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Ute Dombrowski
Mörderischer Handel
Fall 6
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Inhaltsverzeichnis
Titel
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Impressum neobooks
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Mörderischer Handel
Ute Dombrowski
1. Auflage 2019
Copyright © 2019 Ute Dombrowski
Umschlag: Ute Dombrowski
Lektorat/Korrektorat Julia Dillenberger-Ochs
Satz: Ute Dombrowski
Verlag: Ute Dombrowski Niedertiefenbach
Druck: epubli
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors und Selbstverlegers unzulässig.
Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
„O wie der Falschheit Außenseite glänzt!“
William Shakespeare
Aus „Der Kaufmann von Venedig“
1.Aufzug, 3. Szene, Antonio
„Reinhold geht in Pension.“
„Welcher Reinhold?“, fragte Bianca.
„Unser Chef. Er hatte ja damals auf Drängen des Staatsanwaltes deine Stelle übernommen. Jetzt will er nicht mehr. Seine Frau ist schwer krank und er möchte sich um sie kümmern. Bewirb dich doch wieder.“
Bianca Verskoff runzelte die Stirn. Damals war es eine Herausforderung gewesen, aber die endete in einer Tragödie. Sie war nicht dafür gemacht, den Chef zu spielen. Sie wollte draußen sein, den Tätern direkt auf der Spur.
„Nein, ich bin kein Schreibtisch-Mensch, ich muss raus an die Front.“
Ferdinand Waldhöft lehnte sich zurück und sah Bianca offen an.
„Ich könnte mir die Arbeit im Büro gut vorstellen. Man trifft wichtige Entscheidungen, koordiniert die Ermittlungen. So etwas liegt mir, ich kann gut organisieren.“
„Dann bewirb du dich doch! Mit dir als Chef wäre es sicher entspannt. Du bist fair, korrekt und bleibst auch bei Stress ruhig.“
Ferdinand hatte, seit er von Reinholds Entschluss erfahren hatte, öfter darüber nachgedacht, ob er für so eine Aufgabe geeignet war. Die Qualifikationen besaß er. Vielleicht sollte er es versuchen?
„Glaubst du, die nehmen einen wie mich?“
Bianca stand auf und holte sich eine Tasse Kaffee, mit der sie sich ans Fenster stellte.
„Doch“, sagte sie, „doch, du wärst ein guter Dienststellenleiter. Außerdem bist du einer von hier. Es wäre schon besser, wenn man uns keinen Fremden vor die Nase setzt, dem man nichts rechtmachen kann. Geh hoch und rede mit Reinhold.“
„Morgen, ich muss noch einmal drüber schlafen. Schließlich kann ich dann nicht mehr mit dir im Team arbeiten. Das ist gerade das Beste an meinem Job.“
„Ach du meine Güte, ich bin ja nicht aus der Welt. Ich komme dann jeden Tag zehnmal in dein Büro und berichte von den großen und kleinen Katastrophen. Aber danke für die netten Worte. Ich arbeite auch sehr gerne mit dir zusammen. Du bist mir im letzten Jahr ein echter Freund geworden.“
„Den Dank kann ich nur zurückgeben. Ich hatte schon Angst, dass du wieder ins Archiv gehst. Dabei waren wir doch sehr erfolgreich.“
Es klopfte und der Staatsanwalt Dr. Rosenschuh stand wie immer ohne Aufforderung direkt im Büro.
„Schon wieder eine Kaffeerunde? Haben Sie nichts zu tun?“
„Wir planen gerade den Tag, also nur mit der Ruhe. Gott sei Dank haben sich die Verbrecher aus Eltville zurückgezogen.“
„Oh, der schlaue Herr Kommissar kann hellsehen. Wollten Sie nicht den Unfall mit der Leiche im Rhein aufklären?“
„Das hat sich erledigt, es war wohl wirklich ein Unfall. Der Mann war betrunken und ist auf den Steinen am Ufer herumgeklettert. Er ist abgerutscht und wurde mitgerissen, denn die Strömung ist dort sehr heftig.“
„Und warum habe ich den Bericht noch nicht auf meinem Schreibtisch?“
„Weil er eben erst ausgedruckt wurde. Ich war schon unterwegs und wollte nur noch etwas Merkwürdiges mit Hermann besprechen.“
„Was denn Merkwürdiges? Ein Unfall ist doch super. Das geht uns nichts mehr an.“
„Er hatte blaue Flecken an den Handgelenken. Vielleicht ist das ein Hinweis auf …“
„Auf ein Verbrechen? Ach was! So ein Säufer hat schon mal blaue Flecken, egal wo. Konstruieren Sie keinen Mord, geben Sie mir den Bericht und fertig!“
Bianca war an den Schreibtisch getreten und schob die grüne Mappe zu Dr. Rosenschuh. Sie schwieg, denn jedes Wort wäre zu viel gewesen. Der Staatsanwalt hasste sie von ganzem Herzen und es war ihm ein Dorn im Auge, dass sie nicht wieder im Archiv verschwunden war. Er hätte Reinhold mehr Druck machen sollen, aber der Dienststellenleiter hatte Bianca gern wieder aufgenommen.
„Kümmern Sie sich um Sachen, die wichtig sind!“, blaffte der Staatsanwalt.
In diesem Moment klingelte sein Handy. Er nahm den Ordner, drehte sich um und im Hinausgehen ging er ans Telefon.
„Du sollst mich hier nicht anrufen“, sagte er überraschend leise und zog die Tür hinter sich ins Schloss.
„Hast du schon mal bemerkt, dass der Rosenschuh sich verändert hat?“, fragte Bianca nachdenklich.
„Meinst du damit, dass er nett und freundlich geworden ist?“
Die Kommissare lachten los und sie ahnten, dass Dr. Rosenschuh noch vor ihrer Bürotür stand.
„Das wird nie passieren, keine Angst. Aber“, flüsterte sie nun, „ich sehe ihn öfter mit dem Handy in der Hand und wenn es mal klingelt, dann verschwindet er schnell. Hat er etwas zu verbergen?“
„Vielleicht geht er fremd. Ist der eigentlich verheiratet?“
„Er ist geschieden, das hat mir Jürgen mal erzählt. Der Job war ihm wichtiger als seine Familie. Er hat wohl auch eine Tochter. Aber ich muss zugeben, dass mir sein Leben herzlich egal ist. Wer will schon so einen Mann?“
„Gut“, erwiderte Ferdinand, „dann kommt er nicht als Kandidat für dich infrage. Hast du dich mal mit einem Mann getroffen?“
Seitdem Bianca hierher zurückgekehrt war, hatte sie sich geöffnet und mit Ferdinand über ihre Trauer und ihre Ängste geredet, obwohl es sie viel Kraft und Mut gekostet hatte. Ferdinand hatte zugehört, sie ernstgenommen und nicht gewertet. Und was ganz wichtig gewesen war: Er hatte ihr keine Ratschläge gegeben, wie sie ihre Trauer und somit ihr Leben in den Griff bekommen konnte. Bianca hatte sich gefangen, ging regelmäßig zum Friedhof, redete nach wie vor mit Michael, aber nun hatte sie auch einen echten Freund, dem sie sich anvertrauen konnte. Sie war unendlich dankbar und nahm ihm diese Frage jetzt auch nicht übel.
„Ich weiß nicht, ob ich das schon kann. Wenn ich mich wieder einem Mann zuwende, dann muss es so richtig knallen, wenn du verstehst, was ich meine. Schmetterlinge im Bauch und rot werden. Aber ein Mann, der in meinem Leben einen Platz haben will, muss auch die Vergangenheit akzeptieren. Ich werde Michael immer lieben, nur weil er nicht mehr lebt, ist das nicht weniger geworden.“
„Das verstehe ich. Denkst du, Michael würde wollen, dass du für immer allein bleibst?“
„Nein, ich denke, er würde mir Mut machen, eine neue Beziehung einzugehen, aber im Moment reicht es mir völlig, einen so guten Freund wie dich und eine Freundin wie Riva zu haben. Ich bin froh, dass es euch gibt.“
„Wenn einer kommt, der dich umhaut, dann lass es zu. Das ist alles, was ich verlange. Ist das zu viel?“
Bianca lächelte und schüttelte den Kopf.
„Weißt du was?“, rief Ferdinand. „Du hast recht, ich gehe jetzt mal hoch zu Reinhold und rede mit ihm über meine Idee.“
2
Am nächsten Morgen stand Hermann Pfriehl, der Gerichtsmediziner, im Büro bei Bianca, als Ferdinand mit belegten Brötchen ankam. Er stellte die Tüte neben die Kaffeemaschine und sah die Kollegen aufmerksam an.
„Herrmann, guten Morgen, besuchst du uns? Das ist aber nett. Kaffee?“
„Gerne“, sagte der Mann freundlich, „aber eigentlich bin ich dienstlich hier. Bianca hat mich wegen des Toten im Rhein angerufen.“
Ferdinand grinste.
„Du böses Mädchen, hast du nicht unseren strengen Staatsanwalt gehört? Keine Ermittlungen bitte. Da wird er ausrasten, wenn die blauen Flecken doch von einem Verbrechen stammen.“
„Tja, meine lieben Kriminalisten, das müsst ihr dann in Kauf nehmen. Der Mann ist zwar im Rhein ertrunken, aber irgendjemand hat ihn festgehalten. Wir haben im Nachgang weitere blaue Flecken in der Nackengegend entdeckt. Es ist, als hätte ihn jemand beim Ertrinken unterstützt.“
„Und der Alkohol im Blut?“, fragte jetzt Bianca.
„Vielleicht hat man ihm den eingeflößt. Darum die blauen Handgelenke. Ihn danach mit dem Kopf unter Wasser zu halten, ist eine leichte Übung.“
„Ja … Wenn ich da an Alexander denke …“
Sie schluckte. Die Bilder des schlimmsten Tages in ihrem Leben waren wieder hochgekommen, als ihr die Parallelen zwischen der Vorgehensweise des damaligen Mörders und den Verletzungen des Opfers heute bewusst geworden waren. Sie atmete tief durch.
„Der hat den alten Mann damals auch einfach so lange unter Wasser gedrückt, bis er tot war. Vorher hatte der Tote fast zwei Flaschen Schnaps getrunken.“
Hermann zuckte mit den Schultern.
„Wie das abgelaufen ist, müsst ihr herausfinden, ich kann nur sagen, dass die Umstände für einen Mord sprechen. Und jetzt kann ich einen Kaffee gebrauchen.“
Bianca schenkte ein, sie frühstückten, dann verließ Hermann das Büro. Ferdinand sah seine Kollegin an.
„Wer sagt es ihm?“
„Ich mache das, Dr. Rosenschuh kann mich sowieso nicht leiden, also ist ein weiterer Anschiss auch egal. Ich rede vorher mit Reinhold und danach gehen wir an die Arbeit. Hat der Mann Angehörige? Kommt er aus Eltville?“
Ferdinand schlug die Akte des Gerichtsmediziners auf und las vor: „Bernd Fregge, vierundsiebzig, alleinstehend, Besitzer eines Hauses in der Felsstraße. Das sind die schönen alten Stadthäuser.“
„Ich weiß, wir haben uns damals auch ein Haus in der Straße angesehen, aber das war nicht bezahlbar. Wenn er dort ganz allein gewohnt hat, muss er ja gut gelebt haben. Vielleicht wohnt aber noch jemand in dem Haus. Wir fahren sofort, den Staatsanwalt kann ich auch später informieren.“
Sie nahm ihre Tasche und Ferdinand folgte ihr zum Auto. Nach zehn Minuten standen sie in der engen Straße und fanden das Haus direkt. Die Fassade war vor kurzem erneuert worden, alles sah gepflegt und sauber aus. In den Fenstern erblickte Bianca blühende Orchideen und einige Kübel im Eingangsbereich hatte man auch sehr hübsch bepflanzt.
Sie stiegen die Treppe hinauf und klingelten. Drinnen ertönte ein Glockengeläut, aber niemand öffnete. Bianca und Ferdinand betraten die Straße und schauten sich um. Gegenüber kam gerade eine ältere Frau aus dem Haus und schaute die Kommissare äußerst misstrauisch an. Bianca ging zu ihr und grüßte sie freundlich.
„Wissen Sie, ob außer Herrn Fregge hier noch jemand wohnt?“
„Nein, der alte Herr war ganz allein seit dem Tod seiner Frau. Was wollen Sie denn von ihm?“
Bianca zeigte ihren Ausweis und die Frau entspannte sich sichtbar.
„Gott sei Dank, niemand von den Immobilienfritzen. Ich hatte schon Angst. Der alte Fregge ist am Wochenende in den Rhein gefallen und ertrunken. Wenn der sich mal nicht umgebracht hat.“
„Wie kommen Sie denn darauf?“
„Die haben den Tag und Nacht belauert.“
„Wer DIE?“, fragte nun Ferdinand, der auch über die Straße gekommen war.
„Diese Typen, die sahen düster aus. Bernd hat mir gesagt, dass sie sein Haus kaufen wollten. Unbedingt, sagte er, aber er hat nicht im Traum daran gedacht, das Haus wegzugeben. Hier hat er gelebt und hier war er glücklich, hier sind seine Erinnerungen an schöne Zeiten. Aber seit er allein war, hatte er sich zurückgezogen und immer noch getrauert. Und dann ständig diese komischen Männer, nein, nein, der ist ins Wasser gegangen. Es tut mir leid um ihn.“
„Hatte er Kinder? Wer erbt das Haus jetzt?“
„Sie hatten keine Kinder, darum war auch immer die Katze da. Die ist jetzt bei seinem Nachbarn. Manchmal nehmen auch Freunde von ihm das Tier.“
„Danke für die Informationen. Waren diese Männer, wie sie sagen, auch bei jemand anderem?“
„Ja, die ganze andere Straßenseite haben sie belästigt. Aber bei denen ist im Moment keiner da. Die sind alle arbeiten. Was macht denn eigentlich die Kriminalpolizei hier, wenn es doch Selbstmord war?“
Bianca sagte ruhig: „Wir untersuchen auch solche Fälle. Hier ist meine Karte. Wenn Ihnen noch etwas einfällt oder diese Männer hier noch einmal auftauchen, würden Sie uns anrufen?“
Die Frau nickte und ging zur Mülltonne. Bianca und Ferdinand liefen wieder über die Straße und riefen den Schlüsseldienst. Die Hausschlüssel waren weder in der Hosentasche noch in der Jacke des Opfers gewesen. Aber es war möglich, dass sie im Rhein versunken waren.
Der Monteur, den sie schon viele Jahre kannten, öffnete ohne große Umstände die alte Haustür und war schnell wieder verschwunden. Ferdinand ging voran und sah sich zuerst in der großen Wohnküche um. Es war alles aufgeräumt und ordentlich. Bianca schaute in die anderen Räume im Erdgeschoss, aber auch hier sah alles normal aus. Das Katzenkörbchen stand im Wohnzimmer. Im Obergeschoss gab es ein Schlafzimmer mit Ehebett und drei weitere Schlafräume, in denen die Möbel mit weißen Tüchern abgedeckt waren. Das Ehebett war nur auf einer Seite bezogen, auf der anderen lag eine getrocknete Rose.
Bianca lächelte, denn diese kleine Blume strahlte unendliche Liebe aus, die über den Tod hinausging. Sie verstand sehr gut, dass der Mann das Andenken seiner Frau in Ehren halten wollte. Ferdinand, der zu ihr gekommen war, strich ihr sanft über den Arm, als er ihrem Blick folgte.
„Der Kühlschrank ist gefüllt, in der Obstschale ist frisches Obst, ein voller Wasserkasten steht in einer Ecke, also glaube ich nicht an Selbstmord. Wer deckt sich mit Lebensmitteln ein und bringt sich dann um?“
„Niemand“, erwiderte Bianca, „außerdem hätte er die Rose mitgenommen. Schau mal die Bilder auf den Nachtschrank. Sie waren ein schönes Paar.“
„Ich denke, es war Mord. Wir müssen etwas über diesen Immobilien-Deal herausfinden. Vielleicht hängt das alles damit zusammen.“
„Lass uns mal beim Nachbarn klingeln.“
3
Als sie wieder auf der Straße ankamen, betrat soeben ein Mann im schwarzen Hemd das Grundstück nebenan. Die Kommissare eilten ihm hinterher, denn er war schon fast im Haus verschwunden. Im Vorbeigehen las Bianca den Namen am Briefkasten.
„Herr Jischeck?“, rief sie.
Der Mann drehte sich um und lächelte.
„Ja bitte? Wer sind Sie und was kann ich für Sie tun?“
Bianca hielt ihm den Dienstausweis hin und stellte sich und Ferdinand vor. Peter Jischeck sah sie neugierig an.
„Sie sind hier wegen meines armen Nachbarn, oder? Bitte kommen Sie doch mit ins Haus. Ich kann Ihnen gerne etwas zu trinken anbieten und dann können wir uns unterhalten.“
Die ausgesprochene Freundlichkeit des Mannes erwärmte Bianca das Herz und die beiden Kommissare traten ein. Das Innere des Hauses war ähnlich aufgebaut wie das des Nachbarn, nur herrschte hier viel mehr Leben.
Bunte Bilder schmückten die Wände, dazwischen gab es Fotos mit Menschen aller Hautfarben und an den unterschiedlichsten Orten. Im Wohnzimmer prägten Bücher und von Kinderhand gezauberte Malereien das Bild. Bianca las: „Für Peter, du bist der Beste“. Auch das Schlafzimmer war voller Bücher und Erinnerungsstücke. Selbst auf dem Bett lagen Bücher und Fotos. Bianca musste schmunzeln, aber dann fiel ihr Blick auf den Talar, der auf einem Bügel am Schrank hing, mit einer Nadel war ein weißer Kragen festgesteckt, dessen zwei Zipfel ab der Mitte auseinanderklafften.
Peter Jischeck war dem Blick der Kommissarin gefolgt und lächelte sie freundlich und offen an.
„Sie sind Pfarrer?“
Er nickte und erwiderte: „Ich bin Pfarrer, sehr gut erkannt. Der weiße Kragen versteckt sich immer in der Wäsche, also habe ich ihn festgesteckt. Man nennt ihn Beffchen …“
„Das ist interessant, ich habe in meinem Beruf noch nie mit einem Pfarrer Kontakt gehabt. Nur bei der Beerdigung …“
Bianca stockte und Peter Jischeck wusste sofort, dass das kein Thema für ein spontanes Gespräch war. Geschickt lenkte er die Kommissarin in die Küche und erklärte den Berg der Kuchenpakete auf dem Tisch am Fenster. Auch Ferdinand musste jetzt grinsen.
„Hm, wir können uns beim Reden gerne eine Tasse frischen Kaffee gönnen und dazu ein Stückchen herrlichen Kuchen. Heute Nachmittag kommen Gäste, Freunde aus Syrien, wir reden über ihre Reise nach Deutschland und wie wir uns gemeinsam hier in Eltville engagieren können.“
Bianca und Ferdinand wussten sofort, dass dieser Mann etwas ganz Besonderes war. Gerne nahmen sie die herzliche Einladung an und Bianca half beim Zubereiten des Kaffees. Sie trugen zwei Tabletts hinaus in den Garten, wo unter dem Kirschbaum ein großer ovaler Tisch stand und zur Geselligkeit einlud.
„So, Frau Kommissarin, danke für die Hilfe, setzen Sie sich doch. Herr Kommissar, vielleicht können Sie ein wenig heranrücken. Sie kommen ja wegen meines Nachbarn. Der arme Kerl war heute auch eingeladen, aber nun kann er nicht mehr bei uns sein. Seine Katze Luna sitzt Tag und Nacht am Fenster und wartet, dass er zurückkommt.“
„Die ältere Dame von gegenüber sagte, Bernd Fregge und die Nachbarn Ihrer Straßenseite wurde von Männern belästigt“, begann Ferdinand jetzt. „Was können Sie uns dazu sagen? Sie wohnen ja schließlich auch auf dieser Straßenseite.“
„Also, ich hole mal ein bisschen weiter aus. Seit etwa drei Jahren geht hier in Eltville etwas vor sich, was mir absolut nicht zusagt: Alte Häuser verschwinden und kurze Zeit später stehen moderne und vor allem teure Neubauten an deren Stelle, obwohl die alten Häuser nicht in einem Zustand waren, dass man sie abreißen musste. Ich habe ein wenig recherchiert, weil ich auch immer preiswerte Wohnungen für Freunde suche, war im Amt und habe nachgefragt. Man wollte mir keine Auskunft geben und ich hatte das Gefühl, dass meine Fragen sehr unerwünscht waren. Die zuständige Sachbearbeiterin wollte mich sehr schnell wieder loswerden und hatte mich hinausbefördert.“
„Warum das denn? Das ist doch ein ganz harmloses Thema.“
„Anscheinend nicht, denn überall, wo ich gefragt habe, tat man so, als wäre das ein Tabu. Bei einem Gottesdienst hat mich dann eine alte Bekannte angesprochen, die sehr enttäuscht war. Sie hatte ihr Haus verkauft und war entsetzt, als es plötzlich abgerissen wurde. Ein Mann in Arbeitskleidung hatte ihr gesagt, dass der Schwamm im Mauerwerk war und es nicht gerettet werden konnte. Das müssen Sie sich mal vorstellen, du kommst aus nostalgischen Gründen zu deinem alten Haus, denkst, es ist in guten Händen und dann ist es weg. Traurig.“
„Und Sie denken, das geht nicht mit rechten Dingen zu?“, fragte Bianca nachdenklich und knabberte an ihrer Unterlippe. „Wie hängt das denn mit Ihrem Nachbarn zusammen?“
„Zwei Männer, die sehr düster aussahen, klingelten eines Abends bei mir und überreichten mir das Schreiben einer Immobilienfirma aus Frankfurt. Dann waren sie wieder weg. Ich bin hinterhergegangen und habe gesehen, dass sie auch bei meinen Nachbarn geklingelt haben.“
Ferdinand erkundigte sich, ob Peter Jischeck das Schreiben noch hatte und der holte es aus dem Arbeitszimmer.
Er las vor, was dort geschrieben stand: „Sehr geehrter Herr Jischeck, gerne möchten wir Ihnen ein besonderes Angebot unterbreiten. Im Rahmen der Erhaltung des außergewöhnlichen Charmes von Eltville suchen wir für unsere solventen Kunden schöne alte Häuser und bieten Ihnen neben einer modernen Wohnung im Rhein-Main-Gebiet eine Summe von fünfhunderttausend Euro. Wir sind bestrebt, das Gesicht der Stadt zu erhalten und hoffen auf Ihre Zustimmung. Mit freundlichen Grüßen … Mehr steht da nicht.“
„Das ist schon sehr dreist. Wow, einfach mal blanko eine halbe Million. Hört sich das seriös an? Ich bin mir nicht sicher.“
Ferdinand war aufgestanden und hatte die Rückseite des Hauses betrachtet. Es musste mal gestrichen werden und die Fenster waren schon einige Jahre alt, auch das Dach war nicht neu. Der Garten mit seinem alten Baumbestand reichte bis zu einem Zaun, hinter dem der Sülzbach plätscherte.
„Das klingt nicht seriös“, sagte Peter Jischeck, der jetzt neben Ferdinand stand. „Man hat sofort den Gedanken, dass es einen Haken gibt.“
„Sind Sie darauf eingegangen?“
„Nein, ich habe den Brief weggelegt und bisher kam nichts weiter. Beim Bernd war das anders. Ich bin allerdings auch oft unterwegs.“
„Hat Ihnen Bernd Fregge etwas Genaueres erzählt?“
„Er hat genau denselben Brief bekommen und als die Männer wieder aufgetaucht sind, hat er ihn vor deren Augen zerrissen. Er wollte einen Anwalt einschalten, weil er das Verhalten der Männer sehr unangenehm fand. Der eine hat sogar einen Blumentopf umgetreten. Das hat ihm Angst gemacht, aber wie die meisten hier würde er sein Haus niemals verkaufen.“
Ferdinand stutzte.
„Wie die meisten? Wollten Sie nicht sagen wie alle?“
„Nein, drei Häuser wurden bereits verkauft.“
„Wann fing denn das alles an?“
„Vor einem Jahr etwa. Die drei Häuser stehen aber immer noch leer.“
Sie liefen zurück zum Tisch, wo Bianca den Brief betrachtete. Der Name des Immobilienbüros sagte ihr gar nichts.
„Ludger von Etzelsbach. Immobilien rund um den Erdball. Was für ein Slogan. Ich möchte mir den Kerl gerne ansehen.“
„Dann machen wir morgen einen Ausflug in die Main-Metropole.“
„Sehr gut, schauen Sie dem Mann mal auf die Finger“, begeisterte sich Peter Jischeck und schlug auf den Tisch. „Es kann nicht sein, dass die schönen alten Häuser für diese modernen Bauten weichen müssen. Irgendwie befürchte ich nämlich, dass hier ein neuer Wohnkomplex entstehen soll.“
„Wir werden uns schlau machen. Bitte melden Sie sich umgehend bei uns, wenn es etwas Neues gibt“, sagte Bianca und gab ihm ihre Karte.
„Und passen Sie auf sich auf“, ergänzte Ferdinand.
Der Pfarrer zog die Augenbrauen hoch.
„Warum das denn? Ist der Tod von Bernd etwa kein Unfall gewesen?“
„Wir ermitteln noch. Haben Sie letzten Dienstag jemanden bei Ihrem Nachbarn gesehen?“
Peter Jischeck schüttelte den Kopf.
„Sie können Paula Grinzow fragen. Die ist die Nachbarin auf der anderen Seite und sie weiß immer alles, wenn Sie verstehen. Tag für Tag sitzt sie am Fenster und beobachtet das Geschehen.“
„Danke, Herr Jischeck, wir melden uns. Einen schönen Tag noch.“
Bianca und Ferdinand gingen durch den kühlen Hausflur wieder hinaus und auf der Straße bogen sie direkt nach rechts. Schon vom weitem sahen sie eine alte, weißhaarige Frau, die mit den Armen auf ein Kissen gestützt aus dem Fenster schaute. Neugierig streckte sie den beiden Ankömmlingen den Kopf entgegen.
„Sind Sie auch welche von den Immobilienleuten?“
Bianca grüßte freundlich und stellte sie vor. Gleichzeitig hielt sie der Frau ihren Ausweis hin.
„Ach, na sowas! Jetzt kümmert sich die Polizei darum?“
„Was meinen Sie?“, fragte Ferdinand.
„Die Typen kommen mit ihren Schmeicheleien nicht durch und schicken jetzt euch?“
„Nein, Frau Grinzow, im Gegenteil. Wir sind hier, weil wir Licht in die Angelegenheit bringen wollen. Dürfen wir hineinkommen?“
Bianca lächelte so nett sie konnte und nach kurzer Überlegung ließ die alte Frau sie eintreten.
„Ich lasse ja sonst niemanden ein, den ich nicht kenne. Man weiß ja nie, ob man dann nicht ausgeraubt wird oder tot in der Ecke liegt. Ich bin neunzig Jahre alt und hatte schon oft Angst.“
Als Bianca und Ferdinand wieder draußen auf der Straße standen, ahnten sie, dass hier ein ganz großer Fall seinen Anfang nahm.
4
Peter Jischeck saß unter dem großen Kirschbaum und schrieb einen Brief an seine Schwester. Er wusste, dass es per Mail schneller ging, aber er liebte es, wenn der Füller mit einem leisen schabenden Geräusch über das samtige Papier flitzte. Der Pfarrer schrieb mit seiner schönen Schnörkelschrift eine Einladung zu seinem Geburtstag. Wie immer würde die ganze Familie zusammenkommen.
„Hallo, Paps“, ertönte eine weibliche Stimme hinter seinem Rücken.
Er drehte sich um und lächelte einer jungen Frau mit blonden langen Haaren entgegen. Sie war schlank und hatte die gleichen sanften grauen Augen wie ihr Vater.
„Beatrice, schön, dass du mich besuchen kommst. Setz dich. Oder nein, geh bitte rein und mach uns doch eine schöne Tasse Kaffee.“
Beatrice Jischeck-Bröck küsste ihren Vater auf die Wange, strich ihm über die Schulter, stellte ihre Handtasche ab und eilte leichtfüßig ins Haus. Peter beendete seinen Brief, hielt das Blatt schräg, um noch einmal zu kontrollieren, ob die Tinte trocken war, nickte und faltete den weißen Bogen zweimal. Als er ihn in den Umschlag geschoben und alles zusammengeräumt hatte, kam Beatrice mit einem Tablett wieder hinaus. Sie goss ein und setzte sich.
„Na, Kind, wie geht es dir? Was kann ich für dich tun?“
Beatrice strich sich eine Haarsträhne hinter das Ohr und seufzte.
„Ach Papa, ich war beim Frauenarzt, weil ich dachte, dass ich endlich schwanger bin. Meine Regel ist ausgeblieben.“
„Und?“, fragte Peter neugierig und strahlte bei dem Gedanken daran, vielleicht endlich Opa zu werden.
„Nichts. Nicht schwanger. Dabei habe ich es so sehr gehofft.“
„Meine Kleine, sei nicht traurig, irgendwann wird es funktionieren. Was sagt denn der Arzt? Ist alles in Ordnung bei dir?“
„Ja, einer Schwangerschaft steht nichts im Wege. Es ist eine Kopfsache, sagt Dr. Gramill. Wir sollen die Hoffnung nicht aufgeben, wenn wir weiter an der Gründung einer Familie festhalten wollen.“
Der traurige Blick von Beatrice ging Peter durch und durch, hatte sie ihm doch erzählt, dass sie mit Timur auch nicht mehr so glücklich war wie vor ihrer Hochzeit.
„Willst du denn nicht mehr daran festhalten?“
„Doch, ich will das. Aber ich habe Zweifel, ob mein Mann noch genauso hinter mir steht. Er ist oft nicht zuhause, die Arbeit frisst ihn auf. Weißt du, wenn ich ein Kind hätte, würde mir das nicht so auffallen, aber so. Ich arbeite gerne in der Bücherei, doch wenn ich nach Hause komme, bin ich allein. Timur kommt spät und geht früh. Und an den Wochenenden machen wir auch wenig zusammen, da sitzt er im Büro im Keller und arbeitet. Wir essen zusammen, wir schlafen auch zusammen, aber wir verbringen keine Zeit miteinander. Will ich zu viel?“
Peter legte eine Hand auf die seiner Tochter und dachte nach. Er wollte sie nicht verletzen, aber schon, als er Timur Bröck das erste Mal getroffen hatte, wünschte er sich nichts sehnlicher, als dass es nur eine Liebelei wäre. Er hatte sich später innerlich entschuldigt, denn es war nicht seine Art, einen Menschen von vornherein zu verurteilen, aber der junge Mann, der vor zwölf Jahren vor ihm gestanden hatte, hatte ein ungutes Gefühl in ihm ausgelöst. Irgendetwas stimmte mit Timur nicht, da war er sich heute noch sicher.
„Nein, du willst nicht zu viel, nur glücklich sein. Du weißt, du kannst immer mit mir reden, wenn dich etwas bedrückt. Und wenn es hart auf hart kommt, bist du mir jederzeit willkommen. Hier ist dein Zuhause. Ich bin für dich da. Wie gerne wäre ich Opa einer kleinen Enkelin, aber manchmal soll es nicht sein.“
„Ich weiß, dass ich mich stets auf dich verlassen kann und dafür bin ich dir unheimlich dankbar. Jetzt lass uns mal über etwas anderes reden. Ich habe gehört, dass Bernd in den Rhein gefallen ist. Wie konnte das denn passieren? War er krank?“
Peter erzählte seiner Tochter, dass die Polizei dagewesen war und jetzt im Fall seines Nachbarn ermittelte. Beatrice war entsetzt.
„Das heißt doch wohl nicht, dass er ermordet wurde? Bitte nicht Bernd!“
„Davon haben die beiden nichts gesagt. Aber wenn ich an diese Männer denke, kann ich es mir schon vorstellen. Er hatte ihnen gedroht, die Polizei und seinen Anwalt einzuschalten.“
„Hast du denn keine Angst? Sie waren ja auch bei dir.“
„Gott wacht über mich, da brauche ich keine Angst zu haben. Vielleicht kann ich auch etwas für den Erhalt unserer Häuser tun, auf meine Stimme hören die Menschen doch.“
„Pass bloß auf dich auf. Wenn ich mir vorstelle, dass der Bernd … oh, Papa, ich mache mir schon Sorgen um dich. Leg dich bitte nicht mit solchen Leuten an.“
„Ich lege mich nicht mit ihnen an, ich kämpfe nur für meine Rechte und die Menschen, die mir wichtig sind.“
Beatrice seufzte und hoffte insgeheim, dass ihr Vater keine Zeit haben würde, um sich mit diesem Thema intensiver auseinanderzusetzen. Sie erhob sich, umarmte Peter und machte sich auf den Heimweg. Der blieb nachdenklich zurück und lief langsam durch seinen Garten. Hier blühten Blumen, dort wuchsen Kräuter, im Nachbargarten gackerten die Hühner und kamen an den Zaun gelaufen, denn Peter warf ihnen manchmal etwas Leckeres hinüber. Heute hatte er leere Hände und zeigte sie den Tieren, die lange Hälse machten.
Am Ende des Weges öffnete er das kleine Türchen und trat auf die Stufen hinaus, die in das schmale Ufer des Baches eingelassen waren. Früher hatte er die Tür fest verschlossen, denn die kleine Beatrice war verrückt nach Wasser gewesen. Er hätte es sich niemals verziehen, wenn sie in Gefahr geraten wäre. Bei dem Gedanken daran fiel ihm sofort wieder Timur ein und seine Machenschaften, die niemand durchschauen konnte.
Die beiden hatten sich auf einem Weinfest kennengelernt und bei Beatrice war es Liebe auf den ersten Blick gewesen. Sie schwärmte von ihrem Traummann, der nicht nur gut aussah, sondern auch ein richtiger Mann war. Gerne las sie ihm jeden Wunsch von den Augen ab und schon damals hatte Peter gedacht, dass es falsch war. Timur scheuchte seine Frau hin und her und ließ sich bedienen wie ein Pascha. Der Pfarrer konnte es kaum mit ansehen, aber er hatte große Angst, dass sich seine Tochter von ihm abwendete, wenn er gegen den Freund intervenieren würde. Also schaute er zu und sah, wie sich seine kluge und selbstständige Tochter immer mehr zu einem kleinen Hausmütterchen entwickelte.
„Wenn das mal kein böses Ende nimmt“, murmelte er leise und sah dem Wasser zu, das heute sanft in seinem Bachbett dahinfloss.
Es hatte schon Jahre gegeben, da stand das Wasser im hinteren Teil seines Gartens. In diesem Jahr allerdings herrschte eine große Trockenheit und der Bach war zu einem kleinen Rinnsal geworden. Manchmal, wenn sein Beruf zu stressig war, saß er nach Feierabend auf den Stufen und schloss die Augen, um dem Plätschern zuzuhören und das stimmte ihn dann milde und gab ihm die innere Ruhe zurück.
Früher hatte er mit seiner Frau hier gesessen. Ines Jischeck und er hatten zwanzig wunderbare Jahre gehabt, bis die Krankenschwester bei einem Autounfall getötet wurde. Peter hatte lange getrauert, aber der Gedanke, dass sie bei Gott war und er so guten Kontakt zu ihm hatte, hatte ihm geholfen, das Unveränderliche zu ertragen. Er ging sonntags mit Beatrice auf den Friedhof und brachte Ines eine Rose.
Als der Unfall vor zehn Jahren ihr Leben veränderte, hatte Beatrice gerade angefangen zu studieren, weil sie unbedingt Deutschlehrerin werden wollte. Timur hatte sie davon überzeugt, das Studium abzubrechen. Peter wollte sich nicht einmischen, denn der Verlust von Mutter und Ehefrau wog schwer. Heute sagte er sich oft: Wäre ich doch dagegen angegangen.
Der Pfarrer schloss das kleine Türchen und ging ins Haus.
5
Bianca war beim Staatsanwalt gewesen und der hatte wie erwartet gewettert und geschimpft. Als Bianca drohte, den Oberstaatsanwalt um Rat zu fragen, hatte er der Ermittlung knurrend zugestimmt.
„Der hat doch tatsächlich gedacht, er kann die Ermittlung verhindern“, sagte sie jetzt zu Ferdinand und schüttelte den Kopf. „Man könnte glauben, der hängt da mit drin. Aber wahrscheinlich hat er nur keine Lust zum Arbeiten.“
„Na, das wäre doch mal was, wenn wir unseren Dr. Rosenschuh verhaften könnten.“
Ferdinand grinste.
„Aber lass mal“, fuhr er fort, „wer weiß, was für ein Affe dann kommt. Lieber den als irgendeinen, den man nicht einschätzen kann.“
Bianca nickte. Ja, der Staatsanwalt war zwar merkwürdig und unangenehm, aber er war auch durchschaubar. Bei ihm wusste man immer, dass man mit Gegenwind rechnen musste.
„Vielleicht geht er ja wirklich fremd. Oder er ist frisch verliebt. Das wäre für mich beruhigender als der Gedanke, dass ein neuer Staatsanwalt alles umkrempeln will. Wollen wir denn jetzt mal den Herrn Immobilienmakler besuchen?“
„Hast du das mit den Kollegen in Frankfurt geklärt?“
„Klar, die freuen sich schon, denn er scheint kein unbeschriebenes Blatt zu sein. Ich habe uns auch einen Termin mit einem Kollegen gemacht, der uns die wichtigsten Informationen geben kann. Er heißt Hannes Britsche. Kennst du ihn?“
„Ja, wir sind uns mal bei einem anderen Fall begegnet. Das ist ein ganz Netter.“
„Ferdinand! Ich lasse mich nicht verkuppeln.“
Sie liefen schweigend zum Auto, aber als sie eine Weile gefahren waren, fing Ferdinand noch einmal an, seine Kollegin von den Vorzügen des netten Kripobeamten zu überzeugen.
„Hannes ist ein Jahr älter als ich und sieht sehr gut aus. Er ist ledig und kinderlos. Außerdem ist der Mann sehr nett und ein guter Polizist.“
„Und da findest du, ich müsste ihn heiraten?“
Bianca lachte, denn Ferdinand hatte mit ernstem Gesicht gesprochen. Er hatte sich wie ein Heiratsvermittler angehört.
„Nein, das habe ich doch gar nicht gesagt!“
„Ich werde mit ihm über dienstliche Angelegenheiten sprechen und sehr freundlich zu ihm sein. In Ordnung?“
„Gut, aber wenn es knallt, dann gehst du mal mit ihm essen.“
„Du wirst es als Erster erfahren, wenn ich hin und weg bin. Jetzt aber Schluss. Weißt du, ich stelle mir diesen Immobilienfritzen schon ganz schrecklich großkotzig vor. So ein drahtiger, sportlicher Anzug-Typ in einem blankgeputzten Büro und auf seinem Schoß eine üppige Blondine, eine teure Uhr am Handgelenk, eine Segeljacht auf dem Mittelmeer. Im Regal eine Reihe ordentlicher Aktenordner mit Exposés von Villen in aller Welt.“
„Ich kann dir sehr gut folgen. Aber vielleicht ist es auch ein kleiner Dicker im düsteren Kellerbüro, der zu geizig ist, seinen Reichtum zu zeigen, damit ihm niemand etwas wegnimmt.“
Sie bogen in eine Straße am Rande von Frankfurt ein, in der es nur Villen hinter hohen Mauern gab. Vor der Nummer zehn hielt Bianca an. Ferdinand und sie stiegen aus und liefen ein Stück die Straße hinauf und wieder zurück.
„Ich glaube, ich habe recht“, sagte Bianca und grinste. „Mal sehen, ob er auch die Blondine hat.“
Ferdinand legte den Daumen auf den Klingelknopf und schaute freundlich in das Kameraauge. Auf dem Messingschild neben dem Eingang stand wieder das, was die beiden auch auf dem Briefkopf bei Peter Jischeck gelesen hatten.
Eine weibliche Stimme meldete sich: „Das Büro ist heute leider nicht geöffnet. Auf Wiedersehen.“
Dann verstummte sie und die beiden Kommissare schauten sich an. Ferdinand holte seinen Dienstausweis heraus und hielt ihn vor die Linse, als er erneut auf die Klingel drückte. Es dauerte einen Moment, dann summte es und das hohe Eichentor öffnete sich wie von Zauberhand.
Bianca und Ferdinand liefen über einen geschotterten Weg bis zu einem gepflegten Herrenhaus, vor dessen Tür eine ältere Frau im grauen Kostüm wartete. Sie blickte aus kalten blauen Augen auf die unerwünschten Besucher herab.
„Die Herrschaften erwarten Sie im Büro, bitte folgen Sie mir“, sagte sie grußlos und ging voran.
Bianca überlegte, ob sie an der Tür die Schuhe abstreifen sollte, denn ein weißer Teppich bedeckte den Boden des Foyers. Bilder an den Wänden, kleine Skulpturen aus Glas und riesige Grünpflanzen rundeten den einschüchternden Anblick ab. Die Kommissarin schüttelte sich kurz und betrat das Büro, dessen Tür die Hausdame geöffnet hatte. Ferdinand folgte ihr.
Ganz anders, als man es in dem kühlen Umfeld erwarten würde, sprang ein dynamischer Enddreißiger aus seinem Ledersessel und kam ihnen mit einem gewinnenden Lächeln entgegen.
„Guten Morgen, ich bin Ludger von Etzelsbach und heiße Sie in meinem kleinen Imperium herzlich willkommen. Das ist meine bezaubernde Verlobte Saskia Lanotti. Bitte nehmen Sie doch Platz, Frau?“
Er starrte Bianca mit seinem eingefrorenen Lächeln an und die spürte sofort ein großes Unbehagen. Ihr Blick fiel auf Saskia, die auf einem riesigen Sessel lümmelte, die endlosen Beine übereinandergeschlagen. Blondine, noch ein Punkt für mich, dachte Bianca und grinste die Frau an. Saskia klimperte mit den künstlichen Wimpern, aber sie hatte nur Augen für Ludger. Ferdinand ließ sich mit keiner Faser anmerken, was er dachte.
„Ich bin Bianca Verskoff von der Kriminalpolizei und das ist mein Kollege, Kommissar Waldhöft. Ich hoffe, wir stören nicht, aber wenn Sie uns rasch ein paar Fragen beantworten, sind wir auch schon wieder weg.“
„Sie sind nicht von der Kripo in Frankfurt, oder?“
„Nein, wir sind aus Eltville, aber Ihr Name ist in Zusammenhang mit einem Mordfall erwähnt worden.“
„Was? Ein Mord? Das tut mir sehr leid, aber mit Mord habe ich nichts zu tun. Ich bin ein sanftmütiger Mensch und verabscheue Gewalt. Es kann sich hier nur um einem Irrtum handeln.“
Ferdinand übernahm jetzt das Gespräch.
„Was hat es mit den Schreiben an die Bewohner der Felsstraße in Eltville auf sich?“
„Das sind Angebote, die niemand ausschlagen kann. Ich habe hier im Rhein-Main-Gebiet sehr gute Kunden, die gerne ihre wenige Freizeit in einem kleinen Weinbau-Ort genießen wollen und es gibt doch viele Kleinstädter, die aus der Provinz in die Stadt wollen. Nehmen wir mal an, man ist alt und nicht mehr so gut zu Fuß, dann ist die Infrastruktur in der Großstadt wesentlich seniorenfreundlicher. Hier kann man einkaufen gehen, ohne große Wege auf sich nehmen zu müssen, es gibt mehr Restaurants und auch viel mehr Ärzte, die sich um die kleinen Wehwehchen kümmern können. Und ein altes Haus macht viel Arbeit. Also ich finde mein Angebot unendlich großzügig.“
„Ich finde dieses Angebot eher übertrieben. Sie kaufen doch eigentlich die Katze im Sack und zahlen blanko viel Geld, oder? Das wirkt nicht gerade seriös.“
„Was würden Sie sich kaufen, wenn Sie eine halbe Million hätten?“
„Das spielt hier keine Rolle, Herr Etzelsbach. Also?“
„Von Etzelsbach, wenn ich bitten dürfte. Nun gut, es ist ein wenig ungewöhnlich, aber glauben Sie mir: Das Konzept geht auf. Die Menschen verkaufen.“
„Bernd Fregge wollte nicht verkaufen.“
„Der Tote, ach ja, der hat mir sein Haus bereits verkauft. Lange vor seinem Ableben. Es tut mir sehr leid, dass er von seinem Geld nichts mehr hat.“
„Er hat sein Haus an Sie verkauft?“, fragte Bianca ungläubig, denn das, was der Mann am Schreibtisch sagte, stimmte in keiner Weise mit der Aussage von Peter Jischeck zusammen.
„Herr Fregge hat einen Vertrag unterschrieben, das Geld bekommen, aber leider ist er jetzt tot. Vielleicht hat er es nicht verkraftet und seine Entscheidung im Nachhinein bereut. Oder jemand wollte ihm das Geld stehlen und hat ihn deswegen umgebracht. Sie sagten ja, dass es Mord war. Ist das denn sicher?“
„Nein, natürlich nicht“, sagte Bianca, die das in diesem Moment für eine gute Idee hielt, weil sie das Gefühl hatte, den Mann in Sicherheit wiegen zu müssen.
„Es tut mir leid, dass ich Ihnen nicht weiterhelfen kann. Wenn Sie uns dann jetzt bitte entschuldigen möchten. Mein Schatz und ich sind zu einem Ausflug in den Rheingau verabredet.“
Ludger hatte sich erhoben und zeigte mit ausgestrecktem Arm in Richtung Tür. Die Kommissare verabschiedeten sich. Vor dem Büro wurden sie wieder von der Hausdame in Empfang genommen und hinausbegleitet. Sie grüßte nicht, sondern drückte einfach die Tür zu.
„Puh!“, rief Ferdinand vor dem großen Tor. „Dieser Lackaffe ist aalglatt. Ich habe dem kein einziges Wort geglaubt. Du?“
„Nein, das ist ein ganz linker Hund. Ich bin froh, dass du nicht gefragt hast, ob er uns den Vertrag zeigen kann. Der hätte uns ausgelacht. Dieser Typ ist mit allen Wassern gewaschen und ich bin der festen Überzeugung, dass der Täter oder zumindest der Auftraggeber der Tat vor uns gesessen hat. Dann mal los, auf zu deinem großartigen Hannes. Ich bin gespannt, was der uns zu erzählen hat.“
6
Hannes Britsche war groß, schlank, braungebrannt und lächelte aus graublauen Augen die Kommissarin an, die ihm die Hand entgegenstreckte. Ferdinand und er begrüßten sich wie alte Bekannte.
„Sie sind also die berühmte Bianca Verskoff, herzlich willkommen. Kaffee?“
„Gerne“, sagte Ferdinand, der gesehen hatte, dass Bianca die Augen zusammengekniffen hatte. „Wir waren gerade bei Etzelsbach.“
„Von Etzelsbach“, ergänzte Bianca und entspannte sich.
Der Mann, der ihr gegenübersaß, sah gut aus, war ein netter Kerl, aber er berührte ihr Herz überhaupt nicht. Sie konnte sich nicht vorstellen, mehr als freundschaftliche Gefühle zu haben, auch wenn ihn Ferdinand sehr angepriesen hatte.
„Der gute Mann tut so, als wenn er ein Menschenfreund sei, doch er ist ein Hai, der auf Beute lauert. Und niemand, aber auch wirklich niemand konnte ihm nur die geringste Übertretung eines Gesetzes nachweisen. Er hält sich akribisch an alle Vorschriften. Wir sind uns zu hundert Prozent sicher, dass er Dreck am Stecken hat.“
„Was denn zum Beispiel?“, fragte die Kommissarin.
Hannes brachte die Kaffeetassen und legte Bianca einen Keks auf den Tellerrand. Sie bedankte sich höflich und lächelte.
„Danke, aber geben Sie Ferdinand auch etwas zu essen. Er ist immer so mies drauf, wenn er Hunger hat.“
„Das ist gar nicht wahr“, brummte der Kommissar.
Hannes setzte sich wieder.
„Wir vermuten Geldwäsche, Erpressung, Nötigung und wenn ich euch glauben darf, dann kommt jetzt auch noch Mord dazu. Gibt es denn einen Zusammenhang zwischen Etzelsbach und dem Toten im Rhein?“
„Ja, Etzelsbachs Handlanger waren bei ihm, um ihn davon zu überzeugen, sein Haus zu verkaufen. Aber das ist natürlich kein Beweis.“
Ferdinand erklärte, was sie bei Peter Jischeck erfahren hatten und den Widerspruch, den der angebliche Verkauf des Hauses darstellte.
„Wir haben uns ein bisschen dumm gestellt, denn wir wollen euch nicht ins Handwerk pfuschen. Am liebsten hätte ich ihn gleich festgenommen und ausgequetscht. Aber ich glaube nicht, dass das eine gute Idee gewesen wäre.“
„Nein. Er muss jemanden haben, der ihm den Rücken deckt. Einer von ganz oben. Leider ist es nicht leicht, dem Kerl in die Karten zu gucken. Und wie gesagt, er verhält sich mit seinen Geschäften so korrekt, dass wir nicht an ihn herankommen. Ich kann euch mal erklären, wie sein Umfeld aussieht. Bildet euch selbst ein Urteil.“
Hannes bat seine Kollegin im Nebenzimmer, ihm die Akten zu bringen und kurze Zeit später lag ein dicker Ordner vor ihnen. Hannes breitete einige Bilder vor den Besuchern aus und begann zu erzählen.
„Das ist Ludger auf seiner Jacht. Neben ihm die Blondine ist seine Verlobte, aber man munkelt, dass er auch andere Gespielinnen hat.“
„Wir haben sie in seinem Haus getroffen. Bianca, du hast gewonnen.“
Ferdinand grinste.
Hannes fuhr fort: „Der Typ hier ist Klaas Wimmer, er fungiert als Chauffeur. Der ist dreißig und ich möchte ihm nicht im Dunkeln begegnen. Hier der nächste: Sandro Dieck, siebenundzwanzig, sieht eher dumm aus, wie ich finde, aber das macht ihn vielleicht auch gefährlich. Er ist die rechte Hand des Chefs. Und damit meine ich nicht, dass er denken kann.“
„Er sieht gemein aus“, sagte Bianca leise. „Wir brauchen die Fotos, um sie den Nachbarn von Bernd Fregge zeigen zu können.“
„Natürlich, Frau Kollegin. Das habe ich schon vorbereitet.“
Seine Augen hingen an Bianca und am liebsten hätte er sie sofort gefragt, ob sie mit ihm essen gehen würde. Diese Frau hatte einen sagenhaften Ruf und noch dazu sah sie super aus und war sympathisch. Bianca spürte, dass sie Hannes gefiel, aber das empfand sie als unangenehm. Ich bin noch lange nicht soweit, dachte sie, und duckte sich vor Ferdinands strengem Blick.
„Der nächste ist Eckehard Wustel, sechsundvierzig, mehrfach vorbestraft wegen Diebstahls. Anscheinend war es die soziale Ader von Etzelsbach, armen Verbrechern eine Chance zu geben. So stand es mal in einem Artikel im Internet, als man ihn interviewt hatte. Und der letzte in der illustren Runde ist Jewgeni Sabritschek, neununddreißig.“
„Uh, der sieht aus wie ein Schläger. Die Nachbarin von Bernd Fregge hat einen Mann so ähnlich beschrieben. Einer der Männer, die das Opfer aufgesucht hatten, hatte sogar einen Blumenkübel umgetreten.“
Bianca schüttelte sich beim Anblick des bulligen Mannes, der einen bösen Blick hatte und auch sein Anzug konnte nicht über den Eindruck hinwegtäuschen, dass es sich hier wohl um einen brutalen Schläger handelte.
„Hat nur dieser Eckehard Wustel etwas auf dem Kerbholz oder auch die anderen?“
„Eine längere Strafakte hat nur der, aber die drei anderen sind auch keine Waisenknaben. Hier ist eine Akte, in der ich schon mal die wichtigsten Informationen zusammengestellt habe. Die könnt ihr mitnehmen und ich hoffe sehr, dass wir weiter in Kontakt bleiben. Die Truppe hat ihren Wirkungskreis anscheinend gänzlich zu euch in den Rheingau verlegt. Wir können uns ja mal treffen oder telefonieren.“
„Danke, Herr Kollege, Ferdinand wird sicher gerne Kontakt halten.“
Als Bianca das gesagt hatte, sah Hannes sie sofort traurig an und es tat ihr schon leid, dass sie so schroff gewesen war. Um ihn wieder milde zu stimmen, gab sie ihm ihre Karte.
„Aber natürlich können Sie sich auch bei mir melden.“
Ferdinand hatte zwischen den beiden hin und her geschaut und runzelte jetzt die Stirn. Er war unschlüssig, ob er Bianca nachher im Auto zusammenstauchen sollte oder nicht. Er dachte: Hannes ist einer von den Guten, aber vielleicht ist sie wirklich noch nicht so weit.
Sie redeten noch ein bisschen über die neuesten Fälle in der Main-Metropole und Ferdinand berichtete über den Entführungsfall, der Bianca und ihn zusammengeführt hatte. Bianca musste an Riva denken, die sie lange nicht mehr gesehen hatte und nahm sich vor, sie am Abend anzurufen. Nach einer halben Stunde verabschiedeten sie sich und fuhren zurück in den Rheingau, wo Dr. Rosenschuh sie schon erwartete.
„Wo treiben Sie sich denn herum? Hier war ein Mann, der mit Ihnen sprechen wollte.“
„Wir arbeiten auch außerhalb des Büros“, sagte Ferdinand knapp.
„Jaja, sie schuften sich noch irgendwann zu Tode.“
„Wer war denn der Mann?“, fragte Bianca, die sich nicht streiten wollte.
„Ein Peter Irgendwas, keine Ahnung. Er sagte, er wolle nochmal wiederkommen. Er ist mir direkt in die Arme gelaufen, aber da Sie mir ja nicht sagen, wo Sie hingehen, konnte ich ihm nicht helfen.“
„Peter Jischeck, der Pfarrer. Er hat vielleicht Neuigkeiten für uns.“
„Was hat denn ein Pfarrer mit dem Fall zu tun?“, knurrte der Staatsanwalt.
„Er hatte auch mit der Immobilienfirma zu tun. Einige Menschen in der Felsstraße sollen ihr Haus verkaufen.“
Aus irgendeinem Instinkt heraus wollte Bianca dem Staatsanwalt nicht mehr zu dem Fall sagen. Dr. Rosenschuh wollte am Anfang immer gar nichts wissen und später dann alles, aber das ärgerte Bianca schon lange.
Sie sagte nur: „Wenn wir nähere Informationen haben, schreiben wir einen Bericht. Bis jetzt sind es nur einzelne Puzzleteilchen, die wir noch zusammenfügen müssen.“
„Na, dann puzzeln Sie mal schön“, blaffte Dr. Rosenschuh und verschwand.
„Oh Mann“, brummte Ferdinand, „der geht mir auf die Nerven. Ich muss unbedingt Dienststellenleiter werden, dann lasse ich den nur noch mit Anmeldung ins Haus.“
Bianca lachte und winkte ab.
„Er bellt ja nur und beißt nicht.“
„Wie hat dir denn unser Kollege Hannes gefallen?“
„Er ist ein netter Kerl, da hast du nicht zu viel versprochen, aber mein Herz hat nicht gehüpft.“
„Schade, der ist wirklich ein guter Mann. Aber ich verstehe dich. Es müssen schon Schmetterlinge sein.“
„Du sagst es“, erklärte Bianca und küsste Ferdinand auf die Wange. „Aber jetzt ist erstmal Feierabend. Ich habe einen Termin beim Friseur und bin morgen früh wieder im Büro. Außerdem muss ich mich mal wieder mit Riva verabreden.“
7
Bianca war mit frisch geschnittenen Haarspitzen einkaufen gewesen und hatte sich danach auf den Heimweg gemacht. Beim Friseur hatte sie Riva angerufen und sich mit ihr zum Abendessen verabredet. Sie wollten sich in Erbach im Weinhof Martin treffen, ein gutes Glas Wein trinken und Juttas berühmten Zwiebelkuchen probieren.
Vor dem Haus stand ein fast leerer Möbelwagen. Oh, dachte Bianca, da zieht doch nicht etwa jemand in die Wohnung gegenüber. Sie hoffte, dass es niemand war, der auf eine gemütliche Nachbarschaft pochte und ständig Mehl und Zucker leihen wollte. Seufzend ging sie um ihr Auto herum und öffnete den Kofferraum, um den Einkaufskorb herauszunehmen. Als sie die Klappe wieder schloss, blieb ihr Herz stehen, um zwei Sekunden später heftiger denn je in ihrer Brust zu hämmern. Unwillkürlich zog sie den Bauch ein und spürte, wie sie rot wurde.
Am Möbelwagen stand ein Mann und schloss gerade die hinteren Türen. Er nickte ihr freundlich zu und Bianca konnte nicht wegsehen, so sehr hatte sie der Anblick des Mannes aus dem Konzept gebracht. Er war groß, schlank und sportlich, seine Haut gebräunt, er trug Flipflops und kurze Sporthosen. Über den Schultern lag sein T-Shirt und Bianca starrte seine straffen Brustmuskeln an. Sie musste schlucken, als er jetzt sein blondes Haar zurückstrich. Seine blauen Augen und die sanft geschwungenen Lippen weckten Erinnerungen an eine Zeit, als sie sich noch wie eine richtige Frau gefühlt hatte. Sie dachte: Verzeih mir, Michael.
„Hallo, Eike Strengler, ich bin Ihr neuer Nachbar“, sagte er mit tiefer Stimme, während er ihr an der Haustür den Vortritt ließ.
„Hallo“, kam es heiser über ihre Lippen, „ich bin Bianca.“
„Ah, dann wohnen wir ja einander gegenüber.“
Er lächelte erneut und als sich ihre Blicke trafen, ahnte Bianca, dass hier genau das geschehen war, was sie vor kurzem Ferdinand erklärt hatte: Es musste richtig knallen, wenn sie jemals wieder einen Mann in ihr Leben lassen sollte.
„Darf ich Ihnen etwas abnehmen?“, fragte der Mann höflich.
„Nein, danke, es geht schon. Außerdem haben Sie doch wohl genug geschleppt heute. Herzlich willkommen in Eltville.“
„Danke“, sagte er, zwinkerte und verschwand in seiner Wohnung.
Bianca schob ihre Tür mit dem Fuß zu, stellte den Korb in die Küche und sank auf den Küchenstuhl. Sie versuchte zu atmen und an etwas anderes zu denken, aber es gab nur ein einziges Bild in ihrem Kopf: den neuen Nachbarn. Sie räumte die Einkäufe weg, kochte sich eine Tasse Kaffee und dann fiel ihr wieder ein, dass sie eine Verabredung mit Riva hatte. Sie duschte und musste ständig gegen den Gedanken ankämpfen, dass sie sich mit ihrem neuen Nachbarn gemeinsam unter der Dusche sah.
„Jetzt ist aber Schluss!“, beschimpfte sie ihr Spiegelbild, nachdem sie in ein Handtuch gewickelt ihre Haare bürstete. „Das ist bestimmt ein Blender und so etwas brauche ich ganz sicher nicht.“
Sie wollte diesen vernünftigen Gedanken nicht verlieren, aber irgendwie gelang es ihr nicht. So, wie der Mann sich ihr gegenüber verhalten hatte, schien er echt und nett zu sein. Seit langer Zeit hatte sie ihren Instinkt nicht mehr bei sich selbst gespürt, aber jetzt wusste sie tief in ihrem Inneren, dass dieser Eike Strengler ohne Anlauf ihr Herz erobert hatte.
„Ich muss das unbedingt mit Riva besprechen.“
Mit ernstem Blick löschte Bianca das Licht im Bad, zog sich an und machte sich auf den Weg nach Erbach. Bevor sie die Wohnung verließ, sah sie durch den Türspion, um sicherzugehen, dass ihr der Mann nicht noch einmal über den Weg lief. Sie war genügend durcheinandergeraten und musste wirklich erstmal mit jemandem reden.
Im Weingut angekommen setzte sie sich unter das Dach des Pavillons und bestellte ein Glas weißen Burgunder. Zehn Minuten später traf auch Riva ein. Die Frauen umarmten sich herzlich und Riva orderte auch ein Glas Wein und dazu die Karte.
„Ich könnte ein ganzes Schwein verschlingen, so einen Hunger habe ich“, rief die temperamentvolle Freundin und atmete tief durch. „Mann, was für eine gute Luft. Im Keller ist es einsam, seit du nicht mehr da bist und ich habe so viel Arbeit, dass ich kaum noch Freizeit habe. Liebe Bianca, wie geht es dir denn?“
„Es geht mir gut. Und ich muss dir nach dem Essen dringend etwas erzählen.“
„Oh, ich bin gespannt. Zweimal Zwiebelkuchen bitte!“
Die Teller kamen und sie aßen mit Genuss, wobei Riva vom geplanten Urlaub erzählte. Sie wollte unbedingt nach Südfrankreich, aber ihr Mann hatte mehr Interesse an einer Reise nach Südafrika. Jeden Abend diskutierten sie, was das bessere Urlaubsziel war.
„Na, am Ende werde ich gewinnen und mein Schatz ist glücklich, wenn ich es bin. So, das war sehr lecker. Prost, Bianca, auf die Liebe!“
Bianca hob ihr Glas und grinste.
„Das ist genau das richtige Thema. Ich habe einen neuen Nachbarn.“
Riva begann zu husten und lachte. Das ist ja eine Überraschung, dachte sie, und stützte ihr Kinn auf die Hände.
„Erzähl!“
Bianca begann bei der Begegnung mit Hannes und machte dann ein geheimnisvolles Gesicht.
„Als ich nach Hause kam, sah ich IHN.“
Nun erzählte sie ihrer Freundin detailliert von der ersten Begegnung mit Eike. Sie schwärmte von seiner äußeren Erscheinung genauso wie von seiner netten Art, denn sie wusste, dass Riva sich nicht über sie lustig machen würde.
„Was soll ich denn jetzt machen?“, beendete sie ihren Bericht. „Ich bin hin und weg, aber ich kann ja schlecht bei ihm läuten und ihn anspringen.“
„Och, warum eigentlich nicht. Aber vielleicht wartest du erstmal ab, bis er seine Wohnung eingerichtet hat. Sonst musst du nachher noch helfen und seine Gardinen aufhängen. Süße, wenn du ihn willst, dann geh ruhig auf ihn zu. Wie alt ist er denn?“
„Das ist das nächste Problem. Ich würde sagen, er ist um einige Jahre jünger.“
„Das ist doch kein Problem. Du kannst dir locker einen jüngeren Liebhaber gönnen, so wie die Prominenten. Wenn es passt, ist das Alter egal. Aber … und das meine ich ernst … lass ihn vielleicht doch den ersten Schritt machen. Nach so langer Zeit Enthaltsamkeit wäre eine Enttäuschung nicht gut. Vielleicht ist er schwul oder hat eine Freundin, also lass ihn kommen und dann greif zu.“
„Gut“, sagte Bianca entschlossen, „ich denke auch, dass es besser ist, wenn er auf mich zukommt.“
Sie nippte gedankenverloren an ihrem Wein. Plötzlich verfinsterte sich ihr Blick.
„Und was ist, wenn er nicht auf mich zukommt?“
„Dann hakst du ihn ab und schaust dich weiter um. Das ist doch nicht schlimm. Es gibt viele nette Männer, die sich nach einer Frau wie dir den Hals verrenken.“
„Oh, es wäre sehr schlimm. Ich kann an nichts anderes denken als an diesen Kerl, dabei haben wir einen Fall, der uns völlig in Anspruch nehmen wird. Was ist, wenn er keine Polizistin mag?“
„Jetzt hör auf mit deinem Wenn und Aber, ich bin gespannt, wie es weitergeht. Du musst mich auf dem Laufenden halten. Meine Liebe, es ist spät, ich muss heim. Wir telefonieren morgen, ja?“
Bianca zahlte für sie beide, dann machten sie sich auf den Heimweg. Vor ihrem Haus schaute sie nach oben. Bei ihrem Nachbarn brannte Licht. Sie lächelte und ging schlafen.
8
„Ich finde das Angebot unschlagbar. An deiner Stelle würde ich die alte Hütte abstoßen und mir eine moderne Wohnung in Wiesbaden gönnen. Warum unterschreibst du nicht einfach?“
Timur Bröck hatte den Kopf geschüttelt, als Peter Jischeck erklärte, dass er sein Haus niemals verkaufen würde. Beatrice und ihr Mann waren zum Abendessen eingeladen und saßen im Wohnzimmer auf der Couch.
„Das verstehst du nicht, Schatz, es ist mein Elternhaus. Papas Herz hängt daran und meins auch. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir hier nicht mehr herkommen können.“
Beatrice glaubte ihren Ohren nicht zu trauen, als ihr Mann ihrem Vater empfahl, auf das ominöse Angebot einzugehen. Auch Peter runzelte jetzt die Stirn.
„Man könnte meinen, dass du mit denen unter einer Decke steckst“, sagte er nachdenklich. „Es ist mein Haus und ich werde es irgendwann meiner Tochter und meinen Enkeln vererben.“
Timur sprang auf und sah aus dem Fenster.
„Ich will diese Bruchbude nicht, da wäre ich für den Rest meines Lebens mit Renovierungsarbeiten beschäftigt. Auf keinen Fall!“
Peter war nun sichtlich böse.
„Ich werde das Haus auch nicht dir vererben, sondern meiner Tochter, die du gar nicht verdient hast. Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber ich finde dein Verhalten Beatrice gegenüber nicht richtig. Du kümmerst dich nur um deine Arbeit und dein Vergnügen.“
„Papa!“, rief Beatrice entsetzt. „Sag doch sowas nicht. Ich liebe Timur und du kannst nicht so mit ihm reden. Bitte hört beide auf. Papa behält das Haus und wir lassen alles so, wie es ist. Ich möchte keinen Streit in der Familie.“
Timur winkte ab und sah seine Frau ernst an.
„Ach, ihr Gutmenschen, ich wollte deinem Vater nur die beste Option schmackhaft machen. Aber ihr seid total unrealistisch. Guck mal, hier muss das Dach gemacht werden, die Fenster sind alt und undicht, der Keller immer feucht, also wenn ihr mich fragt, ist das ein Fass ohne Boden. Und da schlägt man eine halbe Million nicht einfach aus.“
„Mein lieber Schwiegersohn, du denkst nur mit dem Kopf, aber ich denke mit dem Herzen und ich hänge an dem Haus. Ich würde es nicht verkaufen, wenn mir jemand fünf Millionen bieten würde.“
„Mein lieber Schwiegervater“, gab Timur zynisch zurück, „träum weiter. Wenn du mal nicht mehr bist, ist es das Erste, was wir machen: Diese Bude wird verkauft. Also pass schön auf dich auf, nicht, dass du noch in den Rhein fällst.“
„Timur!“, rief Beatrice und begann zu weinen. „Wie kann man nur so hässlich reden. Ich erkenne dich nicht wieder.“
„Lass gut sein, mein Kind, du siehst, ich habe recht. Ich wollte es dir nie so direkt sagen, aber dein Mann ist kein guter Mensch. Er ist egoistisch und sicher hat er eine Leiche im Keller. Ich wünschte, du hättest ihn nie geheiratet.“
In dem Moment, als der letzte Satz Peters Mund verlassen hatte, tat es ihm schon leid, denn er hatte seine Tochter tief verletzt. Das konnte er an ihrem Blick erkennen. Sie raffte ihre Jacke auf, griff nach ihrer Handtasche und verließ fluchtartig das Haus.
Timur folgte ihr. An der Tür drehte er sich noch einmal um und grinste gehässig.
„Das hast du ja prima hinbekommen. Herzlichen Glückwunsch, du hast gerade deine Tochter verloren. Überleg dir das mit dem Haus, ich helfe dir gerne es abzustoßen.“
„Niemals!“
Peter saß zitternd in seinem Wohnzimmer. Tränen traten in seine Augen, denn er hatte nicht gewollt, dass aus der Diskussion solch ein Streit wird. Doch die sture Art von Timur hatte ihn zum Äußersten getrieben. Seufzend räumte er den Tisch ab und sah aus dem Küchenfenster in den Garten, den die Dämmerung in ein gleichmäßiges Grau tauchte.
„Oh Herr, wie konnte ich nur so hart sein? Ich hätte den Kerl mit handfesten Argumenten umstimmen müssen, stattdessen habe ich mich wie ein Trottel verhalten. Morgen werde ich Beatrice besuchen und die Wogen wieder glätten.“
Er verließ die Küche und lief noch einmal den Weg entlang bis zum Bach, um sich davon zu überzeugen, dass das kleine Tor verschlossen war. Dort schaute er zum Himmel, wo sich die ersten Sterne zeigten. Er lächelte, denn er war zuversichtlich, dass ihm eine Versöhnung mit Beatrice gelingen würde. Er betete und ging schlafen.
Am nächsten Morgen fühlte Peter sich zerschlagen und müde, denn ihm war die Drohung, die sein Schwiegersohn so unverhohlen ausgesprochen hatte, erst in der Nacht so richtig bewusst geworden. Das hatte ihn gegen zwei Uhr aus dem Schlaf schrecken lassen. Er hatte geträumt, dass zwei Männer ihn gepackt und an den Rhein geschleppt hatten. Als sein Gesicht dem Wasser immer nähergekommen war, war er schweißgebadet aufgewacht. Das Einschlafen war ihm nicht mehr gelungen, stattdessen hatte er sich hin und her gewälzt.
Er blieb noch einen Moment liegen und erhob sich später stöhnend, um ins Bad zu schlurfen. Im Spiegel sah er ein graues Gesicht und dicke Ränder unter seinen Augen. Bartstoppeln sprossen an den Wangen und am Kinn. Peter duschte, rasierte sich und bei einem erneuten Blick in den Spiegel gefiel er sich schon besser. Nach einem guten Frühstück und einer Tasse starkem Kaffee fühlte er sich stark genug, seine Tochter anzurufen.
„Guten Morgen Beatrice, ich wollte mich bei dir entschuldigen.“
Peter hörte die Stimme seiner Tochter, die immer noch sehr unterkühlt klang.
„Papa, ich kann wirklich nicht glauben, dass du so mit uns geredet hast. Ich weiß nicht, ob ich dir verzeihen kann.“
„Wollen wir zusammen zu Mittag essen? Dann können wir noch einmal reden. Es würde mir sehr viel bedeuten.“
„Heute kann ich nicht, ich will mit Timur nach Wiesbaden fahren. Vielleicht an Wochenende.“
Peter seufzte, aber er ahnte, dass er im Augenblick nicht mehr verlangen konnte.
„Bitte, Beatrice, es tut mir wirklich leid. Ich weiß nicht, was mich da gestern geritten hat. Die ganze Sache mit dem Haus und dann noch Bernds Tod, das hat mich durcheinandergebracht. Es wäre schön, wenn du mir eine Chance geben könntest. Ich würde mich natürlich auch bei Timur entschuldigen.“
„Ich muss jetzt auflegen, ruf doch am Wochenende nochmal an. Tschüss Papa.“
Beatrice legte auf und bemerkte erst jetzt, dass ihr Mann hinter ihr gestanden und mitgehört hatte. Er legte die Arme um die Taille seiner Frau und küsste sie auf die Wange.
„Richtig so, Schatz, lass den alten Mann ein bisschen schmoren. Was denkt der sich denn? Beleidigt mich und das als Pfarrer. Am liebsten würde ich ihm eine reinhauen.“
„Das wirst du nicht tun. Ich hasse diese Diskussion über das Haus und ich hasse Streit. Vertragt euch! Aber es muss nicht heute sein. Papa hat mich sehr verletzt. Ich liebe dich, Schatz, und ich bereue es nicht dich geheiratet zu haben.“
„Ich liebe dich auch. Jetzt muss ich los. Versuch du doch mal deinen Vater zu überzeugen, dass es besser ist, wenn er das Haus verkauft, solange er so viel Geld dafür bekommt. Wenn wir das später erben, ist es so marode, dass wir es abreißen lassen müssen und dann haben wir keinen Gewinn, sondern nur Kosten.“
„Papa wird es nicht verkaufen. Schlag dir das aus dem Kopf.“
Timur ließ sie los und nahm seine Jacke. Er verstaute sein Handy in der Hose und machte sich auf den Weg zur Arbeit in die Firma für Import und Export, die er ganz allein führte. Sie verabredeten sich für den Abend zum Essen und Beatrice blieb allein zurück.
Sie war durcheinander: Wer hatte recht? Papa, der sagte, die Immobilienleute seien Betrüger oder Timur, der das Ganze sehr sachlich sah?
9
„Guten Morgen, Frau Nachbarin.“
Es war acht Uhr und als Bianca die Wohnung verließ, stand auch Eike Strengler plötzlich im Hausflur.
„Guten Morgen“, sagte Bianca erschrocken und blickte zu Boden, weil sie spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss.
Eike Strengler trug einen schmal geschnittenen dunkelblauen Anzug, passende Schuhe und eine beige Aktentasche unter dem Arm. Seine blauen Augen leuchteten, als er seine neue Nachbarin ansah. Sie war lässig gekleidet, die Haare fielen ihr sanft über die Schultern und er fand es absolut entzückend, dass sie jetzt schon das zweite Mal rot wurde. Er fragte sich im Stillen: Liegt das an mir oder ist sie einfach nur schüchtern?
„Arbeiten?“, fragte er kurz.
„Ja, was muss, das muss. Bis dann.“
Leichtfüßig lief sie die Treppe hinunter.
„Moment bitte!“, rief Eike ihr nach.
Bianca blieb auf dem unteren Treppenabsatz stehen und schaute nach oben.
„Ja?“
„Haben Sie einen Akkuschrauber? Meiner hat gestern den Geist aufgegeben. Ich hatte bei Ihnen geklingelt, aber Sie waren wohl unterwegs.“
„Ich war mit meiner Freundin in Erbach zum Wein trinken.“
Bianca biss sich auf die Lippe und dachte: Warum, zum Teufel, erzähle ich dem Kerl so etwas?
„Das hört sich gut an. Also, haben sie einen?“
„Einen was?“
„Haben Sie einen Akkuschrauber?“
„Oh Mann, ich bin noch so müde“, redete sich Bianca heraus und zwang sich zu einem Lächeln, „natürlich habe ich einen Akkuschrauber und Sie können ihn gerne ausleihen.“
„Gut, dann werde ich nach der Arbeit noch einmal bei Ihnen läuten. Bis später.“
Bianca murmelte im Auto vor sich hin: „Ich habe ein Date, nein, ich habe kein Date. Ich leihe ihm nur meinen Akkuschrauber. Ganz ruhig bleiben. Nur der Akkuschrauber.“
Entschlossen startete sie den Motor und fuhr ins Büro. Dort wartete Ferdinand bereits und sah seine Kollegin an.
„Du siehst verändert aus. Ist etwas passiert?“
Bianca überlegte, ob sie Ferdinand von Eike erzählen sollte. Ja, dachte sie, er ist mein bester Freund und bringt mich vielleicht wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.
„ER ist mir passiert … mein neuer Nachbar.“
Ferdinand grinste breit und sah plötzlich ganz zufrieden und glücklich aus.
„Das ist super!“, rief er enthusiastisch. „Du siehst wirklich aus, als wärst du einem guten Geist begegnet. Und ich dachte schon, du findest Hannes doch ganz passabel.“
„Ach, Ferdinand, Hannes ist ein netter Typ, aber es gab nicht den kleinsten Funken.“
„Und bei deinem Nachbarn hat es gefunkt?“
„Es war, als hätte mich der Blitz getroffen. Er leiht sich heute meinen Akkuschrauber, ich muss also pünktlich heim.“
Der Kommissar lachte, kam um den Schreibtisch herum, zog Bianca vom Stuhl hoch und nahm sie in den Arm.
„Den Akkuschrauber also. Dann wünsche ich dir mal viel Spaß bei der Übergabe. Ich gönne es dir von Herzen und das weißt du, aber sei trotzdem vorsichtig, ja? Ich will nicht, dass dir jemand wehtut.“
Bianca lehnte sich in Ferdinands Arme und nickte.
„Ich kenne ihn ja nur von den drei Minuten, die wir uns bisher gesehen haben. Wenn er ein Mistkerl ist, darfst du ihn verhauen. Aber jetzt müssen wir arbeiten, damit ich einen klaren Kopf bekomme. Zu Peter Jischeck?“
„Jawohl, Chefin. Komm!“
Sie fuhren in die Felsstraße, die Fotos der Mitarbeiter von Ludger von Etzelsbach in der Tasche. Der Pfarrer öffnete nach wenigen Sekunden und hatte eine Einkaufskiste in der Hand.
„Ah, guten Morgen. Ich wollte gerade einkaufen, aber das kann ich auch später noch machen. Kommen Sie bitte herein.“
Er ging voraus in die Küche und bot den beiden Besuchern einen Platz an.
„Sie waren bei uns, sagte der Staatsanwalt“, begann Bianca.
„Ja, ich wollte Ihnen von meinen Gesprächen mit den Nachbarn berichten. Kann ich Ihnen etwas anbieten?“
„Nein danke“, sagte Ferdinand, „dann schießen Sie mal los. Wir hätten jetzt die gesamte Nachbarschaft befragt.“
Peter Jischeck holte einen Schreibblock aus dem Arbeitszimmer und setzte sich neben Ferdinand. Er fuhr mit dem Zeigefinger über den ersten Namen.
„Neben dem Haus von Bernd Fregge wohnen die Röbergs, Ottmar und Sigrun. Wie ich erfahren habe, haben sie ihr Haus an den Makler verkauft, auch die Wieglers, Hennes und Mira mit ihren zwei Kindern. Ich war entsetzt, aber sie schienen irgendwie erleichtert, dass der Stress mit den Männern vorbei ist. Die Wieglers ziehen nach Geisenheim und die Röbergs nach München.“
„Es scheint, sie haben aufgegeben. Herr Jischeck, wer hat denn noch nicht unterschrieben?“
„Ich.“
„Hm, und Sie wollen bleiben?“
„Auf jeden Fall. Aber ich denke, diese Typen haben meinen Schwiegersohn irgendwie mit eingebunden. Timur und meine Tochter waren letztens hier und wir haben uns deswegen gestritten. Mir sind da Dinge herausgerutscht, die ich nie so sagen wollte. Aber Timur hat ewig auf dem Thema herumgehackt und wollte mich partout davon überzeugen, dass es das Beste wäre zu verkaufen. Ach ja, und natürlich Bernd. Er hat auch nicht verkauft.“
Bianca und Ferdinand sahen sich an.
„Er hat“, sagte Bianca leise.
„Nein!“, rief Peter. „Das kann nicht sein. Er war noch bei mir und hat immer gesagt, dass er sich nicht kleinkriegen lässt. Das geht nicht mit rechten Dingen zu.“
Ferdinand holte jetzt die Fotos heraus, die ihnen Hannes mitgegeben hatte. Er legte sie nebeneinander auf den Tisch und wollte wissen, ob Peter jemanden erkennen würde. Der Pfarrer tippte auf eines der Bilder. Es war das von Sandro Dieck.
„Der war Anfang der Woche hier und hat geklingelt. Ich habe nicht aufgemacht, nur aus dem Fenster geschaut. Der und der mit dem brutalen Gesichtsausdruck haben den Brief gebracht und waren auch nebenan bei Bernd.“
Auf dem zweiten Bild sah Ferdinand Jewgeni Sabritschek. Er konnte sich vorstellen, welchen Eindruck die beiden zusammen auf die Bewohner der Straße gemacht hatten.
„Ist noch jemand von den Nachbarn hier oder sind sie schon ausgezogen?“
„Die Wieglers packen. Der Mann muss arbeiten, aber die Frau ist sicher zuhause, denn sie betreut die kleinen Kinder. Soll ich Sie begleiten?“
Bianca schüttelte den Kopf.
„Nein, wir gehen lieber allein. Vielleicht ist es den Leuten unangenehm über den Verkauf zureden. Gibt es noch andere Menschen, die von den Männern unter Druck gesetzt wurden?“
„Nein, nur wir vier. Die anderen drei Häuser sind schon länger leer.“
„Also sieben Häuser. Wenn alle verkauft haben und Bernd womöglich getötet wurde, dann sind nur noch Sie übrig. Im Moment bedeutet das für mich, dass Sie in Gefahr sind. Wir könnten Ihnen jemanden vor die Tür stellen oder öfter Streife fahren.“
„Ach, Frau Kommissarin, machen Sie sich nicht so viel Mühe. Die werden mir nichts tun. Außerdem wacht der da oben über mich.“
Er lächelte und zeigte mit dem Zeigefinger nach oben. Es war etwas an dieser Geste, die bei Bianca ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit auslöste. Es musste gut sein, wenn man so stark in seinem Glauben war. Sie selbst hatte in ihrem Leben wenige Kontakte mit der Kirche gehabt, doch dann waren diese Kontakte auch immer sehr respekteinflößend gewesen. So war es dabei geblieben, dass sie sich zwar gerne alte Kirchen ansah, aber ansonsten Abstand hielt. Auch vor Peter Jischeck hatte sie Respekt, allerdings fühlte sich das jetzt anders an. Sie war vor allem von seinem Urvertrauen begeistert.
„Bitte achten Sie trotzdem auf sich und melden Sie sich sofort, wenn die Männer wieder auftauchen.“
„Ja, das werde ich tun, Frau Verskoff. Ich hoffe, Sie können denen Einhalt gebieten. Sonst ist bald ganz Eltville in ihrer Hand.“
Ferdinand nickte und versprach, genau das zu verhindern. Er war aber auch überzeugt, dass sie über diesen Fall erst ganz wenig wussten und ihnen noch die eine oder andere Überraschung blühte. Als sie Peters Haus verlassen hatten, liefen sie schweigend zum Nachbarhaus.
Wie der Pfarrer gesagt hatte, war Mira Wiegler zuhause. Sie machte einen entspannten Eindruck, auch wenn sie gerade zwischen Bergen von Kartons stand und ein kleines Mädchen in einem von ihnen saß und weinte. Ein Junge im selben Alter fuhr mit einem Feuerwehrauto laut lachend zwischen den Füßen seiner Mutter hindurch.
Bianca musste wieder einmal voller Schmerz daran denken, wie gerne sie mit Michael ein Kind haben wollte, da streckte ihr das kleine Mädchen die Arme entgegen. Unbeholfen hob sie die Kleine aus dem Karton.
„Mäuschen, nicht weinen. Die Tante Bianca spielt mit dir und der Onkel Ferdinand redet mit deiner Mama, einverstanden? Wie alt bist du denn?“
Das Mädchen hielt drei Finger hoch und schmiegte sich an Bianca, die ihre Tränen hinunterschlucken musste. Ferdinand ging mit Mira Wiegler in die Küche.
„Frau Wiegler, sicher wissen Sie vom Tod Ihres Nachbarn Bernd Fregge. Wir müssen davon ausgehen, dass er getötet wurde.“
„Oh mein Gott“, sagte die zarte junge Frau und schlug die Hände vor das Gesicht. „Wer hätte denn einen Grund, diesen netten Mann zu töten? Warum?“
„Es könnte sein, dass das mit dem Verkauf dieser Häuser zusammenhängt. Ich zeige Ihnen mal ein paar Fotos. Sagen Sie mir bitte, wenn einer von den Herren auch bei Ihnen war.“
Er legte auch hier die Fotos auf den Tisch und Mira zeigte auf dieselben Männer.
„Sie waren nett und zuvorkommend. Und Sie können sagen, was Sie wollen: Das Angebot ist unschlagbar. Auch wenn wir noch nicht sehr lange hier wohnen, haben wir das Angebot gerne angenommen.“
„Hat man Ihnen Druck gemacht?“
„N … n … nein.“
„Frau Wiegler, man darf die Polizei nicht belügen!“
Ferdinand hatte in einem festen Tonfall gesprochen und das verfehlte die erwünschte Wirkung nicht. Mira Wiegler begann zu weinen.
„Bitte reden Sie ganz offen mit mir. Es ist wichtig.“
„Die … die Männer waren zuerst ganz nett. Wir wollten nicht verkaufen, weil wir ja erst alles renoviert hatten. Außerdem war alles Geld, was wir lange gespart hatten, weg. Da denkt man nicht ans Verkaufen, nur an Sicherheit.“
„Und dann?“
„Sie kamen später jeden Tag. Ich war ja immer mit den Kindern zuhause. Eines Tages kamen wir vom Einkaufen und die Männer warteten vor dem Haus. Ich hatte alle Hände voll und Lissi ist schon vorausgelaufen. Der hier, der so aussieht wie ein Schläger, hat sie auf den Arm genommen und ganz furchtbar gegrinst. Wie der Teufel persönlich. Er kam auf mich zu, setzte die Kleine ab und sagte ganz komische Sachen.“
Sie schwieg und zitterte.
„Er hat mich gefragt, ob ich meine Kinder liebe und wie es wäre, wenn ihnen etwas zustößt. Mein Mann wollte das erst nicht ernstnehmen, aber dann lag eines Tages der Teddy mit abgerissenem Kopf vor der Tür. Wir haben unterschrieben, weil uns das Leben unserer Kinder alles bedeutet.“
„Sie hätten zu uns kommen und die Männer anzeigen sollen. Man darf sich nicht bedrohen lassen.“
„Das hätte nie aufgehört. Die wollen hier etwas Neues bauen, aber ich weiß nicht genau, was. Das habe ich belauscht. Jetzt ziehen wir weg und alles ist gut.“
Sie machte plötzlich wieder ein entspanntes Gesicht, als wäre mit dem Umzug jede Gefahr einfach wie weggeblasen. Ferdinand ging zurück ins Wohnzimmer, wo Bianca den Kindern aus einem Märchenbuch vorlas. Sie sah total glücklich aus.
„Oh, seht mal, da ist der Onkel Ferdinand. Ich muss jetzt gehen.“
Die Kinder nickten und winkten fröhlich, als sich Bianca an der Tür noch einmal umdrehte. Draußen erzählte Ferdinand von dem Gespräch mit Mira.
„Ich denke schon, dass unser Pfarrer in Gefahr schwebt“, sagte Bianca anschließend und stieg ins Auto. „Leider müssen wir jetzt zum Staatsanwalt.“
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