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Udo Herrmann

VON NICHTS

KOMMT NIEMAND

Mit talentiertem Nachwuchs

die Zukunft im Handwerk meistern


Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf eine geschlechtliche Differenzierung in den Formulierungen verzichtet. Wir bitten, sämtliche Bezeichnungen (z. B. Handwerker, Unternehmer etc.) im Sinne der Gleichbehandlung für beide Geschlechter zu interpretieren und anzuwenden.

1. Auflage 2016

© 2016 by Holzmann Medien GmbH & Co. KG, 86825 Bad Wörishofen

Alle Rechte, insbesondere die der Vervielfältigung, fotomechanischen Wiedergabe und Übersetzung nur mit Genehmigung durch Holzmann Medien.

Das Werk darf weder ganz noch teilweise ohne schriftliche Genehmigung des Verlags in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm, elektronische Medien oder ähnliches Verfahren) gespeichert, reproduziert oder sonst wie veröffentlicht werden.

Diese Publikation wurde mit äußerster Sorgfalt bearbeitet, Verfasser und Verlag können für den Inhalt jedoch keine Gewähr übernehmen.

Bildquelle/​Umschlag: © auremar@fotolia.com Lektorat: Achim Sacher, Holzmann Medien | Buchverlag Herstellung/​Satz: Markus Kratofil, Holzmann Medien | Buchverlag 1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2016

Artikel-Nr. 1550.01

ISBN ePub: 978 - 3 - 7783 - 1039 - 7

Vorwort

Was wäre das Leben ohne das Handwerk? Diese Frage stellt der Zentralverband des Deutschen Handwerks in seiner Imagekampagne. Bei einem aufwendig gedrehten Werbespot wird jedem sofort klar: Das Handwerk ist in allen Lebensbereichen unentbehrlich.

Unentbehrlich sind vor allem die Fachkräfte, die in Zukunft hochwertige Handwerksleistungen bei den Kunden erbringen sollen. Wir Handwerker befinden uns längst schon in einem Dilemma. Den gestiegenen Kundenerwartungen stehen immer weniger gut ausgebildete Fachkräfte gegenüber. Bald werden (noch) weniger Handwerksbetriebe in Maschinen und Werkzeuge investieren, weil die Hände fehlen, die gut damit umgehen können. Der Zentralverband des deutschen Handwerks hat das längst erkannt und nachgelegt. Mit dem Aufruf „Die Welt war noch nie so unfertig. Pack mit an!“ wird versucht, mehr junge Menschen für das Handwerk zu begeistern. Doch Slogans alleine reichen nicht aus, um genügend Menschen in handwerkliche Beschäftigung und Ausbildung zu bringen.

Mittlerweile können sich angehende Auszubildende und Fachkräfte ihren Wunsch-Arbeitgeber aussuchen, der Arbeitsmarkt hat sich längst von einem Angebots- in einen Nachfragemarkt gedreht. Social Media, Web-Plattformen und Apps werden auch hier bald eine noch größere Rolle spielen. In einigen Branchen gibt es weniger Arbeitslose als Jobangebote. 2025 wird es in Deutschland 6,5 Millionen Erwerbstätige weniger geben als heute. In fünf Jahren wird sich der Fachkräfteengpass deutlich zuspitzen. In meinem Handwerksunternehmen mit 10 Mitarbeitern arbeiten wir seit Jahren daran, Talente zu finden und dauerhaft an das Unternehmen zu binden. Durch pfiffige Aktionen, unkonventionelle Vorgehensweisen und eine ausgeklügelte Strategie ist es uns gelungen, ein tolles Team zu formen, mit dem wir die Herausforderungen der Zukunft meistern werden. So ein Team muss natürlich entsprechend geführt werden. Gute Mitarbeiter haben einen hohen Anspruch an die Arbeitsbedingungen und eine wertschätzende Führung. Menschen, die eigenverantwortlich arbeiten möchten, brauchen genügend Freiraum und gleichzeitig eine klare Organisationsstruktur, mit der Möglichkeit, ihr Talent voll zu entfalten. Da nur unter dieser Voraussetzung die Arbeitnehmer lange Zeit einem Betrieb treu bleiben, werden im vorliegenden Ratgeber auch die Themen Führung und Organisation behandelt. Wir leben und arbeiten in einer Zeit des rasanten Wandels. Alle Beschäftigten in einem Handwerksbetrieb müssen Veränderungen als eine Herausforderung annehmen. Die persönliche Weiterbildung jedes Einzelnen ist notwendig, um den Erfolg des Unternehmens zu sichern. Wir müssen deshalb sofort aktiv werden, wenn wir nicht morgen etwa ein ähnliches Schild an unserer Werkstatttüre aufhängen wollen:


Foto: Udo Herrmann

Auch im Handwerk gilt: Das ganze Team wird vom Kunden am schwächsten Mitglied der Mannschaft gemessen. Es muss deshalb gelingen, alle Mitarbeiter stark zu machen. Der Praxisratgeber entstand neben meiner Arbeit im Tagesgeschäft. Das war nur möglich, weil das ganze Team meines Betriebes bereit ist, Aufgaben und Verantwortung zu übernehmen.

In den nachfolgenden elf Kapiteln sind viele Beispiele aus meinem Unternehmen mit eingeflossen – aus der Praxis für die Praxis. Vom Handwerker für Handwerkskollegen aller Gewerke. Deshalb habe ich auch in der Ansprache des Lesers ganz bewusst die persönliche Form des „Du“ verwendet. Zahlreiche Arbeitshilfen und Checklisten, entnommen aus meinem „Erfolgskonzept für Handwerker“ vervollständigen die Inhalte. Sie sind auch in digitaler Form erhältlich.

Autor und Verlag wünschen sich, dass die Leser aus dem vorliegenden Ratgeber wertvolle Impulse und Anregungen zur Gewinnung und (langfristigen) Bindung von talentierten Fachkräften erhalten. Über entsprechende Rückmeldungen und Anregungen freuen wir uns sehr.

Bürgstadt, im Dezember 2015

Udo Herrmann und

Holzmann Medien | Buchverlag

Geleitwort

Mehr als je zuvor bietet eine Berufsausbildung eine hervorragende Grundlage für die Karriere. Im Handwerk sind die Möglichkeiten besonders vielfältig, die Bandbreite reicht vom kreativen Kunsthandwerk bis zur handwerklichen Fertigung und Installation mit neuesten digitalen Technologien. Und während die Industrie die Umsetzung der „Produktion-4.0“ als Zukunftsvision entwirft, sind viele mittelständische Handwerksbetriebe schon längst darin angekommen. Das Handwerk kann neue Anforderungen in der Fertigung, in der Installation und in der Arbeitsorganisation oft innovativer und flexibler umsetzen als schwerfällige Großkonzerne.

Um dies leisten zu können, brauchen moderne Handwerksbetriebe gut qualifizierte und hoch motivierte Fachkräfte, und das beginnt mit den Auszubildenden. Hier sieht sich das Handwerk nicht nur in Konkurrenz zu Ausbildungsangeboten in Industrie, Handel und Dienstleistungen. Weil immer mehr Jugendliche die Schule mit dem Abitur abschließen, steht das Handwerk zusätzlich im Wettbewerb mit den Hochschulen. Hier gilt es, den leistungsstarken Schulabsolventen die guten Karriereperspektiven nach einer beruflichen Ausbildung deutlich zu machen. Es lohnt sich aber auch, bisher verborgene Talente zu entdecken. Aus meiner Arbeit für zwei Stipendienprogramme für berufliche Talente kenne ich inzwischen Hunderte Beispiele, wie aus oft mäßigen Schülern tolle Azubis wurden und später besonders engagierte und kompetente Fachkräfte.

Zu den Gradmessern für einen attraktiven Beruf zählen bei den meisten die Verdienstmöglichkeiten, aber für viele genauso die berufliche Sicherheit. Hier braucht sich das Handwerk nicht zu verstecken. Während sich viele Jungakademiker nach dem Studienabschluss jahrelang in schlecht bezahlten und befristeten Jobs über Wasser halten müssen, sind Fachkräfte mit Handwerksausbildung gefragt und verdienen oft mehr als Studienabsolventen.

Geld ist aber nicht alles. Für immer mehr junge Berufstätige ist es wichtig, bei der Arbeit Ideen einbringen zu können. Wer bei der Entwicklung von Lösungen mitgestalten kann, ist bereit, Höchstleistungen zu bringen. Das vorliegende Buch bietet hierfür zahlreiche Beispiele.

Ein weiteres Thema, das der Autor anspricht, ist die Weiterbildung. Vorausschauende Handwerksbetriebe unterstützen die weitere Qualifizierung der Mitarbeiter, das zahlt sich mit zusätzlichem Know-how für den Betrieb schnell aus.

Die Förderung von Weiterbildung ist auch ein Anliegen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, das dafür gleich mehrere Instrumente entwickelt hat. Eine Förderung für anspruchsvolle (und kostspielige) Lehrgänge bietet das Programm mit der langen offiziellen Bezeichnung „Aufstiegsfortbildungsförderungsgesetz“ – besser bekannt unter der Bezeichnung „Meister-BAföG“ (http://www.meister-bafoeg.info/​). Die Vorbereitungslehrgänge zur Meisterprüfung sind dabei die Klassiker. Das Meister-BAföG ist eine Mischung aus Zuschüssen, die nicht zurückgezahlt werden müssen, und einem zinsgünstigen Darlehen. Bei bestandener Prüfung werden zusätzlich 25-Prozent des Darlehens erlassen.

An Berufseinsteiger, die nach dem Ausbildungsabschluss noch mehr lernen wollen, richtet sich das Weiterbildungsstipendium (www.weiterbildungsstipendium.de). Bewerben können sich junge Menschen unter 25 Jahren, die einen besonders guten Ausbildungsabschluss und/​oder einer Platzierung unter den ersten drei bei einem beruflichen Leistungswettbewerb vorweisen können. Bundesweit profitieren jährlich rund 6.000 berufliche Talente von dieser Förderung. Für die Handwerksberufe werden die Weiterbildungsstipendien von den Handwerkskammern vergeben.

Eine Ausbildung im Handwerk eröffnet inzwischen auch den Zugang zu einem Hochschulstudium – auch ohne Abitur. Handwerksmeister können dabei oft ihre vorhandenen Qualifikationen anrechnen lassen. Auch für diese Zielgruppe gibt es eine Förderung: Das Aufstiegsstipendium unterstützt Fachkräfte mit Berufsausbildung und mehrjähriger Praxiserfahrung bei einem Erststudium (www.aufstiegsstipendium.de). Die Besonderheiten: Das Aufstiegsstipendium ist auch für ein berufsbegleitendes Studium möglich, zudem können sich auch Fachkräfte im Alter von über 30 Jahren bewerben.

Neue Aufgaben und neue Technik sind auch für das Handwerk eine ständige Herausforderung. Das lebenslange Lernen wird in Zukunft eine Voraussetzung für den dauerhaften Erfolg sein. Es lohnt sich daher für Betriebsinhaber, für sich und die Mitarbeiter eine Weiterbildungsstrategie zu entwickeln und dabei auch die Fördermöglichkeiten im Blick zu haben. Dann ist das Handwerk für die „Produktion-4.0“ gut gewappnet.

Andreas van Nahl

(Andreas van Nahl ist Referent bei der Stiftung Begabtenförderung berufliche Bildung)

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

Geleitwort

1.Wir würden gerne – aber es geht nicht!

1.1 Viele Aufträge, wenig Fachkräfte

1.2 Erschreckende Zahlen

1.3 Fachkräftemangel haben diejenigen, die weitermachen wie bisher

2. Hände weg – den will ich!

2.1 Warten reicht nicht mehr

2.2 Der Kampf um die Talente

3. Zwei linke Hände

3.1 Bleibende Werte mit eigenen Händen schaffen

3.2 Handwerk durch Frauen stärken

3.3 Immigranten machen das deutsche Handwerk vielfältiger

3.4 Von Lebens- und Berufserfahrung profitieren

3.5 Nachwuchs mit handwerklicher Begabung finden

4. Darauf habe ich Bock!

4.1 Attraktive Stellenanzeigen im richtigen Stil

4.2 Außergewöhnliche Maßnahmen, die ankommen

4.3 Teamplayer findet man im Sport!

4.4 Der neue Job – nur wenige Touchs entfernt

4.5 Aktiv sein auf allen Kanälen!

4.6 Du bist der/die Beste – zeig es uns!

4.7 Die Besten wollen zu den Besten

5. Hier gehörst du hin (Ein Fisch am Angelhaken)

5.1 Beim Vorstellungsgespräch Lust auf den Job machen

5.2 Begeisterung entfachen für Beruf und Betrieb

5.3 Der Edelstein bleibt im Sieb

6. Brems- oder Gaspedal – beides gleichzeitig geht nicht!

6.1 Gemeinsam Ziele erreichen

6.2 Das Navigationssystem im Handwerksbetrieb

6.3 Auf der Spur bleiben

6.4 Das Rennen gewinnen

7. Eine gute Verbindung

7.1 Viele Mittel für dauerhaften Halt!

7.2 Gute Bedingungen für mehr Festigkeit

7.3 Gute Stabilität auch bei Belastungen

7.4 Leicht lösbare Verbindungen

7.5 Binden, ohne zu fesseln

8. Meister fallen nicht vom Himmel

8.1 Mach keine Sprüche!

8.2 Nicht alle Veränderungen sind Verbesserungen

8.3 Unzufriedene Mitarbeiter werden leicht zu Wettbewerbern

8.4 Potenziale erkennen und gezielt fördern

8.5 So werden die Guten noch besser!

8.6 Man lernt nie aus

8.7 Ein System von gestern für Talente von morgen?

8.8 Weiterbildung online, zu jeder Zeit, an jedem Ort

9. Im Handwerk macht der richtige Ton die Musik

9.1 Ohne Dirigent fehlt die Harmonie

9.2 Wann auch Fachkräfte ein Notenblatt brauchen

9.3 Nur mit vielen Proben gelingt ein gutes Konzert

10. Der Fanclub einer starken Mannschaft

10.1 Wie ein Team aus Kunden Fans macht

10.2 Echte Fans verzeihen auch Niederlagen

10.3 Wann ist eigentlich das Spiel gewonnen?

10.4 Gemeinsam Erfolge feiern

11. Film ab! Science Fiction im Handwerk

11.1 Gestern, heute, morgen

11.2 Perspektivenwechsel – der Blick vom Standpunkt des Gegenübers

11.3 Kamera läuft – die Zukunft wird abgedreht

11.4 Der Film „Zukunft im Handwerk“ – Du bist der Regisseur!

Der Autor

Danksagung

Stichwortverzeichnis

Anmerkungen

1. Wir würden gerne –
aber es geht nicht!

Auf dem Schreibtisch stapeln sich die Aufträge. So einen Auftragseingang hatten wir noch nie. Ständig läutet das Telefon. „Wann soll es gemacht werden? Oh, schon in 3 Monaten – tut mir leid, da sind wir schon ausgebucht. Wir sollen mehr Leute einstellen? Würden wir gerne, wir suchen ständig, aber wir finden keine geeigneten Fachkräfte in unserem Handwerk. Was sollen wir denn machen?“

Solche Telefonate finden heute immer mehr in den Büros der Handwerksunternehmer statt. Auf der einen Seite steigen die Wünsche nach guter Handwerksleistung, auf der anderen Seite gibt es immer weniger Fachkräfte, die diese Wünsche erfüllen können. Hinzu kommt noch, dass die Erwartung an die handwerkliche Qualität in den letzten Jahren extrem zugenommen hat. Dabei ist nicht nur der Anspruch an die eigentliche Leistungserbringung gestiegen, sondern auch alles, was damit verbunden ist.

Außer Handskizzen werden aufwendige 3-D-Planungen und Visualisierungen gefordert, wenn z. B. Innenräume neu möbliert werden sollen. In manchen Ausbaugewerken ist das vielfältige Warenangebot, das auf dem Markt verfügbar ist, kaum noch zu überschauen.

Hier muss eine Auswahl getroffen werden, die dann übersichtlich und ansprechend in Ausstellungen präsentiert werden soll. Ist dann das Wunschprodukt gefunden, wird ein schnelles Angebot erwartet. Als Zeitmaßstab wird hier der Internethandel herangezogen, wo man noch am selben Tag, sei es am Wochenende, in der Urlaubszeit oder am Feiertag, eine Auftragsbestätigung im Mailpostfach hat. Leider wird oft nicht verstanden, dass viele Handwerker Unikate produzieren, bei denen aufwendig gerechnet oder Sonderteile beim Vorlieferanten angefragt werden müssen. Auf der Baustelle muss auch alles perfekt laufen. Selbstverständlich müssen Termine genau eingehalten werden. Kein Staubkorn darf nach Abschluss der Arbeiten zu finden sein. Alle Dokumente von Angebot über Auftragsbestätigung, Abnahmeprotokoll, Aufmaß, Regiebericht, Baustellentagebuch, Abrechnung, Pflegeeinweisung und, und, und müssen transparent, korrekt und zusätzlich noch ansprechend gestaltet sein. Gerade im Lebensmittelhandwerk setzt der Kunde noch weitere Dinge voraus. Hygiene, Sauberkeit, übersichtliches Warenangebot mit großer Auswahl, gepflegtes Äußeres der Mitarbeiter und ein freundliches Lächeln hinter den Theken. Diese kurze Aufzählung ist nur ein Teil der Kundenerwartung. Zudem kommt, dass gesetzliche Vorgaben und Vorschriften enorm zugenommen haben. Auch sie müssen bei der täglichen Arbeit berücksichtigt und eingehalten werden. Eine Aufzählung der bürokratischen Hürden, die derzeit auf dem gesamten Handwerk lasten, würde vermutlich den Rahmen dieses Buches sprengen. Will man Kunden und Gesetzgeber gerecht werden, so schafft man das nur mit gut ausgebildeten Fachkräften, die auch bereit sind, ihre Grundausbildung ständig zu erweitern. Dies gilt sowohl für die fachliche Qualifikation als auch für die Anpassung an Veränderungen in der Gesellschaft. Ein Beispiel: Haben wir vor 10 Jahren noch mit Metermaßstab und Schreibblock aufgemessen, so sind wir heute mit Lasermessgerät und Smartphone auf Baustellen unterwegs, wo direkt im Foto einer App die Maße abgespeichert werden.


Screenshot www.handwerkerradar.de

Auch aus Kundensicht hat sich durch die Technik die Wahl des „passenden“ Handwerkers komplett verändert. Auf Webseiten, in Apps oder in sozialen Netzwerken wird nach dem richtigen Profi für die eigenen Wünsche gesucht. Zur Erfüllung der gestiegenen Kundenerwartung und allem, was damit verbunden ist, den gestiegenen bürokratischen Aufgaben und dem Schritthalten mit technischen Neuerungen, kommt jetzt noch eine weitere Herausforderung auf den Handwerksunternehmer zu: Fachkräfte finden, wertschätzend führen und für die Ansprüche des Marktes formen. Qualität gibt es nur mit Qualifikation!

1.1 Viele Aufträge, wenig Fachkräfte

Kürzlich habe ich mir einen TED-Vortrag im Netz angeschaut. In 12 Minuten verdeutlicht Rainer Strack (weiterführende Informationen zur Person am Ende des Kapitels) das ganze Dilemma, in dem wir stecken.

Bevor ich dieses Referat gesehen habe, dachte ich mir, es wird schlimm. Nun weiß ich, es wird noch viel schlimmer. Ein paar Zahlen aus den Studien, die bei TED.com zu sehen sind. In Deutschland droht bis zum Jahre 2030 eine Lücke von 10 Millionen Erwerbstätigen. Die Auswirkung dieser Entwicklung wird für das Wirtschaftswachstum und die Wettbewerbsfähigkeit unserer Nation bedrohlich.

Umsatzeinbußen bzw. nicht realisierte Umsätze mittelständischer Unternehmen aufgrund von Fachkräftemangel (in Mio. Euro)


Quelle: Ernst & Young

1.2 Erschreckende Zahlen

Eine Hochrechnung des Beratungsunternehmens Ernst & Young (Quelle: www.wdt.de/​wirtschaft) geht davon aus, dass schon jetzt über 30 Milliarden Euro Umsatz in mittelständischen Unternehmen nicht erzielt werden, da hierfür die Fachkräfte fehlen. „Wenn 2030 die Babyboomer in Rente gehen, werden wir vor einer globalen Talentknappheit stehen.“ Im Ausbauhandwerk gibt es eine aktuelle Umfrage: Stellt der Fachkräftemangel in den kommenden 12 Monaten ein Risiko für Ihren Betrieb dar? Hier haben 51 % mit „Ja“ geantwortet.

Spüren Sie in Ihrem Unternehmen bereits den Fachkräftemangel?


Quelle: FW Köln (Consult GmbH)

Ich frage mich, was kommt dann erst nach diesen 12 Monaten? Ein existenzielles Risiko für alle Handwerksbetriebe in Deutschland? Die Auswirkungen sind schon jetzt erschreckend. Strack macht deutlich, dass jedes Land und jedes Unternehmen eine neue Personalstrategie benötigt. Da im Handwerk eine weitere Technisierung schnell an Grenzen stoßen wird, bleibt nur, in das – im Handwerk unersetzliche – Kapital Mitarbeiter zu investieren. In der Industrie können voraussichtlich einige Prozesse, an denen heute Menschen beteiligt sind, durch den Einsatz von weiteren Robotern automatisiert werden. Im Handwerk geht das nicht – zum Glück! Ich bin überzeugt davon, dass aus diesem Grund die Wertschätzung der Gesellschaft gegenüber dem herstellenden und dienstleistenden Handwerk massiv zunehmen wird. Wir können sehr gespannt darauf sein, welche Auswirkungen das auf die Preise für Handwerksleistungen haben wird. Sicher ist, dass diejenigen Handwerksfirmen, die über ein gutes (Mitarbeiter-)Team verfügen, vor riesigen Chancen stehen.

Bis 2030 ist es nicht mehr lange. Darum gilt es, ab sofort die richtigen Weichen für die vielversprechende Zukunft des Handwerks zu stellen.

Stellt der Fachkräftemangel in den kommenden zwölf Monaten ein Risiko für Ihre Unternehmen dar? (Anteile der zustimmenden Unternehmen nach Branchen)


Quelle: DIHK

1.3 Fachkräftemangel haben diejenigen, die weitermachen wie bisher

Viele Unternehmer, die einen klassischen Handwerksbetrieb leiten, sind sich noch nicht ganz bewusst, wie schnell sich derzeit der Wandel vollzieht. Die wenigen geeigneten Bewerber, die es jetzt noch gibt, suchen sich den Betrieb aus, in dem sie arbeiten möchten.

Vor wenigen Jahren war das noch umgekehrt. Da konnte man aus zahlreichen Bewerbern den passenden wählen und einstellen. Noch ist das Handwerk nicht gewohnt, sich um Nachwuchs kümmern zu müssen. Dr. Christian Wenzler, Hauptgeschäftsführer des Fachverbandes Schreinerhandwerk Bayern, hat das auf einer Podiumsdiskussion zum Thema Fachkräftemangel so formuliert: „Das Handwerk hat eine dramatische Umstrukturierung im technischen Bereich erlebt. Jetzt findet diese Umstrukturierung auf dem Fachkräftemarkt statt. Wir sind mittlerweile hochtechnisiert, und hochqualifizierte Arbeitnehmer arbeiten im Schreinerhandwerk mit modernsten CNC-Maschinen. Aber die meisten Menschen haben noch das Pumuckl-Image im Kopf. Ich sehe im Handwerk große Probleme beim Thema ‚Image‘. Handwerker? Mein Kind soll es einmal besser haben! Diese Denkweisen sind für das Handwerk in Zeiten des Fachkräftemangels tödlich. Wir können nicht mehr weitermachen wie bisher. Wer seine Stellenanzeigen formuliert wie bisher, wer unvorbereitet in Vorstellungsgespräche geht oder wer es nicht schafft, Verantwortung auf Mitarbeiter zu übertragen, wird bald ein Schild an die Werkstatttüre hängen müssen: ‚Heute wegen gestern geschlossen.‘“

Info zur Person Prof . Dr . Rainer Strack

Rainer Strack ist Senior Partner und Managing Director im Düsseldorfer Büro der Boston Consulting Group. Er leitet die Praxisgruppe Organisation, Change Management und Human Resources (HR) in Deutschland und Europa und das HR Topic weltweit. Seit 2008 ist er Honorarprofessor an der Universität Witten/​Herdecke.

Prof. Dr. Rainer Strack hat es mit seinem Vortrag zur globalen Entwicklung der Arbeitskräfte auf die renommierte Internetplattform TED.com geschafft. Bei einer Konferenz TED@BCG der Boston Consulting Group mit mehr als 450 Teilnehmern in Berlin im Oktober 2014 stellte er klar: „Wenn 2030 die Babyboomer in Rente gehen, werden wir vor einer globalen Talentknappheit stehen.“ Strack analysierte die 15 größten Volkswirtschaften weltweit – auch drei der vier BRIC-Länder, nämlich Brasilien, Russland und China, sind von diesem demografischen Wandel betroffen. Außerdem werden in dem Vortrag die Auswirkungen von Technologie und Robotern beschrieben. „Wenn Talente die knappe Ressource sind, muss man dieses Talent viel besser verstehen.“ So fokussiert der zweite Teil des Vortrags auf eine aktuelle Studie zu den Vorlieben von 200.000 Jobsuchenden weltweit. Abschließend wird sehr plakativ dargestellt, dass jedes Unternehmen, aber auch jedes Land eine Personal-Strategie benötigt.

Rainer Strack ist damit einer der ganz wenigen Deutschen, die bei TED. com überhaupt aufgenommen wurden. Und sein Vortrag wurde bereits mehr als 340.000-mal aufgerufen. Er ist zwölf Minuten lang und laut TED ein „data-filled and quite charming talk“ (Quelle: www.uni-wh.de).

2. Hände weg – den will ich!

In vielen Städten und Gemeinden unseres Landes werden mittlerweile Ausbildungsmessen veranstaltet. Wo man früher seinem potenziellen Kunden das Waren- und Dienstleistungsangebot präsentiert hat, buhlen die Betriebe heute um Auszubildende. Längst haben mittelständische Unternehmen und größere Handwerksbetriebe erkannt, dass sie nur an geeigneten Nachwuchs kommen, wenn sie selbst aktiv werden. Die mittleren und kleinen Betriebe stehen dabei massiv im Wettbewerb mit der Industrie. Dort arbeiten ganze Abteilungen daran, Schulabgänger für sich zu gewinnen. Mit durchgestylten Hochglanzbroschüren, Kampagnen in Tageszeitungen, Zeitschriften und Radio werden Ausbildungsplätze schmackhaft gemacht.


Große Investition für ein motiviertes Team | Foto: Udo Herrmann

Bei uns im Ort ist ein Sanitärgroßhandel mit 210 Mitarbeitern ansässig. Dieser hat ein neues Betriebsgebäude errichtet. Während der Bauphase war dort ein Großflächenplakat mit der Aufschrift „Wir bauen für unsere Mitarbeiter“ zu sehen. Das Unternehmen hat ca. 6 Mio. Euro investiert, um seinen Mitarbeitern ein angenehmes Arbeitsumfeld zu bieten. Sie können den Gymnastikraum nutzen, in dem an manchen Tagen auch kostenlose Rückenschulungen angeboten werden. Fitnessgeräte und Leihfahrräder stehen bereit für die sportliche Betätigung in den Pausen oder vor und nach der Arbeitszeit. Tischkicker, Tischtennisplatten und Billard fördern den Teamgeist. In der Cafeteria werden gesunde Gerichte zubereitet. Wer danach müde ist, tankt seinen Körper im eigens eingerichteten Ruheraum beim Power-Napping auf. Stell dir vor, ein Bewerber kommt zu dir und hat vorher bei dem beschriebenen Unternehmen einen Rundgang mit dem Personalchef gemacht. Ich glaube, dann musst du als Chef eines kleinen Handwerkbetriebes ziemlich überzeugende Argumente in der Schublade haben, um diesen potenziellen Mitarbeiter für dich zu gewinnen. Mittlerweile sind die Mitarbeiter in das Gebäude eingezogen. Überall, wo sich Jugendliche treffen, sprechen sie über diesen Arbeitgeber, der seinen Mitarbeitern so vieles bietet. Auf der Facebook-Seite des Unternehmens wird seit der Einweihung ständig positiv über die Arbeitsplätze berichtet. Für neue Bewerber steht ein Prospekt mit Infos zum Download auf der Webseite bereit. Beide Plattformen sind für die Zielgruppe Jugend ansprechend gestaltet. Das gilt sowohl für die dort gezeigten Bilder als auch für die überlegt formulierten Texte. Die Terminvereinbarung für ein Vorstellungsgespräch ist für die Interessierten nur einen Mausklick entfernt.

Weiteres Beispiel: Im Nachbarort stellt eine Patisserie in handwerklicher Qualität süße Desserts mit über 70 Mitarbeitern her. Diese hat einen besonderen Raum eingerichtet und beschreibt ihn in ihrem Web-Blog mit folgenden Worten: „Je besser die Ausbildung, desto höher die Kompetenz, desto höher die Motivation, desto größer unser aller Erfolg.“ Wir wissen alle, was gerne einmal zu kurz kommt, z. B. Neues sehen, auf neue Ideen kommen, überlegen, experimentieren, über Dinge nachdenken, die nicht in zwei Wochen wichtig sind, sondern vielleicht in zwei Jahren. Wir wissen, dass solche Sachen entscheidend sind. Wir müssen ihnen Raum geben. Im wörtlichen Sinne: die Patisserie-Lehrwerkstatt, ein Raum zum Zaubern, Experimentieren und Lernen. Wer bekommt bei so einem emotionalen Text nicht Lust, diesen Raum anzuschauen?

Praxistipp

Biete etwas für Jugendliche, das es in anderen Handwerksbetrieben nicht gibt.

Beispiel: Leihfahrrad oder Billardtisch. Als persönliches Geschenk kommt ein Gehörschutz mit eingebautem Radio gut an!

Eine Werkstatt zum Zaubern, Experimentieren und Lernen | Foto: Udo Herrmann

2.1 Warten reicht nicht mehr

Zu Beginn dieses Kapitels habe ich die Ausbildungsmesse genannt. Mein Freund ist Firmengründer und Geschäftsführer der Firma Procase. Er ist Jahrgang 1968 und hat im Alter von 19 Jahren alleine begonnen, mobile Transportgehäuse für Musikequipment herzustellen. Mittlerweile beschäftigt sein Unternehmen 55 Mitarbeiter an zwei Produktionsstandorten, davon sind 10 in der Ausbildung. Der Altersdurchschnitt des ganzen Teams beträgt 32 Jahre.

Jugend wirbt Jugend auf Ausbildungsmesse | Foto: T. Schweighart

Regelmäßig präsentiert sich Procase auf Ausbildungsmessen. Doch den Chef sucht man auf dem Messestand vergeblich. Die Auszubildenden selbst entwerfen, organisieren und errichten den Stand. Während des Messebetriebs sind sie diejenigen, die potenziellen Nachwuchs ansprechen und über die verschiedenen Berufsbilder, Anforderungen und Aufstiegschancen informieren. Das kommt gut an und schafft gleichzeitig bei den am Stand aktiven Jugendlichen ein hohes Zugehörigkeitsgefühl zu „ihrem“ Betrieb. Die Ausbildungsbeauftragten und der Chef halten sich ganz bewusst im Hintergrund und stehen ihren jungen Teammitgliedern nur beratend zur Seite. Bisher ist es bei jeder dieser Messen gelungen, junge Messebesucher zur Betriebsbesichtigung in das Unternehmen einzuladen. Bei dieser Betriebsbesichtigung werden dann strategisch diejenigen Talente ausgesucht, die einen Ausbildungsplatz angeboten bekommen. Solche Beispiele aus meiner unmittelbaren Umgebung zeigen mir, wie sehr sich Unternehmen jetzt schon bemühen, für junge Talente attraktiv zu sein.

Praxistipp

Präsentiere deinen Betrieb auf Ausbildungsmessen als besonderen Arbeitgeber im Handwerk.

Setz deine jüngsten Mitarbeiter und Auszubildende als Standpersonal ein.

Die Bundeswehr produziert aufwendige Videoclips, um die offenen Ausbildungsstellen zu besetzen. Die Ansprüche an die Qualität der Bewerber wachsen ständig. Die Regierung investiert viel, um die Attraktivität der Bundeswehr für junge Leute zu erhöhen. Kindertagesplätze abgestimmt auf die Dienstzeiten der Eltern, Unterstützung bei der Pflege von Familienangehörigen, Mithilfe bei Umzug und vieles mehr klingen verlockend. Der Mittelstand und das Handwerk haben diese Mittel nicht bzw. nur sehr begrenzt zur Verfügung, um so intensiv am Ausbildungsmarkt die Werbetrommel zu rühren. Hier ist wieder eine wichtige zusätzliche Aufgabe für den Handwerkschef entstanden. Wer sonst außer ihm kann sich im kleinen Betrieb mit 1 bis 15 Beschäftigten darum kümmern, dass geeignete Arbeitskräfte nachrücken? Je besser er aber diese Aufgabe meistert, umso erfolgreicher wird der Betrieb in Zukunft am Markt agieren können. Er selbst in seiner Person steht hierbei im Wettbewerb mit den Personalentscheidern der größeren Betriebe. Dazu kommt noch der harte Wettbewerb zwischen den einzelnen Gewerken des Handwerks.

2.2 Der Kampf um die Talente

Derzeit gibt es insgesamt 345 anerkannte Ausbildungsberufe. In der Gesellschaft, gerade bei den Schülern, Eltern, aber auch den Lehrkräften, sind folgende zehn Berufe bekannt: Einzelhandelskaufmann, Verkäufer, Bürokaufmann, Kfz-Mechatroniker, Industriekaufmann, Großhandelskaufmann, medizinische Fachangestellte, Industriemechaniker, Bankkaufmann, zahnmedizinische Fachangestellte. Okay, Bäcker und Metzger kennt man auch noch. Aber dann? Welche sind dann die restlichen 333 Berufe? Diese Problematik haben einige Fachverbände erkannt und für ihre Mitgliedsbetriebe Strategien entwickelt, um die Bekanntheit des jeweiligen Gewerkes in der Öffentlichkeit zu erhöhen. Das Schreinerhandwerk ist mit farbenfrohen Plakaten am Start: „Du hast's drauf? Mach was draus!“ oder „Born-2BSchreiner“. Es werden Events vorbereitet, z. B. der Wettbewerb „Tischler vs. Schreiner“, und aufwendige Werbevideos gedreht.

Praxistipp

Nutz die professionellen Werbemittel, die von den Berufsverbänden entwickelt und für ihre Mitglieder bereitgestellt werden.

Das bodenlegende Handwerk hat nachgezogen und wirbt mit den Slogans „Teamwork und Selbstständigkeit“ und „In welche Fußstapfen willst Du treten? Der Boden macht den Raum“. Kleinstbetriebe können diese Werbemittel über die Verbände beziehen, denen sie angeschlossen sind. Die Plakate, Banner, Flyer und Give aways werden in entsprechend großen Auflagen hergestellt. Damit werden sie für die einzelnen Mitglieder erschwinglich. Für die einzelnen Betriebe ist es oftmals undenkbar, selbst die Kosten für Werbegestalter, Drucksachen oder Image-Videoclips in Kleinauflagen zu finanzieren. Die Anstrengungen der einzelnen Fachverbände verdeutlichen, dass auch die Handwerksgewerke untereinander bereits massiv um Talente kämpfen. Schließlich möchte man nicht einen Lehrling drei Jahre ausbilden, ohne dass er auf lange Sicht auch zum Erfolg des Betriebes beiträgt. Man will deshalb die Besten des Jahrgangs gewinnen und nicht diejenigen, die mehr schlecht als recht einen Hauptschulabschluss hinbekommen.

Im vorigen Kapitel habe ich beschrieben, wie heute im Ausbaugewerbe Baustellenaufmaße erstellt werden. Schon das macht deutlich, dass durch den Einzug von neuer Technik auch der Anspruch an die Qualität der Bewerber gewachsen ist. Bei einer 2014 vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) durchgeführten Online-Unternehmensbefragung gaben 71 % der Betreibe, die keinen Erfolg bei der Besetzung des Ausbildungsplatzes hatten, an, dass keine geeigneten Bewerbungen vorlagen. „Bewerber“ ist übrigens schon jetzt die falsche Bezeichnung. Eigentlich müsste es die „Interessierten“ heißen. Denn begabte Jugendliche müssen sich nicht mehr bewerben, sondern sie suchen sich die Jobs und Arbeitgeber aus, bei denen sie sich ausbilden lassen wollen.

Im Jahr 2004 habe ich zusammen mit verschiedenen Handwerksmeistern eine Handwerkskooperation gegründet. Wir arbeiten beim Wareneinkauf, der Kundenaquise und Baustellenabwicklung Hand in Hand. Von dieser engen Verzahnung der Betriebe aus den Gewerken Schlosser, Fliesenleger, Maler, Elektriker, Schreiner, Parkettleger, Bodenleger, Sanitär und Heizung und Gartenbauer profitieren wir alle.

Das gilt auch für die Rekrutierung von Auszubildenden oder für gemeinsame Schulungsveranstaltungen, in denen unsere Mitarbeiter trainiert werden.

Mitarbeiterschulung der Kooperation Meister-im-Handwerk e. V. | Foto: A. Balles

Ein Schüler aus der Realschule stellt sich in der Schlosserei vor. Er möchte bei einem Praktikum herausfinden, ob ihm der Beruf im Metallhandwerk liegt und Spaß macht. Nach dem zweiwöchigen Praktikum ist der Chef der Schlosserei begeistert. Der Jugendliche war stets pünktlich und hat die übertragenen Aufgaben zügig und in guter Qualität erledigt. Der Schüler hat sich aber die Bearbeitung des Werkstoffes Metall ganz anders vorgestellt. Er möchte deshalb bei einem weiteren Praktikum in einem anderen Berufszweig noch einmal etwas anderes probieren, um dann eine Entscheidung zu treffen. Nun greift der Vorteil unserer Kooperation. Der Praktikant wird an einen anderen Mitgliedsbetrieb in der Gruppe weiterempfohlen. Letztendlich ist er vom Werkstoff Holz begeistert und beginnt seine Lehre in der Schreinerei. So ist das Talent zwar im ersten Moment nicht für den eigenen Betrieb gewonnen, aber hat seinen Platz bei einem Partnerbetrieb gefunden. Das System funktioniert natürlich auch umgekehrt. So wird aus dem Interessenten für das Schreinerhandwerk später vielleicht ein tüchtiger Maler. Denkbar ist so eine „Weitergabe“ von Talenten z. B. auch in regional aktiven Gewerbevereinen, in denen mehrere verschiedene Unternehmen organisiert sind. Die Plattformen von Kooperationen und Gewerbevereinen lassen sich auch gut nutzen, um gemeinsam Talente zu entdecken. So kann ein ganzer Ort an einem Tag alle Werkstätten für Schulabgänger öffnen. Sie und ihre Eltern könnten so in die verschiedenen Unternehmen und die dort angebotenen Ausbildungsberufe hineinschnuppern und sich einen ersten Eindruck verschaffen. Schließen sich hier mehrere Firmen zusammen, lässt sich auch ein attraktives Rahmenprogramm mit Bewirtung, musikalischer Unterhaltung, Fachvorträgen und Vorführungen organisieren. Noch fehlt es in vielen Kommunen an Wertschätzung gegenüber denen, die etwas unternehmen wollen und bereit sind, dafür finanzielles Risiko zu tragen. Ihnen werden oft mehr Steine in den Weg gelegt als beseitigt. Ich denke hier z. B. an die langwierigen Baugenehmigungsverfahren, wenn eine Betriebserweiterung durch den Bau eines gewerblichen Gebäudes ermöglicht werden soll. Oder an den zermürbenden Kampf der kleinen Betriebe, um an schnelle Datenleitungen angebunden zu werden.

Praxistipp

Schließ dich einem regionalen Netzwerk aus verschiedenen Gewerken an. Such mit ihnen gemeinsam nach Jugendlichen mit handwerklicher Begabung. Talente in der Kooperation halten, untereinander vermitteln!

Bei uns im unterfränkischen Bürgstadt, einem Weinort mit ca. 4.200 Einwohnern, sitzen bereits Bürgermeister, Schuldirektoren und Unternehmer an einem Tisch, um entsprechende Konzepte auszufeilen. Hier wird erkannt, dass leistungsfähige Kommunen auf erfolgreiche Betriebe angewiesen sind. Umgekehrt werden Arbeitgeber interessanter, wenn die ganze Infrastruktur des Ortes für Arbeitnehmer attraktiv ist. Schließlich sollen sich auch die Familien der Fachkräfte in der Region rund um den Arbeitsplatz wohlfühlen. Nicht zuletzt macht dieses Beispiel auch deutlich, dass der bevorstehende Fachkräftemangel eine neue Dimension bekommt. Nur mit vereinten Kräften von Politik, Fachverbänden, Schulen und Unternehmen besteht die Chance, dass Kommunen und Betriebe weiter so funktionieren, wie wir das aus vergangenen Jahren kennen.

3. Zwei linke Hände

Seit einigen Jahren beobachte ich einen Wandel der Werteeinstellung von den Menschen in meinem Umfeld. Früher habe ich öfter in Verbindung mit dem Handwerk gehört: „Wer macht sich schon gerne die Hände schmutzig?“ oder „Ich habe zwei linke Hände, das muss jemand anderes machen.“ Immer mehr habe ich den Eindruck, dass hier ein Umdenken in der Gesellschaft stattgefunden hat und gerade stattfindet. Wohlhabende Kunden verbringen ihre Freizeit im Garten und bauen dort Küchenkräuter und Gemüse an. Sie schrauben selbst an ihrem Oldtimer, polieren ihn mühevoll auf Hochglanz und sind stolz, wenn sie das gleichmäßige Brummen des alten Motors ihren Freunden vorführen können. Mit schmutzigen Fingern kommen sie aus ihrem Garten oder der bestens eingerichteten Hobbywerkstatt. In Facebook habe ich ein Bild mit ungewaschenen Händen entdeckt. Darauf ist folgender Text zu lesen: „Dreckige Hände sind ein Zeichen für sauberes Geld.“ Ich glaube, dass seit der Bankenkrise wieder dem produzierenden Handwerk mehr Wertschätzung entgegengebracht wird. Ich habe von Philipp Riederle in München anlässlich der Branchenveranstaltung „roomy 2014“ einen Vortrag gehört, dessen Titel lautete „Wer wir sind und was wir wollen“. Darüber hat der 19-Jährige ein tolles Buch geschrieben. Er beschrieb bei seinem Referat eindrucksvoll, was die junge Generation, die vor dem Eintritt in das Berufsleben steht, wirklich möchte. „Wir wollen etwas, das uns Sinn gibt und erfüllt. Es ist wichtig, dass wir unsere Talente entfalten können. Die Bezahlung dafür steht bei uns nicht an erster Stelle.“ Seine Aussagen haben auch meine Beobachtungen bestätigt. „Lerne erst einmal einen handwerklichen Beruf. Die Kenntnisse, die du dabei erwirbst, kannst du in deinem ganzen Leben brauchen. Da kann kommen, was will. Eine handwerkliche Ausbildung ist für alles gut. Da sieht man wenigstens, was man tagsüber geschaffen hat, und kann stolz auf sich sein.“ Immer öfter höre ich solche Sätze, im Freundes- und Bekanntenkreis, aber auch bei Vereinen. Vielleicht tragen dazu auch langsam die Imageprogramme und Kampagnen aus den verschiedenen Handwerksbereichen bei.

In der aktuellen Broschüre einer schwedischen Automarke habe ich folgenden Bericht entdeckt: Supermarkt Stockholm. Zuhause bei Handwerkern. Berichtet wird hier über Hutmacher, Schuster, Uhrmacher und einige andere. Die Reportage (von Ulrika Hammnin und Jens Lorrenson) startet mit folgender Lobeshymne auf das Handwerk: „Lernen Sie Handwerkskünstler kennen, die sich der Massenproduktion verwehren. Es gibt eine Welt der Tradition, in der die Zeit stillzustehen scheint und in der die Qualität der Handwerkskunst die höchste Währung ist.“

Bemerkenswert finde ich, dass diese Beschreibung in einer Kundenzeitschrift der Automobilindustrie zu lesen ist.

Solche Veröffentlichungen tragen dazu bei, dem Ansehen von handwerklichen Tätigkeiten und den Menschen, die solche Berufe ausüben, einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft einzuräumen. Der kann anpacken. „Der verdient gutes Geld mit guter Arbeit“ oder „Von Nichts kommt nichts“. Auch diese Sprüche höre ich immer häufiger.

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Дата выхода на Литрес:
23 декабря 2023
Объем:
212 стр. 88 иллюстраций
ISBN:
9783778310397
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