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Ursula Kampmann
Menschengesichter
Götter, Herrscher, Ideale – das Antlitz des Menschen im Münzbild
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E-Book 2013
© Conzett Verlag by Sunflower Foundation
Als Printausgabe 2005 bei MoneyMuseum by
Sunflower Foundation/Oesch Verlag erschienen
www.conzettverlag.ch
www.sunflower.ch
Fotos: Studio Lübke & Wiedemann, Stuttgart
ISBN 978-3-03760-022-1
eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
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Inhalt
Vorwort
Kopf oder Zahl?
Im Namen der Götter
1. Göttervater Zeus in Olympia
2. Athena und Athen
3. Die Quellnymphe Arethusa
4. Philipp II. als Hegemon Griechenlands
5. Griechische Kunst – keltische Kunst
6. Die 30 Silberlinge
Wie der Mensch ins Münzbild kam
7. Alexander der Grosse
8. Ein Leichnam wird entführt
9. Der Kampf Makedoniens gegen Rom
10. Im Angesicht des Feindes
11. Die Iden des März
12. Augustus, Friedenskaiser oder Massenmörder?
13. Der einzige aussenpolitische Erfolg des Nero
14. Weltbürger Hadrianus
15. Ein rauschgiftsüchtiger Kaiser
16. Der Brudermord des Caracalla
17. Wer soll was bezahlen?
18. Ein Bild von einem Kaiser
19. Der Heilige der Heiden
20. Eine antike Power-Frau
21. Wo ist Gott?
Das Abbild der göttlichen Ordnung
22. Das Kind aus Apulien
23. Der Beginn der Rosenkriege oder der untätige König
24. Eine Frau als Herrin von Zürich
25. Der Heilige von Halberstadt
26. Viva il popolo
Der Fürst und sein Gesicht
27. Stupor Mundi
28. Ein Kampf um Sizilien
29. Der Doge, machtloser Herrscher eines mächtigen Reichs
30. Der Hercules von Ferrara
31. Die Condottieri, Gewinner in jedem Krieg
32. Mord in Mailand
33. Il Moro und Leonardo
34. Der «schreckliche» Papst
35. Ein Mädchen sucht sich einen Mann
36. Der Kaiser, in dessen Reich die Sonne nie unterging
37. Franz I. und die «Ungläubigen»
38. Heinrich VIII. und die zweite seiner sechs Frauen
39. Wie viel kostet die Macht?
40. Die Königin der Piraten
41. Augsburg im Dreissigjährigen Krieg
42. Der Herzog von Friedland
43. Der sparsame Sonnenkönig
44. Die Flucht nach Varennes
Neue Köpfe für eine neue Welt
45. Die Geburt der Freiheit
46. «Rufst du, mein Vaterland»
47. Das frivole Vreneli
48. Simón Bolivar, der Freiheitsheld von Südamerika
49. Hindenburg
50. Ein Dichter für Italien
Index
Vorwort
Menschengesichter auf Münzen – welch wechselvolle Geschichte! Denn immer wieder ändern sich im Laufe der Zeit Stellenwert und Darstellung von Köpfen auf Münzen. Die ersten Wesen mit einem menschlichen Antlitz auf Münzbildern sind antike Götter. Ihnen folgen Porträts von Herrschern, die sich entweder als idealisierter Halbgott inszenieren oder als stiernackiger Macho – bis sie ihren Kopf schliesslich gar nicht mehr fürs Geld hinhalten und Personifikationen moderner Ideale Platz machen. Doch stets bleibt das Münzbild Spiegel für Machtverhältnisse und Weltanschauungen, für den Stand und manchmal die ureigene Physiognomie einer Person.
Den Anstoss zu dieser Studie der Historikerin Ursula Kampmann über die Geschichte des menschlichen Antlitzes auf Münzen gab die Münzsammlung des MoneyMuseums. Ihre Strahlkraft und ihre geheimen Botschaften möchte ich mit anderen teilen und sie einem Laien- wie Fachpublikum immer wieder unter einem anderen Blickwinkel zeigen.
Dankend erinnern wollen wir uns an (den verstorbenen) Dr. Leo Mildenberg, den herausragenden Numismatiker, der uns mit seinem weisen Rat zu vielen numismatischen Kostbarkeiten aus der Antike verholfen hat. Apropos Kostbarkeit: Nicht der höchste Preis, das teuerste Stück bestimmt die Auswahl des MoneyMuseums, was zählt, sind Aussagekraft und künstlerische Ausstrahlung einer Münze.
Jürg Conzett
Gründer MoneyMuseum
Kopf oder Zahl?
Es ist eine altbekannte Situation: Zwei Menschen können sich nicht entscheiden, wer von ihnen eine bestimmte Aufgabe ausführen muss. Kopf oder Zahl?, heisst es dann, eine Münze wird geworfen, und der Zufall entscheidet, ob ihre Bild- oder ihre Wertseite oben liegt. Dies, obwohl längst nicht mehr auf allen Bildseiten Köpfe dargestellt sind. Im Gegenteil, unser ikonographisches Selbstverständnis ändert sich, weg vom menschlichen Angesicht auf Münzen, hin zu Blumen, Bauten oder Symbolen. Bei den Euromünzen – 2002 eingeführt und damit jüngstes Studienobjekt – sind lediglich auf weniger als einem Drittel aller Bildseiten Köpfe zu sehen. Unsere modernen Demokratien scheinen im eindeutig identifizierbaren Mensch kein Identität stiftendes Symbol mehr zu sehen.
Gerade in Zeiten der Veränderung, in denen jeder das Alte noch kennt und das Neue schon gesehen hat, ist der beste Moment, nach dem Warum zu fragen. Warum also galt uns der Kopf jahrhunderte-, nein, jahrtausendelang als das Motiv einer Münzseite? Und warum hat sich dies in den letzten 200 Jahren geändert?
Im Namen der Götter
Als die Münze in unserem heutigen Sinne irgendwann gegen Mitte des 7. Jahrhunderts v. Chr. in Kleinasien, vielleicht in Lydien, erfunden wurde, dachte noch niemand daran, auf ihr ein menschliches Antlitz darzustellen. Die Prägeherren schmückten die Vorderseiten ihrer Münzen mit dem, was wir heute als Wappen bezeichnen würden: mit Symbolen, die ein Benutzer mit der Familie des Prägeherrn oder der prägenden Stadt in Verbindung brachte. Zweck dieser frühen Darstellungen war es, mit dem Bild den exakten Wert des abgewogenen Stückes Metall quasi zu garantieren.

Samos (Ionische Insel). Elektronhekte, 600–570 v. Chr. Löwenkopf von vorne in einem Kranz (?). Rs. Unregelmässig vertieftes Quadratum incusum um Mittelpunkt.
Die Bilder änderten sich erst, als im Verlauf der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts v. Chr. die griechischen Städte die Münze für sich entdeckten. Erst in dieser zweiten Phase gewann das kleine, abgewogene Stückchen Metall seine epochale Bedeutung: Es wurde nicht mehr als eine genormte und garantierte, wertvolle Handelsware benutzt, sondern als ein Massstab, mit dem jeder Gegenstand und jede Tätigkeit hinsichtlich des Wertes gemessen werden konnte. Damit veränderte sich die Welt drastisch. Arbeitsteilung und Kleinhandel entstanden. Die Demokratie in ihrem klassischen Sinn wurde vorbereitet.
Die Münze gehörte zu den städtisch geregelten Angelegenheiten. Sie galt – wie die Gesetze oder die Längen- und Hohlmasse – für die gesamte Stadt, und mit ihr identifizierte sich auch die ganze Stadt. Somit musste das Münzbild ebenfalls etwas sein, in dem sich alle Bürger einer Stadt wiederfanden.
Zumeist bezogen sich die Darstellungen auf das besondere Verhältnis, das eine Stadt zu bestimmten göttlichen Mächten hatte. Jede Stadt besass ihr eigenes Pantheon, überall wurde eine andere Auswahl von Göttern, Naturmächten und Heroen verehrt. Die wichtigste Gottheit einer Stadt musste nicht unbedingt mit Zeus zusammenfallen, den wir als den Obersten der griechischen Götter kennen. Im Gegenteil, jede göttliche Macht konnte zur wichtigsten aufsteigen, wenn sie durch ihr als real empfundenes, im lokalen Mythos überliefertes Eingreifen gezeigt hatte, dass sie bereit war, für das Wohlergehen der Bürger Verantwortung zu übernehmen. Das konnte sich ausdrücken durch ein «Geschenk» an die Stadt oder durch Hilfe in Gefahr. Durch ihren einmal gewährten Beistand schloss die Gottheit mit allen Bürgern der Stadt einen ganz besonderen Bund, der ihr die Verehrung der Polis einbrachte, wofür sie sich mit ihrer fortdauernden Unterstützung bedankte.
Deshalb sind auf den archaischen Münzen häufig Symbole der wichtigsten Götter einer Stadt zu sehen. So bedeutete eine Ähre für den Bewohner Metaponts eben nicht nur eine Ähre, sondern den komplizierten Vorgang des Säens, Wachsens und Erntens, den die Göttin Demeter beschützte, die Metapont durch reiche Ernten besonders beschenkte.

Metapont (Lukanien). Stater, um 520 v. Chr. Ähre mit langen Grannenhaaren. Rs. Ähre inkus.
Die Bürger von Gela dagegen, deren Stadt an der Mündung eines Flusses lag, wussten genau, dass sie ihren Wohlstand dem ruhig und gleichmässig fliessenden Gewässer verdankten, dem sie den gleichen Namen gegeben hatten wie ihrer ganzen Stadt. Brachte der aus dem Gebirge kommende Fluss auch im Hochsommer noch genug Wasser, um die Felder zu versorgen? Stieg im Frühjahr der Pegel nur auf das gewohnte Mass? Oder überfluteten die Wassermassen, die durch das Flussbett nicht mehr gezähmt werden konnten, die bewohnten Gebiete? Solche Sorgen und Fragen waren es, die dem Flussgott die besondere Verehrung der Stadtgemeinschaft von Gela eintrugen. Und ihn wählte sie, um sich als Ganzes im Münzbild darzustellen. Sie gab ihm dabei keine reale Gestalt, sondern versuchte, im Bild des Stieres die doppelte Wirkungsweise des Gottes einzufangen: Inbegriff der Fruchtbarkeit und furchtbar in seiner ungezähmt dahin stürmenden Gewalt.

Gela (Sizilien). Didrachmon, 490–480 v. Chr. Nackter Reiter n. r. galoppierend. Rs. Das Vorderteil des Flussgottes Gelas als menschengesichtiger, bärtiger Stier n. r. gelagert.
In Akragas dagegen wurde Zeus verehrt. Ihm baute man einen prachtvollen Tempel, dessen Ruinen Besucher der Stadt Agrigento heute noch bestaunen. Ihm reservierten die Bürger von Agrigento auch eine der beiden Seiten ihrer Münzen. Sie stellten Zeus in seiner Wirkungsweise dar: Er, der Oberste aller Götter, war es, der das menschliche Schicksal in den Händen hielt. Er konnte das Dasein jederzeit ohne Vorwarnung zerstören, genauso wie der Adler jederzeit aus den Höhen des Himmels hinabstossen konnte, um die sich auf einem Felsen sonnende Schlange zu packen und sie zu töten. Zeus war mächtig in dieser Zeit ohne Notfallmedizin und Genfer Konvention. Das Schicksal der Stadt Akragas ist dafür ein gutes Beispiel: Kurz nachdem die hier gezeigte Goldmünze geprägt wurde, eroberten die Karthager die Stadt und zerstörten sie.
Akragas (Sizilien). Notprägung einer Tetradrachme in Gold, 406 v. Chr. Adler n. l., in seinen Krallen eine Schlange haltend, im Begriff, mit dem Schnabel auf die sich noch windende Schlange einzuhacken. Rs. Krabbe.
Zeus war aber nicht nur der Zerstörer, der Vernichter, er konnte auch auf andere Art und Weise wirken. Er schenkte zum Beispiel den Sieg im Wettspiel oder im ernsthaften Kampf und machte damit aller Welt klar, wer in seiner Gunst stand.
Aber langsam, über Jahrhunderte hinweg, veränderte sich das Weltbild der Griechen. Wobei die Entwicklung nicht stetig dahinfloss, sondern sich die verschiedenen Vorstellungen – und natürlich auch die unterschiedlichen Bilder auf Münzen – generationenlang nebeneinander hielten. Zunächst waren es nur einige wenige, die erkannten, dass nicht die Götter das menschliche Schicksal bestimmten, sondern dass es jedem einzelnen gegeben war, sein Leben nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten. Zwar anerkannte jeder die Macht, die als Schicksal, oberste Gottheit, olympische Götter oder wie immer man sie nennen wollte, ins irdische Dasein eingreifen konnte, zwar praktizierten die Bürger noch jahrhundertelang die überlieferten städtischen Rituale, und trotzdem wandelte sich das Bild der Götter, sie wurden menschlicher.
Ausdruck davon sind die seit dem letzten Viertel des 6. Jahrhunderts v. Chr. auf den Münzen zunehmend als Menschen erscheinenden Gottheiten: Apollon als junger, attraktiver Mann mit langem, wallendem Haar, Dionysos als etwas verweichlichter Geselle, dem man seine Freude an jeder Form von Gelage anzusehen glaubt, Artemis als kurz geschürzte Jägerin mit Pfeil und Bogen, Athena als gewappnete Kriegerin, Hera als erhabene, reife Frau, Aphrodite als der Inbegriff des reizenden Mädchens und Zeus als weiser Mann in den besten Jahren, alleine geeignet, um das Schicksal der Welt zu regieren. Damit hatte das menschliche Antlitz das Münzbild erobert.
Syrakus (Sizilien). Tetradrachmon, um 466 v. Chr. Siegreiches Viergespann mit Wagenlenker im Schritt n. r., darüber fliegende Nike, die Pferde bekränzend, darunter Löwe. Rs. Kopf der Quellnymphe Arethusa im Lorbeerkranz n. r., darum vier Delphine.
1. Göttervater Zeus in Olympia

Olympia. Münze der Hüter des Heiligtums, der Eleer (Peloponnes). Stater, um 360 v. Chr. Kopf des bärtigen Zeus von Olympia mit Lorbeerkranz n. l. Rs. Adler n. r. sitzend.
Heute denken wir bei Olympia sofort an die Olympischen Spiele. Im Geiste sehen wir edle Jünglinge um die Wette laufen oder sich im Ringkampf messen, und doch fing es einst ganz anders an.
Apollon und Herakles sollen in mythischer Vorzeit dem Zeus in Olympia ein Heiligtum eingerichtet haben, in dem ein Sohn des Apollon aus den Flammen des Opferfeuers die Zukunft weissagte. Die Nachkommen dieses ersten Priesters von Olympia begleiteten in historischer Zeit als eine Art Feldgeistliche griechische Heere und Siedler in die ganze damals bekannte Welt. Wir wissen zum Beispiel, dass die Auswanderer, die in Syrakus eine neue Heimat finden sollten, von einem olympischen Priester begleitet wurden, und dass vor der Schlacht von Plataiai, wo im Jahre 479 v. Chr. die vereinten griechischen Streitkräfte die Perser besiegten, ein Priester aus Olympia den Willen der Götter erkundet hatte.
Viele politische Gemeinschaften verdankten dem Zeus von Olympia, der durch seine Priester wirkte und half, ihr Bestehen. Und natürlich revanchierten sie sich. Sie sandten dem Gott reiche Weihgeschenke und schickten anlässlich des alle vier Jahre stattfindenden grossen Festes zu seinen Ehren eine Festgesandtschaft. Und da zu jedem ordentlichen griechischen Fest Wettspiele gehörten, waren in den Wettkämpfen von Olympia natürlich die besten Sportler jeder Stadt vertreten. Das war der Ursprung der Berühmtheit der Olympischen Spiele, die die besten Sportler aus allen von Griechen besiedelten Weltgegenden anzogen.
Das Bild von Zeus, der uns hier als bärtiger Mann in seinen besten Jahren entgegentritt, ist beeinflusst durch die berühmte Darstellung des Zeus, die Phidias Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. für den Tempel von Olympia schuf. Diese Gold-Elfenbein-Statue, die übrigens nie ein verehrtes Kultbild, sondern lediglich eine kostbare Weihegabe an den olympischen Zeus war, zählte in der Antike zu den sieben Weltwundern. Unzählige Griechen sahen sie. Sie alle waren von ihr so beeindruckt, dass sich bald niemand mehr in Griechenland Zeus anders vorstellen konnte, als ihn die Statue des Phidias zeigte.
2. Athena und Athen

Athen. Tetradrachmon, um 450 v. Chr. Kopf der Göttin Athena mit Helm n. r., auf dem Helmkessel Palmette und drei schmückende Blätter vom Olivenbaum. Rs. Eule n. r. sitzend, dahinter Zweig vom Olivenbaum mit Blättern und Frucht sowie Mondsichel.
Ein in der Antike weithin bekannter Mythos erzählt, wie Athena zur Beschützerin von Athen wurde: Einst stritten sich die Götter Poseidon und Athena, wer Attika besitzen solle. In bester griechischer Tradition beschlossen sie, durch einen Zweikampf zu entscheiden, wer in Zukunft die dort wohnenden Menschen schützen dürfe und dafür von ihnen Opfer bekommen sollte. Wer den Athenern das bessere Geschenk machen könne, der würde Schutzgottheit Attikas sein. Poseidon stiess seinen Dreizack in den felsigen Grund und liess eine Quelle aufsprudeln, Athena aber schenkte den Olivenbaum, in der Antike eines der wichtigsten Kulturgewächse überhaupt. Aus seinen Früchten wurde das Öl gepresst, mit dem die Griechen ihre Speisen kochten, den Körper pflegten und die Nacht erhellten. So fiel die Entscheidung leicht: Athena wurde die wichtigste Schützerin Athens. Was – zumindest nach antiker Vorstellung – auch der Göttin Vorteile brachte. Denn Athen war eine reiche Stadt, die über die Mittel verfügte, ihre Stadtgottheit durch prächtige Weihegeschenke, reiche Opfergaben und grosse Prozessionen zu ehren. Das Verhältnis zwischen Stadt und Schutzgottheit wurde damals nämlich als eine Art Vertrag verstanden, bei der die Gottheit nur so lange verpflichtet war, ihre Hilfe zu gewähren, wie sie von den ihr anvertrauten Bürgern die ihr zustehende Verehrung erhielt.
So ist Athena auf dieser Münze dargestellt als die Göttin, die durch ihr Geschenk den Athenern in der Vergangenheit eine grosse Wohltat erwiesen hatte und dies in Zukunft weiterhin tun würde. Ihr Helm ist geschmückt mit den Blättern des von ihr geschenkten Baumes, auf der Rückseite finden wir über der Eule, dem heiligen Tier der Athena, einen kleinen Olivenzweig. Diese Wohltaten der Göttin darzustellen, war wichtig, denn erst dadurch wurde Athena, die in den meisten Städten Griechenlands verehrt wurde, als die besondere Schutzgottheit Athens charakterisiert.
Ob es nun die Hilfe Athenas war oder das Silber, das in den attischen Bergwerken bei Laurion gefunden wurde, oder die kompromisslose Machtpolitik der athenischen Demokratie, die Eulen, wie man in der Antike die Prägungen der Stadt nannte, waren Ende des 5. und Anfang des 4. Jahrhunderts v. Chr. die wichtigste Handelswährung im gesamten Mittelmeerraum. Und Athen wurde vor der selbstzerstörerischen Auseinandersetzung mit Sparta im Peloponnesischen Krieg so reich, dass ein heute noch bekanntes geflügeltes Wort entstehen konnte: «Eulen nach Athen tragen».
3. Die Quellnymphe Arethusa

Syrakus (Sizilien). Dekadrachmon, 400–395 v. Chr. Werk des Stempelschneiders Euainetos. Quadriga in einem Wagenrennen n. l. fahrend; der Lenker treibt mit einem Stab seine Pferde zur höchsten Geschwindigkeit an; auch die Götter sind dem Gespann wohlgesinnt, denn sie senden die geflügelte Nike, die dem Wagenlenker den Kranz bringt; in dem durch die Bodenlinie abgetrennten Abschnitt Waffengruppe. Rs. Kopf der Arethusa n. l., das Haar bekränzt mit Schilfblättern; um sie herum vier Delphine, unter dem Delphin am Halsabschnitt Signatur des Künstlers.
Pausanias überliefert in seinem Reiseführer zu den Sehenswürdigkeiten Griechenlands, dass Arethusa einst eine Jägerin gewesen sei, die sich von Alpheios verfolgt sah. Doch ehe der junge Mann das Mädchen vergewaltigen konnte, verwandelten sie die Götter in eine Quelle. In ihrer neuen Gestalt gelangte Arethusa bis zur Insel Ortygia, dem befestigten Zentrum der Stadt Syrakus. Alpheios aber wurde zu einem Fluss und folgte der Entflohenen. Er soll noch heute seine Wasser mit denen der Arethusa mischen und damit reich sprudelndes Süsswasser auf einer ansonsten vom Meerwasser umschlossenen Insel liefern.
Soweit der Mythos, der in historischer Zeit an einen viel älteren Kult anknüpfte. Denn die Verehrung einer Naturgottheit, verkörpert in der Quelle Arethusa, war in Syrakus wesentlich älter. Das Erlebnis, auf einer steinigen Insel, umgeben vom nicht geniessbaren Salzwasser des Mittelmeeres, eine Süsswasserquelle zu finden, die noch dazu ausreichte, um eine kleine Stadt zu versorgen, dies empfanden die Menschen in der Antike als einen göttlichen Gnadenerweis. So wurde Arethusa, die Gottheit, die in der Quelle gegenwärtig war und ihre sprudelnden Wasser den durstigen Menschen schenkte, von Syrakus als eine Staatsgottheit verehrt. Den Bürgern der Polis war sie so wichtig, dass sie die Quellnymphe praktisch von Anfang an auf den Münzen der Stadt abbildeten.
Schon bald wurden Arethusa als Attribut vier um sie herumschwimmende Delphine beigegeben. Diese Tiere waren nicht willkürlich gewählt. Der Delphin galt in der Antike als das Tier, das – von Apoll gesandt – dem Schiff sichere Überfahrt signalisierte. Wichtig für das Gelingen einer weiten Schifffahrt über das Mittelmeer waren vor allem die Häfen, die ein von Stürmen bedrängtes Schiff anlaufen konnte. Und die Götter hatten die Stadt Syrakus wahrlich gesegnet: Gleich zwei Häfen, ein grosser und ein kleiner, boten je nach Windrichtung Schutz vor den Unbilden des Wetters. Im Jahre 734 v. Chr. soll eine Gruppe von korinthischen Kolonisten diesen idealen Platz für eine Siedlung entdeckt und okkupiert haben. Es war also in erster Linie die geografische Lage, durch die Syrakus in sehr kurzer Zeit zu einer der grössten und bedeutendsten Handelsstädte der antiken Welt wurde. Und dies empfanden seine Bewohner als Gottesgeschenk.
Sie stellten auf der Rückseite ihrer Münzen eigentlich ein Abbild ihrer Stadt aus der Vogelsicht dar: Die Quelle Orthygia in der Mitte, umgeben von den ringsum flutenden Wassern des Mittelmeeres.
4. Philipp II. als Hegemon Griechenlands

Alexander III., König der Makedonen (336–323 v. Chr.). Goldstater vom Typus der unter seinem Vater Philipp II. (359–336 v. Chr.) eingeführten Goldstatere, Kolophon (Ionien), 324 v. Chr. Kopf des Apollon mit Lorbeerkranz n. r. Rs. Zweigespann, getrieben vom Wagenlenker n. r. galoppierend, unter den Vorderbeinen der Pferde Münzstättenzeichen: Dreifuss.
Delphi, wo der Gott Apollon den Menschen durch die Pythia den Willen der Götter verkündete, war eines der reichsten Heiligtümer Griechenlands. Unzählige Städte hatten dort wertvolle Weihegaben deponiert. Dieser Reichtum verlockte im Jahre 355 v. Chr. die Phoker, das Heiligtum zu erobern. Bis dahin hatte eine Vielzahl von Städten, zusammengefasst in der so genannten Delphischen Amphiktyonie, über das Schicksal des Orakels bestimmt. Sie erklärte den Phokern den «Heiligen Krieg». Doch da die neuen Herren Delphis über die schier unbegrenzten Mittel des Tempelschatzes verfügten, konnten sie ein riesiges Söldnerheer bezahlen, an dem die Streitkräfte ihrer Gegner immer wieder scheiterten. Erst das Eingreifen Philipps II., König der Makedonen in den Jahren 359 bis 336 v. Chr., brachte die Wende. Auf der Seite der Amphiktyonen trat er in den Kampf ein und zwang die Phoker im Jahre 346 v. Chr. zu kapitulieren.
Natürlich nutzte der ehrgeizige König seinen Sieg. Nicht nur, dass er die strategisch wichtigen Festungen der Phoker mit seinen eigenen Soldaten besetzte und für sich selbst gleich eine Vielzahl an Stimmen im Rat der Amphiktyonen reservierte, was ihm einen enormen Zuwachs an Einfluss brachte. Er nutzte seinen Sieg auch propagandistisch. Hortfunde bestätigen, dass Philipp kurz nach seinem Sieg wohl schon im Jahre 345 v. Chr. einen neuen Münztyp einführte, der auf der Vorderseite das Bild des Herren von Delphi zeigte: Apollon. Bereits im Jahre 357 v. Chr. hatte Philipp die Herrschaft über das Pangeiongebirge im Norden Griechenlands gewonnen, wo ergiebige Goldlagerstätten ausgebeutet wurden. Die Gewinne aus dem Bergbau galt es nun auszumünzen, um mit deren Hilfe die Anhänger der Makedonen in Griechenland zu stärken, und natürlich, um Söldner anzuwerben. Als Münztyp für die Vorderseite wählte Philipp nicht Zeus, der als besonderer Schutzgott der Makedonen galt, oder Herakles, den Stammvater der Argeaden, zu deren Geschlecht Philipp gehörte. Er entschied sich für Apollon, dessen Kopf allen Griechen verkündete, dass Philipp gegen die frevelnden Phoker in den Kampf gezogen war und dass die Götter ihm und der gerechten Sache zum Sieg verholfen hatten.
Dieser Münztyp wurde in der ganzen antiken Welt so beliebt, dass auch der Nachfolger und Sohn Philipps, Alexander der Grosse, ihn weiter prägte. Ja, als Lohn keltischer Söldner gelangten einzelne Stücke sogar bis weit ins Innere Europas, wo zahlreiche keltische Prägungen die Münzen Philipps imitieren.
5. Griechische Kunst – keltische Kunst

Parisii (keltischer Stamm in Frankreich, in der Gegend des heutigen Paris). Goldstater, Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. Stilisierter Kopf n. r., davor Volute, unter dem Kinn Keule (?). Rs. Stilisiertes Pferd n. l., darüber dreieckiges Netz aus Rauten mit Mittelpunkt, darunter Rosette.
Auf den ersten Blick haben sie nicht viel miteinander gemeinsam, die Münze mit dem Antlitz des Gottes Apollon auf der Vorderseite, die wir bei Münztext 4 abgebildet haben, und dieser Goldstater der Parisii, der mehr als ein Jahrhundert später geprägt wurde. Und doch hat sich das an ein abstraktes Kunstwerk erinnernde, schwungvolle Münzbild der Kelten aus den Stateren nach dem von Philipp II. eingeführten Typus entwickelt.
Kennen gelernt haben die Kelten die Münzen durch den Dienst, den sie als Söldner leisteten. Sie waren bekannt als tüchtige Krieger, abgehärtet und zäh, denen der Kampf Freude bereitete. Und so war es für beide Seiten ein guter Handel, wenn Philipp II. oder Alexander der Grosse oder einer seiner Nachfolger einen Trupp dieser geschulten Kämpfer engagierte. Lange vorbei war die Zeit, in der ein griechisches Heer aus dem Aufgebot der waffenfähigen Bürger einer Stadt bestand. Im Soldatenhandwerk hatte eine Spezialisierung eingesetzt und so fanden viele Kelten Sold und Brot in griechischen Diensten.
Und sie trugen – zumindest, wenn sie den Feldzug überlebten – ihren Lohn und damit das Wissen um die Münze überall hin, wo sie zuhause waren. Und bald begann eine eigene Prägung.
Wir wissen nicht viel darüber. Wir können nicht mit letzter Sicherheit sagen, ob einzelne Stämme für bestimmte Stücke verantwortlich zeichneten oder ob Privatpersonen aus uns unbekannten Gründen ihr Gold in Münzen umprägen liessen. Unser Stück wird dem Stamm der Parisii zugeschrieben, weil ein Grossteil der bekannten Exemplare auf dem Gebiet gefunden wurde, wo die Parisii zur Zeit Caesars lebten. Ausserdem ist es doch eine schöne Vorstellung, dass ein Zentrum der Kunst, wie es Paris ist, schon vor mehr als 2000 Jahren eines der bedeutendsten Kunstwerke der keltischen Numismatik hervorbrachte.
Was sich der Stempelschneider aber beim kreativen Akt dachte, warum er die geordnete Haartracht des griechischen Gottes zu einer wilden Lockenpracht umformte, weshalb er in einer Art Horror Vacui jede noch so kleine Fläche des Münzbildes mit Schmuckelementen ausfüllte, wir wissen es nicht – auch wenn natürlich jede Menge Hypothesen darüber umlaufen.
So bleibt uns nichts anderes übrig, als diese Münze als ein Kunstwerk zu betrachten, dessen Botschaft uns heute verloren ist, dessen Schönheit nach über 2000 Jahren aber immer noch zu uns spricht.
6. Die 30 Silberlinge

Tyros (Phönikien). Tetradrachmon, 106 v. Chr. Kopf des Melkarth mit Lorbeerkranz n. r. Rs. Adler auf Schiffsbug n. l. stehend, über seiner Schulter Palmzweig.
Darauf ging einer der Zwölf namens Judas Iskariot zu den Hohepriestern und sagte: Was wollt ihr mir geben, wenn ich euch Jesus ausliefere? Und sie zahlten ihm dreissig Silberstücke. Von da an suchte er nach einer Gelegenheit, ihn auszuliefern.
Mt. 26,14–16
Natürlich können wir nicht mit letzter Sicherheit sagen, wie die 30 Münzen aussahen, die Judas für die Auslieferung Christi erhielt. Die Wahrscheinlichkeit aber spricht dafür, dass es sich um Münzen aus Tyros handelte; mit diesen Münzen nämlich wurde die jüdische Tempelsteuer jahrhundertelang bezahlt.
Melkarth, der auf der Vorderseite unserer Münze abgebildet ist, war die wichtigste Gottheit der phönikischen Stadt Tyros. Er besass einen bedeutenden Tempel dort und erhielt von seinen Gläubigen all die Ehren, die das jüdische Volk als Götzendienst empfand. Ursprünglich war Melkarth ein Sonnengott, der gleichzeitig über die Unterwelt und die Fruchtbarkeit wachte. Die Griechen setzten ihn mit Zeus gleich, oder – fast noch häufiger – mit Herakles. Auf jeden Fall war auch Melkarth ein «Baal», denn diesen Namen, der eigentlich nichts anderes als «Herr» bedeutet, pflegten die Phönikier all ihren Göttern beizulegen. Und mit dem Baal hatten die Juden ja ihre ganz eigenen Erfahrungen, wie uns im Buch der Könige die Geschichte von Jezabel und Elias berichtet.
Trotzdem bestanden die Verantwortlichen im Tempel zu Jerusalem darauf, für die Tempelsteuer nichts anderes als tyrische Münzen anzunehmen, und dies aus einem einfachen Grund: Der Silbergehalt der Stücke schwankte praktisch nicht. Ihr Wert war trotz der langen Prägedauer gleich bleibend und damit leicht kalkulierbar. So musste jeder Jude, der die Tempelsteuer in Höhe einer tyrischen Didrachme entrichten wollte, im Hof des Tempels sein Geld in tyrische Währung wechseln, ein Vorgang, der einen Mann namens Jesus so aufbringen sollte, dass er gewalttätig wurde gegen die allgegenwärtigen Geldwechsler.
Als die Stadt Tyros aufhörte, ihre Münzen herauszugeben, geriet die Finanzverwaltung des Tempels in arge Verlegenheit. Herodes der Grosse, dem die spätere Überlieferung den Kindermord von Bethlehem zuschreiben sollte, war es, der von Rom für die jüdischen Autoritäten das Recht erwirkte, nun selbst Schekel nach tyrischem Vorbild zu prägen. Bis zum Beginn des ersten jüdischen Krieges, bis 66 n. Chr., entstanden also Münzen mit dem Bild eines Baal im gelobten Land des Volkes Israel.
Wie der Mensch ins Münzbild kam
Im Jahre 546 v. Chr. eroberten die Perser das lydische Reich des Königs Kroisos, wo zum Zeitpunkt der Eroberung schon ein funktionierendes Münzsystem existierte. Auch wenn die persische Wirtschaft nicht auf die Münze als Hilfsmittel zum Warenaustausch angewiesen war, so erkannten die Verantwortlichen doch, was für ein nützliches Werkzeug Münzen waren. Mit ihnen konnte man ohne allzu grosse eigene Belastung Politik betreiben: Man konnte griechische Söldner bezahlen, die im Auftrag des persischen Reiches Kriege führten, man konnte aber auch direkt Einfluss nehmen auf die Politik der zerstrittenen Städte in Griechenland. Und indem der persische Hof der in einem Kampf gerade unterlegenen Stadt die Geldmittel zur Verfügung stellte, um neue Söldner, neue Schiffe zu bezahlen, war er in der Lage, jede Auseinandersetzung bis zur völligen Erschöpfung beider Kontrahenten zu verlängern.
Die Münzen, mit denen die Perser Griechenland unterwanderten, sahen allerdings ganz anders aus als alles, was man damals in der griechischen Welt kannte. Auf ihnen war kein Gott dargestellt, sondern der persische König – nicht als Person mit individuellen Zügen, sondern als Grosskönig schlechthin, mit all den Eigenschaften versehen, die nach persischer Überzeugung ein Grosskönig besitzen sollte.
Als «Gebieter des Bogens» – wie einer seiner offiziellen Titel lautete – bereitet sich der König im Münzbild im schnellen Lauf darauf vor, im Kampf zunächst seinen Speer zu schleudern, um dann einen Pfeil aus seinem Köcher zu ziehen und ihn auf den Feind abzuschiessen. Ein Porträt darf man diese Darstellung freilich noch nicht nennen. Die realistische Darstellung eines lebenden Menschen war nicht vereinbar mit den persischen Vorstellungen.
Persisches Reich. Siklos, zweite Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr. Persischer Grosskönig mit Bogen, Köcher und Speer in schneller Bewegung n. r. laufend. Rs. Unregelmässig vertieftes Quadratum incusum.
In Kleinasien, wo sich die Perser durch ihre kluge Politik trotz der Niederlagen bei Marathon und Salamis durchgesetzt hatten, blühten die Poleis unter der Herrschaft der vom Grosskönig eingesetzten Satrapen. Hier war es, wo die griechische Entdeckung des Individuums mit der persischen Auffassung von der Machtverteilung innerhalb einer politischen Gemeinschaft zusammentraf. Die Griechen verstanden ihre Polis als eine Gemeinschaft aller Bürger, deren Geld mit einem Motiv versehen wurde, in dem sich alle wiederfinden konnten. Das persische Reich dagegen verkörperte sich in seinem Grosskönig, der – wie wir gesehen haben – in idealtypischer Form im Münzbild bereits seit mehr als einem Jahrhundert gegenwärtig war. Seine Macht färbte ab auf seine Vertreter, die Satrapen, die deshalb nichts dabei fanden, das von ihnen herausgegebene Geld mit ihrem eigenen Bild zu kennzeichnen.
Inwieweit diese Bilder bereits Porträts in unserem heutigen Sinne sind, darüber wird von klassischen Archäologen noch debattiert. Einige behaupten, dass es den ersten Stempelschneidern mehr darum ging, die typischen Kennzeichen des «Persers» im Münzbild festzuhalten, als die persönlichen Züge des Porträtierten zu erfassen. Namensbeischriften machen es aber eindeutig, dass – typisiert oder realistisch – der Kopf eines lebenden Menschen auf diesen Münzen dargestellt ist.
Bereits 412/11 v. Chr. liess Tissaphernes, der als entscheidende Persönlichkeit im Peloponnesischen Krieg auf persischer Seite wirkte, Münzen prägen, die sein Porträt zeigen. Er war damit der erste Mensch, den wir kennen, dessen Antlitz auf einer Münze erschien. Andere Satrapen und die so genannten Dynasten in Lykien folgten seinem Beispiel. Am Schnittpunkt zwischen Ost und West, Persern und Griechen gab es also bereits vor dem Alexanderzug eine reiche Tradition von Porträts im Münzbild.
Wir zeigen hier ein relativ spätes Exemplar. Spithridates, der Satrap von Lydien und Ionien, liess sich zu einem uns unbekannten Zeitpunkt von einem griechischen Stempelschneider porträtieren. Wir erkennen deutlich die Tiara, Kopfbedeckung der Perser, die aus einem spitz zulaufenden Ledersack bestand, der in seinem oberen Drittel nach vorne umklappte und zum Vorbild werden sollte für die so genannte phrygische Mütze. Spithridates war einer der wichtigsten Gegner Alexanders des Grossen, der sich ihm mit seiner Streitmacht am Granikos entgegenstellte. Der Ausgang der Schlacht ist bekannt: Alexander siegte, Spithridates verlor sein Leben.
Spithridates, persischer Satrap von Lydien und Ionien († 334 v. Chr. in der Schlacht am Granikos). Bronzemünze. Kopf des Spithridates mit Tiara n. r. Rs. Pferdevorderteil n. r.
Alexander eroberte das persische Reich. Elf Jahre dauerte sein Feldzug durch den Osten, wo seine Soldaten und ihre Anführer Dinge kennen lernten, von denen sie in ihren heimatlichen Bergen nicht einmal zu träumen gewagt hätten. Natürlich veränderte dieser Feldzug die Menschen, die an ihm teilgenommen hatten, natürlich drangen auf diesem Wege Vorstellungen in die Köpfe der Soldaten ein, wie sie noch vor einer Generation in Griechenland undenkbar gewesen wären.
Es lag nach dem Tode Alexanders im fernen Babylon am 13. Juni 323 v. Chr. nahe, dass dieser junge Mann mehr als nur ein gewöhnlicher Sterblicher gewesen sein musste. Wie sonst hätte er solch ein grosses Reich erobern können? Und dass man Menschen nach ihrem Tode als göttliche Wesen, als Heroen verehrte, war weder neu noch merkwürdig in Griechenland. Bereits in archaischer Zeit wählten einige Städte Heroen, um auf ihren Münzen die Gemeinschaft zu vertreten. Welches andere Motiv, wenn nicht das Porträt Alexanders, war also geeignet, um es auf eine Münze zu setzen, die im grossen, neuen Reich des Alexander zirkulieren sollte? Jeder Soldat, der mit so einer Münze bezahlte, identifizierte sich mit seinem Feldherrn. Sie alle hatten unter ihm gekämpft, wussten um seine besonderen Eigenschaften, sie liebten ihn und würden demjenigen folgen, der am ehesten versprach, wie ein neuer Alexander zu sein. So wurde das Bild Alexanders zu einem propagandistischen Mittel, das die verschiedenen Heerführer, die um die Macht im herrscherlos gewordenen Reich kämpften, gerne benutzten. Natürlich stellten sie Alexander dabei nicht als Mensch dar, sondern als Gott. Lysimachos zum Beispiel, der 323 v. Chr. die Verwaltung von Thrakien übernommen hatte, zeigte Alexander auf seinen Münzen als Sohn des Zeus-Ammon.
Er griff damit auf ein Ereignis zurück, das uns bei Strabon 17, 1, 43 überliefert ist: Anfang des Jahres 331 v. Chr. besuchte Alexander auf seinem Feldzug durch Ägypten die Oase Siwa, wo sich ein bedeutendes Orakel befand. Die Priester begrüssten den siegreichen Feldherrn als Sohn des Ammon, den die Ägypter Amun nannten und die Griechen Zeus. Was auf uns heute wie Opportunismus wirken mag, war tief in der ägyptischen Seele verankert: Jeder Pharao galt als Sohn des Amun. Der Gott selbst – so berichtet ein ägyptischer Mythos – stieg stets aufs neue herab zur Königin, um mit ihr den Pharao zu zeugen.
Lysimachos, Nachfolger des Alexander und König (305–281 v. Chr.). Tetradrachmon, Magnesia, 297 v. Chr. Kopf des vergöttlichten Alexander mit Ammonshorn n. r. Rs. Athena mit Helm, Schild und Speer n. l. sitzend, auf ihrer rechten Hand eine Nike tragend, die den Namen des Lysimachos bekränzt.
Wie Alexander zu sein, sich also an der Spitze eines Heeres sein eigenes Reich zu erobern, das sollte fortan höchstes Ideal all der Machtmenschen sein, die nach dem Tod der letzten Angehörigen des makedonischen Königshauses um die Herrschaft über das riesige Reich kämpften.
Die Erfahrung der schier unbegrenzten Macht, die ein zum widerspruchslosen Gehorsam verpflichtetes Söldnerheer verlieh, veränderte die Weltsicht von Befehlsgebern, Befehlsempfängern und Opfern. In Athen zum Beispiel sangen die Bürger der Stadt anlässlich des Festes, das sie zu Ehren des «Gottes» Demetrios Poliorketes abhielten, folgenden Hymnus: «Oh Sohn des allmächtigen Gottes Poseidon und der Aphrodite, heil dir! Denn andere Götter sind entweder weit fort oder sie haben kein Gehör oder es gibt sie gar nicht oder sie beachten uns überhaupt nicht, dich aber können wir sehen in voller Gegenwart, nicht in Holz und nicht in Stein, sondern in Wahrheit. Und so preisen wir dich.»
Wenn sie nun schon wie Götter verehrt wurden und sich gleichzeitig als Rechtsnachfolger der persischen Satrapen fühlen durften, deren Porträtmünzen schon lange im persischen Reich zirkuliert hatten, was sollte die mächtigsten der Heerführer davon abhalten, ihr eigenes Porträt auf die Münze zu setzen? Um die Wende vom 4. zum 3. Jahrhundert v. Chr. jedenfalls erscheinen die Köpfe von Ptolemaios, Seleukos und Demetrios Poliorketes auf den von ihnen herausgegebenen Münzen fast gleichzeitig.
Demetrios, der den Beinamen «Poliorketes», also «Städtezertrümmerer» trug, war ein typischer Vertreter der Alexandernachfolger. Wir sehen hier sein Porträt, das stark an den idealisierten Alexanderdarstellungen orientiert ist. Ein einfaches Stoffband, das Diadem, Zeichen des absoluten Herrschers, ist um seinen Kopf gewunden. Er reklamiert für sich im Münzbild die Abstammung von einem Gott, von Poseidon, um genau zu sein. Ein Stierhorn wächst aus seinem Kopf. Poseidon galt als Herr der Stiere, und ein Stierhorn auf Münzen hatte seit Jahrhunderten die Flussgötter charakterisiert, die ein Grieche als Abkömmlinge von Poseidon empfand.
Demetrios Poliorketes, Nachfolger des Alexander und König (305–284 v. Chr.). Tetradrachmon, Chalkis, um 297–280 v. Chr. Kopf des Demetrios mit Stierhorn und Diadem n. r. Rs. Poseidon mit Dreizack n. l. stehend, das linke Bein auf einen Felsen gestützt.
Hatten sich die Porträtierten der ersten Generation noch als Götter «verkleiden» müssen, verzichteten die meisten ihrer Nachfolger auf göttliche Attribute. Das Diadem als Zeichen der Macht genügte völlig, um den absoluten Herrscher zu charakterisieren, der das Recht besass, sein Bild auf eine Münze zu setzen.
Bald waren es nicht nur die Nachfolger Alexanders des Grossen, die Münzen mit ihrem Porträt kennzeichneten, auch im griechischen Mutterland und in Sizilien stellten sich diejenigen, die über vergleichbare Macht verfügten, im Münzbild dar. Und nicht nur sich selbst. Auch Angehörige wie Ehefrau, Ahnen oder Thronfolger wurden im Münzbild präsentiert, um den Benutzern des Geldes die eigenen dynastischen Pläne schmackhaft zu machen.
Wir sehen hier ein Beispiel aus Sizilien. Auf der Vorderseite der Prägung ist ein Mann abgebildet, der nie zur Herrschaft gelangen sollte: Gelon II. von Syrakus, dessen Vater Hieron II. 60 Jahre lang regierte. Als dieser Hieron im Jahre 275 v. Chr. in Syrakus die Herrschaft übernahm, waren weniger als 50 Jahre seit dem Tode Alexanders verstrichen. Und doch hatte sich das Porträt im Münzbild, das noch eine Generation zuvor den Griechen als Frevel galt, in eine Selbstverständlichkeit verwandelt.
Gelon II., Thronfolger in Syrakus. 4 Litren, geprägt unter seinem Vater Hieron II., 218–214 v. Chr. Kopf des Gelon mit Diadem n. l. Rs. Adler auf einem Blitz n. r. stehend.
7. Alexander der Grosse

Alexander III., König der Makedonen (336–323 v. Chr.). Drachme, Sardeis, 333–323 v. Chr. Kopf des Herakles mit Löwenskalp n. r. Rs. Zeus n. l. thronend, auf der ausgestreckten rechten Hand Adler; im Feld links Münzzeichen Kantharos.
Als Alexander, den man später den Grossen nennen sollte, aufbrach, um das Reich der Perser zu erobern, standen den 70 Talenten Silber in seiner Schatzkammer 200 Talente Schulden gegenüber. Er hatte mit diesem Geld Vorräte für sein Heer beschafft. 30 Tage würden sie reichen, eine knappe Zeitspanne, um ein Weltreich zu erobern! Alexander war also zum Erfolg verdammt. Und tatsächlich verschaffte ihm sein Sieg beim Granikos im Mai 334 v. Chr. die Mittel, um seinen Feldzug fortan mit Hilfe der Beute problemlos zu finanzieren.
Dieser erste Sieg ermöglichte Alexander den Zugriff auf die reichen Städte des bisher von den Persern kontrollierten Kleinasien. Nach der Eroberung von Sardeis und Tarsos im Jahre 333 v. Chr. dürfte es gewesen sein, dass Alexander ein eigenes Bild für seine Silbermünzen einführte und damit eine Münzprägung initiierte, die alles bisher Gewesene in den Schatten stellte. Er wählte für die Vorderseite Herakles, den Stammvater seines Geschlechts, der als Vorkämpfer des Guten gegen das Böse galt und von Alexander persönlich verehrt wurde.
Alexander sollte noch mehr als genug Silber für seine Münzen erbeuten: Susa brachte 50 000, Persepolis 120 000 und Ekbatana 180 000 Talente Silber.
Hätte Alexander allein den letzten Betrag ausgemünzt, so hätte er damit – ein Talent zu 6000 Drachmen gerechnet – 1080 Millionen Drachmen wie die hier abgebildete oder 270 Millionen Tetradrachmen prägen können. Stellen wir diesen Summen die Kosten gegenüber, die heutige Forscher für den Feldzug berechnen: Man schätzt, das Heer Alexanders habe am Tag 20 Talente Silber benötigt, also aufs Jahr gerechnet 7500 Talente. Die Kosten des gesamten Feldzuges gegen die Perser schätzt man auf 80 000 Talente.
Mit Alexanders Soldaten verteilten sich seine Münzen in der ganzen damals bekannten Welt. Ihr Bekanntheitsgrad und ihr gleich bleibendes Gewicht machten sie zu einem beliebten Zahlungsmittel im Fernhandel. Bald gaben «freie» Städte solche Münzen sogar ohne königlichen Auftrag im Namen Alexanders heraus.
Bis ins 1. Jahrhundert v. Chr. prägte man Münzen nach dem Vorbild der Tetradrachmen und Drachmen Alexanders. Das heisst, Stempelschneider schnitten neue Stempel zu einer Zeit, als sich bereits niemand mehr vorstellen konnte, dass ein Herrscher nicht sein Porträt auf eine Münze setzen wollte. Und so statteten viele Künstler den Herakles mit den Zügen Alexanders aus. Damit entstand die paradoxe Situation, dass Münzen, die zu Alexanders Lebzeiten herausgegeben wurden, nicht sein Porträt zeigen, während spätere Stücke zum Teil Porträtähnlichkeit aufweisen.
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