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Tore Tungodden
Die Ministerpräsidentin
Aus dem Norwegischen von
Gabriele Haefs
Saga
Vorbemerkung
Hannah, die Erzählerin in diesem Buch, lebt in Norwegen. Norwegen ist wie Deutschland eine parlamentarische Demokratie. Im Unterschied zu Deutschland wird das Land aber durch einen König repräsentiert und nicht durch einen gewählten Bundespräsidenten. Und der Regierungschef wird nicht Bundeskanzler/in, sondern Ministerpräsident/in genannt. Davon abgesehen könnte Hannahs Geschichte aber ebenso gut in Deutschland spielen wie in Norwegen. Das Regierungsoberhaupt wird vom Parlament gewählt und muss nach der Wahl sein Kabinett mit den Ministern einberufen. Und genau wie in Norwegen sind Kinder auch in Deutschland nicht wahlberechtigt und können sich nicht für einen Regierungsposten wählen lassen.
Außerdem wird Euch vielleicht auffallen, dass Kinder und Erwachsene sich duzen, ebenso wie die Erwachsenen untereinander – das ist in Norwegen so üblich. Nur der König wird gesiezt.
1. kapitel
Hallo, ich heiße Hannah, und zwar von vorn und von hinten. Die Geschichte, die ich dir jetzt erzählen möchte, ist so phantastisch, dass sie einfach wahr sein muss. Du würdest garantiert nie auf die Idee kommen, so was zu erfinden, denn du würdest sofort durchschaut werden, von der ganzen Schule, von den Eltern, ja, sogar von kleinen Schwestern, denen du sonst alles weismachen kannst. Wenn du lügen willst, dann erzählst du am besten das, was fast wahr ist. Dass du zum Beispiel nicht weißt, wo die Tafel Schokolade geblieben ist, die im Kühlschrank lag. Und das ist sogar die Wahrheit, denn du hast sie aufgegessen, und jetzt befindet sie sich irgendwo in deinem Körper, aber wo genau, das weißt du nun wirklich nicht. Diese Geschichte ist ein bisschen so. Meine Geschichte ist einfach seltsam, unglaublich – und wahr.
Ich bin zehn Jahre alt und wohne in der größten Stadt im Land in einem ziemlich kleinen Haus, zusammen mit meinen Eltern und meinen beiden Schwestern, Andrine und Line. Line ist die Kleinste, und Papa nennt sie nur »Windel«. Ich habe auch ein paar Freundinnen und Freunde, unter anderem Fred, aber von dem erzähle ich später mehr.
Ich fange lieber mit einem ganz normalen Nachmittag an. Mein Vater kam wie immer von der Werbeagentur nach Hause, für die er arbeitet.
»Tag zusammen«, sagte Papa.
Das sagen sicher Millionen von Vätern zu ihren Kindern, wenn sie nach Hause kommen. Und was danach kam, war auch ganz normal, jedenfalls für mich.
»Heute habe ich eine Idee gehabt, die die Welt verändern wird«, sagte Papa und strahlte übers ganze Gesicht.
Keine von uns sagte etwas dazu. Du findest es vielleicht komisch, dass wir nicht reagieren, wenn er so etwas sagt, aber es ist wirklich ganz normal, dass Papa sich einbildet, er könnte die Welt verändern.
Ich sollte über meinen Vater vielleicht noch erzählen, dass er Finn heißt, dass er sich aber Fink nennt. Dass er immer mit T-Shirt und Turnschuhen zur Arbeit geht und dass mindestens die Hälfte seiner Haare immer steil nach oben oder geradeaus zur Seite steht.
Meistens sieht er aber trotzdem aus wie ein ganz normaler Papa, der aus dem Büro nach Hause kommt. Allerdings nennen sie das Büro, in dem er arbeitet, nicht Büro. »Büros sind was für Spießer. Ich arbeite in einer Ideenbank«, sagt Papa immer zu Mama, wenn er sie ärgern will. Mama arbeitet bei einer Versicherung, hat dort ein eigenes Büro und sicher einen viel ernsthafteren Job als Papa.
Einmal kam mein Vater nach Hause und erzählte, dass sich am nächsten oder jedenfalls am übernächsten Tag alle Menschen im Land umarmen würden, Menschen, die sich gar nicht kannten, einfach so, auf der Straße, weil er sich eben eine Umarmungs-Kampagne ausgedacht hatte. Diese Umarmungs-Kampagne sollte die Leute dazu veranlassen, sich in die Arme zu nehmen und ganz viel Schokolade zu kaufen.
Ich esse oft Schokolade, aber deshalb hab ich doch keine Lust, irgendwen zu umarmen. Wenn ich zu viel Schokolade esse, muss ich danach meistens kotzen oder etwas Salziges essen, um nicht kotzen zu müssen. Die Umarmungen spar ich mir für Leute auf, die ich gern mag.
Ich konnte mir also einfach nicht vorstellen, dass diese neue Idee genialer sein könnte als irgendeine andere Werbekampagne.
»Heute habe ich eine Idee gehabt, die die Welt verändern wird«, johlte Papa noch einmal.
Er hatte Line hochgehoben, und seine Augen strahlten vor Begeisterung. Da Mama gerade den Saft aufwischte, den Line dabei umgestoßen hatte, und da bei Andrine eine Wurst quer im Mund steckte, blieb mir keine Wahl. Ich musste etwas sagen.
»Wie meinst du das?«, fragte ich.
»Das ist total genial!«, rief er. »Absolut durch und durch genial. Ich hab es ihnen gesagt. Das wird die Welt verändern! Sie zu einem besseren Aufenthaltsort machen und uns zu besseren Menschen.«
»Wovon redest du da eigentlich?«, fragte ich.
»Chop-stop-chop-stop«, johlte Papa.
Das gehört zu den Dingen, die er oft sagt und die überhaupt keinen Sinn haben.
Papa lud Line von seinen Schultern aufs Sofa um. Dann setzte er sich umgekehrt auf einen Stuhl und legte sein Kinn auf den Stuhlrücken.
»Wir haben eine wichtige neue Kundin. Eine politische Partei.«
»Welche Partei denn«, fragte ich und gab mir alle Mühe, interessiert zu wirken.
»Eine ganz neue Partei, meine liebe Hannah, die hofft, in den nächsten vier Jahren bestimmen zu dürfen.«
Papas Werbeagentur sollte also für diese neue Partei eine Wahlkampagne entwickeln. Das bedeutete, dass sie allen erzählen sollte, wie klug und tüchtig die Leute in dieser Partei waren und dass alles gut werden würde, wenn sie nur genügend Stimmen kriegten.
Das hörte sich an wie ein passender Auftrag für meinen Vater.
»Mehr Geld für Kindergärten und Schulen ist ein hervorragender Aufhänger für diese Partei«, sagte er und lächelte, als ob er gerade etwas gesagt hätte, auf das vorher noch niemand gekommen war.
»Aber das bedeutet sicher nicht, dass es in den Schulen Gratissüßigkeiten geben wird«, antwortete ich.
»Höhö, nein, das wohl nicht. Ich glaube, den Erwachsenen würde Gratisbenzin für alle besser gefallen.«
»Das heißt noch lange nicht, dass Kinder dann Auto fahren dürfen«, sagte ich und merkte, dass ich schon das Interesse verlor.
Ich hatte solche Parteileute ein paarmal im Fernsehen erlebt, wenn Mama und Papa die Nachrichten sehen wollten, und ich kann euch sagen, die waren stinklangweilig. Sie sagen jede Menge komisches Zeug, ohne zu lächeln. Es ist zum Einschlafen, auch wenn du lieber wach bleiben möchtest. Nein, das interessierte mich überhaupt nicht. Aber mein Vater ist keiner, der merkt, wenn jemand ihm nicht mehr zuhört. Er warf die Hände in die Luft und rief: »Hier seht ihr den Mann, der die Welt verändern wird!«
Er sah mich auf eine Weise an, die mir zeigte, dass es hier kein Entkommen mehr gab. Jetzt half nur noch, gar nichts mehr zu sagen, damit er so schnell wie möglich zu Ende erzählte.
»Liebe Hannah, findest du es nicht ungerecht, dass wir Erwachsenen einfach alles bestimmen dürfen? Wann du aufstehen musst, wann du in die Schule gehst, was du isst, wann du fernsehen darfst, wann du schlafen gehen musst, wie viel Taschengeld du bekommst. Ja, es ist doch eigentlich so, dass Kinder überhaupt nichts bestimmen dürfen!«
Papa hatte natürlich recht. Auch wenn ich ihm oft erzählen musste, dass es nicht gesund ist, zum Frühstück Kaugummi zu essen, oder dass er nach einem halben Tag besser Lines Windel überprüfen sollte. Ich ging aber davon aus, dass andere Väter sich ein bisschen erwachsener benehmen, und deshalb brauchte ich gar kein Lügenkreuz zu machen, als ich sagte: »Natürlich ist das ungerecht.«
»Aber muss es so sein? Nein, das muss es natürlich nicht.«
Papa drehte eine Pirouette, dann redete er weiter.
»Das liegt nur daran, dass manche in meinem Alter glauben, dass wir klüger werden, je älter wir sind. Sie haben schreckliche Angst davor, dass die, die nach ihnen kommen, eine eigene Meinung haben könnten. Verstehst du, Hannah?«
Ich verstand das nicht so ganz, aber etwas war nicht ganz so wie sonst. Das hier war etwas anderes als der übliche Jobkram, über den er so oft redete. Er sagte zum Beispiel, dass ein Auto das Kind in dir hervorkommen lässt, oder dass gerade diese bestimmte Zahnbürste Kinder zum Lachen bringt, wenn sie sich die Zähne putzen.
Hast du schon mal versucht zu lachen, während du dir die Zähne putzt? Eben! Dann weißt du, dass das nur geht, wenn du vorher die Zahnbürste aus dem Mund nimmst.
Das hier war etwas ganz anderes. Es stimmt ja wirklich, dass die Erwachsenen viel zu viel bestimmen dürfen. Natürlich machen wir Kinder nicht immer alles richtig, aber es kommt schon vor, dass wir etwas falsch machen, nur weil die Erwachsenen sagen, dass es falsch ist. Aber stellt euch vor, das wäre richtig und die Erwachsenen hätten sich geirrt. Stell dir vor, wir könnten zur Schule gehen, wann wir wollen. Oder uns Klamotten aus dem Schrank holen, die nicht passen, die aber trotzdem total klasse sind. Das ist eine wunderbare Vorstellung.
»Ihr wollt die Stimme der Kinder hören, habe ich zu ihnen gesagt. Gemeinsam werden wir die Kinder zu den Hauptpersonen machen. Du, Hannah, und alle anderen Kinder werden bestimmen dürfen. Das sage ich, so wahr ich Finn Fredriksen heiße!«
Und da Papa Finn Fredriksen heißt, war er also von dieser Idee absolut überzeugt.
Jetzt fragst du dich sicher, ob das nicht nur irgendein Unfug war, wie du ihn schon so oft gehört hast. Wenn du zum Beispiel mit deiner Mutter einkaufen gehst und sie fragt dich, was du abends essen möchtest, und du bist ja nicht blöd, also sagst du: Würstchen, aber das war dann trotzdem blöd, denn deine Mutter lässt dich nur entscheiden, wenn du Fisch sagst.
»Weißt du ganz genau, dass das ernst gemeint ist?«, fragte ich und schaute meinem Vater tief in die Augen.
»Ja, darauf kannst du dich verlassen. Ein Mann von einer frisch gegründeten Partei namens Stimme der Zukunft hat uns angerufen und um Hilfe im Wahlkampf gebeten. Weil sie eine neue Partei sind, wollen sie sich um Dinge kümmern, die die anderen alle vernachlässigen. Der Mann, der angerufen hat, sagte, sie wollten die Kinder bestimmen lassen. Nur wissen sie nicht so ganz, wie sie das schaffen sollen. Aber sie gehen davon aus, dass eine Werbeagentur jede Menge Ideen dazu hat, wie sie der Stimme der Kinder Gehör verschaffen können.«
Papa legte einen Stapel Plakate vor uns auf den Küchentisch. Auf den Plakaten waren lächelnde Kinder zu sehen, die die Hände zum Himmel hoben. Unter dem Bild stand mit Kinderschrift: »Wenn wir bestimmen dürften«, und dann kam eine lange Liste von Sachen, die die Kinder wichtig fanden. Die Partei forderte mehr Schulen, bessere Krankenhäuser, sicherere Straßen und andere Dinge, die sicher für Kinder und Erwachsene wichtig sind, die aber nicht weiter helfen, wenn du vor allem findest, dass es erlaubt werden sollte, zum Abendessen Schokomilch zu trinken.
Es gab also keinen Grund, sich viel zu erhoffen, dachte ich. Aber da hatte ich mich total geirrt.
»Ich habe meinen guten Freund vom Fernsehen angerufen, Stängel«, sagte Papa. »Der war Feuer und Flamme. Stängel möchte gerne dazu beitragen, dieses Programm bekannt zu machen, und er hat die Stimme der Zukunft für nächste Woche zu einer Diskussion der Parteivorsitzenden eingeladen. Und – haltet euch fest –, wisst ihr, wer die Stimme der Zukunft vertreten wird?«
Am Tisch wurde es ganz still. Ich kannte keine anderen Politiker als den Ministerpräsidenten, aber es war klar, dass Papa da den Durchblick hatte. Sein Gesicht schien vor Stolz fast schon zu platzen.
»Du nämlich, Hannah. Meine Tochter! Du wirst der ganzen Welt erzählen, was Kinder sich für die Zukunft wünschen.«
Er sagte sicher noch mehr, aber das kriegte ich nicht mehr mit. Ich stand unter Schock, glaube ich, oder wie immer man das nennt, wenn man ganz wackelige Beine kriegt und das Kinn in eine Portion Würstchen mit Kartoffelbrei fällt.
2. kapitel
Wenn du zu Hause vor dem Fernseher sitzt, sieht das, was in einem Fernsehstudio passiert, fast ganz normal aus. Der Moderator ist meistens schön angezogen. Die Wände haben tolle Farben, aber ansonsten könnte es fast bei dir zu Hause sein.
Die meisten Leute, die im Fernsehen auftreten, sehen auch aus, als wären sie da zu Hause. Sie wissen genau, was sie sagen wollen und wann sie das sagen sollen. Hast du schon mal im Fernsehen Leute dermaßen stottern gehört, dass sie sich nicht trauen, etwas zu sagen? Und dass sie vielleicht ihre Mutter oder ihren besten Freund anrufen müssen, um sich Rat zu holen? Hab ich mir gedacht. Es kommt auch nicht oft vor, dass die Frau vom Wetterbericht erzählt, dass sie keine Ahnung hat, wie morgen das Wetter sein wird, oder dass die Ansagerin die Nachrichten ankündigt, während sie doch eigentlich sagen sollte: »Willkommen zur Kinderstunde«. Wenn du aber selbst da sitzt, ist das ganz anders, das kann ich dir sagen!
An den letzten Tagen vor der Fernsehsendung hatte Papa viel mit denen geredet, die die Partei Stimme der Zukunft gegründet hatten. Sie sagten, ich solle einfach ich selbst sein. Ich fand das ein bisschen komisch, denn wie konnten sie so was sagen, wo sie mich doch gar nicht kannten? Aber Papa sagte, er habe ihnen genau erzählt, wie ich bin, und deshalb hätte ich keinen Grund zur Sorge. Die Parteileute meinten außerdem, dass Kinder selbst am besten Bescheid wüssten. Deshalb wollten sie ja auch ein Kind als Ministerpräsidenten oder Ministerpräsidentin haben.
»Aber ich hab doch noch nie so eine Diskussion von Parteivorsitzenden gesehen«, sagte ich.
»Davor brauchst du keine Angst zu haben«, sagte Papa und lächelte. »Das ist einfach nur eine Fernsehsendung, die kurz vor der Wahl ausgestrahlt wird. Die Vorsitzenden aller Parteien treffen sich, um über die wichtigsten Themen zu sprechen, bevor die Leute entscheiden, wem sie ihre Stimme geben wollen.«
»Und ich soll also die Vorsitzende von der Stimme der Zukunft sein?«
»Chop-stop. Das sollst du. Meine Tochter soll den Fernsehzuschauern erzählen, warum sie die Stimme der Zukunft wählen sollen.«
Am Tag vor der Sendung gingen Papa und ich neue Kleider für mich kaufen.
»Jetzt, wo das ganze Land dich sehen wird, kannst du dir aussuchen, was dir am besten gefällt.«
Es fiel mir gar nicht schwer, mich zu entscheiden. Ich suchte mir eine tolle glitzernde Hose mit Silbersternen auf dem linken Oberschenkel und eine schwarze Bluse mit einer großen rosa Blume aus. Damit war ich perfekt angezogen!
Dachte ich, bis ich ins Fernsehgebäude kam.
Im Zimmer vor dem Studio wartete der Moderator Stängel. Weil er so hieß, hatte ich mir einen Quatschkopf im T-Shirt vorgestellt, aber Stängel trug einen eleganten dunklen Anzug und einen Schlips. Um ihn herum standen die Parteivorsitzenden, die an der Diskussion teilnehmen sollten. Auch sie waren elegant angezogen, im Kleid oder Anzug. Nirgendwo waren Silbersterne oder rosa Blumen zu sehen.
Wir wurden nebeneinander an einen langen Tisch gesetzt, auf den alle Fernsehkameras gerichtet waren. Ich musste ganz links sitzen. Vielleicht würden die Kameras mich nicht einfangen, wenn ich mich auf meinem Stuhl ganz klein machte? Vielleicht würden sie einfach über meinen Kopf fegen, und dann würde niemand mitkriegen, dass ich im Fernsehen war? Aber das sollte ein Traum bleiben. Die Sendung fing an, und Stängel – oder Stein Andersen, er hatte auch einen richtigen Namen – hieß alle willkommen.
»Bald wird in unserem Land gewählt, meine Damen und Herren.«
Wenn Stängel in die Fernsehkameras redete, hörte er sich an wie eine Schlange, die versucht, freundlich zu klingen, ehe sie zuschnappt und ihr Gift verspritzt. Es war also keine besonders angenehme Stimme, sie war eher einschmeichelnd, so wie Erwachsene gern mit Kindern sprechen, wenn sie versuchen, nett zu sein.
»In einigen Tagen wird Ihre Stimme entscheiden, wer in den kommenden vier Jahren das Land regiert. Und die Wahl in diesem Jahr hat eine kleine Überraschung zu bieten. Oder eher eine riesige Überraschung, müssen wir wohl sagen. Die Partei Stimme der Zukunft hat die zehn Jahre alte Hannah Fredriksen als Spitzenkandidatin aufgestellt. Höhö, ja, Sie haben richtig gehört.«
Stängel grinste in die Kameras.
»Es gibt dabei allerdings ein paar kleine Haken. Hannah ist zu klein, um zu wählen, zu klein, um eine richtige Arbeit zu haben, und sie müsste eigentlich schon im Bett liegen. Höhö.«
Ich merkte, dass meine Wangen heiß wurden.
»Aber da ich das nicht zu entscheiden habe«, sagte Stängel jetzt, »fangen wir also lieber mit der Diskussion an und fragen zuerst die Anwesenden, was sie von dieser aufsehenerregenden Entscheidung halten.«
Danach fragte er die Parteivorsitzenden der Reihe nach nach ihrer Ansicht. Das Seltsame war, dass sie alle keine Lust hatten, in irgendeiner Hinsicht anderer Meinung zu sein. Als Erster antwortete der Ministerpräsident. »Das ist eine sehr interessante Frage«, sagte er und lächelte mich an, als ob er soeben einen verschimmelten Käse im Kühlschrank gefunden hätte. »Wir leben in einer demokratischen Gesellschaft, wo alle mitbestimmen dürfen. Ich kann also zunächst einmal keinen Grund dafür anführen, warum die Stimme der Zukunft und Anna, Verzeihung, Hanne, zur Wahl nicht zugelassen werden sollten. Eine ganz andere Frage ist natürlich, ob ich das für eine gute Idee halte.«
Ein anderer Mann sagte, er habe gelesen, dass in den USA eine Grünpflanze zu einer Wahl angetreten sei, und dann müsse es doch gestattet sein, dass hierzulande kleine Mädchen das machten. Als jemand lachte, war ihm das peinlich, und er erklärte, er wolle natürlich Mädchen nicht mit Pflanzen vergleichen, sondern nur sagen, dass es zwischen Himmel und Erde mehr gebe als gemeinhin angenommen. Und da lachten die Leute wieder.
Ein Mann mit Ziegenbart und verschlafener Stimme fand es vor allem wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Rednertribüne im Parlament so hoch war, dass mich niemand sehen würde, wenn ich da eine Rede hielte. Ein anderer, der ziemlich traurig aussah, hielt es für ein »konstitutionelles Problem«, das jahrzehntelang reifen müsse, ehe das Grundgesetz geändert werden könne.
Eine Frau, die laut und schnell redete, hielt Kinder für unseren wichtigsten Rohstoff. Und gerade deshalb müssten Hannah und alle anderen Kinder so lange wie möglich Kinder sein dürfen. Ich fand das ein bisschen komisch, schließlich kann doch kein Mensch einem Kind verbieten, ein Kind zu sein.
Jedenfalls wollte niemand ganz offen sagen, dass es blödsinnig wäre, Kinder bestimmen zu lassen. Ich hatte aber trotzdem das Gefühl, dass alle diese Idee ebenso sinnvoll fanden wie den Vorschlag, mit Geldscheinen ein Kaminfeuer anzuzünden.
Aber irgendwann schienen die Politiker es dann sattzuhaben, über Kinder zu reden. Stattdessen diskutierten sie über andere politische Fragen, Arbeitsplätze, Straßen, Benzinpreise, Steuerniveau, Krieg und Frieden. Sie unterbrachen sich gegenseitig, schrien sich an und benahmen sich so, wie wir das in meiner Klasse in der Schule nie und nimmer gedurft hätten.
Mir war das egal, denn sie schienen mich komplett vergessen zu haben. Außerdem verstand ich höchstens die Hälfte von dem, was sie sagten. Ich hatte zum Beispiel keine Ahnung, was Wörter wie prioritieren, effektivisieren oder marginalisieren bedeuten. Es hörte sich fast an, als ob es etwas mit Essen zu tun hätte, aber sicher war ich da nicht, und deshalb saß ich mäuschenstill da und hoffte, dass die Sendung bald zu Ende sein würde.
Aber Stängel hatte mich offenbar nicht vergessen. Plötzlich drehte er sich zur Kamera um und sagte: »Wir haben jetzt die unterschiedlichen Meinungen unserer etablierten Politikerinnen und Politiker gehört, aber ich glaube, meine Damen und Herren, dass nun auch unsere jüngste Teilnehmerin zu Wort kommen sollte. Was glaubst du, Hannah, was würdest du verändern, wenn du die Möglichkeit hättest, zu bestimmen?«
Er stellte diese Frage so, als ob es lächerlich wäre zu glauben, ich könnte irgendetwas zustande bringen, das schwieriger wäre als mir die Schnürsenkel zuzubinden.
Während die Parteivorsitzenden diskutierten, hatte ich mir glücklicherweise überlegt, was ich sagen wollte, wenn ich doch noch irgendetwas gefragt würde. Mein Kopf war eigentlich ein schwarzes Loch, aber dann fiel mir ein, was ein Lehrer mal in einer Stunde gesagt hatte, nämlich, dass es wichtiger ist, von anderen zu lernen als von sich selbst.
Ich holte tief Luft und versuchte, das erste Wort für meinen ersten Satz zu finden. Meine Stimme kam mir vor wie die einer kleinen Maus, die versucht, einem Elefanten etwas zu erklären.
»Alle Kinder können von Erwachsenen viel lernen«, sagte ich. »Das Problem ist, dass Erwachsene aufhören zu lernen, wenn sie erwachsen sind, denn dann glauben sie, alles zu wissen. Ihr schafft es auch so gut wie nie, voneinander zu lernen, weil ihr immer meint, alles am besten zu wissen. Aber es muss doch möglich sein, voneinander zu lernen.«
Danach sagte niemand mehr etwas. Ich versuchte, mich umzublicken, aber die grellen Scheinwerfer sorgten dafür, dass ich gar nichts sehen konnte. Dann räusperte Stängel sich, bedankte sich bei den Zuschauern und wünschte ihnen eine schöne Wahl.
Die Parteivorsitzenden sagten mir nach der Sendung allesamt nicht auf Wiedersehen und bedankten sich auch nicht für mein Kommen, aber das war mir nur recht.
Stängel war in ein Gespräch mit dem Ministerpräsidenten vertieft und schien sich auch nicht mehr für mich zu interessieren. Ich hatte dasselbe Gefühl wie an dem Tag, an dem wir in unser neues Haus eingezogen waren. Als Erstes lief ich auf die Straße, um jemanden zum Spielen zu finden. Viele hatten den Möbelwagen gesehen und wollten jetzt wissen, wie ich hieß und woher ich kam, aber als sie das erfahren hatten, gingen sie einfach wieder, ohne zu fragen, ob ich mitkommen wolle.
Ich bekam von Papa eine Limo und einen Kuss, als ich aus dem Studio kam, und als wir nach Hause fuhren, sagte er, ich hätte das ganz toll gemacht. Aber ich kenne doch Papa. Wenn ich ganz toll gewesen wäre, wäre er wie ein Jojo auf und ab gehüpft. Ich hatte mich sicher blamiert.
Es war schrecklich unheimlich gewesen, aber auch ein bisschen spannend. Es war so, wie auf Skiern einen ganz steilen Hang hinunterzufahren. Wenn man erst einmal losgelegt hat, weiß man, dass es unmöglich ist kehrtzumachen.
Aber jetzt war es vorbei. Am nächsten Tag musste ich in die Schule gehen, und da würde alles wie immer sein. Oder schlimmer. Bestimmt hatten einige die Sendung gesehen und mitgekriegt, dass ich so gut wie nichts gesagt hatte. Das hier war zweifellos mal wieder eine von Papas nicht ganz so großartigen Ideen. Gar nicht schlecht gedacht, vielleicht, aber eben nicht machbar. Ich hatte nichts Besonderes zu sagen. Ich war nicht alt genug, um Ministerpräsidentin zu werden. Und ich war nicht einmal sicher, ob ich das überhaupt wollte.
3. kapitel
Am nächsten Morgen setzte Papa mich vor dem Schulhof ab. Wir waren spät dran, das war normal bei uns. Das Unnormale war, dass wir unterwegs im Radio Nachrichten hörten, weil Papa wissen wollte, was die Leute über meinen Auftritt vom Vorabend sagten.
Sie sagten fast nichts über mich, aber sie sprachen viel darüber, was die Parteivorsitzenden gesagt hatten. Ich konnte Papas Gesicht ansehen, dass er ein bisschen enttäuscht war. Als ich aus dem Auto ausstieg, war ich ziemlich sicher, dass mein Fernsehauftritt und die Stimme der Zukunft bald vergessen sein würden.
Fred lungerte am Schultor herum. Er ist mein bester Freund, vor allem, weil er immer ein Freund ist und nicht nur ab und zu. Die, die nicht so gut mit Fred befreundet sind wie ich, nennen ihn manchmal Fred den Fettsack. Wo er diesen Spitznamen hat, stellst du dir jetzt sicher einen kugelrunden Knaben vor, aber Fred ist groß und klapperdürr.
»Ich bin der dickste Dünnfurz auf der ganzen Welt«, sagt Fred immer, wenn jemand ihn nach seinem Spitznamen fragt. Und dann lacht er ein schrilles lautes Lachen, das nicht so ganz zu seiner dünnen Gestalt passt. Es ist so, dass Fred niemals zunimmt, egal, was er isst. Seinen Spitznamen hat er bekommen, weil es unendlich viele Erwachsene gibt, die immer irgendeinen Spruch bringen müssen, wenn Fred sich auf Festen mit Würstchen vollstopft und eimerweise Cola hinterherkippt, bis nichts mehr auf dem Tisch ist.
»Jetzt musst du aber aufpassen, dass du nicht dick wirst, Fred«, sagen die Erwachsenen dann, obwohl er doch so mager ist, dass seine Körperteile nur mit Mühe und Not aneinanderhängen. Auf diese Weise wurde Fred zum dicksten dünnen Jungen auf der ganzen Welt.
»Hallo, Hannah«, brüllte Fred. »Hab dich gestern in der Glotze gesehen!«
Ich versuchte, den Kopf zwischen die Schultern zu ziehen, und hoffte, dass uns sonst niemand gehört hatte. Ich konnte mir schon die vielen Witze vorstellen, die über mich gerissen werden würden, wenn die Eltern den anderen erzählt hatten, wie verängstigt ich am Vorabend im Fernsehen gewesen war.
»Das war ganz schön schwer«, sagte ich und konnte ihm fast nicht in die Augen blicken.«
»Höh. Du warst phänomenal! Ich hab meine Mutter daran erinnert, dass ich dein bester Freund bin, und da wurde sie ganz komisch und hat alle ihre Freundinnen angerufen und gesagt, sie würde dich auf jeden Fall wählen.«
»Aber das wird sonst niemand tun«, sagte ich. »Ich hab doch fast nichts gesagt.«
»Meine Mutter fand das total genial«, sagte Fred lächelnd. »Du wolltest was Vernünftiges sagen, und deshalb hast du erwachsener gewirkt als alle anderen zusammen.«
»Aber das wollte ich doch gar nicht. Mir ist nur nichts mehr eingefallen.«
»Fette Kiste«, sagte Fred grinsend.
Das sagt er immer, wenn er etwas richtig toll findet. Und das passiert ihm ziemlich oft.
»Es geht darum, dass niemand weiß, was du denkst. Das kann man in der Glotze nicht sehen.«
Es klingelte, und wir trotteten ins Klassenzimmer. Ich starrte den Boden an, um den anderen nicht guten Tag sagen zu müssen. Fred dagegen schien sich so richtig wohl in seiner Haut zu fühlen und grüßte nach links und rechts und brüllte dabei: »Habt ihr gestern Hannah in der Glotze gesehen? Das war die total fette Kiste!«
Es stellte sich heraus, dass mich nicht viele gesehen hatten. Aber wie viele Kinder sehen sich auch eine Diskussion von Parteivorsitzenden an? Trotzdem waren es so viele, dass es Kommentare hagelte, und die Klasse war ziemlich laut, als unsere Klassenlehrerin, Frau Olsen, hereinkam. Sie heißt eigentlich Helene Olsen. Die anderen Lehrer reden wir mit Vornamen an, aber Helene Olsen ist so eine erwachsene und ordentliche Dame, dass es uns unhöflich vorkommen würde, sie Helene zu nennen.
Frau Olsen hatte ein DVD-Gerät unter dem Arm und wirkte ziemlich aufgeregt. Sie stellte das Gerät auf das Pult und kam dann auf mich zu. Ich sitze in der zweiten Reihe. Sie gab mir feierlich die Hand und sagte: »Liebe Hannah, das ist ein großer Tag für mich, für die Klasse, ja, für die ganze Schule. Ich kann dir sagen, dass wir stolz darauf sind, was du gestern Abend getan hast.«
Frau Olsen war immer nett zu mir, und ich war froh, dass sie das sagte, auch wenn sie es sicher nicht meinte.
»Tausend ...«
Ich versuchte, mich zu bedanken, aber sie hatte das Gerät schon eingeschaltet, und jetzt konnte die ganze Klasse einen Teil der Diskussion sehen. Und zwar den, in dem ich etwas gesagt hatte. In den Sekunden, bevor ich den Mund aufmachte, schien ich vor Angst wie erstarrt zu sein, sicher so, wie ich aussehen würde, wenn ich es mit einem Löwen zu tun hätte. Aber als ich den Mund aufmachte, hörte meine Stimme sich ruhig und klar an. Konnte das am Mikrofon liegen oder daran, dass das Geräusch durch den Fernseher geschickt wurde? Auch meine Augen sahen ruhig aus. Sicher, weil ich nicht gewagt hatte zu zwinkern.
Frau Olsen schaltete den Fernseher aus. Es war ganz still in der Klasse. Es war so peinlich, dass ich mir ein Loch in meinem Tisch wünschte, in das ich mich hätte verkriechen können. Aber so ein Loch gab es nicht, und dann wurde an die Tür geklopft. Der Rektor kam herein.
Viele in meiner Schule halten den Rektor für eine Maschine. Er redet wie eine Maschine und sieht aus wie eine Maschine. Alles ist auf eine unwirkliche Weise perfekt. Jetzt sagte er mit metallischer Stimme: »Hannah Fredriksen, ich muss dich bitten, mit mir zu kommen.«
Als er zuletzt jemanden aus der Klasse geholt hatte, war das überhaupt nicht witzig gewesen. Dag Atle hatte alle Schubladen in Frau Olsens Pult mit Schnee gefüllt, um festzustellen, ob ein Pult so ähnlich wirkt wie eine Gefriertruhe. Das tut es nicht, und Frau Olsen rutschte zu Anfang der Stunde in der Pfütze vor dem Pult aus. Dabei brach sie sich den Oberschenkel.
Als wir auf den Gang kamen, drehte der Rektor sich zu mir um und lächelte steif. Es sah nicht so aus, als ob er mich ausschimpfen würde. Er schien mir aber auch nicht um den Hals fallen und mich umarmen zu wollen.
»Du hast in letzter Zeit offenbar einige Aufmerksamkeit erregt, und jetzt möchten allerlei Leute mit dir reden«, sagte der Rektor.
Seine Stimme erinnerte mich an einen Roboter, und ich konnte nicht entscheiden, ob er es nett fand, dass jemand sich für mich interessierte, oder ob er sich gern bei meinen Eltern beschwert hätte, weil ich Unruhe in die Schule brachte.
Hinter ihm kamen zwei Männer angelaufen. Der eine trug eine Kamera über der Schulter.
»Sie kommen vom Fernsehen«, sagte der Rektor, der sie nun auch entdeckt hatte. »Sie möchten dich im Zusammenhang mit der Sendung interviewen, in der du gestern aufgetreten bist.«
»Ja, wir wollen das Thema in den Nachrichten wieder aufgreifen«, sagte der Mann ohne Kamera auf der Schulter und sah mich an. »Die Wahl ist doch schon in einigen Tagen, und wir glauben, dass sich viele für deine Ansichten interessieren werden.«
»Das glaube ich nicht«, sagte ich. »Bei der Diskussion gestern hat sich auch niemand für mich interessiert, und ich habe so gut wie nichts gesagt. Warum interviewt ihr nicht lieber den Ministerpräsidenten?«
»Den interviewen wir dauernd, aber der redet nur viel und sagt dabei überhaupt nichts«, sagte der Reporter und lächelte.
»Vielleicht kannst du etwas sagen, worauf sonst noch niemand gekommen ist?«
»Wie was denn?«, fragte ich.
»Worum ein Ministerpräsident sich deiner Ansicht nach kümmern sollte.«
»Aber ich weiß nicht, ob wir noch mehr Straßen oder bessere Krankenhäuser und Schulen brauchen. Ich bin erst zehn Jahre alt und hab noch nicht mal das Einmaleins richtig gelernt, obwohl ich das längst hätte tun müssen.«
»Aber es interessiert dich doch, wie es den Menschen in unserem Land geht?«, fragte der Reporter und sah mich neugierig an.
»Ich finde es wichtig, dass Kinder bestimmen dürfen, wirklich bestimmen.«
»Wie meinst du das?«, fragte der Reporter eifrig.
»Was ein Kind sagt, sollte so wichtig sein wie das, was ein Erwachsener sagt. Und was für Erwachsene gut ist, muss nicht auch für Kinder gut sein.«
»Ich glaube, das genügt«, sagte der Reporter plötzlich.
»Aber wolltet ihr mich nicht interviewen?«
»Das haben wir schon gemacht. Schalte heute Abend den Fernseher ein. Mach’s gut.«
Die beiden Männer liefen davon, während der Rektor und ich ziemlich verwirrt stehen blieben. Der Rektor sagte nichts, aber ich glaube, er dachte, dass ich bestimmt nicht gerade die aufgeweckteste Schülerin in seiner Schule war.
Ich war auf dem Weg zurück ins Klassenzimmer, als mir Henrikke aus meiner Klasse über den Weg lief. Sie wollte zur Toilette. Eigentlich dürfen wir das in der Stunde nicht, aber Henrikke ist so eine, die glaubt, dass solche Vorschriften für sie nicht gelten. Sie ist bestimmt die Hübscheste in der Klasse und vielleicht auch die beste Schülerin. Wenn sie redet, hält sie den Kopf ein bisschen schief, sodass ihre blonden Haare ihr über die Schulter wogen, während sie ihre großen knallblauen Augen verdreht. Ihre Eltern sind Rechtsanwälte und schwimmen in Geld.
»Die haben ein bisschen zu viel«, murmelt Papa ab und zu und hört sich dabei fast ein bisschen neidisch an.
Das bedeutet, dass Henrikke oft mit dem Taxi zur Schule kommt und manchmal mitten im Jahr private Ferien einlegt. Für uns andere ist das dann auch ein bisschen wie Ferien, denn sie behandelt uns oft wie Luft oder so, dass wir viel lieber Luft wären.
Aber das tat sie jetzt nicht. Ganz im Gegenteil. Sie sah mir ins Gesicht und lächelte ihr fieses Lächeln, das ich nur zu gut kannte. Sie trat einen Schritt vor und verstellte mir den Weg.
»Nein, aber da haben wir ja die berühmte Hannah«, sagte Henrikke sauer. »Hoffentlich kommst du noch häufiger im Fernsehen. Gestern haben wir zu Hause schrecklich über dich gelacht, und wie du eben interviewt worden bist, das war noch witziger. Du bist wirklich doof. Vielleicht wirst du Ministerin für Doofheit?«
Ich drehte mich um, um zu sehen, ob der Rektor dazu etwas sagen würde, aber der Roboter hatte schon das andere Ende des Ganges erreicht. Als ich mich zurückdrehte, war auch Henrikke verschwunden. Ich stand allein im Gang und merkte, dass mein Magen sich verkrampfte. So würde es also jetzt sein. Und dabei hatte es noch nicht einmal zur ersten Pause geklingelt.
Die Pause wurde dann aber doch nicht so schlimm. Fred war in Spitzenform und stellte sich in eine Ecke auf dem Schulhof, um für mich Wahlkampf zu machen.
»Hallo, allesamt!«, brüllte Fred. »Bald wird gewählt, und da müssen alle für Hannah stimmen!«
Ich stieß ihm in den Rücken und flüsterte, dass Kinder doch gar nicht wählen dürfen und dass er aufhören solle, aber Fred brüllte einfach weiter: »Ihr müsst euren Eltern sagen, dass sie Hannah wählen sollen. Wenn nicht, zieht ihr euch morgens nicht mehr an. Ihr esst euren Teller nicht mehr leer und bindet euch nicht die Schnürsenkel. Ihr werdet mit Mäuschenschritten zur Schule gehen, zu spät kommen, euch in der Klasse irren und dem Lehrer sagen, dass zwei plus zwei fünf ist.«
»Aber ist das denn nicht fünf?«, fragte einer aus der ersten Klasse, der bestimmt noch nicht rechnen gelernt hatte.
Alle lachten, und ein Mädchen, das ich noch nie gesehen hatte, sagte, sie wolle ihren Eltern sagen, dass sie kein Wort mehr sagen würde, wenn die Eltern nicht Hannah wählten. Einige andere wollten das auch machen, aber da brüllte Fred wieder los: »Nein, nein, nein! Die meisten Eltern sind doch nur froh, wenn ihr nichts mehr sagt, denn dann können sie in aller Ruhe Nachrichten sehen, die Zeitung lesen und über Erwachsenenkram reden. Ihr müsst also von jetzt ab bei absolut allem sagen: ›wenn Hannah Ministerpräsidentin wird‹, zum Beispiel: ›Ich esse heute gern Fisch, wenn Hannah Ministerpräsidentin wird. Ich putze mir freiwillig die Zähne, wenn Hannah Ministerpräsidentin wird. Ich gehe ganz früh schlafen, wenn Hannah Ministerpräsidentin wird.‹ Das wird die total fette Kiste«, brüllte Fred und wirkte sogar für seine Verhältnisse ungeheuer zufrieden.
Als es zur nächsten Stunde klingelte, schien der ganze Schulhof Sätze zu murmeln, die immer endeten mit »wenn Hannah Ministerpräsidentin wird.«
Abgesehen von Henrikke und ihren Freundinnen. Sie glotzten vom anderen Ende des Schulhofs her wütend zu uns herüber.
4. kapitel
Dieser seltsame Schultag war zu Ende, und wie meistens trottete ich allein vom Schulhof und machte mich auf den Heimweg. Ich war gerade um die erste Ecke gebogen, als mir von der anderen Straßenseite her ein wildfremder Mann zuwinkte.
»Hallo, Hannah! Weiter so«, sagte der Mann.
Ehe ich mir die Sache genauer überlegen konnte, tätschelte eine ältere Dame meinen Arm.
»Auf meine Unterstützung kannst du zählen«, sagte sie. »Und jetzt kommt es darauf an.« Ich war total verwirrt. Wie meinte sie das wohl? Und warum schienen mich alle plötzlich zu kennen?
So ging es den ganzen Heimweg über weiter. Die Leute winkten und lächelten. Einige sprachen mich an und sagten, ich hätte völlig recht mit dem, was ich zu den Parteivorsitzenden gesagt hatte. Also hatten mich doch einige Leute im Fernsehen gesehen, und offenbar hatte ihnen gefallen, was sie gesehen hatten.
Als ich schon fast zu Hause war, sah ich mich auf der anderen Straßenseite. Da hing ein riesiges Bild von meinem Gesicht, wo sonst riesige Reklameplakate aufgehängt waren. Unten auf dem Plakat stand:
»Wählt die Stimme der Zukunft – unserem Land zuliebe.«
Als Papa einige Stunden darauf von der Arbeit kam, schäumte er geradezu über.
»Dreht die Nachrichten an«, brüllte er. »Dreht die Nachrichten an!«
Wir schalteten den Fernseher ein, aber es war fünf Uhr nachmittags, und da kamen natürlich keine Nachrichten.
»Papa, es gibt jetzt keine Nachrichten«, sagte ich. »Die kommen erst in zwei ...«
Weiter kam ich nicht, denn plötzlich wurde die Sendung unterbrochen, und ein Ansager füllte den ganzen Bildschirm aus:
»Wir unterbrechen unser reguläres Programm für eine Sondersendung zur bevorstehenden Wahl. Bekanntlich hat die Partei Stimme der Zukunft die zehn Jahre alte Hannah Fredriksen als Spitzenkandidatin aufgestellt. Die meisten Wahlexperten halten das für einen Witz. Vor allem, da Kinder unter achtzehn weder aktives noch passives Wahlrecht besitzen. Aber jetzt hat sich herausgestellt, dass ein Teil der Bevölkerung anderer Ansicht ist. Meinungsumfragen bestätigen, dass viele, die gestern Abend die Diskussion der Parteivorsitzenden gesehen haben, Hannah Fredriksen für eine geeignete Kandidatin für das Amt der Ministerpräsidentin halten. Wir riskieren also eine Wahl, bei der die vom Volk gewünschte Kandidatin nicht gewählt werden kann. Unser Reporter Stein Andersen hat deshalb den Ministerpräsidenten gefragt, ob unter diesen Umständen nicht das Grundgesetz geändert werden müsste.«
Nun wurde die Staatskanzlei gezeigt, und Stängel interviewte einen überaus ernsten Ministerpräsidenten.
»Herr Ministerpräsident, wie reagieren Sie auf die Nachricht, dass viele gern die zehn Jahre alte Hannah Fredriksen als Ministerpräsidentin sähen?«
»Es ist vor allem ein wichtiges Signal für uns Erwachsene, Kinder und Jugendliche ernstzunehmen«, sagte der Ministerpräsident, dem es schwerfiel, gerade in die Kamera zu schauen.
»Aber bedeutet das nicht, dass auch ein Kind dieses Amt erringen können müsste?«
»Na, ein Kind kann doch nicht für das ganze Land verantwortlich sein«, murmelte der Ministerpräsident.
»Aber wenn die Bevölkerung das so will?«
»Es ist schwer vorstellbar, dass das wirklich ein allgemeiner Wunsch ist.«
Der Ministerpräsident schien am ganzen Körper Schmerzen zu haben.
»Aber würden Sie als Ministerpräsident die Verantwortung dafür übernehmen, dass die Bevölkerung nicht selbst entscheiden darf?«
Stängel grinste den Ministerpräsidenten hämisch an, und der schien sich zu wünschen, plötzlich unsichtbar zu sein. Aber dann änderte sich sein Gesichtsausdruck. Offenbar war ihm ein sehr kluger Gedanke gekommen, der ihn aus dieser schrecklichen Klemme retten konnte.
»Das kann ich nicht allein entscheiden«, sagte er. »Das ist eine Frage für das Parlament. Ich habe deshalb beschlossen, morgen früh das Parlament zu einer Sondersitzung zusammenzurufen. Wenn eine Mehrheit der Abgeordneten dafür ist, dass auch Kinder die Regierung leiten dürfen, wird die Stimme der Zukunft an der Wahl teilnehmen können.«
Die Kamera zeigte jetzt wieder Stängel in Großaufnahme.
»Nach dieser sensationellen Ankündigung schalten wir zurück ins Studio«, sagte er.
Der Nachrichtensprecher fasste mit überaus ernster Stimme zusammen: »Die Mitteilung des Ministerpräsidenten bedeutet, dass wir vor einem historischen Augenblick stehen. Das hier könnte der erste Schritt zur Wahl einer Minderjährigen zur Ministerpräsidentin sein. Wir werden die Ereignisse der nächsten Tage mit Spannung verfolgen und Sie gegebenenfalls mit Sondersendungen dazu informieren.«
Papa schaltete den Fernseher aus. Plötzlich merkte ich, dass mein Mund weit offen stand. Das tat er sicher schon lange. Ich hatte nicht einmal die Hälfte von dem verstanden, was da gesagt worden war, aber ich hatte doch begriffen, dass es total unglaublich war. Tausend Millionen Fragen wirbelten durch meinen Kopf. Ich hoffte wirklich, dass Papa einige davon beantworten konnte.
»Was meinen sie mit Grundgesetz, Papa?«, fragte ich.
»Chop stop«, sagte Papa, dann nahm er Anlauf und machte eine elegante Bauchlandung mitten auf dem Sofa.
»Die Constitution für das Königreych Norwegen«, rief er. »Das ist das Gesetz, das alles hier im Land bestimmt und das jetzt geändert werden wird. Ich habe nicht den geringsten Zweifel daran, dass du bald zur Ministerpräsidentin gewählt werden kannst.«
Mama, die die Sendung ebenfalls gesehen hatte, sah sehr viel ernster aus.
»Ich glaube nicht, dass das so einfach ist, mein Lieber«, sagte sie und sah Papa an. »Vergiss nicht, wer im Parlament sitzt. Ich glaube nicht, dass die Lust auf so eine Änderung haben. Deshalb ist der Ministerpräsident doch zu dieser Abstimmung bereit. Er weiß, dass sie die Änderung ablehnen werden. Der Ministerpräsident ist raffinierter, als wir glauben.«
Das hatte ich ja gewusst. Mama redet weniger als Papa, denkt aber mehr. Natürlich hatte sie recht. Das waren doch die Leute, denen ich bei der Diskussion der Parteivorsitzenden begegnet war, und es war einfach unmöglich, dass die das Gesetz so ändern würden, dass Kinder bestimmen dürften. Und vielleicht war das im Grunde auch besser so, denn ich fand die Angelegenheit inzwischen ganz schön unheimlich.
Das Telefon klingelte. Es war Fred.
»Hast du eben die Sondersendung gesehen, Hannah? Fette Kiste, was? Das kommt schon in Ordnung.«
»Das glaube ich nicht. Mama sagt, das Parlament wird nein sagen, und da hat sie sicher recht.«
»Aber ich habe einen ganz unglaublich einfachen und genialen Plan«, brüllte Fred.
»Tausend Dank, aber ich glaube nicht, dass das hilft.«
»He-he, warte nur ab, Hannah. Das wird megafett!«
»Aber wie sieht dein Plan denn aus, Fred? Hallo, Fred?«
Ich blieb noch lange mit dem Hörer in der Hand stehen, dabei hatte Fred schon längst aufgelegt. Er hatte sicher keine Zeit zu verlieren, wenn er seinen Plan in die Tat umsetzen wollte.
Es war lustig, mit Fred zusammen zu sein. Er dachte sich immer große Pläne aus, und ihm gelangen die unglaublichsten Dinge. Einmal hat er in einer Stunde zweihundert Kronen verdient, er hat sich einfach auf den Marktplatz gestellt und Gedichte aus einem Buch vorgelesen, das seine Großmutter ihm geschenkt hatte. Viele Erwachsene waren hin und weg gewesen von dem Jungen, der mit ernster Stimme alte Gedichte vortrug. Sie gaben ihm Geld, und Fred lächelte und machte einen Diener und sagte: »Vielen Dank, jetzt kann ich mir noch ein Buch kaufen!«
Danach kauften wir alle Kaugummikugeln im ganzen Laden auf.
So war Fred. Er hatte immer schon einen Plan, ehe ich mir die Sache überhaupt überlegt hatte, und eine Lösung, ehe ich das Problem begriffen hatte. Jetzt hatte ich aber doch das Gefühl, dass nicht einmal Fred einen Plan ersinnen könnte, der mir jetzt weiterhelfen würde.
Wieder klingelte das Telefon. Ich dachte, es sei noch einmal Fred, aber dann fragte eine unbekannte Männerstimme nach Hannah Fredriksen. Der Mann nannte seinen Namen und erzählte, dass er aus der Nachrichtenredaktion von Norwegens größter Zeitung anrief. Und jetzt wollte er uns besuchen und mit mir sprechen.
»Also hör zu, Hannah«, sagte er und hörte sich an wie ein alter Bekannter. »Ich bringe Schokolade mit, und dann mache ich ein Bild, auf dem du die Schokolade vorzeigst, und die Überschrift könnte sein: ›Gratisschokolade für alle Kinder, wenn ich Ministerpräsidentin werde.‹ Das wäre doch toll, nicht?«
»Ich habe nie gesagt, dass Süßigkeiten gratis sein sollten«, sagte ich und legte auf.
Papa sprang vom Sofa auf. »Wer war das?«, rief er.
»Nur so ein Trottel«, sagte ich, aber schon klingelte das Telefon wieder.
»Ich geh ran«, sagte Papa. »Es ist wichtig, dass wir erreichbar sind, damit alle erfahren, wer du bist, Hannah.«
»Ich will nichts sagen.«
»Aber das musst du doch!«, sagte Papa verzweifelt.
»Nein, das muss sie nicht«, schaltete Mama sich ein. »Hannah ist groß genug, um allein zu entscheiden. Jedenfalls wenn sie Ministerpräsidentin werden soll.«
Papa seufzte und nahm den Hörer ab.
»Fredriksen«, sagte er, sehr streng für seine Verhältnisse.
Er wusste also, dass er einen Nachnamen hatte.
»Nein, sie ist jetzt nicht zu sprechen. Nein, sie möchte keinen Kommentar abgeben. Ja, wir wissen, dass Sie von Norwegens größter Zeitung anrufen. Ja, natürlich können Sie schreiben, was Sie wollen. Auf Wiederhören!«
»Norwegens größte Zeitung«, sagte Papa und lächelte traurig, als er aufgelegt hatte.
In diesem Moment tat er mir fast leid. Papa liebte Aufmerksamkeit und genoss es, mit aller Welt über alle Welt zu reden. Ich redete lieber mit Fred.
»Ich tauge nicht als Ministerpräsidentin, Papa«, sagte ich. »Das musst du doch einsehen. Ich bin zu klein und habe nichts zu sagen. Ich weiß ja nicht mal, was eine Ministerpräsidentin tun muss.«
Papa sah mich einige Sekunden lang an, und als er antwortete, wirkte er sehr ernst.
»Hannah, es ist unglaublich schwierig, so ein Amt auszufüllen, auch wenn man erwachsen ist. Es ist vielleicht der schwerste Beruf, den es überhaupt gibt. Es ist sicher nicht so dumm von dir zu glauben, dass du nicht alles weißt, wenn der Job so schwierig ist, meinst du nicht?«
Was Papa meinte, war wohl, dass es nicht so blöd ist, sich vorher klarzumachen, dass etwas schwierig sein kann. Wenn du nicht genau weißt, ob du das schaffen kannst, gibst du dir einfach besonders große Mühe. Ich vermutete aber trotzdem, dass er das vor allem gesagt hatte, weil er sich nicht überlegt hatte, wie schwierig es für ein Kind sein muss, eine gute Ministerpräsidentin zu werden.
Den restlichen Abend verbrachten wir vor dem Fernseher und sahen uns die Nachrichtensendungen an. Das Interview mit dem Ministerpräsidenten wurde noch einmal gebracht, aber diesmal hatten sie auch andere Politiker nach ihrer Meinung gefragt. Einige kannte ich von der Diskussion der Parteivorsitzenden her. Da hatten sie mich kaum eines Blickes gewürdigt und mich jedenfalls nicht begrüßt. Aber jetzt interessierten sie sich ungeheuer für Hannah Fredriksen. Plötzlich war ich offenbar der wichtigste Mensch auf der Welt oder jedenfalls im Land. Alle fanden, dass es »eine ungeheuer wichtige Angelegenheit« und von »historischer Bedeutung« war, ob ich Ministerpräsidentin werden könnte oder eben nicht.
Trotzdem war es seltsam, sie zu sehen. Sie benahmen sich genau wie Erwachsene, die dir anscheinend zuhören, wenn du redest. Aber wenn du ihnen in die Augen siehst, geht dir auf, dass sie in Gedanken weit weg sind.
Später an diesem Abend wurde ein Wahlforscher interviewt. Das ist jemand, der alles über Wahlen weiß, sagte Papa. Es war ein großer Mann, der sich immer wieder die Brille die Nase hochschob und sich große Mühe gab, laut und deutlich zu sprechen. Er konnte erzählen, dass ihm kein vergleichbarer Fall bekannt sei und dass es sich um eine Art Protest gegen die handeln müsse, die derzeit das Land regierten. Trotzdem glaube er nicht, dass das Parlament so verantwortungslos sein und zulassen würde, dass ein Kind über unsere Zukunft entschied.
Was ich nicht verstehen konnte, war, wie es möglich war, so viel über mich zu sagen, ohne mich zu kennen. Sie konnten doch nicht mehr über mich wissen, als wie ich hieß, wie alt ich war und wie ich aussah. Und das alles war wirklich nichts Besonderes. Ich habe braune halblange Haare. Meine Augen sind blaugrau, und ich habe am rechten Ohrläppchen ein kleines Muttermal, an dem man mich ganz leicht erkennen kann. Ansonsten bin ich normal groß und habe ein ganz normales Gesicht, auch wenn Papa behauptet, dass ich aussehe wie ein Engel. Er ist ja schließlich mein Vater.
Ich bin gar nicht schlecht in der Schule, aber doch nicht die Beste. Ich habe ein paar Freunde, aber nicht besonders viele, und nur einen besten Freund, der übrigens viel eher etwas Besonderes ist als ich. In meiner Freizeit mache ich so ungefähr das Gleiche wie alle Kinder in meinem Alter. Wenn ich keine Hausaufgaben machen muss, spiele ich am liebsten mit meinen Freunden oder lese ein spannendes Buch und schreibe vielleicht ein bisschen in meinem Tagebuch. Ich tanze Ballett und spiele auch Fußball. Aber wenn ich Ministerpräsidentin werden müsste, würde mir das alles nicht viel helfen. In der Schule haben wir immerhin gelernt, dass solche Ämter an Erwachsene gehen, die wissen, was sie wollen, und die das dann auch durchsetzen. Und da wäre es doch fast gefährlich, das Land von einer Zehnjährigen leiten zu lassen.
Papa schien sich da überhaupt keine Sorgen zu machen, aber er war ja noch nie besonders erwachsen gewesen, und ohne Mama wäre er bisher bestimmt nicht so gut zurechtgekommen. Es gab also keinen Grund, alles zu glauben, was er sagte.
Ich versuchte, Fred anzurufen, um seine Meinung einzuholen, aber es war zu spät, und niemand ging ans Telefon. Das war sicher auch besser so, denn ich wusste doch, was Fred sagen würde: »Das ist nicht gefährlich, Hannah. Das ist total fett! Verlass dich auf mich!«
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