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Ute Dombrowski

LIEBE FÜR ZWEI

Fall 1

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Inhaltsverzeichnis

Titel

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Impressum neobooks

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LIEBE FÜR ZWEI

Ute Dombrowski

1. Auflage 2016

Copyright © 2016 Ute Dombrowski

Umschlag: Ute Dombrowski

Lektorat/Korrektorat: Julia Dillenberger-Ochs

Satz: Ute Dombrowski

Verlag: Ute Dombrowski Niedertiefenbach

Druck: epubli

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors und Selbstverlegers unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

„So wuchsen wir zusammen, einer Doppelkirsche gleich. Zum Schein getrennt, doch in der Trennung eins. Zwei holde Beeren, einem Stiel entwachsen, dem Scheine nach zwei Körper, doch ein Herz.“

William Shakespeare

„Ein Sommernachtstraum“

3. Akt, 2. Szene

Marylin und Gina Schnittmüller sahen schon als Kinder absolut gleich aus, selbst ihre Eltern konnten sie vom bloßen Ansehen nicht unterscheiden. Dennoch gab es eindeutige Wesensmerkmale, welche die Zwillingsschwestern zu zwei völlig unterschiedlichen Menschen machten: Marylin redete gern, war ausgelassen und neugierig, ständig löcherte sie ihre Mitmenschen mit Fragen über das Wie und Warum. Sie näherte sich neuen Menschen und Dingen in ihrem Umfeld offen und spontan. Außerdem war sie ein ausgesprochen fröhliches Kind.

Gina war das ganze Gegenteil ihrer Schwester. Sie war verschlossen, einsilbig und mürrisch. Ihren Mitmenschen und allem Neuen begegnete sie mit Argwohn. Dafür waren ihr aber Sauberkeit und Ordnung wichtig, sie achtete auch beim Spielen akribisch darauf, nicht schmutzig zu werden.

Wenn die beiden Schwestern im Garten waren, dann konnte man den Unterschied deutlich erkennen. Die zwanzig Minuten jüngere Marylin schaukelte, hüpfte, buddelte und rannte singend und Selbstgespräche führend umher. Gina saß auf der Wiese, pflückte Gänseblümchen, beobachtete ihre Schwester und schwieg.

Nicht, dass es für die beiden ein Problem gewesen wäre, dass ihre Interessen so arg auseinandergingen. Sie ergänzten sich prima: Da, wo Ruhe und Ausgeglichenheit gefragt war, trat Gina in den Vordergrund, und wo Engagement und Aktivität vonnöten waren, stand Marylin im Mittelpunkt.

Marylin und Gina waren blond, hatten ihre welligen Haare meist zu einem dicken Zopf geflochten. Marylin hasste ihre langen Haare, denn die behinderten sie oft bei ihren ausgedehnten Streifzügen durch die Natur. Am liebsten zog sie ihre alten, abgewetzten Spielhosen an. Gina hingegen stand jeden Morgen vor ihrem Schrank auf der Suche nach dem richtigen Kleid. Ein ordentliches Erscheinungsbild machte für sie den Tag erst komplett.

Die alte Spielhose von Marylin war ihr schon immer ein Dorn im Auge gewesen. So stand sie eines Nachts auf, nahm die Hose, schlich aus dem Haus und vergrub sie im hinteren Teil des Gartens, natürlich nicht, ohne sich vorher Handschuhe anzuziehen. Am nächsten Morgen betrachtete sie still die Tränen ihrer Schwester, ließ sich aber nichts anmerken und half fleißig bei der Suche nach Marylins Lieblingsstück.

Wenn die Zwillinge mit ihren Eltern einkaufen gingen oder die Verwandtschaft besuchten, zog ihre Mutter Roswitha sie stets gleich an. Während sich Gina alleine ankleidete und hübsch machte, musste ihre Mutter Marylin mit viel Überredungskraft in die hübschen Kleidchen zwingen. Das passende Handtäschchen warf Marylin bei ihrer Heimkehr oft wütend in eine Ecke.

„Oh, wie süß die beiden Mädchen sind“, riefen die Leute, wenn sie irgendwo auftauchten.

Gina lächelte dann huldvoll und Marylin sprang wild umher, denn sie hasste es, süß zu sein. Für Gina war das Leben mit ihrer Schwester ein Alptraum bis zu dem Tag, als sie endlich ein eigenes Zimmer beziehen konnte. Gina betete jeden Tag, an dem sie mit ihrer Schwester ein Zimmer teilen musste, voller Hingabe dafür. Marylin verabscheute Ordnung und Aufräumen und so sah ihre Seite des ersten gemeinsamen Zimmers immer aus wie ein Schlachtfeld: Bekleidung und Spielzeug waren in großen und kleinen Haufen bunt geschichtet, dazwischen lagen Kinderbücher, Malstifte und Kuscheltiere. Abends wischte Marylin alles Unnötige vom Bett und kuschelte sich an ihren Plüschbären Ralf. Der war früher einmal rosa gewesen, aber die Zeit und der intensive Gebrauch hatten ihn in ein schmutziges, blasses, grau-rosa Unding verwandelt. Wenn ihre Mutter ihn waschen wollte, schrie Marylin und hatte schlechte Laune, bis Ralf wieder trocken war und in ihrem Bett lag.

Für sie brach eine Welt zusammen, als Ralf eines Morgens verschwunden war. Die ganze Familie half beim Suchen, aber der Plüschbär tauchte nicht mehr auf. Gina tröstete ihre Schwester, wie sie es bei ihrer Mutter gesehen hatte, und gab ihr eines von ihren Plüschtieren ab, das neben den anderen sauber und gepflegt auf einem Regal auf der ordentlichen Seite des Zimmers saß.

Marylin weinte tagelang, aß nicht, schlief unruhig und wollte vom neuen Bärchen nichts wissen, doch die Zeit heilte auch diese Wunde.

Gina putze, bevor sie ein eigenes Zimmer hatte, jeden Tag ihre Hälfte des großen Raumes. Am liebsten hätte sie in der Mitte eine Mauer errichtet. Sie nahm alles aus den Fächern heraus und wischte diese feucht aus, dann drapierte sie ihre Spielsachen wieder an der gleichen Stelle wie vorher. Ihre Mutter hatte einmal gewagt, die Bücher in ein anderes Regal einzuordnen. Gina hatte sie angeschrien, sie solle die Finger davon lassen und räumte sie sofort wieder um, weil sie Veränderungen genauso hasste wie Schmutz.

Wenn bei Marylin etwas nicht mehr funktionierte oder verschlissen war, kam es nicht selten vor, dass es einfach verschwand. Keiner in der Familie konnte sich das erklären, nur ihr Vater Robert. Eines Tages wollte er im hinteren Bereich des Gartens ein neues Gemüsebeet anlegen, da stieß er in einer kleinen Grube auf die verschwundenen Dinge.

Er hatte den Verdacht, dass Gina, seine ordnungsliebende und penible Tochter, ihre Finger im Spiel hatte, aber er schwieg, denn er wollte sie nicht in Schwierigkeiten bringen. Er liebte Gina abgöttisch, sie war ein Papa-Kind.

Marylin war weder ein Mama- noch ein Papa-Kind. Sie war unabhängig und eigensinnig. Sie machte immer nur das, wozu sie Lust hatte. Das änderte sich auch nicht, als sie älter wurde. Gina hingegen plante alles immer sehr genau und richtete ihr Handeln stets auf ihren Vorteil aus. Niemals würde sie sich zu etwas Spontanem hinreißen lassen. Selbst die Streiche, die sie ihrer Schwester spielte, plante sie langfristig.

Marylin hatte guten Kontakt mit den Kindern aus der Nachbarschaft, so waren immer einige Jungen oder Mädchen mit im Garten oder Haus unterwegs. Marylin war beliebt wegen ihrer erfinderischen Art zu spielen.

Gina hatte nur eine Freundin. Sie hieß Claire von Doranisky und wohnte am anderen Ende des kleinen Städtchens etwas außerhalb in einem schlossähnlichen Anwesen. Sie war die Tochter eines wohlhabenden Textilfabrikanten und einer emanzipierten Verlegerin.

Heddy von Doranisky legte Wert auf eine bodenständige Erziehung, Vater Guntram überließ alle familiären Entscheidungen seiner Frau, also auch die Erziehung. Er hätte sowieso keine Chance gehabt, gegen seine wortgewandte und eigensinnige Frau die richtigen Argumente zu finden, und hatte sich im Stillen damit abgefunden, dass daheim Heddy die Hosen anhatte, aber in der Textilfabrik ließ er jeden spüren, dass er der Chef war.

Sehr gerne hätte Guntram gesehen, dass Claire in seine Fußstapfen treten würde, aber sie wollte seit frühester Kindheit Schauspielerin werden. Ihre Mutter war nicht sehr angetan von dieser hochtrabenden Idee, doch sie unterstützte Claire, nachdem sie in der Schule und im Kindertheater der Stadt großen Erfolg hatte.

Claire liebte Gina wegen ihrer Zuverlässigkeit, ihrer Verschwiegenheit und dafür, dass Gina sie bewunderte und anhimmelte. Gina war äußerst angetan vom ordentlichen Leben ihrer Freundin, ihrem sauberen Zimmer und ihrem wohldurchdachten Lebensplan. Sie hatte Claire kennengelernt, als diese auf der Schultoilette wie verrückt weinte, weil sie mit einem hässlichen Fleck auf dem Lieblingspulli von den anderen geärgert worden war.

Gina spendete Mitleid und ihre kleine Strickjacke zum Überziehen. Von da an waren sie unzertrennlich.

Marylin konnte Claire nicht ausstehen, denn sie wusste nie genau, wann sie eine Person nur spielte oder wann sie eine reale Person war. Claire machte es sich zum Hobby, ihre schauspielerischen Fähigkeiten an Marylin zu testen. Ob sie nun die nette Kameradin oder die streitsüchtige Rebellin spielte, Marylin war über die Jahre vorsichtig geworden, denn oft genug war sie am Ende die Dumme, die von Claire und Gina ausgelacht wurde.

Roswitha Schnittmüller war begeistert von Claire, die in ihren Augen wohlerzogen und klug war. Robert hasste sie, denn er dachte, dass seine kleine Gina nur Mittel zum Zweck war, ein Spielzeug für die verwöhnte Tochter aus reichem Hause.

2

Marylin und Gina genossen eine angenehme Kindheit und als die ersten Jungen ins Spiel kamen, begann eine Zeit der Machtkämpfe. Marylin hatte, als sie dreizehn Jahre alt waren, zuerst einen Freund. Mit ihrer Kontaktfreudigkeit war es ihr nicht schwergefallen, den Nachbarsjungen zu einem Kuss zu überreden. Stundenlang standen sie danach knutschend unter dem Birnbaum vor dem Gartentor.

Weil Gina auch ein Auge auf den blonden, einen Kopf größeren Henri Wörthes geworfen hatte ̶ einfach nur, um ihn zu besitzen ̶ zum Ansprechen aber keinen Mumm besaß, rächte sie sich an ihrer Schwester auf ganz profane Weise. Sie hatte lange geübt, wie Marylin zu sein. Claire war ihr eine gute Lehrerin gewesen. Gina gab sich als Marylin aus und küsste Henris besten Freund. Henri machte daraufhin Schluss. Da er es nicht näher begründete, heulte sich Marylin die Augen aus dem Kopf und ließ sich von Gina trösten.

„Er ist es nicht wert. Wahrscheinlich hat er schon eine Neue“, sagte Gina, die froh war, dass sie Marylin nun wieder für sich hatte, mit weicher Stimme.

„So ein Mistkerl!“

Dann ging sie in der Schule auf die Suche nach einem neuen Freund. Gina tat so, als würde sie sich mit Henri aussprechen wollen und traf sich mit ihm im Kino. Später standen sie knutschend unter dem Birnbaum vor dem Gartentor.

Gina dachte: Er passt sowieso besser zu mir.

So ging das immer. Wenn Gina ihrer Schwester einen Jungen nicht gönnte, ließ sie sich von Claire beraten und versuchte, die Schwester und ihren aktuellen Freund auseinanderzubringen. Claire hatte immer gute Ideen. Oft, sehr oft, fielen die Jungen darauf rein. Gina hörte dann nach kurzer Zeit auf, diese Jungen zu küssen, denn sie liebte sie ja nicht, es machte ihr einfach nur Spaß, sich einzumischen. Wenn sie ihr Ziel erreicht hatte, traf sie sich mit Claire zum Eis essen.

Im Laufe der Zeit hatte Gina ihre eigenen Ideen entwickelt und die Taktik perfektioniert. Da brauchte sie Claire dann nur noch, um ihr hinterher davon zu erzählen. Irgendetwas in ihrem Inneren sagte ihr, dass die Schwester ihr ganz alleine gehörte, sie wollte sie nicht teilen, schon gar nicht mit einem Jungen. Die Liebe zu Marylin war ihr einziges wahres Gefühl.

An ihrem fünfzehnten Geburtstag erlaubte Roswitha den Zwillingen eine große Party. Marylin hatte sich von Gina überreden lassen, sich identisch anzukleiden und die gleiche Frisur zu tragen, selbst die Ohrringe waren gleich. Marylins aktueller Freund stand vor den beiden Mädchen und schaute von einer zur anderen.

„Ich habe keine Ahnung, wer Marylin ist“, sagte er zu Henri, der natürlich auch eingeladen war.

Gina hatte Henri noch ein paar Tage geküsst, aber dann hatte Marylin einen neuen Freund und Gina das Interesse am Nachbarsjungen verloren. David Hoffels war der beliebteste Junge der Schule. Er und Henri waren Freunde und spielten zusammen Fußball. Sie hatten nach dem letzten Spiel die Wahrscheinlichkeit diskutiert, ob man beide Schwestern an einem Tag küssen könnte. Das wollten sie heute ausprobieren und schlossen eine Wette ab: Wer beide Mädchen küsste, der würde den nächsten Elfmeter schießen.

Marylin sagte zu David: „Dann rate mal, wer ich bin. Wenn du richtig liegst, bekommst du einen Kuss.“

„Und wenn nicht?“

„Dann musst du Claire küssen.“

Claire zeigte ihr einen Vogel.

„Pfui, den kannst du behalten. Küss ihn selbst.“

Sie war seit einiger Zeit in einen achtzehnjährigen Nachwuchsschauspieler aus der Theatergruppe verliebt. Da er sie nach der letzten Probe geküsst hatte, dachte sie, sie müsste sich mit den „kleinen Jungs“ aus der Schule nicht mehr abgeben.

David schaute die beiden Mädchen an. Plötzlich ging ihm ein Licht auf. Die, die geredet hatte, musste Marylin sein. Niemals würde Gina von sich aus ein Gespräch beginnen. Er zog Marylin die Treppenstufe herunter und nahm sie in den Arm.

„Du bist Marylin. Ich erkenne doch meine Freundin.“

Henri schaute Gina an. Die nickte nur.

Dann rief er Marylin zu: „Und jetzt küssen. David hat gewonnen. Los!“

Die beiden Teenager knutschten innig. Anschließend ging er zu Gina und küsste sie nun auch ganz frech auf den Mund. Also hatte er die Wette gewonnen. Die Jungen klatschten sich ab.

Henri schaute zu Gina und sah, wie eine steile Falte zwischen ihren Augen erschienen war, sie war zornig. Nun sah auch er den Unterschied zwischen den Schwestern: Marylin war fröhlich und locker, Gina war verkniffen und schrullig. Gina wandte sich schnell ab, am liebsten hätte sie sich den Mund abgewischt.

Die Party war ein großer Erfolg. Am späten Abend wurden die Jugendlichen von ihren Eltern abgeholt. Nur Claire durfte hier übernachten. Sie saßen noch zu dritt in Ginas Zimmer auf dem Fußboden und redeten über die Jungen. Gina hatte einen dicken, weißen Teppich, der blitzblank war.

„Die haben gewettet“, sagte Gina böse zu ihrer Schwester, „ob sie uns beide küssen können. Das ist ja total abartig.“

„Ach was, ich fand es lustig. Sei doch nicht immer so spießig und altmodisch. Außerdem ist David der coolste Junge aus der Schule. Also was soll‘s?“

Claire schüttelte den Kopf und meinte naserümpfend: „So etwas tut man nicht. Ich finde, Gina hat recht.“

„Das findest du ja immer.“

Marylin erhob sich, um in ihr Zimmer zu verschwinden.

Gina betrat Marylins chaotisches Zimmer immer nur widerwillig. So hatten sie es sich angewöhnt, abends in Ginas Zimmer zu sitzen. Sie waren grundverschieden, aber jeden Abend saßen sie zusammen und kicherten über die Erlebnisse des Tages. Nur wenn Claire dabei war, hatte Marylin keine Lust auf ihre Schwester. Gina war dann anders, Marylin mochte diese angepasste Art nicht.

„Gute Nacht, Marylin.“

„Gute Nacht, Schwesterlein.“

Claire und sie nickten sich nur zu.

Eine Woche später hatte Gina David dazu gebracht, mit Marylin Schluss zu machen, um dann sie zu küssen.

3

Als die Realschule beendet war, trennten sich die Wege der Schwestern zum ersten Mal: Gina besuchte das Gymnasium, weil Claire dorthin ging, Marylin begann eine Ausbildung in der Apotheke. Sie wohnten weiter zuhause.

Vor einem Monat hatte Marylin zum ersten Mal mit einem jungen Mann geschlafen. Er ging in eine höhere Klasse auf dieselbe Berufsschule und hieß Lukas Röhmberger. Lukas machte eine Winzerlehre. Er war ein schlanker, stiller Mann mit guten Manieren und einem freundlichen Wesen, seine blauen Augen strahlten, die dunklen Haare waren kurz geschnitten und gepflegt in Unordnung gehalten.

Marylin hatte ihn in der Mensa kennengelernt, als sie gerade mit ihrem Hintermann um die letzte Gabel stritt. Lukas hatte der Küchenhilfe gewinkt und die hatte das Fach mit den Gabeln aufgefüllt. Dann lächelte er Marylin an.

„Warum so kompliziert, schöne Frau?“

Er nahm eine Gabel und legte sie auf ihr Tablett. Marylin sagte zur allgemeinen Verwunderung gar nichts mehr und stellte sich wieder in die Reihe. Als sie dann alleine an einem Tisch am Fenster saß, setzte sich Lukas einfach zu ihr. Sie unterhielten sich angeregt und Marylin verliebte sich Hals über Kopf in den hübschen, jungen Mann. Sie erfuhr, dass er im Rheingau auf einem Weingut groß geworden war und dort einmal die Leitung übernehmen sollte. Darum gab er sich große Mühe bei seiner Ausbildung zum Winzer, die er nach dem Abitur begonnen hatte. Er liebte seine Heimat und das Leben in der Natur, sodass er sich nichts anderes für sein Leben vorstellen konnte.

Nach dem dritten Mittagessen hatten sie sich ins Kino verabredet und dort küsste er sie dann innig. Als Gina nicht daheim war, weil sie bei Claire übernachtete, lud sie ihn mit zu sich nach Hause ein.

Roswitha und Robert waren begeistert von Lukas und erlaubten ihm, bei ihnen zu schlafen. Roswitha bereitete das Gästezimmer vor. Dort ging Lukas auch brav schlafen, aber als es still im Haus war, schlich Marylin zu ihm ins Bett.

Er küsste sie und tastete sich langsam voran. Auch für Lukas war es das erste „richtige“ Mal und am Ende hatten beide mehr Mühe als Spaß. Aber die Nähe war angenehm. Beim zweiten Versuch gegen Morgen klappte es schon besser.

„Ich liebe dich für immer“, flüsterte Marylin in sein Ohr.

Er brummte müde und zufrieden: „Ich dich auch.“

Dann schlich Marylin zurück in ihr Bett und schlief.

4

Am nächsten Wochenende besuchte Marylin Lukas das erste Mal im Weingut. Es befand sich in Erbach in der Nähe von Eltville in einer kleinen Seitenstraße.

Das wunderbare Fachwerkhaus passte perfekt in die Reihe alter Häuser, die in dieser Straße im gepflegten Glanz erstrahlten. Der Fußweg vor dem Haus war grob gepflastert. Man sah, dass die Wände frisch geweißt waren, die schiefen, naturbelassenen Holzbalken waren in vielen Jahren dunkel geworden und brachten dazu den passenden Kontrast. Auf der rechten Seite führte eine große Durchfahrt, die sich über ein Viertel der Häuserfront erstreckte, in einen großen Innenhof mit altem Pflaster. Das Tor war geöffnet. Hinter den einstöckigen Gebäuden, dem Wohnhaus gegenüber, erstreckten sich die malerischen Weinberge in sattem Sommergrün.

Bevor sie von der Straße abbogen, ließ Marylin den Blick an der Häuserfront entlang streifen. Die Fenster des Wohnhauses waren groß und sauber. Links gab es die Eingangstür und über der Einfahrt hing ein Messingschild mit der Aufschrift „Weingut Röhmberger“. Lukas lenkte sein kleines Auto durch die Einfahrt in den Hof. Marylin fand sich in einem idyllischen Traum wieder. Sie stiegen aus und blieben in der Mitte stehen. Außer ihrem Auto stand nur noch der Lieferwagen von Lukas‘ Vater auf einem der fünf Parkplätze an der Rückseite des zweistöckigen Haupthauses.

Es war ein von vier Seiten geschlossener Innenhof. Die rechte Begrenzungsmauer war unter wild wucherndem Weinlaub verschwunden. Links gegenüber der Mauer stand über einer großen Holztür „Lager und Weinkeller“. Der gesamte Gebäudeteil an der Rückseite des Grundstücks war in drei Bereiche unterteilt. Von links aus gesehen zeigte ein weiteres Schild die „Weinstube“. Davor standen zwei riesige, weiße Sonnenschirme, die vier kleine, runde Tische mit je vier Stühlen vor der heißen Sommersonne schützten. In der Mitte war die Tür zum „Büro und Verkauf“ offen. Rechts daneben stand eine gemütliche Bank vor einer Ferienwohnung.

Aus der Bürotür kam ihnen freundlich lächelnd eine schlanke Frau mittleren Alters entgegen, die sich als Lukas‘ Mutter vorstellte. Die beiden umarmten sich und Constanze Röhmberger reichte Marylin die Hand.

„Guten Tag, Sie müssen Marylin sein. Es ist schön, Sie einmal persönlich kennenzulernen, Lukas hat schon sehr viel von Ihnen erzählt.“

Marylin war ein wenig verlegen.

„Danke, dass ich hier sein darf. Sagen Sie ruhig Marylin und du.“

Nun umarmte Constanze sie auch.

„Dann sag Constanze zu mir. Kommt mit ins Haus, ich habe Mittagessen gemacht. Es gibt zur Feier des Tages Schmorbraten mit Klößen. Lukas hat noch nie ein Mädchen mit hierherge­bracht. Du bist …“

Lukas sah sie ungehalten an und fiel ihr ins Wort: „Mama, lass das bitte, das ist peinlich.“

Constanze ließ sich nicht beirren und zog Marylin ins Haus. Die hatte eigentlich eine dunkle und altmodische Atmosphäre erwartet, aber im Haus war es hell und freundlich. Links ging es in die große, gemütliche Küche. Die Möbel waren weiß und glänzten. Am Fenster zur Straße gab es einen großen Esstisch mit einer Sitzbank auf der einen Seite und vier weiteren Stühlen. Der Tisch war mit schönem Geschirr gedeckt, auf jedem der vier Teller lag eine Serviette aus Stoff.

Marylin sah sich um und musste bei all der Sauberkeit sofort an ihre Schwester denken, der es hier sicher gefallen würde, aber sie wollte sich nicht vorstellen, wie es wäre, mit Gina herzukommen. Sie hatte Lukas erzählt, dass sie eine Schwester hatte, aber nicht, dass es ihre Zwillingsschwester war. Marylin wollte gar nicht, dass Gina Lukas zu Gesicht bekam.

Durch die Tür trat in diesem Moment ein großer, breiter Mann mit einem sehr ruhigen Gesicht. Nur seine wachen Augen zeugten davon, dass er Marylin wahrnahm, ansonsten zeigte er keine Regung. Er murmelte eine Begrüßung. Seinem Sohn hielt er eine große, wettergegerbte Pranke hin. Lukas ergriff sie und lächelte.

„Guten Tag, Sohn“, sagte Walter mit tiefer Stimme.

Dann sah er wieder Marylin an. Sie erhob sich kurz und reichte Walter Röhmberger ihre kleine Hand, die fast völlig in der großen Vater-Hand verschwand. Endlich zogen sich seine Mundwinkel zu einem Lächeln nach oben und Marylin atmete auf.

Constanze füllte die Teller und es wurde schweigend gegessen. Der Sauerbraten schmeckte wie früher bei Marylins Oma, die Klöße waren ein Gedicht. Zum Nachtisch gab es Weinberg-Pfirsiche mit Vanillesoße. Marylin fühlte sich in der heimeligen Umgebung bei den freundlichen Menschen und Lukas sehr wohl. Dieses Gefühl wollte sie festhalten.

Nach dem Essen und dem gemeinsamen Abwasch zeigte Lukas ihr den Rest des Hauses. Auf der anderen Seite des Flurs, wo sich Vorder- und Hintertür direkt gegenüberlagen, führte eine Tür in das Wohnzimmer, das genauso modern und hell eingerichtet war wie die Küche. An den Wänden hingen Bilder in leuchtenden Farben. Auf einer flachen Anrichte standen zahlreiche Familienfotos, sie zeigten die Vorfahren und auch die jetzige Familie Röhmberger. Von Lukas fand Marylin süße Kinderbilder.

Lukas war in einer liebvollen Umgebung als einziges Kind aufgewachsen. Constanze hatte durchgesetzt, dass er Lukas getauft wurde. Alle anderen männlichen Vorfahren hießen traditionell immer Walter. Es wurde der zweite Name von Lukas.

„Es gibt genug Walters in der Familie, es wird Zeit für Neues“, hatte Constanze streng gesagt und weil Walter seine lebenslustige, schöne Frau über alles liebte, hatte er nicht widersprochen.

Nun kam Constanze auch ins Wohnzimmer und erklärte die Fotos aus der Ahnengalerie. Man merkte ihr den Stolz an, mit dem sie in dieser Familientradition lebte. Marylin fand, sie sah noch sehr jugendlich aus. Constanze hatte dunkle Locken, die zu einem dicken Knoten zusammengedreht waren. Sie musste sehr lange Haare haben. Ihre blaugrünen Augen leuchteten strahlend, feine Lachfältchen fanden sich in ihren Augenwinkeln, aber sonst war ihre Haut glatt und samtig.

Lukas unterbrach seine Mutter.

„Oben sind Schlafzimmer, Bad und Gästezimmer. Ich zeige Marylin jetzt die Ferienwohnung. Wir werden dort übers Wochenende wohnen, da sind wir ungestört.“

Er ergriff Marylins Hand und zog sie mit sich über den Hof. Die kleine Ferienwohnung hatte zwei einfach, aber liebevoll eingerichtete Zimmer, eine kleine Küche und ein hübsches, kleines Bad mit Dusche.

Nachdem Lukas die Tür von innen verschlossen hatte, sagte er mit einem schelmischen Grinsen: „Jetzt sind wir endlich allein. Komm, ich will dich spüren.“

Damit küsste er Marylin und liebte sie im frisch bezogenen, nach Sommerblumen duftenden Bett. Hinterher lagen sie noch eine Weile dicht neben­einander. Marylin streckte sich.

„Ich möchte nie wieder hier weg. Es gefällt mir ausgesprochen gut und deine Familie mag ich sehr.“

„Ich würde gerne mit dir hierbleiben. Wenn ich meine Lehre beendet habe und du auch fertig bist, dann können wir hier leben. Man kann sogar das Dachgeschoss über uns noch ausbauen.“

Marylin strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und seufzte zufrieden. Sie verlebten ein ruhiges und entspanntes Wochenende.

5

Gina hatte sich gewundert, dass ihre Schwester Marylin an keinem Wochenende mehr daheim war. Da sie immer öfter bei Claire wohnte, sahen sich die Schwestern lange Zeit gar nicht. Ihre Mutter hatte nur gesagt, dass Marylin einen Freund namens Lukas hätte.

Claire hatte sich nach einem Jahr von ihrem älteren Schauspieler-Freund getrennt, nachdem sie herausgefunden hatte, dass er auch mit allen anderen Schauspielschülerinnen ins Bett ging. Die beiden jungen Frauen hatten beschlossen, nun erst ihre Schule zu beenden und sich bis zum Abitur nicht mehr mit der Liebe abzugeben. Sie hielten sich akribisch daran und ließen alle Anwärter abblitzen.

Nun saßen sie mit einem Eis bei Gina im Garten und überlegten, was sie nach dem Abitur machen wollten. Für Claire war klar, dass sie ihr Hobby zum Beruf machen würde, also hatte sie begonnen, sich an allen bekannten Schauspielschulen zu bewerben. In zwei Wochen sollte das nächste Vorsprechen sein.

Gina hatte noch keine genaue Vorstellung. Sie wollte auf keinen Fall etwas machen, was schmutzig war oder wo sie sich ständig auf Neues einlassen musste. Andererseits fand sie die Vorstellung schrecklich, dass sich ihr und Claires Weg einmal trennen würden. Sie hatte schon überlegt, sich auch für die Schauspielerei zu bewerben, aber sie befürchtete, nicht genügend Talent zu haben. Sie hatte zwar immer Erfolg, die Freunde ihrer Schwester zu täuschen, denn Jungen oder Männer waren in ihren Augen sowieso leicht zu verwirren, doch dies als Beruf zu machen, konnte sie sich nicht vorstellen.

Aber als was wollte sie denn ein ganzes Leben lang arbeiten? Es war eine schwierige Frage: Kosmetikerin oder ein medizinischer Beruf gingen nicht, denn da hatte sie körperlichen Kontakt mit fremden Menschen, Tiere gingen schon überhaupt nicht, denn die stanken und sabberten, mit Kindern konnte sie gar nichts anfangen, sie waren schmutzig und laut und wollten immer im Mittelpunkt stehen. Altenpflege kam auch nicht infrage, alte Leute dachten immer, sie wären besser und klüger als die jungen Menschen.

Während Marylin jedes Mal gerne in den Ferien bei ihren Großeltern war, hasste Gina diese Aufenthalte. Marylin wurde von Oma und Opa geliebt und verwöhnt, denn sie zeigte Oma und Opa ihre Liebe ungehemmt und von ganzem Herzen, aber Gina fühlte sich immer unwohl, wenn sie dort war. Sie hatte einmal ein Gespräch von ihrer Oma und ihrer Mutter belauscht.

„Marylin ist so ein liebes und herzliches Mädchen“, hatte Oma gesagt. „Bei Gina weiß ich nie, woran ich bin. Ich würde fast sagen, sie ist böse.“

Roswitha hatte darauf wütend geantwortet: „Wie kannst du so etwas sagen, Mutter! Gina ist ein Kind und nicht böse. Sie ist halt nur stiller als ihre Schwester.“

In diesem Moment hatte Gina ihre Mutter geliebt. Sie war gegen die gemeine Oma für sie eingetreten. Gina wusste, dass sie ihren Vater um den Finger wickeln konnte, aber bei ihrer Mutter hatte sie immer das Gegenteil vermutet. Als Papas Lieblingskind reichte es, artig zu sein, nichts kaputt zu machen und zu lächeln, an der Liebe ihrer Mutter hatte sie immer gezweifelt.

„Wie wäre es denn mit Architektur?“, riss Claire sie aus den Gedanken.

Gina rollte mit den Augen.

„Auf einer Baustelle im Matsch rumlaufen? Nein, ganz sicher nicht!“

Claire ließ sich nicht von ihrer Idee abbringen.

„Es gibt doch auch Innenarchitektur. Da kannst du Zimmer gestalten oder Möbel entwerfen. Zeichnen kannst du doch auch gut!“

Gina war nicht restlos überzeugt, aber sie gingen gemeinsam zum „Tag der offenen Tür“ an der Hochschule in Mainz. Es gefiel den beiden ganz gut.

„Und wenn ich hier in Mainz an die Schauspielschule gehen kann, dann studieren wir keine fünf Kilometer voneinander entfernt“, versuchte Claire, es Gina noch schmackhafter zu machen.

Auf dem Heimweg brütete Gina noch vor sich hin, aber bei Claire im Garten platzte sie plötzlich heraus: „So machen wir das: Ich werde Innenarchitektin und dann richte ich das Haus der berühmten Schauspielerin Claire von Doranisky ein.“

Die beiden umarmten sich glücklich. Nach dem Abitur schlugen die Freundinnen genau jenen wohldurchdachten Weg ein.

6

Marylin machte ihren Abschluss und begann, in der Apotheke einer Tante in Geisenheim zu arbeiten. Sie wohnte weiterhin unter der Woche daheim und am Wochenende bei Lukas auf dem Weingut. Von ihrem ersten Geld hatte sie sich ein kleines Auto gekauft, ihr Vater hatte zuvor den Führerschein für die beiden Schwestern bezahlt.

Lukas hatte begonnen, intensiv Französisch zu lernen. Marylin hatte Spaß dabei, ihm zuzuhören und ihn abzufragen, wenn er Vokabeln lernte. Sie verlebten Weihnachten und Silvester auf dem Weingut. Am ersten Sonntag im Neuen Jahr saß er mit ihr in der kleinen Ferienwohnung, die ein Zuhause für die beiden geworden war, beim Kaffee.

„Ich muss dir etwas sagen“, begann Lukas vorsichtig.

Marylin hatte ein ungutes Gefühl im Bauch. Was kam jetzt? Sie sah Lukas an, der nun zu Boden schaute, während er sprach.

„Ich werde nach meiner Ausbildung ein längeres Praktikum machen.“

Marylin atmete auf und sah ihn freudestrahlend an.

„Das ist doch toll, ich freue mich für dich. Hier im Rheingau gibt es da doch viele Möglichkeiten, oder? Dann kommst du ab und an zu mir in die Apotheke und …“

„Das Praktikum ist in Bordeaux“, unterbrach Lukas sie und senkte seinen Kopf.

Marylin schluckte. In dem Moment war ihr eines ganz klar: Er würde nach Bordeaux gehen und sie verlassen.

„Wann?“

„Ich bin im Herbst weg.“

Marylin schwieg. Sie wusste, dass ihm seine Ausbildung wichtig war, er war mit Herzblut Winzer und würde sich nicht damit zufriedengeben, nur das Nötigste zu lernen, er wollte alles: Mit der bestmöglichen Ausbildung in den Familienbetrieb einzusteigen, war seine Chance, den großen Namen zu ehren.

Lukas hatte nun auch geschwiegen, denn er wollte Marylin nicht verletzen. Aber so, wie es aussah, würden sich ihre Wege trennen. Er wollte sich ganz auf die Arbeit konzentrieren und zog die Möglichkeit, sie mitzunehmen, nicht in Betracht.

Seine Mutter hatte gesagt: „Genieße die erste Liebe, aber manchmal trennen sich die Wege. So ist das Leben.“

Er hatte mit sich gekämpft und am Ende hatte er Constanze Recht gegeben. Erst einmal etwas werden und dann eine Familie gründen.

„Süße, wollen wir bis dahin noch ein bisschen Spaß haben oder möchtest du, dass wir uns trennen?“

Marylin schaute ihn entsetzt an.

„Spinnst du? Ich bin doch keine Frau für deinen Spaß. Es ist aus, leb wohl.“

Sie stand auf, packte ihre Sachen und fuhr heim.

Lukas ließ sie gehen. Er wusste, dass sie Zeit brauchte zum Nachdenken, dann würde sie wieder zu ihm kommen.

Aber Marylin kam nicht.

7

Gina war allein daheim und wollte sich gerade einen Tee kochen, als es an der Tür klingelte. Vor ihr stand ein junger Mann und lächelte sie verlegen an.

„Marylin“, sagte der junge Mann mit gesenktem Kopf und trauriger Stimme, „ich will nicht, dass es so einfach zu Ende geht. Ich liebe dich doch. Du fehlst mir. Es tut mir leid, dass ich bald weg bin, aber es ist nun einmal sehr wichtig für mich, eine gute Ausbildung zu haben.“

Gina überlegte blitzschnell, was sonst gar nicht ihre Art war. Das musste Lukas sein, der Lukas, den ihre Schwester ihr seit ewigen Zeiten vorenthielt und sie mussten Streit gehabt haben. Hatte er Schluss gemacht?

Lukas wollte sich noch einmal mit Marylin aussprechen und hatte sich nach einer Woche Schweigen auf den Weg gemacht. Er hatte keinen Zweifel daran, Marylin vor sich zu haben, schließlich hatte er die Schwester seiner Freundin nie zu Gesicht bekommen.

Gina strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, so wie Marylin es immer tat.

„Komm erstmal rein. Ich habe dich auch vermisst.“

Sie gingen ins Wohnzimmer und setzten sich auf die Couch. Lukas nahm ihre Hand.

„Ich gehe doch nicht nach Bordeaux, um dir wehzutun. Es ist eine Riesenchance, dort zu arbeiten und irgendwann bin ich wieder da. Lass uns doch bis dahin eine schöne Zeit haben. Mach nicht so einfach Schluss.“

Gina konnte nicht anders, sie klärte ihn nicht auf, dass er die falsche Schwester vor sich hatte, sie schlüpfte in Marylins Rolle. Selbst schuld, dachte sie, wenn du mir deinen Freund nicht vorstellst.

Sie setzte ihren traurigsten Blick auf. Ein paar Tränen liefen über ihre Wangen. Lukas umfasste ihr Gesicht und küsste sie zärtlich. Da schlang Gina ihre Arme um seinen Hals und gab sich seinen Küssen hin, die immer ungezügelter wurden.

Gina musste plötzlich daran denken, was jetzt kommen würde. Sie wusste, dass ihre Schwester mit ihm geschlafen hatte. Gina hingegen hatte es noch nicht soweit kommen lassen, kurz vor dem ersten Mal hatte sie immer gekniffen, denn im Großen und Ganzen fand sie den Geschlechtsakt unschön und eklig. Sollte sie sich Lukas jetzt verweigern?

Seine Hände umfassten ihre kleinen, festen Brüste. Er zog ihr das T-Shirt über den Kopf und wenn es ein Zurück geben würde, dann jetzt. Gina beschloss, dass es Zeit war, diese Sache zu testen. Alle redeten davon, selbst Claire hielt es für etwas Schönes, also würde sie mit ihm schlafen.

Lukas hob Gina auf seine Arme und trug sie in Marylins Zimmer. Er legte sie auf Marylins Bett und entkleidete sich schnell, dann zog er Gina die Hose und den Slip aus und legte sich zu ihr. Weil er so ein schlechtes Gewissen hatte, war er besonders zärtlich und vorsichtig. Er wollte jetzt keinen Fehler machen.

Und so hatte Gina plötzlich keine Angst mehr und fand es gegen alle Erwartungen auch ganz angenehm, mit Lukas zu schlafen, der sich langsam in ihr zum Höhepunkt bewegte. Es kribbelte auch in ihr und das, was sie von Berührungen durch ihre eigenen Hände schon gefühlt hatte, überrollte sie nach kurzer Zeit als eine Welle der Befriedigung.

Später lag Gina in Lukas‘ Arm. Sie hatte die Augen geschlossen. Lukas strahlte glücklich, so intensiv hatte er Marylin noch nie gespürt.

Gina dachte: Das ist also das, was die Menschen so hoch loben. Sie wusste, dass sie hier eine ganz neue Macht entfesselt hatte. Sie war froh, dass ihre Eltern seit heute Morgen im Urlaub waren und Marylin mitgenommen hatten. Gina hatte sich bereiterklärt, für zwei Wochen im Haus zu wohnen und sie war froh, dass ihre Schwester sich von diesem Mann getrennt hatte.

Lukas fragte: „Darf ich morgen wiederkommen?“

„Ja, gerne. Ich bin am Abend zuhause.“

Er küsste sie, zog sich an und fuhr heim. Lukas war erleichtert, dass er wenigstens noch bis zu seinem Praktikum eine Freundin hatte.

8

Marylin war mit ihren Eltern in den Urlaub gefahren, um den Kopf freizubekommen. Sie hatte nach der Trennung von Lukas viel geweint, aber dann dachte sie sich: Er ist es nicht wert, dass ich mich verrückt mache.

Mit der ihr eigenen Leichtigkeit schüttelte sie nach einigen Tagen den Kummer ab und verkündete am Samstag beim Frühstück, dass sie mit in den Urlaub fahren würde. Roswitha strahlte glücklich. Ihr Vater runzelte kurz die Stirn, aber er sagte nichts.

Als ihre Mutter im Auto vorsichtig nach Lukas fragte, sagte Marylin knapp, dass sie nicht mehr zusammen seien. Damit war für Marylin das Thema beendet. Roswitha mischte sich schon lange nicht mehr in die Angelegenheiten ihrer Töchter ein. Um die schulischen Leistungen musste sie sich nie Sorgen machen, auch die Freunde, die die Mädchen ihnen präsentiert hatten, waren in Ordnung. Es war klar, dass sie irgendwann eigene Wege gehen würden. Marylin war schon immer die mit den naturwissenschaftlichen Neigungen und Gina war die mit dem Sinn für Kunst und das Schöne im Leben.

Die Berufswahl der beiden Töchter war somit nicht verwunderlich. Roswitha achtete Gina für ihre Disziplin. Sie hatte alles gegeben und das beste Abitur des Jahrgangs abgelegt, nur um mit Claire in Mainz zu studieren. Claire war die zweitbeste Schülerin und hatte auch ihr Ziel erreicht: Sie studierte wie geplant an der Schau­spielschule.

Wann immer es ging, trafen sich die beiden Frauen in Mainz und hatten dank Claires Eltern bald auf der Hälfte des Weges zwischen den beiden Hochschulen eine kleine Wohnung. Guntram hatte sie ihnen gekauft, Ginas Vater half beim Einrichten und beim Umzug. Er wusste, was seine Lieblingstochter mochte, begleitete die beiden Mädchen als Einkaufsberater und trug die schweren Tüten ins Haus. Gina lächelte, denn sie wusste, ihr Vater würde ihr keinen Wunsch abschlagen.

Marylin war weiter bei ihren Eltern geblieben, obwohl sie an den Wochenenden immer bei Lukas gewesen war. Aber das würde sich nun wohl ändern. Roswitha war froh, dass wenigstens noch eine Tochter im Haus war.

Marylin war im Auto eingeschlafen und wachte erst auf, als das Auto am Ferienhaus an der Ostsee angehalten hatte.

9

Gina hatte die gesamte Woche ihre freie Zeit mit Lukas verbracht. Sie hatten zusammen gekocht, waren einkaufen und spazieren gegangen und schliefen miteinander. Gina genoss die Zuwendungen durch den netten, jungen Mann, der ja eigentlich der Freund ihrer Schwester war.

Lukas hatte ihr verändertes Verhalten auf die bevorstehende Trennung geschoben und nicht begriffen, dass er hier einer perfekten Täuschung erlegen war. Es verwunderte ihn auch nicht, dass Marylin neuerdings duschen ging, wenn sie mit­einander geschlafen hatten. Gina genoss zwar den lustvollen Taumel beim Sex, aber sie fühlte sich danach schmutzig und musste sich vom Geruch nach Mann und Schweiß befreien. Morgens, wenn Lukas weg war, bezog sie ihr Bett neu und lüftete lange.

Am Wochenende sollte sie ihn auf das Weingut begleiten. Sie freute sich schon, denn obwohl das etwas ganz Neues war, war sie neugierig auf seine Eltern und sie wollte sehen, ob jemand etwas von der Täuschung bemerkte. Wenn nicht, dann würde sie dieses Spielchen noch eine Weile genießen. Sie fuhr nach Mainz, als Lukas weg war, um ihre Vorlesungen zu besuchen und machte sich am Nachmittag auf den Weg zur Wohnung, wo Claire sie ungeduldig erwartete. Gina wollte ihr die wichtigen Neuigkeiten nicht am Telefon mitteilen, so sehr Claire auch fragte.

Claire kochte Tee und deckte den Tisch. Als sie den Schlüssel im Schloss hörte, eilte sie zur Tür und umarmte ihre Freundin. Sie setzten sich und Gina lächelte versonnen.

Claire fragte: „Du siehst aus, als wenn du verliebt wärst. Hast du jemanden kennengelernt?“

Gina lehnte sich zurück.

„So ähnlich. Mir ist zufällig vor kurzem Marylins Traummann in die Arme gelaufen. Er denkt, ich sei Marylin.“

Claire atmete heftig ein und aus.

„Oh! Du solltest Schauspielerin werden, nicht ich. Und hattet ihr …? Hast du mit ihm …?“

„Ja, wir hatten. Ich habe mit ihm geschlafen, sonst wäre es wohl aufgefallen. Die beiden hatten sich gestritten und getrennt. Es war die Versöhnung. Ich hätte nicht gedacht, dass es so gut ist, jetzt verstehe ich dich. Er wird bald von hier weggehen, um in Bordeaux ein Praktikum zu machen. Bis dahin können wir viel Spaß haben und dass Marylin mit unseren Eltern in den Urlaub gefahren ist, passt da sehr gut.“

Claire hatte ihre Freundin mit großen Augen angesehen.

„Du bist so böse, ich bewundere deinen Mut. Warum macht Marylin auch mit ihm Schluss? Pech gehabt.“

„Am Wochenende sind wir bei seinen Eltern. Mal sehen, ob die etwas merken.“

10

Gina war hinter Lukas hergefahren, denn sie wollte am Sonntagabend wieder nach Hause fahren. Außerdem wusste sie den Weg nicht. Sie bog in den Innenhof ein und stellte Marylins Auto neben das von Lukas. Er war an ihre Tür gekommen, hielt sie auf und reichte ihr galant die Hand zum Aussteigen.

Es macht ihm Freude, dass sie ihm nicht wie sonst einen Vogel zeigte und dickköpfig allein ausstieg. Als seine Mutter zu ihnen kam, küsste sie die beiden auf die Wange.

Constanze stutzte kurz und dachte: Irgendwie hat sich Marylin verändert. Sie war doch sonst nicht so reserviert? Lag es am Streit und der Trennung?

Sie wischte die Gedanken fort und winkte den beiden, als sie in Richtung Ferienwohnung verschwanden. In zwei Stunden sollten sie zum Abendessen kommen. Gina ließ sich aufs Bett fallen. Dabei rutschte ihr Rock hoch und gab die Sicht auf ein kleines Stückchen Slip frei. Lukas, der gerade seine Tasche auspacken wollte, schluckte vor Begierde.

Er ließ die Tasche stehen und wandte sich dem Bett zu. Langsam zog er sich aus. Gina betrachtete ihn dabei aufmerksam und streifte sich den Slip ab. Sie legte ihn ordentlich an die Seite. Lukas war muskulös, aber nicht zu sehr. Seine Haut war gebräunt und glatt, die Hände waren gepflegt und sauber. Er lächelte, als er nackt zu Gina ins Bett kam. Dort schob er ihren Rock weiter hoch. Gefühlvoll begann er sie dort zu küssen, wo Gina noch niemals Lippen gespürt hatte.

Ein sanfter Schauer lief durch ihren Körper und als er seine Zunge weiter in ihrem Schoß versenkte, gab sie sich stöhnend dieser in ihren Augen so unsittlichen Berührung hin. Eine Gänsehaut breitete sich vom Nacken bis zu den Zehenspitzen aus.

Dann ließ Lukas von ihr ab, rutschte nach oben und kam mit gleichmäßigen Bewegungen zu ihr. Gina war still liegengeblieben, um die neue Erfahrung zu verarbeiten. Wieder musste sie sich eingestehen, dass dieser Akt etwas Magisches hatte.

„Ich liebe dich“, sagte Lukas hinterher.

„Ja, das ist schön.“

Lukas runzelte die Stirn. Marylin war also immer noch böse mit ihm, aber er konnte es verstehen. Sie standen auf, Gina ging ins Bad, um sich zu säubern und dann liefen sie über den sonnenbeschienenen Hof zum Abendessen. Es war ein wunderbarer Freitagabend als Auftakt für dieses besondere Wochenende. Nächsten Samstag würden ihre Eltern und Marylin wiederkommen. Gina war sich nicht sicher, ob sie das Spiel dann auch noch spielen wollte. Im schlimmsten Falle musste sie einen Streit vom Zaun brechen und sich von Lukas trennen.

Am Samstag halfen sie in der Weinstube, am Sonntag schliefen sie lange und nach dem Früh­stück packte Gina ihre Sachen zusammen, um heimzufahren. Lukas schaute ihr vom Bett aus zu.

„Schön, dass du da warst. Kommst du nächsten Freitag wieder mit hierher?“

„Ich werde schauen, wie ich arbeiten muss, dann sage ich dir Bescheid. Und in der kommenden Woche arbeite ich als Aushilfe in Mainz und wohne bei einer Freundin, da können wir uns nicht sehen. Ich rufe dich an, wenn ich Zeit habe.“

„Was? Ich soll dich jetzt eine ganze Woche nicht sehen?“

Damit griff er nach ihr und zog sie schnell zu sich ins Bett. Stürmisch liebten sie sich und Gina ließ es geschehen, dass er nicht sanft und nett war. Im Bad brachte sie sich danach wieder in Ordnung und verabschiedete sich mit einem Kuss.

Lukas war liegengeblieben. Er dachte: Sie hat sich verändert, aber irgendwie hatte sie ihr teils abweisendes Verhalten noch interessanter gemacht.

Als Lukas zu seinen Eltern an den Mittagstisch kam, schaute ihn Constanze von der Seite an. Walter hatte schweigend Platz genommen und begann zu essen. Constanze legte ihrem Sohn ein Schnitzel auf den Teller.

„Es ist schön, dass ihr euch wieder vertragen habt.“

Walter schaute böse von seinem Teller hoch, denn beim Essen wurde in diesem Hause nicht gesprochen. Er schüttelte den Kopf. Lukas nickte seiner Mutter nur zu. Nach dem Essen ging Walter hinaus an die Arbeit und Lukas half seiner Mutter in der Küche.

„Lukas, ich finde, Marylin hat sich sehr verändert. Sie war doch sonst nicht so reserviert und wortkarg. Was ist denn passiert?“

Lukas zuckte mit den Schultern.

„Ich denke, es hat sie schon mitgenommen, dass wir uns getrennt hatten wegen des Praktikums. Vielleicht ist sie noch sauer.“

„Hattet ihr …?“

„Mutter! Als ob ich mit dir über mein Sexleben reden würde. Aber damit du beruhigt bist: Im Bett klappt es besser denn je.“

Constanze legte das Besteck in die Schublade und drehte sich um.

„Es tut mir leid, aber wenn ich nicht wüsste, dass es Marylin war, würde ich sagen, es war eine ganz andere Person. Als ob diese Frau der eiskalte Zwilling von zwei identisch aussehenden Menschen wäre. Es ist so ein Gefühl.“

Lukas lachte laut. Seine Mutter war schon lustig.

„Ach, Mama, so ein Quatsch, Marylin hat zwar eine Schwester, aber die ist älter und sieht anders aus. Das würde ich doch wohl merken.“

Er schüttelte den Kopf. Obwohl er Marylins Schwester noch nie gesehen hatte, hatte er eine ganz konkrete Vorstellung von ihr. Marylin hatte gesagt, sie wäre eine Lady, die vor lauter Ordnungsliebe die Welt nicht sah.

Er ging hinaus und vergaß das Gespräch.

11

Gina war zu Claire gefahren, um von ihrem Wochenende auf dem Weingut zu berichten.

„Es war wirklich schön, aber seine Mutter hat mich komisch angesehen. So, als wenn sie überlegen würde, was mit mir nicht stimmt. Ich denke, ich werde das Spiel in der nächsten Zeit beenden.“

Claire hatte lächelnd dem Bericht gelauscht. Es war nichts Neues für sie, dass ihre Freundin selbst über Themen wie Liebe und Sexualität ganz sachlich und nüchtern dachte und sprach. Claire war sich nicht sicher, ob Gina das Gefühl hinter dem Begriff Liebe überhaupt kannte. Gina war einfach anders, sie setzte eigene Prioritäten und Liebe zählte nicht dazu. Claire selbst konnte das nicht. Wenn, dann war sie mit Haut und Haaren verliebt und genoss die seelische und körperliche Nähe ganz und gar. Manchmal bedauerte sie Gina, die diese Gefühle nicht teilen konnte oder wollte.

„Schade, ist es denn keine Option für dich, dich in ihn zu verlieben? Gefällt er dir nicht?“

„Mich verlieben? Nein! Er ist schon ganz nett, aber das ist auch alles. Lukas ist der Freund meiner Schwester und es ist, als wäre ich nicht beteiligt. So kann ich das schnell wieder beenden. Nein, ich werde mich nicht in ihn verlieben und ob es jemals ein Mann wert ist, kann ich nicht sagen. Wer braucht schon Männer? Ich jedenfalls nicht.“

Claire hatte den Mund aufgerissen.

„So ein Quatsch. Du wirst dich schon noch verlieben, wenn der Richtige kommt.“

„Ach ja?“, fragte Gina zynisch. „Wo das hinführt, hat man ja bei dir gesehen. Dein Schau­spielfreund hat dir weh getan, dich tief verletzt. Betrogen und belogen, nein, das will ich nicht.“

Gina hatte das schmerzvolle Gesicht ihrer Freundin gesehen, aber anstatt sich zu entschuldigen, war sie böse auf Claire, die nicht so reagiert hatte wie erwartet. Sie erhob sich und verabschiedete sich. Dann fuhr sie nach Hause und bereitete sich auf den morgigen Studientag vor. Claire blieb betroffen zurück. Gina hatte viel gesagt, das war sonst nicht ihre Art. Sie hatte sie in ihre Seele blicken lassen. Die Gina, die lächelte und schwieg, war ihr um einiges lieber. Ihre Freundin war schon immer sonderbar gewesen, aber heute fand sie es übertrieben, wie abwertend sie über Gefühle gesprochen hatte.

12

Marylin hatte an der Ostsee tatsächlich ihren früheren Schwarm David Hoffels getroffen. Er sah immer noch sehr gut aus, eigentlich noch besser als früher, fand sie. Ihre Eltern waren auch erfreut, ihn zu sehen und froh, dass Marylin nun beschäftigt war. So konnten sie ihre eigenen Unternehmungen planen.

Marylin und David verbrachten einige Tage mit seinen Freunden am Strand. Sie hatten gebadet, Ball gespielt, eine Radtour gemacht und abends am Feuer gesessen, Wein getrunken und geredet. Am dritten Abend saßen sie dann immer noch am Lagerfeuer, als alle anderen schon weg wa­ren.

David hatte einen Arm um sie gelegt. Heute wollte er sich nicht wieder abweisen lassen und mit ihr schlafen. Sie hatte sich bereitwillig küssen lassen, aber als seine Hände unter ihr kurzes Shirt wanderten, hatte sie ihn sanft abgewehrt.

„Was ist los? Lass uns doch …“

Marylin hatte nicht abwarten wollen, bis er das Wort „Spaß“ sagte und unterbrach ihn: „Ich bin keine Frau für den Spaß, also warte oder hau ab.“

Er hatte geschnauft und sich gefügt. Jetzt hatte er schon zwei Abende die Finger stillgehalten. Es war nicht leicht für ihn, denn im Normalfall wies ihn keine Frau ab. Ganz im Gegenteil: David bekam immer, was er wollte.

Nun gut, dachte er. Es hatte ja auch seine Reize, wenn sie sich so zickig anstellte. Er küsste Marylin leidenschaftlich und streichelte ihren Nacken mit seinen Lippen.

Marylin schaute ihn mit zusammengekniffenen Augen an, sie sah aus, als ob sie überlegte, ob sie gehen oder bleiben sollte. David sagte nichts und küsste sie weiter.

Plötzlich sprang Marylin auf.

„Ach, was soll es. Komm, ich will mit dir schlafen und zwar jetzt sofort.“

Sie suchte in der Dunkelheit ein paar Decken zusammen, legte sie ans Feuer, zog sich aus und warf David das Bikinihöschen an den Kopf. Dann streckte sie sich wohlig auf den Decken aus. David ließ sich nicht zweimal bitten und so liebten sie sich bis zum Morgengrauen. Als es kühl wurde, zog er eine der Decken unter sich hervor und breitete sie über Marylins und seinem heißen Körper aus. Als sie ihn zum Frühstück mitnehmen wollte, lehnte er ab.

„Ich muss mal nach den Jungs schauen, danach komme ich zu euch. Wenn du magst, bringe ich meine Sachen mit und bleibe bei dir.“

Marylin überlegte. Ja, dachte sie, das war gut, ein neuer Mann, ein neuer Anfang. Sie machte in Gedanken einen dicken Haken an die Sache mit Lukas. Gegen Mittag war David mit seinem Seesack und einem Surfbrett bei ihnen im Ferienhaus eingezogen.

13

Als der Urlaub vorbei war und alle wieder zuhause am Tisch saßen, um ihre Erlebnisse auszutauschen, herrschte eine friedliche Stimmung. Gina hatte die Enttäuschung über Claire heruntergeschluckt und sie zum Abendessen mitge­bracht. Nach dem Essen zogen sich die drei jungen Frauen in den Garten zurück. Marylin setzte sich auf die Schaukel, die seit Kindertagen an einem dicken Ast befestigt und ihr Lieblingsplatz war. Gina saß neben Claire auf der weißen Bank, die unter dem gleichen großen Apfelbaum stand.

„Ihr glaubt nicht, wen ich getroffen habe.“

Gina und Claire schauten Marylin erwartungsvoll an. Sie hatten sich beide schon zugenickt, denn Marylin plapperte fröhlich und ausgelassen, wo sie doch eigentlich geknickt sein müsste nach ihrer Trennung von Lukas.

„David Hoffels war dort mit seinen Freunden im Urlaub. Wir haben die alte Sache wieder aufleben lassen.“

„Du hast mit ihm geschlafen?“, fragte Gina mit großen Augen.

Marylin nickte.

„Ich denke, du hast dich gerade von deinem Freund getrennt? Wie kannst du denn dann schon wieder mit einem anderen Kerl ins Bett steigen? Also, ich finde das sehr unanständig. So etwas würde ich nicht tun.“

Claire grinste.

„Ich auch nicht, da wird man doch ganz leicht als Schlampe abgestempelt.“

„Ach was. Ich bin getrennt und kann machen, was ich will und mit wem ich will, Lukas doch auch. Wir sind fertig miteinander. Wenn er eine andere hätte, wäre mir das auch egal.“

Claire putzte sich geräuschvoll die Nase. Sie musste sich zusammenreißen, um nicht laut loszulachen, aber sie wollte Gina, die ganz emo­tionslos in Marylins Augen schaute, nicht in eine peinliche Situation bringen. Gina blieb weiter ungerührt.

„Ja, so sind die Männer. Die haben immer gleich eine andere Freundin und sei es nur für Sex.“

Marylin sprang von der Schaukel.

„Das mit David soll auch nichts für die Ewigkeit sein. Wir haben das beide gewollt, aber ich will nicht mit ihm zusammen sein. Er hat sowieso an jedem Finger eine.“

Gina wunderte sich, wie locker ihre Schwester neuerdings mit dem Liebesschmerz umging. Vielleicht hatten sie in der Beziehung doch mehr gemeinsam, als sie dachten. In Gedanken malte sie sich aus, wie Marylin reagieren würde, wenn sie von ihr und Lukas wüsste. Sie könnten ihn beide haben und er würde es nicht einmal merken. Gina nahm sich vor, die Beziehung mit Lukas noch eine Weile aufrechtzuerhalten.

Claire sah im Gesicht ihrer Freundin, welch abgründige Gedanken ihr durch den Kopf gingen und fühlte sich angezogen und abgestoßen zugleich. Gina zog Claire von der Bank hoch mit ins Haus. Marylin lief noch eine Runde durch den Garten, sie war rundum zufrieden und überlegte sich, am nächsten Morgen zu David zu gehen und mit ihm zu klären, wie es weitergehen sollte.

Gina und Claire kicherten in ihrem Zimmer über das kleine Verwechslungsspielchen. Gina würde am Wochenende zu Lukas fahren und Spaß haben.

14

Lukas freute sich sehr, als Gina am Freitagabend in den Hof gefahren kam. Gina hatte behauptet, ihr Auto sei kaputt und sie habe sich das von ihrer Schwester geliehen. Er zog sie an sich und küsste sie liebevoll. Anschließend half sie in der Küche Constanze, die beim Backen war, beim Schälen der großen gelben Äpfel. Sie verströmten einen Duft, der eine Vorahnung auf den nahenden Herbst ins Haus brachte. Aber noch gab der Sommer sein Bestes. Jetzt, Ende August, war es noch einmal richtig heiß geworden. Gina trug ein hübsches Kleid und genau das war es, was Constanze wieder stutzig werden ließ.

Sie hätte Marylin eher so eingeschätzt, dass sie bei der Hitze in bequemen kurzen Hosen und mit einem Top herumlaufen würde. Auch die offenen Haare störten sie, in ihren Erinnerungen gab es das nicht.

„Wie läuft es denn in der Apotheke?“

Gina schaute Constanze entgeistert an, blieb aber ruhig.

„Ich kann nicht klagen. Im Moment ist so gutes Wetter, da sind nicht so viele Menschen krank. Ich habe letztens in einer anderen Apotheke aushelfen können, deren Besitzerin einen Unfall hatte.“

Gina fühlte sich ertappt und ihr war klar, dass sie über die Arbeit ihrer Schwester eigentlich nichts wusste. Darum änderte sie einfach das Thema.

„Ach, diese Äpfel sind ein Traum. Ich freue mich schon auf den Duft, wenn der Apfelkuchen im Ofen ist. Kann ich noch etwas anderes helfen? Sonst gehe ich zu Lukas.“

Lukas hatte seinem Vater geholfen und rief an der Hintertür nach Marylin. Constanze schüttelte den Kopf und Gina verließ erleichtert die Küche. Lukas‘ Mutter setzte sich an den Tisch. Niemals war das dieselbe Marylin, die sie kannte. Sie würde weiterbohren, bis sie wissen würde, was hier nicht stimmte.

Gina lag unterdessen als Marylin in den Armen von Lukas und genoss seine Zuwendung und Nähe. Sie würde seiner Mutter aus dem Weg gehen. Am Sonntag fuhr sie heim in die Wohnung nach Mainz.

„Seine Mutter ahnt etwas. Sie hat mich über die Apotheke ausgefragt. Gut, dass Lukas in dem Moment gerufen hat. Ich werde dem Ganzen am nächsten Samstag ein Ende bereiten und du musst mir dabei helfen. Ich will, dass er Schluss macht.“

Gina erklärte ihrer Freundin den Plan.

Danach gibt es kein Zurück mehr für Marylin, dachte Claire. Sie hatte eigentlich nie Skrupel gehabt, bei den Streichen gegen Marylin mitzumachen, aber das war schon sehr böse. Doch Gina war ihre beste Freundin und so sagte sie nichts weiter dazu. Claire beschloss, die Einladung zu einem Studienjahr in Frankreich anzunehmen. Sie wollte für einen längeren Zeitraum ein wenig Abstand zwischen sich und Gina bringen, denn sie hatte bemerkt, dass sie sich in Ginas Nähe nicht mehr so wohl fühlte wie früher. Irgendwie hatte sie die Führungsposition abgegeben. Das mit Frankreich würde sie ihr aber erst in ein paar Tagen sagen.

15

David grinste, als er die Tür öffnete. Er wohnte in einer kleinen Wohnung am anderen Ende von Mainz. Eigentlich wollten seine Freunde, dass er mit in die Wohngemeinschaft nach Frankfurt zog, aber David hatte keine Lust auf dieses Gemeinschaftsleben. Er musste sein Abitur an einer Privatschule mit Internat machen und das hatte gereicht. Jetzt stand er kurz vor dem Abschluss und wenn er erst einmal in die Firma seines Vaters einsteigen konnte, dann war auch eine größere Wohnung möglich.

Es war schon immer sein Traum gewesen, die große Baufirma seiner Familie weiterzuführen, aber er wollte auch eine gute Ausbildung haben, um den Platz über seinen Mitarbeitern zu recht­fertigen. Also studierte er Bauingenieurwesen und da er äußerst fleißig und gut organisiert war, würde er einen sehr guten Abschluss erreichen.

Marylin ging an ihm vorbei in das Wohnzimmer, das mit wenigen modernen Möbeln aus Glas und Chrom einen sehr nüchternen Eindruck machte. In der Ecke am Fenster stand eine weiße Eckcouch.

David folgte ihr, griff nach ihr, schob sie auf die Couch und begann, sie auszuziehen und zu küssen. Marylin wollte eigentlich erst einmal mit ihm reden, ließ es dann aber sein, denn im Moment wollte sie Hände und Lippen und Zärtlichkeit.

Marylin ließ sich fallen und genoss jede Sekunde. David lag danach mit geschlossenen Augen neben ihr. Plötzlich setzte Marylin sich auf.

„Wie soll das denn jetzt mit uns weitergehen?“

David brummte etwas Unverständliches, sagte aber dann: „Was möchtest du denn? Ich denke, du bist keine für den Spaß? Ich bin ehrlich: Im Moment will ich keine allzu feste Beziehung, andererseits möchte ich diese Stunden mit dir auch nicht missen.“

„Gut, lassen wir es so, wie es ist. Wir treffen uns ab und zu, aber regelmäßig. Dann schlafen wir zusammen und genießen es, danach macht jeder, was er will. Ist es dir so recht?“

„Ich finde es gut, dass du so unkompliziert bist und so anders als deine Schwester. Wenn ich an diese mürrische Zicke von früher denke …“

Marylin unterbrach ihn: „Lass Gina aus dem Spiel, sie ist nun mal ein wenig anders. Außerdem hat sie sich schon gebessert. Und wir fangen jetzt noch einmal von vorne an, mein Schatz.“

Nach einem gierigen Kuss und einer Verabredung für den kommenden Tag verabschiedete sich Marylin von David und fuhr fröhlich singend heim. Die Eltern waren nicht da, Gina war in der Wohnung, also griff sich Marylin das Putzzeug und begann ihr Zimmer zu reinigen. Das kam nicht sehr oft vor, also hatte sie gut zwei Stunden zu tun. Danach überblickte sie alles und nickte vor sich hin. Hier könnte man auch David mal hereinlassen. Zum Abschluss bezog sie ihr Bett neu und brachte die Wäsche in den Keller.

16

Am Freitag war Gina zu Lukas gefahren. In der Woche hatte sie über einer Idee gebrütet, wie sie eine Trennung herbeiführen könnte, die von ihm ausging. Sie lächelte während der Fahrt vor sich hin, so brillant kam ihr das vor, was sie sich ausgedacht hatte.

Dieses Mal hatte sie Claire nichts Genaues erzählt. In letzter Zeit hatte sie den Eindruck gewonnen, dass Claire sich von ihr entfernte, aber das störte sie weniger, als sie immer angenommen hatte. Es war Zeit, dass sie ihr Leben selbst in die Hand nahm. Als sie ihrem Vater am Mittwochabend beim gemeinsamen Essen berichtet hatte, dass sie sich nicht mehr so gut mit Claire verstand, hatte Robert gelächelt.

„Mein Schatz, ich war mir immer sicher, dass Claire dich nur ausnutzen würde. Also geh deinen eigenen Weg und löse dich von ihr. Du bist gut so, wie du bist.“

Gina schob sich eine kleine Tomate in den Mund und überlegte. Dieses Mittwochabend-Essen war zu einer schönen Tradition geworden, Marylin wusste nichts davon. Robert genoss es, mit seiner Lieblingstochter den Abend zu verbringen, über kluge Dinge zu reden und ihre stille Bewunderung tat ihm gut. Marylin hatte sich niemals mit ihm über Kunst und Kultur unterhalten, ihn nie an ihrem Leben teilhaben lassen. Dass er es war, der sie ausschloss, blendete er vollkommen aus, seine Beste war nun mal Gina.

Er zuckte zusammen, als Gina plötzlich sagte: „Ja, Papa, du hast wie immer recht. Ich werde mit ihr reden, dass ich ausziehe. Vielleicht kannst du mir bei der Wohnungssuche helfen?“

Sie klapperte mit den Lidern und schenkte ihm ihr schönstes Lächeln, sodass er nur noch nicken konnte.

Er nickte immer noch, als sie flüsterte: „Und Marylin und Mama sagen wir nichts davon. Ja, Papa?“

Claire war am späten Abend gar nicht böse, als ihre Freundin mit den Plänen von eigener Wohnung und Auszug kam. Sie hatte längst einen Vertrag für das Jahr in Frankreich unterschrieben. Ihre Eltern waren glücklich, dass sie eine so engagierte und fleißige Tochter hatten. Gina hörte aufmerksam zu, als Claire ihr alles erklärte. Claire würde in zwei Wochen nicht mehr da sein. Dann riefen sie ihre Väter an und ließen sie über die Wohnung verhandeln, schließlich wurde beschlossen, dass Gina dort weiter zur Miete wohnen konnte. Robert würde diese Miete zahlen, heimlich wie immer und so konnten sie sich den Umzug sparen.

Am nächsten Tag sollte eine kleine Abschiedsfeier bei Claires Eltern im Garten sein. Gina bog mit zufriedenem Gesicht in den Innenhof des Weingutes ein. Morgen würde sie Claire und Lukas auf einen Schlag loswerden.

17

Im Garten der großen Villa war ein riesiger weißer Pavillon aufgestellt worden, unter dem Tische mit strahlend weißen Tischdecken standen. Die Bänke und Stühle waren mit fliederfarbenen Kissen bedeckt.

Am Vormittag war eine Firma da gewesen und hatte den Pool noch einmal gereinigt, Mitarbeiter einer Catering-Firma trugen Getränke und erlesene Speisen ins Haus. Guntram hatte sich nicht lumpen lassen und sich vorgenommen, sein kleines Mädchen würdig in die große weite Welt zu verabschieden.

Drei junge Mädchen und ein hübscher junger Mann in schwarz-weißer Kleidung waren dabei, die Tische einzudecken. Claire und Gina kamen am Mittag an und machten es sich am Pool bequem. Marylin hatten sie nichts erzählt, auch Roswitha wusste nichts von der Feier. Robert hatte geschwiegen.

Claire hatte die Gäste einzeln ausgesucht, sie hatte Freunde, die ihrem neuen Status nicht entsprachen, einfach nicht eingeladen. Es sollte eine perfekte Party werden.

Lukas hatte noch im Weingut zu tun, würde aber am Abend dazukommen. Soweit klappte der Plan von Gina perfekt. Es waren noch viele junge Leute eingeladen, Freunde Claires, von deren Existenz Gina bis heute nichts gewusst hatte. Sie hatte immer gedacht, dass sie die einzige Freundin von Claire war und konnte ihren Unmut darüber nur schwer verbergen. Trotzdem lachte sie mit der Sonne um die Wette.

Einer der jungen Männer, die sich am frühen Abend zu ihnen an den Pool gesetzt hatten, gefiel ihr ganz gut, um ihren Plan zu vollenden. Lennard von Breckwitz war ein gepflegter Mann mit guten Umgangsformen. Seine fast schwarzen, kurzen Haare passten perfekt zu der gebräunten Haut. Er war leger gekleidet und redete nicht viel. Die dunklen, wachen Augen musterten Gina und als sie ihn auch ansah, zwinkerte er ihr zu. Sie rückte auf der Bank ein wenig zur Seite und bedeutete ihm, sich zu ihr zu setzen. Lennard stand auf und kam betont langsam zu ihr hinüber, dann setzte er sich neben Gina.

„Hallo, ich bin Gina, Claires beste Freundin.“

Lennard nickte und hielt ihr seine gepflegte Hand hin.

„Ich bin Lennard. Wie schön, dich kennenzulernen und ich dachte schon, es wird eine langweilige Party.“

Gina zog keck die Augenbrauen hoch.

„Mit mir ist es niemals langweilig.“

Lennard grinste.

„Das glaube ich dir sofort.“

Sie unterhielten sich angeregt über die Arbeit. Gina stand bald darauf auf und zog ihn mit sich ins Haus. Lukas hatte ihr eine Nachricht gesendet, dass er jetzt losfuhr. Claire schaute ihrer Freundin missmutig hinterher. Dass ausgerechnet Lennard derjenige war, der für Ginas Plan herhalten musste, passte ihr nicht. Sie ahnte, was Gina vorhatte und hoffte, dass Lukas in den nächsten Minuten eintreffen würde, damit alles schnell vorbei wäre.

Gina sagte auf der Treppe nach oben: „Ich kann dir jetzt mal meine Entwürfe zeigen. Wir haben letzte Woche daran gearbeitet und ich möchte gerne deine Meinung hören.“

„Und was möchtest du mir noch zeigen?“

Dabei griff er unter ihren Rock nach ihrem Bein. Gina lief schneller und verschwand mit ihm in ihrem Gästezimmer, das sie immer bewohnte, wenn sie hier war. Er folgte ihr und drückte mit dem Fuß die Tür zu. Drinnen schob er sie in Richtung Bett. Seine Lippen suchten ihre und er küsste sie voller Leidenschaft. Gina war innerlich entsetzt, denn er ging nicht sehr sorgsam mit ihr um und seine Zunge war drängend und triefte vor Spucke, aber sie riss sich zusammen und hielt es aus. Dieser hübsche Junge konnte nicht küssen und sicher würde sie sich auch beim Sex noch ekeln, aber ihr Plan war, dass Lukas sie mit einem andern im Bett erwischen sollte. So würde sie ihn auf die unkomplizierteste und eindeutigste Weise loswerden.

Lennard zerrte unter ihrem Rock am Slip und warf ihn achtlos beiseite. Gina ließ sich rücklings auf das Bett fallen. Lennard ließ seine Hose herunter und legte sich auf Gina. Er grub seine Zähne in ihre rechte Brust, die er mit groben Griffen aus ihrem Ausschnitt gezerrt hatte, dann drückte er ihre Beine auseinander und war gerade in sie eingedrungen, als sich leise die Tür öffnete.

Ein entsetzter Lukas blickte voller Scham auf den sich auf und ab bewegenden Hintern, der zwischen den Beinen seiner Freundin lag. Deutlicher konnte es nicht sein: Marylin betrog ihn vor seinen Augen mit einem anderen. Er kam drei Schritte auf sie zu.

„Oh Mann … was … tust … du …?“

Gina rief gekonnt erschrocken: „Lukas? Schatz! Du bist ja schon da. Ich wusste nicht …“

„Du wusstest nicht …? Hast du einen Knall?“

Lukas drehte sich zur Tür um.

Dort blickte er zurück und sagte: „Ich bin dann mal weg. Ein schönes Leben noch. Lass dich nie wieder bei mir blicken, mit dir bin ich fertig.“

Die Tür war zu. Gina schob Lennard von sich herunter und schüttelte sich. Er hatte sie völlig beschmutzt. Wortlos ließ sie ihn liegen und lief eilig ins Bad. Danach verabschiedete sie sich von Claire.

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