Читать книгу: «Meine weisse Stadt und ich»

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Seit ich in Bern lebe

Die einleitende Frage

Die Frage, die an ­meinen Grundfesten rüttelt

Persönliche Probleme bei der ­Beantwortung der Frage

Jetzt philosophiere ich ein wenig

Warum ich nicht nach Paris ­gegangen bin

Der ernstere Teil

Ein Kapitel, das dem Leser die Unvoreinge­nom­men­heit des Autors vermitteln soll

Warum ich Amsterdam verlassen habe

Warum ich Deutschland verlassen habe

Woran ich unterwegs dachte

Bern

Auf der Suche nach einem Zimmer

Noch immer auf der Suche nach einem Zimmer und warum

Alle, Männer, Frauen, Kinder, Hunde, ­Katzen und andere Tiere, egal ob Wild- oder Haustiere, starren mich an – die ganze Zeit!

Fortsetzung des kurzen Dialogs, der vom vorigen Kapitel unterbrochen wurde

Einige allgemeine ­Veränderungen in meiner Einstellung als Ergebnis meiner ersten Erfah­rungen mit den Bernern

Was in der Thun­­straße geschah

Kirchenfeld

Ich verlasse die ­Thunstraße

Meine neuen Vermieter

Das öffentliche Leben

Und dieses Thema hat eine weitere ­beun­ruhigende Variante

Herzen und Steine: ­Einleitung

Herzen und Steine, die Fortsetzung oder: Eine Barballade

Das Radio

Wodurch ich auf Ideen kam, die meine empfindsame Sicht der Dinge erschütterten

Und was hatten sie dazu zu sagen?

Was in den folgenden Wochen passierte

Paris zum Zweiten

Warum ich deprimiert war und ins Elend stürzte

Die folgenschwere ­Entscheidung

Wie ich das ­Kirchenfeld verließ

Das neue Zimmer

Warum ich nicht arbeitete

Ein Porträt des Sarkasmus als Teilzeitjob

Das Rendez-vous

Die Mädchen, die in den Tea Rooms arbeiten,

Warum die Herren so empfänglich sind

Warum die hübschen ­jungen Leute nicht heiraten

«Aber warum lernen nicht mehr ­Männer und Frauen, die unter solch ­unglücklichen ­Umständen heiraten, sich zu lieben und sich ­aneinander zu gewöhnen – ­gemeinsam?»

«Diese Erklärung kann unmöglich auf alle Berner zutreffen!»

Jetzt höre ich Sie sagen,

Ein Essay über menschliches Verständnis

Was der Tag bringt

Topografie

Flora und Fauna

Die Stadt

Der Hang, sich übertrieben dick ­anzuziehen, beispielsweise

Die Schweizer ­«Bewegung»

Die wichtigsten ­Wörter des Schweizer ­Vokabulars

Trotzdem kann ich es nicht oft genug wiederholen

Die Schweiz ist neutral

Eine fingierte kleine Geschichte der Schweiz, die vieles auf den Punkt bringt und sich von Skeptikern und ­Pedanten durch die Lektüre einer ­offiziellen­Geschichte der Schweiz ­überprüfen ließe, was ich mit Sicherheit noch nie getan habe und ­wahr­scheinlich auch nie tun werde

Eine interessante Auswirkung, die ­dieser Umstand auf Frauen hat

Eine interessante Auswirkung, die dieser Umstand auf das Konzept der Nächstenliebe hat

So wie ich Willis James meine ­Bonbons ­schenkte, als ich ein ­kleiner Junge war

Eine interessante Auswirkung, die dieser ­Umstand auf die Kunst hat

… die meisten Schweizer Künstler die Schweiz ­verlassen, um berühmt zu werden

Aber warum rege ich mich so darüber auf

… bei dessen Auftritt etwas Merkwürdiges ­geschah

Eine Zehn-Zeilen-Kadenz

«Abenddämmerung …»

Ich blickte erneut auf die Stadt

Warum ich mir beim ­Anblick der Stadt vom Hügel der Schosshalde aus Sorgen machte

Nach dem «negativen» ein «positives» Ereignis:

Und kurz darauf ein ­«posi-negatives» Ereignis:

Dann zupfte die ­goldene Ironie wieder an meinem Ärmel

Das Tram nach Wabern,

Eine Parabel

Eine weitere Parabel

Und dann, ein ­Teils-teils-Erlebnis

Vor meinen Augen verwandelte sich die Stadt ständig in etwas anderes!

Der Plan

Und ich sann über ein paar banalere Alternativen nach

Ich hatte an den Vorschlag gedacht

Eine Botschaft an ­General Guisan

Es ist so leicht wie eins, zwei, drei Black Bern Martin Bieri

«A city whiter than any American city I know of»

«A mere thought of myself»

«The world is white no longer»

Über dieses Buch

1944/45 hatte er als umjubelter GI Europa befreit; als er Jahre später wiederkommt, um sich in Paris als Schriftsteller niederzulassen, will man ihm nicht mal ein Zimmer vermieten. 1953 lässt er sich in Bern nieder, wo er als Schriftsteller und Englischlehrer arbeitet. Verlässt er das Haus, ist er jederzeit auf die ihm verhasste Frage gefasst: Warum bist du nach Bern gekommen?

Und so macht sich Carter in seinem Buch auf, diese Frage, die an seinen «Grundfesten rüttelt», zu bewältigen. In immer neuen Anläufen erzählt er, warum er nicht in Paris, Amsterdam oder München geblieben ist, erzählt Kindheitserinnerungen aus Kansas City und vor allem von Begegnungen in Bern, wo ihn alle anstarren – Männer, Frauen, Kinder, Hunde, Katzen … –, von Geldsorgen, Liebesgeschichten, Reisen, Wohnungssuche. Mit so unzerstörbarem Humor wie hartnäckigem Engagement und voller Ambivalenz geht er dem Rassismus auf den Grund, der Verschiedenheit der Menschen, dem Fremdsein des Individuums in der Gesellschaft. Und ganz nebenbei zeichnet er ein scharf beobachtetes Porträt seiner Zeit, seiner Gesellschaft und seiner Stadt.


Foto Staatsarchiv des Kantons Bern, FN Baumann 229

Vincent O. Carter (1924–1983) wuchs in bescheidenen Verhältnissen in Kansas City auf. 1944 wurde er in die US-Armee einge­zogen und war in Frankreich stationiert. Zurück in den USA, studierte er mit Un­terbrüchen, in denen er als Koch bei der Union Pacific Railroad und in Detroit in einer Automobilfabrik arbeite­te. Danach kehrte er nach Europa zurück und liess sich nach Aufenthalten in Paris, Amsterdam und München 1953 in Bern nieder, wo er Radiosendungen schrieb und moderierte, Englisch unterrichtete, malte und meditierte.

Pociao studierte Anglistik und Germanistik, Aufenthalte in London und New York, gründete einen eigenen Verlag. Sie übersetzte u. a. Paul und Jane Bowles, Gore Vidal, Zelda Fitzgerald, Patti Smith und Evelyn Waugh. 2017 gewann sie den DeLillo-Übersetzungswettbewerb.

Roberto de Hollanda wuchs in Südamerika und Europa auf, studierte Politikwissenschaften und Soziologie, schreibt Drehbücher, macht Dokumentar­filme, übersetzte u. a. Gonzalo Torrente Ballester, Rodrigo Rey Rosa und Kent Haruf.

Vincent O. Carter

Meine weiße Stadt und ich

Das Bernbuch

Aus dem amerikanischen Englisch

von pociao und Roberto de Hollanda

Nachwort Martin Bieri

Limmat Verlag

Zürich

Für meine Mutter und meinen Vater, denen ich viel zu selten geschrieben habe

Vorwort

Ich habe keineswegs die Absicht, aus meinem Material ein Buch zu machen, Fakten und Eindrücke zu verändern, deren Erwerb mich so viel Mühe und Arbeit gekostet hat, um in den heiligen Gefilden der Kunst zu wildern. Ich möchte ledig­lich einige starke Gefühle zum Ausdruck bringen, die mein Leben so sehr verändert haben, dass ich weder verzweifelt noch optimistisch, sondern ganz realistisch sagen kann, dass ich nie mehr derselbe sein werde. Die Veränderungen, von denen ich spreche, begannen natürlich mit dem Leben selbst. Die Spannungen, die sie erforderlich machten, waren der «Zeit» und dem «Ort» meiner Geburt geschuldet. Hätte sich dasselbe Ereignis in China oder, sagen wir, in Schweden ereig­net, wäre meine Lage eine andere. Hätte ich blondes statt schwarzes Haar, wäre eine völlig andere Geschichte entstanden. Selbst wenn ich ein echter Afrikaner wäre, gerade aus Nigeria eingetroffen, wo meine Vorfahren zur Welt kamen, wie ich glaube (denn ich habe Holzschnitzereien und Elfenbeinfiguren von Leuten gesehen, die von dort kamen und große Ähnlichkeit mit mir haben), würde mein Lied in einer anderen Tonart oder ganz sicher in einem anderen Tempo gesungen. Vor hundert Jahren hätte ich dieses «Buch» vermutlich gar nicht erst geschrieben.

Andererseits ist der kleine Aspekt der Wahrheit, den ich aus meinen Erfahrungen mit anderen Menschen in anderen Ländern gewonnen habe, wahrscheinlich ganz ähnlich, wenn nicht sogar identisch mit dem, was ich möglicherweise gefunden hätte (vorausgesetzt, Wahrheit ist Wahrheit), wenn ich ihn aus einem der oben genannten Umstände abgeleitet hätte. Denn es ist mir klar geworden, dass die potenziellen Handlungen meines Lebens – meine Probleme und Illusionen – gleichsam in die Grenzen meiner Zeit eingebettet sind und diese sich von anderen Epochen der Menschheitsgeschichte nur in punkto Dimension unterscheiden, weil Menschen in allen Zeitaltern und unter allen Gegebenheiten grundsätzlich gleich sind.

Zwar habe ich das fast immer behauptet, aber nicht immer geglaubt. Als Folge einer «rein intellektuellen» Berechnung habe ich versucht, mich von der Gültigkeit der soeben gemachten Feststellung zu überzeugen, wohl wissend, dass mein sogenanntes «Verständnis» nichts anderes war als ein Ausdruck des Glaubens an die abstrakte Hoffnung, dass in der Welt eine Art von Gerechtigkeit vorherrscht, die wir euphemistisch als «poetisch» bezeichnen.

Die Veränderungen in der Einstellung, mit denen ich mich in diesem «Buch» hauptsächlich beschäftige, sind also die Folgenden: der Übergang von dem Geisteszustand, in dem ich mich als von Natur aus anders als andere («weiße») Menschen betrachte, zu einem Zustand, in dem dieser Unterschied verschwand, nur um dann peinlicherweise in Form einer neuen und subtileren Illusion wieder aufzutauchen, nämlich der Illusion von mir selbst als ein von allen anderen unterscheidbares Wesen, und der weitere Übergang in eine Verfassung, in der meine neu entdeckte Besonderheit (die ich hegte und pflegte) sich als die größte aller Illusionen erwies und ich mir schließlich (allerdings nur in seltenen visionären Momenten) lediglich als Bewusstseinszustand offenbart wurde, als bloßer Gedanke von mir selbst, ein Umstand, den ich mit allen anderen Wesen im Universum teilte!

Diese Erkenntnis, so glaube ich, wurde durch meine Reisen befeuert. Schauplatz meiner partiellen (und nach wie vor nicht abgeschlossenen) Metamorphose ist die Stadt Bern – das Objekt, auf das ich meine Aufmerksamkeit richtete und dem ich die fragmentarischen Eindrücke verdanke, die ein Licht auf meine Identität werfen. Es ist also im Wesentlichen ein Reisebuch. Doch da ich die Relativität von «Zeit» und «Ort» geltend gemacht und das erlebende «Ich» auf einen Bewusstseinszustand reduziert habe, muss dies vor allem als Aufzeichnung einer Reise des Geistes angesehen werden. Keinesfalls soll der Eindruck erweckt werden, dass ich mit diesem Buch eine sozialwissenschaftliche Studie der Stadt Bern oder der Schweizer Nation erstellen wollte, denn diese gewaltige Aufgabe wurde bereits von anderen durchgeführt, deren Interesse in diese Richtung ging.

VOC

Seit ich in Bern lebe

Egal, ob ich im Mövenpick oder im Casino bei einem Glas Wein die Zeit vertrödele oder mit Freunden zu Abend esse, selten vergeht eine Woche, in der mich nicht jemand, den ich gerade erst kennengelernt habe, mit einem Schwall von Fragen konfrontiert. Mit den meisten komme ich ziemlich gut zurecht. Er fragt: «Ist dir nicht kalt?», wenn es Winter ist und: «Bist du nicht froh, dass die Sonne scheint?» – wenn sie tatsächlich scheint, was leider nur selten vorkommt. Im ersten Fall antworte ich: «Ja», und im zweiten: «Und ob!» Sie fragt: «Seit wann bist du denn schon in der Schweiz?»

«Oh, jetzt sind es ungefähr dreieinhalb Jahre …», sage ich.

«So lange!», ruft sie aus, und ich versuche, so überrascht zu lächeln, wie es für ihren Ausruf gerechtfertigt erscheint.

Bei weniger günstigen Gelegenheiten fragt Es misstrauisch, mit nervös zuckendem Mund oder einem Lächeln, das so etwas wie eine halbwegs schüchterne Entschuldigung sein könnte: «Wie gefällt es dir denn hier?» Ich halte kurz inne, um die Spannung zu steigern, und das Lächeln verstärkt sich. «Oh … ganz gut …», kommt es aus meinem Mund, als würde Er, Sie oder Es die erwartete spöttische Bemerkung abtun, noch ehe ich sie ausgesprochen habe.

Danach plätschert das Gespräch noch eine Weile weiter, doch entgeht mir nicht, dass mein Gesprächspartner unzufrieden ist. Er ist selten oder noch nie einem echten schwarzen Mann begegnet. Er hat jedoch viel gehört und sich viel gewundert. Er kennt Negrospirituals, hat den einen oder anderen gehört und ist ein glühender Jazzfan. Er mustert mich so unauffällig er kann und vergleicht den klaren eindeu­tigen Eindruck vor seinen Augen mit all den Bildern, die er in seinem bisherigen Leben gesehen oder gehört hat. Schließlich riskiert er eine weitere Frage:

«Bist du Musiker?»

«Nein», erwidere ich – frostig.

«Student?», bohrt er weiter und registriert jetzt auch meine uralte Aktentasche, ohne die er mich nur selten gesehen hat.

«Nein, ich bin kein Student», antworte ich leicht gereizt, aber nicht wirklich unfreundlich. Das ist mir schon oft passiert. Ich bin nur gereizt, weil mir langsam die Fantasie ausgeht und ich befürchte, dass ich meine Geschichte nicht interessant genug erzählen kann. Er ist so neugierig, erwartet offensichtlich so viel, so viel mehr, als ich ihm jemals bieten könnte. Das macht mich traurig.

«War bloß so ein Gedanke. Die Stadt ist ja voll von Medi­zin­studenten.»

«Oh, nein … nein …», entgegne ich mit einem unbehaglichen Lächeln, weil ich das Gefühl habe, dass ich ein bisschen schroff war. Dass ich alles nochmal durchmachen und mir den Kopf zerbrechen muss, um einen anderen Weg zu finden, es ihm zu sagen, und da ich keinen finde, leide ich jetzt selbst, weil er nicht einfach direkt danach fragt.

Das Gespräch plätschert weiter vor sich hin. Er hofft, auf Umwegen dahinterzukommen, denke ich, gerührt von seiner Diskretion. Aber ich will auch nicht selbst indiskret werden, indem ich freiwillig Informationen rausrücke, um die er mich nicht gebeten hat.

«Wie gefällt dir Bern?», fragt er, als das Gespräch zu verebben droht. «Oh, ganz gut», antworte ich, ein wenig dankbar, dass wir endlich zur Sache kommen. Mittlerweile hat er mitbekommen, wie ich mich mit einem der jungen Männer, die an unserem Tisch sitzen, für morgen um zwei Uhr verab­redet habe. Bevor er sich verabschiedete, hatte er zehn Uhr vormittags vorgeschlagen, das Treffen dann aber auf zwei Uhr nachmittags verlegt. Er hatte vergessen, dass er um zehn ein Seminar hat. Nachmittags um zwei sind fast alle Leute in Bern bei der Arbeit.

«Du scheinst ja viel Freizeit zu haben», bemerkt mein neuer Bekannter und lächelt nervös. «Hast du ein Glück, dass du nicht ins Büro musst.» Er meint zum Arbeiten.

«Ich kann ja nicht nur schreiben!», sage ich schließlich.

Da leuchtet sein Gesicht plötzlich auf.

Schreiben? Was schreiben?, höre ich ihn für den Bruchteil einer Sekunde denken; dann fragt er: «Bist du Journalist?»

«Nein», sage ich.

«Er schreibt Geschichten!», erklärt der Freund, der ihn mir vorgestellt hat, ein bisschen ungeduldig. An diesem Punkt zünde ich meine Pfeife an und versuche, mir einen Anfang auszudenken, denn gleich wird die Frage kommen, die ich nicht mag, weil sie so schwer zu beantworten ist. Trotzdem bin ich dankbar für die kurze Zeit, die mir die Beantwortung dieser Frage schenken wird, denn die danach wird an meinen Grundfesten rütteln!

Die einleitende Frage

«Was sind das für Geschichten?» Er klingt wie ein Zollbeamter, der ein verdächtiges Gepäckstück kontrolliert. Er hat nie oder nur selten davon gehört oder gar selbst einen Schwarzen getroffen, hegt aber den leisen Verdacht, dass es welche geben muss, die schreiben. «Was für Geschichten schreibst du?»

Ich hole tief Luft.

«Ach … ich – also, das weiß ich eigentlich selbst nicht. Schwer zu sagen.»

Er lächelt spöttisch. Ich hole erneut Luft, überlege, wie ich präziser werden könnte, und verlagere mein Gewicht von der rechten auf die linke Gesäßhälfte.

«Liebesgeschichten?»

«Äh, nein – eher nicht … Aber natürlich kommt gelegentlich auch Liebe vor. Schließlich ist Liebe … Ich meine, die Men­schen haben …»

«Psychologische?»

«Ganz bestimmt! Menschen haben psychologische Aspekte, nicht wahr? Trotzdem, ich kann wirklich nicht sagen …»

«Philosophische?»

«Jede Geschichte hat irgendwas Philosophisches. Klar! Aber …»

«Was schreibst du denn dann?»

«Nun, ich versuche, eine Geschichte zu schreiben, in der jemand ein bestimmtes Problem hat. Und dann einen Zusam­menhang zwischen ihm und – meiner – und einer allgemeinen moralischen Überzeugung herzustellen.»

«Universell.»

«Was?»

«Zeitlos.»

Ich hole tief Luft.

«Das Problem, du meinst …»

«Schreibst du für eine Zeitung?»

«Nein.»

«Zeitschriften?»

«Ich schreibe für niemanden … außer für mich. Das heißt, ich schreibe die Geschichte erst mal auf und versuche sie dann zu verkaufen, egal an wen.»

«Hast du schon was veröffentlicht? Ich würde gern etwas schreiben, das du gelesen hast –»

«Du meinst lesen?»

«Würde ich gern …»

«Du meinst, etwas lesen, das ich … Ich habe aber nichts. Nicht viel. Eine Geschichte. Ich habe eine kleine Geschichte veröffentlicht – nicht mal allzu gut – in der Annabelle …»

«Wo?»

«Annabelle. Letztes Jahr …»

«Krimi?»

«Nein, es war eine Liebesgeschichte.»

«Also doch …»

«Nicht exakt eine Liebesgeschichte. Aber es kam Liebe drin vor.»

«Wie …»

«Sie handelte von einem weißen Mädchen und einem schwarzen Jungen. Sie gingen aufs selbe College.»

«Amerikanische Demokratie!»

Ich atme tief durch.

«Ich habe ein paar Sendungen für das Radio gemacht.»

«Wo?»

«Radio Bern.»

«Wann?»

«Seit ich hier bin. Die letzte lief Weihnachten vor einem Jahr.»

«Davon hab ich nie was gehört.»

«Hörst du denn Radio Bern?»

«Sottens. Es hat ein besseres Programm … Schade. Ich würde gern etwas schreiben, das du gelesen hast …»

Während er mich mustert, fahre ich mir mit dem Handrücken über die Stirn. Sieht gar nicht wie ein Schriftsteller aus, denkt er: Ich fühle es. Und dann, wie sehen Schriftsteller denn aus? Er kneift die Augen zusammen, als würde er mich jeden Moment nach meinem Pass fragen. Ich starre zurück und fühle mich wie eine Hure in einem holländischen Puff.

Dann sehe ich, wie sich sein Gesicht verändert. Die große Ader, die seine Stirn in zwei ungleiche Hälften teilt, schwillt an und pocht so heftig, als würde sie jeden Augenblick durch die Haut platzen. Ich kann buchstäblich sehen, wie er seine Fantasie anstrengt, um die neue Vorstellung, mit der ich ihn konfrontiert habe, mit mir in Einklang zu bringen. Es kommt mir vor, als würde er mich wie ein Puzzlestück aus dem Rahmen seiner bisherigen Auffassung des Universums herauslösen und erst auf diese und dann auf jene Weise in sein Bild von einem Schriftsteller einfügen. Er kämpft mit Goethe, Rilke, Gotthelf, Harriet Beecher Stowe und mir. Plötzlich huscht ein wilder, ja ekstatischer Ausdruck über sein Gesicht. Er zeigt mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf mich, als würde ein befreiter Teil seines Bewusstseins einem unterjochten Teil den erschütternden Widerspruch seiner gesamten augenblicklichen Erfahrung vor Augen führen. Dann fällt der Arm schlaff herab und seine Augen werden trüb und leblos, überwältigt von der Anstrengung, die er aufbringen musste, um seinen Standpunkt zu verändern. Doch nur für einen Augenblick, denn jetzt kommt es mir vor, als hätte er das alte Problem beiseitegeschoben, als würde sein Ausdruck nun durch ein neues Problem wiederbelebt. Meine Brust schwillt an vor Schreck. Gleich wird er mir die verhasste Frage stellen, ich weiß es! Die Frage, die mich seit dreieinhalb Jahren zweimal im Monat ein-, zwei-, manchmal auch viermal pro Woche umbringt.

Die Frage, die an ­meinen Grundfesten rüttelt

«Aber warum …»

«Ich muss jetzt los», sage ich in dem Versuch abzulenken. Ich zappele auf meinem Stuhl herum und blicke verzweifelt hierhin und dorthin.

«Aber warum …»

«Kellner!»

«Aber warum …»

«Warum was?»

«Warum bist du ausgerechnet nach Bern gekommen?»

Mit einem müden Seufzer lehne ich mich zurück und sehe mir mein Gegenüber genau an. Ich versuche, die flackernde Intensität in seinen Pupillen einzuschätzen und seine verborgenen Motive mit meinem analytischen Blick zu durchschauen. Vielleicht ist er sich der Bedeutung seiner Frage nicht be­wusst. Vielleicht ist er «dies» und nicht «das»; einer von «denen» statt «jenen» Typen. In diesem Fall kann ich ins Marzilibad gehen, mich in die Sonne legen, die Augen schließen und muss über derartige Dinge nicht mehr nachdenken. Der Drang zu flüchten, ist so stark, dass ich sie spüre, die kühle feuchte Brise, die über den Fluss weht und mein Gesicht erfrischt. Ich höre die Stimmen von Kindern, die über den Rasen laufen, ich sehe Männer und Frauen, die in der Sonne liegen. Trotz des Lärms im Mövenpick höre ich, wie die eierweißen Tischtennisbälle über die kühlen Betontische klickern.

Er wartet!

Aber was ist denn so besonders an einer so läppischen Frage?, höre ich Sie fragen.

Persönliche Probleme bei der ­Beantwortung der Frage

Es hängt immer davon ab, wer die Frage stellt, von dem Tonfall, in dem sie gestellt wird, und der Aura des Lichts in den Augen des Fragenden. Es hängt davon ab, ob er lächelt oder nicht, und wie er lächelt. Es hängt davon ab, ob ich mich sicher oder unsicher fühle, was wiederum stark vom Wetter und meinem Stoffwechsel an dem jeweiligen Tag beeinflusst wird. Und schließlich davon, ob der Wein mich meinen letzten Rappen kosten wird oder nicht.

Er könnte einer dieser Schweizer sein, die an Minderwertigkeitsgefühlen leiden und noch nie im Leben aus Bern her­ausgekommen sind. Der sich und die Gesellschaft, in der er lebt, hasst und nicht verstehen kann, warum jemand, der bei vollem Verstand ist, nach Bern kommt (als Tourist, für ein zwei Tage, ja, aber dreieinhalb Jahre!) Ich bilde mir ein, dass ich sehr gut verstehen kann, wie er sich fühlt, und vergleiche ihn mit Leuten, die ich zu Hause in Kansas, Texas oder Missouri kenne.

«Oh … mir gefällt Bern ganz gut. Es ist eine sehr schöne Stadt. Sehr sauber … Gut geführt. Gemütlich … solange man über das nötige Kleingeld verfügt, um sie wirklich zu genießen …»

In seinen Augen erscheint ein finsterer, misstrauischer Schimmer. Er vermutet Zynismus. Doch ich überzeuge ihn: «O ja, ich weiß. Viele Leute wundern sich, dass ich in eine so kleine Stadt mitten in Europa gekommen bin. Nun, für mich ist sie tatsächlich interessant. Mein Leben hier unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von dem, das ich in Kansas City ge­­führt habe. Dort habe ich nicht so gelebt, wie ich es mir ge­­wünscht hätte, sondern als Zwerg unter scheinbar normal großen Menschen. Folglich hatte ich zwergenhafte Loyalitäten, Aggressionen und Ängste, reale wie eingebildete. Denn das Leben war real und fantastisch zugleich. Außerdem war es ernst und vor allem gefährlich.

Aber hier in deiner alten Stadt habe ich an Statur gewonnen. Hier bin ich noch immer ein Zwerg, aber einer mit Dreimeilenstiefeln. Ich kann mich ein wenig freier bewegen und bin mehr oder weniger der Gesellschaft als Ganzes ausgesetzt. Meine Loyalitäten, Aggressionen und Ängste haben sich entsprechend meinem neuen Status verändert. Und trotzdem kommt mir das Leben hier genauso real und fantastisch vor wie das in Kansas City. Ich finde es auch genauso ernst und gefährlich wie das in Kansas City. Vor allem aber erscheint mir das Leben in deiner Stadt genauso interessant wie in mei­ner. Zweifelsohne gehören die Berner zu den interessantesten Menschen auf der Welt …»

Jetzt philosophiere ich ein wenig

«Sieh dir den Baum an», sage ich und zeige auf einen ima­ginären Baum mitten im Raum. «Da, zwischen den beiden Tischen, die die Kellnerin gerade für das Abendessen eindeckt.» Er betrachtet den Baum. «Und jetzt sieh dir den ande­ren an. Dort drüben – er wächst aus der Kasse am Tresen, da, wo gerade der gefrorene Hummer durch die Luft fliegt.» Er blickt gespannt auf den zweiten Baum und folgt dem Flug des gefrorenen Hummers in der schwungvollen Linie, die meine Fingerspitze in die Luft zeichnet. «Sie sehen gleich aus, nicht? Von hier wirkt es so, als hätten alle Blätter die gleiche Form und die gleiche Farbe. Aber stimmt das – haben sie wirklich die gleiche Form und die gleiche Farbe?»

«Nein», antwortet er ein wenig unbehaglich. Ich gebe ihm recht: «Stimmt, das haben sie nicht.» Dann fahre ich fort:

«Je länger du dir die beiden Bäume ansiehst, umso klarer wird dir, wie faszinierend sie sind. Sieh genau hin! Sieh dir an, wie das Licht auf sie fällt. Achte – achte auf die Schattierung der Blätter, die Muster, die sie auf dem Boden bilden. Heb sie auf. Halte sie gegen das Licht. Keins ist wie das andere, vor allem das Büschel an dem Zweig über dem Teich mit den kleinen blauen Fischen.» Staunend starrt er auf das Büschel imaginärer Blätter an dem Zweig, der über dem imaginären Teich mit den imaginären blauen Fischchen schwebt. «Aber halt!», rufe ich. «Dieses Muster siehst du nur jetzt. Es verändert sich. Es verändert sich mit jeder Minute, mit jedem Augenblick. Wie sieht es am Morgen aus? Am Abend? Oder mittags, wenn die Leute zum Essen nach Hause gehen? Und wie sieht es um zwei oder drei Uhr aus, wenn alle in ihre Büros zurückkehren? Ist es an einem sonnigen Augustnachmittag gegen vier dasselbe? Wenn der Wind im Oktober die Blätter mitgerissen hat? Oder wenn die Zweige im Januar von Eis bedeckt sind? Nein! Dabei haben wir nur die Oberfläche betrachtet, die banalsten Aspekte dieser beiden Bäume. Aber … », fahre ich fort, «… aber wenn du auch nur dieses bisschen von einem Baum in seiner Gänze wahrnimmst, kannst du das Himmelreich betreten, ohne deinen Pass vorzeigen zu müssen!»

Und was hat das mit Bern oder den Bernern zu tun?, fragt sein Gesichtsausdruck, doch noch ehe er es aussprechen kann, unterbreche ich ihn.

«Sind Menschen nicht komplexer, komplizierter und lebendiger als Bäume?» Bevor er «Ja» sagen kann, fahre ich fort:

«Sogar die Berner?»

Er runzelt die Stirn.

«Wie viel interessanter als Bäume sind Menschen, sogar Menschen aus Bern? Unendlich viel interessanter!», antworte ich auf meine eigene Frage. «Nun, und wenn ich schreiben will und mich für Menschen interessiere, kann ich dann nicht auch über die Berner schreiben, wenn ich dazu fähig bin?»

«Aber es gibt doch viel interessantere Orte für einen Schriftsteller», wendet er ein. «Paris, Rom, London!»

«Halt!», unterbreche ich ihn. «Zu Rom oder London kann ich nichts sagen, aber ich kann dir erzählen, warum ich nicht in Paris, Amsterdam oder München geblieben bin.» Und ich erzähle ihm Folgendes:

Warum ich nicht nach Paris ­gegangen bin

«Oh, ich dachte durchaus an Paris. Als ich in Amerika war, in Detroit in der Autoindustrie arbeitete und für diese Reise sparte, dachte ich, ich müsste unbedingt nach Paris! Und ich hatte einen guten Grund, denn ich war als Soldat dort gewesen und hatte mich in das Land verliebt. Schließlich hatte ich wundervolle Erfahrungen mit den Franzosen gemacht, noch bevor ich nach Paris gekommen war, in der Normandie und in Rouen. Damals hatte ich mir geschworen wiederzukommen. Verstehst du? Ich war sehr dafür. Aber als ich 1953 zurückkam, passierten viele unschöne Dinge.

Erstens hatte ich den Fehler gemacht, im April zu reisen. Das Wetter war schlecht. Zwar war die Überfahrt auf der Isle de France sehr angenehm verlaufen, trotzdem war ich schockiert, als ich in Le Havre von Bord ging. Seit ich zehn Jahre zuvor in einer kalten regnerischen Nacht durch die zerbombten Ruinen der Stadt gefahren war, hatte sich die Stadt enorm verändert. Der Hafen war neu, die Stadt war neu, und es gab viele fremde Leute, die mich herumkommandierten. ‹Gehen Sie dahin! Gehen Sie dorthin!›, müssen sie wohl gesagt haben, sie sprachen nämlich eine Sprache, die ich nicht verstand – war das Französisch?

Und noch bevor ich meine Enttäuschung über Le Havre hinter mir lassen und alte Erinnerungen an dieses und jenes Erlebnis wieder abrufen konnte (Cherbourg war in der Nähe, und Barfleur, der kleine Hafen, an dem wir während der Invasion landeten, nur fünfundzwanzig Meilen entfernt), fand ich mich schnaufend und schwitzend im Zug wieder, umringt von meinem Gepäck, unter Fremden, die sich in unbekannten Sprachen unterhielten, während meine geliebte Normandie langsam in der Dämmerung versank. Namen fielen mir wieder ein, Gesichter tauchten auf, Geräusche und Gerüche. Irgendwo – in Barfleur! – gab es eine alte Kathedrale im Regen, und eine Fischerstochter mit hübschen Beinen und Gummistiefeln, deren Brust sich nervös hob und senkte, während ich einen rostigen Angelhaken aus der Handfläche ihres Vaters zog, ein Mädchen namens Françoise und eine Lehrerin, die Simone hieß … Der Schmerz, oh, dieser bittersüße Schmerz einiger kostbarer Augenblicke von vor zehn Jahren ging un­ter und wurde von der Dunkelheit verschlungen.

An den Baum müsste ich mich erinnern, dachte ich, während wir durch die Dämmerung fuhren … An dieses Haus! … Dort drüben neben der Ruine stand ein kleines Haus, das … Aber es war schon wieder verschwunden. Gleichgültig schoss der Zug daran vorbei.

Tja, egal, dachte ich, egal. Ich bin in Frankreich. Und bald bin ich in Paris!

Als ich Soldat war, begleitete meine Einheit, das 509. Hafenbataillon, die Versorgungszüge, die zu verschiedenen Versorgungsdepots in ganz Frankreich unterwegs waren. Wir waren in Barfleur stationiert, wo ich zum ersten Mal viele herrliche Dinge erlebte. Später wurden wir nach Rouen verlegt und von da verteilten wir uns in ganz Frankreich. Deshalb kannte ich mich mit den Straßen relativ gut aus und auch ein wenig mit Paris. Dort legten wir nach jedem Einsatz einen Zwischenstopp ein und warteten, dass der Fahrdienstleiter uns eine neue Strecke zuwies. Wenn er nichts für uns hatte, schickte er uns nach Rouen zurück. Normalerweise blieben wir ein paar Tage in Paris, manchmal sogar mehrere Wochen. Wenn wir einen Einsatz hatten, ging es meistens nach Nancy; wenn er keine fand, fuhren wir ins Hauptquartier zurück, nach Rouen, auf dem Champs de Course, am Ende der rue Elbuf. Dort hatte es schon im ‹Ersten› Weltkrieg ein Lager für amerikanische Soldaten gegeben.

Was hatte ich für eine schöne Zeit in Paris gehabt! Wie freundlich die Leute waren! Und die Frauen! Wo sonst gab es derartig bezaubernde Geschöpfe? Obendrein im April! All das ging mir durch den Kopf, während ich, ohne es zu merken, den alten Song ‹April in Paris› … vor mich hinsummte, lada da da da. Und mir sagte: Es war eine wirklich gute Idee, hierher zu kommen!

Galt Paris nicht als Zentrum der Kunst? Waren nicht buchstäblich alle großen Schriftsteller hier gewesen? Heine, Rilke und Hemingway? Welch herrliche Qualen hatten Balzac, Hugo und Maupassant in Faubourg Saint Germain erlitten!

Ich werde mir ein schäbiges kleines Zimmer im Quartier Latin nehmen, dachte ich, mit einem alten Bett, einem Tisch zum Schreiben und einer Kerze. Und einen halb zerfallenen Kamin sollte es haben. Ich werde Käse essen und Rotwein trinken, vielleicht ein bisschen Haschisch rauchen und unvergessliche Texte schreiben. Im Übrigen werde ich mir eine schöne, dekadente Geliebte zulegen, die ich in meinen Geschichten unsterblich mache. Ich werde leiden … und betastete zum Trost die schwarze Brieftasche aus Kunstleder mit den Zwanziger- und Fünfziger-Reiseschecks …

Ich vergaß Le Havre im Dunkeln. Ich vergaß Rouen und die Normandie. Die Müdigkeit fiel von mir ab, und ich atmete die heiße, stickige Luft ein, als wäre sie süß wie der Duft von Chanel Nr. 5. Um eine Flasche davon zu kaufen, hatte ich zusammen mit etwa dreißig Millionen anderen amerikanischen Soldaten an einem bewölkten Morgen vor zehn Jahren Schlange gestanden …

Gegen neun Uhr abends kam ich an. Als der Zug im Bahnhof Gare du Nord einfuhr, musste ich schockiert feststellen, dass ich nicht länger der Held, der ‹große Befreier›, der Adressat eines freundlichen Lächelns und ernsthafter Bitten war, sondern nur ein Tourist unter vielen, dessen Gepäck inspiziert, kontrolliert, überprüft und in ein Taxi verladen wurde, ohne dass ich die geringste Ahnung hatte, wohin es gehen sollte. Ich musste mich durch eine Horde von Amerikanern kämpfen, um diese Folter zu ertragen! Der Kampf war umso mühseliger, weil ich alles sechsmal fragen musste! Diese dummen Esel verstanden mich nicht mal, wenn ich sie in ihrer eigenen Sprache ansprach. Der Taxifahrer versprach, mir bei der Suche nach einem Hotel behilflich zu sein, fuhr aber lange Umwege – davon war ich überzeugt. Vor zehn Jahren hatte ich eine Tour zum Quartier Latin gemacht und wusste, dass das Viertel nicht weit vom Bahnhof Gare du Nord entfernt war. Und wenn wir dann endlich zu einem Hotel kamen, war es unweigerlich voll. Schon seit Stunden ausgebucht. Als ich am Ende eins fand, das noch ein Zimmer frei hatte, war es viel zu teuer. Mittlerweile war ich jedoch so erschöpft, dass ich es nahm und den Wucherpreis zahlte.

Beim Anblick des Betts wurde mir klar, wie müde ich war. Doch als ich das kleine Waschbecken für Frauen in der Ecke entdeckte (ich glaube, man nennt es Bidet), das diskret hinter einem Paravent, bemalt mit japanischen Damen bei ihrer Toilette, verborgen war, kam ich wieder zur Besinnung. Ich schleppte meinen geschundenen, müden Körper die Treppe hinunter, trat auf die kühle Straße hinaus und machte mich auf, um Paris, das Paris von einst, zu genießen. Die Namen der Straßen und Viertel hallten in meinen Ohren wider.

Wo hatten wir in jener Nacht vor zehn Jahren noch so viel Spaß gehabt? … Irgendwo gab es einen Club namens Can Can, fiel mir jetzt wieder ein: Aber wo? … Und ein Viertel namens Strasbourg Saint-Denis, in dem früher ein großes Restaurant gewesen war. Wir hatten dort gegessen. Ganz in der Nähe war ein Theater. Es hieß, es sei das größte der Welt. Wenn die Lichter erloschen, funkelten dort künstliche Sterne. Es sah aus wie ein echter Himmel … mit Wolken und allem Drum und Dran. Das Rex!

Alles kam wieder hoch. Müde, aber entschlossen stolperte ich weiter. Plötzlich schwankte die Straße hin und her, so wie das Schiff auf der Überfahrt. Mir wurde schwindelig. Die Sehnen in meinen Knöcheln ächzten wie altes Leder, und die Knorpel in den Kniescheiben knirschten, als wären sie rostig. Wo waren meine Füße? Sie fühlten sich an wie abgebrochene Schienbeine, die auf die harten Pflastersteine prallten. Trotzdem wanderte ich blind durch eine Straße nach der anderen, auf der Suche nach weichen, warmen Farben, Gelächter, dem Duft von Parfüm und einer Begleiterin, mit der ich mir das diskrete kleine Waschbecken hinter dem seidenen Paravent mit den japanischen Damen teilen konnte.

Es fing an zu regnen. Mir war kalt; ich fühlte mich müde und verloren und fand den Weg zurück zum Hotel nicht mehr. Ich bog in eine Gasse in der Nähe eines Kinos ein. Davor stand ein großes Plakat mit dem Bild von Fernandel; er trug eine weiße Segeltuchhose und Tennisschuhe und einen komi­schen Hut auf dem Kopf. Aus einem Toreingang sprach mich eine Frau an. Sie war alt, und ihr Haar war an den Wurzeln dunkel und am Gesicht blond. Auf dem Kinn prangte ein künstlicher schwarzer Leberfleck. Insgesamt hatte sie drei davon. Als ich aus dem Regen in das muffige alte Treppenhaus trat, fragte ich mich, ob sie es war, an die ich mich zu er­in­nern versuchte. Wir tranken Kognak, und ich erzählte ihr, dass ich Jimmy heiße … Und dann zog ich einen Reisescheck aus meiner schwarzen Brieftasche und gab ihn ihr. Als ich mein Hotel endlich wiederfand, war es sehr spät, und bis ich einschlief, fast Morgen. Ich schlief bis in den Mittag.»

«Monsieur?»

Ein Kellner stand vor unserem Tisch. Während ich mit meinen Erfahrungen in Paris beschäftigt war, hatte mein Gegenüber ein weiteres Glas Wein bestellt.

«Willst du nicht auch eins?», fragte er.

«Nein danke», gab ich zurück.

Der Kellner runzelte die Stirn, denn es war Essenszeit, und wir besetzten einen Tisch in der Mitte. Er wollte, dass wir gingen, damit er ihn neu decken und vielleicht einer vierköpfigen Gästegruppe eine der teuren Mövenpick-Spezia­­litäten servieren konnte, mit denen sich ein ansehnliches Trinkgeld verdienen ließ. Da ich selbst einmal Koch gewesen war, fühlte ich mich unbehaglich und schlug vor, jetzt aufzubrechen. Doch meine Freunde wollten, dass wir noch blieben und unsere Unterhaltung zu Ende führten. Der junge Mann rechts von mir, dem zuliebe ich diese Erklärung begonnen hatte, war der Ungeduldigste von allen und wollte unbedingt wissen, wie mein Aufenthalt in Paris verlaufen war.

«Ist das alles, was du über Paris zu sagen hast?», fragte er. Ich merkte, dass er enttäuscht war und mich wegen meiner vermeintlich typisch amerikanischen Beschränktheit verspottete. Sein Tonfall nervte mich, und um meine Meinung über Paris zu rechtfertigen, ging ich ein wenig verzweifelt zum ernsteren Teil der Geschichte über.

Der ernstere Teil

«Oh, ich weiß schon, was dir zu Paris einfällt», begann ich. «Die Liebe, der Zauber, Liberté, Fraternité, Égalité! Der Louv­re, Montmartre und all das. Ich war schon überzeugt, bevor ich überhaupt da war. Es heißt, Paris sei der Ort, wo alle gu­­ten Amerikaner nach dem Tod enden. Ich war auf dieses Himmel­reich genauso gespannt wie meine Landsleute. Aber nachdem ich einen ganzen Tag vergeblich versucht hatte, im Quartier Latin ein Hotelzimmer zu bekommen, weil man mich für einen Nordafrikaner hielt, musste ich meine anfängliche Meinung revidieren …»

«In Paris!», riefen meine Freunde aus.

«In Paris!», erwiderte ich triumphierend. «Ich lernte ein paar nordafrikanische Studenten kennen. Die erklärten es mir. Sie lebten schon seit vielen Jahren dort, sie hatten keine Sprachprobleme und waren zumindest auf dem Papier Franzosen, also mussten sie es wissen …»

«Du hast einen Komplex!», riefen meine Freunde wie aus einem Mund.

«Wahrscheinlich», räumte ich ein. «Ich hatte viele Komplexe. Trotzdem verstehe ich nicht, warum ich es so schwer hatte, ein Zimmer zu bekommen. Deshalb machte ich ein Experiment …»

«Was für ein Experiment?», fragte der junge Mann, der diese Unterhaltung angeregt hatte.

«Nun, ich stand am Schalter des American Express, als eine recht hübsche junge weiße Amerikanerin hörte, wie ich Französisch sprach und mir ein Kompliment machte. Ich bedankte mich und verwickelte sie in ein Gespräch.

‹Was machst du hier in Paris?›

‹Ich bin Journalistin. Ich hoffe, dass ich mit meinen Artikeln für die Herold Tribune meinen Urlaub finanzieren kann. Früher habe ich für eine kleine Zeitung in meiner Heimatstadt in Ohio geschrieben. Und du?›

‹Ach, ich würde auch gern eine Weile in Paris verbringen und schreiben. Aber es sieht nicht besonders gut aus; bis jetzt habe ich es nicht geschafft, ein Hotelzimmer im Quartier Latin zu bekommen. Woanders will ich nicht wohnen. Jedes Mal heißt es, man habe keine Zimmer frei. Aber das glaube ich nicht. Bestimmt hat es mit meiner Hautfarbe zu tun und dem, was sie über meine vermeintliche Herkunft aussagt.›

‹Du glaubst wohl, du bist noch immer in Amerika!›, lachte sie. ‹Das hier ist Paris!›

‹So heißt die Stadt, stimmt›, entgegnete ich, ‹aber in Amerika wäre es zu diesem Durcheinander gar nicht gekommen, jedenfalls nicht da, wo ich herkomme, denn dort hätte ich ein weißes Hotel gar nicht erst betreten!›

‹Ich bin ganz sicher, dass du dich irrst, und ich kann es dir beweisen!›

‹Wie denn?›

‹Indem ich in denselben Hotels nachfrage wie du.›

Ich hatte nichts anderes vor, also willigte ich ein und klapperte den ganzen Vormittag mit ihr das Viertel erneut ab. Ich zeigte ihr das jeweilige Hotel und wartete an der Ecke, während sie nach einem Zimmer fragte. Und jedes Mal hätte sie nicht nur ein Zimmer bekommen, sondern sich auch noch eins aussuchen können.

‹Ich verstehe das nicht›, sagte sie. ‹Trotzdem darfst du deswegen nicht allzu skeptisch oder verbittert sein.›

‹Ach wo, ganz bestimmt nicht›, sagte ich. Und dann äußer­ten wir beide die Hoffnung, dass am Ende alles gut würde, sie die Artikel für den Herold Tribune schreiben könne und ich ein Zimmer finden und meine Karriere als Schriftsteller beginnen würde. Anschließend tranken wir noch einen Kaffee zusammen und verabschiedeten uns.»

Das beschäftigte meine Freunde für eine Weile, dann konnte ich mit meiner Geschichte fortfahren, ohne dass sie mich unterbrachen.

«Am Ende fand ich tatsächlich ein Zimmer, in der rue Monsieur le Prince, im Quartier Latin. Es war ein winziges Loch, das auf einen dunklen Alkoven mit Oberlicht hinausging. Durch die fadenscheinigen, schmutzig-grauen Gardinen fiel kaum Licht in den Raum. Der Boden des Alkovens bildete das Glasdach des Foyers und war mit Abfällen, vergilbten feuchten Zeitungen, schmuddeligen Lumpen und Pfützen verdächtig aussehender Flüssigkeiten bedeckt. Der ganze Flur stank nach Pissoir. In meinem Zimmer gab es ein Bett, einen kleinen Tisch mit einer billigen Holzlampe statt einer Flasche mit Kerze und einen Stuhl. Es hatte weder einen halb zerfallenen Kamin noch eine dekadente Geliebte, die mich hätte trösten können. Die Atmosphäre war muffig und deprimierend. Die Laken auf dem Bett waren klamm. Als ich mich reinlegte, hatte ich das Gefühl von Pilzen an einem Baum. Es gab weder ein Kopfkissen noch eine Bettdecke, und es war zwar April, aber kalt genug für ein Holzfeuer. Das winzige Licht, eine nackte gelbe Glühbirne an der Decke, war so schwach, dass ich nicht mal das einzige Buch, das ich dabeihatte, lesen konnte, Homers Odyssee. (Die Holzlampe funktionierte nicht).

Ich beschloss, ein Bad zu nehmen und erfuhr, dass das erst am folgenden Abend möglich war und ich in Zukunft dieses Privileg im Voraus anmelden musste. Ein Bad kostete hundertfünfzig Francs extra, Seife nicht inbegriffen. Als es dann so weit war, ging ich vor Kälte zitternd zum Badezimmer im obersten Stock des Gebäudes und musste zu meinem Kummer feststellen, dass die Wanne nur halb so groß war wie eine normale Badewanne. Ich würde aufrecht sitzen und mich so waschen müssen. Ich würde mich nicht der Länge nach ausstrecken und lange und genüsslich im heißen Wasser aalen können. Und jetzt frage ich euch, liebe Hedonisten, für die ein heißes Bad gleich nach der beglückenden Umarmung eurer Liebsten kommt, was in aller Welt könnte schlimmer sein als das? Abgesehen von dem, was mich als Nächstes erwartete: Das Wasser war nur lauwarm! Das schlug dem Fass den Boden aus. Nach dem Baden beschwerte ich mich beim Hotelmanager, der meine Empörung mit einem kühlen, zynischen Lächeln quittierte. Dann äußerte er etwas, was ich nicht verstand, das sich aber so anhörte, als bäte er den lieben Gott um Geduld, um die Prüfungen seines unglückseligen Lebens meistern zu können.

Zitternd kehrte ich in mein Zimmer zurück. Ich hatte Hunger. Aber dann dachte ich, wie grässlich es wäre, wenn ich mich jetzt anziehen und durch eine Straße nach der anderen laufen müsste, bis ich ein preiswertes Restaurant fand, um mir dann den Kopf über eine Karte zu zerbrechen, die ich nicht einmal lesen konnte, und da verging mir der Appetit. Und weil ich im Halbdunkel meines Zimmers auch nicht lesen konnte, beschloss ich, mich hinzulegen. Ein bisschen Schlaf würde mir guttun, sagte ich mir. Schließlich war ich ja nur ein bisschen müde. Nach einem erquickenden Schlaf würde ich am nächsten Morgen frisch und fröhlich aufwachen. Also packte ich alles, was ich im Zimmer finden konnte, um mich warm zu halten, auf das Bett und kroch unter die feuchten Laken. Aber die Kühle drang trotzdem herein. Und die Matratze hing durch. Ich bekam Kopfschmerzen. Als sich endlich der erste verlockende Anflug von Wärme einstellte, merkte ich, dass ich auf die Toilette musste. Ich zog ein oder zwei Muskeln zusam­men und beschloss, zu warten, bis es vorbeiging.

Ich war fast eingeschlafen.

Da brach unten auf der Straße plötzlich Gelächter aus: ein Mädchen und ein Junge, oder zwei Mädchen und ein Junge oder vielleicht zwei Jungen und ein Mädchen. Ich hörte Schritte auf dem Flur. Sie kamen an meinem Zimmer vorbei und blieben kurz stehen. Sie küssten sich. Dann gingen sie weiter. Das Licht aus dem Zimmer über mir fiel in den Alkoven, und ich sah ihre Schatten an der Wand hin und her tanzen. Dann erlosch das Licht.

Jetzt werde ich schlafen, dachte ich. Und dann hörte ich ein neues Geräusch, das in Wirklichkeit nicht neu war, sondern ziemlich alt. Die Sprungfedern im Bett über mir began­nen zu quietschen, begleitet von Stöhnen, unterdrücktem Gelächter und unverständlichem Murmeln, auf das eine gera­dezu quälende Stille folgte. Nach einer Weile wurde diese Stille vom Geräusch zweier nackter Füße über mir unterbro­chen: Patsch, patsch, patsch, vom Bett zur Tür, den Gang entlang, bis irgendwo in der Dunkelheit ein Scharnier quietschte. Es folgte ein leises, pieselndes Plätschern, das Gurgeln der Kette und das Rauschen der Spülung. Dann patsch, patsch, patsch, ging es den Gang zurück, von der Tür zum Bett. Und zu den quietschenden Sprungfedern.

Jetzt werde ich schlafen, dachte ich. Ich drehte mich mit dem Gesicht zur Wand und zog mir das Laken über die Ohren. Erneut ächzte das Bettgestell. Und wieder patsch, patsch, patsch hörte ich nackte Füße über mir, aber leiser, weicher, vom Bett zur Tür und den Gang entlang. Dann das Plätschern von Wasser, ein schneller dünner Strahl, das Gurgeln des Abzugs, das Rauschen der Spülung und dann: Patsch, patsch, patsch, zurück über den Gang, leise, weich, von der Tür zum Bett. Das Ächzen des Bettes, wieder und wieder, unter der Last des endlosen Hin und Hers. Das Licht erlosch. Endlich wurde es still.

Ich drehte mich mit dem Gesicht zum Fenster und versuch­te einzuschlafen. Die Schatten, die ich gesehen, und die gedämpften Geräusche, die ich gehört hatte, erinnerten mich an den Mief, der durch den Gestank der Toilette und des Mülls auf dem Glasdach noch verstärkt wurde. Meine Gedanken erfüllten mich mit Einsamkeit und Verzweiflung. Kurz vor dem Einschlafen kroch ein schmutziges fahles Licht durch das Fenster. Es wurde hell …

Das alles ertrug ich einen ganzen Monat», erklärte ich meinen belustigten Freunden. «Ich wanderte durch die Straßen und besuchte die Museen, bis mir übel wurde. Ich saß allein, immer allein, in Café-Restaurants, im Regen und im Wind, und sprach nur mit Kellnern oder Leuten, die mir irgendwas andrehen wollten. Und bei fast allem, was ich kaufte, berechnete man mir zu viel. Kein Franzose beachtete mich. Die Reiseschecks wurden immer weniger und ich immer nervöser. Ich kann Dostojewski nur aus vollem Herzen zustimmen, die Bewohner von Paris sind materialistisch und größenwahnsinnig. Und als ich auf den Wänden ‹Amis raus!› las, war ich bereit, dieses Land zu verlassen, egal wohin und ohne Be­­dauern!

Eines Morgens lernte ich einen Holländer und seine amerikanische Frau auf der Terrasse einer Brasserie am Boulevard Saint-Michel kennen. Sie saßen am Nebentisch. Ich ließ mir eine dumme Ausrede einfallen, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen, in dessen Verlauf er folgenden Satz äußer­te: ‹Das Leben in Amsterdam ist wunderbar!› Er beschrieb das Hafenviertel und die Grachten, und da er Schriftsteller war, machte er das sehr gut. Er war ein attraktiver junger Mann mit blonden Locken, einem kurzen Bart und wässrigen Augen. Seine Frau war auffallend hübsch – dunkles Haar und große dunkle Augen –, und sie war sich dessen bewusst. Sie stimmte mir zu, dass das Leben in Paris für Ausländer schrecklich sei, und er schwärmte von seiner Heimat. Während sie sprachen, kamen mir sofort Unmengen passender Bilder von Holland in den Sinn.

So saß ich auf dem verregneten, düsteren Boulevard Saint-Michel und sah dem endlosen Strom von französisch spre­chen­den Menschen zu, die sich für nichts anderes interessierten, als dem trägen Impuls zu folgen, der sie die Straße auf und ab trieb. Die Aussicht, das Land von Rembrandt, Spinoza und Descartes zu besuchen, erschien mir mehr als rosig. Und während ich sie beobachtete, dachte ich, dass ich Montaigne, Rabelais und Villon deshalb so leidenschaftlich verehrte, weil die Franzosen eine so wichtige Rolle in meinem Leben gespielt hatten. Trotzdem kam es mir seltsam vor, dass ich die moderne französische Malerei, die Musik und Poesie so inständig lieben konnte. Baudelaire und Rimbaud waren meine engsten Freunde. Ich hätte den letzten Franc für einen Film von Jouvet ausgegeben! Warum konnte ich all das fühlen und die Menschen trotzdem so unsympathisch finden? Irgendetwas stimmte grundsätzlich nicht, doch damit kam ich damals einfach nicht zurecht …

‹Wenn Amsterdam so schön und das Leben so billig ist, wenn ihr beide Holländer seid und hier Probleme habt, warum lebt ihr dann nicht in Amsterdam?›, fragte ich ihn mit der Logik eines Pferdehändlers aus Missouri.

‹Meine Frau ist Jüdin›, entgegnete er. Ein hübsches Lächeln flog über ihr Gesicht. ‹Meine Eltern waren dagegen, dass wir heiraten …›

‹Um es milde auszudrücken!›, sagte sie und warf das dichte schwarze Haar über die Schulter.

‹Wir haben Amsterdam verlassen, um unser eigenes Leben leben zu können›, erklärte er. ‹Weil ein Schriftsteller vor allem frei sein muss, um so handeln und denken zu können, wie er will.›

‹Ich glaube, da hast du recht›, gab ich zurück. Seine Begleiterin stimmte mir mit einem spöttischen Lächeln zu. ‹Euer Mut hat mich zutiefst berührt, und obendrein habt ihr mir eine Lösung für mein eigenes Problem gezeigt.›

Kurz danach verabschiedete ich mich. Am nächsten Morgen fuhr ich nach Amsterdam. Ich weiß nicht mehr, um wie viel Uhr, aber es war der erste Zug, den ich nehmen konnte.»

Ein Kapitel, das dem Leser die Unvoreinge­nom­men­heit des Autors vermitteln soll

Das Gelächter und das anmaßende Grinsen meiner Freunde hatten dieses Kapitel notwendig gemacht. Ein oder zwei von ihnen kannten Paris sehr gut und hatten eine ganz andere Meinung von der Stadt und ihren Bewohnern. Ich musste gestehen, dass ich kaum Zeit gehabt hatte, mir ein wirklich objektives Bild von der Stadt zu machen, und meine Erfahrungen hauptsächlich die eines typischen Touristen gewesen waren.

«Hättest du dich in New York oder London nicht genauso einsam gefühlt?», fragte ein junger Mann, der bislang geschwiegen hatte.

«Ja, ganz bestimmt!», sagte ich. «Ich weiß es, denn ich habe diese Städte mehrmals besucht. Mir ist auch bewusst, dass Verallgemeinerungen gefährlich sind. Niemand reagiert auf diese Gefahr empfindlicher als ich. Es ist das Klischee unserer Zeit, dass wir in einem ‹verallgemeinernden Zeitalter› leben und vor der ‹gewaltigen Aufgabe› stehen, ‹überwältigende Mengen› von Informationen aus vielen verschiedenen ‹Bereichen› menschlicher Erfahrung auszuwerten: Aber es ist trotzdem wahr, insbesondere in meinem eigenen Land», räumte ich ein. «Ein Land, das fast ausschließlich aus dünnhäutigen Minderheiten besteht, die stereotypen Meinungen so ablehnend gegenüberstehen, dass die harmloseste Verallgemeinerung qualifiziert werden muss, wenn man sie nicht kränken will.

Wenn wir über Ideen diskutieren, ist eine der häufigsten Qualifizierungen, die Studenten dazu vorbringen – die ernsthaften ebenso wie die Stümper –, dass diese oder jene ‹Fakten› sich relativ zu diesen oder jenen Zusammenhängen verhalten. Dabei vergessen oder übersehen sie oft das eigentliche Problem, das einem eine solche Qualifizierung aufzwingt: Selbst wenn diese ‹Fakten› einen bestimmten Zusammenhang tatsächlich ‹relativieren› können – und es mit Sicherheit auch tun –, wird damit eine Referenz impliziert, zu der sich nichts ‹relativ› verhält. Hier liegt das eigentliche Problem. Wir vergessen, dass die Spezifizierung der Erfahrung lediglich ein bequemer Kunstgriff ist, der uns vom Intellekt auferlegt wird. Er hat nämlich seine potenzielle Entfaltung noch lange nicht erreicht, und wenn es ‹relative› Teile gibt, muss es mit Sicherheit auch ein ‹Ganzes› geben, selbst wenn wir es empirisch nicht beweisen können. Du hast völlig recht, wenn du mich darauf hinweist. Aber ich kann mich rechtfertigen, indem ich euch ein wirklich schönes, aber auch trau­riges Erlebnis erzähle, das ich eines Abends mit einem jungen Pariser Soldaten in einem Bistro in der rue Monsieur le Prince hatte.

Ich hatte gerade für meinen Pernod bezahlt, und da ich das Gefühl hatte, dass die Rechnung wieder einmal zu hoch gewe­sen war, bat ich die Kellnerin um die Preisliste. Sie tat so, als hätte sie mich nicht verstanden, daher gab ich auf und ging. Ein junger Franzose in Uniform folgte mir auf die Straße und sagte: ‹Monsieur, vous avez trop payé pour votre verre!› Ich stimmte ihm entschieden zu und erklärte in meinem ärmlichen Französisch:

‹Das tue ich schon, seit ich in Ihre verfluchte Stadt gekom­men bin, Sir. Franzosen sind Diebe und Halsabschneider, und man sollte sie alle dafür hängen!›

‹Mais non!›, rief er. ‹Es sind nicht alle Franzosen so. Sie kennen die Franzosen nicht, Monsieur. Nicht die in den Bars und den teuren Restaurants, sondern die wahren Franzosen.›

‹Da stimme ich Ihnen zu›, gab ich zurück. ‹Ich tue mein Bes­tes, um Touristenfallen zu meiden, aber ich weiß nicht wie, weil ich die Sprache nicht besonders gut beherrsche und nicht weiß, wo ich diese wahren Franzosen finden soll. Ich habe sogar Mühe, mich den schrecklichen Wesen verständlich zu machen, denen ich ausgeliefert bin!›

‹Kommen Sie mit!›

‹Wohin?›, fragte ich und musterte ihn etwas aufmerksamer. Nicht umsonst hatte Paris einen gewissen Ruf! Er wirkte harmlos, aber trotzdem … ‹Wo bringen Sie mich hin?›, frag­te ich. Ich hatte Angst, er würde mir etwas andrehen wollen oder sei ein Zuhälter.

‹Zu meiner Frau. Sie trinkt gleich um die Ecke eine Limonade.›

Ich blieb stehen und sah mir den Kerl genau an. Er war viel größer als ich, aber sehr dünn. Er trug eine abgewetzte, doch relativ saubere französische Militäruniform. Der rechte Arm steckte in einer schwarzen Armbinde, die um seinen Hals hing, die rechte Hand hatte er in die Jacke gesteckt, als wäre der Arm gebrochen. Als er meinen misstrauischen Blick bemerkte, sagte er hastig: ‹Oh, Sie müssen keine Angst haben, Monsieur! Ich bin Korporal Henri Pitit.› Mit der linken Hand kramte er nach seinem Ausweis, um es mir zu beweisen. ‹Ich bin vor Kurzem vom Feldzug in Tunesien zurückgekehrt. Dort wurde ich verwundet.› Er zeigte mit der linken Hand auf den rechten Arm. ‹Ich wurde erst vor zwei Tagen aus dem Krankenhaus entlassen, deshalb bin ich so schwach und blass. Ich bringe Sie zu meiner Frau, die ich von ihrem Seminar an der Universität abhole. Sie studiert Medizin.› Er lächelte stolz. ‹Ich möchte Sie zu mir nach Hause einladen, damit Sie sehen, dass wahre Franzosen nicht wie diese Leute da sind. Dann werden Sie sehen, Monsieur, nicht alle Franzosen sind materialistische Parasiten.›

Ich versuchte einzuwenden, dass ich keinen Hunger hatte, weil ich gerade erst gegessen hätte, aber er wollte nichts davon wissen. Ehrlich gesagt, der Anstand des Mannes beeindruckte mich.

Wen interessiert es schon, was ich von den Franzosen hal­te, dachte ich bei mir. Doch ihm schien es offensichtlich sehr wichtig zu sein. Deshalb beschloss ich, mit ihm zu gehen.

Seine Frau war ein blasses, halb verhungertes, schmales Ding mit strähnigem dunkelbraunem Haar und klaren und mutigen Augen. ‹Guten Abend›, sagte sie, nachdem ihr Mann uns miteinander bekannt gemacht hatte. Und als er ihr sagte, dass er mich zum Abendessen eingeladen hatte, war sie auf ihre freundliche Art sofort einverstanden. In diesem Augenblick sah sie erst mich und dann ihren Mann mitfühlend an. Ich kam mir vor wie ein Idiot. Sie zahlte ihre Limonade, und wir verließen das Bistro. Mit der Metro fuhren wir zu einem Viertel, in dem ich noch nie gewesen war. An einer trostlosen Straße stiegen wir aus und liefen durch eine Gasse nach der anderen. Ich dachte an die Slums, in denen ich zur Welt gekommen war, und auch an die von London und Glasgow. Schließlich traten wir durch einen dunklen Toreingang in einen Korridor, der in einen Hof führte, und von da durch eine Tür in einen weiteren Korridor. Eine trübe gelbe Glühbirne an der Decke erhellte das schäbige Treppenhaus; es stank nach Urin und verschimmeltem Essen. Am Ende des Gangs befand sich ein Müllhaufen. Ratten nagten an leeren Konservendosen, und Kakerlaken krochen durch den feuchten Inhalt der überquellenden Mülltonne.

An einer Tür blieben wir stehen und betraten ein Zimmer. Dort saß ein junger Mann an einem kleinen, mit einem Wachstuch bedeckten Holztisch und stand auf, um uns zu begrüßen. Er war vielleicht zweiundzwanzig, mager und ging gebeugt. Er hatte ein feines schmales Gesicht und große mu­tige Augen, wie die von Henri Pitits Frau. Er ist ihr Bruder, dachte ich und registrierte das dünne braune Haar, das ihm ins Gesicht fiel. Er trug einen dunklen, ausgebeulten Pullover und einen grünen Wollschal um den Hals. Bevor wir kamen, hatte er ge­­schrieben. Ein halb beschriebenes Blatt Papier lag auf dem Tisch neben einem Vogelkäfig mit einem kleinen grünen Vogel darin. Als wir auf den jungen Mann zugingen, lächelte er leicht, offensichtlich war ihm der Besuch eines Fremden peinlich. Henri stellte mich vor.

‹Das Abendessen ist gleich fertig.› Madame Pitit warf mir einen Blick zu. Dann zündete sie den Gaskocher an, der auf einer kleinen Holzkiste stand. Die weiche blaue Flamme loderte unter einer Blechdose auf, so groß wie ein Vierzigliter-Eimer für Schmalz. Sie enthielt eine schmutzig-graue Suppe, auf der Fettkügelchen schwammen. Das registrierte ich, als ich auf Drängen meines Gastgebers den einzigen Stuhl im Raum annahm. Ebenso, dass in der Flüssigkeit eine Karotte, ein oder zwei Kartoffeln und ein kleines Stück fettes Fleisch schwammen, kaum größer als der kleine grüne Vogel in seinem Holzkäfig auf dem Tisch.

Der Soldat setzte sich auf das Bett. Es schien, als hätten sie sämtliche Lumpen, die sie besaßen, daraufgelegt, um es warm zu haben. Da kein weiteres Bett zu sehen war, folgerte ich, dass die drei zusammen in dem einen schliefen. Der Dichter stand neben dem Herd und beobachtete, wie seine Schwester das Essen zubereitete, das heißt, Salz und Pfeffer in die Suppe streute. Brot, das wir dazu hätten essen können, gab es nicht.

Während ich am Tisch saß, hatte ich Gelegenheit, mich ein wenig umzusehen. Das Zimmer war etwa dreißig Quadrat­meter groß. Ein kleines Fenster neben der Tür ging auf den schwach erleuchteten Hof hinaus. Die einzige Heizung war der Gaskocher, auf dem die Suppe brodelte. Neben dem Kopfende des Bettes auf der anderen Seite des Zimmers standen ein paar Holzkisten, die als Tische dienten und mit Büchern und Toilettenartikeln gefüllt waren. Der schmutzige Kachelboden war unbedeckt.

Dann war das Abendessen fertig. Meine Gastgeberin deckte den Tisch. Sie hatten nur zwei Teller und zwei Löffel. Einer von uns würde warten müssen, bis die anderen beiden geges­sen hatten. Natürlich musste die Frau als Erste essen, darauf bestand ich, und der Ehemann bestand darauf, dass ich mit ihr aß, weil ich ihr Gast war. Er würde seine Suppe direkt aus einer kleinen Dose schlürfen, und der Dichter erklärte sich bereit, zu warten.

Ich bekam kaum einen Bissen runter. Die Suppe schmeckte gar nicht mal so schlecht, aber sie sah ekelhaft aus, und ihr Aroma wurde durch den Gestank aus der Toilette draußen nicht gerade besser. Obendrein machte es mich nervös, dass ein junger Mann, der die Suppe offensichtlich viel nötiger hatte als ich, wartete, dass ich fertig wurde, damit er essen konnte. Zudem konnte er den Blick kaum von dem Tisch abwenden, der die Mitte des Zimmers in Beschlag nahm. Trotz diverser Versuche, eine Unterhaltung in Gang zu bringen, breitete sich immer wieder ein lähmendes Schweigen aus. Es erübrigt sich zu sagen, dass es mir schwerfiel, meine Gefühle zu verbergen, aber ich versuchte es, indem ich viel zu laut und zu hastig sprach und zu oft lachte oder lächelte. Ich glaube, dass ich sie sogar davon überzeugte, dass ich mich gut un­­terhielt – alle bis auf die Frau, die es besser wusste. Es gelang mir nicht, meine Verlegenheit und die eklatante Ironie der Tatsache, dass ich deutlich wohlhabender war als sie, vor ihrem gelassenen, vielsagenden Blick zu verbergen. Sie las das schlechte Gewissen in meinem Gesicht. Wenn sie ihre sanften Augen niederschlug, spürte ich die Last der grässlichen Reiseschecks in meiner Tasche (mehr als dreitausend Dollar), ich, der ihre schmutzige Suppe schlürfte und auf dem einzi­gen Stuhl saß.

Ich hätte ihnen einige davon abgeben können, aber ich traute mich nicht. Der Soldat hatte recht gehabt, sie waren wahre Franzosen. Mein Angebot hätte sie nur gekränkt, und ich hätte mich noch schlechter gefühlt als ohnehin schon. Also quälte ich mich durch den Abend, und es gelang mir tat­sächlich, ihnen vor dem Einsteigen in die Metro das Verspre­chen abzuluchsen, in der kommenden Woche (zuerst hatte ich den folgenden Tag vorgeschlagen, aber sie sagten, da hätten sie bereits etwas vor) mit mir zu Abend essen, und ent­schul­digte mich gleichzeitig, dass wir in ein Restaurant gehen müssten, weil ich kein eigenes Zuhause hatte.

‹Machen Sie sich deswegen keine Sorgen›, sagte der Soldat. ‹Wir freuen uns, Sie kennengelernt zu haben und hoffen, dass wir uns wiedersehen.› – ‹Au revoir›, sagte die junge Frau mit den mutigen Augen sehr herzlich. Es war kaum mehr als ein Flüstern. Ich stieg in die Metro und verschwand, um mich dort nie wieder blicken zu lassen, aber diese herzergreifende und trotzdem lächerliche Szene, in der ich eine so mittelmäßige Rolle gespielt hatte, habe ich nie vergessen.»

Ein langes Schweigen folgte. Es dauerte etwa drei Minuten. Das willkürliche Stimmengewirr im Mövenpick sickerte in die nachdenkliche Stille der kleinen Runde um mich her­um. Schließlich sah mich der Freund an, der mich dem neu­gierigen jungen Mann vorgestellt hatte, um dessentwillen ich dem ehrgeizigen Kellner so lange getrotzt hatte, und sagte in einem herausfordernden Ton:

«Ich wusste gar nicht, dass du in Amsterdam gewesen bist …»

«Das! … ist eine lange Geschichte», antwortete ich, um sie zu entmutigen.

«Erzähl», sagte er und fügte hinzu: «Und trink noch ein Glas Wein.» Ich nahm an. Kurz darauf brachte der Kellner den Wein. Wir stießen auf unsere Gesundheit an. Dann verstummte die kleine Gruppe. Ich begann …

Warum ich Amsterdam verlassen habe

«Tja, wäre ich damals ein bisschen mutiger gewesen», gestand ich, «hätte mir Amsterdam vielleicht besser gefallen. Da ich aber neu in Europa war, kam es mir so furchterregend vor wie Paris unfreundlich. Denn Amsterdam konfrontierte mich mit einem alten Problem und mehreren neuen, auf die ich nicht vorbereitet war.

Das alte Problem war natürlich die Sprache. Wenn man eine Sprache nicht beherrscht, ist man unsicher und argwöhnisch. Zum ersten Mal hatte ich das ungute Gefühl, ständig angestarrt zu werden. Aber in punkto Freundschaften erging es mir viel besser als in Paris. Der junge Schriftsteller, den ich auf dem Boulevard Saint-Michel getroffen hatte, hatte mir ein Empfehlungsschreiben für seine Freunde mitgegeben. Nachdem ich die erste Nacht in einem sehr angenehmen, aber teuren Hotel verbracht hatte, machte ich mich auf den Weg zu ihnen. Mein neuer Freund hatte gesagt, sie könnten mir helfen, eine preiswerte Unterkunft zu finden.

Ganz oben auf meiner Liste stand ein freundliches junges Paar. Beide lasen meinen Brief und nahmen mich mit offenen Armen auf. Ihr Mann sei ein ziemlich bekannter Dichter in Holland, erzählte mir die Frau. Sie zeigte mir mehrere schmale Gedichtbände mit seinem Namen auf dem Umschlag. Und soweit ich verstand, stammte sie aus einem alten, aber verarmten Adelsgeschlecht. Er war groß, drahtig und elegant und trug das Haar wie ein Jahrzehnt zuvor die Pariser Existenzialisten. Er hatte ein sympathisches, feines Gesicht. Sie wiederum entsprach genau dem Bild, das man nach ihrer Erklärung erwarten konnte. Sie war groß, sehr schlank und ausnehmend feminin, mit kastanienbraunem Haar und haselnussbraunen Augen, selbstsicher und schlicht, aber perfekt gekleidet. Ich war von beiden hingerissen, vor allem aber von ihr, weil sie nicht nur schön war, sondern auch perfekt Englisch sprach, mit britischem Akzent.

Ihre Wohnung war klein. Sie platzte aus allen Nähten vor Büchern und persönlichen Gegenständen. An den Wänden hingen viele Gedichte, signierte Zeichnungen und Gemälde. Der kleine Raum, in dem wir saßen, war Schlafzimmer, Esszimmer und Wohnzimmer zugleich, und nebenan gab es noch eine kleine Küche. Sie entschuldigten sich, dass sie mich nicht bei sich aufnehmen konnten, versprachen aber, mir bei der Suche nach einem Zimmer zu helfen. Die Gastgeberin bot mir Kaffee an, und während wir ihn tranken, erzählte ich ihr, wie ich ihren Freund in Paris kennengelernt hatte. Sie übersetzte, was ich sagte, für ihren Mann ins Holländische, und umgekehrt, wenn ihr Mann mir etwas sagen wollte.

‹Der Nächste auf der Liste ist ein Maler›, erklärte sie. ‹Sein Bruder war ein sehr erfolgreicher Dichter, der im Krieg umgekommen ist. Er wohnt nicht weit von uns. Vielleicht kannst du ein paar Tage bei ihm unterkommen.› Sie lächelte, ein we­­nig neugierig, fand ich, und setzte hinzu: ‹Er ist sehr nett, und seine Freundin wird dir auch gefallen! Bei den anderen wirst du nicht viel Glück haben, aber ganz bestimmt werden sie alles tun, um dir zu helfen.› Nachdem wir unseren Kaffee getrunken hatten, schlug sie vor, zum Leidseplein zu gehen, dort gäbe es ein Café, das sie oft aufsuchten. ‹Sie müssten jetzt alle dort sein›, erklärte sie.

Und so gingen wir zu dem Café. Es erinnerte mich ein biss­chen an Paris. Alles war dunkelbraun und etwas schmud­delig, die Atmosphäre verraucht, laut und sehr familiär. Es gab eine Menge langhaariger Männer mit Bärten und dicken Wollpullovern. Man unterhielt sich locker; viele der jungen Leute, die dort saßen, hatten nichts zu trinken bestellt. Nach und nach lernte ich einen nach dem anderen kennen. Sie standen alle auf meiner Liste. Allerdings fand ich es sehr unangenehm, dass wir uns nicht unterhalten konnten. Der junge Maler, bei dem ich unterkommen sollte, war mir sofort sympathisch. Zum Glück sprach er ein bisschen Französisch, so­dass wir uns einigermaßen verständigen konnten. Er erklärte sich bereit, mich für ein paar Tage bei sich aufzunehmen, bis ich etwas gefunden hätte. Ich war sehr froh über mein Glück. Nach dem Café ging ich sofort ins Hotel zurück, holte mein Gepäck und begab mich auf die Suche nach der Adresse in der Prinsengracht, die er mir gegeben hatte.

Die Wohnung bestand aus zwei mittelgroßen Zimmern und einer winzigen Küche, voll mit schmutzigem Geschirr, Kannen, Kaffeesatz, Teeblättern und Eierschalen. Das vordere Zimmer ging auf die Gracht hinaus und war sehr gemütlich. Es hatte zwei große Fenster, einen runden Tisch und ein sehr niedriges Bett in der Ecke. Rechts und links davon standen Regale voller Bücher. An den Wänden hingen Bilder, es gab einen uralten Kamin, und überall verstreut seltsam anmu­tende Vasen mit Blumen. Das Frühstücksgeschirr stand noch auf dem Tisch, und auf dem Boden lag ein verschlissener ro­­ter Teppich. Ein Strumpf hier und ein Unterrock dort, Haarspangen auf dem Boden und ein Lippenstift auf dem Kaminsims verliehen dem Raum eine verwunschene Atmosphäre und weckten meine Neugier auf die Freundin meines Gastge­bers. Als der Maler sah, wie mein Blick an dem losen Strumpf hängen blieb, der achtlos über die Rückenlehne des Stuhls geworfen war, machte er eine lässige Geste und sagte: ‹C’est Tania. Elle viendra ce soir …›

Obwohl ich froh war, einen Platz gefunden zu haben, wo ich die Nacht verbringen konnte, war ich am nächsten Morgen doch ziemlich unglücklich darüber, ausgerechnet diesen Platz gefunden zu haben. Denn da war mir bereits klar, dass ich in dieser Wohnung nicht lange bleiben konnte, ohne den Verstand zu verlieren. Der Grund war dieses ‹Tania kommt heute Abend›, das der Maler angekündigt hatte. Genau das tat sie. Sie war um die zwanzig, mit Haar so rot wie die Sonne und einer wunderschönen Figur. Sie war Ballerina und tanzte im Staatstheater. Voller Begeisterung über etwas, was ich nicht verstand, platzte sie ins Zimmer und warf sich ihrem Liebhaber in die Arme. Sie fielen auf das Bett, wälzten sich übereinander und küssten sich ein ums andere Mal, während ich entsetzt dastand und darauf wartete, dass wir einander vorgestellt wurden. Als sich ihre Freude erschöpft hatte, standen sie auf, und er machte uns miteinander bekannt. Auf Hol­ländisch erklärte er ihr, dass ich eine Zeitlang bei ihnen wohnen würde. Sie lächelte bezaubernd, gab mir die Hand und fing an, sich auszuziehen. Am liebsten wäre ich aus dem Fenster gesprungen! Ich war drauf und dran, aber das wäre albern gewesen, fand ich. Also hielt ich die Stellung.

‹Wir gehen aus!›, verkündete der Maler. Das nahm ich zum Anlass, mir jede Menge kaltes Wasser ins Gesicht zu werfen.

Wir kehrten in das Café zurück, in dem ich am frühen Nachmittag schon einmal gewesen war. Dort traf ich den Dichter und seine Frau mit dem kastanienbraunen Haar wieder und auch all ihre anderen Freunde. Wir schüttelten uns die Hand, lächelten und tranken eine Menge holländischen Ge­­never. Dann sagte mein Maler plötzlich: ‹Viens avec moi!› Er packte Tania, die sich gerade leidenschaftlich mit einem unrasierten jungen Mann unterhielt, und wir stürzten hinaus auf die Straße und winkten einem Taxi. Nach ein paar Minu­ten erreichten wir ein lautes Viertel, in dem es vor Menschen wimmelte. Auf beiden Straßenseiten gab es unzählige hell er­­leuchtete Cafés und Nachtclubs. Musik erfüllte die Luft, Samba, Tango, Jazz. Überall sah ich Schwarze, Indonesier und andere Ethnien. Vor jedem Hauseingang drängten sich verführerische Frauen.

Wir stiegen aus dem Taxi und mischten uns unter die Leute. Dann bogen wir in eine Straße an einer Gracht ein. Die Lichter der Häuser auf beiden Straßenseiten spiegelten sich im Wasser. Es war grün und schleimig. Auf unserer Seite der Gracht sah die ganze Straße aus wie ein Einkaufsviertel. Fast jedes Haus hatte eine Ladenfassade im Erdgeschoss. Sie wirkten wie kleine Glaskäfige, etwa zweieinhalb Kubikmeter groß. In jedem Schaufenster saß eine Frau. Manche waren jung, man­che alt. Die meisten hatten blondes Haar und trugen enge, halb durchsichtige, tief ausgeschnittene Blusen ohne BHs und sehr enge kurze Röcke. Sie spannten sich über den Schenkeln der Frauen, die mit übereinandergeschlagenen Beinen auf Stühlen oder Hockern saßen. Manche trugen Schuhe, andere waren barfuß. Die meisten starrten mit ausdruckslo­sen, leeren Gesichtern auf den Boden, ihre Hände oder das schleimige Wasser des Kanals. Eine, sie mochte Mitte dreißig sein, strickte an einem rosa Teil; eine andere, die sehr jung wirkte, nicht mal achtzehn, tat so, als würde sie eine Illustrier­te lesen.

Vor den Schaufenstern drängelten sich Scharen von betrunkenen Männern. Amerikanische Soldaten und Matrosen, weiße und schwarze. Manche schienen Afrikaner zu sein, andere waren ganz offensichtlich Engländer und Franzosen in Uniform. Viele von ihnen sprachen Deutsch oder Holländisch. Sie standen vor den Schaufenstern und begafften die Frauen. Sie lachten und machten Witze, während sie die zur Schau gestellten Körper begutachteten. Gelegentlich klopfte ein Mann ans Fenster oder machte der Frau ein Zeichen, nach draußen zu kommen. Dann verließ sie das Schaufenster, und eine Seitentür öffnete sich. Der Mann trat ein. Ein paar Minu­ten später kam die Frau zurück und nahm ihre vorherige Stel­lung in dem Schaukasten wieder ein.

Während wir durch die Straße liefen, wurde mir allmählich übel. Zugleich faszinierte mich, was ich sah. Ich war verwirrt, weil ich nicht sagen konnte, ob mir das Verlangen, ein Schuldbewusstsein oder die Obszönität der Szene auf den Magen schlug. Ich drückte den Arm des Malers. ‹Lass uns gehen!›, sagte ich auf Englisch, aber offenbar verstand er meinen Gesichtsausdruck.

Wir bogen in eine andere Straße ein. Dort gab es noch mehr Cafés voller Menschen. ‹Hier drüben›, sagte er. Wir betraten einen Nachtclub. Eine schwarze Band stand auf der Bühne. Der Bandleader spielte Trompete und versuchte, Louis Armstrong nachzuahmen. Auf der Tanzfläche tummelten sich die Paare. An den Tischen und der Bar saßen alle möglichen Leute. Die Atmosphäre war in rotes, verrauchtes Licht getaucht. Es war sehr heiß, und wir hatten Mühe, einen freien Tisch zu finden. Doch dann stand neben uns ein Pärchen auf und ging, und wir übernahmen ihre Plätze. Während wir auf die Drinks warteten, die wir bestellt hatten, wiegte sich Tania aufreizend zum Rhythmus der Musik. Ich versuchte, sie nicht anzusehen. Der Maler tanzte nicht.

‹Tanz mit Tania›, drängte er.

‹Es ist zu voll›, erklärte ich und sah Tania entschuldigend an. Sie hatte ‹Tanz mit Tania›, nicht aber meine Ausrede verstanden. Deshalb interpretierte sie meinen Blick als Aufforderung und stand auf. Widerstrebend tanzte ich mit Tania.

Sie war rund und weich und trug ein elegantes rotes Kleid mit nichts darunter. Die Tanzfläche war so überfüllt, dass wir dicht aneinandergepresst wurden. Ich versuchte, ihren Körper auf Abstand zu halten, doch es war aussichtslos. Ihr Arm legte sich um meinen Hals, und meiner umschlang unwillkürlich ihre Taille. Ich versuchte, mich von dem Maler wegzu­bewegen, doch der Raum war so voll, dass es unmöglich war. Und so wanden wir uns auf engstem Raum wie nackte Würmer in einem heißen Eimer.

Ich erinnerte mich an die wilde, leidenschaftliche Tania, die ich am Abend in ihrer Wohnung kennengelernt hatte. Ich sah die Frauen mit den übereinandergeschlagenen Beinen in den Schaufenstern an der Gracht. Ich schwitzte. Benebelt schwankte ich von einer Seite auf die andere, als die Band ein langsames Stück spielte. Gelegentlich warf ich dem Maler einen Blick zu und lächelte. Er erwiderte mein Lächeln mit einem seltsamen, belustigten Ausdruck. Tania verlor sich in der Wärme, in der Hitze der Musik und in meinen Armen …

Wir kehrten sehr spät nach Hause zurück. Kaum hatten wir die Wohnung betreten, riss Tania sich die Kleider vom Leib. Ich murmelte heiser Gute Nacht und verzog mich hastig in das Zimmer nebenan. Ich versuchte, die Schiebetür zu schließen, aber sie klemmte. Dann zog ich mich in der dunkelsten Ecke aus, legte mich auf die Couch und betete darum, schnell einzuschlafen.

Kurz darauf erlosch das Licht im anderen Zimmer, und der Albtraum begann. Die Geräusche des Liebespaars hallten durch die Dunkelheit. Sie verhielten sich so, als wären sie ganz allein auf der Welt. Mir kam es vor, als kristallisierte sich mit jedem Stöhnen, das aus dem Nebenzimmer kam, die ganze Leidenschaft der Welt und tanzte im Dunkeln nackt vor meinen Augen. Das lebendige Ungeheuer lachte und machte sich lustig über mich. Es teilte sich in unzählige Variationen auf, sodass mir der Schweiß unter den Achseln ausbrach und auch mein Gesicht von Schweiß überströmt war. Bis zum Morgengrauen machte es mit seinen glühenden Zangen jeden Versuch zu schlafen zunichte.

Als sich das erste rosige Licht durchs Fenster stahl, zog ich mich hastig an und verließ auf Zehenspitzen die Wohnung. Ich wanderte an den Grachten entlang, bis ich nicht mehr konnte. Dann setzte ich mich auf die Stufen einer Metzgerei und sah erschöpft und neidisch zu, wie die Stadt langsam aus dem Schlaf erwachte. Als ich wieder in die Wohnung zurückkam, war Tania zur Arbeit gegangen, und der Maler schlief noch. Ohne mich auszuziehen, fiel ich voll bekleidet auf die Couch und schlief tief bis in den späten Nachmittag.

Die nächsten Wochen verbrachte ich damit, tagsüber in der Wohnung zu schlafen und nachts durch die Straßen zu ir­­ren. Es erübrigt sich zu sagen, dass ich mir alle Mühe gab, ein Zimmer zu finden. Meine Suche führte mich auch zu anderen Mitgliedern der kleinen Künstlergruppe, für die mein Bekannter in Paris mir das Empfehlungsschreiben mitgegeben hatte.

Eines Tages landete ich bei einer schönen jungen Frau, deren Mann nicht da war. Sie war Dichterin, und er – wie alle behaupteten – ein großartiger Schriftsteller. Er war nach England gegangen, um Englisch zu lernen, damit er auf Englisch schreiben, ein größeres Publikum erreichen und so der Zensur der Kirche entgehen konnte, die seiner Ansicht nach die künstlerische Kreativität in Holland behinderte. Seine Frau war erst drei- oder vierundzwanzig, wirkte aber vollkommen erwachsen, selbstsicher und kontrolliert. Sie war sehr feminin, klein, mit einer Fülle von weichem braunem Haar. Ihre Augen waren groß, ruhig und blau. Sie zu betrachten war wie vom Gipfel eines Hügels zu einem klaren Himmel emporzuschauen oder Musik zu hören. Nachdem ich ihr meine Geschichte erzählt und mein Empfehlungsschreiben gezeigt hatte, sagte sie, es tue ihr leid, dass sie kein Zimmer für mich hätte, aber sie wolle mir bei der Suche helfen. Kurz darauf klingelte es unten an der Tür, und ich hatte einen Augenblick Zeit, mich umzusehen.

Ich saß in einem großen sonnendurchfluteten Zimmer mit einer relativ niedrigen Decke, die von schweren Eichenbalken getragen wurde. Sie waren sorgfältig lackiert und gehörten zum Dekor. An der Wand stand ein bequemes Sofa, auf dem eine fein gewebte Decke lag. Sie schien sehr alt zu sein. An den Wänden hingen gerahmte Gedichte und Bilder. An der Wand gegenüber der Tür stand eine altmodische Vitrine mit Glastüren. Sie war überfüllt mit allen möglichen Bü­chern, vergilbten Zeitungen und Papieren, die wie Ma­nuskripte aussahen. Durch ein Fenster gegenüber dem Sofa strich eine leichte Brise ins Zimmer. Die Fensterläden standen offen.

Mit einem Mal sprang ein riesiger, wild aussehender hellbrauner Kater auf die Fensterbank und von da auf den großen runden Tisch in der Mitte des Raums. Er hob träge den Kopf, sah mich gleichgültig an und machte dann einen lässigen Satz auf den Sessel seiner Herrin, wo er sich zusammenkauerte. In dieser Stellung starrte er auf einen glühenden Sonnenbalken, der den blankpolierten Boden versengte.

Dann kehrte meine Gastgeberin mit mehreren jungen Männern zurück. Ich hatte sie schon einmal gesehen, im Café am Leidseplein. Wir begrüßten uns, und ich war froh, dass alle ein bisschen Englisch sprachen. Als sie erzählte, dass ihr Mann in England war und weshalb, äußerte ich Mitgefühl, weil er die Mühe auf sich nehmen musste, in einer fremden Sprache schreiben zu lernen.

‹Wir – sind daran gewöhnt›, entgegnete sie.

Verdutzt sah ich sie an. ‹Das verstehe ich nicht.›

‹Wir sind nun einmal anders, und deswegen hassen sie uns.›

Jetzt war ich noch verdutzter. Wen meint sie mit wir, fragte ich mich. Wäre sie schwarz gewesen, hätte ich schneller verstanden. Während des Schweigens, das folgte, dachte ich kurz über dieses Rätsel nach. Ich versuchte, mich an alles zu er­innern, was ich erlebt hatte, seit ich nach Holland gekommen war, um herauszufinden, worauf sie anspielte. Ihre Freun­de waren ausnahmslos sehr nett zu mir gewesen. Und jetzt kam es mir vor, als stünden sie sich alle sehr nahe.

‹Schade, dass das junge Paar, das ich in Paris kennengelernt habe, nicht hier ist. Ich hätte mich gern mit ihnen ange­freundet›, sagte ich.

‹Familienprobleme›, sagte einer der jungen Männer lächelnd. Er war schäbig gekleidet und sonst eher mürrisch. Auf seine Bemerkung hin wechselten die anderen vielsagende Blicke.

‹Wie gefällt dir Holland?›, fragte der ältere, anprechendere junge Mann. Er trug eine Brille und sah aus wie ein ernster Philosophiestudent. Später erfuhr ich, dass er Professor für alte Sprachen an der Universität war und sein mürrischer Be­­gleiter Bildhauer. Der dritte im Bund wirkte weder jung noch alt. Er saß mit übereinandergeschlagenen Beinen still und aufrecht auf seinem Stuhl und sagte kein Wort.

‹Oh, ganz gut. Ich bin zwar noch immer auf der Suche nach einem Zimmer … Und ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen, wie mich die Leute hier die ganze Zeit anstarren.› Dann erzählte ich ihnen von meinen Erfahrungen in Paris und warum ich von dort weggegangen war. Ich schloss mit der Klage über die missliche Lage des Schwarzen, der wie ein mutterloses Kind durch die Welt wandert, weit weg von der Heimat.

‹Aus meinen Eltern haben sie Seife gemacht.› Ich sah die hübsche junge Frau an, die das gesagt hatte. Ihr Blick war fest, ihr Ausdruck ruhig. Ihre Hände lagen leicht verschränkt in ihrem Schoß. Plötzlich tauchte der wild aussehende Kater auf, wie aus dem Nichts, und sprang auf ihren Schoß. Liebevoll streichelte sie seinen Kopf.

‹Wer?›

Alle sahen mich mindestens eine volle Minute ungläubig an. Ich hatte dieses Staunen, das sie nun zweifellos empfanden, selbst erlebt, wenn mich in einer Unterhaltung jemand fragte, wer Hamlet geschrieben hatte.

‹Die Deutschen.› Sie sagte es ganz ruhig, als hätte sie die Kartoffeln gesagt.

Da erst ging mir auf, dass sie Juden waren. Die Erkenntnis zeigte sich an meinem Gesichtsausdruck. Tödliche Stille senkte sich über den Raum. In diesem Moment machte ich eine Bestandsaufnahme des Universums und versuchte zu begreifen, wer ich war. Ich erinnerte mich, dass ich das Lächeln, das nun über den Rand der Gesichter in diesem Zimmer huschte, auch auf den Gesichtern von Schwarzen gesehen hatte, wenn sie von den Vorfällen während der Rassenunruhen in Chicago und Detroit, von den Lynchmorden im Süden oder der Polizeigewalt im Norden sprachen.

Kurz darauf beendete ich meinen Besuch. Mit gemischten Gefühlen verließ ich die kleine Gruppe. Der Klang der Worte der jungen Frau: ‹Aus meinen Eltern haben sie Seife gemacht› verdüsterte den klaren blauen Himmel. Die sanfte, unschuldi­ge Brise, die durch den kleinen Park unweit des Hauses wehte, das ich gerade besucht hatte, verwandelte sich in einen bedrohlichen Agenten des Bösen. Das bezaubernde Gesicht meiner Gastgeberin schwebte vor meinen Augen wie das Bild einer mythologischen Gestalt oder das Negativ einer schönen Frau, die tot war. Ich identifizierte mich dermaßen mit ihrem Schmerz, dass ich mich selbst wie ein Jude fühlte. Das schreckliche Ungeheuer, SIE, die anderen, lauerte in den dunklen Ecken meines Bewusstseins, und so bildete ich mir eine perverse und böswillige Feindseligkeit in allen Gesichtern ein, die mir begegneten. Die geringste Aufmerksamkeit von Leuten auf der Straße oder öffentlichen Plätzen verstörte mich!»

An dieser Stelle konnte sich die kleine Gruppe junger Männer, die sich im Mövenpick um mich scharte, nicht mehr beherrschen.

«Moment mal!», rief jemand. Ich hörte auf zu sprechen und sah mich um, auf der Suche nach der Stimme, die meine Erinnerungen unterbrochen hatte.

«Ja», sagte ich, ein wenig verträumt und bemerkte, wie am Himmel ein Stück weiches Blau aufleuchtete. Dann sagte der Jemand – ich wusste nicht, wer es war:

«Ich kann verstehen, wie sich die Juden gefühlt haben müs­sen, aber dass die Menschen dich anstarrten, ist doch klar. Offenbar ist dir nicht bewusst, dass wir Europäer nicht jeden Tag Schwarze zu Gesicht bekommen!»

«Doch», entgegnete ich ungeduldig, denn ich wollte den roten Faden meiner Gedanken nicht verlieren. Zugleich bedauerte ich, dass ich nicht innehalten und auf seinen Einwand eingehen konnte, ich hätte überempfindlich auf das Gaffen der Leute reagiert. «Vermutlich hast du recht», sagte ich. «Ich komme später noch darauf zurück, aber jetzt würde ich gern zu Ende erzählen, warum ich aus Amsterdam weggegangen bin.

Ich habe versucht zu beschreiben, wie sehr mich das Gespräch mit der jungen Dichterin erschüttert hatte. Was mich aber vollends aus dem Gleichgewicht brachte, war ein anderer Herr, dem ich vorgestellt worden war. Er war Grafologe. Er interessierte mich, einmal wegen seines Berufs, zum anderen, weil er offenbar Spinoza genauso bewunderte wie ich. Er war ein groß gewachsener blonder Mann mit feinen Gesichtszügen und einer leicht gebeugten Haltung. Er saß, stand oder ging gewöhnlich mit gesenktem Haupt, als trüge er eine schwere unsichtbare Last – und genauso war es auch!

Ich hatte ihn über meinen Gastgeber in der Prinsengracht kennengelernt. Eines Tages lud er mich zu sich nach Hause ein und stellte mir seine Frau und seinen Sohn vor. Sie war eine kräftige, dunkelhaarige kleine Person, die aussah wie dreißig, aber eher vierzig sein musste. Trotzdem sah sie sehr gut aus. Sie war extrem ernst und auf seltsame Art lebendig. Ihr Sohn war zwölf und außergewöhnlich hübsch.

Der Mann hatte versprochen, mir seinen Beruf zu erklären, nachdem ich ihm gestanden hatte, diesen schon immer mit einer Portion gesunder Skepsis betrachtet zu haben. Doch als ich bei ihm eintraf, steckte mich seine Frau mit ihrer Begeisterung für Musik an. Sie hatte eine kleine Plattensammlung mit Werken von Bach, Mozart und Vivaldi, um nur eini­ge zu nennen.

‹Musik ist alles, was mir geblieben ist›, sagte sie feierlich. Und ich hatte das Gefühl, dass ich mich privilegiert fühlen sollte, sie mit ihr teilen zu dürfen. Anschließend blieb uns nichts anderes übrig, als zuzuhören. Und so machten wir es uns um den Plattenspieler herum gemütlich. Mein Platz war neben dem Fenster, durch das ich über die Dächer von Am­sterdam sah. Ansonsten konnte ich den Blick nicht von ihr abwenden. Sie war auf starke, überzeugende Weise ein Zentrum der Anziehungskraft für uns alle.

Später erfuhr ich, dass diese kleine Frau während des Krieges sehr mutig gewesen war. Die Nazis hatten sie mehrmals festgenommen, und jedes Mal war ihr die Flucht gelungen. Ihre Augen glühten wie Feuer, während sie die Musik in sich aufnahm, als wäre sie das Leben selbst. Wir anderen nahmen an diesem Ritual teil wie Besucher, die den Gottesdienst ei­ner Kirche besuchen, ohne deren Glauben anzugehören.

Dann war die Musik zu Ende. Sie servierte uns Kaffee, und ich hatte das Thema Grafologie vergessen. Wir unterhielten uns über Spinoza.

‹Wir sind alle Teil eines Ganzen, das Gott ist … egal auf welche Art man ihn wahrnimmt … Das ist alles, was er sagen wollte.› Sie sprach die Worte mit großer Eindringlichkeit aus.

‹Ja›, antwortete ich. ‹In der Ausgabe der Ethik, die ich gelesen habe, hatte der Herausgeber das Dokument der Exkommunikation beigefügt, das Spinoza von der Kirche vorgelesen wurde. Ich war erstaunt über die scheinbar unzähligen Arten, mit denen er von den Kanonikern des Kirchenrechts verflucht worden war. Ich versuchte mir vorzustellen, wie er sich gefühlt haben muss, als Ausgestoßener unter seinen eigenen Leuten. Und das zu einer Zeit, als es in der westlichen Welt nur wenige Staaten gab, in denen ein Jude Asyl erhielt. Es machte mich sehr traurig …›

‹Sie sollten einen Spaziergang mit mir durch die Altstadt machen›, sagte der Grafologe. Seine Frau sah ihn mit schmerz­erfülltem Ausdruck in den Augen an. Ich fühlte mich unwohl. ‹Ich zeige Ihnen das Ghetto, in dem Spinoza lebte … Den Platz, wo die alte Synagoge stand.›

‹Den würde ich sehr gern sehen›, sagte ich und versuchte, den Gesichtsausdruck seiner Frau zu deuten.

Wir tranken unseren Kaffee aus, ich bedankte mich bei ihr für die wundervolle Musik und verabschiedete mich.

Es war ein sonniger und träger Tag. Langsam schlenderten wir durch die Altstadt von Amsterdam, vorbei an vielen Häusern, die gerade abgerissen wurden, und an anderen, die nur noch Ruinen waren. Nach einer Weile kamen wir zu einer Art Platz mit einem alten Springbrunnen aus Stein in der Mitte. ‹Hier halten wir unseren Markt ab, aber heute gibt es keinen›, erklärte er mir. Wir gingen weiter. Nachdem wir den Platz überquert hatten, zeigte er geradeaus und sagte: ‹Dort drüben stand die alte Kirche. Sie ist vor langer Zeit zerstört worden. Die da ist neu.› Die Mauern des Gebäudes waren gespickt mit Einschüssen von Maschinengewehren und Löchern von Mörsergranaten. So gut wie alle Fenster waren zersplittert. Ich sah ihn fragend an. ‹Der Krieg›, erklärte er.

Wir gingen weiter. Gelegentlich deutete er auf ein Gebäude oder ein Haus und machte eine erklärende Bemerkung. An einer Stelle zeigte er mir ein dreistöckiges Gebäude einige Straßen von der Synagoge entfernt und sagte: ‹Dorthin haben sie meine Familie verschleppt. Sie wurden alle umge­bracht.› Er sprach mit unterdrückter, halb erstickter Stimme. Da er einen Schritt hinter mir zurückgeblieben war, konnte ich sein Gesicht nicht sehen. Beim Klang seiner Stimme blieb ich abrupt stehen und versuchte, das beklemmende Gefühl, das mich überkam, abzuschütteln. Ich dachte an den schmerzerfüllten Ausdruck im Gesicht seiner Frau.

Sie hat es gewusst, dachte ich.

Die Sonne schien auf das stumpfe graue Gemäuer und auf die Pflastersteine der Straße und überzog sie mit einem hellen Glanz. Ich hörte nichts, nur seine Stimme, seinen Atem und die Stille, wenn wir verstummten. Ich sah das schöne Ge­sicht der Dichterin vor mir. Sie saß in dem lichtdurchfluteten Zimmer und sah mich unverwandt an. Sie hatte die Hände in ihrem Schoß verschränkt. Der wilde Kater tauchte plötzlich aus dem Nichts auf und sprang auf ihren Schoß. Sie streichelte seinen Kopf und sagte: ‹Aus meinen Eltern haben sie Seife gemacht.› Ich zuckte zusammen, drehte mich um und sah ihn an, so laut war die Stimme, die ich soeben gehört hatte. Ich fragte mich, ob auch er sie gehört hatte. Als sich unsere Blicke kreuzten, wurde er kreidebleich. Die randlose Brille, die er trug, ließ seine Augen riesig und flüssig erscheinen, als blickten sie mich durch ein mit Wasser gefülltes Glas an.

‹Sie kamen alle um›, sagte er. ‹Nur … mich haben sie nicht mitgenommen. Sie kamen am Morgen in aller Frühe und nahmen meine Familie mit. Sie brachten sie dahin, zu diesem al­­ten Gebäude. Es waren schon viele andere da. Da standen sie …›

Ich wandte mich von ihm ab. Wie konnte er mir das er­zäh­len, dachte ich, nur zehn Jahre später? Und warum mir? Warum erzählte er ausgerechnet mir diese schreckliche Geschichte! Seine Stimme dröhnte in meinen Ohren, wiederholte die Einzelheiten, bis ich Lust hatte, ihm ins Gesicht zu spucken. Ich drehte mich wieder zu ihm um und legte ihm die Hand auf die Schulter. ‹Warten Sie!›, sagte ich. Aber er hörte mich gar nicht.

‹Sie haben mich nicht mitgenommen, weil ich nicht so aussah wie ein Jude. Wie um Himmels willen sieht ein Jude denn aus!› Schweigend kehrten wir langsam zurück. Wir sahen uns nicht an. Und beim Gehen dachte ich, er beichtet es allen Leuten, weil er seine Identität verborgen hat und nicht mit den Mitgliedern seiner Familie gestorben ist … Er assoziiert mich mit ihm, weil ich schwarz bin …

Bei dieser Vorstellung überkam mich ein Gefühl von Mitleid, vermischt mit Übelkeit; nicht aufgrund dessen, was er erlitten hatte, sondern weil mir bewusst wurde, dass er ein perverses Vergnügen daran fand, die intimen Einzelheiten des Todes seiner Familie zu erzählen, an dem Schmerz, den er sich selbst und anderen zufügte.

Wir kamen zum Stadtzentrum. Er musste nach rechts, ich geradeaus. Wir verabschiedeten uns und gingen unserer Wege. Ich sah den Grafologen nie wieder.

Inzwischen war ich so aufgewühlt, dass dieses Gefühl all meine Handlungen beherrschte. Ich hatte kein Zimmer finden können. Die Zeit verstrich, und ich machte mir Sorgen wegen meiner Stellung in der Welt. Überall lauerten Gefahren. Ich fasste einen Entschluss, den ich langsam in die Tat umsetzte, wenn auch sehr indirekt. Nachdem ich mich von dem Gra­fologen getrennt hatte, bestand meine erste entscheidende Reaktion darin, Descartes’ Haus aufzusuchen. Es erinnerte mich an sein Schicksal durch die Hand der Kirche, und das war alles andere als eine fröhliche Reminiszenz. Und für den Fall, dass das nicht reichte, um mir die Entscheidung, die ich getroffen hatte, vor Augen zu führen, schaute ich mir auch noch Rembrandts alte Residenz an, um mir erneut ins Gedächtnis zu rufen, wie er fast verhungert war, weil er sich ge­weigert hatte, so zu malen wie die Bürgerschaft es von ihm verlangte. Nach diesem Besuch spürte ich, wie die unsichtba­ren Flammen des Nationalsozialismus, des Judentums, des Katholizismus und des Puritanismus zu meinen Füßen flackerten. Ich erinnerte mich an die Hexenverfolgungen in New England. Ich sah, wie im tiefsten Winter zitternde Grüppchen von holländischen Puritanern – darunter auch Juden, zweifellos – an der windzerzausten Küste von Plymouth standen. Und dann spaltete sich der entscheidende Gedanke von meinen Gefühlen ab. Das war der Ort, aus dem sie geflohen waren! Und deshalb war klar: Das ist kein Ort für mich.»

«Und da bist du nach Bern gekommen?», fragte der junge Mann, der mich zu dieser Erklärung veranlasst hatte.

«Nicht sofort. Zuerst bin ich nach Deutschland gefahren.»

«Nach Deutschland!», riefen alle verblüfft.

Ich nippte an meinem Glas. Der Wein schmeckte sehr sauer. Meine Lippen waren trocken. Ich warf einen Blick auf die Uhr über dem Eingang. Es war bereits spät. Ich sollte wirklich gehen … sagte ich mir, während ich darüber nachdachte, warum ich nach Deutschland gegangen war und es dann wieder verlassen hatte. Es kam mir jetzt seltsam vor, dass ich das getan hatte. Ich hatte oft daran gedacht, eine Geschichte darüber zu schreiben. Ich brauchte nur den passenden Ansatz, eine erste Zeile. Meine Gefühle kreisten um diese Spannung, die Deutschland war, und ich begann zu sprechen, ohne mir dessen oder der anderen ringsum bewusst zu sein.

Warum ich Deutschland verlassen habe

«Ich bekam einen Brief von einem Freund. Er hieß David und war ein rothaariger Südstaatler aus den Smoky Mountains in Tennessee, der mittlerweile in Kalifornien lebte. Er schlug mir vor, einen Bekannten in Bern zu besuchen, den ich einmal auf einer Party in seiner Wohnung auf dem St. James Square in Philadelphia kennengelernt hatte. Ich fühlte mich wie Lazarus, als ihm ein neues Leben versprochen wurde. Gehorsam verließ ich drei Tage später Amsterdam, vorgeblich auf dem Weg nach Bern.

Doch unterwegs legte ich einen Zwischenstopp in Deutschland ein. Vielleicht bleibe ich eine Weile hier, sagte ich mir und vergaß vorübergehend den Ruf, der mich von den Toten erweckt hatte. Nun, der Grund, warum ich einen so außergewöhnlichen Gedanken hatte, vor allem angesichts dessen, was ich euch soeben über meine Gefühle in Amsterdam erzählt habe, war, dass ich auf dem College einen Zimmergenos­sen gehabt hatte, der sich an der medizinischen Fakultät einer deutschen Universität beworben hatte. Er beherrschte die Sprache ziemlich gut, nachdem er sie mithilfe eines hübschen Fräuleins erlernt hatte. Dieses Fräulein hatte er mir an langweiligen Abenden, wenn wir es uns nicht leisten konnten, den Campus zu verlassen, liebevoll bis in die kleinsten Einzelheiten beschrieben. Der eigentliche Grund dafür, dass er sich an einer ausländischen Universität dreitausend Meilen von zu Hause entfernt beworben hatte, war natürlich der, dass die amerikanischen Universitäten völlig überfüllt waren. Es gab kaum genug Studienplätze für die berechtigten Einhei­mischen, ganz zu schweigen von Juden, Chinesen, Japanern, Indianern und Schwarzen.

Die Universität befand sich in München. Auf dem Weg nach Bern kam ich durch München. Wir könnten uns wiedersehen, dachte ich, und erinnerte mich an die schöne Zeit, die wir auf dem College verbracht hatten. Vielleicht bringt mir ein hübsches Fräulein Deutsch bei. Ich könnte Goethe in seiner eigenen Sprache lesen … Ja! Ich werde in München bleiben, schreiben, studieren, die Kirchen genießen und mich kultivieren lassen …

Er wird überrascht sein, mich zu sehen, sagte ich mir, als der Zug in den Bahnhof einfuhr und ich zum nächsten Taxistand eilte. Es setzte mich an einem düster wirkenden Gebäude ab, anscheinend in einem Vorort der Stadt. Die Mittagssonne schien auf zwei dürre Bäume im Vorgarten. Es war ein warmer Tag, dennoch herrschte im Treppenhaus eine kühle und abweisende Atmosphäre, als ich die Stufen hinaufstieg. Ich hatte das Gefühl, als ginge ich in einen muffigen feuchten Keller hinunter. Es war absolut still. Die Fenster in den Türen der Wohnungen bestanden aus dunkel gefärbtem Glas. Dahinter tauchten gelegentlich Gesichter auf, die mich schweigend ansahen. ‹Wissen Sie vielleicht, wo …?›, begann ich, und schon war das Gesicht wieder verschwunden. Im dritten Stock öffnete sich eine Tür einen Spaltbreit, als ich dar­an vorbeikam, und ich hörte eine Frau lachen. Müde stieg ich weiter zum nächsten Stockwerk hinauf und überprüfte im Vorbeigehen die Namen auf den kupfernen Namensschildern. Schließlich fand ich im obersten Stock den Namen meines Freundes. Ich klingelte und wartete mehrere Minuten. Gerade als ich ein zweites Mal läuten wollte, ging die Tür ein wenig auf, und durch den Spalt blickten mich zwei misstrauische Augen an.

Es war nicht mein Freund, sondern Rufus Grey, ein anderer Student aus meinem College, den ich fast vergessen hatte.

‹Du!›, rief ich erstaunt.

Er öffnete die Tür ganz und sah mich an, vorsichtig, zögernd, ehe er mich hereinbat. Nachdem er mich eine Zeitlang gemustert hatte, schien er mich wiederzuerkennen. Er stieß einen Seufzer aus und sagte: ‹VO, Mann›, denn alle nannten mich VO nach den Initialen meines Namens. ‹Was machst du denn hier?›

Grey hatte sich stark verändert, wie ich sah, nachdem ich die Wohnung betreten hatte. Er war drei- oder vierunddreißig, ein ehemaliger Soldat, klein gewachsen, muskulös und kräftig. Aber er war auch sehr feinfühlig und ernst. Er hatte dunkelrote Sommersprossen, direkt unterhalb der runden kleinen Augen, was dem ernsten Gesicht einen komischen Touch gab. Seine Ohren waren geradezu lächerlich klein und eng an den runden Kopf gedrückt. Er trug einen schlichten braunen Anzug, der dringend gebügelt werden musste, obwohl er ziemlich neu und modisch geschnitten war.

‹Komm rein, komm rein›, sagte er.

Ich betrat den Raum und fragte mich, was hier los war. Er wirkte nervös. Sein Gesicht war müde und angespannt, die Augen rot unterlaufen und feucht, als hätte er seit Tagen nicht geschlafen. Ich fragte ihn, wo mein Freund wäre, und setzte mich auf den Platz in der Nähe des Fensters, den er mir mit einer Geste angedeutet hatte. Verzweifelt breitete er die Arme aus.

‹Sieh dich doch mal um …› Er zeigte auf das schmutzige ver­wahrloste Zimmer. Es sah so aus, als hätte jemand in aller Eile gepackt und war dann verschwunden. Überall lag schmutzige Wäsche herum. In einer Ecke stapelten sich verstaubte Bü­cher. Der ausgebleichte Linoleumboden war mit Staubflusen und schmutzigen Papierresten übersät. In der Mitte lag ein Haufen Glasscherben neben einer leeren Weinflasche, und auf dem Tisch standen mehrere mit Essensresten verkrus­tete Teller, mitsamt Messern, Gabeln und Löffeln.

‹Was ist passiert?›, fragte ich.

‹Ich dachte, ich werde noch verrückt …›, sagte er leise und ein wenig abwesend, während er sich auf eine Holzkiste setzte, die als Nachttisch diente. ‹ Aber ich werde nicht verrückt!› Dann sah er mich an, als wäre ihm gerade ein verwirrender Gedanke gekommen. ‹Warum bist du hier?›

Ich erklärte ihm, dass ich meinen Freund besuchen wollte, daran gedacht hatte, mich in München niederzulassen und erstaunt sei, ihn nicht anzutreffen. Ein bitterer Ausdruck flog über Greys Gesicht.

‹Du hast sie wohl nicht mehr alle! Sie haben ihn verjagt. Es ist die Hölle hier!›

‹Was soll das heißen?›

‹Die Leute hier, Mann. Sieh dir das Zimmer an. Es kostet hundertfünfzig Mark im Monat. Zwei Mark extra für ein Bad! Kein fließendes Wasser. Angeblich wird es geheizt, aber da kannst du lange warten, Mann.›

‹Kann man sich nicht bei den amerikanischen Behörden beschweren?›

‹Ha! Denen ist das egal, Mann. Die Vermieterin ist ein Miststück. Und man kann nichts tun. Sie machen uns fertig …›

Allmählich erfuhr ich von Rufus Grey, dass das Leben in München alles andere als angenehm war. Er meinte, die Professoren und Studenten an der Universität seien abweisend, ja sogar feindselig, und dass man in einer fremden Sprache studieren musste, mache alles nur noch schlimmer. Er sagte, sie würden die ganze Zeit angestarrt und ausgelacht, und die meisten Frauen wollten nichts mit ihnen zu tun haben. Seiner Ansicht nach waren die Leute verbittert und nachtragend, wegen des Krieges. ‹Der Nationalsozialismus ist alles andere als tot›, erklärte er.

‹Mag sein, dass ich Komplexe habe›, fügte er nachdenklich hinzu. ‹Manchmal habe ich das Gefühl, ich sei noch immer in Georgia.› Dann sagte er in einem ziemlich zynischen Ton, dass mein Freund, um dessentwillen ich so weit gereist war, wahrscheinlich auch welche gehabt hatte, denn er habe es hier nicht mehr ausgehalten. ‹Er ist auseinandergefallen wie eine feuchte Brezel. Er hat sich in den Hurenhäusern volllaufen lassen und sein Studium vernachlässigt. Er ist zu ei­nem dreckigen, vulgären und schlampigen Penner geworden, Mann.›

Ich war sprachlos. Zu Hause hatte mein Freund nie getrunken, er war ein pflichtbewusster Student gewesen, viel gewissenhafter als ich, da ich immer dazu neigte, aufs Geratewohl die Bibliothek zu durchforsten, sodass ich oft die Verbindung zu den Themen verlor, auf die ich mich für mein Studium hätte konzentrieren sollen. Ich war derjenige, der ihn gelegentlich überredet hatte, ins Kino zu gehen oder sich einen Tag freizunehmen. Grey erzählte mir auch, dass mein Freund in letzter Zeit sehr arrogant und anmaßend gewesen sei.

‹Man konnte einfach nicht mehr mit ihm zusammenleben. Nicht mal ich oder seine anderen amerikanischen Freunde. Mehrere davon sind Juden. Wir wohnen alle hier in derselben Pension. Gestern hat er dann das Fass zum Überlaufen gebracht, als er völlig betrunken einem der jüdischen Studenten eine Flasche auf dem Kopf zertrümmerte. Seit Wochen hält er jeden weißen Mann, der ihm in Deutschland über den Weg läuft, für einen Nazi … Sie haben sich übel geprügelt. Natürlich hatte der Junge was dagegen, eins über die Rübe zu kriegen. Vor allem von einem ‘Nigger’, wie er es ausdrückte. Das war ein großer Fehler. Aber er war stinksauer. Sie bewarfen sich mit Tellern. Und als wäre das alles nicht schlimm genug, versammelten sich die Nachbarn vor der Haustür und auf der Straße und lachten sich krumm, weil zwei Amerikaner, ein weißer und ein schwarzer, nicht einmal dann miteinander auskamen, wenn sie nicht in Amerika waren. Ekelhaft!›

Ich fand es sehr traurig und beunruhigend, dass mein Freund sich so sehr verändert hatte. Doch wenn ich es mir recht überlege, kann ich nicht behaupten, dass das, was ihm passiert war, ungewöhnlich ist; ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es oft zu derartigen Szenen kommt, vor allem in größeren Städten, wenn alte Erinnerungen an die Heimat hochkommen oder wenn mich jemand bittet, einem Euro­päer die Rassenprobleme in Amerika zu erklären. Die Minderheiten, die von der Mehrheit unter Druck gesetzt werden, egal, wo sie leben oder arbeiten, bekämpfen sich manchmal gegenseitig, sei es aus Selbsthass, aus Angst oder, was noch erbärmlicher und zugleich auf geradezu perverse Art schön ist, aus der gewalttätigen und komplizierten Leidenschaft ei­ner unaussprechlichen Liebe heraus. Vermutlich ist das eine von mehreren Erklärungen für das rätselhafte ‹Problem›, das Weiße und Schwarze im Süden Amerikas miteinan­der haben, wie es beispielsweise ein oder zwei amerikanische Schriftsteller, Mr. Faulkner und Mr. Caldwell gelegentlich bezeichnen. Aber wie schwer fällt es diesen Herren und den wenigen anderen, aber auch mir selbst, diese Wahrheit zu akzeptieren.

Kurz nach dem Streit, der offensichtlich am Abend zuvor stattgefunden hatte, war mein Freund aus Deutschland verschwunden. Grey erzählte, er habe nur eine kühle, unpersönliche Notiz gefunden, in der mein Freund ihm mitteilte, dass er weg sei. Und das erklärte zweifelsohne den Zustand, in dem ich Grey vorgefunden hatte, tief verzweifelt und einsam in einem offensichtlich unfreundlichen Land.

Die beiden mussten gut befreundet gewesen sein, wenn er so darunter litt! Ob mein Freund sein Studium in Amerika wieder aufgenommen hat oder nicht, kann ich nicht sagen. Nachdem ich München verlassen hatte, habe ich Grey nicht mehr geschrieben. Aber ich weiß, dass er inzwischen verheiratet ist und einen Sohn und eine Tochter hat. Das erfuhr ich von einem Freund, der mir später schrieb und ihn zufäl­lig erwähnte.

Seltsam, dass es so gekommen ist, dachte ich niederge­schla­gen, als ich mich von Grey verabschiedete, der noch im­mer auf der Kiste saß. Mein Freund war so ein guter Student gewesen. Er hatte sich so sehr darauf gefreut, in Europa zu stu­dieren und ein großartiger Arzt zu werden.

‹Ja›, hatte ich immer zu ihm gesagt. ‹Du wirst nach Deutschland gehen und ein großartiger Arzt werden.› Und er antwortete:

‹Und du musst nach Paris gehen und mindestens ein Dostojewski oder Proust werden.› Davon träumten wir damals, als wir in unseren Betten lagen, lange nachdem das Licht ausgegangen war …

Es ist so schade, dachte ich, als ich in eine breite, eintönige Straße einbog, in der nicht ein einziger Baum stand. Unter der sengenden Sonne überkam mich allmählich ein beklemmendes Gefühl. Und als ich unterwegs auf kleine Gruppen von Passanten stieß, dachte ich mit zunehmendem Unbehagen und Bedauern an Amsterdam – aber auch mit Sehnsucht. Dort war es mir besser ergangen. Grey hatte mir geraten, nicht in München zu bleiben, und ich beschloss, seinen Rat zu beherzigen.

Bis zum Stadtzentrum war es ein langer Weg. Die Sonne wurde zunehmend heißer und greller. Ich fragte einen Mann nach dem Weg zum Bahnhof. Er zeigte geradeaus, sagte etwas, was ich nicht verstand, und ging dann weiter. Ich lief in die Richtung, in die sein Finger gezeigt hatte. Nach einer Weile war ich vom Laufen und den deprimierenden Gedanken an meine Freunde so müde, dass ich beschloss, die Nacht in einem Hotel zu verbringen. Als ich mich dem Zentrum näher­te, bekam ich Durst. Ich betrat ein Lokal, das aussah wie ein Café, um bei einem Bier zu verschnaufen. Doch das Café entpuppte sich als Bierhalle.

Andererseits ist Bierhalle noch stark untertrieben. Der Saal, den ich ahnungslos betreten hatte, war ein Bierstadion! Riesig, mit einem feuchten Betonboden und vielen kleinen Ab­flüssen, durch die verschüttete Flüssigkeiten abfließen konnten. Es stank nach Bier, Urin und Schweiß. Reihen von langen Holztischen zogen sich vom Eingang bis zur hinteren Wand quer durch die Halle. An den Tischen saßen auf langen Holzbänken mit dünnen Stahlbeinen unzählige Menschen in allen Größen und Formen, mit unterschiedlich roten Gesichtern und tranken Bier aus riesigen Humpen. Kräftige Kell­nerinnen schleppten mit Krügen voller schäumender brauner Flüssigkeit beladene Tabletts und setzten sie vor Männern und Frauen mit roten Nasen und wässrigen Augen ab, die das Bier dann durstig hinunterstürzten.

Ich ging hinein, setzte mich in den Lärm, winkte eine Kellnerin herbei und sagte: ‹Bier›. Kurz danach stellte sie mir das Glas vor die Nase. Gerade, als ich es zu meinen Lippen führte, setzte sich ein junges, pummeliges Mädchen von vielleicht achtzehn Jahren mit einem frechen Grinsen und einer Zahnlücke (sie sah aus wie aus einem Gemälde von Frans Hals), hinter mich und schob mir ihre plumpe Hand zwischen die Beine. Um ein Haar hätte ich mich übergeben. Sie sagte etwas auf Deutsch, das ich sehr gut verstand, obwohl die einzigen Worte, die ich kannte, Ja, Hamburger und Nein waren. Daher entschied ich mich für Nein, lächelte ihr kurz zu, und sobald sie ihre Hand weggezogen hatte, stand ich auf. Als ich den Saal schließlich verließ, beschloss ich, die Nacht doch lieber nicht in München zu verbringen. Allerdings stellte sich heraus, dass mir am Ende gar nichts anderes übrig blieb, weil der Zug zu einem ungünstigen Zeitpunkt abfahren sollte.

Todmüde taumelte ich auf der Suche nach einem billigen Hotel durch die Stadt. Die Luft war heiß und staubig von den vielen Gebäuden, die abgerissen oder neu gebaut wurden. Der Krieg, dachte ich und erinnerte mich an das Ghetto in Amsterdam. Nachdem ich durch viele Straßen gelaufen war und viele Fremde, die aussahen wie Militärs, Taxifahrer, Gepäckträger und Bahnbeamte, befragt hatte – offensichtlich trug hier jeder eine Uniform mit Schulterklappen –, landete ich bei einer sehr charmanten jungen Frau am Informationsschalter des Bahnhofs, die ausgezeichnet Englisch sprach. Sie erklärte mir genau, wo ich ein gemütliches und preiswertes Zimmer finden würde, und half mir, den Fahrplan zu entzif­fern. Ich bedankte mich bei ihr und lief zu Fuß zu dem Hotel, das sie mir empfohlen hatte. Dort ging ich sofort auf mein Zimmer, drehte den Schlüssel im Schloss um und fiel schwer auf mein Bett. Am nächsten Morgen gegen elf wachte ich auf. Und kurz nach eins stieg ich in den Zug nach Bern …

Während der Zug aus dem Bahnhof fuhr, ließ meine Beklemmung nach. Ein alter Nervenkitzel, den ich seit meiner Zeit als Soldat kannte, versetzte mich in Erregung, der Reiz des Unterwegseins mit einem neuen Ziel vor Augen. Als ich klein war, enthielt ‹morgen› immer die Verheißung auf etwas, was ich mir wünschte, egal was, aber heute nicht haben konnte … Vielleicht haben deshalb romantische und geheimnisvolle Dinge eine so wichtige Rolle in meinem Leben gespielt. Vielleicht habe ich deshalb immer befürchtet, dass das Unbekannte, das für mich mit all seinen unzähligen Möglichkeiten so kostbar ist, von der positivistischen Tendenz in ihrer ganzen Absurdität – heute fälschlicherweise als ‹wissenschaftlich› bezeichnet – einfach ausgeschlossen und ignoriert wird, weil es nicht berechenbar ist.

Wie heftig spürte ich das, als die düsteren Häuser, die an Kasernen erinnerten, grünen Feldern und Weiden wichen und die offene Landschaft mit den sanften Farben des Frühlings verschmolz! Blumen blühten, Kühe grasten, Bauern bestellten ihr Land. Wir kamen an einem Bach vorbei, ich holte tief Luft, und plötzlich kam mir ein Gedanke:

Ich kenne schwarze amerikanische Soldaten, die während des Krieges in Deutschland waren, und Soldaten, die nach dem Krieg hier Dienst taten und die Deutschen so liebten, dass sie deutsche Frauen heirateten und sie mit nach Amerika nahmen – was wirklich heldenhaft war! Es gab sogar welche, die nie nach Amerika zurückgekehrt wären, wenn sie gekonnt hätten … Jedenfalls haben sie das behauptet …

Diese Gedanken standen in gefährlicher Weise im Widerspruch zu den Erfahrungen, die ich in den letzten vierundzwanzig Stunden in Deutschland gemacht hatte, und sie beunruhigten mich. Offensichtlich hatte sich in Frankreich und auch in Deutschland nach dem Krieg vieles verändert. Ob andere deutsche Städte anders sind als München?, fragte ich mich. Lag es an meinen Freunden? Oder an mir?

Während ich mir über diese Fragen den Kopf zerbrach, sah ich wieder die Parolen an den Wänden und Zäunen von Paris vor mir, auf denen ‹Amis raus!› stand. Bei dieser Erinnerung zuckte ich zusammen. Und dann kam mir ein beruhi­gender Gedanke: Paris ist weit weg … Amsterdam ist weit weg … Die deutsche Landschaft entfernt sich … Meine Sinne wandten sich neuen Fragen zu, die sich in einer einzigen zu kristallisieren schienen: Was werde ich in Bern vorfinden?

Nun», setzte ich an, doch im gleichen Augenblick flammte die Beleuchtung auf, und das Mövenpick wurde von einem fahlen weißen Licht überflutet, einem kühlen, schmutzig-frostigen Glanz aus dem künstlichen Glasdekor am Rand des Balkons. In ihm gefror das intensive Grün der Blätter an dem imaginären Baum, der aus der Kasse wuchs, und dem anderen zwischen den beiden Tischen, die die Kellnerin schon vor langer Zeit für das Abendessen gedeckt hatte. Bei dieser Vorstellung musste ich schmunzeln. Nur ich konnte die Bäume sehen, alle anderen schauten zu, wie einer aufgeblasenen, modisch gekleideten Dame mit einer leichten Pelzstola und ihrem gleichermaßen aufgeblasenen Mann, dessen kahler Schädel leuchtend rosa wie ein gut genährter Magen glänzte, das Abendessen serviert wurde. Vor der Farbe des Schädels hob sich der Abend in einem intensiven Blau ab.

Meine Gefährten drängten mich fortzufahren, vor allem der Neue, der unbedingt wissen wollte, warum ich nach Bern gekommen war, doch ich bat sie, mich aufgrund der vor­ge­rück­ten Stunde zu entschuldigen. Ich machte ihn auf die fins­teren Blicke des Kellners aufmerksam und auf die Gefahr, wenn wir länger blieben. «Ich war früher mal Koch. Ich weiß, wie sich der Mann fühlt», erklärte ich. «In diesem Lärm kann man sich sowieso nicht mehr unterhalten. Außerdem bin ich zum Abendessen mit Freunden verabredet. Herr und Frau C. in Wabern (einem Vorort von Bern) haben mich zum Käsefondue eingeladen. Frau C. kann es nicht leiden, wenn man zu spät zu ihrem berühmten Fondue kommt, wenn es nämlich nicht sofort gegessen wird, verdirbt es, der Käse klumpt und bildet kleine Kugeln, so ähnlich wie Kaugummi. Und da ich kein Geld habe, um woanders zu essen, Gentlemen, nehmt ihr es mir hoffentlich nicht übel, wenn ich die Geschichte irgendwann anders zu Ende erzähle …»

Ich war hungrig, erschöpft und irgendwie auch deprimiert nach der Anstrengung, meine beschwerlichen Schritte nach Bern zurückzuverfolgen. Außerdem frustrierte es mich, dass ich es nicht geschafft hatte, ihnen klarzumachen, worum es mir ging. Mein Gegenüber war unzufrieden, ich spürte es. Es hatte ihm nicht gefallen, was ich über Europa, die Franzosen und die Deutschen gesagt hatte. Vielleicht war er Welschschweizer, Deutschschweizer, Schweizerdeutscher oder Schwei­zerfranzose – ich zog alle Möglichkeiten in Betracht, sah aber ein, dass es zu spät war; der Schaden war bereits angerichtet.

«Ein anderes Mal», sagte ich, stand auf und verabschie­dete mich. Ich trat durch die Schwingtür des Mövenpicks auf den Bahnhofplatz und fühlte mich nackt und beschämt. Bruchstücke von Gedanken wirbelten durch meinen Kopf, und das Geräusch, das sie verursachten, vermischte sich mit dem Verkehrslärm. Ich ging quer über die Straße Richtung Spitalgasse, schlenderte unter den Lauben von Loeb hindurch und ignorierte die modisch gekleideten Schaufensterpuppen un­ter den kristallenen Lüstern und die Menschenmenge, die durch die großen Eingänge strömte. Ohne es zu merken, ging ich in Richtung Sherrers, einem kleinen Restaurant in der Marktgasse, in dem ich oft aß, weil es so preiswert war. Dort setze ich mich in Ruhe hin, sagte ich mir. Dann fiel mir plötzlich ein, dass ich kein Geld mehr hatte. Madame C.s Käsefondue!, dachte ich, drehte mich um und stieß mit einem Mann mittleren Alters zusammen, der eine Melone trug und seinen schwarzen Pudel an einer gelben Leine führte. «Pardon!», entschuldigte ich mich, denn mir war klar, dass ich mich beeilen musste, wenn ich noch rechtzeitig zu Madame kommen wollte. Bis nach Wabern waren es gut fünfzig Minuten zu Fuß, und für ein Trambillet hatte ich kein Geld.

Woran ich unterwegs dachte

Ich dachte so gut wie gar nichts, bis ich die Monbijoustraße erreichte, wo viele Menschen unterwegs waren. Diskret beäugte ich die Knöchel, Hüften und Brüste der vielen hübschen Mädchen, ihr unablässiges Auf und Ab. Doch als ich in die Monbijoustraße eingebogen war, die Bundesstraße auf der linken Seite überquert hatte und am Olivetti-Schreibmaschinenladen und am Tea Room Rendez-vous vorbeigekommen war, lichteten sich die Menschenmassen. Während die Leute in Häusern, aus deren Fenstern rosiges Licht strömte, bei Café complet, Rösti, Bratwurst und Apfelkuchen saßen, ging mir Folgendes durch den Kopf:

Ich vermisse mein eigenes rosiges Fenster am Abend! Ich vermisse meine Schweinekoteletts mit Bratäpfeln und brauner Sauce, die frischen warmen Biscuits dazu und den damp­fenden Tee, um alles runterzuspülen. Ich werde immer in ei­­ner fremden Stadt sein, in die Fenster fremder Leute blicken, an den Tischen fremder Menschen essen … Dann ein anderer Gedanke: Ich habe vorhin nicht alles gesagt, was ich dachte … oder fühlte. Einiges von dem, was ich sagte, stimm­te, egal wie schlecht ich mich ausgedrückt habe, es stimmte – früher einmal! Aber wie lächerlich es mir jetzt vorkommt!

Der Abend fühlte sich weich und kühl an, als ich an der Wander AG vorbeikam. Ich dachte an Little Orphan Annie und an Daddie Warbucks und daran, wie erstaunt – ja, gekränkt – ich gewesen war, als ich bei einem Streit, den ich unbedingt gewinnen wollte, entdeckte, dass Ovomaltine ein Schweizer Produkt war. Das ist nicht fair, dachte ich nun, lief die Monbijoustraße weiter hinauf, folgte den Gleisen des Trams um die Ecke und kam an dem Seniorenheim vorbei.

Aus seinen Fenstern fiel blasses Licht. Gegenüber auf dem weiten grünen Feld stapfte ein müder Bauer, der sehr alt aussah, vor seinem riesigen grauen Pferd über einen frisch gepflügten Acker. Als ich den Duft von Erde und feuchtem Gras einsog, fiel mir ein, wie mir mal jemand erzählt hatte, dass die Berner, wenn sie ein bestimmtes Alter erreicht haben, fünfundachtzig oder sechsundneunzig und zwei Drittel, glaube ich, einen Schaukelstuhl vom Staat geschenkt bekommen. Mein Informant meinte, das erkläre vielleicht, warum die Berner sich bemühten, so lange wie möglich zu leben. Dann fragte er, ob mir nicht aufgefallen sei, wie vorsichtig sie seien. Wie praktisch, dachte ich, und lächelte in mich hin­ein, während ich zusah, wie sich die Gestalt langsam in der Dunkelheit verlor. Wie praktisch, so nah am Seniorenheim zu wohnen. Mein Lächeln und meine Gedanken lösten sich in kleine Wellen auf, die sich in meinen ganzen Körper ausbreiteten, bis seine Hitze in die abendliche Kühle ausstrahlte. Es lag an der Anstrengung und dem Rhythmus des Gehens, und als meine Augen auf die untergehende Sonne fielen, die sich durch einen Streifen Grün im Westen brach, entdeckte mein Körper sein Lied! …

An einer Ecke blieb ich stehen und ließ ein Auto vorbei. Noch zwanzig Minuten, sagte ich mir und hoffte, dass ich mich nicht verspäten würde, wünschte, Madame C. würde mir statt des Käsefondues nur ein Stückchen Fleisch und Brot und vielleicht eine Tomate und eine grüne Paprika vorsetzen.

Aber … erneut kräuselten sich meine Gedanken, und schon klopfte ich an Madame C.s Tür und sagte: «Guten A-bend!», während mir der Geruch nach Käse und Weißwein in die Nase stach …

Bevor ich an diesem Abend in meinem dunklen Zimmer einschlief, dachte ich darüber nach, wie unzufrieden ich das Mövenpick verlassen hatte. Ich hatte nur eine Formel wiederholt, die ich schon unzählige Male ausgesprochen hatte, weil man mir unzählige Male dieselben Fragen gestellt hatte. Die Erklärung, die ich abgegeben hatte, war alles andere als vollständig gewesen. Dem jungen Mann hatte ich nur das gesagt, was ich schon anderen jungen Männern gesagt hatte, die dies waren und nicht das. Stimmt, ich war froh, dass ich nicht mit einem der Kerle konfrontiert gewesen war, der das war, denn das sind echte Bastarde! Nicht weil ihre Eltern unverheiratet gewesen waren, als sie geboren wurden – wer spricht denn heute schon darüber! – sondern weil sie mit ihren dreckigen Pfoten gern in den intimsten Teilen meines Bewusstseins bohren.

Jeden Augenblick kann einer von denen auftauchen. Sie könnten hinter jedem x-beliebigen Felsen lauern. Das Musterbeispiel ist normalerweise ein cleverer junger Mann, der amerikanische Zeitungen liest. Er hat Italien, Paris und Spanien besucht und spricht deren Sprachen mit einem starken Schweizer Akzent. Er ist ein Mann von Welt, und das will er mir zeigen. Zudem würde er, egal wo, andere Leute gern damit beeindrucken, dass er au courant ist, amerikanisches Englisch spricht, ein äußerst interessanter Mensch ist und jedermann kennt. Für gewöhnlich kommt er auf mich zu, grüßt mich auf vertraute Art (‹Amerikaner sind nun mal so, weißt du›, scheint er zu sagen) und nennt mich beim Vornamen. Vielleicht hat er ihn zufällig aufgeschnappt oder von einem Bekannten erfahren, der ihn von einem Mädchen hörte, mit dem ich an einem Samstagabend Weihnachten vor einem Jahr im Bierhübeli getanzt habe! Manchmal ruft er ihn von der anderen Straßenseite, aus einer Menschenmenge heraus, die gerade aus dem Kino strömt, um halb fünf, halb sieben, halb neun oder halb elf. Meistens macht er sich in ei­­nem Café an mich heran, aber eher im Casino oder Em­bassy Tearoom, wo die hübschen Mädchen ein- und ausgehen, sich umschauen und lächeln, ihren Kaffee oder Tee trinken und sich unterhalten. Einmal tauchte er im Bali auf, zwischen zwei Schlucken Bier.

«Hi, Wince!» oder «Hal-lo, Winsen!», rief er über den Lärm des Klaviers, den Glanz der kitschigen Lampen, das nervöse Lachen der Bardame mit dem tiefen Ausschnitt hinweg und streckte mir seine klebrige Hand entgegen. «Was gibt’s Neues! Was für eine Überraschung, dich zu sehen!» Er hatte mich also nicht gesehen, als er mich vor knapp zwanzig Minuten beim Verlassen des Sultan Tea Rooms angesprochen hatte! «Was, du bist noch immer in Bern? Ich verstehe nicht, wie du es hier aushältst!»

Mit einem mörderischen Ausdruck in den Augen sah ich zu diesem Herrn auf. Ich sah mit einem mörderischen Ausdruck zu ihm auf, weil an diesem bestimmten Tag eine melan­cholische Stimmung in der Luft lag. Ich hatte gerade eine Absage von einer Zeitschrift erhalten, deren Redakteur mir versichert hatte: «Dass wir Ihre Geschichte ablehnen, sagt nichts über deren Qualität aus, es bedeutet lediglich, dass sie nicht in unsere Zeitschrift passt.» Ich hatte meine letzten sechzig Rappen ausgegeben, um diese kleine Unannehmlichkeit mit einem Bier hinunterzuspülen. Obendrein ging der Sommer zur Neige. Ich hatte es an diesem Tag gespürt, zwischen halb vier und halb fünf, als ich auf dem kleinen Uferweg mit Blick auf den Damm stand, da, wo der Fluss hinter der Bekleidungsfabrik Schild gegenüber der Schwellenmätteli-Sauna und dem Tea Room in einen Kanal übergeht. Dort unten hatte ich mir gewünscht, ich wäre jünger und der Sommer wäre sonniger gewesen. Ich hatte mit den Veränderungen gehadert, die das rote Laub, dann die kahlen Äste, die kalten Winde und der Schnee in mein Leben bringen würden. Was soll aus mir werden?, hatte ich mich gefragt und auf das schäumende eiskalte blaugrüne Wasser hinabgeschaut. Habe ich das Zeug zu einem Schriftsteller? Habe ich den Mut, zu springen? Das Wasser sieht verlockend aus. Wenn es bloß nicht so kalt wäre! …

«Warum kommst du nicht nach Hause?», hatte meine Mut­ter mir gerade erst geschrieben. «Dein Cousin hat eine Frau, einen guten Job und ein schönes kleines Haus mit einer Hütte für den Hund. Jetzt verdient er achttausend im Jahr. Du würdest mindestens genauso gut abschneiden mit deiner Ausbildung, Reiseerfahrung usw. …»

Machen wir es noch komplizierter:

Ich war nicht zufrieden mit meiner letzten Geschichte. Ich musste sie umschreiben. Aber ich hatte schon lange nichts mehr zu Papier gebracht – seit etwa einem Monat, vielleicht auch zwei –, die Zeit verfliegt so schnell! Vielleicht war es so­­­gar noch länger her, seit ich zuletzt etwas geschrieben hatte. Ich hatte eine Menge guter Bücher gelesen, und nicht mal die Tatsache, dass ihre Autoren tot waren, tröstete mich. Zwan­zigmal hatte mich irgendein Unmensch oder vorlauter Streithammel an diesem Tag mit einem unheimlichen Grinsen gefragt: «Na, was macht das Schreiben?» Und ich hatte geantwortet:

«Ich komme voran …» und mich gefragt: Wann? Wie? Ich kam mir nutzlos und lächerlich vor mit meinem Stapel leerer weißer Blätter in meiner Aktentasche.

«Schon was verkauft?», wollte mein wohlwollender Freund wissen, bevor ich ihm sagte, dass ich noch was vorhätte.

Noch mehr Komplikationen:

An diesem Tag, als der Mann, einer von denen, mich gefragt hatte, wie ich es bloß in Bern aushielt, war ich mit drei Monaten Miete im Rückstand und schuldete dem Rendez-vous vier Kaffees. Ich hatte mir von allen Leuten, die dazu in der Lage waren, Geld geliehen. Meine Freunde beschleunigten die Schritte, sobald sie mich auf der Straße sahen. Ich hatte ein bisschen Hunger. Es gab Freunde, die mich zum Essen eingeladen hätten, aber heute konnte ich sie nicht besuchen, weil ich vorhatte, morgen zu ihnen zu gehen. Die unveröffentlichten Manuskripte, die sich auf meinem Tisch stapelten, verschafften mir keine Befriedigung, und es machte auch keinen Spaß, mich in Edgar Allan Poes oder Mozarts Elend zu wälzen, ein beliebter Zeitvertreib, den ich mir gewöhnlich für die düstersten Stunden aufhob. An diesem Tag, als der Sommer in den Herbst überging, dachte ich an zu Hause, an meine Mutter und meinen Vater, an meine Jugend, an meine Pläne und meine Ambitionen. Ich dachte an die Liebe einer Frau und ein Familienleben. Ich haderte. Zweifel übermannten mich. Ich saß im Bali vor meinem Bier und klammerte mich an den letzten Strohhalm, in der Hoffnung, dass er mich vor dem Ertrinken retten würde.

Und dann kam der Angriff.

«Hi, Wince!» oder «Hal-lo, Winsen!», rief er über den Lärm des Klaviers, den Glanz der kitschigen Lampen, das nervöse Lachen der Bardame mit dem tiefen Ausschnitt hinweg und streckte mir seine klebrige Hand entgegen. «Was gibt’s Neues! Was für eine Überraschung, dich zu sehen!» Er hatte mich also nicht gesehen, als er mich vor knapp zwanzig Minuten beim Verlassen des Sultan Tea Rooms angesprochen hatte! «Was, du bist noch immer in Bern? Ich verstehe nicht, wie du es hier aushältst!»

Mit einem mörderischen Ausdruck in den Augen sah ich zu diesem Herrn auf. Ich vermaß sein fliehendes Kinn, schätzte den Grad an Entschlossenheit in seinem gehetzten Blick ab und gab mir Mühe, den Anflug von Mitgefühl zu unterdrü­cken, der in mir aufstieg, als ich sein verängstigtes junges Gesicht betrachtete. Herzlos und entschlossen wartete ich darauf, dass er nach links oder rechts auswich und aus dem Gleichgewicht kam. Er täuschte mit der Linken –

«… aber wieso bist du überhaupt nach Bern gekommen?» und streifte mein Kinn mit der Rechten. Ich wich dem Schlag aus. Denn was er eigentlich hatte sagen wollen, war: Wieso bist ausgerechnet du nach Bern gekommen? Mit anderen Worten: Wieso bist du nicht in Amerika geblieben? Und das wiederum hieß: Ich weiß, warum du nicht in Amerika geblieben bist, du armer Teufel! Bist du nicht heilfroh, in Bern zu sein, wo die Leute nicht so gemein zu dir sind?

Ich wehrte mich.

«Tja, ich bin hergekommen, um den Untergang der europäischen Kultur zu studieren. So einfach ist das!», rief ich ausgelassen und zeigte diskret auf einen mickrigen jungen Mann, der am anderen Ende des Tresens saß. «Hast du so was schon mal gesehen? Ein erwachsener Mann, der sein Bier mit Strohhalm trinkt! … Ich habe gehört, dass die Schweiz eins der primitivsten Länder Europas ist, mit dem niedrigstmöglichen Grad an Kultur und unglaublich dekadent.»

Ich grinste in mich hinein, während er auf seinem Sitz her­umzappelte. Ich mochte ihn nicht, allerdings nicht, weil er so war, wie er war, sondern, weil er sich selbst nicht mochte und mich zwang, die Kleinlichkeit meines Charakters zu offenbaren, die mich dazu brachte, derart hässliche Dinge zu sagen. Aber ich durfte keinesfalls zulassen, dass er mich kampflos besiegte.

«Aber», setzte ich hinzu und dachte, das wird die Stimmung ein wenig aufhellen, «wenn man schreiben will, muss man die eigene Perspektive erweitern und sein Land, sich selbst und seine Landsleute aus einer gewissen Distanz betrachten. Daher könnte man gewissermaßen sagen, ich sei in die Schweiz gekommen, um mir über meine Identität als Amerikaner und Schwarzer in der westlichen Welt klar zu werden.»

«Aber warum ausgerechnet in der Schweiz? Und obendrein in Bern?», fragte er, in der Hoffnung, dass ich ihm ho­nig­süße Beteuerungen über den demokratischen Geist der Schweizer um den Bart schmierte.

«Das war Zufall. Ich hätte wie ein typischer Amerikaner mit meinen dreitausend Dollar einunddreißig Länder in zwei Wochen besuchen und erschöpft nach Hause zurückkehren können, mit einem Haufen Souvenirs, die ich genauso gut im Untergeschoss von Macy’s hätte kaufen können, ohne auch nur das Geringste über Europa zu wissen, ohne mir irgendwas angeschaut zu haben, nichts, was ich mir nicht auch hätte aneignen können, wenn ich mir ein Reisemagazin gekauft und es an einem langweiligen Sonntagnachmittag in meinem Wohnzimmer durchgeblättert hätte. Ja, das hätte ich machen können, aber ich bin zum Schreiben nach Europa gekommen, und um schreiben zu können, braucht man Ruhe. Außerdem habe ich mir gesagt, dass man mehr über Europa erfahren kann, wenn man in einer Stadt bleibt, sie wirklich kennenlernt und mit ihren Bewohnern zusammenlebt. Dann würde ich zumindest über einen Teil der Europäer eine Menge erfahren, und das würde mir helfen, mithilfe von Vergleichen einige ihrer allgemeineren Eigenschaften zu verstehen. Ob Schweizer, Holländer, Deutsche, Italiener oder Spanier, es gibt eine typisch europäische Sichtweise, die sich auf bestimmte Bräuche und Vorstellungen gründet, die ihnen allen gemein sind, nicht wahr?» Er stimmte mir zu und war sichtlich froh, dass die Unterhaltung einen banaleren und dennoch objektiveren Ton angenommen hatte. «Und wo sonst würde man bleiben wollen, wenn man Europas Herzschlag hören wollte, wenn nicht in Bern?»

«Ach, komm, du machst doch bloß Witze!» Er lachte. Es war ein spontanes, nicht beabsichtigtes Lachen. Es enthielt einen Funken von Freude, der auch mich froh stimmte, denn bislang hatte ich nur eine böse Grimasse auf seinem Gesicht gesehen, einen hektischen Ausdruck in seinen Augen (obwohl er ziemlich jung war, höchstens zweiundzwanzig, und ein wirklich hübscher Kerl). Er lachte so, wie er vielleicht als Vierjähriger gelacht haben musste. Mir ging es jetzt auch besser, weil die Unterhaltung eine neue Wende genommen hatte. Meine eigenen Probleme verblassten, als ich daran dachte, dass sich hier eine neue menschliche Beziehung herauskristallisierte. Ein intuitiver Funke schoss mir durch den Kopf, und ich griff nach den Worten, während sie durch das Licht stolperten und dann wieder in den dunkleren Regionen primitiver Gedanken versanken.

«Aber es stimmt doch. Die Schweiz liegt genau in der Mitte von Europa, und Bern ist ihre Hauptstadt. Im Kirchenfeld finden sich Botschaften und Vertretungen aus aller Herren Länder. Man braucht nur an einem x-beliebigen Tag vor dem Bahnhof zu stehen», sagte ich, vielleicht ein bisschen allzu enthusiastisch, «ja, vor dem Bahnhof zu stehen, und wenn sich zwei Kulis auf einem Reisfeld in der oberen Mongolei streiten – vorausgesetzt es gibt überhaupt Reisfelder in der oberen Mongolei –, kann man spüren, wie der Nachhall dieses Streits den Verkehr erschüttert! Und zwei Stunden später, wenn die Zeitungen erscheinen, kann man die Einzelheiten in den Schlagzeilen lesen. Hausfrauen werden aufgefordert, Vorräte anzulegen. Das Rote Kreuz wird in Alarm versetzt. Heftige Schwankungen bringen die Börsenticker durcheinander. Die lokalen Geschäftsaussichten schießen in ungeahnte Höhen oder zittern am Rande eines tiefen Abgrunds.»

Er lachte wieder wie ein entzücktes Kind, und ich fuhr fort, froh über sein Lachen, mitgerissen vom Strom meiner Gedanken.

«Weißt du was …? Als Präsident Eisenhower die Einfuhrzölle für Schweizer Uhren anhob, hielt mich eines verreg­neten Tages vor Radio Bern ein Straßenfeger an, ein netter, freundlicher Mann; ich hatte ihn in den letzten beiden Jahren fast jeden Tag gesehen und mich oft mit ihm unterhalten. Er fegte gerade einen Haufen Pferdemist zusammen, ganz frisch, denn er dampfte noch. Doch jetzt ließ er seine Schaufel fallen und verlangte aufgebracht eine Erklärung für Mr. Eisenhowers Handelspolitik!

‹Was meinen Sie?›, fragte ich ein wenig schüchtern, denn ich musste Französisch sprechen und fühlte mich in dieser Sprache nicht so sicher. Aber auch, weil mich seine Wut überraschte, denn er war immer sehr freundlich zu mir gewesen. Ganz kurz dachte ich, dass ich ihn missverstanden hatte und er böse war, weil ich in meiner Achtlosigkeit Asche aus meiner Pfeife auf seinen sauberen Trottoir hatte fallen lassen.

‹Wie? Sie wissen nicht, was Monsieur Eisenhower macht?›, schrie er zornig und sah mich an, als wäre ich schuld an dem Haufen Pferdemist, den er gerade hatte fallen lassen.

‹Nein›, entgegnete ich. ‹Ich habe keine Ahnung.›

‹Lesen Sie denn keine Zeitung?›

‹Nein – ich habe schon seit Monaten keine Zeitung mehr gelesen, und Politik hat mich seit der Emanzipationsproklamation zur Abschaffung der Sklaverei nicht interessiert.›

Er starrte mich sprachlos und ungläubig an.

‹Er hat – er hat die Zölle angehoben – für Schweizer Uhren!› Es bereitete ihm große Mühe zu sprechen, er fasste sich an die Brust. Ich trat einen Schritt auf den alten Mann zu, um ihn aufzufangen, falls er umkippte. ‹Jeder weiß, dass Schweizer Uhren – dass Schweizer Uhren – die besten der Welt sind! Sie haben es ja selbst gesagt! Und – und – und weil die ameri­ka­nischen Uhrmacher neidisch sind, wollen sie – wollen sie die Einfuhr von Schweizer Uhren unterbinden. Dabei sind es die Amerikaner, die ständig davon sprechen, dass die wirtschaftlichen Einnahmen der ganzen Welt zugutekommen sollen und dass sie den armen Ländern helfen wollen, helfen! Jetzt verlieren zwanzigtausend Menschen ihre Arbeit! Die Amerikaner sind Dummköpfe! Sie praktizieren nicht, was sie predigen. Demokratie! Kein Wunder, dass Verbrecher wie McCarthy Ihr Land regieren. Und Sie!› Ich sah den Zorn in seinen freundlichen alten Augen. ‹Ein schwarzer Mann! Und Sie lesen keine Zeitung!›

‹Tja›, sagte ich. ‹Ich stimme Ihnen zu, es ist in der Tat ei­gen­artig. Aber da ich die Fakten nicht kenne, kann ich mich dazu auch nicht äußern. Im Übrigen ist es wahr, dass die Ame­rika­ner nicht immer das praktizieren, was sie predigen. Da haben Sie vollkommen recht. Auch ich habe eine Menge Beweise für diese bedauerliche Tatsache. Und mit Sicherheit sind viele Politiker und Regierungsbeamte Dummköpfe. Aber was die Uhren angeht, das Wann und Warum, dazu kann ich nichts sagen, weil ich, wie schon gesagt, keine Zeitung lese. Und ich werde wohl auch nicht so schnell wieder damit anfangen …›

Der alte Mann wetterte noch zehn Minuten gegen die Ame­rikaner, bevor ich mich aus dem Staub machen konnte. Und glaubst du, das wäre das Ende gewesen?», fragte ich den jungen Mann, gerade als die Bardame sich bückte, um ein Messer aufzuheben, das ihr aus der Hand gefallen war, und die tiefe Spalte zwischen ihren Brüsten offenbarte, die so stramm standen, als wären sie dazu abgerichtet. «Glaubst du, dass die Sache damit abgeschlossen war? Von wegen. Ich bekam einiges zu hören, von meinem Coiffeur und von weitläu­figen Bekannten, denen ich zufällig auf der Straße begegnete. Auch die Kellner und Kellnerinnen in den Cafés und Tea Rooms machten sich Luft. Monatelang war es das einzige Thema in unzähligen hitzigen Unterhaltungen!

Sieh mal», bettelte ich. «Ich wette mit dir, dass nicht ei­ner von tausend Amerikanern, es sei denn, es betrifft ihn direkt, die geringste Ahnung davon hat, dass man die Zölle auf Schweizer Uhren angehoben hat! Ich will nicht sagen, dass es schlecht ist, wenn Leute so empfindlich sind, ich sage es nur, um meinen Standpunkt klarzumachen, nämlich dass die Schweiz ein idealer Ort ist, um nicht nur Europa, sondern die ganze Welt zu beobachten.»

«Dann willst du wohl für immer hierbleiben?»

«Warum sollte ich?»

«Na ja, du weißt ja viel besser als ich, wie es bei euch im Sü­den zugeht. Diese Leute da unten müssen verrückt sein. Das ist etwas, was wir Europäer nicht verstehen. Wie können Menschen so tief fallen? Warum macht die Regierung dem nicht ein Ende, wenn Amerika doch immer behauptet, es sei eine Demokratie? Ich habe nichts gegen – gegen – Nig – Schwarze. Sie sind – du bist genauso viel wert wie – wie ich – wie jeder andere …» Er sah mich lange und eindringlich an, und seine Verwirrung zeigte sich in seinem Ausdruck, einem Ausdruck echter Befriedigung, durchsetzt von sadistischer Freude, als hätte er einen wunden Punkt in meiner Selbstgefälligkeit berührt. Er wartete.

«Oh, das kann ich nicht erklären …, jedenfalls nicht einfach so…» Ich geriet ins Taumeln unter der sinnlosen Last, diesem jungen Mann in einer überfüllten, lauten Bar bei ei­nem leeren Glas Bier zu «erklären», warum die amerikanische Regierung nichts dagegen unternahm, als ließen sich die Rassenkonflikte in Amerika in einem einzigen Wort zusammenfassen! «Amerika ist so groß …», sagte ich und hatte das Gefühl, er glaubte, dass ich dem Thema ausweichen wollte, «und in vielen Gegenden so unterschiedlich.»

«Trotzdem verstehe ich nicht, wie jemand, nur weil er weiß ist, so grausam zu jemand anderem sein kann, nur weil der ein – weil der schwarz ist.»

«Nun», seufzte ich lustlos angesichts dessen, was mir als unglaubliche Naivität erschien, während ich an den Satz dachte, der meine Sicht der Dinge in Amsterdam so erschüttert hatte: «Aus meinen Eltern haben sie Seife gemacht.» – «Europa ist auch nicht viel anders.»

«Was? Jetzt hör aber auf.»

«Nein, ich meine es ernst. Kannst du die Deutschen im letzten Krieg verstehen? Das heißt diejenigen, die Nazis ­wa­­ren? Weißt du, wie viele Juden vergast oder lebendig verbrannt wurden? Wie viele Seifenstücke man aus ihnen gemacht hat? Das ist natürlich keine Sklaverei, wie wir sie in Amerika hatten, aber was spielt das für eine Rolle? Es ist ge­nau wie die Sklaverei ein Beispiel für die Unmenschlichkeit des Menschen gegenüber seinesgleichen, wie ein berühmter englischer Dichter es einmal ausgedrückt hat. Sag mir, verstehst du die Engländer? Was glaubst du, wie viele Menschen in den Diamantenminen umgekommen sind? Oder von Belgiern und Franzosen einfach abgeschlachtet wurden? Wie viele Polen von den Russen umgebracht wurden? Wie viele Japaner in Hiroshima bei lebendigem Leib verbrannt sind? Die Liste ist endlos. Wenn es dich nicht überzeugt, such dir ein Beispiel aus, das näher an deiner Heimat ist. Eins, das du besser verstehen kannst. Die Schweizer Söldnerheere gehörten zu den grausamsten auf der Welt. War es nicht so? Wie heißt es noch: ‹Wo ein Schweizer Stiefel hintritt, wächst kein Gras mehr.›»

«Nun – das ist lange her.»

«Von wegen», wandte ich ein. «Die Kohleminen in Belgien, die Clochards in Paris und Italien, ganz zu schweigen vom Mittleren und Nahen Osten oder Südafrika. Versteh mich nicht falsch. Ich will Amerika nicht entschuldigen und auch nicht die Menschenrechtsverletzungen, die in der übrigen Welt begangen werden. Aber sieh dir eure eigene Geschichte an, die Verbrechen, die während der Industriellen Revolution an Menschen begangen wurden und auch davor, such dir irgendeine Zeit aus, egal, in welchem Land. Mit den Gebeinen dieser sinnlos abgeschlachteten Menschen könnte man neue Welten bauen. Ihre Asche würde alle Meere trockenle­gen!»

Mein Gegenüber sah mich nachdenklich an. Ich trank den letzten Schluck Bier. Es schmeckte bitter. Obendrein fühlte ich mich nicht wohl. Noch war ich nicht auf den Kern der Sache zu sprechen gekommen! Was mich nach Bern verschlagen hatte, war komplizierter und schrecklicher als meine persönlichen Streitigkeiten, Politik oder die Ermordung von ein paar Millionen Menschen.

«Ich muss gehen», sagte ich, und als ich aufstand, merkte ich, dass auch er die Spannung spürte.

«Darf ich dich zu dem Bier einladen?», fragte er.

«Es ist bereits bezahlt», entgegnete ich.

«Nun, dann vielen Dank für das interessante Gespräch», sagte er.

«Oh, ich habe zu danken …»

«Tja …»

«Bis dann.»

Wir trennten uns, weil wir uns selbst ein bisschen leid wa­ren. Wir mussten durch dieselbe Tür, deshalb ließ ich mir beim Bezahlen Zeit, damit er vorausgehen konnte. Ich folgte ihm langsam, um ihn nicht einzuholen oder am Eingang un­ten mit ihm zusammenzustoßen. Vorsichtig trat ich auf den Trottoir und bog nach rechts und dann wieder nach rechts ab, Richtung Bärenplatz. Die Sonne steckte hinter dicken, schweren Wolken fest. Es war ein kühler, feuchter Tag. Ich kam am Grotto vorbei und sah mit leeren Augen die Menschen an, die dort saßen und mich mit leeren Augen ansahen. Es wird regnen, dachte ich. Ja, es wird regnen, noch ehe es Abend wird … so wie in den letzten beiden Wochen auch … Ich ging durch den mittleren Torbogen des Bundeshauses und bemerkte, dass der riesige Kronleuchter in der Lobby noch brannte. Ich stieg die Steintreppe zur Terrasse hinunter, an den Geranientöpfen vorbei. Alte Männer und Frauen und Frauen mit Kindern saßen auf grauen Bänken und schauten über die grauen Mauern der Terrasse auf den Gurten, der von Dunst umhüllt war. Man konnte ihn kaum erkennen. Die Aare hingegen wirkte metallisch-grün, als sie sich einen Weg durch die Bäume bahnte und dann rasch verschwand! Auf der linken Seite schob sich der Verkehr träge über die Kirchenfeldbrücke. Englische Touristen in Sandalen schlenderten mit ihren uralten Boxkameras über den Schultern ein wenig arrogant an mir vorbei. Ich setzte mich auf eine Bank und dachte erneut darüber nach, wie ich die Frage beantworten sollte …

Als meine Pfeife an diesem Abend, in der Dunkelheit meines Zimmers, einen Lichthof roter Flammen um die Glühbir­ne zeichnete, dachte ich, dass ich, nachdem ich die oberflächlicheren Argumente erschöpft hatte, an diesem Nachmittag mit den schrecklicheren Aspekten meiner Seelenlage konfrontiert worden war. Ich war noch immer gereizt, weil der junge Mann im Bali angedeutet hatte, ich sei aus rassistischen Gründen aus Amerika weggelaufen. Aber noch mehr brachte es mich auf, dass wahrscheinlich etwas Wahres daran war, wenn ich mich so darüber aufregte. Auf alle Fälle stimmte es, in Bern genoss ich ein viel freieres gesellschaftliches Leben, als ich es von zu Hause gewohnt war. Doch das war es nicht, nicht wirklich, dachte ich.

War ich nach Europa gekommen, weil ich das oberflächliche Leben in Amerika satthatte? Oder über diese Oberflächlichkeit schreiben wollte? Auf der Suche nach mir selbst und dem Sinn des Lebens? Deshalb bin ich doch gekommen, sagte ich mir, doch nachdem ich in drei Jahren keine einzige Geschichte verkauft hatte, begann ich zu zweifeln. Und während ich noch zweifelte, war ich diesem jungen Mann begeg­net …

Während ich auf der Bundesterrasse saß und auf den Gurten hinüberblickte, der sich in den Himmel erhob, hatte ich mich all das gefragt und mich dabei sehr seltsam gefühlt, ungefähr so, als würde ich genau in diesem Augenblick geboren. Allmählich zweifelte ich daran, dass es den Mann tatsächlich gegeben hatte (so sehr geht manchmal die Fantasie mit mir durch!) – vielleicht war es ja bloß eine imaginäre Verkörperung meiner eigenen Zweifel gewesen! Bei diesem Gedanken erfüllte mich ein erfrischendes Gefühl, aber dessen Wirkung war nicht nur tröstlich. Denn jetzt konnte ich mir eingestehen, dass mich die Frage des Mannes aus demsel­ben Grund so verstört hatte, aus dem ich seit über zwei Monaten nichts geschrieben hatte. Ich befürchtete, dass ich nichts zu sagen hätte oder nicht in der Lage wäre, es auszudrücken. Der Grund für diese Befürchtung ging noch tiefer und hatte mit moralischen Werten zu tun, der Bedeutung des Universums und mit meiner bewussten Beziehung zu Gott. Ist das möglich?, hatte ich mich gefragt. Bin ich wirklich so aufgebracht, weil mir ein kleiner Mistkerl mit seinen naiven Andeutungen blöd gekommen ist? Deshalb leide ich an Ängsten und Minderwertigkeitsgefühlen, deshalb schäme ich mich, dass meine Absätze abgelaufen sind; aus Überempfindlichkeit gegenüber tausendundsieben lästigen kleinen Illusionen: Weil ich mir über meine Beziehung zu Gott im Unklaren bin! Tja, hatte ich mir gesagt, das wirft natürlich ein ganz neues Licht auf die Angelegenheit!

Und dann dachte ich vor dem Einschlafen, nachdem ich alles durch eine eher zynische Brille betrachtet hatte, dass es ein kaltes abstraktes Licht war, das mir den Weg erhellt, mich aber auch mächtig geblendet hatte! Denn war ich nicht am Münchner Bahnhof wie ein Sünder in den Zug gestiegen, ein Sünder, der aus Furcht vor der Hölle bibberte und sich fragte, was er wohl in Bern finden würde, dabei wusste ich tief in meinem armseligen Herzen, dass ich nur mich selbst finden würde!

Als ich die Augen nicht länger offenhalten konnte, fiel ich in einen unruhigen, albtraumhaften Schlaf und träumte …

Bern

Der Bahnhof war ein altertümliches, malerisches Gebäude und in seiner Bescheidenheit auf sentimentale Art einladend. Dünne nackte Stahlrippen stützten die Dächer der Depots, in denen die Schmalspurwaggons standen. Gelbe, mit Gepäck beladene Elektrowägelchen flitzten wie laute kleine Pudel hin und her. Arbeiter in blauen Kitteln, die aussahen wie Kleider, kümmerten sich um den Zug wie pingelige Frauen um ihre Nähmaschine. Ganz anders als das riesige, weitläufige Gebäude aus Stahl und Marmor, die Union Station von Kansas City!, dachte ich. Beeindruckt von den schweren Taschen aus rotem, braunem und gelbem Leder, die die Schaffner sich über die Schultern geschnallt hatten und die bis zu den Knien baumelten, sagte ich mir: Sie müssen im Geld schwimmen! Die bunten Plakate mit Werbung für unbekannte Ziga­retten in Schweizerdeutsch, Deutsch und Italienisch, ganz zu schweigen von Französisch, überzeugten mich davon, dass ich mich in einem fremden Land befand, vor allem angesichts der jüngsten Erfahrung mit dieser Marshmallow-Sprache.

Auf den Gleisen wimmelte es von Menschen, und als ich aus dem Zug stieg, schienen mich alle anzustarren. Ich zog meine Krawatte fest, rückte den Hut zurecht und strich den Regenmantel glatt. Was gaffen sie denn so?, fragte ich mich, tastete verstohlen nach meinem Hosenschlitz, um mich zu vergewissern, dass ich nicht vergessen hatte, ihn zu schließen, und überlegte, ob ihre Blicke meinen Mantel durchdringen konnten. Während ich mir einen Weg durch die Menschenmassen bahnte, erinnerte ich mich an die wenigen Kinder in Amsterdam, die mich angestarrt hatten, und wünschte, ich wäre wieder dort. Manche Leute lächelten und flüsterten et­was, als ich an ihnen vorbeikam, andere lachten. Lachen sie etwa über mich? … Liebe Güte! Ratlos stolperte ich die Treppe hinauf und spähte verwirrt nach rechts und links. Plötzlich hörte ich etwas Schreckliches. Mir brach der kalte Schweiß aus, mein Magen drehte sich um. Ich hatte das Wort Neger gehört.

Meine heftige emotionale Reaktion beruhte auf seiner Ähnlichkeit mit dem Wort «Nigger», einem abwertenden Ausdruck, der seit dem Beginn der Sklaverei das Leben aller Schwarzen in Amerika definierte. Er hat eine Geschichte, ein starkes eigenes emotionales Leben. Historisch ist es ein Begriff des Hasses und der Erniedrigung (des Selbsthasses und der Selbsterniedrigung unter Schwarzen), dessen Entwicklung Amerikas Geschichte von nationaler Entwicklung entspricht. Es ist ein negativ besetztes Symbol, mit dem die schwarzen Nobodys bezeichnet werden, die ein Zehntel der nationalen Bevölkerung ausmachen. Ein Wort, das die Grundlage definiert, mit der die Mehrheit der amerikanischen Weißen ihre Habgier, ihre Angst, ihren Provinzialismus und ihre Liebe zu diesem ihrem Nachbarn rechtfertigt.

Meine Ohren waren derart konditioniert auf diesen Klang, dass die Nuancen zwischen «Nig…» – zu «Neg…» nur eine Ne­bensächlichkeit waren. «Nigger» war für mich mehr als nur ein Wort. Es war ein lebendiges Etwas, was ich mit einer königlichen, wenn auch teuflischen Auszeichnung versehen hatte. Es war eine Art Satan der Worte mit einem eigenen Gefolge satanisch edler Worte, beispielsweise «schwarz», «kinky» (mit diesem Wort wurde oft mein Haar beschrieben: es bedeutet kraus), «Plattnase», «wulstig», «Dickelippe», «rot», «hell», «weiß», «dunkel», «farbig», «traurig», «Blues», «singen», «glücklich», «tanzen», «kindlich» und unzählige an­dere. Es sind so viele, dass ich ganze Bände mit Beispielen für ihre wunderbaren Zauberkräfte füllen könnte. Ich könnte Beschreibungen ihrer unglaublichen Leistungen liefern, etwa, wenn es ihnen gelingt, etwas aus der Anonymität einer gedruckten Zeitungsseite so herauszustellen, dass es mir sofort ins Auge springt und mich meiner Selbstbeherrschung beraubt, oder unschuldigen Jugendlichen wie bei einem todes­mutigen Sprung über die honigsüßen Lippen purzelt, noch ehe ich meinen philosophischen Talisman zücken kann.

Doch während ich mich mit der Zeit an das Wort Neger gewöhnte – etwas anderes blieb mir nicht übrig, weil man es überall in Europa benutzt –, lernte ich, nicht mehr zusammenzuzucken, wenn ich es in feiner Gesellschaft oder aus dem Mund unschuldiger oder liebenswürdiger alter Damen hörte, mit denen ich mich angefreundet hatte. Ich betrachtete es etwas häufiger als einen neutralen Begriff wie «Apfel», «Tuberkulose» oder «Charlie» und wusste, dass es lediglich «schwarz» bedeutete und kaum etwas anderes und dass selbst dieses «kaum etwas anderes» eine andere Qualität und Quantität besaß als das «kaum etwas anderes», an das ich gewöhnt war.

Es war so, als verließe man eine Welt, in der es immer Tag ist, und betrete plötzlich eine andere, in der es immer Nacht ist oder zumindest eine, in der der Abend besonders hell ist, ein Abend, der sich vom Tag unterscheiden lässt, mit einem Hauch von Abenddämmerung oder Morgengrauen durchsetzt … Doch später, als meine Augen sich an das neue Licht gewöhnt hatten, wurde mir allmählich bewusst, dass das, was ich zuvor für zwei verschiedene Welten gehalten hatte, in Wirklichkeit eine Welt war, dieselbe Welt, nur von einem anderen Standpunkt aus gesehen. Wir alle haben irgendwann diese Erfahrung gemacht – nicht wahr? –, wenn wir beim Be­trachten einer Weltkarte plötzlich intuitiv erahnen, dass die verschiedenen Formen, die die Kontinente verbinden, wie Teile eines Bildes aussehen, das, wenn man es wieder zusammensetzen könnte, ein Ganzes, eine Kugel bilden würde, so wie wir sie immer sehen, wenn wir Geografie und Astronomie studieren. Ich staunte, dass man oft so lange braucht, um das Offensichtliche zu erkennen, es wirklich zu begreifen: dass die Welt eine Ganzheit ist, zum Beispiel, der Tag die Nacht ist und die Nacht der Tag! Ferner bemerkte ich mit einer Ehrfurcht, an der es mir gelegentlich mangelt, dass bestimmte, sehr seltene Menschen bei überraschend seltenen Gelegenheiten imstande waren, diesen fehlenden Unterschied zwischen scheinbar ungleichen Dingen wahrzunehmen, etwa dem, was sie befähigt, Dinge zu tun, die wir als Wunder bezeichnen: über Wasser zu gehen, als wäre es feste Erde, «Tote» zum Leben zu erwecken oder ein ganzes Universum auf eine Leinwand zu bannen. Sie versuchen, uns zu erzählen, was sie sehen, uns den Frieden nahezubringen, den ihre Perspektive ihnen bietet, sie verraten uns sogar, auf welchem Weg sie diese Höhe erreicht haben, aber wir verstehen sie nur selten, und ebenso selten wissen wir ihre Bemühungen zu schätzen … Doch das soll vermutlich auch so sein, denn wir können nur das sehen, was wir tatsächlich sehen, nur das hören, was wir tatsächlich hören, selbst wenn die Bilder und Klänge in den Höhlen unseres Bewusstseins bloß Luftspiegelungen und Echos sind.

Die Erklärung für den Wert von Gleichheit innerhalb der offensichtlichen Unterschiede in der Einstellung der Amerikaner gegenüber Rasse ist schwierig, denn ihr Europäer werdet, wie ihr es bereits bei verschiedenen Gelegenheiten getan habt, sagen: «Ich kann euch Amerikaner einfach nicht verste­hen. Wie könnt ihr im Umgang mit den Bürgern eures eigenen Landes so primitiv sein?» Diese Frage lässt sich nur in hundertsechzig Millionen Büchern von jeweils mindestens sechstausend Seiten erklären. Und selbst dann hat man nur an der Oberfläche gekratzt!

Ich werde versuchen, Ihnen auf mehreren Seiten eine historische «Erklärung» dieses Phänomens zur Prüfung vorzulegen, aber das wird nicht einfach sein, weil ich mich den gröbsten Verallgemeinerungen hingeben muss, die man sich vorstellen kann. Ich werde Übertreibungen und Untertreibungen machen, die für viele Amerikaner nicht nur unhaltbar erscheinen, sondern es auch tatsächlich sind, ungeachtet der Tatsache, dass es ohnehin nur wenige Amerikaner gibt, die in der Lage sind, mit diesem besonderen Aspekt des amerika­nischen Lebens umzugehen. Es ist kein Zufall, dass das maßgebliche Werk zu diesem Thema von einem schwedischen Soziologen verfasst wurde, der von der amerikanischen Re­gie­rung damit beauftragt wurde.

Doch zuerst ein kleiner gefühlsstabilisierender Aperitif, um in die richtige Stimmung zu kommen. Denken Sie einmal über folgende Fragen nach:

Sind Sie Protestant? Katholik? Jude? Atheist? Sind Sie reich oder arm? Sind Sie zufällig Sohn oder Tochter geschiedener Eltern? Hat Ihre Mutter Sie in einer mondbeschienenen Nacht hinter einem duftenden Fliederbusch im Park empfangen und Ihr Vater dann vergessen, sie zu heiraten? Sind Sie also unehelich? Hält man Sie für ein bisschen beschränkt? Und sind Sie infolgedessen leicht verhaltensgestört? Sind Sie zu groß? Zu dick? Haben Ihre Eltern Sie um drei Uhr morgens vor der Tür eines sadistischen Fremden ausgesetzt? Wenn Sie ein Kriegsflüchtling sind, der versucht, in einem fremden Land Fuß zu fassen, wenn Sie hinter dem Eisernen Vorhang oder vor dem Anblick von Spitzengardinen leiden, wenn Sie Segelohren oder vorstehende Zähne haben, wenn Sie ein Junge mit blauen Augen in einer Familie mit braunen Augen sind, dann meine ich Sie. Sind Sie Teller­wäscher, wenn Sie das Leben eines Millionärs führen sollten? Sind Sie das Kind eines Geistlichen? Der unbedeutende Sohn, die unbedeutende Tochter, der Bruder, die Frau oder der Mann eines bedeutenden Mitglieds Ihrer Familie? Vielleicht sind Sie intelligent, aber bloß gefühllos? Oder vielleicht allzu vernünftig? Sind Sie Engländer, jetzt, wo das Pfund nichts mehr wert ist und im Britischen Empire allmäh­lich die Sonne untergeht? Haben Sie Angst vor dem Kommunismus? Wenn eins dieser kleinen Probleme Sie betrifft, werden Sie verstehen oder, besser gesagt, nachempfinden können, welche Wirkung das Wort «Nigger» auf mein Bewusstsein hat. Für die anderen vierzehn Millionen Schwarzen in den Vereinigten Staaten kann ich nicht sprechen. Hier nun meine historische Erklärung in Gestalt einer Kleinen Subjektiven Soziologie:

Man kann die Vereinigten Staaten von Amerika unter anderem als ein Land mit großen dynamischen Spannungen beschreiben. Ein Land, in dem praktisch alle Bürger Einwanderer sind. Die meisten kamen als Nobodys, und ihre weitere Geschichte, und damit auch die von Amerika, ist die Geschichte ihrer Bestrebungen, etwas aus sich zu machen. Diese Verbrecher, Prostituierten, Glücksritter, Spekulanten, religiös Unterdrückten und Menschen, die darauf aus waren, ein Stück Land in Besitz zu nehmen, hatten ihre Ideen und Kultur aus England, Frankreich, Deutschland, Russland, Spanien, Armenien, Irland, Italien und weiß der Himmel woher mitgebracht. Das überrascht Sie? Sind Sie erstaunt, zu entdecken, dass das Ihre Vorfahren waren, nur ein paar Generationen von der Alten Welt entfernt? Kein Grund, überrascht zu sein: Enkel, seht euch eure Großeltern an! All diese europäischen Nobodys, die darum kämpften, es in einem Land, das den Indianern und Eskimos gehörte, zu etwas zu bringen – das ist Amerika!

Die Ersten, die kamen, mussten hart arbeiten und kämpfen, um sich etwas anzueignen und es zu verteidigen. Diejenigen, die später kamen, mussten gegen jene kämpfen, die bereits gekämpft hatten, und anschließend erneut kämpfen, um das zu bewahren, was sie sich angeeignet hatten. Das ist das Narrativ. Jene, die mehr mitbrachten, mehr Geld, mehr Macht, verfügten über die notwendigen Mittel, um Menschen und deren Dienste zu kaufen, daher wurden einige von Anfang an «mächtiger» als andere. Manche waren stärker und energischer, und sie überwältigten die weniger starken und energischen. So verändern sich die Dinge, und so entsteht eine Organisation, die Soziologen als «Gesellschaft» bezeichnen.

Dann erkannten einige Mächtige, dass sie im Süden Baumwolle anbauen konnten und dass es nicht genügend andere Leute gab, um das Land zu bearbeiten (in jenen Tagen kam man nur dann nach Amerika, wenn man keine andere Wahl hatte), daher erinnerten sie sich an eine praktische Idee, die schon die alten Griechen und andere berühmte Völker vor ihnen gehabt hatten. Sie legten sich Sklaven zu, die die Arbeit machen sollten. Manche Sklaven kauften sie, andere stahlen sie. Auf Schiffen brachte man sie nach Amerika, aneinander gekettet, damit sie nicht fliehen konnten, Männer, Frauen und Kinder in Schiffsbäuchen mit Luken aus Eisen. Es war eine teure Unternehmung, denn unterwegs starben sehr viele von ihnen und mussten über Bord geworfen werden. Und wenn man sie erfolgreich verschifft hatte, mussten sie untergebracht, ernährt und für die Arbeit aufgepäppelt werden. Außerdem musste man sie bewachen, weil sie ständig zu flüchten versuchten. Die Eigentümer taten ihr Bestes, um ihre Investitionen zu retten.

Wozu war ein Nigger gut, wenn nicht zum Arbeiten. Er war ja kein Mensch. Man schlug ihn, und er sang; er las die Bibel. Man verkaufte seine Mutter, seine Frau oder sein Kind, und er grinste einem ins Gesicht. Er ist ein Tier, eine Kuh oder ein Esel und dementsprechend zu behandeln. So lautete die vorherrschende Meinung, der Standpunkt, der in einem christlichen Land die Sklaverei rechtfertigte. Er erlaubte es den Sklavenbesitzern, am Sonntag ungestört in die Kirche zu gehen, sie hatten es ja nicht mit Menschen zu tun.

Nun ist die Absicht aller Menschen moralisch, weil der Mensch von Natur aus gut ist. Er kann nicht lange Böses tun, ohne sich selbst irrezuführen, und das geht nun mal nicht lange gut. Am Ende kommt die Wahrheit ans Tageslicht, egal wie sehr man sie unterdrückt. In diesem Fall auf peinlichste Weise: Aus dem Schoß schwarzer Frauen kamen halb-weiße Kinder; aus dem Schoß weißer Frauen – Gott behüte! – halb-schwarze. Im Rassenbewusstsein der Amerikaner tauchte ein neues Wort auf: Vergewaltigung. Ich vermute, dass mehr weiße Frauen von Schwarzen «vergewaltigt» wurden als von je­der anderen Rasse in der Geschichte der modernen Welt! Und welcher Preis für diese beschämende Art menschlicher Verfehlung zu zahlen war, ist ja bekannt …

Mittlerweile wuchs Amerika. Die Puritaner hatten alle Hände voll zu tun, die Quäker im Norden zu verbrennen. Alle kämpften gegen die Indianer. In jedem Kino der Welt kann man sehen, wie der weiße Mann Religion und Kultur gegen Gold, Land und Menschenleben eintauschte, sofern man ei­nen wilden Indianer überhaupt als «Menschen» bezeichnen konnte. Amerika bewegte sich nach Westen, und im Süden herrschte König Baumwolle. In jedem Geschichtsbuch lässt sich nachlesen, wie zu Lincolns Zeit die Baumwolle entthront wurde, die wirtschaftliche Entwicklung der Nation auf dem Spiel stand, wie Mr. Lincoln beschloss, die Sklaverei als wirtschaftliche Maßnahme abzuschaffen, und was der Süden da­von hielt.

Es gefiel ihm nicht, weil es seine ökonomische und gesellschaftliche Existenz komplett auf den Kopf stellte. Trotz der Horden von halb-weißen und halb-schwarzen Kindern, die ständig zunahmen, war ein Nigger kein Mensch. Welche Regierung würde den Niggern die Freiheit schenken, damit sie sich mit den Weißen vermischen, die Schule besuchen, schreiben und lesen lernen, arbeiten und sich frei bewegen konnten wie der weiße Mann? Was für eine Katastrophe für die Gesellschaft der Südstaaten! Stellen Sie sich vor, wie ein großer grinsender schwarzer Teufel Ihrer Tochter den Arm um die Hüften legt! Nein, Sir! Eher würden sie aus dem Staatenbund austreten. Genau das taten sie, wie wir alle wissen. Und ich bezweifle, dass Sie oder ich anders gehandelt hätten, wenn Sie, Sie, Sie oder ich damals gelebt hätten und von diesen Umständen konditioniert worden wären. Wir sind alle Produkte unserer Zeit und der Orte, in denen wir geboren werden. Man muss stark sein, um sich über Zeit und Raum hinwegzusetzen, und an solch starken Menschen mangelt es der Welt.

Als der Schwarze «frei» war, hatte er es ziemlich schwer, mit dem Weißen zu konkurrieren. Er war im Rückstand, beim Lesen, Schreiben und Rechnen. Sein vordringlichstes Ziel war, sich zu bilden und voranzukommen. Viele hatten es so ei­lig, dass sie nicht darauf warten konnten, bis sich Raum und Zeit veränderten, und blieben auf der Strecke. Viele warteten vergebens, und auch sie blieben auf der Strecke.

Währenddessen wuchs Amerika weiter. Es gab Kriege. Es gab Veränderungen in der Bevölkerung. Der Schwarze entwi­ckelte wie andere Minderheiten auch alle möglichen Tugenden und Laster in dieser komplexen Atmosphäre. Er kam so weit voran, wie Zeit und Raum es jeweils zuließen, und immer noch blieben manche auf der Strecke.

Der Südstaatler ist das Produkt eines heißen Klimas; daher ist er ein Hitzkopf. Liebe und Hass sind bei ihm heftig. Wenn er einen Schwarzen an einen Baum fesselte und verbrannte, wenn er ihn an der Stoßstange eines fahrenden Wagens durch die Straßen schleifte, war das ein Ausdruck der Liebe, wenn auch pervers, gewalttätig und primitiv, mit dem er das Ausmaß an Schmerz kundtat, den auch er erlebt haben musste. Das ist keineswegs absurd, wir alle wissen, dass Liebe und Hass zwei Seiten derselben Medaille sind.

Deshalb war die Assimilation der Schwarzen in die allge­meine Gesellschaft von größeren dramatischen Konflikten begleitet als die anderer amerikanischer Minderheiten. Die meisten Schwarzen kommen vom Süden in den Norden und bringen ihre hitzige, komplexe Persönlichkeit mit. Gleichzeitig ziehen andere Amerikaner vom Norden in den Süden und von der Ostküste nach Westen. All diese Migrationen waren durch unterschiedlich starke Spannungen gekennzeichnet, die sich aus den sozialen Bedingungen in den jeweiligen Gebieten ergaben. Die Dynamik der amerikanischen Kultur verstärkt sich noch, wenn wir die Tatsache berücksichtigen, dass regionale Spannungen oft ethnischen Spannungen entgegenstehen, weil, wie bereits gesagt, und das dürfen wir niemals vergessen, die meisten Amerikaner Einwanderer sind. Amerika ist kein Land mit einem festen gesellschaftlichen Muster und einer vorherrschenden kulturellen Ordnung. Der erste Präsident wurde 1789 gewählt! Es hat über hundertsechzig Millionen Einwohner! Daher ist es ein Land von erschreckenden Gegensätzen. Und seine Konflikte werden mit Gewalt ausgetragen!

Das Land wächst weiter. Es gibt Kriege, die Bevölkerung verändert sich, alte Einwanderer verschmelzen mit der herrschenden Gesellschaft, während die neuen Einwanderer ­leiden, so wie ihre Vorgänger gelitten haben. Der ökonomische Status der verschiedenen Minderheiten stabilisiert sich. Die Pionierzeit ist vorbei, neue, unerschlossene Ressourcen werden rarer. Man beginnt, diese Ressourcen zu erhalten, man baut auf, statt abzureißen. Zivilisation und Kultur im Sinne der Alten Welt machen sich langsam bemerkbar, und damit nehmen die ethnischen und regionalen Spannungen ab. Eine Folge dieses Prozesses ist, dass die Schwarzen weißer werden und die Weißen aufgrund gegenseitiger ethnischer Befruchtung physiognomisch vielfältiger. Und das setzt sich fort, solange es einen Stift gibt, mit dem man es festhalten kann …

Ich stand unter dem Vordach des Bahnhofs und sog die kühle, feuchte Luft ein. Während mein Körper sich entspannte, wurde mir die einzigartige Szene, die sich vor meinen Augen abspielte, bewusst. Minutenlang hatte ich die Fassade des luxuriösen Hotels Schweizerhof betrachtet und dabei zu­gesehen, wie der blaue Zug in den kleinen Bahnhof davor einfuhr und anschließend zu einem Ort namens Zollikofen aufbrach, bei dessen Aussprache ich mir fast die Zunge abge­brochen hätte. Ein feiner Nieselregen fiel, und viele Passanten liefen mit roten, blauen, weißen und schwarzen Regenschirmen an mir vorbei. Glänzende Taxis parkten in einer Reihe vor einem Zeitungsverkäufer mit einem glänzenden schwarzen Umhang. Er trug einen flachen schwarzen Hut mit einem Schirm aus Lackleder und einer gelben, mit schwarzen Großbuchstaben bedruckten Banderole. Gelegentlich stieß er eine monotone Salve unverständlicher Worte aus. Sie klangen wie Berner Togg Slopp! … Berner Togg Slopp! … Dann fiel mir auf, dass es sich bei den Taxis um Chryslers und Dodges handelte, und ich war froh, etwas Vertrautes zu sehen. Unmengen von bunten Flaggen, manche mit schwarzen oder braunen Bären mit herausgestreckter roter Zunge und rot hervorgehobenen Genitalien vor einem leuchtend gelben Hintergrund. Sie sahen ziemlich harmlos und irgendwie auch komisch aus, wie Kinderspielzeug, wurden aber offenbar sehr ernst genommen, denn sie schmückten die strengsten Fas­saden, die ich bisher in Europa gesehen hatte. Ohne die grimmig-graue Fassade der Kirche, die auf der rechten Seite des Platzes stand, hätten sie der Stadt eine festliche Aura verlie­hen.

Kurz darauf fiel mir eine erstaunlich hübsche junge Frau auf, die aus dem Bahnhof kam und in ein Taxi stieg. Als es wegfuhr, fiel mir ein, dass ich mein Gepäck loswerden und meine Freunde anrufen sollte. Sie arbeiteten in der Botschaft und wohnten in einem Berner Stadtteil, der Kirchenfeld hieß, wie ich später erfuhr. Mein Freund zu Hause, bei dem ich sie 1947 kennengelernt hatte, hatte mir erzählt, dass sie in Bern lebten und noch keinen einzigen Schweizer ken­nengelernt hätten. In ihren Briefen hatten sie über Einsamkeit geklagt. Deshalb hatte er mir geraten, sie zu besuchen. Ich rief sie also aus einem angenehmen Gefühl der Gleichheit heraus an, denn auch ich fühlte mich einsam – und ängstlich.

«Oh! Wer? … Ach ja. Wo bist du denn? Am Bahnhof? Wie schön … Das Baby war krank, und wir sind alle sehr müde, weil wir in letzter Zeit so viele Amerikaner zu Besuch hatten. Scheinbar sind gerade alle gleichzeitig hier. Sorry, dass wir dich nicht bei uns aufnehmen können, aber zurzeit haben wir kein Bett frei. Das Haus ist ein einziges Durcheinander. Wir haben uns nach dem Umzug noch nicht richtig einrichten können. Wir sind gerade dabei, uns in einer neuen – viel schöneren! – Wohnung einzuleben. Aber vielleicht könnten wir wenigstens zusammen zu Abend essen. Prima. Wäre dir das recht? Gut! Mal sehen. Du bist am Bahnhof? Ich muss nur den Wagen holen und … okay, dann bis gleich, es dauert nicht lange …»

Sie legte auf. Ich hatte gerade mal drei Worte gesagt! Alles war bereits geregelt, noch ehe ich «Ja», «Nein» oder «Vielleicht» sagen konnte. Genau fünfzehn Minuten später hielt die Dame im Regenmantel und atemlos vor dem Bahnhof, entschuldigte sich vielmals, dass sie nicht früher hatte kommen können und Mr. X, ihr Ehemann, (man kann nie vor­sich­tig genug sein, wenn es um die Namen des Botschaftsper­sonals geht) mich nicht hatte abholen können. «Angesichts der Lage in Russ … äh … er hat dieser Tage so viel zu tun», er­­klärte sie in einem verlegenen, vertraulichen Tonfall. «Aber du wirst ihn bald wiedersehen, heute Abend. Wir gehen in ein wirklich uriges Restaurant. Es wird dir gefallen, es ist typisch für die Schweiz. Du wirst sehen. Das Essen ist gut – und obendrein nicht allzu teuer.» Sie lächelte nett und unpersönlich, drehte den Lockenkopf zur Seite und raste durch die dunstigen Straßen, als wäre ihr Wagen der einzige im Universum.

Wir fuhren direkt zu ihr nach Hause. Es war ein angenehmes mit Blumen geschmücktes Viertel in der Nähe eines weit­läufigen Parks. Nach unserer Ankunft bot sie mir einen Drink an und stellte mich ihren Kindern vor, einem dreijährigen Jungen namens Paul und dem acht Monate alten Baby ­Morty. Sie waren ganz zutraulich, und wir spielten ein bisschen miteinander, während ihre Mutter sich umzog. Kurz nach sieben kam mein Gastgeber nach Hause. Er war hochgewachsen, müde und sehr nett.

Nachdem sich alle zurechtgemacht hatten und das Kindermädchen die Kinder ins Bett gebracht hatte, fuhren wir zum Kornhauskeller, einem ehemaligen Getreidespeicher, wo wir uns ein opulentes Mahl aus gegrillten Schweinekoteletts und gekochtem Gemüse genehmigten. Anschließend bestellten wir noch einen grünen Salat und Kaffee, und ich rauchte eine hervorragende Dannemann-Zigarre, die ein Franken dreißig kostete. Die Mahlzeit war mit angenehmen Erinnerungen an Amerika und Spekulationen über meine Zukunft als Schriftsteller garniert. Nach dem Abendessen fuhren wir ein bisschen durch die Stadt. Davon ist mir nur im Gedächtnis geblie­ben, dass mir die Straßen sehr eng, alt und fremd erschienen. Etwa eine Stunde nach Einbruch der Nacht gingen wir in einem Club namens Chikito tanzen, dort gab es eine Liveshow und eine verwirrende Anzahl hübscher Frauen. Als wir den Club schließlich verließen, war es schon zu spät, um ein Hotelzimmer zu suchen, daher luden meine Gastgeber mich ein, die Nacht bei ihnen zu verbringen und versprachen, mir am folgenden Tag bei der Suche nach einem Zimmer behilflich zu sein.

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450 стр. 1 иллюстрация
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9783038552406
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