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Urs Schaub, geboren 1951, arbeitete lange als Schauspielregisseur und war Schauspieldirektor in Darmstadt und Bern. Als Dozent arbeitete er an Theaterhochschulen in Zürich, Berlin und Salzburg. 2003–2008 leitete er das Theater- und Musikhaus Kaserne in Basel, 2006–2010 war er Kritiker im «Literaturclub» des Schweizer Fernsehens. Nach «Tanner», «Das Gesetz des Wassers» und «Wintertauber Tod» ist «Der Salamander» der vierte Kriminalroman mit dem Ermittler Simon Tanner. Urs Schaub lebt in Basel.

URS SCHAUB

DER SALAMANDER

Ein Tanner-Kriminalroman


PROLOG

Der Zug bremste scharf und ohne Vorwarnung, die Räder kreischten, dann stand der Zug bockstill. Tanner fiel das schwere Buch, das er gerade zu lesen begonnen hatte, aus der Hand.

Schnell hob er es auf, wischte die beschlagene Fensterscheibe frei und bemerkte überrascht, dass er bereits am Ziel war. Im ersten Moment hatte er an eine Notbremsung gedacht, aber er erkannte durch den Nebel den trostlosen Bahnhof mit der merkwürdigen Buchstabenfolge im Ortsnamen.

Drei aufeinander folgende Vokale in einem Wort waren ungewöhnlich. Allerdings sprach man sie heutzutage wie einen einzigen aus. Früher war das anders. Und so klang der Name des Dorfes heute wie «fou», verrückt, geistesgestört, auch wenn er ursprünglich etwas ganz anderes meinte. Die eigentliche Bedeutung des Dorfnamens – im Wappen war dies erkennbar – bezeichnete das einzige Auge in der Vogelwelt, das nicht sehen konnte. Eine Art natürliches trompe-l’oeil.

Da Tanner außer seinem dunklen Wollmantel nur das Buch und eine Ledertasche bei sich hatte, war er blitzschnell an der Tür, öffnete sie und verließ stolpernd den Zug, der sich sofort wieder in Bewegung setzte. Das Buch fiel ihm dabei noch einmal aus der Hand, diesmal in eine tiefe Wasserpfütze. Es hatte sich geöffnet und lag mit den Schriftseiten nach unten komplett unter Wasser.

Idiot!

Tanner murmelte es wütend vor sich hin, ohne die Ironie zu bemerken, denn der Titel des Buches hieß ebenso und schimmerte in Goldprägung durch das trübe Wasser der Pfütze.

Das tropfende Buch in der Hand, eilte er unter das Vordach des kleinen Bahnhofs, ließ Mantel und Tasche auf die abgewetzte Wartebank fallen. Dem Ledereinband konnte das Wasser nicht viel anhaben, aber die Papierseiten begannen sich sofort zu wellen und klebten aneinander fest. Eine Dünndruckausgabe.

Tanner stöhnte.

Ausgerechnet das Buch, das sie ihm in letzter Minute zum Abschied in die Hand gedrückt hatte. Er hatte es praktisch die ganze Reise über in seinen Händen gehalten, ohne es aufzuschlagen. Die meiste Zeit hatte er gedöst oder vor sich hingeträumt, manchmal mit geschlossenen, häufig mit offenen Augen. Immerhin hatte er ziemlich genau vierundzwanzig Stunden in Zügen verbracht. Die verschiedenen Landschaften und Städte waren an ihm vorbei geflogen, ohne dass er besonders Notiz von ihnen genommen hätte. Er fühlte sich eher von etwas Unbenennbarem durchdrungen und seelisch sonderbar aufgeweicht durch die unzähligen Eindrücke, die er mehr unbewusst in sich aufgenommen hatte.

Er musste über das Wort aufgeweicht lächeln.

Das Buch in seinen Händen war es auf jeden Fall.

Erst nachdem er im Bezirksstädtchen mit der Ringmauer ein letztes Mal umgestiegen war, beschloss er, das Buch aufzuschlagen. Er schaffte gerade mal den ersten Satz, denn einerseits war die Distanz zwischen dem Bezirksstädtchen und dem Dorf, in dem er seit einiger Zeit wohnte, ziemlich kurz, und andererseits hatte er zuerst versucht, die Widmung zu entziffern, die ihr Vater für sie geschrieben hatte. Er hatte es nicht geschafft, er war sich nicht einmal sicher, in welcher Sprache die Widmung geschrieben war. Das Problem hatte sich nun sozusagen von selbst gelöst, sogar wahrhaft aufgelöst, denn durch das Bad in der Pfütze hatte sich die handschriftliche Widmung in eine türkise Tintenwolke verwandelt, die an einen Salamander erinnerte. An einen, der allerdings nur drei Beine hat.

Fröstelnd bemerkte er jetzt, wie kalt und feucht es war, und er zog den Mantel über.

Gegen die dicken Nebelschwaden hatte das Tageslicht große Mühe, sich durchzusetzen, obwohl es bereits mehr als neun Uhr war. Trotzdem beschloss er, noch einen Augenblick sitzen zu bleiben.

Er blinzelte durch das gelbe Licht des trüben Novembertages und versuchte, die dichten Nebelschwaden zu durchdringen, denn normalerweise waren von dieser Bank aus immerhin ein kleiner Ausschnitt des Sees und gleich dahinter sein geliebter sanfter Hügel, in noch weiterer Ferne die schneebedeckten Jurahöhen in Richtung Frankreich zu sehen. Davon existierte heute rein gar nichts, die ganze Welt schien wie von einem überdimensionierten Gummi ausradiert, der nichts als schmutziges Papier zurückgelassen hatte.

Dafür bemerkte Tanner jetzt, dass er offenbar nicht als einziger ausgestiegen war. Vielmehr tauchte aus dem Nebel eine Erscheinung auf, eine Gestalt, die leicht zu schwanken schien und sich mit langsamen, unsicheren Schritten näherte. Je näher sie kam, desto mehr Kontur gewann sie.

Es handelte sich um einen jungen Mann, der bloß einen dünnen dunkelgrauen Anzug trug, der ihm eindeutig zu weit war, dafür aber – wie zum Ausgleich – die Hosenbeine zu kurz. Er trug weder Schal noch Mantel, und seine schwarzen Halbschuhe schienen auch für wärmere Zeiten gedacht. Seine beiden Arme umklammerten vor der Brust einen kleinen Koffer, wie er schon lange nicht mehr in Mode war. Der junge Mann trug den Koffer so, als sei entweder der Inhalt des Koffers sehr wertvoll oder als solle er seine schmale Gestalt vor der feuchten Kälte schützen.

Tanner schätzte sein Alter auf etwa siebenundzwanzig, höchstens dreißig Jahre. Er war von mittlerer Größe, mit sehr hellem, dichtem Haar, eigenartig hohlen Wangen, unrasiert, was aber bei dem hellblonden Haar optisch kaum ins Gewicht fiel, außer dass sein Gesicht an möglicher Schärfe verlor und dadurch etwas Flüchtiges, etwas Ungefähres bekam. Seine Augen waren groß und sehr dunkel, fast schwarz. In ihrem Blick lag etwas Stilles, aber Bedrücktes. Tanner musste unwillkürlich an eine gewisse Art von Radiomeldungen aus seiner Jugendzeit denken, wo es um gesuchte Menschen ging, die irgendwie verloren gegangen waren und wo der Meldung am Ende wie das Amen in der Kirche jeweils diese Aufforderung folgte: Es wird um schonendes Anhalten gebeten.

Der junge Mann hatte jetzt Tanner bemerkt, und nach einem Moment des Zögerns lächelte er und kam direkt auf ihn zu. Sein Gang war holprig und unregelmäßig, als drücke ihn ein spitzer Stein im Schuh.

Guten Tag, äh … Entschuldigung … wenn ich Sie einfach so, äh … anspreche, aber ich kenne mich hier nicht aus. Sind Sie, äh … von hier?

Er sprach stockend und langsam, als ob er schon lange nicht mehr gesprochen hätte. Als ob er die Sprache vorsichtig tastend wieder finden müsste. Vielleicht hatte er sich auch länger in einer anderen Sprache ausgedrückt. Ein leichter Akzent war zu hören, den Tanner aber nach den paar Worten nicht zu lokalisieren imstande war.

Ich wohne zumindest hier. Womit kann ich Ihnen helfen?

Sind Sie auch gerade, hm … also, ich meine, hm … mit dem Zug angekommen?

Ja. Gerade eben.

Er schüttelte sich leicht. Den Koffer umklammerte er immer noch vor seiner Brust.

Es ist, äh … sehr kalt … und …

Er zuckte mit den Schultern, blickte sich um und lächelte erneut.

Sind Sie etwa aus einem wärmeren Land angereist?

Tanner fragte freundlich ins Ungefähre. Schonendes Anhalten!

Ja, ja. Ich komme direkt aus dem, äh … dem Ausland. Und ich wollte Sie fragen, hm …

Ja?

Ob Sie mir eine, hm … eine Unterkunft empfehlen könnten?

Ja, sicher. Hier im Dorf gibt es sowieso nur zwei Möglichkeiten.

Tanner überlegte, was er empfehlen sollte, eher den «Hirschen» oder …?

Wissen Sie was? Gehen Sie ins Restaurant Bahnhof. Die haben auch Zimmer.

Tanner stand auf und zeigte den Gleisen entlang.

Das Haus kann man heute wegen des dichten Nebels nicht sehen, aber wenn sie zweihundert Meter in diese Richtung gehen, werden Sie das Restaurant sofort erblicken.

Der Mann nickte freudig und machte die Andeutung einer Verbeugung.

Danke vielmals für die Auskunft. Kommen Sie, äh … auch aus dem Ausland?

Ja, ich komme soeben aus dem Ausland, aber ich war ganz im Norden, da war es auch kalt. Und Sie? Aus welchem warmen Land kommen Sie?

Der Mann lächelte und machte noch einmal diese etwas altmodisch anmutende Andeutung einer Verbeugung, drehte sich um und ging in die Richtung, die Tanner ihm gezeigt hatte. Die Frage hatte er entweder nicht verstanden oder einfach überhört. Nach wenigen Schritten schluckte der Nebel seine schmale Gestalt.

Tanner zuckte mit Schultern.

Er nahm Buch und Tasche und ging in die andere Richtung, die Straße hinauf.

Oben im Dorf war der Nebel etwas weniger dicht, aber die Stimmung war genau so trostlos. Er sah kein einziges Lebewesen, weder Mensch noch Tier. Das Dorf lag wie ausgestorben. Bald erblickte er das mächtige Dach des Maison Blanche. Er beschleunigte seine Schritte. Jetzt freute er sich doch, nach Hause zu kommen.

Er öffnete das schwere Tor zur Einfahrt. Der Brunnen plätscherte wie eh und je.

Er blickte sich um.

Alles war genau so, wie er das Haus verlassen hatte. Kaum zu glauben, dass er so lange weg gewesen war. Die gleiche Jahreszeit. Derselbe Zustand der Vegetation. Die Bäume kahl. Der Himmel grau. Der See wahrscheinlich auch. Wie Blei. Zu sehen war er nicht. Alles lag still. Ohne das Geräusch des fließenden Wassers hätte man mit Fug und Recht von einer Totenstille sprechen können.

Wie aus Trotz näherte sich im nächsten Augenblick ein Traktor und fuhr mit knatterndem Motor vorbei. Ein Mann, den Hut tief ins Gesicht gezogen, saß zusammengekauert und offensichtlich frierend auf dem altertümlichen Gefährt. Der Klang verlor sich überraschend schnell in der Ferne.

Als es wieder ganz still war, ging Tanner zur Haustür. Seine Schuhe knirschten auf dem Kies. In seiner Wohnung angekommen, zog er die Schuhe aus, den Mantel nicht, legte sich im Wohnzimmer aufs Sofa und schlief sofort ein.

EINS

Als er wieder aufwachte, fror er, und draußen war es bereits stockdunkel. Er tappte durch die Wohnung, schaltete die Heizung ein (das hatte er heute Morgen vergessen) und ging mit Todesverachtung unter die kalte Dusche, denn das warme Wasser hing mit der Heizung zusammen. Immerhin war ihm danach nicht mehr kalt.

Nachdem er sich frische Kleider angezogen hatte, beschloss er, ins Restaurant zu gehen. Sein Kühlschrank war leer. Außerdem hatte er kein Brot im Haus, und ein Essen ohne Brot war kein Essen.

Erst als er bereits auf der Straße war, gestand er sich ein, dass ihn in Wahrheit einzig und allein die Neugier nach dem Verbleib des jungen Mannes trieb, dem er heute Morgen den Rat gegeben hatte, sich ein Zimmer im Bahnhofsrestaurant zu nehmen. Er lächelte zufrieden und schritt kräftig aus.

Diesmal war er nicht allein auf der Straße. Auf der Höhe von Friedhof und Kirche traf er sogar auf einige Grüppchen von Menschen, die offenbar alle der Kirche zustrebten. Er nickte höflich, obwohl er niemanden speziell kannte, oder wenn, dann nur vom Sehen. Aber schließlich herrschte hier auf dem Lande die schöne Sitte, sich zu grüßen, auch wenn man sich nicht kannte. Dann bemerkte er, dass auf dem ganzen Friedhof kleine Lichter brannten. Er begriff, dass heute Allerseelen war und dass die Leute ihrer Toten gedachten. Der Nebel verwandelte die Lichter in kleine Wölkchen, die in Bodennähe schwebten.

Er vergrub fröstelnd seine Hände noch tiefer in seinem Mantel.

Beim Bahnhof war der Nebel immer noch genauso dicht wie heute Morgen. Kein Wunder, denn die Bahngleise befanden sich praktisch auf Seeniveau.

Die paar schiefen Straßenlichter, drei erleuchtete Weichenlaternen und einige farbige Eisenbahnsignallampen verwandel ten die Trostlosigkeit des Bahnhofs in ein surreales Bühnenbild von bestechender Schönheit.

Tanner bestaunte eine Weile diese Komposition, dann betrat er das Restaurant.

Kam man von der Straßenseite her, betrat der Gast zuerst eine dunkle, meist vollgequalmte Schankstube mit einigen altmodischen Wirtshaustischen auf schweren Eisenfüßen, mit robusten Stühlen, auf denen es sich gut stundenlang verweilen ließ. Die Stammgäste waren meist Arbeiter aus dem kleinen Gewerbequartier, das sich direkt hinter dem Bahnhof wie eine Flechte willkürlich wuchernd ausgebreitet hatte, und natürlich saß hier zu jeder Tages- oder Abendzeit eine Auswahl der obligaten Gelegenheitssäufer, meist Pensionierte, die endlose Stunden vor ihrem Wein oder ihrem Kaffee mit Schnaps verbrachten.

Als Tanner eintrat, verstummte die Runde keineswegs, nur Bodmer, der Wirt, erhob sich sofort zur Begrüßung und wies ihm den Weg in den gepflegteren, helleren Teil des Restaurants, wo man üblicherweise aß. Überdurchschnittlich gut aß, denn Frau Bodmer war eine ausgezeichnete Köchin. Normalerweise war es in der Gegend umgekehrt: der Mann war der Chef in der Küche, und die Frau war für die Gaststube zuständig. Auch in dieser Hinsicht war dieses Restaurant eine Ausnahmeerscheinung. Im Sommer saß man draußen unter einem herrlich schattigen Birnenspalier. Um einen schöneren zu finden, müsste man weit in der Weltgeschichte herumreisen, pflegte Bodmer stolz zu sagen. Und er hatte recht.

In der Gaststube saßen bereits zwei Männer, jeder für sich an einem Tisch. Den einen erkannte er sofort an seinen dichten blonden Haaren, obwohl er mit dem Rücken zum Eingang saß. Es war der junge Mann, der ihn heute Morgen nach einer Unterkunft gefragt hatte. Den anderen – offenkundig ein Geschäftsmann auf Durchreise –, mit schmalem Gesicht und in einen tadellos sitzenden Anzug gekleidet, kannte er nicht. Der Geschäftsmann hatte wohl schon gegessen, denn er saß vor einem Kaffee und zündete sich gerade eine Zigarre an. Der junge Mann, der am Fenster saß, wartete auf sein Essen und kaute eifrig an einem Stück Brot, was es in diesem Restaurant für jeden Gast reichlich gab.

Bodmer führte Tanner zu einem Tisch in der Ecke. Er setzte sich so, dass er den jungen Mann im Blickfeld hatte und den genussvoll rauchenden Mann halb schräg in seinem Rücken. In diesem Moment bemerkte der junge Mann den neuen Gast, erkannte ihn, lächelte mit vollem Mund und hob seine Linke zum Gruß. Mit seiner Rechten hatte er sich gerade ein neues Stück Brot geangelt.

Tanner grüßte zurück. Bodmer hielt ihm unterdessen die umfangreiche, in Leder gebundene Karte hin. Tanner lehnte lächelnd ab.

Ich esse das, was auf den Tisch kommt. Richten Sie Ihrer Frau einen lieben Gruß aus. Sie können ja sagen, Tanner sei zurück, und er habe großen Hunger.

Bodmer lachte.

Wie groß?

Bärenmäßig. Ich habe praktisch zwei Tage lang nichts Anständiges gegessen.

Gut. Ich verstehe. Und zum Trinken?

Tanner gab seine Bestellung auf, und Bodmer verschwand in Richtung Küche.

Der Mann hinter ihm räusperte sich.

Ja, so was kann man hier machen. Ich meine, essen, was auf den Tisch kommt.

Er wiegte seinen Oberkörper nach vorn, lachte kurz auf und wurde von einem heftigen Hustenanfall gepackt. Die brennende Zigarre fiel ihm aus der Hand. Als er sich nach ihr bückte, entwickelte sich der Husten zu einem Erstickungsanfall. Der junge Mann sprang auf, hob die Zigarre vom Boden auf und legte sie in den Aschenbecher.

Der Hustende dankte gestikulierend und rettete sich, in dem er die halbe Karaffe Wasser austrank, die auf seinem Tisch stand.

Danke. Danke, junger Mann. Das war sehr aufmerksam. Oje, oje!

Er schnäuzte sich kräftig und wandte sich dann wieder Tanner zu.

Gestatten Sie, mein Name ist Stauber. René Stauber. Das nenne ich persönliche Kundenbindung. In der Stadt können Sie das ja vergessen. Da lob ich mir die Landbeiz.

Da haben Sie ganz Recht, Herr Stauber. Ich heiße Tanner.

Stauber erhob sich kurz.

Sehr angenehm, Herr Tanner.

Tanner wandte sich dem jungen Mann zu.

Ich hoffe, Sie sind zufrieden mit ihrer Unterkunft.

Ja, ja. Sehr. Ich bedanke mich noch einmal für, hm … die gute Auskunft.

Stauber stutzte.

Aha. Man kennt sich?

Tanner wandte sich um.

Wir sind uns bloß heute Morgen auf dem Bahnhof begegnet.

In diesem Augenblick trat Bodmer ein und brachte das Essen für den jungen Mann. Er hatte Rösti mit Bauernbratwurst und brauner Zwiebelsauce bestellt.

Der junge Mann packte sofort Gabel und Messer und stürzte sich heißhungrig auf sein Essen. Auch Tanner lief das Wasser im Mund zusammen.

Ich wünsche Ihnen einen guten Appetit.

Danke sehr.

Der junge Mann lächelte zwar, aber seine dunklen Augen blieben ernst und bedrückt. Tanner überlegte, wie er mit ihm ins Gespräch kommen konnte.

Vorerst wollte er ihn aber in Ruhe essen lassen und schaute durch das Fenster in die dunkle Nacht. Der Nebel hatte sich offenbar etwas gelichtet, und man konnte immerhin bis zum Bahnhof sehen.

Der junge Mann räusperte sich, wischte sich den Mund ab und trank Wasser. Tanner blickte zu ihm hin. Dabei bemerkte er erst jetzt, dass er auch hier den etwas schäbigen Koffer mit dabei hatte, den er am Bahnhof mit seinen Armen so innig umklam mert hatte. Jetzt hielt er den Koffer unter dem Tisch zwischen seinen Beinen eingeklemmt.

War es eine Art zwanghafte Marotte (schonendes Anhalten …?) oder enthielt der Koffer tatsächlich etwas so Wertvolles, dass der junge Mann ihn keinen Augenblick allein lassen wollte? Nicht einmal in seinem Zimmer, das man abschließen konnte? Der Zimmerschlüssel lag sichtbar auf dem Tisch.

In diesem Augenblick erhob sich der Mann, der sich als René Stauber vorgestellt hatte, und ging in Richtung Toilette. Tanner guckte ihm nach, bis sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte. Dann traf sich sein Blick mit demjenigen des jungen Mannes.

Haben Sie eine weite Reise hinter sich? Sie haben mir am Bahnhof angedeutet, dass Sie direkt aus dem Ausland angereist waren, wo es offenbar weniger kalt war als hier.

Ja, ja. Das stimmt.

Er trank einen Schluck aus seinem Wasserglas.

Ich komme, äh … direkt aus dem Süden, hm … Spanien. Da war es natürlich auch nicht, äh … Sommer, aber bedeutend wärmer als hier war es schon. Ja, äh … wärmer. Und äh …

Bodmer kam mit Wein und Wasser, einem dampfenden Teller und einem großen Korb Brot. Er balancierte lachend das schwere Tablett zu Tanners Tisch. Der junge Mann wandte seine Aufmerksamkeit sofort wieder seinem Teller zu.

So. Schöne Grüße von der Chefin. Zufällig gibt es heute gerade Linsensuppe, und damit sollen Sie herzlich begrüßt sein.

Er lachte spitzbübisch.

Sie wissen ja … der verlorene Sohn und so. Sie waren ja eine Ewigkeit nicht mehr hier.

Tanner bedankte sich und sog den köstlichen Duft der Suppe ein.

Oh, die riecht fantastisch. Sagen Sie Ihrer Frau vielen Dank für die kluge Wahl.

Tanner sah, dass der junge Mann mit seiner Portion eben fertig wurde – was erstaunlich war, denn die Portionen waren hier großzügig –, die Reste der Sauce mit einem Stück Brot auftunkte und geradezu sehnsüchtig in Richtung Tanners Linsensuppe blickte.

Äh … Bodmer. Bringen Sie doch dem jungen Herrn auch einen Teller von dieser köstlichen Suppe. Auf meine Rechnung, bitte. Und ein Glas vom selben Wein.

Der junge Mann blickte sofort verwirrt auf den Tisch. Tanner hob beruhigend seine Hand.

Nehmen Sie bitte meine Einladung an. Ich hatte eben den Eindruck, dass Sie vielleicht noch hungrig sind. Schließlich sind wir heute Morgen beide von einer weiten Reise zurückgekommen.

Der junge Mann stand auf und verbeugte sich leicht. Genauso hatte er es auch schon auf dem Bahnhof gemacht.

Vielen Dank für die freundliche Einladung. Die Suppe nehme ich gerne an. Vergelts Gott. Aber Wein trinke ich nicht. Vielen Dank trotzdem. Ich bleibe lieber bei Wasser.

Bodmer nickte und ging in die Küche.

Vergelts Gott?

Diesen Ausdruck hatte Tanner zuletzt von seiner Großmutter gehört. Und das war jetzt schon eine gute Weile her. Aus dem Mund eines jungen Mannes klang es doch ziemlich fremdartig.

Die Tür ging wieder auf, und Bodmer brachte die zweite Suppe. Bodmer und Tanner wünschten gleichzeitig guten Appetit, und der junge Mann bedankte sich noch einmal. Eine Weile durchbrachen nur die Löffel, die an den Rand des Tellers stießen, die Stille.

Jetzt kam Stauber zurück. Die Zigarre hatte er offenbar auf der Toilette zu Ende geraucht und auch dort entsorgt. Er rieb sich die Hände und rief Bodmer, der auch sofort den Kopf durch die Tür streckte.

So. Jetzt leiste ich mir einen guten Cognac. Irgendetwas muss man ja gegen dieses Sauwetter unternehmen.

Bodmer nickte und verschwand wieder.

Stauber packte noch stehend eine neue Zigarre aus, verzichtete aber darauf, sie anzuzünden, denn es war ihm offensichtlich ein missbilligender Blick Tanners aufgefallen. Er seufzte und ließ sich auf den Stuhl fallen.

Aha. Der junge Mann fängt noch einmal von vorne an.

Tanner drehte sich um.

Das ist sehr zuvorkommend, Herr Stauber, dass Sie mit der Zigarre warten, bis wir mit dem Essen fertig sind. Der Geruch passt nicht so gut zu dem ausgezeichneten Essen.

Ist schon gut. Ich werde sie später rauchen, wenn es den Herren genehm ist.

Vielen Dank.

Der junge Mann war mit der Suppe schneller zu Ende als Tanner.

Vielen Dank, äh … die Suppe war wirklich köstlich. Ich habe schon lange nicht mehr so gut, hm … gege … gegessen.

Dann ist es ja gut. Waren Sie denn lange in Spanien? Ich meine, in Spanien kann man doch auch sehr gut essen, oder?

Ja, selbstverständlich, äh … Sie haben vollkommen Recht, hm … aber Sie müssen wissen, dass ich dort fünf Jahre im, äh … Gefängnis, äh … war, ja … im Gefängnis.

Der junge Mann lächelte dabei freundlich, als er dies ganz offen und treuherzig erzählte.

Und wissen Sie, im Gefängnis war das Essen eher ein, äh … eine Art hm …, also auf jeden Fall nicht sehr gut, wie Sie sich vielleicht vorstellen können.

Tanner schenkte sich ein Glas Wein ein und gab sich Mühe, es sich nicht vorzustellen. Er hatte vor längerer Zeit Gefängnisse in Marokko gesehen und auch im Süden von Spanien. Das waren Paradiese für Kakerlaken, aber keine Orte für Menschen.

Dann sind Sie sicher froh, dass Sie das überstanden haben.

Ja, ja, sehr froh. Natürlich. Obwohl jede Erfahrung, ähm … auch etwas, äh … Gutes hat.

Hat man Sie also auch gut behandelt?

Der junge Mann lächelte scheu und blieb stumm, als ob er sich das für einen Moment überlegen müsste. Tanner schwieg und schaute kurz zu Stauber zurück, der interessiert dem Gespräch gefolgt war.

Nein, das kann man so nicht sagen.

Tanner blickte wieder zum jungen Mann, hatte ihn aber nicht verstanden.

Ja, äh … Sie haben mich doch gefragt, ob ich auch gut behandelt wurde. Und ich habe gesagt: Nein, das kann man so nicht sagen.

Jetzt meldete sich Stauber zu Wort.

Ja, das ist sicher hart, so ein Aufenthalt im Gefängnis.

Er schüttelte sich.

Ich mags mir gar nicht vorstellen.

Dann lehnte er sich behaglich zurück.

Gut, ich meine, Strafe muss ja sein. Heute wird ja Gott sei Dank nichts mehr abgehackt oder so. Sogar Schwerverbrecher werden doch fair behandelt. Ich hatte letzthin Gelegenheit, ein Gefängnis zu besuchen. Das hatte ja schon beinahe Hotelcharakter.

Er nickte anerkennend.

Betten mit Qualitätsmatratzen. Mit genau so vielen Fernsehprogrammen, wie wir zuhause auch haben. Also, da kann man sich wirklich nicht beklagen. Gut. Die müssen dann ein paar Stunden in der Schreinerei arbeiten oder so, aber das ist doch zumutbar, oder?

Er drehte nervös an seiner Zigarre.

Irgendwie muss man doch die Verantwortung übernehmen für das, was man gemacht hat. Man kann die Leute, die sich nicht an die Gesetze halten, nicht auch noch belohnen. Und wir haben ja doch eigentlich vernünftige Gesetze. Wir sind ja keine Barbaren.

Er wandte sich direkt an den jungen Mann.

Wenn Sie sich etwas eingebrockt haben, dann müssen Sie es in Gottes Namen auch wieder auslöffeln. Sie sind ja noch jung und können ab jetzt ein sauberes Leben führen.

Jetzt meldete sich der junge Mann schüchtern zu Wort.

Aber ich kann Ihnen versichern, dass, äh …, dass ich gar nichts, äh … also gar nichts gemacht habe.

Jetzt lächelte Stauber milde.

Ja, ja, das habe ich auch schon gehört. Alle sitzen unschuldig im Knast.

Er nickte, sprach mehr zu sich selber und verdrehte dabei die Augen.

Die Gesellschaft ist schuld. Meine Eltern sind schuld. Die Umstände sind schuld. Ich wurde im Kindergarten von den anderen Kindern ganz schlimm behandelt. Also ich – ich kann eigentlich gar nichts dafür.

Tanner wandte sich an Stauber. Langsam ging er ihm auf die Nerven.

Herr Stauber, Sie haben ja sicher recht, so im Allgemeinen. Aber jetzt ist gut. Der junge Mann hat freiwillig und sehr offen erzählt, dass er fünf Jahre lang in Spanien im Gefängnis gewesen ist und dass er unschuldig gesessen hat. Wir haben keinen Grund, an seinen Worten zu zweifeln. Abgesehen davon …

Jetzt stand der junge Mann auf.

Streiten Sie bitte nicht meinetwegen, meine Herren. Das bin ich ja gar nicht, äh … also, ich meine, das bin ich nicht wert.

Zu Tanner gewandt.

Und der Herr hat recht, alle, die ich im, äh … im Gefängnis angetroffen habe, sind, äh … unschuldig, und sie beteuern es unentwegt. Ständig. Keiner hat je zugegeben, äh …, also, das habe ich gemacht, ähm … also muss ich jetzt büssen.

Jetzt lachte Stauber, stand ebenfalls auf, wandte sich an Tanner und zeigte mit der Zigarre auf den jungen Mann, als wollte er ihn aufspießen.

Na, na, sehen Sie! Er gibt es ja selbst zu. Also nur keine Aufregung.

Er wandte sich an den jungen Mann.

Okay, Sie saßen fünf Jahre unschuldig in Spanien in einem Gefängnis. Ist gut. Ich habe es verstanden. Entschuldigen Sie meine Bemerkung. Trinken Sie also auf meine Rechnung einen Kaffee, bitte.

Er wandte sich an Bodmer, der gerade mit einem Tablett mit dampfendem Teller und Schüsseln hereinkam.

Bodmer! Bringen Sie bitte dem jungen Mann einen Kaffee und ein Glas Cognac auf meine Rechnung.

Bodmer nickte, aber der junge Mann hob flehend die Hände.

Den Kaffee nehme ich gerne, aber Alkohol trinke ich keinen, bitte. Vielen Dank für die Einladung.

Gut, Bodmer, dann einen Cognac für mich und einen Kaffee für den jungen Mann.

Bodmer nickte und servierte Tanner Schweinefilet mit Speck und gedörrten Zwetschgen. Als Beilage Kartoffelgratin und Rosenkohl. Alle setzten sich wieder, und man wünschte Tanner einen guten Appetit.

Er begann zu essen. Die anderen schwiegen. Zwischendurch kam Bodmer und brachte den beiden ihren Kaffee.

Das Essen war ausgezeichnet und nach dem sich die allgemeine Atmosphäre wieder entspannt hatte, konnte Tanner die köstlich zubereiteten Speisen auch richtig genießen.

Als er zu Ende war, sich den Mund wischte und aus der Karaffe den Rest seines Weins ins Glas goss, entzündete Stauber zeitgleich ein Streichholz. Er hatte offensichtlich auf diesen Moment gelauert, hielt aber noch einmal inne, bevor er die Zigarre anzündete.

Ich darf doch jetzt? Oder gibt es irgendwelche Einwände?

Tanner machte eine einladende Geste mit der Hand, und der junge Mann nickte eifrig.

Na, da habe ich aber noch einmal Glück gehabt.

Jetzt hielt er das brennende Streichholz an die Spitze der Zigarre und zog so heftig daran, dass man das Knistern des brennenden Tabaks hören konnte.

Dann kam Bodmer, erkundigte sich bei Tanner, ob es geschmeckt hatte, und brachte eine gebrannte Creme mit Schlagsahne zum Dessert. Tanner bestellte einen Kaffee dazu.

Der junge Mann nestelte in seiner Jacke, brachte ein schmales Wachsbüchlein zum Vorschein und begann darin zu blättern. Offensichtlich suchte er eine bestimmte Stelle, und als er sie gefunden hatte, legte er den Finger darauf und blickte in die Runde.

Darf ich Ihnen kurz etwas vorlesen? Ich habe im Gefängnis versucht, ähm … alles aufzuschreiben, was ich im Laufe meines Lebens an, äh … schönen Gedanken, äh … gehört oder gelesen hatte. Verstehen Sie, aus meinem Gedächtnis. Vielleicht habe ich mich nicht in jedem Fall an alle Wörter korrekt erinnern können, aber … ähm …

Er zuckte mit den Schultern. Tanner lächelte ihm zu.

Ja, sicher, sehr gerne. Wir sind gespannt.

Auch Stauber nickte und blickte den jungen Mann erwartungsvoll an.

Also, hören Sie.

Er nahm das Büchlein in beide Hände. Dann las er mit leiser Stimme.

Ich hatte einen Traum, und es war nicht nur ein Traum. Die helle Sonne war erloschen, und die Sterne zogen verglimmend im ewigen Raum dahin.

Er richtete sich auf und schaute zu den beiden anderen.

Wissen Sie, wer das geschrieben hat?

Tanner schüttelte den Kopf.

Nein, aber es ist schön. Schrecklich traurig zwar, aber schön. Eine Art Endzeitstimmung.

Stauber hatte sich verschluckt und hustete.

Byron hat das geschrieben. Anfang Neunzehntes Jahrhundert.

Stauber hatte sich wieder beruhigt.

Die Sonne ist verschwunden und die Sterne? Wo und wann soll denn das gewesen sein?

Er lachte.

Wir haben zum Glück bloß ein Sauwetter, das ist auch alles.

Er schüttelte den Kopf.

So ein Unsinn!

Der junge Mann hob beschwichtigend seine Hände.

Erlauben Sie mir zu sagen, dass es persönliche Katastrophen gibt und solche, die die ganze Menschheit betreffen. Byron beschrieb eine objektive Situation in der Welt.

Wann soll denn die Sonne erloschen sein? Vielleicht als Sie ganz und gar unschuldig im Gefängnis hockten und den Staat eine Stange Geld gekostet haben.

Der junge Mann blieb geduldig und antwortete mit leiser Stimme?

Sie haben ganz recht. Deswegen habe ich diesen Text auch in mein kleines Büchlein geschrieben, denn zeitweise fühlte ich mich genauso. Sie haben das ganz genau verstanden. Aber Byron, äh … hatte eine wirkliche, äh … Angst beschrieben.

Aha? Ja, von mir aus. Vor was hatte er denn Angst, dieser Baron?

Am Anfang des Neunzehnten Jahrhunderts flog in Indonesien ein ganzer Berg in die Luft. Der Berg hieß Tambora und lag auf der Insel Sumbawa. Es war einer der größten Vulkanausbrüche auf der Welt. Es ging soviel Rauch und Asche in die Luft, dass sich die Sonne verdunkelte und die Erde sich abkühlte. Der Frühling blieb aus und es starben viele Menschen: am Vulkanausbruch selbst, bei den Überschwemmungen, aber auch weil in der Folge davon Hungersnöte auf der ganzen Welt ausbrachen.

Der junge Mann hatte jetzt gesprochen, ohne zu stocken.

Stauber wiegte immer noch skeptisch seinen Kopf.

Aha. Man lernt nie aus. Aber, haben Sie auch etwas Lustiges in Ihrem Büchlein?

Der junge Mann schaute etwas schuldbewusst in die Runde.

Nein, nicht wirklich. Ich muss mich, ähm … entschuldigen. Es gibt Sachen mit mehr, äh … Gefühl, aber lustig? Nein.

Tanner beugte sich vor.

Ich würde sehr gerne noch ein Beispiel hören.

Der junge Mann blätterte in seinem Büchlein. Dann hatte er es gefunden.

Er blickte zu Tanner.

Es ist aber ziemlich lang.

Tanner lehnte sich zurück.

Wir haben Zeit. Bitte.

Auch Stauber zeigte mit einer Geste großzügig seine Bereitschaft an.

Es ist eigentlich ein Lied. Es heißt: Da unten im Tale. Ich habe vergessen, wer es geschrieben hat.

Der junge Mann holte tief Luft.

Da unten im Tale, läuft’s Wasser so trüb. Und ich kann dir’s nit sagen, I hab’ di so lieb.

Er machte eine kleine Pause.

Sprichst allweil von Lieb’, sprichst allweil von Treu’. Und a bissele Falschheit is au wohl dabei.

Hier stockte der junge Mann ein wenig.

Und wenn i dir’s zehnmal sag’, dass i dir lieb, und du willst nit verstehen, muss i halt weitergehen.

Er blickte auf.

Jetzt kommt der letzte Vers.

Er holte noch einmal tief Luft.

Für die Zeit, wo du g’liebt mi hast, dank i dir schön, und i wünsch, dass dir’s anderswo besser mag gehen.

Er starrte weiter auf das Blatt, obwohl der Text offenkundig zu Ende war, dann blickte er zu Tanner. Tränen liefen ihm über seine Wangen. Er wischte sie weg und lächelte.

Das ist schön, oder?

Tanner seufzte.

Ja, das ist schön.

Stauber äußerte sich nicht und war mit seiner Zigarre beschäftigt. Dann erhob er sich.

So. Ich muss weiter. Die Herren entschuldigen mich. Herzlichen Dank für den beeindruckenden Vortrag, junger Mann. Ich wünsche Ihnen viel Glück in Ihrem neuen Lebensabschnitt. Bodmer, die Rechnung!

Er wandte sich an den jungen Mann und drohte spielerisch mit dem Finger.

Und – bleiben Sie sauber.

Dann holte er eine Geschäftskarte aus seinem Portemonnaie.

Hier meine Karte, falls sie eine Arbeit suchen. Ich habe ein Bauunternehmen.

Der junge Mann erhob sich überrascht.

Vielen Dank für das Angebot. Das ist sehr, äh … großmütig.

Stauber zog umständlich seinen Mantel an. Er blickte lächelnd zu Tanner.

Am Schluss kriegt man ja noch das heulende Elend.

Bodmer brachte auf einem kleinen Tablett die Rechnung. Der Geschäftsmann legte eine Note darauf.

Es ist dann recht so.

Er lachte in die Runde.

Nur nicht knausern, sage ich immer, nur nicht knausern.

Bodmer bedankte sich.

So. Meine Herren. Ich wünsche noch einen schönen Abend.

Stauber verließ mit Bodmer den Raum in Richtung Schankstube.

Wussten Sie, Bodmer, dass Ihr Gast direkt aus dem Gefängnis kommt? Ich würde Ihnen anraten, schließen Sie Ihre …

Der Rest seiner Worte ging im allgemeinen Stimmengewirr unter, und gleich darauf schnitt die Verbindungstür zur Schankstube alle Geräusche wieder ab.

Tanner blickte zum jungen Mann.

Machen Sie sich nichts draus. Sie haben ja gesehen …

Sie haben recht. Er ist sehr gefangen, äh … in seinen, mh … Sie verstehen, was ich meine, oder?

Ja, klar.

Beide schwiegen eine Weile.

Was hat man Ihnen denn in Spanien vorgeworfen? Sie müssen die Frage natürlich nicht beantworten.

Doch, doch. Das erzähle ich Ihnen gerne. Man hat bei der Einreise in meinem Gepäck für ungefähr zweihunderttausend Franken Drogen gefunden. Kokain. Das wars dann. Eine kurze, äh … Verhandlung am Gericht und ab in den Knast nach Salamanca.

Tanner pfiff durch die Zähne.

Und Sie haben natürlich keine Ahnung, wer Ihnen das Paket in Ihr Gepäck geschmuggelt haben könnte?

Der junge Mann blätterte eine Weile gedankenverloren in seinem Büchlein. Hatte er die Frage nicht verstanden? Plötzlich stand er auf und machte wieder diese kleine Verbeugung, die Tanner schon kannte.

Ich bedanke mich sehr für, äh die Suppe und die, ähm … ich meine, das Verständnis und die, äh … Anteilnahme, die ich bei Ihnen verspürt habe. Sie müssen mich jetzt entschuldigen, aber es wird Zeit für mich.

Er bückte sich, nahm seinen Koffer auf und ging quer durch den Raum. Kurz vor der Tür hielt er nochmals an, drehte sich aber nicht um.

Doch. Ich weiß, wer mir das angetan hat.

Er nickte noch zweimal mit seinem Kopf, wie zur Bestätigung, und dann ging er stumm durch die Tür.

ZWEI

Am anderen Morgen rief Bodmer an. Tanner schaute auf die Uhr. Es war kurz vor sechs. Draußen war es noch dunkel.

Es tut mir leid, dass ich so früh anrufe, aber die Sache ist mir nicht geheuer.

Tanner rieb sich die Augen.

Aha. Welche Sache denn?

Ja, eben … mit diesem Jean D’Arcy.

Wer soll denn das sein, Bodmer? Ach, so! Ist das der junge Mann, Ihr Gast?

Ganz genau. Kannten Sie seinen Namen nicht? Sie haben ihn doch zu mir geschickt, oder irre ich mich da?

Nein, ich kannte seinen Namen nicht. Ich habe ihn gestern Morgen am Bahnhof getroffen, das heißt, wir sind aus demselben Zug ausgestiegen. Er hatte mich nach einer Unterkunft gefragt.

Ach so.

Soll ich die Leute in Zukunft zur Konkurrenz schicken?

Bodmer lachte.

Nein, nein. So habe ich das nicht gemeint.

Tanner öffnete mit einer Hand ein Fenster und ließ die kalte Morgenluft herein.

Also, Bodmer, was ist Ihnen denn nicht geheuer?

Ja, wie soll ich sagen? Erstens haben wir in der Nacht merkwürdige Geräusche gehört, dann habe ich um halb sechs an seine Tür geklopft, und er antwortet nicht.

Was meinen Sie mit merkwürdigen Geräuschen? Und warum haben Sie denn um Gottes willen so früh an seine Tür geklopft?

Es klang irgendwie, als habe er die Möbel rumgeschoben.

Aha. Vielleicht wollte er in eine andere Richtung schlafen. Es gibt Menschen, die sind da sehr sensibel.

Ja, kann ja sein. Es klang aber irgendwie merkwürdig, auch der Zeitpunkt. Und wegen der frühen Stunde: Er hat mich gestern Abend darum gebeten! Ich sollte ihn am Morgen um diese Uhrzeit wecken.

Und jetzt antwortet er nicht? Und die Tür ist abgeschlossen, nehme ich an – und der Schlüssel steckt von innen, oder?

Genau so ist es.

Vielleicht hört er einfach Ihr Klopfen nicht? Vielleicht hat er ein starkes Schlafmittel eingenommen und schläft tief und selig. Könnte doch sein, oder?

Ja, könnte sein, aber ich glaube es nicht. Äh …, Tanner, könnten Sie nicht vielleicht auf einen Kaffee vorbeikommen? Mir ist einfach nicht wohl.

Hat dieses Unwohlsein vielleicht etwas damit zu tun, dass Ihnen gestern Abend der andere Gast gesteckt hat, dass D’Arcy im Gefängnis gewesen ist?

Woher wissen Sie …?

Es war ja indiskret genug, nicht wahr. Abgesehen davon: wieso rufen Sie eigentlich mich an? Wenn Sie sich wirklich Sorgen machen, müssten Sie doch die Polizei rufen.

Bodmer schnaufte durchs Telefon.

Ja … aber Sie sind doch … äh, nein, natürlich nicht, aber äh … ich dachte, Sie kennen diesen jungen Mann und …

Gut Bodmer, jetzt bin ich ja eh schon wach. Ich bin in einer Viertelstunde bei Ihnen, wenn es Sie beruhigt.

Bodmer stand an der Tür, als Tanner den Platz vor dem Restaurant überquerte. Er hatte kurzerhand die Abkürzung durch den Garten des Hauses genommen, den steilen Abhang hinunter zu den Bahngleisen.

Meine Frau hat Ihnen bereits einen Kaffee zubereitet. Danke, dass Sie kommen.

Bodmer führte ihn in die Wirtsstube. Seine Frau stand hinter der Theke. Tanner begrüßte sie und nahm den Kaffee in Empfang.

Darf ich mal den ausgefüllten Meldeschein sehen?

Frau Bodmer holte den Meldeblock aus einer Schublade hinter der Theke.

Hier.

Tanner studierte den Zettel.

Außer dem Namen konnte man seine Nationalität lesen und dass er gestern von Frankreich her kommend in das Land eingereist war. Bei Wohnort hatte er eine Wellenlinie gemacht. Die Rubriken Datum, Unterschrift und Passnummer waren ausgefüllt. Es war eine auffällig zarte Schrift mit kleinen, regelmäßigen Buchstaben, da und dort etwas zittrig. Aber es waren leider viel zu wenige Wörter, um sich wirklich ein Bild machen zu können.

Tanner blickte fragend zu Bodmer.

Haben Sie sich nicht gewundert, dass er keinen Wohnort angegeben hat?

Bodmer zuckte mit den Achseln.

Doch. Aber ich habe es erst nachträglich gesehen.

Tanner trank den Rest des Kaffees in einem Schluck.

Gut. Dann schauen wir jetzt mal, ob er immer noch schläft.

Bodmer ging voran.

Die fünf Gastzimmer befanden sich alle im ersten Stock. Zwei zur Straße, zwei zum See und eins im rückwärtigen Teil des Hauses. Genau genommen lag dieses eine Zimmer eigentlich schon außerhalb des Haupthauses, im ersten Stock eines angebauten Holzschopfs, war aber nur durch das Haupthaus erreichbar, über drei Treppen am Ende des Flurs. An der weiß gestrichenen Tür klebte, ein ganz klein wenig schief, die goldene Ziffer Fünf. Das war das Zimmer, in dem Jean D’Arcy schlief.

Bodmer zeigte stumm auf die Tür.

Tanner klopfte energisch. Dann rief er einige Male hintereinander den Namen.

Keine Reaktion.

Bodmer meinte in Zeichensprache, dass es vorher genau so gewesen sei.

Tanner legte sein Ohr an die Holztür.

Ich kann nichts hören.

Er versuchte durch das Schlüsselloch zu schauen, aber ergebnislos, ziemlich sicher steckte ja der Schlüssel.

Als letztes versuchte Tanner die Tür zu öffnen, aber sie war tatsächlich abgeschlossen.

Herr D’Arcy, wir machen uns Sorgen. Wenn Sie nicht antworten, müssen wir die Tür aufbrechen.

Tanner trat zurück.

Wie viele Fenster hat das Zimmer?

Nur ein einziges. Dafür ein großes.

Tanner nickte.

Ich möchte mir mal die Fassade von außen anschauen. Vielleicht ist das Fenster ja offen.

Bodmer nickte und ging voraus.

Mittlerweile dämmerte der Morgen. Der Nebel hatte sich offenbar über Nacht zum größten Teil gelichtet.

Hinter dem Haus befanden sich ein Obst-, ein Beeren- und ein großer Gemüsegarten. Frau Bodmer pflegte das alles sehr liebevoll. Das Obst, der Salat und das Gemüse kamen – je nach Saison – weitgehend aus eigener Produktion. Im Winter sahen die Gärten naturgemäß etwas trostlos aus.

Bodmer zeigte auf das Fenster.

Sehen Sie, es sieht so aus, als sei es geschlossen.

Tanner nickte und zeigte auf die ebenerdige Tür unterhalb des Fensters. Das Zimmer lag ja quasi im ersten Stock des Anbaus.

Was haben Sie denn im Schopf drin?

Gartenwerkzeuge. Holz. All die Tische und Stühle für die Sommerterrasse.

Tanner rief noch ein paar Mal den Namen zum Fenster hinauf. Dann wandte er sich zu Bodmer.

Gut. Ich denke, wir sollten die Polizei verständigen.

Muss das sein?

Ja, Bodmer. Das muss sein. Wenn wir die Tür aufbrechen, ist es einfach besser, wenn wir das nicht als Privatpersonen machen. Ich rufe jetzt einfach Michel an.

Bodmer nickte ergeben.

Ich geh dann mal zurück ins Restaurant und mach uns was zum Frühstück. Nehmen Sie auch ein Ei?

Tanner zückte sein Mobiltelefon.

Sehr gerne. Ich komme gleich nach.

Michel meldete sich sofort.

Ich glaub es ja nicht! Tanner ist zurück aus dem hohen Norden. Ich wollte eigentlich auch schon anrufen, nach dem ich gestern Nacht deine Nachricht gehört hatte. Aber ich hätte mich natürlich nie und nimmer getraut, den Herrn zu so einer unchristlich frühen Zeit zu stören. Na und? Wie war es? Bist du schon …

Entschuldige, wenn ich dich unterbreche. Ich werde dir alles erzählen. Ehrenwort. Aber jetzt rufe ich dich an, weil wir hier ein Problem haben.

Er fasste kurz die Situation zusammen. Michel stöhnte.

Natürlich schicke ich dir sofort einen Streifenwagen, aber gibt es wirklich solche Zufälle? Kaum tauchst du auf, schon gibt es wieder ein Problem in deinem Dörfchen.

Reg dich ab. Vielleicht ist es auch keins. Aber ich möchte nicht einfach so die Tür einbrechen, verstehst du?

Ja, ist ja klar. Ich guck mal, wer in der Nähe ist.

Tanner bedankte sich und beendete das Gespräch.

Er hatte gerade sein Ei gegessen, als der Streifenwagen vor der Tür hielt. Kurz darauf betrat eine uniformierte Polizeibeamtin die Wirtschaft.

Guten Tag.

Sie betrachtete die Frühstücksrunde und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Dann nickte sie Tanner zu.

Sie müssen Tanner sein. Kommissar Michel hat uns gebeten, bei Ihnen vorbeizuschauen. Wo ist das Problem?

Bodmer sprang auf.

Guten Tag, ich bin der Wirt. Wir haben einen Gast, den hätte ich um halb sechs wecken sollen, aber er antwortet nicht, und der Schlüssel steckt von innen.

Tanner hatte sich mittlerweile auch erhoben.

Ja. So ist es. Wir fänden es besser, wenn Sie dabei sind, wenn wir die Tür aufbrechen, Frau äh …

Wille. Mein Kollege Stoffel sitzt im Auto und telefoniert. Aber ich denke, wir schaffen das auch ohne ihn. Wo ist denn das Zimmer? Und wie heisst Ihr Gast?

D’Arcy. Jean D’Arcy. Das Zimmer liegt im oberen Stock. Ich gehe mal voraus.

Bodmer ging zur Treppe und nahm zwei Stufen aufs Mal.

Tanner und die Beamtin folgten. Bei der Treppe angekommen, wollte er ihr den Vortritt lassen.

Sie lächelte.

Bitte nach Ihnen. Sie wissen ja, bei Treppen und Restaurants geht der Mann vor.

Ach, ich wusste nicht, dass diese Regeln auch für Beamtinnen im Dienst gelten.

Er ging an ihr vorbei.

Jetzt lachte sie.

Darüber weiß ich nichts, aber Michel hat mich gewarnt.

Tanner blieb auf der Treppe stehen und wandte sich um.

Gewarnt. Vor was hat er Sie denn gewarnt?

Vor Ihnen, Tanner.

Er stutzte.

Machen Sie nicht so ein Gesicht. Gehen Sie bitte weiter. Wir werden erwartet.

Tanner seufzte und ging voraus, die Treppe hoch.

Tatsächlich – sie wurden erwartet. Bodmer stand mit hochrotem Kopf vor Jean D’Arcy, der sich verschlafen die Augen rieb – nur mit Leibchen und kurzer Hose bekleidet – und offenbar die Welt nicht verstand. Bodmer verstand sie offensichtlich auch nicht mehr und versuchte, sich wortreich zu entschuldigen, brachte aber nur unverständliche Laute zum Ausdruck. Erleichtert wandte er sich um, als er die Beamtin und Tanner bemerkte.

Schauen Sie! Das ist äh … Herr D’Arcy.

Ach ja? Was ist denn überhaupt passiert?

Die Beamtin fragte halb belustigt, halb verärgert.

Jetzt mischte sich Tanner ein.

Guten Tag, Herr D’Arcy. Verzeihen Sie die Störung, aber Herr Bodmer hat sich große Sorgen gemacht, da er Sie um halb sechs Uhr wecken sollte. Jetzt ist ja bereits acht Uhr vorbei, und bis vor kurzem haben Sie kein äh … also, auf unser Klopfen und Rufen nicht reagiert.

Tanner wollte zuerst Lebenszeichen sagen, vermied aber im letzten Augenblick das Wort.

Es tut mir leid, wenn ich Ihnen so viele Umstände mache. Aber schauen Sie, äh …

Er öffnete seine linke Hand. Da lagen zwei kleine, gelbe Wattebällchen.

Aus alter Gewohnheit hatte ich die in den Ohren. Sie müssen wissen, wo ich, äh … herkomme, konnte man ohne dieses Zeugs nicht schlafen.

Die letzten Worte sprach er zu Tanner und lächelte hilflos. Jetzt war auch sein Gesicht rot angelaufen.

Oh je, oh je. Und es ist bereits nach acht Uhr, sagen Sie?

Tanner nickte. Der junge Mann machte ein unglückliches Gesicht und hob hilflos die Schultern.

Na, dann werde ich mal …

Tanner drehte sich zu den anderen um.

Gut, ich schlage vor, wir ziehen uns zurück und lassen Herrn D’Arcy in Ruhe aufstehen.

Bodmer zog sich noch so gerne zurück, und die Beamtin nickte seufzend.

Als sie alle drei wieder in der Wirtsstube standen, ging Bodmer in Richtung Küche.

Ich muss mal kurz zu meiner Frau, sie wartet natürlich auf Bescheid. Sie entschuldigen mich.

Tanner nickte und wandte sich an die Polizistin.

Frau Wille, trinken Sie einen Kaffee?

Sie lachte und strich sich erneut schwungvoll eine Strähne aus dem Gesicht.

Wille genügt. Ich bin hier in offizieller Funktion. Egal ob Frau oder Mann, oder?

Dann trat sie an eines der Fenster.

Mein Kollege telefoniert immer noch. Also bitte, einen Kaffee.

Sie verdrehte die Augen und setzte sich an einen der Tische.

Seine Frau ist schwanger. Stoffel hat das Gefühl, das Kind könne jeden Moment auf die Welt kommen, obwohl es noch mindestens ein Monat bis zum Termin ist.

Tanner ging hinter die Theke zur mächtigen Kaffeemaschine und ließ zwei Tassen Kaffee heraus. Als er die beiden Tassen auf den Tisch stellte, lächelte sie.

Ich sehe, Sie bewegen sich hier wie zuhause, Tanner.

Er setzte sich.

Schließlich hat mich Bodmer um sechs Uhr aus dem Bett geklingelt und hier hergebeten, das gibt mir ein gewisses Recht auf selbständiges Handeln, zumal sich der Herr Wirt ja verflüchtigt hat.

Sie nickte und leerte das ganze Zuckersäckchen in den Kaffee. Die Sahne ließ sie stehen.

Was meinte der junge Mann eigentlich … da, wo ich herkomme?

Tanner nippte an seiner Tasse, bevor er antwortete.

Er hat fünf Jahre in einem Gefängnis in Salamanca verbracht.

Salamanca? Wo ist denn das?

Im Norden Spaniens. Ich habe ihn gestern Morgen auf dem Bahnhof kennengelernt. Er hatte mich nach einer Unterkunft im Dorf gefragt.

Sie rührte gedankenverloren in der Tasse.

Essen Sie oft hier?

Nicht sehr oft. Gestern Abend war ich hier, weil ich wie gesagt erst gerade von einer Reise zurückgekommen bin.

Sie nahm einen kleinen Schluck, dann spitzte sie ihren Mund, blies in den Kaffee, so dass sich die Oberfläche kräuselte.

Haben Sie nicht vielleicht gestern Abend hier gegessen, weil Sie sich für den jungen Mann interessieren?

Tanner lachte abfällig, insgeheim bewunderte er aber ihre Intuition.

Nein, nein. Mein Kühlschrank war leer. Ich bin ja erst gestern von einer längeren Reise zurückgekommen und …

Sie unterbrach ihn.

Das sagten Sie bereits. Was hatte er denn in Spanien verbrochen? Fünf Jahre sind ja kein Pappenstiel.

Es tut hier zwar nichts zur Sache, aber …

Ich tippe auf Drogen.

Tanner stutzte. Sie fixierte ihn.

Liege ich falsch? Es geht doch um Drogen?

Aha. Wie kommen Sie jetzt darauf?

Ja, das ist mein Problem. Andauernd kommen mir Sachen in den Sinn, und dann weiß ich gar nicht, woher die kommen. Zum Leidwesen meiner Umgebung treffe ich meist ins Schwarze.

Tanner dachte unwillkürlich, dass sie mit Umgebung wahrscheinlich ihren Freund meinte, möglicherweise eine ganze Reihe ihrer letzten Partner. Einen Ehering trug sie auf jeden Fall nicht.

Das nennt man im Allgemeinen Intuition. Und ich kann auch verstehen, dass es die Umgebung, wie Sie sich auszudrücken pflegen, nicht immer als ganz angenehm empfindet, wenn man Ihnen auf so irrationale Art und Weise auf die Spur kommt.

Sie legte ihre schöne Stirn in Falten. Tanner hob beschwichtigend die Hand.

Im Übrigen haben Sie auch in diesem Fall recht. Aber anders, als Sie denken. Irgendjemand hatte ihm die Drogen untergejubelt.

Woher wissen Sie das?

Tanner atmete tief durch.

Er hat es mir glaubhaft versichert.

Sie sah ihn lächelnd an.

So. So.

Tanner hielt ihrem Blick stand.

Ja. Ja. Genau so.

Sie trank die Tasse leer und stellte sie zurück auf den Unterteller. Tanner griff nach ihr.

Soll ich nachfüllen?

Ja. Gerne. Wenn es Ihnen nichts ausmacht.

Tanner erhob sich. In diesem Moment kam Bodmer zurück.

Entschuldigen Sie, dass ich Sie so lange allein ließ. Geben Sie her, Tanner. Ich mache das schon. Für Sie auch?

Tanner nickte und setzte sich wieder hin. Sie schwiegen, bis Bodmer die beiden Tassen brachten.

Wie gesagt, es tut mir leid, dass ich so hysterisch reagiert habe und Sie beide vergebens hierher gebeten habe …

Sie winkte ab.

Vergessen Sie’s. Ich schreibe ins Protokoll, dass ich mit dem berühmten Tanner einen Kaffee getrunken habe. Wir hätten uns sehr nett unterhalten, über Intuition und so …

Ich schulde Ihnen zum Dank für Ihre Bemühungen ein Nachtessen …

Er blickte von Tanner zur Beamtin und zurück.

… vielleicht passt Ihnen ja sogar ein gemeinsamer Termin?

Sie lachte.

Sie wissen aber, dass Kuppelei strafbar ist, oder?

Bodmer lachte.

Ich meinte ja nur, weil ihr im Grunde ja irgendwie – wie soll ich sagen? – Kollegen seid, oder? Immerhin war Tanner ja auch einmal …

Tanner winkte ab.

Geben Sie sich keine Mühe, Bodmer. Wir haben Sie verstanden. Wir danken Ihnen für Ihr Angebot. Wir werden darauf zurückkommen. Oder? Frau, äh … pardon, Kollegin wollte ich natürlich sagen.

Sie nickte lächelnd und erhob sich.

So. Jetzt muss ich aber.

Sie blickte zu Tanner.

Geben Sie Michel Bescheid?

Ja, ja. Das mach ich. Er wird mir zwar den Kopf abreißen, aber einmal mehr oder weniger, darauf kommt es auch nicht mehr an. Ich hoffe, man sieht sich wieder.

Sie hob die Hand zum Gruß.

DREI

Es war wie verhext. Am anderen Morgen erwachte Tanner wieder kurz vor sechs. Diesmal ohne Telefonanruf. Auf jeden Fall durch keinen realen. Er hatte noch unter der Dusche das vage Gefühl, dass er geträumt habe, Bodmer habe schon wieder angerufen und er deswegen um die gleiche Uhrzeit aufgewacht sei. Aber nach der Dusche war alles in seiner Erinnerung verblasst, und er wusste nicht mehr, ob er sich das bloß eingebildet hatte oder ob es wirklich ein Traum gewesen war.

Draußen herrschte noch tiefschwarze Nacht. Kein Mond und keine Sterne. Fröstelnd stand Tanner für einen Augenblick am offenen Fenster und zog die nasskalte Luft durch die Nase tief in seine Lunge. Immerhin klärte sich dadurch sein Kopf ein wenig. Plötzlich hatte er das Gefühl, er müsse irgendetwas tun, und sei es auch nur, die monatelang verwaiste Wohnung zu putzen. Er holte tief Atem und entschloss sich zu einer ausführlichen Putzaktion seiner nun monatelang verwaisten Wohnung. Gegen Mittag durchschritt er stolz und zufrieden sein auf Hochglanz poliertes Reich, und dachte, dass er jetzt wirklich angekommen sei. Das Reinigungsritual hatte ihn irgendwie erneut mit diesem Ort geerdet. Wie auf Verabredung klingelte in diesem Augenblick die Hausglocke.

Beschwingt trabte er hinunter, nahm zwei Stufen aufs Mal, und schloss die schwere Haustür auf.

Draußen stand, bibbernd vor Kälte, Jean D’Arcy. Immer noch bloß mit diesem dünnen grauen Anzug bekleidet. Den Koffer hielt er in der Hand.

Er hob linkisch die freie Hand zum Gruß und lächelte.

Guten Tag, Herr Tanner. Entschuldigen Sie bitte vielmals, äh … die Stör…

Tanner fasste ihn kurzerhand am Arm und unterbrach ihn.

Wissen Sie was? Sie kommen jetzt erst mal rein an die Wärme. Entschuldigen können Sie sich immer noch.

D’Arcy nickte und trat bereitwillig ins Haus. Tanner schloss die Tür und ging die Treppe hoch.

Kommen Sie. Ich gehe vor.

Setzen Sie sich einfach ins Wohnzimmer, ich mache uns einen Kaffee.

Als Tanner ins Wohnzimmer kam, saß D’Arcy am Tisch. Den Koffer hatte er am Boden zwischen die Beine gestellt.

Hier. Bitte bedienen Sie sich.

D’Arcy nahm Zucker und Milch. Seine Hand zitterte leicht. Dann atmete er mit geschlossenen Augen den Duft des Kaffees ein. Trank aber nicht.

Ja, äh … was ich sagen … ich meine, ähm … was ich Sie fragen wollte … es ist eine, äh … große Bitte.

D’Arcy blickte kurz zum Fenster und fuhr sich fahrig durch die blonden Haare.

Also, äh … vielleicht ist es schwer zu verstehen, aber …

Lieber Herr D’Arcy, sagen Sie mir einfach, was ich für Sie tun kann. Wenn es in meiner Macht steht, werde ich es tun.

D’Arcy blickte ihn mit großen Augen an.

Sie sind sehr liebenswürdig. Es tut mir leid, dass ich Sie störe, Sie haben sicher viel zu tun und äh …

Tanner fuhr mit der Hand durch die Luft.

Machen Sie sich keine Sorgen. Also, was kann ich für Sie tun?

D’Arcy griff unter den Tisch und brachte den Koffer zum Vorschein.

Darf ich Sie bitten, diesen, äh … Koffer für mich aufzubewahren? Es ist nur für ein paar Tage. Natürlich nur, ähm … wenn es Ihnen nichts ausmacht.

Tanner stand auf und wollte nach dem Koffer greifen. D’Arcy hielt ihn aber noch zurück.

Ich will Ihnen noch sagen, äh … dass in dem Koffer nichts ist, was äh … irgendwie illegal ist, verstehen Sie. Das schwöre ich bei meinem Leben. Und ich hoffe, Sie können mir glauben. Es ist etwas, was mir persönlich sehr wertvoll ist, aber ohne, ähm … materiellen Wert.

Dann überreichte er den Koffer. Tanner nahm ihn. Er war überraschend leicht.

Gut, ich glaube Ihnen. Wissen Sie was, D’Arcy? Kommen Sie, ich zeige Ihnen, wo ich ihn aufbewahre. Nur für alle Fälle.

Tanner ging in eines der praktisch leeren Zimmer seiner großen Wohnung. Es war ein relativ schmaler Raum mit nur einem Fenster zur Straße hin. Auf der einen Längsseite bestand das Zimmer aus lauter eingebauten Wandschränken mit massiven Türen. Er öffnete einen der Schränke, stellte den Koffer hinein und schloss den Schrank. Den Schlüssel nahm er ab und bot ihn D’Arcy an.

Schauen Sie, D’Arcy. All diese Schränke sind leer. Ich brauche den Schrank nicht. Nehmen Sie den Schlüssel mit. Wenn Sie den Koffer holen, müssen Sie allerdings den Schlüssel wieder mitbringen.

D’Arcy nahm den Schlüssel mit beiden Händen entgegen, als empfange er eine heilige Reliquie.

Das ist sehr großzügig von Ihnen, Herr Tanner. Sie können sich nicht vorstellen, ähm … wie froh ich bin, ja, wie erleichtert und froh.

Sie setzten sich beide wieder an den Tisch, und D’Arcy rührte erneut in seinem Kaffee, trank aber nicht. Er sah dabei gedankenverloren zum Fenster hinaus.

Tanner räusperte sich.

Haben Sie Familie, Herr D’Arcy? Ich meine, haben Sie jemanden, zu dem Sie gehen können?

Er lächelte.

Ja, wissen Sie, an Familie herrscht an sich kein Mangel. Im Gegenteil.

Jetzt lachte er gequält.

Die gibts sogar im Überfluss, aber äh …, die haben mich schon länger abgeschrieben, wissen Sie.

Weil Sie im Gefängnis waren?

Nein, nein, das hat andere Gründe.

Er nahm den Kaffeelöffel in den Mund. Dann hielt er ihn wie einen kleinen Spiegel in Augenhöhe, als wolle er sein Gesicht darin beobachten.

Das hängt eher mit meiner, ähm … Lebenseinstellung zusammen. Zudem ist meine, äh … ganze Familie sehr katholisch, und ich – ich habe mich seit einiger Zeit davon losgesagt.

Tanner nickte.

Aha, ich verstehe.

D’Arcy hob jetzt die Tasse mit beiden Händen an seine Lippen und trank sie in einem Zug leer. Tanner blickte auf seine Uhr.

Herr D’Arcy, darf ich Sie zu einer kleinen Spazierfahrt einladen? Ich war seit über einem Jahr weg und hätte große Lust, ein bisschen übers Land zu fahren. Zudem will ich wissen, ob mein Auto überhaupt noch fährt.

D’Arcy lächelte und machte wieder diese Andeutung einer Verbeugung.

Ja, gut. Ich komme gerne mit. Das ist sehr liebenswürdig von Ihnen. An dem Ort, von dem ich komme, habe ich oft davon geträumt, einfach übers Land zu fahren ohne Ziel und ohne Zeitdruck.

Tanner nickte ernst.

Diese Sehnsucht kann ich gut verstehen. Übrigens habe ich da noch einen sehr guten Mantel. Den können Sie sich gerne ausleihen, nicht dass Sie noch erfrieren.

Tanner wartete gar keine Antwort ab, sondern ging den grauen Fischgratmantel aus einem Schrank im hintersten Zimmer seiner weitläufigen Wohnung holen.

Als Tanner zurückkam, stand D’Arcy bereits unter der Wohnungstür. Tanner warf ihm den Mantel zu.

Er müsste Ihnen eigentlich perfekt passen. Als ich ihn gekauft habe, war ich noch etwas schlanker. Kommen Sie, D’Arcy, kommen Sie.

Tanner nahm zwei Treppen aufs Mal. Unten angekommen, ging er direkt zur Garage und öffnete die schweren Flügeltüren. Dann blickte er zum Haus.

Kommen Sie, D’Arcy.

D’Arcy stand im Mantel unschlüssig unter der Tür. Der Mantel war ihm zwar etwas zu groß, aber immerhin musste er jetzt nicht mehr frieren.

Sie müssen die Tür nur hinter sich zuziehen.

Tanner setzte sich in den Wagen und war gespannt, ob der Motor nach so langer Ruhezeit überhaupt anspringen würde. Er tat es ohne Probleme. Er fuhr den Wagen aus der Garage und bedeutete D’Arcy einzusteigen.

Wir fahren durchs flache Land zwischen den Seen, wenns recht ist.

D’Arcy lachte.

Ob es recht ist, fragen Sie mich? Oh ja. Sehr sogar. Sie sind sehr großzügig zu mir, Herr Tanner.

Dann wiederholte er dieses schöne, altmodische Dankeswort, das seine Großmutter bisweilen zu sagen pflegte.

Schon waren sie aus dem Dorf heraus, am Schloss vorbei, das man zu dieser Jahreszeit sehr gut von der Straße aus sehen konnte, da all die alten Bäume kahl waren. Kurz darauf entschied sich Tanner für die Umfahrungsstraße um das Bezirksstädtchen.

Sie schwiegen beide. Erst als sie die pfeilgerade Straße erreichten, die sie tief ins fruchtbare flache Land bringen würde, räusperte sich D’Arcy.

Äh … das ist ein sehr schöner und bequemer Wagen, Herr Tanner. Einer meiner Onkel hatte auch so einen, vielleicht ein etwas älteres Modell. Aber auch mit diesen weichen Ledersitzen. Ich habe mir nie etwas aus Autos gemacht, müssen Sie wissen. Ich bin immer sehr gerne Fahrrad gefahren. Alles andere war mir irgendwie zu schnell. Wissen Sie, ich komme mit meinen Augen gar nicht mit.

Tanner schaute ihn fragend an. D’Arcy lächelte.

Ja, verstehen Sie, ich kann gar nicht so schnell schauen, wie man es beim Autofahren braucht. Oder vielleicht liegt es daran, dass ich nicht so schnell, äh … denken kann. Das war auch früher beim, äh … Sport so. Ich konnte die Bälle einfach nicht sehen. Meine Schulkameraden haben nie verstanden, äh … warum ich keine Bälle fangen konnte, dabei habe ich sie gar nicht gesehen, wenn sie geflogen kamen. So einfach war das. Ich habe sie nicht gesehen. Können Sie sich das, ähm vorstellen?

Tanner nickte, sagte aber nichts. Er konnte es sich sogar sehr gut vorstellen. Vor allem den Spott, dem D’Arcy sicher ausgesetzt gewesen war. Kinder waren in der Hinsicht gnadenlos.

Plötzlich kicherte D’Arcy.

Beim Militär war es dann natürlich ein Glück. Nach drei Tagen hat man mich als unbrauchbar wieder nach Hause geschickt.

Er korrigierte sich.

Nein, nein. Das Wort war nicht unbrauchbar! Untauglich wurde das damals genannt. Genau: untauglich. Und meine Familie, äh … schämte sich. Sie müssen wissen, in meiner Familie ist man einfach nicht untauglich. In meiner Familie wimmelt es nur so von, ähm … Eichenlaub und goldenen Spaghetti um die, äh … Hüte.

Er ließ seinen Finger um seinen Kopf kreisen.

Dafür war ich gut in allem, was äh … Geduld erforderte. Laut meiner Mutter konnte ich schon mit vier Jahren Puzzles mit Hunderten von Teilen zusammensetzen.

Tanner nickte bewundernd.

Was haben Sie denn für einen Beruf gelernt, Herr D’Arcy?

Uhrmacher. Ich habe Uhrmacher gelernt. Bei einem genialen, alten Meister …

Seine Miene verdunkelte sich.

… der leider nicht mehr lebt.

Tanner wartete eine Weile. Aber D’Arcy schwieg.

Erzählen Sie mir von Ihrem Meister?

Er nickte, begann zögernd zu erzählen und kam dann immer mehr in Schwung.

Als ich Aziz Haddad, so hieß er, kennenlernte, war er bereits ein älterer Mann, schlaksig bis hager, aber bei bester Gesundheit. Alle Welt nannte ihn Monsieur Adda. Er betonte immer, dass er sein Lebtag nie krank gewesen sei und dass er immer noch alle seine Zähne besitze und niemals ein Loch gehabt habe. Sein Vater sei Ringer gewesen, und auch er habe es in seiner Jugend ein wenig ausprobiert. Er führte gerne seinen starken Bizeps vor, der bei so einem schmächtigen Körper überraschte. Wenn er auf jemand eine Wut hatte oder sonst irgendwie schlecht gelaunt war, ging er in den Hof der Werkstatt und spaltete in kurzer Zeit einen riesigen Berg Holz. Ansonsten war er die Gutmütigkeit in Person, fast wie eine gütige Person oder eine Fee aus einem Märchen, wissen Sie.

Tanner nickte.

Am liebsten unterhielt er sich über das Uhrmacherwesen. Viele Leute hielten ihn für einen großen Gelehrten, dabei hatte er kaum eine Schulbildung. Er sagte immer: Es waren die Uhren, die mich alles gelehrt haben. Er war sicher einer der besten Uhrmacher weit und breit.

Jean D’Arcy lächelte.

Uhren waren für ihn Persönlichkeiten. Wie soll ich sagen? Ja, er behandelte Uhren, als ob sie lebendige Wesen wären. Er behandelte sie mit Ehrfurcht und Liebe. Brachte man ihm eine Uhr, die wirklich rettungslos defekt war, wurden seine Gesichtszüge ganz weich: Das Herz schlägt nicht mehr. Das Gehirn ist beschädigt, sagte er zum Beispiel, oder: Wie soll sie denn gehen, die arme, wenn beide Füße gebrochen sind.

Unterdessen hatten sie das flache Land durchquert. Die Anhöhen des sanften Hügels, der den See säumte, waren zum Greifen nahe. Tanner entschied sich für die Route am See entlang.

Tanner blickte kurz auf D’Arcys Gesicht. Er schien tief in Gedanken versunken. Er fragte sich einmal mehr, ob die Traurigkeit in den Augen D’Arcys vom Gefängnisaufenthalt kam oder ob es andere Gründe gab? Hatte er keine Frau, die auf ihn wartete? Was hatte er vor? Warum ist er ausgerechnet in dem kleinen Dorf am See ausgestiegen?

Unvermittelt schaute D’Arcy auf.

Darf ich Sie etwas fragen, Herr Tanner? Ja, sicher. Fragen Sie.

Ich meine, äh … etwas, äh … Persönliches, verstehen Sie?

Ja, fragen Sie halt. Wir sehen ja dann, ob ich in der Lage bin zu antworten.

Gut.

Glauben Sie an Gott?

Tanner lächelte und lehnte sich zurück.

Nein, ich glaube nicht an einen Gott.

D’Arcy fuhr sich nervös durch die Haare.

Wenn Sie nicht an, äh … Gott glauben: An wen wenden Sie sich denn, wenn Sie, äh … allein sind und oder ähm … verzweifelt?

Lieber D’Arcy, seien Sie mir nicht böse, aber ich glaube, das ließe sich bei einem kleinen Kaffee besser besprechen. Meinen Sie nicht auch?

D’Arcy nickte.

Sie haben recht.

Im nächsten Weindorf hielten sie bei einem Restaurant mit einer kleinen Seeterrasse an. Sie setzten sich in die leere Gaststube, und Tanner bestellte zwei Kaffee.

Als der Kaffee vor ihnen stand, räusperte sich der junge Mann umständlich.

Wenn Sie also nicht an Gott glauben, dann glauben Sie auch nicht, dass er seinen, äh … Sohn, äh … auf die Erde geschickt hat, um uns zu erlösen.

Das vermuten Sie ganz richtig, D’Arcy. Das glaube ich auch nicht. Abgesehen davon sehe ich weit und breit keine Erlösung. Sie etwa?

Und was ist mit den Zehn Geboten?

Was soll damit sein? Meines Wissens haben wir unsere ganze Ethik den Griechen zu verdanken. Das sind Grundbedingungen für ein menschenwürdiges Zusammenleben. Ganz zuoberst steht: Die Würde jedes einzelnen Menschen ist unantastbar. Dazu braucht es meiner Meinung nach keinen Gott.

Tanner trank seinen Kaffee.

An wen wenden Sie sich denn, wenn Sie verzweifelt sind, D’Arcy?

Er zeigte lächelnd nach oben.

Ich bete. Und dann bin ich noch einer lieben Gemeinschaft verbunden, die nicht weit von hier ihr Zentrum hat.

Er zeigte vage in eine Richtung.

Eine religiöse Gemeinschaft?

Ja, ja. So was Ähnliches.

D’Arcy wiegte den Kopf. Offenbar wollte er nicht weiter darüber sprechen. Er rührte unentwegt in seinem Kaffee.

Wissen Sie, warum ich in dieses Dorf gekommen bin?

Nein. Wieso?

Mein alter Meister, äh … also mein Uhrmachermeister, Monsieur Adda, liegt hier begraben. Gott hab ihn selig. Er ist leider verstorben, während ich in, äh … in Spanien war. Ich konnte also nicht an seine Beerdigung.

Ach. War er denn von hier?

Nein, nein. Er ist in Algerien geboren. Aber seine Frau ist hier aufgewachsen, und somit liegen beide hier begraben.

Tanner stutzte.

Sagen Sie mal, D’Arcy, warum hätte Bodmer Sie eigentlich gestern so früh wecken sollen?

D’Arcy errötete und blickte auf seine Fingerspitzen.

Ja, wissen Sie, mein Meister liebte die frühen Morgenstunden. Und so wollte ich ihm äh … die äh … Ehre erweisen und ganz, ganz früh am Morgen zu seinem Grab gehen und sagen: Meister, hier bin ich endlich – und ähm … Sie sehen, ich bin früh aufgestanden.

Tanner lachte.

Aha, ich verstehe.

Wissen Sie, ganz früh am Morgen, wenn jeweils alles noch geschlafen hatte, liebte es mein Meister, seinen Uhren zu lauschen. Und ich, als sein Schüler, musste es ihm gleichtun. Da saßen wir dann beide und lauschten. Bei Armbanduhren hatten wir Stethoskope, so wie die Ärzte sie verwenden. Bei großen Uhren lauschten wir mit dem Ohr am Gehäuse. Auf der einen Seite mein Meister, auf der anderen ich. Zuerst habe ich wochenlang, ja monatelang nichts anderes gehört als tic-tac-tic-tac. Er sagte immer, man müsse so zuhören, dass man alles andere vergessen, sich ganz in die Uhr hinein versetzen könne. Man müsse quasi zur Uhr selber werden, dann könne man herausfinden, was dem Mechanismus fehlte, dann würde man die Seele der Uhr verstehen.

D’Arcy sprach jetzt ohne Stocken, seine Augen leuchteten.

Wie gesagt, zuerst hören Sie nur das Ticken einer Uhr, aber dann – plötzlich öffnet sich ein neues akustisches Universum. Plötzlich können Sie die Geräusche so zerlegen, dass Sie die Reibung jedes einzelnen Zahnrädchens hören, jedes Schleifgeräusch eines Lagers orten, das sich nicht ganz im Gleichgewicht befindet. Bei mir dauerte es allerdings über drei Jahre, bis ich alles hörte.

Drei Jahre lang? Sind Sie da zwischendurch nicht verzweifelt?

Doch, natürlich. Mein Meister verbot mir zudem, die Uhren zu öffnen, bevor ich hören konnte, was mit ihr los war. Ich habe natürlich gelernt, Uhren zu bauen. Aber die wertvollen Uhren, die mein Meister zur Revision oder zur Reparatur erhalten hatte, durfte ich erst öffnen, wenn ich ihm vorher genau beschreiben konnte, was drinnen los war.

Das ist ja interessant.

Sie schwiegen beide.

Konnten Sie im Gefängnis wenigstens etwas lernen oder von Ihren Fertigkeiten Gebrauch machen?

Ja, als der Direktor merkte, dass ich etwas von Uhren verstehe, belieferte er mich dann und wann mit Uhren, die ich reparieren musste –, und er strich das Geld ein.

Er lachte.

Die Werkzeuge musste ich natürlich immer wieder vollständig abgeben, denn damit hätte man auch allerhand anderes herstellen können.

Ja, ich verstehe.

Tanner überlegte, was er alles damit hätte herstellen können.

Hat man Ihnen, als man Sie gefasst hatte, eigentlich keinen Handel vorgeschlagen?

D’Arcy schaute ihn erschrocken an.

Handel?

Strafmilderung gegen Informationen. Zum Beispiel, woher Sie die Drogen hatten oder für wen Sie die geschmuggelt hatten?

Aber … äh … ich habe Ihnen doch … äh … man hat sie mir ja heimlich in die Tasche gesteckt!

Ja, das schon, aber Sie haben doch gesagt, dass Sie wüssten, wer Ihnen das eingebrockt hat.

D’Arcy wurde noch blasser und wandte sich schnell ab.

Ja, aber das ist etwas anderes. Das sind schließlich keine … äh … ja, wie gesagt, das ist etwas anderes.

Er räusperte sich.

Herr Tanner, seien Sie mir nicht böse, aber könnten wir langsam umkehren, ich hätte heute Nachmittag noch etwas zu erledigen.

Tanner nickte und verkniff sich die Frage, um was es sich denn handelte. Sonnenklar aber war, dass Jean D’Arcy über das Thema nicht reden wollte. Tanner blieb nichts anderes, als es zu akzeptieren. Er bezahlte den Kaffee. Beim Rausgehen zückte er sein Telefon, blickte nach der Uhrzeit und sah, dass er eine Sprachmitteilung hatte.

Nachtessen bei Bodmer. Habe interessante Informationen. Wenn Sie nicht kommen, bitte melden. Sonst 20.00 Uhr. Wille.

VIER

Wenn er etwas hasste, dann waren es diese verfluchten Schießübungen. Schon zweimal war es ihm dieses Jahr gelungen, sich davor zu drücken, heute hatte er daran glauben müssen. Dass er in seinem Beruf schießen können musste, leuchtete ihm ein. Aber er hasste die Atmosphäre im Schießkeller. Die Art von Kameradschaft erinnerte ihn fatal an die Polizeirekrutenschule, die er längst als ein übles Kapitel in seinem Leben abgehakt hatte.

Seine Schießresultate waren denn auch alles andere als berauschend gewesen. Der Verantwortliche hatte die Stirn gerunzelt und ihm nur zögernd den Stempel aufs Formular gedrückt. Ein Punkt weniger, und er wäre reif gewesen, und zwar für den ganzen Rattenschwanz von medizinischen Untersuchungen, Augentests und so weiter und so fort. Wer all die Tests nicht besteht, wird in den Innendienst versetzt. So einfach war das. Und davor graute Michel.

Der Beamte hatte mit schiefem Maul gegrinst.

Gerade noch die Kurve gekriegt, mein Lieber. Wünsche viel Glück für den Ernstfall. Besser, du kommst in keinen!

Ja, ja, bla … bla … bla.

Michel winkte ab. Im sogenannten Ernstfall – die Kollegen liebten das Wort über alles – ist sowieso alles ganz anders. Außerdem hatte er sich längst zur Regel gemacht, so lange wie möglich zu verhandeln und dann die Einsatztruppe zu bestellen, wenns denn unumgänglich war.

Nach diesem verlorenen Morgen – und auch ein bisschen zur Belohnung – leistete er sich ein saftiges und kunstvoll arrangiertes Wildmenu beim Stocker auf der anderen Seite des Sees.

Das Restaurant war wie immer ziemlich voll, trotzdem fand der Chef Zeit, sich zu Michel an den Tisch zu setzen.

Ich habe gehört, dass Tanner wieder in der Gegend ist. Der hohe Norden soll ihm nicht so gut bekommen sein!

Michel grunzte.

Wer behauptet denn so was? Stimmt doch alles nicht. Wer erzählt denn so einen Bockmist?

Ach, die Spatzen, die Spatzen. Du weißt ja, wer alles bei mir isst. So was spricht sich schnell herum, zumal im Winter, wo sich die ganze Welt zu Tode langweilt. Weißt du denn, wie es unserer lieben Solveig geht?

Ich weiß nur, dass sie ihre kranke Mutter pflegt, den Rest musst du Tanner fragen. Früher oder später wird er hier ja wieder auftauchen.

Mein Gott, bist du schlecht gelaunt! Schmeckt dir mein Essen nicht?

Doch, doch, Stocker. Nimms nicht persönlich. Ich hatte heute mein persönliches Schießprogramm zu absolvieren. Ist nicht gerade mein Tag.

Aha. Ich verstehe. Wenn du beim Kaffee bist, komme ich noch einmal zu dir. Ich spendier dir, wenn du willst, auch gerne ein Dessert. Ich muss dich nämlich dringend etwas fragen.

Als Stocker wieder in seine Küche verschwunden war, stocherte Michel lustlos in seinem Teller. Musste dieser Scheißkerl auch noch Solveig erwähnen? Mein Gott, war er damals in sie verknallt gewesen! Und dann diese kalte Abfuhr. Es gab ihm immer noch ein Stich, und zwar an der Stelle, wo es empfindlich wehtat.

Das Ego – das unsichtbarste, aber zugleich empfindsamste Organ vor allem der Männer –, wie es die neue Polizeipsychologin nannte, die letzthin, auf Anordnung von ganz oben, einen ewig langen Vortrag vor der ganzen Mannschaft gehalten hatte.

Na, wenn schon, dann hats mich halt am Ego getroffen. Wen geht das etwas an! Ist ja schließlich mein Ego!

Irgendwie mochte er es Tanner gönnen, dass es offenbar nicht ganz so geklappt hatte mit ihr. Wenn es denn so war. Aber warum sonst wäre Tanner freiwillig zurückgekommen? Er wollte es ihm ja partout nicht erzählen. So eine Frau lässt man doch nicht allein. Keine Stunde. Schon gar keinen ganzen Tag. Na ja, wenn schon.

Gleichzeitig schämte er sich für diese kleinen hämischen Ge fühle. Ging es ihm denn besser? Um diese aufkommenden Gedanken zu verdrängen, trank er den Rest des Bieres in einem Zuge aus und bestellte sich per Handzeichen kurzerhand ein neues, obwohl er mit sich ausgemacht hatte, dass er am Mittag nur noch ein einziges Bier trinken wollte. Aber heute war sowieso ein Ausnahmetag – Schießtag eben –, und zudem wartete im Büro nichts Dringendes auf ihn. Im Gegenteil: seit ein paar Wochen dümpelte das Kommissariat vor sich hin, als habe sich auf einen Schlag die Menschheit gebessert – zumindest im Bereich seiner Abteilung Leib und Leben. Er konnte sich nicht erinnern, dass es während seiner ganzen Dienstzeit jemals über so lange Zeit so ruhig gewesen wäre. Sämtliche Schreibtische waren aufgeräumt wie nie. Die Aktenberge verschwunden. Die Bleistifte gespitzt. Er fragte sich allen Ernstes, ob es so etwas wie die Ruhe vor dem Sturm gab? Er versuchte ein wenig zu ergründen, wie denn so ein Sturm aussehen könnte, kam aber auf keine besonders einfallsreiche Idee. Vielleicht finden demnächst schreckliche Terrorakte statt mit Dutzenden von Geiseldramen oder weiß der Teufel was.

Freudig nahm er das frisch gezapfte Bier entgegen, das die Bedienung ihm brachte, und er gönnte sich einen tiefen ersten Schluck. Er war der Meinung, dass er sich den redlich verdient hatte. Seine Laune hellte zunehmend auf.

Das einzige Geschäft, das er sich für heute Nachmittag vorgenommen hatte, war die Akte Wille. Sie war letzthin bei ihm vorstellig geworden, denn sie wollte partout weg von der Straße, aus der Uniform raus und in seine Abteilung. Sein Chef hatte ihm erstaunlicherweise freie Hand gelassen – auch so ein Wunder. Immerhin war seine Abteilung unterbesetzt, was in dieser ruhigen Zeit kein Schaden war, aber sobald die Abteilung wieder auf gewohnten Hochtouren laufen würde – und dieser Tag würde kommen –, fehlte mindestens ein Mitarbeiter oder eben eine Mitarbeiterin. Die Wille hatte genug Dienstzeit auf Streife und Innendienst und wohl auch sämtliche notwendigen Kurse absolviert – mit Bravour, wie man munkelte. In der Akte würde ja dann alles zu finden sein.

Ja! Und sie war ziemlich attraktiv. Nicht unbedingt schön, es war eher ihre Art sich zu bewegen. Und sie hatte dieses aufreizende Lachen.

Saufrech ist sie. So ist es.

Seine Miene verfinsterte sich.

Wenn er mit ihr sprach, hatte er immer das Gefühl, sie nehme ihn nicht besonders ernst. Er war irgendwie sauer auf sie, ohne genau zu wissen, warum.

Sie ist eine eingebildete Kuh.

Plötzlich erschien Stocker und setzte sich ihm schwungvoll gegenüber.

Wolltest du was bestellen oder führst du schon Selbstgespräche?

Michel winkte ab. Stocker ließ sich nicht beirren.

Na, Gott sei Dank. Ich sehe, die Laune hat sich mächtig gebessert. Kann wirklich mein Essen so etwas bewirken, oder denkst du gerade an etwas Schönes? An etwas, was man weniger essen als vielleicht abschlecken kann? Du hattest gerade so einen verzückten Glanz in deinen Augen …

Ach wo. Du bist und bleibst ein Spinner, Stocker. Aber dein Essen ist Spitze, das muss dir der Feind lassen.

Gut. Dann gebe ich dir noch meine neueste Kreation mit Feigen in Vanille und Schokolade zum Kosten.

Er machte ein Zeichen zu seiner Frau, die an der Theke stand und formulierte mit den Lippen lautlos seinen Wunsch. Sie nickte und verdrehte die Augen. Stocker schickte ihr einen Kuss per Flugpost.

Michel verzog seinen Mund zu einem Grinsen.

Schön zu sehen, wie auch ältere Ehepaar noch miteinander schnäbeln.

Ach Michel, du bist ja nur neidisch, gib es zu. Und was heißt hier älter? Ich bin sicher mindestens eine Generation jünger als du.

Ja, aber seit mindestens zwanzig Jahren verheiratet. Damit seid ihr ein älteres Ehepaar.

Michel lachte dröhnend. Er war ziemlich stolz auf seine Schlagfertigkeit.

Ja, lach nur. Wenn du wüsstest …

Wenn ich was wüsste?

Was unser Geheimnis ist. Na ja, wahrscheinlich jeder guten, langjährigen Beziehung.

Und was wäre das Geheimnis?

Kennt das die Polizei nicht? Das magische Dreieck!

Wie bitte.

Michel beugte sich vor. Sein Interesse war nicht geheuchelt.

Was ist denn das magische Dreieck?

Stocker lehnte sich zurück.

Ich verrate dir das Geheimnis, wenn du mir versprichst, dass du dir nachher in Ruhe meine Geschichte anhörst.

Michel hob indianermässig die Hand.

Versprochen! Was ist denn jetzt dieses Geheimnis?

Stocker beugte sich vor und dämpfte seine Stimme.

Es sind die berühmten drei Gs.

Michel runzelte die Stirn.

G wie Guter Sex. G wie Großzügigkeit. G wie gemeinsames Geschäft. Verstehst du? Die Reihenfolge ist wurscht. Aber alle drei müssen stimmen.

Michel konnte seine Enttäuschung nicht verhehlen.

Ist das alles?

Stocker lachte.

Ja, bist du noch bei Trost, Michel? Was hast du denn erwartet? Irgendwas mit Hokuspokus?

Stocker stippte mit seinem Finger in Richtung von Michels mächtiger Stirn, als ob er dort ein Loch bohren wollte.

Was ich dir beschreibe, ist die hohe Kunst, das sage ich dir. Geht das nicht in deinen Schädel?

Michel nickte.

Doch, doch.

Er schielte zur Frau vom Stocker, die sich gerade abwandte, sodass er ihr zugegebenermassen verlockendes Profil sehen konnte.

Stocker warf die Hände in die Luft.

Ich sprach von gutem Sex. Mein Gott, den kann man nicht sehen. Das kann man nur erleben. Bist du so, oder tust du gerade ein bisschen kompliziert? Das Aussehen zählt vielleicht am Anfang, wusstest du das nicht?

Ja, ist ja gut, Stocker. Reg dich ab. Wenn bei euch wirklich alles so gut läuft wie das Geschäft, dann ist ja alles gut. Das verstehe sogar ich, stell dir vor. Ist ja sicher auch schön für dein Ego. Falls du weißt, was das ist.

Ja, was meinst du, was du denn heute gegessen hast. Gebratenes Ego!

Sie lachten herzhaft.

Also, was ist das für eine Geschichte, die du mir unbedingt erzählen willst?

In diesem Augenblick brachte Frau Stocker persönlich das Dessert und den Kaffee für Michel.

Ich wünsche einen guten Appetit.

Sie ging betont Hüfte schwingend in Richtung Theke. Dann wandte sie sich lächelnd noch einmal um.

Stocker grinste übers ganze Gesicht und schaute Beifall heischend zu Michel.

Ja, ja, Stocker. Ich habe es begriffen. So. Jetzt aber zum Dessert.

Michel nahm einen Löffel voll und roch daran.

Oh, das riecht ja fantastisch.

Dann steckte er den Löffel in den Mund.

Stocker, du bist ein Genie.

Der Angesprochene lachte.

Sag ich doch. Also, hör mal. Bevor ich die Geschichte erzähle, eine wichtige Frage: Verjährt Mord?

Michel schluckte erst runter, dann wischte er sich bedächtig den Mund mit der Serviette.

Nein, Stocker. Mord verjährt nicht. Warum? Hast du jemanden ermordet? Ich habe ausnahmsweise keine Handschellen dabei.

Mach jetzt keine Witze, Michel. Mord verjährt also nie, sagst du?

Ja. Genau so ist es. Mord verjährt nie.

Michel blickte ihn an.

Kommt jetzt die Geschichte oder was?

Ich erzähle dir eine Geschichte von einer ziemlich ärmlichen Familie aus dem Seeland da unten. Das ist auf der anderen Seite vom Hügel. Etwa eine halbe Stunde Fahrzeit von hier. Sie waren zu Pacht auf einem kleinen Bauernhof. Der Vater hatte zu seinen besten Zeiten nie mehr als sieben Kühe. Sie pflanzten ein bisschen Gemüse, ein bisschen Kartoffeln und so weiter. Sie hatten drei Kinder, und alle hatten ständig Hunger. Die Mutter pflegte zu sagen: Wir sind zwar arm, aber anständig und zufrieden.

Michel nickte.

Ja, den Spruch kenne ich. Weiter.

Direkt in unmittelbarer Nachbarschaft lag noch ein Hof, der war sogar noch kleiner. Da lebte Karst, Heinrich Karst, und zwar ganz allein. Sie nannten ihn Onkel Karst, obwohl sie nicht miteinander verwandt waren. Also, alt war er eigentlich noch nicht gewesen. Für Kinder ist jemand über dreissig alt, zumal er körperlich leicht behindert war. Er hatte es mit dem Rücken und lief etwas gekrümmt. Er war wohl früher längere Zeit im Ausland gewesen, aber die Kinder wussten nichts Genaues. Er lebte also allein und hatte weit und breit keine Familie. In dem Sinne waren sie seine Familie. Sie durften bei ihm drüben spielen, und der Vater half ihm in allem aus, als wäre der Karst sein eigener Bruder oder so. Wenn es nötig war, half er ihm im Wald oder auf dem Feld und erledigte wohl vor allem Karsts ganzen Papierkram und stritt auch mal mit der Gemeinde, wenn der Karst das Gefühl hatte, dass man ihn bescheißen wollte. Die Mutter pflegte den Karst, wenn er krank war und besorgte ihm Arzneimittel und so weiter. Kannst du dir die Situation vorstellen, Michel?

Klar kann ich.

Michel schleckte gerade liebevoll seinen Dessertlöffel ab, den Teller hatte er schon minutiös gesäubert.

Mmh, mmh … diese Suppe hat aber ganz besonders gut geschmeckt … hätte meine Mutter gesagt. Sie lebt übrigens schon lange nicht mehr. Also Stocker, du kannst weitererzählen. Ich verstehe bis jetzt alles. Nur eines noch: muss ich mir die beiden Höfe in einem Dorf vorstellen, oder lagen die sozusagen alleine abseits? Vielleicht spielt es ja keine Rolle, aber ….

Doch, doch, du hast recht, das ist nicht ganz unwichtig: Die lagen ziemlich abseits. Bis ins nächste Dorf waren es sicher zwanzig Minuten zu Fuß.

Gut. Und wie geht es weiter? Du hast einen Mord angekündigt.

Der kommt, sei mal nicht so ungeduldig. Willst du noch einen Kaffee?

Michel nickte und Stocker gab seiner Frau ein Zeichen.

Also: Eines Tages im Hochsommer fand das älteste der drei Kinder, ein Mädchen, den Karst auf dem Boden seiner Küche. Zuerst dachte sie wohl, er würde schlafen. Ab und zu hatte er nämlich einen über seinen Durst getrunken, insofern war es für das Kind nichts besonderes, ihn irgendwo am Boden zu finden. Manchmal schlief er seinen Rausch im Stall oder auch schon mal auf dem Miststock aus. Also, das kannten sie. Damit konnte man sie nicht mehr sonderlich beeindrucken. Aber da war Blut – und zwar ziemlich viel Blut. Das Mädchen hatte einen Schock. Sie lief schreiend in das Haus und alarmierte Vater und Mutter. Es dauerte allerdings eine Weile, bis sie erklären konnte, was sie gesehen hatte. Der Vater ging sofort rüber und sah, dass der Karst tot war. Er lag offensichtlich in seinem eigenen Blut. Angefasst habe er ihn nicht, sagte der Vater atemlos, als er wieder kam, er habe vielmehr einen kleinen Spiegel über seinen offenen Mund gehalten und so gesehen, dass er tot wäre. Die Mutter wollte es gar nicht erst sehen und verbot den Kindern strikte, ins Haus rüber zu gehen. Der Vater musste sich erst einmal setzen, und die Mutter hat ihm sofort die Schnapsflasche hingestellt und die Kinder in ihre Kammer im ersten Stock gescheucht. Sie hatten also nicht mitbekommen, was ihre Eltern in der Küche gemacht oder besprochen haben, aber es ging relativ lange, bis sie durch das Fenster sahen, wie der Vater mit seinem Fahrrad ins Dorf gefahren ist. Sie hatten ja kein Telefon.

Stocker unterbrach sich einen Moment und holte tief Atem.

Michel stutzte.

Das ist deine Geschichte, Stocker, oder?

Stocker nickte.

Dieses Bild werde ich mein Leben lang nicht vergessen, nämlich wie mein Vater irgendwie geschwankt hat auf dem Fahrrad und sich sehr langsam vom Haus entfernt hat. Er fuhr über die holperige Feldstraße, die von unserem Haus ins Dorf führte, und es schien, als komme er nicht vom Fleck, obwohl er sich offensichtlich anstrengte. Wir haben unseren Vater dann wochenlang nicht mehr zu Gesicht bekommen.

Michel stutzte.

Warum denn das? Ist er verhaftet worden?

Ja, genau. Aber nicht nur er, auch meine Mutter kam in Untersuchungshaft. Sie wurden beide verdächtigt, gemeinsam den Karst umgebracht zu haben. Das habe ich aber erst viele Jahre später begriffen.

Gab es denn Hinweise?

Wart mal, Michel. Ich erzähle der Reihe nach, sonst vergesse ich die Hälfte.

Als unser Vater also ins Dorf gefahren war, hat uns unsere Mutter gepackt und zu ihrer Schwester gebracht, die auf einem anderen Hof wohnte, nicht weit von uns. Sie fand es besser, dass wir die ganzen Umtriebe mit der Polizei und dem toten Karst irgendwie nicht mitkriegen würden.

Michel räusperte sich.

Ja, gut. Das kann ich quasi aus mütterlicher Sicht sogar verstehen. Es gab zum Beispiel bei uns zu Hause vor der Haustür eine Weile Verkehrsunfälle. Es war wie verhext: genau vor unserem Haus. Als erstes hat meine Mutter mich jeweils ins hinterste Zimmer verbannt, damit ich ja nichts mitbekam. Dafür hat sich dann alles in meiner Fantasie abgespielt. War auch nicht besonders lustig. Wahrscheinlich habe ich mir die Verletzten drastischer vorgestellt, als sie es in Wirklichkeit waren. Aber erzähl weiter.

Ja. Ich komme jetzt zu einigen Fakten. Der Karst hatte insge samt sieben Messerstiche. Zwei im Rücken und fünf in der Brust. Jeder der einzelnen Stiche wäre bereits lebensgefährlich gewesen. Zusammen aber waren sie tödlich. Er sei wohl ziemlich schnell verblutet. Der Tod musste mitten in der Nacht eingetreten sein oder am ganz frühen Morgen. Da gab es zwei verschiedene Gutachten. Meine Schwester hatte ihn ungefähr um acht Uhr morgens gefunden. Wir hatten ja Schulferien.

Michel schaute ihn fragend an.

He ja, sonst wären wir schon längst in der Schule gewesen.

Aha. Ich verstehe. Und weiter?

Die Polizei fand ein Testament. Karst hatte alles meinem Vater vermacht. Den Hof und das Land und ein bisschen Geld auf der Bank. Und Geld, das er schwarz auf dem Hof versteckt hatte. Dazu komme ich noch. Somit hatten meine Eltern ein Motiv. Zweitens hatten sie in den Papieren meines Vaters ein Dokument gefunden, das Blutspuren aufwies.

Ja und?

Die Polizei fand heraus, dass es Blut vom Karst war.

Aha. Und auf dem Motiv und dem Blut bauten sie die Anklage auf. Verstehe. Oder gab es noch andere Hinweise?

Meines Wissens nicht. Aber die beiden Dinge wogen schwer: das Testament und das Blut.

Michel wiegte den Kopf.

Hatte man die Tatwaffe gefunden?

Nein. Das war ja das Übel. Keine Tatwaffe und keine fremden Fingerabdrücke. Es gab im ganzen Haus nur Karsts eigene Spuren und natürlich die von uns. Die von uns allen waren ja klar zu erwarten, denn wir alle waren tagtäglich in seinem Haus zugange.

Michel nickte.

Ja. Ich verstehe. Karst hatte nach deinen Aussagen keine Familie. Das heißt, es gab überhaupt keine Verwandten mehr, potenzielle Erben oder so? Ist eigentlich außergewöhnlich.

Ja, aber es war offenbar genau so. Karst stand menschenseelenallein im Leben und hatte praktisch nur uns. Insofern war es ja auch logisch, dass er uns – quasi seiner Ersatzfamilie – alles vermachte.

Ja, ich verstehe. Sind deine Eltern denn rechtsgültig verurteilt worden?

Nein, nein. Sie sind dann nach langem Hin und Her mangels Beweisen wieder entlassen worden. Es gab keine Beweise. Es gab nur das Motiv und diese Blutspuren. Mein Vater erklärte die übrigens damit, dass sich Karst sehr oft beim Rasieren geschnitten hatte, was auch stimmte. Das sahen wir alle immer wieder.

Michel guckte skeptisch.

Doch, glaub mir. Du kennst doch das bei diesen alleinstehenden Männern auf dem Land. Sie rasieren sich alle zwei Wochen mehr recht als schlecht, haben kein gutes Messer, sind ungeschickt, verwenden vielleicht sogar nur kaltes Wasser und haben keinen guten Spiegel, von Rasierschaum ganz zu schweigen.

Also gut. Karst rasiert sich ungeschickt, schneidet sich, das Blut tropft auf ein Dokument. Das Dokument wird unter den Sachen deines Vaters gefunden. Ja, das ist leider sehr ungeschickt. Hatte man denn eine genaue Vorstellung von der Tatwaffe?

Stocker stutzte.

Ja, ich meine, aufgrund der Wunden. Hatte die Polizei eine Vorstellung, was für eine Art Messer es hätte sein müssen? Ich meine diese Tatwaffe, die man nicht gefunden hatte.

Ach ja, genau. Es hätte ein Messer mit einer ungewöhnlich breiten Klinge sein müssen. Und aufgrund der Wunden sogar zweischneidig. Bei meinem Vater fand man sicher das eine oder andere Messer, aber keines mit solch einer Klinge.

Aha. Ein zweischneidiger Dolch mit breiter Klinge. Sogar ungewöhnlicher breiter Klinge, sagst du? Das gehört sicher weder damals noch heute zur Standardausrüstung eines Bauernhofes, das glaube ich gerne. Lässt ja auch schon Rückschlüsse auf ein bestimmtes Täterprofil zu.

Den letzten Satz murmelte Michel mehr so vor sich hin.

Was meinst du, Michel?

Nichts. Nichts. Es ist eh zu früh für irgendwelche Rückschlüs se. Sag mal, Stocker, nichts für ungut, aber jetzt brauche ich noch mal ein Bier. Ich habe so einen Durst bekommen.

Ja, ja. Ich bestell dir eins.

Danke, Stocker. Sag mal, gab es denn überhaupt keine anderen Spuren oder Verdächtigungen in dem Fall?

Doch, doch. Zuerst konzentrierte sich die Polizei wohl ausschließlich auf meine Eltern. Wir Kinder kriegten dann auch mal Besuch von einer Art Polizeitante, die uns befragte, aber natürlich ohne Resultat.

Frau Stocker brachte das Bier für Michel. Und für ihren Mann eine Karaffe mit Wasser. Er schenkte sich ein.

Zum Wohl, Michel.

Sie hoben beide die Gläser.

Zum Wohl, Stocker.

Stocker räusperte sich.

Plötzlich kamen ganz verrückte Gerüchte auf. Ich habe keine Ahnung, woher die kamen.

Was für Gerüchte?

Um das zu verstehen, muss ich dir von einer äh … wie soll ich das sagen? Ja, von einer Eigenart Karsts erzählen.

Stocker nahm noch einmal einen großen Schluck Wasser.

Stell dir ein mageres Männlein vor. Fast ein bisschen das Klischee eines – oder noch besser: die Karikatur eines armen Bäuerleins. Krumme, magere Beine, zerfurchtes Gesicht, verstrubbeltes graues Haar, zwei listige, kleine Äuglein. Meckerstimme, wie bei einer Ziege. Er rauchte gerne Villigerstumpen. Seine spitzige Nase war ziemlich rot – und nicht von der Kälte …

Beide lachten.

Klingt nicht grad nach einem sympathischen Zeitgenossen.

Nein, nicht wirklich. Aber zu uns Kindern war er direkt – wie soll ich sagen – liebevoll. Ich glaube, er mochte uns. Wie auch immer – jetzt habe ich den Faden verloren …

Du wolltest von Gerüchten erzählen.

Ja, ja. Genau. Eben, er hatte eine Eigenart, von der jeder im ganzen Umkreis wusste. Er war neugierig.

Na ja, neugierig sind wir alle, oder?

Ja, aber bei ihm nahm es krankhafte Züge an. So weit wussten wir Kinder das natürlich nicht. Aber es muss wirklich massiv gewesen sein. Er war ja ganz allein. Weißt du, was er jahrelang als Lieblingsbeschäftigung an den langen Abenden in seiner Einsamkeit getrieben hat?

Nein. Aber du wirst es mir gleich verraten, nehme ich an.

Stocker grinste.

Er hat die ganze Umgebung ausspioniert. Und zwar systematisch und beharrlich. Er ist Abend für Abend rumgeschlichen, hat in die Fenster geguckt, hat gelauscht, hat sich die Ställe, die Scheunen angeschaut. Er wusste einfach immer alles. Er muss auch aus all dem Gesehenen und Gehörten oft die richtigen Schlüsse gezogen haben – die er dann am Tag darauf frisch fröhlich in der ganzen Gegend rumerzählt hat.

Ich sags ja: kein besonders sympathischer Zeitgenosse. Eine Art ländliche Sensationspresse, könnte man auch sagen.

Ja, stimmt. Das ist mir noch gar nie eingefallen. Bei einer gewissen Presse hätte er vielleicht mit dieser Eigenart eine Menge Kohle machen können.

Sie lachten beide.

Item, er hat mit diesem Rumerzählen viel Unfrieden in die Gegend gebracht. Mein Vater hat ihm oft ins Gewissen geredet. Behauptet wenigstens meine Mutter. Aber ich nehme an, es war für ihn wie eine Sucht und eine Art Ausweg aus seiner Einsamkeit. Vieles war ja auch harmlos. Er wusste zum Beispiel genau, wie viel Heu jeder in der Scheune hatte, wie viel Milch die Kühe gaben und so weiter, aber er war halt auch immer der Erste, der wusste, wann wer mit wem Streit hatte, welche Ehe kurz vor dem Abgrund stand. Er wusste wohl auch von heimlichen Liebschaften – alles eben, was die Leute lieber versteckt oder vertuscht haben wollten, hatte er halt irgendwie mitbekommen und es nicht etwa für sich behalten.

Michel hob sein leeres Glas in Richtung Theke und bat um Nachschub.

Das heißt, er hatte jede Menge Feinde im Dorf.

Stocker hob die Hände.

Genau. Vielleicht hatte er sogar gewisse Leute erpresst.

Vorsicht, Stocker. Das klingt mir jetzt aber zu sehr nach Spekulation. Um nicht zu sagen: nach Fantasie.

Stocker wehrte ab.

Nein, wart mal ab, Michel. Ich habe dir gesagt, dass mein Vater alles erbte, auch das Bargeld, das zu einem kleineren Teil auf der Bank lag und – jetzt kommts – zum größeren Teil im Haus in einer Stahlkassette verwahrt war. Verstehst du, worauf ich hinaus will? Woher sollte ein armes Bäuerchen denn Bargeld haben? Die Herkunft dieses Geldes konnte nämlich auch durch die Polizei nie geklärt werden. Offenbar wusste der Mörder nichts von dieser Kassette, oder es hat ihn eben nicht interessiert.

Michel nahm dankbar sein nächstes Bier entgegen.

Aha. Was hätte ihn denn sonst interessieren sollen, Stocker?

Eben. Entweder wollte der Mörder nicht mehr erpresst werden. Oder er wollte, dass der Alte kein Geheimnis verraten konnte. Oder – an diese Möglichkeit muss man auch denken: Rache.

Rache?

Stocker verdrehte die Augen.

Ja, eben für ein ausgeplaudertes Geheimnis.

Stocker stöhnte ziemlich dramatisch.

Findest du denn das alles so abwegig?

Michel winkte gelassen ab.

Lieber Stocker, möglich ist natürlich alles. Aber interessant sind natürlich in erster Linie die Fakten. Wobei ich dir mit der Rache recht geben muss, denn sieben Stiche mit einem breiten, zweischneidigen Dolch – mein lieber Schwan –, das könnte uns von einer großen Wut erzählen, die bekanntlich rot sieht. Spontan kann es aber auch nicht gewesen sein, denn wer trägt schon zufälligerweise so ein Messer mit sich rum? Aber genau dies sollen wir vielleicht denken. Damit wir nämlich in die Irre geführt werden.

Michel grinste und leerte sein Bier.

Und so weiter und so weiter. Du siehst, lieber Stocker, Spekulationen geben sich meist die Hände und gehen im Kreis herum. Am Ende sind wir so klug als wie zuvor.

Gut. Du hast recht. Ja, ja, sicher. Du hast ganz bestimmt recht.

Also, Stocker. Wie ist es? Kommt jetzt noch die Pointe, oder wars das?

Nein, nein, das wars. Eine Pointe gibt es nicht, außer dass man den Fall nie aufgeklärt, also den wahren Mörder nie gefunden hat und mein Vater an dem mangels Beweisen freigelassen zerbrochen ist.

Das tut mir leid, Stocker. Das ist wirklich eine schlimme Sache. Aber … warum erzählst du mir das jetzt? Ich meine, erst jetzt? Wir kennen uns doch schon …

Stocker verzog sein Gesicht zu einer wahren Leidensmiene und beugte sich flüsternd zu Michel.

Ich musste diese Tage meine Mutter ins Pflegeheim bringen. Das war eine schlimme Sache, wie du dir denken kannst. Zu meiner Überraschung war sie nur dazu bereit, wenn ich ihr versprechen würde, den Fall noch einmal untersuchen zu lassen.

Michel blickte ihn fassungslos an.

Ist das dein Ernst?

Stocker nickte.

Du hast es ihr versprochen?

Stocker nickte wieder.

Bist du denn wahnsinnig? Ein Fall wird praktisch nie wieder aufgenommen, außer wenn erhebliche neue … außerdem … mein Gott, wie lange ist denn das jetzt her?

Nicht ganz dreißig Jahre, äh …, ziemlich genau siebenundzwanzig Jahre.

Michel ließ sich erschöpft sinken.

Sag mal, wenn ich heute nicht zu dir ins Restaurant gekommen wäre …

Stocker unterbrach ihn.

Dann wäre ich morgen früh in deinem Büro gestanden. Als du heute Mittag gekommen bist, hatte ich gedacht, schau an: Der Himmel schickt ihn, ja – und wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, heißt es doch irgendwo, oder? Und eine Hand wäscht die andere. Denn eines verspreche ich dir, wenn es dir gelingen sollte, denn Fall wieder aufzunehmen …

Michel richtete sich auf.

Moment mal! Sagtest du, äh … Wille?

Stocker war ganz verdattert.

Ich sagte, wo ein Wille ist …

Gut. Gut. Ich glaube, äh … ich sehe da vielleicht einen Weg. Bring mir bitte die Rechnung. Ich muss schleunigst ins Büro.

Nein, nein, das geht selbstverständlich alles aufs Haus, das versteht sich doch von selbst.

Er winkte seiner Frau. Die brachte ihm sofort ein großes, gelbes Kuvert.

Hier, Michel. Ich habe dir alles, was ich dir erzählt habe, aufgeschrieben, inklusive sämtlicher Namen aller Beteiligten und so weiter. Für Fragen stehe ich selbstverständlich jederzeit zur Verfügung. Und meine Mutter auch.

Michel verschwand bereits durch die Tür.

Stocker rief ihm noch hinterher, dass er selbstverständlich auf Lebzeiten sein persönlicher Gast im Restaurant sei, aber dies konnte Michel längst nicht mehr hören.

Michel konnte sehr flink sein, wenn es sein musste.

FÜNF

Kurz vor ihrem Treffen hatte sie ihn per SMS wissen lassen, dass sie sich leider um eine ganze Stunde verspäten würde, da ihr Chef plötzlich noch eine dringliche Angelegenheit zu besprechen habe. Da er sich zwar noch in der Wohnung, aber bereits im Aufbruch befand, beschloss er, in der gewonnenen Zeit einen Spaziergang zu machen. Wie lange war er nicht mehr auf den gewohnten Wildwechseln spazieren gegangen!

Zudem brauchte er dringend eine Portion frische Luft, hatte er doch die letzten paar Monate vorwiegend draußen in der Natur verbracht. Er hatte sich sehr schnell an diese Lebensart gewöhnt, und sie fehlte ihm jetzt. Heute hatte er den ganzen Nachmittag lesend und schreibend in seiner Wohnung gesessen.

Was ihm außerdem schmerzhaft fehlte, war die Nähe zu Solveig. Er hatte sie heute erneut in einem langen Brief gebeten, ihre strikte Telefonverweigerung noch einmal zu überdenken. Schöner noch wäre natürlich, sie würde sich umgehend auf die Reise machen und zu ihm kommen. Aber dies war im Moment eine Illusion, der er sich nicht hingeben durfte, denn er wusste, dass sie bis auf weiteres ihre Mutter nicht alleinlassen würde. Und dass ihre Mutter bereit wäre, sich in eine Pflege in der Stadt zu begeben – da müsste wohl erst ein Wunder geschehen. Sie hatte sich nun mal in den Kopf gesetzt, in ihrem Haus auf den Schären entweder gesund zu werden oder zu sterben. Und um gesund zu werden, bräuchte es gerade noch einmal ein Wunder. Somit war die Situation ziemlich verfahren.

Eigentlich war die ganze Angelegenheit viel verfahrener, aber darüber nachzudenken, verspürte Tanner nun gar keine Lust, obwohl er wusste, dass er das Problem damit nur vor sich herschob. Er verschanzte sich einmal mehr hinter der Devise: Kommt Zeit, kommt Rat. Genau genommen, tröstete er sich mit der viel schöneren Formulierung Shakespeares desselben Gedankens – O Zeit, du musst dies entwickeln, nicht ich; es ist ein Knoten, der zu hart verschlungen ist, als dass ich ihn auflösen könnte – und war damit ziemlich zufrieden.

Um sich ganz abzulenken und um notabene das Versprechen einzulösen, das er ihr zum Abschied geben musste, hatte er heute vier Stunden lang in dem Buch gelesen, das sie ihm geschenkt hatte. Die nassen Seiten waren zum Glück wieder trocken, aber die Widmung ihres Vaters hatte sich nunmehr unwiederbringlich in einen Klecks verwandelt hatte.

Ganz erfüllt von all den merkwürdigen Gestalten, die diesen ausufernden Roman bevölkerten, der im winterlich nasskalten St. Petersburg spielte, stapfte Tanner durch das ebenso nasskalte Dorf. Damit endeten aber auch schon restlos alle Parallelen, denn hier gab es weder breite Straßen noch eine breite Front von hell erleuchteten Beletagen, weder Frauen in aufwendigen Roben noch spinnerte Exgeneräle oder bleiche Fürsten.

Das Dorf lag wie ausgestorben. Die Straßenbeleuchtung war wie eh und je eine jämmerliche Behauptung, die der feuchtkalten Nacht nichts entgegenzusetzen imstande war. Keines der Häuser war hell erleuchtet. Nirgends pulsierte das Leben. Nirgends wurde gefeiert und gelacht. Da und dort schimmerte eine ärmliche Pfunzel durch ein Fenster. Da und dort sah man das auf- und abschimmernde bläuliche Licht eines Fernsehers durch geschlossene Fensterläden hindurchscheinen. Das war alles. Ein wahrhaft trostloser Anblick.

In diesem Augenblick begann es zu schneien. Tanner blickte gen Himmel, schloss die Augen und spürte die zarten Flocken auf seinem Gesicht wie viele kleine, nasse Küsse. Na, wenigstens etwas.

Als er gegen neun Uhr ins praktisch leere Bahnhofsrestaurant kam (auch hier gähnende Trostlosigkeit, nicht einmal die obligaten Alkoholiker verließen heute offenbar ihre Wohnungen), empfing ihn Bodmer mit der frohen Botschaft, dass ihro Ankunft sich wahrscheinlich noch einmal um ein paar Minuten verzögern würde. Er betonte das ihro so, als würde er eine leibhaftige Hoheit ankündigen.

Na, dann beruhigen Sie sich mal, Bodmer.

Tu ich ja. Sie hat mich eben gerade angerufen. Sie seien irgendwie nicht erreichbar und eben … in der Hauptstadt muss es wahnsinnig schneien … und deswegen …

Danke Bodmer, ich habe verstanden.

Tanner suchte sein Telefon. Tatsächlich fand er es nicht. Er hatte es wohl zu Hause liegengelassen.

Merkwürdig …!

Er überlegte.

Na ja. Ist ja egal. Bodmer! Wo haben Sie denn für uns gedeckt?

Kommen Sie, Tanner. Meine Frau hat sich um alles gekümmert. Liebevoll, muss ich sagen.

Er zwinkerte ihm ganz verschmitzt zu.

Tanner verstand erst, als sie im kleinen Speisesaal standen und Bodmer ihn erwartungsvoll anschaute. Das Licht war sehr gedämpft. Ein einziger Tisch war gedeckt, inklusive Blumendekoration und Kerzenlicht.

Tanner lachte.

Ja, Bodmer. Da habt ihr euch aber was Schönes ausgedacht. Nachtigall, ick hör dir tra…

Er schüttelte den Kopf.

Seien Sie mir nicht böse, aber ich hätte es gerne ein bisschen weniger dramatisch.

Bodmer machte ein enttäuschtes Gesicht.

Seien Sie nicht beleidigt. Sie können ja von mir aus die Blumen und die Kerzen lassen, in Gottes Namen, aber machen Sie bitte die Beleuchtung heller. Und zwar deutlich.

Widerwillig ging Bodmer zum Schalter.

Gut so?

Ja. So ist besser. Übrigens – wie geht es Ihrem Gast? Hat er schon gegessen?

Nein. Er hatte sich für heute ganz abgemeldet. Er kommt wohl erst gegen morgen Mittag wieder.

Aha, schau an …

In diesem Moment kam sie im Restaurant an.

Er hätte sie kaum wieder erkannt. Sie trug keine Uniform, was sie um Jahre jünger erscheinen ließ, überdies war sie zwischenzeitlich beim Friseur gewesen und trug ihre Haare jetzt ganz kurz. Sie übergab Bodmer ihren Mantel und lachte.

Na, Herr Kollege, sind Sie mir böse, dass ich zu spät komme?

Tanner staunte immer noch.

Sie können den Mund übrigens gerne wieder zumachen und mich zu Tische führen, denn ich bin am Verhungern. Ich hoffe, Sie haben schon bestellt. Ich lasse mich nämlich am liebsten überraschen.

Tanner hatte natürlich noch nicht bestellt, machte aber das Spiel mit, reichte ihr den Arm und führte sie in den Speisesaal. Hinter ihrem Rücken gab er Bodmer Handzeichen, dass er ihm und seiner Frau die Wahl der Speisen überlassen würde. So wie immer.

Was möchten Sie denn gerne trinken, Kollegin?

Da ich heute keine Uniform trage, dürfen Sie mich gerne Lara nennen, denn so heiße ich im zivilen Leben.

Gut, Lara, was möchten Sie denn trinken?

Vielviel Wasser und wenigwenig Rotwein. Denn ich fahre ja Auto.

Bodmer nickte und schob ihr den Stuhl hin. Sie blieb aber stehen und klatschte entzückt in die Hände.

Lieber Bodmer, Sie haben ja den Tisch schön arrangiert, sogar Blumen und Kerzenlicht. Alles perfekt, das muss ich sagen. Einzig die Beleuchtung kommt mir etwas zu grell vor. Könnten Sie da noch ein bisschen dran arbeiten, bitte?

Bodmer schickte Tanner ein triumphierendes Grinsen, dann verneigte er sich ehrerbietig in ihre Richtung. Ganz die alte Schule.

Wird sofort gemacht, Madame.

Bodmers offensichtliche Sehnsucht, einem großen, vornehmen Hotel als altmodischer Hoteldirektor vorzustehen, war plötzlich unübersehbar.

Er drehte am Schalter.

Ist es recht so, Madame?

Jetzt ist es wirklich perfekt. Danke, Bodmer.

Sie setzte sich burschikos schwungvoll hin und griff sofort nach einem Stück Brot.

Entschuldigen Sie, Tanner, aber ich habe einen solchen Heißhunger.

Tanner setzte sich und betrachtete sie.

Sie trug zu engen Jeans eine weiße Hemdbluse, darüber einen gemusterten Pullunder mit farbigen Rhomben. Dann war da natürlich der neue Haarschnitt. Die Veränderung war wirklich verblüffend. Sie strich mit beiden Händen genussvoll durch ihre kurzen Haare.

Ich musste mir einfach die Haare abschneiden. Heute hat sich etwas außerordentlich Wichtiges entschieden, und dann muss ich so was immer auch äußerlich nachvollziehen. Können Sie das verstehen, Tanner?

Ja, das kann ich verstehen. Bei mir reicht meist eine gründliche Wohnungsreinigung.

Sie lachte herzlich.

Tanner putzt seine Wohnung! Das ist ja lustig! Das möchte ich sehen!

Ja, ja. Da staunen Sie. Was hat sich denn heute so Wichtiges entschieden?

Das sag ich Ihnen erst beim Kaffee. Jetzt will ich essen und trinken. Ah! Da kommt ja auch schon die Suppe. Gott sei Dank. Die Rettung naht.

Sie sprühte vor Energie.

Wissen Sie, Tanner, wenn ich Hunger habe, werde ich zum Raubtier, und dann kann ich auch nicht beides gleichzeitig.

Tanner schaute fragend.

Ja, ich kann nicht essen und reden. Schon gar nicht über wichtige Sachen. Aber ich kann zuhören. Wenn Sie also Lust haben, mir etwas zu erzählen – voilà. Wenn nicht – essen wir einfach gemütlich und reden danach.

Sie nahm den Löffel und wünschte ihm einen guten Appetit.

Sie könnten mir ja, zum Beispiel, erzählen, was Sie sich gedacht haben, als ich Sie zu diesem Treffen gebeten habe. Kam doch überraschend – gestehen Sie es ruhig.

Er gestand ihr freimütig, dass er überrascht gewesen sei und dass er genau so gespannt auf ihre Neuigkeiten sei. Sie gab sich mit der Antwort zufrieden und löffelte genussvoll die Kürbissuppe.

Er begann, ein bisschen aus Verlegenheit, denn er wusste wirklich nicht, was er ihr erzählen sollte, von dem Buch zu berichten, das er gerade zu lesen begonnen hatte. Sie hörte aufmerksam zu und war dann vor allem an Nastassja Filippowna interessiert, an dieser gefallenen Frau, in der sie sofort eine verwandte Seele vermutete.

Danach aßen sie eine Weile schweigend, unterbrochen nur von Ausrufen der Bewunderung über das Essen, denn Frau Bodmer hatte sich heute Abend wahrhaftig selbst übertroffen. Lara interessierte sich im Weiteren für Tanners beruflichen Werdegang. Er würde dann nachher schon verstehen, warum sie ihn das frage.

Er erzählte ihr eher widerwillig und stockend von seinen verschiedenen Stationen als Kommissar. In Schwung kam er erst richtig, als er von Marokko und dem Aufbau einer international tätigen Spezialabteilung sprach und – obwohl er das gar nicht vorhatte – vom furchtbaren Verbrechen an den Kindern berichtete und dass er aufgrund seiner Recherchen aus Marokko ausgewiesen worden und aus demselben Grund hierher zurückgekommen sei. Hier habe er nämlich die Spuren dieses Verbrechens aufgespürt und den Fall mit Michel zusammen lösen können. Seitdem arbeite er dann und wann mit ihm zusammen. Mehr oder weniger inoffiziell. Als so eine Art Berater.

Sie hörte ihm zu, ohne ihn zu unterbrechen. Als beide satt waren und der Kaffee vor ihnen stand, blickte Tanner sie erwartungsvoll an.

So!

Sie blickte ihn ernst an.

Ja. Ich weiß, jetzt bin ich dran. Danke für Ihre Geduld. Wenn es Ihnen recht ist, erzähle ich zuerst, warum ich mir die Haare geschnitten habe.

Tanner nickte.

Ich werde ab sofort keine Uniform mehr tragen. Ich arbeite ab jetzt in der Abteilung vom Michel, also in der Abteilung Leib und Leben.

An so etwas hatte Tanner überhaupt nicht gedacht.

Ach, das ist ja großartig. Ich gratuliere. Ich wusste natürlich nicht, dass Sie so etwas anstreben, aber …

Glauben Sie, ich will mein Leben lang Streife schieben? Sicher nicht! Deswegen bin ich nicht zur Polizei. Zudem habe ich alle Kurse gemacht und wirklich ziemlich gut abgeschnitten, ich muss es selber sagen.

Dann ist ja alles gut, und ich gratuliere wirklich von Herzen.

Ihr guter Freund Michel hat mich ziemlich lange hingehalten, wissen Sie. Und ich weiß aus gewöhnlich gut unterrichteter Quelle, dass er ein bisschen Angst hat vor mir.

Aha.

Tanner gab sich ganz erstaunt.

Wieso denn das?

Attraktive Frauen haben es im beruflichen Leben schwer. Wussten Sie das nicht, Tanner?

Er musste lächeln. An Selbstbewusstsein fehlte es ihr nicht.

Ich sehe, Sie lächeln, und Sie denken jetzt sicher, ein bisschen Bescheidenheit würde ihr auch nicht schlecht stehen, oder? Aber wissen Sie, ich habe meine Erfahrungen gemacht. Darunter einige sehr bittere, das können Sie mir gerne glauben. Die Polizeiwelt ist immer noch mehr oder weniger eine Männerdomäne, und reine Männerwelten reagieren auf Weibchen immer noch reflexhaft.

Sie lachte.

Und wenn das Weiblein kein Blaustrumpf ist, sondern einen knackigen Arsch und Brüste hat, die den Namen auch verdienen, dann – Sie können sich die Schwierigkeiten ja vorstellen. Wie gesagt, es hat eine Weile gedauert, bis …

Sie brachte dies alles in einem heiteren Ton hervor. Verbittert schien sie darüber auf jeden Fall nicht zu sein. Dann wischte sie mit einer Handbewegung einige Brosamen vom Tisch.

Lassen wir das.

Sie lachte.

Heute konnte es dem Herrn Hauptkommissar Michel plötzlich nicht schnell genug gehen, und er hat mir einen Fall hingeknallt, den ich selbständig lösen soll. Voilà. Sozusagen mein persönlicher Testfall. Er meinte, das Gute an dem Fall sei, dass nichts schief gehen könne, falls ich irgendwie versage. Wenn ich es hingegen schaffte, dann bekäme ich einen festen Platz in seinem Team. Ist das nicht großartig?

Tanner hatte kein besonders gutes Gefühl dabei.

Ja, das klingt gut. Um was für eine Art Fall handelt es sich denn?

Sie verzog ihre Miene.

Die Sache hat einen Haken: Es ist ein ziemlich alter Fall. Ein ungelöster Mordfall, der sich vor nicht ganz dreißig Jahren ereignet hat.

Tanner verdrehte die Augen.

Ach nein? Und Sie sollen ihn jetzt aufklären? Da wünsch ich aber viel Vergnügen.

Sie hob theatralisch ihre Hände in die Luft.

Sie trauen mir wohl gar nichts zu, Tanner. Danke für die Blumen. Statt dass Sie mir Mut machen …

Ach, Lara, so meine ich das doch nicht. Ihnen traue ich übrigens alles zu.

Darauf lächelte sie kokett – und verdrehte dann aber gleich ihrerseits die Augen.

Äh … wie meinen Sie das jetzt? Was trauen Sie mir denn alles zu?

Tanner ließ sich nicht beirren.

Hören Sie mir zu: Ich weiß, wie es sich mit Fällen verhält, die vor vielen Jahren nicht aufzuklären waren. Was soll sich denn mit dieser zeitlichen Distanz vereinfacht haben? Dass vielleicht die eine Hälfte aller Zeugen schon tot ist und die andere sich an nichts mehr erinnert?

Nein, aber vielleicht haben die Kollegen damals aus weiß was für Gründen irgendetwas übersehen, zudem gibt es heute Methoden, die damals noch nicht zur Verfügung standen und so weiter und so weiter.

Sie schlug mit ihren Händen einen Trommelwirbel auf den Tisch, worauf sofort Bodmer erschien.

Haben Madame gerufen?

Sie lachte.

Nein, Madame haben nicht gerufen. Sie streitet sich mit Monsieur.

Bodmer machte ein zutiefst unglückliches Gesicht.

Das ist aber schade.

Er schickte Tanner einen vorwurfsvollen Blick zu. Dann wandte er sich wieder besorgt an sie.

Darf ich noch ein wenig Wein eingießen? Oder darf ich vielleicht doch noch ein Dessert bringen? Bei Ihrer Linie!

Bodmer illustrierte diese Linie mit einer Handbewegung, als handle es sich um einen Strich mit oben einem Knick.

Sie dürfen. Wein ja, aber nur ganz wenig. Ich muss noch autofahren. Dessert nein. Wollen Sie mich eigentlich mästen, oder was? Zuerst verkuppeln und dann noch mästen. Und was heißt hier eigentlich Linie? Sie sind mir ja einer … der redet von meiner Linie und zeigt eine Linie mit so einer Kurve. Sollte dieser Knick etwa meine Oberweite darstellen?

Sie machte seine Bewegung nach und übertrieb natürlich schamlos.

Alle lachten. Bodmer schenkte Wein nach. Tanner brachte sein Glas in Sicherheit.

Mir lieber noch einen Kaffee, Bodmer.

Wird gemacht.

Tanner schaute sie auffordernd an.

Jetzt sagen Sie mir wenigstens in groben Zügen, um was für einen Fall es sich handelt, bitte.

Sie lächelte.

Deswegen habe ich mich ja auch zu diesem Treffen überreden lassen, sehr geehrter Herr Kollege, denn ich brauche Ihren erfahrenen Rat.

Tanner schmunzelte, behielt aber die Erkenntnis für sich, dass er sie bei einer kleinen Verdrehung der Situation ertappt hatte. Sogar bei einer doppelten Verdrehung. Tatsache war, dass sie ja von dem Fall erst seit heute Nachmittag wusste, zudem hatte sie ihn ja zu diesem Treffen aufgefordert.

Aber was solls. Er lehnte sich zurück und konzentrierte sich auf den Fall, den sie ihm jetzt wortreich zu erzählen begann.

SECHS

Tanner erwachte mit demselben Gefühl der Beunruhigung, mit dem er eingeschlafen war.

Im Schlaf verwandelte sich dieses Unbehagen in ein zähes, klebriges Gespinst, das ihn ganz und gar umwickelt hatte, und er konnte sich noch so viel herumwälzen, es hielt ihn die ganze Nacht fest in seinem Griff. Erst ganz früh am Morgen schien es sich wie ein Nebel aufzulösen, und er konnte immerhin noch eine Weile tief und fest schlafen.

Nachdem Lara Wille bis weit über Mitternacht ihren Fall (es war natürlich bereits ihr Fall) referiert hatte, und er ihr ein paar Ratschläge hatte geben können – nämlich wie man am gescheitesten an so was nicht herangehen sollte –, bequemte sie sich dann endlich, mit der angekündigten Information über Jean D’Arcy herauszurücken. Das war ja immerhin die eigentliche Begründung ihres Treffens gewesen.

Zuerst einmal hatte sie den Sachverhalt seiner Verhaftung vor über fünf Jahren geprüft und bestätigt erhalten. Jean D’Arcy sei tatsächlich an einem kleinen Grenzübergang zwischen Frankreich und Spanien von den spanischen Behörden wegen Besitzes und versuchten Schmuggels von Kokain im Wert von zweihundertfünfzigtausend Franken verhaftet worden. Er sei abseits der großen Grenzübergänge zu Fuß über die Grenze gegangen. Ein Grenzübergang in den Bergen, irgendwo in den Pyrenäen, wohlgemerkt! Auch dies sei doch merkwürdig und auffällig, meinte die frischgebackene Kriminalistin. Er sei dann ohne viel Federlesens zu sieben Jahren Haft verurteilt worden und wegen guter Führung nach fünf Jahren entlassen und abgeschoben worden. Nach Spanien dürfe er allerdings nicht so schnell wieder einreisen.

An dieser Stelle hatte sie kurz Atem holen müssen, was Tanner eine vorsichtige Anmerkung erlaubt hatte, im Sinne von … viel Anderes habe Jean D’Arcy ja auch nicht behauptet.

Ja, schon, hatte sie gekontert, aber er habe ja drauf bestanden, dass er unschuldig verhaftet worden sei. Man habe ihm die Drogen sozusagen heimlich ins Gepäck implantiert. Von wegen. Ihre Recherchen hätten ergeben, dass der ach so unschuldige Jean D’Arcy hierzulande ein behördlich bekannter Drogenabhängiger gewesen sei, mehrfach in Kliniken eingewiesen und vorbestraft – ebenfalls wegen Drogendelikten, und jetzt komme der Hammer, Tanner solle sich bitteschön festhalten: Er sei in ein Mordfall verwickelt gewesen! Also, Mord sei vielleicht etwas zu viel oder zu vorschnell behauptet, schränkte sie gleich etwas ein, aber: Er sei immerhin in eine dubiose Geschichte um eine verschwundene Frau verwickelt gewesen, deren Leiche man aber nie gefunden habe. Jean D’Arcy sei zeitweise verdächtigt worden, sie umgebracht zu haben. Dafür habe es Anschuldigungen durch Zeugen gegeben, aber mangels Beweisen und weil man eben die Leiche der Frau nie gefunden habe, sei der Fall als ungeklärt abgelegt und die Anklage gegen D’Arcy fallengelassen worden. Im Übrigen sei dieser Jean D’Arcy der Abkömmling einer der reichsten Familien in der welschen Schweiz, allerdings gehöre er nicht direkt zu dem reichen Zweig im Stammbaum, sondern zu dem verarmten – aber immerhin. Was sie mit ihrem auftrumpfenden immerhin meinte, ließ sich zur späten Stunde nicht eruieren. Tanner hatte auch bereits Mitleid mit Bodmer, der allein ihretwegen auf seinem Posten ausharren musste. Der Vater D’Arcys sei selbst schon früh irgendwie in Ungnade gefallen, wegen falscher Heirat oder so, und beide Eltern seien kurz nach der Geburt von Jean bei einem Unfall ums Leben gekommen und der Kleine bei einer Tante aufgewachsen.

Dies alles hatte sie praktisch ohne Atem zu holen berichtet, begleitet von einem Unter-, vielmehr einem Überton, den man nicht anders als triumphierend bezeichnen konnte. Warum dies bei ihr ein Gefühl des Triumphs ausgelöst hatte, wurde Tanner nicht klar.

Er hatte zu dem Zeitpunkt gedacht, dass sie vielleicht doch schon ein bisschen zu viel Wein getrunken habe, trotz ihrer mehrmaligen Versicherung, sie trinke nur ganz wenig. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war ihm klar geworden, dass ihm nichts anderes übrig bleiben würde, als sie nach Hause zu fahren.

So war es denn auch geschehen, obwohl sie sich zuerst gesträubt hatte. Der Hinweis, dass es in ihrer Testphase kein gutes Bild abgäbe, käme sie in eine Polizeikontrolle, hatte dann den Ausschlag gegeben.

Sie wohnte in einem der besten Viertel der Hauptstadt, nämlich da, wo ausländische Botschaften stehen wie Pilze im Herbstwald. Tanner hatte es tunlichst vermieden, irgendetwas über ihr Privatleben zu erfragen, obwohl er sich natürlich wunderte, wie es sich eine Polizistin leisten konnte, hier zu wohnen.

Die Fahrt war schweigend verlaufen. Sie hatte die ganze Zeit die Augen geschlossen gehalten, und Tanner wusste nicht, ob sie eingeschlafen war. Exakt hundert Meter vor dem Ziel hatte sie plötzlich hellwach und ziemlich trocken bemerkt, sie hätte dann übrigens keinen Kaffee zuhause, nur im Falle eines Falles … also, sie wolle ihm nichts unterstellen, nur falls er an so etwas herumstudiere.

Tanner hatte über diese letzte Provokation nur müde lächeln können und stumm mit der Hand auf das Taxi gezeigt, das bereits vor ihrem Haus gestanden und darauf gewartet hatte, ihn wieder nach Hause zu bringen, denn sie waren ja mit ihrem Wagen gefahren.

Halten Sie direkt hinter dem Taxi. Ich kann das Auto selbst in die Parkgarage fahren. Sie ist gleich um die Ecke. Oder trauen Sie mir das nicht zu, Tanner?

Er hatte nur genickt und ein Gähnen unterdrückt.

Oh, Tanner ist müde.

Tanner lachte.

Ich habe immerhin auf meiner Reise zwei Nächte nicht geschlafen, das holt man nicht so schnell wieder auf.

Sie hatten sich eine Weile schweigend angeschaut. Sie hatte als Erste das Schweigen gebrochen.

Welche Abschiedszeremonie schlagen Sie vor, Tanner? Sie wis sen ja, statistisch gesehen, fangen die meisten Verführungen beim Sich-Verabschieden an.

Sie hatte gekichert.

Vielleicht besser gar keine, liebe Kollegin. Ich sage ganz schlicht Auf Wiedersehen und bedanke mich für den unterhaltsamen Abend.

Er hatte kurz die Hand gehoben, sich auf dem Absatz umgedreht und war ins Taxi gestiegen. Die Fahrerin war sofort losgefahren.

Tanner hatte sich gezwungen, sich nicht umzudrehen. Es hatte ihn einige Überwindung gekostet, denn gar zu gern hätte er Lara Willes Verblüffung gesehen. Danach hatte er es sich bequem gemacht und die Augen geschlossen.

Er hatte sie aber gleich wieder geöffnet, denn vor seinem inneren Auge tauchte sofort ihr Gesicht mit dem frechen Lachen auf, aber er wollte sich partout nicht mit ihr beschäftigen. Er wollte lieber darüber nachdenken, was sie ihm über den jungen Mann erzählt hatte.

Tanner seufzte und blickte in die dunkle Nacht.

Hatte er sich in Jean D’Arcy so getäuscht?

Kriminelle Energie konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen. Andererseits wusste er aus Erfahrung, wie sehr man sich von einem Menschen ein katastrophal falsches Bild machen konnte. Grundsätzlich hatte ihn die Erfahrung gelehrt, dass man sowieso nur das sah, was man sehen wollte. Bis einen die Tatsachen eines Besseren belehrten. Er bereute jetzt tatsächlich, dass er ihm auch den Schlüssel des Schrankes mitgegeben hatte. Wie gerne würde er den Koffer öffnen, in der Hoffnung, dass ihm vielleicht der Inhalt weiterhelfen könnte.

Vielleicht hatte Lara in ihrer Unerfahrenheit einige Fakten falsch interpretiert, wo immer sie Einsicht genommen hatte. Wahrscheinlich hatte sie sich längst die notwendigen Autorisierungen für die nationalen und internationalen Archive und Informationskanäle besorgt, die der Polizei zur Verfügung standen. Nachdem Tanner gefrühstückt hatte, wählte er kurz entschlossen die Nummer von Michels Büro.

Na, Tanner, brauchst du wieder einen Streifenwagen? Ach nein, du suchst sicher Lara.

Wer ist Lara?

So leicht wollte es Tanner ihm nicht machen.

Ha, ha. Guter Versuch.

Michel lachte seinen tiefen Bass ins Telefon.

Warst du gestern Abend nicht rein zufällig mit einer Kollegin namens Lara Wille zum Essen verabredet?

Ach so die! Die Kollegin Wille! Reden wir von deiner neuen Mitarbeiterin, die du einen fast dreißig Jahre alten Mordfall aufklären lässt?

Hat sie dir das erzählt?

Michel schnaubte ungehalten ins Telefon.

So viel also zum Thema Diskretion. Gut. Ich notiere fünf Minuspunkte für die Kandidatin. Nein, da sie es ausgerechnet dir erzählt hat, gibts gleich zehn Punkte Abzug.

Als Tanner nicht darauf reagierte, räusperte sich Michel ungehalten.

Es stimmt übrigens. Hast du was dagegen?

Nein, aber du könntest ihr ja auch direkt sagen, dass du sie nicht in dein Team aufnehmen möchtest.

Wie kommst du denn darauf?

Weil du die Lösung des Falles zur Bedingung für ihre Aufnahme gemacht hast.

Tja, das Leben ist hart und verfügt bekanntlich selten über ein Geländer.

Tanner wechselte das Thema.

Hast du ihr die Einsicht in die Akte D’Arcy verschafft?

Nein. Ich höre den Namen zum ersten Mal. Wer ist das, und was hat sie damit zu tun?

Sie hat damit gar nichts zu tun. Sie wollte mir wohl nur beweisen, dass ich naiv bin und dass sie mit ihrer Skepsis oder weiblichen Intuition – oder mit beidem – recht hatte.

Tanner erklärte in knappen Worten, wer Jean D’Arcy war. Den Koffer verschwieg er allerdings, ebenso D’Arcys rätselhafte Bemerkung, dass er wisse, wer ihm damals die Drogen untergejubelt habe.

Jetzt wurde Michel wütend.

Der werd ich aber den Kopf waschen! Was denkt sich diese Dame eigentlich! Wie kommt die dazu, einfach im Archiv zu wühlen. Eine offizielle Genehmigung hatte sie ganz sicher nicht. Auf jeden Fall nicht von mir. Ich werde sie mir gleich vorknöpfen. Danke, dass du es mir gesagt hast, Tanner. Das macht gleich noch einmal zehn Punkte Abzug.

Sei nicht so streng mit ihr. Sie nimmt ihre Arbeit sehr ernst.

Aha. Hat sie dich schon um den Finger gewickelt. Das hätte ich mir denken können. Ich muss ja zugeben, dass sie verflucht attraktiv ist, mit ihrem frechen Lachen. Und dann erst noch diese …

Hier unterbrach ihn Tanner, denn er hatte keine Lust auf Michels sprachlich delikaten Wortschatz, mit dem er über weibliche Körper zu schwärmen pflegte.

Ich würde die Akte übrigens auch gerne einsehen, lieber Michel.

Michel produzierte ein dramatisches Stöhnen.

Welche Akte?

Na ja, die von Jean D’Arcy.

Michel stöhnte dramatisch.

Oh je. Jetzt fängt das wieder an! Du kannst es einfach nicht lassen.

Dann schwieg er.

Tanner wartete geduldig.

Michel stöhnte.

Also gut. Unter zwei Bedingungen: Erstens gehen wir heute Abend bei Stocker essen, und zwar auf deine Rechnung. Und zweitens versprichst du mir, dass du der Wille nicht unter die Arme greifst, falls sie dich bittet, ihr bei dem Fall behilflich zu sein.

Gut, machen wir! Heute Abend um zwanzig Uhr.

Wie – machen wir? Versprichst du es?

Ja, ja! Ich verspreche es. Warum sollte ausgerechnet ich ihr bei dem Fall helfen?

Michel lachte.

Ach, Tanner … vielleicht, weil es dir Zugang verschaffen würde …

Zugang?

Tja … dahin und dorthin …

Blödmann.

Tanner hängte auf.

SIEBEN

Michel saß allein in seinem Büro und wartete.

Auf was er wartete, war ihm selbst nicht klar. Abgesehen davon, dass er die Wille in sein Büro bestellt hatte und sie – laut Sommer, der die Telefonzentrale hütete – nicht auffindbar war. Aber er wartete natürlich nicht wirklich auf sie. Er wartete auf etwas anderes. Aber worauf?

Seit Wochen gab es im Grunde nichts zu tun, und das war ihm in seiner ganzen Karriere als Polizist noch nie passiert. Nach dem Telefonat mit Tanner hatte er einen halben Morgen lang über dieses Phänomen nachgedacht, war aber zu keiner befriedigenden Antwort gekommen. Seine Gedanken kreisten zwanghaft um die Idee, dass es sich um so etwas wie die Ruhe vor einem Sturm handelte. Aber um welchen Sturm denn, um Gottes willen? Woher wird er kommen? Und wird er ihm gewachsen sein?

In der Nacht hatte er schon wiederholt von seinem eigenen Tod geträumt. Diese Träume, deren Bilder jeweils spätestens beim Duschen verblassten – als wären es Figuren am Sandstrand, und ein, zwei Wellen genügten, um sie zum Verschwinden zu bringen –, hatten trotz allem ihre Wirkung auf seine Tage. Er ertappte sich immer häufiger dabei, unbeweglich dazusitzen, ein Loch in die Luft zu starren und nachzudenken.

Jetzt hatte er aus schierer Verzweiflung begonnen, über sich selbst nachzudenken, und da das gänzlich ungewohnt für ihn war, denn er hatte keinerlei Übung in diesem Geschäft, quälte er sich langsam wie eine Schnecke auf ihrem Schleim von einem Gedanken zum nächsten.

Gegen Mittag kam er zum Schluss, dass er doch im Grunde ein durch und durch gutmütiger Mensch sei. Jawohl: durch und durch gutmütig.

Er lächelte mitfühlend bei diesem Gedanken, als rühre ihn die Person, über die er gerade so angestrengt nachdachte. Auch die Formulierung gefiel ihm, sie erfüllte ihn mit einem seligen Glücksgefühl.

Durch und durch gutmütig!

Er wischte sich mit dem Handrücken über die Augen.

Er konnte zwar fuchsteufelswild werden, ja sogar toben, fluchen wie ein Bürstenbinder und wüten, dass der Boden zitterte, auf dem er stand, aber meist hatten diese Zustände eine sehr kurze Halbwertszeit. Seine zornigen und aufbrausenden Gemütszustände waren wie Gewitter: heftig und mächtig, theatralisch und laut, aber zeitlich begrenzt. Sie entwickelten sich selten zu Dauerregen und langen Schlechtwetterperioden.

An dieser Stelle seiner Analyse nickte er beifällig mit seinem mächtigen Haupt. Dann ergänzte eine Stimme in ihm: Und wenn er zornig wäre, hätte das sowieso immer einen triftigen Grund. Jawohl.

Er legte seine Stirn in Falten.

Was ihm allerdings in letzter Zeit immer häufiger passierte: Er hatte schlechte Laune. Und zwar eine alles durchdringende grimmig griesgrämige, bodenlos schlechte Laune. Dieser Zustand stellte sich schon ein, wenn er sich am Morgen schwer ächzend aus dem Bett hievte. Dieses Gefühl legte sich, so schien es ihm, wie eine zweite Haut um sein ganzes Wesen. Es umschloss ihn gar mit einem Panzer, der zäh, zerfurcht und wie aus hartem Leder schien.

Es hatte Zeiten gegeben, da hatte er zugebenermassen schlechte Laune quasi als Mimikry benutzt. Als ein Kostüm sozusagen, das er immer griffbereit zur Hand hatte. Gegen alle möglichen Ansinnen und Situationen konnte er sich beliebig hinter der Maske der schlechten Laune verkriechen, auch wenn er innerlich fröhlich und aufgestellt war. Was die Leute dann von ihm hielten, war ihm egal.

Aber jetzt war die miese Laune nicht gespielt. Sie hatte ihn fest im Griff. Es war ihm beinahe unheimlich, und er fühlte sich unfähig, diesen Zustand zu ändern. War das jetzt die Strafe für sein frevelhaftes Spiel? Hatte ihn seine Mutter nicht oft genug davor gewarnt, dass ihm seine Grimassen eines Tages bleiben würden, wenn er sie zu oft schneiden würde.

Michel stutzte.

Vielleicht könnte er jetzt ja den umgekehrten Weg gehen? Nämlich so tun, als hätte er gute Laune.

Er versuchte zu lächeln, aber er spürte, dass sich sein Gesicht nur zu einer weiteren Variante des Grimms verzerrte. Er versuchte, sich an etwas Lustiges zu erinnern, aber es war wie verhext, es wollte ihm nicht einmal ein Witz in den Sinn kommen. Er schlug verärgert mit der flachen Hand auf den Bürotisch, sodass die Bleistifte fröhlich ins Hüpfen kamen.

Heißt das, dass ich eintreten darf, Chef?

Zwischen Tür und Angel stand ein Wesen, das übers ganze Gesicht strahlte. Michel schaute verständnislos.

Sie hob die Hand und winkte, als wollte sie eine Nebelwolke wegwinken, die sich im Büro gebildet hatte.

Hallo, ich bins, Ihre neue Mitarbeiterin, Lara Wille.

Jetzt erst erkannte Michel sie.

Er glotzte sie weiter an. Dann schüttelte er seinen Kopf, als wolle er dadurch seine Starre lösen.

Was ist denn mit dir passiert? Bist du in Trauer?

Sie schüttelte fröhlich ihren Kopf.

Nicht dass ich wüsste. Wie kommst du denn darauf?

Ich dachte immer, Frauen schneiden sich nur die Haare freiwillig so kurz, wenn entweder jemand gestorben ist oder sie verlassen wurden.

Nein, ganz im Gegenteil.

Sie schüttelte unwillig den Kopf.

Das ist ja eine merkwürdige Theorie, muss ich sagen.

Er machte eine unwirsche Bewegung mit derselben Hand, mit der er gerade noch auf den Tisch gehauen hatte.

Es geht mich sowieso nichts an.

Ja. Das stimmt.

Sie lachte.

Darf ich mich setzen?

Michel konnte gerade noch verhindern, dass aus seinem Mund eine unfreundliche Bemerkung entschlüpfte.

Sie wartete nicht auf seine Erlaubnis. Sie setzte sich einfach.

Was kann ich denn für Sie, also äh … ich meine für dich tun, neue Mitarbeiterin Wille?

Im Grunde bereute er jetzt, dass er ihr so schnell das kollegiale Du angeboten hatte, obwohl es natürlich üblich war. Aber er hätte ja auch warten können, bis die Probezeit um war. Sie aber lachte ihn entwaffnend an.

Du hast mich doch bestellt. Wenigstens hat es Kollege Sommer mir so ausgerichtet.

Sie machte Anstalten, sich zu erheben.

Aber ich kann auch wieder …

Michel winkte ungeduldig ab.

Ja, ja, stimmt. Ich habe dich tatsächlich suchen lassen. Wo warst du übrigens?

Sie legte ihren Kopf schräg.

Erinnerst du dich, dass du geruht hast, mir einen Fall zu übergeben? Übrigens …

Sie betonte das Wort ziemlich frech.

Wusstest du, dass zu besagtem Fall keinerlei Akten mehr existieren, Michel?

Er guckte sie irritiert an.

Wie? Keine Akten? Das kann doch nicht …

Doch, doch. Es ist so. Der Fall ist zwar nie gelöst worden, aber nach fünfundzwanzig Jahren spätestens werden Papierakten entsorgt. Damals gab es ja noch keine elektronische Datenverarbeitung.

Das Letzte sagte sie achselzuckend mehr zu sich selbst.

Er verlagerte sein Gewicht in Richtung Stuhllehne, genussvoll, wie es schien, und – siehe da: jetzt konnte er plötzlich lächeln.

Tja, das macht deine Aufgabe natürlich nicht einfacher. Ich nehme an, du willst mir den Fall zurückgeben, Wille?

Sie beantwortete sein Lächeln und fing an, mit dem Stuhl zu kippeln.

Nein, nein, so einfach ist das nicht mit mir. Ich kann ziemlich hartnäckig sein. Ich habe nämlich auch schon etwas gefunden.

Aha. Und was hast du gefunden?

Genauer gesagt: Ich habe eine Person gefunden. Nämlich einen pensionierten Beamten, der damals an den Untersuchungen beteiligt gewesen ist. Und zwar in leitender Position.

Michel schnäuzte sich in eine seiner Windeln. Es klang wie bei der Morgentoilette im Elefantenhaus.

Ich gratuliere. Und wie hast du den aufgestöbert?

Sie ließ sich mit dem Stuhl wieder nach vorne kippen und nestelte in ihrer Tasche.

Ich habe in den Personalakten geguckt, wer denn damals in der Abteilung Leib und Leben so gearbeitet hatte. Und wer wann pensioniert wurde und wer wann gestorben ist.

Michel runzelte seine Stirn.

Wie bist du denn an die Personalakten gekommen?

Sie seufzte und verdrehte die Augen.

Keine Angst, Chef, alles nach Dienstvorschrift. Ich habe ganz brav in der Personalabteilung nachgefragt. Das ist ja nicht verboten, oder?

Michel wiegte zwar bedeutungsvoll den Kopf, aber leider hatte sie recht, und er konnte nichts einwenden.

Und weiter?

Ich werde Albin Blumenstengel gleich nachher in seiner Wohnung besuchen.

Blumenstengel? Ist das wirklich sein Name? Michel konnte ein Grinsen nicht verkneifen.

Ja, so heißt er. Du kannst ja seine Personalakte anschauen, bitte.

Nein, nein. Ich glaube dir ja. Das war wohl vor meiner Zeit. Wie lange ist er denn schon pensioniert?

Sie blätterte in ihrem Notizbuch.

Seit vierundzwanzig Jahren.

Na, dann drücke ich die Daumen. Der ist ja dann … äh …

Ja, Herr Blumenstengel ist siebenundachtzig Jahre alt. Er hat sich zwei Jahre früher pensionieren lassen. Er klang am Telefon aber, äh … wie soll ich sagen … ganz klar und vernünftig. Er hat sich auch sofort an den Fall erinnern können.

Hat er? Was du nicht sagst, Wille! Na, dann kann ja alles noch gut werden.

Michel beugte sich vor und schwebte plötzlich in einer Wolke guter Laune.

Aber was erwartest du denn von ihm? Offensichtlich konnte der Fall ja nicht gelöst werden, oder?

Lara Wille erhob sich.

Ich weiß ja nicht, wie es zu deiner Zeit war, aber ich habe in meiner Ausbildung gelernt, dass Erwartungen und vorgefasste Meinungen der Todfeind jeder Ermittlung sind.

Sie blickte ihn herausfordernd an.

Kann ich jetzt gehen, Chef?

Ja, klar, geh nur, geh nur. Wie heisst es so schön: wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, ha, ha, ha.

Er lachte unbändig. Sie verdrehte die Augen. Michel kappte sein Lachen.

Okay, tut mir leid. Den Spruch hast du sicher schon tausendmal gehört, stimmts?

Sie antwortete nicht.

Also, geh nur. Aber, äh … bring mir bitte noch die Akte D’Arcy vorbei. Du hast sie ja, nehme ich an, noch auf deinem Schreibtisch liegen. Selbstverständlich nur, wenn es dir nichts ausmacht, äh … wollte ich sagen.

Sie drehte sich noch einmal um, als wollte sie etwas erwidern. Sie hob aber nur die Hand, nickte und verließ dann betont langsam das Büro.

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