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URSULA STENZEL
WIE IM FLUG
ETAPPEN MEINES LEBENS

Leopold Stocker Verlag
Graz – Stuttgart
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ISBN 978-3-7020-1805-4
eISBN 978-3-7020-2020-0
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© Copyright by Leopold Stocker Verlag, Graz 2021
Layout: Ecotext-Verlag, Mag. G. Schneeweiß-Arnoldstein, Wien
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
1.Die Gnade der Geburt
2.Frühe Prägungen
3.Die Überlebenshelfer
Gertrud Steinitz-Metzler und „inser Unnützer“
Die Ursulinen
4.Hommage an Vera und Dr. Richard Deutsch
5.Bitteres Erwachen aus dem amerikanischen Traum
6.Der Garten meiner Kindheit
Der Stasi-Akt
Die Sinnlosigkeit der Schuldfrage
7.DDR-Impressionen
Ferieneindrücke in der DDR
Mein Verhör
8.Journalistische Anfänge im ORF
9.Der Sprung zum Fernsehen
10.Journalistische Höhepunkte
„Von Franco zur Demokratie“
„Vom Schah zum islamischen Gottesstaat“
„Hoffnung und Scheitern in Jerusalem“
Ausflug in den amerikanischen Traum
11.Erste Fernsehmoderatorin und Hoppalas
12.Der Sprung in die Politik
Ein unerwarteter Anruf
13.Mein erster Wahlkampf
14.Polen – ein Zufall führte Regie
In jedem Witz steckt ein Fünkchen Wahrheit
15.Ukraine – schwankender Riese zwischen West und Ost
16.Kontrastprogramm
17.Malta – Beitritt in Etappen
18.Afghanistan – der asymmetrische Konflikt
19.Korea – der eingefrorene Konflikt
Mythos und Realität
Inselkoller
Gulaschkommunismus auf Koreanisch
Wiener Melange in einem Schweizer Café
Diplomatische Betriebsamkeit
20.Von Brüssel nach Wien und weshalb ich zur FPÖ wechselte
Dem Weltkulturerbe verpflichtet
Konflikt um die Garage am Neuen Markt
„Rieu sagt Wien Adieu“
Entfremdung von der ÖVP – Weg zur FPÖ
Das europäische „9/11“
21.Heinrich Schweiger – „Das fängt ja gut an“
Endlich – das erste persönliche Kennenlernen
Burgtheater-Groupie
Heinrich Schweiger – „einsamer Partisan der Qualität“
Trennung als Kitt
Tierisches von Katzen und Vögeln
Keine Ménage-à-trois
Flucht in die Operette
Nachsatz und Nachwort
Anmerkungen
Vorwort
Immer wieder traten Freunde und Bekannte an mich heran, ich möge doch meine Erinnerungen aufzeichnen. Lange überlegte ich, ob ich zu den vielen Biografien noch eine hinzufügen sollte.
Nicht jedes Leben, auch wenn es zu einem beträchtlichen Teil in der Öffentlichkeit stattfindet, muss unbedingt zwischen zwei Buchdeckel gepresst werden. Ich tat es dann doch, weil ich an einer Zeitenwende geboren wurde und so unterschiedliche berufliche Stationen durchlief, dass meine Erfahrungen, Erlebnisse und die Menschen, denen ich begegnen durfte, mehr als nur persönliche Bedeutung haben.
Das beginnt mit meinen Eltern, denen ich die Gnade der Geburt zu verdanken habe, den frühen Prägungen, die sie mir vermittelten, und den Menschen, die zu Überlebenshelfern für sie und meine um 13 Jahre ältere Schwester wurden. Ihnen, die uns geholfen haben, die Hitlerzeit zu überstehen, wollte ich auf diese Weise danken. Da meine Mutter aus einer jüdischen Familie stammte, waren meine Eltern und auch meine Schwester in der NS-Zeit der Verfolgung ausgesetzt. Ich wurde daher von frühester Kindheit an politisch, aber auch kulturell geprägt. Davon handeln die Kapitel „Die Gnade der Geburt“, „Frühe Prägungen“ und „Die Überlebenshelfer“.
Die Schwester meines Vaters, Vera Deutsch, geborene Stenzel, und ihr jüdischer Mann, Dr. Richard Deutsch, emigrierten in die USA. Auch sie haben Zeitgeschichte erlebt und erlitten und haben ihre Erinnerungen festgehalten, denen ich sehr persönliche Zeitzeugnisse entnommen habe, die bis in die Erste Republik zurückreichen. Ihnen widme ich eine Hommage. In meiner Familie war alles vertreten: Sozialdemokraten der ersten Stunde, jüdisches Großbürgertum der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, Christen und Agnostiker. Da meine Schwester einen Arzt heiratete, mit dem sie 13 Jahre in der DDR verlebte, wohin es seine polnisch-deutsche Mutter auf der Flucht aus Rumänien verschlagen hatte, habe ich auch die DDR hautnah kennengelernt und diese meine Eindrücke in dem Kapitel „DDR-Impressionen“ festgehalten. Meiner Schwester Marianne habe ich in diesen Erinnerungen viel Raum gewidmet, nicht nur, weil sie wie eine zweite Mutter für mich war, sondern weil sie auch ein großes lyrisches Talent hatte. Daher habe ich auch einige Gedichte von ihr veröffentlicht. Die Teilung Europas, die Erfahrungen des Kalten Krieges haben mich zum Journalismus gebracht.
Die Kapitel 8 bis 12 handeln von meinen Anfängen im ORF, von großen journalistischen Persönlichkeiten, die mich gefördert haben, meinen ersten Reportagen, dem Sprung zur Moderation und wichtigen internationalen Ereignissen, über die ich berichten durfte, vom Zusammenbruch des Schahregimes im Iran bis zu dem Besuch Sadats in Jerusalem und dem Ende der Franco-Ära in Spanien. Ich berichte von meinem Sprung in die Politik, in die mich Wolfgang Schüssel geholt hat, damals noch als Außenminister und Vizekanzler. Die Kapitel 13 bis 20 schildern die vielfältigen Aufgaben, die ich im Europaparlament übernehmen durfte und die mich in die bis heute virulenten Krisengebiete unserer Zeit führten, von Afghanistan bis Korea, aber auch nach Polen, in die Ukraine und die Tschechische Republik, nicht zu vergessen Malta. Im Gegensatz zu meinem Mann, der leidenschaftlich fotografiert hat, habe ich während meiner Auslandsaufgaben auch aus Zeitgründen nicht fotografiert, weshalb diese Kapitel nur wenige Bilder enthalten, aber sie nehmen Bezug auch auf die aktuellen Entwicklungen. Zehn Jahre lang habe ich im Europäischen Parlament gearbeitet und bin ständig mit dem Flugzeug gependelt: von Wien nach Brüssel und Straßburg und von dort zu den verschiedensten Destinationen. Diese Zeit verging im wahrsten Sinne des Wortes wie im Flug und hat mich zu dem Titel meines Buchs inspiriert.
Dass meine Ehe mit Heinrich Schweiger das ausgehalten hat, verdanke ich diesem wunderbaren Menschen und Schauspieler, dem ich das letzte Kapitel gewidmet habe und für den ich über seinen Tod hinaus große Liebe und Dankbarkeit empfinde.
Selbstverständlich gehe ich auch auf meinen Wechsel von der ÖVP zur FPÖ und zu Heinz-Christian Strache ein, einen Wechsel, den viele meiner Freunde – aber auch Menschen, die mir fernstehen – als einen Bruch in meiner Vita empfinden. Das war er aber nicht, sondern ein Schritt zu einer Partei, die ich in der Phase meines Übertrittes für die bessere konservative Partei hielt, was sie möglicherweise, wenn sie das Tal der Tränen durchschritten hat, wieder werden wird. Der letzte Auslöser für diesen meinen Schritt war die sogenannte Flüchtlingskrise im Spätsommer des Jahres 2015, die ich als eine Invasion ohne Waffen und das österreichische „9/11“ empfand.
Nach Beendigung meiner politischen Tätigkeit, zu der selbstverständlich auch meine zehnjährige Zeit als Bezirksvorsteherin des 1. Bezirkes, also der Inneren Stadt, gehörte, auf die ich ebenfalls eingehe, legte ich meine FPÖ-Mitgliedschaft zurück. Ich wollte diese meine Erinnerungen, die ich aus den Tiefen meines Gedächtnisses und zum Teil auch aus meinen Aufzeichnungen geholt habe, ohne Rücksicht auf irgendeine Partei verfassen und zu meiner Unabhängigkeit zurückkehren. Meine Erinnerungen erheben nicht den Anspruch auf Vollständigkeit oder Wissenschaftlichkeit. Vieles ist anekdotisch. Da ich nicht regelmäßig Tagebuch geführt habe, blieben nur sehr markante Ereignisse und Persönlichkeiten in meinem Gedächtnis haften. Ohne die Hilfe von DDr. Claudia Tancsits, die mich als Historikerin betreute, hätte ich dieses Buch nicht fertigstellen können. Dafür möchte ich ihr meinen herzlichen Dank aussprechen. Dem Lektor Mag. Werner Gut danke ich für sein Verständnis und seine Geduld. Ihnen, meinen Lesern, wünsche ich, dass Sie mein Buch als einen Beitrag zum Verständnis unserer Zeit ohne den Anspruch auf Besserwisserei empfinden und die Lektüre „wie im Flug“ genießen mögen.
Ursula Schweiger-Stenzel
Juli 2021
1.Die Gnade der Geburt
Niemand kann sich an das Wichtigste im Leben erinnern, und das ist nun einmal die Geburt, denn ohne sie wäre man nicht am Leben. Daher weiß ich, wie alle anderen Menschen auch, die Umstände meiner Geburt nur aus den liebevollen Erzählungen meiner Mutter. Sie erinnerte sich, dass sie, in einer Ambulanz liegend, bei großer Hitze – es war der 22. September 1945 – ins Goldene Kreuz gefahren wurde, und die Trümmerberge, an denen die Rettung vorbeifuhr, kontrastierten mit dem strahlend blauen Himmel. Gegen neun Uhr abends war ich dann da. Es ging soweit alles glatt. Meine Mutter war mit 43 Jahren eine Spätgebärende, die Sache war also nicht so einfach für sie.

© Privatarchiv
Frühjahr 1946: Meine Mutter zog es mit mir in den Prater.
Ich kam mit sieben Monaten etwas zu früh auf die Welt. Also kam ich zur großen Sorge meiner Eltern zunächst in den Brutkasten. Am folgenden Tag kam die Schwester mit mehreren Säuglingen im Arm in das Zimmer. „Jessas, jetzt hab i des Zwutschkerl aa mitbracht. Aber wissens was, wenns scho da is, versuch mas.“ Sie legte mich an die Brust meiner Mutter, und ich begann sofort, daran zu nuckeln. Die Schwester tat einen Luftsprung. „Jetzt hammas g’schafft, jetzt samma übern Berg!“ Als meine Mutter mit mir nach Hause fuhr, wieder an Trümmerbergen vorbei, war das Wetter gekippt. Es schüttete, war kalt. Der heiße Sommer hatte sich verabschiedet, der Herbst war da, und ein eiskalter Winter stand bevor. Ursprünglich hatte meine Mutter gedacht, sie habe einen Tumor. Groß war die Überraschung und sehr groß war die Freude, als sich herausstellte: Der Tumor war ich!
Noch in den letzten Kriegstagen, als sich meine Mutter ihrer Schwangerschaft noch gar nicht bewusst war, hatte sie mit meinem Vater schwere Matratzen vom dritten Stock unserer Wohnung in der Czerningasse 21 in den Keller geschleppt. Die letzten Kriegstage, ja Kriegsstunden haben sich in das kollektive Gedächtnis unserer Eltern- und Großelterngeneration eingraviert, selbstverständlich auch in das meiner Eltern und meiner um 13 Jahre älteren Schwester Marianne. Daher weiß ich sozusagen alles aus erster Hand. In dem Keller, in dem meine Eltern und die Bewohner unseres Hauses Zuflucht gesucht hatten, muss eine gespenstische Atmosphäre geherrscht haben. Hier saßen sie alle: die überzeugten Nazis, diejenigen, die meine jüdische Mutter und meine Schwester mieden, weil sie Angst vor Rassenschande hatten. Freilich waren nicht alle so. Manche, obwohl braun durchsetzt, behielten ihre Menschlichkeit, und ich möchte eine Familie, von der ich nur den Nachnamen weiß – Philipich –, ausdrücklich erwähnen, denn diese hat sich um meine Schwester gekümmert. Frau Philipich ging mit meiner Schwester während dieser schweren Zeit der Verfolgung schwimmen, in ein Schwimmbad, das es damals noch am Donaukanal gegeben hat. Sie war allerdings eine Ausnahme und nicht die Regel. Alle diese Menschen – wenn man so will, Täter, Mitläufer und Opfer (meine Familie) – waren nun also in diesem tiefen Keller in der Czerningasse 21 versammelt, hatten Zuflucht gesucht vor den letzten Bombardements und den herannahenden russischen Truppen, deren Stalinorgeln man immer deutlicher hörte. Sie alle vereinte die Angst: die einen die Angst vor den Sowjetsoldaten – das war die Mehrheit –, die anderen die Angst, dass fanatische und bis zum Schluss erbittert kämpfende Anhänger des NS-Regimes noch die letzten Juden oder die des Widerstandes Verdächtigten aus den Kellerverliesen zerren und erschießen oder am letzten Laternenpfahl aufhängen könnten. Auch dies ist ja, wie wir alle im Nachhinein wissen, passiert. Dazu kam, dass sich Heckenschützen in den Dachgeschossen mancher Zinshäuser verschanzt hatten und den Rotarmisten heftige Gefechte lieferten. Meine Schwester erlebte diese letzten Minuten des Endkampfes folgendermaßen: Der Gefechtslärm kam näher, im Keller herrschte Schweigen, als plötzlich lautes Klopfen an der Kellertür zu hören war. Die Mitbewohner, aber auch meine Eltern, meine Schwester und meine Großmama väterlicherseits erstarrten. Niemand wagte es, die Kellertür zu öffnen. Nur mein Vater traute sich, obwohl er nicht wusste, was ihn und seine Familie erwarten würde. Als er die Tür geöffnet hatte, stand ein russischer Offizier vor ihm. Meine Schwester empfand ihn als „schön wie ein Engel“. Er trug einen langen grauen Militärmantel und sagte in gebrochenem, aber sehr gut verständlichem Deutsch: „Dieses Haus steht unter dem Schutz der Roten Armee.“ Meine Schwester fiel auf die Knie und bekreuzigte sich.

© Privatarchiv
Mit Mutter vor dem zerstörten Burgtor (li.); mein stolzer Vater (re.).
Die Erleichterung hielt aber nicht lange an. Nach der Vorhut der Rotarmisten kam die Nachhut, der Tross, und es hat sich schnell herumgesprochen, dass diese ausgehungerte und vom Kampf brutalisierte Soldateska vor allem für junge Mädchen wie meine Schwester, aber auch für meine Mutter und alle anderen Frauen gefährlich war. Also packte man sich wieder zusammen, um einen etwas sichereren Zufluchtsort zu finden. Es muss chaotisch und hektisch zugegangen sein. Jeder wollte nur so schnell wie möglich auf die andere Seite der Praterstraße, wahrscheinlich in die Nähe der oder in die Pfarre St. Nepomuk. Meine Mutter erzählte, dass es Stunden brauchte, um diese paar Meter zu überwinden, über Schutthalden hinweg. Irgendwer hatte meinem Vater noch ein Paket in die Hand gedrückt, das in ein Tuch eingewickelt war, als es plötzlich begann, aus diesem Paket heraus zu tirilieren. Das verhüllte Behältnis entpuppte sich als Vogelkäfig, in dem ein um seine Ruhe gebrachter, erschreckter Kanarienvogel ein Lebenszeichen von sich gab. So schrecklich diese Situation war – man wollte natürlich um keinen Preis durch ein Geräusch auffallen –, so komisch war sie auch. Meine Eltern und ich haben noch Jahrzehnte später über diese Episode gelacht.
2.Frühe Prägungen
Es ist verständlich, dass meine Eltern nach dem Ende des Dritten Reiches nicht einfach den Schalter umlegen und so tun konnten, als sei nichts geschehen. Die zeitgeschichtlich relevanten Erzählungen wurden mir von frühester Kindheit an übermittelt und beeinflussten meine spätere Studien- und Berufswahl. So ist mir die berühmte Abschiedsrede des letzten österreichischen Bundeskanzlers Dr. Kurt Schuschnigg mit ihren Schlussworten: „Gott schütze Österreich!“, so vertraut, als ob ich sie selbst gehört hätte. Wann immer meine Mutter sich dieser historischen Rede erinnerte, kämpfte sie mit den Tränen. Das war die Zäsur in ihrem Leben, der Moment, von dem an nichts mehr so war wie früher.
Meine Mutter Elise Stenzel, geborene Jurberger, war, wie mein Vater, Jahrgang 1901. Sie kam aus einer liberalen, emanzipierten jüdischen Familie, typische Vertreter des Wiener Bürgertums der ausklingenden österreichisch-ungarischen Monarchie. Ihr Vater Salomon Jurberger, der 1921 verstarb, war Oberkantor im Leopoldstädter Tempel, menschenscheu und ein Opernnarr. Fast jeden Abend ging er in die Oper, Stehplatz selbstverständlich, und wenn er nach Hause in seine Dienstwohnung in der Czerningasse 21 kam – die Wohnung, in der auch ich aufwuchs – und noch verschlossener war als sonst, stellte seine Frau Klara – eine geborene Stern; auch ihr Vater Leopold Stern war Oberkantor gewesen – nur liebevoll fest: „Mein Gott, heute muss der ‚Pickerl‘ wieder gut gewesen sein.“ Sie meinte natürlich den damaligen Star am Wiener Opernhimmel, Alfred Piccaver. Von meinem Großpapa wurde mir von meiner Mutter auch folgende, offenbar typische Geschichte überliefert: Bei einem seiner Antrittsbesuche als Oberkantor öffnete der Gastgeber die Tür. Wer es war, ist meinem Gedächtnis entschwunden. Nicht entschwunden ist allerdings das, was meinem Großvater spontan herausrutschte, als ihm nach dem Läuten die Tür geöffnet wurde: „Ach Gott, ich habe gehofft, Sie sind nicht zu Hause.“ Wie meine Großmama Klara diesen Fauxpas auszubügeln versuchte, ist mir nicht berichtet worden. Sie sah ihrem Mann ebenso wie seine Kinder – meine Mutter Liesl, ihre ältere Schwester Stella und der Bruder Hermann – seine Eigenheiten, ja Schrullen nach. Er war der geliebte und verehrte „Vaterl“. Klara war die realitätsbezogene Resolute, die die Familie zusammenhielt – mit einem großen Sinn für Humor. Ihr Ausspruch, als die Familie sich einmal rund um den Tisch versammelt hatte und die Kinder offenbar aneinandergerieten, ging ebenfalls in die Familienchronik ein: „Ich dilde das bei Tusche nicht …“, rief sie aus, und ihr Bemühen um gute Tischsitten ging in großer Heiterkeit unter.
Die Kindheitssommer – die klassische Sommerfrische – verbrachte die Familie in Bad Ischl, und meine Mutter berichtete mir nicht ohne Rührung, wie ihr Vater auf den Balkon des Ferienhauses heraustrat, die Arme ausbreitete und Kaiser Franz Joseph segnete, als dieser einmal mit der Kutsche vorbeifuhr. Ein Ende der Monarchie konnte sich weder die Familie meiner Mutter noch die meines Vaters je vorstellen.
Dass meine Mutter ihre Kindheitssommer in Ischl verlebte, an das sie idyllische Erinnerungen hatte, verdankte sie vor allem dem Bruder ihrer Mutter, Julius Stern, der Publizist und Kulturkritiker war und sich schon berufsbedingt in Ischl aufhielt, der Metropole der silbernen Operettenära. Die wunderbare Lehar-Villa erinnert heute noch daran. Julius Stern war ein namhafter Feuilletonist, Theater- und Musikkritiker, Mitglied des Presseclubs Concordia und 1909 dessen Vizepräsident. Jahrzehnte später, als ich Publizistik studierte, zählte die Festschrift zum 50-jährigen Jubiläum des Presseclubs, die er gemeinsam mit dem Präsidenten der Concordia Sigmund Ehrlich verfasst hatte, zu meiner Pflichtlektüre. Seinen Sohn Alfred, den es nach der Emigration nach Puerto Rico verschlagen hat, wo er an der dortigen Universität Philosophie lehrte, habe ich noch als betagten Herrn kennengelernt.
Er mochte mich offenbar sehr. Dies erfuhr ich eher zufällig, als ich – schon Stadträtin im FPÖ-Klub – mit der Straßenbahn zu meinem Büro ins Rathaus fuhr und mich eine Dame ansprach, die sich als die engste Freundin Alfred Sterns und seiner bildschönen puerto-ricanischen Frau Gloria zu erkennen gab und mir berichtete, wie liebevoll und stolz Alfred Stern über seine kleine Nichte Uschi gesprochen habe. Ich war zu Tränen gerührt. Vielleicht war auch ein anderer Bruder meiner Großmama, Emil Stern, Ursache der Ischler Sommerfrische: Von ihm wurde mir nur erzählt, dass er Komponist war und eine Operette Joseph Lanners musikalisch überarbeitet hat, die hin und wieder auch heute noch ihren Weg auf die Bühne findet und den Titel „Alt-Wien“ trägt.
Dass die Familie sich diese Sommerfrische in Ischl leisten konnte, verdankte sie sicher Maximilian Stern, dem ältesten Bruder meiner Großmutter mütterlicherseits, der die Familie als Begründer der Firma Schiff & Stern großzügig unterstützte. Die Firma, die wärmetechnische Geräte herstellte – solange das Rauchen noch nicht verpönt war, übrigens auch Tabakbefeuchtungsanlagen –, existiert heute noch unter dem gleichen Namen und gehört der Familie Joseph Trösch, die vor dem Erwerb dieses Unternehmens die letzte Molkerei in Wien betrieben hat. Sie hat die Firmenunterlagen von Schiff & Stern dankenswerterweise aufbewahrt und mir im Zuge meiner Recherchen für dieses Buch übergeben, wodurch ich auch authentische Unterlagen über den Sohn von Max Stern, DI Roland Stern, besitze. Roland Stern, der Cousin meiner Mutter, konnte nach London emigrieren und war eine für mich prägende Persönlichkeit. Er lebte jeweils ein halbes Jahr in England und ein halbes Jahr in Wien und wäre lieber Schriftsteller geworden als Diplomingenieur für Maschinenbau sowie Unternehmer, obwohl er auch in wirtschaftlichen Belangen durchaus erfolgreich war. Ich wage zu behaupten, dass er ein Genie war. Nie vorher und nie nachher bin ich einem Menschen von so umfassendem literarischen, kunsthistorischen und musikalischen Wissen begegnet wie ihm. Er führte mich noch während der Schulzeit in die schwierigsten Opern ein, so in „Ariadne auf Naxos“, eines seiner Lieblingswerke von Richard Strauss. Er setzte sich einfach ans Klavier und spielte mir die Motive vor, ohne Partitur – er spielte auswendig. Ebenso das Spätwerk Giuseppe Verdis, „Falstaff“ und viele andere klassische „Zuckerln“. Wenn er nicht gerade selbst Gäste hatte, war er entweder im Theater, in der Oper, im Konzert oder im Kino. Auch seine Geschäftsfreunde nahm er in die Oper oder ins Theater mit, nicht immer zu deren Vergnügen, wie ich annehme. Er schätzte und kannte das Werk Arthur Schnitzlers in all seinen Facetten. Einmal hielt der großartige Schriftsteller Manès Sperber einen Vortrag in Wien über „Schnitzler und die Unfähigkeit zu lieben“. Roland konnte nicht und schickte mich hin, die ich als Studentin kaum einen Vortrag in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur ausließ, um ihm darüber zu berichten. Der Vortrag war insofern bemerkenswert, als Sperber Arthur Schnitzler, dem scharfsinnigen Beobachter der Erotik der Jahrhundertwende und Verfasser des „Reigens“, des „Einsamen Weges“ usw. vorwarf, dass dieser eigentlich unfähig zu lieben gewesen sei, und eine schonungslose Abrechnung mit der schwülstigen Erotik der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert vortrug. Für mich war dieser Wunsch meines Onkels, ihm über den Vortrag Manès Sperbers zu berichten, mehr wert als so manche Vorlesung am Institut für Zeitungswissenschaft. Noch dazu, da ich dessen Romantrilogie „Wie eine Träne im Ozean“ über die grausamen Geschehnisse auf dem Balkan während des Zweiten Weltkrieges verschlungen hatte und auch die erschütternde Verfilmung kannte. So war ich später, als ich bereits die „Zeit im Bild 2“ moderierte und Sperber interviewen durfte, auf diese Aufgabe gut vorbereitet.
Roland Stern war auch „schuld“ daran, dass mein Vater meine Mutter kennenlernte. Die Leben von ihm und meinem Vater waren seit der gemeinsamen Schulzeit im Realgymnasium in der Vereinsgasse und danach während des Maschinenbaustudiums an der Technischen Hochschule in Wien eng miteinander verbunden. Schon während der Realschulzeit verkehrte mein Vater im Hause der Familie Stern, und das änderte sich auch während der Studienzeit nicht. In diesem Haus lief ihm auch eines Tages, als er mit Roland wieder höhere Mathematik für eine Abschlussprüfung an „der Technik“ lernte, eine dunkelhaarige junge Frau über den Weg, und er fragte Roland, wer sie sei. „Meine Cousine Liesl – willst du sie kennenlernen?“ So nahm eine schicksalhafte Begegnung ihren Anfang, die schließlich im März 1931 zur Ehe führte.

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Meine Eltern auf Hochzeitsreise in Amsterdam (1931).
Meine Mutter arbeitete damals vorübergehend in der Firma ihres Onkels im Büro. Ihre Leidenschaft aber galt dem Theater; sie hat ihre Ausbildung an der Akademie im Jahrgang vor Paula Wessely absolviert. Aus dieser Zeit stammte eine große gegenseitige Wertschätzung. Paula Wessely soll einmal in einer Pause zu ihr gesagt haben: „Liesl, wenn ich dein Talent hätt …!“ Und meiner Mutter blieb ihr Gretchen in der Max-Reinhardt-Inszenierung von Goethes „Faust“ in Salzburg unvergesslich. Knapp nach dem Anschluss sind sie einander einmal zufällig auf der Praterstraße begegnet und haben sich umarmt in einem Gefühl der Hilflosigkeit. Beide haben geweint.
Meine Mutter hat ihren Wunsch, Schauspielerin zu werden, lange vor ihrer Familie geheim gehalten. Das war eine Vorsichtsmaßnahme. Schließlich war ihr Onkel Julius ein gefürchteter Theaterkritiker. Er war es auch, der sie als Kind zu ihren ersten Theater- und Opernvorstellungen mitnahm, ins damals noch existierende Karltheater. Sie erzählte immer von ihrem Kindheitserlebnis im „Freischütz“ von Carl Maria von Weber: Julius hatte sie begleitet. Kurz vor der berühmten Szene in der Wolfsschlucht sagte er, er müsse gehen, er fürchte sich zu sehr, und ließ das arme siebenjährige Mädchen, das meine Mutter damals war, allein im Theater zurück. Sie hat sich wirklich gefürchtet; ihm, dem Theaterkritiker, war lediglich fad. Bei späteren Gelegenheiten schickte er sie allein ins Theater und bat sie, ihm zu berichten, ob ein Luster heruntergefallen sei. So viel zur Objektivität der Kunstkritik. Heute ist dies wahrscheinlich ganz anders.
Allerdings hatte ich einmal ein Erlebnis, das auch bei mir Zweifel an der Seriosität von Kulturkritik in der Gegenwart aufkommen ließ. Man gestatte mir, es an dieser Stelle einzufügen. Ich besuchte im Rahmen der Salzburger Festspiele einen Soloabend des von mir sehr bewunderten Pianisten Rudolf Buchbinder, der im Goldenen Saal des Mozarteums alle Beethovensonaten in Serie spielte. Großartig! Ich ziehe in Salzburg mittlerweile Konzerte den Theateraufführungen, egal ob Oper oder Schauspiel, vor. Allerdings: In der neuen Zeitrechnung „vor und nach Corona“ hoffe ich inständig, dass die Salzburger Festspiele wieder stattfinden mögen und noch weitere 100 Jahre lang bestehen. An besagtem Konzertabend war ich zu früh dran und setzte mich, um die Zeit zu überbrücken, ins wie immer überfüllte „Café Bazar“ am Salzachkai. Ein älterer Herr fragte, ob er sich zu mir setzen dürfe. Es war sonst weit und breit kein Sessel frei. Wir kamen ins Gespräch, und er war, wie sich herausstellte, einer der renommiertesten Kenner der Salzburger Festspiele, vor allem der Musikproduktionen, und langjähriger Musikkritiker der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Wir hatten das gleiche Programm vor, nämlich Beethoven mit Buchbinder, den er, wie er mit Nachdruck betonte, nicht sonderlich schätzte, worauf ich aus vollster Überzeugung entgegnete, ich hielte Buchbinder für einen der größten Interpreten der Gegenwart, außerdem hätte ich seine Biografie gelesen – wie er, aus bescheidenen Verhältnissen kommend, schon als Kind aufgefallen war und ihm Bundeskanzler Julius Raab damals zu einem großzügigen Stipendium verholfen hatte. Und ich fügte noch hinzu, dass ich mich geärgert hätte, weil Buchbinder einige Jahre lang nicht zu den Salzburger Festspielen eingeladen worden und daraufhin künstlerischer Leiter des inzwischen sehr renommierten Musikfestes auf Schloss Grafenegg geworden war. Plötzlich unterbrach mich mein Gegenüber und bat mich, lauter zu sprechen, er höre nämlich schlecht. Ein schwerhöriger Musikkritiker bei den Salzburger Festspielen – das erlebt man auch nicht alle Tage.
Doch zurück zu Julius Stern und meiner Mutter, die von ihm nicht unbedingt seelisch aufgemuntert wurde. Als sie die erste Studienvorstellung im Akademietheater hatte, „Ein Sommernachtstraum“ von William Shakespeare, machte er sich noch lustig und sagte, alle stünden schon an der Kasse Schlange, weil sie unbedingt Liesl Jurberger sehen wollten. Nicht gerade förderlich für das ohnehin schwache Selbstbewusstsein meiner Mutter. Die Selbstzweifel waren – das kann ich im Nachhinein sagen – nicht angebracht. Sie hatte vor ihrer Aufnahme an der Schauspielakademie beim damaligen Direktor des Volkstheaters Rudolf Beer vorgesprochen. Danach wandte er sich an sie: „Ich rate jedem ab, zur Bühne zu gehen, aber Sie, Sie müssen zum Theater!“
Während ihrer Ausbildung studierte sie alle klassischen Rollen. Natürlich wollte sie auch Maria Stuart erarbeiten, aber ihr Lehrer riet ihr zur Elisabeth: „Sie wissen ja gar nicht, was in Ihnen steckt!“ Ein Jahr nach Abschluss ihrer Ausbildung wurde sie angerufen, ob sie bei den Salzburger Festspielen die Rolle der Hermia im „Sommernachtstraum“ übernehmen könne. Sie hatte diese Rolle schon während besagter Studentenaufführung im Akademietheater gegeben und war damals positiv aufgefallen. Als sie gefragt wurde, ob sie die Reinhardt-Inszenierung kenne, sagte sie wahrheitsgemäß Nein, woraufhin eine andere Schauspielerin diese Rolle erhielt, und schrieb darauf meinem Vater einen Brief: „Ich werde wohl immer die bürgerliche Liesl Jurberger bleiben.“

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Schauspielerin Gisela Jurberg, Cousine meiner Mutter (geb. 1875, vermutlich 1942 verst.).
Der Hang zum Theatralischen lag offenbar in der Familie. Eine entfernte Cousine meiner Mutter, Gisela Jurberg, war Schauspielerin. Eines ihrer Rollenfotos habe ich in einer alten Holzkassette aufgestöbert.
Ich bedauere sehr, dass meine Mutter diese ihre Berufung nicht ausleben konnte. Sie hat zu wenig an sich geglaubt. Einmal allerdings hat diese Begabung sie geschützt. Als sie in dem letzten Kriegsjahr in der Leergutsammelstelle der Stadt Wien auf dem Gelände in der Engerthstraße in der Nähe des Praters zu Zwangsarbeit verpflichtet war und sie im Winter um fünf Uhr früh einen Ofen einheizen musste, versuchte einer der Aufseher, ihr nahezutreten. Sie war mit ihm allein im Raum. Er kam keuchend auf sie zu: „Was denkst du jetzt?“, und meine Mutter antwortete ihm schockstarr: „Ich wünsche mir eine Tarnkappe.“ Sie muss eine derartige Würde ausgestrahlt haben, dass er von ihr abließ, bevor es zum Äußersten kam.
In dieser Leergutsammelstelle, heute würde sie als Mülltrennanlage bezeichnet werden, verrichteten viele Ehepartner aus sogenannten Mischehen Zwangsarbeit. Ohne Bombenschutz und der Willkür der Aufseher ausgeliefert. Einer von denen pflegte zu sagen: „Wann ich an von euch daschieß, gschiecht ma gor nichts, denn i hab an Kopfschuss und gelte als unzurechnungsfähig.“ Als ob es damals einer Unzurechnungsfähigkeit bedurft hätte, einen Juden ungestraft zu erschießen. Für meine Mutter hatte dieser Zwangsdienst aber auch – so schwer vorstellbar dies ist – etwas Positives, denn es wurden hier haltbare Lebensmittel für die Front gelagert. Übrigens gelangte das Wenigste dorthin. Die Aufseher stahlen laut Schilderung meiner Mutter wie die Raben, und so fasste auch sie Mut, ließ hin und wieder ein Stück Speck in einer ihrer Kleiderschichten verschwinden und brachte es nach Hause. In dieser Leergutsammelstelle herrschte ein gewisser Schlendrian, allerdings auch eine totale Unberechenbarkeit.
Eines Tages hatte sich der Ton allerdings merklich verschärft. Alle mussten zum Appell antreten. Niemand wusste, was vorgefallen war. Sie alle befiel die Angst, dass nun die Deportation unmittelbar bevorstünde. Erst am Abend, als meine Mutter erschöpft in unsere Wohnung zurückkehrte, wurde klar, welches dramatische Ereignis stattgefunden hatte: Es war der 20. Juli 1944, der Tag, an dem das Attentat Claus Schenk Graf von Stauffenbergs auf Hitler fehlgeschlagen war, mit all seinen fatalen Folgen, der Hinrichtung der Attentäter und der Verlängerung des Krieges um ein weiteres Jahr voller Angst vor Deportation und vor Bomben.
3.Die Überlebenshelfer
Immer wieder stellt sich mir die Frage, wie meine Eltern es geschafft haben, trotz allem – Verfolgung und Bombenkrieg – zu überleben. Und nicht nur zu überleben, sondern auch noch das Wunder zu vollbringen, so etwas wie familiäre Geborgenheit aufrechtzuerhalten, die sie vor dem psychischen Kollaps bewahrte.
Da war zunächst die österreichische Niederlassung der Firma Pintsch in Simmering, in der mein Vater als Maschinenbauingenieur mit dem Wohlwollen der Firmenleitung Unterschlupf fand und dort für die Lehrlingsausbildung zuständig war. Es war für mich sehr berührend, als ich im Hause meiner guten Freundin und Ex-ORF-Kollegin Dr. Liliane Roth-Rothenhorst die namhafte Klavierpädagogin Elisabeth Eschwé kennenlernte, eine außerordentliche Künstlerin, Pianistin und ausgebildete Schauspielerin – ganz abgesehen davon, dass sie auch ein Diplomdolmetschstudium absolvierte. Mit einem Wort, eine sehr beeindruckende Persönlichkeit, die es ebenso verdiente, im Rampenlicht zu stehen, wie ihr Bruder, der international geschätzte und auch bei uns besonders vom Volksopernpublikum verehrte Dirigent Alfred Eschwé. Ich erzähle diese Geschichte aber nicht deshalb, sondern weil mir Elisabeth Eschwé eröffnete, dass ihre Mutter meinen Vater gekannt und eine sehr lebendige Erinnerung an ihn habe, denn sie sei als junges Mädchen nach Absolvierung ihrer schulischen und beruflichen Ausbildung in die Buchhaltung der Firma Pintsch dienstverpflichtet worden. Ich durfte die alte Dame vor ihrem Tod noch mehrere Male sprechen und erfuhr so von ihr vom Martyrium meines Vaters; wie er in der Firmenbuchhaltung in Tränen ausgebrochen war, weil meine Schwester nach Absolvierung der Volksschule nicht mehr in eine normale Schule gehen durfte, sondern in eine Schule für „geistig Minderbemittelte“ musste, wie es in dem vom Rassenwahn beherrschten NS-Jargon hieß.
Gertha Gloss, wie sie mit Mädchennamen hieß, war – obwohl damals sehr jung – nicht von dieser Ideologie infiziert. Sie bewunderte meinen Vater, auch wegen seiner zeichnerischen Begabung. Bei ihr musste er sich nicht verstellen, konnte über seine Ängste sprechen, ohne fürchten zu müssen, denunziert zu werden.
Von ihr erfuhr ich auch, dass vor allem der Bücherrevisor Carl von Peez dem Widerstand nahegestanden haben soll. Von ihr habe ich den genauen Namen dieses aus Preußen stammenden Adeligen erfahren, der diskret, aber effektiv eine Art Schutzschild über meinen Vater gehalten hat. Er spielte in den Erzählungen meines Vaters immer eine wichtige, sehr oft auch humorvolle Rolle und war mir daher vertraut, obwohl immer nur von „dem Peez“ die Rede war. Zu den Österreichern hatte er ein wohlwollend-distanziertes Verhältnis, das sich in einer seiner Redensarten, die mein Vater immer wieder gern zitierte, manifestierte: „Vorne hochprima ’nen Berg und hinten mit der Zahnradbahn hinauf …“ Diesen Ausspruch assoziiere ich mit Carl von Peez, dem, heute würde man sagen, Chefbuchhalter der Firma Pintsch in Simmering.

© Elisabeth Eschwé
Gertha Gloss-Eschwé.
Den Pintsch-Managern war natürlich die künstlerische und zeichnerische Begabung meines Vaters nicht entgangen, und so beauftragten sie ihn anlässlich eines Firmenbesuches von Gauleiter Josef Bürckel, ein Fresko einer Wien-Ansicht in der Werkshalle anzufertigen. Mein Vater wählte, und das berührt mich heute noch, den Blick vom Oberen Belvedere auf Wien – den berühmten Canaletto-Blick, also jene Ansicht vom Wienerwald bis zur Inneren Stadt, die Bernardo Bellotto, wie er eigentlich hieß, in seiner berühmten Vedute Mitte des 18. Jahrhunderts festgehalten hat. Das Gemälde ist heute im Kunsthistorischen Museum in Wien zu besichtigen, und dieser sein Blick auf Wiens Innere Stadt ist trotz einiger architektonischer Eingriffe noch immer erhalten. Weshalb mein Vater dieses Sujet wählte, kann ich nur erahnen, wahrscheinlich empfand er es als die Seele Wiens, die das NS-Regime und seinen Terror überleben sollte.
Für jeden anderen wäre so ein Auftrag ein Grund zur Freude gewesen – nicht so für meinen Vater. Für ihn und meine Mutter war er ein Albtraum. Nächtelang berieten meine Eltern, wie sich mein Vater verhalten sollte, falls Bürckel nach dem Schöpfer dieses Freskos fragen würde. Er fragte natürlich danach. Denn das Werk war aufsehenerregend. Von Peez stellte meinen Vater vor: als Leiter der Lehrlingsausbildung. Und mein Vater betete zu Gott, dass der Gauleiter und Reichsstatthalter Hitlers in Wien keine Nachforschungen über ihn anstellen und ihn auch niemand aus der Arbeiterschaft denunzieren möge. Der Firmenchefs konnte sich mein Vater sicher sein, aber ein Betriebsrat der Belegschaft meinte einmal, ihm einen guten Rat geben zu müssen: „Herr Stenzel, lossn’s eahna scheid’n.“ Mein Vater antwortete ihm: „Ein deutscher Mann bricht sein Wort nicht.“ Der Dialog war daraufhin beendet, aber die Angst vor Denunziation blieb bestehen.
Leider ist von den Skizzen, die mein Vater damals für das Fresko anfertigte, um sie in vergrößertem Maßstab an die Wand der Werkshalle zu übertragen, nichts erhalten geblieben. Auch das Fresko fiel dem Bombenangriff auf das Werksgelände zum Opfer.
Meine Politik als Stadträtin wurde durch dieses Werk und die leidvolle Erfahrung meines Vaters trotzdem beeinflusst: Ich fühle mich diesem historischen Blick auf Wien vom Oberen Belvedere aus besonders verpflichtet und werde in dem Kapitel „Von Brüssel nach Wien und weshalb ich zur FPÖ wechselte“ noch ausführlich darauf eingehen.
Die Bombardements auf Simmering und auch auf das Firmengelände von Pintsch hat mein Vater überlebt, weil ihn die französischen Zwangsarbeiter vor jedem Angriff gewarnt haben. Sie wussten offenbar durch das Abhören geheimer, streng verbotener Sender und über ihre Widerstandskanäle Bescheid und warnten meinen Vater: „Du morgen nicht kommen, morgen kommen die Bomb!“ Die Firma Pintsch war ein bevorzugtes Zielgebiet, weil sie Bestandteile für die Rüstungsindustrie herstellte. Der Chefbuchhalter Carl von Peez, seine junge dienstverpflichtete Sekretärin Gertha Gloss, die Mutter Alfred Eschwés und seiner Schwester Elisabeth, sowie die französischen Zwangsarbeiter waren die Überlebenshelfer meiner Familie.
Aber es gab noch andere. Eine der wichtigsten war die Jugendfreundin meines Vaters und beste Freundin meiner Mutter, ihre und meine Taufpatin, die Schriftstellerin Gertrud Steinitz-Metzler.
Gertrud Steinitz-Metzler und „inser Unnützer“
Gertrud Steinitz-Metzler war überzeugte Katholikin. Von 1935 bis 1938 war sie Schriftleiterin bei der Wiener Ausgabe der Zeitschrift „Blatt der Hausfrau“, des vor der Arisierung im Ullstein-Verlag erschienenen Vorläuferorgans der späteren Zeitschrift „Brigitte“ und nach 1945 wieder Redakteurin, bis sie ausschließlich als freie Schriftstellerin tätig war.
Sie ist – meiner Meinung nach zu Unrecht – den meisten nur als Kinderbuchautorin bekannt: „Die Regenbogenbrücke“ und „Das verlorene Wort. Märchen für große und kleine Kinder“ haben meine Kindheit begleitet, obwohl sie mit ihren Analogien und Gleichnissen auch Erwachsenen viel geben können. Ich habe sie als eine sehr kluge, uneitle, reelle Frau in Erinnerung, die mich immer wieder mit Kinder- und Jugendbüchern versorgt hat. Zunächst mit dem isländischen Sagenbuch „Noni und Nani“, später mit der Serie „Gulla“ – damals sehr beliebt, sehr spannend geschrieben, aber aus heutiger Sicht ein völlig veraltetes Mädchenbild verkörpernd, das mich allerdings nicht nachhaltig beeinflusst hat. Einmal habe ich sie in ihrer Wohnung in der Böcklinstraße besucht. Es war um die Weihnachtszeit, und mich beeindruckte die Schlichtheit, mit der sie Weihnachten beging: ohne Krippenromantik, ein kleines Bäumchen mit ein paar Silberfäden genügte ihr. Sie hatte einen intellektuellen Zugang zu ihrem Glauben. Und sie war unbequem und mutig. Die Stelle als Schriftleiterin hatte sie nach dem Anschluss schlagartig zurückgelegt. Unmittelbar danach suchte sie meine Eltern auf. Meine Großmama mütterlicherseits, Klara Jurberger, war damals bereits von ihrer tödlichen Krebserkrankung gezeichnet – sie starb knapp nach dem Novemberpogrom, hatte noch die „Juda-verrecke“-Rufe in der Czerningasse gehört und die Rauchschwaden des brennenden Tempels in der Ferdinandstraße gesehen, die bis zu unseren Fenstern zogen – und sagte zu ihr: „Truderl, wissen Sie, was Sie da tun?“, und Trude, völlig klar: „Ja, ich weiß, was ich tue.“

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Gertrud Steinitz-Metzler mit meiner Mutter.

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Steinitz-Metzler war eine prägende Persönlichkeit für mich.
Sie hatte ihre Schriftleiterposition, wie Redakteure nach der Gleichschaltung durch das NSDAP-Gesetz hießen, mit den Worten zurückgelegt, sie sei in dieser Zeit nicht die richtige Frau am richtigen Ort, und widmete sich von dem Moment an gemeinsam mit ihrer Freundin Luise Ungar zunächst der Vorläuferorganisation und ab 1940 der eigentlichen von dem Jesuitenpater Ludger Born geleiteten „Hilfsstelle für nichtarische Katholiken“ im dritten Hof des erzbischöflichen Palais. Die bescheidene Unterkunft, in der sie verfolgten konvertierten Juden Hilfe gewährten, nannten sie in Analogie zum Stall von Bethlehem den „Stall“. Dort versuchten sie, den verfolgten Juden zu helfen, ihnen Visa und – wenn möglich – Affidavits, also Bürgschaften für die Aufnahme in einem Gastland zu verschaffen, für die noch bis 1941 mögliche Emigration rechtliche Auskünfte zu geben, den durch Arisierung obdachlos Gewordenen Wohnungen zu besorgen, Medikamente und ärztliche Hilfe zu organisieren … Vor allem aber war der „Stall“ eine Anlaufstelle für Gespräche und Trost in dieser Zeit großer Bedrängnis. Mit Rat und Tat zu helfen, so gut es eben ging, war die Mission dieser Hilfsstelle der katholischen Kirche. Die Diskriminierten und Verfolgten sollten vor Deportation und Gaskammern bewahrt werden. Zwar galt Theresienstadt nicht als Vernichtungslager, viele Juden wurden aber von dort in solche weiter transportiert. Selbst dann versuchte das Team um Pater Born, ihre Spuren zu verfolgen. Tante Trude, wie ich sie nannte, hielt diese ihre Erlebnisse in einem dokumentarischen Roman mit dem Titel „Heimführen werd ich euch von überall her“ fest. Eine Szene aus dieser Dokumentation hat mich besonders berührt.
Sie schildert die Situation, wie eine Schwester, die in der erzbischöflichen Hilfsstelle arbeitete und noch in letzter Minute vor der Deportation nach den ihr Anvertrauten sehen wollte, von Pater Born eine silberne Puderdose überreicht bekam und diese in der Sammelstelle, wohin man die Juden knapp vor ihrem Abtransport kommandiert hatte, einem jungen Burschen – er war 17 Jahre alt – klammheimlich zusteckte. Der Bursch übernahm sie in dem Chaos und Getümmel vor dem Abtransport, nicht ohne sich vorher vergewissert zu haben, dass ihn keine der Gestapo-Wachen beobachtet hatte. Er behandelte sie mit der Haltung größter Ehrfurcht. In der Puderdose befanden sich konsekrierte, also liturgisch geweihte, Hostien für die versprengte katholische Gemeinde konvertierter Juden in Theresienstadt. Der Junge zählte in den Augen Pater Borns und seines Teams zu den „Verlässlichen“, also jenen Menschen, bei denen man davon überzeugt war, dass sie alles tun würden, um das Sakrament sicher an das Ziel zu bringen.
Als ich als Erwachsene mit meiner beruflichen und politischen Erfahrung und meinem historischen Wissen das Buch meiner Taufpatin las, war ich entsetzt. Hatten Pater Born und seine Helfer, darunter Nonnen und Laien wie Gertrud Steinitz-Metzler, keine anderen Sorgen, als Hostien nach Theresienstadt zu schmuggeln, von wo viele Juden in die Todeslager deportiert wurden und nicht lebend zurückkamen? Übrigens ein Schicksal, dem auch der junge Überbringer der Hostien nicht entkam. Meine Taufpatin sah dies zweifellos anders, und diese ihre Haltung ist zu respektieren.
Gertrud Steinitz-Metzler war Augenzeugin dieser Sakramentenübergabe an Georg Pohl – so nennt sie den jungen Mann, der im Bewusstsein einer besonderen Mission die in dem silbernen Döschen verborgenen Hostien übernahm. Sie hat bewusst Pseudonyme verwendet, aus Rücksichtnahme auf mögliche Überlebende. Im Gegensatz zu der heutigen Chatgesellschaft war sie bestrebt, den Schutz der Persönlichkeit zu wahren. Ich schreibe „Szene“, als ob es sich um ein Theaterstück gehandelt hätte; nein, es war kein nachgestelltes Drama, es war die Realität von 1940 bis 1945 in der Hilfsstelle der Erzdiözese Wien, die unter der Leitung Pater Ludger Borns stand, eines Jesuitenpaters, der sich ebenso wie meine Taufpatin in den Dienst der von christlich geprägter Ethik bestimmten Humanität gestellt hatte, leider in den meisten Fällen vergeblich. Born wurde übrigens in Israel mit dem Titel eines „Gerechten unter den Völkern“ geehrt, und Tante Trude stand bis zu ihrem viel zu frühen Ableben 1959 mit ihm in enger Verbindung. Ich habe noch ihre Worte im Ohr, wenn sie eine Einladung bei uns absagte: „Nein, da kann ich nicht, da habe ich Pater Born.“ Diese Termine waren ihr heilig. Gertrud Steinitz-Metzler und Arnold Dolezal, der Pfarrer von St. Nepomuk in der Leopoldstadt, waren die geistigen und psychischen Stützen meiner Eltern und auch meiner Schwester während der Zeit des Nationalsozialismus.
Ich greife diese Romandokumentation meiner Taufpatin hier auf, weil sie für mich die ganze Tragik der katholischen Kirche, des Wiener Erzbischofs Kardinal Innitzer und der konvertierten Juden zum Ausdruck bringt. Der Übertritt zum Katholizismus hat sie nicht vor der Verfolgung bewahrt. Ich möchte in diesem Zusammenhang erwähnen, dass meine Schwester Marianne erst am 19. April 1937 getauft wurde, also mit fünf Jahren, und sich meine Mutter erst am 2. April 1938 taufen ließ. Es erscheint mir aus heutiger Sicht bemerkenswert, dass in meinem Elternhaus über die Beweggründe meiner Mutter, zum katholischen Glauben überzutreten, kaum gesprochen worden ist, außer dass sie dies aus Liebe zu meinem zugegebenermaßen sehr gläubigen Vater getan hat. Zur Zeit ihrer Eheschließung 1931 waren beide noch konfessionslos, wohl aus Rücksichtnahme auf die Familie meiner Mutter. Zweifellos und auch aus der Erkenntnis erst jüngst veröffentlichter historischer Arbeiten1 über das Schicksal der Mischlinge und Mischehen2 im Dritten Reich hat die Erwartung, durch den Übertritt zur katholischen Kirche geschützt zu sein, eine Rolle gespielt. Der Schutz war allerdings ein relativer. Auch gegeben durch das heldenhafte Verhalten meines Vaters, der zu seiner Frau und seiner Tochter ohne Wenn und Aber stand. Dass mein Vater bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges nicht einrücken musste, war ein Glücksfall und seinem Geburtsjahrgang 1901 geschuldet. Er war also bei Kriegsausbruch zu alt. Allerdings musste er einer Arbeit nachgehen, schon allein, um seine Familie zu erhalten. So kam er zur Firma Pintsch in Simmering, ein Glücksfall, denn infolge der dortigen Rüstungsproduktion wurde mein Vater UK gestellt, galt also als unabkömmlich und wurde auch weiterhin nicht zur Wehrmacht eingezogen. Was meiner Mutter trotz ihrer Konversion und der Ehe mit meinem Vater nicht erspart blieb, waren Diskriminierungen im Alltag, das Gebrandmarktsein durch das verpflichtende Tragen des Judensterns, die ständige Angst, das Gefühl, vogelfrei zu sein. In den letzten Kriegsjahren wurde sie zur besagten Zwangsarbeit in der Leergutsammelstelle verpflichtet. Meine Schwester galt als „Mischling ersten Grades“ und war daher nicht würdig, nach der Volksschule eine normale weiterführende Schule zu besuchen. Sie musste in eine Schule für „geistig Minderbemittelte“ gehen, obwohl sie die Aufnahmeprüfung bestanden hatte. Als meinen Eltern dies mitgeteilt wurde, waren beide selbstmordreif; mein Vater bekam einen solchen Schreikrampf, dass seine Stimme bis an sein Lebensende gebrochen war. Dass meine Mutter erst im April 1938 konvertierte, halte ich für besonders bemerkenswert, da ihre Mutter damals noch lebte und diesen Schritt offenbar goutierte, denn Klara Stern ist ihrer schweren Krankheit erst am 18. November 1938 erlegen. Sie hat den Übertritt ihrer Tochter zum Katholizismus also noch erlebt.

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Weihnachten in der Kriegszeit: Besuch von Pfarrer Dolezal.
Kardinal Innitzer ist trotz seines Engagements für die „nichtarischen Katholiken“ den Makel nicht losgeworden, dass er an der Spitze der österreichischen Bischofskonferenz die Katholiken dazu aufgerufen hatte, bei der Volksabstimmung am 10. April 1938 für den Anschluss zu stimmen, und diesen Aufruf in einem Begleitschreiben handschriftlich mit „Heil Hitler“ unterzeichnet hatte. Er war bestrebt, die Kirche vor Repressalien zu bewahren. Dies ist nicht gelungen, wie die heute noch sichtbaren Spuren des Sturmes auf das erzbischöfliche Palais durch die organisierte Hitlerjugend am 8. Oktober 1938 bezeugen.
Einzelne Priester haben sich von Anbeginn an der Instrumentalisierung durch die Nationalsozialisten widersetzt. Einer davon war Arnold Dolezal, der meinen Eltern und meiner Schwester beigestanden hat und viele Male bei uns zu Gast war. Ich habe ihn als hochkultivierten und Würde ausstrahlenden Priester in Erinnerung und weiß, wie viel Rückhalt er meinen Eltern und meiner Schwester während der Jahre des Nationalsozialismus gegeben hat.
Mein Vater zeigte seine Verbundenheit mit der katholischen Kirche in der NS-Zeit demonstrativ, mit Kirchenplakaten ebenso wie mit dem Besuch eines Seminars über das Alte Testament, das ein gewisser Franz König hielt, der spätere Kardinal und Erzbischof von Wien. Den Einsatz all dieser Menschen, ob es Carl von Peez, Gertha Gloss, Arnold Dolezal oder Gertrud Steinitz-Metzler waren, kann man nicht hoch genug einschätzen, und es ist mir ein Anliegen, sie in meinen Erinnerungen zu würdigen.
Unter den konvertierten Wiener Juden und auch in meinem Elternhaus war von Innitzer in einem Anflug von Ironie und Resignation als „inser Unnützer“ die Rede. Es war nicht despektierlich, nicht abwertend, sondern eher liebevoll gemeint. Ich erwähne das hier nur, weil ich der heutigen Generation der Enkel und Urenkel, der Besserwisser und Selbstgerechten etwas mehr historisches Verständnis und Nachsicht wünsche, auch und gerade gegenüber der katholischen Kirche und ihrer Rolle im Dritten Reich.
Die Ursulinen
Die Ursulinen waren ebenfalls entscheidende Überlebenshelfer, und aus dieser Verbundenheit heraus habe ich den Namen Ursula erhalten. Als es meiner Schwester aus rassischen Gründen versagt war, eine normale weiterführende Schule, ein Gymnasium, zu besuchen, und der kindliche Ausdruck in ihrem Gesicht einem zu frühen Erwachsensein wich, wovon die Kindheitsfotos ein beredtes Zeugnis ablegen, fand sie Zuflucht bei den Ursulinen in der Johannesgasse in der Inneren Stadt.
Die Mutter meines Vaters, meine geliebte Omi, eine geborene Henriette Deipenbrock und seit Langem geschiedene Stenzel, die bis zu ihrem Tod mit 91 Jahren mit uns unter einem Dach wohnte, erinnerte sich daran, dass nicht nur sie, sondern auch ihre Schwester Ella und schließlich auch ihre Tochter Vera, die ältere Schwester meines Vaters, also alle Mädchen in dieser Familie, bei den Ursulinen in die Schule gegangen waren – meine Großmutter und ihre Schwester noch in Mährisch-Ostrau, wo sie wegen der Versetzung ihres Vaters Heinrich Deipenbrock, der Inspektor bei der Nordbahn gewesen war, ihre Kindheit verbracht hatten, später die Schwester meines Vaters, Vera Stenzel, eine Absolventin der Lehrerbildungsanstalt der Ursulinen in Wien, die damals in dem altehrwürdigen Klostergemäuer in der Johannesgasse untergebracht war, wo heute die Abteilung für Kirchenmusik der Universität für Musik und darstellende Kunst ihre Heimstatt gefunden hat und auch ich zur Schule gegangen bin.

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Meine Schwester als fröhliches Kleinkind.
In dieser verzweifelten und hoffnungslosen Situation meiner Schwester Marianne entsannen sich meine Großmama und meine Eltern also der Ursulinen. Es muss das Jahr 1942 oder 1943 gewesen sein. Meine Mutter nahm meine Schwester an der Hand und klopfte an die Klosterpforte. Eine, wie sie sagte, junge und bildhübsche Nonne, als Mater Martina stellte sie sich vor, öffnete und führte sie hinein in einen Raum, wo andere junge Mädchen, ebenfalls aus verfolgten Familien, betreut wurden. Den Ursulinen war ja wie anderen Klosterschulen der Unterricht versagt worden. Es wurde gespielt, auf jeden Fall alles unternommen, um diesen jungen Mädchen ein wenig Ablenkung und Geborgenheit zu vermitteln. Darunter befand sich auch Ursel Kehlmann, die Schwester des späteren Regisseurs Michael Kehlmann und Tante seines Sohnes, des Schriftstellers Daniel Kehlmann. Es klingt wie Namedropping, das ist es aber nicht: Die Namen der Kinder, die von den Ursulinen hier in Obsorge genommen wurden, lasen sich wie das „Who’s who“ der gutbürgerlichen Wiener Gesellschaft, Kehlmann, Maculan, Schönbichler usw.

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Mit sechs Jahren: „Mischling ersten Grades“.
Für meine Schwester Marianne waren die Stunden in der Klosterschule eine Gegenwelt zu der Qual, die sie in der Schule für „geistig Minderbemittelte“ als „Mischling ersten Grades“ ertragen musste, mit einer fanatischen Nazine als Lehrerin, die sie stundenlang mit zum Hitlergruß erhobenem Arm in der Ecke stehen ließ und ihre schriftlichen Übungen zerriss, um sie noch zusätzlich zu demütigen. Meine Schwester war verpflichtet, die Vormittage an dieser Sonderschule zu verbringen. Nach dem Ende der Hitlerjahre musste meine Schwester wie alle Mädchen ihres Jahrganges die Aufnahmeprüfung an das Gymnasium der Ursulinen nachholen, und zwar musste sie mit 13 Jahren in die dritte Gymnasialstufe springen. Sie hatte sich so gut wie möglich darauf vorbereitet. Noch während des letzten Kriegsjahres und danach hatte sie Unterricht in den wesentlichen Fächern von einem jungen, zivilcouragierten Mann namens Bader erhalten (der Vorname ist mir nicht mehr in Erinnerung), den meine Eltern – ich weiß nicht wie – aufgetrieben hatten, und natürlich auch von meinem Vater. Sie hat auch alle Gegenstände geschafft. Trotzdem wäre sie fast an dem Religionsprofessor Dr. Anton Schifauer gescheitert. Er war mit der Beantwortung einer Frage nach der geschichtlichen und religionsphilosophischen Bedeutung der Reformation und Martin Luthers nicht zufrieden. Die Ursulinen seien keine Schule für „geistig Minderbemittelte“, sagte er und wollte meine Schwester durchfallen lassen – das Beispiel eines katholischen Geistlichen, an dem offenbar der religiös motivierte Antisemitismus nicht spurlos vorübergegangen war. Meine Schwester war verzweifelt und brach in Tränen aus. Nicht so Ursel Kehlmann, die ebenfalls zur Aufnahmeprüfung angetreten war und ein ähnliches Schicksal hatte wie meine Schwester: „Du wirst doch nicht heulen, das lassen wir uns nicht bieten …“, fuhr sie meine Schwester an und nahm sie sofort mit zu sich nach Hause, wo Marianne – für die unmittelbare Nachkriegszeit eine Sensation – mit panierten Hühnerbügerln gelabt wurde, eingewickelt in weißen Papiermanschetten und serviert von einem Hausmädchen in schwarzem Kleid mit weißer Schürze. Die Tafel war wunderschön gedeckt, an dem einen Tischende saß die Mama, ein wenig an Migräne leidend, am anderen Ende der Vater Ursel Kehlmanns, ein resoluter Rechtsanwalt, der es offenbar verstanden hatte, die großbürgerliche Kultur, die diese Wohnung in der Bartensteingasse atmete, über das Kriegsende hinwegzuretten. Der Bruder Ursel Kehlmanns, Michael, ging blass und durchgeistigt mit einem locker um den Hals geworfenen Schal durch die Räume und nahm von der familiären Tischgesellschaft so gut wie keine Notiz. Er war damals schon in seiner Welt, einer Welt der Literatur, des Theaters und des Filmes, in der er sich später als Regisseur einen großen Namen erwarb. In dieser Funktion lernte ich ihn viel später an der Seite meines Mannes kennen. Meiner Schwester blieb dieser Eindruck im Hause Kehlmann unvergesslich, und sie schilderte mir gegenüber die Atmosphäre noch viele Jahre später in so plastischen Worten, dass ich sie wiedergeben kann, als ob ich dabei gewesen wäre.

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Meine Schwester mit neun Jahren: bedrückt und früh erwachsen.
Ich hatte übrigens noch das Vergnügen, Ursel Kehlmann kennenzulernen. Wir gingen nämlich in dieselbe Sauna in der Rustenschacher Allee, die es leider nicht mehr gibt, und haben diese Erinnerung zwischen mehreren Aufgüssen Revue passieren lassen. Leider ist Ursel Kehlmann viel zu früh an Krebs gestorben. Ihr Vater hat damals nach dem Drama mit der missglückten Aufnahmeprüfung meiner Schwester umgehend bei der legendären Direktorin der Ursulinen, Mater Dr. Lucia Vecerka, vorgesprochen, die den Religionsprofessor sofort entließ und meine Schwester ins Gymnasium aufnahm, das diese 1951 mit der Matura erfolgreich abschloss. In diesem Jahr wurde ich bei den Ursulinen im alten Kloster in der Johannesgasse aufgenommen, der Beginn einer Schulzeit, die prägend für mich war und der ich Freundschaften zu verdanken habe, die mich mein ganzes Leben hindurch begleitet haben.
4.Hommage an Vera und Dr. Richard Deutsch
Im Gegensatz zu meinen Eltern, die in Wien blieben, emigrierten meine Tante väterlicherseits und ihr Mann in die USA – eine Odyssee.
Sowohl Vera, die um sechs Jahre ältere Schwester meines Vaters, als auch Richard, ihr Mann, hielten die Geschichte ihrer Emigration schriftlich fest, zunächst in englischer Sprache für ihren Sohn Henry als auch für dessen vier Söhne, von denen sie die beiden ältesten noch heranwachsen sahen. Deren mittlerweile sechs Kinder, also ihre Urenkel, erlebten sie nicht mehr. Die Aufzeichnungen sind, abgesehen davon, dass sie ein dramatisches Zeugnis von dem verheerenden Rassenwahn der NS-Ideologie ablegen, eine Fundgrube an Berichten über die Geschichte der Ersten Republik, der sowohl Vera als auch Richard eng verbunden waren, zunächst als Sozialdemokraten der ersten Stunde.

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Vera und Richard Deutsch.
Sie heirateten am 10. November 1928 im Marmorsaal des Rathauses in Wien, fast auf den Tag genau zehn Jahre nach Ausrufung der Ersten Republik. Richard war als Absolvent der Handelswissenschaften bereits in einer guten Position bei der Wiener Städtischen Versicherung angestellt. Die Trauung fand mit einer Stunde Verspätung statt, weil der Trauzeuge Richards, der Direktor der Wiener Städtischen, Norbert Liebermann, an einer Feier zur Gründung der Republik teilnahm und diese nicht vorzeitig verlassen konnte, was Richard ihm zeitlebens nie verzieh. Der Standesbeamte schloss die kurze Zeremonie mit der sonst nur bei kirchlichen Hochzeiten üblichen Formel: „… bis dass der Tod euch scheidet“ – worauf der Trauzeuge meiner Tante Vera, Dr. Oswald Richter, ein bekennender Agnostiker und Sozialdemokrat, der fließend Latein und Altgriechisch sprach, unüberhörbar fallen ließ: „Das war aber so nicht vereinbart …“ Beide, sowohl Richard als auch Vera, waren damals ohne religiöses Bekenntnis. Vera war als Lehrerin Anhängerin des Glöckel-Erlasses, mit dem Schulgebete und verpflichtender Religionsunterricht abgeschafft worden waren, befürwortete den Wandel von der Drill- zur Lernschule, schrieb Artikel für eine neue Pädagogik in der „Arbeiter-Zeitung“; Richard hielt Abendkurse für Erwachsene, weil er davon überzeugt war, dass die Arbeiterklasse und die Masse der Arbeitslosen nur über Bildung den Weg zur Demokratie finden könnten.
Richard hatte eine interessante Verwandtschaft: Julius Deutsch, der Gründer des Republikanischen Schutzbundes, war in erster Ehe mit der jüngsten Schwester seiner Mutter verheiratet, also ein angeheirateter Onkel; die Namensgleichheit war ein Zufall, allerdings politisch relevant. Richard hatte kein enges Verhältnis zu ihm, war aber sehr befreundet mit seinem Sohn Gustav und verzieh Julius Deutsch vor allem eines nicht: dass er auf die Bewaffnung der Arbeitermilizen setzte. In seinen Aufzeichnungen weist er darauf hin, dass diese Milizen schlecht ausgerüstet waren, mit alten Waffen aus dem Ersten Weltkrieg, und dass ihnen daher sowohl die Polizeikräfte als auch das Militär überlegen waren. Bereits im Jahr 1927, als am 15. Juli in Reaktion auf den sogenannten Schattendorfer Prozess der Justizpalast in Brand gesetzt wurde, hatte Richard ein traumatisches Erlebnis. Er ging von seinem Büro über die menschenleere Mariahilfer Straße nach Hause, als plötzlich wieder ein Schusswechsel ausbrach. Richard suchte Deckung unter einem Haustor und ging nach Beendigung der Schießerei wieder auf die Straße, wobei er über etwas stolperte, was sich als ein blutüberströmter Schädel herausstellte, in dem noch ein Teil des Gehirnes war. Den restlichen Leichnam hatte man offenbar schon entfernt. Als er das sah, an diesem 15. Juli 1927, befand er seine Arbeit als Erwachsenenbildner für gescheitert. Bei einem Treffen der Döblinger Sektion des Schutzbundes, der Richard seit April 1926 als Sektionssekretär angehörte, wurde Kritik an dem chaotischen Vorgehen der Bundesführung laut. Auch Richard schloss sich den Kritikern an, woraufhin er einige Tage später ein Schreiben erhielt, wonach er vom Schutzbund ausgeschlossen worden sei. Er hat – wie er schreibt – diesen Brief zuerst entzweigerissen, sich dann aber besonnen, die beiden Hälften wieder zusammengeklebt und sie in seinem Schreibtisch aufbewahrt. Seine Aufzeichnungen legen beredtes Zeugnis ab von der tragischen Zerrissenheit der Ersten Republik, die in den Ständestaat und letztlich in den Jubel über den Anschluss 1938 taumelte. Die Julirevolte war nur das Vorspiel für den Bürgerkrieg vom 12. bis 15. Februar 1934, in dessen Verlauf Richard kurzzeitig verhaftet wurde und sich in der Rossauer Kaserne mit anderen inhaftierten Genossen wiederfand, die ihn mit den Worten begrüßten: „Hier kommt der Mann mit den friedlichen Waffen!“

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Veras Aufzeichnungen für ihren Sohn – Erinnerungen an eine wahre Odyssee.

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Auch Richard Deutsch hielt seine Erinnerungen fest.
Vera kontaktierte damals Dr. Ernst Karl Winter, den 3. Vizebürgermeister von Wien, einen Vordenker der „Konservativen Revolution“.3 Ihm verdankte Richard, dass er nicht nur seine Stelle bei der Wiener Städtischen behalten konnte, sondern auch noch beruflich aufstieg. Mit Winter verband ihn und Vera eine innige Freundschaft. Richard würdigt ihn als einen der herausragenden Politiker, der versuchte, eine Aussöhnung zwischen den beiden verfeindeten Lagern der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei und der Christlichsozialen Partei herbeizuführen. Er schrieb sogar in der von Winter herausgegebenen Zeitschrift „Arbeiter-Sonntag“ einen Essay unter dem Titel „80 Jahre Semmeringbahn“. Dieses Thema lag Richard besonders nahe, da er ein begeisterter Bergsteiger und Skifahrer war.
Unter dem politischen Druck des Ständestaates drängte Vera darauf, dass sie nun „Glauben zeigen sollten“, wie Richard es wörtlich wiedergibt. Vera trat wieder in die katholische Kirche ein; sie heirateten nochmals kirchlich, in meiner Heimatpfarre St. Nepomuk, nur in Anwesenheit des Messners, und Richard hatte sich zuvor entschlossen, dem katholischen Glauben beizutreten. Er nahm dies sehr ernst, und sein Taufpate war kein Geringerer als Ernst Karl Winter, von dem Richard schreibt, niemand habe seinen Glauben „so vertieft und gefestigt wie er“. Richard schildert ihn als einen hochintelligenten Menschen, der mit seinen Versuchen, die verfeindeten politischen Lager in der Ersten Republik zu versöhnen, leider gescheitert sei, weil er als Monarchist bei den Sozialdemokraten auf Widerstand stieß. Die Taufe nahm der Jesuitenpräses P. Georg Bichlmair vor, der später die „Hilfsstelle für nichtarische Katholiken“ mit auf den Weg brachte. All das hat Richard aber nicht erspart, dass er nach dem Anschluss im Jahr 1938 in seinem Büro in der Städtischen Versicherung verhaftet wurde. Vorher allerdings hatten Vera und er den Versuch unternommen, mit der Bahn in die Tschechoslowakei zu fahren; der Zug wurde aber nicht über die Grenze gelassen und kehrte nach Wien zurück. Am folgenden Sonntag ging Richard noch in die Kirche und am Montag ins Büro. Dort erwarteten ihn zwei Männer in SA-Uniform, einer ein ehemaliger Angestellter von ihm, und sagten, sie müssten ihn verhaften. Es kam allerdings nicht dazu, denn Richard rammte sich ein Messer in die Brust, worauf er mit der Rettung in die damalige Klinik Denk gebracht wurde. Das war sein Glück, denn eine dortige Ärztin hat ihn bis zum Abheilen seiner Wunde in einem Hinterzimmer behalten und somit geschützt. Als Vera über Umwege davon erfuhr, konnte sie ihn sogar besuchen. In der Zwischenzeit aber drangen SA-Angehörige in ihre Wohnung in Sievering ein und beschlagnahmten Pass und Dokumente ihres Mannes sowie Bargeld. Vera begann daraufhin, für die Rückgabe der Dokumente zu kämpfen. Viermal sprach sie, entnehme ich ihren Aufzeichnungen, im Gestapo-Hauptquartier am Morzinplatz vor, um Richards Pass wiederzuerhalten und seine Freilassung zu bewirken. Sie hatte insofern Glück, als sie mit ihrem Ansinnen an einen preußischen Offizier offenbar adeliger Herkunft geriet. Er nannte nie seinen Namen, schickte aber immer seinen österreichischen Adjutanten hinaus und bestand bei der letzten Aussprache mit ihr darauf, auch ihren Mann zu sehen, um ihm persönlich den Pass auszuhändigen. Die Vorsprachen Veras im Gestapo-Hauptquartier sind ebenfalls erschütternde Zeugnisse der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten in Österreich. Sie schildert die zwei Menschenschlangen vor der Zentrale am Morzinplatz, die eine besonders elend und lang, das waren die Juden, die andere kürzer, aber auch in einem aufgewühlten Zustand, das waren die nicht jüdischen Freunde oder Ehepartner, die sich um die Freilassung Inhaftierter bemühten. Bei der zweiten Vorladung verlor meine Tante offenbar die Orientierung und konnte sich nicht mehr an das Büro des preußischen Offiziers erinnern bzw. daran, in welchem Stockwerk es sich befand. Ein junger diensthabender Gestapobeamter übernahm es aber, sie anhand ihrer guten Personenbeschreibung zu dem richtigen Offizier zu führen. Ihr fiel allerdings auf, dass sie in einem Trakt war, in dem sich offenbar politische Gefangene befanden; es war der Trakt, wo der zum Rücktritt gezwungene Kanzler Schuschnigg inhaftiert war.
Der preußische Offizier händigte Vera und Richard bei der letzten Begegnung den entwendeten Pass aus, allerdings nicht das Bargeld, das sei leider in der Kantine ausgegeben worden. Zum Abschluss nahm er Haltung an und sagte, sie hätten nun 90 Tage Zeit, um das Land zu verlassen: wenn sie einmal in den USA seien, werde ihnen innerhalb von fünf Jahren die Welt gehören. Der Offizier hat sich um drei Jahre verschätzt, es hat acht Jahre gedauert. Vera und Richard konnten also am 13. Juli 1938 Wien Richtung Triest verlassen. Als sie die Grenze zu Jugoslawien passierten, summte Richard vor sich hin: „Lieb Heimatland adé“.
Damit hatte die Odyssee erst ihren Anfang genommen. Von Triest ging es mit dem Schiff nach Lussinpiccolo – heute Mali Lošinj – auf der kleinen, damals noch zum Königreich Jugoslawien gehörenden Insel Lussino, wo sie bis zum Erhalt des amerikanischen Visums zusammen mit anderen Emigranten Unterschlupf fanden. Vera kehrte von dort nach Wien zurück, um die Wohnung aufzulösen – und vor allem, um ihr gerade fünf Monate altes Baby zu versorgen und zu sich zu holen. Auf Henry hatte in der Zwischenzeit eine liebe Haushaltshilfe namens Wetti aus dem Burgenland aufgepasst. Sie kam als ganz junges Mädchen zur Familie und hat sich loyal und anständig verhalten; Richard widmet ihr aus Dankbarkeit ein ganzes Kapitel seiner Erinnerungen. Nachdem der Haushalt aufgelöst war – damit sie in der Zwischenzeit überleben konnten, hatten sie einen Teil ihrer Wohnung an Dr. Jenny Adler vermietet, die Witwe des marxistischen Philosophen Max Adler –, trat Vera mit ihrem geliebten kleinen Sohn Henry die Rückreise nach Lussinpiccolo an, und zwar mit dem Flugzeug über Zagreb. In Zagreb musste sie für die Weiterreise umsteigen und vergaß in der Aufregung und schwer bepackt einen kleinen Koffer, in dessen Innenfutter sie die wichtigsten Dokumente für die Ausreise eingenäht hatte. Dass dieser Koffer fehlte, fiel ihr allerdings erst in Lussinpiccolo auf, woraufhin Richard einige Telefonate und Telegramme an die Fluglinie richtete – keine Antwort. Darauf entschloss er sich zu einer sehr ungewöhnlichen Aktion, die auch viel Mut erforderte. Er drohte dem Direktor des Flughafens von Zagreb mit dem deutschen Botschafter in Belgrad, falls der Koffer nicht umgehend an seine Besitzerin zurückgegeben würde. Und wirklich, es geschah das Wunder, dass der Koffer innerhalb von 48 Stunden an Vera retourniert wurde. In all dieser Zeit in Lussinpiccolo waren Richard und Vera noch nicht im Besitz des Wichtigsten, nämlich des Visums für Frankreich, denn sie mussten am 23. Oktober 1938 von Lussinpiccolo nach Cherbourg, um über den Atlantik nach New York zu fahren. Aus diesem Grund verließen sie ihre kleine Unterkunft auf der idyllischen Adriainsel in Richtung Neapel. Dort weigerte sich der französische Konsul, ihnen ein Visum für Frankreich auszustellen. Er hatte strikte Order, keine Flüchtlinge nach Frankreich zu lassen, auch nicht für die Durchreise. Vera und Richard bezogen damals Quartier in einem Kloster, wo sie von Nonnen aufgenommen wurden. Dass Vera und Richard mit ihrem Säugling nur die Durchreise benötigten, um sich in Cherbourg einzuschiffen, ließ der Konsul nicht gelten; die Schiffskarten genügten ihm nicht als Beweis. Daraufhin bot sich ein Italiener an, der sich auskannte und meinte, er könne das Visum innerhalb weniger Stunden besorgen. Er tat dies auch, aber nicht, ohne zuvor ein sehr wertvolles Zahlungsmittel erhalten zu haben, nämlich die geliebte Plaubel-Kamera Richards. So begab sich die Familie dann auf die nächste Etappe ihrer Reise, nach Cherbourg und dort auf die „Bremen“. Am 27. Oktober 1938 erreichten sie New York. Am Kai erwartete sie Ernst Karl Winter, der bereits im März 1938, wenige Tage vor dem Anschluss, Österreich verlassen hatte und über die Schweiz, Frankreich und Großbritannien in die USA geflohen war. Er erwies sich erneut als guter Freund und gewährte Richard und Vera mit ihrem inzwischen acht Monate alten Säugling in seinem Haus in Tenafly für mehrere Wochen Unterkunft.
Von dort ging es zunächst nach Little Rock, wo sich Vera – wie immer politisch engagiert – für die Gleichberechtigung der Afroamerikaner einsetzte. Als die Lage dort kritisch wurde und weiße Fanatiker Steine in ihren Vorgarten warfen, übersiedelten sie nach Memphis, wo sie in einem kleinen, bescheidenen Häuschen mit dem typisch amerikanischen Rasenstück davor ihr weiteres Leben verbrachten: Richard arbeitete als Professor für Wirtschaftsgeografie am Christian Brothers College. Vera indes scharte wiederum einen interessanten Freundeskreis um sich. Einer ihrer Freunde war der Philosophieprofessor W. B. Barton jr. Mit ihm zusammen nahm sie die erste Übersetzung ins Englische von Martin Heideggers „Die Frage nach dem Ding“ vor („What Is a Thing?“, Chicago 1967), worauf sie zu einem Philosophenkongress nach Wien eingeladen wurde. Es war ihre erste Rückkehr nach ihrer Emigration. Damals traf ich auch das erste Mal mit den beiden zusammen. Vera hatte offenbar keine Hemmungen, Martin Heidegger zu übersetzen. Die Debatte über Heideggers Verstrickung in den Nationalsozialismus (er war von 1933 bis 1945 Mitglied der NSDAP gewesen) ging offenbar an ihr vorüber. Immerhin war ja auch eine der bedeutendsten Philosophinnen des 20. Jahrhunderts, Hannah Arendt, seine Lieblingsschülerin gewesen, zu der er auch eine intime Beziehung hatte. Vera war auf jeden Fall von seinem Werk überzeugt und ihr ganzes Leben lang eine unbequeme Nonkonformistin.

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Heidegger-Übersetzerin Vera Deutsch.
5.Bitteres Erwachen aus dem amerikanischen Traum
Abgesehen von meinen journalistischen Reisen in die USA sind es meine Verwandten in Amerika, denen ich ein sehr authentisches Bild von den Vereinigten Staaten verdanke. Mein Cousin Henry Deutsch – äußerst naturverbunden, umweltbewusst und sportlich – war Forstingenieur, im Dienste der amerikanischen Bundesforste u. a. in der Öffentlichkeitsarbeit tätig und ist mittlerweile ein rüstiger Achtziger, für mich fast wie ein älterer Bruder – seine Frau Judy, ausgebildet in frühkindlicher Pädagogik, deren Vorfahren aus Südfrankreich eingewandert waren und es in den USA mit einer Fabrik für Fensterrahmen zu erheblichem Wohlstand gebracht hatten, war eine College-Liebe. Die Fabrik gibt es nicht mehr. Gemeinsam haben sie vier Söhne, die in den USA verstreut leben, von Viroqua bis Sacramento und Los Angeles, und nach wie vor in Memphis.

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Cousin Henry Deutsch.
Der älteste der Söhne, in Kalifornien beheimatet, Architekt und Raumplaner, hat im Zuge der Reform des österreichischen Staatsbürgerschaftsgesetzes4 per Anzeige um die österreichische Staatsbürgerschaft angesucht und diese auch erhalten, ohne deshalb seine amerikanische zu verlieren. Er hat mir dies freudig mitgeteilt, und ich habe ihm ebenso freudig gratuliert. So schließt sich der Kreis. Bei mehreren Besuchen hatte er die Heimat seiner vor den Nationalsozialisten geflohenen Großeltern kennen- und lieben gelernt. Die Vorstellung, dass er mit der Staatsbürgerschaft nun auch das Wahlrecht erworben hat, sehe ich – man möge mir verzeihen – mit gemischten Gefühlen. Ich will nicht pars pro toto sprechen, aber selbst wenn die Verbundenheit meiner amerikanischen Familie mit der ursprünglichen Heimat der Großeltern eine ausgeprägte ist, erscheint mir die Vorstellung, dass mein Neffe nun in Österreich wählen darf, nicht unproblematisch. Seine Kenntnis der österreichischen Situation ist naturgemäß rudimentär. Stimmen wie seine und die der Nachfahren der österreichischen Emigranten fallen allerdings kaum ins Gewicht, im Gegensatz zu den Hunderttausenden Zuwanderern aus vorwiegend islamischen Ländern, denen, wenn es nach dem Willen von Sozialdemokraten und Grünen in Österreich ginge, schon nach sechs Jahren die Staatsbürgerschaft und damit das Wahlrecht angeboten würde. Die Aussicht auf deutlich verkürzte Einbürgerungsfristen hat selbstverständlich einen „Pull“-Effekt, ist ein Anziehungsfaktor und dazu angetan, Österreich als Zielland der Migration noch attraktiver zu machen, abgesehen davon, dass eine solche Neuerung selbstverständlich Auswirkungen auf das Wahlresultat hätte. Und zwar nicht zugunsten rechtskonservativer Parteien. Um dies zu erkennen, bedarf es keiner prophetischen Gabe. Doch zurück zu meinen sehr persönlichen amerikanischen Erfahrungen.

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Zu Gast (3. v. re.) bei Familie Deutsch in den Vereinigten Staaten.
Die „Deutsches“, wie ich meine in den USA lebenden nächsten Verwandten der Einfachheit halber nenne, sind Demokraten – nicht immer aus Überzeugung, wie mir mein Cousin Henry einmal gestand, sondern aus Mangel an Alternativen. Sicherlich aber ist ihre politische Orientierung ein von den Eltern übernommenes europäisches Erbe. Einer von ihnen, der mittlere Sohn Michael, scheint ein konservativer „Ausreißer“ zu sein. Finanzberater von Beruf, blieb er der Heimatstadt seiner Großeltern und Eltern treu, Memphis im Bundesstaat Tennessee. Er ist mit einer entzückenden Frau verheiratet, Alia, einer echten „Memphian“, wie sie sich bezeichnet. Als ich vor wenigen Jahren einmal bei ihnen zu Gast war und immerhin fast zwei Wochen bei ihnen verbrachte, war ich auch bei der Familie Alias eingeladen. Sie wohnte in einem großen Haus, abgeschirmt in einem Areal, das von einem Schranken begrenzt war. Es gab eine großzügige Bewirtung. Ich zog mich mit einem älteren Herrn, einem Onkel der Frau meines Neffen Michael, in ein Eck zurück. Im Zuge des Gespräches ließ ich durchblicken, dass die USA für mich noch immer die führende Großmacht des Westens seien. Er war zu Tränen gerührt. Was mir auffiel, war, dass ich während meines gesamten Aufenthaltes in Memphis und danach in Arizona, wo mein Cousin die Wintermonate verbrachte und jetzt mit seiner Frau in einer Altersresidenz lebt, nicht einen einzigen Afroamerikaner und auch keinen Latino zu Gesicht bekam, außer am Flughafen, in Einkaufszentren und Fast-Food-Ketten. Meine Verwandten sind nicht reich, aber Mittelstand, bestrebt, in einer „guten Nachbarschaft“ zu leben. Ihre Kinder besuchen Privatschulen; besonders mein in Memphis lebender Neffe ist bestrebt, Einrichtungen zu unterstützen, die die Integration und Weiterbildung von Kindern unterschiedlichster sozialer Herkunft fördern. Er besitzt übrigens eine Waffe, und dies nicht, weil er der mächtigen Waffenlobby angehört und irgendwelche romantisierten Freiheitsrechte aus dem Wilden Westen verteidigen will, sondern schlicht und einfach aus Angst vor Überfällen. Falls die Polizei zu lange braucht, um vor Ort einzutreffen, will er die Möglichkeit haben, sich und seine Familie zu schützen. Trotz gewaltiger Kraftanstrengungen auch vieler privater Initiativen, die Segregation zu beenden, angefangen bei der Ära Kennedy über Martin Luther King jr., dessen Gedenkstätte in Memphis ich besucht habe, bis hin zu Expräsident Barack Obama, an den der heutige demokratische Präsident Joe Biden anknüpft: Die wenigsten Afroamerikaner sind im Mittelstand angekommen, zumindest in den südlichen Bundesstaaten der USA. Es kommt zu keiner wirklichen Vermischung der unterschiedlichen sozialen Schichten. Und die gesellschaftlichen Spannungen werden verschärft durch die Zuwanderung aus Mittelamerika, besonders kritisch durch den Zustrom über das nördliche Dreieck aus Guatemala, Honduras und El Salvador. In Arizona hat man es nicht weit zur mexikanischen Grenze. Ich habe den noch vor Trump errichteten Grenzzaun gesehen, der die Grenzstadt Nogales durchschneidet. Trump hat diesen Grenzzaun mit NATO-Draht bestückt, der mit messerscharfen Klingen versehen ist, was der Bürgermeister von Nogales als Überreaktion bezeichnet hat. Auf den Autobahnen musste man immer damit rechnen, von einer Polizeistreife auf der Suche nach illegalen Einwanderern, die über die nahe mexikanische Grenze kamen, angehalten zu werden. Auch das Überschwappen von Bandenkriegen auf amerikanisches Territorium war gefürchtet. In den Kirchen wurde für die Flüchtlinge aus Mittelamerika gebetet und gesammelt; private karitative Organisationen heuerten Hubschrauber an, aus denen sie Mineralwasserflaschen über der Sonora-Wüste abwarfen, um die zumeist vor Armut und sozialer Not Flüchtenden vor dem Verdursten zu bewahren, während Polizeistreifen den Wüstensand nach Fußabdrücken Illegaler absuchten. Die Migration spaltet die Gesellschaft auch in den USA, wo sie die vorhandenen sozialen Gegensätze, zugespitzt durch die Corona-Epidemie, noch verschärft. Biden war ausdrücklich angetreten, um die Politik seines schrillen Amtsvorgängers Donald Trump zu revidieren. Das hat die Erwartungshaltung potenzieller Migranten erhöht und die Flüchtlings- und Migrationswellen an der Südgrenze zu Mexiko anschwellen lassen. Darunter befinden sich auch Tausende von unbegleiteten Minderjährigen. Wenn Biden seine ehrgeizigen Sozial- und Beschäftigungsprogramme sowie seine Infrastrukturprojekte, sein 1,9 Billionen Dollar schweres Konjunkturprogramm nicht gefährden will, kann er sich eine deutlich erhöhte Zulassung von Migranten nicht leisten. Seine Anhänger warten daher vergeblich darauf, dass er die Einwanderungsobergrenze im Vergleich zu seinem Vorgänger deutlich anhebt. Im Moment sei die Zeit nicht reif dafür, heißt es aus dem Weißen Haus. Unterdessen aber staut es sich an der mexikanischen Grenze. Und während Biden auf seiner ersten großen Auslandstour den NATO-Verbündeten und den wichtigsten Industriestaaten der Welt, den G7, sowie Russlands Präsidenten Putin signalisiert hat, dass sich die USA auf die Weltbühne zurückmeldeten, so als ob sie sie unter Trump je verlassen hätten, überlässt er es seiner Vizepräsidentin Kamala Harris, in Mexiko und Guatemala vorstellig zu werden und den potenziellen Auswanderern, die der Armut in ihren Heimatländern entkommen wollen, auszurichten: „Don’t come“, kommt nicht! Er baut zwar keine Mauer, wie Trump es beabsichtigte, der noch dazu Mexiko dafür zahlen lassen wollte, aber Bidens Signale während des Wahlkampfes wurden gleichsam als Einladung zur Migration verstanden. Es war die undankbarste Aufgabe, die er der ersten farbigen Frau im Vizepräsidentenamt antun konnte, die unangenehme Botschaft zu überbringen und gleichsam ein Halteschild für Migration anzubringen. Besonders verübelt wurde Harris, dass sie es nicht der Mühe wert fand, der Südgrenze zu Mexiko einen Besuch abzustatten und selbst mit den Betroffenen zu sprechen. Die Schuld nur bei der Vorgängeradministration zu suchen, die das Grenzsystem in einem angeblich desolaten Zustand hinterlassen habe, ist zu wenig. Die Ernüchterung bei den Wählern Bidens, die nun deutlich die Diskrepanz zwischen moralischem Anspruch und Realpolitik wahrnehmen, wird groß sein.
6.Der Garten meiner Kindheit
Meine Eltern nahmen sich nach Kriegsende eines wunderschönen alten Obstgartens an, der sich von der Sieveringer Straße auf der Höhe der ehemaligen Sascha-Filmindustrie AG bis zur Windhabergasse erstreckte, eher lang als breit war und vor dem Krieg und der Arisierung im Besitz der Schwester meiner Mutter und ihres Mannes Willi Brandt, eines Bankdirektors und Kaufmannes, war. Er war nicht irgendein Bankier, sondern zu seinem Unglück Direktor-Stellvertreter der Allgemeinen Depositenbank, jener Bank also, deren Präsident Camillo Castiglioni war, eine schillernde Persönlichkeit, Technikfreak, Kunstmäzen, Finanzier des Theaters in der Josefstadt, Unterstützer Max Reinhardts, Spekulant und Kriegsgewinnler, der die Depositenbank im Jahr 1925 durch gewagte Termingeschäfte in den Konkurs getrieben hatte, worauf 40.000 Sparer ihre Einlagen verloren. Willi Brandt oblag es, diese Bank – wie man heute sagen würde – abzuwickeln. Er war selbst Leidtragender dieses Fiaskos. Es liegt wohl auf der Hand, dass er und seine Frau Stella, die Schwester meiner Mutter, nach dem Anschluss sofort im Visier der Gestapo waren. Sie verloren alles. Der Garten in Sievering wurde arisiert. Als letzte Adresse gibt es nur mehr einen Eintrag aus dem Jahr 1939 auf den Namen „Brandt, Wilhelm“ an der Adresse „Wien 17, Neuwaldeggerstr. 46“, danach keinen Eintrag mehr unter diesem Namen. Meine Mutter erzählte mir, dass sich Stella bei ihrer Abfahrt so weit aus dem Fenster des Zugabteils gebeugt habe, als ob sie sich herausstürzen wollte. Ihr Mann starb während eines Abendessens in seinem kleinen Londoner Domizil im Stadtteil Richmond unerwartet an einem Herzinfarkt, mitten im Lachen über einen Witz, den er gerade zum Besten gegeben hatte. Stella hat ihre durch die Emigration erzwungene Entwurzelung nie verwunden. Sie starb verarmt, vereinsamt und in geistiger Umnachtung im Londoner Exil.
Meine Eltern bemühten sich nach Kriegsende, diesen Garten für die Schwester meiner Mutter zu sichern, falls sie zurückkehren sollte. Sie hat es leider nicht geschafft. Ich habe sie nicht mehr persönlich kennengelernt. In der Mitte des Gartens war ein kleines Salettl aus Holz mit einer weiß lackierten Veranda, von der der Lack abblätterte, und einem kleinen Anbau mit einem Schlafkabinett und, was wunderbar war, mit einem gekachelten Bad. Der Obstgarten lebt in meinem Gedächtnis, manchmal sogar in meinen Träumen, wieder auf. Es gab Bäume mit den unterschiedlichsten Apfelsorten, wie Zitronenäpfeln, Strudlern und Maschanzkern, einen Birnbaum mit Kaiserbirnen, Marillen- und Zwetschkenbäume und uralte Nussbäume. Heute werden die Samen dieser Sorten in besonderen Projekten wie dem Verein mit dem sinnigen Namen „Arche Noah“ gesammelt, um die Vielfalt der Arten zu erhalten. Entlang der Windhabergasse am oberen Ende des Gartens plätscherte der Erbsenbach. Eine verschwundene Welt, alles zugebaut, auch der Erbsenbach wurde einbetoniert und ist von der Bildfläche verschwunden. Jammerschade! Aber ich habe wohl eine idealisierte Erinnerung daran. Für mich bedeutete dieser Garten Freiraum zum Spielen und Träumen. Schon in den ersten Frühlingstagen zuckelten meine Mutter und ich mit dem 39er-Wagen hinaus bis zur Endstation, um dann einige Schritte zu dem Garten zu gehen und die blühenden Magnolien zu bewundern. Richtig übersiedelten wir erst später, zu Beginn des Sommers, wenn es wärmer wurde. Für mich war es jedes Mal eine Weltreise von der elterlichen Wohnung im 2. Bezirk, der Russenzone, in den Garten im 19. Bezirk, der amerikanischen Zone. Es waren zwei atmosphärisch unterschiedliche Welten, die ich schon als Kind wahrnahm. Für meine Eltern bedeutete dieser Garten in erster Linie Schwerarbeit und sehr beengte Wohnverhältnisse. Denn in dem Gartenhäuschen, das aus einem kleinen Wohnraum, der sich zur Veranda öffnete, dem Kabinett mit anschließendem Bad und einer schmalen Küchenzeile bestand, mussten sich drei Erwachsene – meine Eltern und meine Großmama, die Mutter meines Vaters – sowie meine Schwester und ich den Raum teilen. Aber der Garten bedeutete in den ersten Nachkriegsjahren auch Nahrung und Zusatzeinkommen. Denn das viele Obst verarbeiteten wir nicht nur zur Deckung des Eigenbedarfes, sondern verkauften es auch an die Greißlerei Popper an der Endstation der 39er-Straßenbahn. Davon allein hätten meine Eltern unser Leben allerdings nicht bestreiten können. Mein Vater trat am Tag meiner Geburt eine Stelle als Lehrer für technisches Zeichnen und Skizzieren am Technologischen Gewerbemuseum an, wo er bis zu seiner Pensionierung Generationen von Schülern und auch einigen wenigen Schülerinnen die Grundlagen der darstellenden Geometrie und des technischen Designs beibrachte.
In dieser Zeit meiner Kindheit war mein späterer Schwager Edgar Gehl bereits präsent. Er hatte meine Schwester anlässlich einer Blinddarmoperation im Spital der Barmherzigen Brüder kennengelernt, wo er als Gastarzt arbeitete und ihrer ansichtig wurde, als sie im zarten Alter von 17 Jahren in den Operationssaal geschoben wurde. Es muss ihn wie ein Blitz getroffen haben. Ich nahm ihn an wie einen älteren Bruder. Er war um zehn Jahre älter als meine Schwester und mit einem österreichischen Invalidentransport 1945 nach Wien gekommen, wo er als Arzt zuerst im Allgemeinen Krankenhaus und danach im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder arbeitete. Geboren am 11. Dezember 1922 in Kimpulung in der Bukowina, im heutigen Rumänien, stammte er väterlicherseits aus einer deutschen Großgrundbesitzerfamilie, über seine Mutter Adama, genannt Ada, eine geborene Biskupski, aus polnischem Landadel. Wie alle höheren Töchter ihrer Zeit konnte Ada Klavier spielen, was ihr in der nachmaligen DDR, wohin es sie durch die Kriegsereignisse verschlagen hatte, einen bescheidenen Lebensunterhalt sicherte. Sie gab Klavierstunden. Ich nehme an, dass es eine starke Mutterbindung war, die Edgar Gehl dazu veranlasste, in der damaligen deutschen Ostzone eine Stellung als Arzt anzunehmen, zunächst im Kreiskrankenhaus Pritzwalk, danach als Leiter des Landambulatoriums und Kreisarzt in der Kleinstadt Putlitz in Brandenburg, auch heute – mehr als 30 Jahre nach der Wiedervereinigung – noch eine einsame, landwirtschaftlich geprägte Gegend am Rande der Mecklenburgischen Seenplatte.

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Marianne Stenzel mit Edgar Gehl.
Mein Schwager hatte eine ausgezeichnete Erziehung genossen, hatte das Aron-Pumnul-Gymnasium, eine Eliteschule in Czernowitz, besucht, sprach fließend Deutsch, Rumänisch und Französisch und lernte mit meiner Schwester für die Matura, vor allem Mathematik, was bei ihr zu einer großen Leistungssteigerung führte und meine Eltern selbstverständlich beeindruckte.
Er wurde auch der Direktorin der Ursulinen in der Johannesgasse vorgestellt, Mater Hofrat Vecerka, denn er holte meine Schwester von der Schule ab. Alles sollte seine Ordnung haben. Heute nicht mehr vorstellbar. Mater Hofrat, wie sie angesprochen wurde, war eine sehr beeindruckende Persönlichkeit. Und aus späteren Erzählungen meiner Schwester weiß ich von einer der ersten Begegnungen zwischen ihr und mir. In Gegenwart meiner Schwester, die mich einmal stolz in die Schule mitnahm, fragte mich Mater Hofrat mit ihrer tiefen, sonoren Stimme: „Ist deine Schwester auch brav?“ „Oh ja“, soll ich geantwortet haben, „nur im Moment ist sie schrecklich ‚valiebt‘ in den Edi.“ Meine Schwester versank im Erdboden. Das war noch bevor man mit 16 Jahren wahlberechtigt und Herr bzw. Frau seiner eigenen Entscheidungen war.
Drei Jahre nach der Matura heirateten meine Schwester und Edgar Gehl in unserer Pfarrkirche zum heiligen Nepomuk in der Praterstraße, in meinem Heimatbezirk, der Leopoldstadt. An die Trauung, die der mit uns sehr befreundete Pfarrer Arnold Dolezal vornahm, erinnere ich mich nur insofern, als wir nach der kirchlichen Zeremonie in unsere Wohnung zurückkamen und zu unserem Schrecken feststellen mussten, dass in unserer Abwesenheit eingebrochen worden war und die Socken meines Vaters fehlten – damals eine Kostbarkeit. Die Hochzeitsreise ging ins Südbahnhotel am Semmering, das damals noch als Grand Hotel fungierte, mit seiner ganzen verblichenen Jahrhundertwendepracht, dem Inbegriff von Kultur und Wohlstand einer versunkenen Epoche, die bis heute nicht wieder zum Leben erweckt wurden. Ich weiß nicht, wie lange sie auf Hochzeitsreise waren, drei Tage oder eine Woche, ich weiß nur, dass meine Schwester ab diesem Zeitpunkt einfach weg war und ich wochenlang jede Nacht weinte. Meine Schwester war wie eine zweite Mutter zu mir. Wie schmerzlich und traumatisch der Abschied für sie gewesen sein muss, konnte ich erst viel später ermessen, als ihre Ehe katastrophal zu Bruch gegangen war und am 18. August 1967 mit der Rückkehr meiner Schwester nach Wien endete. Sie hatte einen lebensbedrohlichen Kollaps erlitten und die Nahrungsaufnahme verweigert – sie war in eine Art Hungerstreik getreten –, sodass ihr Mann scheinbar keinen anderen Ausweg mehr sah, als ihre Ausreise aus der DDR zu erwirken, unter dem Vorwand, dass sie zu 30 % erwerbsunfähig sei. Er durfte sie noch bis Prag begleiten. Dort übernahmen sie meine schwer geschockten Eltern im Zug. Vom Franz-Josefs-Bahnhof wurde meine schwer halluzinierende Schwester, die von einem Kind fantasierte, das sie nie hatte, aber sich so sehr wünschte, mit der Rettung direkt in die Abteilung für Neurologie und Psychiatrie des AKH gebracht, in die damalige Klinik Hoff.
Acht Wochen später, meine Schwester war erst kurz zuvor aus der Klinik entlassen worden, erreichte uns die Todesnachricht meines Schwagers. Er hatte sie noch selbst telegrafisch aufgegeben – „Todesursache: Herzversagen“ –, vorsorglich nicht an unsere Adresse, sondern an die des Cousins meiner Mutter Roland Stern, des bereits erwähnten Onkels Roland, offenbar um meiner Schwester, die nach einem mehrwöchigen Klinikaufenthalt gerade erst weidwund und schwer traumatisiert zu meinen Eltern und mir zurückgekehrt war, die Übermittlung der Todesnachricht zu ersparen. Sie hat vom Ableben ihres Mannes erst durch ihren Arzt Dr. Stefan Hift, einen hervorragenden Psychiater und wunderbaren Menschen, der sie ihr Leben lang begleitet hat, Kenntnis erhalten, bevor sie in einen künstlichen Tiefschlaf versetzt wurde, um einen Rückfall zu vermeiden. Es bestand unter diesen Umständen akute Selbstmordgefahr. Die ihr mitgeteilte Todesursache ihres Mannes war Herzversagen. Das war auch plausibel, denn Edgar Gehl hatte unter Angina Pectoris gelitten.
Das Bild wird mir unvergesslich bleiben, als meine Schwester nach diesem zweiten, diesmal immerhin nur zweiwöchigen Klinikaufenthalt wieder in unsere Kindheitswohnung zurückgekehrt war und vor einer in einen schlichten Holzrahmen gefassten Schwarz-Weiß-Fotografie einer Schutzmantelmadonna niederkniete und sich bekreuzigte. Genau so, wie sie niedergekniet war und sich bekreuzigt hatte, als ein Sowjetoffizier im grauen Militärmantel an der Kellertür unseres Wohnhauses in der Czerningasse 21 den verschreckten Kellerinsassen das Kriegsende verkündet hatte. Die wahren Umstände des Todes meines Schwagers, dass er Hand an sich gelegt hatte, hat meine Schwester auf Anraten ihres Arztes bis zu ihrem Tod am 12. September 1994 nie erfahren. Sie hätte es nicht verkraftet. Meine Mutter indes hat das Schicksal meiner Schwester nicht verkraftet. Die Frau, die der ruhende Pol der Familie gewesen war, Verfolgung und Krieg überstanden hatte, starb drei Monate nach der Rückkehr meiner Schwester an akuter Leukämie. Der Gedanke, dass zwischen der Erschütterung über den Zustand meiner Schwester und dem Ausbruch ihrer akuten Blutkrebserkrankung ein Zusammenhang bestanden haben könnte, liegt nahe. Auch für mich war es ein Schock, allerdings erst 55 Jahre später, als ich den Stasi-Akt meines Schwagers in Händen hielt und mich auf Spurensuche in der Ex-DDR begab.
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