Читать книгу: «Cork, noch mehr Mord»

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Richard-Wagner-Platz 1, 04109 Leipzig

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Gesamtherstellung: adakia Verlag, Leipzig

Coverfoto und Fotos im Buch: Ursula Schmid-Spreer

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH

1. Auflage, März 2020

ISBN 978-3-941935-78-5

Mögest Du die Kraft haben,

die Richtung zu ändern,

wenn Du die alte Straße

nicht mehr gehen kannst.

Gott gebe Dir

für jeden Sturm einen Regenbogen,

für jede Träne ein Lachen,

für jede Sorge eine Aussicht,

und eine Hilfe in jeder Schwierigkeit,

für jedes Problem,

das das Leben schickt,

einen Freund, es zu teilen,

für jeden Seufzer ein schönes Lied

und eine Antwort auf jedes Gebet.

(Irischer Segensspruch)

*

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

I

We start a regular’s table

„get together“ – irischer Stammtisch

1. Kapitel

Oktober, Mallow

Der Wurst-Mord

Samhain

Mallow

Barn Burger

Stout

»O« in irischen Namen

Tullamore Dew

2. Kapitel

November

Glengarriff, Brigid geht tanzen

Glengarrif (das raue Tal)

Coddle

3. Kapitel

Dezember

Kanturk, Kalte Füße

Kanturk

Weihnachten in Irland

St. Stephen‘s Day

Weihnachtsschwimmen

Gewürztes Rindfleisch (Spiced beef)

Plumpudding

Irische Cookies

Francisca well Brewery

4. Kapitel

Januar

Macroom, Ein raffinierter Fall

Macroom

Farran Woods

Irischer Schokoladenkuchen

Seafood Chowder

5. Kapitel

Februar

Cloyne, Eine tödliche Party

Cloyne

Valentinstag

Hähnchentopf mit Guinness

6. Kapitel

März

Cork, Aus dem Ruder gelaufen

Basilikumtarte

Grüner Nudelsalat

Cork

St. Patrick’s Day

7. Kapitel

April

Dunmanway, Es ist oft nicht so, wie es aussieht

Dunmanway

Ostern

Gefüllte Lammkeule, irische Art

Irische Osterbrötchen

Mythen

8. Kapitel

Mai

Von Dublin nach Cork, Mitchelstown, Truckerleben

Mitchelstown

Cashel

Muttertag in Irland

Gubbeenkäse

Cheddar

9. Kapitel

Juni

Timoleague … drum prüfe, wer sich ewig bindet

Timoleague

Kartoffelbrot

Whiskey-Butter

Leinster Topf

10. Kapitel

Juli

Bandon, Die Leich’ muss weg

Bandon

Murphy’s

Murphy’s red

Irischer Lachs mit Gurken und Senf-Dill-Soße

11. Kapitel

August

Crosshaven, Ich bin ja so verschossen in deine Sommersprossen

Redheads

Crosshaven

Red-Hair-Convention

Irischer Nussbraten (vegetarisch)

12. Kapitel

September

Cork, Madeleine

Garda

Holy Trinity Church

Daly’s Bridge

Irisches Bierfleisch

II

Bodega, oldtown Whiskey bar

Bodega

Irisches Teegebäck

I


»get together« – irischer Stammtisch

Klatsch machte es und noch einmal klatsch. Louise McCarty klopfte ihrem Ehemann auf die Finger.

»Was hast du in meiner Küche verloren?«

Ian zog erschrocken, aber auch beleidigt die Finger zurück, die sich eben in die Pastasoße verirrt hatten.

»Seit wann bist du so ein Drachen geworden, Louise?«, knurrte er gekränkt.

»Seitdem du unaufgefordert in meine«, sie betonte das Wort meine grimmig, »Küche kommst und deine Nase in die Kochtöpfe steckst. Wenn es nur die Nase wäre! Nein, auch deine Finger kannst du nicht bei dir behalten. Himmel noch mal, such dir ein Hobby! Es ist ja nicht zum Aushalten mit dir. Seitdem du in Pension bist, gehst du mir gehörig auf den Senkel!«

Ian hatte hinter ihrem Rücken entsprechende Hand- und Lippenbewegungen nachgemacht.

»Du brauchst mich gar nicht so nachzuäffen«, sagte Louise. »Ich habe auch hinten Augen!«

Ertappt schlug sich Ian selbst auf die Hand, grinste und meinte: »Du hast ja recht, holdes Eheweib. Ich muss was tun – und ich weiß auch schon, was!«

Ungefähr zur gleichen Zeit spielte sich in einem anderen Haushalt eine ähnliche Szene ab.

Ann, die Ehefrau von DCI Kevin Mulligan, beschwerte sich bei ihrem Mann im schönsten Dialekt der Aran-Inseln.

»Kevin, du gehst mir auf den Geist. Warum rennst du mir laufend nach? Ich putz das Bad, du rennst mir nach. Ich geh in den Keller, du rennst mir nach. Ich schäl Kartoffeln, du stehst neben mir und schaust ein wenig blöd. Himmel noch mal, weißt du nichts mit deiner Zeit anzufangen? Ruf deinen Kollegen an, vielleicht ist dem auch fad?«

Kevin verzog nachdenklich die Stirn. Die ersten Wochen seines Ruhestandes hatte er ja noch ganz toll gefunden, sie mit süßem Müßiggang zu verbringen. Jetzt langweilte er sich tödlich. Ann hatte recht: Er musste etwas tun!

Daniel Cerigh schenkte sich einen Fingerbreit Whiskey in die bereitgestellten Gläser. »Prost, mein deutscher Freund. Herzlich willkommen auf der Grünen Insel. Jetzt bist du Mick.«

Michael Tischer prostete seinem Freund Daniel zu. »Ich danke dir für die freundliche Aufnahme. Und du meinst, dass du es ein ganzes Jahr mit mir aushältst?«

»Das Gästezimmer steht dir zur Verfügung. Und falls es wirklich nicht gehen sollte, dann musst du halt in eine Pension ziehen.« Daniels Augen lächelten, als er das zu seinem deutschen Freund Mick sagte.

»So machen wir es. Du wirst sehen, ich werde noch ein Ire werden. Jetzt freue ich mich aber erst einmal auf die Zeit, die vor mir liegt. Ich kann es gar nicht glauben: Ist es wirklich schon wieder ein ganzes Jahr her, dass ich bei dir war? Wie die Zeit rennt. Ich werde dir zur Seite stehen und von dir lernen.«

»Ich kann ja auch von den deutschen Ermittlungsmethoden lernen«, schmunzelte Daniel. »Ihr habt doch eine andere Vorgehensweise, Mordfälle zu lösen.«

»Das stimmt. Du wirst lachen, ich hole mir auch öfter mal Rat von Kollegen, die bereits in Pension sind. Die haben eine andere Sicht auf Mordfälle. Von der Erfahrung mal ganz zu schweigen.«

Daniel nippte an seinem Whiskey, richtete nachdenklich seinen Blick in die Ferne. »Du bringst mich da auf eine Idee.«

Mick hob eine Augenbraue. »Du machst mich neugierig. Welche Idee hast du?«

»Wie sagt man das auf Deutsch? Treffen mit Freunden, Bier trinken, essen …«

»Stammtisch«, unterbrach Mick. »Was für eine tolle Idee!

»Prost, Kollegen!« Vier Münder versanken im Bierschaum.

»Das war eine geniale Idee von dir, Ian, einen Stammtisch ins Leben zu rufen.«

»45 Dienstjahre kann man halt doch nicht so einfach wegwischen«, antwortete Kevin zufrieden und wischte sich den Schaum vom Mund.

»Und dass du, lieber Daniel, auch zu unserer neu gegründeten Tischrunde mitgekommen bist, finde ich echt stark.« Ian grinste breit.

Daniel lachte und meinte frech: »Absagen, ne, das hätte ich mich gar nicht getraut. Auch wenn ich dein Nachfolger bin, Ian.«

»Daniel hatte auch die Idee für ein ›get together‹. Wir haben telefoniert und schon sitzen wir hier, essen, trinken …«, »… lösen Fälle und erzählen von alten«, ergänzte Kevin.

Die Männer lachten, nahmen einen tiefen Zug vom Guinness. Als Mick das Glas absetzte, bildete sich ein weißer Schaum auf seiner Oberlippe. Wie hatte er das vermisst! Guinness schmeckte im Ursprungsland einfach besser. Wie es samtig die Kehle entlanglief, danach der leicht bittere Geschmack, den er so liebte.

»Und unser deutscher Kollege«, Kevin zeigte auf Mick, »du bist natürlich auch herzlich in unserer Runde willkommen.«

Mick erhob sich, deutete einen Diener an und orderte bei der Bedienung vier Tullamore Dew. »Mein Einstand«, sagte er.

»Hört zu, was ich mir gedacht habe.« Ian räusperte sich. »So viele Dienstjahre bei der Garda, so viele Fälle gelöst. Lasst sie uns gegenseitig erzählen und dann aufschreiben. Wir machen ein Buch! Was haltet ihr davon?«

Beifälliges Gemurmel erklang.

»Das ist wirklich eine gute Idee!« Mick klatschte Ian begeistert auf die Schulter. »Da ihr ja für den gesamten County Cork zuständig wart, lerne ich somit mehr Land und noch mehr Leute kennen. Und …«, er machte eine Pause, sah seine irischen Kollegen an, »… lerne auch noch zusätzlich etwas über irische Ermittlungsarbeit.«

»Du hast doch schon bei deinem letzten Aufenthalt hier im Bezirk etliches über Mord und Totschlag erfahren«, warf Daniel ein. »Auch im kleinen Irland und im Distrikt geht es nicht immer friedlich zu. Selbst vor Kühen macht das Böse nicht Halt.«

Mick begann erst verhalten, dann immer lauter zu lachen. Es war so ansteckend, dass schließlich Ian und Kevin mit einstimmten, ohne zu wissen, warum Daniel und Mick so lauthals feixten.

Unter Schluckauf erzählte Mick in wenigen Worten, wie Rachel, die Kuh aus Youghal, angeblich ermordet worden war. Wie sich später herausstellte, hatte sie Eiben gefressen und sich damit selbst vergiftet.

»Und der Junge hatte seiner Rachel für den Wettbewerb extra noch einen goldenen Zahn gemalt und dann hat sie auf das falsche Feld gekackt und den Schiedsrichter aufs Horn genommen. Die ganze Geschichte muss ich euch mal bei Gelegenheit erzählen.« Daniel grinste breit, als er an diese Episode dachte.

»Ihr seht, es gibt viel zu erzählen. Was haltet ihr von meiner Idee?«

Die drei Angesprochenen nickten, hoben ihre Gläser und prosteten sich zu.

Die Kellnerin, sie hatte ein Schildchen mit dem Namen Molly an ihrer Bluse, rief fröhlich: »Barn Burger gibt’s heute. Mit Gemüse und Rosmarinkartoffeln.«

Die vier nickten unisono.

Daniel Cerigh lehnte sich weit zurück, stemmte die Hände in die Hüften und rülpste dezent. Fein hatte der Burger geschmeckt. Kathy, die neue Köchin im Franciscan Well an der North Mall, war wirklich eine Zauberkünstlerin am Herd. Nicht nur ihre Pizzen schmeckten vorzüglich, auch an den Burgern konnte man sich laben.

»Noch jemand ein Guinness?«, fragte Mick.

»Sag bloß, du hast dich mittlerweile an unser leckeres Bier gewöhnt?«, konterte Ian McCarty.

Mick verzog das Gesicht, hob eine Augenbraue, grinste und orderte vier Stouts.

Der vierte Kommissar in der Runde, Kevin Mulligan, strich sich genussvoll über seinen nicht unbeträchtlichen Bauch. Wie sehr er die Neckereien seiner ehemaligen Kollegen genoss! Und dieser Austausch-Kommissar, Mick Tischer aus Deutschland, war ein feiner Kerl.

Molly, die Kellnerin, stellte die vier Biere auf den Tisch. Jeder nahm sein Glas, sie prosteten sich zu und dann ergriff Ian das Wort.

»Mick, du weißt sicher, dass Halloween ein altes keltisches Fest ist. Hierzulande heißt es Samhain.«

Mick nickte. »Ich weiß sogar noch mehr«, sagte er. »Die Iren, die ausgewandert sind, haben das Fest nach Amerika gebracht, wo es einfach nur umbenannt wurde und als Halloween wieder nach Europa zurückschwappte.«

»Brav, du hast deine Hausaufgaben gemacht«, griente Daniel und schlug Mick auf die Schulter.

»Dann hört euch mal den folgenden Fall an, den ich euch jetzt erzählen möchte«, sagte Ian. »Samhain spielt eine große Rolle in Mallow.«


Es war einer dieser hektischen Tage gewesen, an denen man zwar arbeitete wie besessen, aber nichts vorwärtsging. Jeder wollte etwas von Erin Sullivan. Sie konnte es sich nicht erlauben, grantig zu sein oder gar ihren Launen nachzugeben. Im Gastgewerbe war man auf Gäste angewiesen. War man unfreundlich, kamen sie nicht mehr wieder – und das machte sich im Geldbeutel bemerkbar. Besonders schlimm war es an Samhain. Da schienen die Leute alle guten Manieren zu vergessen. Hinter der Maske von diversen Gnomen, schwarz gekleideten Hexen oder anderen Kostümen führten sie sich wild auf. Das hatte nichts mehr mit Abschrecken der Geister in einer Anderswelt zu tun. Das war einfach schlechtes Benehmen. Sie konnte von Glück reden, dass der Pub nicht demoliert worden war. Erin war nicht nur für sich alleine verantwortlich, sie beschäftigte fünf feste Mitarbeiter und einige Aushilfskräfte. Es war ein hartes Erbe, das der Vater ihr vermacht hatte. Mallow war ein kleiner Ort im Südwesten Irlands, rund 35 Kilometer nördlich der Stadt Cork. Wie gerne wäre sie damals in eine größere Stadt gegangen: vielleicht Dublin, oder auch nur nach Cork. Aber nein, sie musste in der Metzgerei helfen.

Ihre jüngere Schwester Donna nahm das Recht für sich in Anspruch, eine Künstlerin zu sein. Verhätschelt und verzärtelt, das war sie schon immer gewesen. Dads Liebling, während Erin schon früh in der Metzgerei und auch im Wirtshaus helfen musste. Donna durfte ihren Hobbys nachgehen. So kam es, dass sie bereits in der 4. Generation das Gasthaus »Green Flower« führte. Heute wollte Erin nur noch nach oben in ihre Privatwohnung gehen und sich ins Bett legen, ihre Ruhe haben und schlafen. Samhain hatte ihr mehr zu schaffen gemacht, als sie zugeben wollte. Bevor sie wegdämmerte, fielen ihr die Worte ihres ehemaligen Lehrers ein. Samhain markiert den keltischen Jahreskreis, den Beginn der dunklen Jahreszeit. Ende Oktober, Anfang November würde sich das Tor der anderen Welt öffnen. Ein neues Jahr würde beginnen. Da sich die Menschen vor bösen Wesen fürchteten, mussten diese vertrieben werden. Nur der Tod war in der Lage, neues Leben zu erschaffen. Erin drehte sich ächzend um. Warum musste immer so übertrieben werden? Eine als Hexe verkleidete Person war auf einmal in ihrer Küche gestanden und hatte sie erschreckt. Wütend war ihr Kellner John dazwischen getreten. Die verkleidete Person hatte er am Kragen gepackt und vor Erin hingeschubst. Die Hexe entpuppte sich als verkleideter Mann. Er trug eine grüne Plastikfolie und hatte sich Efeu um Haare, Kopf und Hals gewickelt.

»Ich habe ihn beim Klauen erwischt«, hatte John gemeint. »Ich rufe die Garda.«

Dagegen waren die Samhain-Bräuche ja direkt noch harmlos. Jetzt setzte sich Erin im Bett auf, ließ den Tag Revue passieren. Drei junge Mädchen hatten Apfelschalen über die Schulter geworfen. Aus der Form, wie die Schalen gefallen waren, wollten sie Anfangsbuchstaben erkennen. Das sollte wohl der neue Partner sein.

Normalerweise schaute sie immer noch bei ihrem Vater ins Zimmer, bevor sie schlafen ging, wenn sie unter dem Türspalt Licht sah. Der alte Herr hatte sich vollkommen ins Privatleben zurückgezogen. Solange er seine Zigarren rauchen konnte, täglich seine Sausages mit extra scharfem Senf bekam, war er friedlich. Heute war alles still. Erin überließ es ihrem Oberkellner John, die Kasse zu machen und abzuschließen. John war schon viele Jahre bei der Familie und zuverlässig.

»Morgen ist auch noch ein Tag, ich will jetzt einfach an nichts mehr denken müssen.«

Sie hatte sich ins Bett fallen lassen, die Nachttischlampe ausgeknipst und sich auf ihre Einschlafseite gerollt. »Sausages gehen aus, die muss ich morgen gleich als Erstes ordern, das darf ich nicht vergessen«, waren neben dem Samhain ihre letzten Gedanken, bevor sie sich dem wohligen Gefühl des Einschlafens hingab.

Es war noch dunkel, als sie aufwachte. Ihre Zunge fühlte sich pelzig an und sie spürte, dass sie zur Toilette musste. Barfuß tapste sie in Richtung Bad, ohne Licht anzumachen. Schlaftrunken ging sie weiter in den Gastraum, um sich eine Flasche Wasser zu holen. Nur das schwache Licht einer Laterne leuchtete in das Lokal. Erins Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit. Es roch seltsam.

Sie wollte gerade einen großen Schluck aus der Wasserflasche nehmen, machte aber einen Satz auf die Seite. Vor ihr stand jemand, den Rücken gekrümmt, das Gesicht nach unten gebeugt. Mit einem erneuten Satz rückwärts schrie sie vor Schreck auf. Was war hier los? Es kostete sie Überwindung, das Licht anzuknipsen. Ein Mann war da – in gebückter Haltung. Das Gesicht lag auf dem Rost.

Hellwach war Erin nun. Nicht zum ersten Mal beglückwünschte sie sich, dass sie auf einem stationären Telefon beharrt hatte. Wie oft kam es vor, dass sie ihr Mobiltelefon irgendwo hinlegte und es dann nicht gleich fand. In der Gaststube sollte so etwas nicht vorkommen. Man musste immer wieder mal telefonieren, ein Taxi oder den Krankenwagen rufen oder die Garda – so wie jetzt.

Der Kommissar wirkte trotz der frühen Stunde – drei Uhr – hellwach. »McCarty« hatte er sich kurz vorgestellt, ohne Titel, ohne Schnörkel, nur »Wo ist die Leiche?«

Innerhalb kürzester Zeit wimmelte es von Menschen in weißen Overalls, die gewichtig Spuren sammelten.

Erin war fassungslos. Sie identifizierte den Toten als ihren Oberkellner John Walter. Er war mit aller Gewalt auf den heißen Rost gedrückt worden. Längsrillen hatten sich tief in sein Gesicht eingebrannt. Auch die Hände waren schwarz, gerade so, als hätte sich John am Gitterrost festgekrallt. Zu seinen Füßen lag eine Stahlbürste.

»Wahrscheinlich wollte er den Grill noch sauber machen. Ich habe das nicht mehr geschafft. Ich fasse es nicht. Wer kann so etwas getan haben? Hat es vielleicht mir gegolten?«

»Wie kommen Sie darauf, Mrs. Sullivan?«

»Ich habe heute früher Schluss gemacht, weil ich so kaputt war, Samhain hat mich geschafft. Ich habe John gebeten, den Rost zu reinigen und die Kasse abzurechnen. Er war damit auch für das Zusperren des Ladens verantwortlich. Ich mache das sonst normalerweise. Vielleicht wollte jemand die Kasse klauen oder mich …?« Sie sprach den Satz nicht zu Ende.

McCarty winkte einem jungen Mann. Leise sprach er, sodass Erin nichts verstand.

Er wandte sich wieder Erin zu: »Das können wir ausschließen. Die Tasche mit den Einnahmen ist gefunden worden. Hm, erzählen Sie mir etwas über Ihren Oberkellner.«

»Er war sehr zuverlässig. Meine rechte Hand. Er hat bei meinem Vater in der Metzgerei gelernt.«

»Er wusste also, wie man Ihre berühmten Sausages macht«, fiel McCarty schmunzelnd ein.

»Stimmt, die meisten Zutaten kannte er, aber alles wusste er auch nicht. Mein Vater war da sehr vorsichtig. Ich bin mir aber sicher, dass John unser Geheimrezept nie verraten würde. Es ist Tradition in unserem Haus, dass die Rezeptur in der Familie bleibt. Und John war so etwas wie ein Familienmitglied für uns.«

Als der Kommissar die Augenbraue hochzog, fuhr Erin fort.

»John wurde uns vor Jahrzehnten schon von einer staatlichen Einrichtung empfohlen. Er hat seine Jugend dort verbracht. Seine Eltern waren bei einem Unfall ums Leben gekommen. Aber spielt das eine Rolle?«, fragte sie gereizt.

»Aber natürlich! Wir müssen so viel wie möglich über das Opfer erfahren. Oft lässt sich daraus ein Motiv ableiten. Erzählen Sie weiter.«

»Nun, er hat sich gut angestellt, war pünktlich und zuverlässig. Mein Vater war sehr von ihm angetan. Er war ja erst 14 und man konnte ihn leicht lenken. Er wurde so etwas wie sein Ziehsohn, nachdem mein Vater nur Töchter hat.«

»Höre ich da einen leichten Unterton heraus? Warum arbeitet Mr. Walter nicht mehr in der Metzgerei?«

»Er wollte mal was anderes machen, kann ich auch verstehen.«

»Und da hat er den Oberkellner für Sie gemacht. Hat er das gelernt?«

»Nein, er kann gut mit Zahlen umgehen und hat Charme den Gästen gegenüber. Ich meine ›hatte‹ Charme.« Erin brach ab und schniefte in das Taschentuch, das ihr der Kommissar hinhielt.

»Ich kann es Ihnen leider nicht ersparen, aber Sie müssten morgen in die Pathologie kommen, um noch einige Formalitäten zu erledigen. Bis dahin wissen wir auch, wie er gestorben ist, denn auf dem Rost ist er sicher nicht zu Tode gekommen. Ihren Vater und ihre Schwester hätte ich auch gerne gesprochen. Richten Sie den beiden doch bitte aus, dass sie ebenfalls morgen ins Kommissariat kommen sollen.«

Erin nickte. An Schlaf war natürlich nicht mehr zu denken. Sie musste es ihrem Vater sagen, am besten gleich. Der alte Herr schlief sowieso nicht mehr, sie hatte ihn an der oberen Treppe gesehen. Bei dem Lärm, den die Leute von der Spurensicherung gemacht hatten, wäre selbst ein Stein aufgewacht.

So ging Erin schwer atmend die Treppen hoch, klopfte kurz am Zimmer ihrer Schwester, wartete ein »Herein« erst gar nicht ab und öffnete mit Schwung die Tür.

»Steh auf, Schwester, und tu nicht so, als wenn du tief schlafen würdest. Du hast alles ganz genau mitbekommen.«

Ein rot gefärbter Lockenkopf kam unter der Bettdecke hervor. »Das war ja auch nicht zu überhören.«

»Und du bist kein bisschen neugierig, was vorgefallen ist? Das passt gar nicht zu dir«, sagte Erin spöttisch. »Dein heiß geliebter John lag mit dem Gesicht zuerst auf dem Rost. Das hat verdammt hässlich ausgesehen, das kann ich dir sagen.«

Ein Wehlaut erklang. »John!«

»Ja, tu nicht so scheinheilig. John ist tot, mausetot, und jetzt?«

»Wie kannst du nur so herzlos sein, du eifersüchtige Schlange. Mich hat er geliebt, nicht dich!«

»Das meinst auch nur du! Jedem Rock hat er hinterhergesehen, auf seine Sausagemasche sind alle reingefallen. ›Ich kenne das Geheimrezept der Sullivan Sausage‹«, äffte Erin ihn nach, »und dann hat er sich mit den Weibern verabredet. Und da, das kannst du mir glauben, haben sie sich bestimmt nicht über unsere Wurst unterhalten. Meine gute Kinderstube verbietet mir zu sagen, was er mit dem Würstchen …«

»Schweig!«, hörten sie eine herrische Stimme von der Tür her. »Wenn ich gewusst hätte, dass meine beiden Töchter nichts anderes zu tun haben, als sich über John zu zerfetzen, hätte ich schon früher eingegriffen.«

Beide Damen schwiegen betreten. Mit zerzaustem Haar, in langen Unterhosen und einem T-Shirt bekleidet, stand der alte Sullivan im Zimmer seiner jüngeren Tochter Donna.

»Versucht noch etwas zu schlafen, wir müssen morgen zur Garda und da brauchen wir unsere Kraft«, wandte sich Erin an Vater und Schwester.

Erin und Donna waren sich nur äußerlich ähnlich. Sie waren vom Wesen her grundverschieden. Erin bodenständig, Donna mehr der künstlerische Typ. Ian McCarty, Hauptkommissar bei der Garda County Cork, erkannte das auf den ersten Blick. Der alte Herr an ihrer Seite wirkte zwar gebrechlich, aber sein rotes Gesicht ließ viel Willenskraft erkennen. McCarty wies mit der geöffneten Hand auf die Besucherstühle in seinem Büro und bat die drei, Platz zu nehmen.

»Mr. John Walter ist stranguliert worden, während er wahrscheinlich gerade den Gitterrost reinigte. Unter seinen Fingernägeln befanden sich Seifenlauge und Partikel eines Putzschwämmchens, das mit Eisenspänen versetzt war. Er trug keine Handschuhe.«

Ian beobachtete fasziniert das Mienenspiel der Anwesenden. Es reichte von Bestürzung über Trauer zu Unbeweglichkeit.

»Können Sie mir etwas dazu sagen? Haben Sie etwas gehört?«

Alle drei schüttelten den Kopf.

»Nun gut, dann darf ich Sie bitten, meiner Kollegin zu folgen, um den Toten endgültig zu identifizieren. Kein schöner Anblick; er ist mit dem Kopf auf den heißen Gitterrost gedrückt worden. Bitte halten Sie sich zu meiner Verfügung, falls ich noch Fragen habe.«

»Du lässt sie einfach gehen?« Ians Partner und Kollege schüttelte den Kopf. Er hatte vom Nebenzimmer aus alles gehört und konnte die Familie Sullivan ausgiebig beobachten.

»Ich will sie ein bisschen schmoren lassen, vielleicht auch in Sicherheit wiegen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Samhain nichts damit zu tun hat. Ich glaube auch nicht, dass John das Zufallsopfer einer verkleideten Hexe war. Einer von den drei Sullivans wars, da bin ich mir sicher. Es ist niemand von außen reingekommen und hat diesen Oberkellner umgebracht.«

»Er hatte doch viele Frauengeschichten. Vielleicht hat er nicht einmal vor verheirateten Frauen haltgemacht?«, warf der Assistent ein.

»Das schaut mir eher nach einer Affekttat aus«, ließ sich Ian nicht aus dem Konzept bringen. »Der Zeitpunkt war wohl günstig. Also auf, Recherchearbeit, Nachbarn befragen, schnüffeln eben.«

Zwei Tage später hatte Ian McCarty einen Packen Papier auf dem Schreibtisch liegen. Mit seinem Kollegen ging er die einzelnen Punkte noch einmal durch. »Ich hatte wieder einmal recht – ruf die drei Sullivans an, sie sollen heute Nachmittag in die Garda kommen.«

Sichtlich nervös und angeschlagen saßen die beiden Damen Erin und Donna vor ihm. Mister Sullivan war blass, seine Augen flackerten.

*

Ian hielt kurz inne. Seine drei Kollegen hatten ihn kein einziges Mal während seiner Erzählung unterbrochen.

»Die Befragungen haben ein interessantes Bild ergeben. In vielen Familien gibt es Leichen im Keller; nie wird darüber gesprochen. Und dann kommt es zur Katastrophe. Es ist nicht immer das, wonach es aussieht. Ihr werdet überrascht sein, wer letztendlich John Walter umgebracht hat und warum.«

*

»Ich fange mit Ihnen an, Erin. Eigentlich wollten Sie etwas anderes machen, aber die Tradition hat Sie verpflichtet, das Geschäft zu übernehmen. Sie haben sich all die Jahre nie getraut, Ihrem Vater zu sagen, dass Sie Vegetarierin sind und die Sausages nicht einmal riechen können. Es ekelt Sie richtig davor. Nur mit Mühe konnten Sie John davon abhalten, dass er Sie an Ihren Vater verpetzt.«

Erin schlug betreten die Augen nieder. Ganz fest presste sie die Lippen aufeinander. Man sah deutlich, wie sie ihre Schultern straffte und selbstbewusst sagte: »Und daraus leiten Sie ein Mordmotiv ab? Lächerlich!«

»Sie waren ganz froh, dass Ihr Vater diesen John, trotz seiner dunklen Vergangenheit, damals als Lehrling einstellte. So mussten Sie wenigstens keine Metzgerlehre machen. Allein der Gedanke, Tiere schlachten zu müssen, das viele Blut, all das verursachte Ihnen Ekelgefühle.« Kommissar Ian McCarty sah Erin fest an. Dann wandte sich sein Blick zu Aaron Sullivan. »John war anfänglich dankbar und sehr gefügig. Irgendwann einmal muss diese Dankbarkeit in Hass umgeschlagen sein. Was war der Auslöser? Haben Sie ihn schikaniert, Mr. Sullivan? War das der Zeitpunkt, als Sie ihn wissen ließen, dass er nur ein Angestellter für Sie war und dass er nichts, aber auch gar nichts zu erwarten hatte?«

Aaron Sullivan schnappte hörbar nach Luft. Auch seine Töchter sahen ihn entgeistert an.

»Aber Daddy«, meinte Donna, »du wolltest ihm doch die Metzgerei überschreiben, nachdem Erin und ich sie nicht haben wollten.«

Der alte Herr sagte noch immer kein Wort. Er machte nur »pfff«.

»Und Sie, Donna«, fuhr Ian unbeeindruckt fort, »Sie hatten alle Freiheiten, die Sie nur wollten. Sie durften sich Ihrer brotlosen Malkunst widmen. Nur, der Herr Papa hat Ihnen den Geldhahn zugedreht, als sich herausstellte, dass Ihre Bilder unverkäuflich waren. Sie sollten endlich mal einen Abschluss machen – den haben Sie nämlich immer vor sich hergeschoben – und nicht nur sein sauer verdientes Geld ausgeben.«

Donna sog die Luft durch die Nase, atmete prustend aus, sah ihre Schwester schuldbewusst an.

»Sie hätten also alle drei ein Motiv. Ich habe überlegt: Erin, Sie haben sich ein bisschen was auf die Seite gelegt. Hätte John gepetzt, wäre das für Sie kein Weltuntergang gewesen. Außerdem waren Sie sich sicher, dass Sie Ihrem Vater zu wertvoll waren, als dass er die Metzgerei und den Pub dann aufgegeben hätte.« Ian wandte sich an Donna. »Sie konnten Ihren Vater schon immer um den Finger wickeln. Und Sie wussten, wenn Sie dem alten Herrn ein bisschen schmeichelten, dann hätte er schon wieder ein Scheinchen locker gemacht. Ja, somit bleiben nur noch Sie übrig, Mister Sullivan.«

Erschrocken sahen die beiden Damen ihren Vater an.

»Erpressen wollte er mich, der Saukerl«, schrie Aaron Sullivan unbeherrscht los. »Erpressen, mein Sausagerezept wollte er an die Konkurrenz verkaufen. Seit Jahrzehnten ist es im Familienbesitz, und dieser hergelaufene Kerl, dem ich eine Ausbildung und Arbeit gegeben habe, der wollte mich erpressen. Außerdem hat er meine Töchter gegeneinander ausgespielt. Und hinter ihren Rücken hat er es mit jedem Rock getrieben. Die Gelegenheit war günstig, als er da so am Herd stand. Ein Liedchen hat er sogar gepfiffen. Ich konnte nicht anders handeln, Herr Kommissar.«

Sullivan wurde abgeführt. Seine Töchter verließen zutiefst betroffen das Büro.

*

»Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich tief seufzte und den Aufkleber ›erledigt‹ auf die Akte Wurstmord gestempelt habe«, sagte Ian.

Es war eine Weile still am Tisch. Dann ergriff Daniel das Wort. »Nach außen hin ist oft eitel Sonnenschein.«

Und Mick ergänzte: »Und drinnen herrschen Abgründe.«

»Prost«, sagte Kevin und erhob sein Glas. »Wisst ihr eigentlich, warum man Kürbisse aushöhlte, damit sie wie Fratzen aussehen?«

Die anderen lachten, schüttelten verneinend den Kopf.

»Dann habe ich eine schöne Legende für euch«, ergriff Daniel erneut das Wort. »Hört zu! Sie geht auf Jack O’Lantern zurück. Jack der Hufschmied war ein schlimmer Trinker, jeden Abend saß er in der Dorfkneipe. Auf einmal stand der Teufel neben ihm, das soll am 31. Oktober gewesen sein. ›Es ist Zeit‹, sagte der Teufel, dass ich dich in die Hölle hole.

Jack war sehr gewitzt, überlegte fieberhaft, wie er dem Teufel ein Schnippchen schlagen könnte. So bat er ihn um ein letztes Glas Bier. Als Gegenleistung würde der Teufel dann seine Seele bekommen.

Der Teufel ließ sich auf den Handel ein. Der Wirt wollte sich das Bier natürlich bezahlen lassen, aber der Teufel hatte kein Geld. So verwandelte er sich in höchster Eile in ein Geldstück.

Jack trug immer ein Silberkreuz in seiner Tasche und steckte blitzschnell die Münze dazu. Somit war der Teufel gefangen und konnte nicht mehr entfliehen.

Jack war nicht dumm, er wollte, dass ihn der Beelzebub zehn Jahre in Ruhe ließ. Außerdem sollte ihn der Teufel zum reichsten Hufschmied weit und breit machen.

Der Teufel kam am Abend des 31. Oktober genau nach zehn Jahren wieder und forderte die Seele ein. Jack hatte schon die ganze Zeit überlegt, wie er dem Höllenfürsten erneut ein Schnippchen schlagen könnte. So bat er ihn um einen letzten Apfel, den ihm der Teufel vom Baum pflücken solle. Er wäre nicht mehr so beweglich und er, der Teufel, wäre doch behände. Dieser hegte keinen Argwohn, kletterte auf den Baum. Schnell ritzte Jack ein Kreuz in die Rinde. So war der Widersacher abermals gefangen. Diesmal handelte John aus, dass er ihn und seine Seele bis in alle Ewigkeit in Ruhe lassen würde.«

»Das ist eine schöne Geschichte«, sagte Mick. »Aber was hat das jetzt mit den Fratzen im Kürbis zu tun? Was ist die Moral von der Geschichte?«

»Die gibt es natürlich. Darum erzähle ich euch noch den Schluss. Jack war kein guter Mensch. Er log und betrog seine Freunde, seine Familie und auch seine Kunden. Als seine Zeit gekommen war, klopfte er an die Himmelstür. Dort aber wurde er abgewiesen. So blieb ihm nichts anderes übrig, als doch zum Teufel zu gehen. Der war ihm aber immer noch böse, weil er ihn so reingelegt hatte, und verweigerte ihm den Eintritt. Es war kalt und finster. Und man sollte es nicht glauben, der Teufel hatte ein klein wenig Mitleid mit Jack. Damit er nicht so frieren musste, warf er ihm ein Stück Kohle zu. Das konnte er aber nicht in der bloßen Hand tragen. Er hatte als Proviant eine Rübe dabei. Der Teufel höhlte sie ihm aus, schnitt eine Fratze und legte die Kohle hinein. Irische Einwanderer haben den Brauch mit nach Amerika genommen. Aus Samhain-Tradition wurde Halloween und aus einer Rübe ein Kürbis, der nunmehr als Symbolfigur gilt. Das Licht, das in den ausgehöhlten Kürbis gestellt wird, soll an Allerseelen leuchten.«

»Ah, ich verstehe«, sagte Mick, der aufmerksam zugehört hatte. »Die Moral von der Geschichte ist, dass die ruhelosen Seelen, die weder in den Himmel noch in die Hölle dürfen, herumirren und somit ihre Sünden abbüßen.«

»Yes«, sagten die drei im Chor. »Have a spooky Halloween!«

Samhain (Der Totengott)

Wir kennen dieses Fest als Halloween. Kinder verkleiden sich, um die bösen Geister zu vertreiben, läuten an Türen und rufen: »Süßes oder Saures?« Das Fest hat für die Iren eine große Bedeutung. Es wird auch als keltisches Silvester bezeichnet. Es beginnt am 31. Oktober.

Die Erde ruht sich aus, um im Frühling neues Leben hervorzubringen. Die Christen gedenken an diesen Tagen ihrer Toten. Für die Kelten war diese Nacht der Wechsel der Jahreszeiten, die Welt der Lebenden und Toten lag eng beieinander. Zum Schutz vor bösen Geistern verkleideten sie sich furchteinflößend. Im Laufe der Zeit nahm das Fest christlichen Charakter an. Es kamen Ostern und der Valentinstag hinzu.

Aus Samhain wurde Halloween, abgeleitet von All-Hallows-Eve. Papst Gregor IV. verschob 837 das Fest auf den 1. November, das besonders in katholischen Gebieten, Irland ist überwiegend katholisch, gefeiert wurde. Heute befürchtet die Kirche, dass das Fest immer mehr verweltlicht wird und der eigentliche Charakter, Ehrung der Toten, verloren geht.

Es gibt weitere Bräuche:

Wenn zwei Nüsse nach dem Rösten aneinanderkleben, bleibt das Paar für immer zusammen.

Gießt man Eiweiß in heißes Wasser, erfährt man, wie viele Kinder man bekommt.

Wenn man vom Friedhof kommt, soll man Mehl und Korn verstreuen. Das erleichtert den Verstorbenen, den Weg nach Hause zu finden.

Viele Mythen ranken sich um die vier großen keltischirischen Feste:

Samhain, Vorabend des 1. November

Imbolc, 1. Februar

Beltane, 1. Mai

Lughnasadh, 1. August

Um Kontakt mit den Ahnen aufzunehmen, köchelte man einen Sud aus Fliegenpilzen. Man wollte Zugang zu den Wesen der anderen Welt erhalten.

Allerheiligen

Samhain ist ein heidnisches Fest, Allerheiligen ein christliches, das im 8. Jahrhundert in Italien eingeführt wurde. Samhain war noch unbekannt. Viele Menschen feiern dieses Fest immer noch. »Hexen« folgen alten Bräuchen der Kelten.

Mallow (irisch Mala)

Südwestlich im County Cork gelegen. Die Stadt liegt am Blackwater River und ist Verwaltungssitz des Nordens. In der Stadt kam es immer wieder zu Streitigkeiten, da die Eisenbahnverbindungen von der IRA unterbrochen wurden. Sie wollten Truppentransporte nach Mallow verhindern, da es in dem Ort eine britische Kaserne gab.

Etwas außerhalb von Mallow kann man auf einem Hügel sechs Steinreihen (Beenalaght) besichtigen. Ein Besuch lohnt sich auch bei dem Mallow Castle. Das Schloss ist noch gut erhalten. 1689 brannte es – aus den alten Steinen wurde es wieder neu errichtet. Die imposanten Türme des »Short Castle« enthalten die Grundmauern einer Festung.

In Mallow findet man ein ehemaliges Badehaus, ein Uhrenhaus und einen Brunnen mit Hundeköpfen. Zwei Kirchen laden zum Verweilen ein: St. James und St. Mary. An der Hauptstraße stehen schöne Häuser mit imposanten Erkerfenstern.


Mallow, Uhrenhaus

Zutaten:

500 g Rinderhackfleisch

2 große, rote Zwiebeln

1 kleines Glas trockenen Rotwein

4 Scheiben geräucherter Gouda oder irischer Cheddar

1 große Fleischtomate

4 Brötchen

1 Becher Sour Cream

1 EL Senf

1 TL Honig

2 Gewürzgurken

2 TL Apfelessig

Dill

1 Packung Frühstücksspeck

Butter

BBQ-Sauce

2 TL Limettensaft

Salz, Pfeffer, Zucker

Zubereitung:

Das Hackfleisch zu vier gleichen Patties (Laibchen) formen. Die Patties sollten circa 1/3 größer sein als die Brötchen, da sie sich beim Braten zusammenziehen. Zudecken und beiseitestellen. Ofen auf circa 80 Grad Umluft vorheizen.

Für das Relish die Gurken und den Dill fein hacken und mit Senf, Honig, Limettensaft, Essig sowie jeweils einer Prise Salz, Pfeffer und Zucker gut mit der Sour Cream verrühren.

Tipp: Auch etwas Gurkenwasser dazugeben. Kalt stellen.

Die roten Zwiebeln und die Tomate in nicht zu breite Scheiben schneiden.

Einen Teelöffel Butter in eine kleine, beschichtete Pfanne geben und darin die Zwiebeln glasig anbraten. Mit einer Prise braunem Zucker bestreuen, kurz karamellisieren lassen und dann mit Rotwein ablöschen. Bei kleiner Hitze einköcheln lassen, bis die Zwiebeln eine satte Farbe angenommen haben und der Rotwein verkocht ist. Warm stellen.

In einer großen, beschichteten Grillpfanne einen halben Esslöffel Butter heiß werden lassen und darin die Patties von beiden Seiten gute 2 Minuten braten, damit sie Farbe annehmen. Dann aus der Pfanne nehmen und jeweils mit buntem Pfeffer und etwas Salz würzen. Anschließend auf jedes Patty eine Scheibe Käse legen, in den Ofen stellen, bis der Käse zerlaufen ist.

Pro Burger 2 Scheiben Bacon im heißen Bratfett braten, herausnehmen und auf Küchenkrepp gut abtropfen lassen. Brötchen toasten.

Die Patties aus dem Ofen nehmen. Brötchen wie folgt belegen (von unten nach oben): ein Esslöffel Relish, Fleisch mit Käse, Bacon, ein Esslöffel BBQ-Sauce, karamellisierte Rotweinzwiebeln, zwei dünne Scheiben Tomate. Am Ende evtl. noch eine Winzigkeit Relish. Anschließend zuklappen.

Stout, schwarzes, obergäriges Bier, Alkoholgehalt drei bis zehn Prozent, Schaumkrone.

Das bekannteste Stout ist das Guinness aus Dublin. Guinness wird aufs Festland exportiert, hat einen höheren Alkoholgehalt. Es schmeckt auch ein wenig anders und ist etwas teurer. Das Extra-Stout hat einen kräftigeren, bitteren Geschmack. Allgemein kann man sagen: Je geringer der Alkoholgehalt, desto intensiver ist der Geschmack.

»O« in irischen Namen

Viele Iren haben während der großen Hungersnot im 19. Jahrhundert das ›O‹ in ihrem Namen an die Engländer verkauft. Aus O’Sullivan wurde Sullivan, aus O’Mally nur noch Mally. Die Iren, die dies taten, nannte man »Soup souls«.

Tullamore Dew

Im Ort Tullamore wurde 1829 das erste Mal ein Whiskey gebrannt. Die Brennerei wurde von Michael Molloy gegründet. Der Besitz ging im Jahre 1857 an den Neffen Bernard Daly über. 14 Jahre war er alt, als der spätere Hauptgeschäftsführer Daniel Edmond Williams seine Ausbildung zum Whiskey-Brennmeister absolvierte. Er fügte seine Initialen D.E.W. hinzu. Der erste Werbeslogan war »Give every man his Dew«. Durch gezielte Marketing-Maßnahmen schaffte es Desmond Williams, ein Enkel, den Whiskey auf dem Weltmarkt zu etablieren. Nach Jameson ist Tullamore Dew die zweitgrößte irische Whiskey-Marke. Anfänglich sah man das Bild eines »Red jug, Roter Krug« als Logo auf den Whiskeyflaschen. Seit 1950 sind es zwei Wolfshunde. Sie sollen »Treue und Mut« verkörpern, die besten Eigenschaften der Iren. 2005 gewann der Whiskey eine Trophäe, die International Spirit Challenge. William Grant & Sons sind die Eigentümer von der Marke Glenfiddich, einem schottischen Single Malt Whiskey. Seit 2010 gehört dieser Firma die Marke Tullamore.

*

Mögest du Ruhe finden, wenn der Tag sich neigt, und deine Gedanken noch mal die Orte aufsuchen, an denen du (heute) Gutes erfahren hast. Auf dass die Erinnerung dich wärmt und gute Träume deinen Schlaf begleiten.

(Irischer Segensspruch)

*


Kevin, Ian, Daniel und Mick waren die ersten Gäste im Franciscan Well. Es war früher Abend.

»Heute gibt’s Coddle«, flötete Molly, die Kellnerin übertrieben.

»Noch nie gehört«, meinte Mick.

»Das ist ähnlich wie Kartoffelsuppe mit Würstchen und Speck. Ist zwar ein nordirisches Gericht, aber es schmeckt trotzdem.«

»Na, dann nehme ich das doch mal. Bei der Kälte tut eine warme Suppe gut.« Die anderen nickten ebenfalls.

Sie plauderten über dies und das, schimpften ein bisschen über die Politik und dass alles teurer geworden war. Ians Mund verzog sich.

»Was erheitert dich so?«, meinte Mick.

»Mir ist gerade ein blöder Witz eingefallen. Typisch irisch.«

»Dann will ich ihn hören.« Mick stützte die Hände auf den Tisch und sah Ian neugierig an.

»Also gut, hört zu: Zwei Männer sitzen nebeneinander in einer Bar. Nach einer Weile schaut einer den anderen an und sagt: ›Ich kann mir nicht helfen, aber ich habe den Eindruck, du kommst aus Irland.‹ Der andere Kerl antwortet stolz: ›Ja, da komme ich her!‹ Der Erste wieder: ›Ich ebenso! Und von wo in Irland kommst du?‹ Der andere Kerl gibt zurück: ›Ich komme aus Cork.‹ Der Erste wieder: ›Ja verdammt, ich auch! In welcher Straße hast du gelebt?‹ Der andere Kerl antwortet: ›In einer ganz tollen Gegend. Ich lebte in der MacCurtain Street.‹ Der Erste sagt: ›Ja, glaubt man es denn, was für eine kleine Welt, ich auch! Welche Schule hast du besucht?‹ Der andere wieder: ›Ich war natürlich auf der St. Mary’s School.‹ Der Erste ganz aufgeregt: ›Ich auch! Sag mir, in welchem Jahr hast du deinen Abschluss gemacht?‹ Der andere Kerl antwortet: ›Das war im Jahr 1964.‹ Der Erste ruft freudig: ›Der liebe Gott muss auf uns herunterlächeln! Ich kann unser Glück kaum glauben, dass wir heute Nacht in derselben Bar aufgetaucht sind. Glaub es oder nicht, ich habe auch 1964 die St. Mary’s School abgeschlossen.‹ Zur selben Zeit geht die Tür auf, ein anderer Typ kommt herein, setzt sich und bestellt ein Bier. Der Wirt kommt kopfschüttelnd herüber und murmelt: ›Das scheint eine lange Nacht zu werden. Die Murphy-Drillinge sind mal wieder betrunken.‹«

Die drei lachten schallend. Selbst Ian, der den Witz zum Besten gegeben hatte, musste mitlachen. Er sah Molly vorbeihuschen, hob vier Finger, sie nickte und wenige Minuten später standen vier Tullamore auf dem Tisch. Das Zeichen, um mit der Geschichte des Abends zu beginnen.

Mick ergriff das Wort und merkte an: »Ich weiß schon, warum ich nicht tanze. Eine unnatürliche Art der Fortbewegung.«

»Und nun kommen wir zum Höhepunkt des heutigen Abends! Damenwahl!« Der Conférencier des bekannten Tanzcafés in Glengarriff, »The lonely corn« – »Zum einsamen Hühnerauge«, säuselte ins Mikrofon und gab der Band das Zeichen für eine sehr langsame Rumba. Gleichzeitig wurde das Licht abgedimmt, sodass eine schummrige Atmosphäre entstand.

*

Mick nippte an seinem Glas. »Ihr müsst wissen, dass die Tanzfreudigen von weit her nach Glengarriff kommen. Es ist ja nur einige Kilometer von Bantry entfernt. Durch den Ort schlängelt sich eine lang gezogene Straße. Links und rechts sind Pubs, auch ein paar nette Geschäfte laden zum Stehenbleiben ein.« Die vier Kommissare prosteten sich zu.

*

Sehnsüchtig hatte die Damenwelt schon darauf gewartet. Vor allen Dingen die holde Weiblichkeit, die den ganzen Abend über noch nicht zum Tanz aufgefordert worden war, stand in den Startlöchern.

Auch Brigid fieberte diesem Highlight des Abends entgegen. Sie tanzte sehr gerne. Sparsam war sie gewesen, um sich einen Tanzkurs leisten zu können. Dort gab es männliche Hospitanten, die alleinstehende Damen über das Parkett bewegten. Schnell hatte sie sich noch die Nase gepudert und die Lippen mit ihrem rosa Lipgloss nachgezogen. Das Objekt ihrer Begierde saß versteckt hinter einer Säule. Dieser Mann war ihr schon öfter aufgefallen. Er verschwand immer kurz vor der Damenwahl. Aber jetzt, jetzt würde sie ihn auffordern. Eine Abweisung kam nicht infrage. Es galt als ungeschriebenes Gesetz, dass bei einer Damenwahl keine Körbe verteilt werden durften. Ehe das Opfer der Begierde verschwinden konnte, stand Brigid schon vor ihm.

»Darf ich bitten«, sagte sie und versuchte charmant zu lächeln. Dabei zeigte sie rosa schimmernde Zähne. Brigid war die Gabe des Charmantseins nicht besonders gegeben. Dafür sorgten schon ihr harsches Auftreten und ihre herrischen und männlichen Gesichtszüge. Sie hatte den leichten Ansatz eines Bärtchens, kräftige Oberarme, eine stämmige Figur und schwarze Haare an den Unterschenkeln. Auch ihre Stimme klang nicht süß und glockenhell, sondern eher nach einem Reibeisen.

Der Herr stand artig auf, verbeugte sich kurz und führte Brigid auf die Tanzfläche. Er hatte etwas Probleme, seine Hand um ihre wuchtige Taille zu legen, deshalb ruhte diese auf der Hüfte. Galant schwenkte er sie über das Parkett, wich geschickt ihren großen Füßen aus.

»Ich heiße Brigid«, hauchte sie, entzückt, so einen tollen Tänzer gefunden zu haben. Groß und schlank war er, gut gebaut und gelenkig. Er bewegte sich auf dem Parkett so sicher wie Tarzan auf einer Liane schwingend im Urwald.

»Joey Kilbrides«, antwortete er. »Auf dem Tanzboden werde ich zur Rampensau. Tanzen ist etwas Herrliches und Gnädigste bewegen sich wie eine Zuckermaus in einem Süßwarenladen«, säuselte Joey galant.

Brigid war ganz rot im Gesicht. So viele Schmeicheleien auf einmal! Das hatte sie schon lange nicht mehr gehört. Zuckermaus hatte er zu ihr gesagt! Die Tanzband spielte einen Cha-Cha-Cha. Trotz ihrer Leibesfülle bewegte sie sich Hüfte schwingend zum Takt. Sie war erstaunt, als Joey in ihr Ohr flüsterte: »Möchten Sie noch ein Glas Wein trinken? Aber nicht hier, sondern bei Oaks, Sie wissen schon, die Kneipe an der Ecke.«

Sie konnte nur freudig nicken. Wie hypnotisiert trabte sie hinter Mr. Kilbrides her, der sie am Arm einhakte und die Straße entlanggeleitete.

Brigids Gesundheitslatschen mit kleinem Absatz saßen etwas zu eng. Mit der Spitze des linken Schuhs versuchte sie, das Fersen-Riemchen des rechten abzustreifen, um ganz aus dem Schuh zu schlüpfen. Sie wollte ihre angeschwollenen Zehen befreien. Der Tritt war wohl etwas zu heftig, denn das Riemchen riss und der Schuh flog in hohem Bogen an eine Plakatwand. Joey brach in schepperndes Gelächter aus.

»Sie sind süß, Brigid! Manch Fußballer würde Sie um diesen Kick beneiden.« Er hielt sich den Bauch vor Lachen. »Nun wollen wir aber noch ein lecker Weinchen trinken, kommen Sie.«

Neugierig sah sich Brigid in dem Lokal um. Es sah leicht plüschig aus und in den Separees saßen Pärchen. Mr. Kilbrides verstand es, amüsant zu plaudern. Brigid wurde mit jeder Minute, die sie mit ihm verbrachte, schmachtender. Ihr Herz stand in Flammen, und wie sie glaubte, beruhte dies wohl auf Gegenseitigkeit. Das bildete sie sich doch nicht ein: die zufälligen Berührungen, der tiefe Blick in ihre Augen, das Nachgießen, wenn ihr Glas fast leer war. Sie schwebte auf Wolke sieben. Die Stunden wurden zu Minuten und sie versank sichtlich in den blauen Augen ihres Galans.

Es war gegen zwei Uhr morgens. Mr. Kilbrides gähnte herzhaft und winkte der Serviererin. Er orderte zwei Irish Rose. Mit leicht säuerlichem Gesicht stellte die Kellnerin die beiden Cocktails hin.

»Hm, fein, ein guter Irish Rose besteht aus 4 cl irischem Whiskey, 1 cl Grenadine und 2 cl Zitronensaft, und natürlich Eiswürfeln«, meinte Joey freudig.

Sie prosteten sich zu. Brigid wollte gerade ihren ganzen Mut zusammennehmen und ihm die Frage »Zu dir oder zu mir?« stellen, als er ihre Hoffnungen abrupt beendete: »Es war ein netter Abend, Zuckerschnecke. Ich muss nun nach Hause. Der Babysitter ist bis halb drei Uhr gebucht. Meine Frau wird auch bald zu Hause sein. Für meine Dienste erlaube ich mir 200 Euro zu berechnen, die auf die Gesamtrechnung, Wein, Cracker, Cocktail und so weiter, gesetzt werden.«

Brigids Augen wurden groß. Mit einem einzigen Schluck kippte sie den Cocktail hinunter. Joey lächelte sie freundlich an, schlürfte in kleinen Schlucken.

Er stand auf und verbeugte sich formvollendet, ergriff Brigids Hände, drückte einen schnellen Kuss darauf. Sie schaute immer noch entgeistert auf ihren abendlichen Begleiter, stupste ihn, sodass er zurück auf die Plüschcouch fiel. Ihr Mund war immer noch weit geöffnet, als sie fluchtartig das Lokal verließ. Sie stolperte mehr, als sie ging. Um abzukürzen, nahm sie den Weg durch den Hafen. Sie sah weder die Geschäfte noch Restaurants, noch kümmerte sie sich um Liebespaare, die in den Ecken knutschten.

Endlich war sie zu Hause.

»So ein unverschämter Kerl! Wie konnte ich auf dieses Gesäusel hören.«

Sie fiel in unruhigen Schlaf, träumte wild.

Es dauerte eine Weile, bis sie das unangenehme Geräusch identifizieren konnte, das da in ihre unruhigen Träume vordrang. Sie war mit Kleidung und Make-up eingeschlafen. Jemand läutete penetrant an der Haustür.

Dem uniformierten Polizisten, der da an der Tür stand, zeigte sich das Gesicht einer faltigen Mittvierzigerin, deren Schminke deutliche Spuren auf ihrem Gesicht hinterlassen hatte. Die Augen waren verquollen, das Kleid saß schief auf den Hüften, eine große Laufmasche zierte einen Strumpf.

»Miss Brigid Walker? Ich verhafte Sie wegen versuchten Mordes an Mr. Joey Kilbrides.«

Brigid ließ sich einfach auf den Boden plumpsen, so überrumpelt war sie. Welche Ungeheuerlichkeit!

»Auf Toilette darf ich aber schon noch gehen, hä?«

»Meine Kollegin wird Sie begleiten.«

Erst jetzt sah Brigid, dass hinter dem Beamten eine weibliche Person stand. Brigid wusch sich Gesicht und Hände, schlüpfte in einen Trainingsanzug und ließ sich dann widerspruchslos mitnehmen. Auf der Garda wurde ihr mitgeteilt, dass Joey Kilbrides, kurz nach ihrem Aufbruch aus dem Pub, tot zusammengesackt war. Die Obduktion hätte eine Vergiftung ergeben. Ob sie etwas dagegen hätte, wenn man ihr Blut abnähme?

*

»Wir haben ihr Blut abgenommen. Sie hatte immer noch 1,2 Promille«, sagte Mick.

»Und habt ihr sonst noch etwas gefunden?« Ian war sehr interessiert.

»Sie hatte ebenfalls Gift im Körper.«

Daniel und Mick sahen sich an, blickten dann fragend zu ihren Kollegen.

»Wie kann so etwas sein? Beide sollten wohl vergiftet werden, aber nur einer stirbt. Da sind wir jetzt gespannt, wie es weitergeht.«

»Die Serviererin im Oaks hatte die Ambulance gerufen, nachdem sie vergeblich versucht hatte, Joey aufzuwecken. Er war auf der Plüschcouch einfach zusammengesunken. Der Notarzt stellte den Tod fest und rief die Garda. Leider hatte die Serviererin Ruth Gordon die Gläser schon abgeräumt und auch abgespült.«

»So ein Pech aber auch«, warf Kevin ein.

»Die wollte wahrscheinlich nach Hause. War ja schon spät«, meinte Ian.

»Unserem Rechtsmediziner, Dr. Kelly, ist aber trotzdem etwas aufgefallen. Auf der Tischplatte waren ein paar Spritzer. Die hat er aufgefangen und untersucht.«

Ian und Kevin sahen Mick und Daniel neugierig an.

*

Zwei Damen saßen im Verhörraum der Garda in der Kyrills Street. Eine Polizeibeamtin stand gelangweilt in der Ecke. Die Damen würdigten sich keines Blickes. Jede starrte stumpf vor sich hin. Brigid hatte sich in eine bunte Leggings gezwängt und ein schwarzes weitschwingendes Oberteil darübergezogen. Diesmal hatte sie auf Make-up verzichtet. Ihre Finger kneteten nervös ein Taschentuch. Da wollte sie nur einen schönen Abend verbringen, war den Schmeicheleien eines Gigolos aufgesessen und dann verdächtigte man sie auch noch, ihn umgebracht zu haben. Die Beamten hatten keinerlei Gift in ihrer Wohnung gefunden. Das beruhigte sie.

Die andere Dame war zierlich, ihre blonden Haare hatte sie zu einem Knoten gebunden. Das Gesicht war blass. Sie fingerte ebenfalls hibbelig in ihrer Tasche umher. Gar zu gerne hätte sie geraucht. Das Schild an der Wand war eindeutig. Ein Strich durch die Zigarette zeigte an, dass nicht geraucht werden durfte.

»Miss Walker«, sagte Mick, »Mr. Kilbrides hat Ihnen zu verstehen gegeben, dass der Abend auf Ihre Rechnung ging. Die Avancen kosteten Geld. Wussten Sie, dass er ein Callboy war?«

»Nein, woher denn?«

»Und Sie, Miss Gordon?«

Ruth Gordon druckste verlegen herum. »Ich wusste es. Joey hat seine Eroberungen zum Abschluss des Abends immer ins Oaks gebracht.«

»Sie!«, fuhr Brigid auf. Sie stand abrupt auf, sodass der Stuhl nach hinten umkippte. Die Polizeibeamtin, die einen Schritt auf Brigid zugemacht hatte, konnte gerade noch verhindern, dass deren Faust in Ruths Gesicht landete.

»Hinsetzen«, sagte Mick barsch.

»Dann haben Sie also fast täglich mitbekommen, was Joey so trieb. Haben die Damen anstandslos bezahlt?«

»Immer«, bestätigte Ruth, »die Blöße wollten sie sich wohl nicht geben.«

»Sie waren verliebt in Joey, nicht wahr, Ruth?«, brachte sich Daniel ins Gespräch. Er hatte die ganze Zeit über, mit einem Fuß an der Wand abgestützt, in einer Ecke gestanden und hatte die Szenerie neugierig beobachtet.

Ruth senkte den Kopf, sagte nichts.

»Sie haben ihn umgebracht. Und dabei haben Sie in Kauf genommen, dass auch Miss Walker sterben könnte.«

Ruth begann zu weinen, erst leise, dann bekam sie Schluckauf. »Dieser Schuft, wie oft hat er mir gesagt, dass er mich, nur mich liebt. Die Frauen würden ihm nichts bedeuten. Die würden seinen Lebensunterhalt bestreiten.«

»Und als Sie dann hörten, dass Joey eine Frau und sogar ein Kind zu Hause hat, da ist etwas in Ihnen kaputtgegangen«, sagte Mick.

Sie schwieg.

»Sie haben alles vorbereitet, haben Mr. Kilbrides also vorsätzlich getötet.«

Ein kurzes Aufbäumen, dann sagte Ruth patzig: »Das müssen Sie mir erst einmal beweisen.«

»Nichts leichter als das. Sie haben das Alkaloid aus Zigaretten isoliert und dann in Wasser aufgelöst und zu Eiswürfeln gefrieren lassen. Brigid hat ihren Irish Rose in einem Zug getrunken, dadurch hat sie wenig Gift aufgenommen. Joey ließ sich Zeit, sodass die Eiswürfel geschmolzen sind. Er hat die volle Dosis abbekommen.« Daniel stand ganz dicht an Ruth, sah, wie sie zusammenzuckte.

»Bei Ihrer Vernehmung, Brigid, sagten Sie aus, dass Mister Kilbrides von Frau und Kind sprach. Deshalb waren Sie so entsetzt. Das haben Sie auch gehört, Miss Gordon. Bei dieser Äußerung ihres Freundes war Ihnen klar, dass Joey sie niemals heiraten würde.«

Daniel nickte in Richtung der Beamtin, die daraufhin zu Ruth trat und sie sanft am Ellbogen abführte.

*

»Die war ganz schön ausgekocht«, meinte Ian. »Ich weiß jetzt wirklich nicht, wer mir mehr leidtun soll. Brigid, die ein bisschen Glück haben wollte und auf einen Gigolo reinfiel, oder Ruth, die auch ein bisschen Glück haben wollte und ebenfalls auf einen Schürzenjäger reinfiel.«

»Ihr habt den Fall toll gelöst«, meinte Kevin. »Auf die Sache mit den Eiswürfeln muss man erst mal kommen.«

»Daniel sind doch die Flecken auf dem Tisch aufgefallen, und die haben wir untersuchen lassen. In diesen Tropfen war das Gift drin.« Mick lachte breit.

»Trotzdem, tanzen – never!«

*

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Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
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194 стр. 57 иллюстраций
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9783941935785
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