Читать книгу: «Ghostsitter»

Die bisherigen Bände dieser Serie:
Ghostsitter Band 1: Geister geerbt
Ghostsitter Band 2: Vorsicht! Poltergeist!
Ghostsitter Band 3: Hilfe, Zombie-Party!
Ghostsitter Band 4: Schreck im Spiegelkabinett
Ghostsitter Band 5: Tanz der Untoten
Die Serie wird fortgesetzt!
1. überarbeitete Neuauflage August 2019
Copyright © 2019 by Tommy Krappweis & Edition Roter Drache
Edtion Roter Drache, Holger Kliemannel, Haufeld 1, 07407 Remda-Teichel
edition@roterdrache.org; www.roterdrache.org
Umschlagillustration und Vignetten: Timo Grubing
Umschlaggestaltung: Timo Grubing
Korrektorat: Diane Krauss
Gesamtherstellung: Jelgavas tipografia
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2020
Alle Rechte vorbehalten.
Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form (auch auszugsweise) ohne die schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert, vervielfältigt oder verbreitet werden.
ISBN 978-3-964260-56-7

Inhalt
Kapitel 1:Tiffany Schuster
Kapitel 2:Der Fotograföhr
Kapitel 3:Die Mähne
Kapitel 4:Das Problem
Kapitel 5:Die Beweisaufnahme
Kapitel 6:Zoracz
Kapitel 7:Es wird wieder ernst
Kapitel 8:Ein saudummer Plan
Kapitel 9:Aua
Kapitel 10:Ab ins Spielzimmer
Kapitel 11:Feuer unter dem Cape
Kapitel 12:Die Entdeckung
Kapitel 13:Das geheimnisvolle Fünfeck
Kapitel 14:Die Untersuchung
Kapitel 15:Jede Menge Netz
Kapitel 16:Der Schwur
Kapitel 17:Alles und nichts
Kapitel 18:Das Verhör
Kapitel 19:Das Glaspentagon
Kapitel 20:Die Rumkugel
Kapitel 21:Relocatio
Kapitel 22:Das Lachen
Kapitel 23:Der Pakt
Kapitel 24:Zurück nach Hause
Kapitel 25:Zoracz kommt zurück
Kapitel 26:Der Andrang
Kapitel 27:Der Dutt
Kapitel 28:Close-up
Kapitel 29:Spuk’s aus!
Über den Autor

Kapitel 1: Tiffany Schuster
Das meinst du nicht ernst …«, Tom musterte den Vampir ganz genau, sah ihm noch einmal prüfend in die dunklen Augen und schüttelte dann den Kopf. »Das kannst du unmöglich ernst meinen.«
Vlarads Miene blieb so ungerührt aristokratisch wie immer: »Ich bitte zu akzeptieren, dass ich Prinzipien habe.«
Tom seufzte und sackte auf dem Küchenstuhl zusammen, als hätte man ihm die Luft abgelassen. Ein Moment der Stille folgte, und er schaute in die Runde: Geistermädchen Mimi schwebte neben ihm, Welf der Werwolf lehnte an der kleinen Küchenzeile, Hop-Tep die Mumie saß aufrecht auf der Couch, und Wombie der Zombie stand mitten im Raum – wie immer, ohne jegliche Regung.
»Was sagt ihr denn dazu?«, fragte Tom einfach mal in den Raum hinein. »Das wäre so eine tolle Chance für uns! Tiffany Schuster ist ein Superstar, und ihre Vampirbücher verkaufen sich nicht nur in Deutschland, sondern inzwischen sogar weltweit wie verrückt! Eine große Zeitung will das erste offizielle Interview mit ihr in unserer Geisterbahn machen! Ich meine, das leuchtet euch doch auch ein, dass das …«
Welf hob die Hand. »Willst du jetzt wissen, was wir dazu sagen oder weiter auf uns einreden?«
Tom hatte sehr genau gehört, dass Mimi neben ihm leise gekichert hatte, beschloss aber, es zu ignorieren. »Nein, Welf, ich möchte gerne hören, was ihr denkt. Bitte.«
Mit einer betont einladenden Geste erteilte Tom dem Werwolf das Wort. Der löste sich von der Küchenzeile und gab erst einmal sein typisches Welfschnauben von sich. Auch wenn Toms Pflegeonkel gerade in Menschengestalt wandelte, wirkte er in diesem Moment auffallend wölfisch.
»Schon klar, dass uns ein Artikel in Deutschlands größter Zeitung was bringt, keine Frage«, erklärte er. »Dass diese Frau mit ihren Büchern erfolgreich ist, hab sogar ich mitbekommen, und das will was heißen.«
Tom nickte, denn das stimmte wirklich. Welf war nicht gerade der Typ für ein paar Stunden gemütlichen Stöberns im Buchladen. Ein Besuch mit ihm im Baumarkt allerdings konnte sich schon mal über einen Nachmittag hinziehen.
»Genau!«, stimmte Tom gestenreich zu. »Und Tiffany Schuster gilt als sehr scheu, hat noch nie ein Interview gegeben, und keiner weiß, wie sie eigentlich aussieht! Jetzt soll der allerallererste Artikel mit dem allerallerersten Interview bei uns stattfinden! Mit Fotostrecke! Man wird unsere Geisterbahn sehen, es wird erwähnt, wo wir in diesem Jahr wann auf welchem Rummel zu finden sind, und …«
Mimi kicherte wieder, und Tom fuhr herum: »Was hab ich denn jetzt so Witziges gesagt, bitte?«
»Nichts, was du nicht schon vorher gesagt hättest«, lachte das Geistermädchen. »Und das mehrfach.«
Tom seufzte. »Okay, ich hab’s verstanden … Aber anscheinend der Herr Graf da drüben noch nicht.« Er deutete ohne hinzusehen über die Schulter zu Vlarad.
»Oh, da unterschätzt du meine kognitiven Fähigkeiten aber ganz gewaltig, junger Mann«, näselte Vlarad zu ihm herüber. »Mir ist voll und ganz bewusst, dass ein großes Interview mit einer prominenten Person in unserer Schreckensfahrt Aufmerksamkeit erregen könnte. Aber ich werde mich auf keinen Fall dazu hergeben, zusammen mit dieser Schmiernudel auf meinem Sarg zu posieren!«
»Aber natürlich wollen die ein Foto in der Vampir-Deko machen!«, warf Tom ein und riss die Hände in die Luft. »Mit Frau Schuster neben dem Sarg und dahinter unsere ›Vampirfigur‹ in typischer Dracula-Pose. Das ist doch klar, Leute. Sie schreibt nun mal Vampirbücher!«
»Ich muss dich korrigieren, Tom«, unterbrach Vlarad. »Mag sein, dass es sich oberflächlich gesehen um Vampirbücher handelt. Aber mit Vampiren hat das so viel zu tun wie Blut mit Holunderlimonade.«
»Gmmmhh«, machte Wombie – entweder aus Zustimmung oder wegen der Holunderlimonade.
Vlarad breitete die Arme aus und reckte den Blick flehend gen Himmel: »Bei den dunklen Mächten, versteh mich doch einer! Die ›Vampire‹ von Fräulein Schuster laufen bei Tageslicht umher, und das Einzige, was passiert, ist, dass sie glänzen wie eine Discokugel! Wäre das wirklich der Fall, wäre heute in jedem Ballsaal ein Vampir an die Decke genagelt! Wir verbrennen bei Sonnenlicht, zum dräuenden Donnerwetter noch mal! Und daran ist nichts, aber auch wirklich gar nichts Witziges zu finden, junge Dame.«
Mimi hielt sich ihre Hand vor den Mund und versuchte ganz offensichtlich, das Bild von einem genervten Vlarad zu verdrängen, der sich über einer Tanzfläche glitzernd im Kreis drehte.
Tom beschloss, die Strategie zu wechseln: »Aber … was ist denn dagegen zu sagen, dass sie dem Vampirmythos noch ein paar Dinge dazudichtet? Es gibt doch auch viele Dinge, die die Menschen gar nicht wissen!«
»Das ist auch sehr gut so, denn just diese Dinge sorgen seit Jahrhunderten für unser Überleben!«, gab der Vampir ernst zurück. »Was glaubst du denn, wie wir unsere Art erhalten könnten, wenn uns der bloße Anblick eines Kreuzes wirklich umgehend vernichten würde? Kopfschmerz, Schwindelgefühl, Schwächeanfälle – oh ja, und davon nicht zu wenig. Aber dass ich umgehend zu Staub zerfalle, weil jemand vor meiner Nase die Finger kreuzt, ist wirklich lächerlich!«
»Ich weiß doch …«, wollte Tom den Redefluss unterbrechen, aber Vlarad war noch nicht fertig: »Auch dass wir Vampire willentlich in Spiegeln oder auf Fotografien erscheinen können oder es bleiben lassen, ist eine reine Schutzmaßnahme! Was glaubst du, wie oft man uns bereits enttarnt hätte, wenn wir das nicht selbst zu steuern vermochten? Ha! Ihr Menschen und eure hochmütige Naivität …«
Vlarad drehte sich weg und warf dabei den Kopf effektvoll zur Seite.
»Okay, es war ein Versuch, so kommen wir also auch nicht weiter«, seufzte er und ging zum Fenster hinüber.
Nachdenklich blickte Tom durch den Spalt zwischen den zugezogenen Vorhängen nach draußen auf den Rummelplatz, wo um diese frühe Stunde noch alles ruhig im Morgennebel lag. Frühestens um zehn Uhr würden sich die ersten Besucher hier tummeln, meistens Kindergartengruppen oder Schulklassen. Nachmittags kamen dann vermehrt Familien und Jugendliche, und abends konnte es dann schon ein bisschen turbulent werden. Das kam zum einen darauf an, ob der nächste Tag ein Arbeitstag war, und zum anderen auf die Größe des Bierzelts.
Irgendwie konnte Tom den Frust des Vampirs ja auch nachvollziehen. Das Vermeiden von Sonnenlicht entschied bei ihm ja tatsächlich über Leben und Tod … oder besser gesagt über untotes Leben und unlebendiges Totsein … oder so.
Tom drehte sich wieder zu den anderen herum und sah zu dem Vampir hinüber, der immer noch stocksteif und mit verschlossener Miene in die Runde blickte.
»Lieber Vlarad, ich verstehe natürlich, was du sagst und wie du dich fühlen musst, wenn jemand Dinge über Vampire verbreitet, die nicht den Tatsachen entsprechen. Aber vielleicht kannst du auch nachvollziehen, warum die Sache für mich so nervig ist.« Tom schluckte einen weiteren Seufzer hinunter und suchte für einen Moment nach den richtigen Worten.
»Weißt du … seit ich mit euch durch die Gegend reise, haben wir Geldprobleme. Und die Schreckensfahrt wird an manchen Stellen nur noch von zwei Dingen zusammengehalten: von der Hoffnung, dass sie nicht über unseren Besuchern zusammenklappt wie ein Kartenhaus, und von etwa achtzig Rollen Klebeband.«
»Achtzig Rollen … Das ist übertrieben«, grummelte Welf. »Fünfzig, ja. Vielleicht zweiundsechzig. Aber keine achtzig.«
Von der genauen Zahl des verwendeten Wunderwerkzeugs einmal abgesehen …, meldete sich die Mumie telepathisch zu Wort. Unser junger Prinz spricht die Wahrheit. Obwohl unsere Einnahmen bislang zufriedenstellend sind, fehlt uns doch das dringend nötige Kapital, um die noch dringender nötigen Reparaturen ausführen zu können. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis eine unserer Gondeln auf einem Weg jenseits der rostigen Gleise durch die morsche Wand bricht und mitsamt zweier unserer zahlenden Gäste in den Sonnenuntergang rollt.
»Oh, wie romantisch!«, kicherte Mimi. »Stellt euch mal vor, ein verliebtes Pärchen rattert eng umschlungen in einer unserer Gondeln Richtung Waldrand. Sie bekommen nichts um sich herum mit, weil sie …«
»… vorher auf der Schnellstraße von einem Laster aus der Bahn geräumt werden?«, stöhnte Tom. »Können wir bitte beim Thema bleiben?«
Er schüttelte kaum merklich den Kopf, um seine grauen Zellen wachzurütteln. Eine Lösung musste her, und zwar jetzt: »Also gut, da die Leute von der Zeitung eh keinen echten Vampir erwarten, könnten wir doch Vlarads Klamotten nehmen und sie einfach einer von den alten Puppen anziehen. Hop-Tep, du könntest mit deinem gestalterischen Talent bestimmt aus so einer Puppe einen halbwegs ansehnlichen Vlarad zaubern, oder?«
Selbstverständlich, ertönte die Stimme des ägyptischen Prinzen in Toms Kopf. Wenn unser Fürst der Finsternis mit diesem Kompromiss einverstanden wäre?
»Grmpf«, antwortete der Vampir, und Tom grinste: »Wir deuten dein Grmpf als ein Ja, Vlarad. Vielen Dank. Hop-Tep, bitte mach dich gleich dran. Ich ruf den Typen von der Zeitung an und sag ihm zu.«

Kapitel 2: Der Fotograföhr
Hallo zusammen, Föhr mein Name, Richard Föhr. Ich darf hier morgen früh ein paar Fotos schießen, richtig?«
Tom winkte dem groß gewachsenen Mann im modischen Ledermantel höflich zu. »Hallo, ich bin Tom, und das hier ist mein Onkel Welf. Bitte kommen Sie doch hier herauf, und wir gehen über die Gleise ins Innere der Geisterbahn bis zu unserer Vampir-Dekoration.«
»Alles klar, na hoffentlich halten das meine Nerven aus, hahaha!«, lachte der Fotograf, verstummte dann aber, als er in das ernste Gesicht des Werwolfs blickte. »Sie hatten wohl noch keinen Kaffee heute Morgen, was? Kleiner Scherz.«
»Ja. Sehr klein«, zischte Welf zwischen den Zähnen hervor, doch Herr Föhr ging einfach darüber hinweg. »Also, das sieht schon von außen so großartig abgeranzt aus. Ich würde am liebsten gleich loslegen.«
»Ich auch …«, ließ sich Welf drohend vernehmen, als sie die Geisterbahn betraten. Tom seufzte. Wenn irgendwer auch nur ein falsches Wort über die Schreckensfahrt verlor, konnte der Werwolf noch übellauniger werden, als er es ohnehin schon war. Zeichnete sich das Gegenüber dann auch noch durch einen ausgeprägten Hang zu schlechten Witzen aus, spielte es mit seiner Gesundheit.
Tom ließ sich einen Schritt zurückfallen, sodass er nun zwischen dem Fotografen und Welf laufen und gegebenenfalls schnell eingreifen konnte. »Hier geht es scharf nach links, bitte folgen Sie den Gleisen.«
»Ah, okay, ich seh schon. Also, eine ganz wunderbare alte Kiste haben Sie da«, dröhnte die Stimme des Fotografen durch die Gänge der Geisterbahn.
Tom drehte sich sofort zu Welf herum und hob beschwichtigend die Hände. Der wirkte, als würde er dem Mann gerne eine Wendeltreppe ins Genick beißen. Er hat ›alte Kiste‹ gesagt!, telepathierte der Werwolf wütend.
Ja, aber er hat auch ›ganz wunderbar‹ gesagt. Schau mal, wie begeistert er ist, antwortete Tom ebenso tonlos zurück. Wieder einmal war er sehr dankbar für dieses übernatürliche Geschenk, das ihm seine untoten Freunde gemacht hatten. Die Möglichkeit, sich in Gedanken zu unterhalten, ersparte ihnen allen nicht nur Zeit, Schritte und die ein oder andere peinliche Situation – sie hätten ohne diese blitzschnelle geistige Verbindung auch viele ihrer Abenteuer nicht überstanden.
Man musste aber unbedingt daran denken, die telepathische Verbindung wieder zu kappen. Sonst diktierte man den anderen unabsichtlich sein privates Gedankentagebuch, und das konnte schnell richtig peinlich werden.
Tom legte einen Schalter um, und die Effektbeleuchtung ging flackernd an. Er war sehr stolz auf diesen Teil der Geisterbahn, weil er die Dekoration nach und nach mit ein paar tollen modernen Lichteffekten ausgebaut hatte. Das hatte ihm sogar den stillschweigenden Respekt von Welf eingebracht, und das war wirklich etwas Besonderes.
Der Sarg im Vordergrund wurde von einem blutrot flackernden Scheinwerfer beleuchtet. Die Wand dahinter mit dem Steinrelief bekam ihr bläuliches, waberndes Licht von einem Strahler, der direkt davor auf dem Boden stand. Durch die starken Schatten wirkten die Rillen zwischen den künstlichen Steinen noch tiefer. Die Idee war Tom gekommen, als er sich daran erinnert hatte, wie gruselig man aussah, wenn man sich eine Taschenlampe direkt unters Kinn hielt.
Hinter dem künstlichen Fenster in der Wand sah man auf ein nur schwach beleuchtetes Bild, das eine gruselige Burg zeigte. Wenn die Wägelchen hier vorbeifuhren und sich der Sarg öffnete, begann eine Serie von Blitzen. Dieser Lichteffekt wurde von einem sogenannten Stroboskop-Flash erzeugt.
»Wo geht’s denn hier hin?«, fragte der Fotograf da plötzlich und fasste schon an den Knauf der Tapetentür neben Vlarads Sarg. Gott sei Dank hatte der den Zugang zu seinem geheimen Alchemie-Labor von innen verriegelt. Vor allem die Dinge, die der Vampir dort in Dutzenden alkoholgefüllten Glaszylindern aufbewahrte, hätten eine Menge Fragen aufgeworfen, und der Fotograf hätte wohl ziemlich blöd geschaut. Nun, ein paar der Dinge hätten wohl auch ziemlich blöd zurückgeschaut …
»Da ist unser geheimes Labor«, antwortete Tom. »Aber wenn Sie das sehen, dann müssen wir Sie leider verschwinden lassen.«
»Hahaha!«, schmetterte der Fotograf ihm so laut entgegen, dass es Tom in den Ohren knackste. »Das wollen wir natürlich nicht, ich hab ja morgen noch einen Job zu erledigen!«
Er hob die Hände, formte dann mit Zeigefinger und Daumen beider Hände ein Rechteck und schaute mit einem Auge hindurch. »Jaaa … Jaaa … Genau, so machen wir das. Da setzen wir die Autorin hin. Und dahinter ist dann euer …«
Der Fotograf sah sich um. »Sagt mal, hatte die Redaktion nicht irgendwas von einer Vampirfigur erzählt?«
»Äh ja, klar«, beeilte sich Tom zu sagen. »Die Puppe wird nur gerade restauriert, denn sie sah nicht mehr ganz so filmreif aus.«
Der Fotograf winkte ab: »Also wegen mir bitte nicht zu viel Renovierung, ja? Ich steh ja total auf diesen melancholischen Abbruchlook.«
Dem zeig ich, wie melancholisch ein Abbruch macht …, grollte Welf in Toms Kopf wütend los.
Welf, nein!, telepathierte Tom so schroff wie möglich zurück, und der Werwolf verlangsamte seinen Schritt.
»Was ist denn mit Ihnen?«, fragte der Fotograf, als Welf ihn mit gefletschten Zähnen anfunkelte. »Tut Ihnen was weh?«
»D… das soll ein Lächeln sein. Mein Onkel hat nur Zahnschmerzen. Nicht wahr, Onkel Welf?«, blubberte Tom los und sah den Werwolf dabei scharf an.
»Zahnschmerzen. Ja. Vom Zubeißen.«
»Mein Beileid. Aber diese Puppe wird doch hoffentlich fertig bis morgen früh? Da rutschen wir hier nämlich mit der Vampirdamsel vorbei, und die hat einen ziemlich vollen Terminkalender. Ich fürchte, wir haben gerade mal eine halbe Stunde Zeit für die Fotos.«
Der Mann zückte sein Mobiltelefon. »Moment, lasst mich noch mal nachsehen. Die Mail mit den Uhrzeiten müsste schon da sein. Ich glaube, es war neun Uhr …« Er stutzte. Dann hob er sein Smartphone in die Höhe und drehte sich einmal fast komplett im Kreis. »Was ist denn das hier für eine gruselige Hütte?«
»Wie meinen Sie?«, fragte Tom verwundert.
»Na, mein Handy spielt total verrückt, springt von einem Netz zum nächsten …«, antwortete der Fotograf.
Unwillkürlich zog auch Tom sein Mobiltelefon hervor, und tatsächlich verhielt sich sein Gerät ganz genauso.
»Das ist ja komisch …«, murmelte er, doch da hatte der Fotograf endlich Empfang, und sofort machte es leise ›Bing‹. »Ah, jetzt … Okay, das hatte ich noch nie. Ohne Handy würd’ ich mich glatt einglasen und ins Regal meiner Großmutter stellen lassen. Ich liebe dieses Teil! Wo ist denn jetzt die Mail … Ah, hier. Ja, genau. Neun Uhr. Ich hoffe, das geht klar?«
»Keine Sorge«, antwortete Tom. »Wir sind morgen um neun bereit, unsere Schreckensfahrt ebenso und Sie hoffentlich auch, Herr Föhr.«
»Na klar, ich bin morgen um Viertel vor da, fit, fromm und fröhlich wie immer. Bis morgen, Kleiner, und Ihnen von Herzen viel Spaß beim Zahnarzt. Ich weiß, wie das ist, hab auch immer wieder Probleme mit den Weisheitszähnen.«
»Ich kann das übernehmen«, brummte Welf, und Tom sah, dass der Werwolf seine Fäuste so fest geballt hatte, dass kaum mehr Blut durch die Finger floss.
Tom trat abermals zwischen Werwolf und Fotograf und nickte letzterem freundlich zu. »Bis morgen, wir müssen jetzt … dings.«
»Dings? Ja, das muss ich jetzt auch, sonst mach ich mir hier drin noch vor Angst in die Hose, hahaha!«, lachte der Fotograf. »Wir sehen uns morgen um neun. Ich find alleine raus. Tschaui!«
»Auf Wiedersehen, Herr Föhr. Bis dann!«, rief ihm Tom höflich hinterher.
»Tschaui! Hihihi!«, kicherte da auch schon Mimis glockenhelle Stimme neben ihm. Im Tageslicht war das transparente Schimmern des Gespenstermädchens kaum wahrzunehmen, aber hier drin im Halbdunkel der Geisterbahn war sie sehr gut zu sehen.
»Lasst mich raten«, plapperte sie fröhlich weiter. »Welf und der Fotograföhr werden die besten Freunde, und immer, wenn wir hier in Bayrischzell wieder unsere Geisterbahn aufstellen, gehen die beiden zusammen auf eine Maß in den Biergarten.«
Tom wedelte beschwichtigend mit den Händen: »Das ist nicht hilfreich, Mimi.«
»Nein, aber sehr lustig!«, lachte das Geistermädchen und flatterte fröhlich zu Welf hinüber. »Na, komm schon, jetzt sei doch nicht so griesgrämig. Der war doch ganz nett und voll begeistert von der Schreckensfahrt!«
Die Antwort des Werwolfs war ein grollendes Knurren, er wendete sich wortlos ab und stapfte davon.
»Super gemacht, Mimi«, stöhnte Tom. »Vorher war er nur genervt, jetzt ist er richtig sauer.«
»Ach was, das ist bis morgen verraucht. Du weißt doch, wie er ist«, winkte das Geistermädchen ab. »Komm, lass uns mal rüberschauen in den Zirkuswagen und sehen, wie weit Hop-Tep mit der Vampirpuppe ist.«

Kapitel 3: Die Mähne
Wow!«, entfuhr es Tom, als er auf das regungslose Abbild von Vlarad dem Vampir blickte. »Das ist ja perfekt!«
Der einbalsamierte ägyptische Prinz verneigte sich höflich. Vielen herzlichen Dank, junger Freund. Ich tat, was ich konnte. Leider habe ich das Problem der Standfestigkeit noch nicht gelöst. Wenn man die Puppe in eine Position bringt, in der sie vornüber gebeugt ist, droht sie umzufallen.
»Verstehe, wir brauchen eine größere Bodenplatte für die Puppe«, überlegte Tom. »Am besten aus Metall, mit Rollen unten dran, sonst wird es schwierig, das schwere Ding zu versetzen. Habe ich denn noch Zeit, um schnell zum nächsten Baumarkt zu fahren?«
Schon hatte Tom sein Smartphone gezückt und tippte die entsprechenden Suchbegriffe ein. »Hm, der nächste Baumarkt ist in Miesbach, eine halbe Stunde hin und das Gleiche noch mal zurück. Dort brauch ich mindestens zwanzig Minuten, bis ich das Richtige gefunden hab.«
»Das wird länger dauern, glaub ich«, warf Mimi ein. »Welf muss mit, weil der das Auto fahren muss. Und das bedeutet …«
»… dass wir nicht unter einer Stunde aus dem Baumarkt rauskommen. Und das auch nur mit dem hundertsten Akkuschrauber-Bitset für jetzt nur noch 5,99! Mist.«
Tom war klar, dass sie das auf keinen Fall schaffen würden. Es wäre nicht sonderlich kollegial, wenn die Schreckensfahrt erst um die Mittagszeit öffnete, während alle anderen Attraktionen des Kirchweihfestes bereits liefen. Und das Schild mit der Aufschrift ›Betriebsstörung‹ war wirklich nur für den Notfall gedacht.
»Also gut«, seufzte Tom. »Wie wäre es, wenn du unser letztes Ersatzwägelchen verwendest, den Aufbau und die Sitze runternimmst und die Puppe da draufmontierst? Besser es sind Schienenrollen drunter als gar keine. Und die Fahrgestelle sind immerhin aus Metallrohren geschweißt, da fällt garantiert nix um.«
Eine sehr gute Idee, junger Freund, antwortete Hop-Tep wie immer telepathisch. Ich werde Wombie bitten, mir zur Hand zu gehen.
»Okay, dann öffnen wir heute pünktlich mit allen anderen Fahrgeschäften.« Tom winkte Mimi zu sich. »Kannst du bitte deine Runde machen und mir sagen, welche Glühbirnen ich wechseln muss?«
Mimi salutierte betont zackig und sauste durch die Decke nach draußen. Tom holte den Karton mit den Wechsellampen aus dem Schränkchen neben der Tür und ging ebenfalls hinaus.
Gerade wollte Tom die Schachtel wegstellen, um die Leiter unter dem Zirkuswagen hervorzuholen, als er plötzlich das Gefühl hatte, beobachtet zu werden. Er drehte sich so schnell herum, dass die Glühbirnen in dem Karton klimperten. Vor ihm stand ein Haufen schwarzer Locken. Zumindest war dies das hervorstechendste Merkmal an der Frau. Die Haare wirkten, als hätte sich ein Löwe die Mähne erst schwarz gefärbt und dann einen Zweikampf mit einem Lockenstab ausgetragen. Der Lockenstab hatte eindeutig den Sieg davongetragen, denn Tom hatte noch nie so viele Locken auf einem einzigen Kopf gesehen. Da die Frau zwar ziemlich klein, dafür aber recht breit war, entstand der Eindruck, dass es sich im Wesentlichen um einen großen, gnubbeligen Haufen schwarzer Locken handelte. Mit Beinen. Und einer freundlichen Stimme, die sagte: »Hallo. Ist das hier die Schreckensfahrt?«
»Ja, richtig. Wir machen aber erst um zehn Uhr auf«, antwortete Tom. »Kann ich Ihnen denn ansonsten weiterhelfen?«
»Ach, ist nicht so wichtig«, antwortete die Frau unter den Haaren. »Ich habe hier morgen einen Fototermin, und mein Hotel ist ganz in der Nähe. Also wollte ich einfach schon mal vorbeischauen.«
»Sind Sie … Sie sind …«, stammelte Tom und deutete wenig charmant auf die junge Frau: »Sind Sie es?«
»Tiffany Schuster, richtig«, lachte es aus den Locken hervor. »Und wer bist du?«
Tom streckte ihr höflich die Hand entgegen: »Mein Name ist Tom Röschenberg. Ich betreibe zusammen mit meinem Onkel Welf diese Geisterbahn, und dass Sie morgen hier Fotos machen wollen, finden wir alle echt toll!«
Nicht alle, näselte es da in seinem Kopf, und Tom verdrehte die Augen. Ich weiß das, Vlarad. Nun lass mich doch bitte trotzdem höflich sein, ja?
»Na, so toll kannst du es nicht finden, wenn du dabei die Augen bis in die Stirn hochrollst«, entgegnete da die Frau vor ihm, und Tom spürte, wie ihm das Blut in die Wangen schoss. »Was? Neinnein! Er, ich, sie, ich meine, wir sind nur ziemlich aufgeregt!«
Die Autorin lachte: »Ihr auch? Warum solltet ihr denn aufgeregt sein? Ich stehe morgen zum ersten Mal vor einem Pressefotografen, der versuchen muss, zwischen all den Haaren mein Gesicht zu finden. Und das, obwohl ich alles dafür tun werde, mich möglichst tief darin zu verstecken.«
Tom runzelte die Stirn. »Warum sollten Sie das tun?«
»Ich bin Autorin und kein Model, Tom Röschenberg«, seufzte Tiffany Schuster und ließ sich auf der untersten Stufe der Geisterbahn nieder. »Ich weiß nicht, wie ich mich morgen hinstellen soll, welches Gesicht ich machen muss … Soll ich lächeln, ernst schauen, breit grinsen, die Arme verschränken oder ausbreiten, locker irgendwo lehnen, sitzen …«
Oder einfach zu Hause bleiben …, warf der Vampir ein. Doch Tom ignorierte ihn einfach. Die Frau unter der Haarmähne tat ihm leid, und er konnte sich ganz gut vorstellen, wie es ihr gerade ging.
»Wie wär’s denn, wenn wir mal zusammen reingehen in die Geisterbahn und Sie schauen sich an, wo morgen das Fotoshooting stattfindet?«, schlug er dann vor. »Vielleicht können wir uns ja sogar gemeinsam überlegen, was cool rüberkommt.« Tom zückte sein Smartphone: »Ich könnte ja sogar ein paar Testaufnahmen machen. Dann sehen wir gleich, was doof ist und was nicht.«
Da strich sich die Autorin eine dicke Haarsträhne aus dem Gesicht und sah Tom aus großen, dunklen Augen dankbar an: »Das … das wäre wirklich sehr nett von dir! Geht das denn wirklich? Müsst ihr nicht gleich öffnen?«
Die Frau war so nett und höflich, dass sie Tom seltsamerweise fast verdächtig vorkam. Pah, ich bin’s nur nicht mehr gewohnt, dass Leute einfach mal nett sind und nicht sofort neue Probleme mitbringen, dachte er bei sich und schaute dann auf die Uhr im Display. »Wir haben noch dreiundvierzig Minuten Zeit, bis das Kirchweihfest offiziell aufmacht. Ich muss noch ein paar Glühbirnen wechseln, die Kasse holen und fünfmal gegen die Hebel treten, damit sich der Rost löst. Das dauert maximal fünfzehn Minuten. Also haben wir noch eine knappe halbe Stunde. Wollen wir?«
Tom machte eine galante Geste in Richtung der Einfahrt, und die Autorin lächelte dankbar.

Kapitel 4: Das Problem
Bitte achten Sie auf die Gleise, da stolpert man gerne mal drüber in der Dunkelheit«, warnte Tom, doch fast gleichzeitig hörte er das typisch metallische BONK, gefolgt von einem unterdrückten »Autsch«. Sofort leuchtete er mit dem Lämpchen seines Smartphones auf den Boden, um der Frau den Weg zu erhellen. »Entschuldigung, das hätt ich gleich machen sollen, aber ich bin das schon so gewohnt. Haben Sie sich sehr wehgetan?«
»Nein, nein, alles gut«, antwortete die Autorin. »Ich wär fast hingefallen, bin aber gottseidank gegen irgendetwas Weiches gestoßen.«
Tom wusste, dass auf dem Weg zu Vlarads Sarg nichts »Weiches« herumstand und schickte kurz eine telepathische Nachricht an alle anderen: Wer auch immer von euch das war, vielen Dank!
Die Antwort war ein gutmütiges Gmmmhhh, und Tom hütete sich, das Licht seines Handys dorthin scheinen zu lassen, wo der Zombie in der schützenden Dunkelheit stand.
»Alles okay, Frau Schuster?«, fragte er stattdessen und zeigte nach vorne. »Hier geht’s um die Ecke, und dann sind wir da.«
»Alles okay, danke«, antwortete diese. Tom sah, dass sie die Nase rümpfte und sich dabei fragend umblickte.
Einer Ahnung folgend schnupperte auch Tom in die Richtung, und schon tränten ihm die Augen von dem stechend süßlichen Gestank, den er nur allzu gut kannte. Hustend und sich die Augen wischend bedeutete er der Autorin, ihm zu folgen: »Ja, das … das … puh … ahem … das tut mir leid. Ab und zu lassen die Besucher hier drin vor Schreck schon mal eine Bockwurst oder Ähnliches fallen. Wenn wir das abends nicht finden, dann schimmelt’s, und das kann schon mal … Also, wir suchen heute Abend alles gründlich durch, und morgen riecht da nix mehr, versprochen! Bitte hier entlang.«
Wie hätte Tom ihr auch erklären können, dass der bestialische Gestank von Wombies Kuschelhasen Odor stammte? Der hatte seit vielen Jahrzehnten kein Waschmittel mehr gekostet, da es niemand wagte, dem Zombie sein geliebtes Knuffeltier zu entwenden. Wombie war das friedfertigste Wesen auf dem gesamten Erdenrund – solange sich Odor bei ihm befand. War das abgewetzte, ehemals rosafarbene Gestanksinferno aber mal nicht aufzufinden, verwandelte sich der gutmütige Wombie in einen tollwütigen, zombieförmigen Panzer. Als dieser machte er alles platt, was so dumm war, ihm im Weg zu stehen.
»Bo, da bimb bir«, sagte Tom.
»Bitte was?«
Tom nahm die Finger von der Nase. »Ich meinte: So, da sind wir. Hier will der Fotograf morgen die Fotos machen. Moment, ich schalte noch die Beleuchtung ein …«
Er legte den Schalter um, und die Lampen tauchten die Deko in effektvolles Licht.
»Hey, das sieht ja wirklich cool aus!«, lachte Tiffany Schuster begeistert. »Und da hinten war sogar ein Blitz über der Burg, sehr schön. Ja, so stellt man sich Draculas Schlafplatz vor. Und … wow! So stellt man sich Dracula persönlich vor, das ist ja unglaublich …«
Verwundert hatte sich Tom zu ihr umgedreht, und nun staunte auch er: Hop-Teps Vlarad-Puppe sah so unglaublich echt aus, dass er im ersten Moment gedacht hatte, der Vampir selbst hätte sich regungslos hinter den Sarg gestellt.
Die Autorin schien wirklich schwer beeindruckt zu sein, denn sie hatte sich an den Sarg gelehnt und musterte kopfschüttelnd den künstlichen Vlarad.
»Perfekt … Absolut perfekt …«, sagte sie dann überraschend leise. »Der elegante Gehrock, das rote Halstuch um den blütenweißen steifen Kragen und die perfekte Haltung eines wahren Aristokraten. Dazu die hohen Wangenknochen und diese dunklen Augen, in denen man sich verlieren könnte … hach …«
Vlarad, das solltest du hören, telepathierte Tom dem Vampir. Ich glaube, Frau Schuster ist ein richtiges Dracula-Fangirl und findet dich schon als Puppe zum Anbeißen.
Du glaubst wirklich, Hop-Teps Plastikvampir kann das Blut einer Frau in solch wogende Wallungen bringen?, antwortete ihm Vlarad überraschend amüsiert. So sehr ich sein einzigartiges Talent schätze: Das vermag unser ägyptischer Künstlerprinz dann doch nicht.
Einer düsteren Ahnung folgend trat Tom näher an die Figur heran und musterte sie für mehrere Sekunden. Zunächst fiel ihm auf, dass die vorhin noch so wichtige Bodenplatte fehlte und die Puppe dennoch problemlos aufrecht stand. Das linke Auge blinzelte kaum merklich just in dem Moment, als hinter ihr der Lichteffekt aufblitzte.
D… das ist gar nicht die Puppe!, telepathierte Tom erschrocken. Du bist es selbst, Vlarad?
Allerdings, kam die tonlose Antwort. Ich konnte mir die Gelegenheit doch nicht entgehen lassen, das Fräulein Bestsellerautorin selbst in Augenschein zu nehmen. Die Gelegenheit ist einfach zu günstig – und das, ohne dass mich jener Fotofuzzi vor die Linse bekommt und mein Konterfei die Seiten einer Schmiergazette veredelt. In einem Wort: Perfekt!
Tom kämpfte gegen den Impuls an, sich mit der flachen Hand auf die Stirn zu schlagen und sie anschließend zusammen mit einem lang anhaltenden Stöhnen über das Gesicht herunterzuziehen. Stattdessen zwang er sich zu einem hoffentlich ganz besonders unauffälligen Lächeln. Die Autorin sollte auf keinen Fall irgendetwas bemerken!
»Hey, alles okay? Ist dir übel?«, hörte er da plötzlich Tiffany fragen. Tom schaute sie verwundert an. »Was? Nein. Wieso? Seh ich so aus? Mir geht’s supi! Haha. Alles bestens, warum?«
Tom bemerkte im gleichen Augenblick, dass das vielleicht ein bisschen zu viel des Guten gewesen war. Die Autorin sah ihn misstrauisch an und machte dabei ein paar Schritte auf ihn zu.
»Irgendwas stimmt nicht mit dir …«, sagte sie leise, und Tom wurde es plötzlich ziemlich warm um die Stirn.
»Mit … mit mir? W… warum? Nein, ich meine, ja doch. Da stimmt alles, echt«, stammelte er und ärgerte sich gleichzeitig, dass er sich so leicht aus der Bahn werfen ließ.
»Hm«, machte Tiffany, und das Misstrauen war ja auch vollkommen gerechtfertigt. Schließlich stand hinter ihr tatsächlich ein leibhaftiger Vampir, der nun jede Chance hätte, ihr hinterrücks in den Nacken zu beißen.
Vlarad würde so was niemals tun, und das hatte mehrere Gründe. Erstens hatte sich der Graf eine strikt vegane Diät auferlegt, weil er keinem Lebewesen etwas zuleide tun wollte. Und zweitens würde er sich der Autorin jetzt wohl kaum zu erkennen geben, wo er ihr ja eigentlich nicht einmal hatte begegnen wollen!
Im Umkehrschluss bedeutete das für Tom: Er musste sich jetzt etwas ausdenken, um Tiffany Schuster davon zu überzeugen, dass alles in bester Ordnung war.
»Also …«, begann er lahm, um etwas Zeit zu schinden. »Da ist nichts. Ich meine, nichts was Sie nicht … was Ihnen … Ich meine …«
Tiffany hatte gerade die Hand gehoben, um dieses armselige Schauspiel zu beenden. Doch sie kam nicht dazu, auch noch etwas zu äußern, denn von einer Sekunde auf die nächste war sie verschwunden – und mit ihr die vermeintliche Vampirpuppe.
»Äh…«, machte Tom völlig verdattert und drehte sich danach wenig elegant einmal komplett im Kreis, um sich auch wirklich gründlich umzusehen. Aber tatsächlich war da weder eine gnubbelige Vampirromanschreiberin noch ein hagerer Original-Vampir. Er war ganz und gar alleine.
MIMIWELFHOPTEPWOMBIE!, telepathierte Tom panisch in alle Richtungen. Gleichzeitig spürte er, wie ihm der kalte Schweiß ausbrach, als hätte jemand eine Schleuse geöffnet.

Kapitel 5: Die Beweisaufnahme
Geräuschvoll schnaufte Welf durch die Nase ein. Dann noch einmal. Und noch einmal. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen. »So geht das nicht«, zischte er dann zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Wombie, wenn ich die Spur von Vlarad und der Frau aufnehmen soll, dann musst du entweder die ganze Zeit über weit genug wegbleiben oder du musst deinen Stinkehops waschen.«
»Gmmmhhh…«, machte der Zombie drohend und versteckte den Kuschelhasen schützend in seiner mächtigen Armbeuge.
»Welf hat leider recht«, sagte Tom und gab sich dabei Mühe, keine allzu schnellen Bewegungen zu machen. Es sollte nicht wirken, als wolle er Wombie das Plüschtier entreißen. »Das ist wirklich nicht böse gemeint, und das weißt du auch, oder?«
»Gmmhhh…«
»Eben. Wir wollen doch alle unseren Grafen wiederhaben.«
»Gmmhhh…«
»Stimmt«, schaltete sich auch Mimi ein. »Die nette Autorin wollen wir natürlich auch wiederfinden. Aber dafür muss Welf was erschnuppern können, und das geht eben nicht, wenn sich Odor im gleichen Raum befindet.«
Einen Moment lang war es still in der Geisterbahn. Dann knackte es leise, als der Zombie seinen Kopf langsam zu Hop-Tep hinüberdrehte. Der balsamierte Prinz nickte kaum merklich, und es war gut möglich, dass er Wombie gerade eine private telepathische Nachricht schickte.
Tom hatte das leider noch kein einziges Mal geschafft. Wenn er telepathierte, hörten es auch alle anderen. Nun, im Moment alle außer Vlarad, denn der war in der Sekunde seines Verschwindens auch aus ihrer telepathischen Gruppe geflogen. Die magischen Lichtpunkte auf Toms Arm, die er immer als sein Geister-Navi bezeichnete, waren nun um ein Signal ärmer: Von Vlarad auch hier keine Spur.
Da drehte sich der Zombie urplötzlich um und schlurfte einfach davon. Ob er beleidigt, einsichtig oder demnächst anderweitig beschäftigt war, konnte man wie immer nur vermuten. Auf jeden Fall sorgte die ständige Zugluft in der Geisterbahn dafür, dass sich der Gestank verflüchtigte und Welf wieder die Spuren der Vermissten aufnehmen konnte.
Schnell hatte er nur mit Hilfe seines wölfischen Geruchssinns exakt die letzten Positionen der beiden bestimmt.
»Hier stand die Frau … da stand Vlarad«, brummte er mehr zu sich als für die anderen. »Hier drüben rieche ich die Mottenkugeln in Vlarads Gehrock … eindeutig … Die Spur ist aber schwächer … Also war das sein Weg hier herein, bevor ihr beiden um die Ecke gebogen seid …«
»Klingt logisch«, nickte Tom. »Aber was war danach?«
»Langsam, muss die Spuren erst entwirren …«, murmelte Welf, machte ein paar Schritte auf den Sarg zu, dann wieder zurück und schnupperte noch ein paarmal in die abgestandene Luft hinein.
»Ihr kamt von da, von wo sonst. Sie stand da, du standst hier … Und dann …«
»Und dann?«, fragte Tom angespannt. »Genau darum geht’s! Was war dann?«
»Dann …« Der Werwolf schloss die Augen und konzentrierte sich ganz auf die Geruchsspuren. »Dann …« Tom, Hop-Tep und Mimi wagten keine Bewegung und kein noch so kleines Geräusch, um Welf bloß nicht abzulenken.
Ärgerlicherweise spürte Tom genau jetzt, wie ihn irgendetwas juckte. Je mehr er versuchte, es zu kontrollieren, desto größer wurde der Drang, sich am besten überall gleichzeitig zu kratzen!
»Wuwuwuwaahh!«, stieß Tom hervor und schüttelte sich dabei wie ein Hund nach dem Flussbad. Alle sahen ihn verwundert an, und Tom blickte beschämt in die Runde. »Tut mir so leid, ich … ich konnte nicht anders. Plötzlich hat es mich überall gejuckt und …«
»Schon gut«, antwortete Mimi. »Ist doch ganz normal, wenn man sich gerade extra still verhalten soll. Ich kenn das gut.«
»Es war … anders …«, murmelte Tom, aber da hatte Welf schon wieder die Spuren aufgenommen, und Tom verhielt sich nun extra still.
Seine Disziplin war leider ebenso umsonst wie die Bemühungen des Werwolfs. Urplötzlich schmetterte Welf seine Faust durch den Deckel des Sargs und schnaubte dann rasselnd durch die Nase wie ein wütender Stier.
»Nichts! Gar nichts!«, rief er frustriert. »Sie sind einfach weg! Keine Spuren, nichts! Hölle, Dämonen und Verdammnis!«
»Das kann doch nicht sein!«, rief Mimi aufgeregt in die Runde. »Wir wissen doch, dass nichts und niemand spurlos verschwinden kann. Irgendwas bleibt immer zurück!«
Du sprichst wahr, oh gläserne Grazie, meldete sich Hop-Tep telepathisch zu Wort. Jedoch scheint es nichts zu sein, was unser olfaktorisch empfindsamer Wolfsfreund erschnuppern könnte.
Währenddessen prasselten auf Tom gerade alle Probleme gleichzeitig ein und vernebelten ihm fast vollständig die Sinne. Eine Bestsellerautorin war in ihrer Geisterbahn verschwunden! Vlarad war weg! Gleich würden sie öffnen müssen! Morgen standen hier die Leute von der Zeitung und ahnten heute noch nichts davon, was für eine Wahnsinnsstory sie hier erwartete!
Da schüttelte Tom trotzig den Kopf, bis die ganzen Sorgen in hohem Bogen davonflogen und ringsherum gegen die Tunnelwände prallten. Er zwang sich dazu, ruhig zu bleiben. Denn wenn er aus ihren letzten Abenteuern etwas gelernt hatte, dann dass Panik und Aufregung nichts verbesserten – ganz im Gegenteil sogar.
Also atmete Tom durch und legte die Zeigefinger der gefalteten Hände vor die Lippen. »Also, wenn Welf nichts findet, heißt das ja nicht unbedingt, dass hier keine Spuren sind … Was für Möglichkeiten haben wir denn sonst noch, um den Tatort zu untersuchen?«
»Ich hab mich natürlich schon genau umgesehen, aber auch nichts Ungewöhnliches bemerkt«, antwortete Mimi. Sie konnte bei Dunkelheit genauso gut sehen wie im hellen Sonnenschein. Darum war sie beim Auffinden verlorener Dinge immer wieder eine unschätzbare Hilfe – nur wohl leider nicht in diesem Fall.
»Okay, was würde Vlarad tun …«, überlegte Tom – und das aus gutem Grund. Nicht nur durch seine hagere Gestalt wirkte der Vampir oftmals wie Sherlock Holmes persönlich. Auch seine Kombinationsgabe war der des berühmten Meisterdetektivs nahezu ebenbürtig. Nachdenklich machte Tom einen Schritt auf den Sarg zu.
»Wuwuwawah!«, machte er plötzlich noch einmal, und der Drang, sich abermals zu schütteln war so überwältigend gewesen, dass Tom fast umgekippt wäre. Wieder erntete er verwunderte Blicke. »Entschuldigt, aber mich hat’s wieder so komisch gejuckt …«
»Dann kratz dich lieber, denn das klingt albern und sieht blöd aus«, grummelte Welf. »Wo waren wir stehengeblieben?«
Unser geschätzter Blutsfreund würde zunächst dafür sorgen, dass niemand die eventuell vorhandenen Spuren verwischt, antwortete Hop-Tep und hielt Welf dabei höflich, aber bestimmt an der Schulter zurück, weiter in die Dekoration hineinzutreten.
»Hast recht, alter Junge«, raunte der Werwolf und klopfte der Mumie freundschaftlich auf die Schulter.
Da runzelte Tom die Stirn. »Was war das denn? Mimi, hast du das auch gesehen?«
»Nein, was meinst du denn?«, antwortete das Geistermädchen und kam aufgeregt herangeflattert.
»Hier, knapp über dem Boden, da war was. Wie ein Lichtstrahl oder so was. Direkt da, knapp über meinem Schuh. Aber jetzt ist es wieder weg …« Tom seufzte. »Vielleicht hab ich mich getäuscht, tut mir leid.«
Es ist vollkommen verständlich, dass du …, wollte die Mumie gerade ansetzen, doch Tom hob energisch die Hand: »Da! Da war es wieder! Wie ein Flirren, rötliches Licht … Wie ein … ein Dings … na … Laserstrahl! Genau, das ist es! Haha, ich hab’s.«
Überraschend für alle trat Tom hinter Hop-Tep und klopfte der Mumie ein paarmal kräftig auf die Schulter, so wie es Welf gerade getan hatte.
»Muss das denn sein?«, schimpfte der Werwolf und hustete, als sich der charakteristisch sandige Staub aus Hop-Teps Bandagen im Tunnel der Geisterbahn verteilte.
»Ja, muss es! Schaut doch, da!«, rief Tom aufgeregt und deutete auf den Boden vor sich. Da sahen sie es tatsächlich alle: Im staubigen Dunst war ganz deutlich ein dünner roter Lichtstrahl zu erkennen! Werwolf, Geist, Mumie und Mensch hoben genau gleichzeitig ihre Blicke, als würden sie für die Meisterschaften im Synchronschwimmen üben.
»Der Laserstrahl kommt direkt von … Boah«, murmelte Tom, und er spürte, wie sich in seinem Bauch die Wut sammelte.
»Woher sonst«, grollte Welf.
Direkt gegenüber, auf der anderen Seite der Schaustellerstraße, stand das Spiegelkabinett von Zoracz – dem Mann, der schon bei der Testamentseröffnung versucht hatte, Tom die Geisterbahn abzuschwatzen. Der Laserstrahl traf genau durch den Türspalt in der Einfahrt und reichte so bis ins rechte Eck von Vlarads Dekoration, wo der Sarg stand.
»Das kann doch nicht wahr sein. Spinnt der?«, schimpfte Mimi.
Letzteres steht außer Frage, und wahr ist zumindest, dass Zoracz sich bemüßigt fühlt, einen Lichtstrahl auf uns zu richten, warf die Mumie ein.
»Warum auch immer, ich geh da jetzt mal fragen, was das soll. Und wenn Zoracz hinter dem Verschwinden der beiden steckt, dann kann er sich auf was gefasst machen«, knurrte Tom und klang dabei fast wie ein kleiner Werwolf, so wütend war er.
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