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Walter Brendel
Unter der Sonne geboren
Ludwig XIV.
3. Teil
Inhalt
Innenpolitik
Außenpolitik - Kriege
Glaubenskämpfe
Künstler am Hofe
Das große Sterben
Zusammenfassung
Innenpolitik
Die Kloake von Paris
Paris ist ein Moloch: laut, schmutzig, eine halbe Million Bürger, ein Dutzend Ermordete und Ertrunkene pro Nacht. Der Polizeichef kämpft gegen die Verbrecher.
Aufbau des Ordnungssystems
Die Mitglieder eines königlichen Rats können so etwas nicht hin-nehmen und befassen sich zu dieser Zeit mit der Reform der städtischen Ordnung. Der Rat beschneidet kurzerhand die Rechte des bisherigen Zivilleutnants und überträgt seine Macht auf einen neuen Posten: den Generalleutnant, der formal der Stadt, de facto aber dem König untersteht. Damit dehnt Ludwig XIV seinen Einfluss auf die Hauptstadt aus. Am 15. März 1667 ernennt er Nicolas de La Reynie zum lieutenant general depolice.
Der 41-jährige fromme Christ stammt aus einer Familie, die seit Generationen Juristen und königliche Beamte hervorbringt. Er war Richter in Bordeaux, ehe er nach Paris zog. La Reynie hat keine familiären Bindungen an den Adel der Hauptstadt. Er kann der Arbeit für seinen König nachgehen, ohne Rücksichten nehmen zu müssen.
Doch der Generalleutnant steht vor einer kaum zu bewältigenden Aufgabe. Das Edikt, mit dem sein Posten geschaffen wurde, zählt auf 22 Zeilen seine neuen Pflichten auf: Überwachung der Straßenreinigung, Feuerbekämpfung, Hochwasserschutz, Versorgung der Stadt, Inspektion der Metzger, Markthallen, Jahrmärkte, Hotels, Kneipen und Spielhöllen, Kontrolle der Gewichte und Maßeinheiten, Untersuchung illegaler Versammlungen und Ruhestörungen.
Als Richter urteilt er zudem in Fällen von unerlaubter Bettelei, Prostitution oder Streitigkeiten zwischen den Eltern eines Lehrlings und dessen Meister. La Reynie ist der erste moderne Polizeichef Europas. Und noch mehr: Er bewältigt die gleichen Aufgaben, für die in späteren Jahrhunderten ein Bürgermeister zuständig sein wird.
Der neue Polizeileutnant bezieht eine Amtsstube im Chatelet, der ehemaligen Burg, die als Gericht, Gefängnis und Folterkammer dient. Er stürzt sich mit Eifer in seine Arbeit. La Reynie besucht Gefangene, liest Romane, um zu entscheiden, ob sie als pornografisch oder verleumderisch verboten werden müssen. In Zeiten schlechter Ernten verhandelt er mit den Getreidehändlern, um Hungerunruhen zu vermeiden.
Streng ist der Polizeileutnant mit seinen Untergebenen. Vor allem dann, wenn sie ihren Vorurteilen folgen und nicht den Fakten: Auch der ärmste Pariser kann erwarten, dass La Reynie seinen Fall untersucht, ihn manchmal sogar persönlich anhört.
Als Erstes aber versucht der Leutnant, seine Ordnungstruppen neu zu organisieren. Die Pariser vergleichen ihre Stadt mit einem finsteren Wald: Jede Nacht werden gut ein Dutzend ertrunkene oder er-mordete Menschen in die städtische Leichenhalle im Chatelet eingeliefert.
La Reynie stockt die Nachtwache auf, von 120 Mann auf 400. Ihr Gehalt wird mehr als verdoppelt.
Dafür müssen sie jeden Tag von der Dämmerung bis zwei Uhr nachts auf Streife gehen, bewaffnet mit Pistole und einer schweren Laterne. Sie bewegen sich in Gruppen von vier oder fünf Polizisten und auf Befehl ihres Chefs stets auf neuen, unvorhersehbaren Routen. In späteren Jahren werden sie blaue Uniformen erhalten.
Ihre Dienstmoral lässt dennoch zu wünschen übrig: Schon bald wird La Reynie verbieten, den Männern an jenen Tagen ihren Sold auszuzahlen, an denen sie zur Streife eingeteilt sind - damit sie sich nicht schon vor Sonnenuntergang betrinken.
Mit dem Amt des Generalleutnants führt Ludwig XIV auch die Schlamm- und Laternensteuer ein. Denn als La Reynie ernannt wird, gilt Paris als schmutzigste Stadt der Welt. Der Dreck in den Straßen stinkt nach Schwefel, Fußgänger ruinieren sich Schuhe und Kleidung. „Das haftet wie Pariser Schlamm“, sagen die Hauptstädter.
La Reynie zwingt die Hausbesitzer, jeden Abend vor ihren Grundstücken zu kehren. Zweimal im Jahr müssen sie ein Prozent von dem abgeben, was ihr Gebäude an Miete abwirft. Von dem Geld bezahlt der Polizeileutnant Unternehmer, die täglich mit Karren durch die Straßen ziehen und dabei Glöckchen läuten. Sie schaufeln die Dreckhaufen in ihr Gefährt und nehmen die Fäkalien entgegen, die ihnen die Bewohner in Körben oder Eimern heraustragen.
Doch die Hauptstädter gewöhnen sich nur langsam an die Sauberkeit, und noch bis ins nächste Jahrhundert werden viele an der Tradition festhalten, den Nachttopf einfach aus dem Fenster zu kippen. Mancher kommt dabei zu Tode, weil er sich zu weit hinauslehnt und auf die Straße fällt oder sich mit wütenden Passanten duellieren muss.
Eine andere Neuheit dagegen begeistert die Pariser. La Reynie kauft rund 5000 Laternen, dazu jedes Jahr 200 000 Pfund Kerzen. Die Lichter werden alle 20 Meter auf Höhe des ersten Stocks zwischen den Häusern oder an den Wänden aufgehängt. Einmal im Jahr wählen die Anwohner einer Strecke von zehn Laternen einen Anzün-der. Dieser muss jeden Abend mit einem Korb voller Talgkerzen durch die Straße gehen und die Laternen bestücken. Er läutet eine kleine Glocke, damit die Hausbesitzer die Lichter rechtzeitig herunterlassen.
Beim Klingeln versammeln sich die Pariser an den Fenstern oder bleiben staunend stehen, um dieses Schauspiel jeden Abend von neuem zu bewundern: Wie die Laterne herabschwebt, leuchtend wieder hinaufgezogen wird und die Nacht erhellt. An der Hauswand flackert beruhigend der Schatten des eisernen Hahns, der als Zeichen der Wachsamkeit oben auf den Laternen sitzt.
ZEHN JAHRE nach dem Amtsantritt des Polizeileutnants wird La Reynie in einem Loblied gepriesen: „Paris ist dank seiner umsichtigen Sorge und seiner klugen Verordnungen heute die schönste und zivilisierteste Stadt der Welt.“
Vermutlich steigt er manchmal auf den Turm des Chatelets hinauf, eines der höchsten Gebäude von Paris, um seine Stadt zu betrachten, hinabzublicken in das Gewimmel seiner Schützlinge. Der Ausblick muss ihn dann noch immer erstaunen. Und auch besorgen: Die Stadt scheint fast zu bersten. Lebten zu Beginn des Jahrhunderts 200000 Menschen in Paris, nähert sich ihre Zahl nun bereits einer halben Million.
Die alten Grenzen gelten nicht mehr: 1670 hat König Ludwig befohlen, die mittelalterlichen Stadtmauern zu schleifen und die Wassergräben aufzufüllen - um Platz zu schaffen für neue Straßen. Von seinem Ausguck kann La Reynie vielleicht sehen, wie die Arbeiten im Norden bereits voranschreiten, wie anstelle der alten Befestigungen breite Wege angelegt, an ihren Rändern Bäume gepflanzt werden. An dem Namen für diese Straßen, Boulevard, erkennt man, dass sie den Platz eines militärischen Bollwerks einnehmen.
Hinter den geschleiften Stadtmauern wachsen die faubourgs, die Vorstädte. Viertel entstehen, wo einst Felder waren: Saint-Antoine im Osten, Saint-Denis im Norden, Saint-Michel im Süden.
Wenn La Reynie nach Südwesten schaut, blickt er auf die Dächer des jüngst fertig gestellten Invalidenheims. Bis zu 6000 ausgediente Soldaten verbringen hier ihren Lebensabend mit Handarbeiten und Gebeten. Eine bis dahin unbekannte soziale Einrichtung: Zwar gibt es seit dem Dreißigjährigen Krieg stehende Heere, deren Veteranen landeten bisher aber meist in Klöstern oder auf der Straße. Das neue Heim dient deshalb auch dazu, Paris von Bettlern zu befreien.
Kein Gebäude in Paris ist so großzügig angelegt, nicht einmal das Stadtschloss des Königs, der Louvre. Und selbst die Tuilerien, der größte Park der Stadt, können mit der Gesamtanlage des „Hotel des Invalides“ nicht konkurrieren. Einen solch verschwenderischen Umgang mit freier Fläche haben die Pariser noch nicht gesehen.
Direkt unterhalb des Chatelets fließt die Seine, die Lebensader der Stadt - und ihre Kloake. Die Bewohner der Ile de la Cite in der Mitte des Flusses lassen ihre Abwässer direkt in die Seine rinnen.
Der Schmutz des rechten Ufers sammelt sich in einem großen, halbkreisförmigen Abwassergraben, der sich stromaufwärts in der Nähe der Bastille in den Fluss ergießt, stromabwärts hinter den Tuilerien.
Auch die Bievre, ein kleines Flüsschen am östlichen Stadtrand, dient als Kloake. So schwimmen in der Seine die Asche und Seifen der Wäscherinnen, Blut und Schlachtabfälle der Metzger, der Urin, mit dem die Gerber die Tierhäute bearbeiten, die Farben, in welche die Färber ihre Stoffe tauchen.
Wasserverkäufer tragen Eimer von der Seine in die Straßen hinauf. La Reynie ordnet immer wieder an, dass sie ihr Nass aus der starken, nicht so verdreckten Strömung schöpfen sollen, doch die Wasserträger bevorzugen einen kleinen Seitenkanal, der günstiger gelegen ist - in den aber die Abwässer eines Krankenhauses fließen.
Wer sich ihr Wasser nicht leisten kann, geht zu einem der öffentlichen Brunnen. Ein Dutzend neue hat Ludwig bauen lassen, doch ihr Wasser ist nicht sauberer als das der Verkäufer. Es wird seit 1671 bei der Brücke von Notre-Dame aus dem Fluss gepumpt - ganz in der Nähe eines der betriebsamsten Hafenbecken der Stadt: An der Place de Greve, vor dem Rathaus, landen Flussschiffer Getreide an. Verbände aus bis zu 20 Kähnen werden die Seine hinaufgezogen oder gleiten sie hinab, dazwischen ankern Wassermühlen.
Im Sommer baden nackte Pariser im Fluss; und irgendwo überleben auch noch einige weiße Schwäne. Der Sonnenkönig hat sie aussetzen lassen, als Verzierung.
Durch die ihm anvertraute Stadt bewegt sich La Reynie wie jeder Mann von Stand mit der Kutsche. Einige greise Pariser können sich vielleicht noch an die ersten carrosses erinnern. Innerhalb weniger Jahrzehnte haben die neuen Gefährte die Stadt erobert. Inzwischen pressen sich Tausende Kutschen durch enge Gassen, die für Fußgänger und Maultiere gebaut sind. Ludwig XIV gibt jedes Jahr mehr als 50 000 Livres aus, um die Straßen zu pflastern und zu verbreitern.
Zu den privaten Gefährten kommen die zahlreichen Mietkutschen. Ihre Chauffeure haben einen schlechten Ruf, sie betrügen die Kunden und quälen ihre Tiere. „Paris ist das Paradies der Frauen, das Fegefeuer der Männer und die Hölle der Pferde“, sagen die Hauptstädter. Und singen einen Gassenhauer über die neuen Gefahren des Straßenverkehrs: „Bei jedem Schritt/marschiert der Tod gleich mit.“
Zwischen den ratternden Kutschen treiben Bauern ihre Tiere zum Markt, schlängeln sich Träger mit Sänften vorbei, fahren zweirädrige Gefährte, die an japanische Rikschas erinnern. Über ihnen ra-gen eiserne Ladenschilder weit auf die Straße hinaus. Ihr Quietschen mischt sich mit den Glöckchen der Straßenkehrer. Stadt-schreier preisen die neuesten Weine an, frisch eingetroffen bei den Wirten der Nachbarschaft.
Menschen schieben sich durch die Straßen, Waschfrauen mit Leinenbündeln, jugendliche Schornsteinfeger auf dem Weg zur Arbeit oder zurück in ihren Schlafsaal, den sie mit einem ältlichen Aufseher teilen. Dienstmädchen, Soldaten, Lakaien in Uniform, herausgeputzt mit Knöpfen, Litzen und Bändern.
Die Männer tragen den dreiteiligen Anzug aus Kniebundhose, Weste und langem Überrock, die Frauen Rock, Mieder und Schürze. Sie unterscheiden sich nur in der Qualität: Die Kleider der Reichen sind häufig aus teuren Materialien wie Baumwolle und Seide, die der Armen meist aus ausgeblichener Wolle, oft erworben bei einer Alt-kleiderverkäuferin.
Manch Armer trägt zudem ein rot-gelbes Zeichen auf der rechten Schulter. Er erhält eine kleine Summe von der Stadt und hat sich dafür verpflichtet, ein christliches Leben zu führen und nicht zu betteln.
Nur etwa jeder Vierte auf den Straßen stammt aus Paris; die Stadt wächst, weil ständig Menschen in die Kapitale strömen. Vielleicht drücken sie die Abgaben, die Ludwig den Dörfern auferlegt - anders als die meisten anderen Franzosen müssen die Pariser weder die Grundsteuer noch die Salzsteuer zahlen. Vielleicht aber träumen die Neubürger auch nur von einem leichteren, besseren Leben.
Die Massen müssen La Reynie Sorgen bereiten. Jeder der Neuankömmlinge braucht Arbeit, es ist nur ein kleiner Schritt zu Bettelei, Diebstahl und Prostitution. Wer sich einen Verbrecher dingen will, muss nur zum Pont-Neuf gehen. Dort, am Reiterstandbild von Ludwigs Großvater, lungern sie herum, die „Hofleute vom bronze-nen Pferd“: Beutelschneider, Gauner, Zuhälter, Prostituierte.
Die Gedanken des Königs
Ludwig will aus Paris eine Stadt des Wissens zu machen. Hier erscheint das „Journal des Scavans“ (Journal der Gelehrten“), die erste wissenschaftliche Zeitschrift der Welt. In der ersten Ausgabe des wöchentlich erscheinenden Magazins beschreiben die Autoren unter anderem die Geburt eines Monsters in Oxford (tatsächlich siamesische Zwillinge) sowie neuartige Teleskope und eine neue Ausgabe eines Werkes von Descartes.
Ludwig ist seit Generationen der erste französische Monarch, der keinen Hofastrologen beschäftigt. Stattdessen hat er im Süden der Stadt ein Observatorium bauen lassen, mit dem Längengrad von Paris als Symmetrieachse. Es ist seit einigen Jahren fertig und hat ein ausgezeichnetes Fernrohr. Im botanischen Garten wachsen 4000 Pflanzen, Dozenten geben Chemiekurse für die Pariser Bürger.
Denn die Bewohner scheinen die Begeisterung des Königs für die Wissenschaft zu teilen - wenn auch hauptsächlich für eine Spielart, die sie mit La Reynies Ordnungshütern in Konflikt bringen könnte: Es gebe in Paris so viele Alchemisten wie Köche, schreibt ein italienischer Besucher.
Einige von ihnen mag tatsächlich Wissensdurst treiben - die meisten aber sind Betrüger. Sie nehmen ihren Kunden Geld ab, mit dem Versprechen, schon bald wertlose Materialien in Gold verwandeln zu können. Oder sie nutzen ihre Experimente als Tarnung für Falschmünzerei.
Einige mögen sogar noch finstereren Geschäften nachgehen und neue Gifte entwickeln. Die Menschen erzählen sich Geschichten von imprägnierten Hemden und tödlichen Handschuhen, von geruch- und geschmacklosen Pülverchen. Auch Adelige schätzen Gift. Daspoudre de succession, das Erbschaftspulver, kann viele Probleme lösen. Doch wer tatsächlich einen Rivalen oder eine lästige Ehefrau loswerden möchte, kommt auch ohne neue Erfindungen aus: Quecksilberchlorid und Arsen gibt es in jeder Apotheke.
Und schließlich kann man sich auch an die zahlreichen Wahrsagerinnen wenden. Mehrere Hundert bieten in Paris ihre Dienste an, lesen aus der Hand oder aus einem Glas Wasser. Sie verkaufen Heilmittel gegen Hühneraugen oder Zahnschmerzen, brauen Tränke aus getrockneten Maulwürfen und pressen Öl aus Fröschen, für einen weißen Teint.
Die meisten Kunden, arme wie reiche, suchen Rat in Liebesdingen. Eine Frau, die unter ihrem Ehemann leidet, soll sein Hemd am Bild der heiligen Ursula reiben, damit er sie besser behandelt. Sie kann die Liebe auch fördern, indem sie der Weissagerin benutzte Leinentücher oder etwas Menstruationsblut bringt.
Doch viele Frauen wollen ihre Ehe gar nicht retten: Sie fragen vielmehr hoffnungsvoll, ob in ihrer Hand nicht etwas auf das baldige Ableben ihres Gatten hindeute. Man muss keine Hellseherin sein, um da die richtige Antwort zu wissen - und zu ahnen, dass die Kundin für etwas Hilfe beim Töten bezahlen würde. Neben harmlosem Mummenschanz betreiben einige Wahrsagerinnen deshalb auch das Geschäft mit dem Tod.
Für den Täter sind Giftmorde selten mit dem Risiko verbunden, erwischt zu werden. Zwar werden Verstorbene gelegentlich von Ärzten obduziert. Doch deren Diagnose ist unsicher. Die Absolventen der Pariser Universität lassen sich ihre Künste zwar teuer bezahlen, tatsächlich aber wissen sie kaum mehr als die Bader und die Apotheker, denen sich die Ärmeren anvertrauen.
Die Pariser Ärzte verschreiben Medizin aus Nattern, geben giftigen Wein als Brechmittel und lassen mit Begeisterung zur Ader. Die Kunst, die Venen mit einer kleinen Lanzette zu öffnen, wird unter Ludwig zu einem Markenzeichen der Medizin in der Hauptstadt.
Selbst der König muss darunter leiden: Nur knapp hat er als Neunjähriger einen mehrmaligen Aderlass überlebt, den die Doktoren während seiner Blatternerkrankung empfahlen. Und jetzt ist der Monarch seinem Leibarzt ausgeliefert, einmal im Monat muss er Abführmittel nehmen. Sie sollen gegen die giftigen „Dämpfe“ helfen, über die Ludwig klagt.
Der Tod ist allgegenwärtig. Familien legen ihre Verstorbenen vor die Haustür, wo Passanten das Kreuz über sie schlagen. Malaria wütet jeden Herbst in der Stadt, im Flusswasser schwimmen Typhusbakterien. Die ärmsten Toten werden in Massengräbern auf dem Friedhof beigesetzt, und vor allem im Sommer zieht Leichengeruch durch die Straßen, wenn die Totengräber die Gruben wieder einmal nur mit einer dünnen Erdschicht bedeckt haben.
Gelegentlich aber wird der alltägliche Tod zu einem Skandal, der die ganze Stadt beschäftigt. 1676 wird auf der Place de Greve Madame de Brinvilliers hingerichtet - die Tochter von La Reynies Vorgänger. Dessen Bauchschmerzen waren doch nicht auf die Gicht zurückzuführen, sondern auf Quecksilberchlorid: Die Marquise de Brinvilliers hat ihren Vater und ihre Brüder umgebracht.
Ihre Taten sind ans Licht gekommen, als Gerichtsvollzieher den Besitz ihres verstorbenen, hoch verschuldeten Liebhabers und Komplizen durchsuchten: Dabei stießen sie auf eine Schatulle mit Gift sowie leidenschaftliche Briefe der Marquise und einen Schuldschein, der zum Todeszeitpunkt ihres Vaters ausgestellt war. Nach vierjähriger Flucht wird Madame de Brinvilliers gefasst, verurteilt, geköpft und verbrannt.
Die Adeligen sind entsetzt: Offensichtlich schützen weder Geschlecht noch Rang davor, ein Verbrecher zu werden. Und die Gefährlichkeit des Erbschaftspulvers scheint gestiegen zu sein. Brinvilliers Morde fallen ja in die neue Zeit der Wissenschaft, da der König Akademien zur Forschung gründet, wo ständig Neues entdeckt wird und kluge Männer auch ohne Bibel erklären können, wie die Dinge zusammenhängen. Ist es nicht denkbar, dass diese neue Naturwissenschaft auch neue Gifte erschaffen kann, die keine Spuren hinterlassen oder vielleicht gar die Symptome normaler Krankheiten vortäuschen?
Über Jahre wird die Pariser Gesellschaft nicht mehr zur Ruhe kommen. Bei jedem plötzlichen Tod denkt sie ans Toxikum, selbst über bereits vor Jahren Verstorbene spekuliert sie. Offensichtlich kommen Giftmorde viel häufiger vor, als man bisher angenommen hat. Und kaum jemand glaubt, dass Madame de Brinvilliers eine Einzel-täterin war. Möglicherweise sind noch Komplizen auf freiem Fuß, unerkannt, bereit, wieder zuzuschlagen - und nach außen genauso ehrbar wie die Marquise.
Giftmorde
Was als die „Giftaffäre“ in die Geschichte eingehen sollte, wurde zufällig im Laufe einer Untersuchung entdeckt, die bei einigen Randfiguren der Unterwelt begonnen hatte, um sich allmählich bis in alle Schichten der Gesellschaft auszudehnen. Ludwigs fester Wille, die ganze Sache restlos aufzuklären, die Schaffung eines Sondergerichts, die große Anzahl der Verhaftungen, der hohe gesellschaftliche Rang vieler beteiligter Personen, die Dauer des Prozesses und nicht zuletzt sein jäher Abbruch sollten nicht nur in Frank-reich, sondern auch im Ausland großes Aufsehen erregen. Die Er-eignisse, die bei den Nachforschungen ans Licht kamen - bemerkte Madame de Sevigne bedauernd -, ließen ganz Europa erschauern und „Franzose“ zum Synonym für Giftmischer werden.
Im Grunde hätten schon die Ereignisse, die 1676 beim Prozess gegen die Brinvilliers bekannt wurden, ein Alarmsignal für die Ordnungshüter sein müssen. Doch die Verbrechen, um die es in diesem Prozess ging, waren so abscheulich, dass sie einzigartig erschienen und sich mit nichts vergleichen ließen. Die Marquise de Brinvilliers, Tochter eines hohen Richters und Gattin eines königlichen Offiziers, eine zarte, liebenswürdige Frau von sechsundvierzig Jahren, war vom Parlament, also dem Pariser Gerichtshof, zur Todesstrafe - Folter, Enthauptung und Scheiterhaufen - verurteilt worden. Man beschuldigte sie, aus niedrigen, eigennützigen Beweggründen ihren Vater und die beiden Brüder vergiftet sowie die Ermordung ihrer Schwester und ihrer Schwägerin geplant zu haben. Außer diesen Verbrechen hatte die Angeklagte sexuelle Exzesse gestanden, darunter sogar inzestuöse Verbindungen.
Die entsetzliche Geschichte rief allseitige Empörung hervor, und der Exekution der Giftmörderin wohnte eine große Menschenmenge bei. „Es ist geschehen; die Brinvilliers ist in der Luft, die wir atmen“, kommentierte Madame de Sevigne mit dem schwarzen Humor, dessen Meisterin sie war, und mit ihr tat ganz Frankreich einen Seufzer der Erleichterung, weil man sich von einem derartigen Ungeheuer befreit hatte. Damals konnte niemand ahnen, dass sich hinter diesem Ungeheuer eine ganze Welt verbarg, wo der Gebrauch von Gift gängige Praxis war. Freilich sollte diese Welt schon ein Jahr später Stück für Stück auftauchen, als eine neue gerichtliche Untersuchung eingeleitet wurde, die auf den glänzenden Hof des Sonnenkönigs düstere Schatten warf.
Begonnen hatte alles im Februar 1677 mit der Verhaftung von Magdeleine La Grange, einer Wahrsagerin, die beschuldigt wurde, mit Hilfe eines Priesters eine Scheinehe mit dem betagten Advokaten arrangiert zu haben, bei dem sie wohnte, um ihn dann zu vergiften und sein Vermögen zu erben. Es handelte sich um einen banalen Kriminalfall, der keine besondere Aufmerksamkeit erregt hätte, wenn die Angeklagte nicht behauptet hätte, sie wisse von einem Komplott, das den Tod des Königs und des Dauphins zum Ziel habe, und um eine Unterredung mit dem Kriegsminister gebeten hätte, dem mächtigen Marquis de Louvois. Als Ludwig XIV. von der Sache unterrichtet wurde, ließ er Madame La Grange aus dem Gefängnis von Vincennes in die Bastille verlegen, die den Staatsgefangenen vorbehalten war, und übertrug die Ermittlungen Nicholas Gabriel de La Reynie. Obwohl die Gefangene nur recht vage Enthüllungen machte, die eher an einen Kniff denken ließen, um Zeit zu gewinnen, kam La Reynie im Laufe der Ermittlungen zu der Überzeugung, dass es ein umfangreiches Netz von Kriminellen geben müsse, das die Stabilität des Staates bedrohte. Er fuhr also mit seinen Untersuchungen fort und vernachlässigte auch nicht das kleinste Indiz. Zu den ersten, die verhaftet wurden, gehörte der Cavalier de Vanens, der sich zwar rühmte, das Geheimnis der Herstellung von Gold zu kennen, es aber nicht verschmähte, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, indem er Leute auf Bestellung vergiftete. Es folgten Razzien bei Wahrsagerinnen, Hellseherinnen und Expertinnen in Liebesdingen, die bis jetzt noch keine Scherereien mit der Polizei gehabt hatten, bei denen man nun aber die schmutzigsten Geschäfte aufdeckte, vom Verkauf von Aphrodisiaka und Liebestränken bis hin zu allerlei Hexereien auf Bestellung und Hil-feleistung beim Abbruch unerwünschter Schwangerschaften. In Situationen, die drastischere Maßnahmen erforderten - gewalttätige Ehemänner, untreue Liebhaber oder vom Glück begünstigte Rivalinnen -, schreckten die geschäftstüchtigsten Wahrsagerinnen auch nicht davor zurück, zum Einsatz von Gift zu raten.
Im Februar 1677 wird erneut eine Mörderin festgenommen: Die vorsichtig gewordenen Pariser Beamten haben den plötzlichen Tod ihres Mannes genauer untersucht. Einmal in Haft, behauptet die Frau plötzlich, sowohl der König als auch der Thronfolger schwebten in Lebensgefahr und sollten von Geheimagenten vergiftet wer-den.
Obwohl sie keinerlei Beweise erbringt, beginnt La Reynie fieberhaft zu ermitteln. Noch hat sich die Aufregung um Madame de Brinvilliers nicht gelegt, ein Anschlag auf den König scheint immerhin möglich, auch Personen von Stand sind nicht mehr über jeden Verdacht erhaben.
Und ginge der Polizeichef den Hinweisen nicht nach - welch fürchterliche Folgen könnte dieser Irrtum haben!
Sind nicht auch Ludwigs Großvater und dessen Vorgänger ermordet worden?
Ab jetzt füllen immer neue Verdächtige das Verlies von Vincennes. Die meisten von ihnen gehören zu jener halbseidenen Zunft der Weissagerinnen, der ganz Paris seine Sorgen anzuvertrauen scheint. Im Januar 1679 erwähnt eine Verdächtige zum ersten Mal Personen am königlichen Hof als Kunden.
Nicolas de La Reynie erwartet noch größere Enthüllungen. Ludwig XIV bildet zudem eine 14köpfige Untersuchungskommission - ein Sondergericht nur für diese Affäre.
Das Parlement, der Hohe Gerichtshof von Paris, war stets nachsichtig mit einflussreichen Personen. Doch der König wünscht, dass auch Höflinge ihrer gerechten Strafe zugeführt werden. Außerdem hofft er, ohne das Parlement Informationen über die Affäre besser kontrollieren zu können: Falls Adelige in die Verbrechen verwickelt sind, sollen die Kommissionsmitglieder strenge Geheim-haltung bewahren.
La Reynie übernimmt einen der Posten, zudem wird er rapporteur und führt die Verhöre weiter - er ist in diesem Verfahren Richter, Ankläger und Ermittler.
In den Verhören fällt immer wieder der Name einer angeblichen Giftmischerin: Catherine Montvoisin. Am 12. März 1679 verhaften La Reynies Beamte die Weissagerin nach der Messe vor ihrer Kirche, wenige Schritte von ihrem Wohnhaus entfernt.
La Voisin bewohnt mit ihrem Mann und acht Kindern ein ansehnliches Haus mit einem Salon und eigenem Garten auf einem Hügel am Stadtrand, unmittelbar vor der geschleiften Stadtmauer. Viele Tischler arbeiten in dem Quartier, doch auch die Prostituierten stehen nur wenige Straßen entfernt.
Wenn La Voisin ihre Straße, die Rue Beauregard, stadtauswärts hin-aufschaut, sieht sie die Porte Saint-Denis, einen Triumphbogen, den Ludwig vor wenigen Jahren anstelle des Stadttors hat errichten lassen. Dort beginnt der Faubourg Saint-Denis. Und dort nimmt das Elend zu: In den Vorstädten leben besonders viele der Pariser Armen. Ludwig schenkt ihnen jedes Jahr 60 000 Livres, um sie über den Winter zu bringen.
La Voisin liebt den Wein, und sie wohnt am richtigen Ort: An der Hauptstraße von Saint-Denis verkaufen zahlreiche Kneipiers günstigen Alkohol, den die Pariser vor Ort trinken oder für daheim ab-füllen lassen. Mancher Kunde vergiftet sich, weil Wirte verschütteten Wein von der bleiernen Theke aufwischen und erneut in Gläser füllen.
Auch stadteinwärts geht es erst jüngst wieder sittsamer zu: Wenige Straßen südlich der Rue Beauregard liegt der Cour des Miracles, bis vor zehn Jahren der verkommenste Flecken der Stadt. Auf einem Hof hinter einem Konvent lebten hier Hunderte Verbrecher und Bettler mit ihren Familien (die wundersame Genesung der Krüppel, die abends gesund nach Hause zurückkehrten, hat dem Platz seinen Namen gegeben).
Die Kriminellen hatten einen eigenen Anführer und teilten sich in verschiedene „Zünfte“, etwa die der Taschendiebe und Bettler.
Nicolas de La Reynie hat den Slum mit 200 bewaffneten Männern und einem Trupp Pioniere kurz nach seinem Amtsantritt gestürmt und die Bewohner verhaftet oder ins Armenhaus gebracht.
In diesem Hopital-General, dessen Niederlassungen über Paris und die Vororte verteilt sind, wohnen rund 10 000 Menschen, die La Reynies Männer von den Straßen gesammelt haben. Ursprünglich als Haus für arbeitsfähige Arme geplant, ist es inzwischen mit anderen Insassen gefüllt: Waisenkindern, Greisen, Blinden, Todkran-ken, Verrückten und Syphilitikern.
Sicher treibt auch die Angst vor dem Armenhaus Menschen wie La Voisin dazu, die Leichtgläubigkeit ihrer Nachbarn auszunutzen.
Die große Mehrzahl der Pariser ist arm. Selbst wer Arbeit hat, kann seine Familie oft kaum ernähren. Ein Handwerker verdient höchstens 20 Sous am Tag, ein Pfund Fleisch kostet zwischen drei und acht Sous, zwei Liter Wein vier Sous. An 103 Tagen im Jahr darf er nicht arbeiten, zu den Sonntagen kommen zahlreiche kirchliche Feiertage.
Antoine Montvoisin, La Voisins Ehemann, war Seidenhändler und Juwelier. Doch er ist mit all seinen Geschäften bankrottgegangen. Trotzdem ist er wohl der reichste Mieter in seinem Haus, denn er wohnt im Erdgeschoss. Über seiner Familie leben Ärmere, je näher am Dach, desto billiger die Wohnung. Madame Montvoisin muss ihn und die acht Kinder durchbringen. Wohl deshalb nimmt sie gemeinsam mit einer befreundeten Hebamme Abtreibungen vor, obwohl darauf die Todesstrafe steht. La Voisin empfängt die Frauen in einem Gartenpavillon und verdient mehrere Tausend Livres im Jahr. Doch sie riskiert viel dabei: In einem Pariser Mietshaus leben die Leute eng aufeinander, die Türen stehen offen, und die Bewohner sind über die meisten Vorgänge im Haus gut informiert.
Am Ende aber werden nicht die Nachbarn La Voisin zum Verhängnis. Sondern ein ehemaliger Geliebter. Die kleine, dickliche Frau hasst ihren Mann. Mehrmals hat sie versucht, ihn zu vergiften, und höfliche Besucher fragten stets zur Begrüßung, ob Monsieur Montvoisin schon gestorben sei.
Einer ihrer zahlreichen Verehrer wird eine Woche nach La Voisin verhaftet und beginnt sofort zu reden. Vor zehn Jahren bereits ist ihm der Prozess wegen ähnlicher Geschäfte gemacht worden. Er hatte magischen Hokuspokus für seine Kunden durchgeführt und dabei möglicherweise Abendmahl und Bibel missbraucht - ein Sa-krileg. Zum Dienst auf den Galeeren verurteilt, ist er nach einigen Jahren begnadigt worden und nach Paris zurückgekehrt.
Der 50jährige gilt als unerreicht, was das Anbahnen von Ehen betrifft. Seine Spezialität aber ist ein Taschenspielertrick: Die Kunden, darunter viele Adelige, müssen ihre Wünsche auf ein Stück Papier schreiben, das der Magier zusammenknüllt und mit einem Knall in Flammen aufgehen lässt. Dann zieht er das unversehrte Dokument aus der Tasche. Sollte etwas Kompromittierendes darauf stehen, erpresst der angebliche Zauberer seinen Kunden. Die meisten Höflinge aber streben nur nach der Gunst des Königs, Glück in der Liebe und Erfolg an den Spieltischen von Versailles. Ihnen gibt der Mann den Zettel zurück und kassiert eine angemessene Belohnung dafür, ihre Wünsche an die Geisterwelt übermittelt zu haben.
Seit der Zeit Katharina de' Medicis hatte die Angst vor Gift, die häufig auch von den miserablen Fähigkeiten der Ärzte genährt wurde, die kollektive Phantasie beunruhigt, und sogar in unmittelbarer Umgebung des Königs hatte der plötzliche Tod von Gabrielle d'Estrees im Jahr 1599 und 1670 das ebenso unerwartete Ableben von Henriette von England Verdacht erregt. Dennoch durfte man mit Recht annehmen, dass im Frankreich des Rationalismus und der Philosophie Descartes', also in einer Zeit, als die Klassik ihren Höhepunkt erreicht hatte, Dinge wie Aberglauben, magische Vor-stellungen und satanische Riten nur noch in den entlegensten Provinzen als Ausgeburten des naiven Volksglaubens überlebten. Weit gefehlt, denn unter den Angeklagten befanden sich einige der bekanntesten Mitglieder des Hofstaates. Einer der ersten, die viele Monate lang in der Bastille saßen, war der von Ludwig XIV. wegen seiner militärischen Fähigkeiten sehr geschätzte Marschall von Luxembourg. Er hatte Lesage gebeten, ihn mit dem Teufel in Kontakt zu bringen, mit dessen Hilfe er sich Ruhm auf den Schlachtfeldern erwerben und von seiner Frau befreien wollte. Es folgte die Gräfin von Soissons, eine Nichte Mazarins und ältere Schwester Maria Mancinis, der Jugendliebe von Ludwig XIV. Sie war Oberintendantin im Haus der Königin gewesen und hatte der Voisin gegenüber ihre Absicht bekundet, die Herzogin von La Valliere umzubringen, weil sie ihr das Herz des Königs geraubt hatte. Die Beweise zu ihren Lasten mussten recht erdrückend sein, da Ludwig sie vor die Entscheidung stellte, „entweder am nächsten Tage in die Bastille zu gehen, um sich den Härten der Gefangenschaft und des Prozesses zu unterziehen, oder Frankreich unverzüglich zu verlassen“. Ein Familienrat wurde abgehalten, und die Gräfin entschied sich für die zweite Möglichkeit. Sie floh in einer Kutsche mit den königlichen Insignien, damit das Volk sie nicht abreisen sah und keinen Grund hatte, sich zu beklagen, dass nicht Recht gesprochen wurde... Ihre Schwester, die Herzogin von Bouillon, die dem König ebenfalls nahestand, bewies größeres Selbstvertrauen und zog sich glänzend aus der Affäre. Nachdem man sie angeklagt hatte, ihren Mann aus dem Weg räumen zu wollen, um ihren jungen Geliebten, den Herzog von Vendome, einen Cousin des Königs, heiraten zu können, erschien die Herzogin vor dem Arsenal, am linken Arm den Geliebten, am rechten ihren Mann, begleitet von einer großen Schar Freunde, und entgegnete den Richtern in keckem Ton, sie habe die Wahrsagerin zweimal ausschließlich zu ihrem Vergnügen konsultiert, um dann mit den Worten, sie begreife nicht, wie so intelligente Männer derart dumme Fragen stellen konnten, wieder ihrer Wege zu gehen.
Ludwig XIV., den die Vorstellung empörte, der eine oder andere seiner engsten Vertrauten könnte ähnlichen Anschuldigungen ausgesetzt sein, befahl La Reynie, mit den Ermittlungen fortzufahren und auf niemanden Rücksicht zu nehmen. Es gab also genug Anlass, die Welt der Privilegierten erzittern zu lassen, doch ausgerechnet der unermüdliche Eifer, mit dem der Polizeichef die Nachforschungen vorantrieb, sollte schließlich dazu führen, dass die Ermittlungen eingestellt wurden.
Ludwig wünscht, dass die Ermittler „gewissenhafte Gerechtigkeit ohne jegliches Ansehen des Ranges, des Geschlechts oder der Personen“ üben. Und er will genauestens informiert werden; La Reynie muss deshalb häufig nach Versailles fahren. Denn der König wohnt schon lange nicht mehr in seiner Hauptstadt.
Zuletzt hat er sich im Winter 1670/71 längere Zeit in Paris aufgehalten - und sich so furchtbar gelangweilt, dass er jede Woche mehrtägige Ausflüge nach Versailles machte. Inzwischen kommt er nur noch ein- oder zweimal im Jahr und hat auch die Bauarbeiten am Louvre einstellen lassen: ein deutliches Zeichen, dass er nicht mehr in seinem Stadtschloss zu wohnen wünscht. Auch die Marquise de Montespan, einst Mätresse des Königs, wird von verhafteten Giftmischerinnen beschuldigt, Zaubertränke gekauft und schwarzen Messen beige wohnt zu haben. Ludwig XIV. ist schockiert - und hält die Ermittlungen geheim.
In den folgenden Wochen beschuldigen sich die ehemaligen Liebenden und Geschäftspartner mit immer neuen Schauergeschichten. La Voisin erhält von ihren Bewachern reichlich Wein, das macht sie gesprächig. Sie wirft ihrem einstigen Liebhaber vor, gefährliche Kontakte zum Hof zu pflegen, und bezichtigt den Dra-matiker Racine des Giftmords. Der frühere Verehrer wiederum erzählt, La Voisin habe mehrere Männer vergiftet und eine schwarze Messe abgehalten. Beide nennen nun Namen - auch adelige aus dem unmittelbaren Umfeld des Königs - eine ehemalige Gespielin, einen General, einen Marquis.
Zwar gefällt es dem Sonnenkönig, Herrscher über eine der größten Städte der Welt zu sein. Paris untersteht Ludwig direkt - anders als die meisten anderen französischen Städte hat die Kapitale nie einen Freibrief erhalten, ihre Bürger dürfen sich deshalb nicht selbst verwalten.
Großzügig finanziert der König Projekte wie das Invalidenheim und prahlt, er wolle „für Paris tun, was Augustus für Rom tat“.
Der Gedanke an einen Aufenthalt in der Stadt reicht aus, um ihn in schlechte Laune zu versetzen. Lieber fährt er einen Umweg, als die Stadt in seiner Kutsche zu durchqueren.
Vielleicht ist ihm, dem Freund der Parks und Jagdausflüge, die Stadtluft zuwider. Ganz sicher hat er den Parisern ihre Untreue während der Fronde-Aufstände von 1648 bis 1653 nicht vergessen. Jetzt muss er sich bestätigt sehen. Die Giftaffäre scheint zu beweisen, dass es in Paris geheime Machenschaften gibt, außerhalb der Kontrolle des Königs und möglicherweise staatsgefährdend.
Ein Jahr, nachdem La Reynie die Untersuchung übernommen hat, werden die ersten Adeligen verhaftet, darunter der Herzog von Luxembourg, General des Königs.
Er wird beschuldigt, dass er seine Ehefrau, einen anderen Marschall sowie einen Geschäftsmann mit der Hilfe des Geliebten von La Voisin umbringen wollte. Man legt ihm die Flucht nahe.
Doch Luxembourg ist von der eigenen Unschuld überzeugt und will sich rechtfertigen: Zu Fuß geht er zur Bastille, um sich zu stellen. Angeklagte seines Standes hätten eigentlich das Recht auf einen Prozess vor der höchsten Kammer des Parlements, doch Ludwig überträgt seiner Untersuchungskommission die Vollmachten eines Sondergerichts auch für Aristokraten.
Und kann trotz des Schweigegelübdes der Kommissionsmitglieder nicht verhindern, dass die Vorkommnisse an die Öffentlichkeit geraten: Ganz Paris spricht von dem Skandal, die Höflinge spekulieren, wer als Nächster festgenommen wird. Jubelnd empfangen Verwandte und Freunde vor dem Tor all jene, die die Kammer entlastet.
Besonders geistreiche Antworten auf die Fragen der Richter machen schnell die Runde, freigelassene Verdächtige können sich vor Einladungen kaum retten. Eine Dame vornehmer Herkunft wird wegen des versuchten Mordes an ihrem Mann zu lebenslanger Haft in einer Besserungsanstalt verurteilt - La Reynie ist einer der weni-gen Richter, die für die Todesstrafe plädiert haben. Andere Adelige, die mit einer Verurteilung rechnen müssten, entziehen sich dem Prozess durch Flucht.
Zufällig wird in einem Theater der Stadt das passende Schauspiel gegeben: „La Devineresse“, eine Komödie über eine Wahrsagerin, die adelige Kunden in Liebesdingen berät. Die vornehmen Pariser drängen zu den Vorführungen, das Stück spielt mehr Geld ein als je eine französische Produktion zuvor. Für La Voisin beginnt nun der letzte Akt. Fast ein Jahr lang ist sie immer wieder verhört worden, hat mehrere tatsächlich begangene Giftmorde und Tausende von Abtreibungen gestanden.
Das Urteil der Sonderrichter fällt einstimmig: schuldig. Trotzdem wird sie noch einmal drei Tage lang vernommen, in die Bastille verlegt und zum Schluss auch gefoltert. Vielleicht, hofft La Reynie, liefert sie doch noch neue Informationen.
Doch die Verurteilte besteht darauf, nichts von schwarzen Messen zu wissen, und macht ansonsten nur die ebenso vage wie beunruhigende Bemerkung, dass „sehr viele Personen jeden Ranges und je-der Vermögenslage sich an sie gewandt hatten, die nach dem Tod anderer trachteten“. Dann lässt sie sich am Vorabend ihrer Hin-richtung ein deftiges Essen schmecken, trinkt viel Wein und singt derbe Lieder. Tags darauf muss sie den Weg zur Place de Greve antreten.
Die Place de Greve ist an diesem Wintertag schwarz von Menschen. Seit dem frühen Morgen stehen sie hier, vor dem Pariser Rathaus, auf dem größten Platz der Innenstadt, wo sonst die arbeitslosen Tagelöhner auf Auftraggeber warten.
Sie schubsen, versuchen, über die Köpfe der anderen hinweg einen Blick zu erhaschen auf den Scheiterhaufen, auf den Henker, auf den Karren mit der Verurteilten oder wenigstens auf ihre Haube: Catherine Montvoisin, genannt La Voisin. Es ist der 22. Februar 1680. Während sie warten, tauschen die Pariser die furchtbaren Gerüchte über die Verurteilte aus: Gifte hat sie gemischt, Kinder abgetrieben und in ihrem Ofen verbrannt. Und ihre adeligen Kunden!
Der Herzog von Luxembourg, des Königs General, Marschall von Frankreich, soll eine Prozession abgehalten haben mit zwölf nackten Frauen, angeführt von einem Priester, der nur eine Stola trug.
Das ist fast sicher, denn ohne triftigen Grund sitzt der Aristokrat bestimmt nicht in der Bastille, vielleicht wird man auch ihn bald auf dem Weg zum Henker sehen.
Da kommt das Gefährt näher, bahnt sich eine Schneise durch die Menge. La Voisin trägt ein weißes Hemd, das Gesicht der Giftmörderin ist rot. Seit sie von der Bastille losgefahren ist, hält sie die Blicke ihrer Mitbürger aus, die an der Rue Saint-Antoine stehen, auf der Brücke von Notre-Dame, vor der Kathedrale.
Und noch vor ihr trifft die Nachricht auf der Place de Greve ein: La Voisin hat sich geweigert, vor Notre-Dame niederzuknien und Abbitte zu leisten vor Gott, dem König und ihren Mitmenschen.
Auch jetzt wehrt sie sich, mit Gewalt muss sie vom Karren heruntergezerrt werden, sie flucht entsetzlich. Mit Ketten bindet der Henker sie auf den Scheiterhaufen. Als er Stroh auf die Todgeweihte häuft, damit sie schnell verbrennt, stößt sie es mit den Füßen weg.
Schließlich gelingt es dem Henker doch, das Stroh zu entzünden, weißer Rauch hüllt sie ein, und die Menge intoniert das traditionelle Gebet an die heilige Jungfrau: „Salve Regina“. Gegrüßet seist du, Königin, Mutter der Barmherzigkeit.
Ob Gabriel-Nicolas de La Reynie, der Polizeichef, zufrieden ist? Der Mann, der La Voisin verhaften ließ, sie verhörte und verurteilte - er wird ihren letzten Akt sicher nicht verpasst haben.
Vielleicht verfolgt er das Schauspiel von einem Fenster des Rathauses aus. Manchmal wollen Delinquenten noch kurz vor dem Tod neue Aussagen machen, um ihr Ende hinauszuzögern, und werden dazu ins Hotel de Ville gebracht. Gut möglich also, dass sich der Polizeichef hier bereitgehalten hat.
Die Menge zerstreut sich. La Reynie aber weiß, dass es noch nicht vorbei ist. Diese Stadt, die er heller gemacht hat, sicherer und sauberer, sie zeigt ihm seit Monaten ihre dunkelste, tödlichste und schmutzigste Seite.
Im Februar 1680 löste der Tod der Voisin auf dem Scheiterhaufen den anderen Angeklagten, die auf ihr Urteil warteten, plötzlich die Zunge, und allesamt brachten sie Madame de Montespan ins Spiel, deren Namen schon Lesage mehrmals genannt hatte. Eingeleitet wurde die Offensive von Marie-Marguerite Monvoisin, einer Tochter der Voisin, die zu Lasten der Marquise angab, sie habe sich bei drei verschiedenen Gelegenheiten an ihre Mutter gewandt: Sie habe Liebestränke bei ihr bestellt, um den König an sich zu binden; sie habe Gift in Pulverform bei ihr erworben, um Mademoiselle de Fontanges und sogar den König zu ermorden und sie habe an schwarzen Messen teilgenommen. Ihre scheinbar völlig unglaubwürdigen Behauptungen wurden allerdings prompt von einer anderen Wahrsagerin und Expertin für Schwarze Magie bestätigt, die La Reynie ins Netz gegangen war. Nach Aussage jener Filastre hatte die Marquise sich häufig ihrer Künste bedient, um sich mit Liebes- und Zaubertränken die Leidenschaft des Königs zu erhalten. Besessen von der Angst, eine Rivalin könnte sie verdrängen, habe Madame außerdem an schwarzen Messen teilgenommen, die ein unheimlicher Prior namens Guibourg über ihrem nackten Leib zelebrierte und bei denen ein neugeborenes Kind geopfert wurde.
Als er von diesen grauenhaften Anschuldigungen erfuhr, befahl der König, hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, die Wahrheit zu erfahren, und der Angst, Athenais zu kompromittieren, mit den Verhören fortzufahren. Am 14. Mai verlangte er jedoch, die Unterlagen, die Madame de Montespan betrafen, aus den Prozessakten zu entfernen, womit es den Richtern praktisch unmöglich wurde, weiterzuarbeiten. Als La Reynie 1709 starb, ließ Ludwig XIV. sich die Dokumente aushändigen, die die Marquise betrafen, und warf sie eigenhändig ins Feuer. Er wusste freilich nicht, dass das Oberhaupt der Polizei eine Zusammenfassung der Verhörprotokolle aufbewahrt hatte, in denen die Favoritin beschuldigt wurde.
So wurde die „Chambre ardente“ 1682 auf Befehl des Königs aufgelöst. Ob schuldig oder unschuldig, alle, deren Name im Zusammenhang mit einer möglichen Beteiligung Madame de Montespans an der Giftaffäre gefallen war, wurden ohne Prozess zu lebenslänglicher Haft verurteilt, in die unzugänglichsten Gefängnisse des Reiches gebracht und dort strengster Isolationshaft unterworfen. Die Kommission war 210mal zusammengekommen und hatte 319 Haftbefehle erlassen, etwa zwanzig Personen hatten fliehen können, und 194 waren eingesperrt worden. Von diesen hatte man 34 hingerichtet, zwei waren unter der Folter gestorben.
Doch durfte man wirklich behaupten, dass diese fürchterlichen Erkundungen in der Welt des Verbrechens zur Aufdeckung der Wahrheit geführt hatten? Wie viel Glauben durfte man den Geständnissen skrupelloser Gesetzesbrecher schenken, denen jedes Mittel recht war, um einen Prozess in die Länge zu ziehen, an dessen Ende sie ein grausamer Tod erwartete? Und hatte die Einrichtung der „Chambre ardente“ nicht selbst dazu beigetragen, die Wahrheit zu verfälschen? Das behauptete jedenfalls Colbert, als Ludwig XIV. ihn in dem Moment um Rat fragte, in dem Madame de Montespan in die Ermittlungen hineingezogen wurde. Im Übrigen zeigt das Einschreiten des berühmten Oberintendanten der Finanzen und Erzfeindes von Louvois sehr deutlich, dass die Giftaffäre auch eine politische Affäre war, ein Skandal, den der Kriegsminister und sein Vertrauensmann La Reynie ausnutzten, um Machtgruppen zu schwächen, die ihnen feindlich gesinnt waren, einschließlich der Kreise um Madame de Montespan, die mit Colbert verwandt und befreundet war.
Dutzende Gefangene sitzen noch ein im Schloss von Vincennes, östlich von Paris. La Reynie wird sie weiter verhören. Er glaubt, dass La Voisin Geheimnisse mit auf den Scheiterhaufen genommen hat. Doch er ahnt nicht, wie entsetzlich diese Geheimnisse sind.
Und wie nah seine Ermittlungen ihn an den König heranführen werden.
Und Ludwig selbst unternimmt alles, um die Ermittlungen geheim zu halten. Von unterwegs schreibt er La Reynie einen Brief und weist ihn an, alle Aussagen über Madame de Montespan auf gesonderten Blättern festzuhalten und diese den anderen Mitgliedern der Sonderkommission nicht zu zeigen.
Nicht auszudenken, wenn die Geschichten über die königliche Mätresse etwa in einer der Pariser „Gazettes a la main“ erschiene, jener kleinen, handgeschriebenen Zeitungen, die einem geheimen Kreis von Abonnenten zugestellt werden und Gerüchte aus Versailles berichten.
Der Skandal könnte auf einen Schlag das Bild vom strahlenden Glanz des Hofes des Sonnenkönigs verdunkeln, das Ludwigs Propagandisten auf zahllosen Gemälden und Drucken, Münzen und Triumphbögen, in Gedichten und Theaterstücken verbreiten. Und das ein wichtiges Herrschaftsmittel des Monarchen ist.
Daran ändert auch nichts, dass die Gräueltaten in Wirklichkeit wohl nie stattgefunden haben. La Reynies Zeugen sind alle unzuverlässig: ein notorischer Lügner, ein junges, gestörtes Mädchen, ein Priester, der Anzeichen von Demenz zeigt. Sie alle haben nichts mehr zu verlieren, sie müssen mit der Todesstrafe rechnen.
Auch übereinstimmende Aussagen beweisen nichts: Es gibt in Vincennes keine Einzelzellen, die Gefangenen können sich in gewissem Maße absprechen.
Wahrscheinlich hat Madame de Montespan tatsächlich La Voisin aufgesucht. Eine Mätresse führt ein unsicheres Leben, abhängig von der Laune und Libido des Herrschers. Vermutlich hat sie nach einem Liebeszauber gefragt - wie die meisten Kunden der Weissagerinnen.
Es ist zudem denkbar, dass man in einer Stadt, in der jedes Jahr mehrere Hundert Kinder ausgesetzt werden, für ein Silberstück einen Säugling erhält. Aber ist es vorstellbar, dass eine Dame von Montespans Rang sich allein in eine Hütte in Saint-Denis begibt, wie es der Priester aussagt?
Dass sie dort okkulte Praktiken vollzieht? Und auch noch versucht, den König zu ermorden, ihren Geliebten, den Vater ihrer Kinder, den von Gott eingesetzten Herrscher Frankreichs?
Ludwig jedenfalls scheint daran zu zweifeln. Wenn der König von ihrer Schuld überzeugt wäre, könnte er sie ohne großes Aufsehen für den Rest ihres Lebens in ein Kloster schicken. Madame de Montespan aber bleibt am Hof. Und wird nie erfahren, welcher Gräueltaten man sie verdächtigt hat.
Als der König im Juli 1682 die Sonderkommission auflöst, haben die Höflinge längst das Interesse an dem Giftskandal verloren.
Die Richter haben in den vorangegangenen drei Jahren gegen 104 Menschen verhandelt, 17 von ihnen in die Verbannung geschickt und 36 zum Tode verurteilt (von denen zwei schon die Folter nicht überlebt haben). Etliche Gefangene sind in Vincennes gestorben. 16 Personen hat die Kommission entlastet, darunter den Herzog von Luxembourg.
Viele Fälle sind nie vor das Gremium gekommen. Auf Befehl des Königs hat La Reynie der Kammer unter anderem all jene Angeklagten vorenthalten, die Madame de Montespan belastet hatten. Sie werden nicht verurteilt, doch La Reynie muss sie festhalten, damit sie keine Gerüchte über die Mätresse verbreiten.
Dabei handelt es sich zunächst um14 besonders eng verstrickte Personen, darunter La Voisins Ex-Geliebten, Marie Montvoisin und den Priester - aber auch um ihre Zellengenossen: Sie könnten ja etwas über Madame de Montespan erlauscht haben. Auch unbeteiligte Personen wie La Voisins Dienstmädchen landen im Kerker. Insgesamt 65 Frauen und Männer werden auf Festungen in ganz Frankreich verteilt, für den Rest ihres Lebens an Gefängnismauern gekettet, in völliger Isolation an den abgelegensten Orten des Landes.
Im selben Jahr verbietet ein königliches Edikt, die Worte der Heiligen Schrift zu missbrauchen oder sich als Zauberer auszugeben. Der Verkauf von Giften wird erschwert.
Wir wissen nicht, zu welchen Schlussfolgerungen Ludwig XIV. gelangte. Hatte er Erklärungen von Madame de Montespan gefordert? War sie über die Gefahr informiert worden, in der sie schwebte? Die Anschuldigungen gegen sie waren zum größten Teil unglaubwürdig, doch konnte der König wirklich ausschließen, dass die Favoritin ihm heimlich widerwärtige und gesundheitsschädliche Substanzen eingeflößt hatte, um ihn an sich zu binden? Welches auch immer seine innersten Überzeugungen sein mochten, der König hatte keine andere Wahl, als den Ruf der Mutter seiner Kinder zu wahren und sich selbst sowie den Hof vor einem Skandal von unerhörten Ausmaßen zu schützen.
Während die „Giftaffäre“ weiterhin eine ungebrochene Faszination auf Historiker, Biographen und Romanautoren ausübt, bleiben die Schlussfolgerungen, zu denen die Forscher bis heute gelangt sind, bemerkenswert widersprüchlich. Was die Rolle von Madame de Montespan in der Angelegenheit betrifft, so endete mit dem 19. Jahrhundert auch die Zeit der Verfechter ihrer Schuld, und jetzt erheben diejenigen ihre Stimme, die sie für unschuldig halten. Der Prozess, behaupten sie, folgte der typischen Dynamik von Hexenprozessen: Unter der Folter wurden die Verhörten dazu gebracht, das zu gestehen, was die Richter hören wollten. Andererseits hatten die Angeklagten ein verständliches Interesse daran, hochrangige Persönlichkeiten ins Spiel zu bringen, um Verwirrung zu stiften und die Untersuchung in die Länge zu ziehen. Außerdem waren die Anklagen gegen Madame de Montespan voller Widersprüche. Häufig stimmten die Zeitangaben nicht überein, vor allem aber waren die Taten, die man ihr zur Last legte, im Grunde völlig absurd. Warum sollte eine so stolze, intelligente, gebildete, mit unerschütterlichen religiösen Überzeugungen gewappnete und selbstsichere Frau wie die Favoritin sich derart irrwitzigen und grausamen Ritualen unterwerfen? Und selbst wenn es so gewesen wäre, wie konnte sie in Anbetracht ihrer herausragenden Stellung so kompromittierende Beziehungen pflegen, ohne aufzufallen?
Andererseits lässt sich schwerlich leugnen, dass Madame de Montespan nichts wichtiger war, als ihren Einfluss auf den König zu erhalten, dass magische Praktiken sich damals mit dem christlichen Glauben vereinbaren ließen und dass es durchaus nicht unmöglich für sie gewesen wäre, heimliche Kontakte zur Voisin und ihren Komplizen zu unterhalten (wie ihre Verwandten und Freunde es getan hatten). Sie genoss uneingeschränkte Bewegungsfreiheit und hätte sich gegebenenfalls auch an Mittelsmänner wenden können. Zudem erscheinen zwar viele Zeugenaussagen zu Lasten von Athenais nicht plausibel, viele andere dagegen konnten durch Tatsachen bewiesen werden. Mit Sicherheit hatte die Marquise niemals im Sinn, den König oder Mademoiselle de Fontanges zu vergiften, doch das bedeutet nicht, dass sie vollkommen unschuldig war. „Es besteht kein Zweifel“, schreibt Jean-Christian Petitfils im Resümee seiner Untersuchungen, „dass Madame de Montespan Beziehungen zur Voisin, zu Lesage, Mariette und ihren Komplizen unterhielt, und zwar seit Ende 1667 oder seit dem Beginn des Jahres 1668. Um die Gunst des Königs zu erlangen und die Verbannung (vielleicht auch den Tod) ihrer Rivalin zu erreichen, bediente sie sich magischer, blasphemischer Rituale und nahm an symbolischen Taufen von Tauben teil. Später ließ sie sich von Zauberern, Scharlatanen, Astrologen und anderen Betrügern helfen, um die Liebe des Königs lebendig zu halten. Sie kaufte bei ihnen aphrodisische Pulver und verlangte von ihnen >Hexereien<, vielleicht um das Auftauchen gelegentlicher Rivalinnen zu verhindern (...) Bleiben die schwarzen Messen (...) Diese abscheulichen Verbrechen sind nicht ganz unwahrscheinlich. Der Prior, die Filastre und die Tochter der Monvoisin haben diesbezüglich sehr klare, übereinstimmende Aussagen gemacht. Doch angesichts derartiger Gräuel bleibt man unschlüssig.“
Auch wenn er an seiner Überzeugung festhalten wollte, dass Madame de Montespan mit der ganzen Geschichte nicht das Geringste zu tun hatte, konnte der König sich nicht verhehlen, dass die Ereignisse der „Giftaffäre“ nur mit Unterstützung einer zutiefst amoralischen Gesellschaft möglich gewesen waren. Zumindest was die Hemmungslosigkeit in sexuellen Dingen betraf, war er selbst ein Vorbild für seine Untertanen gewesen. Er musste so schnell wie möglich auf Abhilfe sinnen.
Mit vierzig Jahren änderte Ludwig XIV. sein Leben. In Madame de Maintenon fand er eine tugendhafte Geliebte, die ihm half, sich mit Gott zu versöhnen. Und während der Widerruf des Edikts von Nantes und die Wiederaufnahme der Hugenottenverfolgungen von der Unbeugsamkeit des Allerchristlichsten Königs in Fragen des rechten Glaubens zeugten, hüllte Versailles sich, den Wünschen seines Herrschers treu ergeben, in Schwarz und wurde zum Bild der
Keuschheit und Frömmigkeit. Fünfunddreißig Jahre sollte es dauern, bis mit der Regentschaft des Herzogs von Orleans, eines Libertins und begeisterten Alchimisten, in Frankreich wieder Zauberer, Wahrsager, Handleser und Kuppler einer Gesellschaft ihre Dienste anboten, die im Licht einer neuen Sonne wieder einem leichtsinnigen Leben frönte.
Nicolas de la Reynie bleibt noch 15 Jahre lang Polizeichef. Als er 1709 stirbt, denkt er ein letztes Mal an das Wohl der Pariser. In seinem Testament verfügt er, dass er auf dem Friedhof und nicht in der Kirche beerdigt wird, doch „um nicht mit der Verwesung meines Körpers zur Fäulnis und Infektion der Luft beizutragen“.
Nach La Reynies Tod lässt sich Ludwig die Dokumente seines ehemaligen Polizeileutnants nach Versailles kommen. Dann verbrennt er sorgfältig alle Schriftstücke, die Madame de Montespan betreffen. Die Besuche seiner Mätresse in der Rue Beauregard werden für weitere 150 Jahre geheim bleiben.
Erst im 19. Jahrhundert werden Historiker ihren Namen in den Archiven der Bastille entdecken: Der sorgfältige La Reynie hatte von seinen Ermittlungen Abschriften gemacht.
Die Nachdenklichkeit des Nicolas de la Reynie
Nicolas de la Reynie kehrt stets nachdenklich von seinen Besuchen in Versailles zurück. Er spürt, dass der König unliebsame Beweise unterdrücken möchte - einer ehemaligen Geliebten hat Ludwig bereits zur Flucht verholfen.
Gleichzeitig glaubt La Reynie, so notiert der Polizeileutnant in einem Bericht, dass es noch furchtbarere Geheimnisse zu entdecken gibt.
Dieser ruhige, melancholische Mann, mit wenig Fantasie begabt, trifft in seinen Verhören auf Menschen ganz anderer Art - Menschen, die ihr Geld damit verdienen, zu lügen, zu betrügen und stets das zu sagen, was ihr Gegenüber hören möchte.
Und La Reynie glaubt den fantastischen Anschuldigungen seiner Informanten - oder hält sie zumindest für möglich. Zu seiner zweiten Hauptzeugin wird nach La Voisin ausgerechnet eine verstörte, hoch nervöse und impulsive junge Frau mit einer lebhaften Vorstellungskraft: Marie-Marguerite Montvoisin, die 21-jährige Tochter der Giftmischerin.
Sie ist kurz vor der Hinrichtung ihrer Mutter verhaftet worden und berichtet freimütig von der Kindheit in der Rue Beauregard. Wie es aus dem Beratungszimmer nach Schwefel stank, wie sie einmal eine weiße Taube kaufen musste, der die Kehle durchgeschnitten wurde, wie sie sich fast an einer Suppe vergiftet hätte, die für ihren Vater bestimmt war.
Aus anderen Verhören glaubt der Polizeileutnant zu wissen, dass La Voisin damit gerechnet hatte, demnächst gut 100 000 Ecus einzunehmen (was mehr als 2000 Kilogramm reinen Silbers entsprochen hätte). Und dass sie dem König eine Petition überreichen wollte. Warum? Und wofür könnte ihr die gewaltige Belohnung ver-sprochen worden sein? Marie weiß nichts darüber.
Doch bis zur nächsten Vernehmung hat sie drei Monate Zeit, um nachzudenken. Dann packt sie aus: Das Papier, auf dem die Petition verfasst gewesen war, sei vergiftet gewesen - La Voisin habe versucht, Ludwig XIV. zu ermorden.
Auch die Auftraggeberin kennt Marie angeblich: Madame de Montespan. Die langjährige Mätresse des Königs.
Ludwig XIV. hat sich stets mit vielen Liebhaberinnen vergnügt: „Er benutzt diese Art Frauen wie Postpferde, die man einmal besteigt und nie wieder sieht“, schreibt ein Höfling. Doch Francoise-Athenai's de Rochechouart, Marquise de Montespan, ist – wie wir zwischenzeitlich wissen - mehr. Blond, blauäugig, üppig geformt - ihre Zeitgenossen preisen die Schönheit der Adeligen.
Als La Voisin stirbt, teilt Madame de Montespan allerdings schon nicht mehr Ludwigs Bett. Sie ist fett geworden nach den vielen Schwangerschaften, der König hat sie vor einem Jahr durch eine Jüngere ersetzt.
All dies passt beunruhigend genau zu Maries Geschichte: Die Mätresse des Königs sei fünf oder sechs Jahre lang zu ihrer Mutter gekommen. La Voisin habe ihr Liebespulver geliefert, um die Gefühle des Königs zu stärken. Als Ludwig sich einer anderen zuwandte, habe sie ihn bestrafen wollen: mit dem Tod.
Mit jedem Verhör werden Maries Aussagen fantastischer: Auf Madame de Montespans Bauch seien schwarze Messen abgehalten worden. Ein ebenfalls inhaftierter Priester, der angebliche Komplize, liefert bereitwillig die Details. Viermal im Laufe der Jahre habe er über der nackten Dame die Dämonen Astaroth und Asmodäus angerufen und jedes Mal ein Kind geopfert, damit der König sie weiter liebe. Er habe den zuvor gekauften Säugling geschlachtet, aus dem Herz und Eingeweiden seien Pulver hergestellt worden, die Montespan dem König verabreicht habe.
La Reynie weiß nicht, wie viel er glauben soll. Aber er hält den König über alle Aus-sagen auf dem Laufenden.
Ludwig bereist im Sommer 1680 Nordfrankreich, gefolgt von seinem Hof. Er muss lesen, dass seine langjährige Geliebte ihre Beziehung mit widerlichen Methoden zu stärken versucht hat, ja vielleicht sogar seinen Tod plante. Und auch die merkwürdigen Dämpfe und quälenden Kopfschmerzen, die seine Ärzte jahrelang mit Abführmitteln behandelten, könnten plötzlich eine Erklärung finden.
Die Höflinge beobachten, wie selten Madame de Montespan den König auf dieser Reise sieht. Sie deuten dies als weiteres Zeichen für ihren Abstieg. Niemand ahnt jedoch den wahren Grund.
Außenpolitik - Kriege
Alle Kriege - die Ludwig führte - zu behandeln, scheint unmöglich. Das würde ein eigenes Buch füllen. Beschränken wir uns auf das Wesentliche.
Die Religionskriege
Im 16. Jh. verbreitete sich der Protestantismus in Frankreich. In den ersten Jahren wurde er als Ketzerei angesehen und als solche bekämpft. Bereits unter Franz I. fanden einzelne Verurteilungen von Protestanten statt. Die systematische Verfolgung begann jedoch unter seinem Nachfolger Heinrich II. Der wachsende Widerstand der Protestanten führte zu den Religionskriegen, die durch das Massaker von Wassy ausgelöst wurden.
1. Religionskrieg (1562-1563)
Am 1. März 1562 ermordeten der Herzog von Guise und seine Gefolgsleute 32 Protestanten, die ihren Gottesdienst in einer Scheune feierten. Der protestantische Fürst von Condé aus dem Haus der
Bourbonen rief die Protestanten auf, sich mit Waffen zu verteidigen. Mit seiner kleinen Armee besetzte er Orléans, Sens, Tours, Blois und Angers. Condé erfuhr nicht nur von der protestantischen Bevölkerung eine breite Unterstützung, auch England schlug sich auf seine Seite. Die Katholiken ihrerseits, unterstützt durch den verarmten Landadel und gestärkt durch Spanien, wurden von einem Verteidigungstriumvirat (Herzog von Guise, Feldherr Montmorency, Marschall von Saint-André) angeführt. Sie begaben sich nach Fontainebleau, wo sich die königliche Familie aufhielt und übten Druck auf die Regentin aus. Die Protestanten betrachteten dies als eine Gefangennahme des Königshauses und erklärten ihren Krieg zum Befreiungskrieg für die königlichen Familie. Das Königshaus versuchte zwischen beiden Lagern zu vermitteln, um das Land vor Anarchie zu schützen. 1563 wurde der erste Friedensvertrag von Amboise ausgehandelt, der den Protestanten in ihren Hochburgen die Ausübung ihrer Religion erlaubte. Dieser Vertrag führte jedoch nicht zum Frieden zwischen beiden Parteien und es fanden weiter vereinzelte Massaker statt. Eines der blutigsten Gemetzel war 1566 in Foix, wo 700 Protestanten ihr Leben ließen.
2. Religionskrieg (1567-1568)
1567 war der 2. Religionskrieg ausgebrochen. Die protestantische Armee versuchte König Karl IX. zu entführen, dem es jedoch gelang, nach Paris zu flüchten. Daraufhin belagerten sie Paris, wurden aber vom Herzog von Montmorency geschlagen und zogen sich nach Chartres zurück. 1568 kam es in Longjumeau zu einem neuen Friedensvertrag, der den alten Friedensvertrag bestätigte und den Protestanten noch zusätzlich La Rochelle zusprach. Doch auch dieser Frieden war kein Frieden aus Überzeugung. Die Gegner versuchten in dieser Zeit ihre Armeen zu verstärken und Hilfe von außen zu erhalten.
3. Religionskrieg (1569-1570)
Ein Jahr später kam es zu erneuten kriegerischen Auseinanderset-zungen. In diesem 3. Religionskrieg spielten die Katholiken die aktivere Rolle. Karl IX. schlug sich auf die Seite der Katholiken und verbot im Edikt von Saint-Maur die Ausübung des protestantischen Kultes. Er trieb die protestantische Armee bis nach La Rochelle. Ein Jahr später erlitten die Protestanten eine weitere Niederlage in Jarnac, wo auch ihr Anführer Fürst von Condé ermordet wurde. Am 8. August 1570 wurde ein weiterer Friedensvertrag in Saint-Germain-en-Laye unterzeichnet. Nach diesem Vertrag erhielten die Protestanten die vier befestigten Städte La Charité, Cognac, Montauban und La Rochelle und sie durften ihre Religion weiter ausüben.
4. Religionskrieg (1572-1573)
Um die beiden gegnerischen Parteien zusammenzuführen arrangierte Katharina von Medici die Hochzeit zwischen dem protestantischen Anführer Heinrich von Navarra und ihrer Tochter Margarete von Valois. Diese Hochzeit endete jedoch in einem Blutbad. Am 24. August 1572, dem Tag des Heiligen Bartholomäus, wurden bis zu 3000 Protestanten, die zur Hochzeit nach Paris kamen, gnadenlos ermordet. Eines der ersten Opfer war der protestantische Anführer Admiral von Coligny. Vergleichbare Ereignisse fanden ebenfalls in den Provinzen statt. Ca. 10000 Protestanten fanden in diesen Tagen ihren Tod. Die Protestanten flüchteten nach La Rochelle. Alle Versuche, diese Festung einzunehmen, blieben erfolglos und es kam 1573 zu einem erneuten Friedensvertrag in Boulogne. Die Ausübung des protestantischen Kultes wurde auf die vier Städte La Rochelle, Nîmes, Montauban und Sancerre beschränkt.
5. Religionskrieg (1574-1576)
Überall in Frankreich, vor allem im Süden, rebellierten die Protestanten gegen die Einschränkung ihrer religiösen Praktiken. Heinrich von Navarra floh vom Hof und wurde Anführer der Protestanten. Er erreichte mehrere Erfolge für seine Glaubensbrüder, die im Edikt von Beaulieu-lèsLoches festgehalten wurden. Die Anzahl der protestantischen Städte erhöhte sich auf acht und mehrere protestantische Staatsmänner, u.a. Admiral Coligny, wurden rehabilitiert.
6. Religionskrieg (1576-1577)
Die Fronten verhärteten sich zunehmend und die radikalen Katholiken formierten sich 1576 in der sogenannten Heiligen Liga, die die Vernichtung der Protestanten zum Ziel hatte. Sie riefen die Generalstände in Blois ein, die die Annullierung des Friedens von Beau-lieu-lès-Loches forderten. Kriegerische Auseinandersetzungen überzogen das Land. Die Armee des Herzogs von Anjou nahm wichtige protestantische Hochburgen ein (Montpellier, La Charité-sur-Loire, Issoire…). 1577 wurde ein weiterer Friedensvertrag in Bergerac unterzeichnet, der einerseits die religiösen Praktiken der Protestanten stark einschränkte und andererseits die Heilige Liga auflöste.
7. Religionskrieg (1579-1580)
Katharina von Medici versuchte weiterhin zwischen den Fronten zu vermitteln, jedoch weder Protestanten noch Katholiken gingen auf die Verhandlungen ein. Der Krieg spielte sich im Kampf um die protestantischen Hochburgen ab und fand 1780 seinen Abschluss im Vertrag von Fleix, der die protestantischen Städte für die nächsten sechs Jahre sicherte.
8. Religionskrieg (1585-1598)
Heinrich von Guise gewinnt immer mehr Einfluss auf Heinrich III. Unter seinem Druck stellt der König den Protestanten ein Ultimatum. Sie sollten entweder konvertieren oder das Land verlassen. Erneut entfachten blutige Kämpfe. Der Krieg verlief mit wechselnden Erfolgen und keine der Parteien konnte einen Sieg erlangen. Heinrich von Guise versuchte inzwischen, den König zu schwächen und übernahm die Regierungsmacht im Land. Am 23. Dezember 1588 ließ Heinrich III. seinen Widersacher Heinrich von Guise ermorden und verbündete sich mit Heinrich von Navarra. Nach dem Tod des Königs erklärte sich Heinrich von Navarra, als nächster Verwandter, zum König unter dem Namen Heinrich IV. Er versuchte das Land zu vereinen und proklamierte den Katholizismus zur offiziellen Religion in Frankreich, jedoch mit Tolerierung des protestantischen Glaubens. Dieser Kompromiss wurde im Edikt von Nantes festgehalten und beendete somit die Religionskriege in Frankreich. (siehe auch das Kapitel zur Innenpolitk).
Angriff auf Amsterdam
Ehre bedeutet für Ludwig vor allem Schlachtenruhm. 33 seiner 54 Herrschaftsjahre führte er Krieg. Die französische Armee ist die größte Europas, und der Sonnenkönig liebt seine Rolle als oberster Befehlshaber. Im April1672 greift er die Niederlande an, eine Kaufmannsrepublik mit nur schwachen Landstreitkräften. Schnell erobern die Franzosen den größten Teil des Territoriums. Doch dann durchsticht der Gegner die eigenen Deiche.
Den Haag, 20. August 1672, später Nachmittag. Vor dem Staatsgefängnis stoßen Bewaffnete Johan de Witt, den kürzlich zurückgetretenen Regierungschef der Niederlande, und seinen Bruder Cornelis zu Boden. Sie dreschen mit Degen auf Cornelis ein. Schießen Johan in den Kopf. Feuern vor Hunderten von Schaulustigen immer wieder auf Johan und dessen Bruder. Die Niederländer können sich die ersten militärischen Erfolge der Franzosen nur durch Verrat erklären. Im Verdacht: der Regierungschef de Witt. Am 20. August 1672 überfällt eine wütende Menge Johan de Witt und dessen Bruder Cornelius; sie ermordet die beiden und schändet ihre Leichen.
Dann überlassen sie die Toten der Menge; einige reißen ihnen die Kleider vom Leib und knüpfen sie mit dem Kopf nach unten an einem Galgen auf, um ihre Leichen auszuweiden. Augen, Ohren, Nasen, Finger, Geschlechtsteile werden an die Schaulustigen verteilt. Manche stopfen sich Fleischbrocken in den Mund und schlin-gen sie hinunter.
Die Brüder de Witt sind in Den Haag verhasst, weil sie als Verräter gelten, als heimliche Verbündete Ludwigs XIV.
Seit Wochen bereits ist das Volk in der Niederländischen Republik in Aufruhr. „Nieder mit de Witt!“, skandieren die Menschen in den Straßen. Johan de Witt, der Chef der Regierung, habe die Heimat an die Franzosen verschachert. „War' er nur tot, hätt's Land keine Not!“, steht auf Flugblättern.
Cornelis, der Bürgermeister von Dordrecht, saß im Gefängnis, weil er zum Mord an Wilhelm III. von Oranien, dem politischen Konkurrenten seines jüngeren Bruders Johan, aufgehetzt haben soll. Der 21-jährige Wilhelm III. ist Urenkel des bedeutendsten Heerführers der Republik und seit Anfang des Jahres Oberbefehlshaber der niederländischen Streitkräfte.
Die Angst vor Verschwörungen hält die Menschen in Atem. Denn Truppen Ludwigs XIV. haben in den vergangenen Wochen große Teile der Republik besetzt. Die französischen Soldaten plündern; sie morden, vergewaltigen und zerstören. Viele Niederländer können sich ihren Vormarsch nur mit einem Wort erklären: Verrat.
Fast ohne Gegenwehr hat die gewaltige Armee des Sonnenkönigs Festung um Festung gestürmt. Das schlecht ausgerüstete niederländische Heer ist überfordert. Wie nur können die Franzosen wieder zurückgedrängt werden? Die stärkste Nation auf dem Kontinent. Geführt von einem Herrscher, der Frankreich aushungert, um seine Kriegslust zu befriedigen; der Bündnispartner täuscht und aus Eitelkeit und Geltungssucht zu jedem Verbrechen bereit scheint. Dessen Soldaten Zivilisten morden.
***
LUDWIG XIV. LIEBT das Kriegswesen. Aufgewachsen während des Dreißigjährigen Krieges, hat er schon als Knabe seine Spielkameraden durch den Schlosspark kommandiert, sich im Kampf mit Pike und Muskete geübt und vor den Mauern einer Miniaturfestung „Belagerungen“ geleitet.
„Du hast es in der Hand, der ruhmreichste König aller Zeiten zu werden“, gibt ihm sein Mentor Mazarin mit auf den Weg. Schlachtfelder sieht der König als Arenen, um Ruhm zu erlangen.
Und Ludwig verachtet die Niederländische Republik. „Eine Grundsuppe aller Sekten und Ketzereien“ nennt er das protestantische Land, aus der „täglich Missgeburten mit wunderseltsamen Meinungen hervorgehen“. Gut möglich, dass der Sonnenkönig auch neidisch auf den kleinen Staat blickt, weil der in den vergangenen Jahr-zehnten zur führenden Wirtschaftsmacht aufgestiegen ist - obwohl in Den Haag kein Monarch regiert, wie es doch die göttliche Ordnung vorschreibt, sondern ein Gremium vor allem aus wohlhabenden Bürgern.
Die Republik der Vereinigten Niederlande steht für die geistige, religiöse und politische Freiheit ihrer Bürger.
In einem 80 Jahre lang andauernden Unabhängigkeitskrieg haben sich die sieben nördlichen Provinzen - Holland, Seeland, Utrecht, Geldern, Overijssel, Friesland und Groningen - ihre Autonomie von der spanischen Krone erkämpft (die überwiegend katholischen Provinzen im Süden bleiben als spanische Besitzung bei Madrid).
Und dank ihres lukrativen Überseehandels, etwa mit Seide, Pfeffer, Muskat, haben Kaufleute den Wohlstand der jungen Republik auch während des Freiheitskrieges gemehrt.
Die calvinistischen Niederländer sehen ökonomischen Erfolg als Zeichen göttlicher Erwähltheit an. Ihre Weiden und Felder sind so fruchtbar, dass Bauern und Gutsherren Teile der Ernte ins Ausland verkaufen. In den Städten produzieren Arbeiter in großen Manufakturen Textilien für den Export, unterhalten Kaufleute profitable Handelskontore. Und Handwerker bauen schnellere Schiffe als die Konkurrenz.
Auch das macht die Republik erfolgreicher als die Großmächte England und Frankreich.
Dem Monarchen in Paris zollen die Bürger der Vereinigten Niederlande entsprechend wenig Respekt. So verspotten satirische Zeitschriften (die kein Zensor überwacht) immer wieder dessen Mätressenwirtschaft.
Ein gefährliches Spiel. Denn auf jeden der knapp zwei Millionen Niederländer kommen fast zehn Franzosen. Paris verfügt über Europas stärkste Armee, und die Kanonen tragen die lateinische In-schrift „Ultima Ratio Regis“ - „Äußerstes Mittel des Königs“.
Für Ludwig ist militärische Gewalt jedoch nicht die letzte, sondern die liebste Option. „Er zeigt größte Leidenschaft für den Krieg“, notiert einer seiner Höflinge, „und er ist verzweifelt, wenn er nicht an die Front kann.“
DER MATHEMATIKER Johan de Witt aus Dordrecht in Südholland ist ein völlig anderer Mensch. Seit 1653 leitet der überzeugte Republikaner, ein bedächtiger Finanz- und Außenpolitiker, die niederländischen Staatsgeschäfte.
Im Gegensatz zum zentralistischen, monarchisch regierten Frankreich sind die Vereinigten Niederlande eine föderalistische Republik. Deren Provinzen entsenden Vertreter in die Ständeversammlung (die „Generalstaaten“) in Den Haag, die die Staatsgeschäfte führt. De jure ist Johan de Witt nur Leiter der Delegation der reichen Provinz Holland - da die jedoch mehr als die Hälfte des Staats-haushalts bestreitet, ist er de facto der führende Politiker der Republik.
Und in dieser Funktion pflegt er lange Zeit gute Beziehungen zu Frankreich. Doch dann beginnt Ludwig XIV. 1666 einen Wirtschaftskrieg gegen die „Käsehändler“ - Paris will auch zur ökonomischen Vormacht aufsteigen.
Um den Nachbarn zu schwächen, verhängt der Sonnenkönig horrende Einfuhrzölle auf Delfter Porzellan, Leidener Tuch, Walöl, Tabak und andere niederländische Handelsprodukte. Ein harter Schlag für die Republik, denn Frankreich ist ihr wichtigster Absatzmarkt.
Im Frühling 1667 eröffnet Ludwig eine weitere Front: Anderthalb Jahre nach dem Tod des spanischen Königs Philipp IV. versucht er, die Spanischen Niederlande zu annektieren - jenes Gebiet südlich der Niederländischen Republik, das nach wie vor von Madrid verwaltet wird (entspricht dem heutigen Belgien und Teilen Luxemburgs).
Seine Gattin Maria Theresia ist die Tochter des verstorbenen Monarchen. Nun sei sie in einigen Provinzen der Spanischen Niederlande Territorialherrin - das jedenfalls behauptet ihr Gemahl.
Ein konstruierter Kriegsgrund. Denn die Gesetze, auf die sich Ludwig beruft, regeln den Nachlass von Bauern und Handwerkern, nicht aber die herrschaftliche Erbfolge.
Das Risiko erscheint ihm gering: Von Spanien, in Kämpfe mit Portugal verstrickt, erwartet er kaum Widerstand. Und die Niederländische Republik wird neutral bleiben, glaubt er, weil sie gerade im Seekrieg mit England liegt.
***
Am 24. Mai 1667 fallen französische Truppen in den Spanischen Niederlanden ein. 50 000 Mann erobern rasch zahlreiche Bastionen, schließlich auch die wichtige Festungsstadt Lille.
Die Abgeordneten der Niederländischen Republik sind beunruhigt. Wenn Ludwig in den eroberten Gebieten die Zölle für ihre Waren ebenso drastisch erhöht wie zuvor in Frankreich, ist ihr Wohlstand in Gefahr. Zudem sahen sie in den Spanischen Niederlanden einen Sicherheitspuffer gegen Paris.
Eilig legt Johann de Witt den Streit mit England bei und schmiedet Ende Januar 1668 mit dem ehemaligen Gegner sowie Schweden sogar eine Allianz gegen Frankreich, dessen militärische Erfolge ganz Europa beunruhigen.
Ob den Sonnenkönig die plötzliche Übermacht einschüchtert?
Noch ehe sich Ludwigs Diplomaten eindeutig äußern, feiern die Niederländer ihr schlagkräftiges Militärbündnis. Auf einem Gala-Abend in Den Haag geben sich Bürger, Adelige und europäische Gesandte die Ehre. Nach einem Diner eröffnet Wilhelm III. mit einer jungen Dame den Tanzreigen. Dann führt Johan de Witt - da noch der politische Mentor des jungen Adeligen - seine Gattin aufs Parkett, gefolgt von Dutzenden Paaren. Ein prunkvoller, ausgelassener Abend.
Doch bald trifft eine Botschaft aus Paris ein: Ludwig XIV. sinne auf Rache, warnen Diplomaten; der Republik drohe „ein schrecklicher Krieg“. De Witt lässt sich aber offenbar nicht beunruhigen.
Er sieht keinen Anlass zur Sorge. Denn kurz darauf unterzeichnet Ludwig einen Friedensvertrag mit dem spanischen Königshaus und gibt einige eroberte Gebiete zurück.
Tatsächlich aber wartet er nur den richtigen Moment ab, um sich an der Republik zu rächen, deren Bündnis mit England und Schweden ihn um einen großen Teil seiner Beute gebracht hat.
Schon bald beginnt er mit den Vorbereitungen für den nächsten Feldzug. So zahlt er England drei Millionen Livres jährlich (den Gegenwert von etwa 25 Tonnen Silber) dafür, dass es ihn gegen die Republik unterstützt. Auch den schwedischen König bewegt Ludwig durch Geld zur Aufgabe des Bündnisses mit Den Haag. Zudem gewinnt er die Fürstbischöfe von Münster und Köln als Alliierte.
Gleichzeitig rüstet der französische Kriegsminister die Armee auf: rekrutiert Zehntausende neue Soldaten und errichtet im Aufmarschgebiet seiner Truppen Magazine, vollgefüllt mit Geschützen, Kanonenkugeln, Handgranaten, Schießpulver und Verpflegung.
Bald steht die Niederländische Republik allein da. Doch Johan de Witt ahnt nichts von alldem.
AM 6. APRIL 1672 erklärt Ludwig der Republik den Krieg. Das gewaltigste Heer seit der Römerzeit marschiert auf die Vereinigten Niederlande zu. Mehr als 120 000 französische Soldaten. Ausgerüstet mit dem Bajonett, einer neuen Waffe für den Nahkampf. Unterstützt von Truppen aus Köln und Münster.
Viele Festungen der Republik sind halb verfallen, auf Stadtwällen weiden Schafe. Das Schießpulver ist alt, die niederländische Armee, nur 40 000 Mann, in desolatem Zustand: Um Verteidigungsanlagen und die Ausrüstung der Landstreitkräfte kümmert sich die Seefahrernation nur wenig. Lange schon hat kein fremdes Heer die Grenzen der Republik überschritten.
Anfang Juni erstürmen Ludwigs Truppen von deutschem Gebiet aus binnen weniger Tage mehrere niederländische Grenzfestungen, die den Spaniern zuvor jahrzehntelang standgehalten hatten. Am 12. Juni überqueren die Franzosen bei Nimwegen den Rhein und nähern sich dem geographischen Zentrum der Republik.
Die Pariser „Gazette“ widmet dieser „glorreichen Tat“ des „wunderbaren Monarchen“ eine Sonderausgabe. Der Flussgott sei vor Ludwig XIV. „erzittert“, schreibt ein Poet, der dabei war.
An der Porte Saint-Denis in Paris lässt Ludwig einen Triumphbogen errichten. Und in Versailles wird der Hofmaler Charles Le Brun in einem Deckengemälde verewigen, wie der Sonnenkönig den Rhein in einem römischen Streitwagen gleichsam im Flug überquert.
In Wirklichkeit verläuft die Aktion wenig heroisch: Einige Soldaten schwimmen an einer Stelle, die gerade einmal 150 Meter breit ist, über den Fluss. Der Monarch selbst bleibt am rechten Rheinufer zurück, bis seine Truppen eine Pontonbrücke errichtet haben. Napoleon wird später von einer „militärischen Operation vierten Grades“ sprechen.
Ludwig XIV. ist in Begleitung von Hofmalern und Dichtern. Und während der König für seine Höflinge in Gefechtspausen literarische Lesungen veranstaltet, gehen seine Soldaten mit größter Brutalität vor. Sie sperren Bauern in ihre Hütten und verbrennen sie bei lebendigem Leibe, zwingen Familienväter, bei der Vergewaltigung ihrer Töchter zuzusehen.
In rascher Folge besetzen die Franzosen Stadt auf Stadt - oft kampflos. Die Truppen des Generalkapitäns Wilhelm von Oranien können den übermächtigen Feind nicht aufhalten. Viele Bürger flüchten vor der herannahenden Armee.
Tag für Tag wächst der Zorn der Niederländer. Auf Ludwig und dessen Soldateska - und auf Johan de Witt, dem viele die Verantwortung für die militärische Katastrophe zuschreiben. Oberbefehlshaber Wilhelm von Oranien (der trotz aller Niederlagen vom Volk umjubelt wird) verweigert de Witt jede politische Unterstützung: Er strebt, ermutigt von Verwandten und Beratern, wohl längst selbst die Macht im Staat an.
Vor allem Krämer, Dienstboten und Manufakturarbeiter protestieren gegen die neuen Sondersteuern zur Aufrüstung der Armee. Junge Männer, die zum Wehrdienst eingezogen werden sollen, wei-gern sich; reiche Kaufleute geben dem Staat keine Kredite mehr. Das Land ist gelähmt, Johan de Witt politisch nahezu isoliert. Die Republik scheint vor dem Untergang zu stehen.
Bald stoßen französische Truppen im Norden Richtung Amsterdam vor. Wenn die mit 200 000 Einwohnern größte Stadt fällt - das wirtschaftliche Zentrum der Republik -, fällt der ganze Staat. Als die Invasoren Landsitze reicher Kaufleute wenige Kilometer außerhalb der Metropole anzünden, bricht in Amsterdam Panik aus. Patrizier vergraben Geld und Schmuck im Garten, Geschäfte und Schulen bleiben geschlossen. Tausende fliehen Richtung Westen.
Doch noch gibt Wilhelm III. nicht auf - und wendet ein letztes, verzweifeltes Mittel zur Verteidigung an.
AM 22. JUNI REISSEN seine Soldaten nahe Amsterdam die Schleusentore der Zuidersee auf und durchstechen Deiche. Sie fluten ihr eigenes Land.
Etwa ein Viertel des niederländischen Territoriums liegt unter dem Meeresspiegel und wird von mehreren Tausend Deichen und Stauwehren geschützt, so die Polderlandschaft rund um Amsterdam und das Tiefland zwischen Rhein- und Maasmündung. Setzen die Niederländer diese Gebiete unter Wasser, können Angreifer nicht mehr zu den (über dem Meeresspiegel liegenden) Handelshochbur-gen Amsterdam, Den Haag und Rotterdam vordringen.
Bereits im Befreiungskrieg gegen Spanien haben die Niederländer durch gezielte Zerstörung von Deichen die feindlichen Truppen aufgehalten. Und 1629 hat ihr damaliger Oberbefehlshaber Schleusen in die Wälle einbauen lassen, um sie leichter öffnen zu können.
Doch nun versuchen bewaffnete Bauern, die Flutung zu stoppen - aus Angst um ihre Felder. Beim Städtchen Abcoude etwa, zehn Kilometer südöstlich von Amsterdam, erhalten die Soldaten von den Landleuten Brot, Butter, Käse und Starkbier, damit die Schleusentore geschlossen bleiben. Vergebens. Gnadenlos lässt Wilhelm von Oranien das Land unter Wasser setzen, droht, jeden Saboteur zu exekutieren.
Vom Wasser aufgehalten, lassen Ludwigs Soldaten ihrem Hass auf den Gegner freien Lauf: Sie brennen Häuser mitsamt ihren Bewohnern nieder, töten Kinder, vergewaltigen Mädchen vor den Augen ihrer Väter.
Hinter der scheinbar blinden Wut der französischen Soldaten steckt kühle Strategie. Ludwig lässt sie die Zivilisten bewusst quälen: Er will die Niederländer derart in Schrecken versetzen, dass sie sich kampflos ergeben. Mit Erfolg: Die Festung Arnheim zum Beispiel fällt ohne Widerstand.
Während das Wasser steigt, schickt die Regierung der bedrängten Provinz Holland Unterhändler in Ludwigs Lager. Ratspensionär Johan de Witt ist dagegen, aber sein Wort hat nur noch wenig Gewicht. Die Delegation bietet Ludwig für den Frieden mehrere Städte im Süden der Vereinigten Niederlande an, dazu zehn Millionen Gulden.
Doch der Franzose ist wie berauscht von seinen schnellen Siegen. Er verlangt zusätzliche Millionen sowie die Oberhoheit über alle Straßen und Kanäle der Vereinigten Niederlande, über das gesamte Territorium südlich des Rheins sowie alle Festungen der Republik.
Würde die Republik auf diese Forderungen eingehen, wären die Niederlande nur noch ein Vasallenstaat Frankreichs. Zudem - der Gipfel der Demütigungen - sollen die Besiegten Ludwig jedes Jahr eine Ehrenmedaille aus Gold als Geschenk darbringen: als Zeichen ihrer Beschämung, dass sie es gewagt haben, ihm in den Weg zu treten.
Diese Forderung ist Ludwigs erster großer Fehler in diesem Krieg. Ein Fehler, der ihn den sicheren Sieg kostet.
Denn nun antworten ihm die Vertreter der Provinz Holland entschlossen: „Lieber mit dem Degen in der Hand sterben!“ Auch die ebenfalls noch nicht besetzten Provinzen Seeland, Friesland und Groningen entscheiden sich für den Kampf.
Doch selbst in dieser Situation äußerster Bedrohung gelingt es der Führung um Johan de Witt nicht, die Bevölkerung hinter sich zu vereinen. Er tritt am 4. August zurück.
Nun ist der blutjunge Wilhelm III. sowohl militärischer als auch politischer Anführer der Republik - denn im Monat zuvor haben ihn die noch unbesetzten Provinzen zum „Statthalter“ ernannt. Dieses Amt (ein Relikt aus der spanischen Besatzungszeit, das zuletzt Wilhelms 1650 verstorbener Vater innehatte) ist zwar nicht mit großer Machtfülle versehen. Doch das Volk steht hinter Wilhelm, dem Urenkel jenes Mannes, der die Niederländer einst in den Unabhängigkeitskrieg gegen Spanien geführt hat und der seither als „Vater des Vaterlands“ gilt.
Nur ein Oranier, so scheint es vielen, kann jetzt noch zum Retter der Republik werden. Zudem gelingt es dem jungen Feldherrn rasch, Vertraute in wichtige Staatsämter zu bringen.
Am 20. August 1672 eskaliert in Den Haag die Gewalt. Zwar hat Cornelis de Witt im Staatsgefängnis selbst unter der Folter keine Mordpläne gegen Wilhelm gestanden (die er auch gar nicht hegte). Beweise gibt es ohnehin nicht. Dennoch schickt ihn das Gericht in die Verbannung. Den aufgebrachten Anhängern des Oraniers aber reicht diese Strafe nicht aus. Sie fordern seinen Tod. Die Verschwörer schicken eine Nachricht an Johan de Witt: Sein Bruder wünsche, ihn zu sehen. Kurz darauf fährt Johan in einer Kutsche vor, um Cornelis im Kerker zu besuchen. Doch kaum hat er das Gefängnis betreten, versammelt sich eine Volksmenge, bewaffnet mit Helle-barden, Degen und Musketen. Männer brechen das Tor auf, stürmen das Gebäude und treiben die beiden Politiker auf die Straße hinaus.
Als Johan und Cornelis de Witt aus dem Gefängnistor stürzen, fallen die Bewaffneten über sie her.
In Wirklichkeit ist Johan de Witt kein Verräter. Sein einziger Fehler: Er hat Ludwig zu lange vertraut und es daher versäumt, die Republik auf einen Verteidigungskrieg gegen die Franzosen vorzubereiten. Nun hängt sein geschändeter Leichnam am Galgen.
Wer hinter dem Mordkomplott an den Gebrüdern de Witt steht, bleibt bis heute ungeklärt. Verdächtig ist jedoch, dass Wilhelm III. die Lynchmörder mit Posten in der Verwaltung belohnt.
BALD NACH DER BJLUTORGIE von Den Haag enden Proteste und Aufstände. Denn mittlerweile ist auch der Vormarsch der Franzosen gestoppt. Immer mehr Wiesen, Äcker und Felder lässt Wilhelm fluten - bis die Provinz Holland mit dem Handelszentrum Amsterdam vollständig von Wasser umschlossen ist: eine Insel in der See.
Tausende Quadratkilometer sind zwischen den Mündungsgebieten von Maas und Rhein überschwemmt, und die Wassermassen versperren den Weg Richtung Nordwesten. Auf vielen Äckern steht das Meer einen halben Meter hoch. Vor Amsterdam ist die Sperre 40 Kilometer breit, in manchen Gebieten weiter südlich knapp 1000 Meter.
Ludwigs Soldaten versuchen, die Wassersperre zu Fuß oder auf Pferden zu durchwaten, sinken aber im schlammigen Boden ein. Auch die zahllosen Gräben, die das Land durchziehen, werden zu unsichtbaren Fallen. Und wenn sich die Invasoren auf Deiche retten, greifen die Niederländer an: Sie gleiten in flachen Booten über das seichte Wasser und machen mit Musketen Jagd auf versprengte französische Truppen.
Ruhm kann Ludwig hier nicht mehr erringen. Wird ihm der Krieg deshalb gleichgültig? Jedenfalls überlässt er das Schlachtfeld seinen Offizieren und zieht sich zurück in die Heimat. Zudem entlässt er gegen geringes Lösegeld 20 000 niederländische Kriegsgefangene. Das ist sein zweiter, vielleicht entscheidender Fehler. Denn mit ebendiesen Männern kann Wilhelm seine Armee erweitern und neu strukturieren.
Den Franzosen bleibt einzig die Hoffnung auf einen strengen Winter. Und tatsächlich gefriert die Wasserbarriere gegen Ende des Jahres. Die Eisdecke trägt aber nicht. Die Truppen müssen den Marsch auf Amsterdam abbrechen.
Doch noch gibt Ludwig nicht auf. Im Mai 1673 zieht er mit 75 000 Soldaten gegen Maastricht, die stärkste Festungsstadt der Nieder-lande. Maastricht liegt weit südlich der Wassersperren. Und ist strategisch wichtig: Denn durch das Maastal führt die kürzeste Route von Frankreich in die französisch besetzten Niederlande.
Sebastien de Vauban, der fähigste Militäringenieur jener Zeit, soll die Einkesselung der Stadt organisieren. Im Lauf seiner Karriere wird Vauban insgesamt 120 Festungen errichten und 48 Belagerungen zu einem Sieg führen - Maastricht ist seine bis dahin wohl größte Herausforderung.
Denn in der Stadt sind 6000 Soldaten stationiert. Und gerade dort will Vauban eine neue Belagerungstechnik erproben, die seine Soldaten weitgehend vor feindlichem Feuer schützt: Er lässt ein System konzentrischer, miteinander verbundener Laufgräben anlegen, die die Stadt umschließen.
Am 8. Juni 1673 beginnen 7000 zwangsweise rekrutierte Bauern und Landarbeiter, den ersten Ring um die Stadt zu ziehen. Als neun Tage später der letzte Ring geschlossen ist und fast 60 Kanonen in Stellung gebracht sind, beginnen die Franzosen mit dem Beschuss: 30 Stunden lang feuern sie ununterbrochen auf die Festungsmauern.
Siegessicher lässt Ludwig einen Hofmaler anreisen, „denn ich glaube“, schreibt der König nach Paris, „es wird ein schönes Schauspiel geben“. Während die Maler in Ludwigs Diensten bunte Ölgemälde schaffen, auf denen das Schlachtgeschehen höchstens im Hintergrund erkennbar ist, zeigen republikanische Künstler die ganze Brutalität dieses Krieges: Auf Kupferstichen halten sie die Gräueltaten der Franzosen fest.
Als Vauban erfährt, dass Wilhelm III. seine Truppen für den Marsch auf Maastricht sammelt, lässt er Sprengsätze an den Mauern anbringen. Doch bevor sie gezündet werden, kapituliert der Festungskommandant am 30. Juni - nicht einmal zwei Wochen nach dem ersten Schuss auf Maastricht. Ein Triumph für den Sonnenkönig und seinen Ingenieur.
Der spanische König wie auch Leopold von Österreich, der deutsche Kaiser, verfolgen seinen Angriffskrieg mit wachsender Sorge: Das politische Gleichgewicht in Europa ist in Gefahr.
Im August 1673 schließen die beiden Herrscher aus dem Geschlecht der Habsburger eine Allianz und bald darauf einen Bündnisvertrag auch mit der Niederländischen Republik.
Als kurz danach eine Armee des Habsburger-Kaisers in Richtung Niederlande vorstößt, befiehlt Ludwig seinen Generälen, sie noch auf dem Gebiet des Kaiserreichs zu stoppen.
Aus dem niederländischen ist nun endgültig ein europäischer Krieg geworden.
Unterdessen setzt Wilhelm III. die französischen Besatzer in den Niederlanden unter Druck, erobert unter anderem im September 1673 die 25 Kilometer östlich von Amsterdam gelegene Festung Naarden zurück.
Ludwig hatte an einen leichten Sieg über die Republik geglaubt, doch der Krieg wird nun immer mühsamer vor allem im Februar 1674, als Englands König Karl II. (dessen Flotte die Niederländer zuvor in zahlreiche Seeschlachten verwickelt hat) angesichts der mächtigen antifranzösischen Allianz einen Separatfrieden mit Wilhelm schließt.
Derart isoliert, befiehlt Ludwig den Rückzug seiner Truppen aus der Republik - aber nur, um jetzt erneut nach den Spanischen Niederlanden zu greifen.
Dort zieht sich der Krieg weitere vier Jahre quälend in die Länge. Zwar erobern Ludwigs Truppen unter anderem die Städte Gent, Ypern und Cambrai.
Doch ruhmreiche Schlachten und große Gebietsgewinne bleiben aus. Siegen kann der Sonnenkönig gegen die wachsende Allianz um die beiden Habsburger Herrscher nun nicht mehr. Zudem ist Ludwig (dessen Rüstungsausgaben Frankreich ruinieren) wohl längst auch kriegsmüde und sehnt sich nach seinem neuen Schloss in Versailles: „Melden Sie mir den Stand der Orangenbäume“, befiehlt er aus dem Feldlager.
Der große Triumph erscheint unmöglich. Wie aber kann er den von ihm ausgelösten Krieg nun ehrenvoll beenden?
Da zwingt ihn Karl II., sein früherer Verbündeter, im Februar 1678 an den Verhandlungstisch: England werde in den Spanischen Niederlanden die Habsburger-Allianz mit 40 000 Mann unterstützen, falls Ludwig jetzt nicht endlich Frieden schließe.
Gegen diese Übermacht, das weiß der Franzose, kann er nicht bestehen.
Bis ins folgende Jahr handeln seine Diplomaten in Nimwegen eine Reihe von Friedensverträgen aus. Den ersten unterzeichnet am 10. August 1678 die Republik der Vereinigten Niederlande - auf Drängen der Kaufmannschaft (deren Profite während des langen Krieges zurückgegangen sind) und gegen den ausdrücklichen Willen Wilhelms III. (der auf größere Kriegsbeute gehofft hat).
DER KRIEG, den Ludwig aus persönlicher Eitelkeit begann und in einem einzigen tollkühnen Feldzug gewinnen wollte, hat rund sechs harte Jahre gedauert. Insgesamt sterben in diesem Krieg nahezu 350 000 Soldaten und zahllose Zivilisten. Verhungern, werden verbrannt, erschlagen, erschossen.
Der Kampf geht mit einem Kompromiss zu Ende: Zwar behält Ludwig, dessen Armee mit 280 000 Mann noch immer die mächtigste Europas ist, unter anderem einige Städte in den Spanischen Niederlanden. Doch die Niederländische Republik, die der Sonnen-könig ja vernichten wollte, bleibt in ihren Grenzen unangetastet. Die Diplomaten aus Den Haag erreichen bei den Friedensverhandlungen sogar, dass Frankreich seine Kampfzölle auf niederländische Handelswaren wieder zurücknimmt.
Ludwig XIV. scheint mit diesem eher dürftigen Ausgang dennoch zufrieden, hat er doch gegen eine Koalition der europäischen Großmächte bestanden.
Auf Gobelins und Goldmünzen lässt er sich als strahlender Kriegsheld verewigen und seine vermeintlich glorreichen Schlachten im Holländischen Krieg als Ballett aufführen. Von nun an wird er sich „Louis le Grand“ nennen lassen: „Ludwig der Große“.
„Kaum hast Du gesprochen, folgt schon Frieden, wodurch das gesamte Universum von Deiner Allmacht überzeugt wird!“, huldigen die Hofdichter Ludwig in Versailles. Seine „Mäßigung und Güte“ hätten Europa „Ruhe geschenkt“, schmeicheln die Poeten ihrem Herrn.
Eine kurze Ruhe: Denn schon drei Jahre nach dem Frieden mit den Niederlanden werden Ludwigs Truppen Straßburg überfallen, kurz darauf Luxemburg - dann die Pfalz. Und um den Besitz dieses deutschen Kurfürstentums wird 1688 der nächste große Krieg ausbrechen.
Kolonialkrieg
Schon seit seiner Hochzeit träumt der Sonnenkönig von der Vereinigung Frankreichs mit dem südwestlichen Nachbarn, der ein gewaltiges Kolonialreich in Lateinamerika besitzt. Als der spanische Monarch 1700 kinderlos stirbt provoziert Ludwig die Bildung einer Kriegskoalition gegen sich.
Ein neues Jahrhundert dämmert heran - und verspricht Ludwig XIV., dem ruhmsüchtigen Monarchen, die größte gloire seines langen Lebens. 62 Jahre alt ist der König im Herbst 1700, seit 57 Jahren sitzt er auf dem Thron. Kein Herrscher Europas kann sich mit ihm an Erfahrung messen, an Glanz, Reichtum, militärischer Macht.
Doch all das reicht Ludwig nicht.
Und so lässt sich der alternde König in jenem Herbst auf ein gewagtes politisches Spiel ein. Ein Spiel, das Europas Grenzen sprengt, mächtige Armeen und gewaltige Flotten in Bewegung setzt und mehr als einer Million Soldaten das Leben kostet. Und das schließlich Frankreich und seinen Monarchen an den Rand des Abgrunds drängen wird.
Ludwig träumt von der Vereinigung Frankreichs mit Spanien und dessen Kolonien in Amerika. Ein Imperium will er für seine Dynastie sichern: ein Reich vom Elsass bis nach Gibraltar, von der Hudson Bay bis zum Rio de la Plata. Ein Reich mit den Metropolen Paris und Madrid und dem Silber Lateinamerikas unter dem Zepter der Bourbonen.
Denn am 1. November 1700 stirbt in Madrid Karl II., der letzte spanische König aus der Habsburgerdynastie, ohne einen Nachfahren. Sofort erhebt Ludwig XIV. für seine Familie Anspruch auf die Krone des Nachbarlandes.
Denn der Bourbonenmonarch hat 40 Jahre zuvor eine Schwester Karls II. geheiratet, die 1683 verstorbene Maria Theresia, und mit ihr einen Sohn gezeugt. Zwar verzichtete Maria Theresia auf ihren Thronanspruch in einem Vertrag, der zwischen beiden Königshäusern geschlossen wurde. Doch daran war eine Mitgift von 500 000 Goldmünzen gebunden - die nie gezahlt wurde.
Ludwig erklärt die Bestimmung daher für ungültig - und sieht in seinem 17-jährigen Enkel Philipp, dem Sohn seines Kindes mit Maria Theresia, den legitimen Erben der spanischen Krone.
Doch noch ein weiterer Monarch macht Rechte auf das spanische Imperium geltend: Leopold I. in Wien, der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und Ludwigs Erzfeind. Der Herrscher aus der österreichischen Linie der Habsburger war einst mit einer Schwester Karls II. vermählt (ist zudem selbst ein Enkel eines früheren spanischen Königs) und sieht seinen Sohn als einzig statthaften Nachfolger Karls II.
Seit Jahren wussten alle Regierungen in Europa, dass Karl II. kinderlos bleiben würde - und die ungelöste Frage der spanischen Erbfolge zum Krieg auf dem Kontinent führen könnte.
Denn der Streitfall droht das in Verträgen mühsam ausgehandelte Gleichgewicht der Kräfte zu zerstören: Verleibt sich Ludwig Spanien ein, wird Frankreich zur Supermacht - unerträglich aus Sicht des Kaisers in Wien, aber auch der Republik Niederlande und Englands.
Fällt Madrid dagegen zusammen mit den Spanischen Niederlanden an die Österreicher, wird sich Frankreich noch mehr als bisher im Norden, Osten und Süden von Herrschern bedrängt fühlen, die allesamt aus dem Hause Habsburg stammen. In beiden Fällen scheint ein Krieg fast unvermeidlich.
Kurz vor seinem Tod hatte Karl II. testamentarisch eine Regelung verfügt, die den Konflikt noch abwenden sollte. Zwar möge ihm Ludwigs Enkel auf den Thron folgen. Doch der Monarch machte eine gewichtige Einschränkung: Spaniens Territorium solle nicht mit dem Frankreichs vereinigt und beide Länder niemals vom selben König regiert werden.
Ignoriere Frankreich diese Bestimmung, falle das spanische Erbe an die Gegenpartei den Sohn Kaiser Leopolds I.
Am 9. November 1700 werden in Schloss Fontainebleau, wo sich Ludwig zur Jagd aufhält, die Nachricht vom Tod Karls II. sowie der Inhalt seines Testamentes bekannt. Sofort sagt der König die geplante Hatz ab und ruft für den Nachmittag seine Minister zur Beratung zusammen. Er bittet die Anwesenden um ihre Meinung. Der Außenminister warnt davor, das spanische Testament anzunehmen, der Kanzler rät zu. Ludwig selbst äußert sich nicht.
Doch sein Entschluss steht wohl schon fest. Er sieht eine Gelegenheit gekommen, auf die er schon seit Jahrzehnten wartet: Endlich kann er Frankreich durch die Übernahme Spaniens aus der Umklammerung durch habsburgische Monarchen befreien - und zur dominierenden Macht machen.
Frankreichs Handelsschiffe könnten dann die Häfen des spanischen Kolonialimperiums anlaufen, es hätte Zugriff auf die Silberminen in Peru und Mexiko.
Ludwig erscheinen die Ereignisse als göttliche Fügung. Mag sich der Kaiser ruhig mit England und der Niederländischen Republik verbünden: Der sich allmächtig fühlende Sonnenkönig ist bereit, gegen sie in den Krieg zu ziehen.
Er beendet die Sitzung, ohne eine Entscheidung zu verkünden. Doch eine Woche später macht er vor allen Höflingen seine Absichten deutlich: Beim morgendlichen Lever weist er auf seinen Enkel: „Meine Herren, das ist der König von Spanien! Die Geburt verpflichtet ihn zu dieser Krone, ebenso der verstorbene König durch sein Testament. So wollte es das Gesetz des Himmels.“
An den 17jährigen gewendet, fügt er hinzu: „Seien Sie ein guter Spanier, das ist jetzt Ihre wichtigste Pflicht; aber erinnern Sie sich stets, dass Sie als Franzose geboren sind, um die Einheit der beiden Nationen aufrechtzuerhalten.“
Die Formulierung ist bewusst gewählt - und jeder im Raum weiß, was sie bedeutet. Mit der Rede von der „Einheit der beiden Nationen“ setzt sich Ludwig über jene Testamentsklausel hinweg, nach der Frankreich und Spanien getrennt voneinander zu regieren sind.
Eine Provokation - der Ludwig rasch Taten folgen lässt: Anfang Dezember 1700 schickt er seinen Enkel nach Madrid, wo dieser als Philipp V. den spanischen Thron besteigt (wie es das Testament Karls II. ja auch vorgesehen hat). In Spanien wird der junge Monarch freundlich empfangen - garantiert seine Inthronisierung doch, dass das Imperium nicht zerrissen und zwischen Europas Großmächten aufgeteilt wird.
Doch Ludwig besetzt schon kurz darauf von Versailles aus hohe Posten der spanischen Regierung mit Franzosen, entsendet Truppen nach Italien zum Schutz Mailands (das zum spanischen Imperium gehört), okkupiert die Häfen der Spanischen Niederlande und schickt Fregatten nach Florida und zu anderen spanischen Kolonien in Amerika.
Am 1. Februar 1701 lässt er das Pariser Parlement zudem ein Edikt registrieren, wonach sein Enkel mit der Übernahme der spanischen Krone keineswegs seinen Erbanspruch auf Frankreichs Thron preisgibt. Eine spätere Vereinigung beider Länder unter einem Monarchen ist damit möglich. Das bedeutet Krieg.
Kaiser Leopold I. schließt am 7. September 1701 eine Allianz mit England und den Niederlanden. Ludwig fordert dieses neue Bündnis sofort heraus: Als neun Tage später Jakob II. (der 1688 von den Parlamentariern von seinem Thron verjagte katholische Monarch Englands) im französischen Exil stirbt, ruft der Sonnenkönig Ja-kobs Sohn, der ebenfalls in Frankreich lebt, zum neuen englischen König aus.
Doch auf dem Thron in London sitzt bereits seit Jahren Wilhelm III. von Oranien, den die neu gewählten Parlamentarier nach der Flucht Jakobs II. zum Souverän erklärt hatten. Der Calvinist ist zugleich Statthalter der Republik Niederlande und seit dem Holländischen Krieg Ludwigs gefährlichster Gegner.
Am 15. Mai 1702 erklären die Verbündeten Frankreich den Krieg. Die europäischen Mächte beginnen damit einen Konflikt, wie ihn das Zeitalter noch nicht kannte. Denn die Fronten verlaufen zu Wasser und zu Lande - und auf vier Kontinenten. Es geht nicht nur um die Vormacht in Europa, sondern auch um Kolonialreiche, Handelswege, Seehäfen und Bodenschätze in Übersee.
Die Kämpfe beginnen noch vor der Kriegserklärung in Norditalien, wo im Sommer 1701 französische und kaiserliche Armeen aufeinandertreffen (und die Franzosen Gebiete verlieren). Im Jahr darauf kommt es auf mehreren Schauplätzen zugleich zu Gefechten: In Norditalien greifen die Franzosen erneut an und können Territorien zurückgewinnen. In Flandern errichten Ludwigs Truppen eine Verteidigungslinie aus Gräben, Wällen und Flussläufen und sichern sie mit Kanonen und Soldaten. Und am Rhein dringt Frankreichs Heer auf deutsches Reichsgebiet vor, besiegt im Oktober 1702 im Schwarzwald eine Armee Leopolds I. und zieht im Verlauf des Jahres 1703 weiter nach Osten.
1704 beginnen Ludwigs Soldaten sogar gegen Wien zu marschieren. Doch nun treffen seine Generäle auf einen genialen Heerführer: John Churchill, den Herzog von Marlborough. Ihm gelingt es im Sommer, mit einem Teil des britischen Korps nach Süden zu marschieren und seine Streitmacht mit den kaiserlichen Truppen zu vereinigen.
Am 13. August 1704 nehmen die feindlichen Heere nördlich von Augsburg Aufstellung zur Schlacht. Jede Partei verfügt über etwa 55 000 Soldaten; die miteinander verbündeten Franzosen und Bayern haben mehr Kanonen, aber weniger Kavalleristen als der Gegner.
Marlborough siegt dank seiner beweglichen und überraschenden Truppenführung: Er beginnt mit Angriffen auf die Flügel der Feinde und lenkt sie so vom Zentrum ab. Gedeckt durch Artillerie-feuer, kann er die in der Mitte geschwächte Schlachtlinie der Franzosen dann mit seinen Reitern durchbrechen. Jeder Vierte der französischen und bayerischen Soldaten stirbt oder wird verwundet (die Allianz verliert 12 000 Kämpfer). 14 000 Franzosen und Bayern geraten in Gefangenschaft.
Erstmals seit mehr als 50 Jahren haben Frankreichs Heerführer eine große Feldschlacht verloren - und damit auch ihren Nimbus der Unbesiegbarkeit.
Als Ludwig davon erfährt, gibt er sich erstaunlich gefasst. Doch innerlich muss ihn diese Wendung erschüttern - zumal ein niederländisch-englisches Geschwader wenige Wochen zuvor Gibraltar an der Südspitze Spaniens erobert hat. Die Alliierten kontrollieren da-mit das Mittelmeer und den Zugang zum Atlantik.
Der Krieg droht sich zu einem Desaster für Ludwig zu entwickeln. Er verliert die Initiative auf fast allen Kampffeldern. Zudem lodern in Frankreich Aufstände gegen seine intolerante Religionspolitik: Protestanten, denen es seit 1685 verboten ist, ihren Glauben auszuüben, erheben sich gegen die Regierung. Um die Revolten nieder-zuschlagen, muss Ludwig Zehntausende Soldaten von den Schlachtfeldern abziehen. An allen Fronten des Krieges sind seine Truppen jetzt in der Defensive: In Süddeutschland ziehen sich die Reste seiner bei Augsburg geschlagenen Armee auf die Westseite des Rheins zurück. Im November 1704 scheidet Bayern aus dem Krieg aus (zuvor haben sich bereits Portugal und Savoyen abgesetzt). 1705 landet Karl III., Habsburgs Anwärter auf den spanischen Thron, mit Truppen in Katalonien und nimmt seinem Kon-trahenten Philipp V. die spanische Mittelmeerküste ab. Und in Flandern sprengt Marlborough den Verteidigungsgürtel französischer Festungen; etliche Städte fallen in seine Hand.
In den folgenden drei Jahren wechselt das Kriegsglück immer wieder, doch 1708 gelingt es den Alliierten, Lille einzuschließen, eine der größten Bastionen in dem Festungssystem, das Paris vor Angreifern aus dem Norden schützen soll. 76 Tage lang belagern sie die Stadt. Am 22. Oktober 1708 kapitulieren die ausgehungerten Verteidiger Lilles.
Der Sonnenkönig steht am Abgrund. Frankreich war a| nur auf einen Krieg von zwei oder drei Jahren vorbereitet - inzwischen dauern die Kämpfe schon sechs Jahre an, und Ludwig kann seine Soldaten nicht mehr bezahlen.
Bereits vor Kriegsbeginn lastete auf dem Etat ein jährliches Defizit von fast 73 Millionen Livres - vor allem, weil die Ausgaben für das Militär stark angestiegen waren. Ludwigs Generalkontrolleur der Finanzen erhöhte daraufhin die direkten Steuern um 15 Prozent. Er führte eine Kopfsteuer ein, verlangte unter anderem eine Abgabe auf Spielkarten, hob den Salzpreis an, schaffte Ämter und Titel ab, um sie neu einzuführen und zu verkaufen.
Die Krone gerät mehr und mehr in die Abhängigkeit von Geldverleihern. Selbst in Feindesland bittet Ludwig um Geld, schickt seinen Außenminister in die Niederlande, um bei Bankhäusern neue Kredite aufzutreiben - vergebens.
Der Sonnenkönig lässt sich sogar dazu herab, seinen wichtigsten Geldgeber, den Bankier Samuel Bernard, im Schloss Marly zu empfangen - einen bürgerlichen, noch dazu ehemals protestantischen (inzwischen aber zum Katholizismus übergetretenen) Finanzmann.
Der Monarch umschmeichelt seinen Gast mit Freundlichkeiten, führt ihn selbst durch die Parkanlagen. Bernard, von so viel Aufmerksamkeit beeindruckt, gewährt einen weiteren Kredit von 900 000 Livres. Kurz darauf ist er pleite. Frankreich droht unter der Last der Schulden zu kollabieren. 1708 steht das Land vor dem Staatsbankrott, zumal auch die Steuereinnahmen deutlich gesunken sind.
Nur Silberlieferungen aus der spanischen Kolonie Peru retten das Land vor dem Konkurs.
Noch dazu ist der Winter 1708/1709 der strengste seit Menschengedenken. In Versailles gefriert der Tischwein, Likörflaschen explodieren in den Regalen; in Paris vereist die Seine.
Auf den Feldern geht das Saatgut ein; Obstbäume, Olivenhaine und Weinstöcke verkommen. Weil die Bauern ihr Getreide zurückhalten, steigen die Brotpreise. Zehntausende sterben allein im Januar 1709 an Hunger und Kälte.
Deshalb ist Ludwig nun zum Frieden bereit - und zu großen Zugeständnissen. In den Niederlanden beginnen erste Verhandlungen. Zentrale Forderung der Alliierten: Philipp V. soll auf den spanischen Thron verzichten. Weigert er sich, soll Ludwig ihm den Krieg erklären und an der Seite der Allianz gegen den eigenen Enkel in den Kampf ziehen.
An dieser demütigenden Bedingung scheitern die Unterhandlungen. Empört verfasst Ludwig am 12. Juni 1709 eine Entgegnung und lässt sie im ganzen Land veröffentlichen: „Obwohl meine Liebe für mein Volk nicht geringer ist als die Liebe für meine eigenen Kinder“, erklärt er, „obwohl ich alle Leiden teile, die der Krieg über die so getreuen Untertanen bringt, obwohl ich ganz Europa bewiesen habe, dass ich den Frieden für alle aufrichtig wünsche, habe ich mich davon überzeugt, dass die Franzosen selbst sich Bedingungen widersetzen, die zugleich gegen die Gerechtigkeit und gegen die Ehre des französischen Namens gerichtet sind.
Die Deklaration löst eine Welle patriotischer Begeisterung aus. Waren zuvor an den Hauswänden in Paris Plakate gegen Ludwig XIV. zu sehen, wurden seine Standbilder nachts besudelt und Spottverse gegen ihn gedichtet, so gehen nun bei der staatlichen Münze Schmuck, Silberteller und Suppenschüsseln als Spenden ein. Ludwig schickt sein goldenes Tafelgeschirr zum Einschmelzen.
Neue Steuereinnahmen mindern ebenfalls das Defizit. So erhebt der Staat einen zusätzlichen Zehnten auf alle Einkünfte von Bürgerlichen und Adeligen; dadurch fließen pro Jahr etwa 25 Millionen Livres in die Staatskasse. Nur der Klerus ist davon ausgenommen, zahlt aber nun eine erhöhte jährliche Abgabe.
DIE ALLIIERTEN siegen derweil weiter, wenngleich unter hohen Verlusten - allein 1709 in der Schlacht bei Malplaquet, etwa 70 Kilometer südöstlich von Lille, verlieren sie rund 20 000 Soldaten.
Doch auch das bringt keine Entscheidung. Ein Konflikt solcher Größenordnung zwischen ebenbürtigen Gegnern wird nicht durch einzelne Schlachten, Belagerungen und Eroberungen gewonnen: Kriege sind zu dieser Zeit Abnutzungskriege. Strategisches Ziel ist es, länger als der Feind eine möglichst große Armee unter Waffen zu halten - bis Friedensverhandlungen beginnen.
Denn im Wettstreit der Diplomaten sind die Heere die Trümpfe, die es auszuspielen gilt. Und Frankreich mit seinen rund 19 Millionen Einwohnern und seiner hoch entwickelten Wirtschaft sowie den Reichtümern aus den spanischen Kolonien ist noch immer eine Großmacht, die zwar in einzelnen Schlachten geschlagen, aber eben nicht vollkommen besiegt werden kann.
Und so verschanzen sich die Armeen beider Seiten in Flandern, am Rhein und in Norditalien und vermeiden größere Gefechte und damit Verluste. Doch in Spanien flammen die kriegerischen Auseinandersetzungen wieder auf.
Die Hauptlast tragen wie immer die Bewohner der umkämpften Regionen. Denn der Krieg im Barockzeitalter soll sich selbst ernähren. Bei einer Armee von 25 000 Mann, wie sie die Alliierten 1710 in Madrid aufbieten, bedeutet das: Jeden Tag benötigt das Heer etwa 20 Tonnen Brot, fast 75 000 Liter Bier sowie für die Pferde und Ochsen rund 40 Tonnen Futter (das entspricht dem Ertrag von 60 Hektar Land).
Die Soldaten nehmen sich, was sie brauchen, zahlen von ihnen selbst festgelegte Preise oder rauben kurzerhand die Menschen aus, in deren Häuser sie einquartiert sind. Um die Truppen versorgen zu können, schlagen die Heerführer meist in besonders wohlhabenden Gegenden ihre Lager auf.
Verzweifelt versuchen die Menschen, den Soldaten zu entgehen, suchen etwa in Kirchen Schutz - oft geht den Armeen eine regelrechte Fluchtwelle voraus.
Und fallen den Bauern und Dorfbewohnern versprengte Kämpfer oder einzelne Deserteure in die Hände, vergelten sie brutal ihr Leid.
Im Winter 1710 gelingt es den Franzosen auf der Iberischen Halbinsel, die Alliierten in die Region um Barcelona zurückzudrängen.
Auch außenpolitisch hat Ludwig nun Glück: Als im April 1711 Kaiser Joseph I. stirbt (der 1705 auf seinen Vater Leopold I. gefolgt war), wird dessen Bruder Karl Herrscher über das römisch-deutsche Kaiserreich; da er als Karl III. aber zugleich der habsburgische Anwärter auf den spanischen Thron ist, fürchtet die englische Re-gierung nun, der Österreicher könne das Reich und Spanien unter seiner Herrschaft vereinigen und damit zu mächtig werden.
Die Allianz gegen Frankreich bricht auseinander, und in Flandern erringen Ludwigs Truppen im Sommer 1712 mehrere Siege. Im April 1713 schließen daher erst England und die Niederlande Frieden mit Frankreich; 1714 beendet auch der Kaiser den Krieg gegen Ludwig.
Der Franzose hat eine komplette Niederlage abwenden können, es bleibt ihm aber nichts anderes übrig, als große Konzessionen zu machen: So muss er zustimmen, dass aus dem Besitz des spanischen Imperiums die Gebiete in den Niederlanden sowie Mailand, Mantua, Neapel und Sardinien an den Kaiser übergehen.
Zudem verliert Ludwig etliche nordamerikanische Besitzungen und die Antillen-Insel Saint-Christophe an Eng-land. Darüber hinaus muss Frankreich seinen Markt für fast sämtliche englischen Handelswaren öffnen.
Im Gegenzug darf Ludwig das Elsass behalten. Und Philipp V. bleibt spanischer König. Aber die Friedensverträge legen ausdrücklich fest, dass Spanien und Frankreich niemals vereinigt und von einem Herrscher regiert werden dürfen.
Ludwigs großer Traum ist damit gescheitert. Und der von ihm provozierte Krieg hat das Land ruiniert.
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