der Empfänger verstanden werden kann (inklusive aller denkbaren Missverständnisse), bevor man auf die »Send«-Taste drückt. Das gilt insbesondere für öffentliche Wortäußerungen. Damit kein Missverständnis entsteht: Alles, was uns zum Lachen bringt, ist ausdrücklich erwünscht.

ENTSCHEIDUNGSFRAGEN

Die Software-Wahl der Stunde ist keine Überlebensfrage. Oder doch?

Der Maschinenraum hält als Metapher Einzug in die Kommunikation der Krisenstäbe. So sprachen diese Woche sowohl Kanzler Kurz wie auch Vizekanzler Kogler davon, das sei der Raum, wo Entscheidungen getroffen würden. Das ist falsch. Wenn man sich schon nautischer Metaphorik bedienen will, dann wäre das die Kommandobrücke.

Im Maschinenraum tun subalterne, dreckverschmierte Gestalten Dienst, sie schaufeln Kohle, bedienen Stellräder und heizen den Kessel. Aber ja, ohne sie wäre auch die Brückenbesatzung mit Kapitänspatent verloren. An schiefen Bildern, unzulässigen Vergleichen und gewagten Gedanken mangelt es dieser Tage wahrlich nicht. Aber wir müssen lernen, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, Wesentliches von Nebensächlichem, Realität von Fiktion. Und das rasch.

Die Entscheidung, ob man weiter auf restriktive (und zunehmend repressive) Maßnahmen gegen eine Pandemie setzt oder, in striktem Gegensatz dazu, rasch wieder die Wirtschaft ankurbelt, statt Desinfektionsmittel Optimismus versprüht und ein vergleichsweise normales Alltagsleben zulässt, ist gerade die Kernfrage. Ich stelle nur eine einzige Frage in den Raum: Kann eine Gesellschaft, in der auf Jahre hinaus biologisch begründetes Misstrauen herrschen wird, überhaupt zu so etwas wie Normalität zurückkehren? Man muss kein Tourismusmanager oder Oberarzt sein, um die Dringlichkeit dieser Frage zu spüren. Kühle Darwinisten würden antworten: Das Verrecken von Millionen Menschen hat uns bis dato auch nicht geschert, die Welt ist, wie sie ist, der Lebens-und Überlebenskampf bis hinein in die kleinsten Wirtschafts-, Kultur-und Privaträume ist unser Schicksal. Aber ich bin kein Darwinist. Und weiß mich als Mensch von einer Bestie zu unterscheiden. So hoffe ich zumindest, und, fatal banal, die Hoffnung stirbt zuletzt. Genug der Herumphilosophiererei im Homeoffice. Gut von Böse zu trennen, ist aber auch hierorts eine Frage, die sich ständig stellt.

Ich will Ihnen ein Beispiel nennen: Zoom. Das ist eine kleine, in ihren Basisfunktionen gratis erhältliche Software, die Videokonferenzen im Web ermöglicht. Gut, das tun andere Programme auch – von Microsoft Teams bis Skype –, aber tatsächlich scheint es mir via Zoom simpler, unkomplexer und in puncto Audio- und Videoqualität besser zu funktionieren als mit den genannten Alternativen (eine brauchbare Netzbandbreite vorausgesetzt). »Die Coronakrise wirkt wie eine gigantische Werbekampagne für die Software«, konstatierte Der Spiegel. Und warnte zugleich, wie viele andere Medien dieser Tage, vor ihrem Gebrauch. Aus Datenschutz- und Sicherheitsgründen. Man kann beim geringsten Zweifel dazu die Details – nebst unzähligen mahnenden Stimmen – im Netz finden.

Bin ich, sind wir also einmal mehr Opfer eines Herdentriebs? Oder sollten wir jetzt nicht zu kleinlich oder gar latent panisch sein mit all unseren Bedenken? Zoom hält gerade meine kleine Firma am Laufen, das funkt. Aber ob ich in ein, zwei Jahren immer noch diesem Pragmatismus anhänge und meine Liebe überlebt, wird sich erst weisen.

HANDSHAKE MIT DEM GROSSEN BRUDER?

An einer potenziell hilfreichen App entzündet sich das Misstrauen der Staatsbürger. Ausgerechnet!

Extra noch mal nachgezählt: Ich habe aktuell 106 Apps auf meinem Smartphone installiert. Seit vorgestern eine mehr, aber dazu später. Von diesen Apps greift mehr als die Hälfte ungeniert auf mein Adressbuch oder meine Facebook-Freundesliste zu, schaltet nach Bedarf Kamera und Mikrofon ein, zeichnet meinen Standort auf, die Bewegungsdaten und den Browser-Verlauf. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie sich für mein Gewicht, den Pulsschlag und die Blutdruckwerte interessieren. Freilich kann man das Gros der Greifarme dieser Datenkraken ausschalten, aber die Werkseinstellung ist zunächst auf Neugier programmiert. Und nicht wenige Nutzer vergessen, den Auslieferungszustand nicht wörtlich zu nehmen und die entsprechenden Um- und Einstellungen vorzunehmen. Aus Bequemlichkeit, aus Schlendrian, aus Unwissen. Oder auch (oft gehört!), weil man »eh nichts zu verbergen« hat. Für Konzerne, deren Geschäftsmodell sich in Big-Data-Schürfrechten erschöpft, ein gefundenes Fressen. Dass generell kaum eine Applikation unseres digitalen Lebensstils den Implikationen der Datenschutzgrundverordnung genügt, ist Allgemeingut.

Umso erstaunter war ich, als in den letzten Tagen einer potenziell hilfreichen, ja lebensrettenden App besonderes Misstrauen und vorauseilender Hohn entgegenschlug. Sie wird vom Österreichischen Roten Kreuz angeboten, allein das sollte vertrauensstiftend sein. Die App, leger »Stopp Corona« benannt, ist dazu gedacht, den Verbreitungswegen des Virus auf die Schliche zu kommen. Und User zu warnen, wenn sie mit Menschen in Berührung waren, die später positiv getestet werden. Relativ unkompliziert, elegant und unbestechlich. Dass Nationalratspräsident Sobotka – ein Oberlehrer vor dem Herrn – vorschnell hinausposaunte, er spräche sich für eine verpflichtende Installation auf dem Handy jedes Staatsbürgers aus, war kontraproduktiv. Allein die Idee ließ unzählige Bedenkenträger und Querulanten hinter den Büschen hervorspringen. Dass Fachleute zwar forderten, den Quellcode (die DNA des Programms) offenzulegen und einige Details nachzuschärfen, sonst aber wenig Übles diagnostizierten, beruhigte die Gemüter kaum. Misstrauen rules OK. Nun denn: Teert mich, federt mich, sprecht Gebete und politische Bannflüche! Ich habe es getan. Ich habe die Corona-App runtergeladen.

Um sie zu testen. Sie macht eigentlich nichts anderes, als per digitalem »Handshake« auf Knopfdruck eine Art anonymisiertes Begegnungstagebuch anzulegen. Sollte ich eine Benachrichtigung erhalten, weiß ich, dass ich potenziell angesteckt wurde. Mehr nicht. Es werden weder meine Spaziergänge getrackt noch mein YouPorn-Konsum entlarvt, und es gibt auch, pardon!, keine Direktverbindung mit dem Führerbunker von Sebastian Kurz. Lästern mag man eventuell über die Finanzierung der App-Entwicklung durch einen Versicherungskonzern. Oder darüber, dass man einmal mehr einen eigenen Weg geht und nicht auf ähnliche, rückhaltlos transparente Konkurrenzprodukte im EU-Ausland setzt. Da wir freilich im Zeitalter des ritualisierten Misstrauens leben, solche Apps aber einer gewissen Verbreitung bedürfen, um zu funktionieren, ist das Ding leider schon tot. Derweil Covid-19 noch quicklebendig unter uns weilt.

WELTMASCHINE, HALT!

Allerorten wird ein Neustart beschworen. Sollte man nicht zuvor die Fahrtrichtung festlegen?

Was ich gelernt habe: dass einer Pandemie menschliche Meinungsverschiedenheiten egal sind, in ihrer Vorhersehbarkeit eventuell sogar todlangweilig. Wobei: Das harmlose Wort »Meinungsverschiedenheit« trifft es nicht ganz. Die Bannflüche, Justament-Standpunkte, Expertisen und Gegenexpertisen, die akut von allen verfügbaren Kanzeln im Glaubenskrieg des 21. Jahrhunderts verkündet werden, lassen die Vermutung zu, dass neben Covid-19 noch ein zweites Virus grassiert, das vorrangig Gehirnzellen angreift. Die einen orten es in Menschenschlangen, die erwartungsfroh vor Baumärkten in Reih’ und Glied stehen. Das sind eher die harmloseren Fälle. Die anderen ordnen es Kassandrarufern zu, die lautstark das dicke Ende kommen sehen, aber die Implikationen genauso verdrängen (müssen) wie ihre vermeintlichen Widersacher. Ich frage Sie: Sitzen wir nicht alle im selben Boot? Es leckt gewaltig, so viel ist sicher.

Was ich noch gelernt habe: Der Götze unserer Zeit ist »die Wirtschaft« – etwas, das ich bislang für ein eher banales Mittel zum Zweck hielt. »Ziel der Wirtschaft«, schlage ich umgehend in Gablers Wirtschaftslexikon nach, »ist die Sicherstellung des Lebensunterhalts und, in ihrer kapitalistischen Form, die Maximierung von Gewinn und Lust mithilfe unternehmerischer Freiheit, zugleich die Erzeugung von Abhängigkeit, ob von Anbietern oder Produkten, bis zum – nicht unbedingt gewünschten, aber erwartbaren – Kollaps des Systems.« Na bitt’-schön. Das klingt jedenfalls nicht nach einem Werbefuzzi der Wirtschaftskammer. Wenn der Kollaps eines Systems »erwartbar« ist – und man muss jetzt weder Bill Gates, den Club of Rome, Naomi Klein oder Greta Thunberg bemühen –, dann sollten wir den Warnschuss, den die Menschheit gerade abbekommen hat, doch nicht ungehört verhallen lassen. Sofern man überhaupt an einen glücklichen Ausgang der Geschichte glaubt. Wenn die Wiedergeburt eines schwer rekonvaleszenten Patienten darin besteht, dass er in den nächsten Konsumtaumel verfällt, darf man ruhig daran (ver)zweifeln. Aber vielleicht hilft ja frisch geernteter Spargel mit Schmierspuren virulenter Profitgier über die nächste Depression.

Was ich weiters gelernt habe: Menschen lösen sich nicht von ihren kleinlichen Problemchen, Psycho-Defiziten und Sichtweisen, selbst wenn ringsum die Welt untergeht. Zu wenig persönlicher Freiraum beim strikt lebensnotwendigen Fitnesslauf im Schlosspark? Skandal! Unvollständig ausgefüllte Formulare im Kampf mit der Krisen-Bürokratie? Abmahnung! Immer noch Autos, die in den weithin leeren Begegnungszonen der Gegenwart unterwegs sind? Sofort das Waffenrad gesattelt! Selbst die Warnrufe der ewigen Kämpfer für das Wahre, Gute, Schöne (und die perfekte Demokratie sowieso) bekommen mitunter einen schneidenden Ton. Das Falter-Abo bleibt trotzdem aufrecht!

Was ich nicht gelernt, aber geträumt habe: dass Gsellmanns Weltmaschine – bitte googlen, wenn Ihnen das gar nichts sagt – das perfekte Kunstwerk und Sinnbild für unser Dasein ist. Die Maschine läuft nie rund, man kennt ihren Zweck nicht, ihr Erbauer hat sich längst absentiert. Sie produziert auch nichts. Aber das Ding lässt uns ahnen, dass jemand einst einen Plan hatte. Er ist verloren gegangen.

ALLTAG

»Jede hinreichend fortschrittliche Magie ist von Technologie nicht zu unterscheiden.«

Arthur C. Clarke

»Wenn ich die Folgen geahnt hätte, wäre ich Uhrmacher geworden.«

Albert Einstein

»Die verdammte Technik verändert unser aller Leben, fragt uns aber nie, ob sie das darf. Ich prangere das an.«

Vanessa Wieser

CAT CONTENT

Heute kauft man nicht mehr die Katze im Sack, sondern im Internet. Oder besser auch nicht.

Und nun, um mit Monty Python zu sprechen, zu etwas ganz anderem. Ich weiß nicht wirklich, ob die Geschichte eine Ente ist, wiewohl sie von einer Katze handelt, aber: selten so gelacht. Diese Woche fand sich in Österreichs Zeitungslandschaft – off- und online, Zeitungen bestehen ja nur noch bedingt aus Papier – flächendeckend die Meldung von einem Internet-Betrugsfall. Einem der herzzerreißenden Sorte. Samt allen Ingredienzien für eine Story, aus der jeder wirklich populistische Schlagzeilen-Texter eine Stadt und Land aufwühlende Titelgeschichte gemacht hätte.

Die Geschichte geht so: Eine junge Frau aus Thalgau bei Salzburg beschließt, sich ein Haustier zuzulegen. Sie geht im Internet auf die Suche und findet eine Adresse, wo eine »britische Kurzhaarkatze« angeboten wird. Auf ihre E-Mail-Anfrage, wie sie denn zu der Mieze komme und zu welchem Preis, folgt postwendend der Hinweis, die Katze selbst koste nichts, aber für den Transport aus Kamerun müsse sie ein Flugticket übernehmen. Das aber sei – Hauskatzen sind ja keine Königstiger – mit 100 Euro recht günstig. Die potenzielle Besitzerin willigt ein. Dann aber folgen, man ahnt es bereits, weitere Depeschen, Botschaften und Hinweise aus Afrika. Es seien noch diese und jene kleinen Beträge für Versicherung, Impfungen, EU-Pass, Quarantäneaufenthalte, Transportkisten und »gewisse Papiere« (so die APA) auszulegen. Das Geld werde aber gewiss zurückerstattet. Und sodann alles hurtig klappen wie versprochen.

Nun: Nach insgesamt dreiundzwanzig (!) Überweisungen ist die junge Salzburgerin insgesamt 22.051 Euro los. Aber die Katze immer noch nicht da. Schließlich nimmt sich – die Dame war nun doch allmählich stutzig geworden – die Polizei der Sache an. Ich fürchte, mit wenig durchschlagendem Erfolg.

Ein Lehrstück über die unwägbaren Gefahren des dunklen Kontinents Internet? Oder doch eher Stoff für eine Tragikomödie über die ewige Schwachstelle Mensch? Entscheiden Sie selbst. Wenn Sie in den Leserforen der Presse nachgraben – einige Kommentare zu dieser Story sind wirklich zum Zerkugeln. Ein gewisser »Fidel Gastro« etwa meint da trocken: »Die Katze kam nie an: ein weiteres Argument für den verstärkten Ausbau von Glasfaserleitungen.« Andere zitieren Einstein (»Die Dummheit des Menschen und das Universum sind unendlich. Nur beim Universum bin ich mir nicht so sicher.«). Oder schlagen gar eine gerichtlich bestellte Sachwalterin für die Katzennärrin vor.

Ich sage nur: Wäre das World Wide Web eine bessere Welt als die reale, hätte ihr schon ein Facebook-Freund eine lebendige, miauende Trostspenderin überreicht. Gratis.

KURSZIEL SKLAVENFABRIK

Apple hat an der Börse mittlerweile sogar Microsoft überholt. Aber es gibt nicht nur Gewinner.

Ich bereue ja nicht allzu viel in meinem bisherigen Leben. Aber wirklich, pardon!, in den Arsch beißen könnte ich mich für die fatale Unterlassung, ein paar Euro in Aktien der Firma Apple Inc. gesteckt zu haben. Etwa am 25. April 2003, da kostete so ein Anteilsschein gerade mal 5 Euro 90 Cent. Und ich sagte dem Unternehmen zu diesem Zeitpunkt – als früher Besitzer eines iPods und wohlbestallter Berater internationaler Musikkonzerne (die Schnittmenge war lange erstaunlich gering) – durchaus eine güldene Zukunft voraus.

Knapp sieben Jahre später steht der Apple-Aktienkurs bei über 200 Euro, Experten von Credit Suisse sagen gar ein Kursziel bei 300 Dollar voraus. Das Wunderding namens iPad, seit dieser Woche auch in Deutschland auf dem Markt (Österreich folgt wohl spätestens im Herbst), befeuert die Fantasien, die Börsen verhielten sich wie isländische Vulkane. Seit 2004 legte die Apple-Aktie um über 2300 Prozent (!) zu, die Marktkapitalisierung des Unternehmens liegt bei gut 222 Milliarden Dollar, 40 von 44 bei Bloomberg gelisteten Analysten empfehlen nach wie vor den Kauf des Wertpapiers. Und, wer hätte das noch Mitte der Neunzigerjahre für möglich gehalten, Steve Jobs hat damit Bill Gates überholt. Der Börsenwert von Apple liegt erstmals vor jenem von Microsoft.

Aber es ist, wie’s ist: Das Aktiengeschäft ist mir fremd. Ich habe schnarchlangweilige Bausparverträge und Lebensversicherungen in der Schublade. Die Chance aus, sagen wir, 10.000 Euro ein Vermögen zu machen (nach Adam Riese fast 340.000 Euro, wenn ich den Betrag 2003 investiert hätte), ist passé. Pessimisten meinen, ewig werde der Aufwärtstrend wohl nicht anhalten. Sie haben zwangsläufig recht. Irgendwann. Letztendlich immer. Eventuell schon bald.

Und es gibt, bei allem Respekt vor der Apfel-Weltdominanz, auch bittere Aspekte. Umstände, die einem die Freude am neuen iMac oder am glänzenden iPhone ordentlich vermiesen können, vom Aktienkurs ganz zu schweigen. Denn gebaut werden viele der eleganten Gerätschaften in China, unter – man muss es so deutlich sagen – dreckigsten, menschenunwürdigen Umständen. Die Firma Foxconn in Shenzen, einer der Dienstleister von Apples Gnaden, kam dieser Tage einmal mehr durch Selbstmorde von Arbeitern ins Gerede. Es sind Hunderttausende, die in den Foxconn-Fabriken leben, schlafen, rund um die Uhr malochen. Und bisweilen den Druck nicht mehr ertragen.

Nebstbei: Auch Sony, Hewlett-Packard und Nokia bedienen sich dieser modernen Billiglohn-Sklaven. Es gibt keine Gewinner ohne Verlierer.

KÜHLE ENTSCHEIDUNG

Die Energieeffizienzklassen von Kühlschränken lassen Konsumentenschützer nicht kalt.

Die Hundstage machen ihrem Namen alle Ehre. Man musste nicht zum Video des gleichnamigen Films von Ulrich Seidl – einem der brachialsten Meisterwerke heimischen Kinoschaffens – greifen, um die letzten Tage über richtig ins Schwitzen zu geraten. Mediziner raten in solchen Situationen zu reichlicher Wasserzufuhr, eventuell auch zum Genuss lauwarmer Beruhigungstees. Sicher aber nicht zu eiskalten Getränken (eventuell gar mit Alkoholanteilen), die man literweise in sich hineingurgelt. Der Gang zum Eisschrank war und ist dennoch eine der meistunternommenen Wallfahrten der Jetzt-Zeit.

Blöd, wenn denn die selig machende Maschinerie einmal ausfällt. Rasch, ein neuer Kühlschrank her! Die Prospekte der Elektronikketten quellen ja über vor Angeboten. Wie aber eine vernünftige Wahl treffen? Oberflächlich schauen die Geräte, sieht man von ihrem Volumen und – in höheren Preisklassen – polierten Edelstahl-Fronten oder Retro-Designanklängen ab, alle ziemlich gleich aus. Okay, einige spenden Eiswürfel, protzen mit »No Frost«-Automatik (die das Abtauen erspart), LCD-Displays und LED-Beleuchtung. Aber letztlich sind es alle plumpe Kästen, die ordentlich Strom verschlingen. Dabei gibt es ja kaum noch Geräte in den Geschäften, die nicht mindestens die Energieeffizienzklasse »A« besitzen. Bestens, denkt man sich, und greift zu.

Der Trick ist: »A« ist eher B oder C. Oder gar D. Jedenfalls nicht gerade auf dem neuesten Stand der Technik. Da müsste man schon auf »A+« oder »A++« bestehen. Seit Ende 2010 gibt es sogar »A+++«-Kühlschränke. Das vermeintliche »A«-Klasse-Schnäppchen mit dem grünen Balken könnte sich also auf lange Frist als teurer Stromfresser entpuppen – und einmal mehr ein Sparefroh in einem einkommensschwachen Haushalt als gelackmeierter Naivling. »A+++« verbraucht im Vergleich zum schlichten »A« im Schnitt 60 Prozent weniger an Energie (also bis zu 200 kWh), ist aber in den meisten Märkten nicht zu finden. Dafür stehen dort zunehmend protzige »Side-by-Side«-Kombinationen mit Flügeltüren, mit denen man ganze Fußballmannschaften versorgen könnte. Für den Normalkonsumenten sind sie überdimensioniert, aber dennoch schwer in Mode.

Warum die Energieeffizienzklassen nicht schon längst den Erfordernissen von heute angepasst wurden (etwa indem man Triple A zur neuen Benchmark erklärt, und alles darunter deutlich abstuft), müssen uns die Marketing-Kapazunder von Bauknecht, Bosch, Miele, Gorenje & Co. demnächst erklären. Aber vielleicht fallen die ja selbst auf denselben Schmäh rein wie Wertpapierexperten, die vermeintliche Triple-A-Schuldner nicht mehr von jenen mit Ramsch-Status unterscheiden können. Oder wollen.

HEISSER HASE, SCHWARZER STECKEN

Nach dem Smartphone wird nun auch die Steckdose intelligent. Wo steuern wir hin?

Apps, Apps, Apps. Mittlerweile beherrschen die smarten kleinen Programme mit den zuckerlbunten Logos unseren Alltag. Diese spielerische Form der Darreichung von »Anwendungsprogrammen«, also zweckdienlicher Software für den Hausgebrauch, scheint der Multitasking-Unwilligkeit (eventuell auch -Unfähigkeit), die offenbar in uns allen steckt, enorm entgegenzukommen. »One pill makes you larger / and one pill makes you small«, sangen schon Jefferson Airplane in ihrer Sixties-Hymne »White Rabbit«. Die meinten damit zwar Lysergsäurediethylamid und andere Drogen, aber allzu fern sind auch die digitalen Beruhigungspillen für den Durchschnittsnerd nicht.

Man sollte keineswegs den Fehler machen, die Miniatur-Programme zu unterschätzen. Ihre Mächtigkeit und Universalität erschließen sich oft erst in Verbindung mit Hardware, der sie – vorzugsweise gesteuert via iOS- oder Android-Smartphone – sanft ihren Willen aufzwingen. Gibt es überhaupt noch Menschen da draußen, die z. B. »normale« Fernbedienungen benutzen? Gewiss, eine überspitzte rhetorische Frage. Noch. Denn demnächst wird man wohl auch die Temperatur des Badewassers, den Stromverbrauch des Kühlschranks oder die Messung der durchschnittlichen Schnarch-Dauer und -Intensität des Lebensabschnittspartners über eine App kontrollieren.

Wie das? »QGate«, die Entwicklung eines österreichischen Start-up-Unternehmens, hat zu diesem Zweck eine »schlaue Steckdose« mit integrierter Funkanbindung (868 MHz) entwickelt, die mit einem Energiemesser, einem Helligkeits- und Temperatursensor, einem Mikrofon und einer eigenen SIM-Card ausgestattet ist. Das Ding lässt sich via Mobiltelefon von überall auf diesem Planeten an- und ausschalten. Und sogenannte »QApps« – clevererweise lässt man die Entwicklerumgebung für jeden Hobbyprogrammierer offen – sagen dann dem Zwischenstecker, was er genau tun oder lassen soll. Fehlt nur noch ein fernsteuerbarer Roboterarm.

Von einem »Schweizer Messer der digitalen Nomaden« spricht denn auch »QGate«-Erfinder Martin Buber. Dann noch ein »On/Off«-Schalter für das, was wir Realität nennen, und eine Instant-App für Glück, Geld und Schnarchfreiheit – und er ist ein gemachter Mann.

FITNESS HIJACKING

Bitte verpassen Sie Ihrem inneren Schweinehund einen digitalen Maulkorb!

Ich gestehe: Ich habe Ungehöriges getan. Aber es war nicht bös gemeint. Ich dachte, wer mich kennt, wird mir das sowieso nie glauben. Und den Witz an der Sache umgehend erkennen. Wie immer aber, wenn im Netz Ironie ins Spiel kommt, wird man missverstanden. Und nicht gerade wenige meiner Facebook-Freunde haben eine meiner Statusmeldungen der letzten Tage für bare Münze genommen. Die Meldung nämlich, ich sei 15,6 Kilometer gelaufen. Und zwar in knapp zwei Stunden. Bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 7:42 Minuten pro Kilometer. Und einem Energieverbrauch von 1323 Kilokalorien.

Die Wahrheit ist: Diese Strecke – sie ist kartografisch irgendwo zwischen Maria Enzersdorf und Brunn am Gebirge angesiedelt – ist jemand anderer gelaufen. Ich Spaßvogel habe einfach die Statusmeldung seines Runtastic-Accounts per Copy & Paste ausgeschnitten und in meine Timeline übertragen. Und darf damit taxfrei als Erfinder der neuen Social-Media-Kategorie »Fitness-Hijacking« gelten. Einige Freunde gratulierten umgehend zu meinen sportlichen Aktivitäten, andere erklärten Zeit, Strecke und Kalorienverbrauch für verbesserungsfähig. Ich gestehe abermals: Zuerst lächelte ich still in mich hinein, weil ich nun, ohne einen einzigen Schweißtropfen vergossen zu haben, als halbwegs fitter Zeitgenosse galt. Endlich konnte ich mich einreihen in die wachsende Liste jener Sportskanonen, die dem Rest der Welt ungefragt ihre Laufstrecken und Rundenzeiten mitteilen. Und sich gegenseitig übertrumpfen in den Fußstapfen von Emil Zatopek. Dann aber kam mir der Originalinhaber der tolldreist gekaperten Runtastic-Werte auf die Schliche. Und in die Quere. Er meinte – vollkommen zu Recht übrigens –, ich solle meine Scherze doch mit jemand anderem treiben, aber nicht mit ihm. Ehrenwort, kommt nicht wieder vor!

Dabei ist die Instant-Fitness-Dokumentation die positive Seite eines generellen Online-Exhibitionismus, die zwischen lässlicher Eitelkeit und bedrückenden Einblicken in die Intimsphäre Fremder oszilliert. All die Pulsuhren, Fettanalyse-Waagen, Activity Tracker und Körpervermessungsinstrumente gieren als »Smart Meters« ja förmlich danach, nicht nur ihrem Besitzer Einblick in seinen Gesundheitszustand zu geben, sondern das auch gleich dem gesamten digitalen Universum mitzuteilen. Und ehrlich gesagt, das will und muss ich nun wirklich nicht wissen (und schon gar nicht augenblicklich), dass Ihr Blutdruck mit dem Lesen dieser Kolumne bedenklich angestiegen ist.

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162 стр. 4 иллюстрации
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9783903184657
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