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Tulla Hagström

Petra und der Reiterhof

SAGA Egmont

Petra und der Reiterhof

Aus dem Schwedischem von Ursula Dotzler nach

Petras ponny/ Petra och vildhästen/ Petras hästsommar/ Rädda ridskolan, Petra/ Petra och ryttargänget

Copyright © 1992, 2018 Tulla Hagström und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

All rights reserved

ISBN: 9788711786772

1. Ebook-Auflage, 2018

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach

Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

Petra Mein Pferd gibt es nur einmal
Petra hat eine Idee

Petra schloß die Augen. Der Wind blies ihr angenehm ins Gesicht, und sie spürte die rhythmischen, gleichmäßigen Bewegungen ihres Ponys unter sich. Plötzlich aber wurde sie von Angst ergriffen. Sie hatte das Gefühl, direkt auf eine Mauer zuzureiten. Wie schrecklich war es, nichts sehen zu können!

Petra öffnete die Augen wieder; sie konnte einfach nicht anders. Der Weg war noch immer frei und ohne jedes Hindernis, und das unheimliche Gefühl verschwand ebenso rasch, wie es gekommen war.

„Jetzt reicht es, Svala!“ sagte sie zu ihrem Pony und ließ es am langen Zügel gehen.

Es müßte möglich sein, Astrid reiten zu lassen, dachte Petra. Wenigstens auf der Reitbahn. Erst kürzlich, während eines Ausritts, war ihr der Einfall gekommen. Sie fand ihn so phantastisch, daß sie ihn selbst ausprobieren mußte. Erst dann wollte sie die freudige Botschaft Astrid verkünden. Denn Astrid war blind.

Petra konnte das sehnsüchtige Gesicht des blinden Mädchens nicht vergessen. Sie wollte ihr so schrecklich gern helfen, reiten zu lernen.

Svala ging noch immer am langen Zügel. Nun endete der Wald, und der Pfad ging in einen alten, grasbewachsenen Fahrweg über. Er führte zu dem Hügel mit dem roten Bauernhof, in dem Petra lebte.

„Jetzt können sie jeden Augenblick hier sein, Svala. Worauf habe ich mich da nur eingelassen? Wenn es nun nicht klappt?“

Auf dem Hof stieg sie vom Pferd. Noch war niemand gekommen; so brachte Petra ihr Pony vorerst in die Box zurück. Die Sonne schien durchs Stallfenster und zeichnete ein Lichtviereck auf den Boden. Die Sommerferien hatten gerade begonnen.

„Mach mir jetzt keine Schande, hörst du?“ sagte Petra.

Die kleine Stute benahm sich fast immer gut, wenn sie von Petra selbst geritten wurde. Doch man konnte nicht wissen, ob es mit einer wildfremden Reiterin im Sattel ebenso sein würde. Svala war ja nur an eine einzige Reiterin gewöhnt, da Petra keine Geschwister hatte; und die meisten ihrer Schulfreundinnen wohnten ziemlich weit entfernt.

Trotzdem fühlte sich Petra nie einsam. Ihr Pony war der beste Freund, den sie sich wünschen konnte, und sie fühlte sich auf dem Hof zusammen mit ihren Eltern und all den Tieren wohl. Und wenn sie einmal den Wunsch hatte, jemanden zu besuchen, war ja immer Svala da, um sie hinzubringen. Das gab Petra ein unbeschreibliches Gefühl von Freiheit. Ihre Mutter hatte es schon lange aufgegeben, zu kontrollieren, wohin sie ritt.

Petra ritt seit ihrem siebten Lebensjahr. Damals wohnte ein pensionierter Rittmeister in der Nähe. Er hatte drei Pferde und gab den Kindern der Umgebung zu seinem eigenen Vergnügen Reitunterricht. Vier Jahre lang war Petra eine seiner eifrigsten Schülerinnen gewesen, doch dann wurde die kleine Reitschule zu anstrengend für den Rittmeister, und er verkaufte alle seine Pferde. Petra war so verzweifelt gewesen, daß ihre Eltern ihr zum Trost Svala kauften. Das Pony war damals zwar erst vier Jahre alt und noch kaum richtig eingeritten. Doch für Petra war es sofort das beste Pferd der Welt.

Petra warf einen Blick durch das Stallfenster, aber der Hofplatz war noch immer leer. Seufzend wandte sie sich um, schaltete das Transistorradio ein, das sie aus einem bestimmten Grund mit in den Stall genommen hatte, und setzte sich auf einen umgestürzten Eimer, um zu warten.

Petra Granberg war ziemlich kräftig gebaut, doch nicht größer als die meisten anderen fünfzehnjährigen Mädchen. Ihr dichtes goldbraunes Haar reichte genau bis zu den Schultern. Es war ziemlich widerspenstig und ließ sich mit Kamm und Bürste kaum bändigen. Petra trug ein hellrotes Hemd, das am Hals offenstand, dunkelblaue Jeans und abgetragene Turnschuhe.

Sie ahnte schon jetzt, daß diese Sommerferien anders als alle bisherigen werden sollten. Das hing mit der neuen Reitschule zusammen. Ein Herr Verelius hatte sie zusammen mit einer Reitlehrerin gegründet, die Karin hieß. Der Stall war eine umgebaute Scheune auf Herrn Verelius’ Grundstück. Es war noch nicht ganz einen Monat her, seit die Reitschule eröffnet wurde, und doch fand Petra bereits, daß sie sowohl die Pferde als auch die Reitschüler schon recht gut kannte.

Als sie noch klein war, ging sie einzig und allein wegen der Pferde in die Reitschule des alten Rittmeisters. Doch nun war ihr der neue Reitstall auch wegen der anderen Schüler wichtig. Sie war nie besonders viel mit ihren Freunden zusammen gwesen, doch hier gab es plötzlich eine Menge neuer Kameradinnen und Kameraden, die alle das gleiche Hobby hatten wie sie.

Petra hatte selbst einige Reitstunden genommen und die neuen Pferde ausprobiert. Oft ritt sie auch mit Svala zum Stall. Sie stand auch gern am Zaun, wenn das Wetter schön war, um den anderen beim Reiten zuzuschauen und sich mit den neuen Freunden zu unterhalten.

Und gerade an einem solchen Tag, als sie einem Anfängerkurs zusah, kam die Reitlehrerin zum Zaun, um sich mit Petra und den beiden Töchtern von Herrn Verelius, Agneta und Charlotte, zu unterhalten. Die beiden waren Zwillinge und nur ein Jahr älter als Petra. Sie war ihnen schon oft auf ihren Ausritten begegnet, doch hatte Petra die Schwestern nie näher kennengelernt. Es lag wohl daran, daß sie immer das unbestimmte Gefühl hatte, als würden Agneta und Charlotte auf sie herabsehen. Weshalb, wußte Petra nicht genau. Doch die beiden hatten eine Art, sie von ihren rassigen Vollblutpferden herab zu mustern, als hielten sie Svala für kein richtiges Pferd und Petra für keine richtige Reiterin.

Die Zwillinge selbst waren sehr gute Reiterinnen, und damit hielten sie auch nicht hinter dem Berg. Sie erzählten gern von ihren Heldentaten bei Turnieren, und die meisten Reitschüler bewunderten sie grenzenlos.

Der Anfängerkurs war beinahe beendet, als eine Dame und ein Mädchen auf den Zaun zukamen. Das Mädchen hielt einen kleinen weißen Stock in der Hand, und Petra merkte, daß sie blind war.

„Guten Tag. Ich bin Frau Johanson, Lenas Mutter“, sagte die Dame zur Reitlehrerin. „Und das ist Astrid, meine älteste Tochter. Ich wollte einmal vorbeikommen und sehen, ob Lena Fortschritte beim Reiten macht.“

„Oh, es geht recht gut“, erwiderte Karin, die Reitlehrerin. „Es gibt nur wenige Anfänger, die so leicht lernen wie sie. Und sie ist auch kein bißchen ängstlich.“ Sie nickte anerkennend zur Reitbahn hinüber.

Die neunjährige Lena saß auf Rex, dem Pferd der Reitlehrerin. Rex war ein großer, schwerer und kraftvoller Fuchs. Doch Karin war selbst ungewöhnlich groß, so daß sie ein Pferd von diesem Format brauchen konnte. Rex war sieben Jahre alt. Er hatte schon ziemlich viel Preise gewonnen; also konnte er nicht so plump sein, wie er aussah, wenn er beim Anfängerkurs über die Bahn trottete.

„Oh, das freut mich aber!“ sagte Frau Johanson. „Lena spricht jetzt den ganzen Tag von nichts anderem als von Pferden, und deshalb hat Astrid auch Lust bekommen, es mit dem Reiten zu versuchen – wenn das möglich ist …“

„Will sie Reitstunden nehmen?“ fragte Agneta, eine von den Zwillingen, verblüfft.

Karin überlegte. „Privatstunden wären in diesem Fall wohl am besten, zumindest anfangs“, sagte sie. „Es hat wohl keinen Sinn, Ihre Tochter sofort in eine gewöhnliche Anfängergruppe zu stecken.“

„Nein, da geht sowieso schon alles drunter und drüber“, warf Charlotte, Agnetas Zwillingsschwester, ein. „Viele, die zwei gesunde Augen haben, reiten so, daß man sie für blind halten könnte.“

„Aber es gibt leider eine Schwierigkeit“, fuhr Karin fort, ohne Charlottes Einwurf zu beachten. „Ich fürchte, es besteht vorläufig noch keine Möglichkeit, Privatstunden abzuhalten. Wir haben nur vier Übungspferde, meines mitgerechnet, und die sind mit den Reitstunden voll ausgelastet.“

„Gibt es keine speziellen Gruppen für Behinderte?“ fragte Frau Johanson.

„Nein, aber vielleicht wird es eines Tages soweit sein, wenn wir mehr Pferde haben.“

„Und wann bekommen Sie neue Pferde?“ Diese Frage kam von Astrid, die zum erstenmal den Mund auftat.

Man merkte deutlich, daß sie und Lena Schwestern waren. Beide hatten die gleiche schmale, feingliedrige Gestalt, dasselbe kindliche Gesicht und die gleiche scheue Stimme. Die Schwestern hatten klarblaue Augen, langes glattes Haar und Stirnfransen, doch Lena war blond und Astrid dunkel.

„Wir werden vielleicht noch in diesem Sommer ein neues Pferd kaufen“, erwiderte Karin ausweichend. „Aber wir wollten erst einmal sehen, wie der Reitstall im Winter läuft, ehe wir uns an eine Vergrößerung wagen.“

„Ach!“ Astrids Enttäuschung spiegelte sich deutlich in ihrem Gesicht wider.

„Durch den Zirkel wechseln, absitzen!“ rief Karin zur Reitbahn hinüber.

Dann wandte sie sich wieder an Astrid und fuhr fort: „Aber du kannst gleich einmal ausprobieren, wie es ist, auf einem Pferd zu sitzen, wenn du willst. – Charlotte, würdest du Astrid ein paar Runden auf Troll herumführen?“

„Ja, gut.“

„Troll ist ein braves kleines Fjordpferd“, fügte Karin hinzu.

Astrid nickte. Ihre Schwester hatte ihr bereits von Troll und den anderen Pferden erzählt.

„Sie möchte so furchtbar gern reiten lernen.“ Frau Johanson seufzte, als Astrid, Charlotte und Troll sich über die große Reitbahn bewegten. „Ich hatte wenig Hoffnung, daß es gehen würde, doch Astrid hat nicht nachgegeben, bis ich ihr versprach, es wenigstens zu versuchen. Sie sagt, es gibt viele Blinde, die reiten.“

„Die konnten vielleicht schon reiten, ehe sie blind wurden“, meinte Karin. „Ist Ihre Tochter blind geboren?“

„Nein. Es passierte, als sie acht Jahre alt war … Sie ist ein paar Jahre lang zur Blindenschule gegangen, aber im Herbst werde ich sie selbst zu Hause unterrichten. Ich bin von Beruf Lehrerin, und nun habe ich Astrids wegen die Blindenschrift gelernt.“

Petra tat es leid, daß Astrid und ihre Mutter keine bessere Antwort bekommen hatten. Das ernsthafte Mädchen, das um jeden Preis reiten lernen wollte, hatte tiefen Eindruck auf sie gemacht. Konnte Karin wirklich keine Zeit für eine einzige Privatstunde in der Woche erübrigen? Daß es vielleicht eines Tages einen Kurs für Behinderte geben würde, war kein besonderer Trost für das blinde Mädchen.

Als Petra am nächsten Tag auf ihrem Pony ritt, versuchte sie sich vorzustellen, wie einem zumute ist, wenn man nichts von seiner Umgebung sieht. Dabei war ihr ein Einfall gekommen. Wenn man vier verschiedene Lautsignale in den vier Ecken der Bahn anbrachte, konnte ein blinder Reiter genau hören, wo er gerade war.

Weder Petra noch die Reitschule hatten entsprechende Lautsignale, doch es ging sicher ebensogut mit einigen Tonbandgeräten.

Ein paar Tage später traf sie Lena im Stall und faßte den Entschluß, einen Versuch zu wagen.

„Hallo, Lena! War das nicht deine Schwester, die reiten lernen möchte?“ fragte sie ohne Umschweife.

„Ja, genau“, sagte Lena. „Dir gehört doch dieses wunderschöne schwarze Pony, nicht?“

„Svala, ja. Du kannst deiner Schwester ausrichten, daß sie eine Reitstunde auf meinem Pferd bekommen kann, wenn sie will.“

„Wenn sie will?! Oh, sie wird begeistert sein!“ stieß Lena überrascht hervor.

Erst als sie sich schon über den Termin für die erste Stunde geeinigt hatten, kamen Petra Zweifel an ihrem Einfall. Sie fragte sich, ob Astrid es schaffen würde, ob Svala mitmachte und ob sie selbst zur Reitlehrerin taugte. Sie hatte ja noch nie den Versuch gemacht, zu unterrichten, und erinnerte sich nicht einmal mehr daran, wie es war, Anfängerin zu sein. Und ihre Mutter trug nicht gerade dazu bei, daß Petra sich sicherer fühlte.

„Ich finde es schön von dir, daß du Astrid helfen willst“, hatte Frau Granberg gesagt. „Aber ich frage mich, ob es wirklich vernünftig ist, das Mädchen bei einer Sache zu unterstützen, die sie vielleicht gar nicht schaffen kann.“

Nun saß Petra auf dem umgestülpten Eimer und wartete auf Astrid. Hatte sie sich zuviel vorgenommen? Würde sie es schaffen, einem blinden Mädchen das Reiten beizubringen? Sie, die noch nicht einmal versucht hatte, einen Anfänger mit gesundem Sehvermögen zu unterrichten? Und wie würde Svala sich verhalten?

Sicherheitshalber stellte Petra das Radio ab, um besser hören zu können, wenn sich ein Wagen näherte. Svala bewegte träge den Schwanz, und eine Fliege surrte gegen die Fensterscheibe.

Plötzlich fuhr Petra auf.

„Jetzt höre ich ein Auto, Svala. Sie kommen!“

Die erste Reitstunde

Astrid war so aufgeregt, daß ihr fast übel war. Lena saß neben ihr auf dem Rücksitz des Wagens und redete munter über alles mögliche, doch ihre Schwester hörte nicht zu.

Sie dachte nur daran, daß sie endlich reiten durfte. Was sie am meisten beunruhigte, war die Vorstellung, daß sie sich diese Chance vielleicht selbst verderben würde. Wenn es sehr schlecht ging, würde sie es wohl kaum noch einmal versuchen dürfen. Sie hatte gehört, daß es schwierig ist, beim Reiten das richtige Gleichgewicht zu finden; also mußte sie sich wirklich zusammennehmen, damit es einigermaßen klappte.

Zuerst hieß es natürlich einmal, aufs Pferd hinaufzukommen. Charlotte in der Reitschule hatte sie einfach auf plumpe Weise in den Sattel bugsiert. Diesmal aber war Astrid entschlossen, schneller zu sein, so daß keiner sie mehr wie ein Kind hochzuhieven brauchte.

„Tja, jetzt sind wir am Ziel“, sagte ihre Mutter und parkte den Wagen.

Ein schwacher Fliederduft war das erste, was Astrid bemerkte, als sie aus dem Auto stieg. Sie sah das rote Haus und die prächtigen Blumenbeete zu beiden Seiten der Auffahrt nicht; auch nicht die gelbe Katze, die auf frisch geputzten weißen Pfoten über den Hof spazierte.

Gleich darauf erklang Petras Stimme. „Hallo! War’s schwierig, den Weg zu finden?“

Während der Begrüßung spürte Astrid plötzlich etwas Lebendiges, das sich gegen ihr Bein schmiegte. Sie bückte sich und strich mit den Fingerspitzen über einen dichten, seidenweichen Pelz.

„Ist das eure Katze?“ fragte sie.

„Ja, unser Kater – Kurre heißt er“, erwiderte Petra.

„Habt ihr mehr Tiere? Außer Svala, meine ich?“

„Klar, mehrere tausend“, versetzte Petra ernsthaft.

„Jetzt machst du aber Spaß“, sagte Astrid unsicher.

„Nein, gar nicht. Aber die meisten davon sind natürlich Bienen.“

„Ja, ich glaube, ich habe ein paar Bienenkörbe bemerkt, als wir am Garten vorbeifuhren“, warf Frau Johanson ein.

„Ach, ich dachte zuerst, du meinst tausend Kühe oder sowas!“ Astrid lachte nervös.

„Nein, wir haben leider nur sechs Kühe, dazu noch Kälber und Jungkühe, aber um so mehr Schafe. Wollen wir jetzt Svala aus dem Stall holen und anfangen? Ich bin gerade eine Weile mit ihr geritten, damit sie nicht allzuviel Temperament entwickelt.“

Petra führte ihr Pony auf den Hof. Gerade da kam Frau Granberg aus dem Haus.

„Guten Tag“, sagte sie, „ich bin Petras Mutter. Trinken Sie eine Tasse Kaffee mit mir, während die Mädchen reiten?“

Frau Johanson nahm das Angebot an, und Astrid, Lena und Petra blieben allein mit dem Pony zurück.

„Wie sieht Svala aus?“ fragte Astrid.

Von Lena wußte sie eine Menge über die Pferde der Reitschule, doch ihre Schwester hatte ihr noch wenig von Svala erzählt.

„Sie ist kohlrabenschwarz, mit weißen ‚Strümpfen‘ an den Hinterbeinen und einem kleinen Stern auf der Stirn“, erklärte Petra. Da Astrid offenbar mehr hören wollte, fuhr sie fort: „Sie hat feine schlanke Beine, eine breite Stirn, kluge Augen und ein kleines Maul. Und sie ist ungefähr einsvierzig hoch.“

Astrid hatte eine Hand auf die Brust des Ponys gelegt. Nun ließ sie die Finger langsam über den Pferdehals gleiten, ergriff die Zügel, ging ein paar Schritte zur Seite und tastete mit der anderen Hand nach dem Steigbügel, fand ihn jedoch nicht.

„Hier“, sagte Petra und gab ihn ihr in die Hand.

„Danke.“

Astrid bekam den Fuß in den Steigbügel und tastete nach dem Bügelriemen. Dann versuchte sie, sich hochzuschnellen. Sie hatte das zu Hause mit Lenas Hilfe am Treppengeländer geübt. Nun mußte sie ein wenig mit den Armen nachhelfen, um hochzukommen, doch es war nicht so schwer, wie sie geglaubt hatte. Die erste Schwierigkeit war überwunden. Endlich saß sie im Sattel!

Petra half ihr, die Steigbügelriemen etwas zu kürzen. Plötzlich spürte Astrid, daß sich etwas an ihrem Fuß bewegte.

„Was ist das?“ fragte sie und zog den Fuß ängstlich zurück.

„Das war nur Svala. Sie hat dich ein bißchen beschnuppert“, beruhigte sie Petra. „Svala wollte wohl sehen, wer da auf ihrem Rücken sitzt. Ich bin ja seit mehreren Jahren die einzige, die sie reitet.“

Lieber Himmel! dachte Astrid. Das hieß mit anderen Worten, daß Svala nicht an Anfänger gewöhnt war. Doch sie hatte ja keine Wahl. Sie mußte dieses Pferd reiten, wenn sie überhaupt reiten wollte.

„Ich führe sie, bis wir zur Bahn kommen“, sagte Petra und griff nach den Zügeln.

„Zur Reitbahn?“ echoten Lena und Astrid ungläubig.

„Ja, das ist ein Teil unserer Schafweide“, erklärte Petra. „Ein kleines, ebenes Stück Wiese am Waldrand. Weil ich dort manchmal Dressur reite, hat mein Vater einen Zaun als Grenze zwischen der Bahn und dem Rest der Weide aufgestellt. Ich habe sogar ein eigenes Gatter bekommen.“

Sie ließen den Hof hinter sich und folgten dem grasbewachsenen Fahrweg, der an den Wiesen entlangführte. Die Luft war voller Vogelgezwitscher, und dazwischen erklang lautes Blöken von der Weide.

Astrid senkte die Fersen und versuchte so aufrecht im Sattel zu sitzen, wie sie nur konnte. Es war schön, auf Svalas Rücken hin und her geschaukelt zu werden; trotzdem war sie froh, daß Petra die Zügel hielt. Plötzlich machte das Pony halt.

„Jetzt stehen wir vor dem Gatter“, sagte Petra. „Die Bahn ist ungefähr 20 × 40 Meter, und es macht nichts, wenn du vergißt, abzubiegen. Svala läuft sowieso nicht gegen den Zaun. Sie bleibt stehen, wenn ihr etwas im Weg ist. Von unserem Standplatz aus hast du die Schafweide zur rechten Längsseite der Bahn und den Wald zur linken. Ich mache das Transistorradio an und stelle es in die linke Ecke, damit du wenigstens hören kannst, wo eine der Ecken ist.“

„Ich habe selbst ein kleines Tonbandgerät zu Hause, das mit Batterie läuft“, erwiderte Astrid. „Das hätte ich ja mitbringen können, dann wären zwei Ecken markiert gewesen.“

„Dann bringst du es eben nächstes Mal mit“, sagte Petra unwillkürlich.

Astrid horchte auf. Nächstes Mal? Das bedeutete ja, daß sie mehr als nur eine Reitstunde bekommen konnte. Sofort fühlte sie sich sehr viel besser, und ihre Aufregung verringerte sich.

Zuerst durfte sie im Schritt am Zaun entlangreiten. Petra erklärte, was sie mit Händen und Füßen tun mußte und wie man richtig im Sattel sitzt. Das Pony ging folgsam vorwärts und bog in den Ecken der Bahn von selbst ab. Während der ganzen Zeit lauschte Astrid auf das Radio, um sich zu orientieren. Sie versuchte zu erraten, wie weit es bis zur nächsten Ecke war. Es war nicht leicht, aber es machte ihr Spaß.

„Das Lämmchen da scheint uns zuzusehen“, sagte Lena plötzlich.

„Ja, das ist Däumling“, erwiderte Petra. „Eines unserer Mutterschafe bekam im Frühling drei Lämmer. Aber die Milch reichte nur für zwei, so daß ich das kleinste mit dem Fläschchen füttern mußte. Es war damals so winzig, daß ich es Däumling taufte. Eine Zeitlang konnte es prima zwischen allen Zaunlatten durchkriechen, aber jetzt ist es zu groß dafür. Es ist mir wie ein kleiner Hund überallhin gefolgt.“

„Ist es dir auch nachgelaufen, wenn du geritten bist?“ fragte Astrid.

„Nein. Svala hat es einmal gebissen; seitdem hat sich Däumling immer in sicherer Entfernung gehalten.“

Plötzlich merkte Astrid, wie das Pony stehenblieb und zu erstarren schien.

„Svala!“ rief Petra scharf.

Im gleichen Augenblick begann der Sattel so gewaltig zu schaukeln wie ein Ruderboot auf hoher See. Svalas Hinterhufe wirbelten durch die Luft und trafen einen Zaunpfahl, der mit scharfem Krach entzweibrach. Astrid hörte ein erschrockenes Blöken, das sich rasch in der Ferne verlor.

Dann machte Svala einen Ruck, blieb von neuem unvermittelt stehen und bewegte sich eifrig vor und zurück. Verzweifelt klammerte sich Astrid am Sattel fest. Scheute das Pony? Oder machte es Luftsprünge? Astrid wußte es nicht, doch sie fühlte sich wie ein Klecks Butter auf einer heißen Kartoffel. Jeden Augenblick konnte sie abgeworfen werden.

„Ruhe, Svala, beruhige dich doch!“

Petras Stimme war nun direkt neben Astrid. Was war nur geschehen? Astrid war vor Schreck wie gelähmt.

„So, jetzt … komm nur!“

Petra stieß die Worte wie unter einer gewaltigen Anstrengung hervor. Plötzlich machte Svala einen Riesensatz vorwärts, und Astrid hörte ein Krachen. War Petra gefallen? Nun stand das Pony wieder ruhig da.

Astrid klammerte sich noch immer krampfhaft am Sattel fest, während sie mit den Füßen nach den Steigbügeln angelte. Sie hatte nicht gewußt, daß Svala so erschreckend stark war. Sie fühlte sich völlig hilflos. Das Pony konnte ja alles mögliche mit ihr anstellen!

„Was ist passiert?“ keuchte sie.

„Svala hat nach Däumling ausgeschlagen und ist mit dem Huf im Zaun steckengeblieben“, erklärte Petra. „Ich mußte ihr helfen, wieder loszukommen. Hoffentlich wird ihr das eine Lehre sein.“

„Warum hat sie denn ausgeschlagen?“ fragte Lena.

„Svala haßt Däumling. Ich glaube fast, sie ist eifersüchtig, weil ich mich so viel mit dem kleinen Wollknäuel beschäftigt habe.“

„Aber sie hat das Lämmchen doch hoffentlich nicht getroffen?“ Astrids Stimme klang ängstlich.

„Ich glaube nicht. Mal sehen, ob Däumling etwas fehlt … Nein, soweit ich sehen kann, ist er ganz munter.“

„Hat dein Pony den Zaun zerbrochen?“ fragte Astrid. „Es klang jedenfalls so.“

„Ach, es war nur ein morscher Pfosten. Man kann leicht einen neuen einsetzen. Wollen wir weitermachen?“

„Aber ich falle aus dem Sattel, wenn Svala wieder ausschlägt!“

„Du hast dich doch wunderbar gehalten“, widersprach Petra. „Und Däumling ist zu den anderen Schafen zurückgelaufen. Also gibt’s für Svala keinen Grund mehr, wütend zu werden.“

„Könntest du sie jetzt führen?“ bat Astrid. „Wenigstens für kurze Zeit.“

„Ja, wenn du willst. Dann können wir ausprobieren, wie’s mit dem Traben geht.“

Traben! Astrid spürte, wie sich ihr Magen angstvoll zusammenkrampfte, doch sie sagte nichts. Sie mußte einfach reiten lernen und wollte sich nicht fürchten. Keiner durfte wissen, welche Angst sie hatte – nicht einmal Lena!

Petra gab sich alle Mühe, zu erklären, was ein Reiter beim Trab zu tun hätte, doch Astrid schaffte es nicht, den richtigen Takt zu finden. Sie hopste nur auf und ab, und ihre Hände zerrten am Zügel, bis Petra danach griff, damit sich die ruckartigen Bewegungen nicht auf Svalas weiches Maul übertrugen. Dann aber fiel ihr plötzlich etwas ein.

„Lena, würdest du Svala eine Zeitlang führen?“

Lena übernahm die Zügel, während Petra zurücktrat und Astrid im Takt mit Svalas Schritten abwechselnd hochstemmte und niederdrückte.

„Auf – nieder, auf – nieder“, kommandierte sie und fügte nach einigen Minuten hinzu: „So, versuch es jetzt selbst.“

Astrid kam zwar noch ein paarmal aus dem Takt, hatte nun jedoch begriffen, wie man es machte.

„Ist es so richtig?“

„Ja, prima!“ rief Lena. „Manche brauchen viele Stunden, ehe sie mit dem Leichttraben zurechtkommen.“

Natürlich hob sich Astrid noch immer zu hoch aus dem Sattel, doch sie schaffte es so gut, wie man es von einem Anfänger nur erwarten konnte.

Nach der Reitstunde kehrten sie zum Stall zurück.

„Wie sattelt man ab?“ fragte Astrid.

Petra erklärte es ihr mit viel Geduld. Astrid durfte Svala auch die Trense abnehmen, obwohl sie selbst daran zweifelte, ob sie beim nächsten Mal noch wissen würde, wie man das machte.

„Soll ich Svala in die Box bringen?“ fragte Lena.

„Nein, ich wollte sie auf der Kälberweide grasen lassen“, erwiderte Petra. „Ihr könnt euch beide auf ihren Rücken setzen, während ich sie hinführe. Wenn ihr wollt natürlich.“

„Ohne Sattel?“

„Ja, warum nicht?“

So schaukelten die Schwestern sacht auf dem Pferderücken dahin – Astrid vorn und Lena hinter ihr. Astrid streichelte den warmen Pferdehals mit der einen Hand und hielt sich mit der anderen an der Mähne fest. Es war schön, die Bewegungen des Ponys unter sich zu spüren.

Svala ist ein liebes und feines Pferd, dachte Astrid, und es ist albern, sich vor ihm zu fürchten.

Aber ein wenig Angst hatte sie doch; sie konnte es nicht ändern. Anschließend vereinbarten die Mädchen einen Zeitpunkt für die zweite Reitstunde, die in einigen Tagen stattfinden sollte.

„War es nun so schön, wie du es dir vorgestellt hast?“ fragte Frau Johanson auf der Heimfahrt.

„Ja, das war es. – Nein, eigentlich viel, viel schöner“, erwiderte Astrid. Und man merkte an ihrer Stimme, daß sie es ernst meinte.

Ein Ausritt im Sturm

Am gleichen Abend traf sich der neugegründete Reitklub zum erstenmal, und Petra war natürlich mit dabei. Am wichtigsten war die Wahl des Klubvorstandes. Dann ging es um die Einweihungsfeier der Reitschule. Als Datum wurde der erste Samstag im September festgesetzt.

„Wir haben an ein Programm mit Wettkämpfen und Reitvorführungen gedacht“, sagte Herr Verelius.

„Ich möchte den Vorschlag machen, ein paar von den jungen Leuten ins Festkomitee aufzunehmen“, warf Karin ein. „Sie könnten Anregungen geben und bei der Planung helfen.“

Herr Verelius nickte, und aus den Reihen der jungen Reiterinnen und Reiter wurde scheue Zustimmung laut.

„Wer von euch soll also ins Komitee? Wie wär’s mit Vorschlägen?“ fragte Karin.

„Agneta und Charlotte“, piepste jemand.

„Klaus“, schlug Agneta vor.

„Und wer sonst?“ wollte Karin wissen.

„Rosemarie Engholm“, sagte Petra.

„Petra!“

Petra wandte sich überrascht um. Astrid hatte den Vorschlag gemacht. Und tatsächlich wurden alle fünf, die genannt worden waren, ins Festkomitee gewählt.

„Habt ihr fünf Zeit, morgen abend um halb sieben zu mir zu kommen?“ fragte die Reitlehrerin. „Dann können wir ausführlich über die Einweihungsfeier sprechen.“

Am darauffolgenden Abend brach Petra zeitig auf. Es war lau und windstill; das einzige, was sich bewegte, waren die Räder ihres Fahrrads, die im Kies knirschten.

Karin wohnte in einem kleinen Haus nicht weit von der Reitschule entfernt. Seit ihrem Einzug hatte sie das ganze Häuschen innen und außen frisch gestrichen. Sie war jedoch noch nicht dazu gekommen, den Garten in Ordnung zu bringen. Er sah richtig verwildert aus.

Petra lehnte ihr Fahrrad gegen den Zaun und ging den schmalen Pfad zum Haus entlang. Die anderen waren noch nicht gekommen. Karin deckte gerade den Tisch.

„Kann ich Ihnen helfen?“ fragte Petra.

„Ja, danke, du kannst das Brot schneiden – es liegt dort drüben im Korb. Bist du mit heiler Haut durch den Garten gekommen? Wenn ich nur wüßte, woher all die Brennesseln kommen! Ich muß mich wirklich einmal um das Unkraut kümmern, sobald ich Zeit habe. Ich würde nämlich gern einen Gemüsegarten aus der Wildnis machen.“

Karin war nett, fröhlich und gesprächig. Petra mochte sie gern und vergaß meistens ganz, daß sie nicht gleichaltrig waren. Karin war vierundzwanzig; eigentlich bestanden neun Jahre Altersunterschied zwischen ihnen.

„So, jetzt brauche ich nur noch das Teewasser aufzusetzen“, sagte Karin, als der Tisch gedeckt war. „Hast du übrigens Lust, morgen vormittag bei einem zweistündigen Ritt mitzumachen? Wir wollten zum Kärrsee reiten und dort baden.“

„O ja, gern. Das klingt prima.“

In diesem Augenblick wurde an die Tür geklopft. Es war Rosemarie Engholm. Zehn Minuten später waren alle eingetroffen und saßen um den Tisch versammelt.

Petra sah sich um. Ihr gegenüber, auf dem alten Sofa, saßen die Zwillinge. Sie glichen einander wie ein Ei dem anderen, doch Agneta hatte ihr blondes Haar in weiche Locken gelegt, während Charlotte einen Pferdeschwanz trug. Die Zwillinge hatten hellblaue Augen und unglaublich glatte Haut. Beide trugen elegante weiße Hosen und geblümte Blusen.

Klaus saß ebenfalls auf dem Sofa, da Karin nur drei Stühle hatte. Er war mit seinen achtzehn Jahren der älteste von den fünf Reitschülern. Gut sah er aus; er hatte gleichmäßige weiße Zähne und blondes Haar, doch seine Augenbrauen waren dunkel. Eigentlich kam er nicht aus dieser Gegend; er wohnte nur den Sommer über hier bei Verwandten.

Rosemarie war dreizehn, ein knappes Jahr älter als Astrid, und hatte zwei Jahre beim Rittmeister reiten gelernt. Sie war ein kleines, dralles Mädchen mit dunklen Haaren und schwarzen munteren Augen, die an ein Eichhörnchen erinnerten.

Petra hoffte, daß sie sich alle fünf gut verstehen würden. Sie würden ja nun während des ganzen Sommers viel beisammen sein.

„Bitte, bedient euch“, sagte Karin und ließ die Teekanne und die Platte mit Aufschnitt herumreichen. „Wir wollen gleich zur Sache kommen. Herr Verelius und ich würden beim Fest gern vormittags ein paar Reitvorführungen zeigen und nachmittags Wettkämpfe veranstalten.“

„Dressur und Springen, nicht?“ fragte Agneta.

„Ja.“

„Agneta und ich werden an der Dressur und beim Springturnier teilnehmen“, verkündete Charlotte selbstsicher.

„Ja, natürlich müssen wir versuchen, unseren Klub in ein gutes Licht zu rücken“, erwiderte Karin lachend. „Ich habe selbst vor, mich mit Rex an den Wettkämpfen zu beteiligen, und Puppe und Ballade können wohl die C-Bahn ohne größere Schwierigkeiten schaffen.“

„Das kann Svala auch“, warf Petra ein.

Sie hatte noch nie bei einem Wettkampf mitgemacht, wußte jedoch, daß ihr Pony gut springen konnte.

„Wäre es nicht am besten, wenn die Klubleitung sich um die Wettkämpfe kümmert?“ fragte Klaus. „Nachdem sowohl die Zwillinge als auch Petra daran teilnehmen wollen, meine ich.“

„Genau das wollte ich eben vorschlagen“, erwiderte Karin. „Wir von der Klubleitung sind mit den Plänen für die Wettkämpfe schon ziemlich weit gekommen.“

„Und welche Vorführungen sollen gezeigt werden?“ fragte Rosemarie.

Karin lächelte. „Das sollt ihr euch überlegen. Natürlich werde ich euch helfen, wenn es nötig ist; zum Beispiel, falls ihr eine Quadrille einüben wollt. Die Pferde der Reitschule stehen euch zur Verfügung, und ich kann euch auch behilflich sein, die geeigneten Reiter auszuwählen. Ich sehe ja während der Stunden, was die einzelnen Leute können.“

„Eine Quadrille wäre nicht schlecht“, meinte Rosemarie. „Troll wäre auch das richtige Pferd, um Zirkuskunststücke vorzuführen.“

Eine lebhafte Diskussion entstand, bei der viele verschiedene Möglichkeiten besprochen wurden, und es war spät, als Petra wieder nach Hause fuhr.

Petra war wie gewöhnlich um halb sieben Uhr morgens auf den Beinen.

Ihr Pony wieherte lautstark zur Begrüßung, als sie in den Stall kam.

„Hallo, Svala, möchtest du ein bißchen Hafer?“

Petra summte fröhlich vor sich hin, während sie ihr Pony striegelte und die Box ausmistete. Als sie fertig war, ging sie in den Kuhstall und machte auch dort sauber. Das gehörte zu ihren Pflichten, während ihr Vater das Melken besorgte. Anschließend führte sie die Kühe auf die Weide. Sie ritt ohne Sattel auf Svala und brachte ihr Pony zu den Kälbern auf die Wiese hinter der Kuhweide.

Da der Ausritt nicht vor zehn Uhr beginnen sollte, arbeitete Petra noch einige Zeit im Gemüsegarten, ehe sie sich mit Svala auf den Weg zur Reitschule machte.

Na, ein großer Verdienst kann das heute für die Reitschule nicht sein! dachte Petra unwillkürlich, als die Reiter vor dem Stall aufsaßen. Nur drei der sieben Teilnehmer waren zahlende Kunden, nämlich zwei kleine Mädchen auf Puppe und Troll und Klaus auf dem vierjährigen Fuchs Ballade. Karin ritt mit Rex an der Spitze, und die Zwillinge Verelius waren ebenfalls mit von der Partie.

„Ist das eine Hitze!“ stöhnte Agneta. „Ich freue mich schon aufs Baden.“

„Du hättest eine Reitkappe aufsetzen sollen, Klaus“, sagte Karin tadelnd.

„Bei dieser Hitze? Nie im Leben! Ich falle schon nicht vom Pferd“, erwiderte Klaus grinsend.

Die drückende Schwüle machte die Pferde ziemlich träge, ausgenommen Ballade, der aus irgendeinem Grund unruhig war. Fleur, Agnetas nervöse Stute, ging vor Ballade. Sie scheute jedesmal fast, wenn der Wallach wieder einen Satz machte. Petra konnte ein schadenfrohes Lächeln nicht unterdrücken. Den Platz vor Klaus hatte Agneta selbst gewählt. Sie hatte sich sogar zwischen ihn und Charlotte gedrängt, als sie aufgebrochen waren.

Nach einem Ritt, der trotz allem recht friedlich verlief, sahen sie den Kärrsee zwischen den Baumstämmen glitzern. Der Boden wurde nun ziemlich sumpfig, und die Hufe der Pferde versanken im Morast. Bald folgten sie dem Pfad, der am Ufer entlangführte, bis sie auf festeren Boden kamen und ein Stück Sandstrand erreichten.

„Absitzen!“ befahl Karin.

Minuten später waren alle in ihre Badesachen geschlüpft, und die Pferde standen unter den Bäumen. Doch während die Reitgesellschaft badete, türmten sich drohende Wolken am Himmel über dem See. Charlotte warf einen Blick zum Horizont und sagte: „Da kommt ein Gewitter, glaube ich.“

„Ja, wir müssen uns wohl ein bißchen beeilen“, erwiderte Karin. „Es wird bald zu regnen anfangen.“

Als sie losritten, fielen die ersten Tropfen. Plötzlich erklang ein gewaltiger Donnerschlag, und im nächsten Augenblick begann es wie aus Kannen zu gießen. Ballade vollführte einen Satz, stürmte aus der Reihe und hielt am Seeufer so plötzlich an, daß Klaus vornüberfiel und sich an der Mähne des Pferdes festklammern mußte. Puppe folgte dem Wallach, warf sich jedoch zur Seite, als Ballade stehenblieb, und landete im seichten Wasser.

„Wer hat behauptet, daß er nicht vom Pferd stürzt?“ fragte Karin trocken.

„Ich bin ja auch nicht gestürzt, nur beinahe“, rief Klaus zurück, während er wieder in den Sattel zurückrutschte.

In diesem Augenblick erklang ein lautes Platschen und ein Schrei. Puppe steckte im Schlick fest und war umgefallen, als die Reiterin versuchte, das Pferd wieder ans Ufer zu treiben.

„Hilfe, Puppe kommt nicht hoch!“ rief das Mädchen und zerrte an den Zügeln.

Karin sprang ab, warf Petra Rex’ Zügel zu und lief zum Ufer.

„Nein, bleib weg mit Ballade“, rief sie Klaus zu, der ebenfalls helfen wollte. „Sonst steckt dein Pferd am Ende auch noch fest!“

Gerade als Karin das Ufer erreichte, machte Puppe erneut einen heftigen Ruck. Die Reitlehrerin griff nach dem Pferdehals und zog gleichzeitig.

Diesmal hatten sie Glück, denn Puppe kam zappelnd auf die Beine und stolperte an Land.

„Geschafft!“ keuchte Karin. „Jetzt wird es Zeit, daß wir nach Hause reiten!“

Ihre Worte gingen in einem neuen Donnerschlag unter, der stärker als der erste war.

„Wenn nun der Blitz einschlägt?“ jammerte das Mädchen, das auf Troll ritt. „Ich habe Angst!“

„So gefährlich ist es nicht“, erwiderte Karin. „Sei nur ganz ruhig, sonst wird dein Pferd auch noch nervös.“

„Es gibt doch eine Abkürzung zum Reitstall, Karin“, Warf Petra ein.

„Tatsächlich? Wo denn?“

„Der Pfad dort drüben, der nach rechts führt. Er endet im Wäldchen hinter dem Stall, und man kann zwischendurch ein gutes Stück weit galoppieren.“

„Fein, dann nehmen wir diesen Weg“, bestimmte Karin.

Während sie auf dem schmalen Pfad dahintrabten, der anfangs ziemlich unwegsam war, grollte der Donner, und die Regenschauer hielten an. Nach einer Weile wurde der Pfad besser, und sie galoppierten durchs hohe Gras. Svala schnaubte eifrig; es gefiel ihr, zusammen mit anderen Pferden zu galoppieren. Ballade stolperte über einen Grasbuckel, doch Klaus schaffte es, den Wallach wieder in die Gewalt zu bekommen.

Plötzlich lag ein dünner Fichtenstamm quer über dem Pfad.

„Der Stamm ist nicht hoch“, rief Karin. „Wir springen!“

Rex überwand das kleine Hindernis mit Leichtigkeit, und die anderen Pferde folgten. Svala zog die Beine an und sprang gerade so hoch, wie es nötig war.

„Halt, wartet!“ rief das Mädchen auf Troll plötzlich.

Karin zügelte Rex, und Petra streichelte den nassen Hals ihres Ponys. Das Mädchen auf Troll saß auf dem Widerrist und hielt sich krampfhaft an der Mähne fest. Sie hatte die Zügel fallengelassen, doch als alle anderen Pferde stehenblieben, hörte auch Troll auf zu galoppieren und fiel in Schritt.

„Sind wir nicht bald zu Hause?“ fragte das Mädchen ängstlich, während sie sich wieder im Sattel zurechtsetzte.

Arme Kleine, dachte Petra. Sie selbst hatte es nicht eilig. Sie fürchtete sich nicht vor Gewittern, und nasser als sie bereits war, konnte sie nicht mehr werden.

Das Unwetter zog langsam ab, doch es regnete noch immer, als die Reitgesellschaft den Stall erreichte.

Gegen Abend klarte das Wetter auf; am nächsten Morgen aber strömte der Regen wieder vom Himmel. Das war der Tag, den sie für Astrids zweite Reitstunde festgelegt hatten, und Petra fragte sich, ob sie bei diesem Wetter überhaupt kommen würde. Plötzlich klingelte das Telefon. Petra nahm ab.

„Hallo, hier ist Astrid. Reiten wir heute? Mama meinte, du würdest die Stunde wohl ausfallen lassen.“

„Das kommt auf dich an“, erwiderte Petra. „Aber ich weiß nicht, wie wir es diesmal mit den Ecken machen sollen. Wir können das Radio und das Tonbandgerät ja nicht im Regen aufstellen.“

„Ach, daran habe ich nicht gedacht. Aber hör mal, wenn Lena mitkommt, könnte sie doch in einer Ecke stehen und das Radio unter ihrem Regenmantel halten?“

So bekam Astrid doch ihre zweite Reitstunde. Es gefiel Petra, daß ihre Schülerin soviel Interesse am Reiten hatte, um bei jedem Wetter zu kommen. Und Lena stand geduldig mit dem Radio in einer Ecke der Bahn, während die Mutter der beiden Mädchen im Haus blieb.

Diesmal ritt Astrid während der ganzen Stunde allein. Petra brauchte ihr Pony nicht mehr zu führen. Zwar wollte Astrid sie mehrmals bitten, Svala am Zügel zu nehmen, doch sie unterdrückte jedesmal ihre Furcht und schwieg. Sie merkte, daß sie nicht sehr fest im Sattel saß, und in den Kurven schwankte sie oft, doch es schien ihr auf jeden Fall richtiger, allein zu reiten.

Dann entdeckte sie, daß sie Svala dazu veranlassen konnte, stehenzubleiben und im Schritt oder im Trab wieder loszureiten. Astrid fand es einfach unglaublich, daß das große Tier wirklich tat, was sie von ihm verlangte. Seit langer Zeit hatte ihr nichts solchen Spaß gemacht wie diese Reitstunde. Jedesmal, wenn das Pony ihr gehorchte, hätte sie es am liebsten umarmt.

Anschließend lud Petras Mutter die Mädchen zu Saft und Kuchen ein. Während Petra, Astrid und Lena aßen, zog Frau Johanson plötzlich zwei Zehnmarkscheine aus der Tasche und legte sie auf den Tisch.

„Das ist für die beiden Reitstunden“, sagte sie.

Ein neues Pferd im Stall

Petra machte ein verdutztes Gesicht. Es dauerte eine Weile, ehe sie begriff, was Astrids Mutter meinte.

„Aber … aber wieso bezahlen Sie mich denn?“

„Warum nicht? Wir zahlen ja auch für Lenas Unterricht in der Reitschule.“

„Aber ich bin doch keine Reitlehrerin“, protestierte Petra. „Karin ist für den Unterricht ausgebildet, und es ist ihr Beruf, aber ich kann ja überhaupt nichts!“

„Petra wollte kein Geld damit verdienen“, stimmte Frau Granberg zu. „Das war bestimmt nicht ihre Absicht.“

„Trotzdem können wir nicht einfach herkommen und Petra und ihr Pony so ganz ohne Bezahlung beanspruchen“, sagte Frau Johanson bestimmt. „Nicht, wenn Astrid so oft und regelmäßig reiten darf, wie sie sich das wünscht.“

„Du kannst es doch nehmen, Petra“, bestätigte Astrid. „Ich finde, du machst deine Sache großartig, und Svala ist so lieb.“

Petra meinte trotzdem, daß sie nicht den gleichen Preis wie die Reitschule nehmen konnte, und man einigte sich auf fünf Mark pro Stunde.

„Hallo, willst du auch mit zum Tanz kommen?“

Petra und Rosemarie trafen sich auf dem Weg zum Festplatz. Schon von weitem hörte man Musik, und bald waren sie am Ziel. Petra traf viele alte Bekannte, doch auch neue Freunde, die sie kennengelernt hatte, seit die Reitschule eröffnet worden war. Noch standen viele Bänke und Stühle leer, und Petra bemerkte sofort, daß Klaus und eine der Verelius-Zwillinge gerade miteinander Walzer tanzten. Sie wußte schon seit langem, daß sowohl Charlotte als auch Agneta ein Auge auf Klaus geworfen hatten. Er dagegen schien die Sache eher amüsant zu finden und zog die Zwillinge ein wenig auf, indem er einmal die eine, dann wieder die andere ermunterte. Petra wußte nicht recht, was sie von ihm halten sollte.

Dann wurde sie von einem Nachbarssohn aufgefordert, und nach einer Weile sah sie Rosemarie mit einem blonden Jungen tanzen. Die Birken und Fliederbüsche standen unbeweglich am Rand der Tanzfläche, und ein lauer Wind glitt lautlos durch die Baumwipfel.

Petra saß eine Weile auf einer Bank und sah den Tanzenden zu. Plötzlich hörte sie hinter sich eine Stimme: „Willst du mit mir tanzen?“

Sie sah sich um. Es war Klaus.

Zusammen gingen sie auf die Tanzfläche, wo es nun schon ziemlich eng wurde. Doch Klaus tanzte gut und wich den anderen Paaren geschickt aus. Als die Musik verstummte, fragte er Petra, ob sie weiter mit ihm tanzen wollte.

„Das wird wohl jetzt ein Tango“, fügte er hinzu, als die Musik wieder zu spielen begann.

„Oh, den kann ich aber nicht so besonders gut.“

„Macht nichts, es ist überhaupt nicht schwierig“, versicherte Klaus und schwenkte sie herum. Petra kam aus dem Takt, lachte und versuchte es wieder. Bald ging es jedoch besser, und die Sache begann Petra richtig Spaß zu machen.

Plötzlich verfing sie sich in den Füßen eines anderen Tänzers. Sie verlor das Gleichgewicht und fürchtete eine Sekunde lang, zu stürzen. Doch statt dessen fiel das andere Paar um. Petra sah, wie ein fremder Junge und Charlotte – nein, Agneta! – auf dem Boden lagen und sich schnell wieder aufrafften. Agneta warf einen mörderischen Blick in Petras Richtung, während sie Klaus’ Entschuldigung mit freundlichem Lächeln entgegennahm.

„Darf ich dich zu einer Limonade einladen?“ fragte Klaus schließlich, als sie ganz erhitzt vom Tanzen waren.

„Das wäre prima, danke.“

Nach der Erfrischungspause tanzten sie wieder, bis Petra beschloß, nach Hause zu gehen. Sie wußte ja, daß sie am nächsten Morgen genauso früh aufstehen mußte wie sonst auch.

„Schade, daß du schon gehst“, sagte Klaus. „Wir sehen uns morgen im Reitstall.“

„Ja, tschüs, es war ein schöner Abend.“

Petra ging allein durch die helle Sommernacht heimwärts. Sie versuchte sich darüber klarzuwerden, weshalb Klaus fast nur mit ihr getanzt hatte.

War es vielleicht eine neue Art, die Zwillinge Verelius zu ärgern? Petra wünschte sich von ganzem Herzen, daß dieser Verdacht nicht zutraf.

Während der folgenden Zeit ritt Astrid mehrmals wöchentlich, und wenn das Wetter schön war, sah ihre Mutter für gewöhnlich beim Unterricht zu. Für das Geld, das Petra dabei verdiente, konnte sie selbst in der Reitschule Dressurstunden nehmen. Sie hatte jedoch noch immer das Gefühl, etwas zu bekommen, was ihr eigentlich nicht zustand. Es machte ihr Freude, Astrids Fortschritte zu beobachten, und Petra tat es bestimmt nicht wegen des Geldes. Die Folge war, daß sie die Zeit oft überzog, so daß die Stunden länger als vereinbart wurden.

Doch es machte ihr natürlich auch Spaß, auf den Pferden der Reitschule zu reiten. Karin hatte ja gesagt, daß man mehr lernte, wenn man auf verschiedenen Pferden ritt und nicht nur immer auf einem bestimmten.

Beim nächsten Klubtreffen wurde das Programm für die Einweihungsfeier festgelegt. Man wollte eine Quadrille, Voltigereiten und einen Spiegelritt vorführen, falls alles nach Wunsch verlief.

„Um welche Zeit reitest du morgen, Petra?“ fragte Klaus plötzlich. „In der Reitschule, meine ich.“

„Um zwei Uhr. Rosemarie und noch zwei Mädchen sind auch mit in der Gruppe.“

„Ach so, dann sind die Pferde natürlich schon alle ausgebucht.“

„Nein, das glaube ich nicht“, warf Karin lächelnd ein. „Komm morgen nur her, wenn du mitmachen willst, Klaus, dann wollen wir mal sehen, was sich machen läßt.“

„Hat denn jemand abbestellt?“ fragte Klaus.

„Nein, nicht daß ich wüßte“, erwiderte Karin.

Alle machten neugierige Gesichter, aber die Reitlehrerin sagte nichts mehr. Agneta und Charlotte schienen eingeweiht zu sein, doch sie behielten ihr Wissen für sich.

Am nächsten Tag, als Petra auf dem Rad zur Reitschule fuhr, sah sie, wie ein Lastwagen mit Pferdeanhänger vor dem Stall hielt. Ihre Vermutung hatte also wirklich gestimmt: Die Reitschule sollte ein neues Pferd bekommen!

Klaus war bereits zur Stelle. „Hallo, da kommt wohl ein Pferd für mich“, sagte er und lächelte Petra zu.

„Hallo!“ Petra lächelte flüchtig zurück.

Ein Fahrer und ein Pferdepfleger stiegen aus dem Wagen, und Karin kam aus dem Stall, gefolgt von einem Schwarm Mädchen. Alle versammelten sich neugierig im Halbkreis um das Transportauto, während die beiden Männer die Laderampe anlegten.

„Wohin soll ich sie bringen?“ fragte der Pferdepfleger, ehe er im Anhänger verschwand.

„In die erste Box auf der rechten Seite“, erwiderte Karin. „Geht jetzt zur Seite, Mädels, damit wir Platz haben.“

Der Halbkreis vergrößerte sich widerwillig. Der Pferdepfleger tauchte wieder auf und führte eine schlanke Schimmelstute mit sich. Sie schritt würdevoll wie eine Königin über die Laderampe, wandte den Kopf nach rechts und links und sah sich in der neuen Umgebung um. Ihre Ohren bewegten sich unablässig vor und zurück.

Aber sie ist kein bißchen ängstlich oder nervös, dachte Petra, nur lebhaft und interessiert.

Ohne Zögern ging die Schimmelstute mit geschmeidigen Schritten in den Stall. Karin, Petra, Klaus und die Mädchen folgten ihr und beobachteten sie genau.

„Wie heißt sie?“ fragte Petra nach einer Weile.

„Polly“, erwiderte Karin. „Sie ist vier Jahre alt und kommt direkt von der Rennbahn.“

Als Fahrer und Pferdepfleger wieder abgefahren waren, verteilte Karin die Pferde für die Stunde.

„Darf ich Ballade reiten?“ fragte Rosemarie.

„Ja, meinetwegen. Klaus, du kannst heute Rex nehmen.“

„Nicht Polly? Das wäre viel spannender“, meinte Klaus.

„Nein, ich möchte lieber, daß Petra sie ausprobiert.“ Karin wandte sich nun an die beiden Jüngsten in der Gruppe. „Und ihr nehmt Puppe und Troll. Fangt jetzt gleich an, die Pferde zu satteln. Polly bekommt den Sattel mit dem blauen Woilach, der ganz hinten im Sattelraum hängt.“

Polly nickte nicht gerade begeistert, doch Petra ging entschlossen in die Box und legte ihr den Sattel sanft auf den Rücken. Die Trense paßte nicht richtig; sie mußte etwas mehr festgezogen werden. Die Schimmelstute ließ es ruhig mit sich geschehen, doch als Petra den Sattelgurt nachziehen wollte, zuckte das Pferd zurück.

Petra faßt den Gurt fester und begann zu ziehen. Plötzlich sah sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung und streckte unwillkürlich schützend den Ellbogen vor. Dabei stieß sie gegen die Vorderzähne der Stute.

„Ach, du hast es also nicht gern, wenn man den Sattelgurt anzieht?“ fragte Petra, während sie den Riemen langsam enger spannte.

Polly versuchte auszuweichen. Sie hatte die grauschimmernden Ohren zornig zurückgelegt. Nun schnappte sie in die Luft, versuchte jedoch nicht noch einmal, Petra zu beißen.

Kurz darauf gingen die fünf Pferde langsam um die Reitbahn, und Petra freute sich an den langen, geschmeidigen Schritten der neuen Stute.

„Dürfen wir heute auch springen?“ fragte Klaus.

„Bestimmt nicht, solange du keine Reitkappe aufgesetzt hast“, sagte Karin. „Wenn du dir nicht selbst eine kaufen willst, leihe ich dir die meine. Aber heute wird nicht gesprungen.“

Petra merkte bald, daß Polly nicht Dressurreiten konnte. Sie wirkte noch recht untrainiert, war jedoch gehorsam und leicht zu reiten. Dagegen legte die Stute jedesmal die Ohren zurück, wenn ihr eines der anderen Pferde zu nahe kam.

„Das hat ja richtig gut geklappt, Petra“, sagte Karin nach der Reitstunde. „Wenn Polly sich erst eingewöhnt hat, wird sie bestimmt recht brauchbar sein.“

„Wollen wir zum Kiosk fahren und Eis kaufen?“ rief Klaus dazwischen.

„Ich möchte schon, aber ich muß leider sofort nach Hause“, erwiderte Petra. „Astrid kommt; sie hat heute ihre Reitstunde.“

„Astrid? Wer ist das?“

Petra sah ihn verdutzt an. Sie meinte, ihm schon von Astrid erzählt zu haben. Täuschte sie sich, oder hatte er es bereits wieder vergessen?

„Astrid ist ein blindes Mädchen, dem ich auf Svala Reitunterricht gebe.“

„Ach so. Aber hast du’s so eilig? Sie kann doch sicher ein bißchen warten.“

„Nein, ihre Mutter bringt sie im Auto her, und da müßten sie ja beide warten.“

„Na ja, dann vielleicht ein andermal.“

„Ja, gern. Tschüs, ich muß jetzt los!“

Als Petra zu Hause eintraf, waren die Johansons bereits gekommen. Petra fand die Schwestern am Zaun der Kälberweide, wo sie Svala mit Karotten fütterten.

„Darf ich Svala zum Stall führen?“ fragte Astrid.

Beim Gedanken an die bevorstehende Reitstunde hatte Astrid wieder einmal ein seltsam flaues Gefühl im Magen. Sie liebte es, das Pony zu striegeln und es zu satteln, doch das Reiten selbst … Immer wieder sagte sie sich, daß es kein bißchen gefährlich sei, doch es half nichts. Sie ritt gern, schaffte es aber nie, sich dabei richtig sicher zu fühlen. Weshalb konnte sie nicht wie Lena sein, die sich beim Reiten nie fürchtete? Dabei ritt sie auf viel größeren Pferden als Svala und war schon zweimal gestürzt.

Diesmal schlug Petra vor, daß Astrid Leichttraben üben sollte.

„Das mußt du können, wenn du ausreitest“, erklärte sie.

„Ausreiten? Glaubst du, daß ich das jemals schaffen kann?“ fragte Astrid.

„Ja, das glaube ich. Svala würde sicher einfach dem vorangehenden Pferd folgen. Aber zuerst mußt du galoppieren lernen.“

Von diesem Tag an hatte Astrid ein bestimmtes Ziel, für das sie arbeitete. Wenn sie es schaffte, bei einem Ausritt mitzumachen, würde sie sich nicht länger wie eine Anfängerin fühlen. Es kam ihr wie eine Art Prüfung vor.

Astrid strengte sich nun fast noch mehr an als vorher, und Petra gab sich große Mühe, ihr alles zu erklären. Sie konnte ihr ja nicht zeigen, wie man es machte.

Glücklicherweise war Svala brav und willig. Das Pony versuchte nie, Astrid abzuwerfen, doch eines Tages fiel das blinde Mädchen trotzdem vom Pferd. Das war, als sie zum erstenmal galoppieren sollte.

„Eigentlich sitzt man besser im Galopp als im Trab“, sagte Petra, nachdem sie die Galopphilfen erklärt hatte. „Versuch es jetzt einmal. Treib Svala ein bißchen an, damit sie aufwacht. Nein, zieh die Zügel nicht noch straffer an! Das ist überhaupt nicht notwendig – so furchtbar schnell geht es ja nicht. Beug dich nicht vor. Der äußere Schenkel liegt hinter dem Gurt! Ja, so!“

Die kurzen Stöße verschwanden, und Astrid kam es vor, als würde sie auf Wolken schaukeln. Sie galoppierte, und es war, als flöge sie! Berührten die Hufe wirklich den Boden? Es war ein ganz neues und herrliches Gefühl, doch sie konnte es nicht lange auskosten, da Svala das Tempo plötzlich verringerte und das weiche Schaukeln wieder von den harten Stößen des Trabes abgelöst wurde.

„Na, jetzt hast du aber geträumt!“ Petra lachte. „Du mußt sie antreiben, sobald sie langsamer wird. Versuch’s noch einmal!“

„Oh, das war herrlich!“

Svala fiel wieder in Galopp, und Astrid versuchte sie weiter anzutreiben. Doch sie war noch nicht an den Rhythmus des Galopps gewöhnt und verlor den einen Steigbügel. Svala drehte ruhig und gesittet eine Runde, doch dann setzte es sich das Pony plötzlich in den Kopf, daß es quer durch die Bahn abkürzen könnte, statt die Ecken ordentlich durchzureiten.

Astrid war völlig unvorbereitet, als Svala unvermittelt aus der Viereckspur ausbrach. Sie glitt im Sattel zur Seite, verlor den Halt – und fiel mit einem Plumps zu Boden!

Reitausflug mit Hindernissen

„Hast du dir weh getan?“ rief Petra erschrocken.

Astrid rappelte sich hoch; ihre Schulter schmerzte ziemlich. Eine Tanzmelodie vom Tonbandgerät mischte sich mit einem Schlager aus dem Radio.

„Ach, es ist nicht so schlimm. Wo ist Svala?“

„Sie steht ein paar Schritte rechts von dir. Svala hat angehalten, als du heruntergefallen bist. Du kannst sie also selbst wieder am Zügel nehmen.“

Astrid machte zwei unsichere Schritte, dann noch einen und streckte langsam die Hand aus. Dann berührte sie einen warmen Pferdekopf und den Rand des Woilachs. Svala drehte sich zu ihr um, und Astrid fühlte das Maul des Ponys an ihrem Arm. Sie tastete weiter und fand die Zügel, und zuletzt hatte sie auch den Steigbügel gefunden. Doch ihre Beine zitterten so, daß sie nur mit Mühe wieder in den Sattel kam.

Aber die Sache ist es wert! dachte sie plötzlich. Das Reiten ist so schön, daß man sogar ab und zu einen Sturz in Kauf nehmen kann!

„Na, dann machen wir gleich weiter“, sagte Petra ruhig. „Jeder fällt mal vom Pferd, auch ich.“

„Wirklich?“ fragte Lena.

„Na ja, nicht sehr oft. Es ist lange her, seit ich zum letztenmal heruntergefallen bin. Laß Svala jetzt wieder traben, Astrid.“

„Meinst du, daß sie das noch mal macht?“ erkundigte sich Astrid ängstlich.

Sie hatte sich zwar mit dem Gedanken vertraut gemacht, ab und zu einen Sturz zu riskieren, doch öfter als unbedingt notwendig sollte es nicht passieren.

„Treib Svala besser an – mit beiden Schenkeln“, riet ihr Petra. „Und wenn sie wirklich noch einmal ausbricht, mußt du ja nicht unbedingt gleich wieder herunterfallen.“

Doch Svala tat es nicht wieder. Es war, als hätte das Pony plötzlich verstanden, daß Astrid sich nicht wie Petra auf heftige Wendungen einstellen konnte. Nach diesem Vorfall bewegte sich Svala immer sehr vorsichtig, wenn Astrid im Sattel saß.

Am folgenden Abend bekam Petra einen Anruf von Karin.

„Es geht um die morgige Reitstunde“, sagte sie. „Rex lahmt etwas, so daß wir nur vier Pferde zur Verfügung haben. Könntest du diesmal auf Svala reiten? Du brauchst dann natürlich nichts für die Stunde zu bezahlen.“

„Ja, klar kann ich das. Was ist denn mit Rex passiert?“

„Ich glaube, er hat sich überanstrengt. Er braucht wohl mindestens eine Woche Stallruhe.“

„Oh, das tut mir leid!“

Petra ritt also in der nächsten Reitstunde ihr eigenes Pferd. Und Klaus bekam Polly, die sich bereits recht gut an das Reitschulleben gewöhnt hatte. Karin lieh Klaus ihre Reitkappe.

„Heute dürft ihr springen“, sagte sie.

Bei Polly wurden anfangs nur ein paar niedrige Bocksprünge daraus, da sie nie zuvor gesprungen war. Mit der Zeit wurde sie jedoch richtig eifrig und sprang höher als notwendig. Svala zeigte vor allem bei den weniger hohen Hindernissen ihr Geschick.

Nach der Stunde ritt Petra langsam durch den Wald nach Hause und träumte vom Springturnier bei der Einweihungsfeier.

„Svala, du bist wirklich große Klasse!“ sagte sie sanft und streichelte den Hals ihres Ponys. „Für mich bist du das beste Pferd der Welt. Und du springst geschmeidiger als alle anderen Pferde in der Reitschule. Sei nur so brav wie immer, wenn Astrid heute auf dir reitet!“

Am Spätnachmittag kam das blinde Mädchen zum Unterricht. Petra befestigte einen langen Halfterriemen an der Trense.

„Heute gehen wir von der Reitbahn weg und üben Klettern“, sagte sie. „Ich werde das Halfter halten, damit Svala nicht ausreißen kann.“

Astrid nickte nur und hoffte, daß Petra es wirklich richtig festhielt, doch sie sagte nichts.

Astrid ritt ziemlich langsam. Petra führte ihr Pony über mehrere Hügel in der Umgebung des Hofes, so daß sie fast ständig aufwärts und abwärts gehen mußten. Anfangs fand Astrid es unheimlich, wenn sich der Sattel plötzlich senkte, doch sie gewöhnte sich bald daran. Sie entdeckte auch, daß es besonders schön war, im Wald zu reiten. Dort war es kühler als auf der Reitbahn, und man hörte so viele Vögel singen und zwitschern.

„Hallo Petra! Ich habe gehört, daß du eine Reitschülerin hast“, sagte Karin. Es war ein paar Tage später, in der Reitschule. „Wie steht’s mit ihr?“

„Ach, darüber wollte ich gerade mit Ihnen sprechen. Ich glaube, Astrid ist bald soweit, daß sie einen Geländeritt unternehmen kann. Svala ist für einen Anfänger ein großartiges Pony, aber Astrid kann ja nicht allein ausreiten. Sie muß ein Pferd vor sich haben, dem Svala folgen kann. Deshalb wollte ich Sie fragen, ob sie vielleicht bei einer Gruppe der Reitschule mitmachen könnte.“

„Ja, das müßte schon gehen“, meinte Karin. „Du kannst ja selbst auch mitkommen und Astrid im Auge behalten. Laß mal überlegen. Lena und ihre Freundin Marie dürfen nächste Woche zum erstenmal ausreiten. Es würde gut passen, wenn Astrid auch mitmacht.“

Astrid war sehr überrascht, als Petra ihr sagte, daß sie an einem Geländeritt teilnehmen durfte. Sie schwankte zwischen Freude und Aufregung und fand es schön, daß sie gleichzeitig mit Lena ihren ersten Ausritt unternehmen sollte. Da hatte sie ihre Schwester ja beinahe eingeholt! Doch würde sie es im Wald schaffen, Svala unter Kontrolle zu halten, wenn Petra nicht nebenherging und das Pony am Zügel führte?

„Es klappt bestimmt, du wirst schon sehen“, versicherte Petra, ohne zu ahnen, was sie und Astrid erwartete.

Petra ritt den üblichen Abkürzungsweg durch den Wald zur Reitschule. Svala tänzelte vor Munterkeit und Lebensfreude hin und her und scheute spielerisch vor einem Busch.

Das würde sie mit Astrid im Sattel nicht machen, dachte Petra. Sie hatte bereits gemerkt, daß Svala einen Unterschied zwischen beiden Reiterinnen machte, und war sehr stolz auf die Klugheit ihres Ponys.

Trotzdem war es wohl am besten, wenn Svala sich ein wenig austobte, ehe Astrid sie ritt. Petra trieb das Pony auf dem weichen Waldpfad zum Galopp an, und Svala streckte sich willig und schoß wie ein Pfeil vorwärts. Pferd und Reiterin genossen den stürmischen Galopp mit ganzem Herzen.

Auf dem steinigen Hügel, der zur Reitschule hin abfiel, zügelte Petra ihr Pony. Die Reitbahn war leer, und das rote Stallgebäude lag in der strahlenden Morgensonne. Dort näherte sich Johansons Wagen. Astrid, Lena und Marie stiegen aus. Langsam ritt Petra den Abhang hinunter.

Diesmal sollte Agneta den Ausritt leiten, da Karin ihren freien Tag hatte. Petra brachte Svala in eine leere Box und ging zum Stallbüro, wo Agneta die Pferde verteilte.

„Lena, du nimmst Puppe, und Marie bekommt Troll. Willst du Ballade oder Polly haben, Klaus?“

„Polly, bitte.“

„Dann nimmt das Mädchen mit den Zöpfen Ballade, und Petra reitet Rex.“

„Er lahmt also nicht mehr?“

„Nein, aber er hat jetzt neun Tage im Stall gestanden. Ich vermute also, daß er ziemlich ungebärdig sein wird.“

Es war vorauszusehen, daß Rex das schwierigste Pferd auf diesem Geländeritt sein würde, da er so lange keine Bewegung gehabt hatte und so groß und stark war. Doch Petra nahm es nicht als Kompliment, daß gerade sie ihn reiten sollte. Sie hatte Agnetas schlecht verborgene Freude darüber, sie aufs Glatteis zu führen, sehr wohl bemerkt. Klaus interessierte sich offenbar nicht länger für Agneta und Charlotte, und die Zwillinge schienen Petra die Schuld daran zu geben.

Doch Petra ließ sich nicht anmerken, was sie dachte. Statt dessen beschloß sie, beim Ritt mit Rex wirklich ihr Bestes zu geben. Wenn Klaus sich nicht mehr um die Zwillinge kümmerte, hatte das bestimmt nichts mit ihr zu tun, und sie gönnte Agneta nicht das Vergnügen, sie vom Pferd fallen zu sehen.

„Ihr könnt die Pferde gleich satteln“, sagte Agneta in ihre Gedanken hinein.

Alle verließen das Büro, doch als Petra aus der Tür gehen wollte, wurde sie von Agneta zurückgehalten.

„Hör mal, Petra, soll Lenas Schwester wirklich mitkommen?“

„Ja, Karin hat’s erlaubt.“

„Hat Karin sie schon mal reiten sehen?“

„Nein, aber …“

„Das hätte ich mir denken können! Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, was du dir dabei denkst. Bildest du dir wirklich ein, daß sie das schafft?“

„Ja, das bilde ich mir ein“, erwiderte Petra und sah Agneta fest in die Augen.

„Aber das ist doch Wahnsinn! Sie sieht ja nicht, wohin sie reitet!“

„Svala sieht für sie, und ich verständige mich durch Zurufe mit ihr, wenn ein Hügel kommt, damit sie vorbereitet ist“, sagte Petra ruhig.

„Das wird aber kein Sonntagsspaziergang für Anfänger“, erwiderte Agneta sehr bestimmt. „Wir machen einen ordentlichen Geländeritt!“

Die Zwillinge mußten teilweise in der Reitschule mithelfen, damit Karin ab und zu freinehmen konnte, doch Agneta war nicht sehr begeistert davon. Sie sprengte lieber allein durchs Gelände, statt auf ungeübte Reiter aufzupassen. Die Ausritte der Reitschule waren für sie nur eine lästige Pflicht.

„Sind Lena und Marie nicht auch Anfänger?“ wandte Petra ein.

„Sie haben ungewöhnlich hart trainiert“, sagte Agneta, „und haben schon eine Menge gelernt.“

„Das hat Astrid auch!“

„Ich kann ihr nicht verbieten, mitzukommen, nachdem die Reitwege für alle da sind“, sagte Agneta kühl. „Aber ich weigere mich, besonders auf Astrid aufzupassen.“

„Das brauchst du auch nicht. Sie schafft es ebensogut wie Lena und Marie.“

„Dann übernimmst du die Verantwortung. Ich tue es jedenfalls nicht, daß du’s nur weißt!“

„Ich übernehme die Verantwortung schon, darauf kannst du dich verlassen!“

Petra marschierte wütend zur Sattelkammer. Erst als sie den Sattel auf Rex’ Rücken hob, sah sie ein, daß sie in ihrem Zorn vielleicht zu weit gegangen war. Stimmte es wirklich, daß Astrid alles genauso schaffen würde wie die anderen Mädchen?

Rex öffnete willig das Maul und half sogar mit, seinen großen Kopf in die Trense zu zwängen. Für gewöhnlich war er brav und umgänglich, doch wenn er zu lange gestanden hatte, konnte er ziemlich wild sein. Petra begriff, daß er auf diesem Ritt wenigstens zeitweise ihre ganze Aufmerksamkeit beanspruchen würde – und vielleicht gerade dann, wenn Astrid ihre Hilfe brauchte. Das war kein angenehmer Gedanke, doch Petra glaubte sicher, daß Svala sich nicht zu irgendwelchen Bocksprüngen verleiten lassen würde, wie Rex sich auch immer betragen mochte. Außerdem mußte Agneta ja auch Rücksicht darauf nehmen, daß sie mit ungeübten Reitern unterwegs war. Petra hatte die Hoffnung, daß sie auf den Galopp verzichten würde.

Sie bildeten die Nachhut hinter Astrid. Lena ritt auf Puppe vor Astrid. Schon als sie im Mittelschritt vom Stallhügel losritten, warf Rex den Kopf zurück und vollführte einen Satz. Das war eine kleine Kostprobe der Schwierigkeiten, die Petra erwarteten.

Anfangs ging alles gut. Die Gruppe ritt im Schritt und im leichten Trab dahin und erklomm einige Hügel, die ziemlich niedrig waren. Rex wollte natürlich schneller als die anderen vorwärtskommen, und nach einer Weile schmerzten Petras Arme von der Anstrengung, ihn zu zügeln. Das große Pferd zeigte sein Mißvergnügen durch zurückgelegte Ohren und zornige Kehllaute.

„Langsamer!“ rief Agneta plötzlich.

Gott sei Dank, jetzt kann ich meine Arme ein bißchen ausruhen lassen, dachte Petra. Rex war nicht besonders empfindlich im Maul. Nun ritten sie über eine Lichtung mit Büschen und Birken am Rand, und Rex entspannte sich endlich.

Petra freute sich über den Anblick der gepflegten Pferde zwischen dem grünen Laub. An der Spitze ritt Agnetas schlanke Fuchsstute, dann folgten die silbrig schimmernde Polly und Ballade, glänzend wie ein Kupferkessel. Trolls goldenes Fell stand in schönem Kontrast zu der dunkelbraunen Puppe, und dann kam Astrid auf der kohlschwarzen Svala – eine richtig schmucke Equipage, dachte Petra stolz. Dicht vor ihr war Rex’ langer, fuchsroter Hals. Alles wirkte friedlich und idyllisch …

Doch nun drehte sich Agneta um und rief: „Gleich kommen wir an ein großes Feld. Dort galoppieren wir; bleibt aber hinter mir. Auf dem Feld sind zwei kleine Gräben, über die wir springen müssen, aber das schafft ihr leicht. Abteilung im Trab. Marsch!“

Wie dumm, Anfänger über ein Feld galoppieren zu lassen, dachte Petra. Einige würden es vielleicht nicht einmal schaffen, auf ihren Plätzen in der Reihe zu bleiben, wenn die Pferde vom Rausch der Geschwindigkeit erfaßt wurden. Und was dachte sich Agneta nur dabei, die Teilnehmer springen zu lassen?

Dann kam sie jedoch auf andere Gedanken, da Rex wieder losstürmen wollte. Sie hatte alle Hände voll zu tun, ihn zurückzuhalten.

Minuten später fragte sich Petra, ob sie den Ausritt nicht abbrechen und mit Astrid umkehren sollte. Doch was würden die anderen denken, wenn sie so deutlich zeigte, was sie von Agnetas Befehlen hielt, würden sie Angst bekommen und ihr ebenfalls nicht mehr folgen? Das war unmöglich. Im Augenblick vertrat Agneta die Reitlehrerin, und jeder, der auf einem Pferd der Reitschule saß, mußte ihren Anweisungen folgen. Es ging ja nicht, daß jeder tat, was ihm paßte, und auf eigene Faust losritt.

Nach kurzem Trab erreichten sie den Waldrand und ritten auf das Feld. Petra hatte gerade den Entschluß gefaßt, Agneta zuzurufen, sie solle lieber auf den Galopp verzichten. Sie wollte so tun, als könnte sie Rex nicht unter Kontrolle halten. Das konnte ja keiner übelnehmen, und die Anfänger brauchten dann weder zu galoppieren noch zu springen. Doch sie kam nicht mehr dazu, ihr Vorhaben auszuführen.

„Galopp!“ schrie Agneta schon und vollführte einen Blitzstart auf ihrer Stute Fleur.

Auch die anderen Pferde galoppierten los, und das Donnern der Hufe machte es Petra unmöglich, noch etwas einzuwenden. Sie war fest entschlossen, Rex nicht an Svala vorbeiziehen zu lassen, schaffte es jedoch nur mit knapper Not.

Der erste Graben war klein und unbedeutend, genau wie Agneta gesagt hatte. Sogar Polly, die eigentlich noch nicht eingesprungen war, überwand ihn ohne Schwierigkeiten. Rex sprang viel zu früh ab, kam aber trotzdem gut auf die andere Seite. Kaum waren sie gelandet, warf er sich zur Seite und vollführte eine ganze Serie ungebärdiger Bocksprünge. Alle Energie, die er aufgespeichert hatte, während er im Stall stand, schien plötzlich auf einmal hervorzubrechen.

Vergebens versuchte Petra, ihn zu zügeln. Sie schwebte ein Stück über dem Sattel, und als Rex sich erneut zur Seite warf, verlor sie das Gleichgewicht völlig. Im Fallen sah sie den Pferdekörper wie eine verschwommene Masse neben sich.

Sie landete im Gras, hielt jedoch die Zügel noch immer fest in der Hand. Aber Rex wollte nicht stehenbleiben. Seine Hufe blitzten durch die Luft, und Petra wurde mit einem gewaltigen Ruck durchs Gras geschleift. Sie konnte nicht mehr klar denken, konnte nicht einmal die Zügel loslassen. Das einzige, was sie bewegte, war der Instinkt, sich festzuklammern. So ließ sie sich weiterschleifen, als hinge ihr Leben davon ab, die Zügel nicht loszulassen.

Keiner der anderen hatte bemerkt, daß Petra abgeworfen wurde. Agneta und Klaus ritten voraus und genossen den wilden Galopp in vollen Zügen. Lena, Marie und das Mädchen auf Ballade waren ein wenig unsicher und hatten genug damit zu tun, sich im Sattel zu halten. Astrid war die einzige, die das wilde Schnauben hinter sich hörte, doch sie wußte nicht, was es bedeutete. Sie dachte überdies vor allem daran, daß sie sich für den nächsten Graben bereithalten mußte. Der erste war ihr eigentlich nicht so schlimm vorgekommen, doch die Geschwindigkeit ängstigte sie. Sie war nie zuvor so schnell geritten. Der ruhige Galopp auf Petras Reitbahn war etwas ganz anderes als diese wilde Jagd. Wie groß mochte dieses Feld sein, und würde sie es schaffen, Svala zu zügeln, wenn sie anhalten mußten? Jede Sekunde schien ihr wie eine Ewigkeit, und ihr war, als könnte jeden Augenblick etwas Schreckliches geschehen.

Tiere sind keine Gedankenleser, doch sie vermögen die kleinsten Bewegungen zu verstehen – Bewegungen, die so flüchtig sind, daß Menschen sie kaum wahrnehmen. Svala spürte sehr genau, daß ihre Reiterin sich fürchtete. Das Pony sah zwar selbst nichts, was beängstigend gewesen wäre, doch da seine Reiterin Angst hatte, mußte ja etwas nicht stimmen. Deshalb schärfte Svala ihre Wachsamkeit, voller Unruhe darüber, daß sie die drohende Gefahr nicht entdecken konnte. Mit weit aufgerissenen Augen und gespitzten Ohren galoppierte sie weiter und wartete darauf, daß sich plötzlich etwas Furchtbares ereignen würde.

Ein Stück entfernt vollführte Rex eine so heftige Kopfbewegung, daß Petra hochgerissen wurde. Sie kämpfte verzweifelt, um auf die Füße zu kommen. Da machte Rex plötzlich halt. Er war gereizt, weil er die Last nicht loswerden konnte, die da an seinem Zügel hing. Das gab Petra die Chance, aufzustehen.

Schon wollte der Hengst wieder losstürmen, doch Petra zog kräftig am Zügel, und Rex begann statt dessen im Kreis um sie herumzugaloppieren.

Petra war zugleich erschrocken und wütend. Sie hatte die größte Lust, Agneta anzuschreien, weil sie so leichtsinnig war, doch Agneta befand sich ja außer Hörweite. Petra war auch böse auf sich selbst, weil sie sich nicht im Sattel gehalten hatte, und auf Rex, der einfach nicht stillstehen wollte.

Nun lief das große Pferd in einem engen Kreis um sie herum. Der Abstand war gerade so groß, wie die Zügel es zuließen. Wie sollte sie dieses verrückte Untier nur endlich dazu bringen, stehenzubleiben, damit sie wieder aufsitzen konnte?

Währenddessen näherten sich die übrigen Reiter dem zweiten Graben. Im Gegensatz zu dem ersten war er sowohl tief als auch breit. Troll lief darauf zu, so rasch es ging, um nicht hinter den anderen zurückzubleiben. Polly raste mit gespitzten Ohren und voller Eifer. Sie wäre am liebsten noch rascher galoppiert; sie wartete nur auf das kleinste Zeichen von ihrem Reiter.

Klaus wurde vom Eifer seines Pferdes angesteckt. Warum sollte er, der so gut ritt, sich unbedingt hinter Agneta halten? Solche Regeln galten für Anfänger, aber er schaffte es auch allein! Ein Druck mit den Fersen – und Polly schoß wie ein Silberpfeil dahin! Sie heftete den Blick auf die Fuchsstute und jagte hinterher. Deshalb sah sie den Graben erst ziemlich spät. Fleur, die eine halbe Länge vor dem Schimmel war, setzte bereits in weitem Sprung über den Graben.

Polly folgte der Fuchsstute mit einem langen, gleitenden Sprung. Klaus stieß vor Begeisterung ein Keuchen aus. Doch der Schimmel sprang ein wenig schräg, so daß die beiden Pferde beim Aufsetzen gegeneinanderstießen. Beide schwankten und kämpften sekundenlang um ihr Gleichgewicht. Doch dank ihrer Geschmeidigkeit schafften es beide Tiere, sich wieder aufzurichten und den Fall zu vermeiden.

Nach ihnen war Ballade gesprungen. Beim Landen warf er sich zur Seite, um nicht gegen die beiden Vollblüter zu stoßen. Puppe befand sich gerade im Absprung, doch Ballade war ihr im Weg und landete genau dort, wo auch sie aufsetzen wollte. Die Stute versuchte abzudrehen, doch es war schon zu spät. Genau am Rand des Grabens glitt sie aus und vollführte einen gewaltsamen Purzelbaum in den Graben hinein. Lena flog wie eine Kanonenkugel durch die Luft und landete weich auf der anderen Seite.

Troll und Svala hielten unvermittelt an, als sie Puppe stürzen sahen. Und ehe Astrid wußte, wie ihr geschah, saß sie selbst zwischen dem Sattel und Svalas Mähne. Instinktiv stützte sie sich mit den Händen am Pferdehals ab und glitt rasch wieder in den Sattel zurück.

Doch unten im Graben zappelte Puppe, und Marie schrie wie am Spieß.

Das war zuviel für Svala, die bereits vor Anspannung zitterte. Das Pony machte unvermittelt kehrt und galoppierte am Graben entlang, fort von dem Geschrei. Astrid, die die Zügel losgelassen hatte, als sie aus dem Sattel gehoben wurde, hatte sie noch nicht wieder ergreifen können. Svala aber war an Petras leichten Griff am Zügel in jeder Lage gewöhnt. Daß die Zügel nun lose herabhingen, überzeugte das Pony davon, daß vom Reiter keine Hilfe zu erwarten war. Und das vergrößerte Svalas Schrecken nur noch.

Wo ist Astrid?

Endlich brachte Petra den Hengst dazu, einigermaßen stillzustehen. Doch der Steigbügel hing so hoch, daß sie es zweimal versuchen mußte, ehe sie den Fuß hineinbekam. Dann schwang sie sich hoch.

Gerade in diesem Moment des Aufsitzen hatte sie keine Kontrolle über das Pferd, und das wußte Rex. Petra war noch nicht im Sattel, da machte der Hengst kehrt und trabte in Richtung Graben davon, wo die übrigen Pferde waren. Petra verstärkte ihren Griff und versuchte sich weiter hochzuziehen. Als das große Pferd in Galopp fiel, lag sie quer über dem Sattel. Gerade als sie den rechten Fuß über den Pferderücken gehoben hatte, bekam sie vom Sattel einen scheußlichen Stoß in den Magen, doch sie biß die Zähne zusammen und versuchte es weiter. Endlich konnte sie sich aufsetzen und die Zügel richtig ergreifen. Während sie mit den Füßen nach den Steigbügeln angelte, sah sie sich um.

In weiter Ferne sah sie Agneta, Klaus und das Mädchen mit den Zöpfen auf ihren Pferden sitzen. Am Grabenrand stand Lena. Marie war abgestiegen und hielt ihr Pferd am Zügel. Doch von Astrid und Svala war keine Spur zu sehen!

Lagen sie im Graben? Petra merkte, wie ihr der kalte Schweiß ausbrach. Ihre Knie wurden weich, während sie Rex zügelte und neben Troll anhielt.

„Wo ist Astrid?“ rief sie und sprang vom Pferd.

„Sie ertrinkt!“ schrie Marie hysterisch.

„Wo? Wo ist sie?“

„Siehst du denn nicht, daß sie nicht mehr hochkommt?“ schluchzte Marie und deutete auf die braune Stute, die im Graben lag.

Obwohl der Graben oben sehr breit war, verschmälerte er sich nach unten zu. Puppe lag im Wasser; ihr Vorderteil war zwischen den Ufern des Grabens festgekeilt. Sie zappelte und spritzte im trüben Lehmwasser, schaffte es jedoch nicht, hochzukommen. Zwar hielt die Stute ihren Kopf noch krampfhaft über Wasser, doch es war klar, daß sie diese Anstrengung nicht mehr lange durchhalten konnte.

„Halte Rex“, sagte Petra kurz und streckte Marie die Zügel entgegen.

„Ich trau mich nicht“, schluchzte das Mädchen entsetzt.

„Freilich traust du dich. Nimm sie jetzt“, befahl Petra ungeduldig und ließ die Zügel los.

Marie griff ängstlich danach, und Petra sprang in den Graben. Sie landete vor dem Kopf der Stute und begann automatisch beruhigend auf Puppe einzureden. Dabei griff sie nach dem Kopf des Pferdes und hielt ihn hoch.

Da Astrid offenbar nicht im Graben gelandet war, hoffte Petra, daß sie bei den anderen war, die den Sprung geschafft hatten und weitergeritten waren. Svala konnte ja von den größeren Pferden verdeckt gewesen sein, als Petra sich vor kurzem umgesehen hatte.

„Lena, wo ist Astrid?“ rief sie zur anderen Seite des Grabens hinüber. „Hat sie den Sprung geschafft?“

„Ich hab’s nicht gesehen, sie war hinter mir. Hast du nicht beobachtet, wohin sie geritten ist?“ fragte Lena mit tränenerstickter Stimme.

„Nein, ich bin selbst abgeworfen worden.“

„Sie … sie ist in den Wald dort drüben galoppiert“, stieß Marie hervor.

„In den Wald?“ wiederholte Petra entsetzt.

Das Gehölz lag nur etwa fünfzig Meter entfernt, und der Boden war dort steinig und uneben. Petra wußte außerdem, daß jenseits des Waldes die Landstraße verlief. Sie mußte Astrid sofort nachreiten!

Doch Puppe, die da zitternd und mit wild aufgerissenen Augen im Graben lag – was sollte sie mit ihr machen? Sie einfach liegen lassen? In diesem Augenblick tauchten zwei Fuchsstuten und ein Schimmel auf der anderen Seite des Grabens auf.

„Svala ist mit Astrid durchgegangen – da, zum Wald hinüber!“ rief Petra. „Einer muß ihr nachreiten und sie suchen. Schnell, ehe ein Unglück geschieht!“

„Gut“, erwiderte Klaus knapp und ließ Polly wenden, um auf den Graben loszureiten.

„Nein, versuch nicht, zurückzuspringen!“ rief Petra erschrocken. „Polly ist doch noch nicht eingesprungen! Nimm statt dessen Rex. Marie schafft es sowieso kaum, ihn und Troll zu halten!“

Klaus machte ein zweifelndes Gesicht, doch gerade in diesem Moment vollführte Rex einen Satz, und Marie ließ die Zügel los. Der Hengst machte ein paar Sprünge, blieb dann jedoch wieder stehen. Das entschied die Sache. Rasch sprang Klaus ab und reichte Lena Pollys Zügel. Dann kletterte er in den Graben, sprang über das Wasser und stieg rasch an das andere Ufer. Als Rex ihn sah, wich er zurück, doch Klaus hatte ihn schon am Zügel ergriffen und schwang sich in den Sattel. Der große Fuchs wollte die anderen Pferde offenbar nicht verlassen; Klaus aber setzte seinen Willen durch und galoppierte Sekunden später in Richtung Wald los.

Jetzt erst stieg Agneta ab. Ihr Gesicht war bleich.

„Was ist denn passiert?“ fragte sie. „Was habt ihr bloß gemacht?“

„Der Graben ist ja lebensgefährlich! Du hast gesagt, er wäre leicht zu überwinden!“ stieß Lena vorwurfsvoll hervor.

„Helft mir jetzt! Wir müssen Puppe befreien“, unterbrach sie Petra.

Die Stute lag nun ganz still und atmete schwer. Plötzlich vollführte sie einen neuen Ruck und begann zu zappeln. Dann lag sie wieder ruhig da und keuchte.

„Wir bekommen sie wohl nicht allein hoch. Du mußt Hilfe holen“, sagte Agneta zu dem Mädchen, das auf Ballade ritt.

„Ich? Aber ich bin noch nie allein geritten!“

„Ach, stell dich nicht so an“, zischte Agneta. „Beeil dich, mach schnell!“

Das Mädchen nickte nur, verkürzte ängstlich die Zügel und ritt los. Nun bereute Petra es bitter, daß sie Astrid auf diese Reittour mitgenommen hatte. Eine Menge Vorwürfe über Agnetas sorglose Art, den Ritt zu leiten, lagen ihr auf der Zunge, doch sie beherrschte sich. Sie hatten jetzt keine Zeit, sich zu streiten, und außerdem gab sich Petra selbst einen Teil der Schuld.

„Ich übernehme die Verantwortung.“ Sie erinnerte sich genau an ihre selbstsicheren Worte im Stallbüro. Nun wog die Verantwortung schwer, und sie war damit allein. Petra dachte, sie hätte ahnen müssen, was sie erwartete, wenn sie nur den Verstand eines Huhns gehabt hätte. Schon Agnetas spöttisches Lächeln, als sie ihr Rex zuteilte, war aufschlußreich genug gewesen. Um Astrids willen hätte sie ablehnen müssen, mitzureiten; ganz gleich, ob Agneta nun glaubte, daß sie Angst vor Rex hatte, oder nicht. Was sollte sie nur tun, wenn Astrid etwas zustieß?

„Es dauert wohl eine Weile, ehe wir Hilfe bekommen“, sagte Petra nach einer Weile und sah Ballade nach. „Wir müssen inzwischen versuchen, Puppe selbst zu befreien.“

Sie hielt es einfach nicht aus, untätig zu warten. Es war besser, etwas zu tun – auch wenn es nur ein erfolgloser Versuch war.

Als Klaus in den Wald kam, wechselte er vom Galopp zum Trab. Er hielt nach dem schwarzen Pony Ausschau, sah es jedoch nirgends. So ritt er zur Landstraße weiter, blieb dort stehen und spähte in beide Richtungen. Von Astrid und Svala war keine Spur zu sehen! Das Pony konnte quer über die Straße gelaufen und im Wald auf der anderen Seite verschwunden sein. Es war jedoch auch möglich, daß es der Landstraße gefolgt war.

Klaus überquerte die Straße.

Dann begann er auf der anderen Seite nach Hufspuren zu suchen, fand jedoch nichts.

Währenddessen versuchten die Mädchen noch immer, Puppe aus dem Graben zu befreien.

„Wenn wir mehrere Steigbügelriemen zusammenbinden, könnten wir sie vielleicht hochziehen“, schlug Lena vor.

Sie knüpften einige Riemen zu einer Art Strick zusammen, den Petra um Puppes Körper zu schlingen versuchte, doch sie schaffte es nicht.

Agneta hatte von oben zugesehen. Nun übergab sie Lena die Zügel ihrer Stute und sagte: „Laß sie auf keinen Fall los!“ Dann kletterte sie ebenfalls in den Graben, um Petra zu helfen.

„Die Riemen sind zu kurz. Wir brauchen auch noch die von Troll.“

„Ja. Würdest du sie losbinden, Marie?“

Marie fummelte eine Weile nervös an den Steigbügelriemen herum, ehe sie es schaffte, sie loszumachen. Agneta griff ungeduldig danach. Noch einmal versuchte Petra mit Agnetas Hilfe, die Riemen unter Puppe durchzuziehen, doch es war ein äußerst schwieriges Unterfangen.

„Paß auf, jetzt klappt es sicher“, meinte Agneta.

„Sei vorsichtig!“ warnte Petra.

Gerade in diesem Moment machte Puppe einen neuen Versuch, hochzukommen. Sie zappelte, schlug aus und bewegte sich so heftig, daß Agneta den Riemen losließ. Rasch versuchte sie wieder danach zu greifen, doch er entglitt ihr, und die beiden Mädchen mußten noch einmal von vorn anfangen. Petra wunderte sich, daß das Pferd noch soviel Kraft hatte.

Polly und Fleur tänzelten unruhig, und Lena wurde wie ein Handschuh zwischen ihnen hin und her gerissen. Einmal hatte sie die Füße auf dem Boden, einmal baumelten sie zwischen den beiden Pferden in der Luft, doch sie ließ die Zügel nicht los. Als Agneta es bemerkte, kletterte sie aus dem Graben und befreite Lena von Fleur.

„Vielen Dank, ich wäre beinahe seekrank geworden“, keuchte Lena.

„Seht mal“, sagte Agneta und deutete nach links. „Da kommt Klaus – allein!“

Petra kletterte ein Stück den Uferhang hinauf und sah zum Wald. Trotz ihrer Sorge um Astrid mußte sie den kraftvollen Galopp des großen Hengstes unwillkürlich bewundern. Rex zeigte wirklich eine viel bessere Beinarbeit als die anderen Reitschulpferde.

„Sie ist nicht zu finden!“ rief Klaus schon von weitem. „Das Pony kann ja in alle möglichen Richtungen gelaufen sein. Ich weiß nicht, wohin es verschwunden ist. Aber wo ist Ballade?“

„Eines der Mädchen holt Hilfe“, erklärte Agneta. „Das hoffe ich wenigstens.“

Petra sagte gar nichts, sie sah Klaus nur verblüfft an. Wie konnte er die Suche nach Astrid so rasch aufgeben?

„Wir müssen Astrid finden, und zwar schnell!“ sagte sie. „Ich reite los und suche selbst nach ihr.“

„Allein? Das ist ja, als würdest du nach einer Stecknadel im Heuhaufen suchen“, widersprach Klaus. „Wenn du meine Meinung hören willst – ich glaube, daß dein Pony schnurstracks nach Haus läuft.“

„Aber mit oder ohne Reiterin?“ fragte Petra angstvoll.

„Astrid hat ja den Galopp übers Feld geschafft, und in den Graben ist sie auch nicht gefallen. Da wird sie sich wohl auch weiterhin im Sattel gehalten haben.“

„Glaubst du? Hoffentlich hast du recht. Aber Astrid sitzt bei plötzlichen Wendungen nicht sehr fest im Sattel. Und wenn Svala Angst hat und durchgeht …“

„Daran hättest du früher denken müssen“, warf Agneta ein.

Sie hatte tatsächlich die Frechheit, so etwas zu sagen! Petra drehte sich wütend zu ihr um, doch die Worte blieben ihr im Hals stecken, und sie wandte sich wieder ab, ohne zu antworten.

„Ich komme mit und helfe suchen“, sagte Lena. Sie war bleich, aber entschlossen.

Im gleichen Augenblick hob Rex den Kopf und spitzte die Ohren, und Troll tat dasselbe. Auch Polly und Fleur wurden aufmerksam und sahen sich um.

„Was ist los?“ fragte Petra. „Haben sie etwas entdeckt?“

„Dort kommt ein Pferd – es dürfte Ballade sein“, sagte Klaus, der noch immer im Sattel saß und daher die beste Aussicht hatte.

„Wir bekommen Hilfe!“ rief das Mädchen auf Ballade, sobald sie in Hörweite war. „Ich hatte großes Glück, weil ich sehr schnell an einen Bauernhof kam.“

„Und wo ist die Hilfe?“ fragte Agneta.

„Die Leute sind schon mit einem Seil und einem Zugpferd unterwegs, um Puppe herauszuholen, aber ich bin vorausgeritten.“

„Ach, hoffentlich befreien sie Puppe schnell, damit ich losreiten und nach Astrid suchen kann“, sagte Lena.

„Ich glaube kaum, daß heute noch einer auf Puppe reiten kann“, wandte Agneta ein. „Wer weiß, vielleicht ist sie verletzt.“

„Lena“, sagte Marie leise, „du kannst ja Troll nehmen, um nach deiner Schwester zu suchen.“

Agneta schien widersprechen zu wollen, überlegte es sich dann jedoch anders und schwieg. Petra und Lena schwangen sich auf Rex und Troll und ritten in Richtung Wald davon.

Sie suchten und suchten. Manchmal glaubten sie ein Pony zu sehen, doch wenn sie näherkamen, war es jedesmal nur ein Baumstamm oder ein seltsam geformter Felsblock. Sie sahen sich vergebens nach Hufspuren um und hielten angestrengt nach geknicktem oder niedergetretenem Gras Ausschau, doch nirgends fanden sie einen Hinweis.

Warum habe ich Astrid nur auf diesen Ritt mitgenommen? dachte Petra immer wieder. Hätte ich das Vorhaben bloß aufgegeben, als Agneta sagte, daß wir galoppieren und springen sollten! Es wäre vielleicht noch nicht einmal zu spät gewesen, als wir zum Feld kamen. Astrid und ich hätten unsere Pferde vielleicht zügeln können, ehe wir den ersten Graben erreichten. Warum habe ich Astrid nicht zugerufen, stehenzubleiben?

Petra machte sich immer größere Vorwürfe. Sie wußte nicht, wie sie Astrids Mutter je wieder in die Augen sehen sollte. Selbst wenn sie das blinde Mädchen nun fanden, mußte sie sich für ihr unverantwortliches Verhalten schämen. Und was würde Karin von ihr halten und Petras Eltern? Und Astrid selbst – was würde sie denken?

Es hatte keinen Sinn, zu versuchen, Agneta die Schuld zuzuschieben. Sie war es, Petra, die den Einfall gehabt hatte, Astrid auf den Geländeritt mitzunehmen. Sie war der Anlaß dafür gewesen, daß Astrid überhaupt zu reiten angefangen hatte. Und niemand außer ihr trug auf diesem Ausritt die Verantwortung für das blinde Mädchen. Petra erinnerte sich, daß Astrid bei dem Gedanken an den Ritt ein wenig ängstlich gewirkt hatte. Doch sie hatte ihr versichert, daß es nicht gefährlich wäre, Astrid hatte ihr vertraut.

„Glaubst du, daß Svala nach Hause gelaufen ist, wie Klaus meint?“ fragte Lena angstvoll in ihre Gedanken hinein.

„Ja, es wird wohl so sein“, erwiderte Petra und versuchte ihre Stimme überzeugter klingen zu lassen, als sie sich fühlte. Lenas wegen mußte sie sich zusammennehmen und so tun, als wäre die Sache nicht so schlimm.

Doch was war wirklich mit Astrid und Svala geschehen, da sie nicht die geringste Spur von ihnen fand? Troll und Rex wollten in den heimatlichen Stall zurück und wurden immer unwilliger über die lange Suche. So kehrten die Mädchen langsam zur Reitschule zurück.

Sie kamen gerade rechtzeitig, um mitzuerleben, wie Karin Agneta eine Strafpredigt hielt. Die Reitlehrerin hatte zwar ihren freien Tag, war jedoch zufällig am Stall vorbeigekommen, als der Rest der Gruppe zusammen mit der erschöpften Puppe zurückkehrte.

„Wie konntest du nur auf den Gedanken kommen, die Pferde über den Graben springen zu lassen, obwohl Polly noch nicht eingesprungen ist?“ warf die Reitlehrerin Agneta vor. „Außerdem können außer dir nur zwei von den Reitern springen! Ich bin gespannt, was der Tierarzt über Puppes Zustand sagt, wenn er kommt. Wie sie aussieht, muß sie wohl eine ganze Weile im Stall stehen – sie lahmt ja beträchtlich. Und wenn nun Astrid etwas passiert ist …“

Petra hörte nicht länger zu. Sie ging ins Stallbüro ans Telefon und wählte die Nummer ihrer Eltern. Ihre Mutter nahm ab.

„Hier spricht Petra. Ist Svala heimgekommen?“

„Heimgekommen? Ist sie durchgegangen? Wart einen Augenblick, ich sehe nach, ob sie draußen ist.“

Petra wartete mit wild klopfendem Herzen. Sie begegnete Lenas angstvollem Blick und versuchte sich zu einem Lächeln zu zwingen, doch es gelang ihr nicht recht. Dann hörte sie Schritte, und ihre Mutter nahm den Hörer wieder auf.

„Nein, Svala ist nicht hier. Ist Astrid abgeworfen worden?“

Petra nahm all ihren Mut zusammen.

„Ich … ich weiß nicht! Svala ist mit ihr davongaloppiert, und wir haben keine Ahnung, wo die beiden sind.“

„Um Gottes willen, Petra!“ stieß Frau Granberg hervor. „Warum hast du denn nicht richtig auf sie aufgepaßt?“

Im gleichen Moment sah Petra durchs Fenster, wie Frau Johanson vorgefahren kam, um ihre Tochter abzuholen. Lena bemerkte es ebenfalls und stürmte ins Freie.

Rasch beendete Petra das Gespräch und folgte Lena in einer Art Betäubung. Sie merkte nicht einmal, daß sie auf der Türschwelle mit Agneta zusammenstieß. Agneta wollte sie anschreien, überlegte es sich dann aber anders und schwieg, als sie Petras Gesicht sah.

Svala bewährt sich

Astrid begriff, daß etwas passiert war, als Svala plötzlich stehenblieb. Maries Geschrei erschreckte sie ebensosehr wie das Pony. Mit beiden Händen hielt sie sich am Sattel fest, während Svala mit hängenden Zügeln davongaloppierte.

Astrid wußte nicht, in welche Richtung das Pony lief; sie hoffte nur, daß sie nicht auf den Graben zuritten. Doch nun hörte sie keinen anderen Hufschlag mehr als den Svalas. Was war geschehen, und wo waren die anderen?

Plötzlich merkte sie, daß das Pony über unebenen Boden lief. Sie wurde im Sattel hin und her geworfen und klammerte sich mit aller Kraft fest. Dabei erinnerte sie sich an etwas, was Petra ihr oft gesagt hatte: „Wenn man sich zurücklehnt, fällt man nicht so leicht vom Pferd.“ Astrid versuchte sich also zurückzulehnen. Doch gerade da machte Svala einen Satz, so daß Astrid die Steigbügel verlor und gegen den Sattel prallte. Jetzt schmerzte ihr Rückgrat.

Das harte Geklapper verriet ihr, daß Svala nun auf einem Asphaltweg lief. Langsam beruhigte sich das Pony wieder und fiel in Trab. Endlich fand Astrid den Steigbügel und tastete mit der linken Hand nach den Zügeln; mit der rechten hielt sie sich sicherheitshalber am Sattel fest.

Sie fand die Zügel jedoch nicht da, wo sie sie vermutete, und streckte sich immer weiter über den Pferdehals vor. Da schüttelte Svala ein wenig gereizt den Kopf, und Astrid setzte sich sofort wieder im Sattel zurecht und hielt sich fest. Dann begann sie sich wieder vorzutasten. Nun ließ sie den Sattel los und klammerte sich statt dessen an der Mähne fest, und erst jetzt fand sie die Zügel direkt hinter Svalas Ohren.

Endlich! Schwankend rutschte Astrid in den Sattel zurück und zog an den Zügeln. Svala blieb sofort stehen.

Gespannt lauschte Astrid auf den Hufschlag. Sie nahm an, daß Petra ihnen gefolgt war, als Svala davonstürmte, doch kein Laut war zu hören. Offenbar war sie ganz allein – und sie konnte nicht einfach umkehren und zurückreiten. Wie weit war das Pony auf der Straße geritten und in welche Richtung? War es möglich, daß sie vielleicht sogar einen Seitenweg eingeschlagen hatten?

Astrid sah ein, daß es keinen Sinn hatte, zu versuchen, auf eigene Faust zurückzureiten. Sie beschloß zu warten, bis die anderen sie fanden.

Vielleicht war die Reitgruppe sogar in Sichtweite, ohne daß sie es wußte? Svala konnte sich ja nicht allzuweit entfernt haben. Jetzt, wo das Pony still dastand, fand Astrid endlich auch den zweiten Steigbügel.

Während sie noch überlegte, hörte sie plötzlich, wie sich von hinten Motorengeräusch näherte. Sie wurde starr vor Schreck. Warum hatte sie Petra nie gefragt, ob Svala verkehrssicher war? Vielleicht standen sie mitten auf der Straße, und ein Auto fuhr direkt auf sie zu? Nun erriet sie am Geräusch, daß es zu allem Überfluß auch noch ein Bus oder ein Lastwagen zu sein schien. Was sollte sie tun?

Ihr erster Gedanke war, daß sie von hier fort mußte. Rasch trieb sie das Pony an und ritt in hastigem, unregelmäßigem Galopp davon. Doch das Fahrzeug kam unaufhaltsam näher. Astrid wußte, daß sie ihm ausweichen mußte. So zerrte sie am Zügel, und Svala warf sich gehorsam zur Seite, jedoch so heftig, daß Astrid das Gleichgewicht verlor.

Wie gewöhnlich war der Pferdehals ihre Rettung, und sie klammerte sich mit Armen und Beinen fest, während das Pony einen steilen Abhang hinunterschlitterte. Gleich darauf hörte sie, wie das Lastauto donnernd vorüberfuhr. Auf der Ladefläche rasselte etwas. Svala, die gerade stehenbleiben wollte, erschrak von neuem und lief weiter. Schon spürte Astrid, daß sie den Halt zu verlieren drohte, da blieb Svala endlich stehen. Erschöpft glitt Astrid zu Boden und lehnte sich gegen den Hals des Ponys.

Natürlich hatte sie keine Ahnung, wo sie war. Ihre Knie zitterten, und vor Anspannung hatte sie ein flaues Gefühl im Magen. Am liebsten hätte sie geweint, doch sie nahm sich zusammen und lauschte gespannt auf irgendein Zeichen, das darauf hindeutete, daß die anderen in ihrer Nähe waren.

Sie hörte jedoch nichts als das heisere Krächzen einer Krähe. Svala versetzte ihr einen freundschaftlichen Puff gegen die Schulter. Das tröstete Astrid etwas. Ich bin ja nicht allein, dachte sie, ich habe ja das Pony bei mir.

„Ach Svala, warum kommen denn die anderen nicht?“

Waren sie so kreuz und quer geritten, daß die anderen sie nicht mehr finden konnten? Diese Vorstellung erschreckte sie.

Astrid begann zu schluchzen. „Nein, Svala“, sagte sie mit tränenerstickter Stimme, „sie können doch nicht weit sein!“

Plötzlich kam ihr ein neuer beunruhigender Gedanke. War Petra oder Lena etwas passiert, weil sie nicht kamen? Sie spürte weiches Waldmoos unter den Füßen. War sie weit von der Landstraße entfernt? Wenn sie sich nun so tief im Wald befanden, daß kein Mensch vorüberkam?

„Hallo! Ich bin hier!“ rief sie.

Der Ruf verhallte zwischen den Baumstämmen, und niemand antwortete.

„Hallo, Petra! Hier bin ich!“

Die Stille war so vollkommen, daß Astrid über den Laut ihrer eigenen Stimme erschrak. Zugleich spürte sie jedoch eine Art Zwang, weiterzurufen, bis sie Antwort bekam. Sie konnte die unheimliche Stille nicht ertragen, die von allen Seiten wie eine Bedrohung auf sie einzudringen schien.

In ihrer Angst rief und rief sie, bis sie heiser war, während Svala den Kopf zurückwarf und von Zeit zu Zeit unruhig wieherte. Schließlich gab Astrid jedoch das Rufen auf, schlang die Arme um den Hals des Ponys und schluchzte hilflos.

Nur langsam beruhigte sie sich wieder und begann zu überlegen, ob sie nicht selbst versuchen sollte, von hier wegzukommen. Svala wirkte nun nicht mehr nervös; so wagte sie es, wieder aufzusitzen. Dann lenkte sie das Pony in die Richtung, wo sie die Landstraße vermutete, und ritt langsam los.

Plötzlich blieb Svala stehen und senkte den Kopf. Astrid merkte, daß das Pony nach etwas schnappte und zu fressen begann.

„Nein!“ sagte sie und trieb Svala wieder an. „Damit mußt du bis später warten – wir müssen jetzt weiter!“

Beim Weiterreiten lauschte Astrid gespannt auf Geräusche von der Landstraße, hörte jedoch nur den Wind, der in den Baumwipfeln raunte. Plötzlich begann sich der Sattel nach hinten zu neigen, und sie wußte, daß sie nun einen Hügel erklommen. Konnte das die Anhöhe zur Straße sein? Doch plötzlich ging es erneut nach unten – da wurde ihr klar, daß sie in die falsche Richtung geritten waren. Als sie wieder ebenen Boden erreichten, ließ Astrid das Pony am langen Zügel gehen.

„Jetzt mußt du entscheiden, wohin wir reiten, Svala.“

Das Pony ging ein Stück weiter, blieb dann jedoch zweifelnd stehen.

„Nein, wir müssen weiter!“ sagte Astrid und trieb Svala durch einen Schenkeldruck an.

Wieder ging es im Schritt weiter. Astrid saß angespannt im Sattel und hoffte von ganzem Herzen, daß sie sich auf dem Heimweg befanden. Nach kurzer Zeit aber blieb Svala wieder stehen, senkte den Kopf und begann zu fressen. Astrid versuchte, sie zum Weitergehen zu bewegen, und zerrte an den Zügeln, um Svalas Kopf vom Boden hochzubekommen, doch es nützte nichts. Eigensinnig fraß das Pony weiter.

„Wir können hier nicht bleiben, Svala. Sei ein liebes Pferd und geh nach Hause!“

Svala kaute ungerührt. Astrid stieß einen verzweifelten Seufzer aus. Wenn doch nur endlich ein Mensch vorübergekommen wäre, der ihr helfen konnte! Sie hatte nie gewußt, daß es draußen in der Natur so einsam sein konnte. Doch im nächsten Augenblick wurde ihr klar, daß es ihr gar nichts nützen würde, wenn jemand sie zufällig sah. Es konnte ja keiner wissen, daß sie blind war und sich verirrt hatte, und sie selbst würde wohl kaum merken, wenn ein Mensch in ihrer Nähe war, falls er nicht gerade sprach oder ihr so nahe kam, daß sie seine Schritte hörte.

Es dauerte lange, bis Svala endlich weiterging. Hier und da verlangsamte sie ihren Schritt, als wollte sie wieder stehenbleiben, doch ein leichter Schenkeldruck von Astrid genügte, um sie wieder anzutreiben. Das blinde Mädchen ließ die Zügel so lang, daß Svala selbst die Richtung bestimmen konnte. Sie merkte, daß sie ab und zu einen Pfad kreuzten und manchmal über ziemlich unebenen Boden ritten, doch das Pony bewegte sich die ganze Zeit über so vorsichtig, daß Astrid keine Schwierigkeit hatte, sich auf das Gelände einzustellen.

Nach einer Weile wurde Svala etwas schneller und machte keinen Versuch mehr, stehenzubleiben. Astrid fürchtete zwar, daß das Pony plötzlich losstürmen könnte, doch zugleich war sie froh, daß Svala zu wissen schien, wohin sie gehen mußte. Vielleicht waren sie endlich auf dem Heimweg.

Doch wenn es nicht so war? Nein, daran durfte sie nicht denken! Das einzige, was sie tun konnte, war, sich auf Svala zu verlassen. Eine Ewigkeit lang konnte das Pferd ja nicht durch den Wald laufen. Früher oder später mußten sie in bewohntes Gebiet kommen.

Plötzlich blieb das Pony stehen.

„Weiter, Svala!“ mahnte Astrid und drückte die Schenkel an, diesmal mit mehr Festigkeit. Und Svala vollführte unvermittelt einen gewaltigen Sprung. Astrid verlor den Halt und wurde nach vorn geschleudert. Sie versuchte, sich am Pferdehals festzuhalten, griff jedoch ins Leere und fiel zu Boden.

Rasch richtete sie sich wieder auf; voller Angst, Svala könnte ihr weglaufen. Astrid rappelte sich hoch und stieß mit dem Kopf gegen Svalas Maul. Kurzes Hufgetrappel erklang, als das Pony zur Seite wich.

„Bist du da, Svala?“

Astrid streckte die Hand aus und griff in die Luft.

„Svala, wo bist du?“

Sie gab sich größte Mühe, das Zittern in ihrer Stimme zu beherrschen. Wenn Svala fortlief, würde sie niemals heimfinden. Das Pony durfte ihr einfach nicht entkommen!

Astrid stand nun unbeweglich da und lauschte, doch Svala verriet sich durch kein Geräusch. Trotzdem mußte sie noch immer hier sein – oder hätte sie lautlos verschwinden können?

Astrids Mund war trocken vor Anspannung. Sie machte einen Schritt in die Richtung, aus der sie vorher das Hufgetrappel gehört hatte, und streckte wieder die Hand aus – langsam, um das Pony nicht durch eine heftige Bewegung zu erschrecken. Noch immer gab Svala keinen Laut von sich, doch Astrid ahnte die Nähe des Pferdes.

Plötzlich atmete das Pony heftig aus; es klang wie ein Seufzen. Sie hatte sich nicht getäuscht – Svala war da! Plötzlich kam Astrid eine Idee. Sie hielt die Handfläche nach oben und sagte: „Komm, Svala, dann kriegst du eine Karotte!“

Nun brauchte sie nicht mehr lange zu warten. Im nächsten Augenblick spürte sie Svalas warmen Atem über ihrer Handfläche und hörte ein enttäuschtes Schnauben, als das Pony merkte, daß sie keinen Leckerbissen hatte. Astrid griff nach dem Trensenring und hielt ihn fest. Mit der freien Hand strich sie über Kopf und Hals des Ponys, als müßte sie sich vergewissern, daß es wirklich bei ihr war.

Dann schwang sie sich wieder in den Sattel. Nach Svalas letztem Sprung wagte sie das Pony nicht mehr anzutreiben; so standen sie eine Weile ruhig da. Erst nach einigen Minuten ging Svala weiter, genauso zielbewußt wie vorher.

Bald erreichten sie einen gepflasterten Weg. Astrid lauschte auf das ruhige, gleichmäßige Hufgeklapper und fragte sich, wohin sie wohl ritten. War es wirklich so weit zum Hof der Granbergs? Sie biß sich auf die Lippen und drängte die Tränen gewaltsam zurück.

Plötzlich verließ das Pony die Straße und kletterte sehr vorsichtig und langsam über einen Abhang auf einen steinigen Pfad. Astrid hörte gelegentlich, wie die Hufeisen klingend gegen einen Stein schlugen. Dann ging es wieder eine Anhöhe hinauf, und gleich darauf fiel das Pony in Trab. Astrid spürte, daß der Boden nun ebener war, doch sie befanden sich nicht auf einer Landstraße. Der gedämpfte Hufschlag verriet ihr, daß der Untergrund weich sein mußte. Svala hielt ein flottes Tempo ein, und Astrid verkürzte die Zügel, so daß sie Verbindung mit dem Pferdemaul hatte. Sie vermutete, daß sie irgendwo im Wald waren.

Einige Zeit ritt das Pony im gleichen raschen Trab weiter. Dann begann der Boden sacht abzufallen.

„Keinen Galopp jetzt! Schön langsam“, bat Astrid und faßte die Zügel fester.

Sie fürchtete, bald wieder das Gleichgewicht zu verlieren. Da erklang in der Ferne plötzlich vielstimmiges Blöken. Konnten das die Schafe des Granberg-Hofes sein?

Während Astrid gespannt auf das Blöken lauschte, fiel Svala wieder in Galopp. Erschrocken zog Astrid an den Zügeln, und das Pony wechselte zu starkem Trab. Bald ging der Abhang in hügeliges Gelände über. Nun vollführte Svala eine scharfe Wendung. Astrid schwankte, doch das Pony mäßigte sein Tempo so weit, daß seine Reiterin sich im Sattelhalten konnte. Nach einigen Metern blieb Svala stehen.

„Sind wir jetzt zu Hause?“

Astrid wartete einen Augenblick, doch das Pony machte keine Anstalten, weiterzugehen. Da glitt sie aus dem Sattel. Sie griff mit der einen Hand nach den Zügeln und tastete sich mit der anderen vorwärts. Nach einer Weile stieß sie gegen eine Holzwand und fand den Weg zu einer Tür, Das muß die Stalltür sein, dachte sie voller Erleichterung, weil Svala davor stehengeblieben ist. Welche Freude, endlich zu wissen, wo sie sich befanden! Astrid umarmte Svala zärtlich und öffnete dann die Tür.

Svala strebte auf ihre Box zu, und Astrid folgte ihr. Plötzlich stieß das Mädchen gegen etwas Hartes, biß sich auf die Zunge und ließ dabei die Zügel los. Als sie ihre Umgebung abtastete, merkte sie, daß sie vor der Wand der Box gelandet war.

Svala stand bereits auf ihrem angestammten Platz. Astrid folgte ihr. Es war ein wenig eng zwischen dem Bretterverschlag und dem Pony, doch Svala machte ihr bereitwillig Platz. Geduldig fingerte Astrid an der Trense, bis sie sie geöffnet hatte und abnehmen konnte. Das Halfter fand sie in der Pferdekrippe.

Petras Reitstunden pflegten bereits im Stall zu beginnen. Sie hatte sich bemüht, Astrid so viel wie möglich über die Pferdepflege und das Aufzäumen begreiflich zu machen. Nun war Astrid froh darüber. Sie schaffte es, den Sattel herunterzunehmen und legte ihn zusammen mit der Trense auf die Stallgasse. Dann berührte sie Svalas Beine. Petra hatte ihr beigebracht, daß man das nach jedem Ausritt tun mußte. Das Fell des Ponys war trocken und kühl, wie es sein sollte, doch die Fesseln waren voller Schmutz, und Astrid wischte Sandkörner, Tannennadeln und Erde mit den Fingern ab.

„Ach, Svala, du bist ein wunderbares Pferd! Du hast wirklich heimgefunden!“

Gerade in dem Augenblick, als Petra sich wieder auf die Suche nach Astrid machen wollte, klingelte im Stallbüro das Telefon. Agneta nahm ab.

„Petra, deine Mutter ist dran!“ rief sie.

Petra stürmte ins Büro und griff nach dem Hörer.

„Astrid und Svala sind zurückgekommen! Und sie sind beide gesund und munter!“

Petra sank auf einen Stuhl. Sie war so erleichtert, daß sie nicht wußte, was sie sagen sollte.

„Wann sind sie gekommen?“ stieß sie endlich hervor.

„Vor einer Weile. Ich merkte, daß die Stalltür offenstand, und ging hinein. Da hatte Astrid bereits abgesattelt; sie ist wohl schon vor einigen Minuten zurückgekommen.“

„Das muß ich gleich Lena und Frau Johanson sagen!“ rief Petra. „Wir kommen so schnell wir können. Tschüs!“

Wenige Minuten später saß sie neben Lena auf dem Rücksitz von Frau Johansons Wagen, um Astrid abzuholen. Es wurde nicht viel gesprochen, doch Petra schwirrte der Kopf.

Astrid war ohne Verletzungen zurückgekommen, und das war wichtiger als alles andere. Klaus’ Ahnung, daß Svala heimlaufen würde, war eingetroffen. Doch nun hatte Petra andere Sorgen. Würde Astrid nach diesem Abenteuer je wieder reiten wollen? Es mußte ja ein schreckliches Erlebnis für sie gewesen sein, und Petra hatte den Eindruck gewonnen, daß Astrid eine vorsichtige Reiterin war, die nichts riskieren wollte. Es wäre wirklich schade gewesen, wenn sie nun das Reiten aufgeben würde. Alles hatte doch so gut angefangen. Petra hatte inzwischen richtige Zuneigung zu ihrer Schülerin gefaßt und sich über jeden Fortschritt gefreut. Und nun hatte sie durch ihren Leichtsinn alles verdorben, so daß Astrid sich vielleicht nie wieder auf ein Pferd setzen wollte!

Lena brach das Schweigen, indem sie von Puppe und ihrem eigenen Sturz erzählte. Für sie gab es keinen Zweifel, daß Agneta an allem schuld war.

Gleich darauf bog das Auto in den Hof ein, und Petra konnte endlich mit Astrid sprechen. Das blinde Mädchen wirkte kein bißchen unglücklich oder verängstigt.

„Svala war großartig!“ versicherte Astrid immer wieder, als sie alle zusammen um Granbergs Küchentisch saßen und sich nach dem Abenteuer mit Himbeersaft stärkten. „Zuerst wollte sie nur grasen, aber dann ist sie ohne Zögern nach Hause gegangen. Einmal bin ich gestürzt, als sie über etwas sprang, aber daran war ich selbst schuld. Sie blieb nämlich stehen und wollte nicht weitergehen, doch ich begriff nicht, daß etwas im Weg war, und trieb sie an – da hat sie mir eben gehorcht und ist gesprungen. Sie konnte also nichts dafür.“

Es schien, als hätte Astrid bei diesem ungewöhnlichen Geländeritt eine Menge gelernt, und zu Petras Freude dachte sie offenbar gar nicht daran, das Reiten an den Nagel zu hängen.

Am Abend dieses aufregenden Tages stellte sich auch heraus, wo Svala stehengeblieben war, um zu fressen. Ein wütender Bauer rief in der Reitschule an und beklagte sich über sein zertrampeltes Haferfeld. Doch die Angelegenheit wurde in Ordnung gebracht, ohne daß Astrid etwas davon erfuhr.

Ein Pferd für Astrid

Bei Astrids nächster Reitstunde war die ganze Familie Johanson anwesend und sah zu.

Petra hatte Astrids Vater noch nie gesehen, und ihr erster Gedanke war, daß er feststellen wollte, ob das Reiten wirklich gefährlich sei. Doch er sah so sympathisch aus, daß er wohl kaum das Herz gehabt hätte, seiner Tochter diesen Sport zu verbieten.

Herr Johanson war hochaufgeschossen und mager und hatte dunkles Haar. Astrid glich ihm sehr, fand Petra, während Lena mehr ihrer Mutter ähnelte. Er hatte blaue Augen, genau wie Astrid.

In dieser Stunde ritt das blinde Mädchen besser als je zuvor. Nach dem dramatischen Reitausflug kam ihr die eingezäunte Bahn harmlos und vertraut vor, und sie spürte eine Sicherheit, die sie vorher nicht gekannt hatte. Astrid fürchtete sich nun nicht mehr vor Svalas eventuellen Einfällen, nicht einmal während des Galopps. Plötzlich war alles anders. Endlich hatte sie ihre ständige Furcht überwunden! Nach all dem, was sie und Svala gemeinsam durchgestanden hatten, vertraute sie dem Pony vollkommen.

Petras Gedanken waren teilweise abgelenkt; so bemerkte sie die Veränderung in Astrids Reitstil nicht so deutlich, wie es normalerweise der Fall gewesen wäre. Kurz vor dem Eintreffen der Johansons hatte nämlich Klaus angerufen.

„Wir wollen zum Baden fahren, möchtest du nicht mitkommen? Wir könnten dich abholen.“

Seine Stimme klang vergnügt und voller Erwartung, und als Petra erwiderte, daß sie nicht mitkommen könnte, war er enttäuscht gewesen. Das war zwar schmeichelhaft, aber Petra gefiel es nicht, daß er sie anschließend doch noch zu überreden versuchte.

„Wenn du gestern angerufen hättest“, sagte sie, „hätte ich die Stunde verschieben können. Aber jetzt ist Astrid bestimmt schon auf dem Weg hierher. Es ist also leider zu spät, um noch etwas zu ändern!“

„Ach, es wäre so prima gewesen! Wir wollen fast den ganzen Tag wegbleiben und Picknickkörbe mitnehmen.“

„Ein andermal komme ich gern mit“, sagte Petra, die fand, daß es richtig verlockend klang. „Und morgen sehen wir uns ja bei der Quadrillenübung. Wenn ich nur Rex dazu bringen könnte, ein bißchen eleganter zu gehen! Es ist so schwierig für mich, weil ich an Svala gewöhnt bin. Die beiden sind so furchtbar verschieden.“

Klaus‘ letzte Worte enttäuschten sie so, daß es ihr lieber gewesen wäre, sie hätte das Gespräch früher beendet. Das war so gar nicht der Klaus, den sie mochte und zu kennen glaubte.

„Dauernd diese Astrid!“ hatte er gereizt gesagt. „Hast du denn gar nichts anderes mehr im Sinn, als dir als Reitlehrerin ein Taschengeld zu verdienen? Es muß wirklich wahnsinnig lustig sein, sich mit hoffnungslosen Anfängern herumzuplagen.“

Das klang so hart und unfreundlich, doch Petra tröstete sich damit, daß er es wohl nicht so gemeint hatte. Er konnte doch unmöglich glauben, daß die Stunden mit Astrid Zeitverschwendung waren? Für sie war Astrid zu einer ihrer besten Freundinnen geworden, und sie konnte nicht verstehen, warum Klaus so abfällig von ihr sprach. Man mußte Astrid doch einfach gernhaben!

Wahrscheinlich hatte er sich sehr auf diesen Badeausflug gefreut und vielleicht sogar irgendeine Überraschung geplant. Nein, es hatte keinen Sinn, sich deshalb den Kopf zu zerbrechen!

Ohne es zu wissen, ergriff Petra vor sich selbst für KlausPartei und verteidigte ihn.

Keines der Mädchen kannte den Anlaß für Herrn Johansons Anwesenheit bei der Reitstunde, doch noch am gleichen Abend klingelte bei Granbergs das Telefon. Petra ging an den Apparat.

„Hallo, hier ist Astrid! Weißt du, was passiert ist?“ fragte das blinde Mädchen atemlos. „Du errätst es nie! Ich soll ein eigenes Pony bekommen! Lena darf es natürlich auch reiten, aber mir soll’s gehören. Willst du mitkommen, wenn wir eines aussuchen, Petra? Wir wissen ja nicht so genau über Pferde Bescheid, keiner von uns, und du könntest uns vielleicht ein paar gute Tips geben.“

„Du, das ist ja prima!“ rief Petra, als sie endlich zu Wort kam. „Klar komme ich mit! Aber ehe ihr euch endgültig entscheidet, solltet ihr jemanden fragen, der noch mehr Ahnung von Pferden hat als ich – Karin zum Beispiel.“

Wenige Tage später saß Petra im Auto der Familie Johanson. Sie waren auf dem Weg zu einem Bauernhof, um sich ein Pony anzusehen. „Zuerst wollen wir ein Gotlandpony besichtigen“, sagte Astrids Vater. „Und wenn uns das nicht gefällt, sehen wir uns ein paar … Tja, ich habe vergessen, wie die Rasse heißt, aber es handelt sich jedenfalls um irische Ponys.“

„Connemaraponys?“ fragte Petra.

„Ja, genau. Die sind viel teurer als die Gotlandponys; weshalb, weiß ich nicht.“

„Aber laß dich davon nicht beeinflussen, Astrid!“ sagte Frau Johanson. „Du sollst das Pony nehmen, das du am liebsten magst, das ist die Hauptsache.“

„Und es soll ruhig und verläßlich sein“, fügte Herr Johanson hinzu.

„Ich möchte eines, das so wie Svala ist“, erklärte Astrid.

Lena sagte gar nichts, doch ihre Augen glänzten erwartungsvoll.

Am späten Vormittag waren sie am Ziel. Der Besitzer des Hofes hieß sie herzlich willkommen und sagte: „Tja, dann sehen wir uns das Pony wohl gleich mal an. Es steht im Stall. Hier entlang, bitte schön!“

„Wie heißt es?“ fragte Lena.

„Corny. Es ist zehn Jahre, gerade alt genug, um ruhig und vernünftig zu sein.“

Ein Pferd kann auch vernünftig und ruhig sein, wenn es jünger ist, dachte Petra. Sie blieben vor der Box stehen, während der Hofbesitzer Sattel und Trense holte.

„Wie sieht es aus, Petra?“ fragte Astrid.

„Es hat schlanke, dunkle Beine, lebhafte Augen und eine dichte, ungebärdige Mähne. Es ist dunkelbraun und kleiner als Svala. Ich glaube nicht, daß es mich tragen könnte.“

Der Hofbesitzer tauchte wieder auf. „Ihr Mädchen wollt sicher gleich Probereiten“, sagte er und ging in die Box.

Das Pony schnappte nach ihm, als er den Sattel auflegte, und sträubte sich etwas gegen das Aufzäumen. Das war kein gutes Zeichen, denn Astrid brauchte ein Pferd, das weder biß noch ausschlug. Sie konnte ja nicht sehen, was das Tier tat. Mit einem tückischen Pony konnte ihr leicht etwas passieren.

Vor dem Stall war eine kleine Weide, auf der Astrid Probereiten konnte. Sicherheitshalber ging Petra neben dem Pony her. Corny legte ein paar Meter im Mittelschritt zurück und blieb dann stehen. Doch Astrid schaffte es nicht, das Pferd zum Weitergehen zu bewegen.

Nur mit Mühe gelang es Petra, das Pony endlich weiterzulocken. Dann versuchte Astrid, es zum Traben zu bringen, doch Corny blieb statt dessen stehen und preßte Astrids linkes Bein gegen den Zaun. Gereizt griff Petra nach der Trense und zog das Pony von der Weideumzäunung fort.

„Es ist so widerspenstig“, klagte Astrid. „Ich glaube nicht, daß ich es haben will.“

„Darf ich es mal versuchen?“ fragte Lena.

„Klar, wenn du willst. Eigensinnig ist es schon, aber da muß der Reiter eben besonders willensstark sein“, sagte der Verkäufer rasch. „Mein Junge ist leider viel zu klein, um mit Corny fertigzuwerden. Ich selbst bin zu schwer für das Pony, aber ihr Mädchen habt ja gerade die richtige Größe. Ihr werdet Corny im Handumdrehen Schliff beibringen, und dann wird ein prima Reitpferd aus ihm, davon bin ich überzeugt.“

Corny war ebenso störrisch, als Lena im Sattel saß. Doch dann gab sie dem Pony ein paar ordentliche Klapse und dann stürmte es wie der Blitz um die Weide. Plötzlich aber steckte es den Kopf zwischen die Vorderbeine und bockte. Lena flog wie ein Pfeil geradeaus und schlug einen perfekten Purzelbaum im Staub.

„Lena, hast du dir weh getan?“ rief Frau Johanson entsetzt. „Das ist ein gefährliches Tier! Das können wir nicht kaufen!“

Nach einem hastigen Abschied machten sie sich auf den Weg zu den Connemaraponys, die sie ebenfalls besichtigen wollten.

„Hier muß es sein“, sagte Herr Johanson nach einer Weile und bog in einen schmalen Zufahrtsweg ein.

„Oh, seht nur die Ponys!“ rief Lena. „Sind die nicht schön?“

„Die Pferde sind auf einer großen Wiese neben der Straße“, erklärte Petra dem blinden Mädchen, „und sie laufen am Zaun entlang. Sie galoppieren mit gespitzten Ohren und fliegenden Mähnen und Schwänzen. Ihre Augen sind groß und dunkel und die Mäuler klein und gerundet. Dort ist ein Schimmel, und daneben ein hellbraunes Fohlen. Die Ponys sind größer als Svala und wirklich wunderschön.“

Inhaberin des Gestüts war eine dicke, freundliche kleine Dame in Reithosen.

„Für einen Anfänger würde ich unsere Stute ‚Silver Stream‘ empfehlen“ sagte sie. „Auch ‚Brown Boy‘ ist ruhig und gesittet, aber er ist erst drei Jahre alt und noch nicht richtig eingeritten.“

Gemeinsam gingen sie zur Koppel.

„Silver! Boy! Kommt her!“ rief die Dame.

Zwei Ponys kamen leichtfüßig angetrabt.

„Dürfen sie Zucker haben?“ fragte Lena.

„Ja, etwas schon“, erwiderte die Besitzerin und griff nach den Halftern der beiden Jungpferde. „Sie bekommen meistens einen Leckerbissen; deshalb kommen sie auch so willig, wenn ich sie rufe.“

Während Astrid und Lena die Ponys streichelten und ihnen Zucker gaben, betastete Petra die Beine der Pferde und sah sich ihre Hufe an. Die Ponys bliesen warme Luft auf die Hände der Mädchen und ließen sich geduldig untersuchen.

„Wie lieb sie sind!“ sagte Astrid. „Darf ich sie reiten?“

„Freilich. Einen Augenblick, ich hole Sattel und Trense.“

Die freundliche Dame verschwand in Richtung Stall, der direkt an die Weide grenzte.

„Was meinst du, Astrid? Wollen wir nicht eins von den beiden kaufen?“ sagte Lena. „Die sind doch so goldig!“

„Erst müssen wir auf ihnen reiten“, erwiderte ihre Schwester vorsichtig.

Doch sie mochte die beiden Ponys gern. Sie hatten so eine liebe und freundliche Art, die sie ein wenig an Svala erinnerte.

„Ja, da hast du recht“, stimmte Petra zu. „Aber auf mich machen sie einen guten Eindruck. Sie sind edel und wohlerzogen.“

Plötzlich überlegte Petra, ob die kleine Dame es wirklich schaffen konnte, gleich zwei Sättel zu tragen. Als sie jedoch zum Stall blickte, sah sie diese mit einer Schubkarre kommen.

Astrid wollte zuerst die Schimmelstute ausprobieren, und Petra schwang sich auf Brown Boys Rücken.

„Reite, als wärst du allein auf der Bahn“, sagte Petra zu Astrid. „Ich werde aufpassen, daß ich dir nicht in die Quere komme.“

Vorsichtig und langsam begann Astrid am Zaun entlangzureiten, und Lena ging neben ihr her, um einzugreifen, falls es nötig war. Petra merkte rasch, daß das Jungpferd Brown Boy wirklich noch nicht oft geritten worden war. Er war jedoch aufgeweckt und klug und voller Eifer, alles richtig zu machen, so daß sie wirklich gut mit ihm zurechtkam.

Sie hätte ihn selbst gern gehabt, fand aber, daß ein so junges und ungeübtes Pferd für Astrid nicht das richtige war.

Die Besitzerin des Gestüts sah Petra mit zufriedenem Lächeln zu. Sie hatte die richtige Art, mit dem Jungpferd umzugehen. Die Stute schnitt weniger gut ab, denn Astrid ritt ziemlich unsicher über die Weide. Obwohl das Pony sich gut benahm, hatte Astrid das Gefühl, auf einem sehr großen, schnellen und wilden Pferd zu sitzen. Silver Stream gefiel ihr schon, aber konnte sie der Stute wirklich vertrauen?

„Darf ich es jetzt versuchen?“ bat Lena.

„Na, was meinst du, Astrid?“ fragte Herr Johanson, als Lena auf dem Schimmel davontrabte.

„Silver Stream kommt mir so … so groß und ungebärdig vor. Ich glaube, ich möchte ein etwas kleineres Pony.“

Astrid durfte auch Brown Boy, das Jungpferd, zur Probe reiten, doch mit ihm fühlte sie sich nur noch unsicherer. Die Sache endete damit, daß die Familie Johanson sich herzlich bedankte und ohne Pony wieder nach Hause zurückfuhr.

„Es gibt ja noch mehr Pferde auf der Welt“, sagte Astrids Mutter. „Wir werden schließlich schon das richtige finden, meint ihr nicht?“

„Ganz sicher. Ich komme gern wieder mit“, erwiderte Petra, als sie aus dem Auto stieg. „Tschüs, bis bald!“

„Haben Johansons ein Pferd gekauft?“ fragte Frau Granberg ihre Tochter beim Eintritt.

„Nein. Nur eines der Ponys kam in die engere Wahl, doch Astrid fand es zu lebhaft. Aber sie findet schon noch das, was sie sich vorstellt.“

„Oh, bestimmt. Übrigens hat während deiner Abwesenheit ein Junge angerufen.“

„Klaus?“

„Ja, so hieß er. Ich nehme an, er wollte etwas wegen der Vorführung in der Reitschule mit dir besprechen.“

„Das kann sein.“

Im gleichen Augenblick klingelte das Telefon wieder. Petra ging an den Apparat.

„Hallo, hier spricht Klaus. Wo bist du denn heute gewesen?“

„Ich war mit Johansons unterwegs. Wir haben nach einem Pony für Astrid gesucht“, erwiderte Petra.

Sie fragte sich plötzlich, wie er jetzt darauf reagierte. Würde er wieder ägerlich werden wie sonst, wenn sie wegen Astrid keine Zeit für ihn hatte? Nein, diesmal gab es keine Schwierigkeiten.

„Du, ich weiß, wo heute abend getanzt wird“, sagte er fröhlich. „Hast du Lust, mitzukommen? Es ist ein Stück von hier entfernt, wir müssen also mit den Rädern fahren.“

Es wurde ein schöner Abend, obwohl Petra und Klaus keinen von den anderen kannten, die noch am Fest teilnahmen. Petra merkte, daß sie sich ungezwungener benehmen konnte, wenn Charlotte und Agneta nicht in der Nähe waren. Wenn sie sich im Reitklub trafen, hatte sie oft das Gefühl, als wären die Zwillinge ihr gegenüber besonders kritisch. Vor allem Agneta schien sie nicht leiden zu können. Doch Petra tat für gewöhnlich so, als würde sie es nicht merken. Sie wollte nicht gern mit einer ihrer Klubkameradinnen verfeindet sein.

„Prima, daß du in der Klasse C mit Polly springen wirst“, sagte sie zu Klaus. „Da nehmen wir am selben Wettkampf teil.“

„Ja, jetzt haben wir schon fast August; bis zum Fest ist es gar nicht mehr so lange“, erwiderte er nachdenklich. „In ein paar Wochen muß ich leider wieder abreisen. Schade, daß die Schule so früh anfängt!“

„Du fährst heim? Aber zur Einweihung kommst du her?“

„Ja, klar. Das Fest ist ja an einem Samstag. Aber ich wünschte, ich könnte noch den ganzen August hierbleiben.“

Klaus ahnte nicht, daß sein Wunsch auf recht unerwartete Weise in Erfüllung gehen sollte.

„Komm, jetzt tanzen wir wieder“, sagte er, als die Musikanten eine neue Melodie zu spielen begannen.

Die Nächte waren nicht mehr so hell wie zur Mittsommerzeit. Obwohl der Mond schien, war es ziemlich finster, als Petra und Klaus mit den Rädern heimwärts fuhren. Bei der Auffahrt zu Petras Elternhaus blieben sie stehen, und Klaus lehnte sein Rad gegen den Zaun. Die Bienenkörbe im Garten wirkten in der Dunkelheit wie graue Gestalten. Kurre, der Kater, tauchte aus der Hecke auf und glitt wie ein Schatten über den Weg. Tagsüber strich er gern um Petras Beine, doch jetzt war er viel zu sehr mit seinen eigenen Abenteuern beschäftigt.

„Dann treffen wir uns also morgen im Reitstall“, sagte Petra lächelnd.

Ihre Hand lag auf der Lenkstange, und Klaus legte die seine darauf. Dann beugte er sich vor und drückte seine Lippen fest auf Petras Mund; dabei zerzauste er ihr spielerisch das Haar.

Nach dem Kuß lag seine Hand noch sekundenlang auf ihren Haaren, und sie sahen sich in die Augen. In Klaus’ Blick war etwas Neues, was Petra nie zuvor bemerkt hatte.

„Gute Nacht, Petra!“

Klaus stieg wieder auf sein Fahrrad und verschwand in der Dunkelheit. Langsam ging Petra die Anhöhe zum Haus hinauf und schob das Rad neben sich her.

Ihre Mutter war noch nicht zu Bett gegangen.

„War’s schön?“ fragte sie und sah von ihrer Handarbeit auf.

„Jaaa …“

„Es ist schon spät. Mach schnell, daß du ins Bett kommst.“

Zu Hause war alles beim alten. Petra wunderte sich fast ein wenig darüber, daß man ihr nichts anmerkte. Sie fühlte sich anders als sonst; ihr war, als müßte ihre Mutter sehen, daß sie eben geküßt worden war. Es war der erste Kuß, den sie von einem Jungen bekommen hatte.

Als sie endlich im Bett lag, konnte sie nur schwer einschlafen. Es war ein ereignisreicher Tag gewesen, und unzählige Gedanken schwirrten ihr durch den Kopf. Sie fragte sich, ob Klaus ihr im Herbst schreiben würde, wenn er wieder zu Hause war. Wenn er nur eine Reitkappe aufsetzen würde und nicht so leichtsinnig wäre, war das letzte, was Petra dachte, ehe sie einschlief.

*

In der folgenden Zeit war Petra noch öfter mit Astrid und Familie Johanson unterwegs, um sich in der näheren und weiteren Umgebung Ponys anzusehen.

Sie beschrieb Astrid stets, wie die jeweiligen Pferde aussahen. Ihre Erklärungen waren so lebendig, daß Lena und ihre Eltern ebenso interessiert zuhörten wie Astrid. Sie konnten die Ponys zwar selbst sehen, doch da sie nicht so gut über Pferde Bescheid wußten, fiel ihnen auch manches nicht auf, was Petra bemerkte.

Immer wieder wurden Proberitte unternommen. Lena begeisterte sich stets sehr rasch für jedes Pony, doch Petra war besonders kritisch, wenn es um Gehorsam und Betragen ging. Astrid brauchte ja ein Tier, auf das sie sich verlassen konnte, und bisher hatten sie noch keines gefunden, das diesen Anspruch uneingeschränkt erfüllt hätte.

Herr Johanson bemerkte keinen größeren Unterschied zwischen den verschiedenen Pferden. Jedes Pony, das ruhig und vernünftig wirkte, erschien ihm brauchbar. Er konnte nicht recht verstehen, weshalb Astrid sich so lange nicht entschließen konnte, und mit der Zeit wurde er ein wenig ungeduldig.

„Was war denn eigentlich an diesem Schecken auszusetzen? Ich fand, daß er verläßlich und brav wirkte“, sagte er eines Tages, als sie sich wieder auf dem Heimweg befanden. „Mochtest du ihn nicht, Astrid?“

„Er mochte mich nicht“, murmelte Astrid, „und er war widerspenstig. Er war ganz anders als Svala.“

„Ja, etwas störrisch war er schon“, stimmte Petra ihr zu. „Aber du mußt bedenken, daß alle Pferde verschieden sind. Du findest Svala vielleicht am besten, weil du an sie gewöhnt bist, aber du kannst einfach nicht hoffen, eine zweite Svala zu finden. Vielleicht wirst du ein anderes Pony genauso liebgewinnen, wenn du dich erst daran gewöhnt hast.“

„Ja, vielleicht“, sagte Astrid ohne Überzeugung.

Am folgenden Tag nahm Petra ihr Pony mit zur Reitschule und ritt mit ihm in die Halle. Sie hatte sich für den Dressurwettbewerb angemeldet, der ebenfalls anläßlich der Einweihungsfeier stattfinden sollte, und übte nun des öfteren unter Karins Aufsicht. Nachdem sie mehrere Jahre ohne Unterricht geritten war, kam es ihr nun vor, als hätte sie in diesem Sommer eine ganze Menge gelernt. Sie wartete mit großer Spannung auf die Wettkämpfe. Es mußte schön sein, zeigen zu können, was Svala konnte; schön, an einem Wettbewerb teilnehmen zu dürfen.

Würde Svala das Springturnier fehlerlos schaffen? Würde es mit der Dressur klappen, oder würde sie versagen, wenn Charlotte und Agneta und alle anderen zusahen? Gegen die Zwillinge hatte sie wohl keine Chance, doch man konnte ja auf ein Wunder hoffen.

Als Petra mit Svala nach der Stunde die Reitbahn verließ, sah sie plötzlich Herrn Johanson vor dem Stallgebäude stehen. Verwundert musterte sie ihn. Was machte er da ohne Astrid und Lena?

„Hallo, Petra!“ rief er und kam auf sie zu. „Ich möchte etwas mit dir besprechen.“

„Ist es wegen des neuen Ponys?“

„Ja und nein.“ Astrids Vater lächelte und sah sie gespannt an. „Ich wollte dich fragen, ob du bereit wärst, uns Svala zu verkaufen!“

Ist Cherokee das richtige Pferd?

„Du bist jetzt fünfzehn Jahre alt, stimmt’s?“ fuhr Herr Johanson hastig fort, ehe Petra sich von ihrer Überraschung erholt hatte. „In weniger als drei Jahren bist du zu alt, um noch in der Juniorenklasse mitkämpfen zu können. Dann wirst du sicher ein richtiges Reitpferd haben wollen, denn du wirst dich ja bestimmt an Turnieren beteiligen – du mit deinem Talent! Wir würden dir einen guten Preis für Svala zahlen, damit du dir ein richtig schönes, großes Pferd kaufen kannst. Du siehst doch, wie das mit Astrid ist. Svala scheint das einzige Pony zu sein, dem sie vertraut. Für dich ist es viel leichter, ein neues Pferd zu finden.“

„Svala ist nicht zu verkaufen!“ erwiderte Petra bestimmt. „Und für meine Zwecke genügt sie vollkommen!“

Svala verkaufen – was für ein Gedanke! Es mochte ja stimmen, daß sie in ein paar Jahren ein großes Pferd brauchen könnte, doch aber nicht, wenn sie dafür auf Svala verzichten mußte. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, ihr Pony gegen ein anderes Pferd zu tauschen; nicht einmal gegen ein Dutzend der hervorragendsten Turnierpferde.

„Mein Vorschlag kommt natürlich ziemlich unerwartet“, sagte Astrids Vater. „Aber du kannst es dir doch überlegen. Wir möchten so gern, daß Astrid ein Pony bekommt, mit dem sie zufrieden ist.“

„Das möchte ich auch“, erwiderte Petra, „aber Svala verkaufe ich nie! Sie müssen eben versuchen, daß man Ihnen irgendein braves Pony für eine Woche zur Probe überläßt, dann wird Astrid es sicher liebgewinnen.“

Petra ritt nicht direkt nach Hause, sondern machte noch einen Abstecher durch den Wald. Als sie an eine Wegkreuzung kam, beschloß sie, in den Pfad zur Rechten einzubiegen, und ehe sie noch am Zügel ziehen konnte, bog Svala schon von selbst nach rechts ab.

„Ich wäre wirklich verrückt, wenn ich dich verkaufen würde, Svala.“ Petra strich mit der Hand über die Mähne ihres Ponys. „Wir sind aufeinander eingespielt, du und ich. Und wenn Astrid ebenfalls ein eigenes Pony hat, können wir gemeinsam ausreiten.“

Petra seufzte. Es war nicht so leicht, ein Pferd für Astrid zu finden, wie sie geglaubt hatte. Ponys wie Svala wuchsen eben nicht auf den Bäumen.

Am nächsten Tag übte sie eine Weile auf ihrer eigenen Bahn Dressurreiten.

Svala machte ihre Sache gut, und Petra kehrte zufrieden zum Stall zurück. Als sie um die Ecke des Kuhstalls kam, sah sie, daß die ganze Familie Johanson mit dem Wagen angekommen war.

„Hallo, Petra, wir wollen uns ein neues Pferd ansehen!“ rief Lena ihr entgegen. „Kommst du mit?“

„Ja, klar. Ich bringe nur Svala in ihre Box.“

Petra stieg ab, und Svala ging ein paar Schritte auf Astrid zu. Mit leisem Wiehern reckte das Pony den Hals und versetzte dem blinden Mädchen einen freundschaftlichen Puff.

„Wir haben einen ziemlich weiten Weg vor uns. Es wird wohl den ganzen Nachmittag in Anspruch nehmen“, warnte Herr Johanson.

„Das macht nichts. Ich hatte heute sowieso nichts Besonderes vor.“

Sie fuhren gut zwei Stunden, ehe sie ihr Ziel erreichten. Petra verstand plötzlich, weshalb Herr Johanson die langen Ausflüge langsam etwas satt hatte.

Die Besitzerin des Pferdes, das zum Verkauf stand, war ein hochaufgeschossenes Mädchen in Petras Alter. „Cherokee wird langsam etwas zu klein für mich“, erklärte sie. „Ich brauche ein größeres Pferd. Er springt phantastisch, und ich würde ihn nie verkaufen, wenn ich das Geld hätte, um zwei Pferde zu halten, aber das geht nicht. Sie brauchen natürlich ein ruhiges und leicht zu leitendes Pony, und das ist Cherokee. Der Preis ist auch recht günstig.“

„Können wir ihn uns jetzt ansehen?“ fragte Frau Johanson.

„O ja, natürlich.“

Sie gingen zum Stall, wo das Pony in einer geräumigen Box stand, und das Mädchen holte Sattel und Trense.

„Wie sieht er aus?“ fragte Astrid wie gewöhnlich.

Petra besah sich das Pony genau und überlegte einen Augenblick. „Er ist graubraun, mit dichter schwarzer Mähne und buschigem Schwanz. Ich glaube, er ist genauso hoch wie Svala, aber viel kräftiger. Dick ist er jedoch auch nicht. Die Beine wirken stark, und er sieht gesund und gepflegt aus. Ruhig scheint er auch zu sein, aber man kann ja nie wissen. Er sieht uns aufmerksam an. Seine Augen leuchten durch die Stirnlokken, und er spitzt die Ohren. Auf der Oberlippe hat er einen kleinen weißen Fleck. Jetzt senkt er den Kopf, wir sind wohl doch nicht so besonders interessant für ihn.“

In diesem Augenblick kam das Mädchen mit Sattel und Trense zurück.

„Jetzt wird er gesattelt“, fuhr Petra fort. „Er steht ganz ruhig da und sträubt sich nicht. Er bläht sich nur ein bißchen auf, aber das tun die meisten Pferde, wenn der Sattelgurt angezogen wird.“

„Willst du zuerst probereiten?“ fragte das Mädchen und wandte sich dabei an Petra.

Petra machte ein unsicheres Gesicht.

„Ja, warum nicht?“ meinte Frau Johanson.

Das Pony ging ohne weiteres mit Petra aus dem Stall. Die Besitzerin zeigte den Mädchen eine kleine Koppel, auf der sie reiten konnten.

Cherokee war im Dressurreiten lange nicht so geschickt wie Svala, doch es gab auch Pferde, die ihre Sache viel schlechter machten.

„Versuch’s mit dem Hindernis dort drüben!“ schlug das Mädchen vor, als Petra einige Minuten lang geritten war.

Das Hindernis war ein weißes Gatter von knapp einem Meter, das in der Nähe des Zaunes stand. Na, jetzt wollen wir mal sehen, ob du wirklich so phantastisch springst, dachte Petra und steuerte direkt auf das Hindernis zu.

Das Pony spitzte die Ohren und fiel in Galopp. Petra fand, daß das Gatter für einen so kurzen Anlauf ein wenig hoch war, doch Cherokee vollführte einen kraftvollen Abstoß und setzte ohne das geringste Zögern darüber. Nach dem geglückten Sprung streichelte Petra das fremde Pony und kehrte im Trab zum Zaun zurück, wo die anderen warteten.

„Willst du es jetzt versuchen, Astrid? Cherokee ist nicht ganz so empfindlich in den Flanken wie Svala; du mußt also etwas stärkeren Schenkeldruck anwenden. Aber er ist leicht zu reiten.“

Astrid merkte, daß Petra recht hatte. Sie mußte die Schenkel wirklich fest andrücken, doch das Pony machte einen freundlichen und gefügigen Eindruck auf sie.

„Na, was meinst du, Astrid?“ fragte Frau Johanson nach einer Weile.

„Hm, ich weiß nicht so recht. Cherokee ist auf jeden Fall eines der besten Ponys, die wir uns bisher angesehen haben. Aber leicht ist es nicht, ihn zu reiten.“

„Könnten wir das Pony vielleicht für eine Woche zur Probe bekommen, ehe wir uns entschließen?“ fragte Herr Johanson.

Das Mädchen machte ein nachdenkliches Gesicht. „Ich reise in ein paar Tagen nach Italien“, sagte sie. „Aber halt, jetzt weiß ich, wie wir es machen! Sie können Cherokee mieten, bis ich Anfang September zurückkomme. Dann bleibt Ihnen genug Zeit, um festzustellen, ob Sie ihn haben wollen oder nicht.“

„Wäre dir das recht, Astrid?“ fragte Frau Johanson.

„Ja, keine schlechte Idee.“

„Hurra!“ schrie Lena.

Schon am nächsten Tag stand Cherokee im Stall der Reitschule, und Lena und Astrid wohnten nun mehr oder weniger mit in seiner Box. Das Pony war sanft und freundlich und hatte nichts dagegen, daß die Schwestern stundenlang bei ihm saßen. Manchmal bettelte er um Süßigkeiten, doch er schnappte nie nach jemandem.

„Du könntest jetzt sicher schon bei einer gewöhnlichen Reitstunde mitmachen“, meinte Petra, die jeden Tag kam und ihrer blinden Freundin half, Cherokee zu versorgen.

Doch das wollte Astrid nicht, und Petra drängte nicht. Eines Vormittags sahen sie bei einer Reitstunde zu, an der Lena teilnahm. Das heißt, Petra sah zu und erzählte Astrid, was vor sich ging.

„Macht Cherokee heute einen faulen Eindruck?“ fragte Astrid.

„Nein, das finde ich nicht. Er scheint gern zu springen, und die Hindernisse sind ja auch sehr niedrig.“

„Gestern war er furchtbar träge, als ich ihn ritt.“ Astrid seufzte. „Manchmal trabt er plötzlich im Kreis herum und biegt nach links oder rechts ab, so daß ich nicht mehr weiß, wo vorn und hinten ist. Und wenn ich mich dann endlich wieder zurechtgefunden habe, ist er fast eingeschlafen und will einfach nicht munter werden.“

„Ja, gestern hat er sich dumm benommen“, stimmte Petra zu. „Mal sehen, wie es heute klappt.“

Astrid hatte gehofft, daß sie von Tag zu Tag besser mit dem Pony zurechtkommen würde. Sie hatte gedacht, daß Cherokee zum Ende der Bedenkzeit ebenso verläßlich und gefügig wie Svala sein würde, so daß sie aus vollem Herzen sagen konnte: „Den will ich haben!“

Doch Cherokee war durchaus nicht gefügiger geworden. Im Gegenteil; er hatte entdeckt, daß Astrid eine sanfte und nachgiebige Reiterin war. Lena war zwar etwas bestimmter, aber sie war noch ziemlich klein und leicht. So entdeckte Cherokee ganz einfach, daß er der Stärkere von ihnen war.

Als der Unterricht beendet war, wurden die Pferde der Reitschule in den Stall zurückgeführt. Astrid schwang sich auf Cherokees Rücken, und Lena stellte die beiden Radios in den Ecken der Bahn auf.

Petra bewaffnete sich noch mit einer Reitgerte, und dann begann die Stunde. Cherokee ging gehorsam vorwärts, solange Petra ihm folgte und mit der Peitsche drohte, doch kaum war sie in sicherem Abstand, begnügte er sich mit einem langsamen, schläfrigen Trott.

„Himmel, ist der heute wieder faul!“ seufzte Astrid nach einer Weile.

„Läßt du’s mich mal versuchen?“ fragte Petra.

Tatsächlich gelang es ihr schnell, das Pony in Trab zu bringen. Sie ritt einige Runden im Galopp, um Cherokee aufzuwecken. Als Astrid dann wieder im Sattel saß, zeigte er sich etwas williger als vorher, doch es hielt nicht lange an.

„Willst du ihn noch eine Runde reiten?“ fragte Astrid, als Cherokee wieder allzu langweilig wurde.

„Nein, ich kann ihn doch nicht dauernd antreiben“, erwiderte Petra. „Das mußt du selbst lernen; schließlich willst du ihn ja reiten.“

„Komisch“, sagte Lena, „beim Springen war er doch noch ganz munter.“

„Das hat ihm wohl mehr Spaß gemacht“, meinte Petra. „Also gut, wir holen ein paar Kisten her, dann sehen wir schon, ob’s besser geht.“

„Aber ich kann doch nicht springen!“ protestierte Astrid.

„Du kannst es ja lernen“, sagte Petra. „Es ist wirklich keine Kunst, über eine niedrige Kiste zu springen.“

Doch Cherokee stieg vorsichtig über das Hindernis und setzte seinen gleichmäßigen Trott am Zaun entlang fort.

„Mach halt und wende auf der Vorderhand!“ rief Petra. „Ja, so ist es gut. Reite jetzt im Trab heran! Treib ihn an!“

Als Cherokee sah, daß Petra auf ihn zukam, fiel er in heftigen Trab. Er setzte seinen Weg sicher und geschmeidig über die Kiste fort. Dann stellte Petra zwei Kisten aufeinander und eine dritte unmittelbar davor, so daß die Hindernisse im Sprung genommen werden mußten.

„So, jetzt hab ich ein kleines Hindernis aufgebaut. Reite einfach gerade darauf zu und treibe Cherokee energisch an.“

Sicherheitshalber stellte sich Petra auf die eine Seite, damit das Pony nicht ausbrechen konnte. Doch es trabte ohne Zögern auf die Kiste zu und setzte mit sauberem und geschmeidigem Sprung darüber. Astrid saß ruhig im Sattel und störte ihn kaum dabei.

„Das war gut“, sagte Petra.

„O … Springen ist ja eine tolle Sache!“ stieß Astrid hervor.

Sie sprang noch mehrmals über das kleine Hindernis. Manchmal konnte sie Cherokee nach dem Absprung sogar dazu bringen, in Galopp zu fallen. Petra dachte an das Springturnier in Klasse Leicht-C. Es war wirklich schade, daß Astrid blind war, sonst hätte sie vielleicht mit Cherokee am Wettkampf teilnehmen können. Zum Üben wäre ja noch genug Zeit gewesen.

Nach der Lektion sattelte Astrid das Pony selbst ab.

„Petra, kannst du morgen auch kommen?“ fragte sie. „Ich möchte gern wieder springen.“

„Ich auch!“ warf Lena rasch ein.

Petra sah von einer zur anderen.

„Soll ich Svala mitbringen, damit ihr beide gleichzeitig springen könnt?“

„Oh, würdest du das tun? Darf ich Svala reiten?“ fragte Astrid eifrig, und Petra nickte.

Am Nachmittag war Training für die Vorführungen zur Einweihungsfeier. Lena war auch mit von der Partie und übte Voltigereiten auf Troll. Karin führte das Fjordpferd an der Longe und ließ die Mädchen auf- und abspringen, während Troll über die Bahn trabte. Die Mädchen lernten auch einfachere Kunststücke auf dem Pferderücken. Mit ihrem gut ausgeprägten Gleichgewichtssinn kam Lena besser zurecht als die meisten anderen.

Am folgenden Morgen hielt Petra eine Privatstunde für die beiden Schwestern ab. Astrid ritt Svala mit glücklichem Lächeln, und Lena kämpfte tapfer mit Cherokee. Sie war ja daran gewöhnt, sogar auf größeren Pferden zu sitzen. Auch Rex und Troll waren nicht immer einfach.

Petra stellte ein paar niedrige Hindernisse auf, und sowohl Lena als auch Astrid schafften die Sprünge leidlich. Manchmal verloren sie die Steigbügel oder gingen zu spät im Sprung mit, so daß sie beim Landen unsanft in den Sattel zurückplumpsten. Sie stürzten jedoch nicht vom Pferd, und einige Sprünge gelangen recht gut. Petra mußte ganz einfach feststellen, daß Astrid viel besser auf Svala ritt als auf Cherokee. Kein Wunder, daß ihr Vater Svala gern für sie gekauft hätte.

Nein, dachte Petra heftig. Ohne Svala, nein! Ich kann sie nicht hergeben!

„Jetzt fangen die anderen schon an, die Pferde für die erste Reitstunde zu satteln“, sagte sie nach einer Weile. „Wir müssen die Bahn bald freimachen.“

„Wie schade! Ich wäre gern noch viel länger geritten“, erwiderte Astrid.

„Wir könnten ja einen Ausritt machen“, schlug Petra vor.

„Das traue ich mich nicht!“

„Aber außer mir ist doch niemand dabei. Keine nervösen Pferde reiten mit, und wir brauchen auch nicht zu galoppieren.“

Petra hielt es für wichtig, Astrid die Angst vor einem weiteren Geländeritt zu nehmen. Sie war der Meinung, daß sie selbst die Schuld an Astrids Furcht trug, und wollte ihren Fehler gern wiedergutmachen.

„Aber wenn ich mich wieder verirre?“ fragte Astrid zweifelnd.

„Ich werde schon auf dich aufpassen. Cherokee wirft mich nicht ab wie damals Rex.“

„Dann darf ich auf Svala reiten?“

„Ja, klar. Also gut, dann machen wir uns gleich auf den Weg.“

Astrid saß still und etwas verwirrt auf Svalas Rücken, während Petra sich in Cherokees Sattel schwang. Astrid wollte eigentlich gar nicht ausreiten, doch sich mochte auch nicht länger widersprechen, um nicht feige zu erscheinen.

Natürlich machte es ihr Freude, Svala zu reiten. Trotzdem stieß sie einen erleichterten Seufzer aus, als sie nach einem kurzen, ruhigen Spazierritt zur Reitschule zurückkehrten.

„Hat’s Spaß gemacht?“ fragte Lena schon von weitem.

Ihre Schwester nickte.

„Willst du morgen wieder ausreiten?“ schlug Petra vor.

Astrid überlegte einen Augenblick und erwiderte dann, ja, sie hätte nichts dagegen.

Morgen muß ich Astrid dazu bringen, Cherokee zu reiten, dachte Petra auf dem Heimweg. Wenn sie dieses Pony bekommen soll, ist es wichtig, daß sie endlich lernt, mit ihm zurechtzukommen.

Astrid betastete den Sattelgurt.

„Würdest du den Riemen bitte noch ein Loch enger schnallen, Petra? Ich schaff es einfach nicht.“

Petra kam und zog am Gurt.

„Jetzt reicht es bestimmt. Wollen wir losreiten?“

„Ja, wenn du meinst.“

Die Mädchen stiegen auf die Pferde und ritten los, während Lena im Stall zurückblieb. Astrid verkürzte die Zügel sicherheitshalber ein wenig. Sie traute Cherokee nicht ganz, und jetzt waren sie nicht länger von einem schützenden Zaun umgeben.

„Lassen wir die Ponys traben“, schlug Petra vor.

Astrid trieb Cherokee mit einem Schenkeldruck an, doch gleichzeitig zog sie die Zügel vor Angst so straff an, daß das Pony nur im Schritt weiterging. Wieder versuchte sie ihn anzutreiben; da warf Cherokee zornig den Kopf zurück, so daß Astrid den einen Zügel losließ, und fiel in Trab. Hastig griff sie wieder nach dem Zügel und hielt sich sicherheitshalber auch noch an der Mähne fest.

Nach einer Weile fragte Petra, ob sie galoppieren wollte.

„Nein, nicht auf Cherokee!“ erwiderte Astrid entschieden.

So ritten sie abwechselnd im Mittelschritt und im Trab weiter. Plötzlich erhob sich dicht neben ihnen ein wildes Geflatter, und Cherokee zuckte zusammen.

„Was war das?“ fragte Astrid erschrocken.

„Nur eine Drossel, die aufgeflogen ist.“

Nach diesem Zwischenfall war Astrid doppelt wachsam und hatte nur noch den einen Wunsch, möglichst bald wieder umzukehren. Sie fürchtete sich nicht vor Cherokee, wenn sie innerhalb der sicheren Umzäunung der Reitschule waren, doch hier im Wald hatte sie das Gefühl, dem Pferd ausgeliefert zu sein.

Als sie zurückkamen, stand Klaus vor dem Stall. Die Sommerferien waren fast vorüber, und er sagte, er müsse am nächsten Tag wieder nach Hause fahren. Plötzlich fühlte sich Petra seltsam ratlos und bedrückt.

„Hast du Lust, heute abend mit mir ins Kino zu gehen?“ fragte Klaus.

„O ja, prima. Aber wir müssen wohl früh los, wenn wir rechtzeitig in die Stadt kommen wollen.“

„Mach dir keine Sorgen“, sagte er. „Wenn wir bis zur Acht-Uhr-Vorstellung warten, kann ich mir ein Auto leihen.“

Er versprach, Petra abzuholen, und keiner von beiden ahnte, welche Folgen diese Verabredung haben sollte.

Eine gefährliche Fahrt

Petra verbrachte einen Teil des Nachmittags damit, ihr ungebärdiges Haar auf Lockenwickler zu drehen, damit es sich endlich einmal so frisieren ließ, wie sie es sich vorstellte. Lange Zeit saß sie mit Kamm und Bürste vor dem Spiegel, ehe sie einigermaßen zufrieden war.

Ihre Haare waren dicht und glänzend und hatten die Farbe eines reifen Weizenfeldes. Petra sah nachdenklich in die grau-grünen Augen ihres Spiegelbildes. Ihre Haut war gleichmäßig gebräunt, ihr Gesicht leicht oval. Zum erstenmal merkte Petra, daß sie eigentlich ganz hübsch war.

Sie zog das gleiche Kleid an, das sie am Mittsommerabend getragen hatte, und band eine silberne Halskette um, die noch von ihrer Großmutter stammte.

„Klaus ist doch hoffentlich ein sicherer Fahrer?“ fragte ihre Mutter und steckte den Kopf durch die Tür.

„Ich nehme es an.“

Petra war noch nie mit Klaus im Auto gefahren, doch sie hoffte, daß er hinter dem Steuer nicht ebenso sorglos war wie manchmal im Sattel.

Nun mußte er bald kommen, wenn sie rechtzeitig zur Vorstellung in der Stadt sein wollten. Petra konnte es nicht leiden, bei solchen Gelegenheiten erst in letzter Minute zu erscheinen. Sie ging zum Bücherregal und wählte eines ihrer Lieblingsbücher aus, um sich die Wartezeit zu verkürzen.

Nach einer Weile sah sie wieder auf die Uhr. Weshalb kam Klaus so lange nicht? Vielleicht hatte er unterwegs eine Reifenpanne gehabt; so etwas konnte ja passieren.

Petra war mit der Zeit recht geschickt darin geworden, sich Entschuldigungen für Klaus auszudenken. Und wenn ihr das nicht gelang, sagte sie sich, daß er ja unmöglich dem Idealbild gleichen konnte, das ihr von einem Jungen vorschwebte. Klaus war auch nur ein Mensch, und sie mußte ihn eben so hinnehmen, wie er war – mit seinen guten und schlechten Seiten.

Die Minuten vergingen, und Petra glaubte immer mehr, daß etwas passiert sein mußte. Gerade als sie bei Klaus’ Verwandten anrufen wollte, um zu fragen, wann er losgefahren wäre, hörte sie, wie sich ein Wagen über dem Hügel näherte.

Rasch griff sie nach einer Strickjacke und ihrer Tasche und eilte aus dem Haus. Ein schwarzer Opel bremste vor der Tür. Klaus saß hinter dem Steuer. Petra öffnete den Wagenschlag und setzte sich neben ihn.

„Hallo, Petra!“

„Ich dachte, wir würden früher losfahren. Schaffen wir’s überhaupt noch?“

„Ach ja, klar. Ich mußte unterwegs noch tanken, aber deswegen versäumen wir den Anfang des Films bestimmt nicht.“

Petra legte den Sicherheitsgurt um.

„Willst du dich nicht auch anschnallen?“ fragte sie.

„Schon recht, wenn du meinst. Aber ich habe nicht vor, mit einem anderen zusammenzustoßen“, erwiderte Klaus lachend und schnallte sich an, während sie zur Landstraße abbogen.

Dann trat er aufs Gaspedal, und der Wagen schoß vorwärts. Sie passierten ein Schild mit einer Geschwindigkeitsbegrenzung auf 70 Kilometer in der Stunde, hatten jedoch bereits ein viel höheres Tempo erreicht. Auf einer Straßenkuppe mit schlechter Sicht überholten sie ein anderes Auto in rasender Fahrt.

Du lieber Himmel, wenn nun ein Wagen aus der entgegengesetzten Richtung kommt, dachte Petra während des Überholens. Verstohlen schielte sie auf den Tachometer. Er zeigte hundertzwanzig. Sie sagte nichts, weil sie fürchtete, Klaus könnte sie für feige halten; doch ihr Griff um die Handtasche wurde fester, ohne daß sie es merkte.

Sie kamen noch an mehreren Schildern mit Hinweisen auf Geschwindigkeitsbegrenzungen vorbei, die Klaus wohl kaum übersehen konnte, aber der Zeiger des Tachometers ging ständig nach oben. Petras Fingernägel gruben sich in das Leder der Tasche. Es war doch gefährlich, so schnell zu fahren.

Schließlich konnte sie sich nicht länger beherrschen.

„Meinst du nicht, daß wir zu schnell fahren?“ fragte sie vorsichtig. „Geht’s nicht ein bißchen langsamer?“

„Ich dachte, du wolltest rechtzeitig ins Kino kommen.“

„Nicht, wenn du so rasen mußt. Ich mag das nicht.“

„Ich hätte wirklich nicht gedacht, daß du so ein Angsthase bist. Das ist doch völlig ungefährlich!“

„Natürlich ist’s gefährlich! Bitte, fahr langsamer!“

Klaus preßte die Lippen aufeinander und antwortete nicht. Petra glaubte offenbar, er wäre kein sicherer Fahrer, und das reizte ihn. Sie wollte ihm Vorschriften machen, wie er zu fahren hatte. Als wüßte sie es besser. Klaus wurde richtig wütend.

„Nennst du das langsamer?“ rief Petra erschrocken, als sie merkte, daß er das Tempo sogar noch erhöhte. „Bist du denn verrückt geworden?“

Petra hatte sich so auf diesen Abend gefreut, doch nun schien er sich plötzlich in einen Alptraum zu verwandeln. Der Asphalt floß zu einer furchterregenden grauen Masse zusammen, die leuchtend weißen Markierungen schienen immer schneller auf sie zugerast zu kommen. Sie merkte, wie ihr Herz hämmerte.

„Halt an, Klaus! Ich will aussteigen!“

„Sei nicht albern. Ich habe den Wagen doch unter Kontrolle.“

„Ich meine es ernst. Fahr vernünftig, oder laß mich aussteigen.“

In einer Kurve neigte sich der Wagen bedenklich zur Seite und wurde halbwegs auf die linke Fahrspur geschleudert, doch Klaus bekam ihn wieder unter Kontrolle und fuhr im gleichen Tempo weiter.

„Bitte, Klaus, hör auf!“ rief Petra verzweifelt.

„Mach doch nicht so ein Theater!“

Petra schlug plötzlich einen anderen Ton an.

„Wenn du willst, daß ich je wieder mit dir ausgehe, solltest du augenblicklich anhalten“, sagte sie eiskalt und beherrscht.

„Pah, du machst Witze! Wieso sollen wir hier stehenbleiben, wenn wir doch ins Kino wollen?“

„Wenn du nicht sofort langsamer fährst, gehe ich nicht mit ins Kino – weder jetzt noch sonst irgendwann! Falls du noch eine Minute länger so rast, ist es aus zwischen uns.“

Doch Klaus kümmerte sich nicht um ihre Drohung. Petra begriff nicht, was in ihn gefahren war. Was sollte sie nur tun? Das war schlimmer, als auf einem durchgehenden Wildpferd zu sitzen. Die Reifen quietschten, der Wagen schleuderte, und Petra erwartete, daß sie jeden Augenblick im Straßengraben landeten – doch das wäre immer noch besser gewesen als ein Zusammenstoß.

„Das ist das erste und letzte Mal, daß wir beide zusammen in einem Auto sitzen“, sagte sie verbissen.

„Was würdest du eigentlich tun, wenn ich dich wirklich hier aussteigen ließe?“ Klaus lehnte den Kopf lässig gegen die Nackenstütze.

„Zu Fuß nach Hause gehen. Du denkst wohl, ich meine es nicht ernst, aber ich werde es dir beweisen. – Das heißt, wenn wir so lange leben“, fügte sie trocken hinzu.

Es wurde unangenehm still im Wagen; man hörte nur das Heulen des Motors und das Quietschen der Reifen. Ein anderes Auto tauchte auf, und Petra wurde unwillkürlich starr vor Schreck, bis es vorbeigefahren war. Nie hatte sie geglaubt, daß Klaus sich so verrückt benehmen könnte. Sie war schrecklich wütend und gleichzeitig schrecklich ängstlich. Doch da Klaus sich sowieso nicht um ihre Bitten und Drohungen kümmerte, schwieg sie.

Wieder raste der Wagen in eine Kurve. In der Dunkelheit sah Klaus zu spät, wie scharf sie wirklich war. Das Auto kam ins Schleudern und schlitterte auf die linke Straßenseite. Klaus umklammerte das Steuerrad und trat auf die Bremse, so fest er konnte, doch es nützte nichts.

Der Wagen schoß einen grasbewachsenen Abhang hinunter, holperte über einen Graben und stieß schließlich krachend gegen einen gefällten Baumstamm.

Um Petra herrschte tiefe Finsternis. Das Geräusch von splitterndem Glas drang an ihre Ohren. Es gab einen Krach, der ihren ganzen Körper erschütterte.

Sekundenlang rang sie nach Luft. Der Ruck im Sicherheitsgurt hatte ihr den Atem genommen. Es dauerte einige Zeit, bis sie merkte, wie still es plötzlich war.

„Klaus?“

Keine Antwort.

Alles blieb still und dunkel. Petra wurde von Panik erfaßt. Rasch öffnete sie ihren Gurt. Im gleichen Augenblick durchzuckte ein messerscharfer Schmerz ihren linken Arm. Sie stöhnte und blieb einen Moment bewegungslos sitzen. Es war wohl am besten, wenn sie den Arm möglichst ruhig hielt.

Langsam streckte sie die rechte Hand zur Tür aus, griff jedoch in die Luft. Die Wagentür war beim Aufprall offenbar aufgerissen worden. Vorsichtig hob sie beide Beine und schob sich zur Seite, so daß sie den Boden mit den Füßen erreichte und aus dem Wagen steigen konnte. Zu ihrer Verwunderung merkte sie, daß sie tatsächlich noch stehen konnte. Und Klaus bewegte sich nicht. Was war ihm passiert?

Die Sterne leuchteten wie kleine weiße Punkte am Himmel. Die Straßenkante zeichnete sich als dunkler Strich gegen den Horizont ab. Dorthin mußte sie, und zwar sofort. Entschlossen begann Petra in Richtung zur Straße zu gehen, um ein Auto anzuhalten und Hilfe zu holen.

Den Graben am Fuß des Abhangs sah sie nicht. Plötzlich trat sie ins Leere, stolperte und fiel. Im Fallen hielt sie den linken Arm hoch, doch der Stoß schmerzte trotzdem.

Petra biß die Zähne zusammen und kletterte wieder aus dem Graben. Eigensinnig stapfte sie weiter. Den Abhang hinauf ging es sehr langsam, denn ihre dünnen, glatten Sandalen glitten immer wieder auf dem taunassen Gras aus.

Endlich war sie oben. Die Straße lag leer und dunkel vor ihr, soweit sie sehen konnte. Abends war diese Strecke kaum befahren. Petra begriff, daß es vielleicht mehrere Stunden dauern konnte, bis man sie oder Klaus zu Hause vermißte. Man erwartete sie ja nicht vor Ende des Films zurück.

Plötzlich tauchten in der Ferne die Lichter eines Wagens auf. Petra überlegte blitzschnell. Wie konnte sie das Fahrzeug anhalten? Sollte sie es wagen, sich mitten auf die Fahrbahn zu stellen?

Wie dumm von ihr, daß sie nicht nachgesehen hatte, ob in Klaus’ Auto ein Warndreieck lag!

Der Fahrer des herankommenden Wagens sah plötzlich, wie sich jemand am Rand des Scheinwerferkegels bewegte. Dann merkte er, daß ein Mädchen auf dem Mittelstreifen der Straße stand und winkte. Eine Anhalterin, dachte er, und trat auf die Bremse.

Er hielt an und öffnete die Tür. Doch das Mädchen stieg nicht ein, und als er sie genau betrachtete, wurde ihm klar, daß er es hier durchaus nicht mit einer gewöhnlichen Anhalterin zu tun hatte.

„Hallo!“ schrie Petra. „Wir sind in den Graben gefahren, und mein Freund liegt bewußtlos im Auto. Sie müssen uns helfen!“

Der Autofahrer sah sie entsetzt an. Petra fing seinen Blick auf und schaute an sich herunter. Erst sah sie nur ihr beschmutztes Kleid, doch dann bemerkte sie, daß ihre linke Hand seltsam schlaff herabhing, als sei sie am Handgelenk abgeknickt. Der Arm mußte gebrochen sein. Doch was war Klaus zugestoßen?

„Bitte, kommen Sie“, drängte sie. „Vielleicht bleibt uns nicht viel Zeit.“

„D-der Wagen kann nicht hier in der Kurve stehenbleiben. Ich m-muß ihn zuerst an einer sicheren Stelle parken“, sagte der Mann ängstlich.

„Ja, aber bitte beeilen Sie sich.“ Petra schlug die Tür wieder zu und trat zurück.

Während das Auto vorwärtsrollte, überlegte der Fahrer, was er tun sollte. Schon der Anblick des gebrochenen Armes verursachte ihm Übelkeit. Und was ihn im Unglücksfahrzeug erwarten mochte, daran wollte er lieber gar nicht denken. Dabei schien das Mädchen zu glauben, daß er ihr helfen könnte. Er fühlte sich vor Schreck wie gelähmt. Daß so etwas ausgerechnet ihm passieren mußte.

Petra war stehengeblieben und sah dem Wagen nach. Nach der Kurve leuchteten die Bremslichter auf. Doch im nächsten Augenblick verlöschten sie wieder, das Auto schoß vorwärts und verschwand in rascher Fahrt zwischen den Bäumen.

Petra konnte es einen Moment lang einfach nicht fassen, doch es gab keinen Zweifel: Der Autofahrer hatte sich aus dem Staub gemacht.

Sie begann zu schluchzen. Dann wurde ihr klar, daß es falsch gewesen war, Klaus allein zurückzulassen. Vielleicht konnte sie etwas für ihn tun, auch ohne die Hilfe eines anderen. Die Straße lag wieder verlassen da; so wandte sie sich um und stolperte zum Auto zurück.

Im Wageninnern war es stockdunkel.

„Petra, wo bist du?“

Klaus’ Stimme klang angstvoll und jämmerlich.

„Hier! Oh, was ist los mit dir?“

Vorsichtig stieg sie wieder in den Wagen und schonte dabei ihren gebrochenen Arm, so gut es ging.

„Was ist passiert?“

Klaus wirkte so verwirrt, daß Petra richtig Angst bekam.

„Wo sind wir? Warum sitze ich hier?“

„Erinnerst du dich nicht, daß wir in den Graben gefahren sind?“

„Tatsächlich? Aber … ja, wenn du es sagst, wird es schon stimmen.“

Er sprach langsam, als müßte er sich anstrengen, um seine Gedanken zu ordnen.

„Hast du irgendwo Schmerzen?“ fragte Petra.

„In meinem Kopf dreht sich alles, aber … das geht wohl vorüber. Ich muß nur ein bißchen ausruhen.“

„Bleib hier sitzen, ich will versuchen, ein Auto anzuhalten und Hilfe zu holen.“

„In einer Viertelstunde können wir bestimmt weiterfahren“, murmelte Klaus. „Laß mich nur eine Weile hier sitzen.“

Petra lauschte angstvoll. Klaus kam ihr so seltsam geistesabwesend vor. „Ja, bleib sitzen und bewege dich nicht!“ sagte sie eindringlich.

Dann machte sie sich wieder auf den Weg. Diesmal kam ihr die Strecke sehr lang vor, und als sie die Straße endlich erreicht hatte, war sie noch immer leer und verlassen. Kein Auto war in Sicht. Petra zitterte vor Angst und Kälte. Jede Minute erschien ihr wie eine Stunde, und sie stellte sich voller Entsetzen vor, wie es wäre, die Nacht hier verbringen zu müssen. Sie schwankte zwischen dem Wunsch, zum Auto zurückzukehren, und der immer schwächer werdenden Hoffnung, Hilfe zu bekommen.

Doch plötzlich näherte sich wieder ein Wagen. Diesmal stellte sich Petra direkt vor die Kurve, damit das Fahrzeug gleich an dieser Stelle stehenbleiben konnte – falls es stehenblieb. Doch würde der Fahrer sie überhaupt sehen?

Zu ihrer grenzenlosen Erleichterung verringerte der Fahrer wirklich das Tempo und hielt an. Es war ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren. Er schraubte das Wagenfenster herunter, und Petra nahm ihre letzte Kraft zusammen, um Ruhe zu bewahren und nicht hysterisch zu werden.

„Können Sie uns helfen? Wir sind in den Graben gefahren, und …“

„Wo ist es passiert?“

„Dort unten.“ Petra deutete mit ihrem gesunden Arm auf die Unglücksstelle.

Der Mann stellte rasch den Motor ab, stieg aus und ging zum Kofferraum seines Wagens.

„Ist jemand verletzt?“

„Ja, ich glaube.“

Damit meinte sie Klaus. An sich selbst dachte sie gar nicht. Der Mann stellte rasch ein Warndreieck auf die Straße und griff nach einem Verbandskasten und einer Taschenlampe.

„Beeilen wir uns.“

Er hat wenigstens keine Angst, dachte Petra erleichtert, als sie dem Fremden im Schein der Taschenlampe über den Abhang folgte. Es war schön, die Verantwortung endlich einem anderen überlassen zu können. Plötzlich merkte sie, daß sie sehr müde war. Ihr unbekannter Helfer ging entschlossen vorwärts, und Petra war überzeugt, daß er wissen würde, was zu tun war.

Dann traf der Lichtstrahl seiner Taschenlampe den Wagen, und Petra stieß ein entsetztes Keuchen aus.

„Totalschaden“, murmelte die Stimme neben ihr.

Die ganze Vorderfront des Fahrzeugs war wie eine Ziehharmonika zusammengepreßt, und die Kühlerhaube zeigte zum Himmel.

„Das muß ein ordentlicher Aufprall gewesen sein. Wie viele seid ihr?“

„Nur zwei. Klaus war ohnmächtig, aber inzwischen ist er wieder zum Bewußtsein gekommen.“

Klaus saß noch immer hinter dem Steuer und blinzelte verwirrt ins Licht der Taschenlampe. Auf dem Boden lag Petras Tasche. Während der Mann ins Auto kletterte, lehnte sie sich gegen den Kofferraum. Sie zitterte vor Kälte und Erschöpfung und schaffte es nicht einmal mehr, zuzuhören, was der Fremde sagte. Nach einigen Minuten kam er wieder ins Freie.

„Größere Gefahr scheint nicht zu bestehen, aber er muß möglichst rasch ins Krankenhaus. – Du übrigens auch“, fügte der Mann hinzu, als er Petras Arm sah. „Ich werde euch hinfahren.“

Petra nickte nur; zu mehr war sie nicht fähig. Ein warmes Bett, in dem sie schlafen konnte – danach sehnte sie sich jetzt am meisten. Doch es tat gut zu hören, daß Klaus nicht schwer verletzt war.

Der Mann beugte sich wieder vor, um Klaus aus dem Wagen zu helfen.

„Au! Passen Sie doch auf!“

„Tut es so weh?“

„Ja, zum Teufel! Seien Sie vorsichtig!“

Es dauerte eine Weile, bis Klaus aus dem Auto kam. Plötzlich war Petra, als schrillte etwas in ihren Ohren. Sie schüttelte den Kopf, doch das Schrillen hörte nicht auf. Was war los mit ihr? Sie fürchtete mit einemmal, daß sie sich vielleicht ernsthaft am Kopf verletzt hatte.

Mit zusammengebissenen Zähnen stützte sich Klaus auf den fremden Mann, und alle drei setzten sich langsam zur Straße hin in Bewegung. Das Schrillen wurde lauter, und nun war Petra nicht mehr die einzige, die es hörte.

„Ich glaube fast, da kommt die Ambulanz! Seht mal, sie bleiben stehen! Wer kann sie gerufen haben!“

„Ach, das muß der Autofahrer gewesen sein, der vor Ihnen angehalten hat“, rief Petra erleichtert. „Er ist davongefahren, aber offenbar hat er den Notdienst verständigt.“

Fünf Minuten später waren sie schon auf dem Weg ins Krankenhaus. Während der Fahrt kam Petra plötzlich ein neuer, erschreckender Gedanke. Ihr Arm war gebrochen – das bedeutete, daß sie während der folgenden Wochen nicht reiten konnte. Und es war nicht mehr lange bis zur Einweihungsfeier!

Langsam wurde ihr klar, daß der Unfall mehr als ein Alptraum war, aus dem sie nur zu erwachen brauchte. Er hatte Folgen, und morgen würde nichts so sein wie sonst.

Sowohl Petra als auch Klaus mußten die folgende Nacht im Krankenhaus verbringen. Klaus hatte sich nicht nur eine Gehirnerschütterung zugezogen, sondern sich auch ein paar Rippen gebrochen. Petras Unterarm mußte in Gips gelegt werden. Eine Krankenschwester erbot sich, ihre Eltern zu verständigen, doch Petra bestand darauf, selbst zu Hause anzurufen.

Herr und Frau Granberg bekamen natürlich einen gewaltigen Schreck, als sie erfuhren, daß ihre Tochter einen Autounfall gehabt hatte. Es war nicht leicht für Petra, sie zu beruhigen. Sie wußte selbst am besten, daß sie und Klaus eigentlich noch sehr glimpflich davongekommen waren.

Petras Entschluß

Am nächsten Tag kam Petra mit einem feinsäuberlich eingegipsten Arm wieder nach Hause. Als erstes rief sie gleich bei Karin an. Sie erzählte ihr, was passiert war, und sagte, daß für sie und Klaus ein Ersatz für die Festvorführung gefunden werden müßte und daß man sie von den Wettkampflisten streichen sollte.

Dann ging sie in den Stall. Svala begrüßte sie wie immer mit freudigem Wiehern. Mit der rechten Hand band Petra ihr Pony los, führte es auf die Weide und ließ es dort frei. Lange Zeit stand sie am Gatter und sah zu, wie Svala graste.

Sie wußte, daß sie nun nie wieder das gleiche für Klaus empfinden würde, nachdem sie erlebt hatte, wie rücksichtslos er sein konnte. Natürlich tat er ihr leid, doch sie konnte sich nicht länger selbst belügen. Endlich hatte sie begriffen, daß sie und Klaus nicht zusammenpaßten. Alles war anders, als sie es sich erhofft hatte.

Daß sie nicht an den Wettkämpfen teilnehmen konnte, war ebenfalls eine große Enttäuschung. Svala war in so guter Form. Ihre Muskeln spielten unter dem glänzenden schwarzen Fell, und jede Bewegung der kleinen Stute verriet Kraft und Energie. Svala war immer gut gesprungen, und die Dressurübungen hatten in diesen Wochen besser geklappt als je zuvor. Und dieses wunderbare Pony sollte nun nicht die Gelegenheit bekommen, zu zeigen, was es konnte!

Wenn nur Astrid für mich antreten könnte, dachte Petra. Das wäre schön! Doch das blinde Mädchen würde so etwas wohl kaum schaffen. Nun, wenigstens konnte Astrid täglich auf Svala reiten, und dann würde man sehen, wie es weiterging.

Nachmittags rief Petra bei Johansons an, und schon am folgenden Tag fand wieder eine Reitstunde auf der Schafweide statt. Lena hatte Cherokee von der Reitschule hergebracht, und Astrid ritt natürlich auf Svala.

In dieser Stunde begann Petra die Bewegungen einzuüben, die ins Dressurprogramm gehörten. Sie begann mit den leichtesten Teilen und versuchte sowohl Astrid als auch Lena langsam dazu zu bringen, auch etwas schwierigere Übungen auszuführen. Die Sache ging ausgesprochen schlecht, und Petra sah ein, daß die Schwestern noch zu blutige Anfängerinnen waren, um am Dressurwettbewerb teilzunehmen. Doch Lena hatte ihre eigenen Pläne.

„Petra, meinst du nicht, daß ich auf Cherokee beim C-Springen mitmachen könnte, wenn ich jeden Tag übe?“ fragte sie plötzlich. „Astrid leiht mir das Pony, und Karin sagt, ich könnte es versuchen, wenn ich wollte. Aber sie glaubt natürlich nicht, daß ich Chancen habe.“

„Nein, eine Gewinnchance hast du wohl nicht.“ Petra lachte. „Aber wenn du dich damit zufriedengibst, über die Bahn zu kommen, helfe ich dir gern beim Training!“

„Mensch, das ist prima! Jetzt ist’s geradeso, als hätten Astrid und ich jeder ein eigenes Pferd. Aber für dich ist es natürlich weniger schön, daß du nicht reiten darfst.“

„Habt ihr keine Lust, die Pferde für eine Weile zu tauschen?“ schlug Petra vor.

Astrid erwiderte sofort: „Nein, lieber nicht. Ich kann ja später noch genug auf Cherokee reiten.“

„Hast du dich denn schon entschlossen? Willst du ihn behalten?“

„Ich weiß nicht recht“, erwiderte Astrid ausweichend. „Eigentlich ist er ja gar nicht so schlecht.“

Sie mußte plötzlich an die Connemara-Stute Silver Stream denken, die sie vor einigen Wochen besichtigt hatten. Damals hatte sie geglaubt, daß die Stute etwas zu groß und lebhaft für sie wäre, vielleicht sogar gefährlich. Aber womöglich hatte sie sich getäuscht? Wie dumm, daß sie nicht darum gebeten hatte, Silver Stream für ein paar Tage behalten zu dürfen. Wenn sie nun doch mit ihr zurechtgekommen wäre?

„Cherokee ist große Klasse!“ versicherte Lena. „Sag doch zu Papa, daß du ihn haben willst!“

„Vielleicht.“ Astrids Stimme klang nicht besonders begeistert.

„Und jetzt bewegt euch wieder ein bißchen“, kommandierte Petra. „Leichttraben, marsch!“

Während die Schwestern über die Bahn ritten, beobachtete Petra ihr Pony und dachte: Das ist nun mein eigenes Pferd, das ich selbst zugeritten und jahrelang gepflegt habe. Und ich bin es auch gewesen, die Astrid alles beigebracht hat, was sie jetzt kann. Vor einigen Monaten hat sie noch nicht einmal auf einem Pferd gesessen.

Petra war plötzlich stolz und verwundert zugleich, als sie zu der schmucken Reiterin sah. Astrid saß aufrecht und ernsthaft im Sattel, das dunkle Haar hing ihr bis auf die schmalen Schultern. Sie saß so ruhig und sicher auf dem Rücken des Ponys, als hätte sie nie etwas anderes getan. Svala trabte geschmeidig über die Bahn. Pferd und Reiterin waren völlig aufeinander eingespielt und schienen füreinander geschaffen zu sein.

Warum ritt Astrid nie so, wenn sie auf Cherokee saß? Doch das war wohl nicht weiter verwunderlich. Svala war ganz einfach das bessere und gehorsamere Pony. Doch es gab auch andere Gründe. Lena war ebenso zufrieden mit Cherokee wie mit Svala, und Petra fand eigentlich nicht, daß Astrid schlechter ritt als ihre Schwester.

Nach der Stunde kehrte Lena mit Cherokee zur Reitschule zurück. Astrid aber ritt ohne Sattel mit Svala zur Kälberweide, während Petra nebenherging.

Astrid dachte plötzlich daran, wie sie zum erstenmal ohne Sattel auf Svala geritten war. Seltsam, daß sie damals solche Angst gehabt hatte! Es schien ihr sehr weit zurückzuliegen.

Petra öffnete das Gatter, und Astrid und Svala trabten auf die Weide. Dann stieg Astrid ab und ließ das Pony frei. Svala begann sofort zu grasen, und plötzlich fragte das blinde Mädchen nachdenklich: „Petra, könntest du dir Svala als Fuchsstute vorstellen?“

„Svala als Fuchsstute? Ja, aber … Also ich meine, da wäre sie ja ein anderes Pony, nicht? Wie kommst du darauf?“

„Ich hab heute nacht geträumt, Svala wäre eine Fuchsstute. Für mich könnte sie ja jede erdenkliche Farbe haben. Ich kann sie ja nicht sehen. Es ist schon ziemlich komisch, sich vorzustellen, daß Svala vielleicht ganz anders aussieht, als ich glaube.“

Petra erwiderte nichts, und Astrid fuhr fort: „Als ich klein war, hatte ich ein Buch mit einem Bild von einem schwarzen Pony, das einen Wagen zog. Es war ein wunderhübsches Bild, und ich denke immer, daß Svala so aussieht wie dieses Pony.“

„Vielleicht tut sie das auch, wer weiß.“

Astrids Stimme klang stets besonders warm, wenn sie von Svala sprach. Wäre sie nur halb so begeistert von Cherokee, dann wäre alles in bester Ordnung! dachte Petra. Das Mädchen, dem Cherokee gehörte, sollte am Tag nach der Einweihungsfeier zurückkommen; bis dahin mußte sich Astrid entscheiden.

In der folgenden Zeit übte Lena fast jeden Tag Springen und entwickelte dabei immer mehr Geschick und Können. Auch Astrid sprang mit Svala, konzentrierte sich aber hauptsächlich aufs Dressurreiten. Sie wurde ebenfalls immer besser, doch an eine Teilnahme im Dressurwettkampf war vorläufig natürlich nicht zu denken.

„Darf ich Svala reiten, bis dein Arm wieder in Ordnung ist?“ fragte sie Petra.

„Natürlich. Die Bewegung tut Svala nur gut, und es gibt sonst keinen, dem ich mein Pony anvertrauen würde.“

Petra versuchte sich an den Gedanken zu gewöhnen, daß sie einige Zeit nicht reiten konnte, doch es fiel ihr sehr schwer. Das alles war so dumm und unnötig. Der Unfall hätte so leicht vermieden werden können, wenn Klaus nur auf sie gehört hätte und vernünftig gefahren wäre.

Ach ja, Klaus … Sie mußte wohl mit ihm sprechen. Was sie ihm damals im Wagen gesagt hatte, genügte nicht; er hatte ja auch kaum zugehört. Petra wußte, daß er inzwischen wieder aus dem Krankenhaus entlassen worden war und noch immer bei seinen Verwandten wohnte.

Eines Tages machte sie sich auf den Weg, um ihn zu besuchen. Sie ging die ganze lange Strecke zu Fuß, da sie mit ihrem eingegipsten Arm nur schlecht radfahren konnte.

Klaus’ Tante öffnete ihr die Tür.

„Oh, du bist also Petra? Na, du willst natürlich Klaus besuchen. Wirklich eine dumme Geschichte, aber es hätte schlimmer ausgehen können. Ein Glück, daß ihr euch angeschnallt hattet. Klaus benutzt die Sicherheitsgurte ja für gewöhnlich gar nicht.“

„Wie geht es ihm?“ fragte Petra, als sie endlich zu Wort kam.

„Nun ja, schon besser, aber seine Rippen tun ihm noch immer ziemlich weh. Er kann froh sein, daß er so glimpflich davongekommen ist! Dabei habe ich noch gesagt, daß man ihm den Wagen nicht leihen sollte, aber keiner kümmerte sich um mich.“

Klaus’ Tante ging durch den Flur voraus und klopfte an eine Tür.

Klaus sah blaß aus. Er saß im Bett und hatte eine Menge Kissen im Rücken. Auf dem Nachttisch lagen ein Stoß Detektivromane und einige Zeitungen.

„Hallo, Klaus!“

„Hallo, Petra.“ Klaus starrte auf Petras Arm. „Du hast dir also auch etwas gebrochen? Ich dachte, du wärst überhaupt nicht verletzt worden. Dann kannst du also ebenfalls nicht an den Wettkämpfen teilnehmen?“

Als Petra nicht antwortete, schwieg auch er eine Weile und fuhr dann fort: „Tut es dir sehr leid?“

„Ach, es kommen schon noch andere Gelegenheiten. Denk nicht mehr daran. Wir können sicher später wieder an Wettkämpfen teilnehmen.“

Petra überlegte, daß sie mit dem, was sie Klaus zu sagen hatte, vielleicht besser warten sollte, bis er wieder gesund war. Er kam jedoch selbst darauf zu sprechen, sobald seine Tante das Zimmer verlassen hatte.

„Das hast du doch damals nicht ernst gemeint – du weißt schon, was du zu mir sagtest, ehe wir in den Graben fuhren?“

Petra sah ihn schweigend an. Es hatte keinen Sinn, so zu tun, als wüßte sie nicht, wovon er redete. Sie konnte ihn auch nicht belügen. Das hätte später alles nur noch schwieriger gemacht.

„Doch“, sagte sie schließlich leise.

Klaus starrte sie an.

„Ich verstehe nicht – meinst du wirklich …?“

„Daß wir zwar weiterhin Freunde bleiben können, aber nicht mehr“, vervollständigte sie seinen Satz.

Klaus schüttelte ungeduldig den Kopf.

„Freunde! Begreifst du denn nichts? Weißt du denn nicht, daß ich … daß ich mehr für dich empfinde als nur Freundschaft?“

„Nein, das tust du nicht“, erwiderte Petra müde. „Das glaubst du nur!“ Klaus schnitt eine Grimasse, die ein Lächeln sein sollte.

„Du schießt wirklich den Vogel ab! Kommst hierher und behauptest, besser als ich zu wissen, was ich fühle und denke!“

Es wurde still im Zimmer. Petra sah zum Fenster hinüber. Draußen schien die Sonne auf das grüne Laub der Bäume.

„Also gut, ich bin wohl ein bißchen ungeschickt gewesen.“ Klaus’ Stimme klang nun etwas ruhiger. „Aber einen Fehler macht schließlich jeder einmal. Du kannst doch nicht wirklich Schluß machen wollen, nur weil ich eine Kurve nicht richtig eingeschätzt habe?“

„Nein, nicht deswegen! Es hätte nichts geändert, wenn wir ohne den kleinsten Kratzer auf dem Schutzblech davongekommen wären“, erwiderte Petra heftig. „Es hätte auch keine Rolle gespielt, wenn du den Wagen bei dieser Geschwindigkeit perfekt unter Kontrolle gehabt hättest. Was die Sache so schlimm macht, ist, daß es dir völlig gleichgültig war, wie ich mich fühlte. Du hast dich keinen Deut darum gekümmert, daß ich dich immer wieder bat, langsamer zu fahren!“

„Und das kannst du mir nicht verzeihen?“ fragte Klaus verblüfft.

„Doch.“ Petra sprach in einem Ton, als würde sie einem Kind etwas erklären. „Aber ich weiß jetzt, daß ich dir viel weniger wichtig bin, als ich glaubte. Wenn du mich gern hättest, wäre es dir nicht gleichgültig gewesen, daß ich Angst hatte. Nein, dir macht es einfach Spaß, mit einem Mädchen wegzugehen, um jemandem zu zeigen, wie großartig du bist. Aber verliebt bist du nicht in mich. Und wir können nie mehr sein als Freunde.“

Klaus sah an ihr vorbei. Eine Weile sagte keiner ein Wort. Petra überlegte fieberhaft; sie hätte Klaus so gern etwas Freundliches gesagt.

„Wie geht es dir denn jetzt?“ murmelte sie schließlich. „Meinst du, du kannst zur Einweihungsfeier kommen?“

„Ich glaube nicht, daß ich Lust dazu habe. Ich bleibe wohl lieber zu Hause.“

„Anna-Lena wird in der Quadrille auf Polly einspringen, und Karin reitet Rex selbst. Sie haben also wenigstens Ersatz für uns gefunden.“

Petra erzählte noch ein wenig von der Reitschule, doch Klaus gab nur kurze Antworten und wirkte nicht sehr interessiert. Er war offensichtlich mit den Gedanken weit fort und ging nicht auf Petras Versuch ein, ihn aufzumuntern.

Jetzt ist also die Bahn für Agneta frei, dachte Petra, als sie wieder heimwärts ging. Ich will ihr nicht länger im Weg stehen, wenn sie sich noch immer etwas aus Klaus macht.

„Willst du denn nie so lieb wie Svala werden, du kleiner Teufel?“

Astrid saß in Cherokees Box und sprach mit dem Pony. Im Stall war er immer gutmütig und freundlich, so eigensinnig er auch auf der Reitbahn oft sein konnte. Nun drückte er den Kopf gegen Astrids Schulter und wollte gekrault werden.

„Eigentlich bist du schon ganz nett“, sagte sie und streichelte seine Stirn. „Ich werde mich wohl mit dir begnügen müssen. Eine zweite Svala finde ich ja doch nicht. Und Lena mag dich sehr gern.“

Astrid hatte es irgendwie noch nicht geschafft, sich eine klare Meinung über Cherokee zu bilden. Wie war er, und wie sah er eigentlich aus? Er war ebensogroß wie Svala, das wußte sie. Gut gebaut und kräftig, hatte Petra gesagt, doch Astrid konnte sich nicht viel darunter vorstellen. Er war natürlich warm und weich und roch wie alle anderen Ponys. Astrid griff nach Cherokees Ohren und ließ langsam die Hände über seinen Kopf gleiten. Sie spürte die dicke, rauhe Stirnlocke, den harten Nasenrücken und das große, weiche Maul mit der langen Oberlippe. War er wirklich ein hübsches Pony, wie Petra behauptete?

Svala jedenfalls war schön, davon war Astrid völlig überzeugt. Sie hatte das Gefühl, das schwarze Pony leibhaftig vor sich zu sehen, und es war so vollkommen, wie ein Pferd nur sein konnte.

Natürlich machte es ihr Spaß, Cherokee zu reiten. Trotzdem hatte Astrid ein Gefühl schmerzlichen Verlustes bei dem Gedanken, daß sie Svala nicht mehr reiten konnte, wenn Petras Arm wieder geheilt war. Svala wieherte stets zur Begrüßung, wenn sie kam, und versetzte ihr freundschaftliche Püffe mit dem Maul. Von Cherokee erhielt sie nie solche Liebesbeweise. Er bettelte höchstens um Leckerbissen oder wollte gestreichelt werden, doch er behandelte Astrid genau wie jeden anderen, der gerade in den Stall kam.

Plötzlich hörte sie rasche Schritte, die sich über die Stallgasse näherten.

„Darf ich Cherokee jetzt reiten?“ fragte Lena. „Karin will für diejenigen, die auf den Pferden der Reitschule am Wettkampf teilnehmen, eine Springübung abhalten. Ich würde gern mitmachen.“

„Ja, natürlich, nimm ihn nur.“

Lena holte rasch Sattel und Trense und sagte: „Hoffentlich plumpse ich heute nicht wieder vom Pferd. Morgen haben wir Generalprobe für die Vorführung, und übermorgen, am Samstag, ist schon Einweihung. Ich bin schon ganz nervös. Und am Sonntag hast du Geburtstag, Astrid! Heiliger Strohsack, was zur Zeit alles los ist! Ach, du, wollen wir Cherokee nicht behalten? Da gibt’s doch nichts mehr zu überlegen, oder?“

„Ja, vielleicht sollten wir ihn nehmen …“

„Prima! Es wäre ein tolles Geburtstagsgeschenk für dich, meinst du nicht?“

„Ja, ein Pony bekommt man nicht alle Tage geschenkt.“

Am nächsten Tag kam Petra natürlich zur Reitschule, um sich die Generalprobe anzusehen. Die Quadrille wurde ein fürchterliches Durcheinander. Sie begann damit, daß alle sechs Reiter paarweise im Trab auf die Bahn kamen. Das erste Paar bestand aus Rosemarie und Karin auf den Füchsen Ballade und Rex; dann folgten die Zwillinge auf Karamell und Fleur. Anschließend das Fjordpferd Troll sowie Polly und zwei Gotland-Ponys, Puppe und Fricka.

Als die Abteilung zur Schmalseite der Reitschule kam, bog ein Reiter eines jeden Paares nach rechts und der andere nach links ab. Dann sollten sie eine Wendung quer durch die Bahn ausführen – vier von jeder Ecke über die ganze Reitbahn hinüber zur Ecke der anderen Schmalseite. Rex, Fleur, Polly und Puppe kamen von der einen Seite und Ballade, Karamell, Troll und Fricka von der anderen. Mitten auf der Reitbahn kreuzten sich ihre Wege, und Ballade ging elegant zwischen Fleur und Polly. Doch als Troll dicht hinter Pollys Schwanz trabte, blieb die Schimmelstute plötzlich stehen, legte wütend die Ohren an und schlug nach hinten aus. Das Fjordpferd warf sich zur Seite, und die nervöse Fleur galoppierte davon.

„Versuchen wir’s noch einmal von vorn“, sagte Karin, als die Pferde sich wieder beruhigt hatten.

Es war etwas schwierig für sie, die Übung zu leiten und gleichzeitig selbst daran teilzunehmen. Anna-Lena, die nicht so oft wie die anderen bei den Übungen mitgemacht hatte, schaffte es, wieder alles durcheinanderzubringen, indem sie ein paarmal in die falsche Richtung ritt. Polly unternahm auch noch etliche Versuche, die anderen Pferde zu treten. So mußte man mit dem ganzen Programm mehrmals neu beginnen, doch schließlich verlief alles vorschriftsmäßig.

Nach der Generalprobe versammelte Karin alle Teilnehmer um sich und erteilte Weisungen. Petra sollte im Sekretariat mithelfen. Schreiben konnte sie, da ihr linker Arm gebrochen war.

Für den Nachmittag hatte sie Astrid versprochen, daß sie einige Zeit auf Svala reiten durfte.

„Bist du heute mit Cherokee geritten?“ fragte Petra, während sie Svala aus dem Stall führten.

„Nein, aber Lena hat für das Fest trainiert“, erwiderte Astrid und fügte dann hinzu: „Ich habe mich jetzt entschieden, Petra. Wir werden Cherokee behalten.“

„Oh, prima! Dann ist alles geklärt.“

„Jaaa …“

„Du, jetzt ist der Sattel zu weit hinten!“

Astrid schob den Sattel weiter vor, zog ihn dann jedoch langsam wieder nach hinten.

„Halt! Ja, jetzt liegt er gut.“

Den Sattel an die richtige Stelle zu bekommen war das einzige, wobei Astrid jetzt noch Hilfe brauchte, wenn sie Svala für einen Ritt fertig machte. Petra stand vor der Box, den Arm in der Schlinge, und konnte ihr nur mit guten Ratschlägen helfen. Doch es klappte trotzdem, und Petra fand, daß Astrid in der kurzen Zeit eine ganze Menge gelernt hatte.

Das blinde Mädchen schwang sich in den Sattel und redete dabei sanft mit Svala.

Wenn es einen Menschen gibt, der Svala ebensogern hat wie ich, dann ist es Astrid! dachte Petra unwillkürlich.

Sie grübelte noch ein wenig, als sie neben dem Pony zur Reitbahn ging. Und während Astrid ritt, ernst und glücklich zugleich, faßte Petra einen bedeutungsvollen Entschluß.

Das schönste Geschenk

Ein derartiger Trubel hatte nie zuvor in der Reitschule geherrscht. Viele Transportautos parkten hinter dem Stall, und fremde, edle Pferde mit Fesselbinden und Decken wurden herumgeführt und in freien Boxen untergebracht. Da das Wetter strahlend schön war, kamen besonders viele Leute. Zwei Mädchen vom Reitklub, die Würstchen und Limonade verkauften, hatten bald alle Hände voll zu tun.

Herr Verelius hielt eine Rede. Er hieß alle Gäste herzlich willkommen und wünschte sich, daß das Interesse an seiner Reitschule auch weiterhin anhalten möge. Dann begann die Vorführung mit der Quadrille, die als erster Punkt auf dem Programm stand.

Petra war mit Astrid und deren Eltern unter den Zuschauern. Sie reckte sich, um besser sehen zu können. Würde alles gutgehen? Jedes einzelne Pferd mußte sich ja während der ganzen Zeit genau nach Vorschrift bewegen, damit kein Durcheinander entstand. Keiner durfte zu schnell oder zu langsam reiten, und Petra wußte, daß das leichter gesagt als getan war. Polly versuchte diesmal wenigstens nicht, auszuschlagen, sondern begnügte sich damit, des öfteren zornig die Ohren zurückzulegen. Petra seufzte vor Erleichterung. Es wäre keine gute Reklame für die Reitschule gewesen, wenn die Pferde während der Vorführung aufeinander losgegangen wären.

Es war ein seltsames Gefühl für Petra, unter den Zuschauern zu sein. Ihr Platz hätte ja mit den anderen auf der Bahn sein müssen! Nun beobachtete sie, wie die acht Reiter eine Kehrtwendung machten, zuerst einzeln, dann paarweise und schließlich alle acht nebeneinander, und sie erinnerte sich an all die Übungsstunden während des Sommers. Wie oft hatte sie das selbst auf Rex geprobt.

Als die Pferde Seite an Seite stehenblieben, erklang donnernder Applaus aus den Zuschauerreihen.

Zwischen der Quadrille und der Voltigevorführung, die als nächstes auf dem Programm stand, wurden ein paar Minuten Pause eingelegt, da Troll abgesattelt werden mußte und statt dessen an den Voltigegurt genommen wurde. Die Zeit wurde mit Musik aus dem Lautsprecher überbrückt, und einige der Zuschauer kauften sich Limonade oder Würstchen.

Als Troll jedoch begann, im Kreis um Karin herumzutraben, während Lena und die anderen Mädchen mit ihren Kunststücken anfingen, verließ keiner mehr seinen Platz. Und Petra beschrieb Astrid genau, was auf der Reitbahn geschah. Ein Mädchen nahm einen so gewaltigen Anlauf, als sie aufs Pferd springen sollte, daß sie direkt über Troll hinwegsegelte und auf der anderen Seite im Sand landete. Das Publikum klatschte und lachte begeistert.

Die letzte Vorführung war ein Spiegelritt, der von Agneta und Charlotte ausgeführt wurde. Beide waren in schwarze Jacken und weiße Reithosen gekleidet und glichen einander wie ein Ei dem anderen. Nur an der Farbe der Pferde konnte man die beiden unterscheiden. Natürlich war diese Schau sehr wirkungsvoll, und das Publikum sah mit angehaltenem Atem zu. Petra mußte sich eingestehen, daß die Zwillinge sehr gut ritten. Ihr Programm klappte perfekt, und es war sehr viel schwieriger durchzuführen als die Quadrille.

Nach dieser Vorführung waren zwei Stunden Mittagspause vorgesehen. Dann sollten die Wettkämpfe stattfinden. Vorher wurden jedoch die dafür angemeldeten Pferde noch von einem Tierarzt besichtigt.

Petra saß im Büroraum und verteilte die Nummernzettel an jene Reiter, deren Pferde die Prüfung hinter sich gebracht hatten. Sie wünschte Karin von ganzem Herzen den Sieg. Karin war so nett; sie hatte allen anderen beim Training geholfen und sich um die Vorführung gekümmert. Dabei hatte sie selbst kaum Zeit zum Üben gefunden.

„Was für ein Pech, daß du nicht mitmachen kannst!“ sagte Rosemarie, als sie Ballades Nummernzettel abholte.

„Ja, aber es ist eben nicht zu ändern.“

„Wir werden hier bestimmt noch mehr Wettkämpfe austragen.“ Rosemarie versuchte sie aufzumuntern. „Du und Svala, ihr beide bekommt sicher noch ein andermal die Chance, zu zeigen, was ihr könnt.“

Petra murmelte etwas Unverständliches. Sie hatte dazu ihre eigene Meinung, doch das war ein Geheimnis, das sie noch nicht verraten wollte.

„Aber bestimmt!“ versicherte Rosemarie. „Glaubst du denn nicht daran?“

Petra zwang sich zu einem Lächeln.

„Ach, bald bin ich diesen dummen Gips los, und dann kann mich nichts mehr vom Reiten abhalten. Viel Glück fürs Springturnier!“ Sie sah Rosemarie nach und dachte: Nicht einmal an diesem einzigen Wettkampf darf ich auf Svala teilnehmen! Als Petra noch kleiner war und Svala nur ein unerfahrenes Jungpferd, hatte sie sich oft ausgemalt, daß sie eines Tages zusammen große Wettkämpfe gewinnen würden. Doch das mußte nun für immer ein schöner Traum bleiben.

Diesmal mußte sie sich damit begnügen, Zuschauer zu sein, doch das konnte ja auch Spaß machen. Das C-Springen war als erstes an der Reihe, und Petra war neugierig, wie es Lena dabei ergehen würde.

Cherokee und Lena hatten sich bereits auf den Weg zur Reitbahn gemacht; Lena mit den Taschen voller Karotten und dem Kopf voll guter Ratschläge. Die Eltern gingen mit Astrid und Petra zur Tribüne. Dann begann der Wettkampf, und Astrid lauschte Petras lebendiger Beschreibung über die Vorgänge auf der Bahn.

„Jetzt ist Lena an der Reihe!“ sagte Petra plötzlich. „Da kommt sie. Das Startsignal wird gegeben, und sie reitet los. Cherokee scheint recht munter zu sein. Er geht das erste Hindernis etwas zu schnell an, aber es klappt trotzdem …“

Jetzt springt mein Pferd! dachte Astrid. Aber es war irgendwie eine unwirkliche Vorstellung. Alle anderen konnten sehen, was auf der Bahn geschah, doch sie wußte nicht einmal, wie ihr eigenes Pony aussah. Plötzlich wünschte sie sich, sie wäre zu Hause geblieben.

„Ach du liebe Güte, jetzt ist Lena beim Landen vom Pferd gefallen! Aber sie läßt die Zügel nicht los. Jetzt sitzt sie schon wieder im Sattel und reitet weiter. Nein, Cherokee hält beim Koppelrick plötzlich an – er, der sonst nie verweigert. Da, jetzt macht er wieder unvermittelt halt, und Lena rutscht ab, landet aber auf den Füßen. Das sind … warte mal, sie hat schon fünfundzwanzig Fehler! Da verweigert Cherokee zum drittenmal. Wie schade, jetzt ist sie ausgeschlossen.“

Astrid lauschte gespannt und hörte auch, daß Rosemarie auf Ballade im C-Springen den dritten Platz belegte. Karin gewann das A-Springen, während Agneta auf dem vierten Platz landete und Charlotte auf dem fünften. Nach der Preisverteilung wurde eine Pause eingelegt, während man die Hindernisse wegräumte und die Bahn für die Dressur vorbereitete.

Astrid und Lena stellten sich vor der kleinen Bude an, um Würstchen zu kaufen. Die Johansons fuhren nach Hause, nachdem sie versprochen hatten, ihre Töchter abzuholen, wenn die Wettkämpfe vorüber waren.

Was Astrid betraf, so fand sie den Dressurwettkampf nicht übermäßig interessant. Petra erzählte ihr zwar auch diesmal, was geschah, doch es ging soviel langsamer als das Springen, so daß Astrid es schließlich langweilig wurde.

Als jedoch der fünfte Reiter auf die Bahn kam, dachte Astrid, daß sie das Programm lernen konnte, indem sie genau auf Petras Erklärungen horchte. Sie versuchte sich zu erinnern, in welcher Reihenfolge die verschiedenen Dressurübungen ausgeführt wurden. Da erschien ihr alles plötzlich interessanter, und als der Wettbewerb vorüber war, hatte sie sich schon eine recht gute Vorstellung vom B:2-Programm gemacht. Während die Ergebnisse errechnet wurden, benutzte sie die Zeit, Petra noch einiges zu fragen, was sie nicht begriffen hatte.

Endlich rief eine Stimme aus dem Lautsprecher: „Sieger wurde Peter Lundgren auf Mädchen mit 200 Punkten. Zweite ist Karin Krants auf Rex mit 197 Punkten, dritte Charlotte Verelius auf Karamell mit 184 Punkten, vierte Agneta Verelius auf Fleur mit 180 Punkten …“

Die Punktzahlen der übrigen Teilnehmer, die sich nicht plaziert hatten, wurden ebenfalls verkündet, doch man hörte sie im Jubel des Publikums kaum.

Abends endete das Einweihungsfest mit einem Reiterball im Haus Verelius, aber Petra ging nicht hin. Sie striegelte Svala, so gut es mit der einen Hand ging, und dachte an Klaus. Wie er sich wohl fühlen mochte? Ob er traurig war? Trotzdem wußte Petra, daß sie richtig gehandelt hatte.

An diesem Abend blieb sie noch lange im Stall.

„Lena!“ flüsterte Astrid in der Dunkelheit.

Sie bekam keine Antwort. Lena schlief wohl schon. Astrid lauschte auf das schwache, aber penetrante Summen einer Mücke. Sie selbst konnte das kleine Untier nicht erwischen, und sie wollte ihre Schwester deshalb nicht wecken.

Astrid hatte ihren Eltern nach dem Fest gesagt, daß sie sich für Cherokee entschieden hätte. Damit war die Suche nach einem Pferd beendet. Endlich hatte sie ihr Pony bekommen. Cherokee war wohl das gutmütigste und zuverlässigste von all den Ponys, die sie sich angesehen hatten. Und trotzdem …

Astrid wünschte nun, sie hätte von Anfang an auf einem Pony wie Cherokee reiten gelernt. Sicher wäre sie viel glücklicher über ihn gewesen, wenn sie nicht gewußt hätte, daß ein Pferd so sein konnte wie Svala. Aber es würde mit der Zeit wohl anders werden, wenn sie erst besser reiten konnte. Das war Astrids letzter Gedanke, ehe sie einschlief.

„Hoch soll sie leben, hoch soll sie leben …“

Astrid setzte sich schlaftrunken im Bett auf und hörte, wie ihre Familie durch die Tür ins Mädchenzimmer kam.

„Alles Gute, Astrid!“ schrie Lena und drückte ihrer Schwester ein großes Paket in den Arm.

Astrid horchte auf. Sie merkte an Lenas Stimme, daß etwas Besonderes geschehen sein mußte.

Dann fühlte sie eine Schleife unter den Fingern und begann das Paket zu öffnen. Es enthielt mehrere kleine Gegenstände, die in Seidenpapier eingewickelt waren. Sie rollte den größten davon auf: hartes Holz, lange Borsten – eine Mähnenbürste! Als nächstes kam ein weiches Tuch. Und dann wickelte sie der Reihe nach einen Schwamm, einen Hufkratzer, eine Kardätsche und noch eine kleinere Bürste aus.

„Damit bürstet man die Hufe“, erklärte ihre Schwester.

„Oh, vielen Dank, Lena! Jetzt kann ich Cherokee mit meinem eigenen Putzzeug sauberhalten, statt immer alles von der Reitschule zu leihen.“

Von ihren Eltern bekam Astrid ein ebenso großes Paket. Es enthielt ein Paar Reitstiefel.

„Und dazu kommt noch das Pony – mit Sattel und Trense“, sagte ihre Mutter. „Das zählt wohl auch als Geburtstagsgeschenk.“

„Ja, wir haben den Kauf gestern perfekt gemacht“, fügte ihr Vater hinzu. „Was ist das für ein Gefühl, ein eigenes Pferd zu haben?“

„Oh, ein wunderbares!“

Astrid setzte sich auf die Bettkante und begann die neuen Reitstiefel anzuziehen.

„Die passen genau!“

„Zieh jetzt deinen Morgenmantel an, dann gehen wir frühstücken.“

Astrid behielt die Reitstiefel beim Frühstück an. Ihre Mutter hatte Schokolade gekocht und einen Kuchen gebacken.

Gegen ein Uhr nachmittags kam Petra. Das Paket, das sie anschleppte, war das größte von allen.

„Was hast du dir denn noch einfallen lassen?“ fragte Astrid, während sie das Geschenk betastete. „Ich hab schon Putzzeug und Stiefel bekommen, und eine Reitkappe habe ich längst. – Dein Paket ist auch viel zu groß, als daß es eine Pralinenschachtel oder so etwas Ähnliches enthalten könnte.“

„Mach auf, dann siehst du’s“, sagte Petra lachend.

Astrid riß ein Stück Papier ab und begann eine große Holzkiste auszuwickeln. Sie öffnete den Deckel und steckte die Hand ins Innere. In der Kiste waren mehrere kleine Fächer verschiedener Größe. In einem davon lag ein Metallgegenstand. Astrid nahm ihn heraus und betastete ihn.

„Was ist das?“ fragte sie verwundert.

„Ein Schloß mit einem Schlüssel, um die Kiste zu verschließen“, erklärte Petra. „Damit keiner darin herumwühlen kann, wenn du nicht im Stall bist.“

„Oh … ist es eine Kiste für die Reitsachen? Vielen Dank, das ist eine großartige Idee!“

Astrid holte ihr Putzzeug und legte es liebevoll in die Fächer der Kiste, bis ihre Mutter erschien und sagte: „Mögt ihr jetzt Kaffee und Torte?“ Dagegen hatte natürlich niemand etwas einzuwenden.

„Wollen wir anschließend zum Stall fahren?“ schlug Lena am Kaffeetisch eifrig vor.

„Ja, du mußt doch deine Geschenke ausprobieren, Astrid“, meinte Petra.

„Also gut, wir fahren alle zusammen hin“, sagte Herr Johanson.

Die Torte wurde vollständig aufgegessen, und dann stiegen alle in den Wagen. Lena war so aufgeregt, daß sie kaum stillsitzen konnte.

„Hallo, Cherokee!“

Astrid ging in die Box, doch die anderen blieben auf der Stallgasse zurück. Sie wurde von einem leisen, freundlichen Wiehern begrüßt. Plötzlich schlug ihr Herz einen Purzelbaum. Cherokee hatte doch nie so gewiehert, wenn sie kam. Zeigte er endlich ein wenig mehr Zuneigung für sie? Astrid streckte die rechte Hand aus, in der sie ein Stück Zwieback hielt.

Im nächsten Augenblick berührten weiche Pferdelippen ihre Handflächen, und der Zwieback verschwand.

Astrid hielt den Atem an. Vorsichtig wölbte sie die Hand um das Pferdemaul. Es war ein kleines, festes Maul, das sie kannte. Cherokees Lippen waren weich und ein wenig schlaff. War sie in der falschen Box? Aber nein, das hätten ihr die anderen doch gesagt. Astrid merkte plötzlich, daß es hinter ihr seltsam still geworden war. Sie wagte keine Frage zu stellen. Mit zitternden Fingern tastete sie über den Pferdekopf. Die Stirnlocke war seidenweich und keineswegs so lang und dick wie die von Cherokee. War sie verrückt geworden?

Astrid beugte sich vor und betastete das rechte Vorderbein des Ponys. Nein, das war keinesfalls Cherokees Fell. Das Pony hob den Fuß und legte einen kleinen, runden Huf in ihre Hand. Als Astrid den Huf auf den Boden stellte, spürte sie einen leichten Puff im Rücken.

„Svala?“ flüsterte sie.

„Ja, es ist Svala“, sagte ihr Vater laut. „Sie gehört jetzt dir. Wir haben Cherokee zurückgeschickt.“

„Oh!“

Das blinde Mädchen schlang die Arme um Svalas Hals. War sie wirklich wach, oder träumte sie nur? Sie vergrub ihr Gesicht in der Mähne des Ponys, und plötzlich füllten sich ihre Augen mit Tränen.

„Astrid, bist du nicht froh?“ fragte Lena beunruhigt.

Ihre Schwester lächelte unter Tränen.

„Ach, das ist das schönste Geschenk, das ich in meinem ganzen Leben bekommen habe. Es ist wunderbar! Ich bin noch nie so glücklich gewesen!“

Dann kam ihr jedoch ein anderer Gedanke.

„Aber Petra, jetzt hast du kein Pony mehr!“

„Ich werde mir ein neues, großes Pferd kaufen. Svala ist fabelhaft, aber sie wäre wohl sowieso bald zu klein für mich geworden.“

Petra war nicht sicher, ob sie ihr Gesicht völlig unter Kontrolle hatte, und war zum erstenmal fast froh, daß Astrid nicht sehen konnte. Es war so ein seltsames Gefühl, Svala in einer Box der Reitschule stehen zu sehen und zu wissen, daß ihr das Pony nicht mehr gehörte.

Ein paar Stunden später ging sie allein durch den Wald nach Hause; über den Pfad, auf dem sie so viele Male mit Svala geritten war – auch an diesem Morgen, doch in entgegengesetzter Richtung. Lena hatte sich zwar erboten, zu kommen und das Pony zu holen, doch Petra hatte abgelehnt. Sie wollte an diesem Morgen mit Svala allein sein.

Sie hatte die kleine schwarze Stute gestriegelt, bis ihr Fell glänzte. Dann hatte sie das Halfter gelöst und Svala aus der Box geführt, durch die Stalltür ins Freie und an der Schafweide vorbei.

Schließlich kamen Petra und Svala zum Waldrand und ließen die Wiesen hinter sich. Die Luft war klar und ein wenig kühl. Vereinzelte Sonnenstrahlen sickerten durchs Laub, und der Septemberhimmel war herrlich blau.

Seite an Seite gingen Petra und ihr Pony. Nach einer Weile begann Petra mit Svala zu sprechen, als wäre die kleine Stute ein Mensch und könnte ihre Worte verstehen.

„Ich würde dich nie gegen ein anderes Pferd tauschen oder dich an einen Fremden verkaufen, Svala. Aber Astrid braucht dich, und deshalb muß ich dich jetzt hergeben. Sie sagt zwar, daß sie Cherokee haben will, aber es ist nicht wahr. Ich fürchte, sie würde bald die Lust am Reiten verlieren, wenn sie dich nicht mehr hätte. Sie läßt ja schon jetzt ihre Schwester häufiger auf Cherokee reiten und steht selbst meist zurück. Ich will nicht, daß Astrid zu reiten aufhört. Verstehst du das, Svala?“

Das Pony schmiegte sein weiches Maul an Petras Arm.

„Astrids Vater hat recht. Wenn ich auch kein Pferd finde, das dir gleicht, so kann ich doch eines bekommen, das ich liebgewinne. Für Astrid ist das viel schwieriger.“

Während Petra nun allein nach Hause zurückkehrte, dachte sie jedoch nicht an das neue Pferd, das sie kaufen wollte. Nein, sie dachte an die leere Box im heimatlichen Stall. Kein kleines schwarzes Pony wartete mehr auf sie, nie wieder würde sie das vertraute Wiehern hören, wenn sie die Stalltür öffnete. Die Zeit mit Svala war vorbei.

Sie erinnerte sich noch gut an den Tag, an dem Svala auf den Hof kam. Als das kohlschwarze Fohlen den Transportwagen verließ, war sie das glücklichste Mädchen der Welt gewesen. Und die Jahre, die seitdem vergangen waren, hatten ihre Liebe zu dem Pony noch vertieft. Doch sie spürte, daß Svala der blinden Astrid vielleicht noch mehr bedeuten würde als ihr selbst. Deshalb wußte sie, daß sie das Richtige getan hatte, als sie sich von ihrem Pony trennte. Und sie wußte, daß ihre geliebte Svala in guten Händen war.

Petra fragte sich plötzlich, ob sie je wieder so enge Freundschaft mit einem anderen Pferd schließen würde. Doch dann dachte sie an Astrids fast feierliches Gesicht, als sie zum erstenmal auf ihrem eigenen Pony geritten war, und bereute nicht, was sie getan hatte.

Der Septemberhimmel war noch immer strahlend blau, und Petra ging mit leichten Schritten durch den Wald nach Hause.

Ein Traumpferd für Petra
Nächtlicher Pferdetransport

Es war noch ziemlich dunkel, als Petra Granberg auf den Hofplatz trat. Der Schnee knirschte unter ihren Füßen, und hoch über ihr funkelten die Sterne. Sie ging zum Stall hinüber.

Plötzlich durchschnitt ein scharfer Laut die Stille. Petra blieb stehen und lauschte. Sie war fast sicher, daß sie ein Pferd wiehern gehört hatte, und das Geräusch schien von der Landstraße zu kommen. Wer mochte so früh am Morgen durch die Gegend reiten oder fahren? Der alte Petrus vom Nachbarhof war zwar ein Frühaufsteher, doch ehe es hell wurde, war er für gewöhnlich nicht unterwegs.

Nun hörte Petra ferne Stimmen, einen Ausruf oder einen Schrei, und schließlich erneut Gewieher. Dann trat wieder Stille ein.

War es vielleicht doch Petrus mit seinem Pferd? Wenn ihm nun etwas zugestoßen war? Petra begann zu laufen, so schnell sie konnte. Sie rannte die abschüssige Zufahrt hinunter und dann auf die Landstraße.

Ein großes Fahrzeug stand am Straßenrand, doch nirgends war ein Pferd zu sehen. Petra sah sich um und fragte sich, ob sie sich getäuscht hatte.

Sie keuchte nach dem raschen Lauf, und ihr Herz hämmerte wild. Als sie wieder ruhiger atmen konnte, hörte sie das schwache Scharren einer Schneeschaufel. Im nächsten Augenblick entdeckte sie eine dunkle Gestalt, die neben dem Lastwagen stand und Schnee schippte. Das Auto war offensichtlich im Schnee steckengeblieben.

Petra ging näher. Plötzlich aber blieb sie stehen und zögerte. Hier stimmte doch etwas nicht! Warum waren die Lichter des Wagens ausgeschaltet? Und warum war der Mann nicht in einen der umliegenden Höfe gegangen und hatte Hilfe geholt? Wollte er vielleicht nicht gesehen werden?

Hatte er Petra bemerkt? Nein, offenbar nicht. Vermutlich vollführte er soviel Lärm mit seiner Schneeschaufel, daß er ihre Schritte überhört hatte. Petra kletterte den verschneiten Straßenhang hinauf und schlich im Schutz der Bäume vorsichtig ein Stück näher. Nun sah sie, daß das Fahrzeug einem Transportwagen glich, mit dem Pferde befördert werden. Dann hatte sie sich also doch nicht verhört!

Plötzlich tat ihr Herz ein paar rasche Schläge. Dort, zwischen den Baumstämmen, bewegte sich etwas! Dann entdeckte sie, daß es ein Pferd war, und atmete auf. Im ersten Moment hatte sie geglaubt, es würde jemand durch den Wald schleichen. Doch es war ein dunkles Pony, das an einen Baum gebunden war. Es stampfte ungeduldig mit den Hufen und warf den Kopf zurück.

Der Mann legte die Schneeschaufel beiseite und zog etwas unter den Vorderreifen hervor. Dann stellte er sich neben den Wagen, suchte in seinen Taschen und hob die Hände zum Mund. Ein Streichholz flammte auf und beleuchtete für einen flüchtigen Augenblick sein Gesicht. Dann wurde es wieder dunkel, und nur die Zigarette glühte wie ein rotes Auge.

Petra beschloß, nach Hause zu gehen. Sie war ja nur hergekommen, weil sie befürchtet hatte, ihrem Nachbarn könnte etwas zugestoßen sein. Das hier ging sie nichts an. Wenn der Fahrer wirklich Hilfe brauchte, konnte er ja zum Hof kommen.

Vorsichtig machte sie einen Schritt rückwärts. Im gleichen Moment sah der Mann auf und warf seine Zigarette hastig in den Schnee. Petra spürte ein seltsames Kribbeln im Magen. Hatte er sie bemerkt? Wie sollte sie ihm erklären, weshalb sie hier herumschlich? Und was würde er tun, wenn wirklich etwas Verdächtiges im Gange war?

Plötzlich wurde ihr bewußt, wie einsam es hier war. Wenn sie schrie, so laut sie konnte, hörte man es vielleicht auf dem Hofplatz ihrer Eltern, doch dort war zur Zeit sicher niemand. Ihr Vater arbeitete natürlich im Kuhstall – dem alten, heimeligen Kuhstall, der Petra plötzlich unerreichbar fern erschien. Ach, wie gerne wäre sie jetzt dort! Ihr Vater dachte sicher, sie wäre zum Schafstall gegangen. Es wußte ja keiner, daß sie hierhergelaufen war.

All das ging Petra in diesen Sekunden durch den Kopf. Dann entdeckte sie, daß nicht sie die Aufmerksamkeit des Mannes erregt hatte. Schritte knirschten im Schnee, und ein langer, schwarzer Schatten löste sich aus der Dunkelheit und hob sich gegen den schneebedeckten Weg ab. Es war ein zweiter Mann, der sich dem Fahrzeug näherte, und Petra drückte sich dichter an den Baumstamm.

„Hoffnungslos!“ knurrte er, als er das Transportauto erreichte.

„Hast du so schnell aufgegeben?“ fragte der andere gereizt.

„Sei du ganz still, du kannst nicht mal ein Pferd festhalten!“ erwiderte der Lange.

Sie sprachen nicht sehr laut. Petra stand ein Stück entfernt, doch in der Kälte und der stillen Luft hörte man jeden Laut.

„Weil du so stümperhaft gefahren bist, sind wir hier steckengeblieben und mußten ausladen!“

„Halt den Mund!“ zischte der Lange. „Wenn er sich weiter auf der Straße hält, holen wir ihn vielleicht noch ein. Wenn nicht, kann man auch nichts machen. Es wird bald hell, und wir können nicht den ganzen Tag hier stehenbleiben. Gut, daß uns noch keiner gesehen hat! Das wäre eine schöne Geschichte geworden, wenn …“

Er stieg ins Führerhaus, und Petra hörte das Ende des Satzes nicht mehr. Die Scheinwerfer wurden eingeschaltet und der Motor angelassen. Sekunden später bewegte sich der Wagen von der Stelle.

Petra wagte kaum zu atmen. Es war ihr gelungen, die Autonummer zu identifizieren, und sie wiederholte sie im Geist immer wieder, um sie nicht zu vergessen. Sie war nun überzeugt, daß die beiden Männer gute Gründe hatten, weshalb sie nicht gesehen werden wollten.

Der Lange stieg wieder aus und sagte: „Diesmal hole ich mir das Biest!“

Petra preßte sich noch enger an den Baumstamm. Würde der Mann sie entdecken, während er das Pony losband? Wenn sie nun lief, so schnell sie konnte, würde sie es bis nach Hause schaffen, ehe er sie einholte? Das Risiko erschien ihr allzugroß, und sie beschloß, weiter in ihrem Versteck zu bleiben.

Ohne Zwischenfall wurde das Pony in den Anhänger gebracht. Endlich verschwand der große Mann wieder im Führerhaus, und die beiden fuhren los.

Erst als der Wagen außer Sichtweite war, wagte sich Petra wieder zu bewegen. Etwas zittrig vor Aufregung begann sie heimwärts zu gehen und wiederholte die ganze Zeit in Gedanken die Autonummer.

Ihre Stiefel waren voller Schnee, als sie den Granberghof erreichte. Sie ging zuerst zum Hauseingang, nahm eine Bürste und säuberte die Sohlen und Absätze. Dann trat sie in den Flur, wo ihre Schultasche stand, öffnete sie, riß ein Blatt vom Schreibblock und notierte die Autonummer. Anschließend lief sie zum Kuhstall.

Es war schön, in die Wärme zu kommen. Ihr Vater molk gerade die Kühe. „Weißt du, was ich gesehen habe …“, begann Petra.

Doch er unterbrach sie und sagte: „Heute hast du aber verschlafen! Schaffst du es noch rechtzeitig zur Schule?“

Petra sah auf die Uhr. Himmel, war es schon so spät?

„Lauf hinein und zieh dich um, sonst versäumst du den Schulbus“, sagte Herr Granberg. „Ich übernehme heute das Ausmisten.“

Petra eilte ins Haus. Ihr Vater glaubte offenbar, daß sie erst aufgestanden war, doch jetzt hatte sie keine Zeit mehr, ihm alles zu erklären.

Während der Schulstunden dachte sie immer wieder an den Pferdetransport. Beim hellen Tageslicht kam ihr das morgendliche Abenteuer fast unwirklich vor, und es erschien ihr plötzlich albern, daß sie sich so gefürchtet hatte. Daß ein Pferdetransportwagen im Schnee steckenblieb, war ja nicht weiter seltsam. Sicherlich hatten die beiden Männer Streit miteinander gehabt, doch daran war wohl nichts Verdächtiges? Wahrscheinlich lag es an der Dunkelheit, daß ihre Phantasie mit ihr durchgegangen war.

Als Petra nach Hause kam, schlüpfte sie in ihre Reitsachen. Es war Freitag, und für Samstag hatte die Reitschule einen sogenannten „Reklametag“ mit Vorführungen und Reitstunden für Kinder geplant. Petra wollte bei der Quadrille mitreiten, und heute stand die Generalprobe bevor.

Sie nahm die Abkürzung durch den Wald; einen Pfad, den sie früher viele Male geritten war. Wie sehr wünschte sie, sie könnte den Weg auch diesmal auf dem Rücken eines Pferdes zurücklegen! Fast fünf Jahre lang hatte sie ein eigenes Pony gehabt und konnte so oft reiten, wie sie nur wollte. Nun mußte sie sich mit ein oder zwei Reitstunden pro Woche begnügen. Doch sie mochte die Pferde der Reitschule gern; vor allem Polly, das schimmelfarbene Vollblut, das sie in der Quadrille reiten sollte.

Karin, die Reitlehrerin, war an diesem Nachmittag sehr streng mit ihren Schülern. Trotz der Kälte kamen sowohl Pferde als auch Reiter ordentlich ins Schwitzen.

„Danke für heute, ihr habt genug gearbeitet!“ rief sie schließlich. „Reitet noch etwas im Schritt, bis die Pferde trocken sind, und bringt sie dann in den Stall. Wenn morgen auch alles so gut klappt, können wir zufrieden sein.“

Rosemarie, ein munteres, dralles Mädchen mit dunklen Augen und dunklem Haar, ritt neben Petra.

„Wie steht’s mit dem Pferdekauf?“ fragte sie.

„Papa und ich wollen übermorgen zu einem Pferdehändler fahren“, erwiderte Petra. „Ich hoffe wirklich, daß wir endlich das richtige Pferd finden.“

„Freilich, du suchst ja schon seit Anfang Herbst. Gibt es denn wirklich so wenig gute Pferde?“

„Ach, es gäbe mehr als genug, aber die sind viel teurer, als ich anfangs glaubte“, sagte Petra und streichelte Pollys Hals.

Rosemarie warf ihr einen Seitenblick zu, erwiderte jedoch nichts. Petra wußte auch so, was sie sagen wollte: Warum hast du nur Svala verkauft? Ja, alle ihre Freunde von der Reitschule wunderten sich. Und Petra war es mit der Zeit müde geworden, immer wieder gefragt zu werden und Erklärungen abgeben zu müssen. Außerdem wollte sie es auch gar nicht erklären! Es ging niemanden etwas an, weshalb sie ihr Pony an die blinde Astrid verkauft hatte.

„Darf ich am Sonntag mitkommen?“ fragte Rosemarie in ihre Gedanken hinein.

„Ja, natürlich, wenn du magst.“

Rosemarie ritt auf Ballade zur anderen Seite der Reithalle, und Petra grübelte weiter über Svala nach.

Ja, wie konnte man ein Pony wie Svala verkaufen? Ein wunderschönes New-Forest-Pony, das nicht nur gute Leistungen im Dressurreiten und im Springen zeigte, sondern außerdem auch klug, liebenswert und folgsam war. Sicher hatten alle, die wußten, wie sehr Petra an ihrem Pony hing, sie für verrückt gehalten, als sie von dem Verkauf erfuhren.

Nein, es war schon zu verstehen, daß die Freunde von der Reitschule ihre Fragen gestellt hatten. Anfangs hatte Petra natürlich nicht einmal im Traum daran gedacht, Svala herzugeben. Als sie sich die Sache jedoch genauer überlegte, sah sie ein, daß es das einzig Richtige war, was sie tun konnte.

Agneta und Charlotte Verelius, die Töchter des Reitschulbesitzers, waren die einzigen, die sich über den Verkauf nicht gewundert hatten. Ihrer Meinung nach sollte man kein Pony mehr reiten, wenn man älter als zehn Jahre war. Natürlich nahmen sie an, daß Petra nun froh war, Svala zu verkaufen und dadurch Geld für ein größeres Pferd zu bekommen.

Petra ließ die beiden bei diesem Glauben. Die Zwillinge Verelius hätten sie sowieso nie verstanden!

Astrid belauscht ein Gespräch

Die Mädchen saßen auf ihren Pferden, bereit, auf die Bahn zu reiten. Polly tänzelte ungeduldig hin und her, und Petra hatte Mühe, sie zurückzuhalten. Die dunkelbraune Stute Puppe, fast schwarz in ihrem dichten Winterfell, stand ruhig und unbeweglich neben ihr. Es war ein klarer, kalter Wintertag, und der Atem der Pferde stieg wie Rauchwolken aus ihren Nüstern.

Die Reiter sahen aufmerksam auf Karin, die Reitlehrerin. Nun hob sie leicht die Hand. Das war das verabredete Startzeichen, und während Karin das Tonband anstellte, setzten sich die Pferde in Bewegung. Die Vorführung hatte begonnen.

Im Stall saß ein Mädchen, das sich nicht im geringsten für die Vorführung interessierte. Es war ja das gleiche Programm wie vor einem halben Jahr, als die Reitschule eingeweiht wurde. Damals hatte Astrid alles „gesehen“ – wenn auch durch Petras Augen doch nun zog sie es vor, bei ihrem Pony in der Box zu sitzen.

Daß Svala wirklich ihr gehörte, erschien Astrid jedesmal wieder unvorstellbar, so oft sie daran dachte. Nie würde sie ihren dreizehnten Geburtstag vergessen, als sie das Pony bekam. Es war der glücklichste Tag ihres Lebens!

Nun saß sie zusammengekauert in einer Ecke der Box, mit dem Rücken zur geschlossenen Halbtür. Alle Leute waren draußen und sahen sich die Vorführung an, und im Stall war es still und friedlich. Svala fraß so behaglich von ihrem Heu, und vom Hofplatz klang gedämpfte Musik herein.

Es war kaum ein Jahr her, seit Astrid angefangen hatte zu reiten, doch jetzt fragte sie sich bereits, wie sie früher ohne Pferde leben konnte. Sie hatte Tiere immer gern gehabt, und in der Blindenschule waren ein paar ihrer Mitschüler geritten. Doch Astrid hatte nicht gewagt, es selbst zu versuchen. Erst als ihre kleine Schwester Lena zu reiten begann, faßte sie Mut. Das war zu Beginn der Sommerferien, als sie von der Blindenschule nach Hause kam. Doch Karin war nicht bereit gewesen, die blinde Astrid in eine gewöhnliche Anfängergruppe aufzunehmen.

Da war Petra gekommen und hatte ihr Privatunterricht auf Svala gegeben. Svala war Petras eigenes Pony, und bald war Astrid überzeugt, daß es kein besseres und lieberes Pony geben konnte. Doch nicht einmal auf dem besten Pferd lernt man im Handumdrehen Reiten. Astrid hatte den ganzen Sommer lang hart gearbeitet, und Petra war eine gute Lehrerin. Trotzdem hatte das blinde Mädchen manchmal das Gefühl, es nie zu schaffen. Sie kämpfte jedoch weiter, statt aufzugeben, und machte mit der Zeit deutliche Fortschritte.

Dann hatten ihre Eltern ihr ein eigenes Pony versprochen. Natürlich war Astrid anfangs voller Begeisterung; sie merkte jedoch bald, wie unsicher sie sich auf den Pferden fühlte, die zum Verkauf standen. Zwar konnte sie auf Svala einigermaßen gut reiten, doch ein unbekanntes Pferd flößte ihr soviel Angst ein, daß sie sich ganz hilflos fühlte.

Astrid vertraute Svala, und Svala liebte sie, doch sie hatte nie zu träumen gewagt, daß dieses wunderbare Pony einmal ihr gehören könnte. Es war die Idee ihres Vaters gewesen, Petra zu bitten, ihm Svala zu verkaufen. Astrid hatte es erst erfahren, als Svala bereits ihr gehörte.

Dann folgten unzählige Stunden harter Arbeit. Astrid hatte noch immer viel zu lernen, und sie trainierte jeden Tag auf Svala. Petra setzte den Unterricht regelmäßig fort, obwohl er nun in der Reitschule stattfand und nicht mehr auf dem Granberghof. Auch die Reitlehrerin Karin half, wenn sie Zeit hatte.

Ja, alle halfen Astrid. Und natürlich war sie dankbar dafür, doch es war nicht gerade schön, immer nur zu nehmen und anderen Dank zu schulden.

Mehr und mehr begann Astrid zu begreifen, was es Petra für Überwindung gekostet haben mußte, Svala herzugeben.

Eigentlich sollte sich Petra ja von dem Geld, das sie für Svala bekommen hatte, ein neues Pony kaufen. Daß sie es noch nicht getan hatte, machte die Sache für Astrid nicht gerade besser. Irgendwie fühlte sie sich schuldig, weil Petra nun kein Pferd hatte.

Und noch immer gab Petra ihr Reitunterricht. Ja, ständig war sie es, die nahm, und nie konnte sie etwas geben! Astrid hätte so gern etwas für Petra getan, etwas wirklich Großes. Aber was konnte sie tun?

Mehrmals hatte sie Petra angeboten, auf Svala zu reiten. Aber nicht einmal das hatte Petra angenommen!

Astrids Grübeleien wurden plötzlich von Beifallsklatschen unterbrochen. Das bedeutete also, daß die Quadrille beendet war. Wenige Minuten später erklangen Stimmen und Hufgetrappel vor der Stalltür. Die Pferde wurden hereingeführt. Mädchen riefen einander Scherzworte zu, Boxtüren wurden geöffnet, jemand drehte am Wasserhahn vor dem Stallbüro, und das Wasser plätscherte auf den Boden. Die Mädchen säuberten die Pferdegebisse und unterhielten sich dabei eifrig, doch Astrid konnte nur einige Wortfetzen verstehen. Plötzlich lachte jemand. Astrid fühlte sich mit einem Male sehr ausgeschlossen.

„Beeil dich mit Tuff-Tuff!“ rief eine Stimme.

Das kleine Fjordpferd sollte gleich wieder auftreten. Lena war eine von den Glücklichen, die gelernt hatten, auf Tuff-Tuffs Rücken zu springen, während das Pony über die Bahn trabte, und dann Kunststücke auf dem Pferderücken vorzuführen.

Astrid stand auf, ging zu Svala und streichelte das weiche, gepflegte Winterfell ihres Ponys. Dann setzte sie sich wieder in die Ecke und sagte: „Sieh mal, Svala! Eine Karotte!“

Wie immer hatte sie ein paar gelbe Rüben in ihrer Tasche. Nun nahm sie eine davon und legte sie sich auf den Kopf. Das war ein Spiel, das Svala kannte. Im nächsten Augenblick spürte Astrid die warmen Atemzüge ihres Ponys in den Haaren. Das Pferdemaul schnappte zu, und schon war die Karotte verschwunden.

Wenn ich Petra nur ein neues Pferd verschaffen könnte! dachte Astrid. Eines, das genauso wunderbar ist wie Svala.

Plötzlich hörte sie wieder Schritte an der Stalltür. Jetzt wurde wohl Tuff-Tuff hereingeführt, und nun waren Agneta und Charlotte Verelius mit ihrem Spiegelritt an der Reihe. Ihr Vater leitete die Reitschule zusammen mit Karin, und die Zwillingsschwestern waren wirklich vorzügliche Reiterinnen.

Die Mädchen, die Tuff-Tuff zurückgebracht hatten, verschwanden rasch, und im Stall wurde es wieder so still und friedlich wie vorher.

Astrid war wirklich froh, daß sie in diesem Jahr auf eine ganz gewöhnliche Schule hatte überwechseln dürfen. So konnte sie zu Hause wohnen und jeden Tag in den Stall zu Svala kommen. Ein wenig nervös war sie schon gewesen, als sie in diese neue Schule kam, in der alle ihre Mitschüler sehen konnten …

„Ob die hier wohl abends abschließen?“ hörte sie plötzlich eine fremde Männerstimme sagen.

Astrid fuhr zusammen und lauschte mit angehaltenem Atem. Sie hatte geglaubt, allein im Stall zu sein.

„Der Fuchs sieht gut aus, wie?“

„Ja, aber seine Augen gefallen mir nicht“, antwortete eine zweite Stimme ängstlich.

„Feigling!“ sagte der Mann, der zuerst gesprochen hatte, lachend.

Astrid merkte nun, daß die Fremden vor Ballades Box standen. Was redeten sie da nur? Sie hörte, wie die beiden näher kamen, während sie sich über jedes einzelne Pferd unterhielten. Es klang beinahe, als wollten sie sie kaufen. Plötzlich kam Astrid ein schrecklicher Gedanke. War es möglich, daß Herr Verelius und Karin sich entschlossen hatten, die Reitschule zu schließen und die Pferde zu verkaufen? Sie verdienten ja nicht allzuviel damit, doch Karin behauptete immer, das läge nur daran, daß die Reitschule noch so neu sei.

Astrid wünschte, die Männer wären in die entgegengesetzte Richtung der Stallgasse gegangen. Es war ein unbehagliches Gefühl, sich vorzustellen, daß die beiden sie vielleicht sahen. Doch sie wußte aus Erfahrung, daß man sie von der Stallgasse aus kaum bemerkte, wenn sie wie jetzt direkt neben der Boxtür saß. Nur wenn die Männer auf die Idee kamen, in die Box zu gehen, konnte es passieren, daß sie über sie stolperten.

„Fjordpferde sind gut. Die sehen alle gleich aus“, murmelte einer von den beiden.

Nun waren sie vor Tuff-Tuffs Box angelangt. Daneben stand Svala, und Astrids Herz klopfte angstvoll. Sie kroch noch mehr in sich zusammen und machte sich so klein wie möglich.

Dann hörte sie eine Stimme über ihrem Kopf sagen: „Hübsches Pony. Solche wird man leicht los, ob sie jetzt Papiere haben oder nicht.“

Ein Brummen war die Antwort.

Astrid begann vor Angst zu zittern. Diese Männer sprachen nicht so, als wollten sie Pferde kaufen!

Sie fürchtete sich so, daß sie kaum zu atmen wagte.

„Komm jetzt, wir gehen wieder hinaus und mischen uns unters Publikum“, sagte die Stimme, die vorher so ängstlich geklungen hatte.

„In Ordnung. Jetzt haben wir uns wenigstens mal umgesehen und wissen Bescheid.“

Zu Astrids grenzenloser Erleichterung verließen die Männer den Stall. Während die Tür hinter ihnen zufiel, erinnerte sie sich plötzlich daran, daß einer von beiden gefragt hatte, ob der Stall abends verschlossen würde. Waren diese Männer vielleicht Pferdediebe? Womöglich wollten sie Svala stehlen?

Zitternd saß Astrid in ihrer Ecke. Was konnte sie tun, um die beiden daran zu hindern? Was sollte sie nur machen?

Ein Traumpferd für Petra?

„Ankauf und Verkauf von Pferden“ stand auf einem verwitterten Schild neben einem schmalen Zufahrtsweg. Petras Vater bog mit dem Wagen in die kleine Straße ein.

Der Pferdehändler hatte am Telefon gesagt, daß er einige gute Reitpferde hätte, die nicht zu teuer wären, und Petra hoffte, daß es stimmte.

Herr Granberg parkte sein Auto neben einem Gelände, das vermutlich der Stall war, und Petra und Rosemarie stiegen aus. Jenseits des Stallhofs befand sich eine Koppel, auf der einige Hindernisse aufgebaut waren. Direkt neben dem Zaun saß ein Reiter auf einem großen, braunen Pferd. Er unterhielt sich mit einem hochgewachsenen, mageren Mann. Herr Granberg und die Mädchen gingen auf die beiden zu.

„Sie scheinen zu streiten“, sagte Petra leise.

„… und soll das wirklich der ‚tolle Hengst’ sein, den Sie mir am Telefon versprochen haben? Außerdem sagten Sie doch, es wäre ein Schimmel!“

„Nein, das ist leider ein anderes Pferd“, erwiderte der große Mann, der offenbar der Pferdehändler war. „Vor Ihnen war noch ein anderer Herr hier, der den Schimmel haben wollte, aber Bedenkzeit verlangte. Anfangs schien er nicht übermäßig interessiert zu sein; deshalb dachte ich, ich könnte Ihnen den Hengst verkaufen. Aber dann wollte ihn der Herr doch haben. Tut mir wirklich leid!“

„Es tut Ihnen leid – was nützt mir das schon!“ sagte der Reiter mürrisch und stieg vom Pferd.

Petras Hoffnung sank. Das fing ja nicht gerade gut an! In diesem Augenblick wurde der Pferdehändler auf sie aufmerksam.

„Oh, guten Tag!“ sagte er mit einer Herzlichkeit, die im scharfen Kontrast zu dem Ton stand, den er seinem vorherigen Kunden gegenüber angewandt hatte. Dann begrüßte er der Reihe nach Herrn Granberg, Petra und Rosemarie.

„Und welche von den jungen Damen möchte nun ein Pferd kaufen?“

„Kann mir jemand vielleicht dieses Kamel hier abnehmen?“ fuhr der unzufriedene Kunde dazwischen.

Rosemarie nahm den braunen Hengst am Zügel, und der Mann ging auf seinen Wagen zu. Sogar von hinten wirkte er wütend.

„Die Pferde sind dort im großen Stall“, sagte der Händler und führte Herrn Granberg und die Mädchen zu dem Gebäude, vor dem sie geparkt hatten.

In der Stalltür kam ihnen ein kleiner, stämmiger Pferdeknecht entgegen, der den Hengst entgegennahm.

„Sind die Pferde gesattelt?“ fragte der Händler.

„Ja – bis auf Katinka“, erwiderte der Stallknecht.

„Und warum ist sie noch nicht soweit?“ Die Worte kamen wie ein Peitschenhieb.

Der Stallknecht befeuchtete die Lippen mit der Zungenspitze. „Sollen die Mädels wirklich auf ihr reiten?“

„Ja, natürlich! Das habe ich doch schon gesagt! Also, sattle sie schnell, während wir uns den Wallach ansehen. – Hier haben wir ein ausgesprochen braves und zuverlässiges Pferd“, fuhr der Händler fort und deutete auf die nächste Box zur Linken der Stallgasse.

Petra bemerkte ein braunes Pferd mit einem Sattel auf dem Rücken, das vor sich hindöste. Eine Blesse zog sich wie ein breites, weißes Band von der Stirn bis zum Maul, und die Augen waren schmal und hellbraun. Der Hals war kurz und grob, und das Pferd war ziemlich x-beinig. Aber es schien gutmütig zu sein, und das war schon ein Vorzug. Während Petra und Rosemarie mit dem Wallach Bekanntschaft schlossen, hatte der Stallknecht Katinka gesattelt.

„Eines von meinen polnischen Importen, eine ungewöhnlich edle Stute“, prahlte der Pferdehändler.

Die Mädchen führten die beiden Pferde ins Freie, um einen Proberitt zu machen. Katinka war dunkelbraun und geschmeidig wie eine Katze. Mit zurückgelegten Ohren tänzelte sie hin und her, und der Pferdehändler mußte sie festhalten, damit Petra aufsitzen konnte.

„Du mußt sie am leichten Zügel gehen lassen!“ riet der Händler, ehe er die Stute losließ.

Inzwischen hatte sich auch Rosemarie in den Sattel geschwungen, und Petra beobachtete den Wallach von der Seite. Da entdeckte sie, daß er auch einen Blähhals hatte.

Vorsichtig nahm sie die Zügel auf, und Katinka galoppierte sofort los.

„Nur ruhig, Mädel! Ja, so ist es richtig, im Schritt sollst du gehen! Gut, jetzt darfst du traben.“

Die Stute machte kurze, rasche Schritte. Auf der anderen Seite der Koppel faßte Rosemarie auf dem Wallach Galopp. Katinka sah es – und stürmte ebenfalls wie der Blitz davon.

Petra zog heftig an den Zügeln. Katinka verlagerte ihr Gewicht auf die Hinterbeine und hob die Vorderhufe.

„Na, na, Katinka!“ sagte Petra beruhigend und beugte sich vor, so daß die Stute wieder alle vier Hufe auf den Boden setzen mußte.

Ach, hier ist es wohl auch nicht besser als anderswo, dachte Petra mißmutig. Es gibt eben keine billigen Traumpferde!

Vielleicht sprang die Stute gut. Sie trieb zum Galopp an, doch Katinka trabte noch eine ganze Weile über die Bahn, ehe sie endlich in Galopp fiel. Eine Runde lang gab Petra kräftig Zügel- und Schenkelhilfen, um das Pferd besser unter Kontrolle zu bekommen. Dann hob sie sich in den Steigbügeln und steuerte auf das niedrigste Hindernis zu.

Katinka streckte die Nase in die Luft und brauste wie eine Lokomotive davon. Mit einem langen, flachen Sprung segelte sie über das Hindernis hinweg.

„Na, ganz ruhig, Mädel!“ mahnte Petra, doch Katinka stellte sich taub. Sie vollführte nach dem Absprung ein paar wilde Sätze und raste weiter auf den Zaun zu. Petra schaffte es, sie nach links abschwenken zu lassen, doch mitten in der Bewegung blieb die Stute plötzlich stehen. Im nächsten Augenblick spürte Petra, wie das Pferd unter ihr stieg. Sofort warf sie sich nach vorn und drückte Katinka zu Boden. Doch die Stute hob die Vorderbeine und stellte sich erneut auf die Hinterhufe! Höher und höher stieg sie, bis sie fast kerzengerade dastand.

Petra drückte sich verzweifelt gegen den Widerrist und verlängerte die Zügel. Doch Katinka stand nach wie vor hoch aufgerichtet da. Es war das erstemal, daß Petra an ein Pferd geriet, das sich aufbäumte. Wollte diese verrückte Stute denn nie mehr alle vier Hufe auf die Erde setzen? Wenn sie nun hintenüberfiel?

„Hinunter mit dir, du Ekel! Hinunter!“

Petra fühlte sich völlig hilflos, und die Stute ruderte wild mit den Vorderhufen, um das Gleichgewicht zu halten. Plötzlich schwankte sie, als würde sie gleich umfallen, rettete sich jedoch mit ein paar raschen, unsicheren Seitenschritten.

Dann aber konnte Katinka nicht länger auf zwei Beinen stehen und ging endlich wieder zu Boden. Petra ließ sie sofort traben. Katinka legte die Ohren an, und plötzlich schlug sie wütend aus. Vorsichtig zügelte Petra sie und ließ sie vor ihrem Vater und dem Pferdehändler anhalten.

„Du mußt sofort absitzen, Petra!“ sagte Herr Granberg beherrscht, doch merklich erschüttert. „Dieses Pferd ist ja verrückt!“

„Aber es ist nicht gut für die Stute, wenn man ihr so etwas durchgehen läßt, ohne es noch einmal zu versuchen“, wandte Petra ein.

„Du sollst aber nicht dein Leben riskieren, um anderer Leute Pferde zu erziehen. Komm sofort herunter!“

„Das sah gefährlich aus!“ rief Rosemarie. „Ich dachte schon, Katinka würde umfallen!“

Petra schwang sich aus dem Sattel. Im Grunde war sie erleichtert, daß sie nicht länger auf der Stute zu reiten brauchte.

„Wenn Sie keine besseren Pferde haben, können wir’s dabei belassen“, sagte Herr Granberg schroff zu dem Pferdehändler.

„O doch, ich habe schon ein besseres Pferd, das ich Ihnen vielleicht etwas billiger überlassen könnte, als ich ursprünglich dachte“, war die Antwort. „Tut mir leid, daß Katinka sich so schlecht benommen hat. Ich glaubte wirklich, sie hätte sich diese Allüren abgewöhnt.“

Gemeinsam gingen sie zum Stall zurück, und Petra erinnerte sich plötzlich daran, was der Stallknecht vorher gesagt hatte: „Sollen die Mädels wirklich auf Katinka reiten?“ Nun verstand sie die Bemerkung erst richtig. Sie betrachtete den Wallach, den Rosemarie mit sich führte. Ein Pferd, wie sie es sich wünschte, gab es offenbar nicht in der Preislage, die sie sich leisten konnte.

Doch dieser Wallach würde neben Svala und den Pferden der Reitschule einen ausgesprochen traurigen Eindruck machen. Und sie konnte sich vorstellen, was Agneta und Charlotte, die selbst zwei schöne Vollblutstuten hatten, über ihn sagen würden!

Gleich darauf verwarf Petra diesen Gedanken. Das Urteil der beiden spielte ja keine Rolle. Doch sie wollte schon gern ein Pferd haben, auf das sie stolz sein konnte. Dieser Wallach würde ihr schwarzes Pony nie ersetzen können. Gegen Svala war er die reinste Jammergestalt!

Der Stallknecht übernahm Katinka, und Rosemarie führte den Wallach in seine Box zurück, um ihn abzusatteln.

„Hier haben wir das Pferd, von dem ich gerade sprach“, sagte der Händler und führte seine Kunden die Stallgasse entlang.

Petra sah neugierig in die geräumige Box zur Rechten, und ihr Herz machte plötzlich ein paar rasche Schläge. Eine goldglänzende Stute mit einem Schweif wie weiße Seide erwiderte ihren Blick mit großen braunen Augen und gespitzten Ohren. Als der Pferdehändler die Tür öffnete, zog sich die Stute ängstlich in die Ecke zurück. Doch Petra konnte ihre geschmeidigen Bewegungen und die elegante Linie von der Stirn bis zum Schweif bewundern.

„Lassen Sie mich das machen!“ bat sie atemlos und streckte die Hand nach der Trense aus.

Dann ging sie in die Box.

Hufspuren im Schnee

„Komm wieder auf die Erde zurück!“ sagte Rosemarie auf der Heimfahrt lachend. „Du schwebst ja richtig in den Wolken!“

„Aber begreifst du das denn nicht?“ erwiderte Petra glücklich. „Endlich habe ich das Pferd gefunden, von dem ich immer geträumt habe!“

„Du wirst die Stute versichern müssen“, sagte Herr Granberg nüchtern.

„Aber Versicherungen sind furchtbar teuer“, erwiderte Petra. „Wenn Lara jetzt ein Gesundheitszeugnis vom Tierarzt bekommt, brauchen wir uns doch wohl keine Sorgen zu machen, oder?“

„Wenn sie es bekommt, ja!“

„Aber weshalb sollte sie denn kein Gesundheitszeugnis bekommen, Papa?“ fragte Petra erschrocken.

„Hast du nicht bemerkt, wie eilig es der Pferdehändler hatte, das Geschäft abzuschließen? Wenn ein Verkäufer soviel Wert darauf legt, ein Pferd rasch loszuwerden, sollte man vorsichtig sein.“

„Aber wenn der Stute etwas fehlt, wird der Tierarzt es doch wohl merken?“

„Schon, aber man kann nie wissen, was passiert“, sagte Herr Granberg bestimmt. „Die Stute wird versichert, und damit basta! Mama und ich werden die Kosten übernehmen.“

Petra dankte ihm. Natürlich war es gut, ein Pferd zu versichern, aber gerade jetzt wollte sie nicht daran denken, daß Lara etwas passieren konnte. Noch immer glaubte sie den weichen, geschmeidigen Galopp der Stute und ihren leichten Sprung über das Hindernis unter sich zu spüren. Dieses und kein anderes Pferd mußte sie haben, und es war unvorstellbar, daß ihm etwas zustoßen sollte.

Als sie nach Hause kamen, ging Petra sofort in den Stall. Die Stute sollte ja erst in einigen Tagen gebracht werden, aber sie wollte gleich dafür sorgen, daß alles vorbereitet war.

Der Stall auf dem Granberghof war für zwei Pferde gebaut, doch nun stand er leer. Die rückwärtige Box war lange unbenutzt gewesen; hier sollte nun Lara stehen. Svala hatte die andere Box gehabt, und Petra wollte ihr neues Pferd nicht gern auf Svalas alten Platz stellen.

Sie kehrte Staub und Schmutz aus der Box und bedeckte den Boden dicht mit Streu. Ein leerer Stall war traurig, fand Petra, aber bald würde hier wieder ein Pferd Einzug halten.

„Petra!“ rief ihre Mutter plötzlich vom Hofplatz her.

„Ja, was ist los?“

„Astrid ist am Telefon.“

„Ich komme!“

Das Telefon stand auf einem kleinen Tisch unter der Treppe im Hausflur. Petra nahm den Hörer auf und setzte sich auf die unterste Stufe. Im Spiegel über dem Tisch sah sie sich selbst – eine kräftige, durchtrainierte Sechzehnjährige mit schulterlangem, honigfarbenem Haar und graugrünen Augen, gekleidet in Blue jeans und einen dicken Pullover.

„Hast du ein Pferd gefunden?“ fragte Astrid.

„O ja, eine wunderbare Stute! Sie kommt in ein paar Tagen. Der Verkäufer will ihr vorher nur noch ein Gesundheitszeugnis ausstellen lassen.“

„Wie sieht sie denn aus? Und wie alt ist sie?“

„Acht Jahre, und sie ist eine richtige Schönheit! Ihre Mähne und ihr Schweif sind weiß, und ihr Fell hat einen hellen Goldton. Dazu hat sie herrliche Bewegungen und springt gut.“

„Wie heißt sie?“

„Lara. Sie ist aus Polen importiert; deshalb wußte der Händler auch nichts über ihre Stammtafel. Aber das spielt ja keine Rolle, es kommt schließlich auf das Pferd selbst an.“

Petra sprach eine Weile begeistert über das neue Pferd und erzählte, wie der Besuch beim Pferdehändler verlaufen war.

„Du, Petra … würdest du mir einen Gefallen tun?“ fragte Astrid plötzlich am anderen Ende der Leitung.

„Ja, was ist denn?“

„Kann Svala eine Zeitlang bei dir im Stall stehen? Dann könntest du sie ja auch reiten.“

Petra runzelte die Stirn. Sie wollte sich nicht wieder an Svala gewöhnen, nachdem sie sie nun einmal verkauft hatte. Deshalb hatte sie es bisher immer abgelehnt, wenn Astrid ihr angeboten hatte, Svala zu reiten.

„Gestern waren zwei Männer im Stall und haben so komisch dahergeredet“, fuhr Astrid fort und erzählte von den beiden Fremden, die von Box zu Box gegangen waren. „Ich wäre viel ruhiger, wenn Svala eine Zeitlang bei dir sein könnte“, schloß sie.

„Was sagst du da? Du glaubst, daß die beiden Männer vielleicht Pferde stehlen wollen? Hast du mit Karin darüber gesprochen?“

„Nein … noch nicht. Meinst du, daß sie mich für dumm halten wird? Sie denkt vielleicht, daß ich mir alles nur einbilde.“

„Ach, Unsinn! Das muß sie einfach wissen! Natürlich kann man jetzt nicht alle Pferde der Reitschule wegbringen, wie du es mit Svala machen möchtest. Aber ich finde, Karin sollte es erfahren. Ich rufe heute abend bei ihr an!“

„Ja, das ist wohl am besten“, stimmte Astrid zu. „Aber was wird aus Svala? Darf sie zu euch kommen?“

„Ja, natürlich. Ihre alte Box steht leer, und du kannst zum Reiten genausogut hierher kommen wie zur Reitschule.“

„Oh, das ist nett von dir! Prima, vielen Dank!“

Als Petra den Hörer auflegte, freute sie sich plötzlich sehr darüber, daß Svala wieder nach Hause kommen sollte. Da sie nun auch Lara in ein paar Tagen erwartete, konnte sie Svala sicher um sich haben, ohne es zu bereuen, daß sie sie verkauft hatte.

Svala trabte mit geschmeidigen Schritten auf Petras kleiner Reitbahn. Die Bahn führte bis an den Waldrand und grenzte auf der anderen Seite an die Sommerweide der Schafe. Nun war die Reitbahn lange unbenutzt gewesen, und die dünne, vom Wind verwehte Schneedecke erstreckte sich sauber und unberührt vor Svalas Hufen.

Die Reiterin war Astrid. Bei jedem Schritt wippten ihre langen dunklen Haare unter der schwarzen Reitkappe auf und nieder. Sie war schmal und zartgliedrig, saß aufrecht im Sattel und hatte einen konzentrierten Ausdruck auf dem Gesicht. Wenn Petra sie so sah, bedauerte sie nie, daß sie ihr Pferd verkauft hatte. Astrid und Svala gehörten einfach zusammen.

Anfangs hatten sie ein Radio und ein Tonbandgerät in zwei Ecken der Reitbahn gestellt, damit Astrid sich zurechtfand. Das hatten sie inzwischen jedoch aufgegeben, da die Musik und die Stimmen allzusehr störten. Statt dessen hatte Astrid einen „akustischen Leitstern“ bekommen, wie der Apparat hieß. Er war nicht größer als eine Taschenlampe und hing nun in einer Ecke der Reitbahn. Pe+tra hatte ihn so angebracht, daß er seine Lautsignale mit angemessener Stärke aussandte. Es war ein gleichmäßiges, eintöniges Knattern, das gut zu hören war, ohne aber zu stören oder Petras Anweisungen zu übertönen.

Es wäre schön gewesen, in jeder Ecke einen Leitstern zu haben, doch das wäre allzu teuer gekommen. Ein Leitstern gehörte zu der Ausrüstung, die jeder Blinde bekam, doch wer mehrere haben wollte, mußte sie selber kaufen. Sie waren sehr kostspielig, und da Astrids Eltern bereits ein Pony gekauft hatten, wollte sie ihnen nicht noch zusätzliche Ausgaben verursachen.

Heute mußte Astrid während des Reitens mehr als sonst aufpassen. Sie konnte die allgemeine Freude über den Neuschnee nicht teilen. Er dämpfte alle Geräusche und machte es ihr fast unmöglich, sich zurechtzufinden. Während der letzten Tage, seit der Schnee gefallen war, hatte sie überhaupt nicht allein ausgehen können. Doch vom Reiten wollte sie sich keinesfalls abhalten lassen.

„Du kommst aus der Vierkantspur!“ rief Petra plötzlich. „Schwenke etwas nach rechts ab!“

Für gewöhnlich gelang es Astrid mit Hilfe ihres Gehörs, sich in einigem Abstand vom Zaun zu halten. Die Zaunpfähle gaben das Echo des Hufschlags zurück, wenn sie auf der Vierkantspur ritt, doch wenn sie abbog, verschwand es. Heute aber verschluckte der Schnee jeden Laut, und das einzige, wonach sie sich richten konnte, waren der Leitstern und Petras Stimme.

Nach der Reitstunde kehrte Svala mit Astrid im Schritt zum Stall zurück, während Petra und Astrids kleine Schwester Lena zu Fuß nebenher gingen. Der Wind war schneidend kalt, und die Mädchen bekamen rote Backen. Svalas kohlschwarzes Winterfell war so lang, daß es wie Gras im Wind wehte.

Frau Johanson, Astrids und Lenas Mutter, war noch nicht gekommen, um die beiden abzuholen. So gingen die Schwestern mit Petra ins Haus. Die Küche der Granbergs war groß und gemütlich mit den Flickenteppichen, den grünkarierten Vorhängen und den roten Pelargonien auf dem Fensterbrett. Petras Mutter kochte gerade das Abendessen.

Die Mädchen ließen sich auf der Bank am Eßtisch nieder und waren bald in eine lebhafte Unterhaltung über Pferde und Reiterei vertieft.

Frau Granberg lachte. „Daß es nach jeder Reitstunde soviel zu reden gibt! Ihr könnt wohl ewig über Pferde sprechen?“

„Ja, das können wir!“ versicherte Lena voller Überzeugung.

Später, als Astrid und Lena nach Hause gefahren waren und die Granbergs gegessen hatten, ging Petra in den Stall. Nun würde sie zum erstenmal seit einem halben Jahr wieder auf Svala reiten! Das Pony begrüßte sie mit einem leisen, freundlichen Wiehern, das ihr das Herz erwärmte. So hatte Svala all die Jahre hindurch jeden Tag gewiehert, als sie noch Petras Pony gewesen war.

Petra führte das kleine Pferd aus dem Stall und schwang sich in den Sattel. Es begann bereits zu dämmern, doch der Schnee verbreitete noch etwas Helligkeit. Das Pony ging an der Reitbahn vorbei und in den Wald hinein. Am Waldrand hatte der Wind eine tiefe Schneewehe verursacht, und Svala watete energisch hindurch. Ihr Kopf nickte bei jedem Schritt auf und nieder, und ihre Mähne wehte im Wind.

Petra genoß die weichen, vertrauten Bewegungen des Ponys aus ganzem Herzen. Wie schön, endlich wieder auf Svala zu reiten! Wie viele wunderbare Jahre hatten sie zusammen verbracht! Doch Petra hatte trotzdem nicht den Wunsch, die Zeit zurückzudrehen. Jetzt hatte sie ja die Reitschule und den Reitklub, und es machte ihr Freude, daß Astrid und Svala so gut zusammenpaßten.

Sie bog auf einen schmaleren Pfad ab, und plötzlich bemerkte sie Hufspuren im Schnee. Es war die Spur eines einzigen Pferdes; also konnte es nichts mit der Reitschule zu tun haben, da die Schüler immer in der Abteilung ausritten. Doch es gab auch keine Spuren von einem Fuhrwerk, so daß es sich nur um ein Reitpferd handeln konnte. Vielleicht waren Charlotte oder Agneta Verelius diesen Weg geritten, oder möglicherweise hatte Rosemarie Erlaubnis bekommen, allein auf Ballade einen Geländeritt zu machen.

Doch irgend etwas an diesen Hufspuren berührte Petra merkwürdig. Sie zügelte Svala und beugte sich vor, um sie näher zu betrachten. Die Abdrücke waren verschieden! Sie sprang vom Pferd, um sich die Spuren ganz genau anzusehen. Da entdeckte sie etwas Eigenartiges: Das Pferd, das hier gegangen war, hatte an den Hinterbeinen keine Hufeisen gehabt!

Petra runzelte die Stirn. Die Reitpferde in der Umgebung, die sie kannte, hatten Eisen an allen vier Hufen. Und die Größe der Hufspuren sprach völlig dagegen, daß es sich um ein Arbeitspferd handelte.

„Ich dachte, ich kenne alle Pferde in dieser Gegend“, sagte Petra laut vor sich hin. „Vielleicht weiß Karin etwas darüber. Ich will sie morgen fragen.“

Und Svala nickte, als wollte sie ihr zustimmen.

Lara hält Einzug

Am nächsten Tag erzählte Petra der Reitlehrerin von der fremden Hufspur, doch Karin wußte ebenfalls nicht, was sie von der Sache halten sollte. Lena und ihre Freundin Marie, die gerade im Stall waren, hörten das Gespräch mit an.

„Petra“, sagte Lena plötzlich eifrig, „wir haben gestern, als Mama uns nach Hause fuhr, in der Nähe eures Hofes ein Pferd gesehen. Es war ziemlich weit entfernt, und Mama behauptete, es wäre ein Reh. Aber ich bin fast sicher, daß es ein Pferd war!“

„Habt Ihr denn nicht gesehen, ob ein Reiter dabei war?“ fragte Petra verwundert. „Wenn das Tier allein herumlief, kann es doch wohl kein Pferd gewesen sein.“

„Das war ja das Seltsame an der Sache! Ich hab’s für ein Pferd gehalten, aber ein Reiter war nicht dabei. Kein Mensch ist in der Nähe gewesen!“

„Dann war es wohl doch ein Reh“, meinte Petra. „Man kann sich ja leicht täuschen, wenn man nur einen Umriß in der Ferne sieht.“

„Vielleicht war’s ein Pferd, das seinen Reiter abgeworfen hatte?“ schlug Marie vor.

Karin nickte. „Möglicherweise. Aber wenn sich wirklich jemand in dieser Gegend ein neues Reitpferd zugelegt hat, werden wir es wohl bald erfahren. – Übrigens etwas ganz anderes: Ich habe mir überlegt, daß wir Anfang April einen Dressur-Wettbewerb abhalten könnten, wenn der Schnee geschmolzen ist.“

„Au, prima!“ rief Petra begeistert. „Aber wenn der Termin nur vom Schnee abhängig ist, müssen wir sicher nicht so lange warten.“

Es herrschte nämlich schon den ganzen Tag Tauwetter, und die Schneedecke war bereits sehr viel dünner geworden. Wenn es weiter so taute, konnte der Boden schon am nächsten Morgen völlig schneefrei sein.

„Darf jeder mitmachen, der Lust hat?“ fragte Lena eifrig.

Karin nickte, und Petra sagte: „Gut, dann melde ich mich gleich mit meinem neuen Pferd an.“

Mit ihrem eigenen Pferd! Hoffentlich war es auch wirklich so gut, wie Petra es erwartete!

Dann kam endlich der Tag, an dem Lara auf den Granberghof gebracht wurde. Das Transportauto des Pferdehändlers näherte sich über die Zufahrt, während Petra zusammen mit ihren Eltern, Rosemarie, Lena und Astrid an der Haustür wartete.

Lara kam wie ein goldener Blitz aus dem Anhänger gestürmt und zog den Pferdehändler am Halfter hinter sich her. Er fluchte vor sich hin, doch die Stute sprang weiter auf dem Hofplatz umher. Ihre Nüstern waren gebläht, und sie rollte wild mit den Augen.

„Hast du die wirklich gekauft?“ fragte Petras Mutter besorgt. „Die scheint ja noch halb wild zu sein!“

Endlich gelang es dem Pferdehändler, die Stute zum Stehen zu bringen, doch sie war noch immer nervös und gereizt. Petra ging mit einem Stück Brot auf sie zu.

„So, mein Mädel, sei nur ganz ruhig!“

Lara stand mit hoch erhobenem Kopf und angstvoll geweiteten Nüstern da. Sie schielte unruhig zu Petra hinunter und spielte mit den Ohren. Den freundlichen Tonfall verstand sie, wagte jedoch nicht recht darauf zu vertrauen. Der Pferdehändler machte ein Gesicht, als hielte er Petra für ziemlich kindisch. Doch das merkte sie nicht, da sie nur Augen für ihr Pferd hatte.

„Magst du das Brot nicht? Sieh mal, es ist doch so fein!“

Lara schnappte hastig nach dem Brot und fuhr dann blitzschnell wieder mit dem Kopf zurück.

„Wohin sollen wir sie bringen?“ fragte der Händler.

„Dort ist der Stall. Ich führe sie selbst hinein.“

„Paß nur auf, daß sie dich nicht gegen den Türrahmen drängt“, warnte der Pferdehändler, als Petra das Halfter übernahm.

Doch Lara ließ sich ganz brav in ihre neue Box führen. Svala spitzte die Ohren und streckte den Kopf vor, um die neue Stallgefährtin zu begrüßen. Vorsichtig hob Lara die Nase über die Bretterwand, und die beiden Stuten beschnupperten sich. Sie wieherten halblaut, legten plötzlich die Ohren an und schnappten nacheinander. Dann zog sich Lara zurück und versenkte die Nase im Heu, das Petra für sie in die Krippe gefüllt hatte.

Kurze Zeit später fuhr der Pferdehändler wieder los. Petra sah seinem Wagen nach und fühlte sich ein wenig verwirrt, weil alles so schnell gegangen war. Nun stand plötzlich ihr Pferd im Stall – bezahlt und versichert und mit einem neuen Gesundheitszeugnis versehen.

Rosemarie, Astrid und Lena standen noch immer vor Laras Box.

„Ist sie nicht wunderbar?“ sagte Lena immer wieder.

„Sie scheint ein bißchen wild zu sein“, meinte Astrid.

Sie hatte gehört, wie die Stute draußen umhergestürmt war, und da sie nicht sehen konnte, was vor sich ging, malte sie sich in ihrer Phantasie die schlimmsten Dinge aus.

„Als ich sie beim Pferdehändler geritten habe, war sie ganz brav“, sagte Petra. „Jetzt ist sie wohl ein bißchen durcheinander vom Transport und all dem Neuen, aber sie wird sich schon beruhigen.“

„Sie sieht jetzt schon wieder ganz ruhig aus“, erwiderte Rosemarie. „Aber draußen war sie furchtbar aufgeregt.“

„Vielleicht ist sie nicht besonders gut behandelt worden“, murmelte Petra nachdenklich.

„Von wem? Vom Pferdehändler?“

„Keine Ahnung“, sagte Petra. „Vielleicht. Möglicherweise lag es aber auch am früheren Besitzer. Heute soll sich Lara erst einmal in aller Ruhe an ihre neue Heimat gewöhnen. Ich werde sie erst morgen reiten.“

Doch sie ging an diesem Tag immer wieder in den Stall. Gegen Abend, als Petra zum letztenmal die Tür öffnete, beschnupperten sich Lara und Svala gerade recht freundschaftlich. Petra gab den beiden noch etwas Heu, nahm dann Bürste und Hufkratzer und ging in Laras Box. Es war zwar eigentlich nicht ihre Gewohnheit, ein Pferd abends zu striegeln, doch sie wollte sich gleich etwas näher mit Lara vertraut machen, statt damit bis zum nächsten Tag zu warten.

Beim ersten Bürstenstrich hob Lara die Nase aus dem Heu und hörte auf zu kauen. Petra summte leise vor sich hin, während sie das Fell des Pferdes bürstete, und nach einer Weile fraß die Stute ruhig weiter.

Plötzlich aber warf sie den Kopf zurück und sah mißtrauisch zur Stalltür. Ihr ganzer Körper war angespannt.

„Ach, hier bist du? Das hätte ich mir denken können.“ Petras Vater hatte den Stall betreten und näherte sich der Box. „Sie sieht ein bißchen nervös aus“, sagte er.

„Ja, aber vorher war sie ganz ruhig.“

Petra streichelte ihr Pferd und ließ die Hände über eines der schmalen Vorderbeine gleiten. Plötzlich hielt sie inne und sagte verwundert: „Sie hat einen kleinen Knoten hier vorne am Fesselgelenk!“

„Kann ich mal sehen?“

Herr Granberg kam in die Box, doch da wurde Lara sofort unruhig und legte die Ohren zurück.

„Ganz ruhig, Mädel! Er tut dir doch nichts!“

Petra schlang die Arme um den Hals der Stute und hielt sie fest, so daß ihr Vater das Bein untersuchen konnte.

„Ach, es ist wohl nichts Schlimmes“, meinte er. „Sie ist auch gar nicht empfindlich an der Stelle.“

Schon am nächsten Morgen war der Knoten sehr viel kleiner. Eine ungefährliche kleine Fettablagerung unter der Haut konnte es also nicht sein. Petra machte sich jedoch keine Sorgen. Was es auch sein mochte, es verschwand ja schon wieder! Als sie Svala und Lara versorgt und im Kuhstall ausgemistet hatte, ging sie zum Schafstall, um die Schafe zu füttern.

Der Schafstall lag ein Stück von den übrigen Gebäuden des Hofes entfernt und war von der Winterweide der Schafe umgeben. Petra sah die Herde zusammengedrängt an der Stallwand stehen. Die Tiere konnten frei im Stall aus und ein gehen.

Plötzlich bemerkte sie eine dunkle Gestalt jenseits der Einfriedung. Im ersten Augenblick dachte sie, es wäre ein Elch. Doch dann zeichnete sich das Tier zufällig gegen einen grauweißen Schneefleck ab, der noch am Waldrand lag. Da sah Petra, daß es ein Pferd war – ein fremdes Pferd, das frei durch die Gegend streifte!

Das sonderbare Wildpferd

Petra stand regungslos da und starrte auf das fremde Pferd. Seltsamerweise schien es sie noch nicht bemerkt zu haben. Es ging am Zaun entlang, kehrte plötzlich um und trabte ein Stück in die entgegengesetzte Richtung. Wieder zögerte es, als wüßte es nicht, wohin es sich wenden sollte. Und dann, ehe Petra sich versah, setzte das Pferd mit einem geschmeidigen Sprung über den Zaun. Es war aus dem Stand gesprungen!

Nun trabte es auf den Schafstall zu, und plötzlich begriff Petra, wovon es angelockt wurde. Ein Stück von der Wand entfernt lag ein Rest Heu, den die Schafe noch nicht gefressen hatten! Plötzlich kam Leben in die Schafherde. Die Tiere blökten und trotteten wie auf Kommando zur Türöffnung des Stalles.

Das Pferd blieb stehen und beobachtete die wilde Flucht der Schafe. Dann hob es den Kopf und bemerkte Petra. Doch da sie ganz ruhig dastand, ging das Pferd weiter aufs Heu zu. Gierig fraß es davon und schielte dabei aus den Augenwinkeln immer wieder in Petras Richtung.

Es muß ausgerissen sein! dachte Petra und näherte sich dem fremden Pferd langsam. Dabei sprach sie liebevoll und beruhigend zu ihm. Vielleicht konnte sie es fangen! Das Pferd sah sie unfreundlich an, war jedoch offenbar zu hungrig, um zu flüchten und das Heu zurückzulassen.

Als Petra näher kam, sah sie, daß es ein Schimmel war. Da sein Fell noch sehr dunkel wirkte, mußte er wohl ziemlich jung sein. Ohne Zweifel war er ein Reitpferd. Sie bemerkte eine hübsche weiße Blesse, die jedoch von einem schmalen, dunklen Streifen durchzogen war, der quer über den Nasenrücken lief.

„Hab doch keine Angst“, sagte Petra. „Willst du nicht in den Stall kommen? Dort gibt’s feinen Hafer.“

Das Pferd legte die Ohren zurück und fraß, so schnell es konnte. Petra ging immer näher. Der schmale Streifen über dem Nasenrücken schien getrocknetes Blut zu sein. Vermutlich hatte sich der Schimmel an einem Zweig im Wald verletzt. Petra streckte vorsichtig die Hand aus, doch da wich das Pferd ein Stück zurück.

„Bist du aber scheu!“ sagte sie und folgte ihm langsam.

War es möglich, daß jemand den Schimmel auf den Nasenrücken geschlagen hatte? Nein, dachte Petra. Niemand konnte so grausam sein, daß er ein Pferd mit einem scharfen Gegenstand auf den Kopf schlug!

Das Pferd wartete nicht, bis Petra es erreicht hatte. Wieder fiel es in Trab, übersprang den Zaun genauso spielerisch wie vorher und verschwand im Wald.

Petra lief zur Einfriedung und schwang sich etwas weniger elegant darüber. Doch der Schimmel war fort, und seine Hufe hinterließen keine Abdrücke auf dem schneefreien, winterharten Boden. So blieb ihr nichts anderes übrig, als wieder auf die Schafsweide zurückzukehren.

Immerhin war es möglich, daß der Schimmel wiederkommen würde. Deshalb legte Petra, als sie die Schafe gefüttert hatte, einen Armvoll Heu auf die andere Seite des Zaunes.

„Na so was, was machst du denn da?“

Ihr Vater stand vor dem Kuhstall und beobachtete sie verdutzt. Sie ging zu ihm und erzählte von ihrer Begegnung mit dem fremden Pferd.

„Das ist seltsam“, sagte Herr Granberg, als sie geendet hatte. „Wem mag der Schimmel wohl gehören, was meinst du?“

„Keine Ahnung“, erwiderte Petra wahrheitsgemäß. „Ich hab ihn nie zuvor gesehen. Aber wenn er merkt, daß es hier Heu gibt, könnten wir ihn vielleicht einfangen.“

Während sie das sagte, fiel ihr etwas ein. Sie erinnerte sich plötzlich an den Pferdetransportwagen, der vor einer Woche frühmorgens im Schnee steckengeblieben war. Bruchstücke aus der Unterhaltung der beiden Männer kamen ihr in den Sinn. „Hast du so schnell aufgegeben?“ – „Du kannst nicht einmal ein Pferd festhalten.“ – „Wenn er sich weiter auf der Straße hält, holen wir ihn vielleicht noch ein.“

Mit einemmal verstand Petra, was sie damals nicht begriffen hatte. Ein Pferd hatte sich von einem der beiden Männer losgemacht und war ausgerissen. Sicher war es der Schimmel gewesen! Rasch erzählte sie ihrem Vater von dem Zwischenfall.

„Wir werden das wohl bei der Polizei melden müssen, damit man den Pferdebesitzer mit Hilfe der Autonummer finden kann“, sagte der Vater.

Petra nickte, doch sie lief nicht sofort ins Haus, um nach dem Zettel mit der Autonummer zu suchen. Es war ja Samstag, und sie hatte eine Menge Zeit. Jetzt freute sie sich erst einmal auf den ersten Ritt mit ihrem eigenen Pferd, und das war wichtiger als alles andere.

Lara war kopfscheu, doch Petra sprach beruhigend auf sie ein, bis die Trense an ihrem Platz saß. Der Sattel paßte genau. Petra führte Lara ins Freie und schwang sich auf ihren Rücken. Dann ging es im Schritt zur Reitbahn. Manchmal erschien es ihr, als ginge Lara etwas unsauber, doch es waren jedesmal nur ein paar Schritte. Vielleicht lag es nur an dem holprigen Weg, meinte Petra. Die Stute ging vorsichtig und mit kurzen Schritten, als hätte sie Angst, auszugleiten.

Als sie zur Reitbahn kamen, nahm Petra die Zügel auf und trieb ihr Pferd mit einem Schenkeldruck an. Lara ging im Schritt weiter, als hätte sie nichts bemerkt. Petra drückte die Absätze in ihre Flanken. Die Stute zuckte zusammen und fiel in unsauberen, ruckartigen Trab. Sie lahmt ja! dachte Petra erschrocken.

Sofort zügelte sie Lara und saß ab. Dann führte sie ihr Pferd ein Stück geradeaus. War es Einbildung, oder lahmte Lara auch im Schritt? Langsam ging sie mit ihr zum Hof zurück. Die Stute ließ den Kopf hängen, und nun konnte kein Zweifel mehr bestehen, daß sie lahmte.

War das das gleiche Pferd, das gestern noch so anmutig und feurig über den Hofplatz gestürmt war? Petra wurde richtig traurig. Was war geschehen? Konnte es sein, daß Lara in der Box gestolpert war und sich eine Sehne gezerrt hatte?

Auf dem Hofplatz traf sie Astrid und Lena, die gerade gekommen waren, um auf Svala zu reiten.

„Sieh mal, ich hatte recht!“ rief Lena schon von weitem. „Es war wirklich ein Pferd und kein Reh, was wir vor kurzem gesehen haben!“

Sie schwenkte eifrig einen Zeitungsausschnitt.

„Hast du das gelesen?“ fuhr sie fort. „,Ein Wildpferd auf dem Bummel‘, steht da.“

„Nein. Kann ich’s mir mal ansehen?“

Während Petra den Artikel las, versuchte Lena ihr die Sache auseinanderzusetzen, und Astrid sprach von ihrer Angst, das arme Pferd könnte verhungern. Nur langsam begriff Petra, was in dem Zeitungsausschnitt stand. Mehrere Leute hatten ein frei umherstreifendes Pferd gesehen. Niemand wußte, wem es gehörte, doch die Polizei wollte versuchen, es einzufangen. Der Reporter stellte Überlegungen an, was geschehen würde, wenn man das Pferd nicht zu fassen bekam. Er meinte, man sollte es dann vielleicht erschießen, damit es nicht verhungern mußte.

„So einen Unsinn hab ich schon lange nicht mehr gelesen!“ stieß Petra hervor. „Wieso sollte man das Pferd nicht fangen können? Ehe es verhungert, läßt es sich doch sicher mit Heu und Hafer anlocken. Und es ist so ein schönes Tier!“

Lena machte große Augen. „Hast du es auch gesehen?“

„Ja, heute morgen“, sagte Petra.

Sie führte Lara in den Stall, und während die Schwestern Svala sattelten, erzählte sie ihnen, wie das fremde Pferd über den Zaun der Schafsweide gesprungen war.

„Wem es wohl gehören mag?“ fragte Astrid nachdenklich. „Der Besitzer macht sich bestimmt große Sorgen.“

„Da bin ich gar nicht so sicher“, erwiderte Petra.

Sie berichtete von dem Transportauto und wiederholte, was sie am vergangenen Freitag auf der Landstraße gehört und gesehen hatte. Die beiden Männer hatten auf sie nicht den Eindruck gemacht, als wären sie um ihr entlaufenes Pferd sehr besorgt.

„Aber wenn du die Autonummer aufgeschrieben hast, könnten wir den Besitzer doch leicht finden!“ sagte Lena eifrig.

„Schon, doch es ist noch wichtiger, das Pferd zu finden und einzufangen“, meinte Astrid. „Kannst du das nicht versuchen, Petra? Wir müssen es einfach retten!“

„Ja, ich will mal sehen, ob ich es schaffe“, versprach Petra. „Und ich glaube auch nicht, daß es verhungert, wenn ich Heu auslege. Außerdem findet es bestimmt auch im Wald noch hier und da etwas Eßbares.“

Als Astrid und Lena geritten waren, begann Petra nach dem Zettel zu suchen, auf dem sie die Nummer des Transportautos notiert hatte. Sie war so sicher gewesen, daß sie den Zettel in ihre Schulmappe gelegt hatte, doch dort war er nicht. Es nützte nichts, daß sie die Mappe völlig ausleerte; auch nicht, daß sie ihren Schreibblock durchblätterte und im Federmäppchen suchte. Die Nummer war und blieb verschwunden.

Was hatte sie nur mit dem Zettel gemacht? Sie durchwühlte ihren Schreibtisch, fand ihn jedoch nicht. Dann versuchte sie, sich an die Nummer zu erinnern, doch es nützte nichts. Schließlich mußte sie die Suche aufgeben. Petra tröstete sich damit, daß Astrid recht hatte: Viel wichtiger war es, das Pferd einzufangen. Dann konnte die Polizei den Besitzer immer noch ausfindig machen.

Lahmt Lara noch immer? Das war Petras erster Gedanke, als sie am nächsten Morgen erwachte. Sie streifte die warme Bettdecke zurück und schwang die Füße über die Bettkante auf den kalten Boden.

Im Zimmer war es noch dunkel. Die Dielen knarrten, als Petra ans Fenster trat und die Gardinen zurückzog.

Große, weiche Schneeflocken tanzten durch die Luft, und der Hofplatz war tief verschneit. Petra drehte sich um, machte Licht und kleidete sich rasch an.

Svala wieherte bereits, als Petra die Hand auf die Klinke der Stalltür legte. Ach, wie schön war es, das schwarze Pony wieder hierzuhaben! Es war beinahe wie früher. Svala sah ihr erwartungsvoll entgegen und schnaubte eifrig. Lara legte die Ohren an und warf den Kopf zurück. Beide Pferde waren hungrig, und ein jedes hatte seine besondere Art, das auszudrücken. Sobald sie ihr Heu bekommen hatten, wurden sie wieder ruhig.

Als Petra ihre morgendlichen Pflichten erfüllt hatte, kehrte sie zum Pferdestall zurück und führte Lara am Halfter ins Freie. In diesem Augenblick kam ihr Vater zusammen mit Petrus Tobiasson um die Hausecke. Petrus war der Nachbar der Granbergs und Petras Taufpate.

„Aha, das ist also das neue Pferd!“ sagte Petrus. „Die reinste Zirkusfarbe hat’s, aber sonst ist es recht stattlich.“

Seiner Meinung nach hatten Pferde braun oder schwarz zu sein, oder vielleicht fuchsfarben wie seine eigene Stute. Für gewöhnliche, helle Farben hatte er nicht viel übrig.

„Lahmt sie heute noch?“ fragte Herr Granberg.

„Das wollte ich gerade herausfinden“, sagte Petra und führte Lara den Weg entlang.

„Teufel auch!“ brummte Petrus. „Freilich lahmt sie!“

Petras Vater machte ein bekümmertes Gesicht. Petra selbst versuchte sich mit dem Gedanken zu beruhigen, daß viele Pferde eben ab und zu einmal lahmten. Es war nicht ungewöhnlich, und meistens verging es auch bald wieder. Zwar war Svala all die Jahre hindurch gesund gewesen, doch sie war eben ein außergewöhnlich kräftiges und widerstandsfähiges Tier.

„Das legt sich schon wieder“, sagte Petra laut. „Lara braucht eben ein paar Tage Stallruhe.“

„Na, hoffen wir’s“, erwiderte ihr Vater mit nachdenklichem Kopfschütteln.

„Dann hast du jetzt wohl kein Pferd zum Reiten?“ fragte Petrus.

„Nur Svala, aber die ist ja hauptsächlich für Astrid und Lena da.“

„Dann kannst du morgen meine Fuchsa haben“, sagte Petrus. „Ich brauche sie nicht. Dein Vater hat mir eben versprochen, daß er mir seinen Traktor leiht.“

Petrus war über siebzig, doch er arbeitete noch immer schwer. Petras Eltern hatten einen Traktor und Nachbar Petrus ein Pferd, und da sich manche Arbeiten leichter mit dem Traktor ausführen ließen, kleinere Arbeiten jedoch besser mit dem Pferd, tauschten Granbergs und Tobiassons manchmal.

„Oh, danke, das Angebot nehme ich gerne an!“ sagte Petra.

Sie war im Herbst schon ein paarmal auf Fuchsa geritten, einem braven nordschwedischen Kaltblüter. Eingeritten war die Stute nicht, doch für Spazierritte eignete sie sich recht gut.

„Na gut, dann hol sie dir, wenn du magst“, erwiderte Petrus freundlich.

Petra führte Lara in den Stall zurück. „Du mußt bald gesund werden“, sagte sie und streichelte den seidigen, goldgelben Pferdekopf. „Ich kann schon warten, bis es dir wieder gutgeht.“

Im Laufe des Tages klarte der Himmel auf, doch die Schneedecke war bereits dick genug, um Astrid Schwierigkeiten zu bereiten. Sie ritt nicht besonders lange, sondern überließ Lena bald den Platz auf Svalas Rükken. Die Mutter der beiden Mädchen stand am Zaun und sah zu.

„Bist du heute auf Lara geritten?“ fragte Astrid.

„Nein, sie lahmt“, erwiderte Petra und erzählte von ihrem mißglückten ersten Ausritt. Als sie Astrids Gesicht traurig werden sah, fügte sie rasch hinzu: „Aber morgen bekomme ich Fuchsa. Könnten wir da nicht zusammen ausreiten?“

Da hellte sich Astrids Miene wieder auf. „O ja, gerne!“ sagte sie.

Plötzlich wandte Svala den Kopf, sah zum Wald hinüber und lauschte mit gespitzten Ohren und geblähten Nüstern. Lena blickte in die gleiche Richtung, bemerkte jedoch nichts.

„Was ist mit Svala los?“ fragte Frau Johanson.

„Sie muß etwas im Wald gehört haben“, meinte Petra. „Komisch, sie ist ganz aufgeregt – fast, als wäre da ein anderes Pferd …“

In der nächsten Sekunde erklang Gewieher aus dem Wald. Svala hob den Kopf und antwortete. Dann stand sie unbeweglich da und sah zu den Bäumen hinüber.

„Schaut doch mal!“ rief Lena aufgeregt.

Ein Pferd kam aus dem Wald getrabt.

„Das Wildpferd!“ stieß Petra hervor. „Herrje, ist es schön! Es kommt hierher – ich glaube, es will zu Svala! Nein, jetzt schwenkt es zur Seite, weil es uns gesehen hat, und galoppiert draußen an der Längsseite des Zaunes entlang … Lena, du mußt dich zurücklehnen! Halt die Zügel kurz!“

Svala schoß wie eine Kanonenkugel dahin, um mit dem „Wildpferd“ Schritt zu halten, und Lena konnte nichts anderes tun, als sich an ihrer Mähne festzuklammern, um nicht in hohem Bogen aus dem Sattel zu fliegen. Dann bog das Pony zur Schmalseite der Bahn ab. Lena zerrte am Zügel, und Svala wirbelte einmal um die eigene Achse, daß der Schnee um ihre Hufe stob. Dann blieb sie stehen, am ganzen Körper zitternd vor Spannung.

Lena sprang ab und hielt Svala am Zügel fest. Das fremde Pferd steckte den Kopf über den Zaun und beschnupperte Svala. Das Pony stieß einen kurzen, seltsamen Laut aus und zuckte zurück. Nun versuchte Lena, die Stute mit sich zu ziehen, und sie kam widerstrebend mit. Das fremde Pferd folgte auf der anderen Seite des Zaunes.

Petra folgte dem Schimmel mit den Blicken. Er war ein edles Tier, kräftig und wohlgeformt. Nun hatte sie eine Chance, ihn einzufangen. In ihrem Magen begann es vor Aufregung zu kribbeln. Plötzlich sah sie, was sie schon vorher auf Grund von Svalas Verhalten vermutet hatte: Das fremde Pferd war ein Hengst.

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