Читать книгу: «Glaube Liebe Stigmata»
ULRIKE SCHIMMING
GLAUBE
LIEBE
STIGMATA
ROMAN
Die Handlungen und die Dialoge der Figuren, die zum Teil real existiert haben, sind fiktiv und frei erfunden.
Copyright © 2017 Ulrike Schimming
Klaus-Groth-Str. 25 a, 20535 Hamburg
Covergestaltung & E-Book-Erstellung: Ingeborg Helzle, eBookerei Köln
Redaktion: Petra Wiechmann, Hamburg
Coverbild: Depositphotos
Autorenfoto: Kirsten Haarmann
E-Mail: ulrike.m.schimming@letterata.de
Web: www.ulrikeschimming.de
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Alle Rechte vorbehalten.
Nachdruck, auch auszugsweise nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin.
Der Mensch überschreitet die Schwelle zum Heiligen, er wird ein Heiliger, wenn er den ewigen Ruf hört, der alles entscheidet.
Durch diesen Ruf wird er von einer letzten Wirklichkeit eingeholt, angerührt; er vernimmt seinen Namen […] und ist damit von der Transzendenz gezeichnet. Dieser Ruf, wenn auch geschwächt, oft wie verschüttet, bleibt in ihm lebendig. Der transzendente Ruf leitet eine innere Entwicklung ein, die durch keine Rückschläge und Zweifel völlig zunichte gemacht werden kann.
Ein neuer inwendiger Mensch kristallisiert sich heraus, welcher – mittelbar – den äußeren Menschen verändert und bis in seine Entschlüsse, seine Physiognomie hinein prägt.
Hans Jürgen Baden, »Das Heilige und der Heilige«
Die Heiligen sind weder Übermenschen noch vollkommen.
Als sie die Liebe Gottes erkannt haben,
sind sie ihm mit ganzem Herzen nachgefolgt.
Papst Franziskus auf Twitter am 5. Juni 2016
PROLOG
Zwei Mönche des Kapuzinerklosters entkleideten die Leiche ihres Bruders. Vorsichtig lösten sie die Sandalen von den Füßen, streiften die Strümpfe ab. Sie zogen die fingerlosen Handschuhe von den Händen, entfernten die Kutte vom Körper des alten Mannes. Die Augen des Toten waren geschlossen. Den grauen Bart hatte er in den vergangenen Tagen nicht mehr gestutzt. Der Mund stand leicht offen.
Um die Bahre drängten sich acht weitere Mönche. Jeder wollte einen Blick auf ihn erhaschen, im besten Fall noch einmal seine Hände küssen. Die gemarterten Hände, die durchbohrten Hände. Die Hände, die seit fünfzig Jahren die Wundmale Christi trugen. Ebenso wie die Füße, durchbohrt seit einem halben Jahrhundert. Schmerzen ein halbes Jahrhundert lang. Schmerzen bei jedem Schritt, bei jeder Handreichung. Die Brüder hatten es genau gesehen, all die Jahre. Dennoch hatte der Padre bis gestern die Messe gelesen.
Am späten Abend des Vortages schleppte er sich, von zwei Brüdern gestützt, zum Altar. Seine Stimme konnte man kaum noch hören, seine Worte waren nicht mehr verständlich. Aber er zelebrierte die Messe bis zum Ende. Die Kirche war voller Menschen, die Luft stickig. Abschiedsstimmung erfüllte den Kirchenraum. Nach einer knappen Stunde geleiteten die Brüder den erschöpften Padre wieder in seine Zelle, damit er sich ausruhte.
Wenige Stunden später stöhnte er in seinem Sessel ein letztes Mal auf. Um halb drei Uhr nachts endete sein Leben, endete sein Leiden. Fünf Monate nach dem Tod seiner Seelenverwandten und Glaubenstochter Mary folgte er der Geliebten. In das Reich Gottes.
Der Abt trat an den Toten heran. Er segnete den Leichnam. Mit gerunzelter Stirn betrachtete er den Körper.
Ein Raunen ging durch den Raum.
»Seht doch.«
»Heilige Maria, Muttergottes.«
»Ein Wunder! Ein Wunder ist geschehen!«
Dort, wo die Wundmale Christi in den vergangenen Jahrzehnten gewesen waren, schimmerte glatte, unversehrte Haut. Hände und Füße des Padre, der dem Konvent so viel Aufmerksamkeit und Wohlstand beschert hatte, waren heil.
Die Stigmata des Padre Pio von Pietrelcina waren verschwunden.

KAPITEL 1
Das Schaf blökte heiser und warf den Kopf nach hinten. Seit dem Morgen ging das schon so, seit Francesco die fünf Tiere zu seiner Lieblingsstelle getrieben hatte. Zwischen den Olivenbäumen, am Ende des holprig gepflasterten Weges, der an dem kleinen Bach endete. Das Schaf würde heute ein Lämmchen gebären. Es bewegte den breiten Schwanz unruhig hin und her. Laticaudas gaben fette Milch, aus der sie zu Hause Käse herstellten. Papà war stolz auf seine Tiere. Jeden Morgen schärfte er Francesco ein, dass er gut auf sie aufpassen sollte. Auf Schafe lauerten überall Gefahren, Gräben, in die sie fallen und sich die Beine brechen konnten, Dornmyrte oder Aronstab, deren glänzende rote Beeren weithin leuchteten, aber giftig waren. Auch Wölfe hatte Papà nachts schon in der Gegend gesehen. Francesco musste gut aufpassen, wenn er die Schafe so früh auf die Weide trieb. Die Wölfe konnten auch im Morgengrauen noch zuschlagen. Er entdeckte jedoch nur ein Rotkehlchen, eine Mönchsgrasmücke, zwei Blaumeisen und hörte einen Buntspecht schlagen. Auf den Steinen der Trockenmauern ruhten ein paar Eidechsen.
Das Schaf blökte lauter und drehte sich langsam auf der Stelle. Die anderen Tiere grasten unter den knorrigen Olivenbäumen. Ein weiteres Tier war trächtig, aber sein Bauch war noch nicht dick genug. Es würde vermutlich in der nächsten Woche sein Junges zur Welt bringen. In diesem Frühjahr würden sie also zwei Lämmer mehr in der Herde haben und genügend Milch. Wenn Papà sie nicht verkaufte oder an Ostern eines schlachtete. Im vergangenen Jahr hatte er die Lämmer, da waren es sogar vier gewesen, verkauft und den Käse auch. Francesco trat zu dem blökenden Schaf. Es hatte den Schwanz leicht gehoben, die Fruchtblase wölbte sich schon heraus. Er erkannte zwei winzige Hufe. Papà hatte ihm eingebläut, gebärende Mutterschafe nicht anzurühren, solange alles seinen geregelten Gang ging. Die Tiere hatten von alters her ihre Jungen allein zur Welt gebracht, und so würde dieses Schaf es auch tun. Die Vorderläufe kamen immer zuerst heraus, die Hinterläufe zum Schluss. Lief die Geburt so ab, war alles in Ordnung. Selbst wenn das Lamm etwas länger aus dem Mutterschaf heraushing. War aber der Kopf zur Seite gebogen, musste man eingreifen und ihn mit der Hand gerade drehen. Papà hatte das schon einmal machen müssen. Das Mutterschaf hatte so laut geblökt, als würde die Welt untergehen. Aber er hatte beide gerettet, das Lamm und die Mutter.
Die kleinen Hufe schoben sich immer weiter aus dem Schaf. Es blökte lauter, immer heiserer. Langsam knickte es die Vorderbeine ein und ließ sich auf dem kurzen Gras nieder. Ein Zittern ging durch seinen Leib, wieder riss es den Kopf nach hinten. Da rutschte das Lamm aus ihm heraus. Die Fruchtblase platzte, und die dünne Hülle legte sich wie eine zweite, durchscheinende Haut über das Neugeborene. Es schüttelte den Kopf, zerriss dabei die Hülle und blinzelte ins Licht. Francesco stand ein paar Meter entfernt, er rupfte etwas von dem vertrockneten Gras aus dem Vorjahr ab, mit dem er das Junge trocken reiben konnte, falls das Mutterschaf sich nicht um es kümmerte. Das Schaf legte den Kopf auf die Erde und atmete dreimal, viermal, dann rappelte es sich hoch. Die Nabelschur hing unter seinem Schwanz heraus. Mit einem Ruck drehte das Tier sich um, die Schnur zerriss. Sorgfältig leckte es sein Junges ab.
Francesco warf das Gras über die Trockenmauer. Eine Äskulapnatter, die in der Sonne auf den Steinen geschlafen hatte, rollte sich auf, die orangeroten Augen blitzten. Francesco konnte ihr gelblich-braunes Muster am Bauch erkennen, bevor sie sich durch die weiß blühende Baumheide davon schlängelte.
Es war erst Ende März, doch die Sonne brannte zur Mittagsstunde schon so kräftig, dass Francesco sich in den Schatten unter den dicksten, verwachsensten Olivenbaum setzte. Von dort warf er kleine Steinchen in den Bach. Der Schopflavendel trieb schon die ersten violetten Blüten. In der Ferne erkannte er die grauen Steinhäuser von Pietrelcina. Wenn er die Augen zusammenkniff, konnte er sogar das Haus seiner Familie in dem verwinkelten Vico Storto ausmachen. Die Sonnenstrahlen flirrten durch das silbriggrüne Laub über ihm. Unzählige weiße Blüten sprossen an den dünnen Ästen. Es versprach eine reiche Olivenernte zu werden. Am Himmel kreiste ein Greifvogel, deutlich erkannte Francesco seinen Schnabel und die gelben Krallen, hörte die schnellen, hohen Schreie. Ein Wanderfalke.
Auch das Mutterschaf vernahm wohl das Kreischen und stellte sich dichter neben ihr Junges. Die anderen Schafe drehten nur kurz die Ohren, vertrieben mit den breiten Schwänzen die Fliegen und grasten weiter. Strahlend weiß, mit unbeflecktem lockigem Fell lag das Lamm neben seiner Mutter und stupste sie ein paarmal. Da drehte sich das Schaf, bis das Lamm die Zitzen fand und zu saugen begann.
Francesco griff nach seinem Rucksack und zog eine Keramikflasche heraus. Seine Kehle war auf einmal ganz trocken. Den ganzen Morgen hatte er nichts getrunken, so sehr hatte er auf dieses Lamm gewartet. Mit großen Schlucken rann das kühle Wasser seine Kehle hinunter, bis die Flasche leer war. Er lief zum Bach, legte sich flach ans Ufer und hielt sie in das sprudelnde Wasser. Kleine Fische schwammen gegen die Strömung an, am anderen Ufer saß ein Springfrosch und blähte die Backen auf. Francesco verharrte unbeweglich. So viele Tiere, die er nicht erschrecken durfte. Und so viele Blüten. Alles blühte schon, Gänseblümchen, Thymian, Salbei. Der Weißdorn war aufgebrochen, die Ranunkeln streckten zarte Knospen aus, auch die Steineichen bekamen Blätter. Am anderen Ufer des Baches, dort, wo der Wald begann, breitete sich ein Teppich aus weiß-rosa Veilchen aus. Der Frosch sprang davon.
Francesco zog die volle Flasche aus dem Bach, ging zurück und setzte sich wieder an den rauen Olivenbaum. Um ihn herum knisterte, raschelte, quakte, zirpte und klopfte es. Immer mehr Grün spross, immer mehr Blüten öffneten sich. Die Blässe des Winters wich, nur die Felder in der Umgebung waren noch braun, von diesem satten Dunkel gepflügter Felder, auf denen die Saat bereits ausgebracht war und auf denen in jedem Moment die Keimlinge die Krumen durchbrechen konnten. In den Bäumen entdeckte Francesco die Nester der Vögel. Zum Wanderfalken am Himmel hatte sich ein Weibchen gesellt. Zwei Eichhörnchen jagten sich um den Stamm einer Linde. Das Lamm stellte langsam die Vorderläufe auf und stemmte sich hoch. Es wackelte. Das Mutterschaf wich keinen Schritt von seiner Seite, stützte es, sodass es nicht umfiel. Die Ohren des Lamms zuckten, es fuhr sich mit der Zunge über das Maul. Zögernd machte es die ersten Schritte.
Als die Sonne sich den Hügeln näherte und die Schatten länger wurden, packte Francesco seine Flasche wieder ein. Das Brot und die Zwiebel, die Mamma ihm als Vesper eingepackt hatte, lagen unberührt. Er griff nach seinem Hirtenstock und trieb mit lautem Schnalzen die Schafe zusammen. Das Lamm lief neben seiner Mutter, reckte den Kopf nach ihr, doch nach einer Weile fiel es zurück. Es wurde langsamer, blieb stehen, meckerte mit seinem hohen Stimmchen, als die Mutter weitertrottete. Da kehrte Francesco zu ihm zurück, packte es an den dünnen Beinen und legte sich das Tier quer über die Schultern. Das Mutterschaf sah zu ihm und wartete, bis er mit dem Lamm bei ihm war. Es wich nicht von Francescos Seite bis zum Stall, kurz vor den Mauern Pietrelcinas, während die anderen Tiere gemächlich vorneweg liefen. Sie kannten den Weg.
Als Francesco in die Wohnküche ihres kleinen Hauses trat, wusch sich Papà am Spülstein den Staub von Gesicht und Armen. Er kam vom Feld in Piana Romana, eine Dreiviertelstunde zu Fuß von hier. Matteo schleppte einen vollen Eimer mit Wasser herein. »Steh nicht so im Weg rum.« Er drängte sich an Francesco vorbei. Das neue Leinenhemd, das Matteo vor zwei Wochen zum fünfzehnten Geburtstag bekommen hatte, war mit Schlammflecken überzogen.
»Spiel dich bloß nicht so auf, Matté, zieh dir lieber ein sauberes Hemd an. Eine Schande, was du daraus gemacht hast«, sagte Mamma, während sie in der Pfanne Tomatensoße köchelte. Der Duft von angebratenem Knoblauch und Zwiebeln erfüllte den Raum. »Francì, endlich. Wasch dir die Hände. Die Pasta ist gleich fertig. Chiara, deck den Tisch.« Mamma streute Salz in die Soße und rührte heftig.
»Warum denn immer ich? Kann das nicht mal Flora machen.« Mit vorgeschobener Unterlippe rutschte Chiara von der Bank und stopfte sich ihre Stoffpuppe mit den abstehenden Strohhaaren in die Schürze. Francesco war immer, als blickte er in einen Spiegel, wenn er Chiara ansah, die gleichen dunkelbraunen Augen, die gleichen fast schwarzen Haare, die hohe Stirn mit den markanten Brauen, die bei ihr nicht ganz so dicht waren wie bei ihm, die weichen Lippen. Allerdings war sie zwei Jahre jünger als er.
»Flora ist erst vier und lässt nur die Teller fallen«, sagte Mamma. »Außerdem hat hier jeder seine Aufgabe. Matteo geht Vater auf dem Feld zur Hand, Francì kümmert sich um die Schafe. Und du hilfst mir im Haus. Ganz einfach. Bald ist Flora dran und später Pasqualina. So Gott will. Ach, Amore, Vorsicht!« Mamma ließ den Holzlöffel in die Pfanne fallen und griff nach Pasqualina, die sich an der Bank hochzog und hin- und herschwankte.
Wie das Lämmchen heute, dachte Francesco. Nur dass es nicht anderthalb war, sondern bloß ein paar Stunden alt. »Das eine Schaf hat heute ein Lamm geboren«, sagte er und streckte die Brust heraus.
Alle drehten sich zu ihm. Die Furchen in Papàs braun gebrannten Gesicht verzogen sich zu einem Lächeln. »Ist es gesund?«, fragte er, während er sich mit einem dünnen Leinentuch Hals und Gesicht abtrocknete. »Ist die Geburt gut verlaufen?«
Francesco nickte und berichtete.
»Schön, dann haben wir die nächsten Wochen wieder mehr Milch.« Mamma wiegte Pasqualina auf dem Arm, mit der anderen Hand rührte sie wieder die Soße. »Ich mache nach dem Essen gleich mal die Käseformen sauber.«
»Welche Farbe hat es denn?«, fragte Chiara mit einem Stapel Teller in den Händen. Scheppernd stellte sie ihn auf den Tisch.
»Weiß natürlich. Was denn sonst?«, sagte Matteo und wusch sich.
»Kommt zu Tisch!« Papà setzte sich an das Kopfende.
Chiara verteilte das Besteck und holte eine Karaffe mit Wasser und sechs Gläser. Francesco tauchte rasch die Hände in das trübe Wasser im Spülstein, strich sich durch die verschwitzten Haare und setzte sich neben Chiara.
Endlich verteilte Mamma die Nudeln auf den Tellern und schöpfte jedem eine Kelle Soße darüber. Sie schnitt ein paar Scheiben Brot ab und stellte sie in die Mitte des Tisches. Matteo saß Francesco gegenüber, an die Wand gelehnt auf der Bank. Flora griff nach der Gabel.
»Noch nicht, Flora, erst wird gebetet«, sagte Papà und faltete die knotigen Hände. Als auch Mamma saß, mit Pasqualina auf dem Schoß, senkten alle die Köpfe.
Papà sprach: »Segne, o Herr, diese Speisen, die wir mit deiner Hilfe und deiner Gnade erhalten haben. Schenke allen das tägliche Brot, vor allem den Armen und den Kindern. Wir danken dir heute außerdem für die Gabe des neuen Lamms. Amen.«
»Amen«, wiederholten alle im Chor.
Francesco schlug das Kreuzzeichen und griff nach der Gabel.

KAPITEL 2
Adelia zupfte sich das weiße Kleid mit den Spitzenärmeln gerade. Die weißen Lackschuhe scheuerten an den Hacken und drückten an den kleinen Zehen, aber das wollte sie heute aushalten. Schließlich musste sie hübsch sein. Nanny hatte ihr zwar ein wenig Watte hineingestopft, aber die half nicht viel. Adelia ging durch den breiten Flur von Rockwood Hall, bei jedem Schritt pikte es an ihren Zehen. Am Treppenaufgang blieb sie stehen. Dieses Haus war riesig. Es hatte mehr als zweihundert Zimmer. Zumindest hatte Mutter das auf der Zugfahrt von Manhattan erzählt. Nur was hieß das? Ihr eigenes Haus in New York an der Fifth Avenue war schon so groß, dass Adelia gar nicht alle Zimmer kannte, aber dieses glich einem Schloss. Allerdings keinem Prinzessinnenschloss, sondern einem, vor dem man sich fürchtete, so dunkel hatte es bei ihrer Ankunft von außen ausgesehen. Vermutlich würde sie sich in diesen vielen Räumen rettungslos verlaufen. Aber nicht jetzt, schließlich sollte sie mit Lizzy gleich Blumen streuen.
»Lizzy«, rief sie. »Komm endlich!«
Ihre Schwester war schon wieder zu spät. Sie hatte immer noch nicht begriffen, dass Mutter Wert auf Pünktlichkeit legte. Dabei war sie schon fünf und kein Baby mehr. Adelia streckte die Brust heraus und hob den Kopf. Sie war eben schon viel erwachsener. Wenn nur die Schuhe nicht so drücken würden.
Langsam schritt Adelia die Treppe hinunter und legte die rechte Hand auf das dunkle Holzgeländer. In der Halle standen unzählige Menschen, die sie nicht kannte, und alle waren überaus elegant gekleidet. Auf den Hüten der Damen wippten Blumen und Federn. Ihre Roben waren aus Seide und Atlas, mit bauschigen Ärmeln und jeder Menge Rüschen. Es war die neueste Mode aus Paris, hatte Nanny ihr vorgeschwärmt. Gab es in New York keine schönen Kleider? Adelias weißes Kleid war ebenfalls aus Atlas und mit Rüschen und Spitzen besetzt, es war auch aus Paris gekommen. Es gehörte sich wohl so, wenn man zu einer wichtigen Hochzeit eingeladen war.
Lizzy kam angerannt und hopste die Treppe hinunter.
»Sei doch nicht so wild«, zischte Adelia. »Mutter sieht schon ganz böse zu uns rauf.« Inmitten all der Fremden hatte sie Mutters funkelnde Augen entdeckt. Mutter krauste die Stirn und kniff den Mund zusammen. Dabei sollte sie glücklich sein, schließlich heiratete gleich ihr Bruder, also Onkel David. Mutter wandte sich wieder John und Victor zu, zog ihre Krawatten gerade, ermahnte sie mit leisen Worten. Adelias zwei älteren Brüder stellten sich gerade hin. Chester und Gordon, die beiden kleinen Brüder, entdeckte sie nirgends, vermutlich hatte Nanny sie in eines der vielen Zimmer gebracht, damit sie mit ihrem Geschrei nicht die Gäste störten. Vater stand etwas abseits und unterhielt sich mit einem fremden Herren. Er gab sich geschäftsmäßig und hatte gerötete Wangen, wie immer, wenn er kurz vor einem Vertragsabschluss stand.
Adelia nahm Lizzy bei der Hand und schritt mit ihr die letzten Treppenstufen hinunter.
»Ah, Mädchen, da seid ihr ja«, sagte eine junge Frau, deren schlichtes dunkelblaues Kleid sie als Hausdame von Rockwood Hall auswies. »Kommt mit, ich bringe euch zur Braut. Gleich beginnt die Zeremonie. Die Gäste begeben sich dann zu ihren Plätzen, und ihr dürft dabei nicht im Weg stehen.«
Kerzengerade ging sie vor Adelia und Lizzy her, immer am Rand der großen Empfangshalle, und führte sie in einen kleinen Salon.
In dem mit Seidentapeten ausgeschlagenen Raum stand eine Frau im langen champagnerfarbenen Brautkleid, das überall mit kleinen Perlen bestickt war. Schultern und Hals waren in Spitze gehüllt. Es war die gleiche Spitze wie an Adelias und Lizzys Kleidern. Die Schleppe knäuelte sich zu ihren Füßen. Mit ihren schmalen Fingern fuhr die Frau über die Befestigung des Schleiers.
»Achte darauf, dass man die Nadeln nicht sieht, Maggie«, sagte sie zu ihrer Zofe. Diese befestigte gerade die letzten Haarnadeln.
»Keine Sorge, Ma’am, die Blüten verdecken sie ganz vorzüglich.«
Adelia starrte die Frau an. Im Gegenlicht, das durch die hohen Fenster fiel, leuchtete ihre Gestalt wie ein Engel.
»Das ist aber ein schönes Kleid«, rief Lizzy. »So eins möchte ich auch mal anziehen.«
»Kind, bist du wohl still«, fuhr die Hausdame sie an. »Du hast hier nicht zu reden. Komm stell dich da in die Ecke und nimm schon mal diesen Korb mit den Blüten. Aber gestreut wird erst im großen Saal, verstanden?«
»Ach, Miss Bell, seien Sie nicht zu streng. Das ist doch schön, wenn dem Kind das Kleid gefällt«, sagte die Braut und drehte sich zu ihnen um. »Ihr seid die Blumenmädchen?«
»Ja, Ma’am.« Adelia machte einen Knicks.
»Und wie heißt ihr? Ihr seid die Nichten von David, nicht wahr?«
»Das ist meine Schwester Lizzy, und ich bin Adelia McAlpin Pyle.«
»Stimmt. Ihr seid die Pyle-Schwestern. David hat mir von euch erzählt. Wie schön, dass ich euch kennenlerne.« Sie reichte erst Adelia die Hand, dann Lizzy. »Und nun kommt, stellt euch dort auf. Miss Bell hat euch alles genau erklärt, oder?«
»Ja, Ma’am.« Adelia nickte.
»Ach, nenn mich Emma. Schließlich werde ich gleich eure Tante.« Sie lachte.
»Ist gut, Tante Emma«, rief Lizzy und griff in den weißen Korb mit den Rosenblättern.
»Noch nicht!« Miss Bell packte Lizzys Hand und hielt sie davon ab, die Blütenblätter auf den Boden zu werfen. »Gleich darfst du. Wenn du zwischen den Sitzreihen im großen Saal auf den Reverend zugehst. Das weißt du noch, oder?«
»Natürlich«, sagte Lizzy und nickte. »Ich bin doch schon groß.«
»Ich will es hoffen.« Miss Bell seufzte.
»Komm, Lizzy.« Adelia nahm die Hand ihrer Schwester und trat mit ihr an die Salontür.
Die Eingangshalle war verwaist. Nur am Treppenabsatz und in den Ecken standen Diener in dunkler Livree, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Feierliche Stille breitete sich aus.
Ein älterer Herr betrat den Salon und ging auf Tante Emma zu. »Nun, mein Kind, bist du bereit?«, fragte er sie. Seine dünnen Haare hatte er zu einem strengen Scheitel gekämmt, sein Schnauzbart war akkurat gestutzt. Aus dem Augenwinkel betrachtete Adelia die weichen, breiten Wangen und das kräftige Kinn. Darunter prangte eine weiße Seidenfliege, die gestärkte Hemdbrust wölbte sich glatt und ohne Falten unter einer silbergrauen Weste. Darüber trug der Herr einen schwarzen Frack. Seine Lackschuhe glänzten, Adelia entdeckte die Umrisse der Fenster darin.
»Ja, Paps, ich bin bereit«, sagte Tante Emma und hakte sich bei ihm unter. Die Zofe zog flink die Schleppe gerade, und schon schritten Vater und Tochter Arm in Arm auf die Tür zu.
»Mädchen, los!«, zischte Miss Bell, und Adelia machte die ersten Schritte. Lizzy trippelte eilig neben ihr her.
In gemäßigtem Schritt, so wie sie es in den vergangenen Wochen zu Hause in New York im Wohnzimmer unzählige Male geübt hatten, traten Adelia und Lizzy in den großen Saal. Klaviermusik setzte ein, die Kleider der Damen rauschten, als sich die versammelten Gäste von den Stühlen erhoben. Adelia streute die erste Handvoll Blütenblätter auf den roten Teppich, der zwischen den mit Rosen und Lilien geschmückten Sitzreihen verlief. Die weißen Rosenblätter fielen wie große Schneeflocken zu Boden. Adelia blickte nach vorn. Am Ende des Ganges zwischen den Sitzreihen, stand Onkel David, auch er im Frack mit Fliege und dieser glattgebügelten Brust. Er lächelte so, dass sich lauter Fältchen um Augen und Mund bildeten. Immer weiter schritten Adelia und Lizzy durch die Reihen, immer näher kam Onkel David, rechts neben ihm standen zwei andere Herren, die Adelia nicht kannte. Der Reverend wartete links von Onkel David. Eine kleine Kniebank war vor ihm aufgestellt, auch sie war mit weißen Rosen und Lilien geschmückt. Die Lilien verströmten einen schweren Duft. Es roch süßlich, wie verfaulendes Obst, und nahm Adelia fast den Atem.
Kurz vor dem Reverend und der Kniebank bogen Adelia und Lizzy nach links. Auch das hatten sie geübt. Am Rand der ersten Reihe nahmen sie auf zwei Stühlen Platz. Von hier aus konnten sie alles beobachten. Später, wenn die Trauung vorbei war, sollten sie vor dem Brautpaar beim Auszug noch einmal Blumen streuen.
Der Saal war hoch, mit wuchtigen Säulen, glänzenden Spiegeln und vergoldetem Stuck. Dicke geschnitzte Balken und dunkle Holzpaneele bildeten die Decke. Ein bisschen erdrückend und düster kam es Adelia vor. Bunter Marmor bildete auf dem Boden verschlungene Muster. In einer Ecke stand ein schwarzer Flügel.
»Wir sind hier versammelt, um diesen Mann …«
Vor den Fenstern hingen duftige Gardinen und Brokatvorhänge, dahinter konnte sie den riesigen Park erspähen. Üppige Palmen standen in den Erkern und übertünchten das winterliche Braungelb des Rasens draußen. Die Fläche war so riesig, dass der Fluss am hinteren Ende, von dem Mutter gesagt hatte, dass es der Hudson war, nur wie ein dünner grauer Strich aussah. Die Stühle waren aus dunklem Holz gemacht und mit blumengemusterter, lindgrüner Seide bezogen. An den Wänden hingen Portraits in Öl von Menschen mit merkwürdigen Kleidern und Röcken. Vermutlich waren es die Urahnen von Tante Emmas Familie. Bei ihnen zu Hause hatten sie im Salon zwei Bilder von Vaters Großeltern hängen, von Mutters Familie gab es keine gemalten Portraits, dafür aber schon eine Photographie. Würdevoll blickten die gemalten Gesichter über die versammelten Gäste. Rockwood Hall war wirklich sehr geschmackvoll. Es war sogar noch eleganter als bei ihnen zu Hause in New York oder auf ihrem Landsitz. Und doch fehlte Adelia etwas.
»Willst du, David Hunter McAlpin, die hier anwesende Emma Rockefeller zu deiner Frau nehmen? Sie lieben und ehren …«
Rockefeller. Mutter hatte erzählt, dass diese Familie unglaublich reich war. Es war eine der ersten Familien in New York, ach was, in ganz Amerika. Onkel David hatte richtiges Glück, dass er in so eine angesehene Familie einheiratete.
»Aber wir müssen uns gar nicht klein machen«, hatte Mutter gesagt. »Großvater McAlpins Werk kann sich genauso sehen lassen. Tabak ist ein wichtiger Teil der Wirtschaft. Und Vater hat Großpapa Pyles Seifengeschäft zu einem weltweiten Unternehmen ausgebaut. Pearline ist nicht weniger wichtig als Standard Oil. Schließlich müssen sich die Menschen, die Öl fördern, ja auch von dem Schmutz wieder befreien. Und das machen sie mit Pearline. Nein, nein, wir müssen uns nicht verstecken. Im Gegenteil, den Rockefellers wird diese Verbindung genauso nutzen wie den McAlpins und den Pyles. Also Mädchen, benehmt euch, schließlich wollen wir in diesen Kreisen auch für euch die richtigen Ehemänner finden.«
Was Mutter bloß hatte? Sie hatte so einen verbissenen Zug um die Lippen gehabt und mit den Händen über ihre Handtasche gestrichen. Eigentlich war sie immer viel fröhlicher. Doch auf der Fahrt hierher hatte sie ständig geseufzt und geflüstert: ›O Gott, hoffentlich blamieren wir uns nicht.‹ Oder auch: ›Habt ihr gesehen, wie elegant die Einladungen waren? Mit Goldrand.‹
»Willst du, Emma Rockefeller, den hier anwesenden David Hunter McAlpin …«
Nun also nahm Emma Rockefeller Onkel David zum Mann. Er drückte ihre Hände, zärtlich, sie lächelte unter dem Schleier, sagte Ja. Und war damit ihre Tante. Das war schön. Trotzdem. Irgendetwas fehlte. Adelia sah die Blumen, den Marmor, die edlen Möbelstücke, die feinen Stoffe, die Gemälde. Der Moderduft der Lilien schnürte ihr die Luft ab, noch stärker als zu Beginn der Zeremonie. Er vermischte sich mit den Parfüms der Damen und den Aftershaves der Herren. Leicht duftete es nach Bohnerwachs. Ein warmer, trockener Geruch. Da erkannte Adelia, was fehlte. Es roch nicht nach Kirche. Diese Hochzeit fand nicht in einer Kirche statt. Das Erhabene und Würdevolle eines Gotteshauses gab es nicht. Obwohl da vorn ein Reverend stand. In Adelias Taufkirche in der 42. Straße war es immer kühl und klamm, schon deshalb erschauerte man. In jeder Messe spürte sie, dass Gott bei ihr war.
»Somit erkläre ich Euch zu Mann und Frau …«
Gott fehlte. Geld und Eleganz waren da, aber nicht Gott. Hier erschauerte niemand vor Ehrfurcht, höchstens vor Rührung. Aber das war nicht das Gleiche. Ob die anderen das auch merkten? Adelia sah sich um. Eine ältere Dame tupfte sich mit einem Spitzentüchlein Tränen ab. John und Victor rutschten auf den Stühlen herum. Mutter funkelte die beiden böse an. Irgendjemand zog die Nase hoch. Manche der Damen hatten rote Wangen. Scheinbar waren alle, selbst die Herren, ergriffen und merkten nicht, dass Gott nicht da war.
Das Brautpaar löste sich voneinander. Gerade hatten sie sich geküsst, und nun drehten sie sich zu den Gästen. Sie strahlten.
Adelia zuckte zusammen. »Komm, Lizzy.« Sie stieß die Schwester an, die mit den Füßen baumelte. Sie ergriffen ihre Blumenkörbe und traten wieder vor das Brautpaar. Am Ende des Ganges lächelte Miss Bell zufrieden und machte eine winkende Bewegung. Lizzy und sie sollten losgehen und Blumen streuen. Wieder erklang Klaviermusik. Die Gäste erhoben sich und lachten dem Brautpaar zu.
Niemand vermisste Gott.

KAPITEL 3
Francesco saß im Schatten unter dem knorrigen Olivenbaum und malte mit einem Stöckchen Striche in den trockenen Sandboden. Die Schafe rupften am verdorrten Gras. Die Herde war nicht größer geworden, Papà hatte die Lämmer, das zweite war eine Woche nach dem ersten auf die Welt gekommen, zu Ostern verkauft. Da hatten sie noch gedacht, sie würden eine gute Ernte einfahren und einen Vorrat für den Winter anlegen können. Doch in den folgenden Monaten hatte es so gut wie nicht geregnet. Der Mais verdorrte auf den Feldern. Papà klagte, redete ständig über das vergangene Jahr, was sie für ein gutes Geschäft gemacht hatten. Damals hatten sich grüne und gelbe Flächen auf den Hügeln abgewechselt. Jetzt waren da nur braune Einöden. Und Stille. Niemand arbeitete auf den Feldern, niemand rief, niemand sang oder schimpfte oder lachte. Wo nichts wuchs, gab es nichts zu tun. Selbst der Bach war ausgetrocknet. Die Vögel waren verstummt.
Francesco blinzelte durch die verstaubten Blätter des Olivenbaums nach oben. Aus den vielen Blüten des Frühlings waren nur wenige Früchte entstanden, und die waren klein und verschrumpelt. Der Wanderfalke zog in der Höhe weite Kreise, schoss manchmal im Sturzflug herab und erlegte eine Maus. Fliegen surrten um die Schafe, neben Francesco liefen Ameisen in einer Reihe. Mit seinem Stöckchen lotste er sie von seinem Beutel mit dem Brot und der Zwiebel fort, zu einem Lavendelstrauch hin.
Beim Frühstück hatten sich Mamma und Papà gestritten, wie so oft in diesen Tagen, über die Schafe, die kaum noch Milch gaben, über die mickrige Ernte, die Papà und Matteo einholten. Mamma hatte Papà vorgeworfen, er hätte nicht genug gebetet. Oder nicht richtig. Sonst hätte Gott sie nicht so gestraft. Sie hatte ihn daran erinnert, dass er vor Jahren sonntags immer in die Kirche gegangen war, auch in die entfernteren Wallfahrtskirchen, um die Heiligen um Hilfe bei der Ernte zu bitten. Damals hatten sie viele Säcke Getreide ins Lager geschleppt. Doch in diesem Jahr, da war er immer nur im Dorf geblieben, hatte nur hin und wieder am Samstag die kurze Frühmesse besucht, aber nicht das Hochamt am Sonntag. Er hatte die Heiligen vernachlässigt. Nun folgte die Strafe. So Gott will, könne er das nur noch durch zusätzliches Beten und sonntäglichen Kirchgang wiedergutmachen. Sie brauchten ein Wunder und nur mit Gebeten würden sie eines bekommen.
Ave Maria, gratia plena, betete Francesco in Gedanken, dominus tecum. Vielleicht konnte er zu dem Wunder beitragen, wenn er durch mehr Gebete mithalf. Benedicta tu in mulieribus. Früher hatte er Papà zu den Sonntagsmessen begleitet. Ihm war, als würde er hier unter dem Olivenbaum den Weihrauchduft aus den Kirchen riechen. Damals hatte er auch gebetet. Et benedictus fructus ventris tui, Iesus. Damals in San Donato hatten Papà und er ziemlich weit vorn gesessen, Francesco genau am Mittelgang. Es war der Tag des heiligen Donatus gewesen, ein heißer Augusttag, so wie heute. Padre Antonio hatte am Altar gestanden, den Rücken zur Gemeinde gewandt. Er sprach die lateinischen Worte, und Francesco antwortete zusammen mit den Bauern, Handwerkern, Hausfrauen, Alten und Kindern. »Et cum spiritu tuo« oder »Deo gratias«. Über dem Altar hing ein Holzkreuz mit dem Herrn Jesus. Kantige Nägel durchbohrten ihm Hände und Füße. Blut lief an ihm herunter. Den Kopf ließ er hängen, die Dornenkrone stach ihm in die Stirn. Blut lief ihm auch über die Wangen wie Tränen.
»Confiteor Deo omnipotenti, beatae Mariae, semper virgini.« Rechts an der Wand blickte der heilige Donatus mit verdrehten Augen in den Himmel. Er hielt einen Kelch in den Händen, und auf seiner Schulter saß ein Drache. Links predigte der heilige Franz den Vögeln. Das Gemälde war vom Kerzenruß schon fast schwarz, dennoch erkannte Francesco unter einem Baum unzählige Vögel, in weiß und schwarz, mit hellen Flügeln. Der Heilige in der braunen Kutte streckte ihnen die rechte Hand entgegen, Zeige- und Mittelfinger waren ausgestreckt. Er sah zu den Vögeln hinunter. Die Vögel flogen sicher nicht weg, weil der Mönch freundlich zu ihnen war. Um seinen Kopf mit dem Haarkranz schimmerten die Reste eines Heiligenscheins, unter dem Kinn sprossen ihm ein paar Barthaare. Auf der linken Hand und an den Füßen hatte Franz dunkle Flecken. Dieser Franz konnte mit den Tieren sprechen und half den Armen. Das hatte Mamma ihm erzählt, denn Franz war ihr Lieblingsheiliger. Sie hatte den ersten Francesco nach ihm benannt, und dann ihn, als der erste Francesco gestorben war. Hinter dem Heiligen stand noch jemand. Auch der trug eine Mönchskutte, aber das musste eine Frau sein, denn sie hatte keinen Bart und trug einen Schleier.
»Gloria in excelsis Deo et in terra pax hominibus bonae voluntatis.«
Weihrauchschwaden waberten durch die Kirche. Über Donatus, dem an diesem Tag gehuldigt wurde, hatte Mamma nie viel erzählt. Er war Bischof gewesen, enthauptet worden und konnte Menschen mit Fallsucht und Geisteskrankheit gesund machen. Möglicherweise konnte er auch für eine gute Ernte sorgen. Vielleicht sollte Francesco sich besser an den heiligen Donatus wenden. Und so betete er für eine gute Ernte und dass die besessenen Menschen gesund werden mögen. Zur Sicherheit wandte er sich aber noch an Gott und bat den Herrn, er möge den heiligen Donatus unterstützen bei der Ernte und bei der Heilung aller Kranken. Oder er, der Herr, möge es selbst tun, wenn der Heilige dazu nicht in der Lage war. Amen. Francesco seufzte.
»Sanctus, sanctus, sanctus Dominus Deus. Pleni sunt coeli et terra gloria tua.« Francesco sah nach vorn. Padre Antonio öffnete den Tabernakel über dem Altar und holte einen goldenen Kelch hervor, in dem der Leib Christi lag. Francesco fröstelte. Noch durfte er nicht mit zur Kommunion. Wie wohl der Leib Christi schmeckte? Nächstes Jahr würde er es erfahren.
Da stand Severina auf. Sie trug ein großes Bündel auf dem Arm und eilte zum Altar. Elisa. Severina trug sie immer herum, denn das Mädchen konnte nicht laufen und auch nicht sprechen. Dabei war sie schon vier. Alle Leute in der Gegend redeten über Severina. Tagsüber wusch sie die Wäsche für die, die genug Geld hatten und für so etwas bezahlen konnten. Das war eigentlich nichts, worüber sich besonders viel reden ließ, aber abends empfing Severina in ihrem Zimmer angeblich Männer. Mit keinem von ihnen war sie verheiratet. Die Frauen auf dem Markt tuschelten immer, sagten, sie würde ein liederliches und sündiges Leben führen, deshalb hatte Gott sie mit der kranken Elisa gestraft. Severina hatte zu viel geschwatzt, und nun war ihre Tochter eben stumm. Severina hatte einen Fehltritt begangen, und nun tat Elisa keinen Schritt. Das sagten die Leute. Elisa bekam manchmal Anfälle, so wie Besessene sie bekamen.
»Heiliger Donatus, da, mach dieses Kind gesund oder nimm es zu dir …«, rief Severina und warf Elisa in den Altarraum. Rechts und links standen Vasen mit Sonnenblumen, die Köpfe hingen. Die Kerzen auf den Messingständern waren fast heruntergebrannt, die Flammen flackerten im leichten Windzug. Die Kreuzigung auf dem Gemälde über dem Altar war unter dem Kerzenruß fast vollständig schwarz geworden, nur schemenhaft erkannte man noch die Figuren am Fuß des Kreuzes. Durch ein kleines Fenster, oben auf der rechten Seite, fiel ein Lichtstrahl herein und traf Elisa, die über den Terrakottaboden rutschte. Severina fiel auf den Stufen vor dem Altar schluchzend auf die Knie. Die Leute reckten die Köpfe, sagten noch ein paar lateinische Worte.
Francesco starrte Severina an. »Herr, mach Elisa gesund«, murmelte er, »ich bitte dich.«
Hoch oben im Glockenturm fiepten frisch geschlüpfte Meisen. Eine Fliege summte durch den Kirchenraum. Niemand rührte sich, alle blickten zum Altar. Der Padre, mit der Hostie in den erhobenen Händen, drehte sich langsam um.
Elisa zuckte auf dem Boden. Sie zappelte, und ihre Arme und Beine schlugen auf die Fliesen. Ihr altes, aber ganz sauberes Kleid rutschte hoch, die knochigen Beine waren verdreht. Sie warf den Kopf von einer Seite auf die andere, immer und immer wieder, ihre kurzen Zöpfe lösten sich und die braunschwarzen Locken standen wild vom Kopf ab. Ein paar Meter rollte sie durch den Altarraum. Da, wo sie den Staub mit ihrem Kleid wegwischte, leuchteten die Fliesen im kräftigen Terrakottarot. Elisa kniff die Augen zusammen, ihr Mund verzog sich. Dann riss sie sie wieder auf und rief: »Mamma! Mamma!«
Mühsam rappelte sie sich auf und stand auf den dürren Beinen, wie ein neugeborenes Lamm. Weinend sah sie sich um und stolperte zu der knienden Severina. Staksig und schwankend, aber Elisa lief.
»O Jesus Christus! Seht nur! So seht doch! Ein Wunder! Ein Wunder!«
»Heilige Maria, Muttergottes, sie läuft! Sie spricht!«
Ein Rauschen, Stimmengewirr, das Scharren von Schuhen auf dem Steinboden erfüllten die Kirche.
»Habt ihr gesehen? Ein Wunder!«
»Lobet den Herren! Lobet den Herren!« Einige Frauen stießen spitze, trillernde Schreie aus. Sie hallten von den Kirchenwänden wider wie ein Siegesruf. Francesco reckte den Hals zum Gang hinaus, die Leute sprangen von den Kniebänken auf und bekreuzigten sich ohne Unterlass. Elisa schlang die mageren Arme um Severinas Hals und wimmerte. Die Gebete, Schreie und Rufe schwollen zu einem Brausen an.
Francesco schwieg. Sein Gebet war erhört worden. Gott hatte ihn erhört. Gott hatte ihm geantwortet. Gott hatte ihm dieses Zeichen gesandt. Gott hatte Elisa gesund gemacht, weil er ihn darum gebeten hatte. Das war ein Wunder, das er ganz allein gemacht hatte. Nur mit Gottes Hilfe.
Die Ernte war in jenem Jahr ordentlich ausgefallen. Die Familie hatte genug zu essen gehabt, und es hatte Frieden im Haus geherrscht.
Francesco lächelte bei dieser Erinnerung und sah wieder hoch in die Olivenblätter. Er würde beten, damit die Eltern nicht mehr stritten.
»Grüß Gott, mein Sohn«, ertönte die Stimme eines Mannes. »Kannst du mir sagen, ob es noch weit ist bis Pietrelcina?«
Ein paar Meter vor Francesco stand ein Mönch auf dem Weg. Er trug eine braune Kutte mit einer weißen Kordel, in die drei Knoten geschlagen waren. Seine Füße steckten in Ledersandalen. Und er hatte einen Bart.

KAPITEL 4
Während Francesco die Tiere heimwärts trieb, schielte er immer wieder zu dem jungen Mönch mit den dunklen Augen und der geraden Nase. Er ging neben Francesco, hatte die Hände in die Ärmel seiner Kutte geschoben und lächelte. Langsam marschierten sie über die glatt gewetzten Pflastersteine zum Stall. Aus den niedrigen Trockenmauern entlang des Weges zupften sich die Schafe hin und wieder einen frischen Grashalm. Die tief stehende Sonne tauchte alles in ein goldenes Licht, Francesco vergaß beinahe, dass auf diesem Boden keine Früchte mehr wachsen würden.
»Wart Ihr schon immer Mönch?«, fragte Francesco und schlug mit dem Hirtenstock ein paar vertrocknete Gänseblümchen ab.
Der Mönch war natürlich nicht immer Mönch gewesen, sondern ein normaler Junge wie Francesco. Nach der Schule war er auf Wunsch seiner Eltern in ein Kloster eingetreten, wie es in Familien mit vielen Kindern üblich war, damit alle versorgt und ein Auskommen hatten. »Ich habe dem Wunsch meiner Eltern aber mit Freuden entsprochen«, sagte er.
Francesco trieb die Schafe weiter. »Muss man in der Schule gewesen sein, um Mönch zu werden?«
Der Mönch blieb stehen. »Ja, man muss doch lesen und schreiben können. Kannst du lesen und schreiben?«
»Nein.« Er schüttelte den Kopf und blickte zu Boden. »Aber ich bete jeden Tag.«
»Das ist gut, mein Sohn, aber als Mönch muss man lesen und schreiben können. Sonst kann man nicht in der Heiligen Schrift lesen und keine Messe halten. Beten ist nur ein Teil des Tagwerks eines Mönches.« Er legte Francesco eine Hand auf die Schulter und berichtete vom Studium der Bibel, der Arbeit in Küche und Garten, dem Feiern von Vesper und heiliger Messe, von der Betreuung der Gläubigen, dem Abnehmen der Beichte, dem Spenden der Sakramente. Von Besinnung und Einkehr, von der Freude, Gott ganz nah zu sein, von der Gemeinschaft der Brüder und den Wohltaten für Geist und Seele. Er schob seine Hand wieder in den Ärmel der Kutte.
»Schön.« Francesco seufzte. So ein Leben hörte sich ruhig und sorgenfrei an. »Könnt Ihr auch Wunder machen?«, fragte er.
»Wie kommst du darauf?«
»Na ja, ich dachte. Ihr seht so aus wie der heilige Franz, und der hat Wunder gemacht. Er hat mit den Vögeln geredet. Und da dachte ich, Ihr könnt das vielleicht auch.« Francesco biss sich auf die Zunge. Gleich würde der Mönch böse werden, weil er so etwas Dummes gesagt hatte.
Aber er lächelte und schüttelte den Kopf. »Nein, ich bin nur ein einfacher Mönch. Wunder kann ich nicht vollbringen. Wunder sind nur sehr gottesfürchtigen Menschen vorbehalten, die tugendhaft leben und Gott dienen. Sollten sie wirklich Wunder gewirkt haben, werden sie später heiliggesprochen. So wie Franz von Assisi. Ein Wunder vollbringen zu können, ist ein großes Geschenk Gottes, das bekommt nicht jeder einfach so.«
»Ach.« Aber damals in San Donato hatte er ein Wunder gemacht, denn es war ein Wunder gewesen, dass Elisa mit einem Mal laufen konnte.
Der Mönch sprach von den Geboten des heiligen Franz, Armut, Keuschheit und Gehorsam, die drei Knoten in seinem Gürtel erinnerten ihn immer daran. Er sprach von Hingabe und inneren Kämpfen. Wunder gab es bei den Mönchen nicht.
»Was ist Keuschheit?« Francesco erschrak. Das war ihm nur so herausgeplatzt. Rasch trieb er die Schafe mit kurzen Stockhieben weiter, damit der Mönch nicht merkte, wie neugierig er war.
»Dann ist man nicht verheiratet. Ein Mönch lebt nicht mit einer Frau zusammen. Er weiht sein Leben Gott. Er lebt keusch.« Der Mönch zog für einen Moment die Brauen zusammen.
Keusch. Francesco wagte nicht noch einmal zu fragen, aber das Wort klang seltsam und geheimnisvoll. Es passte gut zu einem Heiligen, es hörte sich an wie scheu, und als keuchte jemand wegen unerklärlicher Schmerzen, aber es hatte auch etwas Sauberes. Das war anders, als wenn Papà mit Mamma ein Kind machte. Dabei raschelten die Laken, das Bettgestell quietschte und krachte gegen die Wand, und Mamma und Papà machten Laute wie die Tiere, als wären sie besessen. Das war nicht rein, das war nicht keusch.
Als sie den Stall erreichten, ging die Sonne hinter den Hügeln der Campania unter. Francesco spürte die Hitze, die von den grob behauenen Steinen der niedrigen Wände ausstrahlte. Mit dem Fuß schob er ein paar von den zerbrochenen Tonziegeln, die einst das Dach bedeckten hatten, beiseite und trieb die Tiere in den Stall. Er streute etwas Stroh aus, holte Wasser vom Brunnen und goss es in die Tränke. Schließlich verriegelte er die klapprige Holztür.
»Jetzt gehen wir nach Hause«, sagte er zu dem Mönch.
Auch im Vico Storto war es noch warm vom Tag. Der Duft von gebratenen Zwiebeln und Paprika vermischte sich mit dem Gestank von Hühnermist, faulenden Küchenabfällen, Kacke und Pisse. Francesco musste würgen, jedes Mal musste er das, wenn er vom Feld kam, wo die Luft frisch war und es nach Gras und Kräutern duftete.
»Da vorne ist es schon«, sagte er leise und zeigte auf sein Zuhause. Anders als sonst fiel ihm auf, dass das Haus Stückwerk war. Es bestand aus dem flachen Küchenteil und einem einstöckigen Anbau, in dem sie alle schliefen. Die unverputzten grauen Steinmauern kamen Francesco heruntergekommen vor. Die Tür zur Küche stand offen, sie benutzten immer nur die, während die schwere, glänzende Haustür fest verschlossen blieb. Ein paar Hühner scharrten in der Gasse vor dem Haus im Staub und gackerten. Pasqualina und Flora liefen zwischen ihnen herum und spielten mit ihren Strohpuppen. Sie lachten und kreischten. Es schmerzte Francesco in den Ohren.
Er blieb vor der Küchentür stehen und rief: »Mamma? Kommst du mal.« Es roch nach Polenta. Die Mädchen kreischten immer noch, umkreisten Francesco und den Mönch und spielten Fangen. Weiter oben in der Gasse brüllte ein Mann unverständliche Worte. Im Nebenhaus sang die dicke Nunzia ein trauriges Lied von einer keuschen Göttin, die der Erde den Frieden schenken möge, der im Himmel herrschte.
»Was denn, Francì?« Mammas Stimme drang aus der dunklen Küche.
»Komm doch mal raus.« Francesco schielte zu dem Mönch. Hoffentlich dachte er nicht schlecht von Mamma, wenn sie ihn so lange warten ließ. Er zog den Kopf ein.
Mamma trat in die Tür. Sie wischte sich die Hände an der Schürze ab. Um ihr schwarzes Haar trug sie ein Kopftuch mit kleinen weißen Blumen auf grünem Grund. Die Ränder waren dunkel verfärbt, eine Haarsträhne war herausgesprungen. »Schrei hier gefälligst nicht so rum«, rief sie. »Ist nicht schon … heilige Maria, Muttergottes«. Sie bekreuzigte sich. »Padre, wo kommt Ihr denn her? Was für eine Ehre. Können wir etwas für Euch tun? Bitte, kommt doch herein.«
Der Mönch trat einen Schritt auf sie zu. »Der Segen des Herrn sei mit Euch, meine Tochter.«
»Und mit Euch. Darf ich Euch ein Glas Wein oder etwas Wasser anbieten? Kommt doch bitte herein. Ich mache gerade das Abendessen, vielleicht möchtet Ihr einen Teller mitessen.«
»Mamma …«, sagte Francesco.
»Danke, meine Tochter, gern. Ich bin Padre Carmelo aus Morcone. Und ein Glas Wein wäre wirklich schön, mein Mund ist so ausgetrocknet von dem staubigen Weg.« Der Mönch, Padre Carmelo, trat hinter Mamma ins Haus.
Francesco folgte ihnen.
Padre Carmelo setzte sich auf die Bank an dem großen Holztisch.
»Francì, hol ein Glas und etwas Wein für Padre Carmelo.« Mamma trat zum Kamin in der Ecke. Über dem Feuer hing der Kessel mit Polenta. Sie nahm den Holzlöffel und rührte den Maisbrei durch.
Francesco ging zur dunklen Anrichte. Die Marmorplatte war gerissenen und die Ecken abgestoßen, darauf stand ein Tonkrug mit Rotwein, in dem Regal darüber die Gläser. Er suchte nach einem heilen Glas, fand aber keines.
»Es ist ganz sauber, nur ein bisschen angestoßen«, sagte er, als er Glas und Krug auf den Tisch stellte.
»Das macht nichts.« Padre Carmelo schenkte sich ein und nahm einen tiefen Schluck. »Ach, das tut gut, nach dieser langen Wanderung. Gleich nach dem Morgengebet bin ich von unserem Kloster aufgebrochen. Aber setz dich doch zu mir, mein Sohn.«
Francesco schob sich auf das andere Ende der langen Bank.
Mamma drehte ihm den Rücken zu. »Padre Carmelo, entschuldigt, ich muss die Polenta rühren, sonst gibt’s kein Abendessen.«
»Ist schon recht, Donna …«
»Ach Gott, verzeiht, was bin ich unhöflich.« Sie ließ den Löffel in die Polenta fallen, wischte sich die Hände an der Schürze ab und drehte sich zu Padre Carmelo. »Ich bin Giuseppa, verheiratete Forgione.« Sie streckte ihm die Hand hin. Padre Carmelo erhob sich und ergriff sie. Mamma beugte sich vor und küsste seine Hand. »Es wird mir manchmal alles ein bisschen viel, wisst Ihr.« Sie griff wieder zum Holzlöffel. »Fünf Kinder, der Hof. Mein Mann und die anderen Kinder kommen gleich vom Markt. Hoffentlich haben sie was verkaufen können. Wisst Ihr, wir haben ein Feld und bauen Mais an und Grazio – das ist mein Mann – geht einmal in der Woche auf den Markt und verkauft ihn dort. So Gott will.«
»Sag, Donna Giuseppa, ist es denn noch weit bis zur Pfarrei?« Padre Carmelo setzte sich wieder und nahm noch einen Schluck Wein. »Ich wollte den Pfarrer fragen, ob ich die Nacht bei ihm zubringen kann. Der Weg von Morcone war lang, und heute möchte ich nicht mehr weiterlaufen. Morgen früh breche ich nach Benevento auf.«
Mamma wandte sich mit dem Holzlöffel in der Hand um. »Ihr könnt auch bei uns unterkommen, falls Euch unser Haus nicht zu einfach ist. Matteo überlässt Euch gern seine Kammer und schläft im Stall. Das macht er öfter. Es wäre uns eine große Ehre«, sagte sie. »Francì, hol eine Zwiebel und reibe etwas Käse.«
Francesco sprang auf und lief zur Kammerunter der Treppe des Anbaus. Dort lagerten sie Mehl, Zucker, Salz, Knoblauch, Zwiebeln, ein paar Salamis, einen kleinen Schinken und den selbst gemachten Schafskäse. Das wäre schön, wenn der Padre bleiben würde, aber wahrscheinlich war ihm ihr Haus viel zu ärmlich. Francesco nahm eine Zwiebel aus dem Korb und griff nach einem kleinen Stück Pecorino. In der Küche hingen die Schöpfkellen, Kupferkessel und Töpfe an der Wand, und in der Nische, gleich neben dem kleinen Fenster, das zur Rückseite des Hauses ging, standen die Tontöpfe und Tonkrüge offen herum. In der anderen Ecke stapelten sich die Weidenkörbe. Sie hatten nicht mal einen Schrank. Überhaupt hatten sie nur diesen einen Raum und oben die drei kleinen Schlafkammern. Und alles war alt und abgestoßen wie die Gläser.
»Wenn es Euch keine Umstände macht, Donna Giuseppa, bleibe ich. So kann ich mich noch ein bisschen mit Eurem Sohn unterhalten«, sagte der Mönch, als Francesco wieder in die Küche trat.
Er strahlte Padre Carmelo an. Also hatte er ihn mit seiner Fragerei nicht verärgert.
»Na, wenn Ihr meint, dass man mit dem Jungen reden kann.« Mamma nahm Francesco die Zwiebel aus der Hand. Rasch zog sie mit einem Messer die Schale ab und hackte sie in kleine Würfel.
»Aber sicher kann man mit Francesco reden. Außerdem freue ich mich, dass er wie unser geliebter Ordensgründer heißt«, sagte Padre Carmelo mit einem Lächeln. »Und von dem habt Ihr dort sogar ein Bild hängen. Der Herr hat mich in das richtige Haus geführt.«
Der heilige Franz war auf der alten Holztafel über dem Kamin kaum noch zu erkennen. Er blickte den Betrachter an, der Heiligenschein war verblasst. Die Hände hatte er vor die Brust gelegt, die rechte über die linke, in der Mitte des Handrückens war ein Fleck. Das Bild hatte schon Mammas Großeltern gehört, aber niemand wusste, woher sie es bekommen hatten.
»Der heilige Franz leitet mich«, sagte Mamma, ohne Padre Carmelo anzusehen, »wisst Ihr, nachdem der Herr meinen ersten Francesco und ein Mädchen viel zu früh wieder zu sich gerufen hat, habe ich ihn um Hilfe angefleht und geschworen, den nächsten Sohn wieder ihm zu weihen. Na, im Jahr darauf wurde der hier geboren.« Sie zeigte mit dem Messer auf ihn.
Francesco seufzte. Sein toter Bruder.
Padre Carmelo verzog ein wenig den Mund, Falten bildeten sich auf seiner Stirn. »Ja, die Wege des Herren. Wir Sterblichen verstehen sie nicht immer. Aber nach den Opfern kommt auch immer wieder das Heil.«
»So Gott will. Francesco wird seinem verstorbenen Bruder hoffentlich alle Ehre machen. Aber der Junge steht wohl unter einem guten Stern, das hat der Seher aus dem Dorf gesagt«, erzählte Mamma. »Der hat bei seiner Geburt prophezeit, Francesco wird mal von vielen Menschen verehrt. Und er hat noch gesagt, dass durch seine Hände viel, viel Geld gehen wird, aber er selbst wird nichts besitzen. Was ja wirklich ein Jammer ist, aber wer weiß, wozu das gut ist.«
Francesco holte die Käsereibe und ein Schüsselchen und rieb am Tisch den Pecorino. Mamma redete manchmal wirklich viel.
Padre Carmelo nickte bedächtig und trank einen weiteren Schluck.
»Der Seher hat noch gemeint, dass er viel leiden wird«, fuhr Mamma fort. »Schrecklich, schrecklich, das alles. Ich weiß gar nicht, was das bedeuten soll. Aber irgendwie tröstet es mich. Denn dieser Junge ist so seltsam. So verschlossen. Ganz anders als mein erster Francesco. Padre, versteht Ihr, was ich sagen will?«
»Ja, meine Tochter, ich verstehe Euch«, sagte Padre Carmelo.
Francesco seufzte. Immer musste Mamma von der Prophezeiung anfangen. Viel lieber würde er dem Padre von seinem Wunder erzählen und ihn fragen, ob das wirklich ein Wunder gewesen war. Natürlich war es das. Nur Mamma sollte das alles nicht erfahren.
»Aber macht Euch keine Sorgen.« Padre Carmelo drehte das Weinglas in den Händen. »Euer Sohn scheint mir ein aufgeweckter Junge zu sein. Ihr dürft diesem Seher nicht zu viel Glauben schenken, der Glaube gebührt Gott allein. Und er wird es richten. Im Guten wie im Schlechten. Er wird Francesco auf den rechten Weg führen.«
Francesco schob das Schüsselchen mit dem geriebenen Käse in die Mitte des Tisches. »Ich will Mönch werden«, sagte er. »Ein Mönch mit Bart. So wie Padre Carmelo.«
»Francì, was fällt dir ein? Das hast du nicht zu bestimmen. So kannst du doch nicht über den Padre reden. Das ist ungehörig.«
Mamma wollte ihn am Ohr ziehen, doch Padre Carmelo hob die Hand. »Nicht, das ist doch ein wunderbarer Wunsch, und ich würde mich sehr freuen, wenn Francesco zu uns käme und das Gelübde ablegte. Weißt du, bei uns tragen alle Mönche einen Bart.« Er zwinkerte ihm zu.
»Ach, Padre Carmelo, das sagt Ihr jetzt so. Wenn das mal alles so einfach wäre. Aber seinem Vater wird das mit dem Kloster gar nicht gefallen. Er braucht jede Hand auf dem Feld und bei den Schafen. Francescos wird gebraucht, es gibt einfach zu viel zu tun. Und wenn er hier isst, muss er auch was dafür tun.« Mamma warf die Zwiebelwürfel in die Polenta und goss etwas Öl hinzu.
»Na, na, er soll ja nicht gleich morgen mit mir ins Kloster kommen«, sagte Padre Carmelo, während er sich noch einmal Wein einschenkte. »Und du hast natürlich recht, das ist ein Schritt, der sehr gut überlegt sein will. Man geht nicht einfach so aus einer Laune heraus ins Kloster, und wenn es einem nach einiger Zeit nicht mehr gefällt, kehrt man ins weltliche Leben zurück.« Er sah Francesco eindringlich an. »Nein, Francesco, du musst dir ganz sicher sein, dass du unserem Herrn Jesu wirklich folgen und alles Weltliche für immer hinter dir lassen willst. Prüfe dein Herz genau, ob du zu diesem großen Schritt bereit bist.«
Francesco starrte auf seine Füße und nickte. Padre Carmelo meinte es bestimmt nur gut, aber seit dem Tag in San Donato brauchte er nicht mehr zu überlegen. »Ich bin bereit.«
»Francesco, übereile es nicht. Noch bist du zu jung für das Kloster«, sagte Padre Carmelo. »Mit fünfzehn kannst du bei uns eintreten. Aber für das Noviziat musst du lesen und schreiben können. Erinnerst du dich, was ich dir auf dem Weg erzählt habe?«
»Was habt Ihr ihm erzählt, Padre Carmelo? Ihr habt ihm doch nicht etwa Flausen in den Kopf gesetzt?« Mamma blickte erst zum Padre, dann zu Francesco und runzelte die Stirn.
Francesco rutschte tiefer unter den Tisch.
»Keine Sorge, Donna Giuseppa.« Padre Carmelo lächelte Mamma zu. »Francesco, wie alt bist du eigentlich?«
»Zehn.« Francesco schluckte. Noch fünf Jahre warten.
»Und du kannst nicht lesen? Eigentlich sollten Kinder mit sechs Jahren Lesen und Schreiben lernen. Du bist schon fast zu alt dafür. Gibt es im Dorf denn keine Schule?«
»Nein.« Mamma streute Salz in den Topf. »Hier hat noch nie ein Kind eine Schule besucht. Für die Arbeit auf dem Land muss man nicht lesen können und schreiben schon gar nicht. Ich kann’s auch nicht und komme trotzdem durchs Leben.«
Fast zu alt. In Francescos Brust wurde es eng, er atmete schneller und fuhr mit dem Finger die Maserung des Tisches nach.
»Mamma, bitte.« Francesco entdeckte, dass sich eine Haarsträhne aus ihrem Kopftuch löste. Rasch steckte sie sie wieder fest und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. »Dann bete ich ganz viel zum heiligen Franz, und ihr kommt alle in den Himmel.«
»Francì, das ist Sünde.« Mamma sah zu Padre Carmelo, als erwartete sie eine Bestätigung.
»Keine Sorge, Donna Giuseppa, er meint es doch gut, und so etwas verzeiht der Herr sofort.« Padre Carmelo strich ihm über den Kopf. »Francesco, du hast noch fünf Jahre Zeit. Wir müssen einen Lehrer für dich finden. Donna Giuseppa, ich rede mit deinem Mann. Es wäre eine Sünde, wenn wir diesem Wunsch, der doch aus tiefstem Herzen zu kommen scheint, nicht nachkommen.«
Mammas Gesicht färbte sich rosa. Heftig rührte sie im Maisbrei.
Der Druck in Francescos Brust löste sich, er konnte wieder durchatmen. Alles würde gut werden. Ein Kribbeln erfüllte seinen Bauch, und er fühlte sich leicht.
Padre Carmelo griff in die Tasche seiner Kutte und zog ein kleines Medaillon heraus. Er schob es Francesco zu. »Das möchte ich dir schenken, damit du dich immer an deinen Wunsch und an mich erinnerst. Du wirst sehen, wenn du fest davon überzeugt bist, dass du zu uns kommen willst, wird es geschehen. Ich sehe in ein paar Jahren nach dir und nehme dich mit ins Kloster, wenn du es dann noch möchtest. Das verspreche ich dir.«
Das Medaillon zeigte den heiligen Franz, wie er mit den Vögeln sprach. Vorsichtig nahm Francesco es in die Hand und strich mit dem Finger über die vorstehenden Figuren. Wie das Gemälde in San Donato. Franz predigte den Vögeln, die Hände ausgestreckt, mit den dunklen Flecken in der Mitte. Strahlen um seinen Kopf bildeten den Heiligenschein. Francesco drehte das Medaillon in den Händen. Die kleine Franziskus-Figur war die schönste Darstellung des Heiligen, die er je gesehen hatte. Viel schöner als das alte Bild über dem Kamin. Jeden Tag würde er den heiligen Franz nun ansehen, und Padre Carmelo würde er in seine Gebete einschließen.
»Francì, lass doch mal sehen«, sagte Mamma. Er schob ihr das Medaillon über den Tisch zu. Sie nahm es und drehte es ein paarmal herum. »Wie schön! Verlier das bloß nicht. Hast du dich schon bedankt? Das gehört sich so, und dann hilf mir, den Tisch zu decken.« Sie gab ihm das Medaillon zurück.
»Danke, Padre Carmelo.« Francesco ergriff die Hand des Mönches und küsste sie. Anschließend steckte er das Medaillon in die Hosentasche und holte die blau-gelben Keramikteller aus dem Regal. Während er noch einen Krug mit Wein und eine Karaffe mit Wasser auf den Tisch stellte, Gläser, Gabeln und Löffel holte, kehrten Papà, Matteo und Chiara zurück.
Francesco hörte kaum zu, als Papà von dem mageren Verkauf berichtete und Mamma der Familie Padre Carmelo vorstellte. Francesco verteilte das Besteck. Schon spürte er die raue Mönchskutte auf der Haut, um das Kinn juckte es ihn, doch als er mit der Hand darüber strich, spürte er kein einziges Barthaar.
Beim Abendessen redeten nur die Erwachsenen. Francesco stocherte in der Polenta auf seinem Teller. Sein Bauch war wie zugeknotet. Er war noch nie in einem Kloster gewesen. Wenn dort nur Männer lebten, wer kochte für sie? Irgendjemand musste aber kochen, denn Mönche verhungerten nicht, davon hätte er sonst bestimmt schon mal gehört. Und der Padre sah auch nicht so aus, als ob er Hunger leiden müsste. Francesco schielte zu ihm hinüber.
»Der Kaplan unterrichtet?«, fragte Padre Carmelo.
»Der ist zu teuer«, erwiderte Papà, griff nach seinem Weinglas und trank in einem Zug aus.
Mamma hatte Pasqualina auf dem Schoß und fütterte sie. Matteo, Chiara und Flora blickten schweigend von Padre Carmelo zu Papà, von Padre Carmelo zu Mamma, dann zu Francesco. Er konnte immer noch nichts essen. Eine trockene Haut überzog bereits die Polenta auf seinem Teller.
»Es muss sein.« Padre Carmelos Stimme klang lauter. »Ihr könnt eure Kinder nicht ohne Schulbildung lassen. Es soll ihnen doch einmal besser gehen. Das wird ein Segen für alle sein. Ich rede mit dem Kaplan, gleich morgen. Das mit dem Geld lässt sich sicher regeln.«
Der Kaplan. Das war Signor Caccavo, fiel Francesco ein und legte die Gabel neben den Teller. An den hatte er überhaupt nicht gedacht. Der Kaplan unterrichtete. Es gab zwar keine Schule im Dorf, aber doch einen Lehrer.
In der Nacht wälzte Francesco sich in seinem Bett hin und her. Sein Herz pochte, in seinen Ohren rauschte es. Padre Carmelo wollte für ihn eintreten. Du wirst lesen lernen, flüsterte eine Stimme in seinem Kopf. Und schreiben. Das ist der Weg. Padre Carmelo wird es richten. Du wirst Mönch. Mit Bart. Du folgst Franz von Assisi. Und Mamma freut sich.

KAPITEL 5
Adelia schob das Laken zur Seite. In ihrem Zimmer war es stickig, selbst das geöffnete Fenster hatte in dieser Nacht keine Abkühlung gebracht. Ihr Nachthemd war feucht vom Schweiß, und egal wie Adelia sich drehte, sie fand keine kühle Stelle im Bett. Sie legte sich auf die Seite, die Hände unter der rechten Wange. Auf ihrem Tischchen erhob sich ein Stapel neuer Romane aus Europa, den sie selbst im Dämmerlicht des frühen Morgens genau erkennen konnte. Die Bücher hatte sie gestern im Laden die Straße hinunter gekauft, weil sie in Vaters Bibliothek fehlten und ihre Hauslehrerinnen es nicht wagen würden, sie als Lektüre im Unterricht durchzunehmen. Auf den neuesten Roman von E. M. Foster über die Reise der verwitweten Lilia Herriton nach Italien freute sie sich besonders. Er würde ihr in den kommenden Wochen auf dem Land, in Hurstmont, die Langeweile vertreiben.
Adelia gähnte. Irgendwie hatte sie nicht geschlafen, und scheinbar wirkte sich Schlafmangel auf die Sinne aus, denn es roch nach beißendem Qualm. Sie setzte sich auf. Das fahle Morgenlicht flackerte orangerot. Von der Fifth Avenue drang Geschrei. Adelia sprang aus dem Bett und lief barfuß zum Fenster. Saint Thomas auf der anderen Straßenseite brannte. Aus dem hinteren Teil der Kirche, dort, wo der Altarraum war, schlugen hohe Flammen.
»O mein Gott«, entfuhr es Adelia, dann musste sie husten. Sie schlug die Hände vor den Mund, konnte aber den Blick nicht abwenden. Auf dem Bürgersteig rannte die Hausmeisterin der Episkopalkirche hin und her.
»Es brennt! Die Kirche brennt!« Sie hielt jeden Passanten auf, der die Straße entlangkam. »Schnell! Hilfe! Zu Hilfe!«
In den Nachbarhäusern gingen die ersten Fenster und Türen auf. Die Bewohner schauten auf das weiße Kirchengebäude und fingen aufgeregt an zu reden. Die Hausmeisterin schrie immer noch, während ein Polizist angelaufen kam.
»Officer, so helfen Sie doch.« Sie schüttelte ihn am Arm. »Der Altar brennt.«
Ihre Stimme war so laut und schrill, als stände Adelia genau neben der Frau. Der Gestank wurde immer beißender. Schwarze Rauchwolken quollen aus der Kirche. Adelia fröstelte, und wieder musste sie husten.
»Miss Adelia, um Gottes willen, machen Sie bloß das Fenster zu«, rief jemand hinter ihr. Adelia drehte sich langsam um. Ethel stand in der Tür, ebenfalls im Nachthemd, ihre offenen Haare quollen unter der verrutschten weißen Haube hervor. »Dieser Gestank. Den bekommen Sie aus den Vorhängen nie mehr raus. Rasch.«
Sie eilte zum Fenster und zog es mit einem entschlossenen Ruck nach unten, die Scheibe im Rahmen schepperte.
Adelia zuckte zusammen.
»Ethel, die Kirche … Hast du das gesehen? Sie brennt.« Tränen verschleierten ihren Blick, Ethel wirkte wie ein Unterwasserwesen. Adelia blinkerte ein paarmal, dann stand Ethel mit ihrem spitzen Dienstbotengesicht wieder deutlich vor ihr. »Sie brennt, und es wird immer schlimmer. Wo bleibt denn die Feuerwehr? Ethel, weißt du wo die Feuerwehr bleibt? Das muss man doch löschen, sonst … o Gott!« Adelia schluchzte. Das Haus Gottes brannte, und alles, was darin war, verglühte zu Asche, die Bibel, das Kruzifix, die Gemälde, die Gesangbücher, die Bänke. All die schönen Dinge. Diese heiligen Dinge. Das musste verhindert werden. Heiliges musste man schützen. Das Kruzifix brannte. Adelia zitterte. Das waren doch nur Gegenstände, da brannten Gegenstände, die man ersetzen konnte. Sie atmete tief ein. Aber vielleicht waren noch Menschen in der Kirche und in höchster Gefahr. Sie stützte sich auf die Fensterbank und starrte auf die Kirche, ob sich da etwas bewegte. Kämen Menschen darin zu Schaden, würde Jesus ein zweites Mal sterben, an dem brennenden Kruzifix. Adelia schluchzte lauter.
»Miss Adelia, nur die Ruhe. Keine Sorge. Die Feuerwehr kommt bestimmt gleich.« Ethel legte ihr einen Arm um die Schulter und zog sie zum Bett.
»Nein, ich muss das sehen.« Adelia machte sich los und stellte sich wieder an das geschlossene Fenster. Auf der Straße blieben die ersten Schaulustigen stehen, Geschäftsleute in Anzügen und Hüten. Arbeiter hielten ihre Karren an und gafften von ihren Böcken auf die Kirche. Kinder mit Schulranzen rannten über die Kreuzung, Hausmädchen mit weißen Schürzen und Körben unter dem Arm tuschelten miteinander. Schon konnten die Fuhrwerke, beladen mit Holz, Fässern oder Obststeigen, nicht mehr passieren. Die ersten Automobile hupten, schoben sich langsam über die Kreuzung.
»Ziehen Sie sich wenigsten den Morgenrock über und Ihre Pantoffeln, sonst erkälten Sie sich noch.« Ethel kam mit dem seidenen Morgenmantel und legte ihn Adelia über die Schultern.
»Ach, es ist doch viel zu heiß«, wandte sie ein, schlüpfte aber dennoch in den Morgenmantel. Ihre Hände zitterten, während sie sich den Gürtel zuband. »Sind die anderen schon wach?« Sie starrte immer noch nach draußen. Automobile, Karren, Kutschen, große und kleine Fuhrwerke verstopften die Straße. Die Pferde tänzelten nervös und warfen die Köpfe hin und her. Kaum ein Wagen kam voran. Dichter Qualm lag über der Kreuzung.
Ethel stand neben ihr. »Ja. Der Krach hat das ganze Haus aufgeweckt. Auch die Dienerschaft, wir sind alle schon auf den Beinen. Die anderen bereiten gerade das Frühstück vor.«
»Wie kann man jetzt an Frühstück denken?« Adelia schüttelte den Kopf. Der Qualm kratzte im Hals. Wieder musste sie husten. Keinen Bissen würde sie herunterbringen. Das brennende Kruzifix drückte ihr die Schultern nieder, denn sie konnte es nicht aus dem Inferno retten und in Sicherheit bringen.
»Doch, Sie müssen was essen. Heute haben Sie so viel vor. Italienische Konversation mit Signora Rinaldi, Tennisstunde vor dem Lunch, nachmittags kommt die Schneiderin wegen der Anprobe Ihres Ballkleids. Außerdem müssen Sie sich endlich für ein paar Schuhe entscheiden. Sie können schließlich nicht barfuß tanzen.«
»Ach, Ethel, kann das nicht warten? Da drüben brennt Saint Thomas, und du denkst an Ballschuhe.« Sie zog ein Taschentuch aus dem Morgenrock und putzte sich die Nase.
»Und wie soll ich das Ihrer Frau Mutter erklären?«, entgegnete Ethel mit hochgezogenen Brauen. »Sie wissen genau, dass Madame Pyle keine Trödelei duldet. Ich vermute, selbst eine Tragödie wie diese wird sie nicht dazu bringen, ihre Termine zu verschieben.«
»Ich rede mit Mutter«, sagte Adelia. »Sie mag ja von mir aus ihre Termine wahrnehmen, aber ich kann heute nicht einfach so weitermachen, als wäre nichts passiert. Ich muss erst wissen, ob dort drüben jemand zu Schaden gekommen ist und wie ich helfen kann.« Sie lehnte die Stirn an die kühle Fensterscheibe.
Auf der anderen Straßenseite schlugen die Flammen immer höher. Eine Rauchsäule stand über der Kirche mit den gotischen Spitzbögen über den drei Eingangstüren. Da erklang in der Ferne endlich das Gebimmel des Feuerwehrwagens. Im Schritttempo bahnte sich der Wagen, der aus der Richtung vom Central Park kam, den Weg durch Menschen, Automobile und Fuhrwerke. An der gegenüberliegenden Hausecke entdeckte Adelia wieder die Hausmeisterin auf den Treppenstufen zu der Villa, in der bis vor ein paar Wochen Kathy gewohnt hatte. Seit Adelia denken konnte, hatte sie mit Kathy gespielt, hatte mit ihr zusammen immer die Messe in der Covenant-Kirche, ihrer gemeinsamen Taufkirche in der 42. Straße, besucht. Und sonntags waren sie oft zusammen im Central Park spazieren gegangen. Doch nun war Kathys Familie in ein neues Haus in der Upper Eastside gezogen, und sie trafen sich kaum noch. Adelia seufzte. Das Haus, das sie in all den Jahren mit Kathy bis in den letzten Winkel erkundet hatte, sollte in den nächsten Tagen abgerissen werden. Wieder würde eines dieser übertrieben großen Gebäude in die Höhe wachsen und die Aussicht verbauen, so wie es weiter unten auf der Fifth Avenue gerade üblich war. Die Frau vor Kathys Haus hatte die Hände vor das Gesicht gepresst, ihr Oberkörper schüttelte sich. Sie weinte.
Endlich bezogen Feuerwehrleute Position, rollten die Schläuche aus, hantierten an den Hydranten, Wasser ergoss sich über die Kirche. Wasser, immer mehr Wasser spritzten sie in die Flammen, es rann über den Bürgersteig, umspülte die Füße der Schaulustigen, umspülte die Hufe der Pferde und die Reifen der Automobile, vermischte sich mit dem Staub und dem Sand der Straße, bildete Pfützen und Schlamm. Die ersten Menschen gingen weiter, ein Polizist scheuchte die Schulkinder fort. Die Fuhrwerke rumpelten los, die Arbeiter zogen ihre Karren von der Kreuzung. Da löste Adelia sich vom Fenster und lief an Ethel vorbei aus ihrem Schlafzimmer, hinunter in den Salon.
»Adelia, warum bist du noch nicht angezogen?«, sagte Mutter statt einer Begrüßung, während sie ihre Damastserviette entrollte und sich auf den Schoß legte. »Und wo um alles in der Welt sind deine Pantoffeln? Du holst dir noch den Tod mit den nackten Füßen.«
Der Frühstückstisch war tatsächlich schon gedeckt, obwohl es erst halb sieben war. Normalerweise frühstückte die Familie nicht vor neun, doch alle saßen bereits am Tisch. Die Eltern wie gewöhnlich an den Enden der Tafel. John und Victor, rechts und links von Vater, lasen Zeitung. Gordon und Chester saßen neben der Mutter, während Lizzy gerade in der Mitte Platz nahm.
»Wieso seid ihr alle schon angezogen?«, erwiderte Adelia. »Und wie könnt ihr nur ans Essen denken? Habt ihr nicht gesehen, was draußen los ist?«
»Klar«, sagte Victor und ließ die Zeitung sinken. »Die Kirche steht ja genau vor meinem Fenster. Also, schlafen konnte ich bei dem Radau nicht mehr – und da habe ich mich eben angezogen, wie das zivilisierte Menschen morgens nach dem Aufstehen eben tun.« Er vertiefte sich wieder in die Lektüre des Wall Street Journals.
»Wie kann man nur so arrogant sein«, entfuhr es Adelia. »Saint Thomas brennt, und der feine Herr hat nur die Börse im Kopf. Mitgefühl kennst du wohl nicht, was?« Sie stellte sich neben seinen Stuhl und legte die Hand auf seine Lehne. Seit Victor die meiste Zeit mit seinen Kommilitonen an der Columbia University zusammen war, hatte er sich zu einem ausgemachten Ekel entwickelt. Noch vor einiger Zeit hatten sie sich immer bestens verstanden.
»Mitgefühl? Mit was? Mit einem Steinhaufen? Pah!«
»Das ist kein Steinhaufen. Das ist eine Kirche. Ein Haus Gottes.« Adelia bekam fast keine Luft mehr. Das war nicht mehr der Victor, mit dem sie im Landhaus Verstecken gespielt und der sie immer so liebevoll geneckt hatte.
»Wir sind Presbyterianer«, sagte John. »Was geht uns da die Episkopalkirche an?«
»Das, mein Sohn«, erwiderte Vater, während er klirrend die Kaffeetasse abstellte, »zeugt wirklich von wenig Mitgefühl, dafür aber von jeder Menge Arroganz. Auch wenn wir einer anderen Kirche angehören, sind wir doch alle Christen. Da darf man schon mal ein wenig Bedauern für dieses Unglück an den Tag legen. Zumal so ein Brand immer erhebliche Kosten verursacht, von den menschlichen Opfern einmal ganz abgesehen. Weiß man schon, ob Menschen zu Schaden gekommen sind, Hensley?«
Die Hände auf dem Rücken, den Blick auf das Portrait von Großvater Pyle am Ende des Salons gerichtet, stand Hensley neben der Anrichte. Er machte einen Schritt vor. »Nein, Sir, noch gibt es keine Berichte. Das Feuer ist noch nicht gelöscht, aber die Feuerwehr ist vor zwanzig Minuten eingetroffen. Wir müssen abwarten. Sobald ich mehr erfahre, lasse ich es Sie wissen, Sir.«
»Gut, Hensley. Noch einen Kaffee, bitte.« Nun griff auch Vater nach der Zeitung.
Adelia lief an das hinterste der hohen Fenster im Salon. Die Feuerwehrmänner pumpten immer noch Wasser auf die Kirche. Weißer Qualm stieg auf. Wieder drang der Brandgeruch Adelia in die Nase. Selbst durch die geschlossenen Fenster kam er. Sie hustete.
»Mutter, ich wollte noch sagen, dass ich heute keinen Unterricht vertrage.« Sie drehte sich zur Frühstückstafel. »Und die Schneiderin soll an einem anderen Tag wiederkommen. Heute kann ich wirklich nicht. Der Gestank macht mir Kopfschmerzen.« Wenn es doch nur Kopfschmerzen wären. Der Druck auf den Schultern ließ nicht nach, das Kreuz schien sie zu Boden zu pressen, nur mit Mühe konnte sie sich aufrecht halten. Adelia lehnte sich an den Fensterrahmen.
»Kind, das kommt gar nicht infrage. Reiß dich zusammen. Nimm etwas Schmerzpulver, wenn du den Gestank nicht erträgst. Aber dein Lehrplan ist nun einmal straff gestrickt. Signora Rinaldi kommt extra aus Brooklyn herüber. Wir können sie jetzt nicht mehr abbestellen. Sie hat noch keinen Telefonapparat und ist so schnell nicht zu erreichen. Außerdem, wie sähe das denn aus? Nein! Eine Dame muss ihren Verpflichtungen nachkommen, was auch passiert.« Mutter griff nach einer zartgerösteten Toastscheibe und dem Buttermesser. Wenn sie von den Verpflichtungen einer Dame redete, war jeder weitere Einwand zwecklos.
»Ich hab keinen Hunger. Bitte entschuldigt mich«, sagte Adelia und kehrte in ihr Zimmer zurück. Ihre Füße waren eiskalt, trotz der Hitze des Morgens, die von draußen mit Macht hereindrang und die Räume weiter aufheizte.
Um zwanzig nach zehn stand Adelia, die schließlich ein blaues Leinenkleid und leichte Sandalen angezogen hatte, am Fenster der Bibliothek und beobachtete immer noch die Löscharbeiten. Zwei weitere Feuerwehrwagen waren dazugekommen. Die Männer mit den Helmen rannten und schrien durcheinander, immer neue Schläuche rollten sie auf. Alle Hydranten der Kreuzung waren angeschlossen. Die Männer löschten nicht mehr nur die Flammen, sondern schützten die Nebenhäuser mit dem Wasser, damit der Funkenflug nicht noch weitere Gebäude in Brand setzte. Mittlerweile brannte der gesamte Dachstuhl der Kirche. Das Knacken und Brechen der Balken drang bis in die Bibliothek.
Signora Rinaldi erschien in der Tür. »Contessina Adelia, mi scusi«, rief sie schnaufend. Sie nannte Adelia immer ›Contessina‹, obwohl die Familie keine Adelstitel trug, doch Adelia hörte diese Anrede gern. »Bitte entschuldigen Sie vielmals, aber es war kein Durchkommen. Mamma mia, che confusione. Was ist denn passiert?«
»Was passiert ist?« Adelia schnellte so abrupt herum, dass Signora Rinaldi zusammenzuckte. Sie zog den dunkelgrünen Vorhang am Fenster beiseite. »Das ist passiert. Das haben Sie doch bestimmt unten am Hauseingang gesehen. Saint Thomas brennt …« Wieder stiegen ihr Tränen auf. Die Fassade der Kirche war mittlerweile schwarz. Die bunten Fenster waren zersprungen, aus der Rosette quoll der Qualm. Hektisch pumpten die Feuerwehrmänner und zogen an den Schläuchen. Aber die Flammen schlugen weiter aus dem Kirchenschiff. Nur der Turm auf der linken Seite schien noch unversehrt zu sein.
»Sì, sì, ich habe es gesehen, aber … ich dachte nicht, dass … o Dio mio … von hier sieht es ja aus wie ein Inferno. Aber ist das nicht gefährlich? Müssen wir nicht das Haus verlassen, falls die Flammen auch hierherkommen?« Signora Rinaldi stellte sich neben Adelia. Sie reichte ihr gerade bis zum Kinn, auf ihrem vollen Busen über der geblümten Rüschenbluse blitzte ein kleines goldenes Kreuz an einer dünnen Kette.
»Anscheinend nicht. Hensley hat sich bei dem Officer erkundigt, und der hat gesagt, es bestehe keine Gefahr. Zudem beharrt Mutter darauf, dass wir heute Unterricht machen. Obwohl, ich sage es Ihnen gleich, liebe Signora Rinaldi, ich bin heute wirklich nicht in der Stimmung für italienische Konversation. Es ist alles so schrecklich …« Sie hustete. Das brennende Kruzifix drückte sie noch immer nieder.
»Mia povera Contessina, Sie haben ja so recht. Aber vielleicht sollten wir das Haus dennoch verlassen und einen Spaziergang im Central Park machen, damit Sie auf andere Gedanken kommen. Dabei könnten wir parlare in italiano. So haben Sie diese tragedia nicht ständig vor sich. Und nicht die ganze Zeit diesen fürchterlichen Gestank in der Nase. Der Contessa wird das sicherlich auch recht sein, vero?« Signora Rinaldi presste sich ein grell geblümtes Taschentuch vor Mund und Nase.
Adelia wandte sich vom Fenster ab. Hinausgehen, ja. Vielleicht würde es helfen, wenn sie in ihrer Kirche beten ging. Dort wurden alle Probleme immer so leicht, und sie spürte keine Last. »Das ist eine gute Idee, Signora. Aber ich möchte heute nicht in den Central Park. Wir sollten lieber in die Covenant-Kirche gehen und beten. Wenn wir sonst schon nicht helfen können, sollten wir immerhin um Beistand für die Kirche und die Leute dort unten bitten. Ich hole mir nur einen Überzieher und meinen Hut.« Sie ging zur Tür. Der Druck auf ihren Schultern ließ nach.
»Aber die Straße ist total verstopft. Wir werden mit dem Wagen nicht herauskommen.« Signora Rinaldis Wangen färbten sich rot.
»Na, dann laufen wir eben.« Die Bewegung würde ihr guttun. Ihr Geist würde ruhig und die Gedanken wieder eine klare Richtung bekommen, so wie nach den Sportstunden im Central Park.
»Aber … das sind … o Dio mio … fünfzehn Blocks mindestens, Contessina.« Signora Rinaldi traten kleine Schweißperlen auf die Stirn. »Das ist viel zu weit. Der Central Park ist nur sechs Blocks entfernt.« Sie tupfte sich mit dem Taschentuch über die Stirn.
»Dann ziehe ich mir eben meine Tennisschuhe an«, erwiderte Adelia. »Mit denen kann ich meilenweit laufen.« Falls Signora Rinaldi noch länger klagen sollte, würde sie eben allein gehen. Für eine Anstandsdame war sie eigentlich schon viel zu alt, und heute hatte sie noch nichts Richtiges zustande gebracht. Sie musste endlich etwas tun.
»Tennisschuhe?! In der Stadt?! No! So können Sie nicht aus dem Haus gehen! Das schickt sich nicht für eine Contessina.« Signora Rinaldi zwirbelte das Taschentuch, als wollte sie es erwürgen.
»Ach, unter dem langen Kleid sieht man die Schuhe doch eh nie. Warum müssen wir Frauen eigentlich so unbequeme hohe Schuhe tragen, wo sie doch niemand sieht? Und mit denen man kaum einen Schritt tun kann. Ist doch fürchterlich. Warten Sie bitte kurz, ich bin gleich zurück.« Sie verließ die Bibliothek und eilte die drei Stockwerke zu ihrem Zimmer hinauf.

KAPITEL 6
Signor Caccavo wartete an der Tür der Kaplanswohnung, gleich neben der Kirche Sant’Anna, auf Francesco. Klein, mit wenigen grauen, sorgsam gescheitelten Haaren stand der Lehrer da, mit einem schwarzen Schnauzbart, dessen Spitzen nach oben gezwirbelt waren, und einem graumelierten Kinnbart.
Padre Carmelo hatte mit Signor Caccavo gesprochen, ihn überredet, er möge den Forgiones das Schulgeld von fünf Lire im Monat stunden. Dann hatte er Mamma und Papà überzeugt, dass es das Beste für Francesco und die Familie sei, wenn er Lesen und Schreiben lernte. Francesco hatte beteuert, erwürde sein Bestes geben. Und so ging er seit einigen Wochen jeden Morgen um halb acht Uhr, nachdem er die Schafe im Stall versorgt, Wasser vom Brunnen geholt und Mamma Feuerholz gebracht hatte, zur Schule. Nach dem Unterricht rannte er heim, aß einen Teller Nudeln, Polenta oder Risotto und trieb danach die Tiere auf die Wiese mit dem knorrigen Olivenbaum.
Francesco stolperte die wenigen Stufen zur Wohnung hoch. »Guten Morgen, Maestro«, sagte er rasch und zwängte sich an Signor Caccavo vorbei. Dieser trug wie üblich einen dunklen Anzug mit weißem Stehkragen und eine schmale Krawatte, alles peinlich sauber und faltenfrei. Jeglicher Gedanke, sich einen Spaß mit seinem Namen zu erlauben, verbot sich sofort.
An einem großen Holztisch in der Küche saßen Sergio, Pietro und Serafina. Mehr Schüler hatte Signor Caccavo nicht. Francesco setzte sich auf einen der Stühle mit den hohen Lehnen. Geschirr und Töpfe waren in einer dunklen Anrichte verwahrt. In der hinteren Ecke stand ein gusseiserner Kochherd, dessen emaillierte Eisentüren so blank poliert waren, dass sich der gesamte Raum darin spiegelte. Ein Wasserkessel stand auf der Platte. Kein Staub lag auf dem Regal mit den Einmachgläsern und Vorratsdosen, selbst der Terrakottafußboden glänzte. Ein kleines Fenster ging zum Kirchplatz hinaus, doch eine weiße Spitzengardine versperrte die Sicht auf die vorbeigehenden Leute aus dem Ort.
Signor Caccavo teilte Schiefertafeln, Griffel und Lesefibeln aus. Anfangs malten die Kinder einzelne Buchstaben. Eine Zeit lang brachte Francesco die kleinen D’s und B’s und P’s durcheinander, nun machte er nur noch selten Fehler. Signor Caccavo diktierte.
Danach lasen sie. Zunächst stand Signor Caccavo immer wie ein Chorleiter am Kopf des Tisches und dirigierte mit der Hand. Gemeinsam lasen sie erst Worte von der großen Tafel laut ab, später Sätze. Als dies nach ein paar Wochen zur Zufriedenheit von Signor Caccavo tadellos klappte, ließ er die Schüler einzeln vorlesen. Francesco zitterte jedes Mal, wenn er an die Reihe kam. Aber er hatte geschworen, dass er sein Bestes geben wollte, also überwand er die Angst. Immer öfter las er fehlerfrei und flüssig. Signor Caccavo nickte anerkennend, und auch Serafina, Pietro und Sergio lauschten aufmerksam. In Francescos Bauch schnurrte eine Katze. Gut gemacht, flüsterte eine Stimme in ihm. Du bist auserwählt. Gott leitet dich. Das ist dein Weg. Bald wirst du Mönch.
Den Schafen wuchs ein dickes Winterfell, die Steineichen warfen das Laub ab. Francesco schlüpfte wieder in die Holzpantinen, die zwar am Spann scheuerten, aber die Füße wenigstens etwas warm hielten. Im Dezember bestimmte Signor Caccavo jeden Morgen einen Schüler, der das Feuer im Herd anfachen und hüten musste, damit niemand beim Lernen zu sehr fror. Kurz nach Neujahr rutschte Sergio auf einer zugefrorenen Pfütze auf der Piazza aus und brach sich den linken Arm. Ein paar Tage erschien er nicht zum Unterricht, doch nach einer Woche saß er mit dem Arm in der Schlinge wieder am Küchentisch von Signor Caccavo. Denn auch für die Zeit, in der ein Schüler krank war, musste Schulgeld gezahlt werden. So hatte Sergios Mutter ihn wieder losgeschickt, als es ihm etwas besser ging. Das jedenfalls erzählte er Pietro und Serafina, während Francesco schweigend am Herd stand und ein neues Holzscheit ins Feuer legte. Am ersten März ließ Signor Caccavo den Ofen kalt. Seiner Überzeugung nach brauchte man im Frühling nicht mehr heizen, selbst wenn es morgens noch genauso kalt war wie die Tage zuvor. Francesco kürzte die Finger seiner alten Handschuhe, die ihm längst zu klein geworden waren. So konnte er sie in der klammen Küche anbehalten und gleichzeitig mit dem Griffel schreiben. Nach den Ostertagen ging er wieder ohne Handschuhe zum Unterricht, und auch die Holzpantinen hatte er zurück unter das Bett geworfen und lief barfuß durch das Dorf. In diesem Jahr hatten die Schafe drei Lämmer geboren. Im Juni verwandelte die Hitze die Küche in einen Glutofen. Der Schweiß rann Signor Caccavo den kahlen Schädel hinunter und färbte seinen makellosen Kragen dunkel. Mitte Juli schloss Signor Caccavo die Schule für zwei Monate und entließ Francesco und die anderen Schüler in die Sommerferien.
Als sich am ersten September alle wieder bei Signor Caccavo einfanden, ließ dieser die Lesefibeln im Regal stehen und verteilte den Katechismus.
»Dies ist der große Katechismus, den unser verehrter Papst Pius X. neu herausgegeben hat,« sagte Signor Caccavo, wobei er die Spitzen seines Schnauzbartes nach oben zwirbelte. »In seinem Vorwort empfiehlt er ihn für den Schulunterricht. In Rom ist er bereits Pflichtlektüre, und ich werde selbstverständlich dem Wort des Heiligen Vaters folgen, wie es sich gehört. Francesco, liest du bitte den Anfang vor.«
Während Signor Caccavo sich am Kopf des Tisches auf seinen Stuhl setzte, begann Francesco: »Wer ist ein wahrer Christ? Ein wahrer Christ ist der, der getauft ist. Er glaubt und bekennt sich zur christlichen Lehre und leistet den legitimen Hirten der Kirche Gehorsam. Ist es notwendig, die Lehre Jesu Christi zur lernen? Natürlich ist es notwendig, die Lehre, die Jesus Christus uns gebracht hat, zu lernen. Diejenigen, welche dieser Pflicht nicht nachkommen, machen sich eines schweren Vergehens schuldig. Sind Eltern verpflichtet, ihre Kinder zum Katechismus-Unterricht zu schicken? Eltern sind verpflichtet, dafür zu sorgen, dass ihre Kinder die christliche Lehre studieren. Sie machten sich schuldig vor Gott, wenn sie diese Pflicht vernachlässigen.«
Francesco verstummte. Da stand es. Mamma und Papà hätten sich versündigt, wenn sie ihn nicht zu Signor Caccavo geschickt hätten. Er hatte sie mit seinem Wunsch, Mönch zu werden, vor einer schrecklichen Sünde bewahrt. Also war es richtig gewesen. Und Padre Carmelo war bestimmt nicht zufällig zu ihnen gekommen. Das war ein Zeichen Gottes.
»Sehr schön, Francesco«, sagte Signor Caccavo. »Lernt diese Sätze bis morgen auswendig.«
Nun lasen sie täglich im Katechismus. Danach arbeiteten sie die Bibel durch, erst das Alte, dann das Neue Testament, im Anschluss lasen sie unzählige Heiligenviten, denn es gab weit mehr Heilige als Franz und Donatus. Die Märtyrergeschichten fesselten Francesco besonders. Bald kannte er sie auswendig. Er spürte die Pfeile, die den Heiligen Sebastian durchbohrt hatten, in der eigenen Brust, spürte, wie das rotglühende Rost des Heiligen Laurentius in sein Fleisch brannte, bewunderte den Apostel Andreas, der noch an diesem x-förmigen Kreuz hängend zwei Tage dem Volk gepredigt hatte, litt auf dem Rad mit Katharina von Alexandrien, gegen deren Überzeugungskraft selbst fünfzig Weise nicht ankamen. Fieberheiß wurde ihm, wenn er an das siedende Öl dachte, in das man den heiligen Vitus geworfen hatte, und an den brennenden Ofen, aus dem der heilige Gennaro unversehrt herausgetreten war. Bei jeder dieser Geschichten stand ihm der Schweiß auf der Stirn, litt er am eigenen Leib die Qualen der Männer und Frauen. Doch er bewunderte auch das Geschick des heiligen Antonius von Padua für verlorene Dinge, der wegen seiner vorbildlichen Lebensführung und seiner geschickten Reden ›der Hammer der Ketzer‹ genannt wurde. Francesco beneidete die heilige Klara, die, obwohl sie doch nur eine Frau war, mit der Monstranz in der Hand den Sarazenen entgegengetreten und keinen Schritt gewichen war. Wieder und wieder las er diese Geschichten.
Dann kam der Tag, an dem sie ein anderes Buch begannen.
»Ich habe euch etwas Neues mitgebracht«, sagte Signor Caccavo. »Dieses Buch trägt den Titel Briefe und Ekstasen der Dienerin Gottes Gemma Galgani, Jungfrau von Lucca.«
Francesco hob den Kopf. Ein Buch von einer Frau?
»Hierin«, erklärte Signor Caccavo, während er vor dem Tisch auf und ab ging und in dem Buch blätterte, »sind die Briefe abgedruckt, die Gemma Galgani ihrem Beichtvater Padre Germano geschrieben hat. Der hat die Schriftstücke gesammelt und nun kurz nach ihrem Tod veröffentlicht. In ihren Briefen berichtet sie von himmlischen Erscheinungen, die sie erlebt und wie der Herr sie von schweren Krankheiten geheilt hat.«
Francescos Hände wurden schwitzig. Er kannte diese Gemma Galgani nicht, und doch klang ihr Name so vertraut. Die Dienerin Gottes.
»Gemma wurde von Visionen geplagt, und sie beschloss, Braut Christi zu werden«, erzählte Signor Caccavo. »Ihr sehnlichster Wunsch war es, in ein Kloster einzutreten, aber sie wurde immer wieder krank und musste das Bett hüten. Da erschienen ihr, als sie in den langen Stunden im Gebet versunken war, eines Tages der heilige Gabriel von der Schmerzenden Jungfrau und die Jungfrau Maria höchstselbst.«
Francesco sah mit einem Mal eine Madonna mit einem blauen Umhang und einem Schleier vor sich. Deutlich spiegelte sie sich in den blanken Türen des Ofens, das Muster ihres Schleiers war wie das der Gardine. Sie stand vor dem Fenster, umrahmt von einem Lichterkranz, und breitete die Arme aus wie eine Mutter.
»Gemma war verwirrt von dieser Ehre und beschämt von der eigenen Untätigkeit, zu der ihre Krankheit sie zwang. Deshalb wandte sie sich an Padre Germano.« Signor Caccavo musterte Francesco.
Francescos Bauch verkrampfte sich.
»Ich lese euch nun ein Stück vor. Sie schrieb: Mein guter Vater, ich muss Euch etwas mitteilen. Seit etwa acht Tagen spüre ich auf der Seite des Herzens im Leib ein gar merkwürdiges Feuer brennen, das ich nicht begreifen kann.«
In Francesco zog es. Seine linke Seite tat weh. »Was ist mit ihr passiert?«, platzte er heraus, und der Schmerz verschwand.
»Bevor sie starb, was gerade ein paar Jahre her ist, hat sie die Gnade des Herrn erfahren«, sagte Signor Caccavo und legte einen Finger zwischen die Seiten. »Er hat sie mit den Wundmalen Christi gezeichnet.«
»Wie den heiligen Franz?«, fragte Francesco gepresst. Er bekam kaum Luft.
»Ja, sie blutete an Händen und Füßen. Das nennt man Stigmata. Sie sind ein Zeichen dafür, dass jemand dem Vorbild Christi treulich folgt. Stigmata sind eine große Ehre, die Gott verleiht.«
»Tun die weh?«, fragte Serafina. Sie saß neben Francesco, hatte aber noch nie ein Wort mit ihm geredet. Eigentlich sagte sie nie etwas, wenn sie nicht gefragt wurde. Francesco spürte einen kurzen Stich in den Handflächen.
»Durch den Schmerz kommt man näher zu Gott«, sagte Signor Caccavo. »Jesus hat die Schmerzen am Kreuz ertragen und damit die Sünden der Menschen auf sich genommen. Er hat für uns gebüßt. Und ist dann zu Gott in den Himmel aufgefahren. Wer diese Schmerzen erträgt, ist ganz nah bei Gott.«
Francesco starrte auf das Buch in Signor Caccavos Händen. Auf dem dicken gelblichen Umschlag war der Name Gemma Galgani in Großbuchstaben gedruckt, darunter, kleiner, stand der von Padre Germano. Ein unscheinbares Buch, das man leicht übersehen konnte. Es rauschte ihm in den Ohren. Das Bild einer jungen Frau mit blutenden Händen und Füßen tauchte vor ihm auf. Wieder stach es in seinen Handflächen.
»Vielleicht wird sie in ein paar Jahren heiliggesprochen«, fuhr Signor Caccavo fort. »Menschen, die solche Schmerzen ertragen und Wunder wirken, werden nach ihrem Tod Heilige. Sie sind leuchtende Beispiele für alle Gläubigen. Dann wird Gemma verehrt werden wie Franz von Assisi und all die anderen Heiligen.«
Francesco holte tief Luft. Man musste also nicht vor Hunderten von Jahren gelebt haben, um ein Heiliger zu werden. Auch Menschen, die erst vor Kurzem gestorben waren, konnten heiliggesprochen werden. Aber sie mussten Wunder gewirkt haben. Und leiden. Sie mussten Schmerzen ertragen. Wie Jesus. Und die Menschen mussten diese Schmerzen sehen und davon hören. Ein Wunder hatte er schon gemacht, damals in der Kirche von San Donato. Das hatten die Leute zwar gesehen, aber sie hatten nicht verstanden, dass er es gemacht hatte. Dann machst du eben noch eines, zischte es in ihm. Nimm dir ein Beispiel an Gemma, wenn du Schmerzen erleidest wie sie, wie Franz, wie Jesus, und mehr Wunder machst, wirst du ein Heiliger. Wundmale. Er brauchte Wundmale. So würden alle sehen, dass er Jesus Christus wirklich folgte.
In den nächsten Wochen überredete Francesco Signor Caccavo immer wieder, aus Gemmas Briefen zu lesen. Signor Caccavo reichte das eine Exemplar des Buches herum, damit jeder an die Reihe kam. Francesco ließ es nicht aus den Augen, jedes Wort wollte er im Gedächtnis behalten.
»Mit der Zeit wuchs dieser Wunsch in ihr immer stärker heran und wandelte sich zu einer richtigen Passion, die sie nicht nur im eigenen Herzen bewegen konnte«, las Serafina. »Sie rief: Ich will mit Jesus Christus leiden, etwas anderes erstrebe ich nicht, ich möchte sein wie Jesus Christus, leiden, solange ich lebe, und leben allein für dieses ewige Leiden.« Serafina schüttelte sich und schlug das Buch zu. »Schrecklich! Ich will das nicht lesen.«
Signor Caccavo nickte bedächtig. »Ja, Gemma hat schlimme Schmerzen ertragen, aber sie tat es aus freien Stücken. Dafür sollten wir sie verehren und für sie beten. Wollen wir in die Kirche gehen und eine Kerze für sie anzünden?«
Serafina und die Jungen nickten. Sie legten ihre Schiefertafel übereinander und standen auf, nur Francesco starrte weiter auf das Buch. Es stach und pikste ihn in Händen und Füßen.
»Francesco, kommst du auch?« Signor Caccavo stand an der Tür.
Er schreckte hoch. »Darf ich mir das Buch ausleihen?«
Signor Caccavo sah ihn mit runden Augen an. »Warum?«
»Ich will alles darin lesen. Ich bringe es Ihnen auch bestimmt wieder«, sagte Francesco. Seine Hände zitterten, seine Knie zitterten, alles an ihm zitterte. »Ich kann bestimmt ganz viel von Gemma lernen. Und eine Kerze zünde ich auch für sie an.«
»Ja, geben Sie es ihm«, sagte Serafina und schob den Stuhl an den Küchentisch, »dann müssen wir das nicht mehr hören und können Pinocchio lesen. Das soll so lustig sein.«
»Das kommt nicht infrage. Pinocchio schickt sich nicht«, erwiderte Signor Caccavo. »Also gut, Francesco, ich leihe dir das Buch von Gemma, aber behandle es pfleglich. Dass mir da keine Flecken draufkommen oder du Eselsohren hineinknickst. Serafina, für den Unterricht suche ich ein anderes Buch aus. Doch jetzt gehen wir in die Kirche und entzünden für Gemma eine Kerze.«
Vorsichtig nahm Francesco das Buch. Mit immer noch zitternden Fingern strich er darüber und schob es in seine Jackentasche.

KAPITEL 7
Chiara hopste mit dem Korb unter dem Arm zur Piazza Santissima Annunziata. Mamma brauchte Äpfel für den Geburtstagskuchen von Papà morgen. Und Mehl hatte sie auch keines mehr. Chiara tastete nach den zwei Geldstücken in der Rocktasche, die Mamma ihr gegeben hatte. Endlich kam Chiara aus dem stinkigen, dunklen Vico Storto heraus und konnte erkunden, was es Neues im Dorf gab. Irgendwer hatte immer etwas zu erzählen. Manchmal gab es auf dem Markt auch etwas zu naschen. Der Mann vom Süßwarenstand schenkte ihr ab und zu einen Rest von dem köstlichen Mandelgebäck, das auf der Zunge zerging und köstlich schmeckte. Und vielleicht traf sie Silveria, dann konnte sie mit ihr noch ein bisschen plaudern und sich für den Nachmittag verabreden. Silveria sollte ihr doch unbedingt zeigen, wie man die Tarantella in Neapel tanzt. Neulich hatte sie davon erzählt, weil ihr Onkel aus der Stadt zu Besuch war und von dem Fest des heiligen Gennaro berichtet hatte, bei dem alle auf der Straße getanzt hatten. Silveria hatte behauptet, die Tarantella würde in Neapel ganz anders getanzt als im Dorf. Aber das sollte sie ihr erst einmal beweisen.
Es war fast Mittag, auf der dreieckigen Piazza räumten die ersten Verkäufer bereits ihre Waren zusammen. Chiara lief zum Apfelstand, wo die knochige, ewig mürrische Frau aus dem Nachbardorf Obst verkaufte. Zehn Äpfel ließ sie sich in ihren Korb legen, bezahlte rasch fünfzig Centesimi und flitzte zum Müller, der die Mehlsäcke schon zuschnürte. Ein Kilo brauchte sie. Umständlich öffnete der Mann einen Sack wieder, jammerte, er würde von einem Kilo mehr auch nicht reich und hasse es, wenn alle immer auf den letzten Drücker kämen. Seine Frau warte mit dem Essen auf ihn. Chiara bezahlte und steckte die Mehltüte zu den Äpfeln, als Geschrei ertönte.
»Francì, Francì, wieso sprichst du nie?« Eine Horde Jungen rief durcheinander und sammelte Kiesel auf, die unter den Bäumen lagen, die am Rand der Piazza ein wenig Schatten spendeten. Die Piazza war wie ein Balkon, der an den Hügel gebaut war. Von oben liefen die Straßen auf sie zu, einstöckige Häuser säumten sie, auf der anderen Seite konnte man in die Fenster der oberen Stockwerke der Häuser sehen, die weiter unten standen. Zwischen den Häusern blickte man weit in die Umgebung, über die Felder und die Hügel am Horizont. An der südlichen Seite führten ein paar Stufen vom Platz hinab. Eine Brüstung verhinderte, dass man auf die Straße stürzte, die zwei Meter unterhalb der Piazza ins Tal führte. Jeden Morgen bauten die Bauern und Händler auf diesem dreieckigen Balkon ihre Stände auf, verkauften, was sie angebaut und hergestellt hatten. Kurz vor dem Mittagessen trafen sich die Jungen unter den Bäumen gegenüber den Verkaufsständen, befühlten ihre Armmuskeln, neckten die Mädchen, rangen miteinander und suchten sich jemanden, den sie ärgern konnten.
Chiara entdeckte Francesco, der mit einem Buch unter dem Arm und gesenktem Kopf die Hauptstraße hinunterkam und an den Jungen vorbeiging. Ein Stein flog in seine Richtung. Francesco ging langsam, er rannte nicht weg, als ihn zwei Steine trafen. Er zuckte nur kurz, einer hatte ihn am Kopf getroffen. Er presste die Lippen noch fester zusammen und sagte kein Wort.
Rasch flitzte Chiara mit dem Korb zu Francesco. »Francì, warte«, rief sie, aber er ging einfach weiter und schien sie nicht zu hören.
Die Jungen liefen ihm nach. Dario, der Sohn des Bürgermeisters vorn weg. Seine schwarzen Locken klebten ihm an der Stirn, sein Hemd hing aus der Hose heraus, die er ständig über seinen runden Bauch hochzog. Er trug als einziger der Jungen feste Lederschuhe. Bei jedem Schritt knallten sie auf das helle Pflaster. »Sag mal was, sag mal was, sonst machen wir dich richtig nass«, brüllten sie. Wieder flogen Steine.
Chiara drehte sich zu ihnen um. »Haut ab«, schrie sie und versperrte ihnen den Weg, die freie Hand in die Seite gestützt.
Die Jungen blieben vor der Kirche Santissima Annunziata stehen und lachten laut. »Oh, jetzt ham wir aber Angst.«
»Hosenscheißer!«
»Mamasöhnchen!«
»Seht mal, der versteckt sich hinter dem Rock seiner kleinen Schwester«, brüllte Dario.
»Ihr sollt abhauen«, schrie Chiara noch einmal. Sie griff nach einem rotbackigen Apfel aus dem Korb und warf ihn nach den Jungen. Er zerplatzte vor ihren Füßen auf dem Pflaster, Fruchtfleisch spritzte. Francesco hielt den Kopf immer noch gesenkt und ging einfach weiter. Er sah sich nicht mal um.
»Iieh! Die spinnt wohl. Los, hinterher!«, rief Dario. Alle im Dorf wussten, wie dumm er war und dass er nichts im Kopf hatte. Diese Dummheit glich er allerdings durch seinen dicken, starken Körper aus. Chiara stand einen Moment reglos da. Dann griff sie noch einmal in den Korb und warf einen zweiten Apfel. Er traf Dario genau auf der Stirn, fiel zu Boden und rollte auf dem abschüssigen Pflaster fort. Chiara hüpfte.
»Aua!« Dario rieb sich mit der Faust über die Stirn. »Das kriegst du wieder.« Und schon kam er auf sie zu.
Chiara wirbelte herum und rannte hinter Francesco her, der bereits an der Kirche vorbei war und in die enge Gasse einbog. Chiara wollte schneller laufen, aber der schwere Korb schlug bei jedem Schritt gegen ihre Knie. Sie konnte ihn nicht stehen lassen, außerdem hatte sie schon zwei Äpfel geopfert. Mamma würde schimpfen, weil sie bezahlte Äpfel durch die Gegend warf. Hoffentlich reichten die restlichen noch für den Kuchen. Endlich holte sie Francesco ein. Das Buch drückte er mit beiden Armen an die Brust, sein Blick war starr auf den Boden gerichtet, als hätte er überhaupt nicht mitbekommen, was gerade geschehen war.
»Francì, komm, wir müssen weg.« Sie griff ihn am Arm und zog ihn mit sich in die Gasse, die nach Hause führte. Nur langsam lief Francesco los. Er sagte kein Wort, starrte Chiara nur an. »Nun, mach doch schneller! Dario ist gleich da«, rief sie.
Francesco lief ein bisschen schneller. Da vorn war der Vico Storto. Chiara erkannte schon ihr Haus. Matteo stand in der Tür.
»Mattè, Hilfe! Hier!«, rief sie. Hinter sich, da wo die Gasse von der Piazza abbog und es ein paar Meter weit ganz dunkel war, hörte sie Dario schnaufen und seine Lederschuhe knallen.
»Ich krieg euch«, schrie Dario, wobei er noch ein paar Steine warf, die hinter Francesco auf den Boden prasselten.
Matteo trat ein paar Schritte auf die Gasse zu und stemmte die Hände in die Hüften. »Was ist denn?«
Erst da ließ Chiara Francesco los und rannte an Matteo vorbei auf ihr Haus zu. Francesco fiel in seinen langsamen Trott zurück und sagte kein Wort. Vor der Haustür drehte Chiara sich um.
Dario lief der Schweiß die Stirn herunter, seine Hose war unter seinen weißen Bauch gerutscht. Gerade wollte er an Matteo vorbeisausen, doch der packte ihn am Hosenbund und riss ihn zurück. »Halt, mein Freund. Wo willst du hin?« Er schüttelte Dario. »Haben die beiden dir was getan? Red schon.«
»Nööö.« Dario sah zu Boden. Hinter seinem Rücken ließ er die Kiesel auf die Erde fallen. »Aber die da hat mich mit einem Apfel beworfen.« Er zeigte auf Chiara. Auf seiner Stirn war ein feuerroter Fleck zu erkennen. »Das hat richtig wehgetan.«
»Petze!«, rief Chiara, stellte den Korb ab und trat neben Matteo. »Du und die Jungs, ihr habt angefangen. Ihr habt Francì mit Steinen beschmissen.«
»Stimmt das, Dario?« Matteo packte ihn an der Schulter. »Sieh mich an. Hast du Francì mit Steinen beworfen?«
Dario hob den Kopf und zuckte mit dem Kinn nach oben. »Na und?«
»Ich hab genau gehört, wie ihr Francì aufgezogen habt«, sagte Chiara. »Das ist böse. Er hat euch nichts getan.«
Francesco war in der Haustür stehen geblieben und starrte auf Matteo und Dario. Das Buch presste er immer noch an die Brust und strich mit einer Hand darüber. Nicht einmal jetzt sagte er etwas. Er verteidigte sich nie. Dabei hätte er sie gegenüber Dario in Schutz nehmen müssen. Immerhin war er älter als sie. Chiara hatte ihn schließlich auch beschützt. Eigentlich müsste er sie vor all den blöden Jungen bewahren. Aber Chiara wurde nicht gehänselt, sie vertrug sich gut mit den Kindern im Dorf und spielte mit allen. Sie brauchte keinen Beschützer. Aber Francì war anders. Chiara musste ihm einfach helfen. Sie konnte nicht anders, auch wenn es sie ärgerte.
»Francì, nun sag doch auch mal was«, rief sie schließlich.
Francesco zuckte zusammen. »Äh, ja, also … Chiara hat mit Äpfeln geworfen, aber nur weil … also … die Jungen … sie haben mich verfolgt. Ich wollte heim von der Schule. Und da waren sie … und …« Er starrte auf seine nackten Füße.
»Weiter, Francì.« Matteo verschränkte die Arme vor der Brust.
Spott lag in Darios Blick, seine Mundwinkel zuckten nach oben. Er zog sich die Hose hoch.
»Nichts. Ich bin einfach gegangen und hab nichts gemacht … Na ja, und die … die haben Steine geschmissen …«
»Also doch!« Matteo drehte sich zu Dario. »Sieh bloß zu, dass du wegkommst. Ich will so was nicht noch mal hören. Wenn ihr das noch einmal macht, kriegt ihr es mit mir zu tun, verstanden? Ich wollte schon immer mal ein Wörtchen mit dem Bürgermeister reden …«
Die Röte kroch Dario aus dem Kragen bis zu den Ohren. »Sag meinem Vater nichts, bitte. Der reißt mir den Kopf ab. Ich mach das auch nie wieder«, murmelte er. »Tschuldigung«, sagte er noch zu Chiara, drehte sich um und flitzte die Gasse zurück zur Piazza.
»Endlich ist er weg.« Chiara wandte sich zu Tür. Sie stand offen. Ein Huhn kam aus der Küche stolziert, pickte ein paar Körner von der Schwelle. Von drinnen drangen das Geschrei von Pasqualina und Mammas beruhigende Worte. Francesco war fort.
Chiara lief die Treppe hinauf zu Francescos Schlafkammer, die er sich mit den Eltern teilte. Er saß mit ausgestreckten Beinen quer auf dem schmalen Bett und las in diesem Buch. Mit dem Finger fuhr er die Zeilen mit den Buchstaben entlang, die für Chiara wie krumme Würmchen aussahen.
»Warum wehrst du dich nie, Francì?«, fragte sie. »Du kannst dir das doch nicht einfach so gefallen lassen.«
»Wenn einer dich auf deine rechte Wange schlägt, halte ihm auch die andere hin.« Er sprach leise, ohne aufzusehen.
»Das ist so ungerecht! Du hast doch gar nichts getan.« Chiara setzte sich neben ihn aufs Bett.
»Aber so hat Jesus es gesagt.« Francesco blätterte um, starrte dann auf das kleine Kruzifix, das über dem Bett der Eltern hing.
»Ich würde mich trotzdem wehren.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich an die Wand. »Auge um Auge, Zahn um Zahn. Das steht doch auch in der Bibel, oder?«
»Ja, aber im Alten Testament. Und Jesus hat in der Bergpredigt gesagt, man soll das nicht machen. Vergeltung ist nicht gut. Buße und Vergebung sollen wir tun. Er hat uns unsere Sünden vergeben und dafür sogar gebüßt.« Francesco wies auf das Kruzifix.
»Ich habe nichts Böses getan, für das Jesus büßen muss«, erwiderte Chiara. »Überhaupt, ich finde diese Kreuze fürchterlich. Diese Nägel, all das Blut, das da aufgemalt ist. Und dann noch diese Dornenkrone. Warum soll ich so was gut finden?«
Francesco sah sie an. »Wie kannst du das nur sagen? Man darf nicht an Gott zweifeln oder an Christus. Das ist Sünde.« In seinen Augen glänzte es feucht.
»Aber warum denn nicht? Wer sagt denn das?«
»Das steht im Großen Katechismus. Und den hat der Papst geschrieben. Und der muss es ja wissen. Außerdem sieht der liebe Gott alles.« Francesco zog die Beine an und rückte das Buch auf den Knien zurecht. »Und Jesus auch. Und das tut ihm weh. Das schreibt Gemma Galgani hier.« Er tippte auf die aufgeschlagenen Seiten. »Denn Jesus hat zu ihr gesprochen und hat ihr gesagt: Beständig erfahre ich von den Menschen nur Undankbarkeit und Unwissen. Tag für Tag wächst die Gleichgültigkeit, niemand bereut.« Francesco seufzte. »Dabei lasse ich vom Himmel aus allen Lebewesen meine Gnade und Güte zuteilwerden«, las er weiter vor, »durch das Licht und das Leben der Kirche. Den Herrschenden schenke ich Tugend und Macht, Weisheit gebe ich denen, die all die Seelen erleuchten müssen, derer die im Dunkel leiden. Selbst den verborgenen Sündern in ihren dunklen Höhlen sende ich Licht und tue alles, um sie zu bekehren … doch sie stattdessen …«
»Na, und?« Diese vielen Worte sagten Chiara nichts.
»Den Sündern«, wiederholte Francesco. »Verstehst du nicht? Es ist Sünde, gleichgültig gegenüber dem Herrn zu sein und zu zweifeln. Das macht ihn wütend. Hier, hier schreibt sie weiter, was Jesus ihr noch gesagt hat: Ich brauche Opfer, starke Opfer. Um den gerechten und göttlichen Zorn meines Himmlischen Vaters zu besänftigen, brauche ich Seelen, die mit ihren Leiden und Qualen die Sünder bekehren. Sonst wird der Himmlische Vater das menschliche Volk auf grausame Art strafen.« Francesco zitterte. Dann holte er ein kariertes Taschentuch aus der Wäschekommode.
»Aber das ist ja genauso schrecklich, wie all diese Sachen aus der Bibel«, flüsterte Chiara. »Die gruseln mich immer so.« Sie holte ihren Zopf nach vorn und überprüfte, ob die Haare noch alle fest geflochten und keine Strähnen herausgesprungen waren.
»Was für Sachen denn?« Francesco drehte sich zu ihr.
»Na, zum Beispiel Herodes. Der lässt lauter kleine Kinder ermorden. Warum denn nur? Die haben ihm doch nichts getan. Oder Lazarus. Der lag schon ganz lange in der Grotte und war tot. Und dann steht er plötzlich auf und ist lebendig und gesund. Wenn man tot ist, ist man tot. Sonst bräuchten wir ja keinen Friedhof, wenn die alle wieder aufstehen. Dann hätten wir Nonno ja damals in seinem Bett liegenlassen können, bis er wieder lebendig wird.«
»Wenn wir auferstehen, leben wir im Reich Gottes weiter«, sagte Francesco. »Im Himmel, nicht auf der Erde. Verstehst du?«
»Nein.« Chiara presste die Lippen zusammen. Mamma erzählte immer Geschichten aus der Bibel, aber das passte alles nicht richtig zusammen. Francesco war keine große Hilfe, der glaubte alles und stellte nie Fragen. Er hatte auch keine Angst vor dem Kruzifix. Und las seit einiger Zeit immer in diesem Buch von dieser merkwürdigen Frau. Außerdem ging er gern in diese langweiligen Messen am Sonntag. Der Priester redete lateinisch, und sie verstand kein einziges Wort. Wieso sollte sie Sätze wiederholen, von denen sie nicht wusste, was sie bedeuteten? Aber alle anderen in der Gemeinde sprachen die Sätze nach, im ewig gleichen Tonfall. Da hörte sie gleich, dass die es auch nicht verstanden. Trotzdem wiederholten sie alles wie blökende Schafe. Und durch das Beten hatte sich für sie auch noch nichts verändert. Nichts änderte sich. Ihr Leben war so wie immer, egal ob sie betete oder nicht. Die Kätzchen hatte sie auch nicht behalten dürfen, obwohl sie so darum gebeten hatte. Papà hatte sie einfach im Bach ertränkt, weil es zu viele gewesen waren. Da hatten ihre Gebete auch nicht geholfen. Also konnte sie es auch lassen und lieber mit Silveria spielen. Warum glaubte Francesco das alles?
Chiara rutschte von Francescos Bett und ging zur Tür. Dort drehte sie sich noch einmal um. Francesco schlug das Buch in das Taschentuch, als wäre es ein wertvoller Schatz. Das Bündel schob er in seine Jackentasche, schlug das Kreuz und küsste seine Fingerspitzen.

KAPITEL 8
Der Duft von gebratenen Zwiebeln, Knoblauch und frischen Tomaten umfing Francesco und Chiara auf der Treppe. Teller klapperten, vermutlich deckte Flora gerade den Mittagstisch. Pasqualina plapperte etwas, das Francesco aber nicht verstand. Bestimmt redete sie wieder mit der Stoffpuppe, die Chiara ihr vor einiger Zeit geschenkt hatte. Als Francesco hinter Chiara in die Küche trat, waren aber nicht nur Mamma und die Schwestern da wie sonst, sondern Papà und Matteo saßen ebenfalls am Tisch.
Francesco blickte von einem zum anderen. »Was macht ihr denn hier?«, fragte er, während sich in seinem Bauch etwas zusammenzog.
»Wir haben einen Entschluss gefasst«, sagte Mamma, die vor dem Kessel mit dem kochenden Wasser stand. »Papà erklärt es euch gleich. Aber erst essen wir.«
Sie füllte die Teller mit Spaghetti und reichte jedem eine Scheibe Brot. Schweigend kauten sie, drehten Spaghetti auf die Gabeln, tunkten Brot in die Soße, tranken Wasser, und für Papà und Mamma gab es ein Glas mit Rotwein. Francesco stieg die Hitze in die Ohren, er fühlte, wie sie rot wurden. Das ist nur wegen dir. Bestimmt ist es wegen dir, flüsterte die Stimme in ihm.
Matteo hielt den Kopf dicht über den Teller und schaufelte Spaghetti in sich hinein. Chiara, Flora und Pasqualina sahen zu Papà, anschließend zu Mamma, und drehten weiter die Nudeln auf die Gabeln. Flora zappelte unter dem Tisch mit den Beinen. Mamma tat Papà und Matteo eine zweite Portion auf, rieb ihnen Käse über die Spaghetti und fegte ein paar Brotkrümel vom Tisch in ihre gewölbte Hand. Als Papàs Teller leer war, legte er die Gabel ab und wischte sich mit seinem Schnupftuch über den Mund. Er trank den letzten Schluck Wein.
Mamma griff nach seinem Teller, stellt ihn in ihren und sagte: »Kommt, reicht mir mal eure Teller herüber.«
Francesco hatte noch nicht aufgegessen, aber wenn Mamma so dastand und sie den Tisch abräumen mussten, war das Essen beendet. Das machte sie immer, wenn etwas Wichtiges beredet werden musste. Chiara stapelte das Geschirr. Obenauf stellte sie Francescos Teller. Die kalten Nudeln kamen ihm wie in Blut ertrunkene Würmer vor. Er schüttelte sich.
Papà räusperte sich und schob die Käse- und Brotkrümel zusammen, die den Umriss seines Tellers vor ihm gebildet hatten. »Nun«, sagte er, »es ist so. Der Hof wirft nicht mehr genug ab. Noch haben wir zu essen, aber das Dach müssten wir erneuern. Bei Matteo hat es reingeregnet, das darf nicht sein. Flug und Egge müssen geschliffen werden. Und die Mädchen brauchen neue Kleider.«
Mamma nickte und wischte mit einem Tuch über den Tisch, während Flora an den zu kurzen Ärmeln ihres Kleides zog, die davon aber auch nicht länger wurden. »Das alles kostet viel Geld. Dazu kommt noch das Schulgeld für Francesco. Signor Caccavo hat es mir lange gestundet, aber jetzt verlangt er die erste Rate, und zwar gleich zehn Lire auf einmal. Und Chiara muss auch endlich lesen lernen, weil sie in zwei Jahren in das Kloster der Klarissen in Cerreto Sannita eintreten wird.« Er blickte zu Chiara, die das Band ihres Zopfes neu knotete.
Ihre blassen Wangen färbten sich rot. »Nein, ich will nicht«, presste sie heraus und schleuderte den Zopf über die Schulter.
»Werd bloß nicht frech«, fuhr Mamma sie an und streute die Brotkrümel durchs Küchenfenster den Hühnern hin. »Wir können uns keine Aussteuern für drei Mädchen leisten. Da ist es das Beste, wenn wenigstens die Älteste gut untergebracht ist. So Gott will.«
Noch nie hatten Mamma und Papà von Aussteuern geredet oder dass sie Chiara zur Nonne machen wollten. Francescos sah auf das Bild des heiligen Franz. In San Donato hatte hinter dem Mönch eine Nonne gestanden. Also musste es wohl so sein, dass, wenn es einen Mönch in der Familie gab, es auch eine Nonne geben musste.
»Das Kloster«, sagte Papà, »ist ein Konvent der Urbanistinnen, der Franziskanerinnen des Zweiten Ordens. Dort bist du gut aufgehoben. Aber die Schwestern haben klargemacht, dass du wenigstens ein bisschen lesen und schreiben können musst. Mit Signor Caccavo habe ich bereits gesprochen, morgen fängst du bei ihm an. Francesco nimmt dich mit.« Er blickte Francesco an. »Du trägst die Verantwortung für Chiara.«
Ein Druck legte sich auf Francescos Ohren, das Gackern der Hühner im Hof, die Rufe in der Gasse, die durch die offene Küchentür hereindrangen, wurden ganz dumpf. Francesco nickte.
»Das bedeutet allerdings«, fuhr Papà fort, »wir müssen für die nächsten zwei Jahre doppeltes Schulgeld zahlen. Also muss ich noch mehr verdienen, aber das ist hier nicht möglich. Deshalb gehe ich dahin, wo ich mehr Geld für meine Arbeit bekomme. Ich gehe nach Amerika. Den Hof übergebe ich Matteo.«
Matteo schreckte hoch. »Wie?« Er setzte sich aufrecht hin, legte die Hände gefaltet auf den Tisch.
»Matteo kennt alle Arbeiten auf dem Feld und mit den Tieren. Er weiß, wie man sät, erntet und verkauft. Er wird für euch sorgen.«
Matteo grinste. Chiara und Flora sagten etwas, das Francesco nicht hörte. Er sah nur die Bewegung ihrer Lippen, noch immer drückte es auf seinen Ohren. Mamma schüttelte einen Lappen aus.
Papà ging weg. Nach Amerika. Seine Schultern schienen auf einmal ganz gerade zu sein und hingen nicht mehr herunter wie sonst, wenn er nach Hause kam. Immer war er auf den Feldern unterwegs, pflügte, säte, erntete. Ständig musste er etwas reparieren oder besorgen. Sein Rücken war krumm davon. Doch jetzt war alles an Papà gerade. Er hatte den Kopf erhoben, sein Körper war voller Kraft. Seit Francesco zur Schule ging, sah er Papà nur noch abends. Dann brachte er Auberginen oder frischen Ziegenkäse mit und erzählte die eine oder andere Geschichte. Der Druck auf Francescos Ohren nahm zu. Du bist schuld, zischte es in ihm. Wegen dir muss Papà fort. Weit weg über das Meer, nach Amerika. Von da kommt er nie mehr wieder. Und Mamma wird böse sein, auf dich.
»Papà, wo ist Amerika?«, fragte Flora laut.
»Wann kommst du wieder?« Pasqualina kletterte auf Papàs Schoß. Er umarmte sie und wiegte sie hin und her. Seine Lippen zitterten.
Chiara wischte sich mit der Hand über die Augen. Matteo hatte rote Ohren und drückte die Brust heraus. Immer wieder zuckten seine Mundwinkel nach oben.
Mamma putzte sich mit einem schmutzigen Taschentuch die Nase. Francesco hatte sie noch nie weinen sehen. Sie presste eine Hand vor den Mund und schloss die Augen. Doch sofort riss sie sie wieder auf und stellte einen Teller mit zwei Birnen auf den Tisch. »Kinder, seid still«, sagte sie mit ihrer harten Stimme. »Ärgert Papà nicht.« Sie setzte sich und fing an, die Früchte zu schälen.
»Ist schon gut, Giuseppa«, brummte Papà. »Amerika ist weit weg. Leider. Aber es gibt Arbeit. Dort gibt es viel Land, und es werden Vorarbeiter gesucht. Amerika ist reich und fortschrittlich. Da ist es nicht so wie hier. Da kann man was werden.« Er strich Pasqualina durch die Locken, die ihr bis auf die Schultern fielen.
»Wann fährst du los?«, fragte Matteo, während er ein Stück Birne von Mamma nahm und es sich in den Mund schob.
»In einer Woche. Bis dahin zeige ich dir noch, was du zu tun hast. Danach bist du verantwortlich für das Land, die Tiere, das Haus. Du musst auf Mutter und die Mädchen aufpassen, verstanden?«
Matteo nickte.
»Und ich?«, platzte Francesco heraus. »Ich will auch etwas tun.« Er schob den Stuhl zurück und stellte sich vor den Tisch.
»Du lernst. Das hast du dir so ausgesucht. Mach uns keine Schande.«
Es stimmte. Das hatte er sich ausgesucht. Das gehörte zum Mönchsleben. Trotzdem wollte auch Francesco etwas für die Familie tun. Sonst war er doch nutzlos und überflüssig. Du tust später etwas, raunte die Stimme in ihm. Bald tust du viel mehr für die Familie als Matteo. Du hast das Buch von Gemma. Darin steht alles, was du tun musst, wenn du der Familie helfen willst. Sie werden schon sehen. Francesco tastete nach dem Buch in der Jackentasche. Das Taschentuch war nicht verrutscht, das Buch gut geschützt. Nachher würde er weiter darin lesen. Nachher würde er etwas für die Familie tun. Der Druck von seinen Ohren verschwand.
»Auf, Kinder, wir haben noch viel zu erledigen.« Papà erhob sich, setzte Pasqualina neben sich ab. »Matteo, du kommst mit mir. Wir müssen noch die eine Mauer reparieren und das Dach des Stalls flicken. Francì, du kümmerst dich um die Tiere, so wie immer.«
»Kann ich nicht mit euch kommen?« Jede Sekunde war auf einmal so wertvoll, die Papà noch da war. Sie nicht mit ihm zu verbringen, fühlte sich falsch an.
»Und wer passt auf die Schafe auf? Sollen das etwa die Mädchen machen? Francì, also wirklich. Das haben wir doch abgemacht, sonst kannst du nicht zum Unterricht. Hast du das vergessen?« Papà runzelte die Stirn. Matteo kam um den Tisch herum.
»Nein, aber du gehst doch weg. Und da habe ich gedacht …«
»Hier wird nicht gedacht. Also, jammer nicht, sondern lauf. Die Schafe müssen raus.« Papà griff nach seiner Kappe, die an einem Nagel neben der Küchentür hing, und schob sie sich über die wenigen Haare. »Wir sehen uns beim Abendessen.« Dann trat er aus der Tür, Matteo folgte ihm, die Brust immer noch herausgestreckt.
Francesco starrte auf den abgeräumten, sauberen Tisch. Ein einziges Birnenstück lag noch auf dem Teller. Seines. Er steckte es sich in den Mund. Es war matschig und überreif, als gärte der Saft bereits. Francesco musste würgen.
»Francì, dein Brotbeutel«, rief Mamma ihm nach, als er langsam zur Tür ging. »Ich hab dir noch ein bisschen was eingepackt.«
Er kehrte um und ergriff den Beutel, den Mamma ihm mit vorwurfsvollem Blick reichte.
Vor dem Haus hängten Papà und Matteo dem Esel die Tragekörbe über und beluden sie mit so viel Werkzeug, Steinen und Dachziegeln, als wollten sie ein neues Haus bauen.
Erst als Francesco durch den Tränenschleier den Olivenbaum am Ende des Weges erkannte, ließ er den Stock sinken, mit dem er die Schafe durch harte Schläge zur Eile angetrieben hatte. Sein Gesicht war nass, immer noch liefen ihm die Tränen über die Wangen. Die Schafe hatten den ganzen Weg über geblökt und waren, so schnell sie konnten, vor ihm her getrappelt. Jetzt verfielen sie in ihren gemächlichen Trott und rupften die ersten Gräser aus dem Boden. Hinter den Trockenmauern zirpten die Grillen. Mit dem Jackenärmel wischte Francesco sich den Rotz unter der Nase weg, es dufete stark nach Lavendel und Thymian. Ein paarmal zog er noch die Nase hoch, bevor er sich unter dem Olivenbaum niederließ. Der warme, raue Stamm stützte ihn, es war, als nähme er ihm die Last ab. Francesco holte das Buch von Gemma aus der Jackentasche. Vorsichtig wickelte er es aus dem Tuch, legte es sich auf die Knie und blätterte behutsam eine Seite nach der nächsten um. Oft las er die Worte Lieber Vater, und jedes Mal hielt er inne. Wer war sein lieber Vater? Papà ging nächste Woche weg. Vielleicht für immer. Wer war dann sein Vater? Gott ist dein Vater, sagte die Stimme, die seit einiger Zeit fast täglich zu ihm sprach. Gott ist dein Vater. Wenn du ihm dienst und alles für ihn tust, hat er dich lieber als Papà. Er wird dir antworten, und dann machst du Wunder.
Ein kleiner Ast knackte. »Francì«, sagte jemand.
Er blickte auf. Chiara stand vor ihm. Sie hatte ihn nie beim Schafehüten besucht. Tränen quollen aus ihren dunklen Augen, die genauso waren wie seine eigenen, was ihn immer wieder überraschte. Ihre Haare hatten zwar die gleiche Farbe wie seine, nur waren sie viel länger und zu diesem Zopf geflochten, den sie immer so sorgsam pflegte.
»Was ist?« Seine Stimme war kratzig.
»Ich will keine Nonne werden. Ich will das nicht.« Chiara schniefte, während sie ihr Leinenkleid etwas anhob und sich vor ihm auf die Knie setzte. »Kannst du Mamma und Papà bitten, mich nicht ins Kloster zu schicken? Ich kann keine Nonne sein.«
Francesco starrte sie an und sagte kein Wort. Die Sonne stand hinter Chiara und legte einen goldenen Schimmer um ihren Kopf und ihren Körper. Sie hatte die Hände zusammengelegt, nicht zum Gebet, sondern sie krallte sie umeinander, die Knöchel traten heraus. Mücken tanzten um Chiara herum. Sie roch nach der kleinen Rosenseife, die sie von Mamma zum Geburtstag bekommen hatte.
»Bitte! Du musst das für mich tun. Matteo macht immer nur, was die Eltern sagen. Der wird mir nicht helfen. Du bist der Einzige, der das kann.« Schatten lag auf Chiaras Gesicht, ihre Stimme klang flehentlich, die Worte quietschten.
Sie nahm die Hände auseinander und legte sie auf Gemmas Buch. Francesco zog es unter ihr weg, sodass sie sich auf seine Knie stützen musste. Er strich über die aufgeschlagenen Seiten und klappte es zu. »Ich kann nicht«, sagte er langsam. »Das ist immerhin der Wunsch der Eltern, und was die sagen, muss man machen. Man kann nicht einfach selbst bestimmen.«
»Aber du hast Mamma und Papà doch auch gesagt, du willst Mönch werden.«
»Das ist doch was ganz anderes. Das ist etwas Gutes«, sagte er, während er das Taschentuch hervorzog und über das Buch legte.
»Ach ja?« Chiara musterte ihn mit gerunzelter Stirn. »Ich will aber nicht in einem Kloster eingesperrt sein. Das halte ich nicht aus.« Sie rüttelte an seinen Knien. »Ich will in die Stadt, nach Benevento oder besser noch nach Neapel. Da ist das Meer. Ich will das Meer sehen. Ich will auf der Promenade spazieren gehen und Cappuccino trinken. In einem richtigen Café.« Sie lächelte. Ihre Stimme war wieder normal. »Ich will Leute treffen und Geschichten hören. Ich möchte ein schönes Kleid tragen, mit Spitzen dran. Und tanzen will ich, weißt du? Aber richtig. Walzer, nicht nur Tarantella. Ich kann nicht ins Kloster.« Sie setzte sich auf ihre Fersen und faltete die Hände im Schoß.
»Das ist Sünde«, sagte Francesco.
»Warum? Wer sagt das?« Chiara streckte die Brust heraus. Unter ihrem Kleid zeichneten sich kleine Rundungen ab.
Francesco blickte rasch in die Krone des Olivenbaums. Ein Meisenpaar jagte sich durch das Geäst. Cappuccino, Geschichten, Tanz und schöne Kleider, das war doch zu nichts gut. Das war doch nur Tand. So wie das Goldene Kalb, da hatten sie auch drum herum getanzt, und das hatte schlimm geendet. »Wissen Mamma und Papà das? Dass du nach Neapel willst?«
Chiara schüttelte den Kopf. »Sie fragen mich ja nie, was ich will. Ich zähle doch nicht.« Ihre Hände zitterten. Tränen fielen auf ihr verblichenes Leinenkleid. Der Saum war ausgefranst und staubig.
»Wahrscheinlich wissen sie, dass du solche sündigen Gedanken hast.« Francesco stand auf und entfernte sich ein paar Schritte von ihr. Mit wenigen Handgriffen wickelte er Gemmas Buch wieder in das Tuch und steckte es zurück in seine Jackentasche. »Vielleicht hat Gott den Eltern deshalb gesagt, du sollst Nonne werden. Das ist dann ein Zeichen, dass du ein frommes Leben führen sollst. Und das ist viel wichtiger als Cappuccino und Walzer.«
»Glaubst du das wirklich?« Chiara verscheuchte ein paar Fliegen und wischte sich die Tränen von den Wangen.
»Was?«
»Dass Gott das den Eltern gesagt hat.«
Francesco nickte. »Es kann nicht anders sein. Mir hat Gott Padre Carmelo geschickt, und dir sagt er es durch die Eltern. Und gerade jetzt, wo Papà weggeht, ist das ein Zeichen. Du sollst den Weg zu Gott einschlagen. Etwas Schöneres gibt es doch gar nicht.«
»Für mich schon.« Sie griff nach ihrem Zopf, legte ihn sich vor die Brust. »Bitte hilf mir nur dieses eine Mal, Francì. Danach lasse ich dich auch in Ruhe. Aber das hier schaffe ich nicht alleine. Du weißt, wie man sein muss, wenn man in ein Kloster geht. Aber so bin ich nicht.« Sie hob einen kleinen Ast mit ein paar Olivenblättern auf und steckte ihn sich ins Haar.
»Chiara, ich kann das nicht machen.« Francesco verschränkte die Arme. »Den Eltern muss man gehorchen. Und ich will nicht, dass du ein sündiges Leben führst. Dafür habe ich dich viel zu lieb.« Er spürte, wie seine Wangen heiß wurden. So viel hatte Francesco noch nie mit Chiara geredet. Hoffentlich hielt sie ihn nicht für einen Schwätzer oder war ihm böse. Bisher hatte sie ihn noch nie um Hilfe gebeten, sie war immer so stark und hatte sich sogar den Jungs aus dem Dorf in den Weg gestellt.
Chiara stand auf. Die Olivenblätter glänzten wie ein silbriges Schmuckstück in ihrem Haar. Die hängenden Äste des Baumes schienen sie zu umarmen, sie wie ein wertvoller Mantel zu umhüllen. Die Oliven, die bald reif waren, schimmerten prall durch das Laub. Sie klopfte sich den Staub vom Kleid und zupfte ein paar Grashalme aus dem Leinenstoff. »Dann eben nicht, aber glaub ja nicht, dass ich dir noch mal helfe. Das kümmert dich doch sowieso nicht, nicht mal Danke sagst du. Und wehren tust du dich auch nicht. Du bist doch nicht gescheit!« Sie marschierte vor ihm auf und ab.
Francesco ließ die Arme hängen. »Bitte, Chiara, sei mir nicht böse! Ich würde dir ja helfen, wenn ich könnte. Aber ich kann eben nicht. Nicht dabei.« Er schluckte.
»Warum denn nicht?« Sie blieb vor ihm stehen und stützte die Hände in die Hüften.
»Du sollst Vater und Mutter ehren, heißt es. Damit Gott einem nicht zürnt. Und das, was du mir erzählt hast, verstößt gegen dieses Gebot.« Er tastet nach dem Buch in seiner Jackentasche. »Wenn ich Mönch werden will, darf ich mir keinen Fehltritt erlauben und muss die Menschen auf den rechten Weg bringen. Aber du willst den rechten Weg ja gar nicht. Und dann werde ich auch ein Sünder.« Tränen stiegen in ihm auf.
»Aber das ist doch meine Sache und nicht deine. Wie kannst du da ein Sünder werden?« Etwas Herausforderndes lag in Chiaras Blick.
»Du verleitest mich dazu, Böses zu tun. Und das will ich nicht.« Francesco stieß mit dem nackten Fuß einen Stein davon.
»Also ist dir Gott lieber als ich?«, fragte Chiara, während sie einen Olivenzweig aufhob.
Francesco starrte auf seine Füße. Etwas Blut quoll aus dem großen Zeh, mit dem er den Stein weggeschossen hatte. Er kniete sich hinunter und tupfte mit dem Ärmel seines Hemdes die Wunde ab. Es tat gar nicht weh.
»Nun sag schon, wer ist dir lieber?« Sie hatte den Zweig zu einem Kranz gebogen. Ein Schaf kam zu ihr und knabberte daran. Chiara nahm den Kranz in die andere Hand und verscheuchte das Tier mit einem Klaps.
»Das kann ich nicht sagen«, antwortete Francesco, während er immer noch den Zeh betupfte. Sein Hemdsärmel war blutbefleckt. »Ich habe euch beide lieb«, fügte er hinzu und stand auf.
»Das glaub ich dir nicht.« Chiara drehte den Kranz in den Händen. »Dann würdest du mir helfen. Stattdessen liest du nur in diesem dummen Buch und betest. Also hast du Gott lieber als mich.«
»Nein.«
»Doch. Warum betest du dann so viel?« Sie sah ihn an.
»Weiß nicht. Ich muss einfach beten. Dann hab ich Ruhe.« Ja, Ruhe. Dann schwieg die Stimme. Zumindest für eine Weile. Es war Ruhe, wenn er betete. Dass er so auch noch ein Wunder machen wollte, würde er Chiara nicht erzählen. Das ging nicht. Noch nicht. Wenn sie Nonne würde und den Weg zu Gott fände, könnte er sich ihr anvertrauen. Dann ja.
»Francì, du bist wirklich seltsam. Aber ich hab dich trotzdem lieb.« Sie drückte ihm einen Kuss auf die Wange und setzte ihm die Blätterkrone ins Haar.
»Ich würde dir gern helfen, Chiara.« Francesco zog sich den Kranz vom Kopf. »Aber das ist so schwer für mich. Wir sagen Mamma und Papà erst mal nichts, einverstanden? Du kommst morgen mit zum Unterricht bei Maestro Caccavo. Ich bin ja jetzt für dich verantwortlich, hat Papà gesagt. Lesen und Schreiben musst du auch so können. Das ist wichtig. Dann könntest du … na, du könntest die Geschichten lesen … Wenn du das willst.«
Chiara lächelte, schwach, aber sie lächelte. »Ja, und Romane und Gedichte. Und mit Mamma rede ich später, wenn Papà fort ist.«
Francesco schluckte. Sie wollte wirklich nach Neapel. Das war zwar nicht so weit weg wie Amerika, aber es war eine Stadt, voller Versuchungen und Sünden. Das war genauso schlimm wie Amerika, wenn nicht noch schlimmer. Und er blieb allein zurück. Hoffentlich verließ ihn Chiara nicht auch so wie Papà.

KAPITEL 9
Adelia saß in der Mitte der kleinen Covenant-Kirche mit den zarten Säulen und der geschnitzten Dachkonstruktion und betete. Am Altarraum hingen noch Lorbeergirlanden von der letzten Hochzeit, die ein paar Tage zuvor wohl zelebriert worden war. Adelia neigte den Kopf. Der Brand von Saint Thomas war, als wäre ihr Zuhause in Flammen aufgegangen und ließ sie immer noch zittern. Dazu noch das Verhalten ihrer Familie, unfassbar, wie sie ihren Geschäften und alltäglichen Dingen nachgingen, als wäre nichts geschehen. Wie konnte man nur so kalt sein? Adelia erzitterte. Sie sah kurz zu Signora Rinaldi, die eine Reihe hinter ihr saß, die Hände gefaltet, die Augen geschlossen. Schlief sie? Sie schien vollkommen ruhig zu sein. Aber dies war eine Baptisten-Kirche, die Signora war Katholikin, vielleicht beeindruckte sie dieses Gotteshaus nicht. Katholiken waren ja so eigen, was ihre Kirchen und ihre Gebete anging. Adelia erhob sich und räusperte sich. Signora Rinaldi schreckte hoch, bekreuzigte sich und folgte ihr auf die Fifth Avenue zurück.
Einen Block vor Saint Thomas beschleunigte Adelia ihren Schritt und ging auf einen der Feuerwehrleute zu.
»Contessina, was tun Sie da?«, rief Signora Rinaldi ihr hinterher. Sie humpelte, seit sie wieder aus der Convenant-Kirche getreten waren, und jammerte in einem fort über den langen Weg nach Hause. Adelia hatte nicht mehr auf sie warten wollen. »Wir müssen doch auf die andere Straßenseite.«
»Gehen Sie ruhig vor, Signora«, sagte Adelia, ohne sich umzudrehen, »ich komme gleich nach.« Sie erreichte einen Feuerwehrmann, der einen der Schläuche aufrollte. Sein Gesicht war vom Ruß ganz verschmiert. »Sir, darf ich Sie kurz stören?« Der Gestank vor der geschwärzten Kirche nahm ihr kurz den Atem, ihre Augen tränten und der Hustenreiz stieg in ihrer Kehle auf.
Der Mann drehte sich zu ihr. »Ma’am, das ist nicht der richtige Moment. Und Sie gehören schon gar nicht hierher. Gehen Sie lieber nach Hause, bevor wieder ein Stück der Fassade herunterkommt.« Er zeigte auf den Giebel der Kirche. Die obere Spitze fehlte, auf den Stufen vor den Eingangstüren lagen zerbrochene Steinbrocken.
»Um Gottes willen!« Adelia machte einen Schritt zurück. »Bitte! Wie sieht es in der Kirche aus? Hat sich jemand verletzt?«
»Wüst sieht es aus, Ma’am.« Der Mann schob den Helm in den Nacken und wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn. Ruß und Schweiß bildeten graue Streifen wie aufgemalte Sorgenfalten. »Der Dachstuhl ist über die gesamte Länge eingestürzt, das Gestühl und der Altar sind nur noch ein Haufen Asche. Die Fenster sind allesamt zerborsten. Zum Glück war kein Mensch im Gebäude, als der Brand ausbrach. Also keine Personenschäden.«
»Zum Glück.« Adelia seufzte. »Aber das Kruzifix? Was ist mit dem Kruzifix? Konnten Sie es retten?«
Der Mann schüttelte den Kopf. Er sah müde aus. »Der Brand ist auf dem Altar ausgebrochen. Jemand hat gestern Abend nach der Messe eine Kerze vergessen. Das Kruzifix darüber wirkte wie Zunder und hat die Flammen noch angefacht. Es ist nichts mehr davon übrig.« Er warf die Schlauchrolle auf den Feuerwehrwagen.
Der Druck legte sich mit aller Macht wieder auf Adelias Schultern. Das Kruzifix war zerstört. Jesus war ein zweites Mal gestorben. »Danke für Ihre Mühen«, sagte sie mit kratziger Stimme. Sie schluckte die Tränen hinunter. »Kann ich irgendwie helfen?«
»Nein, Ma’am. Hier ist nichts mehr zu retten. Die Mauern sind einsturzgefährdet. Nur der Turm hat nichts abbekommen.« Er zog seine Arbeitshandschuhe aus, steckte sie in die Taschen seiner Jacke und zog eine Schachtel Zigaretten hervor. »Wollen Sie auch eine?« Er hielt Adelia die Packung hin. »Beruhigt die Nerven.«
Adelia wollte schon den Kopf schütteln, doch dann griff sie zu. Mit zitternden Fingern zog sie eine Zigarette aus der Schachtel und steckte sie sich zwischen die Lippen. »Danke«, presste sie heraus. Schon hatte der Feuerwehrmann ein Streichholz entzündet und hielt es an ihre Zigarette. Rote Glut leuchtete vor Adelias Nase auf, fast wäre ihr die Zigarette heruntergefallen. Sie sog den Rauch ein, es brannte und kratzte in ihrem Rachen. Ihre Lungen schienen zu bersten. Sie hustete, laut, würgend. So undamenhaft. Rasch nahm sie die Zigarette aus dem Mund, atmete tief durch.
Signora Rinaldi trat neben sie. »Contessina, was tun Sie da?« Ihre Stimme überschlug sich fast. »Sie können doch nicht einfach mit einem Unbekannten reden! Und auch noch rauchen. Auf der Straße … o Dio mio …« Der Schweiß lief der Signora die Schläfen hinunter. Ihre Frisur war zusammengefallen, der kleine Hut mit den billigen Kunstblumen verrutscht, der Saum ihres gestreiften Kleides war grau vom Schlamm der aufgeweichten Straße.
»Nicht aufregen, Ma’am«, sagte der Feuerwehrmann und nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette. »Ist ja nichts passiert. Und nach so einem Tag kann man schon mal eine rauchen, oder?«
»Ach, was erlauben Sie sich«, kreischte Signora Rinaldi und fasste Adelia am Ellenbogen. Resolut zog sie Adelia über die Straße und schob sie in den Hauseingang.
Vor den Stufen ließ Adelia die glimmende Zigarette fallen, streckte den Rücken durch und straffte die Schultern. »Sagen Sie Mutter bitte nichts von der Zigarette«, sagte sie.
Signora Rinaldi schüttelte den Kopf, ihr Hut wackelte. Langsam gingen sie hintereinander die Treppe hoch.
»Mutter, wir sind zurück«, verkündete Adelia, als sie in den Salon trat. Könnte sie sich doch nur gleich auf ihr Zimmer zurückziehen, ohne Mutters Getue auch nur eine Sekunde ertragen zu müssen. Bestimmt würde sie wieder an ihrer Kleidung herumnörgeln.
»Kind, wo warst du? Und was hast du da an den Füßen?« Mutter warf ihr einen prüfenden Blick zu. »In nicht mal einer Stunde kommt die Schneiderin zur Anprobe. So kannst du sie nicht empfangen. Bitte mach dich sofort frisch.«
Eigentlich war jede Erklärung sinnlos. »Ich war in der Covenant-Kirche und habe gebetet. Außerdem habe ich erfahren, dass niemand beim Brand verletzt wurde und der Turm unbeschädigt ist.«
»Kind, das ist ja sehr löblich, aber du solltest deine Studien nicht vernachlässigen. Die Tennisstunde hast du bereits geschwänzt, wie ich hörte. Das darf nicht wieder vorkommen. Signora Rinaldi, ist Ihnen nicht wohl? Möchten Sie ein Glas Wasser?« Mutter erhob sich und ging ihr entgegen.
Signora Rinaldi stand mit blassen Wangen und leerem Blick in der Tür. »Sì … äh … ja, danke, das wäre sehr freundlich«, stieß sie hervor. »Darf ich mich einen Moment setzen? Ich breche auch gleich wieder auf. Aber ich konnte die Contessina ja nicht allein nach Hause gehen lassen …«
»Gehen? Was soll das nun wieder heißen?« Mutter sah Adelia mit zusammengekniffenen Augen an.
Noch mehr nutzlose Erklärungen. »Na, das, was die Signora gesagt hat. Wir sind gelaufen, weil doch die Kreuzung gesperrt war. Dieser Spaziergang hat aber gutgetan, nicht wahr, Signora Rinaldi?« Adelia drehte sich zur Signora und formte mit den Lippen tonlos die Worte: ›Sagen Sie ja nichts Falsches.‹
Mit einem tiefen Seufzer ließ sich Signora Rinaldi auf einen der Stühle fallen. »Sì, Contessina, nur diese Hitze …« Sie fächelte sich mit der Hand Luft zu.
»Kind, du kannst doch nicht einfach durch die Straßen laufen. Das schickt sich nicht, und dann noch in diesen Schuhen. Manhattan ist doch kein Tennisplatz! Was sollen denn die Leute denken, wenn sie dich so sehen?«
Typisch Mutter. »Nichts«, sagte Adelia, während sie an dem Glockenstrang zog. Rosa eilte herein. Adelia bat sie, Wasser und Limonade für Signora Rinaldi zu bringen. »Die Menschen da draußen haben wahrlich andere Probleme«, fügte Adelia an.
»Das mag ja sein«, erwiderte Mutter, »aber du musst auch an unseren Ruf denken. Gerade bin ich noch mal die Gästeliste für euren Debütantinnenball im Sherry’s Ende September durchgegangen. Zweihundert Persönlichkeiten der besten Gesellschaft New Yorks haben zugesagt. Endlich werden Lizzy und du eingeführt. Es wird aber auch Zeit, wir müssen schließlich einen Mann für dich finden. Du bist immerhin schon achtzehn.«
Rosa brachte ein Tablett mit Wasser und Limonade, dazu Gebäck und Weintrauben. Sie stellte alles auf den Tisch, schenkte Signora Rinaldi ein Glas Wasser ein, das diese in einem Zug leerte.
»Mutter, bitte. Dieser Ball interessiert mich nicht. Ich will keinen von diesen steifen Bücklingen, die nur ein hübsches Accessoire an ihrer Seite haben wollen. Dafür lerne ich doch nun wirklich nicht lauter Fremdsprachen, oder? Zu irgendwas müssen diese Kenntnisse doch gut sein. Ich will damit etwas machen, ich will arbeiten, ich will helfen … Was brauche ich dafür einen Ball, auf dem ich wie auf dem Markt verschachert werde?« Ausgerechnet an so einem Tag sollte sie auch noch über künftige Ehemänner nachdenken, die sie sowieso nicht wollte. Sollte sie je heiraten, so würde sie nur einen Mann nehmen, den sie wirklich liebte, und nicht einen, der nach Mutters Ansicht über genügend Ansehen und Vermögen verfügte.
Signora Rinaldi steckte eine Haarsträhne unter ihren Hut und erhob sich: »Bene, grazie. Ich gehe. Bis nächste Woche also …«
»Liebe Signora Rinaldi«, sagte Mutter. »Nicht nächste Woche. Wir bringen die nächsten vier Wochen auf unserem Landsitz zu. Im August ist die Hitze in der Stadt ja nicht zu ertragen. Hatte Hensley Sie nicht darüber informiert?«
»Ah, sì … ja, natürlich doch. Bitte verzeihen Sie, diese Ereignisse heute haben mich ganz durcheinandergebracht.« Sie seufzte. »Ja, also dann in der ersten Septemberwoche, nicht wahr? Und Contessina, lesen Sie in der Zeit, per favore, ein bisschen Manzoni. Einen schicklichen Klassiker, nicht immer dieses neumodische Zeug. Das gehört zu einer anständigen Bildung in der italienischen Kultur dazu.«
»Ja, Signora Rinaldi, das mache ich«, sagte Adelia, während sie ihr die Hand reichte. Diese Promessi Sposi waren zwar ein alter Schinken, aber Lucias Treue zu Renzo, die allen Widrigkeiten trotzt, und ihre tapfere Unschuld, mit der Lucia einen Bösewicht zum Glauben bekehrt, berührte Adelia mit jeder Zeile.

KAPITEL 10
Eine Woche später brach Papà auf. Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Gleich nach dem Frühstück, einem Milchkaffee und zwei trockenen Keksen, nahm Papà sein Bündel, strich den Mädchen über die Haare, klopfte Matteo auf die Schulter, küsste Mamma innig. Er blickte Francesco tief in die Augen und sagte kein Wort. Francesco sah ihm nach, bis er am Ende der Gasse um die Ecke bog. Hinter ihm zog der Müller seinen Karren mit den Mehlsäcken auf den Markt. Er war spät dran, denn die Stände waren längst aufgebaut und die ersten Frauen kamen bereits mit ihren vollen Körben zurück.
»Guten Morgen, Francesco«, sagte die dicke Nunzia von gegenüber. »Ich hab gerad deinem Vater ne gute Reise gewünscht. Is bestimmt nich leicht für euch, oder?«
Francesco nickte nur und lehnte sich mit dem Rücken an den Türrahmen. Er starrte auf seine nackten Füßen, bis Nunzia endlich begriff, dass er nicht reden wollte, und in ihrem Haus verschwand.
Papà war weg. Vielleicht kam er nie wieder. O Herr, beschütze ihn auf seiner langen Reise. Halte deine Hand über ihn. Geleite ihn auf allen Wegen. Und mach, dass er uns nicht vergisst und wieder zu uns zurückkommt. Die Wunde am Zeh war verheilt, aber die Holzpantinen hatten im Winter gescheuert und helle Narben auf den Fußrücken hinterlassen. Du brauchst nicht zu beten. Das hilft nicht. Francesco zuckte zusammen. Du bist schuld. Du und deine Halsstarrigkeit. Was willst du auch Mönch werden? Hältst dich für was Besseres! Anmaßung. Sünde. Dafür zahlt Papà Schulgeld. Für dich, einen anmaßenden, kleinen Sünder. Dafür muss er nun nach Amerika. Über den gefährlichen Ozean. Vielleicht kommt er dabei um. Dann hast du sein Leben auf dem Gewissen. Francesco schluckte. Ave Maria … Ave Maria, gratia plena, Dominus tecum. Du bist schuld. Benedicta tu in mulieribus, et benedictus fructus ventris tui, Iesus. Du bist schuld. Sancta Maria, Mater Dei, ora pro nobis peccatoribus nunc et in hora mortis nostrae. Amen.
Nach drei Ave-Maria schwieg die Stimme. Francescos Knie zitterten, ein flaues Gefühl breitete sich in ihm aus. Er rutschte an dem Türrahmen hinunter und setzte sich auf die kalten Pflastersteine. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn.
Chiara trat neben ihn. »Was ist mit dir?«, fragte sie. »Wir müssen los. Sonst kommen wir zu spät zu Signor Caccavo.«
»Ich … mir ist schlecht … ich glaub, ich werd krank«, sagte er, während er die Beine anzog und umschlang.
»Du bist ganz bleich im Gesicht. Bleib doch zu Hause und leg dich ins Bett.« Chiara strich sanft über seine Stirn.
»Aber dann schimpft Mamma. Nein, ich komm mit in die Schule.« Francesco stemmte sich hoch. Alles drehte sich.
Nur mit Mühe konnte Francesco dem Unterricht bei Signor Caccavo folgen. Sie lasen das Märchen von Blaubart, nachdem Serafina nicht schon wieder die Vita des heiligen Franz nacherzählen wollte. Francesco sah den blauen Bart des Mannes vor sich, das Blut der ermordeten Ehefrauen, den kleinen goldenen Schlüssel, die Pfeife. Was bedeutete das alles? Warum hatte Signor Caccavo diese Geschichte ausgewählt? Sie war sündig und grausam. Erschöpft kehrte Francesco nach Hause zurück. Er schwankte. Er schwitzte.
Mamma legte ihm die Hand auf die Stirn und schickte ihn ins Bett.
Er stützte sich an der Wand ab, als er die Treppe hinaufstieg. Seine Beine waren schwer wie die Mehlsäcke vom Müller. Ihm war als läge ein Holzbalken über seinen Schultern und drückte ihn nieder. Die Treppe schien kein Ende zu nehmen. Endlich erreichte er das Schlafzimmer und kroch unter die kühlen Laken. Das gleißende Mittagslicht fiel zwischen den Lamellen der Fensterläden hindurch und zeichnete Streifen auf die Terrakottafliesen. Francesco wälzte sich hin und her. An der Zimmerdecke wuchs ein Schatten, er hatte die Umrisse von Blaubart, er färbte die Wände blau und starrte Francesco an. Mit Papàs Augen sah Blaubart ihn an, aber Papà hatte keinen Bart, der war von Signor Caccavo. Francesco tastete auf dem Laken, aber er fand die kleine Pfeife nicht, mit der er hätte Hilfe holen können. Blut tropfte von Blaubarts dürren Fingern, es zerrann auf dem Fußboden, sickerte zwischen die Fliesen, färbte sie noch röter. Immer näher kam Blaubart, war über Francescos Bett, beugte sich zu ihm herunter und entblößte spitze Zähne. Büßen musst du, kleiner Sünder, zischte er, büßen für deine Sünden. Blaubart hielt ein Schwert. Blut tropfte. In der Hölle sollst du schmoren, für deine Sünden. Blaubart holte aus.
»Nein!« Francesco zuckte zusammen. Er atmete heftig. Immer noch fand er die Pfeife nicht. Es war nass unter ihm, und seine Beine hingen fest. Er kniff die Augen zusammen und riss sie wieder auf, er lag in seinem Bett. Die nassen Laken hatten sich um seine Knöchel geschlungen. Draußen ging gerade die Sonne unter und tauchte die Kammer in orangenes Licht. Blaubart war weg.
»Francì, was ist?« Mamma kam zur Tür herein.
Francesco setzte sich auf. »Blaubart wollte mich holen. Und alles war voll Blut. Ich will nicht in die Hölle!«
»Ach, Francì, das hast du dir nur eingebildet.« Mamma legte ihm die raue Hand auf die Stirn. »Du bist immer noch heiß. Ich mach dir Wadenwickel. Komm, leg dich wieder hin.«
Mammas Hand war kühl. Francesco sank in das Kissen zurück und zog das Laken über sich. Als er die Augen schloss, stand Mamma auf. Die Tür quietschte.
Vor dem Fenster gackerten die Hühner. Aus der Ferne drang das Rufen der Arbeiter herein, die vom Feld nach Hause kamen. Ein Esel, vor einen Karren gespannt, schrie. Seine Hufe hallten zwischen den Hauswänden, es rumpelte lange und laut. Francesco dröhnte es in den Ohren. Mamma kam zurück, zog das Laken weg und wickelte ihm nasse, kalte Tücher um die Waden. Er atmete auf. Alles würde gut. Mamma machte ihn wieder gesund. Blaubart konnte gegen Mamma nichts ausrichten. Wieder fühlte er ihre kühle Hand auf der Stirn. Sanft strich sie ihm die Haare zurück.
»Schlaf, Francì. Morgen ist alles wieder gut. So Gott will.«
In der Früh schaffte Francesco es kaum um das Haus herum zum Abort. Seine Beine zitterten, sein Magen krampfte sich zusammen. Er musste sich am Türpfosten festhalten. Kälte kroch in ihm hoch, und er fing an zu zittern. Über dem Loch im Boden summten die Fliegen, der Gestank und der Schimmel an den Holzwänden ließen ihn würgen. Als er den düsteren Austritt verließ, musste er blinzeln, so blendete ihn das Licht, dann schleppte sich ins Haus zurück. Mamma half ihm ins Bett und deckte ihn wieder zu. Sie stellte ihm ein Wasserglas auf den Nachttisch. Kaum lag Francesco, wich der Schüttelfrost, ihm wurde heiß. Unruhig wälzte er sich hin und her. In der Hölle sollst du schmoren, zischte Blaubart. Büßen musst du, büßen. Für deine Sünden. Papà ist fort, wegen dir. Und er kommt nie wieder. Blaubart riss den Mund auf. Sein Bart wogte. Wände, Decke, Laken färbten sich blau, wieder sickerte Blut aus allen Ritzen, Löchern und Fugen. Francesco riss den Arm vors Gesicht. Seine Hand traf auf etwas Hartes, Glattes. Das Glas flog vom Nachttisch.
Francesco schreckte hoch. Der Vollmond tauchte das Zimmer in fahles Licht. Das Kruzifix über dem Bett von Mamma und Papà funkelte. Er kniff die Augen zusammen, blinzelte. Bewegte sich in der Ecke etwas? Es quietschte. Mamma drehte sich in ihrem Bett um. Das zerspringende Glas hatte sie nicht geweckt. Francesco zog die Beine an und umschlang die Knie. Er schaukelte vor und zurück. Wenn er nicht hinsah, ließ Blaubart ihn vielleicht in Ruhe. Das Zittern fing wieder an, und Francesco klapperte mit den Zähnen.
»Pater noster, qui es in caelis«, murmelte er, »sanctificetur nomen tuum. Adveniat regnum tuum. Fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra. Panem nostrum supersubstantialem da nobis hodie. Et dimitte nobis debita nostra, sicut et nos dimittimus debitoribus nostris. Et ne nos inducas in tentationem, sed libera nos a malo. Amen.«
Es raschelte, trippelnde Schritte liefen unter seinem Bett an der Wand lang. Er reckte den Kopf. Nur eine Maus. Sie verschwand in einer Ritze zwischen Tür und Fußboden. Er zitterte nicht mehr. Mamma schlief. Nichts bewegte sich. Das Zimmer war wie immer. Das Vaterunser hatte geholfen. Gott hatte geholfen. Langsam streckte sich Francesco wieder aus. Er hatte Blaubart vertrieben.
Es war der erste kühle Tag nach einem drückend heißen Herbst, als Francesco aufstand. Sechs Wochen lang hatte er im Bett bleiben müssen. Fieber und Schüttelfrost hatten sich abgewechselt. Nachts hatte Blaubart ihn heimgesucht und gequält, bis Gott ihn vertrieb. Mamma hatte alle drei Tage die Laken gewechselt und Francesco Reis und Kraftbrühe gekocht, was er besser vertrug als ölige Spaghetti.
Blass und auf wackligen Beinen kam er in die Küche.
»Mamma, kann ich eine Orange haben?«
»Natürlich, Francì, Chiara hat vorhin welche vom Markt mitgebracht.« Mamma nahm eine Frucht aus dem Körbchen auf dem Tisch, zog mit einem kleinen Messer die Schale ab und reichte Francesco die Spalten. Er setzte sich an den Tisch und aß einen nach dem anderen, bis ihm der Saft das Kinn hinunterlief.
Flora und Pasqualina lugten zur Tür hinein. Sie sahen anders aus, größer. Pasqualina trug ein altes Kleid von Flora, die wiederum einen Rock und eine Hemdbluse anhatte, in denen Chiara vor zwei Jahren immer herumgelaufen war.
»Geht’s dir wieder besser, Francì?«, fragte Pasqualina und hopste neben seinem Stuhl auf und ab.
Er nickte. »Ich habe euch vermisst«, sagte er. »Wo sind denn Chiara und Matteo?«
»Matteo ist noch auf den Feldern, der Mais ist reif, und er erntet schon seit drei Tagen«, sagte Mamma. »Chiara ist bei Silveria. Sie übt mit Chiara lesen, weil sie das doch schon kann.«
»Wie schön«, sagte Francesco. Silveria war Chiaras beste Freundin, und sie hatte schon mit sechs das Lesen gelernt.
»Salve! Jemand zu Hause?«, rief eine Stimme vor dem Haus, und einen Moment später trat der Postbote durch die offene Küchentür und blieb neben Flora stehen. Er hatte die speckige Postbotenkappe in den Nacken geschoben, dass seine Glatze sichtbar wurde.
»Signor Turi, was macht Ihr hier?«, rief Mamma.
»Na, was wohl? Ich bringe einen Brief.« Mit diesen Worten zog er einen Umschlag aus seiner Postbotentasche und wog ihn in der Hand. »Der kommt von weit her. Aus New York. Da ist eine ganz ulkige Briefmarke drauf.« Er wollte den Brief gar nicht weitergeben.
»Aus New York? Aus Amerika? Von Grazio?« Mamma riss ihm den verknitterten Umschlag aus der Hand. Sie drehte und wendete ihn. »Francì, lies vor! Ist er von Papà?« Sie hielt ihm den Brief hin.
Langsam nahm er den Umschlag und starrte auf die orange Marke. Sie zeigte ein merkwürdiges Männergesicht. Jefferson stand darunter. Und eine 50. Fifty cents und United States of America.
»Nun sag schon, Francì.«
Abgestempelt war der Brief vor drei Wochen in New York. An ›Donna Giuseppa Forgione, Vico Storto, 28, Pietrelcina (BE), Italy‹ stand vorn und auf der Rückseite: ›Grazio Forgione, general delivery, Post Office 1, New York, NY, USA‹. Post von Papà. Er war in Amerika angekommen. Er war nicht tot. Er lebte.
Francesco musste husten. »Ja, er ist von Papà«, sagte er leise.
»Endlich!«, rief Mamma und nahm den Umschlag wieder an sich. Ihre Hände zitterten, als sie ihn öffnete. Ein grüner Schein rutschte heraus und segelte zu Boden.
Pasqualina hob ihn auf. »Sieh mal, Mamma. Ist das Geld?«
»Ja, Schatz. Das ist Geld. Francì, wie viel ist das?«
Francesco las: »Fünf Dollar.«
»Ist das viel?« Pasqualina wedelte damit herum.
»Ich weiß nicht.« Francesco nahm ihr den Schein ab und legte ihn auf den Tisch, dort wo Papà immer gesessen hatte.
»Signor Turi, wisst Ihr, wie viel das ist?«, fragte Mamma.
Der Briefträger zuckte mit den Achseln. »Nee, nicht genau, aber ich schätze mal, das sind ungefähr fünfundzwanzig Lire.«
»O mein Gott, so viel Geld!«, rief Mamma.
»Sind wir jetzt reich?«, fragte Flora und trat an den Tisch. Mit den Fingerspitzen strich sie über den Geldschein.
»Na, reich würde ich euch jetzt nicht nennen«, sagte Signor Turi und lachte. »Wenn Ihr wollt, tausche ich Euch die Dollars in Benevento in Lire um, Donna Giuseppa.«
»Das würdet Ihr tun?« Mamma nahm den Schein vom Tisch und reichte ihn Signor Turi. »Möge Gott es Euch vergelten. Damit können wir die nächste Rate bei Signor Caccavo bezahlen und Chiara bekommt endlich neue Wäsche, die sie mit ins Kloster nehmen kann.«
Francesco griff nach dem Medaillon von Padre Carmelo und drückte es. Papà hatte geschrieben. Papà lebte. Er war kein Sünder.

KAPITEL 11
Chiara und Silveria saßen in einer sonnigen Nische hinter der Kirche und lasen. Die Steine der Mauern waren warm, das Gras war weich, es duftete nach Thymian, Grillen zirpten. Silveria hatte eine Zeitungsseite mitgebracht, wie so oft, wenn ihre Mutter Reste von den Festlichkeiten des Conte De Luca und der Contessa mitnehmen durfte, auf deren Gut sie arbeitete. Gestern war so ein Fest gewesen, und heute hatte Silveria ein Stückchen Fleischpastete aus dem Zeitungspapier gewickelt und unten auf der Rückseite eine Liebesgeschichte entdeckt. Schnell hatte sie das Stück Papier in ihrer Rocktasche verschwinden lassen.
Chiara lehnte sich zurück. Über ihr breitete sich der azurblaue Himmel aus. Schwalben hatten unter dem Dach der Kirche ihre Nester gebaut und flogen unermüdlich hin und her. Leise fiepten die Jungen, wenn die Eltern Würmer und Käfer brachten. Während Silveria mit sanfter Stimme vorlas, sah Chiara eine Prinzessin, einen geizigen Vater, böse Entführer und einen mutigen Grafen vor sich. Der Held schlich durch einen düsteren Park, hinter jedem Baum lauerte Unheil, Schlosswachen patrouillierten nur wenige Meter entfernt an ihm vorbei, ein Hund schlug an, Türen quietschten. Chiara hielt die Luft an, als sich Schritte in den dunklen Gängen näherten. Silveria flüsterte, wisperte, las lauter. Stimmen hallten, verklangen wieder und an die Wand gedrückt schlich der Graf ins Verließ hinunter. Dort war seine Geliebte gefangen, er musste sie befreien. Er stieß die Tür zu ihrem Verließ auf, und Silveria sagte: »Fortsetzung folgt.« Zeitungspapier raschelte.
Chiara setzte sich auf. »Was ist? Lies doch weiter.«
»Hier steht nichts mehr.«
»Aber die Geschichte ist doch noch gar nicht zu Ende. Er hat die Prinzessin doch noch nicht befreit. Soll das schon das Ende sein?«
»Ich weiß nicht.« Silveria drehte die Seite hin und her.
»Was heißt denn ›Fortsetzung folgt‹?«
Silveria runzelte die Stirn, während sie den Zeitungsausschnitt auf den Knien glatt strich. »Hm … dass die Geschichte noch weitergeht?«
»Ja, aber wann denn?« Chiara hätte am liebsten laut geflucht.
»Wahrscheinlich in der nächsten Ausgabe der Zeitung. Aber das muss ich Mamma fragen.« Silveria stand auf, faltete das Blatt zusammen und steckte es in ihre Rocktasche. »Komm mit.«
»Aber deine Mutter arbeitet doch gerade,« sagte Chiara, während sie vor Wut ein paar Grashalme abrupfte.
»Ja, na und? Dann gehen wir eben zum Gut. So weit ist das nicht. Mamma läuft da jeden Tag hin. Und ich war schon mal mit.«
Der Weg zum Landsitz des Conte De Luca schlängelte sich über Hügel und durch Felder. Das Korn war fast überall geerntet. Nur selten spendeten Pinien Schatten, die Sonne brannte an diesem Nachmittag heiß vom Himmel. Verschwitzt und grau vom Staub standen Chiara und Silveria eine Stunde später vor den Toren des Gutes. Von dem lang gezogenen Bau blätterte gelber Putz. Oben auf dem Dach reihten sich Putten aus Gips aneinander, denen hier und da einige Gliedmaßen fehlten. Auf der Dachterrasse war ein Sonnenschirm aufgespannt, darunter standen Tisch und Stühle mit weißen Sitzkissen. Vor der geschwungenen Haupttreppe des Gutes säumten Terrakottatöpfe mit Palmen die Auffahrt. Kein Mensch war zu sehen.
Chiara folgte Silveria um das Gebäude herum zum Hintereingang, der ein Stockwerk tiefer lag, als die Wohnräume des Conte. In ihrem Bauch kribbelte es. Die Tür stand offen, Geklapper drang aus den Hauswirtschaftsräumen. Sie traten in einen breiten Flur, von dem Küche, Lagerräume und Waschküche abgingen. Silveria lief ohne zu Zögern in die Küche. Dort knetete ihre Mutter mit hochrotem Kopf Teig für die Nudeln. In der einen Ecke polierte ein Küchenmädchen die Kupfertöpfe und summte ein Lied. An einem großen Arbeitstisch in der Mitte des Raumes standen vier weitere Mädchen mit Hauben und Schürzen. Sie schälten Zwiebeln, putzten Pilze, schnitten Tomaten in kleine Würfel, eine raspelte ein großes Stück Käse. Bratenduft stieg aus einem der Öfen auf. Es war heiß.
»Mama, was heißt ›Fortsetzung folgt‹?«, fragte Silveria, die an allen vorbeiging und sich hinter sie stellte.
Ihre Mutter zuckte zusammen und ließ den Teigklumpen fallen.
»Kind, was tust du hier?« Sie strich sich die kräftigen Hände an der gestreiften Schürze ab und blickte erst zu Silveria, dann zu Chiara. Schließlich hob sie den Teig vom Boden auf. »Jetzt hast du mich so erschreckt, dass ich die Pasta noch mal machen kann.« Sie strich über den Klumpen, klatschte ihn zurück auf die bemehlte Marmorplatte und knetete weiter. »Du hast hier nichts zu suchen, das weißt du doch. Und deine Freundin auch nicht.«
Hitze stieg in Chiara auf. Das Küchenmädchen polierte weiter. Alles strahlte blitzblank, sie wagte kaum, sich zwischen den vielen Arbeitsplatten, Regalen, Schränken und Spülen zu bewegen. Die anderen Mädchen kümmerten sich nur um ihr Gemüse und unterhielten sich leise. Sachte klopfte sich Chiara den Staub aus dem Leinenkleid.
»Mama, wir wollen doch nur wissen, was ›Fortsetzung folgt‹ heißt. Dann gehen wir auch gleich wieder«, sagte Silveria, während sie sich mit beiden Armen auf die Arbeitsplatte stützte.
»Komm, steh hier nicht im Weg. Ich muss mich ranhalten. Die Contessa kann jeden Moment kontrollieren, ob für das Abendessen alles fertig ist.« Silverias Mutter streute Mehl auf die Platte.
»Bitte, Signora Lidia, wir müssen das wirklich wissen.« Chiara trat neben sie. »Die Geschichte ist so aufregend, aber sie kann noch nicht zu Ende sein. Deshalb müssen wir das Ende finden.«
»Na, ihr seid mir ja zwei Nervensägen.« Signora Lidia nahm ein Nudelholz vom Regal über der Arbeitsplatte und drückte es mit Schwung in den Teig. »Das weiß ich doch nicht. Ich kann ja nicht mal lesen, woher soll ich so etwas wissen?«
Silveria ging um den Arbeitstisch herum, griff zwischen den Küchenmädchen hindurch und schnappte sich ein Stückchen Käse. Blitzschnell steckte sie es sich in den Mund. »Und wer kann das denn wissen?«, fragte sie kauend.
»Silveria! Lass das«, rief eins der Mädchen. »Das ist für das Abendessen der Gäste.«
Chiara machte einen Schritt zur Tür, am liebsten wäre sie sofort wieder verschwunden.
»Von uns weiß das keiner«, sagte Signora Lidia und deutete mit dem Kopf in Richtung der Küchenmädchen. »Nur die Contessa weiß das. Immerhin ist das ihre Zeitung gewesen.«
»Was kann nur ich wissen?«, sagte eine scharfe Stimme auf der anderen Seite der Küche.
Eine junge Frau trat ein. Chiara sog die Luft ein. Die Contessa war schlank, hatte die brünetten Haare kunstvoll hochgesteckt. Sie trug ein dunkelblaues, bodenlanges Satinkleid mit weißen Paspeln, die vorn und hinten v-förmig zusammenliefen. Am Hals rahmte weiße Spitze den dezenten Ausschnitt. Es war kein Festtag, trotzdem trug die Contessa ein feines Kleid. Vermutlich zog sie jeden Tag so ein Kleid an, immerhin war sie eine Adlige aus Neapel. Unter ihrem linken Ohr hatte sie ein Muttermal, ein kleines Herz. Nur mühsam konnte Chiara den Blick losreißen. Sie war wunderschön.
»Ist für heute Abend alles in Ordnung?«, fuhr die Contessa fort, während sie die Küche musterte. »Was machen denn die Kinder hier?«
Alle Mädchen unterbrachen die Arbeiten und knicksten.
Auch Silveria knickste. Chiara tat es ihr schnell nach. Sie war noch nie einer Contessa begegnet und mit einem Mal kam sie sich in ihrem staubigen Leinenkleid noch schmutziger vor. Es war vielleicht doch keine so gute Idee gewesen herzukommen.
»Contessa, bitte verzeiht«, sagte Signora Lidia, »die beiden sind einfach aufgetaucht, ohne meine Erlaubnis. Das wird nie wieder vorkommen. Für heute Abend haben wir alles im Griff. Das Kaninchen schmort im Ofen, die Pasta ist so gut wie fertig, das Dessert ist bereits kalt gestellt. Die …«
»Schon gut, Lidia, ich sehe, es fehlt an nichts. Der Conte kümmert sich nachher persönlich um den Wein.« Sie ging um den Arbeitstisch herum und blieb vor Chiara stehen. »Und wer bist du? Silveria kenne ich ja, aber dich habe ich hier noch nie gesehen.«
Chiara knickste noch einmal. »Ich bin Chiara Forgione«, sagte sie leise und blickte auf ihre nackten Füßen.
»Schön, Chiara, also. Aber was kann nur ich wissen?« Sie runzelte die Stirn.
Chiara und Silveria sahen sich an. Die Contessa war also wirklich so streng, wie die Leute im Dorf immer erzählten. Über die Geschichte in der Zeitung hatte Chiara das völlig vergessen. Sonst wäre sie nicht mit Silveria hergekommen. Jetzt machten sie sich lächerlich und brachten Signora Lidia in Schwierigkeiten.
Chiara schwieg, auch Silveria sagte kein Wort.
»Nun? Red schon, ich habe noch anderes zu tun.«
Silveria zog den Zeitungsausriss aus ihrer Rocktasche und hielt ihn der Contessa hin. »Wir haben die Geschichte hier gelesen, aber sie ist noch nicht zu Ende. Und da wollten wir wissen, was ›Fortsetzung folgt‹ heißt.«
Die Contessa nahm das Zeitungsstück, drehte es hin und her, las eine Weile. »Das ist der Fortsetzungsroman im Feuilleton. Wie kommt ihr daran?«
Rasch berichtete Signora Lidia von den eingewickelten Speiseresten und den alten Zeitungen.
»Ah, na dann. Und was habe ich damit nun zu tun?« Sie ließ das Stück Papier auf die Arbeitplatte gleiten.
»Wir müssen wissen, wie es weitergeht«, sagte Chiara. Sofort schlug sie sich die Hand vor den Mund. Warum musste sie immer so vorlaut sein?
Die Contessa hob die linke Braue hoch. »Ihr lest Romane? Na, das ist ja mal was in dieser Einöde.« Sie spitzte die Lippen. Schließlich fuhr sie fort: »Also, wenn es euch glücklich macht, gebe ich Signora Lidia die Seite mit der Fortsetzungsgeschichte für euch mit, sobald ich das Feuilleton ausgelesen habe. Ich brauche sie dann eh nicht mehr.«
Chiara und Silveria sahen sich an. Chiara spürte ein Flattern im Bauch. »Das wäre so schön.« Sie strahlte die Contessa an.
»Von wann ist eurer Kapitel?« Die Contessa überflog noch einmal die Überschrift und die ersten Zeilen. »Hm, das müsste der Teil von vor drei Tagen gewesen sein. Kommt mit, wir schauen uns einmal die Zeitungen von gestern und vorgestern an, ob das passt.«
Chiara und Silveria folgten der Contessa durch einen breiten Flur mit rotem Terrakottafußboden die Treppen hinauf und durch einen langen Gang mit einem hohen, bemalten Gewölbe. Düstere Portraits von blassen Adligen mit hellen Augen und langen Nasen hingen an den Wänden. Manche Männer trugen glänzende Brustpanzer, die Frauen weite Reifröcke und weiße Perücken. Chiaras Blick huschte von einem Gemälde zum nächsten.
»Sieh mal, da«, flüsterte Silveria und zupfte sie am Ärmel. In der einen Ecke stand eine Ritterrüstung mit Lanze und Schild.
Als die Contessa durch eine hohe Tür eilte, blieben Chiara und Silveria im Gang stehen und lugten in den großen Salon. Durch die offenen Fenster wehte die warme Herbstluft und bewegte sanft die weißen Gardinen. Auf der weiten Terrasse dahinter standen zierliche Stühle und Tische. Die Contessa trat an einen Tisch mit verschnörkelten Beinen, auf dem ein Stapel Papier lag. Sie wühlte darin herum und warf achtlos Teile der Zeitungen auf den Boden. Dann wandte sie sich zu einer der Anrichten mit Steinintarsien, auf denen bauchige Porzellanvasen mit üppigen Blumensträußen standen. Auch zwischen den Vasen lagen Zeitungen.
»Da ist sie ja«, brummte sie, während sie eine Ausgabe unter einem Damenjournal hervorzog. Sie sah zu Chiara und Silveria. »Kommt ruhig rein. Hier, das ist die Zeitung von vorgestern, und das ist die Fortsetzung von eurem Kapitel. Die könnt ihr schon mal haben. Die Zeitungen von gestern und heute habe ich noch nicht ausgelesen. Ich gebe sie morgen Signora Lidia mit.« Sie ging zum Schreibtisch, bei jedem Schritt auf den dicken Teppichen raschelte der Satin ihres Kleides. Sie holte eine kleine silberne Schere aus einer Schublade, schnitt den Artikel aus und reichte ihn Silveria.
»Danke, Contessa«, sagte Silveria und machte einen Knicks.
»Vielen Dank, Contessa«, sagte Chiara und knickste ebenfalls. »Das ist sehr nett von Ihnen.« Ihr Blick fiel auf die Gemälde an den Wänden. Sie zeigten Bauersfrauen in Leinenkleidern und Schürzen, die Wasserkrüge in den Händen hielten oder Weidenkörbe auf dem Rücken trugen. »So etwas hat noch nie jemand für mich gemacht«, fügte sie hinzu.
»Schon gut, Chiara. Wenn zwei aufgeweckte Mädchen vom Land wie ihr mal etwas anderes lesen als die Bibel, muss ich das unterstützen. Etwas Abwechslung kann ja nicht schaden, oder?« Sie zwinkerte. »Sonst bleibt die Landbevölkerung ja weiter dumm.«
Chiara klatschte in die Hände, und Silveria nickte. »Vielen Dank, Contessa.« Sie faltete den Zeitungsausschnitt vorsichtig zusammen. »Auf Wiedersehen.«
»Auf Wiedersehen, Kinder.« Die Contessa griff nach der neuesten Zeitung und schmunzelte leicht.
Lachend rannten Chiara und Silveria zurück in die Küche. Ihr Mut hatte sich ausgezahlt. Nun würden sie erfahren, wie die Geschichte ausging.
Und tatsächlich brachte Signora Lidia nun jeden Abend einen neuen Zeitungsausschnitt mit. Chiara traf sich mit Silveria nachmittags hinter der Kirche, und gemeinsam lasen sie die Abenteuer von Adelsdamen, Musketieren, Grafen, Elenden, einfachen Mädchen, Geschichten von verlorener Ehre, ungewollten Kindern, von Krankheit, Tod und echter, wahrhaftiger Liebe. Für Chiara war es der schönste Moment des Tages. Auf einmal waren der stinkende Vico Storto und Mammas Gemecker, weil sie angeblich so faul war, ganz weit weg. Nach ein paar Sätzen trug sie keine zerschlissenen Kleider mehr und musste nicht mehr mit ihren widerspenstigen Haaren kämpfen, sondern verwandelte sich in eine grazile Prinzessin, der die hohen Herren den Hof machten. Signor Caccavo würde diese Geschichten bestimmt nicht gutheißen, und ob Francesco sie billigen würde, da war sie sich auch nicht sicher. Aber Chiara schob diese Gedanken beiseite und träumte von ihrem Prinzen, der sie eines Tages aus diesem trostlosen Dorf retten würde. Er würde sie mitnehmen nach Neapel, würde Bälle für sie veranstalten, ihr schöne Satinkleider und elegante Schuhe kaufen und sie jeden Tag mit einem neuen Geschenk überraschen.
Und sie müsste nicht in das düstere Kloster.

KAPITEL 12
Es war an der Zeit, nach dem Jungen zu sehen. Die Jahre waren im Handumdrehen vergangen, aber Padre Carmelo hatte das Versprechen, das er Francesco gegeben hatte, nicht vergessen. Nun dürfte der Junge fünfzehn sein, bereit für das Noviziat. Und wenn er dem Unterricht des Kaplans gefolgt war, sollte er ordentlich lesen und schreiben können. Aber genau das musste Padre Carmelo vor Ort überprüfen.
Er trat aus dem Kloster. Vom Abt hatte er die Erlaubnis für seinen Gang nach Pietrelcina eingeholt und sich abgemeldet. Es war ein kalter Januartag, als er sich auf den Weg machte, der ihm kürzer vorkam als beim ersten Mal. Schon stand Francesco vor ihm. Er war gewachsen, auf seiner Oberlippe und am Kinn entdeckte Padre Carmelo den ersten zarten Bartwuchs. Der Junge war so weit. Der Vater war noch immer in Amerika, die Mutter ließ den Sohn ziehen. Padre Carmelo blieb eine Nacht.
Am nächsten Morgen verabschiedete sich Francesco von seiner Familie. Padre Carmelo stand schweigend daneben. Zum ersten Mal in seinem Leben verließ der Junge sein Zuhause. Seine Wangen färbten sich mal rot, mal wurden sie leichenblass. Deutlich fiel auf, dass sein rechtes Ohr etwas weiter abstand als das linke. Francesco überragte seine Mutter um ein paar Zentimeter, seine großen dunklen Augen blickten ernst, die hohe Stirn war leicht gerunzelt. Seine Hosenbeine endeten an den Knöcheln, auch die Ärmel seiner Jacke waren zu kurz. Verloren stand er in der Küche, kratzte sich immer wieder den linken Handrücken. Matteo schüttelte ihm stumm die Hand, Flora und Pasqualina kicherten nur und liefen nach einer kurzen Umarmung aus der Küche. Die Mutter drückte ihn fest an sich und wollte ihn nicht loslassen. Schließlich knöpfte sie seine abgewetzte Jacke zu, zog sein Halstuch zurecht und reichte ihm einen Proviantbeutel.
»Pass auf dich auf, Francì. Trag immer deine lange Unterhose, damit du dich nicht verkühlst. Padre Carmelo, könnt Ihr bitte darauf achten, dass der Junge sich auch immer warm genug anzieht? Er ist so kränklich.«
Padre Carmelo nickte.
»Mamma, bitte. Ich bin kein kleines Kind mehr.« Er hängte sich den Beutel über die Schulter. »Ich pass schon auf.«
»Und mach mir keine Schande, Francì. Folge immer brav Padre Carmelo. Hast du verstanden? Der erste Francesco hätte es auch so gemacht.« Sie strich ihm eine Strähne aus der Stirn, setzte ihm eine Kappe auf. »Nimm das.« Sie drückte ihm einen Rosenkranz in die Hand. »Damit du dich immer an mich erinnerst.«
Francesco starrte auf das Kettchen mit den Holzperlen. Langsam lies er es in seine Jackentasche gleiten und schniefte leise. In seinen Augen glitzerte es. Er zitterte, versuchte aber, es sich nicht anmerken zu lassen und drückte die Brust heraus.
»Komm uns bald besuchen, ja? So Gott will, wird alles gut.« Die Mutter fuhr sich mit der Hand über die Augen und wandte sich ab.
»Francì, du wirst mir ganz schrecklich fehlen. Ich vermisse dich jetzt schon«, sagte Chiara und schlang ihm die Arme um den Hals. »Wirst du mich auch nicht vergessen?« Das Mädchen musste sich etwas recken, um Francesco zu umarmen. Wäre sie größer, hätte sie als seine Zwillingsschwester durchgehen können. Auch ihre Kleider waren zu kurz, die heruntergerutschten grünen Strümpfe waren an mehreren Stellen mit rotem Garn gestopft.
Francesco schüttelte den Kopf. »Ich werde dich nie im Leben vergessen«, flüsterte er mit erstickter Stimme. Eine Träne rann ihm über die Wange. Rasch wischte er sie weg. »Und ich werde immer für dich beten. Versprochen.«
»Wehe, du vergisst mich. Dann werde ich böse und komm dich aus dem Kloster holen. Damit du es nur weißt.« Chiara drückte ihm einen Kuss auf die Wange, drehte sich um und rannte aus dem Haus.
»Komm, Francesco, wir sollten jetzt gehen«, sagte Padre Carmelo und trat zur Tür, die Chiara offen gelassen hatte.
Francesco drehte sich noch einmal langsam in der Wohnküche um und ließ den Blick über die wenigen Dinge schweifen. Noch einmal sah er seine Mutter mit tränenverhangenen Augen an. Noch einmal fiel sie ihm um den Hals und drückte ihn wortlos. Sanft machte er sich los, ging an Padre Carmelo vorbei aus dem Haus und sah sich nicht mehr um.
Den größten Teil des Weges schwiegen sie. Wolken hatten sich zusammengezogen. Als Pietrelcina schon lange hinter ihnen lag und der Weg anstieg, fielen Schneeflocken herab. Erst nur wenige zarte, die auf dem Boden sofort schmolzen, bald immer mehr. Der Schneefall wurde dichter, sie konnten nur wenige Meter weit sehen. Padre Carmelo schob die Hände in die Ärmel seiner Kutte. Die Landschaft färbte sich weiß, der Schnee blieb liegen und tilgte den steilen Weg vor ihnen. Doch Padre Carmelo marschierte mit sicherem Schritt weiter. Unzählige Male war er den Weg gegangen, kannte jede Mauer, jeden Fels, jeden Baum. Francesco neben ihm zitterte, trotz Jacke, Halstuch und Kappe. Seine Pantinen rutschten immer wieder weg.
Padre Carmelo fing mit halblauter Stimme an zu beten: »Höchster, allmächtiger, guter Herr, dein sind der Lobpreis, die Herrlichkeit und Ehre und jeglicher Segen. Dir allein, Höchster, gebühren sie, und kein Mensch ist würdig, dich zu nennen.«
Francesco hob den Kopf, sagte aber nichts. Er stimmte nicht in das Gebet ein. Die Arme hatte er vor der Brust verschränkt.
»Gelobt seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen, zumal dem Herrn Bruder Sonne. Er ist der Tag, und du spendest uns das Licht durch ihn.« Padre Carmelo blieb stehen und sah Francesco an. »Kennst du den Sonnengesang?«
»Nein.« Der Junge schüttelte den Kopf. »Davon hat Signor Caccavo uns nie etwas erzählt.« Er zitterte immer noch.
»Das ist schade«, sagte Padre Carmelo. »Der Sonnengesang stammt von unserem verehrten Bruder Franz. Er ist die Hymne, die er auf Gott und die Schöpfung geschrieben hat. Hör gut zu: Gelobt seist du, mein Herr, durch Schwester Mond und die Sterne. Am Himmel hast du sie gebildet, hell leuchtend und kostbar und schön.«
Francesco rückte dichter an Padre Carmelo heran. Er nahm die Arme herunter, sein Tritt wurde sicherer, die Kummerfalten verschwanden von seiner Stirn, sein Blick hellte sich auf.
»Gelobt seist du, mein Herr.« Padre Carmelo sagte alle zehn Strophen des Gesanges auf. Danach fing er von vorn an. Beim dritten Mal stimmte Francesco mit leiser Stimme in das Gebet ein. Der Schnee knirschte unter ihren Schuhen. Es hatte aufgehört zu schneien. Die Sonne brach durch die Wolken, und die weißen Hügel und Felder um sie herum strahlten. Die Äste der Bäume waren wie in ein jungfräuliches Gewand gehüllt und funkelten im Sonnenlicht.
Francesco, dessen Wangen eine frische Röte angenommen hatten, hielt etwas in der Hand und drehte es in den Fingern. Immer und immer wieder drehte er es. Padre Carmelo erkannte das Medaillon, das er dem Jungen einst geschenkt hatte.
»Es freut mich, dass du es noch hast«, unterbrach er das Gebet, wobei er auf das Medaillon zeigte.
»Ja«, sagte Francesco und hielt in der Bewegung inne. »Ich habe es immer in der Tasche. Es hilft mir, wenn ich …«
»Du brauchst keine Angst zu haben«, sagte Padre Carmelo. »Die Brüder im Kloster freuen sich auf dich. Ich habe ihnen von dir erzählt. Denn ich habe noch nie so einen Jungen wie dich getroffen, der so früh schon wusste, was er will, und der unserem heiligen Franz so verbunden ist wie du. Du wirst dich bei uns wohlfühlen.«
Die Mönche waren in der kleinen Kirche des Kapuzinerklosters Morcone versammelt. Als Francesco durch den Mittelgang zum Altar schritt, verschwammen die weißen Wände mit den grauen Stuckleisten. Nur mit Mühe erkannte er den Altar und die drei Statuen, die dahinter in Wandnischen eingelassen waren. Das Gewölbe über ihm wankte leicht. Seine Knie zitterten. Er kniff kurz die Augen zusammen. Nun war der Terrakottaboden fest, seine Beine trugen ihn. Die mittlere Statue war das Kruzifix. Jesus breitete die Arme aus, trotz der Schmerzen und der Blutstropfen, die ihm unter der Dornenkrone hervor über die Stirn liefen, blickte er vertrauensvoll. Er empfing ihn. Rechts vom Heiland kniete die Muttergottes, in dunkelrotem Kleid, einem blauen Mantel und weißem Schleier. Sie lächelte. Links sah der heilige Franz auf ihn nieder, die Hände mit den Stigmata hatte er vor der Brust gekreuzt. Sie begrüßten Francesco. Mit erhobenem Kopf schritt er zu seiner Einkleidung. Gleich würde er Mönch werden. Gleich würde er die Kutte anlegen und den Gürtel mit den drei Knoten umbinden. Seine neue Familie erwartete ihn schon.
Vorn am Altar mit der weißen Spitzendecke und den drei fast heruntergebrannten Kerzen stand Padre Carmelo. Auch er lächelte. Neben ihm wartete der Padre Superiore mit gefalteten Händen.
Francesco blieb vor dem Altar stehen. Seine Handflächen juckten.
Ein Bruder mit einem enormen Bauch und einem Doppelkinn, das seinen Hals vollständig verbarg, kam von links auf ihn zu. Er hielt eine Kutte in den Händen. Während er ein paar lateinische Sätze murmelte, trat er zu Francesco und half ihm, das braune Gewand über den Kopf zu streifen. Der Stoff roch nach Gallseife, Weihrauch und Mottenpulver. Fast verhakte er sich mit den Armen in den vielen Falten, doch der Bruder zupfte an Ärmeln und Schultern und richtete die Kutte. Die spitze Kapuze, die gegen das Böse schützen sollte, fiel Francesco über den Rücken. Der Mönch band ihm den Gürtel um, eng schmiegte die Kordel sich um seine Hüfte.
»Francesco Forgione, nun, da du den Habit und das Zingulum der Kapuziner trägst, bist du bereit, dein weltliches Leben hinter dir zu lassen?«, fragte der Padre Superiore. Er stand gebeugt vor Francesco, die wenigen Haare auf dem Kopf waren schneeweiß, seine rechte Hand zitterte.
»Ja«, sagte Francesco. Der schwere Stoff legte sich wie ein Mantel über ihn. Die Kutte schlackerte ihm um die Beine.
»Bist du bereit, dafür deinen Namen abzulegen und den Ordensnamen anzunehmen, den wir dir geben?«
»Ja.« Hinter ihm blätterte einer der Brüder in dem Gebetbuch, als suchte er die richtige Stelle in der Zeremonie.
»So heißt du von heute an nicht mehr Francesco Forgione, sondern sollst dich Fra Pio von Pietrelcina nennen«, sagte Padre Superiore und segnete ihn mit zitternder Hand.
In Francescos Ohren fiepte es, sein Mund war trocken, seine Knie zitterten wieder. Er machte ein paar vorsichtige Schritte den Gang zwischen den Bänken hinunter. Der viele Stoff zwischen den Beinen war nur auf den ersten Metern ungewohnt. Er spürte den Boden unter den Füßen nicht mehr, alles wurde leicht. Er schwebte aus der Kirche. Er war Mönch. Fra Pio. Bruder Pius. Der Fromme. Der Barmherzige. Der Geweihte. Der Heilige. Das ist ein Zeichen, flüsterte die Stimme in ihm. Du bist auserwählt.

KAPITEL 13
Mit einem dumpfen Knall schlug das Tor hinter Chiara zu. Das Echo hallte lange durch die Dunkelheit. Ein eisiger Luftzug stieg an ihren Knöcheln unter dem Rock bis zu den Knien hoch. Ihre viel zu dünnen Strümpfe waren heruntergerutscht. Chiara zitterte. In einer Nische flackerte eine Kerze. Sie war fast heruntergebrannt, ihr Schein erhellte ein Kruzifix von unten, das riesige Schatten warf, die sich bis zur Gewölbedecke des Vorraumes ausdehnten. Allmählich erkannte Chiara die Ecken und Winkel, auf der anderen Seite des Raumes gab es zwei Türen aus speckig glänzendem, fast schwarzem Holz mit hängenden schmiedeeisernen Griffen, in der rechten Ecke stand eine Truhe mit groben Eisenbeschlägen. Es roch nach Wachs und Schimmel. Nun konnte sie nicht mehr weg. Mamma hatte sie bis zum Klostertor begleitet und sie dort ohne lange Verabschiedung der Äbtissin übergeben. Chiaras Bitten, sie möge es sich noch einmal anders überlegen und sie wieder mit nach Hause nehmen, hatte sie kurzerhand beiseite geschoben. Dein Vater hat es so bestimmt und so wird es gemacht, hatte sie gesagt.
»Komm, Kind«, sagte die Äbtissin der Klarissen von Cerreto Sannita, eine hagere Frau mit eingefallenen Augen und runzeliger Haut. Sie schielte ein wenig. Ihre Nase hob sich groß von den schmalen Wangen ab. »Die anderen Novizinnen sind schon in der Kleiderkammer.«
Mit gesenktem Blick lief Chiara hinter der obersten Nonne her. Auf den Majolikafliesen am Boden wuchsen trompetenförmige gelbe Blüten aus blauen Kelchen hervor, umwanden sich in vorwitzigen Wellen, schlossen Kreise und ließen neue blaue Blüten mit gelben Ständen entstehen. Mit jedem Schritt wurden die Wellen größer, bildeten Strudel, türmten sich zu unüberwindbaren Höhen auf, umschlängelten ihre Knöchel. Chiara hob die Füße höher. Aber die Strudel kreisten immer schneller, immer fester hielten sie sie, fesselten sie. Als sie die dunkle Tür erreichte, konnte sie die Füße kaum noch vom Boden lösen, wie gefräßige Mäuler verschlangen die gelben Blüten sie.
Die hölzerne Tür öffnete sich, und eine kleine Nonne trat heraus. Die braune Kutte raschelte leise, das weiße Kopfgebinde strahlte in einem faltenfreien Weiß. Selbst an Hals und Stirn lag der steife Stoff wie eine zweite Haut an. Der schwarze Schleier darüber bewegte sich nicht, als sie den Kopf senkte.
»Werte Schwester Lucia, ich bringe dir noch eine Seele, die unserem Kreis beitreten möchte«, sagte die Äbtissin. »Chiara Forgione aus Pietrelcina. Bitte, kümmere dich um sie. Ich muss zurück in mein Büro, es ist Post gekommen.« Damit verschwand sie durch die zweite hohe Tür auf der rechten Seite.
»Nun«, sagte Schwester Lucia und musterte Chiara vom Kopf bis zu den Füßen, »dann befreien wir dich mal von dem weltlichen Tand.«
Sie führte Chiara in einen kleinen, weiß gekalkten Raum, in dem rechts und links lang gestreckte Holzbänke standen. Ein Mädchen faltete ihren Mantel zusammen und legte ihn in ein Regal unter dem winzigen Fenster. Sie mochte so alt sein wie Chiara. Zwei andere Mädchen saßen auf der Bank links. Sie streiften sich die durchgeweichten Schuhe von den Füßen, zogen die Blusen über die Köpfe. Ein viertes Mädchen trug nur noch ihr weißes Unterkleid. Es war an den Ellenbogen fadenscheinig, der Kragen nicht ganz sauber. Sie flocht sich ihre schwarzen Haare zu einem Zopf.
»Bevor ihr die Kutten anlegt, schneidet Schwester Maddalena euch die Haare«, verkündete Schwester Lucia, die Hände in den Ärmeln ihrer Kutte versteckt.
Das Mädchen am Regal drehte sich um, die Stirn gerunzelt. Die eine an der Bank ließ ihren Rock fallen, die andere schlug eine Hand vor den Mund. Auch sie trugen die Haare zu langen Zöpfen gebunden. Nur die Flechtende aber machte still weiter und nickte leicht. Chiara musste schlucken. Unwillkürlich griff sie in ihre wilden Locken, die sie jeden Morgen bändigen musste, und streifte das Kopftuch ab. Ihr Haar machte Arbeit und manchmal, nach dem Waschen am Samstagabend, verfluchte sie es auch, weil sie mit dem Kamm nicht durchkam, aber ihrZopf klatschte beim Tarantellatanzen an den Festtagen immer so schön auf ihren Rücken, feuerte sie an, schneller zu tanzen, sich schneller zu drehen, bis sie keine Luft mehr bekam. Tränen stiegen ihr auf, rasch wischte Chiara sie weg. Sie setzte sich auf die rechte Bank und zog Mantel und Schuhe aus.
»Muss das sein?«, fragte das Mädchen am Regal und ihre hellbraunen Augen blitzten unter den dichten Brauen, die sich in der Mitte fast berührten.
Schwester Lucia spitzte die Lippen. Hörbar sog sie die Luft ein. »Ihr redet nur, wenn ihr gefragt werdet. Sonst nicht.« Sie drehte sich zur Tür. »Schwester Maddalena, die Mädchen sind bereit«, rief sie in den Nebenraum. »Der Haarschnitt ist ein Zeichen der Demut, die alle Klarissen an den Tag legen müssen.«
»Pah«, sagte das Mädchen am Regal leise. Sie war kleiner und stämmiger als Chiara. Tonlos murmelte das Mädchen etwas vor sich hin, ihre Wangen waren gerötet.
Chiara senkte den Kopf, zog Rock und Bluse aus, legte sie sorgfältig zusammen und trug das Wäschepaket zu dem Regal. Sie musste ruhig bleiben. Ganz ruhig.
Das Mädchen, das ungefragt geredet hatte, hieß Anna. Nachdem sie ihre braunen Kutten, die Kopfgebinde und die weißen Novizinnenschleier sowie einfache Ledersandalen erhalten hatten, waren Chiara und ihr eine Zelle zugeteilt worden. Gegenüber der Tür in der Mitte der schmalen Seite ging ein kleines zweiflügeliges Fenster auf den Kreuzgang hinaus. Rechts und links an den langen Wänden standen zwei einfache Betten, über ihnen hing je ein Kruzifix, dazwischen, unter dem Fenster, befand sich ein Nachttisch, den sie sich teilen mussten. Am Ende jeden Bettes gab es eine kleine Truhe für die Habseligkeiten der Novizinnen.
Chiara stand neben ihrem Bett, dem linken, und strich sich über ihre stoppeligen Haare. Das Kitzeln ließ sie erzittern.
»Schlimm?«, fragte Anna, die auf dem Bett gegenüber saß und sich die Sandalen von den Füßen streifte. Die rasierten Haare ließen ihren Kopf wie eine stachlige Kugel aussehen. Den Schleier hatte sie achtlos über ihre Truhe geworfen.
»Ja.« Chiara unterdrückte die Tränen.
»Woher kommst du?« Anna zog die Kutte aus und ließ sie auf den Schleier fallen.
»Aus Pietrelcina«, sagte Chiara, während sie den Gürtel aufknotete.
»Ach, ich bin aus Benevento. In Pietrelcina war ich noch nie. Was soll ich da auch? Da gibt’s wahrscheinlich noch weniger als in Benevento. Na, ich werde nicht lange hierbleiben.« Sie kümmerte sich nicht um das Schweigegebot, das selbst in den Zellen der Nonnen herrschte, wie Schwester Lucia ihnen nach der Einkleidung noch einmal eingeschärft hatte. Bestimmt konnte man Annas Stimme von draußen hören. Anna schob sich das kleine Kissen hinter den Rücken und lehnte sich an das Kopfende des Bettes.
»Nicht?«, fragte Chiara leise und zog die Kutte aus.
Anna schüttelte den Kopf. »Ich verschwinde hier wieder, so schnell es geht, und gehe nach Benevento zu meinem Verlobten. Und dann wandern wir aus.« Sie lächelte, als ob das die einfachste Sache der Welt wäre.
»Du hast einen Verlobten?« Chiara ließ die Kutte sinken, dass sie den Terrakottaboden berührte. »Wie alt bist du denn?«
»Sechzehn, aber mit Lucio bin ich verlobt, seit wir acht waren. Hast du auch einen Verlobten?« Anna schlug die Decke zurück und schlüpfte zwischen die stramm bezogenen Laken.
»Äh. Nein.«
»Warum nicht? Du siehst doch ganz hübsch aus.« Anna strampelte mit den Beinen, um das obere Laken unter der Matratze herauszuziehen.
»Ich weiß nicht … Wohin wollt ihr denn auswandern?« Chiara setzte sich auf ihr Bett. Papà war schon so lange fort, hatte aber immer regelmäßig Geld geschickt. Es musste ihm wirklich gut gehen.
»Nach Amerika natürlich. Hier können wir nicht bleiben.« Anna zog sich die Decke bis unter das Kinn. Das Holz des Bettgestells knarzte. »Unsere Eltern wollen nämlich nicht, dass wir zusammen sind. Da haben meine mich ins Kloster gesteckt. Aber das nützt alles nichts. Denn Lucio und ich, wir sind füreinander bestimmt.«
Langsam kroch auch Chiara unter die Decke, die Laken darunter waren klamm. Durch den Leinenbezug der Matratze stachen die Maisblätter, mit denen sie gefüllt war. Chiara war für niemanden bestimmt, nicht draußen in der Welt. Im Kloster sollte sie für Jesus bestimmt sein. Aber das wollte sie nicht. Sie war keine Braut Jesu. Liebe jenen mit ganzer Hingabe, der sich um deiner Liebe willen ganz hingegeben hat. IHM folge nach. Diesen Spruch der heiligen Klara hatte die Äbtissin ihr und den anderen Novizinnen heute in der Abendmesse gepredigt. Aber das war nichts für sie. Sie wollte Jesus nicht nachfolgen. Schon gar nicht in dieses dunkle, kalte Kloster, in dem sie bestimmt nie richtig froh werden würde. Hier würde ihr Prinz sie doch nie finden, und mit ihren kurzen Haaren würde er sie sicher gar nicht erkennen und sofort wieder die Flucht ergreifen, weil sie so hässlich aussah. Sie schluckte. Die Kälte zog ihr die Beine hinauf.
»Wie willst du denn hier wegkommen?«, fragte sie und rieb ihre Füße so lange aneinander, bis sie wärmer wurden.
Anna stützte sich auf einen Ellenbogen und blies die Kerze auf dem kleinen Tisch zwischen ihnen aus. Es raschelte, dann klopfte sie auf etwas, vermutlich auf das Kopfkissen. Holz knarzte.
»Das weiß ich noch nicht. Wahrscheinlich muss ich den ganzen Zirkus erst mal eine Weile mitmachen. Dann sehe ich, wie das alles läuft, und wo es Lücken gibt. Aber wehe, du sagst jemandem etwas!« Annas Augen funkelten in der Dunkelheit.
»Keine Sorge. Ich verrate nichts. Ich will auch weg. Vielleicht können wir ja zusammen gehen?« Chiara faltete die Hände über der Brust. Womöglich würde alles einfacher, wenn sie zu zweit waren.
»Hm«, kam es aus dem anderen Bett, »das ist vielleicht gar nicht so dumm. Ich überleg es mir. Gute Nacht.« Die Laken raschelten.
»Gute Nacht«, flüsterte Chiara. In ihrem Bauch kribbelte es, wie damals, als sie mit Silveria zur Contessa gelaufen war. Sie würde sich nicht einsperren lassen, denn irgendwo da draußen wartete ihr Prinz auf sie, und sie musste zu ihm.
Die strengen Regeln der Klarissinnen bestimmten Chiaras Tage. Aufstehen um fünf Uhr. Laudes und Terz. Eucharistiefeier. Frühstück. Arbeit. Sext und Non. Mittagessen. Gemeinsame Rekreation. Stille Zeit. Stundengebet. Arbeit. Kontemplation. Vesper mit der Gemeinde. Abendessen. Freie Zeit. Komplet. Nachtruhe um neun Uhr. Ständig musste sie arbeiten, etwas verrichten, fegen, Tisch decken, Wäsche waschen, beten, kontemplieren. Chiara hasste es. Die Gebete sprach sie mit. Leise murmelte sie die Worte, doch sie sagten ihr nichts, brachten ihr keine Ruhe. Die marmornen Schnecken, die barocken Verzierungen, die Bögen und Blätter, selbst die drei pausbäckigen Engelchen am Hauptaltar der Kirche Santa Maria Mater Christi erfreuten sie nicht. Das Gold der Bilderrahmen, die dunklen Gemälde und die unzähligen Kerzen verschlugen ihr den Atem. Ihr wurde schwindlig. An den Kruzifixen in der Kirche, den Gängen, den Zellen und im Refektorium sah sie vorbei. Noch immer gruselte sie sich vor dem Gekreuzigten, beim Anblick der Nägel in seinen Händen mit den zusammengekrampften Fingern und in seinen knöchernen Füßen musste sie würgen. Das Blut, das unter der Dornenkrone hervorsickerte und seine Stirn besudelte, erzeugte einen metallischen Geschmack in ihrem Mund. Sie starrte dann meist auf einen Punkt am Boden.
Nur wenn sie sich in der freien Zeit nach dem Abendessen von den anderen wegschlich und durch den Kräutergarten schlenderte, konnte sie von ihrem Prinzen träumen, von den eleganten Kleidern, die er ihr schenken würde, den zarten Schuhen, den raffinierten Hochsteckfrisuren mit glitzerndem Perlenschmuck darin, die sie sich machen lassen würde. Sie träumte vom köstlichen Essen in einem Café in Neapel, von Cappuccino und perlendem Champagner, von dem sie glaubte, er schmeckte süß und leicht. In den Romanen tranken die Damen auf den Bällen immer Champagner. Ihr Prinz musste ihr zum Essen auf jeden Fall ein Glas Champagner reichen. Doch oft, wenn sie meinte, in einem Winkel des Gartens oder auch in der barocken Klosterkirche allein zu sein, tauchte eine der Schwestern auf, deren Namen sie sich nie merken konnte, weil die Nonnen für Chiara unter ihren Schleiern alle gleich aussahen.
»Schwester Chiara, was machst du so allein hier?«, sagte diese Schwester. Selbst wenn es verschiedene Schwestern waren, die Chiara im Garten entdeckten, dieser Satz fiel trotz des Schweigegelübdes immer. Alleinsein wurde offenbar nicht gebilligt. Es machte Chiara verdächtig. Doch sie brauchte die Spaziergänge im Garten, den Duft des Jasmins und die Träumerei, damit der Druck auf ihrer Brust, der sie Tag für Tag schon morgens beim Aufstehen überkam, wieder etwas nachließ. Sie konnte sich die raue Leere in sich nicht erklären. Sie hatte ein Dach über dem Kopf, ein Bett, sie bekam ausreichend zu essen, sogar Wein gab es zum Abendbrot, den sie zu Hause nie hatte trinken dürfen, und doch drückte ihr etwas, sobald sie sich zu den Laudes in die Kapelle begab, die Kehle so zu, dass sie kaum schlucken konnte. Sie sah Mamma vor sich, Matteo, Flora und Pasqualina. Die Hühner, die um das Haus liefen, Francescos Schafe. Silveria und die Romane aus der Zeitung. Zu gern wäre sie zu Signor Caccavo gegangen und hätte langweilige Heiligengeschichten abgeschrieben, zu gern hätte sie Mamma mit Pasqualina und Flora geholfen oder die Küche mit dem alten Reisigbesen ausgefegt, worüber sie sich immer so beklagt hatte, weil der Besen nicht mehr taugte, Mamma aber keinen neuen anschaffen wollte. Doch dabei hatte sie wenigstens reden und lachen und singen können. Singen konnte sie hier nur in der Messe, nur diese langweiligen Kirchenlieder, reden nur in den Pausen, aber auch nur das Nötigste und ganz leise, weil es sonst Sünde war. Und lachen, lachen konnte sie hier gar nicht. Es gab nichts zu lachen. Die Schwestern schienen nicht mal zu wissen, was Lachen eigentlich war. Bummelte Chiara oder redete ein paar Worte zu viel mit Anna, musste sie beichten. Danach hieß es noch mehr beten, noch mehr Vaterunser und Ave-Maria als Buße aufsagen.
»Stelle deinen Geist vor den Spiegel der Ewigkeit, stelle deine Seele in den Glanz der Herrlichkeit, stelle dein Herz vor die Gestalt des göttlichen Wesens und forme dein ganzes Ich durch die Beschauung in das Bild seiner Gottheit um.« Mit diesen Worten der heiligen Klara ermahnte die Äbtissin sie. Chiara konnte sich den Spiegel der Ewigkeit nicht vorstellen, die Herrlichkeit hatte für sie keinen Glanz, sie wollte ihr Ich nicht umformen. Sie wollte bleiben wie sie war. Rasch steckte sie die Hände in die Ärmel der Kutte und schwieg.
Francesco hatte immer viel und gern gebetet. Warum nur? Alle hatten immer den Kopf geschüttelt, aber er hat unbeeindruckt weitergebetet. Francesco hätte Chiara sicher etwas Tröstendes sagen können. Sein Trost war zwar nicht so, wie sie ihn brauchte, aber es war ein Trost. Sie hatte Francesco schon lange nicht mehr gesehen. Ein Jahr vor ihr war er ins Kloster eingetreten. Inzwischen war es Ende Mai, sie war schon fast fünf Monate bei den Klarissinnen. Eine Ewigkeit. Bei Francescos Abschied hatte trotz seiner Traurigkeit so ein Strahlen auf seinem Gesicht gelegen, als dieser Mönch ihn abgeholt hatte. Wie es ihm wohl ging?
»He, psst, Chiara«, flüsterte jemand hinter den Johannisbeersträuchern.
Chiara hob den Kopf. Sie saß auf einer kleinen Steinbank in der hintersten Ecke des Kräutergartens, versteckt zwischen dem blühenden Jasminstrauch und den Kletterbohnen. Hier überraschten die Schwestern sie nicht so oft.
Anna tauchte hinter den Sträuchern auf. »Weißt du eigentlich, die anderen zerreißen sich das Maul und verstoßen damit gegen das Schweigegebot, weil du immer allein sein willst.« Sie setzte sich neben Chiara. »Das fällt langsam auf.«
»Na und?« Sie zuckte mit den Schultern. »Ich kann nicht anders. Manchmal ist mir einfach nur zum Weinen, und ich ertrage die anderen nicht.« Sie schluchzte leise auf, und obwohl sie die Tränen unterdrücken wollte, löste sich eine. Rasch wischte Chiara sie weg. »Entschuldige.«
»Schon gut. Hör mal, ich habe es mir überlegt«, sagte Anna, wobei sie eine der unreifen Bohnen abriss und auseinanderpulte. »Alleine komme ich hier nicht weg. Es fällt viel zu sehr auf, wenn ich das Kloster auf eigene Faust erkunde. Die anderen Novizinnen sind immer mindestens zu zweit unterwegs, und die behelligen die Schwestern viel seltener.«
»Wirklich?« Chiara drehte sich zu ihr. Anna runzelte die Stirn. Die winzigen Erbsen aus der Bohne lagen verstreut um ihre Füße.
Anna nickte und rupfte die nächste Bohne vom Strauch. »Wir sollten mehr zusammen machen, etwas, das alle sehen können. Dann sind die Schwestern beruhigt. Und du fällst auch nicht mehr so auf. Die Äbtissin lässt dich ja kaum noch aus den Augen. Die wartet doch nur auf eine Gelegenheit, damit sie dich mal richtig bestrafen kann. Nicht nur mit ein paar Vaterunser. Aber ich sag dir, die Strafzelle möchtest du wirklich nicht von innen sehen.«
»Die Strafzelle?« Chiara erschrak. Davon hatte sie noch nie etwas gehört, bisher hatte sie nach der Beichte als Buße wirklich immer nur Ave-Marias und Vaterunser beten müssen.
»Hast du die noch nicht gesehen? Die ist im Keller und ist ziemlich duster.« Anna zertrat die Erbsen auf dem Boden. »Ich bin da neulich mal dran vorbeigelaufen, als ich volle Flaschen aus dem Weinkeller holen sollte. Dabei habe ich einen Gang entdeckt. Der führt zum Hof, wo die Lebensmittel angeliefert werden. Ich hab’s mir genau angesehen.«
Chiara ergriff ihren Arm. »Wenn dich jemand erwischt hätte, Anna! Das war gefährlich.«
»Ach, gar nicht. Schwester Bruna ist schon so alt, die kommt gar nicht hinterher, wenn ich vorauslaufe, um irgendwas zu holen. In den Keller geht sie gar nicht mit, weil ihre Knie beim Treppensteigen immer wehtun, sagt sie.« Anna kicherte leise. »Chiara, wir müssen noch etwas durchhalten. Willst du immer noch mitkommen?« Sie nahm Chiaras Hände in ihre und drückte sie sanft.
»Ja.« Chiara stand auf, wobei nun sie nach Annas Händen griff. »Ich halte es hier nicht aus. Dieses ewige Beten und das Schweigen. Niemand lacht. Es ist alles so, so … traurig. So möchte ich mein Leben nicht leben.« Sie stockte. Ihre Worte waren vermessen. Sie hatte keine Not auszustehen, musste nicht frieren oder hungern. Und die Eltern entschieden, was ihre Töchter im Leben machten. So war das nun mal. Schon immer war das so. Mamma hatte ständig erzählt, ihre Eltern hatten sie mit Papà verheiratet und sie hatte nicht ein Wort mitreden dürfen. Sie war trotzdem glücklich, hatte sie jedes Mal gesagt, weil die Liebe mit der Zeit von selbst kam. Und so würde es bei ihr und ihrem Leben als Nonne auch sein. Da war sich Mamma sicher gewesen. Warum konnte sie sich also nicht mit dem Kloster abfinden? Andere konnten das doch auch. Rita beklagte sich nie. Sie hatte nicht mal bei der Einkleidung gezuckt, als ihnen die Haare abgeschnitten wurden. Es wäre Gottes Wille, dass sie Nonne würde, das hätte Francesco ihr gesagt.
»Na, dann sind wir uns ja einig«, sagte Anna und machte sich von ihr los. »Am besten verbringen wir die nächsten Pausen zusammen. So überzeugen wir die Äbtissin, dass wir beide fleißige Novizinnen sind. Und ganz nebenbei finden wir heraus, mit wem die Schwestern noch so Umgang haben, außer mit den Gläubigen in der Messe. Einverstanden?« Um Annas Augen entstanden Lachfältchen.
»Ja, natürlich.« Die letzten Sonnenstrahlen ließen die Baumspitzen jenseits der Klostermauern wie Leuchtfeuer aufflammen. Als zeigten sie ihr den Weg. Ein paar Jasminblüten rieselten auf Chiara und Anna herab, als die kleine Glocke sie zum Komplet rief. Seite an Seite verließen sie den Garten und versammelten sich mit den anderen Schwestern zum Nachtgebet in der Kirche.

KAPITEL 14
»Frances … äh … Fra Pio, komm, die Laudes sind beendet«, sagte Padre Carmelo und stellte sich vor ihn. Fra Pio kniete in der Kirchenbank und betete immer noch. »Es gibt Frühstück.«
Er hob langsam den Kopf. »Gelobter Gott, erleuchte die Dunkelheit meines Herzens«, murmelte er, die Hände gefaltet vor sich auf der Bank. Sein Blick war starr, Padre Carmelo war, als sähe Fra Pio durch ihn hindurch, auf das Kruzifix über dem Altar.
Fra Pio blinzelte. »Amen.« Er bekreuzigte sich und stand auf.
»Komm, Fra Pio«, sagte Padre Carmelo noch einmal. »Später in der Kontemplation kannst du weiterbeten. Aber Gott möchte sicher nicht, dass du mit leerem Magen deine Aufgaben verrichtest.«
»Ich bin nicht hungrig«, sagte Fra Pio und folgte Padre Carmelo aus der Kirche. Schweigend schritten sie durch die dunklen, feuchten Gänge mit den kleinen Fenstern und den Kreuzgang mit den schmucklosen Säulen und dem versiegten Brunnen in der Mitte, der mit einem Eisengitter abgedeckt war, zum Refektorium.
Padre Carmelo seufzte. Fra Pio aß nie besonders viel. Selbst wenn er ihm etwas von seinem Brot anbot oder Fra Tommaso, der die Speisen zubereitete, um eine besonders große Portion für Fra Pio bat, so verspeiste dieser immer nur ein paar Bissen.Ermahnte er Fra Pio allerdings, er könne ohne Nahrung seine Aufgaben nicht angemessen erledigen, so überwand dieser sich und nahm etwas mehr als gewöhnlich zu sich. Der Junge betete ohne Unterlass. Oder lernte ohne Pause. Wenn er ihn nicht in der Kirche kniend antraf, so fand er ihn in der Bibliothek über die alten Ledereinbände gebeugt.
Stolz auf seinen eifrigen Zögling durchflutete Padre Carmelo, und er lächelte. Hochmut. Er war erneut dem Hochmut verfallen. Diese Todsünde würde er beichten müssen und geloben, sich nur um das Wohlergehen von Fra Pio kümmern zu wollen. Das hatte er Francescos Mutter versprochen, und auch dem Herrn war er es schuldig, dass er Fra Pio zu einem ordentlichen Mönch ausbildete.
Nach dem Frühstück zogen sich Padre Carmelo und Fra Pio in die kleine Bibliothek zum Unterricht zurück. Die dunklen Holzregale an den Wänden reichten bis unter die Decke, jedes von ihnen war mit dicken Folianten in Ledereinbänden und uralten Inkunabeln bestückt. Ein paar der weniger wichtigen Bücher und zerlesene Exemplare stapelten sich auf dem Fußboden. Weitere Anschaffungen durfte Padre Carmelo wirklich nicht machen, der Platz fehlte.
»Heute werden wir uns mit der Bullierten Regel der Franziskaner beschäftigen«, begann Padre Carmelo, während er auf dem Tisch aus dunklem Eichenholz in der Mitte des Raumes eine Kerze entzündete. Das winzige Fenster, das zwischen den Regalen fast verschwand, ließ das ganze Jahr über nie genug Licht zum Lesen herein.
Fra Pio setzte sich an den Tisch.
»Was weißt du über die Bullierte Regel?« Padre Carmelo schlug das Ordensbuch auf. Die ersten Seiten lösten sich aus der Bindung. Er legte sie vorsichtig übereinander.
»Sie wurde am 29. November 1223 von Papst Honorius III. im Lateran gegeben«, sagte Fra Pio. Er drehte das Medaillon vom heiligen Franz in den Händen, das Padre Carmelo ihm geschenkt hatte. So viele von den Medaillons hatte er in seinem Mönchsleben schon verschenkt, damit die Menschen den rechten Weg auch fänden, aber dieses war zu ihm zurückgekommen und hatte ihm seinen vielleicht wichtigsten Schüler mitgebracht.
»Richtig, mein Sohn.« Padre Carmelo schob das Ordensbuch zu Fra Pio. »Und wozu hat der heilige Franz sie geschrieben?«
»Die Bullierte Regel ist das Gesetzeswerk der Franziskaner. Damit ermahnt der heilige Franz seine Brüder, ihr Leben getreu dem Evangelium zu führen. So wie sie es versprochen haben.« Fra Pio sprach jedes Wort deutlich aus, verlieh ihm die Bedeutung, die es für den Orden hatte.
Padre Carmelo nickte. »Schauen wir uns den Text der Bulle einmal genauer an«, sagte er. »Bitte lies von Kapitel eins an.«
Fra Pio räusperte sich, schlug eine der losen Seiten sorgsam um und las: Von der Lebensweise der Minderen Brüder. Durch ein Leben in Gehorsam, ohne Eigentum und in Keuschheit galt es, das heilige Evangelium zu befolgen. Padre Carmelo zog sich einen Stuhl heran und setzte sich. Gehorsam und Ehrerbietung gegenüber dem Papst und seinen rechtmäßigen Nachfolgern sowie der Römischen Kirche mussten sie versprechen. Dem heiligen Franz und dessen Nachfolgern hatten sie zu gehorchen. Er sollte die Brüder viel öfter daran erinnern.
»Weiter«, sagte Padre Carmelo, als Fra Pio zögerte.
Fra Pio las von der sorgfältigen Prüfung des katholischen Glaubens bei neuen Brüdern. Diese sollten keine Ehefrauen haben, oder wenn doch, müssten ihre Frauen in ein Kloster eintreten und das Gelübde der Enthaltsamkeit ablegen. »Und w enn ihre Frauen solchen Alters sind, dass kein Verdacht über sie entstehen kann, sollen sie ihnen das Wort des heiligen Evangeliums sagen, dass sie hingehen und all das Ihrige verkaufen und Sorge tragen, es unter die Armen zu verteilen.« Fra Pios Blick wanderte von links nach rechts, weiter über die Zeilen, als läse er sie noch einmal, als hätte er sie nicht verstanden.
»Ja?«
»Was sind Frauen solchen Alters, dass kein Verdacht über sie entstehen kann?« Fra Pio schob die losen Seiten zu einem geraden Stapel zusammen.
»Ähm, nun, also … das betrifft dich nicht, mein Sohn«, sagte Padre Carmelo. In so jungen Jahren hatte er sich keine Gedanken über Frauen gemacht. Die Mädchen seines Alter waren ihm damals wie unreife Zicklein vorgekommen, die man besser in Ruhe ließ. Nun jedoch, nach all den Jahren nur unter Brüdern hätte ihm eine Frau gleichen Alters wohlgetan. Eine gebildete Frau, so wie seine Tante es gewesen war. Zia Matilda hatte lesen können, obwohl sie vom Land kam, wo dies für die Mädchen zur damaligen Zeit nicht üblich gewesen war. Sie hatte ihm bei ihren Besuchen aus der Bibel vorgelesen, sie war mit ihm durch den Wald und über die Felder und die Wiesen gewandert, hatte ihm die Namen von Blumen und Kräutern gelehrt. Hatte von der göttlichen Einheit von Mann und Frau gesprochen, auf die sie ihre Hoffnung setzte. Immer wenn sie ihn zum Abschied umarmt hatte, duftete sie nach Veilchen und Rosen. Tagelang hatte er diesen Wohlgeruch mit sich herumgetragen und die Wochen bis zu ihrem nächsten Besuch gezählt. Doch eines Tages kam sie nicht, wie es vereinbart war. Vater und er fuhren in ihr Dorf und fanden sie tot in ihrem Bett. Einige Tollkirschen lagen auf ihrem Nachttisch. Mit Belladonna hatte sie sich das Leben genommen. Sie hatte ihr bestes Leinenkleid angezogen und die schwarzen Haare zu einem strengen Dutt gebunden. Ihr Gesicht war glatt und makellos schön, die Haut durchscheinend weiß, die Hände auf der Brust gefaltet. Nur ein dünner angetrockneter Speichelfaden, der aus ihrem Mundwinkel gelaufen war, zeugte von ihrem Todeskampf. In der Küche fanden sie einen Brief, in dem sie in akkurater Schrift erklärte, sie könne nicht mit der Schmach eines unehelichen Kindes leben, von dem der Vater nichts wissen wolle. Sie nannte keinen Namen, verzieh ihm jedoch, dass er sie in diese Lage gebracht und zu seiner Frau und seinen Kindern zurückgekehrt war. Aber sie fühlte sich nicht stark genug, dem Gerede der Leute aus dem Dorf standzuhalten und das Kind einer ungewissen Zukunft auszusetzen. Die Einheit von Mann und Frau hatte ihr kein Glück gebracht. So wollte sie lieber ihrem Schöpfer entgegentreten, seine Strafe annehmen und auf seine Vergebung hoffen. Padre Carmelo hatte damals nächtelang um sie geweint, Rache dem Mann geschworen, sollte er ihn jemals finden. Inständig hatte er für ihre Seele gebetet, damit ihre Höllenqualen nicht zu schlimm würden. Dann hatten seine Eltern ihn ins Kloster geschickt, und er war froh gewesen, dort nicht mehr über das Zusammensein von Mann und Frau nachdenken zu müssen. Doch nun weckte Fra Pio seinen längst vergessenen Schmerz und die längt vergessene Liebe zu dieser Frau. Er verführte ihn mit seiner Frage zu sündigen Gedanken. So erstaunlich der Junge auch war, er machte ihn ständig zum Sünder. »Zur Zeit des heiligen Franz waren manche Mitbrüder verheiratet, bevor sie in den Orden eintraten«, erklärte Padre Carmelo rasch. Er würde später für Zia Matilda beten. »Doch wenn ihre Frauen in dem Alter waren, dass sie nicht mehr bluteten, also keine Kinder mehr bekommen konnten, durften die Brüder mit ihnen verheiratet bleiben.«
Fra Pio runzelte die Stirn. »Aber das ist doch nicht keusch.«
Nein, keusch war das wirklich nicht, dennoch beneidete Padre Carmelo die ersten Franziskaner um diese weniger strengen Regeln. Er selbst hatte gelernt, die Bedürfnisse seines Körpers zu beherrschen. Andere Brüder waren nicht so stark und versündigten sich. Das erkannte er an den Blicken, die sie mit manchen Frauen während der öffentlichen Messe austauschten. Hin und wieder verschwanden manche Brüder, er vermutete, sie verließen dann das Kloster unerlaubterweise. Bei ihrer Rückkehr verrieten ihre Mienen entweder tiefste Scham oder höchste Befriedigung. Padre Carmelo bewunderte sie für ihren Mut und ihre Dreistigkeit und verabscheute gleichzeitig ihr sündiges Verhalten. Hätte er nicht durch den Tod seiner Tante erfahren, welche monströsen Auswirkungen die Verbindung von Mann und Frau haben konnte, vielleicht wäre auch er aus dem Kloster geschlichen und hätte Geheimnisse gehabt. Doch so war er der Regel treu geblieben. Fra Pio allerdings würde mit der Zeit lernen, dass das Klosterleben nicht in allem den Worten aus dem Ordensbuch folgte.
»Nun, heute ist das ja nicht mehr so«, sagte er. »Die Brüder, die dem heiligen Franz folgen, sind nie verheiratet. Die Gefahr der Unzucht besteht nicht. Außerdem erklärt Franz weiter unten: ›Ich befehle streng allen Brüdern, keine verdächtigen Beziehungen mit Frauen zu haben und die Klöster der Nonnen nicht zu betreten.‹ Du siehst, die Keuschheit bleibt gewahrt.«
Fra Pio atmete tief aus. Sein Blick wanderte auf dem Text hin und her. Er blätterte eine Seite um, dann noch eine.
Padre Carmelo würde heute Nachmittag bei Padre Superiore beichten müssen. Seine Worte waren gottesfürchtig, doch seine Gedanken waren von Sünde durchsetzt. Wie sollte er Fra Pio ein gutes Vorbild sein, wenn er selbst keine reinen Gedanken hegte?
»Die Brüder dürfen durch die Welt ziehen?«, fragte Fra Pio. »Das steht hier in Kapitel drei.«
Padre Carmelo nickte.
»Ich rate aber meinen Brüdern, warne und ermahne sie im Herrn Jesus Christus, dass sie, wenn sie durch die Welt ziehen, nicht streiten, noch sich in Wortgezänk einlassen, noch andere richten«, las Fra Pio vor. »Vielmehr sollen sie milde, friedfertig und bescheiden, sanftmütig und demütig sein und mit allen anständig reden, wie es sich gehört.« Fra Pio lehnte sich zurück und lächelte. Schließlich presste er die Lippen zusammen und zog die Wangen ein. Alles in seinem Gesicht wurde spitz. »Aber muss ich denn durch die Welt ziehen?«, fragte er, wobei er die Hände unter dem Tisch verbarg und die Schultern hängen ließ.
Der Junge war wirklich sensibel und fast ein bisschen zu fantasievoll. Alles bezog er sofort auf sich. Das zeugte zwar von einer wachen Intelligenz, doch Padre Carmelo war sich nicht sicher, ob das immer vorteilhaft für Fra Pio sein würde. Wenn er nun die falschen Schlüsse ziehen und sich in etwas völlig Widersinniges verbeißen würde, drohte ihm womöglich Gefahr, körperlich wie seelisch. Er würde das bei seinem kommenden Unterricht bedenken müssen, damit es nicht auf ihn zurückfiele, falls Fra Pio etwas zustieß.
»Nein, das musst du nicht. Nur wenn du das Bedürfnis verspürst, das Wort Gottes und die Lehre des heiligen Franz anderen Menschen zu bringen.« Oder wenn ein Kloster geschlossen wurde. Diesem Konvent war das bereits zweimal widerfahren. Das erste Mal im Zuge der Napoleonischen Gesetze 1811, und ein weiteres Mal nach der politischen Einigung Italiens. Padre Carmelo war froh, dass er diese Zeiten nicht hatte miterleben müssen. 1867 hatte man Gesetze erlassen, die den klerikalen Einfluss schwächen sollten, und alle Klöster geschlossen. Wie hätte er sich gefühlt, wenn ihm sein Zuhause wieder und wieder genommen worden wäre? Die Flamme der Kerze flackerte wild. Erst zwanzig Jahre später hatten einige Brüder den Klosterbau wieder erworben und den Konvent neu eröffnet. Wer wusste schon, was die kommenden Zeiten bringen würden? Der Junge musste damit rechnen, nicht immer an einem Ort bleiben zu können. So eine Sicherheit konnte ihm niemand geben. Selbst Padre Carmelo nicht. Er sollte mit ihm die Geschichte dieses Konvents durchnehmen, damit er sich auch darauf seelisch vorbereitete.
»Fra Pio, sorg dich nicht. Du entscheidest das, wenn du den Ruf Gottes vernimmst«, sagte er. »Lesen wir weiter.«
Fra Pio setzte sich wieder gerade hin. »Ist gut. Also. Kapitel vier. ›Die Brüder sollen kein Geld annehmen‹.«
Er las und las. Die Brüder dürften kein Eigentum erwerben, sollten um Almosen bitten und sich den Kranken widmen. Die Kerze knisterte leise, sie war fast heruntergebrannt. Er las, dass er in der Predigt seine Worte wohl bedenken sollte. »Zum Nutzen und zur Erbauung des Volkes, indem die Brüder zu ihnen sprechen von den Lastern und Tugenden, von der Strafe und Herrlichkeit mit Kürze der Rede, weil der Herr auf Erden sein Wort kurz gefasst hat.«
Padre Carmelo holte eine neue Kerze aus dem Schrank, in dem er die Karteikarten für die Bücher aufbewahrte. Fra Pio redete nicht viel. Er würde die Gläubigen nicht mit umständlichen Predigten langweilen, wie es so manche Brüder taten, die sich zu wichtig nahmen. Padre Carmelo entzündete die neue Kerze und steckte sie auf den glimmenden Docht, der im Kerzenhalter im Wachs zu ertrinken drohte.
Fra Pio las das Ende der Regel: »›… immer zu Gott zu beten mit reinem Herzen, Demut zu haben, Geduld in Verfolgung und Krankheit und jene zu lieben, die uns verfolgen und tadeln und beschuldigen, denn der Herr sagt: ›Liebet eure Feinde und betet für jene, die euch verfolgen und verleumden.‹ Selig, die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen, denn ihrer ist das Himmelreich. Wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden.‹«
Im Kerzenschein wirkten Fra Pios Wangen eingefallen. Er hatte den Kopf geneigt wie der Jesus am Kruzifix. Seine Tonsur und die wenigen Barthaare erinnerten an den heiligen Franz. Er kratzte sich den linken Handrücken. Die Kutte schien ihm zu weit zu sein. Da saß ein Junge, der so viel Mitgefühl zu empfinden schien, dass er anscheinend auch den Schmerz der anderen in sich spürte, ohne darüber zu klagen.
Padre Carmelo war, als fielen seine Worte und Lehren auf fruchtbaren Boden. Und die Saat ging mehr und mehr auf.

KAPITEL 15
Die Tage im Kloster änderten sich kaum. Chiara arbeitete im Kräutergarten, wechselte abgebrannte Kerzen aus, füllte Regale mit Weinflaschen, Mehlsäcken, Zwiebeln und Knoblauch auf, ging zur Messe, betete und beichtete. Der Sommer kam, und zusammen mit den anderen Novizinnen besserte sie die weißen Tuniken aus, die Unterkleider der Nonnen. Doch ihre Abmachung mit Anna verlieh dem einförmigen Tagesablauf einen neuen Reiz, so wie die zwei Worte ›Fortsetzung folgt‹ eine gespannte Aufregung erzeugt hatten, über eine ganze Woche, bis sie die nächste Folge in Händen gehalten hatte. Bei jedem Gang zwischen Kapelle und Zelle, von der Zelle zum Refektorium, vom Refektorium zum Garten, zwischen Garten und Arbeitsraum sah Chiara sich genau um. Sie entdeckte Türen, Fenster, Nischen und Gänge, die ihr zuvor nicht aufgefallen waren. Bald wusste sie, welche Türen sich öffnen ließen und wohin sie führten, welche immer abgeschlossen waren. Sie erkannte, wann sich die Schwestern mit Gläubigen von außerhalb unterhielten, das Schweigegelübde missachteten, von Lieferanten Lebensmittel entgegennahmen und neue bestellten, wer auf den Markt ging und zu welchen Anlässen sie Beamte und Würdenträger empfingen. In der freien Zeit nach dem Abendessen saß sie mit Anna zusammen. Bei schönem Wetter gingen sie sogar wieder in den Garten, setzten sich allerdings nicht mehr hinten in der Ecke auf die Steinbank, sondern blieben dort, wo alle sie sehen konnten. Sie saßen im Kreuzgang oder bei Regen im Arbeitsraum, nahmen das Nähzeug zur Hand und besserten unermüdlich die Säume der Tuniken aus.
»Heute war ein Junge bei dem Milchlieferanten. Offenbar sein Lehrling«, flüsterte Chiara eines Abends Anna zu. »Er muss etwas älter sein als wir. Vielleicht kann er uns helfen.«
»Und wie?« Anna blickte von ihrer Tunika hoch.
»Vielleicht kann er uns auf seinem Karren rausschmuggeln.« Chiara fädelte weißes Garn durch eine Nadel.
»Und wenn er uns an die Äbtissin verrät?« Anna ließ die Hände in den Schoß sinken.
Chiara schwieg. Sie konnten niemandem vertrauen, sie hatten keine Freunde im Dorf. Niemand kannte sie. Für die Schwestern waren sie nur Novizinnen, die ausgebildet werden mussten und sich noch nichts im Kloster erarbeitet hatten. Sie zählten nicht.
Schwester Lucia kam auf ihren Tisch zu.
»Ave Maria, gratia plena«, fing Anna an. Chiara stimmte ein.
»Schwestern, es wird Zeit für die Nachtruhe«, sagte sie und eilte wieder davon.
Chiara faltete das Wäschestück zusammen. »Wir müssen es probieren. Wir haben keine andere Chance. Vielleicht sollten wir ihn erst beobachten und mit ihm plaudern. Ganz unverfänglich, um herauszufinden, ob wir ihm vertrauen können. Nächste Woche haben wir zusammen Küchendienst. Du kennst dich doch mit Jungs aus.« Sie grinste.
Anna zog die Brauen hoch. »Ich bin meinem Lucio treu«, erwiderte sie. »Aber ich kann dir ein paar Tricks verraten.«
Der Milchjunge kam in der nächsten Woche wieder, als Chiara die Lieferung annehmen und die neue Bestellung aufgeben musste. Mit seinen muskulösen Armen lud er die vollen Milchkannen von seinem Fuhrwerk und verstaute sie in der Kühlkammer, neben der Küche. Er kannte den Weg. Auf dem Rückweg brachte er die leeren Kannen mit. Während er sie auf den Wagen stellte, trat Chiara neben ihn. Sein weißes Hemd war am Rücken feucht, seine Hose, die von einem Strick gehalten wurde, reichte nur bis zu den Knien und ließ seine sonnengebräunten Waden und Füße sehen. Die beiden Pferde vor dem Fuhrwerk warfen ihre Köpfe auf und nieder und traten mit den Hufen auf das Pflaster. Nach jeder Milchkanne, die er auflud, strich der Junge sich die lange Haarsträhne aus dem Gesicht.
»Also, beim nächsten Mal wieder vier Kannen, bitte.«
Er nickte. »Natürlich, Schwester, so wie immer.«
Schwester Cecilia, die nebenan in der Küche die Zubereitung des Mittagessens überwachte, kümmerte sich nicht um sie. »Darf ich dich noch was fragen?«, sagte Chiara leise. Wäre Anna an ihrer Seite gewesen, würde ihre Stimme bestimmt nicht so zittern. Aber Anna musste ausgerechnet heute den Keller fegen, zur Strafe, weil sie ihr Bett nicht ordentlich gemacht hatte.
Der Junge zog die Brauen hoch, dann blinkerte er ein paarmal mit den Wimpern über seinen grünen Augen. Er musterte sie vom weißen Schleier bis zu ihren Sandalen. »Ja, was denn?«
»Wie heißt du?« Chiara lächelte. Annas erster Tipp war gewesen, dass sie lächeln sollte, immer lächeln. In der Küche klapperten die Schwestern mit den Töpfen, Schwester Cecilias aufgebrachte Stimme erklang. Heute hatte sie mal wieder einen von ihren boshaften Tagen. Chiara schluckte und lächelte.
»Mauro.«
»Kommst du jetzt öfter, Mauro?« Sie senkte den Blick. Anna hatte gemeint, so wirkte man verlegen, was den Jungs Mut machen würde. Mauros Füße waren grau vom Staub. Glücklicherweise war Schwester Cecilia beschäftigt.
»Ja, ich übernehme die Tour von meinem Onkel. Er hat so viel zu tun.« Er wischte sich mit dem Hemdsärmel den Schweiß von der Stirn. Seine Haare fielen ihm gleich wieder ins Gesicht. Er schob die Unterlippe vor und blies die Strähne weg. Tief unten in Chiaras Bauch zog sich etwas zusammen, wie sie es noch nie erlebt hatte. Anna wusste bestimmt, was das zu bedeuten hatte.
»Wie schön. Vielleicht werden wir hin und wieder ein bisschen reden können.« Chiara sah ihn von unten mit einem Lächeln an. Sie fuhr mit der Zunge über ihre Lippen. Das hatte Anna ihr nicht gesagt, aber es hatte in einem der Romane gestanden. Etwas peinlich war das schon, aber seine Augen wurden größer. Es schien zu wirken. Das Ziehen in ihrem Bauch wurde stärker.
»Äh … ja, gern, … wenn Ihr es wünscht«, sagte Mauro. Er fuhr sich durch die Haare, lächelte kurz. Dann kletterte er auf den Wagen und nahm die Zügel auf. Die Pferde schnaubten. »Ende der Woche komme ich wieder. Mit der nächsten Lieferung.«
»Ich freue mich schon«, sagte Chiara leise und zwinkerte ihm zu. Eine heiße Welle stieg in ihr auf, ihre Wangen wurden warm. Es funktionierte. Und es war gar nicht schwierig gewesen. Es schien ihm sogar zu gefallen, denn er starrte ununterbrochen zu ihr, während er das Fuhrwerk langsam im Hof drehte und schließlich damit hinausrumpelte. Schwester Cecilia hatte nichts mitbekommen. Sie war also doch nicht allgegenwärtig, wie sie immer alle Novizinnen Glauben machte. Chiara musste es sofort Anna erzählen. Sie lief durch die Gänge im Keller, die immer noch ungefegt aussahen, und fand Anna in einer der Kammern, in der die weltlichen Kleidungsstücke der Novizinnen lagerten, gleich neben dem Putzzeug.
Die ersten Sonnenstrahlen wanderten über die Außenmauer, als Chiara und Anna das Tor aufmachten. Mauro stand mit seinem Fuhrwerk bereits davor. Mit einem lauten Schnalzen trieb er die beiden Pferde in den Klosterhof. Anna hakte das Tor fest. Chiara trat an den Wagen und streichelte dem linken Pferd, einem Schimmel, über das weiche Maul. Er stupste Chiara an, knabberte an ihrem Ärmel.
»Nicht«, rief Chiara und trat einen Schritt zurück. »Ich hab nichts für dich. Aber nächstes Mal muss ich wohl einen Apfel mitbringen.« Sie blickte lächelnd zu Mauro, der vom Bock sprang.
»Werte Schwester«, begrüßte er Chiara, »Ihr seht heute noch hübscher aus als sonst. Was ist passiert? Waren die anderen Schwestern gut zu Euch?« Er hob die vollen Kannen so schwungvoll vom Wagen, als seien sie leer. Seine kräftigen Schultern zeichneten sich unter seinem Hemd ab, seine Armmuskeln glänzten.
Anna stellte sich neben Chiara, die Hände in den Ärmeln.
»Ach, Mauro, du weißt doch, wie sie sind.« Chiara seufzte. »Nein, es gibt etwas, über das ich mit dir reden möchte. Kennst du Anna eigentlich schon?« Sie zeigte auf Anna, die sich ständig zur Tür und zum Küchenfenster umdrehte. Noch war keine der Schwestern aufgetaucht. Anscheinend vertrauten sie Chiara und Anna endlich.
»Noch so eine hübsche Schwester, was habe ich heute für ein Glück.« Mauro deutete eine Verbeugung an, wobei ihm die Haare ins Gesicht fielen. Seine grünen Augen blitzten. Pfeifend schleppte er die ersten beiden Milchkannen in den Kühlraum. Es klapperte und schepperte, schon kam er mit vier leeren Kannen zurück.
»Mauro, wir wollen dich um etwas bitten, aber du musst schwören, dass du niemandem davon erzählst«, sagte Chiara, während es tief unten in ihrem Bauch zog. Ihr wurde warm. »Schwörst du es?«
»Zwei so netten Schwestern kann ich doch nichts abschlagen, das wäre Sünde und brächte mich in Teufels Küche.« Er lachte, während er die nächsten Kannen wegbrachte.
Anna schüttelte leicht den Kopf. »Na, auf den Mund gefallen ist er ja nicht«, flüsterte sie Chiara zu.
Als Mauro zurückkehrte, grinste er breit.
»Das ist nicht zum Lachen.« Chiara griff ihn am Ärmel und zog ihn neben die Tür zum Hof, so konnte niemand sie von drinnen sehen. Sie spürte seine warme Haut unter dem Stoff und erzitterte. »In diesen Mauern wohnt der Satan.« Anna verzog keine Miene. Abends in ihren Betten hatten sie sich alles zurechtgelegt.
Mauros Grinsen verschwand. »In einem Nonnenkloster? Das kann nicht sein. Wie kommst du darauf?«
»Die Äbtissin hat den bösen Blick. Ist dir schon mal aufgefallen, wie sie schielt? Und wenn eine Novizin nicht das tut, was sie sagt, belegt sie sie mit einem Fluch. Sie ist die Handlangerin von Satan. Nachts ist es besonders schlimm. Da wispert es in den Ecken, und es rumpelt, als würden Dinge kaputtgehen. Dann berät sie mit Satan über ihre nächsten Taten.«
Anna nickte und verzog keine Miene.
»O Gott, ihr Armen! Das ist ja fürchterlich. Das habe ich aber noch nie gehört.« Mauro hob die Hand, als wollte er Chiara über die Wange streichen, doch er hielt inne, ließ sie wieder sinken.
Chiara stockte der Atem. »Kannst du auch nicht. Sie hat alle verhext. Das Schweigegelübde! Niemand darf ein Wort sagen. Ist dir schon mal aufgefallen, alle Schwestern reden immer nur über Gott.«
»Das ist doch normal im Kloster, oder?« Mauro zog die Augenbrauen hoch.
»Meinst du. Hier gibt es eine Strafzelle, von der niemand außerhalb dieser Mauern etwas weiß.«
Anna nickte wieder. »Genau«, sagte sie. »Oder weißt du etwa davon?«
Mauro schüttelte den Kopf.
»Da hängen Ketten drin und merkwürdige Eisengeräte, die bestimmt nicht dafür gemacht sind, nur das Feuer zu schüren oder das Getreide zu mahlen«, erzählte Anna weiter. »Ich habe das genau gesehen.« Sie hob das Kinn.
»Ich habe Angst hier drin«, sagte Chiara. Sie ließ ihre Unterlippe zittern und presste ein paar Tränen heraus. »Ich will nicht verhext werden. Ich will keine Braut Satans werden.«
»Braut Satans?« Mauro schnappte nach Luft. »Wie das?«
»Es heißt, wenn das Noviziat beendet ist«, flüsterte Anna mit zusammengezogenen Brauen, »muss jede Nonne ein Blutopfer bringen. Das besänftigt Satan, damit er kein weiteres Opfer fordert.«
»Weitere Opfer? Was denn für weitere Opfer?« Mauro kratzte sich am Oberarm. Er hatte eine Gänsehaut. Über den Platz draußen ratterten andere Fuhrwerke. Heute war Markttag, Schwester Cecilia besorgte dort frisches Gemüse.
»Letztes Jahr ist eine Nonne gestorben.« Chiara schluchzte. Es hörte sich ganz natürlich an. »Sie wollte weg und kein Blut opfern. Die Äbtissin hat sie nicht fortgelassen, sondern in der Strafzelle eingesperrt. Dort ist sie gestorben.« Chiara schluchzte lauter. Anna legte ihr den Arm um die Schultern.
»Sie hing am Fensterkreuz, als man sie fand«, erklärte Anna, wobei sie Chiara den Rücken streichelte.
»Davon habe ich gar nichts mitbekommen.« Mauro riss die Augen auf. »Warum hat mir mein Onkel nur nichts davon erzählt?«
Chiara schluchzte weiter. Mauro schielte sie von unten an, er wirkte völlig verunsichert.
»Ja, glaubst du denn, die Schwestern erzählen das überall herum?« Anna ließ Chiara los und stellte sich vor Mauro. »Die haben den Mantel des Schweigens darübergebreitet. Das geht ganz rasch hier. Schweigegelübde und Strafe. Und der böse Blick der Äbtissin. Das reicht.« Sie stemmte die Arme in die Hüften.
»Mauro, bitte, du musst uns helfen«, sagte Chiara. Ihre Stimme klang wirklich tränenerstickt. »Wir können niemanden vertrauen. Wir müssen hier weg. Sonst sind wir die nächsten.«
Mauro trat einen Schritt zurück. »Ihr nehmt mich auf den Arm, oder?« Er sah von Chiara zu Anna. »Sagt schon, ihr treibt euren Spaß mit mir, nicht wahr?« Seine Schultern hingen herunter.
Chiara blickte Anna an, deren Brauen eng zusammengezogen waren. Sie hatte fast etwas Dämonisches an sich. Wahrscheinlich hatte das Versteckspiel mit Lucio vor ihren Eltern sie zu dieser guten Schauspielerin gemacht. Chiara sollte sich das von ihr abschauen.
»Leider nicht«, sagte Anna mit Grabesstimme. »Wage es nicht noch einmal, an uns zu zweifeln, sonst trifft dich der böse Blick.«
Chiara bekam eine Gänsehaut. Wenn er ihnen jetzt nicht glaubte, würde er ihnen nie glauben.
Mauro zuckte zusammen. »Schon gut, schon gut.« Er hob die Hände vor die Brust. »Verzeiht. Ich glaube euch ja. Es ist nur so entsetzlich. Zwei so hübsche Schwestern! Ihr tut mir so leid.«
»Dann hilf uns«, presste Chiara heraus. Sie setzte ein trauriges Lächeln auf und blinkerte mit den Wimpern. »Du würdest es auch nicht umsonst machen.«
»Ach ja?« Mauro starrte sie an, aber er sah ihr nicht in die Augen, sondern auf die Lippen.
Chiaras Ohren wurden heiß. Zum ersten Mal war sie froh, dass das Kopfgebinde alles bedeckte und ihre Röte verbarg. Was sollte sie ihm nur geben für seine Hilfe? Darüber hatten sie nicht gesprochen. Es war ihr so herausgerutscht.
»Na, wir würden für dich beten«, sagte Anna schnell, »der himmlische Lohn wäre dir sicher. Und der böse Blick würde dich nicht treffen.« Ihre Brauen waren immer noch zu einem Balken zusammengezogen. Vor dem offenen Klostertor klirrte es. Chiara schrak zusammen. Geschrei erhob sich, ein Weinballon war von einem Fuhrwerk gerutscht und auf dem Pflaster zerborsten. Der Rotwein ergoss sich über den Platz, bildete eine Pfütze.
Mauro verschränkte die Arme vor der Brust. »Och, ich wüsste da schon auch einen weltlichen Lohn.« Blitzschnell fuhr er sich mit der Zunge über die Lippen.
Chiara schnappte nach Luft. Das Ziehen im Bauch tat plötzlich weh.
»Schämst du dich gar nicht?«, zischte Anna. »Wir können jeden Moment Satan geopfert werden, und du denkst an so was. Wollust ist eine Sünde. Und wir müssen außerhalb dieser Mauern auf unseren Ruf achten, sonst könnten wir gleich hier bleiben.« Sie hatte rote Flecken auf den Wangen.
»Aber einen Kuss könnte ich doch kriegen, oder? Nur einen … Dann wär ich schon glücklich«, sagte Mauro und zwinkerte Chiara zu. Seine Schultern waren breiter als zuvor. So breit wie die Schultern der Prinzen und Ritter aus den Romanen.
»Seid doch leise! Schwester Cecilia kann jeden Moment kommen.« Immer noch standen die Menschen vor dem Tor um die Scherben des Weinballons herum und stritten. »Mauro, bitte, hilfst du uns?«
Er nickte.
Aus dem Ziehen in Chiaras Bauch entstand ein wohliger Schauer.
Schwester Cecilia tauchte im Tor auf. »Seid ihr noch nicht fertig?« Sie trug zwei Körbe voller Auberginen, Zucchini, Basilikum und Weintrauben. Chiara erstarrte. Mauro verstaute die leeren Milchkannen und stieg auf den Bock. »Die Messe beginnt gleich.« Schwester Cecilia verschwand in der Küche.
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