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Unni Drougge
Hella Hell

Roman

Saga

Mein Dank gilt

Ann-Marie Skarp. Mit Herz, Intelligenz, Humor, Enthusiasmus, Großzügigkeit und Klugheit hast du mir den Weg gewiesen. Deine Stärke hat mich nicht nur beim Schreiben inspiriert, sondern auch beim Leben. Wenn ich doch eines Tages so sein könnte wie du!

Anne Ralf. Wie eine wahre Schönheitschirurgin hast du Defekte ausgebessert, wie eine raffinierte Kosmetikerin der Sache ihren besonderen Pfiff gegeben, und wie eine hellhörige Seelsorgerin den Kern der Geschichte bloßgelegt. Du bist eine wahre Lektoratsdämonin!

Niclas. Meiner wirklichen Stütze. Du warst immer da. Sogar dann, wenn Hella Hell in mir aufs Schlimmste ihr Unwesen trieb.

Nonno. Geliebte Teenietochter! Du bist in jeder Hinsicht besser als ich, du mein zähes kleines Wuschel.

Erster Teil

1

Jo. Jojo. Jocke. Jukka. Juck. Jucken. Ficken ... du hast meine verkohlte Seele zum Glühen gebracht. Wie eine brennende Zündschnur streckte ich mich zu dir hin. Du warst der Schatz am Ende des Regenbogens, den ich endlich mit meinen sehnsüchtigen Händen umschloß.

Jojo. Dieser Kosename, den ich dir gegeben habe, streichelt meinen Gaumen wie eine warme Sommerbrise. Ich spreche ihn noch einmal aus, jetzt gewürzt mit dem Zischlaut meines Leidens.

Muß das Bild festhalten ... das Salz der beiden Meere, die einander an Jütlands nördlichstem Zipfel begegnen ... die Wärme in der Kuhle im weißen Sand ... das Schimmern von Skagens berühmtem Licht ..., damit ich niemals dieses vollendete Kunstwerk vergessen kann, bis du ...

Liebe Leute, die Ihr dies hier lest: Könnt Ihr nicht versuchen, zu verstehen, ehe Ihr verurteilt?

Die Begegnung der beiden Meere verursacht lebensgefährliche Strömungen. Und in der sonnigen Grube strecktest du, mein Jo, deine wohlgeformten Arme nach mir aus. Deine Arme mit dem dunklen Flaum, der deinen köstlichen Fohlenspeck bedeckte. Ich öffnete die Tuborg-Flasche mit den Zähnen, ein Trick, den ich schon als Kind gelernt hatte, und den du witzig fandest. Und du lachtest, als du den Flaschenhals an deine geöffneten Lippen hieltst, die zu zwei glänzenden dicken Schnecken wurden. Mich traf ein kurzes Funkeln deiner in Metall gefaßten Dolce-e-Gabbana-Sonnenbrille, die ich dir gekauft hatte, und in der ich mein eigenes Spiegelbild erahnen konnte, hingerissen angesichts dieses weizenblonden Knabenwesens ohne auch nur einem einzigen Haar auf der Brust (die drei, die sich hervorgewagt hatten, hatte ich dir mit meinen silberfarbenen Fingernägeln ausgerissen). Ich weiß noch genau, wie ich meinen Blick über einen betörend glatten Bauch und dann weiter hinunter zu den nur angedeuteten dunklen Schamhaaren wandern ließ, die den Rahmen bildeten um das herrlichste ... ach, wenn irgendjemand das alles doch verstehen könnte! Mein Joy Boy!

Die wirbelnden Ströme der Anziehung zogen mich hinab in die tiefste Finsternis der Einsamkeit, und ich werde nach besten Kräften versuchen, unsere Geschichte zu erzählen und mein trauriges Schicksal offenzulegen, meine quälende Sehnsucht nach diesen Johnnies, die alle nur Vorübungen für die Begegnung mit Jocke waren, meinem Smash-Hit.

Oder hatte es eine Vorlage gegeben, vielleicht sogar ein Original? Ich muß nachdenken.

2

Am letzten Tag im März des Jahres 1958 schnitt die Hebamme in Lund meine Nabelschnur durch. Ich wurde mit einer Glückshaube und einem triumphierenden Schrei geboren. Mein Vater war während der letzten Stunden der Wehen auf dem Krankenhausflur hin- und hergelaufen und hatte dabei eine hochgradig krebserregende John Silver ohne Filter nach der anderen geraucht. Wie die meisten Ärzte dachte er nur an Komplikationen und pathologische Zustände und hatte sich bereits grauenhafte Kreißsaal-Dramen ausgemalt, zum Beispiel Ersticken, Nabelschnurriß und Schädigungen des zentralen Nervensystems (damals waren vorgeburtliche Diagnosetechniken und Ultraschall noch nicht erfunden). Als er dann meinen roten kleinen Kopf sah, den die Gebärmutter länglich und spitz zurechtgeformt hatte, rief er: »Ah! Eine kleine Nofretete!«

Von diesem Moment an war ich Papas Augenstern und genoß eine ruhige und harmonische Kindheit im behüteten Stadtviertel Professorstaden, das, anders als andere Vororte mit schönen Namen, wirklich hielt, was dieser Name versprach. Ich wuchs also im geborgenen Kultureservat der Gelehrten heran, und sowohl auf mütterlicher als auch auf väterlicher Seite streckten sich prachtvolle Verästelungen akademischer Meriten und Erfolge aus.

Daß mein Vater sehr früh an Lungenkrebs starb, kann als Erklärung für meine seelische Disharmonie nicht ausreichen. Da ich doch immerhin bei seinem Tod schon sechs Jahre zählte, war ich nach allgemein akzeptierter psychologischer Auffassung bereits ein fertiger Mensch, dessen grundlegende Bedürfnisse befriedigt worden waren. Während der folgenden Jahre wurde ich von mir selbst und von meiner Umgebung als offenes und tatkräftiges Mädchen mit jungenhaften Interessen betrachtet. Zu diesen Interessen gehörten beispielsweise Bogenschießen, später Projektionslehre (was mir sowohl in Zeichnen als auch in Mathematik Spitzennoten einbrachte) und eifriges Engagement in einem Hundeliebhaberverein, wo die Dressur von Spürhunden zu meiner Spezialität wurde (meine Mutter hatte, wie viele Nachbarn auch, einen Labrador angeschafft).

Meine Pubertät fiel in eine Zeit, in der die sexuelle Freiheit energisch auf den Schild gehoben wurde. Inges und Stens sexualtherapeutische Kolumnen in der Boulevardpresse wurden in munterer Gesellschaft laut vorgelesen und verbreiteten sich wie erogene Ringe durch die bürgerlichen Stadtviertel Lunds, in denen das Fremdgehen wütete wie ein Lauffeuer. Der Orgasmus wurde wie ein Niesen beschrieben, nur eben am anderen Ende. Natürlich und gesund, aber ansonsten kein Grund zur Aufregung. Natürlich war dabei reichlich Heuchelei mit ihm Spiel, aber diese Haltungen standen der akademischen Bohème ebenso gut wie Isländerpullover, Bart oder Das Kapital.

Nein, die erste Etappe auf meinem Weg zum Erwachsenenleben konnte ich unter einem zumeist pastellgetönten Himmel zurücklegen. Bis ich dann mit fünfzehn Jahren über die Ziellinie stolperte, und zwar in doppelter Hinsicht. Das Streben nach Gleichberechtigung hatte bei den freisinnigen Intellektuellen von Lund Wurzeln geschlagen, weshalb der oberste Wunsch auf meinem Wunschzettel erfüllt wurde und außerdem allgemeinen Beifall fand: ein Moped. Eine Puch Dakota. Und damals trug niemand einen Helm.

Ich fuhr auch nicht in den Straßengraben. Aber mitten auf der friedlichen Wohnstraße lag ein dicker Stein. Ein Wackerstein, den nur das Schicksal dort hingelegt haben konnte, und zwar gleich hinter einer Kurve. Es kam, wie es kommen mußte. Das Schicksal oder der Stein eröffneten meine Zukunft. Ich kollidierte mit diesem Brocken, fiel vom Moped und wurde mit vorübergehender Amnesie ins Krankenhaus gebracht. Als ich wieder zu mir kam und in das verängstigte Gesicht meiner Mutter blickte (ich war ihr einziges Kind), nannte ich sie zum ersten und letzten Mal »miese Fotze«. Meine rational gesonnene Mama betrachtete das als Beweis dafür, daß ich vorübergehend den Verstand verloren hätte und beschloß sofort, einzugreifen und das Sommerhaus in Åhus zu kaufen, auf das sie schon länger ein Auge geworfen hatte. Ich brauchte Ruhe und Klimawechsel und sie brauchte Urlaub von ihren Krebskranken (ich habe wohl noch nicht erwähnt, daß sie Professorin für Onkologie war).

Und in Åhus stolperte ich dann im auf diese Episode folgenden Sommer über Hiob. Ich stolperte im wahrsten Sinne des Wortes. Ich hatte mir nicht nur eine kräftige Gehirnerschütterung zugezogen, ich hatte mir außerdem den Fuß gebrochen und mußte mich auf Krücken dahinschleppen. Auf dem weißen Sandstrand, den eiskalte Wellen mit höhnischem Glucksen beleckten, traf ich mit der Krücke ein im Sand vergrabenes Jungenbein. Erschrocken trat ich auf meinen gebrochenen Fuß und kippte um. Das Bein, das ich mit der Krücke getroffen hatte, gehörte Hiob. Er öffnete seine vollen Lippen und sagte: »Huch!« Das war vorläufig alles, aber seine Augen glitzerten wie das Meer vor uns, und das Schicksal wollte, daß wir uns gleich am selben Abend wieder begegneten. Am selben Strand, den wir beide intuitiv aufgesucht hatten. Der Blitz schlug zwischen mir und Hiob a prima vista ein, und ich konnte ja nicht ahnen, daß er erst dreizehn war, als diese Feuerkugel uns funkensprühend umschwirrte. Und so kam es, daß ich an diesem sternenklaren Abend mein Jungfernhäutchen von einer für diesen Zweck überaus geeigneten Apparatur zerfetzen ließ. Das alles trug sich im Freien zu, unter einem mit Silber gepfefferten Himmel, der mich im entscheidenden Moment des Verschmelzens mit einem Funkenregen überschüttete. Das, was sich zwischen uns zutrug, war weder ein romantischer Mondscheinkitsch noch ein unbeholfenes erstes Herumgemache. Nein, es waren die Freuden des Erwachsenenlebens, die ihre Becher in unsere durstigen Kehlen ergossen, während wir noch über die kindliche Fähigkeit verfügten, die Ekstase auszudehnen. Unsere Körper waren ein funkelnder Vergnügungspark, in dem jede Synapse zu einer Paradenummer wurde ... ich kann das nicht erklären. Es war eben etwas ganz Besonderes. Und es geschah dieses Mal. Aber das war genug.

Als Hiobs Mutter uns unter dem umgedrehten Fischerboot ertappte, war es schon spät, und wir gingen mit einer Trennungsangst auseinander, die vermutlich nur Frühgeburten erleben, wenn sie zum Abschied von der Schwerelosigkeit des Mutterleibes gezwungen werden. Wir gelobten einander ewige Liebe, und die setzten wir heimlich am Strand und im Tannenwald in die Tat um, bis die Sommerferien dann zu Ende gingen.

Sowie ich am ersten Schultag nach Hause gekommen war, rief ich Hiob an. Seine Mutter meldete sich mit rauher, tonloser Stimme. Hiob war aus unerfindlichen Gründen auf das Dach eines Busses geklettert und bei seinem kühnen Sprung auf eine Hochspannungsleitung mehr oder weniger verkohlt.

Als diese entsetzliche Hiobsbotschaft mich erreicht hatte, war auch ich total vernichtet.

Der Rest meiner Kindheit ist wie Asche im Wind, er kann unmöglich zu einer festen Form zusammengefügt werden.

3

Ich bin Hiob auf irgendeine Weise wohl in die Ewigkeit gefolgt, aber das geht mir erst jetzt auf, wo ich auf unseren kurzen Sommer zurückblicke. Hiob hatte den Ton für mein zukünftiges Liebesleben vorgegeben.

Ich werde versuchen, den innersten Kern meiner tiefgreifenden Erkenntis des erhabenen Knabenideals darzustellen. Die Frage ist: Was, abgesehen von meiner verqueren Neigung, unterscheidet Knaben dermaßen frappant von Männern, oder, genauer gesagt, was unterscheidet Knaben von Knaben?

Ein Rausch, Ihr Lieben. Wie dann, wenn das Rauscherlebnis eingesetzt hat und ich in den freien Flug übergehe, der mich von den Ketten der Angst erlöst. Ich koste dieses Gefühl von Freiheit aus, und das Wort Ferien taucht auf. Die erste jubelnde Ferienminute, mit all ihren guten Freiheitsverheißungen, das ist es. Davon sprudeln die ganz besonderen Knaben zwischen zwölf und achtzehn. Ihre Körper strahlen diese Verheißung von Freiheit aus. Aber das Alter allein ist noch nicht ausreichend. Selbst einem bildschönen Jüngling kann dieser zündende Funke fehlen. Es braucht ein Schimmern der Haut, der blanken Brust (die unbedingt und auf jeden Fall haarlos sein muß), der Augen und der Haare. Diese quellreine Frische darf nicht von Rasierwasser, Haargel, Haartönung oder anderen von Erwachsenen erfundenen artfremden Dingen verfälscht werden. Das Bewegungsschema muß ein wenig gleichgültig sein, schlaksig und unsynchronisiert, ja, sogar ein Hauch von achtloser Lässigkeit kann akzeptiert werden. Kleidung und Accessoires müssen intuitiv den ungeschriebenen Regeln der Straßenmode angepaßt sein. Ja, ohne Asphaltatmosphäre geht es nicht. Bewerbungen von ordentlich gekämmten Musterknaben sind zwecklos.

Ich habe oft darüber nachgedacht, was diese unwiderstehlichen Charmetrolle auszeichnet, die ich während all der Jahre nur beschnuppern oder nur leicht berühren mußte, damit unter meinem Nabel Volten geschlagen wurden. Sie zeichnet eine komplexe Mischung aus Schlingeln und Lümmeln aus – Schlümmeln –, in der trotz der Büffelmanieren eine herzzerreißende Betroffenheit zum Ausdruck kommt. Sie haben etwas Geschlechtsloses, das ans Androgyne grenzt, sind aber trotzdem geil wie die Karnickel. Ich habe die Zutaten zu diesem seltsamen Kompott nie ganz durchschaut, aber diese stromgeladenen Schlümmel, diese Johnnies, Joy Boys – diese göttlichen Toren! – sind beseelt von einem fremden Element, das ich als smash bezeichnen würde. Sie sind eine ganz besondere Spezies, deren Erforschung ich mein ganzes Leben geweiht habe. An dieser Stelle muß ich betonen, daß hier keinesfalls die Rede von einem Übermenschenideal ist, es geht eher um ein Wesen, das ich einmal gekostet habe, und dessen Süße jegliche irdische Ekstase übertrifft.

4

Nach Hiobs übereiltem Dahinscheiden wurde ich in die Jugendpsychiatrie eingewiesen, wo die Diagnose Depression gestellt wurde (meine Mutter sprach lieber von Schulmüdigkeit). Nach meiner Entlassung wurde ich umgehend zum Apfelsinenpflücken in einen israelischen Kibbuz geschickt. Ein Aufenthalt in einem Kibbuz galt damals als nützliche Erfahrung und empfehlenswerter Milieuwechsel. Obwohl viele Linksintellektuelle dem Staat Israel kritisch gegenüberstanden, entsprach die Idee des Kibbuzlebens doch ihren sozialistischen Träumen.

Die Therapeutin meinte, ich hätte meine Trauer um Hiob verarbeitet, doch ich hatte Hiob einfach nur in mein Unterbewußtsein verbannt, wo er ungestört herumspuken konnte. In dem Jahr, das ich in Israel verbrachte, verlustierte ich mich neurotisch und zwanghaft mit jungen Hippieknaben, die es aus allen wohlhabenden Ecken der Welt dorthin verschlagen hatte. Ich lernte South-African-Steve, Brazil-Gabriel, Brit-Rod, Swiss-Pascal, American-Henry, Australian-Dave und so weiter und so fort kennen.

Bei meiner Ankunft war ich in einem Kibbuz in der Negev-Wüste einquartiert worden, aber wie die meisten neugierigen Jugendlichen packte ich meine Habseligkeiten und setzte mich ans Rote Meer ab, wo das Hippieleben mit seinen illegal errichteten Barackenorten im verminten Sinai-Gebiet lockte. Als eingefleischte Individualistin hatte ich das starre, kleinkarierte Kibbuzleben bald satt bekommen. Jetzt aber ließ ich mich zwischen Korallenriffs, Cafés und Cannabispfeifchen sorglos umhertreiben. Eine meiner Wohnungen bestand aus einem würfelförmigen, leeren und rostigen Riesentank, der durch ein rundes Loch im Dach zugänglich war, von dem aus man sich dann an einem Seil nach unten ließ. Im Sommer war es in diesem Container unerträglich heiß, weshalb ich mich am Strand niederließ. Ab und zu verdingte ich mich in einer der vielen Bars von Eilat für einen Lauselohn als Kellnerin oder Küchenhilfe, und ich verbrachte einen Monat ohne irgendwelche Unterbrechungen unter Beduinen und Beatniks an der Ostküste der Sinai-Halbinsel, bis der Spätherbst eintraf. Dann lernte ich zu meinem Glück Daniel kennen, the big dark gay, der einfach alle kannte. Meine Bekanntschaft mit Daniel erwies sich, als der Winter ins Gelobte Land kam, als für mich reservierte Rettungsleine.

Ich arbeitete bis spät in der Nacht im Papa Paris, einer beliebten Bar am Marktplatz, die einem kleinen französischsprechenden fetten Juden gehörte. Eines Abends hatte ich South-African-Steve schon einige Biere serviert, und die hatten ihm Mut gemacht, seiner Enttäuschung über mich freien Lauf zu lassen. Er war der erste Junge nach Hiob gewesen, dem ich den Zutritt zu meiner seitdem eifrig frequentierten Venusgrotte gestattet hatte, und er hatte seither immer wieder voller Staunen von meinen sexuellen Eroberungen auf diesem mit Knabenpracht gedeckten Büfett gehört. Nach South-African-Steve hatte ich mich selten mit nur einer Beute pro Tag zufriedengegeben. Es kam vor, daß ich zwischen Morgengrauen und Abenddämmerung vier verschiedene Jünglinge vernaschte. Einige verliebten sich ein wenig in mich, doch ich eilte weiter, gejagt von einer brennenden Sehnsucht, dem unstillbaren Drang nach immer neuen Knabendelikatessen. Aber an diesem Abend beugte South-African-Steve sich über den Tresen, schob mir seine hübsche Larve entgegen und flüsterte: »Very soon you will be raped, Hella.«

Ich fand seine durch Drohungen getarnte Verbitterung albern und antwortete mit einem Schnauben. Ich muß noch einmal darauf hinweisen, daß dies alles sich in den siebziger Jahren abspielte, also ehe tödliche Krankheiten sich als Trittbrettfahrerinnen an die Körperflüssigkeiten zu heften begannen. Es war eine Zeit, in der die sexuelle Freiheit wie ein heiliges Mantra gepriesen wurde. Sie erinnern sich doch sicher an die Maxime make love, not babies.

An diesem Abend also hatte ich mich mit einem jungen Niederländer mit olivenfarbener Haut und üppigen gelbbeigen Locken verabredet. Er gehörte zum Schönsten, das ich je gesehen hatte, und er ließ sich bereitwillig von meinem Interesse einfangen. Deshalb gab er mir die Adresse eines halbfertigen Hauses im Zentrum von Eilat, wo er immer übernachtete. Doch als ich die Baustelle erreichte, war dort alles leer, weshalb ich meinen Schlafsack in einem Zimmer aufrollte, in dem auf dem Boden eine Luftmatratze lag. Ich nahm also an, daß ich das Nachtquartier des schönen Niederländers gefunden hatte. Die eben erst eingesetzten Fensterscheiben waren mit großen Kreuzen bemalt worden, damit niemand aus alter Gewohnheit versuchte, dort einzusteigen. Ich schlief fast sofort ein, nachdem ich eine Zigarette geraucht hatte, um die Moskitos zu vertreiben. Ich wurde davon geweckt, daß mir der Atem ausging. Auf mir und meinem Schlafsack lag das Biest, ein dunkler Typ mit leuchtenden Augäpfeln, der sich hart gegen mich preßte. Er keuchte wie nach einem Marathonlauf, und er war groß und breit und stank bestialisch. Über mir hing eine wahre Knoblauchwolke, die Abgase ausspuckte, und dieser Primat versuchte also – und das war das Schlimmste –, er versuchte doch tatsächlich, mich zu küssen. Mein erster Versuch, um Hilfe zu rufen, wurde davon erstickt, daß er seine grotesk dicken und behaarten Hände um meinen Hals legte und dermaßen zudrückte, daß vor meinen Augen bereits der Tod tanzte. Ich ließ meinen ganzen Körper so schlapp wie möglich werden. Vergewaltigung ist immer noch besser als Ersticken. Er zog die Sache mit seinem heiseren feuchten Keuchen durch und erdreistete sich sogar, mir seine widerliche Viehzunge in den Mund zu stecken. Aber ich war bereit! Als die Atemzüge des Grobians anfingen, eine höchst unpassende Ähnlichkeit mit dem aufzuweisen, was ich als näherrückenden männlichen Höhepunkt kennengelernt hatte, bohrte ich energisch meine Zähne in diese harte Zunge, die so groß war wie ein komplettes Filetsteak, biß sogar ein Stück ab, riß es mit den Zähnen heraus (meine Kieferpartie war immer schon kräftig, und ich kann mit dem Mund die meisten Handgriffe durchführen), und sein heiseres Gebrüll wäre vermutlich noch in Ägypten zu hören gewesen, wenn das nicht die frischeingesetzten Fenster verhindert hätten. Mit Müh und Not konnte ich meinen Kopf befreien, ohne daß mein Skalp in seiner Faust hängenblieb, die fast meinen gesamten Hinterkopf umklammert hielt. Mit dem ekelhaften Fleischfetzen im Mund, dessen beißendscharfes Blut in meinen Hals sickerte, konnte ich entkommen. Ich rannte und rannte, bis ich den einzigen Club erreichte, der so spät noch geöffnet hatte. Ich hatte den Zungenkadaver inzwischen in meine Hand gespuckt, und nun steuerte ich einen Tisch an, an dem Männer und Frauen saßen. Unter ihnen auch der große, starke Daniel mit seinem Afrolook und seinen dicken goldenen Ohrringen. Ich hustete Blut, brach zusammen und erklärte meine prekäre Situation.

Am nächsten Morgen kämmten Daniel und der örtliche Mafiaboß mit mir im Schlepptau ganz Eilat nach dem Verbrecher durch.

Muß ich noch erwähnen, daß mir meine nemesis divina gewährt wurde? Wir fanden den Vergewaltiger, der, in sich zusammengesunken tief im Dunkeln einer schäbigen Bierkneipe, längst nicht mehr so überdimensional wirkte. Daniel hatte eine Zigarette im Mund, als er auf den Übeltäter zuging. Der zitterte am ganzen Leib und versuchte es mit Ausflüchten, die er in seiner nunmehr nuschelnden und kaum verständlichen Zunge vorbrachte. Nach einer Salve von funkensprühenden arabischen Flüchen, mit denen, ungeachtet ihrer ethnischen Herkunft, alle in Israel um sich warfen, drückte Daniel seine Zigarette auf der Wange des Delinquenten aus. Die einzige Regung, die sich in dessen Gesicht zeigte, waren Fieberschauer. Vielleicht hätte er mit seiner amputierten Zunge lieber ein Krankenhaus aufsuchen sollen.

Während meiner restlichen Zeit in Israel schlief ich jede Nacht neben Daniel. Er wurde der erste in einer langen Reihe schwuler Seelenfreunde.

Erwachsene Homosexuelle waren für mich von nun an ein niemals bewußt begonnenes, aber nichts destotrotz bewußt abgeschlossenes Kapitel. (Mit einer Ausnahme, auf die ich später noch zurückkommen werde).

Ansonsten verflogen meine Jugendjahre in alle Himmelsrichtungen wie eine Schar verängstigter Sperlinge mitsamt dem einen oder anderen Kanarienvogel, doch auch diese kleinen gelben Farbtupfer verloren bald ihre Leuchtkraft.

5

Das Jahr in Israel führte zu einer kleinen Kursänderung in meiner beruflichen Laufbahn. Die Früchte meiner geplanten Karriere waren bereits handverlesen und leuchteten im Zukunftskorb, den meine Mutter und die restliche Verwandtschaft mir bei meiner Heimkehr kredenzten; ich sollte Medizin studieren und die naturwissenschaftliche Tradition der Familie weiterführen. Inzwischen jedoch hatte sich der Begriff Schönheit, das reine ästhetische Erlebnis, zwischen mich und die logische Wissenschaft geschoben. Die Felsen, die sich um den schmalen Zipfel des Roten Meeres erhoben, hatten mich bisweilen in Trance versetzt. Die Berghänge änderten täglich mehrmals ihre Farbe, und während dieser Metamorphose konnte das Auge das Gleiten durch die Farbskala wahrnehmen. Wenn es überhaupt etwas gab, das meiner gespaltenen Seele vorübergehend Ruhe bringen konnte, dann war das die Hand der Natur, die die zackigen Felsen in einer fließenden Skala in Orange, Violett, Purpur und Blau tunkte. Und natürlich meine schönen Knaben.

In meiner Sippe jedoch wurde nur selten über Aussehen gesprochen – es galt als geradezu vulgär, äußeren Attributen irgendwelche Bedeutung zuzumessen. Farbe und Form sollten praktisch und funktionell sein. Der Genuß der edlen Künste geschah zumeist mit dem Ziel der Weiterbildung, nicht aber aus purer Lust und Begeisterung. Selbstzweck war ein Schimpfwort, wichtig war allein das Resultat.

Um also die Erwartungen meiner Umgebung nicht ganz und gar zu zerstören, ging ich einen Kompromiß ein und bewarb mich in Kopenhagen um einen Ausbildungsplatz in den Fächern Werbung und Marketing. Dort spezialisierte ich mich auf graphisches Design, womit sich sowohl ästhetische als auch analytische Qualitäten geltend machen ließen. Meine Lehrer hielten mich für ein Talent, und ich entwickelte einen ziemlich originellen Stil. Damals stand ich gerade unter der Respektlosigkeit, die die Punkbewegung mitgebracht hatte, was meiner Abschlußarbeit eine gewisse Aufmerksamkeit verschaffte. Ich hatte ein in Gold gerahmtes Riesenposter vorgelegt, das Iggy Pop, den Paten des Garagenrock, mit einem gigantischen, erigierten Penis zeigte. Gekrönt wurde dieser von einer Injektionsnadel, die sich ins Herz der jüngeren Punklegende Sid Vicious bohrte, der dem älteren Rockrebellen seine entblößte, glatte Jünglingsbrust darbot. Ich nannte diese Arbeit »Konzeption«, und das Ganze war sicher ziemlich übertrieben, aber von einem leicht ausgelaugten Establishment wurde diese Art des Denkens damals eben goutiert. Nachdem ich an der Kopenhagener Hochschule für Design mein Diplom entgegen genommen hatte, siedelte ich nach Stockholm über, wo ich die Wohnung meiner Großmutter in Mosebacke geerbt hatte.

Bei Beckmans verfeinerte ich meine Technik. Aufgrund meiner Zwischenspiele in Israel und Dänemark war ich einige Jahre älter als die anderen in meinem Kurs. Weshalb ich damals einen Vorgeschmack des Altersunterschiedes kennenlernte, der sich zwischen mir und den süßen Knaben langsam aber sicher auftun würde.

In der Werbeagentur, in der ich nach Beendigung meiner Ausbildung dann unterkam, fügte es das Schicksal, daß ich mich als erste Frau in der Branche mit der neuen digitalen Technik des Desktop Publishing vertraut machte. Ich wurde in Bo Berndals Typographie-Lexikon aufgenommen, da ich als wegweisend für die sogenannte aktive Typographie galt, die die neuen Zeichenprogramme dann so großzügig einsetzen sollte.

Aber ich finde es ermüdend, mich über meine kometenhafte Karriere in der Pseudobranche der Werbung zu verbreiten. Wichtig ist, daß ich älter wurde, während die Objekte meiner Begierde weiterhin im Alter zwischen zwölf und achtzehn verharrten, und meine Vergnügungen immer mehr den Charakter eines Kinderraubes annahmen.

6

Ich wurde von Designschulen und ähnlichen Institutionen im ganzen Land für Vorträge engagiert, an Schulen, die durch den Medienboom überfüllt und begehrt waren wie Rettungsboote bei einer Fährkatastrophe. Dort konnte ich für glühend begeisterte Jünglinge Hof halten, und immer gab es mindestens einen dabei, der meine sexuellen Neigungen aktivierte. Ich glaube, ich sollte hier einfügen, daß meine promiskuitive Phase mit der Vergewaltigung ein Ende genommen hatte. Regelrechte Penetration fand über Jahre hinweg höchstens zweimal in zwölf Monaten statt, und auch dann versuchte ich, nur in abgelegenen Jagdgründen tätig zu werden, auf Reisen und in den Toilettenräumen der dunklen Kellerkneipen, die von Jünglingen besucht wurden. Auch die Aidsgefahr hatte zu einer allgemeinen Vorsicht geführt. Meistens mußte ich mich mit heftigen Wortwechseln mit den eifrigen Bubis begnügen, die in der Firma, in der ich als Art Director angestellt war, ihre vorgeschriebenen Schulpraktika absolvierten. Sie rauften sich um meine Gunst, diese kleinen Wichte, und ich führte sie an meinem großen Lichtpult in die typographischen Grundregeln ein und konnte dabei bisweilen die Hand auf eine welpenhafte Faust legen, die unsicher das Skalpell hielt. Ab und zu war die Luft dermaßen von fleischlicher Versuchung gesättigt, daß ich auf die Toilette fliehen mußte, um durch Masturbation meine pulsierende Scham zu beruhigen. Doch trotz meiner hart erkämpften Beherrschung hinterließ ich wie alle anderen Kriminellen eine Perlenschnur aus Beweisen hinter mir (denn wir alle leiden unter einem destruktiven Wiederholungszwang, der uns am Ende in die Falle gehen läßt). Eine Folge von Ereignissen sorgte für einen zu leicht erkennbaren Abdruck meiner Achillessehne. Natürlich war es für eine Dame von fünfundzwanzig absolut comme il faut, sich mit jungen Knaben zu verlustieren. Aber da ich eine geachtete Karrierefrau war, machte ich mir doch so meine Gedanken darüber, was passieren würde, wenn ich bei meinem Laster ertappt und vielleicht beschuldigt würde, mit Hilfe meiner Chefinnenposition unschuldige Praktikanten auszunutzen. Während ich tapfer gegen meine Triebe ankämpfte, wußte ich zugleich, daß ich mich dem Verderben näherte, und daß sich eines Tages der tierische Rachen um meinen schlanken Leib schließen und mich in den Abgrund ziehen würde, in dem sich dieser sabbernde Dämon versteckt hielt.

7

Es begann mit Jonny.

Jonny zählte ganze siebzehn Lenze und besuchte den musischen Zweig des Gymnasiums Riddarfjärdsskolan. Er war, wie überraschend viele Schlümmel, bei einer alleinstehenden Mutter großgeworden, wohnte noch immer dort und beschrieb sie auf allerköstlichste Weise. Jonny besaß eine unbestreitbare Schlümmelqualität, sein Smash wirkte wie eine Injektionsnadel, deren Gift meinen antrainierten Widerstand sofort lahmlegte. Es war die pure Götterdämmerung, wenn dieser niedliche Knabe das Büro betrat, in dunklen Vintage-Wranglers und Netzhemd, das mir durch zahllose Gucklöcher den Blick auf seine haarlose Brust ermöglichte, deren Muskeln ihr hypnotisches Locklied vortrugen. Er trug einen braunen Ledergürtel, der seine schmalen Hüften betonte, und Boots aus den sechziger Jahren, die er zweifellos auf einem Flohmarkt gefunden hatte. Wenn er mit seinem schlaksigen Gang durch das Atelier auf mich zukam und mit kindlichem Optimismus fragte, ob ich einen AD-Ass. brauchte, war ich einfach fertig. Ich registrierte sofort, daß seine jeansblauen Augen die ständige schlümmelhafte erotische Offenheit verrieten – ach, gerade das macht sie doch zu Magneten! Aber dieser kleine Tropf! Er hatte keine Ahnung von digitaler Satztechnik. Er hatte von dem jungen Gestaltungsgenie Neville Brots gehört, konnte aber Garald nicht von Didon unterscheiden. Ich stellte ihn auf die Probe, ließ ihn den Entwurf für eine Kondomkampagne machen. Natürlich hatte ich mir dieses Thema ausgesucht, um dabei auf Sex anspielen zu können; meine Unterhose war schon so naß, daß ich mir während der Mittagspause eine neue kaufen mußte. Nach vier Stunden unerträglicher sexueller Erregung, bei der erstaunlicherweise doch nicht alle meine Sicherungen durchbrannten, zeigte Jonny mir seinen Entwurf, und ich brach in hysterisches Gelächter aus, das zur Hälfte von meiner unbeschreiblichen physischen Anspannung verursacht war und zur anderen von Jonnys Leistungen. Er hatte sich für das Bild eines Gartenschlauches mit einem Loch entschieden, aus dem eine dünne Fontäne hervorspritzte. Darunter hatte er den Satz »Ein Tropfen reicht« gesetzt, und das noch dazu in der verhaßten Type Lubalin. Aber als Jalle, mein korpulenter Chef, den Raum durchquerte, um einen bescheidenen Anteil an meiner Heiterkeit zu beanspruchen, sah Jonny so verzweifelt und verwirrt aus, daß ich meinen neuen Schüler in Schutz nehmen mußte. Jalle, der über vierzig war und an bösartigem Zynismus litt, entdeckte die Quelle meiner Erheiterung indes sofort und kommentierte alles mit einem Schmatzen und einem Kopfschütteln, bei dem seine grobporigen Wangen in heftige Bewegung versetzt wurden, was Jalle im Gegensatz zu Jonnys festen, glatten Konturen nun wirklich reif für den Schrottplatz der Geschichte aussehen ließ. Jalle glaubte natürlich, mir zu helfen, als er Jonny mit aufgesetzter Freundlichkeit bat, Kaffee zu kochen, denn er hatte seine eigene Karriere ebenfalls als Laufbursche angefangen. Als Jonny zu meinem Tisch zurückgeschlichen kam und mir mit untertäniger Miene meinen Kaffee servierte, kam es in meiner Scham zu einer heftigen Explosion, und ich konnte nicht einmal unter Aufbietung meiner gesamten Willenskraft – die wahrlich keine geringe ist – mein wildes Begehren bezwingen. Ich berührte seine dunklen, glatten schulterlangen Haare federleicht mit der Hand (und diese Geste hat kein Johnny jemals mißverstanden) und bat ihn, mir zu folgen.

In der verschlossenen Toilettenkabine, die durch einen davorgelegenen Waschraum schallisoliert war, legte ich die Arme um seinen schönen glatten Hals, fuhr ihm über seine glänzenden Haare, schob sie hinter seine Ohren (in dem einen saß ein Silberring), und wir küßten uns. Obwohl seine Nervosität nach der Demütigung seinem warmen Atem einen schärferen Beigeschmack verpaßt hatte, roch dieser doch noch mild und milchig, und seine Zunge war weich und geschmeidig zugleich. Er preßte seinen angespannten Knabenkörper an meinen und war wunderbar hart. Ich befreite ihn und nahm sein williges Glied zwischen meine Lippen.

Hier sind vielleicht ein paar Anmerkungen zur Kunst der Fellatio am Platze. Durch ausführliche Gespräche mit meinen schwulen Freunden habe ich meine Fähigkeit trainiert, befriedigenden Oralsex zu liefern (Frauen weisen ja häufig eine bedauerliche Unkenntnis dieser genüßlichen Tätigkeit auf, manche sind angeblich so unbeholfen und ungeschickt, daß man sich im Grunde fragt, wieso sie überhaupt zu oralen Unternehmungen schreiten). Mein bester Freund, Klas, hat mir durch praktische Übungen, zu denen er mir zwei seiner Finger zur Verfügung stellte, beigebracht, wie sich ein oral organisierter phallischer Volltreffer am besten in die Wege leiten läßt. Vor allem, aber das wußte ich schon vorher, muß die Frau diese Aktivität selbst auch genießen. Darauf baut dann die technische Vollendung auf. Viele begehen den Fehler, ihre Zähne nicht aus der Sache herauszulassen; es gilt, die Lippen vorzuschieben und zugleich im Mundraum Platz zu lassen. Mit der Zunge zu wedeln ist unnötig und in gewisser Hinsicht störend. Das männliche Glied ist ein Gebrauchsgegenstand, der am besten auf rhythmische und regelmäßige Bewegungen reagiert. Ist das Organ umfangreich, eine Eigenschaft, die an sich ja bereits wünschenswert ist, dann kann das bei manchen zu Würgereflexen im Gaumensegel führen. Um einer solchen Reaktion zu entgehen, kann frau den Penis gegen die Innenseite ihrer Wange richten, wenn sie dabei eine Kollision mit den Zähnen vermeidet. Wir sollten außerdem bedenken, daß die Eichel am sensibelsten reagiert, weshalb es nicht immer nötig ist, sich das ganze Kotelett in den Hals zu schieben, was durchaus zu leichter Atemnot führen kann. Kurze, aber energische Berührungen lassen sich hervorragend mit tieferen Bekanntschaften abwechseln. Um den Höhepunkt herbeizuführen, ist in der Regel eine gewisse Phase der Monotonie gefragt, und diese sollte wie ein Geschenk dargebracht werden, wie eine Aufopferung. Die Belohnung erfolgt dann, wenn wir spüren, wie der Muskel ein wenig anschwillt, woraufhin der warme Brei herausgepumpt wird. Ich halte es für die glatte Sünde, dieses wohlschmekkende Gebräu auszuspucken, und behalte es vor dem Herunterschlucken gerne noch eine Weile im Mund.

Als Jonny da auf der Designertoilette saß, spendierte er seine milde Substanz mit einem kurzen Stöhnen, das seine ganze Schlingelart, seinen unbesudelten Smash zum Ausdruck brachte. Wenn dieser Junge in Flüssigkeit transformiert worden wäre, dann wäre er wie Milch und Honig aus einem paradiesischen Füllhorn geströmt. »Du bist ja superscharf«, murmelte er, während seine schwarzen Wimpern zur Hälfte gesenkt waren und seine üppigen glatten Lippen sich leicht teilten, so daß ich seine weiche rosa Zunge ahnen konnte. Ich schob meine Hand unter sein Kettenhemd und holte tief Luft, wie um die Zeit anzuhalten. Ja, ich habe meine Fähigkeit, gestohlene Momente wie diesen einzufangen, wirklich bis zur Vollendung gebracht. Das Knabenherz pochte unter meiner Handfläche, beruhigte sich nach und nach, und dann zog er mich an sich, über die abermals stolz prangende Ausrüstung, und schob mein schwarzes kurzes Kleid hoch. Ich trug fesche Spitzenstayups, blöderweise aber dazu eine billige rotgetupfte Unterhose, meinen Noteinkauf eben. Trotzdem stülpte ich mich über ihn und zog ihm das Netzhemd aus, so daß ich die Hände um seine wohlgeformte runde Brust legen konnte, während er mein Innerstes mit dem Brennstoff füllte, der mich abermals für eine Weile auf dieser öden und belanglosen Weltkugel überleben ließ.

Jonnys und meine geheime Übung verlor schon bald alles Geheimnisvolle, da unsere Toilettenbesuche von immer deutlicherem Geflüster, Getuschel und Gefeixe der lieben Kolleginnen und Kollegen begleitet wurden. Am vierten Tag war bei ihnen auch nicht mehr der geringste Ansatz zu Diskretion zu beobachten. Als Jonny vor mir zur Toilette ging, und ich sofort in derselben Richtung etwas Dringendes zu erledigen hatte, blickte ich über meine Schulter in ein Atelier zurück, das jetzt von einem belustigten Publikum bevölkert war, das mich mit verlegenen und überaus spöttischen Blicken bedachte.

Ich verdächtigte den scheinheiligen Walter, unseren jüngsten Mitarbeiter, der als Praktikant angefangen und sich dann eine feste Stelle erschleimt hatte, obwohl seine Begabung wirklich einen Ozean an Wünschen offenließ. Er war ein mittelmäßiger Streber, der sich alle Mühe gab, und nicht einmal seine zwanzig Jahre alte Erscheinung konnte als mildernder Umstand gelten; sowohl Schmerbauch als auch Glatze hatten sich schon viel zu früh eingefunden. Ich sorgte konsequent dafür, daß ich niemals in derselben Projektgruppe landete wie Walter. Ich bin vielleicht ein wenig ungerecht: Walter lag mit seinem Finanzbubi-Look geradezu unverschämt im Trend. Noch hatte das Vorrücken der Yuppielemminge sie noch nicht an den Abgrund des Finanzcrashs der neunziger Jahre geführt. Aber ich habe Herdenmentalität noch nie ausstehen können, und Walter war nun einmal ein feiger, vorhersagbarer Massenmensch. Und als ob Walters bloße Anwesenheit unter dem Glasdach der Werbeagentur nicht bei Weitem schon schlimm genug gewesen wäre, so erwies er sich zu allem Überfluß auch noch als Klatschvetter übelster Sorte. Deshalb war es vermutlich Walter, der den anderen die Augen für meine Toilettenbesuche in Jonnys Gesellschaft geöffnet hatte, und mein armer Schlümmel wurde danach alsbald aus dem Büro entfernt.

Ein erster Schritt zu meiner Entlarvung war damit getan.

Auf dem Seil, das nun aufgespannt wurde, um mich zum Absturz zu bringen, sollte ich in den kommenden Monaten zu mehreren leichtfüßigen Sprüngen verlockt werden. Während der ersten Hälfte der achtziger Jahre erreichte die Jugendarbeitslosigkeit neue Höhen, und die Politiker gaben sich alle Mühe, um die jungen Leute aus dieser peinlichen Statistik hinauszudrängen. Deshalb konnte eine große Anzahl von Teenies gegen staatliche Entlohnung in Privatfirmen tätig werden. Und das führte zu einem stetigen und für mich so gefährlichen Durchzug von Jonnies an meinem Arbeitsplatz.

Aber obwohl ich meine Jonny-Affairen neben meiner regulären Arbeitszeit verfolgte, wurde ich schließlich gezwungen, auf diese Ausschweifungen zu verzichten, als in den Designschulen dann Gerüchte in Umlauf gerieten. Dort wurde ich als Femme fatale beschrieben, und die Jungen machten nun einen Bogen um mich. Um meine Frustration zu dämpfen, bat ich meine Mutter, mir ein Beruhigungsmittel zu verschrieben. Ich sagte ganz offen, daß ich Liebeskummer hätte. Und wie die meisten, die ihre medizinischen Examen in den fünfziger Jahren abgelegt hatten, fand meine Mutter es nicht weiter bedenklich, das Gefühlsleben mit chemischen Mitteln zu regulieren.

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Ich begegnete der Gerüchteküche mit Valium und dem Versuch, mit aller Kraft meine wogende Perversion zu sublimieren, und das führte zu der vielbeachteten und diskutierten Kampagne für die Jeansmarke Lee, die schon seit den siebziger Jahren total im Schatten von Levi’s dahinvegetiert war. Ich hatte das Glück, mit international anerkannten Stylisten und Fotografen zu arbeiten, die angesichts der schwedischen Engstirnigkeit nur gelassen mit den Achseln zuckten. Auf einer Reise nach New York fanden der Fotograf und ich rasch zusammen, denn er war Päderast, und wir veranstalteten ein Casting, das drei Tage dauerte, und bei dem wir uns an der nicht versiegenden Flut von Johnnies, die vor unseren lüsternen Blicken posierten, fast schon satt sehen konnten. Wir engagierten dann vier Wichte, die untereinander sehr verschieden waren, zusammen jedoch einen absolut überschäumenden Smash ergaben. Ich verlängerte meinen Aufenthalt in New York nur deshalb, um mit den kleinen Wesen ausgehen und sie in unbegrenzten Mengen mit dem Silber des Kokain und dem Gold des Blubberwassers berieseln zu können. In der letzten Nacht feierten wir auf meinem Hotelzimmer eine Orgie, von der ich leider nicht mehr sehr viel weiß. Vor allem habe ich wegen der Goldfische ein schlechtes Gewissen; die Gäste bekamen zur Gesellschaft einen Goldfisch aufs Zimmer geliefert, und der Arme auf meinem Zimmer wurde mit Kokain gemästet, bis er starb, worauf wir unten in der Rezeption um neue Fische baten, denen derselbe Vergiftungstod beschieden war, und ich kann mich nur damit trösten, daß sie aller Wahrscheinlichkeit nach in seligem Rausch entschlafen sind.

Als ich dann wieder zu Hause war, machte ich sogar einen Aidstest.

Die Jeanskampagne wurde mit Schmähungen wie Kinderporno, Drogenromantik und Dekadenz belegt, aber – oderint dum metuant! – Lees Absatz stieg sprunghaft an, und die Marke errang endlich das Prestige, das ihr bisher gefehlt hatte. Mir ging es ähnlich, mein Status bei der Jugend wuchs, und darüber freute ich mich unendlich, aber das hatte auch Konsequenzen, die zu sich öffnenden Falltüren führten.

Eine solche Falltür lachte mich in Kopenhagen breit und einladend an. Ich gehörte zu einer Jury, die dort einen internationalen Werbepreis vergeben sollte. Auf ausländischem Territorium konnte ich meinen Lüsten freien Lauf lassen, weshalb ich, nachdem ich ein Festmahl mit fünf Gängen und dicklichen, dreißigjährigen und unermüdlichen Kavalieren durchlitten hatte, in die Stadt zog. Mein Ohr lokalisierte bald die Musik, die Jugendliche anlockt, und die auch ich zu schätzen weiß, wenn ich ehrlich sein soll, weil diese Musik in mir Assoziationen von fast pornographischer Natur erweckt. In der verräucherten Jugendtränke, die ich da ausfindig gemacht hatte, trat ich an den Tresen und bestellte etwas. Junge Dänen in allen Modellen umkreisten mich, und ich wäre angesichts dieses Blütenflors fast außer mir geraten. Dann nahm ich die Witterung von zwei quälend köstlichen Exemplaren auf, die über einen hohen Schlümmelfaktor verfügten. Ich wußte nicht so recht, welcher von beiden meine Antennen besonders zum Vibrieren brachte, aber zum Glück blieb mir die Entscheidung dann erspart. Auf dänische Manier nickten sie und hoben ihr Tuborg, worauf ich sie näher zu mir heranwinkte. Und Sie können sich vorstellen, wie glücklich ich war, als sie mich erkannten, sie hatten nämlich einen Zeitungsartikel über die Preisverleihung gelesen. Ein hilfreicher Fingerzeig des Schicksals hatte dafür gesorgt, daß ein Foto von mir in die Zeitung geriet, und wenn ein junger Wicht sich von etwas beeindrucken läßt, dann von einem prominenten Gesicht. Dieses gefundene Fressen verdoppelte sich, und plötzlich war ich von vier Knaben umringt. Ich gab so viel Tuborg und Gammeldansk aus, wie das Schlümmelquartett nur hinunterbrachte, und als wir mein von der Firma finanziertes Hotelzimmer in Nyhavn mit Blick auf den Öresund erreicht hatten, zog ich das von einem dänischen Werbeyuppie, den ich schon länger kannte, besorgte Kokain hervor. Vergessen Sie nicht, daß wir uns im Moment in den achtziger Jahren befinden, wo Kokain ein ganz normaler Bestandteil des Gesellschaftslebens war.

Der eine Knabe, der rotblonde, war Schlachterlehrling (ach, wie einzigartig schlümmelhaft!). Der zweite, der dunkel war, arbeitete in einer Fahrradwerkstatt (niedlich!). Der dritte war Gitarrist in einer Popband (hinreißend!), der vierte arbeitslos und wohnte noch zu Hause (unwiderstehlich). Um die ganze Sache einfacher zu machen, können wir sie Riff, Ruff, Piff und Puff nennen. Ihre Haare waren alle weit über ihre beringten Öhrlein hinausgewachsen (der Schlachter hatte sogar üppige Locken), und sie waren uniformiert in verschlissene Jeans und T-Shirts mit ausgewaschenen Motiven. Ich möchte mich nicht detailliert über die weiteren Ereignisse verbreiten, aber ich war wild erregt angesichts dieses Viererpacks Joy Boys, an denen ich mich ganz allein gütlich tun durfte. Die niedlichsten Knabenbrüste, die die Natur je erschaffen hatte, wurden für mich zu einer Wiese, auf der eine ausgehungerte Päderastin nun endlich wieder Büschel von grünem Gras ausreißen konnte. Im Nachhinein fällt mir ein, daß die Phallusformation sich in Bezug auf Länge, Breite und Biegung über eine interessante Skala hinzog.

Doch ein böswilliger und außerdem buckliger, glatzköpfiger und bierbäuchiger Klatschjournalist von der Branchenzeitschrift Werbung & Media hatte meinen etwas laut geratenen Einzug mit Riff, Ruff, Piff und Puff als stolperndes, lärmendes »Feuillejohn« im Hotelfoyer beobachtet, und ich gehe davon aus, daß der elende Spion auch an der Tür gehorcht hat, um sich einen Eindruck davon zu verschaffen, wie ich mich in Sünden suhlte.

Sein Geschreibsel war einwandfrei von Neid angesichts meiner Unternehmungen in Kopenhagen geprägt, und meine Fassade wies nun schon so große Risse auf, daß ich mir vorstellte, wie das tausendäugige Scheinwerferlicht der Neugier über meine private fleischliche Dämmerung dahinfegte.

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Mit siebenundzwanzig Jahren war ich nun zehn Jahre älter als meine Joy Boys. Hella Hell schlug also ihrer vernünftigen Hälfte vor, sich auf die Geborgenheit gewährende Laufplanke der Ehe zu begeben. Das noch dazu in einer Phase des Alterns, in der ich sowohl bei frischen Johnnies als auch bei eher bemoosten Häuptern besonders hoch im Kurs stand. Ohne prahlen zu wollen, muß ich meine Erscheinung als vorteilhaft beschreiben; ich hatte immer schon eine schlanke, mädchenhafte Figur und konnte mit fünfundzwanzig die gleichen Jeans tragen wie mit fünfzehn (Jeans, die zu meiner Freude auch heute noch glatt meinen Hintern umschließen). Meine Gesichtszüge sorgen, ebenso wie meine rundliche Gesichtsform, für einen kindlichen Ausdruck. In meiner Familie treten Falten, Zellulitis und allgemeiner Verfall relativ spät auf, meine Großmutter war noch mit siebzig zierlich wie eine Elfe, und ihre smaragdgrünen, leuchtenden Augen hat sie an mich vererbt. Meine Haut ist reich pigmentiert, weshalb ich das ganze Jahr hindurch mit sommerlicher Bräune brillieren kann, und obwohl meine Haare (mit Hilfe meines fähigen Friseurs) ins Blonde spielen, sind meine Augenbrauen und Wimpern von Natur aus schwarz. Wenn wir noch auf die eher intimen Körperteile eingehen wollen, dann muß ich wohl zugeben, daß meine Brüste klein, aber fest und spitz sind (diesen Vorzügen habe ich allerdings nachgeholfen, nachdem Alter und Stillen sie gezwungen hatten, sich den Gesetzen der Schwerkraft zu unterwerfen). Bei Besuchen im Schwimmbad und im Umkleideraum von Sporthallen hatte ich weibliche Geschlechtsorgane studiert und erleichtert feststellen können, daß mein eigenes einwandfrei in die bessere Kategorie gehört, das heißt, die Art Vulva, deren äußere Schamlippen die inneren, nicht ganz so appetitlichen, verdecken (während des Schöpfungsprozesses muß in dieser Hinsicht etwas schiefgegangen sein – kein Mensch soll mir erzählen, die seien schön!). Meine Vagina ist angenehm geschmeidig, und ich habe meine Gesäßmuskulatur voll im Griff, was nach einer beschwerlichen und ewig dauernden Entbindung eine große Hilfe war.

Die Anziehungskraft, die ich auf Männer ausübte, beruhte also vor allem auf genetischer Veranlagung samt einem charismatischen Überbau, den ich durch Tonfall, Blick und Mimik immer noch erweiterte. Aber um kein böses Blut zu wecken, und um die zu trösten, denen diese natürlichen Mittel, beim anderen Geschlecht Interesse zu erwecken, fehlen, kann ich ruhig zugeben, daß ich mit mir selbst nie zufrieden war. Daher die Eitelkeit, die mir so oft vorgeworfen wurde. Ich war eine zutiefst unglückliche und gespaltene Person mit einem Innenleben, das nur selten den äußeren Erfolgsbeweisen entsprach, die für die Umgebung als einziges zählen, wenn entschieden werden soll, wie gut ein Leben eigentlich verläuft. An ein gutes Leben wagte ich nicht zu glauben, aber ich wollte doch noch einen Versuch machen, die dafür nötigen äußeren Bedingungen herzustellen. Ich phantasierte von einer Vaterfigur, die meine verwundete Seele mit einem Pflaster versehen könnte.

Und bei einer weiteren Preisverleihung erspähte ich dann den für diesen Zweck Geeigneten. Er war zur Hälfte Amerikaner, lebte jedoch in Schweden, und er hieß Henry Hole. Was unsere Namen angeht – Hella Hell und Henry Hole – waren wir wie füreinander geschaffen. Henry war ein zweiundvierzig Jahre alter Werbeguru, der auf Marshall McLuhan-Zitaten dahinglitt. Er hatte zwei Bücher veröffentlicht, das zweite trug den Titel »Eselsbrücken für Arbeitsscheue«. Seine Darlegung lief darauf hinaus, daß Lohnarbeit durch die fortschreitende Roboterisierung und die ständigen Neuerrungenschaften der Mikroelektronik abgeschafft werden würde, worauf wir uns dann alle als homo ludens verwirklichen und uns im Takt mit der Sonne wiegen könnten, während die Technik als Sklavin fungierte, die niemals Not erleidet.

Henrys Produkt war ein Brei aus wirrem Gedankengut der Hippiezeit – er war ein sogenannter Achtundsechziger –, angereichert mit einem Schuß Kantscher Aufklärungslehre und einer lockeren Garnitur Managementphilosophie. Ich war von seinen floskulösen Luftpasteten nicht sonderlich beeindruckt. Ab und zu war es geradezu beklemmend, miterleben zu müssen, daß er selbst an den verbalen Absud zu glauben schien, den er Chefs in mittleren und höheren Positionen in Schwedens Konferenzzentren servierte.

Nein, mein Interesse wurde eher von seinen körperlichen Qualitäten geweckt. Henry war groß und schlaksig und konnte aus der Ferne durchaus an einen Knaben erinnern. Seine Augen hinterließen immer wieder ihre Abdrücke auf meiner Netzhaut, da sie von einer intensiven braunen Färbung waren, die seine ganze Erscheinung dominierte. Er hatte den guten Geschmack besessen, sich die Haare ganz kurz scheren zu lassen, weshalb die grauen Einsprengsel nicht gar zu deutlich zu sehen waren.

Mir Henry zu krallen war keine große Aufgabe, ich galt doch als attraktiv und intelligent und war außerdem nicht mit Scheidung, Kindern oder anderen Defekten behaftet, die den Marktwert einer Frau so brutal zum Sinken bringen. Meine um einiges jüngeren Skelette stopfte ich aus Selbsterhaltungstrieb in die finstersten Kellerlöcher und hielt den Daumen darauf, damit sie nicht das lauschige Tageslicht unseres guten Henry störten.

Wir heirateten im August 1985. Wir wollten eine schlichte Trauung auf dem Standesamt, denn Henry hatte eine Vergangenheit in der Anti-Vietnambewegung, aus der er allerlei ideologische Gebote geerbt hatte, zum Beispiel, daß konservative Institutionen, zu denen auch die Ehe gehört, nun einmal abzulehnen seien. Das Kind, das wir dann zeugten, lieferte jedoch einen guten Grund für die Eheschließung, denn Henry wollte, daß es seinen Namen trug, wollte sich aber lästigen Papierkram ersparen. Ich hatte nichts dagegen, zur ehrbaren Frau gemacht zu werden, und überhaupt gab es damals zwischen uns kaum Konfliktstoff. Wir teilten die Verachtung des hochkulturellen versnobten Elitismus (Werbemenschen leiden übrigens unter unheilbaren kulturellen Komplexen, da ihre Produkte niemals künstlerischen Status erlangen). Die finanzbetonte Ästhetik der achtziger Jahre hämmerte energisch gegen die Türen der Kultursalons, und die Werbebranche veranstaltete immer neue überschäumende Feste, doch dabei kam nur heraus, daß der eingeladene künstlerische Parnaß weiterhin angesichts der kitschigen künstlerischen Nachahmung schnaubte, die die Kostüme der Werbeelite prägte. Daß ich über die Kulturelite die Nase rümpfte, hatte jedoch einen anderen Grund als Henrys Naserümpfen – ich hatte sie nämlich durchschaut. Ihre eifrige Verteidigung des Alten war ein krampfhafter Versuch, die überlegene Frische der Jugend zu leugnen, die sich in der Müllkultur niederschlug und die von sehr viel größerer Durchschlagkraft war, die keine Kulturdenkmäler verlangte und die nicht in einem vergreisten Reservat ängstlich behütet werden mußte. Von außen gesehen jedoch waren Henry und ich in den meisten Fragen einer Meinung, und an der Oberfläche rollte unsere Beziehung denn auch hin und her wie Glaskugeln auf einem Brett, das wir sorgsam vor einer zu starken Neigung bewahrten.

Am ersten Februar des folgenden Jahres gebar ich nach fünfundzwanzig Stunden der unerträglichsten Wehen ein kleines Mädchen; es lag in der sogenannten weitoffenen Lage, was eine lange Entbindung bedeutete, bei der jedes Zusammenziehen der Gebärmutter eine Art Echo hervorruft, und bei der die Gebärende vervielfachte Qualen durchleiden muß. Die Kleine wog über vier Kilo, war jedoch mitgenommen durch die vielen Schmerzmittel, die ich während der Reise verlangt hatte. Das Baby wurde über Nacht in den Brutkasten gesteckt, während mein Unterleib mit sieben Stichen genäht wurde, nachdem dort eine ungeheuer ungeschickte, frisch ausgebildete norwegische Hebamme ihr Unwesen getrieben hatte. Dieser norwegische Bergkegel schaffte es, Instrumente, Becken und Stativ zu Boden zu werfen, auf die falschen Knöpfe zu drücken, meine Blutgruppenangaben zu verlegen und überhaupt. Es war wirklich ein Wunder, daß mein Kind trotz der Anwesenheit dieses Trampels lebend auf die Welt kam. Einmal stolperte sie über einen Hocker und landete auf meiner Entbindungsbank, als gerade eine heftige Wehe meinen Körper zu zerreißen schien. Ich brüllte los wie eine Sirene, worauf dieses ignorante Spatzengehirn mir eine Lachgasmaske aufs Gesicht drückte, und ich in einem überaus unbehaglichen und sinnlosen Rausch dahindämmerte, in dem die Schmerzen weiterhin pochten. Diese katastrophale Pflegeinstanz hätte mit Rotlicht und Stoßdämpfern versehen und in die Garage gestellt werden sollen, um bei Gelegenheit als Gabelstapler Anwendung zu finden.

Henry saß neben mir und las, wenn er nicht voller Interesse das Muster der Papierstreifen inspizierte, die ein Apparat neben meinem Bett mit einer graphischen Darstellung der Herztöne des Kindes versah und dann ausspuckte. Als endlich die Zeit zum Pressen gekommen war, zog Henry eine Kamera hervor, um meine endgültige Erniedrigung, als meine geschmeidige Scham aufgeschlitzt wurde, auf Film zu bannen. Aber da brüllte ich, er solle verschwinden, und damit hatte ich meine bessere Hälfte zum ersten Mal angeschrien. Ich spuckte dieselben Wörter aus, mit denen ich ein gutes Jahrzehnt zuvor meine Mutter bedacht hatte: »Miese Fotze!«

Was gleich darauf mein ganzes Dasein verschlang, war der innigste Blick, der mir je zuteil geworden ist. Das frischgeborene Baby hypnotisierte mich dermaßen, daß ich es seitdem immer geliebt habe. Dieses Liebesdiktat wurde zum unerschütterlichen Vorrecht meiner Tochter, ich würde zur Not für sie in den Tod gehen, ganz und gar meiner eigentlichen Willenskraft entgegengesetzt. Das Band, das im Moment der Geburt zwischen mir und meiner Nachkommenschaft entstand, gehört zu den Instinkten, die der Menschheit rücksichtslos einprogrammiert worden sind. Geben Sie zu, daß es eine Grausamkeit der Natur ist, Mütter zu dieser emotionalen Sklaverei zu zwingen! Hier haben wir nämlich die wirkliche Frauenfalle.

Wir nannten das Kind Dolores Eleonora, kurz Lola, und ich war fasziniert davon, daß Fingernägel so klein und doch so vollkommen sein können.

Jetzt hatte ich also eine Familie gegründet und damit einen beruhigenden Schritt in die Normalität getan. Ich wurde mit Hilfe von erprobten Handbüchern, die ich eifrig studiert hatte, zu einer good enough mother. Das Stillen bewerkstelligte ich deshalb mit Bravour, ebenso wie das Windelwechseln, die Wahl des Gitterbettes und des pädagogischen Spielzeugs sowie das Topftraining, als sie achtzehn Monate alt geworden war. Lola war ein rosiger Wonneproppen, aber ich fragte mich doch, ob es normal war, schon beim Austritt aus dem Mutterleib ins Trotzalter zu kommen. Henry machte sich wegen Lolas widerborstiger Natur keine Sorgen; er arbeitete fleißig und freute sich, wenn er dann nach Hause kam, ungeheuer über unsere Tochter.

Henrys und meine Ehe überlebte fast fünf Jahre, und ich ließ mich von der Mutterschaft absorbieren; so viele praktische Entscheidungen waren dabei vonnöten, daß die jungen Knaben in meinen Träumen Kinderwagen, Babyschwimmen und Warenhauskörben wichen, ganz zu schweigen von meinem anstrengenden Einstieg ins ABC des Kochens.

Als Lola dann in eine Krippe kam, wuchs meine Bewegungsfreiheit außerhalb des trauten Heims wieder, aber ich dachte nur selten an Sex – vor allem nicht, weil ich die zwei Beischlafakte pro Woche liefern mußte, die der Leitfaden zum Eheleben eben vorschrieb. Henrys früher einigermaßen fettfreier Bauch hatte sich jetzt um vier oder fünf überflüssige Kilos erweitert, und sein vierundvierzigjähriges Sitzfleisch hatte ebenfalls bessere Zeiten gesehen. Sein Haaransatz kroch immer weiter nach oben, während sich dort, wo keine Haare hingehörten, auf seiner speckigen Brust ein wahrer Urwald entwickelte. Lange Borsten krochen auch aus seinen Nasenlöchern, und seine Augen trieften. Er hatte die Wechseljahre erreicht, und bald würde die pädophile Hella Hell einen mürrischen Greis neben sich im Bett dulden müssen, der gurgelte und schnarchte und furzte wie ein alter Gaul.

Ich mußte mich mit diesem Dirnenleben abfinden und pflichtschuldigst zur Verfügung stehen, wenn er nach dem obligatorischen Freitagsessen mit den dazugehörigen zwei Flaschen Wein, aus denen dann bald auch drei oder vier wurden, seine buschigen Augenbrauen hob. Doch ich kann mich immerhin eines geschickten Schachzugs rühmen, nämlich daß ich immer wieder herumjammerte und bettelte, wir sollten doch unsere eigene Firma aufmachen. Henry besaß sowohl Kontakte als auch ein wenig Kapital, und wir genossen in unserer Branche beide einen ausgezeichneten Ruf. Finanzierungsmöglichkeiten wurden außerdem damals allen zweibeinigen Wesen, die zufällig an einer Bank vorüberkamen, wie Lassos um den Hals geworfen.

Wir setzten also zu einer Unternehmung an, dem mein Fingerspitzengefühl für die Stimmung der Zeit den nostalgischen Namen Gasolin verpaßte, und das in der Galaxis der Werbewelt einen kometenhaften Aufstieg hinlegte; wir bildeten ein Sternbild, das bald von allen im Trend liegenden Warenproduzenten angebetet wurde. Mit anderen Worten: fette Brieftaschen öffneten sich über uns, und wir hatten ungeheuer viel zu tun, was weitere Vorteile mit sich brachte: 1. die eheliche Beischlaffrequenz wurde um einiges gesenkt, 2. ich konnte meine Besuche in allerlei Jugendghettos mit der Notwendigkeit begründen, mich über das auf dem laufenden zu halten, was auf Straßenniveau gerade vor sich hinkochte. Ich möchte aber betonen, daß ich mir, abgesehen von einem leichten Voyeurismus, keinerlei sexuelle Freiheiten gestattete. Ich war doch eine Dame von dreißig, die in den ehelichen Stand eingetreten war, und ich wollte mich an die dazugehörigen Spielregeln halten. Außerdem war ich Mutter einer hyperaktiven und trotzigen Dreijährigen, was mich dazu zwang, Jeans und Pullover und leicht zu waschende Kleidungsstücke zu tragen, die mein Äußeres weder schmückten noch betonten. Ich fing langsam an, das Luftschloß der Kernfamilie mit langfristiger Planung einzurichten, ja, ich klebte sogar Ferienbilder in ein Fotoalbum.

Doch einige Jahre darauf brach die falsche Idylle in sich zusammen.

Ich als vorbildliche Ehefrau ging ohne zu murren nach Hause in die schöne und sorgsam eingerichtete Eigentumswohnung auf Östermalm, wo ich ohne fremde Hilfe Kind und Haushalt versorgte, wenn Henry Überstunden machen mußte (die vor allem aus Geschäftsessen bestanden). Ab und zu mußte er auch dienstlich ins Ausland reisen, und ich blieb brav zu Hause, auch wenn sich zu späten Abend- und Nachtstunden durchaus gewisse schändliche Phantasien einstellen konnten, nachdem Lola nach der dritten Gute-Nacht-Geschichte endlich eingeschlafen war. Ich bin eine überaus standhafte Frau, denn ich setzte meine schwindelerregende Lust, das Doppelbett mit dem Schlümmel in Schlaghose und Mönchskutte zu bevölkern, mit dem ich eines Nachmittags in einer jugendverseuchten Tränke in der Stadt Acid House und balearischen Beat genossen hatte, nicht in die Tat um. Ich saß so dicht bei ihm, daß der Herzschlag unter der Knabenbrust weder für meine Augen noch für meine Ohren verborgen blieb. Nein, ich riß mich zusammen. Weshalb Sie sich sicher vorstellen können, daß ich aus allen Wolken fiel, als folgendes geschah:

Es war schon ziemlich spät, und Lola hatte sich ein unangenehmes Grippevirus eingefangen. Als ich im Medizinschränkchen nach Hustensaft, Alvedon und Nasenspray suchte und zugleich mein Abendvalium einwerfen wollte, war das Medizinröhrchen leer. Es war keine angenehme Entdeckung, doch dann fiel mir ein, daß ich im Büro ein Glas Sobril stehen hatte. Ich bat die freundliche Nachbarin von gegenüber, kurz auf Lola aufzupassen, und dazu war sie gern bereit. Fünf Minuten darauf war sie in unserem weichen Sofa von House versunken, das sich niemals zu einem brauchbaren Sitzmöbel formen lassen wollte. Ich jagte mit meinem schwarzen Porsche los und steckte dann den Schlüssel in die Tür zu unserem eleganten Büro auf Skeppsbron. Was sich jedoch als unnötig erweisen sollte, da die Tür nicht verschlossen war. Und auf dem Gästesofa lagen sie und führten sich überaus unanständig auf, Henry und das alberne sechzehnjährige Rotkäppchen. Eine Schnappe, die im Büro höchstens Kaffee kochen durfte, da ihre Bewegungen so ruckhaft und ungeschickt waren, daß Henry und ich darüber gejuxt hatten, daß sie dem armen Kerl, der sich zu einem Schäferstündchen mit ihr erkühnte, vermutlich das Glied abbrechen würde. Aber hier lag also Henry! Voll damit befaßt, seinen kleinen Penis, seinen ausgefahrenen winzigen Greisenpimmel, von dieser schielenden Gans mit ihren Pavianlippen behandeln zu lassen. Das Ganze war so peinlich, daß mein Bericht hier zu einem Schundroman zu werden droht, aber leider ist es die häßliche Wahrheit. Der Geruch von Teeniemöse mischte sich mit dem Billigparfüm der kaugummikauenden Person zu einem Cocktail aus vulgären Düften, zu dem noch ein widerlicher Schuß von Henrys Rasierwasser kam. Dieses corpus delicti wurde zu einem Overkill sogar für eine dermaßen ausgekochte Seele wie meine, und deshalb verließ ich rückwärts den Tatort, und das letzte Bild, das meine Erinnerung mir noch zeigt, ist das einer billigen rosa Kunstfaserunterhose, die über Henrys wachsende Glatze gestülpt worden war.

Was aus dem armen, ausgenutzten Mädel geworden ist, darüber schweigt die Geschichte. Um ihr schändliches Elend noch zu vergrößern, hatten ihre schlecht beratenen Eltern sie Klara-Bella getauft, und so heißen in Schweden vor allem Kühe und Hühner. Sie schickte mir nach dieser peinlichen Szene eine Karte mit einigen um Entschuldigung bittenden Zeilen, sie habe wirklich nicht so weit gehen wollen (meine Güte, denn wie weit hatte sie »gehen« wollen?). Auf die Karte hatte diese fast schon zurückgebliebene Törin einen Abdruck ihres dick geschminkten und grotesk großen Labermundes geknallt, dessen Farbe identisch war mit der ihrer, von Teenieflüssigkeiten sicher ebenso klebrigen Unterhose, dieser billigen Trophäe, die Henrys letzte außereheliche Heldentat gekrönt hatte.

Natürlich reichte ich sofort die Scheidung ein.

10

Der Scheidungskrieg zwischen Hole und Hell spielte sich gleichzeitig mit der Kuwaitkrise am Übergang zwischen den Achtzigern und den Neunzigern ab. Ich behielt meine Anteile an der Werbeagentur Gasolin, die zwei Jahre später, nach dem Wirtschaftszusammenbruch, von einem internationalen Konzern geschluckt wurde. Die Bilanz blieb stabil und verschaffte mir ein jährliches Einkommen, von dem ich recht gut leben konnte, ohne auch nur einen Finger zu rühren. Henrys weitere Studien in Sachen Lammfleisch führten zu einer neuen Ehe, zum gleichen Zeitpunkt, als der internationale Konzern sich zu Wort meldete, woraufhin er seine Aktienanteile für eine ansehnliche Summe verkaufte, um mit seiner dreißig Jahre jüngeren, kaum sexuell mündig gewordenen Braut nach Seattle überzusiedeln.

Das alles erfuhr ich über Umwege: Henry und ich hatten keinerlei Kontakt mehr, und ich ließ mich schließlich in London nieder, um peinlichen Fragen über meine gekenterte Ehe zu entgehen. Jahre später erfuhr ich voller inniger Schadenfreude, daß das junge Model, das Henry geheiratet hatte, ihm ein Kind mit Down Syndrom geboren hatte. Er schickte jeden Monat Geld für Lola, was dann aber aufhörte, als die trendige kleine Plattenfirma, in die er sein gesamtes Kapital investiert hatte, ihre Künstler an die multinationalen Gesellschaften verlor und Konkurs anmelden mußte.

Damals hatte ein neuer Musikstil namens Grunge gerade seinen Höhepunkt erreicht, und Kurt Cobain erschoß sich mit einem Schrotgewehr. Die Grungemode paßte einer verbissenen Schlümmelphantastin wie Hella Hell wie angegossen. Die langhaarigen Wichte in ihren zerfetzten Jeans und Turnschuhen blendeten mich mit ihrem betörenden und allgegenwärtigen Smash. Aber etwas dämpfte meine Lust, mir die lockenden Leckerbissen zu angeln. Während mehrerer Jahre nach dem schändlichen Ende meiner Ehe lebte ich wie im Tran. Meine seelische Armut oder eher Impotenz zeigte sich in einem immer wiederkehrenden Traum: Ich befand mich in einem Flugzeug, das zum Start ansetzte. Aber es kam nicht höher als bis zu den Hausdächern und mußte dann auf einer öden Wiese mit verwelktem Gras eine Notlandung machen. Für diesen düsteren Traum gibt es nur eine mögliche Deutung.

In London kam ich zu nichts, und ich wollte das auch gar nicht, weil ich die Engländer abweisend und vorurteilsbeladen fand. Sie verachteten alleinstehende Mütter. Ich hielt einige Gastvorträge, war jedoch nicht in Form, weder geistig noch in irgendeiner anderen Hinsicht. Unerklärliche Anfälle von Freßsucht legten sich um mein schmales Knochengerüst wie speckige Jahresringe. Vergebliche Versuche, mein Fett durch kostspielige Raubzüge durch die Bond Street zu tarnen, erlitten Schiffbruch, sowie ein Spiegel mir meine Niederlage vor Augen hielt.

Lola hatte sich zu einer eigensinnigen und unerträglichen Göre entwickelt, weshalb ich sie in ein nahegelegenes, angesehenes Internat steckte. Das Wochenende verbrachten wir dann in unserer Mietwohnung am Sloan Square.

Im Nachhinein schreibe ich die Schuld an meiner mehrjährigen Gefangenschaft in diesen mentalen Katakomben einem antidepressiven Heilmittel namens Anafranil zu, mit dem meine Mutter das Valium ersetzt hatte (Valium galt inzwischen als Droge). Bei einem Besuch 1995 auf Ibiza hatte ich diese abstumpfenden Pillen glücklicherweise vergessen und ließ mich deshalb mit einem um einiges hilfreicheren Medikament versorgen, nämlich mit Ecstasy. Meine mentalen Sperren lösten sich auf, die Kanäle wurden durchgespült, und ich fuhr meine Antennen wieder aus. Lola besuchte Freunde an der französischen Riviera, und der Sommer auf Ibiza erlebte meine Wiedergeburt. Die Fettablagerungen wurden von den Schweißströmen weggeschwemmt, die ich zu den nächtlichen Technorhythmen im siedenden Barleben produzierte. Ich ging jetzt auf die vierzig zu und stellte mit euphorischem Erstaunen fest, daß meine Anziehungskraft auf junge Knaben ein Niveau erreicht hatte, von dem ich nicht einmal zu träumen gewagt hätte. Die Schlümmel wurden zu mir hingezogen wie Spermien zu einem Ei, und ich amüsierte mich wie eine Königin.

Die schwedische Hauptstadt erlebte deshalb im Herbst eine Hella Hell, die als fit for fight durchgehen konnte. Die Agentur, deren Teilhaberin ich war, warf nicht mehr ganz so hohe Gewinne ab, und da ich während meiner jahrelangen Depression keine anderen Einkünfte gehabt hatte, beschloß ich, im Büro eine Arbeitsecke einzurichten, wo ich mich als CD niederlassen konnte, als Creative Director. Diese Stellung gestattete es mir, kritisch und wählerisch die Spreu vom Weizen zu scheiden, während andere die Grobarbeit verrichten mußten. Von meiner Seite wurde nur ein geringer Einsatz gefordert, während ich die berufliche Stimulans erfuhr, die mir so lange gefehlt hatte. Beispielsweise konnte ich mit dem Gewicht meiner fast vierzig Jahre unliebsame Elemente ganz einfach wegschicken. Meine depressive Periode hatte den temperamentvollen Teil der Hella Hell gedämpft, aber jetzt staunten die Leute angesichts der Pyrotechnik, die unter Ibizas wohltuender Sonne an der Luft getrocknet war. Wer die charmante und energische, aber dennoch leise und korrekte Hella trug, war der Komet aus der Hölle, ein bombastisches Echo, eine lodernde Flamme, deren Feuerflöhe meine Umgebung bald zu achten lernte. Erst jetzt wagte ich, die Schwingen meiner Begabung zu öffnen und die Landschaft unter mir zu betrachten. Dort lief das Kanonenfutter umher und spielte mit Kieselsteinen und hatte keine Ahnung von der schwindelerregenden Höhe und dem Tempo, die meine Gehirnkapazität kennzeichneten.

Für den Arbeitsplatz arbeitete ich eine Terrorstrategie aus. Das gefürchtete Codewort war »Zum Franziskaner«. Wenn ein Projektmitarbeiter oder Praktikant meine Ansprüche an Takt, Ton oder Leistung nicht erfüllen konnte, lud ich den Betreffenden zum Mittagessen in der nahegelegenen Wirtschaft »Zum Franziskaner« ein. Im Klartext hieß das: »Du bist gefeuert!« was ich dann beim Essen auch ganz nüchtern mitteilte, nach einer üppigen Bestellung, bei der der hauseigene Kräuterschnaps die Mahlzeit eröffnete. Schon bald war der Franziskaner zum Damoklesschwert geworden, das die Lampe des Fleißes noch lange nach Ende der regulären Arbeitszeit brennen ließ. Das steigerte die Einkünfte der Agentur noch, und wir mußten neue Leute einstellen. Der Mensch ist faul und kann immer mehr leisten, was sich hiermit gezeigt hatte. Wann immer ich ein Essen im Franziskaner vorschlug, jagte ein nervöses Flüstern durch die großen luftigen Räume. Ich hatte mir eine überaus angenehme Stellung verschafft und fand es nur gut, daß sich niemand zu nah an mich heranwagte. Ich thronte dort in einsamer Majestät.

Doch dann kam Robban, ein frisch ausgeschlüpfter Schüler von RMI-Berghs, der für drei Monate auf Probe eingestellt wurde. Er war einwandfrei kein Schlümmel, mit seiner groben Haut und seinem zerknickten Nasenbein. Außerdem hatte er üppigen Bartwuchs und Haare auf der Brust, die hemmungslos aus seinem wenig zugeknöpften Hemd hervorlugten, das ich ihm in brüskem Ton zu schließen befahl. Aus irgendeinem Grund hatte er in einem schwachen Moment die Musterung bestanden und sollte bei der Herstellung der Programme für das Hultfredsfestival helfen. Ich glaube, Robban wurde diese Gunst aus purer Zeitnot zuteil, aus keinem anderen Grund. Bald sollte sich herausstellen, daß dieser kräftig gebaute Trottel in jeder Hinsicht ein Reinfall war. Er rief zu den unmöglichsten Zeitpunkten seine Kumpel an und verbreitete sich lauthals über seine unappetitlichen Unternehmungen des Vorabends sowie über seine Pläne für den kommenden Abend. Wer keine Ahnung hatte, wurde scheißwichtig darüber belehrt, in welchem Büro er arbeitete, und wieder und wieder lieferte er die freche Lüge, er allein sei verantwortlich für den Entwurf des Hultfredprogrammes. Er ging mir dermaßen auf die Nerven (einmal legte er sogar seine schmutzigen Stiefel auf den Tisch, während er seine prahlerischen Telefonsalven abfeuerte), daß es nicht reichen würde, einfach nur mit ihm zum Franziskaner zu gehen. Ich schmiedete statt dessen den finsteren Plan, seine Lüge zu barer Münze werden zu lassen und ihm das gesamte Hultfredsprojekt zu übertragen, mit einem Drucktermin, den nicht einmal der erfahrenste Layouter ohne Plackerei rund um die Uhr schaffen könnte. Natürlich riskierte ich dabei, selbst am Ende ranklotzen zu müssen, bis mir die Augen aus dem Kopf fielen, aber mein sadistischer Wunsch, diesem jungen Büffel eins auf die Finger zu geben, wog schwerer. Wir verabredeten, daß ich am folgenden Samstagmorgen für ihn das Büro aufschließen würde, damit er zu einer ihm besonders unlieben Zeit losackern könnte (eigene Schlüssel waren ihm natürlich nicht anvertraut worden). Und richtig, es kam, wie ich erwartet hatte: Um neun Uhr trommelte ich wütend auf meinem Schreibtisch herum. Er war nicht gekommen. Um zehn packte mich langsam die Wut über seine Gleichgültigkeit – kapierte dieser Halbirre denn nicht, mit wem er es zu tun hatte? Und was es bedeutete, bei dieser Person in Ungnade zu fallen?

Um siebzehn Minuten nach zehn wurde die Tür von einem muskulösen durchtrainierten Oberarm aufgerissen, und zwei Sekunden darauf stand Robban in der Öffnung, mit Bartstoppeln und rotunterlaufenem Blick, der erschrocken seine Chefin musterte, in deren Mundstück die dritte Zigarette dieses Tages glühte. »V-v-verzeihung«, stotterte er nervös und kam mit gesenktem Kopf auf mich zu, während ich in meinem taillierten Pradakostüm auf der Tischkante saß. Er leierte noch eine Entschuldigung herunter, die zusammen mit seiner Fahne sein spätes Erscheinen erklärte. Ich blies ihm Rauch ins Gesicht, ohne eine Miene zu verziehen. »Raus«, sagte ich dann. Mein Tonfall war so energisch und so beherrscht wie in dem Moment, in dem der Chirurg das Skalpell auf der Haut ansetzt. »Raus«, sagte ich noch einmal, diesmal spitzer.

Worauf Robban sich lächerlich machte, indem er vor mir auf die Knie fiel und seine behaarten Pranken faltete, während er eine lange wimmernde Tirade aus »Bitte, bitte, Verzeihung, Verzeihung, bitte, bitte, Verzeihung, Verzeihung« abspulte, bis ich auf die Tür zeigte und meinen einsilbigen Befehl noch einmal wiederholte. Noch eine gejammerte Litanei, noch ein »Raus«, und dann brach der Trottel in Tränen aus. Seine Schultern unter seinem T-Shirt zitterten, und seine Pfoten umklammerten verzweifelt meine Waden, während er mich aus feuchten Augen ansah, und ich weiß nicht, ob es das Glitzern seiner Tränen war oder die aufdringliche Hitze seiner Nähe, jedenfalls hatte ich plötzlich vor mir einen Joy Boy, der sein Gesicht gegen meinen Schoß preßte, noch immer auf den Knien, und dessen Schulterpartie sich auf diese typische Weise bewegte, die meine empfindsamen Sinne besiegte, und im selben Moment darauf küßten wir uns mit einer physischen Urkraft, die in einem himmlischen Creszendo mündete.

Gleich nach diesem Akt jedoch wurde Robban seine gerechte Strafe zuteil. Er schlurfte mit gesenktem Kopf hinaus, nachdem ich ihm erklärt hatte, daß seine Nachlässigkeit auf dem Niveau, zu dem wir ihn hier erhoben hatten, unverzeihlich sei. Aber ich weiß bis heute nicht, ob das richtig von mir war, denn als er gegangen war, sah ich mir seine Arbeit an, und die war so gut und zeugte von einer dermaßen bemerkenswerten Kreativität, daß ich meine berüchtigten Essen im Franziskaner aufgab, da ich das Beil nicht mehr mit derselben Überzeugung fallen lassen konnte. Nicht einmal das achtzehnjährige Mikrogehirn Sharon wurde per Mittagessen verabschiedet, obwohl sie in einem Fotostudio eine Wand hatte herausreißen lassen, um ein Auto hineinfahren zu können, statt das Auto draußen zu fotografieren. Sharon war dermaßen zurückgeblieben, daß sie beim Lesen die Lippen bewegte, und sie lernte niemals den Umgang mit Faxgerät oder Espressomaschine, vom Internet ganz zu schweigen. Trotzdem schaffte sie es, Faxgerät, Espressomaschine und den Computer, mit dem sie sich vertraut machen sollte, auf Dauer zu ruinieren. Sie war in Schweden geboren, hatte aber eine englische Mutter. Mir war es deshalb ein Rätsel, warum ihre Englischkenntnisse ebenso unterentwickelt waren wie ihre übrigen Fähigkeiten. Es gab da jedoch eine Ausnahme, wie ich später erfahren sollte. Das Wohlwollen, das ihr im Büro, wo von zehn Angestellten acht Männer waren, entgegengebracht wurde, entsprach ihrem Wohlwollen, wenn es darum ging, ihre X-Beine zu spreizen. Doch obwohl diese zerbrechliche Person keine materiellen Belohnungen für ihren anstrengenden Einsatz forderte, war sie in ihrer unbeschreiblich elefantenhaften Ungeschicklichkeit doch so teuer im Betrieb, daß ihr Schicksal im Büro besiegelt war. Wenn auch ohne Mittagessen im Franziskaner.

Robban und Sharon haben mich beide auf ihre Weise beeinflußt. Robban dämpfte meinen Hang zu übereilten Entscheidungen, während Sharon in mir die Sorge entfachte, daß meine Tochter, die nun bald das Teenageralter erreicht hatte, ihr ähneln könnte.

Ich brachte Lola deshalb sofort im Internat Sigtuna unter, obwohl das ein Vermögen kostete. Ihre präpubertären Zustände waren eine Belastung geworden, vor allem, da sie unheilbar eifersüchtig war und mir deshalb die nächtlichen Ausschweifungen verwehrte, die mir doch so gut getan hätten. Wenn ich mich ein einzelnes Mal abendlichen Vergnügungen hingab, wurde ich einem inquisitorischen Verhör unterzogen und hatte erst Ruhe, wenn ich beteuerte, daß ich in keuscher Enthaltsamkeit lebte. Sie unterstellte mir dermaßen sündhafte Angewohnheiten, daß mich ihre frühreife sexuelle Vorstellungskraft zum Erröten brachte, weshalb ich als gute und verantwortungsbewußte Mutter hinfort sogar Illustrierte aus meinem Haus verbannte und den Fernseher mit einem Schloß versah. Im Internat, wie ich zu meiner Erleichterung erfuhr, war das Fernsehen auf ein Minimum reduziert, und viel Freizeit blieb auch nicht für die Lektüre von Mädchenbüchern und anderen erogen orientierten Beschäftigungen. Jeden Monat schickte ich ihr erbauliche internationale Zeitschriften wie D, The Face, Arena, i-D, Wall Paper, Vogue, Vanity Fair und Tatler. Lola sprach seit unserer Zeit in London ja sehr gut Englisch und konnte sich deshalb auch an den Artikeln erfreuen, statt sich nur von den geschmackvollen Bildern inspirieren zu lassen. Zu meiner Bestürzung traf im Oktober ein Brief von empörten Eltern von Lolas Schulkameradinnen ein, die behaupteten, diese angesehenen und absolut tonangebenden Magazine demoralisierten die Schulmädchen, da sie Bilder und Texte enthielten, die allgemein mit verabscheuenswerten Dingen assoziiert wurden, zum Beispiel mit Drogenmißbrauch und Prostitution. Dieser engstirnige und reaktionäre Ausfall der stumpfsinnigen Elternvertretung gab den Startschuß zu dem Buch, das ich während der dunklen Jahreszeit in diesem unaufgeklärten nördlichen Land zu Papier brachte.

Ich gab dem Buch den Titel »Bitte, einen Knaben« (oder auf Englisch: »Mad about a Boy«). Zutiefst konzentriert stellte ich meine Beobachtungen in der Welt der Mode und der Werbung dar und kam zu dem Schluß, daß der junge Knabe ganz einfach für den ästhetisch höchsten Rang in der Modeindustrie prädestiniert sei, und daß alle Ideale danach gestaltet würden. Ich glaubte auch, belegen zu können, warum der schöne Jüngling in so vielen Kulturen den Maßstab für die menschliche Vollendung bildet. Ich war so kühn, meine Darlegungen mit einer reichhaltigen Auswahl an Bildern zu illustrieren, was meine Verleger eher skeptisch begrüßten, nicht zuletzt aus Kostengründen. Ich bot an, einen Teil von meinem Kapital zuzuschießen, um dieses Buch drucken zu lassen, so, wie es meiner Vision entsprach – ich brannte geradezu für dieses Projekt. Es kam mich in mehrerer Hinsicht teuer zu stehen und riß außerdem ein bedenklich großes Loch in meine Tasche. Das Buch erregte großes Aufsehen. Die Feministinnen fanden es frauenfeindlich, andere kulturelle Lager warfen mir vor, Jugendverherrlichung und Jugendausbeutung das Wort zu reden. Lobenswerte Vereinigungen, die Übergriffe gegen Kinder verhindern sollten, nannten mein Werk einen groben Flirt mit Kinderpornographie. Die Sache wurde auch nicht besser dadurch, daß ich zwei von Donald Maders künstlerisch sensiblen und sinnlichen Knabenbildern aufgenommen hatte. Aber mir wurde auch Unterstützung zuteil, vor allem von homosexuellen Gruppierungen und jüngeren Rockmusikern. Ich wurde in gewissen Kreisen zum Kult, dafür wurde ich aus dem Establishment jedoch hinausgeekelt. Die kleine Erstauflage war bald vergriffen, aber der Verlag hatte kalte Füße bekommen und wollte nicht nachdrucken. Ich wurde sogar gezwungen, aus dem Aufsichtsrat der Firma auszuscheiden, in der ich doch Teilhaberin war, da der Name Hella Hell jetzt als rufschädigend galt. Habent sua fata libelli!

Ich halte es für eine Folge von Dummheit, nicht zwischen Sache und Person unterscheiden zu können, aber andererseits: Was Hella Hell im Grunde getan hatte, war, auf den Kampfplatz zurückzukehren, um sich dem Streit zu stellen. Wie Narren, Drogensüchtige, Kriminelle und andere Steppenwölfe wollte ich im tiefsten Herzen verurteilt, eingesperrt, angekettet und unschädlich gemacht werden.

Lola zog inzwischen Freundinnen, Geld und ihre Großmutter ihrer eigenen Mutter vor, und zwar in genau dieser Reihenfolge. Großzügig, wie ich war, ließ ich sie laufen, und wir hielten Kontakt per Telefon, wodurch ich immerhin wußte, daß sie in Bezug auf Drogen oder Jungen nicht auf Dummheiten verfiel. Genau wie andere Teenies schämte sie sich ihrer Eltern und bombardierte mich mit ihren Ansichten über mein berüchtigtes Buch. Künstlerisch kreative Menschen müssen damit rechnen, von ihren Zeitgenossen mißverstanden und vor allem von ihren Kindern zeitlebens abgelehnt zu werden. Der Tod ist normalerweise der mildernde Umstand, der zuletzt den Haß auflöst und die Familienbande aufs Neue schmiedet. Aber so weit sind wir noch nicht, und der Gedanke an den Tod ist für mich so entsetzlich, daß ich sofort Antikörper dagegen suchen muß, während ich diesen absolut wahren Bericht zu Papier bringe, der dem menschlichen Trümmerhaufen Hella Hell zu Genugtuung verhelfen soll.

Mein Name war jetzt bekannt – oder totgeschwiegen, wenn man so will –, und wenn ich auch nur in Sichtweite eines siebzehnjährigen Johnnies gesichtet würde, dann hätten alle endgültig gewußt, was ich doch für ein perverses altes Frauenzimmer war. Ein hoher Zaun war zwischen mir und allen Joy Boys im ganzen Land errichtet worden.

Ich stand wie ein frierendes, hungriges Bettlerkind bei den Roskilde- und Hultfredsfestivals vor dem Zaun und wagte nicht, mich unter die übermütigen Welpen zu mischen, die munter durch den Lehm kullerten und ihre nackten Brüste und ihre neuen Tätowierungen vorzeigten. Ich kippte ein eiliges Bier in einer der Kneipen, wo die jungen Leute um mich herumwuselten. Ich kaufte Handtaschen und T-Shirts der Marken Stüssy und Catfish ein, die ich danach Lola vermachte, nur um einen Blick auf die Jungs zu erhaschen, die in den entsprechenden Boutiquen herumhingen. Immer hinter meiner Sonnenbrille verborgen, glitt ich umher wie ein Gespenst, wie eine entwöhnte Heroinistin, die um die Drogenszene herumschleicht, um sich zu vergewissern, daß die Drogen immerhin noch existieren.

11

Zu dieser Zeit hatte ich nur noch einen einzigen Freund, nämlich einen schwulen Junggesellen namens Klas. Die Bars und Kneipen der Gays wurden zu meinen Tränken, und ich lernte dabei zwei Lesben in meinem eigenen elenden Alter kennen. Sie waren die amtliche Partnerschaft eingegangen, und die eine hatte sich künstlich befruchten lassen und war jetzt hochschwanger. Trotzdem kippte sie gern ein Glas oder auch drei, und eines Nachts überschritt ich im Lesbenclub Cunt selbst die Menge berauschender Getränke, die mein schmächtiger Körper vertragen konnte. Plötzlich hatte ich das Gefühl, von zahllosen unwiderstehlichen langhaarigen Schlümmeln umgeben zu sein (Lesben pflegen ja oft einen jugendlich maskulinen Stil), und ich verließ das Lokal mit einer Person, mit der ich ziemlich viel getanzt hatte. Die laute Musik hatte ein Gespräch unmöglich gemacht, und deshalb geriet ich aus der Fassung, als ich feststellte, daß zu diesem Körper, den ich in meinem freundlichen Rausch für den eines Knaben gehalten hatte, eine helle Frauenstimme gehörte. Um ihre Erwartungen nicht zu Schutt und Asche werden zu lassen, ging ich dann doch mit ihr in ihr Zimmer mit Kochnische in der Skånegata, und ich bedauerte selbst zutiefst, daß ich nicht auf junge Damen stand, denn eine solche Neigung war doch mehr akzeptiert als meine subversiven päderastischen Neigungen. Die Nachwehen dieser Nacht, die alle außer mir als wahnsinnig lustig beschrieben, brachten mich dann näher an Regina heran, die schwangere Lesbe, die meine nächtliche Bekanntschaft gut zu kennen schien, und wir rissen Witze über meine schwerwiegende Fehleinschätzung, da sie in lesbischen Kreisen als waschechte Baby Doll-Dyke galt. Glauben Sie nun aber nicht, ich hätte Regina in mein tragisches Schicksal eingeweiht. Noli me tangere! Unsere Freundschaft fand eher auf praktischer Ebene statt, da Regina mich darum bat, gegen Bezahlung natürlich, die Zeitschrift zu gestalten, die die Lesben- und Schwulenbewegung jeden Monat mit Hilfe eines wohlwollenden staatlichen Zuschusses herausgab. Ich nahm an, weil ich gerade keine anderen Aufträge hatte. Meine Arbeit in der Agentur, an der ich noch immer einen Anteil besaß, war nicht mehr gefragt, seit mein literarischer Skandal allgemein bekannt geworden war. Das Büro mußte mich auch nicht beschäftigen, da ich auf Beraterinnenbasis dort gearbeitet hatte. Also saß ich jetzt in einem Atelier im Erdgeschoß an der von Abgasen gesättigten Hornsgata und layoutete eine Zeitschrift mit engem Budget. Aus einem umworbenen Werbegenie, das in Angeboten fast ertrank, war ich nun zu einer verjagten Stadtratte geworden, die in den dilettantischen und unterfinanzierten Downmarket-Gefilden umherstromerte.

Ich weiß kaum noch, wie ich während dieser betrüblichen Phase die Tage herumgebracht habe. Meine Tochter Lola rief meistens an, um mehr Taschengeld zu verlangen, während ich allen Grund zu dem Verdacht hatte, daß sie es für Make-up ausgeben wollte. Meine Mutter meldete sich bisweilen, um sich von meinem Wohlergehen zu überzeugen und Lolas Sommerferien zu planen.

Mein sinkender Kurs hatte also die Talsohle erreicht, als Regina mich zur Taufe einlud. Regina hatte einen gesunden Knaben geboren, der nun den Namen Fabian erhalten sollte.

Der Spiegel hatte mir in letzter Zeit den Krieg erklärt, und ich zupfte gereizt an meinem weißen Hosenanzug und stellte fest, daß die Jahre vorüber waren, in denen Grundierungscreme, Tarncreme, Make-up und Puder mein Aussehen verjüngt hatten. Jetzt dagegen schienen die kosmetischen Präparate sich an den unvorteilhaftesten Stellen zu sammeln, zum Beispiel in den Falten, statt sie anzufüllen und zu glätten. Aber ich wollte jetzt ja zu einer Taufe, nicht zu einer Schönheitsfoto-Session, deshalb ging ich leicht verspätet, leicht geschminkt und leicht parfümiert los. Ein Frühlingsregen strömte herab, ich mußte wieder nach Hause, um meinen Schirm zu holen, was mich noch mehr verspätete, und deshalb schlich ich mich leise durch die Kirchentür und blieb ganz hinten stehen.

Regina stand in einem weißen Kleid, das ihren breiten Hintern sehr schmeichelnd umgab, vor dem Altar. Ihre sonst kurzgeschorenen mausgrauen Haare waren jetzt zu Locken gelegt, und die Frisur war so sorgfältig geföhnt und toupiert worden, daß die Haarenden geschwungen auf Reginas Schultern lagen. Inger, ihre Lebensgefährtin, stand mit dem Baby im Arm daneben, stolz und froh wie ein frischgebackener Vater. Das Gelaber des Pastors war ein Störelement von agitatorischen Floskeln über die späte, aber willkommene Akzeptanz der Tatsache, daß auch Homosexuelle ein Recht auf die Bildung von Familien hatten. Zwei hartgeschminkte Transsexuelle in den hinteren Reihen fingen während dieser endlosen Betrachtungen an zu kichern und zu tuscheln, denn die Ausführungen waren absolut überflüssig in dieser vorurteilslosen Gesellschaft aus alternden Schwulen, gutmütigen Verwandten und kurzgeschorenen jungen Lesben mit gepiercten Lippen, Nasen, Augenbrauen und Zungen. Dann wurde das Kind endlich auf den Namen Fabian Alexander getauft, der Choral »In deiner treuen Hut, o Herr« wurde gemurmelt, ein Junge (viel zu jung, höchstens zehn) sang »Wer segelt denn wohl ohne Wind«, und die Menge strömte dem Ausgang entgegen. Ich hatte eigentlich das Taufgelage bei Regina zu Hause überspringen wollen, mußte aber in der Kirche bleiben, bis ich meine Philippe Starck-Vase überreicht hatte. Als Regina und Inger vor einer Empore Aufstellung nahmen und alle sofort den Finger in die winzige Hand des Kindes schieben wollten, um dessen Greifreflex zu testen, kam aus dem Dunkeln ein Jüngling zum Vorschein. Er hatte sich offenbar hinter der Treppe versteckt, die zur Empore hochführte, und jetzt sah ich nur noch ihn. Die feierlichen Klänge der Kirchenorgel hüllten ihn ein, und er zwinkerte mir zu.

Die Offenbarung war ein jeanstragender Junge, dessen Schlüsselkette in langem Bogen über seinen mit seltener Vollkommenheit modelliertem Oberschenkel hing. Es war ein weizenblonder Bube mit Pagenfrisur, der eine hellgrüne Jacke trug, unter der sich zwei leicht gewölbte Brüste und ein T-Shirt mit Kizz-Emblem zeigten. Ein Teenieschlingel mit niedlicher Stupsnase, glatten himbeerroten Lippen und gesenktem Blick. Bis er die hingerissene Schmuddeltante Hella Hell entdeckte, deren Katzenaugen ihn auszogen, ja, ihm die Kleider vom Leib rissen. Worauf sein schwarzgerahmter Blick sich wie eine Welle über mich ergoß und wir beide lächelten, indem wir einen Mundwinkel hoben. Smash!, jubelte eine Stimme in mir. Dieser waschechte Joy Boy war dermaßen formvollendet, daß unser Schöpfer seinen Stab bestimmt einige zusätzliche Male geschwungen hatte, während er heimlich kicherte und sich auf die explosive Wirkung freute, die sein Produkt auf die hypersensible Hella Hell ausüben würde. Das Produkt bekam in jeder Hinsicht die höchste Punktzahl! (Ach, möge das deutliche Bild, das ich von Jocke noch behalten habe, niemals verbleichen!)

Regina unterbrach den wortlosen Dialog, in den der Junge und ich bereits vertieft waren.

»Ach, wie gut«, rief sie. »Jetzt lernst du endlich Jocke kennen.«

Ich riß mich los aus der blauen Lagune, in der ich mich verloren hatte, und schaute Regina verwirrt an. Jocke, Jokke ... Regina hatte diesen Namen nebenbei einmal erwähnt, wie den eines Nachbarn oder eines homosexuellen Freundes.

»Jaaa«, sagte sie jetzt. »Also, mein Sohn.« Dann drehte sie sich zu Jocke um, stellte mich vor und erzählte, was ich so machte. In diesem Fall freute ich mich über Reginas enge Perspektive, denn sie sagte nur, ich sei AD bei ihrem Homoblatt, das ihm natürlich bekannt war. Meine dubiose Karriere als Skandal- und Kultautorin erwähnte sie dagegen mit keinem Wort. Jocke streckte die Hand aus, und ich wagte kaum, sie zu berühren, so peinlich war mir die Sturzflut aus Handschweiß, die ich zweifellos von mir geben würde.

»Ich wußte ja gar nicht, daß du schon ein Kind hast«, brachte ich als Entschuldigung für meine Verwirrung vor. (Wenn dieses halbwüchsige Kind eine Tochter gewesen wäre und kein absolut perfekter Schlümmel, dann hätte ich natürlich in Rekordzeit wieder zu mir gefunden.) Aber Regina schöpfte keinen Argwohn.

»Ach herrje! Ich war mir ganz sicher, daß du das wüßtest. Aber das kann ja daran liegen, daß er im letzten Jahr bei seinem Vater in Hudiksvall gewohnt hat. Das ist doch jetzt ein Jahr, Jocke, oder?« fragte sie ihren Sohn.

Er nickte und bohrte eine Welpenfaust in seine Hosentasche, was mir eine Vorahnung davon gab, was sich noch dort unten befand, und diese Ausbeulung verdrängte alle anderen Gedanken, als wir in redseliger Prozession zu Reginas und Ingers Wohnung bei Slussen zogen. Während des kurzen Weges versuchte ich, mich mit dem schlaksigen und hochaufgeschossenen Schelm zu unterhalten, der mit den Händen in der Tasche in seinen achtlos gebundenen Doc Martens neben mir dahinlatschte.

»Wie ist es denn so in Hudiksvall?« fragte ich angespannt, während ich mir den Kopf darüber zerbrach, was es wohl für ein Gefühl sein würde, die Zähne in seine festen Hinterbacken zu schlagen.

»Ach, eben so«, antwortete er. (Ich muß übrigens auch von seiner Stimme erzählen. Stellen Sie sich einen Sprung in eine Sandgrube vor. Oder eher von einer hohen Sanddüne in glatten weißen Sand. Das Geräusch, das bei der Reibung mit dem Sand entsteht. Das war die Qualität von Jockes Stimme.)

»Wie das denn?« fragte ich mit echtem Interesse, ich wollte alles über die Innenwelt dieses von Gott gesandten Wunders wissen.

»Ähh«, sagte er und bedachte mich mit einem blauen Knabenblick. »Keine Bräute und kein Spaß.«

»Gibt’s mit Bräuten denn mehr Spaß?« Ich lachte ein wenig beleidigt, aber auch erleichtert, da ein echter Schlümmel immer offen ist für die geschlechtlichen Verlockungen, und da die Erfahrung, die er auf diesem Gebiet offenbar schon gesammelt hatte, darauf hindeutete, daß er sexuell mündig war. Er hatte meinen scharfen und eindringlichen Blick richtig erfaßt, denn er antwortete mit einem halben Lächeln:

»Jaa. Wenn sie wissen, was Sache ist ...«

Hier wurde die Konversation, die zweifellos die Sperren zwischen mir und einem echten Joy Boy auflösen könnte, leider abgebrochen. Wir standen nämlich bereits auf der Schwelle zum angekündigten Kaffeeklatsch mit Reginas und Ingers Angehörigen.

Als der Grund meines Hierseins sich in die inneren Gemächer der Wohnung verzog und mich der Gesellschaft der Erwachsenen überließ, fing ein zottiger Vogel mit ausgebreiteten Schwingen an, in meiner Brust umherzuflattern. Mein Herzrhythmus steigerte sich, ich konnte nicht mehr schlucken, und meine Wangen glühten. Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals eine solche Panik erlebt zu haben, aber von diesem Moment an hatte sie in meiner Brust Wurzeln geschlagen und fand nur noch Ruhe, wenn mein Geliebter sich in meiner unmittelbaren Nähe befand.

Als ich dann vor meiner Kaffeetasse, die ich aus Angst vor einem Herzanfall nicht umzurühren wagte, und einem Muffin dasaß, versuchte ich, Reginas Mutter zuzulächeln, deren Wortschwall ich nicht einmal zur Hälfte begriffen hatte. Vermutlich hatte es sich nur um unwichtiges Gerede zum Thema Kinder gehandelt. Ich konnte meinen Blick auf keins der kauenden und redenden Gesichter konzentrieren, die einfach so in der Luft zu hängen schienen. Ich hatte schon Angst, sie könnten sich um mich zusammendrängen, um mich in meinem freien Fall genauer in Augenschein zu nehmen und dabei die sündhaften Phantasien zu entdecken, die tief in mir umherkrochen. Seltsamerweise war mir noch kein Horn auf der Stirn gewachsen.

Während meine Blicke sich auf Reginas und Ingers uneinheitliche, stillose und in Bezug auf alle ästhetischen Grundlagen geradezu ketzerische Einrichtung richteten, fand in meinem siedenden Herzen eine fieberhafte Denkarbeit statt. Als ich den Mahagonisekretär betrachtete, der mit karierten und getupften Vasen voller Plastikblumen zugestellt war, beschloß ich, zur Toilette zu gehen und mich dabei in der Zimmertür zu irren, bis ich ihn gefunden hätte. Aber als mein Blick auf zwei afrikanische Masken von der Sorte fiel, wie Reisende sie gern aus exotischen und übermäßig ausgebeuteten Reisegegenden mitbringen, riß ich mich zusammen. Denn was hätte ich als nächstes tun sollen? Ich mußte ihm eine Falle stellen, das Interesse des Kleinen erwecken und nicht die wohlmeinende erwachsene Dame spielen, die nette Fragen stellt und nette, aber wortkarge Antworten erhält. Neben den Grimassen schneidenden Masken aus Afrika stand ein schiefes Bücherregal mit den obligatorischen gerahmten Fotos. Sofort entdeckte ich ein Farbbild des Jungen als kleinem Knaben. Warum war er zum Papa nach Hudiksvall verbannt worden? Vielleicht könnte ich ihm eine Unterkunft in meiner standesgemäßen Hundertvierzigquadratmeter-Wohnung anbieten, die ich aus meinen goldenen Zeiten behalten hatte? Dieser Gedanke feuerte mich dermaßen an, daß sich mir die Haare sträubten, aber sie blieben dann an dem dilettantisch gemalten Bild an der mir gegenüberliegenden Wand hängen. Nein, bremste ich mich. So ein Vorschlag könnte den Jungen verscheuchen, denn dann würde er ahnen, was ich zwischen den Zeilen zu lesen wünschte. Er würde sich als angehender Gigolo sehen, und Beziehungen zu Gigolos waren noch nie Hella Hells Stil.

Das Stimmengewirr zwischen den übermäßig dekorierten Wohnzimmerwänden legte sich nicht, wurde jedoch von der artfremden Einmischung gestört, die Jockes Gestalt hier nun einmal darstellte. Er stand in der Tür und gab Regina zu verstehen, daß er ausgehen wolle.

»Du weißt, wann du zu Hause zu sein hast«, sagte Regina gereizt, und ich sah, wie er den Kopf einzog, ehe er durch die Wohnungstür schlüpfte. Fang ihn dir, rief eine Stimme in mir. Mir wurde fast schlecht bei dem Gedanken, auch nur noch eine einzige weitere Sekunde in dieser plappernden Gesellschaft verbringen zu müssen, weshalb ich ohne nachzudenken aufsprang und davonstürzte. Der Fahrstuhl war bereits mit seiner kostbaren Last auf dem Weg nach unten, und ich mußte mich zusammenreißen, um nicht im wahrsten Sinne des Wortes die Treppe hinunterzustürzen. Ich hätte doch keine Entschuldigung vorbringen können, wenn ich einfach über ihn hergefallen wäre.

Als ich die Straße erreichte, war er spurlos verschwunden, und ich schlenderte unentschlossen zur Götgata, um mir ein Taxi zu suchen.

Zu Hause beschloß ich, später am Abend Regina anzurufen und zu fragen, ob ich bei ihr mein teures Feuerzeug vergessen hätte. Ich könnte dann auch eine Entschuldigung für meinen übereilten und nicht angekündigten Aufbruch vorbringen.

Die Zeit schlich dahin. Als ich zur Begleitung von drei Wodka Kurant meine Aufzeichnungen und Textentwürfe zu meinem neuen Buch ansah (eine Verteidigungsrede für das uneingeschränkte ästhetische Recht, gegen allgemein akzeptierte Normen zu verstoßen), griff meine Hand wie von selbst zum Telefon und wählte Reginas Nummer.

»Ach, hallo«, sagte sie mit vor Muttermilch triefender Stimme. »Tut mir leid, daß ich mich nicht um dich kümmern konnte, aber du weißt ja, hier war soviel Verwandtschaft, daß ...«

»Ich wollte eigentlich selbst um Entschuldigung bitten«, fiel ich ihr ins Wort. »Aber mein Magen hat offenbar ein ziemlich rohes Steak nicht so recht vertragen, deshalb hab ich mich nicht so ganz wohlgefühlt.«

»Ja, davor sollte man sich um diese Jahreszeit hüten, du hast ja keine Ahnung, wie Inger und ich um die Wette gekotzt haben, als wir das Europride-Festival in Kopenhagen besucht und in der Hitze irgendwas Falsches gegessen hatten. Trink einen Gammeldansk, das hilft. Äaaai! Fabian beißt!«

»Aber das hast du doch sicher alles schon mal erlebt, mit deinem anderen Sohn«, sagte ich, um auf diese Weise das Gespräch in die gewünschte Richtung zu lenken.

»Jocke? Der war als Baby so bescheiden und ruhig, daß ich mir fast schon Sorgen gemacht habe. Er hat nur gegessen und geschlafen und war ansonsten mit dem Leben zufrieden.« An dieser Stelle seufzte Regina, und ich schlug natürlich sofort zu.

»Warum seufzt du?«

»Ach, wenn es nur so geblieben wäre. Jetzt ist er total unmöglich. Und deshalb muß er bei seinem Trottel von Vater wohnen. Aber das ist auch keine Lösung, ich meine, sein Alter hat doch Probleme mit ... Sag mal, hab ich dir wirklich nicht von Matti erzählt?«

»Nein, leider nicht«, sagte ich und legte soviel Interesse in meine Stimme, daß ich meine ohnehin schon großartige schauspielerische Begabung noch übertraf. »Wäre vielleicht an der Zeit, das mal zu tun.«

»Meine Güte, so besonders war das auch wieder nicht«, murmelte Regina. »Matti hab ich kennengelernt, als ich noch nicht aus dem Schrank hervorgekommen war und mit den falschen Männern herumhing, du weißt schon, mit Halbgangstern und Psychopathen. Matti war heroinabhängig, dieser Arsch. Aber das ist mir erst nach Jockes Geburt aufgegangen. Vorher hatte ich nur gemerkt, daß irgendwo die Scheiße lief, weil er manchmal tagelang verschwunden war. Aber eines Morgens hab ich Matti im Badezimmer mit einer Nadel im Arm entdeckt, er hatte vergessen, die Tür abzuschließen. Und zugleich mußte ich feststellen, daß er für das Zeug unsere gesamten Ersparnisse verbraucht hatte. Also flog er raus. Aber jetzt ist er seit einigen Jahren clean, das behauptet er zumindest. Ich weiß nicht, was ich glauben soll, aber er arbeitet in einem Therapiezentrum für Drogensüchtige, und da darf man sicher selbst nicht fixen. Glaubst du, es ist falsch, Jocke bei ihm wohnen zu lassen?«

»Kommt sicher auf Jocke an«, sagte ich und konnte meinen dringenden Wunsch, mehr über diesen Wunderknaben zu erfahren, sehr gut verstecken.

»Dem ist es einfach scheißegal, was ich sage! (Hier schlug Reginas Stimme ins Falsett um.) Er sitzt bloß auf seinem Zimmer und spritzt Laken und Tapeten voll. (Mmmm, dachte ich. Köstlicher Nektar wird da vergeudet!) Wenn er sich nicht draußen rumtreibt.«

»Rumtreibt?«

»Ja, wie jetzt. Er ist so gegen vier verschwunden und hat sich noch nicht wieder sehen lassen. Er ist genau wie sein Herr Papa. Matti hat schon mit zwölf Jahren so angefangen. Und Jocke ist doch erst dreizehn. Ja, ich meine, er wird am zwanzigsten Juni vierzehn, aber trotzdem ...«

Dreizehn?! Diese Zahl jagte durch meine Gehörgänge in meinen gierigen Unterleib, der seinerseits eine Welle der Schuldgefühle zum Sitz meines Gewissens hochspülte. Mein Gesicht glühte.

»Er ist erst dreizehn?«

»Ja, leider«, seufzte Regina. »Aber er ist verdammt früh entwickelt, das hat er auch von Matti. Und ich muß mich doch um den kleinen Fabian kümmern, ich bringe es nicht über mich, in der Stadt herumzurennen und meinen großen Bengel zu suchen. Und Inger tut das auch nicht. Sie ist mit Jocke eigentlich noch nie gut ausgekommen. Aber er soll den Sommer über bei uns in der Stadt bleiben, Matti arbeitet dann auf einem Gut in Frankreich, wo Drogensüchtige aus ganz Europa behandelt werden. Jetzt aber spiele ich wirklich mit dem Gedanken, Jocke doch noch hinzuschicken. Ich dachte zuerst, der Umgang mit all den Junkies und Haschern könnte gefährlich für ihn sein. Was meinst du?«

»Ich glaube, da hast du ganz recht, Regina«, sagte ich eilig. Sie durfte doch den frischentdeckten Silberstreifen an meinem Horizont nicht wegschicken, und deshalb fügte ich hinzu: »Wenn es zu schwierig für dich wird, bin ich ja auch noch da. Ja, ich habe in diesem Sommer wirklich nichts Besseres vor, Lola ist bei ihrer Großmutter in Schonen, und ich will an meinem neuen Buch arbeiten.«

»Ich möchte bloß wissen, wo er jetzt gerade steckt«, knurrte Regina, wurde aber sofort von einem wütenden Säuglingsschrei übertönt, dem eine Beratung zwischen Regina und Inger folgte. Ich wartete, bis das Babygeplärr verklungen war, dann bot ich noch einmal meine Hilfe an.

»Du Arme, ich höre ja, was bei euch los ist«, sagte ich mit fester, mütterlicher Stimme. »Weißt du was, ich kann doch versuchen, deinen jungen Ausreißer zu finden.«

»Ja, wenn du das über dich bringen würdest«, sagte Regina. »Der ist bestimmt irgendwo in Söder. Aber lauf dir bloß nicht die Beine aus dem Bauch.«

Ich wäre um den Äquator gelaufen, um diesen kleinen Honigbolzen aufzuspüren, dachte ich, als ich mich Södermalm mit langen, energischen Schritten näherte. Dort suchte ich dann methodisch die Jugendpiste ab und schaute in allerlei dunkle Kellerlöcher. Was jedoch ohne Erfolg blieb. Mein letzter Anlaufplatz in der Gegend war eine Bierhalle namens Kvarnan, wo ich mich am Tresen niederließ und das ganze Lokal im Griff hatte. Es herrschte schon ziemliches Gedränge, und ich mußte Fragen beantworten, deren Einfältigkeitsgrad sich jede halbe Stunde mit sich selbst multiplizierte. Grobe, untersetzte Zwanzigjährige mit dünnem Bartwuchs dominierten das Bild, sicherlich vor allem deshalb, weil ich mich in einer klassischen Arbeiterkneipe befand, wo die Jungstiere einen nostalgischen Workingclass hero-Look pflegten. Was mich fast schon wütend machte.

Wie aufs Stichwort stimmte dann die Mehrzahl der mit Bier zugedröhnten Männchen ein Trinklied an, dessen Schunkeltakt mich fast dazu veranlaßt hätte, meine Barrunde abzubrechen. Nicht, daß ich etwas gegen Animalisches an sich einzuwenden gehabt hätte. Aber schnöde Herdenmentalität hat mich eben schon immer abgestoßen.

Als das Schunkelgebrüll des Affenstamms verebbt war, vermutlich zusammen mit dem Bier in ihren Gläsern, glaubte ich, am Eingang ein Licht zu erahnen. Und richtig, da stand Jocke, wie ein Kokainrausch mitten in dem dunklen Biersuff. Sein klarer Blick ließ das Lokal erstrahlen, und ich bahnte mir einen Weg zu ihm. Als er meine in Leder gekleidete Offenbarung entdeckte und mich dann sogar erkannte, leuchteten in seinem Blick zwei Sterne auf. Später habe ich dann keine Anstrengung mehr gescheut, um diese Sterne noch einmal aufleuchten zu sehen.

»Du hier?« fragte er überrascht.

Ich überlegte. Er durfte mich nicht als von Muttern ausgesandte Spionin betrachten. Aber auch nicht als Frau mittleren Alters, die scharf auf Lammfleisch war (leider waren auch solche in diesem Lokal zugegen). Deshalb antwortete ich rasch:

»Ja, klar (hier legte ich ein seltenes Funkeln in meinen Blick). Das hier ist ja nicht gerade mein Salon, aber ich kam gerade hier vorbei und wollte mal reinschauen. Die versnobten Bars am Stureplan hab ich nämlich satt. Hier ist es doch gut und billig. Möchtest du übrigens etwas trinken?«

»Ein Bier wäre gar nicht schlecht«, erwiderte er und schaute mich mit leicht gesenktem Kopf an.

»Warte hier, dann wird das sofort erledigt«, befahl ich mit nur einem winzigen Hauch meiner reifen Autorität und steuerte den Tresen an, wo ich energisch meiner strengen Stimme Vortritt vor dem wehenden Wald aus Geldscheinen verschaffte, die vergeblich versuchten, die Aufmerksamkeit des Barmannes zu erregen. Gleich darauf stand ich wieder an der Tür, doch Jocke war einige Meter weiter ins Lokal gegangen und schäkerte dort mit einem mageren, langhaarigen Mädchen – nein, Göttin sei Dank, es war ein junger Knabe. Ein überaus niedliches Exemplar, weshalb ich mich sofort an seine Seite begab. Jocke strahlte, als ich ihm das Glas reichte, und er stellte mir seinen Freund vor.

»Das ist Patrik«, sagte er.

»Hallo, Patrik«, grüßte ich mit sanfter und doch leicht schroffer Stimme. Patrik betrachtete mich von der Seite her, weshalb ich mich in eine herausfordernde Positur begab.

»Wir haben gerade eine Rockband gegründet«, erklärte Jocke und trank so gierig sein Bier, daß der Schaum ihm an der Oberlippe klebte und ich den heftigen Impuls unterdrücken mußte, ihn langsam und sorgfältig abzulecken. Patrik hob sein Glas, wie um mir zuzuprosten, und ich reduzierte eilig meinen Wodka on the rocks.

»Mit anderen Worten, du willst in Stockholm bleiben und nicht zurück nach Hudiksvall«, erklärte ich und gab mir alle Mühe, meine Stimme nicht allzu hoffnungsvoll klingen zu lassen.

»Ja, wenn meine Alte das erlaubt«, seufzte Jocke. Schaute er mich dabei nicht ein wenig flehend an? Nein, Hella mußte energisch auf die Bremsen treten. Play it cool before you blow the whole damn thing, sagte ich mir.

»Wenn wir erst unseren Plattenvertrag haben, dann kann deine Mutter sich eins scheißen«, plapperte Patrik, und die beiden Jungs grinsten dermaßen selbstzufrieden, wie nur kleine Knaben das können, und ihr Optimismus war so deutlich von teen spirit geprägt, vom stereotypen Heldenmut der Action-Filme, daß alle Zärtlichkeit in mir zu einer Gaswolke wurde, in die ich diese beiden Wichte gern eingehüllt hätte. Vor allem Jocke, meinen Zuckerknubbel.

Während Patrik zum Tresen navigierte, um sich weitere Erfrischungen zu besorgen, konnte ich mit meinen umfassenden Kenntnissen der Rockartisten brillieren, die sich als Jockes wichtigste Inspirationsquelle erwiesen, und die glücklicherweise früher auch meine Lieblinge gewesen waren. Es handelte sich um Bands wie The Stooges, MC5, The Seeds, 13 Floor Elevator, New York Dolls, Hawkwind, The Cramps und andere, und damit hatte ich den Stammbaum innerhalb der Rockmusik genannt, zu dem auch Jocke im absteigenden Glied gehören wollte. Sein Interesse und seine Achtung stiegen um einiges, was mich sehr freute.

»Weißt du, daß sie eine Platte von den Monks hat«, fragte Jocke den zurückkehrenden Patrik, der mich sofort mit einem beeindruckten Blick beglückte. Danach hob Jocke seinen goldblonden Kopf in meine Richtung und flüsterte:

»Hast du was zu rauchen dabei?«

Kein Cannabis auf der ganzen Welt könnte sich mit dem berauschenden Duft messen, den Jockes Hals und Haar verströmten. Aaah, dieser wilde unparfümierte Geruch von Wind, Schweiß, Hautablagerungen, Staub und einer undefinierbaren Süße versetzte mich auf ein versunkenes Atlantis, das mir jetzt wieder vor Augen schwebt. Und neben diesem Duft brachte noch eine weitere Zugabe die Luft, meine frischerworbene Lebensluft, zum Zittern: Er hatte eine Schwäche für illegale Drogen! Diese Erkenntnis gebar einen Plan, ich wollte jedoch noch warten, ehe ich zur Tat schritt.

»Ich brauche nur mit den Fingern zu schnippen, mein Herzchen, und schon hast du alles, was du dir wünschen kannst«, erwiderte ich und richtete meine grünen Katzenaugen auf ihn. »Aber heute abend wollen wir uns solche Ausschweifungen doch verkneifen, was würde denn sonst deine Mutter sagen?«

»Die braucht das doch nicht zu erfahren«, sagte er mit verschwörerischem Lächeln. »Wie alt bist du eigentlich?« fügte er hinzu und ließ seinen Blick auf meiner feschen Designerbrust ruhen, die sich aufsässig unter meiner enganliegenden Jacke aufrichtete.

»Alt genug, um deine Mutter zu sein«, erwiderte ich ohne Umschweife und wahrheitsgemäß, aber auch mit dem Gehalt an Erotik, der die Hormonproduktion der munteren Welpen in Schwung bringt.

»Das glaub ich nicht«, lachte er und ließ seinen Blick prüfend meine teenieschlanken Oberschenkel hinabgleiten.

»Ach was«, sagte ich und legte den Kopf schräg. »Aber ist Alter denn eigentlich so wichtig?«

»Nein, natürlich nicht«, beteuerte er eifrig. »Ich meine, ich hab immer schon starke, zähe Mädels mit großen ... ich meine ... großen, also ... ach, wie soll ich das bloß sagen ...«

»Großen Schwänzen?« rutschte es aus mir heraus. Zum Glück nahm er das gelassen hin und prustete los.

»Ja, vielleicht«, sagte er.

»Hast du denn so große Erfahrungen mit dieser Sorte?« fragte ich kühn, jetzt, wo das Eis gebrochen war.

»Ach, so viele Möglichkeiten haben sich noch nicht geboten«, gestand er ein und senkte den Kopf auf diese unterwürfige Weise, die ich immer so bezaubernd und absolut aufreizend fand. Wenn ich zu Jockes Vokabular greifen wollte, dann hätte ich vermutlich etwas von »ich war halb drin« oder »fast auf M« aus mir herausgedrückt, und deshalb entschied ich, den Abend mit diesem halben Sieg für beendet zu erklären.

»Suck the big one, junior! Ich glaube, wir gehen jetzt zu deiner Mama nach Hause«, mahnte ich energisch (es kommt nie gut an, um diese Tageszeit den Aufbruch aus einer munteren Gastwirtschaft vorzuschlagen). Sein enttäuschtes Gesicht konnte ich bald wieder aufhellen. Ohne ihm Verdacht einzuflößen, meine ich. Ich zwinkerte ihm ganz kurz zu. »Ich glaube nämlich«, schnurrte ich dann, »daß du und ich unsere Kräfte für einen Kneipenzug aufsparen sollten, der erst dann enden wird, wenn alle deine Bedürfnisse erfüllt sind – und ich weiß, wovon ich rede, ich bin ja schon länger auf der Piste. Und«, fügte ich mit einem Nicken in Richtung Patrik hinzu, »du kannst gern deine Rockband mitbringen.« Jetzt strahlte Jocke und schien mir durchaus zu Willen sein zu wollen. »Das kriegen wir schon gebacken«, fügte ich hinzu und nahm mir die Freiheit, meine Hand um seine märchenhaften Oberarmmuskeln zu schließen, während er routinemäßig seine Strahler durch das Lokal schweifen ließ, um sich davon zu überzeugen, daß ihm dort nichts entging. Wir verließen die Kneipe und spazierten in Richtung Slussen weiter. Der hungrige kleine Wolf wollte aber noch einen Hamburger. Bei ihm zu Hause wurde nur vegetarische Kost serviert – welche Tortur für einen Schlümmel!

12

Seit dem Augenblick, als er sich aus den dunklen Regionen gelöst hatte, bildete Jocke das blendende Licht, das bei allen meinen weiteren Unternehmungen zu meinem Leitstern werden sollte. Er war alles, was ich wollte, alles, was ich immer gewollt hatte, und alles, was ich jemals brauchen würde. Deshalb erarbeitete ich einen Plan, der mein zukünftiges Glück sichern sollte. Um meine Gedanken zu ordnen, hielt ich es für angebracht, das angestrebte Szenario in ein zu diesem Zweck angeschafftes Buch mit schwarzen Seidenseiten einzutragen, die mit einem roten Drachen in Relief geschmückt waren. Nichts durfte schiefgehen, wenn es um die Vollendung der Eroberung meines Lebens ging. Ich war, was Liebe betrifft, einfach nur noch ausgehungert. Sicher meinen Sie jetzt, ich hätte eine Therapie versuchen müssen. Aber das hatte ich bereits getan. Ich hatte während einiger Sitzungen zu beschreiben versucht, was mich zu der geschmeidigen und unversehrten Schönheit der Teenieterrains hinzog, doch der Therapeut, ein bebrillter Mann mittleren Alters (mit roten Jeans!), zeigte keinerlei Verständnis für meine unglückselige Neigung und wollte alles mit Angst vor Alter und körperlichem Verfall erklären. Als sei das das Hauptproblem! Als ob ich neben meiner manischen Fixierung auf eine gewisse Art von jungen Knaben nun auch noch mit den Gesetzen der Schwerkraft belemmert werden müßte! Ich hatte inzwischen bereits zwei plastische Operationen hinter mir und hielt schon seit einiger Zeit streng eine Kotzdiät ein, und diese Probleme waren eine Art Nebenbeschäftigung, was ich diesem einfältigen Gehirnklempner auch kurz beipuhlte, ehe ich mich mit beherrschtem Zorn und auf Nimmerwiedersehen von seiner Analytikercouch erhob.

Ich war nicht nur von der Psychiatrie enttäuscht. Die kulturelle und gesellschaftliche Diskussion hatte eine Massenhysterie aufgepeitscht, die in Bezug auf Pädophilie bis zum Orkan angeschwollen war. Die Treibjagd auf mich und meine Unglücksbrüder und -schwestern ließ deshalb reaktionären Tendenzen in der Kunstszene und nazistischen Korinthenkackern freien Lauf in ihrem Ansinnen, eine wegweisende Ausstellung in einem unserer angesehensten Museen zu sabotieren, nur weil eins der Bilder ein paar nackte Teenieknaben mit Erektionen darstellte. Mein umstrittenes Buch hatte, passend zum Zeitgeist, einen Stein vor meine Öffnung gerollt. Was einem lichtscheuen Frauenzimmer, zu dem ich widerwillig geworden war, nun noch übrig blieb, war, im Trüben zu fischen. Aber wenn ich meinen Kontakt zu der redseligen Regina intensivierte, würde ich Jockes Gesellschaft bei vollem Tageslicht genießen können. Und darauf baute mein Plan auf. Die sexuelle Seite würde ich dann später in Angriff nehmen.

Egal. Als ich an diesem Abend also Jocke in die Regina’sche und Inger’sche Residenz zurückbrachte, hatte Reginas Konsum an berauschenden Getränken bereits Spitzenniveau erreicht, weshalb ihre zur Feier der Taufe aufgebauschte Frisur auf ihr normales Niveau zusammengefallen war. Jockes glattes Gesicht verzog sich, als er seine Mutter in diesem Zustand vorfand, und als sie den Mund öffnete, um ihn für sein Verschwinden zur Ordnung zu rufen, verschwand er in seinem Zimmer und knallte die Tür. Bei diesem Lärm fuhr der Kleine an Reginas Brust zusammen, obwohl er beim Stillen doch schon eine erhebliche Dosis Alkohol konsumiert haben mußte, er schnaubte und machte sich für eine Runde wildes Geschrei bereit. Regina verfluchte ihren älteren Sohn und gab dem Säugling einen Schluck von ihrer angereicherten Muttermilch. Danach überhäufte sie mich mit Dankesbezeugungen, weil ich ihren verlorenen Sohn heimgeholt hatte, und murmelte etwas davon, daß das »Soziale« im Notfall Extraeltern für ein Problemkind bezahlte. Jocke braucht keine Extraeltern, dachte ich. Er braucht eine kluge, reife Frau.

Ehe ich Reginas und Ingers Wohnung verließ, schaute ich bei Jocke herein, Jocke lag auf seiner zebragestreiften Tagesdecke, in einer Haltung, die seine braune Cordhose so wunderschön seinen Hintern umschließen ließ, daß mir fast die Tränen gekommen wären. Da lag er so einfach, ohne etwas von seiner Schönheit zu ahnen, und las einen Comic. Ich hob den Daumen und zwinkerte ihm kurz zu, dann versprach ich, mich bereits am nächsten Tag wieder bei ihm zu melden.

Am folgenden Tag quälte ich mich mit Regina und dem Kinderwagen durch einen Nachmittag im Park, bei dem sie sich ununterbrochen über ihre ausgebliebene Theaterkarriere beklagte, ein Ausbleiben, das offenbar ihre persönliche Tragödie ausmachte. Schuld an dem ganzen Debakel war ihrer Aussage nach einzig und allein Jocke, oder genauer gesagt, sein Vater, den sie als »Mitbetroffenen« bezeichnete. Regina streute mit illustriertenpsychologischen Ausdrücken um sich, als erwarte sie, daraus einen üppigen Acker erwachsen zu sehen, obwohl diese Ausdrücke an sich so sinnlos waren wie Konfetti. Daß ich ihrem Gefasel trotzdem sekundierte, versetzte Regina in lyrische Stimmung, und immer wieder rief sie, wie weitsichtig und rational ich doch sei. Deshalb lud sie mich nach Beendigung dieses watschelnden Spaziergangs zu sich zum Kaffee ein und bedauerte mit schrägem Lächeln, daß wir einander erst jetzt kennengelernt hatten. Meine Antwort lag auf der Hand, aber der verheißene Kaffee brachte Regina doch in eine vorteilhafte Lage. Ich hoffte natürlich, daß Jocke zu Hause sein würde.

Das war er. Er übte Gitarre, als ich in sein Zimmer schaute. Er hatte einen glasigen Blick, und als ich meine dunkle Oakley aufsetzte, lächelte er matt, aber einladend. Der kleine Schelm!

Regina deckte den Tisch auf dem Balkon, der Blick auf einen offenen Platz mit Sandkasten und Rutschbahn hatte. Ab und zu wurde die laue Nachmittagsluft von Kindergeschrei zerrissen, und der kleine Fabian lauschte den kollegialen Geräuschen voller Interesse. Dann war Zeit zum Stillen. Inger, die gerade von der Arbeit gekommen war (sie arbeitete beim Landesverband für sexuelle Gleichberechtigung als Webmasterin), übernahm die Kaffeeherstellung und leerte den Mülleimer, der den charakteristischen Geruch von Kleinkinderkacke absonderte.

Jocke griff gierig bei dem Gebäck zu, das vom Taufgelage noch übrig war, und mir ging auf, daß er Hasch geraucht hatte, weil sich in der Folge solchen Genusses oft ein absoluter Heißhunger auf Süßes einstellt. Ich lächelte ihn an, und er begriff, daß ich seinen Zustand durchschaut hatte. Regina griff den Faden wieder auf, der durch die Stillpause abgerissen war, kaute auf einem Rosinenbrötchen herum und versuchte die unfaßbare Tatsache zu erklären, daß eine lesbische Freundin zum heterosexuellen Lebensstil zurückgekehrt war. Regina verdrehte ihre blaßgrauen, ungeschminkten Augen, aber glücklicherweise verfügte Inger über die Selbsterkenntnis, die ihrer Frau fehlte, und wies daraufhin, daß sie beide doch nach einem klassischen heterosexuellen Muster lebten. Jocke hatte es sich sicher längst angewöhnt, sich aus solchen Gesprächen auszuklinken, denn er drehte Kügelchen aus den Innereien eines Brötchens und schleuderte sie mit aller Kraft auf die kleinen Vögel auf dem Nachbarbalkon. Worauf seine Mutter mit einer wütenden Zurechtweisung auf ihn losging, die auf sein Geschlecht anspielte, und in der ihrem oralen Schließmuskel Ausdrücke wie »gewaltgeile Chauvimanieren« entwichen. Hoffentlich wird der Junge von diesen katastrophal fehlgeleiteten Erziehungsversuchen nicht verdorben, dachte ich. Nach diesem kleinen Zwischenspiel, das ich zu meiner Beunruhigung für Alltagskost in der Familie Ström (Reginas Name) – Fors (Ingers Name) hielt, bedankte ich mich für den Kaffee und versuchte, Blickkontakt zu Jocke aufzunehmen. Was mir leider nicht gelang. Er ließ lustlos die Arme über das Balkongeländer hängen, und mein Herz krampfte sich vor Mitleid zusammen. Sicher schämte er sich unendlich über das taktlose Verhalten seiner Mutter.

Göttin sei Dank war es unverschämt leicht, Reginas Vertrauen zu gewinnen. Gemeinplätze und leeres Gewäsch reichten dazu völlig aus. Ihre Lebensanschauung bestand aus einem zerkochten Mus aus Simone de Beauvoir, dem Dalai Lama und populärwissenschaftlicher amerikanischer Psychosoße. Das Ganze wurde dann gewürzt mit einigen glitzernden Körnchen Gaydisco. Und mußte mit ansehnlichen Mengen billigen weißen Weins hinuntergespült werden.

Nein, jetzt war es an der Zeit, meinem schönen Plan neue Gleitmittel zuzuführen und meine weiteren Gedanken in mein schwarzes Tagebuch einzutragen. Ich tunkte die Feder in die Tinte und fing an zu schreiben.

Moment 1.

Begreift Regina, diese Riesenvagina, wie ihr feministischer Terror einen Sohn im Teeniealter beeinflussen muß? Jockes Psyche kann aufs übelste deformiert werden, wenn er sich in seinem kleinen Kinderzimmer zu seiner schäbigen E-Gitarre und seiner Sammlung von Platten der männlichen Rock-Desperados verkriechen muß. Ich muß ihn retten, ihm dabei helfen, dieser mit Schleimhäuten tapezierten Wohnung zu entkommen, in der die quasi-intellektuellen Floskeln herumschwirren wie resistente Bakterienherde.

Wie um alles in der Welt soll ich das Leid mitansehen können, das mein Joy Boy in dieser Umgebung aushalten muß, wo keine Rücksicht auf seine Bedürfnisse genommen wird? Geduld ist schwer.

Halte durch, bald werde ich dich retten, mein dreizehnjähriger Sahnepudding.

Das schrieb ich in einer Art wütenden Hochstimmung. Danach klappte ich das schwarze Buch sorgsam zu und verschloß es mit der roten Seidenschnur.

Damit war das Terrain besetzt, und mein Plan trieb wie ein Floß über einen unendlichen Ozean aus Möglichkeiten. Ich stand hier vor meiner wahren Lebensaufgabe. Und glauben Sie mir – ich hatte niemals böse Absichten! Der Plan, den ich für Jocke inszenierte, war mein letzter Versuch, mit behutsamer Hand den Schabernack, den das Schicksal mit mir trieb und vor dem ich bisher demütig den Nacken gesenkt hatte, in den Griff zu bekommen. Wenn es eine Sekte für Menschen mit meinem Charakterfehler gegeben hätte, einen Verband wie die Anonymen Alkoholiker, dann hätte diese Gemeinschaft eine treue Anhängerin gefunden, Hella Hell nämlich. Verstehen Sie, wie einsam ich mich fühlte? Und daß ich zu der Zeit, in der sich das alles zutrug, viel zu oft ein Wasserglas mit Wodka Kurant vollkippen mußte, wenn die Brecher der Erkenntnis sich über mein Gewissen ergossen, obwohl ich sonst doch nie auch nur das kleinste Alkoholproblem gehabt hatte?

Damals wie heute saß ich an meinem Schreibtisch und feuchtete meinen Hals mit einem nach schwarzen Johannisbeeren schmeckenden Elixier, auch wenn es heute aus übertrieben gesüßtem Saft besteht, dem einzigen Geschmack, der an die Vergangenheit erinnert, deren Puzzlestücke ich ohne die Assoziationen, die dieser Geschmack mir gibt, nicht zusammenlegen kann.

Es war Abend, und die Dämmerung jagte die Großstadtbevölkerung aus ihren ereignislosen Häusern ins schäumende Leben der Straßencafés.

Sollte ich in die Nacht hinaus wandern und mich auf einen Barhocker setzen, um mich von redseligen Herren von Mitte fünfzig umwerben zu lassen? Lachen und mir scheinbar interessiert ihre revidierte Lebensphilosophie anhören, nachdem sie nach ihrer ersten und ihrer zweiten gescheiterten Ehe endlich zu der Erkenntnis gekommen waren, daß es zwischen Männern und Frauen eben doch einen Unterschied gibt? Sollte ich zustimmen und lachen? Oder widersprechen und lachen? Mir noch mehr Unsinn anhören und mich zu einem weiteren Glas einladen lassen? Und dazu gezwungen werden, für den Gesprächszusammenhang völlig belanglose Details wie Namen und Beruf preiszugeben?

Diese düsteren Aussichten wurden von einem ebenso düsteren Regenguß unterbrochen, der gegen das Dach über meiner großflächigen Loftwohnung prasselte. Was Jocke wohl gerade machte?

Ich beschloß, Regina anzurufen. Es klingelte dreimal, dann meldete sich eine weiche und zugleich rauhe dreizehn Jahre alte Stimme, und ich war einfach außer mir.

»Aber hallo«, sagte ich dann. »Hier ist Hella.«

»Wie schön«, sagte Jocke, und ich hörte ihn lachen.

»Bist du allein?«

»Ja. Muttern und Inger fressen bei zwei Schwulen.«

»Und warum bist du nicht mitgegangen?«

»Hatte keine Lust.«

In meinem fieberhaften Gedankenwirbel kam es zu einem Stocken. Sollte ich Jocke einladen? Aber wie sollte ich das Regina gegenüber begründen? Ich faßte einen Entschluß. Ich würde ihr ganz einfach die Verantwortung für den kleinen Tunichtgut abnehmen, so lange sie von dem Baby dermaßen in Anspruch genommen war.

»Wozu hast du denn Lust?« fragte ich mit verspielter Stimme und betonte das Wort Lust.

»Weiß nicht«, sagte er (allerdings mit dieser wunderbaren jugendlichen Schlaffheit, die es sich wie »weinich« anhören ließ). »Spaß haben«, fügte er dann hinzu.

»Und wie geht das?«

»Was denn?« Jetzt schien er verwirrt zu sein.

»Spaß haben?«

»Dazu braucht man Kohle«, murmelte er mit einer Stimme, die plötzlich einen leisen Beiklang von verletzter Männlichkeit hatte.

»Kriegst du denn kein Taschengeld?« fragte ich und versuchte, mich so förmlich und geschäftlich anzuhören, wie ich nur konnte, damit er sich dem triefenden Geschlechtswesen Hella Hell gegenüber nicht wie ein Kind vorkäme.

Er lachte kurz.

»Ich kriege das Kindergeld von achtzehnhundert im Monat. Aber mein Taschengeld ist schon alle.«

»Dein Haschengeld?« scherzte ich, und er hatte verstanden.

»Genau.«

»Und wozu brauchst du sonst noch Geld?«

»Weinich«, antwortete er zögernd. »Bier ... Gitarrensaiten ... Miete für den Übungsraum ... coole Klamotten ... ich weinich. Mit Kohle lassen sich doch immer alle möglichen Löcher stopfen.«

»In Löcher läßt sich vieles stopfen«, erwiderte ich vielsagend. »Das ganze Leben ist doch ein klaffendes Loch, oder etwa nicht?«

»Ja, zum Teufel«, Jocke kicherte. Danach schien er Anlauf zu nehmen, ehe er fragte. »Wie lange kennst du meine Alte schon?«

»Ungefähr ein Jahr. Aber wir hatten bisher nur beruflich miteinander zu tun. Angefreundet haben wir uns erst in letzter Zeit.«

Der frühreife Teenie wollte weiterkommen, denn jetzt nahm er abermals Anlauf.

»Äääh, wie soll ich das sagen ... also ... fährst du auch auf Frauen ab?«

»Aber Herzchen!« rief ich. »Das mußt du doch begriffen haben!«

Er seufzte enttäuscht und verstummte. Göttin, bald hatte ich ihn!

»Begriffen, daß das nicht der Fall ist«, hakte ich mit lautem Lachen nach, in das er brav sein kleines heiseres Kichern mischte.

»Mmm. Du bist bestimmt verheiratet und der ganze Scheiß.«

»Seh ich so aus? Bin ich fett? Blaß? Schlecht angezogen? Langweilig?«

»Nein, wirklich nicht.«

»Na also. So werden Frauen nämlich, wenn sie eine feste Beziehung haben.«

Ai, da war ich in eine Sackgasse geraten. Rasch ruderte ich zurück: »Wenn sie sich mit einem öden Kerl abschleppen müssen, meine ich.«

»Dazu wird ja wohl keine gezwungen«, wandte Jocke ein.

»Doch. Von der Angst vor Einsamkeit. Selbst das noch so öde Reihenhausleben ist den meisten lieber, als daß sie ihre eigenen Entscheidungen treffen und als Herzensreiterinnen das blutige Schlachtfeld der Leidenschaft überqueren müssen, um die himmlischen Oasen zu erlangen.«

»Meine Fresse, hast du das in irgendeinem Buch gelesen, oder was?« frage Jocke erstaunt.

»Hör doch auf«, sagte ich mit leisem Wiehern. »Das war bloß ein Klischee.«

»Herzensreiterinnen, was heißt das wohl auf Englisch?« überlegte Jocke.

»Heartrider, würde ich vorschlagen«, sagte ich.

»So werde ich ein Stück nennen. Oder Rider of my heart.«

»Wie heißt eure Band?«

»Rex.«

»Wie der König?«

»Ja, aber man kann das auch auf Englisch schreiben.«

»Aha, du meinst Wracks – wrecks?«

»Ja.«

»Clever.«

»Naja.«

»Und wie läuft die Sache?«

»Wir haben gerade erst angefangen. Aber wir haben schon acht saugute Stücke.«

»Und bald werdet ihr die Welt erobern.«

»Blödsinn.«

»Aber sicher doch.«

»Wir brauchen einen Manager.«

»Ich kenne jede Menge Leute, ich kann mich mal umhören.«

»Spitze! Mit dir zu quatschen ist echt cool!«

Jetzt mußte ich eine Testkarte auswerfen, das war klar. Feststellen, ob das Eis trug.

»Komm mit ins Kino. Ich lad dich natürlich ein«, fügte ich rasch hinzu und suchte den passenden Jargon. »Dann können wir hinterher was picken gehen, du hast doch bestimmt noch nichts gegessen.«

»Ich hab eine Quiche in die Mikro geschoben«, teilte er mit. »Was denn fürn Film?«

»Ein romantisches Liebesdrama aus dem neunzehnten Jahrhundert.«

Jockes Schweigen schrie mir fast ins Ohr, als ich ein grobes Lachen hören ließ (ich kann unerhört vulgär lachen, wenn ich will).

»Wofür hältst du mich, Herzchen«, fragte ich dann. »Ich meine natürlich eine saftige, blutige Actionkiste. Gefolgt von einem ebenso saftigen, blutigen Steak.«

»Mmm. Wann denn?«

»Ich hol dich in einer halben Stunde ab. Dann ist deine Mama doch sicher noch nicht zu Hause?«

»Nein, nicht, wenn sie zum Essen Wein trinkt, und das tut sie bestimmt«, antwortete Jocke mürrisch.

»Dann bis gleich«, endete ich mit gedämpftem Vogelzwitschern im dunklen Schwalbennest meiner Stimme.

Überlegen Sie sich jetzt mal, wie eine Frau von vierzig, die sich gerade mit einem Jungen von dreizehn verabredet hat, sich über ihre Bikinilinie und über die Falten in ihrem Gesicht Gedanken macht! Sie muß in einem großen Spiegel ihre Figur studieren, muß sich drehen, sich bücken, hin- und her laufen und sich dreimal umziehen. Sie kann mit dem Gedanken an allerlei Schönheitsoperationen spielen und versuchen, sich selbst mit den Augen eines jungen Betrachters zu sehen. Sie kann ziemlich zufrieden sein. Aber sie kann sich niemals für fünfundzwanzig ausgeben. Hella Hells schlanker Leib, ihre recht glatte Haut und ihre vollen, gepflegten Haare mochten täuschen, ihr Blick jedoch entlarvte sie. Ihr Blick zeigte den exquisiten Diamanten der Intelligenz, den das Außenseiterinnentum so vieler Jahre so scharf geschliffen hatte, daß diese Schärfe Unbehagen vermitteln und außerdem von einem unangenehmen Alter künden konnte. Deshalb setzte Hella Hell ihre Sonnenbrille auf, bevor sie kurz in einer Bar in der Lästmakargata vorbeischaute, wo sie den Wirt gut kannte.

13

Jocke öffnete die Tür und damit auch alle meine inneren Schleusen, bis ich nur noch meine pochenden Adern wahrnahm, und ich wollte in seinen Schritt fassen, um mein Fleisch zur Ruhe zu bringen, aber das war natürlich unmöglich.

»Du siehst ja vielleicht toll aus«, sagte er und fuhr mit der Hand über meine Jacke aus Schlangenleder, dann trat er einen Schritt zurück, um die ganze von schändlichen Phantasien erfüllte Teufelin zu inspizieren. Ich trug eine schwarze Hemdbluse, die einen Teil meines Bauches über den maßgeschneiderten ausgestellten Wildlederhosen mit Muscheln an der Seite freilegte, und dazu einen sehr teuren Pushup-BH mit Spitzen, der unter der Hemdbluse hervorlugte. War ich zu herausfordernd angezogen? War meine Absicht zu offenkundig? Ich rückte meine Sonnenbrille zurecht und befahl meinem Begleiter, sich zurechtzumachen.

Auf der Straße zündete ich einen der beiden Joints an, die ich bei meinem Freund, dem Gastwirt, vorbereitet hatte, und Jockes Augen funkelten wie ein Sternenhimmel, als er sah, was ich ihm da für eine Zigarette reichte. Ich hatte schon Eintrittskarten besorgt, und wir ließen uns ganz hinten im Saal in einer leeren Reihe nieder.

Der Film handelte davon, daß eine Gruppe von intellektuell eher grobkörnigen, körperlich indes überaus tatkräftigen Männern die Erde vor einer Bedrohung aus dem All retten sollten. Im Film kamen auch zwei Alibifrauen vor, und ich stellte durch einen Seitenblick auf Jocke fest, daß dieser Film genau das richtige war, um seine Verteidigungskräfte gegen seine feministische Haustyrannin zu kräftigen.

Sie halten mich jetzt sicher für eine Antifeministin? Aber das dürfen Sie nicht denken. Lebe ich vielleicht nicht wie eine waschechte Feministin? Aber wir dürfen unsere Jungs nicht kastrieren. Denn dann kann uns ein viel schlimmerer Geschlechterkrieg blühen als der, den wir bereits erlebt haben. Verstehen Sie doch – Jungs schämen sich zutiefst wegen ihrer unregierbaren Apparatur und brauchen deshalb die Bestätigung, daß sie trotz allem Männer sind. Und diese Bestätigung kann ihnen nur die Frau geben. Sollten wir nicht mit der Macht zufrieden sein, die dieser Tatsache entspringt? Warum bauen die erwachsenen Männer ihre Kolosse und Türme und Monumente und Waffen und machen eine Erfindung nach der anderen, wenn nicht aus dem vagen Wunsch heraus, das Organ zu veredeln, das ihnen immer wieder in den Weg gerät? Wenn es nun mehr von meiner Sorte gäbe, die den Jungs die sichere Gewißheit schenken, daß selbst ihre größte Schwäche umarmt und akzeptiert und sogar heiß geliebt werden kann? Warum gibt es so wenig Frauen, die wirklich gern Fellatio durchführen? Die Vorstellung einer Heilsarmee aus Hella Hell-Epigoninnen machte mich richtig glücklich, während auf der Kinoleinwand ein Sturzregen männlicher Potenz gezeigt wurde, und Jocke mehrmals laut auflachte. Gegen Ende des Films schaute er mich mit seinem phantastischen Sternenblick an, und ich rutschte überaus vorsichtig näher, bis ich seine Duftzone erreicht hatte und soviel Jockegeruch in meine Nasenlöcher ziehen konnte, daß er flüsternd fragte, ob ich Kokain in meiner Handtasche hätte. Ich beugte mich über ihn und spürte dabei seine welpenhafte wache Energie so deutlich, daß ich – ich muß es einfach zugeben – daß ich meine Hand einfach nicht mehr richtig unter Kontrolle hatte. Ich berührte »aus Versehen« sein Paket mit der Rückseite meiner Faust, und für den Bruchteil einer Sekunde erstarrte darin alles.

»O Scheiße«, flüsterte ich, in dem Bewußtsein, daß er nicht sofort wissen würde, ob ich jetzt seine Kokainfrage oder sein erhobenes Glied meinte, weshalb selbiges noch mehr erstarrte. Und jetzt werden Sie erfahren, wie verschlagen dieser kleine Racker war! Er nahm meine Hand und preßte sie gegen sein Organ. Was hätte ich also machen sollen, als dieses unterdrückte Gerät auszupacken? Er stöhnte leise und schaute mich aus halbgeschlossenen Augen an. Ich konnte nur die Herrlichkeit ergreifen, und wie ich schon geahnt hatte, waren deren Ausmaße überraschend, ja, die harte Stange, die ich festhielt, hatte den Durchmesser einer gängigen Salatgurke, war zum Glück aber nicht ganz so lang. Ich beugte mich über ihn und genoß für einen Moment seinen Geschlechtsduft, ich umschloß mit der rechten Hand behutsam seine Hoden, die fest und warm waren, und dann riß ich den Mund auf und konnte zwei Drittel hineinbugsieren. Er fuhr zusammen und stöhnte, und ich machte mich an die lustvollste Übung, die das irdische Leben für mich überhaupt reserviert hat. Ich freute mich über jeden Zug, ich spürte, wie Schwellkörper und Adern und die glatte Eichel meinen Mund füllten, als ich mich auf den Boden sinken ließ, um noch besser zum Zuge zu kommen, während er seine große Hand auf meinen Hinterkopf legte. Ich war so glücklich, ich hätte jubeln mögen, und nichts hätte in diesem Moment mein Glück zerstören können. Und wenn sich alle Hella Hell-Hassenden zu einem Lynchmob sammelten, ich würde um nichts auf der Welt auf diesen göttlichen Blow-job verzichten mögen, denn ich liebte diesen Wicht und legte ihm die Hände um die Hüften, drückte zu und genoß und saugte, während er meinen Kopf in seinen überdimensionalen Knabenpranken hielt. Ich verwandelte ihn in einen Mann, ich weiß genau, wann das passierte, er keuchte hörbar, als er sich zurücksinken ließ, und dann feuerte er sein männliches Fortpflanzungsvermögen in meinen Mund und vor allem in meinen Hals ab, während dank der THX-Technik von allen Seiten das Dröhnen einer Bombenkaskade zu hören war.

Voller Wohlbehagen schluckte ich die honigsüße Flüssigkeit, umklammerte seine festen Oberschenkelmuskeln, und er ließ langsam meine Haare los, die er impulsiv gepackt hatte, als der Genuß seinen Höhepunkt erreichte.

Dann erhob ich mich so unauffällig, wie das überhaupt nur möglich war, und war doch in gewisser Weise zufrieden mit der schwedischen Mentalität, die ja auch von Diskretion geprägt ist, weshalb wir vor fremden Blicken so einigermaßen geschützt waren.

Jocke sah mich an und lachte.

»Du bist wunderbar«, flüsterte er, nahm meine Hand und küßte sie ganz leicht. War er nicht wirklich hors-concours?

Ich hatte den Ereignissen nicht vorgreifen können, aber wir hatten nun Phase zwei erreicht.

14

Nach diesem verzauberten Kinobesuch mit Jo perlte in mir ein sorgloser Jubel. Immer wieder ertappte ich mich dabei, daß ich mich nicht einmal schämte, wenn Vorübergehende uns mißbilligend anstarrten. Hella Hell hatte kein Unrecht begangen. Sie hatte kein Pipibaby verführt. Natürlich war der Junge noch nicht fickmündig, aber Hella Hell hatte ihm die Initiative überlassen und das hatte zu einer wohltuenden kleinen oralen Massage geführt.

In dem Steakhouse, wo wir uns dann niederließen, befahl ich dem Kellner, Jocke das bestabgehangene T-Bone-Steak zu servieren, das sie nur hatten, und ohne meinen Joy Boy um Zustimmung zu fragen, erklärte ich, das Steak und auch meine Tournedos sollten überaus rot sein. Er aß und aß, der arme ausgehungerte Wauwau, und ich störte ihn nicht mit Frauenzimmergewäsch, mit dem er sicher sonst in einem Zuhause zugeschüttet wurde, das nur eine Viertelstunde von uns entfernt lag, und aus dem ich ihn bald loszueisen gedachte. Aber ich erinnerte mich an das Motto festina lente.

Wohlberaten lieferte ich Jocke deshalb gegen 23 Uhr ab und wurde von einer knallvollen Regina empfangen, die mich mehr oder weniger mit Gewalt in ihre chaotische Wohnung schleifte, wo eine schmutzige Windel wie eine tote Heringsmöwe mitten auf dem Couchtisch lag, zwischen Weingläsern und Erdnußtüten und einer halbleeren Weinflasche, nach der Regina sofort griff, um mir einen Schluck anzubieten. Inger schien nicht zu Hause zu sein, und der Grund ihrer Abwesenheit wurde mir ins Ohr genuschelt, sowie Regina mich auf das viel zu weiche und mit violettem Plüsch gepolsterte Sofa gezogen hatte. Sie sonderte einen erstickenden Geruch ab, der sich aus angetrockneter Babykotze, durchgesickerter Muttermilch, saurem Wein, Knoblauch und Moschusöl zusammenzusetzen schien. Jocke war natürlich vor diesem tristen Anblick in sein Zimmer geflohen.

»Diese verdammte Inger!« war von Reginas schlaffen Lippen zu hören. »Die ist genauso schlimm wie irgendein Mannsbild. Ha! Sie und die anderen sind ins Pride losgezogen und haben mich hier mit Fabian einfach sitzen lassen.«

»Aber Süße«, mußte ich einfach einwenden. »Fabian hat in einer Disko mit verbrecherisch hoher Lautstärke ja nun wirklich nichts zu suchen!«

»Das nicht, aber wieso nimmt Inger sich diese Freiheit?« fauchte Regina, wurde dann aber von einem Klangschock aus Jockes Zimmer übertönt, natürlich aus Protest gegen das unpassende Benehmen seiner Mutter. Ich kannte das Stück, »Search and destroy« von den Stooges. Im selben Moment war aus einem anderen Zimmer wütendes Gebrüll zu hören, und ich wußte mir keinen anderen Rat, als hinzulaufen und das kleine Bündel auf den Arm zu nehmen, da ich Regina für viel zu wackelig auf den Beinen hielt. Im dunklen Schlafzimmer lag also der Kleine neben dem ungemachten Doppelbett mit seinem grauenhaft klobigen und scheußlichen Rahmen aus Kiefernholz in einer Wiege, weitere Beispiele für schlechten Geschmack, wie ich feststellen mußte, als ich die Nachttischlampe anknipste. Fabian verstummte sofort, aber ich hob ihn trotzdem mit einem gewissen vagen Widerwillen hoch. Als ich mich selber in der billigen Spiegelwand von Ikea erblickte, während das grunzende Baby seinen kahlen Kopf an meine Schulter schmiegte, kam mir jedoch eine Eingebung oder eher eine Vision, die Phase drei in meinem Plan und damit mein Leben mit Fabians großem Bruder vollenden sollte. Fabian schnupperte und pickte wie ein Vögelchen an meiner Brust herum, an die er nun gesunken war, und ich mußte seinen Kopf streicheln und ihm erklären, daß der Milchladen geschlossen sei. Das schien der kleine Tunichtgut zu begreifen, und sofort fing er an zu prusten und wütend zu quieken, und ich mußte ihn zu Regina bringen. Regina hatte inzwischen ihre alkoholgetränkte Wut auf ihre Lebensgefährtin auf eine nähergelegene Zielscheibe umlenken können.

»Halt die Fresse!« schrie Jocke als Antwort auf Mamas Ausfall gegen die lärmende Anlage und drehte sie wieder lauter.

Ich sollte also zur Zeugin einer weiteren peinlichen Auseinandersetzung in dieser funktionsgestörten Familie werden. (Ich muß noch einmal darauf hinweisen, daß ich als Kind keine Streitereien erlebt habe. Meine Kindheit verlief störungsfrei und war keine galoppierende Geschwulst, wie so viele Familienkonstellationen in diesem Zeitalter der Anomalien. Auch in meiner eigenen Ehe kam es nicht zu erschöpfenden Szenen im trauten Heim.)

»Jetzt mach schon leiser, du verdammter Wechselbalg«, schrie Regina, und danach gab es ein Handgemenge zwischen Mutter und Sohn. Ich konnte nicht eingreifen, da ich noch immer Fabian im Arm hielt. Der Knirps lauschte gespannt und ängstlich auf die wütenden Stimmen und brach in Tränen aus.

»Regina«, ich versuchte barsch, mich dawischenzuschalten. In diesem Moment aber stieß Jocke seine Mutter wütend vom Bett herunter, auf dem sie gekniet hatte, und versuchte, ihr eine Maulschelle zu verpassen, mit der Folge, daß sie rückwärts umkippte und gegen das Regal krachte. Sofort verstummte die Anlage. Das einzige, was nach dieser Turbulenz noch zu hören war, war das verängstigte Geschrei des kleinen Fabian.

»Jetzt sieh nur, was du angerichtet hast, du Scheiß-Schwanz!« kreischte Regina, was wirklich nur durch ihre lebensgefährliche Überdosis Alkohol zu entschuldigen war. Sie erhob sich wie eine Sumoringerin, ihre verfilzten gestreiften Haare fielen ihr ins Gesicht, und sie sah wirklich beängstigend aus. Ich konnte gerade noch keuchend vorschlagen, sie solle den Kleinen trösten, ich würde den Größeren zur Raison bringen, und danach könnten wir unter alles einen Strich ziehen. Aber in diesem Moment kam Inger nach Hause und erstarrte bereits auf der Türschwelle, da sie natürlich die adrenalingesättigte Atmosphäre wahrnahm.

»Was ist denn hier los?« fragte sie und fuchtelte so heftig mit den Armen, daß ihre BH-lose Brust unter ihrem Hemd auf und ab wippte. Sie hatte Make-up aufgetragen, das ihr gut stand, und ihre dunklen kurzen Haare erinnerten an Liza Minelli.

»Ach, läßt du dich auch mal wieder blicken«, fauchte Regina, diese Megäre, mit ihrer giftigen Kehle. »Schon fertig mit Rumhuren?«

»Du spinnst doch wirklich, du blöde Kuh«, pöbelte Inger. »Darf man denn nun nicht mal mehr ...«

»Das hab ich oft genug von Matti gehört, als ich ein kleines Kind hatte, und jetzt kommst auch du ...« Regina begann zu schniefen. »Alle sagen immer nur dasselbe«, schluchzte sie. »Und Jocke auch, bu huu huuu ...«

Vorsichtig nahm Inger Fabian aus meinen Armen und tröstete ihn so gut sie konnte, während ich die hysterische Regina zum Sofa brachte, wo sie sich mit wütender Grimasse einfach fallen ließ. Ich ging in die Küche, füllte ein großes Glas mit Wasser und brachte es Regina, doch die goß schon wieder Wein in sich hinein.

»Hast du denn immer noch nicht genug?« fragte Inger angeekelt. »Du stillst doch noch, zum Henker!« Inger stopfte Fabian einen Schnuller in den Mund, worauf er sofort verstummte.

»Der kriegt keinen Schnuller«, schrie Regina. »Das haben wir doch verabredet!«

»Aber ich hab zum Teufel noch mal keine Milch in den Titten«, fauchte ihre vernünftigere Lebensgefährtin. »Und der Inhalt von deinen sollte mit einem roten Warndreieck versehen werden!«

Ehrlich gesagt, ich hätte das auch nicht besser formulieren können, dachte ich.

»Was glaubst du, was das für ein Scheißgefühl ist, wie eine verdammte Kuh in ihre Box gesperrt zu werden, he? Während du losziehst und flirtest und herumsumpfst wie ein verdammter ...«

»Schwanz«, fiel Jocke ein, der in der Tür zum im Wohnzimmer befindlichen Kriegsschauplatz stand. »Sag das noch mal, Mütterchen.«

»Du kannst gleich die Klappe halten, du ungezogener ...« fauchte Regina, wurde dann aber wieder unterbrochen, diesmal von Inger.

»In dieser Scheiß-Sturmabteilung können Kinder höchstens zu Geisteskranken werden, und wenn du dich nicht vorsiehst, dann landest du noch in einer echten Klapsmühle!«

»Und das muß ich mir von dir sagen lassen!« heulte Regina und faßte sich an ihre schweißnasse Stirn. »Du mit deiner verstörten Mutter, die in Hinseberg sitzt, verdammtes Glück, daß Fabian nicht deine Gene abbekommen hat ...«

»Nein, es ist schlimm genug, daß er sich mit deinen herumschleppen muß. Und wenn wir nun die ganze Verwandtschaft hinzuziehen wollen, dann habe ich auf deinem wurmzerfressenen Stammbaum noch nicht einen Fall von psychischer Gesundheit entdeckt, und jetzt gehe ich, ehe auch ich noch den Verstand verliere.«

Inger ließ ihren Blick durch das chaotische Zimmer schweifen und schien dasselbe zu sehen wie ich. Dann reichte sie mir mit resigniertem Blick das von dem Inferno vermutlich betäubte Baby. Sie schaute mich bedauernd und zutiefst unglücklich an und zog die Wohnungstür hinter sich ins Schloß. Aber die wurde schon wieder geöffnet, ehe ich mich fassen konnte, und zwar von Jocke, der mit seiner grünen Jacke unter dem Arm losstürzte und den verbitterten Abschiedsgruß rief:

»Du hast meine Anlage ruiniert, du miese Kröte!«

Mein fieberheißes Verlangen, diesem trotz allem mit Überlebenswillen ausgerüstetem Kind in den Abend hinauszufolgen, wurde von meiner Reife und meiner Verantwortung für Jockes Halbbruder bezwungen, der ja nicht fliehen konnte aus diesem verminten Gelände, in dem er aufwachsen mußte, weil manche Menschen die romantische Illusion nähren, daß ein Kind als Konvertierungsprogramm zwischen zwei kommunikationsunfähigen Erwachsenen verwendet werden kann. Sollte nicht auch von Eltern eine Art Eignungsprüfung verlangt werden, überlegte ich, weiter kam ich aber nicht, denn Regina schnaufte jetzt wieder lauter. Ich legte den Arm um sie und redete mir ein, sie sei mit Jesu Mutter zu vergleichen, die schließlich auch ein schlichtes Gefäß gewesen war. In den Armen hielt ich ihren letztgeborenen Sohn. In Gedanken umarmte ich ihren erstgeborenen Sohn. Während die »heilige Madonna« sich die Nase putzte, kotzte ihr Letztgeborener meine hellgraue Schlangenlederjacke voll, die ich noch nicht hatte ablegen können. Regina reichte mir ihr verrotztes Taschentuch, um die weiße Säuglingskotze abzuwischen, und bald wies meine Jacke einen schönen Flecken aus Rotz, Kotze und Tränen auf.

»Ich fühle mich so ausgeliefert«, jammerte sie und legte den Kopf an meine Schulter. Im selben Moment ergoß sich eine Sturzwelle von Blut aus ihrem einen Nasenloch, und meine Jacke bekam eine weitere Farbe und eine neue Körperflüssigkeit zu kosten.

»Das Gefühl des Ausgeliefertseins ist universell«, sagte ich tröstend, während Regina sich nuschelnd das Taschentuch ans Gesicht drückte, so daß sich große Blutflecken auf dem Stoff ausbreiteten. Ich kam mir vor wie in einer apokalyptischen Schlußszene, und wenn Regina nun verschieden wäre, dann hätte die Tragik doch immerhin etwas Heroisches und Großartiges gehabt. Doch so barmherzig war das Schicksal nicht, und Regina ergriff wieder das Wort.

»Das ist so, seit Jocke hier wohnt«, sagte sie mit nasaler Stimme. »Als Inger und ich uns kennengelernt haben, war er noch ein Stier Ferdinand, der an den Blumen schnupperte. Dann tauchte Matti nach fast vierjährigem Schweigen, als ich schon mit einer Todesanzeige rechnete, auf wie ein Springteufelchen, und Jocke fing an, diesen Mistkerl zu bewundern, der nicht mal Unterhalt zahlt. Ha!«

»Aber in dem Alter ist es doch nur natürlich, sich mit dem Elternteil entgegengesetzten Geschlechts anzulegen«, beruhigte ich. »Wie soll er denn sonst gegen die primitive Männlichkeit rebellieren können, die Matti ja offenbar repräsentiert?« fügte ich sicherheitshalber hinzu.

»Du bist so klug, Hella«, Regina ließ abermals ihren Kopf an meine Achsel sinken. »Aber ich bin in letzter Zeit immer so müde«, klagte sie. Diese Frau war wirklich nur zufrieden, wenn sie quengeln konnte. »Als ob das Leben zusammen mit der Muttermilch aus mir herausfließt«, fügte sie hinzu. »Und kannst du dir das vorstellen ... ich blute noch immer, obwohl Fabian schon fast drei Monate alt ist.«

»Dann solltest du wirklich mal zum Arzt gehen. Aber du kannst doch schon mal mit eisenhaltiger Medizin anfangen«, schlug ich vor und fragte mich, wo Jocke sich jetzt wohl herumtrieb.

»Ich trinke jeden Tag eine Flasche Blutsaft«, fauchte Regina.

»Und wenn du deine Alkoholzufuhr ein wenig drosselst?« regte ich an. »Alkohol verdünnt doch das Blut.«

»Ja, aber er regt die Milchproduktion an«, verteidigte sich Regina, und damit hielt ich dieses Thema für abgeschlossen. Sie war absolut fähig, ihre Trinkgewohnheiten zu verteidigen.

»Also, die Sache mit Jocke«, sagte ich statt dessen.

»Es ist toll, daß du dich um ihn kümmerst«, nuschelte Regina. »Aber er ist hoffnungslos. Ich habe schon beschlossen, ihn über den Sommer zu Matti nach Frankreich zu schicken. Danach werden wir weitersehen.«

»Was denn sehen?« fragte ich besorgt.

»Wo er wohnen soll, wenn er in die achte Klasse kommt. Hier in Stockholm gibt es ja viele gute Gymnasien, aber ich kann diese ganzen Streitereien nicht mehr ertragen. Da ist es vielleicht besser, wenn er nach Hudiksvall zurückzieht.«

»Aber da hat er sich doch nicht wohlgefühlt«, sagte ich in fast flehendem Tonfall.

»Nein, da kann er sich ja auch nicht so herumtreiben wie hier.«

»Treibt er es denn so toll?« fragte ich. »Immer, wenn ich hier vorbeischaue, sitzt er doch in seinem Zimmer. Und als ich ihn neulich abends nach Hause gebracht habe, hatte er wirklich nichts angestellt.«

»Ja, aber er verjagt alle meine Bekannten mit seinem verdammten Krach, und er hält sich nicht an unsere Zeitabsprachen, und Inger und ich können nicht ...«

Aha, hier hatten wir den wirklichen Grund.

»Ja, oder wir sind vom lesbischen Schlafzimmertod ereilt worden«, murmelte sie, eher an sich gerichtet. »Aber ich möchte Ingers und meiner Beziehung gern eine Chance geben, verstehst du?« sagte Regina laut und packte mich dabei am Kragen. Danach fuhr sie mit der Hand über meine eine Brust. »Du bist so schön«, erklärte sie dann in ihrem zusammenhanglosen Monolog, der vermutlich Stillhormonen oder ihren großzügigen Alkoholgewohnheiten entsprang. »Inger und ich sagen immer, daß du fast zu perfekt bist, um eine Beziehung haben zu können«, sagte sie dann. »Und daß du deshalb nicht ...«

»Aber nicht doch?« ich versuchte, ihre peinliche Zudringlichkeit wegzulachen.

»Aber du bist so unabhängig. Diese ungeheure Integrität ... kann die nicht bisweilen auch zum Schutzschild werden? Zu einem eisernen Vorhang?«

Ich stöhnte innerlich über Reginas Psychogewäsch, das ihr wirklich keine Hilfe bei dem Versuch war, Ordnung in ihr eigenes Leben zu bringen. Und da besaß die blöde Kuh die Frechheit, mir das Aufstellen von Hindernissen vorzuwerfen! Jetzt zog sie auch noch ihr Hemd aus, und ich schaute zur Decke hoch, um den barmherzigen Gott, von dem ich nie auch nur ein Rauchzeichen gesehen hatte, um Erbarmen anzuflehen, doch alles, was ich dort sah, waren der ringförmige Schatten einer flachen Deckenlampe aus blauem durchscheinenden Kunststoff sowie kleine Flecken von irgend etwas, das offenbar zur Decke hochgespritzt war. Der runde Schatten setzte sich nun in Bewegung, weil die Wohnungstür geöffnet wurde, doch zu meiner Enttäuschung war es nicht Jocke, sondern Inger, die ein Promilleniveau erreicht hatte, das jetzt besser zu Reginas paßte. Inger wackelte auf ihren mageren Jeansbeinen durch das Zimmer, sie verwickelten sich miteinander und deshalb fiel sie auf dem rosa Wilton-Teppich auf die Nase. Ich starrte verwirrt Regina an, deren Brüste noch immer gelassen vorhingen und blaue Knutschflecken um den Warzenvorhof aufwiesen.

Sie können sich denken, daß diese Nacht noch bizarrer zu werden drohte, und wie hätte die barmherzige Hella Hell den kleinen Knaben allein in den berauschten und zitternden Händen dieser krisenerschütterten Familie zurücklassen können?

Fabian schlief inzwischen sehr tief (was übrigens auch für die gestürzte Inger zu gelten schien), und Regina war ganz damit beschäftigt, die letzten Zentiliter Weißwein in sich hineinzukippen, deshalb verzog ich mich mit weichen, wogenden Schritten ins Schlafzimmer des Paares, ließ den schlappen kleinen Babykörper in die Wiege sinken und stieß sie eine Weile immer wieder leicht mit dem Fuß an, während ich versuchte, Ordnung in das im Laufe des Abends entstandene Gedankenchaos zu bringen.

Ich konnte mich jetzt nicht in meine gepflegte und behagliche Wohnung zurückziehen. Zuerst mußte ich mich davon überzeugen, daß die Ordnung im Ström-Fors’schen Wirrwarr wieder ihr normales (mit ihren Maßstäben gemessen) Niveau erreicht hatte. Außerdem konnte ich Jojo doch nicht in der Stadt herumwuseln lassen. Aber ich konnte mich auch nicht auf die Suche nach ihm machen, denn der Kleine könnte zu früh aufwachen, und die beiden Mamas waren in einem Zustand, in dem sie das Baby sehr leicht auf den Boden fallen oder mit dem Kopf gegen eine Tischkante stoßen lassen könnten, oder vielleicht würden sie sein Schreien auch gar nicht hören, und er würde den entsetzlichen plötzlichen Kindstod erleiden (diese Todesfälle ereignen sich doch offenbar immer dann, wenn das Kind allein im Raum ist).

Ich schlich mich zurück ins Wohnzimmer, wo inzwischen Ruhe eingekehrt war. Sogar Regina war eingeschlafen und hing jetzt mit obszön strotzenden Eutern über dem Sofa. Ich deckte sie zu, hütete mich aber davor, sie zu berühren.

Aus dem anderen Bündel stieg derweil beruhigendes Schnarchen auf, und deshalb konnte ich Ingers Zustand in aller Ruhe inspizieren. Sie brauchte ein Kopfkissen, aber ansonsten konnte ihr nichts passieren.

Nach dieser Nachtrunde ging ich ganz einfach zu Jokkes Bett, zog mich aus und schlüpfte unter seine Decke, die sicher seit zwei Monaten nicht mehr gewaschen worden war und nach Jojojojojojo duftete ...

Ha, ha! Ich weiß, was Sie jetzt denken! Rotkäppchen und der böse Wolf, nicht wahr?

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9788711442814
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